summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/74895-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/74895-0.txt')
-rw-r--r--old/74895-0.txt13654
1 files changed, 0 insertions, 13654 deletions
diff --git a/old/74895-0.txt b/old/74895-0.txt
deleted file mode 100644
index 634b8d7..0000000
--- a/old/74895-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,13654 +0,0 @@
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 74895 ***
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend
-übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; Textpassagen, die im
-Original in Antiqua gedruckt sind, wurden hier _so_ markiert. Gesperrt
-gedruckter Text ist =so= markiert, unterstrichener Text ~so~ und fett
-gedruckter Text #so#. Am Ende des Textes befindet sich eine Liste
-korrigierter Druckfehler.
-
-
-
-
-Die Wacht am Rhein
-
-
-
-
- ~Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W~
-
-
- Es erschien von
-
- C. Viebig
-
- ~Romane~
-
- #Rheinlandstöchter#
- #Dilettanten des Lebens#
- #Es lebe die Kunst#
- #Das tägliche Brot#
- #Das Weiberdorf#
- #Die Wacht am Rhein#
- #Vom Müller-Hannes#
-
- ~Novellen~
-
- #Kinder der Eifel#
- #Vor Tau und Tag#
- #Die Rosenkranzjungfer#
-
- ~Theater~
-
- #Barbara Holzer.# Schauspiel
- #Pharisäer.# Komödie
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Die Wacht am Rhein
-
- Roman
-
- von
-
- C. Viebig
-
- Vierzehnte Auflage
-
- [Illustration: Verlagssignet]
-
- Egon Fleischel & Co.
- Berlin
- 1904
-
-
-
-
- Alle Rechte
- besonders das der Übersetzung
- vorbehalten
-
-
-
-
- Meiner Mutter
-
- zu eigen
-
-
-
-
-Erstes Buch
-
-
-
-
-I
-
-
-»Kiekt ens an!« rief die Weise-Frau.
-
-Sie trat, das in ein buntes Stechkissen eingebündelte Neugeborene auf
-beiden flachen Händen hinhaltend, es so gleichsam präsentierend, an das
-Bett, in dem die Mutter auf rot gewürfeltem Kissen lag. Unter einer
-einfachen, grobhaarigen Decke, über welche ein weißes Laken geschlagen
-war, ruhte die Wöchnerin.
-
-»Kiekt ens an, Madam Rinke, es dat nit en staats Weit[1]?!«
-
-[1] Mädchen.
-
-Die junge Frau, die bis dahin mit geschlossenen Augen gelegen hatte,
-rührte sich. Ihr rundes, vollwangiges Gesicht, dem nur die Angst der
-letzten Stunden ein wenig die Farbe genommen, lächelte.
-
-»Och e ja,« sagte sie erfreut und rückte sich, um ihr Kind besser
-besehen zu können. Es war ihr erstes Kind. »Wat et für schrumplige
-Händches hat! Un alles e so rot!«
-
-»Rot?« wiederholte die Weise-Frau, förmlich beleidigt. »Rot?! Kömmert
-Euch da nit dröm! Weiß es et, weiß wie Allebaster un Liljen. En Haut
-hat et wie Sammet,« – stolz warf sie sich in die Brust – »Ehr könnt
-mech dat jlöwe, Madam Rinke, ech han noch nie e so en schön Kink
-jeholt. Paßt ens op, dat jeht als Engelche mit bei de Prozession!«
-
-Über das lächelnde Gesicht der jungen Mutter flog plötzlich ein
-Schatten, und sie stieß einen Seufzer aus.
-
-»Jott stonn mech bei, wat es dann noch zu seufzen?!« eiferte Frau
-Dauwenspeck. »Ehr hat et ja nu hinger Euch, Feldwebelin – un so en
-staats Weit! Da könnt Ehr wohl in der Lamberteskirch en Kerz für
-opstecken!«
-
-Die Frau Feldwebel sagte nichts dazu. Sie hatte wieder die Augen
-geschlossen, aber nicht um zu schlummern, unruhig warf sie den blonden,
-zerzausten Kopf hin und her.
-
-Kopfschüttelnd trat die Dauwenspeck vom Bett weg an’s Fenster: so eine
-echte Freude hatte die Feldwebelin doch eigentlich gar nicht! Am Ende
-weil es kein Junge, bloß ein Mädchen war?! Der Preuße würde sich’s
-schon in den Kopf gesetzt haben: ›’ne Jung’‹ – no, natürlich!
-
-»De Leut sin jeck,« brummte sie und sah dabei nachdenklich auf das
-runde Köpfchen, das schwer und warm in ihrem Arm lag. Mit der freien
-Linken schob sie die Gardinchen von der schmalen Fensterscheibe zurück.
-Jetzt, im hellen Licht des Sommertages, sah man erst recht, wie kräftig
-das Kind war – hochgewölbt die Brust, der Schädel prächtig entwickelt.
-Entzückt schmunzelnd, prüfte die Weise-Frau das Gewicht: allen Respekt,
-elf Pfund waren das sicher und gewiß!
-
-»Als ob et immer Junges sein mößten,« brummte sie weiter, »Mädches sin
-auch wat notz. Wat hätt’ de Adam dann allein op der Welt jemacht?! Pß –
-sß – bis still, dau lecker Dierke!«
-
-Sie wiegte das kleine Mädchen, das, vom Sonnenlicht getroffen, zu
-niesen anfing, sanft schaukelnd hin und her, ihren rauhen Baß dabei zum
-summen dämpfend:
-
- »Heia Popinke,
- Din Motter heißt Kathrinke,
- Din Vatter es ene Kappesbuhr
- Kömmt de hem, da kiekt de suhr.«
-
-Im Bett rührte sich die Frau nicht mehr, sie war nun doch wohl
-eingeschlafen. An der niederen Balkendecke des weißgetünchten Zimmers
-summten die Fliegen; unruhig wirbelten sie um den Stock, der, mit Syrup
-beschmiert, vom Mittelbalken herabhing.
-
-Es war heiß, Hochsommer. Jenseits des Exerzierplatzes, drüben über’m
-Kanal, ballte sich eine dicke, dunkle Wolke mitten im lichten Blau. Die
-vereinzelten Bäume dort rührten sich nicht; wie aus steifem, grünem
-Papier geschnitten, standen sie starr. Auf dem noch unbebauten Plan
-jagten sich ein paar große Hunde, scharrten in den Gruben und stürzten
-dann durstig die Böschung hinunter zum Wasser.
-
-Auf den weiten, staubigen Platz prallte die Sonne; er lag ganz leer,
-kein Offizier übte mit seinem Pferde dort spanischen Tritt, kein
-Bursche ließ den Gaul seines Herrn an der Longe laufen, auch keine
-Mannschaft exerzierte. Alles ausgestorben. Doch horch, jetzt eine
-Stimme:
-
-»Achtung! Präsentiert das – Gewehrrr!«
-
-No, der war ja wieder gut am Schimpfen, und hier oben war ihm doch
-ein Kind geboren! Eilig steckte Frau Dauwenspeck ihren Kopf mit der
-bebänderten Haube zum Fensterchen heraus – richtig, da stand gerade
-unter’m Fenster eine kleine Anzahl Rekruten, so ein paar Sündenböcke,
-dicht an der Mauer, um ein wenig Schatten zu haben, und der Feldwebel
-lief vor ihnen auf und ab in der prallen Sonne und übte selber mit
-ihnen nach.
-
-»Himmelkreuzsakrament, ihr rheinischen Dickköppe, wozu sind euch denn
-die Tatzen an den Leib gewachsen? Immer man feste!«
-
-»Achtung! Gewehr auf – Schulter!«
-
-»Das Gewehrr – über!«
-
-»Pst!« Frau Dauwenspeck neigte sich weiter hinaus, »Feldwebel, he,
-pst!« Mit beiden Armen streckte sie das Kind von sich und hob es
-zugleich ein wenig in die Höhe – so mußte er’s sehen!
-
-Er sah es auch. Einen flüchtigen Augenblick schaute er zum Fester
-seiner Wohnung hinauf; über sein strenges, braunes Gesicht zuckte
-etwas wie ein Freudenstrahl, aber gleich darauf fuhr sein Blick wieder
-rollend über die Soldaten hin.
-
-»Schlaft ihr? Ich wer’ euch lehren, die Kompagnie verschimpfieren, ihr
-Rasselbande! Kopf hoch! Brust ’rraus! Bauch ’rrein!«
-
-»Faßt das Gewehrr – an!«
-
-»Gewehrr – ab!«
-
-Die strenge Stimme tönte über den ganzen Platz und weckte ein hallendes
-Echo drüben in der stillen Leere jenseits des Kanals.
-
-Indigniert zog sich die Dauwenspeck vom Fenster zurück und ließ sich
-pustend auf den nächsten Schemel fallen. Das war einer, nicht mal einen
-Moment kam er heraufgelaufen, sich sein Erstgeborenes anzusehen! Am
-frühen Morgen schon war er weggerannt, hatte sie mit dem armen Weib in
-aller Not allein gelassen, und man hätte ihn doch zu einer Handreichung
-nötig gehabt! ›Käthe‹, hatte er gesagt, und seiner angstvoll blickenden
-Frau auf die Wange geklopft, ›Courage! Du bist jetzt wie der Soldat vor
-der Schlacht – man los, man tapfer!‹ Und damit war er gegangen. Ja, die
-Preußen! Die hatten kein Herz im Leib, die dachten nur an hauen und
-stechen und schießen!
-
-Die Alte war sehr unzufrieden.
-
-Da waren doch die Pfälzer und Österreicher, die in ihrer Jugendzeit,
-als Düsseldorf noch Festung gewesen, hier gelegen, ganz andre Leute!
-Bei der Dame eines Pfälzer Offiziers hatte sie ihre allererste
-Entbindung gemacht; ausgelernt hatte sie noch gar nicht gehabt, sie
-verstand’s nur, weil ihre Mutter und Großmutter dasselbe Gewerbe
-betrieben hatten und ihr Vater ein Barbier- und Ruchwarenlädchen besaß,
-schröpfte und Zähne zog und mehr Zuspruch hatte wie ein Doktor. Die
-Dame damals war gar nicht so wohl gewesen wie jetzt die Feldwebelin,
-aber doch hatte der Pfälzer gesprungen und gepfiffen und einen Zettel
-an seinen Obersten geschickt: der möchte ihn exküsieren, er könnte
-heut nicht zum Dienst kommen, seine Frau hätte ein Kind gekriegt. Und
-Wein hatte er bringen lassen und ein paar Kameraden geladen, da hatten
-sie auf das Wohl des kleinen Fräuleins getrunken. Und ihr hatte der
-lustige Herr einen baren harten Thaler in die Hand gedrückt, und Geld
-war doch rar in der Stadt um 1795.
-
-›Käthe‹ – schon allein, daß der Feldwebel ›Käthe‹ zu seiner Frau sagte,
-war zum ärgern. Mochten sie in Preußen immerhin ›Käthe‹ sagen, hier am
-Rhein sagte jedermann ›Kathrina‹ oder ›Trina‹ oder ›Tring‹. Der armen,
-jungen Frau so den christlichen Taufnamen zu verschimpfieren. Aber was
-konnte man von dem denn andres erwarten, der war ja ein ›Lutherscher‹!
-Der Bürger Zillges hätte auch besser gethan, seine Tochter einem von
-hierzulande zur Frau zu geben, als dem, der dahergeschneit kam von
-Gott weiß wo, aus der Sandwüste Berlin. So einem Soldatenjungen, der
-wohl gar im Marketenderkarren geboren war, beim Troß oder in irgend
-einem Festungsgraben. Aber dat Tring war ja wie toll gewesen. Keiner
-hatte ihr bisher gut genug gedünkt, vierundzwanzig war sie schon
-geworden, aber sie verließ sich auf ihr rundes Gesicht und des Vaters
-Geldbeutel. Die Wirtschaft ging flott, und Bürger Zillges konnte wohl
-was überlegen für sein einziges Kind. Da trat eines Tages der Preuße in
-die Wirtsstube ›Zum bunten Vogel‹, keck verlangte er ein Kännchen Bier,
-seine Knöpfe blinkerten, die hohe Binde schnürte ihm fast den Hals zu,
-er hielt sich so gerade, als hätte er einen Zaunstecken verschluckt und
-– weg war die Trina, ganz verschossen.
-
-Ne, das hatte keine Art: ein Preuß’, ein Soldat, ein Ketzer! Wenn
-Düsseldorf nun auch schon leider Gottes seit über ein Dutzend Jahr’
-zum Preußenstaat gerechnet wurde, man würde sich selber nie daran
-gewöhnen. Und so ein Preuße, so ein unverfälschter Berliner, der
-eben erst vor vier Wochen hier hereingerochen hatte, der sollte die
-Tochter aus dem ›Bunten Vogel‹ freien?! Die ganze Ratingerstraße geriet
-darüber in Aufregung. Und konnte man es dem Zillges verdenken, daß er
-herumging wie ein Ungewitter, und daß Mutter Zillges den teilnehmenden
-Nachbarinnen ihr bekümmertes Herz ausschüttete? Wer hätte gedacht,
-daß die Trina so eine halsstarrige Frauensperson wäre?! Sie war doch
-immer so mollig, so schnuckelig, so ein bißchen bequem gewesen, und nun
-wollte sie auf einmal in den Rhein springen, wenn die Eltern ihr nicht
-den Feldwebel gäben. Sie weinte sich die Augen rot, sie verlor förmlich
-von ihrer Völligkeit, nie mehr vertieften sich die Grübchen in ihren
-Backen; sie ließ sich gar nicht mehr unten in der Wirtsstube sehen, saß
-immer oben am Kammerfenster hinter ihren vertrockneten Blumenstöcken
-und reckte nur den Hals, wenn ein soldatischer Tritt auf dem Pflaster
-dröhnte, und groß und stramm der Feldwebel vorbeimarschierte, allein
-oder mit der Wache, die zum Burgplatz zog. Stolz ging er, den
-Schnauzbart gewichst – ein stattlicher Kerl, das mußte ihm der Neid
-lassen! Mußte auch sein Handwerk verstehen, denn ›Feldwebel‹, das war
-doch mehr als ein gewöhnlicher Soldat; und alt war er auch noch lange
-nicht, vielleicht an die dreißig!
-
-Die Dauwenspeck wußte jetzt nicht mehr, wie es gekommen, daß ihr
-Herz sich nach und nach für den Preußen erweicht hatte; denn daß er
-ihr eines Abends, als sie ratlos vor dem, die Ratingerstraße halb
-überschwemmenden Rinnstein stand und sehnsüchtig nach ihrer Hausthür
-hinstarrte, über’s Wasser half, das war doch nur selbstverständlich!
-Ach, hätte sie lieber nicht bei Mutter Zillges ein gutes Wort für den
-Preußen geredet, denn – die Alte starrte nachdenklich auf das in ihrem
-Schoß jetzt sanft schlummernde Kind – war die Trina glücklich geworden?!
-
-Erst schien sie es freilich. Das war eine Glückseligkeit, als der
-Zillges den Preußen aufgefordert, näher zu treten. Trina hatte kein
-Wort dazu gesagt, aber den schönen Soldaten immer angesehen mit
-verschämtem Erröten, die blinkernden Knöpfe hielten sie gebannt; und
-als er sich verabschiedet, hatte sie ihm das Geleit gegeben auf den
-Hausflur, bis an die Hausthür, und als er dort eben mal den Arm um ihre
-Taille legte, hatte sie den Kopf an seine Brust fallen lassen und war
-so eine ganze Weile verblieben.
-
-Oha, die Dauwenspeck wußte das alles ganz genau, nicht umsonst wohnte
-sie dem ›bunten Vogel‹ gerade gegenüber. Sie hatte fleißig beobachtet,
-deutlich gesehen, wenn’s auch schon dämmerte, und was da etwa fehlte,
-konnte sie sich leicht hinzudenken; man war doch nicht unerfahren.
-Tagtäglich war er gekommen. Kein Wunder, so ein povrer Preuße, der
-nichts hatte, als seine paar Pfennig Löhnung – die Infanteristen
-waren doch die allererbärmlichsten, die Husaren in der Neustadt
-hatten wenigstens ein Pferd – der ließ sich’s wohl sein im fetten
-Bürgerhaus! Die Frau Zillges kochte vorzüglich, war sie doch guter
-Leute Kind, eine Tochter aus der ›Stadt Venlo‹ in der Ritterstraße, wo
-der berühmte Mostrich herkam. Eine Mostertsauce zum fetten Rindfleisch
-verstand sie zu rühren, so lecker, daß auch ein andrer, als der
-hungerleiderige Preuße wohl schlecken mochte! Und ›Stühl und Bänk‹[2]
-kochte ihr keiner nach. Es dauerte nicht lange, und der Brautschleier
-wurde in Auswahl genommen, und die goldenen Ringe wurden bestellt bei
-Schmitz im ›Blumenkörbchen‹. Bald danach trug Zuckerbäcker Troost
-aus dem ›heiligen Apollinarius‹ in der Altestadt den Hochzeitskuchen
-in den ›bunten Vogel‹, und ein Rudel Kinder lief hinterdrein, um den
-Krokantaufsatz mit dem Amörchen im Taubenwägelchen auf der Torte
-anzustaunen.
-
-[2] Alt-Düsseldorfer Gericht, bestehend aus weißen Bohnen, Mohrrüben
-und Kartoffeln.
-
-Die Trina war eine strahlende Braut gewesen. Ihr Gesicht glühte, als
-sie neben ihrem Feldwebel in die Kirche trat. Der stand stramm in der
-Paradeuniform. Aber Peter Zillges schien grauer geworden, und Frau
-Josefine Cordula duckte den Kopf; wie die armen Sünder schlichen die
-beiden Eltern hinterdrein. Ja, das war nicht so leicht, das einzige
-Kind, auf das sie elf lange Ehejahre geharrt hatten, zur Trauung gehen
-zu sehen, denn weder die Glocken von Lambertus läuteten, noch von
-St. Andreas, noch von der Jesuiterkirche, noch von der Maxpfarre –
-Trina hatte eingewilligt, ihre Kinder ›lutherisch‹ werden zu lassen!
-›Denn‹, hatte der Preuße gesagt und dabei die Faust fest auf den Tisch
-gestemmt, ›Soldatenkinder müssen beten, wie ihr König betet.‹ Darauf
-bestand er, da halfen keine Vorstellungen. Herr jemine, hatte der
-Zillges geschimpft – die Kinder Ketzer – nie! Aber ›na, denn nich,‹
-hatte der Preuße gesagt, ›denn wird aber auch nicht geheiratet.‹ Was
-sollte der Zillges machen? Die Trina schrie und fing wieder an, mit
-dem Rhein zu drohen, sie wollte schon aus der Thür laufen, der Vater
-kriegte sie noch gerade beim Arm zu fassen; und die Mutter weinte mit
-ihr. Das war eine Thränenflut zum versaufen.
-
-Ein kleiner Trost war’s, daß die Garnisonkirche, in der die Trauung
-stattfand, ›Sankt Anna‹ hieß; da wurde auch gut katholisch drin
-gebetet, sie diente beiden Konfessionen. Und das mit den Kindern – ei,
-kommt Zeit, kommt Rat, vorderhand wollte man sich nun darüber nicht
-mehr grämen.
-
-So waren Feldwebel Friedrich Rinke und Jungfer Kathrina Zillges
-zusammengesprochen worden ohne Weihrauch, ohne Gesang – gar keine
-richtige Trauung, und doch war heute prompt, wie es sich gehörte, das
-erste Kind einpassiert.
-
-»Du arm Ditzke!« Mitleidig schlug Frau Dauwenspeck ein Kreuz über Stirn
-und Brust des Neugeborenen. Das schöne Kind, Sünde und Schande, wenn
-seine Seele dereinst nicht selig werden sollte!
-
-Ein schwerer Tritt drückte die Holzstiege nieder, die zur
-Feldwebelwohnung emporführte, man hörte das Knarren – aha, nun kam er!
-Die Dauwenspeck setzte sich in Positur. ›No‹, wollte sie zu ihm sagen,
-›endlich!‹ Bah, vor dem hatte sie noch lang keine Angst! Mutter Zillges
-hatte immer eine dumme Scheu vor dem Schwiegersohn. I, warum nicht gar?
-Ein richtiges rheinisches Mundwerk ist so einer Berliner Schnauze noch
-lange gewachsen. Der sollte sich nur mal trauen, sie schief anzugucken!
-›Seid Ehr jeck?‹ würde sie dann sofort sagen, ja, das würde sie – ›Ehr
-seid ja je–‹
-
-Sie fuhr zusammen; schon war er eingetreten. Mit einem großen Schritt
-stand er neben ihr. Ohne weiteres nahm er ihr das Kind aus dem Arm,
-hielt es vor sich und betrachtete es lange, ohne Wort. Ein Freudenglanz
-breitete sich über sein Gesicht, weich wurden seine strengen Züge.
-
-Die Dauwenspeck sah ganz verdutzt drein, sie hätte es nicht für möglich
-gehalten: war das ein verliebter Vater!
-
-»Ein Prachtbengel,« sagte er endlich, und in stolzem Glück leuchteten
-seine Augen, »ein Prachtbengel!«
-
-»En Prachtmädche, met Verlöw,« sagte die Dauwenspeck. Aber sie sagte es
-nicht ohne Besorgnis – der würde ihr wohl bald den Kopf abreißen!
-
-Sie hatte sich geirrt. Wohl flog’s erst wie Enttäuschung über sein
-Gesicht, aber er faßte sich rasch: »Na, wenn schon! Denn also: ein
-Prachtmädel! Sie wird Preußen wackre Soldaten schenken.«
-
-Und er bückte sich und küßte sein kleines Mädchen.
-
-Draußen fingen die Glocken an zu läuten, von St. Lambertus, von St.
-Andreas und wie die Kirchen alle heißen.
-
-»Wat läuten se denn eso?« fragte die junge Frau, jäh aus dem Schlummer
-auffahrend.
-
-Ihr Mann trat an’s Bett; sich über sie beugend, nahm er ihre Hand in
-die seine. »Na, Käthe,« sagte er gut gelaunt und klopfte ihre bleiche
-Wange – »na, Mutterchen?!«
-
-»Wat – läuten – se – so?« wiederholte sie wie im Fieber.
-
-»Na, Mittag!«
-
-Mit einem Seufzer schloß die Müde wieder die Augen.
-
- * * * * *
-
-Und die Glocken der Stadt läuteten weiter. Zur Hochzeit des Feldwebels
-hatte keine einzige geläutet; jetzt riefen sie alle mit schallender
-Stimme, von all den vielen Kirchen und Kapellen, hoch und hell, voll
-und tief, über Straßen und Dächer, über Höfe und Gärten, in lautem,
-vielstimmigem Chor.
-
-Sie begrüßten mit Freuden des Feldwebels Tochter: ein rheinisches Kind.
-
-
-
-
-II
-
-
-Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine
-Rinke getauft.
-
-Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt,
-nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz
-selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von
-Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen
-Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun.
-War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest
-feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im
-›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage,
-so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹
-machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee
-fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte.
-
-Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen
-begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer
-Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt
-des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommando
-angeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut
-ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber
-nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer
-Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die
-Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das
-nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil
-der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb
-Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran.
-Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’!
-
-›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie
-schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur
-en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da
-brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹
-
-›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre
-Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft,
-weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer
-Mutter beklagt.
-
-Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der
-getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen
-ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und
-warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise
-aufforderte.
-
-Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster
-der Kasernenstraße trat sich unangenehm schlüpfrig. Die junge Frau
-trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten
-verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein
-paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern
-rechts und links von Sankt Anna.
-
-Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling
-und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter
-die etwas vorspringende Eingangsbedachung.
-
-Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten,
-der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die
-schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht
-merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene
-Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn
-nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der
-Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der
-Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten,
-hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine
-Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht
-erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht
-einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt
-Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut
-aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die
-eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem
-doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter
-sah, sie solle nur allein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht
-mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was
-selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig.
-Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies
-hätte er Leibschmerzen, sagte er.
-
-Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter
-sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr
-geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit
-jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen
-mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens
-nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die
-ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel
-werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren
-Gläubigen zugesellen.
-
-Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern
-Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche
-Vorstellungen zu machen.
-
-Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens
-so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei
-machen? Laßt mich zufrieden!‹
-
-Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich
-auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn
-sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm
-ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der
-Preuße!
-
-Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt,
-dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen
-Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so
-leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so
-traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der
-Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter,
-brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht
-einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines
-Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken.
-
-Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen
-Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk
-und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles
-verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein
-lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine
-Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft!
-Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig,
-nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie
-wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der
-Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein
-rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben!
-
-Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß
-aufzudrücken.
-
-Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge; es beruhigte die
-Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas
-der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die
-Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an!
-
-Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder
-ihr gewohntes behagliches Gesicht.
-
-»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu.
-Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber
-sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum
-seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der
-Überraschung ausstieß.
-
-Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu. Er
-schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein
-bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden
-und zugesehen.
-
-»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann
-einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte
-ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit
-wenigstens vornehin jekommen?!«
-
-Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem
-Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du
-weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge.
-
-In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter
-geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten
-bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder.
-
-»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete.
-Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der
-Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken
-Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?«
-
-»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr
-doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag,
-der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in
-der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr
-kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung
-betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch
-nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im
-›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch
-noch recht schwach.
-
-Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No
-Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?!
-Komm du nur bei uns, Tring!«
-
-»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges
-und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an.
-
-Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot
-und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann
-ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie
-vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte
-sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und
-der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in der getäfelten Wirtsstube
-des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der
-große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich
-angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas
-spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du
-bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen
-der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig!
-
-Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie,
-»steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t
-Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam
-Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech
-als janz schwer.«
-
-Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz
-selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der
-Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. –
-
-Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden
-würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt,
-und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte,
-sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem
-frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen
-verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch
-dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt
-stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an.
-
-Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren
-Wirtsstube, an deren altertümlichen Wänden, zwischen ausgestopften
-Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers
-Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die
-Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett.
-
-Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon
-gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem
-Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß
-greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte
-Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier,
-Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen,
-Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue
-l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger
-Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die
-da schrieen: »_Vive l’empereur!_« Aber finster hatte jener gestanden,
-die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein,
-der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme
-Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil!
-
-Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines
-gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von
-Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und
-die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen,
-hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und
-wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des
-Hofgartens, in denen der Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte,
-und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße
-zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen
-Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals.
-
-Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig!
-
-Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III.,
-zwischen den beiden großen Lithographien aus.
-
-Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹
-erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud.
-Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf.
-
-Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der
-Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die
-Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören
-und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen.
-Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im
-Umsehen.
-
-Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein
-– das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen.
-Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die
-Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging,
-trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und
-blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute
-waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und
-um den alten Jan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie
-neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und
-so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte.
-
-Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum
-Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern;
-mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch
-erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich
-ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging
-der Gesang etwas auseinander.
-
-Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von
-Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau
-Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin
-und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite
-des fest zugebündelten Stechkissens.
-
-Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹,
-pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei,
-fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen.
-Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich
-dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach
-links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der
-tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger.
-
-Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die
-Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter
-tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie
-lange nicht, vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen,
-ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus
-und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips.
-
-Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt,
-voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd
-sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren
-noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war
-eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel!
-
-Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht.
-
-Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde
-noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl.
-
-Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es
-ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später
-Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten,
-nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die
-Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter
-sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so
-rasch der müde Klepper laufen konnte.
-
-Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch
-heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht
-fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam.
-
-Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt –
-eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen
-durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen
-als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee.
-
-Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich
-sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen
-könnte?! Freuen thäte der sich.
-
-Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er
-selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle,
-wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in
-irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon
-begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im
-Kriege focht.
-
-Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer
-Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts,
-er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich
-deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten,
-mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt,
-zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren
-Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen
-Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem
-Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne
-zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht
-hinzubringen in der kalten Kammer, an deren klapperndem Fenster der
-Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte;
-selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie
-einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch
-zugleich noch Schutz bei ihr suchend.
-
-Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der
-Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet
-gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal
-darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie
-graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er
-früh davon erzählen, das nahm er sich vor. –
-
-Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den
-Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen
-stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich
-hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz
-still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder –
-was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?!
-
-Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe,
-Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da.
-Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein
-Tönchen!
-
-Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er
-die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie?
-
-Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thür ihres Blocks rauchend
-den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen
-mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt
-hatten sie sie nicht wiederkommen sehen.
-
-»Blinde Hessen!«
-
-Fort stürzte der Feldwebel. – – –
-
-Also hier fand er sein Weib?! Auf Rinkes Stirn schwoll die Zornesader;
-mit einem Blick, der alles durchbohren zu wollen schien, maß er die
-lustige Gesellschaft.
-
-Eine augenblickliche Verlegenheit entstand. Der schwarze Hendrich
-machte einen Kratzfuß und ließ die Frau Feldwebelin schleunigst auf die
-Bank niedersitzen. Trina wurde so blaß, wie sie vorher rot gewesen; der
-fröhliche Rausch verflog, sie war plötzlich ernüchtert, ihr Herzschlag
-stockte.
-
-Nur Peter Zillges, in seiner glücklichen Harmlosigkeit, nahm des
-Feldwebels seltsame Miene nicht krumm. Am frohen Fest allen Groll
-vergessend, schlug er ihn freundschaftlich auf die Schulter: »No, Herr
-Schwiejersohn, wat es jefällig? Bier oder e Jläsche Wein? Ja, heut hat
-de Pitter Zillges de Spendierbuxen an. Dat Finchen soll leben, un sein
-Eltern derneben! Hoch, hoch, hoch!«
-
-Sie riefen alle: »Hoch, hoch, hoch!« Aber der Preuße verzog keine Miene
-und blieb frostig. ›Steif wie ein Zaunstecken,‹ mäkelten die Gäste
-hernach.
-
-Auch als die Schwiegermutter, die einem etwaigen Ungewitter vorbeugen
-wollte, sich bethulich um Rinke mühte, hatte sie kein Glück. Was sie
-auch anbot an Speise und Trank, schlug er aus; sie hatte Mühe genug,
-daß sie ihn zum sitzen bekam. Ihre Erklärungen: die Trina habe sich
-ohne ihn so einsam gefühlt, darum hätten sie sie mitgenommen in den
-›Bunten Vogel‹ – die Gäste seien nur ein paar Nachbarn, die sich
-zufällig eingefunden – bei der Taufe sei das Finchen sehr brav gewesen,
-es sei ein gar zu lecker Tierchen und seinem Vater schon ähnlich – all
-das beantwortete er mit keiner Silbe. Nach wenigen Minuten erhob er
-sich wieder:
-
-»Komm, Käthe!«
-
-Auf solchen Ton gab’s kein Widerstreben; Frau Trina stand sofort auf.
-Hastig band sie sich den Hut zu und warf die weite Mantille mit der
-Seidenfladrusche um; es fröstelte sie plötzlich. So sehr drängte er zum
-Aufbruch, daß sie kaum ein Nicken für die Freunde fand und ein kurzes:
-»Adjüs zusammen!«
-
-Die Mutter war mit herausgelaufen; nun stand sie in der Hausthür und
-schaute dem Paar nach. Trina hatte das Kind tragen wollen, er es ihr
-aber fortgenommen. Jetzt machte er so große Schritte, daß die Frau
-kaum nach konnte; ein paar Ellen war er immer voraus. Seufzend und mit
-bekümmertem Gesicht sah Mutter Zillges hinter den beiden drein – ach
-Gott, ach Gott, das gab ein böses Donnerwetter!
-
-Nie war Trina der Weg von der Ratinger- bis zur Kasernenstraße so lang
-geworden trotz des schnellen Rennens; sonst ging sie ihn in einer guten
-Viertelstunde, heut dauerte er ewig. Die Kniee zitterten, die Füße
-versagten, ihr war schwindlig und schlecht zu Mut; aber sowie sie einen
-Augenblick stehen blieb, um nach Luft zu ringen, rief ihr Mann: »Komm!«
-Sie wagte nicht, zurückzubleiben, sondern hastete sich ab, daß ihr
-der Schweiß auf der Stirn perlte. Es war ihr nie geheuer, wenn er sie
-so stumm ansah, nur knapp ein Wort sagte; war er erst am Schimpfen,
-dann war’s nicht mehr so schlimm, da kam sie ganz gut gegen an, ihr
-Züngelchen konnte sich flink rühren. Aber heut hätte sie sich kein Wort
-getraut.
-
-Atemlos tappte sie die Stiege hinauf; er wartete längst oben und sah
-sie an mit einem Blick, als ob er sie durchbohren wollte. Als sie
-den Schlüssel mit zitternder Hand aus ihrer Tasche vorholte, entfiel
-er ihr; sie bückten sich beide zugleich danach und pufften die Köpfe
-gegeneinander. Da wagte sie, obgleich ihr der Schädel brummte, ein
-kleines Lachen; aber ihr Mann ging nicht darauf ein, sah sie gar nicht
-an, entriß ihr den Schlüssel und stieß ihn heftig in’s Schloß.
-
-Sie traten ein, und plötzlich, wie mit einer Riesenlast, fiel es
-der jungen Frau auf die Seele: wie dürftig, wie häßlich war’s
-hier! Getünchte Wände ohne Schmuck, keine Bilder, nackte Dielen,
-unbequeme Holzschemel, nebenan in der Kammer die schmalen, eisernen
-Bettstellen mit den groben, härenen Decken und des Feldwebels tannener
-Kleiderkasten. Ach, und zu Haus alles so hübsch, so behaglich! O, daß
-sie auch nicht dagegen protestiert, als der Bräutigam alles überflüssig
-fand! So ein Soldat, was weiß der von Behagen! Jetzt hätte sie sich
-prügeln mögen. Wenigstens ein Bett mit einem Himmel hätten sie doch
-haben müssen, ein Muttergötteschen und eine traulich glimmende ewige
-Lampe! Ganz verzweifelt fuhren ihre Blicke umher; noch nie hatte
-sie so den Unterschied zwischen dem ›Bunten Vogel‹ und der povren
-Soldatenstube gesehen wie heut. Das Herz sank ihr, sie fing an zu
-weinen und setzte sich in einen Winkel.
-
-Der Feldwebel brachte selber sein Kind zur Ruhe; kaum daß Trina sich
-traute, als er draußen in der Küche nach einem Stück Brot suchte, das
-Kleine aus der Wiege zu nehmen und an die Brust zu legen. Der Kopf war
-ihr schwer, der Magen that ihr weh, sie weinte in einem fort. Weinend
-kroch sie in’s Bett, noch weinend schlief sie ein.
-
-In der Nacht erwachte sie jäh – das Kind schrie durchdringend. Ganz
-entsetzt sprang sie auf. Ihr Mann stand schon bei der Wiege; er hatte
-das Öllämpchen angezündet und leuchtete damit in’s Bettchen nieder, in
-dem er das Kind aufgebündelt. Die kleine Josefine zog krampfhaft die
-Beinchen hoch an den Leib, jämmerliche Schmerzensschreie ausstoßend.
-
-»Jesus, wat hat et nur, warum weint et dann?« fragte Trina erschrocken.
-
-Er gab ihr keine Antwort; finster blickend raffte er die Decke von
-seinem Bett und wickelte das Kind hinein. So trug er’s im Zimmer auf
-und ab, immer auf und ab, rastlos hin und wieder.
-
-Sie wollte es ihm abnehmen.
-
-»Zu Bett!« herrschte er sie an.
-
-Ängstlich verkroch sie sich wieder unter ihre Decke und blinzelte nur
-verstohlen zu ihm hin.
-
-Mitternacht war längst vorüber, schon dämmerte ein bleicher Schein
-über’m Exerzierplatz. Noch immer wanderte Rinke auf und ab, hin und
-wieder, und noch immer wimmerte das Kind. Sie konnte es nicht länger
-mehr aushalten, an schlafen war doch nicht zu denken; die Decke
-abwerfend, lief sie zu ihm hin.
-
-»Is et krank? Och Jott, och Jott!« rief sie angstvoll und rannte neben
-ihrem Mann her, bleich und fröstelnd. Sie klammerte sich an seinen Arm.
-»Och, Jesus Maria, Rinke, sag ens, wat hat et dann?«
-
-»Bauchweh!« stieß er kurz heraus. »Und du bist schuld dran!« Und als
-sie ihn betroffen, ganz verdutzt ansah mit ihren müden, verschwiemelten
-Augen, hob er zornig die Hand und gab ihr einen Backenstreich.
-
-
-
-
-III
-
-
-Der erste Weg, den Josefine lernte allein zurückzulegen, war der zu den
-Großeltern. Munter und großäugig blickend, trippelte die Kleine über
-Hof I der Kaserne. Ein mit einem Lämmchen besticktes Perlentäschchen
-trug sie umgehängt, da hinein steckte ihr die Großmutter immer etwas
-Leckeres.
-
-Feldwebel Rinke war nicht für die Verwöhnung; ob es regnete oder
-windete oder fror, Josefine mußte heraus, nur daß sie dann statt des
-runden Hutes mit Bändern, der ihr ewig im Nacken hing, ein Kapüzchen
-trug und um den bloßen Speckhals ein Radmäntelchen. Frau Trina war
-weniger für die Abhärtung, die Fina war ja noch so jung: sie wird den
-Husten kriegen, sie kommt noch zu Unglück! Aber im Grunde war sie doch
-ganz froh, einmal für eine Weile ein Kind los zu sein, sie hatte ja
-noch den knapp um ein Jahr jüngeren Wilhelm und ein ganz Kleines in
-der Wiege. Zwischen Wilhelm und dem Kleinsten war eins gestorben, ein
-Mariechen. No, das war ja nur drei Wochen alt geworden, und zu warten
-hatte sie auch so noch genug! Die Eltern hielten ihr zwar jetzt ein
-Mädchen für die Tagesstunden, aber das war fast selber noch ein Kind,
-eben erst zur heiligen Kommunion gegangen.
-
-Das Kasernenthor war die einzige ernste Schwierigkeit auf Josefines Weg
-zur Ratingerstraße, den schweren Thorflügel konnte sie nicht heben; und
-stand keine Spalte offen, um durchzuschlüpfen, mußte sie Hilfe rufen.
-Hell schallte die Kinderstimme über den Hof, die Soldaten spitzten die
-Ohren, wie bei einem Trompetenstoß. Nur rasch, sonst schrie die kleine
-Blage[3] sämtliche Spottnamen der Kompagnie! Die wußte sie ja alle; und
-die Soldaten wollten sich darüber totlachen. Jeder von ihnen kannte die
-Feldwebelstochter.
-
-[3] Ungezogenes Mädchen.
-
-Wurde auf dem großen Platz exerziert, stand die Kleine gewiß oben in
-der Wohnung auf dem Fensterbrett, den einen Arm um’s Fensterkreuz
-geschlungen, den andern zum Schutz vor die geblendeten Augen gelegt.
-Wurde in Hof I gedrillt, hockte sie sicher in der Nähe, auf dem
-Pumpentrog, auf irgend einer Treppenstufe und folgte mit aufmerksamem
-Blick jedem Griff, jeder Wendung.
-
-Feldwebel Rinke freute sich seiner Tochter; er war nicht wenig stolz
-auf sie. Abends, wenn er sich die Pfeife anzündete – die einzige, die
-er sich überhaupt gönnte – rief er: »Antreten!« Und Josefine, die schon
-lange auf diesen Ruf gelauert, war mit einem Sprung zur Stelle. Einen
-zugestutzten Haselstock trug sie im Arm.
-
-»Achtung!« Der Vater kommandierte. Hei, da wurden Griffe geübt,
-geschmeidig klammerten sich die kleinen Finger um das Stockgewehr.
-
-»Faßt das Gewehrr – an! Gewehrr – ab! Faßt das Gewehrr – an! Ladestock
-im Lauf! Gewehrr – hoch! Spannt den Hahn!«
-
-Der Feldwebel schmunzelte: ja, die beschämte manchen Rekruten! Und
-die wichtige Miene dabei, das Gesicht ganz erfüllt vom Ernst des
-Augenblicks!
-
-Nun wurde Stellung geübt, und Wendungen auf der Stelle, und Marsch.
-
-»Bataillon – Marsch! Kurz getreten! Frei – weg! Halt!«
-
-Kein Großer konnte exakter den Kommandos folgen, schneller die Beine
-werfen.
-
-Dann folgte theoretischer Unterricht. Sie mußte lernen: Meldungen
-machen, – ›richtig und kurz‹, das war die Hauptsache – die
-verschiedenen militärischen Grade aufsagen vom Feldmarschall an bis
-herab zum Gefreiten, die verschiedenen Truppen unterscheiden nach den
-Waffen. Und wurde ihr das alles auch noch schwer, so schwer, daß sich
-ihre Augen oft mit Thränen füllten, ihre Instruktionsstunde hätte sie
-nicht hergegeben, selbst für eine ganze Düte voll ›Klümpches‹ nicht.
-
-Und fragte der Vater ernst und gemessen: »Wie viel Elemente haben wir?«
-
-»Fünf!«
-
-»Wie heißen sie?«
-
-So antwortete sie mit leuchtenden Augen: »Treue, Tapferkeit, Gehorsam,
-Pflichtgefühl und Ehre!«
-
-Frau Trina schüttelte wohl den Kopf über diese ›Dummheiten‹, aber sie
-sagte nichts – wenn es ihnen nu Spaß machte! ›Jedet Dierken hat sein
-Pläsierken,‹ dachte sie.
-
-Die blonde Feldwebelin war in den sieben Jahren ihrer Ehe recht
-auseinandergegangen; ihr blühendes Fleisch war Fett geworden, sie
-machte sich nicht viel Bewegung. Die Wochentage brachte sie meist in
-Unterrock und loser Jacke oben in ihren paar Stuben zu, schluffte vom
-Herd zur Wiege und wohl auch von der Wiege zum Fenster. Da sah sie
-auf dem, im Sommer staubigen, im Winter grundlosen Platz das tägliche
-Schauspiel des Exerzierens, und, wenn’s hoch kam, jenseits des Kanals
-Arbeiter Erde und Steine karren. Dort wurde eine Promenade angelegt
-über’m Graben, und schöne Kastanien wurden gepflanzt; Bauplätze waren
-auch schon feil. Da würde es einmal angenehm zu spazieren sein!
-
-»Och Jesus!« seufzte sie dann wohl, schlich wiederum zur Wiege zurück
-und schaukelte das greinende Kind. Ein alter Reim fiel ihr ein:
-
- ›Wenn andre Leut’ spazieren gehn,
- Muß ich an der Wiege stehn,
- Muß da machen: knick, knick, knack,
- Schlaf, du kleiner Habersack!‹
-
-Und dann trübten sich ihre blauen Augen.
-
-Der Wilhelm machte ihr viel zu schaffen, mehr als das Kleinste; er war
-ein kränkliches Kind und für seine fünf Jahre schwach auf den Beinen.
-Bald hatte er einen Husten, bald einen Ausschlag, der Vater wurde schon
-ganz ungeduldig – das sollte ein Soldatenjunge sein?! Hing ewig an der
-Mutter Rock und flennte wie ein altes Weib, wenn die Josefine mit ihm
-exerzieren wollte! Wenn die Schwester ihn prügelte, prügelte er nicht
-wieder – das Hasenherz!
-
-Bei jeder solchen Gelegenheit äußerte sich des Feldwebels Unwillen –
-der Junge würde nun und nimmer ein Soldat! Und Rinke nahm das als eine
-persönliche Beleidigung; ohne daß er es wußte, wurde sein Ton barscher,
-wenn er mit dem Knaben sprach. War es da nicht natürlich, daß die
-Mutter sich gerade dieses Kindes besonders annahm?
-
-Auch Josefine liebte den Bruder; sie schlug ihn nur, wenn er beim
-Exerzieren den Stock verkehrt hielt und die Beine nicht stramm
-stellte. –
-
-Heute führte sie ihn, sorglich wie eine kleine Mutter, an der Hand. Es
-war Sonntag, und die Geschwister trippelten vor den Eltern her über die
-Kasernenstraße, während Stina, das noch kindliche Stundenmädchen, den
-Kleinsten im blaugestrichenen Holzwägelchen hintennachzog.
-
-Die Familie rückte zum Sonntagnachmittagsspaziergang aus; es war das
-einzige Vergnügen, das Frau Trina hatte, und dies ließ sie sich auch so
-leicht nicht nehmen.
-
-Dann holte sie einmal ihren Putz hervor und zeigte sich, am Arm ihres
-Feldwebels, als gute Bürgerstochter, die mehr Geschmack hat, als eine
-gewöhnliche Soldatenfrau. Die Schnürbrust ließ sich freilich so eng
-nicht mehr zusammenziehen, aber der Rock setzte sich modisch mit vielen
-Falten unter dem runden Leibchen an, die Ärmel bauschten mächtig bis
-zum Ellenbogen, und reichlich gesteifte und wattierte Unterröcke gaben
-dem Rock einen schönen Fall.
-
-Frau Trina war heut nicht ganz zufrieden mit dem Ziel des Ausflugs,
-sie hätte ihren Staat lieber mehr sehen lassen und selber gern welchen
-gesehen im Kaffeegarten ›Zum Stockkämpchen‹ oder in der ›Petersburg‹
-auf dem Flingersteinweg, wo man beim Gläschen Wein und Bier Musik
-von der Estrade des großen Saals zu hören bekam und nachher auch ein
-Tänzchen machen konnte. Aber ihr Mann, der war ja zu geizig für so
-etwas, der ging am liebsten nur, jenseits der Schiffbrücke, nach der
-›andern Seite‹, wo man im Grasgarten des Bauernwirtshauses Bauernbrot
-und dicke Milch aß.
-
-Schon hatte man den alten Jan Willem am Marktplatz erreicht und
-spazierte, das eherne Reiterbild, auf dessen mächtigem Haupt Scharen
-unverschämter, schirpender Spatzen saßen, zur Rechten lassend, herunter
-zum Zollthor. Und sieh da – der Rhein, der Rhein!
-
-Josefine stieß einen hellen Jubelschrei aus. Ja, da war er! Ein
-heiteres Sonnenlicht küßte seine breite, schleppende, lichtgrüne Flut.
-Langsam ziehend und lautlos glitt Welle auf Welle am Brückenkopf vorbei.
-
-Mit lautem Jauchzen stürmte Josefine voran; es machte ihr ein
-unsägliches Vergnügen, die Planken der langen Schiffbrücke unter ihren
-Füßen leis schwanken zu fühlen und durch die Ritzen das Wasser unter
-sich strömen zu sehen. Sie rannte dahin, als hätte der Rheinduft
-sie berauscht, dieser köstliche Geruch nach Tang und Teer und
-durchfeuchtetem Holz. Den Kopf zurückgeworfen, die Flügel der kleinen
-Stumpfnase gebläht, die Arme ausgebreitet, lief sie dem Rheinwind
-entgegen, helle Glücksschreie ausstoßend. Und der Wind pustete sie an,
-daß ihre Bäckchen leuchtender strahlten in einem warmen, weichen Rot.
-
-Auch Frau Trinas Gesicht war heiter geworden; jetzt war man drüben,
-und der Blick zurück auf die Stadtseite war gar zu schön. Weiß zeigten
-sich die Häuser an der Werft, in ihren Fenstern blitzte der Sonnenglanz
-und machte sie zu blendenden Spiegeln; stolz ragten dahinter die Türme
-der Kirchen, und mächtig und klotzig erhob sich das alte Schloß.
-Seine rötlichen Mauern standen hart am lichtgrünen Strom, mit vielen
-Fensteraugen blickte es rheinauf und rheinab.
-
-Stolz wies die Düsseldorferin hinüber. »Kuck ens, Rinke!« Er meinte
-zwar, die Spree gäbe dem Rhein an Breite nicht viel nach, auch könne
-sich der alte Rumpelkasten da mit dem Königsschloß zu Berlin nicht
-messen; aber er betonte heut doch nicht mit gleicher Schärfe, wie sonst
-bei jeder Gelegenheit, sein Preußentum. Sein Hauptinteresse war bei
-Josefine.
-
-Gleich einem Vogel auf eiligem Flug durchflatterte sie das satte
-Grün der Wiesen. »Krieg’ mich, krieg’ mich!« Oft verschwand sie ganz
-im fetten Gras, um dann plötzlich aufzutauchen mit dem schrillen,
-zwitschernden Schrei der Schwalbe, die den Äther durchschießt.
-Langgestielter, blauer Salbei, goldäugige, weiße Sternblumen, brennend
-roter Mohn nickten um sie. Mit beiden Händen griff sie hinein in
-die Blütenpracht, in ausgelassener Lust raufte sie aus, und, sich
-hintenüber in’s Gras werfend, goß sie all ihre Blumen wie einen
-Sommerregen über sich.
-
-Der kleine Wilhelm hatte sich längst zu dem Rock der Mutter geflüchtet,
-er hing sich an und zockelte so nach. Vergebens ermunterte ihn der
-Vater, der Schwester zu folgen, nur fester klammerte er sich an
-die Falte; als der Vater ihm die Finger lösen wollte, erhub er ein
-jämmerlich Geschrei.
-
-Da begann die Mutter, den Arm ihres Mannes fahren lassend, auf die
-wilde Josefine zu schelten. »Kömmste hiehin! Wie siehste nu als wieder
-aus? Du Blage! Lauter Jraßflecken!« Sie hob die Hand zum Schlag. »Wat
-machste dann?«
-
-Glühend vom Tollen, bebend vor Atemlosigkeit, sah Josefine der Mutter
-in’s Gesicht. »Ich freu’ mich,« sagte sie und nahm den Schlag hin,
-ohne mit der Wimper zu zucken; doch dann senkte sie tief den Kopf, weh
-gethan hatte ihr die Ohrfeige nicht, aber sie schämte sich.
-
-Der Feldwebel biß sich auf die Lippen; er ärgerte sich über seine Frau.
-Aber: famoses Mädel, die Josefine, wie sie dastand und sich das Weinen
-verkniff und den Kopf hängen ließ, daß man ihr nicht in’s Gesicht sehen
-sollte! Die hatte Ehrgefühl, Gott sei Dank! Die Ehre, die Ehre, nicht
-früh genug hält man die hoch. Ja, seine Tochter – die war Blut von
-seinem Blut! Ein mißbilligender Blick traf den noch immer heulenden
-Wilhelm.
-
-Als Rinke über ein Weilchen nach Josefine umschaute – er mußte doch
-sehen, ob sie noch immer trauerte – da sah er hinter einem Busch
-zwei langbehoste, kleine Beine in der Luft zappeln. Josefine schlug
-Purzelbäume.
-
-Der Spaziergang auf die ›andre Seite‹ war für den Feldwebel immer
-der Anlaß zu allerhand militärischen Betrachtungen: hier hatten
-einst die Soldaten des General Bernadotte den Freiheitsbaum mit der
-Jakobinermütze aufgepflanzt und von dem Rasenwall aus die Stadt
-Düsseldorf beschossen. Jetzt standen freilich harmlose Brettertische
-und Bänke an gleicher Stelle, und zwischen zwei starken Weidenbäumen
-quietschte eine Schaukel.
-
-Es war Friede, stiller, eintöniger, schläfriger Friede. Der Feldwebel
-sagte sich nicht ohne Bitterkeit: er war ein Jahrzehnt zu spät auf die
-Welt gekommen; die großen Befreiungskämpfe waren ohne ihn ausgefochten,
-ihm war es wohl nur beschieden, in der Kaserne zu hocken und statt des
-Pulverdampfes den Staub des Exerzierplatzes zu schlucken.
-
-Heut waren alle Tische und Bänke vor dem bäuerlichen Wirtshaus besetzt,
-selbst die im verstecktesten Eckchen; nur ein schöner Tisch, so recht
-am besten Platz, war merkwürdigerweise noch frei.
-
-Mit schwenkendem Rock und frohem Lachen stapelte Frau Trina darauf los,
-die Ihren durch lauten Zuruf ermunternd, doch ja recht rasch Besitz
-zu ergreifen. Die Kinder erkletterten denn auch schon die Bank, als
-der Feldwebel in peinlicher Überraschung stutzte. Donnerwetter, da am
-Nebentisch, ganz dicht, saß ja sein Hauptmann, der Herr von Clermont,
-den erkannte er schon vom Rücken! Rinke hielt seine Frau zurück und
-winkte den Kindern, aber Trina sagte ziemlich laut: »No, wat dann?!
-Dadrum sollen wir uns nit dahin setzen?!« Sie ärgerte sich über die
-Devotion ihres Mannes. »Wenn de zu vornehm is, da braucht de ja nit
-derhinzujehn, wo die Bürjer jehn. Ich setz’ mich!«
-
-In diesem Augenblick wendete sich der Hauptmann herum, und der
-Feldwebel stand stramm. Herr von Clermont winkte ab und machte dann
-seine Frau lächelnd auf die kleine Josefine aufmerksam, die auf den
-Wink ihres Vaters von der Bank herabgeglitten war und nun, den Finger
-an den Lippen, halb scheu, halb dreist den ihr bekannten Vorgesetzten
-anstarrte.
-
-Inzwischen hatte Frau Trina Platz genommen; nicht ohne Absicht sprach
-sie recht hörbar und lachte ungeniert, keiner der Umsitzenden sollte
-denken, daß sie sich wegen des Vorgesetzten ihres Mannes auch nur die
-geringste Gêne anthat. Das Kindermädchen mußte ihr sogar den Kleinsten
-reichen, und sie legte ihm eine frische Windel unter.
-
-Rinke war wütend auf seine Frau; aber sie schien seine stumm-beredten
-Blicke nicht zu bemerken, fröhlich nickte sie ein paar Bekannten zu:
-»Tag zusammen!« und schöpfte mit Geklapper und Ausrufen des Entzückens
-die dicke Milch aus der irdenen Schüssel.
-
-»Schrei nich so!« flüsterte er. Sie hörte nicht, und deutlicher wagte
-er nicht zu werden, am Nebentisch konnte man ja jedes Wort verstehen.
-Er saß wie auf Nadeln.
-
-Josefine starrte noch immer mit großen Augen, sie hielt ordentlich den
-Atem an – da saß neben der Dame des Herrn Hauptmann ein Mädchen, das
-war so klein wie sie, aber lange, dunkle, gedrehte Locken fielen auf
-dessen Schultern, und neben dem Mädchen saß einer, ein – ja, nur ein
-Junge war’s, aber er hatte schon Uniform an! Eine ganze, richtige,
-wirkliche Uniform! Ihre Blicke waren gebannt.
-
-Hauptmann von Clermont wurde aufmerksam: »He, du Kleine, was giebt’s
-denn hier zu sehen?«
-
-Sie wurde rot wie eine Rose; krampfhaft das Fingerchen streckend, ganz
-aufgeregt, ganz glückselig bewundernd, stammelte sie: »Der – och, der
-da – der kleine Soldat!«
-
-Alles lachte. Herr von Clermont winkte sie zu sich heran; dreist kam
-sie bis an sein Knie, aber ihre Augen verließen den Jungen nicht.
-
-»Der kleine Soldat da,« sagte der Hauptmann amüsiert, »das ist ein
-Kadett, verstehst du? Ein Kadett!«
-
-Sie nickte stumm-strahlend.
-
-Der Kadett war auch ganz rot geworden, die großen Blicke des kleinen
-Mädchens genierten ihn sehr. Er drehte den Kopf weg.
-
-»Feldwebel, hat Er schon gesehn? Mein Sohn!« Der Hauptmann wendete
-sich zu Rinke. Dieser stand wie vorhin stramm, aber leutselig winkte
-der Vorgesetzte wieder ab: »Bitte bequem.« Und fuhr dann fort: »Großer
-Junge, was? Erst elf. Habe ihn schon drei Jahre im Korps in Bensberg,
-ist in den Ferien hier. Kommt bald nach Potsdam. Ich denke, wird mal
-einen ganz netten Leutnant Seiner Majestät abgeben; hoffe, wenn’s Glück
-gut ist, bei Seiner Majestät Garde. Viktor, sitz gerade! Kopf hoch, daß
-du wächst!«
-
-Der Junge reckte sich. Auch Josefine reckte sich unwillkürlich. Die
-Blicke beider Kinder begegneten sich. Der Kadett lächelte ein wenig
-spöttisch, ein wenig von oben herab und zugleich doch geschmeichelt.
-
-»Möchtest du vielleicht mit dem kleinen Mädchen spielen, Cäcilie?«
-sagte jetzt die Frau Hauptmann zu ihrem Töchterchen, und das blasse,
-vornehme Gesicht dem blonden Kind zuwendend, fragte sie gütig: »Wie
-heißt du?«
-
-»Zu Befehl: Josefine!«
-
-Wieder lächelte der Hauptmann, der Kadett aber prustete laut heraus. Da
-wurde Josefines freier Blick unsicher, es zuckte um ihren Mund; hastig
-nach der Hand der kleinen Schwarzhaarigen, die sich ihr schüchtern
-genähert hatte, greifend, riß sie die mit sich fort, weg von den
-Tischen, hinein in die Wiese.
-
-Die beiden Mädchen, sich an der Hand haltend, liefen rasch immer weiter
-hinein in das hohe, blumige Gras.
-
-Da stand der Kadett auf, drehte sich erst noch ein wenig in der Nähe
-der Tische herum, pfiff, schleuderte ein Steinchen, schüttelte an
-einem Baum, besah seine Stiefel und ging dann langsam, mit gemessenem
-Schritt, den beiden Kindern nach in die Wiese. –
-
-Von diesem Sonntag an war Josefine zur Gespielin des kleinen Fräulein
-von Clermont erkoren; der Hauptmann hatte seinem Feldwebel allerhand
-Freundliches über das frische, blonde Kind gesagt.
-
-Rinke bemühte sich, seiner Frau nicht zu zeigen, wie stolz er auf die
-Ehre war, die seiner Tochter widerfuhr; die Käthe hatte ja doch gar
-kein richtiges Verständnis dafür. »Du lieber Jott, wat is dat dann?!«
-sagte sie. Der Großvater brummte auch. »Wat soll dat Kind da? Mir
-sin Düsseldorfer Börjer, mir scheren ons en Dreck om de ›Vons‹!« Die
-Großmutter war ebenfalls wenig erbaut: die Clermonts waren evangelisch,
-aus Thüringen sollten sie sein, daher, wo man den Luther auf der Burg
-versteckt gehalten. Die alte Frau war sich über ihre Gefühle nicht
-ganz klar, aber ihr bangte für ihr Finchen; allerlei Reden führte sie
-vor dem Kind, die es nicht verstehen konnte, jedoch es fühlte heraus,
-Großeltern und Mutter freuten sich nicht über die Einladung. Aber der
-Vater!
-
-Es war ein großer Moment für beide, als Josefine an des Feldwebels Hand
-nach der Bilkerstraße hüpfte. Dort wohnten die Clermonts. Sie war in
-ihrem besten Kleid, weiß hingen ihr die Höschen unter dem Röckchen vor
-bis an die Knöchel. Ihr Herz klopfte vor Erwartung: hatte der kleine
-Soldat nicht gesagt, er würde vielleicht auch einmal mit ihr spielen?
-Exerzieren – ach ja, das wollten sie!
-
-Ehe der Vater an der Klingel zog, ermahnte er noch: »Mach mir Ehre,
-Josefine, und wenn dir auch was gegen den Strich geht, nich gemuckt,
-hörste?«
-
-»Aber – wenn se mich hauen?« fragte sie und warf trotzig den Kopf
-zurück.
-
-»Dann hauste nich wieder – untersteh dich!«
-
-Das Kind machte große Augen – heute verstand es seinen Vater nicht.
-
- * * * * *
-
-Die Clermonts waren nicht reich, der Hauptmann hatte nicht mehr als
-seine Gage und jährlich ein paar hundert Thaler Zuschuß aus dem Erbe
-seiner Frau. Sie mußten sich sehr einschränken, aber die Welt merkte
-nichts davon. Die Frau Hauptmann trug, wenn sie ausging, ein seidenes
-Kleid und Armbänder, aus den Haaren ihrer Eltern und Kinder geflochten,
-mit goldenen Schlößchen daran; und die hübsche Cäcilie sah aus wie ein
-englischer Kupfer, mit ihren langen, gedrehten Locken, in den zarten,
-bandgegürteten Kleidchen.
-
-Für Viktor hatte der Hauptmann eine Freistelle im Kadettenkorps, und
-wenn der Leutnant in spe zweimal im Jahr von Bensberg nach Hause kam,
-so saß er als blinder Passagier neben dem Kutscher des Stellwagens oder
-wurde wohl auch noch innen zwischengeklemmt.
-
-Viktor war sehr stolz auf sein ›von‹. Im Korps waren sie alle adelig,
-sogar zwei Grafen waren da. »Ich bin zwar nur Freiherr,« sagte er zur
-kleinen Josefine, »aber unsre Familie ist viel älter, wie denen ihre.
-Papa hat mir erzählt, daß schon Clermonts in den Kreuzzügen mitgewesen
-sind unter Gottfried von Bouillon. Meine Mama ist auch von ganz altem
-Adel, ihre Familie hat in der Reformationszeit sich hervorgethan. Aber
-das verstehst du ja nicht, dazu bist du noch zu dumm!«
-
-Nein, sie verstand ihn auch nicht; sie fühlte nur eine ganz instinktive
-Bewunderung für ihn, wenn er die Uniform trug. Sprang er dagegen im
-Garten hinter dem Hause herum und trug dabei ein paar verschabte
-Hosen, aus des Vaters abgelegten Beinkleidern geschneidert, und ein
-verwaschenes Drillichjäckchen, dann fühlte sie sich mit ihm ganz auf
-gleich und gleich. Er spielte noch sehr gern. Freilich, vom Exerzieren
-wollte er nicht viel wissen, das mußten sie im Korps so viel, selbst in
-den Freistunden, thun; er mochte lieber mit ihr über die Gartenmauer
-klettern, hinunter zum Speeschen Graben, und da mit einem Stock
-fischen und Frösche fangen und Regenwürmer suchen und Papierschiffchen
-schwimmen lassen. Sie machten sich naß und schmutzig dabei und waren
-sehr glücklich.
-
-Sie rissen auch wohl aus nach dem Kacheloch, einem noch wüsten Plan am
-Ausgang der Bilkerstraße, wo stark duftender Hollunder wuchs und im
-Schutt Stechapfel und Nachtschatten, und wo das Bauen der ersten Häuser
-der schönen Freiheit noch keinen Abbruch that.
-
-Blau wölbte sich der Sommerhimmel, und die goldne Sonne strahlte. Große
-Schmetterlinge gaukelten, blaue Brummen surrten, lärmend spielte eine
-ganze Kinderschar. Ein frecher, dicker Bürgersjunge von der Hohestraße
-war der Schinderhannes, Josefine die geraubte Prinzessin, Viktor der
-Offizier des Königs, der ritterlich den Räuber verfolgte. Was noch
-an übrigen Kindern da war, mußte die Meute sein. Da wurde gehetzt
-und gekläfft und geschrieen bis hin in die wogenden Kornfelder der
-Bilkerallee; da wurde geknufft und geprügelt, in zitternder Angst sich
-verkrochen und mit lautem Hallo losgestürmt. Viktor war tapfer, aber
-der Schinderhannes auch nicht feige, sie schlugen sich manche Beule.
-
-Die Großeltern klagten, sahen sie doch so gut wie gar nichts von der
-Enkelin mehr; auch zu Hause war Josefine nicht viel. »Mutter, is et nu
-Zeit? Laß mich doch als jehen! Och, laß mich doch!«
-
-Frau Trina schalt: sonst hatte ihr die Fina schon oft die kleineren
-Geschwister ›verwahrt‹. Aber der Feldwebel leistete seiner Tochter
-Vorschub: »Na, lauf man!«
-
-Und sie lief davon, so rasch sie konnte, immer nach der Bilkerstraße,
-und blieb vom Morgen früh bis zum Mittag, und vom Nachmittag früh
-bis zum Abend. Sie teilte die mager gestrichenen Brote von Clermonts
-Kindern; kein fettes Schmierchen, kein Stück Blatz mit Korinthen bei
-der Großmutter hatte ihr je so gut geschmeckt.
-
-Viktor verschmähte es durchaus nicht, kleine Streifzüge über die
-Gartenmauern anzutreten und des Nachbars Speckbirnenspalier einer
-eingreifenden Besichtigung zu unterziehen. Wehe, wenn der Vater
-ihn betroffen hätte! Mit wildklopfendem Herzen stand Josefine auf
-Vorposten; selbst Cäcilie wurde es vergönnt, aufzupassen.
-
-O, diese noch harten, grünen Birnen! In der versteckten Laube wurden
-sie verteilt, am Steintisch mürbe geklopft und mit Entzücken verspeist.
-Durch das dichte Pfeifenkraut drang kaum die neugierige Sonne. Dämmerig
-war’s in der versteckten, engen Laube, unendlich die heimliche
-Seligkeit.
-
-Doch es kam ein Morgen, an dem Josefine, viel früher als sonst, weinend
-wieder zu Hause erschien. Sie wollte nicht essen und nicht spielen,
-trübselig kauerte sie in einem Winkel und schüttelte auf alles Befragen
-der Mutter nur stumm den Kopf. Sie mußte etwas angestellt haben! Der
-Feldwebel, der zu Mittag heraufkam, war ganz besorgt: »Nanu, Josefine,
-was ’s denn los?«
-
-Da warf sie sich laut schluchzend an des Vaters Hals – der kleine
-Soldat war abgereist.
-
-
-
-
-IV
-
-
-Zum fünften und sechsten Mal war der Storch über den Exerzierplatz
-geflogen und hatte vor des Feldwebels Fenstern geklappert.
-
-Nun ließen fünf lebendige Kinder ihre Stimmen in der engen
-Feldwebelwohnung erschallen; diese war zwar um eine Kammer vergrößert,
-aber immerhin noch bedrängt genug. Die Großeltern Zillges hatten
-deshalb der Tochter den Vorschlag gemacht, ihnen ein Kind zu
-überlassen, es ihnen ›zum verwahren‹ zu übergeben. Die Wahl war
-auf Wilhelm gefallen. Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht
-entbehren. Josefine war schon als Hilfe zu gebrauchen, auch hätte der
-Vater die nicht hergegeben; bei Wilhelm hatte er weniger dawider, dem
-würden die guten Brühen der Großmutter zu statten kommen.
-
-So hatten die alten Zillges auf einmal wieder ein Kind. Sein Bettchen
-stand neben dem Ehebett mit dem Kattunhimmel, und oft in der Nacht,
-wenn Frau Josefine Cordula den ruhigen Kinderatem hörte, glaubte sie,
-wieder ein junges Weib zu sein. All die Zärtlichkeit, die in dem alten
-Herzen nie erstorben war, die sich nur, fast verschämt, versteckt
-gehalten, brach wieder vor und strömte wie eine quellende Flut über das
-Haupt dieses Kindes. –
-
-Nun ging der Bube schon in’s achte Jahr, aber er besuchte noch immer
-keine öffentliche Schule. Für die Freischule war er doch wahrhaftig
-zu schade, die rohen Jungen wurden ihn verprügeln; so ließ ihn der
-Großvater privatim unterrichten, wie er selbst auch in seiner Jugend
-privatim, beim Schreibmeister Müller in der ›Luft‹, gelernt hatte:
-lesen, schreiben und rechnen für fünfzehn Stüber monatlich. Der Lehrer,
-der nicht gern die gute Bürgerkundschaft verlieren wollte, lobte den
-Wilhelm, wenn der auch nicht immer zu loben war.
-
-Sonst hatte sich der Wilhelm gut herausgemacht; freilich, zart war
-er geblieben, aber er sah nicht kränklich aus. Der Maler Deger, ein
-ganz berühmter, malte ihn als kleinen St. Johannes mit Kreuzchen und
-Lämmchen auf ein Altarbild, und auch andre Maler sprachen im ›Bunten
-Vogel‹ vor und baten um das hübsche Modell. Großmutter Zillges weinte
-verstohlene Thränen gerührter Freude. Sie hätte nicht mehr das Herz
-gehabt, ihrem kleinen St. Johannes etwas zu versagen; von nun an ließ
-sie ihm auch das schöne Haar lang wachsen und wickelte ihm abends die
-Locken ein.
-
-Josefine war schon das vierte Jahr bei den Ursulinerinnen; die
-Großmutter hatte es durchgesetzt, daß sie dahin in die Schule gekommen.
-Das Geld war knapp im Feldwebelhaushalt, denn Rinke machte sich
-keinerlei Nebenverdienst von den Herren Freiwilligen oder bei der
-Kammer und der Menage, und so kam es, daß er in einer bedrängten
-Stunde seiner Frau, vielmehr deren Eltern, die Sorge für Josefines
-Schulgeld, zugleich hiermit aber auch die Wahl der Schule überlassen
-hatte. Und die Wahl war nicht groß für Mutter Zillges und Frau Trina,
-hatten sie beide doch auch bei den Ursulinerinnen die ersten schönen
-Gebetchen gelernt. Solange sie denken konnten, wurden da die Töchter
-guter Bürgersleute erzogen. Der fromme Gesang der Kinder schallte
-weit über die Ritterstraße und erbaute das Ohr der Anwohnenden. Auch
-stricken und nähen wurde dort gelehrt und französisch parlieren und
-späterhin feine Paramentenstickerei.
-
-Rinke war sich über ›Schule‹ nicht ganz klar; in nebelhaften Umrissen
-erhob sich ihm ein Bild von stillesitzen, von pünktlichem Gehorsam
-und besonderer Reinlichkeit. So war’s wenigstens im Militärwaisenhaus
-gewesen: kam einer da nicht blitzblank zum Unterricht, gleich hieß es:
-Hemd ’runter! Unter der Pumpe wurden ihm die Ohren mit einem Strohwisch
-gescheuert, und wären’s zwanzig Grad Kälte gewesen. Er machte ein
-erfreutes Gesicht, als ihm Josefine den ersten Zeugniszettel nach Hause
-brachte:
-
-Fleiß und Aufmerksamkeit: sehr lobenswert.
-
-Betragen: sehr gut.
-
-Flüchtig klopfte er seinem Kind die Backe: »Hm, gut abgeschnitten, mach
-mir weiter Ehre!«
-
-Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre
-munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen.
-Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof
-schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war,
-wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur
-Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu
-schauen.
-
-Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle
-Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau
-Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie
-mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei.
-
-Freilich, war die Schule aus, und kam sie von den Nönnchen heim in
-die Kaserne, atmete den eigentümlichen Schimmel- und Knasterduft,
-der diesen Wänden untilgbar anhaftete, sah die Bajonette auf dem
-Exerzierplatz blitzen und hörte den Gesang der Mannschaft beim
-Stiefelwichsen und Knöpfeputzen, dann brach etwas in ihr los, was bei
-den Ursulinerinnen geschlafen.
-
-Frau Trina schalt viel über Finas tolle Ausgelassenheit; in ihrer
-hartumdrängten Mutterschaft vergaß sie jetzt manchmal, daß auch sie
-einst vor lauter Lust am Leben gar nicht gewußt wohin. Hier eine
-kleine Hand, dort eine kleine Hand! Hier ein jämmerliches Klagen,
-dort ein begehrliches Kreischen! Da konnte einem wahrhaftig mal die
-›pläsierliche‹ Laune abhanden kommen.
-
-»Nich tot zu kriegen,« sagte der Vater, wenn er seine Josefine ansah,
-und ein Freudenschein flog über sein hartes Gesicht.
-
-Rinke hatte gealtert; trotz seiner Vierzig mischten sich ihm schon
-graue Fäden in’s dunkle Kopfhaar und den rötlichen Schnauzbart. Von den
-Augenwinkeln nach den Schläfen zogen sich viele feine Fältchen, und
-um die Mundecken hatte sich ein verbissener Zug festgesetzt. Jahraus
-jahrein Kommiß macht müde; und das Sitzen im Bureau vor’m Nationale und
-dem Löhnungsbuch, auch; die Parole den Herren Offizieren zustellen,
-den Kompagnierapport anfertigen, genau Erkrankungen und Beurlaubungen
-berichten, das Strafverzeichnis, das Schießbuch, die Rangierrolle, die
-Abrechnungen führen und Gott weiß was sonst noch, auch; und täglich
-drei Stunden neben dem Herrn Hauptmann über den Kasernenhof pendeln,
-immer hin-her, her-hin, mit geschlossenen Augen wissen, wo der rechtsum
-wendet, wo linksum, auch.
-
-Heraus aus dem einförmigen Trott!
-
-Ach, in den Zeitungen stand wohl zu lesen: Der gallische Hahn krähe
-wieder frech, anno dreizehn sei ihm nicht genug geschehen, es sei an
-der Zeit, ihm vollends den Garaus zu machen – zu den Waffen!
-
-Krieg, Krieg, wann kam der?!
-
-Der Feldwebel wartete schon lange.
-
-Heute hatte ihm seine Josefine ein Gedicht vorgelesen, auf einem
-Zeitungsausschnitt stand es, der schon die Runde durch viele Hände
-gemacht:
-
- ›Sie sollen ihn nicht haben,
- Den freien deutschen Rhein,
- Ob sie wie gier’ge Raben
- Sich heiser danach schrein.‹
-
-Das Kind las laut und langsam, jede Silbe deutlich artikulierend;
-erwartungsvoll sah es beim Schluß zum Vater hin. Der saß am Fenster,
-den Kopf in die Hand gestützt und schaute unter zusammengezogenen
-Brauen in das Abendrot, das über’m Exerzierplatz verglomm.
-
-»Nochmal, Josefine, lies noch mal,« sagte er jetzt seltsam gepreßt.
-
-Und sie las noch einmal:
-
- »Sie sol-len ihn nicht ha-ben
- Den frei-en deut-schen Rhein.«
-
-Auch Frau Trina war näher gekommen und spitzte die Ohren: was lasen sie
-da vom Rhein?
-
- »Bis sei-ne Flut begra-ben,
- Des letz-ten Manns Ge-bein!«
-
-»Nein, das sollen sie auch nicht!« So heftig stieß der Feldwebel
-seine Pfeife auf’s Fenster, daß sie zerbrach. »Heiliges Kanonenrohr!
-Haben sie am Ende doch recht, die da sagen: man rüstet in Preußen?!
-I, das wäre! Na, gebt den Rothosen man eins drauf, daß sie alle
-werden für jetzt und ewige Zeiten! Haha« – er lachte vor innerem
-Entzücken – »Preußen immer vorneweg! Nu geht’s los!« Aber gleich
-darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. »Ich glaub’s nich, wir
-haben noch keine Ordre. Zeit wär’s, Kerle werden täglich fauler. ’ne
-Affenschande, muß ich hier sitzen auf dem verlorenen Posten, statt da
-mittenmank!« Unwirsch fuhr er sich durch die kurzgeschnittenen Haare.
-»Verfluchtes Lausenest!«
-
-»Düsseldorf is en prachtvoll schöne Stadt,« sagte Frau Trina beleidigt.
-
-Er hörte sie gar nicht. Den Blick starr auf den öden Exerzierplatz
-gerichtet, murmelte er: »Wenn’s man losginge, wenn’s man losginge!«
-Eine starke Röte war ihm in’s Gesicht gestiegen; er schüttelte sich wie
-in einem Schauer und preßte die Zähne aufeinander: »Wenn’s man!«
-
-»Jehste jetzt im Krieg, Vater?« fragte das Kind.
-
-Er kaute am Schnauzbart. »Vielleicht,« sagte er, sich beherrschend;
-aber man hörte doch die Freude heraus.
-
-Josefine rief denn auch sofort: »Da haste aber en Freud’, jelt, Vater?«
-
-»Ja,« sprach er, alles vergessend. Und in einer tiefinneren Erregung
-sich aufrichtend, reckte er sich zu seiner ganzen Länge; die Arme
-streckte er über den Kopf, daß sie gegen die niedere Decke stießen.
-»Man ist ganz steif geworden – hah!« Wie ein Erlösungsseufzer klang
-sein tiefes Atemholen.
-
-Frau Trina hatte die Augen weit aufgerissen, nun fing sie plötzlich
-an, bitterlich zu weinen. »Och, nu – nu jeht er wahrhaftig im Krieg!
-Och, Jesusmarijosef, ne, hätt’ ich dat jewußt!« Sie sah sich suchend
-nach ihren drei Jüngsten um, die beim Weinen der Mutter erschrocken zu
-brüllen anfingen. »Kinder, der Vater, er jeht im Krieg! Och, hätt’ ich
-dat jewußt!« Fassungslos sank sie auf den nächsten Schemel, das Gesicht
-mit der Schürze bedeckend.
-
-Fassungslos sah auch der Feldwebel drein – hätt’ ich das gewußt! Ja,
-dann hätte sie ihn wohl nicht geheiratet. Und er?! – Es zuckte für
-einen Augenblick um seinen Mund – nun, und er vielleicht auch nicht.
-
-Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß
-sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das
-noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt
-war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend,
-so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn
-damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde
-immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme
-Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit?
-Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den
-protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke!
-Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten
-doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen
-noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s
-Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick –
-also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat,
-nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut,
-die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! –
-
-Und jetzt?!
-
-Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme
-Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder
-er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland!
-
-»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn
-aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?«
-
-»Jehorcht.«
-
-»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich.
-
-Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die
-Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein.
-Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen
-auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf
-einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da
-einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes.
-
-Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne
-Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen;
-der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!!
-
-Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton:
-
-»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt
-sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’
-er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland,
-sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm
-zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle
-Hallunken! Aber warte man, warte!«
-
-In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du
-sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13.
-Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle
-hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die
-Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das
-Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter
-der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren
-Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute,
-als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß
-schon auf dem Gaule.
-
-»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit
-Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter
-geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s
-war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig.
-
-»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen,
-aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht
-mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte
-mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den
-Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir
-Ehre!‹
-
-»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte,
-galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich
-sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹
-Und das schrei’ ich noch heut!«
-
-Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra,
-hurra, hurra!«
-
-Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn
-gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’
-weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit
-dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!«
-
-»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die
-Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge,
-was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld
-für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger
-und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her,
-und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden
-und verkaufen das, und –«
-
-»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich
-auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße
-Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog
-unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da
-haste’t – schneid’ et doch ab!«
-
-Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich
-ihr liebkosend über die blonde Mähne.
-
-Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich
-ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus:
-»Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar
-nix!«
-
-»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die
-heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst:
-»Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« –
-
-Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen,
-plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher
-Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige
-Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne
-zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne.
-
-
-
-
-V
-
-
-Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.
-
-»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau.
-»Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt
-Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en
-Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon
-schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal
-›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm
-dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht
-uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’
-›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel
-sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann,
-de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld
-fahren jetzt als de Leut’!«
-
-Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich
-in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in
-dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan
-und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach
-verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten
-doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm
-drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch
-den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.
-
-Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk
-suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die
-Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht
-durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹,
-ganz einsam.
-
-Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte
-allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in
-aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe
-und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die
-Großmutter verteilte.
-
-Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit
-in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm
-sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut,
-von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter,
-schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.
-
-Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten
-nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick,
-laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße
-herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden
-Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten
-durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater
-streng genug.
-
-Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben
-keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter
-schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt
-kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst
-vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts
-mehr!«
-
-Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.
-
-Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne,
-und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte
-er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte
-so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht
-aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.
-
-Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht
-gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er
-unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!
-
-Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹.
-Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts
-Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller
-und versteckte sich im Taubenschlag.
-
-Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des
-Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.
-
-»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir
-nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend,
-auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf
-Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen
-aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene
-erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt
-et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben
-kein Tippelchen Pietät!«
-
-[4] däuen: schieben.
-
-[5] trecken: ziehen.
-
-Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte
-nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu
-einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm
-hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem
-Schnauzbart.
-
-Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten.
-»Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de
-Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’
-– ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die
-Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges
-schneuzte sich heftig.
-
-Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu
-pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan!
-Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch
-überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.
-
-»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich
-wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er
-in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel
-strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.«
-
-»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte
-die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!«
-
-»Angst – vor mir?!«
-
-Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben?
-Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vor =ihm=? Angst vor
-ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken
-ging er heimwärts.
-
-Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er
-hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene
-Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es
-würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast
-du Angst vor mir?«
-
-»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht.
-
-»Ob du – Angst vor mir hast?«
-
-Nun lachte sie hell auf: »Ne!«
-
-»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nicht für lange.
-Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem
-Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau
-Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre
-Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle.
-
-Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen
-der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen,
-stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war
-wohl katholischer Feiertag?
-
-Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen
-und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht.
-Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich
-in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun
-sang einer, ein hoher Tenor:
-
- »Köln am Rhein, du schönes Städtchen,
- Köln am Rhein, du schöne Stadt,
- Und darinnen muß ich verlassen,
- Mein’ herzallerliebsten Schatz!«
-
-Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war
-das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und
-pfiff mit:
-
- »Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,
- Wie wir packten die französische Katz’
- An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«
-
-Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß:
-
- »Patriot, schlag ihn tot,
- Bonapart’, den Erzkujon« –
-
-Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein:
-
- »Mit der Picke, in’s Genicke,
- Daß er kriegt die Schwerenot!«
-
-Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr
-hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten
-– sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun
-schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der
-Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie
-sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er
-gemeint, nun ginge es gleich los.
-
-Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des
-Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und
-manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort
-mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf.
-
-Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn
-sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft
-und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren
-Schluß?!
-
-Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden
-drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell
-abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt?
-
-›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich
-gewesen ist‹ – – –
-
-Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem
-unruhigen Blick sah er umher. Der lange Tag hatte sich noch nicht
-geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch
-konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald!
-
-Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz.
-Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.
-
-Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er.
-
-»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm
-vorbei.
-
-»Komm mal her!«
-
-»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich
-verstohlen über die Augen.
-
-Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was
-’s denn los? Hast ja geflennt?«
-
-»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer.
-
-Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk.
-
-Glühend rot werdend, schüttelte sie ihre Hand. »Laß mich doch! Autsch!«
-
-Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los.
-
-Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide
-Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!«
-schluchzte sie.
-
-»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die
-Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen
-Ton!«
-
-»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat
-Leid! Wat hab’ ich dann auf dieser Welt? Jar nix, ich muß mich plagen
-alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige
-Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och,
-die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände.
-»Jesus Maria, un ich bin schuld dran!«
-
-Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte
-doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder
-mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie
-zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich
-zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich
-los.
-
-»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre
-thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen
-flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit
-e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe
-lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en
-Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!«
-Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich
-bin schuld dran!«
-
-Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand –
-verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz,
-auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo
-kommste her?« fragte er rauh.
-
-»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!«
-
-»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr
-gesetzt – na, natürlich! Und ich sage dir, die Kinder werden schon in
-die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält.
-Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf
-und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir
-mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.«
-
-Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich
-von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu
-schlüpfen.
-
-Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war
-er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände
-das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem
-langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß
-schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht
-gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?!
-Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen
-kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein
-Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu
-mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den
-Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn!
-
- * * * * *
-
-Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne
-den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele
-haftete, zu mildern.
-
-Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut.
-
-Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich
-draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben
-zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf
-ihn zu.
-
-Bemerkte er sie denn nicht? Fast beleidigt zupfte sie ihn: »Vater!«
-
-»Ich wollte, es gäbe Krieg,« murmelte er. Und dann fuhr er auf: »Wer da
-– ah du! Na, Josefine?«
-
-Sie lachte ihn an.
-
-Da fiel’s ihm auf, wie sah sie denn aus? Das ganze Haar in Papilloten
-gedreht, ein Wickel neben dem andern.
-
-»Nanu, was hast du denn angestellt?« Verwundert tippte er sie auf den
-Kopf.
-
-»Jarstig, jelt, Vater? Aber morjen, da sollste ens kucken, da werd’ ich
-aber auch dafor fein jemacht!« Jubelnd schlug sie die Hände zusammen.
-»Lauter Löckskes, de Jroßmutter hat se mer eben einjedreht! Un en weiß’
-Kleid mit lauter Säumcher! Un ene blaue Kranz krieg’ ich auf de Locken!
-Ich trag’ dat Herz Jesu auf’m Kissen!«
-
-»Was – was trägst du?« Plötzlich aufmerkend sah er sie an. »Was redste
-für Unsinn? Herz Jesu – weiß Kleid – blauen Kranz – wozu – weswegen?«
-
-»No, morjen is doch Fronleichnam! Prozession nach’m Calvarienberg an
-der jroße Kirch’.« Ganz bestürzt sah sie ihn an. »Dat weißte nit? Wer
-am besten in jeder Klass’ is, darf wat tragen. Eine aus der untersten
-Klass’ trägt et Lämmchen, en janz Jroße trägt en Fahn’, un ich« – mit
-stolz leuchtendem Gesicht reckte sie sich vor ihrem Vater – »ich krieg’
-et Kissen!«
-
-Er hatte sie ausreden lassen, jetzt fuhr er auf mit einem Fluch;
-erschrocken prallte sie zurück, er rannte sie fast über den Haufen.
-
-»Frau!« Da stand er, die Fäuste geballt, das Gesicht fahl. Und als
-Trina nicht gleich hörte noch einmal: »Frau!«
-
-Jetzt kam sie.
-
-Er schrie sie an: »Weibsbild, verdammtes, denkste, du kannst
-Schindluder mit mir spielen? Oho, untersteh dich!« Mit wilden Augen sah
-er sie an.
-
-»No, wat is dann als schon wieder?« rief sie halb trotzig, halb
-kleinlaut.
-
-»Ich sag’ dir, ich bin kein Esel, du machst mir kein X für ein U. Was
-treibst du hinter meinem Rücken für Allotria – he?« Er packte in seiner
-Wut das erste beste, was ihm unter die Hände kam – das Gebetbuch war’s
-– riß es vom Tisch und warf es ihr vor die Füße. Die Blätter flogen.
-
-Zitternd bückte sie sich und las ihre geweihten Palmzweiglein, ihre
-bunten Heiligenbildchen zusammen. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der
-Mut kam, sie war empört: »Au, meine Bildches, wat fällt dich ein?«
-
-Er riß ihr die Bildchen aus der Hand und zerfetzte sie. »Da – da! Und
-ich sag’ dir, jetzt hat’s en Ende, das alle Morgen in die Messe-rennen
-und das im Beichtstuhl-hocken! Jetzt weiß ich, warum du heulst! In den
-Ohren liegen sie dir: katholisch sollen die Kinder werden! Katholisch
-wollt ihr die Josefine machen! Keinen Schritt geht sie mit zur
-Prozession! Mir allein hast du zu parieren – verstanden? Nich gemuckt.
-Und nu: in die Küche! Geh an deinen Herd, koch, die Kinder wollen
-essen.«
-
-Sonst drückte Trina sich gern, wenn Rinke schalt, heute blieb sie wie
-angewurzelt stehen.
-
-Er drehte ihr den Rücken. Die Knaben, die scheu an der Thür gehorcht,
-hatten sich verkrochen; nur Josefine stand da, unbeweglich, und sah den
-Vater starr an. Sie war ganz blaß geworden.
-
-Er rief sie zu sich, langsam kam sie. »Josefine,« sagte er in etwas
-gemäßigterem Ton, »geh, wickel dir das Haar aus, komm mir so nich mehr
-unter die Augen!« Und als sie gehen wollte: »Halt! Heut war’s das
-letzte Mal, daß du zu den Ursulinerinnen gegangen bist, verstanden? Ich
-wer’ denen das Handwerk wohl legen!« Die Wut flammte wieder in ihm auf:
-»Weg mit dem Firlefanz!«
-
-Er selber griff ihr in die Haare und zerrte ihr einen Papierwickel
-heraus; es mußte weh thun, aber sie rührte sich nicht.
-
-»Ich verbiete dir auch, nach der Ratingerstraße zu gehen – hörst du,
-von heut ab! Keinen Schritt dahin – hörst du? Antwort!«
-
-»Ja.«
-
-»Und mir allein hast du zu gehorchen – mir allein, hörst du?« Eisern
-klang jedes Wort. »Niemand anderm, auch nicht – auch nicht deiner
-Mutter – denn –«
-
-Jetzt zuckte das Kind zusammen, Frau Trina hatte ein wimmerndes
-Schluchzen hören lassen.
-
-Mit einem Ruck riß sich Josefine vom Vater los und warf sich mit einem
-lauten Aufschrei der Mutter an den Hals: »Mutter, wein’ nit! Wein’ doch
-nit, ich hab’ dich auch lieb! Och ’n doch, Mutter, ich hab’ dich lieb –
-Mutter, Mutter!«
-
-»Josefine!« Der Feldwebel rief, aber vergebens. Zum erstenmal in ihrem
-Leben gehorchte ihm die Tochter nicht.
-
-»Josefine!«
-
-Sie schüttelte nur verneinend in leidenschaftlichem Weinen den Kopf
-an der Brust der Mutter, um die sie, wie zum Schutz, ihre beiden Arme
-schlang.
-
-»Josefine!« Es klang fast bittend.
-
-Sie rührte sich nicht.
-
-Da rief der Feldwebel nicht mehr. Ein paar Augenblicke stand er, wie
-vor den Kopf geschlagen, dann stolperte er zur Thür. Im Finstern tappte
-er die Holzstiege hinunter, und in’s Finstere lief er hinaus. – – –
-
-
-
-
-VI
-
-
-Eigentlich war es schon Winter. Die Düsseldorfer Hausfrauen hatten
-längst ihren Herbsthausputz vollendet, jedes Sommerstäubchen war
-ausgefegt, blitzblank schauten die Fenster auf das saubere Trottoir.
-Und doch war es noch nicht Winter, denn der November ließ sich an wie
-ein Oktober. Die Kastanien in der Königsallee waren noch nicht gänzlich
-entlaubt, im Hofgarten blühten noch Dalien und Georginen; Allerheiligen
-war lange vorbei, und doch dufteten noch bleiche Rosen auf den Gräbern.
-Vom Rhein kam ein lindfeuchtes Wehen, kein Wind. Die niederen Wiesen
-jenseits des Flusses schimmerten noch frischgrün, die Weidenbüsche
-standen wie im Saft.
-
-Gut Wetter zum Martinsabend.
-
-Josefine Rinke freute sich: heut abend würden sie alle mit dem
-Laternchen gehen; nur die arme Mutter durfte nicht mit, der Vater fand
-das zu lächerlich.
-
-Zint Mäten, Zint Mäten![6]
-
-[6] Sankt Martin.
-
-Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte
-die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen, vor sich her trug.
-Sie lernte noch auf dem Schulweg.
-
-Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den
-Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische
-höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der
-Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit
-des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am
-Hofgarten residierte.
-
-Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann
-nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch
-Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn
-gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat
-empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch
-eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten
-Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig
-werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige
-abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse
-noch immer hoch genug. –
-
-Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen
-unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb
-acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine
-Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie
-gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in
-Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so
-schwer in den Kopf.
-
-Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina!
-Finchen!«
-
-Sie hörte nicht.
-
-Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn
-gar nicht?«
-
-»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
-
-Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von
-Clermont zog es ihr weg.
-
-»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst,
-wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine
-Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können
-jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht
-dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
-
-Der Bursche grinste und machte Kehrt.
-
-»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War
-gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern
-zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das
-schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut
-nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte.
-»Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen,
-der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu
-bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre
-wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
-
-»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du
-nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un
-den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit
-mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
-
-Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie
-von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen.
-Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort,
-zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie
-sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war
-der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden
-Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank
-zusammengeführt.
-
-Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines
-alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War
-Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den
-Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten
-– so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne!
-Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit
-Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne
-Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die
-Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all
-den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern
-Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der
-Feldwebeltochter. –
-
-Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden
-wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie
-sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer
-noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
-
-»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen
-Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich
-hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen
-wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus
-so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«
-
-»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach
-der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl
-mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte
-sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en
-Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen
-Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –«
-
-»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen
-die Leute von uns denken?«
-
-Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um.
-Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber
-schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli,
-letzt!« Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken.
-
-»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach.
-
-Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin, daß ihr halblanger
-Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. –
-
-Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte
-seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres
-hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen
-waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber
-schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis
-doch wunderbar schön.
-
-Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug
-ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem
-Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die
-Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus.
-
-Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter-
-und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen
-Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch,
-durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren:
-»Zintmäten, Zintmäten!«
-
-Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern
-zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren
-schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht –
-ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich
-zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und
-Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen
-grob:
-
- »Zintmäte, Zintmäte.
- De Kälver hant lang Stäte,
- De Jonges sin Rabaue,
- De Weiter wolle mer haue.«
-
-Und die Mädchen zirpen dagegen:
-
- »De Weiter sin Rabaue,
- Die Jonges wolle mer haue,
- De Weiter trinke rode Wing,
- De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
-
-»Zintmäte, Zintmäte!«
-
-Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen
-hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen;
-sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der
-Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet.
-
-Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das
-›Zintmäten‹.
-
-An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den
-Bittgesang:
-
- »Hier wohnt en reicher Mann,
- De ons wohl jett jäwe kann.
- Selig soll hä läwe,
- Selig soll hä stärwe,
- Dat Himmelreich erärwe!«
-
-Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig
-gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf,
-und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen
-in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen.
-
-Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich ein wirbelnder
-Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten
-Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das
-Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters.
-
-Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt.
-
-Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der
-Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich
-um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie
-sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem
-vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch
-sie konnte.
-
-Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum:
-
- »Zintmäte, Zintmäte!
- De Weiter lecke de Plate,
- De Jonges esse de Tate,
- De Jonges esse jebackene Fisch.
- De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
-
-Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis.
-Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen
-löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!«
-
-»Frech Weit!«
-
-»Freche Rabau!«
-
-Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken
-geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß
-sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
-
-Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit
-einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte
-Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
-
-»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten
-Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes
-Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die
-frechen Jungens!«
-
-»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und
-zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen,
-wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen
-johlend hinterdrein.
-
-Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?!
-Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er
-geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die
-Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder
-etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig
-von der Seite betrachtete.
-
-Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst
-ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte
-doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen
-Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na,
-natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen
-Kompagnie.
-
-»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,«
-seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
-
-»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen
-Blick zurück.
-
-Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher
-zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön
-miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch
-noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein
-war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick
-sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock
-immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
-
-»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten
-Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen:
-
- »Zintmäte sein Vöjelche
- Met dat rote Köjelche –«
-
-Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig
-von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich
-erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing
-an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis.
-Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen
-wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand.
-
-Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den
-Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von
-rechts, bald von links. Das war ein Jagen über’s Trottoir, ein
-Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen.
-Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹.
-
-So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte
-sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich
-sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen.
-
-»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen
-von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet.
-
-Und der Abend flog auch dahin – zu rasch.
-
-»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner
-Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand
-Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den
-Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon
-mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und
-dort wurde recht wüst gegröhlt:
-
- »Küt de Lehrer in de Scholl’,
- Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
-
-und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m
-ungeduldigen Pochen der Fäuste:
-
- »Dat Huus, dat steht up eene Penn,
- De Jietzhalz, de wohnt metten drenn –
- Jietzhals, brich der Hals,
- Dat de morje stärwe kanns!« – – –
-
- * * * * *
-
-»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes
-Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es
-nach den leckeren Puffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie
-noch: »Wie schad’!«
-
-Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend;
-aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte
-und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem
-bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!«
-
- * * * * *
-
-Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?!
-
-Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das
-Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den
-Nikolaustag. Der war heute.
-
-Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den
-Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, =ihr= einen Weckmann zu schenken? Da
-war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner
-Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.
-
-In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und
-kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche
-mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat
-gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife
-im Maul.
-
-Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte
-er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor
-Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien
-bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, –
-ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht
-immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater
-konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major
-war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders
-werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald
-würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich
-nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der
-linken Brust zu tragen.
-
-Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der
-Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde
-gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich
-darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb
-nichts wie diese Erinnerung.
-
-[7] 2½ Silbergroschen.
-
-›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann
-ihre weißen Zähne vergraben.
-
-Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im
-Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter
-den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das
-Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!
-
-Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam
-er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier
-eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf
-der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.
-
-Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag.
-Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte
-anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da
-gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren
-worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die
-Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.
-
-Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie
-seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die
-ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.
-
-Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete =sie’s= immer,
-ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
-
-Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war
-nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag,
-Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich
-nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
-
-Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich
-gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um
-das Wasser im Keller zu sehen – also =das= war ihr die Hauptsache am
-letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche –
-wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
-
-Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun
-hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee
-schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und
-Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die
-Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so
-früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen
-überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor
-und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
-
-»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit
-fort.
-
-Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer
-schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen
-Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu
-quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst
-die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren
-niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und
-schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
-
-Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen
-Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es
-plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
-
-Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit
-kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die
-Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem
-schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült,
-die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter
-nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße
-schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in
-der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten
-nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und
-die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und
-Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die
-Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken
-geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die
-Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser
-plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und
-spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd
-naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
-
-Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut
-und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der
-Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen
-Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
-
-Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen
-könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.
-
-O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s
-Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes
-Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt
-verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der
-Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der
-Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln
-und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein;
-er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man
-weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend
-und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt,
-weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles
-umstricken. –
-
-Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹
-anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom
-Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt.
-Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider
-gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten.
-Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn
-Josefine in die Hand.
-
-Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
-
-Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten
-Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter
-holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte:
-das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein
-kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf
-– all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken –
-Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als
-in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an?
-Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
-
-»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et
-Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
-
-Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um
-vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über
-im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
-
-»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius
-im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit,
-aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t
-Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß
-einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de
-Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
-
-»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie,
-»lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in
-fahren!«
-
-Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß
-die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
-
-Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die
-Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze
-lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene
-flüchten mochten.
-
-Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz
-im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft
-hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich.
-
-»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein
-Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der
-Tasche und steckte es an.
-
-Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war
-schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem
-Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am
-Treppenpfosten.
-
-Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe
-stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es
-flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen
-ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der
-dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle.
-
-»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend.
-
-Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser
-plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend.
-Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still –
-auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide
-schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten,
-weiten Meer.
-
-Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht.
-
-»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf
-sah sie den Jüngling selig an.
-
-Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich,
-schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das
-Lichtstümpfchen erlosch.
-
-Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die
-Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie
-auf die Stufe.
-
-»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen
-muß ich ja fort!«
-
-»Och, wie schad’!«
-
-»Wirst du mich auch nicht vergessen?«
-
-»Ne, och ne!«
-
-Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte
-nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr
-halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer,
-der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann.
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-
-
-VII
-
-
-Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief
-innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen
-und Drängen. Was will das werden?!
-
-Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen
-so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!«
-und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
-
-Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom
-Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
-
-Es war das Jahr 1847.
-
-Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die
-Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am
-Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
-
-An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag
-nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe.
-Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch.
-Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick
-wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch
-hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen!
-War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in
-den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und
-drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das
-war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb
-ihr das Blut rascher durch die Adern.
-
-»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine
-Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu
-schon wieder? Immerzu stänkern!«
-
-Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein
-paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt.
-Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt
-not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob
-in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau,
-Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die
-Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
-
-»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was
-wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine
-Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande!
-Verfassungsreform – was heißt das?!«
-
-»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die
-Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung,
-Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine
-wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die
-Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’
-ich nit!«
-
-»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich
-hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen
-sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein
-hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«
-
-Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die
-Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in
-der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’
-Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch
-en Wort sagen dürfen.«
-
-»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen.
-»Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders –
-nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er
-sich wieder in die Zeitung.
-
-Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es
-nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht
-alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim
-Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden
-müsse, sagten sie freilich nicht.
-
-Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß
-immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und
-drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht,
-denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber,
-und die jungen interessierten ihn nicht.
-
-Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz
-– nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die
-Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte
-es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten!
-Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß.
-Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch
-nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso
-schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett.
-Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen
-längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten
-Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen
-Streifen helleres Weiß zeigte.
-
-Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an
-den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche
-Wange auf seinen Scheitel drückte.
-
-»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche
-Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen
-Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr
-stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz
-nicht.
-
-»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«
-
-Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten
-Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn
-gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee
-des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal
-versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter
-einem feinen Schleier.
-
-So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer
-ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier
-gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu
-waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die
-Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie
-eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen
-Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf
-Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung,
-alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern
-heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause,
-Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche
-Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es
-blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.
-
-Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte
-Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts
-dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine
-Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß
-sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte,
-auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte
-er nicht.
-
-Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den
-Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah
-Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war
-der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte
-er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
-
-Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit
-dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über =sie=
-Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch
-bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die
-Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden,
-wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich
-hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt
-stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in
-Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die
-Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie
-mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze
-Kompagnie in sie verschossen war.
-
-Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick
-ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut
-genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch
-nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn,
-dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen
-ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst
-hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der
-Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke.
-Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein
-wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und
-groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und
-breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß!
-Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich
-zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst
-bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht
-dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
-
-Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn
-gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
-
-»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie
-zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich
-noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig
-Jahr’?«
-
-»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
-
-»Um Gottes willen!«
-
-Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die
-Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so?
-Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig,
-knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit
-unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des
-Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch
-bekommen als Dienstauszeichnung.
-
-Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne
-von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich
-würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu
-müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt
-hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute
-Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer,
-ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«
-
-Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf
-gesenkt.
-
-»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der
-Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
-
-Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall
-der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen
-der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut
-übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel
-verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus
-dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem
-Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht
-eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so
-nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes
-ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch
-höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau
-nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst,
-meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte
-gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
-
-Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte
-sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt,
-den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten
-Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein
-so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen,
-wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
-
-Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen
-Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur
-auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben
-Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er
-wurde aber doch vorgelassen.
-
-Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte
-Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus
-den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er
-konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf
-den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine
-Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja,
-man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet.
-Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
-
-Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major
-und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist,
-den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
-
-Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem
-rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,«
-sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
-
-Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit
-dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
-
-Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie
-lächelnd. »Feldwebel Rinke?«
-
-»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.«
-
-»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?«
-
-»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!«
-
-»So, das freut mich!«
-
-Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der
-Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich,
-daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte
-– so was Vornehmes und doch so was Freundliches!
-
-»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer
-großen Anmut und schwebte wieder zur Thür.
-
-Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch
-nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten
-neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße
-Gesicht.
-
-Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm
-übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die
-Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar
-nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie
-gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch
-aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in
-irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere
-Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich
-bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung
-eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind
-Sie sicher!«
-
-Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich
-doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest.
-Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war,
-konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit,
-solange er noch einen Fuß rühren konnte! – –
-
-Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb
-ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie
-auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm
-mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr
-alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das
-war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹!
-
-Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden,
-wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den
-Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger
-Bürgersleutschneider wäre!
-
-Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte
-er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben
-kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte
-Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig
-versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein
-bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich,
-der hatte den Jungen eingeschüchtert.
-
-Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen
-die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine
-gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie
-führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten
-Vogel‹ ein.
-
-Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten –
-unwiderruflich – der Vater verlangte es.
-
-Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal
-seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das
-Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf
-seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.
-
-Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof
-zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm
-denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch
-nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter
-Stimmung.
-
-Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem
-Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem
-Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.
-
-Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine
-an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die
-Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«
-
-Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem,
-wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«
-
-Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom
-Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu
-riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«
-
-Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern
-stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch
-hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso!
-Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!«
-
-»Aber du sollst doch nit!«
-
-Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus,
-wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein
-einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich
-nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und
-spuckte aus.
-
-»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll.
-
-»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben
-un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs
-Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se
-setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich
-wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib.
-
-»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme.
-
-Wilhelm schreckte zusammen.
-
-»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!«
-
-Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt.
-
-»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte:
-»’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem!
-’schwind, ’schwind!«
-
-»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen
-scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens
-Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
-
-»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
-
-»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu
-sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
-
-»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand
-hin – »na, dann setz dich, Junge!«
-
-Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger
-verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff!
-Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
-
-»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb
-ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde
-der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es
-gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre
-dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor
-und sagte kein Wort mehr.
-
-Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er
-auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd.
-Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in
-dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die
-Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit
-dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine
-Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen,
-vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck
-für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, Verzweifelt
-stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der
-Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde
-ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein
-Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es
-auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was
-sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die
-Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte
-gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
-
-Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht
-gewacht? Gearbeitet, he?«
-
-Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg
-dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
-
-Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der
-Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar
-nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er
-that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten
-herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und,
-unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das
-krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses
-Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater
-untersagte ihm das sofort.
-
-Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war
-gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und
-der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete
-draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend,
-daß des Jungen Herz pochte.
-
-Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie
-den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben,
-denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich
-jetzt, is et dich jett besser?«
-
-»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und
-stieß ein kurzes Lachen aus.
-
-Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern,
-war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß
-doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug.
-Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von
-ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un
-dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine
-armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!«
-
-[8] Meister.
-
-»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht
-der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein
-voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte –
-»oder mit Frauenzimmern verposamentiert!«
-
-»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die
-Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!«
-
-»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die
-Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die
-Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren
-rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern
-Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich
-danke!«
-
-»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus;
-sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes.
-
-»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!«
-
-»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is
-doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie
-die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein
-rheinisch Mädche sein?!«
-
-»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den
-Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her
-und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt
-der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du
-dich ’rumgetrieben, he?«
-
-Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem
-nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er
-heraus.
-
-»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?«
-
-Josefine mengte sich ein. »Vater, wat is dann, sei doch nit bös!«
-
-Er stieß sie von sich. »Kümmer dich um deine Sachen! – Wo hast du
-dich ’rumgetrieben, Bengel?!« Er stampfte auf. »Lüge nicht! Du weißt,
-vormachen lass’ ich mir nichts – na?!«
-
-Der Knabe erstarrte förmlich unter des Vaters Blick.
-
-»Vater,« rief Josefine, »er hat sich nit erumjetrieben! Willem, nu sag
-et doch, sei doch kein Bangbüx! Der Jesell hat ihm en –«
-
-»Er hat ja jar nix jethan,« schrie die Mutter dazwischen, »de arme
-Jung’! Rinke, wat fällt dich ein?!«
-
-»’raus! Frauenzimmer ’raus!« Mit unwiderstehlicher Gewalt schob Rinke
-die beiden Frauen in’s Nebenzimmer. Nun verriegelte er die Thür. Mit
-starken Schritten kam er dann zurück, direkt auf Wilhelm zu. Der war
-ganz in eine Ecke gewichen.
-
-»So,« – unheimlich ruhig klang’s – »so, mein Sohn, nu sage mir mal,
-wo du dich ’rumgetrieben hast, ich möcht’ das gerne wissen.« Und dann
-aufbrausend: »Ich muß es wissen!«
-
-»Ich hab’ – mich nit – erum–je–trieben!«
-
-Ein Schlucken stieß den Knaben.
-
-»Lüge nicht!«
-
-»Ich lü–lüg’ – ja – nit!«
-
-»Jawohl, du lügst!« Immer drohender wurde das Auge des Vaters, es
-blitzte unter den düsteren Brauen.
-
-»Wahrhaftijens Jott –«
-
-»Junge!« – Des Feldwebels Stimme verlor plötzlich an Rauheit, sie wurde
-fast bittend – »Junge, sag mir die Wahrheit, thu’s mir nicht an, daß du
-lügst!«
-
-»Ich – hab’ mich nit – erumjetrieben! De Jesell jab mich ene Pfeif’
-– et wurd’ mich so schlecht – de Jroßmutter jab mich ene Bittre, de
-Jroßvater auch – se jaben mich Bier – ich kann nix dafor – Vater,
-Vater!« Aufschreiend hielt er sich schützend beide Arme über den Kopf;
-der Feldwebel hatte die Hand gehoben.
-
-Feig?! Ein verächtliches Zucken ging über des Feldwebels Gesicht, und
-dann kam ein Ausdruck von Scham. Feig – sein Sohn war feig! Wer feig
-ist, lügt auch.
-
-»Ich glaube dir nicht,« sagte er hart. »Sieh mich an!« Und als Wilhelm
-den Blick nicht hob, noch einmal: »Ansehen!«
-
-Die gesenkten Lider öffneten sich zwinkernd, das matte Auge des Sohnes
-versuchte, dem Blick des Vaters standzuhalten, aber es füllte sich jäh
-mit Thränen. Geblendet, verwirrt senkte es sich wieder zu Boden.
-
-»Laß mich eraus,« stöhnte Wilhelm. Alles drehte sich mit ihm, eine
-peinvolle Übelkeit kam ihn an.
-
-»Gleich kannst du gehen – aber vorerst – vorerst wer’ ich dich lehren –
-du Bengel – wie man’s Lügen austreibt!« In Schmerz und Empörung sah der
-Feldwebel um sich: da lag hinter’m Ofen der Stecken zum ausklopfen der
-Montur.
-
-»Vater, Vater!«
-
-»Schockschwerenot – willst du die Wahrheit sagen?!«
-
-»Ich sag’ se ja – ich sag’ se ja!«
-
-Draußen raschelte es vor der Thür, Mutter und Schwester horchten am
-Schlüsselloch.
-
-»Jesses, Rinke!« Das war Frau Trinas Stimme. »Mach ens auf, Rinke!«
-
-»Wirst du’s jetzt sagen?« Rinke streckte den Arm nach dem immer mehr
-und mehr Zurückweichenden aus. »Wo warst du?«
-
-Wilhelm wimmerte: »Vater, Vater!«
-
-»Vater, thu ihm doch nix! Vater, hör doch!« Josefine warf sich mit der
-ganzen Wucht ihrer jungen Kraft gegen die Thür und rüttelte am Schloß.
-»Mach ens auf, Vater!«
-
-Er ließ sie rufen und klopfen. »Rumtreiber, Lügner!« stöhnte er
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Und dann machte er einen großen
-Schritt und langte den Stecken hinter dem Ofen vor und stand wieder vor
-dem ganz in eine Ecke Gedrückten.
-
-»Komm ’raus!« Eine unbarmherzige Strenge lag um des Feldwebels Mund,
-nichts regte sich in seinem Gesicht. »Hose ’runter! Eins, zwei –«
-
-Der junge Bursche starrte ihn an, als verstände er nicht. Seine Augen
-waren schreckhaft weit geöffnet, er wurde totenblaß, und dann schoß ihm
-auf einmal eine glühende Röte bis unter die Haarwurzeln.
-
-»Hörst du nicht? Hose ’runter – eins – zwei – drei!«
-
-»Laß mich!« Das war ein Schrei der Empörung. Beide Hände vorgestreckt,
-stierte der junge Mensch den Vater an. »Ich laß mich nit hauen – ich
-laß mich nit mehr hauen! Ich will mich nit mehr –«
-
-»Du – du läßt dich nicht mehr hauen? Du willst nicht mehr?! Was?!«
-Schon hatte der starke Arm des Feldwebels den sich verzweifelt
-Sträubenden aus der Ecke gezerrt. Kein Widerstand half. Wie ein
-unmündiges Kind wurde der Sohn über’s Knie gezogen – Hose herunter
-– eins, zwei, drei – sausend fiel die Gerte nieder. Und wieder und
-wieder.
-
-Weiter kein Laut hörbar. Auch die draußen Lauschenden waren verstummt.
-
-»So,« sagte jetzt der Vater kurz und schleuderte die Gerte weg. »So. Nu
-kannst du gehen!«
-
-Der Sohn richtete sich auf. Mit zitternden Händen seinen Anzug ordnend,
-stand er einen Augenblick, dann wankte er zur Thür. Als er den Riegel
-fortschob, warf er einen Blick in die Stube zurück, einen einzigen
-kurzen Blick, scheu und von unten herauf; aber neben der Furcht, und
-stärker als diese, glimmte noch etwas andres in seinen Augen.
-
-»Adjüs!« sagte er heiser. Dann riß er die Thür auf.
-
-An Mutter und Schwester vorbei stürzend, flüchtete er die Treppe
-hinunter. Vergebens riefen sie ihm nach.
-
-Als die Frauen bestürzt in die Stube traten, saß der Feldwebel wieder
-vor seiner Zeitung, anscheinend ganz vertieft. Aber Josefine fand, der
-Vater hatte eine seltsam gramvolle Miene.
-
-
-
-
-VIII
-
-
-Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden
-und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster
-aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die
-abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in
-den Rinnen.
-
-Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte
-Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen
-in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch
-überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte.
-
-Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag
-beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie
-mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß
-herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen
-lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt
-lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen.
-
-Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe
-hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag
-schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen
-unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der
-arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein
-Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte,
-statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen!
-Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel!
-
-Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich
-zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so
-dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus
-der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und
-Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich
-wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße
-zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz –
-mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten!
-
-Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte
-sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not!
-
-Sie schlug es auf. Wie das paßte:
-
-›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den
-Himmel befähigen.‹
-
-»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las,
-die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld.
-
-›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der
-Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o
-schmerzvolle Mutter!‹
-
-Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen
-Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm.
-
-Aber sie las weiter:
-
-›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf
-den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹
-
-Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete,
-auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle
-verschafften ihr Ruhe. –
-
-Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie
-schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser
-spritzten.
-
- »Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm,
- Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –«
-
-sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein
-wieder in der Lade verschloß.
-
-Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach
-der Küche.
-
- »Mit dir, mit dir in’t Federbett,
- Mit dir, mit dir in’t Stroh –«
-
-klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich
-haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten,
-aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden.
-
- »Dann sticht mich auch kein Federchen,
- Dann beißt mich auch kein Floh!
- Mit dir, mit dir –«
-
-Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam
-ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf
-die Mutter zu und faßte die um die Taille.
-
-Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das
-alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten.
-
- »Mit dir, mit dir in’t –«
-
-»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater
-kam die Treppe herauf!
-
-Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde
-schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu
-schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen.
-
-Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter
-herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm
-zu.
-
-»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen
-ihr auf einmal wieder ein. –
-
-Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete
-schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett.
-Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur
-als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der
-Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?!
-
-Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz
-dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus
-der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten
-Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen
-fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade.
-
-Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte
-der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der
-lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen?
-Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.
-
-Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle
-wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s
-Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er
-nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht
-in der Stube.
-
-Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte
-und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren
-Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift,
-hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur
-Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich
-geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –
-
-Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am
-Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig
-hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse
-für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und
-seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich
-das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so
-fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!
-
-Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden
-Stiefeln.
-
-»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!«
-Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt;
-keiner traute sich in die Stube.
-
-Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr
-und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand
-er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom
-Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s
-nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen
-fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.
-
-Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die
-Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«
-
-Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als
-der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein
-überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen
-dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene
-Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs,
-nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren
-und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr
-Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte
-hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem
-Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse!
-
-Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht,
-nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und
-stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,«
-klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat
-lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme
-Zeit!«
-
-»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür,
-»als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so
-pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn
-mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen.
-Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!«
-
-»Meister,« sagte der Feldwebel, »ist mein Junge da?«
-
-»Ene.« Der Schneider packte schon die Arbeit zusammen.
-
-»Wo ist er denn? Können Sie mir’s sagen?«
-
-»Wer – de Willem? No, de is ja bei Ihnen!«
-
-»Bei – mir?!«
-
-Meister Pickardt hatte fertig zusammengepackt, nun hob er den Kopf: der
-Feldwebel hatte so etwas Eignes im Ton, etwas Ängstliches. Über die
-Brille weg sah er den an: »No, wat is dann?! Diese Morje früh kam de
-Jung mit sei’m Bündel un sagt, er thät’ sich krank fühlen, er wollt’ en
-paar Tag no Huus jehn.«
-
-»Krank – nach Haus?! – Warum in drei Teufels Namen hat Er den Bengel
-laufen lassen?« Wütend brüllte der Feldwebel. »Hab’ ich Ihm nicht den
-Bengel in die Lehre gegeben?! Wie kommt Er dazu, ihn wegzulassen?«
-
-»No, no!« Der Meister fing an, sich zu ärgern; seine Soldatenzeit lag
-längst hinter ihm, er brauchte sich doch nicht mehr von dem Preußen
-anschnauzen zu lassen.
-
-»Warum hat Er mir nicht sofort Meldung gemacht?«
-
-»Wat jeht mich dat an?! Wenn de Jung’ nit in der Lehr’ bleiben will,
-laß hän laufen. Heutzutag’ hält mer keinen meh.« Der Meister pfiff
-durch die Zähne. »Krank« – er kratzte sich – »freilich, dat sagen se
-immer, dat is so en Stücksken, eja! ›Adjüs,‹ sagt hä for mich un jab
-mich de Hand, ›adjüs so lang!‹«
-
-Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte
-er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel
-gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der!
-
-»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war,
-und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de
-schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern
-abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’
-eruf jing nach Bett.«
-
-»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte
-vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her –
-der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen
-noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den
-Vater!
-
-»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O
-Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang
-für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt?
-Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei
-der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und
-Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de
-auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug
-die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft
-’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!«
-
-»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib
-sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder
-anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst
-beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich
-wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging
-er.
-
-Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige
-Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –«
-
-»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den
-Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!«
-
-»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit
-scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus
-Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« –
-
-Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der
-Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten
-zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab.
-Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden
-friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm
-zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine
-aufregende Frage mit an ihren Stammtisch.
-
-Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der
-Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine
-hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich
-zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter
-fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in
-der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden
-Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die
-Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den
-Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie,
-wenn sie an ihren armen Jungen dachte.
-
-»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren
-Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter.
-
-Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn
-fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch
-zu streng gegen den Wilhelm gewesen?!
-
-Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend
-vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß
-blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend
-faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s
-gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es
-abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon!
-
-Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der
-Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten
-Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem
-Schritt, marschierte er zu Kühling zurück.
-
-Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen
-Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über
-Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft.
-
-Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf
-der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren:
-
- ›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’,
- Es schlägt die letzte Viertelstund’ –
- Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹
-
-Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an
-diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er
-um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte
-er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge!
-Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er
-der Mutter sagen?!
-
-Ein paar verfrühte Fastnachtsgecken, die in spitzen Papiermützen zu
-einer Vor-Karnevalssitzung eilten, streiften an ihm vorbei. »Wat sühste
-schläch uhs!« gröhlte der eine und streckte ihm seine lange Nase von
-Papiermaché in’s Gesicht.
-
-Erschrocken fuhr der Versunkene zusammen, unwillkürlich legte er die
-Hand an’s Seitengewehr. Mit lautem »Helau!« entsprangen die fröhlichen
-Gesellen. Er fluchte hinter ihnen drein – verdammte Zucht!
-
-Jetzt war die Straße nächtlich still. Wie ausgeschnittene Silhouetten,
-scharf umrissen, hoben sich die Häuser in langer Reihe vom mondhellen
-Himmel. Und Sterne glitzerten und flimmerten, wie in einer bitter
-kalten Winternacht, und auf dem Pflaster blinkte es von lauter
-Diamanten.
-
-Donnerwetter, wie kalt! Der Einsame rüttelte sich in einem
-Frostschauer; und dann machte er plötzlich Kehrt, war mit wenigen
-Sätzen um die Kasernenstraßenecke und eilte weit ausholenden Schrittes
-die Mittelallee zum Hofgarten hinauf. Zum Hofgarten!
-
-Wie hatte doch das geschwätzige Weib gesagt? – ›Da haben sie ’nen
-jungen Menschen gefunden, auf ’ner Bank eingeschlafen – erfroren!‹
-Unsinn! Der Junge saß irgendwo warm; der wußte ja Bescheid, der war
-kein fremd zugewanderter Handwerksbursche! Und doch mußte der Vater
-immerfort an diese Worte denken; sie peinigten ihn.
-
-Der Atem ging ihm wie Rauch aus dem Mund; es war kalt, und doch stand
-ihm der Schweiß auf der Stirn, als er den Hofgarten erreichte. An
-dessen Rand, in der Nähe des Eiskellerberges, stöberte er noch ein paar
-Rheinkadetten mit ihren Frauenzimmern auf; am Napoleonsberg traf er
-schon keinen Menschen mehr.
-
-Ganz allein stand er auf dem Hügel und starrte hinunter zum Rhein; ein
-eisiger Hauch stieg von dort empor. Die Wellen im Sicherheitshafen
-rührten sich nicht, sie glänzten wie starres Metall. Doch jetzt, ein
-Knirschen, ein Plätschern, ein Glucksen – horch, klang da nicht ein
-dumpfer Ruf?!
-
-»Wilhelm! Wilhelm!«
-
-Es preßte dem Vater einen Schrei aus; laut hallte der Angstruf weit
-über den Rhein.
-
-Noch einmal: »Wilhelm, Wilhelm!«
-
-Und dann lief er hinein, quer über die verlassenen Schießstände weg,
-hinein in den großen Park, der stumm und geheimnisvoll seine Waldbäume
-in’s kalte Mondlicht reckte.
-
-Hier knackte noch der Schnee. Es war nicht geschüppt; der Suchende
-irrte bald vom Pfad, auf’s Geratewohl tappte er zwischen Stämmen und
-Gebüsch. Endlich erreichte er die einsamen, durch keinen Lampenschein
-mehr erhellten Häuser der Kaiserstraße. Im Nonnenklösterchen wimmerte
-ein Glöckchen, feindselig richtete sich sein Blick dorthin. Was,
-steckten da noch immer welche drin, waren die noch nicht ausgestorben?
-Er ballte die Faust – all das Leid kam von denen, von den Nonnen,
-von den Pfaffen, von den Römischen! Die hatten einen Graben gezogen
-zwischen ihm und seinem Weib, über den sich keine Brücke schlagen
-ließ. Die hatten ihm seine Kinder abwendig machen wollen. Viktoria! Bei
-der Josefine war’s ihnen nicht gelungen, die hatte er ihnen abgejagt
-– aber beim Wilhelm, beim Wilhelm! Der hatte immer bei den Großeltern
-gehockt, heimlich katholisch mochte der wohl sein. Mochten sie nun auch
-die Verantwortung für ihn tragen! Was ging ihn der Bengel noch an?!
-
-Und doch rannte er weiter; er schrie nicht mehr, aber seine Augen
-suchten und suchten.
-
-Hinter jeden Busch spähte er. Am Hofgartenhaus, um die Landskrone, in
-den Anlagen längs der Jägerhofstraße standen viele Bänke, er suchte sie
-alle ab – auf keiner einzigen Bank saß der Ausreißer!
-
-Immer weiter suchte Rinke in steigender Hast; es trieb, es jagte ihn
-etwas, sein Herz schlug gegen die Rippen, so hart, daß er das Pochen
-durch die Stille zu hören vermeinte. Einzelne Statuen tauchten auf
-zwischen bereiften Büschen, er entsetzte sich jedesmal bei’m Anblick
-der bleichen Gestalten. Eine Maus schlüpfte durch’s dürre Laub, ein
-Nachtvogel schlug die Flügel; kaum Geräusche, und doch fing sein
-geschärftes Ohr sie auf – wo irrte sein Sohn?!
-
-Der Mond ging allmählich nieder auf seiner Bahn; längst war es nicht
-mehr recht hell gewesen, nun wurde es dunkel. Der Vater machte sich
-nicht die Unmöglichkeit klar, jetzt, in der Nacht, in dem weiten
-Hofgarten den Knaben zu finden; der Gedanke, wie unwahrscheinlich es
-sei, daß dieser sich gerade hierher geflüchtet, kam ihm gar nicht –
-er suchte, suchte. Suchte mit angstbeflügelten Schritten, alle Sinne
-fieberhaft erregt.
-
-»Halt, wer da?!«
-
-Ein militärischer Ruf belebte plötzlich die einsame Finsternis,
-Gewehrläufe blinkten auf, harte Tritte hallten auf gefrorenem Boden. –
-»Wer da?!«
-
-Ah –! Der Doppelposten vor dem Jägerhof!
-
-Rinke stand, die Hand am leis klirrenden Seitengewehr: »Feldwebel
-Rinke, sechzehntes Infanterieregiment, neunte Kompagnie!«
-
-Die Wachen sahen ihn; jetzt machten sie Kehrt und nahmen, Gewehr über,
-ihr unterbrochenes Hin- und Herwandeln wieder auf.
-
-Ah, sehr gut, Kerle hatten nicht geschlafen!
-
-Rinke war wieder ganz bei sich. Blödsinn, hier herumzulaufen bei
-nacht! Da war ja das Schloß; dunkel lag es auch schon, nur oben im
-breiten Mittelfenster des ersten Stockwerks war noch Licht. Man sah den
-Kristalllüster blitzen. Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich
-und seine erlauchte Gemahlin, waren noch auf!
-
-Unwillkürlich stand der Feldwebel stramm; wie ein großes, strahlendes
-Auge grüßte ihn das hell erleuchtete Fenster, wie Sterne funkelten die
-Kerzen des Schlosses durch die Nacht.
-
-Ruhiger ging er fort. Gleich einer sanften Tröstung nahm er noch einen
-Lichtschimmer von da oben mit auf den Weg.
-
-Treue, Tapferkeit und Gehorsam – diese drei – Pflichtgefühl und Ehre –
-aber die Ehre ist die größte unter ihnen!
-
-Und war sein Wilhelm auch kein Soldat, als Soldatensohn mußte er
-wissen, was ›Ehre haben‹ heißt; er mußte es lernen. Nein – der
-Feldwebel schüttelte den Kopf – zu streng war er nicht gewesen!
-
-Er hatte nur seine Pflicht erfüllt gegen sein Kind.
-
-Nun hatte er Frieden mit sich selber gemacht, wie er wähnte. Er ging
-heim, sehr müde; ruhig zu schlafen gedachte er, aber jäh fuhr er
-auf nach kurzem, wildem Träumen, mit dem Schlafen war’s nichts. Er
-beneidete seiner Frau den friedlichen Schlummer. Die lag mit gefalteten
-Händen, ein behagliches Lächeln um den Mund.
-
-Noch vor dem Reveilleblasen weckte er sie. Länger konnte er’s nicht
-mehr verschweigen, er mußte ihr Mitteilung machen von Wilhelms
-Verschwinden. Seine Stimme klang gepreßt, von neuem fühlte er sein Herz
-pochen in peinvoller Unruhe. Und sie, was würde sie erst sagen?!
-
-Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand
-und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da
-würde der Wilhelm schon sein.
-
-Nein, nein, da war er ja nicht!
-
-Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein.
-
-Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen
-Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle
-Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn
-den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit,
-bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m
-uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern.
-
-Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug
-er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den
-Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er
-fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich.
-
-Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen,
-so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte
-er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹,
-rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit
-der Weg war!
-
-Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete
-ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber
-geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so
-überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da!
-Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein.
-
-Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte
-sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und
-steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht
-war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in
-der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da
-hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren.
-Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb
-ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt,
-und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war
-er, wie ein gescheuchtes Tier.
-
-»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und
-wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser
-Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch
-nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür –
-»da schläft hä noch!«
-
-Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit
-dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute
-Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den
-Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen
-unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange,
-die andre wurde von der Mutter gehalten.
-
-Frau Trina saß am Bett mit glücklichem Gesicht; jetzt winkte sie
-lächelnd ihrem Mann zu – hatte sie nicht recht gehabt, hier war der
-Ausreißer?!
-
-Hinter dem Kopfende döste der Großvater; er sah ganz verwittert aus,
-zum verlöschen müde, er und Frau Cordula hatten ja kein Bett gehabt.
-Hier hatten sie gesessen die ganze Nacht und den Schlaf des Enkels
-bewacht.
-
-Auf den Zehen, sein Seitengewehr behutsam an sich drückend, schlich der
-Feldwebel näher. Hatte er doch Lärm gemacht?!
-
-Der Schläfer rührte sich, seine Lippen murmelten Unverständliches; wie
-Angst huschte es über das hübsche Gesicht, die Brauen schoben sich
-zusammen, eine tiefe Falte bildete sich an der Nasenwurzel. Er riß
-seine Hand aus der der Mutter und tastete voller Unrast auf der Decke
-umher.
-
-»Er is am träumen,« flüsterte die Großmutter.
-
-»Bis still, mein Jüngesken,« liebkoste die Mutter und strich dem
-Unruhigen ein Locke aus der Stirn.
-
-Der Junge schlug die Augen auf.
-
-»Er is wach!« rief die Großmutter erfreut.
-
-»Er is wach!« wiederholte die Mutter.
-
-Auch der Großvater rappelte sich auf.
-
-Aber keinen von diesen sah der Erwachende. Da, wo der Vater stand,
-dahin richtete sich stier sein Blick. Seine Augen wurden überweit
-– nur einen Moment, dann preßte er sie schaudernd zu. Mit einem
-unartikulierten Laut, die Decke ganz über den Kopf ziehend, kehrte er
-sich stracks ab gegen die Wand.
-
-
-
-
-IX
-
-
-Frühling war’s geworden, junger, schöner Frühling.
-
-Singend that Josefine ihre Arbeit. Gestern hatten die beiden Jüngsten
-drüben am Kanalrand Veilchen gesammelt, ein volles Sträußchen davon
-trug sie an der Brust. Sie wünschte sich tausend Nasen, sie konnte gar
-nicht genug von dem Duft bekommen. Und Glocken läuteten den weißen
-Sonntag ein: morgen würden die Kommunion-Kinder in ihren schlohweißen
-Kleidern und Schleiern, weiße Kränze auf den Locken, weiße Sträußchen
-auf den in’s Taschentuch geschlagenen Gebetbüchern, wie weiße
-Blütenwolken über die Straßen ziehen.
-
-Durch die geöffneten Fenster wehte eine linde Luft, wahrhaft
-verführerisch gaukelte sie vom Exerzierplatz herauf. Die Kastanien der
-Königsallee hatten lappige Blättchen aus den braunen Knospen gesteckt,
-bis hierherauf sah man den grünen Schimmer. Es roch nach Erde, nach
-Saft, nach verborgen treibendem Leben, nach Lenz, Lenz!
-
-Josefine schaffte mit hochgeröteten Wangen – die Mutter war in der
-Beichte – sie war allein, ohne Hilfe, und noch waren die Fenster zu
-putzen; auch die frischgewaschenen Gardinchen sollten sich morgen
-im Sonntagswind blähen. Wie ein Junge schwang sie sich in’s Fenster
-und rieb mit nicht erlahmender Kraft die blasigen Scheiben blank. Das
-morsche Fensterbrett ächzte unter ihrem Gewicht. Wer von Soldaten unten
-über den Platz ging, guckte hinauf und bewunderte die drallen Waden und
-den blonden Zopf, der sich aus dem Nest gestohlen und der Emsigen lang
-über den Rücken hing.
-
-Ein schönes Mädel!
-
-Sergeant Conradi wußte das auch, er brauchte gar nicht erst durch die
-verstohlenen Blicke seiner Leute aufmerksam gemacht zu werden. Er ließ
-Wendungen üben.
-
-»Rechts – um!«
-
-Wenn sie doch nur heute im Schummern ein wenig herunter käme!
-
-»Links – um!«
-
-Dann wollte er ihr über den Hof nachsteigen und draußen auf der Straße
-eine Anrede riskieren!
-
-»Ganzes Bataillon – Kehrt!«
-
-Vielleicht spazierte sie ein bißchen mit ihm auf der Königsallee!
-
-»Ganzes Bataillon – Front!«
-
-Der Karlsplatz war auch nicht zu verachten, da schlugen sie die Buden
-auf für den Jahrmarkt, vielleicht, daß das Kölner Hänneschen schon
-spielte!
-
-»Bataillon – Marsch!«
-
-Er war ja ein Mann, der an’s heiraten dachte, sie konnte ruhig mit ihm
-in die dunkle Bude gehen!
-
-»Links schließt – euch!«
-
-Und einen Nähkasten wollte er ihr auf dem Jahrmarkt kaufen mit Nadeln
-und Zwirn, und ein Zuckerei, darauf mit bunten Farben geschrieben
-stand: ›Dein ist mein Herz!‹
-
-»Bataillon – halt!«
-
-So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit
-hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen.
-Wenn =sie= doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit
-Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie
-an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr
-Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte
-sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und
-doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen
-Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens,
-mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte
-er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und
-schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was
-sie für weiße, runde Arme hatte!
-
-Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme.
-
-Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit,
-und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet:
-heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war
-die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald
-nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte –
-rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das
-Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man
-nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der
-Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern
-verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der
-Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und
-ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege.
-
-Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein
-von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen
-Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen
-Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der
-junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der
-Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann –
-Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein
-schönes Haus am Hofgarten.
-
-Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie
-feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt.
-Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er
-sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in
-dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn
-verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine
-Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut.
-
-Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer
-daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte
-über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe
-wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf
-dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht
-scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von
-der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm,
-Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie
-scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte,
-›mitzuthun‹?
-
-»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en
-Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen.
-
-»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat
-ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit
-hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück
-für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?«
-
-»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit
-den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!«
-
-Sie hatten ihr noch viel Komplimente gemacht, und dann waren sie
-lachend davongestürmt: »_Addio bellissima!_« Eine Kußhand hatte
-der eine zurückgeworfen. Aber sie hatte sich doch geärgert, denn
-untergefaßt hatten sie sich alle drei und zu singen angefangen:
-
- »Wie mich das Ding verdrießt,
- Daß ’s Mädel bucklig ist!«
-
-Die ekligen Jungen, nur zum besten hatten die sie gehabt! Andre
-Bürgermädchen waren doch dabei gewesen; bei so was wurde kein
-Unterschied gemacht, wer hübsch, wurde eben begehrt, und wer garstig,
-konnte zu Haus bleiben!
-
-Ob die Cäcilie von Clermont sie wiedererkannt hätte? Oder ob die
-stolz geworden war? Nein, nein, die hatte ihr ja auf der Schulbank
-Freundschaft geschworen; und daß die Freundschaft nicht stand gehalten,
-daran war niemand schuld – nein, auch nicht die eingebildete ›Vons‹,
-die ›Madam Habenix‹, wie die Mutter immer sagte. Es paßte nun einmal
-nicht mehr zusammen, eine Majors- und eine Feldwebelstochter. Ein
-Unterschied muß sein, hatte sie der Vater belehrt. Und so war sie immer
-ausgewichen, wenn es der Zufall wollte, daß die schlanke Gestalt der
-ehemaligen Freundin vor ihr auftauchte; nur mit einem stummen Nicken,
-wie eine Fremde, an der vorübergehen zu müssen, das wäre ihr doch zu
-schwer gefallen.
-
-Aber heute wollte sie die Cilli gucken gehen, mußte sie die gucken
-gehen, die glückliche Braut! So bald Frau!
-
-Schon heiraten – ach!
-
-Josefine schoß das Blut zu Kopf, sie dachte daran, daß das ganz schön
-sein müßte, wenn man einen recht lieb hätte. Den Conradi?! Ach ne, den
-nicht! Daß der’s auf sie abgesehen hatte, merkte sie ganz genau, und
-ebenso, daß der Vater es begünstigte. Am Ostersonntag hatte dieser sie
-und die Mutter zum Konzert in Geislers Garten geführt – das spendierte
-er sonst nicht –, und mit Kaffee und Törtchen hatte er sie traktiert.
-Und als sie im besten Schmausen waren, fand sich der Conradi ein, mit
-frischgewaschenen Handschuhen, die Koppel eng gezogen; und der Vater
-hatte ihn aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen.
-
-Es war noch etwas frostig gewesen, ein rechter Frühlingstag war’s noch
-nicht.
-
-Ein ganz hübscher Mensch, ein bescheidener Mensch und gewiß auch ein
-guter Mensch! Er machte so treuherzige Augen, wenn er sie ansah. Aber
-es mußte einem doch wohl mehr pressieren, mit einem zusammen zu kommen.
-Sie war ja auch noch so jung. Jung? Die Cilla war nicht älter wie sie!
-
-Wie der wohl heute zu Mut sein mochte?
-
-Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu
-schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den
-Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den
-Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach,
-solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen!
-
- * * * * *
-
-Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung
-sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend.
-
-»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat
-Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre
-die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. –
-
-Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen
-konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum,
-in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten
-hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen
-halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des
-Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt.
-
-Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an
-die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte.
-
-Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an.
-Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach!
-Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln;
-nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und
-schnäbelten sich.
-
-Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang.
-
-Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam
-das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen
-Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten
-Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über
-die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt.
-
-Und ähnliche Paare folgten, nur daß bei den Herren das Bunt der
-Uniformen mit dem Schwarz der Fräcke wechselte. Die sämtlichen Herren
-des Regiments waren eingeladen und der ganze niederrheinische Adel, der
-den Winter in Düsseldorf mitgemacht.
-
-Das war ein Rauschen von starrer Seide, ein Blitzen von
-Familiendiamanten, eine lange Reihe von stattlichen Männern und
-blonden, blühenden Frauen.
-
-Der alte Herr vom Werth, vornehm wie ein Fürst, dem man’s nicht ansah,
-daß er in seinen jungen Jahren selber das Weberschiffchen geworfen,
-führte die Frau des Kommandierenden. Hinter ihnen kam, als erster
-Brautführer, ein junger, schlanker Leutnant, der eine der Brautjungfern
-am Arm hatte. Sechs andre Fräulein mit ihren Kavalieren folgten,
-aber keiner der Herren, fand Josefine, war nur halb so nett wie der
-vorderste. O, der schöne, schlanke Offizier! Der gefiel ihr.
-
-Die Glocken hallten und hallten. Und nun flog ein Raunen durch die
-zuschauende Menge, man reckte den Hals, man stellte sich auf die Zehen
-– da war die Braut! Josefine hätte beinahe laut aufgeschrieen: wie
-schön!
-
-Am Arm ihres Vaters kam sie langsam geschritten; weißgekleidete, kleine
-Mädchen streuten Blumen vor ihr her, Knaben in Sammetkitteln trugen ihr
-die Schleppe. Spitzenschleier fielen vom Kranz herunter, eine lange
-Perlenschnur hing ihr um den Hals. Gerade, wie eine schlanke Tanne,
-hielt sich die stolze Gestalt, von ihrer wolkenlosen Stirn leuchtete
-das Glück; es ging ein Strahlen von ihr aus. Und hinter ihr kam der
-Bräutigam, am Arm die Schwiegermutter – auch ein schöner, heiterer Mann!
-
-Das Düsseldorfer Volk, das sich drängte, hätte am liebsten laut
-zugejubelt: das waren einmal Kinder des Glücks!
-
-Die Kirchthür schloß sich, die Glocken schwiegen. –
-
-Josefine kam in großer Aufregung nach Hause, nicht genug konnte sie
-der Mutter erzählen; sie hatte auch noch die Braut wieder aus der
-Kirche kommen sehen, aber diesmal hatten sich die Zuschauer nicht
-zurückgehalten, Rufe der Bewunderung waren hörbar geworden, ein
-laut begrüßendes: »Ah!« Mädchen hatten sich herzugedrängt, von den
-Myrtenzweiglein aufzulesen, die sich von der Schleppe der Braut gelöst.
-Auf allen Gesichtern Freude an der Schönheit, Befriedigung über den
-Glanz.
-
-Frau Trina beschloß, wenigstens am Abend noch mit der Tochter vor den
-›Breidenbacher Hof‹ gucken zu gehen.
-
-Der Feldwebel schüttelte zwar den Kopf über die Neugier seiner
-Weibsbilder, aber in diesem Falle hielt er sie nicht zurück. Er selber
-legte sich zeitig zu Bett – morgen gab’s noch viel zu thun für die
-Besichtigung. Das würde dem Major auch sauer ankommen, Montag in aller
-Frühe auf den Gaul! Na, bald hatte es ja für den ein Ende, der hatte
-seinen Abschied eingereicht. Nach Godesberg oder Mehlem oder Honnef
-wollte er ziehen, in eines dieser kleinen Nester am Rhein, und von da
-das Schloß des Herrn Schwiegersohn beaufsichtigen.
-
-»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so
-ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die
-Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner
-ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch
-lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen –
-nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte
-dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m
-Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die
-Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die
-Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine
-Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren!
-
-Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich
-lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein.
-
-Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹
-auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren
-auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten
-ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war
-derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe
-blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war.
-
-Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge
-Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das
-Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder
-Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll
-ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank
-leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten
-Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und
-Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz
-bekommen und trug es an der Brust.
-
-Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum
-zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe.
-Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das
-Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß.
-
-Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und
-heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen
-ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie!
-
-Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den
-Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die
-Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb
-noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die
-Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf.
-
-»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine.
-
-Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich
-hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich
-erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war
-er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand
-er leibhaftig!
-
-Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am
-Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig
-forsch! Ne, der Viktor!
-
-Sie hätte in die Hände klatschen mögen vor Vergnügen, stellte sich auf
-die Zehen und reckte sich; es war ihr, als müßte sie ihn anrufen: Du,
-pst, Viktor! Ich bin hier!
-
-
-
-
-X
-
-
-Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte
-in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt
-führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei
-Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch
-lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit
-einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es,
-etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen.
-
-In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich
-dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche
-und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das
-einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß
-ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch
-mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder
-mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten.
-
-Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht
-fortbringen können, obgleich er sich selbst nicht behaglich fühlte,
-zwischen der Menge eingekeilt. Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben –
-mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen
-herausgestreckt, standen breitbeinig umher.
-
-»Lustige Rabauen,« sagte Josefine.
-
-Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei
-Bemerkungen aufgefangen:
-
-»Wat will de Preuß hie?«
-
-»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.«
-
-»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9]
-
-[9] Käsemesser.
-
-»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge.
-Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig
-eine Gasse, um ihn herauszulassen. –
-
-Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld
-zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied
-wurde ihm sauer. War auch Elberseld nicht aus der Welt, so würde es
-doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es
-rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend,
-der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen
-Dienst.
-
-So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens,
-das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts
-dawider; aber wenn =sie= ihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken.
-Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war. Das Ringelchen,
-das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei
-sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er
-schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt:
-
- ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe
- Und der Tod mein Auge bricht,
- So pflanz’ du auf meinem Grabe
- Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹
-
-Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben
-nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen.
-Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben.
-
-Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im
-Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen.
-Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch
-geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den
-Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der
-Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne.
-
-Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß
-ich weg!« Seine Stimme klang betrübt.
-
-»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!«
-
-»Es fällt mir sehr schwer!«
-
-»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!«
-
-»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!«
-
-»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er
-flüsterte immer leiser.
-
-Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!«
-
-»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft.
-
-»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte
-er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an
-den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich
-so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger –
-»damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung –
-teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung
-kriege, dann –«
-
-Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei.
-
-Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber
-sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete,
-blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das
-liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein
-eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?!
-
-»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff
-wieder nach ihrer Hand.
-
-Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte,
-litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber
-da war kein Ankommen.
-
-»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus.
-
-»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er.
-
-»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich
-ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und
-schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut
-jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte
-sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um
-– gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken
-konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu.
-
-Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er
-sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend
-schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. –
-
-Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht
-gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn
-ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das
-Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann
-bald, wo sie es hingethan.
-
-Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber
-gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter
-Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah
-kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine
-Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es
-zuerst los.
-
-Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter
-mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der
-Bastionstraße, hielt ein Invalide eine Kneipe; da hatten sie ihr
-Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube
-um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich
-heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich
-höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen
-Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer.
-
-Krieg, Krieg war die allgemeine Losung.
-
-Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange
-machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der
-Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick
-für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete
-Wirtsstube war Leben gekommen.
-
-»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut
-et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene
-Schneider is de ja auch viel zu schad’!«
-
-Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen
-wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern
-hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte
-denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich
-beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust
-zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine
-allzu anstrengende Arbeit!
-
-Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater
-empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der
-Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich
-wenigstens da bewährte!
-
-Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen;
-der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es
-nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig
-ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die
-Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die
-Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.
-
-Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach
-dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren
-Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit
-Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!
-
-Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein
-paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als
-Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer.
-Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für
-eine Weile das Recht auf Freibier erworben.
-
-Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den
-biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und
-die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die
-Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne,
-in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger
-kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es
-werden, das fanden sie auch!
-
-Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit!
-Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten
-die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –
-
-Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen
-Nächten.
-
-Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem
-Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf,
-von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst
-die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die
-kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen
-des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in
-der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am
-gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen
-Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die
-holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an
-die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen
-Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter
-werden?!
-
-Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern
-wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie
-sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer
-am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die
-Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein
-veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen
-nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus
-voller Kehle:
-
- ›Lebe, liebe, trinke, schwärme
- Und bekränze dich mit mir.‹
-
-Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des
-›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs,
-einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –
-
-Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe
-Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von
-träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch
-strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein
-oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de
-kocht!«
-
-Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße
-schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.
-
-›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem
-Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt
-oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut.
-Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so
-still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber
-in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den
-Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte.
-Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?
-
-»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den
-eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf
-zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel
-zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle
-übergoß sie’s.
-
-Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender
-Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder
-nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.
-
- ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
- Daß ich so traurig bin –‹
-
-Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom
-baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie
-hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen,
-aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von
-selber.
-
- ›Ein Märchen aus alten Zeiten,
- Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹
-
-Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines
-Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen
-geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen
-blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen
-und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er
-allein auf der Welt.
-
-Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter
-Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den
-Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den
-Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont,
-wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel
-versank.
-
-Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.
-
- ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
- Daß ich so traurig bin;
- Ein Märchen aus alten Zeiten,
- Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
-
- Die Luft ist kühl und es dunkelt,
- Und ruhig fließt der Rhein –‹
-
-Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch
-weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es
-auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch,
-sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten
-nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.
-
-Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja,
-drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters
-Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte
-Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten
-Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die
-Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is
-ganz alle von der Felddienstübung!«
-
-Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam
-und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse
-gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern,
-ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang,
-und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!
-
-Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform
-schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin
-immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der
-für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch
-die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber
-Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als
-Kinder miteinander gespielt!
-
-Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte!
-Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt,
-aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand
-geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.
-
-Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der
-Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am
-›Breidenbacher Hof‹.
-
-Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?
-
-»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.
-
-Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen
-niederschlagen mußte.
-
-Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem
-gleich! Und ein lieber Mensch! – – –
-
-Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie
-doch schlafen könnte, wie die andern alle!
-
-Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.
-
-Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen.
-Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte
-noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.
-
-Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der
-Leutnant auch noch?
-
-Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und
-raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er
-auf etwas wartete – auf was denn?!
-
-
-
-
-XI
-
-
-Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach
-Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit
-vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und
-so wieder in seine Nähe.
-
-Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten
-die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz
-nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der
-Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als
-seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im
-Königlichen Opernhaus genießen.
-
-Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?!
-Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von
-außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge
-in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen
-aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum
-sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich
-ausgestorben.
-
-Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das
-war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge,
-die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu
-Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen
-und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.
-
-Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty
-oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den
-Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als
-hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man
-erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!
-
-Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten
-können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes
-willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!
-
-Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich
-dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu
-melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.
-
-Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der
-Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype
-Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein
-Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O,
-die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum
-totschießen!
-
-Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck
-hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger
-zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt
-angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch
-solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug
-zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch.
-Elendes Dasein!
-
- ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
- Daß ich so traurig bin –‹
-
-Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!
-
-Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig
-der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und
-doch hatte sie auch Töne, tief und warm.
-
-Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die
-Klänge des Liedes zu ihm herein.
-
-Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine
-Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der
-Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle
-Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine
-Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!
-
-Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner
-Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar
-erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die
-Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch
-übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau
-umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl
-machen?!
-
-Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu
-machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken,
-wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den
-Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein
-Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère!
-Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den
-Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das
-wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im
-dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.
-
-Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die
-hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich,
-die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte
-sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ –
-nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer
-hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich
-hinüber in die Feldwebelwohnung?!
-
-Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing
-an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee
-gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und
-Kameraden waren immer dort.
-
-Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel
-über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren
-aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief
-gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun
-noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen
-Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen.
-
-Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er
-erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte
-er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da
-sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht
-wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus
-ihrer niedrigen Kammerthür.
-
-»Wer da?«
-
-Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr
-in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße
-Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an =ihn=
-gedacht.
-
-Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn.
-Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein:
-er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern
-durch Bruder Karlchen geschickt.
-
-»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und
-drückte ihre verarbeiteten Finger.
-
-»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie
-fest.
-
-»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben
-sich so für mich gequält!«
-
-»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß
-und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief
-an’s Fenster.
-
-»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war
-doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So
-jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!«
-
-Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so
-verlegen?
-
-Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!«
-
-»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf.
-
-Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich
-Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des
-jungen Mannes.
-
-»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die
-Mutter is drin!«
-
-»Nein, ich danke!« Er lachte.
-
-Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte
-sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief
-in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die
-runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte.
-
-Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen,
-aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von
-Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm
-auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er
-fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte.
-
-»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt.
-
-»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem
-Ton. »Adieu, Herr Leutnant!«
-
-»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob
-seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das
-offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie
-wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum
-denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben
-geblieben?!«
-
-Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene!
-Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im
-Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als
-jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr
-Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm
-schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!«
-
-»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären
-nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller
-fuhren, in der Bütte?«
-
-»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände.
-
-»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im
-dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr
-gebeugt.
-
-»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie
-log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck.
-
-»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie
-sich wehrte, gab er ihr einen Kuß.
-
-Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die
-Stubenthür klappen.
-
-Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm,
-daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein
-verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte
-eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut
-schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus.
-
-War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne
-so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier
-zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich
-schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch
-immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich
-lange nicht gewesen.
-
-Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite
-er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim
-Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen,
-wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen
-am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so
-laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre
-hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte,
-der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig
-machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!
-
-Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die
-Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch –
-Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich
-auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich
-schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen
-Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.
-
-Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing
-wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein
-her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend.
-Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen
-Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße;
-hier fuhr kaum je ein Wagen.
-
-Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch
-nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die
-kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume
-erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen
-Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn
-frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen
-zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei,
-drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend,
-atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der
-Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den
-Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der
-Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und
-gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.
-
-Überall Josefine und überall.
-
-Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in
-ausgewachsenen Hosen.
-
-Und eine gewisse Rührung überkam ihn.
-
-Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren;
-nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei,
-über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den
-Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder
-mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen
-im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild.
-Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau
-unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der
-er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.
-
-Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße
-war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner
-ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind,
-milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte
-ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der
-Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.
-
-Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die
-Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht
-die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn
-auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den
-Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo,
-langgezogen aus nebliger Ferne.
-
-Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange.
-Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser
-angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße
-geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.
-
-Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die
-Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem
-Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu
-suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er
-freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der
-Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut
-über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.
-
-Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor
-sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes
-Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne
-war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein
-schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!
-
-Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn
-ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend,
-belebt lief das Blut durch die Adern.
-
-Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen
-wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm,
-dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.
-
-Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte
-es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm
-ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple
-Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung
-gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.
-
-Er summte wieder:
-
- »Ein Märchen aus alten Zeiten,
- Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«
-
-Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm
-im Ohr, förmlich auf der Zunge.
-
-Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die
-Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem
-Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja,
-er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon
-zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.
-
-Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische
-Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was
-nicht mehr brauchte!
-
-Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz
-Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers
-Lederstrumpf‹ – und so weiter.
-
-Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ –
-›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ –
-niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch
-nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!
-
-›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat
-und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹
-– ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!
-
-Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts
-für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen
-fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am
-Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner
-Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends
-heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.
-
-›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath:
-Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹
-– und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch,
-aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene
-Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als
-Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste
-der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!
-
-Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der
-Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.
-
-»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«
-
-»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.
-
-Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein
-Gedichtbuch!«
-
-»Mit was dürfte ich dienen?«
-
-Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht,
-sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum
-waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall.
-
-Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote
-Buch wies: »Ganz scharmant!«
-
-Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar
-schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen
-Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage!
-Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!«
-
-Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige!
-
-»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!«
-
-›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen,
-aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus.
-Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich
-er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da
-würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie
-sich nur freute!
-
-Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der
-Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe
-von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die
-Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und
-las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte.
-Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das
-Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch
-auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu
-Ende singen.
-
-»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem
-Buche in der Stube umher.
-
-Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹.
-Nur das eine ärgerte ihn:
-
- ›Die Lieutnants und die Fähnerichs,
- Die lecken ab die Straße.‹
-
-Das war unverschämt!
-
-
-
-
-XII
-
-
-Herbststürme zausten die Blätter von den Bäumen, der Westwind stieß
-gegen das Zollthor, der Rhein brandete ungestüm an die Werft,
-die Kähne, die die Schiffbrücke trugen, ächzten und rieben sich.
-Regentriefend, mit von der Nässe gedunkelten Mauern, schaute das alte
-Schloß finster in den Strom.
-
-Die anwohnenden Bürger beklagten sich bitter, daß der alte Rumpelkasten
-ihnen Luft und Licht nähme und die freie Aussicht versperrte. Wozu
-stand der noch da?! Seine Zeit war vorbei. Die schöne Jakobe von Baden,
-die nächtens da oben spuken sollte, war weiter nichts wie ein Windzug,
-der durch die zerbrochenen Scheiben pfiff, und ihr Hilfeschrei, der
-über den Rhein gellte, war Eulenruf und Dohlengekrächz. Traditionen,
-Ammenmärchen, weg mit ihnen!
-
-Ein häßliches, naßkaltes, wehmütiges Wetter! Josefine schauderte. Sie
-stand in einem engen Hof der Bolkerstraße und blickte an dem mit Kalk
-beworfenen kahlen Hinterhaus in die Höhe. Also da oben, hinter jenen
-Fenstern war er geboren, er, der die schönen Lieder gemacht?! Der für
-all das Worte gefunden, was hier im Wind über die Dächer flog und
-draußen vor’m Thor im Rhein rauschte!
-
-Sie war wie verhext. Es hatte sie hergetrieben, sie wußte selber nicht
-warum.
-
-Die Großmutter konnte sich seiner noch erinnern, die hatte den kleinen,
-blassen Jungen oft gesehen, wenn er in die Franziskanerklosterschule
-ging. Bei seinem Vater, dem ›Jud’ Heene‹, hatte sie in der Butike, die
-der auf dem Markt hielt, oft gekauft. Und die Madam Heene sollte eine
-zierliche, kluge Frau gewesen sein, eine Schwester von dem van Geldern
-aus der ›Arche Noae‹ in der Kützgesgass’. Aber daß der Heinrich Heine
-Gedichte gemacht, wollte Mutter Zillges durchaus nicht glauben.
-
-»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine
-Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se
-irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne,
-de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!«
-
-Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie,
-ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte,
-für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel.
-Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der
-Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte
-gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als
-sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. –
-
-Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle
-hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr
-nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine
-Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens
-nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten
-Blättchen den Winden preisgab.
-
-Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es
-die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte,
-oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des
-Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz
-zusammen.
-
-Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn
-hier wolle?
-
-Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung.
-
-»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit.
-Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!«
-Krachend schlug die Alte das Fenster zu.
-
-Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in
-Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte
-Dämmerung und umschmeichelte sie. – –
-
-Ob sie ihn heute noch sprechen würde?
-
-Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht!
-Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom
-Werths waren jetzt wieder in der Stadt.
-
-Ach, da würde er nun oft seine freie Zeit zubringen! Das war natürlich,
-aber sie empfand einen Schmerz dabei.
-
-Und Gesellschaften würde er mitmachen, viele Bälle! Sie würde abends
-nicht mehr das Flinzeln der Kerze in der Offiziersstube beobachten
-können.
-
-Und ob er noch Zeit fand zu einem Flüstern im dunklen Gang?! Lieber
-Gott, weiter verlangte sie ja gar nichts, nur ab und zu ein Wort in
-abgestohlenen Minuten, ein rasches Sehen, ein heimliches Grüßen. Es war
-so schön gewesen.
-
-Ein plötzlicher Schreck überfiel sie – wenn das nun alles ein Ende
-hätte?! Ach nein, kein Ende, es mußte ja immer schöner werden, immer
-schöner! Hatte er sie denn nicht lieb?
-
-Sicherlich!
-
-Sie dachte an das kleine rote Buch, das er ihr geschenkt! Da stand so
-viel von Liebe darin.
-
-Könnte sie ihm nur einmal um den Hals fallen! Nur einmal ihm einen
-herzhaften Kuß geben!
-
-Als Josefine an der Front der Kaserne vorbei ging, strich ihre Hand
-liebevoll längs der grauen Mauer hin. Die umschloß ja ein großes
-Glück. Eine heiße Zärtlichkeit wallte in ihr auf – wo gab es bessere,
-festere, schönere Mauern?! Sie liebte jeden Stein. Hier hatte sie einst
-mit Rötel einen mächtigen Strich gezogen – noch glaubte sie den Kratz
-zu sehen – und hier auf’s große Thor hatten die Jungens mit Kreide
-gekritzelt:
-
- ›Fina Rinke heiß’ ich,
- Schön bin ich, dat weiß ich‹
-
-und eine furchtbare Fratze dazu gemalt.
-
-Die liebe alte Kaserne! Mochten andre die Nase rümpfen über Mäuse und
-Ratten und Wanzen – pure Verleumdung! In der Kaserne war’s gut sein.
-
-O Gott, wenn sie einmal wo anders wohnen müßte! Die Thränen schossen
-ihr plötzlich in die Augen, ein seltsames Angstgefühl erfaßte sie.
-
-Als sie die knarrende Stiege hinaufkletterte, öffnete die Mutter oben
-die Stubenthür.
-
-»No, Fina, endlich! Wo bleibste dann heut’ so lang?« Und leiser raunte
-sie: »Et is Besuch drin, de Conradi! De hat Urlaub bis morjen früh!«
-
-»Jesus!« Mehr sagte Josefine nicht; sie war zu Tode erschrocken.
-
-»Du brauchst ihn ja nit zu nehmen, wannste nit willst,« flüsterte die
-Mutter noch rasch. »De is ja reformiert, nit viel besser wie ene Jud’.
-Du kriegst noch lang ’ne andre!«
-
-»Ich will jar keinen,« stieß Josefine heraus, und dann trat sie in die
-Stube.
-
-Conradi saß beim Vater am Tisch, das flackernde Kerzenlicht fiel auf
-seine Gendarmerieuniform. Bei der Begrüßung lag Josefines Hand ohne
-Druck in der seinen, aber er merkte es nicht. Er war zu froh, denn
-gestern abend hatte er die Nachricht bekommen: eine feste Anstellung in
-Vohwinkel! Eigentlich sollte er gleich heute antreten, aber er hatte
-sich noch den einen Tag frei gemacht und war hierher geeilt.
-
-»So pressiert es?« sagte der Feldwebel. »Na, Kamerad, ohne Ihn können
-die Vohwinkler wohl keine Nacht mehr ruhig schlafen? Ja, so’n strammer
-preußischer Sergeant – was?« Er lachte in sich hinein und hob sein
-Glas: »Na, Kamerad, zum Wohl!«
-
-Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier
-holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum
-je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?!
-
-Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant
-immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück.
-Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten
-für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr
-flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte
-sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen.
-
-»Halt,« rief der Vater, »wohin?«
-
-Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts,
-sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr
-verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick
-vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine
-Augen an ihr.
-
-Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen
-Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s
-bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien
-und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort
-lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und
-in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch
-viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für
-sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und
-Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich
-immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder,
-der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden;
-er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen
-strahlte er das Mädchen an.
-
-Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß
-und verwirrt saß sie da.
-
-Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden
-dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung
-der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der
-Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden,
-Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und
-Gewicht und so weiter.
-
-Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich –
-der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe
-und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht
-widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt,
-wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem
-Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter
-der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und
-Fenster einwarfen.
-
-»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der
-Feldwebel.
-
-»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den
-leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern.
-
-Er hatte sich ein wenig zurückgerückt und den Arm auf Josefines
-Stuhllehne gelegt; so saß er und sah unverwandt auf das weiche, blonde
-Gekräusel, das sich da hinten in dem molligen Genick aus dem straff
-aufgekämmten, glatten Haar herausgestohlen hatte. Er konnte nicht
-widerstehen, spitzte die Lippen und pustete zart auf die Härchen.
-
-»Au,« sie zuckte unwillig zusammen.
-
-Es war gut, daß Frau Trina jetzt mit einer Bewirtung kam: geschabtes
-rohes Fleisch mit Zwiebel, Leberwurst und frischer Holländer Käse.
-Sie hatte sich ordentlich abrennen müssen, das Traktament, das ihr
-Mann angeordnet, so allein zu besorgen. Auch noch ein Krug Bier wurde
-aufgesetzt.
-
-Die Männer stießen fleißig an. Josefine aber mundete nichts – wenn
-der Conradi doch nur erst wieder fort wäre! Ihr Kopf glühte. Dieses
-Suchen nach ihrem Blick, dieses Tasten nach ihrer Hand machte sie so
-ungeduldig, so unglücklich, ganz böse. Sie wollte nicht – nein, nein,
-– und doch saß sie wie gelähmt unter dem Griff dieser festen, warmen
-Männerhand und hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hand fortzuziehen. Der
-Verliebte streichelte sacht darüber hin und spielte mit ihren Fingern.
-
-Ob wohl das Licht drüben in der Offizierstube brannte?! O, könnte sie
-es doch aufglimmen sehen!
-
-Ob sie ihn wohl noch sprechen würde heute abend?! Ach, heute den
-ganzen langen Tag und gestern den ganzen langen Tag kein Wort mit ihm
-gewechselt!
-
-Wo war er, was that er, was dachte er?! Wo blieb er, kam er, war er
-schon da?!
-
-Eine ungestüme Sehnsucht packte sie – sie hielt’s nicht mehr aus, nein,
-nein!
-
-»Jeses, Fina,« sagte die Mutter plötzlich, »wat siehste schlecht aus!
-Is dich wat?«
-
-»Ich – ich hab’ – schrecklich Kopfweh,« stammelte Josefine.
-
-»Nanu?« Der Feldwebel zog die Brauen in die Höhe, es war ihm
-augenscheinlich fatal, daß die Tochter heute abend ausspannte. »Nimm
-dich zusammen! So’n bißchen Kopfweh! Macht nichts!«
-
-»O doch!« Mit einem Aufseufzen stützte Josefine den Kopf in die Hand.
-Sie wurde ganz blaß.
-
-»O!« Der Sergeant erhob sich. »Dann werd’ ich lieber gehen,« sagte er
-kleinlaut.
-
-Frau Trina erhob nur schwache Einsprache, Josefine gar keine.
-
-Bloß der Feldwebel nötigte zum bleiben:
-
-»Ä was, das Kopfweh geht schon vorbei. Man nich so ängstlich! Man reist
-doch nicht her bloß für die halbe Stunde! Das nenne ich Zeit und Geld
-verplempern. Geh, gieß dir Wasser auf den Kopf, mach ’nen Umschlag, leg
-dich ’nen Augenblick nieder, und dann kommste wieder ’rein – frisch,
-Mädel, hörste?!«
-
-Die Tochter stand stumm auf; es zuckte um ihren Mund, als ob sie weinen
-wollte.
-
-»Aber nein – es ist doch besser – ich werd’ jetzt doch –« Der
-Sergeant zögerte, das Wort ›gehen‹ kam ihm so schwer über die
-Lippen. Erwartungsvoll sah er zu Josefine hin – würde sie ihn denn
-nicht zurückhalten?! Aber sie sagte kein Wort; so mußte er sich schon
-entschließen, sich zu verabschieden. Lange hielt er beim Adieu ihre
-Hand in der seinen. Nun würde es vielleicht Wochen und Wochen dauern,
-bis er wieder herkommen konnte; es wurde ihm sehr sauer, =so= von ihr
-zu gehen.
-
-Der Feldwebel begleitete Conradi hinüber in’s Stammlokal, da trafen
-sie viele Kameraden. Josefine atmete auf, als die Männer die Stube
-verlassen hatten. Auch Frau Trina rüstete zum ausgehen, sie wußte, nun
-kam Rinke vor Zapfenstreich nicht wieder, da konnte sie gut währenddes
-ihren Wilhelm besuchen.
-
-»Leg dich im Bett,« sagte sie zur Tochter, und dann lachte sie hell
-auf: »O du schlau Dingen! Dem haste’t jut zu verstehn jejeben: ›Mach
-dich ab!‹ Hahahaha! ’nacht, Fina!« Damit ging sie.
-
-Allein –! Mit einem zitternden Seufzer sah sich Josefine um, und dann
-stürzte sie hinaus an’s Küchenfenster. Alles dunkel. O –! Sie stand und
-starrte und starrte. Hinten in der Kammer rauften noch die Brüder beim
-zubettegehen, dann wurde es auch dort still.
-
-Auf dem Hof kein Tritt. Keiner der Soldaten pfiff vor der Thür bei dem
-häßlichen Wetter. Der Himmel so dunkel, kein Stern, doch jetzt, jetzt
-– sie unterdrückte einen Freudenschrei – jetzt schimmerte einer da
-drüben: sein Licht!
-
-Er war zu Hause! Wie mit Gewalt zog sie’s hinüber. Sie mußte ihn
-sprechen, heute noch sprechen! Wenn er doch käme, wie damals, zu ihr
-in die Küche träte! Ach, er wußte ja nicht, daß sie hier stand, ganz
-allein, und sich nach ihm sehnte!
-
-Sie öffnete das Fenster, daß die feuchte Nachtluft sie durchschauerte,
-und fing an zu singen; der Wind nahm ihr den Ton vom Munde, aber sie
-strengte sich an, stark kämpfte ihre Stimme gegen das Sausen und Heulen:
-
- »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten –«
-
-Sie sang das ganze Lied, siegreich drang es durch den Sturm der
-Herbstnacht, aber kein Fenster drüben klirrte – hörte er sie denn
-nicht?!
-
-Wenn sie nun rasch hinliefe und an seine Thür pochte? Was war denn
-dabei? Gewiß nichts Unrechtes – sie hatte ihn ja so lieb!
-
-Sie überlegte nicht mehr, schon war sie draußen und huschte den dunklen
-Gang entlang. Rasch, rasch! Ihre Sehnsucht trieb sie schneller, als
-ihre Füße laufen konnten; sie strauchelte, sie stolperte – da – ein
-rascher, elastischer Tritt kam auf sie zu.
-
-»Viktor!« Mit einem jauchzenden Ruf streckte sie die Hände aus.
-
-Da faßte er sie um den Leib, wie damals im Keller in der schwankenden
-Bütte, und zog sie hinein in sein warmes, erleuchtetes Zimmer.
-
-Und wie damals küßten sie sich. Sie war ihm um den Hals gefallen,
-ohne daß sie wußte, wie das gekommen; sie folgte einem tiefinneren,
-stürmischen Drang.
-
-Er preßte sie an sich, in fast knabenhafter, durch die Heimlichkeit
-noch gesteigerter Verliebtheit. Auch er glühte.
-
-Wie sie ihn liebte!
-
-Aber – – _noblesse oblige_! Eine gute und ehrliche Regung ließ sein
-hübsches, junges Gesicht männlicher erscheinen: Sie war seines
-Feldwebels Tochter, und er war ein Edelmann und trug des Königs Rock!
-
-
-
-
-XIII
-
-
-Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst –
-der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen
-quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die
-losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und
-schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand
-der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur
-dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem
-Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich,
-daß du nichts auf den Kopf kriegst!
-
-Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für
-Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das
-entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen
-alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde
-der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit
-Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die
-Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer
-Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite
-das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an,
-ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich
-und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte
-noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht
-gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.
-
-Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.
-
-Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch
-um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein
-lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für
-Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten
-sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig
-an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.
-
-Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle
-Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen
-in der stillen Offiziersstube.
-
-Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie,
-kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger
-bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu
-empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel,
-der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den
-sonnigen, blauen Himmel.
-
-Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine
-Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der
-Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof,
-auf dem seine Tritte hallten.
-
-Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften
-langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der
-Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte
-er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute
-war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete
-sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein
-Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als
-Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht
-an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie
-Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen
-in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur
-Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer
-im Dunkel.
-
-Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und
-ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie
-noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl.
-Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang,
-fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem
-Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen
-tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim
-tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen
-zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.
-
-Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam
-Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht
-sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit
-auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und
-Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war
-er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie
-gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe
-zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der
-sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem
-Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein
-Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren
-Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders
-reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris
-zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte
-ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden
-Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge,
-daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten
-Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.
-
-Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung
-erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre
-Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den
-ganzen Tag, wie sonst nie.
-
-Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches
-an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle
-gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken,
-Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil
-gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!
-
-Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die
-Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden
-französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder,
-einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.
-
-Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg
-ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹
-von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden,
-Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk
-stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.
-
-Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn
-fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und
-Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die!
-Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der
-Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten
-einen großartigen Umzug.
-
-Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung
-forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer
-Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber
-zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die
-allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹
-die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler
-Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.
-
-Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der
-Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher
-Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen
-größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.
-
-Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die
-greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich
-in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der
-Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die
-Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden
-waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken,
-Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen.
-Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen
-zog mit dem Wind.
-
-Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit
-weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die
-Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die
-Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler
-Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde
-mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.
-
-Helau, helau!
-
-Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die
-Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht,
-jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom
-Torkel erfaßt.
-
-»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen,
-Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille
-der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der
-Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen
-einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie
-greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.
-
-Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche
-kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.
-
-»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.
-
-Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der
-Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu
-verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹,
-das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der
-Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von
-weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte
-Gewimmel in der Königsallee.
-
-Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn
-abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen,
-entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch,
-ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in
-der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem,
-goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.
-
-Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte,
-stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war
-er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten,
-ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt
-am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der
-Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo,
-Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.
-
-Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen
-ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten
-grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.
-
-»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.
-
-Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine
-ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft,
-weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und
-schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.
-
-Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst
-hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein
-ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:
-
-›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹
-
-»Helau, helau!«
-
-Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches
-Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach
-rechts, von groß zu klein.
-
-Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die
-Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!
-
-Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die
-Lippen. Er kommandierte:
-
-»Ohne Tritt – marrrsch!«
-
-Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu
-grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«
-
-Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf
-Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der
-Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit,
-Prinz Karneval passiert war?!
-
-»Helau, helau!«
-
-Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.
-
-»De Preuß’, de Preuß’!«
-
-Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte
-Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den
-Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche
-Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«
-
-Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß
-ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den
-Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!«
-Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz,
-wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und
-dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus:
-»Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.
-
-»Helau, helau, hahahaha!«
-
-Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut,
-knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man
-ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.
-
-Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. –
-
-Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum
-die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von
-dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln:
-
-»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf
-exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem
-Herrn Major sprechen.«
-
-Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht
-einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte
-vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch
-gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert.
-Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte
-Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine
-der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln
-gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs
-prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun
-würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major
-dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser
-würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des
-Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die
-Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe,
-Vorsicht, Mäßigung!«
-
-Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie,
-ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen,
-die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den
-Vorgesetzten gerichtet, standen.
-
-»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch
-schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die
-Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre
-würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr
-seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis
-zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem
-Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr
-die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit
-bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest,
-jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser
-zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch
-in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich.
-Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun
-laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser
-allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!«
-
-Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den
-Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen:
-
-»Hurra! Hurra! Hurra!«
-
-Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging.
-
-»Weggetreten,« kommandierte der Feldwebel; auseinander stoben die
-Kerle. Lässig, mit müden Beinen stolperten sie dann zur Reissuppe mit
-Kohl. –
-
-In der Feldwebelwohnung war schlecht Wetter, echte
-Aschermittwochstimmung.
-
-Frau Trina trug ein, noch immer nicht ganz verwischtes, Aschenkreuz
-auf der Stirn, das sie sich heute morgen, nüchternen Magens, noch vor
-der Frühsuppe, in Lambertus geholt, gerade als die letzten Gecken am
-Calvarienberg hinter der Kirche vorbei durch’s Morgengrau nach Haus
-taumelten. Der Feldwebel sah’s mit Zorn.
-
-»Kannste dich nich waschen?! Muß der Dreck den ganzen Tag kleben?!«
-fuhr er sie an.
-
-Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!«
-
-Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über
-die Stirn. »So.«
-
-Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so
-ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei
-Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch
-dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig
-heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche
-geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte
-zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch
-trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den
-Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte
-sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen,
-den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht.
-
-Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht,
-hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu
-zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu
-suchen?!
-
-Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn.
-Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder
-noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit
-einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand
-es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner
-Josefine.
-
-»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte
-er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!«
-
-Erschrocken zuckte sie zusammen.
-
-»Nanu?!«
-
-Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern.
-
-»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen,
-aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an
-Conradi’n?!«
-
-Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf.
-
-»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder
-einpassieren. Soll ich ihm schreiben?«
-
-»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen.
-
-»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie
-an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und
-preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.
-
-Die Jungen fingen wieder an zu kichern.
-
-»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in
-die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen
-Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten
-nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das
-war dem recht, warum war der immer so streng?!
-
-Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen;
-sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber:
-»Bleib!« rief ihr Mann.
-
-»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme
-war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie
-kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?«
-
-»Nix!«
-
-»Er ist dir sehr gut!«
-
-»Och –?!«
-
-»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er
-– wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum
-bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!«
-
-»Ich will jar keinen!«
-
-»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that
-ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang
-die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch
-abwarten, bis de dat Fina los wirst!«
-
-Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit
-– abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr,
-kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er
-den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken.
-»Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing
-er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot,
-Morgenrot.‹
-
-Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu
-mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!«
-
-»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja
-wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –«
-
-Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte
-Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am
-Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in
-ihn hinein:
-
-»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat
-nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du
-läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?!
-Mein lieber Vater!«
-
-Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm
-hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er
-hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare
-zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer
-glühenden Stirn.
-
-»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er
-das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm
-gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen.
-Mein Kind, über alles die Ehre!«
-
-
-
-
-XIV
-
-
-Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der
-eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt,
-heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹
-
-Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben?
-Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte,
-wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die
-Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!
-
-Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch
-einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um
-Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem
-Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar
-nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen
-abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es
-im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.
-
-Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten
-Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen
-Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur
-keine Lust zu kommen.
-
-Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste
-sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem
-jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf
-Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.
-
-In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen
-verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte
-sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von
-Clermont mit der Josefine etwas vor?
-
-Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch
-und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl
-verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.
-
-»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann
-rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege,
-die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon
-wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren
-es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!
-
-Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf.
-Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche –
-allein!
-
-Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln
-schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren
-aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es
-nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die
-Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte
-sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der
-Offiziersstube drüben?!
-
-Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion
-gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant
-von Clermont zum Thor schreiten sah.
-
-Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige
-Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im
-blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen
-lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann
-pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹
-die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen
-schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf;
-über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.
-
-So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!
-
-Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor
-hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den
-mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein,
-nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem
-nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte
-es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch
-war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine
-helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor
-ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte,
-bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte
-sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß:
-›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte.
-Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja,
-der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der
-Major auf seinen Sohn sein!
-
-Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen,
-die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, =der=
-Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen!
-
-Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die
-der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund
-hinterlassen.
-
-Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt.
-Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich
-war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche
-Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert,
-daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist
-ebenso schwer, wie Major werden.
-
-Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend
-ging er zum Mittagessen.
-
-Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule
-gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf
-bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und
-Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf
-Solingen selber los marschierten.
-
-»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de
-Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«
-
-Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!«
-Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und
-Erkundigungen einziehen.
-
-Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in
-ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da
-wurde auch schon Alarm geblasen.
-
-Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte.
-Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft
-umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In
-einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie
-waren für Solingen designiert.
-
-Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen
-Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den
-Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der
-nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s
-lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte
-– die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das
-war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel,
-Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern
-versohlt! Er spuckte aus:
-
-»Bande!«
-
-Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die
-Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den
-gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld.
-Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die
-Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.
-
-Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹
-gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute
-erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war.
-Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben
-mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen
-ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m
-Schloß geworfen worden!
-
-Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen!
-Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«
-
-Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es
-wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk
-ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt,
-gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!
-
-Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er
-auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er
-sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine
-Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon
-stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah
-unternehmend aus.
-
-Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit
-Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den
-Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über
-so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher
-Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina
-heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die
-Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine
-Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!
-
-Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als
-sonst, ging er heim.
-
-Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen
-Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter
-schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom
-Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.
-
-Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein,
-mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu,
-und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen
-durch’s nächtliche Dunkel.
-
-Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten
-ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur
-Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.
-
-Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war
-niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der
-Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern
-Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende
-Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht
-gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange
-nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch
-wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen,
-denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung
-auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –
-
-In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch
-Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben
-gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich
-eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.
-
-Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos
-vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit
-großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er
-wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd
-betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten
-Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen.
-Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten
-Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade
-auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war,
-als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.
-
-»Josefine!«
-
-Keine Antwort. Noch einmal:
-
-»Josefine!«
-
-Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer,
-durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte
-seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe
-war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine
-auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.
-
-Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend,
-verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.
-
-War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick
-warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu
-sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.
-
-Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.
-
-Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel
-ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast
-und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter
-und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen
-gewesen!
-
-Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer
-Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell
-dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen
-– am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den
-Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche –
-immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und
-Wonne gewesen.
-
-Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene,
-die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang
-gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.
-
-Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten
-sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn,
-Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!
-
-Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein
-Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit
-offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem
-Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.
-
-Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er
-umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt
-war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb
-ihm ewig dieser Boden!
-
-Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig,
-da gröhlten sie schon wieder!
-
-Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen
-Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer
-zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit
-mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war
-denn los?
-
-Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem
-Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und
-innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus
-einer Kehle an:
-
- »Freiheit, die ich meine,
- Die mein Herz erfüllt!«
-
-Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.
-
-Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren
-sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie
-schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie
-sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben,
-kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie
-nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die
-Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte
-sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.
-
-Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter
-Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der
-Gasse, noch weiter:
-
- »Deutschland, Deutschland über alles!«
-
-Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab
-nur eine Fahne:
-
- ›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?
- Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹
-
-Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt,
-kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten
-hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.
-
-Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.
-
-»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein
-hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren
-Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer
-so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann
-hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«
-
-Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort
-auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein
-zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch
-streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.
-
-Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich,
-daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie
-vergnügt ihrem Ältesten zu:
-
-»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber
-dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber
-aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.
-
-Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl
-auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen,
-altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte
-mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der
-Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.
-
-Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.
-
-Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht
-geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am
-Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr
-lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem
-fort, kindisch zufrieden.
-
-Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte
-sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.
-
-Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein
-erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur
-Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der
-Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.
-
-Noch mehr Schüsse.
-
-Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp
-Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.
-
-Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch
-de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!«
-Die Stimmen gellten durcheinander.
-
-Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille
-Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.
-
-Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:
-
-»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König!
-Hoch, hoch, hoch!«
-
-Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt
-brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend
-unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend,
-singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht
-in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf
-Freudenwogen.
-
-»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das
-Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.
-
-Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.
-
-Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her;
-nach dem Rathaus drängte die Menge.
-
-Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und
-frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller
-Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie
-bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.
-
-Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen,
-in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat
-es dann passiert? Sagt doch!«
-
-»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«
-
-Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?«
-
-»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!«
-
-»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!«
-
-»Ich weiß et nit!«
-
-»Wat? Och, sagt doch!«
-
-»Ich weiß et nit! Ho–ch!«
-
-Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir
-feiern,« das brachte sie endlich heraus.
-
-Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei
-den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau
-Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein,
-am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen!
-
-»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!«
-
-Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts
-drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat
-Tring!«
-
-»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?«
-
-»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en
-Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is
-de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et
-wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De
-Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz
-Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch
-die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!«
-
-Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹
-
-Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien
-reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die
-schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte
-sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch
-Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt,
-und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer:
-
- ›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –
-
-Mächtig dröhnte es durch die Nacht.
-
-Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst
-auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ ens
-kucken!«
-
-Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett
-gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht
-um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß
-größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern
-Laut.
-
-»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an.
-
-Da fuhr er herum. »Was willste?«
-
-»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!«
-
-»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und
-zog den Gurt mit einem Ruck straff zu.
-
-»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein,
-das Knallen, das Laufen draußen hatte ihn anscheinend gar nicht
-berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht;
-nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand
-hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?«
-
-Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie
-ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!«
-
-»Von Deutschland – Deutschland –?!«
-
-»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!«
-
-»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf
-Börjer!«
-
-Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin,
-seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab:
-der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf!
-
-Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel
-knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein
-Preuße.
-
-Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer
-nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte
-Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet,
-alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem
-Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die
-schwarz-rot-goldene Fahne.
-
-Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und
-der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch
-strich säuselnd um erstes junges Gras. Der Winter war vorbei, Träume
-wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von:
-Frühling, Frühling!
-
-
-
-
-XV
-
-
-Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht.
-War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom
-Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten!
-
-Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof
-hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen
-trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹
-Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß
-schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu
-hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte
-Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie
-waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war
-Rinke heiß zu Kopf gestiegen.
-
-Da war ihm eiskalt geworden.
-
-Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines
-schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der
-Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch
-noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der
-Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte
-sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie
-herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder
-untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – –
-
-Nun sollte sie ihm aber her heute morgen!
-
-Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der
-Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den
-Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! –
-jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf.
-
-Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom
-Morgentraum und einem inneren Glück.
-
-»Willste wat, Vater?«
-
-Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang
-nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?«
-
-»Jestern? – Och – de Illumination kucken!«
-
-»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war
-plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!«
-
-»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste
-dann?«
-
-Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie
-doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich.
-
-»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!«
-
-»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie
-hastig: »Ja, ja, allein!«
-
-»Du lügst!«
-
-Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge.
-Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in
-Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm –
-keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für
-Schritt.
-
-Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich
-heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch
-niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich
-förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so
-viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!
-
-»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine
-bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte
-ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln
-herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe
-dich gestern gesehen!«
-
-Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.
-
-»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und
-dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du
-lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie
-von sich.
-
-Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn;
-entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den
-seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s
-Gesicht.
-
-Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum
-belügst du mich?!«
-
-Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend
-stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich
-fürchten!«
-
-Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr
-er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte
-Gesicht.
-
-»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein
-Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein
-heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur
-diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!«
-
-Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge.
-
-Josefine sah es.
-
-»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter.
-»Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach
-kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir
-haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht
-– »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum
-sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor,
-ich hab’ ihn so lieb!«
-
-»Hm, ja – so sehr lieb?«
-
-»Och ja, och ja!«
-
-»Er dich auch?«
-
-»Ja, och ja!«
-
-Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große
-Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?«
-
-Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von
-selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier
-wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in
-einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’
-jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das
-Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!«
-
-Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick
-blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie
-hielt den Blick aus.
-
-Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?!
-Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt –
-jetzt würde der Schlag fallen –
-
-»Setz dich,« sagte der Vater.
-
-Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich.
-
-Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger
-nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte
-noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin.
-Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er
-energisch auf die Tischplatte.
-
-»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich
-mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen
-können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon –
-kehrt!‹«
-
-Sie ließ den Kopf hängen.
-
-Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre
-Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte
-– Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den
-Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre
-war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von
-Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert!
-
-»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter
-leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse
-ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm
-hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich
-schon glücklich machen!«
-
-Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf
-sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen
-aus.
-
-»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder;
-dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese
-ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn
-eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter
-gehen?!
-
-»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm
-dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter,
-er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er
-und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der
-Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei
-– dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht
-sein!«
-
-Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete
-den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater
-schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen
-Laut.
-
-»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern.
-»Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant
-nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein
-Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!«
-
-»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!«
-Sie wand sich und schluchzte.
-
-»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch,
-schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹
-wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.«
-
-»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et
-ihm! Ich sterb’!«
-
-Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom
-weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am
-Rock: »Sag du et ihm!«
-
-»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl
-mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt
-dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich
-immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle,
-er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton:
-»Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich
-muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!«
-
-Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war
-höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür.
-
-Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl
-mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er,
-an der Küche vorbei, zur Treppe ging.
-
-Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am
-Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – –
-
-Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er,
-nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben –
-jetzt nur nicht lange gefackelt!
-
-Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu
-missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie
-würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie
-dem Leutnant täglich begegnete.
-
-Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn
-rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging.
-
-Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem
-Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten
-Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden
-Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der
-Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt.
-
-Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal?
-bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft.
-
-Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an.
-Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu
-berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen.
-
-Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als
-grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und
-den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor
-den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt
-stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März.
-
-In der Hauptstadt Revolution!
-
-Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf
-dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten
-hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19.
-März mit dem Volk gekämpft!
-
-Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?!
-Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den
-Gemütern.
-
-Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes
-Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne
-angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und
-Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge
-herausgestreckt.
-
-Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich
-nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt.
-
-Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die
-Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem
-schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit
-Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl
-auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen
-Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem
-Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen,
-sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?!
-
-Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger
-bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten
-ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn
-jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich
-kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde
-und strich umher wie ein ruheloser Geist.
-
-Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen,
-dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem
-der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem
-König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte;
-das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen
-Posten als Gouverneuer der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier
-schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter
-Soldatenprinz! –
-
-Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in
-Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne
-drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner
-Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange
-blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt
-war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.
-
-In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und
-begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst
-vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen
-werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den
-Soldaten, am Volk verbrochen.
-
-Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie
-Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden
-gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für
-die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der
-ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider
-zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja
-hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben
-zerschmettert!
-
-Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so
-vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde.
-Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man
-geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die
-Bestien hatten die Soldaten gehaust!
-
-Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?!
-Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte
-– gebt ihm nur Waffen!
-
-Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – –
-
- * * * * *
-
-Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als
-Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war
-sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere
-Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum
-Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel,
-der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich
-jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das
-ganze Gebäude tragen.‹
-
-Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen
-Leuten im Dunkeln auszog.
-
-Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In
-den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch
-die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse.
-Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und
-her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie
-in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen
-Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige
-Stille unterbrach.
-
-Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die
-Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag
-gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben
-über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen.
-
-Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die
-schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags
-keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses
-standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend.
-
-Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte
-die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem
-Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch
-gerader – Bande! Angst hatten sie.
-
-Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie
-diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom
-Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten
-Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen
-Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand.
-
-Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still.
-
-Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel
-gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der
-Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment
-ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie
-Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch
-verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme:
-
-»Helau, Preuß’! Preuß’!«
-
-Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich
-zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und
-Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten.
-
-Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren
-Helden!
-
-Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß.
-
-»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!«
-
-Die Läufe blitzen.
-
-Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!«
-
-Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei:
-
-»Stillgestanden – das Gewehrr über!«
-
-Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe
-mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se
-schießen auf et Volk!«
-
-»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den
-Bürjer!« tönt es vielstimmig.
-
-Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige
-Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem
-Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die
-Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen,
-krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe.
-
-Das dauerte so eine Ewigkeit.
-
-»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr!
-Bataillon marrrsch!«
-
-Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom
-Exerzierplatz schallen gehört.
-
-Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter
-Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber
-fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte
-keinen andern Befehl.
-
-Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag
-Verachtung in seiner Haltung; sie reizte.
-
-Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin
-und wieder huschendem Schein.
-
-»Preußenkerl! Bluthund!«
-
-Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben
-Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die
-hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer
-näher.
-
-Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge.
-
-Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er
-zwischen die Gewehrstände.
-
-Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels
-Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt.
-
-Wütende Augenpaare glitzern sich an.
-
-»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!«
-
-Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit
-flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie
-verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden
-Stimmen; sie ermahnen, sie bitten:
-
-»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!«
-
-»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!«
-
-Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf.
-
-Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum
-Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn
-ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur!
-Wartet!«
-
-Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern
-Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet.
-
-Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die
-Kaserne!‹ –
-
-Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine
-gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen,
-finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der
-Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der
-Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ,
-er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich
-gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege
-einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm
-die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten
-schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre
-nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend
-notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen.
-
-Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er
-einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm,
-er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die
-Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur
-einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und
-dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde
-es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so
-hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz
-abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung.
-Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!
-
-Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel
-empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.
-
-Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den
-raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!
-
-»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
-
-Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist
-zurückgezogen worden?« stieß er heraus.
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant!«
-
-»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke,
-der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch
-den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens
-in’s Gesicht!
-
-»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig.
-Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten.
-»Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er
-riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und
-die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«
-
-Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont
-fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm
-sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m
-Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht,
-hier blieb er stehen.
-
-Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen,
-als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend
-zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen.
-
-Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf
-den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen
-entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der
-König – er hatte sich verneigt!
-
-Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit
-einem Fluch suchte er weiter.
-
-Hier die Proklamation!
-
-›=An meine lieben Berliner!=‹
-
-Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte.
-Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm
-und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt
-buchstabierte er wie ein Kind:
-
-›=Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze
-sogleich von den Truppen geräumt werden sollen= –‹
-
-Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch
-dies, hier noch dies:
-
-›=Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will= –‹
-
-War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft
-sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut
-vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo
-blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was
-sagte der?!
-
-Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz
-Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm!
-
-Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof,
-schwarz der Flur.
-
-Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in
-zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und
-schluchzte in Zorn und Schmerz.
-
-
-
-
-XVI
-
-
-Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit:
-
- ›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen,
- Und der Lenz der deutschen Freiheit, =endlich= hat er angefangen!
- Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde!
- Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹
-
-In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt:
-
- #Berlins großen Toten!#
-
- ›Selig, die in Gott sterben! –
- Opfernd euer =rotes= Blut, gingt ihr in den =schwarzen=
- Tod für die =goldene= Freiheit!‹
-
-Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen
-Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht.
-
-Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten
-Wirtschaften der Stadt.
-
-Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz
-ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler.
-
-Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen.
-Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten
-Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben
-auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden
-ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich
-auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die
-Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war
-in guter Hut.
-
-Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m
-Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster
-einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall.
-
-Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr
-zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und
-unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten
-›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt.
-
-Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band
-war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am
-Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die
-Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes.
-
-Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen
-Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch
-Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren
-Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage
-nicht sitzen konnten. – –
-
-Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die
-Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die
-erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz
-schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine
-Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit
-sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was!
-Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas
-andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das,
-was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie
-durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste
-Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer
-Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand
-Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu
-anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu
-einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.
-
-Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr
-auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch
-nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr
-ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag
-jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.
-
-Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige
-Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer
-des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der
-nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige
-bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den
-Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!
-
-Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn
-sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder
-einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl
-Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen
-Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und
-die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich
-langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis
-für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn
-er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.
-
-Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl
-des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen
-geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier
-geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie
-zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen,
-ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit
-den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde
-darin lesen und seiner gedenken.‹
-
-Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal!
-Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater,
-sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig
-schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was
-ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er
-ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer
-stand er da.
-
-Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu
-empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater
-der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen,
-jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit
-dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie
-ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es
-sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant,
-und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In =dem=
-würde Preußen auferstehn! –
-
-Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu
-grünenden Ahornbäume.
-
-Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.
-
-Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die
-Tochter sich die Aussteuer nähte.
-
-Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den
-Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den
-Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf
-dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte
-das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber
-sie fürchtete, =ihn= vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen
-Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie,
-denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr
-gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin,
-die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden
-aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine
-Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
-
-Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das
-sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
-
-Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch
-nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern,
-begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen
-sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
-
-Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte
-nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu
-Berlin Gefallenen einläuteten.
-
-In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und
-Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten
-Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen
-und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor,
-aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
-
-Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt,
-den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die
-für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren.
-Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie
-kümmerte nur das eigne Geschick.
-
-Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag;
-er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam;
-ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner
-Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt
-– kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene
-Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm
-beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch
-nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
-
-Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den
-Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die
-sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige
-Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz
-anders wie Rinke, er brauste nie auf.
-
-»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte
-den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen,
-praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der
-Viktor! – so war er nicht!
-
-Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten
-heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot.
-
-Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche
-kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine
-Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte
-Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete
-sie?!
-
-Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte
-wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie
-und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, =sie= hatte ihm
-den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll
-es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich
-verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war
-eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! –
-
- * * * * *
-
-Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte
-die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte
-zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die
-Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war
-es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem
-Spiele stand?!
-
-In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und
-Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar
-Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze,
-mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war.
-Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die
-zog niemand aus!
-
-Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten
-welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam.
-Aber wann kam die, wann?!
-
-Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er
-nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er
-denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und
-verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt
-in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest,
-doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet
-ist!
-
-Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst
-nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das
-Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und
-noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte
-drängen, =sie= waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß.
-
-Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und
-jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14.
-August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und
-Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte
-sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im
-Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen.
-
-Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden
-die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit
-der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür
-festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel
-Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder
-strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen.
-Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters
-gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur
-bald!‹
-
-Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so
-kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach
-Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße
-schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein
-paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war
-die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn
-standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für
-ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein
-hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem
-Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
-
-Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich
-für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er.
-Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein.
-Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof
-und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein
-paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen
-König gesehen.
-
-»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im
-Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
-
-Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte:
-»Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann
-vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch
-mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal
-bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
-
-»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
-
-Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im
-Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns
-jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als
-suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der
-Weg!«
-
- * * * * *
-
-Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des
-Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren
-aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern
-erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals,
-in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich
-seine große Erregung.
-
-Mit glühendem Blick suchte er seinen König.
-
-Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen,
-stier wurde sein Blick – =das, das= war der König?! In seinen Mantel
-gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens.
-
-Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich
-schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt
-hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit
-zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte
-es nicht heraus.
-
-Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel
-Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich
-auf und jagte den Staub in die Augen.
-
-Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen
-Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge
-erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier –
-dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen,
-daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen
-geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte.
-
-Verblüffte, betroffene Gesichter sahen sich an. –
-
-Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder
-zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war
-doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich
-ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte
-ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen,
-und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte
-es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch
-mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen,
-Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar
-Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich
-nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die
-Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s
-Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger
-Zillges in der Ratingerstraße.
-
-Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer
-Bürger aus der alten guten Zeit!
-
-Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja –
-hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken
-gelaufen war – =so= sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein
-bißchen vergnügt!
-
-Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte
-sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den
-auch hörte?! Dann würde er sich ärgern.
-
-Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie
-winkte und nickte. Er sah sie nicht.
-
-»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken,
-ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam.
-
-»Zillges!«
-
-Keine Antwort.
-
-Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte
-Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch!
-
-Es war sehr still.
-
-Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke
-gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden,
-dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst.
-
-Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des
-leeren Zimmers.
-
-Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die
-Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den
-Angeln. »Zillges! Peter –!«
-
-Er hörte nichts.
-
-Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die
-Brust gesenkt, die Hände gefaltet.
-
- * * * * *
-
-Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer
-Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter
-Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
-
-Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den
-›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in
-die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer
-neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich
-ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen
-weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz
-glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter
-hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten
-starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte
-Weihrauchduft im engen Stübchen.
-
-Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande,
-ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und
-nickte wehmütig:
-
-»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
-
-Und sie flocht emsig weiter.
-
-Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern
-überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte
-sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie
-begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
-
-»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine
-Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
-
-Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand.
-»Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher
-auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock
-hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend
-fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’
-Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit
-Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un
-du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden,
-jelt, Peter? Peterken!«
-
-Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die
-Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche
-Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht
-schlagend, schluchzte sie krampfhaft.
-
-»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so
-weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich
-sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
-
-Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus!
-Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn
-in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
-
- * * * * *
-
-Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des
-Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste
-zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
-
-Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die
-Hochzeitskuchen in die Kaserne.
-
-Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch
-unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch
-die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal
-wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an
-ihrem Ehrentag.
-
-Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich
-auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die
-Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
-
-»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden
-Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den
-eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s
-lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber
-als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie
-Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der
-Zeit! Man los – voran, marsch!«
-
-»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen
-sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend
-verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du
-sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm,
-Finchen, komm!«
-
-Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten;
-ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll
-den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –
-
-Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof
-führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die
-Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch
-drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.
-
-Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch
-zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch –
-schwer fiel es wieder in’s Schloß.
-
-Sie hatte die Kaserne verlassen.
-
-
-
-
-XVII
-
-
-Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so
-verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über
-eignes hinweg.
-
-Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien
-zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch
-einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings
-getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten
-Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von
-Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung
-auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und
-wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse,
-von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen,
-und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch
-und narrten Polizei und Militär.
-
-Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die
-Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten
-Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.
-
-Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen.
-Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte
-das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich
-da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den
-Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen,
-aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen
-dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun
-unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden,
-königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber
-andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!
-
-Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof
-bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.
-
-Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht
-einig war, ob man =für= oder =wider= die Opposition stimmen sollte,
-jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner
-Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die
-freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest
-verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen
-selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre
-prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit
-blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es
-half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach
-der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen
-mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister
-gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das
-Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn
-die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller
-Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster
-schliff. – –
-
-Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte
-geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden
-kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit
-geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß
-Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen.
-Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare
-getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.
-
-Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts
-an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen
-Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste
-frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert
-entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot!
-Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen
-empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«
-
-Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles
-Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.
-
-Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er
-Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich
-Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen,
-unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der
-›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter
-Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.
-
-Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte
-die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot
-sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind
-fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und
-nagelfest war.
-
-Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen
-Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher
-Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte,
-ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung,
-ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit
-unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln,
-die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem
-Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt
-lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in
-Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.
-
-Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe
-zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum
-zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres
-›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die
-Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!
-
-Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:
-
- ›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk
- sein.‹
-
-Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt
-gemacht wurde:
-
- ›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹
-
-Tausend Fäuste ballten sich im Grimm.
-
-Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon
-des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte.
-Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig:
-
-›Gut und Blut für die Freiheit!‹
-
-Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit
-den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt.
-
-Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne
-marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die
-Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen.
-
-Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende
-Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben
-eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen,
-Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt.
-
-Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den
-Belagerungszustand.
-
-Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die
-Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie
-bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie
-schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die
-aufkreischende Menge.
-
-Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von
-Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches
-Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen
-Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten!
-Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine
-weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht
-verloren gehen! –
-
-Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn
-je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren
-die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz
-empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch,
-formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach,
-nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht
-seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.
-
-Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete
-sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und
-Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des
-Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten
-Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach
-Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das
-Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß
-innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die
-Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu
-erlauschen war.
-
-Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die
-Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme
-Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es
-seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung
-Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit
-nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der
-Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung,
-auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!
-
-Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.
-
-In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der
-alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur
-vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.
-
-Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.
-
- * * * * *
-
-Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter
-gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und
-die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt.
-Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man
-freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in
-jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.
-
-›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat
-mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen
-Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie
-hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz
-gebacken.‹
-
-Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich!
-Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in
-ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na,
-man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch
-genug!
-
-Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit
-eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz
-jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’
-jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu.
-
-Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er.
-
-»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste
-dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren
-mir verheirat’!«
-
-»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über
-sein Gesicht. »Meinste wirklich?«
-
-»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer
-gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken!
-Tüchtiges Mädel!
-
-Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren
-ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für
-ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg.
-
-»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen
-Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu
-Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum,
-und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde
-mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine
-hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem
-Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die
-Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm!
-
-Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte.
-
-Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m
-umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und
-schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot
-ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde
-hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die
-geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein
-Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die
-Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem
-Schlaf.
-
-Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben
-worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die
-würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern
-seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt;
-nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von
-mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar
-Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber.
-
-Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General
-von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt –
-abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch
-wieder neue Unruhen anhuben. –
-
-Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es
-reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß,
-klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.
-
-Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und
-nieder auch schwankten Gerüchte.
-
-Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark.
-Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und
-drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung
-nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in
-Sicherheit in die großen Städte.
-
-Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch
-Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei
-den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn
-jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb
-des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten
-Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt
-vermieden werden.
-
-Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit
-angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte
-jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte
-die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr
-Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn
-selber kochen?!
-
-Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen
-schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf
-den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!
-
-Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der
-Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte
-erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung,
-als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich
-entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß
-gegen und half so der bebenden Hand.
-
-Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen
-Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von
-ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben!
-Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war
-der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster,
-der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig
-lange entbehrt!
-
-Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das
-Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie
-schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es
-bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück.
-Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie
-war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem
-Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.
-
-Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die
-Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der
-Vater auf und schloß sie in die Arme.
-
-Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er
-schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte,
-daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt,
-preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht,
-daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!«
-
-Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von
-losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz
-schreckelich!«
-
-Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig
-bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach
-Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich
-doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer
-so verdrießlich!«
-
-Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht
-in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor
-zwischen den unruhig spähenden Augen.
-
-»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen
-Ärmel.
-
-Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut
-gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen
-Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach
-einem prüfenden Blick hinzu.
-
-»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend
-rot dabei.
-
-Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter
-würde sich ihr ja schon anvertrauen!– –
-
-Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett.
-Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so
-verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen.
-
-Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie
-aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz.
-Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte
-sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag
-der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand
-silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben
-in der Offiziersstube brannte noch Licht.
-
-Ob =er= noch da wohnte?!
-
-Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein
-Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu
-erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er
-wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre
-Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!
-
-Drüben erlosch das Licht.
-
-Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken,
-sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster
-heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in
-der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –
-
-Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein
-schlanker Offizier. Das war =er=!
-
-Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun
-hatte er sie doch gesehen!
-
-Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen.
-Taghell war die Mondnacht.
-
-Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!
-
-Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’
-er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!
-
-Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend,
-beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb
-gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s.
-
-In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen.
-
-Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender
-Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht
-verstehen.
-
-Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar
-nichts mehr denken!
-
-In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn
-wiedersehen!
-
-Und dann –?!
-
-Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß
-schwindelnd die Augen.
-
-
-
-
-XVIII
-
-
-Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet
-im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine
-war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar.
-
-Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O
-Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme,
-die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹
-
-Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder
-die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war
-sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen –
-ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort,
-ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch
-jetzt –?!
-
-Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage.
-In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung
-verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –
-
-Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel
-geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er
-verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von
-der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen
-lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war
-wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst
-nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar
-Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm
-der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.
-
-Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses
-müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum
-umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den
-Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er
-erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.
-
-Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang
-trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?!
-Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand,
-den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach
-gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt
-für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.
-
-Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie
-jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne.
-Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich
-schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren
-lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.
-
-»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«
-
-Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.
-
-Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.
-
-»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig
-zugleich.
-
-»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort.
-
-Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer.
-
-Fatal, wieder Tritte!
-
-»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß.
-
-»Ja, ja, ich ko–«
-
-Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die
-Kaserne.
-
-Horch, ein Trompetenstoß!
-
-Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf.
-
-»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht.
-
-»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine
-stand wie betäubt.
-
-Alarm, Alarm! Alle Mann heraus!
-
-Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen
-bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig
-dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr
-Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es;
-dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel.
-
-Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus.
-
-Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein
-Kanonenschuß. –
-
-Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen
-nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung
-widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das
-ganze Bergische Land schien in Aufruhr.
-
-Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen.
-Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still.
-
-Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter
-umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt,
-allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott,
-och Jott, de Willem!«
-
-»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich
-doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die
-Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte.
-
-Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine
-Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht
-verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel.
-
-Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum
-Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne
-verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie.
-
-Da zog =er= hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein.
-
-Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß
-sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne
-zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen
-blutend, die ihm ein Strolch versetzt!
-
-Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß.
-Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten,
-drauf!
-
-Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha,
-jetzt rannte schon das feige Gesindel!
-
-Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster
-auf!«
-
-»Wo, wo?«
-
-»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er
-gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da!
-Jesus Maria, se schießen, se schießen!«
-
-Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es,
-wer schießt?!
-
-Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert
-auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht.
-
-Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt
-Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra,
-die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’!
-
-Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen
-konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch
-die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur
-Ratingerstraße. Immer rascher lief sie.
-
-Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor,
-Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel,
-die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie
-stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.
-
-»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!«
-Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!«
-
-Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie
-sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen,
-nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es
-wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen,
-aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über
-den Kopf.
-
-Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm
-streckt sich heraus und zieht die Wankende herein.
-
-»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine
-Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen!
-Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se
-werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt.
-Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije
-Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria,
-Materdeies, wat is dat for en Nacht!«
-
-Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß
-wieder eraus!«
-
-»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch
-dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen.
-
-»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst,
-Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie
-die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse.
-
-Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter
-aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort
-– dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und
-da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt
-eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig.
-
-Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein
-Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich
-dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück.
-
-Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr
-entgegen.
-
-»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer!
-
-An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren,
-Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen,
-ist aufgestapelt.
-
-»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!«
-Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist.
-
-Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando:
-
-»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!«
-
-»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche
-entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht.
-
-»Feuer!«
-
-»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!«
-
-Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in
-die enge Gasse.
-
-»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die
-Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch,
-gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin
-geschossen.
-
-Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die
-Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der
-Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der
-Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!«
-
-Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft
-von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch
-da kein Ausweg!
-
-Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist
-ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser
-entlang.
-
-»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur
-noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den
-Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn –
-ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf:
-»Zurück!«
-
-»Gut Freund!«
-
-Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den
-Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück;
-knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden.
-
-Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist
-Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare,
-gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf.
-
-Weiter, immer weiter!
-
-Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht
-erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun
-kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.
-
-Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit
-zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die
-Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht.
-Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt
-Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.
-
-Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr
-hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die
-Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr;
-mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!
-
-Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee
-Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.
-
-Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören,
-schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den
-Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein
-geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am
-Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er –
-horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.
-
-Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf
-dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt
-auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die
-Straßenmündung nach dem Markt sperrt.
-
-Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er
-scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.
-
-Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist
-schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust
-und unter jedem Arm ein großes Brot.
-
-»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«
-
-»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles
-Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene,
-so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von
-mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und
-mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn
-mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte
-Soldat, ich –«
-
-Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte
-Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt
-auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.
-
-Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt,
-– da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut
-erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger
-–?! Pfui!
-
-Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre
-Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten
-Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!
-
-Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden
-Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und
-fort.
-
-Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch
-mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein
-Schatten, fliegt sie dort vorbei. –
-
- * * * * *
-
-Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden
-Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der
-Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee
-angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch
-über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des
-Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch
-andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der
-Altestadt.
-
-Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze
-wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend:
-das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!
-
-Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken
-lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen
-liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein
-Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch
-waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll
-geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie
-aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen
-mehr.
-
-Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre
-Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.
-
-›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los
-ging schon der Schuß.
-
-Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um
-die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht
-gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind.
-
-Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser
-hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam
-ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen
-zu lassen.
-
-Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße
-herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der
-benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte
-plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts,
-links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s,
-er führte die Patrouille an.
-
-Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung
-geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße
-zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine
-neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur
-Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und
-Gäßchen.
-
-»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der
-Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im
-Rücken! Keiner entwischt uns!«
-
-Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt
-in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo
-stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt
-duckend wie zum Sprung, tappt er voran.
-
-Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?!
-Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten.
-
-Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit
-er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt
-er.
-
-Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt
-und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft.
-
-Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt
-gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie
-ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf
-ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht,
-hei, wie in der Schlacht!
-
-Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort
-oben flattert.
-
-Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld.
-
-»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter
-den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her.
-Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her.
-
-Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt
-sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen.
-»Steh! Halunke, steh!«
-
-Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu.
-Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen,
-sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt
-zur Wehr.
-
-Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an –
-Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein
-pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm!
-
-»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn
-gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum
-niederschmettern bereit, den Pflasterstein.
-
-Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die
-Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan
-stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste
-empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung!
-
-In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine
-Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn
-starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten.
-
-»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd
-die Pistole.
-
-»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und
-verbirgt das Gesicht.
-
-»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen.
-
-Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert –
-gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er
-hinterrücks von der Barrikade.
-
-Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater
-getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz
-betäubt.
-
-»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!«
-
-Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der
-Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in
-Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort
-ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung!
-
-Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den
-Taubenschlag, auf’s Dach. –
-
-Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von
-Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb
-zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten
-stürmen in den dunklen Flur.
-
-Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt
-sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar
-andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm
-aus der Wirtsstube entgegentritt:
-
-»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn
-versteckt?!«
-
-»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!«
-
-»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!«
-
-»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!«
-
-»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er
-in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt
-alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!«
-
-»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen
-und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das
-Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus.
-
-Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!«
-
-Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt
-hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und
-zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren
-sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft
-sie sich zum Schutz vor die Alte.
-
-Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und
-zitterndem Schmerz: »Viktor!«
-
- * * * * *
-
-Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade
-in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der
-verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war
-durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –
-
-Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus;
-übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der
-Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten
-auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd
-samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren
-vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch
-Soldaten sollten gefallen fein.
-
-Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes
-Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von
-Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein
-Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die
-hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von
-Unglück hing’s über der Stadt.
-
-Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne
-zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem
-blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf
-den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des
-starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn
-nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur
-nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er
-hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.
-
-Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf
-seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch
-– natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den
-›Bunten Vogel‹ gelaufen.
-
-Da kamen sie noch lange nicht zurück!
-
-Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig
-resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging
-schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.
-
-Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es
-verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte
-er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – –
-›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten
-Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an
-welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero
-Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden,
-die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so
-verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und
-ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹
-
-Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort
-›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein
-Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf
-hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag
-daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am
-Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.
-
-Was hatte er gethan?!
-
-Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht
-geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil
-brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter
-Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke,
-das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes
-Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen
-Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn
-treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die
-Pistole sinken lassen.
-
-Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele
-geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für
-Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.
-
-Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum
-los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand
-frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch
-niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die
-Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch
-frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen
-bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines
-Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen –
-leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner
-Tage!
-
-Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf
-den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war
-das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?!
-Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher,
-gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit
-Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von
-dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß
-der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt
-ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht
-ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was
-zögert ihr noch?!‹
-
-»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock
-über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen
-Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum
-Christum zur Seligkeit!«
-
-Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm
-reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie
-zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich
-nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm
-schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens
-rief.
-
-Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief
-zum Appell!
-
-Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er
-nun zum letzten Mal und in Ehren! – –
-
-Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf
-und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und
-Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und
-Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein
-Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte
-vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ –
-›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹
-und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich
-gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.
-
-Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft
-durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus,
-und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich
-zurechtlegend, schob er die Schublade zu.
-
-Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend,
-schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen
-kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:
-
- =Über alles die Ehre!=
-
-So. Das konnten sie gut lesen!
-
-Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum
-beschweren quer darüber.
-
-Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front,
-als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war
-beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen
-glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand
-zitterte nicht – und dann lud er.
-
-Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine
-Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die
-kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen
-Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich
-zu.
-
- * * * * *
-
-Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen:
-Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole
-in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte:
-die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem
-Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen –
-das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den
-Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der
-roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn
-niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu
-streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen,
-aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!
-
-Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina.
-Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die
-beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten
-fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der
-Uniform.
-
-Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte
-sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter,
-die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter
-angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria,
-Josef, euch schenk ich seine Seele!‹
-
-Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch
-der Wilhelm käme! Wo war der?!
-
-Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil
-geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie
-allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in
-Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr
-Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an,
-man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s
-nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück
-kommen?!
-
-Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder,
-hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie
-betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete
-in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so
-beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:
-
- ›Herr, erbarme dich seiner!
- Christus, erbarme dich seiner!
- Heilige Maria, bitte für uns!‹
-
-Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in
-der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den
-Kopf tief gebeugt.
-
-Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot!
-Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner
-Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es
-das Blut wehrloser Bürger?!
-
-Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr
-verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber
-Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte
-gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!
-
-Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände
-von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu
-schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!
-
-Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf
-in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm
-doch ens bei dein Vater!«
-
-»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und
-verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen!
-Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie
-geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich
-kann nit!«
-
-Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust
-– ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen
-beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich
-aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und
-das Herz lag in der Brust wie ein Stein.
-
-Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr
-zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und
-über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie
-nur wenigstens weinen könnte!
-
-Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde
-jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen,
-ohne Laut, ganz entsetzt – da kam =der= – =der= –!
-
-Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht.
-Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur
-Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.
-
-Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!
-
-Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann
-schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht.
-Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!
-
-Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür.
-Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und
-Großmutter beteten still. Am Bett stand =er=. Seinen Kranz – waren’s
-Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren
-verharrte er und blickte starr auf den Toten.
-
-Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen
-stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im
-Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß
-sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm
-den Rücken. Da ging er.
-
-In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten!
-Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und
-Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost!
-
-Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob
-die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen:
-
- »Herr, erbarme dich unser!
- Christus erbarme dich unser!
- Heilige Maria, bitte für uns!
- Du Trost der Elenden,
- Du Stärke der Schwachen
- In unsern Trübsalen,
- In unsern Anfechtungen,
- In unsern Kämpfen, – bitte für mich!«
-
- * * * * *
-
-Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten
-bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte
-Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel
-Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten
-Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte.
-
-Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen,
-alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln
-des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern.
-
-Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten,
-tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze.
-
-Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen
-sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten
-auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein.
-
-Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen
-dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau
-fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im
-ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die
-Soldaten den Kirchhof.
-
-Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit
-rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des
-Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe.
-
-Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr
-blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine
-Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht
-nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte
-Nacht.
-
-Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre!
-
-›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut
-durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue
-Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch
-befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den
-Choral in den Wipfeln der Bäume.
-
-Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten
-sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick
-geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen
-Sonnenaufgang:
-
- »Jesus meine Zuversicht
- Und mein Heiland ist im Leben;
- Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht
- Darum mich zufrieden geben?
- Was die lange Todesnacht
- Mir auch für Gedanken macht!«
-
-
-
-
-Drittes Buch
-
-
-
-
-XIX
-
-
-Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die
-Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften
-beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten,
-treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan,
-ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her
-in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige
-Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!
-
-Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte,
-am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten
-Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder
-unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen
-leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast
-unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten
-weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am
-Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.
-
-Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer:
-einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in
-Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der
-Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste
-vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker,
-die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten,
-junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und
-Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes
-Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben:
-frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen
-Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau;
-ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel
-Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala
-der Farben.
-
-Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den
-Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten
-Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert
-ens, Madam, dat es jett Leckers!«
-
-Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar
-begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die
-Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von
-den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie
-sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte
-es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹
-kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff,
-paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!
-
-Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:
-
- »Eins, zwei, drei
- Wir sechsundsechziger Musketiere
- Schießen mit Blei!«
-
-Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus
-baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten
-unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza,
-Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über
-hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera
-fürchten?!
-
-Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die
-Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst
-einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu
-verzehren.
-
-Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh
-würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der
-Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer,
-da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht
-klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und
-ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt
-unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das!
-Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte
-man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die
-Viehställe geschlossen.
-
-Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das
-Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der
-König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und
-gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche
-Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen,
-die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut
-und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer
-wächst!
-
-Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine
-Kugel nicht; der war gepanzert.
-
-Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf
-und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch
-vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:
-
- ›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen
- auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die
- höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung
- fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen
- schwerlich entbehren kann.‹
-
-All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die
-widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon
-wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten
-wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine
-mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl,
-so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des
-Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte
-man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß
-jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden?
-Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die
-Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige
-Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue
-Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und
-Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein
-Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar
-Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte,
-wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.
-
-Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien,
-die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung
-von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich,
-der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der
-von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von
-Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die
-Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt
-mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe
-aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.
-
-Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die
-Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und
-seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen
-Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der
-rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier
-nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar
-im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte
-gar nichts damit zu thun! –
-
-Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im
-lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden
-Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen
-würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!
-
-Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die
-Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert –
-hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den
-Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter
-zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.
-
-Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?!
-Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen
-verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem
-schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern,
-vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und
-aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als
-sein Schatten.
-
-Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche
-Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten
-im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den
-Körben und Kiepen schleppen.
-
-Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen
-Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den
-engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
-
-Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände
-zusammen:
-
-»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu
-leben!«
-
-Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
-
-»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
-
-»Och Jott, och Jott!«
-
-Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch
-herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
-
-Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der
-die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei
-den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke
-geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah
-man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals,
-neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm,
-ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten
-Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam
-Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus
-in der Königsallee!
-
-Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
-
-›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal
-unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht
-de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et
-Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur
-eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen.
-Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
-
-Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein
-guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert,
-und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten
-der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg
-immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst
-nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und
-Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr
-ab. –
-
-Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den
-Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte
-sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein
-›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und
-nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
-
-»Och Jott, och Jott!«
-
-Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr
-freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von
-hinten:
-
-»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche
-meh.«
-
-»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
-
-Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend.
-Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der
-morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich
-nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten
-Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte
-er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die
-Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der
-Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot
-im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei
-der Mutter gut schmecken!
-
-Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in
-der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹
-dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in
-der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem
-Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die
-Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen
-zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr
-seliges Ende.
-
-Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! –
-
-Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die
-Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre
-– man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der
-Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren
-dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten
-vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat
-überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen
-Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man
-solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der
-einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im
-Mai.
-
-Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das
-selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten.
-Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten
-Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in
-engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße
-dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von
-deren Mauern schon Putz abfiel.
-
-In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere,
-behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch
-dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer
-zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die
-Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben
-Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben
-Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem
-Bürgersteig.
-
-Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas,
-von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt
-noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die
-Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen,
-die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr
-verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren
-Zahl war gewachsen.
-
-Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee
-breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt
-sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und
-des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den
-Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in
-dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum
-Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der
-Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein
-Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –
-
-›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke
-gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege
-wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken
-können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die
-Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des
-Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke
-Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war
-mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht
-gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.
-
-Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres
-hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi
-sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach
-Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung
-war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer
-beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf
-dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.
-
-Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler
-Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie
-hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder
-Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich:
-›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹
-
-Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht
-in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater
-tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch
-fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht
-besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige
-Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie
-all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der
-rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen
-delektiert?!
-
-Und sie blickte zurück in ihre Ehe.
-
-Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der
-Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort,
-zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste
-in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag
-Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.
-
-Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das
-Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden
-Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel
-Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.
-
-Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit
-Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der
-Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn
-sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit
-der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst
-ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte,
-Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land
-hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes
-um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit
-den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden
-Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden
-Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!
-
-Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das
-Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s
-als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher
-durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen
-Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel –
-betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche
-Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der
-Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und
-der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes.
-Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in
-der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem
-Vater gegangen waren.
-
-So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast
-freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich
-stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie
-nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.
-
-Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er
-damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen
-krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon
-mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten
-Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern
-der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in
-Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last
-vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam
-Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse
-waren, aber etwas Fremdes war da.
-
-Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade
-der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? –
-und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien
-zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und
-Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife
-und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte
-und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.
-
-»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,«
-sagte der Bruder.
-
-Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon
-Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen
-Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar
-hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt
-bestehen könne.
-
-Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts
-wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.
-
-»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen
-kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg
-kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann
-jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t
-Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder
-en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –
-
-Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend
-ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie
-zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten
-Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch
-aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne
-Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die
-Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge
-losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen
-und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.
-
-Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der
-kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber
-noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war
-Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben
-streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.
-
-Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher
-am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich
-das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹
-beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen,
-hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr
-verlassen.
-
-Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung.
-Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben
-innehatten, brannte noch Licht.
-
-Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den
-Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.
-
-Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch
-fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure
-Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften
-verschmierte!
-
-Sie sah ihm über die Schulter.
-
-Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau
-so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch
-nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.
-
-Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den
-Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine
-Malerei.
-
-»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’,
-schimpf nit!«
-
-Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m
-Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und
-hielt sie fest.
-
-Bittend sah er ihr in’s Gesicht.
-
-»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann
-doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so
-viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine
-Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr
-vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß,
-un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau
-derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch
-noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige
-Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«
-
-»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die
-Schul’ rein nix mehr.«
-
-»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf.
-»Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich
-ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«
-
-»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich
-janz früh, dann lernste noch.«
-
-»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten,
-Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«
-
-»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.
-
-Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von
-ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja
-keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch
-würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was
-Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender
-Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater
-verloren!
-
-Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie
-wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte
-wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die
-Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.
-
-
-
-
-XX
-
-
-Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die
-Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber,
-die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen
-Kasernenwände bleich.
-
-Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie
-trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war
-es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese
-elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch
-die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der
-Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg
-plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung.
-
-Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen
-Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem
-festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn
-auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den ersten
-Tag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee
-wär’ ihm auch zu weit.
-
-Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen
-schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit
-regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den
-Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg
-nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater!
-
-Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine
-kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit
-seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die
-sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in
-Düsseldorf gewesen.
-
-Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der
-Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin?
-Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der
-Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der
-hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein
-Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten
-Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte
-sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit
-Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht!
-
-Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing
-sich an seinen Arm. –
-
-Vor der Thür, unter dem Schild:
-
- _#Josefine Conradi geb. Rinke#_,
-
- _Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten
- Militär-Bedarfsartikel_
-
-stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz
-betroffen drein.
-
-»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.«
-
-Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel
-darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der
-Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim
-Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen.
-
-»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig.
-
-Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich
-jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei
-Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und –
-
-»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem
-Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine
-Krücken stützen.
-
-Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte
-sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere
-Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich.
-
-Frau Trina schluchzte noch immer:
-
-»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die
-Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan.
-
-Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin.
-
-»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete
-er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das
-Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks
-zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne
-richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das
-is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von
-Bronze – ihr könnt mir gratulieren!«
-
-Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr
-Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine
-sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm
-die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter:
-
-»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf
-trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!«
-
-Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon
-waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße
-erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich
-war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn
-flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur
-erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnen schon blutgefärbte
-Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem
-Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte
-ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen
-zum besten geben.
-
-»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du
-sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.«
-
-Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben.
-
-»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och,
-wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur
-kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr
-Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen
-nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’,
-bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit
-ordentlich befeiert haben!«
-
-Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein
-Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr
-anständiger Mann!
-
-Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein
-guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber
-seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater
-denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen.
-
-»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen
-Ton und blickte hinüber zur Kaserne.
-
-»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,« sagte Ferdinand und
-schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn
-schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?«
-
-Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte
-das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt:
-
-»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s,
-wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die
-Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die
-verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra!
-– steil ging’s den Berg herauf, und –«
-
-Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer
-in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an.
-Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden.
-
-»Was jefällig?« fragte Josefine.
-
-Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit
-Ferdinand in ein Gespräch vertieft.
-
-»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei
-Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf.
-
-»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei
-Hammelburg!«
-
-Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit
-von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden
-Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden.
-
-Der Invalide strahlte.
-
-»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am
-10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke
-hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die
-verfluchten Bayern –«
-
-Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig
-hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie
-anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den
-Verlust seines Beines weghalf.
-
-Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß
-er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie
-ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen
-und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren.
-
-Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur
-zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr
-mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre
-Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an.
-
-Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So
-viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt,
-wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal
-getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als
-ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle
-waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben.
-Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in
-einem fort. Mit Mühe überzeugte Josefine ihn, daß es dringend nötig
-für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung,
-ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen
-hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s
-Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß
-er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach.
-Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch
-sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon.
-
-Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte.
-Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen
-und könne nicht allein damit zu stande kommen.
-
-Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen
-wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß
-er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen
-überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel
-anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber
-er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und
-beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch
-eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte.
-
-Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, –
-im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich
-zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich
-vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein
-schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich – aber ach, nur ein Bein!
-Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert.
-
-»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich
-dann?«
-
-»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen
-zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten
-zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im
-Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast
-gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte.
-
- »Immer langsam voran, immer langsam voran,
- Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«
-
-begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme
-angefüllt.
-
-Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens
-längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es
-kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen
-wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen,
-hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen.
-
-Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der
-Zapfenstreich ertönte.
-
- ›Zu Bett, zu Bett,
- Wer en Liebsten hätt’,
- Wer keinen hätt’,
- Muß auch zu Bett.
- Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹
-
-Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete
-nachgeschmettert!
-
- ›Wer keinen hätt’,
- Muß auch zu Bett –‹
-
-Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da
-stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war
-noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das
-warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den
-Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch. Hellbeleuchtet
-schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das
-Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig
-nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues
-Fädchen an den Schläfen.
-
-Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht. Sie
-hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen,
-nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber
-nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein
-andres Gewand hervorzusuchen.
-
-Er würde es ihr nicht verdenken!
-
-Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten
-Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den
-letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr
-noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s
-einmal anprobierte?
-
-Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid
-hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches,
-hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand
-herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie
-warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was
-würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter
-hatte schon oft gequält:
-
-›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹
-
-Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und
-vergessen würde sie =ihn= darum doch nicht!
-
-Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch
-allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde
-sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav
-wurden, wie ihr Vater gewesen!
-
-Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände.
-Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten
-gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all
-ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen,
-Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes
-daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen
-Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff:
-das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie
-ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte
-nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage,
-da der’s ihr gegeben.
-
-Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen,
-und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt –
-Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.
-
- ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
- Daß ich so traurig bin,
- Ein Märchen aus alten Zeiten –‹
-
-Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst
-ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben.
-
-Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹
-
-Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im
-Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.
-
-Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach
-diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!
-
- ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe
- Und der Tod mein Auge bricht,
- So pflanz’ du auf meinem Grabe
- Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹
-
-las sie.
-
-Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie
-freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen
-in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die
-schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.
-
-›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die
-erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben,
-sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!
-
-Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment,
-um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre
-Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß
-fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an
-ihrer Hand.
-
-Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre
-aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und
-sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für
-sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch
-manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er
-war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch
-die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge,
-die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie
-auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.
-
-Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen
-sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still.
-Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches
-Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen
-auf.
-
-Die Witwe träumte. –
-
-Plötzlich schreckte sie auf.
-
-»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So
-spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm
-doch nichts passiert sein?!
-
-Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine
-Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt,
-voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der
-Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer
-festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum
-erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich
-gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen,
-der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so
-garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie
-nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche
-Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder
-gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß.
-Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal
-die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht
-geflogen: ›Ich weiß et nit.‹
-
-Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit.
-Und die Tochter begriff das wohl. –
-
-Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut
-am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und
-hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück.
-Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht
-aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach
-Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen
-doch keinen Krieg angefangen!
-
-Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem
-Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und
-fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:
-
- ›Über alles die Ehre!‹
-
-Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich
-nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen
-zufielen.
-
-Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes
-Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!
-
-Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s
-drei.
-
-»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«
-
-Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich
-hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond,
-nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.
-
-»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!
-
-Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst
-aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.
-
-Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der
-aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen,
-aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.
-
-»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch
-en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des
-Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer
-wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«
-
-Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe
-heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag,
-schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der
-Schwester blaues Kleid an.
-
-»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau –
-der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat
-andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit
-dir – hurra!«
-
-
-
-
-XXI
-
-
-Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein
-und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben
-zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über
-schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der
-Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.
-
-Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39.
-Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die
-lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende
-Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu
-machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern
-sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die
-Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke,
-Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!
-
-Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was
-dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der
-Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach,
-du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that
-ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer:
-›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die
-grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.
-
-Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar
-gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den
-besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.
-
-Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen
-und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um
-ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich
-poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute
-an ihm hatte nachgelassen.
-
-»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut
-zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn
-das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold
-geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«
-
-In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.
-
-Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in
-Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann;
-sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte
-sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen
-hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.
-
-Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg
-waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun
-stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und
-klammerte sich an den Tischrand.
-
-»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der
-Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu
-bedanken; er war wie geschlagen.
-
-»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter
-zu.
-
-»Ich kann nich!«
-
-»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater.
-»Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«
-
-Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit
-einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er
-konnte ja doch nicht gehen.
-
-Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas
-in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:
-
-»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«
-
-Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen
-ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:
-
-»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur
-Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en
-jolden Uhr von mir!«
-
-Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender
-Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen;
-für heute hatte er erst mal genug davon.
-
-Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem
-Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was:
-den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte
-sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube.
-Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war
-sicher wieder schlecht!
-
-Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn,
-da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen
-gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört
-an.
-
-»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«
-
-»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.
-
-»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein
-kriegt.«
-
-»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh,
-wie scheußlich, wie jreulich!«
-
-Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft
-erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.
-
-»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.
-
-Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er:
-»So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in
-de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich,
-wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all
-dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«
-
-Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn,
-die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die
-Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«
-
-Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm
-werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder
-Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß
-der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam
-da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler,
-Mutter, Maler!‹
-
-Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf
-gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel?
-Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur
-Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er
-Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere
-Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen
-über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und
-die roten Abendwolken!
-
-Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen
-am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über
-die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an
-dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht
-nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel
-davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger
-und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller
-Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die
-Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit
-ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und
-elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der
-im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet,
-gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der
-Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!
-
-Ihr Herz bangte um ihn. – – –
-
-Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen
-herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte
-nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer
-Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen
-Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die
-Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen
-Unternehmungen beseelte.
-
-Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich
-selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr
-und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte!
-Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor
-sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei
-Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er
-dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk
-oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen,
-wäre auch keine Schande.
-
-»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete
-seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank!
-Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in
-zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen,
-dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen,
-die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie
-Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber!
-Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs
-Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch
-sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch
-französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66,
-auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei
-Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech,
-und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ –
-wetten?!«
-
-Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als
-Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.
-
-»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme
-Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«
-
-»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es
-wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann
-würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen.
-Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte,
-antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was
-es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!
-
-»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube
-zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.
-
-»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch.
-»Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir,
-der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen
-nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß
-der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im
-Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische
-Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf
-einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte
-nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft
-durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte
-er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«
-
-Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich
-immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten
-zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an
-ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm
-sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu
-reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und
-Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er
-sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über
-den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn
-reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:
-
-»De Peter will Maler werden.«
-
-Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:
-
-»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«
-
-»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in
-der Kopf jesetzt.«
-
-Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an:
-
-»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste
-dann jeck?«
-
-Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der
-Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie,
-wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte.
-
-»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig
-gereizt. »Er hat Talent.«
-
-»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat
-sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en
-Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt
-unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren
-knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en
-Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich
-jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de
-Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden,
-Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.«
-
-»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch
-Künstler werden.«
-
-»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der
-ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is
-ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en
-Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu
-bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die
-Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de
-Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an,
-weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo
-mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt,
-de hungren muß, so lang er lebt?«
-
-Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?!
-
-Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die
-Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein
-Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’
-ich gefunden – verflixter Rabau!«
-
-Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich
-auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein
-paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine
-Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte
-der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent!
-
-Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber
-doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und
-Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem
-Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu
-einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks
-verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl
-eben eine Heldenthat. Darunter stand:
-
- ›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn,
- Denn wisse, jede Sünde rächt sich,
- Verlor sogar ja Kron’ und Thron
- So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹
-
-Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß
-sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?!
-
-Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der
-Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! –
-aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht
-und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem
-Zimmer.
-
-Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft.
-»Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?«
-
-Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen
-in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem
-plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand:
-
-»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!«
-
-Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen
-nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie
-seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.
-
-Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die
-frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im
-Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und
-Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf
-umrissen.
-
-Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe
-heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war
-der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise
-wieder hinabschleichen wollte.
-
-»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn
-hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun
-sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde
-er, je nach dem, was der Onkel sagte.
-
-Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm
-ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs:
-»So sag’ doch ens wat!«
-
-Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die
-lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.
-
-Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah
-bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas
-ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester
-zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm,
-bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm
-jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’
-und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!«
-Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht
-find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«
-
-Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber
-ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht
-ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden
-Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen
-beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem
-Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem
-selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf
-seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz
-weg. Der arme Jung’!
-
-Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen,
-ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der
-Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß
-er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf!
-Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er?
-Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein
-spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.
-
-Horch, jetzt murmelte er!
-
-»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die
-Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei:
-»Mutter!«
-
-Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein
-Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach.
-
-»Mutter, bist du ’t?«
-
-»Hm!«
-
-»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich
-hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter,
-Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine
-Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte
-sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?«
-
-Sein Ton schnürte ihr das Herz zusammen. Seine unruhigen Hände in die
-ihren fassend, setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand. Durch die
-Dunkelheit glitt ihre Stimme, weich wie Sammet. Sie wiederholte ihm,
-was der Onkel gesagt, sie setzte ihm alles auseinander, sie redete
-ihm zu – es half nichts, er blieb dabei: ›Maler!‹ Ja, jetzt konnte er
-reden. Warum hatte er denn all das dem Onkel nicht gesagt?!
-
-»Du dumme Jung’, hättste doch wat riskiert!« Sie hatte eigentlich über
-sein Fortlaufen tüchtig mit ihm schelten wollen, aber jetzt wurde nur
-ein liebevoller Vorwurf daraus. »Warum haste dann nix jesagt?«
-
-»Ne!« Er zog sich ordentlich in sich zusammen. »Och, de! De versteht da
-ja doch nix von. De denkt nur an Jeldverdienen. Mutter, Mutter, un ich
-möcht’ dich doch malen in deinem blauen Kleid, mit deinem blonden Haar,
-auf en Altarbild, so wie du bist, un wie du mich anlachst! Verhungeren
-werd’ ich schon nit, wenn ich Maler werd’, davor bist du ja da, jelt,
-Mutter, jelt?« Er warf sich in ihre Arme und küßte sie stürmisch.
-
-Josefine fühlte ihr Herz aufwallen. Ihr lieber Junge! Unwillkürlich
-schloß sie die Arme fester um ihn. Worte der Zärtlichkeit drängten
-sich ihr auf die Lippen – aber da, halt, ein rauher Ton unterbrach das
-Geflüster.
-
-›Herrraus!‹ schallte es von der Wache herüber. Wer auch im weichsten
-Bett lag, mußte es hören; knapp und klar, scharf und energisch drang
-das militärische Kommando durch die Nacht.
-
-›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit
-starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und
-Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und
-die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm
-der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten,
-parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s
-parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die
-wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹
-
-Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn
-so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu
-streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte
-sich gerade.
-
-»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach
-und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf
-den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is
-ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so
-bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de
-Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem
-Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –«
-
-»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich:
-›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen
-und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend,
-faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter,
-du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum
-Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!«
-
-»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen
-Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden,
-jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so
-lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!«
-Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel
-Friederich un –«
-
-»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm
-berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich
-nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann
-durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch
-meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann
-nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte.
-
-Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft.
-Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die
-kräftigen Kinderarme sie fest.
-
-»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu
-ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So –
-du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat
-denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett
-auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm
-über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere.
-»Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf
-wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so –
-jelt?«
-
-Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf.
-
-»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!«
-
-Er duckte sofort nieder. »Jut’ Nacht, Mutter!«
-
-Und als sie noch einen Augenblick stand, hörte sie schon seine ruhigen,
-gleichmäßigen Atemzüge.
-
-Ihr Großer weinte noch immer dumpf in sein Kissen, aber sie ging nicht
-mehr hin zu ihm.
-
-Das ›Herrraus!‹ der Wache dröhnte ihr noch immer in den Ohren.
-
-
-
-
-XXII
-
-
-Der Halbfastenmarkt auf dem Karlsplatz war im Gang. Eigentlich hätte
-es schon Frühling werden müssen, aber die Zelttücher der Buden wehten
-noch wild im Sturm. Der Madame Lefèbre, die wie alljährlich ihren Stand
-aufgeschlagen, war die Bedachung über’m Kopf weggeflogen, und der kalte
-Regen goß auf ihre berühmten Lebkuchen. Am Hammerdeich, auf dessen
-Rasenhang sich sonst längst die ersten Veilchen sonnten, stand das
-Rheinwasser hoch, und im Hofgarten duckten sich Bäume und Büsche noch
-scheu vor’m rasenden Märzwind.
-
-In der Kaserne feierten die neununddreißiger Füsiliere mit Kling und
-Klang den siebzigsten Geburtstag König Wilhelms. Rinkes Fina, wie die
-Bewohner der Kasernenstraße die Witwe Conradi noch immer nannten, hatte
-unzählige weiße Wildlederhandschuhe dafür zu waschen gehabt. Bruder
-Friedrich hatte sie auf diesen Nebenerwerb gebracht. Jede Parade, jede
-Besichtigung gaben ihr nun zu thun; selbst die Herren Offiziere wandten
-ihr ihre Kundschaft zu.
-
-Der Zahlmeister, eine wichtige, stattliche Persönlichkeit und Witwer,
-hatte die hübsche Frau unter seine ganz besondere Protektion genommen.
-Er brachte seine Handschuhe immer selber, und dann zögerte er länger im
-Lädchen, als nötig gewesen wäre. Er war sehr entgegenkommend. Josefine
-ging schon mit dem Gedanken um, ob sie ihn einmal bitten sollte, ihr
-den Eintritt in die Kaserne zu ermöglichen. Bis jetzt hatte sie nur
-immer durch’s Thor einen Blick erhascht auf die Ahornbäume. Die waren
-noch da, nur größer geworden. Aber daß die Feldwebelwohnung in Hof I
-nicht mehr als solche diente, das hatten ihr der Gefreite Hucklenbruch
-von der vierten Kompagnie und der Unteroffizier Schmidt erzählt.
-
-Sie begriff gar nicht, was die immer über die alte Kaserne zu
-schimpfen hatten! Die Stuben wären zu klein und zu niedrig, die Thüren
-Nasenquetschen, in den Blocks seien keine Gänge, die Räume zu ebener
-Erde feucht! Ach, und ihr war doch alles so groß und weit und schön in
-der Erinnerung! Daß Düsseldorf freilich eine ganz nette Garnison wäre,
-das mußten Schmidt und Hucklenbruch zugeben.
-
-Ja, es war besser geworden zwischen Militär und Bürgerschaft.
-Königs Geburtstag feierte die Stadt freundschaftlichst mit. Der
-Kartätschenprinz war ja nun König, ein alter schon und ein siegreicher
-dazu! Alle Ohren hatten sich gespitzt beim Klang der großen Reveille,
-der Paradeplatz war von Tausenden umdrängt, die Schulen hatten frei;
-man sah Offiziere in höchster Gala mit Helmbüschen und befrackte Herren
-in Cylinder und weißer Binde zum gemeinschaftlichen Festessen in der
-Tonhalle gehen.
-
-Aus den Mannschaftsküchen wehten Schweinsbratendüfte Josefine in die
-Nase, als sie aus ihrem Fenster zur Kaserne hinüberblinzelte. Ach, sie
-erinnerte sich solcher Festtagsgerüche gar wohl!
-
-Als gestern abend der große Zapfenstreich durch die Straßen
-quinkelierte und Bürger in Scharen gefolgt waren, da hatte auch sie
-ihre Jungen untergefaßt, und war mitgezogen im gleichen Schritt und
-Tritt.
-
-»Mutter, kannst du aber marschieren!« sagten die Kinder und lachten.
-Ja, das konnte sie auch noch – eins, zwei – eins, zwei – hatte sie es
-denn nicht gelernt?
-
-»Mutter, du hälst ja Tritt wie einer – äh, – bei Seiner Majestät Jarde
-– äh!« neckte der Peter und äffte den Berliner Gardeton nach.
-
-Es verdroß sie fast ein wenig, daß der Junge so spottete. Vertraulich
-nickte sie zur alten Kaserne hinüber, deren Umrisse eben wieder im
-ungewissen Schein der im Wind flackernden Laternen auftauchten.
-
-Zu Hause beim Ferdinand, der unterdes das Lädchen bewacht – dazu ließ
-er sich wenigstens herbei – hatte sie dann den Gefreiten Hucklenbruch
-gefunden.
-
-»Och, Herr Hucklenbruch, wat sind Sie verdrießlich!«
-
-Sie that verwundert darüber, aber eine Röte stieg ihr verräterisch
-in’s Gesicht. Wußte sie doch ganz genau, der junge Mensch kränkte
-sich, daß sie ihm schon neulich rundweg abgeschlagen, morgen mit bei
-dem Königs-Geburtstagsball zu sein. Nicht, daß sie nicht noch einmal
-in ihrem Leben gern getanzt hätte – o, sie wollte den Walzer wohl
-schleifen und den Rheinländer schon wiegen! Als er ihr die Einladung
-so dringend gemacht, da war ihr wohl für ein paar Augenblicke die
-Lust angekommen, aber nein, der junge Mensch, was würde sich der dann
-einbilden?!
-
-Er sah sie so wie so immer so glühend wie möglich an mit seinen
-wasserhellen Augen und drehte dabei verlegen an seinem schüchternen,
-flachsblonden Schnurrbärtchen.
-
-Nun wollte er noch einmal sein Heil versuchen. Nicht umsonst war er an
-der Porta Westfalica zu Hause – die von der roten Erde haben alle eine
-gewisse stille Zähigkeit.
-
-»Sie wollen also sicher und chewiß nich, Madam Conradi, und es wird
-so schön.« Er sah sie an, als hinge seine ganze Seligkeit von ihrer
-Antwort ab.
-
-»No, so geh doch als, Finken,« sagte der Invalide; der junge Westfale
-mußte ihn wohl gespickt haben, denn er redete sehr eifrig zu. »Wenn mer
-so lang Trübsal geblasen hat, wie du, kann mer sich wahrhaftig emal en
-klein Pläsier gönnen.«
-
-»Ich hab’ nit Trübsal jeblasen,« entgegnete sie rasch und zeigte mit
-einem vollen Lachen ihre weißen Zähne.
-
-»No, ich mein’ – no, du bis ja doch nu als zwei Jahr Witwe!«
-
-»Och so, du meinst wejen dem Conradi?! Ne!« Sie schüttelte den Kopf,
-ihr Lachen wurde zu einem wehmütigen Lächeln. »Ne, wejen dem könnt’ ich
-ruhig auf der Ball jehn, de würd’ sich nur drüber freuen.«
-
-»Och, dann kommen Sie doch hin,« bat der junge Westfale, und sein
-helles Gesicht, mit dem Sattel von Sommersprossen über der Nase,
-strahlte. »Chewiß und wahrhaftig, Sie riskieren nix!« Er hob ernsthaft
-die Hände. »Bei mir sind Sie wie in Abrahams S-chößchen. Chehn Sie doch
-mit, chehn Sie doch mit! Es wird chanz wunderschön!« Im Eifer that er,
-was er sich noch nie getraut hatte, und legte kühn den Arm um ihre
-Taille.
-
-Da machte sie sich lachend frei; dem nahm sie das nicht übel, der war
-ja noch so jung und – er hatte ihr oft von Haus erzählt – guter Leute
-Kind. Der war nicht frech. So lächelte sie ihn freundlich an, aber sie
-blieb bei ihrer Absage.
-
-»Danke sehr, Hucklenbruch, aber ne, dat wär’ ja wohl lächerlich, wann
-ich mit Ihnen wollt’ auf der Ball jehn. Ich hab’ ja so ene jroße Jung’!«
-
-Der junge Mensch wurde dunkelrot: das verletzte ihn doch gar zu sehr.
-Nicht zum erstenmal ließ sie es ihn fühlen, daß sie ihn nicht recht für
-voll erachtete, daß er ihr zu jung war. Nein, er wollte auch gar nicht
-mehr an sie denken, es gab hübsche Mädchen genug, die gern mit ihm auf
-den Ball gingen. Er pfiff auf ihre Freundlichkeit! Sie brauchte ihn
-auch gar nicht mehr zu fragen, was denn seine Mutter geschrieben, und
-ob es beim Exerzieren ›gut gegangen hatte.‹ Und doch fuhr es ihm wie
-ein Stich durch die Seele, als jetzt die Ladenschelle bimmelte und der
-Unteroffizier Schmidt schnellen Schrittes über die Schwelle trat.
-
-»’n Abend,« sagte Schmidt recht forsch und legte, die Hacken
-zusammenklappend, den Finger an die Mütze. »Wie steht das Befinden?
-Alles wohl? Freut mir unjemein!«
-
-Wie der den militärischen Gruß und das Schwadronieren weg hatte, der
-Kerl! Natürlich, ein Berliner! Die lagen ja schon neunmal klug in den
-Windeln! Der kleine Hucklenbruch warf einen bitterbösen Blick nach dem,
-für einen neununddreißiger Füsilier auffallend großen Menschen.
-
-Schmidt lehnte jetzt über den Ladentisch, den rechten Ellbogen
-aufgestützt, und redete auf Frau Fina ein. Was er sagte, konnte der
-Eifersüchtige nicht verstehen, wie sehr er auch die Ohren spitzte.
-Aber er sah, wie die blonde Frau mit gesenktem Blick zuhörte. Das
-Blut sauste ihm in den Ohren: ob sie am Ende mit dem hinging? Der sah
-natürlich älter aus, hatte dunkles Haar und ein entschlossenes Gesicht
-– ein freches Gesicht! Der war ihr nicht zu jung.
-
-Aber nun durchrieselte ihn ein freudiger Schreck, denn sie sagte:
-
-»Ne, danke, Herr Unteroffizier, wat Sie da auch all’ sagen, ich jeh’
-nit mit.«
-
-»Nanu, da brat’ mir doch eener ’n Storch!«
-
-Der Westfale triumphierte. Das war recht, das war recht, daß der
-Berliner einen Korb kriegte!
-
-»Un dann,« sagte Josefine und sah sich lächelnd nach Hucklenbruch um,
-»un dann hab’ ich et ja auch als dem da abjeschlagen!«
-
-»So, – na denn!« Ein rascher Blick des Unteroffiziers streifte den
-flachsblonden Gefreiten. Dieser empfand es deutlich: das war lauter
-Geringschätzung, mit der der unverschämte Berliner ihn maß. Er hätte
-sich auf ihn stürzen mögen, ihn mit den Bauernfäusten zerbläuen.
-
-Aber Schmidt drehte schon seine schlanke Figur mit einer gewandten
-Schwenkung zur Thür. »Na, denn nich schöne Frau! Adjö Sie!«
-
-Noch einen schnellen Blick tauschten die beiden Rivalen, dann klappte
-die Thür; man hörte Schmidts Pfeifen draußen auf dem Trottoir.
-
-Der freche Kerl! Was sollte das heißen, dieses verächtliche: ›Na, denn
-nich!‹?! Hucklenbruch grübelte; eigentlich hätte er dem Verhaßten
-nachgehen müssen, und ihn zur Rede stellen – ›na, denn nich! na, denn
-nich!‹ – aber es hielt ihn hier im Lädchen wie mit Banden. Er war sehr
-glücklich darüber, daß sie den Schmidt hatte ablaufen lassen; sein Herz
-puckerte, nun war er auf einmal gar nicht mehr so unglücklich, daß
-sie morgen nicht mitkam. Sie ging eben überhaupt nicht zu dem Ball;
-und wär’ sie gegangen, wäre er, er der Bevorzugte gewesen! Das machte
-ihn stolz. Er konnte die Thür nicht finden und merkte nicht Josefines
-verstohlenes Gähnen; er saß und saß.
-
-Es war ein seliger Abend. Wäre nur nicht noch kurz vor Zapfenstreich
-der Herr Zahlmeister erschienen. Der brachte ein Paar Handschuhe, die
-er schnellstens gewaschen wünschte.
-
-Achtung, der kam doch nicht bloß wegen der Handschuhe! Der Dicke mußte
-deftig viel getrunken haben; denn er kollerte wie ein Truthahn vor der
-Henne.
-
-Auch er fragte, ob Frau Conradi nicht dem Fest morgen in der Kaserne
-beiwohnen wolle, ›unter seiner speziellen Führung,‹ wie er galant
-versicherte.
-
-»In unsern Jahren liebt man zwar das Tanzen nicht mehr,« meinte er und
-beugte sich über den Ladentisch, »desto mehr aber die Gemütlichkeit.
-Leider Gottes hat man die ja im verwitweten Stande nicht immer –« er
-seufzte – »aber man sucht sie doch!«
-
-Hucklenbruch wurde es bang. Die Witwe hörte das alles so still an
-und sah nachdenklich drein. Sie würde doch am Ende nicht mit dem
-Zahlmeister auf den Ball gehen?! Ungestüm fuhr er von seinem Sitz auf,
-da sah ihn des Zahlmeisters rotes Gesicht von oben herab an. »Was
-machen Sie denn noch hier, Gefreiter? Es wird gleich blasen!«
-
-Hucklenbruch stand stramm und sagte: »Jawohl, Herr Zahlmeister!« Aber
-Wut kochte in ihm.
-
-Draußen erklang das verwünschte: ›Zu Bett, zu Bett!‹ Da schlich er
-zur Thür und schluckte an den Thränen, die ihm brennend in der Kehle
-quollen.
-
- * * * * *
-
-Wenn die Witwe Conradi gewollt hätte, den Zahlmeister hätte sie kriegen
-können; nur einmal hätte sie die fleischige Hand mit dem breiten
-Daumen fester zu drücken brauchen. Aber sie drückte nicht. Die Spatzen
-pfiffen’s von den Dächern der Kasernenstraße, in den Blocks wurde es
-bespöttelt: der dicke Zahlmeister stieg Rinkes Fina nach. Nicht bloß
-Hucklenbruch und Schmidt, nein, manch andrer noch, der in’s Lädchen
-kam, schnüffelte neugierig, wie weit wohl die Sache gediehen sei.
-
-Der kleine Hucklenbruch, der wacker von Hause geschickt bekam – sein
-Vater hatte einen schönen Hof unweit Bielefeld – machte sich an den
-Invaliden. Dieser war nie abgeneigt, sich nebenan in der Wirtschaft
-traktieren zu lassen; wenn er erst zwei, drei Gläser getrunken hatte,
-wurde er sehr gesprächig. Einige Schwierigkeiten machte es freilich
-immer, ihn von der Erzählung seiner Kriegsgeschichten abzubringen, aber
-Hucklenbruch hatte nun schon einige Geschicklichkeit, beim vierten Glas
-die Unterhaltung auf die Witwe hinüberzuspielen. Dann schimpfte der
-Invalide: ›Die Fina passe ihm gar zu sehr auf! Den Schlüssel kriege er
-nie; nie, daß er mal abends heimlich in’s Haus konnte! Auch daß sie den
-Zahlmeister nicht nehmen wolle – dummes Weibsbild! Was war über den
-zu lachen? Geld hatte der Mann – und dann die Stellung! Zahlmeister –
-Offiziersrang! Vielleicht ging’s einem auf die alten Tage dann noch
-mal ebenso gut, wie der Mutter, der reichen Frau Schnakenberg von der
-Königsallee!‹
-
-Seit Ferdinand gelernt hatte, mit dem Bein des Stiefvaters zu gehen,
-sang er dessen Lob. Ein spendabler Mann! Ein- für allemal, Sonn- und
-Feiertags, konnte er sich da mit zu Tisch setzen und lecker essen. Und
-nach dem Essen verteilten sie drei sich auf drei bequeme Kanapees, und
-abends steckte ihm der Schnakenberg alle Taschen voll Cigarren.
-
-Jedoch beim fünften Glase wurde der Invalide weich; dann beklagte er
-seine Schwester: ›So ein hübsches, kreuzbraves Weib! War’s nicht ein
-Jammer, daß die schon Witwe war und sich so plagen mußte?! Abends als
-letzte zu Bett, morgens als erste auf.‹
-
-»Bekucken Se sich mal dem Fina seine Fingeren, junger Mann, wie die
-verarbeit’t sind,« sagte er dann wohl und sah so gerührt aus, daß auch
-der blonde Westfale weichmütig wurde. »Un alles für den Jung’, den
-Faulenzer, den Peter, der nix thun möcht’, als dem lieben Gott den Tag
-abstehlen un der Mutter auf der Tasch’ liegen!«
-
-Insofern hatte das Humpelbein nicht ganz unrecht: Josefine hatte Sorgen
-um ihren Peter gehabt. Mit Händen und Füßen hatte der sich gesträubt,
-den Platz als Lehrling einzunehmen, den ihm Onkel Friedrich mit vieler
-Mühe in der Fabrik auf der Grafenberger Chaussee, wo man die schönen
-schmiedeeisernen Gitter machte, besorgt hatte. Der Junge war krank
-geworden. O, die Fabrik, die Fabrik! Er schlich umher und war blaß wie
-Wachs, richtig wie ein bleichsüchtiges Mädchen, sagte der Doktor, den
-die besorgte Mutter rief.
-
-So waren sie nun übereingekommen – ganz den Willen konnten und wollten
-sie dem Jungen nicht thun – ihn zu einem Anstreicher in die Lehre
-zu geben. Die Werkstatt des Malermeisters Cremer war einem Atelier
-doch zum Verwechseln ähnlich. Das Anstreichen war der Peter denn auch
-leidlich zufrieden. Vorderhand durfte er freilich nur erst ›Pliesterer‹
-sein und Hauswände und Hofmauern weißen, aber bald sollte er zur
-Ölfarbe avancieren.–
-
-Der Sommer stand auf der Höhe, die riesige Fronleichnamsprozession war
-längst vorbei, auch die Jubelfeier des Martyriums der Apostelfürsten
-Petrus und Paulus; die Neununddreißiger hatten ihr Erinnerungsfest
-an die Schlacht bei Hammelburg begangen – da drückte sich schon der
-junge Peter einen Kalabreser auf den Lockenkopf, wie ein echter
-Kunstbeflissener.
-
-Von dem Thaler, den ihm Onkel Friedrich einst gutgelaunt in die Hand
-gesteckt, hatte er sich sofort in der permanenten Ausstellung bei
-Schulte abonniert; sehen wenigstens wollte er Bilder. Aber er malte
-auch endlich selber eins – seine Mutter.
-
-Mit einer seltsamen Bewegung saß Josefine dem Sohn an den
-Sonntagsstunden, an denen das Lädchen geschlossen war. Heimlich that
-sie’s, wie eine Sünde; sie schämte sich vor den Nachbarn, vor den
-Brüdern, vor der Mutter. Die würden sagen, sie sei närrisch mit dem
-Jungen.
-
-Draußen brütete die Hochsommersonne auf dem Pflaster, oben in der
-versteckten Bodenkammer war der Nachmittag auch nicht kühl. Eine hohe
-Röte lag auf Josefines Wangen und verlieh ihren Augen gesteigerten
-Glanz. Sie saß auf einer alten Kiste und lächelte voll geheimen
-Entzückens den Sohn an, der ernsthaft und eifrig den Pinsel über die
-Leinwand führte. Eine stolze Freude überkam sie: das sollte sie sein,
-sie? Wahrhaftigens Gott, der Jung’ konnte malen!
-
-Aber ein geheimes Grauen überlief sie, und sie wollte es ihm ausreden,
-daß dies ein Muttergottesbild werden sollte. Wie konnte das =ihre=
-Züge tragen?! Sie hatte ja nicht Krone, noch Mantel, noch ein
-sternbesticktes Gewand; auch Lilien ließ er nicht neben ihr sprießen.
-
-»Dat thut auch nit nötig,« sagte er. »Ich denk’ mir dich hier als die
-Maria, wie sie noch jlücklich war. Aber kuck ens – hier dat Fältchen
-zwischen den Augenbrauen – siehste, dat deut’t schon drauf hin, dat se
-Leid kriegt. – Mutter, du brauchst doch nit als jetzt bang zu werden!«
-
-Unwillkürlich hatte sich ihr Gesicht verfinstert; sie sah ihn an mit
-einem unruhigen Blick. Er lachte hell auf, und da lachte auch sie
-wieder.
-
-Sie malten weiter. Ferdinand war mit dem Jüngsten nach Stockkämpchen
-marschiert – mit dem Fritz konnte man den Invaliden ruhig ziehen
-lassen, der paßte schon auf, daß der Onkel nicht des Guten zuviel that
-– niemand störte die Sitzung. Stunden vergingen, sie merkten es nicht;
-er nicht in seinem Eifer, sie nicht in ihrem Glück.
-
-Sie sprachen nicht. Josefine hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu
-rühren. Unverwandt hing ihr Blick an Peter: wie seine Augen leuchteten!
-Und auf der hellen Stirn, unter den dichten Haarringeln, perlte
-ihm der Schweiß vor. Und wenn er dann und wann zurücktrat, um mit
-prüfendem Blick sein Werk zu betrachten, strahlte sein ganzes Gesicht.
-Tausend Sonnenfünkchen spielten auf seinem weißen Malerkittel; über
-die verstaubten Dachsparren tanzten goldene Lichter. Auf den grauen
-Wänden, auf all dem alten Gerümpel eine Flut von warmem, lebensvollem
-Sommerglanz.
-
-Als endlich die Dämmerung kam, schlichen sie leise herab von ihrer
-Bodenkammer. Noch waren sie allein. Sie gingen über das enge Höfchen
-in das kleine Gärtchen. Beide atmeten tief. Und sie schritten um die
-kleine Bleiche in der Mitte des Gärtchens, auf die schon der Tau
-fiel, immer rund herum und Hand in Hand, bis daß es ganz dunkel war
-und nur am verwitterten Plankenzaun der alte Rosenstrauch mit seinen
-mattduftenden, hängenden Blüten noch gespenstisch schimmerte.
-
-
-
-
-XXIII
-
-
-Herr und Frau Schnakenberg waren in Paris gewesen. Sie hatten sich
-alles mögliche von dort mitgebracht; es war eine förmliche Ausstellung
-in ihrem Haus auf der Königsallee.
-
-Gleich der Läufer im Flur kam von der Weltausstellung. »Persianisch,«
-sagte Herr Schnakenberg. Und der Teppich im Salon war aus ›Ka–iro‹. Und
-in jeder Ecke stand ein Spucknapf, der war aus Kokusnußschalen von der
-Südsee; das war doch was andres, als die gewöhnlichen ›Quispeldörchen‹!
-
-Den Garten zierten allerlei Gnömchen und Hasen und Rehe aus Porzellan.
-Der Transport hatte freilich mächtig gekostet, Herr Schnakenberg
-verriet nicht wieviel.
-
-Frau Trina hatte mehrere seidene Kleider eingekauft: schwarze Seide aus
-Lyon, rohe Seide aus China, von leibhaftigen Würmern gesponnen. Auch
-Stickereien aus der Schweiz und Valencienner Spitzen, schöne Sofakissen
-und eingelegte Perlmuttertischchen und Vasen mit unverwelklichen
-Blumen. Ihr Hendrich hatte ihr zum Andenken an die Reise ein Armband
-aus Marokko um’s Handgelenk gelegt und eine Brosche mit römischer Kamee
-an den Busen gesteckt.
-
-Das Reizendste aber war die Nuß mit einem winzigen Schachspiel darin,
-die sie dem Ferdinand mitgebracht hatten, und der kleine Regenschirm
-aus Elfenbein für Josefine. Wenn man durch ein Löchelchen oben an
-dessen Griff guckte, sah man die ganze Pariser Weltausstellung und die
-Porträts von Napoleon und Eugenie und Lulu. Jeder der Angehörigen, auch
-Peter und der Kleine, bekamen ein Stück Veilchenseife aus Parma und ein
-Flacon Rosenöl aus den Gärten von Schiras.
-
-Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in
-den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch
-von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse
-aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den
-Hammer Kappes.
-
-Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich
-nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s
-Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg
-hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn
-der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die
-Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen
-Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch
-mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie
-die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen
-Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte,
-wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in
-malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen
-Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten
-Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke.
-
-Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt!
-
-Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es
-gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen
-zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren
-losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht.
-Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert.
-
-»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der
-Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser
-waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele
-junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt?
-Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt
-zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja
-gar keine Kunst!
-
-Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um
-war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der
-Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es
-einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger,
-kein lumpiger Anstreicher!
-
-Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er
-roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des
-Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen,
-wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über,
-aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹
-sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹
-
-Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen
-Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in
-den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik
-steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und
-sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen
-der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König,
-den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf:
-warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was
-zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden
-die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig
-sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.!
-Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit
-erinnerten. – –
-
-Am 20. August wurde König Wilhelm, auf der Reise zum Kölner Florafest,
-in Düsseldorf erwartet.
-
-Ein patriotischer Lokalpoet begrüßte ihn:
-
- ›O König, Führer du der Künste und Gewalten,
- Mag Gott in Frieden dich noch lange uns erhalten!‹
-
-Die gesamte Bürgerschaft jubelte Willkommen.
-
-Als der Zug mit dem königlichen Gast in den Bahnhof einlief, flammte
-vom Turm der evangelischen Kirche ein riesiges, feuriges W; die
-Kaserne, das Präsidialgebäude, der Jägerhof, das Rathaus strahlten.
-Überall Illumination. Besonders das Hotel ›Zum Prinzen von Preußen‹
-that sich hervor; das einst verbannte Schild thronte zwar längst wieder
-oben, heut aber war es wie ein Transparent durchglüht und zeigte in
-stolzem Freudenschein den prinzlichen Namen. Pechpfannen loderten, ein
-mächtiger Feueradler reckte seine Krallen.
-
-Ein endloser Fackelzug – vierhundert Sebastian-Schützen voran – bildete
-Spalier. In der Königsallee quetschte sich die Volksmenge, einen Blick
-auf den Gefeierten zu erhaschen; die Hand mußte ihm ganz lahm werden
-vom vielen Grüßen. Kinder hingen auf Bäumen und Laternenpfählen; und
-auch Josefine stand auf einem Prellstein an der Benrather Brücke.
-
-Eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, gucken zu gehen. Nur
-auf dem Weg zu ihrer Mutter war sie in den Trubel geraten. Sie wunderte
-sich, daß die Bürger so laut jubelten, – hatten sie, vor nicht zu
-langer Zeit, nicht noch ebenso laut geschimpft?! Ganz verdutzt stand
-sie auf ihrem Prellstein; auch wenn sie gewollt, sie hätte nicht wieder
-herunter und weiter gekonnt, um sie breitete sich ein Meer von Köpfen,
-von winkenden Armen, von wehenden Taschentüchern.
-
-Ein aufgeregtes Flüstern, ein Raunen und Tuscheln ging durch die Menge:
-
-»Kömmt he?«
-
-»Wo, wo, wo?«
-
-»He küt, he küt!«
-
-»Hurrah!«
-
-»Hoch, hoch, hoch!«
-
-Immer mehr schwoll der Ruf an:
-
-»Es lebe König Wilhelm! König Wilhelm! König Wilhelm!«
-
-Und nun klang majestätisch:
-
- ›Heil dir im Siegerkranz!‹
-
-Die Musik spielte es, brausend fiel die Menge ein, das Volk warf sich
-fast vor die Räder.
-
- ›Herrscher des Vaterlands –
- Heil König dir!‹
-
-Der Wagen mußte halten.
-
-Schlicht, im dunklen Soldatenmantel, blitzend nur die Helmspitze – der
-Jäger auf dem Bock war feiner wie er – saß der König da.
-
-Also das war er?!
-
-In erwachter Neugier reckte sich Josefine. Der hübsche, alte Herr
-mit den weißen Bartkoteletten – hm – also das war der Herrscher des
-Vaterlands?!
-
-Er lächelte über’s ganze Gesicht, er grüßte unablässig.
-
- ›Fühl in des Thrones Glanz
- Die hohe Wonne ganz –‹
-
-O, wie er lächelte! So gut, so von Herzen! Josefine wurde es warm. Das
-war kein Herrscher, das war der Mann, auf den ihr Vater gehofft! Es gab
-ihr inwendig einen starken Ruck.
-
- ›Liebling des Volks zu sein!‹
-
-brauste der Chor.
-
-»Heil König dir!« Sie hatte ihre Stimme mit erhoben, ohne es zu wissen.
-Hell übertönte ihr starker Ruf den Gesang umher. Hoch hatte sie sich
-auf dem Prellstein aufgerichtet in ihrer ganzen Stattlichkeit, ihr Tuch
-sich vom Hals gerissen und schwenkte es nun heftig:
-
-»Heil König dir!«
-
-Nun sah er sie – sie ganz besonders! Ja, sie fühlte seinen Blick. Und
-dann lächelte er gütig und nickte. Ach, er nickte, er winkte! Ihr,
-hatte er ihr nicht ganz besonders zugenickt?!
-
-Ihre Arme streckten sich aus, ihr Herz schlug ihm entgegen, hingerissen
-von so viel Freundlichkeit.
-
-Sie stand noch verträumt, mit heißgeröteten Wangen, als eine bekannte
-Stimme sie aufschreckte.
-
-»No, Finken, als auch kucken jejangen?«
-
-Es war Schnakenberg. Er trug seinen feinsten Rock und den Stock – die
-Weinrebe mit dem goldenen Knopf –, den er sich aus Paris mitgebracht
-hatte.
-
-»Haben Se ihn auch jesehn?« fragte Josefine noch zitternd vor Erregung,
-»den König, den König?!«
-
-»Och, eja, en janz nette Mann,« sagte Schnakenberg. »Ene janz artige
-Mann. Et is ens jut, dat de von Bismarck nit mit derbei war, da wär’ et
-unjemütlich jeworden, denn de –«
-
-Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut
-is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen.
-Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder
-auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit
-sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens
-Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König
-lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon
-hat en noblere Kutsch’. De hat mehr _savoir-vivre_ – aber kann ei’m
-dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er
-blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die
-Uehl, in der Ratingerstraße führte.
-
-Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude
-fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst
-am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden
-Kastanien wandelten.
-
-Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den
-Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden
-Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu
-sein schien!
-
-Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend.
-
-»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau
-Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen
-alles an, was diesen Tag bewegte.
-
-Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im
-Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen
-war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes
-zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen
-Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast
-nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die
-dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich
-Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm.
-
-Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die
-Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine
-Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig
-eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das
-Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb.
-
-Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband,
-die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn
-ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an
-sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot.
-›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das
-nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich
-hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und
-klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem
-armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte
-sie die das ganze Jahr aufgespeichert.
-
-»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben
-Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte
-den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der
-Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie
-man einen Sohn lieben kann.
-
-So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften
-Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen
-Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in
-der Feldwebelwohnung gereiht.
-
-Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand.
-Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein
-froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters
-Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du
-lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim
-Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein
-Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst
-das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen
-lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah;
-wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der
-Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf
-sein miserables Schicksal.
-
-Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal
-geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹.
-Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon
-mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig
-erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf
-mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff
-konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um
-Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die
-Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den
-Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er
-auf die Matrosenschule gegangen.
-
-Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal
-schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben,
-aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar
-nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte!
-
-Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«
-
-»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte
-Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten
-Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.
-
-Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter
-wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand
-auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes
-Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren
-mit Erinnerungen, die nur =heute= Erinnerungen waren, sonst vergessen
-standen und verstaubten. –
-
-Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten
-Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem
-Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen
-Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte
-noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie
-Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim
-Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun
-gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –
-
-In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie
-auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube
-bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹
-Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann
-nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte
-der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff
-nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte
-sie, ganz in Angstschweiß gebadet.
-
-Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach,
-drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der
-Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.
-
-Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten:
-
- ›Freut euch des Lebens,
- Solang das Lämpchen glüht.‹
-
-Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie
-den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all
-die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und
-alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu
-entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig!
-
-»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz
-vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte.
-
-Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt,
-auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den
-König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab.
-
-Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von
-Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein.
-
-Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte
-und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte
-sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß:
-
-›Die Rekruten.‹
-
-
-
-
-XXIV
-
-
-Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu
-gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe
-und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst
-und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats
-brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im
-Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die
-dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.
-
-Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.
-
-War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel
-anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte
-genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m
-Malkasten!
-
-Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals
-beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros
-der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus
-der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹
-
-Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten,
-da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der
-Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach
-zur Tagesordnung über.
-
-Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König
-Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und
-zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer
-würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.
-
-Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen
-Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums
-entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen.
-Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein
-Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.
-
-Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870
-begann. –
-
-Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen
-Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes
-beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und
-unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche.
-Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern
-wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen
-oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen:
-›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach
-hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten,
-– zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein
-Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und
-Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft
-drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern
-glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte,
-ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.
-
-Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen
-Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne
-erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die
-Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.
-
-Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende
-Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen
-hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch
-unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von
-Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie
-sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar,
-unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen
-Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett
-hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s:
-sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt
-hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch
-von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen.
-Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht
-glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die
-hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s,
-als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken
-mußte!
-
-Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch
-um. – – – –
-
-Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine
-Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr
-geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine
-Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon
-herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler
-werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier
-streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel
-entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit
-geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine
-Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön,
-so strahlend hell, so voll von Farbe.
-
-Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei
-fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und
-gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen
-Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er
-sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer
-seiner Mutter.
-
-»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm
-freundschaftlich auf die Schulter.
-
-Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch.
-Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben
-eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so
-frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch,
-kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja,
-freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie
-mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm
-um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.
-
-Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je
-bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar
-der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der
-Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem
-Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:
-
- _Gloria in excelsis Deo!_
-
-Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken
-ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den
-Schießständen im Bilker Busch.
-
- * * * * *
-
-Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die
-schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte
-dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik
-nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit
-ihrem, durch ihren jungen Sohn.
-
-Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt
-Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die
-frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm
-zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen
-Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die
-Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s;
-aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen
-Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen
-machten ihnen Konkurrenz.
-
-Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal
-am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die
-kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im
-jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die
-Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen
-Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.
-
-Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch
-am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und
-sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern,
-jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank
-nieder in den Schoß der empfangenden Erde.
-
- * * * * *
-
-Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte
-unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen
-zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:
-
-›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹
-
-Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich,
-und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst
-nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte
-noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy,
-dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag
-eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb
-erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich,
-die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses
-ganz Neue.
-
-Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen –
-der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu
-seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:
-
-»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen,
-wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat
-Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die
-ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un
-dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat
-is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat!
-Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will
-ich auch malen!«
-
-Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –
-
- * * * * *
-
-Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon
-am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine
-Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der
-Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute
-von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze
-brütete in den Straßen der Stadt.
-
-›_Maran atha_ – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame
-Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht
-bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig
-angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich
-fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte
-es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen
-Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne
-rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas
-merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die
-Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen
-Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu
-nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum
-Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr
-ganz besonders glänzend werden.
-
-Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger
-stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme
-im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in
-die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien,
-deutschen Rhein!‹
-
-Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch
-viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der
-Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo
-kam das – was sollte das bedeuten?!
-
-›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man
-hielt den Atem an.
-
-Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der
-französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur
-Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!
-
-Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und
-die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!
-
-Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs
-angeschlagen.
-
-Krieg, Krieg!
-
-»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie
-Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter
-der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?!
-Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg,
-Krieg! – Das kam zu rasch.
-
-»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam,
-»oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«
-
-Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen
-und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine
-Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte
-ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die
-Kehle zu.
-
-Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von
-den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der
-Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor
-einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst
-still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und
-lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder
-recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände
-angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und
-flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen
-waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech
-war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den
-Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der
-haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und
-Vaterland!‹
-
-Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat
-oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich
-gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland,
-Rhein.
-
-Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die
-Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es
-wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur
-kommen, die Halunken, die Franzosen!
-
-Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es
-heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib,
-wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen
-Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die
-Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte
-es gleich losgehen.
-
-Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf
-und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst
-angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl
-gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch
-die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das
-Lied von der ›Wacht am Rhein‹.
-
-Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum
-Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser
-Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen
-geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte
-ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte
-sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach
-Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel
-zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen,
-so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte
-sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau
-gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in
-irgend einem Wirtshaus fest.
-
-Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der
-hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun
-wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend,
-zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz
-heftig pochen ohne Unterlaß.
-
-Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den
-Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es
-sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt
-hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen
-sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer
-Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind,
-als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum
-finsteren Nachthimmel aufstieg:
-
- ›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
- Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹
-
-Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon
-Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich
-hörte sie seinen Schritt.
-
-»Mutter.« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n
-Abend.«
-
-Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat
-sagste derzu? Krieg!«
-
-»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.
-
-»Och Jott, ja!«
-
-Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck
-durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd
-lehnte sie sich gegen die Hauswand.
-
-Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und
-starrte vor sich hin.
-
-»Jesus, ja, och mein Jung’!«
-
-Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an
-die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der
-Zapfenstreich!
-
-Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten
-verschwand er jenseits im Kasernenthor.
-
-Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus
-den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der
-lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe.
-Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen
-fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne
-das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.
-
-Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte
-wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –
-
-Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden
-in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig
-schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger
-Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt
-hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren
-Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle,
-sie alle stellten sich als Freiwillige.
-
-Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen
-vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie
-engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas
-kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! –
-es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich
-der Thränen, die sie geweint.
-
-Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher
-›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an,
-dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen
-vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und
-Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten
-sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene
-Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein
-jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.
-
-Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für
-verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s
-Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen
-Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt
-hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im
-ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum
-kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu
-zupfen.
-
-›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die
-zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion!
-Alle geben für alle!‹
-
-Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen
-Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen
-stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift!
-Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.
-
-Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp
-arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West
-– Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers.
-Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten
-zu wollen.
-
-Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis
-Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in
-erlösenden Fluten.
-
-›Betet, betet!‹
-
-Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen
-ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und
-nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.
-
-»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten
-Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des
-Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der
-Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«
-
-Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten
-Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz:
-»Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch,
-Amen!« –
-
-Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt
-so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es
-doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete
-Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie
-auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die
-Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten;
-kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie
-sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.
-
-Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung,
-was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch
-an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz
-mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so
-blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest,
-da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben
-die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr
-in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld
-zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und
-die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen
-zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in
-allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in
-Flammen, die niemand künstlich geschürt.
-
-›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem
-denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von –
-recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten
-sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend
-blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das
-ganze Vaterland, das ganze Deutschland:
-
- ›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,
- Du bist und bleibst ein deutscher Strom!
- Ich schaue dich im Freiheitslenze,
- Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹
-
-
-
-
-XXV
-
-
-Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer
-gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der
-Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten
-noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die
-Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre
-Söhne zogen heut in’s Feld.
-
-Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am
-Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die
-Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als
-besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter
-die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er
-hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett
-gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine
-Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder
-wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und
-Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.
-
-Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf
-ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch
-geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte
-sie Abschied von ihm nehmen.
-
-Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den
-Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.
-
-»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.
-
-Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden
-gesenkt.
-
-Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie
-jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine
-Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht
-längst gemerkt!
-
-»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob
-ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«
-
-»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr
-niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren
-Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.
-
-Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.
-
-Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits
-von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er
-und drückte seinen Kopf fester an:
-
-»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit
-seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben
-müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e
-so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird
-nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick
-um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel,
-Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’
-ich dann verbrochen?«
-
-»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in
-den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg
-ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte
-ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich
-auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«
-
-»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«
-
-»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf.
-Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is
-dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de
-würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß
-allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau
-– wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn
-de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die
-Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde
-hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«
-
-Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.
-
-»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un
-wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß
-se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme –
-»totschießen, mir is’t ejal!«
-
-»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm
-gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«
-
-Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte
-ihn ja doch lieb!
-
-»Mutter, Mutter!«
-
-»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur
-heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit
-dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und
-drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir,
-sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester,
-mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter –
-»sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«
-
-War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus
-ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht
-an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte,
-wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie
-gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie
-zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.
-
-Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s
-Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem
-Sohn mit auf den Weg:
-
-›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹
-
-Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand
-in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt
-selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete
-sich ja nicht seiner selbst wegen.
-
-»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«
-
-Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.
-
-»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit.
-Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines
-Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et
-mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«
-
-Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich
-noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick
-richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.
-
-Es war wie ein stummes Beten.
-
-»Un nu jeh,« sagte sie.
-
-Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte
-den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es
-trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.
-
-»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«
-
-Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie
-hastig die schönste Rose ab.
-
-»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«
-
-Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – –
-
-Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die
-ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab
-ihnen das Geleit.
-
-Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über
-der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr;
-Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der
-Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie
-auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt:
-»Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«
-
-Und alle Nachbarn winkten:
-
-»Adjüs, Peter, adjüs!« –
-
-An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und
-der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen
-überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter
-genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister
-an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur,
-Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins,
-und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf.
-Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern
-winkten den scheidenden Helden Lebewohl.
-
-Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden
-gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte
-noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen,
-blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen,
-für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch.
-Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch
-zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies
-lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man
-dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und
-Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden
-Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf,
-den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen
-mögen.
-
-Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und
-betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach
-Hause laufen.
-
-Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht,
-wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt,
-sie mußte nachsehen und aufräumen.
-
-Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich
-vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein
-Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und
-starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter
-den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf
-nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort!
-Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem
-zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie
-die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.
-
- * * * * *
-
-War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur
-Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften
-zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an
-Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt,
-passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem
-Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den
-Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra,
-Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen
-hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach
-Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten
-auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen
-Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.
-
-Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.
-
-Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der
-letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport
-eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen
-– zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber
-holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour
-seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er
-ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen.
-Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her
-rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die
-ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren!
-– und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für
-deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und
-Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm
-zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter
-keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte
-er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine
-lieben Söhne.
-
-So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie
-knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch
-auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht
-weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.
-
-Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie
-hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?
-
-Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr
-Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus,
-die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst
-die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre
-Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue
-Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus
-wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten
-sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.
-
-Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem
-niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum
-größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und
-gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz
-wurden Baracken gebaut.
-
-Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften!
-Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr
-jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute
-Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben,
-freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine
-schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile
-heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte
-jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die
-blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und
-Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim
-glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er
-sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere
-in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen
-Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja,
-er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.
-
-Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin,
-dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild,
-versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte
-sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen
-den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein,
-sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf
-sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr
-aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo
-würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er
-fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit
-ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?
-
-Nur was thun, was thun!
-
-Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie
-so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen.
-Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine
-Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war
-doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig
-jehn, ich pass’ schon auf!«
-
-So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der,
-längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten
-war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie
-ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor
-freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die
-enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!
-
-Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da
-entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte
-ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren
-Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.
-
-Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:
-
-»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«
-
-»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«
-
-»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen
-Schnurrbart. –
-
-Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen
-zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte
-man der Verwundeten.
-
-Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete
-ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der
-Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer
-war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?!
-Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so
-unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen
-Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.
-
-Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß
-die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen,
-dies:
-
-›=Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei
-Weißenburg.=‹
-
-Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und
-furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter
-Donner:
-
-›=Siegreiche Schlacht bei Wörth.=‹
-
-Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst
-nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem
-Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem
-Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg!
-
-Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und
-Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein
-Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel
-Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?!
-
-Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges
-Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte
-wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es
-dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg!
-
-›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter
-Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon
-schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von
-seinem Grund strahlend zum Tageslicht.
-
-Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch
-immer predigte: ›_Maran atha_ – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den
-Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht –
-das jüngste Gericht brach an über die Franzosen.
-
-Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel;
-auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch
-sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit
-hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug
-hören, es nicht genug selber künden:
-
-»Sieg!«
-
-Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch
-die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde
-jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland
-mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem
-Schwert: Sieg, Sieg!
-
-Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in
-stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus
-dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit
-sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:
-
- ›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch
- an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹
-
-›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin.
-Wenn =er’s= nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo
-war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein,
-keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel
-hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen:
-›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹
-
-War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei
-Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am
-sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres
-war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei
-Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren –
-ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine
-fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen
-Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe
-gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.
-
-»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft,
-der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’
-nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom
-Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.
-
-Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als
-er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer
-Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von
-Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte
-der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die
-Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz,
-eine Zeile, ein einziges Wort!
-
-Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die
-Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier
-Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen,
-Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der
-Landungsbrücke und am Zollthor.
-
-Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!
-
-Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und
-Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und
-an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus:
-›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten,
-Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in
-schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem
-heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut.
-
-»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre
-Junges jehetzt?!«
-
-Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese
-braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten
-verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten,
-um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf
-zusammengekrallten Hand zu ziehen.
-
-»Schlagt se tot, die Schweinhund’!«
-
-Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport
-geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen.
-
-Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten
-die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und
-wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu
-machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st!
-Ein Toter!«
-
-Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke
-überspreitet.
-
-O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben!
-War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts
-von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter
-der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts
-anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war
-sie, wie weißes Wachs.
-
-Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als
-ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein
-ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenfahl herunter und gab ihm
-einen tüchtigen hinten vor.
-
-Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still,
-still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam
-Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf
-den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander,
-preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende,
-Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt,
-seufzend, in Schmerzen ächzend. –
-
-Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten
-auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre
-Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der
-Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen
-in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht,
-während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden.
-
-Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können
-den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der
-Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von
-seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die
-sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln,
-sonst wäre sie gar nicht aufgewacht.
-
-Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich
-und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester
-herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas
-verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es
-mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß
-sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu
-thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen
-lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den
-Köpfen zusammenschlug.
-
-Endlich nähere Nachricht über Spicheren!
-
-›=Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke
-Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.=‹
-
-»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher
-Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch
-geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand
-jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die
-Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder,
-einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort
-bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel.
-
-Wer war verwundet?
-
-Viele.
-
-Wer war tot?
-
-Viele.
-
-Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen
-Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang:
-
-»Haben Sie ene Sohn derbei?«
-
-»Och Jeses, ja!«
-
-»Un Sie?«
-
-»Ich auch!«
-
-»Un Sie?«
-
-»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!«
-
-»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau
-kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann
-wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!«
-
-Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde
-die nächste Stunde bringen?!
-
-Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das
-Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah
-einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen?
-
-Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne
-gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast
-aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die
-Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.
-
-Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen
-bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll
-hoch und sahen nach ihren Instrumenten.
-
-Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch
-sollten sie eintreffen.
-
-Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett
-eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger;
-vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte:
-›_vive la France!_‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme
-zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange
-hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er
-angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal
-sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht
-gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres
-Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett
-gestanden. Auch der hatte hier gelitten.
-
-Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand
-gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am
-Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor,
-zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen,
-zugelächelt.
-
-Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers
-trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit
-Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.
-
-»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und
-auch ein bißchen ruhen.«
-
-»Und Sie, Schwester?«
-
-Die Nonne sah heiter drein:
-
-»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der
-fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«
-
-»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der
-Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.
-
-»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie
-schon von Spicheren gehört?«
-
-»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an.
-
-»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge
-Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte.
-»Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein
-und die Thür zum ewigen Leben.«
-
-
-
-
-XXVI
-
-
-Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine
-Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an
-dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er
-ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.
-
-Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten
-– sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.
-
-Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte,
-hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein
-schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr
-that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den
-Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.
-
-So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block,
-treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen
-durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen
-Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte
-sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu
-Bett.
-
-Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung
-senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz
-still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.
-
-Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu
-Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:
-
-»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau,
-beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«
-
-Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:
-
-»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach
-Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama,
-bitte!«
-
-»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es
-doch wissen!«
-
-»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren,
-Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der
-laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«
-
-»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet –
-besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen
-früh noch einmal –«
-
-»Ich =muß= sie fragen! Gleich, jetzt!«
-
-Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch
-schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten
-– die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine
-schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen,
-dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin.
-Sie sah Josefine.
-
-»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«
-
-»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit
-bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der
-Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er
-bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.
-
-Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter,
-die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem
-Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie
-eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im
-Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
-
-Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich
-dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.
-
-Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja
-ihren Sohn!
-
-Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.
-
-»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann
-fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.
-
-Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.
-
-»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck
-des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«
-
-»Um meinen Sohn!«
-
-»Um Ihren Sohn?!«
-
-Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie
-schluchzte herzbrechend:
-
-»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann
-ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«
-
-Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die
-schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie!
-Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank
-gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit
-war weggeweint.
-
-»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine
-Rinke.«
-
-»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau
-rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«
-
-Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.
-
-Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre
-Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«
-
-Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese
-leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden
-Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie
-kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.
-
-»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb
-ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage
-wankte.
-
-Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß
-ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –
-
-Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch
-längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des
-neununddreißigsten Regiments:
-
-›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹
-
-Die Summa war groß.
-
-Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den
-Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.
-
-Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in
-allen Blättern:
-
- ›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August
- im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser
- einziger, inniggeliebter Sohn =Eugen Ernst August vom Werth=,
- Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.
-
- Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹
-
-Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war
-der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter
-unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen
-war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die
-unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe
-Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.
-
-Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und
-wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte
-Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht
-gefunden.
-
-»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester
-Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit
-Josefine zusammen pflegten.
-
-»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein
-fehlendes Bein.
-
-»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend
-anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit
-mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«
-
-»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un
-de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit
-Freud’ ernten!«
-
-Und der Kleine schmiegte sich an sie:
-
-»Mutter, ich bleib’ bei dir!«
-
-Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel
-teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst
-eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn
-tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder
-Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten
-Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der
-Straße sangen die Knaben Spottlieder:
-
- ›Was kraucht denn da im Busch herum?
- Das ist der Herr Napolium –‹
-
-Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den
-Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und
-beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen
-mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach,
-Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie
-fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr
-empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen,
-besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen.
-Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die
-Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt
-waren?!
-
-Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen,
-Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte
-geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer
-waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten
-zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu
-helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel.
-Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln
-bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter
-Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner
-wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es
-galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und
-alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.
-
-Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das
-schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte
-die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche
-graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich
-umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber
-jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’
-Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben
-auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten
-Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann
-’t de Junges schmeckt – bis morjen!«
-
-Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die
-Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam;
-besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast
-so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden
-vorbei; für alle hatte sie nicht genug.
-
-Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es
-schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine
-Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt,
-lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur
-seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten
-sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte.
-Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast
-ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes
-Französisch wieder hervorholen?!
-
-Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube
-mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach,
-die Thränen kamen ihm in die Augen.«
-
-Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen
-andern bestimmt.
-
-»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.
-
-Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit
-einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen
-und bewegte die trockenen Lippen:
-
-»_Des rai – des rai –!_«
-
-Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort.
-Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig
-geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein
-leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›_merci!_‹
-schloß er die Augen.
-
-»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er
-vielleicht einen Weingarten gehabt!«
-
-Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm
-am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und
-abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast
-das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte
-darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte
-sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger
-Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.
-
-Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah
-er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig,
-daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen
-Blick.
-
-Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter
-über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er
-ein wenig den Kopf und nickte:
-
-»_Pau–vre mère!_«
-
-Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken.
-Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es
-war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich
-etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen
-stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.
-
-Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes,
-französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber
-Sohn! _Pauvre mère_ – das hatte sie getroffen in innerster Seele.
-
-Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch
-bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen,
-das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen,
-matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte
-ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der
-Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.
-
-»_Ma–man!_«
-
-Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.
-
-Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam
-und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum
-konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.
-
-Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere
-Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt
-die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die
-Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.
-
-Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne
-brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der
-ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten
-Kirchhof begraben wurde.
-
-Und andre folgten ihm nach.
-
- * * * * *
-
-Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken
-geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des
-Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht,
-und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit
-ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch
-die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.
-
-Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und
-Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei
-Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht
-niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen.
-Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten,
-zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten
-nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug
-gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen
-Bissen Brot.
-
-In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der
-darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als
-kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz
-stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch
-gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um
-dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.
-
-Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.
-
-Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht
-getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre
-Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu
-pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei
-Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.
-
-Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden;
-aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte
-flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag
-verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von
-einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen
-war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen
-und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus
-der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte
-auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide
-hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch
-wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden.
-Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und
-die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner
-Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach
-Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der
-Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden
-Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.
-
-»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb
-schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett
-geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag,
-wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom
-Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.
-
-Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der
-Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er
-so daliegen!
-
-»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er
-Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und
-nachdenklich.
-
-»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er
-zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«
-
-»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte
-nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres
-Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee
-brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände
-krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«
-
-Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine
-Stimme klang aufgeregt:
-
-»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so,
-mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen
-Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«
-
-Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu
-sehr.
-
-Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das
-Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß
-die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja –
-aber =wie= war er gestorben, wie?!
-
-Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie
-ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte
-sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug
-Schmidts Stimme an ihr Ohr:
-
-»Er starb wie ein Held!«
-
-Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust
-sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das
-war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde
-zugesteckt beim Ausmarsch!
-
-Und er hatte das Vermächtnis angetreten.
-
-Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:
-
-›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –
-
-»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl,
-bis zum Tode!«
-
-Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies
-Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.
-
-Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier
-auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann
-schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken
-ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig,
-sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe
-jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre
-Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –
-
-Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.
-
-»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.
-
-Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren
-von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark
-empfanden für die Mutter daheim.
-
-Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West
-des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten
-Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst
-und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹
-
-»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in
-der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des
-Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n
-kleenes Briefchen schreiben?«
-
-»Jern.«
-
-»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und
-versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da
-ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick
-und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und
-denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel!
-Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um
-die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden,
-wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld
-wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die
-is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich
-en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade
-nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch
-wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also,
-haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’
-ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich
-alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie
-der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz
-schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken.
-Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den
-Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich
-selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach
-rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber
-an die Juste schreiben Se man, bitte!«
-
- * * * * *
-
-Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert,
-fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in
-Anspruch nehmend:
-
-›=Fahnen, Fahnen=!
-
-Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹
-
-Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und
-kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein,
-’rein – ’raus.
-
-»Sie wünschen?«
-
-»Fahnen, Fahnen!«
-
-»Schwarz-weiß?«
-
-»Nein, schwarz-weiß-rot!«
-
-Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu
-jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine
-lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen
-Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere
-Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen
-Brandung: Sedan, Sedan!
-
-Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die
-Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die
-Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle
-Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!
-
-Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel,
-kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen
-– aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig
-dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!
-
-Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren
-Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen
-donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden
-könnten –: Sedan, Sedan!
-
- ›=Gefangennahme des Kaisers Napoleon. Kapitulation der Armee Mac
- Mahons bei Sedan=!‹
-
-Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte
-Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!
-
-Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos
-hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen.
-Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus
-ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen,
-sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie
-lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!
-
-Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken
-der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.
-
-Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen;
-Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der
-rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und
-die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:
-
-›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹
-
-In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s
-Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹
-
-In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines
-begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und
-andre stießen mit Wein an.
-
-Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen
-Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz.
-»Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter
-zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben
-ihn, den Napolium!«
-
-Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam,
-hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen
-merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die
-bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars
-la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und
-Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein
-die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die
-draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.
-
-»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,«
-brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er
-wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen
-wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr
-seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten
-–‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein
-geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der
-vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte,
-ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war
-begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen
-Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.
-
-Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt
-Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher
-dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose
-streichelte ihm über den Kopf: »_Ah, merci, mon petit, Dieu vous
-bénisse!_« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.
-
-Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie
-für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer
-Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was
-sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte
-Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die
-andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung
-ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die
-Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich
-sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten
-und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!
-
-Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut
-nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra.
-Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz
-war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!
-
-Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war
-Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die
-vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach:
-›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s
-Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und
-dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.
-
-Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen
-Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.
-
-Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen
-waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.
-
-Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war,
-trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant
-umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust.
-Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der
-Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine
-Ansprache. Die Rede schloß:
-
-»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee,
-die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm
-Heldenkönig!«
-
-Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster
-geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und
-Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹
-
-Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast
-lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang
-deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte
-sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das
-Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur?
-Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der
-Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr –
-er schluchzte: »_Oh ma patrie, ma pauvre patrie!_«
-
-Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht
-bemerklich machen – _oh ma patrie!_ – nicht seine schmerzliche Scham
-belauschen.
-
-Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom
-andern Block herüberkam:
-
-»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder
-so schlimm.«
-
-»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.
-
-Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt.
-Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«
-
-Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte
-den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum,
-der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte
-dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof
-weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die
-Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.
-
-»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.
-
-Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht
-hoch genug, noch immer keine Luft.
-
-»Höher – höher!«
-
-Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem
-Ringenden stützend in ihren Arm.
-
-Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte
-Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen
-geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre,
-seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der
-Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.
-
-Nun kam der Geistliche.
-
-»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«
-
-Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der
-heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte
-den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.
-
-»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«
-
-Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden
-den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund
-streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein
-verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt
-verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine
-Augen waren ganz nach oben gekehrt.
-
-Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche:
-›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war
-eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer
-neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und
-Vater und Mutter führten ihn fort – heim.
-
-Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche
-breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen
-Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben
-sich empor: »Amen, Amen!«
-
-Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und
-Bett und den Sterbenden.
-
-Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten
-Höhen:
-
- ›Heil dir im Siegerkranz,
- Heil König dir!‹
-
- * * * * *
-
-Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination,
-bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und
-Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das
-knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte.
-Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein
-überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie
-bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum
-Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern
-traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab.
-Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein
-dreifach donnerndes Hurra antwortete.
-
-Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s
-Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein
-letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der
-Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis
-bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische,
-hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede,
-Friede!‹
-
-
-
-
-XXVII
-
-
-Es waren rauhe Herbsttage, die nun folgten. Selten hatte der Wind so
-geblasen und den schäumenden Gischt des Rheins so hoch an die Ufermauer
-hinaufgespritzt. Selten hatte die große Prozession, die sich, wie
-alljährlich um diese Zeit, auf die Wallfahrt zur Mutter Gottes nach
-Kevelaar begab, so ungünstiges Wetter gehabt. Aber nicht Regen, nicht
-Sturm hielt die frommen Pilger ab; nie war der endlose Zug endloser
-gewesen, der Düsseldorf betend passierte und dem sich hier noch endlose
-Beter anschlossen. Es waren der bekümmerten Seelen heuer mehr denn je,
-die in der Kapelle, darin schon so viele geopferte Wachsgebilde an den
-Wänden hängen, vor’m wunderwirkenden Gnadenbild neue wächserne Füße und
-Hände niederlegten.
-
-Schwarz hing das Kartoffelkraut auf dem Acker, modrig roch es auf
-den Feldern, die Störche sammelten sich auf den Hammer Wiesen, die
-Schwalben zogen fort, und frostig waren die Nächte.
-
-Vorsichtige Leute bestellten Kohlen und suchten die warmen Sachen aus
-der Mottenkiste, bald war der Winter da – aber, ob auch der Friede?
-
-Es gab eine bittere Enttäuschung. Hatten doch selbst die Soldaten aus
-dem Felde an die Ihren von baldiger Heimkehr geschrieben; aber Sedan
-hatte den Frieden nicht gebracht. Wohl saß Napoleon auf Wilhelmshöhe,
-wohl hatte Straßburg kapituliert und Orleans war erstürmt, doch noch
-immer mußten die deutschen Jungen vor Metz im Morast liegen, frieren
-und sich langweilen.
-
-Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden
-gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen
-und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief
-verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt
-erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor
-Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten
-sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine
-Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung.
-Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal
-Weihnachten zu Hause feiern?
-
-Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten
-der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht
-auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll
-unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über
-dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den
-Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut.
-
-Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte
-sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend
-kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte
-dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat
-kapituliert!‹
-
-Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit
-Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt
-verlangte das Herz zu sehr nach Frieden.
-
-Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer,
-und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten
-Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und
-ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und
-die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf,
-Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein,
-Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen,
-Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen
-Krieger. Und der Bedürftigen waren viele.
-
-Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch
-alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an
-der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte
-Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause.
-
-Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett.
-
-Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige
-der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der
-neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie
-zu.
-
-Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder
-seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die
-Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie
-der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie
-geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß
-noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!«
-
-Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte
-sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das
-war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm
-doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß
-geführt: ›Lieba Vata!‹ –
-
-Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s
-die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die
-jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene
-Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen
-Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke.
-Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach
-der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den
-Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert,
-über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel
-wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr
-entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten
-Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die _gloire_ verloren,
-alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war
-endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den
-ausgemergelten Körper in den Schnee und starb.
-
-Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein
-eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging
-nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich
-die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden
-glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man
-einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch
-gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten:
-»_Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!_«
-
-Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten
-die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den
-abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie
-hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit
-heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich
-in der Gier des Trinkens fast über den Kopf.
-
-Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen
-Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden,
-Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen
-gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die
-Suppe, die sie den Verschmachteten reichte.
-
-Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es
-weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im
-Schnee liegen; hier wollten sie sterben.
-
-Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter
-ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und
-reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt
-hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus
-– nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer
-Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur
-Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her.
-
-Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben,
-was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter
-hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke,
-diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer
-warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die
-ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen
-Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie
-hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie
-ihre leeren Hände.
-
-Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum
-erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die
-Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen
-Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da.
-Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin?
-Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden,
-der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte
-nicht.
-
-»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der
-Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da
-unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’
-andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so
-viel!«
-
-Da nickte sie ihm zu.
-
- * * * * *
-
-In die ernsten Stunden trüber Wintertage brachte der Besuch von Bruder
-Friedrich ein freundliches Licht. Ruhig, aber doch von einem gewissen
-Selbstbewußtsein erfüllt, teilte der Schlosser der Familie mit, daß er
-demnächst die Aussicht habe, selbständig zu werden, das heißt so gut
-wie selbständig: ein Konsortium von Geldleuten hatte ihn, neben einem
-kaufmännischen Direktor, zum technischen Leiter eines neu zu gründenden
-großen Etablissements für Fabrikation von Eisenbahnschwellen und
-Schienen ausersehen. Mit Beendigung des Krieges sollte das Unternehmen
-in’s Leben treten, bedeutendes Kapital stand zur Verfügung; und sein
-Kontrakt war unterzeichnet.
-
-»Ja,« schloß er mit aufquellender Freude, »dat wär’ früher nit e so
-leicht passiert, nur ene simple Schlosser, und so en Stell’! Aber
-heutzutag’ jeht dat. In der Industrie wird nur jefragt: ›Wat leist’ de
-Mann?‹ Hör’, du, meine Jung’« – er legte dem interessiert lauschenden
-Fritz die Hand auf den Kopf –, »du sollst ordentlich in de Lehr’!
-Direktor – dat is mir noch lang’ nit jenug für dich, selber dein ’hören
-muß sie, die Fabrick!«
-
-Herr Schnakenberg war Feuer und Flamme, als er von des Stiefsohnes
-Aussichten hörte. Wenn der Junge Kaution stellen mußte, er kam dafür
-auf!
-
-»Ne, danke,« hatte der Schlosser mit Stolz gesagt, »Kaution brauch’ ich
-nit. De Krupp sagt für mich jut, un dat is jenug!«
-
-Krupp konnte schon gutsagen, dessen Kanonen spieen die französischen
-Festungen an – Thionville, Montmédy und wie sie alle hießen –, daß
-sie klein beigaben. Und gar das große Paris schien zu zittern vor dem
-Gebrüll der Geschütze von Friedrich Krupp.
-
-Mit Ungeduld wartete man auf die Kapitulation von Paris. Wenn Paris
-fiel, das ›große Sündenbabel,‹ dann mußte es doch Friede werden!
-
-Weihnachten war gekommen, jedoch Christkindleins sanfte Lieder wurden
-noch immer übertönt von rauher Kriegsmusik. Aber die unschuldigen
-Kinder sangen doch unverzagt:
-
- ›O du fröhliche, o du selige,
- gnadenbringende Weihnachtszeit!‹
-
-Wer hätte sie schweigen heißen mögen?!
-
-Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige
-Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an
-dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino,
-stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten
-Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher
-Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht
-so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den
-Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd
-ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten;
-sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu
-den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig!
-
-›_Gloria in excelsis deo_‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband
-des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr
-hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten
-Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m
-Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah
-sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das
-Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres
-Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: _Gloria in
-excelsis deo!_
-
-Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte
-sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang
-die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium
-an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede
-auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹
-
-Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den
-rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom
-Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme.
-
-Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›_prussiens_‹ sangen. Sie
-kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie
-die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und
-nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, _oh, merci, merci_, weiße
-Brot, _très-bon_!«
-
-Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei
-rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden,
-der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz.
-Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die
-Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu
-verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von
-der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden
-nichts, aber sie wanden sich vor Lachen.
-
-Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher
-Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach
-seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und
-die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute
-war alles ›_malheur_‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie
-genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden.
-
-Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht,
-durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren.
-Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz
-schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe.
-
-_Gloria in excelsis deo_ – in ihr war Friede.
-
- * * * * *
-
-Am 18. Januar ließ sich der greise König Wilhelm im Hauptquartier zu
-Versailles vom starken Bismarck die junge Krone des auferstandenen
-Deutschland auf die Stirn drücken.
-
-Das war eine Erfüllung.
-
-Der Rhein rauschte mächtig, und in sein Rauschen mischte sich der
-Jubelhall der Ufer. Nun waren Wünsche erfüllt, die man längst als
-hoffnungslos begraben.
-
-Warum hatte man denn einst laut gemurrt und die rote Fahne gehißt auf
-den Barrikaden? Warum hatte man ein ununterdrückbares Sehnen getragen
-all die Jahre? Warum hatte man des Volkes Jugend hingegeben auf
-Schlachtfeldern? Alles nur darum.
-
-Es war ja die alte Märchenkrone, die so lange im Rhein geruht, tief
-unten. Nun sollte sie erstehen in neuem Glanz; sie blinkte golden wie
-die Sonne.
-
-Und wie die Sonne würde sie glänzen, mit gleicher Fülle über alle, über
-ein einiges und über ein freies Volk.
-
-Manch alter Achtundvierziger, manch roter Demokrat jubelte mit; alles
-Volk freute sich.
-
-Zwar kamen noch immer Verwundete, zwar rückte noch immer neuer
-Landwehrersatz aus; aber man glaubte nicht mehr an Schlachten. Das
-große Paris kapitulierte, das so hartnäckige Belfort folgte – nun war
-das Eis gebrochen.
-
-Und Tauwetter flutete über die so lange winterliche Natur. Das erste
-Starenpaar war in Josefines Gärtchen erschienen und bezog häuslich den
-Kasten im Birnbaum. Der Lenz brach also wirklich an.
-
-Ach, nun war auch die weiße Taube des Friedens gewiß nicht mehr fern!
-
-Bald kam sie geflogen und baute ihr Nest für ewige Zeiten unter’m
-Giebel des Hauses.
-
-Am 28. Februar meldete eine Depesche für ganz Deutschland:
-
- Friede!
-
-
-
-
-XXVIII
-
-
-Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger
-wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich
-der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines
-sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen.
-
-Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere
-Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der
-Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und
-zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie
-kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage
-später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen!
-
-So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder
-kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie
-nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute
-waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem
-Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten
-sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau
-unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen
-wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten
-Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹
-Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre
-Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum
-Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster –
-das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch
-ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug
-haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die
-Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die
-Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder,
-die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den
-Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter
-dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in
-festlicher Erwartung.
-
-In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort
-geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch
-der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und
-Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen
-mit den wackeren Füsilieren.
-
-Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten
-Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat
-abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen
-Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen
-Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten
-würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war
-keiner mehr darunter!
-
-Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde
-ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken,
-die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft
-als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von
-Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?
-
-›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr
-schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹
-
-Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl
-– da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s
-Vaterland.
-
-»Ach –!«
-
-Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide
-Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.
-
-»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob
-ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch!
-Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger
-Scheu.
-
-Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.
-
-Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich
-jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es
-liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen
-mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke,
-recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern
-in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß
-wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und
-Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme,
-ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf
-einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel
-einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge
-wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein
-Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie
-schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr
-plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!
-
-Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal
-Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine
-neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber
-Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in
-feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine
-Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun
-wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer
-gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.
-
-»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der
-schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t
-Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum
-mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?!
-Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’
-zusammen nach’m Kirchhof jehen!«
-
-Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die
-Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es
-war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch
-schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der
-heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das
-Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe;
-die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der
-Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an,
-sich zu öffnen.
-
-In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder
-und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›_Va
-banque Louis Napoléon_‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche
-sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in
-Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch
-vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in
-leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort:
-›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.
-
-Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten
-Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den
-Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert,
-jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris
-und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es
-doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg;
-manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald
-da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer
-mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten
-werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter
-Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.
-
-Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die
-Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob
-er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot?
-Sie konnten es nicht erwarten.
-
-Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß
-einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.
-
-Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag
-in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken,
-die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und
-Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich
-auszuhallen im Freudengeläut. –
-
-Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der
-Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann
-brauchte er kaum seinen Stock.
-
-Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all
-die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes
-Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.
-
-Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen
-mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.
-
-Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der
-Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber
-geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen
-guten Kameraden zu besuchen.
-
-Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum
-großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein
-berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.
-
-Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was
-war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus
-weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob
-sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den
-Schritt – dort waren Leidtragende.
-
-Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern
-verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt,
-ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.
-
-Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier.
-Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner
-Mann mit blitzenden Augen!
-
-»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz
-erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.
-
-Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in
-Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben
-sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt;
-wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen
-Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.
-
-Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr
-es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s:
-das war der Viktor gewesen!
-
-Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungem sterbenden Helden, den
-ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:
-
- =Eugen Ernst August vom Werth=
- Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.
-
-Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des
-gefallenen Neffen besucht.
-
-Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie
-dahinwankte!
-
-Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts
-mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes
-Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.
-
-Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich
-noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie
-früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so
-viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie
-eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!
-
-Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m
-Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch
-vollen Blond gefunden.
-
-Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon
-weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.
-
-Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein,
-mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund
-herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel
-bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten
-sich dicht um des alten Preußen Grab.
-
-Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte
-sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie
-kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.
-
-Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos
-stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch
-jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen,
-der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt
-die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß
-sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit
-Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da
-steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß,
-blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.
-
-›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast,
-als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine
-kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte:
-
-»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater,
-ich dank’ dir!«
-
-Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren
-Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger,
-ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches
-freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden,
-aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine
-Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie
-hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt.
-
-Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine
-Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand
-ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von
-Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze,
-große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und
-stolz zu ihm sagen:
-
-»Das gab ich dir!«
-
-
-
-
-Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35.
-
-Die stumme Mühle
-
-Roman von
-
-Otto von Leitgeb
-
-Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.50
-
-Aus den Besprechungen:
-
-
-#Münchener Neueste Nachrichten.# Dieser Roman ist eine
-durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll
-großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer
-künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur
-zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen
-Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für
-jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst
-aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser,
-ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen
-Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und
-Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten
-entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der
-Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details
-schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl
-schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit.
-
-#Neue Preußische (Kreuz) Zeitung.# Der Roman, den wir mit
-Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht
-der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen,
-sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude
-an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich
-ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in
-anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der
-im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch
-seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte
-und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen
-Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas
-seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt
-ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu
-Marie =ganz= ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit
-gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die
-Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar
-doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die
-Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter,
-so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht
-aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert;
-er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden,
-welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind
-die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur,
-sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung
-mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die
-Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und
-poetischen Reichtums.
-
-#New-Yorker Staatszeitung.# ... Auch in »Die stumme Mühle« von
-Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend
-fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden
-Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die
-noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch
-stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem
-Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die
-Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in
-den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu
-hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der
-Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein
-Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie
-an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen
-Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs
-Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen
-nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der
-Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht
-vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem
-nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt
-und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die
-praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer
-Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich
-ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen;
-sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar
-stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar
-schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird
-auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich
-nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht
-bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen,
-sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines
-Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche
-dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da
-es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie
-aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen.
-
-Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als
-Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen
-Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht,
-bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt.
-Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die
-zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen
-Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das
-Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender
-Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem
-Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität
-und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die
-Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher
-Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden,
-milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der
-verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und
-schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden
-das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht
-manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der
-stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der
-Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs
-von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine
-Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen
-Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der
-flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und
-Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich
-in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den
-Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam
-vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und
-bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein
-neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie
-der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle
-abspielt.
-
-#Berliner Morgenpost.# Einen Band von nahezu vierhundert Seiten
-durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der _short story_ schon
-ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in
-den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst
-überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe
-die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs
-Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die
-Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz
-bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat
-man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters
-zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die
-Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt
-und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und
-Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die
-Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen
-sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer
-Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste
-Leser verlangt.
-
-
-Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.
-
-
-
-
-Liste korrigierter Druckfehler
-
-
-Seite 6: Punkt am Satzende ergänzt (... gleich darauf fuhr sein Blick
-wieder rollend über die Soldaten hin.)
-
-Seite 8: Punkt am Satzende ergänzt (Der armen, jungen Frau so den
-christlichen Taufnamen zu verschimpfieren.)
-
-Seite 20: Punkt am Satzende ergänzt (Hinter dem letzten Pfeiler trat
-Vater Zillges auf sie zu.)
-
-Seite 51: Punkt am Satzende ergänzt (Die Kleinsten konnten die Mutter
-noch nicht entbehren.)
-
-Seite 60: Schließendes doppeltes Anführungszeichen nach
-„Wiedersehen,‹“ entfernt (»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹
-sagte er.)
-
-Seite 65: Öffnendes einfaches Anführungszeichen vor „Bunten“ ergänzt
-(Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹.
-
-Seite 70: Komma am Satzende durch Punkt ersetzt (Aber schon war er bei
-ihr und faßte ihr Handgelenk.)
-
-Seite 79: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Hörst du
-denn gar nicht?«)
-
-Seite 79: Apostroph hinter „als“ entfernt (... aber er thut mindestens
-schon so, als ob er Major wäre wie Papa.)
-
-Seite 81: „Freudin“ durch „Freundin“ ersetzt (Kräftig schlug sie die
-Freundin auf den Rücken.)
-
-Seite 84: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Frech
-Weit!«)
-
-Seite 93: Punkt am Satzende ergänzt (Selbst der Himmel ist sein; er
-hält den umarmt im grauen Dunst.)
-
-Seite 100: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (Bande!
-Verfassungsreform – was heißt das?!«)
-
-Seite 105: „gegesagt“ durch „gesagt“ ersetzt (»Ich begreife nicht,
-Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, ...)
-
-Seite 115: Zweimal „Tina“ durch „Trina“ ersetzt (Aber Frau Trina ließ
-sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, ... – »Rinke!« Frau
-Trina sprach es vorwurfsvoll und ...)
-
-Seite 134: Gedankenstrich eingefügt (... die hatte er ihnen abgejagt –
-aber beim Wilhelm, beim Wilhelm!)
-
-Seite 154: „Allerle“ durch „Allerlei“ ersetzt (Allerlei Burschen –
-rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, ...)
-
-Seite 166: Komma ergänzt hinter „los“ (Es war nirgends etwas los, der
-Hofgarten zum sterben langweilig, ...)
-
-Seite 186: „flüsteree“ durch „flüsterte“ ersetzt (... und Conradi ihr
-in’s Ohr flüsterte, ob sie ...)
-
-Seite 211: Schließendes einfaches Anführungszeichen ergänzt (... und
-machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, ...)
-
-Seite 224: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Rinke,
-ich jeh’ ens kucken!«)
-
-Seite 234: Punkt am Satzende ergänzt (Die Morgensuppe schmeckte heute
-dem Feldwebel nicht.)
-
-Seite 243: „Straßenplaster“ durch „Straßenpflaster“ ersetzt (...
-finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster.)
-
-Seite 256: Punkt am Satzende ergänzt (Sie hatte noch nie einen
-leibhaftigen preußischen König gesehen.)
-
-Seite 262: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Na, na,«
-tröstete der Feldwebel ...)
-
-Seite 270: „Wirshaus“ durch „Wirtshaus“ ersetzt (War’s denn erlaubt,
-nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?!)
-
-Seite 281: „Kaferne“ durch „Kaserne“ ersetzt (Ein schriller Mißton
-gellte durch die Kaserne.)
-
-Seite 298: „Konigsverräters“ durch „Königsverräters“ ersetzt (Du bist
-der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters!)
-
-Seite 303: „abwährend“ durch „abwehrend“ ersetzt (Mit einem Angstschrei
-sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem
-wilden Grauen:)
-
-Seite 303: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Komm,
-Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, ...)
-
-Seite 338: Punkt am Satzende ergänzt (Sie trat davor und hielt das
-Lämpchen hoch.)
-
-Seite 338: „Klied“ durch „Kleid“ ersetzt (Seltsam genug stand das
-schwarze Kleid gegen das helle Gesicht.)
-
-Seite 359: „Feldwebelwohnnng“ durch „Feldwebelwohnung“ ersetzt (Auf
-einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung
-...)
-
-Seite 361: Punkt am Satzende ergänzt (Nun hielten die kräftigen
-Kinderarme sie fest.)
-
-Seite 363: „Kartätchenprinz“ durch „Kartätschenprinz“ ersetzt (Der
-Kartätschenprinz war ja nun König, ...)
-
-Seite 403: Punkt am Satzende ergänzt (... und machte das Zeichen des
-Kreuzes über seine Gemeinde.)
-
-Seite 422: „Arzte“ durch „Ärzte“ ersetzt (... die gehetzten Ärzte
-reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug.)
-
-Seite 422: Schließ endes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Unsre
-Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!«)
-
-Seite 425: Punkt am Satzende ergänzt (Josefine fuhr so hastig empor,
-daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.)
-
-Seite 427: Doppelpunkt am Satzende ergänzt (Und dann des
-Oberstleutnants dringendes Zureden:)
-
-Seite 429: Gedankenstrich eingefügt („Josefine blieb stumm, aber sie
-zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche
-Frau vom Werth?“)
-
-Seite 478: „beänstigend“ ersetzt durch „beängstigend“ (... seinen
-beängstigend fragenden Ruf.)
-
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 74895 ***