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Viebig - - ~Romane~ - - #Rheinlandstöchter# - #Dilettanten des Lebens# - #Es lebe die Kunst# - #Das tägliche Brot# - #Das Weiberdorf# - #Die Wacht am Rhein# - #Vom Müller-Hannes# - - ~Novellen~ - - #Kinder der Eifel# - #Vor Tau und Tag# - #Die Rosenkranzjungfer# - - ~Theater~ - - #Barbara Holzer.# Schauspiel - #Pharisäer.# Komödie - - [Illustration] - - - - - Die Wacht am Rhein - - Roman - - von - - C. Viebig - - Vierzehnte Auflage - - [Illustration: Verlagssignet] - - Egon Fleischel & Co. - Berlin - 1904 - - - - - Alle Rechte - besonders das der Übersetzung - vorbehalten - - - - - Meiner Mutter - - zu eigen - - - - -Erstes Buch - - - - -I - - -»Kiekt ens an!« rief die Weise-Frau. - -Sie trat, das in ein buntes Stechkissen eingebündelte Neugeborene auf -beiden flachen Händen hinhaltend, es so gleichsam präsentierend, an das -Bett, in dem die Mutter auf rot gewürfeltem Kissen lag. Unter einer -einfachen, grobhaarigen Decke, über welche ein weißes Laken geschlagen -war, ruhte die Wöchnerin. - -»Kiekt ens an, Madam Rinke, es dat nit en staats Weit[1]?!« - -[1] Mädchen. - -Die junge Frau, die bis dahin mit geschlossenen Augen gelegen hatte, -rührte sich. Ihr rundes, vollwangiges Gesicht, dem nur die Angst der -letzten Stunden ein wenig die Farbe genommen, lächelte. - -»Och e ja,« sagte sie erfreut und rückte sich, um ihr Kind besser -besehen zu können. Es war ihr erstes Kind. »Wat et für schrumplige -Händches hat! Un alles e so rot!« - -»Rot?« wiederholte die Weise-Frau, förmlich beleidigt. »Rot?! Kömmert -Euch da nit dröm! Weiß es et, weiß wie Allebaster un Liljen. En Haut -hat et wie Sammet,« – stolz warf sie sich in die Brust – »Ehr könnt -mech dat jlöwe, Madam Rinke, ech han noch nie e so en schön Kink -jeholt. Paßt ens op, dat jeht als Engelche mit bei de Prozession!« - -Über das lächelnde Gesicht der jungen Mutter flog plötzlich ein -Schatten, und sie stieß einen Seufzer aus. - -»Jott stonn mech bei, wat es dann noch zu seufzen?!« eiferte Frau -Dauwenspeck. »Ehr hat et ja nu hinger Euch, Feldwebelin – un so en -staats Weit! Da könnt Ehr wohl in der Lamberteskirch en Kerz für -opstecken!« - -Die Frau Feldwebel sagte nichts dazu. Sie hatte wieder die Augen -geschlossen, aber nicht um zu schlummern, unruhig warf sie den blonden, -zerzausten Kopf hin und her. - -Kopfschüttelnd trat die Dauwenspeck vom Bett weg an’s Fenster: so eine -echte Freude hatte die Feldwebelin doch eigentlich gar nicht! Am Ende -weil es kein Junge, bloß ein Mädchen war?! Der Preuße würde sich’s -schon in den Kopf gesetzt haben: ›’ne Jung’‹ – no, natürlich! - -»De Leut sin jeck,« brummte sie und sah dabei nachdenklich auf das -runde Köpfchen, das schwer und warm in ihrem Arm lag. Mit der freien -Linken schob sie die Gardinchen von der schmalen Fensterscheibe zurück. -Jetzt, im hellen Licht des Sommertages, sah man erst recht, wie kräftig -das Kind war – hochgewölbt die Brust, der Schädel prächtig entwickelt. -Entzückt schmunzelnd, prüfte die Weise-Frau das Gewicht: allen Respekt, -elf Pfund waren das sicher und gewiß! - -»Als ob et immer Junges sein mößten,« brummte sie weiter, »Mädches sin -auch wat notz. Wat hätt’ de Adam dann allein op der Welt jemacht?! Pß – -sß – bis still, dau lecker Dierke!« - -Sie wiegte das kleine Mädchen, das, vom Sonnenlicht getroffen, zu -niesen anfing, sanft schaukelnd hin und her, ihren rauhen Baß dabei zum -summen dämpfend: - - »Heia Popinke, - Din Motter heißt Kathrinke, - Din Vatter es ene Kappesbuhr - Kömmt de hem, da kiekt de suhr.« - -Im Bett rührte sich die Frau nicht mehr, sie war nun doch wohl -eingeschlafen. An der niederen Balkendecke des weißgetünchten Zimmers -summten die Fliegen; unruhig wirbelten sie um den Stock, der, mit Syrup -beschmiert, vom Mittelbalken herabhing. - -Es war heiß, Hochsommer. Jenseits des Exerzierplatzes, drüben über’m -Kanal, ballte sich eine dicke, dunkle Wolke mitten im lichten Blau. Die -vereinzelten Bäume dort rührten sich nicht; wie aus steifem, grünem -Papier geschnitten, standen sie starr. Auf dem noch unbebauten Plan -jagten sich ein paar große Hunde, scharrten in den Gruben und stürzten -dann durstig die Böschung hinunter zum Wasser. - -Auf den weiten, staubigen Platz prallte die Sonne; er lag ganz leer, -kein Offizier übte mit seinem Pferde dort spanischen Tritt, kein -Bursche ließ den Gaul seines Herrn an der Longe laufen, auch keine -Mannschaft exerzierte. Alles ausgestorben. Doch horch, jetzt eine -Stimme: - -»Achtung! Präsentiert das – Gewehrrr!« - -No, der war ja wieder gut am Schimpfen, und hier oben war ihm doch -ein Kind geboren! Eilig steckte Frau Dauwenspeck ihren Kopf mit der -bebänderten Haube zum Fensterchen heraus – richtig, da stand gerade -unter’m Fenster eine kleine Anzahl Rekruten, so ein paar Sündenböcke, -dicht an der Mauer, um ein wenig Schatten zu haben, und der Feldwebel -lief vor ihnen auf und ab in der prallen Sonne und übte selber mit -ihnen nach. - -»Himmelkreuzsakrament, ihr rheinischen Dickköppe, wozu sind euch denn -die Tatzen an den Leib gewachsen? Immer man feste!« - -»Achtung! Gewehr auf – Schulter!« - -»Das Gewehrr – über!« - -»Pst!« Frau Dauwenspeck neigte sich weiter hinaus, »Feldwebel, he, -pst!« Mit beiden Armen streckte sie das Kind von sich und hob es -zugleich ein wenig in die Höhe – so mußte er’s sehen! - -Er sah es auch. Einen flüchtigen Augenblick schaute er zum Fester -seiner Wohnung hinauf; über sein strenges, braunes Gesicht zuckte -etwas wie ein Freudenstrahl, aber gleich darauf fuhr sein Blick wieder -rollend über die Soldaten hin. - -»Schlaft ihr? Ich wer’ euch lehren, die Kompagnie verschimpfieren, ihr -Rasselbande! Kopf hoch! Brust ’rraus! Bauch ’rrein!« - -»Faßt das Gewehrr – an!« - -»Gewehrr – ab!« - -Die strenge Stimme tönte über den ganzen Platz und weckte ein hallendes -Echo drüben in der stillen Leere jenseits des Kanals. - -Indigniert zog sich die Dauwenspeck vom Fenster zurück und ließ sich -pustend auf den nächsten Schemel fallen. Das war einer, nicht mal einen -Moment kam er heraufgelaufen, sich sein Erstgeborenes anzusehen! Am -frühen Morgen schon war er weggerannt, hatte sie mit dem armen Weib in -aller Not allein gelassen, und man hätte ihn doch zu einer Handreichung -nötig gehabt! ›Käthe‹, hatte er gesagt, und seiner angstvoll blickenden -Frau auf die Wange geklopft, ›Courage! Du bist jetzt wie der Soldat vor -der Schlacht – man los, man tapfer!‹ Und damit war er gegangen. Ja, die -Preußen! Die hatten kein Herz im Leib, die dachten nur an hauen und -stechen und schießen! - -Die Alte war sehr unzufrieden. - -Da waren doch die Pfälzer und Österreicher, die in ihrer Jugendzeit, -als Düsseldorf noch Festung gewesen, hier gelegen, ganz andre Leute! -Bei der Dame eines Pfälzer Offiziers hatte sie ihre allererste -Entbindung gemacht; ausgelernt hatte sie noch gar nicht gehabt, sie -verstand’s nur, weil ihre Mutter und Großmutter dasselbe Gewerbe -betrieben hatten und ihr Vater ein Barbier- und Ruchwarenlädchen besaß, -schröpfte und Zähne zog und mehr Zuspruch hatte wie ein Doktor. Die -Dame damals war gar nicht so wohl gewesen wie jetzt die Feldwebelin, -aber doch hatte der Pfälzer gesprungen und gepfiffen und einen Zettel -an seinen Obersten geschickt: der möchte ihn exküsieren, er könnte -heut nicht zum Dienst kommen, seine Frau hätte ein Kind gekriegt. Und -Wein hatte er bringen lassen und ein paar Kameraden geladen, da hatten -sie auf das Wohl des kleinen Fräuleins getrunken. Und ihr hatte der -lustige Herr einen baren harten Thaler in die Hand gedrückt, und Geld -war doch rar in der Stadt um 1795. - -›Käthe‹ – schon allein, daß der Feldwebel ›Käthe‹ zu seiner Frau sagte, -war zum ärgern. Mochten sie in Preußen immerhin ›Käthe‹ sagen, hier am -Rhein sagte jedermann ›Kathrina‹ oder ›Trina‹ oder ›Tring‹. Der armen, -jungen Frau so den christlichen Taufnamen zu verschimpfieren. Aber was -konnte man von dem denn andres erwarten, der war ja ein ›Lutherscher‹! -Der Bürger Zillges hätte auch besser gethan, seine Tochter einem von -hierzulande zur Frau zu geben, als dem, der dahergeschneit kam von -Gott weiß wo, aus der Sandwüste Berlin. So einem Soldatenjungen, der -wohl gar im Marketenderkarren geboren war, beim Troß oder in irgend -einem Festungsgraben. Aber dat Tring war ja wie toll gewesen. Keiner -hatte ihr bisher gut genug gedünkt, vierundzwanzig war sie schon -geworden, aber sie verließ sich auf ihr rundes Gesicht und des Vaters -Geldbeutel. Die Wirtschaft ging flott, und Bürger Zillges konnte wohl -was überlegen für sein einziges Kind. Da trat eines Tages der Preuße in -die Wirtsstube ›Zum bunten Vogel‹, keck verlangte er ein Kännchen Bier, -seine Knöpfe blinkerten, die hohe Binde schnürte ihm fast den Hals zu, -er hielt sich so gerade, als hätte er einen Zaunstecken verschluckt und -– weg war die Trina, ganz verschossen. - -Ne, das hatte keine Art: ein Preuß’, ein Soldat, ein Ketzer! Wenn -Düsseldorf nun auch schon leider Gottes seit über ein Dutzend Jahr’ -zum Preußenstaat gerechnet wurde, man würde sich selber nie daran -gewöhnen. Und so ein Preuße, so ein unverfälschter Berliner, der -eben erst vor vier Wochen hier hereingerochen hatte, der sollte die -Tochter aus dem ›Bunten Vogel‹ freien?! Die ganze Ratingerstraße geriet -darüber in Aufregung. Und konnte man es dem Zillges verdenken, daß er -herumging wie ein Ungewitter, und daß Mutter Zillges den teilnehmenden -Nachbarinnen ihr bekümmertes Herz ausschüttete? Wer hätte gedacht, -daß die Trina so eine halsstarrige Frauensperson wäre?! Sie war doch -immer so mollig, so schnuckelig, so ein bißchen bequem gewesen, und nun -wollte sie auf einmal in den Rhein springen, wenn die Eltern ihr nicht -den Feldwebel gäben. Sie weinte sich die Augen rot, sie verlor förmlich -von ihrer Völligkeit, nie mehr vertieften sich die Grübchen in ihren -Backen; sie ließ sich gar nicht mehr unten in der Wirtsstube sehen, saß -immer oben am Kammerfenster hinter ihren vertrockneten Blumenstöcken -und reckte nur den Hals, wenn ein soldatischer Tritt auf dem Pflaster -dröhnte, und groß und stramm der Feldwebel vorbeimarschierte, allein -oder mit der Wache, die zum Burgplatz zog. Stolz ging er, den -Schnauzbart gewichst – ein stattlicher Kerl, das mußte ihm der Neid -lassen! Mußte auch sein Handwerk verstehen, denn ›Feldwebel‹, das war -doch mehr als ein gewöhnlicher Soldat; und alt war er auch noch lange -nicht, vielleicht an die dreißig! - -Die Dauwenspeck wußte jetzt nicht mehr, wie es gekommen, daß ihr -Herz sich nach und nach für den Preußen erweicht hatte; denn daß er -ihr eines Abends, als sie ratlos vor dem, die Ratingerstraße halb -überschwemmenden Rinnstein stand und sehnsüchtig nach ihrer Hausthür -hinstarrte, über’s Wasser half, das war doch nur selbstverständlich! -Ach, hätte sie lieber nicht bei Mutter Zillges ein gutes Wort für den -Preußen geredet, denn – die Alte starrte nachdenklich auf das in ihrem -Schoß jetzt sanft schlummernde Kind – war die Trina glücklich geworden?! - -Erst schien sie es freilich. Das war eine Glückseligkeit, als der -Zillges den Preußen aufgefordert, näher zu treten. Trina hatte kein -Wort dazu gesagt, aber den schönen Soldaten immer angesehen mit -verschämtem Erröten, die blinkernden Knöpfe hielten sie gebannt; und -als er sich verabschiedet, hatte sie ihm das Geleit gegeben auf den -Hausflur, bis an die Hausthür, und als er dort eben mal den Arm um ihre -Taille legte, hatte sie den Kopf an seine Brust fallen lassen und war -so eine ganze Weile verblieben. - -Oha, die Dauwenspeck wußte das alles ganz genau, nicht umsonst wohnte -sie dem ›bunten Vogel‹ gerade gegenüber. Sie hatte fleißig beobachtet, -deutlich gesehen, wenn’s auch schon dämmerte, und was da etwa fehlte, -konnte sie sich leicht hinzudenken; man war doch nicht unerfahren. -Tagtäglich war er gekommen. Kein Wunder, so ein povrer Preuße, der -nichts hatte, als seine paar Pfennig Löhnung – die Infanteristen -waren doch die allererbärmlichsten, die Husaren in der Neustadt -hatten wenigstens ein Pferd – der ließ sich’s wohl sein im fetten -Bürgerhaus! Die Frau Zillges kochte vorzüglich, war sie doch guter -Leute Kind, eine Tochter aus der ›Stadt Venlo‹ in der Ritterstraße, wo -der berühmte Mostrich herkam. Eine Mostertsauce zum fetten Rindfleisch -verstand sie zu rühren, so lecker, daß auch ein andrer, als der -hungerleiderige Preuße wohl schlecken mochte! Und ›Stühl und Bänk‹[2] -kochte ihr keiner nach. Es dauerte nicht lange, und der Brautschleier -wurde in Auswahl genommen, und die goldenen Ringe wurden bestellt bei -Schmitz im ›Blumenkörbchen‹. Bald danach trug Zuckerbäcker Troost -aus dem ›heiligen Apollinarius‹ in der Altestadt den Hochzeitskuchen -in den ›bunten Vogel‹, und ein Rudel Kinder lief hinterdrein, um den -Krokantaufsatz mit dem Amörchen im Taubenwägelchen auf der Torte -anzustaunen. - -[2] Alt-Düsseldorfer Gericht, bestehend aus weißen Bohnen, Mohrrüben -und Kartoffeln. - -Die Trina war eine strahlende Braut gewesen. Ihr Gesicht glühte, als -sie neben ihrem Feldwebel in die Kirche trat. Der stand stramm in der -Paradeuniform. Aber Peter Zillges schien grauer geworden, und Frau -Josefine Cordula duckte den Kopf; wie die armen Sünder schlichen die -beiden Eltern hinterdrein. Ja, das war nicht so leicht, das einzige -Kind, auf das sie elf lange Ehejahre geharrt hatten, zur Trauung gehen -zu sehen, denn weder die Glocken von Lambertus läuteten, noch von -St. Andreas, noch von der Jesuiterkirche, noch von der Maxpfarre – -Trina hatte eingewilligt, ihre Kinder ›lutherisch‹ werden zu lassen! -›Denn‹, hatte der Preuße gesagt und dabei die Faust fest auf den Tisch -gestemmt, ›Soldatenkinder müssen beten, wie ihr König betet.‹ Darauf -bestand er, da halfen keine Vorstellungen. Herr jemine, hatte der -Zillges geschimpft – die Kinder Ketzer – nie! Aber ›na, denn nich,‹ -hatte der Preuße gesagt, ›denn wird aber auch nicht geheiratet.‹ Was -sollte der Zillges machen? Die Trina schrie und fing wieder an, mit -dem Rhein zu drohen, sie wollte schon aus der Thür laufen, der Vater -kriegte sie noch gerade beim Arm zu fassen; und die Mutter weinte mit -ihr. Das war eine Thränenflut zum versaufen. - -Ein kleiner Trost war’s, daß die Garnisonkirche, in der die Trauung -stattfand, ›Sankt Anna‹ hieß; da wurde auch gut katholisch drin -gebetet, sie diente beiden Konfessionen. Und das mit den Kindern – ei, -kommt Zeit, kommt Rat, vorderhand wollte man sich nun darüber nicht -mehr grämen. - -So waren Feldwebel Friedrich Rinke und Jungfer Kathrina Zillges -zusammengesprochen worden ohne Weihrauch, ohne Gesang – gar keine -richtige Trauung, und doch war heute prompt, wie es sich gehörte, das -erste Kind einpassiert. - -»Du arm Ditzke!« Mitleidig schlug Frau Dauwenspeck ein Kreuz über Stirn -und Brust des Neugeborenen. Das schöne Kind, Sünde und Schande, wenn -seine Seele dereinst nicht selig werden sollte! - -Ein schwerer Tritt drückte die Holzstiege nieder, die zur -Feldwebelwohnung emporführte, man hörte das Knarren – aha, nun kam er! -Die Dauwenspeck setzte sich in Positur. ›No‹, wollte sie zu ihm sagen, -›endlich!‹ Bah, vor dem hatte sie noch lang keine Angst! Mutter Zillges -hatte immer eine dumme Scheu vor dem Schwiegersohn. I, warum nicht gar? -Ein richtiges rheinisches Mundwerk ist so einer Berliner Schnauze noch -lange gewachsen. Der sollte sich nur mal trauen, sie schief anzugucken! -›Seid Ehr jeck?‹ würde sie dann sofort sagen, ja, das würde sie – ›Ehr -seid ja je–‹ - -Sie fuhr zusammen; schon war er eingetreten. Mit einem großen Schritt -stand er neben ihr. Ohne weiteres nahm er ihr das Kind aus dem Arm, -hielt es vor sich und betrachtete es lange, ohne Wort. Ein Freudenglanz -breitete sich über sein Gesicht, weich wurden seine strengen Züge. - -Die Dauwenspeck sah ganz verdutzt drein, sie hätte es nicht für möglich -gehalten: war das ein verliebter Vater! - -»Ein Prachtbengel,« sagte er endlich, und in stolzem Glück leuchteten -seine Augen, »ein Prachtbengel!« - -»En Prachtmädche, met Verlöw,« sagte die Dauwenspeck. Aber sie sagte es -nicht ohne Besorgnis – der würde ihr wohl bald den Kopf abreißen! - -Sie hatte sich geirrt. Wohl flog’s erst wie Enttäuschung über sein -Gesicht, aber er faßte sich rasch: »Na, wenn schon! Denn also: ein -Prachtmädel! Sie wird Preußen wackre Soldaten schenken.« - -Und er bückte sich und küßte sein kleines Mädchen. - -Draußen fingen die Glocken an zu läuten, von St. Lambertus, von St. -Andreas und wie die Kirchen alle heißen. - -»Wat läuten se denn eso?« fragte die junge Frau, jäh aus dem Schlummer -auffahrend. - -Ihr Mann trat an’s Bett; sich über sie beugend, nahm er ihre Hand in -die seine. »Na, Käthe,« sagte er gut gelaunt und klopfte ihre bleiche -Wange – »na, Mutterchen?!« - -»Wat – läuten – se – so?« wiederholte sie wie im Fieber. - -»Na, Mittag!« - -Mit einem Seufzer schloß die Müde wieder die Augen. - - * * * * * - -Und die Glocken der Stadt läuteten weiter. Zur Hochzeit des Feldwebels -hatte keine einzige geläutet; jetzt riefen sie alle mit schallender -Stimme, von all den vielen Kirchen und Kapellen, hoch und hell, voll -und tief, über Straßen und Dächer, über Höfe und Gärten, in lautem, -vielstimmigem Chor. - -Sie begrüßten mit Freuden des Feldwebels Tochter: ein rheinisches Kind. - - - - -II - - -Vierzehn Tage später, an einem August-Sonntag 1830, wurde Josefine -Rinke getauft. - -Der Feldwebel hätte seine Erstgeborene gern Luise genannt, -nach Preußens geliebtester Königin, aber es wurde als ganz -selbstverständlich angenommen, das Kind mußte einen Namen von -Großmutter Zillges führen; und so wollte er seinem erst eben genesenen -Weib, das ohnehin leicht flennte, diesen Kummer nicht auch noch anthun. -War es Trina doch Kummer genug, daß sie die Taufe nicht mit einem Fest -feiern sollte, wie sie es gewohnt war bei weit geringeren Anlässen. Im -›bunten Vogel‹ hatte man gern gefeiert; es gab so viel Heiligentage, -so viel fröhliche Gelegenheiten. Und wenn man sich nur einen ›Spaß‹ -machte, Bratäpfel und Kastanien schmauste, sobald der erste Schnee -fiel, oder singend über flackernde Lichtstümpfchen hüpfte. - -Nun sollte nicht einmal die Taufe der kleinen Josefine mit einem Essen -begangen werden, zu dem man Gevattern und Freunde einlud! Ein größerer -Gefangenentransport war nach der Festung Wesel zu eskortieren; statt -des plötzlich erkrankten Offiziers hatte man Rinke das Kommando -angeboten, und er hatte es angenommen. Hätte er’s nicht ebenso gut -ablehnen können, die Taufe seines Kindes war doch Grund genug?! Aber -nein – Frau Trina war außer sich – annehmen mußte er’s, aus purer -Eitelkeit! Und wenn’s denn schon sein mußte, so hätte man ja doch die -Taufe verschieben können, um ein, zwei Tage bloß; aber nein, auch das -nicht, der einmal festgesetzte Termin mußte innegehalten werden. Weil -der Garnisonspfarrer am Sonntag nach der evangelischen Kirche ein halb -Dutzend Soldatenkinder zusammen taufte, mußte das Finchen auch ’ran. -Das arme Finchen, das kriegte ja gar keine richtige Tauf’! - -›Wenigstens en Tass’ Kaffee mit Bollebäuskes und Rodon,‹ hatte sie -schluchzend ihren Mann gebeten, ›un nachher e Jläsche Wein! Un nur -en paar jute Bekannte derzu! Dat können mer doch auch ohne dich, da -brauchst du ja jar nit bei zu sein!‹ - -›Ob ich ›bei‹ bin oder nicht,‹ hatte er gesagt, ärgerlich ihre -Sprechweise nachahmend, ›ich will den Sums nicht! Schlicht getauft, -weiter was ist nich nötig!‹ Die Feldwebelin hatte sich bitter bei ihrer -Mutter beklagt. - -Schmerzlich bewegt schritt Frau Zillges heute mit der Tochter und der -getreuen Dauwenspeck, die den Täufling trug, zur Kirche. Sie kamen -ein wenig zu früh, aber sie standen lieber draußen vor der Thür und -warteten, als daß sie eingetreten wären, wozu der Küster sie leise -aufforderte. - -Es fing an zu regnen, ein kühler Gewitternachregen war’s; das Pflaster -der Kasernenstraße trat sich unangenehm schlüpfrig. Die junge Frau -trippelte blaß und fröstelnd hin und her, ihre blauen Augen irrten -verdrossen die Straße auf und ab: ach, gar nichts zu sehen! Nur ein -paar Soldaten in Drillichjacken guckten gelangweilt aus den Fenstern -rechts und links von Sankt Anna. - -Die Dauwenspeck schlug einen Zipfel ihrer Mantille über den Täufling -und drückte sich, so sehr sie konnte, auf der Schwelle der Kirche unter -die etwas vorspringende Eingangsbedachung. - -Mutter Zillges stand unbeweglich und schien des Regens nicht zu achten, -der ihre Haube näßte; sie war in Gedanken versunken. Für eine, die -schon einige Jahre die Fünfzig hinter sich hatte, war ihr Gesicht -merkwürdig glatt geblieben, dies freundliche, behagliche, zufriedene -Gesicht. Heut sah man doch, daß es auch schon Runzeln hatte. War’s denn -nicht auch zu traurig? Solch eine Taufe! Der Vater nicht zugegen, der -Großvater nicht zugegen – was sollten die Leute wohl denken, daß der -Zillges nicht mitgekommen war? Jemand Fremdes zu Gevatter zu bitten, -hatte man ja ohnehin bei so einer Taufe gar nicht gewagt. Frau Josefine -Cordula fühlte sich heut wirklich unglücklich, sie konnte sich nicht -erinnern, je in ihrem Leben unglücklicher gewesen zu sein, nicht -einmal, als ihre Eltern starben. Da hatte der Weihrauch die ›Stadt -Venlo‹ durchweht, wie ein sanft tröstender Hauch des Himmels. Heut -aber, hier auf der regenfeuchten Straße, angesichts einer Taufe, die -eigentlich gar keine war, versagte ihre Fassung. Hatte ihr zu alledem -doch noch Zillges heute morgen erklärt, als er das bedrohliche Wetter -sah, sie solle nur allein zu der ›Ketzerei‹ laufen, er ginge nicht -mit. Sie hatte ihn ›bequem‹ gescholten, sogar mit ihm gebrummt, was -selten vorkam, aber der sonst so gemütliche Peter blieb dickköpfig. -Nein, wenn der nicht wollte, dann wollte er nun mal nicht. Überdies -hätte er Leibschmerzen, sagte er. - -Wenn Frau Zillges es recht bedachte, verdenken konnte sie ihrem Peter -sein Fernbleiben eigentlich nicht, der Rinke hatte ihn doch zu sehr -geärgert. Freilich hatte die dumme Trina in der ersten Verliebtheit -jedes Zugeständnis gemacht, aber nun hätte Rinke doch auch ein bißchen -mit sich reden lassen können: wenigstens halb und halb – die Mädchens -nach der Mutter, die Jungens nach dem Vater! Mutter Zillges hatte die -ganzen vierzehn Tage seit der Geburt der Kleinen gehofft, der Feldwebel -werde sich besinnen und das Kind durch eine heilige Taufe den wahren -Gläubigen zugesellen. - -Sie hatte ihre Tochter, die ja immer ein bißchen lässig war und gern -Unangenehmem aus dem Weg ging, beschworen, ihrem Mann ernstliche -Vorstellungen zu machen. - -Trina behauptete auch, das gethan zu haben: aber ›er is doch nu ens -so,‹ hatte sie gejammert, ›ich krieg ihn nit derzu. Wat soll ich dabei -machen? Laßt mich zufrieden!‹ - -Ach, ach, es war aber auch alles zu ärgerlich! Frau Zillges biß sich -auf die Lippen; sie wurde nicht gleich so grob wie ihr Mann, aber wenn -sie den Rinke jetzt hier gehabt hätte, glaubte sie sich imstande, ihm -ordentlich den Text zu lesen. Jedes harmlose Pläsier verdarb einem der -Preuße! - -Während der ganzen ersten Hälfte der Ansprache, die der Pastor hielt, -dachte sie darüber nach, warum sie eigentlich für einen so betrüblichen -Tag einen so großen Zwetschgenkuchen gebacken hatte und einen so -leckeren Blatz mit Korinthen. Wie konnte man denn essen, wenn man so -traurig war?! Aber sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, war es der -Anblick des Kindchens, das, ganz so rund und blond wie die Mutter, -brav schlummerte, die kleinen Hände zu Fäustchen geballt? Das nicht -einmal aufzuckte, als die kalten Wassertropfen den zarten Flaum seines -Köpfchens besprengten? Sie bekam freundlichere Gedanken. - -Und hier der Hochaltar von Marmorstein, den man von den frommen -Cölestinerinnen hergebracht – und da der heilige Johannes Nepomuk -und dort in der Nische die heilige Anna! Nein, noch war nicht alles -verloren! Ihre Stirn glättete sich; sie sah nieder: ei, so ein klein -lecker Stümpken! Akkurat so hatte ihr einst das eigne Kind, die kleine -Trina, im Arm gelegen, wie hatte da ihr Herz vor Freuden geklopft! -Und nun war sie Großmutter! Ihr Herz klopfte wieder, gerade so innig, -nein, fast noch mehr! Warm fühlte sie’s in sich aufwallen. Ja, sie -wollte es lieb haben, und was an ihr lag, das wollte sie wohl thun, der -Preuße sollte nicht die Oberhand kriegen; am Rhein war es geboren, ein -rheinisch Kind sollte das Finchen bleiben! - -Sie mußte an sich halten, um dem Enkelkind nicht einen schallenden Kuß -aufzudrücken. - -Der Geistliche sprach den Segen über die Täuflinge; es beruhigte die -Großmutter, daß er dabei wenigstens ein Kreuz machte. Durch das Glas -der Kirchenfenster fielen bunte Strahlen. Draußen schien wieder die -Sonne – ei, das war gut, da sah sich alles noch einmal so freundlich an! - -Als sie dem Ausgang der Kirche zuschritten, hatte Frau Zillges wieder -ihr gewohntes behagliches Gesicht. - -»Et hat noch jut jejangen,« flüsterte sie und nickte der Tochter zu. -Diese gähnte, war abgespannt und hatte Lust auf ein Gläschen Wein; aber -sie hatte keinen Viertelschoppen zu Hause, das fiel ihr ein, und darum -seufzte sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, als die Mutter einen Laut der -Überraschung ausstieß. - -Hinter dem letzten Pfeiler trat Vater Zillges auf sie zu. Er -schmunzelte über’s ganze Gesicht, zugleich ein bißchen pfiffig und ein -bißchen verlegen; da hatte er die ganze Zeit über versteckt gestanden -und zugesehen. - -»No, Zillges,« flüsterte Frau Josefine Cordula und gab ihrem Mann -einen kleinen Puff in die Seite, »du bis aber einen!« Sie wollte -ärgerlich thun, aber sie brachte es nicht fertig. »Warum biste dann nit -wenigstens vornehin jekommen?!« - -Er faßte sie unter den Arm und flüsterte zurück unter noch stärkerem -Schmunzeln: »Dat war mich nit möjelich, wahrhaftijens Jott nit – du -weißt doch – dat Bukping!« Und dabei knibbelte er mit dem Auge. - -In guter Laune traten sie aus dem Portal. Es war wunderschönes Wetter -geworden; Damen mit Parasols und blumengeschmückten Kiepenhüten -bauschten ihre sommerlich hellen Gewänder. - -»Wohin dann?« fragte Zillges, als sich Trina jetzt nach links wendete. -Die Infanteriekaserne dehnte sich lang, nahm die ganze eine Seite der -Straße ein, und die Feldwebelwohnung lag in Hof I, im äußersten linken -Flügel. »No, wat dann, wohin jehste?« - -»Nach Haus,« murmelte Frau Trina mit zuckenden Lippen; es wurde ihr -doch gar schwer, wenn sie daran dachte, daß sie an dem schönen Sonntag, -der noch dazu der Tauftag ihres Kindes war, so mutterseelenallein in -der öden Kaserne sitzen sollte. Die Eltern würden ja nicht zu ihr -kommen, die hatten in dem ganzen Jahr kaum einmal die Feldwebelwohnung -betreten; und wenn auch der Rinke nicht da war, das thaten sie doch -nicht. Überdies war am Sonntag nachmittag immer viel Zuspruch im -›Bunten Vogel‹. »Och Jott, och Jott!« seufzte sie; sie fühlte sich doch -noch recht schwach. - -Als hätte der Vater ihre Gedanken erraten, so sagte er jetzt: »No -Huus?! Biste jeck? Du wirst doch net e so trübselig allein sitzen?! -Komm du nur bei uns, Tring!« - -»Un dat Finken kömmt auch mit bei sein Jroßmamma,« rief Mutter Zillges -und lächelte zärtlich ihr Enkelkind an. - -Die junge Frau war zögernd stehen geblieben und wurde abwechselnd rot -und blaß. Ach ja, sie wollte sehr gern mitgehen, aber hatte ihr Mann -ihr nicht befohlen, sich ruhig zu Haus zu halten? Unschlüssig sah sie -vom Vater zur Mutter und auch zur kleinen Josefine hin, sie wußte -sich keinen Rat; ihr grauste vor den getünchten Kasernenwänden und -der Einsamkeit. Wie viel besser war’s in der getäfelten Wirtsstube -des ›Bunten Vogel‹, und nebenan im kleinen Comptörchen, wo der -große Lederstuhl am Fenster zum Ruhen einlud, und das erst kürzlich -angebrachte Spiönchen die Straße aufwärts und abwärts in seinem Glas -spiegelte. O, da war’s gut sein! Aber hatte Rinke nicht gesagt: ›Du -bist noch schwach, leg dich lieber ein paar Stunden hin, schon wegen -der Josefine!‹ Schwach, schwach?! Ne, sie war ganz kräftig! - -Die Dauwenspeck gab den Ausschlag. »No, Madam’ Rinke,« mahnte sie, -»steht hie nit e so lang erum, dat es Euch nit jut. Zeit for ’t -Mittagessen es et auch als. Un et Finken hat auch als Appetitt. Madam -Zillges, seid e so freundlich, dragt dat Finken e Stücksken, et es mech -als janz schwer.« - -Und nun schwenkte die kleine Karawane, als sei es so ganz -selbstverständlich, statt nach links, nach rechts ab, in der der -Feldwebelwohnung entgegengesetzten Richtung. – - -Wer hätte gedacht, daß das heute noch so ein vergnügter Tag werden -würde! Mutter Zillges hatte ein gutes Mittagsessen vorbereitet gehabt, -und alle thaten ihrer Kochkunst Ehre an. Die Dauwenspeck versicherte, -sie könne sich tot essen an den gestovten Saubohnen und dem -frischgekochten durchwachsenen Speck; einen leckreren Zwetschgenkuchen -verstand überhaupt keiner zu backen, er schmeckte so ›herzlich‹. Auch -dem Düsseldorfer Obergärigen wurde wacker zugesprochen, und zuletzt -stieß man mit einem Gläschen Rheinwein auf das Wohl des Täuflings an. - -Es herrschte ein ungemeines Behagen in der um diese Zeit noch leeren -Wirtsstube, an deren altertümlichen Wänden, zwischen ausgestopften -Vögeln und Schmetterlingskästen, verschiedene Lithographien des Kaisers -Napoleon hingen. Auf der einen stand er einsam, im kleinen Hütchen, die -Hand im Busen; auf der andern lag er zu St. Helena auf dem Sterbebett. - -Peter Zillges bildete sich etwas darauf ein, daß er den Napoleon -gut gekannt. Hatte er dem Kaiser doch dazumal, anno elf, bei seinem -Einzug in Düsseldorf, so nahe gestanden, daß er ihn hätte am Rockschoß -greifen können. Auf dem Hügel am neuen Hafen war’s gewesen, da hatte -Napoleon einen Augenblick verweilt. Die Bürgergarde bildete Spalier, -Tücher wurden geschwenkt, Kinder und Jungfrauen streuten Blumen, -Musik spielte, Trommeln wirbelten, vom Boulevard Napoleon und der Rue -l’Empereur her wehten Fahnen, eine Ehrenpforte war gebaut am Ratinger -Thor, eine schaulustige Menge drängte sich, es gab ihrer genug, die -da schrieen: »_Vive l’empereur!_« Aber finster hatte jener gestanden, -die Arme über der Brust gekreuzt, und hinausgestarrt auf den Rhein, -der unruhig seine schweren, herbstgrauen Wogen vorbei rollte. Der arme -Kaiser, dem ahnte wohl schon Unheil! - -Zillges erzählte das gern und anschaulich; er konnte sich nie eines -gewissen Bedauerns dabei erwehren. Man kannte den Napoleon doch von -Angesicht zu Angesicht, man war lange genug französisch gewesen, und -die Kurpfälzer und Österreicher, die vordem in der Stadt gelegen, -hatten übermütiger gehaust, wie die Truppen der Division Lefebvre. Und -wem hatte die Stadt denn den neuen Hafen und die schönen Anlagen des -Hofgartens, in denen der Bürger sich mit Weib und Kind ergehen konnte, -und den Ananasberg und den Napoleonsberg und die breite Alleestraße -zu verdanken? Nur dem Napoleon! Ohne den säße man noch in der engen -Festung und hätte Gott weiß was für Einquartierung auf dem Hals. - -Ja, der Napoleon, das war einer gewesen – Gott hab’ ihn selig! - -Ganz bescheiden nahm sich der Preußenkönig, Friedrich Wilhelm III., -zwischen den beiden großen Lithographien aus. - -Man saß noch hinter’m Tisch, als ein paar Gäste im ›Bunten Vogel‹ -erschienen, gute Bekannte, die Mutter Zillges gleich zum Kaffee einlud. -Nun fuhr sie ihren Korinthenblatz auf. - -Trina saß da mit hochgeröteten Wangen; sie hatte ihr Kind an der -Brust und ließ sich’s selber auch wohl sein. Ihre Augen glänzten; die -Freunde bewunderten das ›staatse‹ Kind – und dann war so viel zu hören -und zu erzählen! Sie hatte sich lange nicht so recht ausgesprochen. -Gedankenlos aß und trank sie in sich hinein; der Nachmittag verflog im -Umsehen. - -Es kamen der Gäste noch mehr, heut schenkte Peter Zillges gratis ein -– das erste Enkelkind, da wollte er sich doch nicht lumpen lassen. -Die Fröhlichkeit wurde laut, durch die offenen Fenster schallten die -Stimmen weit hinab die Ratingerstraße. Mancher Bürger, der vorüberging, -trat, angelockt durch das lustige Getön, in den ›Bunten Vogel‹ ein und -blieb drinnen. Der Kreis vergrößerte sich bedeutend; auch junge Leute -waren da, die mit der Trina einst ›Dopp‹ auf der Straße geschlagen und -um den alten Jan Willem auf dem Markt ›Nachläufches‹ gespielt. Sie -neckten sie alle mit ihrem Preuß’; aber die Neckerei war gutmütig, und -so lachte sie mit, daß sie sich schüttelte. - -Nun fing man an zu singen. Die jungen Männer gehörten zum -Gesellenverein und hielten ihre Übungen zu allen kirchlichen Feiern; -mit einem langgezogenen, choralartigen Lied begannen sie denn auch -erst, aber bald folgten leichtere Weisen. Der Tenor legte sich -ordentlich in’s Zeug, donnernd fiel der Baß ein; zuletzt freilich ging -der Gesang etwas auseinander. - -Es war heiß geworden, die Luft in der Wirtsstube stickig, von -Pfeifenqualm erfüllt. Die kleine Josefine quäkte unruhig. Frau -Dauwenspeck hatte sie der jungen Mutter abgenommen, schaukelte sie hin -und her und gab ab und zu ein beruhigendes Kläpschen auf die Rückseite -des fest zugebündelten Stechkissens. - -Einer der jungen Männer, der Schnakenbergs Hendrich aus der ›Windmühl‹, -pfiff der Kleinen freundlich etwas vor, ein Rheinländer war’s – hei, -fuhr der allen in die Beine! Man stand auf und fing an zu schleifen. -Der Zillges war ein rechter Schalk, ehe seine Josefine Cordula sich -dessen versah, hatte er sie um die Taille gefaßt: vier Schritt nach -links, vier nach rechts, schwenkt euch rund, immer rund! Weiß Gott, der -tanzte seine rheinische Polka noch wie ein Junger. - -Trina war auch von der Bank aufgesprungen, sie stellte sich auf die -Zehen und reckte sich hinter’m Tisch, um Großvater und Großmutter -tanzen zu sehen, und lachte unbändig. Rosig und hübsch sah sie aus. Wie -lange nicht, vertieften sich die Lachgrübchen in ihren runden Wangen, -ihre Augen glitzerten vor Vergnügen; nun streckte sie den Finger aus -und kreischte laut auf. Sie hatte einen ganz kleinen Schwips. - -Der schwarze Hendrich, der früher schon immer ein Auge auf sie gehabt, -voltigierte hinter den Tisch und zog sie vor. Ob sie sich auch kichernd -sträubte, er drehte sie ein paarmal herum, nur ein paarmal; sie waren -noch kaum vom Tisch weggekommen, da stockte ihr der Atem – jemand war -eingetreten, ein strammer Langer, in Uniform – da – da – der Feldwebel! - -Mitten in der Stube stand er und sah sie an mit einem bösen Gesicht. - -Es war eine unangenehme Überraschung für beide Teile. Frau Trina wurde -noch glühender rot, des Feldwebels gebräuntes Gesicht wurde fahl. - -Aha, da war er ja gerade zur rechten Zeit gekommen! Also darum hatte es -ihn innerlich so getrieben, daß er sich in Wesel, nachdem er in später -Nacht seine Gefangenen eingebracht und den Ablieferungsschein erhalten, -nur wenige Stunden Rast gegönnt und im Morgengrauen bereits wieder die -Rückfahrt angetreten?! In Kaiserswerth hatte er seine Mannschaft hinter -sich gelassen und war auf einem ausgespannten Gaul heimgeritten, so -rasch der müde Klepper laufen konnte. - -Nur nach Haus! Eine Sehnsucht hatte ihn plötzlich ergriffen, noch -heimzukommen am Tauftag seines Kindes. Ganz wollte er doch nicht -fehlen; auch die Käthe würde sich freuen, wenn er noch kam. - -Er hatte von seinem Vater einen Siegesthaler von anno 13 ererbt – -eine Öse war schon daran – da sollte die Käthe gleich ein Schnürchen -durchziehen, und er wollte ihn seiner Tochter heute um den Hals hängen -als einen Talisman. Er war ganz glücklich in dieser Idee. - -Was der Wachtmeister Rinke wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß sich -sein Enkelkind an seinem Siegesthaler einmal die Zähnchen durchbeißen -könnte?! Freuen thäte der sich. - -Lebhaft gedachte der Feldwebel in dieser Stunde seiner Eltern. Nun er -selber Vater war, fühlte er sich ihnen näher, obgleich er die Stelle, -wo sein Vater in der Erde ruhte, nicht kannte. Der Alte lag wohl in -irgend einem Massengrab bei Waterloo. Und die Mutter? Die war schon -begraben worden anno 13, als der Vater noch unter’m alten Blücher im -Kriege focht. - -Die Mutter! Ach ja, die hatte bitter Not gelitten in ihrer -Todkrankheit; die Nachbarn im armen märkischen Nest hatten auch nichts, -er, der Zwölfjährige, war ihre einzige Stütze. Rinke erinnerte sich -deutlich der kalten Winternacht, in der er, ohne Strümpfe, die nackten, -mit Lappen umwickelten Beine in die zerrissenen Schuhe gesteckt, -zum Flüßchen hinabgelaufen war, um Eis zu hacken, damit sie ihren -Durst löschen sollte. Die Axt war ihm abgeglitten und hatte seinen -Fuß getroffen, er hatte dessen nicht geachtet und war in fliegendem -Lauf zu der Fiebernden zurückgeeilt. Da hatte er gelernt, die Zähne -zusammenzubeißen. Es gehörte Mut dazu, die einsame, lange Winternacht -hinzubringen in der kalten Kammer, an deren klapperndem Fenster der -Wind rüttelte. Die Sterbende suchte bei ihm Wärme in ihrer Todeskälte; -selbst frierend, preßte er sie in seine Kinderarme. So hatten sie -einander umklammert, der Sohn der Mutter Schutz gebend und doch -zugleich noch Schutz bei ihr suchend. - -Friedrich Rinke hatte kein Glück, wenn er seiner Frau von der -Vergangenheit erzählen wollte. Das erste Mal, als sie eben verheiratet -gewesen, hatte sie zwar mitleidig geweint, aber als er noch einmal -darauf zu sprechen kam, sagte sie: ›Och, laß dat!‹ Es machte sie -graulen und verdarb ihr die gute Laune. Aber seiner Tochter wollte er -früh davon erzählen, das nahm er sich vor. – - -Immer rascher trieb er sein Pferd an. Schaum stand dem Tier auf den -Flanken, als er in den Kasernenhof sprengte. Mit steifen Beinen -stolperte er die Holzstiege zu seiner Wohnung hinan; er lachte in sich -hinein – ob die kleine Josefine wohl schlief? Es war drinnen ganz -still. Die Hand auf die Klinke legend, drückte er sie behutsam nieder – -was, verschlossen?! Donnerwetter, hatte die Käthe sich eingesperrt?! - -Er klopfte, erst mit dem Finger, dann mit der Faust; er rief: »Käthe, -Käthe!« Und immer grollender: »Frau!« Keine Antwort. Sie war nicht da. -Aber das Kind mußte doch drinnen sein?! Er horchte: auch von dem kein -Tönchen! - -Was war denn das für eine Zucht?! Einen Fluch ausstoßend, polterte er -die Stiege wieder hinunter. Wo steckten sie? - -Ein paar Soldaten, die auf der Bank vor der Thür ihres Blocks rauchend -den Sonntag verdruselten, standen stramm: Die Frau Feldwebel war gegen -mittag mit dem Kind und dem alten Weibsbild fortgegangen; bis jetzt -hatten sie sie nicht wiederkommen sehen. - -»Blinde Hessen!« - -Fort stürzte der Feldwebel. – – – - -Also hier fand er sein Weib?! Auf Rinkes Stirn schwoll die Zornesader; -mit einem Blick, der alles durchbohren zu wollen schien, maß er die -lustige Gesellschaft. - -Eine augenblickliche Verlegenheit entstand. Der schwarze Hendrich -machte einen Kratzfuß und ließ die Frau Feldwebelin schleunigst auf die -Bank niedersitzen. Trina wurde so blaß, wie sie vorher rot gewesen; der -fröhliche Rausch verflog, sie war plötzlich ernüchtert, ihr Herzschlag -stockte. - -Nur Peter Zillges, in seiner glücklichen Harmlosigkeit, nahm des -Feldwebels seltsame Miene nicht krumm. Am frohen Fest allen Groll -vergessend, schlug er ihn freundschaftlich auf die Schulter: »No, Herr -Schwiejersohn, wat es jefällig? Bier oder e Jläsche Wein? Ja, heut hat -de Pitter Zillges de Spendierbuxen an. Dat Finchen soll leben, un sein -Eltern derneben! Hoch, hoch, hoch!« - -Sie riefen alle: »Hoch, hoch, hoch!« Aber der Preuße verzog keine Miene -und blieb frostig. ›Steif wie ein Zaunstecken,‹ mäkelten die Gäste -hernach. - -Auch als die Schwiegermutter, die einem etwaigen Ungewitter vorbeugen -wollte, sich bethulich um Rinke mühte, hatte sie kein Glück. Was sie -auch anbot an Speise und Trank, schlug er aus; sie hatte Mühe genug, -daß sie ihn zum sitzen bekam. Ihre Erklärungen: die Trina habe sich -ohne ihn so einsam gefühlt, darum hätten sie sie mitgenommen in den -›Bunten Vogel‹ – die Gäste seien nur ein paar Nachbarn, die sich -zufällig eingefunden – bei der Taufe sei das Finchen sehr brav gewesen, -es sei ein gar zu lecker Tierchen und seinem Vater schon ähnlich – all -das beantwortete er mit keiner Silbe. Nach wenigen Minuten erhob er -sich wieder: - -»Komm, Käthe!« - -Auf solchen Ton gab’s kein Widerstreben; Frau Trina stand sofort auf. -Hastig band sie sich den Hut zu und warf die weite Mantille mit der -Seidenfladrusche um; es fröstelte sie plötzlich. So sehr drängte er zum -Aufbruch, daß sie kaum ein Nicken für die Freunde fand und ein kurzes: -»Adjüs zusammen!« - -Die Mutter war mit herausgelaufen; nun stand sie in der Hausthür und -schaute dem Paar nach. Trina hatte das Kind tragen wollen, er es ihr -aber fortgenommen. Jetzt machte er so große Schritte, daß die Frau -kaum nach konnte; ein paar Ellen war er immer voraus. Seufzend und mit -bekümmertem Gesicht sah Mutter Zillges hinter den beiden drein – ach -Gott, ach Gott, das gab ein böses Donnerwetter! - -Nie war Trina der Weg von der Ratinger- bis zur Kasernenstraße so lang -geworden trotz des schnellen Rennens; sonst ging sie ihn in einer guten -Viertelstunde, heut dauerte er ewig. Die Kniee zitterten, die Füße -versagten, ihr war schwindlig und schlecht zu Mut; aber sowie sie einen -Augenblick stehen blieb, um nach Luft zu ringen, rief ihr Mann: »Komm!« -Sie wagte nicht, zurückzubleiben, sondern hastete sich ab, daß ihr -der Schweiß auf der Stirn perlte. Es war ihr nie geheuer, wenn er sie -so stumm ansah, nur knapp ein Wort sagte; war er erst am Schimpfen, -dann war’s nicht mehr so schlimm, da kam sie ganz gut gegen an, ihr -Züngelchen konnte sich flink rühren. Aber heut hätte sie sich kein Wort -getraut. - -Atemlos tappte sie die Stiege hinauf; er wartete längst oben und sah -sie an mit einem Blick, als ob er sie durchbohren wollte. Als sie -den Schlüssel mit zitternder Hand aus ihrer Tasche vorholte, entfiel -er ihr; sie bückten sich beide zugleich danach und pufften die Köpfe -gegeneinander. Da wagte sie, obgleich ihr der Schädel brummte, ein -kleines Lachen; aber ihr Mann ging nicht darauf ein, sah sie gar nicht -an, entriß ihr den Schlüssel und stieß ihn heftig in’s Schloß. - -Sie traten ein, und plötzlich, wie mit einer Riesenlast, fiel es -der jungen Frau auf die Seele: wie dürftig, wie häßlich war’s -hier! Getünchte Wände ohne Schmuck, keine Bilder, nackte Dielen, -unbequeme Holzschemel, nebenan in der Kammer die schmalen, eisernen -Bettstellen mit den groben, härenen Decken und des Feldwebels tannener -Kleiderkasten. Ach, und zu Haus alles so hübsch, so behaglich! O, daß -sie auch nicht dagegen protestiert, als der Bräutigam alles überflüssig -fand! So ein Soldat, was weiß der von Behagen! Jetzt hätte sie sich -prügeln mögen. Wenigstens ein Bett mit einem Himmel hätten sie doch -haben müssen, ein Muttergötteschen und eine traulich glimmende ewige -Lampe! Ganz verzweifelt fuhren ihre Blicke umher; noch nie hatte -sie so den Unterschied zwischen dem ›Bunten Vogel‹ und der povren -Soldatenstube gesehen wie heut. Das Herz sank ihr, sie fing an zu -weinen und setzte sich in einen Winkel. - -Der Feldwebel brachte selber sein Kind zur Ruhe; kaum daß Trina sich -traute, als er draußen in der Küche nach einem Stück Brot suchte, das -Kleine aus der Wiege zu nehmen und an die Brust zu legen. Der Kopf war -ihr schwer, der Magen that ihr weh, sie weinte in einem fort. Weinend -kroch sie in’s Bett, noch weinend schlief sie ein. - -In der Nacht erwachte sie jäh – das Kind schrie durchdringend. Ganz -entsetzt sprang sie auf. Ihr Mann stand schon bei der Wiege; er hatte -das Öllämpchen angezündet und leuchtete damit in’s Bettchen nieder, in -dem er das Kind aufgebündelt. Die kleine Josefine zog krampfhaft die -Beinchen hoch an den Leib, jämmerliche Schmerzensschreie ausstoßend. - -»Jesus, wat hat et nur, warum weint et dann?« fragte Trina erschrocken. - -Er gab ihr keine Antwort; finster blickend raffte er die Decke von -seinem Bett und wickelte das Kind hinein. So trug er’s im Zimmer auf -und ab, immer auf und ab, rastlos hin und wieder. - -Sie wollte es ihm abnehmen. - -»Zu Bett!« herrschte er sie an. - -Ängstlich verkroch sie sich wieder unter ihre Decke und blinzelte nur -verstohlen zu ihm hin. - -Mitternacht war längst vorüber, schon dämmerte ein bleicher Schein -über’m Exerzierplatz. Noch immer wanderte Rinke auf und ab, hin und -wieder, und noch immer wimmerte das Kind. Sie konnte es nicht länger -mehr aushalten, an schlafen war doch nicht zu denken; die Decke -abwerfend, lief sie zu ihm hin. - -»Is et krank? Och Jott, och Jott!« rief sie angstvoll und rannte neben -ihrem Mann her, bleich und fröstelnd. Sie klammerte sich an seinen Arm. -»Och, Jesus Maria, Rinke, sag ens, wat hat et dann?« - -»Bauchweh!« stieß er kurz heraus. »Und du bist schuld dran!« Und als -sie ihn betroffen, ganz verdutzt ansah mit ihren müden, verschwiemelten -Augen, hob er zornig die Hand und gab ihr einen Backenstreich. - - - - -III - - -Der erste Weg, den Josefine lernte allein zurückzulegen, war der zu den -Großeltern. Munter und großäugig blickend, trippelte die Kleine über -Hof I der Kaserne. Ein mit einem Lämmchen besticktes Perlentäschchen -trug sie umgehängt, da hinein steckte ihr die Großmutter immer etwas -Leckeres. - -Feldwebel Rinke war nicht für die Verwöhnung; ob es regnete oder -windete oder fror, Josefine mußte heraus, nur daß sie dann statt des -runden Hutes mit Bändern, der ihr ewig im Nacken hing, ein Kapüzchen -trug und um den bloßen Speckhals ein Radmäntelchen. Frau Trina war -weniger für die Abhärtung, die Fina war ja noch so jung: sie wird den -Husten kriegen, sie kommt noch zu Unglück! Aber im Grunde war sie doch -ganz froh, einmal für eine Weile ein Kind los zu sein, sie hatte ja -noch den knapp um ein Jahr jüngeren Wilhelm und ein ganz Kleines in -der Wiege. Zwischen Wilhelm und dem Kleinsten war eins gestorben, ein -Mariechen. No, das war ja nur drei Wochen alt geworden, und zu warten -hatte sie auch so noch genug! Die Eltern hielten ihr zwar jetzt ein -Mädchen für die Tagesstunden, aber das war fast selber noch ein Kind, -eben erst zur heiligen Kommunion gegangen. - -Das Kasernenthor war die einzige ernste Schwierigkeit auf Josefines Weg -zur Ratingerstraße, den schweren Thorflügel konnte sie nicht heben; und -stand keine Spalte offen, um durchzuschlüpfen, mußte sie Hilfe rufen. -Hell schallte die Kinderstimme über den Hof, die Soldaten spitzten die -Ohren, wie bei einem Trompetenstoß. Nur rasch, sonst schrie die kleine -Blage[3] sämtliche Spottnamen der Kompagnie! Die wußte sie ja alle; und -die Soldaten wollten sich darüber totlachen. Jeder von ihnen kannte die -Feldwebelstochter. - -[3] Ungezogenes Mädchen. - -Wurde auf dem großen Platz exerziert, stand die Kleine gewiß oben in -der Wohnung auf dem Fensterbrett, den einen Arm um’s Fensterkreuz -geschlungen, den andern zum Schutz vor die geblendeten Augen gelegt. -Wurde in Hof I gedrillt, hockte sie sicher in der Nähe, auf dem -Pumpentrog, auf irgend einer Treppenstufe und folgte mit aufmerksamem -Blick jedem Griff, jeder Wendung. - -Feldwebel Rinke freute sich seiner Tochter; er war nicht wenig stolz -auf sie. Abends, wenn er sich die Pfeife anzündete – die einzige, die -er sich überhaupt gönnte – rief er: »Antreten!« Und Josefine, die schon -lange auf diesen Ruf gelauert, war mit einem Sprung zur Stelle. Einen -zugestutzten Haselstock trug sie im Arm. - -»Achtung!« Der Vater kommandierte. Hei, da wurden Griffe geübt, -geschmeidig klammerten sich die kleinen Finger um das Stockgewehr. - -»Faßt das Gewehrr – an! Gewehrr – ab! Faßt das Gewehrr – an! Ladestock -im Lauf! Gewehrr – hoch! Spannt den Hahn!« - -Der Feldwebel schmunzelte: ja, die beschämte manchen Rekruten! Und -die wichtige Miene dabei, das Gesicht ganz erfüllt vom Ernst des -Augenblicks! - -Nun wurde Stellung geübt, und Wendungen auf der Stelle, und Marsch. - -»Bataillon – Marsch! Kurz getreten! Frei – weg! Halt!« - -Kein Großer konnte exakter den Kommandos folgen, schneller die Beine -werfen. - -Dann folgte theoretischer Unterricht. Sie mußte lernen: Meldungen -machen, – ›richtig und kurz‹, das war die Hauptsache – die -verschiedenen militärischen Grade aufsagen vom Feldmarschall an bis -herab zum Gefreiten, die verschiedenen Truppen unterscheiden nach den -Waffen. Und wurde ihr das alles auch noch schwer, so schwer, daß sich -ihre Augen oft mit Thränen füllten, ihre Instruktionsstunde hätte sie -nicht hergegeben, selbst für eine ganze Düte voll ›Klümpches‹ nicht. - -Und fragte der Vater ernst und gemessen: »Wie viel Elemente haben wir?« - -»Fünf!« - -»Wie heißen sie?« - -So antwortete sie mit leuchtenden Augen: »Treue, Tapferkeit, Gehorsam, -Pflichtgefühl und Ehre!« - -Frau Trina schüttelte wohl den Kopf über diese ›Dummheiten‹, aber sie -sagte nichts – wenn es ihnen nu Spaß machte! ›Jedet Dierken hat sein -Pläsierken,‹ dachte sie. - -Die blonde Feldwebelin war in den sieben Jahren ihrer Ehe recht -auseinandergegangen; ihr blühendes Fleisch war Fett geworden, sie -machte sich nicht viel Bewegung. Die Wochentage brachte sie meist in -Unterrock und loser Jacke oben in ihren paar Stuben zu, schluffte vom -Herd zur Wiege und wohl auch von der Wiege zum Fenster. Da sah sie -auf dem, im Sommer staubigen, im Winter grundlosen Platz das tägliche -Schauspiel des Exerzierens, und, wenn’s hoch kam, jenseits des Kanals -Arbeiter Erde und Steine karren. Dort wurde eine Promenade angelegt -über’m Graben, und schöne Kastanien wurden gepflanzt; Bauplätze waren -auch schon feil. Da würde es einmal angenehm zu spazieren sein! - -»Och Jesus!« seufzte sie dann wohl, schlich wiederum zur Wiege zurück -und schaukelte das greinende Kind. Ein alter Reim fiel ihr ein: - - ›Wenn andre Leut’ spazieren gehn, - Muß ich an der Wiege stehn, - Muß da machen: knick, knick, knack, - Schlaf, du kleiner Habersack!‹ - -Und dann trübten sich ihre blauen Augen. - -Der Wilhelm machte ihr viel zu schaffen, mehr als das Kleinste; er war -ein kränkliches Kind und für seine fünf Jahre schwach auf den Beinen. -Bald hatte er einen Husten, bald einen Ausschlag, der Vater wurde schon -ganz ungeduldig – das sollte ein Soldatenjunge sein?! Hing ewig an der -Mutter Rock und flennte wie ein altes Weib, wenn die Josefine mit ihm -exerzieren wollte! Wenn die Schwester ihn prügelte, prügelte er nicht -wieder – das Hasenherz! - -Bei jeder solchen Gelegenheit äußerte sich des Feldwebels Unwillen – -der Junge würde nun und nimmer ein Soldat! Und Rinke nahm das als eine -persönliche Beleidigung; ohne daß er es wußte, wurde sein Ton barscher, -wenn er mit dem Knaben sprach. War es da nicht natürlich, daß die -Mutter sich gerade dieses Kindes besonders annahm? - -Auch Josefine liebte den Bruder; sie schlug ihn nur, wenn er beim -Exerzieren den Stock verkehrt hielt und die Beine nicht stramm -stellte. – - -Heute führte sie ihn, sorglich wie eine kleine Mutter, an der Hand. Es -war Sonntag, und die Geschwister trippelten vor den Eltern her über die -Kasernenstraße, während Stina, das noch kindliche Stundenmädchen, den -Kleinsten im blaugestrichenen Holzwägelchen hintennachzog. - -Die Familie rückte zum Sonntagnachmittagsspaziergang aus; es war das -einzige Vergnügen, das Frau Trina hatte, und dies ließ sie sich auch so -leicht nicht nehmen. - -Dann holte sie einmal ihren Putz hervor und zeigte sich, am Arm ihres -Feldwebels, als gute Bürgerstochter, die mehr Geschmack hat, als eine -gewöhnliche Soldatenfrau. Die Schnürbrust ließ sich freilich so eng -nicht mehr zusammenziehen, aber der Rock setzte sich modisch mit vielen -Falten unter dem runden Leibchen an, die Ärmel bauschten mächtig bis -zum Ellenbogen, und reichlich gesteifte und wattierte Unterröcke gaben -dem Rock einen schönen Fall. - -Frau Trina war heut nicht ganz zufrieden mit dem Ziel des Ausflugs, -sie hätte ihren Staat lieber mehr sehen lassen und selber gern welchen -gesehen im Kaffeegarten ›Zum Stockkämpchen‹ oder in der ›Petersburg‹ -auf dem Flingersteinweg, wo man beim Gläschen Wein und Bier Musik -von der Estrade des großen Saals zu hören bekam und nachher auch ein -Tänzchen machen konnte. Aber ihr Mann, der war ja zu geizig für so -etwas, der ging am liebsten nur, jenseits der Schiffbrücke, nach der -›andern Seite‹, wo man im Grasgarten des Bauernwirtshauses Bauernbrot -und dicke Milch aß. - -Schon hatte man den alten Jan Willem am Marktplatz erreicht und -spazierte, das eherne Reiterbild, auf dessen mächtigem Haupt Scharen -unverschämter, schirpender Spatzen saßen, zur Rechten lassend, herunter -zum Zollthor. Und sieh da – der Rhein, der Rhein! - -Josefine stieß einen hellen Jubelschrei aus. Ja, da war er! Ein -heiteres Sonnenlicht küßte seine breite, schleppende, lichtgrüne Flut. -Langsam ziehend und lautlos glitt Welle auf Welle am Brückenkopf vorbei. - -Mit lautem Jauchzen stürmte Josefine voran; es machte ihr ein -unsägliches Vergnügen, die Planken der langen Schiffbrücke unter ihren -Füßen leis schwanken zu fühlen und durch die Ritzen das Wasser unter -sich strömen zu sehen. Sie rannte dahin, als hätte der Rheinduft -sie berauscht, dieser köstliche Geruch nach Tang und Teer und -durchfeuchtetem Holz. Den Kopf zurückgeworfen, die Flügel der kleinen -Stumpfnase gebläht, die Arme ausgebreitet, lief sie dem Rheinwind -entgegen, helle Glücksschreie ausstoßend. Und der Wind pustete sie an, -daß ihre Bäckchen leuchtender strahlten in einem warmen, weichen Rot. - -Auch Frau Trinas Gesicht war heiter geworden; jetzt war man drüben, -und der Blick zurück auf die Stadtseite war gar zu schön. Weiß zeigten -sich die Häuser an der Werft, in ihren Fenstern blitzte der Sonnenglanz -und machte sie zu blendenden Spiegeln; stolz ragten dahinter die Türme -der Kirchen, und mächtig und klotzig erhob sich das alte Schloß. -Seine rötlichen Mauern standen hart am lichtgrünen Strom, mit vielen -Fensteraugen blickte es rheinauf und rheinab. - -Stolz wies die Düsseldorferin hinüber. »Kuck ens, Rinke!« Er meinte -zwar, die Spree gäbe dem Rhein an Breite nicht viel nach, auch könne -sich der alte Rumpelkasten da mit dem Königsschloß zu Berlin nicht -messen; aber er betonte heut doch nicht mit gleicher Schärfe, wie sonst -bei jeder Gelegenheit, sein Preußentum. Sein Hauptinteresse war bei -Josefine. - -Gleich einem Vogel auf eiligem Flug durchflatterte sie das satte -Grün der Wiesen. »Krieg’ mich, krieg’ mich!« Oft verschwand sie ganz -im fetten Gras, um dann plötzlich aufzutauchen mit dem schrillen, -zwitschernden Schrei der Schwalbe, die den Äther durchschießt. -Langgestielter, blauer Salbei, goldäugige, weiße Sternblumen, brennend -roter Mohn nickten um sie. Mit beiden Händen griff sie hinein in -die Blütenpracht, in ausgelassener Lust raufte sie aus, und, sich -hintenüber in’s Gras werfend, goß sie all ihre Blumen wie einen -Sommerregen über sich. - -Der kleine Wilhelm hatte sich längst zu dem Rock der Mutter geflüchtet, -er hing sich an und zockelte so nach. Vergebens ermunterte ihn der -Vater, der Schwester zu folgen, nur fester klammerte er sich an -die Falte; als der Vater ihm die Finger lösen wollte, erhub er ein -jämmerlich Geschrei. - -Da begann die Mutter, den Arm ihres Mannes fahren lassend, auf die -wilde Josefine zu schelten. »Kömmste hiehin! Wie siehste nu als wieder -aus? Du Blage! Lauter Jraßflecken!« Sie hob die Hand zum Schlag. »Wat -machste dann?« - -Glühend vom Tollen, bebend vor Atemlosigkeit, sah Josefine der Mutter -in’s Gesicht. »Ich freu’ mich,« sagte sie und nahm den Schlag hin, -ohne mit der Wimper zu zucken; doch dann senkte sie tief den Kopf, weh -gethan hatte ihr die Ohrfeige nicht, aber sie schämte sich. - -Der Feldwebel biß sich auf die Lippen; er ärgerte sich über seine Frau. -Aber: famoses Mädel, die Josefine, wie sie dastand und sich das Weinen -verkniff und den Kopf hängen ließ, daß man ihr nicht in’s Gesicht sehen -sollte! Die hatte Ehrgefühl, Gott sei Dank! Die Ehre, die Ehre, nicht -früh genug hält man die hoch. Ja, seine Tochter – die war Blut von -seinem Blut! Ein mißbilligender Blick traf den noch immer heulenden -Wilhelm. - -Als Rinke über ein Weilchen nach Josefine umschaute – er mußte doch -sehen, ob sie noch immer trauerte – da sah er hinter einem Busch -zwei langbehoste, kleine Beine in der Luft zappeln. Josefine schlug -Purzelbäume. - -Der Spaziergang auf die ›andre Seite‹ war für den Feldwebel immer -der Anlaß zu allerhand militärischen Betrachtungen: hier hatten -einst die Soldaten des General Bernadotte den Freiheitsbaum mit der -Jakobinermütze aufgepflanzt und von dem Rasenwall aus die Stadt -Düsseldorf beschossen. Jetzt standen freilich harmlose Brettertische -und Bänke an gleicher Stelle, und zwischen zwei starken Weidenbäumen -quietschte eine Schaukel. - -Es war Friede, stiller, eintöniger, schläfriger Friede. Der Feldwebel -sagte sich nicht ohne Bitterkeit: er war ein Jahrzehnt zu spät auf die -Welt gekommen; die großen Befreiungskämpfe waren ohne ihn ausgefochten, -ihm war es wohl nur beschieden, in der Kaserne zu hocken und statt des -Pulverdampfes den Staub des Exerzierplatzes zu schlucken. - -Heut waren alle Tische und Bänke vor dem bäuerlichen Wirtshaus besetzt, -selbst die im verstecktesten Eckchen; nur ein schöner Tisch, so recht -am besten Platz, war merkwürdigerweise noch frei. - -Mit schwenkendem Rock und frohem Lachen stapelte Frau Trina darauf los, -die Ihren durch lauten Zuruf ermunternd, doch ja recht rasch Besitz -zu ergreifen. Die Kinder erkletterten denn auch schon die Bank, als -der Feldwebel in peinlicher Überraschung stutzte. Donnerwetter, da am -Nebentisch, ganz dicht, saß ja sein Hauptmann, der Herr von Clermont, -den erkannte er schon vom Rücken! Rinke hielt seine Frau zurück und -winkte den Kindern, aber Trina sagte ziemlich laut: »No, wat dann?! -Dadrum sollen wir uns nit dahin setzen?!« Sie ärgerte sich über die -Devotion ihres Mannes. »Wenn de zu vornehm is, da braucht de ja nit -derhinzujehn, wo die Bürjer jehn. Ich setz’ mich!« - -In diesem Augenblick wendete sich der Hauptmann herum, und der -Feldwebel stand stramm. Herr von Clermont winkte ab und machte dann -seine Frau lächelnd auf die kleine Josefine aufmerksam, die auf den -Wink ihres Vaters von der Bank herabgeglitten war und nun, den Finger -an den Lippen, halb scheu, halb dreist den ihr bekannten Vorgesetzten -anstarrte. - -Inzwischen hatte Frau Trina Platz genommen; nicht ohne Absicht sprach -sie recht hörbar und lachte ungeniert, keiner der Umsitzenden sollte -denken, daß sie sich wegen des Vorgesetzten ihres Mannes auch nur die -geringste Gêne anthat. Das Kindermädchen mußte ihr sogar den Kleinsten -reichen, und sie legte ihm eine frische Windel unter. - -Rinke war wütend auf seine Frau; aber sie schien seine stumm-beredten -Blicke nicht zu bemerken, fröhlich nickte sie ein paar Bekannten zu: -»Tag zusammen!« und schöpfte mit Geklapper und Ausrufen des Entzückens -die dicke Milch aus der irdenen Schüssel. - -»Schrei nich so!« flüsterte er. Sie hörte nicht, und deutlicher wagte -er nicht zu werden, am Nebentisch konnte man ja jedes Wort verstehen. -Er saß wie auf Nadeln. - -Josefine starrte noch immer mit großen Augen, sie hielt ordentlich den -Atem an – da saß neben der Dame des Herrn Hauptmann ein Mädchen, das -war so klein wie sie, aber lange, dunkle, gedrehte Locken fielen auf -dessen Schultern, und neben dem Mädchen saß einer, ein – ja, nur ein -Junge war’s, aber er hatte schon Uniform an! Eine ganze, richtige, -wirkliche Uniform! Ihre Blicke waren gebannt. - -Hauptmann von Clermont wurde aufmerksam: »He, du Kleine, was giebt’s -denn hier zu sehen?« - -Sie wurde rot wie eine Rose; krampfhaft das Fingerchen streckend, ganz -aufgeregt, ganz glückselig bewundernd, stammelte sie: »Der – och, der -da – der kleine Soldat!« - -Alles lachte. Herr von Clermont winkte sie zu sich heran; dreist kam -sie bis an sein Knie, aber ihre Augen verließen den Jungen nicht. - -»Der kleine Soldat da,« sagte der Hauptmann amüsiert, »das ist ein -Kadett, verstehst du? Ein Kadett!« - -Sie nickte stumm-strahlend. - -Der Kadett war auch ganz rot geworden, die großen Blicke des kleinen -Mädchens genierten ihn sehr. Er drehte den Kopf weg. - -»Feldwebel, hat Er schon gesehn? Mein Sohn!« Der Hauptmann wendete -sich zu Rinke. Dieser stand wie vorhin stramm, aber leutselig winkte -der Vorgesetzte wieder ab: »Bitte bequem.« Und fuhr dann fort: »Großer -Junge, was? Erst elf. Habe ihn schon drei Jahre im Korps in Bensberg, -ist in den Ferien hier. Kommt bald nach Potsdam. Ich denke, wird mal -einen ganz netten Leutnant Seiner Majestät abgeben; hoffe, wenn’s Glück -gut ist, bei Seiner Majestät Garde. Viktor, sitz gerade! Kopf hoch, daß -du wächst!« - -Der Junge reckte sich. Auch Josefine reckte sich unwillkürlich. Die -Blicke beider Kinder begegneten sich. Der Kadett lächelte ein wenig -spöttisch, ein wenig von oben herab und zugleich doch geschmeichelt. - -»Möchtest du vielleicht mit dem kleinen Mädchen spielen, Cäcilie?« -sagte jetzt die Frau Hauptmann zu ihrem Töchterchen, und das blasse, -vornehme Gesicht dem blonden Kind zuwendend, fragte sie gütig: »Wie -heißt du?« - -»Zu Befehl: Josefine!« - -Wieder lächelte der Hauptmann, der Kadett aber prustete laut heraus. Da -wurde Josefines freier Blick unsicher, es zuckte um ihren Mund; hastig -nach der Hand der kleinen Schwarzhaarigen, die sich ihr schüchtern -genähert hatte, greifend, riß sie die mit sich fort, weg von den -Tischen, hinein in die Wiese. - -Die beiden Mädchen, sich an der Hand haltend, liefen rasch immer weiter -hinein in das hohe, blumige Gras. - -Da stand der Kadett auf, drehte sich erst noch ein wenig in der Nähe -der Tische herum, pfiff, schleuderte ein Steinchen, schüttelte an -einem Baum, besah seine Stiefel und ging dann langsam, mit gemessenem -Schritt, den beiden Kindern nach in die Wiese. – - -Von diesem Sonntag an war Josefine zur Gespielin des kleinen Fräulein -von Clermont erkoren; der Hauptmann hatte seinem Feldwebel allerhand -Freundliches über das frische, blonde Kind gesagt. - -Rinke bemühte sich, seiner Frau nicht zu zeigen, wie stolz er auf die -Ehre war, die seiner Tochter widerfuhr; die Käthe hatte ja doch gar -kein richtiges Verständnis dafür. »Du lieber Jott, wat is dat dann?!« -sagte sie. Der Großvater brummte auch. »Wat soll dat Kind da? Mir -sin Düsseldorfer Börjer, mir scheren ons en Dreck om de ›Vons‹!« Die -Großmutter war ebenfalls wenig erbaut: die Clermonts waren evangelisch, -aus Thüringen sollten sie sein, daher, wo man den Luther auf der Burg -versteckt gehalten. Die alte Frau war sich über ihre Gefühle nicht -ganz klar, aber ihr bangte für ihr Finchen; allerlei Reden führte sie -vor dem Kind, die es nicht verstehen konnte, jedoch es fühlte heraus, -Großeltern und Mutter freuten sich nicht über die Einladung. Aber der -Vater! - -Es war ein großer Moment für beide, als Josefine an des Feldwebels Hand -nach der Bilkerstraße hüpfte. Dort wohnten die Clermonts. Sie war in -ihrem besten Kleid, weiß hingen ihr die Höschen unter dem Röckchen vor -bis an die Knöchel. Ihr Herz klopfte vor Erwartung: hatte der kleine -Soldat nicht gesagt, er würde vielleicht auch einmal mit ihr spielen? -Exerzieren – ach ja, das wollten sie! - -Ehe der Vater an der Klingel zog, ermahnte er noch: »Mach mir Ehre, -Josefine, und wenn dir auch was gegen den Strich geht, nich gemuckt, -hörste?« - -»Aber – wenn se mich hauen?« fragte sie und warf trotzig den Kopf -zurück. - -»Dann hauste nich wieder – untersteh dich!« - -Das Kind machte große Augen – heute verstand es seinen Vater nicht. - - * * * * * - -Die Clermonts waren nicht reich, der Hauptmann hatte nicht mehr als -seine Gage und jährlich ein paar hundert Thaler Zuschuß aus dem Erbe -seiner Frau. Sie mußten sich sehr einschränken, aber die Welt merkte -nichts davon. Die Frau Hauptmann trug, wenn sie ausging, ein seidenes -Kleid und Armbänder, aus den Haaren ihrer Eltern und Kinder geflochten, -mit goldenen Schlößchen daran; und die hübsche Cäcilie sah aus wie ein -englischer Kupfer, mit ihren langen, gedrehten Locken, in den zarten, -bandgegürteten Kleidchen. - -Für Viktor hatte der Hauptmann eine Freistelle im Kadettenkorps, und -wenn der Leutnant in spe zweimal im Jahr von Bensberg nach Hause kam, -so saß er als blinder Passagier neben dem Kutscher des Stellwagens oder -wurde wohl auch noch innen zwischengeklemmt. - -Viktor war sehr stolz auf sein ›von‹. Im Korps waren sie alle adelig, -sogar zwei Grafen waren da. »Ich bin zwar nur Freiherr,« sagte er zur -kleinen Josefine, »aber unsre Familie ist viel älter, wie denen ihre. -Papa hat mir erzählt, daß schon Clermonts in den Kreuzzügen mitgewesen -sind unter Gottfried von Bouillon. Meine Mama ist auch von ganz altem -Adel, ihre Familie hat in der Reformationszeit sich hervorgethan. Aber -das verstehst du ja nicht, dazu bist du noch zu dumm!« - -Nein, sie verstand ihn auch nicht; sie fühlte nur eine ganz instinktive -Bewunderung für ihn, wenn er die Uniform trug. Sprang er dagegen im -Garten hinter dem Hause herum und trug dabei ein paar verschabte -Hosen, aus des Vaters abgelegten Beinkleidern geschneidert, und ein -verwaschenes Drillichjäckchen, dann fühlte sie sich mit ihm ganz auf -gleich und gleich. Er spielte noch sehr gern. Freilich, vom Exerzieren -wollte er nicht viel wissen, das mußten sie im Korps so viel, selbst in -den Freistunden, thun; er mochte lieber mit ihr über die Gartenmauer -klettern, hinunter zum Speeschen Graben, und da mit einem Stock -fischen und Frösche fangen und Regenwürmer suchen und Papierschiffchen -schwimmen lassen. Sie machten sich naß und schmutzig dabei und waren -sehr glücklich. - -Sie rissen auch wohl aus nach dem Kacheloch, einem noch wüsten Plan am -Ausgang der Bilkerstraße, wo stark duftender Hollunder wuchs und im -Schutt Stechapfel und Nachtschatten, und wo das Bauen der ersten Häuser -der schönen Freiheit noch keinen Abbruch that. - -Blau wölbte sich der Sommerhimmel, und die goldne Sonne strahlte. Große -Schmetterlinge gaukelten, blaue Brummen surrten, lärmend spielte eine -ganze Kinderschar. Ein frecher, dicker Bürgersjunge von der Hohestraße -war der Schinderhannes, Josefine die geraubte Prinzessin, Viktor der -Offizier des Königs, der ritterlich den Räuber verfolgte. Was noch -an übrigen Kindern da war, mußte die Meute sein. Da wurde gehetzt -und gekläfft und geschrieen bis hin in die wogenden Kornfelder der -Bilkerallee; da wurde geknufft und geprügelt, in zitternder Angst sich -verkrochen und mit lautem Hallo losgestürmt. Viktor war tapfer, aber -der Schinderhannes auch nicht feige, sie schlugen sich manche Beule. - -Die Großeltern klagten, sahen sie doch so gut wie gar nichts von der -Enkelin mehr; auch zu Hause war Josefine nicht viel. »Mutter, is et nu -Zeit? Laß mich doch als jehen! Och, laß mich doch!« - -Frau Trina schalt: sonst hatte ihr die Fina schon oft die kleineren -Geschwister ›verwahrt‹. Aber der Feldwebel leistete seiner Tochter -Vorschub: »Na, lauf man!« - -Und sie lief davon, so rasch sie konnte, immer nach der Bilkerstraße, -und blieb vom Morgen früh bis zum Mittag, und vom Nachmittag früh -bis zum Abend. Sie teilte die mager gestrichenen Brote von Clermonts -Kindern; kein fettes Schmierchen, kein Stück Blatz mit Korinthen bei -der Großmutter hatte ihr je so gut geschmeckt. - -Viktor verschmähte es durchaus nicht, kleine Streifzüge über die -Gartenmauern anzutreten und des Nachbars Speckbirnenspalier einer -eingreifenden Besichtigung zu unterziehen. Wehe, wenn der Vater -ihn betroffen hätte! Mit wildklopfendem Herzen stand Josefine auf -Vorposten; selbst Cäcilie wurde es vergönnt, aufzupassen. - -O, diese noch harten, grünen Birnen! In der versteckten Laube wurden -sie verteilt, am Steintisch mürbe geklopft und mit Entzücken verspeist. -Durch das dichte Pfeifenkraut drang kaum die neugierige Sonne. Dämmerig -war’s in der versteckten, engen Laube, unendlich die heimliche -Seligkeit. - -Doch es kam ein Morgen, an dem Josefine, viel früher als sonst, weinend -wieder zu Hause erschien. Sie wollte nicht essen und nicht spielen, -trübselig kauerte sie in einem Winkel und schüttelte auf alles Befragen -der Mutter nur stumm den Kopf. Sie mußte etwas angestellt haben! Der -Feldwebel, der zu Mittag heraufkam, war ganz besorgt: »Nanu, Josefine, -was ’s denn los?« - -Da warf sie sich laut schluchzend an des Vaters Hals – der kleine -Soldat war abgereist. - - - - -IV - - -Zum fünften und sechsten Mal war der Storch über den Exerzierplatz -geflogen und hatte vor des Feldwebels Fenstern geklappert. - -Nun ließen fünf lebendige Kinder ihre Stimmen in der engen -Feldwebelwohnung erschallen; diese war zwar um eine Kammer vergrößert, -aber immerhin noch bedrängt genug. Die Großeltern Zillges hatten -deshalb der Tochter den Vorschlag gemacht, ihnen ein Kind zu -überlassen, es ihnen ›zum verwahren‹ zu übergeben. Die Wahl war -auf Wilhelm gefallen. Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht -entbehren. Josefine war schon als Hilfe zu gebrauchen, auch hätte der -Vater die nicht hergegeben; bei Wilhelm hatte er weniger dawider, dem -würden die guten Brühen der Großmutter zu statten kommen. - -So hatten die alten Zillges auf einmal wieder ein Kind. Sein Bettchen -stand neben dem Ehebett mit dem Kattunhimmel, und oft in der Nacht, -wenn Frau Josefine Cordula den ruhigen Kinderatem hörte, glaubte sie, -wieder ein junges Weib zu sein. All die Zärtlichkeit, die in dem alten -Herzen nie erstorben war, die sich nur, fast verschämt, versteckt -gehalten, brach wieder vor und strömte wie eine quellende Flut über das -Haupt dieses Kindes. – - -Nun ging der Bube schon in’s achte Jahr, aber er besuchte noch immer -keine öffentliche Schule. Für die Freischule war er doch wahrhaftig -zu schade, die rohen Jungen wurden ihn verprügeln; so ließ ihn der -Großvater privatim unterrichten, wie er selbst auch in seiner Jugend -privatim, beim Schreibmeister Müller in der ›Luft‹, gelernt hatte: -lesen, schreiben und rechnen für fünfzehn Stüber monatlich. Der Lehrer, -der nicht gern die gute Bürgerkundschaft verlieren wollte, lobte den -Wilhelm, wenn der auch nicht immer zu loben war. - -Sonst hatte sich der Wilhelm gut herausgemacht; freilich, zart war -er geblieben, aber er sah nicht kränklich aus. Der Maler Deger, ein -ganz berühmter, malte ihn als kleinen St. Johannes mit Kreuzchen und -Lämmchen auf ein Altarbild, und auch andre Maler sprachen im ›Bunten -Vogel‹ vor und baten um das hübsche Modell. Großmutter Zillges weinte -verstohlene Thränen gerührter Freude. Sie hätte nicht mehr das Herz -gehabt, ihrem kleinen St. Johannes etwas zu versagen; von nun an ließ -sie ihm auch das schöne Haar lang wachsen und wickelte ihm abends die -Locken ein. - -Josefine war schon das vierte Jahr bei den Ursulinerinnen; die -Großmutter hatte es durchgesetzt, daß sie dahin in die Schule gekommen. -Das Geld war knapp im Feldwebelhaushalt, denn Rinke machte sich -keinerlei Nebenverdienst von den Herren Freiwilligen oder bei der -Kammer und der Menage, und so kam es, daß er in einer bedrängten -Stunde seiner Frau, vielmehr deren Eltern, die Sorge für Josefines -Schulgeld, zugleich hiermit aber auch die Wahl der Schule überlassen -hatte. Und die Wahl war nicht groß für Mutter Zillges und Frau Trina, -hatten sie beide doch auch bei den Ursulinerinnen die ersten schönen -Gebetchen gelernt. Solange sie denken konnten, wurden da die Töchter -guter Bürgersleute erzogen. Der fromme Gesang der Kinder schallte -weit über die Ritterstraße und erbaute das Ohr der Anwohnenden. Auch -stricken und nähen wurde dort gelehrt und französisch parlieren und -späterhin feine Paramentenstickerei. - -Rinke war sich über ›Schule‹ nicht ganz klar; in nebelhaften Umrissen -erhob sich ihm ein Bild von stillesitzen, von pünktlichem Gehorsam -und besonderer Reinlichkeit. So war’s wenigstens im Militärwaisenhaus -gewesen: kam einer da nicht blitzblank zum Unterricht, gleich hieß es: -Hemd ’runter! Unter der Pumpe wurden ihm die Ohren mit einem Strohwisch -gescheuert, und wären’s zwanzig Grad Kälte gewesen. Er machte ein -erfreutes Gesicht, als ihm Josefine den ersten Zeugniszettel nach Hause -brachte: - -Fleiß und Aufmerksamkeit: sehr lobenswert. - -Betragen: sehr gut. - -Flüchtig klopfte er seinem Kind die Backe: »Hm, gut abgeschnitten, mach -mir weiter Ehre!« - -Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre -munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen. -Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof -schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war, -wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur -Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu -schauen. - -Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle -Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau -Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie -mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei. - -Freilich, war die Schule aus, und kam sie von den Nönnchen heim in -die Kaserne, atmete den eigentümlichen Schimmel- und Knasterduft, -der diesen Wänden untilgbar anhaftete, sah die Bajonette auf dem -Exerzierplatz blitzen und hörte den Gesang der Mannschaft beim -Stiefelwichsen und Knöpfeputzen, dann brach etwas in ihr los, was bei -den Ursulinerinnen geschlafen. - -Frau Trina schalt viel über Finas tolle Ausgelassenheit; in ihrer -hartumdrängten Mutterschaft vergaß sie jetzt manchmal, daß auch sie -einst vor lauter Lust am Leben gar nicht gewußt wohin. Hier eine -kleine Hand, dort eine kleine Hand! Hier ein jämmerliches Klagen, -dort ein begehrliches Kreischen! Da konnte einem wahrhaftig mal die -›pläsierliche‹ Laune abhanden kommen. - -»Nich tot zu kriegen,« sagte der Vater, wenn er seine Josefine ansah, -und ein Freudenschein flog über sein hartes Gesicht. - -Rinke hatte gealtert; trotz seiner Vierzig mischten sich ihm schon -graue Fäden in’s dunkle Kopfhaar und den rötlichen Schnauzbart. Von den -Augenwinkeln nach den Schläfen zogen sich viele feine Fältchen, und -um die Mundecken hatte sich ein verbissener Zug festgesetzt. Jahraus -jahrein Kommiß macht müde; und das Sitzen im Bureau vor’m Nationale und -dem Löhnungsbuch, auch; die Parole den Herren Offizieren zustellen, -den Kompagnierapport anfertigen, genau Erkrankungen und Beurlaubungen -berichten, das Strafverzeichnis, das Schießbuch, die Rangierrolle, die -Abrechnungen führen und Gott weiß was sonst noch, auch; und täglich -drei Stunden neben dem Herrn Hauptmann über den Kasernenhof pendeln, -immer hin-her, her-hin, mit geschlossenen Augen wissen, wo der rechtsum -wendet, wo linksum, auch. - -Heraus aus dem einförmigen Trott! - -Ach, in den Zeitungen stand wohl zu lesen: Der gallische Hahn krähe -wieder frech, anno dreizehn sei ihm nicht genug geschehen, es sei an -der Zeit, ihm vollends den Garaus zu machen – zu den Waffen! - -Krieg, Krieg, wann kam der?! - -Der Feldwebel wartete schon lange. - -Heute hatte ihm seine Josefine ein Gedicht vorgelesen, auf einem -Zeitungsausschnitt stand es, der schon die Runde durch viele Hände -gemacht: - - ›Sie sollen ihn nicht haben, - Den freien deutschen Rhein, - Ob sie wie gier’ge Raben - Sich heiser danach schrein.‹ - -Das Kind las laut und langsam, jede Silbe deutlich artikulierend; -erwartungsvoll sah es beim Schluß zum Vater hin. Der saß am Fenster, -den Kopf in die Hand gestützt und schaute unter zusammengezogenen -Brauen in das Abendrot, das über’m Exerzierplatz verglomm. - -»Nochmal, Josefine, lies noch mal,« sagte er jetzt seltsam gepreßt. - -Und sie las noch einmal: - - »Sie sol-len ihn nicht ha-ben - Den frei-en deut-schen Rhein.« - -Auch Frau Trina war näher gekommen und spitzte die Ohren: was lasen sie -da vom Rhein? - - »Bis sei-ne Flut begra-ben, - Des letz-ten Manns Ge-bein!« - -»Nein, das sollen sie auch nicht!« So heftig stieß der Feldwebel -seine Pfeife auf’s Fenster, daß sie zerbrach. »Heiliges Kanonenrohr! -Haben sie am Ende doch recht, die da sagen: man rüstet in Preußen?! -I, das wäre! Na, gebt den Rothosen man eins drauf, daß sie alle -werden für jetzt und ewige Zeiten! Haha« – er lachte vor innerem -Entzücken – »Preußen immer vorneweg! Nu geht’s los!« Aber gleich -darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. »Ich glaub’s nich, wir -haben noch keine Ordre. Zeit wär’s, Kerle werden täglich fauler. ’ne -Affenschande, muß ich hier sitzen auf dem verlorenen Posten, statt da -mittenmank!« Unwirsch fuhr er sich durch die kurzgeschnittenen Haare. -»Verfluchtes Lausenest!« - -»Düsseldorf is en prachtvoll schöne Stadt,« sagte Frau Trina beleidigt. - -Er hörte sie gar nicht. Den Blick starr auf den öden Exerzierplatz -gerichtet, murmelte er: »Wenn’s man losginge, wenn’s man losginge!« -Eine starke Röte war ihm in’s Gesicht gestiegen; er schüttelte sich wie -in einem Schauer und preßte die Zähne aufeinander: »Wenn’s man!« - -»Jehste jetzt im Krieg, Vater?« fragte das Kind. - -Er kaute am Schnauzbart. »Vielleicht,« sagte er, sich beherrschend; -aber man hörte doch die Freude heraus. - -Josefine rief denn auch sofort: »Da haste aber en Freud’, jelt, Vater?« - -»Ja,« sprach er, alles vergessend. Und in einer tiefinneren Erregung -sich aufrichtend, reckte er sich zu seiner ganzen Länge; die Arme -streckte er über den Kopf, daß sie gegen die niedere Decke stießen. -»Man ist ganz steif geworden – hah!« Wie ein Erlösungsseufzer klang -sein tiefes Atemholen. - -Frau Trina hatte die Augen weit aufgerissen, nun fing sie plötzlich -an, bitterlich zu weinen. »Och, nu – nu jeht er wahrhaftig im Krieg! -Och, Jesusmarijosef, ne, hätt’ ich dat jewußt!« Sie sah sich suchend -nach ihren drei Jüngsten um, die beim Weinen der Mutter erschrocken zu -brüllen anfingen. »Kinder, der Vater, er jeht im Krieg! Och, hätt’ ich -dat jewußt!« Fassungslos sank sie auf den nächsten Schemel, das Gesicht -mit der Schürze bedeckend. - -Fassungslos sah auch der Feldwebel drein – hätt’ ich das gewußt! Ja, -dann hätte sie ihn wohl nicht geheiratet. Und er?! – Es zuckte für -einen Augenblick um seinen Mund – nun, und er vielleicht auch nicht. - -Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß -sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das -noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt -war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend, -so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn -damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde -immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme -Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit? -Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den -protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke! -Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten -doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen -noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s -Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick – -also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat, -nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut, -die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! – - -Und jetzt?! - -Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme -Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder -er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland! - -»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn -aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?« - -»Jehorcht.« - -»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich. - -Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die -Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein. -Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen -auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf -einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da -einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes. - -Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne -Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen; -der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!! - -Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton: - -»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt -sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’ -er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland, -sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm -zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle -Hallunken! Aber warte man, warte!« - -In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du -sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13. -Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle -hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die -Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das -Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter -der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren -Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute, -als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß -schon auf dem Gaule. - -»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit -Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter -geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s -war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig. - -»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen, -aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht -mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte -mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den -Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir -Ehre!‹ - -»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte, -galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich -sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹ -Und das schrei’ ich noch heut!« - -Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra, -hurra, hurra!« - -Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn -gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’ -weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit -dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!« - -»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die -Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge, -was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld -für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger -und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her, -und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden -und verkaufen das, und –« - -»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich -auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße -Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog -unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da -haste’t – schneid’ et doch ab!« - -Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich -ihr liebkosend über die blonde Mähne. - -Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich -ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus: -»Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar -nix!« - -»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die -heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst: -»Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« – - -Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen, -plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher -Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige -Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne -zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne. - - - - -V - - -Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden. - -»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau. -»Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt -Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en -Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon -schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal -›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm -dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht -uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’ -›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel -sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann, -de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld -fahren jetzt als de Leut’!« - -Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich -in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in -dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan -und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach -verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten -doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm -drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch -den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt. - -Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk -suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die -Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht -durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹, -ganz einsam. - -Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte -allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in -aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe -und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die -Großmutter verteilte. - -Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit -in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm -sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut, -von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter, -schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken. - -Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten -nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick, -laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße -herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden -Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten -durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater -streng genug. - -Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben -keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter -schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt -kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst -vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts -mehr!« - -Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn. - -Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne, -und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte -er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte -so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht -aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte. - -Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht -gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er -unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran! - -Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹. -Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts -Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller -und versteckte sich im Taubenschlag. - -Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des -Schwiegersohns nicht angenehm überrascht. - -»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir -nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend, -auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf -Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen -aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene -erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt -et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben -kein Tippelchen Pietät!« - -[4] däuen: schieben. - -[5] trecken: ziehen. - -Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte -nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu -einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm -hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem -Schnauzbart. - -Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten. -»Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de -Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’ -– ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die -Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges -schneuzte sich heftig. - -Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu -pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan! -Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch -überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand. - -»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich -wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er -in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel -strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.« - -»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte -die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!« - -»Angst – vor mir?!« - -Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben? -Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vor =ihm=? Angst vor -ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken -ging er heimwärts. - -Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er -hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene -Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es -würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast -du Angst vor mir?« - -»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht. - -»Ob du – Angst vor mir hast?« - -Nun lachte sie hell auf: »Ne!« - -»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nicht für lange. -Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem -Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau -Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre -Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle. - -Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen -der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen, -stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war -wohl katholischer Feiertag? - -Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen -und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht. -Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich -in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun -sang einer, ein hoher Tenor: - - »Köln am Rhein, du schönes Städtchen, - Köln am Rhein, du schöne Stadt, - Und darinnen muß ich verlassen, - Mein’ herzallerliebsten Schatz!« - -Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war -das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und -pfiff mit: - - »Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz, - Wie wir packten die französische Katz’ - An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.« - -Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß: - - »Patriot, schlag ihn tot, - Bonapart’, den Erzkujon« – - -Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein: - - »Mit der Picke, in’s Genicke, - Daß er kriegt die Schwerenot!« - -Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr -hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten -– sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun -schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der -Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie -sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er -gemeint, nun ginge es gleich los. - -Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des -Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und -manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort -mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf. - -Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn -sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft -und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren -Schluß?! - -Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden -drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell -abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt? - -›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich -gewesen ist‹ – – – - -Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem -unruhigen Blick sah er umher. Der lange Tag hatte sich noch nicht -geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch -konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald! - -Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz. -Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint. - -Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er. - -»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm -vorbei. - -»Komm mal her!« - -»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich -verstohlen über die Augen. - -Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was -’s denn los? Hast ja geflennt?« - -»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer. - -Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk. - -Glühend rot werdend, schüttelte sie ihre Hand. »Laß mich doch! Autsch!« - -Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los. - -Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide -Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!« -schluchzte sie. - -»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die -Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen -Ton!« - -»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat -Leid! Wat hab’ ich dann auf dieser Welt? Jar nix, ich muß mich plagen -alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige -Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och, -die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände. -»Jesus Maria, un ich bin schuld dran!« - -Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte -doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder -mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie -zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich -zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich -los. - -»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre -thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen -flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit -e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe -lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en -Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!« -Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich -bin schuld dran!« - -Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand – -verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz, -auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo -kommste her?« fragte er rauh. - -»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!« - -»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr -gesetzt – na, natürlich! Und ich sage dir, die Kinder werden schon in -die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält. -Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf -und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir -mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.« - -Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich -von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu -schlüpfen. - -Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war -er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände -das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem -langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß -schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht -gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?! -Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen -kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein -Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu -mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den -Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn! - - * * * * * - -Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne -den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele -haftete, zu mildern. - -Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut. - -Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich -draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben -zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf -ihn zu. - -Bemerkte er sie denn nicht? Fast beleidigt zupfte sie ihn: »Vater!« - -»Ich wollte, es gäbe Krieg,« murmelte er. Und dann fuhr er auf: »Wer da -– ah du! Na, Josefine?« - -Sie lachte ihn an. - -Da fiel’s ihm auf, wie sah sie denn aus? Das ganze Haar in Papilloten -gedreht, ein Wickel neben dem andern. - -»Nanu, was hast du denn angestellt?« Verwundert tippte er sie auf den -Kopf. - -»Jarstig, jelt, Vater? Aber morjen, da sollste ens kucken, da werd’ ich -aber auch dafor fein jemacht!« Jubelnd schlug sie die Hände zusammen. -»Lauter Löckskes, de Jroßmutter hat se mer eben einjedreht! Un en weiß’ -Kleid mit lauter Säumcher! Un ene blaue Kranz krieg’ ich auf de Locken! -Ich trag’ dat Herz Jesu auf’m Kissen!« - -»Was – was trägst du?« Plötzlich aufmerkend sah er sie an. »Was redste -für Unsinn? Herz Jesu – weiß Kleid – blauen Kranz – wozu – weswegen?« - -»No, morjen is doch Fronleichnam! Prozession nach’m Calvarienberg an -der jroße Kirch’.« Ganz bestürzt sah sie ihn an. »Dat weißte nit? Wer -am besten in jeder Klass’ is, darf wat tragen. Eine aus der untersten -Klass’ trägt et Lämmchen, en janz Jroße trägt en Fahn’, un ich« – mit -stolz leuchtendem Gesicht reckte sie sich vor ihrem Vater – »ich krieg’ -et Kissen!« - -Er hatte sie ausreden lassen, jetzt fuhr er auf mit einem Fluch; -erschrocken prallte sie zurück, er rannte sie fast über den Haufen. - -»Frau!« Da stand er, die Fäuste geballt, das Gesicht fahl. Und als -Trina nicht gleich hörte noch einmal: »Frau!« - -Jetzt kam sie. - -Er schrie sie an: »Weibsbild, verdammtes, denkste, du kannst -Schindluder mit mir spielen? Oho, untersteh dich!« Mit wilden Augen sah -er sie an. - -»No, wat is dann als schon wieder?« rief sie halb trotzig, halb -kleinlaut. - -»Ich sag’ dir, ich bin kein Esel, du machst mir kein X für ein U. Was -treibst du hinter meinem Rücken für Allotria – he?« Er packte in seiner -Wut das erste beste, was ihm unter die Hände kam – das Gebetbuch war’s -– riß es vom Tisch und warf es ihr vor die Füße. Die Blätter flogen. - -Zitternd bückte sie sich und las ihre geweihten Palmzweiglein, ihre -bunten Heiligenbildchen zusammen. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der -Mut kam, sie war empört: »Au, meine Bildches, wat fällt dich ein?« - -Er riß ihr die Bildchen aus der Hand und zerfetzte sie. »Da – da! Und -ich sag’ dir, jetzt hat’s en Ende, das alle Morgen in die Messe-rennen -und das im Beichtstuhl-hocken! Jetzt weiß ich, warum du heulst! In den -Ohren liegen sie dir: katholisch sollen die Kinder werden! Katholisch -wollt ihr die Josefine machen! Keinen Schritt geht sie mit zur -Prozession! Mir allein hast du zu parieren – verstanden? Nich gemuckt. -Und nu: in die Küche! Geh an deinen Herd, koch, die Kinder wollen -essen.« - -Sonst drückte Trina sich gern, wenn Rinke schalt, heute blieb sie wie -angewurzelt stehen. - -Er drehte ihr den Rücken. Die Knaben, die scheu an der Thür gehorcht, -hatten sich verkrochen; nur Josefine stand da, unbeweglich, und sah den -Vater starr an. Sie war ganz blaß geworden. - -Er rief sie zu sich, langsam kam sie. »Josefine,« sagte er in etwas -gemäßigterem Ton, »geh, wickel dir das Haar aus, komm mir so nich mehr -unter die Augen!« Und als sie gehen wollte: »Halt! Heut war’s das -letzte Mal, daß du zu den Ursulinerinnen gegangen bist, verstanden? Ich -wer’ denen das Handwerk wohl legen!« Die Wut flammte wieder in ihm auf: -»Weg mit dem Firlefanz!« - -Er selber griff ihr in die Haare und zerrte ihr einen Papierwickel -heraus; es mußte weh thun, aber sie rührte sich nicht. - -»Ich verbiete dir auch, nach der Ratingerstraße zu gehen – hörst du, -von heut ab! Keinen Schritt dahin – hörst du? Antwort!« - -»Ja.« - -»Und mir allein hast du zu gehorchen – mir allein, hörst du?« Eisern -klang jedes Wort. »Niemand anderm, auch nicht – auch nicht deiner -Mutter – denn –« - -Jetzt zuckte das Kind zusammen, Frau Trina hatte ein wimmerndes -Schluchzen hören lassen. - -Mit einem Ruck riß sich Josefine vom Vater los und warf sich mit einem -lauten Aufschrei der Mutter an den Hals: »Mutter, wein’ nit! Wein’ doch -nit, ich hab’ dich auch lieb! Och ’n doch, Mutter, ich hab’ dich lieb – -Mutter, Mutter!« - -»Josefine!« Der Feldwebel rief, aber vergebens. Zum erstenmal in ihrem -Leben gehorchte ihm die Tochter nicht. - -»Josefine!« - -Sie schüttelte nur verneinend in leidenschaftlichem Weinen den Kopf -an der Brust der Mutter, um die sie, wie zum Schutz, ihre beiden Arme -schlang. - -»Josefine!« Es klang fast bittend. - -Sie rührte sich nicht. - -Da rief der Feldwebel nicht mehr. Ein paar Augenblicke stand er, wie -vor den Kopf geschlagen, dann stolperte er zur Thür. Im Finstern tappte -er die Holzstiege hinunter, und in’s Finstere lief er hinaus. – – – - - - - -VI - - -Eigentlich war es schon Winter. Die Düsseldorfer Hausfrauen hatten -längst ihren Herbsthausputz vollendet, jedes Sommerstäubchen war -ausgefegt, blitzblank schauten die Fenster auf das saubere Trottoir. -Und doch war es noch nicht Winter, denn der November ließ sich an wie -ein Oktober. Die Kastanien in der Königsallee waren noch nicht gänzlich -entlaubt, im Hofgarten blühten noch Dalien und Georginen; Allerheiligen -war lange vorbei, und doch dufteten noch bleiche Rosen auf den Gräbern. -Vom Rhein kam ein lindfeuchtes Wehen, kein Wind. Die niederen Wiesen -jenseits des Flusses schimmerten noch frischgrün, die Weidenbüsche -standen wie im Saft. - -Gut Wetter zum Martinsabend. - -Josefine Rinke freute sich: heut abend würden sie alle mit dem -Laternchen gehen; nur die arme Mutter durfte nicht mit, der Vater fand -das zu lächerlich. - -Zint Mäten, Zint Mäten![6] - -[6] Sankt Martin. - -Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte -die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen, vor sich her trug. -Sie lernte noch auf dem Schulweg. - -Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den -Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische -höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der -Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit -des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am -Hofgarten residierte. - -Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann -nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch -Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn -gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat -empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch -eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten -Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig -werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige -abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse -noch immer hoch genug. – - -Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen -unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb -acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine -Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie -gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in -Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so -schwer in den Kopf. - -Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina! -Finchen!« - -Sie hörte nicht. - -Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn -gar nicht?« - -»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!« - -Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von -Clermont zog es ihr weg. - -»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst, -wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine -Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können -jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht -dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!« - -Der Bursche grinste und machte Kehrt. - -»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War -gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern -zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das -schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut -nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte. -»Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen, -der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu -bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre -wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!« - -»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du -nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un -den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit -mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!« - -Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie -von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen. -Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort, -zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie -sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war -der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden -Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank -zusammengeführt. - -Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines -alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War -Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den -Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten -– so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne! -Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit -Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne -Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die -Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all -den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern -Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der -Feldwebeltochter. – - -Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden -wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie -sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer -noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los. - -»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen -Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich -hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen -wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus -so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!« - -»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach -der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl -mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte -sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en -Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen -Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –« - -»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen -die Leute von uns denken?« - -Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um. -Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber -schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli, -letzt!« Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken. - -»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach. - -Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin, daß ihr halblanger -Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. – - -Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte -seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres -hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen -waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber -schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis -doch wunderbar schön. - -Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug -ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem -Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die -Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus. - -Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter- -und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen -Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch, -durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren: -»Zintmäten, Zintmäten!« - -Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern -zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren -schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht – -ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich -zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und -Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen -grob: - - »Zintmäte, Zintmäte. - De Kälver hant lang Stäte, - De Jonges sin Rabaue, - De Weiter wolle mer haue.« - -Und die Mädchen zirpen dagegen: - - »De Weiter sin Rabaue, - Die Jonges wolle mer haue, - De Weiter trinke rode Wing, - De Jonges schmeiße mer in der Rhing!« - -»Zintmäte, Zintmäte!« - -Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen -hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen; -sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der -Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet. - -Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das -›Zintmäten‹. - -An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den -Bittgesang: - - »Hier wohnt en reicher Mann, - De ons wohl jett jäwe kann. - Selig soll hä läwe, - Selig soll hä stärwe, - Dat Himmelreich erärwe!« - -Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig -gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf, -und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen -in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen. - -Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich ein wirbelnder -Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten -Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das -Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters. - -Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt. - -Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der -Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich -um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie -sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem -vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch -sie konnte. - -Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum: - - »Zintmäte, Zintmäte! - De Weiter lecke de Plate, - De Jonges esse de Tate, - De Jonges esse jebackene Fisch. - De Weiter schmeiße mer unger der Disch –« - -Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis. -Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen -löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!« - -»Frech Weit!« - -»Freche Rabau!« - -Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken -geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß -sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!« - -Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit -einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte -Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals. - -»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten -Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes -Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die -frechen Jungens!« - -»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und -zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen, -wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen -johlend hinterdrein. - -Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?! -Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er -geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die -Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder -etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig -von der Seite betrachtete. - -Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst -ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte -doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen -Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na, -natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen -Kompagnie. - -»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,« -seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr. - -»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen -Blick zurück. - -Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher -zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön -miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch -noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein -war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick -sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock -immer nicht lang genug kriegen – no, so geck! - -»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten -Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen: - - »Zintmäte sein Vöjelche - Met dat rote Köjelche –« - -Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig -von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich -erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing -an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis. -Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen -wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand. - -Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den -Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von -rechts, bald von links. Das war ein Jagen über’s Trottoir, ein -Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen. -Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹. - -So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte -sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich -sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen. - -»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen -von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet. - -Und der Abend flog auch dahin – zu rasch. - -»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner -Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand -Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den -Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon -mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und -dort wurde recht wüst gegröhlt: - - »Küt de Lehrer in de Scholl’, - Setzt hä sich ob singe Stoll’ –« - -und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m -ungeduldigen Pochen der Fäuste: - - »Dat Huus, dat steht up eene Penn, - De Jietzhalz, de wohnt metten drenn – - Jietzhals, brich der Hals, - Dat de morje stärwe kanns!« – – – - - * * * * * - -»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes -Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es -nach den leckeren Puffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie -noch: »Wie schad’!« - -Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend; -aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte -und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem -bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!« - - * * * * * - -Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?! - -Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das -Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den -Nikolaustag. Der war heute. - -Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den -Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, =ihr= einen Weckmann zu schenken? Da -war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner -Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte. - -In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und -kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche -mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat -gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife -im Maul. - -Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte -er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor -Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien -bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, – -ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht -immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater -konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major -war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders -werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald -würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich -nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der -linken Brust zu tragen. - -Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der -Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde -gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich -darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb -nichts wie diese Erinnerung. - -[7] 2½ Silbergroschen. - -›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann -ihre weißen Zähne vergraben. - -Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im -Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter -den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das -Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen! - -Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam -er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier -eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf -der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab. - -Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag. -Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte -anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da -gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren -worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die -Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf. - -Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie -seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die -ganze Luft von Wasserdunst erfüllt. - -Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete =sie’s= immer, -ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels. - -Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war -nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag, -Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich -nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!« - -Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich -gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um -das Wasser im Keller zu sehen – also =das= war ihr die Hauptsache am -letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche – -wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht! - -Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun -hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee -schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und -Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die -Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so -früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen -überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor -und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren. - -»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit -fort. - -Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer -schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen -Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu -quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst -die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren -niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und -schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus. - -Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen -Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es -plätschert dem alten Jan Willem um die Füße. - -Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit -kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die -Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem -schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült, -die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter -nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße -schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in -der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten -nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und -die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und -Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die -Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken -geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die -Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser -plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und -spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd -naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht. - -Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut -und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der -Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen -Stellen nahm er Karlchen Huckeback. - -Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen -könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick. - -O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s -Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes -Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt -verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der -Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der -Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln -und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein; -er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man -weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend -und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt, -weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles -umstricken. – - -Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹ -anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom -Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt. -Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider -gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten. -Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn -Josefine in die Hand. - -Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube. - -Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten -Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter -holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte: -das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein -kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf -– all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken – -Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als -in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an? -Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –« - -»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et -Wasser langs de janze Bolkerstraß’?« - -Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um -vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über -im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!« - -»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius -im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit, -aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t -Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß -einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de -Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!« - -»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie, -»lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in -fahren!« - -Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß -die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften. - -Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die -Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze -lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene -flüchten mochten. - -Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz -im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft -hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich. - -»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein -Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der -Tasche und steckte es an. - -Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war -schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem -Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am -Treppenpfosten. - -Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe -stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es -flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen -ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der -dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle. - -»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend. - -Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser -plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend. -Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still – -auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide -schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten, -weiten Meer. - -Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht. - -»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf -sah sie den Jüngling selig an. - -Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich, -schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das -Lichtstümpfchen erlosch. - -Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die -Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie -auf die Stufe. - -»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen -muß ich ja fort!« - -»Och, wie schad’!« - -»Wirst du mich auch nicht vergessen?« - -»Ne, och ne!« - -Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte -nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr -halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer, -der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann. - - - - -Zweites Buch - - - - -VII - - -Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief -innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen -und Drängen. Was will das werden?! - -Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen -so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!« -und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!« - -Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom -Himmel und begrub die grünen Hoffnungen. - -Es war das Jahr 1847. - -Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die -Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am -Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren. - -An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag -nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe. -Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch. -Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick -wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch -hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen! -War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in -den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und -drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das -war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb -ihr das Blut rascher durch die Adern. - -»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine -Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu -schon wieder? Immerzu stänkern!« - -Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein -paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt. -Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt -not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob -in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau, -Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die -Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer. - -»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was -wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine -Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande! -Verfassungsreform – was heißt das?!« - -»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die -Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung, -Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine -wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die -Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’ -ich nit!« - -»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich -hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen -sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein -hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?« - -Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die -Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in -der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’ -Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch -en Wort sagen dürfen.« - -»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen. -»Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders – -nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er -sich wieder in die Zeitung. - -Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es -nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht -alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim -Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden -müsse, sagten sie freilich nicht. - -Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß -immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und -drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht, -denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber, -und die jungen interessierten ihn nicht. - -Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz -– nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die -Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte -es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten! -Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß. -Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch -nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso -schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett. -Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen -längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten -Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen -Streifen helleres Weiß zeigte. - -Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an -den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche -Wange auf seinen Scheitel drückte. - -»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche -Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen -Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr -stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz -nicht. - -»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?« - -Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten -Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn -gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee -des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal -versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter -einem feinen Schleier. - -So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer -ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier -gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu -waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die -Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie -eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen -Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf -Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung, -alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern -heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause, -Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche -Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es -blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen. - -Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte -Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts -dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine -Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß -sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte, -auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte -er nicht. - -Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den -Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah -Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war -der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte -er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben. - -Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit -dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über =sie= -Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch -bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die -Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden, -wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich -hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt -stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in -Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die -Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie -mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze -Kompagnie in sie verschossen war. - -Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick -ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut -genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch -nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn, -dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen -ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst -hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der -Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke. -Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein -wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und -groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und -breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß! -Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich -zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst -bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht -dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen. - -Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn -gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht. - -»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie -zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich -noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig -Jahr’?« - -»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!« - -»Um Gottes willen!« - -Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die -Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so? -Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig, -knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit -unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des -Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch -bekommen als Dienstauszeichnung. - -Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne -von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich -würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu -müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt -hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute -Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer, -ein Zollaufseherposten oder dergleichen!« - -Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf -gesenkt. - -»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der -Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!« - -Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall -der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen -der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut -übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel -verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus -dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem -Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht -eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so -nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes -ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch -höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau -nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst, -meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte -gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben. - -Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte -sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt, -den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten -Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein -so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen, -wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben. - -Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen -Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur -auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben -Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er -wurde aber doch vorgelassen. - -Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte -Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus -den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er -konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf -den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine -Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja, -man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet. -Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!« - -Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major -und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist, -den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major. - -Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem -rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,« -sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?« - -Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit -dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.« - -Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie -lächelnd. »Feldwebel Rinke?« - -»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.« - -»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?« - -»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!« - -»So, das freut mich!« - -Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der -Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich, -daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte -– so was Vornehmes und doch so was Freundliches! - -»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer -großen Anmut und schwebte wieder zur Thür. - -Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch -nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten -neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße -Gesicht. - -Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm -übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die -Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar -nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie -gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch -aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in -irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere -Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich -bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung -eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind -Sie sicher!« - -Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich -doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest. -Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war, -konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit, -solange er noch einen Fuß rühren konnte! – – - -Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb -ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie -auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm -mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr -alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das -war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹! - -Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden, -wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den -Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger -Bürgersleutschneider wäre! - -Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte -er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben -kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte -Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig -versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein -bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich, -der hatte den Jungen eingeschüchtert. - -Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen -die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine -gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie -führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten -Vogel‹ ein. - -Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten – -unwiderruflich – der Vater verlangte es. - -Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal -seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das -Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf -seiner Stirn zog sich die Falte zusammen. - -Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof -zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm -denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch -nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter -Stimmung. - -Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem -Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem -Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog. - -Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine -an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die -Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?« - -Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem, -wie riechste dann? Du has ja jeraucht!« - -Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom -Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu -riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!« - -Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern -stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch -hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso! -Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!« - -»Aber du sollst doch nit!« - -Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus, -wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein -einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich -nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und -spuckte aus. - -»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll. - -»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben -un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs -Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se -setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich -wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib. - -»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme. - -Wilhelm schreckte zusammen. - -»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!« - -Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt. - -»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte: -»’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem! -’schwind, ’schwind!« - -»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen -scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens -Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen. - -»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör. - -»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu -sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!« - -»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand -hin – »na, dann setz dich, Junge!« - -Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger -verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff! -Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken. - -»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb -ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde -der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es -gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre -dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor -und sagte kein Wort mehr. - -Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er -auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd. -Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in -dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die -Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit -dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine -Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen, -vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck -für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, Verzweifelt -stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der -Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde -ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein -Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es -auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was -sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die -Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte -gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele. - -Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht -gewacht? Gearbeitet, he?« - -Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg -dem Jungen dabei in die bleichen Wangen. - -Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der -Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar -nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er -that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten -herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und, -unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das -krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses -Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater -untersagte ihm das sofort. - -Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war -gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und -der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete -draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend, -daß des Jungen Herz pochte. - -Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie -den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben, -denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich -jetzt, is et dich jett besser?« - -»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und -stieß ein kurzes Lachen aus. - -Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, -war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß -doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug. -Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von -ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un -dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine -armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!« - -[8] Meister. - -»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht -der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein -voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte – -»oder mit Frauenzimmern verposamentiert!« - -»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die -Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!« - -»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die -Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die -Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren -rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern -Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich -danke!« - -»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus; -sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes. - -»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!« - -»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is -doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie -die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein -rheinisch Mädche sein?!« - -»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den -Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her -und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt -der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du -dich ’rumgetrieben, he?« - -Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem -nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er -heraus. - -»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?« - -Josefine mengte sich ein. »Vater, wat is dann, sei doch nit bös!« - -Er stieß sie von sich. »Kümmer dich um deine Sachen! – Wo hast du -dich ’rumgetrieben, Bengel?!« Er stampfte auf. »Lüge nicht! Du weißt, -vormachen lass’ ich mir nichts – na?!« - -Der Knabe erstarrte förmlich unter des Vaters Blick. - -»Vater,« rief Josefine, »er hat sich nit erumjetrieben! Willem, nu sag -et doch, sei doch kein Bangbüx! Der Jesell hat ihm en –« - -»Er hat ja jar nix jethan,« schrie die Mutter dazwischen, »de arme -Jung’! Rinke, wat fällt dich ein?!« - -»’raus! Frauenzimmer ’raus!« Mit unwiderstehlicher Gewalt schob Rinke -die beiden Frauen in’s Nebenzimmer. Nun verriegelte er die Thür. Mit -starken Schritten kam er dann zurück, direkt auf Wilhelm zu. Der war -ganz in eine Ecke gewichen. - -»So,« – unheimlich ruhig klang’s – »so, mein Sohn, nu sage mir mal, -wo du dich ’rumgetrieben hast, ich möcht’ das gerne wissen.« Und dann -aufbrausend: »Ich muß es wissen!« - -»Ich hab’ – mich nit – erum–je–trieben!« - -Ein Schlucken stieß den Knaben. - -»Lüge nicht!« - -»Ich lü–lüg’ – ja – nit!« - -»Jawohl, du lügst!« Immer drohender wurde das Auge des Vaters, es -blitzte unter den düsteren Brauen. - -»Wahrhaftijens Jott –« - -»Junge!« – Des Feldwebels Stimme verlor plötzlich an Rauheit, sie wurde -fast bittend – »Junge, sag mir die Wahrheit, thu’s mir nicht an, daß du -lügst!« - -»Ich – hab’ mich nit – erumjetrieben! De Jesell jab mich ene Pfeif’ -– et wurd’ mich so schlecht – de Jroßmutter jab mich ene Bittre, de -Jroßvater auch – se jaben mich Bier – ich kann nix dafor – Vater, -Vater!« Aufschreiend hielt er sich schützend beide Arme über den Kopf; -der Feldwebel hatte die Hand gehoben. - -Feig?! Ein verächtliches Zucken ging über des Feldwebels Gesicht, und -dann kam ein Ausdruck von Scham. Feig – sein Sohn war feig! Wer feig -ist, lügt auch. - -»Ich glaube dir nicht,« sagte er hart. »Sieh mich an!« Und als Wilhelm -den Blick nicht hob, noch einmal: »Ansehen!« - -Die gesenkten Lider öffneten sich zwinkernd, das matte Auge des Sohnes -versuchte, dem Blick des Vaters standzuhalten, aber es füllte sich jäh -mit Thränen. Geblendet, verwirrt senkte es sich wieder zu Boden. - -»Laß mich eraus,« stöhnte Wilhelm. Alles drehte sich mit ihm, eine -peinvolle Übelkeit kam ihn an. - -»Gleich kannst du gehen – aber vorerst – vorerst wer’ ich dich lehren – -du Bengel – wie man’s Lügen austreibt!« In Schmerz und Empörung sah der -Feldwebel um sich: da lag hinter’m Ofen der Stecken zum ausklopfen der -Montur. - -»Vater, Vater!« - -»Schockschwerenot – willst du die Wahrheit sagen?!« - -»Ich sag’ se ja – ich sag’ se ja!« - -Draußen raschelte es vor der Thür, Mutter und Schwester horchten am -Schlüsselloch. - -»Jesses, Rinke!« Das war Frau Trinas Stimme. »Mach ens auf, Rinke!« - -»Wirst du’s jetzt sagen?« Rinke streckte den Arm nach dem immer mehr -und mehr Zurückweichenden aus. »Wo warst du?« - -Wilhelm wimmerte: »Vater, Vater!« - -»Vater, thu ihm doch nix! Vater, hör doch!« Josefine warf sich mit der -ganzen Wucht ihrer jungen Kraft gegen die Thür und rüttelte am Schloß. -»Mach ens auf, Vater!« - -Er ließ sie rufen und klopfen. »Rumtreiber, Lügner!« stöhnte er -zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Und dann machte er einen großen -Schritt und langte den Stecken hinter dem Ofen vor und stand wieder vor -dem ganz in eine Ecke Gedrückten. - -»Komm ’raus!« Eine unbarmherzige Strenge lag um des Feldwebels Mund, -nichts regte sich in seinem Gesicht. »Hose ’runter! Eins, zwei –« - -Der junge Bursche starrte ihn an, als verstände er nicht. Seine Augen -waren schreckhaft weit geöffnet, er wurde totenblaß, und dann schoß ihm -auf einmal eine glühende Röte bis unter die Haarwurzeln. - -»Hörst du nicht? Hose ’runter – eins – zwei – drei!« - -»Laß mich!« Das war ein Schrei der Empörung. Beide Hände vorgestreckt, -stierte der junge Mensch den Vater an. »Ich laß mich nit hauen – ich -laß mich nit mehr hauen! Ich will mich nit mehr –« - -»Du – du läßt dich nicht mehr hauen? Du willst nicht mehr?! Was?!« -Schon hatte der starke Arm des Feldwebels den sich verzweifelt -Sträubenden aus der Ecke gezerrt. Kein Widerstand half. Wie ein -unmündiges Kind wurde der Sohn über’s Knie gezogen – Hose herunter -– eins, zwei, drei – sausend fiel die Gerte nieder. Und wieder und -wieder. - -Weiter kein Laut hörbar. Auch die draußen Lauschenden waren verstummt. - -»So,« sagte jetzt der Vater kurz und schleuderte die Gerte weg. »So. Nu -kannst du gehen!« - -Der Sohn richtete sich auf. Mit zitternden Händen seinen Anzug ordnend, -stand er einen Augenblick, dann wankte er zur Thür. Als er den Riegel -fortschob, warf er einen Blick in die Stube zurück, einen einzigen -kurzen Blick, scheu und von unten herauf; aber neben der Furcht, und -stärker als diese, glimmte noch etwas andres in seinen Augen. - -»Adjüs!« sagte er heiser. Dann riß er die Thür auf. - -An Mutter und Schwester vorbei stürzend, flüchtete er die Treppe -hinunter. Vergebens riefen sie ihm nach. - -Als die Frauen bestürzt in die Stube traten, saß der Feldwebel wieder -vor seiner Zeitung, anscheinend ganz vertieft. Aber Josefine fand, der -Vater hatte eine seltsam gramvolle Miene. - - - - -VIII - - -Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden -und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster -aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die -abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in -den Rinnen. - -Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte -Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen -in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch -überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte. - -Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag -beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie -mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß -herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen -lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt -lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen. - -Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe -hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag -schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen -unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der -arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein -Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte, -statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen! -Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel! - -Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich -zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so -dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus -der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und -Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich -wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße -zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz – -mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten! - -Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte -sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not! - -Sie schlug es auf. Wie das paßte: - -›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den -Himmel befähigen.‹ - -»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las, -die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld. - -›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der -Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o -schmerzvolle Mutter!‹ - -Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen -Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm. - -Aber sie las weiter: - -›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf -den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹ - -Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete, -auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle -verschafften ihr Ruhe. – - -Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie -schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser -spritzten. - - »Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm, - Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –« - -sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein -wieder in der Lade verschloß. - -Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach -der Küche. - - »Mit dir, mit dir in’t Federbett, - Mit dir, mit dir in’t Stroh –« - -klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich -haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten, -aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden. - - »Dann sticht mich auch kein Federchen, - Dann beißt mich auch kein Floh! - Mit dir, mit dir –« - -Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam -ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf -die Mutter zu und faßte die um die Taille. - -Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das -alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten. - - »Mit dir, mit dir in’t –« - -»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater -kam die Treppe herauf! - -Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde -schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu -schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen. - -Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter -herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm -zu. - -»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen -ihr auf einmal wieder ein. – - -Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete -schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett. -Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur -als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der -Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?! - -Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz -dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus -der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten -Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen -fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade. - -Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte -der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der -lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen? -Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es. - -Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle -wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s -Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er -nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht -in der Stube. - -Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte -und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren -Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift, -hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur -Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich -geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. – - -Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am -Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig -hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse -für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und -seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich -das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so -fürchterlich, daß alle ihn scheuten?! - -Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden -Stiefeln. - -»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!« -Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt; -keiner traute sich in die Stube. - -Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr -und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand -er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom -Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s -nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen -fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um. - -Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die -Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!« - -Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als -der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein -überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen -dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene -Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs, -nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren -und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr -Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte -hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem -Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse! - -Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht, -nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und -stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,« -klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat -lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme -Zeit!« - -»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür, -»als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so -pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn -mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen. -Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!« - -»Meister,« sagte der Feldwebel, »ist mein Junge da?« - -»Ene.« Der Schneider packte schon die Arbeit zusammen. - -»Wo ist er denn? Können Sie mir’s sagen?« - -»Wer – de Willem? No, de is ja bei Ihnen!« - -»Bei – mir?!« - -Meister Pickardt hatte fertig zusammengepackt, nun hob er den Kopf: der -Feldwebel hatte so etwas Eignes im Ton, etwas Ängstliches. Über die -Brille weg sah er den an: »No, wat is dann?! Diese Morje früh kam de -Jung mit sei’m Bündel un sagt, er thät’ sich krank fühlen, er wollt’ en -paar Tag no Huus jehn.« - -»Krank – nach Haus?! – Warum in drei Teufels Namen hat Er den Bengel -laufen lassen?« Wütend brüllte der Feldwebel. »Hab’ ich Ihm nicht den -Bengel in die Lehre gegeben?! Wie kommt Er dazu, ihn wegzulassen?« - -»No, no!« Der Meister fing an, sich zu ärgern; seine Soldatenzeit lag -längst hinter ihm, er brauchte sich doch nicht mehr von dem Preußen -anschnauzen zu lassen. - -»Warum hat Er mir nicht sofort Meldung gemacht?« - -»Wat jeht mich dat an?! Wenn de Jung’ nit in der Lehr’ bleiben will, -laß hän laufen. Heutzutag’ hält mer keinen meh.« Der Meister pfiff -durch die Zähne. »Krank« – er kratzte sich – »freilich, dat sagen se -immer, dat is so en Stücksken, eja! ›Adjüs,‹ sagt hä for mich un jab -mich de Hand, ›adjüs so lang!‹« - -Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte -er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel -gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der! - -»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war, -und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de -schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern -abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’ -eruf jing nach Bett.« - -»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte -vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her – -der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen -noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den -Vater! - -»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O -Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang -für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt? -Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei -der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und -Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de -auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug -die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft -’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!« - -»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib -sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder -anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst -beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich -wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging -er. - -Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige -Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –« - -»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den -Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!« - -»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit -scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus -Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« – - -Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der -Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten -zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab. -Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden -friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm -zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine -aufregende Frage mit an ihren Stammtisch. - -Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der -Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine -hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich -zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter -fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in -der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden -Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die -Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den -Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie, -wenn sie an ihren armen Jungen dachte. - -»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren -Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter. - -Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn -fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch -zu streng gegen den Wilhelm gewesen?! - -Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend -vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß -blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend -faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s -gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es -abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon! - -Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der -Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten -Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem -Schritt, marschierte er zu Kühling zurück. - -Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen -Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über -Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft. - -Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf -der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren: - - ›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’, - Es schlägt die letzte Viertelstund’ – - Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹ - -Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an -diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er -um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte -er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge! -Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er -der Mutter sagen?! - -Ein paar verfrühte Fastnachtsgecken, die in spitzen Papiermützen zu -einer Vor-Karnevalssitzung eilten, streiften an ihm vorbei. »Wat sühste -schläch uhs!« gröhlte der eine und streckte ihm seine lange Nase von -Papiermaché in’s Gesicht. - -Erschrocken fuhr der Versunkene zusammen, unwillkürlich legte er die -Hand an’s Seitengewehr. Mit lautem »Helau!« entsprangen die fröhlichen -Gesellen. Er fluchte hinter ihnen drein – verdammte Zucht! - -Jetzt war die Straße nächtlich still. Wie ausgeschnittene Silhouetten, -scharf umrissen, hoben sich die Häuser in langer Reihe vom mondhellen -Himmel. Und Sterne glitzerten und flimmerten, wie in einer bitter -kalten Winternacht, und auf dem Pflaster blinkte es von lauter -Diamanten. - -Donnerwetter, wie kalt! Der Einsame rüttelte sich in einem -Frostschauer; und dann machte er plötzlich Kehrt, war mit wenigen -Sätzen um die Kasernenstraßenecke und eilte weit ausholenden Schrittes -die Mittelallee zum Hofgarten hinauf. Zum Hofgarten! - -Wie hatte doch das geschwätzige Weib gesagt? – ›Da haben sie ’nen -jungen Menschen gefunden, auf ’ner Bank eingeschlafen – erfroren!‹ -Unsinn! Der Junge saß irgendwo warm; der wußte ja Bescheid, der war -kein fremd zugewanderter Handwerksbursche! Und doch mußte der Vater -immerfort an diese Worte denken; sie peinigten ihn. - -Der Atem ging ihm wie Rauch aus dem Mund; es war kalt, und doch stand -ihm der Schweiß auf der Stirn, als er den Hofgarten erreichte. An -dessen Rand, in der Nähe des Eiskellerberges, stöberte er noch ein paar -Rheinkadetten mit ihren Frauenzimmern auf; am Napoleonsberg traf er -schon keinen Menschen mehr. - -Ganz allein stand er auf dem Hügel und starrte hinunter zum Rhein; ein -eisiger Hauch stieg von dort empor. Die Wellen im Sicherheitshafen -rührten sich nicht, sie glänzten wie starres Metall. Doch jetzt, ein -Knirschen, ein Plätschern, ein Glucksen – horch, klang da nicht ein -dumpfer Ruf?! - -»Wilhelm! Wilhelm!« - -Es preßte dem Vater einen Schrei aus; laut hallte der Angstruf weit -über den Rhein. - -Noch einmal: »Wilhelm, Wilhelm!« - -Und dann lief er hinein, quer über die verlassenen Schießstände weg, -hinein in den großen Park, der stumm und geheimnisvoll seine Waldbäume -in’s kalte Mondlicht reckte. - -Hier knackte noch der Schnee. Es war nicht geschüppt; der Suchende -irrte bald vom Pfad, auf’s Geratewohl tappte er zwischen Stämmen und -Gebüsch. Endlich erreichte er die einsamen, durch keinen Lampenschein -mehr erhellten Häuser der Kaiserstraße. Im Nonnenklösterchen wimmerte -ein Glöckchen, feindselig richtete sich sein Blick dorthin. Was, -steckten da noch immer welche drin, waren die noch nicht ausgestorben? -Er ballte die Faust – all das Leid kam von denen, von den Nonnen, -von den Pfaffen, von den Römischen! Die hatten einen Graben gezogen -zwischen ihm und seinem Weib, über den sich keine Brücke schlagen -ließ. Die hatten ihm seine Kinder abwendig machen wollen. Viktoria! Bei -der Josefine war’s ihnen nicht gelungen, die hatte er ihnen abgejagt -– aber beim Wilhelm, beim Wilhelm! Der hatte immer bei den Großeltern -gehockt, heimlich katholisch mochte der wohl sein. Mochten sie nun auch -die Verantwortung für ihn tragen! Was ging ihn der Bengel noch an?! - -Und doch rannte er weiter; er schrie nicht mehr, aber seine Augen -suchten und suchten. - -Hinter jeden Busch spähte er. Am Hofgartenhaus, um die Landskrone, in -den Anlagen längs der Jägerhofstraße standen viele Bänke, er suchte sie -alle ab – auf keiner einzigen Bank saß der Ausreißer! - -Immer weiter suchte Rinke in steigender Hast; es trieb, es jagte ihn -etwas, sein Herz schlug gegen die Rippen, so hart, daß er das Pochen -durch die Stille zu hören vermeinte. Einzelne Statuen tauchten auf -zwischen bereiften Büschen, er entsetzte sich jedesmal bei’m Anblick -der bleichen Gestalten. Eine Maus schlüpfte durch’s dürre Laub, ein -Nachtvogel schlug die Flügel; kaum Geräusche, und doch fing sein -geschärftes Ohr sie auf – wo irrte sein Sohn?! - -Der Mond ging allmählich nieder auf seiner Bahn; längst war es nicht -mehr recht hell gewesen, nun wurde es dunkel. Der Vater machte sich -nicht die Unmöglichkeit klar, jetzt, in der Nacht, in dem weiten -Hofgarten den Knaben zu finden; der Gedanke, wie unwahrscheinlich es -sei, daß dieser sich gerade hierher geflüchtet, kam ihm gar nicht – -er suchte, suchte. Suchte mit angstbeflügelten Schritten, alle Sinne -fieberhaft erregt. - -»Halt, wer da?!« - -Ein militärischer Ruf belebte plötzlich die einsame Finsternis, -Gewehrläufe blinkten auf, harte Tritte hallten auf gefrorenem Boden. – -»Wer da?!« - -Ah –! Der Doppelposten vor dem Jägerhof! - -Rinke stand, die Hand am leis klirrenden Seitengewehr: »Feldwebel -Rinke, sechzehntes Infanterieregiment, neunte Kompagnie!« - -Die Wachen sahen ihn; jetzt machten sie Kehrt und nahmen, Gewehr über, -ihr unterbrochenes Hin- und Herwandeln wieder auf. - -Ah, sehr gut, Kerle hatten nicht geschlafen! - -Rinke war wieder ganz bei sich. Blödsinn, hier herumzulaufen bei -nacht! Da war ja das Schloß; dunkel lag es auch schon, nur oben im -breiten Mittelfenster des ersten Stockwerks war noch Licht. Man sah den -Kristalllüster blitzen. Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich -und seine erlauchte Gemahlin, waren noch auf! - -Unwillkürlich stand der Feldwebel stramm; wie ein großes, strahlendes -Auge grüßte ihn das hell erleuchtete Fenster, wie Sterne funkelten die -Kerzen des Schlosses durch die Nacht. - -Ruhiger ging er fort. Gleich einer sanften Tröstung nahm er noch einen -Lichtschimmer von da oben mit auf den Weg. - -Treue, Tapferkeit und Gehorsam – diese drei – Pflichtgefühl und Ehre – -aber die Ehre ist die größte unter ihnen! - -Und war sein Wilhelm auch kein Soldat, als Soldatensohn mußte er -wissen, was ›Ehre haben‹ heißt; er mußte es lernen. Nein – der -Feldwebel schüttelte den Kopf – zu streng war er nicht gewesen! - -Er hatte nur seine Pflicht erfüllt gegen sein Kind. - -Nun hatte er Frieden mit sich selber gemacht, wie er wähnte. Er ging -heim, sehr müde; ruhig zu schlafen gedachte er, aber jäh fuhr er -auf nach kurzem, wildem Träumen, mit dem Schlafen war’s nichts. Er -beneidete seiner Frau den friedlichen Schlummer. Die lag mit gefalteten -Händen, ein behagliches Lächeln um den Mund. - -Noch vor dem Reveilleblasen weckte er sie. Länger konnte er’s nicht -mehr verschweigen, er mußte ihr Mitteilung machen von Wilhelms -Verschwinden. Seine Stimme klang gepreßt, von neuem fühlte er sein Herz -pochen in peinvoller Unruhe. Und sie, was würde sie erst sagen?! - -Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand -und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da -würde der Wilhelm schon sein. - -Nein, nein, da war er ja nicht! - -Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein. - -Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen -Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle -Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn -den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit, -bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m -uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern. - -Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug -er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den -Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er -fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich. - -Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen, -so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte -er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹, -rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit -der Weg war! - -Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete -ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber -geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so -überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da! -Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein. - -Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte -sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und -steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht -war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in -der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da -hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren. -Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb -ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt, -und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war -er, wie ein gescheuchtes Tier. - -»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und -wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser -Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch -nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür – -»da schläft hä noch!« - -Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit -dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute -Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den -Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen -unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange, -die andre wurde von der Mutter gehalten. - -Frau Trina saß am Bett mit glücklichem Gesicht; jetzt winkte sie -lächelnd ihrem Mann zu – hatte sie nicht recht gehabt, hier war der -Ausreißer?! - -Hinter dem Kopfende döste der Großvater; er sah ganz verwittert aus, -zum verlöschen müde, er und Frau Cordula hatten ja kein Bett gehabt. -Hier hatten sie gesessen die ganze Nacht und den Schlaf des Enkels -bewacht. - -Auf den Zehen, sein Seitengewehr behutsam an sich drückend, schlich der -Feldwebel näher. Hatte er doch Lärm gemacht?! - -Der Schläfer rührte sich, seine Lippen murmelten Unverständliches; wie -Angst huschte es über das hübsche Gesicht, die Brauen schoben sich -zusammen, eine tiefe Falte bildete sich an der Nasenwurzel. Er riß -seine Hand aus der der Mutter und tastete voller Unrast auf der Decke -umher. - -»Er is am träumen,« flüsterte die Großmutter. - -»Bis still, mein Jüngesken,« liebkoste die Mutter und strich dem -Unruhigen ein Locke aus der Stirn. - -Der Junge schlug die Augen auf. - -»Er is wach!« rief die Großmutter erfreut. - -»Er is wach!« wiederholte die Mutter. - -Auch der Großvater rappelte sich auf. - -Aber keinen von diesen sah der Erwachende. Da, wo der Vater stand, -dahin richtete sich stier sein Blick. Seine Augen wurden überweit -– nur einen Moment, dann preßte er sie schaudernd zu. Mit einem -unartikulierten Laut, die Decke ganz über den Kopf ziehend, kehrte er -sich stracks ab gegen die Wand. - - - - -IX - - -Frühling war’s geworden, junger, schöner Frühling. - -Singend that Josefine ihre Arbeit. Gestern hatten die beiden Jüngsten -drüben am Kanalrand Veilchen gesammelt, ein volles Sträußchen davon -trug sie an der Brust. Sie wünschte sich tausend Nasen, sie konnte gar -nicht genug von dem Duft bekommen. Und Glocken läuteten den weißen -Sonntag ein: morgen würden die Kommunion-Kinder in ihren schlohweißen -Kleidern und Schleiern, weiße Kränze auf den Locken, weiße Sträußchen -auf den in’s Taschentuch geschlagenen Gebetbüchern, wie weiße -Blütenwolken über die Straßen ziehen. - -Durch die geöffneten Fenster wehte eine linde Luft, wahrhaft -verführerisch gaukelte sie vom Exerzierplatz herauf. Die Kastanien der -Königsallee hatten lappige Blättchen aus den braunen Knospen gesteckt, -bis hierherauf sah man den grünen Schimmer. Es roch nach Erde, nach -Saft, nach verborgen treibendem Leben, nach Lenz, Lenz! - -Josefine schaffte mit hochgeröteten Wangen – die Mutter war in der -Beichte – sie war allein, ohne Hilfe, und noch waren die Fenster zu -putzen; auch die frischgewaschenen Gardinchen sollten sich morgen -im Sonntagswind blähen. Wie ein Junge schwang sie sich in’s Fenster -und rieb mit nicht erlahmender Kraft die blasigen Scheiben blank. Das -morsche Fensterbrett ächzte unter ihrem Gewicht. Wer von Soldaten unten -über den Platz ging, guckte hinauf und bewunderte die drallen Waden und -den blonden Zopf, der sich aus dem Nest gestohlen und der Emsigen lang -über den Rücken hing. - -Ein schönes Mädel! - -Sergeant Conradi wußte das auch, er brauchte gar nicht erst durch die -verstohlenen Blicke seiner Leute aufmerksam gemacht zu werden. Er ließ -Wendungen üben. - -»Rechts – um!« - -Wenn sie doch nur heute im Schummern ein wenig herunter käme! - -»Links – um!« - -Dann wollte er ihr über den Hof nachsteigen und draußen auf der Straße -eine Anrede riskieren! - -»Ganzes Bataillon – Kehrt!« - -Vielleicht spazierte sie ein bißchen mit ihm auf der Königsallee! - -»Ganzes Bataillon – Front!« - -Der Karlsplatz war auch nicht zu verachten, da schlugen sie die Buden -auf für den Jahrmarkt, vielleicht, daß das Kölner Hänneschen schon -spielte! - -»Bataillon – Marsch!« - -Er war ja ein Mann, der an’s heiraten dachte, sie konnte ruhig mit ihm -in die dunkle Bude gehen! - -»Links schließt – euch!« - -Und einen Nähkasten wollte er ihr auf dem Jahrmarkt kaufen mit Nadeln -und Zwirn, und ein Zuckerei, darauf mit bunten Farben geschrieben -stand: ›Dein ist mein Herz!‹ - -»Bataillon – halt!« - -So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit -hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen. -Wenn =sie= doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit -Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie -an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr -Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte -sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und -doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen -Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens, -mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte -er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und -schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was -sie für weiße, runde Arme hatte! - -Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme. - -Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit, -und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet: -heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war -die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald -nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte – -rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das -Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man -nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der -Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern -verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der -Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und -ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege. - -Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein -von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen -Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen -Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der -junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der -Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann – -Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein -schönes Haus am Hofgarten. - -Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie -feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt. -Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er -sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in -dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn -verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine -Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut. - -Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer -daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte -über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe -wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf -dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht -scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von -der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm, -Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie -scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte, -›mitzuthun‹? - -»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en -Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen. - -»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat -ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit -hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück -für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?« - -»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit -den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!« - -Sie hatten ihr noch viel Komplimente gemacht, und dann waren sie -lachend davongestürmt: »_Addio bellissima!_« Eine Kußhand hatte -der eine zurückgeworfen. Aber sie hatte sich doch geärgert, denn -untergefaßt hatten sie sich alle drei und zu singen angefangen: - - »Wie mich das Ding verdrießt, - Daß ’s Mädel bucklig ist!« - -Die ekligen Jungen, nur zum besten hatten die sie gehabt! Andre -Bürgermädchen waren doch dabei gewesen; bei so was wurde kein -Unterschied gemacht, wer hübsch, wurde eben begehrt, und wer garstig, -konnte zu Haus bleiben! - -Ob die Cäcilie von Clermont sie wiedererkannt hätte? Oder ob die -stolz geworden war? Nein, nein, die hatte ihr ja auf der Schulbank -Freundschaft geschworen; und daß die Freundschaft nicht stand gehalten, -daran war niemand schuld – nein, auch nicht die eingebildete ›Vons‹, -die ›Madam Habenix‹, wie die Mutter immer sagte. Es paßte nun einmal -nicht mehr zusammen, eine Majors- und eine Feldwebelstochter. Ein -Unterschied muß sein, hatte sie der Vater belehrt. Und so war sie immer -ausgewichen, wenn es der Zufall wollte, daß die schlanke Gestalt der -ehemaligen Freundin vor ihr auftauchte; nur mit einem stummen Nicken, -wie eine Fremde, an der vorübergehen zu müssen, das wäre ihr doch zu -schwer gefallen. - -Aber heute wollte sie die Cilli gucken gehen, mußte sie die gucken -gehen, die glückliche Braut! So bald Frau! - -Schon heiraten – ach! - -Josefine schoß das Blut zu Kopf, sie dachte daran, daß das ganz schön -sein müßte, wenn man einen recht lieb hätte. Den Conradi?! Ach ne, den -nicht! Daß der’s auf sie abgesehen hatte, merkte sie ganz genau, und -ebenso, daß der Vater es begünstigte. Am Ostersonntag hatte dieser sie -und die Mutter zum Konzert in Geislers Garten geführt – das spendierte -er sonst nicht –, und mit Kaffee und Törtchen hatte er sie traktiert. -Und als sie im besten Schmausen waren, fand sich der Conradi ein, mit -frischgewaschenen Handschuhen, die Koppel eng gezogen; und der Vater -hatte ihn aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen. - -Es war noch etwas frostig gewesen, ein rechter Frühlingstag war’s noch -nicht. - -Ein ganz hübscher Mensch, ein bescheidener Mensch und gewiß auch ein -guter Mensch! Er machte so treuherzige Augen, wenn er sie ansah. Aber -es mußte einem doch wohl mehr pressieren, mit einem zusammen zu kommen. -Sie war ja auch noch so jung. Jung? Die Cilla war nicht älter wie sie! - -Wie der wohl heute zu Mut sein mochte? - -Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu -schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den -Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den -Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach, -solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen! - - * * * * * - -Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung -sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend. - -»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat -Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre -die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. – - -Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen -konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum, -in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten -hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen -halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des -Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt. - -Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an -die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte. - -Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an. -Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach! -Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln; -nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und -schnäbelten sich. - -Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang. - -Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam -das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen -Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten -Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über -die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt. - -Und ähnliche Paare folgten, nur daß bei den Herren das Bunt der -Uniformen mit dem Schwarz der Fräcke wechselte. Die sämtlichen Herren -des Regiments waren eingeladen und der ganze niederrheinische Adel, der -den Winter in Düsseldorf mitgemacht. - -Das war ein Rauschen von starrer Seide, ein Blitzen von -Familiendiamanten, eine lange Reihe von stattlichen Männern und -blonden, blühenden Frauen. - -Der alte Herr vom Werth, vornehm wie ein Fürst, dem man’s nicht ansah, -daß er in seinen jungen Jahren selber das Weberschiffchen geworfen, -führte die Frau des Kommandierenden. Hinter ihnen kam, als erster -Brautführer, ein junger, schlanker Leutnant, der eine der Brautjungfern -am Arm hatte. Sechs andre Fräulein mit ihren Kavalieren folgten, -aber keiner der Herren, fand Josefine, war nur halb so nett wie der -vorderste. O, der schöne, schlanke Offizier! Der gefiel ihr. - -Die Glocken hallten und hallten. Und nun flog ein Raunen durch die -zuschauende Menge, man reckte den Hals, man stellte sich auf die Zehen -– da war die Braut! Josefine hätte beinahe laut aufgeschrieen: wie -schön! - -Am Arm ihres Vaters kam sie langsam geschritten; weißgekleidete, kleine -Mädchen streuten Blumen vor ihr her, Knaben in Sammetkitteln trugen ihr -die Schleppe. Spitzenschleier fielen vom Kranz herunter, eine lange -Perlenschnur hing ihr um den Hals. Gerade, wie eine schlanke Tanne, -hielt sich die stolze Gestalt, von ihrer wolkenlosen Stirn leuchtete -das Glück; es ging ein Strahlen von ihr aus. Und hinter ihr kam der -Bräutigam, am Arm die Schwiegermutter – auch ein schöner, heiterer Mann! - -Das Düsseldorfer Volk, das sich drängte, hätte am liebsten laut -zugejubelt: das waren einmal Kinder des Glücks! - -Die Kirchthür schloß sich, die Glocken schwiegen. – - -Josefine kam in großer Aufregung nach Hause, nicht genug konnte sie -der Mutter erzählen; sie hatte auch noch die Braut wieder aus der -Kirche kommen sehen, aber diesmal hatten sich die Zuschauer nicht -zurückgehalten, Rufe der Bewunderung waren hörbar geworden, ein -laut begrüßendes: »Ah!« Mädchen hatten sich herzugedrängt, von den -Myrtenzweiglein aufzulesen, die sich von der Schleppe der Braut gelöst. -Auf allen Gesichtern Freude an der Schönheit, Befriedigung über den -Glanz. - -Frau Trina beschloß, wenigstens am Abend noch mit der Tochter vor den -›Breidenbacher Hof‹ gucken zu gehen. - -Der Feldwebel schüttelte zwar den Kopf über die Neugier seiner -Weibsbilder, aber in diesem Falle hielt er sie nicht zurück. Er selber -legte sich zeitig zu Bett – morgen gab’s noch viel zu thun für die -Besichtigung. Das würde dem Major auch sauer ankommen, Montag in aller -Frühe auf den Gaul! Na, bald hatte es ja für den ein Ende, der hatte -seinen Abschied eingereicht. Nach Godesberg oder Mehlem oder Honnef -wollte er ziehen, in eines dieser kleinen Nester am Rhein, und von da -das Schloß des Herrn Schwiegersohn beaufsichtigen. - -»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so -ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die -Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner -ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch -lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen – -nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte -dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m -Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die -Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die -Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine -Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren! - -Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich -lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein. - -Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹ -auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren -auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten -ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war -derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe -blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war. - -Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge -Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das -Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder -Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll -ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank -leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten -Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und -Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz -bekommen und trug es an der Brust. - -Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum -zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe. -Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das -Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß. - -Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und -heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen -ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie! - -Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den -Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die -Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb -noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die -Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf. - -»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine. - -Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich -hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich -erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war -er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand -er leibhaftig! - -Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am -Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig -forsch! Ne, der Viktor! - -Sie hätte in die Hände klatschen mögen vor Vergnügen, stellte sich auf -die Zehen und reckte sich; es war ihr, als müßte sie ihn anrufen: Du, -pst, Viktor! Ich bin hier! - - - - -X - - -Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte -in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt -führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei -Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch -lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit -einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es, -etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen. - -In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich -dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche -und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das -einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß -ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch -mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder -mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten. - -Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht -fortbringen können, obgleich er sich selbst nicht behaglich fühlte, -zwischen der Menge eingekeilt. Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben – -mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen -herausgestreckt, standen breitbeinig umher. - -»Lustige Rabauen,« sagte Josefine. - -Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei -Bemerkungen aufgefangen: - -»Wat will de Preuß hie?« - -»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.« - -»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9] - -[9] Käsemesser. - -»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge. -Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig -eine Gasse, um ihn herauszulassen. – - -Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld -zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied -wurde ihm sauer. War auch Elberseld nicht aus der Welt, so würde es -doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es -rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend, -der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen -Dienst. - -So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens, -das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts -dawider; aber wenn =sie= ihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken. -Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war. Das Ringelchen, -das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei -sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er -schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt: - - ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe - Und der Tod mein Auge bricht, - So pflanz’ du auf meinem Grabe - Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹ - -Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben -nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen. -Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben. - -Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im -Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen. -Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch -geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den -Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der -Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne. - -Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß -ich weg!« Seine Stimme klang betrübt. - -»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!« - -»Es fällt mir sehr schwer!« - -»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!« - -»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!« - -»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er -flüsterte immer leiser. - -Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!« - -»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft. - -»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte -er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an -den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich -so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger – -»damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung – -teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung -kriege, dann –« - -Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei. - -Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber -sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete, -blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das -liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein -eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?! - -»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff -wieder nach ihrer Hand. - -Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte, -litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber -da war kein Ankommen. - -»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus. - -»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er. - -»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich -ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und -schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut -jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte -sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um -– gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken -konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu. - -Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er -sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend -schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. – - -Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht -gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn -ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das -Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann -bald, wo sie es hingethan. - -Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber -gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter -Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah -kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine -Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es -zuerst los. - -Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter -mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der -Bastionstraße, hielt ein Invalide eine Kneipe; da hatten sie ihr -Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube -um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich -heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich -höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen -Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer. - -Krieg, Krieg war die allgemeine Losung. - -Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange -machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der -Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick -für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete -Wirtsstube war Leben gekommen. - -»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut -et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene -Schneider is de ja auch viel zu schad’!« - -Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen -wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern -hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte -denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich -beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust -zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine -allzu anstrengende Arbeit! - -Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater -empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der -Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich -wenigstens da bewährte! - -Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen; -der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es -nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig -ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die -Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die -Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu. - -Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach -dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren -Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit -Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte! - -Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein -paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als -Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer. -Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für -eine Weile das Recht auf Freibier erworben. - -Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den -biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und -die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die -Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne, -in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger -kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es -werden, das fanden sie auch! - -Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit! -Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten -die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – – - -Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen -Nächten. - -Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem -Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf, -von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst -die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die -kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen -des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in -der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am -gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen -Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die -holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an -die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen -Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter -werden?! - -Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern -wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie -sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer -am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die -Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein -veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen -nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus -voller Kehle: - - ›Lebe, liebe, trinke, schwärme - Und bekränze dich mit mir.‹ - -Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des -›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs, -einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. – - -Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe -Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von -träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch -strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein -oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de -kocht!« - -Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße -schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen. - -›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem -Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt -oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. -Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so -still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber -in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den -Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. -Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme? - -»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den -eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf -zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel -zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle -übergoß sie’s. - -Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender -Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder -nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen. - - ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, - Daß ich so traurig bin –‹ - -Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom -baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie -hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen, -aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von -selber. - - ›Ein Märchen aus alten Zeiten, - Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹ - -Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines -Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen -geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen -blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen -und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er -allein auf der Welt. - -Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter -Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den -Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den -Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont, -wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel -versank. - -Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden. - - ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, - Daß ich so traurig bin; - Ein Märchen aus alten Zeiten, - Das kommt mir nicht aus dem Sinn. - - Die Luft ist kühl und es dunkelt, - Und ruhig fließt der Rhein –‹ - -Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch -weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es -auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, -sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten -nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte. - -Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, -drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters -Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte -Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten -Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die -Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is -ganz alle von der Felddienstübung!« - -Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam -und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse -gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, -ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, -und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube! - -Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform -schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin -immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der -für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch -die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber -Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als -Kinder miteinander gespielt! - -Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! -Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, -aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand -geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden. - -Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der -Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am -›Breidenbacher Hof‹. - -Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte? - -»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend. - -Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen -niederschlagen mußte. - -Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem -gleich! Und ein lieber Mensch! – – – - -Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie -doch schlafen könnte, wie die andern alle! - -Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie. - -Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen. -Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte -noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern. - -Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der -Leutnant auch noch? - -Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und -raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er -auf etwas wartete – auf was denn?! - - - - -XI - - -Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach -Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit -vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und -so wieder in seine Nähe. - -Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten -die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz -nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der -Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als -seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im -Königlichen Opernhaus genießen. - -Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?! -Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von -außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge -in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen -aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum -sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich -ausgestorben. - -Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das -war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge, -die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu -Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen -und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen. - -Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty -oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den -Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als -hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man -erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz! - -Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten -können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes -willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz! - -Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich -dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu -melden. Dann mußte man doch hier wegkommen. - -Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der -Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype -Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein -Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O, -die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum -totschießen! - -Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck -hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger -zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt -angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch -solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug -zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch. -Elendes Dasein! - - ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, - Daß ich so traurig bin –‹ - -Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine! - -Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig -der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und -doch hatte sie auch Töne, tief und warm. - -Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die -Klänge des Liedes zu ihm herein. - -Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine -Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der -Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle -Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine -Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?! - -Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner -Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar -erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die -Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch -übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau -umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl -machen?! - -Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu -machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken, -wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den -Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein -Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère! -Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den -Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das -wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im -dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt. - -Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die -hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich, -die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte -sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ – -nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer -hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich -hinüber in die Feldwebelwohnung?! - -Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing -an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee -gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und -Kameraden waren immer dort. - -Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel -über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren -aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief -gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun -noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen -Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen. - -Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er -erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte -er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da -sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht -wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus -ihrer niedrigen Kammerthür. - -»Wer da?« - -Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr -in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße -Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an =ihn= -gedacht. - -Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn. -Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein: -er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern -durch Bruder Karlchen geschickt. - -»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und -drückte ihre verarbeiteten Finger. - -»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie -fest. - -»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben -sich so für mich gequält!« - -»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß -und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief -an’s Fenster. - -»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war -doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So -jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!« - -Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so -verlegen? - -Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!« - -»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf. - -Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich -Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des -jungen Mannes. - -»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die -Mutter is drin!« - -»Nein, ich danke!« Er lachte. - -Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte -sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief -in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die -runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte. - -Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen, -aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von -Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm -auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er -fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte. - -»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt. - -»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem -Ton. »Adieu, Herr Leutnant!« - -»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob -seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das -offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie -wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum -denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben -geblieben?!« - -Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene! -Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im -Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als -jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr -Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm -schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!« - -»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären -nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller -fuhren, in der Bütte?« - -»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände. - -»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im -dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr -gebeugt. - -»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie -log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck. - -»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie -sich wehrte, gab er ihr einen Kuß. - -Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die -Stubenthür klappen. - -Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm, -daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein -verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte -eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut -schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus. - -War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne -so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier -zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich -schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch -immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich -lange nicht gewesen. - -Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite -er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim -Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen, -wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen -am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so -laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre -hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte, -der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig -machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?! - -Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die -Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch – -Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich -auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich -schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen -Teichrosenblättern und dem grünen Entengries. - -Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing -wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein -her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend. -Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen -Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße; -hier fuhr kaum je ein Wagen. - -Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch -nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die -kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume -erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen -Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn -frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen -zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei, -drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend, -atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der -Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den -Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der -Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und -gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt. - -Überall Josefine und überall. - -Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in -ausgewachsenen Hosen. - -Und eine gewisse Rührung überkam ihn. - -Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren; -nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei, -über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den -Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder -mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen -im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild. -Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau -unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der -er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft. - -Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße -war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner -ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind, -milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte -ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der -Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß. - -Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die -Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht -die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn -auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den -Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo, -langgezogen aus nebliger Ferne. - -Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange. -Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser -angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße -geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin. - -Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die -Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem -Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu -suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er -freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der -Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut -über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog. - -Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor -sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes -Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne -war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein -schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel! - -Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn -ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend, -belebt lief das Blut durch die Adern. - -Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen -wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm, -dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen. - -Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte -es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm -ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple -Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung -gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm. - -Er summte wieder: - - »Ein Märchen aus alten Zeiten, - Das kommt mir nicht aus dem Sinn –« - -Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm -im Ohr, förmlich auf der Zunge. - -Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die -Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem -Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja, -er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon -zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage. - -Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische -Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was -nicht mehr brauchte! - -Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz -Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers -Lederstrumpf‹ – und so weiter. - -Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ – -›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ – -niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch -nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren! - -›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat -und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹ -– ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse! - -Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts -für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen -fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am -Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner -Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends -heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen. - -›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath: -Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹ -– und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch, -aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene -Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als -Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste -der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen! - -Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der -Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf. - -»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!« - -»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton. - -Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein -Gedichtbuch!« - -»Mit was dürfte ich dienen?« - -Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht, -sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum -waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall. - -Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote -Buch wies: »Ganz scharmant!« - -Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar -schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen -Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage! -Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!« - -Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige! - -»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!« - -›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen, -aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus. -Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich -er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da -würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie -sich nur freute! - -Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der -Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe -von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die -Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und -las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte. -Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das -Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch -auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu -Ende singen. - -»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem -Buche in der Stube umher. - -Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹. -Nur das eine ärgerte ihn: - - ›Die Lieutnants und die Fähnerichs, - Die lecken ab die Straße.‹ - -Das war unverschämt! - - - - -XII - - -Herbststürme zausten die Blätter von den Bäumen, der Westwind stieß -gegen das Zollthor, der Rhein brandete ungestüm an die Werft, -die Kähne, die die Schiffbrücke trugen, ächzten und rieben sich. -Regentriefend, mit von der Nässe gedunkelten Mauern, schaute das alte -Schloß finster in den Strom. - -Die anwohnenden Bürger beklagten sich bitter, daß der alte Rumpelkasten -ihnen Luft und Licht nähme und die freie Aussicht versperrte. Wozu -stand der noch da?! Seine Zeit war vorbei. Die schöne Jakobe von Baden, -die nächtens da oben spuken sollte, war weiter nichts wie ein Windzug, -der durch die zerbrochenen Scheiben pfiff, und ihr Hilfeschrei, der -über den Rhein gellte, war Eulenruf und Dohlengekrächz. Traditionen, -Ammenmärchen, weg mit ihnen! - -Ein häßliches, naßkaltes, wehmütiges Wetter! Josefine schauderte. Sie -stand in einem engen Hof der Bolkerstraße und blickte an dem mit Kalk -beworfenen kahlen Hinterhaus in die Höhe. Also da oben, hinter jenen -Fenstern war er geboren, er, der die schönen Lieder gemacht?! Der für -all das Worte gefunden, was hier im Wind über die Dächer flog und -draußen vor’m Thor im Rhein rauschte! - -Sie war wie verhext. Es hatte sie hergetrieben, sie wußte selber nicht -warum. - -Die Großmutter konnte sich seiner noch erinnern, die hatte den kleinen, -blassen Jungen oft gesehen, wenn er in die Franziskanerklosterschule -ging. Bei seinem Vater, dem ›Jud’ Heene‹, hatte sie in der Butike, die -der auf dem Markt hielt, oft gekauft. Und die Madam Heene sollte eine -zierliche, kluge Frau gewesen sein, eine Schwester von dem van Geldern -aus der ›Arche Noae‹ in der Kützgesgass’. Aber daß der Heinrich Heine -Gedichte gemacht, wollte Mutter Zillges durchaus nicht glauben. - -»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine -Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se -irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne, -de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!« - -Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie, -ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte, -für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel. -Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der -Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte -gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als -sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. – - -Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle -hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr -nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine -Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens -nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten -Blättchen den Winden preisgab. - -Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es -die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte, -oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des -Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz -zusammen. - -Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn -hier wolle? - -Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung. - -»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit. -Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!« -Krachend schlug die Alte das Fenster zu. - -Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in -Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte -Dämmerung und umschmeichelte sie. – – - -Ob sie ihn heute noch sprechen würde? - -Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht! -Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom -Werths waren jetzt wieder in der Stadt. - -Ach, da würde er nun oft seine freie Zeit zubringen! Das war natürlich, -aber sie empfand einen Schmerz dabei. - -Und Gesellschaften würde er mitmachen, viele Bälle! Sie würde abends -nicht mehr das Flinzeln der Kerze in der Offiziersstube beobachten -können. - -Und ob er noch Zeit fand zu einem Flüstern im dunklen Gang?! Lieber -Gott, weiter verlangte sie ja gar nichts, nur ab und zu ein Wort in -abgestohlenen Minuten, ein rasches Sehen, ein heimliches Grüßen. Es war -so schön gewesen. - -Ein plötzlicher Schreck überfiel sie – wenn das nun alles ein Ende -hätte?! Ach nein, kein Ende, es mußte ja immer schöner werden, immer -schöner! Hatte er sie denn nicht lieb? - -Sicherlich! - -Sie dachte an das kleine rote Buch, das er ihr geschenkt! Da stand so -viel von Liebe darin. - -Könnte sie ihm nur einmal um den Hals fallen! Nur einmal ihm einen -herzhaften Kuß geben! - -Als Josefine an der Front der Kaserne vorbei ging, strich ihre Hand -liebevoll längs der grauen Mauer hin. Die umschloß ja ein großes -Glück. Eine heiße Zärtlichkeit wallte in ihr auf – wo gab es bessere, -festere, schönere Mauern?! Sie liebte jeden Stein. Hier hatte sie einst -mit Rötel einen mächtigen Strich gezogen – noch glaubte sie den Kratz -zu sehen – und hier auf’s große Thor hatten die Jungens mit Kreide -gekritzelt: - - ›Fina Rinke heiß’ ich, - Schön bin ich, dat weiß ich‹ - -und eine furchtbare Fratze dazu gemalt. - -Die liebe alte Kaserne! Mochten andre die Nase rümpfen über Mäuse und -Ratten und Wanzen – pure Verleumdung! In der Kaserne war’s gut sein. - -O Gott, wenn sie einmal wo anders wohnen müßte! Die Thränen schossen -ihr plötzlich in die Augen, ein seltsames Angstgefühl erfaßte sie. - -Als sie die knarrende Stiege hinaufkletterte, öffnete die Mutter oben -die Stubenthür. - -»No, Fina, endlich! Wo bleibste dann heut’ so lang?« Und leiser raunte -sie: »Et is Besuch drin, de Conradi! De hat Urlaub bis morjen früh!« - -»Jesus!« Mehr sagte Josefine nicht; sie war zu Tode erschrocken. - -»Du brauchst ihn ja nit zu nehmen, wannste nit willst,« flüsterte die -Mutter noch rasch. »De is ja reformiert, nit viel besser wie ene Jud’. -Du kriegst noch lang ’ne andre!« - -»Ich will jar keinen,« stieß Josefine heraus, und dann trat sie in die -Stube. - -Conradi saß beim Vater am Tisch, das flackernde Kerzenlicht fiel auf -seine Gendarmerieuniform. Bei der Begrüßung lag Josefines Hand ohne -Druck in der seinen, aber er merkte es nicht. Er war zu froh, denn -gestern abend hatte er die Nachricht bekommen: eine feste Anstellung in -Vohwinkel! Eigentlich sollte er gleich heute antreten, aber er hatte -sich noch den einen Tag frei gemacht und war hierher geeilt. - -»So pressiert es?« sagte der Feldwebel. »Na, Kamerad, ohne Ihn können -die Vohwinkler wohl keine Nacht mehr ruhig schlafen? Ja, so’n strammer -preußischer Sergeant – was?« Er lachte in sich hinein und hob sein -Glas: »Na, Kamerad, zum Wohl!« - -Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier -holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum -je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?! - -Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant -immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück. -Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten -für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr -flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte -sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen. - -»Halt,« rief der Vater, »wohin?« - -Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts, -sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr -verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick -vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine -Augen an ihr. - -Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen -Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s -bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien -und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort -lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und -in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch -viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für -sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und -Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich -immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder, -der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden; -er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen -strahlte er das Mädchen an. - -Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß -und verwirrt saß sie da. - -Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden -dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung -der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der -Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden, -Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und -Gewicht und so weiter. - -Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich – -der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe -und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht -widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt, -wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem -Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter -der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und -Fenster einwarfen. - -»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der -Feldwebel. - -»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den -leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern. - -Er hatte sich ein wenig zurückgerückt und den Arm auf Josefines -Stuhllehne gelegt; so saß er und sah unverwandt auf das weiche, blonde -Gekräusel, das sich da hinten in dem molligen Genick aus dem straff -aufgekämmten, glatten Haar herausgestohlen hatte. Er konnte nicht -widerstehen, spitzte die Lippen und pustete zart auf die Härchen. - -»Au,« sie zuckte unwillig zusammen. - -Es war gut, daß Frau Trina jetzt mit einer Bewirtung kam: geschabtes -rohes Fleisch mit Zwiebel, Leberwurst und frischer Holländer Käse. -Sie hatte sich ordentlich abrennen müssen, das Traktament, das ihr -Mann angeordnet, so allein zu besorgen. Auch noch ein Krug Bier wurde -aufgesetzt. - -Die Männer stießen fleißig an. Josefine aber mundete nichts – wenn -der Conradi doch nur erst wieder fort wäre! Ihr Kopf glühte. Dieses -Suchen nach ihrem Blick, dieses Tasten nach ihrer Hand machte sie so -ungeduldig, so unglücklich, ganz böse. Sie wollte nicht – nein, nein, -– und doch saß sie wie gelähmt unter dem Griff dieser festen, warmen -Männerhand und hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hand fortzuziehen. Der -Verliebte streichelte sacht darüber hin und spielte mit ihren Fingern. - -Ob wohl das Licht drüben in der Offizierstube brannte?! O, könnte sie -es doch aufglimmen sehen! - -Ob sie ihn wohl noch sprechen würde heute abend?! Ach, heute den -ganzen langen Tag und gestern den ganzen langen Tag kein Wort mit ihm -gewechselt! - -Wo war er, was that er, was dachte er?! Wo blieb er, kam er, war er -schon da?! - -Eine ungestüme Sehnsucht packte sie – sie hielt’s nicht mehr aus, nein, -nein! - -»Jeses, Fina,« sagte die Mutter plötzlich, »wat siehste schlecht aus! -Is dich wat?« - -»Ich – ich hab’ – schrecklich Kopfweh,« stammelte Josefine. - -»Nanu?« Der Feldwebel zog die Brauen in die Höhe, es war ihm -augenscheinlich fatal, daß die Tochter heute abend ausspannte. »Nimm -dich zusammen! So’n bißchen Kopfweh! Macht nichts!« - -»O doch!« Mit einem Aufseufzen stützte Josefine den Kopf in die Hand. -Sie wurde ganz blaß. - -»O!« Der Sergeant erhob sich. »Dann werd’ ich lieber gehen,« sagte er -kleinlaut. - -Frau Trina erhob nur schwache Einsprache, Josefine gar keine. - -Bloß der Feldwebel nötigte zum bleiben: - -»Ä was, das Kopfweh geht schon vorbei. Man nich so ängstlich! Man reist -doch nicht her bloß für die halbe Stunde! Das nenne ich Zeit und Geld -verplempern. Geh, gieß dir Wasser auf den Kopf, mach ’nen Umschlag, leg -dich ’nen Augenblick nieder, und dann kommste wieder ’rein – frisch, -Mädel, hörste?!« - -Die Tochter stand stumm auf; es zuckte um ihren Mund, als ob sie weinen -wollte. - -»Aber nein – es ist doch besser – ich werd’ jetzt doch –« Der -Sergeant zögerte, das Wort ›gehen‹ kam ihm so schwer über die -Lippen. Erwartungsvoll sah er zu Josefine hin – würde sie ihn denn -nicht zurückhalten?! Aber sie sagte kein Wort; so mußte er sich schon -entschließen, sich zu verabschieden. Lange hielt er beim Adieu ihre -Hand in der seinen. Nun würde es vielleicht Wochen und Wochen dauern, -bis er wieder herkommen konnte; es wurde ihm sehr sauer, =so= von ihr -zu gehen. - -Der Feldwebel begleitete Conradi hinüber in’s Stammlokal, da trafen -sie viele Kameraden. Josefine atmete auf, als die Männer die Stube -verlassen hatten. Auch Frau Trina rüstete zum ausgehen, sie wußte, nun -kam Rinke vor Zapfenstreich nicht wieder, da konnte sie gut währenddes -ihren Wilhelm besuchen. - -»Leg dich im Bett,« sagte sie zur Tochter, und dann lachte sie hell -auf: »O du schlau Dingen! Dem haste’t jut zu verstehn jejeben: ›Mach -dich ab!‹ Hahahaha! ’nacht, Fina!« Damit ging sie. - -Allein –! Mit einem zitternden Seufzer sah sich Josefine um, und dann -stürzte sie hinaus an’s Küchenfenster. Alles dunkel. O –! Sie stand und -starrte und starrte. Hinten in der Kammer rauften noch die Brüder beim -zubettegehen, dann wurde es auch dort still. - -Auf dem Hof kein Tritt. Keiner der Soldaten pfiff vor der Thür bei dem -häßlichen Wetter. Der Himmel so dunkel, kein Stern, doch jetzt, jetzt -– sie unterdrückte einen Freudenschrei – jetzt schimmerte einer da -drüben: sein Licht! - -Er war zu Hause! Wie mit Gewalt zog sie’s hinüber. Sie mußte ihn -sprechen, heute noch sprechen! Wenn er doch käme, wie damals, zu ihr -in die Küche träte! Ach, er wußte ja nicht, daß sie hier stand, ganz -allein, und sich nach ihm sehnte! - -Sie öffnete das Fenster, daß die feuchte Nachtluft sie durchschauerte, -und fing an zu singen; der Wind nahm ihr den Ton vom Munde, aber sie -strengte sich an, stark kämpfte ihre Stimme gegen das Sausen und Heulen: - - »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten –« - -Sie sang das ganze Lied, siegreich drang es durch den Sturm der -Herbstnacht, aber kein Fenster drüben klirrte – hörte er sie denn -nicht?! - -Wenn sie nun rasch hinliefe und an seine Thür pochte? Was war denn -dabei? Gewiß nichts Unrechtes – sie hatte ihn ja so lieb! - -Sie überlegte nicht mehr, schon war sie draußen und huschte den dunklen -Gang entlang. Rasch, rasch! Ihre Sehnsucht trieb sie schneller, als -ihre Füße laufen konnten; sie strauchelte, sie stolperte – da – ein -rascher, elastischer Tritt kam auf sie zu. - -»Viktor!« Mit einem jauchzenden Ruf streckte sie die Hände aus. - -Da faßte er sie um den Leib, wie damals im Keller in der schwankenden -Bütte, und zog sie hinein in sein warmes, erleuchtetes Zimmer. - -Und wie damals küßten sie sich. Sie war ihm um den Hals gefallen, -ohne daß sie wußte, wie das gekommen; sie folgte einem tiefinneren, -stürmischen Drang. - -Er preßte sie an sich, in fast knabenhafter, durch die Heimlichkeit -noch gesteigerter Verliebtheit. Auch er glühte. - -Wie sie ihn liebte! - -Aber – – _noblesse oblige_! Eine gute und ehrliche Regung ließ sein -hübsches, junges Gesicht männlicher erscheinen: Sie war seines -Feldwebels Tochter, und er war ein Edelmann und trug des Königs Rock! - - - - -XIII - - -Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst – -der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen -quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die -losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und -schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand -der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur -dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem -Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich, -daß du nichts auf den Kopf kriegst! - -Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für -Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das -entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen -alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde -der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit -Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die -Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer -Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite -das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an, -ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich -und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte -noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht -gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht. - -Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn. - -Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch -um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein -lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für -Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten -sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig -an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes. - -Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle -Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen -in der stillen Offiziersstube. - -Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie, -kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger -bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu -empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel, -der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den -sonnigen, blauen Himmel. - -Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine -Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der -Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof, -auf dem seine Tritte hallten. - -Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften -langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der -Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte -er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute -war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete -sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein -Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als -Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht -an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie -Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen -in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur -Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer -im Dunkel. - -Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und -ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie -noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl. -Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang, -fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem -Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen -tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim -tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen -zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern. - -Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam -Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht -sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit -auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und -Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war -er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie -gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe -zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der -sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem -Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein -Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren -Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders -reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris -zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte -ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden -Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge, -daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten -Familienschmuck ein Ungemach passieren könne. - -Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung -erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre -Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den -ganzen Tag, wie sonst nie. - -Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches -an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle -gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken, -Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil -gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?! - -Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die -Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden -französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder, -einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte. - -Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg -ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹ -von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden, -Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk -stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten. - -Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn -fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und -Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die! -Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der -Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten -einen großartigen Umzug. - -Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung -forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer -Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber -zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die -allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹ -die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler -Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel. - -Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der -Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher -Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen -größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen. - -Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die -greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich -in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der -Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die -Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden -waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken, -Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen. -Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen -zog mit dem Wind. - -Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit -weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die -Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die -Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler -Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde -mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm. - -Helau, helau! - -Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die -Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht, -jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom -Torkel erfaßt. - -»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen, -Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille -der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der -Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen -einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie -greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben. - -Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche -kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben. - -»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel. - -Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der -Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu -verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹, -das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der -Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von -weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte -Gewimmel in der Königsallee. - -Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn -abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen, -entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch, -ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in -der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem, -goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren. - -Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte, -stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war -er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten, -ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt -am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der -Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo, -Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs. - -Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen -ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten -grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus. - -»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk. - -Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine -ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft, -weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und -schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum. - -Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst -hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein -ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde: - -›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹ - -»Helau, helau!« - -Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches -Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach -rechts, von groß zu klein. - -Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die -Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –! - -Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die -Lippen. Er kommandierte: - -»Ohne Tritt – marrrsch!« - -Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu -grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!« - -Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf -Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der -Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit, -Prinz Karneval passiert war?! - -»Helau, helau!« - -Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an. - -»De Preuß’, de Preuß’!« - -Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte -Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den -Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche -Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!« - -Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß -ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den -Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!« -Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz, -wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und -dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus: -»Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter. - -»Helau, helau, hahahaha!« - -Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut, -knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man -ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter. - -Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. – - -Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum -die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von -dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln: - -»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf -exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem -Herrn Major sprechen.« - -Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht -einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte -vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch -gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert. -Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte -Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine -der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln -gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs -prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun -würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major -dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser -würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des -Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die -Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe, -Vorsicht, Mäßigung!« - -Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie, -ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen, -die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den -Vorgesetzten gerichtet, standen. - -»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch -schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die -Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre -würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr -seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis -zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem -Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr -die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit -bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest, -jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser -zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch -in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich. -Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun -laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser -allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!« - -Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den -Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen: - -»Hurra! Hurra! Hurra!« - -Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging. - -»Weggetreten,« kommandierte der Feldwebel; auseinander stoben die -Kerle. Lässig, mit müden Beinen stolperten sie dann zur Reissuppe mit -Kohl. – - -In der Feldwebelwohnung war schlecht Wetter, echte -Aschermittwochstimmung. - -Frau Trina trug ein, noch immer nicht ganz verwischtes, Aschenkreuz -auf der Stirn, das sie sich heute morgen, nüchternen Magens, noch vor -der Frühsuppe, in Lambertus geholt, gerade als die letzten Gecken am -Calvarienberg hinter der Kirche vorbei durch’s Morgengrau nach Haus -taumelten. Der Feldwebel sah’s mit Zorn. - -»Kannste dich nich waschen?! Muß der Dreck den ganzen Tag kleben?!« -fuhr er sie an. - -Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!« - -Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über -die Stirn. »So.« - -Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so -ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei -Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch -dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig -heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche -geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte -zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch -trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den -Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte -sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen, -den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht. - -Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht, -hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu -zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu -suchen?! - -Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn. -Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder -noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit -einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand -es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner -Josefine. - -»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte -er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!« - -Erschrocken zuckte sie zusammen. - -»Nanu?!« - -Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern. - -»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen, -aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an -Conradi’n?!« - -Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf. - -»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder -einpassieren. Soll ich ihm schreiben?« - -»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen. - -»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie -an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und -preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf. - -Die Jungen fingen wieder an zu kichern. - -»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in -die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen -Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten -nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das -war dem recht, warum war der immer so streng?! - -Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen; -sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber: -»Bleib!« rief ihr Mann. - -»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme -war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie -kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?« - -»Nix!« - -»Er ist dir sehr gut!« - -»Och –?!« - -»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er -– wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum -bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!« - -»Ich will jar keinen!« - -»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that -ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang -die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch -abwarten, bis de dat Fina los wirst!« - -Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit -– abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr, -kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er -den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken. -»Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing -er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot, -Morgenrot.‹ - -Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu -mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!« - -»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja -wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –« - -Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte -Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am -Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in -ihn hinein: - -»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat -nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du -läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?! -Mein lieber Vater!« - -Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm -hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er -hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare -zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer -glühenden Stirn. - -»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er -das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm -gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen. -Mein Kind, über alles die Ehre!« - - - - -XIV - - -Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der -eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt, -heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹ - -Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben? -Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte, -wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die -Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein! - -Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch -einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um -Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem -Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar -nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen -abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es -im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter. - -Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten -Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen -Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur -keine Lust zu kommen. - -Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste -sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem -jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf -Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab. - -In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen -verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte -sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von -Clermont mit der Josefine etwas vor? - -Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch -und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl -verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren. - -»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann -rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, -die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon -wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren -es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel! - -Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. -Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – -allein! - -Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln -schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren -aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es -nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die -Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte -sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der -Offiziersstube drüben?! - -Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion -gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant -von Clermont zum Thor schreiten sah. - -Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige -Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im -blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen -lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann -pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ -die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen -schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; -über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach. - -So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?! - -Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor -hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den -mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, -nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem -nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte -es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch -war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine -helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor -ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, -bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte -sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: -›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. -Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, -der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der -Major auf seinen Sohn sein! - -Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen, -die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, =der= -Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen! - -Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die -der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund -hinterlassen. - -Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt. -Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich -war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche -Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert, -daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist -ebenso schwer, wie Major werden. - -Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend -ging er zum Mittagessen. - -Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule -gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf -bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und -Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf -Solingen selber los marschierten. - -»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de -Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!« - -Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!« -Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und -Erkundigungen einziehen. - -Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in -ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da -wurde auch schon Alarm geblasen. - -Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte. -Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft -umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In -einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie -waren für Solingen designiert. - -Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen -Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den -Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der -nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s -lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte -– die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das -war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel, -Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern -versohlt! Er spuckte aus: - -»Bande!« - -Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die -Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den -gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. -Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die -Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando. - -Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ -gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute -erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. -Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben -mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen -ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m -Schloß geworfen worden! - -Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! -Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!« - -Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es -wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk -ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, -gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich! - -Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er -auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er -sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine -Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon -stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah -unternehmend aus. - -Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit -Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den -Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über -so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher -Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina -heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die -Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine -Beleidigung des ganzen preußischen Militärs! - -Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als -sonst, ging er heim. - -Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen -Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter -schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom -Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne. - -Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, -mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, -und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen -durch’s nächtliche Dunkel. - -Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten -ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur -Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel. - -Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war -niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der -Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern -Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende -Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht -gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange -nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch -wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, -denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung -auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. – - -In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch -Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben -gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich -eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin. - -Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos -vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit -großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er -wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd -betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten -Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. -Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten -Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade -auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war, -als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab. - -»Josefine!« - -Keine Antwort. Noch einmal: - -»Josefine!« - -Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, -durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte -seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe -war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine -auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt. - -Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, -verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig. - -War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick -warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu -sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster. - -Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹. - -Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel -ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast -und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter -und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen -gewesen! - -Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer -Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell -dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen -– am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den -Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – -immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und -Wonne gewesen. - -Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, -die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang -gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen. - -Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten -sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, -Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?! - -Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein -Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit -offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem -Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war. - -Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er -umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt -war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb -ihm ewig dieser Boden! - -Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, -da gröhlten sie schon wieder! - -Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen -Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer -zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit -mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war -denn los? - -Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem -Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und -innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus -einer Kehle an: - - »Freiheit, die ich meine, - Die mein Herz erfüllt!« - -Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder. - -Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren -sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie -schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie -sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben, -kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie -nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die -Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte -sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben. - -Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter -Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der -Gasse, noch weiter: - - »Deutschland, Deutschland über alles!« - -Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab -nur eine Fahne: - - ›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? - Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹ - -Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt, -kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten -hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an. - -Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht. - -»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein -hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren -Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer -so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann -hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!« - -Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort -auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein -zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch -streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab. - -Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich, -daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie -vergnügt ihrem Ältesten zu: - -»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber -dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber -aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen. - -Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl -auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen, -altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte -mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der -Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte. - -Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele. - -Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht -geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am -Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr -lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem -fort, kindisch zufrieden. - -Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte -sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit. - -Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein -erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur -Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der -Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt. - -Noch mehr Schüsse. - -Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp -Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben. - -Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch -de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!« -Die Stimmen gellten durcheinander. - -Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille -Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag. - -Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran: - -»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König! -Hoch, hoch, hoch!« - -Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt -brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend -unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend, -singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht -in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf -Freudenwogen. - -»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das -Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter. - -Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen. - -Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her; -nach dem Rathaus drängte die Menge. - -Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und -frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller -Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie -bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. - -Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen, -in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat -es dann passiert? Sagt doch!« - -»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!« - -Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?« - -»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!« - -»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!« - -»Ich weiß et nit!« - -»Wat? Och, sagt doch!« - -»Ich weiß et nit! Ho–ch!« - -Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir -feiern,« das brachte sie endlich heraus. - -Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei -den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau -Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein, -am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen! - -»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!« - -Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts -drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat -Tring!« - -»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?« - -»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en -Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is -de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et -wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De -Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz -Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch -die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!« - -Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹ - -Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien -reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die -schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte -sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch -Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt, -und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer: - - ›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ – - -Mächtig dröhnte es durch die Nacht. - -Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst -auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ ens -kucken!« - -Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett -gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht -um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß -größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern -Laut. - -»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an. - -Da fuhr er herum. »Was willste?« - -»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!« - -»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und -zog den Gurt mit einem Ruck straff zu. - -»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein, -das Knallen, das Laufen draußen hatte ihn anscheinend gar nicht -berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht; -nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand -hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?« - -Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie -ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!« - -»Von Deutschland – Deutschland –?!« - -»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!« - -»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf -Börjer!« - -Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin, -seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab: -der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf! - -Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel -knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein -Preuße. - -Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer -nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte -Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet, -alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem -Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die -schwarz-rot-goldene Fahne. - -Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und -der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch -strich säuselnd um erstes junges Gras. Der Winter war vorbei, Träume -wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von: -Frühling, Frühling! - - - - -XV - - -Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht. -War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom -Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten! - -Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof -hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen -trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹ -Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß -schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu -hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte -Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie -waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war -Rinke heiß zu Kopf gestiegen. - -Da war ihm eiskalt geworden. - -Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines -schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der -Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch -noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der -Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte -sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie -herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder -untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – – - -Nun sollte sie ihm aber her heute morgen! - -Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der -Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den -Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! – -jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf. - -Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom -Morgentraum und einem inneren Glück. - -»Willste wat, Vater?« - -Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang -nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?« - -»Jestern? – Och – de Illumination kucken!« - -»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war -plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!« - -»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste -dann?« - -Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie -doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich. - -»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!« - -»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie -hastig: »Ja, ja, allein!« - -»Du lügst!« - -Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge. -Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in -Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm – -keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für -Schritt. - -Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich -heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch -niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich -förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so -viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram! - -»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine -bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte -ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!« - -Sie gab keine Antwort. - -Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln -herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe -dich gestern gesehen!« - -Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür. - -»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und -dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du -lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie -von sich. - -Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn; -entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den -seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s -Gesicht. - -Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum -belügst du mich?!« - -Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend -stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich -fürchten!« - -Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!« - -Sie gab keine Antwort. - -Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr -er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte -Gesicht. - -»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein -Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein -heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur -diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!« - -Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge. - -Josefine sah es. - -»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter. -»Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach -kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir -haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht -– »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum -sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor, -ich hab’ ihn so lieb!« - -»Hm, ja – so sehr lieb?« - -»Och ja, och ja!« - -»Er dich auch?« - -»Ja, och ja!« - -Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große -Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?« - -Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von -selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier -wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in -einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’ -jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das -Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!« - -Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick -blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie -hielt den Blick aus. - -Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?! -Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt – -jetzt würde der Schlag fallen – - -»Setz dich,« sagte der Vater. - -Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich. - -Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger -nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte -noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin. -Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er -energisch auf die Tischplatte. - -»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich -mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen -können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon – -kehrt!‹« - -Sie ließ den Kopf hängen. - -Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre -Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte -– Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den -Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre -war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von -Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert! - -»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter -leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse -ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm -hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich -schon glücklich machen!« - -Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf -sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen -aus. - -»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder; -dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese -ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn -eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter -gehen?! - -»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm -dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter, -er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er -und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der -Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei -– dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht -sein!« - -Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete -den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater -schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen -Laut. - -»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern. -»Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant -nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein -Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!« - -»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!« -Sie wand sich und schluchzte. - -»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch, -schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹ -wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.« - -»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et -ihm! Ich sterb’!« - -Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom -weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am -Rock: »Sag du et ihm!« - -»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl -mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt -dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich -immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle, -er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton: -»Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich -muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!« - -Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war -höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür. - -Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl -mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er, -an der Küche vorbei, zur Treppe ging. - -Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am -Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – – - -Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er, -nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben – -jetzt nur nicht lange gefackelt! - -Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu -missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie -würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie -dem Leutnant täglich begegnete. - -Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn -rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging. - -Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem -Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten -Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden -Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der -Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt. - -Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal? -bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft. - -Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an. -Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu -berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen. - -Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als -grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und -den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor -den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt -stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März. - -In der Hauptstadt Revolution! - -Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf -dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten -hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19. -März mit dem Volk gekämpft! - -Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?! -Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den -Gemütern. - -Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes -Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne -angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und -Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge -herausgestreckt. - -Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich -nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt. - -Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die -Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem -schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit -Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl -auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen -Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem -Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen, -sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?! - -Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger -bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten -ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn -jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich -kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde -und strich umher wie ein ruheloser Geist. - -Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen, -dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem -der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem -König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte; -das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen -Posten als Gouverneuer der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier -schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter -Soldatenprinz! – - -Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in -Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne -drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner -Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange -blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt -war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen. - -In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und -begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst -vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen -werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den -Soldaten, am Volk verbrochen. - -Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie -Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden -gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für -die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der -ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider -zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja -hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben -zerschmettert! - -Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so -vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde. -Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man -geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die -Bestien hatten die Soldaten gehaust! - -Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?! -Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte -– gebt ihm nur Waffen! - -Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – – - - * * * * * - -Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als -Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war -sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere -Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum -Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel, -der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich -jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das -ganze Gebäude tragen.‹ - -Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen -Leuten im Dunkeln auszog. - -Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In -den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch -die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse. -Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und -her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie -in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen -Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige -Stille unterbrach. - -Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die -Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag -gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben -über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen. - -Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die -schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags -keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses -standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend. - -Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte -die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem -Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch -gerader – Bande! Angst hatten sie. - -Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie -diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom -Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten -Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen -Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand. - -Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still. - -Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel -gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der -Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment -ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie -Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch -verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme: - -»Helau, Preuß’! Preuß’!« - -Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich -zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und -Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten. - -Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren -Helden! - -Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß. - -»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!« - -Die Läufe blitzen. - -Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!« - -Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei: - -»Stillgestanden – das Gewehrr über!« - -Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe -mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se -schießen auf et Volk!« - -»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den -Bürjer!« tönt es vielstimmig. - -Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige -Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem -Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die -Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen, -krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe. - -Das dauerte so eine Ewigkeit. - -»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr! -Bataillon marrrsch!« - -Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom -Exerzierplatz schallen gehört. - -Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter -Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber -fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte -keinen andern Befehl. - -Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag -Verachtung in seiner Haltung; sie reizte. - -Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin -und wieder huschendem Schein. - -»Preußenkerl! Bluthund!« - -Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben -Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die -hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer -näher. - -Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge. - -Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er -zwischen die Gewehrstände. - -Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels -Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt. - -Wütende Augenpaare glitzern sich an. - -»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!« - -Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit -flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie -verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden -Stimmen; sie ermahnen, sie bitten: - -»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!« - -»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!« - -Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf. - -Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum -Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn -ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur! -Wartet!« - -Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern -Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet. - -Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die -Kaserne!‹ – - -Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine -gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen, -finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der -Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der -Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ, -er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich -gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege -einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm -die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten -schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre -nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend -notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen. - -Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er -einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm, -er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die -Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur -einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und -dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde -es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so -hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz -abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung. -Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland! - -Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel -empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen. - -Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den -raschen, elastischen Tritt – der Leutnant! - -»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen. - -»Zu Befehl, Herr Leutnant!« - -Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist -zurückgezogen worden?« stieß er heraus. - -»Zu Befehl, Herr Leutnant!« - -»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke, -der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch -den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens -in’s Gesicht! - -»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig. -Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten. -»Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er -riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und -die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!« - -Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont -fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm -sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m -Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht, -hier blieb er stehen. - -Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen, -als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend -zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen. - -Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf -den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen -entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der -König – er hatte sich verneigt! - -Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit -einem Fluch suchte er weiter. - -Hier die Proklamation! - -›=An meine lieben Berliner!=‹ - -Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte. -Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm -und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt -buchstabierte er wie ein Kind: - -›=Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze -sogleich von den Truppen geräumt werden sollen= –‹ - -Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch -dies, hier noch dies: - -›=Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will= –‹ - -War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft -sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut -vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo -blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was -sagte der?! - -Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz -Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm! - -Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof, -schwarz der Flur. - -Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in -zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und -schluchzte in Zorn und Schmerz. - - - - -XVI - - -Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit: - - ›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen, - Und der Lenz der deutschen Freiheit, =endlich= hat er angefangen! - Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde! - Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹ - -In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt: - - #Berlins großen Toten!# - - ›Selig, die in Gott sterben! – - Opfernd euer =rotes= Blut, gingt ihr in den =schwarzen= - Tod für die =goldene= Freiheit!‹ - -Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen -Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht. - -Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten -Wirtschaften der Stadt. - -Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz -ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler. - -Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen. -Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten -Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben -auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden -ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich -auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die -Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war -in guter Hut. - -Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m -Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster -einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall. - -Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr -zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und -unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten -›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt. - -Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band -war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am -Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die -Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes. - -Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen -Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch -Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren -Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage -nicht sitzen konnten. – – - -Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die -Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die -erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz -schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine -Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit -sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was! -Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas -andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das, -was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie -durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste -Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer -Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand -Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu -anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu -einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen. - -Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr -auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch -nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr -ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag -jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik. - -Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige -Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer -des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der -nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige -bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den -Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik! - -Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn -sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder -einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl -Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen -Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und -die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich -langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis -für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn -er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr. - -Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl -des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen -geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier -geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie -zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen, -ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit -den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde -darin lesen und seiner gedenken.‹ - -Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal! -Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater, -sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig -schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was -ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er -ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer -stand er da. - -Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu -empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater -der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen, -jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit -dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie -ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es -sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant, -und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In =dem= -würde Preußen auferstehn! – - -Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu -grünenden Ahornbäume. - -Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot. - -Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die -Tochter sich die Aussteuer nähte. - -Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den -Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den -Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf -dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte -das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber -sie fürchtete, =ihn= vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen -Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie, -denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr -gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin, -die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden -aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine -Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück. - -Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das -sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg! - -Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch -nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern, -begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen -sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig. - -Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte -nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu -Berlin Gefallenen einläuteten. - -In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und -Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten -Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen -und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor, -aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz. - -Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt, -den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die -für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren. -Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie -kümmerte nur das eigne Geschick. - -Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag; -er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam; -ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner -Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt -– kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene -Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm -beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch -nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan. - -Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den -Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die -sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige -Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz -anders wie Rinke, er brauste nie auf. - -»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte -den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen, -praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der -Viktor! – so war er nicht! - -Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten -heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot. - -Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche -kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine -Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte -Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete -sie?! - -Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte -wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie -und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, =sie= hatte ihm -den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll -es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich -verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war -eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! – - - * * * * * - -Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte -die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte -zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die -Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war -es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem -Spiele stand?! - -In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und -Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar -Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze, -mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war. -Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die -zog niemand aus! - -Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten -welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam. -Aber wann kam die, wann?! - -Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er -nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er -denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und -verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt -in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest, -doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet -ist! - -Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst -nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das -Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und -noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte -drängen, =sie= waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß. - -Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und -jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14. -August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und -Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte -sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im -Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen. - -Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden -die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit -der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür -festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel -Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder -strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen. -Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters -gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur -bald!‹ - -Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so -kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach -Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße -schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein -paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war -die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn -standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für -ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein -hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem -Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch. - -Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich -für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er. -Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein. -Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof -und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein -paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen -König gesehen. - -»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im -Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte. - -Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte: -»Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann -vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch -mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal -bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?« - -»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort. - -Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im -Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns -jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als -suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der -Weg!« - - * * * * * - -Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des -Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren -aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern -erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals, -in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich -seine große Erregung. - -Mit glühendem Blick suchte er seinen König. - -Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen, -stier wurde sein Blick – =das, das= war der König?! In seinen Mantel -gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens. - -Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich -schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt -hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit -zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte -es nicht heraus. - -Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel -Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich -auf und jagte den Staub in die Augen. - -Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen -Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge -erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier – -dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen, -daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen -geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte. - -Verblüffte, betroffene Gesichter sahen sich an. – - -Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder -zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war -doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich -ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte -ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen, -und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte -es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch -mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen, -Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar -Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich -nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die -Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s -Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger -Zillges in der Ratingerstraße. - -Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer -Bürger aus der alten guten Zeit! - -Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja – -hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken -gelaufen war – =so= sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein -bißchen vergnügt! - -Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte -sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den -auch hörte?! Dann würde er sich ärgern. - -Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie -winkte und nickte. Er sah sie nicht. - -»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken, -ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam. - -»Zillges!« - -Keine Antwort. - -Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte -Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch! - -Es war sehr still. - -Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke -gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden, -dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst. - -Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des -leeren Zimmers. - -Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die -Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den -Angeln. »Zillges! Peter –!« - -Er hörte nichts. - -Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die -Brust gesenkt, die Hände gefaltet. - - * * * * * - -Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer -Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter -Zillges hatte ihn empfangen, als Freund. - -Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den -›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in -die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer -neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich -ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen -weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz -glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter -hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten -starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte -Weihrauchduft im engen Stübchen. - -Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande, -ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und -nickte wehmütig: - -»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!« - -Und sie flocht emsig weiter. - -Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern -überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte -sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie -begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war. - -»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine -Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!« - -Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand. -»Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher -auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock -hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend -fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’ -Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit -Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un -du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden, -jelt, Peter? Peterken!« - -Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die -Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche -Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht -schlagend, schluchzte sie krampfhaft. - -»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so -weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich -sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange. - -Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus! -Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn -in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!« - - * * * * * - -Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des -Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste -zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt. - -Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die -Hochzeitskuchen in die Kaserne. - -Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch -unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch -die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal -wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an -ihrem Ehrentag. - -Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich -auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die -Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert. - -»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden -Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den -eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s -lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber -als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie -Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der -Zeit! Man los – voran, marsch!« - -»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen -sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend -verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du -sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm, -Finchen, komm!« - -Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten; -ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll -den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. – - -Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof -führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die -Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch -drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten. - -Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch -zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch – -schwer fiel es wieder in’s Schloß. - -Sie hatte die Kaserne verlassen. - - - - -XVII - - -Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so -verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über -eignes hinweg. - -Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien -zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch -einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings -getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten -Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von -Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung -auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und -wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse, -von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen, -und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch -und narrten Polizei und Militär. - -Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die -Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten -Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen. - -Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen. -Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte -das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich -da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den -Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen, -aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen -dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun -unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden, -königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber -andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger! - -Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof -bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen. - -Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht -einig war, ob man =für= oder =wider= die Opposition stimmen sollte, -jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner -Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die -freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest -verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen -selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre -prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit -blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es -half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach -der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen -mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister -gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das -Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn -die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller -Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster -schliff. – – - -Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte -geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden -kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit -geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß -Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen. -Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare -getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit. - -Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts -an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen -Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste -frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert -entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot! -Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen -empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!« - -Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles -Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren. - -Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er -Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich -Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen, -unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der -›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter -Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination. - -Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte -die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot -sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind -fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und -nagelfest war. - -Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen -Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher -Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte, -ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung, -ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit -unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln, -die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem -Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt -lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in -Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet. - -Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe -zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum -zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres -›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die -Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet! - -Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten: - - ›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk - sein.‹ - -Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt -gemacht wurde: - - ›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹ - -Tausend Fäuste ballten sich im Grimm. - -Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon -des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte. -Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig: - -›Gut und Blut für die Freiheit!‹ - -Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit -den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt. - -Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne -marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die -Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen. - -Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende -Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben -eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen, -Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt. - -Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den -Belagerungszustand. - -Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die -Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie -bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie -schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die -aufkreischende Menge. - -Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von -Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches -Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen -Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten! -Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine -weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht -verloren gehen! – - -Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn -je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren -die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz -empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch, -formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach, -nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht -seines Lebens wieder in dem jungen Offizier. - -Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete -sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und -Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des -Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten -Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach -Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das -Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß -innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die -Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu -erlauschen war. - -Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die -Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme -Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es -seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung -Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit -nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der -Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung, -auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen! - -Die Bürgerwehr wurde aufgelöst. - -In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der -alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur -vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen. - -Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden. - - * * * * * - -Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter -gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und -die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt. -Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man -freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in -jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor. - -›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat -mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen -Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie -hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz -gebacken.‹ - -Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich! -Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in -ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na, -man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch -genug! - -Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit -eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz -jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’ -jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu. - -Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er. - -»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste -dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren -mir verheirat’!« - -»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über -sein Gesicht. »Meinste wirklich?« - -»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer -gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken! -Tüchtiges Mädel! - -Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren -ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für -ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg. - -»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen -Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu -Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum, -und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde -mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine -hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem -Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die -Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm! - -Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte. - -Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m -umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und -schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot -ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde -hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die -geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein -Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die -Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem -Schlaf. - -Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben -worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die -würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern -seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt; -nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von -mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar -Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber. - -Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General -von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt – -abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch -wieder neue Unruhen anhuben. – - -Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es -reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß, -klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht. - -Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und -nieder auch schwankten Gerüchte. - -Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark. -Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und -drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung -nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in -Sicherheit in die großen Städte. - -Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch -Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei -den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn -jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb -des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten -Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt -vermieden werden. - -Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit -angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte -jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte -die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr -Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn -selber kochen?! - -Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen -schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf -den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim! - -Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der -Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte -erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung, -als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich -entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß -gegen und half so der bebenden Hand. - -Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen -Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von -ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben! -Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war -der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster, -der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig -lange entbehrt! - -Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das -Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie -schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es -bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück. -Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie -war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem -Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan. - -Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die -Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der -Vater auf und schloß sie in die Arme. - -Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er -schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte, -daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt, -preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht, -daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!« - -Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von -losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz -schreckelich!« - -Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig -bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach -Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich -doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer -so verdrießlich!« - -Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht -in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor -zwischen den unruhig spähenden Augen. - -»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen -Ärmel. - -Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut -gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen -Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach -einem prüfenden Blick hinzu. - -»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend -rot dabei. - -Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter -würde sich ihr ja schon anvertrauen!– – - -Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett. -Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so -verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen. - -Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie -aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz. -Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte -sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag -der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand -silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben -in der Offiziersstube brannte noch Licht. - -Ob =er= noch da wohnte?! - -Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein -Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu -erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er -wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre -Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen! - -Drüben erlosch das Licht. - -Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken, -sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster -heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in -der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume – - -Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein -schlanker Offizier. Das war =er=! - -Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun -hatte er sie doch gesehen! - -Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen. -Taghell war die Mondnacht. - -Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja! - -Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’ -er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?! - -Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend, -beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb -gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s. - -In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen. - -Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender -Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht -verstehen. - -Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar -nichts mehr denken! - -In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn -wiedersehen! - -Und dann –?! - -Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß -schwindelnd die Augen. - - - - -XVIII - - -Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet -im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine -war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar. - -Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O -Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme, -die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹ - -Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder -die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war -sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen – -ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort, -ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch -jetzt –?! - -Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage. -In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung -verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. – - -Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel -geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er -verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von -der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen -lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war -wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst -nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar -Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm -der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf. - -Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses -müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum -umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den -Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er -erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke. - -Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang -trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?! -Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand, -den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach -gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt -für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend. - -Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie -jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne. -Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich -schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren -lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen. - -»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!« - -Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn. - -Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß. - -»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig -zugleich. - -»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort. - -Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer. - -Fatal, wieder Tritte! - -»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß. - -»Ja, ja, ich ko–« - -Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die -Kaserne. - -Horch, ein Trompetenstoß! - -Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf. - -»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht. - -»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine -stand wie betäubt. - -Alarm, Alarm! Alle Mann heraus! - -Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen -bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig -dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr -Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es; -dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel. - -Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus. - -Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein -Kanonenschuß. – - -Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen -nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung -widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das -ganze Bergische Land schien in Aufruhr. - -Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen. -Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still. - -Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter -umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt, -allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott, -och Jott, de Willem!« - -»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich -doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die -Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte. - -Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine -Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht -verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel. - -Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum -Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne -verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie. - -Da zog =er= hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein. - -Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß -sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne -zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen -blutend, die ihm ein Strolch versetzt! - -Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß. -Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten, -drauf! - -Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha, -jetzt rannte schon das feige Gesindel! - -Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster -auf!« - -»Wo, wo?« - -»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er -gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da! -Jesus Maria, se schießen, se schießen!« - -Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es, -wer schießt?! - -Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert -auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht. - -Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt -Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra, -die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’! - -Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen -konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch -die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur -Ratingerstraße. Immer rascher lief sie. - -Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor, -Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel, -die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie -stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus. - -»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!« -Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!« - -Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie -sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen, -nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es -wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen, -aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über -den Kopf. - -Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm -streckt sich heraus und zieht die Wankende herein. - -»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine -Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen! -Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se -werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt. -Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije -Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria, -Materdeies, wat is dat for en Nacht!« - -Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß -wieder eraus!« - -»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch -dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen. - -»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst, -Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie -die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse. - -Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter -aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort -– dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und -da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt -eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig. - -Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein -Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich -dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück. - -Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr -entgegen. - -»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer! - -An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren, -Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen, -ist aufgestapelt. - -»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!« -Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist. - -Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando: - -»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!« - -»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche -entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht. - -»Feuer!« - -»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!« - -Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in -die enge Gasse. - -»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die -Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch, -gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin -geschossen. - -Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die -Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der -Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der -Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!« - -Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft -von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch -da kein Ausweg! - -Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist -ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser -entlang. - -»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur -noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den -Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn – -ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf: -»Zurück!« - -»Gut Freund!« - -Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den -Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück; -knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden. - -Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist -Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare, -gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf. - -Weiter, immer weiter! - -Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht -erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun -kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt. - -Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit -zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die -Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht. -Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt -Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht. - -Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr -hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die -Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr; -mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf! - -Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee -Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter. - -Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören, -schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den -Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein -geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am -Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er – -horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf. - -Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf -dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt -auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die -Straßenmündung nach dem Markt sperrt. - -Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er -scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher. - -Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist -schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust -und unter jedem Arm ein großes Brot. - -»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!« - -»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles -Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene, -so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von -mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und -mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn -mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte -Soldat, ich –« - -Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte -Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt -auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins. - -Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt, -– da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut -erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger -–?! Pfui! - -Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre -Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten -Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot! - -Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden -Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und -fort. - -Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch -mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein -Schatten, fliegt sie dort vorbei. – - - * * * * * - -Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden -Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der -Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee -angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch -über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des -Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch -andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der -Altestadt. - -Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze -wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend: -das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse! - -Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken -lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen -liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein -Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch -waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll -geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie -aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen -mehr. - -Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre -Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis. - -›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los -ging schon der Schuß. - -Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um -die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht -gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind. - -Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser -hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam -ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen -zu lassen. - -Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße -herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der -benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte -plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts, -links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s, -er führte die Patrouille an. - -Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung -geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße -zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine -neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur -Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und -Gäßchen. - -»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der -Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im -Rücken! Keiner entwischt uns!« - -Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt -in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo -stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt -duckend wie zum Sprung, tappt er voran. - -Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?! -Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten. - -Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit -er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt -er. - -Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt -und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft. - -Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt -gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie -ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf -ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht, -hei, wie in der Schlacht! - -Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort -oben flattert. - -Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld. - -»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter -den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her. -Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her. - -Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt -sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen. -»Steh! Halunke, steh!« - -Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu. -Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen, -sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt -zur Wehr. - -Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an – -Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein -pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm! - -»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn -gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum -niederschmettern bereit, den Pflasterstein. - -Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die -Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan -stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste -empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung! - -In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine -Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn -starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten. - -»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd -die Pistole. - -»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und -verbirgt das Gesicht. - -»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen. - -Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert – -gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er -hinterrücks von der Barrikade. - -Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater -getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz -betäubt. - -»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!« - -Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der -Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in -Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort -ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung! - -Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den -Taubenschlag, auf’s Dach. – - -Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von -Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb -zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten -stürmen in den dunklen Flur. - -Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt -sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar -andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm -aus der Wirtsstube entgegentritt: - -»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn -versteckt?!« - -»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!« - -»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!« - -»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!« - -»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er -in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt -alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!« - -»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen -und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das -Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus. - -Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!« - -Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt -hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und -zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren -sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft -sie sich zum Schutz vor die Alte. - -Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und -zitterndem Schmerz: »Viktor!« - - * * * * * - -Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade -in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der -verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war -durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. – - -Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus; -übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der -Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten -auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd -samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren -vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch -Soldaten sollten gefallen fein. - -Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes -Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von -Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein -Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die -hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von -Unglück hing’s über der Stadt. - -Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne -zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem -blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf -den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des -starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn -nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur -nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er -hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende. - -Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf -seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch -– natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den -›Bunten Vogel‹ gelaufen. - -Da kamen sie noch lange nicht zurück! - -Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig -resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging -schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch. - -Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es -verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte -er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – – -›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten -Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an -welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero -Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, -die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so -verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und -ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹ - -Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort -›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein -Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf -hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag -daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am -Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten. - -Was hatte er gethan?! - -Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht -geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil -brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter -Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke, -das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes -Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen -Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn -treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die -Pistole sinken lassen. - -Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele -geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für -Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen. - -Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum -los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand -frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch -niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die -Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch -frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen -bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines -Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen – -leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner -Tage! - -Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf -den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war -das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?! -Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher, -gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit -Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von -dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß -der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt -ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht -ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was -zögert ihr noch?!‹ - -»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock -über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen -Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum -Christum zur Seligkeit!« - -Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm -reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie -zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich -nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm -schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens -rief. - -Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief -zum Appell! - -Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er -nun zum letzten Mal und in Ehren! – – - -Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf -und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und -Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und -Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein -Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte -vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ – -›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹ -und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich -gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen. - -Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft -durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus, -und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich -zurechtlegend, schob er die Schublade zu. - -Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend, -schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen -kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift: - - =Über alles die Ehre!= - -So. Das konnten sie gut lesen! - -Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum -beschweren quer darüber. - -Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front, -als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war -beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen -glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand -zitterte nicht – und dann lud er. - -Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine -Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die -kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen -Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich -zu. - - * * * * * - -Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen: -Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole -in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte: -die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem -Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen – -das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den -Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der -roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn -niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu -streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen, -aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel! - -Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina. -Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die -beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten -fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der -Uniform. - -Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte -sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter, -die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter -angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria, -Josef, euch schenk ich seine Seele!‹ - -Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch -der Wilhelm käme! Wo war der?! - -Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil -geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie -allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in -Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr -Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an, -man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s -nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück -kommen?! - -Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder, -hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie -betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete -in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so -beteten sie miteinander, Stunde um Stunde: - - ›Herr, erbarme dich seiner! - Christus, erbarme dich seiner! - Heilige Maria, bitte für uns!‹ - -Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in -der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den -Kopf tief gebeugt. - -Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot! -Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner -Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es -das Blut wehrloser Bürger?! - -Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr -verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber -Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte -gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße! - -Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände -von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu -schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie! - -Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf -in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm -doch ens bei dein Vater!« - -»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und -verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen! -Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie -geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich -kann nit!« - -Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust -– ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen -beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich -aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und -das Herz lag in der Brust wie ein Stein. - -Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr -zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und -über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie -nur wenigstens weinen könnte! - -Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde -jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen, -ohne Laut, ganz entsetzt – da kam =der= – =der= –! - -Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht. -Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur -Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz. - -Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen! - -Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann -schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht. -Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?! - -Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür. -Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und -Großmutter beteten still. Am Bett stand =er=. Seinen Kranz – waren’s -Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren -verharrte er und blickte starr auf den Toten. - -Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen -stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im -Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß -sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm -den Rücken. Da ging er. - -In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten! -Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und -Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost! - -Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob -die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen: - - »Herr, erbarme dich unser! - Christus erbarme dich unser! - Heilige Maria, bitte für uns! - Du Trost der Elenden, - Du Stärke der Schwachen - In unsern Trübsalen, - In unsern Anfechtungen, - In unsern Kämpfen, – bitte für mich!« - - * * * * * - -Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten -bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte -Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel -Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten -Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte. - -Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen, -alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln -des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern. - -Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten, -tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze. - -Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen -sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten -auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein. - -Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen -dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau -fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im -ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die -Soldaten den Kirchhof. - -Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit -rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des -Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe. - -Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr -blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine -Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht -nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte -Nacht. - -Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre! - -›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut -durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue -Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch -befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den -Choral in den Wipfeln der Bäume. - -Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten -sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick -geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen -Sonnenaufgang: - - »Jesus meine Zuversicht - Und mein Heiland ist im Leben; - Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht - Darum mich zufrieden geben? - Was die lange Todesnacht - Mir auch für Gedanken macht!« - - - - -Drittes Buch - - - - -XIX - - -Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die -Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften -beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten, -treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan, -ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her -in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige -Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag! - -Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte, -am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten -Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder -unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen -leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast -unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten -weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am -Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren. - -Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer: -einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in -Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der -Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste -vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker, -die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten, -junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und -Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes -Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben: -frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen -Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau; -ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel -Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala -der Farben. - -Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den -Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten -Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert -ens, Madam, dat es jett Leckers!« - -Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar -begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die -Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von -den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie -sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte -es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹ -kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff, -paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken! - -Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle: - - »Eins, zwei, drei - Wir sechsundsechziger Musketiere - Schießen mit Blei!« - -Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus -baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten -unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza, -Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über -hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera -fürchten?! - -Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die -Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst -einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu -verzehren. - -Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh -würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der -Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, -da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht -klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und -ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt -unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! -Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte -man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die -Viehställe geschlossen. - -Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das -Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der -König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und -gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche -Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, -die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut -und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer -wächst! - -Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine -Kugel nicht; der war gepanzert. - -Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf -und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch -vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt: - - ›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen - auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die - höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung - fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen - schwerlich entbehren kann.‹ - -All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die -widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon -wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten -wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine -mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl, -so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des -Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte -man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß -jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? -Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die -Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige -Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue -Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und -Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein -Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar -Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, -wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme. - -Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, -die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung -von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, -der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der -von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von -Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die -Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt -mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe -aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland. - -Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die -Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und -seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen -Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der -rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier -nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar -im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte -gar nichts damit zu thun! – - -Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im -lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden -Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen -würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade! - -Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die -Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – -hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den -Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter -zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet. - -Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! -Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen -verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem -schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, -vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und -aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als -sein Schatten. - -Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche -Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten -im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den -Körben und Kiepen schleppen. - -Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen -Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den -engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen. - -Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände -zusammen: - -»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu -leben!« - -Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie. - -»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!« - -»Och Jott, och Jott!« - -Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch -herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein. - -Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der -die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei -den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke -geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah -man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, -neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, -ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten -Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam -Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus -in der Königsallee! - -Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen: - -›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal -unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht -de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et -Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur -eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. -Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹ - -Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein -guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, -und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten -der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg -immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst -nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und -Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr -ab. – - -Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den -Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte -sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein -›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und -nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen! - -»Och Jott, och Jott!« - -Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr -freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von -hinten: - -»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche -meh.« - -»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!« - -Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. -Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der -morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich -nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten -Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte -er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die -Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der -Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot -im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei -der Mutter gut schmecken! - -Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in -der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ -dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in -der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem -Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die -Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen -zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr -seliges Ende. - -Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! – - -Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die -Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre -– man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der -Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren -dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten -vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat -überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen -Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man -solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der -einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im -Mai. - -Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das -selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten. -Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten -Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in -engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße -dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von -deren Mauern schon Putz abfiel. - -In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere, -behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch -dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer -zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die -Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben -Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben -Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem -Bürgersteig. - -Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas, -von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt -noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die -Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen, -die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr -verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren -Zahl war gewachsen. - -Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee -breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt -sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und -des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den -Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in -dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum -Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der -Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein -Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – – - -›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke -gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege -wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken -können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die -Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des -Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke -Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war -mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht -gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war. - -Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres -hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi -sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach -Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung -war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer -beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf -dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab. - -Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler -Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie -hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder -Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich: -›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹ - -Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht -in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater -tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch -fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht -besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige -Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie -all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der -rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen -delektiert?! - -Und sie blickte zurück in ihre Ehe. - -Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der -Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, -zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste -in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag -Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt. - -Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das -Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden -Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel -Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen. - -Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit -Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der -Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn -sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit -der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst -ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, -Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land -hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes -um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit -den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden -Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden -Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön! - -Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das -Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s -als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher -durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen -Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – -betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche -Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der -Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und -der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. -Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in -der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem -Vater gegangen waren. - -So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast -freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich -stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie -nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr. - -Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er -damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen -krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon -mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten -Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern -der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in -Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last -vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam -Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse -waren, aber etwas Fremdes war da. - -Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade -der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – -und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien -zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und -Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife -und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte -und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut. - -»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« -sagte der Bruder. - -Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon -Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen -Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar -hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt -bestehen könne. - -Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts -wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital. - -»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen -kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg -kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann -jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t -Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder -en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« – - -Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend -ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie -zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten -Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch -aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne -Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die -Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge -losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen -und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen. - -Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der -kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber -noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war -Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben -streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein. - -Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher -am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich -das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹ -beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen, -hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr -verlassen. - -Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. -Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben -innehatten, brannte noch Licht. - -Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den -Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher. - -Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch -fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure -Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften -verschmierte! - -Sie sah ihm über die Schulter. - -Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau -so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch -nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht. - -Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den -Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine -Malerei. - -»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’, -schimpf nit!« - -Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m -Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und -hielt sie fest. - -Bittend sah er ihr in’s Gesicht. - -»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann -doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so -viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine -Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr -vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß, -un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau -derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch -noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige -Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!« - -»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die -Schul’ rein nix mehr.« - -»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf. -»Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich -ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!« - -»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich -janz früh, dann lernste noch.« - -»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten, -Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!« - -»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte. - -Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von -ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja -keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch -würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was -Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender -Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater -verloren! - -Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie -wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte -wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die -Freude. Er war ja ganz ihr Sohn. - - - - -XX - - -Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die -Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber, -die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen -Kasernenwände bleich. - -Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie -trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war -es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese -elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch -die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der -Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg -plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung. - -Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen -Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem -festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn -auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den ersten -Tag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee -wär’ ihm auch zu weit. - -Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen -schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit -regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den -Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg -nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater! - -Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine -kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit -seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die -sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in -Düsseldorf gewesen. - -Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der -Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin? -Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der -Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der -hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein -Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten -Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte -sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit -Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht! - -Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing -sich an seinen Arm. – - -Vor der Thür, unter dem Schild: - - _#Josefine Conradi geb. Rinke#_, - - _Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten - Militär-Bedarfsartikel_ - -stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz -betroffen drein. - -»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.« - -Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel -darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der -Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim -Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen. - -»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig. - -Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich -jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei -Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und – - -»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem -Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine -Krücken stützen. - -Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte -sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere -Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich. - -Frau Trina schluchzte noch immer: - -»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die -Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan. - -Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin. - -»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete -er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das -Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks -zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne -richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das -is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von -Bronze – ihr könnt mir gratulieren!« - -Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr -Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine -sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm -die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter: - -»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf -trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!« - -Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon -waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße -erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich -war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn -flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur -erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnen schon blutgefärbte -Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem -Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte -ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen -zum besten geben. - -»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du -sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.« - -Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben. - -»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och, -wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur -kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr -Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen -nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’, -bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit -ordentlich befeiert haben!« - -Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein -Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr -anständiger Mann! - -Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein -guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber -seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater -denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen. - -»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen -Ton und blickte hinüber zur Kaserne. - -»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,« sagte Ferdinand und -schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn -schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?« - -Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte -das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt: - -»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, -wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die -Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die -verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra! -– steil ging’s den Berg herauf, und –« - -Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer -in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an. -Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden. - -»Was jefällig?« fragte Josefine. - -Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit -Ferdinand in ein Gespräch vertieft. - -»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei -Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf. - -»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei -Hammelburg!« - -Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit -von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden -Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden. - -Der Invalide strahlte. - -»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am -10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke -hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die -verfluchten Bayern –« - -Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig -hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie -anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den -Verlust seines Beines weghalf. - -Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß -er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie -ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen -und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren. - -Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur -zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr -mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre -Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an. - -Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So -viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt, -wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal -getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als -ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle -waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben. -Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in -einem fort. Mit Mühe überzeugte Josefine ihn, daß es dringend nötig -für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung, -ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen -hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s -Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß -er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach. -Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch -sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon. - -Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte. -Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen -und könne nicht allein damit zu stande kommen. - -Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen -wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß -er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen -überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel -anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber -er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und -beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch -eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte. - -Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, – -im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich -zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich -vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein -schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich – aber ach, nur ein Bein! -Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert. - -»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich -dann?« - -»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen -zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten -zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im -Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast -gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte. - - »Immer langsam voran, immer langsam voran, - Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,« - -begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme -angefüllt. - -Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens -längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es -kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen -wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen, -hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen. - -Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der -Zapfenstreich ertönte. - - ›Zu Bett, zu Bett, - Wer en Liebsten hätt’, - Wer keinen hätt’, - Muß auch zu Bett. - Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹ - -Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete -nachgeschmettert! - - ›Wer keinen hätt’, - Muß auch zu Bett –‹ - -Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da -stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war -noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das -warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den -Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch. Hellbeleuchtet -schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das -Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig -nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues -Fädchen an den Schläfen. - -Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht. Sie -hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen, -nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber -nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein -andres Gewand hervorzusuchen. - -Er würde es ihr nicht verdenken! - -Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten -Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den -letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr -noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s -einmal anprobierte? - -Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid -hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, -hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand -herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie -warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was -würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter -hatte schon oft gequält: - -›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹ - -Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und -vergessen würde sie =ihn= darum doch nicht! - -Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch -allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde -sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav -wurden, wie ihr Vater gewesen! - -Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. -Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten -gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all -ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, -Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes -daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen -Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: -das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie -ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte -nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, -da der’s ihr gegeben. - -Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, -und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt – -Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben. - - ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, - Daß ich so traurig bin, - Ein Märchen aus alten Zeiten –‹ - -Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst -ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben. - -Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹ - -Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im -Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung. - -Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach -diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen! - - ›Mädchen, wenn ich einmal sterbe - Und der Tod mein Auge bricht, - So pflanz’ du auf meinem Grabe - Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹ - -las sie. - -Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie -freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen -in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die -schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte. - -›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die -erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, -sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume! - -Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, -um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre -Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß -fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an -ihrer Hand. - -Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre -aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und -sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für -sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch -manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er -war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch -die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, -die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie -auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt. - -Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen -sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. -Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches -Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen -auf. - -Die Witwe träumte. – - -Plötzlich schreckte sie auf. - -»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So -spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm -doch nichts passiert sein?! - -Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine -Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, -voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der -Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer -festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum -erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich -gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, -der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so -garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie -nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche -Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder -gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. -Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal -die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht -geflogen: ›Ich weiß et nit.‹ - -Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. -Und die Tochter begriff das wohl. – - -Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut -am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und -hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. -Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht -aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach -Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen -doch keinen Krieg angefangen! - -Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem -Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und -fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt: - - ›Über alles die Ehre!‹ - -Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich -nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen -zufielen. - -Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes -Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich! - -Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s -drei. - -»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?« - -Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich -hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond, -nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten. - -»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen! - -Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst -aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er. - -Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der -aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen, -aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe. - -»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch -en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des -Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer -wollen dat Jüngesken ’erauftragen!« - -Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe -heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag, -schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der -Schwester blaues Kleid an. - -»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau – -der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat -andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit -dir – hurra!« - - - - -XXI - - -Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein -und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben -zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über -schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der -Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand. - -Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39. -Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die -lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende -Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu -machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern -sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die -Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke, -Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen! - -Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was -dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der -Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach, -du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that -ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer: -›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die -grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer. - -Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar -gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den -besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt. - -Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen -und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um -ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich -poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute -an ihm hatte nachgelassen. - -»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut -zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn -das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold -geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!« - -In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel. - -Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in -Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann; -sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte -sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen -hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte. - -Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg -waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun -stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und -klammerte sich an den Tischrand. - -»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der -Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu -bedanken; er war wie geschlagen. - -»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter -zu. - -»Ich kann nich!« - -»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater. -»Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!« - -Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit -einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er -konnte ja doch nicht gehen. - -Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas -in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille: - -»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!« - -Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen -ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen: - -»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur -Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en -jolden Uhr von mir!« - -Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender -Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen; -für heute hatte er erst mal genug davon. - -Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem -Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was: -den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte -sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube. -Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war -sicher wieder schlecht! - -Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn, -da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen -gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört -an. - -»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?« - -»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich. - -»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein -kriegt.« - -»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh, -wie scheußlich, wie jreulich!« - -Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft -erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen. - -»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter. - -Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er: -»So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in -de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich, -wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all -dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!« - -Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn, -die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die -Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!« - -Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm -werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder -Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß -der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam -da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler, -Mutter, Maler!‹ - -Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf -gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel? -Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur -Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er -Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere -Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen -über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und -die roten Abendwolken! - -Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen -am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über -die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an -dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht -nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel -davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger -und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller -Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die -Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit -ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und -elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der -im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet, -gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der -Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?! - -Ihr Herz bangte um ihn. – – – - -Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen -herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte -nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer -Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen -Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die -Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen -Unternehmungen beseelte. - -Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich -selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr -und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte! -Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor -sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei -Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er -dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk -oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen, -wäre auch keine Schande. - -»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete -seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank! -Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in -zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen, -dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen, -die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie -Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber! -Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs -Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch -sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch -französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66, -auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei -Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech, -und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ – -wetten?!« - -Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als -Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm. - -»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme -Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.« - -»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es -wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann -würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen. -Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte, -antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was -es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?! - -»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube -zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand. - -»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch. -»Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir, -der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen -nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß -der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im -Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische -Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf -einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte -nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft -durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte -er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!« - -Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich -immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten -zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an -ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm -sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu -reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und -Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er -sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über -den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn -reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell: - -»De Peter will Maler werden.« - -Friedrich lachte sein kräftiges Lachen: - -»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!« - -»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in -der Kopf jesetzt.« - -Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an: - -»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste -dann jeck?« - -Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der -Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie, -wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte. - -»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig -gereizt. »Er hat Talent.« - -»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat -sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en -Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt -unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren -knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en -Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich -jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de -Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden, -Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.« - -»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch -Künstler werden.« - -»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der -ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is -ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en -Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu -bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die -Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de -Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an, -weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo -mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt, -de hungren muß, so lang er lebt?« - -Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?! - -Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die -Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein -Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’ -ich gefunden – verflixter Rabau!« - -Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich -auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein -paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine -Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte -der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent! - -Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber -doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und -Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem -Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu -einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks -verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl -eben eine Heldenthat. Darunter stand: - - ›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn, - Denn wisse, jede Sünde rächt sich, - Verlor sogar ja Kron’ und Thron - So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹ - -Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß -sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?! - -Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der -Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! – -aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht -und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem -Zimmer. - -Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft. -»Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?« - -Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen -in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem -plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand: - -»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!« - -Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen -nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie -seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten. - -Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die -frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im -Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und -Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf -umrissen. - -Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe -heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war -der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise -wieder hinabschleichen wollte. - -»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn -hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun -sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde -er, je nach dem, was der Onkel sagte. - -Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm -ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs: -»So sag’ doch ens wat!« - -Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die -lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an. - -Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah -bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas -ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester -zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm, -bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm -jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’ -und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!« -Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht -find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!« - -Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber -ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht -ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden -Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen -beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem -Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem -selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf -seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz -weg. Der arme Jung’! - -Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, -ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der -Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß -er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf! -Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er? -Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein -spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht. - -Horch, jetzt murmelte er! - -»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die -Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei: -»Mutter!« - -Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein -Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach. - -»Mutter, bist du ’t?« - -»Hm!« - -»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich -hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter, -Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine -Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte -sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?« - -Sein Ton schnürte ihr das Herz zusammen. Seine unruhigen Hände in die -ihren fassend, setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand. Durch die -Dunkelheit glitt ihre Stimme, weich wie Sammet. Sie wiederholte ihm, -was der Onkel gesagt, sie setzte ihm alles auseinander, sie redete -ihm zu – es half nichts, er blieb dabei: ›Maler!‹ Ja, jetzt konnte er -reden. Warum hatte er denn all das dem Onkel nicht gesagt?! - -»Du dumme Jung’, hättste doch wat riskiert!« Sie hatte eigentlich über -sein Fortlaufen tüchtig mit ihm schelten wollen, aber jetzt wurde nur -ein liebevoller Vorwurf daraus. »Warum haste dann nix jesagt?« - -»Ne!« Er zog sich ordentlich in sich zusammen. »Och, de! De versteht da -ja doch nix von. De denkt nur an Jeldverdienen. Mutter, Mutter, un ich -möcht’ dich doch malen in deinem blauen Kleid, mit deinem blonden Haar, -auf en Altarbild, so wie du bist, un wie du mich anlachst! Verhungeren -werd’ ich schon nit, wenn ich Maler werd’, davor bist du ja da, jelt, -Mutter, jelt?« Er warf sich in ihre Arme und küßte sie stürmisch. - -Josefine fühlte ihr Herz aufwallen. Ihr lieber Junge! Unwillkürlich -schloß sie die Arme fester um ihn. Worte der Zärtlichkeit drängten -sich ihr auf die Lippen – aber da, halt, ein rauher Ton unterbrach das -Geflüster. - -›Herrraus!‹ schallte es von der Wache herüber. Wer auch im weichsten -Bett lag, mußte es hören; knapp und klar, scharf und energisch drang -das militärische Kommando durch die Nacht. - -›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit -starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und -Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und -die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm -der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten, -parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s -parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die -wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹ - -Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn -so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu -streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte -sich gerade. - -»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach -und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf -den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is -ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so -bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de -Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem -Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –« - -»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich: -›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen -und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend, -faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter, -du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum -Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!« - -»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen -Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden, -jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so -lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!« -Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel -Friederich un –« - -»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm -berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich -nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann -durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch -meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann -nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte. - -Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft. -Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die -kräftigen Kinderarme sie fest. - -»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu -ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So – -du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat -denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett -auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm -über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere. -»Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf -wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so – -jelt?« - -Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf. - -»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!« - -Er duckte sofort nieder. »Jut’ Nacht, Mutter!« - -Und als sie noch einen Augenblick stand, hörte sie schon seine ruhigen, -gleichmäßigen Atemzüge. - -Ihr Großer weinte noch immer dumpf in sein Kissen, aber sie ging nicht -mehr hin zu ihm. - -Das ›Herrraus!‹ der Wache dröhnte ihr noch immer in den Ohren. - - - - -XXII - - -Der Halbfastenmarkt auf dem Karlsplatz war im Gang. Eigentlich hätte -es schon Frühling werden müssen, aber die Zelttücher der Buden wehten -noch wild im Sturm. Der Madame Lefèbre, die wie alljährlich ihren Stand -aufgeschlagen, war die Bedachung über’m Kopf weggeflogen, und der kalte -Regen goß auf ihre berühmten Lebkuchen. Am Hammerdeich, auf dessen -Rasenhang sich sonst längst die ersten Veilchen sonnten, stand das -Rheinwasser hoch, und im Hofgarten duckten sich Bäume und Büsche noch -scheu vor’m rasenden Märzwind. - -In der Kaserne feierten die neununddreißiger Füsiliere mit Kling und -Klang den siebzigsten Geburtstag König Wilhelms. Rinkes Fina, wie die -Bewohner der Kasernenstraße die Witwe Conradi noch immer nannten, hatte -unzählige weiße Wildlederhandschuhe dafür zu waschen gehabt. Bruder -Friedrich hatte sie auf diesen Nebenerwerb gebracht. Jede Parade, jede -Besichtigung gaben ihr nun zu thun; selbst die Herren Offiziere wandten -ihr ihre Kundschaft zu. - -Der Zahlmeister, eine wichtige, stattliche Persönlichkeit und Witwer, -hatte die hübsche Frau unter seine ganz besondere Protektion genommen. -Er brachte seine Handschuhe immer selber, und dann zögerte er länger im -Lädchen, als nötig gewesen wäre. Er war sehr entgegenkommend. Josefine -ging schon mit dem Gedanken um, ob sie ihn einmal bitten sollte, ihr -den Eintritt in die Kaserne zu ermöglichen. Bis jetzt hatte sie nur -immer durch’s Thor einen Blick erhascht auf die Ahornbäume. Die waren -noch da, nur größer geworden. Aber daß die Feldwebelwohnung in Hof I -nicht mehr als solche diente, das hatten ihr der Gefreite Hucklenbruch -von der vierten Kompagnie und der Unteroffizier Schmidt erzählt. - -Sie begriff gar nicht, was die immer über die alte Kaserne zu -schimpfen hatten! Die Stuben wären zu klein und zu niedrig, die Thüren -Nasenquetschen, in den Blocks seien keine Gänge, die Räume zu ebener -Erde feucht! Ach, und ihr war doch alles so groß und weit und schön in -der Erinnerung! Daß Düsseldorf freilich eine ganz nette Garnison wäre, -das mußten Schmidt und Hucklenbruch zugeben. - -Ja, es war besser geworden zwischen Militär und Bürgerschaft. -Königs Geburtstag feierte die Stadt freundschaftlichst mit. Der -Kartätschenprinz war ja nun König, ein alter schon und ein siegreicher -dazu! Alle Ohren hatten sich gespitzt beim Klang der großen Reveille, -der Paradeplatz war von Tausenden umdrängt, die Schulen hatten frei; -man sah Offiziere in höchster Gala mit Helmbüschen und befrackte Herren -in Cylinder und weißer Binde zum gemeinschaftlichen Festessen in der -Tonhalle gehen. - -Aus den Mannschaftsküchen wehten Schweinsbratendüfte Josefine in die -Nase, als sie aus ihrem Fenster zur Kaserne hinüberblinzelte. Ach, sie -erinnerte sich solcher Festtagsgerüche gar wohl! - -Als gestern abend der große Zapfenstreich durch die Straßen -quinkelierte und Bürger in Scharen gefolgt waren, da hatte auch sie -ihre Jungen untergefaßt, und war mitgezogen im gleichen Schritt und -Tritt. - -»Mutter, kannst du aber marschieren!« sagten die Kinder und lachten. -Ja, das konnte sie auch noch – eins, zwei – eins, zwei – hatte sie es -denn nicht gelernt? - -»Mutter, du hälst ja Tritt wie einer – äh, – bei Seiner Majestät Jarde -– äh!« neckte der Peter und äffte den Berliner Gardeton nach. - -Es verdroß sie fast ein wenig, daß der Junge so spottete. Vertraulich -nickte sie zur alten Kaserne hinüber, deren Umrisse eben wieder im -ungewissen Schein der im Wind flackernden Laternen auftauchten. - -Zu Hause beim Ferdinand, der unterdes das Lädchen bewacht – dazu ließ -er sich wenigstens herbei – hatte sie dann den Gefreiten Hucklenbruch -gefunden. - -»Och, Herr Hucklenbruch, wat sind Sie verdrießlich!« - -Sie that verwundert darüber, aber eine Röte stieg ihr verräterisch -in’s Gesicht. Wußte sie doch ganz genau, der junge Mensch kränkte -sich, daß sie ihm schon neulich rundweg abgeschlagen, morgen mit bei -dem Königs-Geburtstagsball zu sein. Nicht, daß sie nicht noch einmal -in ihrem Leben gern getanzt hätte – o, sie wollte den Walzer wohl -schleifen und den Rheinländer schon wiegen! Als er ihr die Einladung -so dringend gemacht, da war ihr wohl für ein paar Augenblicke die -Lust angekommen, aber nein, der junge Mensch, was würde sich der dann -einbilden?! - -Er sah sie so wie so immer so glühend wie möglich an mit seinen -wasserhellen Augen und drehte dabei verlegen an seinem schüchternen, -flachsblonden Schnurrbärtchen. - -Nun wollte er noch einmal sein Heil versuchen. Nicht umsonst war er an -der Porta Westfalica zu Hause – die von der roten Erde haben alle eine -gewisse stille Zähigkeit. - -»Sie wollen also sicher und chewiß nich, Madam Conradi, und es wird -so schön.« Er sah sie an, als hinge seine ganze Seligkeit von ihrer -Antwort ab. - -»No, so geh doch als, Finken,« sagte der Invalide; der junge Westfale -mußte ihn wohl gespickt haben, denn er redete sehr eifrig zu. »Wenn mer -so lang Trübsal geblasen hat, wie du, kann mer sich wahrhaftig emal en -klein Pläsier gönnen.« - -»Ich hab’ nit Trübsal jeblasen,« entgegnete sie rasch und zeigte mit -einem vollen Lachen ihre weißen Zähne. - -»No, ich mein’ – no, du bis ja doch nu als zwei Jahr Witwe!« - -»Och so, du meinst wejen dem Conradi?! Ne!« Sie schüttelte den Kopf, -ihr Lachen wurde zu einem wehmütigen Lächeln. »Ne, wejen dem könnt’ ich -ruhig auf der Ball jehn, de würd’ sich nur drüber freuen.« - -»Och, dann kommen Sie doch hin,« bat der junge Westfale, und sein -helles Gesicht, mit dem Sattel von Sommersprossen über der Nase, -strahlte. »Chewiß und wahrhaftig, Sie riskieren nix!« Er hob ernsthaft -die Hände. »Bei mir sind Sie wie in Abrahams S-chößchen. Chehn Sie doch -mit, chehn Sie doch mit! Es wird chanz wunderschön!« Im Eifer that er, -was er sich noch nie getraut hatte, und legte kühn den Arm um ihre -Taille. - -Da machte sie sich lachend frei; dem nahm sie das nicht übel, der war -ja noch so jung und – er hatte ihr oft von Haus erzählt – guter Leute -Kind. Der war nicht frech. So lächelte sie ihn freundlich an, aber sie -blieb bei ihrer Absage. - -»Danke sehr, Hucklenbruch, aber ne, dat wär’ ja wohl lächerlich, wann -ich mit Ihnen wollt’ auf der Ball jehn. Ich hab’ ja so ene jroße Jung’!« - -Der junge Mensch wurde dunkelrot: das verletzte ihn doch gar zu sehr. -Nicht zum erstenmal ließ sie es ihn fühlen, daß sie ihn nicht recht für -voll erachtete, daß er ihr zu jung war. Nein, er wollte auch gar nicht -mehr an sie denken, es gab hübsche Mädchen genug, die gern mit ihm auf -den Ball gingen. Er pfiff auf ihre Freundlichkeit! Sie brauchte ihn -auch gar nicht mehr zu fragen, was denn seine Mutter geschrieben, und -ob es beim Exerzieren ›gut gegangen hatte.‹ Und doch fuhr es ihm wie -ein Stich durch die Seele, als jetzt die Ladenschelle bimmelte und der -Unteroffizier Schmidt schnellen Schrittes über die Schwelle trat. - -»’n Abend,« sagte Schmidt recht forsch und legte, die Hacken -zusammenklappend, den Finger an die Mütze. »Wie steht das Befinden? -Alles wohl? Freut mir unjemein!« - -Wie der den militärischen Gruß und das Schwadronieren weg hatte, der -Kerl! Natürlich, ein Berliner! Die lagen ja schon neunmal klug in den -Windeln! Der kleine Hucklenbruch warf einen bitterbösen Blick nach dem, -für einen neununddreißiger Füsilier auffallend großen Menschen. - -Schmidt lehnte jetzt über den Ladentisch, den rechten Ellbogen -aufgestützt, und redete auf Frau Fina ein. Was er sagte, konnte der -Eifersüchtige nicht verstehen, wie sehr er auch die Ohren spitzte. -Aber er sah, wie die blonde Frau mit gesenktem Blick zuhörte. Das -Blut sauste ihm in den Ohren: ob sie am Ende mit dem hinging? Der sah -natürlich älter aus, hatte dunkles Haar und ein entschlossenes Gesicht -– ein freches Gesicht! Der war ihr nicht zu jung. - -Aber nun durchrieselte ihn ein freudiger Schreck, denn sie sagte: - -»Ne, danke, Herr Unteroffizier, wat Sie da auch all’ sagen, ich jeh’ -nit mit.« - -»Nanu, da brat’ mir doch eener ’n Storch!« - -Der Westfale triumphierte. Das war recht, das war recht, daß der -Berliner einen Korb kriegte! - -»Un dann,« sagte Josefine und sah sich lächelnd nach Hucklenbruch um, -»un dann hab’ ich et ja auch als dem da abjeschlagen!« - -»So, – na denn!« Ein rascher Blick des Unteroffiziers streifte den -flachsblonden Gefreiten. Dieser empfand es deutlich: das war lauter -Geringschätzung, mit der der unverschämte Berliner ihn maß. Er hätte -sich auf ihn stürzen mögen, ihn mit den Bauernfäusten zerbläuen. - -Aber Schmidt drehte schon seine schlanke Figur mit einer gewandten -Schwenkung zur Thür. »Na, denn nich schöne Frau! Adjö Sie!« - -Noch einen schnellen Blick tauschten die beiden Rivalen, dann klappte -die Thür; man hörte Schmidts Pfeifen draußen auf dem Trottoir. - -Der freche Kerl! Was sollte das heißen, dieses verächtliche: ›Na, denn -nich!‹?! Hucklenbruch grübelte; eigentlich hätte er dem Verhaßten -nachgehen müssen, und ihn zur Rede stellen – ›na, denn nich! na, denn -nich!‹ – aber es hielt ihn hier im Lädchen wie mit Banden. Er war sehr -glücklich darüber, daß sie den Schmidt hatte ablaufen lassen; sein Herz -puckerte, nun war er auf einmal gar nicht mehr so unglücklich, daß -sie morgen nicht mitkam. Sie ging eben überhaupt nicht zu dem Ball; -und wär’ sie gegangen, wäre er, er der Bevorzugte gewesen! Das machte -ihn stolz. Er konnte die Thür nicht finden und merkte nicht Josefines -verstohlenes Gähnen; er saß und saß. - -Es war ein seliger Abend. Wäre nur nicht noch kurz vor Zapfenstreich -der Herr Zahlmeister erschienen. Der brachte ein Paar Handschuhe, die -er schnellstens gewaschen wünschte. - -Achtung, der kam doch nicht bloß wegen der Handschuhe! Der Dicke mußte -deftig viel getrunken haben; denn er kollerte wie ein Truthahn vor der -Henne. - -Auch er fragte, ob Frau Conradi nicht dem Fest morgen in der Kaserne -beiwohnen wolle, ›unter seiner speziellen Führung,‹ wie er galant -versicherte. - -»In unsern Jahren liebt man zwar das Tanzen nicht mehr,« meinte er und -beugte sich über den Ladentisch, »desto mehr aber die Gemütlichkeit. -Leider Gottes hat man die ja im verwitweten Stande nicht immer –« er -seufzte – »aber man sucht sie doch!« - -Hucklenbruch wurde es bang. Die Witwe hörte das alles so still an -und sah nachdenklich drein. Sie würde doch am Ende nicht mit dem -Zahlmeister auf den Ball gehen?! Ungestüm fuhr er von seinem Sitz auf, -da sah ihn des Zahlmeisters rotes Gesicht von oben herab an. »Was -machen Sie denn noch hier, Gefreiter? Es wird gleich blasen!« - -Hucklenbruch stand stramm und sagte: »Jawohl, Herr Zahlmeister!« Aber -Wut kochte in ihm. - -Draußen erklang das verwünschte: ›Zu Bett, zu Bett!‹ Da schlich er -zur Thür und schluckte an den Thränen, die ihm brennend in der Kehle -quollen. - - * * * * * - -Wenn die Witwe Conradi gewollt hätte, den Zahlmeister hätte sie kriegen -können; nur einmal hätte sie die fleischige Hand mit dem breiten -Daumen fester zu drücken brauchen. Aber sie drückte nicht. Die Spatzen -pfiffen’s von den Dächern der Kasernenstraße, in den Blocks wurde es -bespöttelt: der dicke Zahlmeister stieg Rinkes Fina nach. Nicht bloß -Hucklenbruch und Schmidt, nein, manch andrer noch, der in’s Lädchen -kam, schnüffelte neugierig, wie weit wohl die Sache gediehen sei. - -Der kleine Hucklenbruch, der wacker von Hause geschickt bekam – sein -Vater hatte einen schönen Hof unweit Bielefeld – machte sich an den -Invaliden. Dieser war nie abgeneigt, sich nebenan in der Wirtschaft -traktieren zu lassen; wenn er erst zwei, drei Gläser getrunken hatte, -wurde er sehr gesprächig. Einige Schwierigkeiten machte es freilich -immer, ihn von der Erzählung seiner Kriegsgeschichten abzubringen, aber -Hucklenbruch hatte nun schon einige Geschicklichkeit, beim vierten Glas -die Unterhaltung auf die Witwe hinüberzuspielen. Dann schimpfte der -Invalide: ›Die Fina passe ihm gar zu sehr auf! Den Schlüssel kriege er -nie; nie, daß er mal abends heimlich in’s Haus konnte! Auch daß sie den -Zahlmeister nicht nehmen wolle – dummes Weibsbild! Was war über den -zu lachen? Geld hatte der Mann – und dann die Stellung! Zahlmeister – -Offiziersrang! Vielleicht ging’s einem auf die alten Tage dann noch -mal ebenso gut, wie der Mutter, der reichen Frau Schnakenberg von der -Königsallee!‹ - -Seit Ferdinand gelernt hatte, mit dem Bein des Stiefvaters zu gehen, -sang er dessen Lob. Ein spendabler Mann! Ein- für allemal, Sonn- und -Feiertags, konnte er sich da mit zu Tisch setzen und lecker essen. Und -nach dem Essen verteilten sie drei sich auf drei bequeme Kanapees, und -abends steckte ihm der Schnakenberg alle Taschen voll Cigarren. - -Jedoch beim fünften Glase wurde der Invalide weich; dann beklagte er -seine Schwester: ›So ein hübsches, kreuzbraves Weib! War’s nicht ein -Jammer, daß die schon Witwe war und sich so plagen mußte?! Abends als -letzte zu Bett, morgens als erste auf.‹ - -»Bekucken Se sich mal dem Fina seine Fingeren, junger Mann, wie die -verarbeit’t sind,« sagte er dann wohl und sah so gerührt aus, daß auch -der blonde Westfale weichmütig wurde. »Un alles für den Jung’, den -Faulenzer, den Peter, der nix thun möcht’, als dem lieben Gott den Tag -abstehlen un der Mutter auf der Tasch’ liegen!« - -Insofern hatte das Humpelbein nicht ganz unrecht: Josefine hatte Sorgen -um ihren Peter gehabt. Mit Händen und Füßen hatte der sich gesträubt, -den Platz als Lehrling einzunehmen, den ihm Onkel Friedrich mit vieler -Mühe in der Fabrik auf der Grafenberger Chaussee, wo man die schönen -schmiedeeisernen Gitter machte, besorgt hatte. Der Junge war krank -geworden. O, die Fabrik, die Fabrik! Er schlich umher und war blaß wie -Wachs, richtig wie ein bleichsüchtiges Mädchen, sagte der Doktor, den -die besorgte Mutter rief. - -So waren sie nun übereingekommen – ganz den Willen konnten und wollten -sie dem Jungen nicht thun – ihn zu einem Anstreicher in die Lehre -zu geben. Die Werkstatt des Malermeisters Cremer war einem Atelier -doch zum Verwechseln ähnlich. Das Anstreichen war der Peter denn auch -leidlich zufrieden. Vorderhand durfte er freilich nur erst ›Pliesterer‹ -sein und Hauswände und Hofmauern weißen, aber bald sollte er zur -Ölfarbe avancieren.– - -Der Sommer stand auf der Höhe, die riesige Fronleichnamsprozession war -längst vorbei, auch die Jubelfeier des Martyriums der Apostelfürsten -Petrus und Paulus; die Neununddreißiger hatten ihr Erinnerungsfest -an die Schlacht bei Hammelburg begangen – da drückte sich schon der -junge Peter einen Kalabreser auf den Lockenkopf, wie ein echter -Kunstbeflissener. - -Von dem Thaler, den ihm Onkel Friedrich einst gutgelaunt in die Hand -gesteckt, hatte er sich sofort in der permanenten Ausstellung bei -Schulte abonniert; sehen wenigstens wollte er Bilder. Aber er malte -auch endlich selber eins – seine Mutter. - -Mit einer seltsamen Bewegung saß Josefine dem Sohn an den -Sonntagsstunden, an denen das Lädchen geschlossen war. Heimlich that -sie’s, wie eine Sünde; sie schämte sich vor den Nachbarn, vor den -Brüdern, vor der Mutter. Die würden sagen, sie sei närrisch mit dem -Jungen. - -Draußen brütete die Hochsommersonne auf dem Pflaster, oben in der -versteckten Bodenkammer war der Nachmittag auch nicht kühl. Eine hohe -Röte lag auf Josefines Wangen und verlieh ihren Augen gesteigerten -Glanz. Sie saß auf einer alten Kiste und lächelte voll geheimen -Entzückens den Sohn an, der ernsthaft und eifrig den Pinsel über die -Leinwand führte. Eine stolze Freude überkam sie: das sollte sie sein, -sie? Wahrhaftigens Gott, der Jung’ konnte malen! - -Aber ein geheimes Grauen überlief sie, und sie wollte es ihm ausreden, -daß dies ein Muttergottesbild werden sollte. Wie konnte das =ihre= -Züge tragen?! Sie hatte ja nicht Krone, noch Mantel, noch ein -sternbesticktes Gewand; auch Lilien ließ er nicht neben ihr sprießen. - -»Dat thut auch nit nötig,« sagte er. »Ich denk’ mir dich hier als die -Maria, wie sie noch jlücklich war. Aber kuck ens – hier dat Fältchen -zwischen den Augenbrauen – siehste, dat deut’t schon drauf hin, dat se -Leid kriegt. – Mutter, du brauchst doch nit als jetzt bang zu werden!« - -Unwillkürlich hatte sich ihr Gesicht verfinstert; sie sah ihn an mit -einem unruhigen Blick. Er lachte hell auf, und da lachte auch sie -wieder. - -Sie malten weiter. Ferdinand war mit dem Jüngsten nach Stockkämpchen -marschiert – mit dem Fritz konnte man den Invaliden ruhig ziehen -lassen, der paßte schon auf, daß der Onkel nicht des Guten zuviel that -– niemand störte die Sitzung. Stunden vergingen, sie merkten es nicht; -er nicht in seinem Eifer, sie nicht in ihrem Glück. - -Sie sprachen nicht. Josefine hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu -rühren. Unverwandt hing ihr Blick an Peter: wie seine Augen leuchteten! -Und auf der hellen Stirn, unter den dichten Haarringeln, perlte -ihm der Schweiß vor. Und wenn er dann und wann zurücktrat, um mit -prüfendem Blick sein Werk zu betrachten, strahlte sein ganzes Gesicht. -Tausend Sonnenfünkchen spielten auf seinem weißen Malerkittel; über -die verstaubten Dachsparren tanzten goldene Lichter. Auf den grauen -Wänden, auf all dem alten Gerümpel eine Flut von warmem, lebensvollem -Sommerglanz. - -Als endlich die Dämmerung kam, schlichen sie leise herab von ihrer -Bodenkammer. Noch waren sie allein. Sie gingen über das enge Höfchen -in das kleine Gärtchen. Beide atmeten tief. Und sie schritten um die -kleine Bleiche in der Mitte des Gärtchens, auf die schon der Tau -fiel, immer rund herum und Hand in Hand, bis daß es ganz dunkel war -und nur am verwitterten Plankenzaun der alte Rosenstrauch mit seinen -mattduftenden, hängenden Blüten noch gespenstisch schimmerte. - - - - -XXIII - - -Herr und Frau Schnakenberg waren in Paris gewesen. Sie hatten sich -alles mögliche von dort mitgebracht; es war eine förmliche Ausstellung -in ihrem Haus auf der Königsallee. - -Gleich der Läufer im Flur kam von der Weltausstellung. »Persianisch,« -sagte Herr Schnakenberg. Und der Teppich im Salon war aus ›Ka–iro‹. Und -in jeder Ecke stand ein Spucknapf, der war aus Kokusnußschalen von der -Südsee; das war doch was andres, als die gewöhnlichen ›Quispeldörchen‹! - -Den Garten zierten allerlei Gnömchen und Hasen und Rehe aus Porzellan. -Der Transport hatte freilich mächtig gekostet, Herr Schnakenberg -verriet nicht wieviel. - -Frau Trina hatte mehrere seidene Kleider eingekauft: schwarze Seide aus -Lyon, rohe Seide aus China, von leibhaftigen Würmern gesponnen. Auch -Stickereien aus der Schweiz und Valencienner Spitzen, schöne Sofakissen -und eingelegte Perlmuttertischchen und Vasen mit unverwelklichen -Blumen. Ihr Hendrich hatte ihr zum Andenken an die Reise ein Armband -aus Marokko um’s Handgelenk gelegt und eine Brosche mit römischer Kamee -an den Busen gesteckt. - -Das Reizendste aber war die Nuß mit einem winzigen Schachspiel darin, -die sie dem Ferdinand mitgebracht hatten, und der kleine Regenschirm -aus Elfenbein für Josefine. Wenn man durch ein Löchelchen oben an -dessen Griff guckte, sah man die ganze Pariser Weltausstellung und die -Porträts von Napoleon und Eugenie und Lulu. Jeder der Angehörigen, auch -Peter und der Kleine, bekamen ein Stück Veilchenseife aus Parma und ein -Flacon Rosenöl aus den Gärten von Schiras. - -Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in -den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch -von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse -aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den -Hammer Kappes. - -Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich -nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s -Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg -hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn -der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die -Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen -Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch -mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie -die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen -Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte, -wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in -malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen -Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten -Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke. - -Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt! - -Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es -gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen -zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren -losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht. -Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert. - -»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der -Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser -waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele -junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt? -Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt -zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja -gar keine Kunst! - -Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um -war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der -Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es -einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger, -kein lumpiger Anstreicher! - -Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er -roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des -Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen, -wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über, -aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹ -sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹ - -Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen -Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in -den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik -steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und -sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen -der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König, -den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf: -warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was -zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden -die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig -sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.! -Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit -erinnerten. – – - -Am 20. August wurde König Wilhelm, auf der Reise zum Kölner Florafest, -in Düsseldorf erwartet. - -Ein patriotischer Lokalpoet begrüßte ihn: - - ›O König, Führer du der Künste und Gewalten, - Mag Gott in Frieden dich noch lange uns erhalten!‹ - -Die gesamte Bürgerschaft jubelte Willkommen. - -Als der Zug mit dem königlichen Gast in den Bahnhof einlief, flammte -vom Turm der evangelischen Kirche ein riesiges, feuriges W; die -Kaserne, das Präsidialgebäude, der Jägerhof, das Rathaus strahlten. -Überall Illumination. Besonders das Hotel ›Zum Prinzen von Preußen‹ -that sich hervor; das einst verbannte Schild thronte zwar längst wieder -oben, heut aber war es wie ein Transparent durchglüht und zeigte in -stolzem Freudenschein den prinzlichen Namen. Pechpfannen loderten, ein -mächtiger Feueradler reckte seine Krallen. - -Ein endloser Fackelzug – vierhundert Sebastian-Schützen voran – bildete -Spalier. In der Königsallee quetschte sich die Volksmenge, einen Blick -auf den Gefeierten zu erhaschen; die Hand mußte ihm ganz lahm werden -vom vielen Grüßen. Kinder hingen auf Bäumen und Laternenpfählen; und -auch Josefine stand auf einem Prellstein an der Benrather Brücke. - -Eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, gucken zu gehen. Nur -auf dem Weg zu ihrer Mutter war sie in den Trubel geraten. Sie wunderte -sich, daß die Bürger so laut jubelten, – hatten sie, vor nicht zu -langer Zeit, nicht noch ebenso laut geschimpft?! Ganz verdutzt stand -sie auf ihrem Prellstein; auch wenn sie gewollt, sie hätte nicht wieder -herunter und weiter gekonnt, um sie breitete sich ein Meer von Köpfen, -von winkenden Armen, von wehenden Taschentüchern. - -Ein aufgeregtes Flüstern, ein Raunen und Tuscheln ging durch die Menge: - -»Kömmt he?« - -»Wo, wo, wo?« - -»He küt, he küt!« - -»Hurrah!« - -»Hoch, hoch, hoch!« - -Immer mehr schwoll der Ruf an: - -»Es lebe König Wilhelm! König Wilhelm! König Wilhelm!« - -Und nun klang majestätisch: - - ›Heil dir im Siegerkranz!‹ - -Die Musik spielte es, brausend fiel die Menge ein, das Volk warf sich -fast vor die Räder. - - ›Herrscher des Vaterlands – - Heil König dir!‹ - -Der Wagen mußte halten. - -Schlicht, im dunklen Soldatenmantel, blitzend nur die Helmspitze – der -Jäger auf dem Bock war feiner wie er – saß der König da. - -Also das war er?! - -In erwachter Neugier reckte sich Josefine. Der hübsche, alte Herr -mit den weißen Bartkoteletten – hm – also das war der Herrscher des -Vaterlands?! - -Er lächelte über’s ganze Gesicht, er grüßte unablässig. - - ›Fühl in des Thrones Glanz - Die hohe Wonne ganz –‹ - -O, wie er lächelte! So gut, so von Herzen! Josefine wurde es warm. Das -war kein Herrscher, das war der Mann, auf den ihr Vater gehofft! Es gab -ihr inwendig einen starken Ruck. - - ›Liebling des Volks zu sein!‹ - -brauste der Chor. - -»Heil König dir!« Sie hatte ihre Stimme mit erhoben, ohne es zu wissen. -Hell übertönte ihr starker Ruf den Gesang umher. Hoch hatte sie sich -auf dem Prellstein aufgerichtet in ihrer ganzen Stattlichkeit, ihr Tuch -sich vom Hals gerissen und schwenkte es nun heftig: - -»Heil König dir!« - -Nun sah er sie – sie ganz besonders! Ja, sie fühlte seinen Blick. Und -dann lächelte er gütig und nickte. Ach, er nickte, er winkte! Ihr, -hatte er ihr nicht ganz besonders zugenickt?! - -Ihre Arme streckten sich aus, ihr Herz schlug ihm entgegen, hingerissen -von so viel Freundlichkeit. - -Sie stand noch verträumt, mit heißgeröteten Wangen, als eine bekannte -Stimme sie aufschreckte. - -»No, Finken, als auch kucken jejangen?« - -Es war Schnakenberg. Er trug seinen feinsten Rock und den Stock – die -Weinrebe mit dem goldenen Knopf –, den er sich aus Paris mitgebracht -hatte. - -»Haben Se ihn auch jesehn?« fragte Josefine noch zitternd vor Erregung, -»den König, den König?!« - -»Och, eja, en janz nette Mann,« sagte Schnakenberg. »Ene janz artige -Mann. Et is ens jut, dat de von Bismarck nit mit derbei war, da wär’ et -unjemütlich jeworden, denn de –« - -Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut -is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen. -Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder -auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit -sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens -Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König -lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon -hat en noblere Kutsch’. De hat mehr _savoir-vivre_ – aber kann ei’m -dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er -blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die -Uehl, in der Ratingerstraße führte. - -Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude -fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst -am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden -Kastanien wandelten. - -Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den -Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden -Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu -sein schien! - -Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend. - -»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau -Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen -alles an, was diesen Tag bewegte. - -Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im -Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen -war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes -zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen -Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast -nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die -dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich -Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm. - -Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die -Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine -Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig -eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das -Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb. - -Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband, -die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn -ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an -sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot. -›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das -nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich -hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und -klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem -armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte -sie die das ganze Jahr aufgespeichert. - -»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben -Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte -den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der -Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie -man einen Sohn lieben kann. - -So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften -Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen -Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in -der Feldwebelwohnung gereiht. - -Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand. -Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein -froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters -Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du -lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim -Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein -Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst -das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen -lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah; -wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der -Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf -sein miserables Schicksal. - -Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal -geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹. -Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon -mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig -erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf -mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff -konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um -Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die -Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den -Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er -auf die Matrosenschule gegangen. - -Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal -schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben, -aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar -nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte! - -Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?« - -»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte -Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten -Händen, in das trüb brennende Lebenslicht. - -Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter -wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand -auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes -Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren -mit Erinnerungen, die nur =heute= Erinnerungen waren, sonst vergessen -standen und verstaubten. – - -Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten -Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem -Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen -Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte -noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie -Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim -Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun -gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. – - -In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie -auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube -bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹ -Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann -nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte -der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff -nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte -sie, ganz in Angstschweiß gebadet. - -Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach, -drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der -Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren. - -Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten: - - ›Freut euch des Lebens, - Solang das Lämpchen glüht.‹ - -Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie -den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all -die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und -alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu -entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig! - -»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz -vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte. - -Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt, -auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den -König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab. - -Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von -Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein. - -Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte -und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte -sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß: - -›Die Rekruten.‹ - - - - -XXIV - - -Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu -gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe -und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst -und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats -brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im -Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die -dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen. - -Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren. - -War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel -anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte -genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m -Malkasten! - -Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals -beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros -der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus -der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹ - -Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, -da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der -Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach -zur Tagesordnung über. - -Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König -Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und -zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer -würdigen Summe zu beteiligen, war man einig. - -Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen -Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums -entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. -Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein -Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil. - -Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 -begann. – - -Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen -Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes -beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und -unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. -Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern -wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen -oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: -›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach -hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, -– zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein -Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und -Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft -drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern -glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, -ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen. - -Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen -Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne -erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die -Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten. - -Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende -Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen -hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch -unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von -Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie -sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, -unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen -Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett -hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: -sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt -hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch -von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen. -Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht -glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die -hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, -als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken -mußte! - -Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch -um. – – – – - -Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine -Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr -geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine -Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon -herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler -werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier -streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel -entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit -geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine -Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön, -so strahlend hell, so voll von Farbe. - -Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei -fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und -gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen -Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er -sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer -seiner Mutter. - -»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm -freundschaftlich auf die Schulter. - -Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch. -Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben -eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so -frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch, -kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja, -freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie -mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm -um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz. - -Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je -bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar -der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der -Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem -Lendentüchlein und fliegendem Spruchband: - - _Gloria in excelsis Deo!_ - -Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken -ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den -Schießständen im Bilker Busch. - - * * * * * - -Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die -schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte -dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik -nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit -ihrem, durch ihren jungen Sohn. - -Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt -Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die -frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm -zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen -Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die -Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; -aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen -Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen -machten ihnen Konkurrenz. - -Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal -am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die -kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im -jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die -Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen -Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken. - -Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch -am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und -sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, -jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank -nieder in den Schoß der empfangenden Erde. - - * * * * * - -Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte -unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen -zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an: - -›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹ - -Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, -und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst -nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte -noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, -dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag -eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb -erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, -die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses -ganz Neue. - -Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – -der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu -seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er: - -»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, -wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat -Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die -ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un -dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat -is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! -Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will -ich auch malen!« - -Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – – - - * * * * * - -Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon -am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine -Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der -Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute -von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze -brütete in den Straßen der Stadt. - -›_Maran atha_ – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame -Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht -bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig -angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich -fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte -es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen -Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne -rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas -merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die -Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen -Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu -nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum -Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr -ganz besonders glänzend werden. - -Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger -stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme -im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in -die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien, -deutschen Rhein!‹ - -Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch -viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der -Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo -kam das – was sollte das bedeuten?! - -›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man -hielt den Atem an. - -Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der -französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur -Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert! - -Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und -die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung! - -Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs -angeschlagen. - -Krieg, Krieg! - -»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie -Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter -der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! -Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, -Krieg! – Das kam zu rasch. - -»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, -»oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –« - -Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen -und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine -Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte -ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die -Kehle zu. - -Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von -den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der -Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor -einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst -still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und -lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder -recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände -angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und -flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen -waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech -war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den -Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der -haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und -Vaterland!‹ - -Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat -oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich -gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, -Rhein. - -Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die -Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es -wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur -kommen, die Halunken, die Franzosen! - -Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es -heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, -wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen -Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die -Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte -es gleich losgehen. - -Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf -und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst -angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl -gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch -die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das -Lied von der ›Wacht am Rhein‹. - -Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum -Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser -Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen -geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte -ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte -sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach -Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel -zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, -so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte -sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau -gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in -irgend einem Wirtshaus fest. - -Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der -hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun -wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, -zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz -heftig pochen ohne Unterlaß. - -Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den -Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es -sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt -hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen -sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer -Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind, -als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum -finsteren Nachthimmel aufstieg: - - ›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, - Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹ - -Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon -Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich -hörte sie seinen Schritt. - -»Mutter.« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n -Abend.« - -Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat -sagste derzu? Krieg!« - -»Un ich muß mit,« sagte er dumpf. - -»Och Jott, ja!« - -Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck -durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd -lehnte sie sich gegen die Hauswand. - -Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und -starrte vor sich hin. - -»Jesus, ja, och mein Jung’!« - -Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an -die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der -Zapfenstreich! - -Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten -verschwand er jenseits im Kasernenthor. - -Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus -den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der -lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. -Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen -fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne -das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein. - -Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte -wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. – - -Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden -in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig -schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger -Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt -hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren -Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, -sie alle stellten sich als Freiwillige. - -Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen -vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie -engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas -kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – -es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich -der Thränen, die sie geweint. - -Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher -›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, -dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen -vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und -Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten -sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene -Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein -jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging. - -Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für -verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s -Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen -Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt -hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im -ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum -kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu -zupfen. - -›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die -zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! -Alle geben für alle!‹ - -Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen -Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen -stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! -Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel. - -Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp -arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West -– Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. -Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten -zu wollen. - -Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis -Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in -erlösenden Fluten. - -›Betet, betet!‹ - -Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen -ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und -nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut. - -»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten -Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des -Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der -Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!« - -Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten -Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: -»Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, -Amen!« – - -Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt -so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es -doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete -Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie -auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die -Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; -kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie -sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten. - -Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, -was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch -an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz -mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so -blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, -da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben -die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr -in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld -zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und -die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen -zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in -allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in -Flammen, die niemand künstlich geschürt. - -›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem -denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – -recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten -sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend -blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das -ganze Vaterland, das ganze Deutschland: - - ›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze, - Du bist und bleibst ein deutscher Strom! - Ich schaue dich im Freiheitslenze, - Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹ - - - - -XXV - - -Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer -gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der -Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten -noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die -Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre -Söhne zogen heut in’s Feld. - -Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am -Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die -Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als -besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter -die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er -hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett -gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine -Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder -wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und -Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen. - -Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf -ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch -geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte -sie Abschied von ihm nehmen. - -Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den -Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm. - -»Wie is dich?« fragte sie zärtlich. - -Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden -gesenkt. - -Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie -jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine -Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht -längst gemerkt! - -»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob -ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!« - -»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr -niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren -Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust. - -Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still. - -Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits -von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er -und drückte seinen Kopf fester an: - -»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit -seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben -müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e -so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird -nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick -um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel, -Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’ -ich dann verbrochen?« - -»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in -den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg -ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte -ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich -auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!« - -»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!« - -»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf. -Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is -dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de -würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß -allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau -– wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn -de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die -Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde -hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!« - -Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen. - -»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un -wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß -se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme – -»totschießen, mir is’t ejal!« - -»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm -gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!« - -Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte -ihn ja doch lieb! - -»Mutter, Mutter!« - -»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur -heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit -dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und -drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir, -sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester, -mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter – -»sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!« - -War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus -ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht -an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte, -wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie -gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie -zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich. - -Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s -Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem -Sohn mit auf den Weg: - -›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹ - -Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand -in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt -selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete -sich ja nicht seiner selbst wegen. - -»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!« - -Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war. - -»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit. -Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines -Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et -mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!« - -Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich -noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick -richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel. - -Es war wie ein stummes Beten. - -»Un nu jeh,« sagte sie. - -Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte -den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es -trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln. - -»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!« - -Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie -hastig die schönste Rose ab. - -»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!« - -Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – – - -Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die -ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab -ihnen das Geleit. - -Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über -der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr; -Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der -Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie -auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: -»Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!« - -Und alle Nachbarn winkten: - -»Adjüs, Peter, adjüs!« – - -An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und -der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen -überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter -genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister -an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur, -Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins, -und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf. -Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern -winkten den scheidenden Helden Lebewohl. - -Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden -gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte -noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen, -blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen, -für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch. -Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch -zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies -lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man -dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und -Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden -Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf, -den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen -mögen. - -Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und -betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach -Hause laufen. - -Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht, -wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt, -sie mußte nachsehen und aufräumen. - -Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich -vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein -Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und -starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter -den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf -nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort! -Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem -zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie -die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit. - - * * * * * - -War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur -Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften -zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an -Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt, -passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem -Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den -Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra, -Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen -hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach -Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten -auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen -Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben. - -Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten. - -Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der -letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport -eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen -– zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber -holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour -seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er -ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen. -Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her -rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die -ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren! -– und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für -deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und -Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm -zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter -keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte -er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine -lieben Söhne. - -So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie -knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch -auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht -weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf. - -Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie -hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können? - -Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr -Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus, -die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst -die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre -Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue -Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus -wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten -sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig. - -Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem -niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum -größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und -gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz -wurden Baracken gebaut. - -Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften! -Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr -jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute -Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben, -freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine -schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile -heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte -jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die -blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und -Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim -glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er -sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere -in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen -Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja, -er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr. - -Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin, -dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild, -versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte -sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen -den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein, -sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf -sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr -aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo -würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er -fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit -ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute? - -Nur was thun, was thun! - -Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie -so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen. -Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine -Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war -doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig -jehn, ich pass’ schon auf!« - -So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der, -längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten -war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie -ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor -freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die -enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen! - -Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da -entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte -ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren -Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu. - -Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht: - -»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?« - -»Jawohl, Herr Oberstleutnant.« - -»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen -Schnurrbart. – - -Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen -zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte -man der Verwundeten. - -Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete -ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der -Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer -war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?! -Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so -unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen -Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage. - -Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß -die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen, -dies: - -›=Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei -Weißenburg.=‹ - -Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und -furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter -Donner: - -›=Siegreiche Schlacht bei Wörth.=‹ - -Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst -nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem -Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem -Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg! - -Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und -Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein -Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel -Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?! - -Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges -Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte -wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es -dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg! - -›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter -Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon -schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von -seinem Grund strahlend zum Tageslicht. - -Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch -immer predigte: ›_Maran atha_ – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den -Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht – -das jüngste Gericht brach an über die Franzosen. - -Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel; -auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch -sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit -hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug -hören, es nicht genug selber künden: - -»Sieg!« - -Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch -die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde -jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland -mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem -Schwert: Sieg, Sieg! - -Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in -stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus -dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit -sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief: - - ›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch - an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹ - -›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin. -Wenn =er’s= nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo -war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein, -keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel -hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen: -›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹ - -War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei -Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am -sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres -war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei -Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren – -ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine -fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen -Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe -gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht. - -»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft, -der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’ -nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom -Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig. - -Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als -er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer -Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von -Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte -der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die -Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz, -eine Zeile, ein einziges Wort! - -Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die -Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier -Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen, -Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der -Landungsbrücke und am Zollthor. - -Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone! - -Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und -Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und -an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus: -›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten, -Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in -schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem -heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut. - -»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre -Junges jehetzt?!« - -Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese -braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten -verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten, -um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf -zusammengekrallten Hand zu ziehen. - -»Schlagt se tot, die Schweinhund’!« - -Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport -geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen. - -Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten -die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und -wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu -machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st! -Ein Toter!« - -Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke -überspreitet. - -O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben! -War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts -von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter -der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts -anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war -sie, wie weißes Wachs. - -Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als -ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein -ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenfahl herunter und gab ihm -einen tüchtigen hinten vor. - -Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still, -still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam -Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf -den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander, -preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende, -Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt, -seufzend, in Schmerzen ächzend. – - -Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten -auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre -Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der -Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen -in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht, -während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden. - -Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können -den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der -Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von -seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die -sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln, -sonst wäre sie gar nicht aufgewacht. - -Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich -und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester -herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas -verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es -mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß -sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu -thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen -lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den -Köpfen zusammenschlug. - -Endlich nähere Nachricht über Spicheren! - -›=Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke -Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.=‹ - -»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher -Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch -geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand -jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die -Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder, -einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort -bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel. - -Wer war verwundet? - -Viele. - -Wer war tot? - -Viele. - -Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen -Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang: - -»Haben Sie ene Sohn derbei?« - -»Och Jeses, ja!« - -»Un Sie?« - -»Ich auch!« - -»Un Sie?« - -»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!« - -»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau -kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann -wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!« - -Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde -die nächste Stunde bringen?! - -Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das -Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah -einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen? - -Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne -gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast -aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die -Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten. - -Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen -bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll -hoch und sahen nach ihren Instrumenten. - -Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch -sollten sie eintreffen. - -Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett -eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger; -vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte: -›_vive la France!_‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme -zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange -hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er -angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal -sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht -gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres -Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett -gestanden. Auch der hatte hier gelitten. - -Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand -gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am -Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor, -zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen, -zugelächelt. - -Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers -trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit -Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm. - -»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und -auch ein bißchen ruhen.« - -»Und Sie, Schwester?« - -Die Nonne sah heiter drein: - -»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der -fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.« - -»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der -Fahnenträger die Augen nach ihr rollte. - -»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie -schon von Spicheren gehört?« - -»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an. - -»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge -Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte. -»Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein -und die Thür zum ewigen Leben.« - - - - -XXVI - - -Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine -Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an -dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er -ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr. - -Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten -– sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn. - -Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte, -hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein -schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr -that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den -Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen. - -So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block, -treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen -durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen -Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte -sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu -Bett. - -Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung -senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz -still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen. - -Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu -Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden: - -»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau, -beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!« - -Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten: - -»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach -Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama, -bitte!« - -»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es -doch wissen!« - -»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren, -Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der -laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!« - -»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet – -besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen -früh noch einmal –« - -»Ich =muß= sie fragen! Gleich, jetzt!« - -Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch -schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten -– die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine -schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen, -dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin. -Sie sah Josefine. - -»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?« - -»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit -bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der -Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er -bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen. - -Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter, -die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem -Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie -eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im -Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett. - -Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich -dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen. - -Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja -ihren Sohn! - -Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um. - -»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann -fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid. - -Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter. - -»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck -des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?« - -»Um meinen Sohn!« - -»Um Ihren Sohn?!« - -Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie -schluchzte herzbrechend: - -»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann -ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!« - -Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die -schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie! -Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank -gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit -war weggeweint. - -»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine -Rinke.« - -»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau -rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!« - -Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen. - -Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre -Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!« - -Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese -leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden -Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie -kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen. - -»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb -ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage -wankte. - -Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß -ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! – - -Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch -längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des -neununddreißigsten Regiments: - -›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹ - -Die Summa war groß. - -Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den -Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth. - -Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in -allen Blättern: - - ›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August - im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser - einziger, inniggeliebter Sohn =Eugen Ernst August vom Werth=, - Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39. - - Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹ - -Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war -der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter -unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen -war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die -unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe -Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können. - -Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und -wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte -Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht -gefunden. - -»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester -Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit -Josefine zusammen pflegten. - -»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein -fehlendes Bein. - -»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend -anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit -mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.« - -»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un -de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit -Freud’ ernten!« - -Und der Kleine schmiegte sich an sie: - -»Mutter, ich bleib’ bei dir!« - -Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel -teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst -eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn -tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder -Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten -Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der -Straße sangen die Knaben Spottlieder: - - ›Was kraucht denn da im Busch herum? - Das ist der Herr Napolium –‹ - -Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den -Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und -beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen -mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, -Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie -fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr -empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, -besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. -Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die -Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt -waren?! - -Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, -Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte -geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer -waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten -zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu -helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. -Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln -bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter -Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner -wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es -galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und -alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken. - -Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das -schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte -die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche -graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich -umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber -jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ -Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben -auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten -Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann -’t de Junges schmeckt – bis morjen!« - -Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die -Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; -besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast -so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden -vorbei; für alle hatte sie nicht genug. - -Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es -schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine -Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, -lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur -seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten -sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. -Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast -ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes -Französisch wieder hervorholen?! - -Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube -mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, -die Thränen kamen ihm in die Augen.« - -Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen -andern bestimmt. - -»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu. - -Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit -einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen -und bewegte die trockenen Lippen: - -»_Des rai – des rai –!_« - -Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. -Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig -geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein -leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›_merci!_‹ -schloß er die Augen. - -»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er -vielleicht einen Weingarten gehabt!« - -Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm -am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und -abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast -das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte -darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte -sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger -Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da. - -Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah -er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, -daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen -Blick. - -Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter -über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er -ein wenig den Kopf und nickte: - -»_Pau–vre mère!_« - -Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. -Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es -war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich -etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen -stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick. - -Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, -französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber -Sohn! _Pauvre mère_ – das hatte sie getroffen in innerster Seele. - -Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch -bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, -das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, -matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte -ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der -Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an. - -»_Ma–man!_« - -Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte. - -Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam -und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum -konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr. - -Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere -Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt -die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die -Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen. - -Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne -brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der -ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten -Kirchhof begraben wurde. - -Und andre folgten ihm nach. - - * * * * * - -Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken -geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des -Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, -und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit -ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch -die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet. - -Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und -Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei -Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht -niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. -Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, -zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten -nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug -gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen -Bissen Brot. - -In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der -darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als -kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz -stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch -gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um -dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden. - -Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde. - -Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht -getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre -Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu -pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei -Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte. - -Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; -aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte -flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag -verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von -einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen -war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen -und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus -der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte -auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide -hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch -wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. -Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und -die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner -Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach -Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der -Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden -Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden. - -»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb -schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett -geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag, -wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom -Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden. - -Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der -Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er -so daliegen! - -»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er -Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und -nachdenklich. - -»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er -zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!« - -»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte -nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres -Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee -brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände -krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!« - -Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine -Stimme klang aufgeregt: - -»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so, -mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen -Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.« - -Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu -sehr. - -Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das -Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß -die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja – -aber =wie= war er gestorben, wie?! - -Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie -ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte -sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug -Schmidts Stimme an ihr Ohr: - -»Er starb wie ein Held!« - -Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust -sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das -war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde -zugesteckt beim Ausmarsch! - -Und er hatte das Vermächtnis angetreten. - -Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut: - -›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – – - -»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl, -bis zum Tode!« - -Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies -Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte. - -Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier -auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann -schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken -ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig, -sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe -jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre -Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! – - -Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens. - -»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat. - -Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren -von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark -empfanden für die Mutter daheim. - -Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West -des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten -Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst -und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹ - -»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in -der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des -Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n -kleenes Briefchen schreiben?« - -»Jern.« - -»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und -versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da -ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick -und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und -denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! -Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um -die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, -wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld -wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die -is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich -en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade -nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch -wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, -haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ -ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich -alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie -der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz -schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. -Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den -Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich -selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach -rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber -an die Juste schreiben Se man, bitte!« - - * * * * * - -Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, -fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in -Anspruch nehmend: - -›=Fahnen, Fahnen=! - -Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹ - -Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und -kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, -’rein – ’raus. - -»Sie wünschen?« - -»Fahnen, Fahnen!« - -»Schwarz-weiß?« - -»Nein, schwarz-weiß-rot!« - -Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu -jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine -lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen -Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere -Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen -Brandung: Sedan, Sedan! - -Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die -Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die -Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle -Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan! - -Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel, -kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen -– aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig -dreinharfender Wind: Sedan, Sedan! - -Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren -Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen -donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden -könnten –: Sedan, Sedan! - - ›=Gefangennahme des Kaisers Napoleon. Kapitulation der Armee Mac - Mahons bei Sedan=!‹ - -Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte -Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden! - -Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos -hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. -Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus -ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, -sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie -lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede! - -Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken -der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht. - -Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; -Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der -rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und -die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen: - -›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹ - -In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s -Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹ - -In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines -begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und -andre stießen mit Wein an. - -Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen -Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz. -»Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter -zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben -ihn, den Napolium!« - -Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, -hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen -merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die -bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars -la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und -Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein -die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die -draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften. - -»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« -brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er -wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen -wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr -seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten -–‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein -geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der -vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, -ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war -begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen -Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten. - -Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt -Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher -dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose -streichelte ihm über den Kopf: »_Ah, merci, mon petit, Dieu vous -bénisse!_« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden. - -Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie -für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer -Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was -sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte -Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die -andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung -ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die -Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich -sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten -und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?! - -Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut -nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. -Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz -war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne! - -Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war -Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die -vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: -›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s -Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und -dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich. - -Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen -Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten. - -Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen -waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt. - -Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, -trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant -umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. -Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der -Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine -Ansprache. Die Rede schloß: - -»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, -die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm -Heldenkönig!« - -Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster -geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und -Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹ - -Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast -lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang -deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte -sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das -Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? -Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der -Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – -er schluchzte: »_Oh ma patrie, ma pauvre patrie!_« - -Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht -bemerklich machen – _oh ma patrie!_ – nicht seine schmerzliche Scham -belauschen. - -Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom -andern Block herüberkam: - -»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder -so schlimm.« - -»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken. - -Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt. -Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.« - -Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte -den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum, -der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte -dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof -weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die -Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr. - -»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft. - -Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht -hoch genug, noch immer keine Luft. - -»Höher – höher!« - -Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem -Ringenden stützend in ihren Arm. - -Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte -Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen -geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre, -seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der -Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch. - -Nun kam der Geistliche. - -»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –« - -Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der -heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte -den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte. - -»Nehmet hin – und trinket alle daraus –« - -Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden -den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund -streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein -verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt -verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine -Augen waren ganz nach oben gekehrt. - -Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche: -›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war -eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer -neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und -Vater und Mutter führten ihn fort – heim. - -Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche -breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen -Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben -sich empor: »Amen, Amen!« - -Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und -Bett und den Sterbenden. - -Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten -Höhen: - - ›Heil dir im Siegerkranz, - Heil König dir!‹ - - * * * * * - -Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination, -bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und -Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das -knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte. -Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein -überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie -bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum -Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern -traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab. -Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein -dreifach donnerndes Hurra antwortete. - -Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s -Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein -letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der -Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis -bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische, -hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede, -Friede!‹ - - - - -XXVII - - -Es waren rauhe Herbsttage, die nun folgten. Selten hatte der Wind so -geblasen und den schäumenden Gischt des Rheins so hoch an die Ufermauer -hinaufgespritzt. Selten hatte die große Prozession, die sich, wie -alljährlich um diese Zeit, auf die Wallfahrt zur Mutter Gottes nach -Kevelaar begab, so ungünstiges Wetter gehabt. Aber nicht Regen, nicht -Sturm hielt die frommen Pilger ab; nie war der endlose Zug endloser -gewesen, der Düsseldorf betend passierte und dem sich hier noch endlose -Beter anschlossen. Es waren der bekümmerten Seelen heuer mehr denn je, -die in der Kapelle, darin schon so viele geopferte Wachsgebilde an den -Wänden hängen, vor’m wunderwirkenden Gnadenbild neue wächserne Füße und -Hände niederlegten. - -Schwarz hing das Kartoffelkraut auf dem Acker, modrig roch es auf -den Feldern, die Störche sammelten sich auf den Hammer Wiesen, die -Schwalben zogen fort, und frostig waren die Nächte. - -Vorsichtige Leute bestellten Kohlen und suchten die warmen Sachen aus -der Mottenkiste, bald war der Winter da – aber, ob auch der Friede? - -Es gab eine bittere Enttäuschung. Hatten doch selbst die Soldaten aus -dem Felde an die Ihren von baldiger Heimkehr geschrieben; aber Sedan -hatte den Frieden nicht gebracht. Wohl saß Napoleon auf Wilhelmshöhe, -wohl hatte Straßburg kapituliert und Orleans war erstürmt, doch noch -immer mußten die deutschen Jungen vor Metz im Morast liegen, frieren -und sich langweilen. - -Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden -gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen -und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief -verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt -erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor -Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten -sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine -Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung. -Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal -Weihnachten zu Hause feiern? - -Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten -der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht -auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll -unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über -dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den -Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut. - -Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte -sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend -kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte -dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat -kapituliert!‹ - -Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit -Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt -verlangte das Herz zu sehr nach Frieden. - -Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer, -und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten -Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und -ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und -die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf, -Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein, -Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen, -Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen -Krieger. Und der Bedürftigen waren viele. - -Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch -alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an -der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte -Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause. - -Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett. - -Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige -der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der -neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie -zu. - -Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder -seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die -Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie -der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie -geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß -noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!« - -Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte -sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das -war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm -doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß -geführt: ›Lieba Vata!‹ – - -Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s -die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die -jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene -Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen -Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke. -Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach -der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den -Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert, -über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel -wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr -entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten -Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die _gloire_ verloren, -alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war -endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den -ausgemergelten Körper in den Schnee und starb. - -Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein -eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging -nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich -die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden -glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man -einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch -gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten: -»_Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!_« - -Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten -die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den -abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie -hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit -heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich -in der Gier des Trinkens fast über den Kopf. - -Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen -Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden, -Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen -gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die -Suppe, die sie den Verschmachteten reichte. - -Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es -weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im -Schnee liegen; hier wollten sie sterben. - -Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter -ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und -reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt -hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus -– nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer -Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur -Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her. - -Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben, -was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter -hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke, -diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer -warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die -ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen -Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie -hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie -ihre leeren Hände. - -Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum -erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die -Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen -Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da. -Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin? -Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden, -der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte -nicht. - -»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der -Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da -unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’ -andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so -viel!« - -Da nickte sie ihm zu. - - * * * * * - -In die ernsten Stunden trüber Wintertage brachte der Besuch von Bruder -Friedrich ein freundliches Licht. Ruhig, aber doch von einem gewissen -Selbstbewußtsein erfüllt, teilte der Schlosser der Familie mit, daß er -demnächst die Aussicht habe, selbständig zu werden, das heißt so gut -wie selbständig: ein Konsortium von Geldleuten hatte ihn, neben einem -kaufmännischen Direktor, zum technischen Leiter eines neu zu gründenden -großen Etablissements für Fabrikation von Eisenbahnschwellen und -Schienen ausersehen. Mit Beendigung des Krieges sollte das Unternehmen -in’s Leben treten, bedeutendes Kapital stand zur Verfügung; und sein -Kontrakt war unterzeichnet. - -»Ja,« schloß er mit aufquellender Freude, »dat wär’ früher nit e so -leicht passiert, nur ene simple Schlosser, und so en Stell’! Aber -heutzutag’ jeht dat. In der Industrie wird nur jefragt: ›Wat leist’ de -Mann?‹ Hör’, du, meine Jung’« – er legte dem interessiert lauschenden -Fritz die Hand auf den Kopf –, »du sollst ordentlich in de Lehr’! -Direktor – dat is mir noch lang’ nit jenug für dich, selber dein ’hören -muß sie, die Fabrick!« - -Herr Schnakenberg war Feuer und Flamme, als er von des Stiefsohnes -Aussichten hörte. Wenn der Junge Kaution stellen mußte, er kam dafür -auf! - -»Ne, danke,« hatte der Schlosser mit Stolz gesagt, »Kaution brauch’ ich -nit. De Krupp sagt für mich jut, un dat is jenug!« - -Krupp konnte schon gutsagen, dessen Kanonen spieen die französischen -Festungen an – Thionville, Montmédy und wie sie alle hießen –, daß -sie klein beigaben. Und gar das große Paris schien zu zittern vor dem -Gebrüll der Geschütze von Friedrich Krupp. - -Mit Ungeduld wartete man auf die Kapitulation von Paris. Wenn Paris -fiel, das ›große Sündenbabel,‹ dann mußte es doch Friede werden! - -Weihnachten war gekommen, jedoch Christkindleins sanfte Lieder wurden -noch immer übertönt von rauher Kriegsmusik. Aber die unschuldigen -Kinder sangen doch unverzagt: - - ›O du fröhliche, o du selige, - gnadenbringende Weihnachtszeit!‹ - -Wer hätte sie schweigen heißen mögen?! - -Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige -Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an -dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino, -stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten -Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher -Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht -so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den -Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd -ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten; -sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu -den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig! - -›_Gloria in excelsis deo_‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband -des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr -hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten -Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m -Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah -sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das -Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres -Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: _Gloria in -excelsis deo!_ - -Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte -sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang -die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium -an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede -auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹ - -Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den -rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom -Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme. - -Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›_prussiens_‹ sangen. Sie -kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie -die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und -nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, _oh, merci, merci_, weiße -Brot, _très-bon_!« - -Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei -rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden, -der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz. -Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die -Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu -verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von -der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden -nichts, aber sie wanden sich vor Lachen. - -Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher -Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach -seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und -die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute -war alles ›_malheur_‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie -genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden. - -Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht, -durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren. -Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz -schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe. - -_Gloria in excelsis deo_ – in ihr war Friede. - - * * * * * - -Am 18. Januar ließ sich der greise König Wilhelm im Hauptquartier zu -Versailles vom starken Bismarck die junge Krone des auferstandenen -Deutschland auf die Stirn drücken. - -Das war eine Erfüllung. - -Der Rhein rauschte mächtig, und in sein Rauschen mischte sich der -Jubelhall der Ufer. Nun waren Wünsche erfüllt, die man längst als -hoffnungslos begraben. - -Warum hatte man denn einst laut gemurrt und die rote Fahne gehißt auf -den Barrikaden? Warum hatte man ein ununterdrückbares Sehnen getragen -all die Jahre? Warum hatte man des Volkes Jugend hingegeben auf -Schlachtfeldern? Alles nur darum. - -Es war ja die alte Märchenkrone, die so lange im Rhein geruht, tief -unten. Nun sollte sie erstehen in neuem Glanz; sie blinkte golden wie -die Sonne. - -Und wie die Sonne würde sie glänzen, mit gleicher Fülle über alle, über -ein einiges und über ein freies Volk. - -Manch alter Achtundvierziger, manch roter Demokrat jubelte mit; alles -Volk freute sich. - -Zwar kamen noch immer Verwundete, zwar rückte noch immer neuer -Landwehrersatz aus; aber man glaubte nicht mehr an Schlachten. Das -große Paris kapitulierte, das so hartnäckige Belfort folgte – nun war -das Eis gebrochen. - -Und Tauwetter flutete über die so lange winterliche Natur. Das erste -Starenpaar war in Josefines Gärtchen erschienen und bezog häuslich den -Kasten im Birnbaum. Der Lenz brach also wirklich an. - -Ach, nun war auch die weiße Taube des Friedens gewiß nicht mehr fern! - -Bald kam sie geflogen und baute ihr Nest für ewige Zeiten unter’m -Giebel des Hauses. - -Am 28. Februar meldete eine Depesche für ganz Deutschland: - - Friede! - - - - -XXVIII - - -Nicht so rasch als man gedacht, rückten die beliebten Neununddreißiger -wieder in ihre Garnison ein. Sie wurden noch immer erwartet, obgleich -der Frühling schon mit Macht über Deutschland gekommen und des Rheines -sonnenbeglänzte Wellen ruhig zwischen blühenden Ufern dahinflossen. - -Im Düsseldorfer Hofgarten waren die Veilchen bereits verblüht, reichere -Blumen drängten zur Entfaltung. Schon ließen die Kastanien auf der -Königsallee die weißen Blättchen ihrer Blütenkerzen niederwehen und -zeigten die Ansätze erster Früchte, da hieß es erst: sie kommen, sie -kommen! Anfang Juni sollen sie hier sein, vielleicht auch ein paar Tage -später. Aber sie kommen doch endlich, sie kommen! - -So war noch nie zu einem Empfang gerüstet worden: geliebte Kinder -kehrten ja heim, die Heldensöhne der Stadt. Wie sollte man sie -nur würdig genug begrüßen?! Kanonendonner und Glockengeläute -waren selbstverständlich. Und Flaggen sollten wehen von jedem -Haus und lustige Wimpel auf der Rheinbrücke winken, Ehrenpforten -sich wölben, das alte Zollthor selbst sollte sein düsteres Grau -unter grünen Gewinden verbergen. Sogar das Pflaster der Straßen -wurde jetzt schleunigst ausgebessert. Die Buchbinder kleisterten -Inschriftenschilder, die Maler pinselten darauf: ›Herzlich willkommen!‹ -Die Wirte schafften Fässer in die Keller, die Hausbesitzer ließen ihre -Fassaden neu abputzen, die Hausfrauen scheuerten vom Speicher bis zum -Keller, die Schuster stellten gestickte Pantoffeln in die Fenster – -das Eiserne Kreuz darauf mit Eichenzweigen – die Gärtner düngten rasch -ihre Lorbeerbäume noch einmal – die konnten ja nicht üppiges Grün genug -haben – und auf dem Grafenberg wurden die Eichbäume ausgeräubert. Die -Schreiner hämmerten an den Ehrenpforten, die Schneiderinnen nähten die -Nächte durch an festlichem Weiß für die jungen Mädchen und Kinder, -die Violinisten spannten neue Saiten, die Posaunisten probierten den -Jubelchor, die Trommler übten die schönsten Wirbel, und die Dichter -dichteten. Alles in Emsigkeit, in rüstender Geschäftigkeit, in -festlicher Erwartung. - -In der Kaserne hatte das Lazarett nun ein Ende. Wieder wurde dort -geweißt und getüncht, gekehrt und gescheuert. Bald haftete kein Hauch -der Wunden, des Leidens den Wänden mehr an; der frühere Knaster- und -Schimmelduft, der alte Kasernengeruch, würde wieder einziehen, zusammen -mit den wackeren Füsilieren. - -Das Scheiden aus der Kaserne wurde Josefine schwer. Die letzten -Genesenen hatten ihr die Hand geschüttelt und waren in die Heimat -abgereist; da hatte sie noch lange einsam in der ehemaligen -Feldwebelwohnung gestanden und vom Platz am Fenster auf den sonnigen -Exerzierplatz hinausgestarrt. So viele Soldaten, so viele Soldaten -würden dort bald wieder exerzieren, aber von denen, die sie liebte, war -keiner mehr darunter! - -Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde -ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken, -die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft -als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von -Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt? - -›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr -schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹ - -Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl -– da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s -Vaterland. - -»Ach –!« - -Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide -Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert. - -»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob -ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch! -Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger -Scheu. - -Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen. - -Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich -jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es -liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen -mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke, -recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern -in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß -wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und -Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme, -ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf -einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel -einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge -wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein -Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie -schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr -plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück! - -Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal -Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine -neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber -Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in -feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine -Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun -wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer -gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin. - -»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der -schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t -Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum -mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?! -Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’ -zusammen nach’m Kirchhof jehen!« - -Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die -Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es -war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch -schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der -heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das -Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe; -die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der -Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an, -sich zu öffnen. - -In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder -und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›_Va -banque Louis Napoléon_‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche -sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in -Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch -vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in -leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort: -›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹. - -Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten -Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den -Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert, -jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris -und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es -doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg; -manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald -da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer -mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten -werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter -Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten. - -Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die -Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob -er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot? -Sie konnten es nicht erwarten. - -Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß -einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten. - -Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag -in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken, -die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und -Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich -auszuhallen im Freudengeläut. – - -Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der -Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann -brauchte er kaum seinen Stock. - -Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all -die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes -Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid. - -Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen -mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie. - -Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der -Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber -geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen -guten Kameraden zu besuchen. - -Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum -großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein -berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten. - -Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was -war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus -weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob -sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den -Schritt – dort waren Leidtragende. - -Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern -verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt, -ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers. - -Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier. -Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner -Mann mit blitzenden Augen! - -»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz -erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide. - -Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in -Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben -sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt; -wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen -Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht. - -Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr -es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s: -das war der Viktor gewesen! - -Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungem sterbenden Helden, den -ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert: - - =Eugen Ernst August vom Werth= - Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39. - -Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des -gefallenen Neffen besucht. - -Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie -dahinwankte! - -Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts -mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes -Blinken der Epauletten zwischen den Büschen. - -Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich -noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie -früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so -viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie -eben an ihrer Jugend vorbeigegangen! - -Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m -Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch -vollen Blond gefunden. - -Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon -weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte. - -Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein, -mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund -herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel -bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten -sich dicht um des alten Preußen Grab. - -Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte -sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie -kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile. - -Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos -stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch -jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen, -der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt -die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß -sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit -Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da -steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß, -blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde. - -›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast, -als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine -kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte: - -»Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – lieber Vater, -ich dank’ dir!« - -Langsam richtete sie sich auf. Aber dann stand sie doch fest auf ihren -Füßen und nahm ihren Knaben an die Hand. Der war nun ihr einziger, -ihr letztes Glück – nein, noch ein Glück hatte sie, ein schmerzliches -freilich, dem sie auch noch Thränen schenken würde in stillen Stunden, -aber es war ein Glück. Sie hatte einmal etwas empfunden, eine -Begeisterung, die sie über sich selbst erhoben. Ihr Bestes hatte sie -hingegeben für’s Vaterland, so wie der Vater sie gelehrt. - -Und wenn jetzt der König kam, wie damals in ihrem Traum, und seine -Hand ausstreckte: ›Was giebst du mir?‹ Dann konnte sie auch ihre Hand -ausstrecken und, über das Grab ihres Sohnes weg, weg über Gräber von -Tausenden von Söhnen, ihm weite, schöne Länder zeigen: das ganze, -große, geeinigte Deutschland im höchsten Mittagssonnenglanz, – und -stolz zu ihm sagen: - -»Das gab ich dir!« - - - - -Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35. - -Die stumme Mühle - -Roman von - -Otto von Leitgeb - -Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.50 - -Aus den Besprechungen: - - -#Münchener Neueste Nachrichten.# Dieser Roman ist eine -durchaus eigenartige, literarische Erscheinung, ein Werk voll -großer Schönheiten, voll tiefen Ernstes und erfüllt von idealer -künstlerischer Lebensauffassung. Vielleicht wird mancher sich nur -zögernd entschließen, ein Buch zur Hand zu nehmen, das ihm für einen -Roman etwas zu umfangreich erscheinen möchte. Es ist auch kein Buch für -jene Kategorie von Lesern, denen es nur darum zu tun ist, mit möglichst -aufregender Lektüre eine müßige Stunde auszufüllen. Der Verfasser, -ein treuer Freund unseres unvergeßlichen Leibl, hat etwas von dessen -Eigenart in sein Werk übertragen, und so wenig wir an Leibl Haß und -Unvollkommenheiten kennen, so wenig werden wir auch hier Flüchtigkeiten -entdecken; manchmal will es uns sogar erscheinen, als hätte sich der -Verfasser hie und da allzu sorgfältige Ausmalung mancher Details -schenken können. Über dem ganzen Werk aber liegt, was wir an Leibl -schätzen: Naturtreue und Wahrhaftigkeit und innige Klarheit. - -#Neue Preußische (Kreuz) Zeitung.# Der Roman, den wir mit -Interesse gelesen haben, verdankt seinen ziemlich großen Umfang nicht -der Mannigfaltigkeit der Figuren und häufigem Wechsel der Szenerieen, -sondern dem auf die wenigen Gestalten verwendeten Fleiß und der Freude -an stimmungsvollen Schilderungen. Die Handlung kann wohl menschlich -ergreifen, und die Entwicklung vermag psychologische Vorgänge in -anziehender und anschaulicher Weise nahe zu bringen. Immerhin ist der -im Vordergrund stehende Charakter, ein Mann von Bildung, der jedoch -seines Lebens ernste Aufgabe in der Jugend nicht streng genug erkannte -und mit seinem verwundeten Herzen überhaupt nicht mehr in die scharfen -Forderungen absoluter Sittlichkeit hineinzudringen versteht, eine etwas -seltsame Natur, der auch in der Dichtung ein feiner Schleier umgehängt -ist. Wir glauben, die Figur wäre wirkungsvoller, wenn seine Liebe zu -Marie =ganz= ideal geblieben wäre. Es wäre etwas für die Menschheit -gewonnen. So kommt eine doppelte Schwäche in die Sache hinein. Die -Gestalt der Schwester ist tadellos gezeichnet, während das Ehepaar -doch zuletzt aus der Skizzierung nicht herauskommt, auch Marie, die -Frau, nicht, welche sich doch von Wolf, jenem erstgenannten Charakter, -so sehr entwickeln und zum Schluß verwickeln läßt. Dem Dichter steht -aber bei alledem Wahrheit und Sittlichkeit so hoch als wünschenswert; -er ist infolgedessen auch gerecht und beschönigt nichts. Die beiden, -welche schließlich den Rest des Lebensweges miteinander machen, sind -die kernigen, wenig angefochtenen Naturen. Eine originelle Nebenfigur, -sowie eine episodenartige Szenerie, die jedoch nicht ohne Verbindung -mit der gesamten Entwicklung ist, kommt dem Eindruck zugute. Die -Schreibweise ist einfach und entbehrt doch nicht großer Züge und -poetischen Reichtums. - -#New-Yorker Staatszeitung.# ... Auch in »Die stumme Mühle« von -Otto von Leitgeb sendet dieses Motiv (– die Ehe –) seinen beängstigend -fragenden Ruf. Tief unten im Flußtal, wohin die rings aufsteigenden -Bergwände keinen Sonnenstrahl dringen lassen, liegt die Mühle, die -noch keinem ihrer Besitzer Glück gebracht und oft lange Jahre hindurch -stumm geruht, nur von Daniel, dem alten Müllerknecht, behütet, dem -Hausgeist, der hin und wieder an die Mühlsteine klopft und die -Schaufelräder streichelt und laut mit den Schlüsseln klirrt, die in -den rostigen Schlössern knirschen, nur um doch einmal einen Laut zu -hören in der Stille und dem Schweigen ringsum. Denn einsam war der -Alte; sein Weib war ihm gestorben, sein Kind verdorben; und wie ein -Unglücksrabe kreist er um die stumme Mühle und kündet denen, die sie -an sich bringen, kein Glück. Auch Robert Willmut nicht, dem neuen -Herrn, der einst als Kind mit dem Töchterlein des benachbarten Auhofs -Mann und Frau gespielt, aber um das kräftig erwachsene, reiche Mädchen -nicht zu werben wagt und eine zarte, feine Treibhausblume aus der -Stadt als Weib heimführt: Marie. Aber die Kinderfreundschaft war nicht -vergessen, und zwischen der stummen Mühle, wo die junge Frau neben dem -nüchternen, rastlos tätigen Gatten sich in eine Traumwelt einspinnt -und in die Vergangenheit versenkt, und dem einsamen Auhof, den die -praktische, verständige Klara für den Bruder verwaltet, den Träumer -Wolf, der eine Jugendschuld büßend die Welt flieht, entwickelt sich -ein reger Verkehr. Denn diese Menschen sind aufeinander angewiesen; -sie bedürfen einander. Eine Reihe entzückender Stilleben, wunderbar -stimmungsvoller Naturbilder entrollt der Verfasser, aber fest und klar -schlingt sich mitten durch der Faden der Tragödie, des Schicksals. Wird -auch Marie, diese ideale Verkörperung des passiv Lust und Leid auf sich -nehmenden Weibes sich dessen, was ihrer Ehe zum Glück fehlt, nicht -bewußt; gesteht auch Klara, dieses arbeitstüchtige, mutige Mädchen, -sich nicht ein, daß die schwesterliche Hingebung ihr Leben trotz seines -Pflichtenreichtums nicht ausfüllt – tief unter der ruhigen Oberfläche -dieser tragischen Idylle lauert das Schicksal auf den Augenblick, da -es allgewaltig in das Leben dieser vier Menschen einschreitet und sie -aufrüttelt aus ihrem stummen Dahindämmern und Dahinträumen. - -Zu einer Tragödie der Selbsttäuschung spitzt sich die Handlung zu, als -Marie, die sich in der sonnenlosen Mühle an der Seite des poesielosen -Robert glücklich wähnt, allmählich verkümmert und dahinsiecht, -bis die Ahnung eines echten Glücks ihr den Todesstoß versetzt. -Seelenkundig hat Leitgeb die Wahlverwandtschaft angedeutet, die -zwischen Marie und Wolf besteht, dieser fein gezeichneten, unruhigen -Künstlernatur, und zwischen Robert und Klara, diesen beiden für das -Alltagsleben geschaffenen Menschen. Es sind Gestalten von packender -Lebendigkeit. Goldene Worte hat er Schmidt in den Mund gelegt, dem -Fünften im Bunde; einem Lebensphilosophen von fesselnder Originalität -und herzgewinnender Liebenswürdigkeit. Sympathisch berührt auch die -Gestalt des Landarztes mit seiner aus der Kenntnis menschlicher -Schwächen und Gebrechen gesogenen, viel verstehenden und verzeihenden, -milden Lebensweisheit. Das welsche Wanderblut der schönen Hannah, der -verbissene Proletariergroll Daniels, die prickelnde, lebensvolle und -schaffensfreudige Atmosphäre des Münchener Künstlerkreises vollenden -das wechselreiche Lebensbild. Sieghaft wie ein Sonnenblick durchbricht -manchmal ein schalkhafter Humor die Wolken und die Schatten der -stummen Mühle. Der Dichter versteht sich auf die Verteilung der -Kontraste. Die Szene in der Künstlerrunde, wo in Gegenwart Wolfs -von dem Bilde die Rede ist, dessen Modell Hannah gewesen, ist eine -Prachtleistung. Leitgebs Kunst ist eine feinnervige. Schon in seinen -Novellen offenbarte er sich als Meister im Erahnen und Erfassen der -flüchtigsten und verborgensten Seelenregungen, im Empfinden und -Wiederspiegeln der zartesten Naturstimmungen. Er schwelgt ordentlich -in dieser seiner eigensten Kunst. Aber er ist zu sehr Künstler, um den -Gang der Handlung dadurch aufhalten zu lassen; sie schreitet langsam -vorwärts, steigert sich ganz allmählich zum tragischen Konflikt und -bricht in dem Augenblick ab, da die alte Schuld gesühnt wird und ein -neues Leben beginnen soll für die drei Überlebenden in der Tragödie -der Wahlverwandtschaft, die sich uneingestanden in der stummen Mühle -abspielt. - -#Berliner Morgenpost.# Einen Band von nahezu vierhundert Seiten -durchzulesen, dazu gehört heutzutage in der Zeit der _short story_ schon -ein Entschluß. Man traut sich kaum, mit der Lektüre anzufangen, und in -den seltensten Fällen bringt man sie zu Ende. Hat man aber sich selbst -überwunden, so kommt man sich wie ein Triumphator vor und hat beinahe -die Empfindung, als schulde einem der Autor Dank. Nun, bei Leitgebs -Roman bleibt man von solcher Überhebung weit entfernt. Trotzdem die -Handlung durchaus nicht sensationell ist, also keinen stofflichen Reiz -bietet, folgt man ihr mit sich stets steigernder Spannung. Dabei hat -man immer wieder Gelegenheit, den großen Gesichtskreis des Dichters -zu bewundern, der alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, die -Beziehungen des einzelnen zur Natur und zur Allgemeinheit behandelt -und in einer Fülle von gedankenreichen Bemerkungen seine Menschen- und -Weltkenntnis zeigt. Unter dem Nachdenklichen des Buches leidet aber die -Plastik der Figuren durchaus nicht. In vollem blühenden Leben stehen -sie vor uns, und die »unwahrscheinlichste« von allen, der Schwärmer -Schmidt, am meisten. Mit einem Worte ein gutes Buch, das aber ernste -Leser verlangt. - - -Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co. - - - - -Liste korrigierter Druckfehler - - -Seite 6: Punkt am Satzende ergänzt (... gleich darauf fuhr sein Blick -wieder rollend über die Soldaten hin.) - -Seite 8: Punkt am Satzende ergänzt (Der armen, jungen Frau so den -christlichen Taufnamen zu verschimpfieren.) - -Seite 20: Punkt am Satzende ergänzt (Hinter dem letzten Pfeiler trat -Vater Zillges auf sie zu.) - -Seite 51: Punkt am Satzende ergänzt (Die Kleinsten konnten die Mutter -noch nicht entbehren.) - -Seite 60: Schließendes doppeltes Anführungszeichen nach -„Wiedersehen,‹“ entfernt (»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ -sagte er.) - -Seite 65: Öffnendes einfaches Anführungszeichen vor „Bunten“ ergänzt -(Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹. - -Seite 70: Komma am Satzende durch Punkt ersetzt (Aber schon war er bei -ihr und faßte ihr Handgelenk.) - -Seite 79: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Hörst du -denn gar nicht?«) - -Seite 79: Apostroph hinter „als“ entfernt (... aber er thut mindestens -schon so, als ob er Major wäre wie Papa.) - -Seite 81: „Freudin“ durch „Freundin“ ersetzt (Kräftig schlug sie die -Freundin auf den Rücken.) - -Seite 84: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Frech -Weit!«) - -Seite 93: Punkt am Satzende ergänzt (Selbst der Himmel ist sein; er -hält den umarmt im grauen Dunst.) - -Seite 100: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (Bande! -Verfassungsreform – was heißt das?!«) - -Seite 105: „gegesagt“ durch „gesagt“ ersetzt (»Ich begreife nicht, -Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, ...) - -Seite 115: Zweimal „Tina“ durch „Trina“ ersetzt (Aber Frau Trina ließ -sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, ... – »Rinke!« Frau -Trina sprach es vorwurfsvoll und ...) - -Seite 134: Gedankenstrich eingefügt (... die hatte er ihnen abgejagt – -aber beim Wilhelm, beim Wilhelm!) - -Seite 154: „Allerle“ durch „Allerlei“ ersetzt (Allerlei Burschen – -rechte Lotterbuben – mit roten Halstuchzipfeln, ...) - -Seite 166: Komma ergänzt hinter „los“ (Es war nirgends etwas los, der -Hofgarten zum sterben langweilig, ...) - -Seite 186: „flüsteree“ durch „flüsterte“ ersetzt (... und Conradi ihr -in’s Ohr flüsterte, ob sie ...) - -Seite 211: Schließendes einfaches Anführungszeichen ergänzt (... und -machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, ...) - -Seite 224: Schließendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Rinke, -ich jeh’ ens kucken!«) - -Seite 234: Punkt am Satzende ergänzt (Die Morgensuppe schmeckte heute -dem Feldwebel nicht.) - -Seite 243: „Straßenplaster“ durch „Straßenpflaster“ ersetzt (... -finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster.) - -Seite 256: Punkt am Satzende ergänzt (Sie hatte noch nie einen -leibhaftigen preußischen König gesehen.) - -Seite 262: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Na, na,« -tröstete der Feldwebel ...) - -Seite 270: „Wirshaus“ durch „Wirtshaus“ ersetzt (War’s denn erlaubt, -nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?!) - -Seite 281: „Kaferne“ durch „Kaserne“ ersetzt (Ein schriller Mißton -gellte durch die Kaserne.) - -Seite 298: „Konigsverräters“ durch „Königsverräters“ ersetzt (Du bist -der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters!) - -Seite 303: „abwährend“ durch „abwehrend“ ersetzt (Mit einem Angstschrei -sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem -wilden Grauen:) - -Seite 303: Öffnendes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Komm, -Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, ...) - -Seite 338: Punkt am Satzende ergänzt (Sie trat davor und hielt das -Lämpchen hoch.) - -Seite 338: „Klied“ durch „Kleid“ ersetzt (Seltsam genug stand das -schwarze Kleid gegen das helle Gesicht.) - -Seite 359: „Feldwebelwohnnng“ durch „Feldwebelwohnung“ ersetzt (Auf -einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und die Feldwebelwohnung -...) - -Seite 361: Punkt am Satzende ergänzt (Nun hielten die kräftigen -Kinderarme sie fest.) - -Seite 363: „Kartätchenprinz“ durch „Kartätschenprinz“ ersetzt (Der -Kartätschenprinz war ja nun König, ...) - -Seite 403: Punkt am Satzende ergänzt (... und machte das Zeichen des -Kreuzes über seine Gemeinde.) - -Seite 422: „Arzte“ durch „Ärzte“ ersetzt (... die gehetzten Ärzte -reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug.) - -Seite 422: Schließ endes doppeltes Anführungszeichen ergänzt (»Unsre -Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!«) - -Seite 425: Punkt am Satzende ergänzt (Josefine fuhr so hastig empor, -daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.) - -Seite 427: Doppelpunkt am Satzende ergänzt (Und dann des -Oberstleutnants dringendes Zureden:) - -Seite 429: Gedankenstrich eingefügt („Josefine blieb stumm, aber sie -zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche -Frau vom Werth?“) - -Seite 478: „beänstigend“ ersetzt durch „beängstigend“ (... seinen -beängstigend fragenden Ruf.) - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 74895 *** |
