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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:29:23 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Leben und Tod des Koenigs Johann + +Author: William Shakespeare + +Release Date: January, 2005 [EBook #7292] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on April 7, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Leben und Tod des Königs Johann. + +William Shakespeare + +Übersetzt von Christoph Martin Wieland + + +Personen. + +König Johann von England. +Prinz Heinrich, sein Sohn und Nachfolger. +Arthur, Herzog von Bretagne, Neffe des Königs. +Hubert, Vertrauter des Königs. +Pembrok, Essex, Salisbury und Bigot, Englische Lords. +Faulconbridge, nachmals Sir Richard Plantagenet, unehlicher Sohn +König Richards des Ersten. +Robert Faulconbridge, vermeynter Bruder des Bastards. +Jacob Gurney, Diener der Lady Faulconbridge. +Peter von Pomfret, ein Prophet. +Philipp, König von Frankreich. +Ludwig, der Dauphin. +Der Herzog von Östreich. +Cardinal Pandolpho, des Pabsts Legat. +Melun, ein Französischer vom Adel. +Chatilion, Französischer Gesandter bey König Johann. +Elinor, Königin-Mutter von England. +Constantia, Arthurs Mutter. +Blanca, Tochter Königs Alphonso von Castilien, und Nichte des +Königs Johann. +Lady Faulconbridge, Mutter des Bastard und des Robert Faulconbridge. +Bürger von Angiers, Herolde, Nachrichter, Boten, Soldaten und andre +stumme Personen. +Der Schauplaz, zuweilen in England, zuweilen in Frankreich. + + + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Der Engländische Hof.) +(König Johann, die Königin Elinor, Pembroke, Essex und Salisbüry + mit Chatilion treten auf.) + + +König Johann. +Wohlan, saget Chatilion, was will Frankreich von uns? + +Chatilion. +So spricht, nächst seinem Gruß der König von Frankreich, durch mich, +mit der Majestät, der geborgten Majestät von England hier-- + +Elinor. +Ein ausserordentlicher Eingang; geborgte Majestät! + +König Johann. +Seyd ruhig, meine werthe Mutter; hört die Gesandtschaft. + +Chatilion. +Philipp von Frankreich nimmt im Namen und in Kraft des Rechts von +deines verstorbnen Bruders* Gottfried Sohn, Arthur's Plantagenet, +rechtmäßigen Anspruch an diese schöne Insel, an Irrland, Poitiers, +Anjou, Touraine und Maine, und begehrt von dir, daß du das Schwerdt +niederlegest, das einer unrechtmäßigen Herrschaft über diese +verschiednen Titel sich anmasset, und solches dem jungen Arthur +einhändigest, deinem Neffen und rechtmäßigen souverainen König. + +{ed.-* (Geoffroi Plantagenette), Sohn des Grafen von Anjou, bekam +durch seine Vermählung mit König Heinrich des 1sten von England +einziger Tochter und erklärten Erbin, Matthilde, ein Recht an die +Crone von England, wozu sein ältester Sohn nachmals unter dem Namen +Heinrichs des 2ten würklich gelangte. Heinrich der 2te vereinigte +also mit der Crone von England Anjou, Poitou, Touraine und Maine, +und durch seine Vermählung mit Eleonor, Erbin von Aquitanien, (die +von ihrem ersten Gemahl (Louis le Jeune) von Frankreich, wegen +Untreue verstossen worden,) auch das Herzogthum Aquitanien. Seinen +ältesten Sohn Gottfried (von welchem hier die Rede ist), vermählte +er mit Constantia, Tochter und Erbin von Conan Grafen von Bretagne; +die Crone hingegen kam nach Heinrichs Tod an seinen jüngern Sohn +Richard (Coeur de Lion.) Nach dessen Abgang bemeisterte sich +(Johannes sine Terra), dessen Geschichte dieses Stük enthält, zum +Nachtheil Arthurs, des hinterlaßnen Erben seines ältern Bruders +Gottfrieds von Bretagne, der Crone, und der von Heinrich dem 2ten +derselben einverleibten Französischen Besizungen; und der darüber +zwischen ihm und dem König (Philippe Auguste) entstandne Krieg +macht den Anfang dieses Trauerspiels.} + +König Johann. +Und was folget, wenn wir uns dessen weigern? + +Chatilion. +Der stolze Widerspruch eines blutigen Kriegs, dir mit Gewalt die +Rechte abzudrängen, die du gewaltthätiger Weise vorenthältst. + +König Johann. +Hier haben wir Krieg um Krieg, Blut um Blut und Wiederspruch um +Wiederspruch; antwortet das dem König von Frankreich. + +Chatilion. +So nimm dann die Kriegs-Erklärung meines Königs aus meinem Munde, +den lezten Auftrag meiner Gesandtschaft. + +König Johann. +Bring ihm die meinige zurük, und so scheid' im Frieden; denn eh du +berichtet haben kanst, daß ich kommen werde, soll Frankreich den +Donner meiner Canonen hören.** Hinweg dann; sey du die Trompete +unsers Zorns, und das plözliche Vorzeichen euers Untergangs. +Pembrok, sorget dafür, daß er mit einem anständigen Geleit aus +unserm Reich entlassen werde; lebe wohl, Chatilion. + +{ed.-** Zu Anfang des dreizehnten Seculi nemlich.} + +(Chatilion und Pembroke gehen ab.) + +Elinor. +Wie nun, mein Sohn? Sagt' ich nicht immer, diese ehrgeizige +Constantia werde nicht ruhen, bis sie Frankreich und alle Welt für +die Ansprüche ihres Sohns in Flammen gesezt habe? Allem diesem +hätte man zuvorkommen und in der Güte beylegen können, was nun der +blutige und gefahrvolle Kampf zweyer Königreiche entscheiden soll. + +König Johann. +Unser völliger Besiz, und unser Recht-- + +Elinor. +Wenn unser Besiz nicht kräftiger ist als unser Recht, so muß es uns +beyden übel gehen; laßt euch mein Gewissen das ins Ohr sagen, da es +niemand hört als der Himmel, ihr und ich. + +Essex. +Gnädigster Herr, es ist hier eine Streitsache, die aus der Provinz +zu Eurer Majestät Entscheidung gebracht wird, die seltsamste, die +ich jemals gehört. Soll ich die Partheyen hereinführen? + +König Johann. +Laßt sie herein kommen--Unsre Abteyen und Prioreyen sollen die +Unkosten dieses Kriegs bezahlen--Wer seyd ihr? + + + +Zweyte Scene. +(Robert Faulconbridge und Philipp, sein Bruder, der Bastard, + treten auf.) + + +Philipp. +Euer Majestät getreuer Unterthan, ein Edelmann in Northamptonshire +gebohren, und wie ich behaupte, der älteste Sohn von Robert +Faulconbridge, einem Kriegsmann, den die ehrenvolle Hand des Königs +Richard (Coeur-de-Lion) im Felde zum Ritter geschlagen. + +König Johann (zu Robert.) +Wer bist du? + +Robert. +Der Sohn und Erbe von diesem nemlichen Faulconbridge. + +König Johann. +Ist dieser der Ältere, und du bist der Erbe? Ihr seyd also nicht +von einer Mutter, scheint es? + +Philipp. +Wir sind ganz gewiß von einer Mutter, mächtiger König, das ist +jedermann bekannt, und, wie ich glaube, auch von einem Vater; doch +wegen der Gewißheit dieses leztern Puncts muß ich Euer Majestät an +den Himmel und meine Mutter anweisen; denn davon bin ich nicht +gewisser als alle andre Menschen-Kinder. + +Elinor. +Hinweg mit dir, du ungesitteter Mensch! Schämst du dich nicht, +deiner Mutter Ehre durch diesen Zweifel zu verwunden? + +Philipp. +Auch thue ich es nicht, Gnädigste Frau; ich habe keine Ursache dazu, +das ist meines Bruders Sache, das geht mich nichts an; wenn er so +was beweisen kan, so bringt er mich wenigstens um schöne +fünfhundert Pfund des Jahrs; der Himmel schüze meiner Mutter Ehre +und mein Erbgut! + +König Johann. +Ein guter runder Geselle; aber warum macht er denn einen Anspruch +an dein Erbgut, wenn er der jüngere Bruder ist? + +Philipp. +Ich weiß nicht warum, ausser daß er gerne meine Güter hätte; es ist +wahr, er warf mir einmal vor, daß ich unehlich gezeugt sey, allein +das ist eine Sache, die ich lediglich meiner Mutter überlasse; ich +kan nicht wissen, ob ich ehlich oder unehlich gezeugt bin; aber das +weiß ich, daß ich eben so wohl gemacht bin als er. (Sanft mögen +die Gebeine ruhen, die diese Mühe für mich genommen haben!) +Vergleichet unsre Gesichter, gnädigster Herr, und thut den +Ausspruch. Wenn der alte Sir Robert uns beyde gemacht hat, und +dieser Sohn ihm ähnlich sieht; o alter Sir Robert, so dank ich dem +Himmel auf meinen Knien, daß ich dir nicht ähnlich sehe. + +König Johann. +Ha, was für einen Pikelhäring hat uns der Himmel hier zugeschikt? + +Elinor. +Er hat einen Zug von (Coeur de Lion's) Gesicht, und einen ähnlichen +Ton der Stimme; findet ihr nicht einige Ähnlichkeiten mit meinem +Sohn, in der stämmichten Gestalt dieses jungen Menschen? + +König Johann. +Ich betrachte ihn schon lange deßwegen, und find' ihn durchaus +Richard; + +(zu Robert.) + +Nun, Geselle, sage dann, was bewegt dich einen Anspruch an deines +Bruders Güter zu machen? + +Philipp. +Weil er ein halbes Gesicht hat, wie mein Vater; um dieses halben +Gesichts willen möcht er gerne mein ganzes Erbgut haben; ein +groschenmäßiges Halb-Gesicht, fünfhundert Pfund des Jahrs! + +Robert. +Mein gnädigster Souverain, wie mein Vater noch lebte, brauchte der +König, euer Bruder, meinen Vater viel-- + + +Philipp. +Gut, Herr, das kan euch nichts von meinen Gütern geben; ihr müßt +sagen, wie er meine Mutter brauchte. + +Robert. +--und verschikte ihn einst in einer Gesandtschaft nach Deutschland, +wo er über wichtige Angelegenheiten der damaligen Zeit mit dem +Kayser Unterhandlung pflegen sollte; der König machte sich indessen +seine Abwesenheit zu Nuze, und hielt sich die ganze Zeit über in +meines Vaters Haus auf; wie er's da so weit gebracht, daß er--ich +schäme mich es zu sagen; allein Wahrheit ist Wahrheit; Kurz, es +lagen Meere und Länder zwischen meinem Vater und meiner Mutter, wie +dieser junge Herr hier gezeugt wurde; das hab' ich aus meines +Vaters eignem Munde. Auf seinem Todbette vermachte er seine Güter +durch ein Testament mir, und blieb bis in seinen Tod dabey, daß +dieser, meiner Mutter Sohn, nicht der seinige sey; und wenn er's +auch wäre, so kam er volle vierzehn Wochen vor der gesezmäßigen +Zeit in die Welt: Ich bitte also Euer Majestät mir zuzusprechen, +was mein ist, meines Vaters Güter, nach meines Vaters leztem Willen. + +König Johann. +Mein guter Kerl, euer Bruder ist in der Ehe gebohren; euers Vaters +Weib brachte ihn während ihrem Ehestand; wenn sie untreu war, so +ist es ihr Fehler, und ein Zufall dem alle Männer ausgesezt sind, +welche Weiber nehmen. Sag mir einmal, wie, wenn mein Bruder, der +deinem Vorgeben nach, die Mühe nahm diesen Sohn zu zeugen, ihn +deinem Vater als seinen Sohn abgefodert hätte? Hätte nicht dein +Vater ein Kalb, das ihm seine Kuh gebracht, gegen die Ansprüche der +ganzen Welt behaupten können? Wahrhaftig, guter Freund, das hätt' +er können; gesezt also auch, er wäre meines Bruders Sohn, so hätte +doch mein Bruder keinen Anspruch an ihn machen, noch hätt' ihn euer +Vater deßwegen, weil er nicht sein sey, verläugnen können; aus +allem diesem folgt also, daß meiner Mutter Sohn euers Vaters Erben +zeugte, und daß euers Vaters Erbe euers Vaters Güter haben muß. + +Robert. +Soll denn meines Vaters lezter Wille keine Kraft haben, ein Kind zu +enterben, das nicht sein ist? + +Philipp. +Von keiner grössern Kraft mich zu enterben, Herr, als, denk ich, +sein Wille mich zu zeugen war. + +Elinor. +Was wolltest du lieber seyn, ein Faulconbridge, wie dieser hier, um +deine Güter zu haben; oder ein natürlicher Sohn von (Coeur de Lion), +ein Prinz vom Geblüte, und keine Güter dazu? + +Philipp. +Gnädigste Frau, und wenn mein Bruder meine Gestalt hätte, und ich +hätte die seinige, Sir Roberts seine, wie er; und wenn meine Beine +zwo solche Spindeln wären, meine Arme solch Aalhautiges Zeug, und +mein Gesicht so dünne, daß ich keine Rose* in mein Ohr steken +könnte, ohne daß die Leute sagten: Seht, da geht Drey-Viertels- +Pfennig--Und wenn gleich diese Gestalt Erbe von allen seinen Gütern +wäre, so will ich nimmer von diesem Plaz kommen, wenn ich sie nicht +von Fuß auf hingeben wollte, um dieses Gesicht zu haben; ich wollt' +um alles in der Welt nicht Sir Nobb seyn. + +{ed.-* Um diese Anspielung zu verstehen muß man wissen, daß die +Königin Elisabeth unter allen Beherrschern von England die erste +und lezte war, die Drey-Halb-Pfenninge, und Drey-Viertels-Pfenninge +schlagen ließ, auf denen sich ihr Bildniß bald mit bald ohne die +Rose, befand. Theobald.} + +Elinor. +Du gefällst mir; willt du dein Erbtheil vergessen, ihm deine Güter +überlassen und mir folgen? Ich bin ein Soldat, und im Begriff +wider Frankreich Dienste zu thun. + +Philipp. +Bruder, nimm du meine Güter, und laß mir mein Gesicht, das deinig' +hat dir fünfhundert Pfund jährlich erworben; aber wenn du es für +fünf Pfenning verkauffen kanst, so glaube du habest wohl gelößt. +Gnädigste Frau, ich bin bereit, euch bis in den Tod zu folgen. + +Elinor. +Was das betrift, so will ich lieber daß ihr mir voran geht. + +Philipp. +In unsrer Provinz erfordert die Höflichkeit, daß man die Vornehmern +zuerst gehen lasse. + +König Johann. +Wie nennst du dich? + +Philipp. +Philipp, Gnädigster Souverain, so ward ich genennt; Philipp, des +guten alten Sir Roberts seiner Frauen ältester Sohn. + +König Johann. +Von nun trage den Namen von dem, dessen Gestalt du trägst; knie +nieder, Philipp, um grösser aufzustehen. + +(Er schlägt ihn zum Ritter.) + +Steh als Sir Richard Plantagenet auf. + +Philipp. +Bruder von mütterlicher Seite, gebt mir eure Hand; mein Vater gab +mir Ehre, der eure giebt euch Land. Nun, gesegnet sey die Stunde, +es mag Nacht oder Tag gewesen seyn, da ich gezeugt und Sir Robert +abwesend war. + +Elinor. +Der echte Geist der Plantagenet's. Ich bin deine Großmutter, +Richard, nenne mich so. + +Philipp. +Durch einen Zufall, Gnädigste Frau, nicht in der Ordnung; doch was +thut das? Ob man zum Fenster hinein kommt oder zur Thüre, wenn man +nur drinn ist; näher oder weiter vom Ziel, wohl getroffen ist wohl +geschossen, und ich bin ich, ich mag gezeugt seyn wie ich will. + +König Johann. +Geh, Faulconbridge, du hast nun was du wünschtest; ein güterloser +Ritter macht dich zu einem begüterten Junker. Kommt, Madam; komm, +Richard, wir müssen nach Frankreich eilen, nach Frankreich, es ist +höchste Zeit. + +Philipp. +Bruder, leb wohl; ich wünsche dir viel Glüks, denn du bist mit +Erlaubniß der Geseze auf die Welt gekommen. + +(Alle gehen ab, bis auf Philipp.) + + + +Dritte Scene. + + +Philipp. +Meine Ehre steht nun auf einem bessern Fuß als zuvor, aber mein +Vermögen hat sich um manchen Fuß Landes verschlimmert. Sey es dann; +izt kan ich doch ein jedes Gretchen zu einer Lady machen--"Guten +Tag, Sir Richard"--Grossen Dank, Camerad--und wenn er Görge heißt, +kan ich ihn Peter nennen; denn neugebakner Adel vergißt der Leute +Nahmen; man würde zuviel vergeben, wenn man noch auf solche +Kleinigkeiten acht haben wollte, und solche Leute sind nicht fein +genug für eure Gesellschaft. Izt ist der gereißte Mann* meiner +Gnaden Tisch-Genosse, er und sein Zahnstocher; und wenn mein +ritterlicher Magen angefüllt ist, nun dann saug' ich an meinen +Zähnen, und catechisire meinen Spizbart aus fremden Ländern-- +(Mein werther Herr), (so fang ich auf meinen Ellenbogen gestüzt an,) +(darf ich euch bitten)--das ist nun die Frage; und dann kommt +gleich die Antwort wie ein ABC-Buch: (O mein Herr,) sagt die Antwort, +(ich bin gänzlich zu euerm Befehl, zu euern Diensten, ganz der +Eurige, mein Herr--Nein, mein Herr,)sagt die Frage, (ich, mein +werthester Herr, bin der Eurige;)und so, eh die Antwort recht +gehört hat was die Frage will, wartet sie euch schon mit einem +Dialogus von Complimenten auf, spricht dann von Alpen und Apenninen, +von den Pyrenäen und dem Flusse Po, und weiß das Gespräch so lange +hinaus zu ziehen, bis es vom Abend-Essen abgebrochen wird. Das ist +polite Gesellschaft, die sich für einen emporstrebenden Geist, wie +der meinige, schikt! Denn der ist nur ein Bastard der Zeit, der +die Kunst nicht versteht sich beliebt zu machen, und nicht nur in +seiner äusserlichen Gestalt, in seinem Aufzug und in seinen +Manieren, dem Geschmak seiner Zeit schmeichelt; sondern auch aus +einer innerlichen Quelle den süssen, süssen, süssen Gift, der den +Gaumen der Leute so reizend küzelt, von sich zu geben weiß. Eine +Kunst, die ich zwar nicht ausüben will, um andre zu betrügen, aber +die ich zu lernen gedenke, damit ich von andern nicht betrogen +werde. Sie soll die Stuffen meiner Erhöhung mit Blumen bestreuen. +Aber wer kommt hier so eilfertig, in Reit-Kleidern? Was für ein +weiblicher Courier ist diß? Hat sie keinen Mann, der die Müh +nehmen mag, ein Horn vor ihr her zu blasen? Himmel, es ist meine +Mutter! Nun, meine werthe Lady, was bringt euch so eilfertig nach +Hofe? + +{ed.-* Es ist bekannt, daß damals alle Welt auf Abentheuer +ausgieng, und gereißte Leute in größtem Ansehn stuhnden, und, wie +bey unsern Nachbarn die (Beaux-Esprits), das Recht hatten, sich bey +grossen Herren zu Gaste zu laden.} + + + +Vierte Scene. +(Lady Faulconbridge, und Jacob Gurney treten auf.) + + +Lady. +Wo ist der Sclave, dein Bruder; wo ist er, der sich erfrecht meine +Ehre öffentlich anzutasten? + +Philipp. +Mein Bruder Robert, des alten Sir Roberts Sohn, Colbrand, der Riese, +der nemliche gewaltige Mann; ist es Sir Robert's Sohn, den ihr +sucht? + +Lady. +Sir Roberts Sohn? Ja, du unehrerbietiger Junge, Sir Roberts Sohn; +warum spottest du über Sir Roberten? + +Philipp. +Jacob Gurney, willt du so gut seyn, und uns ein wenig allein lassen? + +Gurney. +Von Herzen gerne, mein lieber Philipp. + +Philipp. +Philipp!--Verschone mich, Jacob; es sind kurzweilige Dinge heraus +gekommen; hernach ein mehrers davon. + +(Jacob geht ab.) + +Gnädige Frau, ich war nie des alten Sir Roberts Sohn; Sir Robert +hätte seinen Theil an mir an einem Charfreytag essen können, ohne +daß er seine Fasten gebrochen hätte. Sir Robert war ein ganz +wakrer Mann; aber, meiner Treu, bekennt die Wahrheit! Hätt' er +mich machen können? Das konnte Sir Robert nicht; wir kennen seine +Arbeit. Sagt mir also, liebe Mutter, wem bin ich für diese Figur +verpflichtet? Sir Robert konnte nimmermehr so ein Bein machen +helfen? + +Lady. +Hast du dich auch mit deinem Bruder wider mich verschworen? Du, +der um deines eignen Vortheils willen meine Ehre vertheidigen +sollte? Was soll dieses Gespötte bedeuten, du höchst unbesonnener +Bube? + +Philipp. +Ritter, Ritter, liebe Mutter--und Basilisco* ähnlich. Wie? ich +bin zum Ritter geschlagen; ich hab es auf meiner Schulter. Aber +Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn; ich hab auf Sir Robert und +meine Güter Verzicht gethan; ehliche Geburt, Name, alles ist hin; +laß mich also, liebe Mutter, laß mich meinen Vater kennen; irgend +ein wakrer Mann, hoff ich; wer war es, Mutter? + +{ed.-* Eine Anspielung auf den Beynamen (Coeur de Lion), den König +Richard führte. (Cor Leonis), ein Fixstern von der ersten Grösse +im Löwen, wird auch Basilisco genennt. Warbürton.} + +Lady. +Hast du dem Namen Faulconbridge entsagt? + +Philipp. +So herzlich, als ich dem Teufel entsage. + +Lady. +König Richard, (Coeur de Lion), war dein Vater; durch langwieriges +und heftiges Zusezen ward ich endlich verführt, in meines Ehmanns +Bette Plaz für ihn zu machen. Der Himmel vergebe mir meine +Übertretung! Aber du bist die Frucht meiner schweren Sünde, zu +der ich so stark gereizt wurde, daß ich nicht länger wiederstehen +konnte. + +Philipp. +Nun, bey diesem Tageslicht, wenn ich wieder gezeugt werden sollte, +Madame, wollt' ich mir keinen bessern Vater wünschen. Einige +Sünden tragen ihre Lossprechung auf Erden mit sich; Euer Fehler +entsprang nicht aus eurer Thorheit; ihr mußtet nothgedrungen euer +Herz als einen Tribut für gebietende Liebe, demjenigen ausliefern, +gegen dessen Wuth und unbezwingbare Stärke der unerschrokne Löwe +selbst keinen Kampf wagen durfte, noch sein königliches Herz vor +Richards Hand schüzen konnte. Wer einem Löwen mit Gewalt das Herz +aus dem Leibe reissen kan, mag leicht ein weibliches Herz gewinnen. +Ja, meine Mutter, von ganzem Herzen dank ich dir für meinen Vater. +Wenn jemand lebt, der sich erfrecht zu sagen, daß du nicht recht +thatest, wie ich gezeugt ward, dessen Seele will ich zur Hölle +schiken. Komm, Lady, ich will dich meinen Anverwandten vorstellen, +und sie sollen sagen, wie Richard mich zeugte, wär es Sünde gewesen +wenn du Nein gesagt hättest. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Zweyter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Vor den Mauern der Stadt Angiers.) +(Philipp-August, König von Frankreich, Ludwig der Dauphin, der + Herzog von Östreich, Constantia und Arthur.) + + +Ludwig. +Willkommen vor Angiers, dapfrer Herzog!--Arthur, dein grosser Oheim, +Richard, der den Löwen seines Herzens beraubte, und die heiligen +Kriege in Palästina ausfocht, kam durch diesen dapfern Herzog vor +der Zeit ins Grab. Nun ist er, um seiner Nachkommenschaft +Erstattung deßhalb zu thun, auf unsre Einladung gekommen, seine +Fahnen für deine Sache auszuspreiten, und deinen unnatürlichen +Oheim, Johann von England, aus dem ungerechten Besiz deiner +Erbländer vertreiben zu helfen. Umarm' ihn, Prinz, lieb' ihn, und +heiß' ihn willkommen. + +Arthur. +Gott wird euch (Coeur de Lion's) Tod desto eher verzeihen, da ihr +seinem Neffen das Leben gebet, und sein verfolgtes Recht mit den +Flügeln eurer Kriegs-Macht umschattet. Mit einer unmächtigen Hand +heiß' ich euch willkommen, aber mit einem Herzen voll +unverfälschter Liebe; willkommen, Herzog, vor den Mauern von +Angiers. + +Ludwig. +Ein edler Junge! Wer wollte dir nicht zu deinem Recht helfen? + +Östreich. +Diesen zärtlichen Kuß leg' ich auf deine Wange, als das Siegel +meines feyrlichen Versprechens, daß ich nicht eher in meine Heimath +zurük kehren will, bis Angiers und die gerechten Ansprüche die du +in Frankreich hast, zugleich mit dieser blassen weiß-ufrichten +Insel, deren Fuß die heulenden Wellen des Oceans zurük stößt, und +ihre Einwohner von andern Ländern abschneidet, bis dieses von der +See umzäunte England, dieses von Wasser gemauerte Bollwerk, dessen +stolze Sicherheit allen auswärtigen Anfällen Troz bietet, bis +dieser äusserste Winkel von Westen selbst dich als seinen König +grüssen wird; bis zu diesem Augenblik, schöner Knabe, will ich +nicht an meine Heimath denken, sondern den Waffen folgen. + +Constantia. +O nehmet seiner Mutter Dank an, Dank einer armen Wittwe, bis euer +starker Arm ihm zu der Macht helfen wird, eure Freundschaft besser +erwiedern zu können. + +Östreich. +Der Friede des Himmels ruhet auf denjenigen, die ihre Schwerdter in +einem so gerechten und wohlthätigen Krieg entblössen. + +König Philipp. +Wohlan dann, an die Arbeit; unsre Maschinen sollen gegen die Stirne +dieser widerspenstigen Stadt gerichtet werden; ruffet unsern Kriegs- +Obersten, um den Plan zum vortheilhaftesten Angriff zu machen. +Entweder wollen wir unsre königlichen Gebeine vor diesen Mauern +niederlegen, oder wenn wir gleich in französischem Blut auf den +Markt-Plaz watten müßten, Angiers diesem jungen Prinzen unterwürfig +machen. + +Constantia. +Wartet noch auf die Antwort, die euer Abgesandter bringen wird; ihr +könntet sonst eure Schwerdter zu voreilig mit Blute besudeln. +Vielleicht bringt Milord Chatilion aus England eine friedliche +Abtretung dieses Rechts, welches ihr durch Krieg erzwingen wollet; +und wenn dieses geschähe, würden wir einen jeden Tropfen Bluts +bereuen, den eine zu rasche Hize so unzeitig vergossen hätte. +(Chatilion zu den Vorigen.) + +König Philipp. +Ein Wunder, Madam! Seht, auf euern Wunsch ist unser Gesandter, +Chatilion, angelangt; meld uns in Kürze, werther Lord, was England +uns zur Antwort giebt; wir warten hier müßig auf dich. Rede, +Chatilion. + +Chatilion. +So wendet also eure Macht von dieser armseligen Belagerung, und +spornet sie zu einem wichtigern Geschäft auf. England, voll +Unwillens über unsre gerechte Forderungen, hat sich in Waffen +gestellt; die widrigen Winde, die meine Rükreise verzögerten, haben +ihm Zeit gegeben, alle seine Legionen zugleich mit mir ans Land zu +sezen. Er rükt mit eilfertigen Märschen gegen diese Stadt an; +seine Stärke ist groß, und seine Krieger voller Muth. Mit ihm +kommt die Königin-Mutter, eine Ate, die ihn zu Zwietracht und +Blutvergiessen anhezt; mit ihr, ihre Nichte, die Infantin Blanca +von Spanien; mit ihnen ein natürlicher Sohn des abgelebten Königs, +und mit ihm alle unbändigen Köpfe des Landes. Rasche, feurige, +tollkühne Freywillige, mit Frauenzimmer-Gesichtchen und Drachen- +Herzen, haben ihre angestammten Güter verkauft, und tragen ihr +Erbtheil zuversichtlich auf dem Rüken, um hier ein neues Glük zu +suchen. Kurz, eine auserlesnere Schaar unerschrokner Geister, als +der englische Boden diesesmal übergewälzt hat, schwamm niemals über +die schwellende Fluth, um Unheil und Verwüstung in der Christenheit +anzurichten. Das zürnende Getöse ihrer Trummeln unterbricht eine +umständliche Nachricht; sie sind im Anzug. Bereitet euch also zu +einer Unterhandlung oder zum Gefecht. + +(Man hört Trummeln.) + +König Philipp. +Wie schlecht sind wir auf eine solche Expedition versehen! + +Östreich. +Je unerwarteter sie ist, desto eifriger müssen wir uns zur +Gegenwehr stellen; Unser Muth soll mit der Gefahr steigen. Laßt +sie denn willkommen seyn, wir sind gerüstet. + + + +Zweyte Scene. +(Der König von England, Faulconbridge, Elinor, Blanca, Pembroke + und andre zu den Vorigen.) + + +König Johann. +Friede sey mit Frankreich, wenn Frankreich im Frieden unsern +rechtmäßigen Einzug in unsre Stadt gestattet; wo nicht, so blute +Frankreich, und der Friede schwinge sich gen Himmel, indeß daß wir, +Gottes grimmvoller Sachwalter, den stolzen Übermuth züchtigen, der +seinen Frieden in den Himmel zurük treibt. + +König Philipp. +Friede sey mit England, wenn dieser Krieg aus Frankreich nach +England zurükkehrt, um dort im Frieden zu leben. Wir lieben +England, und nur um Englands willen, schwizen wir hier unter der +Last der Waffenrüstung. Diese unsre Arbeit sollte dein +freywilliges Werk seyn. Aber du bist so weit entfernt, England zu +lieben, daß du seinen rechtmäßigen König unterdrükt, die Erbfolge +aufgehoben, die Kindheit des gesezmäßigen Erben mißbraucht, und an +der jungfräulichen Ehre der Crone Gewalt verübt hast. Schaue hier +auf deines Bruders Gottfrieds Gesicht! Diese Augen, diese Stirne, +sind nach den seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegriff ist +die vollständige Form enthalten, die in Gottfried verstarb, und die +Hand der Zeit wird diese verjüngte Gestalt in einen eben so grossen +Format ausdehnen. Dieser Gottfried war von Geburt dein ältrer +Bruder, und dieser hier ist sein Sohn. England war Gottfrieds +Recht, und dieser hat es von Gottfried ererbt; wie kommt es dann, +um Gottes willen! daß du ein König genennt wirst, so lange +lebendiges Blut in diesen Schläfen schlägt, die einen Anspruch an +die Crone haben, welche du zur Ungebühr trägst? + +König Johann. +Von wem hast du diesen grossen Auftrag, Frankreich, mich zur +Antwort auf deine Fragstüke zu ziehen? + +König Philipp. +Von diesem obersten Richter, der in königlichen Seelen den edlen +Gedanken erwekt, gewaltthätigen und ungerechten Thaten nachzufragen. +Dieser Richter hat mich zum Beschüzer dieses Knabens gemacht; +unter seinem Schuze klag' ich deine Ungerechtigkeit an, und mit +seinem Beystand hoff' ich sie zu bestraffen. + +König Johann. +Du massest dich eines Ansehens an, das dir nicht zukommt. + +König Philipp. +Entschuldige es; es geschieht, um ungerechte Anmassung +niederzuschlagen. + +Elinor. +Wer ist der, den du einer unrechtmäßigen Anmassung beschuldigest? + +Constantia. +Laßt mich die Antwort geben: Der anmaßliche König, dein Sohn. + +Elinor. +Hinweg, Unverschämte; dein Bastard soll König seyn, damit du eine +Königin seyn, und die ganze Welt hofmeistern könnest! + +Constantia. +Mein Bette war deinem Sohn immer so getreu, als das deinige deinem +Gemahl; und dieser Knabe sieht seinem Vater Gottfried gleicher als +Johann dir, ob ihr gleich an Sitten einander so gleich seyd als der +Regen dem Wasser, und der Teufel seiner Mutter. Mein Sohn ein +Bastard! Bey meiner Seele, ich glaube nimmermehr, daß sein Vater +so ächt war als er ist; es kann nicht seyn, wenn gleich du seine +Mutter wärest. + +Elinor. +Das ist eine feine Mutter, Junge, die deinen Vater beschimpft. + +Constantia. +Das ist eine feine Großmutter, Junge, die dich beschimpfen will. + +Östreich. +Stille! + +Faulconbridge. +Horcht dem Ausruffer. + +Östreich. +Wer Teufel bist du? + +Faulconbridge. +Einer der den Teufel mit euch spielen will, Herr, sobald er euch +und euern Überzug* allein zu paken kriegen kan. Ihr seyd der Hase +im Sprüchwort, der todte Löwen beym Bart zupft; ich will euch das +Fell einschmauchen, wenn ich euch kriege; nehmt euch in acht; in +der That, ich will, in der That. + +{ed.-* Um diese und verschiedne andre in einer der folgenden Scenen +vorkommenden Spöttereyen und Grobheiten, die Faulconbridge dem +Herzog von Östreich sagt, zu verstehen, muß man wissen, daß dieser +Herzog mit einer Löwenhaut umhüllt auf der Bühne erscheinen muß. +König Richard hatte, wie man sagt, während seinem berühmten +Kreuzzug, worinn er seine persönliche Herzhaftigkeit und Stärke +durch eine Menge ritterlicher Thaten bewies, auch einen +ausserordentlich grossen Löwen bezwungen, und die Haut desselben, +zum Zeichen dieses Siegs, nachher allezeit getragen oder bey sich +geführt. Dieser Haut bemächtigte sich der Herzog von Östreich, +nachdem er, wie bekannt ist, den König Richard, durch Hinterlist +und Betrug in seine Gewalt bekommen; und soll, aus einer allerdings +lächerlichen Pralerey, selbige, als eine Beute, die er einem so +grossen Helden wie Richard abgenommen, nach dessen Tod allezeit +getragen haben.} + +Blanca. +O wie wohl stuhnd dem dieser Löwen-Rok an, der dem Löwen diesen Rok +abzog! + +Faulconbridge. +Er ligt so stattlich auf seinem Rüken, als des grossen Alcides +Löwenhaut auf dem Rüken eines Esels; aber, Esel, ich will euch +diese Last von euerm Rüken abnehmen, oder euch noch eine auflegen, +davon euch die Schultern krachen sollen. + +Herzog. +Was für ein Schwärmer ist das, der unsre Ohren mit einem solchen +Übermaaß von vergeblichem Athem betäubt? König Philipp, +entschliesset euch ohne längeres Zaudern, was wir thun wollen. + +König Philipp. +Weiber und Narren, brecht eure Conferenz ab. König Johann, hier +ist mein Vortrag in wenig Worten: England, Irrland, Anjou, Touraine +und Maine fordre ich im Namen des jungen Arthurs von dir; willt du +sie abtreten, und die Waffen niederlegen? + +König Johann. +Eher mein Leben--Ich biete dir Troz deßhalb, Frankreich. Arthur +von Bretagne, begieb dich in meinen Schuz, und ich will dir aus +Liebe mehr geben, als der feige Arm von Frankreich jemals für dich +gewinnen kan. Ergieb dich, Junge. + +Elinor. +Komm zu deiner Groß-Mama, Kind. + +Constantia (indem sie eine kindische Art zu reden affectirt.) +Thu's, Kind, geh zu Groß-Mama, Kind. Gieb Groß-Mama Königreich, +und Groß-Mama giebt dem Kind ein Zukerchen, eine Kirsche, eine +Feige; es ist eine gute Groß-Mama. + +Arthur. +Meine liebe Mutter, gebt euch zufrieden. Ich wollt', ich läge tief +in meinem Grab; ich bin nicht werth, daß man soviel Lerms +meinetwegen mache. + +Elinor. +Seine Mutter beschämt ihn so, der arme Junge, er weint. + +Constantia. +Das Unrecht, das ihm seine Großmutter zufügt, nicht die Schande die +ihm seine Mutter macht, zieht diese den Himmel rührenden Perlen aus +seinen armen Augen, die der Himmel als ein Schuzgeld annehmen wird; +ja mit diesen Thränen wird sich der Himmel gewinnen lassen, sich +seines Rechts anzunehmen, und euch zur Straffe zu ziehen. + +Elinor. +Ungeheuer, scheuest du dich nicht, Himmel und Erde zu lästern? + +Constantia. +Ungeheuer, scheust du dich nicht, Himmel und Erde zu beleidigen? +Wie kanst du mich anklagen, daß ich lästre? Du und die deinigen +usurpiren die Länder, Regalien und Gerechtsame dieses unterdrukten +Waysen; es ist der Sohn deines ältesten Sohns, und in nichts +unglüklich als darinn, daß er von dir abstammt. Deine Sünden +werden an diesem armen Kinde heimgesucht; der Ausspruch des Gesezes +ligt auf ihm, da er nur im dritten Glied von deinem +Sündempfangenden Leib entfernt ist. + +König Johann. +Tollhäuslerin, hört auf! + +Constantia. +Ich habe nur das noch zu sagen, daß er nicht nur um ihrer Sünde +willen gestraft wird, sondern Gott hat ihre Sünde und sie zur +Strafe dieses entfernten Abkömmlings gemacht, der um ihrentwillen +gestraft wird, und mit ihrer Strafe ihre Sünde; sein Unrecht, ihr +Unrecht, der Büttel ihrer Sünde, alles in der Person dieses Kindes +gestraft, und alles um ihrentwillen; daß sie die Pest!** + +{ed.-** Dieses Ungeheuer von einer aller Sprach- und Vernunftlehre +trozbietenden Rede, hat man, da ihr ohnehin nicht zu helfen ist, +von Wort zu Wort geben wollen, wie sie der Autor giebt; Deutschen +Unsinn für Englischen Unsinn.} + +Elinor. +Du unverständiges Lästermaul, ich kan ein Testament aufweisen, das +deines Sohnes Recht entkräftet. + +Constantia. +So, wer zweifelt daran? Ein Testament?--Ein falsches Testament, +ein Weiber-Testament, einer unnatürlichen Großmutter Testament. + +König Philipp. +Stille, Lady; schweigt oder mäßigt euch; es schikt sich übel für +diese Versammlung diesen euern übeltönenden Wiederholungen immer +Halt zu ruffen. Laßt eine Trompete diese Leute von Angiers auf die +Mauern fordern; sie sollen sich erklären, wessen Recht sie gelten +lassen wollen, Arthur's oder Johann's. + +(Trompeten.) + + + +Dritte Scene. +(Ein Bürger von Angiers kommt auf die Mauern.) + +Bürger. +Wer ist der, der uns auf die Mauern hervorgeruffen hat? + +König Philipp. +Es ist Frankreich, im Namen Englands. + +König Johann. +England in seinem eignen Namen. Ihr Männer von Angiers, und meine +lieben Unterthanen-- + +König Philipp. +Ihr werthen Männer von Angiers, Arthurs Unterthanen, unsre Trompete +rief euch zu dieser gütlichen Unterredung-- + +König Johann. +In Betreff unsrer gerechten Sache; höret uns also zuerst; diese +Französischen Fahnen, die hier, so nah' an eurer Stadt, vor euern +Augen sich verbreiten, sind zu euerm Verderben hieher gezogen; der +Bauch ihrer Canonen ist mit Grimm angefüllt, sie sind schon +gerichtet, ihren eisernen Zorn gegen eure Mauern auszuspeyen; diese +Franzosen stellen sich mit allen Zurüstungen zu einer blutigen +Belagerung und einem unbarmherzigen Verfahren vor die Augen eurer +Stadt und vor eure verschloßnen Thore; und, ohne unsre Annäherung, +würden diese schlafenden Steine, die euch umgürten, durch den Stoß +ihrer Maschinen aus ihrem ruhigen Leim-Bette gerissen, und der +blutigen Gewalt ein gräßlicher Ruin gemacht worden seyn, auf euern +Frieden einzustürmen; aber, auf unsern Anblik, euers rechtmäßigen +Königs, (der, des Ungemachs verdoppelter Märsche nichts achtend, +herbey geeilt ist, einen mächtigen Entsaz vor eure Thore zu bringen, +und die bedräuten Wangen eurer Stadt unzerkrazt zu erhalten,) seht, +die bestürzten Franzosen selbst eine Unterredung antragen, und nun, +für in Feuer gekleidete Kugeln, die ein schüttelndes Fieber in +euern Mauern machen sollten, sanfte in Rauch eingehüllte Worte +losschiessen, um eure Ohren durch ein betrügliches Getöne zu +bethören; aber glaubet ihnen, wie sie es verdienen, werthe Bürger, +und lasset uns, euern König ein, dessen müde Lebensgeister, von +dieser übertriebnen Eile abgemattet, Herberge innert euren +Stadtmauern suchen. + +König Philipp. +Wenn ich gesprochen habe, so antwortet uns beyden. Seht! an +dieser rechten Hand, deren Schuz durch die heiligsten Gelübde dem +Rechte dessen, den sie hält, geweyhet ist, steht der junge +Plantagenet, Sohn von dem ältern Bruder dieses Mannes, und König +über ihn und alles, was er inne hat. Um seines zu Boden getretnen +Rechts willen treten wir in kriegrischem Marsch diese grünen Ebnen +vor eurer Stadt, ohne einigen Vorsaz einer Feindseligkeit gegen +euch, ausser wozu uns, von eurer Widerspenstigkeit gereizt, ein +mildthätiger Eifer zur Erhaltung dieses unterdrükten Kindes, in +unserm Gewissen nöthiget. Weigert euch also nicht, eine Pflicht zu +erstatten, die ihr demjenigen unleugbar schuldig seyd, der sie zu +fordern berechtigt ist, nemlich, diesem jungen Prinzen; so soll +unsern Waffen, gleich einem bemaulkorbten Bären, sicher anzusehen, +alle Beleidigung verboten seyn, die Bosheit unsrer Canonen gegen +die unverwundbaren Wolken des Himmels ausgelassen werden, und mit +einem friedsamen und ungestörten Rükzug, mit ungebrauchten +Schwerdtern und unversehrten Helmen, wollen wir dieses muthige Blut +wieder heimtragen, welches wir gegen eure Mauern auszuspeyen +gekommen waren, und eure Weiber, Kinder und euch im Frieden lassen. +Solltet ihr aber so thöricht seyn, dieses unser zuvorkommendes +Anerbieten auszuschlagen, so bildet euch nicht ein, daß diese alten +Mauern euch gegen unsre Kriegs-Abgesandten schüzen werden, wenn +gleich alle diese Engländer mit ihrer Macht in ihrem rauhen Umkreis +gelagert wären. Sagt uns also, will eure Stadt uns im Namen +desjenigen, für welchen wir euch dazu auffordern, als ihren Herrn +erkennen; oder sollen wir das Zeichen zum Angriff geben, und in +Blut wattend in unser Eigenthum einziehen? + +Bürger. +Unsre Antwort ist kurz: Wir sind des Königs von England Unterthanen; +für ihn und kraft seines Rechts, haben wir diese Stadt inne. + +König Johann. +So erkennet dann euern König, und lasset mich ein. + +Bürger. +Das können wir nicht; demjenigen der es beweißt, daß er König ist, +wollen wir uns als getreue Unterthanen beweisen; so lange aber +dieses nicht geschehen seyn wird, sollen unsre Thore gegen die +ganze Welt verriegelt bleiben. + +König Johann. +Beweißt nicht die Crone von England den König? Und wenn dieses +nicht genug ist, so bring ich euch Zeugen, zweymal fünfzehntausend +Herzen voll von Englischem Blut-- + +Faulconbridge. +(Hurensöhne und andre.) + +König Johann. +Die bereit sind, unser Recht mit ihrem Leben zu beweisen. + +König Philipp. +Eben so viele, und von so gutem Blut als jene-- + +Faulconbridge. +(Die Hurensöhne auch mitgezählt.) + +König Philipp. +Stehen hier, ihm seine Fordrung ins Angesicht zu widersprechen. + +Bürger. +Biß ihr ausgemacht haben werdet, wessen Recht das vorzüglichste ist, +halten wir für den Vorzüglichsten das Recht von beyden zurük. + +König Johann. +So vergebe dann Gott die Sünden aller der Seelen, die zum +furchtbaren Erweis unsers Königlichen Titels, noch eh der Abendthau +fallen wird, in ihre ewige Wohnung geflohen seyn werden! + +König Philipp. +Amen, Amen!--Zu Pferde, ihr Ritter, zu den Waffen! + +Faulconbridge. +Sanct Georg, der den Lindwurm trillte, und seither immer zu Pferd +vor meiner Wirthin Thüre sizt, helf uns aus diesem Handel! + +(Zu Östreich.) + +Kerl, wär ich daheim in eurer Höle, Kerl, bey eurer Löwin, ich +wollt euch einen Ochsen-Kopf auf eure Löwenhaut sezen, und ein +Ungeheuer aus euch machen. + +Östreich. +Still, nichts mehr! + +Faulconbridge. +O zittre, du hörst den Löwen brüllen. + +König Johann (zu Faulconbridge.) +Wir wollen weiter in die Ebne vorrüken, um unsre Regimenter besser +ausbreiten und stellen zu können. + +Faulconbridge. +So macht fein geschwinde, daß ihr den Vortheil des Plazes gewinnt. + +König Philipp (zu Östreich, mit dem er vorher leise gesprochen.) +Gut; die übrigen laßt auf dem andern Hügel sich sezen. Gott und +unser Recht! + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Man blaßt zum Angriff; beyde Armeen werden handgemein, Gefecht; + endlich tritt der Herold von Frankreich mit Trompeten vor das Stadt- + Thor.) + + +Französischer Herold. +Ihr Männer von Angiers, öffnet eure Thore weit, und laßt den jungen +Arthur, Herzog von Bretagne, ein, der durch Frankreichs Hand an +diesem Tag manchen Englischen Müttern Stoff zu Thränen gegeben hat; +ihre Söhne ligen auf dem blutigen Grunde verzettelt, und mancher +Wittwe Mann krümmt sich im Staub, und umfaßt mit kalten Armen die +blutgefärbte Erde; indeß daß der wohlfeil-erkaufte Sieg um die +tanzenden Paniere der Franzosen scherzt, die in triumphierender +Unordnung bey der Hand sind, als Sieger einzuziehen, und Arthur von +Bretagne zu Englands und euerm König auszuruffen. + +(Ein Englischer Herold tritt mit Trompeten auf.) + +Englischer Herold. +Freuet euch, ihr Männer von Angiers, läutet eure Gloken; König +Johann, euer und Englands König, ist im Anzug, als Meister von +diesem heissen blutigen Tage. Die Rüstungen derer, die diesen +Morgen in so hellem Silberglanz vor euch vorbeyzogen, kehren alle +in Französischem Blute vergüldet zurük; nicht ein einziger +Federbusch, der auf einem Englischen Helme winkte, ist von einem +Französischen Speer abgeschlagen worden; unsre Fahnen kommen in den +nemlichen Händen wieder, die sie entfalteten als wir auszogen, und +gleich einem lustigen Truppen Jäger, kommen unsre frölichen +Engländer, alle mit bepurpurten Händen zurük, in dem Lebensblut +ihrer sterbenden Feinde gefärbt. Öffnet eure Thore, und laßt die +Sieger einziehen. + +Bürger. +Ihr Herolde, wir haben von unsern Thürmen euerm ganzen Gefecht, vom +Angriff bis zum Abzug zusehen können; unsre schärfsten Augen haben +keinen Vorzug oder Vortheil auf einen von beyden Partheyen entdeken +können; Blut hat Blut erkauft, und Streiche haben Streichen +geantwortet; Stärke, Muth, Dapferkeit und Glük waren auf beyden +Seiten gleich. So sind auch wir gegen beyde, bis einer der +Grösseste bleibt; so lange sie so im Gleichgewicht stehen, halten +wir unsre Stadt für keinen, sondern für beyde. + + + +Fünfte Scene. +(Die beyden Könige mit ihrem Heer treten auf verschiednen Seiten + auf.) + + +König Johann. +Frankreich, hast du noch mehr Blut wegzuwerfen? Sprich, willt du +dem Strom unsers Rechts seinen friedfertigen Lauf lassen; oder soll +er von dir gestört, aus seinem natürlichen Canal hervorschwellen, +und deine angrenzenden Ufer überströmen? + +König Philipp. +England, du hast in diesem hizigen Wettkampf nicht einen einzigen +Tropfen Bluts mehr zurükgebracht als wir; eher hast du mehr +verlohren. Und ich schwöre bey dieser Hand, die diesen +weitgrenzenden Erdstrich beherrschet; eh wir diese gerechten Waffen +niederlegen, wollen wir dich, gegen den wir sie tragen, in den +Staub niederlegen, oder selbst die Zahl der Todten mit einem +königlichen Schatten vermehren! + +Faulconbridge. +Ha! Majestät!--Wie hoch steigt dein Stolz, wenn das goldne Blut +der Könige in Feuer gesezt wird! Oh, nun füttert der Tod seine +morschen Kinnbaken mit Stahl, Schlachtschwerdter sind seine Zähne +und Griffe, und nun schmaußt er und frißt sich, indeß daß die +Könige hadern, an Menschenfleisch satt. Warum stehen diese +königlichen Linien so unbeweglich? Ruft zum Angriff, ihr Könige; +zurük in das blutbeflekte Feld, ihr gleichmächtigen Fürsten, ihr +Feuer-sprudelnden Geister! Laßt die Niederlage des einen Theils +den Frieden des andern bekräftigen. Bis dahin Streiche, Blut und +Tod! + +König Johann. +Für wessen Parthey erklären sich nun die Leute in der Stadt? + +König Philipp. +Sprecht, ihr Bürger; wen erkennt ihr für euern König? + +Bürger. +Den König von England, sobald wir ihn kennen. + +König Philipp. +Erkennt ihn in Uns, die wir hier sein Recht verfochten haben. + +König Johann. +In Uns, die wir unser eigner grosser Abgeordneter sind, und im +Besiz unsrer eignen Person uns hier befinden, Herr von unsrer +Gegenwart, von Angiers, und von euch. + +Bürger. +Eine grössere Macht, als die eurige, widerspricht all dieses, und +bis sie ausser allem Zweifel ist, schliessen wir unsre erste +Bedenklichkeit in unsre stark verrigelte Thore ein. Könige sind +unsre Furcht, so lange bis unsre Furcht von einem gewissen Könige +aufgelöst, gereinigt und ausgetrieben seyn wird. + +Faulconbridge. +Diese unverschämten Gesellen von Angiers spotten eurer, ihr Könige, +und stehen sicher auf ihren Zinnen, wo sie wie auf einem +Amphitheater, unsern arbeitvollen Todes-Scenen und Aufzügen mit +weitoffnen Augen und richtendem Blik zusehen. Laßt euch von mir +rathen, ihr Könige; seyd gleich den Aufrührern von Jerusalem eine +Weile Freunde, und vereinigst eure äusserste Macht wider diese +Stadt. Laßt Frankreich von Osten, und England von Westen ihre bis +an die Mündung gefüllte Canonen wider sie richten, bis ihr Seele- +schrekendes Geschrey die steinernen Rippen dieser trozigen Stadt zu +Boden geklafft hat; ich wollte unverzüglich auf diese Schindmähren +spielen, bis die Verwüstung ihnen keine andre Schuzwehr als die +umgebende Luft übrig liesse. Wenn dieses geschehen ist, dann +trennt eure vereinbarte Macht wieder, sondert eure vermengten +Fahnen ab, und sezet Antliz gegen Antliz, und Schwerdt gegen +Schwerdt. Dann wird Fortuna in einem Augenblik aus einem von +beyden Theilen ihren glüklichen Günstling auswählen, dem sie die +Ehre dieses Tages zuwenden, und den sie mit einem glorreichen Siege +küssen wird. Wie gefällt euch dieser wilde Rath, mächtige Fürsten? +Schmekt er nicht ein wenig nach der Politik? + +König Johann. +Nun bey dem Himmel, der über unsern Häuptern hängt, er gefällt mir. +Frankreich, laßt uns unsre Kräfte vereinbaren, und dieses Angiers +dem Erdboden gleich machen; dann wollen wir erst durch die Waffen +ausmachen, wer König davon seyn soll? + +Faulconbridge (zu Frankreich.) +Und wenn du anders die Empfindlichkeit eines Königs hast, so richte, +da du eben so sehr als wir selbst von dieser halsstarrigen Stadt +beleidigt worden bist, den Rachen deiner Artillerie, wie wir der +unsrigen, gegen diese trozigen Mauern; und wenn wir sie zu Boden +geschmettert haben, nun, dann könnt ihr's mit einander aufnehmen, +und einander, wie es kommt, gen Himmel oder in die Hölle schiken. + +König Philipp. +So wollen wir's machen; saget, wo wollt ihr angreiffen? + +König Johann. +Wir wollen von Westen Zerstörung in den Busen dieser Stadt senden. + +Östreich. +Ich von Norden. + +König Philipp. +Unser Donner soll von Süden einen Hagel von Kugeln auf diese Stadt +regnen. + +Faulconbridge (leise.) +Eine weise Einrichtung! Von Norden zu Süden; Östreich und +Frankreich werden einander ins Gesicht schiessen. Ich will sie +dazu aufreizen; + +(laut;) + +kommt, hinweg, hinweg! + +Bürger. +Hört uns, grosse Könige; laßt euch gefallen noch einen Augenblik zu +verweilen, und ich will euch einen Vorschlag zum Frieden und zu +einem annehmlichen Verglich thun. Gewinnet lieber diese Stadt ohne +Wunden, und lasset diese Kriegsmänner, die als Schlachtopfer auf +den Wahlplaz hieher gekommen sind, ihr Leben wieder nach Hause +tragen, und in ihren Betten sterben. Verharret nicht auf euerm +Vorsaz, sondern höret mich, grosse Könige. + +König Johann. +Redet, wir erlauben es, und wollen hören. + +Bürger. +Diese Infantin von Spanien, Lady Blanca, ist nahe mit England +verwandt; betrachtet den jungen Ludwig, den Dauphin, und dieses +liebenswürdige Mädchen. Wenn wollüstige Liebe auf die Jagd der +Schönheit ausgehen wollte, wo könnte sie solche schöner finden, als +in Lady Blanca? Wenn keusche Liebe gehen wollte, die Tugend +aufzusuchen, wo könnte sie solche reiner finden, als in Lady +Blanca? Wenn ehrsüchtige Liebe ein Bündniß mit hohem Stande machen +will, in welchen Adern rinnt ein edler Blut als in Lady Blanca's? +So wie sie an Schönheit, Tugend und Geburt ist, so vollkommen ist +der junge Dauphin, in jedem Stüke; soll er nicht vollkommen seyn, o, +so sagt nur, er ist nicht sie; so wie ihr nichts anders mangelt, +(wenn das ein Mangel heissen kan,) als daß sie nicht er ist. Er +ist die Helfte eines vollkommnen Mannes, bestimmt, durch eine +solche Sie vollendet zu werden; und sie eine schöne getheilte +Vortreflichkeit, deren vollständige Vollkommenheit in ihm ligt. O! +zween solche Silberströme, wenn sie sich vereinigen, machen die +Ufer worinn sie zusammenfliessen, zu Paradiesen. Diese Vereinigung +soll mehr über unsre festverschloßnen Thore vermögen als Batterien; +denn sobald ihr dieses Bündniß beschlossen haben werdet, soll sich +der Mund des Zugangs, schneller als der Bliz des Pulvers ihn mit +Gewalt eröffnen könnte, von freyen Stüken weit aufthun, euch +einzulassen; aber ohne dieses Bündniß, ist die ergrimmte See nicht +halb so taub, sind Löwen nicht halb so unerschroken, und Berge und +Felsen so unbeweglich; nein, der Tod selbst ist in seiner +verderblichen Wuth nicht halb so unerbittlich, als wir, diese Stadt +zu behaupten. + +Faulconbridge. +Das ist ein Redner, der das faule Gerippe des Todes aus seinen +Lumpen herausschüttelt. Das ist ein grosses Maul, in der That, das +Tod und Berge, Felsen und Seen ausspeyt, und von brüllenden Löwen +so vertraulich spricht, als Mädchen von dreyzehn Jahren von +Schooßhündchen. Was für ein Constabel zeugte dieses lustige Blut? +Er spricht lauter Canonen-Feuer, Rauch und Knall; er giebt Prügel- +Suppe mit seiner Zunge; unsre Ohren kriegen Stokschläge; er sagt +nicht ein Wort, das nicht eine derbere Maulschelle giebt als eine +Französische Faust. Zum Henker! Ich bin nie so mit Worten +abgepläut worden, seit ich meines Bruders Vater Papa genennt habe. + +Elinor (zu König Johann, leise.) +Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehör, geh dieses Bündniß ein, und gieb +ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn +können; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an +die Crone so feste machen, daß jener grüne Bube keine Sonne haben +wird, um die Blüthe zu zeitigen, die eine mächtige Frucht +verspricht. Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh, +wie sie einander zuflüstern; fasse sie bey diesem Augenblik, da +ihre Seelen fähig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrösserten +Macht bestechen zu lassen, sonst möcht' ihr Eifer für Arthurs Sache, +der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und +Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der +vorigen Härte gefrieren. + +Bürger. +Was antworten Eure Majestäten auf den gütlichen Vorschlag unsrer +bedräuten Stadt? + +König Philipp. +Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag +an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung? + +König Johann. +Wofern der hier gegenwärtige Dauphin, dein königlicher Sohn, in +diesem Buche der Schönheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre +Mitgift soviel wägen als eine Königin; denn Anjou, und das schöne +Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier +ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt +ist, soll ihr Braut-Bette vergülden, und sie an Titeln, Würden und +Gütern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schönheit, +jeder andern Princeßin in der Welt die Wage hält. + +König Philipp. +Was sagst du denn, Junge? Sieh der Princeßin ins Gesicht. + +Ludwig. +Ich thu es, Sire, und ich find' in ihren Augen ein Wunderwerk, oder +doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren +Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes +ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht. Ich +versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich +mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen +finde. + +Blanca (zu Ludwig.) +Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur +immer an euch sehen mag, das ihm gefällt, dieses Etwas, das ihm +gefällt, kan ich ohne Mühe zu meinem Willen übertragen; oder, um +eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner +Liebe aufnöthigen. Milord, ohne euch über alles was ich +liebenswürdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel +sagen, daß ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht +selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses würdig wäre. + +König Johann. +Was sagen diese jungen Leute? Was sagt ihr, meine Nichte? + +Blanca. +Daß ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr +zu befehlen belieben wird. + +König Johann. +Redet dann, Prinz Dauphin, könnt ihr diese Lady lieben? + +Ludwig. +Fragt mich vielmehr, ob es mir möglich sey, sie nicht zu lieben; +denn ich liebe sie im höchsten Grade. + +König Johann. +So geb' ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und +Anjou, diese fünf Provinzen, mit ihr; und über dieses noch die +volle Summe von dreyßigtausend Mark Englischen Geldes. Philipp von +Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn +und deiner Tochter einander die Hände zu geben. + +König Philipp. +Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst +eure Hände. + +Östreich. +Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl daß ich es +so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde. + +König Philipp. +Nun, ihr Bürger von Angiers, öffnet eure Thore, um die Freundschaft +einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese +Vermählung in St. Martins Capelle sollennisirt werden könne. Ist +die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft? Doch sie kan +nicht hier seyn; ihre Gegenwart würde diesem neugeschloßnen +Verglich ein starkes Hinderniß in den Weg gelegt haben. Wo ist sie, +und ihr Sohn, wer kan es mir sagen? + +Ludwig. +Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestät Gezelt. + +König Philipp. +Bey meiner Ehre, dieses Bündniß das wir getroffen haben, wird ihrer +Schwermuth wenig Lindrung geben. Bruder von England, wie können +wir diese Fürstliche Wittwe zufrieden stellen? Zu Behauptung ihres +Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott weiß es, zu +unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht. + +König Johann. +Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum +Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn +überdiß zum Herrn dieser schönen reichen Stadt machen. Ruffet die +Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein; +wenn wir gleich nicht das ganze Maaß ihres Willens erfüllen, so +werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens +ihren Ausruffungen den Mund stopfen. Izt laßt uns zu Vollziehung +dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennität keine Zeit +verliehren. + +(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.) + + + +Sechste Scene. + + +Faulconbridge. +Närrische Welt! närrische Könige! närrisches Zeug zusammen! +Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich +freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine +Rüstung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes +eignen Waffenträger ins Feld geführt, läßt sich nun von diesem +Vorsaz-Ändrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Mäkler, +der immer der Treue den Hals bricht, diesem täglichen Eidbrecher, +der alle Menschen verführt, Könige, Bettler, Alte, Junge, und der +die Mädchen selbst, die sonst nichts äusserliches zu verliehren +haben als das Wort Mädchen, die armen Dinger auch um das betrügt; +diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler, +Interesse--Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen +natürlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht +und Regel forttreibt. Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin, +dieser Mäkler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des +wankelmüthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten +Endzwek, von einem beschloßnen und ehrenvollen Krieg, zu einem +höchst schimpflichen und niederträchtigen Frieden gezogen--Und +warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher +nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Stärke hätte die +Hand zuzuschliessen, wenn seine schönen Engel mir die ihrige +darreichen würden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer +gelassen worden, gleich einem armen Bettler über die Reichen +schmählt. Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich über +die Reichen schmählen, und sagen, es sey keine grössere Sünde als +reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn +bestehen, daß ich behaupte, es sey kein Laster als Dürftigkeit. +Wenn Könige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein +Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen. + +(Er geht ab.) + + + + +Dritter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Des Französischen Königs Gezelt.) +(Constantia, Arthur und Salisbüry, treten auf.) + + +Constantia. +Gegangen, um sich zu vermählen? Um einen Frieden zu schwören? +Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt! Gegangen, um Freunde +zu seyn? Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen? Es +ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehört; es +kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert daß du +nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem +eines gemeinen Mannes. Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich +habe den Eid eines Königs für das Gegentheil; du sollt dafür +gestraft werden, daß du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank, +und leicht in Furcht zu sezen; mißhandelt und unterdrükt, und also +voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschüzer, also der +Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit +gebohren; und wenn du izt gleich bekennen würdest, daß du nur +gescherzt habest, so könnte ich doch meine in Unordnung gebrachten +Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden +diesen ganzen Tag zittern und schaudern. Was soll dieses +Kopfschütteln bedeuten? Warum siehst du meinen Sohn so traurig an? +Warum legst du die Hand auf deine Brust? Warum diese Thränen, die +wie ein aufgeschwollner Bach über ihre Ufer stürzen? Sind diese +schwermüthigen Seufzer Bekräftigungen deiner Worte? So sprich noch +einmal, nicht deine vorige Erzählung, sondern nur diß einzige Wort, +ob deine Erzählung wahr ist oder nicht? + +Salisbury. +So wahr als ihr Ursache habt, diejenige für falsch zu halten, +welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind. + +Constantia. +Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so +lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich tödten soll, damit ihr +Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von +zween ergrimmten Männern, die in dem Augenblik da sie auf einander +treffen, fallen und sterben. Ludwig vermählt sich mit Blanca? O +Junge, was bist dann du? Frankreich, Freund von England? Was wird +dann aus mir? Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen +diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht. + +Salisbury. +Was habe ich dann Übels gethan, gute Lady, als das Übel +anzuzeigen, das andre gethan haben? + +Constantia. +Welches aber an sich selbst so scheußlich ist, daß es alle die nur +davon reden abscheulich macht. + +Arthur. +Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden. + +Constantia. +Wenn du, der mich zufrieden seyn heißt, häßlich wärest, ungestalt, +und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter +Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit +Kräze und Eiterbeulen überdekt; dann wollt' ich mich nicht +bekümmern, dann wollt' ich mich zufrieden geben; denn alsdann würd' +ich dich nicht lieben, nein, noch würdest du deiner hohen Geburt +werth seyn, und eine Crone verdienen. Aber du bist schön, und +Natur und Glük haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich +vereiniget, dich groß zu machen. Wie die Natur dich begabt hat, +kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug +streiten. Aber das Glük! oh sie ist treulos worden, sie ist von +dir abgefallen, hält stündlich mit deinem Oheim zu, und hat mit +ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht, +die Ehre der unumschränkten Herrschaft in den Staub zu treten, und +seine Majestät zu ihrer Kupplerin zu machen. Frankreich ist eine +Kupplerin zwischen dem Glük und Johann, dem Glük, dieser ehrlosen +Meze, und diesem räuberischen Johann. Sag mir, Bursche, ist +Frankreich nicht meineidig? Vergift' ihn mit Worten, oder geh +deines Weges, und laß mich allein bey diesen Kränkungen, die ich +allein tragen muß. + +Salisbury. +Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Königen zurük +kommen. + +Constantia. +Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen +Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht +seinen Besizer eigensinnig. Zu mir, und zu dem Hofstaat meines +grossen Kummers mögen die Könige sich versammeln; denn mein Kummer +ist so groß, daß nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn +unterstüzen kan; hier siz' ich und mein Schmerz; hier ist mein +Thron, sage den Königen, daß sie kommen und sich vor ihm büken. + +(Sie sezt sich auf den Boden.) + + + +Zweyte Scene. +(König Johann, König Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor, + Faulconbridge und Östreich.) + + +König Philipp. +Es ist wahr, schöne Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig +in Frankreich festlich seyn. Diesen Tag feyrlicher zu machen, hält +die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten, +indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre +klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt. Der jährliche +Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als +einen Fest-Tag sehen. + +Constantia (indem sie aufsteht.) +Ein unglüklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag! Was hat dieser Tag +verdient? Was hat er gethan, daß er mit goldnen Buchstaben unter +die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll? Nein, +stoßt ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der +Unterdrükung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben muß, +so laßt schwangre Frauen beten, daß sie ihrer Bürde nicht an diesem +Tag entbunden werden; laßt, ausser an diesem Tag, den Seefahrer +keinen Schiffbruch fürchten, und keinen Vertrag gebrochen werden, +der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem +Tage angefangen wird, nehm' ein unglükliches Ende, und die Treue +selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug! + +König Philipp. +Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse +dieses Tages zu verwünschen; hab ich euch nicht meine Majestät zum +Unterpfand gegeben? + +Constantia. +Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestät betrogen, die, +sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch +befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam't in +Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und +verstärket es nun mit dem eurigen. Freundschaft und geschminkter +Friede haben den Plaz der kühnen Streitbegierde und des edeln +kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrükung ist zum Sigel +dieses Bundes gemacht worden. Waffnet, waffnet euch, ihr +himmlischen Mächte, wider diese meineidigen Könige; eine Wittwe +ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel! Laß diesen Ungöttlichen Tag sich +nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne +untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese +treulosen Könige. Höre mich, o höre mich! + +Östreich. +Lady Constantia, gebt euch zufrieden. + +Constantia. +Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg für mich. O +Lymoges, o Östreich! du schändest diesen edeln Raub, womit du +pralest! du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter, +in nichts groß als in Niederträchtigkeit, und nie herzhaft als wenn +du dich hinter die stärkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der +Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterläunische Fräulein nicht +neben dir steht, und dir Bürge für deine Sicherheit ist; du bist +auch meineidig, und schmeichelst den Grossen. Was für ein Narr +bist du, für ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu +schwören, daß du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger +Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen? +Geschworen, daß du die Waffen für mich führen wollest, und mich +ermahnet, mich deinem Glüke und deiner Stärke anzuvertrauen? Und +nun trittst du auch zu meinen Feinden über? du, eine Löwen-Haut +tragen? herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und +häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern. + +Östreich. +O daß ein Mann mir das sagte! + +Faulconbridge. +Und häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern. + +Östreich. +Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist. + +Faulconbridge. +Und häng' ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern. + +Östreich. +Mich däucht, Richards Stolz und Richards Fall sollt' eine Warnung +für euch seyn, Herr. + +Faulconbridge. +Was für Worte sind das? Wie schwanken meine Sehnen! Meines Vaters +Feind in meines Vaters Raub gehüllt! Wie flüstert mir Alecto ins +Ohr: Zögre nicht, Richard, schlage den nichtswürdigen Kerl zu Boden, +zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des +Triumphs deines Vaters über die Wilden--Nun bey seiner Seele +schwöre ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die +Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Rüken +gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, daß du dich +unterstanden es zu tragen. + +König Johann. +Höre auf, du mißfällst uns mit solchen Reden, und vergissest dich +selbst. + + + +Dritte Scene. +(Pandolph zu den Vorigen.) + + +König Philipp. +Hier kommt der heilige Legat des Papsts. + +Pandolph. +Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, König +Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal +Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier, +frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die +Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwählten Erz- +Bischof von Canterbüry, Stephan Langton, so vorsezlicher und +gewaltthätiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurükstossest? +Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts +Innocentius, Namen, ich dich fragen soll. + +König Johann. +Was für ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Könige +zu Fragstüken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwürdigern +und lächerlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer +Antwort zu vermögen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze +noch dieses aus Englands Mund hinzu, daß wir nicht gestatten werden, +daß ein Italiänischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern +Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem +Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem +grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhülf einer sterblichen Hand, +dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit +Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaßliche +Autorität. + +König Philipp. +Bruder von England, ihr lästert indem ihr so sprecht. + +König Johann. +Ob gleich ihr und alle Könige der Christenheit euch von diesem +unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen laßt, daß ihr +einen Fluch fürchtet, der sich mit Geld abkauffen läßt, und durch +das Verdienst von abschäzigem Gold, Quark, Staub, verfälschten +Ablaß von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablaß +sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle übrigen, euch so grob +betrügen laßt, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkünften zu +überhäuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst +entgegenzusezen, und halte seine Freunde für meine Feinde. + +Pandolph. +So sey dann du, kraft der rechtmäßigen Gewalt die ich habe, mit dem +Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der +sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer empört; und +verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als +heilig verehrt, die, durch was für ein Mittel es auch sey, dir dein +verfluchtes Leben nimmt. + +Constantia. +O laß es erlaubt seyn, daß mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu +fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flüchen; +denn ohne eine Kränkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die +Gewalt hat, ihm recht zu fluchen. + +Pandolph. +Hier, Lady, ist die gesezmäßige Vollmacht, die meinen Fluch +rechtmäßig macht. + +Constantia. +Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so +laßt rechtmäßig seyn, daß das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez +kan meinem Kinde hier sein Königreich nicht geben; denn der, der +von seinem Königreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun +das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner +Zunge verbieten zu fluchen? + +Pandolph. +Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen +willst, so laß die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die +ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wäre dann, daß er sich +unter Rom demüthigte. + +Elinor. +Wirst du blaß, Frankreich? Laß deine Hand nicht gehen. + +Constantia. +Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ändre, und durch +Zurükziehung seiner Hand die Hölle eine Seele verliehre. + +Östreich. +König Philipp, gieb dem Cardinal Gehör. + +Faulconbridge. +Und häng' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern. + +Östreich. +Gut, Galgenschwengel, ich muß diese Beleidigungen einsteken, weil-- + +Faulconbridge. +deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen. + +König Johann. +König Philipp, was sagst du zu dem Cardinal? + +Constantia. +Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal. + +Ludwig. +Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch +von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft +zuziehen wollt; wählet das leichteste Übel. + +Blanca. +Das ist Rom's Fluch. + +Constantia. +Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer +schmuken jungen Braut. + +König Johann. +Der König ist unruhig, und giebt keine Antwort. + +Constantia (zu Philipp.) +O entfernt euch von ihm, und antwortet recht. + +Östreich. +Thut das, König Philipp, hängt nicht länger im Zweifel. + +Faulconbridge. +Häng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus. + +König Philipp. +Ich bin ganz in Verwirrung, und weiß nicht was ich sagen soll. + +Pandolph. +Die Verwirrung würde noch grösser seyn, wenn du exkomunicirt und +verflucht würdest. + +König Philipp. +Guter ehrwürdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir, +was ihr thun würdet? Diese königliche Hand und die meinige sind +nur erst zusammengefügt, und eine innerliche Vereinigung unsrer +Seelen durch ein feyrliches Bündniß und die ganze Stärke +geheiligter Eydschwüre unauflöslich gemacht worden. Der lezte +Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne +Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und +unsern Königreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschluß, +nicht länger als daß wir zu Beschwörung desselben die Hände waschen +konnten, waren sie, der Himmel weiß es, mit neuvergoßnem Blut +beflekt. Und sollen nun diese Hände, die nur erst davon gereiniget, +nur erst in Freundschaft zusammengefügt worden, sich wieder +trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten? +Sollen wir so unbeständige Kinder aus uns selbst machen, einen +Augenblik darauf wieder unsre Hände zurükzuziehen? Soll die +beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des +lächelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O +heiliger Mann, mein ehrwürdiger Vater, laßt es nicht so seyn! +Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen +uns glüklich schäzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben. + +Pandolph. +Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der +Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey +der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird +ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über +einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine +Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner +mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu +halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst. + +König Philipp. +Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen. + +Pandolph. +Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest, +wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen +Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan, +nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht +zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder +dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden; +denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das +Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht +hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht +nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall +ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht, +aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt +Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der +verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was +beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion +geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und +machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid, +dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so +schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für +ein Gespötte wär' es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein, +um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du +geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten +geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich +selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen, +als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten +Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst, +dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig +auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie +abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung +sterben wirst. + +{ed.-* In dieser langen Rede läßt Shakespeareden Legaten seine +Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche +Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll, +nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen. +Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein +Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich +vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge +ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.} + +Östreich. +Rebellion, offenbare Rebellion-- + +Faulconbridge. +Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein +Maul stopfen kan? + +Ludwig. +Vater, zu den Waffen. + +Blanca. +An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt +hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen? +Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu +unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o +Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens +willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen +Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen +Oheim. + +Constantia. +O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien, +bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel +zugedachte Rache nicht ab. + +Blanca. +Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was +für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer +Gemahlin? + +Constantia. +Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre. O deine Ehre, +Ludwig, deine Ehre!-- + +Ludwig. +Ich erstaunen wie Euer Majestät so kalt seyn kan, da so wichtige +Betrachtungen auf sie würken. + +Pandolph. +Ich will den Fluch über sein Haupt aussprechen. + +König Philipp. +Du sollst es nicht nöthig haben. England, ich falle von dir ab. + +Constantia. +O edle Wiederkehr der verbannten Majestät! + +Elinor. +O schändliche Empörung der Französischen Unbeständigkeit! + +König Johann. +Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen. + +Blanca. +So muß die Sonne in Blut untergehen. Schöner Tag, fahr' wohl! Wo +ist die Parthey mit der ich gehen muß? Ich stehe zwischen beyden, +jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie +sich in ihrer Wuth von einander, und zerstüken mich. Gemahl, ich +kan nicht beten, daß du gewinnen mögest; Oheim, ich bin gezwungen +zu beten, daß du verliehrest; Vater, ich kan das Glük nicht auf +deine Seite wünschen; Großmutter, ich will nicht wünschen, daß +deine Wünsche erhört werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne daß +ich auf der andern verliehre. + +Ludwig. +Folget mir, Madame, euer Glük hängt nun von dem meinigen ab. + +Blanca. +Wo mein Glük lebt, stirbt mein Leben. + +König Johann. +Vetter, geh und ziehe unsre Völker zusammen. + +(Faulconbridge geht ab.) + +Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts +als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich löschen kan. + +König Philipp. +Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche +zusammenfallen, eh unser Blut diß Feuer löschen soll. Sieh zu dir +selbst, du wagest viel. + +König Johann. +Nicht mehr als der so mir dräuet. Zun Waffen! hinweg! + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.) +(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Östreichs Kopf, tritt auf.) + + +Faulconbridge. +Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heiß; irgend ein +feuriger Teufel brütet in der Luft, und schüttet Unheil herab. +Hier lig du, Östreichs Kopf,--So hat König Richards Sohn sich +seines Gelübds entlediget, und der unsterblichen Seele seines +Vaters Östreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (König Johann, +Arthur und Hubert treten auf.) + +König Johann. +Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung--Richard, ermuntre +dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestürmt, und ist, wie ich +besorge, gefangen. + +Faulconbridge. +Ich befreyte sie, Gnädigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit, +besorget nichts. Aber zurük, mein König; noch ein wenig Arbeit +wird diesen Tag zu einem glüklichen Ende bringen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Lermen; Gefecht; Flucht; König Johann, Elinor, Arthur, + Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.) + + +König Johann. +So soll es seyn; + +(zu seiner Mutter.) + +Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurükbleiben; + +(zu Arthur.) + +Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Großmama hat dich lieb, +und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten. + +Arthur. +O diß wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen. + +König Johann (zu Faulconbridge.) +Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, daß du noch vor +unsrer Ankunft unsre reichen Äbte schüttelst; sez du ihre +gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg muß an den fetten +Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem +äussersten Nachdruk. + +Faulconbridge. +Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurüktreiben, wo Gold und +Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu. +Majestät; Großmutter, wenn mir anders einmal einfällt fromm zu seyn, +will ich für eure Wohlfahrt beten; und hiemit küß' ich euch die +Hand. + +Elinor. +Lebe wohl, mein lieber Vetter. + +König Johann. +Vetter, lebe wohl. + +(Faulconbridge geht ab.) + +Elinor. +Komm zu mir, kleiner Vettermann--auf ein paar Worte-- + +(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.) + +König Johann (zu Hubert auf der andern Seite.) +Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr +verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein +Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt. +Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich +zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird +theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen-- +aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel, +Hubert, ich bin recht beschämt, wenn ich denke, wie grosse +Verbindlichkeiten ich dir habe. + +Hubert. +Ich bin es, der Euer Majestät unendlich verpflichtet ist. + +König Johann. +Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen--Aber du +sollt bekommen--und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll +sie doch kommen, daß ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu +sagen--Aber, laß es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze +Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu üppig, zu voll von +Lustbarkeiten, um mir Gehör zu geben. Wenn die mitternächtliche +Gloke mit ihrer ehernen Zunge über die schlaftrunkne Geschöpfe der +Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein +Kirchhof wäre, und du vom Gefühl von tausend Beleidigungen besessen +wärst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt +küzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht +hätte; oder wenn du sehen könntest ohne Augen, hören könntest ohne +Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne +Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse +Gedanken mit mir reden könntest; denn wollt' ich, troz dem +großaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen +ausschütten--Aber so, will ich nicht--Und doch liebe ich dich sehr, +und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch. + +Hubert. +So sehr, daß ich, ich schwör es beym Himmel, alles unternehmen will, +was Euer Majestät mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der +That verknüpft wäre. + +König Johann. +Weiß ich nicht, daß du es thun würdest? Guter Hubert, Hubert, +Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen, +Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich +den Fuß sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist +sein Hüter. + +Hubert. +Und ich will ihn so hüten, daß er Eu. Majestät nimmer in den Weg +kommen soll. + +König Johann. +Tod. + +(leise.) + +Hubert. +Gnädigster Herr. + +König Johann. +Ein Grab. + +Hubert. +Er soll nicht leben. + +König Johann. +Genug, nun könnt' ich aufgeräumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb. +Gut, ich will nicht sagen, was ich für dich thun will; Vergiß es +nicht-- + +(indem er zu Elinor zurükgeht.) + +Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestät die bewußten Truppen +zusenden. + +Elinor. +Mein Segen geht mit euch. + +König Johann (zu Arthur.) +Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit +aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais, +hinweg! + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Verwandelt sich in den Französischen Hof.) +(König Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.) + + +König Philipp. +So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze +Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander +verschlagen.* + +{ed.-*Dieses Gleichniß, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur +Sache paßt, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stüke, eine +Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die +damalige Zeit-Umständ; indem dieses Schauspiel längstens einen oder +zween Winter darnach zum erstenmal aufgeführt wurde. Warburton.} + +Pandolph. +Nur guten Muth gefaßt, alles soll noch gut gehen. + +König Philipp. +Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht +geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen? +Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser +blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen? + +Ludwig. +Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit +einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so +ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action +wie diese ist, gelesen oder gehört? + +König Philipp. +Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte, +wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte. +(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer +Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der +verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte +dich, Lady, komm mit mir hinweg. + +Constantia. +Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens. + +König Philipp. +Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia. + +Constantia. +Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was +allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o +angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du +gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du +Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften +Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken, +und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und +diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein +scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich +will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du +Liebling des Elends, komm, komm zu mir! + +König Philipp. +O schöne Bekümmerniß, stille! + +Constantia. +Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen; +o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit +meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte +faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer +schwachen weiblichen Stimme nicht hören will. + +Pandolph. +Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz. + +Constantia. +Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig; +dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia, +ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist +verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär' es! denn +alsdann könnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte, +was für einen Schmerz würd' ich vergessen! Predige irgend eine +Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt +werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern +meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich +mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich +erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd' ich +meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste +Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut +fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers. + +König Philipp. +Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in +dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein +Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich +zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich +wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im +Unglük ausharren. + +Constantia. +Nach England, wenn ihr wollt.-- + +König Philipp. +Bindet eure Haare auf + +Constantia. +Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus +ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die +Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben +haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in +ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist. +Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehört, wir werden unsre +Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen +Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten +männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine +anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des +Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von +seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst +schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter +Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht, +und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich +ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur +nimmer, nimmer wieder sehen. + +Pandolph. +Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr. + +Constantia. +Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte-- + +König Philipp. +Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt. + +Constantia. +Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in +meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen +Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine +liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz +zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust +erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut. +Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden, + +(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.) + +da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein +Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude, +meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige +Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn! + +(Sie geht ab.) + +König Philipp. +Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen. + + + +Siebende Scene. + + +Ludwig. +Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das +Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das +die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre +Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie +izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt. + +Pandolph. +Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem +Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am +heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie +verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages +verlohren? + +Ludwig. +Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens. + +Pandolph. +Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag +gewonnen hättet. Nein, nein; wenn's das Glük am besten mit den +Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es +ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat, +was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß +Arthur sein Gefangner ist? + +Ludwig. +So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat. + +Pandolph. +Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus +einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die +ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine +Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands +Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget, +und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen +Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein +Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter +der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig +erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem +schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu +garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen +könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn +kan. + +Ludwig. +Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen? + +Pandolph. +Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle +Ansprüche Arthurs eintreten. + +Ludwig. +Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur. + +Pandolph. +Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann +thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch, +und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit +sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden. +Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und +ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den +schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit +Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in +der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein +gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie +nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore, +Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des +Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen. + +Ludwig. +Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und +sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten. + +Pandolph. +O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht +schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden +die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich +nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu +Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen +schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers +gebrütet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard +Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet +unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte +Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in +einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder +wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird. +Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für +Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da +ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu; +ich will an dem Könige treiben. + +Ludwig. +Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr +Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Vierter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Verwandelt sich in England.) +(Ein Gefängniß.) + +(Hubert und zween Nachrichter treten auf.) + + +Hubert. +Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den +Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor +und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den +Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache. + +Nachrichter +Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten. + +Hubert. +Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge--Junger +Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.) + +Arthur. +Guten Morgen, Hubert. + +Hubert. +Guten Morgen, kleiner Prinz. + +Arthur. +Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag. +Ihr seyd traurig. + +Hubert. +In der That, ich bin schon lustiger gewesen! + +Arthur. +Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig +seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war, +an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie +die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem +Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der +Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht +von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß +ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und +wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert. + +Hubert (vor sich.) +Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze +mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und +meinen Auftrag vollziehen. + +Arthur. +Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich +wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben +euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr, +als ihr mich lieb habt. + +Hubert. +Seine Reden dringen mir ins Herz. + +(Er zeigt ihm ein Papier.) + +Ließ hier, junger Arthur-- + +(Bey Seite.) + +Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden +aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt +in weibischen Thränen aus meinen Augen--Könnt' ihr's nicht lesen? +Ist es nicht schön geschrieben? + +Arthur. +Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr +meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen. + +Hubert. +Ich muß, junger Herr. + +Arthur. +Und ihr wollt es? + +Hubert. +Und ich will. + +Arthur. +Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band +ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte, +eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals +wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den +Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle +Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan +ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still +gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch +gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter--Doch +nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und +eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so +gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr-- +wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen +sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen? + +Hubert. +Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit +glühenden Eisen ausbrennen. + +Arthur. +Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das +Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese +Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser +seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn +ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde +mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner +andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen. + +Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.) +Hervor, thut wie ich euch befehle. + +Arthur (erschroken.) +O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den +grimmigen Bliken dieser blutigen Männer. + +Hubert. +Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher. + +Arthur. +O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will +mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des +Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich, +Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie +ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort +reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer +fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter +anthun möget. + +Hubert. +Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm. + +Nachrichter. +Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn. + +(Sie gehen ab.) + +Arthur. +Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen +erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder +herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke. + +Hubert. +Komm, Junge, bereite dich. + +Arthur. +Ist denn kein Mittel? + +Hubert. +Keines, als deine Augen zu verliehren. + +Arthur. +O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke, +ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für +Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten, +euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen. + +Hubert. +Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht-- + +Arthur. +Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere; +ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht; +oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur +meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt, +und würde mir kein Leid thun. + +Hubert. +Ich kan es wieder heiß machen, Junge. + +Arthur. +Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum +Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit +gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen +haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht, +und mit reuiger Asche überstreut. + +Hubert. +Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen. + +Arthur. +Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und +über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden +sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen +genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle +Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren +Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als +Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten +Verrichtungen gebraucht werden. + +Hubert. +Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren, +wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und +doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem +Eisen hier sie auszubrennen. + +Arthur. +O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr +verlarvt. + +Hubert. +Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen, +als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit +falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe +ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides +thun wollte. + +Arthur. +O Himmel! ich danke euch, Hubert. + +Hubert. +Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich +keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus. + +(Sie ziehen ab.) + + + +Zweyte Scene. +(Verwandelt sich in den Hof von England.) +(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.) + + +König Johann. +So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und, +wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen. + +Pembroke. +Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr +seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist +euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch +Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat +das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük +zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen. + +Salisbury. +Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon +sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie +weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen +mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels +durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist +vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß. + +Pembroke. +Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist +dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil +eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten +Wiederholung, widrig und übel aufgenommen. + +Salisbury. +Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens +ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich +drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt +die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank, +und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen +Kleidung aufzieht. + +Pembroke. +Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so +bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines +Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die +Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen +kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des +Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war. + +Salisbury. +Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie +vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu +gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes, +was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß. + +König Johann. +Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab' ich euch schon +eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd' +ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts +wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne +verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich +eure Bitten anhören und erfüllen will. + +Pembroke. +Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die +Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens +ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für +eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen +anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten; +dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in +gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in +Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie +man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch +bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer +barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle +Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also +gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie +bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren, +wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu +schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil +unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.) + +König Johann. +Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an-- +Hubert, was bringt ihr Neues? + +Pembroke (zu Salisbury.) +Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem +von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer +gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und +gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist +bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen +worden. + +Salisbury. +Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht +von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem, +wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine +Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen +muß. + +Pembroke. +Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders +herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen +Kindes Tod. + +König Johann. +Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er +sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben. + +Salisbury. +In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn. + +Pembroke. +In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind +selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben +werden, hier oder anderswo. + +König Johann. +Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage +die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab' ich über den Puls des +Lebens zu befehlen? + +Salisbury. +Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist +schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt. +Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und +hiemit gehabt euch wohl. + +Pembroke. +Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das +Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem +gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was +auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey +Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so +gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern +Beschwerden zum Ausbruch helfen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Dritte Scene. +(Ein Courier zu den Vorigen.) + + +König Johann (für sich.) +Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund +der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod +schlecht gesichert. + +(Zum Courier.) + +Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in +deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert +sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie +geht es in Frankreich? + +Courier. +Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung +gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie +haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet +werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß +sie geländet haben. + +König Johann. +In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen? +Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich +aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören? + +Courier. +Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten +April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage +vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses +habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder +falsch ist, weiß ich nicht. + +König Johann. +Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen +Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs +befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also +in meinen Französischen Staaten gehen!--Unter wessen Anführung +haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier +geländet? + +Courier. +Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den +Vorigen.) + +König Johann. +Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht-- + +(Zu Faulconbridge.) + +Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch +mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll. + +Faulconbridge. +Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das +schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen. + +König Johann. +Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber +izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine +Zunge sagen kan. + +Faulconbridge. +Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die +Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich +das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk +in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und +voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu +wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den +Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief, +weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen +hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu. +Hoheit die Crone niederlegen würden. + +König Johann. +Du eitler Träumer, warum thatest du das? + +Peter. +Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird. + +König Johann. +Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags, +wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn +aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn +ich habe dich nöthig. + +(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.) + +O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer +Landung ausbreitet? + +Faulconbridge. +Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und +den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes +Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen, +der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden +sey. + +König Johann. +Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab' +einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich. + +Faulconbridge. +Ich will sie aufsuchen. + +König Johann. +Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine +einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit +dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein +Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke, +von ihnen zu mir zurük. + +Faulconbridge. +Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren. + +(Er geht ab.) + +König Johann. +Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll. +Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den +Pairs nöthig; du taugst am besten dazu. + +Courier. +Von Herzen gerne, mein Gebieter. + +(Geht ab.) + +König Johann. +Meine Mutter todt! + + + +Vierte Scene. +(Hubert tritt auf.) + + +Hubert. +Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde +sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe +sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier +herumgedreht. + +König Johann. +Fünf Monde? + +Hubert. +Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen +gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist +immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie +die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den +Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens +macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht. +Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein +Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines +Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in +der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit +den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen +erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer +hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte, +und von Arthurs Tod redte. + +König Johann. +Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen? +Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein +Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du +hattest keine. + +Hubert. +Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an? + +König Johann. +Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre +Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein +Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die +Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie +vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus +überlegter Absicht sauer sieht. + +Hubert. +Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that. + +König Johann. +O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden +wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft +wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu +thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein +Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat +ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn +gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die +Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich +an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem König beliebt zu +machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden. + +Hubert. +Gnädigster Herr-- + +König Johann. +Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da +ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen +bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich +gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm +gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du +verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch +blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du +dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That +vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus +meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln +verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen +Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem +Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem, +herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem +Gewissen und meines Neffen Tod. + +Hubert. +Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und +euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese +meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von +Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein +meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer +Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es +scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der +Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn. + +König Johann. +Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht +auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit. +Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt +gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine +Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir +gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe +mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein +Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Eine Strasse vor einem Gefängniß.) +(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.) + + +Arthur. +Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter +Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier +niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt +eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und +doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt +bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist +eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als +mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe. + +(Er springt herab.) + +Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm +meine Seele auf, und England meine Gebeine. + +(Er stirbt.) + +(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.) + +Salisbury. +Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für +uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn +wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen. + +Pembrok. +Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal? + +Salisbury. +Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche +Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit +mehr gesagt hat, als dieser Brief + +Bigot. +So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen. + +Salisbury. +Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange +Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge +zu den Vorigen.) + +Faulconbridge. +Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König +ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart. + +Salisbury. +Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen +seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern, +noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen +zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste. + +Faulconbridge. +Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das +beste. + +Salisbury. +Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium. + +Faulconbridge. +Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem. + +Pembroke. +Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier? + +(Indem er Arthur gewahr wird.) + +Salisbury. +O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen +Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen. + +Bigot. +Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat, +legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen. + +Salisbury. +Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder +gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier +sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Könnte +die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche +Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize, +das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan; +es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der +niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den +Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat. + +Pembrok. +Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese +entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu +vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein +und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz +macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel. + +Faulconbridge. +Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen +Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist. + +Salisbury. +Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von +Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts +Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist. +Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn +los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme +zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes, +eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des +Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu +mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die +feyrlichste Rache versöhnt haben werde. + +Pembrok. Bigot. +Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde! + + + +Sechste Scene. +(Hubert zu den Vorigen.) + + +Hubert. +Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur +lebt, und der König sendet nach euch. + +Salisbury. +O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter +Lasterbube, aus meinem Gesicht! + +Hubert. +Ich bin kein Lasterbube. + +Salisbury. +Muß ich dem Gesez zuvorkommen? + +(Er zieht seinen Degen.) + +Faulconbridge. +Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein. + +Salisbury. +Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe. + +Hubert. +Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist +so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch +selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr +reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth, +euern Adel und eure Grösse vergessen. + +Bigot. +Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen? + +Hubert. +Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen +einen Kayser zu vertheidigen. + +Salisbury. +Du bist ein Mörder. + +Hubert. +Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen +Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lügt. + +Pembroke. +Haut ihn in Stüken. + +Faulconbridge. +Halte Frieden, sag ich. + +Salisbury. +Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen. + +Faulconbridge. +Du würdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn +du dich erkühnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fuß +vorzusezen, oder ein unanständiges Wort gegen mich auszustossen, so +schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein, +oder ich will dich und deinen Bratspieß so zusammenpleuen, daß du +denken sollst, der Teufel aus der Hölle sey über dich gekommen. + +Bigot. +Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bösewicht +beystehen, einem Mörder? + +Hubert. +Lord Bigot, ich bin keiner. + +Bigot. +Wer ermordete diesen Prinzen? + +Hubert. +Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich +ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust +seines süssen Lebens beweinen. + +Salisbury. +Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein +Bösewicht kan auch weinen, und eine lange Übung macht, daß seine +erzwungene Zähren Ströme des Mitleidens und der Unschuld scheinen. +Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines +Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdünstungen +dieser Schandthat. + +Bigot. +Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin. + +Pembrok. +Saget dem König, dort könn' er uns erfragen. + +(Die Lords gehen ab.) + + + +Siebende Scene. + + +Faulconbridge. +Das ist eine feine Welt; wißt ihr was um diese saubre Arbeit? +Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose +Güte nicht zu, dir zu vergeben. + +Hubert. +Hört mich nur an, Sir. + +Faulconbridge. +Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz--Nein, +nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so +scheußlicher Teufel in der Hölle wie du seyn wirst, wenn du diß +Kind umgebracht hast. + +Hubert. +Bey meiner Seele-- + +Faulconbridge. +Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast, +so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dünnste +Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark +genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden, +dich daran zu hängen; oder wenn du dich ersäuffen willt, so gieß +nur ein wenig Wasser in einen Löffel, und es wird soviel seyn als +der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bösewicht zu erstiken. +Du bist mir äusserst verdächtig. + +Hubert. +Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sünde eines +Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so +möge die Hölle selbst neue Qualen nöthig haben mich zu martern. Er +war wohl da ich ihn verließ. + +Faulconbridge. +Geh, trag' ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betäubt, däucht +mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser +Zeit--Wie wenig Mühe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus +diesem kleinen zerbrochnen Gehäuse der rechtmäßigen Königs-Würde +ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Königreich +gen Himmel geflogen; und das verlaßne England als ein Ding, das +keinen rechtmäßigen Eigenthümer hat, ist dem überlassen, der es +zuerst zu paken kriegt. Der hündische Krieg sträubt nun, um den +halbabgenagten Knochen der Majestät, seinen zürnenden Kamm, und +bläkt die Zähne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun +stossen auswärtige Kriegsschaaren und einheimische Mißvergnügte in +gerader Linie auf einander, und öde Verwüstung laurt, wie ein Rabe +auf ein angestektes und gefallenes Stük Vieh, auf den stürzenden +Fall des überwältigten Pomps. Nun ist derjenige glüklich, den sein +Priester-Rok und sein Gürtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt-- +Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzüglich; ich gehe zu +dem König; tausend Geschäfte warten auf uns, und der Himmel selbst +schießt einen zürnenden Blik auf dieses Land. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Fünfter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Der Englische Hof.) +(König Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.) + + +König Johann. +Hiemit übergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Königs-Würde. + +(Er giebt ihm die Crone.) + +Pandolph. +Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts, +eure königliche Grösse und Autorität. + +König Johann. +Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen, +und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt, +ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu +versperren. Unsre mißvergnügten Grafschaften lehnen sich auf, +unser Volk sträubt sich gegen seine Pflicht, und schwört einem +fremden Blute Treue und Unterwürfigkeit. Dieser Schwall einer +fieberhaften Schwärmerey kan von euch allein besänftiget werden. +Säumet also nicht; denn die gegenwärtige Zeit ist so krank, daß sie, +ohne die Hülfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare +Folgen nach sich zöge. + +Pandolph. +Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen +den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf +eine so glükliche Art verändert habt, so soll eben dieser Athem, +diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schönes Wetter +in euerm erschütterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage, +erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum +Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermögen, daß +sie die Waffen niederlegen. + +(Er geht ab.) + +König Johann. +Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage, +zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan; +ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey +Dank, es geschah bloß freywillig. (Faulconbridge tritt auf.) + +Faulconbridge. +Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hält sich noch als Dover-Castle; +London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein +Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hören, sondern +sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die +kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betäubung hin und +her. + +König Johann. +War die Nachricht, daß Arthur lebe, nicht vermögend, meine Lords +zur Wiederkehr zu mir zu bewegen? + +Faulconbridge. +Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres +Kästchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben, +von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden. + +König Johann. +Der nichtswürdige Bube Hubert sagte mir, er lebe. + +Faulconbridge. +Ich wollte für ihn schwören daß er nichts anders wußte--aber warum +seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd +groß in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Laßt +die Welt keine Furcht, kein banges Mißtrauen in einem königlichen +Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch +auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Dräuer und +trozet der rümpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure +Anhänger, die ihre Aufführung von ihrem Oberhaupt borgen, durch +euer Beyspiel groß werden, und einen unerschroknen Muth fassen. +Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg +entgegenzieht; zeigt Kühnheit und Vertrauen auf euch selbst und +euer Glük! Wie, sollen sie den Löwen in seiner Höle aufsuchen, und +sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! laßt das +nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und +ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt. + +König Johann. +Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit +ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu +schiken. + +Faulconbridge. +O unrühmliches Bündniß! Fremde sollen in unser Land einfallen, und +wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromiß +und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen? +Ein unbärtiger Junge, ein verzärtelter seidener Stuzer soll +übermüthig über unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf +einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten +Gepränge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand +finden? Zu den Waffen, mein Königlicher Herr; vielleicht erhält +der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhält, so +laßt doch wenigstens von uns gesagt werden, daß wir in der +Verfassung gewesen, uns wehren zu können. + +König Johann. +Ich übertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du +in unsern gegenwärtigen Umständen nöthig findest. + +Faulconbridge. +Auf dann, und guten Muth gefaßt; ich bin gewiß, daß unsre Parthey +im Stande wäre, einem stärkern Feind entgegen zu gehen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Zweyte Scene. +(Das Lager des Dauphins.) +(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in + Waffenrüstung auf.) + + +Ludwig. +Mein Herr von Melun, laßt eine Copey hievon genommen, und zu unsrer +Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwärtigen Aufsaz aber +gebt diesen Lords zurük, damit sie auch eine schriftliche Erklärung +unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir +diese Papiere überlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben, +und unser Wort fest und unverbrüchlich halten. + +Salisbury. +Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir +gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwörung +einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so +glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, daß ein solches +Geschwär der gegenwärtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein +Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch +viele heilen muß. O, es kränkt meine Seele, daß ich dieses Metall +von meiner Seite ziehen muß, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und +dieses in einem Lande, wo rühmlicher Widerstand und rechtmäßige +Gegenwehr über den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die +verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, daß wir unser Recht zu +heilen, gezwungen sind die Hand des kühnen Unrechts und der +regellosen Gewaltthätigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht +schmerzen, o meine tiefgekränkten Freunde, daß wir, die Söhne und +Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da +wir, zu einem ausländischen Kriegsheer gesellt, über ihren schönen +Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfüllen; (ich muß +mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit +beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten +Landes wider unser eignes unterstüzen, und unbekannten Fahnen hier +folgen müssen? Wie, hier? O mein Volk, möchtest du dich +zurükziehen können! Möchte Neptun, der dich ringsumfaßt, dich in +seinen Armen aus dem Schooß deines mütterlichen Bodens hinweg an +irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das +Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten könnten, +anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen. + +Ludwig. +Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in +deinem Busen kämpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen +in dir. Oh was für einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und +Liebe zum Vaterland hast du gekämpft! Laß mich diesen ehrwürdigen +Thau abwischen, der wie fliessendes Silber über deine Wangen rollt. +Mein Herz ist schon von den Thränen eines Frauenzimmers +zerschmolzen, die doch eine gewöhnliche Überschwemmung sind; aber +dieser Ausbruch von männlichen Thränen, dieser von dem Ungewitter +einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge +starren, und sezt mich in ein grösseres Erstaunen, als wenn ich das +ganze Gewölbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren +überwälzt sähe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und +treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Überlaß diese +Thränen jenen Säuglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt +in Wuth gesehen, und das Glük nirgends als bey Lustbarkeiten und +üppigen Schmäusen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine +Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig +selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Stärke +der meinigen anknüpfen. + + + +Dritte Scene. +(Pandolph zu den Vorigen.) + + +Ludwig. +Wie, hier eilet, däucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der +heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen, +und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts +aufzudrüken. + +Pandolph. +Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nächste ist dieses: König +Johann hat sich mit Rom ausgesöhnt; windet also diese dräuenden +Fahnen auf, und zähmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit +er, gleich einem Löwen der im Hause zahm aufgezogen worden, +freundlich zu den Füssen des Friedens lige, und ausser durch sein +Ansehen ferner keinen Schaden thue. + +Ludwig. +Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich werde nicht zurük gehen. Ich bin +nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines +Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem +blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem +gezüchtigten Königreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu +nähren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem +schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden. +Ihr lehrtet mich meine Befügnisse und Ansprüche an dieses Land +kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt +kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was +geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine +Vermählung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land +als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich +zurük gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin +ich Roms Sclave? Was für Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung +hergegeben, was für Volk, oder was für Kriegs-Vorrath? Bin ichs +nicht allein, der die Last derselben trägt? Wer anders als ich, +und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstüzen, schwizt +in diesem Geschäft und führt diesen Krieg? Hab ich nicht diese +Insulaner mir zujauchzen gehört, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre +Städte angezogen bin? Hab' ich hier nicht die besten Carten, um +dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun +soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Händen habe? Nein, +bey meiner Seele, das will ich nicht thun. + +Pandolph. +Ihr seht nur auf das Äusserliche dieses Geschäfts. + +Ludwig. +Äusserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis +ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgeführt haben werde, +als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin-- + +(Man hört eine Trompete.) + +Was für eine muntre Trompete fordert uns hier auf? + + + +Vierte Scene. +(Faulconbridge zu den Vorigen.) + + +Faulconbridge. +Vergönnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Völker, ein ruhiges +Gehör: ich bin von dem König abgeschikt, um von euch, mein heiliger +Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten +habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die +Erklärung seyn, zu der meine Zunge bevollmächtiget ist. + +Pandolph. +Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen +lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen. + +Faulconbridge. +Bey allem dem Blut, das jemals von männlicher Wuth gekocht hat, der +Jüngling sagt recht. Höret izt unsern Engländischen König: Denn so +spricht seine Majestät durch mich; er ist vorbereitet, und die +Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen poßierlichen +Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes +Spiegelgefecht, auf dieses läppische Kriegsheer von sauersehenden +Knaben, lächelt der König herab; und ist in guter Verfassung, +diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmäen-Waffen aus dem Umfang seines +Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Stärke +genug hatte, euch vor euern Hausthüren zu prügeln, und zu machen, +daß ihr, gleich Wasserkübeln, euch in gemaurte Brunnen täuchen, +unter die Schindeln eurer Ställe klettern, wie Pfänder in Kästen +und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen +verkriechen mußtet; daß ihr euere Sicherheit in Kellern und +Gefängnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet, +wenn ihr nur einen Englischen Hahn krähen hörtet, in der +Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Engländers; diese +siegreiche Hand sollte hier entkräftet hangen, nachdem sie euch in +euern Kammern gezüchtiget hat? Nein; wißt, der dapfre Monarch ist +in Waffen, und schwebt gleich einem Adler über seinen Horst, um +jeden Unfall, der sich seinem Neste nähert, wegzuscheuchen. Und +ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die +den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, erröthet vor +Schaam; denn eure eignen Frauen und blaß-wangichte Töchter, kommen, +gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre +Fingerhüte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre +sanftmüthigen Herzen um Grimm und Blutdurst-- + +Ludwig. +Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir +gestehen dir zu, daß du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich +wohl; wir schäzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen +Plauderer zu verderben. + +Pandolph. +Laßt mich izt auch reden-- + +Faulconbridge. +Nein, ich will reden. + +Ludwig. +Ich will keinen von beyden anhören, rührt die Trummeln, und laßt +die Zunge des Kriegs für unsre Sache reden. + +Faulconbridge. +In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden +schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke +nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst +sogleich eine andre hören, die bey der Hand ist, so laut +zurükzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine +andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments +rasseln, und dem holen Gebrüll des Donners Troz bieten. Denn, ohne +sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum +Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre König Johann in +der Nähe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne; +dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden +aufzufressen. + +Ludwig. +Rührt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen. + +Faulconbridge. +Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.) +(Alarm. König Johann und Hubert treten auf.) + + +König Johann. +Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert. + +Hubert. +Übel, fürchte ich; wie befindet sich Euer Majestät? + +König Johann. +Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu; +o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.) + +Bote. +Gnädigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer +Majestät, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen +Weg ihr nehmet. + +König Johann. +Sag ihm in die Abtey bey Swinstead. + +Bote. +Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin +erwartete, hat vor drey Nächten auf den Sandbänken von Godwin +gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die +Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich +zurük zu ziehen. + +König Johann. +Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und läßt +mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead +zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht länger aushalten; ich +bin ganz schwach. + +(Gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Verwandelt sich in das Französische Lager.) +(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.) + + +Salisbury. +Ich glaubte nicht, daß der König noch so viel Freunde hätte. + +Pembroke. +So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglüklich +sind, sind wir verlohren. + +Salisbury. +Der mißgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand, +die einzige Ursach, daß wir diesen Tag verliehren. + +Pembroke. +Man sagt, König Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht +wegbegeben. + +(Melun wird verwundet herbeygeführt.) + +Melun. +Führet mich zu den Englischen Rebellen. + +Salisbury. +Wie wir glüklich waren, hatten wir andre Namen. + +Pembroke. +Es ist der Graf von Melun. + +Salisbury. +Auf den Tod verwundet. + +Melun. +Flieht, ihr edeln Engländer, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft +die entlassene Treue wieder zurük, suchet euern König auf, und +fallet ihm zu Fuß; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird, +so gedenkt er euch die Mühe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen, +daß er euch die Köpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen, +und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St. +Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren. + +Salisbury. +Ist das möglich? Kan das wahr seyn? + +Melun. +Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das +wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie +ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt könnte +mich bewegen, izt zu betrügen, da aller Nuzen des Betrugs aufhört? +Wie könnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, daß ich sterben muß, +und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es +noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig, +wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen; +sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem +albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermüdeten Sonne +anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und für +die willkommne Verrätherey den gewöhnlichen Lohn der Verräther +bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm +König ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, daß mein +Großvater ein Engländer war, wekte mein Gewissen zu diesem +Bekenntniß auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafür aus dem +Getümmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken +in Ruhe ausdenken, und unter andächtigen Betrachtungen und Seufzern +meine Seele von diesem Leibe trennen kan. + +Salisbury. +Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut über diese +günstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Könige +zurük zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg +zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg, +meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glükliche Flucht, +die uns zu unsrer Pflicht zurük bringt! + +(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.) + + + +Siebende Scene. +(Verwandelt sich in einen andern Theil des Französischen Lagers.) +(Ludwig und sein Gefolge treten auf.) + + +Ludwig. +Die Sonne däuchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern +blieb stehn, und machte die westlichen Wolken erröthen, da die +Engländer in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurükmassen; o +wir beschlossen den Tag auf eine rühmliche Art, da wir ihnen mit +einer vollen Ladung unsers, zwar unnöthigen, Geschüzes, nach einer +so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen +ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon-- + +(Ein Bote zu den Vorigen.) + +Bote. +Wo ist mein Prinz, der Dauphin. + +Ludwig. +Hier; was bringst du Neues? + +Bote. +Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch +seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstärkung, +die ihr so lange gewünscht habt, ist auf den Sandbänken zu Godwin +zu Grunde gegangen. + +Ludwig. +O schlimme, verdrießliche Zeitungen! So verdrießlich dacht' ich +diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der, +welcher sagte, König Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh +die Nacht beyde Armeen schied? + +Bote. +Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnädigster Herr. + +Ludwig. +Gut; haltet gute Wache diese Nacht über; der Tag soll nicht so +schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Achte Scene. +(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.) +(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.) + + +Hubert. +Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe +Feuer. + +Faulconbridge. +Ein Freund. Wer bist du? + +Hubert. +Von der Englischen Parthey. + +Faulconbridge. +Und wohin gehst du? + +Hubert. +Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen, +daß du nach den meinigen fragst? + +Faulconbridge. +Ich denke, du bist Hubert. + +Hubert. +Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du +seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du? + +Faulconbridge. +Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und +denken, daß ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin. + +Hubert. +Ha! daß ich dich mißkennen konnte! Du und die augenlose Nacht +haben mich beschämt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, daß der +wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte. + +Faulconbridge. +Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues? + +Hubert. +Ich war im Begriff, euch aufzusuchen. + +Faulconbridge. +So mach' es kurz; was hast du Neues? + +Hubert. +O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich für die Nacht schikt, +schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich. + +Faulconbridge. +Zeige mir ohne Umstände die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin +kein Weibsbild, ich will nicht darüber in Unmacht fallen. + +Hubert. +Der König ist, wie ich besorge, von einem Mönchen vergiftet worden; +ich verließ ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch +von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser +auf die Folgen desselben gefaßt machen könnet, als wenn ihr zu spät +von ihm überraschet würdet. + +Faulconbridge. +Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm? + +Hubert. +Ein Mönch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bösewicht, dem +die Gedärme sogleich davon geborsten sind. Doch der König kan noch +reden, und vielleicht wieder zurecht kommen. + +Faulconbridge. +Wen liessest du seiner Majestät zur Aufwartung? + +Hubert. +Wie? wißt ihr nicht, daß die Lords alle wieder zu ihm zurük +gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben, +auf dessen Fürbitte der König sie begnadiget hat. Sie alle sind +gegenwärtig bey seiner Majestät. + +Faulconbridge. +Halt deinen Zorn zurük, mächtiger Himmel! Und leg' uns nicht mehr +auf, als wir tragen können! Ich muß dir sagen, Hubert, daß die +Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht über diese Untieffen +sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sümpfe haben +sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit +Noth davon gekommen. Laß uns eilen; führe mich zum Könige; ich +besorge, er möchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe. + +(Sie gehen ab.) + + + +Neunte Scene. +(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.) +(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.) + + +Heinrich. +Es ist zu späte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein +sonst so gesundes Gehirn, (welches einige für das zerbrechliche +Wohnhaus der Seele halten) kündigt uns durch die unordentlichen +Phantasien, die es hervordrängt, das Ende der Sterblichkeit an. +(Pembroke zu den Vorigen.) + +Pembroke. +Der König redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft +gebracht würde, so könnte sie die brennende Hize des Giftes lindern, +das ihn verzehrt. + +Heinrich. +Laßt ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch? + +Pembrok. +Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er. + +Heinrich. +Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Übel, die aufs äusserste +gekommen sind, fühlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal +die äusserlichen Theile benagt hat, läßt er sie unempfindlich, und +greift alsdann das Gemüth an, welches er durch ganze Legionen von +seltsamen Einbildungen anfällt und verwundet, die in ihrem Gedränge, +bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie +wunderbar, daß der Tod singen soll--Doch es ist das traurige +Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der +Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die +ewige Ruhe singt. + +Salisbury. +Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er +so roh und ungestalt zurückläßt, zu formen und zur Vollkommenheit +zu bringen. + +(König Johann wird herbeygetragen.) + +König Johann. +Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Paß; sie wollte nicht zum +Fenster oder zur Thüre hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in +meinem Busen, daß sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrümmeln. +Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen +worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen. + +Heinrich. +Wie befindet sich Eu. Majestät? + +König Johann. +Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter +befehlen, daß er komme, und seine beeißten Finger in meinen Schlund +steke; noch machen, daß die Ströme meines Königreichs ihren Lauf +durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, daß +seine kalten Winde meine ausgedörrten Lippen küssen, und mich +abkühlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost, +und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab. + +Heinrich. +O! daß doch in meinen Thränen eine Kraft seyn möchte, euch +Lindrung zu verschaffen! + +König Johann. +Das Salz darinn ist heiß. Ich habe die Hölle in mir, und das Gift +ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung +verdammtes Blut zu peinigen. + + + +Zehnte Scene. +(Faulconbridge zu den Vorigen.) + + +Faulconbridge. +Oh! ich bin athemlos und ganz abgebrüht, vor äusserster +Eilfertigkeit Eu. Majestät zu sehen. + +König Johann. +Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrüken; das +Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die +Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen +Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hängt nur noch an +einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis +du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst, +nur ein Kloz und Model von zerstörter Majestät. + +Faulconbridge. +Der Dauphin rüstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weiß, +wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich +mich mit Vortheil zurükziehen wollte, meine besten Truppen in den +Morästen von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der +unerwarteten Fluth verschlungen. + +(Der König stirbt.) + +Salisbury. +Ihr athmet diese tödtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr--Mein +Gebieter, mein König--doch--kaum ein König, izt diß. + +Heinrich. +Eben so muß ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was für +Sicherheit, was für Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das, +was eben izt ein König war, so bald ein Erdkloß ist. + +Faulconbridge. +Bist du dahin? O! ich bleibe nur zurük, das Amt der Rache statt +deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel +aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat-- + +(Zu den Lords.) + +Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurükgetreten seyd, +wo sind eure Völker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und +eilet unverzüglich wider mit mir zurük, um ausländische Verwüstung +und ewige Schmach aus der schwachen Thüre unsers unmächtigen Landes +auszutreiben. Laßt uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir +werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wüthet beynahe an +unsern Fersen. + +Salisbury. +So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal +Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer +halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlägen +hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des +gegenwärtigen Kriegs, annehmen können. + +Faulconbridge. +Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur +Vertheidigung gefaßt sehen wird. + +Salisbury. +Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat +schon den grösten Theil seiner Kriegsgeräthschaft nach der Küste +abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu +machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich +selbst und die übrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den +Weg machen, um dieses Geschäfte glüklich zu Ende zu bringen. + +Faulconbridge. +Laßt es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den übrigen Fürsten, +die am besten geschont werden können, bleibet zurük, euers Vaters +Leichenbegängniß zu besorgen. + +Heinrich. +Zu Worcester soll, vermöge seines lezten Willens, sein Leichnam +beerdiget werden. + +Faulconbridge. +Er soll also dahin gebracht werden, und glüklich möge Euer +theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses +Landes übernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwürfigkeit, +auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwährenden +Gehorsam angelobe. + +Salisbury. +Eben dieses Gelübde thut unsre zärtliche Liebe, welche auf ewig +ohne einigen Fleken dauern soll. + +Heinrich. +Meine gerührte Seele wünscht euch danken zu können, und weiß es +nicht anders zu thun als durch Thränen. + +Faulconbridge. +Laßt uns einem Übel, welches wir so lange zum voraus bejammert +haben, nur nöthige Trauer bezahlen--So lag England niemals, und +soll künftig nie zu eines Erobrers Füssen ligen, als wenn es sich +vorher durch seine eigne Hände verwundet hat. Nun, da diese seine +Fürsten wieder heimgekehrt sind, nun laßt drey Theile der Welt in +Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So +lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns +erschreken kan! + + +Leben und Tod des Königs Johann, von William Shakespeare +(Übersetzt von Christoph Martin Wieland). + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Tod des Koenigs Johann +by William Shakespeare + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN *** + +This file should be named 7292-8.txt or 7292-8.zip + +Produced by Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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