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+Project Gutenberg's Leben und Tod des Koenigs Johann, by William Shakespeare
+#14 in our series by William Shakespeare
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+Title: Leben und Tod des Koenigs Johann
+
+Author: William Shakespeare
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7292]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on April 7, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN ***
+
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+
+Produced by Delphine Lettau
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Leben und Tod des Königs Johann.
+
+William Shakespeare
+
+Übersetzt von Christoph Martin Wieland
+
+
+Personen.
+
+König Johann von England.
+Prinz Heinrich, sein Sohn und Nachfolger.
+Arthur, Herzog von Bretagne, Neffe des Königs.
+Hubert, Vertrauter des Königs.
+Pembrok, Essex, Salisbury und Bigot, Englische Lords.
+Faulconbridge, nachmals Sir Richard Plantagenet, unehlicher Sohn
+König Richards des Ersten.
+Robert Faulconbridge, vermeynter Bruder des Bastards.
+Jacob Gurney, Diener der Lady Faulconbridge.
+Peter von Pomfret, ein Prophet.
+Philipp, König von Frankreich.
+Ludwig, der Dauphin.
+Der Herzog von Östreich.
+Cardinal Pandolpho, des Pabsts Legat.
+Melun, ein Französischer vom Adel.
+Chatilion, Französischer Gesandter bey König Johann.
+Elinor, Königin-Mutter von England.
+Constantia, Arthurs Mutter.
+Blanca, Tochter Königs Alphonso von Castilien, und Nichte des
+Königs Johann.
+Lady Faulconbridge, Mutter des Bastard und des Robert Faulconbridge.
+Bürger von Angiers, Herolde, Nachrichter, Boten, Soldaten und andre
+stumme Personen.
+Der Schauplaz, zuweilen in England, zuweilen in Frankreich.
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Der Engländische Hof.)
+(König Johann, die Königin Elinor, Pembroke, Essex und Salisbüry
+ mit Chatilion treten auf.)
+
+
+König Johann.
+Wohlan, saget Chatilion, was will Frankreich von uns?
+
+Chatilion.
+So spricht, nächst seinem Gruß der König von Frankreich, durch mich,
+mit der Majestät, der geborgten Majestät von England hier--
+
+Elinor.
+Ein ausserordentlicher Eingang; geborgte Majestät!
+
+König Johann.
+Seyd ruhig, meine werthe Mutter; hört die Gesandtschaft.
+
+Chatilion.
+Philipp von Frankreich nimmt im Namen und in Kraft des Rechts von
+deines verstorbnen Bruders* Gottfried Sohn, Arthur's Plantagenet,
+rechtmäßigen Anspruch an diese schöne Insel, an Irrland, Poitiers,
+Anjou, Touraine und Maine, und begehrt von dir, daß du das Schwerdt
+niederlegest, das einer unrechtmäßigen Herrschaft über diese
+verschiednen Titel sich anmasset, und solches dem jungen Arthur
+einhändigest, deinem Neffen und rechtmäßigen souverainen König.
+
+{ed.-* (Geoffroi Plantagenette), Sohn des Grafen von Anjou, bekam
+durch seine Vermählung mit König Heinrich des 1sten von England
+einziger Tochter und erklärten Erbin, Matthilde, ein Recht an die
+Crone von England, wozu sein ältester Sohn nachmals unter dem Namen
+Heinrichs des 2ten würklich gelangte. Heinrich der 2te vereinigte
+also mit der Crone von England Anjou, Poitou, Touraine und Maine,
+und durch seine Vermählung mit Eleonor, Erbin von Aquitanien, (die
+von ihrem ersten Gemahl (Louis le Jeune) von Frankreich, wegen
+Untreue verstossen worden,) auch das Herzogthum Aquitanien. Seinen
+ältesten Sohn Gottfried (von welchem hier die Rede ist), vermählte
+er mit Constantia, Tochter und Erbin von Conan Grafen von Bretagne;
+die Crone hingegen kam nach Heinrichs Tod an seinen jüngern Sohn
+Richard (Coeur de Lion.) Nach dessen Abgang bemeisterte sich
+(Johannes sine Terra), dessen Geschichte dieses Stük enthält, zum
+Nachtheil Arthurs, des hinterlaßnen Erben seines ältern Bruders
+Gottfrieds von Bretagne, der Crone, und der von Heinrich dem 2ten
+derselben einverleibten Französischen Besizungen; und der darüber
+zwischen ihm und dem König (Philippe Auguste) entstandne Krieg
+macht den Anfang dieses Trauerspiels.}
+
+König Johann.
+Und was folget, wenn wir uns dessen weigern?
+
+Chatilion.
+Der stolze Widerspruch eines blutigen Kriegs, dir mit Gewalt die
+Rechte abzudrängen, die du gewaltthätiger Weise vorenthältst.
+
+König Johann.
+Hier haben wir Krieg um Krieg, Blut um Blut und Wiederspruch um
+Wiederspruch; antwortet das dem König von Frankreich.
+
+Chatilion.
+So nimm dann die Kriegs-Erklärung meines Königs aus meinem Munde,
+den lezten Auftrag meiner Gesandtschaft.
+
+König Johann.
+Bring ihm die meinige zurük, und so scheid' im Frieden; denn eh du
+berichtet haben kanst, daß ich kommen werde, soll Frankreich den
+Donner meiner Canonen hören.** Hinweg dann; sey du die Trompete
+unsers Zorns, und das plözliche Vorzeichen euers Untergangs.
+Pembrok, sorget dafür, daß er mit einem anständigen Geleit aus
+unserm Reich entlassen werde; lebe wohl, Chatilion.
+
+{ed.-** Zu Anfang des dreizehnten Seculi nemlich.}
+
+(Chatilion und Pembroke gehen ab.)
+
+Elinor.
+Wie nun, mein Sohn? Sagt' ich nicht immer, diese ehrgeizige
+Constantia werde nicht ruhen, bis sie Frankreich und alle Welt für
+die Ansprüche ihres Sohns in Flammen gesezt habe? Allem diesem
+hätte man zuvorkommen und in der Güte beylegen können, was nun der
+blutige und gefahrvolle Kampf zweyer Königreiche entscheiden soll.
+
+König Johann.
+Unser völliger Besiz, und unser Recht--
+
+Elinor.
+Wenn unser Besiz nicht kräftiger ist als unser Recht, so muß es uns
+beyden übel gehen; laßt euch mein Gewissen das ins Ohr sagen, da es
+niemand hört als der Himmel, ihr und ich.
+
+Essex.
+Gnädigster Herr, es ist hier eine Streitsache, die aus der Provinz
+zu Eurer Majestät Entscheidung gebracht wird, die seltsamste, die
+ich jemals gehört. Soll ich die Partheyen hereinführen?
+
+König Johann.
+Laßt sie herein kommen--Unsre Abteyen und Prioreyen sollen die
+Unkosten dieses Kriegs bezahlen--Wer seyd ihr?
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Robert Faulconbridge und Philipp, sein Bruder, der Bastard,
+ treten auf.)
+
+
+Philipp.
+Euer Majestät getreuer Unterthan, ein Edelmann in Northamptonshire
+gebohren, und wie ich behaupte, der älteste Sohn von Robert
+Faulconbridge, einem Kriegsmann, den die ehrenvolle Hand des Königs
+Richard (Coeur-de-Lion) im Felde zum Ritter geschlagen.
+
+König Johann (zu Robert.)
+Wer bist du?
+
+Robert.
+Der Sohn und Erbe von diesem nemlichen Faulconbridge.
+
+König Johann.
+Ist dieser der Ältere, und du bist der Erbe? Ihr seyd also nicht
+von einer Mutter, scheint es?
+
+Philipp.
+Wir sind ganz gewiß von einer Mutter, mächtiger König, das ist
+jedermann bekannt, und, wie ich glaube, auch von einem Vater; doch
+wegen der Gewißheit dieses leztern Puncts muß ich Euer Majestät an
+den Himmel und meine Mutter anweisen; denn davon bin ich nicht
+gewisser als alle andre Menschen-Kinder.
+
+Elinor.
+Hinweg mit dir, du ungesitteter Mensch! Schämst du dich nicht,
+deiner Mutter Ehre durch diesen Zweifel zu verwunden?
+
+Philipp.
+Auch thue ich es nicht, Gnädigste Frau; ich habe keine Ursache dazu,
+das ist meines Bruders Sache, das geht mich nichts an; wenn er so
+was beweisen kan, so bringt er mich wenigstens um schöne
+fünfhundert Pfund des Jahrs; der Himmel schüze meiner Mutter Ehre
+und mein Erbgut!
+
+König Johann.
+Ein guter runder Geselle; aber warum macht er denn einen Anspruch
+an dein Erbgut, wenn er der jüngere Bruder ist?
+
+Philipp.
+Ich weiß nicht warum, ausser daß er gerne meine Güter hätte; es ist
+wahr, er warf mir einmal vor, daß ich unehlich gezeugt sey, allein
+das ist eine Sache, die ich lediglich meiner Mutter überlasse; ich
+kan nicht wissen, ob ich ehlich oder unehlich gezeugt bin; aber das
+weiß ich, daß ich eben so wohl gemacht bin als er. (Sanft mögen
+die Gebeine ruhen, die diese Mühe für mich genommen haben!)
+Vergleichet unsre Gesichter, gnädigster Herr, und thut den
+Ausspruch. Wenn der alte Sir Robert uns beyde gemacht hat, und
+dieser Sohn ihm ähnlich sieht; o alter Sir Robert, so dank ich dem
+Himmel auf meinen Knien, daß ich dir nicht ähnlich sehe.
+
+König Johann.
+Ha, was für einen Pikelhäring hat uns der Himmel hier zugeschikt?
+
+Elinor.
+Er hat einen Zug von (Coeur de Lion's) Gesicht, und einen ähnlichen
+Ton der Stimme; findet ihr nicht einige Ähnlichkeiten mit meinem
+Sohn, in der stämmichten Gestalt dieses jungen Menschen?
+
+König Johann.
+Ich betrachte ihn schon lange deßwegen, und find' ihn durchaus
+Richard;
+
+(zu Robert.)
+
+Nun, Geselle, sage dann, was bewegt dich einen Anspruch an deines
+Bruders Güter zu machen?
+
+Philipp.
+Weil er ein halbes Gesicht hat, wie mein Vater; um dieses halben
+Gesichts willen möcht er gerne mein ganzes Erbgut haben; ein
+groschenmäßiges Halb-Gesicht, fünfhundert Pfund des Jahrs!
+
+Robert.
+Mein gnädigster Souverain, wie mein Vater noch lebte, brauchte der
+König, euer Bruder, meinen Vater viel--
+
+
+Philipp.
+Gut, Herr, das kan euch nichts von meinen Gütern geben; ihr müßt
+sagen, wie er meine Mutter brauchte.
+
+Robert.
+--und verschikte ihn einst in einer Gesandtschaft nach Deutschland,
+wo er über wichtige Angelegenheiten der damaligen Zeit mit dem
+Kayser Unterhandlung pflegen sollte; der König machte sich indessen
+seine Abwesenheit zu Nuze, und hielt sich die ganze Zeit über in
+meines Vaters Haus auf; wie er's da so weit gebracht, daß er--ich
+schäme mich es zu sagen; allein Wahrheit ist Wahrheit; Kurz, es
+lagen Meere und Länder zwischen meinem Vater und meiner Mutter, wie
+dieser junge Herr hier gezeugt wurde; das hab' ich aus meines
+Vaters eignem Munde. Auf seinem Todbette vermachte er seine Güter
+durch ein Testament mir, und blieb bis in seinen Tod dabey, daß
+dieser, meiner Mutter Sohn, nicht der seinige sey; und wenn er's
+auch wäre, so kam er volle vierzehn Wochen vor der gesezmäßigen
+Zeit in die Welt: Ich bitte also Euer Majestät mir zuzusprechen,
+was mein ist, meines Vaters Güter, nach meines Vaters leztem Willen.
+
+König Johann.
+Mein guter Kerl, euer Bruder ist in der Ehe gebohren; euers Vaters
+Weib brachte ihn während ihrem Ehestand; wenn sie untreu war, so
+ist es ihr Fehler, und ein Zufall dem alle Männer ausgesezt sind,
+welche Weiber nehmen. Sag mir einmal, wie, wenn mein Bruder, der
+deinem Vorgeben nach, die Mühe nahm diesen Sohn zu zeugen, ihn
+deinem Vater als seinen Sohn abgefodert hätte? Hätte nicht dein
+Vater ein Kalb, das ihm seine Kuh gebracht, gegen die Ansprüche der
+ganzen Welt behaupten können? Wahrhaftig, guter Freund, das hätt'
+er können; gesezt also auch, er wäre meines Bruders Sohn, so hätte
+doch mein Bruder keinen Anspruch an ihn machen, noch hätt' ihn euer
+Vater deßwegen, weil er nicht sein sey, verläugnen können; aus
+allem diesem folgt also, daß meiner Mutter Sohn euers Vaters Erben
+zeugte, und daß euers Vaters Erbe euers Vaters Güter haben muß.
+
+Robert.
+Soll denn meines Vaters lezter Wille keine Kraft haben, ein Kind zu
+enterben, das nicht sein ist?
+
+Philipp.
+Von keiner grössern Kraft mich zu enterben, Herr, als, denk ich,
+sein Wille mich zu zeugen war.
+
+Elinor.
+Was wolltest du lieber seyn, ein Faulconbridge, wie dieser hier, um
+deine Güter zu haben; oder ein natürlicher Sohn von (Coeur de Lion),
+ein Prinz vom Geblüte, und keine Güter dazu?
+
+Philipp.
+Gnädigste Frau, und wenn mein Bruder meine Gestalt hätte, und ich
+hätte die seinige, Sir Roberts seine, wie er; und wenn meine Beine
+zwo solche Spindeln wären, meine Arme solch Aalhautiges Zeug, und
+mein Gesicht so dünne, daß ich keine Rose* in mein Ohr steken
+könnte, ohne daß die Leute sagten: Seht, da geht Drey-Viertels-
+Pfennig--Und wenn gleich diese Gestalt Erbe von allen seinen Gütern
+wäre, so will ich nimmer von diesem Plaz kommen, wenn ich sie nicht
+von Fuß auf hingeben wollte, um dieses Gesicht zu haben; ich wollt'
+um alles in der Welt nicht Sir Nobb seyn.
+
+{ed.-* Um diese Anspielung zu verstehen muß man wissen, daß die
+Königin Elisabeth unter allen Beherrschern von England die erste
+und lezte war, die Drey-Halb-Pfenninge, und Drey-Viertels-Pfenninge
+schlagen ließ, auf denen sich ihr Bildniß bald mit bald ohne die
+Rose, befand. Theobald.}
+
+Elinor.
+Du gefällst mir; willt du dein Erbtheil vergessen, ihm deine Güter
+überlassen und mir folgen? Ich bin ein Soldat, und im Begriff
+wider Frankreich Dienste zu thun.
+
+Philipp.
+Bruder, nimm du meine Güter, und laß mir mein Gesicht, das deinig'
+hat dir fünfhundert Pfund jährlich erworben; aber wenn du es für
+fünf Pfenning verkauffen kanst, so glaube du habest wohl gelößt.
+Gnädigste Frau, ich bin bereit, euch bis in den Tod zu folgen.
+
+Elinor.
+Was das betrift, so will ich lieber daß ihr mir voran geht.
+
+Philipp.
+In unsrer Provinz erfordert die Höflichkeit, daß man die Vornehmern
+zuerst gehen lasse.
+
+König Johann.
+Wie nennst du dich?
+
+Philipp.
+Philipp, Gnädigster Souverain, so ward ich genennt; Philipp, des
+guten alten Sir Roberts seiner Frauen ältester Sohn.
+
+König Johann.
+Von nun trage den Namen von dem, dessen Gestalt du trägst; knie
+nieder, Philipp, um grösser aufzustehen.
+
+(Er schlägt ihn zum Ritter.)
+
+Steh als Sir Richard Plantagenet auf.
+
+Philipp.
+Bruder von mütterlicher Seite, gebt mir eure Hand; mein Vater gab
+mir Ehre, der eure giebt euch Land. Nun, gesegnet sey die Stunde,
+es mag Nacht oder Tag gewesen seyn, da ich gezeugt und Sir Robert
+abwesend war.
+
+Elinor.
+Der echte Geist der Plantagenet's. Ich bin deine Großmutter,
+Richard, nenne mich so.
+
+Philipp.
+Durch einen Zufall, Gnädigste Frau, nicht in der Ordnung; doch was
+thut das? Ob man zum Fenster hinein kommt oder zur Thüre, wenn man
+nur drinn ist; näher oder weiter vom Ziel, wohl getroffen ist wohl
+geschossen, und ich bin ich, ich mag gezeugt seyn wie ich will.
+
+König Johann.
+Geh, Faulconbridge, du hast nun was du wünschtest; ein güterloser
+Ritter macht dich zu einem begüterten Junker. Kommt, Madam; komm,
+Richard, wir müssen nach Frankreich eilen, nach Frankreich, es ist
+höchste Zeit.
+
+Philipp.
+Bruder, leb wohl; ich wünsche dir viel Glüks, denn du bist mit
+Erlaubniß der Geseze auf die Welt gekommen.
+
+(Alle gehen ab, bis auf Philipp.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+
+Philipp.
+Meine Ehre steht nun auf einem bessern Fuß als zuvor, aber mein
+Vermögen hat sich um manchen Fuß Landes verschlimmert. Sey es dann;
+izt kan ich doch ein jedes Gretchen zu einer Lady machen--"Guten
+Tag, Sir Richard"--Grossen Dank, Camerad--und wenn er Görge heißt,
+kan ich ihn Peter nennen; denn neugebakner Adel vergißt der Leute
+Nahmen; man würde zuviel vergeben, wenn man noch auf solche
+Kleinigkeiten acht haben wollte, und solche Leute sind nicht fein
+genug für eure Gesellschaft. Izt ist der gereißte Mann* meiner
+Gnaden Tisch-Genosse, er und sein Zahnstocher; und wenn mein
+ritterlicher Magen angefüllt ist, nun dann saug' ich an meinen
+Zähnen, und catechisire meinen Spizbart aus fremden Ländern--
+(Mein werther Herr), (so fang ich auf meinen Ellenbogen gestüzt an,)
+(darf ich euch bitten)--das ist nun die Frage; und dann kommt
+gleich die Antwort wie ein ABC-Buch: (O mein Herr,) sagt die Antwort,
+(ich bin gänzlich zu euerm Befehl, zu euern Diensten, ganz der
+Eurige, mein Herr--Nein, mein Herr,)sagt die Frage, (ich, mein
+werthester Herr, bin der Eurige;)und so, eh die Antwort recht
+gehört hat was die Frage will, wartet sie euch schon mit einem
+Dialogus von Complimenten auf, spricht dann von Alpen und Apenninen,
+von den Pyrenäen und dem Flusse Po, und weiß das Gespräch so lange
+hinaus zu ziehen, bis es vom Abend-Essen abgebrochen wird. Das ist
+polite Gesellschaft, die sich für einen emporstrebenden Geist, wie
+der meinige, schikt! Denn der ist nur ein Bastard der Zeit, der
+die Kunst nicht versteht sich beliebt zu machen, und nicht nur in
+seiner äusserlichen Gestalt, in seinem Aufzug und in seinen
+Manieren, dem Geschmak seiner Zeit schmeichelt; sondern auch aus
+einer innerlichen Quelle den süssen, süssen, süssen Gift, der den
+Gaumen der Leute so reizend küzelt, von sich zu geben weiß. Eine
+Kunst, die ich zwar nicht ausüben will, um andre zu betrügen, aber
+die ich zu lernen gedenke, damit ich von andern nicht betrogen
+werde. Sie soll die Stuffen meiner Erhöhung mit Blumen bestreuen.
+Aber wer kommt hier so eilfertig, in Reit-Kleidern? Was für ein
+weiblicher Courier ist diß? Hat sie keinen Mann, der die Müh
+nehmen mag, ein Horn vor ihr her zu blasen? Himmel, es ist meine
+Mutter! Nun, meine werthe Lady, was bringt euch so eilfertig nach
+Hofe?
+
+{ed.-* Es ist bekannt, daß damals alle Welt auf Abentheuer
+ausgieng, und gereißte Leute in größtem Ansehn stuhnden, und, wie
+bey unsern Nachbarn die (Beaux-Esprits), das Recht hatten, sich bey
+grossen Herren zu Gaste zu laden.}
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Lady Faulconbridge, und Jacob Gurney treten auf.)
+
+
+Lady.
+Wo ist der Sclave, dein Bruder; wo ist er, der sich erfrecht meine
+Ehre öffentlich anzutasten?
+
+Philipp.
+Mein Bruder Robert, des alten Sir Roberts Sohn, Colbrand, der Riese,
+der nemliche gewaltige Mann; ist es Sir Robert's Sohn, den ihr
+sucht?
+
+Lady.
+Sir Roberts Sohn? Ja, du unehrerbietiger Junge, Sir Roberts Sohn;
+warum spottest du über Sir Roberten?
+
+Philipp.
+Jacob Gurney, willt du so gut seyn, und uns ein wenig allein lassen?
+
+Gurney.
+Von Herzen gerne, mein lieber Philipp.
+
+Philipp.
+Philipp!--Verschone mich, Jacob; es sind kurzweilige Dinge heraus
+gekommen; hernach ein mehrers davon.
+
+(Jacob geht ab.)
+
+Gnädige Frau, ich war nie des alten Sir Roberts Sohn; Sir Robert
+hätte seinen Theil an mir an einem Charfreytag essen können, ohne
+daß er seine Fasten gebrochen hätte. Sir Robert war ein ganz
+wakrer Mann; aber, meiner Treu, bekennt die Wahrheit! Hätt' er
+mich machen können? Das konnte Sir Robert nicht; wir kennen seine
+Arbeit. Sagt mir also, liebe Mutter, wem bin ich für diese Figur
+verpflichtet? Sir Robert konnte nimmermehr so ein Bein machen
+helfen?
+
+Lady.
+Hast du dich auch mit deinem Bruder wider mich verschworen? Du,
+der um deines eignen Vortheils willen meine Ehre vertheidigen
+sollte? Was soll dieses Gespötte bedeuten, du höchst unbesonnener
+Bube?
+
+Philipp.
+Ritter, Ritter, liebe Mutter--und Basilisco* ähnlich. Wie? ich
+bin zum Ritter geschlagen; ich hab es auf meiner Schulter. Aber
+Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn; ich hab auf Sir Robert und
+meine Güter Verzicht gethan; ehliche Geburt, Name, alles ist hin;
+laß mich also, liebe Mutter, laß mich meinen Vater kennen; irgend
+ein wakrer Mann, hoff ich; wer war es, Mutter?
+
+{ed.-* Eine Anspielung auf den Beynamen (Coeur de Lion), den König
+Richard führte. (Cor Leonis), ein Fixstern von der ersten Grösse
+im Löwen, wird auch Basilisco genennt. Warbürton.}
+
+Lady.
+Hast du dem Namen Faulconbridge entsagt?
+
+Philipp.
+So herzlich, als ich dem Teufel entsage.
+
+Lady.
+König Richard, (Coeur de Lion), war dein Vater; durch langwieriges
+und heftiges Zusezen ward ich endlich verführt, in meines Ehmanns
+Bette Plaz für ihn zu machen. Der Himmel vergebe mir meine
+Übertretung! Aber du bist die Frucht meiner schweren Sünde, zu
+der ich so stark gereizt wurde, daß ich nicht länger wiederstehen
+konnte.
+
+Philipp.
+Nun, bey diesem Tageslicht, wenn ich wieder gezeugt werden sollte,
+Madame, wollt' ich mir keinen bessern Vater wünschen. Einige
+Sünden tragen ihre Lossprechung auf Erden mit sich; Euer Fehler
+entsprang nicht aus eurer Thorheit; ihr mußtet nothgedrungen euer
+Herz als einen Tribut für gebietende Liebe, demjenigen ausliefern,
+gegen dessen Wuth und unbezwingbare Stärke der unerschrokne Löwe
+selbst keinen Kampf wagen durfte, noch sein königliches Herz vor
+Richards Hand schüzen konnte. Wer einem Löwen mit Gewalt das Herz
+aus dem Leibe reissen kan, mag leicht ein weibliches Herz gewinnen.
+Ja, meine Mutter, von ganzem Herzen dank ich dir für meinen Vater.
+Wenn jemand lebt, der sich erfrecht zu sagen, daß du nicht recht
+thatest, wie ich gezeugt ward, dessen Seele will ich zur Hölle
+schiken. Komm, Lady, ich will dich meinen Anverwandten vorstellen,
+und sie sollen sagen, wie Richard mich zeugte, wär es Sünde gewesen
+wenn du Nein gesagt hättest.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Zweyter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Vor den Mauern der Stadt Angiers.)
+(Philipp-August, König von Frankreich, Ludwig der Dauphin, der
+ Herzog von Östreich, Constantia und Arthur.)
+
+
+Ludwig.
+Willkommen vor Angiers, dapfrer Herzog!--Arthur, dein grosser Oheim,
+Richard, der den Löwen seines Herzens beraubte, und die heiligen
+Kriege in Palästina ausfocht, kam durch diesen dapfern Herzog vor
+der Zeit ins Grab. Nun ist er, um seiner Nachkommenschaft
+Erstattung deßhalb zu thun, auf unsre Einladung gekommen, seine
+Fahnen für deine Sache auszuspreiten, und deinen unnatürlichen
+Oheim, Johann von England, aus dem ungerechten Besiz deiner
+Erbländer vertreiben zu helfen. Umarm' ihn, Prinz, lieb' ihn, und
+heiß' ihn willkommen.
+
+Arthur.
+Gott wird euch (Coeur de Lion's) Tod desto eher verzeihen, da ihr
+seinem Neffen das Leben gebet, und sein verfolgtes Recht mit den
+Flügeln eurer Kriegs-Macht umschattet. Mit einer unmächtigen Hand
+heiß' ich euch willkommen, aber mit einem Herzen voll
+unverfälschter Liebe; willkommen, Herzog, vor den Mauern von
+Angiers.
+
+Ludwig.
+Ein edler Junge! Wer wollte dir nicht zu deinem Recht helfen?
+
+Östreich.
+Diesen zärtlichen Kuß leg' ich auf deine Wange, als das Siegel
+meines feyrlichen Versprechens, daß ich nicht eher in meine Heimath
+zurük kehren will, bis Angiers und die gerechten Ansprüche die du
+in Frankreich hast, zugleich mit dieser blassen weiß-ufrichten
+Insel, deren Fuß die heulenden Wellen des Oceans zurük stößt, und
+ihre Einwohner von andern Ländern abschneidet, bis dieses von der
+See umzäunte England, dieses von Wasser gemauerte Bollwerk, dessen
+stolze Sicherheit allen auswärtigen Anfällen Troz bietet, bis
+dieser äusserste Winkel von Westen selbst dich als seinen König
+grüssen wird; bis zu diesem Augenblik, schöner Knabe, will ich
+nicht an meine Heimath denken, sondern den Waffen folgen.
+
+Constantia.
+O nehmet seiner Mutter Dank an, Dank einer armen Wittwe, bis euer
+starker Arm ihm zu der Macht helfen wird, eure Freundschaft besser
+erwiedern zu können.
+
+Östreich.
+Der Friede des Himmels ruhet auf denjenigen, die ihre Schwerdter in
+einem so gerechten und wohlthätigen Krieg entblössen.
+
+König Philipp.
+Wohlan dann, an die Arbeit; unsre Maschinen sollen gegen die Stirne
+dieser widerspenstigen Stadt gerichtet werden; ruffet unsern Kriegs-
+Obersten, um den Plan zum vortheilhaftesten Angriff zu machen.
+Entweder wollen wir unsre königlichen Gebeine vor diesen Mauern
+niederlegen, oder wenn wir gleich in französischem Blut auf den
+Markt-Plaz watten müßten, Angiers diesem jungen Prinzen unterwürfig
+machen.
+
+Constantia.
+Wartet noch auf die Antwort, die euer Abgesandter bringen wird; ihr
+könntet sonst eure Schwerdter zu voreilig mit Blute besudeln.
+Vielleicht bringt Milord Chatilion aus England eine friedliche
+Abtretung dieses Rechts, welches ihr durch Krieg erzwingen wollet;
+und wenn dieses geschähe, würden wir einen jeden Tropfen Bluts
+bereuen, den eine zu rasche Hize so unzeitig vergossen hätte.
+(Chatilion zu den Vorigen.)
+
+König Philipp.
+Ein Wunder, Madam! Seht, auf euern Wunsch ist unser Gesandter,
+Chatilion, angelangt; meld uns in Kürze, werther Lord, was England
+uns zur Antwort giebt; wir warten hier müßig auf dich. Rede,
+Chatilion.
+
+Chatilion.
+So wendet also eure Macht von dieser armseligen Belagerung, und
+spornet sie zu einem wichtigern Geschäft auf. England, voll
+Unwillens über unsre gerechte Forderungen, hat sich in Waffen
+gestellt; die widrigen Winde, die meine Rükreise verzögerten, haben
+ihm Zeit gegeben, alle seine Legionen zugleich mit mir ans Land zu
+sezen. Er rükt mit eilfertigen Märschen gegen diese Stadt an;
+seine Stärke ist groß, und seine Krieger voller Muth. Mit ihm
+kommt die Königin-Mutter, eine Ate, die ihn zu Zwietracht und
+Blutvergiessen anhezt; mit ihr, ihre Nichte, die Infantin Blanca
+von Spanien; mit ihnen ein natürlicher Sohn des abgelebten Königs,
+und mit ihm alle unbändigen Köpfe des Landes. Rasche, feurige,
+tollkühne Freywillige, mit Frauenzimmer-Gesichtchen und Drachen-
+Herzen, haben ihre angestammten Güter verkauft, und tragen ihr
+Erbtheil zuversichtlich auf dem Rüken, um hier ein neues Glük zu
+suchen. Kurz, eine auserlesnere Schaar unerschrokner Geister, als
+der englische Boden diesesmal übergewälzt hat, schwamm niemals über
+die schwellende Fluth, um Unheil und Verwüstung in der Christenheit
+anzurichten. Das zürnende Getöse ihrer Trummeln unterbricht eine
+umständliche Nachricht; sie sind im Anzug. Bereitet euch also zu
+einer Unterhandlung oder zum Gefecht.
+
+(Man hört Trummeln.)
+
+König Philipp.
+Wie schlecht sind wir auf eine solche Expedition versehen!
+
+Östreich.
+Je unerwarteter sie ist, desto eifriger müssen wir uns zur
+Gegenwehr stellen; Unser Muth soll mit der Gefahr steigen. Laßt
+sie denn willkommen seyn, wir sind gerüstet.
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Der König von England, Faulconbridge, Elinor, Blanca, Pembroke
+ und andre zu den Vorigen.)
+
+
+König Johann.
+Friede sey mit Frankreich, wenn Frankreich im Frieden unsern
+rechtmäßigen Einzug in unsre Stadt gestattet; wo nicht, so blute
+Frankreich, und der Friede schwinge sich gen Himmel, indeß daß wir,
+Gottes grimmvoller Sachwalter, den stolzen Übermuth züchtigen, der
+seinen Frieden in den Himmel zurük treibt.
+
+König Philipp.
+Friede sey mit England, wenn dieser Krieg aus Frankreich nach
+England zurükkehrt, um dort im Frieden zu leben. Wir lieben
+England, und nur um Englands willen, schwizen wir hier unter der
+Last der Waffenrüstung. Diese unsre Arbeit sollte dein
+freywilliges Werk seyn. Aber du bist so weit entfernt, England zu
+lieben, daß du seinen rechtmäßigen König unterdrükt, die Erbfolge
+aufgehoben, die Kindheit des gesezmäßigen Erben mißbraucht, und an
+der jungfräulichen Ehre der Crone Gewalt verübt hast. Schaue hier
+auf deines Bruders Gottfrieds Gesicht! Diese Augen, diese Stirne,
+sind nach den seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegriff ist
+die vollständige Form enthalten, die in Gottfried verstarb, und die
+Hand der Zeit wird diese verjüngte Gestalt in einen eben so grossen
+Format ausdehnen. Dieser Gottfried war von Geburt dein ältrer
+Bruder, und dieser hier ist sein Sohn. England war Gottfrieds
+Recht, und dieser hat es von Gottfried ererbt; wie kommt es dann,
+um Gottes willen! daß du ein König genennt wirst, so lange
+lebendiges Blut in diesen Schläfen schlägt, die einen Anspruch an
+die Crone haben, welche du zur Ungebühr trägst?
+
+König Johann.
+Von wem hast du diesen grossen Auftrag, Frankreich, mich zur
+Antwort auf deine Fragstüke zu ziehen?
+
+König Philipp.
+Von diesem obersten Richter, der in königlichen Seelen den edlen
+Gedanken erwekt, gewaltthätigen und ungerechten Thaten nachzufragen.
+Dieser Richter hat mich zum Beschüzer dieses Knabens gemacht;
+unter seinem Schuze klag' ich deine Ungerechtigkeit an, und mit
+seinem Beystand hoff' ich sie zu bestraffen.
+
+König Johann.
+Du massest dich eines Ansehens an, das dir nicht zukommt.
+
+König Philipp.
+Entschuldige es; es geschieht, um ungerechte Anmassung
+niederzuschlagen.
+
+Elinor.
+Wer ist der, den du einer unrechtmäßigen Anmassung beschuldigest?
+
+Constantia.
+Laßt mich die Antwort geben: Der anmaßliche König, dein Sohn.
+
+Elinor.
+Hinweg, Unverschämte; dein Bastard soll König seyn, damit du eine
+Königin seyn, und die ganze Welt hofmeistern könnest!
+
+Constantia.
+Mein Bette war deinem Sohn immer so getreu, als das deinige deinem
+Gemahl; und dieser Knabe sieht seinem Vater Gottfried gleicher als
+Johann dir, ob ihr gleich an Sitten einander so gleich seyd als der
+Regen dem Wasser, und der Teufel seiner Mutter. Mein Sohn ein
+Bastard! Bey meiner Seele, ich glaube nimmermehr, daß sein Vater
+so ächt war als er ist; es kann nicht seyn, wenn gleich du seine
+Mutter wärest.
+
+Elinor.
+Das ist eine feine Mutter, Junge, die deinen Vater beschimpft.
+
+Constantia.
+Das ist eine feine Großmutter, Junge, die dich beschimpfen will.
+
+Östreich.
+Stille!
+
+Faulconbridge.
+Horcht dem Ausruffer.
+
+Östreich.
+Wer Teufel bist du?
+
+Faulconbridge.
+Einer der den Teufel mit euch spielen will, Herr, sobald er euch
+und euern Überzug* allein zu paken kriegen kan. Ihr seyd der Hase
+im Sprüchwort, der todte Löwen beym Bart zupft; ich will euch das
+Fell einschmauchen, wenn ich euch kriege; nehmt euch in acht; in
+der That, ich will, in der That.
+
+{ed.-* Um diese und verschiedne andre in einer der folgenden Scenen
+vorkommenden Spöttereyen und Grobheiten, die Faulconbridge dem
+Herzog von Östreich sagt, zu verstehen, muß man wissen, daß dieser
+Herzog mit einer Löwenhaut umhüllt auf der Bühne erscheinen muß.
+König Richard hatte, wie man sagt, während seinem berühmten
+Kreuzzug, worinn er seine persönliche Herzhaftigkeit und Stärke
+durch eine Menge ritterlicher Thaten bewies, auch einen
+ausserordentlich grossen Löwen bezwungen, und die Haut desselben,
+zum Zeichen dieses Siegs, nachher allezeit getragen oder bey sich
+geführt. Dieser Haut bemächtigte sich der Herzog von Östreich,
+nachdem er, wie bekannt ist, den König Richard, durch Hinterlist
+und Betrug in seine Gewalt bekommen; und soll, aus einer allerdings
+lächerlichen Pralerey, selbige, als eine Beute, die er einem so
+grossen Helden wie Richard abgenommen, nach dessen Tod allezeit
+getragen haben.}
+
+Blanca.
+O wie wohl stuhnd dem dieser Löwen-Rok an, der dem Löwen diesen Rok
+abzog!
+
+Faulconbridge.
+Er ligt so stattlich auf seinem Rüken, als des grossen Alcides
+Löwenhaut auf dem Rüken eines Esels; aber, Esel, ich will euch
+diese Last von euerm Rüken abnehmen, oder euch noch eine auflegen,
+davon euch die Schultern krachen sollen.
+
+Herzog.
+Was für ein Schwärmer ist das, der unsre Ohren mit einem solchen
+Übermaaß von vergeblichem Athem betäubt? König Philipp,
+entschliesset euch ohne längeres Zaudern, was wir thun wollen.
+
+König Philipp.
+Weiber und Narren, brecht eure Conferenz ab. König Johann, hier
+ist mein Vortrag in wenig Worten: England, Irrland, Anjou, Touraine
+und Maine fordre ich im Namen des jungen Arthurs von dir; willt du
+sie abtreten, und die Waffen niederlegen?
+
+König Johann.
+Eher mein Leben--Ich biete dir Troz deßhalb, Frankreich. Arthur
+von Bretagne, begieb dich in meinen Schuz, und ich will dir aus
+Liebe mehr geben, als der feige Arm von Frankreich jemals für dich
+gewinnen kan. Ergieb dich, Junge.
+
+Elinor.
+Komm zu deiner Groß-Mama, Kind.
+
+Constantia (indem sie eine kindische Art zu reden affectirt.)
+Thu's, Kind, geh zu Groß-Mama, Kind. Gieb Groß-Mama Königreich,
+und Groß-Mama giebt dem Kind ein Zukerchen, eine Kirsche, eine
+Feige; es ist eine gute Groß-Mama.
+
+Arthur.
+Meine liebe Mutter, gebt euch zufrieden. Ich wollt', ich läge tief
+in meinem Grab; ich bin nicht werth, daß man soviel Lerms
+meinetwegen mache.
+
+Elinor.
+Seine Mutter beschämt ihn so, der arme Junge, er weint.
+
+Constantia.
+Das Unrecht, das ihm seine Großmutter zufügt, nicht die Schande die
+ihm seine Mutter macht, zieht diese den Himmel rührenden Perlen aus
+seinen armen Augen, die der Himmel als ein Schuzgeld annehmen wird;
+ja mit diesen Thränen wird sich der Himmel gewinnen lassen, sich
+seines Rechts anzunehmen, und euch zur Straffe zu ziehen.
+
+Elinor.
+Ungeheuer, scheuest du dich nicht, Himmel und Erde zu lästern?
+
+Constantia.
+Ungeheuer, scheust du dich nicht, Himmel und Erde zu beleidigen?
+Wie kanst du mich anklagen, daß ich lästre? Du und die deinigen
+usurpiren die Länder, Regalien und Gerechtsame dieses unterdrukten
+Waysen; es ist der Sohn deines ältesten Sohns, und in nichts
+unglüklich als darinn, daß er von dir abstammt. Deine Sünden
+werden an diesem armen Kinde heimgesucht; der Ausspruch des Gesezes
+ligt auf ihm, da er nur im dritten Glied von deinem
+Sündempfangenden Leib entfernt ist.
+
+König Johann.
+Tollhäuslerin, hört auf!
+
+Constantia.
+Ich habe nur das noch zu sagen, daß er nicht nur um ihrer Sünde
+willen gestraft wird, sondern Gott hat ihre Sünde und sie zur
+Strafe dieses entfernten Abkömmlings gemacht, der um ihrentwillen
+gestraft wird, und mit ihrer Strafe ihre Sünde; sein Unrecht, ihr
+Unrecht, der Büttel ihrer Sünde, alles in der Person dieses Kindes
+gestraft, und alles um ihrentwillen; daß sie die Pest!**
+
+{ed.-** Dieses Ungeheuer von einer aller Sprach- und Vernunftlehre
+trozbietenden Rede, hat man, da ihr ohnehin nicht zu helfen ist,
+von Wort zu Wort geben wollen, wie sie der Autor giebt; Deutschen
+Unsinn für Englischen Unsinn.}
+
+Elinor.
+Du unverständiges Lästermaul, ich kan ein Testament aufweisen, das
+deines Sohnes Recht entkräftet.
+
+Constantia.
+So, wer zweifelt daran? Ein Testament?--Ein falsches Testament,
+ein Weiber-Testament, einer unnatürlichen Großmutter Testament.
+
+König Philipp.
+Stille, Lady; schweigt oder mäßigt euch; es schikt sich übel für
+diese Versammlung diesen euern übeltönenden Wiederholungen immer
+Halt zu ruffen. Laßt eine Trompete diese Leute von Angiers auf die
+Mauern fordern; sie sollen sich erklären, wessen Recht sie gelten
+lassen wollen, Arthur's oder Johann's.
+
+(Trompeten.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Ein Bürger von Angiers kommt auf die Mauern.)
+
+Bürger.
+Wer ist der, der uns auf die Mauern hervorgeruffen hat?
+
+König Philipp.
+Es ist Frankreich, im Namen Englands.
+
+König Johann.
+England in seinem eignen Namen. Ihr Männer von Angiers, und meine
+lieben Unterthanen--
+
+König Philipp.
+Ihr werthen Männer von Angiers, Arthurs Unterthanen, unsre Trompete
+rief euch zu dieser gütlichen Unterredung--
+
+König Johann.
+In Betreff unsrer gerechten Sache; höret uns also zuerst; diese
+Französischen Fahnen, die hier, so nah' an eurer Stadt, vor euern
+Augen sich verbreiten, sind zu euerm Verderben hieher gezogen; der
+Bauch ihrer Canonen ist mit Grimm angefüllt, sie sind schon
+gerichtet, ihren eisernen Zorn gegen eure Mauern auszuspeyen; diese
+Franzosen stellen sich mit allen Zurüstungen zu einer blutigen
+Belagerung und einem unbarmherzigen Verfahren vor die Augen eurer
+Stadt und vor eure verschloßnen Thore; und, ohne unsre Annäherung,
+würden diese schlafenden Steine, die euch umgürten, durch den Stoß
+ihrer Maschinen aus ihrem ruhigen Leim-Bette gerissen, und der
+blutigen Gewalt ein gräßlicher Ruin gemacht worden seyn, auf euern
+Frieden einzustürmen; aber, auf unsern Anblik, euers rechtmäßigen
+Königs, (der, des Ungemachs verdoppelter Märsche nichts achtend,
+herbey geeilt ist, einen mächtigen Entsaz vor eure Thore zu bringen,
+und die bedräuten Wangen eurer Stadt unzerkrazt zu erhalten,) seht,
+die bestürzten Franzosen selbst eine Unterredung antragen, und nun,
+für in Feuer gekleidete Kugeln, die ein schüttelndes Fieber in
+euern Mauern machen sollten, sanfte in Rauch eingehüllte Worte
+losschiessen, um eure Ohren durch ein betrügliches Getöne zu
+bethören; aber glaubet ihnen, wie sie es verdienen, werthe Bürger,
+und lasset uns, euern König ein, dessen müde Lebensgeister, von
+dieser übertriebnen Eile abgemattet, Herberge innert euren
+Stadtmauern suchen.
+
+König Philipp.
+Wenn ich gesprochen habe, so antwortet uns beyden. Seht! an
+dieser rechten Hand, deren Schuz durch die heiligsten Gelübde dem
+Rechte dessen, den sie hält, geweyhet ist, steht der junge
+Plantagenet, Sohn von dem ältern Bruder dieses Mannes, und König
+über ihn und alles, was er inne hat. Um seines zu Boden getretnen
+Rechts willen treten wir in kriegrischem Marsch diese grünen Ebnen
+vor eurer Stadt, ohne einigen Vorsaz einer Feindseligkeit gegen
+euch, ausser wozu uns, von eurer Widerspenstigkeit gereizt, ein
+mildthätiger Eifer zur Erhaltung dieses unterdrükten Kindes, in
+unserm Gewissen nöthiget. Weigert euch also nicht, eine Pflicht zu
+erstatten, die ihr demjenigen unleugbar schuldig seyd, der sie zu
+fordern berechtigt ist, nemlich, diesem jungen Prinzen; so soll
+unsern Waffen, gleich einem bemaulkorbten Bären, sicher anzusehen,
+alle Beleidigung verboten seyn, die Bosheit unsrer Canonen gegen
+die unverwundbaren Wolken des Himmels ausgelassen werden, und mit
+einem friedsamen und ungestörten Rükzug, mit ungebrauchten
+Schwerdtern und unversehrten Helmen, wollen wir dieses muthige Blut
+wieder heimtragen, welches wir gegen eure Mauern auszuspeyen
+gekommen waren, und eure Weiber, Kinder und euch im Frieden lassen.
+Solltet ihr aber so thöricht seyn, dieses unser zuvorkommendes
+Anerbieten auszuschlagen, so bildet euch nicht ein, daß diese alten
+Mauern euch gegen unsre Kriegs-Abgesandten schüzen werden, wenn
+gleich alle diese Engländer mit ihrer Macht in ihrem rauhen Umkreis
+gelagert wären. Sagt uns also, will eure Stadt uns im Namen
+desjenigen, für welchen wir euch dazu auffordern, als ihren Herrn
+erkennen; oder sollen wir das Zeichen zum Angriff geben, und in
+Blut wattend in unser Eigenthum einziehen?
+
+Bürger.
+Unsre Antwort ist kurz: Wir sind des Königs von England Unterthanen;
+für ihn und kraft seines Rechts, haben wir diese Stadt inne.
+
+König Johann.
+So erkennet dann euern König, und lasset mich ein.
+
+Bürger.
+Das können wir nicht; demjenigen der es beweißt, daß er König ist,
+wollen wir uns als getreue Unterthanen beweisen; so lange aber
+dieses nicht geschehen seyn wird, sollen unsre Thore gegen die
+ganze Welt verriegelt bleiben.
+
+König Johann.
+Beweißt nicht die Crone von England den König? Und wenn dieses
+nicht genug ist, so bring ich euch Zeugen, zweymal fünfzehntausend
+Herzen voll von Englischem Blut--
+
+Faulconbridge.
+(Hurensöhne und andre.)
+
+König Johann.
+Die bereit sind, unser Recht mit ihrem Leben zu beweisen.
+
+König Philipp.
+Eben so viele, und von so gutem Blut als jene--
+
+Faulconbridge.
+(Die Hurensöhne auch mitgezählt.)
+
+König Philipp.
+Stehen hier, ihm seine Fordrung ins Angesicht zu widersprechen.
+
+Bürger.
+Biß ihr ausgemacht haben werdet, wessen Recht das vorzüglichste ist,
+halten wir für den Vorzüglichsten das Recht von beyden zurük.
+
+König Johann.
+So vergebe dann Gott die Sünden aller der Seelen, die zum
+furchtbaren Erweis unsers Königlichen Titels, noch eh der Abendthau
+fallen wird, in ihre ewige Wohnung geflohen seyn werden!
+
+König Philipp.
+Amen, Amen!--Zu Pferde, ihr Ritter, zu den Waffen!
+
+Faulconbridge.
+Sanct Georg, der den Lindwurm trillte, und seither immer zu Pferd
+vor meiner Wirthin Thüre sizt, helf uns aus diesem Handel!
+
+(Zu Östreich.)
+
+Kerl, wär ich daheim in eurer Höle, Kerl, bey eurer Löwin, ich
+wollt euch einen Ochsen-Kopf auf eure Löwenhaut sezen, und ein
+Ungeheuer aus euch machen.
+
+Östreich.
+Still, nichts mehr!
+
+Faulconbridge.
+O zittre, du hörst den Löwen brüllen.
+
+König Johann (zu Faulconbridge.)
+Wir wollen weiter in die Ebne vorrüken, um unsre Regimenter besser
+ausbreiten und stellen zu können.
+
+Faulconbridge.
+So macht fein geschwinde, daß ihr den Vortheil des Plazes gewinnt.
+
+König Philipp (zu Östreich, mit dem er vorher leise gesprochen.)
+Gut; die übrigen laßt auf dem andern Hügel sich sezen. Gott und
+unser Recht!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Man blaßt zum Angriff; beyde Armeen werden handgemein, Gefecht;
+ endlich tritt der Herold von Frankreich mit Trompeten vor das Stadt-
+ Thor.)
+
+
+Französischer Herold.
+Ihr Männer von Angiers, öffnet eure Thore weit, und laßt den jungen
+Arthur, Herzog von Bretagne, ein, der durch Frankreichs Hand an
+diesem Tag manchen Englischen Müttern Stoff zu Thränen gegeben hat;
+ihre Söhne ligen auf dem blutigen Grunde verzettelt, und mancher
+Wittwe Mann krümmt sich im Staub, und umfaßt mit kalten Armen die
+blutgefärbte Erde; indeß daß der wohlfeil-erkaufte Sieg um die
+tanzenden Paniere der Franzosen scherzt, die in triumphierender
+Unordnung bey der Hand sind, als Sieger einzuziehen, und Arthur von
+Bretagne zu Englands und euerm König auszuruffen.
+
+(Ein Englischer Herold tritt mit Trompeten auf.)
+
+Englischer Herold.
+Freuet euch, ihr Männer von Angiers, läutet eure Gloken; König
+Johann, euer und Englands König, ist im Anzug, als Meister von
+diesem heissen blutigen Tage. Die Rüstungen derer, die diesen
+Morgen in so hellem Silberglanz vor euch vorbeyzogen, kehren alle
+in Französischem Blute vergüldet zurük; nicht ein einziger
+Federbusch, der auf einem Englischen Helme winkte, ist von einem
+Französischen Speer abgeschlagen worden; unsre Fahnen kommen in den
+nemlichen Händen wieder, die sie entfalteten als wir auszogen, und
+gleich einem lustigen Truppen Jäger, kommen unsre frölichen
+Engländer, alle mit bepurpurten Händen zurük, in dem Lebensblut
+ihrer sterbenden Feinde gefärbt. Öffnet eure Thore, und laßt die
+Sieger einziehen.
+
+Bürger.
+Ihr Herolde, wir haben von unsern Thürmen euerm ganzen Gefecht, vom
+Angriff bis zum Abzug zusehen können; unsre schärfsten Augen haben
+keinen Vorzug oder Vortheil auf einen von beyden Partheyen entdeken
+können; Blut hat Blut erkauft, und Streiche haben Streichen
+geantwortet; Stärke, Muth, Dapferkeit und Glük waren auf beyden
+Seiten gleich. So sind auch wir gegen beyde, bis einer der
+Grösseste bleibt; so lange sie so im Gleichgewicht stehen, halten
+wir unsre Stadt für keinen, sondern für beyde.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Die beyden Könige mit ihrem Heer treten auf verschiednen Seiten
+ auf.)
+
+
+König Johann.
+Frankreich, hast du noch mehr Blut wegzuwerfen? Sprich, willt du
+dem Strom unsers Rechts seinen friedfertigen Lauf lassen; oder soll
+er von dir gestört, aus seinem natürlichen Canal hervorschwellen,
+und deine angrenzenden Ufer überströmen?
+
+König Philipp.
+England, du hast in diesem hizigen Wettkampf nicht einen einzigen
+Tropfen Bluts mehr zurükgebracht als wir; eher hast du mehr
+verlohren. Und ich schwöre bey dieser Hand, die diesen
+weitgrenzenden Erdstrich beherrschet; eh wir diese gerechten Waffen
+niederlegen, wollen wir dich, gegen den wir sie tragen, in den
+Staub niederlegen, oder selbst die Zahl der Todten mit einem
+königlichen Schatten vermehren!
+
+Faulconbridge.
+Ha! Majestät!--Wie hoch steigt dein Stolz, wenn das goldne Blut
+der Könige in Feuer gesezt wird! Oh, nun füttert der Tod seine
+morschen Kinnbaken mit Stahl, Schlachtschwerdter sind seine Zähne
+und Griffe, und nun schmaußt er und frißt sich, indeß daß die
+Könige hadern, an Menschenfleisch satt. Warum stehen diese
+königlichen Linien so unbeweglich? Ruft zum Angriff, ihr Könige;
+zurük in das blutbeflekte Feld, ihr gleichmächtigen Fürsten, ihr
+Feuer-sprudelnden Geister! Laßt die Niederlage des einen Theils
+den Frieden des andern bekräftigen. Bis dahin Streiche, Blut und
+Tod!
+
+König Johann.
+Für wessen Parthey erklären sich nun die Leute in der Stadt?
+
+König Philipp.
+Sprecht, ihr Bürger; wen erkennt ihr für euern König?
+
+Bürger.
+Den König von England, sobald wir ihn kennen.
+
+König Philipp.
+Erkennt ihn in Uns, die wir hier sein Recht verfochten haben.
+
+König Johann.
+In Uns, die wir unser eigner grosser Abgeordneter sind, und im
+Besiz unsrer eignen Person uns hier befinden, Herr von unsrer
+Gegenwart, von Angiers, und von euch.
+
+Bürger.
+Eine grössere Macht, als die eurige, widerspricht all dieses, und
+bis sie ausser allem Zweifel ist, schliessen wir unsre erste
+Bedenklichkeit in unsre stark verrigelte Thore ein. Könige sind
+unsre Furcht, so lange bis unsre Furcht von einem gewissen Könige
+aufgelöst, gereinigt und ausgetrieben seyn wird.
+
+Faulconbridge.
+Diese unverschämten Gesellen von Angiers spotten eurer, ihr Könige,
+und stehen sicher auf ihren Zinnen, wo sie wie auf einem
+Amphitheater, unsern arbeitvollen Todes-Scenen und Aufzügen mit
+weitoffnen Augen und richtendem Blik zusehen. Laßt euch von mir
+rathen, ihr Könige; seyd gleich den Aufrührern von Jerusalem eine
+Weile Freunde, und vereinigst eure äusserste Macht wider diese
+Stadt. Laßt Frankreich von Osten, und England von Westen ihre bis
+an die Mündung gefüllte Canonen wider sie richten, bis ihr Seele-
+schrekendes Geschrey die steinernen Rippen dieser trozigen Stadt zu
+Boden geklafft hat; ich wollte unverzüglich auf diese Schindmähren
+spielen, bis die Verwüstung ihnen keine andre Schuzwehr als die
+umgebende Luft übrig liesse. Wenn dieses geschehen ist, dann
+trennt eure vereinbarte Macht wieder, sondert eure vermengten
+Fahnen ab, und sezet Antliz gegen Antliz, und Schwerdt gegen
+Schwerdt. Dann wird Fortuna in einem Augenblik aus einem von
+beyden Theilen ihren glüklichen Günstling auswählen, dem sie die
+Ehre dieses Tages zuwenden, und den sie mit einem glorreichen Siege
+küssen wird. Wie gefällt euch dieser wilde Rath, mächtige Fürsten?
+Schmekt er nicht ein wenig nach der Politik?
+
+König Johann.
+Nun bey dem Himmel, der über unsern Häuptern hängt, er gefällt mir.
+Frankreich, laßt uns unsre Kräfte vereinbaren, und dieses Angiers
+dem Erdboden gleich machen; dann wollen wir erst durch die Waffen
+ausmachen, wer König davon seyn soll?
+
+Faulconbridge (zu Frankreich.)
+Und wenn du anders die Empfindlichkeit eines Königs hast, so richte,
+da du eben so sehr als wir selbst von dieser halsstarrigen Stadt
+beleidigt worden bist, den Rachen deiner Artillerie, wie wir der
+unsrigen, gegen diese trozigen Mauern; und wenn wir sie zu Boden
+geschmettert haben, nun, dann könnt ihr's mit einander aufnehmen,
+und einander, wie es kommt, gen Himmel oder in die Hölle schiken.
+
+König Philipp.
+So wollen wir's machen; saget, wo wollt ihr angreiffen?
+
+König Johann.
+Wir wollen von Westen Zerstörung in den Busen dieser Stadt senden.
+
+Östreich.
+Ich von Norden.
+
+König Philipp.
+Unser Donner soll von Süden einen Hagel von Kugeln auf diese Stadt
+regnen.
+
+Faulconbridge (leise.)
+Eine weise Einrichtung! Von Norden zu Süden; Östreich und
+Frankreich werden einander ins Gesicht schiessen. Ich will sie
+dazu aufreizen;
+
+(laut;)
+
+kommt, hinweg, hinweg!
+
+Bürger.
+Hört uns, grosse Könige; laßt euch gefallen noch einen Augenblik zu
+verweilen, und ich will euch einen Vorschlag zum Frieden und zu
+einem annehmlichen Verglich thun. Gewinnet lieber diese Stadt ohne
+Wunden, und lasset diese Kriegsmänner, die als Schlachtopfer auf
+den Wahlplaz hieher gekommen sind, ihr Leben wieder nach Hause
+tragen, und in ihren Betten sterben. Verharret nicht auf euerm
+Vorsaz, sondern höret mich, grosse Könige.
+
+König Johann.
+Redet, wir erlauben es, und wollen hören.
+
+Bürger.
+Diese Infantin von Spanien, Lady Blanca, ist nahe mit England
+verwandt; betrachtet den jungen Ludwig, den Dauphin, und dieses
+liebenswürdige Mädchen. Wenn wollüstige Liebe auf die Jagd der
+Schönheit ausgehen wollte, wo könnte sie solche schöner finden, als
+in Lady Blanca? Wenn keusche Liebe gehen wollte, die Tugend
+aufzusuchen, wo könnte sie solche reiner finden, als in Lady
+Blanca? Wenn ehrsüchtige Liebe ein Bündniß mit hohem Stande machen
+will, in welchen Adern rinnt ein edler Blut als in Lady Blanca's?
+So wie sie an Schönheit, Tugend und Geburt ist, so vollkommen ist
+der junge Dauphin, in jedem Stüke; soll er nicht vollkommen seyn, o,
+so sagt nur, er ist nicht sie; so wie ihr nichts anders mangelt,
+(wenn das ein Mangel heissen kan,) als daß sie nicht er ist. Er
+ist die Helfte eines vollkommnen Mannes, bestimmt, durch eine
+solche Sie vollendet zu werden; und sie eine schöne getheilte
+Vortreflichkeit, deren vollständige Vollkommenheit in ihm ligt. O!
+zween solche Silberströme, wenn sie sich vereinigen, machen die
+Ufer worinn sie zusammenfliessen, zu Paradiesen. Diese Vereinigung
+soll mehr über unsre festverschloßnen Thore vermögen als Batterien;
+denn sobald ihr dieses Bündniß beschlossen haben werdet, soll sich
+der Mund des Zugangs, schneller als der Bliz des Pulvers ihn mit
+Gewalt eröffnen könnte, von freyen Stüken weit aufthun, euch
+einzulassen; aber ohne dieses Bündniß, ist die ergrimmte See nicht
+halb so taub, sind Löwen nicht halb so unerschroken, und Berge und
+Felsen so unbeweglich; nein, der Tod selbst ist in seiner
+verderblichen Wuth nicht halb so unerbittlich, als wir, diese Stadt
+zu behaupten.
+
+Faulconbridge.
+Das ist ein Redner, der das faule Gerippe des Todes aus seinen
+Lumpen herausschüttelt. Das ist ein grosses Maul, in der That, das
+Tod und Berge, Felsen und Seen ausspeyt, und von brüllenden Löwen
+so vertraulich spricht, als Mädchen von dreyzehn Jahren von
+Schooßhündchen. Was für ein Constabel zeugte dieses lustige Blut?
+Er spricht lauter Canonen-Feuer, Rauch und Knall; er giebt Prügel-
+Suppe mit seiner Zunge; unsre Ohren kriegen Stokschläge; er sagt
+nicht ein Wort, das nicht eine derbere Maulschelle giebt als eine
+Französische Faust. Zum Henker! Ich bin nie so mit Worten
+abgepläut worden, seit ich meines Bruders Vater Papa genennt habe.
+
+Elinor (zu König Johann, leise.)
+Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehör, geh dieses Bündniß ein, und gieb
+ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn
+können; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an
+die Crone so feste machen, daß jener grüne Bube keine Sonne haben
+wird, um die Blüthe zu zeitigen, die eine mächtige Frucht
+verspricht. Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh,
+wie sie einander zuflüstern; fasse sie bey diesem Augenblik, da
+ihre Seelen fähig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrösserten
+Macht bestechen zu lassen, sonst möcht' ihr Eifer für Arthurs Sache,
+der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und
+Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der
+vorigen Härte gefrieren.
+
+Bürger.
+Was antworten Eure Majestäten auf den gütlichen Vorschlag unsrer
+bedräuten Stadt?
+
+König Philipp.
+Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag
+an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung?
+
+König Johann.
+Wofern der hier gegenwärtige Dauphin, dein königlicher Sohn, in
+diesem Buche der Schönheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre
+Mitgift soviel wägen als eine Königin; denn Anjou, und das schöne
+Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier
+ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt
+ist, soll ihr Braut-Bette vergülden, und sie an Titeln, Würden und
+Gütern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schönheit,
+jeder andern Princeßin in der Welt die Wage hält.
+
+König Philipp.
+Was sagst du denn, Junge? Sieh der Princeßin ins Gesicht.
+
+Ludwig.
+Ich thu es, Sire, und ich find' in ihren Augen ein Wunderwerk, oder
+doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren
+Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes
+ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht. Ich
+versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich
+mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen
+finde.
+
+Blanca (zu Ludwig.)
+Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur
+immer an euch sehen mag, das ihm gefällt, dieses Etwas, das ihm
+gefällt, kan ich ohne Mühe zu meinem Willen übertragen; oder, um
+eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner
+Liebe aufnöthigen. Milord, ohne euch über alles was ich
+liebenswürdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel
+sagen, daß ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht
+selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses würdig wäre.
+
+König Johann.
+Was sagen diese jungen Leute? Was sagt ihr, meine Nichte?
+
+Blanca.
+Daß ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr
+zu befehlen belieben wird.
+
+König Johann.
+Redet dann, Prinz Dauphin, könnt ihr diese Lady lieben?
+
+Ludwig.
+Fragt mich vielmehr, ob es mir möglich sey, sie nicht zu lieben;
+denn ich liebe sie im höchsten Grade.
+
+König Johann.
+So geb' ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und
+Anjou, diese fünf Provinzen, mit ihr; und über dieses noch die
+volle Summe von dreyßigtausend Mark Englischen Geldes. Philipp von
+Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn
+und deiner Tochter einander die Hände zu geben.
+
+König Philipp.
+Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst
+eure Hände.
+
+Östreich.
+Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl daß ich es
+so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde.
+
+König Philipp.
+Nun, ihr Bürger von Angiers, öffnet eure Thore, um die Freundschaft
+einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese
+Vermählung in St. Martins Capelle sollennisirt werden könne. Ist
+die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft? Doch sie kan
+nicht hier seyn; ihre Gegenwart würde diesem neugeschloßnen
+Verglich ein starkes Hinderniß in den Weg gelegt haben. Wo ist sie,
+und ihr Sohn, wer kan es mir sagen?
+
+Ludwig.
+Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestät Gezelt.
+
+König Philipp.
+Bey meiner Ehre, dieses Bündniß das wir getroffen haben, wird ihrer
+Schwermuth wenig Lindrung geben. Bruder von England, wie können
+wir diese Fürstliche Wittwe zufrieden stellen? Zu Behauptung ihres
+Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott weiß es, zu
+unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht.
+
+König Johann.
+Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum
+Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn
+überdiß zum Herrn dieser schönen reichen Stadt machen. Ruffet die
+Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein;
+wenn wir gleich nicht das ganze Maaß ihres Willens erfüllen, so
+werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens
+ihren Ausruffungen den Mund stopfen. Izt laßt uns zu Vollziehung
+dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennität keine Zeit
+verliehren.
+
+(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+Faulconbridge.
+Närrische Welt! närrische Könige! närrisches Zeug zusammen!
+Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich
+freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine
+Rüstung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes
+eignen Waffenträger ins Feld geführt, läßt sich nun von diesem
+Vorsaz-Ändrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Mäkler,
+der immer der Treue den Hals bricht, diesem täglichen Eidbrecher,
+der alle Menschen verführt, Könige, Bettler, Alte, Junge, und der
+die Mädchen selbst, die sonst nichts äusserliches zu verliehren
+haben als das Wort Mädchen, die armen Dinger auch um das betrügt;
+diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler,
+Interesse--Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen
+natürlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht
+und Regel forttreibt. Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin,
+dieser Mäkler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des
+wankelmüthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten
+Endzwek, von einem beschloßnen und ehrenvollen Krieg, zu einem
+höchst schimpflichen und niederträchtigen Frieden gezogen--Und
+warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher
+nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Stärke hätte die
+Hand zuzuschliessen, wenn seine schönen Engel mir die ihrige
+darreichen würden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer
+gelassen worden, gleich einem armen Bettler über die Reichen
+schmählt. Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich über
+die Reichen schmählen, und sagen, es sey keine grössere Sünde als
+reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn
+bestehen, daß ich behaupte, es sey kein Laster als Dürftigkeit.
+Wenn Könige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein
+Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Des Französischen Königs Gezelt.)
+(Constantia, Arthur und Salisbüry, treten auf.)
+
+
+Constantia.
+Gegangen, um sich zu vermählen? Um einen Frieden zu schwören?
+Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt! Gegangen, um Freunde
+zu seyn? Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen? Es
+ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehört; es
+kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert daß du
+nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem
+eines gemeinen Mannes. Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich
+habe den Eid eines Königs für das Gegentheil; du sollt dafür
+gestraft werden, daß du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank,
+und leicht in Furcht zu sezen; mißhandelt und unterdrükt, und also
+voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschüzer, also der
+Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit
+gebohren; und wenn du izt gleich bekennen würdest, daß du nur
+gescherzt habest, so könnte ich doch meine in Unordnung gebrachten
+Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden
+diesen ganzen Tag zittern und schaudern. Was soll dieses
+Kopfschütteln bedeuten? Warum siehst du meinen Sohn so traurig an?
+Warum legst du die Hand auf deine Brust? Warum diese Thränen, die
+wie ein aufgeschwollner Bach über ihre Ufer stürzen? Sind diese
+schwermüthigen Seufzer Bekräftigungen deiner Worte? So sprich noch
+einmal, nicht deine vorige Erzählung, sondern nur diß einzige Wort,
+ob deine Erzählung wahr ist oder nicht?
+
+Salisbury.
+So wahr als ihr Ursache habt, diejenige für falsch zu halten,
+welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind.
+
+Constantia.
+Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so
+lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich tödten soll, damit ihr
+Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von
+zween ergrimmten Männern, die in dem Augenblik da sie auf einander
+treffen, fallen und sterben. Ludwig vermählt sich mit Blanca? O
+Junge, was bist dann du? Frankreich, Freund von England? Was wird
+dann aus mir? Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen
+diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht.
+
+Salisbury.
+Was habe ich dann Übels gethan, gute Lady, als das Übel
+anzuzeigen, das andre gethan haben?
+
+Constantia.
+Welches aber an sich selbst so scheußlich ist, daß es alle die nur
+davon reden abscheulich macht.
+
+Arthur.
+Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden.
+
+Constantia.
+Wenn du, der mich zufrieden seyn heißt, häßlich wärest, ungestalt,
+und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter
+Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit
+Kräze und Eiterbeulen überdekt; dann wollt' ich mich nicht
+bekümmern, dann wollt' ich mich zufrieden geben; denn alsdann würd'
+ich dich nicht lieben, nein, noch würdest du deiner hohen Geburt
+werth seyn, und eine Crone verdienen. Aber du bist schön, und
+Natur und Glük haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich
+vereiniget, dich groß zu machen. Wie die Natur dich begabt hat,
+kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug
+streiten. Aber das Glük! oh sie ist treulos worden, sie ist von
+dir abgefallen, hält stündlich mit deinem Oheim zu, und hat mit
+ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht,
+die Ehre der unumschränkten Herrschaft in den Staub zu treten, und
+seine Majestät zu ihrer Kupplerin zu machen. Frankreich ist eine
+Kupplerin zwischen dem Glük und Johann, dem Glük, dieser ehrlosen
+Meze, und diesem räuberischen Johann. Sag mir, Bursche, ist
+Frankreich nicht meineidig? Vergift' ihn mit Worten, oder geh
+deines Weges, und laß mich allein bey diesen Kränkungen, die ich
+allein tragen muß.
+
+Salisbury.
+Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Königen zurük
+kommen.
+
+Constantia.
+Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen
+Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht
+seinen Besizer eigensinnig. Zu mir, und zu dem Hofstaat meines
+grossen Kummers mögen die Könige sich versammeln; denn mein Kummer
+ist so groß, daß nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn
+unterstüzen kan; hier siz' ich und mein Schmerz; hier ist mein
+Thron, sage den Königen, daß sie kommen und sich vor ihm büken.
+
+(Sie sezt sich auf den Boden.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(König Johann, König Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor,
+ Faulconbridge und Östreich.)
+
+
+König Philipp.
+Es ist wahr, schöne Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig
+in Frankreich festlich seyn. Diesen Tag feyrlicher zu machen, hält
+die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten,
+indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre
+klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt. Der jährliche
+Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als
+einen Fest-Tag sehen.
+
+Constantia (indem sie aufsteht.)
+Ein unglüklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag! Was hat dieser Tag
+verdient? Was hat er gethan, daß er mit goldnen Buchstaben unter
+die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll? Nein,
+stoßt ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der
+Unterdrükung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben muß,
+so laßt schwangre Frauen beten, daß sie ihrer Bürde nicht an diesem
+Tag entbunden werden; laßt, ausser an diesem Tag, den Seefahrer
+keinen Schiffbruch fürchten, und keinen Vertrag gebrochen werden,
+der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem
+Tage angefangen wird, nehm' ein unglükliches Ende, und die Treue
+selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug!
+
+König Philipp.
+Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse
+dieses Tages zu verwünschen; hab ich euch nicht meine Majestät zum
+Unterpfand gegeben?
+
+Constantia.
+Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestät betrogen, die,
+sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch
+befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam't in
+Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und
+verstärket es nun mit dem eurigen. Freundschaft und geschminkter
+Friede haben den Plaz der kühnen Streitbegierde und des edeln
+kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrükung ist zum Sigel
+dieses Bundes gemacht worden. Waffnet, waffnet euch, ihr
+himmlischen Mächte, wider diese meineidigen Könige; eine Wittwe
+ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel! Laß diesen Ungöttlichen Tag sich
+nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne
+untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese
+treulosen Könige. Höre mich, o höre mich!
+
+Östreich.
+Lady Constantia, gebt euch zufrieden.
+
+Constantia.
+Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg für mich. O
+Lymoges, o Östreich! du schändest diesen edeln Raub, womit du
+pralest! du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter,
+in nichts groß als in Niederträchtigkeit, und nie herzhaft als wenn
+du dich hinter die stärkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der
+Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterläunische Fräulein nicht
+neben dir steht, und dir Bürge für deine Sicherheit ist; du bist
+auch meineidig, und schmeichelst den Grossen. Was für ein Narr
+bist du, für ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu
+schwören, daß du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger
+Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen?
+Geschworen, daß du die Waffen für mich führen wollest, und mich
+ermahnet, mich deinem Glüke und deiner Stärke anzuvertrauen? Und
+nun trittst du auch zu meinen Feinden über? du, eine Löwen-Haut
+tragen? herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und
+häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
+
+Östreich.
+O daß ein Mann mir das sagte!
+
+Faulconbridge.
+Und häng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.
+
+Östreich.
+Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist.
+
+Faulconbridge.
+Und häng' ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern.
+
+Östreich.
+Mich däucht, Richards Stolz und Richards Fall sollt' eine Warnung
+für euch seyn, Herr.
+
+Faulconbridge.
+Was für Worte sind das? Wie schwanken meine Sehnen! Meines Vaters
+Feind in meines Vaters Raub gehüllt! Wie flüstert mir Alecto ins
+Ohr: Zögre nicht, Richard, schlage den nichtswürdigen Kerl zu Boden,
+zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des
+Triumphs deines Vaters über die Wilden--Nun bey seiner Seele
+schwöre ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die
+Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Rüken
+gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, daß du dich
+unterstanden es zu tragen.
+
+König Johann.
+Höre auf, du mißfällst uns mit solchen Reden, und vergissest dich
+selbst.
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Pandolph zu den Vorigen.)
+
+
+König Philipp.
+Hier kommt der heilige Legat des Papsts.
+
+Pandolph.
+Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, König
+Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal
+Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier,
+frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die
+Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwählten Erz-
+Bischof von Canterbüry, Stephan Langton, so vorsezlicher und
+gewaltthätiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurükstossest?
+Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts
+Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.
+
+König Johann.
+Was für ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Könige
+zu Fragstüken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwürdigern
+und lächerlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer
+Antwort zu vermögen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze
+noch dieses aus Englands Mund hinzu, daß wir nicht gestatten werden,
+daß ein Italiänischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern
+Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem
+Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem
+grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhülf einer sterblichen Hand,
+dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit
+Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaßliche
+Autorität.
+
+König Philipp.
+Bruder von England, ihr lästert indem ihr so sprecht.
+
+König Johann.
+Ob gleich ihr und alle Könige der Christenheit euch von diesem
+unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen laßt, daß ihr
+einen Fluch fürchtet, der sich mit Geld abkauffen läßt, und durch
+das Verdienst von abschäzigem Gold, Quark, Staub, verfälschten
+Ablaß von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablaß
+sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle übrigen, euch so grob
+betrügen laßt, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkünften zu
+überhäuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst
+entgegenzusezen, und halte seine Freunde für meine Feinde.
+
+Pandolph.
+So sey dann du, kraft der rechtmäßigen Gewalt die ich habe, mit dem
+Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der
+sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer empört; und
+verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als
+heilig verehrt, die, durch was für ein Mittel es auch sey, dir dein
+verfluchtes Leben nimmt.
+
+Constantia.
+O laß es erlaubt seyn, daß mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu
+fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flüchen;
+denn ohne eine Kränkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die
+Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.
+
+Pandolph.
+Hier, Lady, ist die gesezmäßige Vollmacht, die meinen Fluch
+rechtmäßig macht.
+
+Constantia.
+Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so
+laßt rechtmäßig seyn, daß das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez
+kan meinem Kinde hier sein Königreich nicht geben; denn der, der
+von seinem Königreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun
+das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner
+Zunge verbieten zu fluchen?
+
+Pandolph.
+Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen
+willst, so laß die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die
+ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wäre dann, daß er sich
+unter Rom demüthigte.
+
+Elinor.
+Wirst du blaß, Frankreich? Laß deine Hand nicht gehen.
+
+Constantia.
+Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ändre, und durch
+Zurükziehung seiner Hand die Hölle eine Seele verliehre.
+
+Östreich.
+König Philipp, gieb dem Cardinal Gehör.
+
+Faulconbridge.
+Und häng' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.
+
+Östreich.
+Gut, Galgenschwengel, ich muß diese Beleidigungen einsteken, weil--
+
+Faulconbridge.
+deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.
+
+König Johann.
+König Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?
+
+Constantia.
+Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.
+
+Ludwig.
+Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch
+von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft
+zuziehen wollt; wählet das leichteste Übel.
+
+Blanca.
+Das ist Rom's Fluch.
+
+Constantia.
+Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer
+schmuken jungen Braut.
+
+König Johann.
+Der König ist unruhig, und giebt keine Antwort.
+
+Constantia (zu Philipp.)
+O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.
+
+Östreich.
+Thut das, König Philipp, hängt nicht länger im Zweifel.
+
+Faulconbridge.
+Häng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.
+
+König Philipp.
+Ich bin ganz in Verwirrung, und weiß nicht was ich sagen soll.
+
+Pandolph.
+Die Verwirrung würde noch grösser seyn, wenn du exkomunicirt und
+verflucht würdest.
+
+König Philipp.
+Guter ehrwürdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir,
+was ihr thun würdet? Diese königliche Hand und die meinige sind
+nur erst zusammengefügt, und eine innerliche Vereinigung unsrer
+Seelen durch ein feyrliches Bündniß und die ganze Stärke
+geheiligter Eydschwüre unauflöslich gemacht worden. Der lezte
+Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne
+Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und
+unsern Königreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschluß,
+nicht länger als daß wir zu Beschwörung desselben die Hände waschen
+konnten, waren sie, der Himmel weiß es, mit neuvergoßnem Blut
+beflekt. Und sollen nun diese Hände, die nur erst davon gereiniget,
+nur erst in Freundschaft zusammengefügt worden, sich wieder
+trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten?
+Sollen wir so unbeständige Kinder aus uns selbst machen, einen
+Augenblik darauf wieder unsre Hände zurükzuziehen? Soll die
+beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des
+lächelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O
+heiliger Mann, mein ehrwürdiger Vater, laßt es nicht so seyn!
+Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen
+uns glüklich schäzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.
+
+Pandolph.
+Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der
+Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey
+der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird
+ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über
+einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine
+Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner
+mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu
+halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst.
+
+König Philipp.
+Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen.
+
+Pandolph.
+Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest,
+wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen
+Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan,
+nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht
+zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder
+dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden;
+denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das
+Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht
+hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht
+nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall
+ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht,
+aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt
+Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der
+verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was
+beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion
+geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und
+machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid,
+dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so
+schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für
+ein Gespötte wär' es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein,
+um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du
+geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten
+geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich
+selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen,
+als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten
+Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst,
+dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig
+auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie
+abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung
+sterben wirst.
+
+{ed.-* In dieser langen Rede läßt Shakespeareden Legaten seine
+Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche
+Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll,
+nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen.
+Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein
+Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich
+vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge
+ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.}
+
+Östreich.
+Rebellion, offenbare Rebellion--
+
+Faulconbridge.
+Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein
+Maul stopfen kan?
+
+Ludwig.
+Vater, zu den Waffen.
+
+Blanca.
+An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt
+hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen?
+Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu
+unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o
+Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens
+willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen
+Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen
+Oheim.
+
+Constantia.
+O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien,
+bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel
+zugedachte Rache nicht ab.
+
+Blanca.
+Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was
+für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer
+Gemahlin?
+
+Constantia.
+Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre. O deine Ehre,
+Ludwig, deine Ehre!--
+
+Ludwig.
+Ich erstaunen wie Euer Majestät so kalt seyn kan, da so wichtige
+Betrachtungen auf sie würken.
+
+Pandolph.
+Ich will den Fluch über sein Haupt aussprechen.
+
+König Philipp.
+Du sollst es nicht nöthig haben. England, ich falle von dir ab.
+
+Constantia.
+O edle Wiederkehr der verbannten Majestät!
+
+Elinor.
+O schändliche Empörung der Französischen Unbeständigkeit!
+
+König Johann.
+Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.
+
+Blanca.
+So muß die Sonne in Blut untergehen. Schöner Tag, fahr' wohl! Wo
+ist die Parthey mit der ich gehen muß? Ich stehe zwischen beyden,
+jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie
+sich in ihrer Wuth von einander, und zerstüken mich. Gemahl, ich
+kan nicht beten, daß du gewinnen mögest; Oheim, ich bin gezwungen
+zu beten, daß du verliehrest; Vater, ich kan das Glük nicht auf
+deine Seite wünschen; Großmutter, ich will nicht wünschen, daß
+deine Wünsche erhört werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne daß
+ich auf der andern verliehre.
+
+Ludwig.
+Folget mir, Madame, euer Glük hängt nun von dem meinigen ab.
+
+Blanca.
+Wo mein Glük lebt, stirbt mein Leben.
+
+König Johann.
+Vetter, geh und ziehe unsre Völker zusammen.
+
+(Faulconbridge geht ab.)
+
+Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts
+als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich löschen kan.
+
+König Philipp.
+Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche
+zusammenfallen, eh unser Blut diß Feuer löschen soll. Sieh zu dir
+selbst, du wagest viel.
+
+König Johann.
+Nicht mehr als der so mir dräuet. Zun Waffen! hinweg!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
+(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Östreichs Kopf, tritt auf.)
+
+
+Faulconbridge.
+Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heiß; irgend ein
+feuriger Teufel brütet in der Luft, und schüttet Unheil herab.
+Hier lig du, Östreichs Kopf,--So hat König Richards Sohn sich
+seines Gelübds entlediget, und der unsterblichen Seele seines
+Vaters Östreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (König Johann,
+Arthur und Hubert treten auf.)
+
+König Johann.
+Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung--Richard, ermuntre
+dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestürmt, und ist, wie ich
+besorge, gefangen.
+
+Faulconbridge.
+Ich befreyte sie, Gnädigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit,
+besorget nichts. Aber zurük, mein König; noch ein wenig Arbeit
+wird diesen Tag zu einem glüklichen Ende bringen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Lermen; Gefecht; Flucht; König Johann, Elinor, Arthur,
+ Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)
+
+
+König Johann.
+So soll es seyn;
+
+(zu seiner Mutter.)
+
+Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurükbleiben;
+
+(zu Arthur.)
+
+Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Großmama hat dich lieb,
+und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.
+
+Arthur.
+O diß wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.
+
+König Johann (zu Faulconbridge.)
+Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, daß du noch vor
+unsrer Ankunft unsre reichen Äbte schüttelst; sez du ihre
+gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg muß an den fetten
+Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem
+äussersten Nachdruk.
+
+Faulconbridge.
+Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurüktreiben, wo Gold und
+Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu.
+Majestät; Großmutter, wenn mir anders einmal einfällt fromm zu seyn,
+will ich für eure Wohlfahrt beten; und hiemit küß' ich euch die
+Hand.
+
+Elinor.
+Lebe wohl, mein lieber Vetter.
+
+König Johann.
+Vetter, lebe wohl.
+
+(Faulconbridge geht ab.)
+
+Elinor.
+Komm zu mir, kleiner Vettermann--auf ein paar Worte--
+
+(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)
+
+König Johann (zu Hubert auf der andern Seite.)
+Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr
+verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein
+Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt.
+Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich
+zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird
+theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen--
+aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel,
+Hubert, ich bin recht beschämt, wenn ich denke, wie grosse
+Verbindlichkeiten ich dir habe.
+
+Hubert.
+Ich bin es, der Euer Majestät unendlich verpflichtet ist.
+
+König Johann.
+Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen--Aber du
+sollt bekommen--und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll
+sie doch kommen, daß ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu
+sagen--Aber, laß es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze
+Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu üppig, zu voll von
+Lustbarkeiten, um mir Gehör zu geben. Wenn die mitternächtliche
+Gloke mit ihrer ehernen Zunge über die schlaftrunkne Geschöpfe der
+Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein
+Kirchhof wäre, und du vom Gefühl von tausend Beleidigungen besessen
+wärst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt
+küzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht
+hätte; oder wenn du sehen könntest ohne Augen, hören könntest ohne
+Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne
+Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse
+Gedanken mit mir reden könntest; denn wollt' ich, troz dem
+großaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen
+ausschütten--Aber so, will ich nicht--Und doch liebe ich dich sehr,
+und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.
+
+Hubert.
+So sehr, daß ich, ich schwör es beym Himmel, alles unternehmen will,
+was Euer Majestät mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der
+That verknüpft wäre.
+
+König Johann.
+Weiß ich nicht, daß du es thun würdest? Guter Hubert, Hubert,
+Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen,
+Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich
+den Fuß sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist
+sein Hüter.
+
+Hubert.
+Und ich will ihn so hüten, daß er Eu. Majestät nimmer in den Weg
+kommen soll.
+
+König Johann.
+Tod.
+
+(leise.)
+
+Hubert.
+Gnädigster Herr.
+
+König Johann.
+Ein Grab.
+
+Hubert.
+Er soll nicht leben.
+
+König Johann.
+Genug, nun könnt' ich aufgeräumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb.
+Gut, ich will nicht sagen, was ich für dich thun will; Vergiß es
+nicht--
+
+(indem er zu Elinor zurükgeht.)
+
+Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestät die bewußten Truppen
+zusenden.
+
+Elinor.
+Mein Segen geht mit euch.
+
+König Johann (zu Arthur.)
+Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit
+aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais,
+hinweg!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Verwandelt sich in den Französischen Hof.)
+(König Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)
+
+
+König Philipp.
+So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze
+Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander
+verschlagen.*
+
+{ed.-*Dieses Gleichniß, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur
+Sache paßt, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stüke, eine
+Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die
+damalige Zeit-Umständ; indem dieses Schauspiel längstens einen oder
+zween Winter darnach zum erstenmal aufgeführt wurde. Warburton.}
+
+Pandolph.
+Nur guten Muth gefaßt, alles soll noch gut gehen.
+
+König Philipp.
+Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht
+geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen?
+Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser
+blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen?
+
+Ludwig.
+Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit
+einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so
+ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
+wie diese ist, gelesen oder gehört?
+
+König Philipp.
+Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte,
+wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte.
+(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer
+Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
+verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte
+dich, Lady, komm mit mir hinweg.
+
+Constantia.
+Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.
+
+König Philipp.
+Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.
+
+Constantia.
+Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
+allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o
+angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du
+gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
+Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften
+Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken,
+und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und
+diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
+scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich
+will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
+Liebling des Elends, komm, komm zu mir!
+
+König Philipp.
+O schöne Bekümmerniß, stille!
+
+Constantia.
+Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
+o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit
+meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte
+faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer
+schwachen weiblichen Stimme nicht hören will.
+
+Pandolph.
+Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz.
+
+Constantia.
+Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
+dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
+ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
+verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär' es! denn
+alsdann könnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte,
+was für einen Schmerz würd' ich vergessen! Predige irgend eine
+Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
+werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
+meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich
+mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich
+erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd' ich
+meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste
+Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
+fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.
+
+König Philipp.
+Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in
+dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
+Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich
+zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
+wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
+Unglük ausharren.
+
+Constantia.
+Nach England, wenn ihr wollt.--
+
+König Philipp.
+Bindet eure Haare auf
+
+Constantia.
+Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus
+ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die
+Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
+haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
+ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
+Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehört, wir werden unsre
+Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen
+Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten
+männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
+anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des
+Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von
+seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
+schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
+Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
+und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich
+ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
+nimmer, nimmer wieder sehen.
+
+Pandolph.
+Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr.
+
+Constantia.
+Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte--
+
+König Philipp.
+Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.
+
+Constantia.
+Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
+meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
+Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
+liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz
+zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust
+erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
+Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,
+
+(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.)
+
+da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein
+Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude,
+meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige
+Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!
+
+(Sie geht ab.)
+
+König Philipp.
+Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen.
+
+
+
+Siebende Scene.
+
+
+Ludwig.
+Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das
+Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das
+die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre
+Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie
+izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.
+
+Pandolph.
+Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
+Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am
+heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie
+verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
+verlohren?
+
+Ludwig.
+Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens.
+
+Pandolph.
+Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
+gewonnen hättet. Nein, nein; wenn's das Glük am besten mit den
+Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es
+ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat,
+was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß
+Arthur sein Gefangner ist?
+
+Ludwig.
+So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat.
+
+Pandolph.
+Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus
+einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
+ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
+Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands
+Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget,
+und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen
+Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
+Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter
+der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig
+erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
+schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu
+garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen
+könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
+kan.
+
+Ludwig.
+Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?
+
+Pandolph.
+Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle
+Ansprüche Arthurs eintreten.
+
+Ludwig.
+Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.
+
+Pandolph.
+Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann
+thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch,
+und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit
+sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
+Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und
+ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den
+schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
+Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in
+der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
+gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie
+nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
+Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
+Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen.
+
+Ludwig.
+Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und
+sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.
+
+Pandolph.
+O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht
+schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
+die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich
+nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
+Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen
+schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers
+gebrütet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard
+Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet
+unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte
+Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in
+einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder
+wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird.
+Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für
+Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da
+ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu;
+ich will an dem Könige treiben.
+
+Ludwig.
+Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
+Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Verwandelt sich in England.)
+(Ein Gefängniß.)
+
+(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)
+
+
+Hubert.
+Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den
+Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor
+und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
+Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.
+
+Nachrichter
+Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.
+
+Hubert.
+Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge--Junger
+Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)
+
+Arthur.
+Guten Morgen, Hubert.
+
+Hubert.
+Guten Morgen, kleiner Prinz.
+
+Arthur.
+Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
+Ihr seyd traurig.
+
+Hubert.
+In der That, ich bin schon lustiger gewesen!
+
+Arthur.
+Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig
+seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
+an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
+die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem
+Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der
+Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht
+von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß
+ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und
+wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.
+
+Hubert (vor sich.)
+Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze
+mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und
+meinen Auftrag vollziehen.
+
+Arthur.
+Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich
+wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
+euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr,
+als ihr mich lieb habt.
+
+Hubert.
+Seine Reden dringen mir ins Herz.
+
+(Er zeigt ihm ein Papier.)
+
+Ließ hier, junger Arthur--
+
+(Bey Seite.)
+
+Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
+aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt
+in weibischen Thränen aus meinen Augen--Könnt' ihr's nicht lesen?
+Ist es nicht schön geschrieben?
+
+Arthur.
+Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr
+meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.
+
+Hubert.
+Ich muß, junger Herr.
+
+Arthur.
+Und ihr wollt es?
+
+Hubert.
+Und ich will.
+
+Arthur.
+Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band
+ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
+eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals
+wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den
+Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
+Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan
+ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still
+gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
+gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter--Doch
+nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
+eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
+gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr--
+wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
+sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?
+
+Hubert.
+Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit
+glühenden Eisen ausbrennen.
+
+Arthur.
+Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das
+Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese
+Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
+seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn
+ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde
+mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner
+andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen.
+
+Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.)
+Hervor, thut wie ich euch befehle.
+
+Arthur (erschroken.)
+O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den
+grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.
+
+Hubert.
+Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.
+
+Arthur.
+O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will
+mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des
+Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich,
+Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie
+ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
+reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer
+fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter
+anthun möget.
+
+Hubert.
+Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.
+
+Nachrichter.
+Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Arthur.
+Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
+erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder
+herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.
+
+Hubert.
+Komm, Junge, bereite dich.
+
+Arthur.
+Ist denn kein Mittel?
+
+Hubert.
+Keines, als deine Augen zu verliehren.
+
+Arthur.
+O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke,
+ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für
+Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
+euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen.
+
+Hubert.
+Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht--
+
+Arthur.
+Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere;
+ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht;
+oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur
+meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
+und würde mir kein Leid thun.
+
+Hubert.
+Ich kan es wieder heiß machen, Junge.
+
+Arthur.
+Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum
+Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit
+gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen
+haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht,
+und mit reuiger Asche überstreut.
+
+Hubert.
+Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.
+
+Arthur.
+Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und
+über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden
+sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen
+genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle
+Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren
+Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als
+Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten
+Verrichtungen gebraucht werden.
+
+Hubert.
+Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren,
+wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und
+doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem
+Eisen hier sie auszubrennen.
+
+Arthur.
+O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr
+verlarvt.
+
+Hubert.
+Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,
+als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit
+falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe
+ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides
+thun wollte.
+
+Arthur.
+O Himmel! ich danke euch, Hubert.
+
+Hubert.
+Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich
+keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.
+
+(Sie ziehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Verwandelt sich in den Hof von England.)
+(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)
+
+
+König Johann.
+So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und,
+wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.
+
+Pembroke.
+Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr
+seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist
+euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch
+Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat
+das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük
+zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen.
+
+Salisbury.
+Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon
+sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie
+weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen
+mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels
+durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist
+vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß.
+
+Pembroke.
+Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist
+dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil
+eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten
+Wiederholung, widrig und übel aufgenommen.
+
+Salisbury.
+Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens
+ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich
+drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt
+die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,
+und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen
+Kleidung aufzieht.
+
+Pembroke.
+Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so
+bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines
+Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die
+Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen
+kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des
+Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war.
+
+Salisbury.
+Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie
+vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu
+gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,
+was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß.
+
+König Johann.
+Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab' ich euch schon
+eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd'
+ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts
+wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne
+verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich
+eure Bitten anhören und erfüllen will.
+
+Pembroke.
+Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die
+Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens
+ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für
+eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen
+anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;
+dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in
+gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in
+Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie
+man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch
+bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer
+barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle
+Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also
+gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie
+bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren,
+wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu
+schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil
+unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.)
+
+König Johann.
+Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an--
+Hubert, was bringt ihr Neues?
+
+Pembroke (zu Salisbury.)
+Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem
+von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer
+gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und
+gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist
+bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen
+worden.
+
+Salisbury.
+Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht
+von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,
+wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine
+Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen
+muß.
+
+Pembroke.
+Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders
+herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen
+Kindes Tod.
+
+König Johann.
+Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er
+sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.
+
+Salisbury.
+In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn.
+
+Pembroke.
+In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind
+selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben
+werden, hier oder anderswo.
+
+König Johann.
+Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage
+die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab' ich über den Puls des
+Lebens zu befehlen?
+
+Salisbury.
+Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist
+schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.
+Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und
+hiemit gehabt euch wohl.
+
+Pembroke.
+Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das
+Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem
+gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was
+auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey
+Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so
+gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern
+Beschwerden zum Ausbruch helfen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Ein Courier zu den Vorigen.)
+
+
+König Johann (für sich.)
+Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund
+der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod
+schlecht gesichert.
+
+(Zum Courier.)
+
+Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in
+deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert
+sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie
+geht es in Frankreich?
+
+Courier.
+Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung
+gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie
+haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet
+werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß
+sie geländet haben.
+
+König Johann.
+In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?
+Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich
+aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören?
+
+Courier.
+Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten
+April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage
+vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses
+habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder
+falsch ist, weiß ich nicht.
+
+König Johann.
+Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen
+Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs
+befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also
+in meinen Französischen Staaten gehen!--Unter wessen Anführung
+haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier
+geländet?
+
+Courier.
+Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den
+Vorigen.)
+
+König Johann.
+Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht--
+
+(Zu Faulconbridge.)
+
+Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch
+mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.
+
+Faulconbridge.
+Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das
+schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen.
+
+König Johann.
+Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber
+izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine
+Zunge sagen kan.
+
+Faulconbridge.
+Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die
+Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich
+das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk
+in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und
+voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu
+wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den
+Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief,
+weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen
+hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.
+Hoheit die Crone niederlegen würden.
+
+König Johann.
+Du eitler Träumer, warum thatest du das?
+
+Peter.
+Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird.
+
+König Johann.
+Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags,
+wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn
+aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn
+ich habe dich nöthig.
+
+(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)
+
+O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer
+Landung ausbreitet?
+
+Faulconbridge.
+Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und
+den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes
+Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,
+der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden
+sey.
+
+König Johann.
+Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab'
+einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.
+
+Faulconbridge.
+Ich will sie aufsuchen.
+
+König Johann.
+Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine
+einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit
+dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein
+Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke,
+von ihnen zu mir zurük.
+
+Faulconbridge.
+Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.
+
+(Er geht ab.)
+
+König Johann.
+Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.
+Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den
+Pairs nöthig; du taugst am besten dazu.
+
+Courier.
+Von Herzen gerne, mein Gebieter.
+
+(Geht ab.)
+
+König Johann.
+Meine Mutter todt!
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Hubert tritt auf.)
+
+
+Hubert.
+Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde
+sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe
+sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier
+herumgedreht.
+
+König Johann.
+Fünf Monde?
+
+Hubert.
+Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen
+gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist
+immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie
+die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den
+Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens
+macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht.
+Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein
+Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines
+Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in
+der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit
+den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen
+erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer
+hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte,
+und von Arthurs Tod redte.
+
+König Johann.
+Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?
+Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein
+Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du
+hattest keine.
+
+Hubert.
+Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?
+
+König Johann.
+Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre
+Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein
+Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die
+Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie
+vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus
+überlegter Absicht sauer sieht.
+
+Hubert.
+Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that.
+
+König Johann.
+O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden
+wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft
+wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu
+thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein
+Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat
+ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn
+gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die
+Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich
+an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem König beliebt zu
+machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.
+
+Hubert.
+Gnädigster Herr--
+
+König Johann.
+Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da
+ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen
+bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich
+gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm
+gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du
+verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch
+blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du
+dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That
+vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus
+meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln
+verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen
+Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem
+Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,
+herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem
+Gewissen und meines Neffen Tod.
+
+Hubert.
+Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und
+euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese
+meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von
+Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein
+meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer
+Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es
+scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der
+Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.
+
+König Johann.
+Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht
+auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit.
+Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt
+gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine
+Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir
+gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe
+mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein
+Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Eine Strasse vor einem Gefängniß.)
+(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)
+
+
+Arthur.
+Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter
+Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier
+niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt
+eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und
+doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt
+bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist
+eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als
+mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.
+
+(Er springt herab.)
+
+Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm
+meine Seele auf, und England meine Gebeine.
+
+(Er stirbt.)
+
+(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)
+
+Salisbury.
+Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für
+uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn
+wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.
+
+Pembrok.
+Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal?
+
+Salisbury.
+Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche
+Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit
+mehr gesagt hat, als dieser Brief
+
+Bigot.
+So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen.
+
+Salisbury.
+Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange
+Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge
+zu den Vorigen.)
+
+Faulconbridge.
+Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König
+ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart.
+
+Salisbury.
+Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen
+seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern,
+noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen
+zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste.
+
+Faulconbridge.
+Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das
+beste.
+
+Salisbury.
+Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.
+
+Faulconbridge.
+Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.
+
+Pembroke.
+Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier?
+
+(Indem er Arthur gewahr wird.)
+
+Salisbury.
+O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen
+Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.
+
+Bigot.
+Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,
+legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.
+
+Salisbury.
+Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder
+gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier
+sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Könnte
+die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche
+Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize,
+das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan;
+es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der
+niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den
+Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat.
+
+Pembrok.
+Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese
+entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu
+vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein
+und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz
+macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.
+
+Faulconbridge.
+Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen
+Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.
+
+Salisbury.
+Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von
+Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts
+Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist.
+Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn
+los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme
+zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes,
+eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des
+Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu
+mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die
+feyrlichste Rache versöhnt haben werde.
+
+Pembrok. Bigot.
+Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde!
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Hubert zu den Vorigen.)
+
+
+Hubert.
+Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur
+lebt, und der König sendet nach euch.
+
+Salisbury.
+O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter
+Lasterbube, aus meinem Gesicht!
+
+Hubert.
+Ich bin kein Lasterbube.
+
+Salisbury.
+Muß ich dem Gesez zuvorkommen?
+
+(Er zieht seinen Degen.)
+
+Faulconbridge.
+Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein.
+
+Salisbury.
+Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe.
+
+Hubert.
+Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist
+so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch
+selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr
+reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,
+euern Adel und eure Grösse vergessen.
+
+Bigot.
+Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?
+
+Hubert.
+Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen
+einen Kayser zu vertheidigen.
+
+Salisbury.
+Du bist ein Mörder.
+
+Hubert.
+Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen
+Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lügt.
+
+Pembroke.
+Haut ihn in Stüken.
+
+Faulconbridge.
+Halte Frieden, sag ich.
+
+Salisbury.
+Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.
+
+Faulconbridge.
+Du würdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn
+du dich erkühnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fuß
+vorzusezen, oder ein unanständiges Wort gegen mich auszustossen, so
+schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein,
+oder ich will dich und deinen Bratspieß so zusammenpleuen, daß du
+denken sollst, der Teufel aus der Hölle sey über dich gekommen.
+
+Bigot.
+Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bösewicht
+beystehen, einem Mörder?
+
+Hubert.
+Lord Bigot, ich bin keiner.
+
+Bigot.
+Wer ermordete diesen Prinzen?
+
+Hubert.
+Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich
+ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust
+seines süssen Lebens beweinen.
+
+Salisbury.
+Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein
+Bösewicht kan auch weinen, und eine lange Übung macht, daß seine
+erzwungene Zähren Ströme des Mitleidens und der Unschuld scheinen.
+Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines
+Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdünstungen
+dieser Schandthat.
+
+Bigot.
+Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.
+
+Pembrok.
+Saget dem König, dort könn' er uns erfragen.
+
+(Die Lords gehen ab.)
+
+
+
+Siebende Scene.
+
+
+Faulconbridge.
+Das ist eine feine Welt; wißt ihr was um diese saubre Arbeit?
+Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose
+Güte nicht zu, dir zu vergeben.
+
+Hubert.
+Hört mich nur an, Sir.
+
+Faulconbridge.
+Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz--Nein,
+nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so
+scheußlicher Teufel in der Hölle wie du seyn wirst, wenn du diß
+Kind umgebracht hast.
+
+Hubert.
+Bey meiner Seele--
+
+Faulconbridge.
+Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast,
+so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dünnste
+Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark
+genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden,
+dich daran zu hängen; oder wenn du dich ersäuffen willt, so gieß
+nur ein wenig Wasser in einen Löffel, und es wird soviel seyn als
+der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bösewicht zu erstiken.
+Du bist mir äusserst verdächtig.
+
+Hubert.
+Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sünde eines
+Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so
+möge die Hölle selbst neue Qualen nöthig haben mich zu martern. Er
+war wohl da ich ihn verließ.
+
+Faulconbridge.
+Geh, trag' ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betäubt, däucht
+mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser
+Zeit--Wie wenig Mühe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus
+diesem kleinen zerbrochnen Gehäuse der rechtmäßigen Königs-Würde
+ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Königreich
+gen Himmel geflogen; und das verlaßne England als ein Ding, das
+keinen rechtmäßigen Eigenthümer hat, ist dem überlassen, der es
+zuerst zu paken kriegt. Der hündische Krieg sträubt nun, um den
+halbabgenagten Knochen der Majestät, seinen zürnenden Kamm, und
+bläkt die Zähne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun
+stossen auswärtige Kriegsschaaren und einheimische Mißvergnügte in
+gerader Linie auf einander, und öde Verwüstung laurt, wie ein Rabe
+auf ein angestektes und gefallenes Stük Vieh, auf den stürzenden
+Fall des überwältigten Pomps. Nun ist derjenige glüklich, den sein
+Priester-Rok und sein Gürtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt--
+Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzüglich; ich gehe zu
+dem König; tausend Geschäfte warten auf uns, und der Himmel selbst
+schießt einen zürnenden Blik auf dieses Land.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Der Englische Hof.)
+(König Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)
+
+
+König Johann.
+Hiemit übergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Königs-Würde.
+
+(Er giebt ihm die Crone.)
+
+Pandolph.
+Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts,
+eure königliche Grösse und Autorität.
+
+König Johann.
+Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen,
+und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt,
+ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu
+versperren. Unsre mißvergnügten Grafschaften lehnen sich auf,
+unser Volk sträubt sich gegen seine Pflicht, und schwört einem
+fremden Blute Treue und Unterwürfigkeit. Dieser Schwall einer
+fieberhaften Schwärmerey kan von euch allein besänftiget werden.
+Säumet also nicht; denn die gegenwärtige Zeit ist so krank, daß sie,
+ohne die Hülfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare
+Folgen nach sich zöge.
+
+Pandolph.
+Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen
+den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf
+eine so glükliche Art verändert habt, so soll eben dieser Athem,
+diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schönes Wetter
+in euerm erschütterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage,
+erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum
+Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermögen, daß
+sie die Waffen niederlegen.
+
+(Er geht ab.)
+
+König Johann.
+Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage,
+zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan;
+ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey
+Dank, es geschah bloß freywillig. (Faulconbridge tritt auf.)
+
+Faulconbridge.
+Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hält sich noch als Dover-Castle;
+London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein
+Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hören, sondern
+sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die
+kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betäubung hin und
+her.
+
+König Johann.
+War die Nachricht, daß Arthur lebe, nicht vermögend, meine Lords
+zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?
+
+Faulconbridge.
+Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres
+Kästchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben,
+von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.
+
+König Johann.
+Der nichtswürdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.
+
+Faulconbridge.
+Ich wollte für ihn schwören daß er nichts anders wußte--aber warum
+seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd
+groß in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Laßt
+die Welt keine Furcht, kein banges Mißtrauen in einem königlichen
+Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch
+auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Dräuer und
+trozet der rümpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure
+Anhänger, die ihre Aufführung von ihrem Oberhaupt borgen, durch
+euer Beyspiel groß werden, und einen unerschroknen Muth fassen.
+Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg
+entgegenzieht; zeigt Kühnheit und Vertrauen auf euch selbst und
+euer Glük! Wie, sollen sie den Löwen in seiner Höle aufsuchen, und
+sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! laßt das
+nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und
+ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.
+
+König Johann.
+Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit
+ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu
+schiken.
+
+Faulconbridge.
+O unrühmliches Bündniß! Fremde sollen in unser Land einfallen, und
+wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromiß
+und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen?
+Ein unbärtiger Junge, ein verzärtelter seidener Stuzer soll
+übermüthig über unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf
+einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten
+Gepränge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand
+finden? Zu den Waffen, mein Königlicher Herr; vielleicht erhält
+der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhält, so
+laßt doch wenigstens von uns gesagt werden, daß wir in der
+Verfassung gewesen, uns wehren zu können.
+
+König Johann.
+Ich übertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du
+in unsern gegenwärtigen Umständen nöthig findest.
+
+Faulconbridge.
+Auf dann, und guten Muth gefaßt; ich bin gewiß, daß unsre Parthey
+im Stande wäre, einem stärkern Feind entgegen zu gehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Das Lager des Dauphins.)
+(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in
+ Waffenrüstung auf.)
+
+
+Ludwig.
+Mein Herr von Melun, laßt eine Copey hievon genommen, und zu unsrer
+Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwärtigen Aufsaz aber
+gebt diesen Lords zurük, damit sie auch eine schriftliche Erklärung
+unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir
+diese Papiere überlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben,
+und unser Wort fest und unverbrüchlich halten.
+
+Salisbury.
+Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir
+gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwörung
+einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so
+glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, daß ein solches
+Geschwär der gegenwärtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein
+Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch
+viele heilen muß. O, es kränkt meine Seele, daß ich dieses Metall
+von meiner Seite ziehen muß, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und
+dieses in einem Lande, wo rühmlicher Widerstand und rechtmäßige
+Gegenwehr über den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die
+verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, daß wir unser Recht zu
+heilen, gezwungen sind die Hand des kühnen Unrechts und der
+regellosen Gewaltthätigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht
+schmerzen, o meine tiefgekränkten Freunde, daß wir, die Söhne und
+Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da
+wir, zu einem ausländischen Kriegsheer gesellt, über ihren schönen
+Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfüllen; (ich muß
+mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit
+beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten
+Landes wider unser eignes unterstüzen, und unbekannten Fahnen hier
+folgen müssen? Wie, hier? O mein Volk, möchtest du dich
+zurükziehen können! Möchte Neptun, der dich ringsumfaßt, dich in
+seinen Armen aus dem Schooß deines mütterlichen Bodens hinweg an
+irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das
+Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten könnten,
+anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.
+
+Ludwig.
+Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in
+deinem Busen kämpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen
+in dir. Oh was für einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und
+Liebe zum Vaterland hast du gekämpft! Laß mich diesen ehrwürdigen
+Thau abwischen, der wie fliessendes Silber über deine Wangen rollt.
+Mein Herz ist schon von den Thränen eines Frauenzimmers
+zerschmolzen, die doch eine gewöhnliche Überschwemmung sind; aber
+dieser Ausbruch von männlichen Thränen, dieser von dem Ungewitter
+einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge
+starren, und sezt mich in ein grösseres Erstaunen, als wenn ich das
+ganze Gewölbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren
+überwälzt sähe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und
+treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Überlaß diese
+Thränen jenen Säuglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt
+in Wuth gesehen, und das Glük nirgends als bey Lustbarkeiten und
+üppigen Schmäusen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine
+Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig
+selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Stärke
+der meinigen anknüpfen.
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Pandolph zu den Vorigen.)
+
+
+Ludwig.
+Wie, hier eilet, däucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der
+heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen,
+und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts
+aufzudrüken.
+
+Pandolph.
+Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nächste ist dieses: König
+Johann hat sich mit Rom ausgesöhnt; windet also diese dräuenden
+Fahnen auf, und zähmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit
+er, gleich einem Löwen der im Hause zahm aufgezogen worden,
+freundlich zu den Füssen des Friedens lige, und ausser durch sein
+Ansehen ferner keinen Schaden thue.
+
+Ludwig.
+Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich werde nicht zurük gehen. Ich bin
+nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines
+Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem
+blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem
+gezüchtigten Königreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu
+nähren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem
+schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden.
+Ihr lehrtet mich meine Befügnisse und Ansprüche an dieses Land
+kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt
+kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was
+geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine
+Vermählung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land
+als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich
+zurük gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin
+ich Roms Sclave? Was für Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung
+hergegeben, was für Volk, oder was für Kriegs-Vorrath? Bin ichs
+nicht allein, der die Last derselben trägt? Wer anders als ich,
+und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstüzen, schwizt
+in diesem Geschäft und führt diesen Krieg? Hab ich nicht diese
+Insulaner mir zujauchzen gehört, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre
+Städte angezogen bin? Hab' ich hier nicht die besten Carten, um
+dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun
+soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Händen habe? Nein,
+bey meiner Seele, das will ich nicht thun.
+
+Pandolph.
+Ihr seht nur auf das Äusserliche dieses Geschäfts.
+
+Ludwig.
+Äusserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis
+ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgeführt haben werde,
+als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin--
+
+(Man hört eine Trompete.)
+
+Was für eine muntre Trompete fordert uns hier auf?
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Faulconbridge zu den Vorigen.)
+
+
+Faulconbridge.
+Vergönnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Völker, ein ruhiges
+Gehör: ich bin von dem König abgeschikt, um von euch, mein heiliger
+Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten
+habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die
+Erklärung seyn, zu der meine Zunge bevollmächtiget ist.
+
+Pandolph.
+Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen
+lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.
+
+Faulconbridge.
+Bey allem dem Blut, das jemals von männlicher Wuth gekocht hat, der
+Jüngling sagt recht. Höret izt unsern Engländischen König: Denn so
+spricht seine Majestät durch mich; er ist vorbereitet, und die
+Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen poßierlichen
+Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes
+Spiegelgefecht, auf dieses läppische Kriegsheer von sauersehenden
+Knaben, lächelt der König herab; und ist in guter Verfassung,
+diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmäen-Waffen aus dem Umfang seines
+Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Stärke
+genug hatte, euch vor euern Hausthüren zu prügeln, und zu machen,
+daß ihr, gleich Wasserkübeln, euch in gemaurte Brunnen täuchen,
+unter die Schindeln eurer Ställe klettern, wie Pfänder in Kästen
+und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen
+verkriechen mußtet; daß ihr euere Sicherheit in Kellern und
+Gefängnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet,
+wenn ihr nur einen Englischen Hahn krähen hörtet, in der
+Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Engländers; diese
+siegreiche Hand sollte hier entkräftet hangen, nachdem sie euch in
+euern Kammern gezüchtiget hat? Nein; wißt, der dapfre Monarch ist
+in Waffen, und schwebt gleich einem Adler über seinen Horst, um
+jeden Unfall, der sich seinem Neste nähert, wegzuscheuchen. Und
+ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die
+den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, erröthet vor
+Schaam; denn eure eignen Frauen und blaß-wangichte Töchter, kommen,
+gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre
+Fingerhüte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre
+sanftmüthigen Herzen um Grimm und Blutdurst--
+
+Ludwig.
+Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir
+gestehen dir zu, daß du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich
+wohl; wir schäzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen
+Plauderer zu verderben.
+
+Pandolph.
+Laßt mich izt auch reden--
+
+Faulconbridge.
+Nein, ich will reden.
+
+Ludwig.
+Ich will keinen von beyden anhören, rührt die Trummeln, und laßt
+die Zunge des Kriegs für unsre Sache reden.
+
+Faulconbridge.
+In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden
+schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke
+nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst
+sogleich eine andre hören, die bey der Hand ist, so laut
+zurükzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine
+andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments
+rasseln, und dem holen Gebrüll des Donners Troz bieten. Denn, ohne
+sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum
+Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre König Johann in
+der Nähe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne;
+dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden
+aufzufressen.
+
+Ludwig.
+Rührt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.
+
+Faulconbridge.
+Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)
+(Alarm. König Johann und Hubert treten auf.)
+
+
+König Johann.
+Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert.
+
+Hubert.
+Übel, fürchte ich; wie befindet sich Euer Majestät?
+
+König Johann.
+Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu;
+o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.)
+
+Bote.
+Gnädigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer
+Majestät, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen
+Weg ihr nehmet.
+
+König Johann.
+Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.
+
+Bote.
+Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin
+erwartete, hat vor drey Nächten auf den Sandbänken von Godwin
+gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die
+Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich
+zurük zu ziehen.
+
+König Johann.
+Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und läßt
+mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead
+zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht länger aushalten; ich
+bin ganz schwach.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Verwandelt sich in das Französische Lager.)
+(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)
+
+
+Salisbury.
+Ich glaubte nicht, daß der König noch so viel Freunde hätte.
+
+Pembroke.
+So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglüklich
+sind, sind wir verlohren.
+
+Salisbury.
+Der mißgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand,
+die einzige Ursach, daß wir diesen Tag verliehren.
+
+Pembroke.
+Man sagt, König Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht
+wegbegeben.
+
+(Melun wird verwundet herbeygeführt.)
+
+Melun.
+Führet mich zu den Englischen Rebellen.
+
+Salisbury.
+Wie wir glüklich waren, hatten wir andre Namen.
+
+Pembroke.
+Es ist der Graf von Melun.
+
+Salisbury.
+Auf den Tod verwundet.
+
+Melun.
+Flieht, ihr edeln Engländer, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft
+die entlassene Treue wieder zurük, suchet euern König auf, und
+fallet ihm zu Fuß; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird,
+so gedenkt er euch die Mühe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen,
+daß er euch die Köpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen,
+und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St.
+Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.
+
+Salisbury.
+Ist das möglich? Kan das wahr seyn?
+
+Melun.
+Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das
+wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie
+ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt könnte
+mich bewegen, izt zu betrügen, da aller Nuzen des Betrugs aufhört?
+Wie könnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, daß ich sterben muß,
+und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es
+noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig,
+wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen;
+sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem
+albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermüdeten Sonne
+anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und für
+die willkommne Verrätherey den gewöhnlichen Lohn der Verräther
+bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm
+König ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, daß mein
+Großvater ein Engländer war, wekte mein Gewissen zu diesem
+Bekenntniß auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafür aus dem
+Getümmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken
+in Ruhe ausdenken, und unter andächtigen Betrachtungen und Seufzern
+meine Seele von diesem Leibe trennen kan.
+
+Salisbury.
+Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut über diese
+günstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Könige
+zurük zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg
+zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg,
+meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glükliche Flucht,
+die uns zu unsrer Pflicht zurük bringt!
+
+(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Verwandelt sich in einen andern Theil des Französischen Lagers.)
+(Ludwig und sein Gefolge treten auf.)
+
+
+Ludwig.
+Die Sonne däuchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern
+blieb stehn, und machte die westlichen Wolken erröthen, da die
+Engländer in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurükmassen; o
+wir beschlossen den Tag auf eine rühmliche Art, da wir ihnen mit
+einer vollen Ladung unsers, zwar unnöthigen, Geschüzes, nach einer
+so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen
+ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon--
+
+(Ein Bote zu den Vorigen.)
+
+Bote.
+Wo ist mein Prinz, der Dauphin.
+
+Ludwig.
+Hier; was bringst du Neues?
+
+Bote.
+Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch
+seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstärkung,
+die ihr so lange gewünscht habt, ist auf den Sandbänken zu Godwin
+zu Grunde gegangen.
+
+Ludwig.
+O schlimme, verdrießliche Zeitungen! So verdrießlich dacht' ich
+diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der,
+welcher sagte, König Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh
+die Nacht beyde Armeen schied?
+
+Bote.
+Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnädigster Herr.
+
+Ludwig.
+Gut; haltet gute Wache diese Nacht über; der Tag soll nicht so
+schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Achte Scene.
+(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.)
+(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)
+
+
+Hubert.
+Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe
+Feuer.
+
+Faulconbridge.
+Ein Freund. Wer bist du?
+
+Hubert.
+Von der Englischen Parthey.
+
+Faulconbridge.
+Und wohin gehst du?
+
+Hubert.
+Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen,
+daß du nach den meinigen fragst?
+
+Faulconbridge.
+Ich denke, du bist Hubert.
+
+Hubert.
+Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du
+seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du?
+
+Faulconbridge.
+Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und
+denken, daß ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.
+
+Hubert.
+Ha! daß ich dich mißkennen konnte! Du und die augenlose Nacht
+haben mich beschämt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, daß der
+wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.
+
+Faulconbridge.
+Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?
+
+Hubert.
+Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.
+
+Faulconbridge.
+So mach' es kurz; was hast du Neues?
+
+Hubert.
+O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich für die Nacht schikt,
+schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.
+
+Faulconbridge.
+Zeige mir ohne Umstände die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin
+kein Weibsbild, ich will nicht darüber in Unmacht fallen.
+
+Hubert.
+Der König ist, wie ich besorge, von einem Mönchen vergiftet worden;
+ich verließ ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch
+von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser
+auf die Folgen desselben gefaßt machen könnet, als wenn ihr zu spät
+von ihm überraschet würdet.
+
+Faulconbridge.
+Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm?
+
+Hubert.
+Ein Mönch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bösewicht, dem
+die Gedärme sogleich davon geborsten sind. Doch der König kan noch
+reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.
+
+Faulconbridge.
+Wen liessest du seiner Majestät zur Aufwartung?
+
+Hubert.
+Wie? wißt ihr nicht, daß die Lords alle wieder zu ihm zurük
+gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben,
+auf dessen Fürbitte der König sie begnadiget hat. Sie alle sind
+gegenwärtig bey seiner Majestät.
+
+Faulconbridge.
+Halt deinen Zorn zurük, mächtiger Himmel! Und leg' uns nicht mehr
+auf, als wir tragen können! Ich muß dir sagen, Hubert, daß die
+Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht über diese Untieffen
+sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sümpfe haben
+sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit
+Noth davon gekommen. Laß uns eilen; führe mich zum Könige; ich
+besorge, er möchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.)
+(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)
+
+
+Heinrich.
+Es ist zu späte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein
+sonst so gesundes Gehirn, (welches einige für das zerbrechliche
+Wohnhaus der Seele halten) kündigt uns durch die unordentlichen
+Phantasien, die es hervordrängt, das Ende der Sterblichkeit an.
+(Pembroke zu den Vorigen.)
+
+Pembroke.
+Der König redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft
+gebracht würde, so könnte sie die brennende Hize des Giftes lindern,
+das ihn verzehrt.
+
+Heinrich.
+Laßt ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch?
+
+Pembrok.
+Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.
+
+Heinrich.
+Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Übel, die aufs äusserste
+gekommen sind, fühlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal
+die äusserlichen Theile benagt hat, läßt er sie unempfindlich, und
+greift alsdann das Gemüth an, welches er durch ganze Legionen von
+seltsamen Einbildungen anfällt und verwundet, die in ihrem Gedränge,
+bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie
+wunderbar, daß der Tod singen soll--Doch es ist das traurige
+Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der
+Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die
+ewige Ruhe singt.
+
+Salisbury.
+Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er
+so roh und ungestalt zurückläßt, zu formen und zur Vollkommenheit
+zu bringen.
+
+(König Johann wird herbeygetragen.)
+
+König Johann.
+Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Paß; sie wollte nicht zum
+Fenster oder zur Thüre hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in
+meinem Busen, daß sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrümmeln.
+Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen
+worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.
+
+Heinrich.
+Wie befindet sich Eu. Majestät?
+
+König Johann.
+Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter
+befehlen, daß er komme, und seine beeißten Finger in meinen Schlund
+steke; noch machen, daß die Ströme meines Königreichs ihren Lauf
+durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, daß
+seine kalten Winde meine ausgedörrten Lippen küssen, und mich
+abkühlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost,
+und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.
+
+Heinrich.
+O! daß doch in meinen Thränen eine Kraft seyn möchte, euch
+Lindrung zu verschaffen!
+
+König Johann.
+Das Salz darinn ist heiß. Ich habe die Hölle in mir, und das Gift
+ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung
+verdammtes Blut zu peinigen.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+(Faulconbridge zu den Vorigen.)
+
+
+Faulconbridge.
+Oh! ich bin athemlos und ganz abgebrüht, vor äusserster
+Eilfertigkeit Eu. Majestät zu sehen.
+
+König Johann.
+Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrüken; das
+Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die
+Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen
+Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hängt nur noch an
+einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis
+du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst,
+nur ein Kloz und Model von zerstörter Majestät.
+
+Faulconbridge.
+Der Dauphin rüstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weiß,
+wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich
+mich mit Vortheil zurükziehen wollte, meine besten Truppen in den
+Morästen von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der
+unerwarteten Fluth verschlungen.
+
+(Der König stirbt.)
+
+Salisbury.
+Ihr athmet diese tödtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr--Mein
+Gebieter, mein König--doch--kaum ein König, izt diß.
+
+Heinrich.
+Eben so muß ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was für
+Sicherheit, was für Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das,
+was eben izt ein König war, so bald ein Erdkloß ist.
+
+Faulconbridge.
+Bist du dahin? O! ich bleibe nur zurük, das Amt der Rache statt
+deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel
+aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat--
+
+(Zu den Lords.)
+
+Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurükgetreten seyd,
+wo sind eure Völker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und
+eilet unverzüglich wider mit mir zurük, um ausländische Verwüstung
+und ewige Schmach aus der schwachen Thüre unsers unmächtigen Landes
+auszutreiben. Laßt uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir
+werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wüthet beynahe an
+unsern Fersen.
+
+Salisbury.
+So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal
+Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer
+halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlägen
+hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des
+gegenwärtigen Kriegs, annehmen können.
+
+Faulconbridge.
+Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur
+Vertheidigung gefaßt sehen wird.
+
+Salisbury.
+Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat
+schon den grösten Theil seiner Kriegsgeräthschaft nach der Küste
+abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu
+machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich
+selbst und die übrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den
+Weg machen, um dieses Geschäfte glüklich zu Ende zu bringen.
+
+Faulconbridge.
+Laßt es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den übrigen Fürsten,
+die am besten geschont werden können, bleibet zurük, euers Vaters
+Leichenbegängniß zu besorgen.
+
+Heinrich.
+Zu Worcester soll, vermöge seines lezten Willens, sein Leichnam
+beerdiget werden.
+
+Faulconbridge.
+Er soll also dahin gebracht werden, und glüklich möge Euer
+theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses
+Landes übernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwürfigkeit,
+auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwährenden
+Gehorsam angelobe.
+
+Salisbury.
+Eben dieses Gelübde thut unsre zärtliche Liebe, welche auf ewig
+ohne einigen Fleken dauern soll.
+
+Heinrich.
+Meine gerührte Seele wünscht euch danken zu können, und weiß es
+nicht anders zu thun als durch Thränen.
+
+Faulconbridge.
+Laßt uns einem Übel, welches wir so lange zum voraus bejammert
+haben, nur nöthige Trauer bezahlen--So lag England niemals, und
+soll künftig nie zu eines Erobrers Füssen ligen, als wenn es sich
+vorher durch seine eigne Hände verwundet hat. Nun, da diese seine
+Fürsten wieder heimgekehrt sind, nun laßt drey Theile der Welt in
+Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So
+lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns
+erschreken kan!
+
+
+Leben und Tod des Königs Johann, von William Shakespeare
+(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Tod des Koenigs Johann
+by William Shakespeare
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN ***
+
+This file should be named 7292-8.txt or 7292-8.zip
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+We need your donations more than ever!
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+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
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+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
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+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
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+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+PMB 113
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+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+(Three Pages)
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+ the case, for instance, with most word processors);
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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