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+The Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure)
+by William Shakespeare
+#31 in our series by William Shakespeare
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Maass fuer Maass (Measure for Measure)
+ Wie einer misst, so wird ihm wieder gemessen
+
+Author: William Shakespeare
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7233]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on March 29, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MAASS FUER MAASS ***
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
+
+
+
+
+Maaß für Maaß,
+oder:
+Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen.
+
+William Shakespeare
+
+Ein Lustspiel.
+
+Übersetzt von Christoph Martin Wieland
+
+
+Personen des Lustspiels.
+
+Vincentio, Herzog zu Wien.
+Angelo, Stadthalter in Abwesenheit des Herzogs.
+Escalus, ein alter Herr von Stande, dem Angelo in Verwaltung der
+Regierung beygefügt.
+Claudio, ein junger Edelmann.
+Lucio, ein Libertiner.
+Zwey Edelleute.
+Varrius, einer von den Hofleuten des Herzogs.
+Thomas und Peter, zwey Franciscaner-Mönche.
+Ein Richter.
+Kerkermeister.
+Ellbogen, ein Policey-Aufseher in einem Quartier der Stadt.
+Schaum, ein närrischer Junker.
+Harlequin, Diener der Frau Overdone.
+Abhorson, ein Nachrichter.
+Bernardin, ein ruchloser Gefangner.
+Isabella, Claudios Schwester.
+Mariane, mit Angelo versprochen.
+Juliette, Claudios Liebste.
+Francisca, eine Nonne.
+Frau Overdone, eine Kupplerin.
+Wache, Stadtbediente, und andre aufwartende Personen.
+
+Der Schauplaz ist in Wien.
+
+Die Geschichte ist aus Cinthios* Novellen genommen.
+
+{ed.-* "Epitia" von Giambattista Giraldi, gen. Cintio (Cinzio),
+1504--1573.}
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Des Herzogs Palast.)
+(Der Herzog, Escalus, und einige Herren vom Hofe.)
+
+
+Herzog.
+Escalus--
+
+Escalus.
+Gnädigster Herr--
+
+Herzog.
+Es würde eine unzeitige Sucht zu reden an mir scheinen, wenn ich
+euch die Eigenschaften einer klugen Regierungsart entfalten wollte,
+da mir bekannt ist, daß eure Wissenschaft hierinn alle Erinnerungen,
+die ich euch geben könnte, überflüssig macht; es bleibt mir also
+nichts übrig, als euch die Gelegenheit zu geben, diese
+Geschiklichkeit im Werke zu zeigen. Fleiß und Erfahrung hat euch
+den Character unsers Volkes, die Geseze unsrer Stadt, und die
+allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit so bekannt gemacht, daß wir
+niemand kennen, der euch hierinn übertreffe. Hier ist unser
+Auftrag, welchem wir pünctlich nachgelebt wissen wollen--Man rufe
+den Angelo hieher--Wie meynt ihr, daß er unsre Stelle vertreten
+werde? Denn ihr müßt wissen, daß wir ihn mit besonderer Vollmacht
+ersehen haben, unsre Abwesenheit zu ersezen; ihm haben wir unsre
+volle Macht zu strafen und gutes zu thun geliehen; sagt, was denkt
+ihr hiezu?
+
+Escalus.
+Wenn jemand in Wien eines solchen Vertrauens, und einer so hohen
+Ehre würdig ist, so ist es Angelo.
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Angelo zu den Vorigen.)
+
+
+Angelo.
+Ich komme, Euer Durchlaucht Befehle zu vernehmen.
+
+Herzog.
+Angelo, dein Leben entdekt dem aufmerksamen Beobachter die ganze
+Gestalt deines Characters. Die Ausübung jeder Tugend ist durch
+eine lange Uebung deine Natur geworden. Wir zünden keine Fakeln an,
+damit sie sich selbst leuchten; so macht es der Himmel mit uns;
+wofern unsre Tugenden nicht ausser uns würken, so wäre es gleich
+viel, wenn wir sie gar nicht hätten. Geister werden nur zu grossen
+Endzweken vollkommner von der Natur ausgebildet, und diese sparsame
+Göttin leyht nicht das kleinste Quintchen von ihrer Vortreflichkeit,
+ohne die Absicht, Dank und Interesse davon zu ziehen. Doch ich
+rede dieses zu einem, der mich selbst in dem Amt, das ich ihm
+auftrage, unterrichten könnte. Sey also in unsrer Abwesenheit der
+Vertreter unsres völligen Selbst in dieser Stadt; Leben und Tod,
+Angelo, hange von deinen Lippen ab; der alte Escalus, ob gleich der
+erste deiner Räthe, ist nur der zweyte nach dir. Hier ist deine
+Commißion.
+
+Angelo.
+Nein, mein gnädigster Herr; laßt mein Metall vorher auf irgend eine
+schärfere Probe gesezt werden, eh eine so edle und grosse Figur
+darauf gestempelt wird.
+
+Herzog.
+Kommt, keine Ausflüchte mehr; wir haben euch mit wohlbedachter Wahl
+hiezu ersehen; übernehmt also unsre Stelle. Unsre Abreise von hier
+wird so schleunig seyn, daß wir Sachen von Wichtigkeit
+unentschieden zurüklassen müssen. Wir werden euch, so viel Zeit
+und Umstände zulassen, von unserm Befinden Nachricht geben, und uns
+erkundigen, wie es hier stehe. Lebet also wohl; ich überlasse euch
+der hoffnungsvollen Ausführung unsrer Aufträge.
+
+Angelo.
+Erlaubet wenigstens, gnädigster Herr, daß wir euch einige Umstände--
+
+Herzog.
+Wir können keinen Augenblik länger verziehen. Auch habt ihr, bey
+meiner Ehre, nicht nöthig euch das mindeste Bedenken zu machen.
+Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in
+Würksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet. Gebt mir eure
+Hand, ich werde in geheim abreisen. Ich liebe das Volk, aber ich
+seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so
+bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe
+keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die
+dergleichen Dinge lieben. Noch einmal, lebet wohl.
+
+Angelo.
+Der Himmel befördere euer Vorhaben.
+
+Escalus.
+Und bringe euch glüklich zurük.
+
+Herzog.
+Ich danke euch, lebet wohl.
+
+(Er geht ab.)
+
+Escalus.
+Ich muß euch, mein Herr, um Erlaubniß bitten, eine freye
+Unterredung mit euch zu haben. Es ist mir daran gelegen, mein Amt
+recht zu kennen. Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt,
+wie weit sie sich erstrekt.
+
+Angelo.
+Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und
+durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen.
+
+Escalus.
+Ich werde Euer Gnaden folgen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Eine Straasse.)
+(Lucio und zween Edelleute.)
+
+
+Lucio.
+Wenn der Herzog, und die übrigen Herzoge sich mit dem König von
+Ungarn nicht vergleichen können, so werden sich alle Herzoge wider
+den König vereinigen.
+
+1. Edelmann.
+Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Königs in Ungarn
+seinen.
+
+2. Edelmann.
+Amen!
+
+Lucio.
+Du betest wie jener andächtiger Seeräuber, der mit den zehen
+Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel
+auskrazte.
+
+2. Edelmann.
+Du sollt nicht stehlen--
+
+Lucio.
+Eben das.
+
+1. Edelmann.
+Hatte er nicht Ursache? Das ist ein Gebott, das seine Leute von
+ihrer Schuldigkeit abgehalten hätte; denn sie schiften sich ein, um
+zu stehlen. Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem
+Gebet vor dem Essen, die Bitte für den Frieden gefiele.
+
+2. Edelmann.
+Ich habe doch nie keinen Soldaten gehört, der sie mißbilligt hätte.
+
+Lucio.
+Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man
+das Tischgebet gesprochen hat.
+
+2. Edelmann.
+Nie? wenigstens ein duzendmal.
+
+1. Edelmann.
+Wie? In Reimen?
+
+Lucio.
+In allen Reim-Arten und in allen Sprachen.
+
+1. Edelmann.
+Und auch in allen Religionen denk' ich.
+
+Lucio.
+Warum das nicht?--Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit.
+
+1. Edelmann.
+Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen
+habe, kommen mich--
+
+2. Edelmann.
+Wie hoch, wenn ich bitten darf?
+
+1. Edelmann.
+Rathet?
+
+2. Edelmann.
+Dreytausend Thaler jährlich?
+
+1. Edelmann.
+Ja, und mehr.
+
+Lucio.
+Eine französische Crone mehr.
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Die Kupplerin, die Vorigen.)
+
+
+1. Edelmann.
+Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Hüftweh am
+nachdrüklichsten?
+
+Kupplerin.
+Gut, gut, dort wird einer ins Gefängniß geführt, der fünftausend
+wie ihr seyd werth ist.
+
+1. Edelmann.
+Wer ist das, ich bitte dich?
+
+Kupplerin.
+Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio.
+
+1. Edelmann.
+Claudio ins Gefängniß? das kan nicht seyn.
+
+Kupplerin.
+Ich weiß aber daß es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah
+ihn wegführen, und was noch mehr ist, in den nächsten drey Tagen
+wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.
+
+Lucio.
+Das stünde mir gar nicht an; bist du dessen gewiß?
+
+Kupplerin.
+Nur allzugewiß; und das alles, weil er der Fräulein Juliette ein
+Kind gemacht hat.
+
+Lucio.
+Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich
+hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten.
+
+1. Edelmann.
+Und überdas stimmt dieser Bericht mit dem öffentlichen Ausruf ein.
+
+Lucio.
+Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Die Kupplerin, Harlequin.)
+
+
+Kupplerin.
+Was bringst du neues?
+
+Harlequin.
+Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefängniß führt?
+
+Kupplerin.
+Was hat er denn gemacht?
+
+Harlequin.
+Eine Frau.
+
+Kupplerin.
+Ich frage, was ist sein Verbrechen?
+
+Harlequin.
+Daß er in einem fremden Bache Dreuschen gefangen hat.
+
+Kupplerin.
+Wie? geht ein Mädchen mit einem Kind von ihm?
+
+Harlequin.
+Nein, aber ein Weib geht mit einem Mädchen von ihm. Ihr habt den
+Ausruf nicht gehört, habt ihr?
+
+Kupplerin.
+Was für einen Ausruf, Mann?
+
+Harlequin.
+Alle Häuser in den Vorstädten von Wien sollen niedergerissen werden.
+
+Kupplerin.
+Und was soll aus denen in der Stadt werden?
+
+Harlequin.
+Die läßt man zum Saamen stehen; sie hätten auch weg sollen, aber
+einige weise Bürger haben sich für sie ins Mittel geschlagen.
+
+Kupplerin.
+So sollen also alle unsre Schenk- und Spiel-Häuser in den
+Vorstädten niedergerissen werden?
+
+Harlequin.
+Bis auf den Grund, Madam.
+
+Kupplerin.
+Wahrhaftig, es geht eine grosse Veränderung im gemeinen Wesen vor;
+was wird aus mir werden?
+
+Harlequin.
+O, dafür macht euch keine Sorgen: gute Rathgeber haben nie Mangel
+an Clienten; wenn ihr schon euern Plaz ändert, so braucht ihr
+deßwegen nicht euer Gewerbe zu ändern; ich will immer euer treuer
+Diener bleiben. Habt nur gut Herz, man wird Mitleiden mit euch
+haben; ihr, die ihr eure Augen im Dienst des gemeinen Wesens
+beynahe aufgebraucht habt, ihr werdet in Betrachtung gezogen werden.
+
+Kupplerin.
+Was giebts hier, Thomas, wir wollen uns zurük ziehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Der Kerkermeister, Claudio, Juliette, und Stadtbediente.)
+(Lucio, und zwey Edelleute.)
+
+
+Claudio.
+Guter Freund, warum führst du mich so zur Schau herum? führe mich
+in das Gefängniß, wohin ich verurtheilet bin.
+
+Kerkermeister.
+Ich thu es nicht aus bösem Willen, sondern auf ausdrüklichen Befehl
+des Herrn Stadthalters.
+
+Claudio.
+So kan der Halbgott, Authorität, uns das volle Gewicht unsrer
+Uebertretungen bezahlen machen. So sind die Urtheile des Himmels;
+wem er verzeihen will, dem will er; wem er nicht will, will er
+nicht, und ist doch immer gerecht.
+
+Lucio.
+Wie, was ist dieses, Claudio? Warum befindet ihr euch in solchen
+Umständen? Was ist euer Verbrechen?
+
+Claudio.
+Nur davon zu reden, würde ein neues Verbrechen seyn.
+
+Lucio.
+Wie, ist es eine Mordthat?
+
+Claudio.
+Nein.
+
+Lucio.
+Unzucht?
+
+Claudio.
+Wenn ihr es so nennen wollt.
+
+Kerkermeister.
+Fort, mein Herr, ihr müßt gehen.
+
+Claudio.
+Nur ein Wort, guter Freund Lucio, ein Wort mit euch.
+
+Lucio.
+Hundert, wenn sie euch etwas nüzen können; wird Unzucht so hart
+angesehen?
+
+Claudio.
+Diß ist mein Fall: Auf ein beydseitiges Eheversprechen hin nahm ich
+Besiz von Juliettens Bette; (ihr kennet sie;) sie ist mein wahres
+Eheweib, ausser daß uns die Ceremonien mangeln, wodurch unsre
+Heurath öffentlich gemacht worden wäre. Die einzige Ursache warum
+wir sie unterliessen, war ein Erbe, das noch in den Kisten ihrer
+Verwandten ligt, denen wir unsre Liebe noch so lange zu verbergen
+gedachten, bis die Zeit sie uns günstiger gemacht haben würde.
+Allein das Unglük wollte, daß das Geheimniß unsrer Vertraulichkeit
+vor der Zeit verrathen würde--es ist mit zu grossen Buchstaben an
+Julietten geschrieben.
+
+Lucio.
+Mit einem Kind, vielleicht?
+
+Claudio.
+Leider! und der neue Stadthalter des Herzogs (ob es daher kommt,
+daß der Staatskörper ein Pferd ist, welches der Stadthalter
+zureiten soll, und dem er, das erste mal, die Sporren stärker zu
+fühlen giebt, damit es wisse, daß er seiner meister ist; oder ob
+die Tyranney in dem Plaz oder in demjenigen ist, der ihn einnimmt?
+kan ich nicht entscheiden:) Kurz, der neue Stadthalter erwekt bey
+meinem Anlas alle die veralteten Straffen, die gleich einer
+ungepuzten Rüstung, so lange an der Wand gehangen, bis neunzehn
+Zodiaci sich umgewälzt haben, ohne daß sie in einem einzigen
+gebraucht worden; und um eines Namens willen, wekt er das vergeßne
+tiefeingeschlafne Gesez wider mich auf; in der That, um eines
+Namens willen.
+
+Lucio.
+Du hast recht, es ist nicht anders; und dein Kopf steht so schwach
+auf deinen Schultern, daß ihn ein verliebtes Milchmädchen
+wegseufzen könnte. Schikt dem Herzog nach, und appellirt an ihn.
+
+Claudio.
+Ich hab es gethan; aber man kan ihn nirgends finden. Ich bitte
+dich, Lucio, thu mir diesen Liebesdienst; ich hab eine Schwester im
+Kloster, die an diesem Tag ihre Probzeit enden soll. Gieb ihr
+Nachricht von der Gefahr worinn ich bin; bitte sie in meinem Namen,
+daß sie Freunde an den strengen Stadthalter schike; bitte sie, daß
+sie in eigner Person einen Anfall auf ihn thue; von dem leztern
+macht' ich mir die meiste Hoffnung. Eine junge Person wie sie, hat
+eine Art von sprachloser Beredsamkeit, der die Männer selten
+widerstehen können; und ausserdem, so ist sie auch geschikt genug,
+wenn sie durch Gründe und Vorstellungen überreden will.
+
+Lucio.
+Ich wünsche, daß sie es könne; sowol zum Trost Aller die sich in
+ähnlichen Umständen befinden, als um deines Lebens willen; es würde
+mich sehr verdriessen, wenn es wegen eines Spiels Trictrak so
+närrischer Weise verlohren gehen sollte. Ich will zu ihr.
+
+Claudio.
+Habe Dank, mein guter Freund, Lucio.
+
+Lucio.
+Binnen zwo Stunden--
+
+Claudio.
+Kommt, Kerkermeister, wir wollen gehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Ein Kloster.)
+(Der Herzog und Bruder Thomas.)
+
+
+Herzog.
+Nein, heiliger Vater, laßt diesen Gedanken fahren: Glaubet nicht,
+daß der schmuzige Pfeil der Liebe einen männlichen Busen
+durchdringen könne. Die Ursache, warum ich euch um eine geheime
+Beherbergung bitte, ist wichtiger und ernsthafter, als die
+ausschweiffenden Absichten der glühenden Jugend.
+
+Bruder.
+Kan Eure Durchlaucht davon reden--
+
+Herzog.
+Mein ehrwürdiger Vater, niemand weiß besser als ihr, wie sehr ich
+immer das abgesonderte Leben geliebt, und wie wenig ich an den
+Gesellschaften, wo Jugend, Verschwendung, und fröliche Thorheit
+sich vereinigen, Geschmak gehabt habe. Ich habe dem Freyherrn
+Angelo, einem Mann von strengen Sitten und geübter Enthaltsamkeit,
+meine ganze unumschränkte Gewalt in Wien übertragen; und er ist in
+der Einbildung, daß ich nach Polen gereißt sey; denn so hab' ich
+unter die Leute streuen lassen, und so ist es angenommen: Nun, mein
+frommer Herr, werdet ihr mich fragen, warum ich das thue?
+
+Bruder.
+Wenn es erlaubt ist, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Wir haben strenge Geseze, (ein nothwendiges Gebiß für unbändige
+Unterthanen) die wir diese neunzehn Jahre her haben schlaffen
+lassen, gleich einem überfüllten Löwen, der in seiner Höle ligen
+bleibt, und nicht auf Beute ausgeht. Wie es nun zu begegnen pflegt,
+daß wenn allzu zärtliche Väter die Ruthe nicht zum Gebrauch,
+sondern nur zum Schreken, ihren Kindern vor die Augen steken, sie
+in kurzer Zeit mehr verlacht als gefürchtet wird; so ist es unsern
+Gesezen gegangen: Anstatt den Verbrechern den Tod zu geben, sind
+sie selbst todt; die ungebundne Freyheit zieht die Gerechtigkeit
+bey der Nase, der Säugling schlägt die Amme, und alle Anständigkeit
+der Sitten geht verlohren.
+
+Bruder.
+Es hieng nur von Euer Durchlaucht ab, diese gefesselte
+Gerechtigkeit wieder los zu lassen, und es würde an Euch
+furchtbarer geschienen haben, als an Angelo.
+
+Herzog.
+Ich besorge, nur allzu furchtbar. Da es mein Fehler war, dem Volk
+so viel Freyheit zu lassen, so würde es Tyranney gewesen seyn, sie
+für das zu strafen, was ich selbst ihnen zu thun befahl. Denn wir
+befehlen Böses zu thun, wenn wir den Uebelthaten statt der Straffe
+ihren freyen Lauf lassen. Dieses ist der wahre Grund, mein Vater,
+warum ich dieses Amt dem Angelo aufgetragen habe, der unter dem
+schüzenden Ansehen meines Namens straffen kan, ohne daß, so lange
+meine Person nicht gesehen wird, der Tadel auf mich fällt. Um aber
+selbst ein Augenzeuge von dieser Regierung zu seyn, will ich unter
+dem Namen eines Bruders von euerm Orden, sowol den Regenten als das
+Volk besuchen. Ich bitte dich also, schaffe mir einen Habit, und
+unterrichte mich, damit ich die vollständige Person eines ächten
+Franciscaner-Mönchs spielen könne. Noch mehr Gründe für diese
+Handlung will ich bey mehrerer Musse eröffnen; einer davon ist
+dieser: Angelo ist strenge; steht gegen jeden Tadel auf der Hut,
+gesteht kaum, daß sein Blut fließt, oder daß er zu Brot mehr
+Appetit hat als zu Stein. Wir können vielleicht bey dieser
+Gelegenheit lernen, wie viel man sich auf diese strengen Tugenden
+verlassen kan.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Achte Scene.
+(Ein Frauen-Kloster.)
+(Isabella, und Francisca.)
+
+
+Isabella.
+Und habt ihr Kloster-Frauen keine andern Freyheiten?
+
+Francisca.
+Sind diese nicht groß genug?
+
+Isabella.
+Ja, freylich; ich frage nicht, als ob ich mehr wünschte; sondern
+weil ich wünschte, daß die Schwesterschaft der heiligen Clara noch
+enger eingeschränkt seyn möchte. (Lucio läßt seine Stimme hinter
+der Scene hören.)
+
+Isabella.
+Was ist das? Wer ruft?
+
+Francisca.
+Es ist eines Mannes Stimme. Meine liebe Isabella, schließt ihr auf,
+und fragt ihn was er will; ihr dürft es thun, ich nicht; ihr habt
+das Gelübde noch nicht gethan; wenn ihr es gethan habt, so dürft
+ihr mit keiner Mannsperson sprechen, ausser in Gegenwart der
+Priorin; und auch dann, wenn ihr redet, dürft ihr euer Gesicht
+nicht zeigen, oder wenn ihr das Gesicht zeigt, dürft ihr nicht
+reden. Er ruft wieder; ich bitte euch, gebt ihm Antwort.
+
+(Francisca geht ab.)
+
+Isabella.
+Wer ruft hier?
+
+(Sie macht die Thüre auf.)
+
+(Lucio kommt herein.)
+
+Lucio.
+Heil, Jungfrau, wenn ihr seyd, wofür euch diese Rosenwangen
+ankündigen; wollt ihr so gefällig seyn, und mich vor Isabellen
+bringen, der schönen Schwester des unglüklichen Claudio, die sich
+unter den Probe-Schwestern dieses Hauses befindet.
+
+Isabella.
+Warum des unglüklichen Claudio, laßt mich zurükfragen, indem ich
+euch sage, daß ich diese Isabella und seine Schwester bin.
+
+Lucio.
+Holdselige Schöne, euer Bruder grüsset euch; um euch nicht lange
+aufzuhalten, er ligt im Gefängniß.
+
+Isabella.
+Weh mir! Und warum?
+
+Lucio.
+Für etwas, wofür er, wenn ich sein Richter wäre, Belohnung statt
+Strafe erhalten sollte; er hat einer guten Freundin ein Kind
+gemacht.
+
+Isabella.
+Mein Herr, erzählt mir nicht eure eigne Geschichte.
+
+Lucio.
+Es ist wie ich sage; wenn es gleich meine Schooßsünde ist, den
+Kybizen mit den Mädchen zu spielen, und ihnen zum Spaß Dinge
+vorzusagen, wovon mein Herz nichts weiß, so wollte ich doch nicht
+mit allen Jungfrauen so scherzen. Ich sehe euch für ein
+geheiligtes und dem Himmel geweyhtes Geschöpf an; und, aufrichtig
+zu reden, euer Stand macht euch in meinen Augen schon zu einem
+abgeschiednen seligen Geist.
+
+Isabella.
+Ihr lästert das Gute, indem ihr meiner spottet.
+
+Lucio.
+Denket das nicht von mir. In wahrem Ernst, diß ist die Sache: Euer
+Bruder hat seine Liebste in einen Zustand gesezt, der dasjenige was
+zwischen ihnen vorgegangen, unleugbar macht.
+
+Isabella.
+Ist eine schwanger von ihm?--Meine Base Juliette?
+
+Lucio.
+Ist sie eure Base?
+
+Isabella.
+Durch Adoption, durch die Liebe, die wir als Kinder für einander
+gehabt.
+
+Lucio.
+Sie ist es.
+
+Isabella.
+O! So kan er sie ja heurathen.
+
+Lucio.
+Das ist eben der Knoten. Der Herzog hat sich auf eine sehr
+seltsame Art von hier wegbegeben; und manchen Edelmann, worunter
+ich selbst einer bin, in der Hoffnung, einen Antheil an der Staats
+Verwaltung zu bekommen, getäuscht. Allein wenn denjenigen zu
+glauben ist, welche die wahren Nerven des Staats kennen, so ist die
+Bestellung die er gemacht, unendlich weit von seiner würklichen
+Absicht entfernt. Indessen herrschet an seinem Plaz, und mit
+seiner ganzen unumschränkten Gewalt, der Freyherr Angelo, ein Mann
+dessen Blut Schneewasser ist; ein Mann der durch die Stärke seiner
+Seele, durch Studieren und Fasten den Stachel der Natur stumpf
+gemacht hat; der die Bewegung der Sinne, und den Trieb der
+unordentlichen Lust nie gefühlt hat. Dieser, (um den Muthwillen
+und die Ausgelassenheit, die eine lange Zeit um die drohenden
+Geseze, wie Mäuse um Löwen, herumgeschwärmt, in Schreken zu sezen)
+hat ein Gesez hervorgesucht, unter dessen schwerem Inhalt eures
+Bruders Leben der Todesstraffe verfallen ist; er hat ihn also
+gefangen gesezt, und will durch Vollziehung der ganzen Strenge des
+Gesezes, ihn andern zu einem Beyspiel machen. Alle Hoffnung ist
+hin, wofern ihr nicht das Glük habt, durch eure schöne Fürbitte den
+Angelo zu rühren; und dieses ist, warum ich euch in euers Bruders
+Namen bitte.
+
+Isabella.
+Er will ihm das Leben nehmen, sagt ihr?
+
+Lucio.
+Er hat das Urtheil schon gesprochen, und der Kerkermeister hat, wie
+ich höre, schon den Befehl wegen der Hinrichtung.
+
+Isabella.
+Ach Himmel! Was kan ich ihm also helfen?
+
+Lucio.
+Versucht die Macht, die ihr habt.
+
+Isabella.
+Meine Macht? Ach! ich zweifle--
+
+Lucio.
+Unsre Zweifel sind Betrüger, und bringen uns oft um das Gute, das
+wir gewinnen könnten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch.
+Geht zu dem Stadthalter, und laßt ihn erfahren lernen, was die
+Bitten, die gebognen Knie und die Thränen der Schönheit über einen
+Mann vermögen.
+
+Isabella.
+Ich will sehen was ich thun kan.
+
+Lucio.
+Aber beschleuniget euch.
+
+Isabella.
+Ich will nicht länger säumen, als um der würdigen Mutter Nachricht
+von meinem Geschäfte zu geben. Ich danke euch von Herzen; grüsset
+meinen Bruder: eh es Nacht ist, will ich ihm von meiner Ausrichtung
+Nachricht geben.
+
+Lucio.
+Ich beurlaube mich von euch, schöne Schwester--
+
+Isabella.
+Lebet wohl, mein gütiger Herr.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Zweyter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Der Palast.)
+(Angelo, Escalus, ein Richter, Bediente.)
+
+
+Angelo.
+Wir müssen kein Schrek-Bild aus dem Gesez machen, das, die
+Raubvögel zu verscheuchen, aufgestellt wird; und ihm so lang
+einerley Gestalt lassen, bis die Gewohnheit macht, das sie sich
+darauf sezen, anstatt davor zu fliehen.
+
+Escalus.
+Auch ist mein Rath, nur in diesem Fall einige Nachsicht verwalten
+zu lassen. Ach! der junge Mann den ich retten wollte, hatte einen
+sehr edeln Vatter. Ich halte Euer Gnaden für einen Mann von
+strenger Tugend; aber möchtet ihr die Ueberlegung machen, ob ihr
+selbst, wenn Zeit und Gelegenheit euerm Wunsch oder dem Trieb des
+feurigen Blutes günstig gewesen wäre, ob ihr nicht selbst in
+gewissen Augenbliken euers Lebens, in eben diesem Punct, weßwegen
+ihr ihn strafen wollt, gefehlt und das Gesez wider euch gereizt
+hättet.
+
+Angelo.
+Ein anders ist, versucht werden, Escalus, ein anders, fallen. Ich
+läugne nicht, daß unter den zwölf Geschwornen, die über eines
+Gefangnen Leben sprechen sollen, einer oder zween seyn können, die
+noch grössere Diebe sind, als der den sie verhören. Die
+Gerechtigkeit straft nur die Verbrechen, die ihr bekannt sind. Was
+weiß das Gesez davon, daß Diebe über Diebe urtheilen? Es ist
+natürlich, daß wir bey einem Edelstein, den wir finden, still
+stehen und ihn aufheben, weil wir ihn sehen; aber wenn wir ihn
+nicht sehen, so treten wir auf ihn und denken nicht daran. Ihr
+könnt sein Vergehen dadurch nicht verringern, daß ihr voraussezt,
+ich habe auch solche Fehler machen können; aber dann, wenn ich, der
+ihn bestraft, mich würklich so vergehe, dann redet, und laßt mein
+eignes Urtheil mir den Tod zu erkennen. Mein Herr, er muß sterben!
+(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)
+
+Escalus.
+So sey es, wie eure bessere Einsicht es will.
+
+Angelo.
+Wo ist der Kerkermeister?
+
+Kerkermeister.
+Hier, zu Euer Gnaden Befehl.
+
+Angelo.
+Sorget dafür, daß Claudio bis morgen um neun Uhr gerichtet werde.
+Bringt ihm seinen Beichtiger, laßt ihn vorbereitet werden; denn
+diese Zeit ist alles, was er noch zu leben hat.
+
+(Kerkermeister geht ab.)
+
+Escalus (vor sich.)
+Gut, der Himmel verzeihe ihm! und verzeih' uns allen! Einige
+steigen durch Sünde, andre fallen durch Tugend: Einige überwälzen
+sich in Lastern, und werden nur nicht zur Rede gestellet; andre
+müssen für einen einzigen Fehltritt die Straffe des grösten
+Verbrechens leiden.
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Ellbogen, Schaum, Harlequin und Gerichtsdiener.)
+
+
+Ellbogen.
+Kommt, führt sie her; wenn das nüzliche Leute im gemeinen Wesen
+sind, die nichts thun, als das Pflaster treten, und in H** Häusern
+herumschwärmen, so versteh ich nichts vom Gesez. Führt sie her.
+
+Angelo.
+Was giebts, mein Herr? Wie heißt ihr? Wovon ist die Rede?
+
+Ellbogen.
+Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich bin des armen Herzogs Policey-
+Aufseher in diesem Quartier, und mein Name ist Ellbogen. Ich
+appelliere an die Justiz, und bringe hier vor Euer Gnaden ein paar
+notorische Beneficanten.
+
+Angelo.
+Beneficanten? Was haben sie denn Gutes gethan? Du willt
+Maleficanten sagen, vermuthlich.
+
+Ellbogen.
+Euer Gnaden nehmen mir nicht übel, ich weiß nicht wer sie sind;
+aber ausgemachte Buben sind es, das weiß ich gewiß, und leer an
+aller Profanation, welche gute Christen haben sollten.
+
+Escalus.
+Das geht gut; das ist ein weiser Official.
+
+Angelo.
+Zur Sache; von was für einer Gattung Leute sind sie? Ellbogen
+heißt ihr? Warum redst du nicht, Ellbogen?
+
+Harlequin.
+Er kan nicht, Gnädiger Herr; er hat ein Loch im Ellbogen.
+
+Angelo.
+Wer seyd ihr, Monsieur?
+
+Ellbogen.
+Er? Ein Bierzapfer, Gnädiger Herr, ein Schlingel von einem H**
+Wirth, einer der bey einem übelberüchtigten Weibsbild in Diensten
+ist; dessen Haus, Gnädiger Herr, wie die Leute sagen, in den
+Vorstädten nieder gerissen worden ist. Izt hält sie ein Badhaus,
+welches, denk ich, wohl so gut oder nicht besser seyn wird, als ein
+H** Haus.
+
+Escalus.
+Woher wißt ihr das?
+
+Ellbogen.
+Mein Weib, Gnädiger Herr, die ich vorm Angesicht des Himmels und
+Euer Gnaden detestire--
+
+
+Escalus.
+Wie? dein Weib?
+
+Ellbogen.
+Ja, Gnädiger Herr, Gott sey Dank, sie ist ein ehrliches Weib--
+
+Escalus.
+Und darum detestirst du sie?
+
+Ellbogen.
+Ich sage Gnädiger Herr, ich detestire mich selbst sowohl als sie,
+daß dieses Haus, wenn es nicht ein H** Haus ist, so daurt mich ihr
+Leben, denn es ist ein schlimmes Haus.
+
+Escalus.
+Und woher weist du es denn?
+
+Ellbogen.
+Sapperment, Gnädiger Herr, von meinem Weib, die, wenn sie ein Weib
+wäre, das den cardinalischen* Lüsten nachhienge, in diesem Haus in
+Hurerey, Ehebruch, und alle Unreinigkeit hätte gerathen können.
+
+{ed.-* Es braucht kaum der Anmerkung, daß Ellbogen den Fehler hat,
+gerne lateinische Worte einzumengen, die er nicht recht ausspricht;
+er sagt detestiren für attestiren, cardinalisch für carnalisch.
+respectirt für suspect, u.s.w.}
+
+Escalus.
+Durch dieser Frauen Vorschub?
+
+Ellbogen.
+Ja, Gnädiger Herr, durch Frau Overdons Vorschub; aber sie spie ihm
+ins Gesicht, wie er sie--
+
+
+Harlequin.
+Mit Euer Gnaden Erlaubniß, es ist nicht so.
+
+Ellbogen.
+Beweis es, beweis es vor diesen Schurken, du Ehrenmann! beweis es.
+
+Escalus.
+Hört ihr, wie er sich verspricht?
+
+Harlequin.
+Gnädiger Herr, sie gieng mit dem Kind als sie in unser Haus kam,
+und hatte (mit Respect vor Euer Gnaden zu sagen) einen Gelust nach
+gebratnen Pflaumen; Gnädiger Herr, wir hatten nur zwey im Hause,
+und die lagen zu eben derselben Zeit, wie das begegnete, in einem
+Confect-Teller, einem Teller für drey oder vier Groschen; Euer
+Gnaden haben wol auch solche Teller gesehen, es sind keine
+Porcellan-Teller, aber sehr gute Teller.
+
+Escalus.
+Weiter, weiter, es ist am Teller nichts gelegen--
+
+Harlequin.
+Nein, in der That nicht, Gnädiger Herr, in diesem Stük hat Euer
+Gnaden recht: Aber zur Sache zu kommen; wie ich sagte, diese Madam
+Ellbogen gieng mit dem Kind, und hatte, wie ich sagte, schon einen
+ziemlich grossen Bauch, und gelüstete, wie ich sagte, nach Pflaumen,
+und es waren nur noch zwey auf dem Teller, wie ich sagte; denn
+dieser Herr von Schaum hier, dieser Junker, der hier steht, hatte
+die übrigen gegessen, wie ich sagte, und er bezahlte sie ehrlich,
+das muß ich sagen; denn, wie ihr wißt, Junker Schaum, ich konnte
+euch nicht drey Kreuzer herausgeben--
+
+Schaum.
+Nein, in der That.
+
+Harlequin.
+Das muß wahr seyn; ihr waret eben daran, wenn ihr euch noch
+erinnert, die Steine von den vorbesagten Pflaumen aufzuknaken.
+
+Schaum.
+Ja, das that ich, in der That.
+
+Escalus.
+Fort, ihr seyd ein langweiliger Narr, zur Sache; was that man denn
+Ellbogens seinem Weib, daß er Ursach zu klagen hat? Kommt auf das,
+was man ihr that.
+
+Harlequin.
+Gnädiger Herr, Euer Gnaden kan noch nicht auf das kommen.
+
+Escalus.
+Das ist auch nicht meine Absicht.
+
+Harlequin.
+Aber Euer Gnaden soll darauf kommen, mit Euer Gnaden Erlaubniß; und
+ich bitte euch, sehet einmal diesen Junker Schaum an, Gnädiger Herr,
+einen Mann von achtzig Pfund Renten des Jahrs, dessen Vater an
+aller Heiligen Tag gestorben ist. War es nicht aller Heiligen Tag,
+Junker Schaum?
+
+Schaum.
+Aller Heiligen Abend.
+
+Harlequin.
+Gut, gut; ich hoffe, das ist ein Mann dem man glauben muß. Er saß
+eben, Gnädiger Herr, wie ich sagte, in einem niedern Sessel,
+Gnädiger Herr; es war in der Traube, wo ihr in der That so gerne zu
+sizen pflegt; nicht wahr?
+
+Schaum.
+Es ist so, weil es eine hübsche offne Stube ist, und gut für den
+Winter.
+
+Harlequin.
+Das heißt gesprochen, wie es sich gehört; ich hoffe, hier ist ein
+Mann, der Glauben finden wird.
+
+Angelo.
+Das wird eine Rußische Nacht auswähren, wenn die Nächte am längsten
+sind. Ich will mich beurlauben und es euch überlassen, die Sache
+zu untersuchen, in der Hoffnung, ihr werdet gute Ursache finden,
+ihnen allerseits den Staupbesen geben zu lassen.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Die Vorigen.)
+
+
+Escalus.
+Nun, Monsieur, zur Hauptsache; was that man Ellbogens Weib?
+
+Harlequin.
+Was man ihr that, Gnädiger Herr? Nichts, gar nichts, mit Euer
+Gnaden Erlaubniß.
+
+Ellbogen.
+Ich bitte Euer Gnaden, fragt ihn, was dieser Mann hier meinem Weibe
+gethan hat?
+
+Harlequin.
+Ich bitte Euer Gnaden, fragt mich.
+
+Escalus.
+Gut, Herr, was that ihr dann dieser Edelmann?
+
+Harlequin.
+Ich bitte Euer Gnaden, schauet diesem Edelmann ins Gesicht; Junker
+Schaum, sehet den Gnädigen Herrn an; es geschieht aus keiner bösen
+Absicht; beobachtet Euer Gnaden seine Physionomie?
+
+Escalus.
+Ja, Herr, sehr wohl.
+
+Harlequin.
+Nun, ich bitte euch, beobachtet es nur wol.
+
+Escalus.
+Das thu ich.
+
+Harlequin.
+Kan Euer Gnaden etwas gefährliches darinn entdeken?
+
+Escalus.
+Nein.
+
+Harlequin.
+Nun will ich auf ein Buch schwören, daß sein Gesicht das schlimmste
+Ding an seiner ganzen Person ist; wohlan dann, wenn sein Gesicht
+das schlimmste an ihm ist, wie konnte Jkr. Schaum des Ellbogens
+Weib etwas zuleide thun? Das möcht ich von Euer Gnaden hören.
+
+Escalus.
+Er hat recht; Herr Commiß, was sagt ihr dazu?
+
+Ellbogen.
+Fürs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubniß, ein
+respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und
+seine Frau ein respectirtes Weib.
+
+Harlequin.
+Bey dieser Hand, Gnädiger Herr, sein Weib ist die respectirteste
+Person unter uns allen.
+
+Ellbogen.
+Schurke, du lügst; du lügst, du Schurke du; die Zeit soll noch
+kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt
+gewesen--
+
+Harlequin.
+Gnädiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete.
+
+Escalus.
+Ist das wahr, Ellbogen?
+
+Ellbogen.
+O du Galgenschwengel! o du Schurke! du gottloser Hannibal! Ich,
+respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete? Wenn ich jemals mit ihr
+respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht
+für des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter
+Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen.
+Was ist Euer Gnaden Befehl, daß ich mit diesem gottlosen
+Galgenbuben anfangen soll?
+
+Escalus.
+Im Ernst, Herr Commiß, weil er ein und anders angestellt hat, das
+du gern entdeken möchtest wenn du könntest, so laß ihn seinen Weg
+fortgehen, bis du weist was es ist.
+
+Ellbogen.
+Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du
+leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so
+fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen--
+
+Escalus (zu Schaum.)
+Wo seyd ihr gebohren, guter Freund?
+
+Schaum.
+Hier, in Wien.
+
+Escalus.
+Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr?
+
+Schaum.
+Ja, mit Euer Gnaden Erlaubniß.
+
+Escalus.
+So.
+
+(Zum Harlequin)
+
+was ist eure Profession, Meister--
+
+Harlequin.
+Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer.
+
+Escalus.
+Wie heißt eure Frau?
+
+Harlequin.
+Frau Overdon.
+
+Escalus.
+Hat sie mehr als einen Mann gehabt?
+
+Harlequin.
+Neune, Gnädiger Herr, Overdon war der lezte.
+
+Escalus.
+Neune? tretet näher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe
+nicht gerne daß ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie
+zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den
+Galgen. Gehet euers Weges, und laßt mich nichts mehr von euch
+hören.
+
+Schaum.
+Ich danke Euer Gnaden; ich für meinen Theil bin noch nie in keiner
+Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden wäre.
+
+Escalus.
+Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt
+euch wohl. --
+
+(Schaum geht ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+
+Escalus.
+Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister
+Bierzapfer?
+
+Harlequin.
+Pompey.
+
+Escalus.
+Meister Pompey, ihr seyd ein Stük von einem H** Wirth, ob ihr es
+gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt. Seyd ihr's nicht?
+Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer
+gehen.
+
+Harlequin.
+In gutem Ernst, Gnädiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne
+leben möchte.
+
+Escalus.
+Wie wollt ihr leben, Pompey? Von der H** Wirthschaft? Was dünkt
+euch zu dieser Handthierung? Ist es eine gesezmäßige
+Begangenschaft?
+
+Harlequin.
+Wenn das Gesez sie gestattet, Gnädiger Herr.
+
+Escalus.
+Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien
+nimmermehr kommen.
+
+Harlequin.
+Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt
+verschneiden zu lassen?
+
+Escalus.
+Nein, Pompey.
+
+Harlequin.
+Wahrhaftig, gnädiger Herr, so werden sie nach meiner einfältigen
+Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und
+den lüderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nöthig
+die Kuppler und Kupplerinnen zu fürchten.
+
+Escalus.
+Dafür sind hübsche Anstalten im Werk; es ist nur um Köpfen und
+Hängen zu thun.
+
+Harlequin.
+Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stüke
+verfehlen, köpfen und hängen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten
+Commißion für mehr Köpfe geben müssen; wenn dieses Gesez zehen
+Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schönste Haus in der
+Stadt das Stokwerk für drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt,
+das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt.
+
+Escalus.
+Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so
+sag ich euch hiemit gleichfalls, laßt mich keine Klage mehr wider
+euch hören, worüber es seyn mag, auch nicht über längern Aufenthalt
+in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hör ich das mindeste, Pompey, so
+will ich euch in euer Lager zurük schlagen, und ein strenger Cäsar
+gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr hättet
+verdient, daß ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit,
+Pompey, gehabt euch für dißmal wohl.
+
+Harlequin.
+Ich danke Euer Gnaden für den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie
+das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden--
+
+(für sich)
+
+Sapperment! Ein dapfrer Mann läßt sich nicht sogleich aus seinem
+Handwerk peitschen.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+
+Escalus.
+Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie
+lang ist es, daß ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet?
+
+Ellbogen.
+Sieben und ein halb Jahr, Gnädiger Herr.
+
+Escalus.
+Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr
+hättet es schon eine gute Zeit getrieben. Sieben ganze Jahre, sagt
+ihr?
+
+Ellbogen.
+Und ein halbes, Gnädiger Herr.
+
+Escalus.
+Es wird euch viele Mühe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen
+es nicht gut mit euch, daß sie euch so oft dazu anstrengen; hat es
+denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande wären es zu
+versehen?
+
+Ellbogen.
+Mein Treu, Gnädiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen
+Geschäften haben; wenn sie gewählt werden, so ist es ihnen immer
+eine Gefälligkeit, wenn ich den Dienst für sie versehe; sie
+bezahlen mich dafür, und so trag ich eben das Amt für alle.
+
+Escalus.
+Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die
+tauglichsten in euerm Kirchspiel sind.
+
+Ellbogen.
+In Euer Gnaden Haus?
+
+Escalus.
+In mein Haus; behüt euch Gott.
+
+(Ellbogen geht ab.)
+
+(Zum Richter.)
+
+Wie viel denkt ihr daß die Gloke ist?
+
+Richter.
+Eilfe, Gnädiger Herr.
+
+Escalus.
+Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen.
+
+Richter.
+Ich danke euer Gnaden unterthänig.
+
+Escalus.
+Ich kränke mich herzlich über Claudios Tod; aber es ist nicht zu
+helfen.
+
+Richter.
+Der Freyherr Angelo ist streng.
+
+Escalus.
+Es ist nur allzu nöthig; Güte hört auf es zu seyn, wenn sie immer
+die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer
+Verbrechen. Und doch--armer Claudio! Es ist nicht zu helfen!--
+Folget mir, mein Herr.
+
+(Gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Der Kerkermeister, ein Bedienter.)
+
+
+Bedienter.
+Er giebt nur einer Partey Gehör; er wird gleich kommen: Ich will
+ihm sagen, daß ihr hier seyd.
+
+Kerkermeister.
+Ich bitte euch, thut es; ich möchte wissen, was sein Wille ist;
+vielleicht ihn wieder frey zu lassen--Ach! Er hat kaum mehr als in
+einem Traum gesündiget; alle Stände, alle Alter riechen nach diesem
+Laster--und er soll dafür sterben. (Angelo zu den Vorigen.)
+
+Angelo.
+Nun, was giebt es, Kerkermeister?
+
+Kerkermeister.
+Ist es Euer Gnaden Wille, daß Claudio morgen sterben solle?
+
+Angelo.
+Sagt' ich dir nicht schon, ja? Hast du nicht Befehl? Wozu
+brauchst du noch einmal zu fragen?
+
+Kerkermeister.
+Aus Furcht, ich möchte zu rasch seyn. Mit Euer Gnaden Erlaubniß,
+ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung
+sein Urtheil gerne wiederruffen hätte.
+
+Angelo.
+Thu du deine Pflicht, und laß das meine Sorge seyn; thu deine
+Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Mühe mehr
+gemacht werden.
+
+Kerkermeister.
+Ich bitt' unterthänig um Verzeihung, Gnädiger Herr--Und was soll
+ich mit der winselnden Juliette anfangen? Sie ist ihrer Entbindung
+sehr nahe.
+
+Angelo.
+Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzüglich.
+
+Der Bediente.
+Gnädiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und
+bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden.
+
+Angelo.
+Hat er eine Schwester?
+
+Kerkermeister.
+Ja, Gnädiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im
+Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist.
+
+Angelo.
+Gut; laß sie herein kommen.
+
+(Bedienter geht ab.)
+
+Sorgt ihr davor, daß die Hure in einen andern Ort gebracht werde;
+laßt ihr bloß die nothdürftige, und keine überflüssige Unterhaltung
+geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden.
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.)
+(Kerkermeister will abtreten.)
+
+
+Angelo.
+Bleibt noch ein wenig--
+
+(Zu Isabella.)
+
+Seyd willkommen; was ist euer Begehren?
+
+Isabella.
+Ich bin eine bekümmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun
+möchte, wenn es euch gefiele mich anzuhören.
+
+Angelo.
+Gut; was ist eure Bitte?
+
+Isabella.
+Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft
+zu sehen wünsche, und für welches ich keine Fürbitte thun würde,
+wenn ich nicht müßte.
+
+Angelo.
+Gut, zur Sache.
+
+Isabella.
+Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch,
+laßt das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder
+fallen.
+
+Kerkermeister (leise.)
+Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rühren;
+
+Angelo.
+Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thäter? Ein jedes
+Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was würde
+mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fände, deren Strafe die
+Geseze bestimmt haben, und die Thäter gehen liesse?
+
+Isabella.
+O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!--Ich habe also keinen
+Bruder mehr--
+
+(Sie will fortgehen.)
+
+Lucio (leise.)
+Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn,
+fallt auf die Knie, hängt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt;
+wenn ihr eine Steknadel nöthig hättet, könntet ihr sie mit keiner
+gleichgültigern Art verlangen. Noch einmal an ihn, sag' ich.
+
+Isabella (zu Angelo.)
+Muß er denn nothwendig sterben?
+
+Angelo.
+Mädchen, dafür ist kein Mittel.
+
+Isabella.
+Ey ja, ich denke ihr könntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder
+der Himmel noch die Menschen mißbilligen es, wenn man Gnade vor
+Recht gehen läßt.
+
+Angelo.
+Ich will aber nicht.
+
+Isabella.
+Könntet ihr, wenn ihr wolltet?
+
+Angelo.
+Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht.
+
+Isabella.
+Aber könntet ihr es thun, ohne daß die Welt einen Schaden davon
+hätte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fühlte?
+
+Angelo.
+Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spät.
+
+Lucio (leise.)
+Ihr seyd zu kalt.
+
+Isabella.
+Zu spät? Warum? nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich
+gesprochen habe: Glaubet nur, den König ziert seine Crone, den
+Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter
+sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; wäret ihr an seinem Plaze
+gewesen und er an euerm, ihr würdet gestrauchelt haben, wie er;
+aber er würde nicht so strenge gewesen seyn.
+
+Angelo.
+Ich bitte euch, geht.
+
+Isabella.
+Wollte der Himmel, ich hätte eure Macht, und ihr wäret Isabella; es
+sollte nicht so seyn.
+
+Lucio.
+Nur weiter--das ist der rechte Ton--
+
+Angelo.
+Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind
+verschwendet.
+
+Isabella.
+Ach! gnädiger Himmel! wie? Alle Seelen hatten einst gesündigt,
+und waren vom Gesez verurtheilt. Aber der, der sie mit bestem Fug
+straffen konnte, fand ein Mittel aus. Wenn er euch richten wollte,
+wie ihr seyd? O! denkt an das! und Gnade wird, gleich dem
+neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen.
+
+Angelo.
+Gebt euch zufrieden, schönes Mädchen; das Gesez verurtheilt euern
+Bruder, nicht ich. Wär' er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn,
+so würd' es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er.
+
+Isabella.
+Morgen? O! das ist zu schnell. Schonet seiner, gebt ihm noch
+Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet. Wir tödten ja das
+Geflügel für unsre Küche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir
+den Himmel schlechter bedienen, als den gröbsten Theil von uns
+selbst? O! mein gütiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer
+für diß Vergehen gestorben. Es sind manche, die es begangen haben.
+
+Lucio (leise.)
+Gut, wohl gesprochen!
+
+Angelo.
+Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat.
+Diese (Manche) hätten sich nicht unterstanden zu sündigen, wenn der
+erste, der das Gesez übertrat, gestraft worden wäre. Izt, ist es
+aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht,
+gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die künftigen
+Verbrechen vor, die durch eine längere Nachsicht veranlaßt würden,
+und auf keine andere Art verhindert werden können, als wenn sie vor
+ihrer Geburt getödtet werden.
+
+Isabella.
+Laßt wenigstens einiges Mitleiden sehen.
+
+Angelo.
+Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit
+sehen lasse; denn alsdann hab' ich sogar Mitleiden mit denen, die
+ich nicht kenne, indem ich verhindere, daß ein ungestraftes
+Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher
+selbst, der wenn er für eine böse That büssen muß, nicht lebt um
+die zweyte zu begehen. Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt
+morgen; gebt euch zufrieden.
+
+Isabella.
+So müßt ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht,
+und er der erste, der dadurch leidet. O! es ist vortrefflich, die
+Stärke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein
+Riese zu gebrauchen.
+
+Lucio (leise.)
+Das ist wohl gesprochen.
+
+Isabella.
+Könnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so würde Jupiter
+selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten
+ledernen Officianten würde ein jeder seinen Himmel zum donnern
+brauchen wollen. Nichts als donnern--Gütiger Himmel! dein
+scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und
+knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O! nur der Mensch, der
+stolze Mensch, für etliche Augenblike in ein wenig Ansehen
+gekleidet, vergißt was er am gewissesten wissen kan, seiner
+zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboßen Affen, so
+phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, daß die Engel
+darüber weinen, die, wenn sie unsre Milz* hätten, sich alle
+sterblich lachen müßten.
+
+{ed.-* Die Alten schrieben ein unmäßiges Gelächter der Grösse der Milz
+zu. Warbürton.}
+
+Lucio (leise.)
+Weiter, weiter, Mädchen--das wird würken--es kömmt ihm, ich merk'
+es.
+
+Kerkermeister.
+Wollte Gott, sie möchte ihn gewinnen!
+
+Isabella.
+Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwägen; grosse Herren
+dürfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem
+Gottlosigkeit wäre.
+
+Lucio.
+Du hast recht, Mädchen; mehr dergleichen--
+
+Isabella.
+An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen
+Soldaten eine platte Lästerung ist.
+
+Angelo.
+Wozu sagt ihr diese Dinge mir?
+
+Isabella.
+Weil das höchste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr
+unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney
+bey sich führt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht
+in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was
+es sich bewußt ist, das meines Bruders Fehler ähnlich ist; und wenn
+es euch wenigstens die Fähigkeit gesteht, eben so zu sündigen wie
+er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf
+eure Zunge zu tönen.
+
+Angelo (für sich.)
+Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen überwältiget--
+Lebet wohl--
+
+(Er will weggehen.)
+
+Isabella.
+O! mein Gnädiger Herr, kehret zurük.
+
+Angelo.
+Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder.
+
+Isabella.
+Höret doch, wie ich euch bestechen will; mein gütiger Herr, kehret
+zurück.
+
+Angelo.
+Wie? Mich bestechen?
+
+Isabella.
+Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll.
+
+Lucio (leise.)
+Gut, sonst hättet ihr alles verdorben.
+
+Isabella.
+Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung
+sie gelten läßt, sondern mit unschuldigen Fürbitten, die zum Himmel
+aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder
+aufgeht; mit Fürbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden
+Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind.
+
+Angelo.
+Gut, kommt morgen wieder.
+
+Lucio (leise.)
+Geht izt, es ist genug--weg.
+
+Isabella.
+Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund. Um welche Zeit soll ich
+morgen Euer Gnaden aufwarten?
+
+Angelo.
+Vor Mittag, wenn ihr wollt.
+
+(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+
+Angelo (allein.)
+Von dir? Von deiner Tugend selbst? Was ist das? Was ist das?
+Ist es deine Schuld oder meine? Wer sündiget am meisten, der
+Versucher, oder der Versuchte? Nicht sie, denn sie denkt nur nicht
+daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen
+in der Sonne ligend, gleich einem Aaß, nicht wie die Blume, von der
+holden Frühlings-Wärme faule. Ists möglich, daß die Sittsamkeit
+eines Weibes unsern Sinnen gefährlicher seyn soll, als ihre
+Schlüpfrigkeit? Sollen wir, da wir genug unnüzen Boden haben,
+einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?--O
+pfui, pfui, pfui! Was thust du, oder was bist du, Angelo? O laß
+ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung für ihre Räubereyen,
+wenn die Richter selbst stehlen. Wie? lieb ich sie, daß ich so
+begierig bin, sie wieder zu hören, und mich an ihren Augen zu
+weiden? Was war diß was ich träumte? O! listiger Teufel, der, um
+Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst! Die
+gefährlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend
+zur Sünde reizt. Nimmermehr könnt ein feiles Weibsbild, mit aller
+ihrer verdoppelten Stärke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst,
+meine Sinnen nur einen Augenblik aufrührisch machen; aber dieses
+tugendhafte Mädchen überwältiget mich ganz, mich, der bis auf
+diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten hörte,
+lächelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn könnten.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Verwandelt sich in ein Gefängniß.)
+(Der Herzog in einem Mönchshabit, und der Kerkermeister, treten
+ auf.)
+
+
+Herzog.
+Gott grüsse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich.
+
+Kerkermeister.
+Ich bin's; was ist euer Wille, mein guter Pater?
+
+Herzog.
+Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines
+Ordens komm' ich, die betrübten Seelen in diesem Gefängniß zu
+besuchen; laßt mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Sünden
+erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten könne.
+
+Kerkermeister.
+Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nöthig wäre. (Juliette
+tritt auf.)
+
+Kerkermeister.
+Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Fräulein, die in
+die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen
+darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds
+ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch
+eine solche Sünde zu begehen, als für diese zu sterben.
+
+Herzog.
+Wenn soll er sterben?
+
+Kerkermeister.
+Ich denke, morgen.
+
+(Zu Juliette.)
+
+Ich habe Vorsehung für euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr
+sollt weggeführt werden.
+
+Herzog.
+Bereuet ihr, schönes Kind, die Sünde, die ihr begangen habt?
+
+Juliette.
+Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig.
+
+Herzog.
+Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prüfen könnt, um zu
+erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht.
+
+Juliette.
+Ich will es gerne lernen.
+
+Herzog.
+Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat?
+
+Juliette.
+Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle
+gebracht hat.
+
+Herzog.
+Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverständniß
+gesündiget.
+
+Juliette.
+So ist es.
+
+Herzog.
+Also war eure Sünde von einer schwerern Art, als die Seinige.
+
+Juliette.
+Ich bekenn' und bereu' es, mein Vater.
+
+Herzog.
+Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Sünde vielleicht
+nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus
+Betrübniß daß ihr den Himmel beleidiget habt? Eine gewöhnliche Art
+von Reue, wodurch wir beweisen, daß wir den Himmel nicht suchen
+weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen fürchten.
+
+Juliette.
+Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die
+Schmach mit Freuden.
+
+Herzog.
+Bleibet bey dieser Gesinnung. Euer Mitschuldiger muß, wie ich höre,
+morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten. Also
+geb ich euch meinen Segen.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Zehnte Scene.
+(Der Palast.)
+(Angelo tritt auf.)
+
+
+Angelo.
+Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will,
+so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstände; aber der Himmel
+hat nur meine leeren Worte, indeß mein Gemüth, ohne meine Zunge zu
+hören, auf Isabellen ankert. Der Himmel ist auf meinen Lippen, und
+der mächtige und schwellende Vorsaz der Sünde in meinem Herzen.
+Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man
+so oft gelesen hat, bis man es überdrüßig worden ist; ja, diese
+Ernsthaftigkeit, auf die ich (laß niemand es hören) stolz war,
+könnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der
+Wind hin und her treibt. O! Plaz, o äusserliches Ansehen! Wie
+oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst
+die weisern Seelen durch deine betrügliche Gestalt! Wir brauchen
+nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht
+mehr des Teufels Horn--
+(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da?
+
+Bedienter.
+Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden
+gelassen zu werden.
+
+Angelo.
+Führe sie herein--O Himmel! wie treibt mein Blut zu meinem Herzen,
+und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nöthigen
+Stärke--So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht
+sinkt; alle lauffen ihm zu Hülfe, und verstopfen dadurch die Luft,
+durch die er wieder aufleben könnte: Und so verlassen die
+Unterthanen, einen geliebten König zu sehen, ihre eignen Geschäfte,
+und drängen sich in dienstfertiger Zärtlichkeit zu seiner Gegenwart,
+wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen muß--
+(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schönes Mädchen?
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+
+Isabella.
+Ich komme zu hören, was Euer Gnaden beliebt--
+
+Angelo.
+Daß ihr es wissen möchtet, würde mir besser belieben, als daß ihr
+darnach fragt. Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben.
+
+Isabella.
+Ist es dieses?--Der Himmel erhalte Eu. Gnaden.
+
+(Sie will gehen.)
+
+Angelo.
+Und doch möcht' er noch eine Zeitlang leben, und das möchte seyn,
+so lang als ihr oder ich; aber er muß sterben.
+
+Isabella.
+Durch euer Urtheil?
+
+Angelo.
+Ja.
+
+Isabella.
+Wenn, ich bitte euch? Laßt ihm wenigstens so viel Zeit als er
+nöthig hat, damit seine Seele geheilt werden könne.
+
+Angelo.
+Ha? Pfui dieser garstigen Laster! Es wäre eben so gut denjenigen
+zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur
+weggestohlen hätte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels
+auf verbotne Stempel graben, ihre unverschämte Ueppigkeit zu
+verzeihen.
+
+Isabella.
+So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden.
+
+Angelo.
+Sagt ihr das? Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen.
+Was wolltet ihr lieber, daß das gerechteste Gesez euerm Bruder das
+Leben nehme; oder daß ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so
+behandeln lassen müßtet, wie diejenige, die er beflekt hat?
+
+Isabella.
+Gnädiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib preiß
+geben als meine Seele.
+
+Angelo.
+Ich rede nicht von eurer Seele; Sünden, wozu wir genöthiget werden,
+stehen nicht auf unsrer Rechnung.
+
+Isabella.
+Wie sagt ihr?
+
+Angelo.
+Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was
+ich gesagt habe, einwenden. Antwortet mir nur auf das: Ich, durch
+dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider
+euern Bruder aus: Wäre nicht Barmherzigkeit in einer Sünde, die ihr
+nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten?
+
+Isabella.
+Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele
+nehmen, dann ist gar keine Sünde darinn, sondern blosse
+Barmherzigkeit.
+
+Angelo.
+Hört mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend,
+oder stellt euch so, und das ist nicht gut.
+
+Isabella.
+Laßt mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demüthigen
+Erkenntniß, daß ich nicht besser bin.
+
+Angelo.
+So wünscht die Weisheit nur desto glänzender zu scheinen, wenn sie
+sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tücher die eingehüllte
+Schönheit zehnmal lauter ankündigen als die enthüllte Schönheit
+selbst thun könnte. Aber höret mich, um besser verstanden zu
+werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder muß sterben.
+
+Isabella.
+So.
+
+Angelo.
+Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt
+hat.
+
+Isabella.
+Es ist wahr.
+
+Angelo.
+Gesezt, es wäre kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage
+nicht, daß ich es gelten lassen würde, sondern nur um den Fall zu
+sezen) als daß ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte,
+den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand
+sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und
+daß kein andres Mittel ihn zu retten wäre, als ihr müßtet entweder
+diesem vorausgesezten den Genuß eurer Schönheit überlassen, oder
+euern Bruder leiden sehen, was würdet ihr thun?*
+
+{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original,
+und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt,
+worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden mußte.}
+
+Isabella.
+Soviel für meinen armen Bruder, als für mich selbst; das ist, wär
+ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer
+Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der
+Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen
+Leib der Schande preiß geben wollte.
+
+Angelo.
+So müßte euer Bruder sterben.
+
+Isabella.
+Besser, daß ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als daß die
+Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe.
+
+Angelo.
+Wäret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil,
+das ihr so genennt habt?
+
+Isabella.
+So wie eine schändliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von
+zweyerley Häusern sind; so ist auch ganz gewiß nicht die mindeste
+Verwandtschaft zwischen einer gesezmäßigen Barmherzigkeit, und
+einer lasterhaften Erlösung.
+
+Angelo.
+Ihr schienet lezthin das Gesez für einen Tyrannen, und den
+Fehltritt euers Bruders eher für eine Kurzweil als für ein
+Verbrechen anzusehen.
+
+Isabella.
+Verzeihet mir Gnädiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind
+wir oft genöthiget nicht zu sagen, was wir denken. Aus Liebe zu
+einem unglüklichen Bruder wünschte ich die That entschuldigen zu
+können, die ich verabscheue.
+
+Angelo.
+Wir sind alle gebrechlich.
+
+Isabella.
+Wär' es nicht so, so möchte mein Bruder immerhin sterben.
+
+Angelo.
+Die Weiber sind auch gebrechlich.
+
+Isabella.
+Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber! Der
+Himmel stehe ihnen bey! Die Männer verderben ihre angebohrne
+Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal
+gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug
+jeden fremden Eindruk anzunehmen.
+
+Angelo.
+So denke ich auch; und durch das Zeugniß euers eignen Geschlechts
+laßt mich kühner werden. Ich halte euch bey euern Worten. Seyd
+was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines. Seyd
+ihr's, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so
+zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget.
+
+Isabella.
+Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu
+sprechen.
+
+Angelo.
+Ich liebe euch.
+
+Isabella.
+Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, daß er dafür
+sterben müsse.
+
+Angelo.
+Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begünstiget.
+
+Isabella.
+Ich weiß daß eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu
+scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen.
+
+Angelo.
+Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklären meine Absicht.
+
+Isabella.
+Ha! was für eine Ehre? und was für eine Absicht? O! Schein!
+Schein! Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu! Unterzeichne
+mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will
+so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was für ein Mann du
+bist.
+
+Angelo.
+Wer wird dir glauben, Isabella? Mein unbeflekter Name, mein
+strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugniß wider
+dich, werden deine Anklage so sehr überwiegen, daß du in deiner
+eignen Aussage erstiken und nach Verläumdung stinken wirst. Der
+erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil
+den Zügel lassen. Bereite dich meiner erhizten Begierde
+nachzugeben, lege alle Sprödigkeit, alle diese verzögernden
+Erröthungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlöse deinen
+Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen überlassest; oder er muß
+nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprödigkeit soll seinen
+Tod durch langsame Martern verlängern. Bringe mir morgen die
+Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich
+will ein Tyrann gegen ihn werden. Was euch betrift, sagt was ihr
+könnt; meine Lügen überwiegen eure Wahrheiten.
+
+(Er geht ab.)
+
+Isabella.
+Gegen wen soll ich mich beklagen? Würd' ich diß erzählen, wer
+würde mir glauben? Ich will zu meinem Bruder gehen. Ob er gleich
+durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so
+viel Empfindung von Ehre, daß wenn er auch zwanzig Häupter auf
+zwanzig Blöke hinzustreken hätte, er eher sie alle hingeben würde,
+eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schändlichen Beflekung
+mißbrauchen lassen sollte. Leb' also keusch, Isabella, und stirb
+du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen
+will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn
+sterben lehren, damit seine Seele leben möge.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Das Gefängniß.)
+(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.)
+
+
+Herzog.
+Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?
+
+Claudio.
+Die Unglüklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe
+zu leben, und bin bereitet zum Sterben.
+
+Herzog.
+Stellt euch als gewiß vor, daß ihr sterben müßt; Tod oder Leben
+wird euch dadurch nur desto süsser werden. Redet so mit dem Leben:
+Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren
+hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflüssen der
+Elemente unterwürffig, welche diese Wohnung, worinn du dich
+aufhältst, stündlich beunruhigen; du bist nichts anders als des
+Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und
+rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nährst dich
+von den verächtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du
+fürchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein
+bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und fürchtest doch den
+Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges, denn
+du bestehst durch viele tausend Körner, die aus einem Staub
+hervorkeimen; glüklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich,
+was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du
+bist nicht gewiß, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du
+reich bist, bist du doch arm, denn du trägst gleich einem mit
+Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine
+Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn
+deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra,
+der Gicht und dem Aussaz, daß sie dir nicht bälder ein Ende machen.
+Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in
+einem nachmittäglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner
+Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem
+gichtbrüchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du
+weder Güte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu
+werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens
+trägt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen;
+und wir fürchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?
+
+{ed.-* Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den
+barbarischen Zeiten unter dem Namen (Moralitys) in England üblich
+waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen
+waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden
+mußte, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hände lief, zu
+entgehen.}
+
+Claudio.
+Ich danke euch; nun find ich, daß ich, wenn ich zu leben wünsche,
+zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Laß
+es kommen. (Isabella zu den Vorigen.)
+
+Isabella.
+Wie? Friede sey mit dieser guten Gesellschaft.
+
+Kerkermeister.
+Wer ist da? herein--der Wunsch verdient einen Willkomm.
+
+Herzog.
+Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen.
+
+Claudio.
+Ich danke euch, heiliger Vater.
+
+Isabella.
+Mein Geschäfte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio.
+
+Kerkermeister.
+Von Herzen willkommen. Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester.
+
+Herzog.
+Kerkermeister, ein Wort mit euch.
+
+Kerkermeister.
+Soviele als euch beliebt.
+
+Herzog (leise.)
+Bringet mich an einen Ort, wo ich sie hören kan, ohne daß sie mich
+sehen.
+
+(Herzog und Kerkermeister gehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+
+
+Claudio.
+Nun, Schwester, was für einen Trost bringt ihr?
+
+Isabella.
+Wie sie alle zu seyn pflegen; einen sehr guten in der That; der
+Freyherr Angelo, welcher Geschäfte im Himmel hat, ist entschlossen
+euch zu seinem Abgesandten dahin zu machen; macht euch also ohne
+Verzug reisefertig, morgen sollt ihr übersezen.
+
+Claudio.
+Ist denn kein Mittel?
+
+Isabella.
+Keines als solch ein Mittel, das, um einen Kopf zu retten, ein Herz
+entzwey brechen würde.
+
+Claudio.
+Aber ist denn eines?
+
+Isabella.
+Ja, Bruder, ihr könnt bey Leben bleiben; es ist ein Mittel--Aber
+eines, daß wenn ihr fähig wäret es zu billigen, eure Ehre sich von
+diesem Rumpf, den ihr tragt, abstreifen, und euch nakend lassen
+würde.
+
+Claudio.
+Und was ist es denn?
+
+Isabella.
+O, ich fürchte dich, Claudio, ich fürchte du möchtest, um ein
+fieberhaftes Leben zu verlängern, sechs oder sieben Winter theurer
+schäzen als eine immerwährende Ehre--Hast du den Muth zu sterben?
+Die Empfindung des Todes ist das fürchterlichste an ihm; der arme
+Käfer, auf den wir treten, leidet so viel als ein sterbender Riese.
+
+Claudio.
+Warum denkst du so schmählich von mir? Haltst du mich für so
+schwach, daß ich keiner männlichen Entschliessung fähig seyn
+sollte? Wenn ich sterben muß, so will ich der Finsterniß wie einer
+Braut entgegen gehn, und sie in meine Arme drüken.
+
+Isabella.
+Izt sprach mein Bruder, und eine Stimme stieg aus meines Vaters
+Grab empor. Ja, du mußt sterben; du bist zu edel, ein Leben durch
+niederträchtige Gefälligkeiten zu erkauffen. Dieser, mit
+Heiligkeit übertünchte Stadthalter, dessen gesezte Mine und
+wohlbedächtliche Rede der Jugend die Klauen in den Kopf schlägt,
+und ihre Thorheiten berupft, wie der Falke die Eule, ist doch nur
+ein Teufel, dessen Herz einen Abgrund von Unrath, so tief als die
+Hölle, in sich hat.
+
+Claudio.
+Der priesterliche Angelo?
+
+Isabella.
+O das ist die betrügerische Liverey der Hölle, den verdammtesten
+Körper in priesterliches Gewand einzuhüllen. Kanst du glauben,
+Claudio, daß wenn ich ihm meine Jungfrauschaft überlassen wollte,
+du frey werden könntest?
+
+Claudio.
+O Himmel! das kan nicht seyn.
+
+Isabella.
+So ist es; diese Nacht ist die Zeit, da ich thun soll, was ich zu
+nennen verabscheue, oder morgen stirbst du.
+
+Claudio.
+Du sollst es nicht thun.
+
+Isabella.
+O! wär' es nur mein Leben, ich wollt es für deine Befreyung so
+willig hinwerfen, als eine Steknadel.
+
+Claudio.
+Ich danke dir, meine theurste Isabella.
+
+Isabella.
+Bereite dich also morgen zu sterben, Claudio.
+
+Claudio.
+Ja. So hat er auch solche Begierden, die das Gesez in die Nase
+beissen, wenn er es übertreten will--Gewißlich, es ist keine Sünde,
+oder es ist doch wenigstens von den sieben Todsünden die lezte.
+
+Isabella.
+Was ist die lezte?
+
+Claudio.
+Wenn es so verdammlich wäre, würde er, der ein so weiser Mann ist,
+um die Lust eines Augenbliks ewig verdammt seyn wollen? O Isabella
+--
+
+Isabella.
+Was sagt mein Bruder?
+
+Claudio.
+Tod ist ein fürchterliches Ding.
+
+Isabella.
+Und ein schändliches Leben ein hassenswürdiges.
+
+Claudio.
+Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht weiß wohin; in kalter
+Erstarrung da ligen und verfaulen; diese warme gefühlvolle Bewegung
+zum starren Kloz werden, indeß daß der wollustgewohnte Geist sich
+in feurigen Fluthen badet, oder in Gegenden von aufgehäuftem Eyß
+erstarret, oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser
+Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch
+unseliger ist als das unseligste, was zügellose und schwärmende
+Gedanken heulend sich vorbilden--Das ist entsezlich! Das
+armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet, was Alter,
+Krankheit, Dürftigkeit und Gefangenschaft der Natur auflegen können,
+ist ein Paradies gegen das, was wir auf den Tod fürchten.
+
+Isabella.
+O weh!
+
+Claudio.
+Liebste Schwester, laß mich leben. Wenn das Sünde seyn kan,
+wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so
+nachdrüklich für eine solche That, daß sie zur Tugend wird.
+
+Isabella.
+O! du Thier! O! du ehrlose Memme! O! du schändlicher Elender!
+Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden? Ist es
+nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen
+Schwester Schaam zu empfangen? Was muß ich denken? Möge der
+Himmel verhütet haben, daß meine Mutter meinem Vater untreu gewesen;
+ein so niederträchtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut
+entstehen. Stirb, vergeh Elender! Könnt ich dich durch einen
+blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun. Ich
+will tausend Gebette für deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort,
+dich zu retten.
+
+Claudio.
+Nein, höre mich, Isabella.
+
+Isabella.
+O Pfui, Pfui, Pfui, deine Sünde, izt seh ichs, ist kein Fall,
+sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich würde selbst zur Kupplerin
+werden; das beste ist, du sterbest ungesäumt.
+
+Claudio.
+O höre mich, Isabella.
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.)
+
+
+Herzog.
+Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort.
+
+Isabella.
+Was ist euer Begehren?
+
+Herzog.
+Wenn eure Zeit es zuliesse, so möcht ich eine kleine Unterredung
+mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt.
+
+Isabella.
+Ich habe keine überflüßige Zeit; ich muß mein Verweilen andern
+Geschäften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben,
+euch anzuhören.
+
+Herzog.
+Sohn, ich habe gehört was zwischen euch und eurer Schwester
+vorgegangen ist. Angelo hat nie den Vorsaz gehabt sie zu verführen;
+seine Absicht war nur, ihre Tugend auf die Probe zu stellen, und
+er ist erfreut daß sie ihn so muthig abgewiesen hat. Ich bin des
+Angelo Beichtiger, und weiß daß diß wahr ist; bereitet euch also
+zum Tode. Entkräftet eure Entschlossenheit nicht durch betrügliche
+Hoffnungen; morgen müßt ihr sterben; auf eure Knie nieder, und
+bereitet euch zu!
+
+Claudio.
+Laßt mich meine Schwester um Verzeihung bitten. Die Liebe zum
+Leben ist mir so vergangen, daß ich froh seyn werde, davon los zu
+kommen.
+
+(Claudio geht ab.)
+
+Herzog.
+Gehabt euch wohl. Kerkermeister, ein Wort mit euch.
+
+Kerkermeister.
+Was ist euer Wille, Vater?
+
+Herzog.
+Daß ihr euch ein wenig entfernen sollt; laßt mich eine Weile bey
+dieser Schwester; mein Habit und mein Character sind euch Bürge,
+daß sie von meiner Gesellschaft nichts zu besorgen hat.
+
+Kerkermeister.
+Das kan wohl geschehen.
+
+(Geht ab.)
+
+Herzog.
+Das Glük hat es so gefügt, daß ich von dem Anfall, den Angelo auf
+eure Tugend gethan hat, benachrichtiget worden bin; und wenn diese
+Gebrechlichkeit nicht durch andre Beyspiele begreiflich gemacht
+würde, so würde sie mich an Angelo wundern: aber was wollt ihr thun,
+diesen Statthalter zu befriedigen, und euern Bruder zu retten?
+
+Isabella.
+Ich bin im Begriff ihm meinen Entschluß zu melden; ich will lieber,
+mein Bruder sterbe durch das Gesez, als mein Sohn werde gegen das
+Gesez gebohren. Aber, o! wie sehr hat sich der gute Herzog in
+diesem Angelo betrogen! Wenn er jemals wieder zurük kömmt, und ich
+vor ihn kommen kan, so will ich die Sprache verliehren, oder ihm
+diese schändliche Regierung entdeken.
+
+Herzog.
+Das wird nicht übel gethan seyn; aber so wie die Sache izt steht,
+wird Angelo eure Anklage unkräftig machen; er wird sagen, er habe
+euch nur auf die Probe gesezt. Höret also meinen Rath; meine
+Begierde Gutes zu thun, giebt mir ein Mittel ein: Mich däucht, ihr
+könntet auf die unschuldigste Art und zu gleicher Zeit einem armen
+beleidigten Frauenzimmer einen Dienst leisten den sie verdient,
+euerm Bruder das Leben retten, und euch dem abwesenden Herzog nicht
+wenig gefällig machen, wenn er jemals wiederkommen, und von dieser
+Sache hören sollte.
+
+Isabella.
+Redet weiter; ich habe Muth genug alles zu unternehmen, wovon mein
+Herz mir nicht sagt, daß es unrecht ist.
+
+Herzog.
+Die Tugend ist herzhaft, und die Güte niemals furchtsam. Habt ihr
+nicht von einer gewissen Mariana gehört, einer Schwester des
+Schiffhauptmann Friedrichs der auf dem Meer verunglükte?
+
+Isabella.
+Ich habe viel Gutes von diesem Frauenzimmer sagen gehört.
+
+Herzog.
+Sie sollte dieser Angelo geheurathet haben, er hatte sich mit ihr
+versprochen, und der Hochzeit-Tag war schon angesezt: Allein
+während der Zwischenzeit hatte Friedrich das Unglük, in einem
+Schiffbruch sein Vermögen, seiner Schwester Erbtheil, und sein
+Leben zu verliehren. Die arme Fräulein verlor dadurch einen edeln
+und angesehnen Bruder der sie zärtlichst liebte, mit ihm ihr
+Heurathgut, und mit beyden ihren Bräutigam, diesen scheinbaren
+Angelo.
+
+Isabella.
+Ist das möglich? Angelo verließ sie?
+
+Herzog.
+Verließ sie in Thränen, und troknete nicht eine derselben mit
+seinem Trost ab, brach sein Gelübde unter dem Vorwand einige Fleken
+an ihrer Ehre entdekt zu haben; kurz, überließ sie ihrem Elend, und
+den Schmerzen die sie um seinetwillen leidet--
+
+
+Isabella.
+Wie wohl würde der Tod thun, wenn er dieses arme Mädchen aus der
+Welt nähme! Und wie ungerecht ist dieses Leben, daß es einen
+solchen Mann leben läßt! Aber wie kan ihr geholfen werden?
+
+Herzog.
+Es ist ein Bruch, den ihr leicht heilen könnet; und die Heilung
+desselben rettet nicht nur euern Bruder, sondern macht auch daß ihr
+ihn ohne Verlezung eurer Ehre retten könnet.
+
+Isabella.
+Wie kan das geschehen, mein guter Vater?
+
+Herzog.
+Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft;
+sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgelöscht haben
+sollte, hat sie, gleich einem Hinderniß das dem Lauf eines Stroms
+entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht. Geht ihr
+zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines
+verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet
+euch diese Bedingungen vor, daß ihr euch nicht lange bey ihm
+verweilen müsset, daß die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen
+begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein
+Geheimniß erfodert. Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach
+unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Mädchen,
+sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn
+die Wahrheit sich in der Folg' entdekt, ihn nöthigen ihr
+Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in
+Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird
+versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen. Ich nehm'
+es über mich, das gute Mädchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser
+Entwurf sonst gefällt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen;
+das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug
+untadelhaft. Was dünkt euch hiezu?
+
+Isabella.
+Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der
+Ausgang werde erfreulich seyn.
+
+Herzog.
+Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzüglich zu Angelo;
+wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den
+Bedingungen, die wir abgeredt haben. Ich will indessen zu Marianen
+gehen; fraget mir bey St. Lucas wieder nach, und macht daß ihr von
+Angelo bald zurükkommt.
+
+Isabella.
+Ich danke euch für diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter
+Vater.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Die Straasse.)
+(Der Herzog als ein Mönch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.)
+
+
+Ellbogen.
+Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht
+legt, Männer und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen? Fort,
+fort, euers Weges--He! Gott grüß euch, guter Pater Bruder.
+
+Herzog.
+Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein
+Herr?
+
+Ellbogen.
+Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesündiget, und, Herr,
+wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen
+seltsamen Schlüssel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem
+Stadthalter geschikt haben.
+
+Herzog.
+Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schändlicher H** Wirth! Du
+lebst von dem Bösen das du verursachst. Hast du auch einmal daran
+gedacht, was das ist, von einem so unflätigen Laster den Magen zu
+füllen, oder den Rüken zu kleiden? Sage zu dir selbst: Von ihren
+abscheulichen viehischen Betastungen, eß' ich, trink' ich, kleid'
+ich mich und lebe. Kanst du das für ein Leben halten, das von
+einem so stinkenden Unterhalt abhängt? Geh, beßre dich, beßre dich!
+
+Harlequin.
+In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr,
+wollt' ich beweisen können--
+
+Herzog.
+Was willt du beweisen? Du bist ein verstokter Bube. Führ ihn in
+den Kerker, Commiß; Züchtigung und Unterricht müssen zugleich
+würken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen.
+
+Ellbogen.
+Er muß vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der
+Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden. Wenn er ein H**
+Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so wär' es ihm eben so
+gut, er wär' eine halbe Stunde weit von ihm.
+
+Harlequin.
+Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Lucio zu den Vorigen.)
+
+
+Lucio.
+Wie gehts, edler Pompey? Wie? in Cäsars Fesseln? Wirst du im
+Triumph geführt? Wie? war keine von Pygmalions Statuen, die
+kürzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man hätte dafür
+beym Kopf kriegen können, daß sie die Hand in eine Tasche gestekt,
+und eine Faust wieder herausgezogen? He! was sagst du zu dieser
+neuen Methode? So gieng es nicht unter der lezten Regierung. Ha?
+Was sagst du, Pflastertreter? wie gefällt dir diese neue Welt? Du
+wanderst, däucht mich, ins Gefängniß?
+
+{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen. Warbürton.}
+
+Harlequin.
+Ihr habt's errathen, mein Herr.
+
+Lucio.
+Das läßt sich hören, Pompey, Glük zu; allenfalls kanst du sagen,
+ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum--
+
+Ellbogen.
+Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth.
+
+Lucio.
+Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H**
+Wirth gehört, so geht die Sache in ihrer Ordnung. Ein H** Wirth
+ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern
+her; er ist ein gebohrner H** Wirth. Guten Abend, Pompey; mein
+Compliment an das Gefängniß, Pompey; ihr werdet nun ein braver
+Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hübsch das Haus hüten.
+
+Harlequin.
+Ich hoffe Euer Gnaden werden Bürge für mich seyn.
+
+Lucio.
+Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der
+Mühe nicht; ich will um die Verlängrung eurer Gefangenschaft bitten;
+schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer für euch;
+fahr wohl, ehrlicher Pompey. Guten Abend, Bruder!
+
+Herzog.
+Ebenfalls.
+
+Lucio.
+Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey? ha?
+
+Ellbogen.
+Fort euers Weges, Herr, fort.
+
+Lucio.
+Munter, Pompey, es muß schon seyn. Was giebts neues, Frater, was
+Neues?
+
+Ellbogen.
+Fort, Herr, geht euers Weges.
+
+Lucio.
+Geh, in den Stall, Pompey, geh.
+
+(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+Lucio.
+Was giebts neues, Frater, vom Herzog?
+
+Herzog.
+Ich weiß nichts; wißt ihr etwas?
+
+Lucio.
+Einige sagen, er sey bey dem Rußischen Kayser; andre, er sey in Rom;
+aber wo meynt ihr, daß er ist?
+
+Herzog.
+Das weiß ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wünsch' ich ihm Gutes.
+
+Lucio.
+Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat
+wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines
+Handwerks nicht ist. Der Herr Angelo hält indessen hübsch Haus, er
+beunruhiget die Uebertretung, daß es nicht auszustehen ist.
+
+Herzog.
+Daran thut er wohl.
+
+Lucio.
+Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie möchte nicht
+schaden; in diesem Stük ist er ein wenig zu streng, Bruder.
+
+Herzog.
+Ein so verführisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden.
+
+Lucio.
+Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird
+es unmöglich seyn, es ganz auszurotten. Man sagt, dieser Angelo
+sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und
+einem Weib entstanden; ist es wahr, was däucht euch?
+
+Herzog.
+Wie soll er denn entstanden seyn?
+
+Lucio.
+Einige erzählen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey
+von zwey Stokfischen gezeugt worden. Soviel ist gewiß, daß wenn er
+das Wasser abschlägt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich weiß
+daß es wahr ist, und daß er zur Zeugung unfähig ist, daran ist auch
+nicht zu zweifeln.
+
+Herzog.
+Ihr scherzet, mein Herr--
+
+Lucio.
+Zum Henker, was für eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der
+Empörung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu
+nehmen? Hätte der abwesende Herzog das gethan? Ehe er jemand, und
+wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen wäre, hätte hängen
+lassen, ehe hätte er für tausend das Kostgeld aus seinem Beutel
+bezahlt. Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn
+gelinde.
+
+Herzog.
+Ich habe nie gehört, daß man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten
+im Verdacht gehabt hätte; seine Neigung gieng nicht dahin.
+
+Lucio.
+O mein Herr, ihr betrügt euch sehr.
+
+Herzog.
+Es ist nicht möglich.
+
+Lucio.
+Wie? der Herzog nicht? Das alte Mensch, das für euch bettelt,
+könnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen
+Ducaten in ihre Büchse. Der Herzog hat seine Schliche. Er liebte
+auch den Trunk, das könnt ihr mir glauben.
+
+Herzog.
+Gewißlich, ihr thut ihm unrecht.
+
+Lucio.
+Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der
+Herzog, und ich glaube ich weiß warum er sich entfernt hat.
+
+Herzog.
+Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn?
+
+Lucio.
+Um Vergebung, das ist ein Geheimniß, davon sich nicht reden läßt;
+aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der gröste Theil
+seiner Unterthanen hielt den Herzog für weise?
+
+Herzog.
+Weise? wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war.
+
+Lucio.
+Ein sehr superficieller, unwissender, unbedächtlicher Geselle.
+
+Herzog.
+Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum daß ihr so redet.
+Sein ganzes Leben, und alle seine öffentlichen Handlungen geben ihm
+ein besseres Zeugniß; und der Neid selbst muß gestehen, daß er
+gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist. Ihr sprecht also sehr
+unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so
+verrathet ihr viel Bosheit.
+
+Lucio.
+Herr, ich kenn' ihn und ich lieb' ihn.
+
+Herzog.
+Ihr würdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser
+kennen wenn ihr ihn liebtet.
+
+Lucio.
+Gut, Herr, ich weiß was ich weiß.
+
+Herzog.
+Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wißt was ihr redet.
+Wofern aber der Herzog wieder zurükkommt, so gestattet daß ich von
+euch begehre, euch bey ihm zu verantworten. Habt ihr die Wahrheit
+gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine
+Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch
+deßwegen um euern Namen.
+
+Lucio.
+Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl.
+
+Herzog.
+Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm
+Nachricht von euch geben zu können.
+
+Lucio.
+Ich fürchte euch nicht.
+
+Herzog.
+O! ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet
+euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden könne; und in
+der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was
+ihr hier gesagt habt, wieder abschwören.
+
+Lucio.
+Erst will ich mich hängen lassen; du kennst mich nicht, Frater.
+Doch nichts weiter hievon. Kanst du sagen, ob Claudio morgen
+stirbt oder nicht?
+
+Herzog.
+Warum sollt' er sterben, mein Herr?
+
+Lucio.
+In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er
+die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles,
+was er gethan hat. Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, wäre
+wieder da; dieser unvermögende Statthalter wird das ganze Land
+durch Enthaltsamkeit entvölkern. Er leidet nicht, daß die
+Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren
+sind. Der Herzog würde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im
+Finstern ausmachen; er würde sie gewiß nicht ans Licht ziehen. Ich
+wollt' er wäre wieder da! Leb' wohl, mein guter Frater; ich bitte
+um dein Gebet. Der Herzog, ich sag dir's noch einmal, macht sich
+nichts daraus, an einem Freytag von einer Schöpskeule zu essen;
+seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er würde eine
+Bettlerin schnäbeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und
+Knoblauch röche. Sag, ich hab' es gesagt, und gehab dich wohl.
+
+(Lucio geht ab.)
+
+Herzog.
+Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterrüks
+verwundende Verläumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend
+anzugeifern.
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.)
+
+
+Escalus.
+Geht, führt sie ins Gefängniß.
+
+Kupplerin.
+Ach, Gnädiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann
+für einen so mitleidigen Herrn gehalten! Ach mein gütiger Herr!
+
+Escalus.
+Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen
+Verbrechen fortzufahren--das könnte die Gnade selbst zum Tyrannen
+machen.
+
+Kerkermeister.
+Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter
+einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubniß.
+
+Kupplerin.
+Gnädiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen
+Lucio; Jungfer Käthchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des
+Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf
+nächsten Philippi und Jacobi fünf Virtheil Jahr alt; ich hab es
+selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt.
+
+Escalus.
+Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; laßt ihn vor uns
+ruffen. Weg mit ihr ins Gefängniß; fort, fort, keine Worte mehr.
+
+(Sie gehen mit der Kupplerin ab.)
+
+Kerkermeister, mein Bruder Angelo läßt sich nicht überreden;
+Claudio muß morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit
+allem was er zu seiner Vorbereitung nöthig hat. Wenn mein
+Mitleiden ihm etwas helfen könnte, sollte es nicht so seyn.
+
+Kerkermeister.
+Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod
+vorbereitet.
+
+Escalus.
+Guten Abend, Vater.
+
+Herzog.
+Heil und Segen sey mit euch!
+
+Escalus.
+Woher seyd ihr?
+
+Herzog.
+Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine
+Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem
+gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von
+seiner Heiligkeit über das Meer gekommen.
+
+Escalus.
+Was giebt es Neues in der Welt?
+
+Herzog.
+Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die
+doch die Neuigkeit jedes Tages ist, daß die Tugend siech und das
+Laster munter, und daß es leichter ist, das Böse zu strafen als
+selbst unverwerflich zu seyn. Ich bitte euch, mein Herr, von was
+für einer Denkungsart war der Herzog?
+
+Escalus.
+Von einer, die sich nichts angelegner seyn läßt, als sich selbst zu
+kennen.
+
+Herzog.
+Was für einem Vergnügen war er ergeben?
+
+Escalus.
+Wenn er sich über etwas freute, so war es mehr über die Freude
+andrer Leute, als daß er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte,
+eine sonderliche Lust gehabt hätte. Doch wir wollen ihn seinen
+Geschäften überlassen, und nur bitten, daß sie glüklich seyn mögen;
+erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio
+vorbereitet? Ich höre, daß ihr ihn besucht habt.
+
+Herzog.
+Er bekennt, daß ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und
+ergiebt sich mit gelaßner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit;
+doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrügliche
+Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe,
+daß er izt entschlossen ist zu sterben.
+
+Escalus.
+Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers
+Berufs erfüllt. Ich habe mir für den armen Edelmann so viel Mühe
+gegeben, als es die Bescheidenheit zuließ; allein ich habe meinen
+Collegen Angelo so strenge gefunden, daß er mich genöthiget hat ihm
+zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst.
+
+Herzog.
+Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts
+übereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich
+selbst das Urtheil gesprochen.
+
+Escalus.
+Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Achte Scene.
+(Der Herzog allein.)
+
+
+Herzog.
+Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und
+unverwerflich seyn als er streng ist. Schaam über den, dessen
+tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich
+selbst nachsieht; dreyfache Schaam über Angelo, der andrer Laster
+ausreutet, und die seinigen wachsen läßt. O! was für Unrath kan
+in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein
+Engel scheint! Wie leicht ist's dem Laster, unter dieser Gestalt,
+die Welt und die Zeit selbst zu betrügen, und mit schwachen
+Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an
+sich zu ziehen. Ich muß List gegen Laster gebrauchen. Diese Nacht
+soll seine ehmalige verlaßne und verschmähte Braut bey dem Angelo
+ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu
+befreyen, und einen alten Eheverspruch gültig zu machen.
+
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Eine Scheuer.)
+(Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf.
+ Der Herzog als ein Franciscaner-Mönch kommt dazu.)
+
+
+Mariane.
+Hör auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg. Hier kommt ein
+Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer
+gestillet hat--
+
+(Zum Herzog.)
+
+Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwürdiger Herr, und wünschte,
+daß ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen hättet;
+entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frölichkeit ist
+nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens.
+
+Herzog.
+Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat,
+daß sie das Böse gut und das Gute böse machen kan. Ich bitte euch,
+hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon über die Zeit seyn,
+da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu
+kommen.
+
+Mariane.
+Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen
+Tag hier gesessen bin. (Isabella kommt.)
+
+Herzog.
+Ich glaube euch in allen Sachen;--Die Zeit ist gekommen, eben izt--
+Ich muß euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich
+wieder zurük rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu
+euerm Besten abgezielt ist.
+
+Mariane.
+Ich werde euern Befehl erwarten.
+
+(Sie geht ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+
+
+Herzog.
+Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es
+Neues von dem ehrlichen Stadthalter?
+
+Isabella.
+Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen
+eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stößt;
+hier ist der Schlüssel, der das Thor in diesen Weinberg aufschließt;
+und hier ein andrer, der eine kleine Thür öffnet, die aus dem
+Weinberg in den Garten führt. Hier habe ich versprochen, in der
+finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben.
+
+Herzog.
+Aber seyd ihr auch gewiß, den Weg zu finden?
+
+Isabella.
+Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten
+malen gezeigt, daß ich ihn ganz genau angeben kan.
+
+Herzog.
+Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die
+das Frauenzimmer wissen muß, das eure Stelle vertreten wird?
+
+Isabella.
+Keine andre, als daß die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll;
+und daß ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt könne nur sehr kurz
+seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung,
+daß ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf
+mich warten solle.
+
+Herzog.
+Das ist wohl ausgesonnen. Aber ich habe Marianen noch kein Wort
+von der Sache entdekt. Ha! kommt heraus, wenn es euch beliebt!
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Mariane zu den Vorigen.)
+
+Herzog (zu Isabella.)
+Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer;
+sie kommt, euch Gutes zu thun.
+
+Isabella.
+Ich wünsche, daß es zu ihrem eignen Besten ausschlage.
+
+Herzog (zu Mariane.)
+Seyd ihr überzeugt, daß ich euch hoch schäze?
+
+Mariane.
+Mein gütiger Vater, ich bin vollkommen überzeugt, und habe Proben
+davon.
+
+Herzog.
+So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und höret die
+Geschichte, die sie euch zu erzählen hat; ich will hier auf eure
+Zurükkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an.
+
+(Mariane und Isabella gehen ab.)
+
+Herzog (allein.)
+* O Macht und Grösse. Millionen falscher Augen sind auf dich
+geheftet; ganze Bände voll unächter und widersprechender
+Nachrichten verfälschen deine Thaten; und tausend halbkluge
+Wizlinge machen dich zum Vater ihrer müssigen Träume, und foltern
+dich in ihrer Einbildung--Willkommen! Wie versteht ihr euch mit
+einander?
+
+{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen
+begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehört,
+nach des Dr. Warbürtons Meynung, zum Schluß der Scene zwischen
+Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt,
+von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen,
+hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der
+beyden Damen keine lange Weile habe.}
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Mariane und Isabella kommen zurük.)
+
+
+Isabella.
+Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider
+einzuwenden habt, Vater.
+
+Herzog.
+Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum.
+
+Isabella.
+Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen,
+als mit leiser Stimme: ("Erinnert euch nun meines Bruders.")
+
+Mariane.
+Seyd unbekümmert--
+
+Herzog.
+Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter.
+Ein gültiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist
+also keine Sünde euch so zusammen zu bringen, indem die
+Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht.
+Kommt, laßt uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Das Gefängniß.)
+(Der Kerkermeister und Harlequin.)
+
+
+Kerkermeister.
+Hieher, Bursche, könnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen?
+
+Harlequin.
+Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich's; wenn er aber
+ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan
+unmöglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.*
+
+{ed.-* Der Spaß ligt hier in einem Wortspiel, das
+sich nicht übersezen läßt.}
+
+Kerkermeister.
+Laßt eure Schäkereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort.
+Morgen früh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in
+diesem Gefängniß einen öffentlichen Scharfrichter, der einen
+Gehülfen nöthig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser
+Gehülfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo
+nicht, so macht euch gefaßt eure volle Zeit im Gefängniß
+auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht
+Prügel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wißt, daß ihr ein
+stadtkündiger H** Wirth gewesen seyd.
+
+Harlequin.
+Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun
+vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun
+ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergnügen seyn,
+einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten.
+
+Kerkermeister.
+Holla, Abhorson! Wo ist Abhorson? (Abhorson kommt.)
+
+Abhorson.
+Ruft ihr mir, mein Herr?
+
+Kerkermeister.
+Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der
+Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht
+euch mit ihm für ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht,
+so braucht ihn für diesesmal, und laßt ihn wieder seines Weges
+gehen. Er kan sich nicht beschweren, daß er mit euch in die
+gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen.
+
+Abhorson.
+Ein H** Wirth, mein Herr? Pfui, er wird unsre Kunst in einen bösen
+Ruf bringen.
+
+Kerkermeister.
+Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wägt gleich viel;
+eine Feder würde die Wagschalen verrüken.
+
+(Er geht ab.)
+
+Harlequin (zu Abhorson.)
+Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubniß, nennt ihr eure
+Beschäftigung eine Kunst?
+
+Abhorson.
+Ja, Herr, eine Kunst.
+
+Harlequin.
+Mahlen, Herr, hab ich sagen gehört, ist eine Kunst, und da eure H**,
+welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner
+Zunft sind, so ist also bewiesen, daß meine Beschäftigung eine
+Kunst ist; aber was für eine Kunst--im Hängen seyn sollte, wenn ich
+gehenkt würde, kan ich mir nicht vorstellen--
+** (Der Kerkermeister kommt zurük.)
+
+{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warbürtons Anmerkung, eine ziemliche
+Lüke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch übrig sind,
+ganz unverständlich macht. Es verlohnt sich der Mühe nicht, diese
+Scene ergänzen zu wollen, da sie selbst nach Warbürtons darauf
+übelangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen
+Wortspielen bleibt.}
+
+Kerkermeister.
+Seyd ihr mit einander übereingekommen?
+
+Harlequin.
+Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es däucht
+mich, ein Henker zu seyn ist ein bußfertigeres Gewerbe als ein H**
+Wirth zu seyn; er bittet öfter um Verzeihung.
+
+Kerkermeister.
+Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr.
+
+Abhorson.
+Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen
+Handwerk anschiken must; folge mir.
+
+Harlequin.
+Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann
+Gelegenheit bekommen solltet, mich für euch selbst zu gebrauchen,
+ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit für mich verdient
+wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Kerkermeister.
+Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab' ich Mitleiden;
+mit dem andren, der ein Mörder ist, nicht ein Jot, und wenn er
+mein Bruder wäre.
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Claudio kommt herein.)
+
+
+Kerkermeister.
+Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und
+bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden. Wo ist
+Bernardin?
+
+Claudio.
+So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig wäre, und nichts
+zu befürchten hätte. Er wird nicht aufzuweken seyn.
+
+Kerkermeister.
+Und was würd' es ihm auch helfen; er ist ein verhärteter Bube--Gut,
+begebt euch wieder weg und bereitet euch.
+
+(Claudio geht ab.)
+
+Still! was für ein Getöse ist das?--der Himmel stärke euch!--Ich
+komme--Hoffentlich ist es Begnadigung, oder doch einiger Aufschub
+für den wakern Claudio--Willkommen, Vater. (Der Herzog kommt
+herein.)
+
+Herzog.
+Die besten und heilsamsten Geister der Nacht steigen auf euch herab,
+wakrer Kerkermeister! Wer klopfte seit einiger Zeit hier an?
+
+Kerkermeister.
+Niemand, seitdem die Nachtgloke geläutet worden.
+
+Herzog.
+Nicht Isabella?
+
+Kerkermeister.
+Nein.
+
+Herzog.
+So wird sie doch nicht lange mehr ausbleiben.
+
+Kerkermeister.
+Was für Hoffnung haben wir für den Claudio?
+
+Herzog.
+Es ist noch nicht alle verlohren.
+
+Kerkermeister.
+Der Statthalter ist ein harter Mann.
+
+Herzog.
+Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen
+Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen
+bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein
+Amt an andern strafen muß. Ja, dann wenn er selbst ausübte, was er
+an andern straft, dann wär' er tyrannisch; aber so wie er ist, ist
+er gerecht--Nun kommen sie.
+
+(Man hört an der Thüre klopfen. Der Kerkermeister geht hinaus.)
+
+Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an
+einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn. Aber was
+giebts? Was für ein Getöse? Das muß ein hastiger Geist seyn, der
+so ungestüm an der Thüre pocht. (Der Kerkermeister kommt zurük.)
+
+Kerkermeister.
+Er kan warten, bis der Wächter wieder kommt, der ihn hineinführen
+soll; er ist abgeruffen worden.
+
+Herzog.
+Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio? Muß er morgen
+sterben?
+
+Kerkermeister.
+Keinen, ehrwürdiger Herr, keinen.
+
+Herzog.
+Es fängt schon an zu dämmern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es
+Morgen seyn wird, mehr hören.
+
+Kerkermeister.
+Wie glüklich wär's, wenn ihr etwas wißtet; aber ich fürchte, es
+kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so
+hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und
+vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert.
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Ein Bote zu den Vorigen.)
+
+
+Herzog.
+Dieses ist einer von Sr. Gnaden Bedienten.
+
+Kerkermeister.
+Und hier kommt Claudios Begnadigung.
+
+Bote.
+Mein Gnädiger Herr überschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und
+durch mich diesen mündlichen Zusaz, daß ihr nicht von dem kleinsten
+Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die
+andern Umstände betrift. Guten Morgen, denn ich denke, es ist
+beynahe Tag.
+
+Kerkermeister.
+Ich werde gehorchen.
+
+(Der Bote geht.)
+
+Herzog (für sich.)
+Diß ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Sünde zu
+vergeben die er selbst begeht--Nun, mein Herr, was habt ihr Neues?
+
+Kerkermeister.
+Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich für nachläßig in
+meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewöhnliche
+Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat
+es noch niemals so gemacht.
+
+Herzog.
+Ich bitte euch, laßt mich's hören.
+
+Der Kerkermeister (lißt den Befehl.)
+"Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes hören
+möget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten,
+und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern
+Versicherung sorget dafür, daß mir der Kopf des Claudio um fünf Uhr
+zugeschikt werde. Laßt dieses gehörig vollzogen werden, und
+beobachtet hierinn eine noch grössere Sorgfalt als wir euch
+anbefohlen. Eure eigne Gefahr soll uns für die Ausübung eurer
+Pflicht Bürge seyn." Was sagt ihr hiezu, mein Herr?
+
+Herzog.
+Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll?
+
+Kerkermeister.
+Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und
+schon neun Jahre gefangen ligt.
+
+Herzog.
+Wie kam es, daß der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit
+sezte, oder hinrichten ließ? Ich hörte, es sey allezeit sein
+Gebrauch gewesen, es so zu machen.
+
+Kerkermeister.
+Seine Freunde würkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und
+in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des
+Freyherrn Angelo, zu keinem vollständigen Beweis.
+
+Herzog.
+Es ist also nun erwiesen?
+
+Kerkermeister.
+Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht geläugnet.
+
+Herzog.
+Wie hat er sich im Gefängniß aufgeführt? Scheint er gerührt zu
+seyn?
+
+Kerkermeister.
+Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod fürchtet, als vor
+einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor
+irgend etwas Vergangnem, Gegenwärtigen oder Zukünftigen,
+unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art
+sterblich.
+
+Herzog.
+Es mangelt ihm an Unterricht.
+
+Kerkermeister.
+Er nimmt keinen an; er hat im Gefängniß allezeit viel Freyheit
+gehabt; man könnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne daß er es thun
+würde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage
+hintereinander betrunken. Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir
+ihn zur Hinrichtung führen wollten, und ihm alle Zurüstungen dazu
+gezeigt, ohne daß es ihn im mindesten bewegt hat.
+
+Herzog.
+Hernach ein mehrers von ihm. Kerkermeister, Redlichkeit und
+Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht
+recht lese, so betrügt mich eine Kunst, in der ich einige
+Erfahrenheit habe. Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin
+wagen. Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt,
+ist kein grösserer Sünder gegen das Gesez als Angelo, der ihn
+verurtheilt hat. Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe
+zu überzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; für welche ich euch
+um eine eben so verbindliche als gefährliche Gefälligkeit ersuche.
+
+Kerkermeister.
+Und worinn besteht sie, ich bitte euch.
+
+Herzog.
+Den Tod des Claudio aufzuschieben.
+
+Kerkermeister.
+Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der
+ausdrükliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt
+dem Angelo vor Augen zu bringen? Die Ueberschreitung des kleinsten
+Umstands könnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen.
+
+Herzog.
+Bey meinem Ordens-Gelübde, ich steh euch für alles, wenn ihr meinem
+Rath Gehör geben wollt. Laßt diesen Bernardin morgen hingerichtet
+werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios.
+
+Kerkermeister.
+Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken.
+
+Herzog.
+O! besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und
+ihr könnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen;
+scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme
+Sünder hab' es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wißt, daß es
+gewöhnlich ist. Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet,
+als Dank und gutes Glük, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen
+Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden.
+
+Kerkermeister.
+Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid.
+
+Herzog.
+Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter?
+
+Kerkermeister.
+Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten würden.
+
+Herzog.
+Wollt ihr glauben, daß ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog
+diese Handlung billiget?
+
+Kerkermeister.
+Wie kan er das, da er abwesend ist?
+
+Herzog.
+Er kan es, weil er es würklich thut; da ich sehe daß ihr so
+furchtsam seyd, daß weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch
+meine Ueberredung euch bewegen können, so will ich weiter gehen,
+als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten. Sehet,
+mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne
+Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn.
+
+Kerkermeister.
+Ich erkenne beydes.
+
+Herzog.
+Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs. Ihr
+sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, daß
+er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird. Diß ist ein Umstand,
+den Angelo nicht weiß, denn diesen heutigen Tag erhält er Briefe
+von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht
+daß er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Glük, nichts von dem
+was hier geschrieben ist. Seht, der Morgen bricht schon an.
+Hänget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle
+Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt. Ruft euern
+Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine
+Beichte hören, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben.
+Ich sehe daß ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier muß euch
+schlechterdings zum Entschluß bringen. Kommt mit mir, es ist schon
+beynahe heitrer Tag.
+
+
+
+Achte Scene.
+(Harlequin tritt auf.)
+
+
+Harlequin.
+Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim wäre; einer möchte denken,
+es wäre Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten
+Kundsleuten trift man hier an. Fürs erste ist hier der junge Herr
+Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer,
+hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er fünf Mark
+baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer muß damals nicht
+viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber müssen alle todt
+gewesen seyn. Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf
+Ansuchen Meister Three-Pile, des Krämers, wegen etlicher Stüke
+Pfersichblüthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben
+möchte. Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn,
+und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr
+Lüderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr. Schüzen, der
+grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott' erstochen
+hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Männer in
+unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mögen, wie sie
+wieder heraus kommen. (Abhorson kommt herein.)
+
+Abhorson.
+Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher.
+
+Harlequin.
+Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hängen lassen;
+Monsieur Bernardin!
+
+Abhorson.
+Holla, ho, Bernardin.
+
+Bernardin (hinter der Scene.)
+Daß ihr die Kränke kriegt, ihr Hunde! Was für einen Lerm macht ihr
+da? Wer seyd ihr?
+
+Harlequin.
+Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr,
+und aufstehen und euch erdrosseln lassen.
+
+Bernardin (hinter der Scene.)
+Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schläfrig.
+
+Abhorson.
+Sag ihm, er müsse aufstehen, und das nur gleich.
+
+Harlequin.
+Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt
+seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt.
+
+Abhorson.
+Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus.
+
+Harlequin.
+Er kommt, Herr, er kommt; ich höre das Stroh rascheln. (Bernardin
+zu den Vorigen.)
+
+Abhorson.
+Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl?
+
+Harlequin.
+Ja, Herr.
+
+Bernardin.
+Wie gehts, Abhorson? Was habt ihr Neues?
+
+Abhorson.
+In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr würdet hurtig euer Gebet
+verrichten; denn, seht hier, der Befehl für eure Execution ist da.
+
+Bernardin.
+Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir
+izt ungelegen.
+
+Harlequin.
+O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des
+Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nächsten Tag desto
+ruhiger schlafen. (Der Herzog zu den Vorigen.)
+
+Abhorson.
+Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, daß
+es nur Spaß sey?
+
+Herzog.
+Mein Herr, da ich gehört habe, wir schnell ihr die Welt verlassen
+sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch
+vorzubereiten, zu trösten, und mit euch zu beten.
+
+Bernardin.
+Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und
+ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen
+mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr
+dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht.
+
+Herzog.
+O, mein Herr, ihr müßt; und also bitte ich euch, bedenket die Reise
+wohl, die ihr zu machen habt.
+
+Bernardin.
+Ich schwör euch aber, daß mich kein Mensch in der Welt überreden
+soll, heute zu sterben.
+
+Herzog.
+Aber ihr hört ja--
+
+Bernardin.
+Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein
+Gefängniß, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)
+
+
+Herzog.
+Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es ängstiget mein Herz!
+aber es muß seyn--Geht ihm nach, ihr Leute, und führt ihn zu dem
+Blok.
+
+Kerkermeister.
+Nun, mein Ehrwürdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen?
+
+Herzog.
+Unbereitet und untüchtig zum Sterben; ihn in der Gemüthsfassung
+worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, wäre verdammlich.
+
+Kerkermeister.
+Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefängniß an einem hizigen
+Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr berüchtigter Räuber, ein Mann
+von Claudios Jahren; Bart und Haar völlig von der nemlichen Farbe;
+wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser
+anläßt, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der
+dem Claudio ähnlicher sieht?
+
+Herzog.
+O, diß ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig
+zur Ausführung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rükt
+heran; sorget davor, daß alles seinem Befehl so gemäß eingerichtet
+werde, daß er den Tausch nicht merken könne; indessen daß ich mich
+bemühen werde, diesen rohen Unglükseligen zum Tode willig zu machen.
+
+Kerkermeister.
+Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin
+muß diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio
+länger hier behalten, ohne daß ich in Gefahr komme, wenn es bekannt
+wird daß er noch lebt?
+
+Herzog.
+Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen
+Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr
+von eurer Sicherheit durch den Augenschein überzeugt werden.
+
+Kerkermeister.
+Ich gehorche euch mit Vergnügen.
+
+Herzog.
+Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf.
+
+(Kerkermeister geht ab.)
+
+Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er
+ersehen soll, daß ich nahe bey der Stadt bin, und daß wichtige
+Ursachen mich verbinden, einen öffentlichen Einzug zu halten; ich
+will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt
+bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann,
+nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand
+nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmöglichkeit gesezt,
+sich loßzuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der
+Kerkermeister kommt.)
+
+Kerkermeister.
+Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.
+
+Herzog.
+Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rükkunft, denn ich habe
+euch Sachen zu eröffnen, die keine andre Ohren brauchen als die
+eurigen.
+
+Kerkermeister.
+Ich will so hurtig seyn als ich kan.
+
+(Geht ab.)
+
+(Isabella ruft hinter der Scene.)
+
+Herzog.
+Das ist der Isabella Stimme--Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres
+Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste
+noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon überraschet werde,
+wenn sie es am wenigsten erwarten kan.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+
+Isabella.
+Mit eurer Erlaubniß--
+
+Herzog.
+Guten Morgen, meine schöne und liebenswürdige Tochter.
+
+Isabella.
+Von einem so heiligen Mann kan dieser Gruß nicht anders als werth
+seyn. Hat der Stadthalter Befehl für meines Bruders Begnadigung
+geschikt?
+
+Herzog.
+Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist
+abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.
+
+Isabella.
+Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.
+
+Herzog.
+Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit,
+meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.
+
+Isabella.
+O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.
+
+Herzog.
+Ihr würdet nicht vor ihn gelassen werden.
+
+Isabella.
+Unglüklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter
+Angelo!
+
+Herzog.
+Diß schadet ihm nichts, und nüzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch
+also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; höret was ich euch sage;
+ihr werdet ganz gewiß erfahren, daß es von Sylbe zu Sylbe eine
+sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet
+eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist,
+hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und
+Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rüsten, ihm vor die
+Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu übergeben. Wenn ihr
+soviel von euch selbst gewinnen könnet, meinem Rath zu folgen, so
+werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wünschen kan,
+an diesem Unglükseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.
+
+Isabella.
+Ich überlasse mich eurer Führung.
+
+Herzog.
+Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben
+dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht
+giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, daß ich ihn heute
+Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst
+von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er
+soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht
+anklagen und überweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes
+Gelübde genöthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit
+diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese äzenden
+Thränen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure
+Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier?
+
+
+
+Eilfte Scene.
+(Lucio zu den Vorigen.)
+
+
+Lucio.
+Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?
+
+Herzog.
+Nicht hier, mein Herr.
+
+Lucio.
+O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blaß, deine
+schöne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich muß mich
+auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und
+Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich für meinen Kopf nicht
+unterstehen, meinen Bauch zu füllen; eine einzige gute Mahlzeit
+würde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier
+seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wäre der
+alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause
+gewesen, so lebte er noch.
+
+(Isabella geht ab.)
+
+Herzog.
+Mein Herr, der Herzog ist euch für eure Discourse von ihm
+ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, daß
+sie nicht wahr sind.
+
+Lucio.
+Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein beßrer
+Weidmann als du dir einbildest.
+
+Herzog.
+Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben. Lebet
+wohl.
+
+Lucio.
+Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige
+Histörchen von dem Herzog erzählen.
+
+Herzog.
+Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzählt, wenn sie wahr
+sind; und sind sie es nicht, so wären gar keine schon genug.
+
+Lucio.
+Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind
+gemacht hatte.
+
+Herzog.
+Thatet ihr das?
+
+Lucio.
+Das denk ich, zum Henker, daß ich es that; aber ich schwur es
+sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hätte, sie hätten
+mich an die faule Mispel verheurathet.
+
+Herzog.
+Mein Herr, eure Gesellschaft ist schöner als ehrenhaft: Bleibt ein
+wenig zurük oder geht voraus, wenn ich bitten darf.
+
+Lucio.
+Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir
+H**jägers-Discourse ärgerlich sind, so wollen wir sparsam damit
+seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hänge
+mich an.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Zwölfte Scene.
+(Der Palast.)
+(Angelo. Escalus.)
+
+
+Escalus.
+Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.
+
+Angelo.
+Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel
+gebe, daß sein Verstand nicht angegriffen seyn möge! Und warum
+sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Ämter dort
+niederlegen?
+
+Escalus.
+Das kan ich nicht errathen.
+
+Angelo.
+Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen,
+daß wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch
+beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse übergeben
+solle?
+
+Escalus.
+Für dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen
+Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns fürs künftige gegen
+Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen
+uns haben sollen.
+
+Angelo.
+Gut; ich bitte euch, laßt den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen;
+ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige
+wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.
+
+Escalus.
+Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.
+
+Angelo.
+Gute Nacht. Diese That entmannet mich gänzlich, macht mich unfähig
+zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine
+geschändete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez
+wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte.
+Allein, ausserdem daß ihre zärtliche Schaamhaftigkeit sich nicht
+wird überwinden können, den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre
+selbst auszuruffen, was würde ihr Zeugniß gegen mich vermögen? Was
+ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten.
+Mein Ansehen ist zu groß, zu befestigt, als daß irgend eine
+Beschuldigung von dieser Art an mir haften könnte, und nicht mit
+Schaam auf denjenigen zurückfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte--
+Ich hätte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hätte, seine
+hizige Jugend möchte dereinst seine beleidigte Ehre rächen, ohne
+sich mir für ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer
+solchen Schande erkauffen mußte. Und doch wünschte ich, daß er
+noch lebte! Himmel! Wie unglüklich sind wir, wenn wir nur einmal
+unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reißt uns eine böse
+That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister über das,
+was wir wollen oder nicht wollen!
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Dreyzehnte Scene.
+(Eine Gegend vor der Stadt.)
+(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)
+
+
+Herzog.
+Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehören. Der
+Kerkermeister weiß bereits von unserm Vorhaben und von der
+Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhängig gemacht
+ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure
+besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen
+Absprung machen könnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht,
+suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben
+diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und
+befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber
+schiket vorher zu dem Flavius.
+
+Peter.
+Es soll aufs schleunigste geschehen.
+
+(Peter geht ab.)
+
+(Varrius.)
+
+Herzog.
+Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir
+wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns
+hier grüssen werden, mein werther Varrius.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierzehnte Scene.
+(Isabella und Mariane treten auf.)
+
+
+Isabella.
+Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen;
+ich möchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist
+eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, daß es
+zu Erreichung unsrer Absicht nöthig sey.
+
+Mariane.
+Ueberlaßt es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.
+
+Isabella.
+Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen,
+wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden
+sollte--
+
+Mariane.
+Ich wünschte, der Bruder Peter--
+
+Isabella.
+Stille, da kommt er ja.
+
+(Peter zu den Vorigen.)
+
+Peter.
+Kommt, ich habe einen Ort für euch ausfündig gemacht, wo ihr ganz
+bequem warten könnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan.
+Die Trompeten haben schon zweymal getönt; die angesehensten Bürger
+haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im
+Anzug; wir müssen eilen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Ein öffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)
+(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus,
+ Lucio und einige Bürger, treten auf verschiednen Seiten auf.)
+
+
+Herzog.
+Mein würdiger Vetter, ich danke euch für diesen Willkomm; unser
+alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.
+
+Angelo und Escalus.
+Beglükt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!
+
+Herzog.
+Wir danken euch beyden von Herzen.
+
+(Zu Angelo.)
+
+Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hören so viel Gutes
+von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, daß wir nicht umhin
+können, euch deßwegen öffentlichen Dank zu erstatten, bis wir
+Gelegenheit haben, es auf eine vollständigere Art zu thun.
+
+Angelo.
+Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grösser.
+
+Herzog.
+O! euer Verdienst redet laut, und ich würde ungerecht gegen
+dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens
+einschliessen wollte; da es würdig ist, mit Buchstaben von Erzt
+gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu
+werden. Gebt mir eure Hand, und laßt die Unterthanen sehen, wie
+begierig wir sind, unsre innerliche Achtung für euch durch
+äusserliche Merkmale öffentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus;
+ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers
+Zutrauens würdig bewiesen.
+
+(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Peter und Isabella zu den Vorigen.)
+
+
+Peter (zu Isabella.)
+Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.
+
+Isabella.
+Gerechtigkeit, Gnädigster Herr; werfet euern Blik auf eine
+unglükliche, mißhandelte--Schier hätte ich gesagt, Jungfrau: O,
+würdiger Fürst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern
+Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehört,
+und mir Recht verschaft habt.
+
+Herzog.
+Was für Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht
+es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird;
+eröffnet euch ihm.
+
+Isabella.
+O mein Gnädigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlösung bey dem Teufel
+zu suchen. Höret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe,
+muß entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder
+euch Rache abnöthigen; o, höret mich, höret mich.
+
+Angelo.
+Gnädigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie
+hat eine vergebliche Fürbitte für ihren Bruder bey mir eingelegt,
+der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.
+
+Isabella.
+Lauf der Gerechtigkeit!
+
+Angelo.
+Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.
+
+Isabella.
+Höchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde;
+daß Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? daß
+Angelo ein Mörder ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein
+ehebrechrischer Räuber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schänder ist?
+ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?
+
+Herzog.
+In der That, es ist zehenmal seltsam.
+
+Isabella.
+Und doch ist es nicht wahrer, daß er Angelo ist, als daß alles
+dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer;
+denn Wahrheit ist am Schluß allemal Wahrheit.
+
+Herzog.
+Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrükung
+ihres Gehirns.
+
+Isabella.
+O Fürst ich beschwöhre dich, wenn du anders glaubest daß noch ein
+andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der
+Meynung, daß ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht
+unmöglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmöglich,
+daß der ärgste Bube im Herzen von aussen so spröde, so ernsthaft,
+so gerecht, so unsträflich scheinen kan, als Angelo;
+gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern,
+Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bösewicht seyn; Glaubet
+mir, gnädigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar
+nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen für seine Boßheit hätte.
+
+Herzog.
+Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube,
+so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so
+viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den
+Reden eines Wahnwizigen gehört habe.
+
+Isabella.
+Gnädigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung;
+verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt;
+sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen,
+wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil
+er Wahrheit scheint.
+
+Herzog.
+Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger
+Vernunft--Was wollt ihr dann sagen?
+
+Isabella.
+Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sünde
+der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war
+es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in
+einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt;
+ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte--
+
+Lucio.
+Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubniß; Claudio hatte mich zu
+ihr geschikt, um sie zu bewegen, daß sie versuchen sollte, durch
+ihre rührende Fürbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwürken.
+
+Isabella.
+Er ist es, in der That.
+
+Herzog (zu Lucio.)
+Man hat euch nicht befohlen zu reden.
+
+Lucio.
+Nein, Gnädigster Herr, noch gewünscht daß ich schweigen möchte.
+
+Herzog.
+Ich wünsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und
+wenn ihr Gelegenheit bekommt für euch selbst zu sprechen, so bittet
+den Himmel, daß ihr alsdenn nicht verstummen möget.
+
+Lucio.
+Dafür steh' ich Euer Gnaden.
+
+Herzog.
+Es wird sich zeigen.
+
+Isabella.
+Dieser Edelmann erzählte etwas von meiner Geschichte.
+
+Lucio.
+So ists.
+
+Herzog.
+Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an
+euch kommt. Weiter!
+
+Isabella.
+Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.
+
+Herzog.
+Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.
+
+Isabella.
+Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemäß.
+
+Herzog.
+Wieder verbessert--der Materie--Nur weiter.
+
+Isabella.
+Kurz, um die unnöthigen Umstände zu übergehen, wie viel
+Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu
+Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm
+geantwortet, denn dieses daurte sehr lang--ich will den Anfang
+damit machen, womit dieser Auftritt sich beschloß, wenn ich es
+anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf,
+daß er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte,
+als wenn ich meinen jungfräulichen Leib seiner unkeuschen Begierde
+überlassen würde; und nach vielem Wortwechsel übertäubte endlich
+das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach:
+Aber den folgenden Morgen früh, nachdem er seinen Zwek erhalten
+hatte, schikt' er Befehl, daß meinem Bruder der Kopf abgeschlagen
+werden sollte.
+
+Herzog (spöttisch.)
+Das ist sehr wahrscheinlich!
+
+Isabella.
+O möcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.
+
+{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like),
+welches der Herzog für wahrscheinlich, und Isabella für artig oder
+anständig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}
+
+Herzog.
+Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst,
+oder du bist durch boshafte Künste gegen seine Ehre aufgestiftet
+worden. Fürs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser
+Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, daß er eine
+Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem
+andern gestraft haben sollte; hätte er sich so vergangen, so würde
+er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf
+gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht
+die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage
+hier vorgebracht?
+
+Isabella.
+Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen
+dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in
+partheyische Gunst eingehüllet wird! Der Himmel bewahre Euer
+Durchlaucht so gewiß vor Unfall, als es wahr ist, daß ich das
+Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.
+
+Herzog.
+Das glaube ich, daß ihr gerne davon gehen möchtet. Einen
+Stadtbedienten, ins Gefängnis mit ihr. Sollten wir gestatten, daß
+eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so ärgerlich
+angeschmizt werden dürfte? Das muß nothwendig eine angestellte
+Sache seyn. Wer weiß mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?
+
+Isabella.
+Einer den ich gerne hieher wünschen möchte, der Pater Ludewig.
+
+Herzog.
+Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?
+
+Lucio.
+Gnädigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Mönch, der seine Nase in
+alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wär er ein Lay gewesen,
+Gnädigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider
+Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat,
+abgeschmiert haben, daß er es gefühlt hätte.
+
+Herzog.
+Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach;
+und dieses unglükliche Weibsbild wider unsern Stadthalter
+aufzustiften! Laßt diesen Mönchen aufsuchen.
+
+Lucio.
+Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mönch im
+Gefängniß bey einander an; eine unverschämte Kutte, wie gesagt, ein
+recht boshafter Geselle.
+
+Peter.
+Mit Euer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß, ich stand dabey, und ich
+hörte genug um zu sehen, wie sehr euer königliches Ohr mißbraucht
+wird. Fürs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter höchst
+frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung
+mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.
+
+Herzog.
+Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von
+dem sie spricht?
+
+Peter.
+Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht fürwizig
+sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt
+hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt,
+von Euer Durchlaucht ungebührlich gesprochen hat.
+
+Lucio.
+Gnädigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.
+
+Peter.
+Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in
+diesem Augenblik, Gnädigster Herr, ist er an einem wunderbaren
+Fieber krank. Bloß auf sein Bitten (da es bekannt wurde, daß hier
+eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte)
+bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von
+der Sache weiß, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit
+seinem Eyde zu bekräftigen im Stand ist. Was anforderst dieses
+Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses würdigen
+Herrn, der auf eine so öffentliche und persönliche Art von ihr
+beschimpft wird, hören wie sie vor euern Augen dergestalt wird
+überwiesen werden, daß sie es selbst wird eingestehen müssen.
+
+Herzog.
+Mein guter Pater; laßt's uns hören. Lächelt ihr nicht über diese
+Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was für eine Unbesonnenheit von
+diesen unglüklichen Thoren!--Gebt uns Size; kommt, mein Vetter
+Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr
+Richter in eurer eignen Sache.
+
+(Isabella wird mit einer Wache weggeführt,
+und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+
+Herzog.
+Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen,
+eh sie spricht.
+
+Mariane.
+Um Vergebung, Gnädigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen,
+ausser mein Gemahl beföhl' es mir.
+
+Herzog.
+So seyd ihr verheurathet?
+
+Mariane.
+Nein, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Seyd ihr ein Mädchen?
+
+Mariane.
+Nein, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Eine Wittwe also?
+
+Mariane.
+Auch das nicht, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Mädchen, noch Frau, noch Wittwe?
+
+Lucio.
+Gnädigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Köchin--
+
+
+Herzog.
+Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hätte etwas mit
+sich selbst zu dahlen.
+
+Lucio.
+Gut, Gnädigster Herr.
+
+Mariane.
+Gnädigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen;
+ich gesteh auch zugleich, daß ich kein Mädchen bin; ich habe meinen
+Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weiß nicht, daß er mich jemals
+gekannt hat.
+
+Lucio.
+So war er also betrunken, Gnädigster Herr, es kan nicht anders seyn.
+
+Herzog.
+Ich wollte du wär'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.
+
+Lucio.
+Gut, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Das ist keine Zeugin für den Freyherrn Angelo.
+
+Mariane.
+Ich komme nun dazu, Gnädigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn
+beschuldiget, daß er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl
+an, indem sie vorgiebt, daß es zu einer Zeit geschehen sey, von der
+ich behaupte, daß ich ihn mit allen Würkungen der Liebe in meinen
+Armen hatte.
+
+Angelo.
+Beschuldiget sie jemand mehr als mich?
+
+Mariane.
+Nicht daß ich wüßte.
+
+Herzog.
+Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl?
+
+Mariane.
+So ist es, Gnädigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt,
+er wisse gewiß, daß er mich nie berührt habe, aber gewiß weiß, daß
+er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.
+
+Angelo.
+Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen!
+
+Mariane.
+Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.
+
+(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)
+
+Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst,
+wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu
+werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen
+Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der
+das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus
+ihre eingebildete Person vorstellte!
+
+Herzog (zu Angelo.)
+Kennt ihr dieses Frauenzimmer?
+
+Lucio.
+Fleischlicher Weise, sagt sie.
+
+Herzog.
+Schlingel, kein Wort mehr.
+
+Lucio.
+Genug, Gnädigster Herr.
+
+Angelo.
+Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer
+kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir
+und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug,
+theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es
+angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen
+Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich
+bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder
+gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe.
+
+Mariane.
+Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom
+Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit
+in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten
+Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner
+Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein
+Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder
+aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild
+stehen bleiben.
+
+Angelo.
+Ich lächelte bisher nur; aber nun, Gnädigster Herr, muß ich Euer
+Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu
+Ende; ich sehe, daß diese armen einfältigen Weibsbilder nur die
+Werkzeuge einer verborgnen und mächtigern Hand sind, die sie in
+Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnädigster Herr, daß ich mich
+bemühe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.
+
+Herzog.
+Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt,
+abzustraffen. Du thörichter Mönch und du boshaftes Weibsbild,
+denkt ihr, eure Eydschwüre selbst, und wenn sie alle Heiligen
+persönlich herabschwören würden, wären ein hinlängliches Zeugniß
+gegen sein bewährtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus,
+sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche
+Mühe, die Quelle dieser schändlichen Verläumdungen zu entdeken. Es
+ist noch ein andrer Mönch, der sie aufgestiftet hat; laßt ihn
+herbeyschaffen.
+
+Peter.
+Ich wünschte, Gnädigster Herr, er wäre hier; denn in der That ist
+er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen
+anhängig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich
+aufhält, und kan ihn holen.
+
+Herzog.
+Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und würdiger
+Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu
+untersuchen, verfahret nach euerm Gutdünken in Bestrafung der
+Schuldigen. Ich will euch für eine Weile verlassen; aber bleibt
+ihr so lange zurük, bis ihr die Bosheit dieser Verläumder völlig zu
+Schanden gemacht habt.
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+
+Escalus.
+Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio,
+sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann
+von schlechter Aufführung?
+
+Lucio.
+(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwürdig an ihm als
+seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des
+Herzogs gesprochen.
+
+Escalus.
+Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu
+überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer
+Vogel ist.
+
+Lucio.
+Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.
+
+Escalus.
+Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich
+bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt
+sehen wie ich sie behandeln werde.
+
+Lucio (vor sich.)
+Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.
+
+Escalus.
+Wie beliebt?
+
+Lucio.
+Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln
+würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich,
+es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Mönchshabit, und
+der Kerkermeister;
+Isabella wird herbeygeführt.)
+
+Escalus.
+Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam;
+Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt
+habt.
+
+Lucio.
+Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit
+dem Kerkermeister.
+
+Escalus.
+Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.
+
+Lucio.
+Nein!--
+
+Escalus.
+Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete,
+den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es
+seyd.
+
+Herzog.
+Es ist nicht wahr.
+
+Escalus.
+Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd?
+
+Herzog.
+Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst
+kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo
+ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll.
+
+Escalus.
+Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu,
+daß ihr die Wahrheit sagt.
+
+Herzog.
+Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm
+hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction!
+Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der
+Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und
+die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr
+anzuklagen gekommen seyd.
+
+Lucio.
+Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.
+
+Escalus.
+Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug,
+daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen
+Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise
+und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm
+auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu
+beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen
+dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben
+abläugnen sollst. Was? Ungerecht?
+
+Herzog.
+Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von
+mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan
+nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine
+Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier
+in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß
+der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft; Geseze
+gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen
+werden, daß sie der Geseze spotten.
+
+Escalus.
+Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß.
+
+Angelo.
+Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann,
+von dem ihr uns erzähltet?
+
+Lucio.
+Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt
+ihr mich?
+
+Herzog.
+Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender
+Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an.
+
+Lucio.
+So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem
+Herzog sagtet?
+
+Herzog.
+Vollkommen, mein Herr.
+
+Lucio.
+Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein
+Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet?
+
+Herzog.
+Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen
+lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers.
+
+Lucio.
+O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du
+so redtest?
+
+Herzog.
+Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.
+
+Angelo.
+Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem
+er so verräthrische Reden ausgestossen hat?
+
+Escalus.
+Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm
+ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß;
+legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen
+Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen.
+
+Herzog.
+Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.
+
+Angelo.
+Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.
+
+Lucio.
+Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr;
+wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf
+kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht,
+daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und
+laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort?
+
+(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)
+
+Herzog.
+Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat.
+Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute
+Bürge seyn--Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der
+Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht
+ihn feste.
+
+Lucio.
+Das kan noch ärger werden, als hängen.
+
+Herzog (zu Escalus.)
+Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen
+einen Plaz von diesem Herrn da borgen.
+
+(Zu Angelo.)
+
+Mit eurer Erlaubniß, mein Herr--Hast du Worte, oder Wiz, oder
+Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast,
+so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und
+halte dann noch aus, wenn du kanst.
+
+Angelo.
+O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine
+Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke,
+daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine
+Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres
+Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß
+macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und
+der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.
+
+Herzog.
+Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem
+Frauenzimmer verlobt?
+
+Angelo.
+Ich war, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr
+die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder
+hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.
+
+(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+
+Escalus.
+Gnädigster Herr, ich bin mehr über seine Schande bestürzt, als über
+die Seltsamkeit der Sache.
+
+Herzog.
+Tretet näher, Isabella; euer Frater ist nun euer Fürst, ich war in
+jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein
+Herz mit meinem Anzug zu verändern, werde ich allezeit zu euerm
+Dienst gewidmet bleiben.
+
+Isabella.
+O! vergebet mir, mein gnädigster Herr, daß ich, eure Vasallin,
+eure unerkannte Hoheit beschäftigt und bemühet habe.
+
+Herzog.
+Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mädchen, lasset
+mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weiß es, euers Bruders Tod
+ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum
+ich mich begnügt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und
+nicht lieber meine verkleidete Macht plözlich zu erkennen gegeben,
+als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset,
+liebenswürdigstes Geschöpf, daß nichts als die zuschnelle
+Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, daß sie
+später erfolgen würde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey
+über ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr
+fürchten muß; tröstet euch damit; euer Bruder ist glüklich.
+
+Isabella.
+Ich thu es, Gnädigster Herr.
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)
+
+
+Herzog (zu Isabella.)
+Was diesen neuvermählten Mann, der hier wieder zurük kommt, betrift,
+dessen üppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt
+hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der
+eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des
+gebrochnen Versprechens, sich schuldig wußte, euerm Bruder das
+Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes
+mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo für Claudio,
+Tod für Tod, Gleiches für gleiches, und Maaß für Maaß.
+
+(Er wendet sich zum Angelo.)
+
+Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, daß du sie nicht
+läugnen könntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also,
+auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio
+sich zum Tod bükte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm.
+
+Mariane.
+O! mein Gnädigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht
+zum Scherz einen Gemahl gegeben.
+
+Herzog.
+Ich hielt eure Vermählung nur nöthig, um eure Ehre sicher zu
+stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm künftigen
+Glük im Wege gestanden wäre; was seine Güter betrift, so sezen wir,
+ob sie gleich durch Confiscation unser wären, euch in den Besiz
+davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern
+Gemahl kauffen könnet.
+
+Mariane.
+O Mein theurester Fürst, ich verlange keinen andern und keinen
+bessern Mann.
+
+Herzog.
+Bittet nicht für ihn, unser Schluß ist gefaßt.
+
+Mariane.
+Mein gnädigster Herr--
+
+Herzog.
+Ihr verliehrt nur eure Mühe--weg mit ihm zum Tode.
+
+(Zu Lucio.)
+
+Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.
+
+Mariane.
+O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir
+zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll
+zu eurem Dienst gewidmet seyn.
+
+Herzog.
+Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte
+sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen,
+ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in
+Schreknissen von hinnen reissen.
+
+Mariane.
+Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure
+Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen,
+sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben,
+vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella,
+wollt ihr nicht mit mir knien?
+
+Herzog.
+Er stirbt für Claudios Tod.
+
+Isabella (kniend.)
+Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen
+verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich
+hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses
+ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als
+Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich
+ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht
+zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,
+und Vorsäze sind blosse Gedanken.
+
+Mariane.
+Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich
+indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es,
+daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?
+
+Kerkermeister.
+Es wurde so befohlen.
+
+Herzog.
+Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?
+
+Kerkermeister.
+Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.
+
+Herzog.
+Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab.
+
+Kerkermeister.
+Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein
+Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da
+ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses,
+daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls
+sterben sollte, noch habe leben lassen.
+
+Herzog.
+Wer ist er?
+
+Kerkermeister.
+Er nennt sich Bernardin.
+
+Herzog.
+Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn
+hieher, ich will ihn sehen.
+
+Escalus.
+Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,
+Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des
+Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte
+gemacht habt.
+
+Angelo.
+Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle
+mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod
+flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)
+
+
+Herzog.
+Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?
+
+Kerkermeister.
+Dieser, Gnädigster Herr.
+
+Herzog.
+Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du
+habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte,
+und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode
+verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine
+Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende
+diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;
+Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände.
+Was für ein vermummter Geselle ist das?
+
+Kerkermeister.
+Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben
+sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so
+sehr als sich selbst.
+
+Herzog (zu Isabella.)
+Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,
+und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und
+sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon
+zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu
+besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in
+seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet
+eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut
+ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich
+nicht verzeihen kan.
+
+(Zu Lucio.)
+
+Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen
+lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab
+ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet?
+
+Lucio.
+Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode
+ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich
+deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte
+lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu
+lassen.
+
+Herzog.
+Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister,
+laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild
+sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn
+dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so
+soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die
+Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen.
+
+Lucio.
+Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;
+Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;
+Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht
+mich zu einem Hahnrey.
+
+Herzog.
+Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und
+alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn
+indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen
+werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr
+gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük,
+Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und
+kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für
+deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu
+erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und
+Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu
+gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf
+statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von
+selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr
+zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was
+mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in
+unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle
+zu wissen nöthig habt.
+
+
+Maaß für Maaß, oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen,
+von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure)
+by William Shakespeare
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MAASS FUER MAASS ***
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