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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/7233-8.txt b/7233-8.txt new file mode 100644 index 0000000..7388021 --- /dev/null +++ b/7233-8.txt @@ -0,0 +1,5081 @@ +The Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure) +by William Shakespeare +#31 in our series by William Shakespeare + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Maaß für Maaß, +oder: +Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen. + +William Shakespeare + +Ein Lustspiel. + +Übersetzt von Christoph Martin Wieland + + +Personen des Lustspiels. + +Vincentio, Herzog zu Wien. +Angelo, Stadthalter in Abwesenheit des Herzogs. +Escalus, ein alter Herr von Stande, dem Angelo in Verwaltung der +Regierung beygefügt. +Claudio, ein junger Edelmann. +Lucio, ein Libertiner. +Zwey Edelleute. +Varrius, einer von den Hofleuten des Herzogs. +Thomas und Peter, zwey Franciscaner-Mönche. +Ein Richter. +Kerkermeister. +Ellbogen, ein Policey-Aufseher in einem Quartier der Stadt. +Schaum, ein närrischer Junker. +Harlequin, Diener der Frau Overdone. +Abhorson, ein Nachrichter. +Bernardin, ein ruchloser Gefangner. +Isabella, Claudios Schwester. +Mariane, mit Angelo versprochen. +Juliette, Claudios Liebste. +Francisca, eine Nonne. +Frau Overdone, eine Kupplerin. +Wache, Stadtbediente, und andre aufwartende Personen. + +Der Schauplaz ist in Wien. + +Die Geschichte ist aus Cinthios* Novellen genommen. + +{ed.-* "Epitia" von Giambattista Giraldi, gen. Cintio (Cinzio), +1504--1573.} + + + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Des Herzogs Palast.) +(Der Herzog, Escalus, und einige Herren vom Hofe.) + + +Herzog. +Escalus-- + +Escalus. +Gnädigster Herr-- + +Herzog. +Es würde eine unzeitige Sucht zu reden an mir scheinen, wenn ich +euch die Eigenschaften einer klugen Regierungsart entfalten wollte, +da mir bekannt ist, daß eure Wissenschaft hierinn alle Erinnerungen, +die ich euch geben könnte, überflüssig macht; es bleibt mir also +nichts übrig, als euch die Gelegenheit zu geben, diese +Geschiklichkeit im Werke zu zeigen. Fleiß und Erfahrung hat euch +den Character unsers Volkes, die Geseze unsrer Stadt, und die +allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit so bekannt gemacht, daß wir +niemand kennen, der euch hierinn übertreffe. Hier ist unser +Auftrag, welchem wir pünctlich nachgelebt wissen wollen--Man rufe +den Angelo hieher--Wie meynt ihr, daß er unsre Stelle vertreten +werde? Denn ihr müßt wissen, daß wir ihn mit besonderer Vollmacht +ersehen haben, unsre Abwesenheit zu ersezen; ihm haben wir unsre +volle Macht zu strafen und gutes zu thun geliehen; sagt, was denkt +ihr hiezu? + +Escalus. +Wenn jemand in Wien eines solchen Vertrauens, und einer so hohen +Ehre würdig ist, so ist es Angelo. + + + +Zweyte Scene. +(Angelo zu den Vorigen.) + + +Angelo. +Ich komme, Euer Durchlaucht Befehle zu vernehmen. + +Herzog. +Angelo, dein Leben entdekt dem aufmerksamen Beobachter die ganze +Gestalt deines Characters. Die Ausübung jeder Tugend ist durch +eine lange Uebung deine Natur geworden. Wir zünden keine Fakeln an, +damit sie sich selbst leuchten; so macht es der Himmel mit uns; +wofern unsre Tugenden nicht ausser uns würken, so wäre es gleich +viel, wenn wir sie gar nicht hätten. Geister werden nur zu grossen +Endzweken vollkommner von der Natur ausgebildet, und diese sparsame +Göttin leyht nicht das kleinste Quintchen von ihrer Vortreflichkeit, +ohne die Absicht, Dank und Interesse davon zu ziehen. Doch ich +rede dieses zu einem, der mich selbst in dem Amt, das ich ihm +auftrage, unterrichten könnte. Sey also in unsrer Abwesenheit der +Vertreter unsres völligen Selbst in dieser Stadt; Leben und Tod, +Angelo, hange von deinen Lippen ab; der alte Escalus, ob gleich der +erste deiner Räthe, ist nur der zweyte nach dir. Hier ist deine +Commißion. + +Angelo. +Nein, mein gnädigster Herr; laßt mein Metall vorher auf irgend eine +schärfere Probe gesezt werden, eh eine so edle und grosse Figur +darauf gestempelt wird. + +Herzog. +Kommt, keine Ausflüchte mehr; wir haben euch mit wohlbedachter Wahl +hiezu ersehen; übernehmt also unsre Stelle. Unsre Abreise von hier +wird so schleunig seyn, daß wir Sachen von Wichtigkeit +unentschieden zurüklassen müssen. Wir werden euch, so viel Zeit +und Umstände zulassen, von unserm Befinden Nachricht geben, und uns +erkundigen, wie es hier stehe. Lebet also wohl; ich überlasse euch +der hoffnungsvollen Ausführung unsrer Aufträge. + +Angelo. +Erlaubet wenigstens, gnädigster Herr, daß wir euch einige Umstände-- + +Herzog. +Wir können keinen Augenblik länger verziehen. Auch habt ihr, bey +meiner Ehre, nicht nöthig euch das mindeste Bedenken zu machen. +Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in +Würksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet. Gebt mir eure +Hand, ich werde in geheim abreisen. Ich liebe das Volk, aber ich +seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so +bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe +keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die +dergleichen Dinge lieben. Noch einmal, lebet wohl. + +Angelo. +Der Himmel befördere euer Vorhaben. + +Escalus. +Und bringe euch glüklich zurük. + +Herzog. +Ich danke euch, lebet wohl. + +(Er geht ab.) + +Escalus. +Ich muß euch, mein Herr, um Erlaubniß bitten, eine freye +Unterredung mit euch zu haben. Es ist mir daran gelegen, mein Amt +recht zu kennen. Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt, +wie weit sie sich erstrekt. + +Angelo. +Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und +durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen. + +Escalus. +Ich werde Euer Gnaden folgen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Dritte Scene. +(Eine Straasse.) +(Lucio und zween Edelleute.) + + +Lucio. +Wenn der Herzog, und die übrigen Herzoge sich mit dem König von +Ungarn nicht vergleichen können, so werden sich alle Herzoge wider +den König vereinigen. + +1. Edelmann. +Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Königs in Ungarn +seinen. + +2. Edelmann. +Amen! + +Lucio. +Du betest wie jener andächtiger Seeräuber, der mit den zehen +Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel +auskrazte. + +2. Edelmann. +Du sollt nicht stehlen-- + +Lucio. +Eben das. + +1. Edelmann. +Hatte er nicht Ursache? Das ist ein Gebott, das seine Leute von +ihrer Schuldigkeit abgehalten hätte; denn sie schiften sich ein, um +zu stehlen. Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem +Gebet vor dem Essen, die Bitte für den Frieden gefiele. + +2. Edelmann. +Ich habe doch nie keinen Soldaten gehört, der sie mißbilligt hätte. + +Lucio. +Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man +das Tischgebet gesprochen hat. + +2. Edelmann. +Nie? wenigstens ein duzendmal. + +1. Edelmann. +Wie? In Reimen? + +Lucio. +In allen Reim-Arten und in allen Sprachen. + +1. Edelmann. +Und auch in allen Religionen denk' ich. + +Lucio. +Warum das nicht?--Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit. + +1. Edelmann. +Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen +habe, kommen mich-- + +2. Edelmann. +Wie hoch, wenn ich bitten darf? + +1. Edelmann. +Rathet? + +2. Edelmann. +Dreytausend Thaler jährlich? + +1. Edelmann. +Ja, und mehr. + +Lucio. +Eine französische Crone mehr. + + + +Vierte Scene. +(Die Kupplerin, die Vorigen.) + + +1. Edelmann. +Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Hüftweh am +nachdrüklichsten? + +Kupplerin. +Gut, gut, dort wird einer ins Gefängniß geführt, der fünftausend +wie ihr seyd werth ist. + +1. Edelmann. +Wer ist das, ich bitte dich? + +Kupplerin. +Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio. + +1. Edelmann. +Claudio ins Gefängniß? das kan nicht seyn. + +Kupplerin. +Ich weiß aber daß es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah +ihn wegführen, und was noch mehr ist, in den nächsten drey Tagen +wird ihm der Kopf abgeschlagen werden. + +Lucio. +Das stünde mir gar nicht an; bist du dessen gewiß? + +Kupplerin. +Nur allzugewiß; und das alles, weil er der Fräulein Juliette ein +Kind gemacht hat. + +Lucio. +Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich +hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten. + +1. Edelmann. +Und überdas stimmt dieser Bericht mit dem öffentlichen Ausruf ein. + +Lucio. +Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist. + + + +Fünfte Scene. +(Die Kupplerin, Harlequin.) + + +Kupplerin. +Was bringst du neues? + +Harlequin. +Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefängniß führt? + +Kupplerin. +Was hat er denn gemacht? + +Harlequin. +Eine Frau. + +Kupplerin. +Ich frage, was ist sein Verbrechen? + +Harlequin. +Daß er in einem fremden Bache Dreuschen gefangen hat. + +Kupplerin. +Wie? geht ein Mädchen mit einem Kind von ihm? + +Harlequin. +Nein, aber ein Weib geht mit einem Mädchen von ihm. Ihr habt den +Ausruf nicht gehört, habt ihr? + +Kupplerin. +Was für einen Ausruf, Mann? + +Harlequin. +Alle Häuser in den Vorstädten von Wien sollen niedergerissen werden. + +Kupplerin. +Und was soll aus denen in der Stadt werden? + +Harlequin. +Die läßt man zum Saamen stehen; sie hätten auch weg sollen, aber +einige weise Bürger haben sich für sie ins Mittel geschlagen. + +Kupplerin. +So sollen also alle unsre Schenk- und Spiel-Häuser in den +Vorstädten niedergerissen werden? + +Harlequin. +Bis auf den Grund, Madam. + +Kupplerin. +Wahrhaftig, es geht eine grosse Veränderung im gemeinen Wesen vor; +was wird aus mir werden? + +Harlequin. +O, dafür macht euch keine Sorgen: gute Rathgeber haben nie Mangel +an Clienten; wenn ihr schon euern Plaz ändert, so braucht ihr +deßwegen nicht euer Gewerbe zu ändern; ich will immer euer treuer +Diener bleiben. Habt nur gut Herz, man wird Mitleiden mit euch +haben; ihr, die ihr eure Augen im Dienst des gemeinen Wesens +beynahe aufgebraucht habt, ihr werdet in Betrachtung gezogen werden. + +Kupplerin. +Was giebts hier, Thomas, wir wollen uns zurük ziehen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Der Kerkermeister, Claudio, Juliette, und Stadtbediente.) +(Lucio, und zwey Edelleute.) + + +Claudio. +Guter Freund, warum führst du mich so zur Schau herum? führe mich +in das Gefängniß, wohin ich verurtheilet bin. + +Kerkermeister. +Ich thu es nicht aus bösem Willen, sondern auf ausdrüklichen Befehl +des Herrn Stadthalters. + +Claudio. +So kan der Halbgott, Authorität, uns das volle Gewicht unsrer +Uebertretungen bezahlen machen. So sind die Urtheile des Himmels; +wem er verzeihen will, dem will er; wem er nicht will, will er +nicht, und ist doch immer gerecht. + +Lucio. +Wie, was ist dieses, Claudio? Warum befindet ihr euch in solchen +Umständen? Was ist euer Verbrechen? + +Claudio. +Nur davon zu reden, würde ein neues Verbrechen seyn. + +Lucio. +Wie, ist es eine Mordthat? + +Claudio. +Nein. + +Lucio. +Unzucht? + +Claudio. +Wenn ihr es so nennen wollt. + +Kerkermeister. +Fort, mein Herr, ihr müßt gehen. + +Claudio. +Nur ein Wort, guter Freund Lucio, ein Wort mit euch. + +Lucio. +Hundert, wenn sie euch etwas nüzen können; wird Unzucht so hart +angesehen? + +Claudio. +Diß ist mein Fall: Auf ein beydseitiges Eheversprechen hin nahm ich +Besiz von Juliettens Bette; (ihr kennet sie;) sie ist mein wahres +Eheweib, ausser daß uns die Ceremonien mangeln, wodurch unsre +Heurath öffentlich gemacht worden wäre. Die einzige Ursache warum +wir sie unterliessen, war ein Erbe, das noch in den Kisten ihrer +Verwandten ligt, denen wir unsre Liebe noch so lange zu verbergen +gedachten, bis die Zeit sie uns günstiger gemacht haben würde. +Allein das Unglük wollte, daß das Geheimniß unsrer Vertraulichkeit +vor der Zeit verrathen würde--es ist mit zu grossen Buchstaben an +Julietten geschrieben. + +Lucio. +Mit einem Kind, vielleicht? + +Claudio. +Leider! und der neue Stadthalter des Herzogs (ob es daher kommt, +daß der Staatskörper ein Pferd ist, welches der Stadthalter +zureiten soll, und dem er, das erste mal, die Sporren stärker zu +fühlen giebt, damit es wisse, daß er seiner meister ist; oder ob +die Tyranney in dem Plaz oder in demjenigen ist, der ihn einnimmt? +kan ich nicht entscheiden:) Kurz, der neue Stadthalter erwekt bey +meinem Anlas alle die veralteten Straffen, die gleich einer +ungepuzten Rüstung, so lange an der Wand gehangen, bis neunzehn +Zodiaci sich umgewälzt haben, ohne daß sie in einem einzigen +gebraucht worden; und um eines Namens willen, wekt er das vergeßne +tiefeingeschlafne Gesez wider mich auf; in der That, um eines +Namens willen. + +Lucio. +Du hast recht, es ist nicht anders; und dein Kopf steht so schwach +auf deinen Schultern, daß ihn ein verliebtes Milchmädchen +wegseufzen könnte. Schikt dem Herzog nach, und appellirt an ihn. + +Claudio. +Ich hab es gethan; aber man kan ihn nirgends finden. Ich bitte +dich, Lucio, thu mir diesen Liebesdienst; ich hab eine Schwester im +Kloster, die an diesem Tag ihre Probzeit enden soll. Gieb ihr +Nachricht von der Gefahr worinn ich bin; bitte sie in meinem Namen, +daß sie Freunde an den strengen Stadthalter schike; bitte sie, daß +sie in eigner Person einen Anfall auf ihn thue; von dem leztern +macht' ich mir die meiste Hoffnung. Eine junge Person wie sie, hat +eine Art von sprachloser Beredsamkeit, der die Männer selten +widerstehen können; und ausserdem, so ist sie auch geschikt genug, +wenn sie durch Gründe und Vorstellungen überreden will. + +Lucio. +Ich wünsche, daß sie es könne; sowol zum Trost Aller die sich in +ähnlichen Umständen befinden, als um deines Lebens willen; es würde +mich sehr verdriessen, wenn es wegen eines Spiels Trictrak so +närrischer Weise verlohren gehen sollte. Ich will zu ihr. + +Claudio. +Habe Dank, mein guter Freund, Lucio. + +Lucio. +Binnen zwo Stunden-- + +Claudio. +Kommt, Kerkermeister, wir wollen gehen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Siebende Scene. +(Ein Kloster.) +(Der Herzog und Bruder Thomas.) + + +Herzog. +Nein, heiliger Vater, laßt diesen Gedanken fahren: Glaubet nicht, +daß der schmuzige Pfeil der Liebe einen männlichen Busen +durchdringen könne. Die Ursache, warum ich euch um eine geheime +Beherbergung bitte, ist wichtiger und ernsthafter, als die +ausschweiffenden Absichten der glühenden Jugend. + +Bruder. +Kan Eure Durchlaucht davon reden-- + +Herzog. +Mein ehrwürdiger Vater, niemand weiß besser als ihr, wie sehr ich +immer das abgesonderte Leben geliebt, und wie wenig ich an den +Gesellschaften, wo Jugend, Verschwendung, und fröliche Thorheit +sich vereinigen, Geschmak gehabt habe. Ich habe dem Freyherrn +Angelo, einem Mann von strengen Sitten und geübter Enthaltsamkeit, +meine ganze unumschränkte Gewalt in Wien übertragen; und er ist in +der Einbildung, daß ich nach Polen gereißt sey; denn so hab' ich +unter die Leute streuen lassen, und so ist es angenommen: Nun, mein +frommer Herr, werdet ihr mich fragen, warum ich das thue? + +Bruder. +Wenn es erlaubt ist, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Wir haben strenge Geseze, (ein nothwendiges Gebiß für unbändige +Unterthanen) die wir diese neunzehn Jahre her haben schlaffen +lassen, gleich einem überfüllten Löwen, der in seiner Höle ligen +bleibt, und nicht auf Beute ausgeht. Wie es nun zu begegnen pflegt, +daß wenn allzu zärtliche Väter die Ruthe nicht zum Gebrauch, +sondern nur zum Schreken, ihren Kindern vor die Augen steken, sie +in kurzer Zeit mehr verlacht als gefürchtet wird; so ist es unsern +Gesezen gegangen: Anstatt den Verbrechern den Tod zu geben, sind +sie selbst todt; die ungebundne Freyheit zieht die Gerechtigkeit +bey der Nase, der Säugling schlägt die Amme, und alle Anständigkeit +der Sitten geht verlohren. + +Bruder. +Es hieng nur von Euer Durchlaucht ab, diese gefesselte +Gerechtigkeit wieder los zu lassen, und es würde an Euch +furchtbarer geschienen haben, als an Angelo. + +Herzog. +Ich besorge, nur allzu furchtbar. Da es mein Fehler war, dem Volk +so viel Freyheit zu lassen, so würde es Tyranney gewesen seyn, sie +für das zu strafen, was ich selbst ihnen zu thun befahl. Denn wir +befehlen Böses zu thun, wenn wir den Uebelthaten statt der Straffe +ihren freyen Lauf lassen. Dieses ist der wahre Grund, mein Vater, +warum ich dieses Amt dem Angelo aufgetragen habe, der unter dem +schüzenden Ansehen meines Namens straffen kan, ohne daß, so lange +meine Person nicht gesehen wird, der Tadel auf mich fällt. Um aber +selbst ein Augenzeuge von dieser Regierung zu seyn, will ich unter +dem Namen eines Bruders von euerm Orden, sowol den Regenten als das +Volk besuchen. Ich bitte dich also, schaffe mir einen Habit, und +unterrichte mich, damit ich die vollständige Person eines ächten +Franciscaner-Mönchs spielen könne. Noch mehr Gründe für diese +Handlung will ich bey mehrerer Musse eröffnen; einer davon ist +dieser: Angelo ist strenge; steht gegen jeden Tadel auf der Hut, +gesteht kaum, daß sein Blut fließt, oder daß er zu Brot mehr +Appetit hat als zu Stein. Wir können vielleicht bey dieser +Gelegenheit lernen, wie viel man sich auf diese strengen Tugenden +verlassen kan. + +(Sie gehen ab.) + + + +Achte Scene. +(Ein Frauen-Kloster.) +(Isabella, und Francisca.) + + +Isabella. +Und habt ihr Kloster-Frauen keine andern Freyheiten? + +Francisca. +Sind diese nicht groß genug? + +Isabella. +Ja, freylich; ich frage nicht, als ob ich mehr wünschte; sondern +weil ich wünschte, daß die Schwesterschaft der heiligen Clara noch +enger eingeschränkt seyn möchte. (Lucio läßt seine Stimme hinter +der Scene hören.) + +Isabella. +Was ist das? Wer ruft? + +Francisca. +Es ist eines Mannes Stimme. Meine liebe Isabella, schließt ihr auf, +und fragt ihn was er will; ihr dürft es thun, ich nicht; ihr habt +das Gelübde noch nicht gethan; wenn ihr es gethan habt, so dürft +ihr mit keiner Mannsperson sprechen, ausser in Gegenwart der +Priorin; und auch dann, wenn ihr redet, dürft ihr euer Gesicht +nicht zeigen, oder wenn ihr das Gesicht zeigt, dürft ihr nicht +reden. Er ruft wieder; ich bitte euch, gebt ihm Antwort. + +(Francisca geht ab.) + +Isabella. +Wer ruft hier? + +(Sie macht die Thüre auf.) + +(Lucio kommt herein.) + +Lucio. +Heil, Jungfrau, wenn ihr seyd, wofür euch diese Rosenwangen +ankündigen; wollt ihr so gefällig seyn, und mich vor Isabellen +bringen, der schönen Schwester des unglüklichen Claudio, die sich +unter den Probe-Schwestern dieses Hauses befindet. + +Isabella. +Warum des unglüklichen Claudio, laßt mich zurükfragen, indem ich +euch sage, daß ich diese Isabella und seine Schwester bin. + +Lucio. +Holdselige Schöne, euer Bruder grüsset euch; um euch nicht lange +aufzuhalten, er ligt im Gefängniß. + +Isabella. +Weh mir! Und warum? + +Lucio. +Für etwas, wofür er, wenn ich sein Richter wäre, Belohnung statt +Strafe erhalten sollte; er hat einer guten Freundin ein Kind +gemacht. + +Isabella. +Mein Herr, erzählt mir nicht eure eigne Geschichte. + +Lucio. +Es ist wie ich sage; wenn es gleich meine Schooßsünde ist, den +Kybizen mit den Mädchen zu spielen, und ihnen zum Spaß Dinge +vorzusagen, wovon mein Herz nichts weiß, so wollte ich doch nicht +mit allen Jungfrauen so scherzen. Ich sehe euch für ein +geheiligtes und dem Himmel geweyhtes Geschöpf an; und, aufrichtig +zu reden, euer Stand macht euch in meinen Augen schon zu einem +abgeschiednen seligen Geist. + +Isabella. +Ihr lästert das Gute, indem ihr meiner spottet. + +Lucio. +Denket das nicht von mir. In wahrem Ernst, diß ist die Sache: Euer +Bruder hat seine Liebste in einen Zustand gesezt, der dasjenige was +zwischen ihnen vorgegangen, unleugbar macht. + +Isabella. +Ist eine schwanger von ihm?--Meine Base Juliette? + +Lucio. +Ist sie eure Base? + +Isabella. +Durch Adoption, durch die Liebe, die wir als Kinder für einander +gehabt. + +Lucio. +Sie ist es. + +Isabella. +O! So kan er sie ja heurathen. + +Lucio. +Das ist eben der Knoten. Der Herzog hat sich auf eine sehr +seltsame Art von hier wegbegeben; und manchen Edelmann, worunter +ich selbst einer bin, in der Hoffnung, einen Antheil an der Staats +Verwaltung zu bekommen, getäuscht. Allein wenn denjenigen zu +glauben ist, welche die wahren Nerven des Staats kennen, so ist die +Bestellung die er gemacht, unendlich weit von seiner würklichen +Absicht entfernt. Indessen herrschet an seinem Plaz, und mit +seiner ganzen unumschränkten Gewalt, der Freyherr Angelo, ein Mann +dessen Blut Schneewasser ist; ein Mann der durch die Stärke seiner +Seele, durch Studieren und Fasten den Stachel der Natur stumpf +gemacht hat; der die Bewegung der Sinne, und den Trieb der +unordentlichen Lust nie gefühlt hat. Dieser, (um den Muthwillen +und die Ausgelassenheit, die eine lange Zeit um die drohenden +Geseze, wie Mäuse um Löwen, herumgeschwärmt, in Schreken zu sezen) +hat ein Gesez hervorgesucht, unter dessen schwerem Inhalt eures +Bruders Leben der Todesstraffe verfallen ist; er hat ihn also +gefangen gesezt, und will durch Vollziehung der ganzen Strenge des +Gesezes, ihn andern zu einem Beyspiel machen. Alle Hoffnung ist +hin, wofern ihr nicht das Glük habt, durch eure schöne Fürbitte den +Angelo zu rühren; und dieses ist, warum ich euch in euers Bruders +Namen bitte. + +Isabella. +Er will ihm das Leben nehmen, sagt ihr? + +Lucio. +Er hat das Urtheil schon gesprochen, und der Kerkermeister hat, wie +ich höre, schon den Befehl wegen der Hinrichtung. + +Isabella. +Ach Himmel! Was kan ich ihm also helfen? + +Lucio. +Versucht die Macht, die ihr habt. + +Isabella. +Meine Macht? Ach! ich zweifle-- + +Lucio. +Unsre Zweifel sind Betrüger, und bringen uns oft um das Gute, das +wir gewinnen könnten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch. +Geht zu dem Stadthalter, und laßt ihn erfahren lernen, was die +Bitten, die gebognen Knie und die Thränen der Schönheit über einen +Mann vermögen. + +Isabella. +Ich will sehen was ich thun kan. + +Lucio. +Aber beschleuniget euch. + +Isabella. +Ich will nicht länger säumen, als um der würdigen Mutter Nachricht +von meinem Geschäfte zu geben. Ich danke euch von Herzen; grüsset +meinen Bruder: eh es Nacht ist, will ich ihm von meiner Ausrichtung +Nachricht geben. + +Lucio. +Ich beurlaube mich von euch, schöne Schwester-- + +Isabella. +Lebet wohl, mein gütiger Herr. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Zweyter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Der Palast.) +(Angelo, Escalus, ein Richter, Bediente.) + + +Angelo. +Wir müssen kein Schrek-Bild aus dem Gesez machen, das, die +Raubvögel zu verscheuchen, aufgestellt wird; und ihm so lang +einerley Gestalt lassen, bis die Gewohnheit macht, das sie sich +darauf sezen, anstatt davor zu fliehen. + +Escalus. +Auch ist mein Rath, nur in diesem Fall einige Nachsicht verwalten +zu lassen. Ach! der junge Mann den ich retten wollte, hatte einen +sehr edeln Vatter. Ich halte Euer Gnaden für einen Mann von +strenger Tugend; aber möchtet ihr die Ueberlegung machen, ob ihr +selbst, wenn Zeit und Gelegenheit euerm Wunsch oder dem Trieb des +feurigen Blutes günstig gewesen wäre, ob ihr nicht selbst in +gewissen Augenbliken euers Lebens, in eben diesem Punct, weßwegen +ihr ihn strafen wollt, gefehlt und das Gesez wider euch gereizt +hättet. + +Angelo. +Ein anders ist, versucht werden, Escalus, ein anders, fallen. Ich +läugne nicht, daß unter den zwölf Geschwornen, die über eines +Gefangnen Leben sprechen sollen, einer oder zween seyn können, die +noch grössere Diebe sind, als der den sie verhören. Die +Gerechtigkeit straft nur die Verbrechen, die ihr bekannt sind. Was +weiß das Gesez davon, daß Diebe über Diebe urtheilen? Es ist +natürlich, daß wir bey einem Edelstein, den wir finden, still +stehen und ihn aufheben, weil wir ihn sehen; aber wenn wir ihn +nicht sehen, so treten wir auf ihn und denken nicht daran. Ihr +könnt sein Vergehen dadurch nicht verringern, daß ihr voraussezt, +ich habe auch solche Fehler machen können; aber dann, wenn ich, der +ihn bestraft, mich würklich so vergehe, dann redet, und laßt mein +eignes Urtheil mir den Tod zu erkennen. Mein Herr, er muß sterben! +(Der Kerkermeister zu den Vorigen.) + +Escalus. +So sey es, wie eure bessere Einsicht es will. + +Angelo. +Wo ist der Kerkermeister? + +Kerkermeister. +Hier, zu Euer Gnaden Befehl. + +Angelo. +Sorget dafür, daß Claudio bis morgen um neun Uhr gerichtet werde. +Bringt ihm seinen Beichtiger, laßt ihn vorbereitet werden; denn +diese Zeit ist alles, was er noch zu leben hat. + +(Kerkermeister geht ab.) + +Escalus (vor sich.) +Gut, der Himmel verzeihe ihm! und verzeih' uns allen! Einige +steigen durch Sünde, andre fallen durch Tugend: Einige überwälzen +sich in Lastern, und werden nur nicht zur Rede gestellet; andre +müssen für einen einzigen Fehltritt die Straffe des grösten +Verbrechens leiden. + + + +Zweyte Scene. +(Ellbogen, Schaum, Harlequin und Gerichtsdiener.) + + +Ellbogen. +Kommt, führt sie her; wenn das nüzliche Leute im gemeinen Wesen +sind, die nichts thun, als das Pflaster treten, und in H** Häusern +herumschwärmen, so versteh ich nichts vom Gesez. Führt sie her. + +Angelo. +Was giebts, mein Herr? Wie heißt ihr? Wovon ist die Rede? + +Ellbogen. +Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich bin des armen Herzogs Policey- +Aufseher in diesem Quartier, und mein Name ist Ellbogen. Ich +appelliere an die Justiz, und bringe hier vor Euer Gnaden ein paar +notorische Beneficanten. + +Angelo. +Beneficanten? Was haben sie denn Gutes gethan? Du willt +Maleficanten sagen, vermuthlich. + +Ellbogen. +Euer Gnaden nehmen mir nicht übel, ich weiß nicht wer sie sind; +aber ausgemachte Buben sind es, das weiß ich gewiß, und leer an +aller Profanation, welche gute Christen haben sollten. + +Escalus. +Das geht gut; das ist ein weiser Official. + +Angelo. +Zur Sache; von was für einer Gattung Leute sind sie? Ellbogen +heißt ihr? Warum redst du nicht, Ellbogen? + +Harlequin. +Er kan nicht, Gnädiger Herr; er hat ein Loch im Ellbogen. + +Angelo. +Wer seyd ihr, Monsieur? + +Ellbogen. +Er? Ein Bierzapfer, Gnädiger Herr, ein Schlingel von einem H** +Wirth, einer der bey einem übelberüchtigten Weibsbild in Diensten +ist; dessen Haus, Gnädiger Herr, wie die Leute sagen, in den +Vorstädten nieder gerissen worden ist. Izt hält sie ein Badhaus, +welches, denk ich, wohl so gut oder nicht besser seyn wird, als ein +H** Haus. + +Escalus. +Woher wißt ihr das? + +Ellbogen. +Mein Weib, Gnädiger Herr, die ich vorm Angesicht des Himmels und +Euer Gnaden detestire-- + + +Escalus. +Wie? dein Weib? + +Ellbogen. +Ja, Gnädiger Herr, Gott sey Dank, sie ist ein ehrliches Weib-- + +Escalus. +Und darum detestirst du sie? + +Ellbogen. +Ich sage Gnädiger Herr, ich detestire mich selbst sowohl als sie, +daß dieses Haus, wenn es nicht ein H** Haus ist, so daurt mich ihr +Leben, denn es ist ein schlimmes Haus. + +Escalus. +Und woher weist du es denn? + +Ellbogen. +Sapperment, Gnädiger Herr, von meinem Weib, die, wenn sie ein Weib +wäre, das den cardinalischen* Lüsten nachhienge, in diesem Haus in +Hurerey, Ehebruch, und alle Unreinigkeit hätte gerathen können. + +{ed.-* Es braucht kaum der Anmerkung, daß Ellbogen den Fehler hat, +gerne lateinische Worte einzumengen, die er nicht recht ausspricht; +er sagt detestiren für attestiren, cardinalisch für carnalisch. +respectirt für suspect, u.s.w.} + +Escalus. +Durch dieser Frauen Vorschub? + +Ellbogen. +Ja, Gnädiger Herr, durch Frau Overdons Vorschub; aber sie spie ihm +ins Gesicht, wie er sie-- + + +Harlequin. +Mit Euer Gnaden Erlaubniß, es ist nicht so. + +Ellbogen. +Beweis es, beweis es vor diesen Schurken, du Ehrenmann! beweis es. + +Escalus. +Hört ihr, wie er sich verspricht? + +Harlequin. +Gnädiger Herr, sie gieng mit dem Kind als sie in unser Haus kam, +und hatte (mit Respect vor Euer Gnaden zu sagen) einen Gelust nach +gebratnen Pflaumen; Gnädiger Herr, wir hatten nur zwey im Hause, +und die lagen zu eben derselben Zeit, wie das begegnete, in einem +Confect-Teller, einem Teller für drey oder vier Groschen; Euer +Gnaden haben wol auch solche Teller gesehen, es sind keine +Porcellan-Teller, aber sehr gute Teller. + +Escalus. +Weiter, weiter, es ist am Teller nichts gelegen-- + +Harlequin. +Nein, in der That nicht, Gnädiger Herr, in diesem Stük hat Euer +Gnaden recht: Aber zur Sache zu kommen; wie ich sagte, diese Madam +Ellbogen gieng mit dem Kind, und hatte, wie ich sagte, schon einen +ziemlich grossen Bauch, und gelüstete, wie ich sagte, nach Pflaumen, +und es waren nur noch zwey auf dem Teller, wie ich sagte; denn +dieser Herr von Schaum hier, dieser Junker, der hier steht, hatte +die übrigen gegessen, wie ich sagte, und er bezahlte sie ehrlich, +das muß ich sagen; denn, wie ihr wißt, Junker Schaum, ich konnte +euch nicht drey Kreuzer herausgeben-- + +Schaum. +Nein, in der That. + +Harlequin. +Das muß wahr seyn; ihr waret eben daran, wenn ihr euch noch +erinnert, die Steine von den vorbesagten Pflaumen aufzuknaken. + +Schaum. +Ja, das that ich, in der That. + +Escalus. +Fort, ihr seyd ein langweiliger Narr, zur Sache; was that man denn +Ellbogens seinem Weib, daß er Ursach zu klagen hat? Kommt auf das, +was man ihr that. + +Harlequin. +Gnädiger Herr, Euer Gnaden kan noch nicht auf das kommen. + +Escalus. +Das ist auch nicht meine Absicht. + +Harlequin. +Aber Euer Gnaden soll darauf kommen, mit Euer Gnaden Erlaubniß; und +ich bitte euch, sehet einmal diesen Junker Schaum an, Gnädiger Herr, +einen Mann von achtzig Pfund Renten des Jahrs, dessen Vater an +aller Heiligen Tag gestorben ist. War es nicht aller Heiligen Tag, +Junker Schaum? + +Schaum. +Aller Heiligen Abend. + +Harlequin. +Gut, gut; ich hoffe, das ist ein Mann dem man glauben muß. Er saß +eben, Gnädiger Herr, wie ich sagte, in einem niedern Sessel, +Gnädiger Herr; es war in der Traube, wo ihr in der That so gerne zu +sizen pflegt; nicht wahr? + +Schaum. +Es ist so, weil es eine hübsche offne Stube ist, und gut für den +Winter. + +Harlequin. +Das heißt gesprochen, wie es sich gehört; ich hoffe, hier ist ein +Mann, der Glauben finden wird. + +Angelo. +Das wird eine Rußische Nacht auswähren, wenn die Nächte am längsten +sind. Ich will mich beurlauben und es euch überlassen, die Sache +zu untersuchen, in der Hoffnung, ihr werdet gute Ursache finden, +ihnen allerseits den Staupbesen geben zu lassen. + +(Geht ab.) + + + +Dritte Scene. +(Die Vorigen.) + + +Escalus. +Nun, Monsieur, zur Hauptsache; was that man Ellbogens Weib? + +Harlequin. +Was man ihr that, Gnädiger Herr? Nichts, gar nichts, mit Euer +Gnaden Erlaubniß. + +Ellbogen. +Ich bitte Euer Gnaden, fragt ihn, was dieser Mann hier meinem Weibe +gethan hat? + +Harlequin. +Ich bitte Euer Gnaden, fragt mich. + +Escalus. +Gut, Herr, was that ihr dann dieser Edelmann? + +Harlequin. +Ich bitte Euer Gnaden, schauet diesem Edelmann ins Gesicht; Junker +Schaum, sehet den Gnädigen Herrn an; es geschieht aus keiner bösen +Absicht; beobachtet Euer Gnaden seine Physionomie? + +Escalus. +Ja, Herr, sehr wohl. + +Harlequin. +Nun, ich bitte euch, beobachtet es nur wol. + +Escalus. +Das thu ich. + +Harlequin. +Kan Euer Gnaden etwas gefährliches darinn entdeken? + +Escalus. +Nein. + +Harlequin. +Nun will ich auf ein Buch schwören, daß sein Gesicht das schlimmste +Ding an seiner ganzen Person ist; wohlan dann, wenn sein Gesicht +das schlimmste an ihm ist, wie konnte Jkr. Schaum des Ellbogens +Weib etwas zuleide thun? Das möcht ich von Euer Gnaden hören. + +Escalus. +Er hat recht; Herr Commiß, was sagt ihr dazu? + +Ellbogen. +Fürs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubniß, ein +respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und +seine Frau ein respectirtes Weib. + +Harlequin. +Bey dieser Hand, Gnädiger Herr, sein Weib ist die respectirteste +Person unter uns allen. + +Ellbogen. +Schurke, du lügst; du lügst, du Schurke du; die Zeit soll noch +kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt +gewesen-- + +Harlequin. +Gnädiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete. + +Escalus. +Ist das wahr, Ellbogen? + +Ellbogen. +O du Galgenschwengel! o du Schurke! du gottloser Hannibal! Ich, +respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete? Wenn ich jemals mit ihr +respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht +für des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter +Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen. +Was ist Euer Gnaden Befehl, daß ich mit diesem gottlosen +Galgenbuben anfangen soll? + +Escalus. +Im Ernst, Herr Commiß, weil er ein und anders angestellt hat, das +du gern entdeken möchtest wenn du könntest, so laß ihn seinen Weg +fortgehen, bis du weist was es ist. + +Ellbogen. +Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du +leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so +fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen-- + +Escalus (zu Schaum.) +Wo seyd ihr gebohren, guter Freund? + +Schaum. +Hier, in Wien. + +Escalus. +Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr? + +Schaum. +Ja, mit Euer Gnaden Erlaubniß. + +Escalus. +So. + +(Zum Harlequin) + +was ist eure Profession, Meister-- + +Harlequin. +Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer. + +Escalus. +Wie heißt eure Frau? + +Harlequin. +Frau Overdon. + +Escalus. +Hat sie mehr als einen Mann gehabt? + +Harlequin. +Neune, Gnädiger Herr, Overdon war der lezte. + +Escalus. +Neune? tretet näher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe +nicht gerne daß ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie +zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den +Galgen. Gehet euers Weges, und laßt mich nichts mehr von euch +hören. + +Schaum. +Ich danke Euer Gnaden; ich für meinen Theil bin noch nie in keiner +Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden wäre. + +Escalus. +Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt +euch wohl. -- + +(Schaum geht ab.) + + + +Vierte Scene. + + +Escalus. +Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister +Bierzapfer? + +Harlequin. +Pompey. + +Escalus. +Meister Pompey, ihr seyd ein Stük von einem H** Wirth, ob ihr es +gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt. Seyd ihr's nicht? +Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer +gehen. + +Harlequin. +In gutem Ernst, Gnädiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne +leben möchte. + +Escalus. +Wie wollt ihr leben, Pompey? Von der H** Wirthschaft? Was dünkt +euch zu dieser Handthierung? Ist es eine gesezmäßige +Begangenschaft? + +Harlequin. +Wenn das Gesez sie gestattet, Gnädiger Herr. + +Escalus. +Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien +nimmermehr kommen. + +Harlequin. +Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt +verschneiden zu lassen? + +Escalus. +Nein, Pompey. + +Harlequin. +Wahrhaftig, gnädiger Herr, so werden sie nach meiner einfältigen +Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und +den lüderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nöthig +die Kuppler und Kupplerinnen zu fürchten. + +Escalus. +Dafür sind hübsche Anstalten im Werk; es ist nur um Köpfen und +Hängen zu thun. + +Harlequin. +Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stüke +verfehlen, köpfen und hängen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten +Commißion für mehr Köpfe geben müssen; wenn dieses Gesez zehen +Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schönste Haus in der +Stadt das Stokwerk für drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt, +das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt. + +Escalus. +Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so +sag ich euch hiemit gleichfalls, laßt mich keine Klage mehr wider +euch hören, worüber es seyn mag, auch nicht über längern Aufenthalt +in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hör ich das mindeste, Pompey, so +will ich euch in euer Lager zurük schlagen, und ein strenger Cäsar +gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr hättet +verdient, daß ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit, +Pompey, gehabt euch für dißmal wohl. + +Harlequin. +Ich danke Euer Gnaden für den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie +das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden-- + +(für sich) + +Sapperment! Ein dapfrer Mann läßt sich nicht sogleich aus seinem +Handwerk peitschen. + +(Geht ab.) + + + +Fünfte Scene. + + +Escalus. +Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie +lang ist es, daß ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet? + +Ellbogen. +Sieben und ein halb Jahr, Gnädiger Herr. + +Escalus. +Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr +hättet es schon eine gute Zeit getrieben. Sieben ganze Jahre, sagt +ihr? + +Ellbogen. +Und ein halbes, Gnädiger Herr. + +Escalus. +Es wird euch viele Mühe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen +es nicht gut mit euch, daß sie euch so oft dazu anstrengen; hat es +denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande wären es zu +versehen? + +Ellbogen. +Mein Treu, Gnädiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen +Geschäften haben; wenn sie gewählt werden, so ist es ihnen immer +eine Gefälligkeit, wenn ich den Dienst für sie versehe; sie +bezahlen mich dafür, und so trag ich eben das Amt für alle. + +Escalus. +Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die +tauglichsten in euerm Kirchspiel sind. + +Ellbogen. +In Euer Gnaden Haus? + +Escalus. +In mein Haus; behüt euch Gott. + +(Ellbogen geht ab.) + +(Zum Richter.) + +Wie viel denkt ihr daß die Gloke ist? + +Richter. +Eilfe, Gnädiger Herr. + +Escalus. +Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen. + +Richter. +Ich danke euer Gnaden unterthänig. + +Escalus. +Ich kränke mich herzlich über Claudios Tod; aber es ist nicht zu +helfen. + +Richter. +Der Freyherr Angelo ist streng. + +Escalus. +Es ist nur allzu nöthig; Güte hört auf es zu seyn, wenn sie immer +die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer +Verbrechen. Und doch--armer Claudio! Es ist nicht zu helfen!-- +Folget mir, mein Herr. + +(Gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Der Kerkermeister, ein Bedienter.) + + +Bedienter. +Er giebt nur einer Partey Gehör; er wird gleich kommen: Ich will +ihm sagen, daß ihr hier seyd. + +Kerkermeister. +Ich bitte euch, thut es; ich möchte wissen, was sein Wille ist; +vielleicht ihn wieder frey zu lassen--Ach! Er hat kaum mehr als in +einem Traum gesündiget; alle Stände, alle Alter riechen nach diesem +Laster--und er soll dafür sterben. (Angelo zu den Vorigen.) + +Angelo. +Nun, was giebt es, Kerkermeister? + +Kerkermeister. +Ist es Euer Gnaden Wille, daß Claudio morgen sterben solle? + +Angelo. +Sagt' ich dir nicht schon, ja? Hast du nicht Befehl? Wozu +brauchst du noch einmal zu fragen? + +Kerkermeister. +Aus Furcht, ich möchte zu rasch seyn. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, +ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung +sein Urtheil gerne wiederruffen hätte. + +Angelo. +Thu du deine Pflicht, und laß das meine Sorge seyn; thu deine +Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Mühe mehr +gemacht werden. + +Kerkermeister. +Ich bitt' unterthänig um Verzeihung, Gnädiger Herr--Und was soll +ich mit der winselnden Juliette anfangen? Sie ist ihrer Entbindung +sehr nahe. + +Angelo. +Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzüglich. + +Der Bediente. +Gnädiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und +bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden. + +Angelo. +Hat er eine Schwester? + +Kerkermeister. +Ja, Gnädiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im +Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist. + +Angelo. +Gut; laß sie herein kommen. + +(Bedienter geht ab.) + +Sorgt ihr davor, daß die Hure in einen andern Ort gebracht werde; +laßt ihr bloß die nothdürftige, und keine überflüssige Unterhaltung +geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden. + + + +Siebende Scene. +(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.) +(Kerkermeister will abtreten.) + + +Angelo. +Bleibt noch ein wenig-- + +(Zu Isabella.) + +Seyd willkommen; was ist euer Begehren? + +Isabella. +Ich bin eine bekümmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun +möchte, wenn es euch gefiele mich anzuhören. + +Angelo. +Gut; was ist eure Bitte? + +Isabella. +Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft +zu sehen wünsche, und für welches ich keine Fürbitte thun würde, +wenn ich nicht müßte. + +Angelo. +Gut, zur Sache. + +Isabella. +Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch, +laßt das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder +fallen. + +Kerkermeister (leise.) +Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rühren; + +Angelo. +Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thäter? Ein jedes +Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was würde +mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fände, deren Strafe die +Geseze bestimmt haben, und die Thäter gehen liesse? + +Isabella. +O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!--Ich habe also keinen +Bruder mehr-- + +(Sie will fortgehen.) + +Lucio (leise.) +Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn, +fallt auf die Knie, hängt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt; +wenn ihr eine Steknadel nöthig hättet, könntet ihr sie mit keiner +gleichgültigern Art verlangen. Noch einmal an ihn, sag' ich. + +Isabella (zu Angelo.) +Muß er denn nothwendig sterben? + +Angelo. +Mädchen, dafür ist kein Mittel. + +Isabella. +Ey ja, ich denke ihr könntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder +der Himmel noch die Menschen mißbilligen es, wenn man Gnade vor +Recht gehen läßt. + +Angelo. +Ich will aber nicht. + +Isabella. +Könntet ihr, wenn ihr wolltet? + +Angelo. +Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht. + +Isabella. +Aber könntet ihr es thun, ohne daß die Welt einen Schaden davon +hätte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fühlte? + +Angelo. +Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spät. + +Lucio (leise.) +Ihr seyd zu kalt. + +Isabella. +Zu spät? Warum? nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich +gesprochen habe: Glaubet nur, den König ziert seine Crone, den +Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter +sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; wäret ihr an seinem Plaze +gewesen und er an euerm, ihr würdet gestrauchelt haben, wie er; +aber er würde nicht so strenge gewesen seyn. + +Angelo. +Ich bitte euch, geht. + +Isabella. +Wollte der Himmel, ich hätte eure Macht, und ihr wäret Isabella; es +sollte nicht so seyn. + +Lucio. +Nur weiter--das ist der rechte Ton-- + +Angelo. +Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind +verschwendet. + +Isabella. +Ach! gnädiger Himmel! wie? Alle Seelen hatten einst gesündigt, +und waren vom Gesez verurtheilt. Aber der, der sie mit bestem Fug +straffen konnte, fand ein Mittel aus. Wenn er euch richten wollte, +wie ihr seyd? O! denkt an das! und Gnade wird, gleich dem +neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen. + +Angelo. +Gebt euch zufrieden, schönes Mädchen; das Gesez verurtheilt euern +Bruder, nicht ich. Wär' er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn, +so würd' es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er. + +Isabella. +Morgen? O! das ist zu schnell. Schonet seiner, gebt ihm noch +Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet. Wir tödten ja das +Geflügel für unsre Küche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir +den Himmel schlechter bedienen, als den gröbsten Theil von uns +selbst? O! mein gütiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer +für diß Vergehen gestorben. Es sind manche, die es begangen haben. + +Lucio (leise.) +Gut, wohl gesprochen! + +Angelo. +Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat. +Diese (Manche) hätten sich nicht unterstanden zu sündigen, wenn der +erste, der das Gesez übertrat, gestraft worden wäre. Izt, ist es +aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht, +gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die künftigen +Verbrechen vor, die durch eine längere Nachsicht veranlaßt würden, +und auf keine andere Art verhindert werden können, als wenn sie vor +ihrer Geburt getödtet werden. + +Isabella. +Laßt wenigstens einiges Mitleiden sehen. + +Angelo. +Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit +sehen lasse; denn alsdann hab' ich sogar Mitleiden mit denen, die +ich nicht kenne, indem ich verhindere, daß ein ungestraftes +Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher +selbst, der wenn er für eine böse That büssen muß, nicht lebt um +die zweyte zu begehen. Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt +morgen; gebt euch zufrieden. + +Isabella. +So müßt ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht, +und er der erste, der dadurch leidet. O! es ist vortrefflich, die +Stärke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein +Riese zu gebrauchen. + +Lucio (leise.) +Das ist wohl gesprochen. + +Isabella. +Könnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so würde Jupiter +selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten +ledernen Officianten würde ein jeder seinen Himmel zum donnern +brauchen wollen. Nichts als donnern--Gütiger Himmel! dein +scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und +knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O! nur der Mensch, der +stolze Mensch, für etliche Augenblike in ein wenig Ansehen +gekleidet, vergißt was er am gewissesten wissen kan, seiner +zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboßen Affen, so +phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, daß die Engel +darüber weinen, die, wenn sie unsre Milz* hätten, sich alle +sterblich lachen müßten. + +{ed.-* Die Alten schrieben ein unmäßiges Gelächter der Grösse der Milz +zu. Warbürton.} + +Lucio (leise.) +Weiter, weiter, Mädchen--das wird würken--es kömmt ihm, ich merk' +es. + +Kerkermeister. +Wollte Gott, sie möchte ihn gewinnen! + +Isabella. +Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwägen; grosse Herren +dürfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem +Gottlosigkeit wäre. + +Lucio. +Du hast recht, Mädchen; mehr dergleichen-- + +Isabella. +An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen +Soldaten eine platte Lästerung ist. + +Angelo. +Wozu sagt ihr diese Dinge mir? + +Isabella. +Weil das höchste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr +unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney +bey sich führt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht +in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was +es sich bewußt ist, das meines Bruders Fehler ähnlich ist; und wenn +es euch wenigstens die Fähigkeit gesteht, eben so zu sündigen wie +er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf +eure Zunge zu tönen. + +Angelo (für sich.) +Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen überwältiget-- +Lebet wohl-- + +(Er will weggehen.) + +Isabella. +O! mein Gnädiger Herr, kehret zurük. + +Angelo. +Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder. + +Isabella. +Höret doch, wie ich euch bestechen will; mein gütiger Herr, kehret +zurück. + +Angelo. +Wie? Mich bestechen? + +Isabella. +Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll. + +Lucio (leise.) +Gut, sonst hättet ihr alles verdorben. + +Isabella. +Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung +sie gelten läßt, sondern mit unschuldigen Fürbitten, die zum Himmel +aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder +aufgeht; mit Fürbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden +Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind. + +Angelo. +Gut, kommt morgen wieder. + +Lucio (leise.) +Geht izt, es ist genug--weg. + +Isabella. +Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund. Um welche Zeit soll ich +morgen Euer Gnaden aufwarten? + +Angelo. +Vor Mittag, wenn ihr wollt. + +(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.) + + + +Achte Scene. + + +Angelo (allein.) +Von dir? Von deiner Tugend selbst? Was ist das? Was ist das? +Ist es deine Schuld oder meine? Wer sündiget am meisten, der +Versucher, oder der Versuchte? Nicht sie, denn sie denkt nur nicht +daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen +in der Sonne ligend, gleich einem Aaß, nicht wie die Blume, von der +holden Frühlings-Wärme faule. Ists möglich, daß die Sittsamkeit +eines Weibes unsern Sinnen gefährlicher seyn soll, als ihre +Schlüpfrigkeit? Sollen wir, da wir genug unnüzen Boden haben, +einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?--O +pfui, pfui, pfui! Was thust du, oder was bist du, Angelo? O laß +ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung für ihre Räubereyen, +wenn die Richter selbst stehlen. Wie? lieb ich sie, daß ich so +begierig bin, sie wieder zu hören, und mich an ihren Augen zu +weiden? Was war diß was ich träumte? O! listiger Teufel, der, um +Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst! Die +gefährlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend +zur Sünde reizt. Nimmermehr könnt ein feiles Weibsbild, mit aller +ihrer verdoppelten Stärke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst, +meine Sinnen nur einen Augenblik aufrührisch machen; aber dieses +tugendhafte Mädchen überwältiget mich ganz, mich, der bis auf +diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten hörte, +lächelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn könnten. + +(Geht ab.) + + + +Neunte Scene. +(Verwandelt sich in ein Gefängniß.) +(Der Herzog in einem Mönchshabit, und der Kerkermeister, treten + auf.) + + +Herzog. +Gott grüsse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich. + +Kerkermeister. +Ich bin's; was ist euer Wille, mein guter Pater? + +Herzog. +Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines +Ordens komm' ich, die betrübten Seelen in diesem Gefängniß zu +besuchen; laßt mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Sünden +erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten könne. + +Kerkermeister. +Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nöthig wäre. (Juliette +tritt auf.) + +Kerkermeister. +Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Fräulein, die in +die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen +darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds +ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch +eine solche Sünde zu begehen, als für diese zu sterben. + +Herzog. +Wenn soll er sterben? + +Kerkermeister. +Ich denke, morgen. + +(Zu Juliette.) + +Ich habe Vorsehung für euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr +sollt weggeführt werden. + +Herzog. +Bereuet ihr, schönes Kind, die Sünde, die ihr begangen habt? + +Juliette. +Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig. + +Herzog. +Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prüfen könnt, um zu +erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht. + +Juliette. +Ich will es gerne lernen. + +Herzog. +Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat? + +Juliette. +Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle +gebracht hat. + +Herzog. +Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverständniß +gesündiget. + +Juliette. +So ist es. + +Herzog. +Also war eure Sünde von einer schwerern Art, als die Seinige. + +Juliette. +Ich bekenn' und bereu' es, mein Vater. + +Herzog. +Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Sünde vielleicht +nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus +Betrübniß daß ihr den Himmel beleidiget habt? Eine gewöhnliche Art +von Reue, wodurch wir beweisen, daß wir den Himmel nicht suchen +weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen fürchten. + +Juliette. +Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die +Schmach mit Freuden. + +Herzog. +Bleibet bey dieser Gesinnung. Euer Mitschuldiger muß, wie ich höre, +morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten. Also +geb ich euch meinen Segen. + +(Er geht ab.) + + + +Zehnte Scene. +(Der Palast.) +(Angelo tritt auf.) + + +Angelo. +Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will, +so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstände; aber der Himmel +hat nur meine leeren Worte, indeß mein Gemüth, ohne meine Zunge zu +hören, auf Isabellen ankert. Der Himmel ist auf meinen Lippen, und +der mächtige und schwellende Vorsaz der Sünde in meinem Herzen. +Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man +so oft gelesen hat, bis man es überdrüßig worden ist; ja, diese +Ernsthaftigkeit, auf die ich (laß niemand es hören) stolz war, +könnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der +Wind hin und her treibt. O! Plaz, o äusserliches Ansehen! Wie +oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst +die weisern Seelen durch deine betrügliche Gestalt! Wir brauchen +nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht +mehr des Teufels Horn-- +(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da? + +Bedienter. +Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden +gelassen zu werden. + +Angelo. +Führe sie herein--O Himmel! wie treibt mein Blut zu meinem Herzen, +und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nöthigen +Stärke--So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht +sinkt; alle lauffen ihm zu Hülfe, und verstopfen dadurch die Luft, +durch die er wieder aufleben könnte: Und so verlassen die +Unterthanen, einen geliebten König zu sehen, ihre eignen Geschäfte, +und drängen sich in dienstfertiger Zärtlichkeit zu seiner Gegenwart, +wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen muß-- +(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schönes Mädchen? + + + +Eilfte Scene. + + +Isabella. +Ich komme zu hören, was Euer Gnaden beliebt-- + +Angelo. +Daß ihr es wissen möchtet, würde mir besser belieben, als daß ihr +darnach fragt. Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben. + +Isabella. +Ist es dieses?--Der Himmel erhalte Eu. Gnaden. + +(Sie will gehen.) + +Angelo. +Und doch möcht' er noch eine Zeitlang leben, und das möchte seyn, +so lang als ihr oder ich; aber er muß sterben. + +Isabella. +Durch euer Urtheil? + +Angelo. +Ja. + +Isabella. +Wenn, ich bitte euch? Laßt ihm wenigstens so viel Zeit als er +nöthig hat, damit seine Seele geheilt werden könne. + +Angelo. +Ha? Pfui dieser garstigen Laster! Es wäre eben so gut denjenigen +zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur +weggestohlen hätte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels +auf verbotne Stempel graben, ihre unverschämte Ueppigkeit zu +verzeihen. + +Isabella. +So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden. + +Angelo. +Sagt ihr das? Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen. +Was wolltet ihr lieber, daß das gerechteste Gesez euerm Bruder das +Leben nehme; oder daß ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so +behandeln lassen müßtet, wie diejenige, die er beflekt hat? + +Isabella. +Gnädiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib preiß +geben als meine Seele. + +Angelo. +Ich rede nicht von eurer Seele; Sünden, wozu wir genöthiget werden, +stehen nicht auf unsrer Rechnung. + +Isabella. +Wie sagt ihr? + +Angelo. +Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was +ich gesagt habe, einwenden. Antwortet mir nur auf das: Ich, durch +dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider +euern Bruder aus: Wäre nicht Barmherzigkeit in einer Sünde, die ihr +nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten? + +Isabella. +Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele +nehmen, dann ist gar keine Sünde darinn, sondern blosse +Barmherzigkeit. + +Angelo. +Hört mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend, +oder stellt euch so, und das ist nicht gut. + +Isabella. +Laßt mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demüthigen +Erkenntniß, daß ich nicht besser bin. + +Angelo. +So wünscht die Weisheit nur desto glänzender zu scheinen, wenn sie +sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tücher die eingehüllte +Schönheit zehnmal lauter ankündigen als die enthüllte Schönheit +selbst thun könnte. Aber höret mich, um besser verstanden zu +werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder muß sterben. + +Isabella. +So. + +Angelo. +Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt +hat. + +Isabella. +Es ist wahr. + +Angelo. +Gesezt, es wäre kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage +nicht, daß ich es gelten lassen würde, sondern nur um den Fall zu +sezen) als daß ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte, +den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand +sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und +daß kein andres Mittel ihn zu retten wäre, als ihr müßtet entweder +diesem vorausgesezten den Genuß eurer Schönheit überlassen, oder +euern Bruder leiden sehen, was würdet ihr thun?* + +{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original, +und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt, +worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden mußte.} + +Isabella. +Soviel für meinen armen Bruder, als für mich selbst; das ist, wär +ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer +Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der +Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen +Leib der Schande preiß geben wollte. + +Angelo. +So müßte euer Bruder sterben. + +Isabella. +Besser, daß ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als daß die +Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe. + +Angelo. +Wäret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil, +das ihr so genennt habt? + +Isabella. +So wie eine schändliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von +zweyerley Häusern sind; so ist auch ganz gewiß nicht die mindeste +Verwandtschaft zwischen einer gesezmäßigen Barmherzigkeit, und +einer lasterhaften Erlösung. + +Angelo. +Ihr schienet lezthin das Gesez für einen Tyrannen, und den +Fehltritt euers Bruders eher für eine Kurzweil als für ein +Verbrechen anzusehen. + +Isabella. +Verzeihet mir Gnädiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind +wir oft genöthiget nicht zu sagen, was wir denken. Aus Liebe zu +einem unglüklichen Bruder wünschte ich die That entschuldigen zu +können, die ich verabscheue. + +Angelo. +Wir sind alle gebrechlich. + +Isabella. +Wär' es nicht so, so möchte mein Bruder immerhin sterben. + +Angelo. +Die Weiber sind auch gebrechlich. + +Isabella. +Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber! Der +Himmel stehe ihnen bey! Die Männer verderben ihre angebohrne +Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal +gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug +jeden fremden Eindruk anzunehmen. + +Angelo. +So denke ich auch; und durch das Zeugniß euers eignen Geschlechts +laßt mich kühner werden. Ich halte euch bey euern Worten. Seyd +was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines. Seyd +ihr's, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so +zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget. + +Isabella. +Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu +sprechen. + +Angelo. +Ich liebe euch. + +Isabella. +Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, daß er dafür +sterben müsse. + +Angelo. +Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begünstiget. + +Isabella. +Ich weiß daß eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu +scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen. + +Angelo. +Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklären meine Absicht. + +Isabella. +Ha! was für eine Ehre? und was für eine Absicht? O! Schein! +Schein! Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu! Unterzeichne +mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will +so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was für ein Mann du +bist. + +Angelo. +Wer wird dir glauben, Isabella? Mein unbeflekter Name, mein +strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugniß wider +dich, werden deine Anklage so sehr überwiegen, daß du in deiner +eignen Aussage erstiken und nach Verläumdung stinken wirst. Der +erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil +den Zügel lassen. Bereite dich meiner erhizten Begierde +nachzugeben, lege alle Sprödigkeit, alle diese verzögernden +Erröthungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlöse deinen +Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen überlassest; oder er muß +nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprödigkeit soll seinen +Tod durch langsame Martern verlängern. Bringe mir morgen die +Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich +will ein Tyrann gegen ihn werden. Was euch betrift, sagt was ihr +könnt; meine Lügen überwiegen eure Wahrheiten. + +(Er geht ab.) + +Isabella. +Gegen wen soll ich mich beklagen? Würd' ich diß erzählen, wer +würde mir glauben? Ich will zu meinem Bruder gehen. Ob er gleich +durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so +viel Empfindung von Ehre, daß wenn er auch zwanzig Häupter auf +zwanzig Blöke hinzustreken hätte, er eher sie alle hingeben würde, +eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schändlichen Beflekung +mißbrauchen lassen sollte. Leb' also keusch, Isabella, und stirb +du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen +will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn +sterben lehren, damit seine Seele leben möge. + + + + +Dritter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Das Gefängniß.) +(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.) + + +Herzog. +Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo? + +Claudio. +Die Unglüklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe +zu leben, und bin bereitet zum Sterben. + +Herzog. +Stellt euch als gewiß vor, daß ihr sterben müßt; Tod oder Leben +wird euch dadurch nur desto süsser werden. Redet so mit dem Leben: +Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren +hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflüssen der +Elemente unterwürffig, welche diese Wohnung, worinn du dich +aufhältst, stündlich beunruhigen; du bist nichts anders als des +Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und +rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nährst dich +von den verächtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du +fürchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein +bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und fürchtest doch den +Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges, denn +du bestehst durch viele tausend Körner, die aus einem Staub +hervorkeimen; glüklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich, +was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du +bist nicht gewiß, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du +reich bist, bist du doch arm, denn du trägst gleich einem mit +Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine +Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn +deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra, +der Gicht und dem Aussaz, daß sie dir nicht bälder ein Ende machen. +Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in +einem nachmittäglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner +Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem +gichtbrüchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du +weder Güte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu +werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens +trägt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen; +und wir fürchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht? + +{ed.-* Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den +barbarischen Zeiten unter dem Namen (Moralitys) in England üblich +waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen +waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden +mußte, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hände lief, zu +entgehen.} + +Claudio. +Ich danke euch; nun find ich, daß ich, wenn ich zu leben wünsche, +zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Laß +es kommen. (Isabella zu den Vorigen.) + +Isabella. +Wie? Friede sey mit dieser guten Gesellschaft. + +Kerkermeister. +Wer ist da? herein--der Wunsch verdient einen Willkomm. + +Herzog. +Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen. + +Claudio. +Ich danke euch, heiliger Vater. + +Isabella. +Mein Geschäfte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio. + +Kerkermeister. +Von Herzen willkommen. Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester. + +Herzog. +Kerkermeister, ein Wort mit euch. + +Kerkermeister. +Soviele als euch beliebt. + +Herzog (leise.) +Bringet mich an einen Ort, wo ich sie hören kan, ohne daß sie mich +sehen. + +(Herzog und Kerkermeister gehen ab.) + + + +Zweyte Scene. + + +Claudio. +Nun, Schwester, was für einen Trost bringt ihr? + +Isabella. +Wie sie alle zu seyn pflegen; einen sehr guten in der That; der +Freyherr Angelo, welcher Geschäfte im Himmel hat, ist entschlossen +euch zu seinem Abgesandten dahin zu machen; macht euch also ohne +Verzug reisefertig, morgen sollt ihr übersezen. + +Claudio. +Ist denn kein Mittel? + +Isabella. +Keines als solch ein Mittel, das, um einen Kopf zu retten, ein Herz +entzwey brechen würde. + +Claudio. +Aber ist denn eines? + +Isabella. +Ja, Bruder, ihr könnt bey Leben bleiben; es ist ein Mittel--Aber +eines, daß wenn ihr fähig wäret es zu billigen, eure Ehre sich von +diesem Rumpf, den ihr tragt, abstreifen, und euch nakend lassen +würde. + +Claudio. +Und was ist es denn? + +Isabella. +O, ich fürchte dich, Claudio, ich fürchte du möchtest, um ein +fieberhaftes Leben zu verlängern, sechs oder sieben Winter theurer +schäzen als eine immerwährende Ehre--Hast du den Muth zu sterben? +Die Empfindung des Todes ist das fürchterlichste an ihm; der arme +Käfer, auf den wir treten, leidet so viel als ein sterbender Riese. + +Claudio. +Warum denkst du so schmählich von mir? Haltst du mich für so +schwach, daß ich keiner männlichen Entschliessung fähig seyn +sollte? Wenn ich sterben muß, so will ich der Finsterniß wie einer +Braut entgegen gehn, und sie in meine Arme drüken. + +Isabella. +Izt sprach mein Bruder, und eine Stimme stieg aus meines Vaters +Grab empor. Ja, du mußt sterben; du bist zu edel, ein Leben durch +niederträchtige Gefälligkeiten zu erkauffen. Dieser, mit +Heiligkeit übertünchte Stadthalter, dessen gesezte Mine und +wohlbedächtliche Rede der Jugend die Klauen in den Kopf schlägt, +und ihre Thorheiten berupft, wie der Falke die Eule, ist doch nur +ein Teufel, dessen Herz einen Abgrund von Unrath, so tief als die +Hölle, in sich hat. + +Claudio. +Der priesterliche Angelo? + +Isabella. +O das ist die betrügerische Liverey der Hölle, den verdammtesten +Körper in priesterliches Gewand einzuhüllen. Kanst du glauben, +Claudio, daß wenn ich ihm meine Jungfrauschaft überlassen wollte, +du frey werden könntest? + +Claudio. +O Himmel! das kan nicht seyn. + +Isabella. +So ist es; diese Nacht ist die Zeit, da ich thun soll, was ich zu +nennen verabscheue, oder morgen stirbst du. + +Claudio. +Du sollst es nicht thun. + +Isabella. +O! wär' es nur mein Leben, ich wollt es für deine Befreyung so +willig hinwerfen, als eine Steknadel. + +Claudio. +Ich danke dir, meine theurste Isabella. + +Isabella. +Bereite dich also morgen zu sterben, Claudio. + +Claudio. +Ja. So hat er auch solche Begierden, die das Gesez in die Nase +beissen, wenn er es übertreten will--Gewißlich, es ist keine Sünde, +oder es ist doch wenigstens von den sieben Todsünden die lezte. + +Isabella. +Was ist die lezte? + +Claudio. +Wenn es so verdammlich wäre, würde er, der ein so weiser Mann ist, +um die Lust eines Augenbliks ewig verdammt seyn wollen? O Isabella +-- + +Isabella. +Was sagt mein Bruder? + +Claudio. +Tod ist ein fürchterliches Ding. + +Isabella. +Und ein schändliches Leben ein hassenswürdiges. + +Claudio. +Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht weiß wohin; in kalter +Erstarrung da ligen und verfaulen; diese warme gefühlvolle Bewegung +zum starren Kloz werden, indeß daß der wollustgewohnte Geist sich +in feurigen Fluthen badet, oder in Gegenden von aufgehäuftem Eyß +erstarret, oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser +Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch +unseliger ist als das unseligste, was zügellose und schwärmende +Gedanken heulend sich vorbilden--Das ist entsezlich! Das +armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet, was Alter, +Krankheit, Dürftigkeit und Gefangenschaft der Natur auflegen können, +ist ein Paradies gegen das, was wir auf den Tod fürchten. + +Isabella. +O weh! + +Claudio. +Liebste Schwester, laß mich leben. Wenn das Sünde seyn kan, +wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so +nachdrüklich für eine solche That, daß sie zur Tugend wird. + +Isabella. +O! du Thier! O! du ehrlose Memme! O! du schändlicher Elender! +Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden? Ist es +nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen +Schwester Schaam zu empfangen? Was muß ich denken? Möge der +Himmel verhütet haben, daß meine Mutter meinem Vater untreu gewesen; +ein so niederträchtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut +entstehen. Stirb, vergeh Elender! Könnt ich dich durch einen +blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun. Ich +will tausend Gebette für deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort, +dich zu retten. + +Claudio. +Nein, höre mich, Isabella. + +Isabella. +O Pfui, Pfui, Pfui, deine Sünde, izt seh ichs, ist kein Fall, +sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich würde selbst zur Kupplerin +werden; das beste ist, du sterbest ungesäumt. + +Claudio. +O höre mich, Isabella. + + + +Dritte Scene. +(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.) + + +Herzog. +Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort. + +Isabella. +Was ist euer Begehren? + +Herzog. +Wenn eure Zeit es zuliesse, so möcht ich eine kleine Unterredung +mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt. + +Isabella. +Ich habe keine überflüßige Zeit; ich muß mein Verweilen andern +Geschäften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben, +euch anzuhören. + +Herzog. +Sohn, ich habe gehört was zwischen euch und eurer Schwester +vorgegangen ist. Angelo hat nie den Vorsaz gehabt sie zu verführen; +seine Absicht war nur, ihre Tugend auf die Probe zu stellen, und +er ist erfreut daß sie ihn so muthig abgewiesen hat. Ich bin des +Angelo Beichtiger, und weiß daß diß wahr ist; bereitet euch also +zum Tode. Entkräftet eure Entschlossenheit nicht durch betrügliche +Hoffnungen; morgen müßt ihr sterben; auf eure Knie nieder, und +bereitet euch zu! + +Claudio. +Laßt mich meine Schwester um Verzeihung bitten. Die Liebe zum +Leben ist mir so vergangen, daß ich froh seyn werde, davon los zu +kommen. + +(Claudio geht ab.) + +Herzog. +Gehabt euch wohl. Kerkermeister, ein Wort mit euch. + +Kerkermeister. +Was ist euer Wille, Vater? + +Herzog. +Daß ihr euch ein wenig entfernen sollt; laßt mich eine Weile bey +dieser Schwester; mein Habit und mein Character sind euch Bürge, +daß sie von meiner Gesellschaft nichts zu besorgen hat. + +Kerkermeister. +Das kan wohl geschehen. + +(Geht ab.) + +Herzog. +Das Glük hat es so gefügt, daß ich von dem Anfall, den Angelo auf +eure Tugend gethan hat, benachrichtiget worden bin; und wenn diese +Gebrechlichkeit nicht durch andre Beyspiele begreiflich gemacht +würde, so würde sie mich an Angelo wundern: aber was wollt ihr thun, +diesen Statthalter zu befriedigen, und euern Bruder zu retten? + +Isabella. +Ich bin im Begriff ihm meinen Entschluß zu melden; ich will lieber, +mein Bruder sterbe durch das Gesez, als mein Sohn werde gegen das +Gesez gebohren. Aber, o! wie sehr hat sich der gute Herzog in +diesem Angelo betrogen! Wenn er jemals wieder zurük kömmt, und ich +vor ihn kommen kan, so will ich die Sprache verliehren, oder ihm +diese schändliche Regierung entdeken. + +Herzog. +Das wird nicht übel gethan seyn; aber so wie die Sache izt steht, +wird Angelo eure Anklage unkräftig machen; er wird sagen, er habe +euch nur auf die Probe gesezt. Höret also meinen Rath; meine +Begierde Gutes zu thun, giebt mir ein Mittel ein: Mich däucht, ihr +könntet auf die unschuldigste Art und zu gleicher Zeit einem armen +beleidigten Frauenzimmer einen Dienst leisten den sie verdient, +euerm Bruder das Leben retten, und euch dem abwesenden Herzog nicht +wenig gefällig machen, wenn er jemals wiederkommen, und von dieser +Sache hören sollte. + +Isabella. +Redet weiter; ich habe Muth genug alles zu unternehmen, wovon mein +Herz mir nicht sagt, daß es unrecht ist. + +Herzog. +Die Tugend ist herzhaft, und die Güte niemals furchtsam. Habt ihr +nicht von einer gewissen Mariana gehört, einer Schwester des +Schiffhauptmann Friedrichs der auf dem Meer verunglükte? + +Isabella. +Ich habe viel Gutes von diesem Frauenzimmer sagen gehört. + +Herzog. +Sie sollte dieser Angelo geheurathet haben, er hatte sich mit ihr +versprochen, und der Hochzeit-Tag war schon angesezt: Allein +während der Zwischenzeit hatte Friedrich das Unglük, in einem +Schiffbruch sein Vermögen, seiner Schwester Erbtheil, und sein +Leben zu verliehren. Die arme Fräulein verlor dadurch einen edeln +und angesehnen Bruder der sie zärtlichst liebte, mit ihm ihr +Heurathgut, und mit beyden ihren Bräutigam, diesen scheinbaren +Angelo. + +Isabella. +Ist das möglich? Angelo verließ sie? + +Herzog. +Verließ sie in Thränen, und troknete nicht eine derselben mit +seinem Trost ab, brach sein Gelübde unter dem Vorwand einige Fleken +an ihrer Ehre entdekt zu haben; kurz, überließ sie ihrem Elend, und +den Schmerzen die sie um seinetwillen leidet-- + + +Isabella. +Wie wohl würde der Tod thun, wenn er dieses arme Mädchen aus der +Welt nähme! Und wie ungerecht ist dieses Leben, daß es einen +solchen Mann leben läßt! Aber wie kan ihr geholfen werden? + +Herzog. +Es ist ein Bruch, den ihr leicht heilen könnet; und die Heilung +desselben rettet nicht nur euern Bruder, sondern macht auch daß ihr +ihn ohne Verlezung eurer Ehre retten könnet. + +Isabella. +Wie kan das geschehen, mein guter Vater? + +Herzog. +Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft; +sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgelöscht haben +sollte, hat sie, gleich einem Hinderniß das dem Lauf eines Stroms +entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht. Geht ihr +zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines +verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet +euch diese Bedingungen vor, daß ihr euch nicht lange bey ihm +verweilen müsset, daß die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen +begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein +Geheimniß erfodert. Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach +unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Mädchen, +sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn +die Wahrheit sich in der Folg' entdekt, ihn nöthigen ihr +Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in +Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird +versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen. Ich nehm' +es über mich, das gute Mädchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser +Entwurf sonst gefällt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen; +das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug +untadelhaft. Was dünkt euch hiezu? + +Isabella. +Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der +Ausgang werde erfreulich seyn. + +Herzog. +Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzüglich zu Angelo; +wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den +Bedingungen, die wir abgeredt haben. Ich will indessen zu Marianen +gehen; fraget mir bey St. Lucas wieder nach, und macht daß ihr von +Angelo bald zurükkommt. + +Isabella. +Ich danke euch für diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter +Vater. + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Die Straasse.) +(Der Herzog als ein Mönch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.) + + +Ellbogen. +Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht +legt, Männer und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen? Fort, +fort, euers Weges--He! Gott grüß euch, guter Pater Bruder. + +Herzog. +Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein +Herr? + +Ellbogen. +Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesündiget, und, Herr, +wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen +seltsamen Schlüssel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem +Stadthalter geschikt haben. + +Herzog. +Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schändlicher H** Wirth! Du +lebst von dem Bösen das du verursachst. Hast du auch einmal daran +gedacht, was das ist, von einem so unflätigen Laster den Magen zu +füllen, oder den Rüken zu kleiden? Sage zu dir selbst: Von ihren +abscheulichen viehischen Betastungen, eß' ich, trink' ich, kleid' +ich mich und lebe. Kanst du das für ein Leben halten, das von +einem so stinkenden Unterhalt abhängt? Geh, beßre dich, beßre dich! + +Harlequin. +In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr, +wollt' ich beweisen können-- + +Herzog. +Was willt du beweisen? Du bist ein verstokter Bube. Führ ihn in +den Kerker, Commiß; Züchtigung und Unterricht müssen zugleich +würken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen. + +Ellbogen. +Er muß vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der +Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden. Wenn er ein H** +Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so wär' es ihm eben so +gut, er wär' eine halbe Stunde weit von ihm. + +Harlequin. +Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden. + + + +Fünfte Scene. +(Lucio zu den Vorigen.) + + +Lucio. +Wie gehts, edler Pompey? Wie? in Cäsars Fesseln? Wirst du im +Triumph geführt? Wie? war keine von Pygmalions Statuen, die +kürzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man hätte dafür +beym Kopf kriegen können, daß sie die Hand in eine Tasche gestekt, +und eine Faust wieder herausgezogen? He! was sagst du zu dieser +neuen Methode? So gieng es nicht unter der lezten Regierung. Ha? +Was sagst du, Pflastertreter? wie gefällt dir diese neue Welt? Du +wanderst, däucht mich, ins Gefängniß? + +{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen. Warbürton.} + +Harlequin. +Ihr habt's errathen, mein Herr. + +Lucio. +Das läßt sich hören, Pompey, Glük zu; allenfalls kanst du sagen, +ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum-- + +Ellbogen. +Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth. + +Lucio. +Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H** +Wirth gehört, so geht die Sache in ihrer Ordnung. Ein H** Wirth +ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern +her; er ist ein gebohrner H** Wirth. Guten Abend, Pompey; mein +Compliment an das Gefängniß, Pompey; ihr werdet nun ein braver +Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hübsch das Haus hüten. + +Harlequin. +Ich hoffe Euer Gnaden werden Bürge für mich seyn. + +Lucio. +Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der +Mühe nicht; ich will um die Verlängrung eurer Gefangenschaft bitten; +schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer für euch; +fahr wohl, ehrlicher Pompey. Guten Abend, Bruder! + +Herzog. +Ebenfalls. + +Lucio. +Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey? ha? + +Ellbogen. +Fort euers Weges, Herr, fort. + +Lucio. +Munter, Pompey, es muß schon seyn. Was giebts neues, Frater, was +Neues? + +Ellbogen. +Fort, Herr, geht euers Weges. + +Lucio. +Geh, in den Stall, Pompey, geh. + +(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.) + + + +Sechste Scene. + + +Lucio. +Was giebts neues, Frater, vom Herzog? + +Herzog. +Ich weiß nichts; wißt ihr etwas? + +Lucio. +Einige sagen, er sey bey dem Rußischen Kayser; andre, er sey in Rom; +aber wo meynt ihr, daß er ist? + +Herzog. +Das weiß ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wünsch' ich ihm Gutes. + +Lucio. +Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat +wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines +Handwerks nicht ist. Der Herr Angelo hält indessen hübsch Haus, er +beunruhiget die Uebertretung, daß es nicht auszustehen ist. + +Herzog. +Daran thut er wohl. + +Lucio. +Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie möchte nicht +schaden; in diesem Stük ist er ein wenig zu streng, Bruder. + +Herzog. +Ein so verführisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden. + +Lucio. +Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird +es unmöglich seyn, es ganz auszurotten. Man sagt, dieser Angelo +sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und +einem Weib entstanden; ist es wahr, was däucht euch? + +Herzog. +Wie soll er denn entstanden seyn? + +Lucio. +Einige erzählen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey +von zwey Stokfischen gezeugt worden. Soviel ist gewiß, daß wenn er +das Wasser abschlägt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich weiß +daß es wahr ist, und daß er zur Zeugung unfähig ist, daran ist auch +nicht zu zweifeln. + +Herzog. +Ihr scherzet, mein Herr-- + +Lucio. +Zum Henker, was für eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der +Empörung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu +nehmen? Hätte der abwesende Herzog das gethan? Ehe er jemand, und +wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen wäre, hätte hängen +lassen, ehe hätte er für tausend das Kostgeld aus seinem Beutel +bezahlt. Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn +gelinde. + +Herzog. +Ich habe nie gehört, daß man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten +im Verdacht gehabt hätte; seine Neigung gieng nicht dahin. + +Lucio. +O mein Herr, ihr betrügt euch sehr. + +Herzog. +Es ist nicht möglich. + +Lucio. +Wie? der Herzog nicht? Das alte Mensch, das für euch bettelt, +könnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen +Ducaten in ihre Büchse. Der Herzog hat seine Schliche. Er liebte +auch den Trunk, das könnt ihr mir glauben. + +Herzog. +Gewißlich, ihr thut ihm unrecht. + +Lucio. +Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der +Herzog, und ich glaube ich weiß warum er sich entfernt hat. + +Herzog. +Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn? + +Lucio. +Um Vergebung, das ist ein Geheimniß, davon sich nicht reden läßt; +aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der gröste Theil +seiner Unterthanen hielt den Herzog für weise? + +Herzog. +Weise? wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war. + +Lucio. +Ein sehr superficieller, unwissender, unbedächtlicher Geselle. + +Herzog. +Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum daß ihr so redet. +Sein ganzes Leben, und alle seine öffentlichen Handlungen geben ihm +ein besseres Zeugniß; und der Neid selbst muß gestehen, daß er +gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist. Ihr sprecht also sehr +unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so +verrathet ihr viel Bosheit. + +Lucio. +Herr, ich kenn' ihn und ich lieb' ihn. + +Herzog. +Ihr würdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser +kennen wenn ihr ihn liebtet. + +Lucio. +Gut, Herr, ich weiß was ich weiß. + +Herzog. +Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wißt was ihr redet. +Wofern aber der Herzog wieder zurükkommt, so gestattet daß ich von +euch begehre, euch bey ihm zu verantworten. Habt ihr die Wahrheit +gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine +Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch +deßwegen um euern Namen. + +Lucio. +Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl. + +Herzog. +Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm +Nachricht von euch geben zu können. + +Lucio. +Ich fürchte euch nicht. + +Herzog. +O! ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet +euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden könne; und in +der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was +ihr hier gesagt habt, wieder abschwören. + +Lucio. +Erst will ich mich hängen lassen; du kennst mich nicht, Frater. +Doch nichts weiter hievon. Kanst du sagen, ob Claudio morgen +stirbt oder nicht? + +Herzog. +Warum sollt' er sterben, mein Herr? + +Lucio. +In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er +die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles, +was er gethan hat. Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, wäre +wieder da; dieser unvermögende Statthalter wird das ganze Land +durch Enthaltsamkeit entvölkern. Er leidet nicht, daß die +Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren +sind. Der Herzog würde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im +Finstern ausmachen; er würde sie gewiß nicht ans Licht ziehen. Ich +wollt' er wäre wieder da! Leb' wohl, mein guter Frater; ich bitte +um dein Gebet. Der Herzog, ich sag dir's noch einmal, macht sich +nichts daraus, an einem Freytag von einer Schöpskeule zu essen; +seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er würde eine +Bettlerin schnäbeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und +Knoblauch röche. Sag, ich hab' es gesagt, und gehab dich wohl. + +(Lucio geht ab.) + +Herzog. +Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterrüks +verwundende Verläumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend +anzugeifern. + + + +Siebende Scene. +(Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.) + + +Escalus. +Geht, führt sie ins Gefängniß. + +Kupplerin. +Ach, Gnädiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann +für einen so mitleidigen Herrn gehalten! Ach mein gütiger Herr! + +Escalus. +Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen +Verbrechen fortzufahren--das könnte die Gnade selbst zum Tyrannen +machen. + +Kerkermeister. +Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter +einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubniß. + +Kupplerin. +Gnädiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen +Lucio; Jungfer Käthchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des +Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf +nächsten Philippi und Jacobi fünf Virtheil Jahr alt; ich hab es +selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt. + +Escalus. +Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; laßt ihn vor uns +ruffen. Weg mit ihr ins Gefängniß; fort, fort, keine Worte mehr. + +(Sie gehen mit der Kupplerin ab.) + +Kerkermeister, mein Bruder Angelo läßt sich nicht überreden; +Claudio muß morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit +allem was er zu seiner Vorbereitung nöthig hat. Wenn mein +Mitleiden ihm etwas helfen könnte, sollte es nicht so seyn. + +Kerkermeister. +Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod +vorbereitet. + +Escalus. +Guten Abend, Vater. + +Herzog. +Heil und Segen sey mit euch! + +Escalus. +Woher seyd ihr? + +Herzog. +Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine +Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem +gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von +seiner Heiligkeit über das Meer gekommen. + +Escalus. +Was giebt es Neues in der Welt? + +Herzog. +Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die +doch die Neuigkeit jedes Tages ist, daß die Tugend siech und das +Laster munter, und daß es leichter ist, das Böse zu strafen als +selbst unverwerflich zu seyn. Ich bitte euch, mein Herr, von was +für einer Denkungsart war der Herzog? + +Escalus. +Von einer, die sich nichts angelegner seyn läßt, als sich selbst zu +kennen. + +Herzog. +Was für einem Vergnügen war er ergeben? + +Escalus. +Wenn er sich über etwas freute, so war es mehr über die Freude +andrer Leute, als daß er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte, +eine sonderliche Lust gehabt hätte. Doch wir wollen ihn seinen +Geschäften überlassen, und nur bitten, daß sie glüklich seyn mögen; +erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio +vorbereitet? Ich höre, daß ihr ihn besucht habt. + +Herzog. +Er bekennt, daß ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und +ergiebt sich mit gelaßner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit; +doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrügliche +Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe, +daß er izt entschlossen ist zu sterben. + +Escalus. +Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers +Berufs erfüllt. Ich habe mir für den armen Edelmann so viel Mühe +gegeben, als es die Bescheidenheit zuließ; allein ich habe meinen +Collegen Angelo so strenge gefunden, daß er mich genöthiget hat ihm +zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst. + +Herzog. +Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts +übereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich +selbst das Urtheil gesprochen. + +Escalus. +Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl. + +(Er geht ab.) + + + +Achte Scene. +(Der Herzog allein.) + + +Herzog. +Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und +unverwerflich seyn als er streng ist. Schaam über den, dessen +tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich +selbst nachsieht; dreyfache Schaam über Angelo, der andrer Laster +ausreutet, und die seinigen wachsen läßt. O! was für Unrath kan +in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein +Engel scheint! Wie leicht ist's dem Laster, unter dieser Gestalt, +die Welt und die Zeit selbst zu betrügen, und mit schwachen +Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an +sich zu ziehen. Ich muß List gegen Laster gebrauchen. Diese Nacht +soll seine ehmalige verlaßne und verschmähte Braut bey dem Angelo +ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu +befreyen, und einen alten Eheverspruch gültig zu machen. + + + + +Vierter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Eine Scheuer.) +(Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf. + Der Herzog als ein Franciscaner-Mönch kommt dazu.) + + +Mariane. +Hör auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg. Hier kommt ein +Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer +gestillet hat-- + +(Zum Herzog.) + +Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwürdiger Herr, und wünschte, +daß ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen hättet; +entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frölichkeit ist +nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens. + +Herzog. +Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat, +daß sie das Böse gut und das Gute böse machen kan. Ich bitte euch, +hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon über die Zeit seyn, +da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu +kommen. + +Mariane. +Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen +Tag hier gesessen bin. (Isabella kommt.) + +Herzog. +Ich glaube euch in allen Sachen;--Die Zeit ist gekommen, eben izt-- +Ich muß euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich +wieder zurük rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu +euerm Besten abgezielt ist. + +Mariane. +Ich werde euern Befehl erwarten. + +(Sie geht ab.) + + + +Zweyte Scene. + + +Herzog. +Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es +Neues von dem ehrlichen Stadthalter? + +Isabella. +Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen +eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stößt; +hier ist der Schlüssel, der das Thor in diesen Weinberg aufschließt; +und hier ein andrer, der eine kleine Thür öffnet, die aus dem +Weinberg in den Garten führt. Hier habe ich versprochen, in der +finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben. + +Herzog. +Aber seyd ihr auch gewiß, den Weg zu finden? + +Isabella. +Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten +malen gezeigt, daß ich ihn ganz genau angeben kan. + +Herzog. +Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die +das Frauenzimmer wissen muß, das eure Stelle vertreten wird? + +Isabella. +Keine andre, als daß die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll; +und daß ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt könne nur sehr kurz +seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung, +daß ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf +mich warten solle. + +Herzog. +Das ist wohl ausgesonnen. Aber ich habe Marianen noch kein Wort +von der Sache entdekt. Ha! kommt heraus, wenn es euch beliebt! + + + +Dritte Scene. +(Mariane zu den Vorigen.) + +Herzog (zu Isabella.) +Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer; +sie kommt, euch Gutes zu thun. + +Isabella. +Ich wünsche, daß es zu ihrem eignen Besten ausschlage. + +Herzog (zu Mariane.) +Seyd ihr überzeugt, daß ich euch hoch schäze? + +Mariane. +Mein gütiger Vater, ich bin vollkommen überzeugt, und habe Proben +davon. + +Herzog. +So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und höret die +Geschichte, die sie euch zu erzählen hat; ich will hier auf eure +Zurükkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an. + +(Mariane und Isabella gehen ab.) + +Herzog (allein.) +* O Macht und Grösse. Millionen falscher Augen sind auf dich +geheftet; ganze Bände voll unächter und widersprechender +Nachrichten verfälschen deine Thaten; und tausend halbkluge +Wizlinge machen dich zum Vater ihrer müssigen Träume, und foltern +dich in ihrer Einbildung--Willkommen! Wie versteht ihr euch mit +einander? + +{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen +begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehört, +nach des Dr. Warbürtons Meynung, zum Schluß der Scene zwischen +Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt, +von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen, +hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der +beyden Damen keine lange Weile habe.} + + + +Vierte Scene. +(Mariane und Isabella kommen zurük.) + + +Isabella. +Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider +einzuwenden habt, Vater. + +Herzog. +Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum. + +Isabella. +Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen, +als mit leiser Stimme: ("Erinnert euch nun meines Bruders.") + +Mariane. +Seyd unbekümmert-- + +Herzog. +Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter. +Ein gültiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist +also keine Sünde euch so zusammen zu bringen, indem die +Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht. +Kommt, laßt uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Das Gefängniß.) +(Der Kerkermeister und Harlequin.) + + +Kerkermeister. +Hieher, Bursche, könnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen? + +Harlequin. +Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich's; wenn er aber +ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan +unmöglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.* + +{ed.-* Der Spaß ligt hier in einem Wortspiel, das +sich nicht übersezen läßt.} + +Kerkermeister. +Laßt eure Schäkereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort. +Morgen früh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in +diesem Gefängniß einen öffentlichen Scharfrichter, der einen +Gehülfen nöthig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser +Gehülfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo +nicht, so macht euch gefaßt eure volle Zeit im Gefängniß +auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht +Prügel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wißt, daß ihr ein +stadtkündiger H** Wirth gewesen seyd. + +Harlequin. +Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun +vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun +ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergnügen seyn, +einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten. + +Kerkermeister. +Holla, Abhorson! Wo ist Abhorson? (Abhorson kommt.) + +Abhorson. +Ruft ihr mir, mein Herr? + +Kerkermeister. +Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der +Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht +euch mit ihm für ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht, +so braucht ihn für diesesmal, und laßt ihn wieder seines Weges +gehen. Er kan sich nicht beschweren, daß er mit euch in die +gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen. + +Abhorson. +Ein H** Wirth, mein Herr? Pfui, er wird unsre Kunst in einen bösen +Ruf bringen. + +Kerkermeister. +Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wägt gleich viel; +eine Feder würde die Wagschalen verrüken. + +(Er geht ab.) + +Harlequin (zu Abhorson.) +Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubniß, nennt ihr eure +Beschäftigung eine Kunst? + +Abhorson. +Ja, Herr, eine Kunst. + +Harlequin. +Mahlen, Herr, hab ich sagen gehört, ist eine Kunst, und da eure H**, +welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner +Zunft sind, so ist also bewiesen, daß meine Beschäftigung eine +Kunst ist; aber was für eine Kunst--im Hängen seyn sollte, wenn ich +gehenkt würde, kan ich mir nicht vorstellen-- +** (Der Kerkermeister kommt zurük.) + +{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warbürtons Anmerkung, eine ziemliche +Lüke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch übrig sind, +ganz unverständlich macht. Es verlohnt sich der Mühe nicht, diese +Scene ergänzen zu wollen, da sie selbst nach Warbürtons darauf +übelangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen +Wortspielen bleibt.} + +Kerkermeister. +Seyd ihr mit einander übereingekommen? + +Harlequin. +Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es däucht +mich, ein Henker zu seyn ist ein bußfertigeres Gewerbe als ein H** +Wirth zu seyn; er bittet öfter um Verzeihung. + +Kerkermeister. +Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr. + +Abhorson. +Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen +Handwerk anschiken must; folge mir. + +Harlequin. +Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann +Gelegenheit bekommen solltet, mich für euch selbst zu gebrauchen, +ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit für mich verdient +wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten. + +(Sie gehen ab.) + +Kerkermeister. +Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab' ich Mitleiden; +mit dem andren, der ein Mörder ist, nicht ein Jot, und wenn er +mein Bruder wäre. + + + +Sechste Scene. +(Claudio kommt herein.) + + +Kerkermeister. +Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und +bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden. Wo ist +Bernardin? + +Claudio. +So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig wäre, und nichts +zu befürchten hätte. Er wird nicht aufzuweken seyn. + +Kerkermeister. +Und was würd' es ihm auch helfen; er ist ein verhärteter Bube--Gut, +begebt euch wieder weg und bereitet euch. + +(Claudio geht ab.) + +Still! was für ein Getöse ist das?--der Himmel stärke euch!--Ich +komme--Hoffentlich ist es Begnadigung, oder doch einiger Aufschub +für den wakern Claudio--Willkommen, Vater. (Der Herzog kommt +herein.) + +Herzog. +Die besten und heilsamsten Geister der Nacht steigen auf euch herab, +wakrer Kerkermeister! Wer klopfte seit einiger Zeit hier an? + +Kerkermeister. +Niemand, seitdem die Nachtgloke geläutet worden. + +Herzog. +Nicht Isabella? + +Kerkermeister. +Nein. + +Herzog. +So wird sie doch nicht lange mehr ausbleiben. + +Kerkermeister. +Was für Hoffnung haben wir für den Claudio? + +Herzog. +Es ist noch nicht alle verlohren. + +Kerkermeister. +Der Statthalter ist ein harter Mann. + +Herzog. +Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen +Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen +bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein +Amt an andern strafen muß. Ja, dann wenn er selbst ausübte, was er +an andern straft, dann wär' er tyrannisch; aber so wie er ist, ist +er gerecht--Nun kommen sie. + +(Man hört an der Thüre klopfen. Der Kerkermeister geht hinaus.) + +Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an +einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn. Aber was +giebts? Was für ein Getöse? Das muß ein hastiger Geist seyn, der +so ungestüm an der Thüre pocht. (Der Kerkermeister kommt zurük.) + +Kerkermeister. +Er kan warten, bis der Wächter wieder kommt, der ihn hineinführen +soll; er ist abgeruffen worden. + +Herzog. +Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio? Muß er morgen +sterben? + +Kerkermeister. +Keinen, ehrwürdiger Herr, keinen. + +Herzog. +Es fängt schon an zu dämmern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es +Morgen seyn wird, mehr hören. + +Kerkermeister. +Wie glüklich wär's, wenn ihr etwas wißtet; aber ich fürchte, es +kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so +hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und +vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert. + + + +Siebende Scene. +(Ein Bote zu den Vorigen.) + + +Herzog. +Dieses ist einer von Sr. Gnaden Bedienten. + +Kerkermeister. +Und hier kommt Claudios Begnadigung. + +Bote. +Mein Gnädiger Herr überschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und +durch mich diesen mündlichen Zusaz, daß ihr nicht von dem kleinsten +Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die +andern Umstände betrift. Guten Morgen, denn ich denke, es ist +beynahe Tag. + +Kerkermeister. +Ich werde gehorchen. + +(Der Bote geht.) + +Herzog (für sich.) +Diß ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Sünde zu +vergeben die er selbst begeht--Nun, mein Herr, was habt ihr Neues? + +Kerkermeister. +Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich für nachläßig in +meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewöhnliche +Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat +es noch niemals so gemacht. + +Herzog. +Ich bitte euch, laßt mich's hören. + +Der Kerkermeister (lißt den Befehl.) +"Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes hören +möget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten, +und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern +Versicherung sorget dafür, daß mir der Kopf des Claudio um fünf Uhr +zugeschikt werde. Laßt dieses gehörig vollzogen werden, und +beobachtet hierinn eine noch grössere Sorgfalt als wir euch +anbefohlen. Eure eigne Gefahr soll uns für die Ausübung eurer +Pflicht Bürge seyn." Was sagt ihr hiezu, mein Herr? + +Herzog. +Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll? + +Kerkermeister. +Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und +schon neun Jahre gefangen ligt. + +Herzog. +Wie kam es, daß der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit +sezte, oder hinrichten ließ? Ich hörte, es sey allezeit sein +Gebrauch gewesen, es so zu machen. + +Kerkermeister. +Seine Freunde würkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und +in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des +Freyherrn Angelo, zu keinem vollständigen Beweis. + +Herzog. +Es ist also nun erwiesen? + +Kerkermeister. +Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht geläugnet. + +Herzog. +Wie hat er sich im Gefängniß aufgeführt? Scheint er gerührt zu +seyn? + +Kerkermeister. +Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod fürchtet, als vor +einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor +irgend etwas Vergangnem, Gegenwärtigen oder Zukünftigen, +unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art +sterblich. + +Herzog. +Es mangelt ihm an Unterricht. + +Kerkermeister. +Er nimmt keinen an; er hat im Gefängniß allezeit viel Freyheit +gehabt; man könnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne daß er es thun +würde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage +hintereinander betrunken. Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir +ihn zur Hinrichtung führen wollten, und ihm alle Zurüstungen dazu +gezeigt, ohne daß es ihn im mindesten bewegt hat. + +Herzog. +Hernach ein mehrers von ihm. Kerkermeister, Redlichkeit und +Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht +recht lese, so betrügt mich eine Kunst, in der ich einige +Erfahrenheit habe. Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin +wagen. Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt, +ist kein grösserer Sünder gegen das Gesez als Angelo, der ihn +verurtheilt hat. Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe +zu überzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; für welche ich euch +um eine eben so verbindliche als gefährliche Gefälligkeit ersuche. + +Kerkermeister. +Und worinn besteht sie, ich bitte euch. + +Herzog. +Den Tod des Claudio aufzuschieben. + +Kerkermeister. +Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der +ausdrükliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt +dem Angelo vor Augen zu bringen? Die Ueberschreitung des kleinsten +Umstands könnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen. + +Herzog. +Bey meinem Ordens-Gelübde, ich steh euch für alles, wenn ihr meinem +Rath Gehör geben wollt. Laßt diesen Bernardin morgen hingerichtet +werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios. + +Kerkermeister. +Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken. + +Herzog. +O! besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und +ihr könnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen; +scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme +Sünder hab' es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wißt, daß es +gewöhnlich ist. Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet, +als Dank und gutes Glük, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen +Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden. + +Kerkermeister. +Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid. + +Herzog. +Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter? + +Kerkermeister. +Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten würden. + +Herzog. +Wollt ihr glauben, daß ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog +diese Handlung billiget? + +Kerkermeister. +Wie kan er das, da er abwesend ist? + +Herzog. +Er kan es, weil er es würklich thut; da ich sehe daß ihr so +furchtsam seyd, daß weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch +meine Ueberredung euch bewegen können, so will ich weiter gehen, +als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten. Sehet, +mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne +Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn. + +Kerkermeister. +Ich erkenne beydes. + +Herzog. +Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs. Ihr +sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, daß +er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird. Diß ist ein Umstand, +den Angelo nicht weiß, denn diesen heutigen Tag erhält er Briefe +von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht +daß er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Glük, nichts von dem +was hier geschrieben ist. Seht, der Morgen bricht schon an. +Hänget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle +Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt. Ruft euern +Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine +Beichte hören, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben. +Ich sehe daß ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier muß euch +schlechterdings zum Entschluß bringen. Kommt mit mir, es ist schon +beynahe heitrer Tag. + + + +Achte Scene. +(Harlequin tritt auf.) + + +Harlequin. +Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim wäre; einer möchte denken, +es wäre Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten +Kundsleuten trift man hier an. Fürs erste ist hier der junge Herr +Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer, +hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er fünf Mark +baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer muß damals nicht +viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber müssen alle todt +gewesen seyn. Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf +Ansuchen Meister Three-Pile, des Krämers, wegen etlicher Stüke +Pfersichblüthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben +möchte. Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn, +und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr +Lüderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr. Schüzen, der +grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott' erstochen +hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Männer in +unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mögen, wie sie +wieder heraus kommen. (Abhorson kommt herein.) + +Abhorson. +Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher. + +Harlequin. +Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hängen lassen; +Monsieur Bernardin! + +Abhorson. +Holla, ho, Bernardin. + +Bernardin (hinter der Scene.) +Daß ihr die Kränke kriegt, ihr Hunde! Was für einen Lerm macht ihr +da? Wer seyd ihr? + +Harlequin. +Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr, +und aufstehen und euch erdrosseln lassen. + +Bernardin (hinter der Scene.) +Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schläfrig. + +Abhorson. +Sag ihm, er müsse aufstehen, und das nur gleich. + +Harlequin. +Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt +seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt. + +Abhorson. +Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus. + +Harlequin. +Er kommt, Herr, er kommt; ich höre das Stroh rascheln. (Bernardin +zu den Vorigen.) + +Abhorson. +Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl? + +Harlequin. +Ja, Herr. + +Bernardin. +Wie gehts, Abhorson? Was habt ihr Neues? + +Abhorson. +In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr würdet hurtig euer Gebet +verrichten; denn, seht hier, der Befehl für eure Execution ist da. + +Bernardin. +Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir +izt ungelegen. + +Harlequin. +O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des +Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nächsten Tag desto +ruhiger schlafen. (Der Herzog zu den Vorigen.) + +Abhorson. +Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, daß +es nur Spaß sey? + +Herzog. +Mein Herr, da ich gehört habe, wir schnell ihr die Welt verlassen +sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch +vorzubereiten, zu trösten, und mit euch zu beten. + +Bernardin. +Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und +ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen +mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr +dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht. + +Herzog. +O, mein Herr, ihr müßt; und also bitte ich euch, bedenket die Reise +wohl, die ihr zu machen habt. + +Bernardin. +Ich schwör euch aber, daß mich kein Mensch in der Welt überreden +soll, heute zu sterben. + +Herzog. +Aber ihr hört ja-- + +Bernardin. +Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein +Gefängniß, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen. + +(Er geht ab.) + + + +Neunte Scene. +(Der Kerkermeister zu den Vorigen.) + + +Herzog. +Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es ängstiget mein Herz! +aber es muß seyn--Geht ihm nach, ihr Leute, und führt ihn zu dem +Blok. + +Kerkermeister. +Nun, mein Ehrwürdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen? + +Herzog. +Unbereitet und untüchtig zum Sterben; ihn in der Gemüthsfassung +worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, wäre verdammlich. + +Kerkermeister. +Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefängniß an einem hizigen +Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr berüchtigter Räuber, ein Mann +von Claudios Jahren; Bart und Haar völlig von der nemlichen Farbe; +wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser +anläßt, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der +dem Claudio ähnlicher sieht? + +Herzog. +O, diß ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig +zur Ausführung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rükt +heran; sorget davor, daß alles seinem Befehl so gemäß eingerichtet +werde, daß er den Tausch nicht merken könne; indessen daß ich mich +bemühen werde, diesen rohen Unglükseligen zum Tode willig zu machen. + +Kerkermeister. +Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin +muß diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio +länger hier behalten, ohne daß ich in Gefahr komme, wenn es bekannt +wird daß er noch lebt? + +Herzog. +Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen +Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr +von eurer Sicherheit durch den Augenschein überzeugt werden. + +Kerkermeister. +Ich gehorche euch mit Vergnügen. + +Herzog. +Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf. + +(Kerkermeister geht ab.) + +Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er +ersehen soll, daß ich nahe bey der Stadt bin, und daß wichtige +Ursachen mich verbinden, einen öffentlichen Einzug zu halten; ich +will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt +bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann, +nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand +nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmöglichkeit gesezt, +sich loßzuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der +Kerkermeister kommt.) + +Kerkermeister. +Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen. + +Herzog. +Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rükkunft, denn ich habe +euch Sachen zu eröffnen, die keine andre Ohren brauchen als die +eurigen. + +Kerkermeister. +Ich will so hurtig seyn als ich kan. + +(Geht ab.) + +(Isabella ruft hinter der Scene.) + +Herzog. +Das ist der Isabella Stimme--Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres +Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste +noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon überraschet werde, +wenn sie es am wenigsten erwarten kan. + + + +Zehnte Scene. + + +Isabella. +Mit eurer Erlaubniß-- + +Herzog. +Guten Morgen, meine schöne und liebenswürdige Tochter. + +Isabella. +Von einem so heiligen Mann kan dieser Gruß nicht anders als werth +seyn. Hat der Stadthalter Befehl für meines Bruders Begnadigung +geschikt? + +Herzog. +Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist +abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt. + +Isabella. +Nein, es ist nicht so, will ich hoffen. + +Herzog. +Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit, +meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit. + +Isabella. +O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen. + +Herzog. +Ihr würdet nicht vor ihn gelassen werden. + +Isabella. +Unglüklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter +Angelo! + +Herzog. +Diß schadet ihm nichts, und nüzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch +also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; höret was ich euch sage; +ihr werdet ganz gewiß erfahren, daß es von Sylbe zu Sylbe eine +sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet +eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist, +hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und +Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rüsten, ihm vor die +Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu übergeben. Wenn ihr +soviel von euch selbst gewinnen könnet, meinem Rath zu folgen, so +werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wünschen kan, +an diesem Unglükseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen. + +Isabella. +Ich überlasse mich eurer Führung. + +Herzog. +Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben +dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht +giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, daß ich ihn heute +Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst +von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er +soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht +anklagen und überweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes +Gelübde genöthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit +diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese äzenden +Thränen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure +Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier? + + + +Eilfte Scene. +(Lucio zu den Vorigen.) + + +Lucio. +Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister? + +Herzog. +Nicht hier, mein Herr. + +Lucio. +O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blaß, deine +schöne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich muß mich +auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und +Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich für meinen Kopf nicht +unterstehen, meinen Bauch zu füllen; eine einzige gute Mahlzeit +würde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier +seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wäre der +alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause +gewesen, so lebte er noch. + +(Isabella geht ab.) + +Herzog. +Mein Herr, der Herzog ist euch für eure Discourse von ihm +ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, daß +sie nicht wahr sind. + +Lucio. +Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein beßrer +Weidmann als du dir einbildest. + +Herzog. +Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben. Lebet +wohl. + +Lucio. +Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige +Histörchen von dem Herzog erzählen. + +Herzog. +Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzählt, wenn sie wahr +sind; und sind sie es nicht, so wären gar keine schon genug. + +Lucio. +Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind +gemacht hatte. + +Herzog. +Thatet ihr das? + +Lucio. +Das denk ich, zum Henker, daß ich es that; aber ich schwur es +sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hätte, sie hätten +mich an die faule Mispel verheurathet. + +Herzog. +Mein Herr, eure Gesellschaft ist schöner als ehrenhaft: Bleibt ein +wenig zurük oder geht voraus, wenn ich bitten darf. + +Lucio. +Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir +H**jägers-Discourse ärgerlich sind, so wollen wir sparsam damit +seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hänge +mich an. + +(Sie gehen ab.) + + + +Zwölfte Scene. +(Der Palast.) +(Angelo. Escalus.) + + +Escalus. +Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden. + +Angelo. +Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel +gebe, daß sein Verstand nicht angegriffen seyn möge! Und warum +sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Ämter dort +niederlegen? + +Escalus. +Das kan ich nicht errathen. + +Angelo. +Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen, +daß wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch +beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse übergeben +solle? + +Escalus. +Für dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen +Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns fürs künftige gegen +Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen +uns haben sollen. + +Angelo. +Gut; ich bitte euch, laßt den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen; +ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige +wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen. + +Escalus. +Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl. + +Angelo. +Gute Nacht. Diese That entmannet mich gänzlich, macht mich unfähig +zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine +geschändete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez +wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte. +Allein, ausserdem daß ihre zärtliche Schaamhaftigkeit sich nicht +wird überwinden können, den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre +selbst auszuruffen, was würde ihr Zeugniß gegen mich vermögen? Was +ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten. +Mein Ansehen ist zu groß, zu befestigt, als daß irgend eine +Beschuldigung von dieser Art an mir haften könnte, und nicht mit +Schaam auf denjenigen zurückfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte-- +Ich hätte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hätte, seine +hizige Jugend möchte dereinst seine beleidigte Ehre rächen, ohne +sich mir für ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer +solchen Schande erkauffen mußte. Und doch wünschte ich, daß er +noch lebte! Himmel! Wie unglüklich sind wir, wenn wir nur einmal +unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reißt uns eine böse +That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister über das, +was wir wollen oder nicht wollen! + +(Geht ab.) + + + +Dreyzehnte Scene. +(Eine Gegend vor der Stadt.) +(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.) + + +Herzog. +Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehören. Der +Kerkermeister weiß bereits von unserm Vorhaben und von der +Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhängig gemacht +ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure +besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen +Absprung machen könnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht, +suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben +diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und +befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber +schiket vorher zu dem Flavius. + +Peter. +Es soll aufs schleunigste geschehen. + +(Peter geht ab.) + +(Varrius.) + +Herzog. +Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir +wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns +hier grüssen werden, mein werther Varrius. + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierzehnte Scene. +(Isabella und Mariane treten auf.) + + +Isabella. +Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen; +ich möchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist +eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, daß es +zu Erreichung unsrer Absicht nöthig sey. + +Mariane. +Ueberlaßt es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt. + +Isabella. +Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen, +wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden +sollte-- + +Mariane. +Ich wünschte, der Bruder Peter-- + +Isabella. +Stille, da kommt er ja. + +(Peter zu den Vorigen.) + +Peter. +Kommt, ich habe einen Ort für euch ausfündig gemacht, wo ihr ganz +bequem warten könnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan. +Die Trompeten haben schon zweymal getönt; die angesehensten Bürger +haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im +Anzug; wir müssen eilen. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Fünfter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Ein öffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.) +(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus, + Lucio und einige Bürger, treten auf verschiednen Seiten auf.) + + +Herzog. +Mein würdiger Vetter, ich danke euch für diesen Willkomm; unser +alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen. + +Angelo und Escalus. +Beglükt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft! + +Herzog. +Wir danken euch beyden von Herzen. + +(Zu Angelo.) + +Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hören so viel Gutes +von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, daß wir nicht umhin +können, euch deßwegen öffentlichen Dank zu erstatten, bis wir +Gelegenheit haben, es auf eine vollständigere Art zu thun. + +Angelo. +Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grösser. + +Herzog. +O! euer Verdienst redet laut, und ich würde ungerecht gegen +dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens +einschliessen wollte; da es würdig ist, mit Buchstaben von Erzt +gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu +werden. Gebt mir eure Hand, und laßt die Unterthanen sehen, wie +begierig wir sind, unsre innerliche Achtung für euch durch +äusserliche Merkmale öffentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus; +ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers +Zutrauens würdig bewiesen. + +(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.) + + + +Zweyte Scene. +(Peter und Isabella zu den Vorigen.) + + +Peter (zu Isabella.) +Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm. + +Isabella. +Gerechtigkeit, Gnädigster Herr; werfet euern Blik auf eine +unglükliche, mißhandelte--Schier hätte ich gesagt, Jungfrau: O, +würdiger Fürst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern +Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehört, +und mir Recht verschaft habt. + +Herzog. +Was für Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht +es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird; +eröffnet euch ihm. + +Isabella. +O mein Gnädigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlösung bey dem Teufel +zu suchen. Höret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe, +muß entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder +euch Rache abnöthigen; o, höret mich, höret mich. + +Angelo. +Gnädigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie +hat eine vergebliche Fürbitte für ihren Bruder bey mir eingelegt, +der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat. + +Isabella. +Lauf der Gerechtigkeit! + +Angelo. +Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen. + +Isabella. +Höchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde; +daß Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? daß +Angelo ein Mörder ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein +ehebrechrischer Räuber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schänder ist? +ist das nicht seltsam, und abermal seltsam? + +Herzog. +In der That, es ist zehenmal seltsam. + +Isabella. +Und doch ist es nicht wahrer, daß er Angelo ist, als daß alles +dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer; +denn Wahrheit ist am Schluß allemal Wahrheit. + +Herzog. +Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrükung +ihres Gehirns. + +Isabella. +O Fürst ich beschwöhre dich, wenn du anders glaubest daß noch ein +andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der +Meynung, daß ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht +unmöglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmöglich, +daß der ärgste Bube im Herzen von aussen so spröde, so ernsthaft, +so gerecht, so unsträflich scheinen kan, als Angelo; +gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern, +Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bösewicht seyn; Glaubet +mir, gnädigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar +nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen für seine Boßheit hätte. + +Herzog. +Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube, +so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so +viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den +Reden eines Wahnwizigen gehört habe. + +Isabella. +Gnädigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung; +verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt; +sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen, +wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil +er Wahrheit scheint. + +Herzog. +Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger +Vernunft--Was wollt ihr dann sagen? + +Isabella. +Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sünde +der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war +es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in +einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt; +ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte-- + +Lucio. +Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubniß; Claudio hatte mich zu +ihr geschikt, um sie zu bewegen, daß sie versuchen sollte, durch +ihre rührende Fürbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwürken. + +Isabella. +Er ist es, in der That. + +Herzog (zu Lucio.) +Man hat euch nicht befohlen zu reden. + +Lucio. +Nein, Gnädigster Herr, noch gewünscht daß ich schweigen möchte. + +Herzog. +Ich wünsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und +wenn ihr Gelegenheit bekommt für euch selbst zu sprechen, so bittet +den Himmel, daß ihr alsdenn nicht verstummen möget. + +Lucio. +Dafür steh' ich Euer Gnaden. + +Herzog. +Es wird sich zeigen. + +Isabella. +Dieser Edelmann erzählte etwas von meiner Geschichte. + +Lucio. +So ists. + +Herzog. +Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an +euch kommt. Weiter! + +Isabella. +Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter. + +Herzog. +Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen. + +Isabella. +Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemäß. + +Herzog. +Wieder verbessert--der Materie--Nur weiter. + +Isabella. +Kurz, um die unnöthigen Umstände zu übergehen, wie viel +Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu +Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm +geantwortet, denn dieses daurte sehr lang--ich will den Anfang +damit machen, womit dieser Auftritt sich beschloß, wenn ich es +anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf, +daß er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte, +als wenn ich meinen jungfräulichen Leib seiner unkeuschen Begierde +überlassen würde; und nach vielem Wortwechsel übertäubte endlich +das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach: +Aber den folgenden Morgen früh, nachdem er seinen Zwek erhalten +hatte, schikt' er Befehl, daß meinem Bruder der Kopf abgeschlagen +werden sollte. + +Herzog (spöttisch.) +Das ist sehr wahrscheinlich! + +Isabella. +O möcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist. + +{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like), +welches der Herzog für wahrscheinlich, und Isabella für artig oder +anständig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.} + +Herzog. +Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst, +oder du bist durch boshafte Künste gegen seine Ehre aufgestiftet +worden. Fürs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser +Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, daß er eine +Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem +andern gestraft haben sollte; hätte er sich so vergangen, so würde +er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf +gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht +die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage +hier vorgebracht? + +Isabella. +Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen +dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in +partheyische Gunst eingehüllet wird! Der Himmel bewahre Euer +Durchlaucht so gewiß vor Unfall, als es wahr ist, daß ich das +Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde. + +Herzog. +Das glaube ich, daß ihr gerne davon gehen möchtet. Einen +Stadtbedienten, ins Gefängnis mit ihr. Sollten wir gestatten, daß +eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so ärgerlich +angeschmizt werden dürfte? Das muß nothwendig eine angestellte +Sache seyn. Wer weiß mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen? + +Isabella. +Einer den ich gerne hieher wünschen möchte, der Pater Ludewig. + +Herzog. +Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig? + +Lucio. +Gnädigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Mönch, der seine Nase in +alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wär er ein Lay gewesen, +Gnädigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider +Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat, +abgeschmiert haben, daß er es gefühlt hätte. + +Herzog. +Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach; +und dieses unglükliche Weibsbild wider unsern Stadthalter +aufzustiften! Laßt diesen Mönchen aufsuchen. + +Lucio. +Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mönch im +Gefängniß bey einander an; eine unverschämte Kutte, wie gesagt, ein +recht boshafter Geselle. + +Peter. +Mit Euer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß, ich stand dabey, und ich +hörte genug um zu sehen, wie sehr euer königliches Ohr mißbraucht +wird. Fürs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter höchst +frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung +mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist. + +Herzog. +Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von +dem sie spricht? + +Peter. +Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht fürwizig +sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt +hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt, +von Euer Durchlaucht ungebührlich gesprochen hat. + +Lucio. +Gnädigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir. + +Peter. +Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in +diesem Augenblik, Gnädigster Herr, ist er an einem wunderbaren +Fieber krank. Bloß auf sein Bitten (da es bekannt wurde, daß hier +eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte) +bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von +der Sache weiß, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit +seinem Eyde zu bekräftigen im Stand ist. Was anforderst dieses +Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses würdigen +Herrn, der auf eine so öffentliche und persönliche Art von ihr +beschimpft wird, hören wie sie vor euern Augen dergestalt wird +überwiesen werden, daß sie es selbst wird eingestehen müssen. + +Herzog. +Mein guter Pater; laßt's uns hören. Lächelt ihr nicht über diese +Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was für eine Unbesonnenheit von +diesen unglüklichen Thoren!--Gebt uns Size; kommt, mein Vetter +Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr +Richter in eurer eignen Sache. + +(Isabella wird mit einer Wache weggeführt, +und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.) + + + +Dritte Scene. + + +Herzog. +Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen, +eh sie spricht. + +Mariane. +Um Vergebung, Gnädigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen, +ausser mein Gemahl beföhl' es mir. + +Herzog. +So seyd ihr verheurathet? + +Mariane. +Nein, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Seyd ihr ein Mädchen? + +Mariane. +Nein, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Eine Wittwe also? + +Mariane. +Auch das nicht, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Mädchen, noch Frau, noch Wittwe? + +Lucio. +Gnädigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Köchin-- + + +Herzog. +Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hätte etwas mit +sich selbst zu dahlen. + +Lucio. +Gut, Gnädigster Herr. + +Mariane. +Gnädigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen; +ich gesteh auch zugleich, daß ich kein Mädchen bin; ich habe meinen +Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weiß nicht, daß er mich jemals +gekannt hat. + +Lucio. +So war er also betrunken, Gnädigster Herr, es kan nicht anders seyn. + +Herzog. +Ich wollte du wär'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens. + +Lucio. +Gut, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Das ist keine Zeugin für den Freyherrn Angelo. + +Mariane. +Ich komme nun dazu, Gnädigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn +beschuldiget, daß er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl +an, indem sie vorgiebt, daß es zu einer Zeit geschehen sey, von der +ich behaupte, daß ich ihn mit allen Würkungen der Liebe in meinen +Armen hatte. + +Angelo. +Beschuldiget sie jemand mehr als mich? + +Mariane. +Nicht daß ich wüßte. + +Herzog. +Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl? + +Mariane. +So ist es, Gnädigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt, +er wisse gewiß, daß er mich nie berührt habe, aber gewiß weiß, daß +er sich einbildt, es sey Isabella gewesen. + +Angelo. +Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen! + +Mariane. +Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun. + +(Sie nimmt ihren Schleyer ab.) + +Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst, +wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu +werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen +Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der +das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus +ihre eingebildete Person vorstellte! + +Herzog (zu Angelo.) +Kennt ihr dieses Frauenzimmer? + +Lucio. +Fleischlicher Weise, sagt sie. + +Herzog. +Schlingel, kein Wort mehr. + +Lucio. +Genug, Gnädigster Herr. + +Angelo. +Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer +kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir +und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug, +theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es +angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen +Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich +bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder +gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe. + +Mariane. +Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom +Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit +in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten +Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner +Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein +Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder +aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild +stehen bleiben. + +Angelo. +Ich lächelte bisher nur; aber nun, Gnädigster Herr, muß ich Euer +Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu +Ende; ich sehe, daß diese armen einfältigen Weibsbilder nur die +Werkzeuge einer verborgnen und mächtigern Hand sind, die sie in +Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnädigster Herr, daß ich mich +bemühe, auf den Grund dieses Complots zu kommen. + +Herzog. +Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt, +abzustraffen. Du thörichter Mönch und du boshaftes Weibsbild, +denkt ihr, eure Eydschwüre selbst, und wenn sie alle Heiligen +persönlich herabschwören würden, wären ein hinlängliches Zeugniß +gegen sein bewährtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus, +sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche +Mühe, die Quelle dieser schändlichen Verläumdungen zu entdeken. Es +ist noch ein andrer Mönch, der sie aufgestiftet hat; laßt ihn +herbeyschaffen. + +Peter. +Ich wünschte, Gnädigster Herr, er wäre hier; denn in der That ist +er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen +anhängig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich +aufhält, und kan ihn holen. + +Herzog. +Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und würdiger +Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu +untersuchen, verfahret nach euerm Gutdünken in Bestrafung der +Schuldigen. Ich will euch für eine Weile verlassen; aber bleibt +ihr so lange zurük, bis ihr die Bosheit dieser Verläumder völlig zu +Schanden gemacht habt. + +(Er geht ab.) + + + +Vierte Scene. + + +Escalus. +Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio, +sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann +von schlechter Aufführung? + +Lucio. +(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwürdig an ihm als +seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des +Herzogs gesprochen. + +Escalus. +Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu +überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer +Vogel ist. + +Lucio. +Als irgend einer in Wien, auf mein Wort. + +Escalus. +Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich +bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt +sehen wie ich sie behandeln werde. + +Lucio (vor sich.) +Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage. + +Escalus. +Wie beliebt? + +Lucio. +Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln +würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich, +es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Mönchshabit, und +der Kerkermeister; +Isabella wird herbeygeführt.) + +Escalus. +Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam; +Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt +habt. + +Lucio. +Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit +dem Kerkermeister. + +Escalus. +Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen. + +Lucio. +Nein!-- + +Escalus. +Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete, +den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es +seyd. + +Herzog. +Es ist nicht wahr. + +Escalus. +Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd? + +Herzog. +Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst +kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo +ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll. + +Escalus. +Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu, +daß ihr die Wahrheit sagt. + +Herzog. +Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm +hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction! +Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der +Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und +die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr +anzuklagen gekommen seyd. + +Lucio. +Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte. + +Escalus. +Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug, +daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen +Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise +und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm +auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu +beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen +dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben +abläugnen sollst. Was? Ungerecht? + +Herzog. +Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von +mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan +nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine +Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier +in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß +der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft; Geseze +gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen +werden, daß sie der Geseze spotten. + +Escalus. +Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß. + +Angelo. +Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann, +von dem ihr uns erzähltet? + +Lucio. +Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt +ihr mich? + +Herzog. +Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender +Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an. + +Lucio. +So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem +Herzog sagtet? + +Herzog. +Vollkommen, mein Herr. + +Lucio. +Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein +Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet? + +Herzog. +Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen +lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers. + +Lucio. +O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du +so redtest? + +Herzog. +Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst. + +Angelo. +Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem +er so verräthrische Reden ausgestossen hat? + +Escalus. +Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm +ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß; +legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen +Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen. + +Herzog. +Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig. + +Angelo. +Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio. + +Lucio. +Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr; +wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf +kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht, +daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und +laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort? + +(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.) + +Herzog. +Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat. +Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute +Bürge seyn--Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der +Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht +ihn feste. + +Lucio. +Das kan noch ärger werden, als hängen. + +Herzog (zu Escalus.) +Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen +einen Plaz von diesem Herrn da borgen. + +(Zu Angelo.) + +Mit eurer Erlaubniß, mein Herr--Hast du Worte, oder Wiz, oder +Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast, +so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und +halte dann noch aus, wenn du kanst. + +Angelo. +O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine +Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke, +daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine +Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres +Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß +macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und +der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte. + +Herzog. +Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem +Frauenzimmer verlobt? + +Angelo. +Ich war, Gnädigster Herr. + +Herzog. +So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr +die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder +hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister. + +(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. + + +Escalus. +Gnädigster Herr, ich bin mehr über seine Schande bestürzt, als über +die Seltsamkeit der Sache. + +Herzog. +Tretet näher, Isabella; euer Frater ist nun euer Fürst, ich war in +jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein +Herz mit meinem Anzug zu verändern, werde ich allezeit zu euerm +Dienst gewidmet bleiben. + +Isabella. +O! vergebet mir, mein gnädigster Herr, daß ich, eure Vasallin, +eure unerkannte Hoheit beschäftigt und bemühet habe. + +Herzog. +Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mädchen, lasset +mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weiß es, euers Bruders Tod +ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum +ich mich begnügt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und +nicht lieber meine verkleidete Macht plözlich zu erkennen gegeben, +als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset, +liebenswürdigstes Geschöpf, daß nichts als die zuschnelle +Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, daß sie +später erfolgen würde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey +über ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr +fürchten muß; tröstet euch damit; euer Bruder ist glüklich. + +Isabella. +Ich thu es, Gnädigster Herr. + + + +Sechste Scene. +(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.) + + +Herzog (zu Isabella.) +Was diesen neuvermählten Mann, der hier wieder zurük kommt, betrift, +dessen üppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt +hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der +eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des +gebrochnen Versprechens, sich schuldig wußte, euerm Bruder das +Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes +mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo für Claudio, +Tod für Tod, Gleiches für gleiches, und Maaß für Maaß. + +(Er wendet sich zum Angelo.) + +Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, daß du sie nicht +läugnen könntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also, +auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio +sich zum Tod bükte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm. + +Mariane. +O! mein Gnädigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht +zum Scherz einen Gemahl gegeben. + +Herzog. +Ich hielt eure Vermählung nur nöthig, um eure Ehre sicher zu +stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm künftigen +Glük im Wege gestanden wäre; was seine Güter betrift, so sezen wir, +ob sie gleich durch Confiscation unser wären, euch in den Besiz +davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern +Gemahl kauffen könnet. + +Mariane. +O Mein theurester Fürst, ich verlange keinen andern und keinen +bessern Mann. + +Herzog. +Bittet nicht für ihn, unser Schluß ist gefaßt. + +Mariane. +Mein gnädigster Herr-- + +Herzog. +Ihr verliehrt nur eure Mühe--weg mit ihm zum Tode. + +(Zu Lucio.) + +Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch. + +Mariane. +O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir +zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll +zu eurem Dienst gewidmet seyn. + +Herzog. +Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte +sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen, +ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in +Schreknissen von hinnen reissen. + +Mariane. +Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure +Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen, +sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben, +vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella, +wollt ihr nicht mit mir knien? + +Herzog. +Er stirbt für Claudios Tod. + +Isabella (kniend.) +Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen +verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich +hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses +ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als +Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich +ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht +zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen, +und Vorsäze sind blosse Gedanken. + +Mariane. +Blosse Gedanken, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich +indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es, +daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde? + +Kerkermeister. +Es wurde so befohlen. + +Herzog. +Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen? + +Kerkermeister. +Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft. + +Herzog. +Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab. + +Kerkermeister. +Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein +Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da +ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses, +daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls +sterben sollte, noch habe leben lassen. + +Herzog. +Wer ist er? + +Kerkermeister. +Er nennt sich Bernardin. + +Herzog. +Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn +hieher, ich will ihn sehen. + +Escalus. +Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr, +Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des +Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte +gemacht habt. + +Angelo. +Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle +mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod +flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum. + + + +Siebende Scene. +(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.) + + +Herzog. +Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet? + +Kerkermeister. +Dieser, Gnädigster Herr. + +Herzog. +Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du +habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte, +und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode +verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine +Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende +diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn; +Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände. +Was für ein vermummter Geselle ist das? + +Kerkermeister. +Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben +sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so +sehr als sich selbst. + +Herzog (zu Isabella.) +Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget, +und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und +sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon +zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu +besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in +seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet +eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut +ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich +nicht verzeihen kan. + +(Zu Lucio.) + +Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen +lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab +ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet? + +Lucio. +Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode +ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich +deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte +lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu +lassen. + +Herzog. +Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister, +laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild +sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn +dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so +soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die +Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen. + +Lucio. +Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen; +Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht; +Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht +mich zu einem Hahnrey. + +Herzog. +Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und +alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn +indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen +werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr +gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük, +Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und +kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für +deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu +erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und +Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu +gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf +statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von +selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr +zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was +mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in +unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle +zu wissen nöthig habt. + + +Maaß für Maaß, oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen, +von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland). + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure) +by William Shakespeare + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MAASS FUER MAASS *** + +This file should be named 7233-8.txt or 7233-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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