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+The Project Gutenberg EBook of Romeo und Juliette, by William Shakespeare
+#16 in our series by William Shakespeare
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Romeo und Juliette
+
+Author: William Shakespeare
+
+Release Date: January, 2005 [EBook #7232]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on March 29, 2003]
+
+Edition: 10a
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMEO UND JULIETTE ***
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+
+
+Romeo und Juliette.
+
+William Shakespeare
+
+Ein Trauerspiel.
+
+Übersetzt von Christoph Martin Wieland
+
+
+Personen.
+
+Escalus, Fürst von Verona.
+Paris, ein junger Cavalier, dem Fürsten verwandt, und Juliettens
+Liebhaber.
+Montague und Capulet, die Häupter von zween edlen Geschlechtern,
+die in Feindschaft mit einander stehen.
+Romeo, Montaguens Sohn.
+Mercutio, ein Verwandter des Fürsten, und Romeos Freund.
+Benvolio, Vetter und Freund des Romeo.
+Tybalt, Neffe des Capulet.
+Bruder Lorenz und Bruder Johann, Mönche.
+Balthasar, Bedienter von Romeo.
+Ein Edelknabe des Paris.
+Sampson und) Gregorio(, Capulets Bediente.
+Abraham, ein Bedienter von Montague.
+Ein Apotheker.
+Simon Kazen-Darm, Hug Leyermann und Samuel Windlade, Musicanten.
+Peter, der Amme Diener.
+Lady Montague.
+Lady Capulet.
+Julietta, Capulets Tochter.
+Die Amme derselben.
+Bürger von Verona, Masken, Trabanten, Wache, und andre stumme
+Personen.
+
+Die Scene ist im Anfang des fünften Aufzugs in Mantua, und sonst
+immer in Verona.
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Eine Strasse in Verona.)
+(Sampson und Gregorio, zween Bediente der Capulets, treten mit
+ Schwerdtern und Schilden bewaffnet auf, und ermuntern einander sich
+ tapfer gegen die Montägues zu halten; ihre ganze Unterredung ist
+ ein Gewebe von Wortspielen, Doppelsinn und Zoten.)
+(Abraham und Balthasar zu den Vorigen.)
+
+
+Gregorio (zu Sampson.)
+Zieh vom Leder, hier kommen ein Paar von den Montägischen--
+
+Sampson.
+Meine Fuchtel ist heraus; fang nur Händel an, ich will dir den Weg
+weisen--
+
+Gregorio.
+So? Willt du davon lauffen?
+
+Sampson.
+Sey ohne Sorge, ich will stehen wie eine Mauer; aber es ist doch
+das Sicherste, wenn wir das Gesez auf unsrer Seite haben; wir
+wollen sie anfangen lassen.
+
+Gregorio.
+Ich will die Nase rümpfen, indem ich bey ihnen vorbeygehe; sie
+mögen's dann aufnehmen, wie sie es verstehen.
+
+Sampson.
+Oder wie sie das Herz dazu haben. Ich will meinen Daumen gegen sie
+beissen, welches eine Beschimpfung für sie ist, wenn sie's leiden.
+
+Abraham.
+Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
+
+Sampson.
+Ich beisse meinen Daumen, Herr.
+
+Abraham.
+Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr?
+
+Sampson (zu Gregorio leise.)
+Ist das Gesez auf unsrer Seite, wenn ich sage, ja?
+
+Gregorio.
+Nein.
+
+Sampson (laut.)
+Nein, Herr, ich beisse meinen Daumen nicht gegen euch, Herr: Aber
+ich beisse doch meinen Daumen, Herr.
+
+Gregorio.
+Sucht ihr Händel, Herr?
+
+Abraham.
+Händel, Herr? Nein, Herr.
+
+Sampson.
+Wenn ihr's thut, Herr, so bin ich auch da, ich diene einem so
+brafen Mann als ihr.
+
+Abraham.
+Keinem bessern.
+
+Sampson.
+Gut, Herr. (Benvolio zu den Vorigen.)
+
+Gregorio (zu Sampson leise.)
+Sag, einem bessern: Hier kommt einer von unsers Herrn Neffen.
+
+Sampson (laut.)
+Ja, einem bessern, Herr.
+
+Abraham.
+Ihr lügt.
+
+Sampson.
+Zieht, wenn ihr Männer seyd--Gregorio, das war eine Ohrfeige, die
+du nicht einsteken must--
+
+
+Benvolio.
+Aus einander, ihr Narren, stekt eure Degen ein, ihr wißt nicht was
+ihr thut. (Tybalt zu den Vorigen.)
+
+Tybalt.
+Wie, du ziehst deinen Degen gegen diese verzagten Hasen? Kehre dich
+um, Benvolio, und sieh deinen Tod an.
+
+Benvolio.
+Ich mache nur Frieden; stek deinen Degen ein, oder brauch' ihn, mir
+Friede unter diesen Leuten machen zu helfen.
+
+Tybalt.
+Wie, mit gezogenem Degen von Frieden schwazen? Ich hasse diess Wort
+wie die Hölle, wie alle Montägues und dich--wehr dich, H**
+
+(Sie fechten.)
+
+(Drey oder vier Bürger mit Knitteln treten auf.)
+
+Ein Bürger.
+Knittel, Spiesse, Hellebarden her! Schlagt zu! Schlagt sie nieder!
+Zu Boden mit den Capulets! Zu Boden mit den Montägues! (Der alte
+Capulet in einem Schlafrok, und Lady Capulet.)
+
+Capulet.
+Was für ein Lerm ist das? Gebt mir meinen langen Degen, he!
+
+Lady Capulet.
+Eine Krüke, eine Krüke--was wollt ihr mit einem Degen machen?
+
+Capulet.
+Meinen Degen, sag ich; da kommt der alte Montague, und fuchtelt mir
+mit seiner Klinge unter die Nase--
+
+(Der alte Montague, und Lady Montague.)
+
+Montague.
+Du nichtswürdiger Capulet--Halt mich nicht, laß mich gehn!
+
+Lady Montague.
+Du sollt mir keinen Fuß rühren, um einen Feind zu suchen.
+
+(Der Fürst von Verona mit seinem Gefolge tritt auf, erzürnt sich
+gewaltig über diesen Unfug, wirft den beyden Alten vor, daß sie
+ihrer Familien-Feindschaft wegen Verona schon dreymal in Aufruhr
+gesezt, verbietet ihnen bey Todes-Straffe die Strassen nicht mehr
+zu beunruhigen, und tritt, nachdem er sie geschieden, wieder ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Der alte Montague, Lady Montague, und Benvolio bleiben zurük.)
+
+
+Lady.
+Wer brachte diesen alten Handel wieder in Bewegung? Redet, Neffe,
+war't ihr dabey, wie er angieng?
+
+Benvolio.
+Hier fand ich die Bedienten euers Gegentheils, und die eurigen, die
+sich mit einander herumschlugen, wie ich kam; ich brachte sie aus
+einander: In dem nemlichen Augenblik kam der feurige Tybalt mit
+gezognem Degen, den er unter drohenden Herausforderungen über
+meinem Kopf schwang, und damit auf die Winde zuhieb, die so wenig
+nach seinen Streichen fragten, daß sie ihn noch dazu auszischten.
+Wie wir nun an einander waren, so kamen immer mehr Leute, und
+fochten zu beyden Seiten, bis der Fürst kam, und uns aus einander
+sezte.
+
+Lady.
+O wo ist Romeo? Habt ihr ihn heute nie gesehen? Ich bin recht froh,
+daß er nicht bey dieser Schlägerey war.
+
+Benvolio.
+Madam, eine Stunde eh die* Sonne aufgieng, trieb mich ein
+beunruhigtes Gemüth aufzustehen, und vor die Stadt hinaus zu gehen;
+und da traf ich auf der West-Seite der Stadt euern Sohn einsam
+unter einem Gang von Egyptischen Feigen-Bäumen an. Ich gieng auf
+ihn zu; aber kaum ward er mich gewahr, so schlich er sich in das
+dichteste Gehölze. Ich urtheilte von seiner Gemüths-Beschaffenheit
+nach der meinigen, (denn wir sind innerlich nie mehr beschäftigst,
+als wenn wir die Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen,
+gieng ich meinen Gedanken nach, und war so vergnügt, daß er mich
+ausgewichen hatte, als er selbst.
+
+{ed.-* Im Original: "Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne
+Fenster des Osten sehen ließ." Es ist nichts leichters, als durch
+eine allzuwörtliche Übersezung den Shakespear lächerlich zu machen,
+wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet
+eine Probe gemacht, die wir an gehörigem Ort ein wenig näher
+untersuchen wollen. Indeß erzürnt sich doch Herr Freron zu sehr
+über diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre. Er
+mag seine Ursachen dazu haben; aber die Welt urtheilt mit kälterm
+Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol wissen warum
+sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem französischen Poeten
+sehr leicht zu gut halten können, daß er (in einem Alter, wo er
+sich nicht mehr stark genug fühlt, sich mit der Beute die er ihrem
+Shakespear abgenommen zu brüsten) seine Freude daran hatte, durch
+eine Schulknaben-mäßige Nachäffung den Narren mit ihm zu spielen,
+und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel Spaß zu machen, als
+er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann.}
+
+Montague.
+Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den
+frischen Morgenthau mit seinen Thränen, und die Morgen-Wolken mit
+tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fängt die alles erfreuende
+Sonne an, im fernsten Osten die Vorhänge von Aurorens Bette
+wegzuziehen, so schleicht sich der schwermüthige Jüngling vom Licht
+nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer ein, versperrt seine
+Fenster, schließt das schöne Tageslicht hinaus, und macht sich
+selbst eine erkünstelte Nacht. Er muß nothwendig in einen schwarzen
+und Unglük-brütenden Humor verfallen wenn nicht bey Zeiten darauf
+gedacht wird, die Ursache des Übels wegzuräumen.
+
+Benvolio.
+Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache?
+
+Montague.
+Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen.
+
+Benvolio.
+Habt ihr schon in ihn gedrungen?
+
+Montague.
+Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens;
+seines eignen Herzens geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst,
+ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim und
+verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer
+Muthmassung Grund zu geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem
+inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh sie ihre zarten
+Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schönheit der Sonne
+wiedmen konnte. Könnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer
+entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen werden. (Romeo
+tritt auf.)
+
+Benvolio.
+Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich
+will sein Geheimniß ausfündig machen, oder ich müßte mich sehr
+betrügen.
+
+Montague.
+Ich wünsche, daß du so glüklich seyn mögest--Kommt Madam, wir
+wollen gehen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Benvolio.
+Guten Morgen, Vetter.
+
+Romeo.
+Ist der Tag noch so jung?
+
+Benvolio.
+Es hat eben neune geschlagen.
+
+Romeo.
+Weh mir! Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden! War das mein
+Vater, der so eilfertig sich entfernte?
+
+Benvolio.
+Er war's; aber was für ein Kummer verlängert Romeo's Stunden?
+
+Romeo.
+Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkürzen würde.
+
+Benvolio.
+Seyd ihr verliebt?
+
+Romeo.
+Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden.
+
+Benvolio.
+Wie Schade, daß die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist,
+so grausam und tyrannisch seyn soll, so bald sie uns erreicht!
+
+Romeo.
+Wie Schade, daß die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem
+Unglük sehen soll!--Wo werden wir zu Mittag essen?--Weh mir!--Was
+für ein Tumult war vorhin?--Doch sagt mir nichts davon, ich hab
+alles schon gehört. Der Haß macht hier viel zu thun, aber die Liebe
+noch mehr: Wie dann, o mißhellige Liebe! o liebender Haß! O
+unwesentliches Etwas, und würkliches Nichts! So leicht und doch zu
+Boden drükend! So ernsthaft und doch Tand! Du ungestaltes Chaos von
+reizenden Phantomen! Bleyerne Feder, glänzender Rauch, kaltes Feuer,
+kranke Gesundheit, immer-wachender Schlaf--o! du wunderbares
+Gemisch von Seyn und Nichtseyn!--Das ist die Liebe die ich fühle,
+ohne in dem was ich fühle die Liebe zu erkennen--Lachst du nicht?
+
+Benvolio.
+Nein, Vetter, ich möchte lieber weinen.
+
+Romeo.
+Du gutes Herz! Worüber?
+
+Benvolio.
+Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen.
+
+Romeo.
+Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu
+erleichtern.**--Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer
+erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden Augen
+schimmert--Unglükliche Liebe ist eine See, die mit den Thränen der
+Liebenden genährt wird; was ist sie noch mehr? Eine vernünftige
+Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende Herzstärkung--Lebt
+wohl, Vetter.
+
+{ed.-** Es ist ein Unglük für dieses Stük, welches sonst so viele
+Schönheiten hat, daß ein grosser Theil davon in Reimen geschrieben
+ist. Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln
+weniger zu helfen gewußt als Shakespear; seine gereimten Verse sind
+meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim macht ihn immer etwas
+anders sagen als er will, oder nöthigt ihn doch, seine Ideen übel
+auszudrüken. Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine
+neue Instanz anziehen, um diese vergebliche Fesseln des Genie den
+Liebhabern und Lesern so verhaßt zu machen, als sie ihnen sind.
+Aber warum hat z. Ex. Pope die schönsten Gedanken, die
+schimmerndste Einbildungskraft, den feinsten Wiz, den freyesten
+Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die gröste Anmuth, Zierlichkeit,
+Correction, und über alles dieses, den höchsten Grad der
+musicalischen Harmonie, deren die Poesie in seiner Sprache fähig
+ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu verbinden gewußt?
+Die Reime können vermuthlich nichts dazu, wenn sie für einige
+Dichter schwere Ketten mit Fuß-Eisen sind; für einen Prior oder
+Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien selbst sie
+umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey
+herumflattern als die Scherze und Liebes-Götter, ihre beständigen
+Gefehrten. Shakespears Genie war zu feurig und ungestüm, und er
+nahm sich zu wenig Zeit und Mühe seine Verse auszuarbeiten; das ist
+die wahre Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen
+Übersezer so oft zur Verzweiflung bringt.}
+
+(Er will gehen.)
+
+Benvolio.
+Sachte, ich will mitgehen. Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn
+ihr mich auf eine solche Art verlaßt.
+
+Romeo.
+Still! Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist
+nicht Romeo, er ist sonst irgendwo.
+
+Benvolio.
+--*** Aber wer ist dann die Person, die du liebst?
+
+{ed.-*** Hier haben etliche (Non-Sensicalische) Zeilen ausgelassen
+werden müssen.}
+
+Romeo.
+Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe--ein Weibsbild.
+
+Benvolio.
+Das errieth ich, sobald ich merkte, daß ihr verliebt wäret.
+
+Romeo.
+Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen--und sie ist schön,
+die ich liebe.
+
+Benvolio.
+Ein schönes Ziel ist desto leichter zu treffen.
+
+Romeo.
+Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat
+Dianens Sprödigkeit, und lebt in der wolgestählten Rüstung ihrer
+Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen. Sie sezt sich keinen
+nachstellenden Bliken aus, sie öffnet ihr Ohr keinen Liebes-
+Erklärungen, noch ihren Schooß dem Golde, das sonst oft die
+Heiligen selbst verführt. O! Sie ist reich an Schönheit, und allein
+darinn arm, daß der ganze Schaz der Schönheit, in ihr versammelt,
+sterblich ist.
+
+Benvolio.
+Hat sie denn geschworen, daß sie in ewiger Jungfrauschaft leben
+will?
+
+Romeo.
+Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren
+Verschwendung schuldig. Denn Schönheit, die durch ihre eigne
+Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schönheit einer ganzen
+Nachkommenschaft. Sie ist zu weise um so schön, oder zu schön um so
+weise zu seyn; und es ist grausam an ihr, den Himmel damit
+verdienen zu wollen, daß sie mich zur Verzweiflung treibt--
+
+
+Benvolio.
+Laßt euch einen guten Rath geben, und vergeßt, an sie zu denken.
+
+Romeo.
+O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu
+erinnern.
+
+Benvolio.
+Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit
+auf andre Schönheiten.
+
+Romeo.
+Das wäre das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen
+erinnert zu werden. Diese glüklichen Schleyer, die die Stirne
+schöner Damen küssen, erheben durch ihre Schwärze, die Schönheit,
+so sie verbergen. Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan
+nicht vergessen, was für einen kostbaren Schaz er mit seinem
+Gesicht verlohren hat. Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter
+tausenden die schönste ist; wozu kan mir ihre Schönheit dienen, als
+zu einem Spiegel, worinn ich diejenige erblike, die noch schöner
+als die schönste ist? Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie
+vergessen zu lehren.
+
+Benvolio.
+Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.)
+
+
+Capulet.
+Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe
+zu befürchten; und für alte Leute wie wir sind, sollt' es nicht
+schwer seyn, Frieden zu halten.
+
+Paris.
+Ihr seyd beyde rechtschaffne Männer, und es ist recht zu bedauren,
+daß ihr so lang in Mißhelligkeit gelebt habt--Aber nun, gnädiger
+Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung?
+
+Capulet.
+Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe:
+Mein Kind ist noch ein neu angekommener Fremdling in der Welt, sie
+hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; laßt wenigstens noch zween
+Sommer verblühen, eh wir denken können, daß sie zum Braut-Stande
+reif sey.
+
+Paris.
+Jüngere als sie, sind schon glükliche Mütter geworden.
+
+Capulet.
+Und verderben auch desto früher, je frühzeitigere Früchte von ihnen
+erzwungen werden. Die Erde hat alle meine andern Hoffnungen
+verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige
+Vergnügen meines Alters, indeß bewirb dich bey ihr selbst um sie,
+mein lieber Paris, such ihr Herz zu gewinnen; wenn du ihren Beyfall
+hast, so hast du meine Einwilligung. Diese Nacht geb' ich, einer
+alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde
+eingeladen habe: Vermehret ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner
+willkommner seyn. Ihr werdet diese Nacht in meinem armen Haus
+irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln
+können.* Ihr werdet mit dem Vergnügen, das muntre junge Leute
+fühlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor sich
+hertreibt, unter einem Frühling voll neu entfalteter Mädchen-
+Knospen wandeln; betrachtet sie alle, höret alle, und laßt euch
+diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr
+werdet so viele liebenswürdigere finden, daß die meinige sich
+unbemerkt in der Menge verliehren wird. Kommt, geht mit mir--Du,
+Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu
+mir ein, deren Namen auf diesem Zettel stehen--
+
+{ed.-* Hr. Warbürton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und
+es ist gewiß, daß wir seiner Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen
+unsers durch die Schauspieler so übel zugerichteten Autors zu
+danken haben. Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast
+allgemeinen Fehler der Verbal-Critiker zu fallen, und mit dem
+Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley
+mit dem Horaz. Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe
+anführen wollen, ob es gleich sonst desto unnöthiger ist, die Leser
+mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntniß der
+Englischen Sprache voraussezen, und diese Übersezung nur für
+diejenige gemacht ist, die das Original nicht lesen können.
+Warbürton nennt den Vers: (Earthtreading stars that make dark
+heaven's Light), Unsinn, und will daß man lesen soll: (That make
+dark Even light)--Eine Verbesserung im echten Bentleyischen
+Geschmak! Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs höchste
+eine weder ungewöhnliche noch unschikliche Hyperbole. Es ist etwas
+sehr mögliches, daß die irdischen Sterne, welche Shakespear meynt,
+bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines jungen
+Liebhabers verdunkeln; und das ist der natürlichste Sinn des Texts:
+Aber daß eine ganze Schaar der schimmerndsten Schönen durch den
+blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol erleuchten sollte,
+daß man die Lichter dabey ersparen könnte, ist mehr als man auch
+der feurigsten Orientalischen Einbildungskraft zumuthen dürfte.
+Wenn wir, wie schon öfters geschehen ist, die Lesart des Texts der
+vermeynten Verbesserung des Hrn. Warbürtons vorziehen, so geschieht
+es allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von
+denenjenigen, die wir verwerfen, seinem Wiz mehr Ehre machen, als
+die gegenwärtige.}
+
+(Capulet und Paris gehen ab.)
+
+Bedienter.
+Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen--Es steht
+geschrieben, der Schuster soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben,
+der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem Pinsel, und
+der Mahler mit seinem Nez. Aber ich soll die Personen finden, deren
+Namen hier geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was für
+Namen die schreibende Person hieher geschrieben hat. Ich muß mich
+bey den Gelehrten Raths erholen--Da lauffen mir gerad ihrer ein
+Paar in die Hände--
+
+(Benvolio und Romeo treten auf.)
+
+Benvolio.
+Still, Mann! Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines
+Schmerzens wird durch einen andern Schmerz vermindert; wenn dir
+taumlicht ist, so hilfst du dir damit, daß du dich wieder zurük
+drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch
+eine neue geholfen werden.
+
+Romeo.
+Wegbreit-Blätter sind unvergleichlich für das.
+
+Benvolio.
+Für was, wenn man bitten darf?
+
+Romeo.
+Für euern Beinbruch.
+
+Benvolio.
+Wie, Romeo, bist du toll?
+
+Romeo.
+Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause;
+in ein Gefängniß eingesperrt, zur Hunger-Cur verurtheilt,
+gepeitscht und gepeinigt: Und--guten Abend, Camerad--
+
+(Zum Bedienten.)
+
+Bedienter.
+Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, könnt ihr
+lesen?
+
+Romeo.
+Ja, mein Schiksal in meinem Unglük.
+
+Bedienter.
+Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch,
+könnt ihr alles lesen was ihr seht?
+
+Romeo.
+Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache weiß.
+
+Bedienter.
+Das ist gesprochen wie ein Bidermann--Gott behüt' euern guten Humor!
+
+(Er will gehen.)
+
+Romeo.
+Bleib, Bursche, ich kan lesen--(Er ließt das Papier.) Signor
+Martino und seine Frau und Töchter: Graf Anselmo und seine schönen
+Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und
+seine liebenswürdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin;
+mein Oheim Capulet mit Frau und Töchtern; meine schöne Nichte
+Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio,
+und die lebhafte Signora Helena--
+Eine hübsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen?
+
+Bedienter.
+Herauf--
+
+Romeo.
+Wohin?
+
+Bedienter.
+Zum Nacht-Essen in unser Haus.
+
+Romeo.
+In wessen Haus?
+
+Bedienter.
+In meines Herren seines.
+
+Romeo.
+In der That, das hätte ich dich vorher fragen sollen.
+
+Bedienter.
+Nein, ich will euch eine Müh ersparen. Mein Herr ist der grosse
+reiche Capulet, und wenn ihr keiner vom Haus der Montägues seyd, so
+bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Gläser ausleeren. Eine
+gute Zeit.
+
+(Geht ab.)
+
+Benvolio.
+Wie wohl sich das fügt! die schöne Rosalinde, in die du so verliebt
+bist, wird mit allem was das Schönste in Verona ist, diesem
+Familien-Gastmal der Capulets beywohnen. Geh du auch hin, vergleich
+mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir
+zeigen will, und du sollst finden, daß dein Schwan eine Krähe ist.
+
+Romeo.
+**--Eine schönere als meine Liebe! die allsehende Sonne sah niemals
+ihres gleichen, seit die Welt begann.
+
+{ed.-** Eine Lüke von vier abgeschmakten Reimen.}
+
+Benvolio.
+Gut, gut! Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und
+ihr sie, in beyden Augen, nur mit sich selbst abwoget; aber laßt
+ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen ein
+gewisses andres Mädchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem
+vollen Glanze zeigen will, abgewogen werden; so wird euch diejenige
+kaum noch erträglich vorkommen, die izt die beste scheint.
+
+Romeo.
+Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das
+Vergnügen zu haben, dich von dem Triumph meiner Geliebten zum
+Zeugen zu machen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
+(Lady Capulet und die Amme treten auf.)
+
+
+Lady.
+Amme, wo ist meine Tochter? Ruffe sie zu mir heraus.
+
+Amme.
+Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwölf Jahre alt war, meyn'
+ich;) ich sagte ihr, sie möchte kommen; wie, Schäfchen--he! Mein
+Däubchen--daß uns Gott behüte! Wo ist das Mädchen? he! Juliette!
+(Juliette zu den Vorigen.)
+
+Juliette.
+Was ists? Wer ruft?
+
+Amme.
+Eure Frau Mutter.
+
+Juliette.
+Madam, hier bin ich, was ist euer Wille?
+
+Lady.
+Das ist eben die Sache--Amme, verlaß uns eine Weile, wir müssen
+allein mit einander reden; Amme, komm wieder zurük, ich habe mich
+anders besonnen, du darfst wohl bey unsrer Unterredung zugegen seyn:
+du weist, meine Tochter hat ein artiges Alter.
+
+Amme.
+Mein Treu, ich kan ihr Alter bey einer Stunde sagen.
+
+Lady.
+Sie ist noch nicht vierzehn.
+
+Amme.
+Ich will gleich vierzehn Zähne daran sezen, (und doch muß ich's zu
+meiner Schande sagen, ich habe nur noch vier,) sie ist nicht
+vierzehn; wie lang ist es noch von izt bis an St. Peters-Tag?
+
+Lady.
+Vierzehn Tage, oder noch ein paar drüber.
+
+Amme.
+Sey es vierzehn Tage oder fünfzehn, das thut nichts, kommt St.
+Peters-Abend, so wird sie vierzehn seyn. Süßchen und sie (Gott
+tröst ihre Seele!) waren von gleichem Alter. Wohl, Süßchen ist im
+Himmel, sie war zu gut für mich. Aber, wie ich sagte, an St. Peters-
+Abend des Nachts wird sie vierzehn seyn, das wird sie, meiner Six,
+ich erinnre mich's als ob's seit gestern wäre. Es ist seit dem
+Erdbeben nun eilf Jahre daß sie entwöhnt wurde; unter allen Tagen
+im Jahr will ich den Tag nicht vergessen; ich hatte denselben Tag
+Wermuth an meine Brust gestrichen, und saß in der Sonne an der
+Mauer unter dem Dauben-Schlag; der Gnädige Herr und Eu. Gnaden
+waren damals zu Mantua--gelt, ich kan etwas im Kopf behalten?--Aber,
+wie ich sagte, wie das Kind den Wermuth an meiner Brustwarze
+kostete, und schmekte daß es bitter war, das artige Närrchen, da
+hättet ihr sehen sollen, wie es so gescheid war und augenbliklich
+die Brust fahren ließ. Schüttle dich, sagte der Dauben-Schlag--mein
+Treu! es mußte mir niemand sagen, daß ich hurtig lauffen sollte;
+und seitdem ist es nun eilf Jahre, denn sie konnte damals schon
+allein stehen; ja, bey meiner Treu, sie, konnte schon lauffen, und
+watschelte schon allenthalben herum; dann just den Tag vorher, da
+sie das Loch in ihre Stirne fiel, und da hub mein Mann (Gott tröst
+ihn, er war ein muntrer Mann) da hub er das Kind auf; so, sagt' er,
+fällst du auf die Nase? Du wirst auf den Rüken fallen, wenn du mehr
+Verstand haben wirst; wirst du nicht Julchen? Und, bey unsrer
+lieben Frauen! Das artige Tröpfchen hörte auf schreyen, und sagte,
+Ay--so daß man sehen kan, wie endlich aus Spaß Ernst wird--Da steh
+ich dafür, und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so vergeß ichs
+nicht: Wirst du nicht, Julchen, sagt' er? Und das artige Närrchen,
+es hörte auf schreyen, und sagte, Ay!
+
+Lady Capulet.
+Genug hievon, ich bitte dich, stille!
+
+Amme.
+Ja, Gnädige Frau; und doch kan ich mir nicht helfen, ich muß lachen,
+wenn ich dran denke daß es aufhörte zu schreyen, und Ay sagte; und
+doch bin ich gut dafür, daß es eine Beule an der Stirne hatte, so
+dik wie ein junger Hahnen-Stein, eine recht gefährliche Beule, und
+es weinte bitterlich. So, sagte mein Mann, fällst du auf die Nase?
+Du wirst rükwärts fallen, wenn du älter wirst, wirst du nicht,
+Julchen? Und da schwieg es, und sagte, Ay.
+
+Juliette.
+Und schweig du auch, ich bitte dich, Amme, sag ich.
+
+Amme.
+Still, ich bin fertig: Gott zeichne dich zu seinem Segen aus! Du
+warst das holdseligste Kind, das ich gesäugt habe; und wenn ich nur
+so lange lebe, daß ich dich verheurathet sehe, so wünsch' ich mir
+nichts mehr.
+
+Lady Capulet.
+Diese Heurath ist eben die Sache, wovon ich reden wollte. Sagt mir,
+Tochter Juliette, habt ihr Lust zum Heurathen?
+
+Juliette.
+Es ist eine Ehre, von der ich mir nicht träumen lasse.
+
+Amme.
+Eine Ehre? Wenn ich nicht deine leibliche Amme wäre, so würd' ich
+sagen, du habst die Weisheit mit der Milch eingezogen.
+
+Lady Capulet.
+Gut, es ist nun Zeit daran zu denken; es giebt hier in Verona
+jüngere als ihr, und Frauenzimmer von Stand und Ansehen, die schon
+Mütter sind. Bey meiner Ehre, in dem Alter worinn ihr noch ein
+Mädchen seyd, war ich schon eure Mutter. Ich will's also kurz
+machen, und euch sagen, daß sich der junge Paris um euch bewirbt.
+
+Amme.
+Ein Mann, junges Fräulein, ein Mann, dessen gleichen in der ganzen
+Welt--Sapperment! es ist ein Mann wie in Wachs boßiert.
+
+Lady Capulet.
+Verona's Sommer hat keine schönere Blume.
+
+Amme.
+Das ist wahr, er ist eine Blume; mein Treu, eine wahre Blume.
+
+Lady Capulet.
+Was sagt ihr dazu? Gefällt euch der Cavalier? Ihr werdet ihn diese
+Nacht bey unserm Gastmahl sehen; beobachtet ihn recht, ihr werdet
+gestehen müssen, daß nichts liebenswürdigers seyn kan. Er ist eurer
+würdig, und wird euch glüklich machen*--Doch, ihr habt ihn ja sonst
+schon gesehen; sagt, mit einem Wort, könnt ihr euch seine Liebe
+gefallen lassen?
+
+{ed.-* Man hat gut gefunden diese Rede zu verändern und
+abzukürzen. Sie ist im Original die Grundsuppe der abgeschmaktesten
+Art von Wiz, und des Characters einer Mutter äusserst unwürdig.
+Pope scheint zu vermuthen, daß sie von Schauspielern eingeflikt
+worden sey.}
+
+Juliette.
+Ich will ihn erst genauer betrachten; alles was ich izt sagen kan,
+ist, daß meine Augen allezeit durch euern Willen geleitet werden
+sollen. (Ein Bedienter zu den Vorigen.)
+
+Bedienter.
+Gnädige Frau, die Gäste sind angekommen, das Essen ist aufgetragen,
+man wartet auf Euer Gnaden und mein junges Fräulein, man flucht auf
+die Amme im Speißgewölbe, und alles ist in der Extremität. Ich muß
+wieder zur Aufwartung; ich bitte euch, kommet augenbliklich.
+
+Lady Capulet.
+Wir kommen--Juliette, es wird den Grafen nach dir verlangen.
+
+Amme.
+Geh, Mädchen, und suche zu deinen guten Tagen auch glükliche Nächte.
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Eine Strasse vor Capulets Haus.)
+(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fünf oder sechs andern Masken,
+ Fakel-Trägern und Trummeln.)
+
+
+Romeo.
+Wie, soll diese Rede unsre Entschuldigung machen, oder wollen wir
+ohne Apologie auftreten?
+
+Benvolio.
+Diese Weitläufigkeiten sind nicht mehr Mode. Wir brauchen keinen
+Cupido, mit einer Schärpe von Flittergold und einem gemahlten
+Tartar-Bogen von Schindeln, der die armen Mädchen, wie ein Vögel-
+Schrek die Krähen, zu fürchten macht. Sie mögen von uns halten was
+sie wollen, wenn wir ihnen nicht gefallen, oder sie uns nicht, so
+gehen wir wieder.
+
+Romeo.
+Gebt mir eine Fakel; ich bin nicht im Humor, Sprünge zu machen.
+
+Mercutio.
+Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr müßt eins tanzen.
+
+Romeo.
+Ich gewiß nicht, das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dünnen
+Solen, ich habe eine Seele von Bley,* die mich so zu Boden zieht,
+daß ich nicht von der Stelle kommen kan.
+
+{ed.-* Wortspiel mit Sole, und Soul, welche fast gleich ausgesprochen
+werden. }
+
+Mercutio.
+Ihr seyd ein Liebhaber; borgt dem Cupido seine Flügel ab, und
+schwingt euch damit empor.**
+
+{ed.-** In dieser Rede, der Antwort des Romeo, und etlichen
+folgenden Zeilen, die man gänzlich weglassen mußte, dreht sich
+alles um Wortspiele mit (Bound) und (bound, soar) und(sore), und
+ein paar eben so frostige Antithesen herum. Alles dieses armselige
+Zeug findet sich, wie Pope bemerkt, nicht in der ersten Ausgabe
+dieses Stüks von 1597.}
+
+Romeo.
+Ich bin zu hart von seinem Pfeil verwundet, als daß ich mich auf
+seinen Flügeln erheben könnte--
+
+Mercutio.
+Gebt mir ein Futteral, worein ich mein Gesicht steken kan--
+
+(Er nimmt seine Maske ab.)
+
+--Eine Maske für ein Frazen-Gesicht!--wozu brauch ich eine Maske?
+Es wird niemand so vorwizig seyn, ein Gesicht wie das meinige genau
+anzusehen.
+
+Benvolio.
+Kommt, wir wollen anklopfen und hineingehn; und wenn wir einmal
+drinn sind, dann mag ein jeder seinen Füssen zusprechen.
+
+(Hier fallen noch etliche sinnreiche Wizspiele von der
+grammaticalischen Art, zwischen Mercutio und Romeo weg.)
+
+Romeo.
+Wir gedenken uns bey diesem Ball eine Kurzweil zu machen, und doch
+sind wir nicht klug, daß wir gehen.
+
+Mercutio.
+Warum, wenn man fragen darf?
+
+Romeo.
+Mir träumte vergangne Nacht--
+
+Mercutio.
+Mir auch.
+
+Romeo.
+Gut, was träumte euch?
+
+Mercutio.
+Daß Träumer manchmal lügen.
+
+Romeo.
+Ja, in ihrem Bette,*** wo sie oft wahre Dinge träumen.
+
+{ed.-*** Wortspiel mit lie und lye, liegen, und lügen, welches sich
+zu gutem Glük übersezen läßt.}
+
+Mercutio.
+O, dann seh ich, daß ihr einen Besuch von der Königin Mab gehabt
+habt. Sie ist die Heb-Amme der Phantasie, kommt bey Nacht, nicht
+grösser als ein Agtstein am Zeigfinger eines Aldermanns, und fährt
+euch mit einem Gespan von kleinen Atomen über die Nasen der
+Schlafenden hin. Ihre Rad-Speichen sind von langen Spinnen-Beinen,
+die Deken von Grashüpfers-Flügeln, das Geschirr vom feinsten
+Spinnen-Web, die Kummet von Mondscheins-Stralen; ihre Peitsche von
+einem Grillen-Bein, und der Riemen von der feinsten Membrane; ihr
+Kutscher eine dünne grau-rokichte Schnake, nicht halb so dik als
+ein kleiner runder Wurm, den der schleichende Finger eines kleinen
+Mädchens aufgestochert hat. Ihr Wagen ist eine leere Hasel-Nuß, von
+Schreiner Eichhorn, oder Meister Wurm gemacht, die seit
+unfürdenklicher Zeit die Wagner der Feen sind: und in diesem Staat
+galloppiert sie, Nacht für Nacht, durch das Gehirn der Verliebten,
+und dann träumen sie von Liebe; über die Kniee der Hofleute, welche
+dann straks von Aufwartungen; über die Finger der Advocaten, die
+straks von Sporteln; über die Lippen der Damen, die straks von
+Küssen träumen, aber oft von der erzürnten Mab mit Hiz-Blattern
+gestraft werden, wenn ihr Athem nach parfümiertem Zuker-Werk riecht.
+Zuweilen galloppiert sie über eines Hofschranzen Nase, und da
+träumt er, er hab' eine Pension ausgespürt: ein andermal kommt sie
+mit dem Wedel eines Zehend-Schweins in der Hand, und küzelt den
+schnarchenden Pfarrer; straks träumt er, daß er eine bessere
+Pfründe bekommen habe. Zuweilen fährt sie über eines Soldaten Hals,
+und da träumt er von ausländischen Hälsen die er abgeschnitten, von
+Friedens-Brüchen, Scharmüzeln, Spanischen Klingen, und fünf-Faden-
+tieffen Gesundheiten; dann trummelt sie wieder in seinen Ohren und
+er fährt erschroken auf, und erwacht, schwört ein paar Stoß-Gebette,
+und schläft wieder ein. Das ist die nemliche Mab, die den Kühen
+die Milch aussaugt, und den Pferden im Schlaf die Mähne verstrikt;
+das ist die Drutte,
+
+(der Alp,)
+
+welche die Mädchens drükt, wenn sie Nachts auf dem Rüken ligen--
+das ist--
+
+Romeo.
+Stille, Stille, Mercutio, wie lange kanst du von nichts reden?
+
+Mercutio.
+In der That, ich rede von Träumen, diesen Kindern die ein müßiges
+Hirn mit der eiteln Phantasie erzeugt, welche so wenig Leib hat als
+die Luft, und unbeständiger ist als der Wind, der nur eben um den
+kalten Busen des Nords buhlte, und den Augenblik drauf, in einem
+Anstoß von Laune, hinwegstürmt, und sein Gesicht dem thauichten Sud
+zudreht.
+
+Benvolio.
+Dieser Wind von dem ihr euch so gelassen besprecht, bläßt uns von
+uns selbst weg; das Gastmal ist indeß vorbey, und wir werden zu
+spät kommen.
+
+Romeo.
+Ich fürchte, nur zu früh--Denn mein Gemüth weissagt mir irgend eine
+schwarze noch in den Sternen hangende Begebenheit, die von den
+Spielen dieser Nacht ihren furchtbaren Anfang nehmen, und
+vielleicht das Ziel meines verhaßten Lebens durch die gewaltsame
+Hand eines frühzeitigen Todes beschleunigen wird. Doch Er, der das
+Steuer-Ruder meines Lauffes führt, lenk' ihn nach seinem Gefallen!--
+Wohlan, meine muntern Freunde!
+
+Benvolio.
+Rührt die Trummel!--
+
+(Sie ziehen über den Schauplatz, und treten ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Verwandelt sich in eine Halle in Capulets Hause.)
+(Etliche Bediente, mit Handtüchern.)
+
+
+1. Bedienter.
+Wo ist Potpan, daß er uns nicht aufräumen hilft--er hat einen
+Teller weggeschnappt! Er hat einen Teller mit sich gehen heissen!
+
+2. Bedienter.
+Wenn gute Manieren alle in eines oder zweener Händen liegen, und
+die noch dazu ungewaschen sind, das ist eine garstige Sache.
+
+1. Bedienter.
+Fort mit den Lehnstühlen, das kleine Schenk-Tisch'gen aus dem Wege,
+seht zu dem Silber-Geschirr; du, guter Freund, mache daß du mir ein
+Stük Marzipan auf die Seite kriegst; und wenn du mich lieb hast, so
+sorge, daß der Thorhüter Susanna Mühlstein und Nell, Antoni und den
+Potpan hereinläßt--
+
+2. Bedienter.
+Gut, Junge, das will ich.
+
+3. Bedienter.
+Man sieht sich nach euch um, man ruft euch, man fragt nach euch,
+man sucht euch, im grossen Saal.
+
+2. Bedienter.
+Wir können nicht an zween Orten zugleich seyn; hurtig, ihr Jungens;
+seyd eine Weile munter, und wer alle andre überlebt, kriegt alles!--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+(Die Gäste und Damen, nebst den Masken treten sämtlich auf.)
+
+1. Capulet.
+Willkommen, meine Herren--Und ihr, meine Damen, ihr habt noch keine
+Hüner-Augen an den Zehen, wir wollen eins lustig mit einander
+machen. Ich will doch nicht hoffen, meine Königinnen, daß mir eine
+unter euch ein Tänzchen abschlagen wird--eine jede, die sich lange
+bitten läßt, hat Hüner-Augen, das schwör' ich;--He? bin ich euch zu
+nah gekommen?--Willkommen allerseits, ihr Herren; ich weiß die Zeit
+auch noch, da ich eine Maske trug, und einem jungen Fräulein
+hübsche Sachen ins Ohr flüstern konnte; aber es ist vorbey, vorbey,
+vorbey!
+
+(Die Musik fangt an; man tanzt.)
+
+Mehr Lichter her, ihr Schurken, und die Tische aus dem Weg; und
+laßt das Feuer abgehen, es ist zu warm im Zimmer--Gelt, junger Herr,
+ein unvermutheter Spaß ist der angenehmste--Nun sezt euch, sezt
+euch, mein guter Vetter Capulet, denn die Tanz-Zeit ist doch bey
+euch und mir vorbey: Wie lang ist es wohl, seit ihr und ich das
+leztemal auf einem Masken-Bal tanzten?
+
+2. Capulet.
+Bey unsrer Frauen! dreißig Jahre.
+
+1. Capulet.
+Wie, Mann? Es ist noch nicht so lang, es ist noch nicht so lang; es
+war an Lucentio's Hochzeit; es wird auf kommende Pfingsten fünf und
+zwanzig Jahre, daß wir in Masken tanzten.
+
+2. Capulet.
+Es ist mehr, es ist mehr; sein Sohn ist älter, Herr; sein Sohn hat
+schon dreißig.
+
+1. Capulet.
+Das werdet ihr mir nicht weiß machen; sein Sohn war vor zwey Jahren
+noch nicht mündig.
+
+Romeo (in einem andern Theil des Saals.)
+Wer ist die junge Dame, die dort jenem Ritter die Hand giebt?
+
+Bedienter.
+Ich weiß es nicht.
+
+Romeo.
+O, sie glänzt mehr als alle diese Fakeln zusammen genommen; ihre
+Schönheit hängt an der Stirne der Nacht, wie ein reiches Kleinod an
+eines Mohren Ohr: Und welch eine Schönheit! Sie ist zu reich zum
+Gebrauch, und zu kostbar für diese Erde. So glänzt die schneeweisse
+Daube aus einem Schwarm von Krähen, wie dieses Fräulein unter ihren
+Gespielen glänzt. Wenn der Tanz vorbey ist, will ich mir den Plaz
+merken, wo sie steht, und ihr meine Hand geben. Welch eine
+Glükseligkeit ihre Hand zu berühren!--Nein, ich habe noch nie
+geliebt--Schwör es, mein Auge; vor dieser glüklichen Nacht wußtest
+du nicht, was Schönheit ist.
+
+Tybalt (der dem Romeo bey den lezten Worten sich nähert.)
+Der Stimme nach sollte dieß ein Montague seyn--hol mir einen Degen,
+Junge--wie? der Sclave darf sich erfrechen in einer Maske hieher zu
+kommen, und unsrer feyerlichen Lust zu spotten? Nein, bey der
+bejahrten Ehre meines Geschlechts, es ist keine Sünde, den
+Nichtswürdigen zu todt zu schlagen.
+
+Capulet.
+Wie, wie, Vetter? Warum so stürmisch?
+
+Tybalt.
+Oheim, hier ist einer unsrer Feinde, ein Montague; ein Bube der
+gekommen ist, uns unter die Nase zu lachen, und unsre Familien-
+Freude zu stören--
+
+Capulet.
+Ist es vielleicht der junge Romeo?
+
+Tybalt.
+Er selbst, der Schurke Romeo!
+
+Capulet.
+Gieb dich zu frieden, lieber Vetter, laß ihn gehen; er sieht einem
+jungen wakern Edelmann gleich; und, wenn ich die Wahrheit sagen
+soll, er hat den Ruf eines tugendhaften wohlgesitteten Jünglings,
+der Verona Ehre macht. Ich wollte nicht um unsre ganze Stadt, daß
+ihm in meinem Hause was zu Leide gethan würde. Seyd also ruhig,
+thut als ob ihr ihn nicht kennet; ich will es so haben, und wenn
+ihr einige Achtung für mich habt, so heitert eure Stirne auf, und
+macht keine Gesichter, die sich so übel zu einer Lustbarkeit
+schiken.
+
+Tybalt.
+Sie schiken sich, wenn ein solcher Bube sich zum Gast aufdringt:
+ich will ihn nicht dulden!
+
+Capulet.
+Das sollt ihr aber! Wie, Herr Junge?--Ihr sollt, sag ich--Geht,
+geht, bin ich hier Meister oder ihr? Geht, geht--Ihr wollt ihn
+nicht dulden? Hol mich Gott, ihr würdet mir einen feinen Lermen
+unter meinen Gästen anrichten! Ihr wollt mir hier den Eisenfresser
+machen? Gelt, das wollt ihr?
+
+Tybalt.
+Wie, Oehm, es ist eine Schande--
+
+Capulet.
+Geht, geht, ihr seyd ein abgeschmakter Knabe--
+
+(auf die Seite zu einem von der Gesellschaft.)
+
+Ist es so, in der That?--
+
+(zu Tybalt)
+
+ihr könnt was anfangen, das euch gereuen wird, ich weiß was ich
+sage--
+
+(Seitwärts;)
+
+wohl gesprochen, meine Kinder--
+
+(zu Tybalt,)
+
+Ihr seyd ein Hasenfuß, geht--seyd ruhig, oder--
+
+(seitwärts.)
+
+Mehr Lichter, mehr Lichter, es ist eine Schande, so dunkel ist's--
+
+(zu Tybalt)
+
+ich will euch ruhig machen--
+
+(Seitwärts:)
+
+Wie, munter, meine Herzen!
+
+Tybalt.
+Geduld und Zorn vertragen sich nicht wohl bey mir zusammen; sie
+stossen, indem sie sich begegnen, die Köpfe so hart an einander an,
+daß mir alle Glieder davon wakeln. Ich will mich entfernen, aber er
+soll mir diese Zudringlichkeit bezahlen!
+
+(Tybalt geht ab.)
+
+Romeo (zu Juliette.)
+* [Wenn meine unwürdige Hand diesen heiligen Leib entweiht hat, so
+laß dir diese Busse gefallen: Meine Lippen, zween erröthende
+Pilgrimme, stehen bereit den Frefel, mit einem zärtlichen Kuß
+abzubüssen.
+
+{ed.-* Dieser Dialogus ist im Original eine Elegie mit verschränkten
+Reimen.}
+
+Juliette.
+Ihr thut eurer Hand unrecht, mein lieber Pilgrim; sie hat nichts
+gethan, als was die bescheidenste Andacht zu thun pflegt; Heilige
+haben Hände, die von den Händen der Wallfahrenden berührt werden,
+und Hand auf Hand ist eines Pilgrims Kuß.
+
+Romeo.
+Haben Heilige nicht Lippen, und andächtige Pilgrimme auch?
+
+Juliette.
+Ja, Pilgrim, sie haben Lippen, aber zum Beten.
+
+Romeo.
+O so erlaube, theure Heilige, erlaube den Lippen nur, was du den
+Händen gestattest; sie bitten, (und du, erhöre sie,) daß du den
+Glauben nicht in Verzweiflung fallen lassest.
+
+Juliette.
+Heilige rühren sich nicht, wenn sie gleich unser Gebet erhören.
+
+Romeo.
+O so rühre du dich auch nicht, indem ich mich der Würkung meines
+Gebets versichre--
+
+(Er küßt sie.)
+
+Die Sünde meiner Lippen ist durch die deinige getilgt.]
+
+Juliette.
+Also tragen nun meine Lippen die Sünde, die sie von den deinigen
+weggenommen haben.
+
+Romeo.
+Sünde von meinen Lippen? O! angenehme Strenge! Gebt mir meine Sünde
+nur wieder zurük.
+
+Juliette.
+Ihr habt küssen gelernt; ich verstehe mich nicht darauf.
+
+Amme.
+Gnädiges Fräulein, eure Frau Mutter möchte gern ein Wort mit euch
+sprechen--
+
+(Juliette entfernt sich.)
+
+Romeo.
+Wer ist ihre Mutter?
+
+Amme.
+Sapperment, junger Herr, ihre Mutter ist hier die Frau vom Hause,
+und eine brave, gescheidte, tugendsame Frau. Ich säugte ihre
+Tochter, mit der ihr geredet habt; und ich sag euch, wer sie kriegt,
+bekommt so gewiß eine Jungfer--
+
+Romeo (indem er sich entfernt, vor sich.)
+Eine Capulet? O Himmel! Mein Herz und mein Leben sind
+unwiderbringlich in der Gewalt meiner Feindin.
+
+Benvolio.
+Weg, wir wollen gehen, der gröste Spaß ist vorbey.
+
+Romeo.
+Das fürcht' ich selbst, das übrige wird mich mehr als meinen Schlaf
+kosten.
+
+Capulet.
+Nein, ihr Herren, geht noch nicht weg, wir haben noch ein kleines
+schlechtes Nachtessen vor uns--Wie, muß es denn seyn? Nun dann, so
+dank ich euch allen--Ich dank euch, meine liebe Herren, gute Nacht--
+Mehr Fakeln her--
+
+(Zu den übrigen:)
+
+Kommt hinein, und dann zu Bette.--Ah, guter Freund, bey meiner
+Treu, es ist schon späte. Ich will in mein Bette.
+
+(Sie gehen nach einander ab.)
+
+Juliette.
+Ein wenig hieher, Amme--Wer ist der junge Herr dort?
+
+Amme.
+Der einzige Sohn des alten Tiberio.
+
+Juliette.
+Wer ist der, der eben izt zur Thüre hinausgeht?
+
+Amme.
+Das ist der junge Petrucchio, bild' ich mir ein.
+
+Juliette.
+Wer ist der, der ihm folgt, der nicht tanzen wollte?
+
+Amme.
+Ich kenn' ihn nicht.
+
+Juliette.
+Geh, frage nach seinem Namen
+
+(leise.)
+
+Wenn er schon vermählt ist, so ist sehr wahrscheinlich, daß mein
+Grab mein Braut-Bette seyn wird.
+
+Amme.
+Er heißt Romeo, er ist ein Montague, der einzige Sohn von unserm
+großen Feind.
+
+Juliette (vor sich.)
+O Himmel! der, den ich einzig lieben kan, ist der, den ich einzig
+hassen sollte--Zu früh gesehn, eh ich ihn kannte; und zu spät
+erkannt; was für eine seltsame Mißgeburt ist meine Liebe--ich liebe--
+meinen verhaßtesten Feind.
+
+Amme.
+Was sagtet ihr da? Was habt ihr?
+
+Juliette.
+Ein paar Reime, die ich eben von einem gelernt, mit dem ich tanzte.
+
+(Man ruft hinter der Scene Juliette.)
+
+Amme.
+Gleich, gleich; Kommt, wir wollen gehen, die Fremden sind schon
+alle fort.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+([Zum Beschluß dieses Aufzugs tritt ein Chor auf, und sagt den
+Zuschauern in vierzehn Reimen, was sie vermuthlich von selbst
+errathen hätten--daß Romeo, seit der Nacht, da er die schöne
+Juliette gesehen, seine erste Liebste nicht mehr schön befunden--
+daß er nun Julietten liebe, und von ihr wieder geliebt werde)--(daß
+die tödtliche Feindschaft ihrer Häuser zwar die Sympathie ihrer
+Herzen nicht habe verhindern können, aber ihnen hingegen alle
+Gelegenheit abschneide, sich zu sehen und zu sprechen, ohne daß
+jedoch dieser harte Zwang eine andre Würkung gethan habe, als die
+Heftigkeit ihrer Liebe und Sehnsucht zu verdoppeln.])
+
+
+
+
+Zweyter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Die Strasse.)
+(Romeo tritt allein auf.)
+
+
+Romeo.
+Kan ich weggehen, wenn mein Herz hier ist? Dreh dich zurük, plumpe
+Erde, und suche deinen Mittelpunct.
+
+(Er geht ab.)
+
+(Indem er sich entfernt, treten Benvolio und Mercutio von der
+ andern Seite auf und werden ihn gewahr.)
+
+Benvolio.
+Romeo, Vetter Romeo!
+
+Mercutio.
+Er ist klug, und schleicht sich, auf mein Leben, heim zu Bette.
+
+Benvolio.
+Nein er lief diesen Weg, und sprang dort über die Garten-Mauer. Ruf
+ihm, Mercutio!
+
+Mercutio.
+Nicht nur das, ich will ihn gar beschwören. He! Romeo!
+Grillenfänger! Wetterhahn! Tollhäusler! Liebhaber! Erscheine du,
+erschein in der Gestalt eines Seufzer, rede, aber in lauter Reimen,
+und ich bin vergnügt. Ächze nur, Ach und O! reime nur Liebe und
+Triebe, sag meiner Gevatterin Venus nur ein einziges hübsches
+Wörtchen, häng' ihrem stokblinden Sohn und Erben nur einen einzigen
+Über-Namen an, (dem jungen Abraham Cupido, ihm der so gut schoß,
+als König Cophetua um ein Bettel-Mädchen seufzte*--doch er hört
+nicht, er rührt sich nicht, er giebt kein Zeichen von sich; der
+Affe ist todt, ich muß ihn schon beschwören--So beschwör' ich dich
+dann bey Rosalinens schönen Augen, bey ihrer hohen Stirne, und bey
+ihren Purpur-Lippen, bey ihrem niedlichen Fuß, schlanken Bein,
+runden Knie, und bey den angrenzenden schönen Gegenden, beschwör'
+ich dich, daß du uns in deiner eignen Gestalt erscheinest!
+
+{ed.-* Eine doppelte Anspielung, auf eine alte Ballade, oder
+Romanze, und einen damals bekannten Schüzen, der Abraham hieß.}
+
+Benvolio.
+Wenn er dich hörte, würdest du ihn böse machen.
+
+Mercutio.
+Das kan ihn nicht böse machen: Das würd' ihn böse machen, wenn ich
+einen Geist von irgend einer seltsamen Gestalt in seines Mädchens
+Circel citierte, und ihn so lange dort stehen liesse, bis sie ihn
+gelegt und zu Boden beschworen hätte; das wäre was, das er
+vielleicht übel nehmen könnte--Aber meine Citation ist ehrlich und
+redlich, und ich beschwör' ihn, in seiner Liebsten Namen, einzig
+und allein zu seinem eignen Besten.
+
+Benvolio.
+Kommt, er hat sich vermuthlich hinter diese Bäume verstekt, um
+keine andre Gesellschaft zu haben, als die schwermüthige Nacht; die
+Liebe ist blind, und schikt sich am besten in die Dunkelheit.
+
+Mercutio.
+Izt wird er dir unter einem Mispeln-Baum sizen, und wünschen, daß
+seine Liebste von der Art von Früchten seyn möchte, welche die
+Mädchens Mispeln nennen, wenn sie allein zusammen schwazen--Gute
+Nacht, Romeo, ich will in mein Roll-Bette, ich; dieses Feld-Bette
+ist mir zu kalt; kommt, wollen wir gehen?
+
+Benvolio.
+Es wird klüger seyn, als hier jemand zu suchen, der sich nicht
+finden lassen will.
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Verwandelt sich in Capulets Garten.)
+(Romeo tritt auf.)
+
+
+Romeo.
+Der lacht über Narben, die nie keine Wunde fühlte--Aber stille! was
+für ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor? Es ist der Osten,
+und Juliet ist die Sonne--
+
+(Juliette erscheint oben am Fenster.)
+
+Geh auf, schöne Sonne, und lösche diese neidische Luna aus, die
+schon ganz bleich und krank vor Verdruß ist, daß du, ihr Mädchen,
+schöner bist als sie. Sey nicht länger ihre Aufwärterin, da sie so
+neidisch ist; ihre Vestalen-Livree ist nur blaß und grün, und wird
+nur von Thörinnen getragen; wirf sie ab--Sie spricht, und sagt doch
+nichts; was ist das?--Ihr Auge redt, ich will ihm antworten--Wie
+voreilig ich bin! Sie redt nicht mit mir: Zween von den schönsten
+Sternen des ganzen Himmels, die anderswo Geschäfte haben, bitten
+ihre Augen, daß sie, indessen bis sie wiederkommen, in ihren
+Sphären schimmern möchten--Wie wenn ihre Augen dort wären, und jene
+in ihrem Kopfe? Der Glanz ihrer Wangen würde diese Sterne beschämen,
+wie Tag-Licht eine Lampe; ihre Augen, wenn sie am Himmel stühnden,
+würden einen solchen Strom von Glanz durch die Luft herabschütten,
+daß die Vögel zu singen anfiengen, und dächten, es sey nicht Nacht:
+Sieh! sie lehnt ihre Wange an ihre Hand! O daß ich ein Handschuh an
+dieser Hand wäre, damit ich diese Wange berühren möchte!
+
+Juliette.
+Ach! ich Unglükliche!--
+
+Romeo.
+Sie redt. O, rede noch einmal, glänzender Engel! Denn so über
+meinem Haupt schwebend scheinst du diesen Augen so glorreich als
+ein geflügelter Bote des Himmels den weitofnen emporstarrenden
+Augen der Sterblichen, die, vor Begierde ihn anzugaffen, auf den
+Rüken fallen--wenn er die trägschleichenden Wolken theilend auf dem
+Busen der Luft in majestätischem Flug dahersegelt.
+
+Juliette.
+O Romeo, Romeo--Warum bist du Romeo?--Verläugne deinen Vater und
+entsage deinem Namen--oder wenn du das nicht willt, so schwöre mir
+nur ewige Liebe und ich will keine Capulet mehr seyn.
+
+Romeo (leise.)
+Soll ich länger zuhören, oder auf dieses antworten?
+
+Juliette.
+Nicht du, bloß dein Nahme ist mein Feind; du würdest du selbst seyn,
+wenn du gleich kein Montague wärest--Was ist Montague?--Es ist
+weder Hand noch Fuß, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer
+Theil. Was ist ein Name; Das Ding das wir eine Rose nennen, würde
+unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen. Eben so würde
+Romeo, wenn er schon nicht Romeo genannt würde, diese ganze
+reizende Vollkommenheit behalten, die ihm, unabhängig von diesem
+Namen, eigen ist--Romeo, gieb deinen Namen weg, und für diesen
+Namen, der kein Theil von dir ist, nimm mein ganzes Ich.
+
+Romeo.
+Ich nehme dich beym Wort; nenne mich nur deinen Freund, und ich
+will meinem Taufnamen entsagen, ich will von nun an nicht mehr
+Romeo seyn.
+
+Juliette.
+Wer bist du, der hier, in Nacht gehüllt, mein einsames
+Selbstgespräche belauscht?
+
+Romeo.
+Durch einen Namen weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin; mein
+Name, theure Heilige, ist mir selbst verhaßt, weil er ein Feind von
+dir ist. Ich wollt' ihn zerreissen, wenn ich ihn geschrieben hätte.
+
+Juliette.
+So neu sie mir ist, so kenn' ich doch diese Stimme--Bist du nicht
+Romeo, und ein Montague?
+
+Romeo.
+Keines von beyden, schöne Heilige, wenn dir eines davon mißfällt.
+
+Juliette.
+Wie kamst du hieher, sage mir das, und warum? Die Garten-Mauer ist
+hoch und schwer zu ersteigen, und der Ort Tod, wenn dich einer von
+meinen Verwandten gewahr würde.
+
+Romeo.
+Mit der Liebe leichten Flügeln überflog ich diese Mauern, einen zu
+schwachen Wall gegen den mächtigsten Gott; was die Liebe thun kan,
+dazu hat sie auch den Muth; und deßwegen können deine Verwandten
+mich nicht abschreken.
+
+Juliette.
+Wenn sie dich sehen, so ermorden sie dich.
+
+Romeo.
+O Götter! Es ist mehr Gefahr in deinem Aug als in zwanzig ihrer
+Schwerdter; sieh nur du mich huldreich an, so verlache ich alles
+was ihr Groll gegen mich unternehmen kan.
+
+Juliette.
+Ich wollte nicht um die ganze Welt, daß sie dich hier sähen.
+
+Romeo.
+Der Mantel der Nacht wird mich vor ihren Augen verbergen, und wenn
+nur du mich liebst, so mögen sie mich immer finden; besser daß ihr
+Haß mein Leben ende, als daß der Mangel deiner Liebe meinen Tod
+verlängre.
+
+Juliette.
+Wer gab dir Anweisung diesen Plaz zu finden?
+
+Romeo.
+Die Liebe, die mich antrieb ihn zu suchen; sie lehnte mir Wiz, und
+ich lehnte ihr Augen--Ich bin kein Steuermann, aber wärst du so
+fern als jenes vom entferntesten Ocean bespülte Ufer, ich würd' um
+ein solches Kleinod mein Leben wagen.
+
+Juliette.
+Die Maske der Nacht liegt auf meinem Gesicht, sonst würde meine
+glühende Wange dir zeigen, wie beschämt ich bin, daß du mich reden
+hörtest da ich allein zu seyn glaubte. Vergeblich würd' ich izt
+mich befremdet stellen wollen, vergeblich, vergeblich läugnen
+wollen was ich gesprochen habe--So fahre dann wohl, Verstellung!
+Liebst du mich? Ich weiß, du wirst sagen, ja; und ich will mit
+deinem Wort zufrieden seyn--wenn du schwörst, so könntest du
+meineydig werden; Jupiter lacht nur, sagen sie, zu den falschen
+Schwüren der Verliebten. O werther Romeo, sey redlich, wenn du mir
+sagst, du liebest mich: Oder wenn du denkst, ich lasse mich zu
+leicht gewinnen, so will ich sauer sehen, und verkehrt seyn, und
+dir nein sagen--aber anders nicht um die ganze Welt--In der That
+liebenswürdiger Montague, ich bin zu zärtlich; du könntest deswegen
+nachtheilig von meiner Aufführung denken; Aber glaube mir, edler
+Jüngling, du wirst mich in der Probe zuverläßiger finden, als
+diejenigen welche List genug haben sich zuverstellen und Umstände
+zu machen. Ich würde selbst mehr gemacht haben, ich muß es bekennen,
+wenn der Zufall dich nicht, mir unwissend, zum Zeugen meiner
+zärtlichen Gesinnungen gemacht hätte. Vergieb mir also, und denke,
+um dieser schleunigen Ergebung willen, nicht schlimmer von einer
+Liebe, die dir die dunkle Nacht so unverhoft entdekt hat.
+
+Romeo.
+Fräulein, bey jenem himmlischen Mond schwör' ich, der alle diese
+frucht-vollen Wipfel mit Silber mahlt--
+
+Juliette.
+O schwöre nicht bey dem Mond, dem unbeständigen Mond, der alle
+Wochen in seinem cirkelnden Kreise sich ändert--oder deine Liebe
+könnte eben so veränderlich werden.
+
+Romeo.
+Wobey soll ich denn schwören?
+
+Juliette.
+Schwöre gar nicht, oder wenn du ja willst, so schwöre bey deinem
+anmuthsvollen Selbst, bey dem theuren Gegenstand meiner Anbetung,
+und ich will dir glauben.
+
+Romeo.
+Wenn jemals meine redliche Liebe--
+
+Juliette.
+Gut, schwöre nicht--So angenehm du selbst mir bist, so ist mir doch
+diese nächtliche Verbindung nicht angenehm; sie ist zu rasch, zu
+unbesonnen, zu plözlich zu ähnlich dem Bliz, der schon aufgehört
+hat zu seyn, eh man sagen kan, es blizt--Gute Nacht, mein Liebster.
+Diese Knospe von Liebe kan durch des Sommers reiffenden Athem sich
+zu einer schönen Blume entfalten, bis wir wieder zusammen kommen.
+Gute Nacht, gute Nacht--Eine so süsse Ruhe komme über dein Herz,
+als die, so ich in meiner Brust empfinde!
+
+Romeo.
+O, willt du mich so unbefriediget verlassen?
+
+Juliette.
+Und was für eine Befriedigung kanst du noch verlangen?
+
+Romeo.
+Die Auswechslung des Gelübds deiner treuen Liebe gegen das Meinige.
+
+Juliette.
+Das that ich schon, eh du mich darum batest, und ich wollte lieber
+ich hätt' es nicht gethan.
+
+Romeo.
+Möchtest du dein Herz wieder zurüknehmen? Warum das, meine Liebe?
+
+Juliette.
+Nur damit ich dir's noch einmal geben könnte--und doch, was wünsch'
+ich mir damit, als was ich schon habe? Meine Zärtlichkeit ist so
+grenzenlos als die See, meine Liebe so tief; je mehr ich dir gebe,
+je mehr ich habe, denn beyde sind unerschöpflich--Ich höre ein
+Getöse--Lebe wohl, mein Geliebter--
+
+
+(Man ruft Julietten hinter der Scene.)
+
+Gleich, gute Amme; lieber Romeo, sey getreu warte nur ein wenig,
+ich komme gleich wieder.
+
+(Sie geht weg.)
+
+Romeo.
+O, glükliche, glükliche Nacht! Ich besorge nur, weil es Nacht ist,
+daß alles das nur ein Traum sey; es ist zu schmeichelnd-süß um
+würklich zu seyn. (Juliette kommt wieder.)
+
+Juliette.
+Drey Worte, liebster Romeo, und dann gute Nacht, im Ernst--Wenn die
+Absicht deiner Liebe rechtschaffen ist, und auf eine geheiligte
+Verbindung abzielet, so laß mich durch jemand, den ich morgen an
+dich schiken will, wissen, wann und wo du die Ceremonien verrichten
+lassen willst, und ich bin bereit, mein ganzes Glük zu deinen
+Füssen zu legen, und dir, mein Liebster, durch die ganze Welt zu
+folgen.
+
+(Man ruft Julietten hinter der Scene.)
+
+Ich komme gleich--wenn du es aber nicht wohl meynst, so bitt' ich
+dich--
+
+(Man ruft wieder)
+
+Den Augenblik--ich komme--gieb deine Bewerbung auf und überlaß
+mich meinem Gram--Morgen will ich schiken--
+
+Romeo.
+So möge meine Seele leben--
+
+Juliette.
+Tausendmal gute Nacht--
+
+(Sie geht weg.)
+
+Romeo.
+Wie kann dein Wunsch erfüllt werden, da du mich verlässest?--
+Schmerzen-volles Scheiden!--Liebe zu Liebe eilt so freudig wie
+Schulknaben von ihren Büchern--aber wenn Liebe sich von Liebe
+scheiden soll, da geht's der Schule zu, mit schwermüthigen Bliken--
+
+(Er entfernt sich.)
+
+(Juliette kommt noch einmal zurük.)
+
+Juliette.
+St! Romeo! St!--Wo nemm' ich eines Falkeniers Stimme her, um diesen
+Terzelot sachte wieder zurük zuloken--Ich darf nicht laut ruffen,
+sonst wollt ich die Höle wo Echo ligt zersprengen, und ihre helle
+Zunge von Wiederholung meines Romeo heiser machen.
+
+Romeo.
+Ist es meine Liebe die mir bey meinem Namen ruft? welche Musik tönt
+so süß als die Stimme der Geliebten durch die Nacht hin dem
+Liebenden tönt!
+
+Juliette.
+Romeo!
+
+Romeo.
+Meine Liebe!
+
+Juliette.
+In welcher Stunde soll ich morgen zu dir schiken?
+
+Romeo.
+Um neun Uhr.
+
+Juliette.
+Ich will es nicht vergessen, es ist zwanzig Jahre bis dahin--Ich
+habe vergessen, warum ich dich zurükrief.
+
+Romeo.
+Laß mich hier stehen, biß es dir wieder einfällt.
+
+Juliette.
+Deine Gegenwart ist mir so angenehm, daß ich vergessen werde, daß
+ich dich zu lange hier stehen lasse.
+
+Romeo.
+Und ich stehe so gerne hier, daß ich mich nicht erinnre eine andre
+Heimat zu haben als diese.
+
+Juliette.
+Es ist bald Morgen--Ich wollte du wärest weg, und doch nicht weiter
+als der Vogel eines spielenden Mädchens, den sie ein wenig von
+ihrer Hand weghüpfen läßt, aber aus zärtlicher Eifersucht über
+seine Freyheit, wenn er sich zu weit entfernen will, den armen
+kleinen Gefangnen gleich wieder an einem seidnen Faden zurükzieht.
+
+Romeo.
+Ich wollt' ich wäre dein Vogel.
+
+Juliette.
+Das wollt' ich auch, mein Herz, wenn ich nicht fürchtete daß ich
+dich gar zu tode liebkosen möchte. Gute Nacht, gute Nacht. Das
+Scheiden kommt mich so sauer an, daß ich so lange gute Nacht sagen
+werde, biß es Morgen ist.
+
+(Sie geht weg.)
+
+Romeo.
+Schlummer ruhe auf deinen Augen, und süsser Friede in deiner Brust!
+Möcht' ich der Schlaf und der Friede seyn, um so lieblich zu ruhen!--
+Ich gehe nun in die Celle meines Geistlichen Vaters, ihm mein Glük
+zu entdeken und ihn um seinen Beystand zu bitten.
+
+(ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Verwandelt sich in ein Kloster.)
+(Pater Lorenz tritt mit einem Korb auf.)
+
+
+Lorenz.
+Der grau-augichte Morgen lächelt die runzelnde Nacht weg, und
+zeichnet die östlichen Wolken mit Streiffen von Licht; indem die
+geflekte Finsterniß gleich einem Betrunknen, den brennenden Rädern
+des Titan aus dem Wege taumelt. Nun ist es Zeit, daß ich, eh das
+flammende Auge der Sonne näher kömmt, dem Tag zu liebkosen, und den
+nächtlichen Thau aufzutroknen, diesen Korb mit balsamischen
+Kräutern und Blumen von heilsamer Kraft anfülle. Die Erde, die
+Mutter der Natur, ist auch ihr Grab, und dieses fruchtbare Grab
+ists, aus dessen Schoos alle diese verschiednen Kinder entspringen,
+die wir saugend an ihrem mütterlichen Busen hangen sehen; jede Art
+mit besondern Kräften begabt, jede mit einer eignen Tugend
+geschmükt, und keine der andern gleich. Wie groß ist nicht die
+manchfaltige Kraft die in Pflanzen, Kräutern und Steinen ligt!
+Nichts was auf der Erde sich findet, ist so schlecht, daß die Erde
+nicht irgend einen besondern Nuzen davon ziehe; nichts so gut,
+dessen Mißbrauch nicht schädlich sey. Die Tugend selbst, wird durch
+Überspannung oder irrige Anwendung zum Laster, und das Laster
+hingegen zuweilen durch die Art wie es ausgeübt wird, geadelt--In
+dieser kleinen Blume hier liegt Gift und Heil-Kraft beysammen; ihr
+Geruch stärkt und ermuntert alle Lebens-Kräfte; gekostet hingegen,
+raubt sie den Sinnen alle Empfindung, und das Leben selbst. Zween
+eben so feindselige Gegner ligen allezeit in jedes Menschen Brust,
+die Gnade, und der verdorbne Wille, und wo dieser die Oberhand
+gewinnt, da hat der krebsartige Tod nur gar zu bald die ganze
+Pflanze aufgefressen. (Romeo zu dem Vorigen.)
+
+Romeo.
+Guten Morgen, Vater.
+
+Bruder Lorenz.
+Benedicite! Was für eine frühe Zunge grüßt mich so freundlich?--
+Junger Sohn, es zeigt einen verstörten Kopf an, daß du dein Bette
+so früh schon verlässest. Sorgen wachen wohl in alter Leute Augen,
+und wo Sorge wohnt, wird der Schlaf nie sein Nachtlager nehmen:
+Aber wo kummerfreye Jugend mit unbeladnem Hirn ihre Glieder ruhen
+läßt, da herrschst der goldne Schlaf. Dein frühes Aufseyn ist mir
+also ein Zeichen daß irgend eine aufrührische Leidenschaft deine
+innerliche Ruhe stört--oder wenn dieses nicht ist, nun, so ist's
+bald errathen, daß unser Romeo diese Nacht gar nicht zu Bette
+gegangen ist.
+
+Romeo.
+Das leztere ist wahr, weil mir eine süssere Ruhe zu theil ward.
+
+Bruder Lorenz.
+Gott verzeihe dir deine Sünde! warst du bey Rosalinen?
+
+Romeo.
+Bey Rosalinen, mein geistlicher Vater? Nein. Ich habe sie bis auf
+ihren Namen vergessen.
+
+Bruder Lorenz.
+Das ist mein guter Sohn! Aber wo bist du denn gewesen?
+
+Romeo.
+Ich will es aufrichtig gestehen; ich befand mich vor einiger Zeit,
+unerkannt, bey einem Gastmal meines Feindes; dort wurd' ich
+unversehens, von einer Person verwundet, die ich zu gleicher Zeit
+verwundet habe; du besizest die geheiligte Arzney, die uns allein
+helfen kan; du siehest, heiliger Mann, daß ich keinen Haß in meinem
+Herzen hege, da meine Bitte sich auf meinen Feind erstrekt.
+
+Bruder Lorenz.
+Rede gerad und ohne Umschweiffe mit mir, mein Sohn; eine
+räthselhafte Beicht' erhält auch nur einen räthselhaften Ablaß.
+
+Romeo.
+So wisse dann, daß ich des reichen Capulets schöne Tochter liebe;
+ihr Herz hängt an meinem, wie das meinige an dem ihrigen: Alles ist
+schon unter uns verglichen, und um gänzlich vereinigt zu seyn,
+fehlt uns nichts, als der Knoten, den du machen kanst. Wenn, wo,
+und wie, wir einander zuerst gesehen, geliebt, und unsre Herzen
+ausgetauscht haben, will ich dir hernach erzählen; alles warum ich
+izt bitte, ist, daß du einwilligest uns heute noch zu vermählen.
+
+Bruder Lorenz.
+Heiliger Franciscus! Was für eine Veränderung ist das! Ist Rosaline,
+die du so zärtlich liebtest, so schnell vergessen? So sizt wohl
+die Liebe junger Leute bloß in ihren Augen und nicht im Herzen!
+Jesu, Maria! Was für Fluthen von Thränen haben deine Wangen um
+Rosalinen willen überschwemmt! Die Sonne hat deine Seufzer noch
+nicht vom Himmel weggewischt, dein Gewinsel hallt noch in meinen
+alten Ohren; sieh, hier sizt auf deiner Wange noch der Flek von
+einer alten Thräne, die noch nicht weggewaschen ist. Wenn du damals
+du selbst warst, so gehörst du Rosalinen--und du bist ihr untreu
+worden? So gestehe dann, daß es unbillig ist, auf den Leichtsinn
+der Weiber zu schmählen, da in Männern selbst keine Standhaftigkeit
+ist.
+
+Romeo.
+Und doch beschaltest du mich so oft, daß ich Rosalinen liebe?
+
+Bruder Lorenz.
+Daß du in sie vernarrt warst, nicht daß du sie liebtest, mein Kind--
+
+Romeo.
+Und befahlst mir, meine Liebe zu begraben?
+
+Bruder Lorenz.
+Aber nicht eine neue aus ihrem Grab heraus zu holen.
+
+Romeo.
+Ich bitte dich, schohne meiner; Sie die ich liebe, erwiedert meine
+Zuneigung durch die ihrige; das that die andre nicht.
+
+Bruder Lorenz.
+Ohne Zweifel sagte ihr Herz ihr vorher, wie unzuverläßig das
+deinige sey! Doch komm nur, junger Flattergeist, folge mir; dein
+Wankelmuth kan vielleicht gute Folgen nach sich ziehen. Diese
+Verbindung kan das gesegnete Mittel werden, den alten Haß eurer
+Familien auszulöschen--und in dieser einzigen Betrachtung will ich
+dir behülflich seyn.
+
+Romeo.
+O laß uns gehen, ich habe keine Zeit zu versäumen--
+
+Bruder Lorenz.
+Bedächtlich und langsam! Wer zu schnell lauft, stolpert leicht.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Verwandelt sich in die Strasse.)
+(Benvolio und Mercutio treten auf.)
+
+
+Mercutio.
+Wo, zum T**, mag denn dieser Romeo seyn? Kam er verwichene Nacht
+nicht nach Hause?
+
+Benvolio.
+Sein Bedienter sagt, nein.
+
+Mercutio.
+Wie, zum Henker, dieses bleichsüchtige, hartherzige Mensch, diese
+Rosaline quält ihn, daß er endlich zum Narren d'rüber werden wird.
+
+Benvolio.
+Tybalt, des alten Capulets Neffe, hat einen Brief in seines Vaters
+Haus geschikt.
+
+Mercutio.
+Eine Ausforderung, auf mein Leben!
+
+Benvolio.
+Romeo wird ihm antworten, wie sich's gebührt.
+
+Mercutio.
+Auf einen Brief kan endlich ein jeder antworten, der Schreiben
+gelernt hat.
+
+Benvolio.
+Nein, ich meyne, Tybalt wird seinen Mann in Romeo finden.
+
+Mercutio.
+Wollte Gott! Aber ach, der arme Romeo! er ist schon tod; von einer
+weissen Dirne schwarzem Aug zu tod gestochen! mit einem Liebes-
+Liedchen durch und durch--die Ohren gestossen! Der kleine blinde
+Bogenschüze hat ihm den Herz-Bendel abgeschossen; und er soll der
+Mann seyn, sich mit einem Tybalt zu messen?
+
+Benvolio.
+Wie, was ist denn Tybalt--
+
+Mercutio.
+Mehr als der Fürst der Kazen; das glaube mir--O, das ist der
+herzhafte Obrist-Leutenant aller Complimente; er ficht dir so
+leicht als du einen Gassen-Hauer singst, und bohrt dir nach der
+Cadenz, troz dem besten Tanzmeister--mit eins, zwey, drey, sein
+Federmesser in den Busen, daß es eine Lust zu sehen ist--ein wahrer
+Mörder eines seidnen Knopfs, ein Duellist, ein Duellist! Ein Mann,
+der immer zu förderst an der Spize seines hohen Hauses steht, ein
+Mann der sich nach den Noten schlägt--ah, der unsterbliche
+(Passado), der (Punto reverso), der--Hey! --
+
+Benvolio.
+Der--was?
+
+Mercutio.
+Der Henker hohle diese frazigten, lispelnden, affectierten Narren!
+Diese süssen Bürschchen, die mit einem halbausländischen Accent
+ausruffen: Jesu! die allerliebste Klinge!--Der allerliebste
+Grenadier!--die allerliebste H**!--Wie, ist es nicht erbärmlich,
+Großvater, daß wir mit diesen Schmetterlingen, mit diesen Mode-
+Frazen, diesen (pardonnés-moi's) heimgesucht seyn sollen, die so
+steiff auf der neuen Mode halten, daß sie unmöglich auf dem alten
+Bank ruhig sizen können?--O! ihre (bons), ihre (bons!) (Romeo zu
+den Vorigen.)
+
+Benvolio.
+Hier kommt Romeo, hier kommt er--
+
+Mercutio.
+Ohne seinen Rogen, wie ein gedörrter Häring--O Fleisch, Fleisch,
+wie bist du fischificiert!--Izt ist er in den Harmonien vertieft,
+worinn Petrarch daherfließt: Laura war gegen sein Fräulein nur ein
+Küchen-Mensch--Zum Henker, sie hatte einen Liebhaber der sie besser
+bereimen konnte--Dido war gegen sein Mädchen nur eine dike Säug-
+Amme, Helena und Hero Mezen und Landstreichers-Waare, Thisbe ein
+kazen-augichtes Ding, oder so was--Aber nun zur Sache! Signor Romeo,
+(bon jour); das ist ein französischer guter Morgen für eure
+französischen Hosen--Ihr spieltet uns einen artigen Streich lezte
+Nacht--
+
+Romeo.
+Guten Morgen--meine Freunde: Was für einen Streich spielt' ich euch
+dann?
+
+Mercutio.
+Daß ihr so davon schlüpftet, wie wir euch ruften.
+
+Romeo.
+Um Vergebung, mein lieber Mercutio, mein Geschäfte war wichtig, und
+in einem solchen Fall wie der meinige, ist es einem ehrlichen Mann
+erlaubt, eine kleine Ausnahme von den Regeln der Höflichkeit zu
+machen--* (Die Amme, mit Peter, ihrem Diener, zu den Vorigen.)
+
+{ed.-* Hier fängt sich bis zum Auftritt der Amme eine Art von wizigem
+Duell mit Wortspielen, und abgeschmakt-sinnreichen Einfällen
+zwischen Romeo und Mercutio an, welcher leztere zuweilen auch noch
+mit schmuzigen Scherzen um sich wirft, wenn er sich nicht anders
+mehr zu helfen weiß--Man kennt schon diese Mode-Seuche von unsers
+Autors Zeit, und erlaubt uns, eine Lüke zu machen, wo es in unsrer
+Sprache unmöglich ist so wizig zu seyn wie seine Spaß-Macher.}
+
+Amme.
+Peter--
+
+Peter.
+He?
+
+Amme.
+Meinen Fächer, Peter--
+
+Mercutio.
+Thu es, guter Peter, damit sie ihr Gesicht verbergen kan; ihr
+Fächer ist doch das schönste von beyden.
+
+Amme.
+Guten Tag geb euch Gott, ihr Herren.
+
+Mercutio.
+Ein gutes Mittag-Essen geb euch Gott, schönes Frauenzimmer.
+
+Amme.
+Ist es schon Mittag-Essens-Zeit?
+
+Mercutio.
+Es ist nicht weniger, sag ich euch; denn die--** ([Nachdem diese
+drey jungen Herren eine Zeitlang ihren geistreichen Spaß mit der
+Amme gehabt haben, welche dem Romeo sagt, daß sie einen Auftrag an
+ihn habe, so führen sich endlich die beyden andern ab, und Romeo
+bleibt bey der Amme zurük.])
+
+{ed.-** Eine abermalige Lüke, die sich von einer Zote des sinnreichen
+Mercutio anhebt, und im Original mit dem albersten Zeug von der
+Welt ausgefüllt ist.}
+
+Amme.
+Ich bitte euch, Gnädiger Herr, wer war der grobe Geselle da, der so
+voller Raupereyen stekte?
+
+Romeo.
+Ein junger Edelmann, Amme, der sich selber gerne reden hört, und in
+einer Minute mehr sagt, als er in einem Monat zu verantworten im
+Sinn hat.
+
+Amme.
+Wenn er etwas wider mich sagte, so wollt' ich ihn auf den Boden
+kriegen, und wenn er noch einmal so muthig wär' als er ist, und
+zwanzig solche Hansen; und wenn ich nicht kan, so will ich die wol
+finden, die es können--der Schurke, der! Ich bin keine von seinen
+Fleder-Wischen; ich bin keine von seinen Unter-Pfülben! Und du must
+so da stehn, und zusehen, wie ein jeder Flegel seine Lust an mir
+büßt?
+
+Peter.
+Ich sah niemand seine Lust an euch büssen; wenn ich so was gesehen
+hätte, ich wollte bald mit der Fuchtel heraus gewesen seyn, das
+versichr' ich euch. Ich habe so viel Herz als ein andrer, wenn ich
+Sicherheit in einem Handel sehe, und das Gesez auf meiner Seite ist.
+
+Amme.
+Nun, bey Gott, ich bin so übel, daß alles an mir zittert--der
+garstige Mensch! Ich bitte euch, Gnädiger Herr, ein einziges Wort;
+und wie ich euch sagte, mein junges Fräulein befahl mir euch
+aufzusuchen; was sie mir sagte, daß ich sagen sollte, will ich bey
+mir behalten; aber ich will nur so viel sagen, wenn ihr sie ins
+Narren-Paradies führen würdet, wie man zu sagen pflegt, so wär' es
+gewißlich eine grosse Sünde, denn das Fräulein ist jung, und wenn
+ihr sie also nur betrügen wolltet, so wär' es in der That nicht
+hübsch mit einem jungen Fräulein umgegangen--
+
+Romeo.
+Empfiehl mich deiner Fräulein; ich protestiere dir--
+
+Amme.
+Das gute Herz! Wohl, meiner Treue, das will ich ihr sagen: Herr,
+Gott, sie wird sich vor Freude kaum zu lassen wissen--
+
+Romeo.
+Was willt du ihr denn sagen, Amme? Du hörst mich ja nicht an.
+
+Amme.
+Ich will ihr sagen, Gnädiger Herr, daß ihr protestiert, welches,
+wie ich's verstehe, ein recht honnettes Anerbieten von einem jungen
+Cavalier ist--
+
+Romeo.
+Sag ihr, sie möchte ein Mittel ausfindig machen, diesen Nachmittag
+zur Beichte zu gehen; so solle sie in Bruder Lorenzens Celle zu
+gleicher Zeit absolviert und copuliert werden--Hier ist was für
+deine Mühe.
+
+Amme.
+Nein, wahrhaftig, Gnädiger Herr, nicht einen Pfenning.
+
+Romeo.
+Geh, geh, mach keine Umstände, du must--
+
+Amme.
+Diesen Nachmittag, Gnädiger Herr? Gut, wir wollen uns einfinden.
+
+Romeo.
+Noch eins, gute Amme; warte hinter der Kloster-Mauer, mein Diener
+soll binnen dieser Stunde bey dir seyn, und dir eine Strik-Leiter
+bringen, die mich diese Nacht auf den Gipfel meiner Glükseligkeit
+führen soll. Lebe wohl, sey getreu, und ich will deine Mühe
+reichlich belohnen.
+
+Amme.
+Nun, Gott im Himmel segne dich! Hört einmal, Gnädiger Herr--
+
+Romeo.
+Was willt du mir sagen, meine liebe Amme?
+
+Amme.
+Ist euer Bedienter auch verschwiegen? Hörtet ihr niemal sagen,
+zween können ein Geheimniß am besten bey sich behalten, wenn man
+einen davon thut?
+
+Romeo.
+Ich stehe dir davor, mein Kerl ist so zuverlässig als Stahl und
+Eisen.
+
+Amme.
+Gut, Gnädiger Herr, mein Fräulein ist das holdseligste Fräulein von
+der Welt--Herr Gott! wie sie noch ein kleines plapperndes Ding war--
+O,--es ist ein Edelmann in der Stadt, ein gewisser Paris, der
+seinen Mann gar zu gern bey ihr anbringen möchte; aber sie, die
+gute Seele, sie säh eben so gern eine Kröte als sie ihn sieht: Ich
+erzürne sie manchmal und sag ihr, Paris sey der schönere von beyden--
+aber das versichr' ich euch, wenn ich so rede, so wird sie so
+bleich wie ein weisses Tuch--Fangen nicht Rosmarin und Romeo beyde
+mit einem Buchstaben an?
+
+Romeo.
+Ja, Amme, warum fragst du das? Beyde mit einem R.
+
+Amme.
+Ah, Spottvogel! Das ist ja ein Hunds-Name--Nein, nein, ich weiß, es
+fangt mit einem andern Buchstaben an, und sie sagt die artigsten
+Sentenzien darüber, über euch und den Rosmarin, daß es euch im
+Herzen wohlthäte, wenn ihr's hörtet.
+
+Romeo.
+Meine Empfehlung an dein Fräulein--
+
+(Romeo geht ab.)
+
+Amme.
+O, tausendmal, Peter--
+
+Peter.
+He?
+
+Amme.
+Nimm meinen Fächer, und geh voran.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
+(Juliette tritt auf.)
+
+
+Juliette.
+Die Gloke schlug neun, wie ich die Amme ausschikte: und sie
+versprach in einer halben Stunde wieder zu kommen. Vielleicht kan
+sie ihn nicht finden--Das kan es nicht seyn--Oh, sie ist lahm. Die
+Boten der Liebe sollten Gedanken seyn, die zehnmal schneller
+fortschlüpfen als Sonnenstralen, wenn sie von dämmernden Hügeln die
+Schatten der Nacht vertreiben. Deßwegen ziehen leicht-geflügelte
+Dauben die Liebes-Göttin, und deßwegen hat der Wind-schnelle Cupido
+Schwingen. Die Sonne hat bereits den höchsten Gipfel ihrer
+täglichen Reise erstiegen; von neun bis zwölf sind drey lange
+Stunden--und doch ist sie noch nicht da--O, hätte sie warmes
+jugendliches Blut und ein gerührtes Herz, sie würde so schnell seyn
+als ein Ball; meine Worte würden sie zu meinem Geliebten stossen,
+und die seinigen zu mir--
+
+(Die Amme und Peter treten auf.) O Gott, sie kommt--O Zuker-Amme,
+was bringst du mir für eine Zeitung? Hast du ihn angetroffen?--
+Schik deinen Diener weg.
+
+Amme.
+Peter warte vor der Tür auf mich.
+
+(Peter geht ab.)
+
+Juliette.
+Nun, gute liebe Amme--O Himmel, warum siehst du so finster? Wenn
+deine Zeitung böse ist, so solltest du doch freundlich dazu
+aussehen; und ist sie gut, so verderbst du ihre Musik, wenn du sie
+mir mit einem sauern Gesicht vorspielst.
+
+Amme.
+Ich bin müde, laßt mich ein wenig ausruhen--Fy, meine Beine
+schmerzen mich, was das für ein Gang war!
+
+Juliette.
+Ich wollte du hättest meine Beine, und ich deine Zeitung. Nein,
+komm, ich bitte dich, rede--Gute, liebe Amme rede.
+
+Amme.
+Jesu! was für eine Ungeduld! Könnt ihr denn nicht ein wenig warten?
+Seht ihr nicht, daß ich ganz ausser Athem bin.
+
+Juliette.
+Wie bist du ausser Athem, da du Athem genug hast mir zu sagen, daß
+du ausser Athem bist? Die Entschuldigung die du für dein Zaudern
+machst ist länger als die Erzählung, auf die du mich warten läßst.
+Ist deine Zeitung gut oder böse? Antworte mir nur das; Sag eines
+von beyden, und ich will auf die Umstände warten; laß mich nicht in
+der Unruh, ist sie gut oder böse?
+
+Amme.
+Wohl, wohl, ihr habt eine feine Wahl getroffen; ihr wißt nicht wie
+man sich einen Mann auslesen muß: Romeo nein, er nicht; und doch,
+wenn sein Gesicht gleich nicht besser ist als andrer Leute ihres,
+so hat er doch die schönsten Waden, die man sehen kan; und was eine
+Hand, einen Fuß, und einen Leib anbetrift, wenn man schon nicht
+davon redt, so sind sie doch unvergleichlich. Er ist kein
+Complimenten-Narr nicht, aber ich bin gut davor, daß er so sanft
+ist wie ein Lamm--Geh deines Wegs, Mädchen, und danke Gott--Wie,
+habt ihr schon zu Mittag gegessen?
+
+Juliette.
+Nein, nein aber das alles wußt' ich schon vorher; was sagt er von
+unsrer Verheurathung? was sagt er davon?
+
+Amme.
+Herr, wie mir der Kopf weh thut! was ich für einen Kopf habe! Es
+schlägt nicht anders drinn, als ob er in zwanzig Stüke fallen
+sollte--Und mein Rüken--O mein Rüken, mein Rüken! Gott verzeih' es
+euch, daß ihr mich ausgeschikt, mit auf- und ablauffen mein Leben
+einzubüssen.
+
+Juliette.
+Bey meiner Treue, es ist mir leid, daß du so übel bist. Liebe,
+liebe, liebe Amme, ich bitte dich, was sagt mein Romeo?
+
+Amme.
+Euer Romeo redt wie ein rechtschaffner Edelmann, und ein artiger,
+und ein freundlicher, und ein hübscher, und, ich bin gut dafür,
+auch ein tugendhafter--Wo ist eure Mutter?
+
+Juliette.
+Wo meine Mutter ist? Wie, sie ist in ihrem Zimmer; wo soll sie
+sonst seyn? Wie wunderlich du fragst? Euer Liebhaber redt wie ein
+rechtschaffner Edelmann--wo ist eure Mutter! --
+
+Amme.
+O heilige Mutter Gottes, wie hizig ihr seyd! Wahrhaftig, ihr macht
+mir's, daß es nicht recht ist. Ist das der Lohn für meine Schmerzen
+in den Beinen? Ein andermal rüstet eure Gesandschaften selbst aus--
+
+Juliette.
+Was du für einen Lerm machst? Komm, was sagt Romeo?
+
+Amme.
+Habt ihr Erlaubniß gekriegt, heut zur Beichte zu gehen?
+
+Juliette.
+Ja.
+
+Amme.
+So macht euch, sobald ihr könnt, nach Bruder Lorenzens Celle; dort
+wartet ein Mann auf euch, der euch zu einem Weibe machen will--Nun
+rennt das muthwillige Blut wieder in eure Wangen--Man kan euch kaum
+was neues sagen, so sind sie lauter Scharlach. Geht ihr zur Kirche;
+ich muß einen andern Weg, eine Leiter zu holen, auf der euer
+Liebhaber zu einem Vogel-Nest hinaufklettern soll, so bald es
+dunkel seyn wird. Ich bin den ganzen Tag mit euerm Vergnügen
+geplagt, aber heute Nacht werdet ihr die Last selber tragen. Geht,
+ich will zum Mittag-Essen, macht ihr daß ihr in die Celle kommt.
+
+Juliette.
+Wie glüklich bin ich! Leb wohl indessen, gute Amme!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Verwandelt sich in das Kloster.)
+(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)
+
+
+Bruder Lorenz.
+So lächle der Himmel auf diese heilige Handlung, daß keine
+nachfolgende Unglüks-Stunden uns zur Reue zwingen mögen!
+
+Romeo.
+Amen, Amen! Doch komme was für ein Unglük auch will, es kan die
+Wonne nicht überwiegen, die mir eine einzige kurze Minute in ihrem
+Anblik giebt: Vereinige du nur mit heiligen Worten unsre Hände, und
+dann mag der Tod selbst sein ärgstes thun; es ist genug, wenn ich
+sie nur mein nennen kann.
+
+Bruder Lorenz.
+Diese heftigen Entzükungen nehmen gemeiniglich ein plözliches Ende,
+und sterben in ihrem Triumph; wie Feuer und Pulver, die sich, indem
+sie sich begegnen, verzehren. Des süssesten Honigs wird man um
+seiner Süssigkeit willen zulezt überdrüssig. Liebe also mässig,
+damit du lange lieben könnest; zu schnell kommt eben so spät an,
+als zu langsam.
+
+(Juliette zu den Vorigen.)
+
+Hier kommt das Fräulein. Wie munter, wie leicht auf den Füssen sie
+ist! Ein Verliebter könnte das leichte Pflaum-Federchen besteigen,
+das in der üppigen Sommer-Luft herumflattert, und würde doch nicht
+fallen, so leicht ist Eitelkeit.
+
+Juliette.
+Guten Abend, mein geistlicher Vater.
+
+Bruder Lorenz.
+Romeo, meine Tochter, soll dir für uns beyde danken.
+
+Juliette.
+Ich wünsche ihm eben so viel, sonst wäre sein Dank zu viel.
+
+Romeo.
+Ah! Juliette, wenn das Maaß deiner Freude so aufgehäuft ist als das
+meinige, und du fähiger bist als ich, sie auszudrüken, o so
+versüsse durch deinen Athem diese umgebende Luft, und laß die
+zauberische Musik deiner Zunge die Glükseligkeit entfalten, die wir
+beyde von dieser frohen Zusammenkunft erhalten.
+
+Juliette.
+Mein Herz ist zu voll von seinem Glük, als daß es sich in Worte
+ergiessen könnte--Die sind nur arm, welche sagen können, wie reich
+sie sind--Meine Zärtlichkeit ist zu einem solchen Übermaaß
+gestiegen, daß ich nicht die Hälfte meines Reichthums anzugeben
+vermag.
+
+Bruder Lorenz.
+Kommt, kommt mit mir, und wir wollen kurze Arbeit machen; denn, mit
+eurer Erlaubniß, sollt ihr nicht allein beysammen bleiben, bis die
+heilige Kirch aus beyden (Einen) Leib gemacht hat.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Die Strasse.)
+(Mercutio und Benvolio mit ihren Bedienten treten auf.)
+
+
+Benvolio.
+Ich bitte dich, lieber Mercutio, laß uns gehen, der Tag ist heiß,
+und die Capulets schwärmen in den Strassen herum; wenn wir ihnen
+begegnen, so wird es unfehlbar Händel absezen; denn in diesen
+heissen Tagen ist das tolle Blut aufrührisch.
+
+Mercutio.
+Du kommst mir gerade so vor, wie einer von den tapfern Männern, die,
+wenn sie in ein Weinhaus kommen, gleich ihren Degen auf den Tisch
+schmeissen und sagen: Gott gebe daß ich dich nicht nöthig habe!
+aber sobald ihnen die zweyte Flasche in den Kopf gestiegen ist, ihn
+gegen den Keller-Jungen ziehen, welches sie in der That nicht
+nöthig hatten.
+
+Benvolio.
+Und einem solchen Burschen bin ich gleich?
+
+Mercutio.
+Komm, komm, wenn du aufgebracht bist, bist du ein so hiziger
+Klingen-Fresser als irgend einer in Italien--und das schlimmste
+dabey ist, daß du eben so schnell aufzubringen bist, als du hizig
+bist, wenn man dich aufgebracht hat.
+
+Benvolio.
+Wie kömmt das?
+
+Mercutio.
+Wahrhaftig, wenn zween solche wären wie du, wir würden gar bald gar
+keinen haben, denn einer würde den andern in der ersten Stunde
+aufreiben. Du? du fängst ja Händel mit einem an, weil er ein Haar
+mehr oder weniger in seinem Bart hat, als du; du würdest mit einem
+anbinden, der Nüsse aufknakte, ohne eine andre Ursache angeben zu
+können, als weil du nußbraune Augen hast. Dein Kopf ist so voller
+Händel, als ein Ey voll von Dotter und Eyer-Klar--und doch ist dir
+dieser nemliche Kopf, um deiner Schlägereyen willen, schon so weich
+geschlagen worden, als ein gesottnes Ey. Du hast dich mit einem
+geschlagen, der auf der Strasse hustete, weil er deinen Hund damit
+aufgewekt habe, der in der Sonne schlafend lag. Fiengst du nicht
+mit einem Schneider Händel an, weil er sein neues Wams vor Ostern
+trug? und mit einem andern, weil er seine neue Schuhe mit einem
+alten Nestel zugeknöpft hatte? Und du willt hier den Hofmeister mit
+mir machen, und mich vor Händeln warnen!
+
+Benvolio.
+Wenn ich so händelsüchtig wäre wie du, es würde mir niemand zwo
+Stunden um mein Leben geben--
+
+(Tybalt, Petrucchio und andre von den Capulets treten auf.) Bey
+meinem Kopf, hier kommen die Capulets--
+
+Mercutio.
+Bey meiner Ferse, ich frage nichts darnach.
+
+Tybalt.
+Haltet euch dicht an mir, ich will mit ihnen reden--Guten Tag,
+meine Herren, ein Wort mit einem von euch.
+
+Mercutio.
+Warum nur Ein Wort? Kuppelt es mit einem leibhaftern Ding zusammen,
+macht daß ein Wort und eine Ohrfeige draus wird.
+
+Tybalt.
+Ihr sollt mich willig genug dazu finden, Herr, wenn ihr mir
+Gelegenheit dazu geben wollt.
+
+Mercutio.
+Könnt ihr denn keine Gelegenheit nehmen, ohne daß man sie euch
+geben muß?
+
+Tybalt.
+Mercutio, du ziehst immer mit Romeo herum--
+
+Mercutio.
+Herumziehen! wie, machst du Bier-Fidler aus uns? Wenn du Bier-
+Fidler aus uns machst, so erwarte nichts bessers als Mißtöne zu
+hören--Hier ist mein Fiddel-Bogen--Hier ist was, das euch tanzen
+machen soll!--Höll-Teufel! Herumziehen!
+
+(Er legt die Hand an seinen Degen.)
+
+Benvolio.
+Wir sind hier mitten unter den Leuten. Entweder zieht euch an einen
+abgelegnen Ort zurük, oder macht euren Zwist mit kaltem Blut aus;
+hier gaffen uns alle Augen an.
+
+Mercutio.
+Die Leute haben ihre Augen drum, damit sie sehen sollen; laß sie
+gaffen; ich will niemand zum Gefallen von der Stelle gehen, ich.
+(Romeo zu den Vorigen.)
+
+Tybalt.
+Gut! Ihr könnt Friede haben, Herr! Hier kommt mein Mann.
+
+Mercutio.
+Aber ich will gehangen seyn, Herr, wenn er euere Liverey trägt;
+geht nur zuerst zu Felde, er wird euch auf dem Fusse folgen; in
+diesem Sinn kan Eu. Gnaden ihn wol einen Mann heissen.
+
+Tybalt.
+Romeo, die Liebe die ich zu dir trage, giebt mit keinen bessern
+Gruß für dich als diesen, du bist ein nichtswürdiger Kerl--
+
+
+Romeo.
+Tybalt, die Ursache die ich habe dein Freund zu seyn, ist groß
+genug, mich gegen die beleidigende Wuth eines solchen Grusses
+unempfindlich zu machen--Ich bin nicht was du sagst--Also, lebe
+wohl; ich sehe, du kennst mich nicht.
+
+Tybalt.
+Junge, damit sollst du nicht für die Beleidigungen davon kommen,
+die ich von dir empfangen habe; kehr um, und zieh.
+
+Romeo.
+Ich schwöre dir, daß ich dich nie beleidigt habe; ich liebe dich
+mehr als du dir einbilden kanst; und bis du die Ursach erfahren
+wirst, warum ich dich liebe, guter Capulet,
+
+(leiser)
+
+--dessen Name mir so theuer ist als mein eigner--gieb dich
+zufrieden.
+
+Mercutio.
+Wie? So gelassen? O schimpfliche, niederträchtige Gelassenheit!--
+Tybalt, du Razenfänger, willt du mit mir kommen?
+
+Tybalt.
+Was willst du von mir?
+
+Mercutio.
+Guter Kazen-König, nichts als eines von deinen neun Leben, um ein
+bißchen lustig damit zu machen, und je nach dem ihr euch künftig
+aufführen werdet, euch auch die übrigen auszuklopfen. Wollt ihr
+euern Degen ziehen? Macht hurtig--
+
+
+Tybalt.
+Ich bin zu euern Diensten.
+
+(Er zieht.)
+
+Romeo.
+Liebster Mercutio, stek dein Rapier ein.
+
+Mercutio.
+Wolan, Herr, einen kleinen Gang.
+
+(Mercutio und Tybalt fechten.)
+
+Romeo.
+Zieh, Benvolio--hilf mir ihnen die Degen aus den Händen schlagen--
+Meine Herren--Um's Himmels willen, haltet ein--Tybalt--Mercutio--
+Ihr wißt das ausdrükliche Verbot des Fürsten--Halt, Tybalt--armer
+Mercutio--
+
+(Tybalt geht ab.)
+
+Mercutio.
+Ich bin verwundet--Verderben über eure beyde Häuser! Ich habe
+meinen Theil. Ist er weg, und hat nichts?
+
+Benvolio.
+Wie, bist du verwundet?
+
+Mercutio.
+Ja, ja, eine Rize, eine Nadelrize--Zum Henker, es ist genug, wo ist
+mein Diener? Geh, Schurke, hol einen Wund-Arzt.
+
+Romeo.
+Gutes Muths, Mann, die Wunde wird nicht viel zu bedeuten haben.
+
+Mercutio.
+Nein, sie ist nicht so tief als ein Zieh-Brunnen, noch so weit als
+eine Kirchen-Thür, aber sie ist eben recht, so viel ich brauche;
+fragt morgen wieder nach mir. Ich bin gepfeffert für diese Welt,
+das glaubt mir; der Henker hole eure beyden Häuser! Wie? ein Hund,
+eine Raze, eine Maus, eine Kaze soll einen Mann zu tod krazen? Eine
+feige Hure, ein Schurke, ein Lumpen-Kerl, der nach dem Rechenbuch
+ficht? Warum zum Teufel kam't ihr zwischen uns? Ich wurde unter
+euerm Arm gestossen--
+
+Romeo.
+Ich that es aus der besten Absicht.
+
+Mercutio.
+Hilf mir in irgend ein Haus, Benvolio, oder ich werde umsinken--Die
+Pest über eure Häuser! Sie haben eine Wurms-Mahlzeit aus mir
+gemacht; ich hab' es, und bald genug--Den Teufel über eure Häuser!--
+
+(Mercutio und Benvolio gehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+
+
+Romeo.
+Dieser Edelmann, ein naher Verwandter des Prinzen, mein bester
+Freund, muß um meinetwillen sein Leben lassen--meine Ehre ist durch
+Tybalts Lästerungen beflekt, Tybalts, der kaum seit einer Stunde
+mein Vetter ist: O süsse Juliette, deine Schönheit hat mich
+weibisch gemacht--Würd' ein Mann soviel leiden und gelassen
+bleiben? (Benvolio tritt auf.)
+
+Benvolio.
+O Romeo, Romeo, der brave Mercutio ist todt--
+
+Romeo.
+Dieser unglükselige Tag, es ahnet mir, wird mehr andre nach sich
+ziehen--
+
+(Tybalt zu den Vorigen.)
+
+Benvolio.
+Hier kommt der rasende Tybalt wieder zurük.
+
+Romeo.
+Lebend, im Triumph? und Mercutio ist erschlagen? Hinweg gen Himmel,
+zurükhaltende Sanftmuth, und du, feuer-augichte Wuth, sey nun meine
+Führerin! Nun, Tybalt nimm den nichtswürdigen Kerl zurük, den du
+vorhin mir gabst--Mercutio's Seele schwebt nicht weit über unsern
+Häuptern und wartet auf die deinige--Du oder ich, einer von uns muß
+ihm Gesellschaft leisten.
+
+Tybalt.
+Du, armseliger Junge, der hier mit ihm zu lauffen gewohnt war, du
+sollst mit ihm.
+
+(Sie fechten; Tybalt fällt.)
+
+Benvolio.
+Romeo, hinweg, fliehe--die Bürger lauffen zusammen, und Tybalt ist
+erschlagen--Steh nicht so sinnlos da--der Prinz wird dein Todes-
+Urtheil sprechen, wenn du ergriffen wirst--Hinweg, fliehe, fort!
+
+Romeo.
+O! Ich unglükseliger Ball des Glüks--
+
+Benvolio.
+Wie, du zögerst noch?
+
+(Romeo entweicht.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Einige Bürger treten auf.)
+
+
+Bürger.
+Welchen Weg floh Tybalt, der den Mercutio ermordet hat? Wo floh er
+hin?
+
+Benvolio.
+Hier ligt Tybalt.
+
+Bürger.
+Auf, Herr, geht mit mir--ich befehle dir's in des Fürsten Namen,
+gehorche. (Der Prinz, Montague, Capulet, ihre Weiber, u. s. w.
+treten auf.)
+
+Prinz.
+Wo sind die schändlichen Urheber dieser Unruh?
+
+Benvolio.
+Gnädigster Herr, ich kan den ganzen unglüklichen Hergang dieses
+fatalen Zwists erzählen; hier ligt, vom jungen Romeo erschlagen,
+der Mann der den tapfern Mercutio, euern Vetter erschlug.
+
+Lady Capulet.
+Tybalt, mein Neffe! O meines Bruders Kind! Unglükseliger Anblik! O
+weh mir, das Blut meines liebsten Neffen ist vergossen--Prinz, so
+wahr du diesen Namen verdienst, so laß unser Blut durch das Blut
+des mördrischen Montague gerochen werden.
+
+Prinz.
+Benvolio, wer war der Anfänger des Handels?
+
+Benvolio.
+Tybalt, der hier von Romeo's Hand erschlagen ligt, von Romeo, der
+ihm freundlich zuredete, ihn bat die Gefährlichkeit der Händel, die
+er anfieng, zu bedenken, und daß er sich die schärfste Ahndung von
+Eurer Durchlaucht zuziehen werde; aber alles was er mit sanfter
+Stimme, ruhigen Bliken, und demüthig gebognen Knien sagte, war
+nicht vermögend die wüthende Galle des tauben Tybalts zu
+besänftigen--noch ihn abzuhalten, den scharfen Stahl nach des
+kühnen Mercutio Brust zu züken, der gleich hizig ihm Stoß um Stoß
+wiedergab, und mit furchtlosem Kaltsinn, mit der einen Hand den
+kalten Tod auf die Seite schlug, mit der andern ihn zu Tybalt zurük
+sandte, von dessen geschikter Faust er gleich wieder auf seinen
+Gegner zurükprallte.--Romeo ruft was er kan: haltet ein! Freunde!
+Freunde, haltet ein! und schneller als seine Zunge schlägt sein
+behender Arm beyder tödtliche Klingen nieder, und stürzt sich
+zwischen sie: Aber in eben diesem Augenblik durchbort, unter seinem
+Arm, ein unglüklicher Stoß von Tybalt des unbändigen Mercutio's
+Herz; Tybalt entflieht, aber bald kommt er wieder zu Romeo zurük,
+den eines Freundes Tod zur Rache anspornt, und wie der Bliz sind
+sie an einander: Denn eh ich sie von einander reissen konnte, war
+Tybalt erschlagen, und so wie er fiel, begab sich Romeo auf die
+Flucht. Diß ist die Wahrheit, oder laßt Benvolio sterben.
+
+Lady Capulet.
+Er ist ein Verwandter von den Montaguen, die Freundschaft macht ihn
+verdächtig, er sagt nicht die Wahrheit. Es waren ihrer wenigstens
+zwanzig gegen den einzigen Tybalt, weniger als diese zwanzig hätten
+nichts über ihn vermocht. Ich verlange Justiz, Prinz, und es ist
+nicht in deiner Gewalt sie abzuschlagen. Romeo tödtete Tybalt,
+Romeo soll nicht leben!
+
+Prinz.
+Romeo erschlug ihn, und er erschlug den Mercutio--von wem soll dann
+ich das werthe Blut meines Anverwandten fordern?
+
+Lady Montague.
+Nicht von Romeo, Prinz, er war Mercutio's Freund: Sein ganzer
+Fehler war, daß er dem Mörder Tybalt das Leben nahm, welches ihm
+das Gesez ohnehin genommen hätte.
+
+Prinz.
+Und dieses Verbrechens wegen verbannen wir ihn von Stund an aus
+Verona--Euere Feindschaft, euer ungezähmter Groll kostet mich mein
+eignes Blut, es ist hohe Zeit um meiner eignen Sicherheit willen
+ihm Einhalt zu thun. Ich will es, ich will durch den Zwang der
+Straffen erhalten, was Drohung nicht vermocht hat. Keine
+Entschuldigungen! Keine Vorbitten! weder Thränen noch Fußfälle
+sollen die ermüdete Gerechtigkeit versöhnen--Laßt Romeo
+unverzüglich fliehen, oder die Stunde, worinn er ergriffen wird,
+ist seine lezte--Traget diesen Leichnam von hinnen, und erwartet
+meinen fernern Willen--Gnade wird selbst zur Mörderin, wenn sie
+Mördern vergiebt.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Verwandelt sich in ein Zimmer in Capulets Haus.)
+(Juliette tritt allein auf.)
+
+
+Juliette.
+Eilet, eilet davon, ihr feurigen Rosse der Sonne, euerm Nachtlager
+zu--ein solcher Führer, wie Phaeton war, würde euch bald nach
+Westen gepeitscht, und in einem Augenblik den Tag in düstre Nacht
+verwandelt haben--Spreite deinen dichten Vorhang aus,
+Liebebefördernde Nacht! daß die Augen des müden Phöbus niken, und
+unbesprochen und ungesehn Romeo in diese Arme fliege. Liebende
+sehen genug zu ihren zärtlichen Geheimnissen beym Glanz ihrer
+eignen Schönheiten: Oder wenn die Liebe blind ist, so taugt sie am
+besten zur Nacht. Komm, stille Nacht, gleich einer sittsamen
+Matrone ganz in Schwarz gekleidet; komm und lehre mich ein
+gewinnreiches Spiel verliehren, das um ein paar unbeflekte
+Jungferschaften gespielt wird--Verhülle das unbemannte Blut, das
+meine Wangen erhizt, in deinen schwarzen Schleyer, bis die
+ungewohnte Liebe kühner wird, und in ihren brünstigsten Ausbrüchen
+nichts als Unschuld findt. Komm, Nacht, komm, Romeo, komm du Tag in
+der Nacht, denn du wirst auf den Flügeln der Nacht weisser als
+Schnee auf eines Raben Rüken ligen; komm, holde Nacht, komm,
+liebende, schwarz-augichte Nacht! Gieb mir meinen Romeo, und wenn
+er einst sterben muß, so nimm ihn und schneid ihn in kleine Sterne
+aus, und er wird dem Antliz des Himmels eine so reizende Anmuth
+geben, daß die ganze Welt in die Nacht verliebt werden, und den
+Flitter-Glanz der Sonne nichts mehr achten wird--O wie lang, wie
+verdrießlich lang ist dieser Tag, so lang, wie die Nacht vor einem
+Festtag einem ungeduldigen Kinde, das neue Kleider bekommen hat,
+und sie noch nicht tragen darf. O, hier kommt meine Amme--
+(Die Amme mit einer Strik-Leiter.) und bringt mir Nachrichten--
+jede Zunge, die meines Romeo Namen ausspricht, ist die Zunge eines
+Engels für mich--Nun Amme, was giebt's neues? Was hast du hier? Die
+Strik-Leiter die Romeo dich holen hieß?
+
+Amme.
+Ja, ja, die Strik-Leiter--
+
+Juliette.
+Weh mir! was ist begegnet? warum ringst du die Hände?
+
+Amme.
+Ach! daß's Gott erbarm'! er ist todt, er ist todt, er ist todt! wir
+sind verlohren, Fräulein, wir sind verlohren!--Ach, daß's Gott
+erbarm! er ist hin, er ist umgebracht, er ist todt!
+
+Juliette.
+Kan der Himmel so mißgünstig seyn?
+
+Amme.
+Was der Himmel nicht kan, kan Romeo--O Romeo! Romeo! Wer hätte sich
+das einbilden können, Romeo?
+
+Juliette.
+Was für ein Teufel bist du, der mich so martert? Diese Folter
+sollte im Abgrund der Hölle geheult werden! Hat Romeo sich selbst
+ermordet? Sag nur ja, und diese einzige Sylbe wird mich schneller
+vergiften als das todtschiessende Auge des Basilisken.
+
+Amme.
+Ich sah die Wunde, ich sah sie mit meinen Augen, Gott behüte mich!
+Hier--auf seiner männlichen Brust. Eine erbärmliche Leiche, eine
+blutige erbärmliche Leiche, bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut
+beschmiert, lauter geronnen Blut--es wurde mir ohnmächtig wie ich
+es sah.
+
+Juliette.
+O brich mein Herz--schließt euch zu, meine Augen; öffnet euch nicht
+mehr--stirb, arme Unglükliche, daß dich und Romeo Eine Baare drüke!
+
+Amme.
+O Tybalt, Tybalt, der beste Freund den ich hatte: O freundlicher,
+wakrer, edler Tybalt, daß ich leben mußte, dich todt zu sehen!
+
+Juliette.
+Was für ein Sturm ist das, der von so entgegenstehenden Seiten
+bläst. Ist Romeo erschlagen, und ist Tybalt todt? Mein
+vielgeliebter Vetter, und mein geliebterer Gemahl? Wenn das ist, so
+mag die Posaune zum allgemeinen Gerichts-Tag blasen--Denn wer lebt
+noch, wenn diese zween nicht mehr sind?
+
+Amme.
+Tybalt ist todt, und Romeo verbannt; Romeo, der ihn erschlug, ist
+verbannt.
+
+Juliette.
+O Gott! Romeo's Hand vergoß Tybalts Blut?
+
+Amme.
+Das that sie, das that sie, leider Gott erbarm's, das that sie.
+
+Juliette.
+O Schlangen-Herz, unter einem blühenden Gesicht verborgen! wohnte
+jemals ein Drache in einer so schönen Höhle? Liebreizender Unmensch,
+Englischer Teufel!--O Natur, was hast du in der Hölle zu thun,
+wenn du den Geist eines solchen Teufels in ein irdisches Paradies
+herbergest? War jemals ein Buch von so schändlichem Inhalt so schön
+eingebunden? O, daß in einem so prächtigen Palast gleißnerisches
+Laster wohnen soll!
+
+Amme.
+Es ist weder Treu, noch Glauben, noch Ehrlichkeit in diesen
+Mannsleuten; sie sind alle meineydig, alle Verräther, lauter Nichts,
+alle Heuchler--Ah! wo ist mein Diener? Gieb mir ein wenig Aquavit--
+Dieser Jammer, diese Noth, diese Sorgen machen eins vor der Zeit
+grau--Schaam über diesen Romeo!
+
+Juliette.
+Verflucht sey deine Zunge durch einen solchen Wunsch! Er ward nicht
+zur Schaam gebohren, sie untersteht sich nicht auf seine Stirne zu
+sizen: Sie ist ein Thron, wo die Ehre zum allgemeinen Monarchen der
+ganzen Welt gekrönt werden sollte! O was für eine Unglükliche war
+ich, so wider ihn auszubrechen!
+
+Amme.
+Wolltet ihr gut von dem Mörder euers Verwandten reden?
+
+Juliette.
+Soll ich übel von meinem Ehemann reden? Ach, armer Gemahl, was für
+eine Zunge soll deinem Namen liebkosen, da ich, dein dreystündiges
+Weib, ihn mißhandelt habe?--Aber warum, Unglüklicher, tödtetest du
+meinen Vetter? Dieser Vetter, der Unglükselige! würde sonst meinen
+Gemahl getödtet haben. Zurük, thörichte Thränen, zurük in eure
+Quelle; ihr seyd ein Zoll der dem Kummer gebührt, und ihr bietet
+ihn aus Irrthum der Freude dar? Mein Gemahl lebt, den Tybalt
+ermorden wollte, und Tybalt ist todt, der meinen Gemahl gern
+getödtet hätte; alles dieses ist Trost; warum wein' ich dann? Ach!
+es war noch ein Wort, schlimmer als Tybalts Tod, das mich ermordet
+hat; ich streb' umsonst es zu vergessen, ach! es dringt sich meinem
+Gedächtniß auf, wie das Bewußtseyn böser Thaten dem Gemüthe des
+Sünders; Tybalt ist todt und Romeo verbannt; dieses (verbannt),
+dieses einzige Wort verbannt, hat zehntausend Tybalts ermordet;
+Tybalts Tod war für sich allein Unglüks genug--Oder wenn das Unglük
+ja Gesellschaft haben will, warum folgte, wie sie sagte--Tybalt ist
+todt--warum folgte nicht, dein Vater, oder deine Mutter, oder gar
+beyde? Aber mit diesem gräßlichen Nachklang: auf, Tybalt ist todt--
+Romeo ist verbannt--Durch dieses einzige Wort ist Vater, Mutter,
+Tybalt, Romeo, Juliet, alles erschlagen, alles todt!--Romeo
+verbannt! Es ist weder Ziel, noch Maaß, noch Ende in dem Tod dieses
+Worts--es sind keine Worte die den Jammer ausdrüken, den es in sich
+hält. Wo ist mein Vater und meine Mutter, Amme?
+
+Amme.
+Weinend und jammernd über Tybalts Leiche. Wollt ihr zu ihnen? Ich
+will euch hinführen.
+
+Juliette.
+Waschen sie seine Wunden mit Thränen? Meine sollen, wenn die
+ihrigen vertroknet sind, über Romeo's Verbannung fliessen. Nimm
+diese Strike zu dir--arme Strike, ihr seyd verrathen, ihr und ich;
+Romeo ist verbannt! Er wollte sich auf euch einen Weg zu meinem
+Bette machen; aber nun werd' ich als eine verwittwete Jungfrau
+sterben. Komm, Strik-Leiter; komm, Amme; ich will in mein Braut-
+Bette, um dem Tod, nicht meinem Romeo in die Arme zu sinken.*
+
+{ed.-* Im Original sagt Juliette: (And Death, not Romeo, take my
+Maidenhead!)--Shakespear mußte einen Reim auf den vorhergehenden
+Vers haben, und es ist kein Unsinn, keine Unanständigkeit, die er
+sich nicht erlauben sollte, um sich nicht lang auf einen Reim
+besinnen zu dürfen.}
+
+Amme.
+Geht in euer Zimmer; ich will den Romeo aufsuchen, der euch trösten
+soll. Ich weiß wol wo er ist; ich will zu ihm, er ist in Bruder
+Lorenzens Celle.
+
+Juliette.
+O such ihn, find ihn, gieb ihm diesen Ring, und bitt' ihn daß er
+komme, sein leztes Lebewohl zu nehmen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in das Kloster.)
+(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)
+
+
+Bruder Lorenz.
+Romeo, komm hervor, hervor du furchtsamer Mann; der Kummer ist in
+deine Schönheit verliebt, und du bist mit der Wiederwärtigkeit
+verheurathet.
+
+Romeo.
+Was bringt ihr mir neues, mein Vater? Was ist des Prinzen Urtheil?
+Was für ein noch unbekanntes Elend will Bekanntschaft mit mir
+machen?
+
+Lorenz.
+Nur allzuvertraut ist mein theurer Sohn mit so beschwerlicher
+Gesellschaft. Ich bringe dir Nachricht von des Prinzen Urtheil.
+
+Romeo.
+Was weniger kan mein Urtheil seyn als der Tod?
+
+Lorenz.
+Ein milderer Spruch ergieng von seinen Lippen--Nicht dein Tod, nur
+deine Verbannung.
+
+Romeo.
+Ha! Verbannung! Sey mitleidiger, sage, Tod; denn Verbannung hat
+weit mehr schrekliches in ihren Bliken als der Tod selbst. Sage
+nicht, Verbannung.
+
+Lorenz.
+Hier aus Verona bist du verbannt; sey geduldig, die Welt ist weit
+und breit.
+
+Romeo.
+Ausser Verona's Mauern ist keine Welt, sondern nichts als Fegfeuer,
+Abgrund und Hölle. Von hier verbannt ist aus der ganzen Welt
+verbannt, und aus der Welt verbannt seyn, ist Tod. Dieses
+(verbannt) ist nur ein unrecht benannter Tod; wenn du den Tod
+Verbannung nennst, so ist das nichts bessers als ob du mir den Kopf
+mit einem goldnen Beil abhautest und zu dem Streich lächeltest,
+womit du mir das Leben nimmst.
+
+Lorenz.
+O Todsünde! O rohe Undankbarkeit! Auf dein Vergehen sezt unser
+Gesez den Tod; der gütige Fürst tritt dazwischen, stößt das Gesez
+auf die Seite, und verwandelt das schwarze Wort Tod in Verbannung;
+welch eine Gnade, und du siehst sie nicht?
+
+Romeo.
+Marter ist's, nicht Gnade! Der Himmel ist da, wo Juliette lebt;
+jede Kaze, jeder Hund, jede kleine Maus, jedes unwürdige Ding lebt
+hier im Himmel, und kan sie ansehen, nur Romeo nicht. Armselige
+Schmeis-Fliegen haben mehr Recht, sind achtbarer, edler, glüklicher
+als Romeo; sie können sich auf die weisse Hand meiner theuren
+Juliette sezen, und unsterbliche Wonne von ihren Lippen stehlen--
+Fliegen können das thun, indeß daß ich von ihr fliehen muß; und
+sagst du noch, daß Verbannung nicht Tod ist?--Sie können's, nur
+Romeo kan nicht, denn er ist verbannt--Hast du keinen Gift-Trank,
+keinen Dolch, kein plözliches Todes-Werkzeug, (so elend es seyn mag,
+kan es doch nicht so elend seyn als verbannt) mir das Leben zu
+nemmen? Ha! Verbannt! O Vater, die Verdammten in der Hölle brauchen
+dieses Wort, und Heulen folgt darauf--Wie kanst du so unbarmherzig
+seyn, du ein Mann Gottes, ein geistlicher Vater, ein Beichtiger,
+und mein erklärter Freund, mich mit diesem verfluchten Wort, zu
+zerschmettern?
+
+Lorenz.
+Wahnwiziger, liebeskranker Thor, höre mich reden--
+
+Romeo.
+O du willst wieder von Verbannung anfangen--
+
+Lorenz.
+Ich will dir Waffen geben, wodurch du dieses Wort von dir abhalten
+kanst; die süsse Milch der Wiederwärtigkeit--Philosophie, die dich
+beruhigen wird, ob du gleich verbannt bist.
+
+Romeo.
+Immer noch verbannt? An den Galgen mit Philosophie; wenn
+Philosophie nicht eine Juliette machen, eine Stadt versezen, die
+Urthel eines Prinzen aufheben kan, so hilft sie nicht, so nüzt sie
+nichts, sagt mir nichts mehr davon--
+
+Lorenz.
+Nun dann, tolle Leute haben keine Ohren, wie ich sehe.
+
+Romeo.
+Wie sollten sie, wenn kluge Leute keine Augen haben?
+
+Lorenz.
+Komm, laß uns vernünftig von deinen Umständen reden--
+
+Romeo.
+Du kanst von dem nicht reden was du nicht fühlst; wärest du so jung
+wie ich, und wäre Juliette deine Liebste, wärst du vor einer Stunde
+mit ihr verheurathet, und hättest in dieser Stunde Tybalten
+umgebracht, und liebtest bis zum Wahnwiz wie ich, und wärest wie
+ich verbannt--dann möchtest du reden, dann möchtest du dir die
+Haare ausrauffen, und dich auf den Boden werfen, wie ich izt thue,
+und das Maas zu deinem Grabe nemmen.
+
+(Er wirft sich auf den Boden.)
+
+Lorenz.
+Steh auf--es klopft jemand:
+
+(Man hört klopfen.)
+
+Guter Romeo, verbirg dich.
+
+Romeo.
+Nein wahrhaftig, wenn nicht der Dampf Herzzersprengender Seufzer,
+mich wie ein Nebel vor den Augen der Leute verbirgt.
+
+Lorenz.
+Horche! was das für ein Klopfen ist! wer ist da?--
+
+(leise.)
+
+Romeo steh auf, du wirst ergriffen werden--
+
+(laut.)
+
+--Nur einen Augenblik Geduld!--
+
+(leise.)
+
+Steh auf,
+
+(Man klopft immer lauter.)
+
+lauf in meine Celle--
+
+(laut.)
+
+Gleich, gleich--Um Gottes willen, was für eine Halsstarrigkeit ist
+das!--
+
+(Man klopft.)
+
+Ich komme, ich komme. Wer klopft so stark? Wer seyd ihr? Was wollt
+ihr?
+
+Amme (hinter der Scene.)
+Laßt mich nur ein, so sollt ihr gleich erfahren, worinn mein
+Auftrag besteht--Ich komme von Fräulein Juliette--
+
+Lorenz.
+So seyd willkommen--
+
+(Er macht auf.)
+
+(Die Amme tritt auf.)
+
+Amme.
+O ehrwürdiger Herr, o sagt mir, ehrwürdiger Herr, wo ist meiner
+Fräulein ihr Herr? Wo ist Romeo?
+
+Bruder Lorenz.
+Hier, auf dem Boden, den seine Thränen überschwemmen.
+
+Amme.
+O, so macht er's gerade wie mein Gnädiges Fräulein, sie macht's
+gerade auch so; o trauervolle Sympathie! Gerade so ligt sie,
+schluchzend und weinend, und weinend und schluchzend--Die Baken
+sind ihr ganz davon aufgeschwollen--Steht auf, steht auf--Steht,
+wenn ihr ein Mann seyd--Um Juliettens willen, um ihrentwillen, auf
+vom Boden und steht! warum sollt ihr in ein so tiefes O!--fallen? --
+
+Romeo.
+Amme!--
+
+Amme.
+Ach, Gnädiger Herr, Gnädiger Herr!--Mit dem Tod hört alles auf.
+
+Romeo.
+Redst du von Julietten? Wie steht es um sie? Glaubt sie nicht, ich
+sey ein verhärtetet Ruchloser, ein Mörder vom Handwerk, da ich die
+Kindheit unsrer Freude mit ihr so nahverwandtem Blut beflekt habe?
+Wo ist sie? Was macht sie? Was sagt meine neuangetraute Gemahlin zu
+den unverhoften Hinternissen unsrer Liebe?
+
+Amme.
+O, sie sagt nichts, Gnädiger Herr; sie thut nichts als weinen und
+weinen, und sinkt dann auf ihr Bett hin, und fährt dann wieder auf,
+ruft Tybalt, und dann Romeo,--und sinkt dann wieder von neuem hin--
+
+Romeo.
+--Als ob dieser Name wie aus dem tödtlichen Canal einer Flinte
+geschossen, sie ermorde, wie dieses Namens verfluchte Hand ihren
+Verwandten ermordet hat--Sag mir, Vater, sag mir, in was für einem
+verworfnen Theil dieses Körpers mein Name wohnt? Sag mir's, damit
+ich die verhaßte Wohnung zerstören kan.
+
+(Er zükt seinen Degen.)
+
+Bruder Lorenz.
+Halt deine verzweifelnde Hand. Deine Thränen sind unmännlich und
+deine wilden Bewegungen die Ausbrüche der vernunftlosen Wuth eines
+wilden Thiers--Unweibliches Weibsbild in Gestalt eines Manns,
+wildes Thier in der schönen Gestalt eines vernünftigen Geschöpfs--
+Du sezst mich in Erstaunen. Bey meinem heiligen Orden! Ich traute
+dir mehr Muth, mehr geseztes Wesen zu. Du hast Tybalten erschlagen--
+Willt du nun auch dich, auch deine Geliebte, die in dir lebt,
+ermorden? Verachtest du so, was deine Geburt, was Himmel und Erde
+für dich gethan haben; alle drey vereinigten sich, dich groß und
+glüklich zu machen, und du willt alles durch einen Streich
+verliehren? Fy, fy, du entehrst deine Gestalt, deine Liebe, deine
+Vernunft, da du, wie ein Wucherer, an allen dreyen so reich bist,
+und keines zu dem edeln Gebrauch anwendest wozu du es empfiengest.
+Deine schöne Gestalt ist ohne den tapfern Muth eines Mannes, nur
+ein wächsernes Bild--Deine heilig beschwohrne Liebe nur treuloser
+Meineyd, da du eben diese Liebe tödten willst, die du zu ernähren
+angelobet hast. Deine Vernunft, welche beyde regieren und
+verschönern sollte, wird wie Pulver in eines unachtsamen Soldaten
+Beutel, durch deine eigne Unbesonnenheit in Feuer gesezt, und du
+durch dasjenige aufgerieben, was dich beschüzen sollte. Wie, stehe
+auf, Mann, deine Julia lebt noch, um derentwillen du todt warest:
+Hierinn bist du glüklich. Tybalt wollte dir das Leben nehmen, aber
+du nahmst es ihm; hierinn bist du auch glüklich. Das Gesez, das dir
+den Tod dräute, wurde dein Freund, und verwandelte ihn in
+Verweisung; auch darinn bist du glüklich. Wie viel Glükseligkeiten--
+und du erkennst sie nicht? Die Glükseligkeit kleidet dich in ihren
+schönsten Puz, und wie ein unartiges verdrießliches Mädchen,
+schielst du dein Glük und deine Liebe mit unzufriednen Bliken an.
+Nimm dich in acht, nimm dich in acht, solche Leute nehmen meistens
+ein elendes Ende. Geh, geh zu deiner Geliebten wie es abgeredet war,
+steig in ihr Zimmer, weg, und tröste sie; aber siehe zu, daß du
+dich nicht so lange verweilest, bis die Wache aufzieht; sonst
+könntest du nicht nach Mantua entrinnen, wo du dich so lange
+aufhalten sollst, bis wir die gelegne Zeit ersehen, eure Heyrath
+bekannt zu machen, euch mit euern Freunden auszusöhnen, des Prinzen
+Verzeihung zu erlangen, und dich mit zwanzigtausendmal mehr Freude
+zurük zu beruffen, als izt der Schmerz ist mit dem du fortgehst.
+Geh voran, Amme; grüsse mir dein Fräulein, und bitte sie, sie soll
+machen, daß das ganze Haus fein bald zu Bette komme, wozu die
+allgemeine Betrübniß sie ohnehin geneigt machen wird. Romeo wird
+bald nachfolgen.
+
+Amme.
+O Herre, ich hätte die ganze Nacht hier stehen mögen, um so
+gescheidte Sachen reden zu hören: O was das ist, wenn man
+gestudiert ist! Gnädiger Herr, ich will meiner Fräulein sagen, daß
+ihr kommen werdet.
+
+Romeo.
+Thu das, und bitte sie, sie soll sich gefaßt machen, mich
+auszuschelten.
+
+Amme.
+Hier ist ein Ring, Gnädiger Herr, den sie mir für euch mitgab--
+Eilet doch, macht hurtig, es ist schon sehr spät--
+
+
+Romeo.
+Wie schnell diese Erwartung meinen Muth wiederaufleben macht!
+
+Bruder Lorenz.
+Halte dich in Mantua auf; ich will einen zuverläßigen Mann für euch
+ausfündig machen, der euch von Zeit zu Zeit berichten soll, was für
+günstige Umstände sich hier für euch ereignen. Gieb mir deine Hand,
+es ist späte, lebe wohl! Gute Nacht!
+
+Romeo.
+Rieffe mich nicht Freude über alle Freuden hinweg, wie schmerzlich
+würde mir dieser schnelle Abschied seyn!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
+(Capulet, Lady Capulet und Paris treten auf.)
+
+
+Capulet.
+Es sind so unglükliche Umstände eingefallen, mein Herr, daß wir
+keine Zeit gehabt haben, unsrer Tochter zuzureden. Seht ihr, sie
+liebte ihren Vetter Tybalt gar herzlich, und das that ich auch--
+Wohl, wir werden gebohren, um wieder zu sterben--Es ist sehr spät,
+sie wird diese Nacht nicht herunter kommen; ich versichre euch,
+wenn mir eure Gesellschaft nicht so lieb wäre, ich würde schon eine
+Stunde im Bette seyn.
+
+Paris.
+Ich bescheide mich gerne, daß diese Trauer-Tage keine Zeit zu
+Liebes-Bewerbungen sind. Gute Nacht, Gnädige Frau--Empfehlt mich
+eurer Tochter--
+
+
+Lady Capulet.
+Ich will, und morgen früh nachforschen, wie sie gesinnt ist--Für
+diese Nacht ist sie zu ihrer Traurigkeit eingeschlossen.
+
+Capulet.
+Signor Paris, ich getrau es auf mich zu nehmen, euch meines Kindes
+Liebe zu versprechen: Ich denke, sie wird sich in allen Stüken von
+mir regieren lassen--nichts weiter, ich zweifle gar nicht, Frau,
+geh du noch zu ihr, eh du zu Bette gehst, gieb ihr Nachricht von
+Signor Paris Liebe, und sag ihr, hörst du, bis nächsten Mittwoch--
+aber sachte--was ist heut für ein Tag? --
+
+Paris.
+Montag, Gnädiger Herr.
+
+Capulet.
+Montag? Ha, ha, gut, Mittwoch ist zu bald, laßt es den Donnerstag
+seyn; nächsten Donnerstag, sag ihr, soll sie mit diesem edeln
+Grafen vermählt werden--Wollt ihr bisdahin fertig seyn? Seyd ihr
+mit dieser Eilfertigkeit zufrieden?--wir wollen kein grosses Wesen
+nicht machen--Einen oder zween Freunde--Denn, seht ihr, da Tybalt
+so kürzlich erst ermordet worden, so würde es so herauskommen, als
+ob wir wenig Antheil an seinem Unfall nähmen, wenn wir grosse
+Freuden-Bezeugungen anstellen wollten--Deßwegen wollen wir etwann
+ein halb Duzend Freunde haben, und damit ist's aus. Aber was sagt
+ihr zum Donnerstag?
+
+Paris.
+Gnädiger Herr, ich wollte der Donnerstag wäre Morgen.
+
+Capulet.
+Gut, gut, geht izt zu Bette--auf Donnerstag sey es also--
+
+(Zu Lady Capulet.)
+
+Du, geh zu Julietten eh du zu Bette gehst, Weib--Bereite sie auf
+ihren Hochzeit-Tag vor. Lebt wohl, Graf--Licht in mein Zimmer, he!--
+Geht zu, geht zu, es ist schon so spät, daß wir's bald früh heissen
+dürften. Gute Nacht--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Siebende Scene.
+(Juliettens Zimmer, von der Garten-Seite.)
+(Romeo und Juliette, oben an einem Fenster; woran eine Strik-
+ Leiter befestigt ist.)
+
+
+Juliette.
+Willt du schon gehen? Es ist noch lange bis zum Tag: Es war die
+Nachtigall und nicht die Lerche, die dich vorhin erschrekte--sie
+pflegt alle Nacht auf jenem Granatbaum zu singen; glaube mir, mein
+Herz, es war die Nachtigall.
+
+Romeo.
+Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall.
+Siehst du, meine Liebe, die neidischen Streiffen, die dort im Osten
+die sich scheidenden Wolken umwinden: Die Kerzen der Nacht sind
+abgebrannt, und der fröliche Tag gukt auf den Zehen stehend über
+die Spizen der neblichten Berge. Ich muß gehen und leben, oder
+bleiben und sterben.
+
+Juliette.
+Jenes Licht ist nicht Tag-Licht, glaube mir's, es ist irgend ein
+Meteor, das die Sonne ausdünstet, um in dieser Nacht deine Reise
+nach Mantua zu beleuchten; bleibe noch ein wenig, du sollst nicht
+so früh gehen.
+
+Romeo.
+Laß mich ergriffen, laß mich zum Tod verurtheilt werden; ich bin
+zufrieden, wenn du es haben willst. Ich will sagen, jenes Grau sey
+nicht des Morgens Auge, sondern nur der blasse Gegenschein von
+Cynthia's Stirne; und es sey nicht die Lerche, deren Noten so hoch
+über unserm Haupte zu den himmlischen Gewölben hinauftönen. Nichts
+als die Sorge um unsre Sicherheit kan mich aus deinen Armen reissen;
+aber Juliette will's, und der Tod soll mir willkommen seyn. Wie
+ists, meine Seele? Laß uns schwazen, es ist noch nicht Tag.
+
+Juliette.
+Es ist, es ist; verlaß mich, fliehe, mein Geliebter; es ist die
+Lerche, die so tonloß singt, ihr mißlautendes, unangenehm-scharfes
+Gurgeln ruft dich weg--O gehe, gehe, es wird immer heller und
+heller.
+
+Romeo.
+Sage, immer finstrer und finstrer, da ich in wenigen Augenbliken
+dich nicht mehr sehen werde. (Die Amme kommt herein.)
+
+Amme.
+Gnädige Frau--
+
+Juliette.
+Amme?
+
+Amme.
+Euer Gnaden Frau Mutter ist im Begriff heraufzukommen: Der Tag
+bricht an, nehmt euch in Acht, seht euch vor--
+
+(ab.)
+
+Juliette.
+So muß ich dann von meinem Leben scheiden? --
+
+Romeo.
+Lebe wohl, lebe wohl; noch einen Kuß, und ich will gehen.
+
+(Romeo steigt aus dem Fenster herab.)
+
+Juliette.
+Und gehst du dann so? O mein Liebster, mein Herr, mein Gemahl, mein
+Freund! Ich muß alle Tage Nachricht von dir haben, alle Stunden,
+denn in einer Minute ohne dich sind viele Tage. Ach! nach dieser
+Rechnung werd' ich alt seyn, eh ich meinen Romeo wieder sehe.
+
+Romeo.
+Lebe wohl, meine Liebe: ich will keine Gelegenheit versäumen,
+wodurch ich dir meinen Gruß übermachen kan.
+
+Juliette.
+Ach, denkst du, wir werden uns jemals wieder sehen?
+
+Romeo.
+Zweifle nicht; es wird eine Zeit kommen, wo alle diese
+Wiederwärtigkeiten uns zum Stoff angenehmer Gespräche dienen werden.
+
+Juliette.
+O Gott! ich hab' eine Unglük-weissagende Seele--Mich dünkt, ich seh
+dich, da ich so auf dich hinunter schaue, wie einen, der todt in
+seinem Grabe ligt. Entweder werden meine Augen düster, oder du
+siehst bleich--
+
+
+Romeo.
+Glaube mir, Liebe, du kommst mir eben so vor; der Kummer trinkt das
+Blut in unsern Wangen auf--Lebe wohl, lebe wohl!--
+
+(Romeo geht ab.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+
+Juliette.
+O Glük, Glük, alle Leute nennen dich unbeständig; wenn du
+unbeständig bist, was thust du mit dem, dessen Treue du kennen
+solltest? Doch, sey immerhin unbeständig, denn so hab ich Hoffnung,
+daß du ihn nicht lange behalten, sondern mir bald zurückschiken
+wirst. (Lady Capulet tritt auf.)
+
+Lady.
+Wie, Tochter, seyd ihr schon auf?
+
+Juliette.
+Wer ist da, wer ruft? Ist es meine Gnädige Mamma? Was für eine
+ungewöhnliche Ursache führt sie so früh hieher?
+
+Lady.
+Wie, Juliette, wie steht's um dich?
+
+Juliette.
+Ich bin nicht wohl, Gnädige Frau.
+
+Lady.
+Immer noch in Thränen um deines Vetters Tod? Wie, hofst du ihn mit
+deinen Thränen aus seinem Grab herauszuwaschen? Wenn du es auch
+könntest, so könntest du ihn doch nicht wieder lebendig machen.
+Gieb dich also einmal zufrieden. Ein gemässigter Schmerz ist ein
+Beweis der Liebe; aber zuviel Schmerz beweist allemal zu wenig
+Verstand.
+
+Juliette.
+Ich kan einen so empfindlichen Verlust nicht zuviel beweinen.
+
+Lady.
+Auf diese Art verewigst du das Gefühl deines Verlusts, und kanst
+doch den Freund nicht zurük bringen, dessen Verlust du beweinst.
+
+Juliette.
+So wie ich den Verlust meines Freundes fühle, kan ich nicht anders
+als ihn immer beweinen.
+
+Lady.
+Gut, Mädchen, du weinst nicht so sehr um seinen Tod, als daß der
+Bösewicht lebt, der ihn ermordet hat.
+
+Juliette.
+Was für ein Bösewicht, Gnädige Frau?
+
+Lady.
+Was für ein andrer als Romeo?
+
+Juliette
+
+(leise.)
+
+Bösewicht, und er, sind manche Meilen von einander.
+
+(laut.)
+
+Gott verzeih' ihm! Ich thue es von ganzem Herzen--Und doch ist
+niemand der meinem Herzen empfindlichere Schmerzen verursacht als
+er.
+
+Lady.
+Du meynst, weil der Verräther lebt--
+
+Juliette.
+Ich, gnädige Frau,--
+
+(leise.)
+
+Ohne daß ihn diese meine Arme erreichen können--
+
+(laut.)
+
+Ich wollte nichts, als daß ich allein meines Vetters Tod rächen
+dürfte.
+
+Lady.
+Wir wollen uns Rache verschaffen, sey du unbekümmert; höre nur auf
+zu weinen. Ich will jemand nach Mantua, wo der verbannte Renegat
+sich aufhält, senden, der ihn bald genug dem Tybalt nachschiken
+soll; und dann, hoff ich, wirst du doch zufrieden seyn.
+
+Juliette.
+In der That, Gnädige Frau, ich werde nie mit Romeo zufrieden seyn,
+ich seh' ihn dann--todt--ist mein armes Herz für meinen
+unglüklichen Freund.* Gnädige Frau, wenn ihr mir nur einen Mann
+finden könnt, der ihm einen Gift-Trank bringen wollte, ich wollte
+ihn so mischen, daß Romeo, sobald er ihn eingenommen hätte, im
+Frieden schlafen sollte--O! wie mein Herz es verabscheut, daß ich
+ihn nennen höre--und nicht zu ihm kommen kan--um die Liebe, die ich
+zu meinem ermordeten Vetter trug, an der Person desjenigen
+auszulassen, der ihn ermordet hat.
+
+{ed.-* Der Leser bemerkt ohne unsre Erinnerungen, den erkünstelten
+Doppelsinn in den Reden der Juliette, womit der Autor ein ziemlich
+kindisches Spiel treibt. Man hat sie, so gut es möglich war,
+auszudrüken gesucht, obgleich die natürliche Wortfügung in unsrer
+Sprache sich nicht recht dazu bequemen wollte.}
+
+Lady.
+Finde du nur das Mittel aus, und laß du mich für den Mann sorgen.
+Aber nun will ich dir eine angenehme Zeitung sagen, Mädchen.
+
+Juliette.
+Sie kommt sehr zu gelegner Zeit, wenn sie angenehm ist. Und worinn
+besteht sie dann, wenn ich Euer Gnaden bitten darf?
+
+Lady.
+Gut, gut, du hast einen sorgfältigen Vater, Kind; der, um dich von
+deiner Schwermuth zu befreyen, einen unverhoften Freuden-Tag
+angeordnet hat, an den keine von uns beyden dachte.
+
+Juliette.
+Und darf man fragen, was für ein Tag das ist, Gnädige Frau?
+
+Lady.
+Den nächsten Donnerstag, mein Kind, früh Morgens wird der junge,
+edle, liebenswürdige Graf Paris in St. Peters Kirche dich zu einer
+glüklichen Braut machen.
+
+Juliette.
+Nun, bey St. Peters Kirch, und bey St. Peter selbst, das soll er
+nicht. Ich bin sehr verwundert, daß ich mit so grosser
+Eilfertigkeit vermählt werden soll, eh mein bestimmter Gemahl sich
+die mindeste Mühe um mich gegeben hat. Ich bitte Eu. Gnaden, sagt
+meinem Herrn und Vater, daß ich noch nicht heurathen will; und wenn
+ichs thue, so soll es eher Romeo seyn, den ich hasse, wie ihr wißt,
+als Paris--das sind neue Zeitungen, in der That!
+
+Lady.
+Hier kommt euer Vater, sagt ihm das selbst, und seht wie wohl ers
+von euch aufnehmen wird. (Capulet und Amme zu den Vorigen.)
+
+Capulet.
+Nun, wie gehts? was machst du, Mädchen? Wie, immer noch Thränen?
+Immer regnerisch? Du stellst in deiner einzigen kleinen Person ein
+Schiff, die See und den Wind vor; deine Augen, die eine immer
+abwechselnde Ebbe und Fluth von Thränen machen, sind die See; dein
+Leib ist das Schiff das in dieser salzichten See dahersegelt; und
+die Winde deine Seufzer, die, mit deinen Thränen in die Wette
+rasend, wenn nicht eine plözliche Stille erfolgt, deinen vom Sturm
+herumgewälzten Leib endlich untergehen machen werden--Was ist's,
+Frau? Habt ihr dem Mädchen unsern Entschluß bekannt gemacht?
+
+Lady.
+Ja, mein Herr; aber sie will nichts davon hören, sie bedankt sich
+davor; ich wollte, die Närrin wäre mit ihrem Grabe verheurathet.
+
+Capulet.
+Sachte, nehmt mich mit, Frau, nehmt mich mit euch. Wie, sie will
+nichts davon hören? Sie dankt uns nicht davor? Sie ist nicht stolz
+darauf, sie schäzt sich nicht glüklich so unwürdig als sie ist, daß
+wir ihr einen so würdigen Edelmann zum Bräutigam auserkohren haben?
+
+Juliette.
+Nicht stolz darauf, daß ihr es gethan habt, aber doch dankbar;
+stolz kan ich nicht seyn auf etwas das ich hasse, aber dankbar,
+selbst für etwas Böses das eure Liebe gut gemeynt hat.
+
+Capulet.
+Wie, was, wie, Distinctionen-Macherin? Was soll das bedeuten? Stolz!
+und ich dank euch! und ich dank euch nicht! und doch nicht stolz!--
+Wie, Fräulein Wunderlich, Ihr, schwazt mir nichts von Dank und
+Stolz und Unstolz und Undank daher, sondern legt eure schönsten
+Kleider auf Donnerstag Morgen zurechte, um mit Paris zur St. Peters
+Kirche zu gehen, oder ich will dich auf einer Schleiffe hinziehen
+lassen. Aus meinem Gesicht, du bleichsüchtiges Raben-Aas! Fort, du
+Sausödel! du Talk-Gesicht!
+
+Lady Capulet.
+Fy, fy, wie, seyd ihr toll?
+
+Juliette.
+Liebster Herr Vater, ich bitte euch auf meinen Knien, hört mich nur
+ein einziges Wort mit Geduld an.
+
+Capulet.
+An den Galgen, du junge Meze! Ungehorsame, leichtfertige Creatur!
+Ich will dir was sagen, geh mir auf den Donnerstag in die Kirche,
+oder komm mir nimmer vor mein Angesicht. Sag nichts, replicier
+nicht, antworte mir nichts; meine Finger juken mir. Weib, wir
+hielten uns kaum für glüklich, weil uns Gott nur dieses einzige
+Kind gegeben hatte; aber nun seh ich, daß dieses einzige zuviel ist,
+und daß wir sie zu einem Fluch bekommen haben--Aus meinem Gesicht,
+Bastart!
+
+Amme.
+Gott im Himmel segne sie! Ihr habt unrecht, Gnädiger Herr, daß ihr
+so hart mit ihr verfahrt.
+
+Capulet.
+Und wie, My Lady Weisheit? Haltet ihr euer Maul, und schnattert mit
+euern Gevattrinnen--pakt euch--
+
+
+Amme.
+Ich rede nichts unrechtes;--O, Gott gebe euch einen guten Tag--Darf
+eins nicht mehr reden?
+
+Capulet.
+Still, still, ihr murmelnde Närrin, spielt eure Gravität wenn ihr
+mit euern Gevatterinnen zecht; hier haben wir ihrer nicht vonnöthen.
+
+Lady.
+Ihr seyd zu hizig.
+
+Capulet.
+Wie, Sakerlot! Soll einen das nicht wild machen? Tag und Nacht,
+früh und spat, daheim und ausser dem Haus, allein und in
+Gesellschaft, wachend und schlafend ist immer meine einzige Sorge
+gewesen, wie ich sie wohl verheurathen wolle: und izt, da ich einen
+wakern jungen Edelmann, von schönen Mitteln, von der ansehnlichsten
+Verwandtschaft, für sie gefunden habe; der, wie alle Leute sagen,
+Verdienste hat; kurz einen Mann, wie man sich einen wünschen mag,
+soll ich eine heillose alberne Tröpfin, ein pinselndes Püpchen
+haben, die, wenn das Glük sie anlacht, antwortet: Ich will noch
+nicht heurathen--Ich kan nicht lieben--Ich bin noch zu jung--ich
+bitte um Vergebung--Gut, wenn ihr nicht heurathen wollt, so will
+ich euch vergeben; graßt wo ihr wollt, aber mit mir sollt ihr nicht
+in einem Hause leben; Überlegts, denkt ihm nach, es ist mein
+Brauch nicht, zu spassen. Es ist nicht mehr lange bis Donnerstag;
+leg die Hand auf dein Herz, bedenk dich; wenn du mein bist, so will
+ich dich meinem Freunde geben; und bist du's nicht, so häng dich,
+bettle, verhungre, stirb auf der Strasse; bey meiner Seele, ich
+will dich nicht für mein Kind erkennen, und du sollst von dem
+meinigen nicht soviel bekommen, als du auf der Zunge spüren
+könntest--Verlaß dich drauf, und bedenk dich, ich werde meinen Eyd
+gewiß nicht brechen.
+
+(Er geht ab.)
+
+Juliette.
+Ist denn hier kein mitleidiges Wesen, in den Wolken sizend, das in
+den Grund meines Schmerzens hinabschaut?--O meine liebste Mutter,
+werft mich nicht hinweg, verschiebt diese Heurath nur einen Monat--
+nur eine Woche; oder, wenn ihr nicht wollt, so macht mein Braut-
+Bette in das düstre Begräbniß, wo Tybalt ligt.
+
+Lady Capulet.
+Wende dich nicht an mich, ich will kein Wort reden: Thu, was du
+willst, ich habe dir nichts mehr zu sagen.
+
+(Sie geht ab.)
+
+Juliette.
+O Gott! O Amme, wie kan diesem vorgebaut werden? Mein Gemahl ist
+auf Erden; meine Treue im Himmel; wie kan diese Treue wieder zurük
+kommen, wenn nicht mein Gemahl sie mir zurükschikt, indem er die
+Erde verläßt?--Tröste mich, gieb mir einen Rath. O Jammer, Jammer,
+daß der Himmel so hart, so streng mit einem so sanften Geschöpf als
+ich bin, verfahren soll! Was sagst du? Hast du kein einziges
+tröstliches Wörtchen? Nur einen kleinen Trost, Amme! --
+
+Amme.
+Ey ja, und hier ist er; Romeo ist verbannt: Ich wette die ganze
+Welt gegen nichts, daß er das Herz nicht hat, zurük zu kommen, und
+Anspruch an euch zu machen; oder wenn ers thun wollte, so müßt er's
+doch nur heimlich thun. Weil also die Umstände so beschaffen sind,
+so wäre das beste, däucht mich, ihr nähmet den Grafen. Oh, er ist
+ein liebenswürdiger junger Herr! Romeo ist nur ein Feg-Lumpen gegen
+ihn; ein Adler hat kein so scharfes, so munteres, so schönes Aug
+als Paris hat. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn diese andre Partie
+nicht besser ist als die erste; und wenn es auch nicht wäre, so ist
+ja euer erster Mann gestorben, oder so viel als gestorben, da er
+fern von hier lebt, und euch zu nichts gut ist.
+
+Juliette.
+Redst du aus deinem Herzen?
+
+Amme.
+Und aus meiner Seele dazu, oder ich will beyde verlohren haben!
+
+Juliette.
+Amen.
+
+Amme.
+Was?
+
+Juliette.
+Gut; du hast mir einen vortrefflichen Trost gegeben; geh hinein,
+und sag der Gnädigen Frau, weil ich meinen Vater erzürnt habe, so
+sey ich in Bruder Lorenzens Celle gegangen, um meine Beicht
+abzulegen, und den Ablaß zu empfangen.
+
+Amme.
+Meiner Six, das will ich; und es ist auch wohl gethan.
+
+(Sie geht ab.)
+
+Juliette.
+Alte Todsünde! böser verführischer Teufel! Es ist wol eine grössere
+Sünde von dir, daß du mich treubrüchig machen willst, und daß du
+meinen Gemahl mit eben dieser Zunge lästerst, mit der du ihn so
+viel tausendmal über alles erhoben hast? Geh, Rathgeberin--du und
+mein Busen sollen von nun an keine Gemeinschaft mehr mit einander
+haben: Ich will zu dem Pater, um zu hören, ob er mir zu helfen weiß;
+und fehlt alles andre, so hab ich Muth zum Sterben.
+
+(Sie geht ab.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Das Kloster.)
+(Bruder Lorenz und Paris treten auf.)
+
+
+Bruder Lorenz.
+Auf den Donnerstag, Gnädiger Herr! Die Zeit ist sehr kurz.
+
+Paris.
+Mein Vater Capulet will es so haben, und seine Eilfertigkeit stimmt
+zu sehr mit meinen Wünschen überein, als daß ich sie aufzuhalten
+gedenken könnte.
+
+Bruder Lorenz.
+Ihr gesteht doch, daß ihr die Gesinnungen der jungen Dame noch
+nicht wißt--Diese Sache geht nicht wie sie gehen soll; es gefällt
+mir gar nicht.
+
+Paris.
+Sie überläßt sich einer ganz unmässigen Traurigkeit über Tybalts
+Tod, und das war die Ursache, warum ich ihr noch wenig von Liebe
+sagen konnte; denn Venus lächelt nicht in einem Trauer-Hause. Nun
+hält es ihr Vater für gefährlich, daß sie ihrem Kummer so viel Plaz
+geben solle, und beschleuniget unsre Vermählung, in der Absicht,
+dem Lauf ihrer Thränen dadurch Einhalt zu thun; allein und sich
+selbst überlassen, findet sie eine Art von Ergözung darinn, eine
+Traurigkeit zu nähren, von der nichts als die Gesellschaft sie
+zerstreuen kan. Begreift ihr nun die Ursache dieser Eilfertigkeit?
+
+Bruder Lorenz (bey Seite.)
+Ich wollt', ich wißte nicht, warum ihr Einhalt gethan werden muß--
+Seht, Gnädiger Herr, hier kommt das Fräulein gegen meine Celle her.
+(Juliette zu den Vorigen.)
+
+Paris.
+Willkommen, meine Liebe, meine Gebieterin, und mein Weib.
+
+Juliette.
+Das erste mag alsdann seyn, wenn das lezte seyn kan.
+
+Paris.
+Das wird, das muß nächsten Donnerstag seyn, meine Liebe.
+
+Juliette.
+Was seyn muß, das wird seyn.
+
+Bruder Lorenz.
+Das ist ein Text, über den kein Streit seyn kan.
+
+Paris.
+Kommt ihr, diesem Vater zu beichten?
+
+Juliette.
+Wenn ich diese Frage beantwortete, so würd' ich euch beichten.
+
+Paris.
+Läugnet ihm wenigstens nicht, daß ihr mich liebet.
+
+Juliette.
+Ich will euch hiemit gebeichtet haben, daß ich ihn liebe.
+
+Paris.
+Das will ich auch; ich bin gewiß, daß ihr mich liebt.
+
+Juliette.
+Wenn ich das thue, so würd' es von grösserm Werth seyn, es hinter
+euerm Rüken, als es euch ins Gesicht zu sagen.
+
+Paris.
+Arme Seele, dein Gesicht ist ganz von Thränen entstellt.
+
+Juliette.
+Die Thränen haben nur einen kleinen Sieg dadurch erhalten, denn es
+war vorhin schon schlecht genug.
+
+Paris.
+Du thust ihm mehr Unrecht, mein Kind, indem du das sagst, als alle
+deine Thränen.
+
+Juliette.
+Was die blosse Wahrheit ist, mein Herr, ist keine Verläumdung; und
+was ich da sagte, sagt' ich zu meinem Gesicht.
+
+Paris.
+Dein Gesicht ist mein, und du hast es verleumdet.
+
+Juliette.
+Es mag seyn, denn mein ist es in der That nicht--Ist es euch izt
+gelegen, heiliger Vater, oder soll ich nach der Vesper wieder
+kommen?
+
+Bruder Lorenz.
+Ich habe izt Musse, meine Gedanken-volle Tochter. Gnädiger Herr,
+mit eurer Erlaubniß--
+
+
+Paris.
+Gott verhüte, daß ich eure Andacht stören wolle--Juliette, nächsten
+Donnerstag will ich euch früh genug weken--bis dahin, adieu, mit
+diesem unschuldigen Kuß.
+
+(Paris geht ab.)
+
+Juliette.
+Geh, verschließ die Thür, und wenn du's gethan hast, so komm, und
+weine mit mir--Mein Elend läßt keine Hoffnung, kein Mittel, keine
+Rettung übrig.
+
+Bruder Lorenz.
+O Juliette, ich kenne deine Noth, und es ängstigt mich, daß ich
+kein Mittel kenne dir zu helfen. Bis nächsten Donnerstag, hör' ich,
+sollt ihr an diesen Grafen vermählt werden, und nichts kan es
+hintertreiben.
+
+Juliette.
+Sage mir nichts davon, daß du das hörst, wenn du mir nicht sagen
+kanst, wie ich's vermeiden kan. Wenn deine Weisheit dir kein Mittel
+an die Hand geben kan, so billige du nur meinen Entschluß, und ich
+will mir auf der Stelle durch diesen Dolch helfen. Gott vereinigte
+mein Herz und Romeo's; du, unsre Hände; und eh diese Hand, die du
+meinem Romeo versiegelt hast, eh dieses Herz, das ihn allein für
+seinen Herrn erkennt, verräthrischer Weise sich einem andern
+ergeben soll, eh soll dieser Stahl beyden die Bewegung rauben.
+Suche also in der Wissenschaft, womit die graue Erfahrung eines
+langen Lebens dich bereichert hat, einen schleunigen Rath; oder
+gestatte, daß dieses blutige Messer der Schiedrichter zwischen mir
+und meinem grausamen Schiksal sey--Antworte mir kurz--ein jeder
+Augenblik den ich noch lebe, ist mir verhaßt, wenn das was du mir
+sagen willst, kein Rettungs-Mittel ist.
+
+Bruder Lorenz.
+Halt ein, meine Tochter, ich entdeke eine Art von Hoffnung, die von
+einem eben so verzweifelten Mittel abhängt, als dasjenige ist, was
+wir vermeiden wollen. Wenn du entschlossen bist dir eher selbst das
+Leben zu nehmen, als den Grafen Paris zu heurathen, so ist zu
+vermuthen, du werdest dir kein Bedenken machen etwas zu wagen, das
+dem Tod ähnlich ist, um einer Schande zu entgehen, der du dich
+durch den Tod selbst zu entziehen bereit bist. Wofern du also Muth
+genug dazu hast, will ich dir ein Mittel geben.
+
+Juliette.
+O, befiehl mir, eher als daß ich mich dem Paris überlasse, von den
+Zinnen jenes Thurms herabzuspringen, oder feßle mich an die
+felsichte Spize eines steilen Gebürgs, wo heulende Bären und Grimm-
+volle Löwen schwärmen--Oder schließ mich eine ganze Nacht durch in
+ein Beinhaus ein, bis an den Hals, mit morschen Todten-Knochen,
+dürren Schien-Beinen, und kahlen gelben Schädeln bedekt--oder
+befiehl mir in ein neugemachtes Grab zu gehen, und mich zu einem
+Todten unter sein Leichen-Tuch zu verbergen--Dinge, wovon der
+blosse Gedanke mich zittern macht--befiehl mir's, und ich will es
+ohne Zögern thun, um meinem Geliebten eine unbeflekte Treue zu
+erhalten.
+
+Bruder Lorenz.
+Wolan dann, so geh heim, sey aufgeräumt, und thu, als ob du in
+deine Vermählung mit dem Paris einwilligest; morgen ist Mittwoch;
+morgen Nachts siehe, daß du dich von deiner Amme erledigest, und
+allein ligen könnest; und wann du dann in deinem Bette bist, so
+nimm diese Phiole, und trinke sie rein aus, so wird augenbliklich
+ein erkältender einschläfernder Dunst durch alle deine Adern
+lauffen, und jeden deiner Lebens-Geister binden; der Kreislauf
+deines Bluts wird stillstehen, keine Wärme, kein Athem wird
+verrathen, daß du noch lebest; die Rosen auf deinen Lippen und
+Wangen werden zu aschfarber Blässe verwelken; deine Auglieder sich
+schliessen, als ob der Tod selbst sie vorm Licht des Tages
+verriegelt hätte; jeder Theil, seiner elastischen Biegsamkeit
+beraubt, wird steif, kalt und starr seyn; und in dieser
+anscheinenden Todes-Gestalt wirst du zwo und vierzig Stunden
+verharren, und dann wie aus einem süssen Schlaf erwachen. Wenn nun
+der Bräutigam des Morgens kommt, dich aufzuweken, so bist du todt,
+und wirst dann, nach dem Gebrauch unsers Landes, in deinem
+schönsten Anzug in eine Baare ohne Dekel gelegt, und in das
+Begräbniß deiner Familie gebracht--in eben diese alte Gruft, wo
+alle Abkömmlinge der Capulets ligen. In der Zwischen-Zeit bis du
+erwachst, will ich durch Briefe den Romeo von unserm Anschlag
+benachrichtigen, und ihn hieher beruffen; er und ich wollen dein
+Erwachen abwarten, und in der nemlichen Nacht soll Romeo dich von
+hier nach Mantua bringen. Hier hast du das Mittel, das dich von der
+vorschwebenden Schande, die du fürchtest, retten kan, wenn du frey
+genug von weibischer Zagheit bist, es mit Entschlossenheit zu
+gebrauchen.
+
+Juliette.
+Gieb mirs, o, gieb mir's, sag mir nichts von Furcht.
+
+(Sie nimmt die Phiole.)
+
+Bruder Lorenz.
+Gut, geh izt, und bleibe standhaft bey diesem Entschluß; ich will
+eilends einen vertrauten Ordensmann mit Briefen an deinen Gemahl
+nach Mantua senden.
+
+Juliette.
+Liebe, gieb mir Stärke, und Stärke wird mir Hülfe geben--Lebet wohl,
+mein theurer Vater!--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
+(Capulet, Lady Capulet, Amme, und zween oder drey Bediente treten
+auf.)
+
+
+Capulet.
+Lade alle Gäste ein, deren Namen auf diesem Papier sind--Du, geh
+und bestelle mir zwanzig gute Köche.
+
+Bedienter.
+Ihr sollt keinen schlechten kriegen, Gnädiger Herr, denn ich will
+probieren, ob sie ihre Finger leken können.
+
+Capulet.
+Wie willst du das probieren?
+
+Bedienter.
+Sapperment, Gnädiger Herr, das muß ein schlechter Koch seyn, der
+seine eigne Finger nicht leken kan; wenn also einer seine Finger
+nicht leken kan, so soll er daheim bleiben.
+
+Capulet.
+Geh, geh--Wir werden schlecht genug auf einen solchen Anlaß
+versehen seyn--He? ist meine Tochter zu Bruder Lorenzen gegangen?
+
+Amme.
+Ja, wahrlich.
+
+Capulet.
+Gut; vielleicht kan er etwas gutes bey ihr ausrichten: die unartige,
+eigensinnige Beze, die sie ist! (Juliette zu den Vorigen.)
+
+Amme.
+Seht, da kommt sie von der Beichte; sie sieht ganz frölich aus--
+
+Capulet.
+Was giebts, Starr-Kopf? Wo seyd ihr herumgeschwärmt?
+
+Juliette.
+Ich war an einem Ort, wo ich die Sünde des Ungehorsams gegen euch
+und eure Befehle bereuen lernte, und wo mir auferlegt wurde, auf
+meine Knie zu fallen und euch um Vergebung zu bitten--Vergebet mir
+also, ich bitte euch; von nun an soll euer Wille allezeit meine
+Richtschnur seyn.
+
+Capulet.
+Schikt nach dem Grafen, geht, sagt ihm das; ich will diesen Knoten
+gleich morgen zusammengeknüpft haben.
+
+Juliette.
+Ich traf ihn in Bruder Lorenzens Celle an, und begegnete ihm so
+freundlich als ich konnte, ohne die Grenzen der Anständigkeit zu
+überschreiten.
+
+Capulet.
+Gut, das hör' ich gerne, es ist gut, steh auf; es ist wie es seyn
+soll; ich muß den Grafen sehen--He, zum Henker, geht, sag' ich, und
+holt ihn her--Nun, bey Gott, dieser Pater ist in der That ein
+ehrwürdiger heiliger Mann, und ein Mann, dem unsre ganze Stadt viel
+zu danken hat.
+
+Juliette.
+Amme, wollt ihr mit mir in mein Zimmer gehen, und mir den Puz
+aussuchen helfen, den ihr auf den morgenden Tag schiklich findet?
+
+Lady Capulet.
+Es ist noch Zeit genug bis Donnerstag.
+
+Capulet.
+Geh, Amme, geh mit ihr; morgen soll die Ceremonie vor sich gehen.
+
+(Juliette und Amme gehen ab.)
+
+Lady Capulet.
+Aber wo sollen wir auf diese Weise Zeit zu den Vorbereitungen
+hernehmen? Es ist schon beynahe Nacht.
+
+Capulet.
+Still, ich will selbst ausgehen, und es soll für alles gesorgt
+werden, Frau, ich stehe dir davor. Geh du zu Julietten, hilf sie
+aufpuzen; ich will heute nicht zu Bette gehen, laß mich allein: Ich
+will einmal in meinem Leben die Hausmutter vorstellen--he! holla!--
+Sie sind alle fort; gut, ich will selbst zu Graf Paris gehen, damit
+er sich auf morgen gefaßt mache. Es ist mir recht leicht um's Herz,
+seitdem sich das Hexen-Mädchen so zum Ziel gelegt hat.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Juliettens Zimmer.)
+(Juliette und die Amme treten auf.)
+
+
+Juliette.
+Ja, dieser Anzug ist der beste; aber, liebe Amme, ich bitte, laß
+mich heute Nacht allein; ich werde einen guten Theil davon mit
+beten zubringen, um den Himmel zu bewegen, daß er mein Vorhaben
+begünstige--Du kennst meine sündhaften Umstände, und weißst also
+wol, daß ichs nöthig habe. (Lady Capulet zu den Vorigen.)
+
+Lady.
+Wie, so geschäftig? Kan ich euch was helfen?
+
+Juliette.
+Nein, Gnädige Mamma, wir haben alles zusammengesucht, was wir auf
+unsern morgenden Umstand nöthig haben können; wenn ihr's erlauben
+wolltet, so wünscht' ich izt allein gelassen zu werden, und daß ihr
+die Amme bey euch aufbleiben liesset; denn ich bin gewiß, daß ihr
+bey diesem unverhoften Vorfall alle Hände voll zu thun haben werdet.
+
+Lady Capulet.
+Gute Nacht, geh du zu Bette und schlafe; du hast es vonnöthen.
+
+(Lady Capulet und Amme gehen ab.)
+
+Juliette.
+Gute Nacht--Gott weiß, wenn wir uns wieder sehen werden!--Ich weiß
+nicht was für ein kalter schrekhafter Schauer durch meine Adern
+fährt--Ich will sie zurükruffen, daß sie mir einen Muth einsprechen--
+Amme!--Aber was soll sie hier? Ich muß meine schrekenvolle Scene
+nothwendig allein spielen--Komm, Phiole--Wie wenn diese Tinctur
+keine Würkung thäte? Soll ich mich dann mit Gewalt an den Grafen
+verheurathen lassen? Nein, nein, diß soll es verwehren--Lig' du
+hier--
+
+(Sie weißt auf einen Dolch.)
+
+Wie, wenn es ein Gift wäre, das mir der Pater auf eine feine Art
+beybringen will, um mich aus dem Wege zu schaffen, aus Furcht seine
+Ehre möchte unter dieser Heurath leiden, da er mich schon vorher
+mit dem Romeo getrauet hat? Ich fürcht', es ist so, und doch,
+däucht mich, kan es nicht seyn, denn er ist immer als ein heiliger
+Mann befunden worden. Wie, wenn ich, nachdem man mich in die Gruft
+geleget, eher erwache als Romeo gekommen ist, mich abzuholen? Das
+ist ein fürchterlicher Umstand: Werd ich nicht in diesem Gewölbe,
+dessen fauler Mund keine gesunde Luft einathmet, von dem
+verpesteten Schwall erstikt werden, eh mein Romeo kommt? Und wenn
+ich auch lebe, ist es nicht ganz natürlich, daß die grauenvolle
+Scene von Tod und Nacht, die Vorstellung des Orts, wo ich bin--in
+diesem uralten Gewölbe, wo seit so vielen hundert Jahren die
+Gebeine aller meiner Vorfahren zusammengehäuft ligen--wo der
+blutige Tybalt in gähnender Verwesung in seinen Grabtüchern ligt--
+wo, wie man sagt, zu gewissen Stunden in der Nacht Geister gehen--O!
+Himmel, ist es nicht wahrscheinlich, daß die scheuslichen
+Ausdünstungen, das gräßliche Geheul der Gespenster, (gleich den
+Alraunen, wenn sie aus der Erde gerissen werden,) Töne, von deren
+Anhören lebende Menschen den Verstand verliehren--mich vor der Zeit
+erweken werden; oder wenn ich erwache, werd' ich von allen diesen
+Schreknissen umringt, von Sinnen kommen, wahnwiziger Weise mit
+meiner Voreltern Gebeinen spielen, den halbverfaulten Tybalt aus
+seinen Tüchern reissen, und in dieser Raserey, mit den Knochen
+irgend eines grossen Ahnherrn, wie mit einer Keule, mir mein
+verzweifelndes Gehirn ausschlagen?--O! Sieh, mich däucht ich sehe
+meines Vetters Geist, der diesen Romeo bey mir sucht, seinen Mörder!
+und meinen Gemahl!--Halt, Tybalt, halt! Romeo, ich komme! Diß
+trink ich dir zu.
+
+(Sie trinkt die Phiole aus, und wirft sich auf ihr Bette.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Ein Vorsaal in Capulets Hause.)
+(Lady Capulet und die Amme treten auf.)
+
+
+Lady Capulet.
+Warte, nimm diese Schlüssel, und hole mehr Gewürz, Amme.
+
+Amme.
+Sie ruffen um Datteln und Quitten in die Tarte? (Capulet zu den
+Vorigen.)
+
+Capulet.
+Auf, munter, hurtig, regt euch, der Hahn hat schon zum andern mal
+gekräht, die Morgen-Gloke ist schon geläutet worden, es ist drey
+Uhr--Sieh zu dem Bakwerk, gute Angelica--Spar't nur nichts an den
+Sachen--
+
+Amme.
+Geht, geht, und mengt euch nicht in Weiber-Sachen--geht in euer
+Bett, ihr werdet morgen krank dafür seyn, daß ihr diese Nacht nicht
+geschlaffen habt.
+
+Capulet.
+Nein, nichts weniger--was? Ich denke wol der Zeit, da ich ganze
+Nächte durch um einer schlechtern Ursache willen gewacht habe, und
+bin nie krank geworden.
+
+Lady.
+Ja, ja, ihr seyd ein feiner Mäuse-Jäger in eurer Jugend gewesen--
+aber heutigs Tags will ich euch schon bewachen, daß ihr nicht so
+wachen sollt.
+
+(Lady Capulet und Amme gehen ab.)
+
+Capulet.
+Eifersucht, pure Eifersucht! Nun, Bursche, was giebt's hier zu
+thun? (Drey oder viere mit Bratspiessen, Körben, Holz, u. s. w.
+treten auf.)
+
+Bedienter.
+Sachen für den Koch, Gnädiger Herr, aber ich weiß nicht was.
+
+Capulet.
+Macht hurtig, macht hurtig; Schurke, hole trokneres Holz, ruf dem
+Peter, er wird dir weisen wo es ligt.
+
+Bedienter.
+Gnädiger Herr, um Klöze zu finden, hab' ich selber Kopfs genug, ich
+brauche keinen Peter dazu.
+
+Capulet.
+Sakerlot! wol gegeben,--du hast Wiz, Bursche, ha, ha--Aber bey
+meiner Treue, es ist schon Tag--
+
+(Man hört Musik von Ferne.)
+
+Der Graf wird bald mit Musicanten hier seyn--er hat es versprochen--
+Ich hör ihn schon kommen. Amme--Frau--wie, holla, he! Amme, sag
+ich! (Die Amme kommt.) Geh, weke Julietten, geh und puze sie auf,
+ich will gehn und indeß mit Paris schwazen: Fort, mach hurtig, mach
+hurtig, der Bräutigam ist schon da--Mach hurtig, sag ich--
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Verwandelt sich in Juliettens Schlaf-Zimmer; Juliette ligt auf
+ dem Bette.)
+(Die Amme tritt wieder auf.)
+
+
+Amme.
+Gnädiges Fräulein he! Fräulein! Juliette Das heißt geschlaffen, das
+gesteh ich--he, Däubchen--he, Fräulein--fy, ihr Sieben-Schläferin--
+he! Liebchen, sag ich--Fräulein--Herzchen--Braut--wie? nicht ein
+Wort? Ich seh, ihr nehmt für eure drey Pfenninge zum Voraus; ihr
+schlaft vor die ganze Woche; gut, in der nächsten Nacht, da bin ich
+gut dafür, wird Graf Paris Mann dafür seyn, daß ihr wenig genug
+schlafen sollt--Gott verzeih mir's--heilige Marie! und Amen!--was
+für einen gesunden Schlaf sie hat! Ich muß sie aufschreyen--
+Fräulein, Fräulein, Fräulein--Nun, wahrlich, laßt nur den Grafen
+euch in sein Bette kriegen, er wird euch aufrütteln, mein Treu--
+Kan's denn nicht seyn? Wie, angezogen, in euern Kleidern--und
+wieder zurük!--Ich muß Ernst brauchen--Fräulein, Fräulein, Fräulein--
+O Gott! o Gott! helft, helft, helft! Mein Fräulein ist todt! O
+Herzenleid! O! warum mußt ich gebohren werden!--O, einen Schluk
+Aquavit--he!--Gnädiger Herr! Gnädige Frau! (Lady Capulet.)
+
+Lady Capulet.
+Was ist hier für ein Geschrey?
+
+Amme.
+O unglükseliger Tag!
+
+Lady Capulet.
+Was ist's, was ist's?
+
+Amme.
+Da seht--O unglüklicher Tag!
+
+Lady Capulet.
+O Gott, o Gott! mein Kind, mein einziges Leben! leb wieder auf,
+sieh mich an, oder laß mich mit dir sterben. Hülfe, Hülfe! schrey
+um Hülfe! (Capulet zu den Vorigen.)
+
+Capulet.
+Schämt euch doch, warum bringt ihr Julietten so lange nicht; ihr
+Gemahl ist gekommen.
+
+Amme.
+Sie ist todt, gestorben ist sie, sie ist todt: O! daß es Gott
+erbarme!
+
+Capulet.
+Ha! laßt mich sehen--O Himmel! es ist aus, sie ist kalt, ihr Blut
+ist gestockt und ihre Gelenke sind starr--ihre Lippen sind ohne
+Leben, der Tod ligt auf ihr, wie ein frühzeitiger Frost auf der
+angenehmsten Blume des ganzen Gefildes. Verfluchter Unfall!
+Unglükseliger alter Mann!
+
+Amme.
+O des kläglichen Hochzeit-Tags!
+
+Lady Capulet.
+Arme trostlose Mutter!
+
+Capulet.
+Der Tod, der mir die Freude meines Alters geraubt hat, bindet meine
+Zunge, und will mich nicht reden lassen. (Bruder Lorenz und Paris
+mit Musicanten.)
+
+Bruder Lorenz.
+Kommt, ist die Braut fertig zum Kirchgang?
+
+Capulet.
+Zum Kirchgang, aber nicht zur Heimholung. O Sohn, in der Nacht vor
+deinem Hochzeit-Tag ist der Tod bey deinem Weibe gelegen. Sieh,
+hier ligt sie, die holde Blume die sie war, nun von ihm ihres
+Schmuks beraubt: Der Tod ist mein Tochter-Mann.
+
+Paris.
+Hab ich so lange mich gesehnt, diesen Morgen zu sehen, und giebt er
+mir nun einen solchen Anblik?
+
+Lady Capulet.
+Verfluchter, elender, unseliger, verhaßter Tag! Jammervolleste
+Stunde, die jemals die Zeit auf ihrer immerwährenden Pilgrimschaft
+erblikte! Nur ein einziges, ein armes, einziges, liebes, zärtliches
+Kind; nur ein einziges, das mir zur Freude und zum Trost war, und
+der unbarmherzige Tod hat es mir weggenommen.*
+
+{ed.-* Paris hat hier im Original eine Rede, die vollkommner (Non-
+Sense) ist, und durch die er die Amme ablößt, die sich mit
+unaufhörlichen Ausruffungen "O weh, o weh; o Tag, o Tag," heiser
+geschrien. Man hat beyde dem Genius des Shakespears aufgeopfert.}
+
+Capulet.
+Unseliger Zufall!--Mußte unsre Freude auf eine so meuchelmördrische
+Art ermordet werden! O mein Kind, mein Kind! Meine Seele, nicht
+mein Kind, sollst du todt seyn? O Gott, todt!--Mein Kind ist todt--
+alle meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab.
+
+Bruder Lorenz.
+Nun, so hemmt doch endlich diesen Ausbruch der Ungeduld und
+Verzweiflung! Alle diese trostlosen Klagen können euer Weh nicht
+heilen: Der Himmel und ihr hattet Antheil an diesem liebenswürdigen
+Mädchen; nun hat der Himmel Alles, und desto besser ist es für sie.
+Euern Antheil an ihr konntet ihr nicht vor dem Tode bewahren: Aber
+der Himmel erhält den seinen bey ewigem Leben. Alles was ihr
+suchtet, war ihre Erhebung--und ihr weint nun, sie über die Wolken,
+so hoch als der Himmel selber ist, erhoben zu sehen? Was für eine
+verkehrte Liebe zu euerm Kind ist das, daß ihr von Sinnen kommen
+wollt, da ihr seht daß sie glüklich ist! Troknet eure Thränen,
+umstekt diese schöne Leiche mit Rosmarin, und traget sie, wie es
+der Gebrauch ist, in ihrem besten Anzug in die Kirche.
+
+Capulet.
+Alle Zurüstungen, die wir zu unserm Fest gemacht haben, verwandeln
+sich nun in ein trauervolles Leichen-Gepränge. Unsre musicalischen
+Instrumente in melancholische Todten-Gloken, unser hochzeitliches
+Gastmahl in ein schwermüthiges Leichen-Mahl, unsre festlichen
+Lobgesänge in bange Klaglieder, und unsre hochzeitlichen Blumen-
+Kränze dienen nun eine Todten-Baare zu schmüken--O der kläglichen
+Verwandlung!
+
+Bruder Lorenz.
+Gnädiger Herr, geht hinein, und ihr, Madam, geht mit ihm, und ihr,
+Signor Paris; ein jedes bereite sich, diese schöne Leiche zu ihrem
+Grabe zu begleiten; und hütet euch, durch murrende Ungeduld den
+über euch schwebenden Zorn des Himmels noch mehr zu reizen.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Sechste Scene.
+(Die Amme und die Musicanten bleiben, wie natürlich, zurük. Die
+leztern sind so fein, es von sich selbst zu merken, daß sie hier zu
+nichts mehr nuzen, und die weise Amme sagt es ihnen noch zum
+Überfluß; sie steken also ihre Pfeiffen ein, und wollen gehen.
+Aber zu grossem Vergnügen der Zuschauer in den obersten Gegenden
+kommt Peter, und verlangt, daß sie ihm ein lustiges Stükchen
+aufspielen sollen; dieses giebt dann den Anlaß zu einem kleinen)
+Divertissement (von Wortspielen und Spässen im Geschmak des Wiener-
+Harlequins; einer Abwechslung, die freylich, (wie der sinnreiche
+Herr von Voltaire weislich bemerkt,) dem Geschmak unsers Autors und
+seiner Zeitgenossen wenig Ehre macht, aber doch den Vortheil mit
+sich führt, daß die Zuschauer, (welche ans Ende doch in die Comödie
+gegangen sind, um sich einen Spaß zu machen,) durch die kläglichen
+Scenen nicht gar zu sehr gerührt werden.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug.
+
+
+
+Erste Scene.
+(Mantua.)
+(Romeo tritt auf.)
+
+
+Romeo.
+Wenn ich den schmeichelnden Eingebungen des Schlafs trauen dürfte,
+so würden mir meine Träume angenehme Neuigkeiten vorbedeuten. Ein
+ungewöhnlicher Geist der Frölichkeit erfüllt meinen Busen, und hebt
+mich mit angenehmen Gedanken über den Boden empor: Ich träumte,
+meine Geliebte käme und fände mich todt--(Was für ein seltsames
+Ding ein Traum ist, daß er todten Leuten doch noch die Erlaubniß
+giebt zu denken!)--und hauchte durch ihre Küsse ein solches Leben
+in meine Lippen, daß ich wieder von den Todten auferstand und ein
+Kayser wurde. O Himmel! wie süß ist der würkliche Genuß der Liebe,
+da ihre Schatten schon so reich an Wonne sind! (Balthasar tritt auf.)
+Neue Zeitungen von Verona--Wie steht's Balthasar? Bringst du mir
+Briefe vom Pater? Was macht meine Geliebte? Ist mein Vater wohl?
+Was macht meine Juliette? Das muß ich noch einmal fragen; denn wenn
+sie wohl ist, so ist nichts übel.
+
+Balthasar.
+So ist sie denn wohl und nichts ist übel. Ihr Leichnam schläft in
+dem Begräbniß der Capulets, und ihr unsterblicher Theil lebt mit
+Engeln. Ich sah sie in das Gewölb ihrer Familie legen, und nahm
+sogleich die Post es euch zu berichten. Vergebung, Gnädiger Herr,
+daß mein Dienst mich nöthigt, euch eine so böse Zeitung zu bringen!
+
+Romeo.
+Ist es würklich so?--So biet' ich euch Troz, ihr Sterne!--Du kennst
+meine Wohnung, geh, hole mir Dinte und Papier, und bestelle Post-
+Pferde--Ich will diese Nacht noch fort.
+
+Balthasar.
+Um Vergebung, Gnädiger Herr, ich darf euch nicht so verlassen. Eure
+Blike sind düster und wild, und bedeuten nichts Gutes.
+
+Romeo.
+Stille! du betrügst dich. Verlaß mich und thu was ich dir sage:
+Hast du keine Briefe vom Pater an mich?
+
+Balthasar.
+Nein, gnädiger Herr.
+
+Romeo.
+Das hat nichts zu bedeuten: geh, und bestelle die Pferde; ich will
+gleich bey dir seyn.
+
+(Balthasar geht ab.)
+
+Gut, Juliette, heute Nacht will ich bey dir ligen--Laß sehen, wie
+machen wir das? Wie schnell findet Unheil den Eingang in ein
+verzweifelndes Gemüth!--Ich erinnre mich eines Apothekers, der hier
+irgend wohnt, und den ich lezthin in einem zerlumpten Kittel, mit
+überhangenden Augbrauen, Kräuter suchend fand. Ich faßte den Mann
+ins Auge; seine Blike sahen mager und verhungert aus, Kummer und
+Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenuzt zu haben; in seiner
+armseligen Bude hieng eine Schildkröte, ein ausgestopfter Alligator,
+und ein paar andre Häute von mißgeschaffnen Fischen; und rings um
+auf dem Gestelle stuhnd ein bettelhaftes Gepränge von leeren
+Büchsen, grünen irdnen Töpfen, Blasen, muffigen Saamen, Resten von
+Pakfaden, und alte Rosen-Kuchen dünn genug zerstreut, damit es doch
+etwas gleich sehen sollte. In dem Augenblik da mir dieser armselige
+Zustand in die Augen fiel, dacht' ich bey mir selbst, wenn izt
+einer Gift brauchte, dessen Verkauff in Mantua ohne Gnad' am Leben
+gestraft wird, so lebt hier ein armseliger Tropf, der ihm's zu
+kauffen gäbe. O! dieser Gedanke war eine Ahnung, daß ich diesen
+Mann bald selber nöthig haben würde. So viel ich mich erinnere,
+sollte diß das Haus seyn; weil heut ein Feyertag ist, so ist des
+Bettlers Bude geschlossen. Holla! he! Apotheker. (Der Apotheker
+kommt heraus.)
+
+Apotheker.
+Wer ruft so laut?
+
+Romeo.
+Komm hervor, Mann! Ich sehe, du bist arm; sieh, da sind vierzig
+Ducaten, gieb mir eine Drachme Gift davor, von so schneller Würkung,
+daß es sich in einem Augenblik durch alle Adern verbreite, und der
+Lebens-überdrüssige, der es einnimmt, so plözlich und mit solcher
+Gewalt des Athemholens entladen werde, als das unaufhaltsame Pulver,
+sobald es sich entzündet, aus dem fatalen Bauch einer Canone
+losbricht.
+
+Apotheker.
+Dergleichen tödtliche Präparata hab' ich; aber das Gesez ist Tod
+für den, welcher sie hergiebt.
+
+Romeo.
+Bist du so nakend und mit Elend beladen, und fürchtest den Tod?
+Hunger sizt auf deinen Wangen, Mangel und Kummer schauen aus deinen
+holen Augen hervor, Verachtung und Betteley hangen auf deinem Rüken,
+und du fürchtest den Tod? Die Welt ist nicht dein Freund, und ihr
+Gesez auch nicht; die Welt giebt kein Gesez dich reich zu machen;
+sey also klüger, brich es, und nimm mein Gold.
+
+Apotheker.
+Meine Dürftigkeit williget ein, nicht mein Wille.
+
+Romeo.
+Auch bezahl' ich nicht deinen Willen, sondern deine Dürftigkeit.
+
+Apotheker.
+Gießt dieses in was für einen Liquor ihr wollt, und trinkt es aus;
+und wenn ihr die Stärke von zwanzig Männern hättet, so wird es euch
+in die andre Welt schiken.
+
+Romeo.
+Hier ist dein Gold; ein schädlichers Gift für die Seelen der
+Menschen, und welches mehr Mordthaten in dieser heillosen Welt
+verursacht, als diese arme Quaksalbereyen, die du nicht verkauffen
+kanst: Ich habe dir Gift verkauft, nicht du mir--fahre wohl, kauf
+dir zu essen, und mach, daß du zu Fleisch kommst--Komm, Herz-
+Stärkung, nicht Gift; komm mit mir, wo ich dich brauche, zu
+Juliettens Grab.
+
+(Sie gehen ab.)
+
+
+
+Zweyte Scene.
+(Verwandelt sich in das Kloster zu Verona.)
+(Bruder Johann tritt auf.)
+
+
+Johann.
+Ehrwürdiger Sohn des heiligen Franciscus, Bruder! he! (Bruder
+Lorenz kommt heraus.)
+
+Lorenz.
+Das sollte Bruder Johanns Stimme seyn--Willkommen von Mantua; was
+sagt Romeo? Oder habt ihr mir einen Brief von ihm?
+
+Johann.
+Da ich abreisen wollte, gieng ich, einen Baarfusser-Bruder von
+unserm Orden zum Reise-Gefährten zu suchen, der hier in der Stadt
+war, um Kranken beyzustehen. Ich fand ihn; aber wie wir aus dem
+Hause gehen wollten, kamen die Visitatoren der Stadt, und weil sie
+einen Argwohn hatten, daß in dem Hause worinn sie uns fanden, eine
+anstekende Krankheit grassiere, versiegelten sie die Thüren und
+liessen uns nicht fort; so daß also meine Reise nach Mantua
+unterbleiben mußte.
+
+Lorenz.
+Wer brachte dann dem Romeo meinen Brief?
+
+Johann.
+Ich konnt' ihn nicht fortschiken, hier ist er wieder; ich konnte
+nicht einmal jemand finden, der ihn dir wiedergebracht hätte, so
+groß war ihre Furcht, sie möchten angestekt werden.
+
+Lorenz.
+Das ist ein unglüklicher Zufall! Bey meinem Ordens-Gelübd, der
+Brief enthielt Sachen von der grössesten Wichtigkeit, und diese
+Versäumung kan böse Folgen haben. Bruder Johann, geh, schaff mir
+ein Brech-Eisen und bring mirs in meine Celle.
+
+Lorenz.
+Nun muß ich allein in die Gruft; in den nächsten drey Stunden wird
+die schöne Juliette erwachen--Wie wird sie über mich schmählen, daß
+ihr Romeo von allen diesen Vorfällen keine Nachricht bekommen hat!
+Aber ich will noch einmal nach Mantua schreiben, und sie indeß in
+meiner Celle verbergen, bis Romeo kommt. Arme lebende Leiche, ich
+eile, dich aus deiner Todten-Gruft zu ziehen!--
+
+(Er geht ab.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+(Verwandelt sich in einen Kirchhof--auf demselben die Familien-
+ Gruft der Capulets.)
+(Paris und sein Edelknabe, mit einer Fakel, treten auf.)
+
+
+Paris.
+Gieb mir deine Fakel, Junge: Geh und steh von Ferne. Doch nein,
+lösche sie aus, ich möchte nicht gesehen werden--Leg dich, so lang
+du bist, unter jenen Taxus-Bäumen hin, und halte dein Ohr dicht an
+den hohlen Boden, so wird kein Fuß auf diesen Kirchhof treten
+können, ohne daß du es hörst; und sobald du hörst, daß sich etwas
+nähert, so zische mir zu; das soll das Zeichen seyn. Gieb mir diese
+Blumen--thu, was ich dir sage, geh.
+
+Edelknabe.
+Ich fürchte mich herzlich, so allein hier auf dem Kirchhof zu seyn,
+und doch will ich es wagen.
+
+(Geht ab.)
+
+Paris
+
+(geht an die Gruft, und streut Blumen über sie.)
+
+Anmuthsvolle Blume! So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette:
+Schöne Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte
+Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im
+Tode--
+
+(der Knabe zischt)
+
+Der Junge giebt ein Zeichen, es nähert sich was--was für
+verfluchte Füsse wandern in dieser späten Nacht hieher, mich in den
+zärtlichen Gebräuchen der traurenden Liebe zu stören?--Wie? ein
+Licht? Verhülle mich eine Weile, o Nacht--
+
+(Er geht bey Seite.)
+
+
+
+Vierte Scene.
+(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.)
+
+
+Romeo.
+Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen. Hier, nimm diesen Brief, und
+sieh daß du ihn morgen früh meinem Herrn und Vater überlieferst.
+Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir,
+du magst hören oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen,
+und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben. Warum ich in diese
+Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen,
+hauptsächlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring
+zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nöthig
+habe; entfern dich also von hier, geh--unterfängst du dich aber aus
+Fürwiz zurükzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im
+Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk für Gelenk in Stüke
+reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern
+bestreuen. Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild,
+grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die
+heulende See.
+
+Balthasar.
+Ich will gehen, Gnädiger Herr, und euch nicht stören.
+
+Romeo.
+So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und
+sey glüklich, fahrwohl, guter Junge.
+
+Balthasar (im Weggehen vor sich.)
+Das alles ist mir ein desto stärkerer Beweggrund, mich hier in der
+Nähe zu verbergen. Ich fürchte seine Blike, und zweifle, daß er was
+Gutes im Sinn habe.
+
+Romeo.
+Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das
+kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine
+morschen Kinnbaken sich zu öfnen,
+
+(er bricht die Gruft auf)
+
+um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen.
+
+Paris (kommt hervor.)
+Diß ist der verbannte übermüthige Montague, der den Vetter meiner
+Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie darüber hatte,
+wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist
+er gekommen, irgend eine niederträchtige Schmach an ihren
+Leichnamen auszuüben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner
+verdammlichen Arbeit, nichtswürdiger Montague: Willt du deine Wuth
+bis auf die Todten ausdehnen? Verurtheilter Bösewicht, ich
+bemächtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben.
+
+Romeo.
+Ich muß, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch,
+reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und laß
+mich: Denk an diese, die hier ligen, und laß sie dich schreken. Ich
+bitte dich, Jüngling, häuffe nicht noch eine neue Sünde über mein
+Haupt, treibe mich nicht zur Wuth. O geh! Beym Himmel! ich liebe
+dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet
+hieher gekommen. Verweile nicht, geh, und sage, daß du dein Leben
+der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest.
+
+Paris.
+Ich verschmähe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen
+Hochverräther.
+
+Romeo.
+So willst du mich denn mit Gewalt reizen? Hab es dann an dir selber,
+Junge.
+
+(Sie fechten. Paris fällt.)
+
+Edelknabe.
+O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen.
+
+Paris.
+Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fähig bist, so
+öffne die Gruft und lege mich zu Julietten.
+
+(Er stirbt.)
+
+Romeo.
+Auf meine Ehre, das will ich: Laß mich dieses Gesicht in der Nähe
+besehen--Mercutio's Vetter! der edle Graf Paris! was sagte mir mein
+Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewälzte Seele nicht
+darauf Acht gab, was er sagte--Mich däucht, er erzählte mir, Paris
+habe Julietten heurathen sollen. Sagte er das nicht? oder träumte
+mir's nur? Oder bin ich unsinnig, daß ich mir einbilde es sey so,
+weil ich ihn so zärtlich von Julietten reden hörte?--O gieb mir
+deine Hand, du, den das Schiksal in mein Unglük verflochten hat,
+ich will dir ein beneidenswürdiges Grab gewähren--Ein Grab? O nein,
+eine Glorie, ermorderter Jüngling; denn Juliette ligt hier, und
+ihre Schönheit erfüllt diese grauenvolle Gruft mit Licht und
+Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben.
+
+(Er legt ihn in die Gruft.)
+
+Wie oft ist es schon begegnet, daß Sterbende kurz vor ihrem lezten
+Augenblik noch aufgeräumt gewesen sind--O gönne mir noch einen
+solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den
+Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt über deine
+Schönheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne
+Fahne der Schönheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse
+Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du
+hier in deinem blutigen Leichen-Tuch? O was kan ich mehr thun, wie
+kan ich dich besser rächen, als eben diese Hand, die dein
+jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Mörder zu gebrauchen?
+Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach! liebste Juliette, warum bist du
+noch so schön? Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich
+verliebt worden, und das dürre scheußliche Ungeheuer unterhalte
+dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn? Aus Furcht es
+möchte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem
+Augenblik diesen Palast der düstern Nacht nimmermehr verlassen;
+hier, hier will ich bleiben, bey den Würmern, die deine Kammer-
+Mädchen sind; hier will ich eine immerwährende Ruhe finden, wenn
+ich das tyrannische Joch erboßter Sterne von diesem Lebens-
+überdrüssigen Fleisch abgeschüttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum
+leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr,
+siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Kuß dem wuchernden Tod eine
+Verschreibung, die nie wieder abgelößt werden kan--Diß, meine Liebe,
+trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker,
+
+(er trinkt das Gift aus,)
+
+Deine Tränke würken gut--Noch diesen Kuß.
+
+(Er stirbt.)
+
+(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer
+Spathe.)
+
+Bruder Lorenz.
+St. Franciscus steh mir bey! Wie manchmal haben schon in später
+Nacht meine alten Füsse an Gräbern gestolpert! Wer ist hier?
+(Balthasar kommt hervor.)
+
+Balthasar.
+Ein Freund, der euch wol kennt.
+
+Lorenz.
+Heil sey dir! Sage mir, guter Freund, was für eine Fakel seh ich
+dort, die ihr Licht so vergeblich Würmern und auglosen Schädeln
+leiht? Wie mich däucht, so brennt sie in der Gruft der Capulets.
+
+Balthasar.
+Es ist würklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist,
+ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden.
+
+Lorenz.
+Wie nennt er sich?
+
+Balthasar.
+Romeo.
+
+Lorenz.
+Wie lang ist er schon da?
+
+Balthasar.
+Eine volle halbe Stunde.
+
+Lorenz.
+Geh mit mir in die Gruft.
+
+Balthasar.
+Ich habe das Herz nicht, ehrwürdiger Herr--Mein Herr weiß nichts
+anders als daß ich weggegangen sey, und bedräute mich auf eine
+fürchterliche Art, daß er mich umbringen wolle, wenn ich
+zurükbleiben und sein Vorhaben belauschen würde.
+
+Lorenz.
+So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an--
+ich fürcht', ich fürcht' es ist ein Unglük geschehen.
+
+Balthasar.
+Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da träumte mir mein Herr
+und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn
+erschlagen.
+
+Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.)
+Romeo! O Himmel! was bedeutet dieses Blut das den steinernen
+Eingang dieser Gruft beflekt? Was bedeuten diese herrenlose
+Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des
+Friedens ligen? Romeo! o Gott, ohne Leben! und dieser?--Wie? Paris?--
+im Blute schwimmend? Ha, was für eine unselige Stunde ist an
+diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Fräulein rührt sich--
+
+Juliette (erwachend.)
+O Trostbringender Vater! wo ist mein Gemahl? Ich erinnre mich wohl,
+wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo?
+
+Lorenz.
+Ich hör ein Getöse--Fräulein, komm hervor aus dieser Höle des Todes,
+der Verwesung und des unnatürlichen Schlafs; eine grössere Macht,
+als der wir wiederstreben könnten, hat unsern Entwurf
+durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und
+Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen
+Schwestern führen: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die
+Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht länger
+bleiben--
+
+(Er geht.)
+
+Juliette.
+Geh, geh du, und laß mich hier bleiben--Was ist hier? Ein Becher,
+in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger
+Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht
+einen freundschaftlichen Tropfen übrig zu lassen, der mir dir nach
+helfe! Ich will deine Lippen küssen; vielleicht hängt noch so viel
+Gift daran, als ich nöthig habe--Deine Lippen sind noch warm--
+(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.)
+
+Wache.
+Weis' uns den Weg, Junge.
+
+Juliette.
+So? Kommt jemand? So will ich's kurz machen--
+
+(sie findt einen Dolch.)
+
+O glüklicher Dolch! hier ist deine Scheide, hier roste und laß
+mich sterben.
+
+(Sie ersticht sich.)
+
+Knabe.
+Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt.
+
+Wache.
+Der Boden ist voller Blut. Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht,
+etliche von euch, macht feste wen ihr findet. Erbärmlicher Anblik!
+Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch
+warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier
+begraben gelegen ist. Geht, zeigt es dem Fürsten an, rennt zu den
+Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die
+Umstände allein können diese klägliche Begebenheit begreiflich
+machen. (Etliche Wächter mit Balthasar.)
+
+2. Wächter.
+Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden
+haben.
+
+1. Wächter.
+Haltet ihn auf, bis der Fürst kommt. (Ein andrer Wächter, mit
+Bruder Lorenzen.)
+
+3. Wächter.
+Hier ist ein Franciscaner, der zittert, ächzt und weint; wir fanden
+dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser
+Seite des Kirchhofs her.
+
+1. Wächter.
+Das ist sehr verdächtig; haltet ihn auch auf.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+(Der Fürst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubühne auf.)
+
+
+Fürst.
+Was für ein Unheil ist so früh auf, daß es uns aus unserm Morgen-
+Schlaf wekt? (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite
+auf.)
+
+Capulet.
+Was mag das seyn, daß ein so gräßliches Geschrey auf den Strassen
+ist?
+
+Lady Capulet.
+Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen,
+Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey
+unserm Begräbniß zu.
+
+Fürst.
+Was für Töne des Schrekens stürzen sich in unser Ohr?
+
+1. Wächter.
+Gnädigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt,
+und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten
+umgebracht.
+
+Fürst.
+Sucht, forscht nach, und späht aus, woher diese scheußliche
+Mordthaten kommen?
+
+1. Wächter.
+Hier ist ein Mönch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit
+Werkzeugen, diese Todten-Gräber aufzubrechen, ertappt worden sind.
+
+Capulet.
+O Himmel!--O Weib! Sieh, wie unsre Tochter blutet! Dieser Dolch hat
+sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Rüken des Montaguen,
+und die entblößte Klinge in meiner Tochter Busen--
+
+
+Lady Capulet.
+O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen
+Alter zu Grabe läutet. (Montague zu den Vorigen.)
+
+Fürst.
+Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben--
+
+Montague.
+Weh mir!--Mein Weib, Gnädigster Herr, ist in dieser Nacht
+verschieden--Der Gram über ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz
+gebrochen--Was für ein neues Weh verschwört sich gegen mein graues
+Alter?
+
+Fürst.
+Schau hieher, so wirst du's sehen.
+
+Montague.
+O du Übelgezogner, was für Lebens-Art war das, dich vor deinem
+Vater so in's Grab zu drängen?
+
+Fürst.
+Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene
+Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang
+herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anführer euers
+Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die
+verdächtigen Personen herbey!
+
+Bruder Lorenz.
+Ich, der unvermögendste, bin derjenige, den der stärkste Verdacht
+drükt; Zeit und Ort scheinen mich dieses gräßlichen Mords
+anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Ankläger und
+Advocat zu seyn.
+
+Fürst.
+So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist.
+
+Bruder Lorenz.
+Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug für
+eine langweilige Historie. Romeo, der hier todt ligt, war
+Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues
+Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen
+Vermählung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen
+Bräutigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod,
+war die Ursache von Juliettens Gram. Ihr,
+
+(zu Capulet)
+
+um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem
+Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit
+Gewalt zu zwingen. In diesen Umständen kommt sie zu mir, und, mit
+wilden Bliken, bittet sie mich daß ich ihr ein Mittel an die Hand
+gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in
+meiner Celle selbst ums Leben bringen. In diesem schwürigen
+Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hülfe; ich gab ihr einen
+Schlaf-Trunk, dessen Würkung meiner Absicht vollkommen antwortete--
+denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, daß
+sie für eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde. Inmittelst
+schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, daß er in eben dieser
+schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Würkung des Tranks zu
+Ende gehen würde, hieher kommen, und mir helfen möchte, sie aus
+ihrem geborgten Grabe heraus zu holen. Allein, Bruder Johann, der
+ihm meinen Brief überbringen sollte, wurde durch einen Zufall
+aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also
+genöthigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher
+zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des
+Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis
+ich Gelegenheit fände, den Romeo hieher zu beruffen. Aber wie ich
+kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier
+erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt. Sie erwacht, und ich
+bitte sie inständigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des
+Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getöse, das ich gleich
+darauf hörte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie,
+verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir
+gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich
+selbst. Alles dieses weiß ich, und von der heimlichen Heurath kan
+auch ihre Amme Zeugniß geben: Ist aber in allem diesem etwas durch
+meine Schuld gefehlt und zu diesem unglüklichen Ausgange gebracht
+worden, so laßt immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner
+bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden.
+
+Fürst.
+Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt. Wo ist
+Romeo's Diener? Was kan Er von der Sache berichten?
+
+Balthasar.
+Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich
+kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu
+dieser nehmlichen Gruft; übergab mir diesen Brief an seinen Vater,
+und dräute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich
+nicht weggehen und ihn allein lassen wollte.
+
+Fürst.
+Gieb mir den Brief, ich will ihn übersehen--Wo ist des Grafen Knabe,
+der die Wache herbeyholte? Bursche, was machte dein Herr an diesem
+Orte?
+
+Knabe.
+Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und
+befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald
+darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu öffnen, und
+augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich
+und holte die Wache.
+
+Fürst.
+Dieser Brief bekräftiget die Erzählung des Ordens-Manns--und hier
+schreibt er, daß er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und
+damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens
+Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde? Capulet! Montague! Seht hier
+die Ruthe, womit euere Unversöhnlichkeit gezüchtiget wird; seht wie
+der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers
+Lebens zu tödten. Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere
+Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle
+gestraft!
+
+Capulet.
+O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter
+Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen.
+
+Montague.
+Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Säule von
+gediegnem Gold aufstellen, daß, so lange Verona diesen Namen trägt,
+kein Denkmal dem Denkmal der zärtlichen und getreuen Juliette
+gleich geschäzt werde!
+
+Capulet.
+Eben so glänzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure,
+unglükliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft!
+
+Fürst.
+Dieser Morgen bringt uns einen düstern Frieden, und die Sonne
+selbst scheint trauernd ihr Haupt verhüllt zu haben--Geht, und
+erwartet unsre Entscheidung, was in diesem unglüklichen Handel
+Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende,
+die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein
+freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo,
+lebet in unserm Andenken, und die späteste Nachwelt möge das
+Gedächtniß eurer unglüklichen Liebe mit mitleidigen Thränen ehren!]
+
+
+Romeo und Juliette, von William Shakespeare
+(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Romeo und Juliette, by William Shakespeare
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMEO UND JULIETTE ***
+
+This file should be named 7232-8.txt or 7232-8.zip
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+even years after the official publication date.
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
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+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
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+
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+ 100 1994 January
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