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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/7232-8.txt b/7232-8.txt new file mode 100644 index 0000000..fba1604 --- /dev/null +++ b/7232-8.txt @@ -0,0 +1,5115 @@ +The Project Gutenberg EBook of Romeo und Juliette, by William Shakespeare +#16 in our series by William Shakespeare + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Romeo und Juliette. + +William Shakespeare + +Ein Trauerspiel. + +Übersetzt von Christoph Martin Wieland + + +Personen. + +Escalus, Fürst von Verona. +Paris, ein junger Cavalier, dem Fürsten verwandt, und Juliettens +Liebhaber. +Montague und Capulet, die Häupter von zween edlen Geschlechtern, +die in Feindschaft mit einander stehen. +Romeo, Montaguens Sohn. +Mercutio, ein Verwandter des Fürsten, und Romeos Freund. +Benvolio, Vetter und Freund des Romeo. +Tybalt, Neffe des Capulet. +Bruder Lorenz und Bruder Johann, Mönche. +Balthasar, Bedienter von Romeo. +Ein Edelknabe des Paris. +Sampson und) Gregorio(, Capulets Bediente. +Abraham, ein Bedienter von Montague. +Ein Apotheker. +Simon Kazen-Darm, Hug Leyermann und Samuel Windlade, Musicanten. +Peter, der Amme Diener. +Lady Montague. +Lady Capulet. +Julietta, Capulets Tochter. +Die Amme derselben. +Bürger von Verona, Masken, Trabanten, Wache, und andre stumme +Personen. + +Die Scene ist im Anfang des fünften Aufzugs in Mantua, und sonst +immer in Verona. + + + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Eine Strasse in Verona.) +(Sampson und Gregorio, zween Bediente der Capulets, treten mit + Schwerdtern und Schilden bewaffnet auf, und ermuntern einander sich + tapfer gegen die Montägues zu halten; ihre ganze Unterredung ist + ein Gewebe von Wortspielen, Doppelsinn und Zoten.) +(Abraham und Balthasar zu den Vorigen.) + + +Gregorio (zu Sampson.) +Zieh vom Leder, hier kommen ein Paar von den Montägischen-- + +Sampson. +Meine Fuchtel ist heraus; fang nur Händel an, ich will dir den Weg +weisen-- + +Gregorio. +So? Willt du davon lauffen? + +Sampson. +Sey ohne Sorge, ich will stehen wie eine Mauer; aber es ist doch +das Sicherste, wenn wir das Gesez auf unsrer Seite haben; wir +wollen sie anfangen lassen. + +Gregorio. +Ich will die Nase rümpfen, indem ich bey ihnen vorbeygehe; sie +mögen's dann aufnehmen, wie sie es verstehen. + +Sampson. +Oder wie sie das Herz dazu haben. Ich will meinen Daumen gegen sie +beissen, welches eine Beschimpfung für sie ist, wenn sie's leiden. + +Abraham. +Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr? + +Sampson. +Ich beisse meinen Daumen, Herr. + +Abraham. +Beißt ihr euern Daumen gegen uns, Herr? + +Sampson (zu Gregorio leise.) +Ist das Gesez auf unsrer Seite, wenn ich sage, ja? + +Gregorio. +Nein. + +Sampson (laut.) +Nein, Herr, ich beisse meinen Daumen nicht gegen euch, Herr: Aber +ich beisse doch meinen Daumen, Herr. + +Gregorio. +Sucht ihr Händel, Herr? + +Abraham. +Händel, Herr? Nein, Herr. + +Sampson. +Wenn ihr's thut, Herr, so bin ich auch da, ich diene einem so +brafen Mann als ihr. + +Abraham. +Keinem bessern. + +Sampson. +Gut, Herr. (Benvolio zu den Vorigen.) + +Gregorio (zu Sampson leise.) +Sag, einem bessern: Hier kommt einer von unsers Herrn Neffen. + +Sampson (laut.) +Ja, einem bessern, Herr. + +Abraham. +Ihr lügt. + +Sampson. +Zieht, wenn ihr Männer seyd--Gregorio, das war eine Ohrfeige, die +du nicht einsteken must-- + + +Benvolio. +Aus einander, ihr Narren, stekt eure Degen ein, ihr wißt nicht was +ihr thut. (Tybalt zu den Vorigen.) + +Tybalt. +Wie, du ziehst deinen Degen gegen diese verzagten Hasen? Kehre dich +um, Benvolio, und sieh deinen Tod an. + +Benvolio. +Ich mache nur Frieden; stek deinen Degen ein, oder brauch' ihn, mir +Friede unter diesen Leuten machen zu helfen. + +Tybalt. +Wie, mit gezogenem Degen von Frieden schwazen? Ich hasse diess Wort +wie die Hölle, wie alle Montägues und dich--wehr dich, H** + +(Sie fechten.) + +(Drey oder vier Bürger mit Knitteln treten auf.) + +Ein Bürger. +Knittel, Spiesse, Hellebarden her! Schlagt zu! Schlagt sie nieder! +Zu Boden mit den Capulets! Zu Boden mit den Montägues! (Der alte +Capulet in einem Schlafrok, und Lady Capulet.) + +Capulet. +Was für ein Lerm ist das? Gebt mir meinen langen Degen, he! + +Lady Capulet. +Eine Krüke, eine Krüke--was wollt ihr mit einem Degen machen? + +Capulet. +Meinen Degen, sag ich; da kommt der alte Montague, und fuchtelt mir +mit seiner Klinge unter die Nase-- + +(Der alte Montague, und Lady Montague.) + +Montague. +Du nichtswürdiger Capulet--Halt mich nicht, laß mich gehn! + +Lady Montague. +Du sollt mir keinen Fuß rühren, um einen Feind zu suchen. + +(Der Fürst von Verona mit seinem Gefolge tritt auf, erzürnt sich +gewaltig über diesen Unfug, wirft den beyden Alten vor, daß sie +ihrer Familien-Feindschaft wegen Verona schon dreymal in Aufruhr +gesezt, verbietet ihnen bey Todes-Straffe die Strassen nicht mehr +zu beunruhigen, und tritt, nachdem er sie geschieden, wieder ab.) + + + +Zweyte Scene. +(Der alte Montague, Lady Montague, und Benvolio bleiben zurük.) + + +Lady. +Wer brachte diesen alten Handel wieder in Bewegung? Redet, Neffe, +war't ihr dabey, wie er angieng? + +Benvolio. +Hier fand ich die Bedienten euers Gegentheils, und die eurigen, die +sich mit einander herumschlugen, wie ich kam; ich brachte sie aus +einander: In dem nemlichen Augenblik kam der feurige Tybalt mit +gezognem Degen, den er unter drohenden Herausforderungen über +meinem Kopf schwang, und damit auf die Winde zuhieb, die so wenig +nach seinen Streichen fragten, daß sie ihn noch dazu auszischten. +Wie wir nun an einander waren, so kamen immer mehr Leute, und +fochten zu beyden Seiten, bis der Fürst kam, und uns aus einander +sezte. + +Lady. +O wo ist Romeo? Habt ihr ihn heute nie gesehen? Ich bin recht froh, +daß er nicht bey dieser Schlägerey war. + +Benvolio. +Madam, eine Stunde eh die* Sonne aufgieng, trieb mich ein +beunruhigtes Gemüth aufzustehen, und vor die Stadt hinaus zu gehen; +und da traf ich auf der West-Seite der Stadt euern Sohn einsam +unter einem Gang von Egyptischen Feigen-Bäumen an. Ich gieng auf +ihn zu; aber kaum ward er mich gewahr, so schlich er sich in das +dichteste Gehölze. Ich urtheilte von seiner Gemüths-Beschaffenheit +nach der meinigen, (denn wir sind innerlich nie mehr beschäftigst, +als wenn wir die Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen, +gieng ich meinen Gedanken nach, und war so vergnügt, daß er mich +ausgewichen hatte, als er selbst. + +{ed.-* Im Original: "Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne +Fenster des Osten sehen ließ." Es ist nichts leichters, als durch +eine allzuwörtliche Übersezung den Shakespear lächerlich zu machen, +wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet +eine Probe gemacht, die wir an gehörigem Ort ein wenig näher +untersuchen wollen. Indeß erzürnt sich doch Herr Freron zu sehr +über diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre. Er +mag seine Ursachen dazu haben; aber die Welt urtheilt mit kälterm +Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol wissen warum +sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem französischen Poeten +sehr leicht zu gut halten können, daß er (in einem Alter, wo er +sich nicht mehr stark genug fühlt, sich mit der Beute die er ihrem +Shakespear abgenommen zu brüsten) seine Freude daran hatte, durch +eine Schulknaben-mäßige Nachäffung den Narren mit ihm zu spielen, +und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel Spaß zu machen, als +er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann.} + +Montague. +Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den +frischen Morgenthau mit seinen Thränen, und die Morgen-Wolken mit +tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fängt die alles erfreuende +Sonne an, im fernsten Osten die Vorhänge von Aurorens Bette +wegzuziehen, so schleicht sich der schwermüthige Jüngling vom Licht +nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer ein, versperrt seine +Fenster, schließt das schöne Tageslicht hinaus, und macht sich +selbst eine erkünstelte Nacht. Er muß nothwendig in einen schwarzen +und Unglük-brütenden Humor verfallen wenn nicht bey Zeiten darauf +gedacht wird, die Ursache des Übels wegzuräumen. + +Benvolio. +Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache? + +Montague. +Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen. + +Benvolio. +Habt ihr schon in ihn gedrungen? + +Montague. +Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens; +seines eignen Herzens geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst, +ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim und +verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer +Muthmassung Grund zu geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem +inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh sie ihre zarten +Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schönheit der Sonne +wiedmen konnte. Könnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer +entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen werden. (Romeo +tritt auf.) + +Benvolio. +Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich +will sein Geheimniß ausfündig machen, oder ich müßte mich sehr +betrügen. + +Montague. +Ich wünsche, daß du so glüklich seyn mögest--Kommt Madam, wir +wollen gehen. + +(Sie gehen ab.) + +Benvolio. +Guten Morgen, Vetter. + +Romeo. +Ist der Tag noch so jung? + +Benvolio. +Es hat eben neune geschlagen. + +Romeo. +Weh mir! Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden! War das mein +Vater, der so eilfertig sich entfernte? + +Benvolio. +Er war's; aber was für ein Kummer verlängert Romeo's Stunden? + +Romeo. +Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkürzen würde. + +Benvolio. +Seyd ihr verliebt? + +Romeo. +Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden. + +Benvolio. +Wie Schade, daß die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist, +so grausam und tyrannisch seyn soll, so bald sie uns erreicht! + +Romeo. +Wie Schade, daß die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem +Unglük sehen soll!--Wo werden wir zu Mittag essen?--Weh mir!--Was +für ein Tumult war vorhin?--Doch sagt mir nichts davon, ich hab +alles schon gehört. Der Haß macht hier viel zu thun, aber die Liebe +noch mehr: Wie dann, o mißhellige Liebe! o liebender Haß! O +unwesentliches Etwas, und würkliches Nichts! So leicht und doch zu +Boden drükend! So ernsthaft und doch Tand! Du ungestaltes Chaos von +reizenden Phantomen! Bleyerne Feder, glänzender Rauch, kaltes Feuer, +kranke Gesundheit, immer-wachender Schlaf--o! du wunderbares +Gemisch von Seyn und Nichtseyn!--Das ist die Liebe die ich fühle, +ohne in dem was ich fühle die Liebe zu erkennen--Lachst du nicht? + +Benvolio. +Nein, Vetter, ich möchte lieber weinen. + +Romeo. +Du gutes Herz! Worüber? + +Benvolio. +Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen. + +Romeo. +Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu +erleichtern.**--Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer +erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden Augen +schimmert--Unglükliche Liebe ist eine See, die mit den Thränen der +Liebenden genährt wird; was ist sie noch mehr? Eine vernünftige +Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende Herzstärkung--Lebt +wohl, Vetter. + +{ed.-** Es ist ein Unglük für dieses Stük, welches sonst so viele +Schönheiten hat, daß ein grosser Theil davon in Reimen geschrieben +ist. Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln +weniger zu helfen gewußt als Shakespear; seine gereimten Verse sind +meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim macht ihn immer etwas +anders sagen als er will, oder nöthigt ihn doch, seine Ideen übel +auszudrüken. Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine +neue Instanz anziehen, um diese vergebliche Fesseln des Genie den +Liebhabern und Lesern so verhaßt zu machen, als sie ihnen sind. +Aber warum hat z. Ex. Pope die schönsten Gedanken, die +schimmerndste Einbildungskraft, den feinsten Wiz, den freyesten +Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die gröste Anmuth, Zierlichkeit, +Correction, und über alles dieses, den höchsten Grad der +musicalischen Harmonie, deren die Poesie in seiner Sprache fähig +ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu verbinden gewußt? +Die Reime können vermuthlich nichts dazu, wenn sie für einige +Dichter schwere Ketten mit Fuß-Eisen sind; für einen Prior oder +Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien selbst sie +umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey +herumflattern als die Scherze und Liebes-Götter, ihre beständigen +Gefehrten. Shakespears Genie war zu feurig und ungestüm, und er +nahm sich zu wenig Zeit und Mühe seine Verse auszuarbeiten; das ist +die wahre Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen +Übersezer so oft zur Verzweiflung bringt.} + +(Er will gehen.) + +Benvolio. +Sachte, ich will mitgehen. Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn +ihr mich auf eine solche Art verlaßt. + +Romeo. +Still! Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist +nicht Romeo, er ist sonst irgendwo. + +Benvolio. +--*** Aber wer ist dann die Person, die du liebst? + +{ed.-*** Hier haben etliche (Non-Sensicalische) Zeilen ausgelassen +werden müssen.} + +Romeo. +Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe--ein Weibsbild. + +Benvolio. +Das errieth ich, sobald ich merkte, daß ihr verliebt wäret. + +Romeo. +Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen--und sie ist schön, +die ich liebe. + +Benvolio. +Ein schönes Ziel ist desto leichter zu treffen. + +Romeo. +Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat +Dianens Sprödigkeit, und lebt in der wolgestählten Rüstung ihrer +Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen. Sie sezt sich keinen +nachstellenden Bliken aus, sie öffnet ihr Ohr keinen Liebes- +Erklärungen, noch ihren Schooß dem Golde, das sonst oft die +Heiligen selbst verführt. O! Sie ist reich an Schönheit, und allein +darinn arm, daß der ganze Schaz der Schönheit, in ihr versammelt, +sterblich ist. + +Benvolio. +Hat sie denn geschworen, daß sie in ewiger Jungfrauschaft leben +will? + +Romeo. +Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren +Verschwendung schuldig. Denn Schönheit, die durch ihre eigne +Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schönheit einer ganzen +Nachkommenschaft. Sie ist zu weise um so schön, oder zu schön um so +weise zu seyn; und es ist grausam an ihr, den Himmel damit +verdienen zu wollen, daß sie mich zur Verzweiflung treibt-- + + +Benvolio. +Laßt euch einen guten Rath geben, und vergeßt, an sie zu denken. + +Romeo. +O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu +erinnern. + +Benvolio. +Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit +auf andre Schönheiten. + +Romeo. +Das wäre das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen +erinnert zu werden. Diese glüklichen Schleyer, die die Stirne +schöner Damen küssen, erheben durch ihre Schwärze, die Schönheit, +so sie verbergen. Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan +nicht vergessen, was für einen kostbaren Schaz er mit seinem +Gesicht verlohren hat. Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter +tausenden die schönste ist; wozu kan mir ihre Schönheit dienen, als +zu einem Spiegel, worinn ich diejenige erblike, die noch schöner +als die schönste ist? Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie +vergessen zu lehren. + +Benvolio. +Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben. + +(Sie gehen ab.) + + + +Dritte Scene. +(Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.) + + +Capulet. +Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe +zu befürchten; und für alte Leute wie wir sind, sollt' es nicht +schwer seyn, Frieden zu halten. + +Paris. +Ihr seyd beyde rechtschaffne Männer, und es ist recht zu bedauren, +daß ihr so lang in Mißhelligkeit gelebt habt--Aber nun, gnädiger +Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung? + +Capulet. +Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe: +Mein Kind ist noch ein neu angekommener Fremdling in der Welt, sie +hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; laßt wenigstens noch zween +Sommer verblühen, eh wir denken können, daß sie zum Braut-Stande +reif sey. + +Paris. +Jüngere als sie, sind schon glükliche Mütter geworden. + +Capulet. +Und verderben auch desto früher, je frühzeitigere Früchte von ihnen +erzwungen werden. Die Erde hat alle meine andern Hoffnungen +verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige +Vergnügen meines Alters, indeß bewirb dich bey ihr selbst um sie, +mein lieber Paris, such ihr Herz zu gewinnen; wenn du ihren Beyfall +hast, so hast du meine Einwilligung. Diese Nacht geb' ich, einer +alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde +eingeladen habe: Vermehret ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner +willkommner seyn. Ihr werdet diese Nacht in meinem armen Haus +irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln +können.* Ihr werdet mit dem Vergnügen, das muntre junge Leute +fühlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor sich +hertreibt, unter einem Frühling voll neu entfalteter Mädchen- +Knospen wandeln; betrachtet sie alle, höret alle, und laßt euch +diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr +werdet so viele liebenswürdigere finden, daß die meinige sich +unbemerkt in der Menge verliehren wird. Kommt, geht mit mir--Du, +Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu +mir ein, deren Namen auf diesem Zettel stehen-- + +{ed.-* Hr. Warbürton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und +es ist gewiß, daß wir seiner Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen +unsers durch die Schauspieler so übel zugerichteten Autors zu +danken haben. Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast +allgemeinen Fehler der Verbal-Critiker zu fallen, und mit dem +Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley +mit dem Horaz. Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe +anführen wollen, ob es gleich sonst desto unnöthiger ist, die Leser +mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntniß der +Englischen Sprache voraussezen, und diese Übersezung nur für +diejenige gemacht ist, die das Original nicht lesen können. +Warbürton nennt den Vers: (Earthtreading stars that make dark +heaven's Light), Unsinn, und will daß man lesen soll: (That make +dark Even light)--Eine Verbesserung im echten Bentleyischen +Geschmak! Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs höchste +eine weder ungewöhnliche noch unschikliche Hyperbole. Es ist etwas +sehr mögliches, daß die irdischen Sterne, welche Shakespear meynt, +bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines jungen +Liebhabers verdunkeln; und das ist der natürlichste Sinn des Texts: +Aber daß eine ganze Schaar der schimmerndsten Schönen durch den +blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol erleuchten sollte, +daß man die Lichter dabey ersparen könnte, ist mehr als man auch +der feurigsten Orientalischen Einbildungskraft zumuthen dürfte. +Wenn wir, wie schon öfters geschehen ist, die Lesart des Texts der +vermeynten Verbesserung des Hrn. Warbürtons vorziehen, so geschieht +es allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von +denenjenigen, die wir verwerfen, seinem Wiz mehr Ehre machen, als +die gegenwärtige.} + +(Capulet und Paris gehen ab.) + +Bedienter. +Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen--Es steht +geschrieben, der Schuster soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben, +der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem Pinsel, und +der Mahler mit seinem Nez. Aber ich soll die Personen finden, deren +Namen hier geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was für +Namen die schreibende Person hieher geschrieben hat. Ich muß mich +bey den Gelehrten Raths erholen--Da lauffen mir gerad ihrer ein +Paar in die Hände-- + +(Benvolio und Romeo treten auf.) + +Benvolio. +Still, Mann! Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines +Schmerzens wird durch einen andern Schmerz vermindert; wenn dir +taumlicht ist, so hilfst du dir damit, daß du dich wieder zurük +drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch +eine neue geholfen werden. + +Romeo. +Wegbreit-Blätter sind unvergleichlich für das. + +Benvolio. +Für was, wenn man bitten darf? + +Romeo. +Für euern Beinbruch. + +Benvolio. +Wie, Romeo, bist du toll? + +Romeo. +Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause; +in ein Gefängniß eingesperrt, zur Hunger-Cur verurtheilt, +gepeitscht und gepeinigt: Und--guten Abend, Camerad-- + +(Zum Bedienten.) + +Bedienter. +Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, könnt ihr +lesen? + +Romeo. +Ja, mein Schiksal in meinem Unglük. + +Bedienter. +Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch, +könnt ihr alles lesen was ihr seht? + +Romeo. +Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache weiß. + +Bedienter. +Das ist gesprochen wie ein Bidermann--Gott behüt' euern guten Humor! + +(Er will gehen.) + +Romeo. +Bleib, Bursche, ich kan lesen--(Er ließt das Papier.) Signor +Martino und seine Frau und Töchter: Graf Anselmo und seine schönen +Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und +seine liebenswürdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin; +mein Oheim Capulet mit Frau und Töchtern; meine schöne Nichte +Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio, +und die lebhafte Signora Helena-- +Eine hübsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen? + +Bedienter. +Herauf-- + +Romeo. +Wohin? + +Bedienter. +Zum Nacht-Essen in unser Haus. + +Romeo. +In wessen Haus? + +Bedienter. +In meines Herren seines. + +Romeo. +In der That, das hätte ich dich vorher fragen sollen. + +Bedienter. +Nein, ich will euch eine Müh ersparen. Mein Herr ist der grosse +reiche Capulet, und wenn ihr keiner vom Haus der Montägues seyd, so +bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Gläser ausleeren. Eine +gute Zeit. + +(Geht ab.) + +Benvolio. +Wie wohl sich das fügt! die schöne Rosalinde, in die du so verliebt +bist, wird mit allem was das Schönste in Verona ist, diesem +Familien-Gastmal der Capulets beywohnen. Geh du auch hin, vergleich +mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir +zeigen will, und du sollst finden, daß dein Schwan eine Krähe ist. + +Romeo. +**--Eine schönere als meine Liebe! die allsehende Sonne sah niemals +ihres gleichen, seit die Welt begann. + +{ed.-** Eine Lüke von vier abgeschmakten Reimen.} + +Benvolio. +Gut, gut! Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und +ihr sie, in beyden Augen, nur mit sich selbst abwoget; aber laßt +ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen ein +gewisses andres Mädchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem +vollen Glanze zeigen will, abgewogen werden; so wird euch diejenige +kaum noch erträglich vorkommen, die izt die beste scheint. + +Romeo. +Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das +Vergnügen zu haben, dich von dem Triumph meiner Geliebten zum +Zeugen zu machen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Verwandelt sich in Capulets Haus.) +(Lady Capulet und die Amme treten auf.) + + +Lady. +Amme, wo ist meine Tochter? Ruffe sie zu mir heraus. + +Amme. +Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwölf Jahre alt war, meyn' +ich;) ich sagte ihr, sie möchte kommen; wie, Schäfchen--he! Mein +Däubchen--daß uns Gott behüte! Wo ist das Mädchen? he! Juliette! +(Juliette zu den Vorigen.) + +Juliette. +Was ists? Wer ruft? + +Amme. +Eure Frau Mutter. + +Juliette. +Madam, hier bin ich, was ist euer Wille? + +Lady. +Das ist eben die Sache--Amme, verlaß uns eine Weile, wir müssen +allein mit einander reden; Amme, komm wieder zurük, ich habe mich +anders besonnen, du darfst wohl bey unsrer Unterredung zugegen seyn: +du weist, meine Tochter hat ein artiges Alter. + +Amme. +Mein Treu, ich kan ihr Alter bey einer Stunde sagen. + +Lady. +Sie ist noch nicht vierzehn. + +Amme. +Ich will gleich vierzehn Zähne daran sezen, (und doch muß ich's zu +meiner Schande sagen, ich habe nur noch vier,) sie ist nicht +vierzehn; wie lang ist es noch von izt bis an St. Peters-Tag? + +Lady. +Vierzehn Tage, oder noch ein paar drüber. + +Amme. +Sey es vierzehn Tage oder fünfzehn, das thut nichts, kommt St. +Peters-Abend, so wird sie vierzehn seyn. Süßchen und sie (Gott +tröst ihre Seele!) waren von gleichem Alter. Wohl, Süßchen ist im +Himmel, sie war zu gut für mich. Aber, wie ich sagte, an St. Peters- +Abend des Nachts wird sie vierzehn seyn, das wird sie, meiner Six, +ich erinnre mich's als ob's seit gestern wäre. Es ist seit dem +Erdbeben nun eilf Jahre daß sie entwöhnt wurde; unter allen Tagen +im Jahr will ich den Tag nicht vergessen; ich hatte denselben Tag +Wermuth an meine Brust gestrichen, und saß in der Sonne an der +Mauer unter dem Dauben-Schlag; der Gnädige Herr und Eu. Gnaden +waren damals zu Mantua--gelt, ich kan etwas im Kopf behalten?--Aber, +wie ich sagte, wie das Kind den Wermuth an meiner Brustwarze +kostete, und schmekte daß es bitter war, das artige Närrchen, da +hättet ihr sehen sollen, wie es so gescheid war und augenbliklich +die Brust fahren ließ. Schüttle dich, sagte der Dauben-Schlag--mein +Treu! es mußte mir niemand sagen, daß ich hurtig lauffen sollte; +und seitdem ist es nun eilf Jahre, denn sie konnte damals schon +allein stehen; ja, bey meiner Treu, sie, konnte schon lauffen, und +watschelte schon allenthalben herum; dann just den Tag vorher, da +sie das Loch in ihre Stirne fiel, und da hub mein Mann (Gott tröst +ihn, er war ein muntrer Mann) da hub er das Kind auf; so, sagt' er, +fällst du auf die Nase? Du wirst auf den Rüken fallen, wenn du mehr +Verstand haben wirst; wirst du nicht Julchen? Und, bey unsrer +lieben Frauen! Das artige Tröpfchen hörte auf schreyen, und sagte, +Ay--so daß man sehen kan, wie endlich aus Spaß Ernst wird--Da steh +ich dafür, und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so vergeß ichs +nicht: Wirst du nicht, Julchen, sagt' er? Und das artige Närrchen, +es hörte auf schreyen, und sagte, Ay! + +Lady Capulet. +Genug hievon, ich bitte dich, stille! + +Amme. +Ja, Gnädige Frau; und doch kan ich mir nicht helfen, ich muß lachen, +wenn ich dran denke daß es aufhörte zu schreyen, und Ay sagte; und +doch bin ich gut dafür, daß es eine Beule an der Stirne hatte, so +dik wie ein junger Hahnen-Stein, eine recht gefährliche Beule, und +es weinte bitterlich. So, sagte mein Mann, fällst du auf die Nase? +Du wirst rükwärts fallen, wenn du älter wirst, wirst du nicht, +Julchen? Und da schwieg es, und sagte, Ay. + +Juliette. +Und schweig du auch, ich bitte dich, Amme, sag ich. + +Amme. +Still, ich bin fertig: Gott zeichne dich zu seinem Segen aus! Du +warst das holdseligste Kind, das ich gesäugt habe; und wenn ich nur +so lange lebe, daß ich dich verheurathet sehe, so wünsch' ich mir +nichts mehr. + +Lady Capulet. +Diese Heurath ist eben die Sache, wovon ich reden wollte. Sagt mir, +Tochter Juliette, habt ihr Lust zum Heurathen? + +Juliette. +Es ist eine Ehre, von der ich mir nicht träumen lasse. + +Amme. +Eine Ehre? Wenn ich nicht deine leibliche Amme wäre, so würd' ich +sagen, du habst die Weisheit mit der Milch eingezogen. + +Lady Capulet. +Gut, es ist nun Zeit daran zu denken; es giebt hier in Verona +jüngere als ihr, und Frauenzimmer von Stand und Ansehen, die schon +Mütter sind. Bey meiner Ehre, in dem Alter worinn ihr noch ein +Mädchen seyd, war ich schon eure Mutter. Ich will's also kurz +machen, und euch sagen, daß sich der junge Paris um euch bewirbt. + +Amme. +Ein Mann, junges Fräulein, ein Mann, dessen gleichen in der ganzen +Welt--Sapperment! es ist ein Mann wie in Wachs boßiert. + +Lady Capulet. +Verona's Sommer hat keine schönere Blume. + +Amme. +Das ist wahr, er ist eine Blume; mein Treu, eine wahre Blume. + +Lady Capulet. +Was sagt ihr dazu? Gefällt euch der Cavalier? Ihr werdet ihn diese +Nacht bey unserm Gastmahl sehen; beobachtet ihn recht, ihr werdet +gestehen müssen, daß nichts liebenswürdigers seyn kan. Er ist eurer +würdig, und wird euch glüklich machen*--Doch, ihr habt ihn ja sonst +schon gesehen; sagt, mit einem Wort, könnt ihr euch seine Liebe +gefallen lassen? + +{ed.-* Man hat gut gefunden diese Rede zu verändern und +abzukürzen. Sie ist im Original die Grundsuppe der abgeschmaktesten +Art von Wiz, und des Characters einer Mutter äusserst unwürdig. +Pope scheint zu vermuthen, daß sie von Schauspielern eingeflikt +worden sey.} + +Juliette. +Ich will ihn erst genauer betrachten; alles was ich izt sagen kan, +ist, daß meine Augen allezeit durch euern Willen geleitet werden +sollen. (Ein Bedienter zu den Vorigen.) + +Bedienter. +Gnädige Frau, die Gäste sind angekommen, das Essen ist aufgetragen, +man wartet auf Euer Gnaden und mein junges Fräulein, man flucht auf +die Amme im Speißgewölbe, und alles ist in der Extremität. Ich muß +wieder zur Aufwartung; ich bitte euch, kommet augenbliklich. + +Lady Capulet. +Wir kommen--Juliette, es wird den Grafen nach dir verlangen. + +Amme. +Geh, Mädchen, und suche zu deinen guten Tagen auch glükliche Nächte. +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Eine Strasse vor Capulets Haus.) +(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fünf oder sechs andern Masken, + Fakel-Trägern und Trummeln.) + + +Romeo. +Wie, soll diese Rede unsre Entschuldigung machen, oder wollen wir +ohne Apologie auftreten? + +Benvolio. +Diese Weitläufigkeiten sind nicht mehr Mode. Wir brauchen keinen +Cupido, mit einer Schärpe von Flittergold und einem gemahlten +Tartar-Bogen von Schindeln, der die armen Mädchen, wie ein Vögel- +Schrek die Krähen, zu fürchten macht. Sie mögen von uns halten was +sie wollen, wenn wir ihnen nicht gefallen, oder sie uns nicht, so +gehen wir wieder. + +Romeo. +Gebt mir eine Fakel; ich bin nicht im Humor, Sprünge zu machen. + +Mercutio. +Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr müßt eins tanzen. + +Romeo. +Ich gewiß nicht, das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dünnen +Solen, ich habe eine Seele von Bley,* die mich so zu Boden zieht, +daß ich nicht von der Stelle kommen kan. + +{ed.-* Wortspiel mit Sole, und Soul, welche fast gleich ausgesprochen +werden. } + +Mercutio. +Ihr seyd ein Liebhaber; borgt dem Cupido seine Flügel ab, und +schwingt euch damit empor.** + +{ed.-** In dieser Rede, der Antwort des Romeo, und etlichen +folgenden Zeilen, die man gänzlich weglassen mußte, dreht sich +alles um Wortspiele mit (Bound) und (bound, soar) und(sore), und +ein paar eben so frostige Antithesen herum. Alles dieses armselige +Zeug findet sich, wie Pope bemerkt, nicht in der ersten Ausgabe +dieses Stüks von 1597.} + +Romeo. +Ich bin zu hart von seinem Pfeil verwundet, als daß ich mich auf +seinen Flügeln erheben könnte-- + +Mercutio. +Gebt mir ein Futteral, worein ich mein Gesicht steken kan-- + +(Er nimmt seine Maske ab.) + +--Eine Maske für ein Frazen-Gesicht!--wozu brauch ich eine Maske? +Es wird niemand so vorwizig seyn, ein Gesicht wie das meinige genau +anzusehen. + +Benvolio. +Kommt, wir wollen anklopfen und hineingehn; und wenn wir einmal +drinn sind, dann mag ein jeder seinen Füssen zusprechen. + +(Hier fallen noch etliche sinnreiche Wizspiele von der +grammaticalischen Art, zwischen Mercutio und Romeo weg.) + +Romeo. +Wir gedenken uns bey diesem Ball eine Kurzweil zu machen, und doch +sind wir nicht klug, daß wir gehen. + +Mercutio. +Warum, wenn man fragen darf? + +Romeo. +Mir träumte vergangne Nacht-- + +Mercutio. +Mir auch. + +Romeo. +Gut, was träumte euch? + +Mercutio. +Daß Träumer manchmal lügen. + +Romeo. +Ja, in ihrem Bette,*** wo sie oft wahre Dinge träumen. + +{ed.-*** Wortspiel mit lie und lye, liegen, und lügen, welches sich +zu gutem Glük übersezen läßt.} + +Mercutio. +O, dann seh ich, daß ihr einen Besuch von der Königin Mab gehabt +habt. Sie ist die Heb-Amme der Phantasie, kommt bey Nacht, nicht +grösser als ein Agtstein am Zeigfinger eines Aldermanns, und fährt +euch mit einem Gespan von kleinen Atomen über die Nasen der +Schlafenden hin. Ihre Rad-Speichen sind von langen Spinnen-Beinen, +die Deken von Grashüpfers-Flügeln, das Geschirr vom feinsten +Spinnen-Web, die Kummet von Mondscheins-Stralen; ihre Peitsche von +einem Grillen-Bein, und der Riemen von der feinsten Membrane; ihr +Kutscher eine dünne grau-rokichte Schnake, nicht halb so dik als +ein kleiner runder Wurm, den der schleichende Finger eines kleinen +Mädchens aufgestochert hat. Ihr Wagen ist eine leere Hasel-Nuß, von +Schreiner Eichhorn, oder Meister Wurm gemacht, die seit +unfürdenklicher Zeit die Wagner der Feen sind: und in diesem Staat +galloppiert sie, Nacht für Nacht, durch das Gehirn der Verliebten, +und dann träumen sie von Liebe; über die Kniee der Hofleute, welche +dann straks von Aufwartungen; über die Finger der Advocaten, die +straks von Sporteln; über die Lippen der Damen, die straks von +Küssen träumen, aber oft von der erzürnten Mab mit Hiz-Blattern +gestraft werden, wenn ihr Athem nach parfümiertem Zuker-Werk riecht. +Zuweilen galloppiert sie über eines Hofschranzen Nase, und da +träumt er, er hab' eine Pension ausgespürt: ein andermal kommt sie +mit dem Wedel eines Zehend-Schweins in der Hand, und küzelt den +schnarchenden Pfarrer; straks träumt er, daß er eine bessere +Pfründe bekommen habe. Zuweilen fährt sie über eines Soldaten Hals, +und da träumt er von ausländischen Hälsen die er abgeschnitten, von +Friedens-Brüchen, Scharmüzeln, Spanischen Klingen, und fünf-Faden- +tieffen Gesundheiten; dann trummelt sie wieder in seinen Ohren und +er fährt erschroken auf, und erwacht, schwört ein paar Stoß-Gebette, +und schläft wieder ein. Das ist die nemliche Mab, die den Kühen +die Milch aussaugt, und den Pferden im Schlaf die Mähne verstrikt; +das ist die Drutte, + +(der Alp,) + +welche die Mädchens drükt, wenn sie Nachts auf dem Rüken ligen-- +das ist-- + +Romeo. +Stille, Stille, Mercutio, wie lange kanst du von nichts reden? + +Mercutio. +In der That, ich rede von Träumen, diesen Kindern die ein müßiges +Hirn mit der eiteln Phantasie erzeugt, welche so wenig Leib hat als +die Luft, und unbeständiger ist als der Wind, der nur eben um den +kalten Busen des Nords buhlte, und den Augenblik drauf, in einem +Anstoß von Laune, hinwegstürmt, und sein Gesicht dem thauichten Sud +zudreht. + +Benvolio. +Dieser Wind von dem ihr euch so gelassen besprecht, bläßt uns von +uns selbst weg; das Gastmal ist indeß vorbey, und wir werden zu +spät kommen. + +Romeo. +Ich fürchte, nur zu früh--Denn mein Gemüth weissagt mir irgend eine +schwarze noch in den Sternen hangende Begebenheit, die von den +Spielen dieser Nacht ihren furchtbaren Anfang nehmen, und +vielleicht das Ziel meines verhaßten Lebens durch die gewaltsame +Hand eines frühzeitigen Todes beschleunigen wird. Doch Er, der das +Steuer-Ruder meines Lauffes führt, lenk' ihn nach seinem Gefallen!-- +Wohlan, meine muntern Freunde! + +Benvolio. +Rührt die Trummel!-- + +(Sie ziehen über den Schauplatz, und treten ab.) + + + +Sechste Scene. +(Verwandelt sich in eine Halle in Capulets Hause.) +(Etliche Bediente, mit Handtüchern.) + + +1. Bedienter. +Wo ist Potpan, daß er uns nicht aufräumen hilft--er hat einen +Teller weggeschnappt! Er hat einen Teller mit sich gehen heissen! + +2. Bedienter. +Wenn gute Manieren alle in eines oder zweener Händen liegen, und +die noch dazu ungewaschen sind, das ist eine garstige Sache. + +1. Bedienter. +Fort mit den Lehnstühlen, das kleine Schenk-Tisch'gen aus dem Wege, +seht zu dem Silber-Geschirr; du, guter Freund, mache daß du mir ein +Stük Marzipan auf die Seite kriegst; und wenn du mich lieb hast, so +sorge, daß der Thorhüter Susanna Mühlstein und Nell, Antoni und den +Potpan hereinläßt-- + +2. Bedienter. +Gut, Junge, das will ich. + +3. Bedienter. +Man sieht sich nach euch um, man ruft euch, man fragt nach euch, +man sucht euch, im grossen Saal. + +2. Bedienter. +Wir können nicht an zween Orten zugleich seyn; hurtig, ihr Jungens; +seyd eine Weile munter, und wer alle andre überlebt, kriegt alles!-- + +(Sie gehen ab.) + + +(Die Gäste und Damen, nebst den Masken treten sämtlich auf.) + +1. Capulet. +Willkommen, meine Herren--Und ihr, meine Damen, ihr habt noch keine +Hüner-Augen an den Zehen, wir wollen eins lustig mit einander +machen. Ich will doch nicht hoffen, meine Königinnen, daß mir eine +unter euch ein Tänzchen abschlagen wird--eine jede, die sich lange +bitten läßt, hat Hüner-Augen, das schwör' ich;--He? bin ich euch zu +nah gekommen?--Willkommen allerseits, ihr Herren; ich weiß die Zeit +auch noch, da ich eine Maske trug, und einem jungen Fräulein +hübsche Sachen ins Ohr flüstern konnte; aber es ist vorbey, vorbey, +vorbey! + +(Die Musik fangt an; man tanzt.) + +Mehr Lichter her, ihr Schurken, und die Tische aus dem Weg; und +laßt das Feuer abgehen, es ist zu warm im Zimmer--Gelt, junger Herr, +ein unvermutheter Spaß ist der angenehmste--Nun sezt euch, sezt +euch, mein guter Vetter Capulet, denn die Tanz-Zeit ist doch bey +euch und mir vorbey: Wie lang ist es wohl, seit ihr und ich das +leztemal auf einem Masken-Bal tanzten? + +2. Capulet. +Bey unsrer Frauen! dreißig Jahre. + +1. Capulet. +Wie, Mann? Es ist noch nicht so lang, es ist noch nicht so lang; es +war an Lucentio's Hochzeit; es wird auf kommende Pfingsten fünf und +zwanzig Jahre, daß wir in Masken tanzten. + +2. Capulet. +Es ist mehr, es ist mehr; sein Sohn ist älter, Herr; sein Sohn hat +schon dreißig. + +1. Capulet. +Das werdet ihr mir nicht weiß machen; sein Sohn war vor zwey Jahren +noch nicht mündig. + +Romeo (in einem andern Theil des Saals.) +Wer ist die junge Dame, die dort jenem Ritter die Hand giebt? + +Bedienter. +Ich weiß es nicht. + +Romeo. +O, sie glänzt mehr als alle diese Fakeln zusammen genommen; ihre +Schönheit hängt an der Stirne der Nacht, wie ein reiches Kleinod an +eines Mohren Ohr: Und welch eine Schönheit! Sie ist zu reich zum +Gebrauch, und zu kostbar für diese Erde. So glänzt die schneeweisse +Daube aus einem Schwarm von Krähen, wie dieses Fräulein unter ihren +Gespielen glänzt. Wenn der Tanz vorbey ist, will ich mir den Plaz +merken, wo sie steht, und ihr meine Hand geben. Welch eine +Glükseligkeit ihre Hand zu berühren!--Nein, ich habe noch nie +geliebt--Schwör es, mein Auge; vor dieser glüklichen Nacht wußtest +du nicht, was Schönheit ist. + +Tybalt (der dem Romeo bey den lezten Worten sich nähert.) +Der Stimme nach sollte dieß ein Montague seyn--hol mir einen Degen, +Junge--wie? der Sclave darf sich erfrechen in einer Maske hieher zu +kommen, und unsrer feyerlichen Lust zu spotten? Nein, bey der +bejahrten Ehre meines Geschlechts, es ist keine Sünde, den +Nichtswürdigen zu todt zu schlagen. + +Capulet. +Wie, wie, Vetter? Warum so stürmisch? + +Tybalt. +Oheim, hier ist einer unsrer Feinde, ein Montague; ein Bube der +gekommen ist, uns unter die Nase zu lachen, und unsre Familien- +Freude zu stören-- + +Capulet. +Ist es vielleicht der junge Romeo? + +Tybalt. +Er selbst, der Schurke Romeo! + +Capulet. +Gieb dich zu frieden, lieber Vetter, laß ihn gehen; er sieht einem +jungen wakern Edelmann gleich; und, wenn ich die Wahrheit sagen +soll, er hat den Ruf eines tugendhaften wohlgesitteten Jünglings, +der Verona Ehre macht. Ich wollte nicht um unsre ganze Stadt, daß +ihm in meinem Hause was zu Leide gethan würde. Seyd also ruhig, +thut als ob ihr ihn nicht kennet; ich will es so haben, und wenn +ihr einige Achtung für mich habt, so heitert eure Stirne auf, und +macht keine Gesichter, die sich so übel zu einer Lustbarkeit +schiken. + +Tybalt. +Sie schiken sich, wenn ein solcher Bube sich zum Gast aufdringt: +ich will ihn nicht dulden! + +Capulet. +Das sollt ihr aber! Wie, Herr Junge?--Ihr sollt, sag ich--Geht, +geht, bin ich hier Meister oder ihr? Geht, geht--Ihr wollt ihn +nicht dulden? Hol mich Gott, ihr würdet mir einen feinen Lermen +unter meinen Gästen anrichten! Ihr wollt mir hier den Eisenfresser +machen? Gelt, das wollt ihr? + +Tybalt. +Wie, Oehm, es ist eine Schande-- + +Capulet. +Geht, geht, ihr seyd ein abgeschmakter Knabe-- + +(auf die Seite zu einem von der Gesellschaft.) + +Ist es so, in der That?-- + +(zu Tybalt) + +ihr könnt was anfangen, das euch gereuen wird, ich weiß was ich +sage-- + +(Seitwärts;) + +wohl gesprochen, meine Kinder-- + +(zu Tybalt,) + +Ihr seyd ein Hasenfuß, geht--seyd ruhig, oder-- + +(seitwärts.) + +Mehr Lichter, mehr Lichter, es ist eine Schande, so dunkel ist's-- + +(zu Tybalt) + +ich will euch ruhig machen-- + +(Seitwärts:) + +Wie, munter, meine Herzen! + +Tybalt. +Geduld und Zorn vertragen sich nicht wohl bey mir zusammen; sie +stossen, indem sie sich begegnen, die Köpfe so hart an einander an, +daß mir alle Glieder davon wakeln. Ich will mich entfernen, aber er +soll mir diese Zudringlichkeit bezahlen! + +(Tybalt geht ab.) + +Romeo (zu Juliette.) +* [Wenn meine unwürdige Hand diesen heiligen Leib entweiht hat, so +laß dir diese Busse gefallen: Meine Lippen, zween erröthende +Pilgrimme, stehen bereit den Frefel, mit einem zärtlichen Kuß +abzubüssen. + +{ed.-* Dieser Dialogus ist im Original eine Elegie mit verschränkten +Reimen.} + +Juliette. +Ihr thut eurer Hand unrecht, mein lieber Pilgrim; sie hat nichts +gethan, als was die bescheidenste Andacht zu thun pflegt; Heilige +haben Hände, die von den Händen der Wallfahrenden berührt werden, +und Hand auf Hand ist eines Pilgrims Kuß. + +Romeo. +Haben Heilige nicht Lippen, und andächtige Pilgrimme auch? + +Juliette. +Ja, Pilgrim, sie haben Lippen, aber zum Beten. + +Romeo. +O so erlaube, theure Heilige, erlaube den Lippen nur, was du den +Händen gestattest; sie bitten, (und du, erhöre sie,) daß du den +Glauben nicht in Verzweiflung fallen lassest. + +Juliette. +Heilige rühren sich nicht, wenn sie gleich unser Gebet erhören. + +Romeo. +O so rühre du dich auch nicht, indem ich mich der Würkung meines +Gebets versichre-- + +(Er küßt sie.) + +Die Sünde meiner Lippen ist durch die deinige getilgt.] + +Juliette. +Also tragen nun meine Lippen die Sünde, die sie von den deinigen +weggenommen haben. + +Romeo. +Sünde von meinen Lippen? O! angenehme Strenge! Gebt mir meine Sünde +nur wieder zurük. + +Juliette. +Ihr habt küssen gelernt; ich verstehe mich nicht darauf. + +Amme. +Gnädiges Fräulein, eure Frau Mutter möchte gern ein Wort mit euch +sprechen-- + +(Juliette entfernt sich.) + +Romeo. +Wer ist ihre Mutter? + +Amme. +Sapperment, junger Herr, ihre Mutter ist hier die Frau vom Hause, +und eine brave, gescheidte, tugendsame Frau. Ich säugte ihre +Tochter, mit der ihr geredet habt; und ich sag euch, wer sie kriegt, +bekommt so gewiß eine Jungfer-- + +Romeo (indem er sich entfernt, vor sich.) +Eine Capulet? O Himmel! Mein Herz und mein Leben sind +unwiderbringlich in der Gewalt meiner Feindin. + +Benvolio. +Weg, wir wollen gehen, der gröste Spaß ist vorbey. + +Romeo. +Das fürcht' ich selbst, das übrige wird mich mehr als meinen Schlaf +kosten. + +Capulet. +Nein, ihr Herren, geht noch nicht weg, wir haben noch ein kleines +schlechtes Nachtessen vor uns--Wie, muß es denn seyn? Nun dann, so +dank ich euch allen--Ich dank euch, meine liebe Herren, gute Nacht-- +Mehr Fakeln her-- + +(Zu den übrigen:) + +Kommt hinein, und dann zu Bette.--Ah, guter Freund, bey meiner +Treu, es ist schon späte. Ich will in mein Bette. + +(Sie gehen nach einander ab.) + +Juliette. +Ein wenig hieher, Amme--Wer ist der junge Herr dort? + +Amme. +Der einzige Sohn des alten Tiberio. + +Juliette. +Wer ist der, der eben izt zur Thüre hinausgeht? + +Amme. +Das ist der junge Petrucchio, bild' ich mir ein. + +Juliette. +Wer ist der, der ihm folgt, der nicht tanzen wollte? + +Amme. +Ich kenn' ihn nicht. + +Juliette. +Geh, frage nach seinem Namen + +(leise.) + +Wenn er schon vermählt ist, so ist sehr wahrscheinlich, daß mein +Grab mein Braut-Bette seyn wird. + +Amme. +Er heißt Romeo, er ist ein Montague, der einzige Sohn von unserm +großen Feind. + +Juliette (vor sich.) +O Himmel! der, den ich einzig lieben kan, ist der, den ich einzig +hassen sollte--Zu früh gesehn, eh ich ihn kannte; und zu spät +erkannt; was für eine seltsame Mißgeburt ist meine Liebe--ich liebe-- +meinen verhaßtesten Feind. + +Amme. +Was sagtet ihr da? Was habt ihr? + +Juliette. +Ein paar Reime, die ich eben von einem gelernt, mit dem ich tanzte. + +(Man ruft hinter der Scene Juliette.) + +Amme. +Gleich, gleich; Kommt, wir wollen gehen, die Fremden sind schon +alle fort. + +(Sie gehen ab.) + +([Zum Beschluß dieses Aufzugs tritt ein Chor auf, und sagt den +Zuschauern in vierzehn Reimen, was sie vermuthlich von selbst +errathen hätten--daß Romeo, seit der Nacht, da er die schöne +Juliette gesehen, seine erste Liebste nicht mehr schön befunden-- +daß er nun Julietten liebe, und von ihr wieder geliebt werde)--(daß +die tödtliche Feindschaft ihrer Häuser zwar die Sympathie ihrer +Herzen nicht habe verhindern können, aber ihnen hingegen alle +Gelegenheit abschneide, sich zu sehen und zu sprechen, ohne daß +jedoch dieser harte Zwang eine andre Würkung gethan habe, als die +Heftigkeit ihrer Liebe und Sehnsucht zu verdoppeln.]) + + + + +Zweyter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Die Strasse.) +(Romeo tritt allein auf.) + + +Romeo. +Kan ich weggehen, wenn mein Herz hier ist? Dreh dich zurük, plumpe +Erde, und suche deinen Mittelpunct. + +(Er geht ab.) + +(Indem er sich entfernt, treten Benvolio und Mercutio von der + andern Seite auf und werden ihn gewahr.) + +Benvolio. +Romeo, Vetter Romeo! + +Mercutio. +Er ist klug, und schleicht sich, auf mein Leben, heim zu Bette. + +Benvolio. +Nein er lief diesen Weg, und sprang dort über die Garten-Mauer. Ruf +ihm, Mercutio! + +Mercutio. +Nicht nur das, ich will ihn gar beschwören. He! Romeo! +Grillenfänger! Wetterhahn! Tollhäusler! Liebhaber! Erscheine du, +erschein in der Gestalt eines Seufzer, rede, aber in lauter Reimen, +und ich bin vergnügt. Ächze nur, Ach und O! reime nur Liebe und +Triebe, sag meiner Gevatterin Venus nur ein einziges hübsches +Wörtchen, häng' ihrem stokblinden Sohn und Erben nur einen einzigen +Über-Namen an, (dem jungen Abraham Cupido, ihm der so gut schoß, +als König Cophetua um ein Bettel-Mädchen seufzte*--doch er hört +nicht, er rührt sich nicht, er giebt kein Zeichen von sich; der +Affe ist todt, ich muß ihn schon beschwören--So beschwör' ich dich +dann bey Rosalinens schönen Augen, bey ihrer hohen Stirne, und bey +ihren Purpur-Lippen, bey ihrem niedlichen Fuß, schlanken Bein, +runden Knie, und bey den angrenzenden schönen Gegenden, beschwör' +ich dich, daß du uns in deiner eignen Gestalt erscheinest! + +{ed.-* Eine doppelte Anspielung, auf eine alte Ballade, oder +Romanze, und einen damals bekannten Schüzen, der Abraham hieß.} + +Benvolio. +Wenn er dich hörte, würdest du ihn böse machen. + +Mercutio. +Das kan ihn nicht böse machen: Das würd' ihn böse machen, wenn ich +einen Geist von irgend einer seltsamen Gestalt in seines Mädchens +Circel citierte, und ihn so lange dort stehen liesse, bis sie ihn +gelegt und zu Boden beschworen hätte; das wäre was, das er +vielleicht übel nehmen könnte--Aber meine Citation ist ehrlich und +redlich, und ich beschwör' ihn, in seiner Liebsten Namen, einzig +und allein zu seinem eignen Besten. + +Benvolio. +Kommt, er hat sich vermuthlich hinter diese Bäume verstekt, um +keine andre Gesellschaft zu haben, als die schwermüthige Nacht; die +Liebe ist blind, und schikt sich am besten in die Dunkelheit. + +Mercutio. +Izt wird er dir unter einem Mispeln-Baum sizen, und wünschen, daß +seine Liebste von der Art von Früchten seyn möchte, welche die +Mädchens Mispeln nennen, wenn sie allein zusammen schwazen--Gute +Nacht, Romeo, ich will in mein Roll-Bette, ich; dieses Feld-Bette +ist mir zu kalt; kommt, wollen wir gehen? + +Benvolio. +Es wird klüger seyn, als hier jemand zu suchen, der sich nicht +finden lassen will. + + + +Zweyte Scene. +(Verwandelt sich in Capulets Garten.) +(Romeo tritt auf.) + + +Romeo. +Der lacht über Narben, die nie keine Wunde fühlte--Aber stille! was +für ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor? Es ist der Osten, +und Juliet ist die Sonne-- + +(Juliette erscheint oben am Fenster.) + +Geh auf, schöne Sonne, und lösche diese neidische Luna aus, die +schon ganz bleich und krank vor Verdruß ist, daß du, ihr Mädchen, +schöner bist als sie. Sey nicht länger ihre Aufwärterin, da sie so +neidisch ist; ihre Vestalen-Livree ist nur blaß und grün, und wird +nur von Thörinnen getragen; wirf sie ab--Sie spricht, und sagt doch +nichts; was ist das?--Ihr Auge redt, ich will ihm antworten--Wie +voreilig ich bin! Sie redt nicht mit mir: Zween von den schönsten +Sternen des ganzen Himmels, die anderswo Geschäfte haben, bitten +ihre Augen, daß sie, indessen bis sie wiederkommen, in ihren +Sphären schimmern möchten--Wie wenn ihre Augen dort wären, und jene +in ihrem Kopfe? Der Glanz ihrer Wangen würde diese Sterne beschämen, +wie Tag-Licht eine Lampe; ihre Augen, wenn sie am Himmel stühnden, +würden einen solchen Strom von Glanz durch die Luft herabschütten, +daß die Vögel zu singen anfiengen, und dächten, es sey nicht Nacht: +Sieh! sie lehnt ihre Wange an ihre Hand! O daß ich ein Handschuh an +dieser Hand wäre, damit ich diese Wange berühren möchte! + +Juliette. +Ach! ich Unglükliche!-- + +Romeo. +Sie redt. O, rede noch einmal, glänzender Engel! Denn so über +meinem Haupt schwebend scheinst du diesen Augen so glorreich als +ein geflügelter Bote des Himmels den weitofnen emporstarrenden +Augen der Sterblichen, die, vor Begierde ihn anzugaffen, auf den +Rüken fallen--wenn er die trägschleichenden Wolken theilend auf dem +Busen der Luft in majestätischem Flug dahersegelt. + +Juliette. +O Romeo, Romeo--Warum bist du Romeo?--Verläugne deinen Vater und +entsage deinem Namen--oder wenn du das nicht willt, so schwöre mir +nur ewige Liebe und ich will keine Capulet mehr seyn. + +Romeo (leise.) +Soll ich länger zuhören, oder auf dieses antworten? + +Juliette. +Nicht du, bloß dein Nahme ist mein Feind; du würdest du selbst seyn, +wenn du gleich kein Montague wärest--Was ist Montague?--Es ist +weder Hand noch Fuß, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer +Theil. Was ist ein Name; Das Ding das wir eine Rose nennen, würde +unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen. Eben so würde +Romeo, wenn er schon nicht Romeo genannt würde, diese ganze +reizende Vollkommenheit behalten, die ihm, unabhängig von diesem +Namen, eigen ist--Romeo, gieb deinen Namen weg, und für diesen +Namen, der kein Theil von dir ist, nimm mein ganzes Ich. + +Romeo. +Ich nehme dich beym Wort; nenne mich nur deinen Freund, und ich +will meinem Taufnamen entsagen, ich will von nun an nicht mehr +Romeo seyn. + +Juliette. +Wer bist du, der hier, in Nacht gehüllt, mein einsames +Selbstgespräche belauscht? + +Romeo. +Durch einen Namen weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin; mein +Name, theure Heilige, ist mir selbst verhaßt, weil er ein Feind von +dir ist. Ich wollt' ihn zerreissen, wenn ich ihn geschrieben hätte. + +Juliette. +So neu sie mir ist, so kenn' ich doch diese Stimme--Bist du nicht +Romeo, und ein Montague? + +Romeo. +Keines von beyden, schöne Heilige, wenn dir eines davon mißfällt. + +Juliette. +Wie kamst du hieher, sage mir das, und warum? Die Garten-Mauer ist +hoch und schwer zu ersteigen, und der Ort Tod, wenn dich einer von +meinen Verwandten gewahr würde. + +Romeo. +Mit der Liebe leichten Flügeln überflog ich diese Mauern, einen zu +schwachen Wall gegen den mächtigsten Gott; was die Liebe thun kan, +dazu hat sie auch den Muth; und deßwegen können deine Verwandten +mich nicht abschreken. + +Juliette. +Wenn sie dich sehen, so ermorden sie dich. + +Romeo. +O Götter! Es ist mehr Gefahr in deinem Aug als in zwanzig ihrer +Schwerdter; sieh nur du mich huldreich an, so verlache ich alles +was ihr Groll gegen mich unternehmen kan. + +Juliette. +Ich wollte nicht um die ganze Welt, daß sie dich hier sähen. + +Romeo. +Der Mantel der Nacht wird mich vor ihren Augen verbergen, und wenn +nur du mich liebst, so mögen sie mich immer finden; besser daß ihr +Haß mein Leben ende, als daß der Mangel deiner Liebe meinen Tod +verlängre. + +Juliette. +Wer gab dir Anweisung diesen Plaz zu finden? + +Romeo. +Die Liebe, die mich antrieb ihn zu suchen; sie lehnte mir Wiz, und +ich lehnte ihr Augen--Ich bin kein Steuermann, aber wärst du so +fern als jenes vom entferntesten Ocean bespülte Ufer, ich würd' um +ein solches Kleinod mein Leben wagen. + +Juliette. +Die Maske der Nacht liegt auf meinem Gesicht, sonst würde meine +glühende Wange dir zeigen, wie beschämt ich bin, daß du mich reden +hörtest da ich allein zu seyn glaubte. Vergeblich würd' ich izt +mich befremdet stellen wollen, vergeblich, vergeblich läugnen +wollen was ich gesprochen habe--So fahre dann wohl, Verstellung! +Liebst du mich? Ich weiß, du wirst sagen, ja; und ich will mit +deinem Wort zufrieden seyn--wenn du schwörst, so könntest du +meineydig werden; Jupiter lacht nur, sagen sie, zu den falschen +Schwüren der Verliebten. O werther Romeo, sey redlich, wenn du mir +sagst, du liebest mich: Oder wenn du denkst, ich lasse mich zu +leicht gewinnen, so will ich sauer sehen, und verkehrt seyn, und +dir nein sagen--aber anders nicht um die ganze Welt--In der That +liebenswürdiger Montague, ich bin zu zärtlich; du könntest deswegen +nachtheilig von meiner Aufführung denken; Aber glaube mir, edler +Jüngling, du wirst mich in der Probe zuverläßiger finden, als +diejenigen welche List genug haben sich zuverstellen und Umstände +zu machen. Ich würde selbst mehr gemacht haben, ich muß es bekennen, +wenn der Zufall dich nicht, mir unwissend, zum Zeugen meiner +zärtlichen Gesinnungen gemacht hätte. Vergieb mir also, und denke, +um dieser schleunigen Ergebung willen, nicht schlimmer von einer +Liebe, die dir die dunkle Nacht so unverhoft entdekt hat. + +Romeo. +Fräulein, bey jenem himmlischen Mond schwör' ich, der alle diese +frucht-vollen Wipfel mit Silber mahlt-- + +Juliette. +O schwöre nicht bey dem Mond, dem unbeständigen Mond, der alle +Wochen in seinem cirkelnden Kreise sich ändert--oder deine Liebe +könnte eben so veränderlich werden. + +Romeo. +Wobey soll ich denn schwören? + +Juliette. +Schwöre gar nicht, oder wenn du ja willst, so schwöre bey deinem +anmuthsvollen Selbst, bey dem theuren Gegenstand meiner Anbetung, +und ich will dir glauben. + +Romeo. +Wenn jemals meine redliche Liebe-- + +Juliette. +Gut, schwöre nicht--So angenehm du selbst mir bist, so ist mir doch +diese nächtliche Verbindung nicht angenehm; sie ist zu rasch, zu +unbesonnen, zu plözlich zu ähnlich dem Bliz, der schon aufgehört +hat zu seyn, eh man sagen kan, es blizt--Gute Nacht, mein Liebster. +Diese Knospe von Liebe kan durch des Sommers reiffenden Athem sich +zu einer schönen Blume entfalten, bis wir wieder zusammen kommen. +Gute Nacht, gute Nacht--Eine so süsse Ruhe komme über dein Herz, +als die, so ich in meiner Brust empfinde! + +Romeo. +O, willt du mich so unbefriediget verlassen? + +Juliette. +Und was für eine Befriedigung kanst du noch verlangen? + +Romeo. +Die Auswechslung des Gelübds deiner treuen Liebe gegen das Meinige. + +Juliette. +Das that ich schon, eh du mich darum batest, und ich wollte lieber +ich hätt' es nicht gethan. + +Romeo. +Möchtest du dein Herz wieder zurüknehmen? Warum das, meine Liebe? + +Juliette. +Nur damit ich dir's noch einmal geben könnte--und doch, was wünsch' +ich mir damit, als was ich schon habe? Meine Zärtlichkeit ist so +grenzenlos als die See, meine Liebe so tief; je mehr ich dir gebe, +je mehr ich habe, denn beyde sind unerschöpflich--Ich höre ein +Getöse--Lebe wohl, mein Geliebter-- + + +(Man ruft Julietten hinter der Scene.) + +Gleich, gute Amme; lieber Romeo, sey getreu warte nur ein wenig, +ich komme gleich wieder. + +(Sie geht weg.) + +Romeo. +O, glükliche, glükliche Nacht! Ich besorge nur, weil es Nacht ist, +daß alles das nur ein Traum sey; es ist zu schmeichelnd-süß um +würklich zu seyn. (Juliette kommt wieder.) + +Juliette. +Drey Worte, liebster Romeo, und dann gute Nacht, im Ernst--Wenn die +Absicht deiner Liebe rechtschaffen ist, und auf eine geheiligte +Verbindung abzielet, so laß mich durch jemand, den ich morgen an +dich schiken will, wissen, wann und wo du die Ceremonien verrichten +lassen willst, und ich bin bereit, mein ganzes Glük zu deinen +Füssen zu legen, und dir, mein Liebster, durch die ganze Welt zu +folgen. + +(Man ruft Julietten hinter der Scene.) + +Ich komme gleich--wenn du es aber nicht wohl meynst, so bitt' ich +dich-- + +(Man ruft wieder) + +Den Augenblik--ich komme--gieb deine Bewerbung auf und überlaß +mich meinem Gram--Morgen will ich schiken-- + +Romeo. +So möge meine Seele leben-- + +Juliette. +Tausendmal gute Nacht-- + +(Sie geht weg.) + +Romeo. +Wie kann dein Wunsch erfüllt werden, da du mich verlässest?-- +Schmerzen-volles Scheiden!--Liebe zu Liebe eilt so freudig wie +Schulknaben von ihren Büchern--aber wenn Liebe sich von Liebe +scheiden soll, da geht's der Schule zu, mit schwermüthigen Bliken-- + +(Er entfernt sich.) + +(Juliette kommt noch einmal zurük.) + +Juliette. +St! Romeo! St!--Wo nemm' ich eines Falkeniers Stimme her, um diesen +Terzelot sachte wieder zurük zuloken--Ich darf nicht laut ruffen, +sonst wollt ich die Höle wo Echo ligt zersprengen, und ihre helle +Zunge von Wiederholung meines Romeo heiser machen. + +Romeo. +Ist es meine Liebe die mir bey meinem Namen ruft? welche Musik tönt +so süß als die Stimme der Geliebten durch die Nacht hin dem +Liebenden tönt! + +Juliette. +Romeo! + +Romeo. +Meine Liebe! + +Juliette. +In welcher Stunde soll ich morgen zu dir schiken? + +Romeo. +Um neun Uhr. + +Juliette. +Ich will es nicht vergessen, es ist zwanzig Jahre bis dahin--Ich +habe vergessen, warum ich dich zurükrief. + +Romeo. +Laß mich hier stehen, biß es dir wieder einfällt. + +Juliette. +Deine Gegenwart ist mir so angenehm, daß ich vergessen werde, daß +ich dich zu lange hier stehen lasse. + +Romeo. +Und ich stehe so gerne hier, daß ich mich nicht erinnre eine andre +Heimat zu haben als diese. + +Juliette. +Es ist bald Morgen--Ich wollte du wärest weg, und doch nicht weiter +als der Vogel eines spielenden Mädchens, den sie ein wenig von +ihrer Hand weghüpfen läßt, aber aus zärtlicher Eifersucht über +seine Freyheit, wenn er sich zu weit entfernen will, den armen +kleinen Gefangnen gleich wieder an einem seidnen Faden zurükzieht. + +Romeo. +Ich wollt' ich wäre dein Vogel. + +Juliette. +Das wollt' ich auch, mein Herz, wenn ich nicht fürchtete daß ich +dich gar zu tode liebkosen möchte. Gute Nacht, gute Nacht. Das +Scheiden kommt mich so sauer an, daß ich so lange gute Nacht sagen +werde, biß es Morgen ist. + +(Sie geht weg.) + +Romeo. +Schlummer ruhe auf deinen Augen, und süsser Friede in deiner Brust! +Möcht' ich der Schlaf und der Friede seyn, um so lieblich zu ruhen!-- +Ich gehe nun in die Celle meines Geistlichen Vaters, ihm mein Glük +zu entdeken und ihn um seinen Beystand zu bitten. + +(ab.) + + + +Dritte Scene. +(Verwandelt sich in ein Kloster.) +(Pater Lorenz tritt mit einem Korb auf.) + + +Lorenz. +Der grau-augichte Morgen lächelt die runzelnde Nacht weg, und +zeichnet die östlichen Wolken mit Streiffen von Licht; indem die +geflekte Finsterniß gleich einem Betrunknen, den brennenden Rädern +des Titan aus dem Wege taumelt. Nun ist es Zeit, daß ich, eh das +flammende Auge der Sonne näher kömmt, dem Tag zu liebkosen, und den +nächtlichen Thau aufzutroknen, diesen Korb mit balsamischen +Kräutern und Blumen von heilsamer Kraft anfülle. Die Erde, die +Mutter der Natur, ist auch ihr Grab, und dieses fruchtbare Grab +ists, aus dessen Schoos alle diese verschiednen Kinder entspringen, +die wir saugend an ihrem mütterlichen Busen hangen sehen; jede Art +mit besondern Kräften begabt, jede mit einer eignen Tugend +geschmükt, und keine der andern gleich. Wie groß ist nicht die +manchfaltige Kraft die in Pflanzen, Kräutern und Steinen ligt! +Nichts was auf der Erde sich findet, ist so schlecht, daß die Erde +nicht irgend einen besondern Nuzen davon ziehe; nichts so gut, +dessen Mißbrauch nicht schädlich sey. Die Tugend selbst, wird durch +Überspannung oder irrige Anwendung zum Laster, und das Laster +hingegen zuweilen durch die Art wie es ausgeübt wird, geadelt--In +dieser kleinen Blume hier liegt Gift und Heil-Kraft beysammen; ihr +Geruch stärkt und ermuntert alle Lebens-Kräfte; gekostet hingegen, +raubt sie den Sinnen alle Empfindung, und das Leben selbst. Zween +eben so feindselige Gegner ligen allezeit in jedes Menschen Brust, +die Gnade, und der verdorbne Wille, und wo dieser die Oberhand +gewinnt, da hat der krebsartige Tod nur gar zu bald die ganze +Pflanze aufgefressen. (Romeo zu dem Vorigen.) + +Romeo. +Guten Morgen, Vater. + +Bruder Lorenz. +Benedicite! Was für eine frühe Zunge grüßt mich so freundlich?-- +Junger Sohn, es zeigt einen verstörten Kopf an, daß du dein Bette +so früh schon verlässest. Sorgen wachen wohl in alter Leute Augen, +und wo Sorge wohnt, wird der Schlaf nie sein Nachtlager nehmen: +Aber wo kummerfreye Jugend mit unbeladnem Hirn ihre Glieder ruhen +läßt, da herrschst der goldne Schlaf. Dein frühes Aufseyn ist mir +also ein Zeichen daß irgend eine aufrührische Leidenschaft deine +innerliche Ruhe stört--oder wenn dieses nicht ist, nun, so ist's +bald errathen, daß unser Romeo diese Nacht gar nicht zu Bette +gegangen ist. + +Romeo. +Das leztere ist wahr, weil mir eine süssere Ruhe zu theil ward. + +Bruder Lorenz. +Gott verzeihe dir deine Sünde! warst du bey Rosalinen? + +Romeo. +Bey Rosalinen, mein geistlicher Vater? Nein. Ich habe sie bis auf +ihren Namen vergessen. + +Bruder Lorenz. +Das ist mein guter Sohn! Aber wo bist du denn gewesen? + +Romeo. +Ich will es aufrichtig gestehen; ich befand mich vor einiger Zeit, +unerkannt, bey einem Gastmal meines Feindes; dort wurd' ich +unversehens, von einer Person verwundet, die ich zu gleicher Zeit +verwundet habe; du besizest die geheiligte Arzney, die uns allein +helfen kan; du siehest, heiliger Mann, daß ich keinen Haß in meinem +Herzen hege, da meine Bitte sich auf meinen Feind erstrekt. + +Bruder Lorenz. +Rede gerad und ohne Umschweiffe mit mir, mein Sohn; eine +räthselhafte Beicht' erhält auch nur einen räthselhaften Ablaß. + +Romeo. +So wisse dann, daß ich des reichen Capulets schöne Tochter liebe; +ihr Herz hängt an meinem, wie das meinige an dem ihrigen: Alles ist +schon unter uns verglichen, und um gänzlich vereinigt zu seyn, +fehlt uns nichts, als der Knoten, den du machen kanst. Wenn, wo, +und wie, wir einander zuerst gesehen, geliebt, und unsre Herzen +ausgetauscht haben, will ich dir hernach erzählen; alles warum ich +izt bitte, ist, daß du einwilligest uns heute noch zu vermählen. + +Bruder Lorenz. +Heiliger Franciscus! Was für eine Veränderung ist das! Ist Rosaline, +die du so zärtlich liebtest, so schnell vergessen? So sizt wohl +die Liebe junger Leute bloß in ihren Augen und nicht im Herzen! +Jesu, Maria! Was für Fluthen von Thränen haben deine Wangen um +Rosalinen willen überschwemmt! Die Sonne hat deine Seufzer noch +nicht vom Himmel weggewischt, dein Gewinsel hallt noch in meinen +alten Ohren; sieh, hier sizt auf deiner Wange noch der Flek von +einer alten Thräne, die noch nicht weggewaschen ist. Wenn du damals +du selbst warst, so gehörst du Rosalinen--und du bist ihr untreu +worden? So gestehe dann, daß es unbillig ist, auf den Leichtsinn +der Weiber zu schmählen, da in Männern selbst keine Standhaftigkeit +ist. + +Romeo. +Und doch beschaltest du mich so oft, daß ich Rosalinen liebe? + +Bruder Lorenz. +Daß du in sie vernarrt warst, nicht daß du sie liebtest, mein Kind-- + +Romeo. +Und befahlst mir, meine Liebe zu begraben? + +Bruder Lorenz. +Aber nicht eine neue aus ihrem Grab heraus zu holen. + +Romeo. +Ich bitte dich, schohne meiner; Sie die ich liebe, erwiedert meine +Zuneigung durch die ihrige; das that die andre nicht. + +Bruder Lorenz. +Ohne Zweifel sagte ihr Herz ihr vorher, wie unzuverläßig das +deinige sey! Doch komm nur, junger Flattergeist, folge mir; dein +Wankelmuth kan vielleicht gute Folgen nach sich ziehen. Diese +Verbindung kan das gesegnete Mittel werden, den alten Haß eurer +Familien auszulöschen--und in dieser einzigen Betrachtung will ich +dir behülflich seyn. + +Romeo. +O laß uns gehen, ich habe keine Zeit zu versäumen-- + +Bruder Lorenz. +Bedächtlich und langsam! Wer zu schnell lauft, stolpert leicht. + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Verwandelt sich in die Strasse.) +(Benvolio und Mercutio treten auf.) + + +Mercutio. +Wo, zum T**, mag denn dieser Romeo seyn? Kam er verwichene Nacht +nicht nach Hause? + +Benvolio. +Sein Bedienter sagt, nein. + +Mercutio. +Wie, zum Henker, dieses bleichsüchtige, hartherzige Mensch, diese +Rosaline quält ihn, daß er endlich zum Narren d'rüber werden wird. + +Benvolio. +Tybalt, des alten Capulets Neffe, hat einen Brief in seines Vaters +Haus geschikt. + +Mercutio. +Eine Ausforderung, auf mein Leben! + +Benvolio. +Romeo wird ihm antworten, wie sich's gebührt. + +Mercutio. +Auf einen Brief kan endlich ein jeder antworten, der Schreiben +gelernt hat. + +Benvolio. +Nein, ich meyne, Tybalt wird seinen Mann in Romeo finden. + +Mercutio. +Wollte Gott! Aber ach, der arme Romeo! er ist schon tod; von einer +weissen Dirne schwarzem Aug zu tod gestochen! mit einem Liebes- +Liedchen durch und durch--die Ohren gestossen! Der kleine blinde +Bogenschüze hat ihm den Herz-Bendel abgeschossen; und er soll der +Mann seyn, sich mit einem Tybalt zu messen? + +Benvolio. +Wie, was ist denn Tybalt-- + +Mercutio. +Mehr als der Fürst der Kazen; das glaube mir--O, das ist der +herzhafte Obrist-Leutenant aller Complimente; er ficht dir so +leicht als du einen Gassen-Hauer singst, und bohrt dir nach der +Cadenz, troz dem besten Tanzmeister--mit eins, zwey, drey, sein +Federmesser in den Busen, daß es eine Lust zu sehen ist--ein wahrer +Mörder eines seidnen Knopfs, ein Duellist, ein Duellist! Ein Mann, +der immer zu förderst an der Spize seines hohen Hauses steht, ein +Mann der sich nach den Noten schlägt--ah, der unsterbliche +(Passado), der (Punto reverso), der--Hey! -- + +Benvolio. +Der--was? + +Mercutio. +Der Henker hohle diese frazigten, lispelnden, affectierten Narren! +Diese süssen Bürschchen, die mit einem halbausländischen Accent +ausruffen: Jesu! die allerliebste Klinge!--Der allerliebste +Grenadier!--die allerliebste H**!--Wie, ist es nicht erbärmlich, +Großvater, daß wir mit diesen Schmetterlingen, mit diesen Mode- +Frazen, diesen (pardonnés-moi's) heimgesucht seyn sollen, die so +steiff auf der neuen Mode halten, daß sie unmöglich auf dem alten +Bank ruhig sizen können?--O! ihre (bons), ihre (bons!) (Romeo zu +den Vorigen.) + +Benvolio. +Hier kommt Romeo, hier kommt er-- + +Mercutio. +Ohne seinen Rogen, wie ein gedörrter Häring--O Fleisch, Fleisch, +wie bist du fischificiert!--Izt ist er in den Harmonien vertieft, +worinn Petrarch daherfließt: Laura war gegen sein Fräulein nur ein +Küchen-Mensch--Zum Henker, sie hatte einen Liebhaber der sie besser +bereimen konnte--Dido war gegen sein Mädchen nur eine dike Säug- +Amme, Helena und Hero Mezen und Landstreichers-Waare, Thisbe ein +kazen-augichtes Ding, oder so was--Aber nun zur Sache! Signor Romeo, +(bon jour); das ist ein französischer guter Morgen für eure +französischen Hosen--Ihr spieltet uns einen artigen Streich lezte +Nacht-- + +Romeo. +Guten Morgen--meine Freunde: Was für einen Streich spielt' ich euch +dann? + +Mercutio. +Daß ihr so davon schlüpftet, wie wir euch ruften. + +Romeo. +Um Vergebung, mein lieber Mercutio, mein Geschäfte war wichtig, und +in einem solchen Fall wie der meinige, ist es einem ehrlichen Mann +erlaubt, eine kleine Ausnahme von den Regeln der Höflichkeit zu +machen--* (Die Amme, mit Peter, ihrem Diener, zu den Vorigen.) + +{ed.-* Hier fängt sich bis zum Auftritt der Amme eine Art von wizigem +Duell mit Wortspielen, und abgeschmakt-sinnreichen Einfällen +zwischen Romeo und Mercutio an, welcher leztere zuweilen auch noch +mit schmuzigen Scherzen um sich wirft, wenn er sich nicht anders +mehr zu helfen weiß--Man kennt schon diese Mode-Seuche von unsers +Autors Zeit, und erlaubt uns, eine Lüke zu machen, wo es in unsrer +Sprache unmöglich ist so wizig zu seyn wie seine Spaß-Macher.} + +Amme. +Peter-- + +Peter. +He? + +Amme. +Meinen Fächer, Peter-- + +Mercutio. +Thu es, guter Peter, damit sie ihr Gesicht verbergen kan; ihr +Fächer ist doch das schönste von beyden. + +Amme. +Guten Tag geb euch Gott, ihr Herren. + +Mercutio. +Ein gutes Mittag-Essen geb euch Gott, schönes Frauenzimmer. + +Amme. +Ist es schon Mittag-Essens-Zeit? + +Mercutio. +Es ist nicht weniger, sag ich euch; denn die--** ([Nachdem diese +drey jungen Herren eine Zeitlang ihren geistreichen Spaß mit der +Amme gehabt haben, welche dem Romeo sagt, daß sie einen Auftrag an +ihn habe, so führen sich endlich die beyden andern ab, und Romeo +bleibt bey der Amme zurük.]) + +{ed.-** Eine abermalige Lüke, die sich von einer Zote des sinnreichen +Mercutio anhebt, und im Original mit dem albersten Zeug von der +Welt ausgefüllt ist.} + +Amme. +Ich bitte euch, Gnädiger Herr, wer war der grobe Geselle da, der so +voller Raupereyen stekte? + +Romeo. +Ein junger Edelmann, Amme, der sich selber gerne reden hört, und in +einer Minute mehr sagt, als er in einem Monat zu verantworten im +Sinn hat. + +Amme. +Wenn er etwas wider mich sagte, so wollt' ich ihn auf den Boden +kriegen, und wenn er noch einmal so muthig wär' als er ist, und +zwanzig solche Hansen; und wenn ich nicht kan, so will ich die wol +finden, die es können--der Schurke, der! Ich bin keine von seinen +Fleder-Wischen; ich bin keine von seinen Unter-Pfülben! Und du must +so da stehn, und zusehen, wie ein jeder Flegel seine Lust an mir +büßt? + +Peter. +Ich sah niemand seine Lust an euch büssen; wenn ich so was gesehen +hätte, ich wollte bald mit der Fuchtel heraus gewesen seyn, das +versichr' ich euch. Ich habe so viel Herz als ein andrer, wenn ich +Sicherheit in einem Handel sehe, und das Gesez auf meiner Seite ist. + +Amme. +Nun, bey Gott, ich bin so übel, daß alles an mir zittert--der +garstige Mensch! Ich bitte euch, Gnädiger Herr, ein einziges Wort; +und wie ich euch sagte, mein junges Fräulein befahl mir euch +aufzusuchen; was sie mir sagte, daß ich sagen sollte, will ich bey +mir behalten; aber ich will nur so viel sagen, wenn ihr sie ins +Narren-Paradies führen würdet, wie man zu sagen pflegt, so wär' es +gewißlich eine grosse Sünde, denn das Fräulein ist jung, und wenn +ihr sie also nur betrügen wolltet, so wär' es in der That nicht +hübsch mit einem jungen Fräulein umgegangen-- + +Romeo. +Empfiehl mich deiner Fräulein; ich protestiere dir-- + +Amme. +Das gute Herz! Wohl, meiner Treue, das will ich ihr sagen: Herr, +Gott, sie wird sich vor Freude kaum zu lassen wissen-- + +Romeo. +Was willt du ihr denn sagen, Amme? Du hörst mich ja nicht an. + +Amme. +Ich will ihr sagen, Gnädiger Herr, daß ihr protestiert, welches, +wie ich's verstehe, ein recht honnettes Anerbieten von einem jungen +Cavalier ist-- + +Romeo. +Sag ihr, sie möchte ein Mittel ausfindig machen, diesen Nachmittag +zur Beichte zu gehen; so solle sie in Bruder Lorenzens Celle zu +gleicher Zeit absolviert und copuliert werden--Hier ist was für +deine Mühe. + +Amme. +Nein, wahrhaftig, Gnädiger Herr, nicht einen Pfenning. + +Romeo. +Geh, geh, mach keine Umstände, du must-- + +Amme. +Diesen Nachmittag, Gnädiger Herr? Gut, wir wollen uns einfinden. + +Romeo. +Noch eins, gute Amme; warte hinter der Kloster-Mauer, mein Diener +soll binnen dieser Stunde bey dir seyn, und dir eine Strik-Leiter +bringen, die mich diese Nacht auf den Gipfel meiner Glükseligkeit +führen soll. Lebe wohl, sey getreu, und ich will deine Mühe +reichlich belohnen. + +Amme. +Nun, Gott im Himmel segne dich! Hört einmal, Gnädiger Herr-- + +Romeo. +Was willt du mir sagen, meine liebe Amme? + +Amme. +Ist euer Bedienter auch verschwiegen? Hörtet ihr niemal sagen, +zween können ein Geheimniß am besten bey sich behalten, wenn man +einen davon thut? + +Romeo. +Ich stehe dir davor, mein Kerl ist so zuverlässig als Stahl und +Eisen. + +Amme. +Gut, Gnädiger Herr, mein Fräulein ist das holdseligste Fräulein von +der Welt--Herr Gott! wie sie noch ein kleines plapperndes Ding war-- +O,--es ist ein Edelmann in der Stadt, ein gewisser Paris, der +seinen Mann gar zu gern bey ihr anbringen möchte; aber sie, die +gute Seele, sie säh eben so gern eine Kröte als sie ihn sieht: Ich +erzürne sie manchmal und sag ihr, Paris sey der schönere von beyden-- +aber das versichr' ich euch, wenn ich so rede, so wird sie so +bleich wie ein weisses Tuch--Fangen nicht Rosmarin und Romeo beyde +mit einem Buchstaben an? + +Romeo. +Ja, Amme, warum fragst du das? Beyde mit einem R. + +Amme. +Ah, Spottvogel! Das ist ja ein Hunds-Name--Nein, nein, ich weiß, es +fangt mit einem andern Buchstaben an, und sie sagt die artigsten +Sentenzien darüber, über euch und den Rosmarin, daß es euch im +Herzen wohlthäte, wenn ihr's hörtet. + +Romeo. +Meine Empfehlung an dein Fräulein-- + +(Romeo geht ab.) + +Amme. +O, tausendmal, Peter-- + +Peter. +He? + +Amme. +Nimm meinen Fächer, und geh voran. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Verwandelt sich in Capulets Haus.) +(Juliette tritt auf.) + + +Juliette. +Die Gloke schlug neun, wie ich die Amme ausschikte: und sie +versprach in einer halben Stunde wieder zu kommen. Vielleicht kan +sie ihn nicht finden--Das kan es nicht seyn--Oh, sie ist lahm. Die +Boten der Liebe sollten Gedanken seyn, die zehnmal schneller +fortschlüpfen als Sonnenstralen, wenn sie von dämmernden Hügeln die +Schatten der Nacht vertreiben. Deßwegen ziehen leicht-geflügelte +Dauben die Liebes-Göttin, und deßwegen hat der Wind-schnelle Cupido +Schwingen. Die Sonne hat bereits den höchsten Gipfel ihrer +täglichen Reise erstiegen; von neun bis zwölf sind drey lange +Stunden--und doch ist sie noch nicht da--O, hätte sie warmes +jugendliches Blut und ein gerührtes Herz, sie würde so schnell seyn +als ein Ball; meine Worte würden sie zu meinem Geliebten stossen, +und die seinigen zu mir-- + +(Die Amme und Peter treten auf.) O Gott, sie kommt--O Zuker-Amme, +was bringst du mir für eine Zeitung? Hast du ihn angetroffen?-- +Schik deinen Diener weg. + +Amme. +Peter warte vor der Tür auf mich. + +(Peter geht ab.) + +Juliette. +Nun, gute liebe Amme--O Himmel, warum siehst du so finster? Wenn +deine Zeitung böse ist, so solltest du doch freundlich dazu +aussehen; und ist sie gut, so verderbst du ihre Musik, wenn du sie +mir mit einem sauern Gesicht vorspielst. + +Amme. +Ich bin müde, laßt mich ein wenig ausruhen--Fy, meine Beine +schmerzen mich, was das für ein Gang war! + +Juliette. +Ich wollte du hättest meine Beine, und ich deine Zeitung. Nein, +komm, ich bitte dich, rede--Gute, liebe Amme rede. + +Amme. +Jesu! was für eine Ungeduld! Könnt ihr denn nicht ein wenig warten? +Seht ihr nicht, daß ich ganz ausser Athem bin. + +Juliette. +Wie bist du ausser Athem, da du Athem genug hast mir zu sagen, daß +du ausser Athem bist? Die Entschuldigung die du für dein Zaudern +machst ist länger als die Erzählung, auf die du mich warten läßst. +Ist deine Zeitung gut oder böse? Antworte mir nur das; Sag eines +von beyden, und ich will auf die Umstände warten; laß mich nicht in +der Unruh, ist sie gut oder böse? + +Amme. +Wohl, wohl, ihr habt eine feine Wahl getroffen; ihr wißt nicht wie +man sich einen Mann auslesen muß: Romeo nein, er nicht; und doch, +wenn sein Gesicht gleich nicht besser ist als andrer Leute ihres, +so hat er doch die schönsten Waden, die man sehen kan; und was eine +Hand, einen Fuß, und einen Leib anbetrift, wenn man schon nicht +davon redt, so sind sie doch unvergleichlich. Er ist kein +Complimenten-Narr nicht, aber ich bin gut davor, daß er so sanft +ist wie ein Lamm--Geh deines Wegs, Mädchen, und danke Gott--Wie, +habt ihr schon zu Mittag gegessen? + +Juliette. +Nein, nein aber das alles wußt' ich schon vorher; was sagt er von +unsrer Verheurathung? was sagt er davon? + +Amme. +Herr, wie mir der Kopf weh thut! was ich für einen Kopf habe! Es +schlägt nicht anders drinn, als ob er in zwanzig Stüke fallen +sollte--Und mein Rüken--O mein Rüken, mein Rüken! Gott verzeih' es +euch, daß ihr mich ausgeschikt, mit auf- und ablauffen mein Leben +einzubüssen. + +Juliette. +Bey meiner Treue, es ist mir leid, daß du so übel bist. Liebe, +liebe, liebe Amme, ich bitte dich, was sagt mein Romeo? + +Amme. +Euer Romeo redt wie ein rechtschaffner Edelmann, und ein artiger, +und ein freundlicher, und ein hübscher, und, ich bin gut dafür, +auch ein tugendhafter--Wo ist eure Mutter? + +Juliette. +Wo meine Mutter ist? Wie, sie ist in ihrem Zimmer; wo soll sie +sonst seyn? Wie wunderlich du fragst? Euer Liebhaber redt wie ein +rechtschaffner Edelmann--wo ist eure Mutter! -- + +Amme. +O heilige Mutter Gottes, wie hizig ihr seyd! Wahrhaftig, ihr macht +mir's, daß es nicht recht ist. Ist das der Lohn für meine Schmerzen +in den Beinen? Ein andermal rüstet eure Gesandschaften selbst aus-- + +Juliette. +Was du für einen Lerm machst? Komm, was sagt Romeo? + +Amme. +Habt ihr Erlaubniß gekriegt, heut zur Beichte zu gehen? + +Juliette. +Ja. + +Amme. +So macht euch, sobald ihr könnt, nach Bruder Lorenzens Celle; dort +wartet ein Mann auf euch, der euch zu einem Weibe machen will--Nun +rennt das muthwillige Blut wieder in eure Wangen--Man kan euch kaum +was neues sagen, so sind sie lauter Scharlach. Geht ihr zur Kirche; +ich muß einen andern Weg, eine Leiter zu holen, auf der euer +Liebhaber zu einem Vogel-Nest hinaufklettern soll, so bald es +dunkel seyn wird. Ich bin den ganzen Tag mit euerm Vergnügen +geplagt, aber heute Nacht werdet ihr die Last selber tragen. Geht, +ich will zum Mittag-Essen, macht ihr daß ihr in die Celle kommt. + +Juliette. +Wie glüklich bin ich! Leb wohl indessen, gute Amme! + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Verwandelt sich in das Kloster.) +(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.) + + +Bruder Lorenz. +So lächle der Himmel auf diese heilige Handlung, daß keine +nachfolgende Unglüks-Stunden uns zur Reue zwingen mögen! + +Romeo. +Amen, Amen! Doch komme was für ein Unglük auch will, es kan die +Wonne nicht überwiegen, die mir eine einzige kurze Minute in ihrem +Anblik giebt: Vereinige du nur mit heiligen Worten unsre Hände, und +dann mag der Tod selbst sein ärgstes thun; es ist genug, wenn ich +sie nur mein nennen kann. + +Bruder Lorenz. +Diese heftigen Entzükungen nehmen gemeiniglich ein plözliches Ende, +und sterben in ihrem Triumph; wie Feuer und Pulver, die sich, indem +sie sich begegnen, verzehren. Des süssesten Honigs wird man um +seiner Süssigkeit willen zulezt überdrüssig. Liebe also mässig, +damit du lange lieben könnest; zu schnell kommt eben so spät an, +als zu langsam. + +(Juliette zu den Vorigen.) + +Hier kommt das Fräulein. Wie munter, wie leicht auf den Füssen sie +ist! Ein Verliebter könnte das leichte Pflaum-Federchen besteigen, +das in der üppigen Sommer-Luft herumflattert, und würde doch nicht +fallen, so leicht ist Eitelkeit. + +Juliette. +Guten Abend, mein geistlicher Vater. + +Bruder Lorenz. +Romeo, meine Tochter, soll dir für uns beyde danken. + +Juliette. +Ich wünsche ihm eben so viel, sonst wäre sein Dank zu viel. + +Romeo. +Ah! Juliette, wenn das Maaß deiner Freude so aufgehäuft ist als das +meinige, und du fähiger bist als ich, sie auszudrüken, o so +versüsse durch deinen Athem diese umgebende Luft, und laß die +zauberische Musik deiner Zunge die Glükseligkeit entfalten, die wir +beyde von dieser frohen Zusammenkunft erhalten. + +Juliette. +Mein Herz ist zu voll von seinem Glük, als daß es sich in Worte +ergiessen könnte--Die sind nur arm, welche sagen können, wie reich +sie sind--Meine Zärtlichkeit ist zu einem solchen Übermaaß +gestiegen, daß ich nicht die Hälfte meines Reichthums anzugeben +vermag. + +Bruder Lorenz. +Kommt, kommt mit mir, und wir wollen kurze Arbeit machen; denn, mit +eurer Erlaubniß, sollt ihr nicht allein beysammen bleiben, bis die +heilige Kirch aus beyden (Einen) Leib gemacht hat. + +(Sie gehen ab.) + + + + +Dritter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Die Strasse.) +(Mercutio und Benvolio mit ihren Bedienten treten auf.) + + +Benvolio. +Ich bitte dich, lieber Mercutio, laß uns gehen, der Tag ist heiß, +und die Capulets schwärmen in den Strassen herum; wenn wir ihnen +begegnen, so wird es unfehlbar Händel absezen; denn in diesen +heissen Tagen ist das tolle Blut aufrührisch. + +Mercutio. +Du kommst mir gerade so vor, wie einer von den tapfern Männern, die, +wenn sie in ein Weinhaus kommen, gleich ihren Degen auf den Tisch +schmeissen und sagen: Gott gebe daß ich dich nicht nöthig habe! +aber sobald ihnen die zweyte Flasche in den Kopf gestiegen ist, ihn +gegen den Keller-Jungen ziehen, welches sie in der That nicht +nöthig hatten. + +Benvolio. +Und einem solchen Burschen bin ich gleich? + +Mercutio. +Komm, komm, wenn du aufgebracht bist, bist du ein so hiziger +Klingen-Fresser als irgend einer in Italien--und das schlimmste +dabey ist, daß du eben so schnell aufzubringen bist, als du hizig +bist, wenn man dich aufgebracht hat. + +Benvolio. +Wie kömmt das? + +Mercutio. +Wahrhaftig, wenn zween solche wären wie du, wir würden gar bald gar +keinen haben, denn einer würde den andern in der ersten Stunde +aufreiben. Du? du fängst ja Händel mit einem an, weil er ein Haar +mehr oder weniger in seinem Bart hat, als du; du würdest mit einem +anbinden, der Nüsse aufknakte, ohne eine andre Ursache angeben zu +können, als weil du nußbraune Augen hast. Dein Kopf ist so voller +Händel, als ein Ey voll von Dotter und Eyer-Klar--und doch ist dir +dieser nemliche Kopf, um deiner Schlägereyen willen, schon so weich +geschlagen worden, als ein gesottnes Ey. Du hast dich mit einem +geschlagen, der auf der Strasse hustete, weil er deinen Hund damit +aufgewekt habe, der in der Sonne schlafend lag. Fiengst du nicht +mit einem Schneider Händel an, weil er sein neues Wams vor Ostern +trug? und mit einem andern, weil er seine neue Schuhe mit einem +alten Nestel zugeknöpft hatte? Und du willt hier den Hofmeister mit +mir machen, und mich vor Händeln warnen! + +Benvolio. +Wenn ich so händelsüchtig wäre wie du, es würde mir niemand zwo +Stunden um mein Leben geben-- + +(Tybalt, Petrucchio und andre von den Capulets treten auf.) Bey +meinem Kopf, hier kommen die Capulets-- + +Mercutio. +Bey meiner Ferse, ich frage nichts darnach. + +Tybalt. +Haltet euch dicht an mir, ich will mit ihnen reden--Guten Tag, +meine Herren, ein Wort mit einem von euch. + +Mercutio. +Warum nur Ein Wort? Kuppelt es mit einem leibhaftern Ding zusammen, +macht daß ein Wort und eine Ohrfeige draus wird. + +Tybalt. +Ihr sollt mich willig genug dazu finden, Herr, wenn ihr mir +Gelegenheit dazu geben wollt. + +Mercutio. +Könnt ihr denn keine Gelegenheit nehmen, ohne daß man sie euch +geben muß? + +Tybalt. +Mercutio, du ziehst immer mit Romeo herum-- + +Mercutio. +Herumziehen! wie, machst du Bier-Fidler aus uns? Wenn du Bier- +Fidler aus uns machst, so erwarte nichts bessers als Mißtöne zu +hören--Hier ist mein Fiddel-Bogen--Hier ist was, das euch tanzen +machen soll!--Höll-Teufel! Herumziehen! + +(Er legt die Hand an seinen Degen.) + +Benvolio. +Wir sind hier mitten unter den Leuten. Entweder zieht euch an einen +abgelegnen Ort zurük, oder macht euren Zwist mit kaltem Blut aus; +hier gaffen uns alle Augen an. + +Mercutio. +Die Leute haben ihre Augen drum, damit sie sehen sollen; laß sie +gaffen; ich will niemand zum Gefallen von der Stelle gehen, ich. +(Romeo zu den Vorigen.) + +Tybalt. +Gut! Ihr könnt Friede haben, Herr! Hier kommt mein Mann. + +Mercutio. +Aber ich will gehangen seyn, Herr, wenn er euere Liverey trägt; +geht nur zuerst zu Felde, er wird euch auf dem Fusse folgen; in +diesem Sinn kan Eu. Gnaden ihn wol einen Mann heissen. + +Tybalt. +Romeo, die Liebe die ich zu dir trage, giebt mit keinen bessern +Gruß für dich als diesen, du bist ein nichtswürdiger Kerl-- + + +Romeo. +Tybalt, die Ursache die ich habe dein Freund zu seyn, ist groß +genug, mich gegen die beleidigende Wuth eines solchen Grusses +unempfindlich zu machen--Ich bin nicht was du sagst--Also, lebe +wohl; ich sehe, du kennst mich nicht. + +Tybalt. +Junge, damit sollst du nicht für die Beleidigungen davon kommen, +die ich von dir empfangen habe; kehr um, und zieh. + +Romeo. +Ich schwöre dir, daß ich dich nie beleidigt habe; ich liebe dich +mehr als du dir einbilden kanst; und bis du die Ursach erfahren +wirst, warum ich dich liebe, guter Capulet, + +(leiser) + +--dessen Name mir so theuer ist als mein eigner--gieb dich +zufrieden. + +Mercutio. +Wie? So gelassen? O schimpfliche, niederträchtige Gelassenheit!-- +Tybalt, du Razenfänger, willt du mit mir kommen? + +Tybalt. +Was willst du von mir? + +Mercutio. +Guter Kazen-König, nichts als eines von deinen neun Leben, um ein +bißchen lustig damit zu machen, und je nach dem ihr euch künftig +aufführen werdet, euch auch die übrigen auszuklopfen. Wollt ihr +euern Degen ziehen? Macht hurtig-- + + +Tybalt. +Ich bin zu euern Diensten. + +(Er zieht.) + +Romeo. +Liebster Mercutio, stek dein Rapier ein. + +Mercutio. +Wolan, Herr, einen kleinen Gang. + +(Mercutio und Tybalt fechten.) + +Romeo. +Zieh, Benvolio--hilf mir ihnen die Degen aus den Händen schlagen-- +Meine Herren--Um's Himmels willen, haltet ein--Tybalt--Mercutio-- +Ihr wißt das ausdrükliche Verbot des Fürsten--Halt, Tybalt--armer +Mercutio-- + +(Tybalt geht ab.) + +Mercutio. +Ich bin verwundet--Verderben über eure beyde Häuser! Ich habe +meinen Theil. Ist er weg, und hat nichts? + +Benvolio. +Wie, bist du verwundet? + +Mercutio. +Ja, ja, eine Rize, eine Nadelrize--Zum Henker, es ist genug, wo ist +mein Diener? Geh, Schurke, hol einen Wund-Arzt. + +Romeo. +Gutes Muths, Mann, die Wunde wird nicht viel zu bedeuten haben. + +Mercutio. +Nein, sie ist nicht so tief als ein Zieh-Brunnen, noch so weit als +eine Kirchen-Thür, aber sie ist eben recht, so viel ich brauche; +fragt morgen wieder nach mir. Ich bin gepfeffert für diese Welt, +das glaubt mir; der Henker hole eure beyden Häuser! Wie? ein Hund, +eine Raze, eine Maus, eine Kaze soll einen Mann zu tod krazen? Eine +feige Hure, ein Schurke, ein Lumpen-Kerl, der nach dem Rechenbuch +ficht? Warum zum Teufel kam't ihr zwischen uns? Ich wurde unter +euerm Arm gestossen-- + +Romeo. +Ich that es aus der besten Absicht. + +Mercutio. +Hilf mir in irgend ein Haus, Benvolio, oder ich werde umsinken--Die +Pest über eure Häuser! Sie haben eine Wurms-Mahlzeit aus mir +gemacht; ich hab' es, und bald genug--Den Teufel über eure Häuser!-- + +(Mercutio und Benvolio gehen ab.) + + + +Zweyte Scene. + + +Romeo. +Dieser Edelmann, ein naher Verwandter des Prinzen, mein bester +Freund, muß um meinetwillen sein Leben lassen--meine Ehre ist durch +Tybalts Lästerungen beflekt, Tybalts, der kaum seit einer Stunde +mein Vetter ist: O süsse Juliette, deine Schönheit hat mich +weibisch gemacht--Würd' ein Mann soviel leiden und gelassen +bleiben? (Benvolio tritt auf.) + +Benvolio. +O Romeo, Romeo, der brave Mercutio ist todt-- + +Romeo. +Dieser unglükselige Tag, es ahnet mir, wird mehr andre nach sich +ziehen-- + +(Tybalt zu den Vorigen.) + +Benvolio. +Hier kommt der rasende Tybalt wieder zurük. + +Romeo. +Lebend, im Triumph? und Mercutio ist erschlagen? Hinweg gen Himmel, +zurükhaltende Sanftmuth, und du, feuer-augichte Wuth, sey nun meine +Führerin! Nun, Tybalt nimm den nichtswürdigen Kerl zurük, den du +vorhin mir gabst--Mercutio's Seele schwebt nicht weit über unsern +Häuptern und wartet auf die deinige--Du oder ich, einer von uns muß +ihm Gesellschaft leisten. + +Tybalt. +Du, armseliger Junge, der hier mit ihm zu lauffen gewohnt war, du +sollst mit ihm. + +(Sie fechten; Tybalt fällt.) + +Benvolio. +Romeo, hinweg, fliehe--die Bürger lauffen zusammen, und Tybalt ist +erschlagen--Steh nicht so sinnlos da--der Prinz wird dein Todes- +Urtheil sprechen, wenn du ergriffen wirst--Hinweg, fliehe, fort! + +Romeo. +O! Ich unglükseliger Ball des Glüks-- + +Benvolio. +Wie, du zögerst noch? + +(Romeo entweicht.) + + + +Dritte Scene. +(Einige Bürger treten auf.) + + +Bürger. +Welchen Weg floh Tybalt, der den Mercutio ermordet hat? Wo floh er +hin? + +Benvolio. +Hier ligt Tybalt. + +Bürger. +Auf, Herr, geht mit mir--ich befehle dir's in des Fürsten Namen, +gehorche. (Der Prinz, Montague, Capulet, ihre Weiber, u. s. w. +treten auf.) + +Prinz. +Wo sind die schändlichen Urheber dieser Unruh? + +Benvolio. +Gnädigster Herr, ich kan den ganzen unglüklichen Hergang dieses +fatalen Zwists erzählen; hier ligt, vom jungen Romeo erschlagen, +der Mann der den tapfern Mercutio, euern Vetter erschlug. + +Lady Capulet. +Tybalt, mein Neffe! O meines Bruders Kind! Unglükseliger Anblik! O +weh mir, das Blut meines liebsten Neffen ist vergossen--Prinz, so +wahr du diesen Namen verdienst, so laß unser Blut durch das Blut +des mördrischen Montague gerochen werden. + +Prinz. +Benvolio, wer war der Anfänger des Handels? + +Benvolio. +Tybalt, der hier von Romeo's Hand erschlagen ligt, von Romeo, der +ihm freundlich zuredete, ihn bat die Gefährlichkeit der Händel, die +er anfieng, zu bedenken, und daß er sich die schärfste Ahndung von +Eurer Durchlaucht zuziehen werde; aber alles was er mit sanfter +Stimme, ruhigen Bliken, und demüthig gebognen Knien sagte, war +nicht vermögend die wüthende Galle des tauben Tybalts zu +besänftigen--noch ihn abzuhalten, den scharfen Stahl nach des +kühnen Mercutio Brust zu züken, der gleich hizig ihm Stoß um Stoß +wiedergab, und mit furchtlosem Kaltsinn, mit der einen Hand den +kalten Tod auf die Seite schlug, mit der andern ihn zu Tybalt zurük +sandte, von dessen geschikter Faust er gleich wieder auf seinen +Gegner zurükprallte.--Romeo ruft was er kan: haltet ein! Freunde! +Freunde, haltet ein! und schneller als seine Zunge schlägt sein +behender Arm beyder tödtliche Klingen nieder, und stürzt sich +zwischen sie: Aber in eben diesem Augenblik durchbort, unter seinem +Arm, ein unglüklicher Stoß von Tybalt des unbändigen Mercutio's +Herz; Tybalt entflieht, aber bald kommt er wieder zu Romeo zurük, +den eines Freundes Tod zur Rache anspornt, und wie der Bliz sind +sie an einander: Denn eh ich sie von einander reissen konnte, war +Tybalt erschlagen, und so wie er fiel, begab sich Romeo auf die +Flucht. Diß ist die Wahrheit, oder laßt Benvolio sterben. + +Lady Capulet. +Er ist ein Verwandter von den Montaguen, die Freundschaft macht ihn +verdächtig, er sagt nicht die Wahrheit. Es waren ihrer wenigstens +zwanzig gegen den einzigen Tybalt, weniger als diese zwanzig hätten +nichts über ihn vermocht. Ich verlange Justiz, Prinz, und es ist +nicht in deiner Gewalt sie abzuschlagen. Romeo tödtete Tybalt, +Romeo soll nicht leben! + +Prinz. +Romeo erschlug ihn, und er erschlug den Mercutio--von wem soll dann +ich das werthe Blut meines Anverwandten fordern? + +Lady Montague. +Nicht von Romeo, Prinz, er war Mercutio's Freund: Sein ganzer +Fehler war, daß er dem Mörder Tybalt das Leben nahm, welches ihm +das Gesez ohnehin genommen hätte. + +Prinz. +Und dieses Verbrechens wegen verbannen wir ihn von Stund an aus +Verona--Euere Feindschaft, euer ungezähmter Groll kostet mich mein +eignes Blut, es ist hohe Zeit um meiner eignen Sicherheit willen +ihm Einhalt zu thun. Ich will es, ich will durch den Zwang der +Straffen erhalten, was Drohung nicht vermocht hat. Keine +Entschuldigungen! Keine Vorbitten! weder Thränen noch Fußfälle +sollen die ermüdete Gerechtigkeit versöhnen--Laßt Romeo +unverzüglich fliehen, oder die Stunde, worinn er ergriffen wird, +ist seine lezte--Traget diesen Leichnam von hinnen, und erwartet +meinen fernern Willen--Gnade wird selbst zur Mörderin, wenn sie +Mördern vergiebt. + +(Sie gehen ab.) + + + +Vierte Scene. +(Verwandelt sich in ein Zimmer in Capulets Haus.) +(Juliette tritt allein auf.) + + +Juliette. +Eilet, eilet davon, ihr feurigen Rosse der Sonne, euerm Nachtlager +zu--ein solcher Führer, wie Phaeton war, würde euch bald nach +Westen gepeitscht, und in einem Augenblik den Tag in düstre Nacht +verwandelt haben--Spreite deinen dichten Vorhang aus, +Liebebefördernde Nacht! daß die Augen des müden Phöbus niken, und +unbesprochen und ungesehn Romeo in diese Arme fliege. Liebende +sehen genug zu ihren zärtlichen Geheimnissen beym Glanz ihrer +eignen Schönheiten: Oder wenn die Liebe blind ist, so taugt sie am +besten zur Nacht. Komm, stille Nacht, gleich einer sittsamen +Matrone ganz in Schwarz gekleidet; komm und lehre mich ein +gewinnreiches Spiel verliehren, das um ein paar unbeflekte +Jungferschaften gespielt wird--Verhülle das unbemannte Blut, das +meine Wangen erhizt, in deinen schwarzen Schleyer, bis die +ungewohnte Liebe kühner wird, und in ihren brünstigsten Ausbrüchen +nichts als Unschuld findt. Komm, Nacht, komm, Romeo, komm du Tag in +der Nacht, denn du wirst auf den Flügeln der Nacht weisser als +Schnee auf eines Raben Rüken ligen; komm, holde Nacht, komm, +liebende, schwarz-augichte Nacht! Gieb mir meinen Romeo, und wenn +er einst sterben muß, so nimm ihn und schneid ihn in kleine Sterne +aus, und er wird dem Antliz des Himmels eine so reizende Anmuth +geben, daß die ganze Welt in die Nacht verliebt werden, und den +Flitter-Glanz der Sonne nichts mehr achten wird--O wie lang, wie +verdrießlich lang ist dieser Tag, so lang, wie die Nacht vor einem +Festtag einem ungeduldigen Kinde, das neue Kleider bekommen hat, +und sie noch nicht tragen darf. O, hier kommt meine Amme-- +(Die Amme mit einer Strik-Leiter.) und bringt mir Nachrichten-- +jede Zunge, die meines Romeo Namen ausspricht, ist die Zunge eines +Engels für mich--Nun Amme, was giebt's neues? Was hast du hier? Die +Strik-Leiter die Romeo dich holen hieß? + +Amme. +Ja, ja, die Strik-Leiter-- + +Juliette. +Weh mir! was ist begegnet? warum ringst du die Hände? + +Amme. +Ach! daß's Gott erbarm'! er ist todt, er ist todt, er ist todt! wir +sind verlohren, Fräulein, wir sind verlohren!--Ach, daß's Gott +erbarm! er ist hin, er ist umgebracht, er ist todt! + +Juliette. +Kan der Himmel so mißgünstig seyn? + +Amme. +Was der Himmel nicht kan, kan Romeo--O Romeo! Romeo! Wer hätte sich +das einbilden können, Romeo? + +Juliette. +Was für ein Teufel bist du, der mich so martert? Diese Folter +sollte im Abgrund der Hölle geheult werden! Hat Romeo sich selbst +ermordet? Sag nur ja, und diese einzige Sylbe wird mich schneller +vergiften als das todtschiessende Auge des Basilisken. + +Amme. +Ich sah die Wunde, ich sah sie mit meinen Augen, Gott behüte mich! +Hier--auf seiner männlichen Brust. Eine erbärmliche Leiche, eine +blutige erbärmliche Leiche, bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut +beschmiert, lauter geronnen Blut--es wurde mir ohnmächtig wie ich +es sah. + +Juliette. +O brich mein Herz--schließt euch zu, meine Augen; öffnet euch nicht +mehr--stirb, arme Unglükliche, daß dich und Romeo Eine Baare drüke! + +Amme. +O Tybalt, Tybalt, der beste Freund den ich hatte: O freundlicher, +wakrer, edler Tybalt, daß ich leben mußte, dich todt zu sehen! + +Juliette. +Was für ein Sturm ist das, der von so entgegenstehenden Seiten +bläst. Ist Romeo erschlagen, und ist Tybalt todt? Mein +vielgeliebter Vetter, und mein geliebterer Gemahl? Wenn das ist, so +mag die Posaune zum allgemeinen Gerichts-Tag blasen--Denn wer lebt +noch, wenn diese zween nicht mehr sind? + +Amme. +Tybalt ist todt, und Romeo verbannt; Romeo, der ihn erschlug, ist +verbannt. + +Juliette. +O Gott! Romeo's Hand vergoß Tybalts Blut? + +Amme. +Das that sie, das that sie, leider Gott erbarm's, das that sie. + +Juliette. +O Schlangen-Herz, unter einem blühenden Gesicht verborgen! wohnte +jemals ein Drache in einer so schönen Höhle? Liebreizender Unmensch, +Englischer Teufel!--O Natur, was hast du in der Hölle zu thun, +wenn du den Geist eines solchen Teufels in ein irdisches Paradies +herbergest? War jemals ein Buch von so schändlichem Inhalt so schön +eingebunden? O, daß in einem so prächtigen Palast gleißnerisches +Laster wohnen soll! + +Amme. +Es ist weder Treu, noch Glauben, noch Ehrlichkeit in diesen +Mannsleuten; sie sind alle meineydig, alle Verräther, lauter Nichts, +alle Heuchler--Ah! wo ist mein Diener? Gieb mir ein wenig Aquavit-- +Dieser Jammer, diese Noth, diese Sorgen machen eins vor der Zeit +grau--Schaam über diesen Romeo! + +Juliette. +Verflucht sey deine Zunge durch einen solchen Wunsch! Er ward nicht +zur Schaam gebohren, sie untersteht sich nicht auf seine Stirne zu +sizen: Sie ist ein Thron, wo die Ehre zum allgemeinen Monarchen der +ganzen Welt gekrönt werden sollte! O was für eine Unglükliche war +ich, so wider ihn auszubrechen! + +Amme. +Wolltet ihr gut von dem Mörder euers Verwandten reden? + +Juliette. +Soll ich übel von meinem Ehemann reden? Ach, armer Gemahl, was für +eine Zunge soll deinem Namen liebkosen, da ich, dein dreystündiges +Weib, ihn mißhandelt habe?--Aber warum, Unglüklicher, tödtetest du +meinen Vetter? Dieser Vetter, der Unglükselige! würde sonst meinen +Gemahl getödtet haben. Zurük, thörichte Thränen, zurük in eure +Quelle; ihr seyd ein Zoll der dem Kummer gebührt, und ihr bietet +ihn aus Irrthum der Freude dar? Mein Gemahl lebt, den Tybalt +ermorden wollte, und Tybalt ist todt, der meinen Gemahl gern +getödtet hätte; alles dieses ist Trost; warum wein' ich dann? Ach! +es war noch ein Wort, schlimmer als Tybalts Tod, das mich ermordet +hat; ich streb' umsonst es zu vergessen, ach! es dringt sich meinem +Gedächtniß auf, wie das Bewußtseyn böser Thaten dem Gemüthe des +Sünders; Tybalt ist todt und Romeo verbannt; dieses (verbannt), +dieses einzige Wort verbannt, hat zehntausend Tybalts ermordet; +Tybalts Tod war für sich allein Unglüks genug--Oder wenn das Unglük +ja Gesellschaft haben will, warum folgte, wie sie sagte--Tybalt ist +todt--warum folgte nicht, dein Vater, oder deine Mutter, oder gar +beyde? Aber mit diesem gräßlichen Nachklang: auf, Tybalt ist todt-- +Romeo ist verbannt--Durch dieses einzige Wort ist Vater, Mutter, +Tybalt, Romeo, Juliet, alles erschlagen, alles todt!--Romeo +verbannt! Es ist weder Ziel, noch Maaß, noch Ende in dem Tod dieses +Worts--es sind keine Worte die den Jammer ausdrüken, den es in sich +hält. Wo ist mein Vater und meine Mutter, Amme? + +Amme. +Weinend und jammernd über Tybalts Leiche. Wollt ihr zu ihnen? Ich +will euch hinführen. + +Juliette. +Waschen sie seine Wunden mit Thränen? Meine sollen, wenn die +ihrigen vertroknet sind, über Romeo's Verbannung fliessen. Nimm +diese Strike zu dir--arme Strike, ihr seyd verrathen, ihr und ich; +Romeo ist verbannt! Er wollte sich auf euch einen Weg zu meinem +Bette machen; aber nun werd' ich als eine verwittwete Jungfrau +sterben. Komm, Strik-Leiter; komm, Amme; ich will in mein Braut- +Bette, um dem Tod, nicht meinem Romeo in die Arme zu sinken.* + +{ed.-* Im Original sagt Juliette: (And Death, not Romeo, take my +Maidenhead!)--Shakespear mußte einen Reim auf den vorhergehenden +Vers haben, und es ist kein Unsinn, keine Unanständigkeit, die er +sich nicht erlauben sollte, um sich nicht lang auf einen Reim +besinnen zu dürfen.} + +Amme. +Geht in euer Zimmer; ich will den Romeo aufsuchen, der euch trösten +soll. Ich weiß wol wo er ist; ich will zu ihm, er ist in Bruder +Lorenzens Celle. + +Juliette. +O such ihn, find ihn, gieb ihm diesen Ring, und bitt' ihn daß er +komme, sein leztes Lebewohl zu nehmen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Verwandelt sich in das Kloster.) +(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.) + + +Bruder Lorenz. +Romeo, komm hervor, hervor du furchtsamer Mann; der Kummer ist in +deine Schönheit verliebt, und du bist mit der Wiederwärtigkeit +verheurathet. + +Romeo. +Was bringt ihr mir neues, mein Vater? Was ist des Prinzen Urtheil? +Was für ein noch unbekanntes Elend will Bekanntschaft mit mir +machen? + +Lorenz. +Nur allzuvertraut ist mein theurer Sohn mit so beschwerlicher +Gesellschaft. Ich bringe dir Nachricht von des Prinzen Urtheil. + +Romeo. +Was weniger kan mein Urtheil seyn als der Tod? + +Lorenz. +Ein milderer Spruch ergieng von seinen Lippen--Nicht dein Tod, nur +deine Verbannung. + +Romeo. +Ha! Verbannung! Sey mitleidiger, sage, Tod; denn Verbannung hat +weit mehr schrekliches in ihren Bliken als der Tod selbst. Sage +nicht, Verbannung. + +Lorenz. +Hier aus Verona bist du verbannt; sey geduldig, die Welt ist weit +und breit. + +Romeo. +Ausser Verona's Mauern ist keine Welt, sondern nichts als Fegfeuer, +Abgrund und Hölle. Von hier verbannt ist aus der ganzen Welt +verbannt, und aus der Welt verbannt seyn, ist Tod. Dieses +(verbannt) ist nur ein unrecht benannter Tod; wenn du den Tod +Verbannung nennst, so ist das nichts bessers als ob du mir den Kopf +mit einem goldnen Beil abhautest und zu dem Streich lächeltest, +womit du mir das Leben nimmst. + +Lorenz. +O Todsünde! O rohe Undankbarkeit! Auf dein Vergehen sezt unser +Gesez den Tod; der gütige Fürst tritt dazwischen, stößt das Gesez +auf die Seite, und verwandelt das schwarze Wort Tod in Verbannung; +welch eine Gnade, und du siehst sie nicht? + +Romeo. +Marter ist's, nicht Gnade! Der Himmel ist da, wo Juliette lebt; +jede Kaze, jeder Hund, jede kleine Maus, jedes unwürdige Ding lebt +hier im Himmel, und kan sie ansehen, nur Romeo nicht. Armselige +Schmeis-Fliegen haben mehr Recht, sind achtbarer, edler, glüklicher +als Romeo; sie können sich auf die weisse Hand meiner theuren +Juliette sezen, und unsterbliche Wonne von ihren Lippen stehlen-- +Fliegen können das thun, indeß daß ich von ihr fliehen muß; und +sagst du noch, daß Verbannung nicht Tod ist?--Sie können's, nur +Romeo kan nicht, denn er ist verbannt--Hast du keinen Gift-Trank, +keinen Dolch, kein plözliches Todes-Werkzeug, (so elend es seyn mag, +kan es doch nicht so elend seyn als verbannt) mir das Leben zu +nemmen? Ha! Verbannt! O Vater, die Verdammten in der Hölle brauchen +dieses Wort, und Heulen folgt darauf--Wie kanst du so unbarmherzig +seyn, du ein Mann Gottes, ein geistlicher Vater, ein Beichtiger, +und mein erklärter Freund, mich mit diesem verfluchten Wort, zu +zerschmettern? + +Lorenz. +Wahnwiziger, liebeskranker Thor, höre mich reden-- + +Romeo. +O du willst wieder von Verbannung anfangen-- + +Lorenz. +Ich will dir Waffen geben, wodurch du dieses Wort von dir abhalten +kanst; die süsse Milch der Wiederwärtigkeit--Philosophie, die dich +beruhigen wird, ob du gleich verbannt bist. + +Romeo. +Immer noch verbannt? An den Galgen mit Philosophie; wenn +Philosophie nicht eine Juliette machen, eine Stadt versezen, die +Urthel eines Prinzen aufheben kan, so hilft sie nicht, so nüzt sie +nichts, sagt mir nichts mehr davon-- + +Lorenz. +Nun dann, tolle Leute haben keine Ohren, wie ich sehe. + +Romeo. +Wie sollten sie, wenn kluge Leute keine Augen haben? + +Lorenz. +Komm, laß uns vernünftig von deinen Umständen reden-- + +Romeo. +Du kanst von dem nicht reden was du nicht fühlst; wärest du so jung +wie ich, und wäre Juliette deine Liebste, wärst du vor einer Stunde +mit ihr verheurathet, und hättest in dieser Stunde Tybalten +umgebracht, und liebtest bis zum Wahnwiz wie ich, und wärest wie +ich verbannt--dann möchtest du reden, dann möchtest du dir die +Haare ausrauffen, und dich auf den Boden werfen, wie ich izt thue, +und das Maas zu deinem Grabe nemmen. + +(Er wirft sich auf den Boden.) + +Lorenz. +Steh auf--es klopft jemand: + +(Man hört klopfen.) + +Guter Romeo, verbirg dich. + +Romeo. +Nein wahrhaftig, wenn nicht der Dampf Herzzersprengender Seufzer, +mich wie ein Nebel vor den Augen der Leute verbirgt. + +Lorenz. +Horche! was das für ein Klopfen ist! wer ist da?-- + +(leise.) + +Romeo steh auf, du wirst ergriffen werden-- + +(laut.) + +--Nur einen Augenblik Geduld!-- + +(leise.) + +Steh auf, + +(Man klopft immer lauter.) + +lauf in meine Celle-- + +(laut.) + +Gleich, gleich--Um Gottes willen, was für eine Halsstarrigkeit ist +das!-- + +(Man klopft.) + +Ich komme, ich komme. Wer klopft so stark? Wer seyd ihr? Was wollt +ihr? + +Amme (hinter der Scene.) +Laßt mich nur ein, so sollt ihr gleich erfahren, worinn mein +Auftrag besteht--Ich komme von Fräulein Juliette-- + +Lorenz. +So seyd willkommen-- + +(Er macht auf.) + +(Die Amme tritt auf.) + +Amme. +O ehrwürdiger Herr, o sagt mir, ehrwürdiger Herr, wo ist meiner +Fräulein ihr Herr? Wo ist Romeo? + +Bruder Lorenz. +Hier, auf dem Boden, den seine Thränen überschwemmen. + +Amme. +O, so macht er's gerade wie mein Gnädiges Fräulein, sie macht's +gerade auch so; o trauervolle Sympathie! Gerade so ligt sie, +schluchzend und weinend, und weinend und schluchzend--Die Baken +sind ihr ganz davon aufgeschwollen--Steht auf, steht auf--Steht, +wenn ihr ein Mann seyd--Um Juliettens willen, um ihrentwillen, auf +vom Boden und steht! warum sollt ihr in ein so tiefes O!--fallen? -- + +Romeo. +Amme!-- + +Amme. +Ach, Gnädiger Herr, Gnädiger Herr!--Mit dem Tod hört alles auf. + +Romeo. +Redst du von Julietten? Wie steht es um sie? Glaubt sie nicht, ich +sey ein verhärtetet Ruchloser, ein Mörder vom Handwerk, da ich die +Kindheit unsrer Freude mit ihr so nahverwandtem Blut beflekt habe? +Wo ist sie? Was macht sie? Was sagt meine neuangetraute Gemahlin zu +den unverhoften Hinternissen unsrer Liebe? + +Amme. +O, sie sagt nichts, Gnädiger Herr; sie thut nichts als weinen und +weinen, und sinkt dann auf ihr Bett hin, und fährt dann wieder auf, +ruft Tybalt, und dann Romeo,--und sinkt dann wieder von neuem hin-- + +Romeo. +--Als ob dieser Name wie aus dem tödtlichen Canal einer Flinte +geschossen, sie ermorde, wie dieses Namens verfluchte Hand ihren +Verwandten ermordet hat--Sag mir, Vater, sag mir, in was für einem +verworfnen Theil dieses Körpers mein Name wohnt? Sag mir's, damit +ich die verhaßte Wohnung zerstören kan. + +(Er zükt seinen Degen.) + +Bruder Lorenz. +Halt deine verzweifelnde Hand. Deine Thränen sind unmännlich und +deine wilden Bewegungen die Ausbrüche der vernunftlosen Wuth eines +wilden Thiers--Unweibliches Weibsbild in Gestalt eines Manns, +wildes Thier in der schönen Gestalt eines vernünftigen Geschöpfs-- +Du sezst mich in Erstaunen. Bey meinem heiligen Orden! Ich traute +dir mehr Muth, mehr geseztes Wesen zu. Du hast Tybalten erschlagen-- +Willt du nun auch dich, auch deine Geliebte, die in dir lebt, +ermorden? Verachtest du so, was deine Geburt, was Himmel und Erde +für dich gethan haben; alle drey vereinigten sich, dich groß und +glüklich zu machen, und du willt alles durch einen Streich +verliehren? Fy, fy, du entehrst deine Gestalt, deine Liebe, deine +Vernunft, da du, wie ein Wucherer, an allen dreyen so reich bist, +und keines zu dem edeln Gebrauch anwendest wozu du es empfiengest. +Deine schöne Gestalt ist ohne den tapfern Muth eines Mannes, nur +ein wächsernes Bild--Deine heilig beschwohrne Liebe nur treuloser +Meineyd, da du eben diese Liebe tödten willst, die du zu ernähren +angelobet hast. Deine Vernunft, welche beyde regieren und +verschönern sollte, wird wie Pulver in eines unachtsamen Soldaten +Beutel, durch deine eigne Unbesonnenheit in Feuer gesezt, und du +durch dasjenige aufgerieben, was dich beschüzen sollte. Wie, stehe +auf, Mann, deine Julia lebt noch, um derentwillen du todt warest: +Hierinn bist du glüklich. Tybalt wollte dir das Leben nehmen, aber +du nahmst es ihm; hierinn bist du auch glüklich. Das Gesez, das dir +den Tod dräute, wurde dein Freund, und verwandelte ihn in +Verweisung; auch darinn bist du glüklich. Wie viel Glükseligkeiten-- +und du erkennst sie nicht? Die Glükseligkeit kleidet dich in ihren +schönsten Puz, und wie ein unartiges verdrießliches Mädchen, +schielst du dein Glük und deine Liebe mit unzufriednen Bliken an. +Nimm dich in acht, nimm dich in acht, solche Leute nehmen meistens +ein elendes Ende. Geh, geh zu deiner Geliebten wie es abgeredet war, +steig in ihr Zimmer, weg, und tröste sie; aber siehe zu, daß du +dich nicht so lange verweilest, bis die Wache aufzieht; sonst +könntest du nicht nach Mantua entrinnen, wo du dich so lange +aufhalten sollst, bis wir die gelegne Zeit ersehen, eure Heyrath +bekannt zu machen, euch mit euern Freunden auszusöhnen, des Prinzen +Verzeihung zu erlangen, und dich mit zwanzigtausendmal mehr Freude +zurük zu beruffen, als izt der Schmerz ist mit dem du fortgehst. +Geh voran, Amme; grüsse mir dein Fräulein, und bitte sie, sie soll +machen, daß das ganze Haus fein bald zu Bette komme, wozu die +allgemeine Betrübniß sie ohnehin geneigt machen wird. Romeo wird +bald nachfolgen. + +Amme. +O Herre, ich hätte die ganze Nacht hier stehen mögen, um so +gescheidte Sachen reden zu hören: O was das ist, wenn man +gestudiert ist! Gnädiger Herr, ich will meiner Fräulein sagen, daß +ihr kommen werdet. + +Romeo. +Thu das, und bitte sie, sie soll sich gefaßt machen, mich +auszuschelten. + +Amme. +Hier ist ein Ring, Gnädiger Herr, den sie mir für euch mitgab-- +Eilet doch, macht hurtig, es ist schon sehr spät-- + + +Romeo. +Wie schnell diese Erwartung meinen Muth wiederaufleben macht! + +Bruder Lorenz. +Halte dich in Mantua auf; ich will einen zuverläßigen Mann für euch +ausfündig machen, der euch von Zeit zu Zeit berichten soll, was für +günstige Umstände sich hier für euch ereignen. Gieb mir deine Hand, +es ist späte, lebe wohl! Gute Nacht! + +Romeo. +Rieffe mich nicht Freude über alle Freuden hinweg, wie schmerzlich +würde mir dieser schnelle Abschied seyn! + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Verwandelt sich in Capulets Haus.) +(Capulet, Lady Capulet und Paris treten auf.) + + +Capulet. +Es sind so unglükliche Umstände eingefallen, mein Herr, daß wir +keine Zeit gehabt haben, unsrer Tochter zuzureden. Seht ihr, sie +liebte ihren Vetter Tybalt gar herzlich, und das that ich auch-- +Wohl, wir werden gebohren, um wieder zu sterben--Es ist sehr spät, +sie wird diese Nacht nicht herunter kommen; ich versichre euch, +wenn mir eure Gesellschaft nicht so lieb wäre, ich würde schon eine +Stunde im Bette seyn. + +Paris. +Ich bescheide mich gerne, daß diese Trauer-Tage keine Zeit zu +Liebes-Bewerbungen sind. Gute Nacht, Gnädige Frau--Empfehlt mich +eurer Tochter-- + + +Lady Capulet. +Ich will, und morgen früh nachforschen, wie sie gesinnt ist--Für +diese Nacht ist sie zu ihrer Traurigkeit eingeschlossen. + +Capulet. +Signor Paris, ich getrau es auf mich zu nehmen, euch meines Kindes +Liebe zu versprechen: Ich denke, sie wird sich in allen Stüken von +mir regieren lassen--nichts weiter, ich zweifle gar nicht, Frau, +geh du noch zu ihr, eh du zu Bette gehst, gieb ihr Nachricht von +Signor Paris Liebe, und sag ihr, hörst du, bis nächsten Mittwoch-- +aber sachte--was ist heut für ein Tag? -- + +Paris. +Montag, Gnädiger Herr. + +Capulet. +Montag? Ha, ha, gut, Mittwoch ist zu bald, laßt es den Donnerstag +seyn; nächsten Donnerstag, sag ihr, soll sie mit diesem edeln +Grafen vermählt werden--Wollt ihr bisdahin fertig seyn? Seyd ihr +mit dieser Eilfertigkeit zufrieden?--wir wollen kein grosses Wesen +nicht machen--Einen oder zween Freunde--Denn, seht ihr, da Tybalt +so kürzlich erst ermordet worden, so würde es so herauskommen, als +ob wir wenig Antheil an seinem Unfall nähmen, wenn wir grosse +Freuden-Bezeugungen anstellen wollten--Deßwegen wollen wir etwann +ein halb Duzend Freunde haben, und damit ist's aus. Aber was sagt +ihr zum Donnerstag? + +Paris. +Gnädiger Herr, ich wollte der Donnerstag wäre Morgen. + +Capulet. +Gut, gut, geht izt zu Bette--auf Donnerstag sey es also-- + +(Zu Lady Capulet.) + +Du, geh zu Julietten eh du zu Bette gehst, Weib--Bereite sie auf +ihren Hochzeit-Tag vor. Lebt wohl, Graf--Licht in mein Zimmer, he!-- +Geht zu, geht zu, es ist schon so spät, daß wir's bald früh heissen +dürften. Gute Nacht-- + +(Sie gehen ab.) + + + +Siebende Scene. +(Juliettens Zimmer, von der Garten-Seite.) +(Romeo und Juliette, oben an einem Fenster; woran eine Strik- + Leiter befestigt ist.) + + +Juliette. +Willt du schon gehen? Es ist noch lange bis zum Tag: Es war die +Nachtigall und nicht die Lerche, die dich vorhin erschrekte--sie +pflegt alle Nacht auf jenem Granatbaum zu singen; glaube mir, mein +Herz, es war die Nachtigall. + +Romeo. +Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall. +Siehst du, meine Liebe, die neidischen Streiffen, die dort im Osten +die sich scheidenden Wolken umwinden: Die Kerzen der Nacht sind +abgebrannt, und der fröliche Tag gukt auf den Zehen stehend über +die Spizen der neblichten Berge. Ich muß gehen und leben, oder +bleiben und sterben. + +Juliette. +Jenes Licht ist nicht Tag-Licht, glaube mir's, es ist irgend ein +Meteor, das die Sonne ausdünstet, um in dieser Nacht deine Reise +nach Mantua zu beleuchten; bleibe noch ein wenig, du sollst nicht +so früh gehen. + +Romeo. +Laß mich ergriffen, laß mich zum Tod verurtheilt werden; ich bin +zufrieden, wenn du es haben willst. Ich will sagen, jenes Grau sey +nicht des Morgens Auge, sondern nur der blasse Gegenschein von +Cynthia's Stirne; und es sey nicht die Lerche, deren Noten so hoch +über unserm Haupte zu den himmlischen Gewölben hinauftönen. Nichts +als die Sorge um unsre Sicherheit kan mich aus deinen Armen reissen; +aber Juliette will's, und der Tod soll mir willkommen seyn. Wie +ists, meine Seele? Laß uns schwazen, es ist noch nicht Tag. + +Juliette. +Es ist, es ist; verlaß mich, fliehe, mein Geliebter; es ist die +Lerche, die so tonloß singt, ihr mißlautendes, unangenehm-scharfes +Gurgeln ruft dich weg--O gehe, gehe, es wird immer heller und +heller. + +Romeo. +Sage, immer finstrer und finstrer, da ich in wenigen Augenbliken +dich nicht mehr sehen werde. (Die Amme kommt herein.) + +Amme. +Gnädige Frau-- + +Juliette. +Amme? + +Amme. +Euer Gnaden Frau Mutter ist im Begriff heraufzukommen: Der Tag +bricht an, nehmt euch in Acht, seht euch vor-- + +(ab.) + +Juliette. +So muß ich dann von meinem Leben scheiden? -- + +Romeo. +Lebe wohl, lebe wohl; noch einen Kuß, und ich will gehen. + +(Romeo steigt aus dem Fenster herab.) + +Juliette. +Und gehst du dann so? O mein Liebster, mein Herr, mein Gemahl, mein +Freund! Ich muß alle Tage Nachricht von dir haben, alle Stunden, +denn in einer Minute ohne dich sind viele Tage. Ach! nach dieser +Rechnung werd' ich alt seyn, eh ich meinen Romeo wieder sehe. + +Romeo. +Lebe wohl, meine Liebe: ich will keine Gelegenheit versäumen, +wodurch ich dir meinen Gruß übermachen kan. + +Juliette. +Ach, denkst du, wir werden uns jemals wieder sehen? + +Romeo. +Zweifle nicht; es wird eine Zeit kommen, wo alle diese +Wiederwärtigkeiten uns zum Stoff angenehmer Gespräche dienen werden. + +Juliette. +O Gott! ich hab' eine Unglük-weissagende Seele--Mich dünkt, ich seh +dich, da ich so auf dich hinunter schaue, wie einen, der todt in +seinem Grabe ligt. Entweder werden meine Augen düster, oder du +siehst bleich-- + + +Romeo. +Glaube mir, Liebe, du kommst mir eben so vor; der Kummer trinkt das +Blut in unsern Wangen auf--Lebe wohl, lebe wohl!-- + +(Romeo geht ab.) + + + +Achte Scene. + + +Juliette. +O Glük, Glük, alle Leute nennen dich unbeständig; wenn du +unbeständig bist, was thust du mit dem, dessen Treue du kennen +solltest? Doch, sey immerhin unbeständig, denn so hab ich Hoffnung, +daß du ihn nicht lange behalten, sondern mir bald zurückschiken +wirst. (Lady Capulet tritt auf.) + +Lady. +Wie, Tochter, seyd ihr schon auf? + +Juliette. +Wer ist da, wer ruft? Ist es meine Gnädige Mamma? Was für eine +ungewöhnliche Ursache führt sie so früh hieher? + +Lady. +Wie, Juliette, wie steht's um dich? + +Juliette. +Ich bin nicht wohl, Gnädige Frau. + +Lady. +Immer noch in Thränen um deines Vetters Tod? Wie, hofst du ihn mit +deinen Thränen aus seinem Grab herauszuwaschen? Wenn du es auch +könntest, so könntest du ihn doch nicht wieder lebendig machen. +Gieb dich also einmal zufrieden. Ein gemässigter Schmerz ist ein +Beweis der Liebe; aber zuviel Schmerz beweist allemal zu wenig +Verstand. + +Juliette. +Ich kan einen so empfindlichen Verlust nicht zuviel beweinen. + +Lady. +Auf diese Art verewigst du das Gefühl deines Verlusts, und kanst +doch den Freund nicht zurük bringen, dessen Verlust du beweinst. + +Juliette. +So wie ich den Verlust meines Freundes fühle, kan ich nicht anders +als ihn immer beweinen. + +Lady. +Gut, Mädchen, du weinst nicht so sehr um seinen Tod, als daß der +Bösewicht lebt, der ihn ermordet hat. + +Juliette. +Was für ein Bösewicht, Gnädige Frau? + +Lady. +Was für ein andrer als Romeo? + +Juliette + +(leise.) + +Bösewicht, und er, sind manche Meilen von einander. + +(laut.) + +Gott verzeih' ihm! Ich thue es von ganzem Herzen--Und doch ist +niemand der meinem Herzen empfindlichere Schmerzen verursacht als +er. + +Lady. +Du meynst, weil der Verräther lebt-- + +Juliette. +Ich, gnädige Frau,-- + +(leise.) + +Ohne daß ihn diese meine Arme erreichen können-- + +(laut.) + +Ich wollte nichts, als daß ich allein meines Vetters Tod rächen +dürfte. + +Lady. +Wir wollen uns Rache verschaffen, sey du unbekümmert; höre nur auf +zu weinen. Ich will jemand nach Mantua, wo der verbannte Renegat +sich aufhält, senden, der ihn bald genug dem Tybalt nachschiken +soll; und dann, hoff ich, wirst du doch zufrieden seyn. + +Juliette. +In der That, Gnädige Frau, ich werde nie mit Romeo zufrieden seyn, +ich seh' ihn dann--todt--ist mein armes Herz für meinen +unglüklichen Freund.* Gnädige Frau, wenn ihr mir nur einen Mann +finden könnt, der ihm einen Gift-Trank bringen wollte, ich wollte +ihn so mischen, daß Romeo, sobald er ihn eingenommen hätte, im +Frieden schlafen sollte--O! wie mein Herz es verabscheut, daß ich +ihn nennen höre--und nicht zu ihm kommen kan--um die Liebe, die ich +zu meinem ermordeten Vetter trug, an der Person desjenigen +auszulassen, der ihn ermordet hat. + +{ed.-* Der Leser bemerkt ohne unsre Erinnerungen, den erkünstelten +Doppelsinn in den Reden der Juliette, womit der Autor ein ziemlich +kindisches Spiel treibt. Man hat sie, so gut es möglich war, +auszudrüken gesucht, obgleich die natürliche Wortfügung in unsrer +Sprache sich nicht recht dazu bequemen wollte.} + +Lady. +Finde du nur das Mittel aus, und laß du mich für den Mann sorgen. +Aber nun will ich dir eine angenehme Zeitung sagen, Mädchen. + +Juliette. +Sie kommt sehr zu gelegner Zeit, wenn sie angenehm ist. Und worinn +besteht sie dann, wenn ich Euer Gnaden bitten darf? + +Lady. +Gut, gut, du hast einen sorgfältigen Vater, Kind; der, um dich von +deiner Schwermuth zu befreyen, einen unverhoften Freuden-Tag +angeordnet hat, an den keine von uns beyden dachte. + +Juliette. +Und darf man fragen, was für ein Tag das ist, Gnädige Frau? + +Lady. +Den nächsten Donnerstag, mein Kind, früh Morgens wird der junge, +edle, liebenswürdige Graf Paris in St. Peters Kirche dich zu einer +glüklichen Braut machen. + +Juliette. +Nun, bey St. Peters Kirch, und bey St. Peter selbst, das soll er +nicht. Ich bin sehr verwundert, daß ich mit so grosser +Eilfertigkeit vermählt werden soll, eh mein bestimmter Gemahl sich +die mindeste Mühe um mich gegeben hat. Ich bitte Eu. Gnaden, sagt +meinem Herrn und Vater, daß ich noch nicht heurathen will; und wenn +ichs thue, so soll es eher Romeo seyn, den ich hasse, wie ihr wißt, +als Paris--das sind neue Zeitungen, in der That! + +Lady. +Hier kommt euer Vater, sagt ihm das selbst, und seht wie wohl ers +von euch aufnehmen wird. (Capulet und Amme zu den Vorigen.) + +Capulet. +Nun, wie gehts? was machst du, Mädchen? Wie, immer noch Thränen? +Immer regnerisch? Du stellst in deiner einzigen kleinen Person ein +Schiff, die See und den Wind vor; deine Augen, die eine immer +abwechselnde Ebbe und Fluth von Thränen machen, sind die See; dein +Leib ist das Schiff das in dieser salzichten See dahersegelt; und +die Winde deine Seufzer, die, mit deinen Thränen in die Wette +rasend, wenn nicht eine plözliche Stille erfolgt, deinen vom Sturm +herumgewälzten Leib endlich untergehen machen werden--Was ist's, +Frau? Habt ihr dem Mädchen unsern Entschluß bekannt gemacht? + +Lady. +Ja, mein Herr; aber sie will nichts davon hören, sie bedankt sich +davor; ich wollte, die Närrin wäre mit ihrem Grabe verheurathet. + +Capulet. +Sachte, nehmt mich mit, Frau, nehmt mich mit euch. Wie, sie will +nichts davon hören? Sie dankt uns nicht davor? Sie ist nicht stolz +darauf, sie schäzt sich nicht glüklich so unwürdig als sie ist, daß +wir ihr einen so würdigen Edelmann zum Bräutigam auserkohren haben? + +Juliette. +Nicht stolz darauf, daß ihr es gethan habt, aber doch dankbar; +stolz kan ich nicht seyn auf etwas das ich hasse, aber dankbar, +selbst für etwas Böses das eure Liebe gut gemeynt hat. + +Capulet. +Wie, was, wie, Distinctionen-Macherin? Was soll das bedeuten? Stolz! +und ich dank euch! und ich dank euch nicht! und doch nicht stolz!-- +Wie, Fräulein Wunderlich, Ihr, schwazt mir nichts von Dank und +Stolz und Unstolz und Undank daher, sondern legt eure schönsten +Kleider auf Donnerstag Morgen zurechte, um mit Paris zur St. Peters +Kirche zu gehen, oder ich will dich auf einer Schleiffe hinziehen +lassen. Aus meinem Gesicht, du bleichsüchtiges Raben-Aas! Fort, du +Sausödel! du Talk-Gesicht! + +Lady Capulet. +Fy, fy, wie, seyd ihr toll? + +Juliette. +Liebster Herr Vater, ich bitte euch auf meinen Knien, hört mich nur +ein einziges Wort mit Geduld an. + +Capulet. +An den Galgen, du junge Meze! Ungehorsame, leichtfertige Creatur! +Ich will dir was sagen, geh mir auf den Donnerstag in die Kirche, +oder komm mir nimmer vor mein Angesicht. Sag nichts, replicier +nicht, antworte mir nichts; meine Finger juken mir. Weib, wir +hielten uns kaum für glüklich, weil uns Gott nur dieses einzige +Kind gegeben hatte; aber nun seh ich, daß dieses einzige zuviel ist, +und daß wir sie zu einem Fluch bekommen haben--Aus meinem Gesicht, +Bastart! + +Amme. +Gott im Himmel segne sie! Ihr habt unrecht, Gnädiger Herr, daß ihr +so hart mit ihr verfahrt. + +Capulet. +Und wie, My Lady Weisheit? Haltet ihr euer Maul, und schnattert mit +euern Gevattrinnen--pakt euch-- + + +Amme. +Ich rede nichts unrechtes;--O, Gott gebe euch einen guten Tag--Darf +eins nicht mehr reden? + +Capulet. +Still, still, ihr murmelnde Närrin, spielt eure Gravität wenn ihr +mit euern Gevatterinnen zecht; hier haben wir ihrer nicht vonnöthen. + +Lady. +Ihr seyd zu hizig. + +Capulet. +Wie, Sakerlot! Soll einen das nicht wild machen? Tag und Nacht, +früh und spat, daheim und ausser dem Haus, allein und in +Gesellschaft, wachend und schlafend ist immer meine einzige Sorge +gewesen, wie ich sie wohl verheurathen wolle: und izt, da ich einen +wakern jungen Edelmann, von schönen Mitteln, von der ansehnlichsten +Verwandtschaft, für sie gefunden habe; der, wie alle Leute sagen, +Verdienste hat; kurz einen Mann, wie man sich einen wünschen mag, +soll ich eine heillose alberne Tröpfin, ein pinselndes Püpchen +haben, die, wenn das Glük sie anlacht, antwortet: Ich will noch +nicht heurathen--Ich kan nicht lieben--Ich bin noch zu jung--ich +bitte um Vergebung--Gut, wenn ihr nicht heurathen wollt, so will +ich euch vergeben; graßt wo ihr wollt, aber mit mir sollt ihr nicht +in einem Hause leben; Überlegts, denkt ihm nach, es ist mein +Brauch nicht, zu spassen. Es ist nicht mehr lange bis Donnerstag; +leg die Hand auf dein Herz, bedenk dich; wenn du mein bist, so will +ich dich meinem Freunde geben; und bist du's nicht, so häng dich, +bettle, verhungre, stirb auf der Strasse; bey meiner Seele, ich +will dich nicht für mein Kind erkennen, und du sollst von dem +meinigen nicht soviel bekommen, als du auf der Zunge spüren +könntest--Verlaß dich drauf, und bedenk dich, ich werde meinen Eyd +gewiß nicht brechen. + +(Er geht ab.) + +Juliette. +Ist denn hier kein mitleidiges Wesen, in den Wolken sizend, das in +den Grund meines Schmerzens hinabschaut?--O meine liebste Mutter, +werft mich nicht hinweg, verschiebt diese Heurath nur einen Monat-- +nur eine Woche; oder, wenn ihr nicht wollt, so macht mein Braut- +Bette in das düstre Begräbniß, wo Tybalt ligt. + +Lady Capulet. +Wende dich nicht an mich, ich will kein Wort reden: Thu, was du +willst, ich habe dir nichts mehr zu sagen. + +(Sie geht ab.) + +Juliette. +O Gott! O Amme, wie kan diesem vorgebaut werden? Mein Gemahl ist +auf Erden; meine Treue im Himmel; wie kan diese Treue wieder zurük +kommen, wenn nicht mein Gemahl sie mir zurükschikt, indem er die +Erde verläßt?--Tröste mich, gieb mir einen Rath. O Jammer, Jammer, +daß der Himmel so hart, so streng mit einem so sanften Geschöpf als +ich bin, verfahren soll! Was sagst du? Hast du kein einziges +tröstliches Wörtchen? Nur einen kleinen Trost, Amme! -- + +Amme. +Ey ja, und hier ist er; Romeo ist verbannt: Ich wette die ganze +Welt gegen nichts, daß er das Herz nicht hat, zurük zu kommen, und +Anspruch an euch zu machen; oder wenn ers thun wollte, so müßt er's +doch nur heimlich thun. Weil also die Umstände so beschaffen sind, +so wäre das beste, däucht mich, ihr nähmet den Grafen. Oh, er ist +ein liebenswürdiger junger Herr! Romeo ist nur ein Feg-Lumpen gegen +ihn; ein Adler hat kein so scharfes, so munteres, so schönes Aug +als Paris hat. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn diese andre Partie +nicht besser ist als die erste; und wenn es auch nicht wäre, so ist +ja euer erster Mann gestorben, oder so viel als gestorben, da er +fern von hier lebt, und euch zu nichts gut ist. + +Juliette. +Redst du aus deinem Herzen? + +Amme. +Und aus meiner Seele dazu, oder ich will beyde verlohren haben! + +Juliette. +Amen. + +Amme. +Was? + +Juliette. +Gut; du hast mir einen vortrefflichen Trost gegeben; geh hinein, +und sag der Gnädigen Frau, weil ich meinen Vater erzürnt habe, so +sey ich in Bruder Lorenzens Celle gegangen, um meine Beicht +abzulegen, und den Ablaß zu empfangen. + +Amme. +Meiner Six, das will ich; und es ist auch wohl gethan. + +(Sie geht ab.) + +Juliette. +Alte Todsünde! böser verführischer Teufel! Es ist wol eine grössere +Sünde von dir, daß du mich treubrüchig machen willst, und daß du +meinen Gemahl mit eben dieser Zunge lästerst, mit der du ihn so +viel tausendmal über alles erhoben hast? Geh, Rathgeberin--du und +mein Busen sollen von nun an keine Gemeinschaft mehr mit einander +haben: Ich will zu dem Pater, um zu hören, ob er mir zu helfen weiß; +und fehlt alles andre, so hab ich Muth zum Sterben. + +(Sie geht ab.) + + + + +Vierter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Das Kloster.) +(Bruder Lorenz und Paris treten auf.) + + +Bruder Lorenz. +Auf den Donnerstag, Gnädiger Herr! Die Zeit ist sehr kurz. + +Paris. +Mein Vater Capulet will es so haben, und seine Eilfertigkeit stimmt +zu sehr mit meinen Wünschen überein, als daß ich sie aufzuhalten +gedenken könnte. + +Bruder Lorenz. +Ihr gesteht doch, daß ihr die Gesinnungen der jungen Dame noch +nicht wißt--Diese Sache geht nicht wie sie gehen soll; es gefällt +mir gar nicht. + +Paris. +Sie überläßt sich einer ganz unmässigen Traurigkeit über Tybalts +Tod, und das war die Ursache, warum ich ihr noch wenig von Liebe +sagen konnte; denn Venus lächelt nicht in einem Trauer-Hause. Nun +hält es ihr Vater für gefährlich, daß sie ihrem Kummer so viel Plaz +geben solle, und beschleuniget unsre Vermählung, in der Absicht, +dem Lauf ihrer Thränen dadurch Einhalt zu thun; allein und sich +selbst überlassen, findet sie eine Art von Ergözung darinn, eine +Traurigkeit zu nähren, von der nichts als die Gesellschaft sie +zerstreuen kan. Begreift ihr nun die Ursache dieser Eilfertigkeit? + +Bruder Lorenz (bey Seite.) +Ich wollt', ich wißte nicht, warum ihr Einhalt gethan werden muß-- +Seht, Gnädiger Herr, hier kommt das Fräulein gegen meine Celle her. +(Juliette zu den Vorigen.) + +Paris. +Willkommen, meine Liebe, meine Gebieterin, und mein Weib. + +Juliette. +Das erste mag alsdann seyn, wenn das lezte seyn kan. + +Paris. +Das wird, das muß nächsten Donnerstag seyn, meine Liebe. + +Juliette. +Was seyn muß, das wird seyn. + +Bruder Lorenz. +Das ist ein Text, über den kein Streit seyn kan. + +Paris. +Kommt ihr, diesem Vater zu beichten? + +Juliette. +Wenn ich diese Frage beantwortete, so würd' ich euch beichten. + +Paris. +Läugnet ihm wenigstens nicht, daß ihr mich liebet. + +Juliette. +Ich will euch hiemit gebeichtet haben, daß ich ihn liebe. + +Paris. +Das will ich auch; ich bin gewiß, daß ihr mich liebt. + +Juliette. +Wenn ich das thue, so würd' es von grösserm Werth seyn, es hinter +euerm Rüken, als es euch ins Gesicht zu sagen. + +Paris. +Arme Seele, dein Gesicht ist ganz von Thränen entstellt. + +Juliette. +Die Thränen haben nur einen kleinen Sieg dadurch erhalten, denn es +war vorhin schon schlecht genug. + +Paris. +Du thust ihm mehr Unrecht, mein Kind, indem du das sagst, als alle +deine Thränen. + +Juliette. +Was die blosse Wahrheit ist, mein Herr, ist keine Verläumdung; und +was ich da sagte, sagt' ich zu meinem Gesicht. + +Paris. +Dein Gesicht ist mein, und du hast es verleumdet. + +Juliette. +Es mag seyn, denn mein ist es in der That nicht--Ist es euch izt +gelegen, heiliger Vater, oder soll ich nach der Vesper wieder +kommen? + +Bruder Lorenz. +Ich habe izt Musse, meine Gedanken-volle Tochter. Gnädiger Herr, +mit eurer Erlaubniß-- + + +Paris. +Gott verhüte, daß ich eure Andacht stören wolle--Juliette, nächsten +Donnerstag will ich euch früh genug weken--bis dahin, adieu, mit +diesem unschuldigen Kuß. + +(Paris geht ab.) + +Juliette. +Geh, verschließ die Thür, und wenn du's gethan hast, so komm, und +weine mit mir--Mein Elend läßt keine Hoffnung, kein Mittel, keine +Rettung übrig. + +Bruder Lorenz. +O Juliette, ich kenne deine Noth, und es ängstigt mich, daß ich +kein Mittel kenne dir zu helfen. Bis nächsten Donnerstag, hör' ich, +sollt ihr an diesen Grafen vermählt werden, und nichts kan es +hintertreiben. + +Juliette. +Sage mir nichts davon, daß du das hörst, wenn du mir nicht sagen +kanst, wie ich's vermeiden kan. Wenn deine Weisheit dir kein Mittel +an die Hand geben kan, so billige du nur meinen Entschluß, und ich +will mir auf der Stelle durch diesen Dolch helfen. Gott vereinigte +mein Herz und Romeo's; du, unsre Hände; und eh diese Hand, die du +meinem Romeo versiegelt hast, eh dieses Herz, das ihn allein für +seinen Herrn erkennt, verräthrischer Weise sich einem andern +ergeben soll, eh soll dieser Stahl beyden die Bewegung rauben. +Suche also in der Wissenschaft, womit die graue Erfahrung eines +langen Lebens dich bereichert hat, einen schleunigen Rath; oder +gestatte, daß dieses blutige Messer der Schiedrichter zwischen mir +und meinem grausamen Schiksal sey--Antworte mir kurz--ein jeder +Augenblik den ich noch lebe, ist mir verhaßt, wenn das was du mir +sagen willst, kein Rettungs-Mittel ist. + +Bruder Lorenz. +Halt ein, meine Tochter, ich entdeke eine Art von Hoffnung, die von +einem eben so verzweifelten Mittel abhängt, als dasjenige ist, was +wir vermeiden wollen. Wenn du entschlossen bist dir eher selbst das +Leben zu nehmen, als den Grafen Paris zu heurathen, so ist zu +vermuthen, du werdest dir kein Bedenken machen etwas zu wagen, das +dem Tod ähnlich ist, um einer Schande zu entgehen, der du dich +durch den Tod selbst zu entziehen bereit bist. Wofern du also Muth +genug dazu hast, will ich dir ein Mittel geben. + +Juliette. +O, befiehl mir, eher als daß ich mich dem Paris überlasse, von den +Zinnen jenes Thurms herabzuspringen, oder feßle mich an die +felsichte Spize eines steilen Gebürgs, wo heulende Bären und Grimm- +volle Löwen schwärmen--Oder schließ mich eine ganze Nacht durch in +ein Beinhaus ein, bis an den Hals, mit morschen Todten-Knochen, +dürren Schien-Beinen, und kahlen gelben Schädeln bedekt--oder +befiehl mir in ein neugemachtes Grab zu gehen, und mich zu einem +Todten unter sein Leichen-Tuch zu verbergen--Dinge, wovon der +blosse Gedanke mich zittern macht--befiehl mir's, und ich will es +ohne Zögern thun, um meinem Geliebten eine unbeflekte Treue zu +erhalten. + +Bruder Lorenz. +Wolan dann, so geh heim, sey aufgeräumt, und thu, als ob du in +deine Vermählung mit dem Paris einwilligest; morgen ist Mittwoch; +morgen Nachts siehe, daß du dich von deiner Amme erledigest, und +allein ligen könnest; und wann du dann in deinem Bette bist, so +nimm diese Phiole, und trinke sie rein aus, so wird augenbliklich +ein erkältender einschläfernder Dunst durch alle deine Adern +lauffen, und jeden deiner Lebens-Geister binden; der Kreislauf +deines Bluts wird stillstehen, keine Wärme, kein Athem wird +verrathen, daß du noch lebest; die Rosen auf deinen Lippen und +Wangen werden zu aschfarber Blässe verwelken; deine Auglieder sich +schliessen, als ob der Tod selbst sie vorm Licht des Tages +verriegelt hätte; jeder Theil, seiner elastischen Biegsamkeit +beraubt, wird steif, kalt und starr seyn; und in dieser +anscheinenden Todes-Gestalt wirst du zwo und vierzig Stunden +verharren, und dann wie aus einem süssen Schlaf erwachen. Wenn nun +der Bräutigam des Morgens kommt, dich aufzuweken, so bist du todt, +und wirst dann, nach dem Gebrauch unsers Landes, in deinem +schönsten Anzug in eine Baare ohne Dekel gelegt, und in das +Begräbniß deiner Familie gebracht--in eben diese alte Gruft, wo +alle Abkömmlinge der Capulets ligen. In der Zwischen-Zeit bis du +erwachst, will ich durch Briefe den Romeo von unserm Anschlag +benachrichtigen, und ihn hieher beruffen; er und ich wollen dein +Erwachen abwarten, und in der nemlichen Nacht soll Romeo dich von +hier nach Mantua bringen. Hier hast du das Mittel, das dich von der +vorschwebenden Schande, die du fürchtest, retten kan, wenn du frey +genug von weibischer Zagheit bist, es mit Entschlossenheit zu +gebrauchen. + +Juliette. +Gieb mirs, o, gieb mir's, sag mir nichts von Furcht. + +(Sie nimmt die Phiole.) + +Bruder Lorenz. +Gut, geh izt, und bleibe standhaft bey diesem Entschluß; ich will +eilends einen vertrauten Ordensmann mit Briefen an deinen Gemahl +nach Mantua senden. + +Juliette. +Liebe, gieb mir Stärke, und Stärke wird mir Hülfe geben--Lebet wohl, +mein theurer Vater!-- + +(Sie gehen ab.) + + + +Zweyte Scene. +(Verwandelt sich in Capulets Haus.) +(Capulet, Lady Capulet, Amme, und zween oder drey Bediente treten +auf.) + + +Capulet. +Lade alle Gäste ein, deren Namen auf diesem Papier sind--Du, geh +und bestelle mir zwanzig gute Köche. + +Bedienter. +Ihr sollt keinen schlechten kriegen, Gnädiger Herr, denn ich will +probieren, ob sie ihre Finger leken können. + +Capulet. +Wie willst du das probieren? + +Bedienter. +Sapperment, Gnädiger Herr, das muß ein schlechter Koch seyn, der +seine eigne Finger nicht leken kan; wenn also einer seine Finger +nicht leken kan, so soll er daheim bleiben. + +Capulet. +Geh, geh--Wir werden schlecht genug auf einen solchen Anlaß +versehen seyn--He? ist meine Tochter zu Bruder Lorenzen gegangen? + +Amme. +Ja, wahrlich. + +Capulet. +Gut; vielleicht kan er etwas gutes bey ihr ausrichten: die unartige, +eigensinnige Beze, die sie ist! (Juliette zu den Vorigen.) + +Amme. +Seht, da kommt sie von der Beichte; sie sieht ganz frölich aus-- + +Capulet. +Was giebts, Starr-Kopf? Wo seyd ihr herumgeschwärmt? + +Juliette. +Ich war an einem Ort, wo ich die Sünde des Ungehorsams gegen euch +und eure Befehle bereuen lernte, und wo mir auferlegt wurde, auf +meine Knie zu fallen und euch um Vergebung zu bitten--Vergebet mir +also, ich bitte euch; von nun an soll euer Wille allezeit meine +Richtschnur seyn. + +Capulet. +Schikt nach dem Grafen, geht, sagt ihm das; ich will diesen Knoten +gleich morgen zusammengeknüpft haben. + +Juliette. +Ich traf ihn in Bruder Lorenzens Celle an, und begegnete ihm so +freundlich als ich konnte, ohne die Grenzen der Anständigkeit zu +überschreiten. + +Capulet. +Gut, das hör' ich gerne, es ist gut, steh auf; es ist wie es seyn +soll; ich muß den Grafen sehen--He, zum Henker, geht, sag' ich, und +holt ihn her--Nun, bey Gott, dieser Pater ist in der That ein +ehrwürdiger heiliger Mann, und ein Mann, dem unsre ganze Stadt viel +zu danken hat. + +Juliette. +Amme, wollt ihr mit mir in mein Zimmer gehen, und mir den Puz +aussuchen helfen, den ihr auf den morgenden Tag schiklich findet? + +Lady Capulet. +Es ist noch Zeit genug bis Donnerstag. + +Capulet. +Geh, Amme, geh mit ihr; morgen soll die Ceremonie vor sich gehen. + +(Juliette und Amme gehen ab.) + +Lady Capulet. +Aber wo sollen wir auf diese Weise Zeit zu den Vorbereitungen +hernehmen? Es ist schon beynahe Nacht. + +Capulet. +Still, ich will selbst ausgehen, und es soll für alles gesorgt +werden, Frau, ich stehe dir davor. Geh du zu Julietten, hilf sie +aufpuzen; ich will heute nicht zu Bette gehen, laß mich allein: Ich +will einmal in meinem Leben die Hausmutter vorstellen--he! holla!-- +Sie sind alle fort; gut, ich will selbst zu Graf Paris gehen, damit +er sich auf morgen gefaßt mache. Es ist mir recht leicht um's Herz, +seitdem sich das Hexen-Mädchen so zum Ziel gelegt hat. + +(Sie gehen ab.) + + + +Dritte Scene. +(Juliettens Zimmer.) +(Juliette und die Amme treten auf.) + + +Juliette. +Ja, dieser Anzug ist der beste; aber, liebe Amme, ich bitte, laß +mich heute Nacht allein; ich werde einen guten Theil davon mit +beten zubringen, um den Himmel zu bewegen, daß er mein Vorhaben +begünstige--Du kennst meine sündhaften Umstände, und weißst also +wol, daß ichs nöthig habe. (Lady Capulet zu den Vorigen.) + +Lady. +Wie, so geschäftig? Kan ich euch was helfen? + +Juliette. +Nein, Gnädige Mamma, wir haben alles zusammengesucht, was wir auf +unsern morgenden Umstand nöthig haben können; wenn ihr's erlauben +wolltet, so wünscht' ich izt allein gelassen zu werden, und daß ihr +die Amme bey euch aufbleiben liesset; denn ich bin gewiß, daß ihr +bey diesem unverhoften Vorfall alle Hände voll zu thun haben werdet. + +Lady Capulet. +Gute Nacht, geh du zu Bette und schlafe; du hast es vonnöthen. + +(Lady Capulet und Amme gehen ab.) + +Juliette. +Gute Nacht--Gott weiß, wenn wir uns wieder sehen werden!--Ich weiß +nicht was für ein kalter schrekhafter Schauer durch meine Adern +fährt--Ich will sie zurükruffen, daß sie mir einen Muth einsprechen-- +Amme!--Aber was soll sie hier? Ich muß meine schrekenvolle Scene +nothwendig allein spielen--Komm, Phiole--Wie wenn diese Tinctur +keine Würkung thäte? Soll ich mich dann mit Gewalt an den Grafen +verheurathen lassen? Nein, nein, diß soll es verwehren--Lig' du +hier-- + +(Sie weißt auf einen Dolch.) + +Wie, wenn es ein Gift wäre, das mir der Pater auf eine feine Art +beybringen will, um mich aus dem Wege zu schaffen, aus Furcht seine +Ehre möchte unter dieser Heurath leiden, da er mich schon vorher +mit dem Romeo getrauet hat? Ich fürcht', es ist so, und doch, +däucht mich, kan es nicht seyn, denn er ist immer als ein heiliger +Mann befunden worden. Wie, wenn ich, nachdem man mich in die Gruft +geleget, eher erwache als Romeo gekommen ist, mich abzuholen? Das +ist ein fürchterlicher Umstand: Werd ich nicht in diesem Gewölbe, +dessen fauler Mund keine gesunde Luft einathmet, von dem +verpesteten Schwall erstikt werden, eh mein Romeo kommt? Und wenn +ich auch lebe, ist es nicht ganz natürlich, daß die grauenvolle +Scene von Tod und Nacht, die Vorstellung des Orts, wo ich bin--in +diesem uralten Gewölbe, wo seit so vielen hundert Jahren die +Gebeine aller meiner Vorfahren zusammengehäuft ligen--wo der +blutige Tybalt in gähnender Verwesung in seinen Grabtüchern ligt-- +wo, wie man sagt, zu gewissen Stunden in der Nacht Geister gehen--O! +Himmel, ist es nicht wahrscheinlich, daß die scheuslichen +Ausdünstungen, das gräßliche Geheul der Gespenster, (gleich den +Alraunen, wenn sie aus der Erde gerissen werden,) Töne, von deren +Anhören lebende Menschen den Verstand verliehren--mich vor der Zeit +erweken werden; oder wenn ich erwache, werd' ich von allen diesen +Schreknissen umringt, von Sinnen kommen, wahnwiziger Weise mit +meiner Voreltern Gebeinen spielen, den halbverfaulten Tybalt aus +seinen Tüchern reissen, und in dieser Raserey, mit den Knochen +irgend eines grossen Ahnherrn, wie mit einer Keule, mir mein +verzweifelndes Gehirn ausschlagen?--O! Sieh, mich däucht ich sehe +meines Vetters Geist, der diesen Romeo bey mir sucht, seinen Mörder! +und meinen Gemahl!--Halt, Tybalt, halt! Romeo, ich komme! Diß +trink ich dir zu. + +(Sie trinkt die Phiole aus, und wirft sich auf ihr Bette.) + + + +Vierte Scene. +(Ein Vorsaal in Capulets Hause.) +(Lady Capulet und die Amme treten auf.) + + +Lady Capulet. +Warte, nimm diese Schlüssel, und hole mehr Gewürz, Amme. + +Amme. +Sie ruffen um Datteln und Quitten in die Tarte? (Capulet zu den +Vorigen.) + +Capulet. +Auf, munter, hurtig, regt euch, der Hahn hat schon zum andern mal +gekräht, die Morgen-Gloke ist schon geläutet worden, es ist drey +Uhr--Sieh zu dem Bakwerk, gute Angelica--Spar't nur nichts an den +Sachen-- + +Amme. +Geht, geht, und mengt euch nicht in Weiber-Sachen--geht in euer +Bett, ihr werdet morgen krank dafür seyn, daß ihr diese Nacht nicht +geschlaffen habt. + +Capulet. +Nein, nichts weniger--was? Ich denke wol der Zeit, da ich ganze +Nächte durch um einer schlechtern Ursache willen gewacht habe, und +bin nie krank geworden. + +Lady. +Ja, ja, ihr seyd ein feiner Mäuse-Jäger in eurer Jugend gewesen-- +aber heutigs Tags will ich euch schon bewachen, daß ihr nicht so +wachen sollt. + +(Lady Capulet und Amme gehen ab.) + +Capulet. +Eifersucht, pure Eifersucht! Nun, Bursche, was giebt's hier zu +thun? (Drey oder viere mit Bratspiessen, Körben, Holz, u. s. w. +treten auf.) + +Bedienter. +Sachen für den Koch, Gnädiger Herr, aber ich weiß nicht was. + +Capulet. +Macht hurtig, macht hurtig; Schurke, hole trokneres Holz, ruf dem +Peter, er wird dir weisen wo es ligt. + +Bedienter. +Gnädiger Herr, um Klöze zu finden, hab' ich selber Kopfs genug, ich +brauche keinen Peter dazu. + +Capulet. +Sakerlot! wol gegeben,--du hast Wiz, Bursche, ha, ha--Aber bey +meiner Treue, es ist schon Tag-- + +(Man hört Musik von Ferne.) + +Der Graf wird bald mit Musicanten hier seyn--er hat es versprochen-- +Ich hör ihn schon kommen. Amme--Frau--wie, holla, he! Amme, sag +ich! (Die Amme kommt.) Geh, weke Julietten, geh und puze sie auf, +ich will gehn und indeß mit Paris schwazen: Fort, mach hurtig, mach +hurtig, der Bräutigam ist schon da--Mach hurtig, sag ich-- + +(Sie gehen ab.) + + + +Fünfte Scene. +(Verwandelt sich in Juliettens Schlaf-Zimmer; Juliette ligt auf + dem Bette.) +(Die Amme tritt wieder auf.) + + +Amme. +Gnädiges Fräulein he! Fräulein! Juliette Das heißt geschlaffen, das +gesteh ich--he, Däubchen--he, Fräulein--fy, ihr Sieben-Schläferin-- +he! Liebchen, sag ich--Fräulein--Herzchen--Braut--wie? nicht ein +Wort? Ich seh, ihr nehmt für eure drey Pfenninge zum Voraus; ihr +schlaft vor die ganze Woche; gut, in der nächsten Nacht, da bin ich +gut dafür, wird Graf Paris Mann dafür seyn, daß ihr wenig genug +schlafen sollt--Gott verzeih mir's--heilige Marie! und Amen!--was +für einen gesunden Schlaf sie hat! Ich muß sie aufschreyen-- +Fräulein, Fräulein, Fräulein--Nun, wahrlich, laßt nur den Grafen +euch in sein Bette kriegen, er wird euch aufrütteln, mein Treu-- +Kan's denn nicht seyn? Wie, angezogen, in euern Kleidern--und +wieder zurük!--Ich muß Ernst brauchen--Fräulein, Fräulein, Fräulein-- +O Gott! o Gott! helft, helft, helft! Mein Fräulein ist todt! O +Herzenleid! O! warum mußt ich gebohren werden!--O, einen Schluk +Aquavit--he!--Gnädiger Herr! Gnädige Frau! (Lady Capulet.) + +Lady Capulet. +Was ist hier für ein Geschrey? + +Amme. +O unglükseliger Tag! + +Lady Capulet. +Was ist's, was ist's? + +Amme. +Da seht--O unglüklicher Tag! + +Lady Capulet. +O Gott, o Gott! mein Kind, mein einziges Leben! leb wieder auf, +sieh mich an, oder laß mich mit dir sterben. Hülfe, Hülfe! schrey +um Hülfe! (Capulet zu den Vorigen.) + +Capulet. +Schämt euch doch, warum bringt ihr Julietten so lange nicht; ihr +Gemahl ist gekommen. + +Amme. +Sie ist todt, gestorben ist sie, sie ist todt: O! daß es Gott +erbarme! + +Capulet. +Ha! laßt mich sehen--O Himmel! es ist aus, sie ist kalt, ihr Blut +ist gestockt und ihre Gelenke sind starr--ihre Lippen sind ohne +Leben, der Tod ligt auf ihr, wie ein frühzeitiger Frost auf der +angenehmsten Blume des ganzen Gefildes. Verfluchter Unfall! +Unglükseliger alter Mann! + +Amme. +O des kläglichen Hochzeit-Tags! + +Lady Capulet. +Arme trostlose Mutter! + +Capulet. +Der Tod, der mir die Freude meines Alters geraubt hat, bindet meine +Zunge, und will mich nicht reden lassen. (Bruder Lorenz und Paris +mit Musicanten.) + +Bruder Lorenz. +Kommt, ist die Braut fertig zum Kirchgang? + +Capulet. +Zum Kirchgang, aber nicht zur Heimholung. O Sohn, in der Nacht vor +deinem Hochzeit-Tag ist der Tod bey deinem Weibe gelegen. Sieh, +hier ligt sie, die holde Blume die sie war, nun von ihm ihres +Schmuks beraubt: Der Tod ist mein Tochter-Mann. + +Paris. +Hab ich so lange mich gesehnt, diesen Morgen zu sehen, und giebt er +mir nun einen solchen Anblik? + +Lady Capulet. +Verfluchter, elender, unseliger, verhaßter Tag! Jammervolleste +Stunde, die jemals die Zeit auf ihrer immerwährenden Pilgrimschaft +erblikte! Nur ein einziges, ein armes, einziges, liebes, zärtliches +Kind; nur ein einziges, das mir zur Freude und zum Trost war, und +der unbarmherzige Tod hat es mir weggenommen.* + +{ed.-* Paris hat hier im Original eine Rede, die vollkommner (Non- +Sense) ist, und durch die er die Amme ablößt, die sich mit +unaufhörlichen Ausruffungen "O weh, o weh; o Tag, o Tag," heiser +geschrien. Man hat beyde dem Genius des Shakespears aufgeopfert.} + +Capulet. +Unseliger Zufall!--Mußte unsre Freude auf eine so meuchelmördrische +Art ermordet werden! O mein Kind, mein Kind! Meine Seele, nicht +mein Kind, sollst du todt seyn? O Gott, todt!--Mein Kind ist todt-- +alle meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab. + +Bruder Lorenz. +Nun, so hemmt doch endlich diesen Ausbruch der Ungeduld und +Verzweiflung! Alle diese trostlosen Klagen können euer Weh nicht +heilen: Der Himmel und ihr hattet Antheil an diesem liebenswürdigen +Mädchen; nun hat der Himmel Alles, und desto besser ist es für sie. +Euern Antheil an ihr konntet ihr nicht vor dem Tode bewahren: Aber +der Himmel erhält den seinen bey ewigem Leben. Alles was ihr +suchtet, war ihre Erhebung--und ihr weint nun, sie über die Wolken, +so hoch als der Himmel selber ist, erhoben zu sehen? Was für eine +verkehrte Liebe zu euerm Kind ist das, daß ihr von Sinnen kommen +wollt, da ihr seht daß sie glüklich ist! Troknet eure Thränen, +umstekt diese schöne Leiche mit Rosmarin, und traget sie, wie es +der Gebrauch ist, in ihrem besten Anzug in die Kirche. + +Capulet. +Alle Zurüstungen, die wir zu unserm Fest gemacht haben, verwandeln +sich nun in ein trauervolles Leichen-Gepränge. Unsre musicalischen +Instrumente in melancholische Todten-Gloken, unser hochzeitliches +Gastmahl in ein schwermüthiges Leichen-Mahl, unsre festlichen +Lobgesänge in bange Klaglieder, und unsre hochzeitlichen Blumen- +Kränze dienen nun eine Todten-Baare zu schmüken--O der kläglichen +Verwandlung! + +Bruder Lorenz. +Gnädiger Herr, geht hinein, und ihr, Madam, geht mit ihm, und ihr, +Signor Paris; ein jedes bereite sich, diese schöne Leiche zu ihrem +Grabe zu begleiten; und hütet euch, durch murrende Ungeduld den +über euch schwebenden Zorn des Himmels noch mehr zu reizen. + +(Sie gehen ab.) + + + +Sechste Scene. +(Die Amme und die Musicanten bleiben, wie natürlich, zurük. Die +leztern sind so fein, es von sich selbst zu merken, daß sie hier zu +nichts mehr nuzen, und die weise Amme sagt es ihnen noch zum +Überfluß; sie steken also ihre Pfeiffen ein, und wollen gehen. +Aber zu grossem Vergnügen der Zuschauer in den obersten Gegenden +kommt Peter, und verlangt, daß sie ihm ein lustiges Stükchen +aufspielen sollen; dieses giebt dann den Anlaß zu einem kleinen) +Divertissement (von Wortspielen und Spässen im Geschmak des Wiener- +Harlequins; einer Abwechslung, die freylich, (wie der sinnreiche +Herr von Voltaire weislich bemerkt,) dem Geschmak unsers Autors und +seiner Zeitgenossen wenig Ehre macht, aber doch den Vortheil mit +sich führt, daß die Zuschauer, (welche ans Ende doch in die Comödie +gegangen sind, um sich einen Spaß zu machen,) durch die kläglichen +Scenen nicht gar zu sehr gerührt werden.) + + + + +Fünfter Aufzug. + + + +Erste Scene. +(Mantua.) +(Romeo tritt auf.) + + +Romeo. +Wenn ich den schmeichelnden Eingebungen des Schlafs trauen dürfte, +so würden mir meine Träume angenehme Neuigkeiten vorbedeuten. Ein +ungewöhnlicher Geist der Frölichkeit erfüllt meinen Busen, und hebt +mich mit angenehmen Gedanken über den Boden empor: Ich träumte, +meine Geliebte käme und fände mich todt--(Was für ein seltsames +Ding ein Traum ist, daß er todten Leuten doch noch die Erlaubniß +giebt zu denken!)--und hauchte durch ihre Küsse ein solches Leben +in meine Lippen, daß ich wieder von den Todten auferstand und ein +Kayser wurde. O Himmel! wie süß ist der würkliche Genuß der Liebe, +da ihre Schatten schon so reich an Wonne sind! (Balthasar tritt auf.) +Neue Zeitungen von Verona--Wie steht's Balthasar? Bringst du mir +Briefe vom Pater? Was macht meine Geliebte? Ist mein Vater wohl? +Was macht meine Juliette? Das muß ich noch einmal fragen; denn wenn +sie wohl ist, so ist nichts übel. + +Balthasar. +So ist sie denn wohl und nichts ist übel. Ihr Leichnam schläft in +dem Begräbniß der Capulets, und ihr unsterblicher Theil lebt mit +Engeln. Ich sah sie in das Gewölb ihrer Familie legen, und nahm +sogleich die Post es euch zu berichten. Vergebung, Gnädiger Herr, +daß mein Dienst mich nöthigt, euch eine so böse Zeitung zu bringen! + +Romeo. +Ist es würklich so?--So biet' ich euch Troz, ihr Sterne!--Du kennst +meine Wohnung, geh, hole mir Dinte und Papier, und bestelle Post- +Pferde--Ich will diese Nacht noch fort. + +Balthasar. +Um Vergebung, Gnädiger Herr, ich darf euch nicht so verlassen. Eure +Blike sind düster und wild, und bedeuten nichts Gutes. + +Romeo. +Stille! du betrügst dich. Verlaß mich und thu was ich dir sage: +Hast du keine Briefe vom Pater an mich? + +Balthasar. +Nein, gnädiger Herr. + +Romeo. +Das hat nichts zu bedeuten: geh, und bestelle die Pferde; ich will +gleich bey dir seyn. + +(Balthasar geht ab.) + +Gut, Juliette, heute Nacht will ich bey dir ligen--Laß sehen, wie +machen wir das? Wie schnell findet Unheil den Eingang in ein +verzweifelndes Gemüth!--Ich erinnre mich eines Apothekers, der hier +irgend wohnt, und den ich lezthin in einem zerlumpten Kittel, mit +überhangenden Augbrauen, Kräuter suchend fand. Ich faßte den Mann +ins Auge; seine Blike sahen mager und verhungert aus, Kummer und +Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenuzt zu haben; in seiner +armseligen Bude hieng eine Schildkröte, ein ausgestopfter Alligator, +und ein paar andre Häute von mißgeschaffnen Fischen; und rings um +auf dem Gestelle stuhnd ein bettelhaftes Gepränge von leeren +Büchsen, grünen irdnen Töpfen, Blasen, muffigen Saamen, Resten von +Pakfaden, und alte Rosen-Kuchen dünn genug zerstreut, damit es doch +etwas gleich sehen sollte. In dem Augenblik da mir dieser armselige +Zustand in die Augen fiel, dacht' ich bey mir selbst, wenn izt +einer Gift brauchte, dessen Verkauff in Mantua ohne Gnad' am Leben +gestraft wird, so lebt hier ein armseliger Tropf, der ihm's zu +kauffen gäbe. O! dieser Gedanke war eine Ahnung, daß ich diesen +Mann bald selber nöthig haben würde. So viel ich mich erinnere, +sollte diß das Haus seyn; weil heut ein Feyertag ist, so ist des +Bettlers Bude geschlossen. Holla! he! Apotheker. (Der Apotheker +kommt heraus.) + +Apotheker. +Wer ruft so laut? + +Romeo. +Komm hervor, Mann! Ich sehe, du bist arm; sieh, da sind vierzig +Ducaten, gieb mir eine Drachme Gift davor, von so schneller Würkung, +daß es sich in einem Augenblik durch alle Adern verbreite, und der +Lebens-überdrüssige, der es einnimmt, so plözlich und mit solcher +Gewalt des Athemholens entladen werde, als das unaufhaltsame Pulver, +sobald es sich entzündet, aus dem fatalen Bauch einer Canone +losbricht. + +Apotheker. +Dergleichen tödtliche Präparata hab' ich; aber das Gesez ist Tod +für den, welcher sie hergiebt. + +Romeo. +Bist du so nakend und mit Elend beladen, und fürchtest den Tod? +Hunger sizt auf deinen Wangen, Mangel und Kummer schauen aus deinen +holen Augen hervor, Verachtung und Betteley hangen auf deinem Rüken, +und du fürchtest den Tod? Die Welt ist nicht dein Freund, und ihr +Gesez auch nicht; die Welt giebt kein Gesez dich reich zu machen; +sey also klüger, brich es, und nimm mein Gold. + +Apotheker. +Meine Dürftigkeit williget ein, nicht mein Wille. + +Romeo. +Auch bezahl' ich nicht deinen Willen, sondern deine Dürftigkeit. + +Apotheker. +Gießt dieses in was für einen Liquor ihr wollt, und trinkt es aus; +und wenn ihr die Stärke von zwanzig Männern hättet, so wird es euch +in die andre Welt schiken. + +Romeo. +Hier ist dein Gold; ein schädlichers Gift für die Seelen der +Menschen, und welches mehr Mordthaten in dieser heillosen Welt +verursacht, als diese arme Quaksalbereyen, die du nicht verkauffen +kanst: Ich habe dir Gift verkauft, nicht du mir--fahre wohl, kauf +dir zu essen, und mach, daß du zu Fleisch kommst--Komm, Herz- +Stärkung, nicht Gift; komm mit mir, wo ich dich brauche, zu +Juliettens Grab. + +(Sie gehen ab.) + + + +Zweyte Scene. +(Verwandelt sich in das Kloster zu Verona.) +(Bruder Johann tritt auf.) + + +Johann. +Ehrwürdiger Sohn des heiligen Franciscus, Bruder! he! (Bruder +Lorenz kommt heraus.) + +Lorenz. +Das sollte Bruder Johanns Stimme seyn--Willkommen von Mantua; was +sagt Romeo? Oder habt ihr mir einen Brief von ihm? + +Johann. +Da ich abreisen wollte, gieng ich, einen Baarfusser-Bruder von +unserm Orden zum Reise-Gefährten zu suchen, der hier in der Stadt +war, um Kranken beyzustehen. Ich fand ihn; aber wie wir aus dem +Hause gehen wollten, kamen die Visitatoren der Stadt, und weil sie +einen Argwohn hatten, daß in dem Hause worinn sie uns fanden, eine +anstekende Krankheit grassiere, versiegelten sie die Thüren und +liessen uns nicht fort; so daß also meine Reise nach Mantua +unterbleiben mußte. + +Lorenz. +Wer brachte dann dem Romeo meinen Brief? + +Johann. +Ich konnt' ihn nicht fortschiken, hier ist er wieder; ich konnte +nicht einmal jemand finden, der ihn dir wiedergebracht hätte, so +groß war ihre Furcht, sie möchten angestekt werden. + +Lorenz. +Das ist ein unglüklicher Zufall! Bey meinem Ordens-Gelübd, der +Brief enthielt Sachen von der grössesten Wichtigkeit, und diese +Versäumung kan böse Folgen haben. Bruder Johann, geh, schaff mir +ein Brech-Eisen und bring mirs in meine Celle. + +Lorenz. +Nun muß ich allein in die Gruft; in den nächsten drey Stunden wird +die schöne Juliette erwachen--Wie wird sie über mich schmählen, daß +ihr Romeo von allen diesen Vorfällen keine Nachricht bekommen hat! +Aber ich will noch einmal nach Mantua schreiben, und sie indeß in +meiner Celle verbergen, bis Romeo kommt. Arme lebende Leiche, ich +eile, dich aus deiner Todten-Gruft zu ziehen!-- + +(Er geht ab.) + + + +Dritte Scene. +(Verwandelt sich in einen Kirchhof--auf demselben die Familien- + Gruft der Capulets.) +(Paris und sein Edelknabe, mit einer Fakel, treten auf.) + + +Paris. +Gieb mir deine Fakel, Junge: Geh und steh von Ferne. Doch nein, +lösche sie aus, ich möchte nicht gesehen werden--Leg dich, so lang +du bist, unter jenen Taxus-Bäumen hin, und halte dein Ohr dicht an +den hohlen Boden, so wird kein Fuß auf diesen Kirchhof treten +können, ohne daß du es hörst; und sobald du hörst, daß sich etwas +nähert, so zische mir zu; das soll das Zeichen seyn. Gieb mir diese +Blumen--thu, was ich dir sage, geh. + +Edelknabe. +Ich fürchte mich herzlich, so allein hier auf dem Kirchhof zu seyn, +und doch will ich es wagen. + +(Geht ab.) + +Paris + +(geht an die Gruft, und streut Blumen über sie.) + +Anmuthsvolle Blume! So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette: +Schöne Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte +Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im +Tode-- + +(der Knabe zischt) + +Der Junge giebt ein Zeichen, es nähert sich was--was für +verfluchte Füsse wandern in dieser späten Nacht hieher, mich in den +zärtlichen Gebräuchen der traurenden Liebe zu stören?--Wie? ein +Licht? Verhülle mich eine Weile, o Nacht-- + +(Er geht bey Seite.) + + + +Vierte Scene. +(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.) + + +Romeo. +Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen. Hier, nimm diesen Brief, und +sieh daß du ihn morgen früh meinem Herrn und Vater überlieferst. +Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir, +du magst hören oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen, +und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben. Warum ich in diese +Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen, +hauptsächlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring +zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nöthig +habe; entfern dich also von hier, geh--unterfängst du dich aber aus +Fürwiz zurükzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im +Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk für Gelenk in Stüke +reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern +bestreuen. Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild, +grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die +heulende See. + +Balthasar. +Ich will gehen, Gnädiger Herr, und euch nicht stören. + +Romeo. +So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und +sey glüklich, fahrwohl, guter Junge. + +Balthasar (im Weggehen vor sich.) +Das alles ist mir ein desto stärkerer Beweggrund, mich hier in der +Nähe zu verbergen. Ich fürchte seine Blike, und zweifle, daß er was +Gutes im Sinn habe. + +Romeo. +Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das +kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine +morschen Kinnbaken sich zu öfnen, + +(er bricht die Gruft auf) + +um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen. + +Paris (kommt hervor.) +Diß ist der verbannte übermüthige Montague, der den Vetter meiner +Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie darüber hatte, +wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist +er gekommen, irgend eine niederträchtige Schmach an ihren +Leichnamen auszuüben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner +verdammlichen Arbeit, nichtswürdiger Montague: Willt du deine Wuth +bis auf die Todten ausdehnen? Verurtheilter Bösewicht, ich +bemächtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben. + +Romeo. +Ich muß, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch, +reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und laß +mich: Denk an diese, die hier ligen, und laß sie dich schreken. Ich +bitte dich, Jüngling, häuffe nicht noch eine neue Sünde über mein +Haupt, treibe mich nicht zur Wuth. O geh! Beym Himmel! ich liebe +dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet +hieher gekommen. Verweile nicht, geh, und sage, daß du dein Leben +der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest. + +Paris. +Ich verschmähe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen +Hochverräther. + +Romeo. +So willst du mich denn mit Gewalt reizen? Hab es dann an dir selber, +Junge. + +(Sie fechten. Paris fällt.) + +Edelknabe. +O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen. + +Paris. +Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fähig bist, so +öffne die Gruft und lege mich zu Julietten. + +(Er stirbt.) + +Romeo. +Auf meine Ehre, das will ich: Laß mich dieses Gesicht in der Nähe +besehen--Mercutio's Vetter! der edle Graf Paris! was sagte mir mein +Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewälzte Seele nicht +darauf Acht gab, was er sagte--Mich däucht, er erzählte mir, Paris +habe Julietten heurathen sollen. Sagte er das nicht? oder träumte +mir's nur? Oder bin ich unsinnig, daß ich mir einbilde es sey so, +weil ich ihn so zärtlich von Julietten reden hörte?--O gieb mir +deine Hand, du, den das Schiksal in mein Unglük verflochten hat, +ich will dir ein beneidenswürdiges Grab gewähren--Ein Grab? O nein, +eine Glorie, ermorderter Jüngling; denn Juliette ligt hier, und +ihre Schönheit erfüllt diese grauenvolle Gruft mit Licht und +Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben. + +(Er legt ihn in die Gruft.) + +Wie oft ist es schon begegnet, daß Sterbende kurz vor ihrem lezten +Augenblik noch aufgeräumt gewesen sind--O gönne mir noch einen +solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den +Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt über deine +Schönheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne +Fahne der Schönheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse +Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du +hier in deinem blutigen Leichen-Tuch? O was kan ich mehr thun, wie +kan ich dich besser rächen, als eben diese Hand, die dein +jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Mörder zu gebrauchen? +Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach! liebste Juliette, warum bist du +noch so schön? Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich +verliebt worden, und das dürre scheußliche Ungeheuer unterhalte +dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn? Aus Furcht es +möchte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem +Augenblik diesen Palast der düstern Nacht nimmermehr verlassen; +hier, hier will ich bleiben, bey den Würmern, die deine Kammer- +Mädchen sind; hier will ich eine immerwährende Ruhe finden, wenn +ich das tyrannische Joch erboßter Sterne von diesem Lebens- +überdrüssigen Fleisch abgeschüttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum +leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr, +siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Kuß dem wuchernden Tod eine +Verschreibung, die nie wieder abgelößt werden kan--Diß, meine Liebe, +trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker, + +(er trinkt das Gift aus,) + +Deine Tränke würken gut--Noch diesen Kuß. + +(Er stirbt.) + +(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer +Spathe.) + +Bruder Lorenz. +St. Franciscus steh mir bey! Wie manchmal haben schon in später +Nacht meine alten Füsse an Gräbern gestolpert! Wer ist hier? +(Balthasar kommt hervor.) + +Balthasar. +Ein Freund, der euch wol kennt. + +Lorenz. +Heil sey dir! Sage mir, guter Freund, was für eine Fakel seh ich +dort, die ihr Licht so vergeblich Würmern und auglosen Schädeln +leiht? Wie mich däucht, so brennt sie in der Gruft der Capulets. + +Balthasar. +Es ist würklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist, +ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden. + +Lorenz. +Wie nennt er sich? + +Balthasar. +Romeo. + +Lorenz. +Wie lang ist er schon da? + +Balthasar. +Eine volle halbe Stunde. + +Lorenz. +Geh mit mir in die Gruft. + +Balthasar. +Ich habe das Herz nicht, ehrwürdiger Herr--Mein Herr weiß nichts +anders als daß ich weggegangen sey, und bedräute mich auf eine +fürchterliche Art, daß er mich umbringen wolle, wenn ich +zurükbleiben und sein Vorhaben belauschen würde. + +Lorenz. +So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an-- +ich fürcht', ich fürcht' es ist ein Unglük geschehen. + +Balthasar. +Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da träumte mir mein Herr +und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn +erschlagen. + +Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.) +Romeo! O Himmel! was bedeutet dieses Blut das den steinernen +Eingang dieser Gruft beflekt? Was bedeuten diese herrenlose +Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des +Friedens ligen? Romeo! o Gott, ohne Leben! und dieser?--Wie? Paris?-- +im Blute schwimmend? Ha, was für eine unselige Stunde ist an +diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Fräulein rührt sich-- + +Juliette (erwachend.) +O Trostbringender Vater! wo ist mein Gemahl? Ich erinnre mich wohl, +wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo? + +Lorenz. +Ich hör ein Getöse--Fräulein, komm hervor aus dieser Höle des Todes, +der Verwesung und des unnatürlichen Schlafs; eine grössere Macht, +als der wir wiederstreben könnten, hat unsern Entwurf +durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und +Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen +Schwestern führen: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die +Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht länger +bleiben-- + +(Er geht.) + +Juliette. +Geh, geh du, und laß mich hier bleiben--Was ist hier? Ein Becher, +in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger +Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht +einen freundschaftlichen Tropfen übrig zu lassen, der mir dir nach +helfe! Ich will deine Lippen küssen; vielleicht hängt noch so viel +Gift daran, als ich nöthig habe--Deine Lippen sind noch warm-- +(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.) + +Wache. +Weis' uns den Weg, Junge. + +Juliette. +So? Kommt jemand? So will ich's kurz machen-- + +(sie findt einen Dolch.) + +O glüklicher Dolch! hier ist deine Scheide, hier roste und laß +mich sterben. + +(Sie ersticht sich.) + +Knabe. +Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt. + +Wache. +Der Boden ist voller Blut. Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht, +etliche von euch, macht feste wen ihr findet. Erbärmlicher Anblik! +Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch +warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier +begraben gelegen ist. Geht, zeigt es dem Fürsten an, rennt zu den +Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die +Umstände allein können diese klägliche Begebenheit begreiflich +machen. (Etliche Wächter mit Balthasar.) + +2. Wächter. +Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden +haben. + +1. Wächter. +Haltet ihn auf, bis der Fürst kommt. (Ein andrer Wächter, mit +Bruder Lorenzen.) + +3. Wächter. +Hier ist ein Franciscaner, der zittert, ächzt und weint; wir fanden +dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser +Seite des Kirchhofs her. + +1. Wächter. +Das ist sehr verdächtig; haltet ihn auch auf. + + + +Fünfte Scene. +(Der Fürst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubühne auf.) + + +Fürst. +Was für ein Unheil ist so früh auf, daß es uns aus unserm Morgen- +Schlaf wekt? (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite +auf.) + +Capulet. +Was mag das seyn, daß ein so gräßliches Geschrey auf den Strassen +ist? + +Lady Capulet. +Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen, +Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey +unserm Begräbniß zu. + +Fürst. +Was für Töne des Schrekens stürzen sich in unser Ohr? + +1. Wächter. +Gnädigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt, +und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten +umgebracht. + +Fürst. +Sucht, forscht nach, und späht aus, woher diese scheußliche +Mordthaten kommen? + +1. Wächter. +Hier ist ein Mönch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit +Werkzeugen, diese Todten-Gräber aufzubrechen, ertappt worden sind. + +Capulet. +O Himmel!--O Weib! Sieh, wie unsre Tochter blutet! Dieser Dolch hat +sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Rüken des Montaguen, +und die entblößte Klinge in meiner Tochter Busen-- + + +Lady Capulet. +O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen +Alter zu Grabe läutet. (Montague zu den Vorigen.) + +Fürst. +Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben-- + +Montague. +Weh mir!--Mein Weib, Gnädigster Herr, ist in dieser Nacht +verschieden--Der Gram über ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz +gebrochen--Was für ein neues Weh verschwört sich gegen mein graues +Alter? + +Fürst. +Schau hieher, so wirst du's sehen. + +Montague. +O du Übelgezogner, was für Lebens-Art war das, dich vor deinem +Vater so in's Grab zu drängen? + +Fürst. +Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene +Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang +herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anführer euers +Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die +verdächtigen Personen herbey! + +Bruder Lorenz. +Ich, der unvermögendste, bin derjenige, den der stärkste Verdacht +drükt; Zeit und Ort scheinen mich dieses gräßlichen Mords +anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Ankläger und +Advocat zu seyn. + +Fürst. +So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist. + +Bruder Lorenz. +Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug für +eine langweilige Historie. Romeo, der hier todt ligt, war +Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues +Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen +Vermählung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen +Bräutigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod, +war die Ursache von Juliettens Gram. Ihr, + +(zu Capulet) + +um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem +Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit +Gewalt zu zwingen. In diesen Umständen kommt sie zu mir, und, mit +wilden Bliken, bittet sie mich daß ich ihr ein Mittel an die Hand +gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in +meiner Celle selbst ums Leben bringen. In diesem schwürigen +Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hülfe; ich gab ihr einen +Schlaf-Trunk, dessen Würkung meiner Absicht vollkommen antwortete-- +denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, daß +sie für eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde. Inmittelst +schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, daß er in eben dieser +schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Würkung des Tranks zu +Ende gehen würde, hieher kommen, und mir helfen möchte, sie aus +ihrem geborgten Grabe heraus zu holen. Allein, Bruder Johann, der +ihm meinen Brief überbringen sollte, wurde durch einen Zufall +aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also +genöthigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher +zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des +Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis +ich Gelegenheit fände, den Romeo hieher zu beruffen. Aber wie ich +kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier +erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt. Sie erwacht, und ich +bitte sie inständigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des +Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getöse, das ich gleich +darauf hörte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie, +verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir +gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich +selbst. Alles dieses weiß ich, und von der heimlichen Heurath kan +auch ihre Amme Zeugniß geben: Ist aber in allem diesem etwas durch +meine Schuld gefehlt und zu diesem unglüklichen Ausgange gebracht +worden, so laßt immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner +bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden. + +Fürst. +Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt. Wo ist +Romeo's Diener? Was kan Er von der Sache berichten? + +Balthasar. +Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich +kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu +dieser nehmlichen Gruft; übergab mir diesen Brief an seinen Vater, +und dräute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich +nicht weggehen und ihn allein lassen wollte. + +Fürst. +Gieb mir den Brief, ich will ihn übersehen--Wo ist des Grafen Knabe, +der die Wache herbeyholte? Bursche, was machte dein Herr an diesem +Orte? + +Knabe. +Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und +befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald +darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu öffnen, und +augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich +und holte die Wache. + +Fürst. +Dieser Brief bekräftiget die Erzählung des Ordens-Manns--und hier +schreibt er, daß er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und +damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens +Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde? Capulet! Montague! Seht hier +die Ruthe, womit euere Unversöhnlichkeit gezüchtiget wird; seht wie +der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers +Lebens zu tödten. Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere +Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle +gestraft! + +Capulet. +O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter +Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen. + +Montague. +Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Säule von +gediegnem Gold aufstellen, daß, so lange Verona diesen Namen trägt, +kein Denkmal dem Denkmal der zärtlichen und getreuen Juliette +gleich geschäzt werde! + +Capulet. +Eben so glänzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure, +unglükliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft! + +Fürst. +Dieser Morgen bringt uns einen düstern Frieden, und die Sonne +selbst scheint trauernd ihr Haupt verhüllt zu haben--Geht, und +erwartet unsre Entscheidung, was in diesem unglüklichen Handel +Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende, +die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein +freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo, +lebet in unserm Andenken, und die späteste Nachwelt möge das +Gedächtniß eurer unglüklichen Liebe mit mitleidigen Thränen ehren!] + + +Romeo und Juliette, von William Shakespeare +(Übersetzt von Christoph Martin Wieland). + + + + + +End of Project Gutenberg's Romeo und Juliette, by William Shakespeare + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMEO UND JULIETTE *** + +This file should be named 7232-8.txt or 7232-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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