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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:28:47 -0700
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+Project Gutenberg's Der Kaufmann von Venedig, by William Shakespeare
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: Der Kaufmann von Venedig
+
+Author: William Shakespeare
+
+Translator: August Wilhelm von Schlegel
+
+Posting Date: January 18, 2014 [EBook #7043]
+Release Date: December, 2004
+[This file was first posted on February 27, 2003]
+
+Language: GERMAN
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KAUFMANN VON VENEDIG ***
+
+
+
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfuegung gestellt.
+Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+Der Kaufmann von Venedig
+
+William Shakespeare
+
+Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel
+
+
+Personen:
+
+Der Doge von Venedig
+Prinz von Marokko und Prinz von Arragon, (Freier der Porzia)
+Antonio, (der Kaufmann von Venedig)
+Bassanio, (sein Freund)
+Solanio, Salarino und Graziano, (Freunde des Antonio)
+Lorenzo, (Liebhaber der Jessica)
+Shylock, (ein Jude)
+Tubal, (ein Jude, sein Freund)
+Lanzelot Gobbo, (Shylocks Diener)
+Der alte Gobbo, (Lanzelots Vater)
+Salerio, (ein Bote von Venedig)
+Leonardo, (Bassanios Diener)
+Balthasar und Stephano, (Porzias Diener)
+Porzia, (eine reiche Erbin)
+Nerissa, (ihre Begleiterin)
+Jessica, (Shylocks Tochter)
+Senatoren von Venedig, Beamte des Gerichtshofes, Gefangenwärter,
+Bediente und andres Gefolge
+
+
+Die Szene ist teils zu Venedig, teils zu Belmont, Porzias Landsitz.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erste Szene
+
+Venedig. Eine Straße
+
+(Antonio, Salarino und Solanio treten auf)
+
+
+Antonio.
+Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht;
+Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch.
+Doch wie ich dran kam, wie mir's angeweht,
+Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt,
+Das soll ich erst erfahren.
+Und solchen Dummkopf macht aus mir die Schwermut,
+Ich kenne mit genauer Not mich selbst.
+
+Salarino.
+Eur Sinn treibt auf dem Ozean umher,
+Wo Eure Galeonen, stolz besegelt,
+Wie Herrn und reiche Bürger auf der Flut,
+Als wären sie das Schaugepräng der See,
+Hinwegsehn über kleines Handelsvolk,
+Das sie begrüßet, sich vor ihnen neigt,
+Wie sie vorbeiziehn mit gewebten Schwingen.
+
+Solanio.
+Herr, glaubt mir, hätt ich soviel auf dem Spiel,
+Das beste Teil von meinem Herzen wäre
+Bei meiner Hoffnung auswärts. Immer würd ich
+Gras pflücken, um den Zug des Winds zu sehn;
+Nach Häfen, Reed' und Damm in Karten gucken,
+Und alles, was mich Unglück fürchten ließ
+Für meine Ladungen, würd ohne Zweifel
+Mich traurig machen.
+
+Salarino.
+Mein Hauch, der meine Suppe kühlte, würde
+Mir Fieberschauer anwehn, dächt ich dran,
+Wieviel zur See ein starker Wind kann schaden.
+Ich könnte nicht die Sanduhr rinnen sehn,
+So dächt ich gleich an Seichten und an Bänke,
+Säh meinen "reichen Hans" im Sande fest,
+Das Haupt bis unter seine Rippen neigend,
+Sein Grab zu küssen. Ging ich in die Kirche
+Und säh das heilige Gebäu' von Stein,
+Sollt ich nicht gleich an schlimme Felsen denken,
+Die an das zarte Schiff nur rühren dürfen,
+So streut es auf den Strom all sein Gewürz
+Und hüllt die wilde Flut in meine Seiden.
+Und kurz, jetzt eben dies Vermögen noch,
+Nun gar keins mehr? Soll ich, daran zu denken,
+Gedanken haben und mir doch nicht denken,
+Daß solch ein Fall mich traurig machen würde?
+Doch sagt mir nichts; ich weiß, Antonio
+Ist traurig, weil er seines Handels denkt.
+
+Antonio.
+Glaubt mir, das nicht; ich dank es meinem Glück:
+Mein Vorschuß ist nicht (einem) Schiff vertraut,
+Noch (einem) Ort; noch hängt mein ganz Vermögen
+Am Glücke dieses gegenwärtgen Jahrs;
+Deswegen macht mein Handel mich nicht traurig.
+
+Solanio.
+So seid Ihr denn verliebt?
+
+Antonio.
+Pfui, pfui!
+
+Solanio.
+Auch nicht verliebt? Gut denn, so seid Ihr traurig,
+Weil Ihr nicht lustig seid; Ihr könntet eben
+Auch lachen, springen, sagen: Ihr seid lustig,
+Weil Ihr nicht traurig seid. Nun, beim zweiköpfgen Janus!
+Natur bringt wunderliche Käuz ans Licht:
+Der drückt die Augen immer ein und lacht
+Wie 'n Starmatz über einen Dudelsack;
+Ein andrer von so saurem Angesicht,
+Daß er die Zähne nicht zum Lachen wiese,
+Schwür Nestor auch, der Spaß sei lachenswert.
+
+(Bassanio, Lorenzo und Graziano kommen.)
+
+Hier kommt Bassanio, Euer edler Vetter,
+Graziano und Lorenzo; lebt nun wohl,
+Wir lassen Euch in besserer Gesellschaft.
+
+Salarino.
+Ich wär geblieben, bis ich Euch erheitert;
+Nun kommen wertre Freunde mir zuvor.
+
+Antonio.
+Sehr hoch steht Euer Wert in meiner Achtung;
+Ich nehm es so, daß Euch Geschäfte rufen
+Und Ihr den Anlaß wahrnehmt, wegzugehn.
+
+Salarino.
+Guten Morgen, liebe Herren!
+
+Bassanio.
+Ihr lieben Herrn, wann lachen wir einmal?
+Ihr macht euch gar zu selten: muß das sein?
+
+Salarino.
+Wir stehen Euch zu Diensten, wann's beliebt.
+
+(Salarino und Solanio ab.)
+
+Lorenzo.
+Da Ihr Antonio gefunden habt,
+Bassanio, wollen wir Euch nun verlassen.
+Doch bitt ich, denkt zur Mittagszeit daran,
+Wo wir uns treffen sollen.
+
+Bassanio.
+Rechnet drauf.
+
+Graziano.
+Ihr seht nicht wohl, Signor Antonio;
+Ihr macht Euch mit der Welt zuviel zu schaffen:
+Der kommt darum, der mühsam sie erkauft.
+Glaubt mir, Ihr habt Euch wunderbar verändert.
+
+Antonio.
+Mir gilt die Welt nur wie die Welt, Graziano;
+Ein Schauplatz, wo man eine Rolle spielt,
+Und mein' ist traurig.
+
+Graziano.
+Laßt den Narrn mich spielen,
+Mit Lust und Lachen laßt die Runzeln kommen
+Und laßt die Brust von Wein mir lieber glühn,
+Als härmendes Gestöhn das Herz mir kühlen.
+Weswegen sollt ein Mann mit warmem Blut
+Dasitzen wie sein Großpapa, gehaun
+In Alabaster? Schlafen, wenn er wacht?
+Und eine Gelbsucht an den Leib sich ärgern?
+Antonio, ich will dir etwas sagen;
+Ich liebe dich, und Liebe spricht aus mir:
+Es gibt so Leute, deren Angesicht
+Sich überzieht gleich einem stehnden Sumpf,
+Und die ein eigensinnig Schweigen halten,
+Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden
+Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn;
+Als wenn man spräche: Ich bin Herr Orakel;
+Tu ich den Mund auf, rühr sich keine Maus.
+O mein Antonio, ich kenne deren,
+Die man deswegen bloß für Weise hält,
+Weil sie nichts sagen; sprächen sie, sie brächten
+Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis,
+Weil sie die Brüder Narren schelten würden.
+Ein andermal sag ich dir mehr hievon;
+Doch fische nicht mit so trübselgem Köder
+Nach diesem Narren-Gründling, diesem Schein.
+Komm, Freund Lorenzo!--Lebt so lange wohl,
+Ich schließe meine Predigt nach der Mahlzeit.
+
+Lorenzo.
+Gut, wir verlassen Euch bis Mittagszeit.
+Ich muß von diesen stummen Weisen sein,
+Denn Graziano läßt mich nie zum Wort.
+
+Graziano.
+Gut, leiste mir zwei Jahre noch Gesellschaft,
+So kennst du deiner Zunge Laut nicht mehr.
+
+Antonio.
+Lebt wohl! Ich werd ein Schwätzer Euch zulieb.
+
+Graziano.
+Dank, fürwahr! denn Schweigen ist bloß zu empfehlen
+An geräucherten Zungen und jungfräulichen Seelen.
+
+(Graziano und Lorenzo ab.)
+
+Antonio.
+Ist das nun irgend was?
+
+Bassanio.
+Graziano spricht unendlich viel nichts, mehr als irgendein Mensch
+in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gedanken sind wie zwei
+Weizenkörner in zwei Scheffel Spreu versteckt; Ihr sucht den
+ganzen Tag, bis Ihr sie findet, und wenn Ihr sie habt, so
+verlohnen sie das Suchen nicht.
+
+Antonio.
+Gut, sagt mir jetzt, was für ein Fräulein ist's,
+Zu der geheime Wallfahrt Ihr gelobt,
+Wovon Ihr heut zu sagen mir verspracht?
+
+Bassanio.
+Euch ist nicht unbekannt, Antonio,
+Wie sehr ich meinen Glücksstand hab erschöpft,
+Indem ich glänzender mich eingerichtet,
+Als meine schwachen Mittel tragen konnten.
+Auch jammr' ich jetzt nicht, daß die große Art
+Mir untersagt ist; meine Sorg ist bloß,
+Mit Ehren von den Schulden loszukommen,
+Worin mein Leben, etwas zu verschwendrisch,
+Mich hat verstrickt. Bei Euch, Antonio,
+Steht meine größte Schuld, an Geld und Liebe,
+Und Eure Liebe leistet mir Gewähr,
+Daß ich Euch meine Plän eröffnen darf,
+Wie ich mich löse von der ganzen Schuld.
+
+Antonio.
+Ich bitt Euch, mein Bassanio, laßt mich's wissen;
+Und steht es, wie Ihr selber immer tut,
+Im Angesicht der Ehre, seid gewiß:
+Ich selbst, mein Beutel, was ich nur vermag,
+Liegt alles offen da zu Euerm Dienst.
+
+Bassanio.
+In meiner Schulzeit, wenn ich einen Bolzen
+Verloren hatte, schoß ich seinen Bruder
+Von gleichem Schlag den gleichen Weg; ich gab
+Nur besser acht, um jenen auszufinden,
+Und, beide wagend, fand ich beide oft.
+Ich führ Euch dieses Kinderbeispiel an,
+Weil das, was folgt, die lautre Unschuld ist.
+Ihr lieht mir viel, und wie ein wilder Junge
+Verlor ich, was Ihr lieht; allein, beliebt's Euch,
+Noch einen Pfeil desselben Wegs zu schießen,
+Wohin der erste flog, so zweifl ich nicht,
+Ich will so lauschen, daß ich beide finde.
+Wo nicht, bring ich den letzten Satz zurück
+Und bleib Eur Schuldner, dankbar für den ersten.
+
+Antonio.
+Ihr kennt mich und verschwendet nur die Zeit,
+Da Ihr Umschweife macht mit meiner Liebe.
+Unstreitig tut Ihr jetzt mir mehr zu nah,
+Da Ihr mein Äußerstes in Zweifel zieht,
+Als hättet Ihr mir alles durchgebracht.
+So sagt mir also nur, was ich soll tun,
+Wovon Ihr wißt, es kann durch mich geschehn,
+Und ich bin gleich bereit: deswegen sprecht!
+
+Bassanio.
+In Belmont ist ein Fräulein, reich an Erbe,
+Und sie ist schön und, schöner als dies Wort,
+Von hohen Tugenden; von ihren Augen
+Empfing ich holde, stumme Botschaft einst.
+Ihr Nam' ist Porzia; minder nicht an Wert
+Als Catos Tochter, Brutus' Porzia.
+Auch ist die weite Welt des nicht unkundig,
+Denn die vier Winde wehn von allen Küsten
+Berühmte Freier her; ihr sonnig Haar
+Wallt um die Schläf ihr wie ein goldnes Vlies;
+Zu Kolchos' Strande macht es Belmonts Sitz,
+Und mancher Iason kommt, bemüht um sie.
+O mein Antonio! hätt ich nur die Mittel,
+Den Rang mit ihrer einem zu behaupten,
+So weissagt mein Gemüt so günstig mir,
+Ich werde sonder Zweifel glücklich sein.
+
+Antonio.
+Du weißt, mein sämtlich Gut ist auf der See;
+Mir fehlt's an Geld und Anstalt, eine Summe
+Gleich bar zu heben; also geh, sieh zu,
+Was in Venedig mein Kredit vermag:
+Den spann ich an bis auf das äußerste,
+Nach Belmont dich für Porzia auszustatten.
+Geh, frage gleich herum, ich will es auch,
+Wo Geld zu haben; ich bin nicht besorgt,
+Daß man uns nicht auf meine Bürgschaft borgt.
+
+(Beide ab.)
+
+
+Zweite Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Porzia und Nerissa kommen)
+
+
+Porzia.
+Auf mein Wort, Nerissa, meine kleine Person ist dieser großen
+Welt überdrüssig.
+
+Nerissa.
+Ihr würdet es sein, bestes Fräulein, wenn Euer Ungemach in ebenso
+reichem Maße wäre, als Euer gutes Glück ist. Und doch, nach
+allem, was ich sehe, sind die ebenso krank, die sich mit
+allzuviel überladen, als die bei nichts darben. Es ist also kein
+mittelmäßiges Los, im Mittelstande zu sein. Überfluß kommt eher
+zu grauen Haaren, aber Auskommen lebt länger.
+
+Porzia.
+Gute Sprüche, und gut vorgetragen.
+
+Nerissa.
+Gut befolgt wären sie besser.
+
+Porzia.
+Wäre tun so leicht als wissen, was gut zu tun ist, so wären
+Kapellen Kirchen geworden und armer Leute Hütten Fürstenpaläste.
+Der ist ein guter Prediger, der seine eignen Ermahnungen
+befolgt;--ich kann leichter zwanzig lehren, was gut zu tun ist,
+als einer von den zwanzigen sein und meine eignen Lehren
+befolgen. Das Gehirn kann Gesetze für das Blut aussinnen; aber
+eine hitzige Natur springt über eine kalte Vorschrift hinaus.
+Solch ein Hase ist Tollheit, der junge Mensch, daß er weghüpft
+über das Netz des Krüppels guter Rat. Aber dies Vernünfteln hilft
+mir nicht dazu, einen Gemahl zu wählen.--O über das Wort
+(wählen!) Ich kann weder wählen, wen ich will, noch ausschlagen,
+wen ich nicht mag: so wird der Wille einer lebenden Tochter durch
+den letzten Willen eines toten Vaters gefesselt. Ist es nicht
+hart, Nerissa, daß ich nicht (einen) wählen und auch keinen
+ausschlagen darf?
+
+Nerissa.
+Euer Vater war allzeit tugendhaft, und fromme Männer haben im
+Tode gute Eingebungen: also wird die Lotterie, die er mit diesen
+drei Kästchen von Gold, Silber und Blei ausgesonnen hat, daß der,
+welcher seine Mitgift trifft, Euch erhält, ohne Zweifel von
+niemand recht getroffen werden als von einem, der Euch recht
+liebt. Aber welchen Grad von Zuneigung fühlt Ihr gegen
+irgendeinen der fürstlichen Freier, die schon gekommen sind?
+
+Porzia.
+Ich bitte dich, nenne sie her; wie du sie nennst, will ich sie
+beschreiben, und von meiner Beschreibung schließe auf meine
+Zuneigung.
+
+Nerissa.
+Zuerst ist da der neapolitanische Prinz.
+
+Porzia.
+Das ist ein wildes Füllen, in der Tat. Er spricht von nichts als
+seinem Pferde und bildet sich nicht wenig auf seine Talente ein,
+daß er es selbst beschlagen kann. Ich fürchte sehr, seine gnädige
+Frau Mutter hat es mit einem Schmied gehalten.
+
+Nerissa.
+Ferner ist da der Pfalzgraf.
+
+Porzia.
+Er tut nichts wie stirnrunzeln, als wollt er sagen: "Wenn Ihr
+mich nicht haben wollt, so laßts!" Er hört lustige Geschichten an
+und lächelt nicht. Ich fürchte, es wird der weinende Philosoph
+aus ihm, wenn er alt wird, da er in seiner Jugend so unhöflich
+finster sieht. Ich möchte lieber an einen Totenkopf mit dem
+Knochen im Munde verheiratet sein als an einen von diesen. Gott
+beschütze mich vor beiden!
+
+Nerissa.
+Was sagt Ihr denn zu dem französischen Herrn, Monsieur le Bon?
+
+Porzia.
+Gott schuf ihn, also laßt ihn für einen Menschen gelten. Im
+Ernst, ich weiß, daß es sündlich ist, ein Spötter zu sein; aber
+er! Ja doch, er hat ein besseres Pferd als der Neapolitaner; eine
+bessere schlechte Gewohnheit, die Stirn zu runzeln, als der
+Pfalzgraf; er ist jedermann und niemand. Wenn eine Drossel singt,
+so macht er gleich Luftsprünge; er ficht mit seinem eigenen
+Schatten. Wenn ich ihn nähme, so nähme ich zwanzig Männer; wenn
+er mich verachtete, so vergäbe ich es ihm: denn er möchte mich
+bis zur Tollheit lieben, ich werde es niemals erwidern.
+
+Nerissa.
+Was sagt Ihr denn zu Faulconbridge, dem jungen Baron aus England?
+
+Porzia.
+Ihr wißt, ich sage nichts zu ihm, denn er versteht mich nicht,
+noch ich ihn. Er kann weder Lateinisch, Französisch, noch
+Italienisch; und Ihr dürft wohl einen körperlichen Eid ablegen,
+daß ich nicht für einen Heller Englisch verstehe. Er ist eines
+feinen Mannes Bild--aber ach! wer kann sich mit einer stummen
+Figur unterhalten? Wie seltsam er gekleidet ist! Ich glaube, er
+kaufte sein Wams in Italien, seine weiten Beinkleider in
+Frankreich, seine Mütze in Deutschland und sein Betragen
+allenthalben.
+
+Nerissa.
+Was haltet Ihr von dem schottischen Herrn, seinem Nachbar?
+
+Porzia.
+Daß er eine christliche Nachbarnliebe an sich hat, denn er borgte
+eine Ohrfeige von dem Engländer und schwor, sie wiederzubezahlen,
+wenn er imstande wäre; ich glaube, der Franzose ward sein Bürge
+und unterzeichnete für den andern.
+
+Nerissa.
+Wie gefällt Euch der junge Deutsche, des Herzogs von Sachsen Neffe?
+
+Porzia.
+Sehr abscheulich des Morgens, wenn er nüchtern ist, und höchst
+abscheulich des Nachmittags, wenn er betrunken ist. Wenn er am
+besten ist, so ist er wenig schlechter als ein Mensch, und wenn
+er am schlechtesten ist, wenig besser als ein Vieh. Komme das
+Schlimmste, was da will, ich hoffe, es soll mir doch glücken, ihn
+loszuwerden.
+
+Nerissa.
+Wenn er sich erböte zu wählen und wählte das rechte Kästchen, so
+schlügt Ihr ab, Eures Vaters Willen zu tun, wenn Ihr abschlügt,
+ihn zu nehmen.
+
+Porzia.
+Aus Furcht vor dem Schlimmsten bitte ich dich also, setze einen
+Römer voll Rheinwein auf das falsche Kästchen; denn wenn der
+Teufel darin steckt, und diese Versuchung ist von außen daran, so
+weiß ich, er wird es wählen. Alles lieber, Nerissa, als einen
+Schwamm heiraten.
+
+Nerissa.
+Ihr braucht nicht zu fürchten, Fräulein, daß Ihr einen von diesen
+Herren bekommt; sie haben mir ihren Entschluß eröffnet, welcher
+in nichts anderm besteht, als sich nach Hause zu begeben und Euch
+nicht mehr mit Bewerbungen lästig zu fallen, Ihr müßtet denn auf
+eine andre Weise zu gewinnen sein als nach Eures Vaters
+Vorschrift in Ansehung der Kästchen.
+
+Porzia.
+Sollte ich so alt werden wie Sibylla, will ich doch so keusch
+sterben wie Diana, wenn ich nicht dem letzten Willen meines
+Vaters gemäß erworben werde. Ich bin froh, daß diese Partei
+Freier so vernünftig ist; denn es ist nicht einer darunter, nach
+dessen Abwesenheit mich nicht sehnlichst verlangt, und ich bitte
+Gott, ihnen eine glückliche Reise zu verleihn.
+
+Nerissa.
+Erinnert Ihr Euch nicht, Fräulein, von Eures Vaters Lebzeiten
+eines Venezianers, eines Studierten und Kavaliers, der in
+Gesellschaft des Marquis von Montferrat hierher kam?
+
+Porzia.
+Ja ja, es war Bassanio: so, denke ich, nannte er sich.
+
+Nerissa.
+Ganz recht, Fräulein. Von allen Männern, die meine törichten
+Augen jemals erblickt haben, war er einer schönen Frau am meisten
+wert.
+
+Porzia.
+Ich erinnre mich seiner wohl und erinnre mich, daß er dein Lob
+verdient.
+
+(Ein Diener kommt.)
+
+Nun, was gibt es Neues?
+
+Bedienter.
+Die vier Fremden suchen Euch, Fräulein, um Abschied zu nehmen;
+und es ist ein Vorläufer von einem fünften da, vom Prinzen von
+Marokko, der Nachricht bringt, daß sein Herr, der Prinz, zu Nacht
+hier sein wird.
+
+Porzia.
+Könnte ich den fünften mit so gutem Herzen willkommen heißen, als
+ich den vier andern Lebewohl sage, so wollte ich mich seiner
+Ankunft freuen. Hat er das Gemüt eines Heiligen und das Geblüt
+eines Teufels, so wollte ich lieber, er weihte mich, als er
+freite mich. Komm, Nerissa.--Geht voran, Bursch.--Derweil wir die
+Pforte hinter einem Freier verschließen, klopft ein andrer an die
+Tür.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+Dritte Szene
+
+Venedig. Ein öffentlicher Platz
+
+(Bassanio und Shylock treten auf)
+
+
+Shylock.
+Dreitausend Dukaten--gut.
+
+Bassanio.
+Ja, Herr, auf drei Monate.
+
+Shylock.
+Auf drei Monate--gut.
+
+Bassanio.
+Wofür, wie ich Euch sagte, Antonio Bürge sein soll.
+
+Shylock.
+Antonio Bürge sein soll--gut.
+
+Bassanio.
+Könnt Ihr mir helfen? Wollt Ihr mir gefällig sein? Soll ich Eure
+Antwort wissen?
+
+Shylock.
+Dreitausend Dukaten, auf drei Monate, und Antonio Bürge.
+
+Bassanio.
+Eure Antwort darauf?
+
+Shylock.
+Antonio ist ein guter Mann.
+
+Bassanio.
+Habt Ihr irgendeine Beschuldigung des Gegenteils wider ihn
+gehört?
+
+Shylock.
+Ei nein, nein, nein!--Wenn ich sage, er ist ein guter Mann, so
+meine ich damit, versteht mich, daß er vermögend ist. Aber seine
+Mittel stehen auf Hoffnung; er hat eine Galeone, die auf Tripolis
+geht, eine andre nach Indien. Ich höre ferner auf dem Rialto, daß
+er eine dritte zu Mexiko hat, eine vierte nach England--und so
+hat er noch andre Auslagen in der Fremde verstreut. Aber Schiffe
+sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen; es gibt Landratten
+und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe--ich will sagen,
+Korsaren, und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und
+Klippen.--Der Mann ist bei alledem vermögend--dreitausend
+Dukaten--ich denke, ich kann seine Bürgschaft annehmen.
+
+Bassanio.
+Seid versichert, Ihr könnt es.
+
+Shylock.
+Ich will versichert sein, daß ich es kann; und damit ich
+versichert sein kann, will ich mich bedenken. Kann ich Antonio
+sprechen?
+
+Bassanio.
+Wenn es Euch beliebt, mit uns zu speisen.
+
+Shylock.
+Ja, um Schinken zu riechen, von der Behausung zu essen, wo euer
+Prophet, der Nazarener, den Teufel hineinbeschwor. Ich will mit
+euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen, und was
+dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit
+euch trinken, noch mit euch beten. Was gibt es Neues auf dem
+Rialto?--Wer kommt da?
+(Antonio kommt.)
+
+Bassanio.
+Das ist Signor Antonio.
+
+Shylock (für sich).
+Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich!
+Ich hass' ihn, weil er von den Christen ist,
+Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt
+Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig
+Den Preis der Zinsen uns herunterbringt.
+Wenn ich ihm mal die Hüfte rühren kann,
+So tu ich meinem alten Grolle gütlich.
+Er haßt mein heilig Volk und schilt selbst da,
+Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt
+Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn,
+Den er nur Wucher nennt. Verflucht mein Stamm,
+Wenn ich ihm je vergebe!
+
+Bassanio.
+Shylock, hört Ihr?
+
+Shylock.
+Ich überlege meinen baren Vorrat;
+Doch, wie ich's ungefähr im Kopfe habe,
+Kann ich die volle Summe von dreitausend
+Dukaten nicht gleich schaffen.--Nun, was tut's?
+Tubal, ein wohlbegüterter Hebräer,
+Hilft mir schon aus.--Doch still! auf wieviel Monat
+Begehrt Ihr?--(Zu Antonio.)
+Geh's Euch wohl, mein werter Herr!
+Von Euer Edlen war die Rede eben.
+
+Antonio.
+Shylock, wiewohl ich weder leih noch borge,
+Um Überschuß zu geben oder nehmen,
+Doch will ich, weil mein Freund es dringend braucht,
+Die Sitte brechen.--Ist er unterrichtet,
+Wieviel Ihr wünscht?
+
+Shylock.
+Ja, ja, dreitausend Dukaten.
+
+Antonio.
+Und auf drei Monat.
+
+Shylock.
+Ja, das vergaß ich--auf drei Monat also.
+Nun gut denn, Eure Bürgschaft! laßt mich sehn--
+Doch hört mich an; Ihr sagtet, wie mich dünkt,
+Daß Ihr auf Vorteil weder leiht noch borgt.
+
+Antonio.
+Ich pfleg es nie.
+
+Shylock.
+Als Jakob Labans Schafe hütete--
+Er war nach unserm heilgen Abraham,
+Weil seine Mutter weislich für ihn schaffte,
+Der dritte Erbe--ja, ganz recht, der dritte--
+
+Antonio.
+Was tut das hier zur Sache? Nahm er Zinsen?
+
+Shylock.
+Nein, keine Zinsen; was man Zinsen nennt,
+Das grade nicht; gebt acht, was Jakob tat:
+Als er mit Laban sich verglichen hatte,
+Was von den Lämmern bunt und sprenklicht fiele,
+Das sollte Jakobs Lohn sein, kehrten sich
+Im Herbst die brünstgen Mütter zu den Widdern;
+Und wenn nun zwischen dieser wollgen Zucht
+Das Werk der Zeugung vor sich ging, so schälte
+Der kluge Schäfer Euch gewisse Stäbe,
+Und weil sie das Geschäft der Paarung trieben,
+Steckt' er sie vor den geilen Müttern auf,
+Die so empfingen; und zur Lämmerzeit
+Fiel alles buntgesprengt und wurde Jakobs.
+So kam er zum Gewinn und ward gesegnet:
+Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt.
+
+Antonio.
+Dies war ein Glücksfall, worauf Jakob diente;
+In seiner Macht stand's nicht, es zu bewirken;
+Des Himmels Hand regiert' und lenkt' es so.
+Steht dies, um Zinsen gutzuheißen, da?
+Und ist Eur Gold und Silber Schaf und Widder?
+
+Shylock.
+Weiß nicht; ich laß es eben schnell sich mehren.
+Doch hört mich an, Signor.
+
+Antonio.
+Siehst du, Bassanio,
+Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen.
+Ein arg Gemüt, das heilges Zeugnis vorbringt,
+Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange,
+Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul.
+O wie der Falschheit Außenseite glänzt!
+
+Shylock.
+Dreitausend Dukaten--'s ist 'ne runde Summe.
+Drei Mond auf zwölf--laßt sehen, was das bringt.--
+
+Antonio.
+Nun, Shylock, soll man Euch verpflichtet sein?
+
+Shylock.
+Signor Antonio, viel und oftermals
+Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht
+Um meine Gelder und um meine Zinsen;
+Stets trug ich's mit geduldgem Achselzucken,
+Denn Dulden ist das Erbteil unsers Stamms.
+Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund,
+Und speit auf meinen jüdischen Rockelor,
+Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist.
+Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht.
+Da habt Ihr's; Ihr kommt zu mir, und Ihr sprecht:
+"Shylock, wir wünschten Gelder." So sprecht Ihr,
+Der mir den Auswurf auf den Bart geleert
+Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle
+Den fremden Hund stoßt; Geld ist Eur Begehren,
+Wie sollt ich sprechen nun? Sollt ich nicht sprechen:
+"Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein Spitz
+Dreitausend Dukaten leihn kann?" oder soll ich
+Mich bücken und in eines Schuldners Ton,
+Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem,
+So sprechen: "Schöner Herr, am letzten Mittwoch
+Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag;
+Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund;
+Für diese Höflichkeiten will ich Euch
+Die und die Gelder leihn."
+
+Antonio.
+Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen,
+Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten.
+Willst du dies Geld uns leihen, leih es nicht
+Als deinen Freunden (denn wann nahm die Freundschaft
+Vom Freund Ertrag für unfruchtbar Metall?);
+Nein, leih es lieber deinem Feind; du kannst,
+Wenn er versäumt, mit beßrer Stirn eintreiben,
+Was dir verfallen ist.
+
+Shylock.
+Nun seht mir, wie Ihr stürmt!
+Ich wollt Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein,
+Die Schmach vergessen, die Ihr mir getan,
+Das Nötge schaffen und keinen Heller Zins
+Für meine Gelder nehmen; und Ihr hört nicht:
+Mein Antrag ist doch liebreich.
+
+Antonio.
+Ja, das wär er.
+
+Shylock.
+Und diese Liebe will ich Euch erweisen.
+Geht mit mir zum Notarius, da zeichnet
+Mir Eure Schuldverschreibung; und zum Spaß,
+Wenn Ihr mir nicht auf den bestimmten Tag
+An dem bestimmten Ort die und die Summe,
+Wie der Vertrag nun lautet, wiederzahlt:
+Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch
+Zur Buße setzen, das ich schneiden dürfe
+Aus welchem Teil von Eurem Leib ich will.
+
+Antonio.
+Es sei, aufs Wort! Ich will den Schein so zeichnen
+Und sagen, daß ein Jude liebreich ist.
+
+Bassanio.
+Ihr sollt für mich dergleichen Schein nicht zeichnen:
+Ich bleibe dafür lieber in der Not.
+
+Antonio.
+Ei, fürchte nichts! Ich werde nicht verfallen;
+Schon in zwei Monden, einen Monat früher
+Als die Verschreibung fällig, kommt gewiß
+Zehnfältig der Betrag davon mir ein.
+
+Shylock.
+O Vater Abraham! über diese Christen,
+Die eigne Härte anderer Gedanken
+Argwöhnen lehrt! Ich bitt Euch, sagt mir doch
+Versäumt er seinen Tag, was hätt ich dran,
+Die mir verfallne Buße einzutreiben?
+Ein Pfund von Menschenfleisch, von einem Menschen
+Genommen, ist so schätzbar, auch so nutzbar nicht
+Als Fleisch von Schöpsen, Ochsen, Ziegen. Seht,
+Ihm zu Gefallen biet ich diesen Dienst:
+Wenn er ihn annimmt, gut; wo nicht, lebt wohl!
+Und, bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe.
+
+Antonio.
+Ja, Shylock, ich will diesen Schein dir zeichnen.
+
+Shylock.
+So trefft mich gleich im Hause des Notars,
+Gebt zu dem lustgen Schein ihm Anweisung;
+Ich gehe, die Dukaten einzusacken,
+Nach meinem Haus zu sehn, das in der Hut
+Von einem lockern Buben hinterblieb,
+Und will im Augenblicke bei Euch sein.
+
+Antonio.
+So eil dich, wackrer Jude.--
+
+(Shylock ab.)
+
+Der Hebräer
+Wird noch ein Christ; er wendet sich zur Güte.
+
+Bassanio.
+Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüte.
+
+Antonio.
+Kommt nur! Hiebei kann kein Bedenken sein,
+Längst vor der Zeit sind meine Schiff herein.
+
+(Ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erste Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia,
+Nerissa und andre von ihrem Gefolge treten auf)
+
+
+Marokko.
+Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht,
+Die schattige Livrei der lichten Sonne,
+Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt.
+Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden,
+Wo Phöbus' Glut kaum schmelzt des Eises Zacken,
+Und ritzen wir uns Euch zulieb die Haut,
+Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins.
+Ich sag Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht
+Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör ich,
+Die edlen Jungfraun meines Landes haben
+Es auch geliebt; ich wollte diese Farbe
+Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn
+Zu stehlen, meine holde Königin.
+
+Porzia.
+Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein
+Die zarte Fordrung eines Mädchenauges;
+Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt,
+Mich von dem Recht des freien Wählens aus.
+Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt,
+Mir auferlegt durch seinen Willen, dem
+Zur Gattin mich zu geben, welcher mich
+Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte:
+Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz,
+Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt,
+Auf meine Neigung.
+
+Marokko.
+Habt auch dafür Dank.
+Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich
+Mein Glück versuche. Bei diesem Säbel, der
+Den Sophi schlug und einen Perserprinz,
+Der dreimal Sultan Soliman besiegt:
+Die wildsten Augen wollt ich überblitzen,
+Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen,
+Die Jungen reißen von der Bärin weg,
+Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen,
+Dich zu gewinnen, Fräulein! Aber ach!
+Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen,
+Wer tapfrer ist, so kann der beßre Wurf
+Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand;
+So unterliegt Alcides seinem Knaben,
+Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt,
+Verfehlen, was dem minder Würdgen wird,
+Und Grames sterben.
+
+Porzia.
+Ihr müßt Eur Schicksal nehmen,
+Es überhaupt nicht wagen, oder schwören,
+Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt,
+In Zukunft nie mit irgendeiner Frau
+Von Eh zu sprechen: also seht Euch vor!
+
+Marokko.
+Ich will's auch nicht, kommt, bringt mich zur Entscheidung.
+
+Porzia.
+Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr
+Das Los versuchen.
+
+Marokko.
+Gutes Glück also!
+Bald über alles elend oder froh.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+Zweite Szene
+
+Venedig. Eine Straße
+
+(Lanzelot Gobbo kommt)
+
+
+Lanzelot.
+Sicherlich, mein Gewissen läßt mir's zu, von diesem Juden, meinem
+Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und
+versucht mich und sagt zu mir: "Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter
+Lanzelot", oder "Guter Gobbo", oder "Guter Lanzelot Gobbo, brauch
+deine Beine, reiß aus, lauf davon." Mein Gewissen sagt: "Nein,
+hüte dich, ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo"; oder,
+wie obgemeldet, "ehrlicher Lanzelot Gobbo; lauf nicht, laß das
+Ausreißen bleiben." Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich
+aufpacken; "Marsch!" sagt der Feind; "fort!" sagt der Feind; "um
+des Himmels willen! faß dir ein wackres Herz", sagt der Feind,
+"und lauf". Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den
+Hals und sagt sehr weislich zu mir: "Mein ehrlicher Freund
+Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist", oder vielmehr
+eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein
+Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas
+ansäuerlich.--Gut, mein Gewissen sagt: "Lanzelot, weich und wanke
+nicht!"--"Weiche", sagt der Feind; "wanke nicht", sagt mein
+Gewissen. "Gewissen", sage ich, "dein Rat ist gut"; "Feind", sage
+ich, "dein Rat ist gut". Lasse ich mich durch mein Gewissen
+regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott
+sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden
+weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit
+Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der
+wahre eingefleischte Teufel, und, auf mein Gewissen, mein
+Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir
+raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen
+freundschaftlichen Rat; ich will laufen, Feind! meine Fersen
+stehen dir zu Gebote, ich will laufen.
+
+(Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.)
+
+Gobbo.
+Musje, junger Herr, Er da, sei Er doch so gut: wo gehe ich wohl
+zu des Herrn Juden seinem Hause hin?
+
+Lanzelot (beiseite).
+O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind,
+aber doch so ziemlich stockblind ist und mich nicht kennt. Ich
+will mir einen Spaß mit ihm machen.
+
+Gobbo.
+Musje, junger Herr, sei Er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden
+seinem Hause hin?
+
+Lanzelot.
+Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der
+allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten
+Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch
+schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum.
+
+Gobbo.
+Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt
+Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm
+aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht?
+
+Lanzelot.
+Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?
+
+(Beiseite.)
+
+Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen.--Sprecht Ihr vom jungen
+Monsieur Lanzelot?
+
+Gobbo.
+Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn. Sein Vater,
+ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei
+Dank, recht wohlauf.
+
+Lanzelot.
+Gut, sein Vater mag sein, was er will; hier ist die Rede vom
+jungen Monsieur Lanzelot.
+
+Gobbo.
+Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr.
+
+Lanzelot.
+Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch:
+sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?
+
+Gobbo.
+Von Lanzelot, wenn's Eur Gnaden beliebt.
+
+Lanzelot.
+Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot,
+Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und
+Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei
+Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit
+Todes verblichen oder, um es rund herauszusagen, in die Ewigkeit
+gegangen.
+
+Gobbo.
+Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines
+Alters, meine beste Stütze.--
+
+Lanzelot.
+Seh ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein
+Stab oder eine Stütze?--Kennt Ihr mich, Vater?
+
+Gobbo.
+Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich
+bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge--Gott hab ihn
+selig!--lebendig oder tot?
+
+Lanzelot.
+Kennt Ihr mich nicht, Vater?
+
+Gobbo.
+Lieber Himmel! ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht.
+
+Lanzelot.
+Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr
+mich doch wohl nicht kennen; das ist ein weiser Vater, der sein
+eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von
+Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht
+kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines
+Menschen Sohn kann's; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus.
+
+Gobbo.
+Ich bitte Euch, Herr, steht auf, ich bin gewiß, Ihr seid mein
+junge Lanzelot nicht.
+
+Lanzelot.
+Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben,
+sondern gebt mir Euern Segen. Ich bin Lanzelot, Euer Junge, der
+da war, Euer Sohn, der da ist, Euer Kind, das da sein wird.
+
+Gobbo.
+Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid.
+
+Lanzelot.
+Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber ich bin Lanzelot,
+des Juden Diener, und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist
+meine Mutter.
+
+Gobbo.
+Ganz recht, ihr Name ist Margrete; ich will einen Eid tun, wenn
+du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im
+Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt?--Du hast mehr
+Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat.
+
+Lanzelot.
+Je, so läßt's ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse; ich
+weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als im Gesicht, da ich
+ihn das letztemal sah.
+
+Gobbo.
+Herrje, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit
+deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr
+euch?
+
+Lanzelot.
+Gut, gut! aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe,
+davonzulaufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis
+ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude;
+ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin
+ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich
+habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr
+gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn
+Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich
+nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, soweit Gottes
+Erdboden reicht. Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch
+an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem
+Juden länger diene.
+(Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.)
+
+Bassanio.
+Das könnt Ihr tun--aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen
+spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt
+diese Livreien in Arbeit und bittet Graziano, sogleich in meine
+Wohnung zu kommen.
+
+(Ein Bedienter ab.)
+
+Lanzelot.
+Macht Euch an ihn, Vater?
+
+Gobbo.
+Gott segne Euer Gnaden!
+
+Bassanio.
+Großen Dank! Willst du was von mir?
+
+Gobbo.
+Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge--
+
+Lanzelot.
+Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der
+gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird--
+
+Gobbo.
+Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklination zu dienen--
+
+Lanzelot.
+Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist: ich diene
+dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren
+wird--
+
+Gobbo.
+Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen
+sich wie Katzen und Hunde--
+
+Lanzelot.
+Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir
+Unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott
+will, ein alter Mann ist, notifizieren wird--
+
+Gobbo.
+Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden
+anbringen möchte, und mein Gesuch ist--
+
+Lanzelot.
+In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer
+Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon
+ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein
+Vater ist.
+
+Bassanio.
+Einer spreche für beide. Was wollt Ihr?
+
+Lanzelot.
+Euch dienen, Herr.
+
+Gobbo.
+Ja, das wollten wir Euch gehorsamst opponieren.
+
+Bassanio.
+Ich kenne dich, die Bitt ist dir gewährt;
+Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen
+Und dich empfohlen; wenn's empfehlenswert,
+Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn,
+Um einem armen Edelmann zu folgen.
+
+Lanzelot.
+Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem
+Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er
+hat genug.
+
+Bassanio.
+Du triffst es; Vater, geh mit deinem Sohn.
+Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn
+Und frage dich nach meiner Wohnung hin.
+
+(Zu seinen Begleitern.)
+
+Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei
+Als seinen Kameraden; sorgt dafür!
+
+Lanzelot.
+Kommt her, Vater.--Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! ich habe
+gar kein Mundwerk am Kopfe.--Gut!--
+
+(Er besieht seine flache Hand.)
+
+Wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die
+Schrift zu schwören--Ich werde gut Glück haben; ohne Umstände,
+hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist 'ne
+Kleinigkeit an Frauen. Ach, fünfzehn Weiber sind nichts! elf
+Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für (einen)
+Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen und mich an der Ecke
+eines Federbettes beinah tot zu stoßen--das heiße ich gut
+davonkommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine
+gute Dirne mit ihrem Kram.--Kommt, Vater, ich nehme in (einem)
+Umsehn von dem Juden Abschied.
+
+(Lanzelot und der alte Gobbo ab.)
+
+Bassanio.
+Tu das, ich bitt dich, guter Leonardo;
+Ist dies gekauft und ordentlich besorgt,
+Komm schleunig wieder; denn zur Nacht bewirt ich
+Die besten meiner Freunde; eil dich, geh!
+
+Leonardo.
+Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn.
+
+(Graziano kommt.)
+
+Graziano.
+Wo ist dein Herr?
+
+Leonardo.
+Er geht da drüben, Herr.
+
+(Leonardo ab.)
+
+Graziano.
+Signor Bassanio!
+
+Bassanio.
+Graziano!
+
+Graziano.
+Ich habe ein Gesuch an Euch.
+
+Bassanio.
+Ihr habt es schon erlangt.
+
+Graziano.
+Ihr müßt mir's nicht weigern; ich muß mit Euch nach Belmont gehen.
+
+Bassanio.
+Nun ja, so müßt Ihr--aber hör, Graziano,
+Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton:
+Ein Wesen, welches gut genug dir steht
+Und Augen wie den unsern nicht mißfällt.
+Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint
+Es allzufrei; drum nimm dir Müh und dämpfe
+Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit
+Den flüchtgen Geist, daß ich durch deine Wildheit
+Dort nicht mißdeutet werd und meine Hoffnung
+Zugrunde geht.
+
+Graziano.
+Signor Bassanio, hört mich:
+Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge,
+Mit Ehrfurcht red und dann und wann nur fluche,
+Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt;
+Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht
+Den Hut mir halt und seufz und Amen sage;
+Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle,
+Wie einer, der, der Großmama zulieb,
+Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr.
+
+Bassanio.
+Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt.
+
+Graziano.
+Nur heute nehm ich aus; das gilt nicht mir,
+Was ich heut abend tu.
+
+Bassanio.
+Nein, das wär schade;
+Ich bitt Euch, lieber in den kecksten Farben
+Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde,
+Die lustig wollen sein. Lebt wohl indes,
+Ich habe ein Geschäft.
+
+Graziano.
+Und ich muß zu Lorenzo und den andern,
+Doch auf den Abend kommen wir zu Euch.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+Dritte Szene
+
+Ein Zimmer in Shylocks Hause
+
+(Jessica und Lanzelot kommen)
+
+
+Jessica.
+Es tut mir leid, daß du uns so verläßt;
+Dies Haus ist Hölle, und du, ein lustger Teufel,
+Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit.
+Doch lebe wohl; da hast du 'nen Dukaten!
+Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen
+Lorenzo sehn als Gast von deinem Herrn.
+Dann gib ihm diesen Brief, tu es geheim;
+Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater
+Mich mit dir reden sieht.
+
+Lanzelot.
+Adieu!--Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste
+Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an
+dir wird, und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu!
+Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut
+allzusehr.
+
+(Ab.)
+
+Jessica.
+Leb wohl, du Guter!
+Ach wie gehässig ist es nicht von mir,
+Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme;
+Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon,
+Bin ich's nicht seines Herzens. O Lorenzo,
+Hilf mir dies lösen! treu dem Worte bleib!
+So werd ich Christin und dein liebend Weib.
+
+(Ab.)
+
+
+
+Vierte Szene
+
+Eine Straße
+
+(Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf)
+
+
+Lorenzo.
+Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen,
+Verkleiden uns in meinem Haus und sind
+In einer Stunde alle wieder da.
+
+Graziano.
+Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet.
+
+Salarino.
+Auch keine Fackelträger noch bestellt.
+
+Solanio.
+Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht,
+So ist es nichts und unterbliebe besser.
+
+Lorenzo.
+'s ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden
+Zur Vorbereitung.
+
+(Lanzelot kommt mit einem Briefe.)
+
+Freund Lanzelot, was bringst du?
+
+Lanzelot.
+Wenn's Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam
+andeuten.
+
+Lorenzo.
+Ich kenne wohl die Hand; ja, sie ist schön;
+Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb,
+Ist diese schöne Hand.
+
+Graziano.
+Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft.
+
+Lanzelot.
+Mit Eurer Erlaubnis, Herr.
+
+Lorenzo.
+Wo willst du hin?
+
+Lanzelot.
+Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem
+neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden.
+
+Lorenzo.
+Da nimm dies; sag der schönen Jessica,
+Daß ich sie treffen will.--Sag's heimlich! geh;
+
+(Lanzelot ab.)
+
+Ihr Herrn,
+Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten?
+Ich bin versehn mit einem Fackelträger.
+
+Salarino.
+Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach.
+
+Solanio.
+Das will ich auch.
+
+Lorenzo.
+Trefft mich und Graziano.
+In einer Stund in Grazianos Haus.
+
+Salarino.
+Gut das, es soll geschehn.
+
+(Salarino und Solanio ab.)
+
+Graziano.
+Der Brief kam von der schönen Jessica?
+
+Lorenzo.
+Ich muß dir's nur vertraun: sie gibt mir an,
+Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe;
+Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen,
+Ein Pagenanzug liege schon bereit.
+Kommt je der Jud, ihr Vater, in den Himmel,
+So ist's um seiner holden Tochter willen;
+Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten,
+Es müßte denn mit diesem Vorwand sein,
+Daß sie von einem falschen Juden stammt.
+Komm, geh mit mir und lies im Gehn dies durch;
+Mir trägt die schöne Jessica die Fackel.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Fünfte Szene
+
+Vor Shylocks Hause
+
+(Shylock und Lanzelot kommen)
+
+
+Shylock.
+Gut, du wirst sehn mit deinen eignen Augen
+Des alten Shylocks Abstand von Bassanio.
+He, Jessica!--Du wirst nicht voll dich stopfen,
+Wie du bei mir getan--He, Jessica!--
+Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen--
+He, sag ich, Jessica!
+
+Lanzelot.
+He, Jessica!
+
+Shylock.
+Wer heißt dich schrein? Ich hab's dir nicht geheißen.
+
+Lanzelot.
+Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun.
+
+(Jessica kommt.)
+
+Jessica.
+Ruft Ihr? Was ist Euch zu Befehl?
+
+Shylock.
+Ich bin zum Abendessen ausgebeten.
+Da hast du meine Schlüssel, Jessica.
+Zwar weiß ich nicht, warum ich geh; sie bitten
+Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir;
+Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender
+Von Christen zehren.--Jessica, mein Kind,
+Acht auf mein Haus!--Ich geh recht wider Willen.
+Es braut ein Unglück gegen meine Ruh,
+Denn diese Nacht träumt ich von Säcken Geldes.
+
+Lanzelot.
+Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft.
+
+Shylock.
+Ich seine auch.
+
+Lanzelot.
+Und sie haben sich verschworen.--Ich sage nicht, daß Ihr eine
+Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht
+umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten
+Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag
+fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war.
+
+Shylock.
+Was? gibt es Masken? Jessica, hör an:
+Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst
+Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,
+So klettre mir nicht an den Fenstern auf;
+Steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße,
+Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz
+Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren--
+Die Fenster, mein ich--zu und laß den Schall
+Der albern' Geckerei nicht dringen in
+Mein ehrbar Haus. Bei Jakobs Stabe schwör ich:
+Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen;
+Doch will ich gehn.--Du Bursch, geh mir voran;
+Sag, daß ich komme.
+
+Lanzelot.
+Herr, ich will vorangehn.
+Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allem;
+Denn vorbeigehn wird ein Christ,
+Wert, daß ihn 'ne Jüdin küßt.
+
+(Ab.)
+
+Shylock.
+Was sagt der Narr von Hagars Stamme? he?
+
+Jessica.
+Sein Wort war: "Fräulein, lebet wohl"--sonst nichts.
+
+Shylock.
+Der Laff ist gut genug, jedoch ein Fresser,
+'ne Schnecke zum Gewinn und schläft bei Tag
+Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock
+Baun keine Drohnen; drum laß ich ihn gehn
+Und laß ihn gehn zu einem, dem er möge
+Den aufgeborgten Beutel leeren helfen.
+Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein,
+Vielleicht komm ich im Augenblicke wieder.
+Tu, was ich dir gesagt, schließ hinter dir
+Die Türen; fest gebunden, fest gefunden,
+Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden.
+
+(Ab.)
+
+Jessica.
+Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn,
+Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin.
+
+(Ab.)
+
+
+
+Sechste Szene
+
+Ebendaselbst
+
+(Graziano und Salarino kommen maskiert)
+
+
+Graziano.
+Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo
+Uns haltzumachen bat.
+
+Salarino.
+Die Stund ist fast vorbei.
+
+Graziano.
+Und Wunder ist es, daß er sie versäumt;
+Verliebte laufen stets der Uhr voraus.
+
+Salarino.
+O zehnmal schneller fliegen Venus' Tauben,
+Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln,
+Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch
+Gegebne Treu zu halten.
+
+Graziano.
+So geht's in allem; wer steht auf vom Mahl
+Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß?
+Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn
+Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer,
+Womit es sie betreten? Jedes Ding
+Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen.
+Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender
+Eilt das beflaggte Schiff aus heimscher Bucht,
+Geliebkost und gehetzt vom Buhler Wind!
+Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim,
+Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert,
+Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind!
+
+(Lorenzo tritt auf.)
+
+Salarino.
+Da kommt Lorenzo, mehr hievon nachher.
+
+Lorenzo.
+Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug:
+Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen.
+Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt,
+Dann wart ich auch so lang auf euch.--Kommt näher!
+Hier wohnt mein Vater Jude--He! wer da?
+
+(Jessica oben am Fenster in Knabentracht.)
+
+Jessica.
+Wer seid Ihr? sagt's zu mehrer Sicherheit,
+Wiewohl ich schwör, ich kenne Eure Stimme.
+
+Lorenzo.
+Lorenzo und dein Liebster.
+
+Jessica.
+Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja!
+Denn wen lieb ich so sehr? Und nun, wer weiß
+Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin?
+
+Lorenzo.
+Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir's.
+
+Jessica.
+Hier, fang dies Kästchen auf, es lohnt die Müh.
+Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht,
+Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch;
+Doch Lieb ist blind, Verliebte sehen nicht
+Die artgen Kinderein, die sie begehen;
+Denn könnten sie's, Cupido würd erröten,
+Als Knaben so verwandelt mich zu sehn.
+
+Lorenzo.
+Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein.
+
+Jessica.
+Was? muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach?
+Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage.
+Ei, Lieber, 's ist ein Amt zum kundbar machen;
+Ich muß verheimlicht sein.
+
+Lorenzo.
+Das bist du, Liebe,
+Im hübschen Anzug eines Knaben schon.
+Doch komm sogleich,
+Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon;
+Wir werden bei Bassanios Fest erwartet.
+
+Jessica.
+Ich mach die Türen fest, vergülde mich
+Mit mehr Dukaten noch und bin gleich bei Euch.
+
+(Tritt zurück.)
+
+Graziano.
+Nun! auf mein Wort! 'ne Göttin, keine Jüdin.
+
+Lorenzo.
+Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe;
+Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe,
+Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt,
+Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt.
+Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu,
+Mir in beständigem Gemüt verwahrt.
+
+(Jessica kommt heraus.)
+Nun bist du da?--Ihr Herren, auf und fort!
+Der Maskenzug erwartet schon uns dort.
+
+(Ab mit Jessica und Salarino.)
+
+(Antonio tritt auf.)
+
+Antonio.
+Wer da?
+
+Graziano.
+Signor Antonio.
+
+Antonio.
+Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern?
+Es ist neun Uhr, die Freund erwarten Euch.
+Kein Tanz zur Nacht, der Wind hat sich gedreht,
+Bassanio will im Augenblick an Bord;
+Wohl zwanzig Boten schickt ich aus nach Euch.
+
+Graziano.
+Mir ist es lieb, nichts kann mich mehr erfreun,
+Als unter Segel gleich die Nacht zu sein.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Siebente Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf,
+beide mit Gefolge)
+
+
+Porzia.
+Geht, zieht beiseit den Vorhang und entdeckt
+Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen.--
+Trefft Eure Wahl nunmehr.
+
+Marokko.
+Von Gold das erste, das die Inschrift hat:
+"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt."
+Das zweite, silbern, führet dies Versprechen:
+"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient."
+Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung:
+"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran."
+Woran erkenn ich, ob ich recht gewählt?
+
+Porzia.
+Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz:
+Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.
+
+Marokko.
+So leit ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn!
+Ich muß die Sprüche nochmals überlesen.
+Was sagt dies bleir'ne Kästchen?
+"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran."
+Der gibt--wofür? für Blei? und wagt für Blei?
+Dies Kästchen droht; wenn Menschen alles wagen,
+Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns.
+Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken,
+Ich geb also und wage nichts für Blei.
+Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe?
+"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient."
+Soviel, als er verdient?--Halt ein, Marokko,
+Und wäge deinen Wert mit steter Hand.
+Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung,
+Verdienest du genug, doch kann genug
+Wohl nicht soweit bis zu dem Fräulein reichen.
+Und doch, mich ängsten über mein Verdienst,
+Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst.
+Soviel, als ich verdiene?--Ja, das ist
+Das Fräulein; durch Geburt verdien ich sie,
+Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung;
+Doch mehr verdien ich sie durch Liebe. Wie,
+Wenn ich nicht weiter schweift und wählte hier?
+Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben:
+"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.
+Das ist das Fräulein; alle Welt begehrt sie,
+Aus jedem Weltteil kommen sie herbei,
+Dies sterblich atmend Heilgenbild zu küssen;
+Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden
+Arabiens sind gebahnte Straßen nun
+Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen;
+Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt
+Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm
+Für diese fremden Geister; nein, sie kommen
+Wie über einen Bach zu Porzias Anblick.
+Eins von den drein enthält ihr himmlisch Bild;
+Soll Blei es in sich fassen? Lästrung wär's,
+Zu denken solche Schmach; es wär zu schlecht,
+Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern.
+Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt,
+Von zehnmal minderm Wert als reines Gold?
+O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod
+Ward nie geringer als in Gold gefaßt.
+In England gibt's 'ne Münze, die das Bild
+Von einem Engel führt, in Gold geprägt.
+Doch der ist drauf gedruckt; hier liegt ein Engel
+Ganz drin im goldnen Bett.--Gebt mir den Schlüssel,
+Hier wähl ich, und geling es, wie es kann.
+
+Porzia.
+Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da,
+So bin ich Euer.
+
+(Er schließt das goldne Kästchen auf.)
+
+Marokko.
+O Hölle, was ist hier?
+Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel
+Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen:
+ "Alles ist nicht Gold, was gleißt,
+ Wie man oft Euch unterweist.
+ Manchen in Gefahr es reißt,
+ Was mein äußrer Schein verheißt;
+ Goldnes Grab hegt Würmer meist;
+ Wäret Ihr so weis als dreist,
+ Jung an Gliedern, alt an Geist,
+ So würdet Ihr nicht abgespeist
+ Mit der Antwort: Geht und reist."
+Ja fürwahr, mit bittrer Kost;
+Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost!
+Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt
+Mein Herz zu tief; so scheidet, wer verspielt.
+
+(Ab.)
+
+Porzia.
+Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht!
+So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+Achte Szene
+
+Venedig. Eine Straße
+
+(Salarino und Solanio treten auf)
+
+
+Salarino.
+Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel;
+Mit ihm ist Graziano abgereist,
+Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo.
+
+Solanio.
+Der Schelm von Juden schrie den Dogen auf,
+Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen.
+
+Salarino.
+Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel;
+Doch da empfing der Doge den Bericht,
+In einer Gondel habe man Lorenzo
+Mit seiner Liebsten Jessica gesehn;
+Auch gab Antonio ihm die Versichrung,
+Sie sei'n nicht mit Bassanio auf dem Schiff.
+
+Solanio.
+Nie hört ich so verwirrte Leidenschaft,
+So seltsam wild und durcheinander, als
+Der Hund von Juden in den Straßen ausließ:
+"Mein' Tochter--mein' Dukaten--o mein' Tochter!
+Fort mit 'nem Christen--o mein' christlichen Dukaten!
+Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten!
+Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt,
+Voll von Dukaten, doppelten Dukaten!
+Gestohl'n von meiner Tochter; und Juwelen,
+Zwei Stein'--zwei reich' und köstliche Gestein',
+Gestohl'n von meiner Tochter! O Gerichte,
+Find't mir das Mädchen!--Sie hat die Steine bei sich
+Und die Dukaten."
+
+Salarino.
+Ja, alle Gassenbuben folgen ihm
+Und schrein: "Die Stein', die Tochter, die Dukaten!"
+
+Solanio.
+Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,
+Sonst wird er hiefür zahlen.
+
+Salarino.
+Gut bedacht!
+Mir sagte gestern ein Franzose noch,
+Mit dem ich schwatzte, in der engen See,
+Die Frankreich trennt von England, sei ein Schiff
+Von unserm Land verunglückt, reich geladen;
+Ich dachte des Antonio, da er's sagte,
+Und wünscht im stillen, daß es seins nicht wär.
+
+Solanio.
+Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört;
+Doch tut's nicht plötzlich, denn es könnt ihn kränken.
+
+Salarino.
+Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht.
+Ich sah Bassanio und Antonio scheiden;
+Bassanio sagt' ihm, daß er eilen wolle
+Mit seiner Rückkehr. "Nein", erwidert' er,
+"Schlag dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio,
+Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen.
+Und die Verschreibung, die der Jude hat,
+Laß sie beschweren nicht dein liebend Herz.
+Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz
+Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen
+Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen."
+Und hier, die Augen voller Tränen, wandt er
+Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,
+Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung,
+Drückt' er Bassanios Hand. So schieden sie.
+
+Solanio.
+Ich glaub, er liebt die Welt nur seinetwegen;
+Ich bitt Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden,
+Um seine Schwermut etwas zu zerstreun
+Auf ein und andre Art.
+
+Salarino.
+Ja, tun wir das.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Neunte Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Nerissa kommt mit einem Bedienten)
+
+
+Nerissa.
+Komm, hurtig, hurtig, zieh den Vorhang auf!
+Der Prinz von Arragon hat seinen Eid
+Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl.
+
+(Trompentenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider
+Gefolge.)
+
+Porzia.
+Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz!
+Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt,
+Soll die Vermählung gleich gefeiert werden.
+Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr ohne weiters
+Im Augenblick von hier Euch wegbegeben.
+
+Arragon.
+Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten:
+Zum ersten, niemals jemand kundzutun,
+Welch Kästchen ich gewählt; sodann: verfehl ich
+Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben
+Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich:
+Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt,
+Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn.
+
+Porzia.
+Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der
+Zu wagen kommt um mein geringes Selbst.
+
+Arragon.
+Und so bin ich gerüstet. Glück wohlauf
+Nach Herzens Wunsch!--Gold, Silber, schlechtes Blei:
+"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran."
+Du mußtest schöner aussehn, eh ich's täte.
+Was sagt das goldne Kästchen? Ha, laßt sehn!
+"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt."
+Was mancher Mann begehrt?--Dies (mancher) meint vielleicht
+Die Torenmenge, die nach Scheine wählt,
+Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt;
+Die nicht ins Innre dringt und wie die Schwalbe
+Im Wetter bauet an der Außenwand,
+Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs.
+Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt,
+Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen,
+Noch mich zu rohen Haufen stellen will.
+Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach!
+Sag mir noch mal die Inschrift, die du führst:
+"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient."
+Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn,
+Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein,
+Den das Verdienst nicht stempelt? Maße keiner
+Sich einer unverdienten Würde an.
+O würden Güter, Rang und Ämter nicht
+Verderbterweis erlangt und würde Ehre
+Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft,
+Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!
+Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann!
+Wie viel des Pöbels würde ausgesondert
+Aus reiner Ehre Saat! und wieviel Ehre
+Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,
+Um neu zu glänzen!--Wohl, zu meiner Wahl!
+"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient."
+Ich halt es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel,
+Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf.
+
+Porzia.
+Zu lang geweilt für das, was Ihr da findet.
+
+Arragon.
+Was gibt's hier? Eines Gecken Bild, der blinzt
+Und mir 'nen Zettel reicht! Ich will ihn lesen.
+O wie so gar nicht gleichst du Porzien!
+Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst!
+"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient."
+Verdient ich nichts als einen Narrenkopf?
+Ist das mein Preis? Ist mein Verdienst nicht höher?
+
+Porzia.
+Fehlen und richten sind getrennte Ämter,
+Und die sich widersprechen.
+
+Arragon.
+Was ist hier?
+ "Siebenmal im Feur geklärt
+ Ward dies Silber: so bewährt
+ Ist ein Sinn, den nichts betört.
+ Mancher achtet Schatten wert,
+ Dem ist Schattenheil beschert;
+ Mancher Narr in Silber fährt,
+ So auch dieser, der Euch lehrt:
+ Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib
+ Immer trägt mich Euer Leib.
+ Geht und sucht Euch Zeitvertreib!"
+Mehr und mehr zum Narrn mich macht
+Jede Stunde hier verbracht.
+Mit einem Narrenkopf zum Frein
+Kam ich her und geh mit zwein.
+Herz, leb wohl! was ich versprach,
+Halt ich, trage still die Schmach.
+
+(Arragon mit Gefolge ab.)
+
+Porzia.
+So ging dem Licht die Motte nach!
+O diese weisen Narren! wenn sie wählen,
+Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen.
+
+Nerissa.
+Die alte Sag ist keine Ketzerei.
+Daß Frein und Hängen eine Schickung sei.
+
+Porzia.
+Komm, zieh den Vorhang zu, Nerissa.
+
+(Ein Bedienter kommt.)
+
+Bedienter.
+Wo ist mein Fräulein?
+
+Porzia.
+Hier; was will mein Herr?
+
+Bedienter.
+An Eurem Tor ist eben abgestiegen
+Ein junger Venezianer, welcher kommt,
+Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden,
+Von dem er stattliche Begrüßung bringt;
+Das heißt, nebst vielen artgen Worten, Gaben
+Von reichem Wert; ich sahe niemals noch
+Solch einen holden Liebesabgesandten.
+Nie kam noch im April ein Tag so süß,
+Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe,
+Als dieser Bote seinem Herrn voran.
+
+Porzia.
+Nichts mehr, ich bitt dich; ich besorge fast,
+Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter;
+Du wendest solchen Festtagswitz an ihn.
+Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun,
+Cupidos Herold, so geschickt und fein.
+
+Nerissa.
+Bassanio, Herr des Herzens! laß es sein.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erste Szene
+
+Venedig. Eine Straße
+
+(Solanio und Salarino treten auf)
+
+
+Solanio.
+Nun, was gibt's Neues auf dem Rialto?
+
+Salarino.
+Ja, noch wird es nicht widersprochen, daß dem Antonio sein Schiff
+von reicher Ladung in der Meerenge gestrandet ist. Die Goodwins,
+denke ich, nennen sie die Stelle: eine sehr gefährliche Sandbank,
+wo die Gerippe von manchem stattlichen Schiff begraben liegen,
+wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist.
+
+Solanio.
+Ich wollte, sie wäre darin eine so lügenhafte Gevatterin, als
+jemals eine Ingwer kaute oder ihren Nachbarn weismachte, sie
+weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr--ohne
+alle Umschweife, und ohne die gerade, ebne Bahn des Gespräches zu
+kreuzen--daß der gute Antonio, der redliche Antonio--o daß ich
+eine Benennung wüßte, die gut genug wäre, seinem Namen
+Gesellschaft zu leisten!--
+
+Salarino.
+Wohlan, zum Schluß!
+
+Solanio.
+He, was sagst du?--Ja, das Ende ist, er hat ein Schiff eingebüßt.
+
+Salarino.
+Ich wünsche, es mag das Ende seiner Einbußen sein.
+
+Solanio.
+Laßt mich beizeiten Amen sagen, ehe mir der Teufel einen
+Querstrich durch mein Gebet macht; denn hier kommt er in Gestalt
+eines Juden.
+
+(Shylock kommt.)
+
+Wie steht's, Shylock? Was gibt es Neues unter den Kaufleuten?
+
+Shylock.
+Ihr wußtet, niemand besser, niemand besser als Ihr um meiner
+Tochter Flucht.
+
+Salarino.
+Das ist richtig; ich meinerseits kannte den Schneider, der ihr
+die Flügel zum Wegfliegen gemacht hat.
+
+Solanio.
+Und Shylock seinerseits wußte, daß der Vogel flügge war; und dann
+haben sie es alle in der Art, das Nest zu verlassen.
+
+Shylock.
+Sie ist verdammt dafür.
+
+Salarino.
+Das ist sicher, wenn der Teufel ihr Richter sein soll.
+
+Shylock.
+Daß mein eigen Fleisch und Blut sich so empörte!
+
+Solanio.
+Pfui dich an, altes Fell! bei dem Alter empört es sich?
+
+Shylock.
+Ich sage, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut.
+
+Salarino.
+Zwischen deinem Fleisch und ihrem ist mehr Unterschied als
+zwischen Ebenholz und Elfenbein, mehr zwischen eurem Blute als
+zwischen rotem Wein und Rheinwein.--Aber sagt uns, was hört Ihr:
+hat Antonio einen Verlust zur See gehabt oder nicht?
+
+Shylock.
+Da hab ich einen andern schlimmen Handel: ein Bankerottierer, ein
+Verschwender, der sich kaum auf dem Rialto darf blicken lassen;
+ein Bettler, der so schmuck auf den Markt zu kommen pflegte! Er
+sehe sich vor mit seinem Schein! Er hat mich immer Wucherer
+genannt--er sehe sich vor mit seinem Schein!--er verlieh immer
+Geld aus christlicher Liebe,--er sehe sich vor mit seinem Schein!
+
+Salarino.
+Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch
+nicht nehmen: wozu wär es gut?
+
+Shylock.
+Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es
+doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million
+gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein
+Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet,
+meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude.
+Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen,
+Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise
+genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten
+unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet
+von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns
+stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
+Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns
+beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen
+Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn
+ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache.
+Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein
+nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich
+lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder
+ich will es meinen Meistern zuvortun.
+
+(Ein Bedienter kommt.)
+
+Bedienter.
+Edle Herren, Antonio, mein Herr, ist zu Hause und wünscht euch zu
+sprechen.
+
+Salarino.
+Wir haben ihn allenthalben gesucht.
+
+(Tubal kommt.)
+
+Solanio.
+Hier kommt ein anderer von seinem Stamm; der dritte Mann ist
+nicht aufzutreiben, der Teufel selbst müßte denn Jude werden.
+
+(Solanio, Salarino und Bedienter ab.)
+
+Shylock.
+Nun, Tubal, was bringst du Neues von Genua? Hast du meine Tochter
+gefunden?
+
+Tubal.
+Ich bin oft an Örter gekommen, wo ich von ihr hörte, aber ich
+kann sie nicht finden.
+
+Shylock.
+Ei so, so, so, so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend
+Dukaten zu Frankfurt. Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk
+gefallen, ich hab ihn niemals gefühlt bis jetzt. Zweitausend
+Dukaten dafür! und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen! Ich
+wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die
+Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge eingesargt zu meinen
+Füßen, und die Dukaten im Sarge! Keine Nachricht von ihnen! Ei,
+daß dich!--und ich weiß noch nicht, was beim Nachsetzen
+draufgeht. Ei, du Verlust über Verlust! Der Dieb mit soviel
+davongegangen, und soviel, um den Dieb zu finden; und keine
+Genugtuung, keine Rache! Kein Unglück tut sich auf, als was mir
+auf den Hals fällt; keine Seufzer, als die ich ausstoße, keine
+Tränen, als die ich vergieße.
+
+Tubal.
+Ja, andre Menschen haben auch Unglück. Antonio, so hört ich in Genua--
+
+Shylock.
+Was, was, was? Ein Unglück? ein Unglück?
+
+Tubal.
+Hat eine Galeone verloren, die von Tripolis kam.
+
+Shylock.
+Gott sei gedankt! Gott sei gedankt! Ist es wahr? ist es wahr?
+
+Tubal.
+Ich sprach mit ein paar von den Matrosen, die sich aus dem
+Schiffbruch gerettet.
+
+Shylock.
+Ich danke dir, guter Tubal! Gute Zeitung, gute Zeitung!--Wo? in
+Genua?
+
+Tubal.
+Eure Tochter vertat in Genua, wie ich hörte, in (einem) Abend
+achtzig Dukaten!
+
+Shylock.
+Du gibst mir einen Dolchstich--ich kriege mein Gold nicht wieder
+zu sehn--Achtzig Dukaten in (einem) Strich! achtzig Dukaten!
+
+Tubal.
+Verschiedene von Antonios Gläubigern reisten mit mir zugleich
+nach Venedig; die beteuerten, er müsse notwendig fallieren.
+
+Shylock.
+Das freut mich sehr! ich will ihn peinigen, ich will ihn martern;
+das freut mich!
+
+Tubal.
+Einer zeigte mir einen Ring, den ihm Eure Tochter für einen Affen
+gab.
+
+Shylock.
+Daß sie die Pest! Du marterst mich, Tubal. Es war mein Türkis,
+ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte
+ihn nicht für einen Wald von Affen weggegeben.
+
+Tubal.
+Aber Antonio ist gewiß ruiniert.
+
+Shylock.
+Ja, das ist wahr! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen
+Amtsdiener, bestell ihn vierzehn Tage vorher. Ich will sein Herz
+haben, wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist, so
+kann ich Handel treiben, wie ich will. Geh, geh, Tubal, und triff
+mich bei unsrer Synagoge! geh, guter Tubal! bei unsrer Synagoge,
+Tubal!
+
+(Ab.)
+
+
+
+Zweite Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Bassanio, Porzia, Graziano, Nerissa und Gefolge treten auf
+Die Kästchen sind aufgestellt)
+
+
+Porzia.
+Ich bitt Euch, wartet ein, zwei Tage noch,
+Bevor Ihr wagt; denn wählt Ihr falsch, so büße
+Ich Euren Umgang ein; darum verzieht.
+Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe),
+Ich möcht Euch nicht verlieren; und Ihr wißt,
+Es rät der Haß in diesem Sinne nicht.
+Allein damit Ihr recht mich deuten möchtet
+(Und doch, ein Mädchen spricht nur mit Gedanken),
+Behielt' ich gern Euch ein paar Tage hier,
+Eh Ihr für mich Euch wagt. Ich könnt Euch leiten
+Zur rechten Wahl, dann bräch ich meinen Eid;
+Das will ich nie; so könnt Ihr mich verfehlen.
+Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen,
+Ich hätt ihn nur gebrochen. O der Augen,
+Die so bezaubert mich und mich geteilt!
+Halb bin ich Eur, die andre Hälfte Euer--
+Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer,
+Und so ganz Euer. O die böse Zeit,
+Die Eignern ihre Rechte vorenthält!
+Und so, ob Euer schon, nicht Euer.--Trifft es,
+So sei das Glück dafür verdammt, nicht ich.
+Zu lange red ich, doch nur um die Zeit
+Zu dehnen, in die Länge sie zu ziehn,
+Die Wahl noch zu verzögern.
+
+Bassanio.
+Laßt mich wählen,
+Denn wie ich jetzt bin, leb ich auf der Folter.
+
+Porzia.
+Bassanio, auf der Folter? So bekennt,
+Was für Verrat in Eurer Liebe steckt.
+
+Bassanio.
+Allein der häßliche Verrat des Mißtrauns,
+Der mich am Glück der Liebe zweifeln läßt.
+So gut verbände Schnee und Feuer sich
+Zum Leben, als Verrat und meine Liebe.
+
+Porzia.
+Ja, doch ich sorg, Ihr redet auf der Folter,
+Wo sie, gezwungen, sagen, was man will.
+
+Bassanio.
+Verheißt mir Leben, so bekenn ich Wahrheit.
+
+Porzia.
+Nun wohl, bekennt und lebt!
+
+Bassanio.
+Bekennt und liebt!
+Mein ganz Bekenntnis wäre dies gewesen.
+O selge Folter, wenn der Folterer
+Mich Antwort lehrt zu meiner Lossprechung?
+Doch laßt mein Heil mich bei den Kästchen suchen.
+
+Porzia.
+Hinzu denn! Eins darunter schließt mich ein;
+Wenn Ihr mich liebt, so findet Ihr es aus.
+Nerissa und ihr andern steht beiseit.--
+Laßt nun Musik ertönen, weil er wählt!
+So, wenn er fehltrifft, end' er Schwanen gleich
+Hinsterbend in Musik; daß die Vergleichung
+Noch näher passe, sei mein Aug der Strom,
+Sein wäßrig Totenbett. Er kann gewinnen,
+Und was ist dann Musik? Dann ist Musik
+Wie Paukenklang, wenn sich ein treues Volk
+Dem neugekrönten Fürsten neigt; ganz so
+Wie jene süßen Tön in erster Frühe,
+Die in des Bräutigams schlummernd Ohr sich schleichen
+Und ihn zur Hochzeit laden. Jetzo geht er
+Mit minder Anstand nicht, mit weit mehr Liebe,
+Als einst Alcides, da er den Tribut
+Der Jungfrau löste, welchen Troja heulend
+Dem Seeuntier gezahlt. Ich steh als Opfer,
+Die dort von fern sind die Dardanschen Fraun
+Mit rotgeweinten Augen, ausgegangen,
+Der Tat Erfolg zu sehn.--Geh, Herkules!
+Leb du, so leb ich! mit viel stärkerm Bangen
+Seh ich den Kampf, als du ihn eingegangen.
+
+(Musik, während Bassanio über die Kästchen mit sich zu Rate geht.)
+
+(Lied)
+
+(Erste Stimme.) Sagt, woher stammt Liebeslust?
+Aus den Sinnen, aus der Brust?
+Ist euch ihr Lebenslauf bewußt? (Zweite Stimme.) In den Augen erst gehegt,
+Wird Liebeslust durch Schaun gepflegt;
+Stirbt das Kindchen, beigelegt
+In der Wiege, die es trägt,
+Läutet Totenglöckchen ihm;
+Ich beginne: Bim! bim! bim! (Chor.) Bim! bim! bim!
+
+Bassanio.
+--So ist oft äußrer Schein sich selber fremd,
+Die Welt wird immerdar durch Zier berückt.
+Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt,
+Der nicht, geschmückt von einer holden Stimme,
+Des Bösen Schein verdeckt? Im Gottesdienst,
+Wo ist ein Irrwahn, den ein ehrbar Haupt
+Nicht heiligte, mit Sprüchen nicht belegte,
+Und bürge die Verdammlichkeit durch Schmuck?
+Kein Laster ist so blöde, das von Tugend
+Im äußern Tun nicht Zeichen an sich nähme.
+Wie manche Feige, die Gefahren stehn
+Wie Spreu dem Winde, tragen doch am Kinn
+Den Bart des Herkules und finstern Mars,
+Fließt gleich in ihren Herzen Blut wie Milch!
+Und diese leihn des Mutes Auswuchs nur,
+Um furchtbar sich zu machen. Blickt auf Schönheit,
+Ihr werdet sehn, man kauft sie nach Gewicht,
+Das hier ein Wunder der Natur bewirkt,
+Und die es tragen, um so lockrer macht.
+So diese schlänglicht krausen goldnen Locken,
+Die mit den Lüften so mutwillig hüpfen
+Auf angemaßtem Reiz: man kennt sie oft
+Als eines zweiten Kopfes Ausstattung,
+Der Schädel der sie trug, liegt in der Gruft.
+So ist denn Zier die trügerische Küste
+Von einer schlimmen See, der schöne Schleier,
+Der Indiens Schöne birgt; mit einem Wort:
+Die Scheinwahrheit, womit die schlaue Zeit
+Auch Weise fängt. Darum, du gleißend Gold,
+Des Midas harte Kost, dich will ich nicht,
+Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer
+Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei,
+Das eher droht als irgend was verheißt,
+Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an:
+Ich wähle hier, und sei es wohlgetan!
+
+Porzia.
+Wie jede Regung fort die Lüfte tragen!
+Als irre Zweifel, ungestüm Verzagen
+Und bange Schaur und blasse Schüchternheit.
+O Liebe, mäßge dich in deiner Seligkeit!
+Halt ein, laß deine Freuden sanfter regnen;
+Zu stark fühl ich, du mußt mich minder segnen,
+Damit ich nicht vergeh.
+
+Bassanio (öffnet das bleierne Kästchen).
+Was find ich hier?
+Der schönen Porzia Bildnis? Welcher Halbgott
+Kam so der Schöpfung nah? Regt sich dies Auge?
+Wie, oder schwebend auf des meinen Wölbung,
+Scheint es bewegt? Hier sind erschloßne Lippen,
+Die Nektarodem trennt: so süße Scheidung
+Muß zwischen solchen süßen Freunden sein.
+Der Maler spielte hier in ihrem Haar,
+Die Spinne wob ein Netz, der Männer Herzen
+Zu fangen wie die Mück im Spinngeweb.
+Doch ihre Augen--o wie konnt er sehn,
+Um sie zu malen? Da er eins gemalt,
+Dünkt mich, es mußt ihm seine beiden stehlen
+Und ungepaart sich lassen. Doch seht, soweit
+Die Wahrheit meines Lobes diesem Schatten
+Zu nahe tut, da es ihn unterschätzt,
+Soweit läßt diesen Schatten hinter sich
+Die Wahrheit selbst zurück.--Hier ist der Zettel,
+Der Inbegriff und Auszug meines Glücks.
+ "Ihr, der nicht auf Schein gesehn:
+ Wählt so recht und trefft so schön!
+ Weil Euch dieses Glück geschehn,
+ Wollet nicht nach anderm gehn.
+ Ist Euch dies nach Wunsch getan
+ Und findt Ihr Heil auf dieser Bahn,
+ Müßt Ihr Eurer Liebsten nahn,
+ Und sprecht mit holdem Kuß sie an."
+Ein freundlich Blatt--erlaubt, mein holdes Leben,
+
+(er küßt sie)
+
+Ich komm, auf Schein zu nehmen und zu geben,
+Wie, wer um einen Preis mit andern ringt
+Und glaubt, daß vor dem Volk sein Tun gelingt;
+Er hört den Beifall, Jubel schallt zum Himmel:
+Im Geist benebelt, staunt er--"Dies Getümmel
+Des Preises", fragt er sich, "gilt es denn mir?"
+So, dreimal holdes Fräulein, steh ich hier,
+Noch zweifelnd, ob kein Trug mein Auge blend't,
+Bis Ihr bestätigt, zeichnet, anerkennt.
+
+Porzia.
+Ihr seht mich, Don Bassanio, wo ich stehe,
+So wie ich bin. Obschon für mich allein
+Ich nicht ehrgeizig wär in meinem Wunsch,
+Viel besser mich zu wünschen; doch für Euch
+Wollt ich verdreifacht zwanzigmal ich selbst sein,
+Noch tausendmal so schön, zehntausendmal
+So reich.--
+Nur um in Eurer Schätzung hoch zu stehn
+Möcht ich an Gaben, Reizen, Gütern, Freunden
+Unschätzbar sein; doch meine volle Summa
+Macht etwas nur: das ist, in Bausch und Bogen,
+Ein unerzognes, ungelehrtes Mädchen,
+Darin beglückt, daß sie noch nicht zu alt
+Zum Lernen ist; noch glücklicher, daß sie
+Zum Lernen nicht zu blöde ward geboren;
+Am glücklichsten, weil sie ihr weich Gemüt
+Dem Euren überläßt, daß Ihr sie lenkt
+Als ihr Gemahl, ihr Führer und ihr König.
+Ich selbst, und was nur mein, ist Euch und Eurem
+Nun zugewandt; noch eben war ich Eigner
+Des schönen Guts hier, Herrin meiner Leute,
+Monarchin meiner selbst; und eben jetzt
+Sind Haus und Leut und ebendies "ich selbst"
+Eur eigen, Herr. Nehmt sie mit diesem Ring;
+Doch trennt Ihr Euch von ihm, verliert, verschenkt ihn,
+So prophezei es Eurer Liebe Fall,
+Und sei mein Anspruch gegen Euch zu klagen.
+
+Bassanio.
+Fräulein, Ihr habt der Worte mich beraubt,
+Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch;
+Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern,
+Wie sie nach einer wohlgesprochnen Rede
+Von einem teuren Prinzen wohl im Kreis
+Der murmelnden zufriednen Meng erscheint,
+Wo jedes Etwas, ineinander fließend,
+Zu einem Chaos wird von nichts als Freude,
+Laut und doch sprachlos.--Doch weicht dieser Ring
+Von diesem Finger, dann weicht hier das Leben;
+O dann sagt kühn, Bassanio sei tot!
+
+Nerissa.
+Mein Herr und Fräulein, jetzt ist unsre Zeit,
+Die wir dabei gestanden und die Wünsche
+Gelingen sehn, zu rufen: Freud und Heil!
+Habt Freud und Heil, mein Fräulein und mein Herr!
+
+Graziano.
+Mein Freund Bassanio und mein wertes Fräulein,
+Ich wünsch euch, was für Freud ihr wünschen könnt;
+Denn sicher wünscht ihr keine von mir weg.
+Und wenn ihr beiderseits zu feiern denkt
+Den Austausch eurer Treue, bitt ich euch,
+Daß ich zugleich mich auch verbinden dürfe.
+
+Bassanio.
+Von Herzen gern, kannst du ein Weib dir schaffen.
+
+Graziano.
+Ich dank Euch, Herr, Ihr schafftet mir ein Weib.
+Mein Auge kann so hurtig schaun als Eures;
+Ihr saht das Fräulein, ich die Dienerin;
+Ihr liebtet und ich liebte; denn Verzug
+Steht mir nicht besser an als Euch, Bassanio.
+Eur eignes Glück hing an den Kästchen dort,
+Und so auch meines, wie es sich gefügt.
+Denn werbend hier, bis ich in Schweiß geriet,
+Und schwörend, bis mein Gaum' von Liebesschwüren
+Ganz trocken war, ward ich zuletzt--geletzt
+Durch ein Versprechen dieser Schönen hier,
+Mir Liebe zu erwidern, wenn Eur Glück
+Ihr Fräulein erst gewönne.
+
+Porzia.
+Ist's wahr, Nerissa?
+
+Nerissa.
+Ja, Fräulein, wenn Ihr Euren Beifall gebt.
+
+Bassanio.
+Und meint Ihr's, Graziano, recht im Ernst?
+
+Graziano.
+Ja, auf mein Wort.
+
+Bassanio.
+Ihr ehrt durch Eure Heirat unser Fest.
+
+Graziano.
+Wir wollen mit ihnen auf den ersten Jungen wetten um tausend Dukaten.
+Doch wer kommt hier; Lorenzo und sein Heidenkind?
+Wie? und mein alter Landsmann, Freund Salerio?
+(Lorenzo, Jessica und Salerio treten auf.)
+
+Bassanio.
+Lorenzo und Salerio, willkommen,
+Wofern die Jugend meines Ansehns hier
+Willkommen heißen darf. Erlaubet mir,
+Ich heiße meine Freund und Landesleute
+Willkommen, holde Porzia.
+
+Porzia.
+Ich mit Euch;
+Sie sind mir sehr willkommen.
+
+Lorenzo.
+Dank Euer Gnaden!--Was mich angeht, Herr,
+Mein Vorsatz war es nicht, Euch hier zu sehn;
+Doch da ich unterwegs Salerio traf,
+So bat er mich, daß ich's nicht weigern konnte,
+Hieher ihn zu begleiten.
+
+Salerio.
+Ja, ich tat's
+Und habe Grund dazu. Signor Antonio
+Empfiehlt sich Euch.
+
+(Gibt dem Bassanio einen Brief.)
+
+Bassanio.
+Eh ich den Brief erbreche,
+Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund?
+
+Salerio.
+Nicht krank, Herr, wenn er's im Gemüt nicht ist,
+Noch wohl, als im Gemüt; der Brief da wird
+Euch seinen Zustand melden.
+
+Graziano.
+Nerissa, muntert dort die Fremde auf,
+Heißt sie willkommen. Eure Hand, Salerio!
+Was bringt Ihr von Venedig mit? Wie geht's
+Dem königlichen Kaufmann, dem Antonio?
+Ich weiß, er wird sich unsers Glückes freun;
+Wir sind die Iasons, die das Vlies gewonnen.
+
+Salerio.
+O hättet Ihr das Vlies, das er verlor.
+
+Porzia.
+In dem Papier ist ein feindselger Inhalt,
+Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen.
+Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst,
+Was eines festgesinnten Mannes Fassung
+So ganz verwandeln kann. Wie? schlimm und schlimmer?
+Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst,
+Und mir gebührt die Hälfte auch von allem,
+Was dies Papier Euch bringt.
+
+Bassanio.
+O werte Porzia,
+Hier sind ein paar so widerwärtge Worte,
+Als je Papier bedeckten. Holdes Fräulein,
+Als ich zuerst Euch meine Liebe bot,
+Sagt ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne
+In meinen Adern: ich sei Edelmann;
+Und dann sagt ich Euch wahr. Doch, teures Fräulein,
+Da ich auf nichts mich schätzte, sollt Ihr sehn,
+Wie sehr ich Prahler war. Da ich Euch sagte,
+Mein Gut sei nichts, hätt ich Euch sagen sollen,
+Es sei noch unter nichts; denn in der Tat,
+Mich selbst verband ich einem teuren Freunde,
+Den Freund verband ich seinem ärgsten Feind,
+Um mir zu helfen. Hier, Fräulein, ist ein Brief,
+Das Blatt Papier, wie meines Freundes Leib
+Und jedes Wort drauf eine offne Wunde,
+Der Lebensblut entströmt.--Doch ist es wahr,
+Salerio? Sind denn alle Unternehmen
+Ihm fehlgeschlagen? Wie, nicht eins gelang?
+Von Tripolis, von Mexiko, von England,
+Von Indien, Lissabon, der Berberei?
+Und nicht (ein) Schiff entging dem furchbarn Anstoß
+Von Armut drohnden Klippen?
+
+Salerio.
+Nein, nicht eins.
+Und außerdem, so scheint es, hätt er selbst
+Das bare Geld, den Juden zu bezahlen,
+Der nähm es nicht. Nie kannt ich ein Geschöpf,
+Das die Gestalt von einem Menschen trug,
+So gierig, einen Menschen zu vernichten.
+Er liegt dem Dogen früh und spät im Ohr
+Und klagt des Staats verletzte Freiheit an,
+Wenn man sein Recht ihm weigert. Zwanzig Handelsleute,
+Der Doge selber und die Senatoren
+Vom größten Ansehn reden all ihm zu;
+Doch niemand kann aus der Schikan ihn treiben
+Von Recht, verfallner Buß und seinem Schein.
+
+Jessica.
+Als ich noch bei ihm war, hört ich ihn schwören
+Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal,
+Er wolle lieber des Antonio Fleisch
+Als den Betrag der Summe zwanzigmal,
+Die er ihm schuldig sei. Und, Herr, ich weiß,
+Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt,
+Wird es dem armen Manne schlimm ergehn.
+
+Porzia.
+Ist's Euch ein teurer Freund, der so in Not ist?
+
+Bassanio.
+Der teurste Freund, der liebevollste Mann,
+Das unermüdet willigste Gemüt
+Zu Dienstleistungen und ein Mann, an dem
+Die alte Römerehre mehr erscheint
+Als sonst an wem, der in Italien lebt.
+
+Porzia.
+Welch eine Summ' ist er dem Juden schuldig?
+
+Bassanio.
+Für mich, dreitausend Dukaten.
+
+Porzia.
+Wie? nicht mehr?
+Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein,
+Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das,
+Eh einem Freunde dieser Art ein Haar
+Gekränkt soll werden durch Bassanios Schuld.
+Erst geht mit mir zur Kirch und nennt mich Weib,
+Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund,
+Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen
+Mit Unruh in der Brust. Gold geb ich Euch,
+Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen;
+Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch.
+Nerissa und ich selbst indessen leben
+Wie Mädchen und wie Witwen. Kommt mit mir,
+Ihr sollt auf Euren Hochzeitstag von hier.
+Begrüßt die Freunde, laßt den Mut nichts trüben;
+So teur gekauft, will ich Euch teuer lieben.--
+Doch laßt mich hören Eures Freundes Brief.
+
+Bassanio (liest).
+"Liebster Bassanio! Meine Schiffe sind alle verunglückt, meine
+Gläubiger werden grausam, mein Glücksstand ist ganz zerrüttet,
+meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es
+unmöglich ist, daß ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle
+Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei
+meinem Tode sehen könnte! Jedoch handelt nach Belieben; wenn Eure
+Liebe Euch nicht überredet, zu kommen, so muß es mein Brief
+nicht.
+
+Porzia.
+O Liebster, geht, laßt alles andre liegen!
+
+Bassanio.
+Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld
+Zu gehn erlaubt; doch bis ich hier zurück,
+Sei nie ein Bett an meinem Zögern schuld,
+Noch trete Ruhe zwischen unser Glück!
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+Dritte Szene
+
+Venedig. Eine Straße
+
+(Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwärter treten auf)
+
+
+Shylock.
+Acht auf ihn, Schließer!--Sagt mir nicht von Gnade, Dies ist der
+Narr, der Geld umsonst auslieh.--Acht auf ihn, Schließer!
+
+Antonio.
+Hört mich, guter Shylock.
+
+Shylock.
+Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein!
+Ich tat 'nen Eid, auf meinen Schein zu dringen.
+Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;
+Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
+Der Doge soll mein Recht mir tun.--Mich wundert's,
+Daß du so töricht bist, du loser Schließer,
+Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn.
+
+Antonio.
+Ich bitte, hör mich reden.
+
+Shylock.
+Ich will den Schein, ich will nicht reden hören,
+Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr.
+Ich macht mich nicht zum schwachen, blinden Narrn,
+Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt
+Den christlichen Vermittlern. Folg mir nicht,
+Ich will kein Reden, meinen Schein will ich.
+
+(Shylock ab.)
+
+Solanio.
+Das ist ein unbarmherzger Hund, wie's keinen
+Je unter Menschen gab.
+
+Antonio.
+Laßt ihn nur gehn,
+Ich geh ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten.
+Er sucht mein Leben, und ich weiß warum;
+Oft hab ich Schuldner, die mir vorgeklagt,
+Davon erlöst, in Buß ihm zu verfallen;
+Deswegen haßt er mich.
+
+Solanio.
+Gewiß, der Doge
+Gibt nimmer zu, daß diese Buße gilt.
+
+Antonio.
+Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen;
+Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden
+Hier in Venedig, wenn man sie versagt,
+Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab,
+Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt
+Beruht auf allen Völkern. Gehn wir denn!
+Der Gram und der Verlust zehrt so an mir
+Kaum werd ich ein Pfund Fleisch noch übrig haben
+Auf morgen für den blutgen Gläubiger.
+Komm, Schließer! Gebe Gott, daß nur Bassanio
+Mich für ihn zahlen sieht, so gilt mir's gleich.
+
+(Ab.)
+
+
+
+Vierte Szene
+
+Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
+
+(Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen)
+
+
+Lorenzo.
+Mein Fräulein, sag ich's schon in Eurem Beisein,
+Ihr habt ein edles und ein echt Gefühl
+Von göttergleicher Freundschaft; das beweist Ihr,
+Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt.
+Doch wüßtet Ihr, wem Ihr die Ehr erzeigt,
+Welch einem biedern Mann Ihr Hilfe sendet,
+Welch einem lieben Freunde Eures Gatten,
+Ich weiß, Ihr wäret stolzer auf das Werk,
+Als Euch gewohnte Güte drängen kann.
+
+Porzia.
+Noch nie bereut ich, daß ich Gutes tat,
+Und werd es jetzt auch nicht; denn bei Genossen,
+Die miteinander ihre Zeit verleben
+Und deren Herz (ein) Joch der Liebe trägt,
+Da muß unfehlbar auch ein Ebenmaß
+Von Zügen sein, von Sitten und Gemüt.
+Dies macht mich glauben, der Antonio,
+Als Busenfreund von meinem Gatten, müsse
+Durchaus ihm ähnlich sein. Wenn es so ist,
+Wie wenig ist es, was ich aufgewandt,
+Um meiner Seele Ebenbild zu lösen
+Aus einem Zustand höllscher Grausamkeit!
+Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah;
+Darum nichts mehr davon. Hört andre Dinge:
+Lorenzo, ich vertrau in Eure Hand
+Die Wirtschaft und die Führung meines Hauses,
+Bis zu Bassanios Rückkehr; für mein Teil
+Ich sandt ein heimliches Gelübd zum Himmel,
+Zu leben in Beschauung und Gebet,
+Allein begleitet von Nerissa hier,
+Bis zu der Rückkunft unser beider Gatten.
+Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier,
+Da wollen wir verweilen. Ich ersuch Euch:
+Lehnt nicht den Auftrag ab, den meine Liebe
+Und eine Nötigung des Zufalls jetzt
+Euch auferlegt.
+
+Lorenzo.
+Von ganzem Herzen, Fräulein;
+In allem ist mir Euer Wink Befehl.
+
+Porzia.
+Schon wissen meine Leute meinen Willen
+Und werden Euch und Jessica erkennen
+An meiner eignen und Bassanios Statt.
+So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn!
+
+Lorenzo.
+Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden!
+
+Jessica.
+Ich wünsch Eur Gnaden alle Herzensfreude.
+
+Porzia.
+Ich dank Euch für den Wunsch und bin geneigt,
+Ihn Euch zurückzuwünschen.--Jessica, lebt wohl!
+
+(Jessica und Lorenzo ab.)
+
+Nun, Balthasar,
+Wie ich dich immer treu und redlich fand,
+Laß mich auch jetzt dich finden. Nimm den Brief
+Und eile, was in Menschenkräften steht,
+Nach Padua; gib ihn zu eignen Händen
+An meinen Vetter ab, Doktor Bellario.
+Sieh zu, was er dir für Papiere gibt
+Und Kleider; bringe die in höchster Eil
+Zur Überfahrt an die gemeine Fähre,
+Die nach Venedig schifft. Verlier die Zeit
+Mit Worten nicht; geh, ich bin vor dir da.
+
+Balthasar.
+Fräulein, ich geh mit aller schuldigen Eil.
+
+(Balthasar ab.)
+
+Porzia.
+Nerissa, komm. Ich hab ein Werk zur Hand,
+Wovon du noch nicht weißt; wir wollen unsre Männer,
+Eh sie es denken, sehn.
+
+Nerissa.
+Und sie auch uns?
+
+Porzia.
+Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht,
+Daß sie mit dem versehn uns denken sollen,
+Was uns gebricht. Ich wette, was du willst:
+Sind wir wie junge Männer aufgestutzt,
+Will ich der feinste Bursch von beiden sein
+Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen
+Und sprechen wie im Übergang vom Knaben
+Zum Mann und einem heiseren Diskant.
+Ich will zwei jüngferliche Tritte dehnen
+Zu (einem) Männerschritt; vom Raufen sprechen
+Wie kecke junge Herrn; und artig lügen,
+Wie edle Frauen meine Liebe suchten
+Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt.--
+Ich konnte nicht mit allen fertig werden;
+Und dann bereu ich es und wünsch, ich hätte
+Bei alledem sie doch nicht umgebracht.
+Und zwanzig solcher kleinen Lügen sag ich,
+So daß man schwören soll, daß ich die Schule
+Schon seit dem Jahr verließ.--Ich hab im Sinn
+Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken,
+Die ich verüben will.
+
+Nerissa.
+So sollen wir in Männer uns verwandeln?
+
+Porzia.
+Ja, komm, ich sag dir meinen ganzen Anschlag,
+Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor
+Des Parks erwartet; darum laß uns eilen,
+Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen.
+
+(Ab.)
+
+
+
+Fünfte Szene
+
+Belmont. Ein Garten
+
+(Lanzelot und Jessica kommen)
+
+
+Lanzelot.
+Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den
+Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für
+Euch. Ich ging immer gerade gegen Euch heraus, und so sage ich
+Euch meine Deliberation über die Sache. Also seid gutes Mutes,
+denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur (eine)
+Hoffnung dabei, die Euch zustatten kommen kann, und das ist auch
+nur so eine Art von Bastardhoffnung.
+
+Jessica.
+Und welche Hoffnung ist das?
+
+Lanzelot.
+Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht
+erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid.
+
+Jessica.
+Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann würden die
+Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.
+
+Lanzelot.
+Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen
+verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle
+ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die
+andre Art verloren.
+
+Jessica.
+Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer
+Christin gemacht.
+
+Lanzelot.
+Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon
+Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen
+konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine
+steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in
+kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu
+haben.
+
+(Lorenzo kommt.)
+
+Jessica.
+Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt
+er.
+
+Lorenzo.
+Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine
+Frau so in die Ecken zieht.
+
+Jessica.
+Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir
+sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine
+Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er
+behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid,
+weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des
+Schweinefleisches steigert.
+
+Lorenzo.
+Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure
+Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet
+Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.
+
+Lanzelot.
+Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das
+Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.
+
+Lorenzo.
+Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird
+sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren und
+Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden.--Geht ins
+Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.
+
+Lanzelot.
+Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.
+
+Lorenzo.
+Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, daß
+sie die Mahlzeit anrichten.
+
+Lanzelot.
+Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken.
+
+Lorenzo.
+Wollt Ihr also decken?
+
+Lanzelot.
+Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt.
+
+Lorenzo.
+Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz
+auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen
+schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen
+Kameraden, heiß sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und
+wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.
+
+Lanzelot.
+Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt
+werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei
+laßt Lust und Laune walten.
+
+(Ab.)
+
+Lorenzo.
+O heilige Vernunft, was eitle Worte!
+Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer
+Wortspiele eingeprägt. Und kenn ich doch
+Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle,
+So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort
+Die Sache preisgibt. Wie geht's dir, Jessica?
+Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,
+Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?
+
+Jessica.
+Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,
+Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe;
+Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,
+Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.
+Und will er das auf Erden nicht, so wär's
+Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.
+Ja, wenn zwei Götter irgendeine Wette
+Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten,
+Und Porzia wär die eine, tät es not,
+Noch sonst was mit der andern auf das Spiel
+Zu setzen; denn die arme rohe Welt
+Hat ihresgleichen nicht.
+
+Lorenzo.
+Und solchen Mann
+Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.
+
+Jessica.
+Ei, fragt doch darum meine Meinung auch.
+
+Lorenzo.
+Sogleich; doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn.
+
+Jessica.
+Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben.
+
+Lorenzo.
+Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch;
+Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern
+Werd ich's verdaun.
+
+Jessica.
+Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen.
+
+(Ab.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erste Szene
+
+Venedig. Ein Gerichtssaal
+
+(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino,
+Solanio und andre)
+
+
+Doge.
+Nun, ist Antonio da?
+
+Antonio.
+Eur Hoheit zu Befehl.
+
+Doge.
+Es tut mir leid um dich; du hast zu tun
+Mit einem felsenharten Widersacher;
+Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig.
+Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm.
+
+Antonio.
+Ich hörte,
+Daß sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern
+Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt
+Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß
+Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld
+Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet
+Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn
+Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei.
+
+Doge.
+Geh wer und ruf den Juden in den Saal.
+
+Solanio.
+Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr.
+
+(Shylock kommt.)
+
+Doge.
+Macht Platz, laßt ihn uns gegenüberstehn.--
+Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch,
+Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit
+Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,
+So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen
+Und deine Milde, wunderbarer noch
+Als deine angenommne Grausamkeit.
+Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst,
+Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch,
+Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen,
+Nein, auch gerührt von Lieb und Menschlichkeit,
+Die Hälfte schenken von der Summe selbst,
+Ein Aug des Mitleids auf die Schäden werfend,
+Die kürzlich seine Schultern so bestürmt:
+Genug, um einen königlichen Kaufmann
+Ganz zu erdrücken und an seinem Fall
+Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,
+So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen
+Von Türken und Tataren, nie gewöhnt
+An Dienste zärtlicher Gefälligkeit.
+Wir all erwarten milde Antwort, Jude.
+
+Shylock.
+Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor:
+Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es,
+Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht.
+Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr
+Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt.
+Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht
+Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend
+Dukaten zu empfangen? Darauf will ich
+Nicht Antwort geben; aber setzet nun,
+Daß mir's so ansteht: ist das Antwort gnug?
+Wie? wenn mich eine Ratt im Hause plagt?
+Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend
+Dukaten geben will?--Ist's noch nicht Antwort gnug?
+Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel
+Ausstehen können; manche werden toll,
+Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre können,
+Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,
+Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe,
+Der Leidenschaften Meister, lenken sie
+Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort:
+Wie sich kein rechter Grund angeben läßt,
+Daß (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann,
+(Der) keine Katz, ein harmlos nützlich Tier,
+(Der) keinen Dudelsack; und muß durchaus
+Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben,
+Daß er, belästigt, selbst belästgen muß;
+So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen,
+Als eingewohnten Haß und Widerwillen,
+Den mir Antonio einflößt, daß ich so
+Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.
+Habt Ihr nun eine Antwort?
+
+Bassanio.
+Nein, es ist keine, du fühlloser Mann,
+Die deine Grausamkeit entschuldgen könnte.
+
+Shylock.
+Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?
+
+Bassanio.
+Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?
+
+Shylock.
+Wer haßt ein Ding und brächt es nicht gern um?
+
+Bassanio.
+Beleidigung ist nicht sofort auch Haß.
+
+Shylock.
+Was? läßt du dich die Schlange zweimal stechen?
+
+Antonio.
+Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.
+Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand,
+Die Flut von ihrer Höh sich senken heißen;
+Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen,
+Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken?
+Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren,
+Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen,
+Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;
+Ihr mögt so gut das Härteste bestehn,
+Als zu erweichen suchen--was wär härter?--
+Sein jüdisch Herz.--Ich bitt Euch also, bietet
+Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht
+Und gebt in aller Kürz und gradezu
+Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen.
+
+Bassanio.
+Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.
+
+Shylock.
+Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten
+Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat,
+Ich nähm sie nicht, ich wollte meinen Schein.
+
+Doge.
+Wie hoffst du Gnade, da du keine übst?
+
+Shylock.
+Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht?
+Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch,
+Die Ihr wie Eure Esel, Hund' und Maultier'
+In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,
+Weil Ihr sie kauftet. Sag ich nun zu Euch--
+Laßt sie doch frei, vermählt sie Euren Erben;
+Was plagt Ihr sie mit Lasten? laßt ihr Bett
+So weich als Eures sein, labt ihren Gaum'
+Mit eben solchen Speisen.--Ihr antwortet:
+Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich
+Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,
+Ist teur gekauft, ist mein, und ich will's haben.
+Wenn Ihr versagt, pfui über Eur Gesetz!
+So hat das Recht Venedigs keine Kraft.
+Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich's haben?
+
+Doge.
+Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,
+Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,
+Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,
+Hier heut erscheint.
+
+Salarino.
+Eur Hoheit, draußen steht
+Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor,
+Er kommt soeben an von Padua.
+
+Doge.
+Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor.
+
+Bassanio.
+Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts!
+Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,
+Eh dir ein Tropfen Bluts für mich entgeht.
+
+Antonio.
+Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,
+Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht
+Fällt vor der andern, und so laßt auch mich.
+Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio,
+Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.
+
+(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)
+
+Doge.
+Kommt Ihr von Padua, von Bellario?
+
+Nerissa.
+Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit.
+
+(Sie überreicht einen Brief.)
+
+Bassanio.
+Was wetzest du so eifrig da dein Messer?
+
+Shylock.
+Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden.
+
+Graziano.
+An deiner Seel, an deiner Sohle nicht,
+Machst du dein Messer scharf, du harter Jude!
+Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil,
+Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls.
+So können keine Bitten dich durchdringen?
+
+Shylock.
+Nein, keine, die du Witz zu machen hast.
+
+Graziano.
+O sei verdammt, du unbarmherzger Hund!
+Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.
+Du machst mich irre fast in meinem Glauben,
+Daß ich es halte mit Pythagoras,
+Wie Tieresseelen in die Leiber sich
+Von Menschen stecken; einen Wolf regierte
+Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord,
+Die grimme Seele weg vom Galgen riß
+Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter,
+In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren
+Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.
+
+Shylock.
+Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst,
+Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh.
+Stell deinen Witz her, guter junger Mensch,
+Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir.
+Ich stehe hier um Recht.
+
+Doge.
+Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt
+Uns einen jungen und gelehrten Doktor.--
+Wo ist er denn?
+
+Nerissa.
+Er wartet dicht bei an
+Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.
+
+Doge.
+Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch
+Und gebt ihm höfliches Geleit hieher.
+Hör das Gericht indes Bellarios Brief.
+
+Ein Schreiber (liest).
+"Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures
+Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote
+ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger
+Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem
+streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio
+bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner
+Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne
+Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann),
+mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner
+Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an
+Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu
+versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit
+einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme;
+seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen."
+
+Doge.
+Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt,
+Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.
+
+(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)
+
+Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten
+Bellario?
+
+Porzia.
+Zu dienen, gnädger Herr!
+
+Doge.
+Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz.
+Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,
+Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?
+
+Porzia.
+Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.
+Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?
+
+Doge.
+Antonio, alter Shylock, tretet vor!
+
+Porzia.
+Eur Nam ist Shylock?
+
+Shylock.
+Shylock ist mein Name.
+
+Porzia.
+Von wunderlicher Art ist Euer Handel,
+Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs
+Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.--
+Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht?
+
+Antonio.
+Ja, wie er sagt.
+
+Porzia.
+Den Schein erkennt Ihr an?
+
+Antonio.
+Ja.
+
+Porzia.
+So muß der Jude Gnad ergehen lassen.
+
+Shylock.
+Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das.
+
+Porzia.
+Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.
+Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
+Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:
+Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;
+Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie
+Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone.
+Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,
+Das Attribut der Würd und Majestät,
+Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt.
+Doch Gnad ist über diese Zeptermacht,
+Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,
+Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,
+Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten,
+Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude,
+Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:
+Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
+Zum Heile käm; wir beten all um Gnade,
+Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten
+Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt,
+Um deine Forderung des Rechts zu mildern;
+Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs
+Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort
+Zum Nachteil einen Spruch tun.
+
+Shylock.
+Meine Taten
+Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz,
+Die Buße und Verpfändung meines Scheins.
+
+Porzia.
+Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?
+
+Bassanio.
+O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht,
+Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt,
+Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen,
+Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand.
+Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar,
+Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt Euch,
+Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:
+Tut kleines Unrecht um ein großes Recht
+Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.
+
+Porzia.
+Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig
+Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern.
+Es würde als ein Vorgang angeführt,
+Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel
+Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein.
+
+Shylock.
+Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!
+Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!
+
+Porzia.
+Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.
+
+Shylock.
+Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier!
+
+Porzia.
+Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.
+
+Shylock.
+Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel.
+Soll ich auf meine Seele Meineid laden?
+Nicht um Venedig.
+
+Porzia.
+Gut, er ist verfallen,
+Und nach den Rechten kann der Jud hierauf
+Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen
+Des Kaufmanns auszuschneiden.--Sei barmherzig!
+Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen.
+
+Shylock.
+Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.--
+Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter;
+Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war
+Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht,
+Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,
+Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich,
+Daß keines Menschen Zunge über mich
+Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.
+
+Antonio.
+Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht,
+Den Spruch zu tun.
+
+Porzia.
+Nun wohl, so steht es denn!
+Bereitet Euren Busen für sein Messer.
+
+Shylock.
+O weiser Richter! wackrer junger Mann.
+
+Porzia.
+Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid
+Hat volle Übereinkunft mit der Buße,
+Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.
+
+Shylock.
+Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter!
+Um wieviel älter bist du, als du aussiehst!
+
+Porzia.
+Deshalb entblößt den Busen.
+
+Shylock.
+Ja, die Brust,
+So sagt der Schein--nicht wahr, mein edler Richter?
+"Zunächst dem Herzen", sind die eignen Worte.
+
+Porzia.
+So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch
+Zu wägen?
+
+Shylock.
+Ja, ich hab sie bei der Hand.
+
+Porzia.
+Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld,
+Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.
+
+Shylock.
+Ist das so angegeben in dem Schein?
+
+Porzia.
+Es steht nicht da; allein was tut's? Es wär
+Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.
+
+Shylock.
+Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.
+
+Porzia.
+Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen?
+
+Antonio.
+Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet.
+Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!
+Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft,
+Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger
+Als seine Weis ist; immer läßt es sonst
+Elende ihren Reichtum überleben,
+Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter
+Der Armut anzusehn; von solcher Schmach
+Langwier'ger Buße nimmt es mich hinweg.
+Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr
+Den Hergang von Antonios Ende; sagt,
+Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich;
+Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden,
+Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.
+Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert
+Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt:
+Denn schneidet nur der Jude tief genug,
+So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.
+
+Bassanio.
+Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe,
+Die mir so lieb ist als mein Leben selbst;
+Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt
+Gilt höher als dein Leben nicht bei mir.
+Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles
+Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.
+
+Porzia.
+Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank,
+Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten.
+
+Graziano.
+Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe;
+Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie
+Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden
+Gemüt zu ändern.
+
+Nerissa.
+Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut,
+Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.
+
+Shylock (beiseite).
+So sind die Christenmänner; ich hab 'ne Tochter:
+Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas
+Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!--
+Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.
+
+Porzia.
+Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein.
+Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.
+
+Shylock.
+O höchst gerechter Richter!--
+
+Porzia.
+Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust:
+Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.
+
+Shylock.
+O höchst gelehrter Richter!--Na, ein Spruch!
+Kommt, macht Euch fertig.
+
+Porzia.
+Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken!
+Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut;
+Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch!
+Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch;
+Allein vergießest du, indem du's abschneidst,
+Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt
+Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs
+Dem Staat Venedigs heim.
+
+Graziano.
+Gerechter Richter!--merk, Jud!--o weiser Richter!
+
+Shylock.
+Ist das Gesetz?
+
+Porzia.
+Du sollst die Akte sehn.
+Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß:
+Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.
+
+Graziano.
+O weiser Richter!--merk, Jud! ein weiser Richter!
+
+Shylock.
+Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach
+Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn.
+
+Bassanio.
+Hier ist das Geld.
+
+Porzia.
+Halt!
+Dem Juden alles Recht--still! keine Eil!
+Er soll die Buße haben, weiter nichts.
+
+Graziano.
+O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter!
+
+Porzia.
+Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden.
+Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder
+Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr
+Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel,
+Es leichter oder schwerer an Gewicht
+Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil
+Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal
+Nur um die Breite eines Haares neigt,
+So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.
+
+Graziano.
+Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!
+Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte.
+
+Porzia.
+Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße.
+
+Shylock.
+Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn.
+
+Bassanio.
+Ich hab es schon für dich bereit: hier ist's.
+
+Porzia.
+Er hat's vor offenem Gericht geweigert:
+Sein Recht nur soll er haben und den Schein.
+
+Graziano.
+Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel!
+Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.
+
+Shylock.
+Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?
+
+Porzia.
+Du sollst nichts haben als die Buße, Jude,
+Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.
+
+Shylock.
+So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen!
+Ich will nicht länger Rede stehn.
+
+Porzia.
+Wart, Jude!
+Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.
+Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs,
+Wenn man es einem Fremdling dargetan,
+Daß er durch Umweg' oder gradezu
+Dem Leben eines Bürgers nachgestellt,
+Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,
+Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn;
+Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim,
+Und an des Dogen Gnade hängt das Leben
+Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen.
+In der Benennung, sag ich, stehst du nun,
+Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,
+Daß du durch Umweg' und auch gradezu
+Recht eigentlich gestanden dem Beklagten
+Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn
+Die Androhung, die ich zuvor erwähnt.
+Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!
+
+Graziano.
+Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen;
+Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt,
+Behältst du nicht den Wert von einem Strick;
+Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.
+
+Doge.
+Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,
+So schenk ich dir das Leben, eh du bittest.
+Dein halbes Gut gehört Antonio,
+Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim,
+Was Demut lindern kann zu einer Buße.
+
+Porzia.
+Ja, für den Staat, nicht für Antonio.
+
+Shylock.
+Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht!
+Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt,
+Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben,
+Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.
+
+Porzia.
+Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?
+
+Graziano.
+Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!
+
+Antonio.
+Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht
+Die Buße seines halben Guts zu schenken,
+So bin ich es zufrieden, wenn er mir
+Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt,
+Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,
+Der kürzlich seine Tochter stahl.
+Noch zweierlei beding ich: daß er gleich
+Für diese Gunst das Christentum bekenne;
+Zum andern, stell er eine Schenkung aus
+Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt,
+An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.
+
+Doge.
+Das soll er tun, ich widerrufe sonst
+Die Gnade, die ich eben hier erteilt.
+
+Porzia.
+Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?
+
+Shylock.
+Ich bin's zufrieden.
+
+Porzia.
+Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.
+
+Shylock.
+Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn:
+Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,
+Und ich will zeichnen.
+
+Doge.
+Geh denn, aber tu's.
+
+Graziano.
+Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;
+Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr--
+Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.
+
+(Shylock ab.)
+
+Doge.
+Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.
+
+Porzia.
+Ich bitt Eur Hoheit um Entschuldigung.
+Ich muß vor Abend fort nach Padua
+Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.
+
+Doge.
+Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt.
+Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:
+Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.
+
+(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)
+
+Bassanio.
+Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind
+Durch Eure Weisheit heute losgesprochen
+Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern
+Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend
+Dukaten, willig die gewogne Müh.
+
+Antonio.
+Und bleiben Euer Schuldner überdies
+An Liebe und an Diensten immerfort.
+
+Porzia.
+Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;
+Ich bin zufrieden, da ich euch befreit,
+Und halte dadurch mich für wohl bezahlt;
+Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt.
+Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen;
+Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.
+
+Bassanio.
+Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr:
+Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,
+Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei,
+Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn.
+
+Porzia.
+Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach:
+Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen,
+Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch.
+Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter,
+Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.
+
+Bassanio.
+Der Ring--ach, Herr! ist eine Kleinigkeit,
+Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen.
+
+Porzia.
+Ich will nichts weiter haben als den Ring,
+Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu.
+
+Bassanio.
+Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert;
+Den teursten in Venedig geb ich Euch
+Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf.
+Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.
+
+Porzia.
+Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten;
+Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,
+Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.
+
+Bassanio.
+Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr;
+Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören,
+Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.
+
+Porzia.
+Mit solchen Worten spart man seine Gaben.
+Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib
+Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient,
+So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,
+Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!
+
+(Porzia und Nerissa ab.)
+
+Antonio.
+Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio;
+Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe
+Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.
+
+Bassanio.
+Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein,
+Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst,
+Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich!
+
+(Graziano ab.)
+
+Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,
+Und früh am Morgen wollen wir dann beide
+Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!
+
+(Ab.)
+
+
+
+Zweite Szene
+
+Eine Straße
+
+(Porzia und Nerissa kommen)
+
+
+Porzia.
+Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte
+Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht
+Und einen Tag vor unsern Männern noch
+Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen
+Gar sehr willkommen sein.
+
+(Graziano kommt.)
+
+Graziano.
+Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr.
+Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser
+Es überlegt, den Ring und bittet Euch,
+Mittags bei ihm zu speisen.
+
+Porzia.
+Das kann nicht sein;
+Den Ring nehm ich mit allem Danke an
+Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,
+Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.
+
+Graziano.
+Das will ich tun.
+
+Nerissa (zu Porzia).
+Herr, noch ein Wort mit Euch.--
+
+(Heimlich.)
+
+Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring
+Zu kriegen, den ich immer zu bewahren
+Ihn schwören ließ.
+
+Porzia.
+Ich steh dafür, du kannst es.
+Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn,
+Daß sie die Ring an Männer weggegeben;
+Wir leugnen's keck und überschwören sie.
+Fort! eile dich! Du weißt ja, wo ich warte.
+
+Nerissa.
+Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen?
+
+(Ab.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+
+
+Erste Szene
+
+Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause
+
+(Lorenzo und Jessica treten auf)
+
+
+Lorenzo.
+Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese,
+Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte
+Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht
+Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas
+Und seufzte seine Seele zu den Zelten
+Der Griechen hin, wo seine Cressida
+Die Nacht in Schlummer lag.
+
+Jessica.
+In solcher Nacht
+Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin
+Und sah des Löwen Schatten eh als ihn
+Und lief erschrocken weg.
+
+Lorenzo.
+In solcher Nacht
+Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand,
+Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten
+Zur Rückkehr nach Karthago.
+
+Jessica.
+In solcher Nacht
+Las einst Medea jene Zauberkräuter,
+Den Äson zu verjüngen.
+
+Lorenzo.
+In solcher Nacht
+Stahl Jessica sich von dem reichen Juden
+Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten
+Bis Belmont von Venedig.
+
+Jessica.
+In solcher Nacht
+Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe
+Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd,
+Wovon nicht eines echt war.
+
+Lorenzo.
+In solcher Nacht
+Verleumdete die artge Jessica
+Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten,
+Und er vergab es ihr.
+
+Jessica.
+Ich wollt Euch übernachten, käme niemand.
+Doch horcht! ich hör den Fußtritt eines Manns.
+(Ein Bedienter kommt.)
+
+Lorenzo.
+Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?
+
+Bedienter.
+Ein Freund.
+
+Lorenzo.
+Ein Freund? was für ein Freund? Eur Name, Freund?
+
+Bedienter.
+Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden,
+Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch
+Wird hier in Belmont sein; sie streift umher
+Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet
+Um frohen Ehestand.
+
+Lorenzo.
+Wer kommt mit ihr?
+
+Bedienter.
+Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß.
+Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?
+
+Lorenzo.
+Nein, und wir haben nichts von ihm gehört.
+Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein;
+Laß uns auf einen feierlichen Willkomm
+Für die Gebieterin des Hauses denken.
+
+(Lanzelot kommt.)
+
+Lanzelot.
+Holla, holla! he! heda! holla! holla!
+
+Lorenzo.
+Wer ruft?
+
+Lanzelot.
+Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!
+
+Lorenzo.
+Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier!
+
+Lanzelot.
+Holla! wo? wo?
+
+Lorenzo.
+Hier!
+
+Lanzelot.
+Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der
+sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens
+hier sein.
+
+(Lanzelot ab.)
+
+Lorenzo.
+Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen.
+Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn?
+Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich
+Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau
+Und bringt die Musikanten her ins Freie.
+
+(Stephano ab.)
+
+Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!
+Hier sitzen wir und lassen die Musik
+Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht,
+Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie.
+Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur
+Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
+Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
+Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
+Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
+So voller Harmonie sind ewge Geister:
+Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub
+Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören.
+
+(Musikanten kommen.)
+
+He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen,
+Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,
+
+(Musik)
+
+Zieht mit Musik sie heim.
+
+Jessica.
+Nie macht die liebliche Musik mich lustig.
+
+Lorenzo.
+Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.
+Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde,
+Der ungezähmten jungen Füllen Schar:
+Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut,
+Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt;
+Doch schaut nur die Trompete oder trifft
+Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,
+So seht Ihr, wie sie miteinander stehn;
+Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,
+Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter,
+Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,
+Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,
+Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
+Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
+Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,
+Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;
+Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
+Sein Trachten düster wie der Erebus.
+Trau keinem solchen!--Horch auf die Musik!
+
+(Porzia und Nerissa in der Entfernung)
+
+Porzia.
+Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal;
+Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
+So scheint die gute Tat in arger Welt.
+
+Nerissa.
+Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.
+
+Porzia.
+So löscht der größre Glanz den kleinern aus.
+Ein Stellvertreter strahlet wie ein König,
+Bis ihm ein König naht; und dann ergießt
+Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach
+Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik!
+
+Nerissa.
+Es sind die Musikanten Eures Hauses.
+
+Porzia.
+Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut;
+Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.
+
+Nerissa.
+Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau.
+
+Porzia.
+Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche,
+Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,
+Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge,
+Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie
+Für keinen bessern Spielmann als den Spatz.
+Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt
+Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!--
+Still! Luna schläft ja beim Endymion
+Und will nicht aufgeweckt sein.
+
+(Die Musik hört auf.)
+
+Lorenzo.
+Wenn nicht alles
+Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.
+
+Porzia.
+Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck,
+An meiner schlechten Stimme.
+
+Lorenzo.
+Gnädge Frau, willkommen!
+
+Porzia.
+Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt
+Und hoffen, unsre Worte fördern sie:
+Sind sie zurück?
+
+Lorenzo.
+Bis jetzt nicht, gnädge Frau.
+Allein ein Bote ist vorausgekommen,
+Sie anzumelden.
+
+Porzia.
+Geh hinein, Nerissa,
+Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun,
+Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;--
+Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr!
+
+(Trompetenstoß.)
+
+Lorenzo.
+Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen;
+Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts.
+
+Porzia.
+Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht,
+Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag
+Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.
+(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)
+
+Bassanio.
+Wir hielten mit den Antipoden Tag,
+Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt.
+
+Porzia.
+Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut,
+So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln:
+Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!
+
+Bassanio.
+Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund!
+Dies ist der Mann, dies ist Antonio,
+Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.
+
+Porzia.
+Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein;
+Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet.
+
+Antonio.
+Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.
+
+Porzia.
+Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen!
+Es muß sich anders zeigen als in Reden,
+Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab.
+
+(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)
+
+Graziano.
+Ich schwör's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht!
+Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber:
+Wär er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,
+Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt!
+
+Porzia.
+Wie? schon ein Zank? worüber kam es her?
+
+Graziano.
+Um einen Goldreif, einen dürftgen Ring,
+Den sie mir gab; der Denkspruch war daran
+Genau der Art, wie Vers' auf einer Klinge
+Vom Messerschmied: "Liebt mich und laßt mich nicht."
+
+Nerissa.
+Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?
+Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet
+Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde;
+Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.
+Ihr mußtet ihn um Eurer Eide willen,
+Wo nicht um mich, verehren und bewahren.
+Des Richters Schreiber!--o ich weiß, der Schreiber,
+Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn.
+
+Graziano.
+Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst.
+
+Nerissa.
+Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst.
+
+Graziano.
+Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen,
+'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,
+Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber.
+Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn:
+Ich konnt ihm das um alles nicht versagen.
+
+Porzia.
+Ihr wart zu tadeln, offen sag ich's Euch,
+Euch von der ersten Gabe Eurer Frau
+So unbedacht zu trennen; einer Sache,
+Mit Eiden angesteckt an Euren Finger
+Und so mit Treu an Euren Leib geschmiedet.
+Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring
+Und hieß ihn schwören, nie ihn wegzugeben;
+Hier steht er, und ich darf für ihn beteuern,
+Er ließ' ihn nicht, er riss' ihn nicht vom Finger
+Für alle Schätze, so die Welt besitzt.
+Ihr gabt fürwahr, Graziano, Eurer Frau
+Zu lieblos eine Ursach zum Verdruß;
+Geschäh es nur, es machte mich verrückt.
+
+Bassanio (beiseite).
+Ich möchte mir die linke Hand nur abhaun
+Und schwören, ich verlor den Ring im Kampf.
+
+Graziano.
+Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter,
+Der darum bat und in der Tat ihn auch
+Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber,
+Der Müh vom Schreiben hatte, meinen sich,
+Und weder Herr noch Diener wollten was
+Als die zwei Ringe nehmen.
+
+Porzia.
+Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl?
+Nicht den, hoff ich, den Ihr von mir empfingt.
+
+Bassanio.
+Könnt ich zum Fehler eine Lüge fügen,
+So würd ich's leugnen; doch Ihr seht, mein Finger
+Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort.
+
+Porzia.
+Gleich leer an Treu ist Euer falsches Herz.
+Beim Himmel, nie komm ich in Euer Bett,
+Bis ich den Ring gesehn.
+
+Nerissa.
+Noch ich in Eures,
+Bis ich erst meinen sehe.
+
+Bassanio.
+Holde Porzia,
+Wär Euch bewußt, wem ich ihn gab, den Ring,
+Wär Euch bewußt, für wen ich gab den Ring,
+Und säht Ihr ein, wofür ich gab den Ring
+Und wie unwillig ich mich schied vom Ring,
+Da nichts genommen wurde als der Ring,
+Ihr würdet Eures Unmuts Härte mildern.
+
+Porzia.
+Und hättet Ihr gekannt die Kraft des Rings,
+Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring,
+Und Eure Ehre, hangend an dem Ring,
+Ihr hättet so nicht weggeschenkt den Ring.
+Wo wär ein Mann so unvernünftig wohl,
+Hätt es Euch nur beliebt, mit einger Wärme
+Ihn zu verteidgen, daß er ohne Scheu
+Ein Ding begehrte, das man heilig hält?
+Nerissa lehrt mich, was ich glauben soll:
+Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring.
+
+Bassanio.
+Bei meiner Ehre, nein! bei meiner Seele!
+Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor
+Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend
+Dukaten ausschlug und den Ring erbat;
+Ich weigert's ihm, ließ ihn verdrießlich gehn,
+Den Mann, der meines teuern Freundes Leben
+Aufrechterhielt. Was soll ich sagen, Holde?
+Ich war genötigt, ihn ihm nachzuschicken;
+Gefälligkeit und Scham bedrängten mich,
+Und meine Ehre litt nicht, daß sie Undank
+So sehr befleckte. Drum verzeiht mir, Beste!
+Denn, glaubt mir, bei den heilgen Lichtern dort,
+Ihr hättet, wärt Ihr dagewesen, selbst
+Den Ring erbeten für den würdgen Doktor.
+
+Porzia.
+Daß nur der Doktor nie mein Haus betritt.
+Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte,
+Das Ihr meintwillen zu bewahren schwurt,
+So will ich auch freigebig sein wie Ihr:
+Ich will ihm nichts versagen, was ich habe,
+Nicht meinen Leib noch meines Gatten Bett;
+Denn kennen will ich ihn, das weiß ich sicher.
+Schlaft keine Nacht vom Haus! wacht wie ein Argus!
+Wenn Ihr's nicht tut, wenn Ihr allein mich laßt:
+Bei meiner Ehre, die mein eigen noch!
+Den Doktor nehm ich mir zum Bettgenossen.
+
+Nerissa.
+Und ich den Schreiber; darum seht Euch vor,
+Wie Ihr mich laßt in meiner eignen Hut.
+
+Graziano.
+Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,
+Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.
+
+Antonio.
+Ich bin der Unglücksgrund von diesem Zwist.
+
+Porzia.
+Es kränk Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch.
+
+Bassanio.
+Vergeht mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht,
+Und vor den Ohren aller dieser Freunde
+Schwör ich dir, ja, bei deinen holden Augen,
+Worin ich selbst mich sehe--
+
+Porzia.
+Gebt doch acht!
+In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt,
+In jedem Aug einmal--beruft Euch nur
+Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid,
+Der Glauben einflößt.
+
+Bassanio.
+Hört mich doch nur an!
+Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwör ich,
+Ich breche nie dir wieder einen Eid.
+
+Antonio.
+Ich lieh einst meinen Leib hin für sein Gut;
+Ohn ihn, der Eures Gatten Ring bekam,
+War er dahin; ich darf mich noch verpflichten--
+Zum Pfande meine Seele--Eur Gemahl
+Wird nie mit Vorsatz mehr die Treue brechen.
+
+Porzia.
+So seid denn Ihr sein Bürge; gebt ihm den
+Und heißt ihn besser hüten als den andern.
+
+Antonio.
+Hier, Don Bassanio, schwört, den Ring zu hüten.
+
+Bassanio.
+Beim Himmel! eben den gab ich dem Doktor.
+
+Porzia.
+Ich hab ihn auch von ihm, verzeiht, Bassanio!
+Für diesen Ring gewann der Doktor mich.
+
+Nerissa.
+Und Ihr, verzeiht, mein artger Graziano,
+Denn jener kleine Bursch, des Doktors Schreiber,
+War um den Preis hier letzte Nacht bei mir.
+
+Graziano.
+Nun, das sieht aus wie Wegebesserung
+Im Sommer, wann die Straßen gut genug.
+Was? sind wir Hahnrei, eh wir's noch verdient?
+
+Porzia.
+Sprecht nicht so gröblich.--Ihr seid all erstaunt;
+Hier ist ein Brief, lest ihn bei Muße durch,
+Er kommt von Padua, vom Bellario;
+Da könnt Ihr finden: Porzia war der Doktor,
+Nerissa dort ihr Schreiber; hier Lorenzo
+Kann zeugen, daß ich gleich nach Euch gereist
+Und eben erst zurück bin; ich betrat
+Mein Haus noch nicht.--Antonio, seid willkommen!
+Ich habe beßre Zeitung noch im Vorrat,
+Als Ihr erwartet. Diesen Brief erbrecht;
+Ihr werdet sehn, drei Eurer Galeonen
+Sind reich beladen plötzlich eingelaufen;
+Ich sag Euch nicht, was für ein eigner Zufall
+Den Brief mir zugespielt hat.
+
+Antonio.
+Ich verstumme.
+
+Bassanio.
+Wart Ihr der Doktor, und ich kannt Euch nicht?
+
+Graziano.
+Wart Ihr der Schreiber, der mich krönen soll?
+
+Nerissa.
+Ja, doch der Schreiber, der es niemals tun will,
+Wenn er nicht lebt, bis er zum Mann erwächst.
+
+Bassanio.
+Ihr müßt mein Bettgenoß sein, schönster Doktor.
+Wenn ich nicht da bin, liegt bei meiner Frau.
+
+Antonio.
+Ihr gabt mir Leben, Teure, und zu leben:
+Hier les ich für gewiß, daß meine Schiffe
+Im Hafen sicher sind.
+
+Porzia.
+Wie steht's, Lorenzo!
+Mein Schreiber hat auch guten Trost für Euch.
+
+Nerissa.
+Ja, und er soll ihn ohne Sporteln haben.
+Hier übergeb ich Euch und Jessica
+Vom reichen Juden eine Schenkungsakte
+Auf seinen Tod, von allem, was er nachläßt.
+
+Lorenzo.
+Ihr schönen Fraun streut Manna Hungrigen
+In ihren Weg.
+
+Porzia.
+Es ist beinahe Morgen,
+Und doch, ich weiß gewiß, seht ihr noch nicht
+Den Hergang völlig ein.--Laßt uns hineingehn,
+Und da vernehmt auf Fragartikel uns,
+Wir wollen auch auf alles wahrhaft dienen.
+
+Graziano.
+Ja, tun wir das; der erste Fragartikel,
+Worauf Nerissa schwören muß, ist der:
+Ob sie bis morgen lieber warten mag,
+Ob schlafen gehn zwei Stunden nur vor Tag?
+Doch käm der Tag, ich wünscht ihn seiner Wege,
+Damit ich bei des Doktors Schreiber läge.
+Gut! lebenslang hüt ich kein ander Ding
+Mit solchen Ängsten als Nerissas Ring.
+
+(Alle ab.)
+
+
+
+
+
+
+
+
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+
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+
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+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+
+
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+
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