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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:28:47 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Der Kaufmann von Venedig + +Author: William Shakespeare + +Translator: August Wilhelm von Schlegel + +Posting Date: January 18, 2014 [EBook #7043] +Release Date: December, 2004 +[This file was first posted on February 27, 2003] + +Language: GERMAN + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KAUFMANN VON VENEDIG *** + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfuegung gestellt. +Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + + + + + +Der Kaufmann von Venedig + +William Shakespeare + +Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel + + +Personen: + +Der Doge von Venedig +Prinz von Marokko und Prinz von Arragon, (Freier der Porzia) +Antonio, (der Kaufmann von Venedig) +Bassanio, (sein Freund) +Solanio, Salarino und Graziano, (Freunde des Antonio) +Lorenzo, (Liebhaber der Jessica) +Shylock, (ein Jude) +Tubal, (ein Jude, sein Freund) +Lanzelot Gobbo, (Shylocks Diener) +Der alte Gobbo, (Lanzelots Vater) +Salerio, (ein Bote von Venedig) +Leonardo, (Bassanios Diener) +Balthasar und Stephano, (Porzias Diener) +Porzia, (eine reiche Erbin) +Nerissa, (ihre Begleiterin) +Jessica, (Shylocks Tochter) +Senatoren von Venedig, Beamte des Gerichtshofes, Gefangenwärter, +Bediente und andres Gefolge + + +Die Szene ist teils zu Venedig, teils zu Belmont, Porzias Landsitz. + + + + +Erster Aufzug + + + +Erste Szene + +Venedig. Eine Straße + +(Antonio, Salarino und Solanio treten auf) + + +Antonio. +Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht; +Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch. +Doch wie ich dran kam, wie mir's angeweht, +Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt, +Das soll ich erst erfahren. +Und solchen Dummkopf macht aus mir die Schwermut, +Ich kenne mit genauer Not mich selbst. + +Salarino. +Eur Sinn treibt auf dem Ozean umher, +Wo Eure Galeonen, stolz besegelt, +Wie Herrn und reiche Bürger auf der Flut, +Als wären sie das Schaugepräng der See, +Hinwegsehn über kleines Handelsvolk, +Das sie begrüßet, sich vor ihnen neigt, +Wie sie vorbeiziehn mit gewebten Schwingen. + +Solanio. +Herr, glaubt mir, hätt ich soviel auf dem Spiel, +Das beste Teil von meinem Herzen wäre +Bei meiner Hoffnung auswärts. Immer würd ich +Gras pflücken, um den Zug des Winds zu sehn; +Nach Häfen, Reed' und Damm in Karten gucken, +Und alles, was mich Unglück fürchten ließ +Für meine Ladungen, würd ohne Zweifel +Mich traurig machen. + +Salarino. +Mein Hauch, der meine Suppe kühlte, würde +Mir Fieberschauer anwehn, dächt ich dran, +Wieviel zur See ein starker Wind kann schaden. +Ich könnte nicht die Sanduhr rinnen sehn, +So dächt ich gleich an Seichten und an Bänke, +Säh meinen "reichen Hans" im Sande fest, +Das Haupt bis unter seine Rippen neigend, +Sein Grab zu küssen. Ging ich in die Kirche +Und säh das heilige Gebäu' von Stein, +Sollt ich nicht gleich an schlimme Felsen denken, +Die an das zarte Schiff nur rühren dürfen, +So streut es auf den Strom all sein Gewürz +Und hüllt die wilde Flut in meine Seiden. +Und kurz, jetzt eben dies Vermögen noch, +Nun gar keins mehr? Soll ich, daran zu denken, +Gedanken haben und mir doch nicht denken, +Daß solch ein Fall mich traurig machen würde? +Doch sagt mir nichts; ich weiß, Antonio +Ist traurig, weil er seines Handels denkt. + +Antonio. +Glaubt mir, das nicht; ich dank es meinem Glück: +Mein Vorschuß ist nicht (einem) Schiff vertraut, +Noch (einem) Ort; noch hängt mein ganz Vermögen +Am Glücke dieses gegenwärtgen Jahrs; +Deswegen macht mein Handel mich nicht traurig. + +Solanio. +So seid Ihr denn verliebt? + +Antonio. +Pfui, pfui! + +Solanio. +Auch nicht verliebt? Gut denn, so seid Ihr traurig, +Weil Ihr nicht lustig seid; Ihr könntet eben +Auch lachen, springen, sagen: Ihr seid lustig, +Weil Ihr nicht traurig seid. Nun, beim zweiköpfgen Janus! +Natur bringt wunderliche Käuz ans Licht: +Der drückt die Augen immer ein und lacht +Wie 'n Starmatz über einen Dudelsack; +Ein andrer von so saurem Angesicht, +Daß er die Zähne nicht zum Lachen wiese, +Schwür Nestor auch, der Spaß sei lachenswert. + +(Bassanio, Lorenzo und Graziano kommen.) + +Hier kommt Bassanio, Euer edler Vetter, +Graziano und Lorenzo; lebt nun wohl, +Wir lassen Euch in besserer Gesellschaft. + +Salarino. +Ich wär geblieben, bis ich Euch erheitert; +Nun kommen wertre Freunde mir zuvor. + +Antonio. +Sehr hoch steht Euer Wert in meiner Achtung; +Ich nehm es so, daß Euch Geschäfte rufen +Und Ihr den Anlaß wahrnehmt, wegzugehn. + +Salarino. +Guten Morgen, liebe Herren! + +Bassanio. +Ihr lieben Herrn, wann lachen wir einmal? +Ihr macht euch gar zu selten: muß das sein? + +Salarino. +Wir stehen Euch zu Diensten, wann's beliebt. + +(Salarino und Solanio ab.) + +Lorenzo. +Da Ihr Antonio gefunden habt, +Bassanio, wollen wir Euch nun verlassen. +Doch bitt ich, denkt zur Mittagszeit daran, +Wo wir uns treffen sollen. + +Bassanio. +Rechnet drauf. + +Graziano. +Ihr seht nicht wohl, Signor Antonio; +Ihr macht Euch mit der Welt zuviel zu schaffen: +Der kommt darum, der mühsam sie erkauft. +Glaubt mir, Ihr habt Euch wunderbar verändert. + +Antonio. +Mir gilt die Welt nur wie die Welt, Graziano; +Ein Schauplatz, wo man eine Rolle spielt, +Und mein' ist traurig. + +Graziano. +Laßt den Narrn mich spielen, +Mit Lust und Lachen laßt die Runzeln kommen +Und laßt die Brust von Wein mir lieber glühn, +Als härmendes Gestöhn das Herz mir kühlen. +Weswegen sollt ein Mann mit warmem Blut +Dasitzen wie sein Großpapa, gehaun +In Alabaster? Schlafen, wenn er wacht? +Und eine Gelbsucht an den Leib sich ärgern? +Antonio, ich will dir etwas sagen; +Ich liebe dich, und Liebe spricht aus mir: +Es gibt so Leute, deren Angesicht +Sich überzieht gleich einem stehnden Sumpf, +Und die ein eigensinnig Schweigen halten, +Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden +Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn; +Als wenn man spräche: Ich bin Herr Orakel; +Tu ich den Mund auf, rühr sich keine Maus. +O mein Antonio, ich kenne deren, +Die man deswegen bloß für Weise hält, +Weil sie nichts sagen; sprächen sie, sie brächten +Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis, +Weil sie die Brüder Narren schelten würden. +Ein andermal sag ich dir mehr hievon; +Doch fische nicht mit so trübselgem Köder +Nach diesem Narren-Gründling, diesem Schein. +Komm, Freund Lorenzo!--Lebt so lange wohl, +Ich schließe meine Predigt nach der Mahlzeit. + +Lorenzo. +Gut, wir verlassen Euch bis Mittagszeit. +Ich muß von diesen stummen Weisen sein, +Denn Graziano läßt mich nie zum Wort. + +Graziano. +Gut, leiste mir zwei Jahre noch Gesellschaft, +So kennst du deiner Zunge Laut nicht mehr. + +Antonio. +Lebt wohl! Ich werd ein Schwätzer Euch zulieb. + +Graziano. +Dank, fürwahr! denn Schweigen ist bloß zu empfehlen +An geräucherten Zungen und jungfräulichen Seelen. + +(Graziano und Lorenzo ab.) + +Antonio. +Ist das nun irgend was? + +Bassanio. +Graziano spricht unendlich viel nichts, mehr als irgendein Mensch +in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gedanken sind wie zwei +Weizenkörner in zwei Scheffel Spreu versteckt; Ihr sucht den +ganzen Tag, bis Ihr sie findet, und wenn Ihr sie habt, so +verlohnen sie das Suchen nicht. + +Antonio. +Gut, sagt mir jetzt, was für ein Fräulein ist's, +Zu der geheime Wallfahrt Ihr gelobt, +Wovon Ihr heut zu sagen mir verspracht? + +Bassanio. +Euch ist nicht unbekannt, Antonio, +Wie sehr ich meinen Glücksstand hab erschöpft, +Indem ich glänzender mich eingerichtet, +Als meine schwachen Mittel tragen konnten. +Auch jammr' ich jetzt nicht, daß die große Art +Mir untersagt ist; meine Sorg ist bloß, +Mit Ehren von den Schulden loszukommen, +Worin mein Leben, etwas zu verschwendrisch, +Mich hat verstrickt. Bei Euch, Antonio, +Steht meine größte Schuld, an Geld und Liebe, +Und Eure Liebe leistet mir Gewähr, +Daß ich Euch meine Plän eröffnen darf, +Wie ich mich löse von der ganzen Schuld. + +Antonio. +Ich bitt Euch, mein Bassanio, laßt mich's wissen; +Und steht es, wie Ihr selber immer tut, +Im Angesicht der Ehre, seid gewiß: +Ich selbst, mein Beutel, was ich nur vermag, +Liegt alles offen da zu Euerm Dienst. + +Bassanio. +In meiner Schulzeit, wenn ich einen Bolzen +Verloren hatte, schoß ich seinen Bruder +Von gleichem Schlag den gleichen Weg; ich gab +Nur besser acht, um jenen auszufinden, +Und, beide wagend, fand ich beide oft. +Ich führ Euch dieses Kinderbeispiel an, +Weil das, was folgt, die lautre Unschuld ist. +Ihr lieht mir viel, und wie ein wilder Junge +Verlor ich, was Ihr lieht; allein, beliebt's Euch, +Noch einen Pfeil desselben Wegs zu schießen, +Wohin der erste flog, so zweifl ich nicht, +Ich will so lauschen, daß ich beide finde. +Wo nicht, bring ich den letzten Satz zurück +Und bleib Eur Schuldner, dankbar für den ersten. + +Antonio. +Ihr kennt mich und verschwendet nur die Zeit, +Da Ihr Umschweife macht mit meiner Liebe. +Unstreitig tut Ihr jetzt mir mehr zu nah, +Da Ihr mein Äußerstes in Zweifel zieht, +Als hättet Ihr mir alles durchgebracht. +So sagt mir also nur, was ich soll tun, +Wovon Ihr wißt, es kann durch mich geschehn, +Und ich bin gleich bereit: deswegen sprecht! + +Bassanio. +In Belmont ist ein Fräulein, reich an Erbe, +Und sie ist schön und, schöner als dies Wort, +Von hohen Tugenden; von ihren Augen +Empfing ich holde, stumme Botschaft einst. +Ihr Nam' ist Porzia; minder nicht an Wert +Als Catos Tochter, Brutus' Porzia. +Auch ist die weite Welt des nicht unkundig, +Denn die vier Winde wehn von allen Küsten +Berühmte Freier her; ihr sonnig Haar +Wallt um die Schläf ihr wie ein goldnes Vlies; +Zu Kolchos' Strande macht es Belmonts Sitz, +Und mancher Iason kommt, bemüht um sie. +O mein Antonio! hätt ich nur die Mittel, +Den Rang mit ihrer einem zu behaupten, +So weissagt mein Gemüt so günstig mir, +Ich werde sonder Zweifel glücklich sein. + +Antonio. +Du weißt, mein sämtlich Gut ist auf der See; +Mir fehlt's an Geld und Anstalt, eine Summe +Gleich bar zu heben; also geh, sieh zu, +Was in Venedig mein Kredit vermag: +Den spann ich an bis auf das äußerste, +Nach Belmont dich für Porzia auszustatten. +Geh, frage gleich herum, ich will es auch, +Wo Geld zu haben; ich bin nicht besorgt, +Daß man uns nicht auf meine Bürgschaft borgt. + +(Beide ab.) + + +Zweite Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Porzia und Nerissa kommen) + + +Porzia. +Auf mein Wort, Nerissa, meine kleine Person ist dieser großen +Welt überdrüssig. + +Nerissa. +Ihr würdet es sein, bestes Fräulein, wenn Euer Ungemach in ebenso +reichem Maße wäre, als Euer gutes Glück ist. Und doch, nach +allem, was ich sehe, sind die ebenso krank, die sich mit +allzuviel überladen, als die bei nichts darben. Es ist also kein +mittelmäßiges Los, im Mittelstande zu sein. Überfluß kommt eher +zu grauen Haaren, aber Auskommen lebt länger. + +Porzia. +Gute Sprüche, und gut vorgetragen. + +Nerissa. +Gut befolgt wären sie besser. + +Porzia. +Wäre tun so leicht als wissen, was gut zu tun ist, so wären +Kapellen Kirchen geworden und armer Leute Hütten Fürstenpaläste. +Der ist ein guter Prediger, der seine eignen Ermahnungen +befolgt;--ich kann leichter zwanzig lehren, was gut zu tun ist, +als einer von den zwanzigen sein und meine eignen Lehren +befolgen. Das Gehirn kann Gesetze für das Blut aussinnen; aber +eine hitzige Natur springt über eine kalte Vorschrift hinaus. +Solch ein Hase ist Tollheit, der junge Mensch, daß er weghüpft +über das Netz des Krüppels guter Rat. Aber dies Vernünfteln hilft +mir nicht dazu, einen Gemahl zu wählen.--O über das Wort +(wählen!) Ich kann weder wählen, wen ich will, noch ausschlagen, +wen ich nicht mag: so wird der Wille einer lebenden Tochter durch +den letzten Willen eines toten Vaters gefesselt. Ist es nicht +hart, Nerissa, daß ich nicht (einen) wählen und auch keinen +ausschlagen darf? + +Nerissa. +Euer Vater war allzeit tugendhaft, und fromme Männer haben im +Tode gute Eingebungen: also wird die Lotterie, die er mit diesen +drei Kästchen von Gold, Silber und Blei ausgesonnen hat, daß der, +welcher seine Mitgift trifft, Euch erhält, ohne Zweifel von +niemand recht getroffen werden als von einem, der Euch recht +liebt. Aber welchen Grad von Zuneigung fühlt Ihr gegen +irgendeinen der fürstlichen Freier, die schon gekommen sind? + +Porzia. +Ich bitte dich, nenne sie her; wie du sie nennst, will ich sie +beschreiben, und von meiner Beschreibung schließe auf meine +Zuneigung. + +Nerissa. +Zuerst ist da der neapolitanische Prinz. + +Porzia. +Das ist ein wildes Füllen, in der Tat. Er spricht von nichts als +seinem Pferde und bildet sich nicht wenig auf seine Talente ein, +daß er es selbst beschlagen kann. Ich fürchte sehr, seine gnädige +Frau Mutter hat es mit einem Schmied gehalten. + +Nerissa. +Ferner ist da der Pfalzgraf. + +Porzia. +Er tut nichts wie stirnrunzeln, als wollt er sagen: "Wenn Ihr +mich nicht haben wollt, so laßts!" Er hört lustige Geschichten an +und lächelt nicht. Ich fürchte, es wird der weinende Philosoph +aus ihm, wenn er alt wird, da er in seiner Jugend so unhöflich +finster sieht. Ich möchte lieber an einen Totenkopf mit dem +Knochen im Munde verheiratet sein als an einen von diesen. Gott +beschütze mich vor beiden! + +Nerissa. +Was sagt Ihr denn zu dem französischen Herrn, Monsieur le Bon? + +Porzia. +Gott schuf ihn, also laßt ihn für einen Menschen gelten. Im +Ernst, ich weiß, daß es sündlich ist, ein Spötter zu sein; aber +er! Ja doch, er hat ein besseres Pferd als der Neapolitaner; eine +bessere schlechte Gewohnheit, die Stirn zu runzeln, als der +Pfalzgraf; er ist jedermann und niemand. Wenn eine Drossel singt, +so macht er gleich Luftsprünge; er ficht mit seinem eigenen +Schatten. Wenn ich ihn nähme, so nähme ich zwanzig Männer; wenn +er mich verachtete, so vergäbe ich es ihm: denn er möchte mich +bis zur Tollheit lieben, ich werde es niemals erwidern. + +Nerissa. +Was sagt Ihr denn zu Faulconbridge, dem jungen Baron aus England? + +Porzia. +Ihr wißt, ich sage nichts zu ihm, denn er versteht mich nicht, +noch ich ihn. Er kann weder Lateinisch, Französisch, noch +Italienisch; und Ihr dürft wohl einen körperlichen Eid ablegen, +daß ich nicht für einen Heller Englisch verstehe. Er ist eines +feinen Mannes Bild--aber ach! wer kann sich mit einer stummen +Figur unterhalten? Wie seltsam er gekleidet ist! Ich glaube, er +kaufte sein Wams in Italien, seine weiten Beinkleider in +Frankreich, seine Mütze in Deutschland und sein Betragen +allenthalben. + +Nerissa. +Was haltet Ihr von dem schottischen Herrn, seinem Nachbar? + +Porzia. +Daß er eine christliche Nachbarnliebe an sich hat, denn er borgte +eine Ohrfeige von dem Engländer und schwor, sie wiederzubezahlen, +wenn er imstande wäre; ich glaube, der Franzose ward sein Bürge +und unterzeichnete für den andern. + +Nerissa. +Wie gefällt Euch der junge Deutsche, des Herzogs von Sachsen Neffe? + +Porzia. +Sehr abscheulich des Morgens, wenn er nüchtern ist, und höchst +abscheulich des Nachmittags, wenn er betrunken ist. Wenn er am +besten ist, so ist er wenig schlechter als ein Mensch, und wenn +er am schlechtesten ist, wenig besser als ein Vieh. Komme das +Schlimmste, was da will, ich hoffe, es soll mir doch glücken, ihn +loszuwerden. + +Nerissa. +Wenn er sich erböte zu wählen und wählte das rechte Kästchen, so +schlügt Ihr ab, Eures Vaters Willen zu tun, wenn Ihr abschlügt, +ihn zu nehmen. + +Porzia. +Aus Furcht vor dem Schlimmsten bitte ich dich also, setze einen +Römer voll Rheinwein auf das falsche Kästchen; denn wenn der +Teufel darin steckt, und diese Versuchung ist von außen daran, so +weiß ich, er wird es wählen. Alles lieber, Nerissa, als einen +Schwamm heiraten. + +Nerissa. +Ihr braucht nicht zu fürchten, Fräulein, daß Ihr einen von diesen +Herren bekommt; sie haben mir ihren Entschluß eröffnet, welcher +in nichts anderm besteht, als sich nach Hause zu begeben und Euch +nicht mehr mit Bewerbungen lästig zu fallen, Ihr müßtet denn auf +eine andre Weise zu gewinnen sein als nach Eures Vaters +Vorschrift in Ansehung der Kästchen. + +Porzia. +Sollte ich so alt werden wie Sibylla, will ich doch so keusch +sterben wie Diana, wenn ich nicht dem letzten Willen meines +Vaters gemäß erworben werde. Ich bin froh, daß diese Partei +Freier so vernünftig ist; denn es ist nicht einer darunter, nach +dessen Abwesenheit mich nicht sehnlichst verlangt, und ich bitte +Gott, ihnen eine glückliche Reise zu verleihn. + +Nerissa. +Erinnert Ihr Euch nicht, Fräulein, von Eures Vaters Lebzeiten +eines Venezianers, eines Studierten und Kavaliers, der in +Gesellschaft des Marquis von Montferrat hierher kam? + +Porzia. +Ja ja, es war Bassanio: so, denke ich, nannte er sich. + +Nerissa. +Ganz recht, Fräulein. Von allen Männern, die meine törichten +Augen jemals erblickt haben, war er einer schönen Frau am meisten +wert. + +Porzia. +Ich erinnre mich seiner wohl und erinnre mich, daß er dein Lob +verdient. + +(Ein Diener kommt.) + +Nun, was gibt es Neues? + +Bedienter. +Die vier Fremden suchen Euch, Fräulein, um Abschied zu nehmen; +und es ist ein Vorläufer von einem fünften da, vom Prinzen von +Marokko, der Nachricht bringt, daß sein Herr, der Prinz, zu Nacht +hier sein wird. + +Porzia. +Könnte ich den fünften mit so gutem Herzen willkommen heißen, als +ich den vier andern Lebewohl sage, so wollte ich mich seiner +Ankunft freuen. Hat er das Gemüt eines Heiligen und das Geblüt +eines Teufels, so wollte ich lieber, er weihte mich, als er +freite mich. Komm, Nerissa.--Geht voran, Bursch.--Derweil wir die +Pforte hinter einem Freier verschließen, klopft ein andrer an die +Tür. + +(Alle ab.) + + + +Dritte Szene + +Venedig. Ein öffentlicher Platz + +(Bassanio und Shylock treten auf) + + +Shylock. +Dreitausend Dukaten--gut. + +Bassanio. +Ja, Herr, auf drei Monate. + +Shylock. +Auf drei Monate--gut. + +Bassanio. +Wofür, wie ich Euch sagte, Antonio Bürge sein soll. + +Shylock. +Antonio Bürge sein soll--gut. + +Bassanio. +Könnt Ihr mir helfen? Wollt Ihr mir gefällig sein? Soll ich Eure +Antwort wissen? + +Shylock. +Dreitausend Dukaten, auf drei Monate, und Antonio Bürge. + +Bassanio. +Eure Antwort darauf? + +Shylock. +Antonio ist ein guter Mann. + +Bassanio. +Habt Ihr irgendeine Beschuldigung des Gegenteils wider ihn +gehört? + +Shylock. +Ei nein, nein, nein!--Wenn ich sage, er ist ein guter Mann, so +meine ich damit, versteht mich, daß er vermögend ist. Aber seine +Mittel stehen auf Hoffnung; er hat eine Galeone, die auf Tripolis +geht, eine andre nach Indien. Ich höre ferner auf dem Rialto, daß +er eine dritte zu Mexiko hat, eine vierte nach England--und so +hat er noch andre Auslagen in der Fremde verstreut. Aber Schiffe +sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen; es gibt Landratten +und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe--ich will sagen, +Korsaren, und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und +Klippen.--Der Mann ist bei alledem vermögend--dreitausend +Dukaten--ich denke, ich kann seine Bürgschaft annehmen. + +Bassanio. +Seid versichert, Ihr könnt es. + +Shylock. +Ich will versichert sein, daß ich es kann; und damit ich +versichert sein kann, will ich mich bedenken. Kann ich Antonio +sprechen? + +Bassanio. +Wenn es Euch beliebt, mit uns zu speisen. + +Shylock. +Ja, um Schinken zu riechen, von der Behausung zu essen, wo euer +Prophet, der Nazarener, den Teufel hineinbeschwor. Ich will mit +euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen, und was +dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit +euch trinken, noch mit euch beten. Was gibt es Neues auf dem +Rialto?--Wer kommt da? +(Antonio kommt.) + +Bassanio. +Das ist Signor Antonio. + +Shylock (für sich). +Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich! +Ich hass' ihn, weil er von den Christen ist, +Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt +Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig +Den Preis der Zinsen uns herunterbringt. +Wenn ich ihm mal die Hüfte rühren kann, +So tu ich meinem alten Grolle gütlich. +Er haßt mein heilig Volk und schilt selbst da, +Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt +Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn, +Den er nur Wucher nennt. Verflucht mein Stamm, +Wenn ich ihm je vergebe! + +Bassanio. +Shylock, hört Ihr? + +Shylock. +Ich überlege meinen baren Vorrat; +Doch, wie ich's ungefähr im Kopfe habe, +Kann ich die volle Summe von dreitausend +Dukaten nicht gleich schaffen.--Nun, was tut's? +Tubal, ein wohlbegüterter Hebräer, +Hilft mir schon aus.--Doch still! auf wieviel Monat +Begehrt Ihr?--(Zu Antonio.) +Geh's Euch wohl, mein werter Herr! +Von Euer Edlen war die Rede eben. + +Antonio. +Shylock, wiewohl ich weder leih noch borge, +Um Überschuß zu geben oder nehmen, +Doch will ich, weil mein Freund es dringend braucht, +Die Sitte brechen.--Ist er unterrichtet, +Wieviel Ihr wünscht? + +Shylock. +Ja, ja, dreitausend Dukaten. + +Antonio. +Und auf drei Monat. + +Shylock. +Ja, das vergaß ich--auf drei Monat also. +Nun gut denn, Eure Bürgschaft! laßt mich sehn-- +Doch hört mich an; Ihr sagtet, wie mich dünkt, +Daß Ihr auf Vorteil weder leiht noch borgt. + +Antonio. +Ich pfleg es nie. + +Shylock. +Als Jakob Labans Schafe hütete-- +Er war nach unserm heilgen Abraham, +Weil seine Mutter weislich für ihn schaffte, +Der dritte Erbe--ja, ganz recht, der dritte-- + +Antonio. +Was tut das hier zur Sache? Nahm er Zinsen? + +Shylock. +Nein, keine Zinsen; was man Zinsen nennt, +Das grade nicht; gebt acht, was Jakob tat: +Als er mit Laban sich verglichen hatte, +Was von den Lämmern bunt und sprenklicht fiele, +Das sollte Jakobs Lohn sein, kehrten sich +Im Herbst die brünstgen Mütter zu den Widdern; +Und wenn nun zwischen dieser wollgen Zucht +Das Werk der Zeugung vor sich ging, so schälte +Der kluge Schäfer Euch gewisse Stäbe, +Und weil sie das Geschäft der Paarung trieben, +Steckt' er sie vor den geilen Müttern auf, +Die so empfingen; und zur Lämmerzeit +Fiel alles buntgesprengt und wurde Jakobs. +So kam er zum Gewinn und ward gesegnet: +Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt. + +Antonio. +Dies war ein Glücksfall, worauf Jakob diente; +In seiner Macht stand's nicht, es zu bewirken; +Des Himmels Hand regiert' und lenkt' es so. +Steht dies, um Zinsen gutzuheißen, da? +Und ist Eur Gold und Silber Schaf und Widder? + +Shylock. +Weiß nicht; ich laß es eben schnell sich mehren. +Doch hört mich an, Signor. + +Antonio. +Siehst du, Bassanio, +Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen. +Ein arg Gemüt, das heilges Zeugnis vorbringt, +Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange, +Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul. +O wie der Falschheit Außenseite glänzt! + +Shylock. +Dreitausend Dukaten--'s ist 'ne runde Summe. +Drei Mond auf zwölf--laßt sehen, was das bringt.-- + +Antonio. +Nun, Shylock, soll man Euch verpflichtet sein? + +Shylock. +Signor Antonio, viel und oftermals +Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht +Um meine Gelder und um meine Zinsen; +Stets trug ich's mit geduldgem Achselzucken, +Denn Dulden ist das Erbteil unsers Stamms. +Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund, +Und speit auf meinen jüdischen Rockelor, +Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist. +Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht. +Da habt Ihr's; Ihr kommt zu mir, und Ihr sprecht: +"Shylock, wir wünschten Gelder." So sprecht Ihr, +Der mir den Auswurf auf den Bart geleert +Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle +Den fremden Hund stoßt; Geld ist Eur Begehren, +Wie sollt ich sprechen nun? Sollt ich nicht sprechen: +"Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein Spitz +Dreitausend Dukaten leihn kann?" oder soll ich +Mich bücken und in eines Schuldners Ton, +Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem, +So sprechen: "Schöner Herr, am letzten Mittwoch +Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag; +Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund; +Für diese Höflichkeiten will ich Euch +Die und die Gelder leihn." + +Antonio. +Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen, +Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten. +Willst du dies Geld uns leihen, leih es nicht +Als deinen Freunden (denn wann nahm die Freundschaft +Vom Freund Ertrag für unfruchtbar Metall?); +Nein, leih es lieber deinem Feind; du kannst, +Wenn er versäumt, mit beßrer Stirn eintreiben, +Was dir verfallen ist. + +Shylock. +Nun seht mir, wie Ihr stürmt! +Ich wollt Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein, +Die Schmach vergessen, die Ihr mir getan, +Das Nötge schaffen und keinen Heller Zins +Für meine Gelder nehmen; und Ihr hört nicht: +Mein Antrag ist doch liebreich. + +Antonio. +Ja, das wär er. + +Shylock. +Und diese Liebe will ich Euch erweisen. +Geht mit mir zum Notarius, da zeichnet +Mir Eure Schuldverschreibung; und zum Spaß, +Wenn Ihr mir nicht auf den bestimmten Tag +An dem bestimmten Ort die und die Summe, +Wie der Vertrag nun lautet, wiederzahlt: +Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch +Zur Buße setzen, das ich schneiden dürfe +Aus welchem Teil von Eurem Leib ich will. + +Antonio. +Es sei, aufs Wort! Ich will den Schein so zeichnen +Und sagen, daß ein Jude liebreich ist. + +Bassanio. +Ihr sollt für mich dergleichen Schein nicht zeichnen: +Ich bleibe dafür lieber in der Not. + +Antonio. +Ei, fürchte nichts! Ich werde nicht verfallen; +Schon in zwei Monden, einen Monat früher +Als die Verschreibung fällig, kommt gewiß +Zehnfältig der Betrag davon mir ein. + +Shylock. +O Vater Abraham! über diese Christen, +Die eigne Härte anderer Gedanken +Argwöhnen lehrt! Ich bitt Euch, sagt mir doch +Versäumt er seinen Tag, was hätt ich dran, +Die mir verfallne Buße einzutreiben? +Ein Pfund von Menschenfleisch, von einem Menschen +Genommen, ist so schätzbar, auch so nutzbar nicht +Als Fleisch von Schöpsen, Ochsen, Ziegen. Seht, +Ihm zu Gefallen biet ich diesen Dienst: +Wenn er ihn annimmt, gut; wo nicht, lebt wohl! +Und, bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe. + +Antonio. +Ja, Shylock, ich will diesen Schein dir zeichnen. + +Shylock. +So trefft mich gleich im Hause des Notars, +Gebt zu dem lustgen Schein ihm Anweisung; +Ich gehe, die Dukaten einzusacken, +Nach meinem Haus zu sehn, das in der Hut +Von einem lockern Buben hinterblieb, +Und will im Augenblicke bei Euch sein. + +Antonio. +So eil dich, wackrer Jude.-- + +(Shylock ab.) + +Der Hebräer +Wird noch ein Christ; er wendet sich zur Güte. + +Bassanio. +Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüte. + +Antonio. +Kommt nur! Hiebei kann kein Bedenken sein, +Längst vor der Zeit sind meine Schiff herein. + +(Ab.) + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erste Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia, +Nerissa und andre von ihrem Gefolge treten auf) + + +Marokko. +Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht, +Die schattige Livrei der lichten Sonne, +Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt. +Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden, +Wo Phöbus' Glut kaum schmelzt des Eises Zacken, +Und ritzen wir uns Euch zulieb die Haut, +Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins. +Ich sag Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht +Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör ich, +Die edlen Jungfraun meines Landes haben +Es auch geliebt; ich wollte diese Farbe +Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn +Zu stehlen, meine holde Königin. + +Porzia. +Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein +Die zarte Fordrung eines Mädchenauges; +Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt, +Mich von dem Recht des freien Wählens aus. +Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt, +Mir auferlegt durch seinen Willen, dem +Zur Gattin mich zu geben, welcher mich +Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte: +Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz, +Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt, +Auf meine Neigung. + +Marokko. +Habt auch dafür Dank. +Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich +Mein Glück versuche. Bei diesem Säbel, der +Den Sophi schlug und einen Perserprinz, +Der dreimal Sultan Soliman besiegt: +Die wildsten Augen wollt ich überblitzen, +Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen, +Die Jungen reißen von der Bärin weg, +Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen, +Dich zu gewinnen, Fräulein! Aber ach! +Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen, +Wer tapfrer ist, so kann der beßre Wurf +Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand; +So unterliegt Alcides seinem Knaben, +Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt, +Verfehlen, was dem minder Würdgen wird, +Und Grames sterben. + +Porzia. +Ihr müßt Eur Schicksal nehmen, +Es überhaupt nicht wagen, oder schwören, +Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt, +In Zukunft nie mit irgendeiner Frau +Von Eh zu sprechen: also seht Euch vor! + +Marokko. +Ich will's auch nicht, kommt, bringt mich zur Entscheidung. + +Porzia. +Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr +Das Los versuchen. + +Marokko. +Gutes Glück also! +Bald über alles elend oder froh. + +(Alle ab.) + + + +Zweite Szene + +Venedig. Eine Straße + +(Lanzelot Gobbo kommt) + + +Lanzelot. +Sicherlich, mein Gewissen läßt mir's zu, von diesem Juden, meinem +Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und +versucht mich und sagt zu mir: "Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter +Lanzelot", oder "Guter Gobbo", oder "Guter Lanzelot Gobbo, brauch +deine Beine, reiß aus, lauf davon." Mein Gewissen sagt: "Nein, +hüte dich, ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo"; oder, +wie obgemeldet, "ehrlicher Lanzelot Gobbo; lauf nicht, laß das +Ausreißen bleiben." Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich +aufpacken; "Marsch!" sagt der Feind; "fort!" sagt der Feind; "um +des Himmels willen! faß dir ein wackres Herz", sagt der Feind, +"und lauf". Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den +Hals und sagt sehr weislich zu mir: "Mein ehrlicher Freund +Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist", oder vielmehr +eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein +Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas +ansäuerlich.--Gut, mein Gewissen sagt: "Lanzelot, weich und wanke +nicht!"--"Weiche", sagt der Feind; "wanke nicht", sagt mein +Gewissen. "Gewissen", sage ich, "dein Rat ist gut"; "Feind", sage +ich, "dein Rat ist gut". Lasse ich mich durch mein Gewissen +regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott +sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden +weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit +Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der +wahre eingefleischte Teufel, und, auf mein Gewissen, mein +Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir +raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen +freundschaftlichen Rat; ich will laufen, Feind! meine Fersen +stehen dir zu Gebote, ich will laufen. + +(Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.) + +Gobbo. +Musje, junger Herr, Er da, sei Er doch so gut: wo gehe ich wohl +zu des Herrn Juden seinem Hause hin? + +Lanzelot (beiseite). +O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind, +aber doch so ziemlich stockblind ist und mich nicht kennt. Ich +will mir einen Spaß mit ihm machen. + +Gobbo. +Musje, junger Herr, sei Er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden +seinem Hause hin? + +Lanzelot. +Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der +allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten +Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch +schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum. + +Gobbo. +Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt +Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm +aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht? + +Lanzelot. +Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot? + +(Beiseite.) + +Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen.--Sprecht Ihr vom jungen +Monsieur Lanzelot? + +Gobbo. +Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn. Sein Vater, +ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei +Dank, recht wohlauf. + +Lanzelot. +Gut, sein Vater mag sein, was er will; hier ist die Rede vom +jungen Monsieur Lanzelot. + +Gobbo. +Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr. + +Lanzelot. +Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch: +sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot? + +Gobbo. +Von Lanzelot, wenn's Eur Gnaden beliebt. + +Lanzelot. +Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot, +Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und +Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei +Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit +Todes verblichen oder, um es rund herauszusagen, in die Ewigkeit +gegangen. + +Gobbo. +Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines +Alters, meine beste Stütze.-- + +Lanzelot. +Seh ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein +Stab oder eine Stütze?--Kennt Ihr mich, Vater? + +Gobbo. +Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich +bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge--Gott hab ihn +selig!--lebendig oder tot? + +Lanzelot. +Kennt Ihr mich nicht, Vater? + +Gobbo. +Lieber Himmel! ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht. + +Lanzelot. +Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr +mich doch wohl nicht kennen; das ist ein weiser Vater, der sein +eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von +Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht +kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines +Menschen Sohn kann's; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus. + +Gobbo. +Ich bitte Euch, Herr, steht auf, ich bin gewiß, Ihr seid mein +junge Lanzelot nicht. + +Lanzelot. +Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben, +sondern gebt mir Euern Segen. Ich bin Lanzelot, Euer Junge, der +da war, Euer Sohn, der da ist, Euer Kind, das da sein wird. + +Gobbo. +Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid. + +Lanzelot. +Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber ich bin Lanzelot, +des Juden Diener, und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist +meine Mutter. + +Gobbo. +Ganz recht, ihr Name ist Margrete; ich will einen Eid tun, wenn +du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im +Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt?--Du hast mehr +Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat. + +Lanzelot. +Je, so läßt's ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse; ich +weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als im Gesicht, da ich +ihn das letztemal sah. + +Gobbo. +Herrje, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit +deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr +euch? + +Lanzelot. +Gut, gut! aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe, +davonzulaufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis +ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude; +ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin +ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich +habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr +gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn +Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich +nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, soweit Gottes +Erdboden reicht. Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch +an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem +Juden länger diene. +(Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.) + +Bassanio. +Das könnt Ihr tun--aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen +spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt +diese Livreien in Arbeit und bittet Graziano, sogleich in meine +Wohnung zu kommen. + +(Ein Bedienter ab.) + +Lanzelot. +Macht Euch an ihn, Vater? + +Gobbo. +Gott segne Euer Gnaden! + +Bassanio. +Großen Dank! Willst du was von mir? + +Gobbo. +Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge-- + +Lanzelot. +Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der +gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird-- + +Gobbo. +Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklination zu dienen-- + +Lanzelot. +Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist: ich diene +dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren +wird-- + +Gobbo. +Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen +sich wie Katzen und Hunde-- + +Lanzelot. +Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir +Unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott +will, ein alter Mann ist, notifizieren wird-- + +Gobbo. +Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden +anbringen möchte, und mein Gesuch ist-- + +Lanzelot. +In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer +Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon +ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein +Vater ist. + +Bassanio. +Einer spreche für beide. Was wollt Ihr? + +Lanzelot. +Euch dienen, Herr. + +Gobbo. +Ja, das wollten wir Euch gehorsamst opponieren. + +Bassanio. +Ich kenne dich, die Bitt ist dir gewährt; +Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen +Und dich empfohlen; wenn's empfehlenswert, +Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn, +Um einem armen Edelmann zu folgen. + +Lanzelot. +Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem +Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er +hat genug. + +Bassanio. +Du triffst es; Vater, geh mit deinem Sohn. +Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn +Und frage dich nach meiner Wohnung hin. + +(Zu seinen Begleitern.) + +Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei +Als seinen Kameraden; sorgt dafür! + +Lanzelot. +Kommt her, Vater.--Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! ich habe +gar kein Mundwerk am Kopfe.--Gut!-- + +(Er besieht seine flache Hand.) + +Wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die +Schrift zu schwören--Ich werde gut Glück haben; ohne Umstände, +hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist 'ne +Kleinigkeit an Frauen. Ach, fünfzehn Weiber sind nichts! elf +Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für (einen) +Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen und mich an der Ecke +eines Federbettes beinah tot zu stoßen--das heiße ich gut +davonkommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine +gute Dirne mit ihrem Kram.--Kommt, Vater, ich nehme in (einem) +Umsehn von dem Juden Abschied. + +(Lanzelot und der alte Gobbo ab.) + +Bassanio. +Tu das, ich bitt dich, guter Leonardo; +Ist dies gekauft und ordentlich besorgt, +Komm schleunig wieder; denn zur Nacht bewirt ich +Die besten meiner Freunde; eil dich, geh! + +Leonardo. +Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn. + +(Graziano kommt.) + +Graziano. +Wo ist dein Herr? + +Leonardo. +Er geht da drüben, Herr. + +(Leonardo ab.) + +Graziano. +Signor Bassanio! + +Bassanio. +Graziano! + +Graziano. +Ich habe ein Gesuch an Euch. + +Bassanio. +Ihr habt es schon erlangt. + +Graziano. +Ihr müßt mir's nicht weigern; ich muß mit Euch nach Belmont gehen. + +Bassanio. +Nun ja, so müßt Ihr--aber hör, Graziano, +Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton: +Ein Wesen, welches gut genug dir steht +Und Augen wie den unsern nicht mißfällt. +Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint +Es allzufrei; drum nimm dir Müh und dämpfe +Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit +Den flüchtgen Geist, daß ich durch deine Wildheit +Dort nicht mißdeutet werd und meine Hoffnung +Zugrunde geht. + +Graziano. +Signor Bassanio, hört mich: +Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge, +Mit Ehrfurcht red und dann und wann nur fluche, +Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt; +Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht +Den Hut mir halt und seufz und Amen sage; +Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle, +Wie einer, der, der Großmama zulieb, +Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr. + +Bassanio. +Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt. + +Graziano. +Nur heute nehm ich aus; das gilt nicht mir, +Was ich heut abend tu. + +Bassanio. +Nein, das wär schade; +Ich bitt Euch, lieber in den kecksten Farben +Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde, +Die lustig wollen sein. Lebt wohl indes, +Ich habe ein Geschäft. + +Graziano. +Und ich muß zu Lorenzo und den andern, +Doch auf den Abend kommen wir zu Euch. + +(Alle ab.) + + + +Dritte Szene + +Ein Zimmer in Shylocks Hause + +(Jessica und Lanzelot kommen) + + +Jessica. +Es tut mir leid, daß du uns so verläßt; +Dies Haus ist Hölle, und du, ein lustger Teufel, +Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit. +Doch lebe wohl; da hast du 'nen Dukaten! +Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen +Lorenzo sehn als Gast von deinem Herrn. +Dann gib ihm diesen Brief, tu es geheim; +Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater +Mich mit dir reden sieht. + +Lanzelot. +Adieu!--Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste +Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an +dir wird, und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu! +Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut +allzusehr. + +(Ab.) + +Jessica. +Leb wohl, du Guter! +Ach wie gehässig ist es nicht von mir, +Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme; +Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon, +Bin ich's nicht seines Herzens. O Lorenzo, +Hilf mir dies lösen! treu dem Worte bleib! +So werd ich Christin und dein liebend Weib. + +(Ab.) + + + +Vierte Szene + +Eine Straße + +(Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf) + + +Lorenzo. +Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen, +Verkleiden uns in meinem Haus und sind +In einer Stunde alle wieder da. + +Graziano. +Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet. + +Salarino. +Auch keine Fackelträger noch bestellt. + +Solanio. +Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht, +So ist es nichts und unterbliebe besser. + +Lorenzo. +'s ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden +Zur Vorbereitung. + +(Lanzelot kommt mit einem Briefe.) + +Freund Lanzelot, was bringst du? + +Lanzelot. +Wenn's Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam +andeuten. + +Lorenzo. +Ich kenne wohl die Hand; ja, sie ist schön; +Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb, +Ist diese schöne Hand. + +Graziano. +Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft. + +Lanzelot. +Mit Eurer Erlaubnis, Herr. + +Lorenzo. +Wo willst du hin? + +Lanzelot. +Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem +neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden. + +Lorenzo. +Da nimm dies; sag der schönen Jessica, +Daß ich sie treffen will.--Sag's heimlich! geh; + +(Lanzelot ab.) + +Ihr Herrn, +Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten? +Ich bin versehn mit einem Fackelträger. + +Salarino. +Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach. + +Solanio. +Das will ich auch. + +Lorenzo. +Trefft mich und Graziano. +In einer Stund in Grazianos Haus. + +Salarino. +Gut das, es soll geschehn. + +(Salarino und Solanio ab.) + +Graziano. +Der Brief kam von der schönen Jessica? + +Lorenzo. +Ich muß dir's nur vertraun: sie gibt mir an, +Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe; +Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen, +Ein Pagenanzug liege schon bereit. +Kommt je der Jud, ihr Vater, in den Himmel, +So ist's um seiner holden Tochter willen; +Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten, +Es müßte denn mit diesem Vorwand sein, +Daß sie von einem falschen Juden stammt. +Komm, geh mit mir und lies im Gehn dies durch; +Mir trägt die schöne Jessica die Fackel. + +(Beide ab.) + + + +Fünfte Szene + +Vor Shylocks Hause + +(Shylock und Lanzelot kommen) + + +Shylock. +Gut, du wirst sehn mit deinen eignen Augen +Des alten Shylocks Abstand von Bassanio. +He, Jessica!--Du wirst nicht voll dich stopfen, +Wie du bei mir getan--He, Jessica!-- +Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen-- +He, sag ich, Jessica! + +Lanzelot. +He, Jessica! + +Shylock. +Wer heißt dich schrein? Ich hab's dir nicht geheißen. + +Lanzelot. +Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun. + +(Jessica kommt.) + +Jessica. +Ruft Ihr? Was ist Euch zu Befehl? + +Shylock. +Ich bin zum Abendessen ausgebeten. +Da hast du meine Schlüssel, Jessica. +Zwar weiß ich nicht, warum ich geh; sie bitten +Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir; +Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender +Von Christen zehren.--Jessica, mein Kind, +Acht auf mein Haus!--Ich geh recht wider Willen. +Es braut ein Unglück gegen meine Ruh, +Denn diese Nacht träumt ich von Säcken Geldes. + +Lanzelot. +Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft. + +Shylock. +Ich seine auch. + +Lanzelot. +Und sie haben sich verschworen.--Ich sage nicht, daß Ihr eine +Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht +umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten +Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag +fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war. + +Shylock. +Was? gibt es Masken? Jessica, hör an: +Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst +Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife, +So klettre mir nicht an den Fenstern auf; +Steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße, +Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz +Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren-- +Die Fenster, mein ich--zu und laß den Schall +Der albern' Geckerei nicht dringen in +Mein ehrbar Haus. Bei Jakobs Stabe schwör ich: +Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen; +Doch will ich gehn.--Du Bursch, geh mir voran; +Sag, daß ich komme. + +Lanzelot. +Herr, ich will vorangehn. +Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allem; +Denn vorbeigehn wird ein Christ, +Wert, daß ihn 'ne Jüdin küßt. + +(Ab.) + +Shylock. +Was sagt der Narr von Hagars Stamme? he? + +Jessica. +Sein Wort war: "Fräulein, lebet wohl"--sonst nichts. + +Shylock. +Der Laff ist gut genug, jedoch ein Fresser, +'ne Schnecke zum Gewinn und schläft bei Tag +Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock +Baun keine Drohnen; drum laß ich ihn gehn +Und laß ihn gehn zu einem, dem er möge +Den aufgeborgten Beutel leeren helfen. +Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein, +Vielleicht komm ich im Augenblicke wieder. +Tu, was ich dir gesagt, schließ hinter dir +Die Türen; fest gebunden, fest gefunden, +Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden. + +(Ab.) + +Jessica. +Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn, +Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin. + +(Ab.) + + + +Sechste Szene + +Ebendaselbst + +(Graziano und Salarino kommen maskiert) + + +Graziano. +Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo +Uns haltzumachen bat. + +Salarino. +Die Stund ist fast vorbei. + +Graziano. +Und Wunder ist es, daß er sie versäumt; +Verliebte laufen stets der Uhr voraus. + +Salarino. +O zehnmal schneller fliegen Venus' Tauben, +Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln, +Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch +Gegebne Treu zu halten. + +Graziano. +So geht's in allem; wer steht auf vom Mahl +Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß? +Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn +Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer, +Womit es sie betreten? Jedes Ding +Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen. +Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender +Eilt das beflaggte Schiff aus heimscher Bucht, +Geliebkost und gehetzt vom Buhler Wind! +Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim, +Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert, +Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind! + +(Lorenzo tritt auf.) + +Salarino. +Da kommt Lorenzo, mehr hievon nachher. + +Lorenzo. +Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug: +Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen. +Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt, +Dann wart ich auch so lang auf euch.--Kommt näher! +Hier wohnt mein Vater Jude--He! wer da? + +(Jessica oben am Fenster in Knabentracht.) + +Jessica. +Wer seid Ihr? sagt's zu mehrer Sicherheit, +Wiewohl ich schwör, ich kenne Eure Stimme. + +Lorenzo. +Lorenzo und dein Liebster. + +Jessica. +Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja! +Denn wen lieb ich so sehr? Und nun, wer weiß +Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin? + +Lorenzo. +Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir's. + +Jessica. +Hier, fang dies Kästchen auf, es lohnt die Müh. +Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht, +Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch; +Doch Lieb ist blind, Verliebte sehen nicht +Die artgen Kinderein, die sie begehen; +Denn könnten sie's, Cupido würd erröten, +Als Knaben so verwandelt mich zu sehn. + +Lorenzo. +Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein. + +Jessica. +Was? muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach? +Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage. +Ei, Lieber, 's ist ein Amt zum kundbar machen; +Ich muß verheimlicht sein. + +Lorenzo. +Das bist du, Liebe, +Im hübschen Anzug eines Knaben schon. +Doch komm sogleich, +Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon; +Wir werden bei Bassanios Fest erwartet. + +Jessica. +Ich mach die Türen fest, vergülde mich +Mit mehr Dukaten noch und bin gleich bei Euch. + +(Tritt zurück.) + +Graziano. +Nun! auf mein Wort! 'ne Göttin, keine Jüdin. + +Lorenzo. +Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe; +Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe, +Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt, +Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt. +Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu, +Mir in beständigem Gemüt verwahrt. + +(Jessica kommt heraus.) +Nun bist du da?--Ihr Herren, auf und fort! +Der Maskenzug erwartet schon uns dort. + +(Ab mit Jessica und Salarino.) + +(Antonio tritt auf.) + +Antonio. +Wer da? + +Graziano. +Signor Antonio. + +Antonio. +Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern? +Es ist neun Uhr, die Freund erwarten Euch. +Kein Tanz zur Nacht, der Wind hat sich gedreht, +Bassanio will im Augenblick an Bord; +Wohl zwanzig Boten schickt ich aus nach Euch. + +Graziano. +Mir ist es lieb, nichts kann mich mehr erfreun, +Als unter Segel gleich die Nacht zu sein. + +(Beide ab.) + + + +Siebente Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf, +beide mit Gefolge) + + +Porzia. +Geht, zieht beiseit den Vorhang und entdeckt +Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen.-- +Trefft Eure Wahl nunmehr. + +Marokko. +Von Gold das erste, das die Inschrift hat: +"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt." +Das zweite, silbern, führet dies Versprechen: +"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." +Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung: +"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." +Woran erkenn ich, ob ich recht gewählt? + +Porzia. +Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz: +Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure. + +Marokko. +So leit ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn! +Ich muß die Sprüche nochmals überlesen. +Was sagt dies bleir'ne Kästchen? +"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." +Der gibt--wofür? für Blei? und wagt für Blei? +Dies Kästchen droht; wenn Menschen alles wagen, +Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns. +Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken, +Ich geb also und wage nichts für Blei. +Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe? +"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." +Soviel, als er verdient?--Halt ein, Marokko, +Und wäge deinen Wert mit steter Hand. +Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung, +Verdienest du genug, doch kann genug +Wohl nicht soweit bis zu dem Fräulein reichen. +Und doch, mich ängsten über mein Verdienst, +Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst. +Soviel, als ich verdiene?--Ja, das ist +Das Fräulein; durch Geburt verdien ich sie, +Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung; +Doch mehr verdien ich sie durch Liebe. Wie, +Wenn ich nicht weiter schweift und wählte hier? +Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben: +"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt. +Das ist das Fräulein; alle Welt begehrt sie, +Aus jedem Weltteil kommen sie herbei, +Dies sterblich atmend Heilgenbild zu küssen; +Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden +Arabiens sind gebahnte Straßen nun +Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen; +Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt +Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm +Für diese fremden Geister; nein, sie kommen +Wie über einen Bach zu Porzias Anblick. +Eins von den drein enthält ihr himmlisch Bild; +Soll Blei es in sich fassen? Lästrung wär's, +Zu denken solche Schmach; es wär zu schlecht, +Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern. +Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt, +Von zehnmal minderm Wert als reines Gold? +O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod +Ward nie geringer als in Gold gefaßt. +In England gibt's 'ne Münze, die das Bild +Von einem Engel führt, in Gold geprägt. +Doch der ist drauf gedruckt; hier liegt ein Engel +Ganz drin im goldnen Bett.--Gebt mir den Schlüssel, +Hier wähl ich, und geling es, wie es kann. + +Porzia. +Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da, +So bin ich Euer. + +(Er schließt das goldne Kästchen auf.) + +Marokko. +O Hölle, was ist hier? +Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel +Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen: + "Alles ist nicht Gold, was gleißt, + Wie man oft Euch unterweist. + Manchen in Gefahr es reißt, + Was mein äußrer Schein verheißt; + Goldnes Grab hegt Würmer meist; + Wäret Ihr so weis als dreist, + Jung an Gliedern, alt an Geist, + So würdet Ihr nicht abgespeist + Mit der Antwort: Geht und reist." +Ja fürwahr, mit bittrer Kost; +Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost! +Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt +Mein Herz zu tief; so scheidet, wer verspielt. + +(Ab.) + +Porzia. +Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht! +So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht. + +(Alle ab.) + + + +Achte Szene + +Venedig. Eine Straße + +(Salarino und Solanio treten auf) + + +Salarino. +Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel; +Mit ihm ist Graziano abgereist, +Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo. + +Solanio. +Der Schelm von Juden schrie den Dogen auf, +Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen. + +Salarino. +Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel; +Doch da empfing der Doge den Bericht, +In einer Gondel habe man Lorenzo +Mit seiner Liebsten Jessica gesehn; +Auch gab Antonio ihm die Versichrung, +Sie sei'n nicht mit Bassanio auf dem Schiff. + +Solanio. +Nie hört ich so verwirrte Leidenschaft, +So seltsam wild und durcheinander, als +Der Hund von Juden in den Straßen ausließ: +"Mein' Tochter--mein' Dukaten--o mein' Tochter! +Fort mit 'nem Christen--o mein' christlichen Dukaten! +Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten! +Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt, +Voll von Dukaten, doppelten Dukaten! +Gestohl'n von meiner Tochter; und Juwelen, +Zwei Stein'--zwei reich' und köstliche Gestein', +Gestohl'n von meiner Tochter! O Gerichte, +Find't mir das Mädchen!--Sie hat die Steine bei sich +Und die Dukaten." + +Salarino. +Ja, alle Gassenbuben folgen ihm +Und schrein: "Die Stein', die Tochter, die Dukaten!" + +Solanio. +Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt, +Sonst wird er hiefür zahlen. + +Salarino. +Gut bedacht! +Mir sagte gestern ein Franzose noch, +Mit dem ich schwatzte, in der engen See, +Die Frankreich trennt von England, sei ein Schiff +Von unserm Land verunglückt, reich geladen; +Ich dachte des Antonio, da er's sagte, +Und wünscht im stillen, daß es seins nicht wär. + +Solanio. +Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört; +Doch tut's nicht plötzlich, denn es könnt ihn kränken. + +Salarino. +Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht. +Ich sah Bassanio und Antonio scheiden; +Bassanio sagt' ihm, daß er eilen wolle +Mit seiner Rückkehr. "Nein", erwidert' er, +"Schlag dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio, +Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen. +Und die Verschreibung, die der Jude hat, +Laß sie beschweren nicht dein liebend Herz. +Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz +Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen +Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen." +Und hier, die Augen voller Tränen, wandt er +Sich abwärts, reichte seine Hand zurück, +Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung, +Drückt' er Bassanios Hand. So schieden sie. + +Solanio. +Ich glaub, er liebt die Welt nur seinetwegen; +Ich bitt Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden, +Um seine Schwermut etwas zu zerstreun +Auf ein und andre Art. + +Salarino. +Ja, tun wir das. + +(Beide ab.) + + + +Neunte Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Nerissa kommt mit einem Bedienten) + + +Nerissa. +Komm, hurtig, hurtig, zieh den Vorhang auf! +Der Prinz von Arragon hat seinen Eid +Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl. + +(Trompentenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider +Gefolge.) + +Porzia. +Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz! +Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt, +Soll die Vermählung gleich gefeiert werden. +Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr ohne weiters +Im Augenblick von hier Euch wegbegeben. + +Arragon. +Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten: +Zum ersten, niemals jemand kundzutun, +Welch Kästchen ich gewählt; sodann: verfehl ich +Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben +Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich: +Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt, +Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn. + +Porzia. +Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der +Zu wagen kommt um mein geringes Selbst. + +Arragon. +Und so bin ich gerüstet. Glück wohlauf +Nach Herzens Wunsch!--Gold, Silber, schlechtes Blei: +"Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." +Du mußtest schöner aussehn, eh ich's täte. +Was sagt das goldne Kästchen? Ha, laßt sehn! +"Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt." +Was mancher Mann begehrt?--Dies (mancher) meint vielleicht +Die Torenmenge, die nach Scheine wählt, +Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt; +Die nicht ins Innre dringt und wie die Schwalbe +Im Wetter bauet an der Außenwand, +Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs. +Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt, +Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen, +Noch mich zu rohen Haufen stellen will. +Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach! +Sag mir noch mal die Inschrift, die du führst: +"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." +Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn, +Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein, +Den das Verdienst nicht stempelt? Maße keiner +Sich einer unverdienten Würde an. +O würden Güter, Rang und Ämter nicht +Verderbterweis erlangt und würde Ehre +Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft, +Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt! +Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann! +Wie viel des Pöbels würde ausgesondert +Aus reiner Ehre Saat! und wieviel Ehre +Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit, +Um neu zu glänzen!--Wohl, zu meiner Wahl! +"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." +Ich halt es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel, +Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf. + +Porzia. +Zu lang geweilt für das, was Ihr da findet. + +Arragon. +Was gibt's hier? Eines Gecken Bild, der blinzt +Und mir 'nen Zettel reicht! Ich will ihn lesen. +O wie so gar nicht gleichst du Porzien! +Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst! +"Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." +Verdient ich nichts als einen Narrenkopf? +Ist das mein Preis? Ist mein Verdienst nicht höher? + +Porzia. +Fehlen und richten sind getrennte Ämter, +Und die sich widersprechen. + +Arragon. +Was ist hier? + "Siebenmal im Feur geklärt + Ward dies Silber: so bewährt + Ist ein Sinn, den nichts betört. + Mancher achtet Schatten wert, + Dem ist Schattenheil beschert; + Mancher Narr in Silber fährt, + So auch dieser, der Euch lehrt: + Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib + Immer trägt mich Euer Leib. + Geht und sucht Euch Zeitvertreib!" +Mehr und mehr zum Narrn mich macht +Jede Stunde hier verbracht. +Mit einem Narrenkopf zum Frein +Kam ich her und geh mit zwein. +Herz, leb wohl! was ich versprach, +Halt ich, trage still die Schmach. + +(Arragon mit Gefolge ab.) + +Porzia. +So ging dem Licht die Motte nach! +O diese weisen Narren! wenn sie wählen, +Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen. + +Nerissa. +Die alte Sag ist keine Ketzerei. +Daß Frein und Hängen eine Schickung sei. + +Porzia. +Komm, zieh den Vorhang zu, Nerissa. + +(Ein Bedienter kommt.) + +Bedienter. +Wo ist mein Fräulein? + +Porzia. +Hier; was will mein Herr? + +Bedienter. +An Eurem Tor ist eben abgestiegen +Ein junger Venezianer, welcher kommt, +Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden, +Von dem er stattliche Begrüßung bringt; +Das heißt, nebst vielen artgen Worten, Gaben +Von reichem Wert; ich sahe niemals noch +Solch einen holden Liebesabgesandten. +Nie kam noch im April ein Tag so süß, +Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe, +Als dieser Bote seinem Herrn voran. + +Porzia. +Nichts mehr, ich bitt dich; ich besorge fast, +Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter; +Du wendest solchen Festtagswitz an ihn. +Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun, +Cupidos Herold, so geschickt und fein. + +Nerissa. +Bassanio, Herr des Herzens! laß es sein. + +(Alle ab.) + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erste Szene + +Venedig. Eine Straße + +(Solanio und Salarino treten auf) + + +Solanio. +Nun, was gibt's Neues auf dem Rialto? + +Salarino. +Ja, noch wird es nicht widersprochen, daß dem Antonio sein Schiff +von reicher Ladung in der Meerenge gestrandet ist. Die Goodwins, +denke ich, nennen sie die Stelle: eine sehr gefährliche Sandbank, +wo die Gerippe von manchem stattlichen Schiff begraben liegen, +wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist. + +Solanio. +Ich wollte, sie wäre darin eine so lügenhafte Gevatterin, als +jemals eine Ingwer kaute oder ihren Nachbarn weismachte, sie +weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr--ohne +alle Umschweife, und ohne die gerade, ebne Bahn des Gespräches zu +kreuzen--daß der gute Antonio, der redliche Antonio--o daß ich +eine Benennung wüßte, die gut genug wäre, seinem Namen +Gesellschaft zu leisten!-- + +Salarino. +Wohlan, zum Schluß! + +Solanio. +He, was sagst du?--Ja, das Ende ist, er hat ein Schiff eingebüßt. + +Salarino. +Ich wünsche, es mag das Ende seiner Einbußen sein. + +Solanio. +Laßt mich beizeiten Amen sagen, ehe mir der Teufel einen +Querstrich durch mein Gebet macht; denn hier kommt er in Gestalt +eines Juden. + +(Shylock kommt.) + +Wie steht's, Shylock? Was gibt es Neues unter den Kaufleuten? + +Shylock. +Ihr wußtet, niemand besser, niemand besser als Ihr um meiner +Tochter Flucht. + +Salarino. +Das ist richtig; ich meinerseits kannte den Schneider, der ihr +die Flügel zum Wegfliegen gemacht hat. + +Solanio. +Und Shylock seinerseits wußte, daß der Vogel flügge war; und dann +haben sie es alle in der Art, das Nest zu verlassen. + +Shylock. +Sie ist verdammt dafür. + +Salarino. +Das ist sicher, wenn der Teufel ihr Richter sein soll. + +Shylock. +Daß mein eigen Fleisch und Blut sich so empörte! + +Solanio. +Pfui dich an, altes Fell! bei dem Alter empört es sich? + +Shylock. +Ich sage, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut. + +Salarino. +Zwischen deinem Fleisch und ihrem ist mehr Unterschied als +zwischen Ebenholz und Elfenbein, mehr zwischen eurem Blute als +zwischen rotem Wein und Rheinwein.--Aber sagt uns, was hört Ihr: +hat Antonio einen Verlust zur See gehabt oder nicht? + +Shylock. +Da hab ich einen andern schlimmen Handel: ein Bankerottierer, ein +Verschwender, der sich kaum auf dem Rialto darf blicken lassen; +ein Bettler, der so schmuck auf den Markt zu kommen pflegte! Er +sehe sich vor mit seinem Schein! Er hat mich immer Wucherer +genannt--er sehe sich vor mit seinem Schein!--er verlieh immer +Geld aus christlicher Liebe,--er sehe sich vor mit seinem Schein! + +Salarino. +Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch +nicht nehmen: wozu wär es gut? + +Shylock. +Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es +doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million +gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein +Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, +meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude. +Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, +Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise +genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten +unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet +von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns +stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? +Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns +beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen +Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn +ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. +Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein +nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich +lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder +ich will es meinen Meistern zuvortun. + +(Ein Bedienter kommt.) + +Bedienter. +Edle Herren, Antonio, mein Herr, ist zu Hause und wünscht euch zu +sprechen. + +Salarino. +Wir haben ihn allenthalben gesucht. + +(Tubal kommt.) + +Solanio. +Hier kommt ein anderer von seinem Stamm; der dritte Mann ist +nicht aufzutreiben, der Teufel selbst müßte denn Jude werden. + +(Solanio, Salarino und Bedienter ab.) + +Shylock. +Nun, Tubal, was bringst du Neues von Genua? Hast du meine Tochter +gefunden? + +Tubal. +Ich bin oft an Örter gekommen, wo ich von ihr hörte, aber ich +kann sie nicht finden. + +Shylock. +Ei so, so, so, so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend +Dukaten zu Frankfurt. Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk +gefallen, ich hab ihn niemals gefühlt bis jetzt. Zweitausend +Dukaten dafür! und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen! Ich +wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die +Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge eingesargt zu meinen +Füßen, und die Dukaten im Sarge! Keine Nachricht von ihnen! Ei, +daß dich!--und ich weiß noch nicht, was beim Nachsetzen +draufgeht. Ei, du Verlust über Verlust! Der Dieb mit soviel +davongegangen, und soviel, um den Dieb zu finden; und keine +Genugtuung, keine Rache! Kein Unglück tut sich auf, als was mir +auf den Hals fällt; keine Seufzer, als die ich ausstoße, keine +Tränen, als die ich vergieße. + +Tubal. +Ja, andre Menschen haben auch Unglück. Antonio, so hört ich in Genua-- + +Shylock. +Was, was, was? Ein Unglück? ein Unglück? + +Tubal. +Hat eine Galeone verloren, die von Tripolis kam. + +Shylock. +Gott sei gedankt! Gott sei gedankt! Ist es wahr? ist es wahr? + +Tubal. +Ich sprach mit ein paar von den Matrosen, die sich aus dem +Schiffbruch gerettet. + +Shylock. +Ich danke dir, guter Tubal! Gute Zeitung, gute Zeitung!--Wo? in +Genua? + +Tubal. +Eure Tochter vertat in Genua, wie ich hörte, in (einem) Abend +achtzig Dukaten! + +Shylock. +Du gibst mir einen Dolchstich--ich kriege mein Gold nicht wieder +zu sehn--Achtzig Dukaten in (einem) Strich! achtzig Dukaten! + +Tubal. +Verschiedene von Antonios Gläubigern reisten mit mir zugleich +nach Venedig; die beteuerten, er müsse notwendig fallieren. + +Shylock. +Das freut mich sehr! ich will ihn peinigen, ich will ihn martern; +das freut mich! + +Tubal. +Einer zeigte mir einen Ring, den ihm Eure Tochter für einen Affen +gab. + +Shylock. +Daß sie die Pest! Du marterst mich, Tubal. Es war mein Türkis, +ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte +ihn nicht für einen Wald von Affen weggegeben. + +Tubal. +Aber Antonio ist gewiß ruiniert. + +Shylock. +Ja, das ist wahr! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen +Amtsdiener, bestell ihn vierzehn Tage vorher. Ich will sein Herz +haben, wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist, so +kann ich Handel treiben, wie ich will. Geh, geh, Tubal, und triff +mich bei unsrer Synagoge! geh, guter Tubal! bei unsrer Synagoge, +Tubal! + +(Ab.) + + + +Zweite Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Bassanio, Porzia, Graziano, Nerissa und Gefolge treten auf +Die Kästchen sind aufgestellt) + + +Porzia. +Ich bitt Euch, wartet ein, zwei Tage noch, +Bevor Ihr wagt; denn wählt Ihr falsch, so büße +Ich Euren Umgang ein; darum verzieht. +Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), +Ich möcht Euch nicht verlieren; und Ihr wißt, +Es rät der Haß in diesem Sinne nicht. +Allein damit Ihr recht mich deuten möchtet +(Und doch, ein Mädchen spricht nur mit Gedanken), +Behielt' ich gern Euch ein paar Tage hier, +Eh Ihr für mich Euch wagt. Ich könnt Euch leiten +Zur rechten Wahl, dann bräch ich meinen Eid; +Das will ich nie; so könnt Ihr mich verfehlen. +Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen, +Ich hätt ihn nur gebrochen. O der Augen, +Die so bezaubert mich und mich geteilt! +Halb bin ich Eur, die andre Hälfte Euer-- +Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, +Und so ganz Euer. O die böse Zeit, +Die Eignern ihre Rechte vorenthält! +Und so, ob Euer schon, nicht Euer.--Trifft es, +So sei das Glück dafür verdammt, nicht ich. +Zu lange red ich, doch nur um die Zeit +Zu dehnen, in die Länge sie zu ziehn, +Die Wahl noch zu verzögern. + +Bassanio. +Laßt mich wählen, +Denn wie ich jetzt bin, leb ich auf der Folter. + +Porzia. +Bassanio, auf der Folter? So bekennt, +Was für Verrat in Eurer Liebe steckt. + +Bassanio. +Allein der häßliche Verrat des Mißtrauns, +Der mich am Glück der Liebe zweifeln läßt. +So gut verbände Schnee und Feuer sich +Zum Leben, als Verrat und meine Liebe. + +Porzia. +Ja, doch ich sorg, Ihr redet auf der Folter, +Wo sie, gezwungen, sagen, was man will. + +Bassanio. +Verheißt mir Leben, so bekenn ich Wahrheit. + +Porzia. +Nun wohl, bekennt und lebt! + +Bassanio. +Bekennt und liebt! +Mein ganz Bekenntnis wäre dies gewesen. +O selge Folter, wenn der Folterer +Mich Antwort lehrt zu meiner Lossprechung? +Doch laßt mein Heil mich bei den Kästchen suchen. + +Porzia. +Hinzu denn! Eins darunter schließt mich ein; +Wenn Ihr mich liebt, so findet Ihr es aus. +Nerissa und ihr andern steht beiseit.-- +Laßt nun Musik ertönen, weil er wählt! +So, wenn er fehltrifft, end' er Schwanen gleich +Hinsterbend in Musik; daß die Vergleichung +Noch näher passe, sei mein Aug der Strom, +Sein wäßrig Totenbett. Er kann gewinnen, +Und was ist dann Musik? Dann ist Musik +Wie Paukenklang, wenn sich ein treues Volk +Dem neugekrönten Fürsten neigt; ganz so +Wie jene süßen Tön in erster Frühe, +Die in des Bräutigams schlummernd Ohr sich schleichen +Und ihn zur Hochzeit laden. Jetzo geht er +Mit minder Anstand nicht, mit weit mehr Liebe, +Als einst Alcides, da er den Tribut +Der Jungfrau löste, welchen Troja heulend +Dem Seeuntier gezahlt. Ich steh als Opfer, +Die dort von fern sind die Dardanschen Fraun +Mit rotgeweinten Augen, ausgegangen, +Der Tat Erfolg zu sehn.--Geh, Herkules! +Leb du, so leb ich! mit viel stärkerm Bangen +Seh ich den Kampf, als du ihn eingegangen. + +(Musik, während Bassanio über die Kästchen mit sich zu Rate geht.) + +(Lied) + +(Erste Stimme.) Sagt, woher stammt Liebeslust? +Aus den Sinnen, aus der Brust? +Ist euch ihr Lebenslauf bewußt? (Zweite Stimme.) In den Augen erst gehegt, +Wird Liebeslust durch Schaun gepflegt; +Stirbt das Kindchen, beigelegt +In der Wiege, die es trägt, +Läutet Totenglöckchen ihm; +Ich beginne: Bim! bim! bim! (Chor.) Bim! bim! bim! + +Bassanio. +--So ist oft äußrer Schein sich selber fremd, +Die Welt wird immerdar durch Zier berückt. +Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt, +Der nicht, geschmückt von einer holden Stimme, +Des Bösen Schein verdeckt? Im Gottesdienst, +Wo ist ein Irrwahn, den ein ehrbar Haupt +Nicht heiligte, mit Sprüchen nicht belegte, +Und bürge die Verdammlichkeit durch Schmuck? +Kein Laster ist so blöde, das von Tugend +Im äußern Tun nicht Zeichen an sich nähme. +Wie manche Feige, die Gefahren stehn +Wie Spreu dem Winde, tragen doch am Kinn +Den Bart des Herkules und finstern Mars, +Fließt gleich in ihren Herzen Blut wie Milch! +Und diese leihn des Mutes Auswuchs nur, +Um furchtbar sich zu machen. Blickt auf Schönheit, +Ihr werdet sehn, man kauft sie nach Gewicht, +Das hier ein Wunder der Natur bewirkt, +Und die es tragen, um so lockrer macht. +So diese schlänglicht krausen goldnen Locken, +Die mit den Lüften so mutwillig hüpfen +Auf angemaßtem Reiz: man kennt sie oft +Als eines zweiten Kopfes Ausstattung, +Der Schädel der sie trug, liegt in der Gruft. +So ist denn Zier die trügerische Küste +Von einer schlimmen See, der schöne Schleier, +Der Indiens Schöne birgt; mit einem Wort: +Die Scheinwahrheit, womit die schlaue Zeit +Auch Weise fängt. Darum, du gleißend Gold, +Des Midas harte Kost, dich will ich nicht, +Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer +Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei, +Das eher droht als irgend was verheißt, +Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an: +Ich wähle hier, und sei es wohlgetan! + +Porzia. +Wie jede Regung fort die Lüfte tragen! +Als irre Zweifel, ungestüm Verzagen +Und bange Schaur und blasse Schüchternheit. +O Liebe, mäßge dich in deiner Seligkeit! +Halt ein, laß deine Freuden sanfter regnen; +Zu stark fühl ich, du mußt mich minder segnen, +Damit ich nicht vergeh. + +Bassanio (öffnet das bleierne Kästchen). +Was find ich hier? +Der schönen Porzia Bildnis? Welcher Halbgott +Kam so der Schöpfung nah? Regt sich dies Auge? +Wie, oder schwebend auf des meinen Wölbung, +Scheint es bewegt? Hier sind erschloßne Lippen, +Die Nektarodem trennt: so süße Scheidung +Muß zwischen solchen süßen Freunden sein. +Der Maler spielte hier in ihrem Haar, +Die Spinne wob ein Netz, der Männer Herzen +Zu fangen wie die Mück im Spinngeweb. +Doch ihre Augen--o wie konnt er sehn, +Um sie zu malen? Da er eins gemalt, +Dünkt mich, es mußt ihm seine beiden stehlen +Und ungepaart sich lassen. Doch seht, soweit +Die Wahrheit meines Lobes diesem Schatten +Zu nahe tut, da es ihn unterschätzt, +Soweit läßt diesen Schatten hinter sich +Die Wahrheit selbst zurück.--Hier ist der Zettel, +Der Inbegriff und Auszug meines Glücks. + "Ihr, der nicht auf Schein gesehn: + Wählt so recht und trefft so schön! + Weil Euch dieses Glück geschehn, + Wollet nicht nach anderm gehn. + Ist Euch dies nach Wunsch getan + Und findt Ihr Heil auf dieser Bahn, + Müßt Ihr Eurer Liebsten nahn, + Und sprecht mit holdem Kuß sie an." +Ein freundlich Blatt--erlaubt, mein holdes Leben, + +(er küßt sie) + +Ich komm, auf Schein zu nehmen und zu geben, +Wie, wer um einen Preis mit andern ringt +Und glaubt, daß vor dem Volk sein Tun gelingt; +Er hört den Beifall, Jubel schallt zum Himmel: +Im Geist benebelt, staunt er--"Dies Getümmel +Des Preises", fragt er sich, "gilt es denn mir?" +So, dreimal holdes Fräulein, steh ich hier, +Noch zweifelnd, ob kein Trug mein Auge blend't, +Bis Ihr bestätigt, zeichnet, anerkennt. + +Porzia. +Ihr seht mich, Don Bassanio, wo ich stehe, +So wie ich bin. Obschon für mich allein +Ich nicht ehrgeizig wär in meinem Wunsch, +Viel besser mich zu wünschen; doch für Euch +Wollt ich verdreifacht zwanzigmal ich selbst sein, +Noch tausendmal so schön, zehntausendmal +So reich.-- +Nur um in Eurer Schätzung hoch zu stehn +Möcht ich an Gaben, Reizen, Gütern, Freunden +Unschätzbar sein; doch meine volle Summa +Macht etwas nur: das ist, in Bausch und Bogen, +Ein unerzognes, ungelehrtes Mädchen, +Darin beglückt, daß sie noch nicht zu alt +Zum Lernen ist; noch glücklicher, daß sie +Zum Lernen nicht zu blöde ward geboren; +Am glücklichsten, weil sie ihr weich Gemüt +Dem Euren überläßt, daß Ihr sie lenkt +Als ihr Gemahl, ihr Führer und ihr König. +Ich selbst, und was nur mein, ist Euch und Eurem +Nun zugewandt; noch eben war ich Eigner +Des schönen Guts hier, Herrin meiner Leute, +Monarchin meiner selbst; und eben jetzt +Sind Haus und Leut und ebendies "ich selbst" +Eur eigen, Herr. Nehmt sie mit diesem Ring; +Doch trennt Ihr Euch von ihm, verliert, verschenkt ihn, +So prophezei es Eurer Liebe Fall, +Und sei mein Anspruch gegen Euch zu klagen. + +Bassanio. +Fräulein, Ihr habt der Worte mich beraubt, +Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch; +Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern, +Wie sie nach einer wohlgesprochnen Rede +Von einem teuren Prinzen wohl im Kreis +Der murmelnden zufriednen Meng erscheint, +Wo jedes Etwas, ineinander fließend, +Zu einem Chaos wird von nichts als Freude, +Laut und doch sprachlos.--Doch weicht dieser Ring +Von diesem Finger, dann weicht hier das Leben; +O dann sagt kühn, Bassanio sei tot! + +Nerissa. +Mein Herr und Fräulein, jetzt ist unsre Zeit, +Die wir dabei gestanden und die Wünsche +Gelingen sehn, zu rufen: Freud und Heil! +Habt Freud und Heil, mein Fräulein und mein Herr! + +Graziano. +Mein Freund Bassanio und mein wertes Fräulein, +Ich wünsch euch, was für Freud ihr wünschen könnt; +Denn sicher wünscht ihr keine von mir weg. +Und wenn ihr beiderseits zu feiern denkt +Den Austausch eurer Treue, bitt ich euch, +Daß ich zugleich mich auch verbinden dürfe. + +Bassanio. +Von Herzen gern, kannst du ein Weib dir schaffen. + +Graziano. +Ich dank Euch, Herr, Ihr schafftet mir ein Weib. +Mein Auge kann so hurtig schaun als Eures; +Ihr saht das Fräulein, ich die Dienerin; +Ihr liebtet und ich liebte; denn Verzug +Steht mir nicht besser an als Euch, Bassanio. +Eur eignes Glück hing an den Kästchen dort, +Und so auch meines, wie es sich gefügt. +Denn werbend hier, bis ich in Schweiß geriet, +Und schwörend, bis mein Gaum' von Liebesschwüren +Ganz trocken war, ward ich zuletzt--geletzt +Durch ein Versprechen dieser Schönen hier, +Mir Liebe zu erwidern, wenn Eur Glück +Ihr Fräulein erst gewönne. + +Porzia. +Ist's wahr, Nerissa? + +Nerissa. +Ja, Fräulein, wenn Ihr Euren Beifall gebt. + +Bassanio. +Und meint Ihr's, Graziano, recht im Ernst? + +Graziano. +Ja, auf mein Wort. + +Bassanio. +Ihr ehrt durch Eure Heirat unser Fest. + +Graziano. +Wir wollen mit ihnen auf den ersten Jungen wetten um tausend Dukaten. +Doch wer kommt hier; Lorenzo und sein Heidenkind? +Wie? und mein alter Landsmann, Freund Salerio? +(Lorenzo, Jessica und Salerio treten auf.) + +Bassanio. +Lorenzo und Salerio, willkommen, +Wofern die Jugend meines Ansehns hier +Willkommen heißen darf. Erlaubet mir, +Ich heiße meine Freund und Landesleute +Willkommen, holde Porzia. + +Porzia. +Ich mit Euch; +Sie sind mir sehr willkommen. + +Lorenzo. +Dank Euer Gnaden!--Was mich angeht, Herr, +Mein Vorsatz war es nicht, Euch hier zu sehn; +Doch da ich unterwegs Salerio traf, +So bat er mich, daß ich's nicht weigern konnte, +Hieher ihn zu begleiten. + +Salerio. +Ja, ich tat's +Und habe Grund dazu. Signor Antonio +Empfiehlt sich Euch. + +(Gibt dem Bassanio einen Brief.) + +Bassanio. +Eh ich den Brief erbreche, +Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund? + +Salerio. +Nicht krank, Herr, wenn er's im Gemüt nicht ist, +Noch wohl, als im Gemüt; der Brief da wird +Euch seinen Zustand melden. + +Graziano. +Nerissa, muntert dort die Fremde auf, +Heißt sie willkommen. Eure Hand, Salerio! +Was bringt Ihr von Venedig mit? Wie geht's +Dem königlichen Kaufmann, dem Antonio? +Ich weiß, er wird sich unsers Glückes freun; +Wir sind die Iasons, die das Vlies gewonnen. + +Salerio. +O hättet Ihr das Vlies, das er verlor. + +Porzia. +In dem Papier ist ein feindselger Inhalt, +Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen. +Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst, +Was eines festgesinnten Mannes Fassung +So ganz verwandeln kann. Wie? schlimm und schlimmer? +Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst, +Und mir gebührt die Hälfte auch von allem, +Was dies Papier Euch bringt. + +Bassanio. +O werte Porzia, +Hier sind ein paar so widerwärtge Worte, +Als je Papier bedeckten. Holdes Fräulein, +Als ich zuerst Euch meine Liebe bot, +Sagt ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne +In meinen Adern: ich sei Edelmann; +Und dann sagt ich Euch wahr. Doch, teures Fräulein, +Da ich auf nichts mich schätzte, sollt Ihr sehn, +Wie sehr ich Prahler war. Da ich Euch sagte, +Mein Gut sei nichts, hätt ich Euch sagen sollen, +Es sei noch unter nichts; denn in der Tat, +Mich selbst verband ich einem teuren Freunde, +Den Freund verband ich seinem ärgsten Feind, +Um mir zu helfen. Hier, Fräulein, ist ein Brief, +Das Blatt Papier, wie meines Freundes Leib +Und jedes Wort drauf eine offne Wunde, +Der Lebensblut entströmt.--Doch ist es wahr, +Salerio? Sind denn alle Unternehmen +Ihm fehlgeschlagen? Wie, nicht eins gelang? +Von Tripolis, von Mexiko, von England, +Von Indien, Lissabon, der Berberei? +Und nicht (ein) Schiff entging dem furchbarn Anstoß +Von Armut drohnden Klippen? + +Salerio. +Nein, nicht eins. +Und außerdem, so scheint es, hätt er selbst +Das bare Geld, den Juden zu bezahlen, +Der nähm es nicht. Nie kannt ich ein Geschöpf, +Das die Gestalt von einem Menschen trug, +So gierig, einen Menschen zu vernichten. +Er liegt dem Dogen früh und spät im Ohr +Und klagt des Staats verletzte Freiheit an, +Wenn man sein Recht ihm weigert. Zwanzig Handelsleute, +Der Doge selber und die Senatoren +Vom größten Ansehn reden all ihm zu; +Doch niemand kann aus der Schikan ihn treiben +Von Recht, verfallner Buß und seinem Schein. + +Jessica. +Als ich noch bei ihm war, hört ich ihn schwören +Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal, +Er wolle lieber des Antonio Fleisch +Als den Betrag der Summe zwanzigmal, +Die er ihm schuldig sei. Und, Herr, ich weiß, +Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt, +Wird es dem armen Manne schlimm ergehn. + +Porzia. +Ist's Euch ein teurer Freund, der so in Not ist? + +Bassanio. +Der teurste Freund, der liebevollste Mann, +Das unermüdet willigste Gemüt +Zu Dienstleistungen und ein Mann, an dem +Die alte Römerehre mehr erscheint +Als sonst an wem, der in Italien lebt. + +Porzia. +Welch eine Summ' ist er dem Juden schuldig? + +Bassanio. +Für mich, dreitausend Dukaten. + +Porzia. +Wie? nicht mehr? +Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein, +Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das, +Eh einem Freunde dieser Art ein Haar +Gekränkt soll werden durch Bassanios Schuld. +Erst geht mit mir zur Kirch und nennt mich Weib, +Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund, +Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen +Mit Unruh in der Brust. Gold geb ich Euch, +Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen; +Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch. +Nerissa und ich selbst indessen leben +Wie Mädchen und wie Witwen. Kommt mit mir, +Ihr sollt auf Euren Hochzeitstag von hier. +Begrüßt die Freunde, laßt den Mut nichts trüben; +So teur gekauft, will ich Euch teuer lieben.-- +Doch laßt mich hören Eures Freundes Brief. + +Bassanio (liest). +"Liebster Bassanio! Meine Schiffe sind alle verunglückt, meine +Gläubiger werden grausam, mein Glücksstand ist ganz zerrüttet, +meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es +unmöglich ist, daß ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle +Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei +meinem Tode sehen könnte! Jedoch handelt nach Belieben; wenn Eure +Liebe Euch nicht überredet, zu kommen, so muß es mein Brief +nicht. + +Porzia. +O Liebster, geht, laßt alles andre liegen! + +Bassanio. +Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld +Zu gehn erlaubt; doch bis ich hier zurück, +Sei nie ein Bett an meinem Zögern schuld, +Noch trete Ruhe zwischen unser Glück! + +(Alle ab.) + + + +Dritte Szene + +Venedig. Eine Straße + +(Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwärter treten auf) + + +Shylock. +Acht auf ihn, Schließer!--Sagt mir nicht von Gnade, Dies ist der +Narr, der Geld umsonst auslieh.--Acht auf ihn, Schließer! + +Antonio. +Hört mich, guter Shylock. + +Shylock. +Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein! +Ich tat 'nen Eid, auf meinen Schein zu dringen. +Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt; +Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne. +Der Doge soll mein Recht mir tun.--Mich wundert's, +Daß du so töricht bist, du loser Schließer, +Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn. + +Antonio. +Ich bitte, hör mich reden. + +Shylock. +Ich will den Schein, ich will nicht reden hören, +Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr. +Ich macht mich nicht zum schwachen, blinden Narrn, +Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt +Den christlichen Vermittlern. Folg mir nicht, +Ich will kein Reden, meinen Schein will ich. + +(Shylock ab.) + +Solanio. +Das ist ein unbarmherzger Hund, wie's keinen +Je unter Menschen gab. + +Antonio. +Laßt ihn nur gehn, +Ich geh ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten. +Er sucht mein Leben, und ich weiß warum; +Oft hab ich Schuldner, die mir vorgeklagt, +Davon erlöst, in Buß ihm zu verfallen; +Deswegen haßt er mich. + +Solanio. +Gewiß, der Doge +Gibt nimmer zu, daß diese Buße gilt. + +Antonio. +Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen; +Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden +Hier in Venedig, wenn man sie versagt, +Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab, +Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt +Beruht auf allen Völkern. Gehn wir denn! +Der Gram und der Verlust zehrt so an mir +Kaum werd ich ein Pfund Fleisch noch übrig haben +Auf morgen für den blutgen Gläubiger. +Komm, Schließer! Gebe Gott, daß nur Bassanio +Mich für ihn zahlen sieht, so gilt mir's gleich. + +(Ab.) + + + +Vierte Szene + +Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause + +(Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen) + + +Lorenzo. +Mein Fräulein, sag ich's schon in Eurem Beisein, +Ihr habt ein edles und ein echt Gefühl +Von göttergleicher Freundschaft; das beweist Ihr, +Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt. +Doch wüßtet Ihr, wem Ihr die Ehr erzeigt, +Welch einem biedern Mann Ihr Hilfe sendet, +Welch einem lieben Freunde Eures Gatten, +Ich weiß, Ihr wäret stolzer auf das Werk, +Als Euch gewohnte Güte drängen kann. + +Porzia. +Noch nie bereut ich, daß ich Gutes tat, +Und werd es jetzt auch nicht; denn bei Genossen, +Die miteinander ihre Zeit verleben +Und deren Herz (ein) Joch der Liebe trägt, +Da muß unfehlbar auch ein Ebenmaß +Von Zügen sein, von Sitten und Gemüt. +Dies macht mich glauben, der Antonio, +Als Busenfreund von meinem Gatten, müsse +Durchaus ihm ähnlich sein. Wenn es so ist, +Wie wenig ist es, was ich aufgewandt, +Um meiner Seele Ebenbild zu lösen +Aus einem Zustand höllscher Grausamkeit! +Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah; +Darum nichts mehr davon. Hört andre Dinge: +Lorenzo, ich vertrau in Eure Hand +Die Wirtschaft und die Führung meines Hauses, +Bis zu Bassanios Rückkehr; für mein Teil +Ich sandt ein heimliches Gelübd zum Himmel, +Zu leben in Beschauung und Gebet, +Allein begleitet von Nerissa hier, +Bis zu der Rückkunft unser beider Gatten. +Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier, +Da wollen wir verweilen. Ich ersuch Euch: +Lehnt nicht den Auftrag ab, den meine Liebe +Und eine Nötigung des Zufalls jetzt +Euch auferlegt. + +Lorenzo. +Von ganzem Herzen, Fräulein; +In allem ist mir Euer Wink Befehl. + +Porzia. +Schon wissen meine Leute meinen Willen +Und werden Euch und Jessica erkennen +An meiner eignen und Bassanios Statt. +So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn! + +Lorenzo. +Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden! + +Jessica. +Ich wünsch Eur Gnaden alle Herzensfreude. + +Porzia. +Ich dank Euch für den Wunsch und bin geneigt, +Ihn Euch zurückzuwünschen.--Jessica, lebt wohl! + +(Jessica und Lorenzo ab.) + +Nun, Balthasar, +Wie ich dich immer treu und redlich fand, +Laß mich auch jetzt dich finden. Nimm den Brief +Und eile, was in Menschenkräften steht, +Nach Padua; gib ihn zu eignen Händen +An meinen Vetter ab, Doktor Bellario. +Sieh zu, was er dir für Papiere gibt +Und Kleider; bringe die in höchster Eil +Zur Überfahrt an die gemeine Fähre, +Die nach Venedig schifft. Verlier die Zeit +Mit Worten nicht; geh, ich bin vor dir da. + +Balthasar. +Fräulein, ich geh mit aller schuldigen Eil. + +(Balthasar ab.) + +Porzia. +Nerissa, komm. Ich hab ein Werk zur Hand, +Wovon du noch nicht weißt; wir wollen unsre Männer, +Eh sie es denken, sehn. + +Nerissa. +Und sie auch uns? + +Porzia. +Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht, +Daß sie mit dem versehn uns denken sollen, +Was uns gebricht. Ich wette, was du willst: +Sind wir wie junge Männer aufgestutzt, +Will ich der feinste Bursch von beiden sein +Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen +Und sprechen wie im Übergang vom Knaben +Zum Mann und einem heiseren Diskant. +Ich will zwei jüngferliche Tritte dehnen +Zu (einem) Männerschritt; vom Raufen sprechen +Wie kecke junge Herrn; und artig lügen, +Wie edle Frauen meine Liebe suchten +Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt.-- +Ich konnte nicht mit allen fertig werden; +Und dann bereu ich es und wünsch, ich hätte +Bei alledem sie doch nicht umgebracht. +Und zwanzig solcher kleinen Lügen sag ich, +So daß man schwören soll, daß ich die Schule +Schon seit dem Jahr verließ.--Ich hab im Sinn +Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken, +Die ich verüben will. + +Nerissa. +So sollen wir in Männer uns verwandeln? + +Porzia. +Ja, komm, ich sag dir meinen ganzen Anschlag, +Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor +Des Parks erwartet; darum laß uns eilen, +Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen. + +(Ab.) + + + +Fünfte Szene + +Belmont. Ein Garten + +(Lanzelot und Jessica kommen) + + +Lanzelot. +Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den +Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für +Euch. Ich ging immer gerade gegen Euch heraus, und so sage ich +Euch meine Deliberation über die Sache. Also seid gutes Mutes, +denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur (eine) +Hoffnung dabei, die Euch zustatten kommen kann, und das ist auch +nur so eine Art von Bastardhoffnung. + +Jessica. +Und welche Hoffnung ist das? + +Lanzelot. +Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht +erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid. + +Jessica. +Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann würden die +Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden. + +Lanzelot. +Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen +verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle +ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die +andre Art verloren. + +Jessica. +Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer +Christin gemacht. + +Lanzelot. +Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon +Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen +konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine +steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in +kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu +haben. + +(Lorenzo kommt.) + +Jessica. +Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt +er. + +Lorenzo. +Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine +Frau so in die Ecken zieht. + +Jessica. +Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir +sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine +Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er +behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid, +weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des +Schweinefleisches steigert. + +Lorenzo. +Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure +Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet +Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen. + +Lanzelot. +Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das +Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein. + +Lorenzo. +Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird +sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren und +Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden.--Geht ins +Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten. + +Lanzelot. +Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen. + +Lorenzo. +Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, daß +sie die Mahlzeit anrichten. + +Lanzelot. +Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken. + +Lorenzo. +Wollt Ihr also decken? + +Lanzelot. +Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt. + +Lorenzo. +Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz +auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen +schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen +Kameraden, heiß sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und +wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen. + +Lanzelot. +Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt +werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei +laßt Lust und Laune walten. + +(Ab.) + +Lorenzo. +O heilige Vernunft, was eitle Worte! +Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer +Wortspiele eingeprägt. Und kenn ich doch +Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle, +So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort +Die Sache preisgibt. Wie geht's dir, Jessica? +Und nun sag deine Meinung, liebes Herz, +Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt? + +Jessica. +Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl, +Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe; +Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist, +Find't er des Himmels Lust auf Erden schon. +Und will er das auf Erden nicht, so wär's +Ihm recht, er käme niemals in den Himmel. +Ja, wenn zwei Götter irgendeine Wette +Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten, +Und Porzia wär die eine, tät es not, +Noch sonst was mit der andern auf das Spiel +Zu setzen; denn die arme rohe Welt +Hat ihresgleichen nicht. + +Lorenzo. +Und solchen Mann +Hast du an mir, als er an ihr ein Weib. + +Jessica. +Ei, fragt doch darum meine Meinung auch. + +Lorenzo. +Sogleich; doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn. + +Jessica. +Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben. + +Lorenzo. +Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch; +Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern +Werd ich's verdaun. + +Jessica. +Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen. + +(Ab.) + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erste Szene + +Venedig. Ein Gerichtssaal + +(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino, +Solanio und andre) + + +Doge. +Nun, ist Antonio da? + +Antonio. +Eur Hoheit zu Befehl. + +Doge. +Es tut mir leid um dich; du hast zu tun +Mit einem felsenharten Widersacher; +Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig. +Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm. + +Antonio. +Ich hörte, +Daß sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern +Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt +Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß +Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld +Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet +Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn +Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei. + +Doge. +Geh wer und ruf den Juden in den Saal. + +Solanio. +Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr. + +(Shylock kommt.) + +Doge. +Macht Platz, laßt ihn uns gegenüberstehn.-- +Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch, +Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit +Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann, +So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen +Und deine Milde, wunderbarer noch +Als deine angenommne Grausamkeit. +Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst, +Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch, +Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen, +Nein, auch gerührt von Lieb und Menschlichkeit, +Die Hälfte schenken von der Summe selbst, +Ein Aug des Mitleids auf die Schäden werfend, +Die kürzlich seine Schultern so bestürmt: +Genug, um einen königlichen Kaufmann +Ganz zu erdrücken und an seinem Fall +Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen, +So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen +Von Türken und Tataren, nie gewöhnt +An Dienste zärtlicher Gefälligkeit. +Wir all erwarten milde Antwort, Jude. + +Shylock. +Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor: +Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es, +Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht. +Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr +Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt. +Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht +Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend +Dukaten zu empfangen? Darauf will ich +Nicht Antwort geben; aber setzet nun, +Daß mir's so ansteht: ist das Antwort gnug? +Wie? wenn mich eine Ratt im Hause plagt? +Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend +Dukaten geben will?--Ist's noch nicht Antwort gnug? +Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel +Ausstehen können; manche werden toll, +Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre können, +Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt, +Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe, +Der Leidenschaften Meister, lenken sie +Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort: +Wie sich kein rechter Grund angeben läßt, +Daß (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann, +(Der) keine Katz, ein harmlos nützlich Tier, +(Der) keinen Dudelsack; und muß durchaus +Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben, +Daß er, belästigt, selbst belästgen muß; +So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen, +Als eingewohnten Haß und Widerwillen, +Den mir Antonio einflößt, daß ich so +Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge. +Habt Ihr nun eine Antwort? + +Bassanio. +Nein, es ist keine, du fühlloser Mann, +Die deine Grausamkeit entschuldgen könnte. + +Shylock. +Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben? + +Bassanio. +Bringt jedermann das um, was er nicht liebt? + +Shylock. +Wer haßt ein Ding und brächt es nicht gern um? + +Bassanio. +Beleidigung ist nicht sofort auch Haß. + +Shylock. +Was? läßt du dich die Schlange zweimal stechen? + +Antonio. +Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden. +Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand, +Die Flut von ihrer Höh sich senken heißen; +Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen, +Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken? +Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren, +Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen, +Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt; +Ihr mögt so gut das Härteste bestehn, +Als zu erweichen suchen--was wär härter?-- +Sein jüdisch Herz.--Ich bitt Euch also, bietet +Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht +Und gebt in aller Kürz und gradezu +Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen. + +Bassanio. +Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs. + +Shylock. +Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten +Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat, +Ich nähm sie nicht, ich wollte meinen Schein. + +Doge. +Wie hoffst du Gnade, da du keine übst? + +Shylock. +Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht? +Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch, +Die Ihr wie Eure Esel, Hund' und Maultier' +In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht, +Weil Ihr sie kauftet. Sag ich nun zu Euch-- +Laßt sie doch frei, vermählt sie Euren Erben; +Was plagt Ihr sie mit Lasten? laßt ihr Bett +So weich als Eures sein, labt ihren Gaum' +Mit eben solchen Speisen.--Ihr antwortet: +Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich +Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange, +Ist teur gekauft, ist mein, und ich will's haben. +Wenn Ihr versagt, pfui über Eur Gesetz! +So hat das Recht Venedigs keine Kraft. +Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich's haben? + +Doge. +Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen, +Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor, +Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt, +Hier heut erscheint. + +Salarino. +Eur Hoheit, draußen steht +Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor, +Er kommt soeben an von Padua. + +Doge. +Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor. + +Bassanio. +Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts! +Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben, +Eh dir ein Tropfen Bluts für mich entgeht. + +Antonio. +Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde, +Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht +Fällt vor der andern, und so laßt auch mich. +Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio, +Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt. + +(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.) + +Doge. +Kommt Ihr von Padua, von Bellario? + +Nerissa. +Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit. + +(Sie überreicht einen Brief.) + +Bassanio. +Was wetzest du so eifrig da dein Messer? + +Shylock. +Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden. + +Graziano. +An deiner Seel, an deiner Sohle nicht, +Machst du dein Messer scharf, du harter Jude! +Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil, +Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls. +So können keine Bitten dich durchdringen? + +Shylock. +Nein, keine, die du Witz zu machen hast. + +Graziano. +O sei verdammt, du unbarmherzger Hund! +Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt. +Du machst mich irre fast in meinem Glauben, +Daß ich es halte mit Pythagoras, +Wie Tieresseelen in die Leiber sich +Von Menschen stecken; einen Wolf regierte +Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord, +Die grimme Seele weg vom Galgen riß +Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter, +In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren +Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig. + +Shylock. +Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst, +Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh. +Stell deinen Witz her, guter junger Mensch, +Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir. +Ich stehe hier um Recht. + +Doge. +Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt +Uns einen jungen und gelehrten Doktor.-- +Wo ist er denn? + +Nerissa. +Er wartet dicht bei an +Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt. + +Doge. +Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch +Und gebt ihm höfliches Geleit hieher. +Hör das Gericht indes Bellarios Brief. + +Ein Schreiber (liest). +"Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures +Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote +ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger +Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem +streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio +bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner +Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne +Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann), +mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner +Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an +Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu +versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit +einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme; +seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen." + +Doge. +Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt, +Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon. + +(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.) + +Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten +Bellario? + +Porzia. +Zu dienen, gnädger Herr! + +Doge. +Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz. +Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt, +Die hier vor dem Gericht verhandelt wird? + +Porzia. +Ich bin ganz unterrichtet von der Sache. +Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude? + +Doge. +Antonio, alter Shylock, tretet vor! + +Porzia. +Eur Nam ist Shylock? + +Shylock. +Shylock ist mein Name. + +Porzia. +Von wunderlicher Art ist Euer Handel, +Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs +Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.-- +Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht? + +Antonio. +Ja, wie er sagt. + +Porzia. +Den Schein erkennt Ihr an? + +Antonio. +Ja. + +Porzia. +So muß der Jude Gnad ergehen lassen. + +Shylock. +Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das. + +Porzia. +Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang. +Sie träufelt wie des Himmels milder Regen +Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet: +Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt; +Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie +Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone. +Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt, +Das Attribut der Würd und Majestät, +Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt. +Doch Gnad ist über diese Zeptermacht, +Sie thronet in dem Herzen der Monarchen, +Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, +Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten, +Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude, +Suchst du um Recht schon an, erwäge dies: +Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner +Zum Heile käm; wir beten all um Gnade, +Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten +Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt, +Um deine Forderung des Rechts zu mildern; +Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs +Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort +Zum Nachteil einen Spruch tun. + +Shylock. +Meine Taten +Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz, +Die Buße und Verpfändung meines Scheins. + +Porzia. +Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand? + +Bassanio. +O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht, +Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt, +Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen, +Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand. +Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar, +Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt Euch, +Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn: +Tut kleines Unrecht um ein großes Recht +Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen. + +Porzia. +Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig +Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern. +Es würde als ein Vorgang angeführt, +Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel +Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein. + +Shylock. +Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel! +Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter! + +Porzia. +Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein. + +Shylock. +Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier! + +Porzia. +Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld. + +Shylock. +Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel. +Soll ich auf meine Seele Meineid laden? +Nicht um Venedig. + +Porzia. +Gut, er ist verfallen, +Und nach den Rechten kann der Jud hierauf +Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen +Des Kaufmanns auszuschneiden.--Sei barmherzig! +Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen. + +Shylock. +Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.-- +Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter; +Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war +Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht, +Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid, +Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich, +Daß keines Menschen Zunge über mich +Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein. + +Antonio. +Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht, +Den Spruch zu tun. + +Porzia. +Nun wohl, so steht es denn! +Bereitet Euren Busen für sein Messer. + +Shylock. +O weiser Richter! wackrer junger Mann. + +Porzia. +Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid +Hat volle Übereinkunft mit der Buße, +Die hier im Schein als schuldig wird erkannt. + +Shylock. +Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter! +Um wieviel älter bist du, als du aussiehst! + +Porzia. +Deshalb entblößt den Busen. + +Shylock. +Ja, die Brust, +So sagt der Schein--nicht wahr, mein edler Richter? +"Zunächst dem Herzen", sind die eignen Worte. + +Porzia. +So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch +Zu wägen? + +Shylock. +Ja, ich hab sie bei der Hand. + +Porzia. +Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld, +Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet. + +Shylock. +Ist das so angegeben in dem Schein? + +Porzia. +Es steht nicht da; allein was tut's? Es wär +Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe. + +Shylock. +Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein. + +Porzia. +Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen? + +Antonio. +Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet. +Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl! +Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft, +Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger +Als seine Weis ist; immer läßt es sonst +Elende ihren Reichtum überleben, +Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter +Der Armut anzusehn; von solcher Schmach +Langwier'ger Buße nimmt es mich hinweg. +Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr +Den Hergang von Antonios Ende; sagt, +Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich; +Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden, +Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden. +Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert +Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt: +Denn schneidet nur der Jude tief genug, +So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen. + +Bassanio. +Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe, +Die mir so lieb ist als mein Leben selbst; +Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt +Gilt höher als dein Leben nicht bei mir. +Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles +Dem Teufel da, um dich nur zu befrein. + +Porzia. +Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank, +Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten. + +Graziano. +Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe; +Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie +Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden +Gemüt zu ändern. + +Nerissa. +Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut, +Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden. + +Shylock (beiseite). +So sind die Christenmänner; ich hab 'ne Tochter: +Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas +Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!-- +Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch. + +Porzia. +Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein. +Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es. + +Shylock. +O höchst gerechter Richter!-- + +Porzia. +Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust: +Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es. + +Shylock. +O höchst gelehrter Richter!--Na, ein Spruch! +Kommt, macht Euch fertig. + +Porzia. +Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken! +Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut; +Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch! +Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch; +Allein vergießest du, indem du's abschneidst, +Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt +Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs +Dem Staat Venedigs heim. + +Graziano. +Gerechter Richter!--merk, Jud!--o weiser Richter! + +Shylock. +Ist das Gesetz? + +Porzia. +Du sollst die Akte sehn. +Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß: +Recht soll dir werden, mehr als du begehrst. + +Graziano. +O weiser Richter!--merk, Jud! ein weiser Richter! + +Shylock. +Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach +Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn. + +Bassanio. +Hier ist das Geld. + +Porzia. +Halt! +Dem Juden alles Recht--still! keine Eil! +Er soll die Buße haben, weiter nichts. + +Graziano. +O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter! + +Porzia. +Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden. +Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder +Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr +Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel, +Es leichter oder schwerer an Gewicht +Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil +Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal +Nur um die Breite eines Haares neigt, +So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat. + +Graziano. +Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude! +Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte. + +Porzia. +Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße. + +Shylock. +Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn. + +Bassanio. +Ich hab es schon für dich bereit: hier ist's. + +Porzia. +Er hat's vor offenem Gericht geweigert: +Sein Recht nur soll er haben und den Schein. + +Graziano. +Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel! +Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt. + +Shylock. +Soll ich nicht haben bloß mein Kapital? + +Porzia. +Du sollst nichts haben als die Buße, Jude, +Die du auf eigene Gefahr magst nehmen. + +Shylock. +So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen! +Ich will nicht länger Rede stehn. + +Porzia. +Wart, Jude! +Das Recht hat andern Anspruch noch an dich. +Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs, +Wenn man es einem Fremdling dargetan, +Daß er durch Umweg' oder gradezu +Dem Leben eines Bürgers nachgestellt, +Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht, +Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn; +Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim, +Und an des Dogen Gnade hängt das Leben +Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen. +In der Benennung, sag ich, stehst du nun, +Denn es erhellt aus offenbarem Hergang, +Daß du durch Umweg' und auch gradezu +Recht eigentlich gestanden dem Beklagten +Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn +Die Androhung, die ich zuvor erwähnt. +Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen! + +Graziano. +Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen; +Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt, +Behältst du nicht den Wert von einem Strick; +Man muß dich hängen auf des Staates Kosten. + +Doge. +Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt, +So schenk ich dir das Leben, eh du bittest. +Dein halbes Gut gehört Antonio, +Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim, +Was Demut lindern kann zu einer Buße. + +Porzia. +Ja, für den Staat, nicht für Antonio. + +Shylock. +Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht! +Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt, +Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben, +Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe. + +Porzia. +Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio? + +Graziano. +Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen! + +Antonio. +Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht +Die Buße seines halben Guts zu schenken, +So bin ich es zufrieden, wenn er mir +Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt, +Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten, +Der kürzlich seine Tochter stahl. +Noch zweierlei beding ich: daß er gleich +Für diese Gunst das Christentum bekenne; +Zum andern, stell er eine Schenkung aus +Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt, +An seinen Schwiegersohn und seine Tochter. + +Doge. +Das soll er tun, ich widerrufe sonst +Die Gnade, die ich eben hier erteilt. + +Porzia. +Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du? + +Shylock. +Ich bin's zufrieden. + +Porzia. +Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf. + +Shylock. +Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn: +Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach, +Und ich will zeichnen. + +Doge. +Geh denn, aber tu's. + +Graziano. +Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben; +Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr-- +Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen. + +(Shylock ab.) + +Doge. +Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein. + +Porzia. +Ich bitt Eur Hoheit um Entschuldigung. +Ich muß vor Abend fort nach Padua +Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen. + +Doge. +Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt. +Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann: +Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt. + +(Doge, Senatoren und Gefolge ab.) + +Bassanio. +Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind +Durch Eure Weisheit heute losgesprochen +Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern +Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend +Dukaten, willig die gewogne Müh. + +Antonio. +Und bleiben Euer Schuldner überdies +An Liebe und an Diensten immerfort. + +Porzia. +Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt; +Ich bin zufrieden, da ich euch befreit, +Und halte dadurch mich für wohl bezahlt; +Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt. +Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen; +Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied. + +Bassanio. +Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr: +Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn, +Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei, +Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn. + +Porzia. +Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach: +Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen, +Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch. +Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter, +Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt. + +Bassanio. +Der Ring--ach, Herr! ist eine Kleinigkeit, +Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen. + +Porzia. +Ich will nichts weiter haben als den Ring, +Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu. + +Bassanio. +Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert; +Den teursten in Venedig geb ich Euch +Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf. +Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich. + +Porzia. +Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten; +Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es, +Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt. + +Bassanio. +Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr; +Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören, +Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben. + +Porzia. +Mit solchen Worten spart man seine Gaben. +Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib +Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient, +So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten, +Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl! + +(Porzia und Nerissa ab.) + +Antonio. +Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio; +Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe +Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot. + +Bassanio. +Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein, +Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst, +Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich! + +(Graziano ab.) + +Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin, +Und früh am Morgen wollen wir dann beide +Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio! + +(Ab.) + + + +Zweite Szene + +Eine Straße + +(Porzia und Nerissa kommen) + + +Porzia. +Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte +Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht +Und einen Tag vor unsern Männern noch +Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen +Gar sehr willkommen sein. + +(Graziano kommt.) + +Graziano. +Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr. +Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser +Es überlegt, den Ring und bittet Euch, +Mittags bei ihm zu speisen. + +Porzia. +Das kann nicht sein; +Den Ring nehm ich mit allem Danke an +Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut, +Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen. + +Graziano. +Das will ich tun. + +Nerissa (zu Porzia). +Herr, noch ein Wort mit Euch.-- + +(Heimlich.) + +Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring +Zu kriegen, den ich immer zu bewahren +Ihn schwören ließ. + +Porzia. +Ich steh dafür, du kannst es. +Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn, +Daß sie die Ring an Männer weggegeben; +Wir leugnen's keck und überschwören sie. +Fort! eile dich! Du weißt ja, wo ich warte. + +Nerissa. +Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen? + +(Ab.) + + + + +Fünfter Aufzug + + + +Erste Szene + +Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause + +(Lorenzo und Jessica treten auf) + + +Lorenzo. +Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese, +Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte +Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht +Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas +Und seufzte seine Seele zu den Zelten +Der Griechen hin, wo seine Cressida +Die Nacht in Schlummer lag. + +Jessica. +In solcher Nacht +Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin +Und sah des Löwen Schatten eh als ihn +Und lief erschrocken weg. + +Lorenzo. +In solcher Nacht +Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand, +Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten +Zur Rückkehr nach Karthago. + +Jessica. +In solcher Nacht +Las einst Medea jene Zauberkräuter, +Den Äson zu verjüngen. + +Lorenzo. +In solcher Nacht +Stahl Jessica sich von dem reichen Juden +Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten +Bis Belmont von Venedig. + +Jessica. +In solcher Nacht +Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe +Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd, +Wovon nicht eines echt war. + +Lorenzo. +In solcher Nacht +Verleumdete die artge Jessica +Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten, +Und er vergab es ihr. + +Jessica. +Ich wollt Euch übernachten, käme niemand. +Doch horcht! ich hör den Fußtritt eines Manns. +(Ein Bedienter kommt.) + +Lorenzo. +Wer kommt so eilig in der stillen Nacht? + +Bedienter. +Ein Freund. + +Lorenzo. +Ein Freund? was für ein Freund? Eur Name, Freund? + +Bedienter. +Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden, +Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch +Wird hier in Belmont sein; sie streift umher +Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet +Um frohen Ehestand. + +Lorenzo. +Wer kommt mit ihr? + +Bedienter. +Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß. +Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück? + +Lorenzo. +Nein, und wir haben nichts von ihm gehört. +Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein; +Laß uns auf einen feierlichen Willkomm +Für die Gebieterin des Hauses denken. + +(Lanzelot kommt.) + +Lanzelot. +Holla, holla! he! heda! holla! holla! + +Lorenzo. +Wer ruft? + +Lanzelot. +Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla! + +Lorenzo. +Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier! + +Lanzelot. +Holla! wo? wo? + +Lorenzo. +Hier! + +Lanzelot. +Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der +sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens +hier sein. + +(Lanzelot ab.) + +Lorenzo. +Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen. +Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn? +Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich +Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau +Und bringt die Musikanten her ins Freie. + +(Stephano ab.) + +Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft! +Hier sitzen wir und lassen die Musik +Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht, +Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie. +Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur +Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes! +Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst, +Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt, +Zum Chor der hellgeaugten Cherubim. +So voller Harmonie sind ewge Geister: +Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub +Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören. + +(Musikanten kommen.) + +He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen, +Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel, + +(Musik) + +Zieht mit Musik sie heim. + +Jessica. +Nie macht die liebliche Musik mich lustig. + +Lorenzo. +Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt. +Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde, +Der ungezähmten jungen Füllen Schar: +Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut, +Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt; +Doch schaut nur die Trompete oder trifft +Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr, +So seht Ihr, wie sie miteinander stehn; +Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit, +Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter, +Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten, +Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut, +Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt. +Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst, +Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt, +Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken; +Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht, +Sein Trachten düster wie der Erebus. +Trau keinem solchen!--Horch auf die Musik! + +(Porzia und Nerissa in der Entfernung) + +Porzia. +Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal; +Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft! +So scheint die gute Tat in arger Welt. + +Nerissa. +Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht. + +Porzia. +So löscht der größre Glanz den kleinern aus. +Ein Stellvertreter strahlet wie ein König, +Bis ihm ein König naht; und dann ergießt +Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach +Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik! + +Nerissa. +Es sind die Musikanten Eures Hauses. + +Porzia. +Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut; +Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag. + +Nerissa. +Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau. + +Porzia. +Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche, +Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht, +Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge, +Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie +Für keinen bessern Spielmann als den Spatz. +Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt +Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!-- +Still! Luna schläft ja beim Endymion +Und will nicht aufgeweckt sein. + +(Die Musik hört auf.) + +Lorenzo. +Wenn nicht alles +Mich trügt, ist das die Stimme Porzias. + +Porzia. +Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck, +An meiner schlechten Stimme. + +Lorenzo. +Gnädge Frau, willkommen! + +Porzia. +Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt +Und hoffen, unsre Worte fördern sie: +Sind sie zurück? + +Lorenzo. +Bis jetzt nicht, gnädge Frau. +Allein ein Bote ist vorausgekommen, +Sie anzumelden. + +Porzia. +Geh hinein, Nerissa, +Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun, +Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;-- +Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr! + +(Trompetenstoß.) + +Lorenzo. +Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen; +Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts. + +Porzia. +Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht, +Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag +Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt. +(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.) + +Bassanio. +Wir hielten mit den Antipoden Tag, +Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt. + +Porzia. +Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut, +So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln: +Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl! + +Bassanio. +Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund! +Dies ist der Mann, dies ist Antonio, +Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin. + +Porzia. +Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein; +Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet. + +Antonio. +Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst. + +Porzia. +Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen! +Es muß sich anders zeigen als in Reden, +Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab. + +(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.) + +Graziano. +Ich schwör's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht! +Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber: +Wär er verschnitten, dem ich ihn geschenkt, +Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt! + +Porzia. +Wie? schon ein Zank? worüber kam es her? + +Graziano. +Um einen Goldreif, einen dürftgen Ring, +Den sie mir gab; der Denkspruch war daran +Genau der Art, wie Vers' auf einer Klinge +Vom Messerschmied: "Liebt mich und laßt mich nicht." + +Nerissa. +Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert? +Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet +Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde; +Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn. +Ihr mußtet ihn um Eurer Eide willen, +Wo nicht um mich, verehren und bewahren. +Des Richters Schreiber!--o ich weiß, der Schreiber, +Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn. + +Graziano. +Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst. + +Nerissa. +Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst. + +Graziano. +Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen, +'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps, +Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber. +Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn: +Ich konnt ihm das um alles nicht versagen. + +Porzia. +Ihr wart zu tadeln, offen sag ich's Euch, +Euch von der ersten Gabe Eurer Frau +So unbedacht zu trennen; einer Sache, +Mit Eiden angesteckt an Euren Finger +Und so mit Treu an Euren Leib geschmiedet. +Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring +Und hieß ihn schwören, nie ihn wegzugeben; +Hier steht er, und ich darf für ihn beteuern, +Er ließ' ihn nicht, er riss' ihn nicht vom Finger +Für alle Schätze, so die Welt besitzt. +Ihr gabt fürwahr, Graziano, Eurer Frau +Zu lieblos eine Ursach zum Verdruß; +Geschäh es nur, es machte mich verrückt. + +Bassanio (beiseite). +Ich möchte mir die linke Hand nur abhaun +Und schwören, ich verlor den Ring im Kampf. + +Graziano. +Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter, +Der darum bat und in der Tat ihn auch +Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber, +Der Müh vom Schreiben hatte, meinen sich, +Und weder Herr noch Diener wollten was +Als die zwei Ringe nehmen. + +Porzia. +Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl? +Nicht den, hoff ich, den Ihr von mir empfingt. + +Bassanio. +Könnt ich zum Fehler eine Lüge fügen, +So würd ich's leugnen; doch Ihr seht, mein Finger +Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort. + +Porzia. +Gleich leer an Treu ist Euer falsches Herz. +Beim Himmel, nie komm ich in Euer Bett, +Bis ich den Ring gesehn. + +Nerissa. +Noch ich in Eures, +Bis ich erst meinen sehe. + +Bassanio. +Holde Porzia, +Wär Euch bewußt, wem ich ihn gab, den Ring, +Wär Euch bewußt, für wen ich gab den Ring, +Und säht Ihr ein, wofür ich gab den Ring +Und wie unwillig ich mich schied vom Ring, +Da nichts genommen wurde als der Ring, +Ihr würdet Eures Unmuts Härte mildern. + +Porzia. +Und hättet Ihr gekannt die Kraft des Rings, +Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring, +Und Eure Ehre, hangend an dem Ring, +Ihr hättet so nicht weggeschenkt den Ring. +Wo wär ein Mann so unvernünftig wohl, +Hätt es Euch nur beliebt, mit einger Wärme +Ihn zu verteidgen, daß er ohne Scheu +Ein Ding begehrte, das man heilig hält? +Nerissa lehrt mich, was ich glauben soll: +Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring. + +Bassanio. +Bei meiner Ehre, nein! bei meiner Seele! +Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor +Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend +Dukaten ausschlug und den Ring erbat; +Ich weigert's ihm, ließ ihn verdrießlich gehn, +Den Mann, der meines teuern Freundes Leben +Aufrechterhielt. Was soll ich sagen, Holde? +Ich war genötigt, ihn ihm nachzuschicken; +Gefälligkeit und Scham bedrängten mich, +Und meine Ehre litt nicht, daß sie Undank +So sehr befleckte. Drum verzeiht mir, Beste! +Denn, glaubt mir, bei den heilgen Lichtern dort, +Ihr hättet, wärt Ihr dagewesen, selbst +Den Ring erbeten für den würdgen Doktor. + +Porzia. +Daß nur der Doktor nie mein Haus betritt. +Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte, +Das Ihr meintwillen zu bewahren schwurt, +So will ich auch freigebig sein wie Ihr: +Ich will ihm nichts versagen, was ich habe, +Nicht meinen Leib noch meines Gatten Bett; +Denn kennen will ich ihn, das weiß ich sicher. +Schlaft keine Nacht vom Haus! wacht wie ein Argus! +Wenn Ihr's nicht tut, wenn Ihr allein mich laßt: +Bei meiner Ehre, die mein eigen noch! +Den Doktor nehm ich mir zum Bettgenossen. + +Nerissa. +Und ich den Schreiber; darum seht Euch vor, +Wie Ihr mich laßt in meiner eignen Hut. + +Graziano. +Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen, +Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen. + +Antonio. +Ich bin der Unglücksgrund von diesem Zwist. + +Porzia. +Es kränk Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch. + +Bassanio. +Vergeht mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht, +Und vor den Ohren aller dieser Freunde +Schwör ich dir, ja, bei deinen holden Augen, +Worin ich selbst mich sehe-- + +Porzia. +Gebt doch acht! +In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt, +In jedem Aug einmal--beruft Euch nur +Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid, +Der Glauben einflößt. + +Bassanio. +Hört mich doch nur an! +Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwör ich, +Ich breche nie dir wieder einen Eid. + +Antonio. +Ich lieh einst meinen Leib hin für sein Gut; +Ohn ihn, der Eures Gatten Ring bekam, +War er dahin; ich darf mich noch verpflichten-- +Zum Pfande meine Seele--Eur Gemahl +Wird nie mit Vorsatz mehr die Treue brechen. + +Porzia. +So seid denn Ihr sein Bürge; gebt ihm den +Und heißt ihn besser hüten als den andern. + +Antonio. +Hier, Don Bassanio, schwört, den Ring zu hüten. + +Bassanio. +Beim Himmel! eben den gab ich dem Doktor. + +Porzia. +Ich hab ihn auch von ihm, verzeiht, Bassanio! +Für diesen Ring gewann der Doktor mich. + +Nerissa. +Und Ihr, verzeiht, mein artger Graziano, +Denn jener kleine Bursch, des Doktors Schreiber, +War um den Preis hier letzte Nacht bei mir. + +Graziano. +Nun, das sieht aus wie Wegebesserung +Im Sommer, wann die Straßen gut genug. +Was? sind wir Hahnrei, eh wir's noch verdient? + +Porzia. +Sprecht nicht so gröblich.--Ihr seid all erstaunt; +Hier ist ein Brief, lest ihn bei Muße durch, +Er kommt von Padua, vom Bellario; +Da könnt Ihr finden: Porzia war der Doktor, +Nerissa dort ihr Schreiber; hier Lorenzo +Kann zeugen, daß ich gleich nach Euch gereist +Und eben erst zurück bin; ich betrat +Mein Haus noch nicht.--Antonio, seid willkommen! +Ich habe beßre Zeitung noch im Vorrat, +Als Ihr erwartet. Diesen Brief erbrecht; +Ihr werdet sehn, drei Eurer Galeonen +Sind reich beladen plötzlich eingelaufen; +Ich sag Euch nicht, was für ein eigner Zufall +Den Brief mir zugespielt hat. + +Antonio. +Ich verstumme. + +Bassanio. +Wart Ihr der Doktor, und ich kannt Euch nicht? + +Graziano. +Wart Ihr der Schreiber, der mich krönen soll? + +Nerissa. +Ja, doch der Schreiber, der es niemals tun will, +Wenn er nicht lebt, bis er zum Mann erwächst. + +Bassanio. +Ihr müßt mein Bettgenoß sein, schönster Doktor. +Wenn ich nicht da bin, liegt bei meiner Frau. + +Antonio. +Ihr gabt mir Leben, Teure, und zu leben: +Hier les ich für gewiß, daß meine Schiffe +Im Hafen sicher sind. + +Porzia. +Wie steht's, Lorenzo! +Mein Schreiber hat auch guten Trost für Euch. + +Nerissa. +Ja, und er soll ihn ohne Sporteln haben. +Hier übergeb ich Euch und Jessica +Vom reichen Juden eine Schenkungsakte +Auf seinen Tod, von allem, was er nachläßt. + +Lorenzo. +Ihr schönen Fraun streut Manna Hungrigen +In ihren Weg. + +Porzia. +Es ist beinahe Morgen, +Und doch, ich weiß gewiß, seht ihr noch nicht +Den Hergang völlig ein.--Laßt uns hineingehn, +Und da vernehmt auf Fragartikel uns, +Wir wollen auch auf alles wahrhaft dienen. + +Graziano. +Ja, tun wir das; der erste Fragartikel, +Worauf Nerissa schwören muß, ist der: +Ob sie bis morgen lieber warten mag, +Ob schlafen gehn zwei Stunden nur vor Tag? +Doch käm der Tag, ich wünscht ihn seiner Wege, +Damit ich bei des Doktors Schreiber läge. +Gut! lebenslang hüt ich kein ander Ding +Mit solchen Ängsten als Nerissas Ring. + +(Alle ab.) + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Kaufmann von Venedig, by William Shakespeare + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KAUFMANN VON VENEDIG *** + +***** This file should be named 7043-8.txt or 7043-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/7/0/4/7043/ + +Produced by This book content was graciously contributed +by the Gutenberg Projekt-DE. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/7043-8.zip b/7043-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..499f46e --- /dev/null +++ b/7043-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..34366d2 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #7043 (https://www.gutenberg.org/ebooks/7043) diff --git a/old/7gs1810.zip b/old/7gs1810.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cac02e8 --- /dev/null +++ b/old/7gs1810.zip diff --git a/old/8gs1810.zip b/old/8gs1810.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2ebb5c9 --- /dev/null +++ b/old/8gs1810.zip |
