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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Abendfalter - Geschichten der Sehnsucht - -Author: Georg Busse-Palma - -Release Date: February 5, 2023 [eBook #69960] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABENDFALTER *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so - ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Abendfalter - - [Illustration] - - Geschichten der Sehnsucht - - von - - Georg Busse-Palma - - [Illustration] - - Leipzig 1902 - Hermann Seemann Nachfolger - - - - -Alle Rechte vom Verleger vorbehalten. - - -Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig. - - - - - Sr. Durchlaucht - dem - Prinzen Emil von Schönaich-Carolath - - in herzlicher und dankbarer - Verehrung gewidmet. - - - - -Von demselben Verfasser ist ferner im Verlag von _Hermann Seemann -Nachfolger_ in _Leipzig_ erschienen: - - =Mord.= _Geschichten, die mein Dolch erzählt._ - - Br. M. 2.50, geb. M. 3.50. - - - - -Inhalt - - - Seite - - Abendfalter 1 - - Ein Kind der See 27 - - Der alte Steffen 45 - - Amtsrichter Johnsons Höhepunkte 61 - - In der Anstalt 85 - - Im Pfarrhaus 107 - - - - -Abendfalter. - -[Illustration] - - -An jedem Samstag Nachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres -zu thun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der grossen Wiese -herumzutollen. Es waren dies zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren, -bei denen es lange währte, ehe sie ermüdet, aber jauchzend vor -Vergnügen, sich in die Butterblumen warfen, die ebenso goldgelb waren -wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte liess aber, ihrer -eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht -hatte, dann war auch die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten -ihrer grossen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel. - -Der pensionierte Oberförster Winterfeld besass, einen Büchsenschuss -vom Dorfe entfernt, ein Landhaus, weilte aber jeden Sonnabend bis -Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht -eher losliessen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter -die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie -war auch selber noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der -Kleinen ihre eigene lichte Freude zu haben. - -Nur einer störte sie mitunter in ihrer Fröhlichkeit. - -Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr -dreissig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis an ihren Wiesenplatz -herangeritten kam und ihnen zusah, vermochte sie weder ruhig im Grase -liegen zu bleiben, noch mit den Kindern um die Wette zu laufen. Seine -Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer -das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre. -Sie folgten jeder ihrer Bewegungen, die durch das dünne, schmiegsame -Hängekleid allzusehr hervortraten, und liessen nicht eher ab, als bis -ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er -pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen. - -Es gab noch einen anderen, bei dessen Nahen sich ihre jungenhafte -Ungezwungenheit verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der -ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie diesen sah, blieb sie auch -nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie -nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich -so weich und wohlig in der Sonne dehnten. – - -Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten -Lebensjahre, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift. -Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten. -Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften -fielen, und auch an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen -erkannte man auch äusserlich ihre unberührte Jugend. – - -Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto -Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam. - -Die Kinder sprangen ihm entgegen und hingen sich an seine Arme. - -»Warum kommst du so spät heut, Onkel Otto?« – - -»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Adieu sagen,« -sagte er halb lachend und halb wehmütig. - -Dann begrüsste er Brigitte. - -»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?« - -»Ja,« nickte sie. »Es thut mir sehr leid.« - -»Ich freue mich, dass ich das Amt habe. Aber es ist doch schwer, alles -hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüber kommen können, und -manches werde ich arg vermissen. Sie auch, Briggi!« - -Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber. - -Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die gehöhlten Hände -als Sprachrohr benutzend, zum Essen. – - -Otto Ehlers biss sich auf die Lippen. - -»Bleiben Sie nach Tisch noch lange hier?« fragte er dann. - -»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.« - -»Dann komm ich noch einmal zu Ihnen heran. Von Ihrem Vater habe ich -mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch -endgültig thun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen. -Es hängen doch viel Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her -und dann erst später, als Sie immer grösser und schöner wurden ...« - -Brigitte Winterfeld wurde rot. - -»Für mich auch,« sagte sie hastig. - -Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass bei ihr, die das Haus -bewohnte, die Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie -wohl verstanden. – - -Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto -Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch den -kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselte in jäher Folge -ein glückliches Leuchten mit tiefer Traurigkeit. – – – – - - * * * * * - -Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung füllte -das ganze Zimmer. Halbverdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je -weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah -durch das Fenster. - -Brigitte Winterfeld rollte sich einen Sessel an die Scheiben und setzte -sich. - -Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft -auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgestanden sein. Farben -waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht -standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber. - -Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich -schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem -dunklen, verschwommenen Grunde, hoben sich hier und da schmale, lichte -Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstrassen. - -Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die -Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer. - -Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie -schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder. - -»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts -mehr sein. In der grossen Stadt sind so viele Mädchen, die hübscher und -klüger sind als ich.« – - -Das klang in immer neuen Variationen immer wieder und wieder in ihrem -Herzen. - -Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Thür gegangen wäre. Und da -hörte sie auch schon seine Stimme. - -»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?« – - -Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie -aber schon gänzlich munter. - -»Ich war ein bischen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie -doch herein, Otto!« – - -Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die -schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem -sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte. - -»Es thut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht -habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um -ihre Rechte gekommen.« – - -Sie lächelte fröhlich. - -»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch -sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf. -Ich hab an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und -Ihre Abreise.« – - -»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?« - -»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so -neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie -wissen, viel wert ist er nicht.« – - -»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.« – - -Dann aber schien er es sich zu überlegen. - -»Wein möchte ich nicht,« sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse -Thee bekommen könnte ...« - -Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im -Sommer Thee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten. - -Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in -die Hand gestützt und sah sie lächelnd an. - -»Wissen Sie auch, warum ich um Thee bat?« – - -Sie schüttelte den Kopf. - -»Es fiel mir grad’ ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei -der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draussen ganz dunkel ist und die -Theetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es -anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer -fünfzig Jahre, und da dacht’ ich, wie das erst sein muss, wenn ich -_Ihnen_ so gegenüber sitz’ ...« - -Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. -Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf. - -Da pochte es stossweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es -waren drei Abendfalter mit grossen, dicken Köpfen, die, durch das Licht -verlockt, hineinwollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das -glatte Glas und die runden, rotglühenden Augen hingen gebannt an der -leuchtenden Glocke. - -Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer -Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben. - -»Die hässlichen Tiere,« sagte sie. - -Aber da legte Otto Ehlers ihr seine Hand auf den Arm. - -»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es -sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Lichte -wollen.« – - -Gehorsam liess sie das Tuch sinken. - -»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich,« -fuhr er dann fort, mit weicher, bewegter Stimme, »ich glaube wirklich, -dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss -doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie -wenigstens durch die Scheiben spähn. Und ich weiss, wenn ich von hier -fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.« – - -Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf. - -»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!« – - -Über den Tisch hin fasste er ihre Hände. - -»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, eh’ aus der armen -Hilfskraft ein königlich preussischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen -Theetisch wird? Auch dann nicht?« – - -Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber. - -»Auch dann nicht, Otto,« sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.« - -Da zog er sie an sich und küsste sie. - -Als er eine Stunde später das Haus verliess, rief sie ihm noch über -den Garten hinaus nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie -wieder!« – - -Und Otto Ehlers, der die schwarzen Kiefern entlang im Dunkeln dem -Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und -schöner war als jeder Schwur. - -Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer in die Höhe. -Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer -an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Male die weissen -Vorhänge zu. - -»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – – - - * * * * * - -Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast -in der Villa Waldfried. Erst kam er immer nur in Begleitung des alten -Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger -Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch -allein, und auch des Tages, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht -mehr aus dem Wege. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an -seine Augen, trotzdem die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem -Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, wenn -ihr auch das Blut von Monat zu Monat heisser und schwerer durch die -Adern rollte. - -So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich -das Mädchen gestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es -war kein einziger feinerer Zug in seinem Gesicht, aber es war massig, -braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine -Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne -waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen -sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen -Schenkeln, über die Felder ritt. - -So war Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte -ein freudiges Ereignis in das Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch -dort eingekehrt, und da es ein Bube war, liess der Pfarrer, der ein -lebensfreudiger Herr war, etwas draufgehen am Tauftage. - -Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Erst -hatte sie in der Küche mitgeholfen, dann musste sie auch zu Tisch und -bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter. - -Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer von neuem wurde -Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt. - -»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreis bei solcher -Fülle verdursten sollte,« sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste -sind, wissen Sie wohl selber!« – - -Dabei sah er sie mit seinen brennenden Blicken an, dass es ihr heiss -und kalt über den Rücken lief. - -Sie war den Wein nicht gewohnt. Ihr schon von Natur aus heisses und -leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich -gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatten. -Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich hintüber und liess die -Wimpern halb herniedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heisse -Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht. – - -Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zuviel getrunken -hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem -Vorwande auf und ging allein nach Hause. - -Sie zündete die Lampe an und liess sich an ihrem gewohnten Fensterplatz -nieder. In denselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto -Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf. -Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die -Stille that ihr wohl, und bald schlief sie ein. - -Mit einem Male fuhr sie jäh in die Höhe. - -Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei -glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder -und wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund. - -Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war. - -Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Beide Hände stemmte sie -gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht. - -Und immer wieder kam dieser heisse Schauer, diese tollen, brennenden -Küsse, die sein heisses Blut dem ihren entgegendrängten, und denen sie -nicht lange widerstehen konnte. - -Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen -Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heisser und immer schneller. - -Als er sie endlich losliess, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft, -nach Kühlung. - -Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten. – - -Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein -grosser, dunkler Falter in das Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das -lichtverführt sich schon lange an die Gläser gedrängt hatte. - -Lautlos, mit schwerer Flugbewegung, kreiste er um Brigitte Winterfelds -heisse, glühende Stirne. - -Dann wandte er sich dem Lichte zu. - -Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weitaufgerissenen, -entsetzten Augen starrte sie ihm nach. - -Nach einer Minute stiess sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug -schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den -weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. – - - - - -Ein Kind der See. - -[Illustration] - - -Er war ein Antwerpener. - -Sein Vater, dessen Glieder die Gicht gekrümmt hatte, verzehrte sich -vor Sehnsucht nach dem offenen Meer, das er Jahrzehnte lang befahren -hatte. Als kleiner Hafenbeamter wohnte er dicht am Wasser, und -über die Wiege seines Kindes flogen die herben, salzigen Seewinde. -In die Schlummerliedchen, die ihm die Mutter sang, schrillten die -Dampfpfeifen, und wenn er des Nachts sein heisses Köpfchen aus den -Kissen hob und durch das Fenster sah, glotzten ihn aus der Ferne böse, -rotglühende Augen an. Er fürchtete sich aber nicht lange vor ihnen, -denn ehe er noch sprechen konnte, wusste er schon, dass sie kein Spuk, -sondern nur die Laternen mächtiger, dunkler Schiffskolosse waren, die -sich schwerfällig durch den Kanal dem geräumigen Hafen zu bewegten. - -Kaum, dass er die Kinderschuhe ausgetreten hatte, ging auch er zur See. -Als Leichtmatrose fuhr er auf einem Kauffahrteischiff. - -Da kam es, dass sein Grossvater mütterlicherseits, der tief im -Binnenlande wohnte, um eine Mitternacht den Tod an die Thüre seines -Gehöftes pochen hörte. Auch die Klinke hatte geknirscht, aber der -hagere Schnitter war noch einmal vorübergegangen. Nur gemahnt hatte -er den Alten. Am Tage darauf ging dieser zu dem Geistlichen des Ortes -und liess sich einen Brief schreiben an seine Tochter, die Mutter von -Henrik Jansen junior. Einen Brief des Inhalts, dass sein Enkel zu ihm -kommen solle, damit, wenn der Schnitter wiederkäme, einer da wäre, der -die gemähte Garbe in die Scheuer bringe und ihm ein Erbe, dem Gehöft -aber ein neuer Herr sei. - -Jansen jun. stiess anfänglich nur ein unartikuliertes Grunzen aus, als -seine Mutter ihm davon Mitteilung machte. Da er gerade nicht geheuert -war, reckte er seine mächtigen jungen Glieder auf der Ofenbank und -faulenzte. Er dachte aber immer daran, dass er bald wieder fahren -würde, und es wollte ihm durchaus nicht in den blonden Schädel, dass -er überhaupt von der See weggehen und als Binnenländer leben könnte. -Zwischen Leuten, die noch nie einen schwimmenden Balken unter den -Füssen gehabt! Lächerlich war dies einfach. Und am Schluss dieser -Gedankenkette spie er verächtlich ein Stück Kautabak in weitem Bogen -durch das geöffnete Fenster. - -Seine Mutter, die früh verhärmt und früh gealtert aussah, liess aber -nicht nach. Für sie, die tief im Lande Geborene, waren Meer und -Schiffahrt immer nur unersättliche Mörder gewesen. Zwei Brüder ihres -Mannes hatten sie auf dem Gewissen. Der eine war ertrunken, der andere -hatte sich das gelbe Fieber geholt und war in der Fremde verscharrt -worden. Sie fürchtete für ihren Sohn und wurde nicht müde, auf ihn -einzureden. - -Es dauerte aber lange, bis sie seine schwerfälligen Gedanken auf den -Punkt gebracht hatte, von dem aus gesehen das Binnenland lieblich war. -Als er jedoch einmal sich selber sagte, dass es prächtig sein müsse, -auf eigenem Grund und Boden zu stehen, wo er keinem Kapitän und keinem -Steuermann zu parieren brauchte – da hatte sie gewonnenes Spiel. - -Jansen jun. erhob sich von der Ofenbank, trank einen Genever und -siedelte dann zu seinem Grossvater über. - -Das Dorf, in welchem dieser wohnte, war fett und nahrhaft und seine -eigene Wirtschaft desgleichen. Als der Alte seinen Enkel bei sich -hatte, neigte er das Haupt, so tief wie eine Ähre im Juli. Bald -knirschte die Klinke zum zweiten Male, und diesmal ging der Fremde -nicht vorüber; im Gegenteil gab er dem Landwirt gewordenen Matrosen -Gelegenheit, ein würdiges Leichenbegängnis zu veranstalten und sich als -Herrn eines gesegneten Ackers, eines stattlichen Gebäudes und mehrerer -Joch Ochsen zu fühlen. - -Ein alter, erfahrener Knecht war da, so dass es an der kundigen Hand -nicht fehlte und Jansen jun. Zeit hatte, die Schönheit des Binnenlandes -kennen zu lernen. - -Anfänglich erregte alles seine Bewunderung und Freude. Die wogenden, -goldgelben Ähren, die ihm fast bis an die Schulter reichten, die -fruchtstrotzenden Obstbäume und nicht zum mindesten der sagenumwobene -Klapperstorch, der sich hier auf der sumpfigen Wiese behaglich Frösche -fing, – es waren ihm entweder ganz fremde Erscheinungen, oder doch nur -wie flüchtige Traumbilder, irgendwo in der Vergangenheit gesehene. So -verging ihm der Sommer schnell und fröhlich. Solange ihm alles neu und -fremd war, gefiel ihm das Dorf, den Herbst hindurch und auch den Winter -über. Wenn es ganz grimmig kalt war und er in dem mollig erwärmten -Zimmer sass, schmunzelte er sogar mitunter bei dem Gedanken, dass er -das Jahr vorher um diese Zeit an der englischen Küste getrieben hatte, -wo es so kalt war, dass die Haut der arbeitenden Hände in Fetzen an -den gefrorenen Tauen kleben blieb. Ach, da war es hier am Kamin doch -behaglicher! Und er stopfte sich eine neue Pfeife, trank einen neuen -Genever und war zufrieden. - -Als es aber Frühling wurde, ging er umher wie ein Verlorener. Es -drückte ihn etwas. Wie ein Stein lag es auf seiner Brust. Manchmal war -es ihm, als ob er an dem fetten, kräftigen Erdgeruch ersticken müsste. -Die ganze Luft war durchtränkt von ihm und selbst der Wind war fett und -erdig. - -Er klagte dem Geistlichen sein Leid. - -Der behäbige Herr hob nachdenklich seine linke Hängebacke ein wenig in -die Höhe und gab ihm dann einen Rat. - -– »Wissen Sie, Jansen,« sagte er ihm, »Sie müssen heiraten! Sie haben -hier weder Freunde noch Verwandte, und das drückt. Die Einsamkeit -schadet Ihnen. Denn sonst,« er schnüffelte dabei behaglich umher, »muss -ich sagen, dass die Luft hier sehr angenehm ist. Durchaus angenehm!« – - -Jansen beugte sich der geistlichen Autorität. - -Unter den breiten Hauben des Dorfes war eine, deren Trägerin ihm -besonders gefallen hatte. Zu der ging er, und sie sagte nicht nein. Im -Herbst sollte es Hochzeit geben. - -Den dumpfen Druck wurde er dadurch aber nicht los. Die wilde, prächtige -Romantik des Seelebens wurde in seinem einfältigen Herzen übermächtig, -seitdem das Rauschen der Wellen und der Schrei der Möwen nicht mehr an -sein Ohr schlugen. - -In der Nacht, wenn ein toller, übermütiger Wind die alten Fichten in -dem nahen Gehölz bog, dass sie ächzten und stöhnten, richtete er sich -oft im Bette auf, und es schien ihm, als müssten es Maste sein. Als -ob er wieder wie einst an der See lebte, schlürfte er mit durstigen -Atemzügen dann die Luft ein. Aber vergebens suchte er den herben, -prickelnden Geschmack. Die fette Erde spürte er nur, und seine Lungen -schlossen sich wieder, soweit es nur möglich war. - -Auch am Tage brütete er oft stundenlang vor sich hin. Seine beste -Freundin dabei war die Geneverflasche. Unaufhörlich schenkte er sich -daraus ein. Beim zehnten oder zwölften Glas biss es ihm dann in der -Nase, als ob ein Seewind hineingeblasen hätte, und seine Träume wurden -immer lebhafter, bis er mit schwerer Faust auf den Tisch schlug und -in die Kammer ging, seinen Rausch und seine Sehnsucht miteinander zu -verschlafen. - -Sein Hochzeitstag war trübe und stürmisch. Ein kräftiger Wind sprang -ihm in den Nacken, als er in die Kirche ging, und als er mit seiner -jungen Frau Hand in Hand wieder hinaustrat, verfing sich derselbe -Wind so heftig in ihren weiten, bauschigen Röcken, dass sie für einen -Augenblick von ihm lassen musste und es kalt und gell zwischen sie -hindurch pfiff. Des jungen Ehemanns Nüstern öffneten sich weit und -gierig. Nein, der roch nicht nach fetter Erde! Der kam von der See. Von -der endlosen, rauschenden See! – - -In der darauf folgenden Nacht schlug der Regen unaufhörlich gegen die -Scheiben, und der Sturm hörte nicht auf zu blasen. Er blies durch die -in der Mitte gehöhlten Dachziegel, die Hunderte von Pfeifen bildeten, -und wüst und phantastisch klang es bis in das Schlafzimmer hinab. - -In später Stunde, als sein Weib schon eingeschlafen war, richtete sich -Henrik Jansen plötzlich jäh empor. - -Was war das? - -Die Hand hinter der Ohrmuschel, lauschte er hinaus. Seine Brust hob -sich keuchend, der Schweiss trat auf seine Stirn. - -Hatte ihn ein Spuk geäfft? - -Aber nein, da war es ja wieder! - -Durch das Pfeifen des Windes, durch das Rauschen des Regens schlug -deutlich vernehmbar ein dumpfes, dröhnendes Tuten, wie aus weiter -Ferne, an sein Ohr. - -Das ist ein Nebelhorn! - -Das ist die Stimme eines Schiffes, die warnend die Finsternis zerreisst! - -Wo kommt es her? - -Zitternd vor Erregung steigt er aus dem Bett und tritt an das Fenster. -Er öffnet es, doch jetzt hört er wieder nur Wind und Regen. Bald aber -erhebt es von neuem die Stimme. Dumpf tutend, wie aus weiter Ferne, -aber doch schon näher. - -Seine Schläfe glühen, fiebernd späht er hinaus. Jetzt müssen die Augen -ja auftauchen, die roten, glühenden Augen! - -Es fällt ihm ein, wie er, seiner Erinnerung nach zum erstenmal, ein -Nebelhorn gehört. Er war noch ganz klein und erschrak. Seine Mutter -aber erklärte es ihm. - -– »Das ist einer vom Bremer Lloyd,« sagte sie, »der jetzt einfährt.« -Und ein anderes Mal fing sie an zu lachen. »Der brüllt wie ein -sterbender Bulle. Das ist der ›Flandern‹ von der Red Star Line.« – - -Oh, er hatte sie bald alle gekannt. Einige davon hatten eine Stimme wie -keifende Marktweiber und andere, wie besonders das kleine Harwichboot, -hatten eine Grogkehle und waren ewig heiser. - -Dieses Horn aber kannte er nicht. Wind und Regen störten den reinen -Klang, ebenso die Ferne, aus der es zu kommen schien. - -Doch mit einem Male tönte es ganz in seiner Nähe. Und als er die -fieberhaften, sehnsüchtigen Augen dorthin wandte, sah er einen alten, -gebückten Mann, der ein mächtiges Kuhhorn an den Lippen hielt. Es war -der Gemeindewächter. - -Wind, Regen und Sehnsucht haben dich getäuscht, Henrik Jansen! - -Henrik Jansen versuchte zu lächeln, sein Gesicht verzerrte sich aber -nur. Langsam schloss er das Fenster, doch zu Bette ging er nicht. - -Er setzte sich stumm an den eichenen Tisch und schlug die Hände vor das -Gesicht. Dort blieb er bis zum Morgen, und sein ganzer, riesiger Körper -bebte vor weinender Sehnsucht ... - - - - -Der alte Steffen. - -[Illustration] - - -Im Osten der Universitätsstadt erhebt sich das Armenhaus. Es ist aus -massiven, grauen Steinen gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen -befinden sich aber nur die Krankensäle, so dass die noch rüstigen -Insassen von der schönen, kleinen Stadt fast nichts zu sehen bekommen. -Denn aus ihren niedrig gelegenen Fenstern können sie die Mauern, die -das Haus umschliessen, nicht überblicken, und Urlaub bekommen sie sehr -selten. - -Im Winter ist das zu ertragen. Wenn der Regen gegen die Scheiben -schlägt oder die Flocken immer dichter und dichter herniederwirbeln, -frieren die alten Leute und sehnen sich nicht nach draussen. Nur -der alte Steffen vielleicht. Aber auch der denkt dann nicht an die -deutschen Thäler und Gebirgsketten, die dann doch rauh und ungastlich -sind. Er träumt von der heissen, brennenden Tropensonne, trotzdem -gerade sie ihn so krank und elend gemacht hat. - -Er ist schwach auf den Beinen und hat keine Kraft in den Händen. - -Mehrere Jahre hindurch ist er Plantagenaufseher in Java gewesen und mit -blossen Füssen über die Felder gegangen, bis sein Rückenmark verdorrt -und er überflüssig geworden war. Da kam er nach Deutschland zurück, -und fünf Jahre schon lebte er im Armenhause. - -Aber in dem Druck der grauen, freudlosen Gegenwart kann er die Zeiten -nicht vergessen, wo er als Lanzknecht die halbe Welt durchfahren. -Er hat unter der Tricolore und unterm Halbmond gefochten, ist bei -Sewastopol im Feuer gewesen und hat in Tonkin geblutet. Dann ist er zu -den Holländern desertiert, und dort im Civildienst hat ihn das Unglück -getroffen. - -In der Schar seiner Hausgenossen ist er immer noch eine imposante -Erscheinung. Unter Zwergen und Krüppeln und zahnlosen, ewig kauenden -Bettlergestalten tritt seine stämmige Figur wirkungsvoll hervor. Der -massige Kopf mit der kräftigen Nase, mit dem kurzen, grauen Vollbart -und den hellen Augen muss gut aussehen, wenn eine Fahne über ihm -flattert. - -Gewöhnlich scheint er recht gleichmütig und ruhig. Manchmal aber fangen -seine Augen an zu glühen und zu blitzen. Das ist, wenn die Sonne -scheint. Jedem Sonnenstrahl sieht er dann nach. - -Jetzt ist die Zeit seiner Marter und qualvollsten Wonne. Es ist -Frühling geworden. - -Stundenlang sitzt er täglich auf der verwitterten Holzbank im Hofe. -Wenn er die Wimpern hebt, sieht man eine verzehrende Sehnsucht -hervorlodern. Denn die Schwalben haben unter dem Giebel gebaut, und -ihre Schwingen streifen um sein Gesicht, die Bäume grünen und sind -voll junger Knospen, zwischen den Steinen im Hof schiessen schmale -Gräser hervor, und die Vergangenheit wird in ihm lebendig. - -Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gesprochen und wird noch weitere Tage -nicht sprechen. Seine Kameraden aber wissen, dass jetzt die Abende -kommen, wo er erzählen wird, heiser vor Erregung, aber ein Poet in -seiner sehnsuchtsreichen Qual. - -Wenn sie alle zu Bette sind und nur die Nachtlampe rötlich glühend -durch den dunklen Schlafsaal schaukelt, richtet er sich auf in -den Kissen. Und er spricht von seiner Jugend und ihrer Sonne und -Selbstherrlichkeit. Wie er in schimmerndem Segler über blaue -Meere gefahren, und von den grünen Küsten Kleinasiens Marmorhäuser -herüberwinkten und der glänzende Ölbaum. Wie er in Albanien biwakierte -und mit Baschi Bozuks um ein Marschallsross gewürfelt, das feinere -Glieder hatte als eine Königstochter und dessen Nüstern rosig waren -wie der duftigste Nelkenkelch. Wie er in Algerien Feldwache gestanden -in Palmenhainen und Dattelwäldern und einen Kabylen erschlagen um -einen Trunk Wasser. Wie er in schaukelnder Dschunke den heiligen Strom -durchglitten, vorüber an rauschenden, undurchdringlichen Dschungeln, -unter Bäumen, die, im Lande wurzelnd, sich weit über das Wasser reckten -und in deren dichtem Astwerk schlanke, bunte Königstiger lauerten, -lautlos mit geschmeidigem Schweife die Flanken peitschend. Er spricht -von Tropensternen und zierlichen havanesischen Frauen, von wirbelnden -Trommeln und toten Freunden; nur von seiner Sehnsucht spricht er nicht. - -Wenn er dann aufhört, beisst er in den Bettpfosten und zerreisst sein -Leinen. Der Verwalter straft ihn dafür, aber seine Zuhörer schenken ihm -Cigarren und Kautabak, weil sie ihn bewundern. - -All die Jahre schon ist es ihm sauer genug gewesen, hier sein Leben zu -verbringen. Doch hat er sich darein gefunden, wenn es ihm auch in jedem -Frühling fast passierte, dass ihn Landleute meilenweit von der Stadt -hilflos am Wege trafen und zurückbrachten. Beim Ausgehen hatte er nie -daran gedacht, zu entrinnen, aber was soll denn ein alter Landstreicher -nur machen? Ist der Frühling nicht stärker als sein Wille? Der Frühling -hatte ihn verlockt, weit hinaus, immer weiter, bis die kranken Füsse -ihn nicht mehr trugen. - -Jetzt hat er nur noch _eine_ Furcht und _eine_ Sorge. Leben _muss_ er -im Armenhaus, aber sterben will er nicht in den dumpfen, drückenden -Mauern. Es graut ihm davor, und er zittert, wenn er nur daran denkt. Er -will sterben, wie das Wild stirbt, einsam im Wald, wenn die Dämmerung -durch die Zweige tropft und die Sonne im Verglühen ist. Auch der Tod -ist ein scheuer Gott und milder in der Einsamkeit. Seine Hände sind -dort weicher und seine Lippen liebreicher. Eine Hirschkuh darf dabei -sein und eine singende Drossel, aber nimmermehr ein Mensch. - -So hat er sich denn einen Plan gemacht. Jetzt, wo es wieder Frühling -ist, will er einen Ort suchen gehen, zu dem er sich flüchten kann, wenn -er sein Ende nahen fühlt. Einen Ort des Alleinseins und eine Stätte des -Friedens. - -Die Sonntagsglocken läuten, und Steffen zieht seine besten Kleider an -und bittet um Urlaub. Er erhält ihn auch und geht, so schnell ihn seine -schwachen Füsse nur tragen wollen, durch die Stadt. Er achtet nicht der -schmucken Giebelhäuser und der spielenden Kinder an den Wegen. Seine -Augen glänzen, und seine Nasenflügel zittern vor Erregung. In tiefen -Zügen trinkt er die weiche, köstliche Frühlingsluft. - -Bald ist er ganz im Freien. Wohin er nur sieht, alles ist voll saftigen -Grüns. Die sanft aufsteigenden Berge scheinen wie dunkler Sammet, und -der Fluss, der sie weich und silbern umschmiegt, wie der Pelzbesatz am -Saum eines Herzoginkleides. Kein Ast so klein, dass er nicht voller -Knospen wäre, und überall schon heben sich junge Blütchen aus den -Wiesen und der jungen Roggensaat. Er hört ein Rotkehlchen im Weissdorn -singen und sieht einen Citronenfalter durch die Sonne tanzen, und sein -Herz schwillt vor Jubel. Denn es ist das Herz eines Landstreichers und -hat keine andere Liebe als Natur und Freiheit, die es nicht zu trennen -vermag. Es ist das Herz eines Landstreichers und voll Ehrfurcht vor dem -göttlichen Mysterium der ewigen Schönheit und Erneuerung. - -Nun späht er umher. Oben auf dem Bergeskamme sind die dichtesten Wälder -und dunkelsten Gründe. Dort will er sein Grab wählen. - -Eine Stunde wohl wandert er durch den Forst. Endlich hat er etwas -Passendes gefunden: eine tiefe Mulde, eng umstanden von verwitterten -Kiefern. Die Gräser darin sind niedergedrückt, aber sein geübter Blick -erkennt unschwer, dass es nur Rehe waren, die hier genächtigt haben. - -Er kann darin liegen und sich strecken nach Herzenslust. Er sieht dem -Himmel ins Gesicht und weiss, dass man ihn hier nicht finden wird. Das -freut ihn, und fröhlich kehrt er zur Stadt zurück. - -Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt -sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln, mit den -blanken Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der -Stadt, weil er gewiss ist, dass sie ihn nicht halten wird in seiner -letzten Stunde. - -Im Armenhause wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und -versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen -das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen -müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist -geduldig. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln -auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine -Finger das Kreuz umschliessen werden, wenn er seinen letzten Gang geht. - -Er sieht die Stunde schon kommen in einem weissen, schimmernden Glanz. -In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehn und unzählige Sterne. Die -Luft wird duftig sein und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um -die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein grosser, mit -sammetdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm -die Augen schliessen, tausendmal weicher als jede Menschenhand – – – – - - - - -Amtsrichter Johnsons Höhepunkte. - -[Illustration] - - -Jeder Mensch hat in seinem Leben einige Höhepunkte, die ihm bis sein -seliges oder unseliges Ende unvergesslich bleiben. - -Auch Ernst Alexander Johnson hatte die seinigen. - -Den ersten hatte er damals erreicht, als er, der eben Amtsrichter -in dem kleinen polnischen Städtchen geworden war, seine alte -Studentenliebe heimführte. - -Am ersten Abend, als sie beisammen sassen, schmiegten sie sich fest -aneinander und blickten wortlos in ihre neue Heimat. - -Ernst Alexander, in dem ein gefesselter Dichter lag, seufzte tief -auf. Auf den Goldgrund des gegenwärtigen Glückes malten seine Träume -Blüten und Kränze einer späteren Zukunft, und das Grün der Hoffnung war -überall. - -Die Augen wurden ihm feucht. Er griff nach der Hand seiner Frau und -küsste sie, so dass sie seine Thränen spürte. - -Auch ihre Blicke waren verschwommen. Vielleicht hatte sie seine Träume -mitgeträumt. Sie fuhr ihm mit den Fingern in das braune, wellige Haar. - -»Wie kann man nur so weich sein,« sagte sie. »Wie kann man nur so weich -sein, du Lieber?« ... - - * * * * * - -Sie lebten sehr glücklich zusammen. Nur einschränken mussten sie sich, -denn das Gehalt war nicht gross. Das thaten sie aber gern. Ernst -Alexander trank einen Schoppen weniger als früher, und gab nie mehr -als fünf Pfennig Trinkgeld. Allmählich gewöhnte er es sich überhaupt -ab, in ein Restaurant zu gehen. Wozu auch? Seine junge Frau machte es -ihm daheim so behaglich wie möglich, und dass ihn der Kronenwirt, Herr -Ignatz Malczewski, nur noch obenhin grüsste, liess sich verschmerzen. -Als sie dann gar noch anfing, sich mit Schneiderei zu beschäftigen und -ganz winzig kleine Häubchen und Jäckchen verfertigte, da brachte er es -natürlich nicht mehr über das Herz, sie auch nur einen einzigen Abend -allein zu lassen. - -Es sollte aber früh genug anders werden. Nicht, dass ein Streit ihre -Harmonie getrübt hätte! Aber eines Tages trat einer in ihr Häuschen, -den sie beide noch in weiter Ferne geglaubt hatten. Der präsentierte -die Rechnung für das stille, reiche Glück, das sie ein volles Jahr -hindurch am Tisch des Lebens genossen hatten, und die Rechnung war -hoch. Frau Marianne brachte ein totes Kind zur Welt, und drei Tage -später folgte sie dem kleinen Wurm nach in die Grube. - -Ernst Alexander blieb allein. - -Fortan lebte er ganz einsam. Eine weiche Natur von Geburt an, schien -der Verlust seines Weibes ihn ganz gebrochen zu haben. - -»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« sagte der »Aufsichtführende« -jeden Tag. »Er vergrämt und vereinsamt immer mehr. Wir müssen etwas -thun, um ihn aus dieser Lethargie zu reissen.« - -»Ja, es ist schade um ihn,« meinten auch die anderen Herren. »Aber was -können wir thun?« - -»Was wir thun können? Er muss wieder unter Menschen. Wir wollen ihn -bitten, einmal des Abends mit uns zu kommen, zum Bier.« - -Sie besuchten ihn auch. Aber er wehrte sich. - -»Nein, nein,« sagte er eigensinnig. »Ich will zu Hause bleiben.« - -Dann, als sie nicht aufhörten, in ihn zu dringen, wurde er weicher. - -»Was soll ich wohl unter euch? Ich kann nicht mehr so fröhlich sein -wie ihr und wäre ein trauriger Gast.« - -Es fehlte ihm aber doch die Energie, um auf die Dauer zu widerstehen. -Er liess sich überreden. - -Im Gasthof zur Krone, wo sich die Honoratioren allabendlich -versammelten, wurde immer tüchtig gekneipt. Diesmal aber, wo -Ernst Alexander Johnson nach so langer Abwesenheit wieder in den -verräucherten Räumen erschien, ging es besonders ausgiebig zu. - -Von allen Seiten stiess man mit ihm an. Widerwillig, mit -melancholischem Lächeln, kam er nach, in der Vornahme, bei der ersten -schicklichen Gelegenheit die Gesellschaft zu verlassen. - -So oft er sich aber sagte, dass es jetzt an der Zeit wäre, vermochte -er doch nie, seinem Unbehagen ein Ende zu machen. Ratlos den fetten -Oberkörper hin und her wiegend und ohne Freude, blieb er Stunde um -Stunde an der Tafel. Des Trinkens ungewohnt, wurde er früh berauscht. - -Es war kein angenehmer Rausch. - -Seine Kollegen mussten ihn nach Hause führen. - -Mit schwerem Kopf und Bitterkeit in Herz und Kehle wachte er am -nächsten Morgen auf. Ein schwerer Druck auf seiner Stirn liess den -ganzen Tag nicht nach. Er vermochte nicht zu widerstehen, als Assessor -Lindenborn, mit dem er gemeinschaftlich das Gericht verliess und der -nicht weniger verkatert war, einige Auffrischungsschnäpse vorschlug. -Sie setzten sich wieder in das kühle, halbdunkle Kneipzimmer und -standen nicht eher auf, als bis es gegen Mitternacht ging. - -Einmal aus der gewohnten Bahn geschleudert, fand er nun gar keinen -Halt mehr. Der Kronenwirt grüsste ihn jetzt sehr höflich, aber seine -Kollegen schüttelten aufs neue die Köpfe. - -»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« meinten sie alle. »Wir müssen -ihn zur Vernunft bringen. Er vertrinkt alles, und es ist schon jetzt -nichts Seltenes, dass er am hellen Tage berauscht ist.« - -Eines Abends, als sie in vorgerückter Stunde in ihrer Stammkneipe -zusammensassen, machten sie ihm Vorhaltungen. - -Er war schon betrunken, und unter ihren wohlmeinenden Worten packte ihn -das graue Elend. - -»Ich weiss, dass ich ein Lump bin,« sagte er schluchzend. »Ein Lump, -jawohl, ein Lump. Aber warum habt ihr mich nicht sitzen lassen in -meinem Jammer? Warum habt ihr mich gezwungen, mit euch zu trinken?« - -»Aber, lieber Kollege! Es ist doch ein Unterschied zwischen Trinken und -Trinken. Wir haben es doch gewiss nur gut gemeint.« - -Amtsrichter Johnson lächelte bitter. - -»Gut gemeint, jawohl. Alle haben es gut gemeint. Alle, nur der Herrgott -nicht. Nur der Herrgott alleine nicht!« – – – – - - * * * * * - -Acht Tage später hatte er eine Sitzung des Schöffengerichts zu leiten. - -Alle waren schon versammelt. Nur der Amtsrichter fehlte. - -Da sandte man den Gerichtsdiener nach ihm aus. - -Der alte Klemming traf ihn, wie er gerade, hin und her schwankend, sich -vergebens Mühe gab, die Thür seines Hauses aufzuschliessen. Es war -ersichtlich, dass er eben erst, gegen elf Uhr vormittags, die Schenke -verlassen hatte. - -»Nun, Klemming, was ist denn?« lallte er. - -»Herr Amtsrichter möchten auf das Gericht kommen. Die Herren Schöffen -warten schon alle.« - -»Die Herren Schöffen? Wer denn, Klemming?« - -»Herr Kaufmann Tietz, Herr Tischlermeister Maczkowski, Herr Rentier -Priemchen« ... - -»Was Priemchen ist auch da? Hat der Kerl denn schon ausgeschlafen? Na, -ich komm schon!« - -Ohne sich umgekleidet zu haben, Wäsche und Kleidung beschmutzt und -zerknittert, ging er dem kopfschüttelnden Diener voran. - -Unterwegs pfiff er ein Kneiplied vor sich hin. Es schien ihm gar -nicht klar zu sein, wohin er gehen musste. Der alte Klemming wies ihn -zurecht, sonst wäre er am Gericht vorüber geschritten. - -Man warf ihm die Amtsrobe über. Dann trat er in den Saal. - -Mit würdevollen Gesichtern sassen die Schöffen auf ihren Stühlen. Der -Angeklagte, ein blasser, junger Bursche, erhob sich, als der Talar -sichtbar wurde. Aller Augen wandten sich auf den Richter. - -Mit schweren, unsicheren Schritten näherte er sich seinem Tisch. - -Da bemerkte er den Rentier Priemchen, mit dem er oft zusammen getrunken -hatte. Ein breites Lachen zog sich über sein gedunsenes Gesicht, das -vor Betrunkenheit glühte. - -»Na, alter Schwede,« rief er ihm mit heiserer Stimme zu, »auch hier?« - -Erschrocken fuhren alle auf. - -»Setzen Sie sich doch, um Gottes willen,« flüsterte Priemchen. - -»Gleich, Priemchen, gleich! Erst den Cantus.« - -Und der königliche Amtsrichter Ernst Alexander Johnson stellte sich in -seiner vollen Amtstracht an den Rand des Podiums und erklärte feierlich: - -»Zur Eröffnung einer urfidelen Schöffensitzung beginnen wir mit dem -schönen Liede: - - Wer kommt dort von der Höh’? - Wer kommt dort von der Höh’? - Wer kommt dort von der ledernen Höh’, - Ça, ça ledernen Höh’, - Wer kommt dort von der Höh’?« ... - -Während er den ersten Vers mit dröhnender Stimme absang, verbreitete -sich eine Todesstille um ihn. - -Niemand vermochte zu lächeln. Bleich und fassungslos blieb jeder -auf seinem Stuhl, und jeden durchzuckte die Ahnung, dass hier ein -Menschenschicksal seinem Ende zuneigte. - -Er begann noch den zweiten Vers. Mit den weiten Ärmeln seiner Robe -stiess er beim Taktschlagen an das schwarze Kreuz, das den kleinen, -silbernen Leib Christi trug. Es stürzte vom Tisch und schlug mit -dumpfem Hall auf die Dielen. - -Da unterbrach er sich. - -Mit blöden, blutunterlaufenen Augen blickte er hinunter und dann auf -die Beisitzer. - -»So, so, ach – so –« stammelte er dann. - -Ein Zucken ging durch seinen Körper. Schwer liess er sich in den Sessel -fallen. - -Aber die Besinnung war ihm zu spät gekommen. Die Sitzung wurde -vertagt, und wenige Tage darauf war Ernst Alexander Johnson aus dem -Richterstande entfernt. – – - -Wochen, Monate und Jahre vergingen. Der Amtsrichter a. D. war ein -stadtbekannter Trunkenbold geworden. - -Als ihm niemand mehr Kredit gab, fing er an, seine ganze Habe zu -verkaufen. Ein Stück nach dem andern wanderte zum Trödler. - -Eines Abends sass er in seiner leeren, unfreundlichen Wohnung, aus der -selbst die Wandbilder schon lange zu Geld gemacht worden waren, und -zerbrach sich den Kopf, was er noch verkaufen könnte. Aber nichts fiel -ihm ein. Ein Tisch und einige Stühle bildeten ausser einem kleinen -Wäscheschrank sein gesamtes Mobiliar. Verkäufliches war aber nur noch -in der letzten Schublade des Schrankes, und vor der hatte er eine -heilige Scheu. - -Endlich entschloss er sich doch, das Fach zu öffnen, und zitternd -und scheu, wie ein Dieb, sah er hinein. Da lag alles noch so wie -vor Jahren: die Häubchen und die Jäckchen, die Windeln und das -spitzenbesetzte Taufkleidchen. Es war in zwei grössere Abteilungen -gesondert, die mit blauseidenen Bändern umwickelt waren. Daneben lagen -noch einige Untersachen seiner Frau. - -Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als er diese letzten -äusserlichen Erinnerungen an so viel Glück und Hoffnung vor sich sah. - -Er kämpfte innerlich. Dann aber griff er doch, während die Schamröte -ihm bis in die Stirn stieg, die Pakete heraus. - -In der Nähe seiner Wohnung befand sich eine kleine Branntweinschenke, -in der wandernde Burschen, verkommene Handwerker und der Amtsrichter a. -D. verkehrten. Der Wirt war ein gefälliger Mann und nahm ebenso gern -Kleidungsstücke und andere Sachen in Zahlung, als bares Geld. Zu dem -begab er sich. - -Er bestellte einen Schnaps und ein Käsebrot. Der Besitzer des Lokals, -ein dicker, aufgedunsener Riese, der auf einem Auge blind war, musterte -ihn misstrauisch. Er brachte das Verlangte erst, als er das Bündel sah, -das Ernst Alexander neben sich gelegt hatte. - -An den Nachbartischen, die klebrig waren und wie das ganze Lokal nach -vergossenen Getränken rochen, sassen mehrere junge Leute. Als es ans -Zahlen kam, musste er das Paket öffnen. Wie die Jäckchen und Windeln -zum Vorschein kamen, erscholl ein rohes Gelächter. - -»Von wo haben Sie das denn?« fragte der Wirt verdutzt. - -»Von meinem Kinde.« - -»Haben Sie denn ein Kind?« - -Ernst Alexander biss die Zähne zusammen. - -»Es ist tot,« sagte er finster. »Sonst säss’ ich nicht hier.« - -Der Wirt schien sich zu erinnern. - -»Ach so, Ihre Frau starb ja auch damals.« - -»Ja, sie starb auch.« - -»Und das wollen Sie jetzt verkaufen?« - -Der Amtsrichter a. D. hörte die Verachtung in diesen Worten und wagte -nichts zu erwidern. Mit gesenktem Kopf verliess er das Zimmer und trat -hinaus. Zwölf Silbergroschen hatte er in der Hand. - -Nach einer unruhigen Nacht wachte er am nächsten Morgen früh auf. Noch -unangekleidet sass er mit wirrem Hirn auf dem Bettrand, und allmählich -trat ihm wieder ein Bild vor die Seele, das ihn im Schlafe gequält und -gepeinigt hatte. - -Es war im Traume seine tote Frau zu ihm gekommen. Sie trug ein weisses, -faltiges Gewand, und an ihrer Rechten führte sie ihr Kind. Das Kind war -nackend und weinte bitterlich. - -»Du hast ihm seine Hemdchen verkauft. Nun friert es,« sagte die Mutter. - -Ernst Alexander bekam das nicht mehr aus dem Gedächtnis. Den ganzen Tag -trug er daran, und der Nebel, der jahrelang vor seinen Augen gelegen -hatte, verschwand mehr und mehr. Er sah alles, wie es wirklich war, -nackt und nüchtern. Er sah, dass der letzte Teil seines Lebens nichts -als Schmutz und Schande gewesen war, und Verzweiflung überfiel ihn. Er -sprach mit sich und mit den Toten, die ein Traum ihm heraufbeschworen -hatte, und alles in ihm ward voll von Bitterkeit und Selbstverachtung. - -»Es ist keine Liebe mehr für mich, nicht im Himmel und nicht auf der -Erde,« sagte er laut. - -Seine Worte dröhnten in dem leeren Gemach. - -Er schrak zusammen. - -Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und spie aus. – – - - * * * * * - -Die Abendsonne funkelte und sprühte auf dem Schieferdach des alten -Klosterturmes. Sie brach sich auch in den Scheiben des stillen, kleinen -Hauses und drang bis in das Zimmer. - -Dort blieb sie lange und leuchtend. - -Inmitten der gemalten Decke, an der kleine Amoretten mit roten Rosen -spielten, steckte ein eiserner Haken, der früher eine Hängelampe -gehalten hatte. - -Die Lampe war schon lange fort und brannte schon lange nicht mehr. - -Jetzt hing ein hänfener Strick daran, und an dem Strick hing ein -fetter, gedunsener Leichnam. - -Das war der zweite Höhepunkt im Leben Ernst Alexander Johnsons. Sein -zweiter und letzter im Leben und im Sterben: zwei Fuss über den -Dielen. – - - - - -In der Anstalt. - -Ein Bild aus dem Leben. - -[Illustration] - - -Nicht weit von einer westdeutschen Industriestadt liegt eine grössere -Zahl schmucklos, aber gefällig gebauter Häuser. Durch grössere -Entfernungen voneinander getrennt, verstreuen sie sich über ein -weites, hügeliges Gelände, das hier und da mit Wald bestanden ist. -Grösstenteils werden sie von Kranken bewohnt, denen die kräftige Luft -und der tiefe Frieden wohlthut. - -In einem der Häuser jedoch werden keine körperlich Leidenden -aufgenommen. Dies ist das Haus, das am weitesten der Stadt zugeschoben -und durch ein eisernes Gitterwerk von der Landstrasse getrennt ist. Es -ist die Domäne derer, die Schiffbruch im Leben gelitten haben, das Asyl -der Gestrandeten. - -Es beherbergt nur Leute aus besseren Lebensschichten. In der Überzahl -sind die Offiziere a. D. Etliche Geistliche sind auch darunter, -mitunter auch ein Schriftsteller oder ein Redakteur. - -Mannigfaltig ist ihre Schuld und ihr Schicksal; mannigfaltig sind die -Wege, die sie hierhergeführt; allen gemeinsam aber ist der dumpfe -Gram, der ihre Tage verbittert und der sie allmählich stumpf macht -gegen das Aussenleben, der allmählich auch ihre Sehnsucht, wieder -hinauszufliegen, erdrückt, und erst mit dieser Sehnsucht matter und -matter wird. - -Die meisten der Herren sind schon längere Zeit da. Man unterscheidet -sie leicht von den übrigen Bewohnern der Anstalt. Sie tragen einen Zug -schmerzlicher Resignation im Gesicht, und ihre Augen blicken auf ein -vergangenes Leben. - -Hier und da gemahnen noch Gang und Gebärde an die frühere -gesellschaftliche Stellung. Sonst kommt sie selten zum Vorschein. -Besonders nicht in der Kleidung. Wenn beim Essen ein Tropfen Suppe oder -Bratensaft auf den Rock fällt – nun, so schadet das nichts. Gereinigt -wird er deswegen doch nicht. Für wen auch? Untereinander hat man sich -gegenseitig nichts vorzuwerfen und ausser der alten Dame, welche die -Wirtschaft führt, und ihren beiden Dienstmädchen ist kein weibliches -Wesen für sie vorhanden. In die Stadt zu gehen ist ihnen auch nicht -erlaubt, weil es zum Teil der Alkohol war, der sie hierhergebracht. - -Da ist der Hauptmann und Oberamtmann a. D. von Wegeler, der ein -tüchtiger, pflichttreuer Beamter war, bis ihm sein junges Weib im -ersten Kindbett starb. Von da ab hatte er keinen Sinn mehr für seine -Akten gehabt und vom frühen Morgen an bei der Flasche gesessen. Man -schonte ihn so lange als möglich; eines Tages aber war er schwer -betrunken an das offene Grab eines alten Soldaten getreten, um ihm -nach dem Geistlichen als Vorsitzender des Kriegervereins ebenfalls -einige Worte nachzurufen. Hin und her taumelnd hatte er einige -unzusammenhängende Sätze hervorgestossen, bis er endlich gänzlich -das Gleichgewicht verloren hatte und auf den blumengeschmückten Sarg -gefallen war. Es hatte einen dumpfen Schall gegeben, der oben einen -entrüsteten Widerhall fand und laut genug war, um bis zum Minister zu -dringen. Er hat nachdem nicht mehr amtiert und trug sein Weh in die -stillen Räume der Anstalt. Vom Trunk liess er bald; auch die Wunden, -die ihm der Tod seiner Frau geschlagen, vernarbten in der alles -heilenden Zeit. Dafür überkam ihn aber die Energielosigkeit eines -Lebens, dem jeder Sporn fehlt, die Resignation eines Lebens, das sich -selber verloren giebt. - -Sein Zimmergenosse, ein kleiner, pommerscher Pastor, der wie eine -Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert aussieht und eine verbitterte, -boshafte Zunge hat, bedurfte keines so jähen Anstosses, um ein -Trinker zu werden. Fünfundzwanzig Jahre in einem elenden Dorfe, -ganz einsam, ohne Verkehr, ohne Bücher und geistige Anregung hatten -ihn ganz allmählich dazu gemacht. Die Bauern hatten oft Gelegenheit -gehabt, einen Betrunkenen auf der Kanzel zu sehen, bis sich das hohe -Konsistorium hineinmischte, und er abgesetzt wurde. - -Dann wohnt ein junger, bildhübscher Mann dort, der kurz nach seiner -Beförderung zum Oberleutnant in später Nacht einst angerauscht und -durch einen Wortwechsel erregt aus dem Kreise seiner Kameraden -geschieden und auf dem Heimwege mit der brennenden Cigarre einem -Pulverschuppen zu nahe gekommen war. Der Posten hatte ihn auf die -bestehenden Vorschriften aufmerksam gemacht, vielleicht in einem -ungebührlichen Ton. Genug, der arme, betrunkene Leutnant hatte ihn mit -der flachen Klinge über das Gesicht geschlagen. Verwundet hatte er ihn -nicht, aber die Militärgesetze lassen nicht mit sich spassen. Er bekam -den schlichten Abschied, und da er zu keinem anderen Berufe vorgebildet -war, landete auch er hier. - -Ach, es sind seltsame Schicksale, die sich hier zusammenfinden! ... - -In dumpfem Gram, in stumpfer Resignation schleppen sie ihre Tage -dahin. Die Erinnerung, in der sie überhaupt nur leben, das Fehlen des -weiblichen Elementes, das schon manchen zu neuem Aufstieg trieb, das -Fehlen jeglicher Berührung mit den brausenden Stürmen und Strömen der -Freiheit, das lässt sie ganz verkümmern. - -Einmal schlug aber doch eine Welle der Aussenwelt auch in ihren Frieden. - -Eines Tages blieb Herr von Wegeler, der als erster der Herren -gegen Mittag das Speisezimmer betrat, überrascht in dem Thürrahmen -stehen. Auf seinem dicken, aber bleichen Gesicht spiegelte sich ein -fassungsloses Erstaunen, das sich mehr oder minder auch in den Zügen -der nachfolgenden ausdrückte. - -Neben der Wirtschafterin, einer Pastorenwitwe, stand eine junge, hohe -Mädchengestalt. Das Haar lag ihr in schweren, goldenen Flechten auf dem -Haupte, und ihre Augen waren schön und klug. Sie hatte das Aussehen -einer vornehmen Dame, wenn sie auch nur eine Erzieherin war, die ihre -Tante besuchte. - -Nach der Gesamtvorstellung, die von seiten des Hausvaters, eines -weissbärtigen Greises, erfolgte, schien sich die allgemeine Erregung -etwas zu legen. Man ass seine Suppe wie gewöhnlich, nur dass hier und -da verstohlene Blicke zu dem Fremdling hinüberstreiften. Bald kam aber -die zweite Sensation. Das Fräulein, das einige Zeit verwundert auf -die schweigenden Gesichter gesehen hatte, begann ein Gespräch. Seit -Menschengedenken plauderte man nicht am Anstaltstisch. Es war immer, -als ob der allgemeine Gram jedes Wort in den Kehlen zurückgehalten -hatte. Sie aber stellte harmlos dem ihr gegenüber sitzenden Hausvater -allerhand Fragen, sprach dann über das Wetter, Krankheiten und den -englischen Nationalcharakter und zog allmählich auch Herrn von Wegeler -in die Unterhaltung. - -Dabei bemerkte er plötzlich, dass sie mit einem Blick grenzenlosen -Erstaunens seinen Rock betrachtete, und zum erstenmal seit langer -Zeit dachte er daran, dass der ja ganz entsetzlich schmutzig sein -musste. Eine brennende Röte flog über sein Gesicht. Dann aber trat -der ehemalige Offizier in ihm hervor. Mit Gewalt seine Verlegenheit -niederzwingend, setzte er sich durch lebhaftes Geplauder über das -Peinliche dieses Augenblicks hinweg, und schon nach wenigen Minuten -waren in ihm wie in den übrigen am Tische Sitzenden wenigstens die -Formen der besseren Vergangenheit wieder lebendig geworden. - -Kaum dass sie die Tafel verlassen hatten, wurde von allen Seiten nach -dem Hausdiener gerufen, und eine halbe Stunde später trabte dieser, -keuchend unter der Last von vierzehn Oberröcken der Reinigungsanstalt -zu. Herr von Wegeler zog sich seinen Sonntagsstaat an, und selbst -der Ministersohn, der so lange Jura studiert hatte, bis ihm die Haare -ausgegangen waren, suchte sich eine frische, lachsfarbene Krawatte -hervor, obwohl er dabei murmelte, dass es doch eigentlich nur eine -Erzieherin sei. - -Beim Nachmittagskaffee boten sie einen anderen Anblick. Selbst der -kleine Pastor, der immer in den Kleiderschrank stieg, um dort einen -heimlichen Kognak zu sich zu nehmen, hatte sich rasiert und seine Hände -gründlicher als sonst gewaschen. Die, der zu Ehren das alles geschehen -war, liess sich zunächst aber nicht blicken. Als sie endlich doch -erschien, war sie im Ausgehkostüm und trug den Sonnenschirm in der -behandschuhten Hand. - -»Meine Herren,« rief sie fröhlich, »wer von Ihnen will so freundlich -sein, mich auf die Ziegelburg zu begleiten? Tante hat natürlich keine -Zeit dafür!« - -Eine Sekunde blieb alles still. Jeder dachte daran, dass es ihnen -streng untersagt war, das Anstaltsgebiet zu verlassen. Dann aber -schoben sich dreizehn Stühle zurück, und bis auf den Pastor erklärten -sie alle, dass es ihnen ein besonderes Vergnügen sein würde. - -Ein Lächeln in den schönen Augen, sah sie von einem zum andern. - -»Die Herren sind zu liebenswürdig,« meinte sie dann. »So viel Kavaliere -auf einmal würde aber doch beängstigend sein. Herr von Wegeler und Sie, -Herr Leutnant, wenn ich bitten darf. Auf Wiedersehen, meine Herren!« - -Und nach einem graziösen Kopfnicken ging sie den beiden Auserwählten -voran. - -Nachdem sie den hohen Burgberg bestiegen und die entzückende Aussicht -genossen hatten, die bei einem mässig guten Glase bis zur Porta -Westphalica reicht, schlug sie vor, noch einmal in die Stadt zu fahren, -wo sie einen kleinen Einkauf zu besorgen hatte. Herr von Wegeler und -der melancholische Leutnant folgten ihr auch dahin. Zum zweitenmal -übertraten sie damit die jahrelang eingehaltenen Anstaltsvorschriften. -Aber was sollten sie thun? Der blosse Gedanke, ihr gestehen zu müssen, -dass sie wie Schulkinder nur eine sehr begrenzte Bewegungsfreiheit -genossen, trieb ihnen schon die Scham in das Gesicht, und beiden schoss -es wie ein Blitz durch das Gehirn, dass es doch eigentlich schmachvoll -wäre, in solcher Abhängigkeit zu stehen – sie, zwei kräftige, gesunde -Menschen! - -Als sie heimkehrend die auf das Anstaltsgebiet führende Thür öffneten, -sahen beide noch einmal zurück und in ihre Augen trat ein seltsamer -Ausdruck. Dort lag die Stadt. Ihre Lichter funkelten zu ihnen herüber, -und wie ein dumpfes Brausen schlug der Lärm der geschäftigen Freiheit -an ihr Ohr. Das Haus vor ihnen aber lag tot und still. - -Herr von Wegeler konnte in der darauffolgenden Nacht nicht schlafen. -Die Idee, wieder hinauszutreten, liess ihm keine Ruhe. Und am nächsten -Tage nahm er einen grossen Bogen Papier zur Hand, auf dem er eine -Eingabe an das Ministerium zu entwerfen begann. Er kam damit jedoch -nicht zu Ende. Immer wieder hatte er zu streichen und zu verbessern, -und so verschob er die Absendung denn von einem Tage zum andern und -besserte tagtäglich daran herum. - -Es war allmählich ein ganz anderes Leben in die Anstalt gekommen. Die -Herren hielten wieder auf ihre Kleidung, bei Tische wurde geplaudert, -die Tagesereignisse besprochen, hier und da auch ein Scherz gemacht. -Selbst untereinander grüssten sie sich verbindlicher, und wenn einer -das Rasieren vergessen hatte, trafen ihn missbilligende Blicke. Der -melancholische Leutnant bürstete sogar seinen Schnurrbart hoch und -legte regelmässig eine Bartbinde an, wodurch er gleich viel weniger -melancholisch aussah. - -An allen Ecken und Enden merkte man es, dass ein frischer Wind durch -die modrige Luft der Resignation gefahren war. - -Die Gouvernante hatte aber nur einen kurzen Urlaub. Schon am nächsten -Sonntag musste sie fort, über den Kanal zurück in die erwerbende Fron -der Kindererziehung. - -Als sie sich von den Herren verabschiedete, wurde es von keinem -besonders schmerzlich empfunden. Verliebt war ja niemand in sie, und -niemand hatte daran gezweifelt, dass sie über kurz oder lang wieder -verschwinden würde. - -Bei der nächsten Mittagstafel hatten aber dennoch alle ein -eigentümliches Gefühl. Die alte Pastorenwitwe sass grämlich auf ihrem -Stuhl, der Hausvater hatte den weissen Kopf beinahe ganz in die -Schultern hineingezogen, und die Herren sahen trübe in ihre Suppe, die -auch weniger Fettaugen zu haben schien wie früher. Einmal versuchte -der Ministersohn mit der roten Krawatte, ein Gespräch einzuleiten. Er -erhielt aber nur einsilbige Antworten. - -Am nächsten Tage war der Stumpfsinn wieder in alle seine Rechte -eingesetzt. Die Röcke wurden wieder fleckig, Herr von Wegeler überliess -seine Eingabe den Mäusen, der Leutnant bürstete sich den Bart nicht -mehr, der kleine Pastor fing wieder an, das Rasieren und Händewaschen -für Zeitverschwendung zu halten, und wenn des Abends die Lichter der -Stadt herüberfunkelten, sah sie niemand mehr an. - -Für wen auch? - -Es war eine Welle der Aussenwelt auch in ihren »Frieden« gedrungen, -aber sie ebbte viel zu früh zurück. Ihre Seelen sinken wieder in den -alten Schlaf. Wie das graue Haus in der Dämmerung liegen sie da, -tot, still, träge, während doch ganz in ihrer Nähe das Leben sich in -gigantischer Arbeit regt und mit roten, funkelnden, bösen Augen zu -ihnen herübersieht. - - - - -Im Pfarrhaus. - -Eine stille Geschichte. - -[Illustration] - - -»Auch dieses hat seine Geschichte. Auch dieses.« - -Der alte Pastor sagte es mit einem halb wehmütigen, halb frohseligen -Lächeln, und über seine hellen, kinderguten Augen legte es sich wie der -feine, blaue Schleier einer lieben Erinnerung. - -Dann, sich die erloschene Cigarette wieder über der Lampe anzündend, -fuhr er fort: »Es haben mich schon viele gefragt, warum ich statt der -Pfeife, die ja mit meinem Stande unzertrennlich verbunden scheint, an -Sonntagen immer nur Cigaretten rauche, trotzdem es mir nicht gesund -ist, und noch dazu aus so unbeholfenen Rohrspitzen. Ich will es Ihnen -erzählen, wenn Sie vielleicht auch über die Thorheit eines altmodischen -Mannes lächeln werden. Haben doch so viele irgend eine Gewohnheit, die -anderen thöricht erscheint, die sie aber hegen und pflegen, weil sie -ihnen hilft, ein liebes Gedenken wachzuhalten ... Schrauben Sie, bitte, -die Lampe etwas niedriger, lieber Freund!« - -Der Kaplan, der dem alten Herrn gegenüber sass, gehorchte. Ein -halbes, gedämpftes Licht lag nun über den hier und da wurmstichigen, -zwei oder drei Generationen alten Möbeln und den vergilbten Büchern -und Schriften, die in grosser Anzahl, aber in bemerkbarer Unordnung -darauf lagen. Die grossen Holzscheite in dem eisernen Ofen knisterten -mitunter, und die Flamme und das erhitzte Petroleum surrten vernehmlich. - -»Es sind jetzt gegen dreissig Jahre her, dass mich mein seliger -Vorgänger in dieser Pfarre als Kaplan zu sich berief. Ich war damals -wohl so alt wie Sie, fünfundzwanzig. Von vielen Seiten wurde ich -noch gedrängt, erst, wie die meisten meiner Kommilitonen, nach -Deutschland zu gehen, nach Leipzig oder nach Rostock, wo wir Ungarn -grössere Stipendien geniessen, um dort meine theologischen Studien zu -vervollständigen. Aber mir war das Studentenleben sauer geworden. Arm -wie ich war, hatte ich mir durch Stundengeben fast jeden Bissen Brot -selber verdienen müssen. Ich nahm also an, und so kam ich in diese -Gemeinde. Das damalige Pfarrhaus war noch nicht so vornehm wie dieses. -Es stand auf demselben Platze, aber das Dach war mit Stroh gedeckt, die -Wände waren viel niedriger und die Öfen rauchten. Mitunter froren wir -im Winter, aber es hat mir doch leid gethan, als es abgerissen wurde. -In dem alten bin ich jung und glücklich gewesen, in das neue bin ich -schon mit grauen Haaren eingezogen, vereinsamt bis auf meine Tochter. -Meine selige Frau hat es nicht mehr erlebt ... Mit dem geistlichen -Herrn kam ich in ein so freundschaftliches Verhältnis, dass ich mich -ihm gegenüber bald mehr als Sohn des Hauses, denn als sein Kaplan -fühlte. Weniger gut gelang mir dies bei seiner Tochter. Er war Witwer -und sie, die ebenso alt wie unsere Böske sein mochte, also neunzehn -Jahr, führte ihm die Wirtschaft. Schüchtern und ohne Erfahrung im -Verkehr mit Damen, ging ich ihr beinahe aus dem Wege, so dass wir uns -eigentlich nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen. - -Wenn ich nach beendetem Nachtmahl mit meinem seligen Vorgänger, wie -es gewöhnlich war, noch ein Stündchen am Tische sitzen blieb, um über -Weltläufte oder Gemeindeangelegenheiten zu plaudern, sass sie immer -ganz still am anderen Ende der Tafel, mit einer Häkelei beschäftigt -oder in alten Jahrgängen einer illustrierten Zeitschrift blätternd. -Mitunter glaubte ich dann zu bemerken, dass sie hier und da das -feine Köpfchen hob und mich verstohlen von der Seite ansah. Es hätte -aber auch eine Täuschung sein können, und so gab ich denn einige Zeit -hindurch acht, bis es mir gelang, ihre Augen mehrmals auf frischer That -zu ertappen. Wenngleich ich mir nichts dabei dachte, beunruhigte mich -das doch, und ich musste mir Mühe geben, mit meinen Gedanken bei dem -Thema des Gesprächs zu bleiben, das der geistliche Herr mit mir führte. - -Ich mochte schon gegen sechs Monate ihr Hausgenosse gewesen sein, -als unser Schullehrer nach einer benachbarten Stadt gewählt wurde. -Mitten im Sommer ging er uns davon, und nun begann für uns die schwere -Aufgabe, einen neuen zu suchen. Beinahe jeden Sonntag kam einer, -einmal sogar zwei zugleich, die aber alle den Beifall der Gemeinde -nicht fanden. Da sagte eines Abends der alte Herr lachend zu mir: -›Wissen Sie, am liebsten hätte ich einen jungen und unverheirateten. -Das gäbe dann vielleicht noch einen Mann für die Böske!‹ - -Sie sass wie gewöhnlich über einer Häkelei und wurde ganz rot, als sie -das hörte. Dann blickte sie zu uns herüber. ›Sag das nicht, Papa! Ich -mag keinen Schullehrer!‹ - -Sie hatte nervös, beinahe heftig gesprochen, wie ich es noch nie von -ihr gehört hatte. Ich sah ganz deutlich, als sie dann den Kopf wieder -über ihre Arbeit bog, dass ihr rechtes Ohr ordentlich glühte, was bei -ihr – Gott habe sie selig! – ihr lebelang ein Zeichen der Erregung -blieb. - -Ihr Vater war aber gut aufgelegt. - -›Warum denn nicht, Kind?‹ fragte er heiter. Und da sie ihm keine -Antwort gab, wandte er sich direkt an mich. - -›Nun, was sagen Sie denn dazu?‹ - -Ich wusste eigentlich gar nichts darauf zu sagen. Es schien mir -unschicklich, in Gegenwart eines jungen Mädchens von ihrem künftigen -Manne zu reden, und so wurde ich beinahe so rot wie sie. Nach einigen -Minuten des Stillschweigens fühlte ich aber doch die Verpflichtung, -etwas zu erwidern, und so antwortete ich denn so vorsichtig wie -möglich: ›Wenn er ein ehrenhafter Mann ist, wäre es das Schlimmste -noch lange nicht. Man kann auch in einem Schulhause glücklich werden, -Fräulein Böske!‹ - -Da blickte sie wieder auf, aber diesmal gerade mir in das Angesicht. -Ihre Wangen wurden ganz bleich. Die grossen, braunen Augen hefteten -sich wohl eine Minute lang auf mich. Dann rollten langsam zwei Thränen -daraus, und sie beugte sich wieder über die Häkelei. Sie sagte keine -Silbe, aber nach diesem Blicke war es mir plötzlich, als ob ich eine -Todsünde begangen hätte. - -Bald darauf stand sie auf und ging in die Küche. Ich hörte sie dort -mit dem Geschirr herumhantieren. Heute weiss ich, dass sie damals mehr -geweint als gewirtschaftet hat. Damals fühlte ich das nur, und sobald -es thunlich war, verabschiedete ich mich und nahm in meine Stube ganz -seltsame und unerklärliche Empfindungen mit. - -Ich hatte sie bis dahin immer ›Fräulein Böske‹ angeredet, was, wie Sie -wissen, eine Koseform von Erszibet ist, weil ich es nie anders gehört -hatte. Das ganze Dorf nannte sie so. Am nächsten Tage aber redete ich -sie mit ihrem Vatersnamen an. Ich kann es heute eben so wenig sagen wie -damals, warum ich es that, aber ich weiss noch, dass es mich schmerzte, -dass sie so gar kein Zeichen des Erstaunens darüber sehen liess. Sie -war gleichmässig freundlich wie immer; es schien mir aber oft, auch -wenn sie mitten in der Mittagssonne stand, dass ein Schatten auf ihrem -Gesichte läge. Seit diesem Abende ging es mir überhaupt ganz seltsam -mit ihr. - -Ich ertappte mich dabei, dass ich in der vorgefassten Absicht, auf ihre -heimlichen Blicke acht zu geben, in das Speisezimmer trat, und dass es -mich ordentlich schmerzte, wenn sie hartnäckig alles andere eher ansah -als mich. Wir hatten die Rollen ganz getauscht. Jetzt spähte ich so -oft wie nur möglich zu ihr herüber und dabei passierte es mir, dass -ich mit einem Male bemerkte, wie wunderschönes Haar sie doch hatte. Es -war hellbraun, und wenn gerade ein volles Lampenlicht darauf schien, -blitzten ihre Stirnlöckchen ganz goldig. An einem der folgenden Tage -fing ich gar an, mich über ihren graziösen Gang zu freuen. Sie war -etwas schwächlich, aber sehr zierlich gebaut, und beim Gehen stiess -sie mitunter mit den Knieen an die Röcke, was mir immer sehr lieblich -vorkam. - -So ging es Tag für Tag. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues an ihr, und -am Ende konnte ich auch meine Gedanken gar nicht mehr losreissen von so -viel Schönheit. - -Ich erinnere mich gut, wie ich einst an meinem Schreibtisch in die Höhe -fuhr. Die Lampe war weit heruntergebrannt. Ich musste wohl stundenlang -geträumt haben und ich weiss, dass ich in diesen Träumereien ihre -leichtgeöffneten, roten Lippen ganz dicht vor mir gesehen und sie -wieder und wieder geküsst hatte. Ich war darüber erschrocken und legte -mich eilig zu Bett, bis zum Morgen beinahe in einer alten Postilla, -gedruckt bei Hans Lufft, anno domini 1567, lesend, ehe mir der Schlaf -kam. - -Diese Postilla besitze ich noch heute. Ich habe mir noch oft daraus -andere Gedanken angelesen und halte sie in hohen Ehren. Sie ist reich -mit Holzschnitten verziert und trägt als Titelbild den gekreuzigten -Heiland, zu dessen beiden Seiten Doktor Martinus Luther und der -sächsische Kurfürst knien. Aber mir ist sie mehr wegen dieser -Erinnerungen wert als wegen ihres Altertums. - -Unter diesen Umständen konnte ich es mir nicht länger verhehlen, -dass ich eine innige Liebe zu ihr hegte, und nach den gemachten -Beobachtungen schien es mir auch, als ob dieselbe keineswegs einseitig -wäre. Obwohl mich dieses letztere nun mit einem ganz merkwürdigen, -schamhaften Stolz erfüllte, trug es doch nur dazu bei, meine -Schüchternheit zu erhöhen, und wenn sie mir bei Tisch, wie es späterhin -hier und da doch wieder der Fall war, einen freundlich schelmischen -Blick zuwarf, wurde ich rot wie ein Schulbube und vermochte vor -Verlegenheit keinen Bissen mehr hinunterzubringen. So lebten wir, -gegenseitig unsere Liebe ahnend, monatelang nebeneinander her, -ohne dass ich je den Mut gefunden hätte, ihr auch nur ein einziges -vertrauteres Wörtchen zu sagen. Es wurde zum zweiten Male Herbst, als -in einem weiter entfernteren Dorfe der Geistliche starb und ich mich, -da ich ja nicht ewig Kaplan bleiben konnte, um die vakante Stellung -bewarb. - -Meine Probepredigt war gerade auf einen Sonntag angesetzt worden, an -dem der alte Herr eine Eheschliessung in Neograt, das auch zu seinem -Sprengel gehörte, vorzunehmen hatte. Sein Ziel lag mitten auf meinem -Wege, und so benutzten wir beide denselben Wagen. - -Als wir abfahren wollten, trat die Böske zu uns heran. Erst küsste sie -ihren Vater, dann reichte sie mir die Hand und wünschte mir Glück. Aber -ihre Augen waren traurig dabei und ihre Stimme kaum hörbar. - -Ich wurde gewählt. - -Als ich gegen Abend nach Hause kam, war der alte Herr noch nicht -da. Nur seine Tochter kam mir entgegen. Ich war voller Freude und -teilte ihr fröhlich meine Neuigkeit mit. Ein stummer Händedruck war -ihre Entgegnung. Da es schon dämmerte, konnte ich den Ausdruck ihres -Gesichtes nicht erkennen. Als ich dann aber in das Speisezimmer trat, -bemerkte ich, dass sie ganz blass war und verweinte Augen hatte. Und -plötzlich fiel es mir schwer auf das Herz, dass meine Wahl ja auch eine -Trennung von ihr bedeutete. Das Dorf war weit entfernt. Selten nur -hätte ich auf einige Stunden zum Besuch herüberkommen können. War es -darum, dass sie so traurig aussah? - -Ich konnte nicht daran zweifeln. That mir doch selber bei aller -anfänglichen Freude das Herz weh. Und es wurde immer ärger. Die Kehle -war mir wie zugeschnürt, und ich fühlte, dass ich keinen Bissen würde -hinunterbringen können. Ich entschuldigte mich damit, dass ich schon -gegessen hätte, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Trübselig sass -ich am Tisch und brannte mir eine Cigarette an, während wenigstens sie -so that, als ob sie einige Brocken zu sich nähme. - -Mit jeder Rauchwolke, die ich in die Luft blies, verfinsterte sich -auch mein Gedankenkreis. Ich würde also von ihr gehen, ohne ihr meine -Liebe gestanden zu haben! Wir würden meilenweit voneinander wohnen -und alt und grau werden, ohne uns zu finden! Denn ich kannte meine -Schüchternheit gar gut und wusste, dass ich, einmal fort von hier, es -nie zu einem förmlichen Antrage bringen würde. Der Gedanke, jetzt, wo -wir so schön allein waren, einfach auf sie zuzugehen und ihr Köpfchen -in beide Hände zu nehmen und es zu küssen, kam mir auch. Aber mir -fehlte jeglicher Mut dazu, und wir hätten uns wohl wirklich für ewig -verloren, wenn der gute Gott uns nicht durch ein ganz unscheinbares -Ereignis geholfen hätte. - -Als ich nämlich eben dabei war, mir eine zweite Cigarette zu -drehen, stiess ich meine kleine Holzspitze aus Unachtsamkeit mit -dem Ellenbogen vom Tisch. Ich stand auf, um sie zu suchen und war -dabei so unglücklich, gerade mit dem Fuss darauf zu treten, so dass -sie in zwei Teile zerbarst. Damals war ich ein leidenschaftlicher -Cigarettenraucher, konnte es aber ebensowenig wie heute vertragen, -dass mir der Tabak direkt in den Mund kam, und war somit über dies -Malheur sehr betrübt. Eine andere besass ich nicht, und aus dem -benachbarten Dorfe konnte ich mir zu dieser Stunde keine mehr holen -lassen. - -Trotzdem ich den Kopf voll anderer Gedanken hatte, muss sich der -Missmut darüber wohl auf meinem Gesichte ausgeprägt haben, denn meine -liebe Böske stand freundlich und gefällig wie immer gleich auf, um -in den Kästen nach einem passenden Ersatz zu suchen. Da es jedoch -vergeblich war, fragte sie mich schüchtern, ob ich nicht bis morgen mit -einem gehöhlten Rohr vorlieb nehmen möchte. Sie hätte selbst als Kind -daraus geraucht, von bösen Buben verführt, und wüsste, dass es sehr -schön ginge. - -Nach dieser Hinzufügung musste ich natürlich erklären, dass ich diese -Art von Spitzen allen anderen vorzöge, wenn ich sie auch noch nicht -praktisch erprobt hätte. Ich glaubte, dass zufällig etwas Geeignetes -im Hause wäre, und war voller Erstaunen, als ich hörte, wie sie das -Hausthor öffnete und die zum Garten führende Steintreppe hinabstieg. - -Dann aber fuhr es mir siedend heiss durch den Kopf, dass sie bis zum -Teiche gehen wollte, um mir eine Spitze zu schneiden. Es war ein sehr -dunkler Abend und der Weg zum Rohr schmal und holprig. Auf keinen Fall -durfte ich sie dort allein gehen lassen. - -Ich holte mir also geschwind mein kleines Laternchen, setzte mir eine -Mütze auf und eilte ihr nach. Sie musste aber gleichfalls sehr schnell -gegangen sein, denn als ich noch auf dem Wege war, hörte ich sie schon -das Röhricht prüfend auseinander biegen und sah ihre helle Schürze zu -mir herüber schimmern. - -Als ich sie erreicht hatte, redete ich sie ein wenig erregt und mit -sanftem Vorwurfe auf dieses Wagnis hin an, das für mich doch allzuviel -der Freundschaft wäre und bei dem sie leicht hätte zu Schaden kommen -können. - -»O, ich kenne die Wege,« erwiderte sie mir. »Überdies werde ich ja -nicht mehr lange Gelegenheit haben, Ihnen nützen zu können. Lassen Sie -es sich für dieses Mal also nur ruhig gefallen!« - -Diese Worte schnitten mir tief in das Herz. Als ich dann in dem -Bestreben, ihr zu leuchten, mit meiner Hand ihre Schulter berührte, -fühlte ich, dass sie am ganzen Körper bebte, und mich dünkte es, -als ob es von verhaltenen Thränen käme. Da wurde es mir ganz wirr -im Kopf. Alles, was ich so lange an Liebe und Leidenschaft still -mit mir herumgetragen hatte, rebellierte mit einem Mal gegen meine -Schüchternheit, und nachdem ich ein kurzes, aber inbrünstiges -Stossgebet zum lieben Herrgott geschickt, dass er ja in den nächsten -Minuten nicht den Mond aufgehen lassen soll, liess ich mein Laternchen -fallen, umschlang sie mit beiden Armen und küsste sie ohne Aufhören -wohl unzähligemal hintereinander. - -Anfänglich liess sie sich das ohne Widerstreben gefallen, und ich -glaubte sogar den Gegendruck ihrer Lippen zu verspüren. Plötzlich aber -stiess sie einen kleinen Schrei aus, und ihre schwachen Händchen gegen -meine Schulter stemmend, versuchte sie mich fortzuschieben. - -Später hat sie mir gestanden, dass ich sie so leidenschaftlich umfasst, -dass ihr in der Rückengegend ein Korsettstäbchen zerbrochen wäre, was -sie arg geschmerzt hätte. Damals aber, als ich dies noch nicht wusste, -weckte ihre Gegenwehr meine ganze Schüchternheit wieder auf. - -Ich war über die begangene Keckheit auf den Tod erschrocken und wäre -am liebsten in den Erdboden versunken. Da sich dieser aber trotz seiner -Weichheit dazu nicht hergeben wollte, bückte ich mich wenigstens, um -mein Laternchen aufzuheben und dann spurlos zu verschwinden. - -So am Boden kauernd und mit den Händen umhertastend, bat ich in -kläglichem Tone um Entschuldigung und behauptete, dass ich nun -wohl wüsste, dass ich vorhin ganz von Sinnen gewesen wäre. Am Ende -titulierte ich sie gar ›gnädiges Fräulein‹, was ich sonst noch nie -gethan hatte, wohl in der instinktiven Absicht, ihr durch diese Anrede -nun einen verdoppelten Respekt zu bezeugen. - -Da hörte ich sie mit einem Mal lachen, so hell und doch so leise, als -ob ein Vöglein im Röhricht gezwitschert hätte. - -›Spricht man so mit einem Mädchen, das man vor einer Minute noch -geküsst hat, Herr Kaplan?‹ - -Und ehe ich mich noch ganz aufrichten konnte, fühlte ich ihre Arme um -meinen Nacken, und zweimal küsste sie mich auf den Mund. Beim ersten -Kuss empfand ich nicht viel mehr als Schrecken und Staunen, wie Moses, -als ihm der Herr im Dornbusch erschien. Beim zweiten aber wusste ich -schon, dass mir damit eine Gnade zu teil würde, die nur einmal vorkommt -im Leben, und ich liess das Laternchen schlafen. Wir fanden die Wege -auch im Dunkeln. - -Als wir endlich in das Zimmer zurückgingen, schleifte ich einen langen -Stock Rohr hinter mir her, und mit solcher Begeisterung, wie wir damals -Spitzen schnitten, hat es seitdem wohl kein dritter mehr gethan. - -Die Gute! Sie wurde bald meine Frau. Als ihr Vater starb, kehrte ich -als Pfarrer in diese Gemeinde zurück, und über zwanzig Jahre haben wir -Lust und Leid miteinander geteilt ... Nun wissen Sie, warum ich noch -heute des Sonntags Cigaretten aus Rohrspitzen rauche. Es ist zu ihrem -Gedächtnis, zum Gedächtnis an unseren ersten Liebestag. Dreissig Jahre -habe ich es gehalten, und gedenke es auch weiter so zu halten, bis mich -der Allmächtige – hier lüftete er demütig sein Käppchen – zu sich ruft -und mich wieder mit ihr vereint.« - -Während seiner letzten Worte hatte sich die Thüre geöffnet und ein -junges, vielleicht neunzehnjähriges Mädchen war auf der Schwelle -erschienen. - -Über das Gesicht des Kaplans, der bisher nachsinnend vor sich -hingesehen hatte, glitt ein schelmisches Lächeln. - -»Die jungen Vögel bauen sich Nester, wenn ihre Zeit kommt, auch ohne -dass sie von ihren Altvorderen gehört hätten, wie man das macht. Von -heute ab werde ich auch aus Rohrspitzen rauchen, Herr Pastor, und gebe -es Gott, dass es bei mir zu demselben Glücke führt, wie bei Ihnen!« - -Und mit einem kräftigen Rucke brach er einer Regiecigarette das -Mundstück ab, und aus der Brusttasche eine sorgfältig in Papier -eingeschlagene Rohrspitze hervorholend, zündete er sie sich darin an. - -»Wie meinen Sie das?« fragte der alte Herr zerstreut. - -Er war in Erinnerungen verloren. Auch wenn es heller gewesen wäre, -hätte er es kaum bemerkt, dass seine Tochter, die ihn zum Nachtmahl -rufen wollte, beim Anblick dieser Rohrspitze ganz purpurrot geworden -war und dann aus dem Schatten herüber dem jungen, blondbärtigen Kaplan -vorsichtig mit dem Zeigefinger drohte ... - - - - -Soeben ist im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= zu =Leipzig= -erschienen der =neueste Roman= von - - -YVETTE GUILBERT: - -Die Halb-Alten - -Les Demi-Vieilles - -Einzig autorisierte Ausgabe übersetzt von Ludwig Wechsler. - -2. Auflage. - -_Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--._ - -Im Vorwort dazu sagt Yvette Guilbert: - - »_Ce livre a été écrit pour être lu des yeux qui pleurèrent - beaucoup et aussi pour être le défenseur, l’ami avoué et dévoué - de toutes celles qui furent des sensibles, des impressionables, - des douloureuses, des tendres, des femmes!_« - -Mit einer mühsam verhaltenen Leidenschaft, die aber überall den echt -Pariser Charme verrät, erzählt Yvette von den armen Frauen, erzählt mit -einer sich windenden Schmerzlichkeit, die dann und wann wie aus der -Glut einer Feuerflamme geradezu elementar hervorbricht. Die Tragik der -Frauen, die in der Liebe alt werden, das ist der Untergrundton, den sie -in ihren »Demi-Vieilles« anschlägt. Es wird sozusagen das fürchterliche -Schicksal einer Ninon de Lenclos aufgerollt, die mit achtzig Jahren -noch so jung und schön gewesen sein soll, dass sich Jünglinge in sie -verliebten, und im weiteren Sinne wird die unerbittliche Grausamkeit -gezeigt, die überhaupt in dem Altwerden der Frau liegt. Alle Frauen und -Männer, denen ein im besten Sinne modernes, menschlich bedeutungsvolles -Buch etwas zu sagen hat, werden Yvette Guilberts »Demi-Vieilles« lesen -müssen, und es mit wirklich grossem Interesse und mit Lust lesen. - - -_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._ - - - - -Im Verlage von =Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig=, ist soeben -erschienen: - - -Die Vaclavbude - -Ein Prager Studentenroman von =Karl Hans Strobl=. - -Preis brosch. M. 3,–, geb. M. 4,– - -»Nach der süßlichen Romantik »Alt-Heidelbergs« wirkt ein so gesundes -Buch wie das vorliegende doppelt wohlthuend. Strobl schildert in -seinem Studentenroman die letzten Tage der sturmbewegten Zeit unter -dem Ministerpräsidenten Badeni. Plötzlich fühlt man sich in jene Zeit -zurückversetzt und lebt den Prager Rummel bis zur Verhängung des -Ausnahmezustandes mit ... Die Schrecken dieser wenigen Wochen sind von -dem Autor mit einer solchen Anschaulichkeit geschildert, daß es einem -an mancher Stelle den Atem verschlägt.« - - »Deutsche Zeitung,« Wien. - -»Strobls Erzählung, deren schlichte Helden ein paar Prager -Burschenschafter sind, schildert mit großer dichterischer Kraft -und Anschaulichkeit, die stellenweise an das Packendste, was Zola -geschrieben hat, erinnert, Stimmungen und Vorgänge in den blutigen -Prager Dezembertagen nach dem Sturz des Ministeriums Badeni ...« - - »Vossische Zeitung,« Berlin. - -»In der Beschränkung ein Meisterwerk, verdient Strobls Roman, aus -Mähren die Reise durch ganz Deutschland und Deutschösterreich zu -machen ... Im Nationalitätenkampfe steht der Brünner Dichter mit -ganzer Seele auf der Seite der Deutschen, seiner Landsleute, von deren -Berufung zur Weltherrschaft und kultureller Mission er fest überzeugt -ist ... Karl Hans Strobl hat den österreichischen Roman der Gegenwart, -in dem das psychologisch-soziale Moment pocht und hämmert, erschaffen. -Möchte er dafür auch die gebührende Anerkennung weitester Kreise -finden!« - - »Tagesbote aus Mähren und Schlesien.« - - - - -Im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= in =Leipzig= sind erschienen -die neuesten Romane von =Victor Blüthgen= und =C. Eysell-Kilburger= -(Frau Victor Blüthgen). - - -Die Spiritisten - -Roman von - -Victor Blüthgen. - -Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--. - -»Wer dem Spiritismus nicht gänzlich ablehnend gegenübersteht, wer den -geheimen Wunsch hat, das verschleierte Gebiet der 4. Dimension kennen -zu lernen, wer vielleicht schon gar im stillen einen Ausflug dorthin -versucht hat, dem sei mit warmem Herzen dies Buch empfohlen ... Die -›Spiritisten‹ sind amüsant von der ersten zur letzten Seite, und man -wird das Buch nur ungern vor Schluss aus der Hand legen.« - - Altonaer Nachrichten. - - -Dilettanten des Lasters - -Roman von - -C. Eysell-Kilburger (Frau Victor Blüthgen). - -Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--. - -»... ein Werk, das man nicht als Unterhaltungslektüre bemessen darf. -Man kann den Roman als Beitrag zur Frauenfrage betrachten ... Der -ganze Roman bietet in der Handlung ein aufgegriffenes Stück Leben von -ergreifendem Ausklang, das um so wertvoller erscheint, je mehr man sich -hinein vertieft, und das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.« - - Stettiner Zeitung. - -»... Man meint nach der Lektüre dieses Romans die Mädchen persönlich -zu kennen, diese Mädchen mit der frohbewussten äusseren Unabhängigkeit -vom Manne und der heissen inneren Sehnsucht nach ihm. Diese Mädchen, -die in brennender Neugier gern des Lebens süssestes Geheimnis ergründen -möchten und doch wieder vor der Entschleierung des Bildes zu Sais -schaudernd zurückschrecken und sich begnügen, nur mit zagen Fingern -daran vorüberzustreifen – Dilettanten des Lasters.« - - Wiesbadener Tageblatt. - - -_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._ - - -Wenn die Menschen reif zur Liebe werden - -Von - -Edward Carpenter - -Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt und -eingeleitet von =Karl Federn=. - -Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.-- - -Während unsere moderne Erziehung meist mit einer scheuen -Verschwiegenheit über die Fragen sexueller Natur und ihre heimlichen -Abgründe hinwegzuleiten sucht, erörtert der Verfasser, frei von aller -Aengstlichkeit und Prüderie, dieses für das Lebensglück jedes Einzelnen -und für unsere gesamte Kultur so hochwichtige Problem. Mit dem ruhigen -und vorurteilsfreien Blick des Naturforschers vereinigt er den idealen -Schwung des Propheten und socialen Reformators. Die unhaltbaren und -unreifen Zustände der Gegenwart unterzieht er einer tief eindringenden -Kritik und gewinnt aus ihnen die Fundamente einer neuen, höheren -Weltanschauung, welche die Sinne nicht durch Askese und unsinnliches -Idealisieren verkrüppeln läßt, sondern der Persönlichkeit ein freies -Ausleben aller ihrer Kräfte und Fähigkeiten ermöglicht. »Nicht nur fort -sollst du dich pflanzen, sondern hinauf.« Dieses Wort Nietzsches könnte -man der Schrift als Motto voransetzen. Es ist eins von jenen Büchern, -durch das der warme Hauch des Lebens weht, ein Grund- und Eckstein von -jenem großen Bau der Zukunft, an welchem wir mitzuarbeiten alle berufen -sind. - - -Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger Leipzig, Goeschenstr. 1=. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Lange - Reihen von Gedankenstrichen wurden einheitlich gekürzt. Ein - Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABENDFALTER *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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