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-The Project Gutenberg eBook of Abendfalter, by Georg Busse-Palma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Abendfalter
- Geschichten der Sehnsucht
-
-Author: Georg Busse-Palma
-
-Release Date: February 5, 2023 [eBook #69960]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABENDFALTER ***
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so
- ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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- Abendfalter
-
- [Illustration]
-
- Geschichten der Sehnsucht
-
- von
-
- Georg Busse-Palma
-
- [Illustration]
-
- Leipzig 1902
- Hermann Seemann Nachfolger
-
-
-
-
-Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
-
-
-Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
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-
- Sr. Durchlaucht
- dem
- Prinzen Emil von Schönaich-Carolath
-
- in herzlicher und dankbarer
- Verehrung gewidmet.
-
-
-
-
-Von demselben Verfasser ist ferner im Verlag von _Hermann Seemann
-Nachfolger_ in _Leipzig_ erschienen:
-
- =Mord.= _Geschichten, die mein Dolch erzählt._
-
- Br. M. 2.50, geb. M. 3.50.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Abendfalter 1
-
- Ein Kind der See 27
-
- Der alte Steffen 45
-
- Amtsrichter Johnsons Höhepunkte 61
-
- In der Anstalt 85
-
- Im Pfarrhaus 107
-
-
-
-
-Abendfalter.
-
-[Illustration]
-
-
-An jedem Samstag Nachmittag hatte Brigitte Winterfeld nichts Besseres
-zu thun, als mit den Kindern des Pfarrers auf der grossen Wiese
-herumzutollen. Es waren dies zwei Mädchen von elf und dreizehn Jahren,
-bei denen es lange währte, ehe sie ermüdet, aber jauchzend vor
-Vergnügen, sich in die Butterblumen warfen, die ebenso goldgelb waren
-wie der Sommersonnenschein über ihnen. Brigitte liess aber, ihrer
-eigenen Trägheit zum Trotz, nicht eher nach, und wenn sie es erreicht
-hatte, dann war auch die ruhende Gruppe, die braunen Kinder zu Seiten
-ihrer grossen, schönen Spielgefährtin, ein Bild, das allen Augen gefiel.
-
-Der pensionierte Oberförster Winterfeld besass, einen Büchsenschuss
-vom Dorfe entfernt, ein Landhaus, weilte aber jeden Sonnabend bis
-Mitternacht in der Stadt, wo ihn gute Freunde und ein guter Trunk nicht
-eher losliessen. So war es schon seit Jahren Sitte, dass seine Tochter
-die einsamen Stunden beim Pfarrer und dessen Kindern verbrachte. Sie
-war auch selber noch harmlos genug, um an dem lustigen Spiel der
-Kleinen ihre eigene lichte Freude zu haben.
-
-Nur einer störte sie mitunter in ihrer Fröhlichkeit.
-
-Wenn der Gutsverwalter, ein stiernackiger Schwarzkopf von ungefähr
-dreissig Jahren, auf dem schmalen Richtweg bis an ihren Wiesenplatz
-herangeritten kam und ihnen zusah, vermochte sie weder ruhig im Grase
-liegen zu bleiben, noch mit den Kindern um die Wette zu laufen. Seine
-Augen ruhten mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr, dass sie immer
-das Gefühl hatte, als ob an ihrer Kleidung etwas nicht in Ordnung wäre.
-Sie folgten jeder ihrer Bewegungen, die durch das dünne, schmiegsame
-Hängekleid allzusehr hervortraten, und liessen nicht eher ab, als bis
-ihr Zorn und Scham die Schläfen dunkelrot gefärbt hatten. Dann ritt er
-pfeifend zurück, und frei und fröhlich konnte sie wieder aufatmen.
-
-Es gab noch einen anderen, bei dessen Nahen sich ihre jungenhafte
-Ungezwungenheit verlor. Das war Otto Ehlers, der Sohn des Lehrers, der
-ihr Freund war von Kindesbeinen an. Wenn sie diesen sah, blieb sie auch
-nicht ruhig liegen, aber nur, weil sie ihm gefallen wollte und weil sie
-nicht wusste, dass sie am schönsten war, wenn ihre vollen Glieder sich
-so weich und wohlig in der Sonne dehnten. –
-
-Brigitte Winterfeld war kein Kind mehr. Sie stand erst im siebzehnten
-Lebensjahre, aber ihre Formen waren weit über ihr Alter hinaus gereift.
-Wenn sie aufrecht dastand, konnte man sie für eine junge Frau halten.
-Nur an den schweren Zöpfen, die ihr blauschwarz bis über die Hüften
-fielen, und auch an den immer etwas sehnsüchtigen, fragenden Augen
-erkannte man auch äusserlich ihre unberührte Jugend. –
-
-Es war im Spätsommer, und der Abend hing schon am Horizont, als Otto
-Ehlers zum letzten Mal vor seiner Abreise auf ihren Spielplatz kam.
-
-Die Kinder sprangen ihm entgegen und hingen sich an seine Arme.
-
-»Warum kommst du so spät heut, Onkel Otto?« –
-
-»Es ging nicht eher, ihr Racker. Ich musste doch allen Adieu sagen,«
-sagte er halb lachend und halb wehmütig.
-
-Dann begrüsste er Brigitte.
-
-»Sie wissen ja schon, Briggi, dass ich morgen abreise?«
-
-»Ja,« nickte sie. »Es thut mir sehr leid.«
-
-»Ich freue mich, dass ich das Amt habe. Aber es ist doch schwer, alles
-hier zurückzulassen. Oft werde ich nicht herüber kommen können, und
-manches werde ich arg vermissen. Sie auch, Briggi!«
-
-Eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.
-
-Da trat die Frau Pastor auf den Pfarrhof und rief, die gehöhlten Hände
-als Sprachrohr benutzend, zum Essen. –
-
-Otto Ehlers biss sich auf die Lippen.
-
-»Bleiben Sie nach Tisch noch lange hier?« fragte er dann.
-
-»Nein, Otto. Ich gehe gleich fort.«
-
-»Dann komm ich noch einmal zu Ihnen heran. Von Ihrem Vater habe ich
-mich ja schon verabschiedet, von Ihnen könnte ich das jetzt auch
-endgültig thun, aber ich möchte doch noch einmal das ganze Haus sehen.
-Es hängen doch viel Erinnerungen daran. Schon aus der Pennälerzeit her
-und dann erst später, als Sie immer grösser und schöner wurden ...«
-
-Brigitte Winterfeld wurde rot.
-
-»Für mich auch,« sagte sie hastig.
-
-Dann schämte sie sich. Es fiel ihr ein, dass bei ihr, die das Haus
-bewohnte, die Erinnerungen doch nur natürlich wären. Aber er hatte sie
-wohl verstanden. –
-
-Die Kinder an den Händen fassend, ging sie dem Pfarrhaus zu. Otto
-Ehlers sah ihr nach. Mit der Rechten strich er sich mechanisch den
-kurzen, blonden Vollbart, und in seinen Augen wechselte in jäher Folge
-ein glückliches Leuchten mit tiefer Traurigkeit. – – – –
-
- * * * * *
-
-Es war schon Abend, als sie nach Hause kam, und tiefe Dämmerung füllte
-das ganze Zimmer. Halbverdeckt von Wolken, die immer dunkler wurden, je
-weiter sie sich von ihm entfernten, stand der Mond am Himmel und sah
-durch das Fenster.
-
-Brigitte Winterfeld rollte sich einen Sessel an die Scheiben und setzte
-sich.
-
-Die Sträucher in dem kleinen Vorgarten schwankten dunkel und traumhaft
-auf und nieder. Es mochte wohl ein Wind aufgestanden sein. Farben
-waren nicht mehr zu erkennen. Nur einige Rosen, die im Mondlicht
-standen, nickten mit gelben Köpfen zu ihr herüber.
-
-Und weiter, über den Pfad hinaus, den er kommen musste, reckte sich
-schwarz und drohend der Fichtenwald. Zwischen den Stämmen aber, von dem
-dunklen, verschwommenen Grunde, hoben sich hier und da schmale, lichte
-Wege ab wie mit Goldkies bestreute Gnomenstrassen.
-
-Eine jagende Eule schrie einmal von dort herüber, dann verschlang die
-Ferne auch diese Rufe, und die Stille wurde noch fühlbarer.
-
-Im Halbschlaf schloss Brigitte die Augen, und die Gedanken, die sie
-schon seit Tagen schmerzten, kamen alle auf einmal wieder.
-
-»Morgen früh geht er fort. Wenn er wiederkommt, werde ich ihm nichts
-mehr sein. In der grossen Stadt sind so viele Mädchen, die hübscher und
-klüger sind als ich.« –
-
-Das klang in immer neuen Variationen immer wieder und wieder in ihrem
-Herzen.
-
-Dann schrak sie auf. Es war ihr, als ob die Thür gegangen wäre. Und da
-hörte sie auch schon seine Stimme.
-
-»Schlafen Sie denn wirklich, Briggi?« –
-
-Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. In derselben Sekunde war sie
-aber schon gänzlich munter.
-
-»Ich war ein bischen müde von dem vielen Herumlaufen. Aber kommen Sie
-doch herein, Otto!« –
-
-Jetzt bemerkte sie erst, dass noch kein Licht brannte. Sie zündete die
-schwere Majolikalampe an und stellte sie auf den kleinen Tisch, an dem
-sie vorhin im Dunkeln gesessen hatte.
-
-»Es thut mir leid, dass ich Sie um ein Schlummerstündchen gebracht
-habe, Briggi! Es ist aber wohl doch gut, denn sonst wäre die Nacht um
-ihre Rechte gekommen.« –
-
-Sie lächelte fröhlich.
-
-»Was Sie wohl meinen! Ich bin kein Murmeltier, aber ich kann doch
-sechzehn Stunden hintereinander schlafen. Übrigens war das kein Schlaf.
-Ich hab an manches Liebe und an manches Böse gedacht. Auch an Sie und
-Ihre Abreise.« –
-
-»Und zu welcher Kategorie haben Sie mich gezählt?«
-
-»Ihre Abreise zum Bösen, Otto. Aber soll ich Ihnen, statt dass Sie so
-neugierig fragen, nicht lieber etwas von Papas Krätzer bringen? Sie
-wissen, viel wert ist er nicht.« –
-
-»Ich danke, Briggi, ich mag nicht trinken.« –
-
-Dann aber schien er es sich zu überlegen.
-
-»Wein möchte ich nicht,« sagte er zögernd, »aber wenn ich eine Tasse
-Thee bekommen könnte ...«
-
-Brigitte wunderte sich. Sie hatte noch nie gehört, dass Otto Ehlers im
-Sommer Thee trank. Sie ging aber in die Küche, um welchen zu bereiten.
-
-Als sie mit einem kleinen Kännchen zurückkehrte, hatte er den Kopf in
-die Hand gestützt und sah sie lächelnd an.
-
-»Wissen Sie auch, warum ich um Thee bat?« –
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Es fiel mir grad’ ein, wie meine Eltern immer beisammen sitzen. Bei
-der Lampe ist es so gemütlich, wenn es draussen ganz dunkel ist und die
-Theetasse auf dem Tisch steht. Man kommt dann gar nicht darauf, dass es
-anders sein könnte. Die beiden haben sich immer noch lieb trotz ihrer
-fünfzig Jahre, und da dacht’ ich, wie das erst sein muss, wenn ich
-_Ihnen_ so gegenüber sitz’ ...«
-
-Brigitte war rot geworden. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte.
-Ein seltsames Gefühl, halb Jubel und halb Angst, stieg in ihr auf.
-
-Da pochte es stossweise, dumpf und leise, mehrmals an das Fenster. Es
-waren drei Abendfalter mit grossen, dicken Köpfen, die, durch das Licht
-verlockt, hineinwollten. Ihre weichen Körper drängten sich dicht an das
-glatte Glas und die runden, rotglühenden Augen hingen gebannt an der
-leuchtenden Glocke.
-
-Sie kamen Brigitte wie eine Erlösung. Hastig griff sie nach einer
-Serviette und schlug damit gegen das Fenster, um sie zu vertreiben.
-
-»Die hässlichen Tiere,« sagte sie.
-
-Aber da legte Otto Ehlers ihr seine Hand auf den Arm.
-
-»Warum jagen Sie die Falter fort? Es sind keine hässlichen Tiere. Es
-sind Nachtschwärmer, Kinder des Dunkels, die auch einmal zum Lichte
-wollen.« –
-
-Gehorsam liess sie das Tuch sinken.
-
-»Vielleicht sind es Ihre Anbeter gar, Briggi! Ich glaube wirklich,«
-fuhr er dann fort, mit weicher, bewegter Stimme, »ich glaube wirklich,
-dass jeder Falter eine Sehnsucht ist. Wer Sie einmal gesehen hat, muss
-doch wieder zu Ihnen zurück. Näher können sie nicht, da wollen sie
-wenigstens durch die Scheiben spähn. Und ich weiss, wenn ich von hier
-fort bin, wird meine Sehnsucht auch unter den Faltern sein.« –
-
-Brigitte schlug ihre feuchten Augen voll zu ihm auf.
-
-»Dann werde ich nie wieder einen forttreiben, Otto! Nie wieder!« –
-
-Über den Tisch hin fasste er ihre Hände.
-
-»Auch dann nicht, Briggi, wenn es lange dauert, eh’ aus der armen
-Hilfskraft ein königlich preussischer Gymnasiallehrer mit einem eigenen
-Theetisch wird? Auch dann nicht?« –
-
-Ihre Verlegenheit war jetzt ganz vorüber.
-
-»Auch dann nicht, Otto,« sagte sie ruhig. »Ich bin noch jung.«
-
-Da zog er sie an sich und küsste sie.
-
-Als er eine Stunde später das Haus verliess, rief sie ihm noch über
-den Garten hinaus nach: »Ich werde nie wieder einen vertreiben! Nie
-wieder!« –
-
-Und Otto Ehlers, der die schwarzen Kiefern entlang im Dunkeln dem
-Lehrerhaus zuging, hörte darin ein Gelöbnis der Treue, das besser und
-schöner war als jeder Schwur.
-
-Dann stieg auch sie die Treppe zu ihrer Schlafkammer in die Höhe.
-Während sie sich auskleidete, flogen wieder einige Nachtschwärmer
-an das erleuchtete Fenster. Da zog sie zum ersten Male die weissen
-Vorhänge zu.
-
-»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –
-
- * * * * *
-
-Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast
-in der Villa Waldfried. Erst kam er immer nur in Begleitung des alten
-Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger
-Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch
-allein, und auch des Tages, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht
-mehr aus dem Wege. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an
-seine Augen, trotzdem die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem
-Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, wenn
-ihr auch das Blut von Monat zu Monat heisser und schwerer durch die
-Adern rollte.
-
-So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich
-das Mädchen gestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es
-war kein einziger feinerer Zug in seinem Gesicht, aber es war massig,
-braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine
-Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne
-waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen
-sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen
-Schenkeln, über die Felder ritt.
-
-So war Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte
-ein freudiges Ereignis in das Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch
-dort eingekehrt, und da es ein Bube war, liess der Pfarrer, der ein
-lebensfreudiger Herr war, etwas draufgehen am Tauftage.
-
-Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Erst
-hatte sie in der Küche mitgeholfen, dann musste sie auch zu Tisch und
-bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.
-
-Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer von neuem wurde
-Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.
-
-»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreis bei solcher
-Fülle verdursten sollte,« sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste
-sind, wissen Sie wohl selber!« –
-
-Dabei sah er sie mit seinen brennenden Blicken an, dass es ihr heiss
-und kalt über den Rücken lief.
-
-Sie war den Wein nicht gewohnt. Ihr schon von Natur aus heisses und
-leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich
-gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatten.
-Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich hintüber und liess die
-Wimpern halb herniedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heisse
-Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht. –
-
-Dann kam es ihr doch zum Bewusstsein, dass sie schon zuviel getrunken
-hatte. Sie wollte ihren Vater nicht stören. So stand sie unter einem
-Vorwande auf und ging allein nach Hause.
-
-Sie zündete die Lampe an und liess sich an ihrem gewohnten Fensterplatz
-nieder. In denselben Sessel, in dem sie auch gesessen hatte, als Otto
-Ehlers Abschied nahm. Sie öffnete die enge Taille und atmete tief auf.
-Dann überfiel sie eine weiche, schlaffe, gedankenlose Müdigkeit. Die
-Stille that ihr wohl, und bald schlief sie ein.
-
-Mit einem Male fuhr sie jäh in die Höhe.
-
-Kräftige Männerarme hatten sich um ihren Leib geschlungen, und zwei
-glühende, fiebernde Lippen pressten sich in tollem Kuss immer wieder
-und wieder auf ihre Augen und auf ihren Mund.
-
-Es war der Verwalter des Gutes, der ihr heimlich nachgegangen war.
-
-Vergebens suchte sie sich von ihm zu befreien. Beide Hände stemmte sie
-gegen seine Brust. Aber es gelang ihr nicht.
-
-Und immer wieder kam dieser heisse Schauer, diese tollen, brennenden
-Küsse, die sein heisses Blut dem ihren entgegendrängten, und denen sie
-nicht lange widerstehen konnte.
-
-Alle Kraft wich von ihr. Schlaff, halb bewusstlos, lag sie in seinen
-Armen. Nur die Pulse schlugen ihr immer heisser und immer schneller.
-
-Als er sie endlich losliess, hatte sie nur ein Verlangen: nach Luft,
-nach Kühlung.
-
-Sie riss das Fenster auf, dass die Scheiben klirrten. –
-
-Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein
-grosser, dunkler Falter in das Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das
-lichtverführt sich schon lange an die Gläser gedrängt hatte.
-
-Lautlos, mit schwerer Flugbewegung, kreiste er um Brigitte Winterfelds
-heisse, glühende Stirne.
-
-Dann wandte er sich dem Lichte zu.
-
-Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weitaufgerissenen,
-entsetzten Augen starrte sie ihm nach.
-
-Nach einer Minute stiess sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug
-schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den
-weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –
-
-
-
-
-Ein Kind der See.
-
-[Illustration]
-
-
-Er war ein Antwerpener.
-
-Sein Vater, dessen Glieder die Gicht gekrümmt hatte, verzehrte sich
-vor Sehnsucht nach dem offenen Meer, das er Jahrzehnte lang befahren
-hatte. Als kleiner Hafenbeamter wohnte er dicht am Wasser, und
-über die Wiege seines Kindes flogen die herben, salzigen Seewinde.
-In die Schlummerliedchen, die ihm die Mutter sang, schrillten die
-Dampfpfeifen, und wenn er des Nachts sein heisses Köpfchen aus den
-Kissen hob und durch das Fenster sah, glotzten ihn aus der Ferne böse,
-rotglühende Augen an. Er fürchtete sich aber nicht lange vor ihnen,
-denn ehe er noch sprechen konnte, wusste er schon, dass sie kein Spuk,
-sondern nur die Laternen mächtiger, dunkler Schiffskolosse waren, die
-sich schwerfällig durch den Kanal dem geräumigen Hafen zu bewegten.
-
-Kaum, dass er die Kinderschuhe ausgetreten hatte, ging auch er zur See.
-Als Leichtmatrose fuhr er auf einem Kauffahrteischiff.
-
-Da kam es, dass sein Grossvater mütterlicherseits, der tief im
-Binnenlande wohnte, um eine Mitternacht den Tod an die Thüre seines
-Gehöftes pochen hörte. Auch die Klinke hatte geknirscht, aber der
-hagere Schnitter war noch einmal vorübergegangen. Nur gemahnt hatte
-er den Alten. Am Tage darauf ging dieser zu dem Geistlichen des Ortes
-und liess sich einen Brief schreiben an seine Tochter, die Mutter von
-Henrik Jansen junior. Einen Brief des Inhalts, dass sein Enkel zu ihm
-kommen solle, damit, wenn der Schnitter wiederkäme, einer da wäre, der
-die gemähte Garbe in die Scheuer bringe und ihm ein Erbe, dem Gehöft
-aber ein neuer Herr sei.
-
-Jansen jun. stiess anfänglich nur ein unartikuliertes Grunzen aus, als
-seine Mutter ihm davon Mitteilung machte. Da er gerade nicht geheuert
-war, reckte er seine mächtigen jungen Glieder auf der Ofenbank und
-faulenzte. Er dachte aber immer daran, dass er bald wieder fahren
-würde, und es wollte ihm durchaus nicht in den blonden Schädel, dass
-er überhaupt von der See weggehen und als Binnenländer leben könnte.
-Zwischen Leuten, die noch nie einen schwimmenden Balken unter den
-Füssen gehabt! Lächerlich war dies einfach. Und am Schluss dieser
-Gedankenkette spie er verächtlich ein Stück Kautabak in weitem Bogen
-durch das geöffnete Fenster.
-
-Seine Mutter, die früh verhärmt und früh gealtert aussah, liess aber
-nicht nach. Für sie, die tief im Lande Geborene, waren Meer und
-Schiffahrt immer nur unersättliche Mörder gewesen. Zwei Brüder ihres
-Mannes hatten sie auf dem Gewissen. Der eine war ertrunken, der andere
-hatte sich das gelbe Fieber geholt und war in der Fremde verscharrt
-worden. Sie fürchtete für ihren Sohn und wurde nicht müde, auf ihn
-einzureden.
-
-Es dauerte aber lange, bis sie seine schwerfälligen Gedanken auf den
-Punkt gebracht hatte, von dem aus gesehen das Binnenland lieblich war.
-Als er jedoch einmal sich selber sagte, dass es prächtig sein müsse,
-auf eigenem Grund und Boden zu stehen, wo er keinem Kapitän und keinem
-Steuermann zu parieren brauchte – da hatte sie gewonnenes Spiel.
-
-Jansen jun. erhob sich von der Ofenbank, trank einen Genever und
-siedelte dann zu seinem Grossvater über.
-
-Das Dorf, in welchem dieser wohnte, war fett und nahrhaft und seine
-eigene Wirtschaft desgleichen. Als der Alte seinen Enkel bei sich
-hatte, neigte er das Haupt, so tief wie eine Ähre im Juli. Bald
-knirschte die Klinke zum zweiten Male, und diesmal ging der Fremde
-nicht vorüber; im Gegenteil gab er dem Landwirt gewordenen Matrosen
-Gelegenheit, ein würdiges Leichenbegängnis zu veranstalten und sich als
-Herrn eines gesegneten Ackers, eines stattlichen Gebäudes und mehrerer
-Joch Ochsen zu fühlen.
-
-Ein alter, erfahrener Knecht war da, so dass es an der kundigen Hand
-nicht fehlte und Jansen jun. Zeit hatte, die Schönheit des Binnenlandes
-kennen zu lernen.
-
-Anfänglich erregte alles seine Bewunderung und Freude. Die wogenden,
-goldgelben Ähren, die ihm fast bis an die Schulter reichten, die
-fruchtstrotzenden Obstbäume und nicht zum mindesten der sagenumwobene
-Klapperstorch, der sich hier auf der sumpfigen Wiese behaglich Frösche
-fing, – es waren ihm entweder ganz fremde Erscheinungen, oder doch nur
-wie flüchtige Traumbilder, irgendwo in der Vergangenheit gesehene. So
-verging ihm der Sommer schnell und fröhlich. Solange ihm alles neu und
-fremd war, gefiel ihm das Dorf, den Herbst hindurch und auch den Winter
-über. Wenn es ganz grimmig kalt war und er in dem mollig erwärmten
-Zimmer sass, schmunzelte er sogar mitunter bei dem Gedanken, dass er
-das Jahr vorher um diese Zeit an der englischen Küste getrieben hatte,
-wo es so kalt war, dass die Haut der arbeitenden Hände in Fetzen an
-den gefrorenen Tauen kleben blieb. Ach, da war es hier am Kamin doch
-behaglicher! Und er stopfte sich eine neue Pfeife, trank einen neuen
-Genever und war zufrieden.
-
-Als es aber Frühling wurde, ging er umher wie ein Verlorener. Es
-drückte ihn etwas. Wie ein Stein lag es auf seiner Brust. Manchmal war
-es ihm, als ob er an dem fetten, kräftigen Erdgeruch ersticken müsste.
-Die ganze Luft war durchtränkt von ihm und selbst der Wind war fett und
-erdig.
-
-Er klagte dem Geistlichen sein Leid.
-
-Der behäbige Herr hob nachdenklich seine linke Hängebacke ein wenig in
-die Höhe und gab ihm dann einen Rat.
-
-– »Wissen Sie, Jansen,« sagte er ihm, »Sie müssen heiraten! Sie haben
-hier weder Freunde noch Verwandte, und das drückt. Die Einsamkeit
-schadet Ihnen. Denn sonst,« er schnüffelte dabei behaglich umher, »muss
-ich sagen, dass die Luft hier sehr angenehm ist. Durchaus angenehm!« –
-
-Jansen beugte sich der geistlichen Autorität.
-
-Unter den breiten Hauben des Dorfes war eine, deren Trägerin ihm
-besonders gefallen hatte. Zu der ging er, und sie sagte nicht nein. Im
-Herbst sollte es Hochzeit geben.
-
-Den dumpfen Druck wurde er dadurch aber nicht los. Die wilde, prächtige
-Romantik des Seelebens wurde in seinem einfältigen Herzen übermächtig,
-seitdem das Rauschen der Wellen und der Schrei der Möwen nicht mehr an
-sein Ohr schlugen.
-
-In der Nacht, wenn ein toller, übermütiger Wind die alten Fichten in
-dem nahen Gehölz bog, dass sie ächzten und stöhnten, richtete er sich
-oft im Bette auf, und es schien ihm, als müssten es Maste sein. Als
-ob er wieder wie einst an der See lebte, schlürfte er mit durstigen
-Atemzügen dann die Luft ein. Aber vergebens suchte er den herben,
-prickelnden Geschmack. Die fette Erde spürte er nur, und seine Lungen
-schlossen sich wieder, soweit es nur möglich war.
-
-Auch am Tage brütete er oft stundenlang vor sich hin. Seine beste
-Freundin dabei war die Geneverflasche. Unaufhörlich schenkte er sich
-daraus ein. Beim zehnten oder zwölften Glas biss es ihm dann in der
-Nase, als ob ein Seewind hineingeblasen hätte, und seine Träume wurden
-immer lebhafter, bis er mit schwerer Faust auf den Tisch schlug und
-in die Kammer ging, seinen Rausch und seine Sehnsucht miteinander zu
-verschlafen.
-
-Sein Hochzeitstag war trübe und stürmisch. Ein kräftiger Wind sprang
-ihm in den Nacken, als er in die Kirche ging, und als er mit seiner
-jungen Frau Hand in Hand wieder hinaustrat, verfing sich derselbe
-Wind so heftig in ihren weiten, bauschigen Röcken, dass sie für einen
-Augenblick von ihm lassen musste und es kalt und gell zwischen sie
-hindurch pfiff. Des jungen Ehemanns Nüstern öffneten sich weit und
-gierig. Nein, der roch nicht nach fetter Erde! Der kam von der See. Von
-der endlosen, rauschenden See! –
-
-In der darauf folgenden Nacht schlug der Regen unaufhörlich gegen die
-Scheiben, und der Sturm hörte nicht auf zu blasen. Er blies durch die
-in der Mitte gehöhlten Dachziegel, die Hunderte von Pfeifen bildeten,
-und wüst und phantastisch klang es bis in das Schlafzimmer hinab.
-
-In später Stunde, als sein Weib schon eingeschlafen war, richtete sich
-Henrik Jansen plötzlich jäh empor.
-
-Was war das?
-
-Die Hand hinter der Ohrmuschel, lauschte er hinaus. Seine Brust hob
-sich keuchend, der Schweiss trat auf seine Stirn.
-
-Hatte ihn ein Spuk geäfft?
-
-Aber nein, da war es ja wieder!
-
-Durch das Pfeifen des Windes, durch das Rauschen des Regens schlug
-deutlich vernehmbar ein dumpfes, dröhnendes Tuten, wie aus weiter
-Ferne, an sein Ohr.
-
-Das ist ein Nebelhorn!
-
-Das ist die Stimme eines Schiffes, die warnend die Finsternis zerreisst!
-
-Wo kommt es her?
-
-Zitternd vor Erregung steigt er aus dem Bett und tritt an das Fenster.
-Er öffnet es, doch jetzt hört er wieder nur Wind und Regen. Bald aber
-erhebt es von neuem die Stimme. Dumpf tutend, wie aus weiter Ferne,
-aber doch schon näher.
-
-Seine Schläfe glühen, fiebernd späht er hinaus. Jetzt müssen die Augen
-ja auftauchen, die roten, glühenden Augen!
-
-Es fällt ihm ein, wie er, seiner Erinnerung nach zum erstenmal, ein
-Nebelhorn gehört. Er war noch ganz klein und erschrak. Seine Mutter
-aber erklärte es ihm.
-
-– »Das ist einer vom Bremer Lloyd,« sagte sie, »der jetzt einfährt.«
-Und ein anderes Mal fing sie an zu lachen. »Der brüllt wie ein
-sterbender Bulle. Das ist der ›Flandern‹ von der Red Star Line.« –
-
-Oh, er hatte sie bald alle gekannt. Einige davon hatten eine Stimme wie
-keifende Marktweiber und andere, wie besonders das kleine Harwichboot,
-hatten eine Grogkehle und waren ewig heiser.
-
-Dieses Horn aber kannte er nicht. Wind und Regen störten den reinen
-Klang, ebenso die Ferne, aus der es zu kommen schien.
-
-Doch mit einem Male tönte es ganz in seiner Nähe. Und als er die
-fieberhaften, sehnsüchtigen Augen dorthin wandte, sah er einen alten,
-gebückten Mann, der ein mächtiges Kuhhorn an den Lippen hielt. Es war
-der Gemeindewächter.
-
-Wind, Regen und Sehnsucht haben dich getäuscht, Henrik Jansen!
-
-Henrik Jansen versuchte zu lächeln, sein Gesicht verzerrte sich aber
-nur. Langsam schloss er das Fenster, doch zu Bette ging er nicht.
-
-Er setzte sich stumm an den eichenen Tisch und schlug die Hände vor das
-Gesicht. Dort blieb er bis zum Morgen, und sein ganzer, riesiger Körper
-bebte vor weinender Sehnsucht ...
-
-
-
-
-Der alte Steffen.
-
-[Illustration]
-
-
-Im Osten der Universitätsstadt erhebt sich das Armenhaus. Es ist aus
-massiven, grauen Steinen gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen
-befinden sich aber nur die Krankensäle, so dass die noch rüstigen
-Insassen von der schönen, kleinen Stadt fast nichts zu sehen bekommen.
-Denn aus ihren niedrig gelegenen Fenstern können sie die Mauern, die
-das Haus umschliessen, nicht überblicken, und Urlaub bekommen sie sehr
-selten.
-
-Im Winter ist das zu ertragen. Wenn der Regen gegen die Scheiben
-schlägt oder die Flocken immer dichter und dichter herniederwirbeln,
-frieren die alten Leute und sehnen sich nicht nach draussen. Nur
-der alte Steffen vielleicht. Aber auch der denkt dann nicht an die
-deutschen Thäler und Gebirgsketten, die dann doch rauh und ungastlich
-sind. Er träumt von der heissen, brennenden Tropensonne, trotzdem
-gerade sie ihn so krank und elend gemacht hat.
-
-Er ist schwach auf den Beinen und hat keine Kraft in den Händen.
-
-Mehrere Jahre hindurch ist er Plantagenaufseher in Java gewesen und mit
-blossen Füssen über die Felder gegangen, bis sein Rückenmark verdorrt
-und er überflüssig geworden war. Da kam er nach Deutschland zurück,
-und fünf Jahre schon lebte er im Armenhause.
-
-Aber in dem Druck der grauen, freudlosen Gegenwart kann er die Zeiten
-nicht vergessen, wo er als Lanzknecht die halbe Welt durchfahren.
-Er hat unter der Tricolore und unterm Halbmond gefochten, ist bei
-Sewastopol im Feuer gewesen und hat in Tonkin geblutet. Dann ist er zu
-den Holländern desertiert, und dort im Civildienst hat ihn das Unglück
-getroffen.
-
-In der Schar seiner Hausgenossen ist er immer noch eine imposante
-Erscheinung. Unter Zwergen und Krüppeln und zahnlosen, ewig kauenden
-Bettlergestalten tritt seine stämmige Figur wirkungsvoll hervor. Der
-massige Kopf mit der kräftigen Nase, mit dem kurzen, grauen Vollbart
-und den hellen Augen muss gut aussehen, wenn eine Fahne über ihm
-flattert.
-
-Gewöhnlich scheint er recht gleichmütig und ruhig. Manchmal aber fangen
-seine Augen an zu glühen und zu blitzen. Das ist, wenn die Sonne
-scheint. Jedem Sonnenstrahl sieht er dann nach.
-
-Jetzt ist die Zeit seiner Marter und qualvollsten Wonne. Es ist
-Frühling geworden.
-
-Stundenlang sitzt er täglich auf der verwitterten Holzbank im Hofe.
-Wenn er die Wimpern hebt, sieht man eine verzehrende Sehnsucht
-hervorlodern. Denn die Schwalben haben unter dem Giebel gebaut, und
-ihre Schwingen streifen um sein Gesicht, die Bäume grünen und sind
-voll junger Knospen, zwischen den Steinen im Hof schiessen schmale
-Gräser hervor, und die Vergangenheit wird in ihm lebendig.
-
-Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gesprochen und wird noch weitere Tage
-nicht sprechen. Seine Kameraden aber wissen, dass jetzt die Abende
-kommen, wo er erzählen wird, heiser vor Erregung, aber ein Poet in
-seiner sehnsuchtsreichen Qual.
-
-Wenn sie alle zu Bette sind und nur die Nachtlampe rötlich glühend
-durch den dunklen Schlafsaal schaukelt, richtet er sich auf in
-den Kissen. Und er spricht von seiner Jugend und ihrer Sonne und
-Selbstherrlichkeit. Wie er in schimmerndem Segler über blaue
-Meere gefahren, und von den grünen Küsten Kleinasiens Marmorhäuser
-herüberwinkten und der glänzende Ölbaum. Wie er in Albanien biwakierte
-und mit Baschi Bozuks um ein Marschallsross gewürfelt, das feinere
-Glieder hatte als eine Königstochter und dessen Nüstern rosig waren
-wie der duftigste Nelkenkelch. Wie er in Algerien Feldwache gestanden
-in Palmenhainen und Dattelwäldern und einen Kabylen erschlagen um
-einen Trunk Wasser. Wie er in schaukelnder Dschunke den heiligen Strom
-durchglitten, vorüber an rauschenden, undurchdringlichen Dschungeln,
-unter Bäumen, die, im Lande wurzelnd, sich weit über das Wasser reckten
-und in deren dichtem Astwerk schlanke, bunte Königstiger lauerten,
-lautlos mit geschmeidigem Schweife die Flanken peitschend. Er spricht
-von Tropensternen und zierlichen havanesischen Frauen, von wirbelnden
-Trommeln und toten Freunden; nur von seiner Sehnsucht spricht er nicht.
-
-Wenn er dann aufhört, beisst er in den Bettpfosten und zerreisst sein
-Leinen. Der Verwalter straft ihn dafür, aber seine Zuhörer schenken ihm
-Cigarren und Kautabak, weil sie ihn bewundern.
-
-All die Jahre schon ist es ihm sauer genug gewesen, hier sein Leben zu
-verbringen. Doch hat er sich darein gefunden, wenn es ihm auch in jedem
-Frühling fast passierte, dass ihn Landleute meilenweit von der Stadt
-hilflos am Wege trafen und zurückbrachten. Beim Ausgehen hatte er nie
-daran gedacht, zu entrinnen, aber was soll denn ein alter Landstreicher
-nur machen? Ist der Frühling nicht stärker als sein Wille? Der Frühling
-hatte ihn verlockt, weit hinaus, immer weiter, bis die kranken Füsse
-ihn nicht mehr trugen.
-
-Jetzt hat er nur noch _eine_ Furcht und _eine_ Sorge. Leben _muss_ er
-im Armenhaus, aber sterben will er nicht in den dumpfen, drückenden
-Mauern. Es graut ihm davor, und er zittert, wenn er nur daran denkt. Er
-will sterben, wie das Wild stirbt, einsam im Wald, wenn die Dämmerung
-durch die Zweige tropft und die Sonne im Verglühen ist. Auch der Tod
-ist ein scheuer Gott und milder in der Einsamkeit. Seine Hände sind
-dort weicher und seine Lippen liebreicher. Eine Hirschkuh darf dabei
-sein und eine singende Drossel, aber nimmermehr ein Mensch.
-
-So hat er sich denn einen Plan gemacht. Jetzt, wo es wieder Frühling
-ist, will er einen Ort suchen gehen, zu dem er sich flüchten kann, wenn
-er sein Ende nahen fühlt. Einen Ort des Alleinseins und eine Stätte des
-Friedens.
-
-Die Sonntagsglocken läuten, und Steffen zieht seine besten Kleider an
-und bittet um Urlaub. Er erhält ihn auch und geht, so schnell ihn seine
-schwachen Füsse nur tragen wollen, durch die Stadt. Er achtet nicht der
-schmucken Giebelhäuser und der spielenden Kinder an den Wegen. Seine
-Augen glänzen, und seine Nasenflügel zittern vor Erregung. In tiefen
-Zügen trinkt er die weiche, köstliche Frühlingsluft.
-
-Bald ist er ganz im Freien. Wohin er nur sieht, alles ist voll saftigen
-Grüns. Die sanft aufsteigenden Berge scheinen wie dunkler Sammet, und
-der Fluss, der sie weich und silbern umschmiegt, wie der Pelzbesatz am
-Saum eines Herzoginkleides. Kein Ast so klein, dass er nicht voller
-Knospen wäre, und überall schon heben sich junge Blütchen aus den
-Wiesen und der jungen Roggensaat. Er hört ein Rotkehlchen im Weissdorn
-singen und sieht einen Citronenfalter durch die Sonne tanzen, und sein
-Herz schwillt vor Jubel. Denn es ist das Herz eines Landstreichers und
-hat keine andere Liebe als Natur und Freiheit, die es nicht zu trennen
-vermag. Es ist das Herz eines Landstreichers und voll Ehrfurcht vor dem
-göttlichen Mysterium der ewigen Schönheit und Erneuerung.
-
-Nun späht er umher. Oben auf dem Bergeskamme sind die dichtesten Wälder
-und dunkelsten Gründe. Dort will er sein Grab wählen.
-
-Eine Stunde wohl wandert er durch den Forst. Endlich hat er etwas
-Passendes gefunden: eine tiefe Mulde, eng umstanden von verwitterten
-Kiefern. Die Gräser darin sind niedergedrückt, aber sein geübter Blick
-erkennt unschwer, dass es nur Rehe waren, die hier genächtigt haben.
-
-Er kann darin liegen und sich strecken nach Herzenslust. Er sieht dem
-Himmel ins Gesicht und weiss, dass man ihn hier nicht finden wird. Das
-freut ihn, und fröhlich kehrt er zur Stadt zurück.
-
-Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt
-sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln, mit den
-blanken Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der
-Stadt, weil er gewiss ist, dass sie ihn nicht halten wird in seiner
-letzten Stunde.
-
-Im Armenhause wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und
-versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen
-das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen
-müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist
-geduldig. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln
-auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine
-Finger das Kreuz umschliessen werden, wenn er seinen letzten Gang geht.
-
-Er sieht die Stunde schon kommen in einem weissen, schimmernden Glanz.
-In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehn und unzählige Sterne. Die
-Luft wird duftig sein und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um
-die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein grosser, mit
-sammetdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm
-die Augen schliessen, tausendmal weicher als jede Menschenhand – – – –
-
-
-
-
-Amtsrichter Johnsons Höhepunkte.
-
-[Illustration]
-
-
-Jeder Mensch hat in seinem Leben einige Höhepunkte, die ihm bis sein
-seliges oder unseliges Ende unvergesslich bleiben.
-
-Auch Ernst Alexander Johnson hatte die seinigen.
-
-Den ersten hatte er damals erreicht, als er, der eben Amtsrichter
-in dem kleinen polnischen Städtchen geworden war, seine alte
-Studentenliebe heimführte.
-
-Am ersten Abend, als sie beisammen sassen, schmiegten sie sich fest
-aneinander und blickten wortlos in ihre neue Heimat.
-
-Ernst Alexander, in dem ein gefesselter Dichter lag, seufzte tief
-auf. Auf den Goldgrund des gegenwärtigen Glückes malten seine Träume
-Blüten und Kränze einer späteren Zukunft, und das Grün der Hoffnung war
-überall.
-
-Die Augen wurden ihm feucht. Er griff nach der Hand seiner Frau und
-küsste sie, so dass sie seine Thränen spürte.
-
-Auch ihre Blicke waren verschwommen. Vielleicht hatte sie seine Träume
-mitgeträumt. Sie fuhr ihm mit den Fingern in das braune, wellige Haar.
-
-»Wie kann man nur so weich sein,« sagte sie. »Wie kann man nur so weich
-sein, du Lieber?« ...
-
- * * * * *
-
-Sie lebten sehr glücklich zusammen. Nur einschränken mussten sie sich,
-denn das Gehalt war nicht gross. Das thaten sie aber gern. Ernst
-Alexander trank einen Schoppen weniger als früher, und gab nie mehr
-als fünf Pfennig Trinkgeld. Allmählich gewöhnte er es sich überhaupt
-ab, in ein Restaurant zu gehen. Wozu auch? Seine junge Frau machte es
-ihm daheim so behaglich wie möglich, und dass ihn der Kronenwirt, Herr
-Ignatz Malczewski, nur noch obenhin grüsste, liess sich verschmerzen.
-Als sie dann gar noch anfing, sich mit Schneiderei zu beschäftigen und
-ganz winzig kleine Häubchen und Jäckchen verfertigte, da brachte er es
-natürlich nicht mehr über das Herz, sie auch nur einen einzigen Abend
-allein zu lassen.
-
-Es sollte aber früh genug anders werden. Nicht, dass ein Streit ihre
-Harmonie getrübt hätte! Aber eines Tages trat einer in ihr Häuschen,
-den sie beide noch in weiter Ferne geglaubt hatten. Der präsentierte
-die Rechnung für das stille, reiche Glück, das sie ein volles Jahr
-hindurch am Tisch des Lebens genossen hatten, und die Rechnung war
-hoch. Frau Marianne brachte ein totes Kind zur Welt, und drei Tage
-später folgte sie dem kleinen Wurm nach in die Grube.
-
-Ernst Alexander blieb allein.
-
-Fortan lebte er ganz einsam. Eine weiche Natur von Geburt an, schien
-der Verlust seines Weibes ihn ganz gebrochen zu haben.
-
-»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« sagte der »Aufsichtführende«
-jeden Tag. »Er vergrämt und vereinsamt immer mehr. Wir müssen etwas
-thun, um ihn aus dieser Lethargie zu reissen.«
-
-»Ja, es ist schade um ihn,« meinten auch die anderen Herren. »Aber was
-können wir thun?«
-
-»Was wir thun können? Er muss wieder unter Menschen. Wir wollen ihn
-bitten, einmal des Abends mit uns zu kommen, zum Bier.«
-
-Sie besuchten ihn auch. Aber er wehrte sich.
-
-»Nein, nein,« sagte er eigensinnig. »Ich will zu Hause bleiben.«
-
-Dann, als sie nicht aufhörten, in ihn zu dringen, wurde er weicher.
-
-»Was soll ich wohl unter euch? Ich kann nicht mehr so fröhlich sein
-wie ihr und wäre ein trauriger Gast.«
-
-Es fehlte ihm aber doch die Energie, um auf die Dauer zu widerstehen.
-Er liess sich überreden.
-
-Im Gasthof zur Krone, wo sich die Honoratioren allabendlich
-versammelten, wurde immer tüchtig gekneipt. Diesmal aber, wo
-Ernst Alexander Johnson nach so langer Abwesenheit wieder in den
-verräucherten Räumen erschien, ging es besonders ausgiebig zu.
-
-Von allen Seiten stiess man mit ihm an. Widerwillig, mit
-melancholischem Lächeln, kam er nach, in der Vornahme, bei der ersten
-schicklichen Gelegenheit die Gesellschaft zu verlassen.
-
-So oft er sich aber sagte, dass es jetzt an der Zeit wäre, vermochte
-er doch nie, seinem Unbehagen ein Ende zu machen. Ratlos den fetten
-Oberkörper hin und her wiegend und ohne Freude, blieb er Stunde um
-Stunde an der Tafel. Des Trinkens ungewohnt, wurde er früh berauscht.
-
-Es war kein angenehmer Rausch.
-
-Seine Kollegen mussten ihn nach Hause führen.
-
-Mit schwerem Kopf und Bitterkeit in Herz und Kehle wachte er am
-nächsten Morgen auf. Ein schwerer Druck auf seiner Stirn liess den
-ganzen Tag nicht nach. Er vermochte nicht zu widerstehen, als Assessor
-Lindenborn, mit dem er gemeinschaftlich das Gericht verliess und der
-nicht weniger verkatert war, einige Auffrischungsschnäpse vorschlug.
-Sie setzten sich wieder in das kühle, halbdunkle Kneipzimmer und
-standen nicht eher auf, als bis es gegen Mitternacht ging.
-
-Einmal aus der gewohnten Bahn geschleudert, fand er nun gar keinen
-Halt mehr. Der Kronenwirt grüsste ihn jetzt sehr höflich, aber seine
-Kollegen schüttelten aufs neue die Köpfe.
-
-»Es geht nicht so weiter mit Johnson,« meinten sie alle. »Wir müssen
-ihn zur Vernunft bringen. Er vertrinkt alles, und es ist schon jetzt
-nichts Seltenes, dass er am hellen Tage berauscht ist.«
-
-Eines Abends, als sie in vorgerückter Stunde in ihrer Stammkneipe
-zusammensassen, machten sie ihm Vorhaltungen.
-
-Er war schon betrunken, und unter ihren wohlmeinenden Worten packte ihn
-das graue Elend.
-
-»Ich weiss, dass ich ein Lump bin,« sagte er schluchzend. »Ein Lump,
-jawohl, ein Lump. Aber warum habt ihr mich nicht sitzen lassen in
-meinem Jammer? Warum habt ihr mich gezwungen, mit euch zu trinken?«
-
-»Aber, lieber Kollege! Es ist doch ein Unterschied zwischen Trinken und
-Trinken. Wir haben es doch gewiss nur gut gemeint.«
-
-Amtsrichter Johnson lächelte bitter.
-
-»Gut gemeint, jawohl. Alle haben es gut gemeint. Alle, nur der Herrgott
-nicht. Nur der Herrgott alleine nicht!« – – – –
-
- * * * * *
-
-Acht Tage später hatte er eine Sitzung des Schöffengerichts zu leiten.
-
-Alle waren schon versammelt. Nur der Amtsrichter fehlte.
-
-Da sandte man den Gerichtsdiener nach ihm aus.
-
-Der alte Klemming traf ihn, wie er gerade, hin und her schwankend, sich
-vergebens Mühe gab, die Thür seines Hauses aufzuschliessen. Es war
-ersichtlich, dass er eben erst, gegen elf Uhr vormittags, die Schenke
-verlassen hatte.
-
-»Nun, Klemming, was ist denn?« lallte er.
-
-»Herr Amtsrichter möchten auf das Gericht kommen. Die Herren Schöffen
-warten schon alle.«
-
-»Die Herren Schöffen? Wer denn, Klemming?«
-
-»Herr Kaufmann Tietz, Herr Tischlermeister Maczkowski, Herr Rentier
-Priemchen« ...
-
-»Was Priemchen ist auch da? Hat der Kerl denn schon ausgeschlafen? Na,
-ich komm schon!«
-
-Ohne sich umgekleidet zu haben, Wäsche und Kleidung beschmutzt und
-zerknittert, ging er dem kopfschüttelnden Diener voran.
-
-Unterwegs pfiff er ein Kneiplied vor sich hin. Es schien ihm gar
-nicht klar zu sein, wohin er gehen musste. Der alte Klemming wies ihn
-zurecht, sonst wäre er am Gericht vorüber geschritten.
-
-Man warf ihm die Amtsrobe über. Dann trat er in den Saal.
-
-Mit würdevollen Gesichtern sassen die Schöffen auf ihren Stühlen. Der
-Angeklagte, ein blasser, junger Bursche, erhob sich, als der Talar
-sichtbar wurde. Aller Augen wandten sich auf den Richter.
-
-Mit schweren, unsicheren Schritten näherte er sich seinem Tisch.
-
-Da bemerkte er den Rentier Priemchen, mit dem er oft zusammen getrunken
-hatte. Ein breites Lachen zog sich über sein gedunsenes Gesicht, das
-vor Betrunkenheit glühte.
-
-»Na, alter Schwede,« rief er ihm mit heiserer Stimme zu, »auch hier?«
-
-Erschrocken fuhren alle auf.
-
-»Setzen Sie sich doch, um Gottes willen,« flüsterte Priemchen.
-
-»Gleich, Priemchen, gleich! Erst den Cantus.«
-
-Und der königliche Amtsrichter Ernst Alexander Johnson stellte sich in
-seiner vollen Amtstracht an den Rand des Podiums und erklärte feierlich:
-
-»Zur Eröffnung einer urfidelen Schöffensitzung beginnen wir mit dem
-schönen Liede:
-
- Wer kommt dort von der Höh’?
- Wer kommt dort von der Höh’?
- Wer kommt dort von der ledernen Höh’,
- Ça, ça ledernen Höh’,
- Wer kommt dort von der Höh’?« ...
-
-Während er den ersten Vers mit dröhnender Stimme absang, verbreitete
-sich eine Todesstille um ihn.
-
-Niemand vermochte zu lächeln. Bleich und fassungslos blieb jeder
-auf seinem Stuhl, und jeden durchzuckte die Ahnung, dass hier ein
-Menschenschicksal seinem Ende zuneigte.
-
-Er begann noch den zweiten Vers. Mit den weiten Ärmeln seiner Robe
-stiess er beim Taktschlagen an das schwarze Kreuz, das den kleinen,
-silbernen Leib Christi trug. Es stürzte vom Tisch und schlug mit
-dumpfem Hall auf die Dielen.
-
-Da unterbrach er sich.
-
-Mit blöden, blutunterlaufenen Augen blickte er hinunter und dann auf
-die Beisitzer.
-
-»So, so, ach – so –« stammelte er dann.
-
-Ein Zucken ging durch seinen Körper. Schwer liess er sich in den Sessel
-fallen.
-
-Aber die Besinnung war ihm zu spät gekommen. Die Sitzung wurde
-vertagt, und wenige Tage darauf war Ernst Alexander Johnson aus dem
-Richterstande entfernt. – –
-
-Wochen, Monate und Jahre vergingen. Der Amtsrichter a. D. war ein
-stadtbekannter Trunkenbold geworden.
-
-Als ihm niemand mehr Kredit gab, fing er an, seine ganze Habe zu
-verkaufen. Ein Stück nach dem andern wanderte zum Trödler.
-
-Eines Abends sass er in seiner leeren, unfreundlichen Wohnung, aus der
-selbst die Wandbilder schon lange zu Geld gemacht worden waren, und
-zerbrach sich den Kopf, was er noch verkaufen könnte. Aber nichts fiel
-ihm ein. Ein Tisch und einige Stühle bildeten ausser einem kleinen
-Wäscheschrank sein gesamtes Mobiliar. Verkäufliches war aber nur noch
-in der letzten Schublade des Schrankes, und vor der hatte er eine
-heilige Scheu.
-
-Endlich entschloss er sich doch, das Fach zu öffnen, und zitternd
-und scheu, wie ein Dieb, sah er hinein. Da lag alles noch so wie
-vor Jahren: die Häubchen und die Jäckchen, die Windeln und das
-spitzenbesetzte Taufkleidchen. Es war in zwei grössere Abteilungen
-gesondert, die mit blauseidenen Bändern umwickelt waren. Daneben lagen
-noch einige Untersachen seiner Frau.
-
-Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als er diese letzten
-äusserlichen Erinnerungen an so viel Glück und Hoffnung vor sich sah.
-
-Er kämpfte innerlich. Dann aber griff er doch, während die Schamröte
-ihm bis in die Stirn stieg, die Pakete heraus.
-
-In der Nähe seiner Wohnung befand sich eine kleine Branntweinschenke,
-in der wandernde Burschen, verkommene Handwerker und der Amtsrichter a.
-D. verkehrten. Der Wirt war ein gefälliger Mann und nahm ebenso gern
-Kleidungsstücke und andere Sachen in Zahlung, als bares Geld. Zu dem
-begab er sich.
-
-Er bestellte einen Schnaps und ein Käsebrot. Der Besitzer des Lokals,
-ein dicker, aufgedunsener Riese, der auf einem Auge blind war, musterte
-ihn misstrauisch. Er brachte das Verlangte erst, als er das Bündel sah,
-das Ernst Alexander neben sich gelegt hatte.
-
-An den Nachbartischen, die klebrig waren und wie das ganze Lokal nach
-vergossenen Getränken rochen, sassen mehrere junge Leute. Als es ans
-Zahlen kam, musste er das Paket öffnen. Wie die Jäckchen und Windeln
-zum Vorschein kamen, erscholl ein rohes Gelächter.
-
-»Von wo haben Sie das denn?« fragte der Wirt verdutzt.
-
-»Von meinem Kinde.«
-
-»Haben Sie denn ein Kind?«
-
-Ernst Alexander biss die Zähne zusammen.
-
-»Es ist tot,« sagte er finster. »Sonst säss’ ich nicht hier.«
-
-Der Wirt schien sich zu erinnern.
-
-»Ach so, Ihre Frau starb ja auch damals.«
-
-»Ja, sie starb auch.«
-
-»Und das wollen Sie jetzt verkaufen?«
-
-Der Amtsrichter a. D. hörte die Verachtung in diesen Worten und wagte
-nichts zu erwidern. Mit gesenktem Kopf verliess er das Zimmer und trat
-hinaus. Zwölf Silbergroschen hatte er in der Hand.
-
-Nach einer unruhigen Nacht wachte er am nächsten Morgen früh auf. Noch
-unangekleidet sass er mit wirrem Hirn auf dem Bettrand, und allmählich
-trat ihm wieder ein Bild vor die Seele, das ihn im Schlafe gequält und
-gepeinigt hatte.
-
-Es war im Traume seine tote Frau zu ihm gekommen. Sie trug ein weisses,
-faltiges Gewand, und an ihrer Rechten führte sie ihr Kind. Das Kind war
-nackend und weinte bitterlich.
-
-»Du hast ihm seine Hemdchen verkauft. Nun friert es,« sagte die Mutter.
-
-Ernst Alexander bekam das nicht mehr aus dem Gedächtnis. Den ganzen Tag
-trug er daran, und der Nebel, der jahrelang vor seinen Augen gelegen
-hatte, verschwand mehr und mehr. Er sah alles, wie es wirklich war,
-nackt und nüchtern. Er sah, dass der letzte Teil seines Lebens nichts
-als Schmutz und Schande gewesen war, und Verzweiflung überfiel ihn. Er
-sprach mit sich und mit den Toten, die ein Traum ihm heraufbeschworen
-hatte, und alles in ihm ward voll von Bitterkeit und Selbstverachtung.
-
-»Es ist keine Liebe mehr für mich, nicht im Himmel und nicht auf der
-Erde,« sagte er laut.
-
-Seine Worte dröhnten in dem leeren Gemach.
-
-Er schrak zusammen.
-
-Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und spie aus. – –
-
- * * * * *
-
-Die Abendsonne funkelte und sprühte auf dem Schieferdach des alten
-Klosterturmes. Sie brach sich auch in den Scheiben des stillen, kleinen
-Hauses und drang bis in das Zimmer.
-
-Dort blieb sie lange und leuchtend.
-
-Inmitten der gemalten Decke, an der kleine Amoretten mit roten Rosen
-spielten, steckte ein eiserner Haken, der früher eine Hängelampe
-gehalten hatte.
-
-Die Lampe war schon lange fort und brannte schon lange nicht mehr.
-
-Jetzt hing ein hänfener Strick daran, und an dem Strick hing ein
-fetter, gedunsener Leichnam.
-
-Das war der zweite Höhepunkt im Leben Ernst Alexander Johnsons. Sein
-zweiter und letzter im Leben und im Sterben: zwei Fuss über den
-Dielen. –
-
-
-
-
-In der Anstalt.
-
-Ein Bild aus dem Leben.
-
-[Illustration]
-
-
-Nicht weit von einer westdeutschen Industriestadt liegt eine grössere
-Zahl schmucklos, aber gefällig gebauter Häuser. Durch grössere
-Entfernungen voneinander getrennt, verstreuen sie sich über ein
-weites, hügeliges Gelände, das hier und da mit Wald bestanden ist.
-Grösstenteils werden sie von Kranken bewohnt, denen die kräftige Luft
-und der tiefe Frieden wohlthut.
-
-In einem der Häuser jedoch werden keine körperlich Leidenden
-aufgenommen. Dies ist das Haus, das am weitesten der Stadt zugeschoben
-und durch ein eisernes Gitterwerk von der Landstrasse getrennt ist. Es
-ist die Domäne derer, die Schiffbruch im Leben gelitten haben, das Asyl
-der Gestrandeten.
-
-Es beherbergt nur Leute aus besseren Lebensschichten. In der Überzahl
-sind die Offiziere a. D. Etliche Geistliche sind auch darunter,
-mitunter auch ein Schriftsteller oder ein Redakteur.
-
-Mannigfaltig ist ihre Schuld und ihr Schicksal; mannigfaltig sind die
-Wege, die sie hierhergeführt; allen gemeinsam aber ist der dumpfe
-Gram, der ihre Tage verbittert und der sie allmählich stumpf macht
-gegen das Aussenleben, der allmählich auch ihre Sehnsucht, wieder
-hinauszufliegen, erdrückt, und erst mit dieser Sehnsucht matter und
-matter wird.
-
-Die meisten der Herren sind schon längere Zeit da. Man unterscheidet
-sie leicht von den übrigen Bewohnern der Anstalt. Sie tragen einen Zug
-schmerzlicher Resignation im Gesicht, und ihre Augen blicken auf ein
-vergangenes Leben.
-
-Hier und da gemahnen noch Gang und Gebärde an die frühere
-gesellschaftliche Stellung. Sonst kommt sie selten zum Vorschein.
-Besonders nicht in der Kleidung. Wenn beim Essen ein Tropfen Suppe oder
-Bratensaft auf den Rock fällt – nun, so schadet das nichts. Gereinigt
-wird er deswegen doch nicht. Für wen auch? Untereinander hat man sich
-gegenseitig nichts vorzuwerfen und ausser der alten Dame, welche die
-Wirtschaft führt, und ihren beiden Dienstmädchen ist kein weibliches
-Wesen für sie vorhanden. In die Stadt zu gehen ist ihnen auch nicht
-erlaubt, weil es zum Teil der Alkohol war, der sie hierhergebracht.
-
-Da ist der Hauptmann und Oberamtmann a. D. von Wegeler, der ein
-tüchtiger, pflichttreuer Beamter war, bis ihm sein junges Weib im
-ersten Kindbett starb. Von da ab hatte er keinen Sinn mehr für seine
-Akten gehabt und vom frühen Morgen an bei der Flasche gesessen. Man
-schonte ihn so lange als möglich; eines Tages aber war er schwer
-betrunken an das offene Grab eines alten Soldaten getreten, um ihm
-nach dem Geistlichen als Vorsitzender des Kriegervereins ebenfalls
-einige Worte nachzurufen. Hin und her taumelnd hatte er einige
-unzusammenhängende Sätze hervorgestossen, bis er endlich gänzlich
-das Gleichgewicht verloren hatte und auf den blumengeschmückten Sarg
-gefallen war. Es hatte einen dumpfen Schall gegeben, der oben einen
-entrüsteten Widerhall fand und laut genug war, um bis zum Minister zu
-dringen. Er hat nachdem nicht mehr amtiert und trug sein Weh in die
-stillen Räume der Anstalt. Vom Trunk liess er bald; auch die Wunden,
-die ihm der Tod seiner Frau geschlagen, vernarbten in der alles
-heilenden Zeit. Dafür überkam ihn aber die Energielosigkeit eines
-Lebens, dem jeder Sporn fehlt, die Resignation eines Lebens, das sich
-selber verloren giebt.
-
-Sein Zimmergenosse, ein kleiner, pommerscher Pastor, der wie eine
-Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert aussieht und eine verbitterte,
-boshafte Zunge hat, bedurfte keines so jähen Anstosses, um ein
-Trinker zu werden. Fünfundzwanzig Jahre in einem elenden Dorfe,
-ganz einsam, ohne Verkehr, ohne Bücher und geistige Anregung hatten
-ihn ganz allmählich dazu gemacht. Die Bauern hatten oft Gelegenheit
-gehabt, einen Betrunkenen auf der Kanzel zu sehen, bis sich das hohe
-Konsistorium hineinmischte, und er abgesetzt wurde.
-
-Dann wohnt ein junger, bildhübscher Mann dort, der kurz nach seiner
-Beförderung zum Oberleutnant in später Nacht einst angerauscht und
-durch einen Wortwechsel erregt aus dem Kreise seiner Kameraden
-geschieden und auf dem Heimwege mit der brennenden Cigarre einem
-Pulverschuppen zu nahe gekommen war. Der Posten hatte ihn auf die
-bestehenden Vorschriften aufmerksam gemacht, vielleicht in einem
-ungebührlichen Ton. Genug, der arme, betrunkene Leutnant hatte ihn mit
-der flachen Klinge über das Gesicht geschlagen. Verwundet hatte er ihn
-nicht, aber die Militärgesetze lassen nicht mit sich spassen. Er bekam
-den schlichten Abschied, und da er zu keinem anderen Berufe vorgebildet
-war, landete auch er hier.
-
-Ach, es sind seltsame Schicksale, die sich hier zusammenfinden! ...
-
-In dumpfem Gram, in stumpfer Resignation schleppen sie ihre Tage
-dahin. Die Erinnerung, in der sie überhaupt nur leben, das Fehlen des
-weiblichen Elementes, das schon manchen zu neuem Aufstieg trieb, das
-Fehlen jeglicher Berührung mit den brausenden Stürmen und Strömen der
-Freiheit, das lässt sie ganz verkümmern.
-
-Einmal schlug aber doch eine Welle der Aussenwelt auch in ihren Frieden.
-
-Eines Tages blieb Herr von Wegeler, der als erster der Herren
-gegen Mittag das Speisezimmer betrat, überrascht in dem Thürrahmen
-stehen. Auf seinem dicken, aber bleichen Gesicht spiegelte sich ein
-fassungsloses Erstaunen, das sich mehr oder minder auch in den Zügen
-der nachfolgenden ausdrückte.
-
-Neben der Wirtschafterin, einer Pastorenwitwe, stand eine junge, hohe
-Mädchengestalt. Das Haar lag ihr in schweren, goldenen Flechten auf dem
-Haupte, und ihre Augen waren schön und klug. Sie hatte das Aussehen
-einer vornehmen Dame, wenn sie auch nur eine Erzieherin war, die ihre
-Tante besuchte.
-
-Nach der Gesamtvorstellung, die von seiten des Hausvaters, eines
-weissbärtigen Greises, erfolgte, schien sich die allgemeine Erregung
-etwas zu legen. Man ass seine Suppe wie gewöhnlich, nur dass hier und
-da verstohlene Blicke zu dem Fremdling hinüberstreiften. Bald kam aber
-die zweite Sensation. Das Fräulein, das einige Zeit verwundert auf
-die schweigenden Gesichter gesehen hatte, begann ein Gespräch. Seit
-Menschengedenken plauderte man nicht am Anstaltstisch. Es war immer,
-als ob der allgemeine Gram jedes Wort in den Kehlen zurückgehalten
-hatte. Sie aber stellte harmlos dem ihr gegenüber sitzenden Hausvater
-allerhand Fragen, sprach dann über das Wetter, Krankheiten und den
-englischen Nationalcharakter und zog allmählich auch Herrn von Wegeler
-in die Unterhaltung.
-
-Dabei bemerkte er plötzlich, dass sie mit einem Blick grenzenlosen
-Erstaunens seinen Rock betrachtete, und zum erstenmal seit langer
-Zeit dachte er daran, dass der ja ganz entsetzlich schmutzig sein
-musste. Eine brennende Röte flog über sein Gesicht. Dann aber trat
-der ehemalige Offizier in ihm hervor. Mit Gewalt seine Verlegenheit
-niederzwingend, setzte er sich durch lebhaftes Geplauder über das
-Peinliche dieses Augenblicks hinweg, und schon nach wenigen Minuten
-waren in ihm wie in den übrigen am Tische Sitzenden wenigstens die
-Formen der besseren Vergangenheit wieder lebendig geworden.
-
-Kaum dass sie die Tafel verlassen hatten, wurde von allen Seiten nach
-dem Hausdiener gerufen, und eine halbe Stunde später trabte dieser,
-keuchend unter der Last von vierzehn Oberröcken der Reinigungsanstalt
-zu. Herr von Wegeler zog sich seinen Sonntagsstaat an, und selbst
-der Ministersohn, der so lange Jura studiert hatte, bis ihm die Haare
-ausgegangen waren, suchte sich eine frische, lachsfarbene Krawatte
-hervor, obwohl er dabei murmelte, dass es doch eigentlich nur eine
-Erzieherin sei.
-
-Beim Nachmittagskaffee boten sie einen anderen Anblick. Selbst der
-kleine Pastor, der immer in den Kleiderschrank stieg, um dort einen
-heimlichen Kognak zu sich zu nehmen, hatte sich rasiert und seine Hände
-gründlicher als sonst gewaschen. Die, der zu Ehren das alles geschehen
-war, liess sich zunächst aber nicht blicken. Als sie endlich doch
-erschien, war sie im Ausgehkostüm und trug den Sonnenschirm in der
-behandschuhten Hand.
-
-»Meine Herren,« rief sie fröhlich, »wer von Ihnen will so freundlich
-sein, mich auf die Ziegelburg zu begleiten? Tante hat natürlich keine
-Zeit dafür!«
-
-Eine Sekunde blieb alles still. Jeder dachte daran, dass es ihnen
-streng untersagt war, das Anstaltsgebiet zu verlassen. Dann aber
-schoben sich dreizehn Stühle zurück, und bis auf den Pastor erklärten
-sie alle, dass es ihnen ein besonderes Vergnügen sein würde.
-
-Ein Lächeln in den schönen Augen, sah sie von einem zum andern.
-
-»Die Herren sind zu liebenswürdig,« meinte sie dann. »So viel Kavaliere
-auf einmal würde aber doch beängstigend sein. Herr von Wegeler und Sie,
-Herr Leutnant, wenn ich bitten darf. Auf Wiedersehen, meine Herren!«
-
-Und nach einem graziösen Kopfnicken ging sie den beiden Auserwählten
-voran.
-
-Nachdem sie den hohen Burgberg bestiegen und die entzückende Aussicht
-genossen hatten, die bei einem mässig guten Glase bis zur Porta
-Westphalica reicht, schlug sie vor, noch einmal in die Stadt zu fahren,
-wo sie einen kleinen Einkauf zu besorgen hatte. Herr von Wegeler und
-der melancholische Leutnant folgten ihr auch dahin. Zum zweitenmal
-übertraten sie damit die jahrelang eingehaltenen Anstaltsvorschriften.
-Aber was sollten sie thun? Der blosse Gedanke, ihr gestehen zu müssen,
-dass sie wie Schulkinder nur eine sehr begrenzte Bewegungsfreiheit
-genossen, trieb ihnen schon die Scham in das Gesicht, und beiden schoss
-es wie ein Blitz durch das Gehirn, dass es doch eigentlich schmachvoll
-wäre, in solcher Abhängigkeit zu stehen – sie, zwei kräftige, gesunde
-Menschen!
-
-Als sie heimkehrend die auf das Anstaltsgebiet führende Thür öffneten,
-sahen beide noch einmal zurück und in ihre Augen trat ein seltsamer
-Ausdruck. Dort lag die Stadt. Ihre Lichter funkelten zu ihnen herüber,
-und wie ein dumpfes Brausen schlug der Lärm der geschäftigen Freiheit
-an ihr Ohr. Das Haus vor ihnen aber lag tot und still.
-
-Herr von Wegeler konnte in der darauffolgenden Nacht nicht schlafen.
-Die Idee, wieder hinauszutreten, liess ihm keine Ruhe. Und am nächsten
-Tage nahm er einen grossen Bogen Papier zur Hand, auf dem er eine
-Eingabe an das Ministerium zu entwerfen begann. Er kam damit jedoch
-nicht zu Ende. Immer wieder hatte er zu streichen und zu verbessern,
-und so verschob er die Absendung denn von einem Tage zum andern und
-besserte tagtäglich daran herum.
-
-Es war allmählich ein ganz anderes Leben in die Anstalt gekommen. Die
-Herren hielten wieder auf ihre Kleidung, bei Tische wurde geplaudert,
-die Tagesereignisse besprochen, hier und da auch ein Scherz gemacht.
-Selbst untereinander grüssten sie sich verbindlicher, und wenn einer
-das Rasieren vergessen hatte, trafen ihn missbilligende Blicke. Der
-melancholische Leutnant bürstete sogar seinen Schnurrbart hoch und
-legte regelmässig eine Bartbinde an, wodurch er gleich viel weniger
-melancholisch aussah.
-
-An allen Ecken und Enden merkte man es, dass ein frischer Wind durch
-die modrige Luft der Resignation gefahren war.
-
-Die Gouvernante hatte aber nur einen kurzen Urlaub. Schon am nächsten
-Sonntag musste sie fort, über den Kanal zurück in die erwerbende Fron
-der Kindererziehung.
-
-Als sie sich von den Herren verabschiedete, wurde es von keinem
-besonders schmerzlich empfunden. Verliebt war ja niemand in sie, und
-niemand hatte daran gezweifelt, dass sie über kurz oder lang wieder
-verschwinden würde.
-
-Bei der nächsten Mittagstafel hatten aber dennoch alle ein
-eigentümliches Gefühl. Die alte Pastorenwitwe sass grämlich auf ihrem
-Stuhl, der Hausvater hatte den weissen Kopf beinahe ganz in die
-Schultern hineingezogen, und die Herren sahen trübe in ihre Suppe, die
-auch weniger Fettaugen zu haben schien wie früher. Einmal versuchte
-der Ministersohn mit der roten Krawatte, ein Gespräch einzuleiten. Er
-erhielt aber nur einsilbige Antworten.
-
-Am nächsten Tage war der Stumpfsinn wieder in alle seine Rechte
-eingesetzt. Die Röcke wurden wieder fleckig, Herr von Wegeler überliess
-seine Eingabe den Mäusen, der Leutnant bürstete sich den Bart nicht
-mehr, der kleine Pastor fing wieder an, das Rasieren und Händewaschen
-für Zeitverschwendung zu halten, und wenn des Abends die Lichter der
-Stadt herüberfunkelten, sah sie niemand mehr an.
-
-Für wen auch?
-
-Es war eine Welle der Aussenwelt auch in ihren »Frieden« gedrungen,
-aber sie ebbte viel zu früh zurück. Ihre Seelen sinken wieder in den
-alten Schlaf. Wie das graue Haus in der Dämmerung liegen sie da,
-tot, still, träge, während doch ganz in ihrer Nähe das Leben sich in
-gigantischer Arbeit regt und mit roten, funkelnden, bösen Augen zu
-ihnen herübersieht.
-
-
-
-
-Im Pfarrhaus.
-
-Eine stille Geschichte.
-
-[Illustration]
-
-
-»Auch dieses hat seine Geschichte. Auch dieses.«
-
-Der alte Pastor sagte es mit einem halb wehmütigen, halb frohseligen
-Lächeln, und über seine hellen, kinderguten Augen legte es sich wie der
-feine, blaue Schleier einer lieben Erinnerung.
-
-Dann, sich die erloschene Cigarette wieder über der Lampe anzündend,
-fuhr er fort: »Es haben mich schon viele gefragt, warum ich statt der
-Pfeife, die ja mit meinem Stande unzertrennlich verbunden scheint, an
-Sonntagen immer nur Cigaretten rauche, trotzdem es mir nicht gesund
-ist, und noch dazu aus so unbeholfenen Rohrspitzen. Ich will es Ihnen
-erzählen, wenn Sie vielleicht auch über die Thorheit eines altmodischen
-Mannes lächeln werden. Haben doch so viele irgend eine Gewohnheit, die
-anderen thöricht erscheint, die sie aber hegen und pflegen, weil sie
-ihnen hilft, ein liebes Gedenken wachzuhalten ... Schrauben Sie, bitte,
-die Lampe etwas niedriger, lieber Freund!«
-
-Der Kaplan, der dem alten Herrn gegenüber sass, gehorchte. Ein
-halbes, gedämpftes Licht lag nun über den hier und da wurmstichigen,
-zwei oder drei Generationen alten Möbeln und den vergilbten Büchern
-und Schriften, die in grosser Anzahl, aber in bemerkbarer Unordnung
-darauf lagen. Die grossen Holzscheite in dem eisernen Ofen knisterten
-mitunter, und die Flamme und das erhitzte Petroleum surrten vernehmlich.
-
-»Es sind jetzt gegen dreissig Jahre her, dass mich mein seliger
-Vorgänger in dieser Pfarre als Kaplan zu sich berief. Ich war damals
-wohl so alt wie Sie, fünfundzwanzig. Von vielen Seiten wurde ich
-noch gedrängt, erst, wie die meisten meiner Kommilitonen, nach
-Deutschland zu gehen, nach Leipzig oder nach Rostock, wo wir Ungarn
-grössere Stipendien geniessen, um dort meine theologischen Studien zu
-vervollständigen. Aber mir war das Studentenleben sauer geworden. Arm
-wie ich war, hatte ich mir durch Stundengeben fast jeden Bissen Brot
-selber verdienen müssen. Ich nahm also an, und so kam ich in diese
-Gemeinde. Das damalige Pfarrhaus war noch nicht so vornehm wie dieses.
-Es stand auf demselben Platze, aber das Dach war mit Stroh gedeckt, die
-Wände waren viel niedriger und die Öfen rauchten. Mitunter froren wir
-im Winter, aber es hat mir doch leid gethan, als es abgerissen wurde.
-In dem alten bin ich jung und glücklich gewesen, in das neue bin ich
-schon mit grauen Haaren eingezogen, vereinsamt bis auf meine Tochter.
-Meine selige Frau hat es nicht mehr erlebt ... Mit dem geistlichen
-Herrn kam ich in ein so freundschaftliches Verhältnis, dass ich mich
-ihm gegenüber bald mehr als Sohn des Hauses, denn als sein Kaplan
-fühlte. Weniger gut gelang mir dies bei seiner Tochter. Er war Witwer
-und sie, die ebenso alt wie unsere Böske sein mochte, also neunzehn
-Jahr, führte ihm die Wirtschaft. Schüchtern und ohne Erfahrung im
-Verkehr mit Damen, ging ich ihr beinahe aus dem Wege, so dass wir uns
-eigentlich nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen.
-
-Wenn ich nach beendetem Nachtmahl mit meinem seligen Vorgänger, wie
-es gewöhnlich war, noch ein Stündchen am Tische sitzen blieb, um über
-Weltläufte oder Gemeindeangelegenheiten zu plaudern, sass sie immer
-ganz still am anderen Ende der Tafel, mit einer Häkelei beschäftigt
-oder in alten Jahrgängen einer illustrierten Zeitschrift blätternd.
-Mitunter glaubte ich dann zu bemerken, dass sie hier und da das
-feine Köpfchen hob und mich verstohlen von der Seite ansah. Es hätte
-aber auch eine Täuschung sein können, und so gab ich denn einige Zeit
-hindurch acht, bis es mir gelang, ihre Augen mehrmals auf frischer That
-zu ertappen. Wenngleich ich mir nichts dabei dachte, beunruhigte mich
-das doch, und ich musste mir Mühe geben, mit meinen Gedanken bei dem
-Thema des Gesprächs zu bleiben, das der geistliche Herr mit mir führte.
-
-Ich mochte schon gegen sechs Monate ihr Hausgenosse gewesen sein,
-als unser Schullehrer nach einer benachbarten Stadt gewählt wurde.
-Mitten im Sommer ging er uns davon, und nun begann für uns die schwere
-Aufgabe, einen neuen zu suchen. Beinahe jeden Sonntag kam einer,
-einmal sogar zwei zugleich, die aber alle den Beifall der Gemeinde
-nicht fanden. Da sagte eines Abends der alte Herr lachend zu mir:
-›Wissen Sie, am liebsten hätte ich einen jungen und unverheirateten.
-Das gäbe dann vielleicht noch einen Mann für die Böske!‹
-
-Sie sass wie gewöhnlich über einer Häkelei und wurde ganz rot, als sie
-das hörte. Dann blickte sie zu uns herüber. ›Sag das nicht, Papa! Ich
-mag keinen Schullehrer!‹
-
-Sie hatte nervös, beinahe heftig gesprochen, wie ich es noch nie von
-ihr gehört hatte. Ich sah ganz deutlich, als sie dann den Kopf wieder
-über ihre Arbeit bog, dass ihr rechtes Ohr ordentlich glühte, was bei
-ihr – Gott habe sie selig! – ihr lebelang ein Zeichen der Erregung
-blieb.
-
-Ihr Vater war aber gut aufgelegt.
-
-›Warum denn nicht, Kind?‹ fragte er heiter. Und da sie ihm keine
-Antwort gab, wandte er sich direkt an mich.
-
-›Nun, was sagen Sie denn dazu?‹
-
-Ich wusste eigentlich gar nichts darauf zu sagen. Es schien mir
-unschicklich, in Gegenwart eines jungen Mädchens von ihrem künftigen
-Manne zu reden, und so wurde ich beinahe so rot wie sie. Nach einigen
-Minuten des Stillschweigens fühlte ich aber doch die Verpflichtung,
-etwas zu erwidern, und so antwortete ich denn so vorsichtig wie
-möglich: ›Wenn er ein ehrenhafter Mann ist, wäre es das Schlimmste
-noch lange nicht. Man kann auch in einem Schulhause glücklich werden,
-Fräulein Böske!‹
-
-Da blickte sie wieder auf, aber diesmal gerade mir in das Angesicht.
-Ihre Wangen wurden ganz bleich. Die grossen, braunen Augen hefteten
-sich wohl eine Minute lang auf mich. Dann rollten langsam zwei Thränen
-daraus, und sie beugte sich wieder über die Häkelei. Sie sagte keine
-Silbe, aber nach diesem Blicke war es mir plötzlich, als ob ich eine
-Todsünde begangen hätte.
-
-Bald darauf stand sie auf und ging in die Küche. Ich hörte sie dort
-mit dem Geschirr herumhantieren. Heute weiss ich, dass sie damals mehr
-geweint als gewirtschaftet hat. Damals fühlte ich das nur, und sobald
-es thunlich war, verabschiedete ich mich und nahm in meine Stube ganz
-seltsame und unerklärliche Empfindungen mit.
-
-Ich hatte sie bis dahin immer ›Fräulein Böske‹ angeredet, was, wie Sie
-wissen, eine Koseform von Erszibet ist, weil ich es nie anders gehört
-hatte. Das ganze Dorf nannte sie so. Am nächsten Tage aber redete ich
-sie mit ihrem Vatersnamen an. Ich kann es heute eben so wenig sagen wie
-damals, warum ich es that, aber ich weiss noch, dass es mich schmerzte,
-dass sie so gar kein Zeichen des Erstaunens darüber sehen liess. Sie
-war gleichmässig freundlich wie immer; es schien mir aber oft, auch
-wenn sie mitten in der Mittagssonne stand, dass ein Schatten auf ihrem
-Gesichte läge. Seit diesem Abende ging es mir überhaupt ganz seltsam
-mit ihr.
-
-Ich ertappte mich dabei, dass ich in der vorgefassten Absicht, auf ihre
-heimlichen Blicke acht zu geben, in das Speisezimmer trat, und dass es
-mich ordentlich schmerzte, wenn sie hartnäckig alles andere eher ansah
-als mich. Wir hatten die Rollen ganz getauscht. Jetzt spähte ich so
-oft wie nur möglich zu ihr herüber und dabei passierte es mir, dass
-ich mit einem Male bemerkte, wie wunderschönes Haar sie doch hatte. Es
-war hellbraun, und wenn gerade ein volles Lampenlicht darauf schien,
-blitzten ihre Stirnlöckchen ganz goldig. An einem der folgenden Tage
-fing ich gar an, mich über ihren graziösen Gang zu freuen. Sie war
-etwas schwächlich, aber sehr zierlich gebaut, und beim Gehen stiess
-sie mitunter mit den Knieen an die Röcke, was mir immer sehr lieblich
-vorkam.
-
-So ging es Tag für Tag. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues an ihr, und
-am Ende konnte ich auch meine Gedanken gar nicht mehr losreissen von so
-viel Schönheit.
-
-Ich erinnere mich gut, wie ich einst an meinem Schreibtisch in die Höhe
-fuhr. Die Lampe war weit heruntergebrannt. Ich musste wohl stundenlang
-geträumt haben und ich weiss, dass ich in diesen Träumereien ihre
-leichtgeöffneten, roten Lippen ganz dicht vor mir gesehen und sie
-wieder und wieder geküsst hatte. Ich war darüber erschrocken und legte
-mich eilig zu Bett, bis zum Morgen beinahe in einer alten Postilla,
-gedruckt bei Hans Lufft, anno domini 1567, lesend, ehe mir der Schlaf
-kam.
-
-Diese Postilla besitze ich noch heute. Ich habe mir noch oft daraus
-andere Gedanken angelesen und halte sie in hohen Ehren. Sie ist reich
-mit Holzschnitten verziert und trägt als Titelbild den gekreuzigten
-Heiland, zu dessen beiden Seiten Doktor Martinus Luther und der
-sächsische Kurfürst knien. Aber mir ist sie mehr wegen dieser
-Erinnerungen wert als wegen ihres Altertums.
-
-Unter diesen Umständen konnte ich es mir nicht länger verhehlen,
-dass ich eine innige Liebe zu ihr hegte, und nach den gemachten
-Beobachtungen schien es mir auch, als ob dieselbe keineswegs einseitig
-wäre. Obwohl mich dieses letztere nun mit einem ganz merkwürdigen,
-schamhaften Stolz erfüllte, trug es doch nur dazu bei, meine
-Schüchternheit zu erhöhen, und wenn sie mir bei Tisch, wie es späterhin
-hier und da doch wieder der Fall war, einen freundlich schelmischen
-Blick zuwarf, wurde ich rot wie ein Schulbube und vermochte vor
-Verlegenheit keinen Bissen mehr hinunterzubringen. So lebten wir,
-gegenseitig unsere Liebe ahnend, monatelang nebeneinander her,
-ohne dass ich je den Mut gefunden hätte, ihr auch nur ein einziges
-vertrauteres Wörtchen zu sagen. Es wurde zum zweiten Male Herbst, als
-in einem weiter entfernteren Dorfe der Geistliche starb und ich mich,
-da ich ja nicht ewig Kaplan bleiben konnte, um die vakante Stellung
-bewarb.
-
-Meine Probepredigt war gerade auf einen Sonntag angesetzt worden, an
-dem der alte Herr eine Eheschliessung in Neograt, das auch zu seinem
-Sprengel gehörte, vorzunehmen hatte. Sein Ziel lag mitten auf meinem
-Wege, und so benutzten wir beide denselben Wagen.
-
-Als wir abfahren wollten, trat die Böske zu uns heran. Erst küsste sie
-ihren Vater, dann reichte sie mir die Hand und wünschte mir Glück. Aber
-ihre Augen waren traurig dabei und ihre Stimme kaum hörbar.
-
-Ich wurde gewählt.
-
-Als ich gegen Abend nach Hause kam, war der alte Herr noch nicht
-da. Nur seine Tochter kam mir entgegen. Ich war voller Freude und
-teilte ihr fröhlich meine Neuigkeit mit. Ein stummer Händedruck war
-ihre Entgegnung. Da es schon dämmerte, konnte ich den Ausdruck ihres
-Gesichtes nicht erkennen. Als ich dann aber in das Speisezimmer trat,
-bemerkte ich, dass sie ganz blass war und verweinte Augen hatte. Und
-plötzlich fiel es mir schwer auf das Herz, dass meine Wahl ja auch eine
-Trennung von ihr bedeutete. Das Dorf war weit entfernt. Selten nur
-hätte ich auf einige Stunden zum Besuch herüberkommen können. War es
-darum, dass sie so traurig aussah?
-
-Ich konnte nicht daran zweifeln. That mir doch selber bei aller
-anfänglichen Freude das Herz weh. Und es wurde immer ärger. Die Kehle
-war mir wie zugeschnürt, und ich fühlte, dass ich keinen Bissen würde
-hinunterbringen können. Ich entschuldigte mich damit, dass ich schon
-gegessen hätte, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Trübselig sass
-ich am Tisch und brannte mir eine Cigarette an, während wenigstens sie
-so that, als ob sie einige Brocken zu sich nähme.
-
-Mit jeder Rauchwolke, die ich in die Luft blies, verfinsterte sich
-auch mein Gedankenkreis. Ich würde also von ihr gehen, ohne ihr meine
-Liebe gestanden zu haben! Wir würden meilenweit voneinander wohnen
-und alt und grau werden, ohne uns zu finden! Denn ich kannte meine
-Schüchternheit gar gut und wusste, dass ich, einmal fort von hier, es
-nie zu einem förmlichen Antrage bringen würde. Der Gedanke, jetzt, wo
-wir so schön allein waren, einfach auf sie zuzugehen und ihr Köpfchen
-in beide Hände zu nehmen und es zu küssen, kam mir auch. Aber mir
-fehlte jeglicher Mut dazu, und wir hätten uns wohl wirklich für ewig
-verloren, wenn der gute Gott uns nicht durch ein ganz unscheinbares
-Ereignis geholfen hätte.
-
-Als ich nämlich eben dabei war, mir eine zweite Cigarette zu
-drehen, stiess ich meine kleine Holzspitze aus Unachtsamkeit mit
-dem Ellenbogen vom Tisch. Ich stand auf, um sie zu suchen und war
-dabei so unglücklich, gerade mit dem Fuss darauf zu treten, so dass
-sie in zwei Teile zerbarst. Damals war ich ein leidenschaftlicher
-Cigarettenraucher, konnte es aber ebensowenig wie heute vertragen,
-dass mir der Tabak direkt in den Mund kam, und war somit über dies
-Malheur sehr betrübt. Eine andere besass ich nicht, und aus dem
-benachbarten Dorfe konnte ich mir zu dieser Stunde keine mehr holen
-lassen.
-
-Trotzdem ich den Kopf voll anderer Gedanken hatte, muss sich der
-Missmut darüber wohl auf meinem Gesichte ausgeprägt haben, denn meine
-liebe Böske stand freundlich und gefällig wie immer gleich auf, um
-in den Kästen nach einem passenden Ersatz zu suchen. Da es jedoch
-vergeblich war, fragte sie mich schüchtern, ob ich nicht bis morgen mit
-einem gehöhlten Rohr vorlieb nehmen möchte. Sie hätte selbst als Kind
-daraus geraucht, von bösen Buben verführt, und wüsste, dass es sehr
-schön ginge.
-
-Nach dieser Hinzufügung musste ich natürlich erklären, dass ich diese
-Art von Spitzen allen anderen vorzöge, wenn ich sie auch noch nicht
-praktisch erprobt hätte. Ich glaubte, dass zufällig etwas Geeignetes
-im Hause wäre, und war voller Erstaunen, als ich hörte, wie sie das
-Hausthor öffnete und die zum Garten führende Steintreppe hinabstieg.
-
-Dann aber fuhr es mir siedend heiss durch den Kopf, dass sie bis zum
-Teiche gehen wollte, um mir eine Spitze zu schneiden. Es war ein sehr
-dunkler Abend und der Weg zum Rohr schmal und holprig. Auf keinen Fall
-durfte ich sie dort allein gehen lassen.
-
-Ich holte mir also geschwind mein kleines Laternchen, setzte mir eine
-Mütze auf und eilte ihr nach. Sie musste aber gleichfalls sehr schnell
-gegangen sein, denn als ich noch auf dem Wege war, hörte ich sie schon
-das Röhricht prüfend auseinander biegen und sah ihre helle Schürze zu
-mir herüber schimmern.
-
-Als ich sie erreicht hatte, redete ich sie ein wenig erregt und mit
-sanftem Vorwurfe auf dieses Wagnis hin an, das für mich doch allzuviel
-der Freundschaft wäre und bei dem sie leicht hätte zu Schaden kommen
-können.
-
-»O, ich kenne die Wege,« erwiderte sie mir. »Überdies werde ich ja
-nicht mehr lange Gelegenheit haben, Ihnen nützen zu können. Lassen Sie
-es sich für dieses Mal also nur ruhig gefallen!«
-
-Diese Worte schnitten mir tief in das Herz. Als ich dann in dem
-Bestreben, ihr zu leuchten, mit meiner Hand ihre Schulter berührte,
-fühlte ich, dass sie am ganzen Körper bebte, und mich dünkte es,
-als ob es von verhaltenen Thränen käme. Da wurde es mir ganz wirr
-im Kopf. Alles, was ich so lange an Liebe und Leidenschaft still
-mit mir herumgetragen hatte, rebellierte mit einem Mal gegen meine
-Schüchternheit, und nachdem ich ein kurzes, aber inbrünstiges
-Stossgebet zum lieben Herrgott geschickt, dass er ja in den nächsten
-Minuten nicht den Mond aufgehen lassen soll, liess ich mein Laternchen
-fallen, umschlang sie mit beiden Armen und küsste sie ohne Aufhören
-wohl unzähligemal hintereinander.
-
-Anfänglich liess sie sich das ohne Widerstreben gefallen, und ich
-glaubte sogar den Gegendruck ihrer Lippen zu verspüren. Plötzlich aber
-stiess sie einen kleinen Schrei aus, und ihre schwachen Händchen gegen
-meine Schulter stemmend, versuchte sie mich fortzuschieben.
-
-Später hat sie mir gestanden, dass ich sie so leidenschaftlich umfasst,
-dass ihr in der Rückengegend ein Korsettstäbchen zerbrochen wäre, was
-sie arg geschmerzt hätte. Damals aber, als ich dies noch nicht wusste,
-weckte ihre Gegenwehr meine ganze Schüchternheit wieder auf.
-
-Ich war über die begangene Keckheit auf den Tod erschrocken und wäre
-am liebsten in den Erdboden versunken. Da sich dieser aber trotz seiner
-Weichheit dazu nicht hergeben wollte, bückte ich mich wenigstens, um
-mein Laternchen aufzuheben und dann spurlos zu verschwinden.
-
-So am Boden kauernd und mit den Händen umhertastend, bat ich in
-kläglichem Tone um Entschuldigung und behauptete, dass ich nun
-wohl wüsste, dass ich vorhin ganz von Sinnen gewesen wäre. Am Ende
-titulierte ich sie gar ›gnädiges Fräulein‹, was ich sonst noch nie
-gethan hatte, wohl in der instinktiven Absicht, ihr durch diese Anrede
-nun einen verdoppelten Respekt zu bezeugen.
-
-Da hörte ich sie mit einem Mal lachen, so hell und doch so leise, als
-ob ein Vöglein im Röhricht gezwitschert hätte.
-
-›Spricht man so mit einem Mädchen, das man vor einer Minute noch
-geküsst hat, Herr Kaplan?‹
-
-Und ehe ich mich noch ganz aufrichten konnte, fühlte ich ihre Arme um
-meinen Nacken, und zweimal küsste sie mich auf den Mund. Beim ersten
-Kuss empfand ich nicht viel mehr als Schrecken und Staunen, wie Moses,
-als ihm der Herr im Dornbusch erschien. Beim zweiten aber wusste ich
-schon, dass mir damit eine Gnade zu teil würde, die nur einmal vorkommt
-im Leben, und ich liess das Laternchen schlafen. Wir fanden die Wege
-auch im Dunkeln.
-
-Als wir endlich in das Zimmer zurückgingen, schleifte ich einen langen
-Stock Rohr hinter mir her, und mit solcher Begeisterung, wie wir damals
-Spitzen schnitten, hat es seitdem wohl kein dritter mehr gethan.
-
-Die Gute! Sie wurde bald meine Frau. Als ihr Vater starb, kehrte ich
-als Pfarrer in diese Gemeinde zurück, und über zwanzig Jahre haben wir
-Lust und Leid miteinander geteilt ... Nun wissen Sie, warum ich noch
-heute des Sonntags Cigaretten aus Rohrspitzen rauche. Es ist zu ihrem
-Gedächtnis, zum Gedächtnis an unseren ersten Liebestag. Dreissig Jahre
-habe ich es gehalten, und gedenke es auch weiter so zu halten, bis mich
-der Allmächtige – hier lüftete er demütig sein Käppchen – zu sich ruft
-und mich wieder mit ihr vereint.«
-
-Während seiner letzten Worte hatte sich die Thüre geöffnet und ein
-junges, vielleicht neunzehnjähriges Mädchen war auf der Schwelle
-erschienen.
-
-Über das Gesicht des Kaplans, der bisher nachsinnend vor sich
-hingesehen hatte, glitt ein schelmisches Lächeln.
-
-»Die jungen Vögel bauen sich Nester, wenn ihre Zeit kommt, auch ohne
-dass sie von ihren Altvorderen gehört hätten, wie man das macht. Von
-heute ab werde ich auch aus Rohrspitzen rauchen, Herr Pastor, und gebe
-es Gott, dass es bei mir zu demselben Glücke führt, wie bei Ihnen!«
-
-Und mit einem kräftigen Rucke brach er einer Regiecigarette das
-Mundstück ab, und aus der Brusttasche eine sorgfältig in Papier
-eingeschlagene Rohrspitze hervorholend, zündete er sie sich darin an.
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-»Wie meinen Sie das?« fragte der alte Herr zerstreut.
-
-Er war in Erinnerungen verloren. Auch wenn es heller gewesen wäre,
-hätte er es kaum bemerkt, dass seine Tochter, die ihn zum Nachtmahl
-rufen wollte, beim Anblick dieser Rohrspitze ganz purpurrot geworden
-war und dann aus dem Schatten herüber dem jungen, blondbärtigen Kaplan
-vorsichtig mit dem Zeigefinger drohte ...
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-Soeben ist im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= zu =Leipzig=
-erschienen der =neueste Roman= von
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-YVETTE GUILBERT:
-
-Die Halb-Alten
-
-Les Demi-Vieilles
-
-Einzig autorisierte Ausgabe übersetzt von Ludwig Wechsler.
-
-2. Auflage.
-
-_Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--._
-
-Im Vorwort dazu sagt Yvette Guilbert:
-
- »_Ce livre a été écrit pour être lu des yeux qui pleurèrent
- beaucoup et aussi pour être le défenseur, l’ami avoué et dévoué
- de toutes celles qui furent des sensibles, des impressionables,
- des douloureuses, des tendres, des femmes!_«
-
-Mit einer mühsam verhaltenen Leidenschaft, die aber überall den echt
-Pariser Charme verrät, erzählt Yvette von den armen Frauen, erzählt mit
-einer sich windenden Schmerzlichkeit, die dann und wann wie aus der
-Glut einer Feuerflamme geradezu elementar hervorbricht. Die Tragik der
-Frauen, die in der Liebe alt werden, das ist der Untergrundton, den sie
-in ihren »Demi-Vieilles« anschlägt. Es wird sozusagen das fürchterliche
-Schicksal einer Ninon de Lenclos aufgerollt, die mit achtzig Jahren
-noch so jung und schön gewesen sein soll, dass sich Jünglinge in sie
-verliebten, und im weiteren Sinne wird die unerbittliche Grausamkeit
-gezeigt, die überhaupt in dem Altwerden der Frau liegt. Alle Frauen und
-Männer, denen ein im besten Sinne modernes, menschlich bedeutungsvolles
-Buch etwas zu sagen hat, werden Yvette Guilberts »Demi-Vieilles« lesen
-müssen, und es mit wirklich grossem Interesse und mit Lust lesen.
-
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-_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._
-
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-Im Verlage von =Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig=, ist soeben
-erschienen:
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-Die Vaclavbude
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-Ein Prager Studentenroman von =Karl Hans Strobl=.
-
-Preis brosch. M. 3,–, geb. M. 4,–
-
-»Nach der süßlichen Romantik »Alt-Heidelbergs« wirkt ein so gesundes
-Buch wie das vorliegende doppelt wohlthuend. Strobl schildert in
-seinem Studentenroman die letzten Tage der sturmbewegten Zeit unter
-dem Ministerpräsidenten Badeni. Plötzlich fühlt man sich in jene Zeit
-zurückversetzt und lebt den Prager Rummel bis zur Verhängung des
-Ausnahmezustandes mit ... Die Schrecken dieser wenigen Wochen sind von
-dem Autor mit einer solchen Anschaulichkeit geschildert, daß es einem
-an mancher Stelle den Atem verschlägt.«
-
- »Deutsche Zeitung,« Wien.
-
-»Strobls Erzählung, deren schlichte Helden ein paar Prager
-Burschenschafter sind, schildert mit großer dichterischer Kraft
-und Anschaulichkeit, die stellenweise an das Packendste, was Zola
-geschrieben hat, erinnert, Stimmungen und Vorgänge in den blutigen
-Prager Dezembertagen nach dem Sturz des Ministeriums Badeni ...«
-
- »Vossische Zeitung,« Berlin.
-
-»In der Beschränkung ein Meisterwerk, verdient Strobls Roman, aus
-Mähren die Reise durch ganz Deutschland und Deutschösterreich zu
-machen ... Im Nationalitätenkampfe steht der Brünner Dichter mit
-ganzer Seele auf der Seite der Deutschen, seiner Landsleute, von deren
-Berufung zur Weltherrschaft und kultureller Mission er fest überzeugt
-ist ... Karl Hans Strobl hat den österreichischen Roman der Gegenwart,
-in dem das psychologisch-soziale Moment pocht und hämmert, erschaffen.
-Möchte er dafür auch die gebührende Anerkennung weitester Kreise
-finden!«
-
- »Tagesbote aus Mähren und Schlesien.«
-
-
-
-
-Im Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger= in =Leipzig= sind erschienen
-die neuesten Romane von =Victor Blüthgen= und =C. Eysell-Kilburger=
-(Frau Victor Blüthgen).
-
-
-Die Spiritisten
-
-Roman von
-
-Victor Blüthgen.
-
-Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--.
-
-»Wer dem Spiritismus nicht gänzlich ablehnend gegenübersteht, wer den
-geheimen Wunsch hat, das verschleierte Gebiet der 4. Dimension kennen
-zu lernen, wer vielleicht schon gar im stillen einen Ausflug dorthin
-versucht hat, dem sei mit warmem Herzen dies Buch empfohlen ... Die
-›Spiritisten‹ sind amüsant von der ersten zur letzten Seite, und man
-wird das Buch nur ungern vor Schluss aus der Hand legen.«
-
- Altonaer Nachrichten.
-
-
-Dilettanten des Lasters
-
-Roman von
-
-C. Eysell-Kilburger (Frau Victor Blüthgen).
-
-Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--.
-
-»... ein Werk, das man nicht als Unterhaltungslektüre bemessen darf.
-Man kann den Roman als Beitrag zur Frauenfrage betrachten ... Der
-ganze Roman bietet in der Handlung ein aufgegriffenes Stück Leben von
-ergreifendem Ausklang, das um so wertvoller erscheint, je mehr man sich
-hinein vertieft, und das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.«
-
- Stettiner Zeitung.
-
-»... Man meint nach der Lektüre dieses Romans die Mädchen persönlich
-zu kennen, diese Mädchen mit der frohbewussten äusseren Unabhängigkeit
-vom Manne und der heissen inneren Sehnsucht nach ihm. Diese Mädchen,
-die in brennender Neugier gern des Lebens süssestes Geheimnis ergründen
-möchten und doch wieder vor der Entschleierung des Bildes zu Sais
-schaudernd zurückschrecken und sich begnügen, nur mit zagen Fingern
-daran vorüberzustreifen – Dilettanten des Lasters.«
-
- Wiesbadener Tageblatt.
-
-
-_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes._
-
-
-Wenn die Menschen reif zur Liebe werden
-
-Von
-
-Edward Carpenter
-
-Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt und
-eingeleitet von =Karl Federn=.
-
-Preis brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--
-
-Während unsere moderne Erziehung meist mit einer scheuen
-Verschwiegenheit über die Fragen sexueller Natur und ihre heimlichen
-Abgründe hinwegzuleiten sucht, erörtert der Verfasser, frei von aller
-Aengstlichkeit und Prüderie, dieses für das Lebensglück jedes Einzelnen
-und für unsere gesamte Kultur so hochwichtige Problem. Mit dem ruhigen
-und vorurteilsfreien Blick des Naturforschers vereinigt er den idealen
-Schwung des Propheten und socialen Reformators. Die unhaltbaren und
-unreifen Zustände der Gegenwart unterzieht er einer tief eindringenden
-Kritik und gewinnt aus ihnen die Fundamente einer neuen, höheren
-Weltanschauung, welche die Sinne nicht durch Askese und unsinnliches
-Idealisieren verkrüppeln läßt, sondern der Persönlichkeit ein freies
-Ausleben aller ihrer Kräfte und Fähigkeiten ermöglicht. »Nicht nur fort
-sollst du dich pflanzen, sondern hinauf.« Dieses Wort Nietzsches könnte
-man der Schrift als Motto voransetzen. Es ist eins von jenen Büchern,
-durch das der warme Hauch des Lebens weht, ein Grund- und Eckstein von
-jenem großen Bau der Zukunft, an welchem wir mitzuarbeiten alle berufen
-sind.
-
-
-Verlag von =Hermann Seemann Nachfolger Leipzig, Goeschenstr. 1=.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Lange
- Reihen von Gedankenstrichen wurden einheitlich gekürzt. Ein
- Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Orientierung ergänzt.
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