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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Türkische Märchen - -Author: Friedrich Giese - -Release Date: February 4, 2023 [eBook #69949] - -Language: German - -Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading - Team at https://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This - file was produced from images generously made available by - The Internet Archive) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TÜRKISCHE MÄRCHEN *** - - - - - TÜRKISCHE - MÄRCHEN - - HERAUSGEGEBEN VON FR. GIESE - VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS IN JENA - 1925 - - - - - - - - -EINLEITUNG - - -Die türkischen Märchen, die dieser Band bietet, sind zweierlei Art: -Volksmärchen und Kunstmärchen. Die ersteren umfassen die Nummern 1 bis -21, die zweiten die Nummern 22 bis 66. Die letzteren sind die Märchen, -die, in der Hauptsache aus Indien stammend, ihren Weg über die ganze -Welt gemacht haben und auch durch Vermittlung des Persischen nach der -Türkei kamen. Sie sind in den Märchensammlungen der Qyrq vezir, dem -Humajunname und dem Tutiname enthalten. - -Diese genannten Sammlungen sind keine sklavischen Übersetzungen, -sondern kunstvolle Umarbeitungen, die als Produkte der türkischen -Literatur ihren eigenen Wert und ihre Bedeutung haben. Einfluß auf das -Volk haben sie nur indirekt ausgeübt, da sie ihres künstlichen Stiles -wegen dem Ungebildeten nicht verständlich waren. Trotzdem finden wir -auch in den Volksmärchen viele Stoffe aus diesen Sammlungen. - -Türkische Volksmärchen sind zuerst in größerem Umfange von Ignác Kúnos -gesammelt und herausgegeben worden. Ich nenne nur seine -Hauptsammlungen: - -1. Osmán-török népköltési gyűjtemény (2 Bände), Budapest 1887–1889. - -2. Band VIII von Radloffs Proben der Volksliteratur der türkischen -Stämme, Petersburg 1899. - -3. Ada-Kalei török népdalok, Budapest 1906. - -4. Materialien zur Kenntnis des rumelischen Türkisch (mit deutscher -Übersetzung), Leipzig 1907. - -Er hat auch einen Band: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden ohne -Jahr, in deutscher Sprache herausgegeben, die aber mehr eine freie -Bearbeitung als eine Übersetzung sind. - -In der Türkei sind verhältnismäßig sehr wenige solcher Sammlungen -gedruckt worden. Abgesehen von einzelnen Erzählungen sind in den -früheren Jahren nur zwei Sammlungen erschienen. Erstens das Billur -kjöschk, so genannt nach dem Titel des ersten Märchens dieser Sammlung, -und zweitens Horos kardasch. Von diesen ist das letztere von Georg -Jacob übersetzt und in der Türkischen Bibliothek, Band V, Berlin 1906, -erschienen. Von dem ersteren, über das man Georg Jacob, Die türkische -Volksliteratur, Berlin 1901, S. 5 ff. vergleiche, war schon oft eine -deutsche Übersetzung gewünscht worden. Die in Amerika erschienene -englische Übersetzung: Told in the Gardens of Araby (untranslated till -now) by Izora Chandler and Mary Montgomery, Neuyork 1905, ist mir -unzugänglich geblieben. Ich habe daher die ganze Sammlung übersetzt. Es -sind die ersten 14 Märchen dieses Bandes. Inzwischen ist nun noch eine -Übersetzung von Theodor Menzel erschienen in Beiträge zur Märchenkunde -des Morgenlandes, herausgegeben von Georg Jacob und Theodor Menzel, -Band II, Hannover 1923. - -In neuester Zeit hat man auch in der Türkei angefangen, sich mehr für -das Märchen zu interessieren. Davon gibt zunächst ein Band: Türk -Masallary (Türkische Märchen) von K. D. in Konstantinopel, Druckerei -Mahmud Bej 1329/1911, und die Veröffentlichungen des Türk Yurdu der -letzten Jahre Kunde. - -Die Türk Masallary enthalten eine sehr hübsche Sammlung bekannter und -unbekannter Märchen, die recht geschickt erzählt sind. Sie sind zwar im -allgemeinen in einem einfachen Stil gehalten, aber sehr häufig finden -sich doch Wendungen, die dem Volke nicht verständlich sind. Sie wenden -sich mehr an den Durchschnittsgebildeten, dem sie diese Märchen in -etwas verfeinerter und veredelter Gestalt darbieten. Da der gebildete -Türke über diese Gattung Literatur im allgemeinen die Nase rümpft, so -ist dies Bestreben durchaus anzuerkennen, aber von ihrer schlichten -Einfachheit haben sie doch viel verloren. Von diesen Märchen ist bis -jetzt das erste von Beck in dem Korrespondenzblatt der -Nachrichtenstelle für den Orient Nr. 9, Berlin 1917, übersetzt. Der -türkische Text ist von ihm in der Sammlung: Der islamische Orient, -Heidelberg 1917, veröffentlicht. Ich habe in meiner Übersetzung eine -Probe in den Nummern 19 bis 21 gegeben. - -Die Publikationen des Türk Yurdu wenden sich an die Jugend. Sie sind in -reinem Türkisch geschrieben. Leider sind neben echt türkischen auch -allerhand moderne europäische Stoffe übernommen. Ich habe aus dieser -Sammlung das Märchen: In der Jugend oder im Alter?, das von Ömer -Sēfüddīn verfaßt ist, übersetzt. - -Neben diesen Märchen, die aus türkischen gedruckten Sammlungen -entnommen sind, habe ich dann die Märchen übersetzt, die ich in -Kleinasien aus dem Munde gänzlich ungebildeter Leute gesammelt und in -meinem Werke: Materialien zur Kenntnis des anatolischen Türkisch, Halle -1907, veröffentlicht habe. Es sind dies die Nummern 15 bis 19. -Stilistisch stehen sie natürlich am tiefsten, denn es sind eben keine -Erzähler von Beruf, die sie mir mitgeteilt haben. Aber gerade in ihrer -Unberührtheit von jeder Kunst der Darstellung geben sie ein Bild der -türkischen Märchen in ihrer primitivsten Form. - -Von den Kunstmärchen stammen 22 bis 40 aus dem Tutiname oder -Papageienbuch, 41 bis 63 aus dem Humajunname und 64 bis 66 aus dem Qyrq -vezir. Wie schon vorher gesagt, sind dies Übersetzungen, die in letzter -Linie auf indische Vorbilder zurückgehen. Ich verweise hierfür auf den -bibliographischen Wegweiser in Georg Jacob, Beiträge zur Märchenkunde -des Morgenlandes, Band I, Hannover 1923, und auf Johannes Hertel, Das -Pañcatantra. Seine Geschichte und seine Verbreitung, Leipzig und Berlin -1914. - -Vom Tutiname gibt es eine vollständige deutsche Übersetzung von Georg -Rosen (Tuti-nameh. Das Papageienbuch. Eine Sammlung orientalischer -Erzählungen. Nach der türkischen Bearbeitung zum ersten Male übersetzt -von Georg Rosen, Leipzig 1858). Aus dieser Übersetzung habe ich die -Verse und auch hier und da besonders glückliche Verdeutschungen des -Prosatextes beibehalten. - -Die Qyrq vezir hat Walter Fr. Adolf Behrnauer (Die vierzig Veziere oder -weisen Meister, Leipzig 1851) übersetzt. Ich habe Nr. 64 bis 66 daraus -übernommen mit gelegentlichen Verbesserungen. - -Von dem Humajunname existiert bis jetzt keine deutsche Übersetzung, -denn die von Suby Bey: Fabeln und Parabeln des Orients, Berlin 1903, -herausgegebene ist nur eine inhaltliche Wiedergabe einiger -ausgewählter Stücke. Ebendasselbe gilt von der französischen -Bearbeitung Gallands und Cordonnes und der aus ihr geflossenen -deutschen. Es sind alles selbständige Umarbeitungen des Inhaltes. -Allerdings ist nun eine wörtliche Übersetzung für ein nicht -orientalisch gebildetes Publikum eine Unmöglichkeit. Das Humajunname -ist nämlich in einem so gekünstelten, mit Koranstellen und Versen -geschmückten Stil geschrieben, der eine Menge Anmerkungen und -Erklärungen nötig machen und den Leser ermüden würde. Ich habe daher -das überflüssige Beiwerk ausgelassen und die Weitschweifigkeiten -gekürzt, aber sonst, soweit es anging, übersetzt. - -So dürfte dieser Band einen guten Überblick über das türkische Märchen -in seinen verschiedenen Darstellungen geben. Verwandte Stoffe der -Volksliteratur, wie den Volksroman, das Karagöz usw., hielt ich nicht -für angebracht, in dieser Sammlung zu vereinigen. Es ist auch schon -mancherlei davon in deutschen Übersetzungen vorhanden. Ich nenne nur -die schöne Übersetzung des Köroglu von Szamatolski in der -wissenschaftlichen Beilage zum Jahresberichte der sechsten städtischen -Realschule zu Berlin, Ostern 1913, sowie die Karagözübersetzungen Georg -Jacobs und verweise für die letzteren auf seine Türkische -Literaturgeschichte in Einzeldarstellungen: Heft I, Das türkische -Schattentheater, Berlin 1900. - -Bei der Übersetzung habe ich mich im Gegensatz zu Kúnos möglichst an -das Original gehalten, um dessen Einfachheit nicht zu zerstören. Nur -da, wo sich der türkische Satzbau nicht wiedergeben ließ, habe ich mir -Freiheiten erlaubt. Jedenfalls kann die Übersetzung, soweit das möglich -ist, eine wörtliche genannt werden. Die Weitschweifigkeiten, die -Wiederholung derselben Wörter und die Unebenheiten im Stile, z. B. im -Subjektswechsel, fallen dem Original zur Last. - - - - - - - - -1. DIE GESCHICHTE VON DEM KRISTALLPALAST UND DEM DIAMANTSCHIFF - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am -Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher -Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt -und der Hodscha [1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten: -„Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube -machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen -Ausweg gibt.“ - -Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde -eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das -Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und -abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in -sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es -nicht seinesgleichen. - -Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle, -die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie -brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da -sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so, -daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein -Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen -versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre -Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt -fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die -Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich -selber um.“ - -Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte, -die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder -die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah, -hole sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag -sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“ -Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen -Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den -Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und -sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen -Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und -schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich -mich sofort um.“ - -Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn -dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort -an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er -fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des -Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder, -der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist -unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt. - -Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte: -„Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig -geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit -Vergnügen.“ - -Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich -und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und -gingen dort spazieren. - -Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum -Dschihan-i-alem [2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und -sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von -Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu -seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von -Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht -mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen -und ihn ansehen. Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“ -Da gab sein Vater die Erlaubnis. - -Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich -auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach -einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz -erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort -erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“ - -Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von -allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er -und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort -vor Anker. - -Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder -zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen -und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem -gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich -dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die -Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und -fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu -sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen -nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“ -und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das -Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und -aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf -das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß -aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der -Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind -nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein -Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns -jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle -(d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem Vater und -sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten, -dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen -sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven -befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“ -Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es -wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen -Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau -zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater, -küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen -Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr -Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie -wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und -sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah -möge Heil geben!“ - -Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße -Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das -Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag -wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der -linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab. - -An jenem Tage lobte sie die ganze Welt und Hunderttausende priesen sie -mit den Worten: „Was ist das für eine geschickte Prinzessin!“ Die -Prinzessin war der Kapitän, ihr Gehilfe ein alter Kapitän und die -Sklaven und Sklavinnen in ihrer Begleitung wurden als Soldaten -gebraucht und von ihr befehligt. Eines Tages kamen sie nach Jemen. Sie -lief in den Hafen ein, ging dort vor Anker und blieb jene Nacht dort. - -Der dortige Aufsichtsbeamte hörte davon und kam es sich anzusehen. Als -er es sah, sagte er: „Wer ist das wohl? Solch ein Schiff habe ich in -meinem Leben nicht gesehen, Allah möge es vor dem bösen Blick -bewahren!“ Dann ging er sofort zum Schloß und machte Meldung: „Mein -Padischah, gestern ist ein Schiff angekommen, das unbeschreibbar ist. -Reiner Diamant und Juwelen! Es lohnt sich, es einmal anzusehen.“ Da -schickte der Schah seinen Lala [3] und sagte: „Forsche nach und komme -wieder mit der Nachricht, wer es ist.“ - -Dann bestieg sein Adjutant eine Schaluppe und fuhr nach dem -Diamantschiff. Als nun die Prinzessin sah, daß der Adjutant kam, -kleidete sie ihre Mannschaft vom Kopf bis zu den Füßen in rote Kleider. -Als endlich die Schaluppe sich der Landungstreppe näherte, ging die -gesamte Mannschaft ihm entgegen und führte ihn nach oben geradeswegs -zur Kabine des Kapitäns. Er setzte sich auf einen Stuhl und wurde -freundlich begrüßt. Er sagte: „Aber mein Bej, ich möchte noch gern -länger bleiben, aber der Schah erwartet mich, ich bin gekommen, um -Kunde einzuholen. Wenn Sie mir Ihren schönen Namen sagen würden, würde -ich den Padischah benachrichtigen.“ - -Der Kapitän sagte: „Ich bin ein Kaufmannssohn und bin auf die Reise -gegangen, um mich zu vergnügen.“ Da ging er dann zum Padischah und -sagte: „Padischah, das angekommene Schiff ist ein Handelsschiff, sein -Kapitän ist ein junger Mann ohne Schnurr- und Backenbart, schön wie ein -Mond am Vierzehnten. Seine Mannschaft ist ihm ganz entsprechend. Ja, -mein Herr, es lohnt sich wirklich, es einmal anzusehen.“ Der Padischah -bekam Lust und wünschte hinzugehen. Dann bestieg er eine Schaluppe mit -sieben Doppelrudern und ging mit seinem ganzen Hofstaat auf das Schiff. - -Als der Kapitän sah, daß der Herrscher kam, ließ er die ganze -Mannschaft gelbe Kleider anziehen. Als der König sich der -Landungstreppe näherte, gingen sie ihm alle entgegen und führten ihn -nach oben. Als er in die Kabine des Kapitäns kam, empfingen sie ihn mit -Ehren und bewirteten ihn mit Kaffee und Tabak. Der Padischah war -erstaunt. Danach brach er wieder auf und ging in sein Schloß. - -Als der Prinz das hörte, verstand er sofort die Sache. Dann bestieg er -eine Schaluppe und fuhr nach jenem Schiffe. - -Wir wollen jetzt wieder zum Kapitän kommen. Wie das vorige Mal, ließ er -die ganze Mannschaft grüne Gewänder anziehen. Jetzt legte der Prinz an -dem Schiffe an. Sie gingen ihm alle mit Ehrerbietung entgegen. -Schließlich kam er in die Kabine des Kapitäns und verweilte dort. Jetzt -fragte der Prinz den Kapitän eingehend nach allem. Der Kapitän gab sich -nicht zu erkennen. Der Prinz verliebte sich in den Kapitän und konnte -sein Auge nicht von seinem Auge trennen. Als es schließlich Abend -wurde, mußte der Prinz wohl oder übel aufstehen und in sein Schloß -fahren. - -Wir wollen uns nun wieder zum Kapitän wenden. Er schickte zu dem -Aufsichtsbeamten der dortigen Gegend. Unter seiner Vermittlung legten -sie das Schiff ins Dock. Vor dem Schloß war ein großer Palast. Den -mieteten sie und ließen es sich gut gehen. Wir wollen uns jetzt zum -Prinzen wenden. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, kam er an die -Stelle, wo das Schiff gewesen war, und sieht, daß keine Spur davon da -ist. „Ach, Gott“, sagte er, und schlug mit seinem Kopf auf den Boden. -Er kam zu seinem Lala und fragte ihn. Der Lala erklärte ihm alles, -eins nach dem anderen, und das Herz des Prinzen wurde wieder froh. -Dann ging er ins Schloß. Als er vom Gartenhaus in das Fenster des -erwähnten Palastes sah, fällt sein Blick auf das Mädchen. Der Prinz -wurde verwirrt. Wer ist das wohl? Sollte es die Frau des Kapitäns sein? -vermutete er bei sich. Es war eine Schönheit, die in der Welt nicht -ihresgleichen hatte; die Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt. - -Als jetzt das Mädchen auch den Prinzen sah, schloß sie das Fenster und -zog sich ins Innere zurück. Da verliebte sich der Prinz von neuem in -sie, und indem er den Palast von allen vier Seiten umging, sagte er: -„Ach, ob ich wohl noch einmal diese Schöne wieder sehen kann?“ Als es -schließlich Nacht wurde, zog er sich in sein Zimmer zurück und weinte. - -Am nächsten Morgen kam er in das Gartenhaus und sieht, daß niemand am -Fenster ist. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ging er zu seiner -Mutter und sagte: „Ach, Mutter, in diesem Palaste uns gegenüber wohnt -die Frau des Kapitäns, ich habe sie am Fenster gesehen und mich in sie -verliebt, nimm diese diamantbesetzten Holzschuhe und bringe sie ihr als -Geschenk. Ich möchte noch einmal ihr Gesicht sehen, sonst bringe ich -mich um.“ Die Mutter stand wohl oder übel auf und ging sofort zum -Palast des Kapitäns. Nachdem sie eingetreten und gegrüßt hatte, gab sie -die genannten Holzschuhe dem Mädchen. Das Mädchen nahm auch die Schuhe -und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Die arme Dame wunderte sich -und sagte zu dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der Prinz grüßt Sie -besonders und wünscht Ihr gesegnetes Gesicht zu sehen, aber wie denken -Sie darüber?“ Das Mädchen gab keine Antwort. Nachdem sie noch einige -Zeit gesessen, ging sie in das Schloß und sagte zornig zum Prinzen: -„Ich habe jenem Mädchen die Schuhe gegeben. Sie nahm sie und gab sie -den Sklavinnen in der Küche. Ich war sehr ärgerlich, und obgleich ich -ihr deine Sache auseinandergesetzt habe, gab sie überhaupt keine -Antwort. Dann stand ich auf und ging hierher. Wenn dein Kummer auch -noch so groß ist, so mußt du dich damit abfinden.“ - -Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen. -Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach, -liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“ - -Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins -Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein -Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal -sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner -Mutter die Hände. - -Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie -eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem -Mädchen. - -Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing. -Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der -Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie -zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu -sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt -Futter.“ - -Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst -seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein -Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und -hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das -Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde -ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie -das mit uns wird.“ - -Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr -nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen -nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte: -„Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht -hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt -billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin. - -Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin -kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben. -Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran -heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt -ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr: -„Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird -er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem -Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für -einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich -zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind, -wir wollen tun, was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen: -„Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke -machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann -an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann -werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“ - -Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach, -Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen -antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und -rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen -Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen -und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“ - -Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben -hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte -an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man -schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und -ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach -sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und -kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt: -„Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt -und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht -sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt -zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das -Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht -zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“ - -Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem -eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die -Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der -einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter -auf. Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen -Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich -kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust -ansehen.“ - -Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein -Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt -und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt -tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So -wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf -beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen. -‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll -man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde -dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach -Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“ - -Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins -Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen -hat.“ Das beschlossen sie. - -Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen -goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der -Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles. - -Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das -Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war, -mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging -das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da -ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg -sie das Schiff und fuhr ab. - -Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich -abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter: -„Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben. -Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des -Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte: -„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“ -Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann -küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein -Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die -Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf -den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten -Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie -führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht -schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte: -„Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem -Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu -verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine -Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die -Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten -erreichten glücklich ihre Absicht. - -Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre -Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte -Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage -und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht -auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die -beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und -damit Schluß. - - - - - - - - -2. DIE GESCHICHTE VOM SCHÖNEN HALWAVERKÄUFER [4] - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren -Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines -Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu -gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin [5] -an. Wenn du etwas brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte -er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem -Hedschas. - -Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret, -und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen -im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und -konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt -sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu -ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die -Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte: -„Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas -schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete: -„Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich -sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und -dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten. -Nimm du morgen zum Schein ein Bündel [6] unter den Arm und gehe zum -Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“ -So verabredeten sie sich. - -Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm -und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens: -„Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und -schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden -und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren -besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit -ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich -belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder -ordentlich zurück.“ - -Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie -irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem -Hedschas gegangen ist, heute gerade zwei Tage her. Da werden die Leute -uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen -sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre -Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen -Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen -hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis -geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die -Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der -Müezzin gemietet hatte. - -Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten -um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? -Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist -noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie -sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“ - -Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau -ging nach Hause. - -Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht -sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn -sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und -sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen -spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand -da.“ - -Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte, -wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete: -„Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der -Müezzin einverstanden. - -Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken. - -Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der -Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie -seifte seinen Kopf gehörig ein, so daß er die Augen geschlossen halten -mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und -verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie -ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und -nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht -wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des -Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der -Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen -hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter -fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre -Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad -ohnegleichen.“ - -Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach -einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht -zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur -von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser -kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in -keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so -sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so -voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den -Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit -den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte -ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn -zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch -sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er -legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen -war, daß er sich nicht rühren konnte. - -Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater -des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine -Hure geworden und läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte -er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las -ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das -nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne: -„Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe -mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“ - -Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er -in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen -Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm -alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf -die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an -die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach -unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein -Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm -entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit -ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte: -„Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter -ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater -dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter -den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist -der Grund meines Kommens, Schwester.“ - -Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich -sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er -nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner -Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen. -Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten -sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg -zu Berg. - -Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf -den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und -sagte: „Da, Vater, habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter -gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich -aus dem Gerede der Leute gekommen.“ - -Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das -Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken. -Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den -Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab -dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie: -„Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr -dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum -steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den -Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum. - -Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses -Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam -schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und -führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser -nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu -bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen -getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz -das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz -seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das -Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das -Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen -heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann -nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater -die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren -Brauch des Propheten jenes Mädchen. - -Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am -einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit -hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen. - -Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem -Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen -so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß -das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du -so?“ - -Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir -meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der -Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“, -sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich -Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte -der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt? -Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir -deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst -sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“ - -Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und -Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so -möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie -noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder -zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so -sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern -gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese -Nacht. - -Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die -Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit -ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm -als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort -und machten sich auf die Reise. - -Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte -zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine -Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine -Sache! Das ist ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin, -du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht -willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es, -erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er -wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir -willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen -sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“ -Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete -es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine -Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie -etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an, -steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei -Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich -mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß -ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir -hingeben.“ - -Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen -stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen -Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter, -löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und -entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am -Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht -die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen -weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine -endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen -sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende -des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist. -Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich -die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder -in das Schloß. - -Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren, -nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus -dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen -kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf -den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt -auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein -Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um -das Mädchen. - -Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen -ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in -ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den -Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden -verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten: -„Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete: -„Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen. -Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben? -Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen -antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost. -Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der -Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte: -„Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand, -trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte -das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu -bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine -Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte -und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er: -„Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir -gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“ -Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte das Halwa, -das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den -schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie -eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden -und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und -kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde -überall gesprochen. - -Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns -wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine -Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen -Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und -sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich -muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das -Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du -es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der -Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die -Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das -Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein -Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein -Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des -schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar -nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob -dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging -mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das -Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab -sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück -Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht -hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie -mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die -freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige -Begrüßung hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr -an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann -traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich. - -Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem -Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft -machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen -lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht -sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von -ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten: -„Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn -wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine -Halwagesellschaft geben.“ - -Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich -habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da -sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne -Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren, -man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte, -zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte: -„Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den -Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der -Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling -machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich -das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem -Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen -Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach -oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und -Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer -anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken -in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann sagte er: -„Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte -erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu -sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an. -Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig -waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt, -nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne -Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle, -habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer -hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte: -„Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an -die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die -Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin -aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch -schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“ -Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise -erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da -begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin -die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen, -daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist -mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu -ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte -das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger [7] und -war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir -unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte -ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder -auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und -vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat -der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und -damit Schluß! - - - - - - - - -3. DER SCHÖNE KAFFEESCHENK - - -Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In -alten Zeiten lebte ein erwachsener Jüngling in sehr ärmlichen -Verhältnissen. Eines Tages verkleidete er sich und machte sich auf die -Reise. Nach langem Reisen kam er in ein Land. Er kam an ein altes -Kaffeehaus und fragte den Wirt: „Meister, würdest du mich als Lehrling -annehmen?“ Der Wirt sagte: „Ach, mein Sohn, meine Kaffeeschenke ist -alt. Am Tage kommen ein paar Kunden. Fünf bis zehn Para nehme ich ein, -davon kaufe ich das Brot für den Abend und gebe es für meinen Unterhalt -aus.“ Der Jüngling sagte: „Vater, ich verlange von dir nichts. Ich will -nur meinen Kopf hier ein wenig einstecken und verweilen.“ Dagegen sagte -der Kaffeewirt nicht: „Es ist unmöglich“, sondern: „Sehr schön, mein -Sohn, was Gott schenkt, nimmt man hin.“ Darauf küßte der Jüngling dem -Meister die Hand, trat ein und verblieb im Kaffeehaus. Als es Abend -wurde, sagte sein Meister: „Mein Sohn, ich gehe jetzt nach Hause, -schließe du das Kaffeehaus ordentlich zu und schlafe darin.“ Sein -Meister ging nach Hause weg. - -Wir wenden uns nun zu dem Jüngling. Dieser verschloß ordentlich das -Kaffeehaus, legte sich auf die Bank und schlief ein. Ungefähr um vier -oder fünf krachte die Türe des Kaffeehauses, öffnete sich, und ein -Derwisch trat ein und grüßte. Der schlafende Jüngling wachte auf und -erwiderte höflich den Gruß des Derwisches. Jetzt sagte der Derwisch: -„Steh auf, junger Mann, koche mir einen Kaffee umsonst.“ Der Jüngling -stand auch auf und kochte dem Derwisch einen Kaffee umsonst und reichte -ihm den. Der Derwisch trank den Kaffee und ging, ohne ein Wort zu -sagen, hinaus. Der Jüngling sagte: „Hoffentlich ist es eine gute -Vorbedeutung“, schloß die Türe der Kaffeeschenke, setzte sich wieder -auf die Bank und blieb die Nacht dort. Als es Morgen wurde, sagte er -nichts dem Meister davon. Als es wieder Abend wurde, schlief er wieder -wie das erstemal ein. Genau um vier oder fünf ungefähr krachte wieder -die Türe und öffnete sich. Da kamen zwei Derwische herein, grüßten und -sagten: „Koche uns zwei Kaffee umsonst.“ Der Jüngling stand auf, kochte -ihnen zwei Kaffee umsonst und gab sie ihnen. Sie tranken den Kaffee und -gingen weg. Er schloß wieder die Türe des Kaffeehauses und verblieb die -Nacht auf der Bank. Als es Morgen wurde und der Meister kam, sagte er -ihm nichts von den Geschehnissen. Als es Abend wurde, schloß er wieder -das Kaffeehaus und stellte alles, was an Dingen vorhanden war, hinter -die Tür, legte sich auf seine Bank und schlief ein. Genau gegen vier -oder fünf erhob sich ein sehr starker Lärm, die Tür krachte und öffnete -sich, und herein traten drei Derwische. Nachdem sie gegrüßt hatten, -sagten sie: „Steh auf, junger Mann, und koche uns drei Kaffee umsonst.“ -Der arme Jüngling stand auf, kochte den Kaffee und gab ihnen den. Sie -tranken ihren Kaffee und standen auf. Der eine sagte: „In der -Kaffeeschenke, in der sich dieser junge Mann befindet, soll nie in der -Kaffeebüchse an Kaffee und Zucker Mangel sein; sie sollen immer bis an -den Rand voll sein.“ Der zweite sagte: „In die Kaffeeschenke, in der -sich dieser junge Mann befindet, sollen Kunden wie Ameisen kommen.“ Der -dritte sagte: „Dieser junge Mann soll alle Löcher zum Sprechen bringen -können.“ Schließlich gingen alle drei Derwische auf einmal davon. - -Der Jüngling schloß wieder wie das erstemal die Türe des Kaffeehauses, -legte sich auf die Bank und schlief ein. Als es Morgen wurde, stand er -auf, öffnete das Kaffeehaus und sieht, daß vor dem Kaffeehaus die -Kunden wie Ameisen gedrängt stehen. Er sagte: „Es ist tatsächlich -geschehen, was die Derwische in der Nacht sagten“, und dankte Gott. -Danach ging er an den Herd und als er nach dem Kaffee und Zucker sieht, -um den Kunden Kaffee zu kochen, ist die Büchse bis zum Rande voll. Er -sagte: „Die Derwische waren doch nicht so ohne.“ Dann verfiel er in -Nachdenken. Doch kochte er andauernd Kaffee und setzte ihn den Gästen -vor. Schließlich kommt sein Meister und sieht, — na, was siehst du? [8] -— der Platz vor dem Kaffeehaus und drinnen ist voller Menschen. Er sagt -zu sich: „Das ist ja ein reines Wunder“, steckt den Finger in den -Mund[7] und bleibt stehen. Er denkt: „Jeden Tag kommt sonst nur der -eine oder der andere Kunde. Dahinter muß etwas stecken.“ Er geht umher -und findet keinen Platz zum Sitzen. Dann fragt er den Jüngling: „Hast -du Kaffee und Zucker in dem Kasten?“ Der Jüngling antwortete: „Ja, -Meister, ich habe welchen gekauft. Setze dich nur hin und vergnüge -dich.“ Da setzte sich sein Meister irgendwohin. - -Der junge Mann kochte andauernd Kaffee. Als es schließlich Abend wurde, -ging sein Meister an die Schublade, öffnet sie und sieht, — na, was -siehst du? — die Schublade ist bis zum Rande voller Geld. Als der -Meister das sieht, wäre er beinahe ohnmächtig geworden. Dann sagte er: -„Bravo, mein Junge, dein Fuß war glückbringend!“ und küßte den jungen -Mann auf die Augen. Dann steckt er das Geld in den Beutel und trug es -nach Hause. - -Der junge Mann verblieb einige Monate im Kaffeehause und an jedem Tage -kamen viele Kunden. Sie wurden nun so reich, daß sie keinen Platz -finden konnten, wo sie das Geld hinlegen konnten. Schließlich sagte der -junge Mann eines Tages zu seinem Meister: „Meister, ich möchte in meine -Heimat reisen, gib mir die Erlaubnis.“ Der Meister wollte sich zwar -nicht von ihm trennen, notgedrungen sagte er aber wohl oder übel: „Sehr -schön, mein Sohn, Allah möge dir Heil geben, geh!“ Dann küßte der junge -Mann seinem Meister die Hand, und der Meister gab ihm ein paar Kleider, -wie es in der Welt nicht Ähnliches gibt, ganz mit Goldstickerei und mit -Juwelen. Er zog sie an und machte sich auf den Weg. - -Eines Tages kam er in ein anderes Land; dort mietete er sich ein -Kaffeehaus und fing an zu arbeiten. Wieder kamen wie vorher so viel -Kunden, daß sie sich nicht zählen ließen. Kurz, dieser schöne -Kaffeeschenk wurde in dieser Stadt bekannt. - -Als eines Tages einer von den Reichen der dortigen Gegend davon hörte, -konnte er es nicht mehr aushalten, stand auf und ging sofort in das -Kaffeehaus, wo der schöne Kaffeeschenk war. Er setzte sich dort hin und -verblieb dort, konnte aber sein Auge nicht von dem jungen Manne wenden. -Er war so schön, als wenn er aus Wachs geformt wäre. — Der Reiche riß -vor Erstaunen seinen Mund auf. - -Der junge Mann kochte einen ganz besonders leckeren Kaffee und setzte -ihm den vor. Dieser Reiche streckte seine Hand aus und trank ihn. Als -er den Genuß ganz ausgekostet hatte, sagte dieser Reiche zu dem schönen -Kaffeeschenk: „Schöner Kaffeeschenk, ich habe eine Tochter. Nach Allahs -Bestimmung werde ich sie dir geben. Wirst du sie nehmen?“ Der schöne -Kaffeeschenk sagte: „Mein Herr, da Sie Ihre Tochter für mich passend -ansehen, warum sollte ich sie nicht nehmen?“ Schließlich führte dieser -Reiche den schönen Kaffeeschenk in sein Haus, rief die Gemeinde -zusammen und verheiratete seine Tochter mit dem Kaffeeschenk. Es wurde -Scherbet getrunken und an jeden verteilt. Den schönen Kaffeeschenk -geleitete man in dieser Nacht ins Brautgemach. Der schöne Kaffeeschenk -ging zu dem Mädchen und sagte: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Das -Loch schrie: „Mich hat mein Vetter durchstochen.“ - -Am Morgen schied er sich von diesem Mädchen und ging in sein -Kaffeehaus. Als sie das sahen, wunderten sie sich: „Was ist das für -eine Sache, an einem Tage heiraten und am nächsten scheiden?“ Alle -waren verwundert und bedenklich. - -Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der schöne -Kaffeeschenk nahm die Tochter eines anderen reichen Mannes. Als es -Morgen wurde, entließ er sie wieder. Am folgenden Tage nahm er -anderswoher ein Mädchen, auch die entließ er. - -Als dieser schöne Kaffeeschenk eines Tages am Meeresgestade ging, -begegnete er einem Hirten, bei ihm war seine Tochter. Er redete ihn an: -„He, Hirte, ist dies deine Tochter?“ Der Hirte antwortete: „Ja, mein -Herr.“ Als er sagte: „Ach, Hirte, mein lieber Hirte, dies Mädchen werde -ich nach Gottes Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten -heiraten“, antwortete der Hirte: „Ach, mein Herr, ist denn ein -Hirtenmädchen Ihrer würdig?“ Da sagte der schöne Kaffeeschenk: „Ich -halte dies Mädchen meiner für würdig.“ Schließlich nahm er den Hirten -und dies Mädchen mit in sein Haus. Dann rief er die Gemeinde zusammen -und heiratete das Mädchen. - -Als es Nacht wurde, ging er zum Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich -durchstochen?“ Das Loch fing an zu sagen: „Ich bin arm, keiner hat sich -zu mir herabgelassen. Ich bin so, wie ich von der Mutter geboren bin. -Bis jetzt hat noch niemand Hand daran gelegt.“ - -Als der schöne Kaffeeschenk dies hörte, freute er sich und sagte: „Da -habe ich endlich die Frau gefunden, die ich suchte.“ Dann näherte er -sich dem Mädchen und wohnte ihr bei. - -Als es Morgen wurde, stand er auf, ging ins Bad, wusch sich, kaufte -Sahne und ging wieder ins Haus, wo das Mädchen war, verweilte bei dem -Mädchen und sie liebten sich. - -Die mögen nun hierbleiben, wir kommen jetzt zu den Reichen. Die hatten -einen nahen Nachbarn. Eines Tages versammelten sie sich und er sagte: -„An dem und dem Orte ist ein schöner Kaffeeschenk. Der nahm meine -Tochter und am Morgen verließ er sie. Gestern hat er ein Hirtenmädchen -genommen. Das heißt, daß ihm meine Tochter nicht gefallen hat. Kommt, -wollen alle einmütig daraus einen ehrenrührigen Prozeß machen und ihn -bestrafen lassen.“ - -Dies Wort gefiel allen. Darauf schicken sie Nachricht an den schönen -Kaffeeschenk. Schließlich sagte er: „Wenn Allah will, ist es so gut“, -verließ sein Haus und kam zu ihnen, setzte sich und verweilte. Sie -sagten zu ihm: „He, schöner Kaffeeschenk, nach Allahs Anordnung hast du -unsere Töchter geheiratet und am Morgen wieder verlassen. Was ist der -Grund? Schließlich hast du ein Hirtenmädchen genommen und bei der -bleibst du. Schämst du dich nicht? Gehört sich so etwas für dich? Was -hatten unsere Töchter für einen Fehler? Jetzt wollen wir dir einen -ehrenrührigen Prozeß machen. Laß dir das gesagt sein!“ - -Da antwortete der schöne Kaffeeschenk: „Meine Herren, jetzt ruft eure -Töchter, wir wollen die Sache erklären, damit, wenn die Schuld an mir -liegt, der schöne Kaffeeschenk verderben möge.“ Sie sagten: „Sehr -schön, mein Sohn, wollen sie rufen, sie mögen kommen.“ Dann sandten sie -Nachricht in ihre Häuser und die genannten Mädchen bestiegen ihre -Droschken und kamen in die Versammlung. - -Eins von den Zimmern wurde abgesondert und der schöne Kaffeeschenk trat -mit einem Mädchen ein. Er ging zu dem Mädchen und rief: „Loch, wer hat -dich durchstochen?“ Das Loch sagte: „Mein Vetter hat mich -durchstochen.“ Sie horchten hinter der Tür. Der schöne Kaffeeschenk -sagte zu ihnen: „Nun, habt ihr es gehört, meine Herren?“ Sie standen da -und bissen sich auf den Finger. - -Darauf ging das Mädchen aus dem Zimmer und sagte zu ihren Genossinnen: -„Ach, Schwestern, steckt in eure Löcher einen Lappen.“ Das taten sie -und eine andere ging in das Zimmer. Der schöne Kaffeeschenk ging zu dem -Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Von dem Loch kam -keine Antwort. Er sagte zu dem anderen Loch: „Warum kommt keine Stimme -heraus?“ - -„Ach, mein Herr, wie soll es sprechen, sie hat es verstopft.“ - -Darauf ging das Mädchen hinaus und sagte zu ihrer Gefährtin: „Fräulein, -verstopfe deine beiden Löcher, denn deine Sache steht schlecht.“ - -Die glaubte ihr und verstopfte beide Löcher. Dann kam sie herein und -setzte sich. Der schöne Kaffeeschenk ging zu ihr und sagte: „Loch, wer -hat dich durchstochen?“ Vom Loch kam keine Antwort. Er sagte zum andern -Loch: „Warum kommt keine Stimme heraus?“ Auch dort keine Antwort. Dann -ging er an das Ohr des Mädchens und rief: „Loch, warum antworten nicht -die unteren Löcher?“ Das Loch antwortete: „Ach, mein Herr, wie sollten -sie antworten, sie sind beide verstopft.“ Da sagte der schöne -Kaffeeschenk: „Nun, meine Herren, habt ihr eure Töchter gehört, wie sie -es eingestanden haben? Ihr hättet sie auch nicht genommen, wie sollte -ich sie nehmen?“ Die waren still und sagten keinen Ton. - -Dann sagte er wieder: „Nun, meine Herren, ich will auch eure Löcher zum -Sprechen bringen, damit kein Zweifel sei.“ Sie sagten: „Ach, mein Sohn, -bringe nicht unsere Löcher zum Sprechen, da, nimm diese Goldstücke, geh -und lebe ruhig, wo du bist.“ - -Da stand der schöne Kaffeeschenk auf, ging in sein Haus. Vierzig Tage -und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Sie erlangten, was sie -wollten. - - - - - - - - -4. DIE GESCHICHTE VON DER WEINENDEN GRANATE UND DER LACHENDEN QUITTE - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines -Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe, -habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal -wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte -die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte -die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es -dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah, -freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre -Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das -Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr. - -Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich -die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen -ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter, -was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein -Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein -Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich -du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist -die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein -Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen -sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu -meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr -nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die -Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum -weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich -beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater -sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten -Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und -ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet. -Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich -auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen. - -Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und -fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter -weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete: -„Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was -ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem -Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der -Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in -diesem Jahre. - -Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies -Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun weine nicht mehr.“ Inzwischen -verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog -sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als -das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es -es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen. -Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater -davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist -auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es -keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der -letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn -mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde -ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde -spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein -schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich -werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So -beschlossen sie. - -Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es -werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird -hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den -Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn -Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“ -Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will -hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin -damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab -dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein -rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen. -Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du -so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich -nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner -Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er dann -merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe -von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin -hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd -antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde -dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich -rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei -lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe -wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so -würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten -ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und -tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den -Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die -Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies -sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute -nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten -wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk -trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder -an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen. - -Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich -genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes -Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe -ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für -dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach, -mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich -von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da -tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare -von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert, -die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir -Hilfe bringen.“ - -Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und -steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem -Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos. - -Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich -ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden. -Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses. -Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu -ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling -annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit -haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und -überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von -unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister, -warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt -in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev [9]. Der frißt die Leber -des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt. -Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß -es sich auf den Finger vor Erstaunen. - -Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum -Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach -oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf -bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes -Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz. -Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in -ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine -Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt -sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der -bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt. - -Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das -Mädchen aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte, -heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte: -„Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir -ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn -geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da, -meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten -Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand -das Pferd spurlos. - -Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war, -trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht -war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach -geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte -das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie -bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der -Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich -möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das -Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug -nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die -Hölle. - -Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in -die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren -Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der -Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht -mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev. -Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen -Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute -des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten: -„Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der -Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten -sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben ihn -getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den -Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die -Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein -Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das -Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie -sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein -Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum -Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich -getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest -du die Kraft, ihn zu töten!“ - -Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst, -werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr -des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es -nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man -zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah -antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen -antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal -fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es: -„In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“ -Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen -jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat -sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen -Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich -dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese, -wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“ -Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die -kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der -Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst -du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß -ich diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde -ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr -Zimmer. - -In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür -des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte -durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des -Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann -kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte -sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager -des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das -Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen -und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis -gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe -es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine -Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen -niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn -holst, werde ich dich heiraten.‘“ Das hörte das Mädchen draußen. So -einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein -Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und -sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel. -Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah -diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies -Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den -will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole -ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich -ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare, -welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben -hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“ -Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte -ist bei Deven ein Spiegel, den will ich haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr -schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg -auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit -kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin, -bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor -dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre -Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind, -schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel. -Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich -umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und -ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve -geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein, -nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich -umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick -wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling, -bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von -Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt -zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe -wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich -kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt -vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist. - -Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da, -mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der -Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte: -„Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das -Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht -Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte: -„Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der -Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo. -Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich -das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das -Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein -goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das -Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte -sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte -das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser -elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven -entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis -erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“ -Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An -dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand -holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er -nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte -dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel -und flog durch das Fenster davon. - -Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater, -an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der -Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann -zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven -ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der -Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse -und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum -Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem -und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“ -Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg -das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon. -Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an. -Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, sagte das Pferd: „Meine -Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der -Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und -komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch, -den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom -Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat -ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und -kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das -Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu -schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein -Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“ -Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das -Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter -dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt -sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir -nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein -Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘“ Dann -befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie -beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so -ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war -es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe -meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch -wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“ -Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender -Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an. -Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz -ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich -habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der -Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat -den von ihm verlangten Karfunkelstein gebracht. Was wirst du jetzt für -eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um -Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort -geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“ -Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem -Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das -Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das -Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die -Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken, -wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das -Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein -Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen -Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling -sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines -Padischahs der Peris [10] sein und nicht einen Ausweg finden? In -unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. -Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt -die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu -lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle -Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem -Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir -ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird -dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden -wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen -das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum. -Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch -das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten -und sie stellten sich unter dem Baume auf. - -Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer, -ging zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Orte ist -in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine -lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich -nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den -Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse -des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende -Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine -Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten -Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er -nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem -Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das -Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach, -mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der -Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange -ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für -dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“ - -Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer -wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie -in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell, -eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge -waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die -drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als -das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr -nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“ -Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine -Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch -einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen -Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die -Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit -Armeskraft den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der -Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die -Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine -Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte -sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen -sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war. -Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das -Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd -sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige -auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du -dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit -einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da -setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das -Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß -das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der -Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen, -aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und -der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite -und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die -Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist -mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen -wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig -waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte -das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk -gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in -seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster -ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht. - -Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr -in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, sofort fuhr er über -die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit -aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und -der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort -befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie: -„Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung, -riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der -Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der -Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache. -Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das -Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum. -Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen -verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort. - -Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen -hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf -den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom -Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte: -„Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete: -„Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen -Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete -er sie. - -Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der -Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu -seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte -sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern. -Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich -verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem -Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die -Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten. - - - - - - - - -5. DIE GESCHICHTE VON DER SCHÖNEN, DIE DAS ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE - - -Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In -alten Zeiten hatte eine alte Frau eine sehr liebenswürdige Tochter, die -an Schönheit nicht ihres gleichen in der Welt hatte. Dies Mädchen saß -in ihrem Zimmer und stickte. Eines Tages am Abend kam durch das Fenster -ein Vogel und sprach sie in wohlgesetzter Rede an: „Meine Prinzessin, -vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und dann das erreichen, was -du willst.“ Dann flog er weg. Das Mädchen legte sich am Abend schlafen -und schlief ein. Am nächsten Tage, am Abend, kam wie das vorige Mal der -Vogel, sprach wieder zu ihr und flog weg. Das arme Mädchen erzählte -ihrer Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter sagte: „Ach, mein -Mädchen, wann kommt der Vogel?“ Das Mädchen sagte: „Heute Abend kommt -er wieder.“ - -Am Abend verbarg sich die Mutter in einem Schranke. Der Vogel kam -wieder und sagte: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten -bewachen und danach das erreichen, was du willst.“ Dann flog er wieder -fort. Als die Mutter dies hörte, sagte sie: „Ach, mein Mädchen, komm, -wir wollen uns vor dem Vogel retten und flüchten.“ Darauf nahmen sie -ihre Sachen, die an Last leicht, an Wert schwer waren, und machten sich -auf den Weg. Sie kamen an ein anderes Schloß, wohnten in einem Teile -außerhalb des Schlosses. In der Nacht legten sie sich schlafen und -schliefen ein. Der Vogel kam wieder, ergriff leise das Mädchen und -führte es in ein Zimmer innerhalb des Schlosses. Dann flog der Vogel -weg. Als das Mädchen seine Augen öffnete und sich umschaute, sah sie -sich in dem Schlosse, und in der Mitte des Zimmers lag in einem Bette -ein Toter. Als das Mädchen das sah, wäre sie beinahe ohnmächtig -geworden und sagte: „Ach, nun hat der Vogel doch recht. Das ist von -Gott; ich werde ertragen, was mir auf die Stirne geschrieben ist [11]. -Das Ende wird ja gut, so Gott will.“ - -Wir wollen das Mädchen hier lassen und uns zur Mutter wenden. Am Morgen -erwachte die Mutter aus dem Schlaf und sieht, daß das Mädchen nicht -dort ist. Sie sagt: „Ach, während ich meine Tochter vor dem Vogel -retten wollte, habe ich sie mit eigener Hand zugrunde gerichtet“, -schrie und weinte, kehrte in ihr Haus zurück und trauerte um ihr Kind. -Nun kommen wir wieder zu dem Mädchen. Tag und Nacht schlief sie nicht -und weinte. Schließlich am neununddreißigsten Tage saß sie am Fenster -und sah traurig auf das Meer. Da kam von Persien ein Schiff und fuhr -vor dem Schlosse vorbei. Sie gab dem Kapitän mit der Hand Zeichen und -sagte: „Nimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.“ Das -Mädchen ließ einen Strick hinab und zog die Sklavin nach oben und hing -ihr eine goldene Kette um den Hals. Das Mädchen freute sich und sagte: -„Gott sei Dank, nun habe ich eine Gefährtin gefunden.“ Genau am -vierzigsten Tage sagte sie zu der Sklavin: „Du, bleibe hier, ich werde -ein wenig die Zimmer ansehen und wiederkommen.“ - -Das Mädchen ging weg. Die Sklavin bleibt allein. Während sie sich nach -allen vier Ecken umsieht, niest der dort liegende Tote, steht auf, wird -lebendig, öffnet die Augen, sieht die Sklavin und sagt: „Mädchen, hast -du mich bewacht?“ Das Mädchen sagte: „Ja, ich habe dich bewacht.“ -Dieser dort liegende Prinz hatte nämlich früher geschworen: „Wenn mich -jemand vierzig Tage bewacht, so werde ich, wenn ich sie bei meinem -Aufstehen sehe, heiraten.“ So hatte er beschlossen. - -Dann nahm er die Sklavin und fragte sie: „Ist außer dir noch jemand -sonst hier?“ Da antwortete sie: „Ja, in jenem Zimmer ist meine Sklavin. -Ich habe sie um Geld gekauft und die Goldstücke, die sie am Halse -trägt, habe ich ihr auch gegeben.“ Dann rief sie ihre Herrin: „Komm -Mädchen, der Herr verlangt nach dir.“ Als das Mädchen eintritt und -sieht, daß die Sache ganz anders geworden ist, sagt sie: „Auch das ist -von Gott. Man muß es mit Geduld tragen.“ Das Mädchen zog Dienerkleider -an und tat im Hause oben und unten ihren Dienst. Eines Tages sagte der -Prinz zur Herrin: „Ich werde auf die Reise gehen, was wünschst du dir -von mir?“ Die Herrin antwortete: „Ich wünsche mir von dir eine Menge -Diamanten und Türkise.“ Als er die Dienerin fragte: „Was wünschest du -dir?“ sagte sie: „Ich wünsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergißt, -soll bei deiner Rückkehr das Vorderteil des Schiffes pechschwarzer -Rauch sein.“ - -Darauf ging der Prinz weg nach Jemen. Einige Monate blieb er dort und -erledigte seine Geschäfte, kaufte den Auftrag der Herrin und vergaß den -Auftrag der Sklavin. Als er abfuhr, sah er, daß vor dem Schiffe -pechschwarze Dunkelheit und hinter ihm Helligkeit ist. Das Schiff -konnte nicht fahren. Der Kapitän rief die Soldaten und sagte: „Wenn -unter euch ein Verfluchter ist, so soll er hinausgehen.“ - -Als der Prinz dies hörte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn. -Es war tatsächlich so geworden, wie sie gesagt hatte. Dann kehrte das -Schiff um, und der Prinz stieg aus, kaufte den Geduldstein wie ihm -aufgetragen und kam zum Schiffe zurück. Da war das Vorderteil des -Schiffes hell und sein Hinterteil Nebel. Mit Gottes Gnade fuhr es wie -ein Vogel in kurzer Zeit nach seinem Lande. Er stieg aus und betrat das -Schloß. Die Herrin und die Dienerin stiegen die Treppe hinab, begrüßten -ihn und führten ihn nach oben. Er gab der Herrin den von ihr verlangten -Auftrag und der Dienerin den Geduldstein. Sie waren zufrieden. Am Abend -ging das Mädchen in ihr Zimmer und blieb dort. Der Prinz und die Herrin -legten sich schlafen. Als sie schlief, kam es dem Prinzen in den Sinn: -„Was mag die Sklavin wohl mit dem Geduldstein anfangen?“ Da die Herrin -schlief, erhob er sich, ging leise an das Zimmer, in dem die Sklavin -war, und beobachtete durch das Schlüsselloch das Mädchen. - -Wir kommen jetzt zu dem Mädchen. Der sogenannte Geduldstein war ein -Stein von der Größe einer Linse. Das Mädchen legte ihn auf den Boden -und sagte: „Ach, Geduldstein, einst war ich ein liebes Kind meiner -Mutter. Als ich einmal stickte, kam ein Vogel und sagte in -wohlgesetzter Rede zu mir: ‚Du wirst vierzig Tage einen Toten bewachen -und danach erreichen, was du willst.‘ Dann kam ich durch ein Wunder in -dieses Schloß. Neununddreißig Tage bewachte ich diesen Jüngling. Wenn -du an meiner Stelle gewesen wärest, was tätest du, Geduldstein?“ Der -Geduldstein machte puh puh und schwoll an. „Als an jenem Tage ein -Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir für Geld eine Sklavin. Am vierzigsten -Tage ließ ich die Dienerin im Zimmer und ging ein wenig hinaus. Da -wachte der Jüngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie -und wohnte mit ihr zusammen. Wenn du an meiner Stelle wärest, was -tätest du?“ Der Geduldstein machte puh und schwoll wieder an. „Ich -wurde ihre Sklavin. Geduldstein, wie würdest du das ertragen?“ Der -Geduldstein machte puh und platzte. „Ja, Geduldstein, du hast es nicht -aushalten können und bist geplatzt, wie soll ich es denn aushalten? Ich -werde mich an der Decke aufhängen.“ Sie stellte einen Schemel unter -ihre Füße. Als sie sich aufhängen wollte, zerbrach der Prinz die Tür, -trat ein, umarmte das Mädchen, setzte sie auf die Erde und sagte: -„Meine Prinzessin, wenn du mich bewacht hast, warum hast du es mir so -lange nicht gesagt?“ Dann ging er in das Zimmer des Mädchens, stieß und -schlug sie, ließ sie aufstehen und sagte: „Willst du vierzig Maultiere -oder vierzig große Messer?“ Da antwortete sie: „Ach, die vierzig Messer -mögen über meinen Feind kommen, ich will vierzig Maultiere und in meine -Heimat gehen.“ Dann band er das Mädchen vierzig Maultieren an den -Schwanz und ließ sie los. Auf jedem Berge blieb ein Stück von ihr. Dann -nahm er die Herrin und heiratete sie. Vierzig Tage und vierzig Nächte -dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Die haben erreicht, was sie -wollten. Damit Schluß. - - - - - - - - -6. DIE GESCHICHTE VON DER DILBER, DIE NICHT ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatte ein armer Mann eine Frau. Sie waren -sehr arm und hatten keinen Platz zum Wohnen. Diese Frau wurde von ihrem -Manne schwanger, und als ihre Zeit herankam, sagte sie zu ihrem Manne: -„Geh zu der Badbesitzerin Aische Molla und sage ihr: ‚Meine Frau hat -keinen Platz, wo sie gebären könnte. Wenn im Bade ein leeres Zimmer -ist, laß sie dort gebären‘.“ Darauf ging der Mann zu der Aische Molla -und erzählte ihr die Sache. Sie antwortete: „Schön, mein Sohn, morgen -mag sie kommen und hier bleiben.“ Dann kehrte der arme Mann wieder nach -Hause zurück und erzählte es seiner Frau. Am nächsten Tage stand die -Frau auf und ging ins Bad. Sofort führte die Aische Molla sie in eine -Kabine und sagte: „Meine Prinzessin, dort können Sie gebären.“ Die Frau -trat ein, bekam die Wehen und brachte ein wunderschönes Kind zur Welt. -Es war so schön, daß man es nicht fertig brachte, ihm ins Gesicht zu -sehen. Da spalteten sich die Wände des Bades und drei Derwische traten -ein. Der erste sagte: „Dieses Kind soll die ihren Wunsch nicht -erreichende Dilber heißen.“ Der andere sagte: „Wenn dies Mädchen sich -wäscht, sollen von ihrem Kopfe Goldstücke fallen, wenn sie lacht, -sollen auf ihren Wangen Rosen blühen, und wenn sie weint, sollen aus -ihren Augen Perlen fallen, und da, wo sie geht, soll Rasen wachsen.“ -Der dritte sagte: „Sie soll dies Armband an ihren Arm legen. Wenn sie -es abnimmt, stirbt sie, aber so lange sie das Armband nicht abnimmt, -soll ihr nichts passieren und sie wird jahrelang leben.“ Dann ließ er -sein Armband im Bade zurück und die drei Derwische verschwanden. - -Die Mutter legte ihrer Tochter das Armband um, und wusch das Mädchen -ordentlich. Immer, wenn sie ihr Wasser auf den Kopf goß, fielen -Goldstücke herunter. Dann gab die Frau der Badbesitzerin eine Anzahl -Goldstücke, nahm ihre Tochter und kehrte in ihr verfallenes Haus -zurück. Nach einigen Tagen ließ sie ein großes Haus bauen mit -Gartenhaus und schön mit Goldverzierung, daß es sich nicht beschreiben -läßt. Die Frau brachte das Mädchen in dieses Gartenhaus und dort lebten -sie. Wenn das Mädchen weinte, fielen Perlen herab, wenn sie lachte, -blühten Rosen auf ihren Wangen, wo sie ging, sproßte Rasen. Schließlich -wurden sie durch das Mädchen so reich, daß sie den Wert von weißen und -schwarzen Sklavinnen und vom Gelde nicht kannten. Die Zeit verging, das -Mädchen kam in ihr vierzehntes Jahr. Sie hatte nicht ihresgleichen in -der Welt, schlank wie eine Gerte, mit Rehaugen, geschweiften -Augenbrauen, Lippen wie Zucker, mit einem Geruch wie Ambra, von -liebenswürdigem Wesen. Sie war so schön, daß man unfähig war, es zu -beschreiben. Ein Wunder der Welt. Wer sie ansah, wurde geblendet. Es -war, als ob in ihrem Zimmer die Sonne aufgegangen war und strahlte. In -allen Stadtvierteln war sie bekannt und man fand sie schön. - -Die wollen wir nun lassen und uns zum Sohne des Padischahs von Jemen -wenden. Eines Nachts sah er im Traum dieses Mädchen und trank aus ihrer -Hand den Becher der Liebe. Morgens stand er auf, ging zu seiner Mutter -und sagte: „Liebe Mutter, Gott möge es zum Guten wenden! Im Traume habe -ich ein Mädchen gesehen. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor. Nur die -will ich.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, was willst du mit ihr -anfangen. An dem und dem Orte ist ein Mädchen. Wenn sie sich wäscht, -fallen Goldstücke von ihrem Kopfe, wenn sie lacht, blühen Rosen auf -ihren Wangen, wenn sie weint, fallen Perlen herab, und wo sie geht, -blüht Rasen.“ Der Sohn sagte: „Ach, Mutter, ist das, was du sagst, ein -Traum? So etwas gibt es ja nicht.“ Die Mutter antwortete: „Mein Sohn, -wenn du mir nicht glaubst, so laß es dir anderweitig bestätigen, ob es -vielleicht falsch ist.“ - -Man rief die Makler und fragte sie. Die wunderten sich; aber einer -unter ihnen hatte gerade das Mädchen gesehen, trat vor und sagte: „Mein -Prinz, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, sie ist vorhanden.“ Da -blieb nunmehr dem Prinzen kein Zweifel. Er ging zu seiner Mutter und -sagte: „Liebe Mutter, besteige morgen ein Schiff und fahre als -Brautwerberin zu dem Mädchen. Wenn es sich wirklich mit dem Mädchen so -verhält, so verlobe sie mir sofort und bringe sie hierher.“ Am Morgen -bestieg die Dame ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nach einigen -Monaten kam sie in dem Lande, wo das Mädchen war, an, verließ das -Schiff und betrat die Stadt. Als sie dort jemand gefragt hatte, zeigte -man ihr das Haus des Mädchens. Die Dame ging hin und klopfte an die -Tür. Als die Tür geöffnet wurde, trat sie ein. Man holte sie nach oben, -und sie kam zu dem Landhause, wo das Mädchen war. Nachdem sie sich -gesetzt hatte, fing sie an, sich ausgiebig mit ihrer Mutter zu -unterhalten. Ihre Absicht war es, zunächst zu erproben, ob es sich -wirklich mit dem Mädchen so verhielte, und sagte: „Meine Tochter, würde -es dir Mühe machen, mir ein Glas Wasser zu bringen?“ Das Mädchen stand -sofort auf. Als sie Wasser holte, wuchs an der Stelle, die sie betrat, -eine Spanne weit Rasen. Als die Dame das sah, verwunderte sie sich. Als -die Dame die Schale nahm und trank, drückte sie das Mädchen an einer -Stelle leicht. Das Mädchen war nahe daran zu weinen, und ehe sie -anfing, fielen Perlen herab. Als die Dame dann eine lustige Geschichte -erzählte, konnte das Mädchen sich nicht halten, lachte, und sofort -blühten Rosen auf ihren Wangen. Schließlich goß sie zufällig dem -Mädchen Wasser auf den Kopf, sofort fielen ihr vom Kopfe Goldstücke. Da -blieb ihr nun in ihrem Herzen kein Zweifel mehr und sie sagte zu der -Mutter: „Den schönen Namen Ihrer Tochter habe ich gehört, nach Gottes -Anordnung und dem heiligen Brauch des Propheten möchte ich Ihre Tochter -mit meinem Prinzen verheiraten. Was denken Sie dazu?“ Da sagte die -Dame: „Meine Königin, sollte ich meine Tochter solchen Leuten, wie Sie -es sind, vorenthalten? Nach Ihrem Belieben. Gott möge Segen geben!“ -Dann wurde die Verlobung gemacht und die Königin sagte: „Ich werde nun -gehen. Nachher bringen Sie Ihre Tochter, denn wir wollen dort nun alles -zur Hochzeit herrichten.“ Dann stand die Königin auf und machte sich -auf den Weg. Schließlich kam sie eines Tages nach Jemen, ging in den -Palast, rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, ich bin hingegangen und -habe das Mädchen gesehen. Es verhält sich mit ihr wirklich so. Wer sie -einmal sieht, sagt: „Ich möchte sie noch einmal sehen.“ So schön ist -sie. Sofort habe ich die Verlobung abgeschlossen und bin hierher -gekommen.“ Als der Prinz das hörte, wurde er ganz verwirrt und seine -Hände und Arme fingen an zu zittern. Dann küßte er seiner Mutter die -Hand und blieb dort. - -Die fingen nun mit den Hochzeitsvorbereitungen an, und der Prinz sah -sehnsüchtig nach dem Mädchen aus. Die wollen wir nun lassen und uns -wieder dem Mädchen zuwenden. Die Mutter machte ihrer Tochter kostbare -Kleider und richtete eine kostbar ausgestattete Aussteuer her. Als die -Reisevorbereitungen fertig waren, rief sie die Amme des Mädchens und -sagte: „Du wirst auf meine Tochter ordentlich acht geben und sie nach -Jemen führen. Nach einigen Tagen komme ich auch.“ Dann nahm die Amme -die Tochter der Dame und ihre eigene Tochter und etwas Nahrungsmittel -mit, bestieg ein Schiff und machte sich mit ihnen auf den Weg. Als es -Abend wurde, hungerte die Braut und sagte: „Mutter, gib mir etwas -Brot.“ Die Amme schnitt entsprechend der List, die sie sich ausgedacht -hatte, ein Stück gesalzenes Pasdyrma [12] ab und gab es dem Mädchen. -Als das arme Mädchen das Pasdyrma gegessen hatte, bekam es nach einer -halben Stunde großen Durst und sagte: „Mutter, gib mir etwas Wasser.“ -Die Frau sagte: „Wenn du eins von deinen Augen herausreißt und mir -gibst, gebe ich dir Wasser, sonst nicht.“ Das arme Mädchen weinte und -nahm ein Auge heraus und gab es ihr. Nach einiger Zeit hatte das -Mädchen wieder Durst und sagte zu der Frau: „Mutter, mich dürstet.“ Die -Frau antwortete: „Du schweinisches gemeines Mädchen, wenn du das eine -Auge herausreißt, werde ich dir Wasser geben.“ Was soll das arme -Mädchen tun? Ihr Inneres war ganz von Durst verbrannt, gezwungenerweise -riß sie es aus und gab es der Frau. Die Frau gab ihr etwas Wasser, und -das Mädchen trank, aber sie war auf beiden Augen blind. Als sich dann -das Schiff einem Lande näherte, zog die Frau der Braut die Kleider aus, -und führte die Arme auf einen Berg und ließ sie dort. Darauf zog sie -ihrer Tochter die Kleider an, schmückte sie, und sie gingen in das -Schloß des Königs von Jemen. Aus dem Palast ging man ihnen entgegen und -führte sie nach oben. Die Mutter des Prinzen betrachtete das Mädchen -genau, wunderte sich und überlegte innerlich: „Das ist nicht das -Mädchen, das ich dort gesehen. Dahinter steckt sicherlich etwas. Wollen -einmal sehen, worauf das hinauslaufen wird.“ Sie setzten sich und -fingen an zu erzählen. Am Abend wurde die Hochzeit mit dem Prinzen -gefeiert und Scherbet getrunken. In dieser Nacht führte man den Prinzen -in das Brautgemach. Der Prinz sagte zu dem Mädchen: „Lache doch ein -wenig!“ Obgleich das Mädchen zu lachen anfing, geschah nichts von dem -Wunder. Der Prinz wunderte sich. Wenn dies Mädchen lacht, sollen doch -Rosen blühen, wenn sie weint, Perlen fallen, und auf der Stelle, wo sie -geht, soll Rasen wachsen. Ist dies das so gepriesene Mädchen? Bei -diesem Mädchen geschieht nichts derartiges. Nach solchen langen -Überlegungen redete er das Mädchen an: „Meine Prinzessin, wenn du -lachst, sollen Rosen auf deinem Gesicht blühen. Aber du hast gelacht -und keine ist aufgeblüht. Was heißt das?“ Das Mädchen antwortete: „Mein -Herr, sie blühen nur einmal im Jahre.“ - -Kurz, am Morgen führte die Mutter des Prinzen das Mädchen ins Bad und -fing an sie zu baden. Die Dame goß ihr, um sie zu erproben, Wasser auf -den Kopf, aber keine Goldstücke fielen herab. Die Dame war verwundert. -Darauf kleidete sie schließlich das Mädchen an und schmückte sie und -man führte sie in das Schloß. Das Mädchen setzte sich in einen Winkel. - -Die mögen nun dort sitzen, wir wenden uns jetzt zu dem Mädchen, das sie -auf dem Berge gelassen hatten. Mit ihren beiden blinden Augen weinte -sie andauernd und von ihrem Weinen hatte sich vor ihr ein Haufen Perlen -angesammelt. Da kam ein Karawanenführer und, als er das Mädchen in -dieser Lage sah, seufzte er, und sein Herz blutete. Er ging zu ihr und -sagte: „Meine Tochter, welcher Teufel hat dich in solche Verfassung -gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, Vater, frage nicht. Gott hat -es so bestimmt, man muß es tragen.“ Darauf faßte er das Mädchen an der -Hand und nahm auch die Perlen und brachte sie in sein Haus und sagte zu -seiner Frau: „Quäle nicht dieses Mädchen, wasche sie ordentlich. Es ist -ein gutes Werk.“ Schließlich fragten sie das Mädchen nach ihren -Erlebnissen. Das Mädchen erzählte ihnen die Geschichte von Anfang bis -zu Ende. Sie sagten zu der Unglücklichen: „Ach, das ist schade.“ Als -das Mädchen lachte, wuchsen sofort Blumen auf ihren Wangen. Da schnitt -sie sie mit der Schere ab und sagte: „Vater, nimm diese Rose, lege sie -in einen Korb, geh vor das Schloß des Prinzen und rufe: ‚Ich verkaufe -Rosen außer der Jahreszeit.‘ Dann wird man dich rufen und dir sagen: -‚Für wieviel Para gibst du sie?‘, dann sage du: ‚Ich verkaufe sie nicht -für Geld, nur für ein Auge‘.“ Der Vater antwortete: „Sehr wohl, mein -Mädchen.“ Diese Nacht legte er sich schlafen. Am Morgen packte er die -Rosen in einen Korb, stand auf und machte sich auf den Weg. - -Als er vor das Schloß kam, rief er: „Ich verkaufe Rosen außer der -Jahreszeit.“ Als das Mädchen aus dem Schlosse das hörte, sagte es zu -seiner Mutter: „Ach, Mutter, da werden Rosen außer der Jahreszeit -angeboten. Wollen sie kaufen und dem Prinzen zeigen und ihm sagen: -„Siehe, heute ist diese Rose auf meiner Wange erblüht.“ Da liefen sie -zu der Tür und riefen: „Komm hierher.“ Der Karawanenführer kam sofort -an die Tür des Schlosses, nahm den Korb von der Schulter und stellte -ihn auf die Erde. Das Mädchen sagte: „Gärtner, um wieviel Piaster gibst -du die Rose?“ Da antwortete er: „Mein Mädchen, für Geld nicht, ich gebe -sie für ein Auge.“ Da wandte sich das Mädchen um und sagte zur Mutter: -„Wollen ihm die Augen des Mädchens, die im Kasten liegen, geben und die -Rose nehmen.“ Das Mädchen ging zu dem Kasten, nahm beide Augen, brachte -sie und gab sie dem Gärtner. Der nahm die Augen, gab die Rosen und ging -ohne Verweilen nach Hause, trat ein, ging zu dem Zimmer, wo sich das -Mädchen befand, und sagte: „Meine Tochter, ich habe deine beiden -Augen.“ Da stand das Mädchen auf, vollzog eine schnelle Waschung und, -um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, zwei Gebetsbeugungen, stand auf, -erhob die Hände und betete. Ihr Gebet wurde erhört. Als sie ihre Augen -wieder an die Stelle setzte, wurden mit Gottes, des Höchsten, Erlaubnis -ihre Augen geöffnet, sodaß sie die Welt wieder sah. Sie leuchteten -heller wie vorher. Sie dankte Gott und ging in dem Zimmer auf und ab. -Wenn das Mädchen lachte, blühten die Rosen, und wenn sie sich wusch, -fielen von ihrem Kopfe Goldstücke. Kurz, das Mädchen sah in dem -Karawanenführer ihren Vater und umarmte ihn innig. Sie wurden auch -durch dieses Mädchen so reich, daß sie sich Häuser bauen und paarweise -Sklavinnen und Sklaven hielten. Das Mädchen hatte auch für sich ein -außergewöhnliches Zimmer. Jeden Tag setzte sie sich dorthin und -vergnügte sich. Eines Tages sagte das Mädchen: „Vater, ich wünsche von -dir eine Türbe [13] ganz aus Karfunkelstein und im Inneren einen Kasten -von Gold. Die Türen der Türbe sollen einmal von selbst in der Stunde -schreien: ‚Die Dilber, die nicht ihren Wunsch erlangt hat‘ und sich -nach beiden Seiten öffnen. So sollen die Türen rufen.“ Der -Karawanenführer sagte: „Meine Tochter, du sollst eine Türbe, wie du sie -wünschst, haben. Mit Gottes Hilfe will ich sie dir machen.“ Schließlich -erhob er sich, ging auf den Berg, ließ nach der Beschreibung des -Mädchens aus Karfunkelstein eine Türbe machen und im Inneren auch einen -Kasten. Die Türen öffneten sich von selbst und riefen: „Die Dilber, die -ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als die Türbe fertig war und bereit -stand, ging der Karawanenführer nach Hause und sagte: „Da habe ich dir -die gewünschte Türbe machen lassen, gräme dich nicht.“ - -Die wollen wir nun lassen und uns zu dem im Schlosse weilenden Mädchen -wenden. Als sie dem Prinzen die Rose gegeben hatte, nahm er sie, roch -daran und sagte: „Deine Rose ist gekommen. Du selbst wirst auch bald -kommen.“ [14] Als das Mädchen aus der Rose gemerkt hatte, daß die -andere lebe, sagte sie zu ihrer Mutter: „Mutter, dies Mädchen ist am -Leben; sie muß irgendwo in der Nähe leben. Komm, wollen ihr eine -Zauberin schicken. In der Nacht soll sie ihr den Armring ausziehen, -dann wird sie sterben.“ - -Darauf schickte die Mutter eine Zauberin mit Maßregeln an das Mädchen. -Die Zauberin fragte nach dem Mädchen, ging sofort in das Haus, wo sich -das Mädchen befand und klopfte an die Tür. Als sie geöffnet wurde, -stieg sie auf der Treppe nach oben, trat in das Zimmer des Mädchens ein -und setzte sich. Da es spät geworden, sagte sie zu der Frau: „Ach, -Mutter, ich bin von weit her gekommen; es ist spät, und ich fürchte -mich zu gehen. Ich bin nur hierhergekommen, daß ihr mich als Gottesgast -aufnehmt.“ Da sagte die Frau: „Sehr schön, Mutter. Da ist ein Zimmer, -schlafe dort ruhig.“ Später wird zu Abend gegessen. Danach geht die -Zauberin in ihr Zimmer und legt sich schlafen. Das Mädchen und die -Mutter gehen in ihre Zimmer und schlafen ein. Genau zwischen sieben und -acht verläßt die Zauberin ihr Zimmer, geht in das Sommerhaus des -Mädchens und tritt sofort ein. Als sie eintrat, schlief das Mädchen -fest. Die Zauberin näherte sich, zog dem Mädchen leise den Armring vom -Arm, nimmt ihn mit, geht hinunter in das Zimmer, nimmt ihren Mantel, -zieht ihn an, verläßt das Haus und geht sofort zum Schloß. Nachdem sie -eingetreten, gibt sie der Mutter des Mädchens den Armring. Die nimmt -ihn freudig in Empfang und bewahrt ihn. - -Die wollen wir nun verlassen und uns zu der Dame wenden. Am Morgen -steht sie auf, geht in das Zimmer, wo die alte Frau schlief und sieht, -daß sie nicht da ist. Sie wundert sich: „Wohin kann sie wohl gegangen -sein? Sie ist weggegangen.“ Sie sieht nach dem Mantel. Auch der ist -nicht da. Dann geht sie in das Zimmer des Mädchens, und sieht, daß es -schläft. Sie kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wecken. Darauf -kehrt sie um, geht in ihr Zimmer. Schließlich wird es gegen vier und -fünf Uhr. Das Mädchen steht nicht auf. Die Dame denkt bei sich: „Das -Mädchen pflegte jeden Tag früh aufzustehen. Warum bleibt sie heute so -lange? Ich werde sie aufwecken.“ Sie geht nach oben, tritt in das -Zimmer, wo das Mädchen liegt und sagt: „Hollah, meine Tochter, man ruft -zum Mittagsgebet. Stehe auf!“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Sie ruft -nochmals. Wieder kein Laut. Da sieht sie nach dem Atem des Mädchens. -Auch nicht der geringste Atem ist zu spüren. Sie faßt die Füße an. Sie -sind kalt wie Eis. Als sie das sieht, fängt sie zu jammern und -wehklagen an: „Ach, meine Tochter ist gestorben; nun will ich von der -ganzen Welt nichts wissen“ und fällt auf den Boden. Der Mann der Frau -kommt. Als er sie sieht, fragt er: „Was ist geschehen, Frau, warum -weinst du so?“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Herr, diese unsere -Tochter ist diese Nacht gestorben. Bis zum jüngsten Tage werde ich mich -nach ihr sehnen.“ Als der Karawanenführer dies hörte, fielen aus seinen -Augen Tränen wie Regentropfen. Schließlich wuschen sie das Mädchen, -vollzogen das Gebet und begruben es in der Türbe, die es sich hatte -machen lassen. Dann trauerten sie um das Mädchen. - -Die wollen wir nun verlassen und uns zur Mutter des Mädchens in dem -Palaste wenden. Als sie hörten, daß dies Mädchen gestorben war, gehörte -die Welt ihnen, und sie sagten: „Ach, Gott sei Dank, nun sind wir das -Mädchen los.“ Als der Prinz hörte, daß dies Mädchen draußen gestorben -sei, seufzte er und sein Herz blutete. Danach mochte er nun nicht mehr -bei diesem Mädchen im Schlosse bleiben. Eines Tages zog er ärgerlich -andere Kleider an, stand auf und zog mit einem Hofmeister von Berg zu -Berg, brennend von dem Feuer der Sehnsucht, nach dem (anderen) Mädchen. -Nachdem sie einige Zeit gewandert sind, kommen sie an einen großen -Berg. Um sich auszuruhen, setzten sie sich. Da hörte der Prinz eine -leise Stimme: „Dilber, die ihren Wunsch nicht erlangt hat.“ Als der -Prinz das hört, steht er ohne Zaudern auf und steigt auf den Berg. Da -sieht er eine Türbe aus Karfunkelsteinen, die jeden Beschauer blendete. -Die beiden Türen öffnen sich von selbst und sagen schmerzlich: „Dilber, -die ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als der Prinz das sieht, sagt er: -„Wessen Türbe ist das wohl?“ Nachdem er eine Zeitlang in Erstaunen -dagestanden hat, tritt er in die Türbe ein und sieht einen goldenen -Kasten, in dem er ein Jammern hört. Der Prinz ist sehr neugierig, hebt -den Deckel des Kastens auf und sieht, daß dort ein junges Mädchen, -schön wie der Mond am vierzehnten, liegt und neben ihr ein -allerliebstes, blondes, schönes Kind sitzt, das anstatt an der Brust, -an den Fingern der Mutter saugt. Als er das sieht, füllen sich seine -Augen mit Tränen, und er sagt Gott für seine Güte Dank. Dann nimmt er -das Kind und geht erfreut mit seinem Hofmeister in das Schloß. Als er -in das Zimmer des Mädchens kommt, setzt er sich, legt das Kind aus -seinem Arm auf ein Polster. Das Kind fängt an zu spielen. Der Prinz -sagt zu dem Mädchen: „Hüte dich, dieses Kind zum Weinen zu bringen.“ -Dann geht er hinaus, um sich zu waschen. Das Kind kommt während des -Spielens an eine Schublade und findet den Armring, der der Talisman -ihrer Mutter war. Das Kind hält ihn für ein Spielzeug und nimmt ihn in -die Hand. Als das Mädchen den Ring in der Hand des Kindes sieht, kommt -es und will ihn ihm aus der Hand ziehen. Das Kind hält fest, läßt nicht -los und fängt an zu weinen. Als der Prinz das Kind weinen hört, tritt -er sofort ein, geht auf sie zu und fragt: „Warum haben Sie das Kind zum -Weinen gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, das Kind hatte -mein Amulet in seiner Hand. Ich will es ihm wegnehmen, deswegen weint -es.“ Der Prinz sagte: „Laß es doch spielen. Es ißt doch nicht das -Amulet auf.“ Dann fängt das Kind derart an zu weinen, daß es sich nicht -beruhigt. Der Prinz nimmt das Kind, geht zur Türbe und legt es neben -seine Mutter. Als der Ring in der Hand des Kindes den Körper der Mutter -berührt, fangen die Glieder der Mutter zu zittern an und der -Unterkörper wird wieder lebendig. Als der Prinz das sieht, sagt er zu -sich: „Ist das ein Wunder oder hat es mit diesem Amulet eine besondere -Bewandtnis?“ Dann sieht er auf den Arm des Mädchens. Dort ist der Platz -des Ringes. Sofort nimmt er dem Kinde das Amulet aus der Hand und legt -es an den Arm des Mädchens. Das Mädchen nieste, stand auf, wird -lebendig, aus ihrer Brust kommt Milch, und das Kind fängt an, an der -Mutter Brust zu saugen. Als der Prinz das sieht, sagt er: „Meine -Prinzessin, wessen Tochter bist du? Wessen Kind ist dies?“ das Mädchen -sagte: „Mein Prinz, ich habe meine Mutter in Stambul gelassen. Während -ich mit meiner Amme zu dir als Braut fuhr, hat sie mich unterwegs beide -Augen herausreißen lassen, meine Kleider ihrer Tochter angezogen und -dann mich auf einem Berge ausgesetzt. Eines Tages kam ein -Karawanenführer vorbei und nahm mich mit in sein Haus. Da ließ ich auf -meinem Gesichte eine Rose sprossen und nahm dafür meine Augen, steckte -sie wieder an ihre Stelle und mit Gottes gnädiger Hilfe wurden meine -Augen wieder sehend. Schließlich gab das Mädchen dir die Rose, die ich -geschickt hatte. Sie haben daran gerochen und von dieser Stärke des -Riechens wurde ich schwanger. Schließlich kam eines Nachts eine Frau -und stahl mir den Armring vom Arm. Dann starb ich. Man begrub mich und -ich gebar das Kind. Das gehört jetzt dir.“ - -Als der Prinz das hörte, weinte er blutige Tränen. Als er wieder ruhig -wurde, umarmten sie sich und liebten sich unbeschreiblich. Dann standen -sie auf und gingen ins Schloß. Der Prinz rief die Mutter mit ihrer -Tochter und sagte: „Ihr Verfluchten, ihr macht derartige Dinge?“ Dann -schlug er sie, daß ihre Knochen kurz und klein geschlagen wurden. Ihre -Seele verließ sie, ging in die Hölle, und sie selbst warf er den Hunden -vor und sagte: „Gott sei Dank, bin ich jetzt vor diesen Teufeln sicher. -Nun habe ich meine Kraft wieder.“ Dann rief er die eigentliche Mutter -des Mädchens und die Frau des Karawanenführers und verheiratete sich -mit dem Mädchen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die -Hochzeitsfestlichkeiten. Danach ging er in der Nacht auf den Freitag -ins Brautgemach, erlangte, was er wünschte, und gewährte, was verlangt -wurde. - - - - - - - - -7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter. -Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen. -Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte: -„Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“ -„Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch -einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich -von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt, -kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin -mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“ - -Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen -Tagen geht sie mit den Sklavinnen in ihren Garten an den Teich und -hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und -sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den -Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin -hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen -Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel -nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die -Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und -sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch -mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft. - -Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den -Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem -Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“ -Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin. -Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an -ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als -Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen -Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu -ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus -schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen -Ermahnungen geht er weg. - -Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke -und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles -was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt -sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein -geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen? -Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er -weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister -sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle -Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das Mädchen -ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus. - -Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in -diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider -bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das -Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als -Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und -setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das -Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und -zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen -auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern -vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast -du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer -machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß -alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht -zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit -dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und -soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die -Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er -wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das -zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat -er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“ -Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden. - -Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines -Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling -annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche. -Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu -sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling -an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den -Laden dem grindigen Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß -nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt -der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um -Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern -vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht, -sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist, -zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer -gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann -fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann -kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern -im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran, -sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den -grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden. - -Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt -gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel -Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die -Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig -und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in -Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der -Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses -Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen -auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil -ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht -er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du -ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein -Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und -brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte -ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen. -Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der -Welt nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen -Jünglinge im Paradiese. - -Als der Prinz sie so sieht, verliebt er sich gleich in sie und wird wie -berauscht. Als er nach ein bis zwei Stunden wieder vernünftig ist, ging -er zu seinem Vater und sagte: „Vater, neulich war ich auf die Jagd -gegangen, und während ich jagte, sah ich in einem Baume ein Mädchen und -brachte es hierher. Die ist nun mein Schicksal. Ich will nur sie -heiraten.“ Der Padischah sagte: „Was ist das für eine Sache? Die will -ich mir einmal ansehen.“ Sofort rief er sie, und als er sie sah, hielt -er sie für passend für seinen Sohn. - -Er verheiratete das Mädchen mit dem Prinzen und machte vierzig Tage und -vierzig Nächte Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigsten Tage in -der Nacht auf den Freitag betrat der Prinz das Brautgemach. Infolge -dieser Nacht wurde die Prinzessin schwanger und nach neun Monaten und -zehn Tagen gebar sie dem Prinzen eine Tochter. - -Das Kind mag nun in der Wiege heranwachsen. Als eines Nachts der Prinz -und die Prinzessin schlafen, kommt um Mitternacht der Vogel, nimmt die -Tochter der Prinzessin, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, -weckt sie auf und sagt: „Dein Kind nehme ich mit; da hast du deinen -Kummer. Hiernach werde ich dir noch ähnlichen Kummer bereiten.“ Darauf -fliegt er weg. - -Am Morgen sieht der Prinz, daß das Kind nicht da ist und daß der Mund -der Prinzessin blutig ist. Als er das sieht, wendet er sich, geht zu -seinem Vater und setzt ihm die Sache auseinander. Der sagt: „Mein Sohn, -woher hast du das Mädchen geholt?“ Er antwortete: „Von den Bergen.“ Der -Padischah fährt fort: „Das Mädchen ist ein wildes Mädchen, es frißt -sicherlich Menschen.“ - -Wir wollen uns kurz fassen. Die Sache geht so weiter. Nach einiger Zeit -bringt die Prinzessin eine zweite Tochter zur Welt. Wie das erste Mal -kommt der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit -Blut und geht wieder weg. Das Mädchen wacht auf, schlägt sich und wirft -sich auf den Boden. Am Morgen wacht der Prinz auf und sieht, daß das -Kind wieder nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist. -Sofort benachrichtigt er den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihr -sofort den Kopf abzuschlagen. Da der Prinz das Mädchen sehr liebt, geht -er zu seinem Vater und bittet ihn für sie, und der schenkt sie diesmal -noch dem Prinzen. - -Im Laufe der Zeit nach einigen Monaten wird sie wieder schwanger, und -nach neun Monaten zehn Tagen bringt die Prinzessin einen Knaben zur -Welt. Der Prinz fängt an zu überlegen: „Wenn sie diesmal das Kind -verzehren sollte, wird der Vater sie ohne weiteres töten.“ Während -dieser Überlegung kommt ihm in den Sinn: „Ich will diese Nacht nicht -schlafen und sie heimlich beobachten.“ Die Prinzessin mag nun schlafen, -der Prinz nimmt eine Nadel in die Hand, hält die Spitze der Nadel an -das Kinn und faßt das andere Ende mit der Hand. Wenn der Schlaf über -ihn kommt, drückt er auf die Nadel, sticht sich ins Kinn und wacht auf. -Schließlich fällt ihm die Nadel aus der Hand auf den Boden und er -schläft ein. Da kommt zwischen vier und fünf Uhr der Vogel, nimmt das -Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und -sagt: „Da, dein Kind nehme ich mit. Da hast du deinen Kummer. Hernach -werde ich dir noch anderen Kummer bereiten.“ Mit diesen Worten fliegt -er weg. Die Prinzessin kann es nicht mehr aushalten und weint bis zum -Morgen. Als der Prinz aufwacht und sieht, — was siehst du? — daß das -Kind nicht da ist und der Mund und die Nase der Prinzessin blutig ist, -benachrichtigt er den Vater. Der Henker wird befohlen. Der Henker -bindet dem Mädchen die Hände auf den Rücken und führt sie auf einen -großen Platz, um sie zu enthaupten. Das Mädchen war von einzigartiger -Schönheit und der Henker konnte es nicht übers Herz bringen, sie zu -töten und sagte: „Vorwärts, geh, meine Prinzessin, komme nicht wieder -ins Schloß, geh, wohin du willst. Gott möge dir Heil geben!“ und -entläßt sie. Die Prinzessin geht weinend in die Berge. Da kommt der -Vogel, packt die Prinzessin und fliegt davon. Nach einiger Zeit läßt er -sie in dem Garten eines Schlosses aus Edelsteinen, wie es das Auge noch -nicht gesehen hat, und das sich nicht beschreiben läßt, nieder. Wer es -ansah, wurde geblendet. Als sie auf den Marmorsteinen angekommen sind, -schüttelt sich der Vogel einmal und wird ein Jüngling, schön wie der -Mond am vierzehnten. Die Prinzessin sieht hin und wundert sich. Als sie -die Treppe hinaufsteigen, waren dort eine Sklavin und drei liebliche -Kinder von sieben bis acht Jahren. Sie kommen herunter und gehen der -Prinzessin entgegen. Ihr Blut kommt in Wallung und die Augen füllen -sich mit Tränen. Dann gehen sie mit dem Jüngling nach oben. Da kommt -ein Platz aus Edelsteinen, ein Zimmer mit gestickten Vorhängen. Sie -heben den Vorhang, treten ein, setzen sich und wenden ihre Augen nicht -von der Prinzessin. Jetzt sagt der Jüngling: „Meine Prinzessin, soviel -Qualen habe ich dir zugefügt. Deine Kinder habe ich dir entführt, dann -hat man dich hinrichten wollen. Du hast alles ertragen und mich nicht -verraten und hast ausgeharrt. Jetzt habe ich dir auf Gottes Befehl ein -großes Schloß bauen lassen. Das ist nur für dich. Mit deinen Kindern -bin ich davongegangen und habe sie mit Milch groß gezogen. Diese drei -Kinder vor dir sind die Deinigen und ich bin von jetzt ab dein Sklave.“ - -Da umarmte die Prinzessin die Kinder, küßte sie auf beide Augen und -drückte sie an die Brust, und die Kinder umarmten die Mutter und -weinten Blut statt Tränen. Die waren nun bei einander und die Welt -gehörte ihnen. Tag und Nacht trennten sie sich nicht. - -Sie alle mögen mit den Kindern im Schlosse wohnen und sich lieben. Wir -wenden uns nun zu dem Prinzen. Er mag nun traurig entweder darüber -sein, daß die Kinder tot sind oder daß seine Gemahlin, die er so sehr -geliebt hatte, vom Henker hingerichtet ist. Tag und Nacht seufzte er -vor Sehnsucht und weinte. Er hatte einen alten Opiumraucher, der kam -jeden Tag zum Prinzen und unterhielt ihn mit Geschichtenerzählen. Dem -Opiumraucher war eines Tages sein Opium ausgegangen, hatte vom Prinzen -eine halbe Stunde Urlaub bekommen und war auf den Markt gegangen. Auf -einmal sieht er ein großes Schloß. Er sagt sich: „Wann ist dieses -Schloß gebaut? Ich komme hier jeden Tag vorbei, niemals war es da. Ist -es Traum oder Phantasie?“ Er denkt bei sich: „Ich will doch einmal dies -Schloß besichtigen“ und geht zum Schlosse. Während die Prinzessin in -dem Schlosse und der Jüngling im Schlosse sitzen und sich vergnügen, -sehen sie von Ferne den Opiumraucher. Der Jüngling sagt: „Meine -Prinzessin, da kommt der Opiumraucher des Prinzen. Mit dem wollen wir -unsern Spaß treiben.“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben.“ Der -Opiumraucher kommt. Als er um das Schloß wendet, wirft der Jüngling aus -dem Fenster eine verzauberte Rose hinab. Der Opiumraucher nimmt die -fallende Rose auf, riecht daran und sagt: „Ach, wie schön riecht deine -Rose! Wie schön mußt du erst selber riechen.“ Dies wiederholt er immer -und kehrt um. Unterwegs spricht er immer so zu sich. Die Leute, die ihn -sehen, folgen ihm und sagen: „Ist der Mensch verrückt?“ Fünfzig bis -sechzig Leute sammeln sich um ihn und sehen ihn an. - -Wir wenden uns zu dem Prinzen. Er sieht, daß zwei Stunden vorüber sind -und der Opiumraucher immer noch nicht kommt. Er langweilt sich und -befiehlt seinem Hausmeister: „Geh, wo du den Opiumraucher findest, -bringe ihn hierher.“ Der Hausmeister geht nach dem Opiumraucher aus. -Auf einmal sieht er auf dem Platze eine Menschenmenge. Indem er sagt: -„Was ist das wohl?“ geht er hin. Er sieht — was siehst du? — unsern -Opiumraucher. Sofort geht er zu ihm und sagt: „Der Prinz verlangt nach -dir.“ Der Opiumraucher sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose. Wie -schön mußt du erst selber riechen.“ - -Zum Hausmeister sagt er: „Wenn sie aus diesem Schloß Rosen werfen, hüte -dich, nimm sie nicht.“ Der sagt: „Ich will doch hingehen und sie einmal -sehen.“ Als sie zum Schlosse kommen, sieht der Jüngling sie und sagt -zur Prinzessin: „Der Hausmeister des Prinzen kommt, soll ich ihn -empfangen?“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben, mein Herr.“ Der -Jüngling läßt sofort die Türen des Schlosses aufmachen und der -Hausmeister tritt durch die Türen ein. Sofort kommen Sklavinnen, gehen -ihm entgegen und führen ihn nach oben. Der Jüngling sagt: „Er soll -seine Kleider ausziehen und so kommen.“ Der Hausmeister geht in ein -anderes Zimmer und zieht sich aus. Als er die Hand an seine Mütze -bringt und an ihr zieht, geht die Mütze nicht ab. Wie sehr er sich auch -müht, er kann sie nicht abbekommen. Die Sklavinnen gehen zu ihrem -Herrn. Als sie sagen: „Der Hausmeister kann seine Mütze nicht -herunterbekommen,“ sagte er: „Was ist das für ein Mensch, der seine -Mütze nicht herunterbekommen kann!“ und treibt ihn hinaus. Sofort als -der Hausmeister unter der Tür des Schlosses sich bückt, um seine -Stiefel anzuziehen, fällt ihm seine Mütze vom Kopf auf die Erde. Der -Hausmeister nimmt die Mütze und sagt: „Drinnen wolltest du nicht -abgehen, was gehst du draußen gleich ab?“, wirft die Mütze auf den -Boden und geht zu dem Opiumraucher. Als der Opiumraucher ihn sieht, -wundern sie sich beide sehr. - -Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach -dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen. -Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der -Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und -sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus -diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht -daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue -es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga -geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der -Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich -spielen.“ Sie antwortet: „Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das -Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein -Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus, -aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er -kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der -Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht -ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem -Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine -Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet -ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den -Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und -sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß, -trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der -Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft, -nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst -hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga -sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie -das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und -geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling, -die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit -entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder -und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel, -das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem -Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt -den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das -jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und -sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder -antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt -nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere -Mutter.“ Der Jüngling tritt hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen -leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“ - -Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die -Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen. -Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte -mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte -mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die -Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und -meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt -die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig -Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten, -was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen. -Amen, o Helfer. - - - - - - - - -8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL [15] - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem -Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor. -Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev, -pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von -ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt -der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der -Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer -Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den -Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön, -mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas -zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil -in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht -entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem Nebel -bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev -hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die -Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte -die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den -Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du -den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der -Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das -Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die -Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu -seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht -töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den -Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev -nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich -kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen -und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging -in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein -Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den -Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum -Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine -Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das -Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre -gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging -diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie -erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine -Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr -bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein -Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen -Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich -im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und fing an schön -darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe -und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach -einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er -auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den -Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er -drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam -wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der -Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der -Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein -Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da -war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast -dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein -Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache -gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte: -„Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen -geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz -mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach. - -Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut. -Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie -sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht -das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen -Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen, -wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den -Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder, -ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie -waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um -die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in -den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich -nach oben!“ Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem -Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er -hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“ -Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder, -bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage: -‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich -erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib -und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“ -ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen -sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den -Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein -und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten. -Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was -siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß -gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und -sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und -der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten -gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und -denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten -hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die -Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er -redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen -antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher -gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich -merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz: -„Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir, -welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in -welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was -siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der -ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen sieht, nimmt -er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die -Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der -Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“, -schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm -den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte -seine Seele in die Hölle. - -Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen -und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen, -Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und -geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen -obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz -bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein -ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach -oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das -andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein -Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach -unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm: -„Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine -Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick -abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf -die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben, -dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen -Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die -Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes -und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach -oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch -sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom -Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick -und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“ - -Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am -Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben -und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn. -Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt, -schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß -der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die -Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem -Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das -schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde. - -Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die -nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und -sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet. -Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“ -Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte -um den Prinzen. - -Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben -Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er -etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine -Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast -auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum -Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus -seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm, -mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein. -Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der -Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den -Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern -angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem -Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser -war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es -nicht und sagt: „Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange -Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag -dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache -und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen -gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die -Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die -ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder -abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten. -Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies -Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah -dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“ - -Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus -dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder -wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des -Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren -einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das -Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort -stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu -weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz -blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu -dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und -halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen, -stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger -Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte -Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der -Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen -Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen -Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen. -Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären, -in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog, -es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu -ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach -dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen -Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul -des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie -gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der -Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft -steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß -die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache -warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre -fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn -streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein -Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß. - -Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine -Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen -und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den -Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht -weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und -rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst, -gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“ - -Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, — -was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder, -der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und -alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins -Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du -ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen -auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da -wurden Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß -alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und -weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten. - -Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in -das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau: -„Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum -siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was -sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“ - -Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er, -daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das -Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn. -Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in -das Schloß zu dem Padischah. - -Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den -Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat -den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des -jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte -von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre -Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur -Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für -Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte -der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will -ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf -und ging in das Haus der alten Frau. - -Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen -Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr -müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem -Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem -Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie auf und ging weg. Die -Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief, -kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert, -erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu -schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der -Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange -die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er -den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil -ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die -beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der -Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und -vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen -sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus -der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn -herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende -Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der -Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an -den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum -Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel -und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt -wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein -Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er -leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du -willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich -bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte: -„Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von -ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich -verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt -du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das -Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich -wieder auf die Erde bringen.“ - -Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen -vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt -vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der -Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe -auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst -setzt sich in die Mitte. - -Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach -Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn -er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende -und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak -sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz -seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es -Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen -sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun -habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott -möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich -gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus, -drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher. - -Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den -Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft -sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf. [16] Unterwegs trifft -er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider, -ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des -Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum -Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“ -Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn -schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der -Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein -Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der -Prinz reibt die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander -und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt: -„Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine -Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht -weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie -dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was -an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd -und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle. -Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten -ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und -weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen, -die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den -Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat -den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der -Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf -einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht, -ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben -und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal -den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die -Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf -der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld. - -Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als -das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn -zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den -Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner -wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg. -Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß -kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht, -daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt ihn aus -dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem -Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“ -Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was -sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich -wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm -der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen. - -Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die -Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und -sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit -verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war, -wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch -nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine: -„Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die -von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene -Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste -fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene -Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der -erstere muß den anderen verfolgen.“ - -Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen. -Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit. -Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte: -„Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich -euch“ und entläßt sie in ihre Läden. - -In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen -jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du -nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger -Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er -bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es -doch.“ Der Meister antwortete: „Frage mich nicht mehr, unsere Sache -steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen -mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß -ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage -es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen -Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine -goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf -antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas -Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht -bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen -und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was -du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen -verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen -für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm. - -Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort -vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und -lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die -Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was -wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden -befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund -und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die -Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt -sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du -gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du -mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den -Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein -Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt -es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben -sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott. - -Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den -Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“ -Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch -so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand. -Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu -dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der -Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du -fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn, -weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an. - -Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht: -„Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht -mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der -Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein -Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel -genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider -überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah -sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am -einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit -entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte -der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der -antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich -nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu -sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß -gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere -geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine -Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns -alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du -nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner -Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am -einundvierzigsten Tage machen und bringen.“ Der Meister sagte: „Das -Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge -und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der -Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse -und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die -Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen. -Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der -Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie -und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte: -„Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der -grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der -Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat. -Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der -Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten. - -Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde, -auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der -älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten -vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein -Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne -des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen -Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge -etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem -der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr -erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange -von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“ -Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an, -besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der -Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den -Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn. -Als der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom -Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und -bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist -gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist -geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug -den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es -ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas -geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“ - -Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf -den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden -und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: -„Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der -Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da -sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft -er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann -geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und -bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es -ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was -ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem -gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel -getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott -dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn -des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den -grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder -die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von -dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der -Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da -sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei -Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken -wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze -herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den -Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz: -„Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen -gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach, -bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach -mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz -antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib -jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem -mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort -wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast -gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig -Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am -einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das -Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit -ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß. - - - - - - - - -9. DIE GESCHICHTE VON DEM VATER SPINDELHÄNDLER - - -Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In -früheren Zeiten lebten in einem Hause drei Schwestern. Eines Tages geht -unvermutet auf der Straße ein Spindelhändler mit seinem Korbe auf dem -Rücken vor dem Hause der drei Schwestern vorbei und ruft: „Spindeln zum -spinnen.“ Die Mädchen rufen: „Was verlangst du, Vater? Pack doch aus. -Hast du gute Spindeln?“ Der Alte legt die Spindeln, die er in seinem -Korbe hatte, auf die Erde. Die Mädchen sehen sich die Spindeln an, -keine gefiel ihnen. Sie fragen: „Vater, hast du noch andere?“ Er sagte: -„Fräulein, zu Hause habe ich welche. Komm mit mir und suche dir die -schönsten aus.“ Sie sagten: „Sehr schön.“ Das älteste Mädchen steht auf -und macht sich mit dem Alten auf den Weg. Nach einiger Zeit kommen sie -auf die Höhe eines Berges. Nachdem sie noch etwas weiter gegangen sind, -kommen sie in eine Höhle. Sie treten ein und das Mädchen blickt sich -nach den beiden Seiten um und sieht, daß die zwei Wände mit -Menschenleichnamen bedeckt sind, die in der Mitte aufgeschnitten und an -die Wand gehängt sind. - -Als das Mädchen diese sah, verlor es die Besinnung. Nach einiger Zeit -geht sie mit dem Alten weiter. Sie treten in ein Zimmer. Als es Abend -wird, sagt der Alte: „Mädchen, koche etwas von dem dort aufgehängten -Fleisch, wir wollen essen.“ Das arme Mädchen steht auf, nimmt einen von -den aufgehängten Leichnamen, kocht ihn, legt ihn dem Alten vor. Der -fängt an zu essen und sagt zu dem Mädchen: „Warum ißt du nicht?“ Das -Mädchen antwortet: „Ich liebe kein Fleisch.“ - -„Ja, was willst du denn essen? Willst du meinen Finger essen?“ - -Das Mädchen denkt, daß er sich nicht den Finger abschneiden wird, und -sagte: „Ja, ich werde ihn essen.“ - -Sofort schnitt sich der Alte seinen Finger ab, wirft ihn dem Mädchen -hin und sagte: „Da, iß!“ - -Das Mädchen, das sehr erstaunt war, fürchtete sich und warf bei -Gelegenheit den Finger unter den Tisch. - -Der Alte sagte: „Hast du den Finger gegessen?“ - -Das Mädchen sagt: „Ja.“ - -Der Alte: „Soll ich dich töten, wenn du ihn nicht gegessen hast?“ - -Das Mädchen denkt bei sich, wie sollte er es wissen, und sagt: „Ja, -töte mich.“ - -Der Alte schreit: „Finger, wo bist du?“ - -Der Finger antwortet: „Ich bin unter dem Tisch.“ - -Da steht der Alte auf, schneidet das Mädchen vom Ohr bis nach unten in -zwei Teile und hängt es an die Wand. Am nächsten Morgen geht der Alte -zum Hause der zwei Schwestern. Die fragen: „Vater Spindelverkäufer, wo -ist unsere Schwester?“ - -Der Alte antwortet: „Unterwegs hat sie ein Prinz gesehen und mit sich -genommen. Die lebt jetzt bequem. Kommt mit, ich werde euch führen und -euch einem reichen Mann geben.“ - -Die hielten das für Wahrheit, und die Mittlere stand auf und machte -sich mit dem Alten auf den Weg, kam an die Höhle, trat ein und sieht -auf beiden Seiten viele Menschen aufgehängt und ihre Schwester auch -mitten durchgeschnitten dort hängen. - -Als sie das sieht, seufzt sie und verliert die Besinnung. Ihr Herz -blutet. Sie gehen weiter und betreten das Zimmer. Er läßt das Mädchen -wie das erste Mal Fleisch kochen. Das Mädchen sagt auch: „Ich esse -nicht.“ - -Er sagt: „Ich werde dir meinen Finger geben, ißt du den?“ - -Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“ - -Der Alte schneidet seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen zu. - -Das Mädchen nimmt leise den Finger und wirft ihn in den Garten. - -Er sagt: „Mädchen, hast du den Finger gegessen?“ - -Das Mädchen sagt: „Ich habe ihn gegessen.“ - -Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger schreit: „Ich bin im -Garten auf dem Kehrichthaufen.“ - -Wie das erste Mal steht er auf, zerschneidet das Mädchen und hängt es -an die Wand. - -Am nächsten Tage steht er auf, geht wieder in das Haus. Das jüngste -Mädchen schreit: „Wo sind meine Schwestern? Wohin hast du sie -gebracht?“ - -Der Alte sagt: „Die eine habe ich einem Prinzen gegeben, die andere -einem reichen Manne. Deine Schwestern sind gut untergebracht. Ich werde -dich auch mitnehmen und einem schönen Jünglinge geben.“ - -Das Mädchen hatte im Hause eine gelbe Katze, die nahm sie unter dem Arm -mit und ging mit dem Alten. Sie kommen an die Höhle und treten ein. Das -Mädchen sieht nach beiden Seiten, — was siehst du? — ihre beiden -Schwestern sind mitten durch gespalten und hängen an der Wand. Das -Mädchen sagt: „Ach, meine Schwestern sind tot“ und aus ihren Augen -fließt Blut anstatt Tränen. Sie sagt: „Du gottloser Kerl, ich werde -dich bestrafen“ und geht weiter. - -Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der Alte kommt in -sein Zimmer und, wie das vorige Mal, sagt er zum Mädchen: „Ich hungere, -koche deine Schwester, wir wollen essen.“ Das Mädchen steht auf, nimmt -einen Leichnam, kocht die eine Hälfte im Herde, die andere nicht und -setzt sie vor. Der Alte nötigt das Mädchen, das Mädchen sagt: „Ich esse -kein Menschenfleisch.“ - -„Ja, was ißt du denn? Ißt du meinen Finger?“ - -Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“ - -Sofort schneidet er seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen vor. Das -Mädchen gibt ihn leise der unter dem Tisch liegenden Katze. Die Katze -verschluckt ihn. Wie das vorige Mal fragt er: „Mädchen, hast du den -Finger gegessen? Wenn du ihn nicht gegessen hast, werde ich dich -töten.“ - -Das Mädchen sagt: „Du kannst mich töten.“ - -Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger sagt: „Ich bin in -einem warmen Magen.“ - -Der Alte sagt: „Bravo, mein Mädchen, jetzt bist du mein Mädchen.“ - -Schließlich gewöhnt das Mädchen dem Alten das Menschenfleisch ab, holt -von draußen ein Lamm und sie essen es zusammen. - -Eines Tages sagt der Alte: „Mädchen, damit du dich nicht langweilst, -nimm diese vierzig Schlüssel, öffne die vierzig Zimmer und wandere -ordentlich drin herum. Aber das einundvierzigste darfst du nicht -öffnen.“ Nach diesen Ermahnungen geht er aus. Das Mädchen steht auf, -öffnet die vierzig Zimmer und sieht, daß darin Diamanten, Juwelen, -Rubinen und allerlei Dinge sind. Sie sieht sich diese an. Dann war sie -aber neugierig auf das Zimmer, von dem er gesagt hatte: „Öffne es -nicht“, und sagte: „Ich will auch das öffnen.“ Sie kommt an das Zimmer, -öffnet es, tritt ein und sieht an der Decke einen Jüngling an den -Haaren aufgehängt, schön wie der Mond am vierzehnten. Man konnte es -nicht aushalten ihn anzusehen. Solch eine Schönheit hatte nicht -ihresgleichen. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie bewußtlos und fragt: -„Bist du ein Geist oder etwas derartiges?“ Der Jüngling sagte: „Ich bin -ein Mensch.“ - -„Wer hat dich hier aufgehängt?“ - -Der Jüngling: „Der Zauberer hier wollte mich töten, er besiegte mich -und hängte mich, um es kurz zu sagen, hier an meinen Haaren auf.“ Das -Mädchen erzählte auch genau ihre Abenteuer und sagte: „Mein Held, gibt -es ein Mittel, ihn zu töten?“ - -Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin. Wenn jetzt der Zauberer kommt, -geh und sage: ‚Komm, ich will dir den Kopf nachsehen‘, schneide ihm -dann leise einige Kopfhaare ab. Dann fällt er in Schlaf. Das dauert -vierzig Tage. Am einundvierzigsten steht er wieder auf. Das mußt du -tun, dann lassen wir ihn hier und entfliehen zusammen. Dann sollst du -mein und ich dein sein.“ So beschließen sie. Das Mädchen schließt leise -ab und kehrt in das Zimmer des Zauberers zurück. Nach einiger Zeit -kommt der Zauberer und sagt zum Mädchen: „Hast du die Zimmer -angesehen?“ Das Mädchen sagt: „Ja, ich habe sie mir angesehen und mich -daran erfreut.“ Dann sagte sie: „Komm, ich will dir den Kopf -nachsehen.“ Der Zauberer legte seinen Kopf in den Schoß des Mädchens -und sie schnitt ihm leise seine Haare ab und nahm sie mit. Der Zauberer -schläft ein. Sofort legt das Mädchen seinen Kopf von seinem Schoße auf -die Erde und geht zu dem Zimmer, wo der Jüngling ist, löst ihm die -Haare, läßt ihn herunter und sagt: „Jetzt bist du mein und ich dein. -Wir dürfen nun nicht verweilen. Wollen fliehen.“ Sie nehmen noch von -dort alles, was leicht an Last und schwer an Wert ist, machen sich auf -den Weg und nach einundvierzig Tagen kommen sie in die Stadt und gingen -in das Haus des Mädchens. Dort pflegten sie der Liebe. - -Diese wollen wir nun lassen und uns zum Zauberer wenden. Als für ihn -der einundvierzigste Tag war, wachte er auf und sieht sich nach allen -vier Seiten um. Als er das Mädchen nicht sieht, geht er nach oben in -das Zimmer, wo der Jüngling aufgehängt war. Weder der Jüngling noch das -Mädchen ist vorhanden. Er sagt: „Ach, du gottloser Bummler, hast das -Mädchen mit dir genommen und bist entflohen!“ - -Er macht sich voller Wut auf den Weg. Nachdem er einen Weg von vierzig -Tagen an einem Tage gemacht hat, kommt er in die Stadt, verkleidet sich -als Armer und geht vor die Tür des Mädchens und sagt: „Ach, Mädchen, -nimm mich um Gottes willen auf.“ Das Mädchen hielt ihn für einen Armen -und nahm ihn auf. Der Jüngling war außerhalb eingeladen. Nach einer -Stunde kommt er und merkt die Geschichte, als er diesen Armen sieht. -Der Jüngling stellt sich, als ob er nichts merkte, und geht in sein -Zimmer. Als es Abend wird, essen sie und geben dem Armen auch etwas. -Kurz, wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. In der Nacht -schläft das Mädchen ein. Dem Jüngling kommt kein Schlaf in die Augen. -Um vier oder fünf hat der Zauberer auf die in dem Viertel wohnenden -Leute Totenerde gestreut und zog rings einen Kreis. Er ging zu dem -Jüngling und stellte ihm zu Häupten eine große Flasche mit Totenerde. -Der Jüngling fiel auch in Schlaf, so wie ein Toter. Dann ergriff der -Zauberer das Mädchen und schlug sie so mit einem Stocke, daß ihr -Schreien zum Himmel drang. Da sie keinen Platz zum Entfliehen fand, so -drehte sie sich, wie das Himmelsgewölbe um den Jüngling. Der Zauberer -lief ihr ohne Verweilen nach. Dem Mädchen blieb keine Kraft mehr. In -diesem Spektakel spaltete sich die Wand und eine Stimme rief: „Mädchen, -was säumst du? Zu Häupten des Jünglings steht eine Flasche, zerbrich -sie, und der Jüngling steht auf.“ Als das Mädchen dies hörte, zerbrach -sie die Flasche mit dem Fuße. Sofort wacht der Jüngling auf und sieht, -daß das Mädchen von dem Schlagen ganz blau ist und zum Himmel schreit. -Er sagte: „Bei Gott“, faßt den verfluchten Zauberer, hebt ihn hoch und -wirft ihn auf die Erde. Dann stößt er ihm einen Pfahl durch den Nabel -und verbrennt ihn ordentlich. - -Danach verheiratet er sich mit dem Mädchen, und sie erreichten ihr -Verlangen. Damit ist unsere Geschichte zu Ende und somit Schluß. - - - - - - - - -10. DIE GESCHICHTE VOM DIEBE UND VOM TASCHENDIEBE - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war -ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie -gesehen. - -Eines Tages will der Dieb verreisen und läßt sich von seiner Frau ein -Blech Pastete machen. Die Frau gibt die Hälfte dem Diebe. Als er sie -bekommen hat, macht er sich auf den Weg. Jetzt kommt der Taschendieb -nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Frau, morgen werde ich verreisen.“ -Die Frau gibt ihm die andere Hälfte der Pastete. Er nimmt sie und macht -sich auf den Weg. Nach einiger Zeit begegnet er dem Taschendiebe und -sagt: „Kamerad, wohin gehst du?“ Der Dieb antwortet: „Ich gehe nach -Aleppo, wollen Kameradschaft halten.“ Der ist auch damit einverstanden, -und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Nach einiger Zeit -hungerten sie und sagten: „Komm, Kamerad, wollen ein wenig essen“ und -setzen sich hin. Der Dieb holt aus seinem Sack eine Pastete und legt -sie hin. Der Taschendieb holt auch aus seiner Tasche eine Pastete und -legt sie hin. Da sieht der Dieb, daß beide eine Pastete sind, auf einem -Bleche gebacken. Darauf sagt der Dieb: „Diese Pastete hat meine Frau -gemacht.“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau hat sie gemacht.“ Der Dieb -fragt: „Wie heißt deine Frau?“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau heißt -Nasime.“ Der Dieb sagt: „Das ist meine Frau.“ Der andere sagt: „Das ist -meine Frau.“ Sie erhitzen sich im Streit, und gehen in ihr Haus. Jetzt -sagt der Dieb: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm: -„Ja.“ Der Taschendieb sagt: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau -sagt zu ihm: „Ja.“ Da sagt der Dieb: „Seit so langer Zeit hast du zwei -Männer gebraucht, du Herumtreiberin! Sieh mal, hat sie es mir wohl -gesagt?“ Sie stehen auf, gehen zum Gericht und erzählen die Sache, wie -sie sich verhält, dem Herrn Richter. Der Richter antwortet: „Ihr müßt -beide eine Prüfung ablegen. Wer gewinnt, dem gehört die Frau.“ Die -gehen wieder in ihr Haus. Eines Tages sagt der Dieb zu seiner Frau: -„Gib deine Brosche her, wollen sie beim Goldarbeiter verkaufen und uns -Lebensmittel dafür kaufen.“ Der Taschendieb kam von draußen dazu. Der -Dieb nimmt die Brosche. Während er auf den Markt geht, gibt ihm der -Taschendieb einen Stoß, stiehlt ihm die Brosche und bringt sie nach -Hause. Der andere ahnt davon nichts, kommt zum Goldarbeiter, will sie -herausholen und zeigen. Da sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Er -denkt: „Ich habe sie zu Hause gelassen“ und kehrt nach Hause um. Er -sagt: „Frau, ich habe die Brosche hier wohl vergessen, gib mir die -Brosche.“ Er nimmt sie, und während er geht, stiehlt sie ihm der -Taschendieb wieder bei Gelegenheit aus dem Busen und bringt sie nach -Hause. Der andere ahnt wieder nichts davon und bringt sie zum -Goldarbeiter. Als er sie geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da -ist. Wieder denkt er: „Merkwürdig, ich muß sie wieder zu Hause -vergessen haben“ und kehrt wieder um, Zu Hause sagt er: „Frau, ich habe -wieder die Brosche vergessen. Gib sie, ich will sie ordentlich -verstecken.“ Er nimmt sie, während der Taschendieb aufpaßt, und bindet -sie ums Gesäß und geht auf den Markt. Währenddessen kommt der -Taschendieb, nimmt ihm den Fes weg und wirft ihn auf das Dach eines -Ladens. Der Dieb sieht ihn an: „Was tust du da, du ungebildeter Kerl?“ -Der sagte: „Ach, Verzeihung, mein Herr, mir fiel meine Jugend ein. -Komm, ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Der -Dieb sieht, daß seine Schuhe schmutzig sind und sagt: „Deine Schuhe -sind schmutzig. Ich werde auf deine Schulter steigen und ihn -herunterholen.“ Als dieser auf seine Schulter steigt, nimmt er ihm -leise die Brosche von seinem Gliede und steckt sie in seinen Busen. -Der Dieb kommt zum Goldarbeiter. Als er sie ihm geben will, sieht -er, daß die Brosche nicht da ist und ruft aus: „Nanu, was ist denn -das mit mir!“ - -Der Goldschmied sagt: „Willst du dich über mich lustig machen?“ Da wird -der Dieb zornig, geht nach Hause und sagt: „Hallo Frau, ich habe die -Brosche ordentlich verborgen; jetzt ist sie nicht da. Was ist das wohl -mit mir?“ Da kommt der Taschendieb und sagt: „Nun Bruder, hast du es -jetzt gesehen. Das ist meine Kunst. Nun zeige mir deine Kunst.“ - -Der Dieb sagt: „Folge mir.“ Sie stehen auf, gehen auf den Markt, kaufen -einen Korb Nägel und einen Hammer, gehen zur Nacht in das Schloß des -Padischahs, schlagen Nägel in die Wand, steigen hinauf und auf der -anderen Seite der Mauer hinunter. Im Garten war eine Gans. Der Dieb -ergreift sie, schlachtet sie und sagt zum Taschendieb: „Ich gehe jetzt -in das Zimmer des Padischahs und stehle alles, was dort an wertvollen -Gegenständen vorhanden ist. Du mache hier Feuer und brate die Gans.“ - -Der Dieb geht in das Zimmer, wo der Padischah ist. Da sieht er, daß der -Padischah auf seinem Bett liegt und sein Hofmeister zu seinen Füßen ihm -die Kniee reibt und gleichzeitig Mastix kaut, damit er nicht -einschläft. Der Dieb tritt unbeachtet ein, reißt sich ein Haar aus, -steckt es dem Hofmeister in den Mund und nimmt ihm leise den Mastix aus -dem Munde. Dann schläft der Hofmeister ein. Sofort legt er ihn in den -Korb und hängt ihn an der Decke auf, dann geht er hin und reibt die -Kniee des Padischahs und sagt zum Padischah: „Mein Padischah, ich werde -dir eine Geschichte erzählen, aber du darfst mir nichts tun.“ Der -Padischah befiehlt: „Erzähle.“ Er erzählt: - -„Mein Padischah, einst gab es einen Dieb und einen Taschendieb. Beide -hatten eine Frau. In der Nacht gebrauchte sie den einen und am Tage den -andern. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt. [17] — Als die -Sache bekannt wurde, kam sie vors Gericht. Dort sagte man: ‚Ihr müßt -eine Prüfung ablegen.‘ Der Taschendieb führte seine Sache aus. — Dreh -die Gans um, damit sie nicht anbrennt und unser Padischah es merkt! — -Der Dieb kommt in dies Schloß. Der Taschendieb briet die Gans, der Dieb -steckte den Hofmeister des Padischahs in einen Sack und hängte ihn an -die Decke. Er selbst ging zum Padischah und fing an ihm die Kniee zu -reiben. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!“ — Als der -Taschendieb dies draußen hört, sagt er: „Wenn der Padischah merkt, daß -ich die Gans brate, dann schlägt er uns beiden den Hals ab“, und seine -Hände und Füße fangen an zu zittern. Der Padischah sagt: „Hofmeister, -was soll das heißen: ‚Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!‘“ Er -antwortete: „Mein Herr, das ist eine Redensart. Dann, mein Padischah, -kamen sie hierher, verlangten weiter nichts, haben nur Ihre Gans -gegessen und aus Ihrem Schlosse nichts genommen und der Dieb hat soviel -Mut gezeigt. Wem fällt nun die Frau zu?“ Der Padischah sagte: „Dem -Diebe.“ Schließlich schlief der Padischah ein. - -Sie gingen wieder in ihr Haus. Als der Padischah aufwachte, rief er -seinen Hofmeister. Es war nichts von ihm zu hören. Er fragte nochmals: -„Hofmeister, wo bist du?“ - -Er antwortete: „Ach, mein Herr, an der Decke bin ich.“ - -Da sagte der Padischah: „Ach, dann war der, der mir in der Nacht die -Geschichte erzählt hat, wohl der Dieb.“ - -Dann ließ der Padischah den Hofmeister herunterholen und sie merkten -die ganze Sache. Der Padischah befahl, daß Ausrufer von Viertel zu -Viertel gingen. Als der Taschendieb und Dieb dies sahen, sagten sie: -„Ja, wir sind es.“ Sofort brachte man sie vor den Padischah. Der -Padischah sagte: „Wer von euch ist der Dieb und wer der Taschendieb?“ -Der Dieb sagte: „Mein Herr, ich bin der Dieb. Der Taschendieb ist mein -Kamerad.“ - -Der Padischah fragte: „Mein Sohn, warst du es, der in der Nacht neben -mir die Geschichte erzählt hat?“ - -Er antwortete: „Ja, mein Herr, das war ich.“ - -Man sah im Schlosse nach, nichts fehlte. - -Der Padischah sagte: „Ich nehme dich als Diener an. Die Frau gehört -dir.“ Er gab dem Diebe und dem Taschendiebe tausend Piaster. Sie gingen -in ihr Haus. Der Taschendieb trennte sich von ihnen und ging in ein -anderes Land. Der Dieb heiratete von neuem seine Frau, und sie lebten -ruhig miteinander. Unsere Geschichte ist auch aus. Damit Schluß. - - - - - - - - -11. DIE GESCHICHTE VON DSCHEFA UND SEFA - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten war ein gerechter Padischah. Dieser -Padischah hatte keine Nachkommen. Eines Tages verkleidete er sich mit -seinem Hofmeister und ging aus. Als sie an einer Quelle die Waschung -vollzogen und das Gebet verrichteten, kam von ungefähr ein Derwisch, -ging zu ihnen und sagte: „Friede sei über dir, mein Padischah.“ Da -sagte er: „Auch über dir Friede, Vater Derwisch. Da du weißt, daß ich -ein Padischah bin, so kennst du auch mein Verlangen.“ Der Derwisch -sagte: „Mein Padischah, du hast keine Nachkommen auf der Welt.“ Er nahm -einen Apfel aus seinem Busen und sagte: „Mein Padischah, nimm diesen -Apfel, schäle ihn und iß ihn mit der Königin. Die eine Hälfte gib ihr -und die andere Hälfte gib der Amme. Dann erhältst du einen Sohn. Aber -hüte dich, ihm einen Namen zu geben, bevor ich komme.“ - -Als der Padischah seine Hand in die Tasche steckt, um dem Derwisch Geld -zu geben, sieht er, daß der Derwisch verschwunden ist. Dann geht er ins -Schloß, schält den Apfel, gibt die Hälfte der Königin und die andere -Hälfte der Amme. Sie essen ihn und legen sich am Abend schlafen. Sie -bekommen Nachkommen. Nach neun Monaten und zehn Tagen bekommt der -Padischah einen Sohn, und auch die Amme bringt einen Knaben zur Welt. -Der Padischah gab den Armen viele Geschenke. Als schließlich der Prinz -und sein Gefährte vier oder fünf Jahre alt sind, schickt man sie zur -Schule, um etwas zu lernen. In der Schule nannte man ihn den namenlosen -Prinzen. - -Eines Tages ärgerte sich der Prinz darüber, geht zu seinem Vater und -sagt: „Mein Vater, ich habe keinen Namen. Warum hast du mir keinen -Namen gegeben?“ Er antwortete: „Mein Sohn, du bist durch einen Derwisch -entstanden. Bevor der Derwisch kommt, kann ich die Angelegenheit mit -deinem Namen nicht ordnen.“ - -Die Minister hielten eine Sitzung ab und sagten: „Padischah, wer weiß, -wann der Derwisch kommt? Wollen die Angelegenheit ordnen.“ Da -antwortete er: „Sehr schön.“ Als man die Sache ordnen will, kommt der -Derwisch und sagt: „Mein Padischah, der Name des Prinzen soll Sefa, und -der des Gefährten Dschefa sein.“ Danach geht er weg. Die setzen nun -ordnungsgemäß ihren Unterricht fort. - -Als eines Tages Sefa und Dschefa [18] in den Hofgarten gehen, sagt -Dschefa zu Sefa: „Ich will die Waschung vollziehen“ und geht weg. Als -Sefa sich nach allen Seiten umsieht, erscheint ein Derwisch, zieht aus -seinem Busen ein Bild und gibt es dem Prinzen. Der sieht, daß es ein -Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten, ist. Sofort verliebt er -sich in dieses Bild, fällt auf den Boden und wird ohnmächtig. Als er -nach einiger Zeit wieder zu sich kommt, geht er mit Dschefa ins Schloß. - -Der Prinz wird krank und wird von Tag zu Tag bleicher und schwächer. -Obgleich Ärzte und Hodschas ihn behandeln, finden sie kein Mittel. Der -Padischah denkt: „Wenn jemand das Leiden des Prinzen kennt, so ist es -Dschefa.“ Er ruft ihn. Dieser steht ehrfürchtig mit -übereinandergeschlagenen Händen vor ihm. Der Padischah sagt: „Dschefa, -sage mir, was die Krankheit meines Sohnes ist. Ich gebe dir vierzig -Tage Frist, am einundvierzigsten schlage ich dir den Kopf ab.“ - -Dschefa geht zu Sefa und sagt: „Mein Prinz, Ihr Vater hat mir vierzig -Tage Frist gegeben. Sagen Sie mir, was Ihre Krankheit ist, denn am -einundvierzigstenTage wird er mich töten.“ Wie sehr er auch flehte, er -erhielt keine Antwort. - -Am einundvierzigsten Tage sagte er: „Mein Prinz, heute ist der -Abschiedstag. Wollen uns gegenseitig verzeihen, was wir einander getan -haben.“ Dann umarmte er ihn, und aus seinen Augen floß Blut statt der -Tränen. Als Dschefa „Gott befohlen“ sagte und sich wandte, rief der -Prinz ihn zurück und sagte: „Komm, Dschefa, nimm dies Bild und gib es -meinem Vater.“ Dschefa nahm erfreut das Bild, ging zum Vater und sagte: -„Mein Padischah, eine frohe Botschaft! Der Prinz hat mir dies Bild -eines Mädchens gegeben.“ Er sieht, daß es die Tochter des Padischahs -von Jemen ist. Er geht zu Sefa und sagt: „Mein Sohn, warum hast du mir -nicht gesagt, daß du in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt -bist. Sollte ich ein Padischah sein und meinem Sohn nicht helfen -können?“ Dann rief er Dschefa und befahl: „Ich verlange von dir die -Tochter des Padischahs von Jemen.“ Sefa sagt: „Wo Dschefa ist, bin ich -auch. Wenn Sie erlauben, gehe ich mit Dschefa.“ Darauf verabschiedeten -sie sich von seiner Mutter, treffen die Vorbereitungen zur Reise, -besteigen die Pferde und machen sich auf den Weg. Allmählich kommen sie -an eine Quelle, lassen die Pferde auf der Wiese frei, und ruhen sich -etwas aus. Auf einmal sehen sie, daß eine alte Frau mit einem Kruge in -der Hand, um Wasser zu holen, kommt. Sie fragten die Mutter: „Mutter, -wie heißt dies Land?“ Sie antwortet: „Mein Sohn, dies Land heißt -Jemen.“ Als sie fragen: „Mutter, kannst du uns diese Nacht als Gäste -aufnehmen?“ antwortet sie: „Mein Sohn, ich habe kein Lager.“ Der Prinz -holt aus seiner Tasche eine Handvoll Goldstücke. Die Frau sagt: „Mein -Sohn, ich habe ein Lager, für die Pferde habe ich auch einen Stall.“ -Sie gehen mit ihr ins Haus, binden die Pferde im Stalle an und steigen -nach oben. - -Als sie in einem Zimmer verweilten, rief der Prinz die Mutter und -sagte: „Mutter, du fragst gar nicht, wie es mit uns steht.“ Sie sagte: -„Mein Sohn, erzähle doch.“ Er erzählte: „Ich bin der Sohn des -Padischahs von Stambul und habe mich in die Tochter des Padischahs von -Jemen verliebt. Deswegen bin ich in die Fremde gezogen. Ist sie -vielleicht hier?“ Sie antwortete: „Ja, mein Sohn, ich bin ihre -Lehrerin, in dieser Woche verheiratet sie sich mit dem Sohne des -Padischahs von Indien.“ Da seufzt er und alles verfinstert sich vor -ihm. - -Am nächsten Tage bekommt die Frau Lehrerin die Nachricht: „Die -Prinzessin verlangt dich.“ Die Frau Lehrerin sagt: „Mein Sohn, ich habe -Besuch von draußen. Wie sollte ich den allein lassen.“ Da bekommt sie -Nachricht, daß sie ihren Besuch mitbringen soll. - -Wir wenden uns jetzt zu Sefa und Dschefa. Da sie aus einem Apfel -entstanden waren, so waren sie sich sehr ähnlich. Die Frau Lehrerin -sagte: „Mein Sohn, was sagt Ihr, man hat Euch auch eingeladen. Kommt -bitte mit.“ Sefa sagt: „Bringe mir einen Feredsche und Jaschmak. [19] -Ich will mich anziehen und dann hingehen.“ Sie sagte: „Sehr schön.“ Sie -zogen einen Jaschmak und Feredsche an und gingen in das Schloß. Die -Tochter des Padischahs von Jemen, schön wie der Mond am vierzehnten, -stieg die Treppe hinab und ging ihnen mit ihren Sklavinnen entgegen. -Als Sefa sie sah, zitterten ihm Hände und Füße. Dann stiegen sie nach -oben und setzten sich in ein Zimmer, nahmen ihren Jaschmak und -Feredsche ab und unterhielten sich. Nachdem sie Kaffee getrunken und -geraucht hatten, sagte die Prinzessin: „Frau Lehrerin, woher ist dieser -Gast gekommen? und wer ist er?“ Sie antwortete: „Sie sind aus diesem -Lande und gehören zu meiner Verwandtschaft. Ich habe mich sehr dazu -gefreut.“ - -Am Abend sagte die Prinzessin: „Frau Lehrerin, bleibt als Gäste bei -mir. Ich werde euch nicht weglassen.“ Sie antwortete: „Ach, meine -Tochter, zu Hause ist ihre Mutter. Die weiß nichts davon, daß sie -hierhergegangen sind. Sie würde sich wundern. Morgen werde ich ihre -Mutter um Erlaubnis bitten und sie hierherbringen.“ Dann standen sie -auf und gingen nach Hause. In dieser Nacht schliefen sie. Am nächsten -Morgen lassen sie Sefa im Hause und gehen mit Dschefa ins Schloß. -Nachdem sie zu Abend gegessen hatten, geben sie der Frau Lehrerin ein -großes Zimmer und sie beide zogen sich in ein anderes Zimmer zurück, -zündeten goldene und silberne Leuchter an und setzten sich auf -Federkissen. Das Mädchen umarmt Dschefa und küßte ihn und sagte: -„Umarme mich auch und küsse mich auch.“ Dschefa tut das auch. Das -Mädchen sagt: „Das ist der Kuß eines Mannes.“ Schließlich gibt er sich -zu erkennen und setzt ihr alles von Anfang bis zu Ende auseinander, daß -der gestern Gekommene, der Sohn des Padischahs von Stambul sei, und daß -sie beide aus einem Apfel entstanden seien. - -Die Liebe des Mädchens wurde noch größer und sagte: „Dafür muß ein -Mittel gefunden werden. Ach, Dschefa, morgen gehe ich als Braut des -Sohnes des Padischahs von Indien fort. Gegenüber, eine halbe Stunde -entfernt, ist eine Türbe. Ich gehe nicht, bevor ich nicht zuerst diese -Türbe besucht habe. Ihr müßt morgen von der Frau Lehrerin direkt zu der -Türbe gehen, dem Wärter etwas Geld geben, eintreten und mich erwarten. -Ich komme mit dem Wagen zur Türbe, steige aus, gehe allein in die -Türbe, lasse dich meine Brautkleider anziehen. Du besteigst den Wagen -und gehst als Braut zum Sohne des Padischahs von Indien. Ich entfliehe -von dort mit Sefa. Wir erwarten dich auf dem und dem Berge. Du -entfliehst eines Tages von dort und kommst.“ So beschlossen sie in -jener Nacht. Am Morgen geht Dschefa und die Frau Lehrerin wieder nach -Hause und erzählen dies alles im Geheimen dem Sefa. Sie geben der Frau -Lehrerin eine Anzahl Goldstücke und verabschieden sich. Sie verlassen -das Haus, gehen zur Türbe, geben dem Wärter eine Handvoll Goldstücke -und Sefa und Dschefa verbergen sich in einem Winkel der Türbe. - -Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Die Wagen kommen, -die Braut steigt bei der Türbe ab, betritt die Türbe, sieht, daß Sefa -und Dschefa dort sind. Sofort zieht sie, ohne zu verweilen, ihre -Kleider aus, gibt sie Dschefa. Als der von dort wieder zum Wagen -gekommen ist, umarmt man ihn und setzt ihn in den Wagen. Die Pferde -bekommen einen Peitschenschlag und man macht sich auf den Weg nach -Indien. - -Eines Tages kommen sie nach Indien. Aus Freude, daß die Tochter des -Padischahs von Jemen als Braut für den Sohn des Padischahs von Indien -kommt, werden Kanonen abgeschossen und Freudenfeste abgehalten. Die -Türen des Schlosses werden geöffnet und man ging ihnen entgegen. Die -Sklavinnen fassen ihn unter den Arm [20] und führen ihn ins dritte -Stockwerk hinauf. Kurz, in jener Nacht bringt man Dschefa, in der -Meinung, daß er ein Mädchen sei, in das Brautgemach. In jener Nacht -zeigte er sich dem Bräutigam nicht gefällig. Am Morgen ging der Prinz -grollend weg, die vermeintliche Braut blieb im Schloß. Nach einigen -Tagen, während die Braut im Garten spazieren geht, erscheint von -ungefähr die Schwester des Bräutigams und sagte: „Ach, meine -Prinzessin, komm, wollen zu Gott bitten, vielleicht wird einer von uns -ein Mann.“ Das wäre für das Mädchen ein Glück gewesen. Dschefa betete -und das Mädchen sagte „Amen“. Sie untersuchten sich. Das Mädchen sagte: -„Bei mir ist nichts.“ Dschefa sagte: „Bei mir ist etwas geworden.“ Sie -umarmen sich und pflücken die reifen Küsse von ihren Wangen, die -anderen heben sie sich für später auf. [21] - -Dschefa sagte: „Hier können wir nicht mehr bleiben. Wollen in mein Land -gehen.“ Sie besteigen die Pferde, und machen sich mit den Worten: „Wo -bist du, Sefa?“ auf den Weg. - -Nach vier bis fünf Tagen erreichten sie sie. Sie fragten sich -gegenseitig nach ihrer Gesundheit und erzählten genau ihre Erlebnisse. - -Die wollen wir nun verlassen und uns Indien zuwenden. Als es Abend -wird, sieht man, daß weder die Braut noch die Schwester des Bräutigams -im Schlosse sind. Ein Wehklagen entstand. Man rief die Besprecherin und -ließ sich aus dem Sande weissagen. „Ach, das zu uns gekommene Mädchen -ist ein Junge und hat gleichzeitig die Schwester des Bräutigams -mitgenommen.“ Sofort verzauberte die Besprecherin ein Pferd und sagte: -„Über sie soll der Tod, den ich sende, kommen.“ - -Das Pferd raste im schnellsten Galopp heran. Als es ihnen nahe war, -erschien der Derwisch und sagte: „Dschefa, nimm eine Handvoll Erde und -wirf sie auf das herankommende Pferd“ und verschwand. Plötzlich sieht -er ein Pferd, das nicht seinesgleichen in der Welt hat. Als er von der -Erde eine Handvoll Erde genommen und auf das Pferd geworfen hatte, -wurde es ein elendes Pferd. Die Besprecherin schickte einen Hirsch, -dessen Haare buntfarbig waren und dessen Geweih nach allen vier Seiten -Licht verbreitete. Solch ein entzückendes Tier war es. Sefa sagte: -„Dies Tier will ich ordentlich halten und meinem Vater als Geschenk -bringen.“ Dschefa nahm wieder eine Handvoll Erde vom Boden und warf sie -auf das Tier und machte wieder ein elendes Tier daraus. Der Prinz wurde -darüber Dschefa feindlich. Darauf verzauberte die Besprecherin einen -Drachen und schickte ihnen den. Aus seinem Maule und seiner Nase -sprühte Feuer, und er kam wie ein Blitzstrahl daher. Auch ihn bewarf er -mit Erde und vernichtete ihn. - -Die brachen auf und machten sich auf den Weg. Nach ein paar Tagen kamen -sie nach Stambul. Als gemeldet wurde: „Mein Padischah, eine frohe -Botschaft! Der Prinz kommt!“, wurden Kanonen abgeschossen und -Freudenfeste abgehalten. Der Großvezier zog ihm entgegen und führte ihn -in den Palast. Da sagte er: „Mein Vater, jetzt kannst du den Dschefa -töten.“ Der Padischah befahl dem Henker. Der Henker faßte Dschefa an -der Hand und führte ihn auf den Berg, um ihm den Kopf abzuschlagen. Als -der Henker ihm ins Gesicht sah, konnte er es nicht übers Herz bringen. -Er tötete einen jungen Hund, tauchte Dschefas Hemd in das Blut, legte -Dschefa zwischen zwei Steine und brachte das blutige Hemde dem -Padischah. Als dem Prinzen dies nach einigen Tagen zum Bewußtsein kam, -rief er: „Wer hat auf der Reise für mich soviel Elend ertragen? Ach, -mein Dschefa, wo bist du?“ Er ging in die Berge, um ihn zu suchen. - -Wir wollen uns nun zu Dschefa wenden. — Seit ziemlicher Zeit war der -Unglückliche zwischen den Steinen geblieben. Weder Brot noch Wasser -hatte er. Der Jüngling, der wie ein Stück Fels gewesen war, wurde wie -ein Zwirnfaden. In zwei Stunden erhob er einmal seinen Kopf und rief: -„Sefa, Sefa.“ Wer ihn sah, dem blutete das Herz. - -Eines Tages zog eine Karawane dort vorüber, die hörte ein Gewimmer. -Obgleich man suchte, was das sei, fand man nichts und zog vorüber. Der -Prinz begegnete ihr und sagte: „Ach, Karawanenführer, hast du hier -niemand gesehen?“ Der Karawanenführer sagte: „Auf der Spitze jenes -Berges kam ein Gewimmer an mein Ohr. Ich habe nachgesucht aber nichts -gefunden. Was es war, weiß ich auch nicht.“ - -Sofort stieg der Prinz ohne Verweilen auf die Spitze des Berges. Er -hörte hin. Zwischen zwei Steinen hörte er alle zwei Stunden einmal eine -sehr feine Stimme: „Sefa, Sefa.“ Als der Prinz dies sah, zerriß sein -Herz. Sofort hob er mit Gewalt die beiden Steine voneinander und warf -sie zur Seite. Da sieht er, daß er wie ein sechs Monate altes Kind -geworden ist. Er sprach ihn an: „Dschefa, Dschefa, ich bin gekommen“ -und gab sich zu erkennen. Sogleich umarmten sie sich. Dann geht er mit -Dschefa in eins der dort befindlichen Häuser, läßt Suppe kochen und -nachdem er ihn einige Tage ordentlich gepflegt hat, kommt er wieder zu -sich. Danach gehen sie von diesem Hause ins Schloß. Er verheiratete -sich mit der Tochter des Padischahs von Jemen und verheiratete die -Tochter des Padischahs von Indien mit Dschefa. Vierzig Tage und vierzig -Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. In der Nacht auf den -einundvierzigsten Tag gingen die beiden Paare in das Hochzeitsgemach -und erreichten ihr Verlangen. - -Den Rest ihres Lebens verbrachten sie im Glück. Diese Geschichte ist -nun auch zu Ende und damit Schluß. - - - - - - - - -12. DIE GESCHICHTE VON ALI DSCHENGIZ - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau einen Sohn. Der war sehr -schön und hatte in der Welt nicht seinesgleichen. Er war auch sehr -geschickt. Diese Frau nahm den Jungen und brachte ihn ins Schloß. Eines -Tages langweilte sich der Padischah und sagte: „Kennt einer unter euch -das Ali Dschengizspiel?“ Das Kind sagte: „Mein Padischah, wenn Sie -erlauben, werde ich es lernen und wiederkommen.“ Der Padischah gab die -Erlaubnis und entsandte den Jüngling. Als der Bursche zum Hause des Ali -Dschengiz ging, traf er unterwegs einen Derwisch. Der sagte: „Mein -Sohn, wohin gehst du?“ Er antwortete: „Ich gehe, um das Ali -Dschengizspiel zu lernen.“ Da sagte der Derwisch: „Komm, mein Sohn, ich -werde es dich lehren.“ Er ging mit dem Sohn in die Berge. Nach einiger -Zeit kamen sie an eine Höhle und traten ein. Nachdem sie noch eine -Minute gegangen sind, kommen sie in das Zimmer, wo der Derwisch wohnt. -Nachdem sie dort etwas verweilt, langweilt sich der Bursche und geht -aus dem Zimmer. Während er umhergeht, kommt er an ein Zimmer dort in -der Nähe. Er tritt ein und sieht dort ein Mädchen, schön wie der Mond -am vierzehnten, dessen Augen voller Feuer sind. Das saß dort und -stickte. Der Bursche sagte: „Bist du ein Geist oder ein Dschinn?“ Das -Mädchen sagte: „Ich bin weder ein Geist noch ein Dschinn, ich bin ein -Mensch.“ Als er fragte: „Aber wie bist du denn hierher gekommen?“ sagte -sie: „Als Kind ging ich in die Schule. Eines Tages nahm mich dieser -Derwisch und brachte mich hierher. Wie sehr er sich auch bemühte, mich -zu unterrichten, ich sagte nie das nach, was er vorsagte. Schließlich -hat er mich in dies Zimmer eingesperrt.“ Dann zeigte sie ihm einen -Brunnen, der bis an den Rand mit Menschenleichen angefüllt war. Da -verliert der Bursche seine Besinnung. Als er wieder zu sich kommt, -ermahnte ihn das Mädchen: „Jüngling, wenn der Derwisch dich richtig -unterrichtet, lies du das Gegenteil, mache Fehler und lies nie -richtig.“ Der Bursche geht wieder dahin, wo der Derwisch sich befand. -Der sagte: „Komm, mein Sohn, ich will dich unterrichten“ und nimmt den -Jungen sich vor. Der Bursche kniet nieder und fängt an zu lesen. Wenn -der Derwisch Elif sagt, sagt er Stange, wenn er Be sagt, sagt er Wanne. -[22] Kurz, als er auf diese Art bis zum Schluß zu lesen anfängt, ärgert -sich der Derwisch, legt ihn hin und verprügelt ihn nach Herzenslust. -Dann läßt er ihn das Ali Dschengizbuch lesen, auch das liest er -verkehrt. Der Bursche lernt es vollständig auswendig, aber der Derwisch -sagt sich: „Er wird es nie lernen“, verprügelt ihn und jagt ihn auf -einen Berg. - -Dann geht der Junge zum Hause seiner Mutter und sagt zu ihr: „Mutter, -morgen werde ich ein Pferd werden, nimm mich und verkaufe mich dem -Padischah, aber hüte dich, meinen Zaum zu geben.“ Am Morgen steht die -Mutter auf und sieht, — ihr Sohn ist im Stalle tatsächlich ein Pferd -geworden. Dann faßt sie ihn am Halfter, führt ihn zum Padischah, -verkauft ihn für 100000 Piaster, nimmt seinen Zaum und geht nach Hause. -Am Abend kommt ihr Sohn und sagt ihr: „Mutter, morgen werde ich ein -Widder sein. Wieder verkaufe mich wie das erste Mal dem Padischah.“ Am -nächsten Morgen ist der Sohn ein Widder geworden. Während sie ihn zum -Padischah führt, merkt es der Derwisch. Er sagt: „Weh, dies Schwein von -Junge hat mir meine Kunst gestohlen.“ Voll Wut vertritt er der Frau den -Weg und sagt: „Mutter, nimm dies Geld und verkaufe mir den Widder.“ Als -die Frau ihn auch dem Derwisch geben will, wird der Bursche ein Vogel -und fliegt davon. Sofort wird der Derwisch eine Taube und verfolgt ihn, -um ihn zu fangen. Die arme Frau bleibt ganz erstaunt stehen. Diese -kommen allmählich zum Schloß des Padischahs. Während der Padischah im -Gartenhaus sitzt und zuschaut, wird der Vogel ein Apfel und fällt dem -Padischah in den Schoß. Die Taube wird wieder ein Derwisch, tritt in -das Gartenhaus ein und sagt: „Mein Padischah, das ist mein Apfel.“ Der -Padischah sagt verwundert: „Nein, das ist mein Apfel.“ Als schließlich -der Padischah ihm den Apfel geben will, wird der Apfel Hirse in seiner -Hand und fällt auf den Boden. Der Derwisch wird ein Huhn und während er -anfängt die Hirse aufzupicken, wird die Hirse sofort ein Marder, -springt auf das Huhn und erwürgt es, schüttelt sich und wird wieder wie -früher ein Jüngling. Der Padischah sagt: „Ach, bist du es, mein Sohn?“ -Er antwortete: „Ja, mein Padischah, das nennt man das Ali -Dschengizspiel. Jener Derwisch war mein Lehrer. Er bemühte sich, mich -zu töten, aber ich bin sein Meister geworden und habe ihn getötet.“ - -Die Sache gefiel dem Padischah sehr, er gab ihm 100000 Piaster und -machte ihn zum Pagen und schenkte ihm auch einen großen Palast. - -Diese Geschichte ist nun auch aus und damit Schluß! - - - - - - - - -13. DIE GESCHICHTE VON DEM SCHÖNEN WASSERTRÄGER - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. In alten Zeiten hatten ein Padischah und ein Vezir jeder -eine Tochter. Als sie eines Tages vom Fenster einander sehen und sich -unterhalten, kommt auf der Straße ein schöner Wasserträger vorbei. Die -Tochter des Padischahs sagt: „Schöner Wasserträger, schöner -Wasserträger, ist die Tochter des Vezirs schön oder bin ich es?“ Der -schöne Wasserträger sagt: „Meine Prinzessin, ihr seid beide schön, aber -die Tochter des Vezirs ist noch schöner.“ Dann geht er weiter. Darüber -wurde die Tochter des Padischahs böse auf die Tochter des Vezirs. Nach -einiger Zeit wird sie krank und legt sich hin. Der Padischah ruft Ärzte -und Hodschas, die das Mädchen untersuchen. Sie gibt den Ärzten eine -Handvoll Goldstücke und sagt zu einem: „Sage meinem Vater: ‚Wenn sie -nicht das Blut der Tochter des Vezirs trinkt, ist keine Rettung.‘“ -Dieser Arzt geht sofort zum Padischah und sagt: „Mein Padischah, wenn -sie nicht das Blut der Tochter des Vezirs trinkt, wird sie nicht -gesund.“ Der Padischah läßt dem Vezir die Nachricht zukommen. Der Vezir -hatte Mitleid mit seiner Tochter, tötete eine junge Katze und schickte -ihr Blut hin. Dann ließ er einen Kasten aus Nußbaum machen der von -innen verschließbar war, legte das Mädchen hinein, brachte ihn auf den -Bitbazar und ließ ihn verauktionieren. Der schöne Wasserträger geht -gerade vorbei, sieht den Kasten, geht zum Auktionator, gibt das Geld -und nimmt den Kasten. Dann gibt er den Kasten einem Lastträger, geht -nach Hause und stellt den Kasten in sein Schlafzimmer. Am Morgen geht -der schöne Wasserträger weg. Das Mädchen steigt aus dem Kasten, fegt -ordentlich das Zimmer, macht das Bett und legt sich wieder in den -Kasten. Am Abend kommt der schöne Wasserträger und sieht, daß sein -Zimmer gefegt und sein Bett gemacht ist und überlegt: „Wer ist wohl -heute hierher gekommen?“ Schließlich legt er sich schlafen. Am Morgen -geht er wieder weg. Wie das vorige Mal fegt das Mädchen das Zimmer und -macht das Bett. Am Abend legt es sich wieder in den Kasten. Darauf -kommt der schöne Wasserträger wieder und sieht, — was siehst du? — -wieder ist sein Bett gemacht. Er dachte etwas nach und geht dann zu dem -Kasten und sagt: „Heh, Taugenichts, komm heraus, wer du auch seiest.“ -Nichts rührt sich. Er legt sich wieder schlafen. Am Morgen holt er -Fleisch vom Schlächter, bringt es in sein Zimmer, legt es hin und sagt -zu sich: „Wenn Gott will, werde ich es mir kochen.“ Dann steht er auf -und geht weg. - -Das Mädchen steigt aus dem Kasten, fegt das Zimmer, kocht das Fleisch, -legt es auf die Platte und beschäftigte sich damit, die Wäsche zu -waschen. Da kommt plötzlich der schöne Wasserträger, tritt ein und -sieht, daß das Mädchen Wäsche wäscht. Als das Mädchen ihn sieht, sagt -sie: „Ach“ und bedeckt ihr Gesicht mit ihrem Rocksaum. Der schöne -Wasserträger sagt: „Meine Prinzessin, jetzt bist du mein und ich dein, -ein Entrinnen gibt es nicht, du bist nun mir zugefallen.“ Sogleich holt -er einige Leute, verheiratet sich mit dem Mädchen und sie pflegten der -Liebe. - -Eines Tages beladet der schöne Wasserträger vierzig Maultiere mit Geld -und schickt das Mädchen mit den Tieren zu seiner Mutter. Das Mädchen -geht dorthin und wohnte dort. Eines Tages schreiben die Leute des -Stadtviertels an den schönen Wasserträger: „Deine Frau ist eine Hure -geworden.“ Der schöne Wasserträger nimmt ein großes Messer in die Hand -und geht zum Hause seiner Frau. Als er in die Tür eintritt, geht das -Mädchen mit einem silbernen Leuchter in ihren Händen, ihm entgegen. Als -er sie töten will, wirft sich das Mädchen in einen Bach, der vor dem -Hause war. Der Bach führt sie ins Meer. Dort fischten drei Fischer. Sie -geht in das Netz und die Fischer ziehen sie heraus. Da sehen sie, — was -siehst du? — in dem Netz ist ein Mädchen. Sie fangen an sich zu -streiten, wer das Mädchen bekommen soll. Da sagt einer von ihnen: „Wir -wollen diesen Pfeil abschießen. Wer von uns ihn holt, dem soll das -Mädchen gehören.“ Dann schießen sie den Pfeil ab und die drei laufen -hinter dem Pfeil her. Da entflieht das Mädchen. Allmählich trifft sie -einen Juden. Der sagte: „Ei, mein Mädchen, mein Mädchen, nun werde ich -dich nehmen und nicht loslassen. Was sagst du nun?“ Das Mädchen gibt -dem Juden den Leuchter in seine Hände und entflieht. Allmählich kommt -sie an eine Quelle und setzt sich dort hin. Da erblickt sie der Sohn -des Padischahs, nimmt sie mit sich, und heiratet sie. - -Jetzt sagt das Mädchen: „Prinz, diese Quelle laß schön herrichten, daß -derjenige, der daraus trinkt, mein Bild sieht.“ Der Prinz läßt die -Quelle, so wie das Mädchen es beschrieben hatte, herrichten. Nach -einigen Tagen kommen diese drei Fischer, um aus dieser Quelle Wasser zu -trinken. Als sie die Schönheit des Mädchens sehen, werden sie -ohnmächtig. Später kam dieser Jude. Auch der wird ohnmächtig, als er -Wasser trinkt. - -Eines Tages kommt der schöne Wasserträger. Auch der wird ohnmächtig, -während er trinkt. Das Mädchen hat aus dem Fenster auf diese aufgepaßt, -es dem Prinzen gesagt. Der läßt sie hereinholen und einsperren. - -Eines Tages geht das Mädchen mit dem Prinzen zu ihnen und sagte: „Mein -Prinz, diese Fischer haben mich aus dem Wasser gezogen, dieser Jude hat -mich beleidigt und dieser schöne Wasserträger war früher mein Mann.“ Da -sagte er: „Meine Prinzessin, ist es so?“ Dann gab er die Fischer frei, -ließ dann den Juden hinrichten und gab dann dies Mädchen dem schönen -Wasserträger wieder zurück und sagte: „Gehe und lebe vergnügt.“ Der -schöne Wasserträger brachte das Mädchen mit sich in sein Haus. Das -Mädchen erzählte ihm alles das, was ihm geschehen war. Der schöne -Wasserträger heiratete sie von neuem. Vierzig Tage und vierzig Nächte -dauerten die Hochzeitsfeste. In der einundvierzigsten Nacht ging er ins -Hochzeitsgemach. Sie erreichten ihr Verlangen. - -Diese Geschichte ist auch zu Ende und damit Schluß. - - - - - - - - -14. DIE GESCHICHTE VON DER SCHWARZEN SCHLANGE - - -Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten -folgendes. - -In alten Zeiten lebte ein gerechter Padischah. Dieser Padischah hatte -keine Nachkommenschaft und war sehr alt. Deswegen rief er eines Tages -seinen Vezir und sagte: „Mein Vezir, ich bin sehr alt geworden und habe -keinen Sohn. Wenn ich sterbe, wird mein Thron und meine Krone Fremden -zufallen.“ Der Vezir sagte: „Mein Padischah, Gott möge Euch langes -Leben geben, deswegen bekümmert Euch nicht. Morgen wollen wir uns -verkleiden und uns auf die Reise begeben. Vielleicht treffen wir -jemand, dessen Gebet heilkräftig ist, so daß Gott, der Erhabene, Euch -Nachkommen schenkt.“ - -Dem Padischah schien das gut und so verkleideten sie sich am folgenden -Tage und verließen am Morgen das Schloß, um spazieren zu gehen. Nachdem -sie etwas gegangen waren, kamen sie an eine Quelle. Um sich auszuruhen, -rasteten sie dort. Auf einmal sahen sie, daß von der gegenüberliegenden -Seite ein weißbärtiger, majestätischer Derwisch kommt, der einen weißen -Mantel trug. Dieser Derwisch begrüßte sie: „Heil sei über Euch, mein -Padischah.“ - -Nachdem der Padischah seinen Gruß angenommen hatte, sagte er: „Nun, -Großvater Derwisch, da du weißt, daß ich ein Padischah bin, weißt du -auch, was ich für ein Verlangen im Herzen trage.“ Der Derwisch zog aus -seinem Busen einen Apfel und sagte zum Padischah: „Mein Padischah, nimm -diesen Apfel, gib die Hälfte deiner Gemahlin, die andere Hälfte iß du, -und Gott wird euch einen Sohn geben.“ Damit verschwand der Derwisch. - -Die nahmen den Apfel und kehrten in ihr Schloß zurück. Am Abend aß der -Padischah die eine Hälfte des Apfels und die andere seine Gemahlin, -dann vollzogen sie den Beischlaf, und die Königin wurde schwanger. Nach -neun Monaten und zehn Tagen bekam sie die Wehen und man rief die -Hebamme. Als die Königin ihre Leibesfrucht zur Welt bringt, sieht man, -daß es eine schwarze Schlange ist, die sogleich in dem Augenblick, wo -sie geboren ist, die Hebamme beißt und tötet. Man ruft eine zweite -Hebamme, auch die tötet sie. Im ganzen Reiche gab es keinen, den sie -nicht getötet hätte. Die Eunuchen des Harems suchen an allen Türen eine -Hebamme. Sie kommen an die Tür eines Hauses und sagen: „Mutter, ist -hier keine Hebamme?“ - -Nun hatte diese Frau eine Stieftochter, der sie sehr feind war. Sie -sagte: „Meine Söhne, ich habe hier eine Tochter. Die ist Meister in der -Hilfe beim Kindergebären.“ - -Als sie das hörten, sagten sie: „Mutter, gib deiner Tochter die -Erlaubnis, daß sie mit uns in das Schloß gehe.“ Die Frau rief das -Mädchen und sagte: „Meine Tochter, man hat dich aus dem Schloß gerufen, -gehe und hilf der Königin bei der Geburt.“ Das arme Mädchen stand wohl -oder übel auf. Unterwegs kam sie am Grabe ihrer Mutter vorbei und -sagte: „Mütterchen, Mütterchen, meine Stiefmutter schickt mich in das -Schloß, um das Kind gebären zu helfen, jetzt gehe ich in den Tod. -Mütterchen, hilf mir!“ - -Da kommt aus dem Grabe eine Stimme: „Meine Tochter während du in das -Schloß gehst, tue Milch in eine Kiste und, wenn du zur Königin gehst, -mußt du die Milch vor sie halten. In ihrem Bauche ist eine schwarze -Schlange. Wenn sie herauskommen und sich auf dich stürzen will, nimm -die Kiste und, sobald die Schlange hineingefallen ist, schließe den -Deckel und gib sie dem Padischah.“ - -Das Mädchen freute sich, nahm eine Kiste, ging damit zum Schloß und kam -zur Königin. Als diese ihre Leibesfrucht gebären wollte, kam aus ihrem -Bauche eine schwarze Schlange und wollte sich auf das Mädchen stürzen. -Da hielt das Mädchen ihr die Milchkiste entgegen, die Schlange fiel -hinein. Das Mädchen schloß den Deckel und brachte sie dem Padischah. -Als der Padischah das sah, wunderte er sich sehr und gab dem Mädchen -sehr viel Bachschisch. Das Mädchen verließ das Schloß, ging nach Hause -und gab den vom Padischah erhaltenen Bachschisch der Frau. - -Die wollen wir nun verlassen und uns zu dem in der Kiste liegenden -Prinzen wenden. Eine Sklavin wurde für ihn bestimmt. Jeden Tag gab man -ihm Mark und ernährte ihn damit. - -Als der Prinz vier oder fünf Jahre alt wurde, sagte er zu der Sklavin: -„Sage meinem Vater, er soll mich in die Schule schicken.“ Darauf ging -die Sklavin zum Padischah und sagte: „Mein Herr, der Prinz möchte in -die Schule geschickt werden.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön“ und -rief am nächsten Tage einen Lehrer. Als der kommt, holt er die schwarze -Schlange aus dem Kasten heraus. Während sie dem Lehrer gegenüber liegt -und er sie unterrichtet, beißt sie ihn. Er stirbt sofort. Ein anderer -Lehrer wird gerufen. Auch den tötet sie. - -Kurz, auf der Erde bleibt kein Lehrer übrig; alle tötet sie. Eines -Tages beruft der Großvezir eine Versammlung und sagt: „Mein Padischah, -die Hebamme des Prinzen, wer sie auch sei, muß ihn unterrichten. Ein -anderer kann das nicht.“ - -Dies Wort gefiel dem Padischah, und er schickt seine Diener zu der -Hebamme. Als das Mädchen von Hause geht, geht es zum Grabe seiner -Mutter, wehklagt und sagt: „Mütterchen, Mütterchen, ich habe so -gehandelt, wie du mir beschrieben hast. Ich habe die Schlange -herausgezogen. Jetzt sucht man einen Lehrer, sie zu unterrichten. Alle -Lehrer hat sie gebissen und getötet. Nun ruft man mich. Ich weiß nicht, -was ich tun soll.“ Da kommt eine Stimme aus dem Grabe: „Meine Tochter, -fürchte dich nicht! Brich einundvierzig Rosenstämme ab. Wenn du zu der -Schlange gehst und sie sich auf dich stürzt, schlage sie mit den -vierzig, und mit dem einen stich sie.“ - -Nachdem das Mädchen einundvierzig Rosenstämme genommen hat, geht sie -ins Schloß in das Zimmer, wo der Prinz sich befindet. Sofort holt man -die schwarze Schlange aus der Kiste und bringt sie zum Mädchen. Das -Mädchen öffnet das Buch, das den Koranabschnitt enthält, und -unterrichtet sie. Wenn die Schlange sich auf sie stürzen will, schlägt -das Mädchen sie mit dem Stock. Der Prinz beruhigt sich etwas und auf -diese Art unterrichtet sie ordentlich den Prinzen. Man bringt dem -Padischah die frohe Nachricht: „Der Prinz hat ausgelernt.“ Der -Padischah geht hin, gibt dem Mädchen reichlich Geld. Das Mädchen nimmt -das Geld, geht nach Hause und gibt das Geld seiner Stiefmutter. - -Wir wollen nun diese verlassen und uns zum Prinzen wenden. Nachdem der -Prinz vierzehn oder fünfzehn Jahre alt geworden ist, geht er eines -Tages zu seinem Vater und sagt: „Vater, verheirate mich.“ - -Wohl oder übel nimmt der Vater ein Mädchen und verheiratet sie mit ihm. -Nachdem man sie ins Hochzeitsgemach gebracht hat, sticht die Schlange -das Mädchen und tötet sie. Am Morgen sieht man, daß das Mädchen tot -ist. Wir wollen die Geschichte kurz machen. Wieviel Mädchen man ihm -auch gibt, er tötet sie alle, so daß auf der Erde kein Mädchen mehr -bleibt. - -Eines Tages ruft der Großvezir einen Ministerrat zusammen und sagt: -„Mein Padischah, so geht es nicht weiter. Gebt ihm das Mädchen, das ihn -unterrichtet hat. Eine andere fruchtet nicht.“ Das Wort gefiel dem -Padischah und er benachrichtigte das Mädchen. - -Das Mädchen geht von Hause zum Grabe seiner Mutter, wehklagt und sagt: -„Mütterchen, Mütterchen. Ich habe ihn unterrichtet, wie du angegeben -hast. Jetzt will man mich ihm verheiraten. Ich weiß nicht, was jetzt -aus mir wird.“ Während sie wehklagt, kommt aus dem Grabe eine Stimme: -„Meine Tochter, fürchte dich nicht, nimm die Haut von vierzig -Stachelschweinen und ziehe sie an. Wenn die schwarze Schlange, nachdem -du das Hochzeitsgemach betreten hast, kommt und dich angreift, sich -dann sticht und sagt: ‚Zieh dich aus,‘ dann mußt du sagen: ‚Zieh du -auch deine Kleider aus, dann werde ich meine auch ausziehen.‘ Fängt -dann die Schlange an, ihre Haut auszuziehen, und ist sie damit fertig, -dann wirf die Haut in ein Kohlenbecken und verbrenne sie, dann wird die -Schlange ein Jüngling, schön wie der Mond am vierzehnten. Danach sei -ihm willfährig.“ - -Das Mädchen geht, nimmt die Haut von vierzig Stachelschweinen, zieht -sie an und geht ins Schloß. Sogleich verheiratet der Padischah sie mit -dem Prinzen und bringt sie ins Hochzeitsgemach. Das Mädchen zündet ein -Kohlenbecken an und läßt es vor der Tür des Zimmers und tritt ein. - -Die Schlange kommt herein, stürzt sich auf das Mädchen, sticht sich an -der Stachelschweinhaut und sagt: „Mädchen, zieh deine Kleider aus.“ Das -Mädchen sagt: „Zuerst zieh du deine Kleider aus, dann werde ich meine -ausziehen.“ Da fängt der Prinz an, seine Kleider völlig auszuziehen. -Als er sie ausgezogen hat, nimmt das Mädchen die Kleider, wirft sie ins -Feuer und verbrennt sie. Da sieht sie, daß er ein Jüngling, schön wie -der Mond am vierzehnten, ist. Das Mädchen zieht seine Kleider aus, ist -dem Prinzen willfährig, und sie umarmen sich. Am Morgen kommen der -Vater und die Mutter des Prinzen und wundern sich, als sie das sehen, -und danken Gott sehr. - -Der Prinz und das Mädchen lebten lange Zeit miteinander. Eines Tages -geht der Prinz zu seinem Vater und sagt: „Vater, ich will jetzt in die -Fremde gehen. Wenn Gott will, komme ich in zwei Monaten ungefähr -wieder“, steht auf, geht zum Mädchen, küßt sie auf die Augen, -verabschiedet sich und verläßt das Schloß. Nach einem Monat schickt er -seiner Mutter einen Brief. - -Die Sklavinnen in dem Schloß waren auf das Mädchen neidisch, schrieben, -um es zu töten, einen Brief, legten ihn in den Brief des Prinzen und -gaben ihn der Königin. Die Mutter denkt: „Von meinem Sohn ist ein Brief -gekommen, öffnet ihn und sieht, daß zwei Briefe darin sind. Sie liest -den ersten: er enthält nur Grüße. Sie öffnet den andern und liest ihn. -Darin steht geschrieben: „Schlagt meiner Frau die Hände und Füße ab und -werft sie hinaus.“ Als die Mutter das las, wunderte sie sich. Nun hatte -das Mädchen an der Tür gehorcht, tritt ein und sagt: „Mutter, bevor mir -die Hände und Füße abgeschlagen werden, will ich gehen.“ Dann verläßt -sie das Schloß und geht in die Berge. - -Nach einiger Zeit kommt sie an einen Ort, wo Särge stehen, sie tritt -ein und legt sich schlafen. Als sie sich umsieht, erblickt sie in einem -Sarge neben sich, einen Jüngling liegen. Der Jüngling steht auf, geht -zum Mädchen und sagt: „Heh, Mädchen, wie bist du hierher gekommen, ohne -dich zu fürchten? Jetzt wird eine Taube kommen. Wenn die dich hier -sieht, tötet sie dich. Aber komm her, ich werde dich in diesem Sarge -verstecken.“ Er nimmt das Mädchen, geht an den Platz, wo die Särge -stehen, dort umarmen sie sich und vereinen sich. Da wurde das Mädchen -von diesem Jüngling schwanger. Dann geht der Jüngling in seinen Sarg -und legt sich schlafen. Nach einiger Zeit kommt eine Taube und bringt -dem Jüngling Nahrung und fliegt wieder davon. Kurz, er ißt mit dem -Mädchen von der Nahrung, die der Vogel gebracht hat, und sie leben -vergnügt. Als die Zeit zu gebären für das Mädchen kommt, sagt der -Jüngling: „Mädchen, jetzt gehe auf diesem Wege gerade aus. Dann kommt -eine Quelle. An diese Quelle setze dich. Vor ihr ist ein Palast. Von -dort kommt ein Mädchen, um Wasser zu holen. Du mußt ihr sagen: -‚Bachtijars wegen nehmt mich in das Haus, ich werde gebären.‘ Sie -werden dich aufnehmen und du wirst in meinem Zimmer niederkommen, dann -werde ich kommen und dem Kinde einen Namen geben.“ - -Das Mädchen stand auf, ging zu der beschriebenen Quelle, stieg auf den -Stein und wartete. Nach einiger Zeit kommt aus dem Palast eine Sklavin -mit schön gearbeiteten Holzschuhen und zwei Wasserbehältern in ihren -Händen, um Wasser zu holen. Als das Mädchen die Sklavin sieht, sagt -sie: „Ach, Schwester, Bachtijars wegen nehmt mich auf, ich werde -gebären.“ Die Sklavin ging ins Schloß und erzählte es der Königin. Die -sagte: „Ach, meine Tochter, die Dame kennt meinen Sohn Bachtijar und -hat auch bei ihm geschworen, sofort bringe sie her.“ Die Sklavin ging -wieder zu dem Mädchen und sagte: „Ach, Schwester, ich habe es der -Herrin gesagt. Sie will dich sehen. Komm, wir wollen gehen.“ Sie gehen -in das Schloß, steigen die Treppen hinauf und das Mädchen geht zu der -Königin. Das Zimmer ihres Sohnes Bachtijar war leer. Sie bringt das -Mädchen ordentlich in dem Zimmer unter. Dort kommt sie nieder und -bringt einen allerliebsten Jungen zur Welt. Um Mitternacht kommt der -Jüngling und sagt: „Meine Prinzessin, mein Sohn soll Havbetjar heißen.“ -Dann geht er wieder. In der zweiten Nacht legt die Schwester des -Jünglings das Kind in die Wiege. Als sie es zum Schlafen gebracht hat, -kommt der Jüngling und fragt: „Meine Prinzessin, was macht mein -Havbetjar?“ Das Mädchen antwortete: „Deine Schwester wiegt ihn, er -schläft, mein Bachtijar.“ Nun hörte der Jüngling seine Schwester von -innen und geht weg. Am nächsten Morgen geht die Schwester hin und -erzählt der Mutter und der älteren Schwester alles. Die Mutter sagt: -„Ach, mein Sohn ist mir seit seiner frühsten Kindheit genommen. Das -Mädchen, das wir aufgenommen haben, ist in sein Zimmer gekommen, und -sie pflegen dort der Liebe. Aber morgen in der Nacht werde ich kommen -und das Kind wiegen.“ In der zweiten Nacht kommt die älteste Schwester -des Jünglings ins Zimmer und wiegt das Kind. Als das Mädchen -hinausgegangen ist, kommt der Jüngling und sagt: „Meine Prinzessin, was -macht mein Havbetjar?“ Das Mädchen sagt zu Bachtijar: „Deine ältere -Schwester wiegt es, es schläft.“ Die ältere Schwester des Jünglings -hatte von innen gelauscht. Dann geht der Jüngling. Am Morgen geht sie -in das Zimmer des Mädchens und ist sehr freundlich mit ihr. An der -Decke des Zimmers nagelten sie einen schwarzen Stoff, aus einem Stück, -und ließen darauf aus ausgestreuter Bronze dreieckige Sterne machen. Um -Mitternacht kam der Jüngling und sagte: „Meine Prinzessin, was macht -mein Havbetjar?“ Das Mädchen sagte: „Deine Mutter wiegt ihn, er -schläft, mein Bachtijar.“ Sogleich kommt seine Mutter aus dem Zimmer, -umarmt den Sohn und nimmt ihn hinein. Der Jüngling sagt: „Mutter, ich -will nun wieder an meinen Platz gehen. Wenn der Vogel sieht, daß ich -hierhergegangen bin, tötet er mich.“ Die Mutter sagte: „Mein Sohn, es -ist noch früh. Sieh, die Sterne stehen noch.“ Der Jüngling hielt das -für wahr und sie setzten sich mit der Mutter hin. Am Morgen kommt der -Vogel, schlägt ans Fenster und sagt: „Heh, mein Bachtijar, die Mauer, -die ich berührt habe, soll einfallen.“ Kaum sagt er das, da fällt die -Mauer mit Krachen ein. Der Vogel sagt wieder: „Die Zweige, auf denen -ich sitze, sollen vertrocknen.“ Da trocknet der Baum ein und seine -Blätter fallen ab. Während der Vogel so aus Wut immer weiter sprach, -zerplatzte er. - -Da sagte der Jüngling: „Gott sei Dank, der Vogel ist tot und ich bin -gerettet.“ Die Mutter umarmte ihren Sohn und küßte ihn auf die Augen -und verheiratete dies Mädchen mit ihm. Vierzig Tage und vierzig Nächte -dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht auf den -einundvierzigsten Tag führte man Bachtijar in das Brautgemach. Dort -vergnügten sich die beiden. - -Nach einigen Monaten ging Bachtijar in das Kaffeehaus der Stadt und -setzte sich dorthin. Die mögen nun dort sitzen. Wir wollen uns zum -Prinzen wenden. - -Als er von seiner Reise heimkehrte, ging er zu seiner Mutter, küßte ihr -die Hand und fragte sie nach ihrem Befinden. Danach sagte sie: „Mein -Sohn, du hattest einen Brief geschrieben, wir sollten dem Mädchen Arme -und Beine brechen. Als das Mädchen das hörte, kam sie zu mir und sagte: -‚Mutter, bevor du mir Hände und Beine brichst, will ich gehen‘, verließ -das Schloß und ging in die Berge. Ist es nicht schade um das Mädchen? -Warum hast du das getan?“ - -Als der Prinz das hörte, sagte er: „Aber Mutter, ich habe derartiges -nicht geschrieben. Da ist sicherlich eine Feindseligkeit im Spiele. -Danach soll mir nun der Aufenthalt hier verwehrt bleiben.“ - -Dann ging er weinend weg in die Berge, um das Mädchen zu suchen. -Schließlich kam er in das Land Bachtijars und kehrte am Abend in das -Kaffeehaus der Stadt ein. Er grüßte und setzte sich. Nun war auch -gerade Bachtijar in dem Kaffeehause. Als der Prinz den Leuten dort -diese Angelegenheit erzählte, vernahm Bachtijar die Sache. Sofort ging -er zu dem Prinzen und fing an ihn genau auszufragen. Nach einiger Zeit -verstand er alles. Er sagte: „Mein Prinz, besuchen Sie mich. Wir wollen -eine Schale Suppe miteinander trinken.“ Der Prinz sagte: „Komm, wollen -gehen.“ Sofort verließen sie das Kaffeehaus, gingen in den Palast und -blieben in einem Zimmer. Nachher aßen sie die Mahlzeit und nachdem sie -es sich bequem gemacht hatten, erzählte Bachtijar dem Prinzen die Sache -von Anfang bis zu Ende. Dann ging Bachtijar aus dem Zimmer und sagte zu -dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der eben Angekommene ist dein erster -Mann. Ich werde hineingehen und mich hinsetzen. Du überlege es dir, -komme durch die Türe herein und gehe zu dem, den du von uns beiden -willst, und setze dich da hin. Aber wisse, wenn du weggehst, werde ich -dir das Kind nicht geben sondern hier behalten.“ Da trat er ein und -setzte sich auf das Polster. Sie sah durch den Spalt der Türe. Als sie -den Prinzen sah, trat sie ein, ging sofort zu dem Prinzen und setzte -sich neben ihn. Als Bachtijar dies sah, sagte er: „Gott möge seinen -Segen geben, mein Prinz“, blieb nicht mehr länger im Zimmer und ging -hinaus. - -Der Prinz blieb die Nacht dort, am Morgen nahm er das Mädchen mit sich -und brachte es ins Schloß. Das Mädchen erzählte die ganze Sache dem -Prinzen. Dann wurde in der Nacht von neuem die Ehe geschlossen. Vierzig -Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der -Nacht auf den einundvierzigsten Tag trat er in das Hochzeitsgemach und -die beiden Verliebten erreichten ihr Verlangen. Die Geschichte ist -damit nun auch aus und damit Schluß. - - - - - - - - -15. DER DANKBARE FUCHS - - -Einst lebte ein Müller, der eine große Liebhaberei für Hühner hatte. Er -hielt sich drei bis fünf Hühner. Ein Fuchs kommt und frißt sie auf. Ein -paar Tage sah er sich das an, dann grub er eine Grube und setzte die -Hühner dort hinein. Der Fuchs kommt, sieht, daß die Hühner in der Grube -sind, springt hinein, sieht sich um, kann aber die Hühner nicht -fressen. — Wenn er sie gefressen hätte, würde er von dem Müller Prügel -bekommen haben. - -Am Morgen kommt der Müller und sieht die Geschichte. Der Fuchs sagt in -der Grube: „Ach, schlage mich nicht. Ich werde dir eine Wohltat tun, -fasse mich an der Hand.“ Der sagt: „Du Verfluchter, du hast mir meine -Hühner aufgefressen. Was für eine Wohltat solltest du mir wohl -erweisen?“ Er sagt: „Ach, fasse mich nur an. Ich werde dir wirklich -eine große Wohltat erweisen.“ Da faßt er den Fuchs an der Hand und -zieht ihn heraus. Sie gehen beide zur Mühle. Der Fuchs sagte zum -Müller: „Du, setze dich hier hin und gib mir fünf bis zehn -Medschidije.“ [23] Der gab ihm die fünf bis zehn Medschidije. Der Fuchs -nahm sie und ging zum Schloß des Padischahs von Indien. Als er -angekommen ist, klopft er an die Tür. Der Diener kommt heraus. - -Der Fuchs sagt: „Der Staubpadischah läßt grüßen. Wollt Ihr Euer Maß zum -Medschidijemessen ihm geben? Unser Staubpadischah wird die Medschidije -messen und ich werde es wieder bringen.“ Dann nimmt er das -Medschidijemaß und macht sich auf den Weg. Drei bis fünf Tage verweilt -er irgendwo, dann geht er wieder zum Schloß des Padischahs von Indien, -legt die Medschidije in das Maß und übergibt es mit den Worten: „Da -habt ihr euer Maß!“ Man fragt: „Was sollen diese Medschidije?“ Er -antwortet: „Davon hat er bergeweise. Komm nur und sieh sie dir an. Es -macht nichts.“ Er gab das Maß mit den Medschidije dem Padischah von -Indien, kehrte um, und kam wieder zum Müller. - -Einen Tag verweilte er, am zweiten Tage sagte er: „Gib mir fünf bis -zehn Goldpfunde!“ Der Müller sagte: „Du willst mich wohl bankrott -machen? Mach, daß du weg kommst. Ich gebe dir nicht die Pfunde.“ Der -Fuchs sagte: „Aber, Staubpadischah, überlege dir doch, was ich dir für -eine Wohltat erweisen werde. Geh, sei nicht so, gib mir die fünf bis -zehn Pfunde.“ Der gab unwillig die fünf bis zehn Pfunde. Der Fuchs nahm -sie und ging wieder zum Schloß des Padischahs von Indien und klopfte -an. Die Diener kamen heraus. Er sagte: „Gebt mir euer Maß zum -Pfundemessen. Unser Herr Staubpadischah will Pfunde messen. Gebt das -Maß; ich bringe es gleich wieder.“ Er nahm das Pfundmaß und ging weg. -Unterwegs verweilte er irgendwo drei bis fünf Tage, dann lief er wieder -zu dem Schloß des Padischahs von Indien und klopfte an die Tür. Der -Diener kam heraus. Der Fuchs hatte die Pfunde hineingelegt und übergab -es so. Die Diener sagten: „Was sollen diese Pfunde?“ Er antwortete: -„Davon hat er haufenweise wie auf einer Tenne.“ Dann kehrt er wieder -zum Müller zurück. Der fragt: „Wo sind meine Medschidije und Pfunde, -die ich dir gegeben habe?“ Der Fuchs antwortet: „Warte nur! Die Schärfe -des Rettigs kommt erst nachher zum Vorschein.“ Dann erbittet er sich -zehn Tage Urlaub und geht in die Stadt. Der Fuchs läßt die Ausrufer -ausrufen: „Jeder soll sich bereit halten! Wir wollen zur Tochter des -Padischahs von Indien gehen, um Scherbet zu trinken.“ Der Ausrufer ruft -aus: „Am dritten Tage soll jeder da und da hin gehen!“ Am dritten Tage -machen sie sich zu Fuß auf den Weg und tun so, als ob -Fünfhunderttausend auf Pferden und Maultieren hinter ihnen wären. Der -Fuchs vor ihnen als Oberherold — der Fuchs ist natürlich nun schon -Herold geworden. — Der Fuchs führt sie drei bis fünf Tage. Er kommt in -einen großen Morast. Ein Regenguß kam und ertränkte viele Menschen in -dem Sumpf. Er selbst eilt vor und kommt zum Padischah von Indien und -sagt: „Gott sei Dank! Es ist niemand gestorben. Aber soviel Sachen und -Schmuckgegenstände sind verloren gegangen.“ Da sagt der Padischah von -Indien: „Geht zu den Schneidern, nehmt alles zusammen, was an Kleidern -vorhanden ist. Für soviel Menschen sollen neue Kleider kommen.“ -Besonders für den Staubpadischah kommt ein Kleid, das sich nicht -beschreiben läßt. Der Padischah befiehlt: „Der Schneider soll es -nähen!“ Es wird genäht. Alles wird auf Wagen und Landauern verladen und -dorthin gebracht. Der Herold Fuchs eilt voraus und kommt dort schnell -an und sagt: „Ich habe eine feine Geschichte eingefädelt.“ Dann eilt er -wieder zu den Wagen zurück und sagt: „Macht schnell, soviel Leute -liegen im Freien.“ Sie nehmen die Wagen und Landauer und kommen zu -jenen Leuten. Die steigen ein und kommen zum Schloß des Padischahs von -Indien. Draußen werden Zelte aufgeschlagen. Fünfzehn bis Zwanzig treten -ein, für einen jeden werden die Zelte verteilt. Der Padischah von -Indien fragt: „Was ist das für eine Menge?“ Der Herold Fuchs kommt -sofort und sagt: „Das ist das Gefolge des Staubpadischahs.“ Dann geht -er wieder zu ihnen und sagt: „Vorwärts, sie sollen gehen und um die -Tochter des Padischahs von Indien werben!“ Da gehen fünf bis zehn -Hodschas für den Staubpadischah zum Schlosse des Padischahs von Indien -und sagen: „Auf Allahs Befehl wünschen wir von dir deine Tochter für -den Herrn Staubpadischah. Was wirst du sagen?“ Der antwortet: „Wenn es -das Schicksal so will, was soll ich sagen?“ Dann trinken sie Scherbet, -erheben sich und gehen wieder zurück. Der Fuchs sagt: „Geben Sie mir -drei Tage Urlaub.“ Sein Herr gibt ihm Urlaub. Am Vierten kommt der -Herold Fuchs zurück, geht zum Padischah von Indien und sagt: „Mein -Herr, wir wollten die Hochzeit zurichten, haben aber, als wir -hierherkamen, soviel Waren und Sachen und so viele Pfunde durch den -Regenguß verloren.“ Da sagt der Padischah von Indien: „Das macht -nichts, wenn wir auch nicht viel Geld haben, so wollen wir doch die -Hochzeit hier machen.“ Sie fingen an, die Hochzeit zuzubereiten. -Vierzig Tage und vierzig Nächte dauert die Hochzeit. Alle Kosten -bezahlt der Padischah von Indien. Er läßt für fünfhunderttausend Leute -echte silbergestickte Kleider nähen. - -Nachdem die Hochzeitsfeste vierzig Tage und vierzig Nächte gedauert -haben, bringt man den Staubpadischah dorthin. Der Herold Fuchs geht hin -und fragt leise den Staubpadischah: „Wie geht es dir?“ Der sagt: „Gut.“ -Dann brechen sie auf und machen sich mit den fünfhunderttausend Leuten -auf den Weg. Der Padischah von Indien füllt ihnen die Kisten mit -Pfunden. Fünf bis zehn Leute vom Padischah von Indien gehen zur -Begleitung seiner Tochter mit ihnen. Der Herold Fuchs hatte sich eine -Stunde vor ihnen auf den Weg gemacht. Unterwegs sieht er auf einer -Ebene, daß Hirten Kamele und Stuten weiden. Der Herold Fuchs geht zu -den Hirten und sagt: „Seht ihr die dort Ankommenden?“ Die Hirten sagen: -„Wer ist das?“ Er antwortet: „Die kommen, um euch zu überfallen. Wenn -sie fragen: ‚Wem gehören diese Stuten und Kamele?‘ so sagt: ‚Unserm -Herrn Staubpadischah.‘“ Die kommen und fragen die Hirten: „Wem gehören -diese Stuten und Kamele?“ Die Hirten antworten: „Diese Kamele und -Stuten gehören unserem Herrn Staubpadischah.“ Die ziehen weiter. - -Der Herold Fuchs ist wieder eine Stunde voraus. Auf einer Ebene sind -soviel Schafhirten und Rinderhirten. Der Herold Fuchs eilt zu ihnen und -sagt: „Seht ihr die dort Ankommenden? Die kommen, um euch zu -überfallen. Wenn sie fragen, wem gehört dies alles, so antwortet: -‚Unserm Herrn Staubpadischah‘. Dann werdet ihr gerettet sein.“ Die -ziehen vorüber. Der Herold Fuchs ist wieder eine Stunde voraus. Er -kommt an eine Dev-Wohnung. Die Deve sind im Hause. Er sagt zu den -Deven: „Kommt, verbergt euch. Die da ankommen, wollen euch überfallen.“ -Die Deve sagen: „Um Himmelswillen, verbirg uns!“ Da nimmt der Herold -Fuchs die Deve, legt Heu in die Wohnung und zündet es an. Die Deve -fliegen alle in die Luft und verbrennen vollständig. - -Dann geht der Herold Fuchs schnell den Ankommenden entgegen und sagt zu -den fünfhunderttausend Leuten: „Fürchtet nichts! Es ist nichts! Was uns -zustoßen wird, soll nur unserm Besitz zustoßen!“ Als die von dem -Padischah von Indien geschickten Leute kommen, sehen sie: Ein großes -Schloß ist verbrannt und verschwunden. Da sagen die Leute, die mit der -Tochter des Padischahs von Indien gekommen waren: „Was machts? Was -brennt, mag brennen. Wir bauen es wieder. Wir wollen schnell einen -Palast mieten.“ Dann mieten sie schnell einen großen Palast und sagen: -„Bitte, Staubpadischah!“ Sie ziehen ein und holen das Fehlende von den -Kaufleuten. Alles Geld bezahlen die Leute, die von dem Padischah von -Indien gekommen sind. Vierzehn Tage leben sie vergnügt. Dann bitten sie -um Urlaub. Man verabschiedet sich. Sie machen sich auf den Heimweg, die -andern bleiben allein zurück. - -Eines Tages sagt der Herold Fuchs aufrichtig: „Halt, ich werde krank.“ -Der Herold Fuchs wird krank. Die Diener sagen: „Herr, unser Herold -Fuchs ist krank geworden.“ Der Staubpadischah sagt: „Halt, wollen doch -einmal sehen!“ Sie gehen hin. Der Herold Fuchs ist tot. Sie kommen -wieder und bringen die Kunde: „Der Herold Fuchs ist tot.“ Der -Staubpadischah sagt: „Zieht ihn an seinem Bein herunter.“ Da steht der -Herold Fuchs auf und sagt: „Ich habe dir soviel Gutes getan, wie kannst -du mich an meinem Bein ziehen.“ Da sagt der Staubpadischah: „Ich wußte, -daß du nicht gestorben warst und habe einen Scherz gemacht.“ - -Nach einigen Tagen stirbt der Herold Fuchs wirklich. Die Diener kommen -schnell und bringen dem Staubpadischah die Kunde: „Unser Herold Fuchs -ist gestorben.“ Der denkt, er verstellt sich wieder. Der Staubpadischah -geht zum Herold Fuchs und ruft leise: „Herold Fuchs!“ Vom Herold Fuchs -war nichts zu vernehmen. Er war wirklich tot. Sie sagen zum -Staubpadischah: „Unser Herold Fuchs ist tot.“ Der sagt: „Ein Imam soll -schnell kommen.“ Der Imam kommt, wäscht den Herold Fuchs und wickelt -ihn ordentlich ein. Dann begräbt man ihn. Der Staubpadischah und die -Tochter des Padischahs von Indien lebten vergnügt in dem großen -Schlosse. Das ist die Wohltat, die der Herold Fuchs getan hat. - - - - - - - - -16. DIE GESCHICHTE VOM DSCHIHANSCHAH - - -Es gab einen Padischah, der Dschihanschah hieß. Einst sagte er: „Ich -will das andere Ende dieser Welt finden“ und nahm einen Dampfer, -Soldaten und Lebensmittel mit sich und fuhr über’s Meer. Unterwegs -kommt ein Sturm. Nach drei bis fünf Monaten kommt er in ein Land. Die -Soldaten, die er bei sich hatte, waren umgekommen, er war allein ohne -Lebensmittel übriggeblieben. Als er so dahingeht, kommt er in ein Dorf -und bleibt als Gast bei einem Manne. Als er am Morgen aufsteht, ruft -ein Ausrufer: „Ist jemand da, der für eine Stunde Arbeit einen neuen -Anzug, tausend Piaster und ein schönes Mädchen sich verdienen will?“ Da -er unerfahren und in Not ist, sagt er: „Ich will es tun.“ Er empfängt -den Anzug, das Geld und das Mädchen. - -Der Mann, der ihm den Anzug, das Geld und das Mädchen gegeben hat, -sagt: „Komm, ich werde dich an einen Ort führen.“ Er gibt ihm ein -Pferd, besteigt selber eins, nimmt sich noch zehn Pferde und zwei Leute -dazu. So ziehen sie in die Berge, kommen an einen felsigen Ort und -steigen vom Pferde. Dann tötet er ein Pferd, zieht ihm das Fell ab, -schneidet den Bauch auf, nimmt die Eingeweide heraus und sagt zum -Dschihanschah: „Zieh dich aus.“ Der sagt: „Was soll ich tun?“ Der -andere antwortet: „Du wirst in den Bauch des Pferdes gehen, eine Stunde -schlafen und mir dann genau sagen, was du im Traum gesehen hast.“ Der -zieht sich aus, läßt Geld und Kleidung zurück und geht nackt in den -Bauch des Pferdes. Der Mensch näht die Haut zu und versteckt sich mit -den andern in einem Hinterhalt. Von dem Berge kommen große Vögel, -nehmen das tote Pferd mit dem Dschihanschah darinnen, und tragen sie -weg. Auf der Spitze des Berges zerreißen die Vögel das Pferd. Der Schah -kommt aus dem Innern heraus und die Vögel zerstreuen sich. Er sieht, -daß es nicht die Stelle ist, wo er sich hat einnähen lassen, geht bis -an den Rand des Felsens und sieht sich um. Da sieht er die Leute mit -den Pferden. Die rufen ihm von unten zu: „Wirf uns von den dort -befindlichen Steinen einige herunter. Ich werde dir dann den Weg -beschreiben, komm dann herunter.“ Der Dschihanschah wirft die Steine -herunter. Die Leute sammeln die Steine, packen sie in Säcke, legen sie -auf die Pferde und gehen wieder in ihr Dorf zurück. Der Dschihanschah -bleibt dort, sucht überall einen Weg, findet aber keinen. Nach einiger -Zeit findet er einen Abstieg. Er nimmt zwei Knochen in die Hand und -stützt sich damit auf dem Abstieg. Während er hinabsteigt, hört der Weg -auf, so daß noch eine Entfernung von zwei Minarets Höhe bis zum Boden -übrigbleibt. Er wirft sich hinab. Allah bewahrt ihn vor dem Tode, er -fällt herunter und wird ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, sieht -er, daß er bei Tagesanbruch den Berg herabgestiegen ist und bei -Sonnenuntergang wieder zu sich gekommen ist. Es war unmöglich, weder -vom Lande, noch vom Meere, diesen Ort zu finden. Er sieht sich um und -erblickt in der Ferne ein Schloß. Während er überall den Weg sucht, -findet er es, öffnet die Tür und geht hinein. Da sieht er einen -wohlbeleibten, schönen, weißbärtigen Mann. Als der den Dschihanschah -sieht, steht er auf und fragt ihn: „Aber, Menschenssohn, wie kommst du -hierher?“ Der erzählt ihm sein Erlebnis. Der in dem Schlosse wohnende -weißbärtige Alte sagt: „Mein Sohn, nimm diesen Schlüssel, öffne jede -Tür, aber jene Tür dort, öffne nicht, denn in drei Tagen komme ich -wieder. Aber jene Tür öffne ja nicht.“ Der weißbärtige Alte geht weg. -Der Dschihanschah denkt: „Ach, was sollte geschehen. Ich habe schon -soviel Unglück erlebt, da will ich auch diese Tür öffnen. Mag -geschehen, was will.“ Er öffnet die Tür, tritt ein und sieht, daß in -der Mitte ein Wasserbecken ist und rings darum ein Rosengarten. In den -übrigen Räumen, deren Türen er geöffnet hatte, war nichts so Schönes, -und keine Nachtigall ließ sich dort hören. Indem er am Rande des -Wasserbeckens spazieren geht, setzt er sich unter einen Rosenbaum. Da -kommt eine Taube und setzt sich auf den Stein des Beckens. Dann sieht -er, daß sie ein Mädchen wird und daß noch eine, und noch eine Taube -kommt. Die drei Tauben werden Mädchen. Das älteste Mädchen sagt: „Seht -euch um, ob kein Mensch hier ist.“ Die jüngste sagt: „Seit Sultan -Solimans Zeiten ist kein Mensch hierhergekommen. Zieht euch nur aus!“ -Sie ziehen sich aus. Als die jüngste sich auszieht, verliert der -Dschihanschah die Besinnung und wird ohnmächtig. Diese Tauben kamen -einmal im Jahre zu jenem Becken, badeten sich und gingen dann wieder -weg. Nachdem sie sich nun gebadet hatten, gingen sie auch wieder weg. - -Als der weißbärtige Alte wieder kam, sah er, daß der Dschihanschah -nicht im Schlosse ist. Er suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht -finden. Da kommt ihm in den Sinn: „Vielleicht hat er die Tür, von der -ich gesagt hatte ‚öffne sie nicht‘, geöffnet und ist eingetreten, und -dann ist ihm ein Unglück zugestoßen.“ Er fing an, im Garten zu suchen. -Während er suchte, sah er ihn unter einem Rosenbaum liegen. Er ging -hin, schüttelte ihn, hob ihn auf und fragte: „Was ist dir geschehen?“ -Der sagte: „Ach, Vater, ich will alles tun, was du willst, aber sage -mir, wie ich das jüngste Mädchen bekommen kann. Ich will dir mein -ganzes Leben dienen, aber verschaffe mir dies Mädchen.“ Der sagte: „Das -sind Peris. Sie kommen einmal im Jahre hierher, baden sich in diesem -Becken und gehen dann fort. Sogar wenn ich hier bin, kommen sie nicht. -Nur wenn ich im Jahre die Regierung über die Vögel ausübe, kommen sie, -wenn ich dazu weggegangen bin, in Gestalt von Tauben. Wenn du noch ein -Jahr wartest, kommen sie wieder, so, wie du es jetzt gesehen hast. Wenn -das jüngste Mädchen ihr Hemd ausgezogen hat, nimm das Hemd, und wenn -sie dich auch noch so sehr bittet, laß dich nicht täuschen und gib es -nicht, ehe sie dir ein Kind geboren hat. - -Der Dschihanschah wartet ein Jahr. Nach einem Jahre geht der Herr des -Schlosses zu den Vögeln und übergibt ihm die Schlüssel. Wie das -erstemal öffnet er die Tür, verbirgt sich unter dem Rosenbaum. Die -Tauben kommen und ziehen sich aus. Der Dschihanschah nimmt das Hemd des -jüngsten Mädchens, geht weg und setzt sich unter den Rosenbaum. Die -älteren Mädchen ziehen sich an und fliegen weg. Das jüngste Mädchen -fleht: „Ach, gib mir mein Hemde und ich will dir angehören.“ Der -Dschihanschah gibt es ihr nicht, bis der Herr des Schlosses kommt. Der -kommt. Das Mädchen sagt: „Verheirate mich mit dem Dschihanschah.“ Der -Dschihanschah sagt: „In Gegenwart meines Vaters will ich die Hochzeit -machen. Hier gehe ich nicht ins Hochzeitsgemach.“ Der Schloßbesitzer -ermahnt den Dschihanschah: „Paß auf, gib ihr nicht das Hemd.“ Das -Mädchen nimmt ihn auf den Rücken und fliegt in die Luft, zeigt auf eine -Stadt und fragt: „Welche Stadt ist das?“ Der Dschihanschah sagt: „Das -ist meines Vaters Stadt.“ Das Mädchen steigt mit dem Dschihanschah -zusammen herab. Der Vater und die Mutter des Dschihanschah sehen ihren -Sohn nach drei Jahren mit einem schönen Mädchen zusammen. Sie begrüßen -ihn und fragen: „Aber, Kind, woher kommst du?“ - -Der Dschihanschah befiehlt: „Spaltet einen Marmorstein.“ In die Spalte -steckt er das Hemd. Dann befiehlt er: „Es soll ein Schloß gebaut -werden.“ Diesen Stein macht er zum Grundstein des Schlosses. Er läßt -das Schloß bauen und die Hochzeit zurichten. Er beendigt das Schloß und -auch die Hochzeitszurichtungen. Dann bringt man das Mädchen ins Schloß. -Als es eintritt, riecht es den Geruch seines Hemdes, nimmt aus dem -Stein unter dem Grundstein das Hemd, fliegt auf das Fenstergesims und -verbleibt dort. - -Als die Hodschas den Dschihanschah unter Gebet in das Hochzeitsgemach -führen, sieht er, daß das Mädchen nicht in seinem Zimmer ist. Er denkt: -„Bin ich in ein falsches Zimmer gekommen oder bin ich verwirrt?“ Als er -wieder umkehren will, sagt das Mädchen: „Du bist nicht verwirrt. Ich -bin hier auf dem Fenstersims.“ Er sagt: „Komm herunter.“ Sie antwortet: -„Als der Padischah der Vögel als Hodscha uns dort ins Brautgemach -führen wollte, sagtest du: ‚Mein Vater und meine Mutter sollen ihren -Wunsch erfüllt sehen.‘ Jetzt haben dein Vater und deine Mutter ihren -Wunsch erfüllt gesehen, aber meine Eltern noch nicht. Wenn du mich -liebst und mich haben willst, komm, suche mich im Perilande meines -Vaters.“ Mit diesen Worten flog sie weg. - -Der Dschihanschah weinte und alle Verwandten und seine Eltern kamen und -sagten: „Wir wollen dir die Tochter von dem und dem Vezir geben.“ Aber -es nützte nichts. - -Das Mädchen ging zu ihren Eltern und erzählte die Geschichte, die ihr -passiert war. Der Vater sagte: „Ach, meine Tochter, das war ein -Königssohn. Dem warst du bestimmt. Du hättest nicht fliehen müssen.“ -Das Mädchen antwortete: „Ich hoffe, daß er mich suchen und finden wird -oder meinetwegen sterben wird. Außerdem muß er in dem Schlosse des -Vogelpadischahs am Becken gefunden werden.“ Auf diese Worte hin -schickte ihr Vater zwei Peri aus, um jenen Menschen zu suchen. - -Der Dschihanschah bestieg wieder wie das erstemal einen Dampfer, fand -das Land, in dem der Ausrufer ausrief, und ging wieder in das Dorf. Der -Ausrufer fing wieder an auszurufen: „Für einen Anzug, tausend Piaster -und ein schönes Mädchen ist eine Stunde Arbeit zu tun.“ Der -Dschihanschah nahm Anzug, Geld, Mädchen. Sie besteigen die Pferde und -gehen an den Fuß des Berges. Wie das erstemal geht er in den Bauch des -Pferdes — aber diesmal nimmt er Anzug und Geld mit. — Die andern -verbergen sich. Von der Spitze des Berges kommen die großen Vögel und -holen das tote Pferd mit dem Dschihanschah und legen es oben auf dem -Berge nieder. Der Dschihanschah kommt heraus, die Vögel zerstreuen -sich. Er geht an den Rand des Berges und schaut nach unten. Die Leute -sagen: „Wirf von dort Steine herab und wir werden dir den Abstieg -zeigen.“ Der Dschihanschah warf ihnen keine Steine hinunter, weil sie -ihn das erste Mal getäuscht hatten. Die Steine hatten nämlich die -osmanische Okka [24] den Wert einer Last Gold. Wie das erstemal nimmt -er da, wo er absteigt, für den Abstieg zwei Knochen in die Hand, stützt -sich darauf und steigt allmählich hinunter. Als er in der Höhe von zwei -Minarets keinen Pfad und keine Felsspalte, in die er den Knochen setzen -konnte, findet, wirft er sich hinunter und wird ohnmächtig, kommt -wieder zu sich, sieht sich um, erblickt das Schloß und geht hin. Er -findet den weißbärtigen Alten, küßt ihm Hände und Füße. Dieser weiß, -daß das Mädchen entwischt ist. Der Vater des Mädchens hatte zwei Peri -geschickt, um den Jüngling zu suchen. Er fragte die Vögel: „Wißt ihr -das Land der Peris?“ Die Vögel sagten: „Wir wissen es nicht, aber es -gibt einen großen Vogel, der Smaragdvogel heißt, den frage.“ Er rief -den Smaragdvogel und fragt ihn: „Der Vogel antwortete: Als ich noch als -Junges im Nest lag, nahm mich meine Mutter und entfloh bis zur Grenze -des Perilandes. Die Grenze weiß ich. Darüber hinaus gehe ich nicht.“ -Von der Grenze bis zur Stadt des Vaters des Mädchens war zu fliegen ein -Weg von sechs Monaten, von der Grenze bis zum Schlosse des Padischahs -der Vögel zu fliegen ein Weg von drei Monaten. Der Herr des Schlosses -füllte einen Schlauch voll Wasser — etwa zwanzig Okka —, lädt es dem -Dschihanschah auf den Rücken und setzt ihn auf den Vogel und schrieb -einen Brief für ihn. Eine Monatsreise entfernt wohnte nämlich sein -älterer Bruder. Der war auch Vogelpadischah. Er setzte ihn also auf den -Vogel und ermahnte ihn: „Wenn der Vogel, auf den du gestiegen bist, -‚tschak‘ sagt, gib ihm ein Stück Fleisch, wenn er ‚Tschunk‘ sagt, gib -ihm etwas Wasser.“ Zum Vogel sagte er: „Führe diesen Dschihanschah zu -meinem älteren Bruder. Von dort komme du wieder zurück.“ Der -Dschihanschah nahm das Fleisch, das Wasser und den Brief und stieg auf -den Vogel. Der Vogel brachte ihn zum Vogelpadischah, gab ihn ab und -kehrte wieder um und gab den Brief dem älteren Bruder. Der öffnet ihn -und liest: „Setze diesen Dschihanschah auf einen Vogel, schreibe an -unseren älteren Bruder einen Brief, daß er ihn mit einem Vogel in das -Periland führe.“ Der setzte ihn auf einen Vogel und schickte ihn zu -ihrem älteren Bruder. Dieser berief die Vögel zusammen, gab einem -großen, starken Vogel Anweisungen und der setzte den Dschihanschah, wie -er ihm auf einem Vogel geschickt war, auch auf einen Vogel an der -Grenze des Perilandes ab und kehrte um. Da traf er die beiden Peris, -die der Vater des Mädchens abgeschickt hatte, um ihn zu suchen. Die -sagten: „Das ist der Mensch, den der Peripadischah sucht.“ Sie packten -ihn, ohne ihm weh zu tun, und brachten ihn zum Vater des Mädchens. Der -sagte: „Ich bin zufrieden“, richtete die Hochzeit zu und führte den -Dschihanschah in das Brautgemach und dieser erreichte seinen Wunsch. -Nach einiger Zeit setzte er, um den Vater des Dschihanschah zu -besuchen, seine Gemahlin auf Peris und schickte kostbare Geschenke mit. -Als sie durch die Luft flogen, sahen sie in einem öden Lande einen Ort -mit Wiesen und Weiden. Indem sie sagten: „Hier wollen wir eine Nacht -bleiben“, stiegen sie aus der Luft herunter und verweilten dort. -Während sie da saßen, ging das Mädchen, um sich den Rücken zu waschen, -weiter fort ans Wasser und zieht sich aus. Als es in das Wasser gehen -will, kommt aus dem Walde ein Wolf, zerreißt das Mädchen und tötet es. -Der Jüngling erfährt, daß ein Wolf das Mädchen aufgefressen hat. Er -hört nicht auf zu weinen, geht weder zu seinem Vater noch zu dem des -Mädchens, sondern verweilt dort und stirbt dort. - - - - - - - - -17. DAS WUNDERBARE NAPF - - -Wir waren früher drei Brüder. Der eine von uns war Fischer, der andere -Barbier, der dritte Kaffeewirt. Wir sagten zueinander: „Wollen uns auf -den Weg machen. Wessen Geschäft vorwärtsgeht, darin wollen wir arbeiten -und Ersparnisse zurücklegen.“ Wir gingen in eine Provinz. Der -Kaffeewirt und der Barbier arbeiteten. Da in dem Lande kein See war, so -konnte der Fischer nicht arbeiten. Der Kaffeewirt und der Barbier -sagten zu mir: „Dein Geschäft geht hier nicht, gehe in ein anderes -Land.“ Ich ging von dort weg und kam in ein Land wie Smyrna. Ich setzte -mich in ein Kaffee. Vor dem Kaffee war ein See oder ein Meer, in dem -man Fische fing. Da es mein Geschäft war, fing ich an, so und so, nach -beiden Seiten, die Bewegungen des Netzeinziehens auszuführen. Der -Kaffeewirt sagte zu mir: „Bist du verrückt? Was machst du?“ Ich sagte: -„Ich bin Fischer.“ Da sagte er: „Ich werde dir ein Schiff kaufen. -Arbeite in deinem Gewerbe.“ Er kaufte mir für siebenhundert Piaster ein -Schiff. Ich fuhr aufs Meer, warf die Netze aus und legte mich hin, dann -stand ich auf und fand in dem Netze einen Fisch. In dem Lande war ein -Jude. Dem war im Traume gesagt: „Es wird ein Fisch gefangen werden, den -mußt du kaufen.“ Ich kam an die Landungsstelle. Der Jude kam und sagte: -„Gib mir schnell den Fisch.“ Ich sagte: „Ich will ihn selber essen, ich -verkaufe ihn nicht.“ Er sagte: „Ich werde dir hundert Piaster geben, -gib mir den Fisch.“ Ich antwortete: „Nein, ich gebe ihn nicht.“ — Ich -dachte, er macht Scherz. — Er sagte: „Ich werde dir geben fünfhundert -Piaster, gib ihn mir.“ Ich sagte: „Gib das Geld.“ Da zog der Mensch -fünfhundert Piaster heraus und gab sie mir. Ich gab ihm den Fisch und -ging ins Kaffeehaus. Mein Freund der Kaffeewirt sagte: „Nun, was hast -du gemacht. Hast du nichts mitgebracht?“ Ich sagte: „Ich habe einem -Juden einen Fisch für fünfhundert Piaster verkauft. Ich weiß nicht, ob -es Trug oder Wahrheit ist. Ich glaube es nicht.“ Ich gab das Geld -meinem Kameraden. Als es Abend wurde, sagte er zu mir: „Vorwärts, geh -noch einmal auf den Fischfang.“ Ich ging auch. Wieder erschien dem -Juden der Fisch im Traum. Es wurde ihm gesagt: „Kaufe den Fisch, für -wieviel tausend Piaster er auch verkauft wird.“ Ich fing wieder einen -Fisch. Als ich wieder an die Landungsstelle kam, sagte der Jude zu mir: -„Gib mir den Fisch.“ Ich antwortete: „Wenn du mir zweitausend Piaster -gibst, will ich ihn dir geben.“ Der holte das Geld heraus und gab es. -Ich gab das Geld meinem Kameraden, dem Kaffeewirt, und ging am Abend -wieder auf den Fischfang. Wie das vorige Mal fing ich wieder einen -Fisch. Wieder erschien er dem Juden im Traum. Ich nahm den Fisch und -schnitt ihm den Bauch auf. Da kam ein Napf zum Vorschein. Ich wusch es -im Meer ab und trank einen Schluck. Da kam ein Mohr, sagte „Gesundheit“ -und legte eine Handvoll Goldstücke in das Napf. Ich sah mich nach -beiden Seiten um, sagte: „Was ist das?“ und trank noch einmal. Wieder -legte der Araber eine Handvoll Goldstücke hinein. Ich stieg ans Land. -Wieder kam der Jude und sagte: „Wo ist der Fisch?“ Ich antwortete: „Da -ist der Fisch, sein Bauch ist aufgeschnitten.“ Da sagte er: „Gerechter -Gott!“ ging weg und wurde verrückt. Ich ging ins Kaffeehaus. Mein -Kamerad ließ den Fisch kochen. Als er ihn aß, sagte er: „Bring schnell -ein Glas Wasser.“ Ich ging hin, brachte in dem Napf, aus des Fisches -Magen, Wasser und gab es meinem Kameraden. Man sagte: „Gesundheit“ und -gab ihm eine Handvoll Goldstücke. Mein Kamerad sagte: „Gib noch etwas -Wasser, der Fisch hat durstig gemacht.“ Ich ging hin und brachte -nochmals Wasser. Wieder sagte man: „Gesundheit“ und gab eine Handvoll -Goldstücke. Mein Kamerad sagte: „Was ist das für eine Geschichte.“ Ich -sagte: „Das ist aus dem Bauch des Fisches gekommen. Nun wollen wir in -unsere Heimat gehen. Jetzt haben wir viel Gold.“ Mein Kamerad sagte: -„Dies Napf gehört dir, nimm es.“ Ich antwortete: „Nimm du es.“ Er -sagte: „Ich nehme es nicht, nimm du es.“ Er gab das Napf mir und ging -in seine Heimat. Ich nahm mir einen Meister, der mir auf dem Meer ein -Schloß bauen sollte und schloß den Handel mit ihm ab, daß er für jeden -Hammerschlag ein Pfund bekommen sollte. Ich ließ ein solches Schloß -bauen, das sich nicht beschreiben läßt. Als ich eines Tages darin saß, -kommt eine Dame mit ihrer Dienerin, grüßte und setzte sich. Während wir -uns freundschaftlich unterhalten, sagte sie: „Gib mir zu trinken.“ Ich -gab ihr Wasser in dem Napf aus des Fisches Magen. Wieder sagte man: -„Gesundheit.“ Das Mädchen sagte: „Gib noch einmal Wasser in diesem -Napf.“ Ich gab es ihr. Sie sagte: „Gib mir dies Napf.“ Ich sagte: „Wenn -du dich mir hingibst, will ich dir das Napf geben.“ Sie sagte: „Gut, -komm am Freitag in unser Schloß. Da wollen wir es machen.“ Dann -beschrieb sie mir den Weg zu ihrem Hause. Ich ging dann hin. Als das -Mädchen dort am Fenster saß, erblickte sie mich, ließ einen Strick -hinab und zog mich hinauf. Ich ging zu ihr, wir vollzogen die Sache und -ich ließ ihr das Napf zurück. Danach bekam das Mädchen hiervon ein -Kind. Als ihr Vater das merkte, sagte er: „Was ist das für ein Kind? -haben wir denn gar keine Ehre?“ Sie führten das Mädchen auf einen Berg -und wollten es töten, taten es aber doch nicht und ließen es zurück. -Das Mädchen ging auf die Berge, kam zu einem Hirten, zog die Kleider -des Hirten an und gab ihm seine. - -Das Mädchen kam in Männerkleidung in ein Land und sah einen alten armen -Schilfsammler und sagte zu ihm: „Nimmst du mich heute als Gast auf?“ -Der sagte: „Ich habe kein Brot und nichts zu essen.“ Die Frau des Alten -sagte: „Der Arme mag hereinkommen und diese Nacht bei uns schlafen.“ -Sie schlief jene Nacht dort und brachte ein Kind zur Welt und sagte: -„Zeige dies, mein Kind, niemandem, wollen es verwahren.“ Die sagten: -„Wir sind arm und können nicht dafür sorgen.“ Da zog sie ein Goldstück -heraus und gab es. Da sagten sie: „Wenn du es gibst, wollen wir danach -sehen.“ Das Mädchen ging in ein großes Kaffeehaus. Vor dem Kaffeehaus -war eine Quelle. Dort legte sie die Form eines Napfes hin und stellte -einen Menschen auf und sagte: „Einen jeden, der aus diesem Napf trinkt -und sich so das Napf ansieht und seufzt, bringe zu mir.“ Eines Tages -kam ein Mann, trank aus dem Napf, sah sich das Napf an und seufzte. Man -ergriff den Menschen und brachte ihn zum Kaffeewirt. Der sieht, daß es -ein Verrückter ist. Man schickte den Mann, der das Napf genommen hatte, -ins Bad, zog ihm wieder Kleider an. Er setzte sich ins Kaffeehaus. - -Der Vater des Mädchens war der Herrscher des Landes. Das Mädchen -pflegte, was in diesem Lande gehandelt wurde, am Abend zu begleichen. -Der Vater des Mädchens hört dies und sagte: „Wir haben doch keine -Sklaven freigelassen. In der und der Provinz ist ein Mensch, der, was -auch für Geschäfte gemacht werden, sagt: „Geh, bete für den Padischah“ -und kein Geld nimmt. Wollen doch einmal hingehen und es uns ansehen. -Sie gehen in Derwischkleidung hin und sind Gäste in dem Kaffeehause. -Zur Zeit des zweiten Gebetes gehen die Derwische auf den Markt, um Brot -zu kaufen. Sie kaufen für zwanzig Para Brot und geben das Geld. Man -antwortet: „Geh, bete für den Padischah.“ Sie kaufen bei einem -Halwahändler Halwa. Der nahm kein Geld und sagte: „Geh, bete für den -Padischah.“ Sie kommen wieder ins Kaffeehaus. Der Padischah sagte zu -seinem Hofmeister: „Was ist das für eine Sache? Ich werde nicht klug -daraus.“ Der Hofmeister sagte: „Gedulde dich, es wird schon gut.“ Eines -Tages lud das Mädchen, das wußte, daß es sein Vater sei, ihn in sein -Haus ein. Als sie gegen Abend in das Haus gingen, sah der Schah, daß es -genau so wie sein Eigenes eingerichtet war, und sagte zum Hofmeister: -„Wir wohnen wie in unserm Hause.“ Nun aßen der Bursche, der vorher der -Besitzer des Napfes war, das er aus dem Bauche des Fisches gezogen -hatte, das Mädchen, ihr Sohn, ihr Vater und sein Hofmeister, zu fünfen, -zusammen. Als es ungefähr fünf Uhr in der Nacht ist, war der Bursche, -der ihr das Napf gegeben, eingeschlafen, ebenso das kleine Kind. Da -sagte der Vater des Mädchens zu ihm: „Gib mir etwas Wasser.“ Das ging -hin und brachte in dem Napf aus des Fisches Bauch Wasser. Als es ihm -gab, sagte der Mohr „Gesundheit“ und legte eine Handvoll Goldstücke -hinein. Darauf sagte der Vater: „Mein Durst ist noch nicht gestillt, -gib mir noch einmal.“ Das Mädchen gab ihm wieder zu trinken. Wieder -legte man eine Handvoll Goldstücke in das Napf. Der Vater sagte: „Gib -mir dies Napf.“ Das Mädchen antwortete: „Ich habe mich für dies Napf -einmal hingegeben. Wenn du dasselbe tun willst, so will ich es dir -geben.“ Da sagte er zu seinem Hofmeister: „Mach du es.“ Der sagte: -„Nein, ich tue es nicht.“ Nachdem sie einige Zeit geschlafen hatten, -weckte der Vater das Mädchen auf und sagte: „Komm, wollen tun, wie du -gesagt, und gib mir das Napf.“ Als er sich dazu bereit machte, sagte -das Mädchen: „So, fürchtest du dich nicht vor Gott? Du bist mein Vater. -Während ich als Mädchen neunmal so sinnlich wie der Mann bin, habe ich -meiner Sinnlichkeit nachgegeben und für dieses Napf meine Ehre -hingegeben. Ich habe mich einem solchen jungen Manne hingegeben und -dies Kind von ihm bekommen. Du, der du doch neunmal weniger sinnlich -und der Schah eines Landes bist, hast jetzt auch deine Ehre für dies -Napf hingegeben.“ Der Vater hatte bis dahin die Sachlage nicht gewußt -und sein Kind noch nicht erkannt. Als das Mädchen ihrem Vater alles -genau auseinandergesetzt hatte, wie sie sich dem Jüngling hingegeben -und das Napf von ihm empfangen hatte und, als sie dann schwanger -geworden, von ihrem Vater dem Henker zum töten übergeben und auf den -Berg geschickt worden war, da erfuhr der Padischah, daß dies Mädchen -wirklich seine Tochter war. Darauf weckte er den schlafenden Jüngling -und das Kind und verheiratete seine Tochter mit dem Jüngling, da sie -Verlangen nacheinander hatten. Die erlangten und gewährten ihr -Verlangen. Der Vater und sein Hofmeister ließen sie dort und kehrten in -ihre Heimat zurück. - - - - - - - - -18. DIE DREI SÖHNE DES PADISCHAHS - - -In alter Zeit lebte ein Padischah und dieser Padischah hatte drei -Söhne. Der Padischah wurde blind und sagte zu seinen Söhnen: „Wenn ihr -von einer Stelle, welche die Spur meines Pferdes nicht berührt und mein -Auge nicht gesehen hat, eine Handvoll Erde bringt, werde ich wieder -gesund.“ - -Der älteste Sohn besteigt ein Pferd, macht einen Weg von vierzig Tagen -und bringt von dort eine Handvoll Erde. Sein Vater streicht die Erde -auf seine Augen, sie hilft aber nicht. Sein zweiter Sohn besteigt ein -Pferd, macht eine Reise von achtzig Tagen, bringt von dort eine -Handvoll Erde, auch sie hilft nicht. Der Padischah sagt: „Ihr habt mir -nicht geholfen. Vielleicht findet mein jüngster Sohn den Ort, den die -Spur meines Pferdes nicht berührt hat, und vielleicht nützt er mir, -wenn er Erde davon bringt.“ Sein jüngster Sohn besteigt ein Pferd, -reist hundert Tage. Nach hundert Tagen kommt er in ein Schloß. In dem -Schlosse befand sich eine alte Frau. Die alte Frau beherbergt den -jungen Mann, fragt ihn nach dem, was ihm geschehen ist. Er erzählt, daß -der Padischah blind geworden ist und daß er der Sohn des Padischahs sei -und, um Erde zu suchen, ausgezogen sei. Die alte Frau antwortet: „Wenn -dein Vater des Morgens aus eurer Stadt aufbrach, frühstückte er zu -Mittag in unserm Schlosse. Auf diese Art kannst du nicht den Ort -finden, den sein Pferd nicht betreten und sein Auge nicht gesehen hat.“ -Der Jüngling antwortete: „Ja, Mutter, wie ist mir da zu helfen?“ Die -alte Frau sagt: „Nachdem du zwanzig Tage gegangen bist, triffst du an -dem und dem Orte eine Höhle. Geh in die Höhle. Neben der Tür ist ein -Halfter aufgehängt. Das Halfter nimm in deine Hand und schwinge es -einmal, dann kommen viele Pferde und sagen: ‚Mein Held, besteige mich.‘ -Steige du auf keins der Pferde. Dann kommt ein rotbraunes Pferd mit -krummen Beinen und Krebs auf den Schultern. Dies rotbraune Pferd -besteige und so wirst du deinen Wunsch erreichen.“ - -Der Jüngling reist zwanzig Tage. Nach zwanzig Tagen findet er die -Höhle, nimmt das Halfter, das an der inneren Tür hängt, schwingt es -einmal. Viele Tiere kommen und sagen: „Mein Held, besteige mich.“ Er -besteigt keins davon. Danach kommt ein rotbraunes Pferd mit krummen -Beinen und Krebs auf den Schultern. Er besteigt jenes Pferd und macht -sich auf den Weg. Nach zwei Tagen steigt er an einer hohen Cypresse ab -und legt sich schlafen. Auf einmal ertönt, während er schläft, eine -Stimme. Er wacht von dieser Stimme auf, springt auf und sieht, daß ein -Drache an dem Brunnen emporzuklettern im Begriff ist. Der Jüngling -schießt den Pfeil, den er in der Hand hat, ab und tötet den Drachen. Da -sagen die Jungen des Vogels, die sich auf dem Baum befanden: „Mein -Held, unsere Mutter ist ein Raubvogel, sie wird dich töten. Geh, -verbirg dich. Dann werden wir unserer Mutter in unserer Sprache es -sagen. Was auch immer dein Wunsch sein mag, sage ihn ihr. Vielleicht -kann sie dir helfen.“ Der junge Mann geht und verbirgt sich irgendwo. -Nach einiger Zeit kommt der Vogel, der die Mutter der Jungen ist, und -sieht, daß der Drache getötet ist. Die Jungen sagen ihrer Mutter: „Der -Jüngling, der uns gerettet hat, hat sich an jener Stelle verborgen. -Frage ihn, was ihm fehlt.“ Da geht der Vogel hin, nimmt den Jüngling in -seine Krallen, trägt ihn auf den Wipfel des Baumes und sagt: „Fordere -von mir, was du willst. Ich will dich erfreuen.“ Der Jüngling erzählt -das, was ihm geschehen ist. Der Vogel antwortet: „Dein Vater pflegte -sein Nachmittagsgebet hier zu verrichten. Das Pferd unter dir, ist das -Pferd deines Vaters, damit wirst du deinen Wunsch erlangen. Aber wenn -du in Not bist, rufe mich.“ Der junge Mann bricht von dort auf. Das -braunrote Pferd sagt: „Schließe dein Auge und öffne es nicht.“ Der -junge Mann schließt seine Augen. Nach einer Stunde sagt es: „Öffne -deine Augen.“ Als er seine Augen öffnet, befindet er sich an einem -Orte, dessen Leute und Sprache ihm unbekannt und dessen Menschen ihm -nicht gleichen. Dieser Ort war die Hauptstadt eines Padischahs. Als er -vor dem Schloß vorbeigeht, sieht der Padischah ihn und da er merkt, daß -er den Leuten seines Landes nicht glich, schickt er einen von seinen -Leuten hin, läßt ihn holen und fragt: „Woher kommst du und wohin gehst -du?“ Er antwortet: „Wenn du damit einverstanden bist, will ich in deine -Dienste treten.“ Der Padischah ist damit einverstanden und sagt: „Ich -habe neunundzwanzig Vezire. Du sollst der dreißigste sein.“ Er nimmt -das Amt des Vezirs an. Die anderen Vezire haben die Absicht, den jungen -Mann zu töten und laden ihn mit Erlaubnis des Padischahs ein. Nachdem -sie gegessen und getrunken haben, untersuchen sie ihn. Aus seiner -Tasche sieht der Flügel eines goldenen Vogels hervor. Einer von den -Veziren geht zum Padischah und sagt: „Dein neuer Vezir hat geprahlt: -Diesen goldenen Vogel will ich lebendig herbringen.“ Der Padischah läßt -den Vezir kommen und sagt: „Ich wünsche diesen Vogel lebendig von dir.“ -Der junge Mann sagt: „Sogleich“ und ging hinaus zu dem rotbraunen -Pferde. Das Pferd fragt ihn: „Was fehlt dir?“ Er antwortet: „Ich habe -mir den Unwillen des Padischahs zugezogen. Er verlangt einen goldenen -Vogel von mir.“ Das Pferd sagt: „Das ist etwas Leichtes. Besteige mich, -schließe dein Auge. Ich werde dir helfen.“ Der junge Mann besteigt das -rotbraune Pferd, schließt sein Auge und befindet sich sofort an der -Stelle des großen Vogels, wo er vorher gewesen war. Der Vogel fragt den -jungen Mann. Als Antwort bekommt er: „Der Padischah verlangt von mir -einen goldenen Vogel.“ Der Vogel antwortet: „Geh, bringe die Tiere aus -dieser Herde, koche sie und hänge sie an diesem Baume auf.“ Der junge -Mann bringt die Tiere aus der Herde, kocht sie und hängt sie an einen -Zweig. Nach einer halben Stunde kommen drei goldene Vögel zu dem an dem -Zweige hängenden Fleische. Der andere große Vogel greift die goldenen -Vögel an, verschwindet in der Luft und ist nicht mehr zu sehen. Der -Jüngling geht auch. Der große Vogel hatte ihm nämlich -auseinandergesetzt: „Sei an der Tür der Höhle, an dem und dem Orte -anwesend und gib dir Mühe die Vögel zu fangen, wenn ich sie verfolge, -bringe sie mit dir und sei nicht unachtsam wie dein Vater und laß den -Vogel nicht entwischen.“ Deswegen war er — das heißt der Jüngling —, -als der große Vogel die goldenen Vögel verfolgte und in die Luft -geflogen war, auf sein Pferd gestiegen und zur Tür der Höhle gegangen. -Auf einmal entsteht in der Luft ein Geräusch, der große Vogel bringt -die goldenen Vögel herbei und treibt sie vor sich. Da der junge Mann -nun persönlich anwesend war, gelang es ihm, mit größtem Eifer einen von -den Vögeln, als sie in die Höhle gehen wollten, zu fangen. Danach -verabschiedet er sich von dem großen Vogel, nimmt den goldenen Vogel, -besteigt das erwähnte rotbraune Pferd und geht direkt in das Schloß des -Padischahs. Der Padischah sieht, daß er den gewünschten goldenen Vogel -gebracht hat. Daraufhin wurde die Liebe des Padischahs zu diesem Vezir -groß, aber die anderen Vezire beneideten ihn und warteten immer auf -eine Gelegenheit. Eines Tages luden sie wieder diesen Vezir ein, gaben -ihm Wein zu trinken und machten ihn betrunken. Wieder ging einer von -ihnen zum Padischah und sagte: „Dein neuer Vezir prahlte: ‚Ich will auf -diese hohe Pappel steigen.‘“ Der Padischah rief ihn und sagte, als er -kam: „Ich verlange, daß du auf diese Pappel steigst und mir Antwort -bringst, was auf dieser Pappel los ist.“ Der junge Mann läßt sich auf -Anweisung des rotbraunen Pferdes von einem Schmiede viele Nägel machen. -Dann nimmt er einen Hammer in die Hand und schlägt einen Nagel in die -Pappel. Auf diese Art schlägt er immer einen Nagel ein und steigt oben -auf die Pappel. Oben auf der Pappel findet er einen goldenen -Mädchenzopf, den ein Vogel gebracht hatte. Er steigt herunter und zeigt -ihn dem Padischah. Der Padischah befiehlt ihm: „Ich verlange von dir -dies goldhaarige Mädchen persönlich.“ Der junge Mann antwortet: „Zu -Befehl.“ Darauf geht er zu seinem rotbraunen Pferde und sagt: „Der -Padischah verlangt von mir das goldhaarige Mädchen.“ Das Pferd -antwortet: „Besteige mich. Gott ist barmherzig. Schließe deine Augen -und öffne sie, wenn ich es dir sage.“ Sofort befindet er sich auf einer -Insel mitten im Meere und sieht, daß das goldhaarige Mädchen auf einem -Throne schläft. Das Pferd befiehlt: „Nimm es mit dem Thron in deine -Arme, aber schließe deine Augen und öffne sie nicht. Wollen abwarten, -was Gott tut.“ Sofort nimmt der junge Mann das goldhaarige Mädchen in -die Arme auf das Pferd, und schließt seine Augen. Da ertönt von der -andern Seite eine Stimme: „Bruder, einmal hast du mich in dieser Welt -mißachtet, dies zweite Mal habe Mitleid mit mir.“ Diese Stimme war -nämlich die des zweiten Bruders des Pferdes. Dies rotbraune Pferd war -nämlich ein Peripferd. Seinerzeit war der Vater des jungen Mannes -hierher gekommen, um das Mädchen zu nehmen. Der zweite Bruder des -rotbraunen Pferdes hatte es damals sich aus der Hand nehmen lassen. -Auch diesmal hat er Mitleid, bleibt zurück und läßt zu, daß das -goldhaarige Mädchen dem Padischah gebracht wird. Nun sagt das -goldhaarige Mädchen: „Ich habe drei Aufträge. Wenn du sie annimmst, -richte die Hochzeit zu und ich werde dich heiraten, sonst nicht.“ Der -Padischah sagte: „Was dein Auftrag auch sei, sage ihn mir. Ich werde -sehen, was sich tun läßt.“ Der erste Auftrag des Mädchens: „An dem und -dem Orte ist ein Kayk [25] aus einer Haut, das lasse herbringen.“ Der -Padischah trägt dem jungen Manne auf: „Geh, hole das Kayk, das da und -da ist.“ Der junge Mann geht sofort zu dem rotbraunen Pferde und -erzählt ihm die Sache. Das Pferd sagt: „Besteige mich und schließ deine -Augen.“ Wieder befindet er sich auf einer Insel mitten im Meere. Das -Pferd sagt: „Das Kayk, das der Padischah von dir verlangt hat, ist -dieses, aber der Grund für deine Reise in diese Länder war eine -Handvoll Erde. Diesen Platz hat weder deines Vaters Auge gesehen noch -seines Pferdes Spur berührt. Geh hin, nimm eine Handvoll Erde.“ -Daraufhin nimmt der junge Mann eine Handvoll Erde und steckt sie in -sein Taschentuch. Danach nimmt er das Kayk in den Arm und schließt die -Augen. Wieder ertönt wie vorher eine Stimme. Das war nämlich die Stimme -des jüngsten Bruders des braunroten Pferdes. Das braunrote Pferd sagt: -„Mein Bruder, du bist ein Jüngling. Habe Mitleid mit mir. Ich möchte -dies Kayk mitnehmen und dem Padischah geben.“ Da hat er Mitleid und -bleibt zurück. Der junge Mann bringt das Kayk dem Padischah und -übergibt es ihm. - -Der zweite Auftrag des Mädchens: „Im Meer ist ein eisenköpfiges Pferd, -das bringe.“ Der Padischah befiehlt es dem jungen Manne. Der geht -wieder zu dem rotbraunen Pferde. Dies sagt: „Schlage mir unter jeden -Huf einen Batman [26] Hufeisen und lege mir auf den Rücken drei -Ochsenhäute und klebe sie mit Pech an. Dann wollen wir sehen, ob sich -die Sache machen läßt.“ Der Jüngling tut so, wie das Pferd es -beschrieben hat. Danach kommen sie an das Gestade eines Meeres. Er läßt -das rotbraune Pferd ins Meer. Nach zwei bis drei Stunden kommt es -wieder heraus und hat das eisenköpfige Pferd am Halse gepackt. Er legt -dem letzteren ein Halfter um den Kopf und besteigt das Pferd. Als er -zum Palast des Padischahs kommt, schreit das Mädchen aus dem Schlosse: -„Wärst du doch nie gekommen! Wohin gehst du?“ Da sieht sich der -Jüngling um und sieht, daß vierzig Stuten aus dem Meer steigen und dort -bleiben, als sie die Stimme des Mädchens hören. - -Der Padischah sagte: „Auch dieser dein zweiter Auftrag ist ausgeführt. -Sage deinen dritten. Wollen sehen, was sich machen läßt.“ Da antwortet -das Mädchen: „Laß die Milch dieser Stuten melken und in jenes Kayk -füllen. Dann habe ich nichts mehr zu sagen. Rüste die Hochzeit und ich -will dich heiraten.“ Der Padischah befiehlt dem jungen Manne: „Geh, -melke jene Stuten!“ Der junge Mann melkt die Stuten mit Leichtigkeit -und füllt das Kayk mit Milch. Da sagt das Mädchen zum Padischah: „Du -hast wahrscheinlich nicht die vorgeschriebene Waschung vollzogen. -Wasche dich in dieser Milch.“ Wenn sie dem Padischah, statt sich in -Milch zu waschen, gesagt hätte: „Geh ins Feuer“, so hätte er auch das -getan, denn so beherrschte ihn die Liebesglut zu diesem Mädchen. Sofort -zieht er sich aus und steigt in die Milch. Nun war aber die Stutenmilch -giftig und der Padischah stirbt sofort. Nun kam die Reihe an den jungen -Mann. Das Mädchen sagte: „Vorwärts, mein Jüngling, der Padischah -verstand nicht den Kniff, sich zu baden, du kennst aber den Kniff. Bade -dich und ich werde dich heiraten.“ Der Jüngling war zum Sterben in das -Mädchen verliebt. Als er dabei ist, sich auszuziehen und hinein zu -steigen, faßt das Pferd ihn mit den Zähnen am Kragen und zieht ihn -zurück. Danach wendet es ein Mittel bei der Stutenmilch an, so daß kein -Gift bleibt. Dann steigt der Jüngling in die Milch, badet sich und -kommt heil wieder heraus. Als er herauskommt, nimmt er das schöne -goldhaarige Mädchen in die Arme und tausend Küsse haben nur den Wert -eines Paras [27] für sie. Schluß: Das Mädchen wird mit dem Sohne des -Padischahs verheiratet und sie beide erreichten ihren Wunsch und -bringen die Erde, die eigentlich der Zweck war, im Taschentuch in das -Reich seines Vaters. Sie streichen die mitgebrachte Erde dem Vater auf -die Augen. Er wird mit Gottes Hilfe wieder sehend und setzt das Mädchen -und seinen Sohn auf seinen Thron. Alle erlangten, was sie wünschten. -Hier hat die Geschichte ein Ende. - - - - - - - - -19. DER GRINDKOPF - - -Früher war in Stambul ein grindiger Junge. Der sagte: „Wenn ich fünf -Piaster hätte, würde ich ein Kunststück vollführen.“ Ein Reicher hörte -dies, ging hin und gab ihm sieben Piaster und sagte: „Vorwärts, -Bursche, zeige dein Kunststück.“ Der grindige Junge nahm diese sieben -Piaster und ging zum Scherbethändler und sagte: „Nimm diese vierzig -Para und bringe um ein Uhr diesen Scherbet in das Bad von Tacht elqalà. -Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich in diesem Bade ausgezogen. -Wenn er aus dem Bade gehen will, soll er den Scherbet trinken.“ Dann -ging er hin und gab einem Pastetenbäcker sechzig Para und sagte: „Um 1½ -Uhr soll das der Sohn des Padischahs von Indien essen, wenn er aus dem -Bade von Tacht elqalà, wo er sich ausgezogen hat, herausgeht.“ Dann -kaufte er Tabak zu zwei Piastern und vom besten Zigarettenpapier und -wies einen Krämer an: „Um zwei Uhr bring dies in das Bad von Tacht -elqalà. Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich dort ausgezogen und -soll ihn rauchen, wenn er das Bad verläßt.“ - -Er selbst geht um zwölf Uhr ins Bad, zog sich aus und verbarg seine -schlechten Kleider irgendwo und setzt sich auf den Stein in der Mitte -des Bades. Die Badediener sagen: „Grindiger Junge, geh nun endlich. Es -ist Abend geworden. Wir wollen das Bad reinigen.“ Der grindige Junge -sagte: „Langsam, langsam!“ Da schlugen sie ihn. Als er aus dem Bade -gehen wollte, klopfte man an die Tür. Der Badebesitzer sagte: „Was ist -da?“ Da sagte der Scherbetverkäufer: „Der Sohn des Padischahs von -Indien hat sich hier umgezogen. Er wird diesen Scherbet trinken, wenn -er aus dem Bade geht.“ Da wunderte sich der Badebesitzer, kam sofort -und sagte: „Mein Herr, verzeihe das Versehen der Badediener. Wir -kannten dich nicht.“ Während sie so sprachen, wurde wieder an die Tür -geklopft. Als der Badebesitzer fragte: „Was ist das?“ Da wurde -geantwortet: „Pasteten, die der Sohn des Padischahs von Indien essen -wird.“ Da glaubte der Badebesitzer es wirklich. Man breitete ein -schönes Handtuch über den Stein in der Mitte des Bades und ließ ihn -sich dort hinlegen. Die Badediener rieben ihn mit dem Frottierlappen -und führten ihn mit vieler Höflichkeit aus dem Bade auf das Lager. Als -man ihn sich hinlegen ließ, wurde wieder an die Tür geklopft. Auf die -Frage des Badebesitzers „Was ist das?“ hieß es: „Diesen Tabak wird der -Sohn des Padischahs von Indien rauchen, wenn er aus dem Bade gehen -wird.“ - -Sie drehen eine Zigarette und geben sie ihm. Der grindige Junge sagt -zum Badebesitzer: „Mein Kawaß [28] wollte mir meine Kleider -nachbringen. Ist er noch nicht gekommen?“ Da sagte der Badebesitzer: -„Ist nicht nötig, mein Herr. Ich habe viele Kleider.“ Dann sagte er zu -seinem Mohren: „Geh, meine Frau soll in die Festkleider in die eine -Tasche Gold und in die andere Silbergeld stecken. Dann bringe sie her.“ -Der Mohr ging hin und tat so. Der Grindkopf zog die schönen Kleider des -Badebesitzers an. Als er das Bad verließ, gab er zwei Pfund den -Badedienern, vier Pfund dem Oberaufseher und sechs dem Badebesitzer. -Als er aufstand und weggehen wollte, sagte der Badebesitzer: „Bitte, -mein Herr, bleibe heute als unser Gast.“ Sie standen auf und gingen in -das Haus des Badebesitzers. Am Morgen sagt der Badebesitzer zu seinem -Mohren: „Geh, sage dem und dem Hotelbesitzer, er soll wenigstens ein -Zimmer zurichten.“ Der Hotelbesitzer und der grindige Junge gingen in -das Hotel. Der Letztere blieb in einem Zimmer als Gast. Der grindige -Junge rief den Hotelbesitzer und sagte: „Geh, miete mir vom Bazar zwei -Diener. Der eine soll ein Mohr, der andere ein Weißer sein.“ Der -Hotelbesitzer tat so. Darauf sagte er: „Geh, bringe mir schnell einen -Soldatenrock und ein Martinigewehr.“ Der tat das auch. Der grindige -Junge gab den Soldatenrock und das Gewehr dem weißen Diener und sagte: -„Du halte Wache hier draußen vor der Tür. Wenn jemand kommt, sagst du: -‚es ist verboten.‘“ Der tat so. Dem Mohren sagte er: „Du bleibst bei -mir. Wenn der Soldat draußen sagt: ‚es ist verboten‘, gehe du auch -hinaus und frage: ‚Wer ist da?‘ Wenn der Mann draußen dann sagt: ‚Ich -bin der Diener von dem und dem‘, komme zu mir und benachrichtige mich.“ -Die taten so. Er sagte zu dem Mohren: „Kennst du den Läufer des -Großvezirs?“ Der Mohr antwortete: „Ja, ich kenne ihn.“ Er antwortete: -„Geh, rufe ihn mir.“ Der Mohr ging und rief ihn. Als er kam, sagte er -zu dem Läufer: „Bist du der Läufer des Großvezirs?“ Der antwortete: -„Ja.“ Dann sagte er: „Kannst du mir morgen gegen drei oder vier Uhr das -Pferd des Großvezirs im Paradeschmuck bringen? Ich möchte etwas -umherreiten und werde dir zehn Pfund geben.“ Der Läufer sagte: „Sehr -wohl.“ Nachdem er gegangen war, sagte er zu dem Mohren: „Rufe mir den -Läufer des Seraskers.“ Er rief ihn. Als er kam, sagte er ihm dasselbe. -Auch der antwortete: „Sehr wohl.“ Am nächsten Tage legten die beiden -Läufer den Pferden Paradeschmuck an und führten sie vor das Hotel. Er -sagte zu dem Hotelbesitzer: „Suche ein gutes Pferd.“ Der antwortete: -„Sehr wohl.“ - -Der grindige Junge bestieg das Pferd des Großvezirs, auf das des -Seraskers setzte sich sein Soldat, auf das des Hotelbesitzers der Mohr. -Dann ritten sie spazieren. Als sie während des Rittes vor dem Palast -des Padischahs vorbeikamen, fiel das Auge der Tochter des Padischahs -auf sie. Sie fragte den Posten vor der Tür: „Wer sind die? Frage -einmal.“ Der Posten fragte den Diener: „Wer sind die?“ Der antwortete: -„Das ist der Sohn des Padischahs von Indien.“ Inzwischen wurde es -Abend. Als der Padischah in sein Schloß kam, sagte seine Tochter: -„Vater, ist der Sohn des Padischahs von Indien gekommen?“ Der Padischah -sagt: „Nein, wenn er gekommen wäre, müßte ich es erfahren haben.“ Sie -antwortete: „Als er heute hier vorbeiritt, habe ich ihn gesehen und zum -Posten gesagt: ‚Frage, wer das ist!‘ Der Posten fragte und sagte: ‚Das -ist der Sohn des Padischahs von Indien‘“. Sie ließen den Posten kommen -und sagten: „Du hast gefragt?“ Er antwortete: „Ja, mein Padischah, ich -habe gefragt.“ Da sagte er: „Hast du gefragt, wo er wohnt?“ Er -antwortete: „Nein, mein Padischah, zum Fragen war keine Zeit, sie -gingen weiter.“ Da wurde der Padischah zornig und sagte: „Soviel -Patrouillen und Geheimpolizisten haben wir, und die ahnen nichts davon, -daß der Sohn des Padischahs von Indien gekommen ist?“ Er ließ schnell -einen Menschen kommen und ließ den Sohn des Padischahs von Indien -aufsuchen. Sie fanden das Hotel und sagen dem Padischah: „Er wohnt in -dem und dem Hotel.“ Da sagte der Padischah zu einem seiner Adjutanten: -„Geh, rufe ihn, er soll kommen und unsere Unaufmerksamkeit verzeihen.“ -Als der Adjutant kam und nach oben gehen wollte, sagte der Posten: „Es -ist verboten.“ Der Mohr kam heraus und fragte: „Wer ist da?“ Der -Adjutant sagte: „Wenn es erlaubt ist, möchte ich den Bej [29] -besuchen.“ Der Mohr ging hinein, der Prinz antwortete: „Nein, er soll -nicht kommen.“ Der Adjutant ging wieder zum Padischah und sagte: „Er -hat mich nicht hineingelassen.“ Der Padischah dachte: „Er ist zornig, -weil wir ihm nicht entgegengegangen sind. Deswegen ist er ärgerlich.“ -Er ging zum Großvezir und sagte: „Rufe du ihn, er möge kommen.“ Er -ging, wurde aber wie der Adjutant nicht hineingelassen. Da sagte der -Padischah zum Scheich ul Islam: „Geh du hin. Wenn er nicht kommt, werde -ich hingehen.“ Der Scheich ul Islam ging hin. Wieder sagte der Posten: -„Es ist verboten.“ Der Mohr kam und fragte: „Wer ist da?“ Da sagte er: -„Ich bin der Scheich ul Islam. Wenn es erlaubt ist, möchte ich -eintreten.“ Der ging und sagte dem Grindköpfigen: „Der Scheich ul Islam -ist gekommen. Darf er eintreten?“ Der sagte: „Ja, er mag kommen.“ Der -Scheich ul Islam trat ein. Der Grindköpfige stand auf. Der Scheich ul -Islam ließ ihn sich hinsetzen, begrüßte ihn und fragte ihn nach seinem -Befinden und sagte: „Wie geht es deinem Vater, ist er gesund?“ Er -sagte: „Es geht ihm gut, er läßt euch grüßen.“ Der Scheich ul Islam -sagte: „Dein Vater ist ein sehr guter Mann. Er war mein Schulkamerad.“ -Nachdem sie sich gegenseitig nach ihrem Befinden erkundigt hatten, -sagte der Scheich ul Islam: „Komm doch, bitte. Unser Padischah wünscht -dich zu sehen.“ Da sagte der Grindköpfige: „Ist das bei euch so Sitte?“ -Der antwortete: „Was verlangst du?“ Er antwortete: „Ich verlange eine -Regimentskapelle und ein Regiment Kavallerie.“ Er ging zum Padischah -und sagte es ihm. Der antwortete: „So soll es sein.“ Alle Vezire holten -ihn mit Ehrenbezeugungen in den Palast. Sie unterhielten sich im Palast -bis zum Abend. Alle Anwesenden entfernten sich. Als sie allein waren -und nur der Padischah und der Grindköpfige allein waren, ging die -Tochter des Padischahs spazieren. Sie war in den Grindköpfigen -verliebt, nimmt ein Tuch und schickt es durch eine Sklavin zu ihrem -Vater. Damals herrschte die Gewohnheit, wenn ein Mädchen sich in jemand -verliebt hatte, so schickte sie ihm solche Zeichen. Der Padischah -verstand, daß seiner Tochter der Grindköpfige gefiel. Der Padischah -dachte nach. Da sagte der Grindköpfige: „Mein Padischah, woran denkst -du?“ Der erklärte ihm die Sache. Dieser sagte: „Sehr wohl, mein -Padischah, aber ohne die Erlaubnis meines Vaters und meiner Mutter geht -es nicht.“ Der Padischah sagte: „Ich werde an deinen Vater und Mutter -schreiben, um die Erlaubnis zu erlangen. Ich werde einen Brief mit der -Post schreiben.“ Der antwortete: „Wenn ich nicht selber hingehe, ist es -unmöglich. Nach drei bis fünf Monaten werde ich hingehen und die -Erlaubnis holen und wiederkommen. Dann mag es sein, wie du gesagt -hast.“ Der Padischah: „Es ist nicht nötig, daß du selber hingehst.“ Er -schrieb einen Brief und gab ihn dem Tataren. Der stieg auf den Dampfer -und fuhr nach Indien. Eines Tages kam er in Indien an, ging zum -Padischah und gab den Brief dem Padischah. Der Padischah saß in der -Versammlung, öffnete den Brief, sah ihn an, legte ihn wieder in den -Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Als er am Abend nach Hause -gekommen war, las er ihn und lachte. Seine Frau sagte: „Was lachst du?“ -Er sagte: „Irgend ein junger Mann ist zum Padischah gegangen, hat ihn -überredet, daß er der Sohn des Padischahs von Indien sei. Der ist -bereit, ihm seine Tochter zu geben. Der junge Mann hat uns als seine -Eltern angegeben und gesagt, daß es ohne unsere Erlaubnis nicht -anginge. Der Padischah hat deswegen an uns geschrieben. Was soll man da -tun?“ Seine Frau sagte: „Das ist ja gut. Ohne uns zu sehen, hat er uns -als Eltern angenommen. Deswegen wollen wir, indem wir sagen: ‚Sehr gut, -wir sind damit einverstanden‘, morgen einen Brief schreiben und von -dem, von meinem Vater ererbten Vermögen einen Dampfer ausrüsten und als -Geschenk schicken.“ So taten sie. Das Schiff mag nun nach Stambul -gehen! Unsere Geschichte kehrt jetzt zu dem Grindköpfigen zurück. -Seitdem der Dampfer nach Indien gefahren war, hatte er keinen ruhigen -Schlaf gehabt. Was sollte er machen? Er schlief nicht, in dem Gedanken: -„Wenn sie sagen, der Sohn des Padischahs von Indien hat keinen Sohn, -werden sie mich sofort töten.“ - -Der Dampfer kam nach Stambul, seine Pfeife ertönte. Der Grindköpfige -wußte nicht, was er tun sollte, und ging ans Fenster indem er dachte: -„Ich werde mich aus dem Fenster stürzen, dann bin ich wenigstens tot.“ -Die Posten ließen ihn aber nicht an das Fenster. Der Tatar kam und gab -den Brief dem Padischah. Der Grindköpfige stand Todesqualen aus. Der -Padischah las den Brief und sagte: „Siehst du, dein Vater hat die -Erlaubnis gegeben.“ Der Grindköpfige sagte: „Dann ist die Sache -erledigt. Mein Vater hat zu befehlen.“ Der Padischah sagte: „Die -Hochzeit soll stattfinden.“ Nachdem vierzig Tage lang die -Hochzeitsfeierlichkeiten gedauert hatten, sagte der Padischah am -Brautnachtsabend: „Fordere von mir, was du wünschest.“ Der Grindköpfige -sagte: „Gib dem Badebesitzer in Tacht el qalà ein Paschalik, dem und -dem Hotelbesitzer den Posten eines Majors und dem Mann, der die fünf -Piaster gegeben hat, einen Posten.“ Der Padischah sagte: „Es soll -sein.“ Der Grindköpfige wurde Schwiegersohn des Padischahs. Jetzt -wollte der Grindköpfige mit seiner Frau nach Indien gehen. Der -Padischah gab die Erlaubnis und sie gingen nach Indien. Als die Pfeife -des Dampfers ertönte, fragte das Volk: „Was ist das?“ Man sagte: „Der -Sohn des Padischahs ist gekommen. Es sollen Feste gefeiert werden und -die Bevölkerung soll ihm entgegen gehen.“ Die alten Leute sagten: -„Hatte der Padischah einen Sohn? Das ist nicht sein Sohn.“ Trotzdem -gingen sie ihm entgegen und führten ihn ins Schloß. Dort lebten sie -vergnüglich. - - - - - - - - -20. IM ALTER ODER IN DER JUGEND? - - -Eine weite Wiese im nebeligen, dunkelblauen Schatten von unendlichen -Wäldern, in die kein Vogel dringt!... In ihrer Mitte fließt ein -azurblauer Bach... Tausende von Pferden und Stuten tollen im goldigen -Licht der neuaufgehenden Sonne... Hunderttausende von Schafen blöken. -Gebrüll und Gewieher! In weiter Ferne erheben sich unzählige Gipfel -schneebedeckter, hoher Berge, die silbergekrönten Häuptern gleichen, in -den Himmel. In der Mitte ein Schloß. Vor der Tür des Gartens, der es -umgibt, stehen bewaffnete, berittene Helden und bellen Hunde. - -Das ist der Wohnort eines türkischen Bejs. - -Der Besitzer dieses Heims ist der fünfundzwanzigjährige Hassan Bej. Er -kennt nicht die Zahl seiner Schafe, Pferde, Kamele und seiner in alle -Welt ziehenden Karawanen. Die Grenzen seines Besitzes sind unbekannt. -Aus Azerbaidschan, Turkistan, Bagdad, Syrien, Anatolien, aus der -europäischen Türkei kommen Briefe seiner Leute und sagen: „Mehr als die -Hälfte der Welt gehört Hassan Bej.“ Die Reisenden erzählen, daß vom -Osten bis zum Westen sein Name genannt wird. - -Hassan Bej, der sein Vermögen und seinen Besitz nicht kennt, besaß zwei -Zwillingskinder im Alter von sechs Jahren, Turgud und Korkud. Die -schönste Frau der Welt, Uludsch Begum hatte sie Hassan im Jahre, da sie -ihn geheiratet, geboren. Jeder hielt sie für Feenkinder. So schön waren -sie, daß ihre großen schwarzen Augen, die sich gänzlich glichen, zu -sehen, die Frauen von den Stämmen, die mehr als einen Monat entfernt -wohnten, kamen und Uludsch Begum beglückwünschten. - -Hassan Bej war der einzige Sohn seines reichen, heldenhaften Vaters, -der vor drei Jahren gestorben war. Jeden Tag ging er auf die Jagd, -spielte Polo, dankte Gott für den unzählbaren Reichtum, den ihm das -Geschick gegeben, unterstützte die Armen, half den Hilfesuchenden, kurz -tat nichts anderes als Gutes, Großes und Heldenhaftes. - -Obgleich er so reich war, gab er doch nicht seinen Gelüsten nach, trank -nicht, brachte sein Leben mit seiner geliebten Uludsch Begum und seinen -Kindern zu, ging früh zu Bett und stand früh auf. Er war sehr -glücklich. - -Aber eines Nachts erschien ihm im Traum ein Derwisch und fragte ihn: - -„Hassan Bej, dir wird ein großes Unglück zustoßen. Soll es in deinem -Alter oder in deiner Jugend kommen?“ - -Er gab keine Antwort und sagte, als er aufwachte: „Hoffentlich läuft es -gut ab.“ Er umarmte Turgud und Korkud, die vor ihm aufgewacht waren und -küßte sie. An dem Tage war er bis zum Abend weder auf der Jagd noch -beim Polo aufgelegt. In der Nacht konnte er in seinem Bette nicht -einschlafen. Gegen Morgen kam eine Müdigkeit über ihn. Kaum waren seine -Augenlider zugefallen, als der gestrige Derwisch wieder vor ihm stand -und, während sein langer Bart sich bewegte, fragte: - -„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in -deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“ - -Wieder fuhr er empor und wachte auf. Seine Kinder und ihre geliebte -Mutter schliefen noch. Er sah sie an. Also dieses Heim, dieses heilige -Nest, sollte von der grausamen Hand des Schicksals zerstört werden. -Aber jetzt oder später? Er fing an nachzudenken. Er konnte sich nicht -entschließen, zu sagen: „Jetzt ... in meiner Jugend.“ Sollte er nicht -Mitleid haben mit einer solchen Frau und solchen zwei schönen Kleinen? -Mögen sie groß werden, mag es dann in seinem Alter kommen, was es auch -sein möge. - -An dem Tage ging er nicht aus. Er saß wie ein Kranker zu Hause. Gegen -Abend änderte sich allmählich sein Entschluß. So reich wie Hassan Bej -war, so tapfer war er auch. Wie er sich vor keinem Feinde fürchtete, so -fürchtete er sich auch nicht vor dem Unglück. Warum sollte er dies -Unglück in seinem Alter wünschen? Wenn indessen das Unglück in seiner -Jugend über ihn käme, würde er das ihm entgegentretende Unglück mit der -Kraft seines Armes erhellen können. Er vertraute auf sich. Da das -Unglück ihm nun einmal bestimmt war, sollte es in der Zeit der Kraft -und des Feuers, in der Jugend, über ihn kommen. - -Sobald er den Entschluß gefaßt hatte, schlief er gut. Im Traum kam -wieder der Derwisch und wiederholte seine Frage: - -„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in -deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“ - -Hassan Bej rief: „In der Jugend, in der Jugend“ und wachte auf. - -Uludsch Begum und die Zwillinge wachten auf. Er aber sagte ihnen nur: -„Schlaft nur. Ich habe im Traum gerufen. Macht es euch nur bequem.“ - -Bis zum Morgen schloß er kein Auge. Als es Morgen wurde, befahl er die -Pferde zu satteln. Er wollte frische Luft schöpfen und einen längeren -Ritt machen. Während er mit seinen Leuten aus der Tür des Hauses ging, -sah er fünf bis zehn Bettler. Ihre Kleider waren zerrissen. Durch die -Risse ihrer Mäntel waren ihre verwundeten Körper zu sehen. Sie -schwankten, da sie sich vor Hunger nicht mehr aufrecht halten konnten. -Er steckte seine Hand in seinen Busen und zog eine Handvoll Goldstücke -heraus und warf sie unter die Armen als Almosen. - -Er dachte, sie würden gierig danach greifen. Jedoch keiner rührte sich. -Da sagte Hassan Bej: „Ihr Unglücklichen, warum nehmt ihr nicht mein -Geschenk?“ - -Alle riefen einstimmig: „Wir sind keine Bettler.“ - -Hassan fragte erstaunt: „Woher kommt euer Elend? Wer seid ihr denn?“ - -Da trat einer von ihnen vor, öffnete die Hände und sagte: „Mein Bej, -sieh mich an. Wenn du deutlich hinsiehst, wirst du mich erkennen. Wir -waren Verwalter deiner Waren im Osten.“ - -Hassan Bej war erstaunt, erkannte sie alle und rief aus: „Was ist aus -euch geworden? Wie kommt ihr in diesen Zustand?“ - -Die Leute, die er für Bettler hielt, erklärten ihm genau, was ihnen -zugestoßen war. - -Chinesen, Räuber, persische Reiter hatten im Osten alles geplündert. -Alle Türken, die sie in die Hände bekommen konnten, hatten sie getötet. -Mit tausend Mühen und Entbehrungen hatten sich nur diese fünf bis zehn -Leute retten können. Der Schaden ließ sich nicht abschätzen. - -Hassan Bej verzweifelte nicht und sagte: „Sorgt euch nicht, einem -Unglück gegenüber, das von Gott kommt, gibt es nichts anderes als sich -fügen.“ - -Einen ganzen Monat lang kamen jeden Morgen haufenweise Fremde und -Bettler und sagten, daß sie zum Hause gehörten. Hassan Bej war nichts -übriggeblieben. Alle seine unermeßlichen Waren in Azerbaidschan, im -Kaukasus, in Turkistan, Bagdad, Syrien und der europäischen Türkei -waren vernichtet und geraubt. - -Jeden Tag regnete Unglück über dies Haus. - -Eines Tages empörten sich auch die Leute Hassan Bejs, plünderten, -verbrannten, zerstörten, raubten alles, was ihnen in die Hände kam. -Hassan Bej leistete ihnen mit ein paar treuen Dienern Widerstand. Er -rettete seine Frau und die Kinder, war aber gezwungen sein Vaterhaus zu -verlassen. Zwei Tage und zwei Nächte durchquerten sie Berge und Hügel. -Endlich kamen sie in eine türkische Stadt. Dort kaufte er von dem -Gelde, das er bei sich hatte und von den kostbaren Waffen ein Haus. So -tapfer wie er war, so gelehrt war er auch. Er sammelte Schüler um sich -und wurde Lehrer an einer neuen Schule der Stadt. In seinem Hause waren -nur seine Frau und die Zwillinge. Jeden Abend kam er nach Hause und da -er dachte, daß dies das Unglück wäre, das ihm in seiner Jugend zustoßen -sollte, dankte er Gott. - -Eines Tages war er in der Schule. Uludsch Begum hatte ihre Zwillinge -spazierengehen lassen. Da hörte man „Feuer, Feuer“ rufen. Die -Bevölkerung der Stadt eilte nach dem Viertel, wo Hassan Bej wohnte. -Auch Hassan Bej lief. Was sieht er auf einmal? Sein Haus brennt. - -Indem er sagte „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt -nichts anderes übrig als sich zu fügen“, umarmte er seine Kinder, die -ihm in die Arme liefen. - -Der Sommer war gekommen. Im Sommer zerstreuten sich die Schulkinder. Da -ihm kein Platz zum wohnen geblieben war, zog sich Hassan Bej in ein -Dorf zurück. Dort fand er für sich eine kleine Hütte und wurde -Rinderhirt. Dies Dorf lag an einer großen Straße. Jeden Tag kamen -Reisende und Karawanen vorbei. - -Uludsch Begum blieb tagsüber mit den Zwillingen zusammen in der Hütte -und wusch die Wäsche der Reisenden und gab ihnen Airan [30] und -Joghurt. Das Dorf bestand aus fünf bis zehn Häusern und fünfundzwanzig -bis dreißig Hütten. Hassan Bej sammelte frühmorgens seine Schafe, -Ziegen und Rinder und ging aus dem Dorf. Gegen Sonnenuntergang kam er -wieder. - -Eines Tages war der persische Gesandte, der aus dem Abendland -zurückkehrte, in dem größten Gebäude des Dorfes, einem Steinhause, -eingekehrt und hatte seine Wäsche der Frau des Hassan Bej geschickt, um -sie zu waschen. Uludsch Begum hatte diese Wäsche gewaschen und am -nächsten Tage, nachdem sie sie getrocknet hatte, dem Burschen des -Gesandten gegeben. Als der Bursche durch die Hecke der Hütte die -Uludsch Begum sah, war er erstaunt, lief sofort zu seinem Herrn und -sagte: „Ach, Mirza, wenn du diejenige, die diese Wäsche gewaschen hat, -sähest, würdest du rasend.“ Er beschrieb ihm die Schönheit der Uludsch -Begum, daß der Gesandte sich, ohne sie zu sehen, in sie verliebte. - -Hassan Bej hatte, wie jeden Morgen, seine Herde gesammelt und war der -aufgehenden Sonne entgegen gegangen. Da wurde an die Hecke der Hütte -geklopft. - -Uludsch Begum gab Torgud und Korkud zu essen. Sie eilte zur Türe, weil -sie glaubte, daß wieder ein Reisender Wäsche gebracht habe. Es war -jedoch der Bursche des Gesandten. Dieser sagte: „Frau, mit der Wäsche, -die du gewaschen hast, war seine Exzellenz der Gesandte sehr zufrieden. -Er will dir diesen Backschisch geben.“ Dabei zeigte er ihr einige -Goldstücke, die er in der Hand hatte. Uludsch Begum wollte sie nicht -nehmen. Der Bursche drang in sie. Als sie schließlich, um sie zu -nehmen, errötend ihre Hand durch den Türspalt steckte, ergriff der -Bursche sie und zog sie hinaus. Uludsch Begum schrie und versuchte -Widerstand zu leisten. Sie hatte keine Waffen. Auf den Lärm kamen auch -die Kinder herbei. Einige Perser erschienen noch und stürzten sich auf -Uludsch Begum, banden sie, verstopften ihr den Mund, setzten sie auf -den Sattel eines Pferdes, schlossen sich im Galopp dem vorausreitenden -persischen Gesandten an und verschwanden in den Gebüschen des Weges, -der nach Persien geht, und in dem Staub, den sie aufgewirbelt hatten. - -Am Abend kehrte Hassan Bej, nachdem er seine Herden entlassen, in seine -Hütte zurück. An der Tür fand er Torgud und Korkud. Beide sagten -einstimmig: „Vater, heute hat der persische Gesandte unsere Mutter -geraubt und ist mit ihr entflohen.“ - -Hassan begriff, daß jetzt das schlimmste Unglück ihn getroffen habe, -aber er war nicht niedergeschlagen und weinte nicht und sagte: „Einem -Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als -sich zu fügen.“ - -Er faßte seine Kinder an die Hand, legte in seinen Rucksack etwas Brot -und ging den Blick zur Erde, die Schultern gebeugt langsam nach -Persien. Sie folgten den Spuren der Hufe, die noch nicht verwischt -waren. - -Als Hassan Bej in Gedanken versunken dahinging, freuten sich seine -Kinder in dem Gedanken, daß sie ihre Mutter suchten. Nacht und Tag, -Morgen und Abend gingen sie geradeaus über Berge und Hügel. Sie -schliefen in den Höhlen der Wälder und tranken das Wasser aus den -Quellen, die sie fanden. - -Eines Tages sah Hassan Bej, daß vor ihrem Wege ein breiter Strom floß. -Auf der rechten Seite des Stromes war ein Wald. Er fand eine Furt. Wenn -er beide Kinder in den Arm nähme, würde er die Furt nicht -durchschreiten können. Er dachte: „Zuerst werde ich einen von ihnen -hinüber bringen und drüben lassen, dann umkehren und den anderen -holen.“ - -Er nahm Torgud in die Arme und sagte zu Korkud: „Mein Junge, passe auf -uns auf. Ich werde deinen Bruder drüben lassen und dann zu dir -umkehren.“ - -Er ging ins Wasser. Das Wasser reichte ihm bis an die Hüfte und kam -allmählich bis an die Schultern. Er gab Acht, daß er nicht von der -Strömung ergriffen würde. Da hörte er hinter sich ein jämmerliches -Geschrei. Der am Ufer zurückgebliebene Korkud schrie. Er wandte den -Kopf um und sah, daß ein großer Bär das Kind ergriffen hatte und mit -ihm in den Wald ging. Er beeilte sich, wieder die Waldseite zu -erreichen. Dabei stieß er an einen Stein, schwankte, fiel und Torgud, -den er im Arm hielt, wurde vom Wasser ergriffen und fortgerissen. Wie -sehr er sich auch bemühte, ihn durch Schwimmen zu erreichen, es glückte -ihm nicht. - -Schließlich kam er ganz allein drüben an, setzte sich auf einen Stein, -stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. In einem Augenblick -hatte er beide Kinder verloren, die er noch vor fünf Minuten in seinen -Händen hielt. Trotzdem wurde er nicht mutlos und weinte nicht, sondern -sagte: „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts -anderes übrig als sich zu fügen“, und setzte den Weg nach Persien, den -er zur Hälfte zurückgelegt hatte, fort. - -Als er nach Persien kam, fragte er nach dem Gesandten und ließ überall -suchen. Niemand kannte ihn. Es hieß, er sei jetzt nach Indien gegangen. -Zehn Jahre lang durchwanderte er Persien, fand aber keine Spur von -seiner Frau. Schließlich kam er in die Hauptstadt und suchte sie dort. - -Eines Tages ging er an einer Versammlung vorbei. Drinnen stritten sich -die Lehrer und Gelehrten. Er hörte zu und gab Acht. Es sollte auf -Befehl des Schahs als Gegenstück zu dem persischen Heldenbuch ein -turanisches [31] Heldenbuch geschrieben werden. Die Weisen stritten -sich untereinander, indem jeder sagte: „Du kannst das nicht schreiben, -ich werde es tun.“ Hassan Bej sagte sofort: „Brüder, ich bin auch -schreibgewandt. Wenn ihr wollt, werde ich es schreiben.“ - -Die Gelehrten und Dichter hielten alle den Hassan Bej für verrückt, -lachten und sagten: „Kerl, du bist ein Türke und verstehst nichts -anderes als reiten und das Schwert zu gebrauchen. Geh an deine Arbeit.“ - -Hassan Bej antwortete: „Ich bin ein Türke, aber ich kann die Feder -ebenso gut wie das Schwert gebrauchen. Macht einen Versuch. Ich werde -es schreiben. Wenn es euch nicht gefällt, zerreißt es, werft es weg und -jagt mich davon.“ - -Die Gelehrten, Fürsten und Lehrer gaben diesem seltsamen Türken ein -Blatt und Feder, um sich über ihn lustig zu machen. Hassan Bej setzte -sich hin und schrieb in einem Anlauf das erste Lied des turanischen -Heldenbuches. Alle, die es lasen, waren erstaunt. - -Die Perser gaben dies Gedicht, gleich als ob sie es selber geschrieben -hätten, dem Schah. Der Schah war ein sehr schöner, alter Mann, der den -Grad der Fähigkeiten und Geschicklichkeit seiner Dichter sehr wohl -kannte, und sagte: „In unserem Lande ist keiner, der ein solches -Gedicht schreibt. Sucht den, der es geschrieben und bringt ihn zu mir.“ - -Da konnten die Perser die Wahrheit nicht verbergen und gaben den Hassan -Bej an. Der Schah machte ihn zur Belohnung für seine Begabung zu seinem -Hofdichter und trug ihm auf, das turanische Schahname zu schreiben. - -Hassan Bej war jetzt von aller Not befreit, aber er dachte nicht an -Reichtum und Besitz, sondern konnte seine geliebte Frau Uludsch Begum -und Torgud und Korkud nicht vergessen. Er verbrachte sein Leben in dem -Palast des Schahs gleichwie in einem Gefängnis verzweifelt und bedrückt -zu. - - - -Der Bär, der Korkud ergriffen hatte, hatte seine Beute nicht gefressen -und nicht getötet, sondern ihn in seine Höhle gebracht und gefüttert. -Das Kind fand im Sommer die Gelegenheit in ein Dorf zu entwischen. Dort -kam es auf das Gut eines Bejs. Torgud, den der Strom fortgerissen -hatte, war nicht ertrunken. Der Strom hatte ihn in das Rad einer Mühle -getrieben. Als das Rad stillstand, war der Müller hingelaufen und hatte -dies Kind, das ihm der Strom zugeführt hatte, als Sohn angenommen. - -Sommer und Winter waren vergangen. Nach zehn Jahren waren die Kinder -erwachsen und immer schöner geworden. Wohl weil sie Zwillinge waren, -erinnerten sich beide zu gleicher Zeit, daß sie einst eine Mutter -gehabt hatten, daß diese von dem persischen Gesandten geraubt sei und -daß ihr Vater, um diesen Gesandten zu suchen, nach Persien gegangen -sei. Eines Tages machten sie sich beide auf den Weg nach Persien und -trafen sich. Nachdem sie sich begrüßt hatten, fragten sie sich: - -„Bist du ein Türke, Bruder?“ - -„Ja, ich bin ein Türke.“ - -„Dann sind wir ja stammverwandt.“ - -„Sicherlich.“ - -„Wohin gehst du?“ - -„Nach Persien.“ - -„Ich auch.“ - -„Dann können wir ja zusammengehen und Reisegenossen sein.“ - -„Sehr wohl.“ - -„Sehr wohl.“ - -Dann durchwanderten sie Täler und Höhen und kamen schließlich in die -Hauptstadt Persiens. Diese jungen Reisenden waren so schön, so gesetzt, -daß selbst das Schloß von ihrer Schönheit hörte und der Schah sie an -den Hof holte. - -Das Türkentum und die Stammesliebe verband sie beide so sehr, daß sie, -obwohl sie nicht wußten, daß sie die gleichen Eltern hatten, sich nicht -voneinander trennten. Sie ritten zusammen, lernten ihre Aufgaben -zusammen und machten ihre Übungen zusammen. - -Inzwischen war ein Jahr vergangen. Die beiden Lieblinge des Hofes waren -siebzehn Jahr alt geworden. Jetzt war ihre Tapferkeit und ihre -Geschicklichkeit im Reiten, im Waffengebrauch, im Bogenschießen ebenso -berühmt wie ihre Schönheit geworden. Eines Tages wünschte ein -Gesandter, der ins Abendland ging, zwei Helden, um seinen Palast zu -schützen. Der Schah wollte seinen alten Gesandten erfreuen und gab ihm -diese beiden Helden, die er am meisten liebte. Der Gesandte nahm diese -beiden einander ähnlichen Helden, die der Schah ihm schenkte, an, -brachte sie in seinen Palast und gab ihnen die Schlüssel zu seinem -Harem. Er selbst stieg zu Pferde und ging auf seinen neuen Posten. - - - -Torgud und Korkud wohnten seit drei Monaten als Wächter im Palast des -persischen Gesandten. Der Sommer kam, die Nächte wurden kürzer und die -Nachtigallen fingen an zu singen. Vor der Tür des Harems war ein mit -eingelegter Perlmutterarbeit verzierter Vorraum. Bei Mondschein setzten -sich die beiden dorthin, schauten in das silberne Wasser, das aus dem -Springbrunnen eines gegenüberliegenden Beckens sprang, und in den -Widerschein des Mondes darin und erzählten sich von diesem und jenem. -Gerade über diesem Sitzplatze war ein vergitterter Balkon. - -Wieder stieg der Mond empor, indem er die Wolken verscheuchte und -tauchte alles in ein blaues Licht. Torgud und Korkud standen in den -Geruch, der aus den Blumen emporstieg, und in das blaue Dunkel, das -unter den Zweigen der Bäume herrschte, versunken. - -Beide waren geborene Dichter. Die Muse der Inspiration erwachte in -ihnen. Torgud sagte: - - - „Einst glänzte mir des Lebens Sonnenschein. - Ich nannte Vater, Mutter, Bruder mein. - Die Mutter haben Perser mir gefangen. - Nicht weiß ich, wo der Vater hingegangen. - Noch vor dem Frühling ist der Herbst schon da; - Nacht ist’s, noch eh das Morgenrot ich sah. - Der Strom hat mich ans Mühlenrad getrieben. - Was tat der Bär wohl mit Korkud, dem lieben?“ - - -Korkud antwortete folgendermaßen: - - - „Dein Funken hat in mir ein Licht entfacht, - Das wie ein Blitz erhellt des Dunkels Nacht. - Beim Bären einst ich lange Zeit verweilte, - Sein Lager jahrelang ich mit ihm teilte. - Sag’, Freund, bist du Torgud, der Bruder mein? - Bist du’s, so sag’, wo mag der Vater sein? - Die Eltern suchend zog ich in die Weite. - Beim ersten Schritt standst du an meiner Seite.“ - - -Als die beiden Brüder sich erkannten, sagten sie: „Ach, Bruder“ und -umarmten sich und weinten. Nach kaum einer Minute hörten sie unter -Tränen ein Geräusch. Sie hielten an und hörten genau hinan. - -Eine ungeduldige Hand schlug an das Gitter des Balkons. Als das -Geräusch sich gelegt hatte, hörten sie die Stimme einer schluchzenden -Frau folgende Worte sagen: - - - „Zehn Jahre lang bin ich in fremden Landen. - Der Ehre wegen liege ich in Banden. - Die Kinder sind gekommen, mich zu retten, - Zu lösen mich aus meines Feindes Ketten. - Mein Torgud und Korkud, ihr meine Freude. - Ich setze meine Hoffnung auf euch beide. - Ach, kommt und gebt mir meine Freiheit wieder! - Matt ist mein Geist und müde sind die Glieder.“ - - -Die beiden Brüder sprangen auf, zerbrachen die Tür des Köschks [32] und -stiegen nach oben, öffneten die Tür des Zimmers und traten ein. Eine -bleiche Frau, deren Haare über die Schultern fielen, streckte ihre in -Ketten liegenden Arme der Türe entgegen und wartete auf sie unter -Tränen. Sie stürzten sich sofort in diese heiligen Arme. - -Die Frau sagte: „Ach, meine Kinder, ich bin eure Mutter.“ - -Sie waren verwirrt, konnten es nicht glauben und hielten es für einen -Traum. - -Es war jedoch kein Traum, sondern Wahrheit. Der Gesandte, der Uludsch -Begum geraubt hatte, hatte sie, weil sie ihrem Manne treu blieb, in -seinem Harem eingekerkert. Der Gesandte ließ immer, wenn er wegging, -für seinen Palast zwei Wächter zurück. Uludsch Begum, die sich in zehn -Jahren dem Perser nicht hingegeben hatte und in den Nächten aus Kummer -über ihre Kinder nicht hatte schlafen können, hatte der Poesie der -unten plaudernden jungen Wächter zugehört und erkannte, daß es ihre -Söhne seien. Sie holte sie hinein, und sie fingen an zusammenzuleben. -Der Gedanke an ihren unglücklichen Vater Hassan Bej minderte ihre -Freude. Sie beteten, daß er gesund sein möge. - -Uludsch Begum tröstete ihre Kinder und sagte: „Sorgt euch nicht. Ich -glaube nicht, daß er gestorben ist, da wir uns ja wiedergefunden haben. -Der große Gott wird uns auch mit ihm vereinigen.“ - -Die Tage des Glücks vergehen schnell. Eines Tages kam der Gesandte. Als -er erfuhr, daß die beiden Wächter im Harem seien, hielt er es vor Zorn -und Wut nicht einmal mehr nötig, Untersuchungen anzustellen, sondern -lief in das Schloß, beklagte sich beim Schah und flehte, daß die beiden -Wächter, die seine Ehre angegriffen hätten, und die Frau sofort -hingerichtet werden sollten. Der Schah war ein sehr weiser und -bedächtiger Mann und sagte: „Ohne richterliches Verfahren gibt es keine -Hinrichtung. Wir wollen sie hierher holen und fragen, warum sie dies -Verbrechen begangen haben. Nachdem wir ihre Antwort angehört haben, -wollen wir sie aufhängen.“ - -Der Gesandte konnte nicht widersprechen. So wurde denn ein Rat -zusammengerufen. Die Soldaten gingen hin und holten Uludsch Begum und -ihre beiden Söhne. Die Untersuchung verlief sehr tragisch. Als Uludsch -Begum auseinandersetzte, wie sie ihre Kinder gefunden und wie der -Gesandte sie aus ihrem Heim geraubt habe, weinte die ganze Versammlung. - -Währenddessen stand der Hofdichter des Schahs, Hassan Bej, auf und -umarmte Uludsch Begum und seine beiden Söhne mit den Worten: „Ach, -meine Frau, ach, meine Söhne!“ - -Der Schah war über dies Ereignis so aufgeregt, daß er, ohne auf die -Fürbitte Hassan Bejs zu hören, sofort den Gesandten aufhängen ließ, -seinen Palast dem Hassan Bej schenkte und ihn zum Großvezir machte. - -Hassan Bej, Uludsch Begum und ihre beiden Kinder waren nun glücklich. -Alle vergaßen das Unglück, das sie in zehn Jahren durchgemacht hatten. -Tatsächlich vergißt man ein Unglück schnell. Hassan Bej dankte Gott, -daß er das ihm bestimmte Unglück in seiner Jugend sich gewünscht hatte. -Hätte er es sich in seinem Alter gewünscht, hätte er dann wohl solche -Glückstage erleben und solches Glück kosten können? Hassan Bej blieb -nicht allein Vezir. Der Schah hatte keinen Sohn. So machte er seinen -Großvezir zum Nachfolger. Nach einem Jahr starb er und Hassan Bej wurde -Schah über die persischen Lande. So war auch der persische Thron wie -die Throne von ganz Asien auf die türkische Rasse übergegangen. Noch -heute sitzt auf dem persischen Thron wie auf den Thronen ganz Asiens -ein Sohn der großen türkischen Rasse. - - - - - - - - -21. DER OBERSTERNDEUTER - - -Es war einmal ein sehr armer Mann, der sein Leben damit fristete, alte -zerrissene Stiefel auszubessern. Dieser arme unglückliche Mann hatte -eine ebenso unglückliche Frau und eine Tochter. - -Eines Tages ging die Frau dieses Armen mit ihrer Tochter ins Bad, um -sich zu baden. Sie treten in die Badezelle. Während sie anfangen wollen -zu baden, kommt die Badefrau und sagt, daß sie aufstehen müssen, weil -die Frau des Obersterndeuters sich dort baden will. Die Armen verlassen -den Raum und gehen in einen anderen. Dort rüsten sie alles zu und -lassen das Wasser laufen. Gerade als sie sich baden wollen, kommt -wieder die Badefrau und erklärt, daß diese Zelle für das Fräulein -Tochter der Obersterndeuterin bestimmt sei. Sie gehen in eine andere. -Dort war nun gerade die erste Verwalterin der Obersterndeuterin, eine -vierte war für die Sklavinnen, eine fünfte für die Dienerinnen, eine -sechste und siebente usw. für die Familienangehörigen der -Obersterndeuterin bestimmt. Überall werden sie so fortgejagt. Daraufhin -ärgert sich die Frau, sie wird aufgeregt und kehrt zornig in ihr Haus -zurück. - -Am Abend kommt der arme Schuhflicker, der eine mit Mühe und Not -verdiente Okka Brot in sein Kattuntaschentuch gewickelt und ein Bund -Zwiebeln am Ende seines Stockes aufgehängt hat, und klopft an die Tür. - -Die Frau öffnet ihrem Manne die Tür, aber gleichzeitig öffnet sich auch -ihr Mund. Der unglückliche Mann weiß nicht, was die Veranlassung zu -diesem Empfange gewesen ist, und wünscht Aufklärung. Die Frau erklärt -ihm die Sache und vergißt nicht folgende energische Erklärungen -hinzuzufügen: - -„Mann, entweder wirst du Obersterndeuter, damit wir, wenn wir ins Bad -gehen, mit gleicher Ehrerbietung behandelt werden, oder ich lasse dich -nicht mehr ins Haus herein.“ - -„Aber, Frau, ich bin ein ungebildeter Mann. Um Obersterndeuter zu -werden, muß man lesen und schreiben können. Davon habe ich keine -Ahnung. Wie sollte ich das werden können?“ - -„Ich weiß nicht, was Lesen und Schreiben ist. Du mußt das Schuhflicken -aufgeben und richtig Obersterndeuter werden. Sonst ist dies mein -letztes Wort: ich werde dir nicht wieder aufmachen. Dann magst du -meinetwegen zum Teufel gehen.“ - -Der arme Schuhflicker merkte, daß die Worte seiner Frau ganz bestimmt -waren. Er kannte ihre Natur und ihren bösen Charakter. Seitdem sie sich -verheiratet hatten, war es dreiundvierzig Jahre. So hatte er sie -ordentlich kennengelernt. Es gab kein anderes Mittel, als -Obersterndeuter zu werden. Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging -in den Laden und ließ alle Werkzeuge, die er hatte, versteigern. Mit -den paar Piastern, die er gewonnen, kaufte er sich auf dem -Alttrödelmarkt einen Kaftan, ebenso machte er sich aus alten weißen -Vorhängen einen Turban, besorgte sich ein altes Tintenfaß und ein -Schreibrohr, setzte sich an einer Straßenecke, wo viele Leute -vorbeigingen hin und wartete wie eine Spinne, die ihr Netz gebaut hat -und auf Beute wartet, auf gläubige Kunden. Daß es viele solcher Dummen -gibt, sieht man aus der Menge der Besprecher und Bepuster und aus der -allgemeinen Unwissenheit. Ohne Zweifel konnte unser Schuhflicker unter -diesen so zahlreichen Berufsgenossen sich sein Stück Brot verdienen. -Aber die Absichten seiner Frau gingen sehr hoch. Ach, wie könnte das -möglich sein? - -Jedenfalls suchte unser Schuhflicker eine junge Gans zum Rupfen und -brauchte nicht zu lange zu warten. Eine alte Zigeunerin von -fünfundneunzig Jahren, deren Augen infolge des Alters hellblau -geworden, deren Hüften gebrochen, deren Kniescheiben infolge der -Schwäche herausgetreten waren, die sich auf zwei dünne Beine gleichwie -auf zwei schwarze Bohnenstangen stützte und einen Körper hatte, der in -keinem Verhältnis zu diesen Füßen stand, ging zu dem Schuhflicker. - -„Hollah, Herr Hodscha, ist dein Atem wirkungsvoll? Ich bereite jedesmal -am letzten Mittwoch des Monats den Geistern eine Suppe und stelle sie -in den Herd. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang nehme ich das Gefäß, -bringe es ans Meer und werfe es hinein, dann eile ich ohne mich -umzudrehen und umzusehen nach Hause. Auf diese Art bin ich bisher immer -vor den bösen Geistern sicher gewesen.“ - -„Ach, Herr Hodscha, ich weiß nicht, ob unser junger Herr mir diesmal -einen falschen Tag gesagt oder sich geirrt hat. Ich weiß nicht, was los -ist. Diesen Monat konnte ich mein Gelübde nicht ausführen und habe seit -jenem Tage einen gewaltigen Kopfschmerz, als ob er meinen Kopf abrisse -und zerhackte. Mein lieber Herr Hodscha, wenn dein Atem wirkungsvoll -ist, so besprich mich.“ - -Unser Schuhflicker hatte vom Besprechen und vom Gebet und Derartigem -keine Ahnung. Schließlich fing er an, innerlich über seine Frau zu -fluchen, die ihn in eine solche schwierige Lage gebracht hatte. - -Als die Zigeunerin dies sah, sagte sie zu sich: „Gott hat mir geholfen. -Zu was für einem guten, tüchtigen Hodscha hat er mich geführt. Sieh, -sieh, seine Augen haben sich ganz verändert. Jetzt fängt er auch zu -beten an. Ach, jetzt bin ich wieder gesund geworden.“ - -Der arme Schuhflicker ahnte, daß die Geschichte nicht so endigen würde, -nahm sich zusammen, setzte sich neben die Schwarze, bestrich ihre -faltenreiche mit Laudanum bestrichene Stirn mit seinen Händen, sagte -dann mit leiser Stimme zwei- bis dreimal einige sinnlose Wörter und -blies die Frau an. - -Derartige Dinge üben auf das Nervensystem bisweilen eine gute, -bisweilen eine schlechte Wirkung aus. Die Nerven werden dadurch -beeinflußt. Deswegen hörte der Kopfschmerz der Schwarzen hiernach auf. - -Die Frau kehrte zufrieden und dankbar, lachend und vergnügt nach Hause -zurück und sagte zu ihrer Herrin: „Ach, Herrin, heute habe ich einen -Hodscha gefunden, dessen Atem so heilkräftig war, daß mit einem Hauch -mein Kopfschmerz beseitigt wurde.“ - -Die Herrin antwortete: - -„Wo war der Hodscha? Wie wäre es, wenn du hingingest und, damit die -Heftigkeit des Herrn aufhört, ihn besprechen ließest?“ - -Sie antwortete: - -„Das wäre nicht schlecht. Wenn wir sein Hemd besprechen ließen, wäre es -vielleicht das wirksamste.“ - -Die Herrin schickte die Schwarze mit folgenden Worten zum Hodscha: - -„Das ist ein guter Gedanke von dir. Ich werde dir ein rotes Tuch geben. -Es kann auch ein Stück Kattun sein, das er des Feiertags anlegt. Geh -sofort nach oben und nimm aus dem Wäschebündel ein Hemd aus -Kräuselstoff und bring’ es dem gesegneten Hodscha. Gib ihm diese zwei -Medschidije und sage ihm, wenn sein Atem wirkungsvoll sein wird, werden -wir ihm zwei Goldstücke geben. Nicht wahr, meine liebe Hoschkadem?“ - -Als der Hodscha die Schwarze kommen sieht, denkt er, daß sie das ihm -gegebene Geld wieder fordern will. Als er erfährt, was sie will, wird -er beruhigt. Er spricht das Gebet über das Hemd und steckt die blanken -Medschidije in seine Tasche. - -Am Abend kehrt unser Schuhflicker mit dem Gelde, wie er noch nie in -seinem Leben soviel zusammen gesehen, nach Hause zurück und denkt, daß -seine Frau ihn mit Freuden aufnehmen werde. - -Er kommt ans Haus und fängt an der Tür mit den Medschidije zu klappern -an, um sie neugierig zu machen. Jedoch die Frau war ungeheuer fest in -ihrem Entschluß. Sie kümmerte sich gar nicht um das Geld und um das -Klappern. Der Mann macht soviel Lärm, jammerte und flehte, daß die -Nachbarn Mitleid mit ihm hatten, aber das kümmerte die Frau gar nicht. -Ihr Entschluß war gefaßt. Schließlich sah sie aus dem Fenster und sagte -ihr letztes Wort: „Wenn du nicht Obersterndeuter wirst, wird dir nicht -die Tür geöffnet.“ - -Der arme Schuhflicker, der vierzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt -hatte, kannte ihre Natur sehr gut. Wer sollte auf der Welt so wie er -wissen, wie hartnäckig und eigensinnig sie war. Es war jetzt unnütz, in -sie zu dringen. Er mußte Obersterndeuter werden oder die Verbindung mit -dem Hause gänzlich aufgeben. Aber Obersterndeuter zu werden, war recht -schwer, ja sogar unmöglich. Wie sollte ein unwissender Mensch, der -nichts anderes getan hatte als alte Schuhe, und zwar für Lastträger und -Feuerwehrleute, und Pantoffel auszubessern, Obersterndeuter werden -können. Doch das mußte ertragen werden. - -Schließlich zog er traurig und niedergeschlagen ab. Er ging in ein -Gasthaus und mietete sich dort ein Zimmer. - -Jedenfalls der Herr der Schwarzen hatte sein aufbrausendes Temperament -abgelegt und lebte in seinem Hause wie ein Lamm und war seiner Familie -gegenüber wieder liebenswürdiger. Diese außergewöhnlichen Zustände -wurden dem heilkräftigen Atem des Hodschas und seiner wunderbaren Gabe -zugeschrieben, und die versprochenen zwei türkischen Pfunde wurden ihm -gegeben. Es ist bekannt, daß die Frauen, besonders die Frauen, die -keinen Unterricht genossen hatten, in derartigen Dingen sehr geschickt -sind. Ja, sie sind viel mehr als die Zeitungen geeignet, einen solchen -Menschen berühmt zu machen. Nun, der Ruhm unseres Hodschas wuchs von -Tag zu Tage und seine Kunden nahmen zu. Die anderen Scharlatane dieser -Gattung, die mit Anblasen die Leute betrügen, waren ohne Kunden und -ohne Brot. - -Unser Hodscha war sehr reich geworden. Aber was nützt ihm der Reichtum? -Da er nicht Obersterndeuter geworden war, so blieben ihm, obgleich er -reich, ja sogar sehr reich geworden war, die Türen seines Hauses -verschlossen, die ihm immer beide geöffnet wurden, wenn er als -Schuhflicker mit zerrissenen Schuhen des Abends mit einer halben Okka -Brot in einem zerrissenen Tuche nach Hause kam. - -Nun, eines Tages war die Tochter des Padischahs, um sich zu baden, ins -Bad gegangen. Die Prinzessin hatte ein paar sehr kostbare Ohrringe. Als -sie sich badete, hatte sie diese Ohrringe abgenommen und oben auf das -Waschbecken gelegt. Nach einiger Zeit suchte sie die Ohrringe, den -einen fand sie, der andere war verschwunden. - -Die Prinzessin wurde sehr unruhig. Dieser kostbare Ohrring gehörte zu -den ältesten Diamanten der Familie. Was sollte sie ihrem Vater -antworten. - -Sämtliche Bediente des Bades wurden ganz nackt ausgezogen, alle wurden -mit größter Sorgfalt untersucht. Das ganze Bad, alle Winkel wurden -untersucht. Alle Arbeit war vergeblich. Alle Hoffnung schwand. Der -Ohrring wurde nicht gefunden. - -Die Prinzessin kehrte traurig und bekümmert in das Schloß zurück. Man -konnte ihr den Mund selbst nicht mit einem Messer öffnen. Schließlich -erzählte sie die Sache ihrer Amme, weinte und jammerte, sie gelobte den -vier Großvätern, den Siebmachervätern Fett und Lichte, aber ohne -Erfolg. - -Schließlich dachte die Amme nach. Als sie in dem Palaste des und des -Paschas war, war von einem Hodscha gesprochen worden, dessen Atem -wirkungsvoll und der im Besitze großer Wunderkraft war. Wenn sich -dieser verlorene Ohrring überhaupt finden ließ, konnte nur dieser -verehrte Hodscha ihn finden. Man suchte nach, wo dieser Mann saß, und -man fand ihn. Am nächsten Tage ging die Prinzessin mit ihrer Amme zu -dem Hodscha. - -Als der Hodscha den Hofwagen kommen sah, kam ihm zuerst der Gedanke, -daß sich jetzt für ihn die Möglichkeit ergebe, Obersterndeuter zu -werden. Ja, wenn er erst einmal Obersterndeuter wäre, dann würde er -nach Hause gehen und es seiner Frau zurufen. Er würde wieder in sein -Haus gehen, das ihm seit zwei Jahren verschlossen war, und mit seiner -lieben Frau und seiner Tochter, die ihm so teuer wie sein Leben war, -zusammen leben. Tatsächlich kam ihm sein Leben, das er jetzt im Gasthof -zubrachte, sehr schwer vor. - -Sie stiegen aus dem Wagen. Der Hodscha nahm wieder die betrügerischen -Gesten an, in denen er bei Ausübung seines Berufs schon Gewandtheit -erlangt hatte, und empfing seine Kunden artig. Die Prinzessin setzte -sich traurig und verzweifelt in eine Ecke wie ein sich bewegender aber -lebloser Körper und wartete auf die Perlen, die aus dem Munde des -Hodscha fallen würden. - -Die Amme erklärte die Sache. Sie sprach von den Gelübden und sagte, daß -diese ergebnislos geblieben seien. Über sie selber etwas zu sagen, sei -überflüssig, da die Prinzessin die Tochter des herrschenden mächtigen -Sultans sei. - -Diese Worte wirkten auf den Hodscha wie ein beängstigender Traum. -Einerseits zitterte er, andererseits schwitzte er. Wenn er es nicht -herausbringen würde — und dessen war er sicher —, was würde dann mit -ihm geschehen? Mit einem Padischah und mit den Angehörigen eines -Padischahs zu spielen, das hieß mit dem Feuer spielen. - -Es war aber auch nicht möglich, direkt zu erklären, wie alles gekommen -sei, und zu sagen, daß er ein Betrüger sei. Wie würde dies werden, wie -würde es ablaufen! - -Schließlich sagte er nach langem Nachdenken: - -„Euer Verlust erscheint mir etwas sonderbar. Euer Verlust muß am Rande -eines Tales, am Zweige eines Baumes aufgehängt sein.“ - -Auf diese Worte hin dachte die Amme nach. Ja, ja, der Hodscha hatte ein -reines Wunder gesagt. Der Ohrring war im Bade verloren gegangen, sofort -wurden Leute in das Bad geschickt. Sie suchten wiederum alles nach, -schließlich fanden sie ihn auf einem Reiserbesen, der vor eine -Wasserrinne gelegt war. Dem Hodscha wurden unendlich viel Geschenke -gemacht. Da die Sache sehr wichtig war, hatte man dem Padischah nichts -davon gesagt. - -Der Hodscha arbeitete inzwischen weiter und verdiente viel Geld, aber -wiederum war ihm die Tür seines Hauses verschlossen, da er nicht -Obersterndeuter geworden war. - -Eines Tages hatte ein Dieb dem Padischah einen sehr kostbaren, mit -Brillanten besetzten Ring, ein altes Familienstück, gestohlen. Überall -suchte man nach, fand aber den Dieb nicht. - -Der Padischah zog sich verzweifelt in einem Zustande, daß er seines -Lebens überdrüssig war, in eine Ecke zurück. - -Die Prinzessin wollte nicht, daß ihr Vater so traurig war, ging zu ihm -und küßte ihm Wangen, Hand und den Saum seines Kleides. Der Padischah -war sehr erfreut über seine Tochter, die, während er so traurig war, zu -ihm kam und ihn liebkoste. Er war auch zu ihr freundlich. Dies benutzte -die Prinzessin und sagte, daß der Hodscha, der ihren Ohrring gefunden, -auch aller Wahrscheinlichkeit nach den Ring finden würde. - -Wer ins Wasser fällt, faßt sogar nach einer Schlange. Der Padischah gab -Befehl, und sofort gehen Adjutanten aus, um den Hodscha zu suchen. Sie -bringen ihn ins Schloß. Der Arme steht zitternd Todesängste aus. Er -wird vor den Padischah gebracht. Der Padischah erzählt ihm die Sache -und macht ihm klar, daß er, wenn er die Angelegenheit nicht ins Reine -bringen und den Ring zur Stelle schaffen würde, seinen Kopf verlieren -würde. - -Der Arme sah ein, daß die Sache unmöglich sei und daß es ihm das Leben -kosten werde. Aber um diesen verhängnisvollen Augenblick etwas -hinauszuschieben und um diese Zeit gut zu verleben, sagte er: „Mein -Padischah, das ist eine schwierige Sache. Es steht nicht in der Macht -der Sterne, Euch sofort eine Antwort zu geben. Gebt mir vierzig Tage -Frist, weist mir ein Zimmer an und gebt mir während dieser Zeit die -vorzüglichste Nahrung. Am vierzigsten Tage werde ich Euch sagen, wer -der Dieb ist.“ - -Der Padischah nahm den Vorschlag an und befahl, daß alles ausgeführt -werden sollte, was der Hodscha wünschte. Der Hodscha zog sich in ein -vorzüglich ausgestattetes Zimmer zurück, um sich Gott zu weihen. Dort -betete er zu Gott und flehte, daß er sein Gebet annehme und ihm seine -Sünden verzeihen möge. Andererseits verfluchte er auch seine Frau, die -ihn in seinem Alter in solche Not und Prüfungen gebracht, und ihren -Wunsch nach einer angesehenen Stellung. - -Jeden Tag wurde ihm ordnungsgemäß Essen gebracht. Um die Tage nicht zu -vergessen, behielt er einen leeren Teller von den ihm gebrachten -Speisen zurück. - -Inzwischen war nun eine Zeit vergangen. Um festzustellen, wieviel Tage -er schon dort sei und wieviel Tage ihm von seinem Leben noch übrig -seien, zählte er die Teller. Es waren genau achtzehn. Voller -Hoffnungslosigkeit entfuhren ihm, ohne daß er es wollte, diese Worte: -„Ach, achtzehn!“ - -Die Diebe des Ringes gehörten zu den Palastdienern. Sie beobachteten -alles, was der Hodscha tat, durch ein Loch. Der Beobachter an jenem -Tage hatte nicht bemerkt, daß der Hodscha die Teller gezählt hatte, -sondern hatte nur gehört, daß er ausrief: „Ach, achtzehn!“ - -Es waren nun in der Tat achtzehn Diebe. Als der Beobachter die Zahl -achtzehn hörte, suchte er sofort seine Genossen auf und sagte: „Mit -unserer Sache steht es schlecht. Dieser Kerl ist ein Teufel oder der -Antichrist oder derartiges. Er hat jetzt heraus, wieviel wir sind. -Heute hat er in der Ekstase dreimal: „Ach, achtzehn“ ausgerufen. Wenn -er noch länger Zeit hat, wird er auch noch herausfinden, wer wir sind, -und wir sind für den Strick des Henkers reif.“ - -Die Diebe gerieten über diese Nachricht ihres Genossen in Aufregung. -Sie hielten einen Rat ab, berieten sich und beschlossen, in der Nacht -zum Hodscha zu gehen, ihn anzuflehen, sie nicht zu verraten, und sein -Mitleid zu erwecken. - -In der folgenden Nacht betreten sie alle zusammen sein Zimmer. Er -geriet in große Furcht. - -Man sagt: Wenn der Mensch verzweifelt ist, gebärdet er sich am -mutigsten, so wie die Katze, wenn sie verzweifelt ist, den Hund -anfällt. Da der arme Hodscha äußerst hoffnungslos war, so stürzte er -sich auf die Leute und rief: „Ach, ihr, seid ihr da?“ Er glich sozusagen -einem rasenden Löwen. - -Die Diebe wurden noch besorgter und fielen dem Schuhflicker zu Füßen. -Er wußte nicht, was los war und sah sie ganz entgeistert an. -Schließlich stand der mutigste von ihnen auf und sagte, nachdem er ihn -mit höchster Ehrfurcht begrüßt hatte: „Mein Herr, Sie sind wirklich -eine sehr begabte und große Person. Sie haben entdeckt, daß wir -achtzehn sind. Jedenfalls hätten Sie auch noch uns herausgebracht. Wir -wollten Ihnen jedoch nicht soviel Mühe machen und haben beschlossen, -die Wahrheit zu sagen. Wir vertrauen auf Ihre edle und barmherzige -Gesinnung und auf Ihr großes Herz. Nehmen Sie unsere Bitte an und -erbarmen Sie sich nicht nur über uns, sondern auch über unsere Kinder. -Unser Leben ist jetzt in Ihrer Hand. Nur Sie können uns retten. Ja, wir -haben den Ring gestohlen.“ - -Auf diese Rede hin machte der Schuhflicker große Augen und wurde wieder -ruhig. Es war kein Zweifel, jetzt war er gerettet. Er sagte mit -angenommener Würde: „Dankt Gott, daß ihr noch gerade im letzten -Augenblick euch gemeldet habt, sonst wäre es euer letzter Tag gewesen. -Ich war gerade dabei, eure Namen zu entdecken.“ - -„Ach, mein Herr, dessen sind wir sicher, aber haben Sie Mitleid mit -unseren Kindern.“ - -„Gut, versprecht Ihr, es nicht wieder zu tun?“ - -„Wir versprechen es nicht nur, wir schwören es bei unserem Glauben und -auf unser Gewissen.“ - -„Da ihr versprecht, es nicht wieder zu tun, so will ich euch aus -Mitleid nicht verraten. Gebt den Ring am vierzigsten Tage einer Gans zu -fressen und brecht ihr einen Flügel. Das andere ist dann meine Sache. -Wenn ihr so tut, gut, dann werde ich keinen von euch verraten, sonst -geht es euch schlecht.“ - -Die Diebe versprechen, die Worte des Hodschas getreu auszuführen, -versprechen ihm viel Geld und gehen weg. - -Der vierzigste Tag kommt heran. Der Padischah erwartete diesen Tag mit -Ungeduld. Schließlich befiehlt er, den Hodscha vorzuführen. Der Hodscha -kommt vor den Padischah. Dieser fragt mit zorniger Stimme: „Nun, wie -steht es? Hast du ihn gefunden?“ - -„Ja, mein Herr, das heißt richtiger, ich habe seine Spur. Jetzt möge -Euer Majestät befehlen, daß alle Geschöpfe des Palastes vor mir im Zuge -vorüberziehen, dann werde ich zeigen, wer der Dieb ist.“ - -Der Padischah befiehlt es, und vom Großvezir an bis zum Küchenjungen -ziehen alle Leute des Schlosses vor dem Hodscha vorbei. Obgleich auch -die wirklichen Diebe dabei waren, sagt der Hodscha nichts. - -Der Padischah fragt: „Nun, Hodscha, wer hat den Ring?“ Der antwortet: -„Mein Padischah, unter den Leuten Eures Schlosses ist kein Dieb. -Trotzdem ist der Ring bei einem lebenden Wesen, das zu Eurem Schlosse -gehört. Befehlt, daß auch die Tiere alle vor mir vorbeiziehen sollen.“ - -Der Padischah befiehlt es. Die Pferde, Stuten, Esel, Maultiere und die -anderen Tiere ziehen alle vorüber. Bei keinem ist der Ring. Schließlich -fragt der Hodscha: „Sind das alle Tiere im Schlosse?“ - -Man antwortet: - -„Nein, mein Herr, es ist noch ein Rudel Gänse da.“ - -Der Hodscha sagt: „Auch die führt vor.“ - -Auch die Gänse zogen vorüber. Schließlich sieht er eine Gans, deren -Flügel zerbrochen ist. Er ordnet an, daß diese aufgeschnitten werde. -Man führt seinen Befehl aus, schneidet ihr den Bauch auf und findet den -Ring. Jedermann ist erstaunt. Der Padischah ernennt ihn zum -Obersterndeuter. - -Der neue Obersterndeuter geht eilends nach Hause und bringt seiner Frau -die frohe Nachricht. Die Frau geht mit ihren Kindern zusammen ins Bad. -Als es heißt: „Die Frau des Obersterndeuters ist gekommen“, empfängt -sie jedermann mit Ehrerbietung. Dann kehrt sie nach Hause zurück und -sagt zu ihrem Manne: „Nun bin ich ins Bad gegangen, jetzt kannst du -wieder deinen Obersterndeuterposten aufgeben.“ - -„Aber Frau, ist das denn möglich? Hast du den Verstand verloren?“ - -„Tu, was du willst. Du mußt ihn aufgeben.“ - -Er bleibt einige Zeit lang im Gefolge des Padischah. Wie sehr er sich -auch bemüht, aus dem Amte entlassen zu werden, es glückt ihm nicht. - -Eines Tages beschließt er, den Verrückten zu spielen, um von dem -Hofdienst los zu kommen. Während der Padischah im Bade ist, schlachtet -er ein Lamm, zieht sich dessen Kaldaune über den Kopf, wickelt sich -dessen Eingeweide um die Hüften, geht vor das Bad und ruft: „Der -Padischah soll herauskommen, das Bad wird einfallen.“ - -Als dem Padischah dies gemeldet wird, wickelt er sich schnell in irgend -etwas ein und stürzt hinaus. - -Kaum ist er draußen, als das Bad mit Krachen einstürzt. Der Padischah -umarmt ihn, dankt ihm, daß er ihm sein Leben gerettet, und gibt ihm -viele Geschenke. - -Dieser ist über das merkwürdige Zusammentreffen sehr erstaunt. - -Eines Tages geht der Padischah mit seinem Obersterndeuter spazieren. -Unter einem Baume nimmt er von der Erde etwas auf und befiehlt dem -Obersterndeuter zu sagen, was es sei. - -Der denkt nach, und da er es nicht raten kann, sagt er: „Heuschrecke, -wenn du auch einmal und auch ein zweitesmal springst, das drittemal -wirst du gefangen.“ - -Da öffnet der Padischah seine Hand, und eine große Heuschrecke springt -heraus. Dem Padischah gefiel dies sehr, und er sagte: „Was für eine -Belohnung wünschst du?“ - -Er antwortet: „Ich bitte Euer Majestät, mich aus dem Dienst zu -entlassen.“ Der Padischah nimmt das wohl oder übel an. - -Der Mann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zurückgezogen -in seinem Landhause, beschäftigt sich mit der Erziehung seiner Kinder -und gibt die Sterndeuterei auf. - - - - - - - - -22. DER INDISCHE KAUFMANN UND DER PAPAGEI - - -In alter Zeit lebte in Indien ein Kaufmann, der einen weisen und klugen -Papagei besaß. Er hatte ihn von seinem Vater geerbt. Der Kaufmann hatte -diesen Papagei als Wächter für sein Haus eingesetzt. Am Tage ging der -Kaufmann auf Erwerb aus, und wenn er abends nach Hause kam, fragte er -den Papagei nach seiner Frau, und wer das Haus besucht und verlassen -habe. Der Papagei berichtete auch alles genau. So vergingen einige -Jahre. - -Eines Tages mußte dieser Kaufmann nach Chorasan reisen. Er vertraute -sein ganzes Haus dem Papagei an und sagte zu ihm: „Was auch passiert, -erzähle es mir, wenn ich wiederkomme.“ Seiner Frau trug er auf, für den -Papagei zu sorgen und es an nichts fehlen zu lassen. Dann -verabschiedete er sich und ging auf seine Geschäftsreise. - -Danach vergingen einige Tage. Eines Tages verliebte sich seine Frau in -einen Jüngling. Als eines Abends in ihrem Haus kein Fremder war, lud -sie den Jüngling in ihr Haus ein. Sie vergnügten sich bis zum Morgen. -Außer dem Papagei merkte niemand im Hause etwas davon. Nach einiger -Zeit kam der indische Kaufmann von seiner Geschäftsreise zurück, -unterhielt sich mit seiner Frau und fand im Hause alles in schönster -Ordnung. Dann trat er an den Käfig des Papageis und fragte ihn, was im -Hause passiert sei. Der sagte aber nichts von dem schimpflichen Verkehr -seiner Frau mit dem Jünglinge. Aber der indische Kaufmann ahnte von dem -Treiben seiner Frau aus den Witzreden und Spöttereien einiger treuer -Freunde, denen er vertraute, und das Feuer der Eifersucht verbrannte -sein Inneres. Er faßte den Entschluß, seine Frau zu töten, -verheimlichte diesen Plan aber in seinem Innern und zeigte sich -äußerlich freundlich gegen seine Frau. Diese schöpfte jedoch aus seinem -Verhalten Verdacht, daß ihr Mann von dem Geheimnis wisse. Sie sagte zu -sich: In diesem Falle hat sicherlich der Papagei es ausgeplaudert, da -sonst niemand etwas davon weiß. Sie faßte einen Groll gegen den armen -Papagei und wartete auf eine Gelegenheit, wie sie sich rächen konnte. -Eines Tages stand sie auf, öffnete den Käfig des Papageis, nahm ihn -heraus, rupfte ihm seine Flügel- und Schwanzfedern aus und warf ihn aus -dem Fenster. Dann fing sie an zu schreien: „Die Katze hat den Papagei -geholt.“ - -Von ihrem Geschrei wachte der indische Kaufmann auf und fragte seine -Frau. Sie sagte wieder: „Die Katze hat den Papagei gefressen.“ Als der -indische Kaufmann an den Papageien, den treuen Wächter seines Hauses -dachte, wurde er sehr traurig und weinte. - -Als der bedauernswerte Papagei ohne sein Verschulden vom Unglück -betroffen wurde, befürchtete er, daß er, wie er aus dem Fenster -geworfen wurde, noch in ein größeres Unglück geworfen werden und -sterben könnte. In der Nähe jenes Hauses war ein großer Tempel. Dorthin -ging er, blieb in einer Ecke, ernährte sich von den Überbleibseln der -Mahlzeit der Mönche und von den Brocken, die sie wegwarfen, und verbarg -sich dann wieder. - -Nach einigen Tagen jagte der indische Kaufmann, der es nun nicht mehr -aushalten konnte, seine Frau aus dem Hause. Aus Furcht vor dem -indischen Kaufmann nahm niemand die Frau in sein Haus auf. Auch der -Jüngling, der der Geliebte der Frau war, weit entfernt als Mann der -Frau aufzutreten, kam nicht einmal aus dem Hause hervor. Da die Frau -also von allen verlassen war, ging sie in den Tempel, der der -Zufluchtsort aller Heimatlosen war, und diente dort Tag und Nacht dem -Götzen. - -Der Papagei sah immer, in welcher Lage sich die Frau befand. Eines -Abends kam die Frau wieder nach ihrer alten Gewohnheit. Beim Gebet -sprach sie unter Weinen und Jammern von ihrer Lage. Da gerade niemand -im Tempel war, ging der kluge Papagei hinter das Götzenbild und sprach -mit lauter Stimme: „Frau, ich habe dein Gebet erhört und dich meines -Erbarmens für wert erfunden. Ich werde das Herz des Kaufmanns wieder in -Neigung und Liebe dir zuwenden, und er wird bereuen, was er getan. Aber -du tue gehorsam, was ich dir befehle. Rasiere dir Brauen, Wimpern und -Haar, damit du deinen Wunsch erreichst.“ Sofort zog die Frau ein -Rasiermesser hervor und wollte ihre Brauen, Wimpern und Haare rasieren. -Da erschien der Papagei hinter dem Götzenbild und sagte: „O du -Unverständige, mit diesem schwachen Verstande glaubtest du Freund und -Feind unterscheiden zu können! Du hast deinen dir wohlwollenden Freund -in diese Not und dich selbst in dieses Unglück gebracht! Also bei dem -erhabenen Gott, dem Kenner des Verborgenen! Ich habe von dem bewußten -Geheimnis niemandem etwas verraten und dem indischen Kaufmanne nur -Gutes von dir gesagt. Wenn du mich nicht so der Verachtung preisgegeben -hättest, hätte ich dir nützlich sein können, denn der Kaufmann würde -mich nach dem bewußten Geheimnis gefragt haben und ich hätte ihn mit -allerlei Listen beruhigt, und so wärest weder du in ein solches Unglück -durch deinen Mann gekommen, noch hättest du deinen Geliebten verloren. -Doch ich will nicht bei dem verweilen, was du getan hast, und will -nicht vergessen, daß ich dir durch deine früheren Wohltaten -verpflichtet bin. Dies Unglück ist mir ja auch durch ewigen göttlichen -Ratschluß bestimmt gewesen. Deine Schuld ist es nicht, denn dich habe -ich äußerst unverständig erfunden. Wenn du nur eine Spur von Verstand -hättest, würdest du nicht Götzen angebetet und von ihnen Hilfe erhofft -haben und hättest nicht geglaubt, daß meine Worte ein Götze gesprochen -habe. Kann Stein oder Holz reden? Nur mit Gottes Erlaubnis haben sie -als Wundertat für die Propheten geredet. Nun, komme, gib den -Aberglauben auf, nimm den wahren Glauben an, bereue deinen Unglauben -und bitte Gott um Verzeihung. Ich werde hingehen und veranlassen, daß -der indische Kaufmann seine Tat bereut und dir wieder seine Liebe -zuwendet.“ - -Die Frau war damit einverstanden und trat zum Islam über. Der Papagei -ging sofort in das Haus des Kaufmanns. Als der Kaufmann den Papagei -sah, stand er sofort auf, faßte ihn mit größter Freude, küßte und -liebkoste ihn und fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Papagei sagte: „Ich -war zwar gestorben, aber der allmächtige Gott hat mich mit neuem Leben -beschenkt.“ Der Kaufmann sagte: „Wie kann ein Gestorbener wieder -lebendig werden?“ Der Papagei sagte: „Hast du die Geschichte Abrahams — -Heil sei über ihm — nicht gehört?“ Der Kaufmann sagte: „Ich habe sie -nicht gehört. Erzähle, damit ich zuhöre, wie die Geschichte ist.“ - -Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in -den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und -verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es -mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der -Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die -Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich -durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den -ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und -behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘ -Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die -Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich -vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich -erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben -rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner -Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“ - -Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der -Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der -Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz -gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige, -ist.“ - -Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und -führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des -Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum -Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten -auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“ - -Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich -gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an -die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf -deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den -Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie -schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch -wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach -flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und -Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat -dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der -Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen -Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner -Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘ -Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen -der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit -jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand -gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du -Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein -ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine -Heilige ist.“ - -Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel, -küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und -bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau -den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und -bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte. - - - - - - - - -23. DIE GESCHICHTE VOM GOLDSCHMIED UND ZIMMERMANN - - -In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte -Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die -miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre -Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in -die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das -Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm [33] zu wandern. An -der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort -nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da -der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so -schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin -sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die -Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern -waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und -um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen -angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen. -Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so -predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen -und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie -wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold -und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten: -„Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere -Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen -das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von -Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den -religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung -den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem -Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre -Schüler und hielten ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für -gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias. [34] - -Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und -alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In -ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten -unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen -Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit -dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten -ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben -jenen Tag allein in der Kirche. - -Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde -gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend -wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem -Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten, -menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann -kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich -dem Gottesdienst und dem Fasten. - -Nach einiger Zeit kamen die Kirchendiener und suchten den Götzen. Der -wertvolle Götze war nicht zu finden, an seiner Stelle wehten die Winde. -Unter den Geistlichen entstand ein Streit, und sie verdächtigten sich -gegenseitig. Aber der Verdacht gegen den Goldschmied und den Zimmermann -kam ihnen nicht einmal in den Sinn, denn da diese so fromm und -enthaltsam waren, so war es ungereimt, ihnen eine derartige Betrügerei -zuzumuten, und ganz unmöglich, daß sie ihn gestohlen haben könnten. -Jedoch berichteten die Geistlichen ihnen von der Geschichte, erzählten -ihnen von dem Kummer ihres Herzens und sagten, daß der Götze -verschwunden sei. Da enthüllten diese ihr Haupt, rissen sich Haupt- und -Barthaare aus, schlugen sich mit den Händen auf die Knie und weinten so -sehr, daß allen Bewohnern des Götzentempels ihr Herz brannte. Der -Goldschmied und der Zimmermann sagten: „Schon seitdem wir hierherkamen, -rechneten wir mit dieser Möglichkeit und ahnten, daß er euch verlassen -werde, denn ihr habt es an Ehrfurcht und Hochachtung fehlen lassen, -indem ihr ihn nicht genug geehrt habt und Tag und Nacht ihn allein -gelassen habt. Wir sagten immer zueinander: ‚Unser Gott wird unvermutet -aus Zorn über sie sich in den Himmel zurückziehen und sich beim Messias -beschweren.‘ Nun hat sich also unsere Befürchtung erfüllt. Ihr habt den -hohen Götzen beleidigt und er hat aus Zorn euch jetzt verlassen und ist -zum Himmel emporgestiegen. Ihr müßt nun mit seinem Groll rechnen. Von -jetzt ab wird kein Heil und Segen in diesem Lande sein und kein Gebet -erhört werden. Wir werden nun nicht länger in diesem Lande bleiben. Wir -werden es verlassen und in ein anderes gehen.“ Alle Geistlichen baten -und flehten sie unter Wehklagen an, daß sie aus Mitleid mit ihnen nicht -ihr Land verlassen möchten, da Hoffnung sei, daß durch den Segen ihrer -geheiligten Anwesenheit die Buße angenommen und der Gott wiederkommen -werde, während nach ihrer Abreise die Lage sehr schwierig würde. - -Aber der Goldschmied und Zimmermann wiesen mit rauher Hand ihre Bitte -zurück und hörten nicht darauf. Nach einigen Tagen verabschiedeten sie -sich von den Geistlichen und gingen weg. Als es Abend wurde, kehrten -sie um, holten den Götzen von der Stelle, wo sie ihn verborgen hatten -und setzten ihre Reise fort. Nach einiger Zeit kamen sie wohlbehalten -und reich nach Azerbeidschan. - -Das Gold war bei dem Goldschmied, und sie führten beide ein bequemes -Leben. Der Zimmermann sagte eines Tages zum Goldschmied: „Bruder, das -Gold ist bei dir, führe sorgfältig Rechnung, daß keiner von uns zuviel -erhalte.“ Der Goldschmied verwaltete es auch in Rechtlichkeit. -Allmählich aber verführte ihn der Teufel und senkte die Habsucht in -sein Herz. Er sagte zu sich: „Was ist das für eine Dummheit. Die ganze -Geschichte von dem Golde kennt außer uns beiden niemand. Was ich bis -jetzt dem Zimmermann an Geld gegeben habe, genügt. Wie wäre es, wenn -ich den Rest ableugnete?“ Gedacht, getan. Als nun der Zimmermann nach -seiner Gewohnheit zum Goldschmied kam und etwas Gold verlangte, sagte -der Goldschmied: „Was für Gold willst du? Das ist alles ausgegeben und -erledigt. Ich habe kein Gold mehr.“ So leugnete er es völlig ab, jedoch -der Zimmermann war sehr klug und verständig. Er trat dem Goldschmied -nicht entgegen, zeigte ihm auch nicht, daß er sich ärgere, sondern war -wie früher freundlich mit ihm und sagte: „Schön, Bruder, wenn vom Gelde -nichts mehr da ist, möge uns wenigstens die Gesundheit bleiben. Was -wollen wir uns des Goldes wegen aufregen? Die Bestimmung des Goldes -ist, ausgegeben zu werden. Das ist geschehen, und nun ist es zu Ende. -Möge Gott uns am Leben erhalten. Betrübe dich deswegen nicht.“ Mit -diesen Worten tröstete er den Goldschmied, aber im Innern war er fest -davon überzeugt, daß der Goldschmied den Weg des Betruges betreten -habe. Er sagte sich, daß es unmöglich sei, das Gold mit Gewalt zu -erlangen, daß dazu viele Listen und viele Geduld nötig sei. Er -veränderte also nicht sein Benehmen dem Goldschmied gegenüber und -behandelte ihn äußerlich ebenso freundlich wie früher, und wenn er mit -ihm sprach, war er liebenswürdig zu ihm. So verkehrten sie miteinander, -ohne daß er lange Zeit etwas ahnen ließ. Der Goldschmied rechnete es -dem Zimmermann als größte Dummheit an, daß er seinen Worten vom Ende -des Goldes geglaubt hatte und ihm nicht entgegengetreten war, und -dachte, er habe ihm wirklich geglaubt. - -Inzwischen machte der Zimmermann in seinem Hause ein unterirdisches -Gemach und schnitzte aus Holz eine Figur, die an Wuchs und Gestalt, -Form und Aussehen dem Goldschmied glich. Diese Gestalt bekleidete er -mit Kleidern, ganz wie sie der Goldschmied trug, und stellte sie in dem -unterirdischen Gemache auf. Er fand zwei junge Bären, nahm sie mit und -band sie in dem unterirdischen Gemache jener Figur gegenüber mit Ketten -an. Jeden Tag, wenn die jungen Bären gefüttert werden sollten und sie -sehr hungrig waren, legte er auf die beiden Schultern der vor ihnen -stehenden Goldschmiedsfigur je ein Stück Fleisch. Sobald sie das -Fleisch sahen, zerrten sie, um dort hinzugelangen. Wenn er sie dann von -der Kette losgemacht hatte, sprangen sie auf die Figur, nahmen von -jeder Schulter das Stück Fleisch und fraßen es auf. So wurden sie -gefüttert und bekamen jeden Tag zweimal Fleisch. Deshalb gewöhnten sich -ihre Augen an die Figur des Goldschmiedes. Selbst wenn sie angekettet -waren, bewegten sie Kopf und Ohren nach der Figur und machten aus Gier -nach dem Fleisch allerlei spaßhafte Bewegungen. So machte der -Zimmermann die jungen Bären völlig mit der Figur des Goldschmiedes -vertraut. Dann lud er eines Tages den Goldschmied nach der zwischen -ihnen bestehenden Gewohnheit in sein Haus ein. Der Goldschmied hatte -zwei Jungen, die er ohne weitere Förmlichkeiten mit zur Gesellschaft -brachte. Man setzte sich nieder und unterhielt sich lange. Nach der -Mahlzeit sagte der Goldschmied zum Zimmermann: „Bruder, ich will jetzt -in meinen Laden gehen, schicke meine Söhne nach Hause.“ - -Als der Goldschmied gegangen war, nahm der Zimmermann die beiden -Jungen, steckte sie in ein abgelegenes Zimmer seines Hauses und schloß -die Tür zu. Dann brachte er die in dem unterirdischen Gemache -befindliche Figur des Goldschmiedes anderswohin und ließ die jungen -Bären ordentlich hungern. - -Am Abend ging der Goldschmied von seinem Laden nach Hause und sah, daß -seine Jungen noch nicht da waren. In Aufregung ging er im Dunkel in das -Haus des Zimmermanns und sah, daß die Jungen auch dort nicht waren. Er -fragte ihn, wo sie seien. Dieser antwortete: „Bruder, ich habe keine -Ahnung. Sie sind bald nach dir gegangen. Ich habe sie nicht mehr -gesehen und weiß auch nichts von ihnen.“ Der Goldschmied ging wieder -nach Hause, indem er dachte, daß sie vielleicht, als er zum Zimmermann -ging, einen anderen Weg nach Hause gegangen seien. Er sah überall nach, -aber die Kinder waren nicht da. In seiner Aufregung konnte er nicht -schlafen. Gegen Morgen ging er nach allen vier Himmelsrichtungen auf -die Suche. Er ließ es auch durch Ausrufer bekannt machen. Aber niemand -hatte sie gesehen. - -Da zerriß der Goldschmied sich seinen Kragen [35], ging zum Zimmermann -und sagte zu ihm: „Jetzt schaffe mir meine Kinder herbei, denn ich habe -sie bei dir gelassen.“ Sie wurden handgemein und die alte Freundschaft -verwandelte sich auf einmal in Feindschaft. Schließlich gingen sie -beide zum Kadi und erhoben einen Prozeß vor dem Gericht. Der -Goldschmied berichtete dem Kadi die ganze Sache. Der Kadi fragte den -Zimmermann, was er dagegen zu sagen habe. Dieser antwortete: „Ja, es -ist richtig. Er hat die Jungen bei mir gelassen. Aber nachdem er -gegangen war, sind sie zu Bären geworden. Ich habe sie in einem -unterirdischen Gemache eingeschlossen. Da sind sie noch.“ Der Kadi -sagte: „Rede nicht Unsinn. Im Islam gibt es keine Verwandlungen. Unter -den früheren Propheten hat es Seelenwanderungen gegeben, aber seit dem -Auftreten Mohammeds kommt etwas Derartiges nicht mehr vor. Suche die -Knaben.“ Darauf antwortete der Zimmermann: „Ja, in den Büchern steht -tatsächlich so, und die Gemeinde Mohammeds ist von solcher -Seelenwanderung befreit. Aber Gottes Weisheit hat sich an den Kindern -dieses Mannes gezeigt. Gott weiß, wegen welcher Schlechtigkeit dieses -Mannes dies den unschuldigen Kindern passieren mußte.“ Der Kadi blickte -auf die neben ihm Sitzenden und sagte: „Gläubige Gemeinde, tatsächlich -kommt in der Gemeinde Mohammeds keine Seelenwanderung mehr vor, aber -dieser Zimmermann redet sehr vernünftig, so müssen wir denn -notgedrungen selbst hingehen und sehen.“ Die Zuhörer schlossen sich dem -Kadi an und gingen mit dem Goldschmied in das Haus des Zimmermanns. -Dieser öffnete das unterirdische Gemach und alle traten ein. Da die -jungen Bären an die Gestalt des Goldschmiedes gewöhnt waren, so -stürzten sie auf ihn, als sie den Goldschmied an Stelle der Figur -sahen, und umschmeichelten ihn mit allerlei Freundlichkeiten und -Spielereien. Sie schauten immer auf den Goldschmied, bewegten Ohren und -Hals und benahmen sich in der Erwartung auf Fressen höchst sonderbar. -Als dann der Zimmermann sie von der Kette befreit hatte, sprangen sie -ihm jeder auf eine Schulter und leckten ihm Hals und Ohren. - -Als der Kadi und alle Leute dies sahen, waren sie erstaunt und sagten: -„Was sollen wir tun und sagen? Das ist Gottes Sache. Wir sind alle -nicht im Zweifel, daß diese jungen Bären deine Kinder sind.“ Damit -gingen sie fort. Der Zimmermann gab die Kette der jungen Bären dem -Goldschmied in die Hand und sagte: „Da, Bruder, nimm deine Söhne.“ - -Da begriff der Goldschmied die Sache und sah ein, daß er, wenn es auch -möglich wäre, äußerlich den Zimmermann zu besiegen, doch nur an Stelle -seiner beiden Söhne zwei Bären zugesprochen erhalten würde. Er wußte, -daß es eine List war, die ihm wegen seiner Habgier gespielt sei und, um -das Geld von ihm zu erlangen, ins Werk gesetzt sei. Was sollte er tun? -Er zog den Zimmermann in eine Ecke und sagte: „Bruder, dein Anteil von -dem Golde ist bei mir. Komm, ich will dir, soviel du willst, und noch -mehr von deinem Anteil geben. Mache mich nicht zum Gespötte der Welt.“ -Der Zimmermann antwortete: „Bruder, deine Söhne sind bei mir. Bringe -das Gold und nimm deine Söhne.“ - -Der Goldschmied brachte das gesamte Gold, empfing seine Söhne gesund -und wohlbehalten und brachte sie nach Hause. Aber ihre alte -Freundschaft hatte sich des Geldes wegen in Feindschaft verwandelt und -in List und Trug verändert. - - - - - - - - -24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER - - -In alten Geschichten wird zuverlässig berichtet, daß vier Leute: ein -Zimmermann, ein Goldschmied, ein Schneider und ein Asket sich -verabredeten, auf Reisen zu gehen. Sie machten sich also auf den Weg. -Nachdem sie einige Zeit gereist waren, mußten sie nach Gottes Ratschluß -eines Tages in einer gefährlichen bergigen Gegend übernachten. Sie -hatten sich verabredet, daß sie aus Furcht vor schädlichen wilden -Tieren nur abwechselnd schlafen würden. - -Die Reihe kam an den Zimmermann, während die anderen drei sich -hinlegten und schliefen. Beim Stillsitzen überwältigte den Zimmermann -die Müdigkeit, so daß er, um sie zu vertreiben, sein -Zimmermannshandwerkzeug in die Hand nahm. Er fällte einen geraden Baum, -schnitzte ihn sauber aus, machte Kopf, Hände und Füße und formte eine -Mädchengestalt. Danach kam die Reihe an den Goldschmied. Auch ihm kam -beim Nichtstun der Schlaf. Da fiel sein Blick auf das Mädchen vor ihm, -das der Zimmermann gemacht hatte. Er lobte die Kunstfertigkeit des -Zimmermanns und, um den Schlaf zu bannen, wollte er auch seine Kunst -zeigen. Er machte der Gestalt Ohrringe, Armbänder und anderen -Frauenschmuck. Als er mit seiner Wache fertig war, kam die Reihe an den -Schneider. Als dieser aufstand und die wunderbare Gestalt sah, war er -sehr erstaunt und rief aus: „Da muß ich meine Kunst in würdiger Weise -zeigen.“ Er machte ihrer ganzen Figur entsprechend prächtige Gewänder -und bekleidete sie damit von Kopf bis zu Füßen. Wer sie ansah und nicht -wußte, daß sie eine Figur war, hätte sie für ein lebendiges Wesen -gehalten, gleich als ob sie geformter Geist sei. Als die Wache des -Schneiders zu Ende war, weckte er den Asketen und legte sich selbst -schlafen. Als der Asket aus dem Schlaf die Augen öffnete und das -geformte Bild erblickte, da wurde er wie einer, dem in Abgeschiedenheit -von der Welt das göttliche Licht erscheint, und er trat näher an die -Figur. Was sieht er da? Eine Gestalt, die selbst Asketen verführte, ein -wunderbares Bild, dessen gewölbte Augenbrauen die Gebetsrichtung der -Liebenden und dessen rubinrote Lippen die Nahrung für Herz und Seele -sind. Sofort hob er seine Hände zu dem Schöpfer der Geister und betete: -„O Herr der Stärke und Allmacht, o Gewaltiger, der du das reine Wesen -Adams aus dem Dunkel des Nichtseins in das Gefilde des Seins gebracht -hast und aus dürrem Holze die Früchte wachsen läßt, o Gott bei deiner -großen Güte bitte ich dich, daß du mich vor meinen Genossen nicht -beschämst und diese seelenlose Figur beseelen, ihr durch deine Gnade -Leben schenken und ihre Zunge dich zu loben und zu preisen lösen -mögest.“ Als er so bat, da schenkte Gott der Ewige, weil der Asket ein -heiliger Mann war, dessen Gebet Erhör fand, in seiner Güte dieser Figur -Seele und Leben und sie wurde ein glückliches, junges Mädchen, das wie -eine schlanke Zypresse daherwandelte und wie ein Papagei sprach. Als es -Morgen wurde und durch den Strahl der Sonne die Welt erleuchtet wurde, -da fiel der Blick der vier Gefährten auf das herzraubende Götterbild, -und sie wurden alle durch die Fesseln ihrer Locken gefangen und -umflatterten wie ein Schmetterling das Licht ihrer Schönheit. Es -entstand ein heftiger Streit und Zank unter ihnen. Der Zimmermann -sagte: „Da ich sie geschaffen, so gehört sie mir; ihr habt kein Anrecht -darauf.“ Der Goldschmied sagte: „Ich habe Gold und Schmuck an sie -verwandt und Geld, das die Hälfte der Seele ist, für sie geopfert. -Deswegen gehört sie mir.“ Der Schneider sagte: „Da sie durch meine -Bemühungen zu höchster Schönheit und Vollendung gelangte und -liebenswert wurde, so bin ich die Veranlassung, daß sie fähig wurde, -den Lebensodem zu erlangen. Deswegen kommt sie mir zu.“ Der Asket -sagte: „Dieses Mädchen gehört mir. Sie ist ein Werk meiner tiefen -Frömmigkeit und ist mir eine Probe der im höchsten Himmel weilenden -Hūrīs. [36] Mein Recht ist klar.“ - -Schließlich wollten sie alle, um ihre Ansprüche zu entscheiden, vor -Gericht gehen. Da sahen sie, daß ein Wanderderwisch im Derwischmantel -daher kam. Einmütig setzten sie den Derwisch zum Richter ein. Sie -wollten mit seiner Entscheidung, wie sie auch ausfalle, zufrieden sein. -Sie riefen ihn also heran und setzten ihm die Angelegenheit genau -auseinander. Kaum hatte aber der Derwisch das Mädchen gesehen, als er -sich in sie verliebte und wie eine Flöte zu klagen und zu seufzen -anfing. Der Derwisch, nur in Gedanken, seinen eigenen Kummer zu -lindern, schaute die Vier an und sagte: „Ihr Muslime, es ist ja reiner -Unsinn, was ihr da sagt. Fürchtet ihr euch nicht vor Gott, derartig -häßliche Taten zu begehen und meine legitime Frau mir zu nehmen, indem -der eine behauptet, er habe sie aus Holz geschnitzt, und der andere, er -habe für sie gebetet. Sagt doch etwas, das Verstand und göttliches -Gesetz erlauben. Diese Frau gehört mir und die Sachen, die sie trägt, -habe ich ihr machen lassen. Vor einigen Tagen ist zwischen uns ein -kleiner Streit entstanden, und in der vergangenen Nacht ist sie aus -Ärger aus meinem Hause gegangen. Ich habe mich, um sie zu suchen, auf -den Weg gemacht und sie mit Gottes Hilfe gefunden. Macht euch nicht -lächerlich vor den Leuten mit derartigen sinnlosen Reden. Das ist ja -Unsinn.“ - -Der Derwisch bestand noch mehr als die anderen auf seinem Anspruch. So -gingen sie alle fünf mit ihren Ansprüchen in die Stadt direkt zum -Stadtvoigt und erzählten ihm ihren Fall. Als der Stadtvoigt das Mädchen -sah, verliebte er sich noch tausendmal mehr als sie und sagte: „Ihr -verruchten Räuber, dies Weib ist die Frau meines älteren Bruders. -Räuber haben ihn umgebracht und seine Frau entführt. Gott sei Dank, das -Blut bleibt nicht ungerächt. Ihr habt euch selber gestellt.“ Er bestand -also noch mehr als sie alle auf seinem Anspruch und führte sie vor das -Gericht zum Kadi. Als ein jeder dem Herrn Kadi seinen Anspruch -auseinandergesetzt hatte, blickte der Kadi auf das Gesicht des -Mädchens. - - - Ein reizendes Mägdlein vor Augen er sah, - Anmutig vom Haupt zur Zeh stand sie da! - Ihr Wuchs jeden Schauenden liebekrank machte, - Verderben ihr stolzer Zypressengang brachte. - Den Erdball mit Not ihre Wimper bedroht, - Ihr gottloses Blinzeln mit Hölle und Tod. - - Wo Markttag sie hielt auf der Liebe Basar, - Da bot man als Preis tausend Seelen ihr dar. - Wo die Flut ihrer Reize das Herze bestürmte, - Kein Damm widerstand, kein Verstand da beschirmte. - Der Ehrbarkeit Burg ward vom Gießbach verheert, - Von Liebe des Anstandes Grundbau zerstört! - - -Sogleich faßte ihn das Verlangen, das Mädchen zu besitzen und er sagte: -„Freunde, dieser Prozeß ist nichtig. Dieses reine Mädchen ist in meinem -Hause aufgewachsen und seit ihrer Kindheit an wie ein Kind von mir -gehalten. Sie ist meine Sklavin. Den Schmuck und die kostbaren Kleider, -die sie trägt, hat sie von mir erhalten. Durch Taugenichtse verführt, -hat sie mich verlassen. Durch Gottes Güte ist sie durch eure Bemühungen -gefunden, und meine Absicht ist erreicht. Euer Liebesdienst wird bei -Gott nicht vergessen bleiben, ihr werdet von ihm euren Lohn erhalten.“ -Als er so sprach, sahen die vier Genossen, daß der Kadi über sie großes -Unglück, vor dem sie sich nicht schützen könnten, bringen würde. Der -Asket wendete sich zum Kadi und sagte: „Mewlana [37], geziemt es sich, -indem du Anspruch darauf erhebst, auf dem Teppich des Propheten zu -sitzen, daß du einen Prozeß von Muslimen nicht nach dem göttlichen -Recht entscheidest, sondern selbst Ansprüche auf dieses Mädchen erhebst -und sie uns mit Gewalt entreißen willst, indem du erklärst, sie sei -deine Sklavin. In welcher Rechtsschule ist das denn gestattet? Und wie -willst du dich dereinst vor Gottes Richterstuhl verantworten?“ Da -antwortete der Kadi: „Du Betrüger, um die Leute zu täuschen, hast du -durch Fasten dein Aussehen verändert, damit die Leute sagen sollen, aus -Gottesfurcht ist er so krumm wie ein Bogen geworden. Nun gibt es ein -bekanntes Sprichwort: Der Lügner muß ein gutes Gedächtnis, scharfen -Verstand und Einsicht haben. Du hast aber weder das eine noch das -andere. Du Narr, wenn du schon eine verrückte Lüge vorbringst, so darf -sie doch nicht ganz ungereimt sein. Kann ein Mensch aus Holz entstehen? -Gebt also diesen Prozeß auf und geht weg. Wenn nicht — wie ihr wollt. -Ich habe meine Sklavin wiedergefunden.“ - -Der Asket sagte: „Fürchte dich vor Gott und schäme dich vor dem -Propheten und entscheide den Prozeß nach dem göttlichen Recht.“ Der -Kadi und der Asket sagten sich gegenseitig Worte, wie sie ihnen gerade -auf die Zunge kamen, und es entstand ein großer Streit. Ihr -Zwiegespräch änderte sich in Zwiespalt. Diese sieben Leute waren aus -Liebeskummer nahe am Blutvergießen und rüsteten sich zum Kampf. Da -traten die Verständigen der Stadt zusammen in der Absicht, sie zu -versöhnen, und sagten: „Ihr Gläubigen, euer Prozeß läßt sich nicht -entscheiden und die Schwierigkeit kann niemand lösen, wenn nicht der -Allmächtige in seiner Güte ihn erledigt. In einem Ausspruch des -Propheten heißt es: ‚Wenn ihr in Zweifel seid bei den Dingen, so sucht -Hilfe bei den Begrabenen.‘ So wollen wir denn mit euch auf den Kirchhof -gehen. Ihr betet und wir wollen Amen sagen. Es ist zu hoffen, daß Gott -der Erhalter dies Geheimnis offenbar mache.“ Alle erhoben sich und -gingen auf den Kirchhof. Der Asket erhob die Hände und sprach: „O, du -Mächtiger und Allwissender, du kennst den Grund dieses Prozesses. So -löse in deiner großen Güte diese Schwierigkeit, damit deutlich werde, -wer recht hat.“ So betete er unter heftigem Weinen, und alle Leute -sprachen: Amen. - -Während des Gebetes hatte sich das besagte Mädchen an einen großen Baum -gelehnt. Plötzlich teilte sich jener Baum und nahm das Mädchen in sich -auf. Dann schloß sich der Baum wieder, und das Geheimnis des Spruches: -„Jede Sache kehrt zu ihrem Anfang zurück“ wurde klar. - -Aller Streit und alle Feindschaft waren beseitigt und alle Welt wußte, -daß jene vier Leute die Wahrheit gesagt hatten. Ihre Wahrhaftigkeit war -sonnenklar. Die drei anderen waren Lügner; ihre Lügenhaftigkeit war -offenbar, und sie selbst ein Gegenstand der Verachtung geworden. Die -aber das Mädchen, das jetzt zu seinem Ursprunge zurückgekehrt war, -geliebt hatten, waren betrübt und verstört. - - - - - - - - -25. DER LÖWE UND DAS SCHAF - - -In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der -Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein -großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses -Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer -geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren -umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ -bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das -Schiff und schlief dort. - -Nun wohnte in dem Walde jener Insel ein großer Löwe. Alles Wild jener -Gegend gehorchte ihm. Eines Tages machte er eine große Jagd, und -nachdem er und alle, die unter seinem Schutz lebten, sich gesättigt -hatten, fiel der Blick des Löwen, als er am Ufer spazierenging, auf das -Schiff. Er betrat sofort das Schiff, das ihm sehr gefiel, und während -er alles betrachtete, sah er das Schaf. Da er satt war, hatte er -Mitleid mit dem Schaf, schenkte ihm das Leben, lud es zu sich ein, -behandelte es sehr freundlich, zog es in seine nächste Umgebung, ließ -ihm von niemandem Unrecht tun, da es fremd in dieser Gegend war, -versorgte es mit allem Nötigen und gewährte ihm Sicherheit. Das Schiff -machte er zu seinem Palast, lud sein ganzes Gefolge nach dem -Nachmittagsgebet dorthin ein und ließ dort Diwan [38] abhalten. Das -Schaf verkehrte auch ohne weitere Förmlichkeiten bei dem Löwen. Eines -Tages hatte der Löwe mit seinem Gefolge bis zum Abend gejagt, aber kein -Wild gefunden. Am folgenden Tage fanden sie gleichfalls nichts. Als sie -am dritten Tage auch keine Beute fanden, war sowohl der Löwe wie auch -sein Gefolge vor Hunger am Ende ihrer Kräfte. Seine Vezire beschlossen -einstimmig den Tod des Schafes und gingen zum Löwen. Dieser sagte: „Ich -will lieber vor Hunger sterben, als mein Wort brechen und einem -schuldlosen Wesen, dem ich Sicherheit versprochen habe, einen Schaden -zufügen.“ Seine Vezire sagten: „Jawohl, das Wort des Königs der Tiere -ist Wahrheit, und seine Rede ist die absolute Weisheit, aber heute ist -Euer erlauchter Körper vor Hunger nahe am Tode. Nun, was macht es, wenn -ein Sklave sich für das Wohl der Untertanen des Königs opfert? Schon -die Weisen sagen: ‚Der Schaden des einzelnen ist besser als der Schaden -der Gesamtheit.‘ Statt daß alle deine Diener umkommen, ist es besser, -daß einer deiner Sklaven sich opfere. Es ist billig, daß du für das -Wohl so vieler Seelen dieses Schaf uns als Mahlzeit gibst.“ - -Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber -keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das -Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes -Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst -und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll -Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O -Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige -unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß -durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der -Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen -Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und -sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und -schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und -wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde -als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen -ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst -du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese -unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der -Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist -schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine -Geschichte?“ Der Fuchs antwortete: - -„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer -Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe -hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der -Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die -Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen -Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam -herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.[20] Er konnte aber -nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt -den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie -sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da -sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen -Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um -Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß -Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie -kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen. -Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit -diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des -Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“ - -Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf. - - - - - - - - -26. DER LÖWE UND DER KATER - - -Im fernsten Indien war ein Weideland, das Blüten und Bäume ohne Zahl -und Wild ohne Ende hervorbrachte. In dieser Gegend hatte sich nun ein -Löwe niedergelassen. Was an wilden und reißenden Tieren vorhanden war, -stand in seinem Dienst, führte seine Befehle mit Vergnügen aus und -hielt seinen starken Schutz für die Ursache ihres glücklichen Lebens. -So vergingen einige Monate und Jahre, und der Frühling der Jugend des -Löwen veränderte sich in den Herbst des Greisenalters; seine -körperliche Kraft wurde schwach und sein Körper wurde vor Alter matt, -so daß seine Augen nicht mehr zum Sehen und seine Zähne nicht mehr zum -Essen der Speisen taugten. Ja es kam so weit, daß jedesmal, wenn er -seine Beute verzehrt hatte und eingeschlafen war, infolge des Alters -seine Lippen, wie der Mund eines Opiumrauchers nach dem Rausch, schlaff -herunterhingen und sein Rachen geöffnet war. Dann kamen alle dort -vorhandenen Mäuse und holten die Fleischreste, die zwischen seinen -Zähnen saßen, heraus. Infolge der Belästigung der Mäuse konnte der Löwe -nicht ruhig schlafen und wachte jede Stunde auf. Es war auch nicht -möglich, so viele Mäuse zu fangen, denn sobald der Löwe eingeschlafen -war, sammelten sich die Mäuse um ihn, so daß er trotz seiner Macht und -Stärke ihnen gegenüber machtlos blieb. - -Der Wolf, der den Rang eines Vezirs innehatte und des näheren Umganges -mit dem Löwen gewürdigt wurde, trat eines Tages in das Privatgemach des -Löwen. Dieser erzählte ihm, was für Not er von den Mäusen leide. Der -Wolf antwortete: „Mächtiger Löwe, deine Lage gleicht ganz genau der -Geschichte von dem Kalifen von Bagdad und dem Gottesgelehrten.“ Der -Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Wolf erzählte: - -„Einer von den Abbasidischen Kalifen war durch seine Gewalt berühmt und -durch seine große Macht bekannt geworden. Eines Tages ließ sich in -seinem Empfangszimmer ein tugendreicher Gottesgelehrter, der Stolz der -Bagdader Gelehrten, nieder. Aber da es Sommer war, belästigten und -quälten die Fliegen den Kalifen über die Maßen. Der Kalif wandte sich -zum Gelehrten und sagte: ‚Warum sind wohl diese Fliegen geschaffen? Was -kann Gottes Weisheit damit bezweckt haben? Abgesehen davon, daß sie -unnütz sind, sind sie auch unrein und schmutzig.‘ Der weise Gelehrte -sagte: ‚Kalif der Welt, Gott der Herr der Welten hat nichts Unnützes -geschaffen. Er hat in seiner Weisheit die Fliegen geschaffen, um den -Mächtigen ihre Ohnmacht zu zeigen. Trotz ihrer Kraft und Macht sind sie -doch nicht in der Lage, ein so schwaches Heer zu besiegen. Aus diesem -Grunde sind dem Allmächtigen die Fliegen äußerst nötig!‘ - -Der Kalif freute sich sehr über die weise Rede des Gelehrten und gab -sich zufrieden. - -„Wenn du also, mächtiger Löwe, die Belästigung dieser verächtlichen -Tiere nicht ertragen kannst, so ist dies eine göttliche Mahnung und -Belehrung. Aber für jeden Kummer gibt es ein Heilmittel und, wenn man -sie nicht mit Gewalt vertreiben kann, muß man List anwenden. Gott hat -für jede Sache eine Ursache geschaffen. Was der eine kann, kann der -andere nicht. So z. B. kann man den Staub eines Hauses nicht mit einem -Pfauenwedel beseitigen, dazu ist ein Besen nötig. So können wir auch -die Mäuse vertilgen. Wir haben doch einen alten Diener deines Hofes, -den Kater, der seit Jahren auf deine Befehle wartet. Wenn du befiehlst, -wollen wir ihm die Bewachung deines Thrones übertragen.“ - -Der Löwe war damit einverstanden, und der Kater, der den Namen -Flinkhand hatte, wurde vor den Löwen gerufen und ihm die Wache -übertragen. Flinkhand übernahm dies Amt und sagte zum Löwen: „O König -der Tiere, du hast mich zwar in deiner großen Güte zum Wächter ernannt. -Aber ich war schon seit vielen Jahren an deinem Hofe, ohne daß ich -eines gnädigen Blickes von dir für würdig erfunden wurde. Das ist um so -merkwürdiger, als ich nicht nur ein alter Freund Euer Majestät bin, -sondern auch Verwandtschaft zwischen uns beiden besteht.“ Der Löwe -fragte: „Inwiefern?“ Darauf antwortete der Kater: „Als Noah in der -Arche war, da waren alle Tiere machtlos gegen die Menge der Mäuse in -der Arche und beklagten sich bei Noah. Infolge göttlicher Eingebung -strich Noah mit der Hand über die Stirn des Löwen. Da kamen aus seinen -zwei Nasenlöchern zwei Katzen zum Vorschein, die meine Ahnen sind. Alle -Tiere in der Arche waren nun befreit von der Belästigung durch die -Mäuse und hatten ihre Ruhe. Im Schutze deiner Herrschaft habe ich nun -auch dieses Amt übernommen.“ - -Tatsächlich verschwanden alle Mäuse, wo Flinkhand sich zeigte. Aber er -fing und tötete keine einzige, sondern verhinderte nur, daß sie sich -vor dem Löwen zeigten. So hatte dieser seine Ruhe, und Flinkhands -Ansehen vermehrte sich von Tag zu Tag. - -Als Flinkhand auf diese Weise zu der nächsten Umgebung des Löwen -gehörte, brachte er eines Tages seinen ältesten Sohn zu ihm, ließ ihn -den Erdboden küssen und sagte: „König der Tiere, dies ist mein ältester -Sohn. Er versteht gut die Hofetiquette und kann alle Dienste -verrichten. Wenn ich bisweilen andere Geschäfte erledige, kann er mich -vertreten und das Wächteramt übernehmen.“ Der Löwe gestattete es. - -Eines Tages hatte Flinkhand anderweitig zu tun, ließ seinen Sohn an -seiner Stelle zurück und ermahnte ihn, gewissenhaft seinen Dienst zu -erfüllen. Als dieser nun das Wächteramt übernahm, verfuhr er nicht wie -sein Vater mit Schonung, kümmerte sich auch nicht um das Geheimnis und -den weisen Zweck der Milde, sondern tötete jede Maus, die sich zeigte. -Er tötete so viele, daß er bis zum Morgen alle umgebracht hatte, ohne -auch nur eine einzige übrigzulassen. - -Am nächsten Tage kam sein Vater Flinkhand. Als er sah, daß Berge von -getöteten Mäusen vorhanden waren, da geriet er außer sich und sagte zu -seinem Sohn: „Du unverständiger Tor, diesen königlichen Posten, den ich -nach allerlei Mühen am Ende meines Lebens erlangt hatte, hast du mir -geraubt und mein Ansehen dem Staube gleich gemacht. Du Tor, du -Dummkopf, wenn man uns Gutes tut, so ist es nur der Mäuse wegen. Wozu -taugten wir, wenn es keine Mäuse gäbe?“ Also tadelte und schalt er ihn -heftig. - -Einige Tage danach sah der Löwe, daß von den Mäusen nichts mehr -geblieben war, und sagte zum Wolf: „Nun wollen wir Flinkhand entlassen, -denn der Grund für ein Amt liegt in der Beschäftigung und Arbeit. Wenn -diese nicht vorhanden sind, einen Menschen in ein Amt zu setzen, ist -genau dasselbe, als wenn man einem Blinden eine Nadel gibt. Flinkhands -Amt war das Mäusefangen. Da keine Mäuse mehr vorhanden sind, so wäre es -Dummheit, ihn noch zu den Beamten zu rechnen. Besonders da das -Katzengeschlecht sehr blutgierig ist und ich auch von der Strafe, die -sie wegen ihrer Grausamkeit trifft, mitgefaßt werden könnte. Das -Verständigste ist also, ihn zu entlassen.“ - -Sofort wurde er entlassen. Er befand sich wieder in dem alten traurigen -Zustande der Verabschiedung. - - - - - - - - -27. ZARIFE UND ANTAR - - -In der Stadt Tus lebte ein Mann mit Namen Sejjar. Dieser war sehr -reich, aber er war sehr traurig, weil er keinen Sohn hatte. Jeden, den -er traf, fragte er, ob er kein Mittel kenne, um einen Sohn zu bekommen. -Eines Tages kam ein geschickter griechischer Arzt in sein Haus als -Gast. Sejjar teilte auch ihm sein Verlangen nach einem Sohne mit und -bat ihn, ihm ein Mittel zu geben. Der gelehrte Arzt nahm aus seinem -Wunder bergenden Kasten eine feine Paste und sagte: „Zerstoße sie mit -der Galle eines Pfaus, gib es deiner Frau zu trinken und dann vollziehe -den Beischlaf mit ihr und, wenn Allah will, wirst du einen Sohn -bekommen.“ Am anderen Tage verabschiedete sich der Arzt. - -Es gab nun in der Stadt keinen Pfau. Nur der König hatte einen, den er -sehr liebte und hütete. Sejjar beriet sich mit seiner Frau Zarife, und -sie beschlossen, sich den Pfau auf irgendeine Art zu beschaffen. Eines -Nachts gingen sie in den Garten, wo der Pfau war, holten den Pfau mit -List heraus und brachten ihn in ihr Haus zu einer Zeit, wo kein Fremder -dort war. Sofort schlachteten sie ihn, nahmen seine Galle, zerstießen -sie mit der erwähnten Paste und tranken sie. Zarife hatte aber einen -Bruder, mit Namen Antar. Zarife konnte aus übergroßer Freude, einen -Sohn zu bekommen, nicht mehr an sich halten und erzählte dem Antar die -ganze Geschichte. Als am nächsten Tage der Pfau vermißt wurde und der -König davon erfuhr, befahl er, ihn zu suchen und versprach einem jeden, -der ihn fände oder Kunde von seinem Leben oder Tod bringe, tausend -Goldstücke zu geben. - -Als dies durch Ausrufer bekannt gegeben wurde, und als Antar von den -tausend Goldstücken hörte, da ging er zum König und erzählte ihm die -Geschichte. Der König entbrannte vor Zorn über die Frau und befahl, sie -zu töten. Seine Vezire sagten aber: „O König, ohne den wahren -Sachverhalt der Angelegenheit erforscht zu haben, diese arme Frau -umzubringen, ist dem göttlichen Recht zuwider, denn dem Worte eines -Mannes, der vielleicht aus Eigennutz ausgesagt hat, darf man nicht -vertrauen. Die Frau muß ordentlich ausgefragt werden. Wenn sie ihn -wirklich genommen hat, soll sie ihre Strafe erhalten, wenn aber im -Gegenteil dieser Mensch nur aus Eigennutz ausgesagt hat, soll er -bestraft werden.“ - -Dem König gefiel der Vorschlag seiner Vezire, und er dämpfte etwas -seinen Zorn. Er rief den Antar und sagte: „Mensch, wenn deine Aussage -nicht richtig ist, werde ich dich an ihrer Stelle töten.“ Antar -antwortete: „Mein Padischah, ich habe selbst von meiner Schwester -gehört, daß sie den Pfau umgebracht habe. Wenn du aber meinen Worten -nicht glaubst, so bestimme zwei Männer. Ich werde sie irgendwo -verbergen und werde sie die Worte meiner Schwester hören lassen.“ - -Der König gab dem Antar zwei Leute, denen er vertraute, mit. Antar -versteckte einen jeden von ihnen in einem Kasten, verschloß sie und -ließ sie von zwei Lastträgern in das Haus seiner Schwester bringen. -Dann sagte er: „Schwester, ich muß irgendwohin verreisen. In diesen -Kästen sind meine Kostbarkeiten, die ich fürchte in meinem Hause zu -lassen. Sie sollen bei dir zur Aufbewahrung bleiben.“ Sie sprachen dann -von allerlei Dingen, und er brachte das Gespräch auf den Pfau und -sagte: „Ach, Schwester, wie wäre es, wenn du doch einen Sohn bekämst! -Wie würden wir uns freuen! Aber erzähle mir doch noch einmal, wie ihr -den Pfau in der Nacht habt fangen können. Ich habe mich sehr darüber -gefreut. Verzeih mir nur, daß ich das erste Mal, als du mir es -erzähltest, nicht recht zugehört habe, weil ich zu aufgeregt war. -Erzähle es mir, bitte, noch einmal!“ - -Zarife erzählte auch, von Anfang bis zu Ende, wie sie dorthin gegangen -seien, ihn ergriffen, nach Hause gebracht und getötet hätten. Zum -Schlusse sagte sie dann: „Es war gerade Morgen geworden, und ich wachte -auf. Es war ein Traum. Aber da der Pfau ein bunter Vogel ist, so deutet -das darauf hin, daß ich, wenn Gott will, einen schönen Sohn bekommen -werde. Es muß ein guter Traum sein, denn wer im Traum einen Pfau sieht, -deutet das so.“ Antar sagte: „Schwester, war das denn ein Traum, was du -mir das erste Mal erzähltest?“ Zarife antwortete: „Bruder, weißt du -nicht, daß ich nicht einmal einen Sperling töten kann, wie sollte ich -wohl einen Pfau schlachten besonders, wenn es der des Königs ist. Du -hast mich in deiner Aufregung nicht verstanden und hast angenommen, ich -hätte dir ein wirkliches Ereignis erzählt.“ - -Antar war ganz bestürzt und hatte nicht die Kraft, wieder zum Könige zu -gehen. Aber als die Vertrauensmänner des Königs wieder zu ihm geführt -wurden, ließ man sie alles eins nach dem andern erzählen. Sie -berichteten, wie sie gehört hatten: „O König, was die Frau sagte, war -ein Traum. Sie sagte auch, daß es ein solcher sei. Dieser Mann hat es -für Wirklichkeit gehalten.“ Der König sah ein, daß Antar nur aus -Eigennutz gehandelt habe, und ließ ihn auf dem Richtplatze hinrichten. -Der Zarife erwies er aber viele Gnaden und Wohltaten. - - - - - - - - -28. DSCHEMILE UND DIE DREI FREIER - - -Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und -seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt -nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu -seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist -herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt -bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob -ich wiederkomme.“ - -Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen -jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das -Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete -ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die -Pilgerfahrt mit ihm zusammen. - -Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den -anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in -Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort -einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß -der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in -Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für -ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie -mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die -Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben -bleiben. - -Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach -seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam, -traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei -Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn -waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas -vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da -der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie -in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit -Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht -als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das -Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des -Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So -entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der -fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen -geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die -Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu -Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam -sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde -schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines -Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in -die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und -wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für -Leichentuch und Waschung, und begruben sie. - -Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten -sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen, -sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens -verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr -Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich -wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht -mehr aushalten und kann meine Sehnsucht nicht bis zum Jüngsten Tage -hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst, -tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben, -und welches Anrecht hättest du auf sie?“ - -Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu -öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf -ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr -geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen -von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor, -als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die -Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte -ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader -gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte -Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das -Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte -vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu -schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht -schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen, -da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug -die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und -schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen, -wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die -Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt. - -Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib -sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet -ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt -ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens -festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können? -Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie -zu schlagen. Ich habe den Stock genommen und sie geschlagen. Hätte ich -das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“ - -Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer -Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch -ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode -werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures -Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen -wir sehen, was sich machen läßt.“ - -Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter -wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder -priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr. - -Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das -Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des -Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes -weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den -Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters -gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen. -Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken! - - - - - - - - -29. DER GREIS, DER NIE VERLIEBT WAR - - -Der erhabene Heilige Bajezid Bistami hielt einst in der Moschee eine -Predigt. Alle Anwesenden, groß und klein, waren von seinen Worten -begeistert. Als die Begeisterung am höchsten war, trat ein Opiumraucher -an seine Kanzel und sagte: „Meister, durch die Macht deiner glänzenden -Rede führst du alle Welt auf den Pfad Gottes. Ich habe eine Bitte an -dich. Mir ist mein Esel verloren gegangen, sage mir, wo er ist.“ -Bajezid Bistami sagte: „Gedulde dich nur! Ich werde ihn finden.“ Darauf -fing er wieder zu predigen an. Während der Predigt wandte er sich an -die Anwesenden und fragte: „Gemeinde Muhammeds, ist einer unter euch, -der nie verliebt gewesen ist? Wenn das der Fall ist, so stehe er auf.“ -Da stand ein Greis auf und sagte: „O Scheich, in der Wissenschaft der -Liebe bin ich ein Laie. Seit meiner Kindheit bis zum Greisenalter bin -ich nie verliebt gewesen. Was Liebe ist, weiß ich nicht. Ich habe -überhaupt keine Ahnung, was das ist, was du Liebe nennst. Sei doch so -freundlich und erkläre es mir!“ Da sagte Bajezid Bistami zu dem -Opiumraucher, der seinen Esel verloren hatte: „Mann, das ist der Esel, -den du verloren hast. Nimm ihn mit!“ - - - - - - - - -30. DER KAUFMANN UND DER KÖNIG DER TIERE - - -In den Märchenbüchern steht geschrieben, daß im Gebiete von Kedscherwan -ein Kaufmann, Namens Sadri, lebte. Nach Gottes Ratschluß -verschlechterte sich seine Lage von Tag zu Tag, so daß er ganz arm -wurde. Nach dem Sprichwort: „Sich regen bringt Segen“, beschloß er sich -auf Reisen zu begeben. Er machte sich also auf den Weg und kam in einen -Wald. Nun hatte ein Löwe sich diese Gegend unterworfen, und kein -Fremder durfte sie betreten. Die Antilope und die Gazelle waren seine -Vezire und leiten den Löwen auf den Pfad des Rechts. Durch Gottes Gnade -waren die Antilope und die Gazelle gerade in der Nähe des Löwen. - -Als der Kaufmann Sadri den Löwen sah, war er ganz verwirrt, fing an zu -zittern und stand ratlos da. Wenn er zurückging, würde der Löwe ihn von -hinten einholen und töten, wenn er geradeaus ging, würde er aus freien -Stücken an den Ort des Verderbens eilen. Da er schließlich nicht wußte, -was er tun sollte, schaute er verlegen vor sich hin. - -Die Antilope und die Gazelle waren von gutmütigem Charakter und -freundlichem Benehmen. Als sie den armen Sadri sahen, hatten sie -Mitleid mit ihm und griffen zur List, denn sie wußten, daß der Löwe ihn -nicht schonen, sondern töten würde. Um Sadri zu retten, gingen sie zum -Löwen, lobten ihn ins Gesicht und sagten: „Möge Gott, der Höchste, dem -Könige der Tiere langes Leben und Macht geben! Da sogar die Menschen -gehört haben, daß alle Tiere unter dem Schutz deiner Gerechtigkeit -zufrieden und froh leben, so ist ein Mensch zu deiner Schwelle gekommen -und hofft auf deine Güte. Aber vor deiner Majestät ist er verwirrt und -wagt nicht, ohne Erlaubnis einzutreten. Wenn du die Erlaubnis gewährst, -will er den Staub deiner Füße küssen.“ - -Der Löwe freute sich sehr über ihre Rede und gab die Erlaubnis. Auf -Anweisung der Antilope und der Gazelle ging er zum Empfang bei dem -Löwen, küßte verwirrt den Erdboden und erfüllte die Erfordernisse der -Hofetikette. - -Nun hatte der Löwe in einem Engpaß mehrere Karawanen vernichtet und ihr -Geld und ihre Edelsteine geraubt. Er schüttete diese vor Sadri aus und -sagte: „Nimm dir davon, soviel du willst!“ Dieser nahm von dem Gelde, -soviel er konnte, und kehrte wieder in seine Heimat zurück. Er -verkaufte davon so viel, um seine Schulden zu bezahlen, und vergrub den -Rest in einem Winkel seines Hauses. - -In seiner Habgier bereute er es, nicht alles Gold und alle Edelsteine, -die der Löwe hatte, genommen zu haben, und ging wieder an die Stelle, -wo sich der Löwe befand, ohne zu bedenken, wie trügerisch das Schicksal -ist, und daß der Habgierige schließlich enttäuscht wird. Kurz, er -befand sich an der bewußten Stelle dem Löwen gegenüber. - -Aber an diesem Tage befanden sich bei dem Löwen von seinen Hofleuten -der Wolf und der Schakal. Da diese von Natur böswillig waren, so -leiteten sie den Löwen nie zum Guten. Um den Löwen aufzureizen, sagten -sie: „König der Tiere, warum beschützt du nicht diese Gegend? Was ist -das für eine Unachtsamkeit, daß die Menschen ohne Erlaubnis deine -Residenz betreten und die Regeln, die deine Majestät vorgeschrieben, -verachten? Die Menschen sind überhaupt ein unverschämtes Geschlecht, -und ihre Schlechtigkeiten auf der Erde sind viel, so daß es zu deinen -dringendsten Aufgaben gehört, sie in die Schranken zu weisen.“ So -brachten sie den Löwen in äußerste Wut, so daß er Sadri angriff, um ihn -zu zerreißen und zu zerstückeln. - -Als Sadri sah, daß die Antilope und die Gazelle nicht bei dem Löwen -waren und der Wolf und der Schakal mit ihrer Tücke den Löwen gegen ihn -aufgebracht hatten, da erkannte er, daß er in sein Verderben gerannt -war. Er kletterte aus Furcht für sein Leben auf einen Baum und -erreichte das Gestade der Sicherheit. - -Der Löwe war sehr zornig und schlug den Baum mit seinem Schweife, um -ihn auszureißen. Da erschien die Antilope und die Gazelle, und der Wolf -und der Schakal zogen sich zurück, da ihre Gegenwart nicht mehr so -erwünscht war. Die Gazelle und die Antilope sahen, daß der Mann aus -Habgier wiedergekommen war und sich den Zorn des Löwen zugezogen hatte. -Sie wußten ganz klar, daß der Löwe ihn in Stücke reißen würde. - -Deswegen regte sich ihr Mitleid und sie bemühten sich, ihn zu befreien. -Sie traten vor den Löwen, küßten ehrfurchtsvoll den Erdboden und -sagten: „Mächtiger König und Kaiser, Gott dem Höchsten sei Dank, daß er -seiner Diener Gebete erhört hat und daß uns durch ihn soviel Erfolg -beschert wurde. Kann es eine größere Gnade Gottes geben als, daß auf -der ganzen Erde Tiere und Menschen dich loben und preisen und für die -Dauer deiner Herrschaft beten, aber auch die in der Luft fliegenden -Vögel und die in den Höhen schwebenden Engel steigen auf die Zweige der -Bäume als Kanzeln, um deine Güte und Gnade zu preisen, und loben mit -beredten Worten deine Herrschaft.“ - -Als der Löwe diese besänftigenden Worte hörte, legte sich sofort sein -Grimm und er sagte: „Möge Gott es euch vergelten! Wenig fehlte und ich -hätte dem Worte der andern vertrauend diesen unschuldigen armen -Kaufmann getötet. Sagt ihm, er soll sich nicht fürchten und für mich -weiter beten.“ Dann wandte er sich seiner Wohnung zu. Die Gazelle und -die Antilope ließen Sadri entwischen. Ohne ihre Bemühungen wäre er -sicher wegen seiner Habgier umgekommen. - - - - - - - - -31. DER HABGIERIGE SEIDENSPINNER - - -In einer Stadt Iraks lebte ein Seidenspinner. Er konnte ein Haar in -vierzig Strähnen teilen und war jeden Augenblick an der Arbeit. Trotz -seines Eifers konnte er nicht mehr verdienen, als er gerade für den Tag -brauchte. Er hatte einen Freund, der Wollkrempler war. Eines Tages -besuchte er ihn und fand sein Haus mit allerlei Kostbarkeiten angefüllt -und seine Kleider und Wertsachen in Menge vorhanden. Hierüber wunderte -er sich und sagte zu sich: „Ich gehe Tag und Nacht zu Königen und -Fürsten und arbeite ihrer würdige Sachen, dieser Wollkrempler dagegen -reinigt nur Baumwolle und Wolle. Während er zu solchem Reichtum gelangt -ist, bin ich vor Armut nahe am Sterben. Was kann Gott damit bezweckt -haben?“ Mit diesem Gedanken kam er nach Hause zurück und setzte sich -hin, versunken in das Meer des Nachdenkens und der Aufregung. Seine -Frau kam zu ihm und fragte ihn nach seiner Traurigkeit. Der -Seidenspinner erzählte ihr den Grund seines Nachdenkens und sagte zu -ihr: „Frau, ich bin nun entschlossen, diese Stadt zu verlassen und in -ein anderes Land zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich meinen -Unterhalt nur mit Mühe verdienen. Ich will also in eine Stadt gehen, -die meine Kunstfertigkeit zu würdigen weiß, und dort werde ich bequem -leben. Außerdem sagen auch die Weisen: ‚Wenn der Halbmond nicht -wandert, wird er kein Vollmond, und wenn die Perle nicht die Muschel -verläßt, wird ihr Wert nicht erkannt.‘“ Seine Frau sagte: -„Seidenspinner, deine Gedanken sind töricht und sinnlos. Gott hat im -Koran gesagt: ‚Wir haben einem jeden seinen Unterhalt zugeteilt‘, und -jedes Tier hat seine Nahrung, gemäß dem Koranverse: ‚Jedes Tier hat -seine Nahrung von Gott.‘ Niemand kann durch Eifer und Sorgfalt mehr als -seine ihm zugewiesene Nahrung erwerben. Wenn du dich einer Sache, die -dir bestimmt ist, entziehen wolltest, so würde sie dich doch erreichen, -und wenn du dich jahrelang bemühen würdest, mehr, als dir zugedacht -ist, zu erreichen, so wirst du es nie erlangen. Die Geschichte des -Ibrahim Edhem, des Königs von Balch — Gott habe ihn selig! —, der sich -mit dem begnügte, was die ewige Vorsehung ihm zuwies, und in das Reich -der Seligen einging, indem er sein Königtum aufgab, ist für alle, die -sie hören, eine ernste Mahnung und Warnung.“ - -Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ - -Darauf erzählte die Frau: - -„Ibrahim Edhem, der König von Balch, ging einst während seiner -Regierung auf die Jagd. Während er im Freien aß, sah er, daß plötzlich -eine Biene kam, ein Stück Brot vom Tische nahm und wieder davonflog. -Ibrahim Edhem wurde durch diesen Vorgang in seinem Innern bewegt und -folgte der Biene, die zu einem Baume flog und sich an dessen Fuße -niederließ. Ibrahim Edhem sah, daß am Fuße ein blinder Sperling saß. -Als dieser das Summen der Biene vernahm, öffnete er seinen Schnabel, -und die Biene brach das Brot, das sie vom Tische genommen hatte, in -drei Teile und steckte eins nach dem andern dem blinden Sperling in den -Schnabel. Dann flog die Biene wieder davon. - -Als Ibrahim Edhem dies wunderbare Wirken Gottes sah, da entsagte er -ganz der Welt und wandte sich Gott zu. - -Sollte daher, mein Gatte, — fuhr die Frau fort — Gott, der Allernährer, -der einem blinden Sperling in der Wüste seine Nahrung sendet, dir nicht -auch deinen Unterhalt geben? Warum gibst du dich also so bösen Gedanken -hin?“ - -Der Seidenspinner antwortete: „Was du sagst, Frau, das ist Ergebung in -den Willen Gottes. Das ist auch etwas Gutes, aber eigenes Bemühen ist -etwas anderes und das begreifst du nicht. Man sagt: ‚Der angebundene -Löwe erjagt kein Wild‘ und ‚das Pferd, das nicht läuft, kommt nicht zum -Ziel und gewinnt nicht den Wettpreis.‘ Ich für mein Teil bin -entschlossen, in ein anderes Land zu gehen.“ Mit diesen Worten -verabschiedete er sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg. - -So kam er nach der Stadt Nischapur. Als er einige Zeit seinem Gewerbe -nachgegangen war, erwarb er nach Wunsch Geld und sagte zu sich: „Wenn -ich von heute ab noch vierzig bis fünfzig Jahre lebe, so kann ich -bequem in meiner Heimat, ohne zu arbeiten, glücklich damit auskommen.“ -Er brach von Nischapur auf, um nach dem Irak aufzubrechen. Unterwegs -mußte er an einem gefährlichen Orte zu Nacht bleiben. Der Schlaf -überwältigte ihn. Im Schlaf sah er zwei schön gestaltete Vögel sich auf -die Erde niederlassen, und der eine fragte den andern: „Wer bist du?“ -Die beiden schienen sich nicht zu kennen. Da sagte der eine Vogel: „Ich -bin das Abbild des Fleißes und Eifers dieses Seidenspinners.“ Der -andere sagte: „Ich bin das Abbild seines Glückes. In seinem -Schicksalsbuch steht geschrieben, daß er nie weltliche Schätze, die er -aufsparen und vergraben könnte, haben wird. Denn Gott, der Allmächtige -und Allweise, ist seinen Dienern gegenüber barmherziger als Vater und -Mutter. Da sein ewiges Wissen alles umfaßt, was eines jeden -Charakteranlage passend ist, so schenkt er seinen Knechten allerlei -Gnadengaben, wie sie ihm heilsam sind. Wessen Charakter rein und bei -wem der Spiegel seines Herzens von Aufrichtigkeit glänzt, wessen -Frömmigkeit, je mehr sein Reichtum wächst, um so mehr an Milde und -Würde zunimmt, dem setzt Gott die Königskrone auf und bekleidet ihn mit -dem Königsmantel, von wem er aber weiß, daß sein Charakter zur Zeit des -Reichtums zum Übermut neigen würde, dem gibt er sein tägliches Brot -ratenweise, damit die Armut ihm heilsam sei und er vor Übermut bewahrt -bleibe. Also du, Seidenspinner, willst du mit deinem Gelde gehen und -dich deinem Schicksal entgegenstellen?“ Mit den Worten des Korans: „Es -gibt niemand, der Gottes Beschluß rückgängig machen oder seine -Entscheidung umstoßen könnte“, ergriff er seinen Geldbeutel und rief -den Ibn almirrich herbei. Sofort erschien jemand, der wie der Mars -(Mirrich) und wie ein Henker aussah. Diesem lud er das Geld auf, und -die drei verschwanden aus den Augen des Seidenspinners. - -Als er aus diesem schrecklichen Traume aufwachte, sah er mit eigenen -Augen, daß die Geschichte Wirklichkeit war, und daß sein Geld mit dem -Beutel verschwunden war. Der arme Seidenspinner war hierüber entsetzt, -suchte überall, fand aber keine Spur von seinem Gelde. Aus Scham vor -seiner Frau und den anderen Leuten konnte er nicht nach der Stadt im -Irak gehen und wandte sich wieder nach Nischapur und widmete sich -seinem Gewerbe. Nach kurzer Zeit hatte er mehr Geld als das erste Mal -verdient und wollte nun ins Irak, in seine Heimat, zurückreisen. Wieder -mußte er übernachten. Während er schlief, hatte er denselben Traum. Das -Abbild des Glücks sprach zu dem des Fleißes: „Du Tor, quäle dich doch -nicht nutzlos, mehr zu erwerben, als der Herr der Welten in seiner -ewigen Weisheit bestimmt hat. Das hatte ich dir schon vorher gesagt. -Warum begehst du die Torheit und Sünde, Gott zuwider zu handeln?“ Da -entschuldigte ihn das Abbild des Fleißes und sagte: „Verzeihe, wir -haben die Gewohnheit, daß wir jeden, der arbeitet und unser Gewand -flehend anfaßt, in seinen Bestrebungen nicht schädigen und auf jeden -Fall sein Ziel erreichen lassen. Wenn er dann deine Hilfe hat, so hat -er Erfolg, wenn nicht, so nützt unser Eifer nichts. Jedes Verlangen -hängt von dir ab. Wer dein Wohlwollen hat, braucht sich nicht zu -bemühen. Mag er auch ein noch so großer Verschwender sein, sein -Vermögen vermindert sich nicht.“ - -Als der Seidenspinner aufwachte und von seinem Gelde nichts vorfand, -wußte er, daß sein Traum Wirklichkeit war. Da sagte er sich, daß es -Sünde sei, auf dem Wege der Widersetzlichkeit weiter zu wandeln, und -daß er mit dem, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war, zufrieden sein -müsse. Er ging also in seine Vaterstadt und erzählte das, was ihm -passiert war, seiner Frau. Diese sagte: „Wie oft hatte ich dich -gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Dir ist das gleiche passiert, -wie dem Schakal in der Geschichte.“ - -Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Frau -erzählte: - -„In alter Zeit hatte jemand ein Kamel, das so räudig geworden war, daß -infolge seiner Fieberhitze das rote Fleisch zum Vorschein gekommen war. -Da kein Mittel helfen wollte, so trieb der Besitzer das Kamel in die -Wüste. Als es nun allein in der Wüste ging, lag ein Schakal im -Hinterhalt vor einem Mauseloch und wartete auf Mäuse. Als er es sah, -gab er die Mäuse auf und folgte dem Kamel, denn er dachte, daß es seine -Beute werden würde. Seine Genossin, das Schakalweibchen, warnte ihn und -sagte: ‚Gib aus Habgier nicht die Beute, die du in der Hand hast, auf! -Begnüge dich mit wenigem! Es ist sehr wahrscheinlich, daß du, während -du Größeres suchst, auch das Kleinere nicht erlangst und dann -enttäuscht dastehst.‘ - -Der Schakal antwortete: ‚Sich mit Geringem zu begnügen, ist nur etwas -für gewöhnliche Leute, aber ich habe ein hohes Streben. Eine so große -Beute aufzugeben und Mäuse zu fangen, kommt mir nicht in den Sinn, und -ich begnüge mich nicht mit so niedriger Beute.‘ - -Er folgte dem Kamel zwei bis drei Tage, erreichte aber nicht seinen -Wunsch und hatte die nahe Beute auch aus der Hand gelassen, so daß er -mit leerer Hand und hungrigem Magen zu seinem Weibchen zurückkehrte. -Diese sagte zu ihm: ‚Mit deiner täglichen Nahrung warst du nicht -zufrieden, deswegen hast du nun Elend und Mühe ausstehen müssen.‘“ - -Der Seidenspinner bereute nun seine Habgier und war mit dem zufrieden, -was ihm von Ewigkeit her bestimmt war. - - - - - - - - -32. DER BEDUINE UND DER KALIF MAMUN - - -Eines Tages kam ein Beduine zum Kalifen Mamun und sagte: „Beherrscher -der Gläubigen, ich möchte die Pilgerfahrt nach Mekka machen, habe aber -kein Geld.“ Mamun antwortete: „Da du kein Geld hast, bist du auch nicht -verpflichtet, die Pilgerfahrt zu machen. Warum willst du dich unnütz -quälen?“ Der Beduine sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich wollte dir -meine Armut klagen. Wenn ich sagte: ‚Ich muß die Pilgerfahrt machen, -habe aber kein Geld‘, so hoffte ich auf ein Geschenk von dir. Du -erklärst mir aber theologische Streitfragen, indem du von der -Notwendigkeit der Pilgerfahrt sprichst.“ Der Kalif Mamun freute sich -über den Witz des Beduinen und gab ihm reiche Geschenke. - - - - - - - - -33. DER LUCHS UND DER LÖWE - - -Vor alten Zeiten lebte in einer Prärie ein Löwe, der einen Affen als -Haushofmeister hatte. Einst mußte der Löwe weggehen, und er übertrug -die Bewachung des Ortes dem Affen. Aber dieser war dazu nicht in der -Lage, denn bisweilen betraten Fremde den Ort. Einst kam der Luchs -dorthin und sah, daß es ein angenehmer Platz und eine entzückende -Stelle war. So beschloß er sich dort niederzulassen. - -Als der Affe den Luchs dort sah, sagte er: „Luchs, was für eine -Unverschämtheit begehst du, und warum streckst du dich in Überhebung -nicht nach der Decke? Nach dem Worte: ‚Gott erbarmt sich über den, der -bescheiden ist und nicht hoch hinauswill‘, geziemt es sich für jeden, -daß er sich richtig einschätzt und nicht seine Grenze überschreitet. -Dieser Platz gehört dem Löwen, dem Könige der Tiere. Seiner Macht und -Kraft kann niemand entgegentreten. Wie kannst du in deiner Dummheit -dies wagen? Fürchtest du dich nicht vor der Gewalt seiner Tatzen?“ Der -Luchs antwortete: „Du bist das dümmste Wesen der Welt, daß du so -grundlos unnütze Reden führst. Wie hat der Löwe diesen Platz erworben, -und welches Anrecht hat er darauf? Seit alten Zeiten habe ich ihn von -meinem Vater geerbt. Mögen Löwen, ja sogar Tiger kommen, ich will mit -ihnen kämpfen. Wofür hältst du mich? Glaubst du, daß ich mich vor einem -Löwen fürchte? Denkst du, ich sei nur ein Luchs? Wenn man jenen den -Löwen nennt, so nennt man mich den Löwenbezwinger. In meiner Küche wird -nur Löwen- und Tigerfleisch gekocht. Was ist das für ein Hund, den du -Löwe nennst? Er mag nur kommen. Ich werde ihn schon in seine Schranken -weisen und ihn lehren, anderer ererbten Besitz sich anzueignen.“ - -Der Affe war von den mutigen Worten überwältigt, wandte sich und ging -weg, aber das Weibchen des Luchses sagte: „Wir können nun doch nicht -länger hier bleiben. Wir müssen uns vor den Tatzen des Löwen in acht -nehmen, und es ist verständig, sich möglichst bald davon zu machen.“ -Der Luchs antwortete: „Fürchte dich nicht! Vielleicht ist dies gar -nicht der Platz des Löwen, und selbst, wenn es der Fall sein sollte, -könnte es durch Gottes Güte doch möglich sein, daß ihm dort, wohin er -gegangen ist, ein Unfall zugestoßen sei und er nicht zurückkäme, und -wenn er kommt, so ist es immer noch möglich, durch eine List sich vor -ihm zu retten. Wollen den heutigen Tag als Gewinn ansehen und ihn -fröhlich genießen. Für morgen wird Gott schon sorgen.“ Die Luchsin -sagte: „Ich zweifle nicht, daß dieser Platz dem Löwen gehört, und es -ist sehr wahrscheinlich, daß er keinen Unfall erleidet und hier -erscheint, außerdem wird man ihm erzählen, wie frech du von ihm -gesprochen hast. Und wenn du sagst, du würdest bei seiner Ankunft eine -List anwenden, so ist List auch nicht immer angebracht. Bisweilen -stürzte der Listige in sein Verderben, wie der Wolf, der den Schakal -überlisten wollte, durch seine List selber umkam.“ Der Luchs fragte: -„Was ist das für eine Geschichte?“ Die Luchsin antwortete: „Ich habe -gehört, daß einst ein Wolf die Höhle eines Schakals leer fand. Er ging -hinein, um den Schakal, wenn er komme, zu fangen. Als der Schakal kam, -sah er am Eingang der Höhle außer seinen noch fremde Fußspuren. -Vorsichtig ging er nicht hinein, sondern beschloß, bevor er sie -betrete, vorsichtig zu verfahren. Er rief daher vor der Tür: ‚Mein -Haus, mein liebes Nest!‘ Als aus dem Hause keine Antwort kam, sagte er: -‚Liebes Haus, sonst hat doch immer ein Gespräch zwischen uns -stattgefunden. Jedesmal wenn ich zu deiner Tür kam, rief ich, und du -antwortetest. Jetzt habe ich gerufen, du hast aber nicht geantwortet. -Es wäre schön, wenn du antwortetest, sonst müßte ich dich verlassen und -mir eine andere Wohnung suchen.‘ - -Der Wolf im Innern der Höhle sagte zu sich: ‚Weiß Gott, es muß zu den -Eigentümlichkeiten dieser Höhle gehören, zu antworten, wenn der -Besitzer kommt. Wenn ich jetzt nicht antworte, so geht der Schakal weg, -und all mein Bemühen war umsonst. Es ist also das Klügste, zu -antworten.‘ Er antwortete also: ‚Zu Befehl.‘ Als der Schakal die Stimme -des Wolfes hörte und wußte, wie die Sache stand, ging er zu einem -Hirten, der in der Nähe war, und erzählte ihm, daß der Wolf in der -Höhle sei. Der Hirt hatte schon oft von Gott eine solche Gelegenheit -erfleht, denn der Wolf hatte ihm schon oft ein Schaf von seiner Herde -geraubt. Er ging also sofort zu jener Höhle, legte vor ihre Öffnung -einen großen Stein. Der arme Wolf starb drinnen vor Hunger und Durst, -und die List, die er gegen den Schakal geplant hatte, traf ihn selber.“ - -Als der Luchs diese Geschichte hörte, antwortete er der Luchsin: - -„Wie kannst du mich mit dem Wolf vergleichen? Der Wolf, wie du ihn -nennst, ist ein dummer Hund. Wenn er Verstand gehabt hätte, würde er -nicht aus dem Hause geantwortet haben. Der Kluge darf natürlich in -seiner List keine Fehler machen. Aber das verstehst du nicht.“ - -Während der Luchs sich mit der Luchsin stritt, entstand plötzlich ein -Lärm. Der Löwe war nämlich gekommen. Die Tiere standen auf und -begrüßten ihn. Sein Hausmeister, der Affe, aber eilte allen voraus und -erzählte, daß der Luchs gekommen sei und sich so unverschämt benommen -habe. Da sagte der Löwe: „Affe, so viel Mut und Energie, wie du da -erzählst, hat der Luchs gar nicht. Das ist gar kein Luchs, sondern ein -wildes Tier, das mich an Kraft und Mut übertrifft, sonst hätte es dies -nicht gewagt, deswegen muß ich vorsichtig sein.“ - -Als er dann nicht weiter vorging, sagt der Affe zu ihm: „König der -Tiere, gibt es auf der Erde ein Wesen, das tapferer, mutiger und -heldenhafter als du wäre? Warum tust du so? Ich habe ihn hundertmal -gesehen und weiß ganz sicher, daß es ein Luchs ist. Darum laß dich, -bitte, nicht von der Furcht überwältigen!“ Der Löwe antwortete: „Affe, -ein Luchs hat nicht so viel Mut. Seine Art hat tausendfach meine -gewaltige Faust kennen gelernt, aber nach dem Worte des Korans: ‚Über -jeden Wissenden gibt es einen Allwisser‘, ist es nicht -unwahrscheinlich, daß dies Tier zwar an Wuchs klein, aber an Mut mir -überlegen ist. Es heißt ja auch: ‚Selbst den Löwen besiegt und schlägt -er‘, und ein Sprichwort sagt: ‚Es ist besser, sich zur Flucht bereit zu -halten als im Unglück zu bleiben.‘ Anstatt mit ihm zu kämpfen und, wenn -ich keinen Erfolg habe, meine Ehre zu schädigen, ist es verständiger, -sofort zu fliehen, ohne von ihm gesehen zu werden.“ - -Als der Löwe und der Affe so miteinander sprachen, näherten sie sich -der Wohnung, immer sich nach rechts und links umschauend und auf die -Flucht bedacht. Währenddessen sagte die Luchsin: „Was ich befürchtete, -ist geschehen. Was willst du nun tun?“ Der Luchs antwortete: „Wenn der -Löwe herankommt, dann bringe unsere Jungen zum Weinen und Jammern. Wenn -ich dann dich frage: ‚Warum läßt du unsere Kinder schreien?‘, dann -antworte: ‚Unsere Kinder sind gewohnt, Löwenfleisch zu essen. Zwar -fehlt es durch deine, des Löwenbezwingers, Bemühungen in unserer Küche -nicht an Tigerfleisch, aber da das Löwenfleisch zarter ist, so -verlangen unsere Kinder dieses.‘“ - -Als der Löwe sich ihnen näherte, brachte die Luchsin tatsächlich die -Jungen zum Weinen, und als der Luchs mit lauter Stimme rief: „Warum -läßt du die Jungen weinen?“, da antwortete sie, wie sie gelehrt war. -Der Luchs rief: „In unserer Küche liegt Tigerfleisch bergehoch, aber -wenn sie an Löwenfleisch gewohnt sind und Tigerfleisch nicht mögen, wo -ist das Löwenfleisch geblieben, das ich neulich gebracht habe?“ Da -antwortete die Luchsin: „Es ist zwar Löwenfleisch da, aber da unsere -Kinder an frisches Löwenfleisch gewöhnt sind, so wollen sie das alte -nicht essen und verlangen frischen Löwenbraten.“ Der Luchs rief: „Für -den Augenblick sollen sie sich mit altem begnügen. Der Löwe, der in -diesem Walde lebte, muß bald hierher kommen, denn, seitdem er gegangen -ist, ist schon reichlich Zeit verflossen, er wird wahrscheinlich bald -kommen. Wenn er mit Gottes Güte heute oder morgen kommt, werde ich -ihnen von seinem Fleisch einen Braten machen.“ - -Als der Löwe diese Worte mit eigenen Ohren hörte, sagte er zum Affen: -„Hast du es nun gehört? Sagte ich dir nicht, dies ist ein mächtiger -Feind? Ein Luchs wagt so etwas nicht. Das Beste ist es nun, diesen Ort -zu verlassen.“ Als er fliehen wollte, sagte der Affe: „König der Tiere, -lasse dich durch Furcht doch nicht so verwirren! Jenes Tier ist ein -schwaches, verächtliches Geschöpf. Wenn du nun einmal in diesem Wahn -lebst, so lasse dich doch, bitte, in den Kampf ein, und du wirst den -wirklichen Sachverhalt erfahren.“ Mit derartigen vielen Worten brachte -er den Löwen wieder zur Umkehr und führte ihn wieder zum Luchs. Als -dieser den Löwen sah, da wußte er, daß der Affe ihn durch sein Drängen -zur Umkehr bewogen habe. Er ließ also wieder seine Jungen weinen, und, -als auf seine Frage die Luchsin wie das erste Mal antwortete, sagte er: -„Habe ich dir nicht gesagt, du solltest die Jungen für den Augenblick, -soweit möglich, beruhigen? Wie ich höre, ist der Löwe, der auf dieses -Haus Anspruch erhebt, soeben gekommen, und mein Freund, der Affe, ist -auch da. Er hatte es übernommen, den Löwen, sobald er gekommen sei, -durch List zu mir zu führen. Wenn Gott der Höchste den Plan des Affen, -meines Freundes, zur Ausführung kommen läßt, werde ich dem Löwen, -sobald er herangekommen ist, mit einen Angriff den Garaus machen. Dann -werden wir selbst und die Jungen zu leben haben, und ich werde mich dem -Affen für seine Bemühung dankbar erweisen und ihn in meine nächste -Umgebung aufnehmen.“ - -Als der Löwe diese Worte des Luchses hörte, sagte er: „Du -nichtsnutziger Affe, du wolltest mich mit List umbringen! Bevor du mich -tötest, will ich dich töten.“ Mit diesen Worten zerriß er den Affen, -und entfloh selbst mit aller Kraft von jenem Orte. Der Luchs aber, der -durch seine List gerettet war, verbrachte den Rest seines Lebens dort -mit Vergnügen. - - - - - - - - -34. DIE FRAU UND DER TIGER - - -Vor alten Zeiten hatte ein nichtsnutziger Mann eine verständige Frau, -die Pelenkferib hieß. Da dieser Mann infolge seiner nichtsnutzigen -Charakteranlage die Frau immer quälte und schlug, so konnte seine Frau, -nachdem er sie einmal wieder geschlagen hatte, es nicht mehr länger -aushalten und verließ in einer Nacht mit ihren zwei Kindern das Haus -und kam in eine Wüste, die so schrecklich war, daß selbst Riesen und -Wüstengespenster sich dort fürchteten. Plötzlich erschien vor ihr ein -Tiger, der sie mit ihren Kindern zu verschlucken beabsichtigte. Die -Frau sagte zu sich: „Wenn man ohne Erlaubnis seines Mannes wegläuft, da -ist es nicht wunderbar, wenn einem derartiges passiert.“ Sie gelobte -Gott mit aufrichtigem Herzen Buße und bat um Verzeihung und versprach -nach diesem, die Gewalttätigkeiten ihres Mannes zu ertragen und ihm -willfährig zu sein. - -Als der Tiger nun nahe herangekommen war, hatte sie eine göttliche -Eingebung. Sie sagte zu sich: „Ich will jetzt eine List dem Tiger -gegenüber anwenden. Wenn sie gelingt, ist es gut, und ich werde -gerettet, wenn nicht, was macht es? Ich habe wenigstens nichts -unversucht gelassen, um ihn fernzuhalten. Wenn ich jetzt schleunigst -fliehen würde, so würde er mich doch einholen. Das würde mir nicht -helfen. Es ist das Klügste, ihn zu überlisten. Ein anderes Mittel gibt -es nicht.“ - -Sie rief also mit lauter Stimme: „Bleib stehen, Tiger, beeile dich -nicht! Ich habe dir etwas zu sagen. Höre zu! Ich bin ja in deiner Hand, -dann kannst du mit mir machen, was du willst.“ Der Tiger wunderte sich -über diese Anrede, blieb stehen und fragte: „Was willst du mir sagen?“ -Die Frau antwortete: „Ich bin aus dem Dorfe hier in der Nähe. Dieses -Dorf beherrscht ein Löwe, der mit einem Sprunge die ganze Welt über den -Haufen werfen könnte. Damit er nun nicht das ganze Dorf vernichte, -haben die Bewohner aus Furcht vor ihm sich einmütig entschlossen, jeden -Tag dreimal das Los zu werfen und, wen es trifft, in die Küche des -Löwen zu schicken. Jetzt hat das Los meine beiden Söhne und mich -getroffen. Nun bist du auch in der Hoffnung, daß ich dir als Nahrung -diene, gekommen. Ich möchte dich nun nicht enttäuscht gehen lassen, das -leidet meine Großmut nicht, aber es geht auch nicht an, den Löwen in -seiner Nahrung zu schädigen. So ist es also billig, daß du einen von -meinen Söhnen und die Hälfte von mir verzehrst und die andere Hälfte -von mir und mein anderer Sohn für den Löwen verbleibt, damit weder du -noch der Löwe leer ausgehen.“ - -Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich vor dem Löwen und -sagte voll Bewunderung über die Großmut der Frau: „Pelenkferib, eine -solche Großmut habe ich bis jetzt noch bei keinem Geschöpf gesehen. Du -opferst dich für den Unterhalt deines Feindes. Ist wohl bis jetzt -deines Gleichen auf der Erde gewesen?“ Die Frau antwortete: „Großmut -besteht darin, Leib und Leben dahinzugeben, allein mit Geld ist es -nicht getan. Es gibt viele hunderttausend Menschen in dieser Welt, die -dem Feinde Wohltaten erwiesen haben. Da fällt mir eine passende -Geschichte ein. Wenn du willst, werde ich sie dir erzählen.“ Der Tiger -war sehr begierig sie zu hören und sagte: „Erzähle, was ist das für -eine Geschichte?“ Pelenkferib erzählte: - -„In den alten Geschichtsbüchern wird erwähnt: Als der Beste der Kalifen -der Ommajaden, der kluge und verständige Omar ben Abdulaziz, regierte, -da vergiftete diesen Gerechten einer seiner Diener, ein unglücklicher, -verfluchter Bösewicht. Als seines Körpers Pflanze durch die Einwirkung -des Giftes grün wie ein Garten wurde und die Angelegenheit allgemein -bekannt wurde, da ließ der Kalife diesen Diener, der ihm das Gift -gegeben, zu sich allein rufen und sagte: ‚Unglücklicher, sage mir die -Wahrheit, ob dies Verbrechen allein von dir ausgeht.‘ Der Bösewicht -sagte notgedrungen die Wahrheit, daß ihm einer von den Feinden des -Kalifen viel Geld versprochen habe, und deswegen habe er die -scheußliche Tat getan. - -Der Kalife sagte: ‚Du Tor, ich werde mich von dieser Krankheit nicht -erholen, sonst würde ich dir viel Gutes schenken. Aber nach meinem Tode -wird mein Sohn, der Erbe meines Thrones, sicherlich deine Hinrichtung -befehlen. Darum fliehe schleunigst, solange ich noch lebe, aus diesem -Lande, daß du dich vielleicht rettest.‘ Er gab ihm unzählige Goldstücke -und schickte ihn weg.“ - -Als die Frau mit der Geschichte fertig war, wandte sie sich an den -Tiger und sagte: „Ich muß ja sterben, und da ist es mir einerlei, ob -ich vom Löwen oder vom Tiger aufgefressen werde. Ich würde mich freuen, -wenn ich dir zufiele, da wir nun schon so lange miteinander erzählt -haben, und in Wirklichkeit habe ich auch in meinem Herzen eine Liebe zu -dir. Deswegen will ich dir einen Rat geben. Wenn du den einen meiner -Söhne und die Hälfte von mir verzehrt hast, halte dich hier nicht auf, -sondern entfliehe schnell, denn ich habe eine Zauberin zur Schwester. -Diese weiß noch nicht, daß ich durch das Los dem Löwen zugefallen bin. -Wenn sie es erfahren wird, kommt sie hierher und steckt die ganze -Gegend in Brand, und wer sich ihr nähert, verbrennt zu Asche. Wenn sie -zufälligerweise auch von dir hört, möchte sie auch dir ein Leid antun.“ - -Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich sowohl vor dem Löwen -wie auch vor der Zauberin. Da er außerdem Pelenkferibs Edelsinn -bewunderte und Mitleid mit ihr hatte, so verließ er sie, ohne ihr etwas -anzutun, und machte sich auf den Weg. - -Unterwegs traf er einen Fuchs, mit dem er befreundet war. Als dieser -den Tiger aufgeregt aussehend fand, fragte er ihn nach dem Grunde. Der -Tiger erzählte ihm das Abenteuer, das ihm passiert war. Der Fuchs -tadelte ihn und sagte: „Die Weisen haben Recht, wenn sie sagen, alle -Tapferen sind dumm, denn auch du bist zwar tapfer, aber unverständig. -Was nützt dir also dein Mut? Du Dummkopf, die Menschen sind vom Kopf -bis zum Fuß nur List und Trug. Sie meinen, daß wir Füchse uns besonders -auf die List verstehen, aber die Menschen sind uns überlegen. An -Stellen, wo wir es nicht erwarten, stellen sie Fallen und fangen uns -und tragen nachher unsern Pelz. Auch diese Frau hat einen so Mutigen -wie dich betrogen. Kein Verständiger hätte eine so fette Beute aus der -Hand gelassen. Laß von dieser Dummheit, führe mich an die Stelle. -Vielleicht komme ich unter deinem Schütze auch zu einem Braten.“ - -Der Tiger antwortete: „Wenn die Frau nun die Wahrheit gesagt hat, und -ihre Schwester, die Zauberin, kommt und uns durch ihre Zauberei -verbrennen will, dann kannst du dich schnell in Sicherheit bringen, da -du leichtfüßig bist. Ich aber, der ich von schwerfälligem Körperbau -bin, kann nicht entfliehen. Außerdem habe ich mit der Frau einen -Vertrag abgeschlossen, und sein Wort muß man halten. Darum wollen wir -nun die Sache ruhen lassen.“ Der Fuchs aber blieb hartnäckig und sagte: -„Tiger, die Frau hat gelogen. Wenn sie aber wirklich die Wahrheit -sollte gesagt haben, so reiße mich zuerst in Stücke, und, wenn du -meinst, daß ich schnell entfliehen und mich in Sicherheit bringen kann, -so binde ein Bein von mir an das deinige, und so wollen wir gehen.“ - -Der Tiger band also ein Bein des Fuchses an sein Bein, und so zogen sie -zu der Stelle, wo die Frau war. Diese hatte, als der Tiger sie -verlassen hatte, zu sich gesagt: „Wenn ich jetzt schleunigst fliehe und -der Tiger das, was er getan, bereut und zurückkommt und mich verfolgt, -dann würde ich mich, auch wenn ich tausend Leben hätte, nicht vor ihm -retten können. Darum ist es das Klügste, sich nicht zu beeilen, sondern -hier zu bleiben. Wenn er kommt, will ich, um ihn zu täuschen, alles -Schilf hier anzünden.“ Sie zündete alles Schilf in der Gegend an und -stieg auf einen Baum. Da sah sie auch, daß der Tiger kam mit dem Fuchs, -den er an sein Bein gebunden hatte, als Weggenossen. Sie erriet, daß -dieser den Tiger aufgereizt habe. Sie rief daher unter Wehklagen vom -Baume: „Du unverständiger Tiger, infolge unserer langen Unterhaltung -hatte ich Mitleid mit dir. Warum hast du meinen Rat nicht befolgt und -dich in dieses Feuermeer gestürzt? Ich hatte dir doch vorher gesagt, -daß meine Schwester kommen und die Welt in Brand setzen werde. Durch -Zauberei hat sie sich in einen Fuchs verwandelt und geht neben dir, -während du glaubst, daß er dein Freund sei. Sie wird dich nun -vernichten. Komm nicht näher, sondern bringe dich schleunigst in -Sicherheit.“ - -Es fehlte wenig, daß dem Tiger das Herz vor Angst im Leibe zersprang. -Um sich möglichst schnell zu retten, lief er so schnell, daß er eine -Tagesreise in einer Stunde zurücklegte, und während er lief, wurde der -an sein Bein gebundene Fuchs mitgeschleift und in Stücke gerissen, so -daß er umkam. - - - - - - - - -35. DER ESEL IN DER LÖWENHAUT - - -In alten Zeiten lebte ein Kaufmann, der sehr reich war. Nach Gottes -Ratschluß ging aber sein Reichtum von Tag zu Tag zurück, so daß ihm das -Notwendigste fehlte. Nur einen Esel besaß er noch, der vor Hunger so -schwach und elend geworden war, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. -Da sagte er aus Mitleid mit seinem Esel zu sich: „Anstatt ihn -verhungern zu lassen, will ich ihn ins freie Feld lassen zum Grasen. -Vielleicht hilft das ihm.“ Aber aus Furcht, daß die wilden Tiere wegen -seiner Schwäche ihm leicht ein Leid zufügen konnten, legte er ihm ein -Löwenfell auf den Rücken und ließ ihn so frei laufen. - -Die wilden Tiere hielten den Esel für einen Löwen und flohen vor ihm. -Nach einiger Zeit war der Esel ganz fett geworden. Als er einmal wieder -herumstreifte, traf er einen Garten, in den er hineinging. Als die -Gärtner den Esel sahen, hielten sie ihn für einen Löwen und kletterten -auf einen Baum, während der Esel rechts und links alles fraß, was er im -Garten fand. Währenddessen gingen draußen vor dem Garten einige Esel -vorüber und schrieen; als der Esel im Löwenkleid die Stimmen seiner -Genossen hörte, ließ er sein widerwärtiges Geschrei erschallen. - -Als die Gärtner seine Stimme hörten, sahen sie, daß es ein Esel war und -erkannten, daß ein Mensch in seiner List so gehandelt habe. Sie stiegen -sofort von dem Baume, nahmen dem Esel das Löwenfell ab, verprügelten -ihn ordentlich, legten ihm einen Tragsattel auf und beluden ihn. - - - - - - - - -36. DER KAISER VON CHINA UND DIE GRIECHISCHE PRINZESSIN - - -Einst herrschte über China ein mächtiger Kaiser, mit Namen Fagfur. Er -hatte einen sehr klugen und weisen Vezir, der zu jeder Zeit und ohne -besondere Erlaubnis das Gemach des Kaisers betreten durfte. Eines Tages -betrat der Vezir nach alter Gewohnheit das Zimmer, wo der Thron stand, -und traf den Kaiser Fagfur auf seinem Throne schlafend. Durch das -Eintreten seines Vezirs wachte er auf, ergriff sein Schwert und stürzte -auf den Vezir. Als er im Begriff war ihn zu töten, warfen sich die -Hofleute dem Kaiser zu Füßen und befreiten den Vezir mit genauer Not. - -Als sich nach einiger Zeit der Zorn des Kaisers gelegt hatte, befragte -man ihn nach dem Grunde des Zornes. Da antwortete er: „Im Traume sah -ich ein hübsches Mädchen, wie ich noch keins in der Welt gesehen; doch -nicht nur ich, sondern auch das Firmament hat nie etwas derartiges -gesehen. Als ich vor Wonne in ihren Anblick versunken war, kam der -Vezir und weckte mich auf. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor Augen, -und mein Herz denkt noch an sie.“ - -Der Vezir, der so klug und weise wie Aristoteles war, konnte mit einem -klugen Gedanken tausend Schwierigkeiten lösen. Gleichzeitig war er ein -so großer Meister in der Malerei, daß Mani und Behzad seine Schüler -hätten sein können, und daß von ihm gemalte lebende Wesen wirklich -lebten. Dieser Vezir bemühte sich nun, dem Kaiser in seiner Liebe zu -helfen. Er fragte also den Kaiser nach seinem Traume aus und malte nach -der Beschreibung und Darstellung des Kaisers ein Bild von dem Hause, -das er im Traume gesehen, und von der Schönheit und Lieblichkeit und -von der Gestalt des Mädchens. Dann erbaute er außerhalb der Stadt an -einer Stelle, wo die Wege sich kreuzten, eine Herberge und fragte alle -Ankommenden nach dem Orte und dem Mädchen, die das Bild darstellte. - -Eines Tages kam ein Weltreisender. Als er das Bild sah, verfiel er in -Nachdenken und Staunen. Der Vezir fragte ihn nach der Ursache seines -Staunens. Der Reisende sagte: „Ich wundere mich darüber, daß dieses -Bild der Tochter des Kaisers von Rum gleicht.“ Als der Vezir dies vom -Reisenden erfuhr, wurde er froh und erkundigte sich nach diesem -Mädchen. Der Reisende sagte: „Dies ist das Bild der Prinzessin von Rum. -Obgleich sie sehr schön ist, will sie doch nicht heiraten. Der Grund -dafür ist der, daß, als sie eines Tages in einem Garten saß, in einem -Gebüsch ein Pfauenpaar Junge ausbrütete. Zufälligerweise entstand ein -Brand in dem Gebüsch. Als der männliche Pfau das Feuer sah, verließ er -das Weibchen und die Jungen. Das Weibchen blieb aus Liebe zu seinen -Jungen und verbrannte mit ihnen zu Asche. Als die Prinzessin die -Treulosigkeit des Pfauenmännchens und die Liebe des Weibchens sah, -gewann sie den Glauben, daß Treulosigkeit die Eigenschaft der Männer -sei, und daß alle Treulosigkeit in der Welt von ihnen ausgehe. -Infolgedessen darf in ihrer Gegenwart das Wort Mann nicht erwähnt -werden. Noch viel weniger denkt sie daran sich zu verheiraten.“ - -Als der Vezir dies von dem Reisenden erfuhr, freute er sich, ging zu -dem Kaiser Fagfur und erzählte ihm, was er gehört hatte, indem er sich -verpflichtete, sie ebenso verliebt in den Kaiser zu machen, wie dieser -sich in sie verliebt hatte. - -Er bat um die Erlaubnis, nach Rum zu gehen, verkleidete sich -gleichfalls als Reisender und machte sich mit dem genannten Reisenden -zusammen auf den Weg. So kamen sie nach Rum, nach Konstantinopel. Der -Reisende zeigte dem Vezir den kaiserlichen Garten. Der Vezir zog das -Bild aus dem Busen und sah, daß es genau der paradiesische Ort war, den -Fagfur im Traume gesehen hatte. Nun wußte er sicher, daß das Mädchen, -in das sich der Kaiser verliebt hatte, die Prinzessin von Rum sei. Sie -überlegten, was nun zu tun sei. - -Der Vezir ließ sich in einer Karawanserei nieder und fing an, Bilder zu -malen. Da diese von größter Feinheit waren, so wurde er bald so -bekannt, daß man der Prinzessin und ihrem Vater, dem Kaiser, -berichtete, daß ein großer Meister aus China gekommen sei. Die -Prinzessin, die Neigung zu heiterer Lebensfreude und Kunstgenuß hatte, -bat ihren Vater, den Kaiser von Rum, um die Erlaubnis, den Maler kommen -und ihr Wohngemach ausmalen zu lassen. Dieser erlaubte es, und der -Reisende rief den Vezir, dem die Ausmalung des Palastes der Prinzessin -übertragen wurde. Er war sehr sorgsam in der Ausführung seiner Aufgabe -und malte den paradiesischen Ort so aus, daß jeder erstaunt war. Als er -mit der Arbeit fertig war, malte er noch an die Wand des Zimmers, in -dem die Prinzessin am Tage saß und in der Nacht schlief, ein Gemälde -von seltener Feinheit. In der Mitte war ein wunderbarer großer Garten -mit lachenden Rosen, klagenden Nachtigallen, reifen Früchten und -stattlichen Bäumen. In diesem Garten stand ein schöner Pavillon, auf -dessen Throne malte er den Fagfur in seiner ganzen Schönheit und im -Glanze seiner Macht und Pracht. Außerhalb des Pavillons stellte er eine -Rasenflur dar, in deren Mitte ein prächtiger Garten war, bei dem man an -das Koranwort: „Ihnen sind Gärten bestimmt, unter welchen die Flüsse -fließen“ dachte. Das Wasser war so klar wie der Paradiesesbrunnen -Selsebil. In diesem Wasser war eine männliche Antilope mit ihren Jungen -ertrunken, während das Weibchen der Rasenflur gegenüber graste. - -Nachdem er mit seiner Malerei fertig war und man das Schloß mit -Teppichen und Möbeln ausgestattet hatte, führte man die Prinzessin -hinein. Als sie das Bild sah, war sie erstaunt und sah es sich immer -wieder an, dann rief sie den Vezir und fragte ihn, was das alles zu -bedeuten habe. Dieser erkannte, daß jetzt die Gelegenheit für ihn -günstig sei, und daß er sie nicht aus der Hand lassen dürfe, und fing -an zu erzählen: „Dieser Garten ist der des jetzigen Kaisers von China, -und der, der auf dem Thron sitzt, ist er selbst. Da in diesem Garten -sich eine merkwürdige Sache ereignete, meidet er das weibliche -Geschlecht.“ Die Prinzessin fragte: „Was ist die Ursache davon?“ Der -Vezir sagte: „Eines Tages saß der Kaiser Fagfur nach alter Gewohnheit -in diesem Pavillon und genoß die Aussicht. Da kam ein Antilopenpaar, um -Wasser zu trinken. Da schwoll das Wasser plötzlich an und führte die -Jungen mit sich fort. Als das Männchen dies sah, warf es sich aus Liebe -zu seinen Jungen in das Wasser, um sie zu retten, und ertrank mit ihnen -zusammen. Das Weibchen aber kümmerte sich gar nicht darum, dachte nur -an seine eigene Rettung und ließ das Männchen und seine Jungen im -Stich. Als der Kaiser Fagfur die weibliche Antilope so treulos sah, da -glaubte er, daß das ganze weibliche Geschlecht so treulos sei, und mied -gänzlich den Umgang mit Frauen.“ - -Als die Prinzessin diese Geschichte hörte, sagte sie zu sich: „Bei -Gott, ich dachte, daß Treulosigkeit nur dem männlichen Geschlechte -eigen sei. Sie kommt also auch bei dem weiblichen vor.“ Dann versank -sie in Nachdenken und wandte sich dann mit folgenden Worten an den -Vezir: „Dieser Kaiser Fagfur, den du gemalt hast, paßt zu mir. Es ist, -als ob Gott mich seinetwegen bisher vor einer Heirat bewahrt hat. Solch -einen würdevollen Mann wünsche ich mir, und ich zweifle nicht, daß ich -ihm auch als Gattin angenehm bin.“ - -Als ihr Vater kam, bat sie ihn, sie mit dem Fagfur von China zu -verheiraten. Der Kaiser hatte nur auf den Wunsch seiner Tochter -gewartet, um sie zu verheiraten. Er schrieb sogleich einen Brief und -schickte einen Gesandten ab. Der Vezir ging als Reisender mit dem -Gesandten nach China zurück und erzählte dem Kaiser alles. - -Als dann der Gesandte vorgelassen wurde, zeigte sich Fagfur äußerlich -etwas zurückhaltend, aber da es seinen Wünschen entsprach, sagte er: -„Ich hatte auf diese Liebe schon verzichtet, aber aus Rücksicht auf den -Kaiser willige ich ein.“ Er schickte sofort eine Antwort ab. Den Vezir -schätzte er noch mehr als früher und gab ihm Geld und Macht ohne Ende. -Nach einiger Zeit kam die Prinzessin mit ihrer ganzen Aussteuer -glücklich in China an, und der Kaiser von China erlangte alles, was er -sich gewünscht hatte. - - - - - - - - -37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE - - -In Kerdifan ging ein Holzhauer einst ins Gebirge, um Holz zu fällen. -Als er auf dem Berge an einen schönen Platz gekommen war, sah er dort -fünf bis zehn Mann sitzen, und vor ihnen stand ein Krug, aus dem sie -Speisen und Wein, soviel sie wollten, nahmen und nach Herzenslust sich -satt aßen. - -Als der Holzhauer dies sah, trat er zu ihnen und mischte sich ins -Gespräch. Da ihnen seine Gesellschaft sehr gefiel, sagte einer von -ihnen zu ihm: „Sage uns, wenn du irgendeinen Wunsch hast. Wir werden -ihn erfüllen.“ Sie waren nämlich Gelehrte aus dem Feengeschlecht. Der -Holzhauer wünschte sich den Krug. Sie antworteten: „Du kannst ihn -bekommen, aber es ist schwer, ihn zu behüten. Es wäre schade um dich, -denn, wenn er zerbrochen ist, läßt er sich nicht wieder machen, und du -hast nichts mehr von ihm zu erwarten und wirst auch alles verlieren, -was du durch ihn erworben hast. Wünsche ihn dir lieber nicht und -fordere etwas, das dir nützlicher ist.“ - -Der dumme Holzhauer hörte aber nicht auf ihren Rat, sondern sagte: „Ich -wünsche doch den Krug. Ich werde ihn schon, soweit es möglich, -beschützen und ihn wie meinen Kopf halten.“ So gaben sie ihm den Krug. - -Der Holzhauer wurde in kurzer Zeit sehr reich. Eines Tages hatte er -seine Freunde zu einer Gesellschaft eingeladen. Als die Eingeladenen -diesen wunderbaren Zauberkrug sahen, waren sie sehr erstaunt. Der -Holzhauer stand im Übermaß seiner Freude auf, setzte den Krug sich auf -den Kopf und fing vor Freuden an zu tanzen, indem er sagte: „O du -Kapital meines Wohlstandes, du Glanz meines Lebens.“ Während des Tanzes -glitt er aus, fiel aufs Gesicht, der Krug fiel ihm vom Kopfe und -zerbrach in tausend Scherben. Sogleich schwand sein großer Reichtum und -Wohlstand dahin, und er wurde wieder so arm wie vorher. Alles, was er -bis zu diesem Tage an Geld gesammelt hatte, verschwand. - - - - - - - - -38. DIE CHINESISCHE SKLAVIN UND DER JÜNGLING VON BAGDAD - - -In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen -besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er -sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er -unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er -besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr -besaß. - -Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du -dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine -sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So -haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der -Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung -von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als -Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es -schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut -ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der -Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand -kommen.“ - -Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am -folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade -ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die -Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend -Goldstücke. - -Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht -seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das -Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz -ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger -aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht -bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus. -Als er infolge des Suchens nach dem haschimitischen Kaufmann müde und -matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn -ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge, -als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der -Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der -Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch -nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er -wie ein Verrückter in die Berge. - -Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um -Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit -harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer -Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe -ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er -Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten -Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie -zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem -früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag -zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn -ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will -ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm -wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden -unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein -Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen -und Wehklagen. - -Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift, -um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres, -traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes -Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber -sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren, -rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand -und bat sie, ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur -Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören -weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute -wieder hin und fing wieder an zu klagen. - -Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er, -daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten -Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe -seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden -Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu -holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die -Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer -anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt -hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen. -Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem -Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der -Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem -Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur -hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in -der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde -durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich, -behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin -nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre -Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch -ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“ - -Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des -Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach -fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein -Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in -Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er sein ganzes -Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz -arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an -einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen. -Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm -blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht -mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen -genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab -sie dem Jünglinge. - -Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten -dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten, -landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen. -Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt -sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein -günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und -waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner -Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst. - -Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich -hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein -ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders -gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das -Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“ - -Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster -baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und -darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der -Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben -bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens -und tat, wie sie gesagt. - -Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet -hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort -anlegte. Er besprach sich mit dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach -verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause -des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe. - -Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei -Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der -Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener -mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand. - -Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich -und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob -es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt -hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster -zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So -lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend. - - - - - - - - -39. DIE GESCHICHTE VON DEM KLUGEN LANDMANNE - - -In alter Zeit pflügte einst ein Landmann seinen Acker, als plötzlich -ein eiserner Ring zum Vorschein kam. Der Landmann grub die Erde um den -Ring aus und sah, daß es der Ring von dem Deckel eines Vorratsraumes -war. Mit tausend Mühen und Anstrengungen hob er den Deckel und stieg in -den Raum hinein. Da sah er, daß das Innere bis zum Rande mit gelbem -Weizen angefüllt war. Es war jedoch eine Art von Weizen, von der jedes -Korn die Größe eines Pfirsichkernes hatte. Als er dies sah, war er -erstaunt und meldete dies dem Gouverneur der Stadt. Auch der wunderte -sich, und in der Annahme, daß dies etwas merkwürdiges sei, schrieb er -an den Kaiser einen Bericht und schickte auch eine Probe von dem Weizen -mit. - -Als der Weizen ankam, rief der Kaiser seine höchsten Beamten zusammen, -die sich gleichfalls alle über die Größe des Weizens wunderten. Der -Kaiser fragte, ob es einen Menschen gebe, der wüßte, von was für -Menschen dieser Weizen gepflanzt sei, und worin das Geheimnis bestände. -Wenn es solchen Menschen gebe, wolle er ihn um Rat fragen. Der Kaiser -hatte einen sehr klugen und weisen Hofmann. Dieser sagte: „Mein Kaiser, -in der und der Stadt deines Reiches lebt ein alter welterfahrener -Landmann. Wenn jemand die Schwierigkeit lösen kann, ist er es.“ Alle -fanden seine Worte verständig. So schickte man einen Boten, dem man -eine Probe des Weizens mitgab, ab, um den Alten danach zu fragen. - -Als der Bote sich schleunigst auf den Weg machte, traf er einen seiner -Freunde. Dieser wünschte ihm glückliche Reise und fragte, wohin er -gehe. Der Bote erzählte die ganze Sache und der Freund sagte: „Gott sei -Dank! Es ist ein Segen, daß ich dich getroffen habe. Der Landmann, zu -dem du gehen willst, ist sehr klug. Ich habe auch eine schwierige -Frage. Nachdem du ihn nach der des Kaisers gefragt hast, frage ihn auch -nach meiner. Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun.“ Der Bote -sagte: „Selbstverständlich, erzähle mir nur deine Frage.“ Der Freund -sagte: „Erstens: Was ist die Ursache, daß, wenn der Mensch alt wird, -Haar und Bart weiß werden und keine andere Farbe annehmen? Zweitens: -Während beim Beischlaf der Genuß für Mann und Frau der gleiche ist, -warum ist die Treue bei dem Mann größer als bei der Frau? Drittens: -Warum wird der Mann, wenn er alt und sein Haar und Bart weiß werden, -schöner, während bei der Frau das Gegenteil der Fall ist? Was mag -Gottes Zweck dabei sein. Das sind die Fragen, die mir Schwierigkeiten -machen.“ - -Sie verabschiedeten sich, und der Bote machte sich auf den Weg und -erreichte auch die Stadt, wo der Landmann, den er suchte, wohnte. Nach -einigem Fragen fand er ihn auch und sah, daß es ein hinwelkender Greis -war, dessen Körper wie ein Bogen gekrümmt war, und dessen Brauen seine -Augen bedeckten. - -Der Bote setzte den Grund seiner Absendung auseinander, sagte, daß er -vom Kaiser geschickt sei, und fragte, wie es sich mit dem Weizen -verhalte. Der alte Landmann sagte: „Sohn, ich weiß nicht, wann dieser -Weizen gewachsen ist, aber in der gegenüberliegenden Stadt wohnt mein -älterer Bruder. Da er älter ist als ich, hat er vielleicht jene Zeit -erlebt. Gehe hin und frage ihn.“ - -Der Bote ging dorthin, fand auch den Bruder. Dieser hatte einen grauen -[39] Bart, und sein Körper war lebendig im Vergleiche zu dem seines -Bruders. Voller Verwunderung fragte der Bote ihn nach dem, was der -Weizen zu bedeuten habe. Der Landmann antwortete: „Ich weiß nichts -davon. In meinen Zeiten ist so etwas nicht passiert. Aber in der -gegenüberliegenden Stadt wohnt mein älterer Bruder. Gehe hin und frage -den. Vielleicht weiß er es, denn er ist viel älter als ich.“ - -Der Bote ging in diese Stadt und fand ihn auch. Er war noch lebendiger -und sah wie ein frischer junger Mann mit schwarzem Bart aus. Der Bote -sagte: „Bei Gott, seine Brüder bezeichneten ihn als den ältesten von -ihnen. Das ist doch höchst merkwürdig, daß er jünger und frischer als -sie ist.“ Voller Verwunderung fragte er ihn nach dem Weizen und sagte, -daß er eigens deshalb vom Kaiser gesandt sei. - -Der alte Mann sagte: „Vor hundert Jahren lebte ein Volk, dem dieser -Weizen als Wundergabe verliehen worden ist. Der Grund dafür ist der, -daß sie fromm und gottesfürchtig waren. Deswegen schenkte ihnen Gott so -reichliche Nahrung.“ - -Als der Bote die richtige Auskunft erhalten hatte, wollte er sofort -umkehren, da kamen ihm aber die Fragen seines Freundes, den er -unterwegs getroffen, in den Sinn. Er stellte also die vorher genannten -drei Fragen, und der weise Mann antwortete: „Der Grund, daß Haar und -Bart, wenn der Mann alt wird, nur weiß werden und keine andere Farbe -annehmen, ist folgender: Zuerst ist das Haar vollkommen schwarz oder -blond. Wenn der Mensch aber zur höchsten Vollendung gekommen ist und -auch in der Farbe die Vollendung eingetreten ist, dann muß ebenso, wie -überall nach der Vollendung der Verfall eintritt, ein Rückschlag zum -Verfall eintreten. Der Grund dafür, daß es nach diesem Verfall nur weiß -wird und keine andere Farbe annimmt, besteht darin, daß, wie das -Zeichen der Jugend das schwarze oder blonde Haar ist, so ist das -Zeichen des Alters wegen der Erleuchtung die weiße Farbe. Darum -verändert sich das Haar nur in Weiß. Die Antwort auf die zweite Frage -ist folgende: Da Gott, der Allweise, Ewige, der Frau die Kraft der -Schwangerschaft, die Freundlichkeit bei der Haushaltung und alle die -Mühen beim Säugen verliehen hat, so hat er aus Billigkeit dem Manne die -Treue und Liebe verliehen. So hat Gott mit Gerechtigkeit beide -ausgeglichen. Gottes weiser Zweck bei der dritten Frage ist folgender. -Er hat unsern Vater Adam aus Erde geschaffen, unsere Mutter Eva aber -aus dessen linker Seite. Deshalb wird das männliche Geschlecht seiner -Herkunft gemäß schöner, denn wie die Erde, wenn sie steht, schöner -wird, so auch der Mann. Wie aber Fleisch, wenn es steht, sich -verändert, so wird die Frau im Alter häßlich. Das ist Gottes Weisheit -dabei.“ Der Bote sagte: „O weiser Mann, dein Mund ist die Quelle der -Weisheit. Du hast alle Schwierigkeiten gelöst. Nun habe ich noch eine -Frage. Nimm, bitte, meine Unbescheidenheit nicht übel und löse mir -diese Schwierigkeit.“ Der weise Mann fragte: „Worin besteht sie denn?“ -Er antwortete: „Deinen jüngsten Bruder habe ich sehr alt und schwach -gefunden und den mittleren als einen graubärtigen Greis, dich aber, der -du doch der älteste von ihnen bist, als einen frischen jungen Mann. -Erkläre mir doch, bitte, den Grund hierfür.“ - -Der weise Mann sagte: „Der Grund dafür, daß mein jüngster Bruder sehr -alt geworden ist, liegt darin, daß er in seiner Landwirtschaft nicht -recht vorwärts kommt und ziemlich arm ist. Außerdem hat er eine -häßliche Frau, die auch eine böse Zunge besitzt. Da sich zwei große -Unglücke bei ihm vereint haben, so ist er sozusagen schon in dieser -Welt bei lebendigem Leibe in der Hölle. Deswegen ist er so alt und -schwach geworden. Der Grund aber dafür, daß der mittlere Bruder im -Verhältnis zu mir alt und im Verhältnis zu dem jüngsten Bruder jung -ist, liegt darin, daß er in der Landwirtschaft viel Glück hat, aber -eine häßliche Frau mit einer bösen Zunge besitzt. So hat er nur ein -Unglück und sieht also frischer als unser jüngster Bruder aus. Ich -habe, Gott sei Dank, in der Landwirtschaft Erfolg und habe in meinem -Harem eine schöne und an Charakter einzigartige Frau, deswegen sehe ich -frisch und heiter aus. Wer Wohlstand und eine gute Frau erlangt hat, -der wird schon in dieser Welt der Paradiesesfreuden teilhaftig. -Deswegen sagt man: Des Menschen Haus ist sein Paradies oder seine -Hölle.“ - -Als der kluge Mann alle schwierigen Fragen gelöst hatte, entließ er den -Boten mit aller Hochachtung. Dieser kam zum Palaste des Kaisers, -berichtete alles, und ein jeder, der es hörte, hatte seinen Nutzen -davon. - - - - - - - - -40. DER VOGEL HEFTRENG - - -Zur Zeit der Kinder Israel lebte ein frommer Asket, der sehr arm war. -Dieser ging, um sich einen Unterhalt zu verschaffen, von Zeit zu Zeit -aus, erbettelte sich um Gottes willen ein paar Pfennig und lebte den -Tag davon. Wieder war er eines Tages nach alter Gewohnheit in der Stadt -von Tor zu Tor gegangen, als plötzlich jemand zu ihm trat und ihn -anredete: „Willst du lieber ein rechtlich erworbenes Goldstück oder -zehn unrechtlich erworbene?“ Der Asket erwiderte: „Unrechtlich -erworbene Dinge nehme ich überhaupt nicht an, selbst wenn es tausend -Goldstücke wären, aber ein rechtlich erworbenes Goldstück genügt mir.“ -Der andere gab ihm ein Goldstück in die Hand, das der Asket annahm, -indem er Gottes Segen wünschte. - -Als er danach in der Stadt umherging, sah er bei einem Manne einen -wunderbar schönen Vogel. Kaum hatte er ihn gesehen, als er eine Liebe -zu dem Vogel faßte und nach dem Preise und der Art des Vogels fragte. -Der Besitzer forderte ein Goldstück und sagte, daß er der Vogel -Heftreng (sieben Farben) heiße. Sofort gab er sein Goldstück, das er -soeben erhalten, und kaufte sich den Vogel Heftreng. Als er nach Hause -kam, ging seine Frau in der Hoffnung, Geld von ihm zu erhalten, ihm -entgegen. Sie sah, daß er kein Geld, wohl aber einen Vogel brachte. Da -die Frau sehr hungrig war, der Asket aber ohne Geld mit leeren Taschen -kam, so war sie sehr aufgeregt und fing an ihn zu schelten: „Während -wir schon nichts zu essen haben, bringst du jetzt noch einen, der -Nahrung verlangt, und noch dazu einen unschuldigen Vogel, den du -einsperrst, und für dessen Unterhalt zu sorgen du verpflichtet bist. -Was ist das wieder für ein neues Unglück, das über uns gekommen ist.“ -Sie machte einen großen Lärm, aber da die Frau sehr schön war, so -ertrug der Asket alles, was sie auch tat. Er setzte also den Vogel -Heftreng in einen Käfig und hängte diesen an die Wand. - -Gegen Abend fing der Vogel an, im Käfig sich zu schütteln. Der Asket -ging hin und sah, daß, während er sich schüttelte, unter seinen Flügeln -ein Edelstein herunterfiel. Der Asket nahm den Edelstein, brachte ihn -auf den Bazar, empfing genau hundert Goldstücke dafür, als er ihn -verkaufte, und besorgte alles, was für das Haus notwendig war. Er -schloß den Vogel nicht im Käfig ein, sondern ließ ihn immer frei -umherfliegen. Am Abend kehrte er dann zurück und brachte in seinem -Schnabel jeden Tag einen Smaragden, den der Asket für ein Goldstück -verkaufte. In kurzer Zeit sammelte er so ein großes Vermögen, daß er -selbst nicht einmal wußte, wie groß es war. Da die Ankunft des Vogels -von Segen war, so wurde die Frau in der Nacht, da er in das Haus kam, -schwanger, und als die Zeit kam, brachte sie einen Sohn zur Welt. Der -Asket, der nun in jeder Beziehung froh war, nahm für ihn eine besondere -Wärterin an und nannte ihn Ferid. Da er jetzt Geld genug hatte, -beschloß er, um die Pflicht zu erfüllen, die Pilgerfahrt nach Mekka zu -machen. Er rief seine Frau und sagte zu ihr: „Tugendhafte Frau, dieser -Vogel Heftreng ist die Ursache der Ordnung unserer Verhältnisse -geworden, und du weißt, daß ich auch nur durch ihn die Pilgerfahrt -auszuführen in der Lage bin. Darum laß es an nichts in seiner Pflege -fehlen, denn er ist wie unser Sohn der Grund zur Freude unseres -betrübten Gemütes und die Frucht am Baum unseres Herzens geworden. -Darum hüte ihn und laß es beileibe an nichts fehlen.“ Dann befahl er -sie alle Gottes Schutz und machte sich auf den Weg. - -Seine Frau langweilte sich aber bald, zu Hause zu sitzen. Sie ging -daher eines Tages auf dem Markte spazieren, sah einen jungen -Geldwechsler und verliebte sich in ihn, und bei dem Anblick seiner -Schönheit verlor sie ihre Ruhe, ging jeden Tag vor dem Laden vorbei und -schaute ihm ins Gesicht, um sich zu trösten. Wenn ihr die Mahnung ihres -Mannes einfiel, wiederholte sie folgenden Vers: - - - Selbst Asketen, wenn sie sähen - Dieser Augen Schönheitsadel, - Würden meine Liebe ahnen, - Würden meiden Schmach und Tadel. - - -Als sie auf ihren Spaziergängen kein anderes Mittel, um die Glut des -Feuers ihrer Liebe zu löschen, als das Wasser der Vereinigung mit dem -jungen Geldwechsler fand, lud sie ihn in ihr Haus. Da die Frau sehr -hübsch war, ging er mit tausend Freuden darauf ein, denn er war auch in -sie verliebt. Die Liebe war nun auf beiden Seiten so stark, daß der -junge Geldwechsler das Haus des Asketen wie sein eigenes jeden Tag -besuchte. - -Eines Tages erzählte ihm die Frau im Gespräch die Geschichte des Vogels -und wie sie durch ihn so reich geworden waren. Der Geldwechsler hatte -aber einen sehr weisen, klugen Freund. Als er diesem einst die -Geschichte des Vogels erzählte, sagte dieser: „Dieser Vogel bringt zwar -schon lebendig so große Vorteile, wenn aber jemand seinen Kopf essen -würde, so würde er Kaiser oder Vezir werden.“ - -Als der Wechsler dies hörte, war er fest entschlossen, den Kopf des -Vogels zu essen. Er ging also nach alter Gewohnheit in das Haus des -Asketen und sagte: „Brate mir diesen Vogel. Ich habe Verlangen danach.“ -Die Frau antwortete: „Du meine Seele und mein Leben. Zwar ist der Vogel -der Begründer unseres Wohlstandes in dieser Welt, aber da du ihn -wünschst, so würde ich nicht nur ihn, sondern mein Leben opfern. Komm -morgen. Ich werde dir dann einen ordentlichen Braten machen. Laß ihn -dir schmecken.“ - -Am nächsten Morgen stand die Frau auf, schlachtete den Vogel, steckte -ihn an einen Spieß und fing an, den Braten zu wenden. Ihr Sohn Ferid -war immer mit dem Vogel zusammen und konnte auch nicht eine Stunde ohne -ihn sein. Er war also sehr betrübt darüber, daß der Vogel geschlachtet -war, und fing an zu weinen. Seine Mutter und die Wärterin suchten ihn -zu beruhigen, aber vergeblich. Da sagte die Wärterin: „Herrin, gib ihm -doch einen Bissen von dem Fleisch des Vogels. Er ist ja ein Kind. Dann -wird sein Weinen aufhören.“ Die Frau konnte sich aber nicht -entschließen, ihrem Sohne ein Stück zu geben, da dann für den jungen -Wechsler zu wenig übrig bleiben würde. Als schließlich die Wärterin -bat: „Wenn du ihm kein Fleisch geben willst, so gib ihm den Kopf, -vielleicht hört sein Weinen dann auf. Den Kopf ißt man ja nicht.“ - -Da schnitt die Frau den Kopf des Vogels ab und gab ihn zwar sehr -widerwillig ihrem Sohne. Als Ferid den Kopf gegessen hatte, hörte nach -Gottes Ratschluß das Weinen auf. - -Währenddessen war der Wechsler gekommen. Die Frau ging ihm entgegen, -nötigte ihn höflichst sich zu setzen und sagte: „Du Grundstock meines -Lebens, deinetwegen habe ich den Vogel, der ein unerschöpfliches -Kapital war, geschlachtet und gebraten.“ Indem sie so ihre Liebe zu ihm -zum Ausdruck brachte, bereitete sie den Tisch, schmückte das Zimmer, -legte den Vogel Heftreng auf eine Schüssel und setzte ihn vor. Der -Wechsler aß nicht von dem Fleisch, sondern suchte nach dem Kopfe, und -da er ihn nicht finden konnte, fragte er, wo der Kopf des Vogels sei. -Die Frau antwortete: „Ißt man denn den Kopf eines gebratenen Vogels? -Der Rumpf ist es doch, auf den es ankommt. Als ich den Braten -bereitete, weinte mein Sohn. Ich konnte mich nicht entschließen, ihm -ein Stück Fleisch zu geben, da du es behalten solltest. Da bat mich die -Wärterin um den Kopf, um ihn zu beruhigen. Ich schnitt also den Kopf ab -und gab ihn der Wärterin. Das Kind hat ihn auch gegessen.“ - -Als der Wechsler dies hörte, war er ganz bestürzt, warf die Schüssel -mit dem Vogel auf die Erde, verließ in seinem Zorne das Haus und ging -zu dem vorher genannten Weisen, dem er die Geschichte ganz genau -erzählte. Dieser sagte: „Sei nicht traurig. Wenn dein Wort etwas bei -der Frau vermag, so läßt sich die Sache heilen. Nämlich, wenn jemand -den Kopf desjenigen, der den Vogelkopf verzehrt hat, ißt, so wird er -Kaiser. So steht es geschrieben.“ Der Wechsler schickte also der Frau -folgende Nachricht: „Ich wollte den Kopf des Vogels essen, da du ihn -nun deinem Sohne gegeben hast, so mußt du deinem Sohne den Kopf -abschneiden und ihn mir zu essen geben. Dann komme ich wieder in dein -Haus. Wenn nicht, werde ich mich nie wieder sehen lassen.“ - -Da die Verfluchte ganz von ihrer fleischlichen Lust beherrscht war, so -war sie bereit, ihren Sohn zu töten, wenn nur ihr Geliebter wieder -käme, und sandte ihm Nachricht, sie würde mit tausend Freuden es bei -Gelegenheit tun. - -Der Wechsler war sehr froh, und die Frau spähte nach einer Gelegenheit. -Die Wärterin des Ferid aber ahnte, daß ihre Herrin ihn töten wollte. -Eines Nachts, als die Herrin schlief, drückte die Wärterin das Kind an -ihre Brust und verließ das Haus und die Stadt. Indem sie bis zum Morgen -lief, kam sie in eine andere Stadt. Am nächsten Tage von dieser wieder -in eine andere und so kam sie nach dreißig Tagen in die Residenz des -Kaisers. Dort fand sie eine passende Wohnung und widmete sich der -Erziehung Ferids. - -Als aber die Frau am nächsten Morgen aufstand und den Ferid und die -Wärterin nicht vorfand, suchte sie sie überall. Da sie nicht wußte, wo -sie waren, rief sie vom Feuer der Unruhe gefoltert aus: „Ach, was soll -ich meinem Geliebten sagen? Vielleicht wird er sich von mir trennen!“ -Als der Wechsler die Sachlage erfuhr, gab er die Frau auf und kam nicht -wieder. Schließlich starb er, da sein Kummer untröstlich war, an -Sehnsucht nach dem Vogelkopf. - -Nach einiger Zeit kam auch der Asket wieder von der Pilgerreise gesund -zurück. Als er weder den Vogel noch seinen Sohn noch die Wärterin -vorfand, fragte er, wo sie seien. Die Frau sagte weinend: „Ach, mein -Herr, mögest du wenigstens am Leben bleiben! Sie sind alle gestorben. -Durch die Trennung von ihnen bin ich in diese Lage gekommen, daß die -Rosen meiner Wangen zu Bernstein geworden sind.“ [40] - -Ferid nun, zu dem wir uns jetzt wenden wollen, war herangewachsen und -hatte Freude am Reiten und fing an, auf die Jagd zu gehen. Als er -einmal wieder zu Pferde auf die Jagd ging, kam er an dem Sommerhause -für den Harem des Kaisers vorbei. Der Kaiser hatte nun eine reizende -Tochter, die einem Sterne glich. Als sie aus Langweile aus dem Fenster -schaute, fiel ihr Blick auf Ferid, und sie verliebte sich von ganzem -Herzen in ihn. Als Ferid in das Fenster schaute und das Mädchen sah, -verliebte er sich gleichfalls in sie. Beide suchten jetzt nur nach -einem Mittel für ihren Liebesschmerz. Der arme Ferid ging jeden Tag -unter dem Vorwand, daß er auf Jagd gehe, an ihrem Fenster vorüber und -schaute nach dem Mädchen, während dieses schon aufpaßte, wenn er kam, -und von oben herabschaute und seufzte. - -Einige Zeit verging so ihre Zeit mit Seufzen und Wehklagen, aber eines -Tages, als Ferid wieder auf Jagd ging, konnte das Mädchen es nicht mehr -aushalten und sagte: „Jüngling, mein Vater ist alt und hat kein anderes -Kind als mich. Er versagt mir nichts, was ich von ihm fordere. Ich will -ihm nun sagen: ‚Verheirate mich nach Gottes Willen mit diesem jungen -Manne.‘ Aber vor einiger Zeit hat mein Vater bei einer besonderen -Gelegenheit in Gegenwart der Vezire und Staatswürdenträger meine Heirat -an eine Arbeit geknüpft. Ohne diese Arbeit kann er mich nicht -verheiraten. Diese Arbeit läßt sich aber nicht ausführen, denn schon -viele haben ihr Leben dabei verloren. Ich will sie dir deswegen nicht -nur nicht auftragen, sondern nicht einmal nennen.“ Ferid sagte: -„Herrin, sage mir, was das für eine Arbeit ist.“ Sie weigerte sich; -aber, als er sie beschwor, sie ihm zu nennen, sagte sie: „In der und -der Steppe ist der Weideplatz für meines Vaters Pferde. Nun ist dort -ein giftiger Drache erschienen, der schon einige von den Pferden -getötet hat. Er wohnt dort und hat den Weg dahin abgeschnitten. Es ist -unmöglich, dorthin zu kommen. Deswegen hat mein Vater versprochen, -demjenigen, der den Drachen tötet, mich zur Gemahlin zu geben.“ Ferid -sagte: „Herrin, weißt du nicht, daß Gott im Koran gesagt hat: ‚Wenn ihr -Ende kommt, können sie es nicht eine Stunde hinausschieben oder -beschleunigen?‘ Jeder trinkt den Becher des Todes erst, wenn sein -Lebensbecher bis zum Rande voll ist, und seinem Ende kann niemand -entgehen. Ich werde mich also dem Drachen entgegenwerfen. Wenn Gott mir -Gnade gibt und ich den Drachen töte, so erlange ich meinen Wunsch, und -wenn das Gegenteil eintritt und ich unter den Krallen des Drachen -umkomme, so bete für mich. Wenn ich nicht mit dir vereint werde, sterbe -ich doch und, wenn ich sterben muß, so ist es mir einerlei, auf welche -Art es geschieht.“ - -Er faßte also den Entschluß, gegen den Drachen zu ziehen, und sie -trennten sich beide unter vielen Tränen. Ferid ging in sein Haus, nahm -von seiner Wärterin Abschied und begab sich am nächsten Tage in den -Diwan des Kaisers und bat um die Erlaubnis, gegen den Drachen zu -ziehen. - -Als der Blick des Kaisers auf ihn fiel, faßte er nach Gottes Willen -Zuneigung zu ihm, denn Ferid war ein hübscher junger Mann. Der Kaiser -sagte zu seinem Vezir: „Lala, ich habe die Hand meiner Tochter an die -Tötung des Drachen geknüpft, sonst würde ich meine Tochter diesem -jungen Manne geben. Aber, was soll man tun? Die Kaiser müssen ihr Wort -halten. Geh, rate ihm, von seinem Vorhaben abzulassen, sonst kommt er -vielleicht wie die andern um, und wir haben den Kummer im Herzen. Wer -weiß, was Gott alles geschehen läßt, das uns noch verborgen ist? -Vielleicht stirbt der Drache von selbst! Er soll doch so gut sein und -diesen Wunsch aufgeben.“ Der Vezir tat so. Ferid aber nahm keinen Rat -an und antwortete, daß er sicher hingehen werde. So ging er und alle -Würdenträger und alle Edlen des Hofes bis zu der erwähnten Steppe. Dort -blieben alle und zeigten Ferid die Stelle. Dieser zog im Vertrauen auf -Gott sein scharfes Schwert und griff den Drachen an. Da sah er, daß -dieser wie ein Feuerklumpen dalag und schlief. Er griff ihn also an, -und mit Gottes Hilfe teilte er ihn in zwei Teile, so daß er sich nicht -mehr bewegen konnte. Als er in seinem Blute tot dalag, sprang Ferid -herbei und trennte ihm den Kopf vom Rumpfe und brachte ihn dem Könige. -Alle Würdenträger, die dies mit ansahen, waren erstaunt. Da aber die -Weisen gesagt hatten, daß menschliche Kraft nicht ausreiche, um diesen -Drachen zu töten, es sei denn, daß jemand den Kopf des Vogels Heftreng -gegessen habe, so fragte man Ferid danach. Dieser erzählte alles, was -er von seiner Wärterin gehört hatte. Deswegen liebten ihn die Weisen -und die Vezire noch mehr. Der Kaiser freute sich noch mehr darüber, daß -Ferid am Leben geblieben war, als darüber, daß der Drache getötet war, -und richtete eine Hochzeit mit königlicher Pracht her und verheiratete -ihm seine Tochter. Da der Kaiser sehr alt war, ernannte er ihn zu -seinem Nachfolger, und Ferid wurde unabhängiger Kaiser. - -Darauf schickte Ferid in seine Heimat, um seine Mutter, seinen Vater -und, um ihn zu töten, den Wechsler holen zu lassen. Der Wechsler war -aber schon seit langem tot. Der Asket und seine Frau begaben sich -voller Furcht, was der Kaiser wohl von ihnen verlange, zu ihm und, -nachdem sie alle Zeremonien erfüllt hatten, sahen sie, daß es ihr Sohn -Ferid war. Dieser ließ nun das Vergangene vergangen sein, ernannte -seinen Vater zum Vezir und seine Wärterin zur Oberaufseherin über alle -Sklavinnen seines Harems. Als sie dann allein waren, erzählte er seinem -Vater in Gegenwart der Mutter, was sich ihnen allen seit seiner Jugend -ereignet hatte. Da schämte sich die Frau sehr, sagte aber, daß zwischen -ihr und dem Wechsler nichts Häßliches passiert sei, daß sie nur von -Angesicht ineinander verliebt gewesen seien, und daß sie auch dies -bereue und dafür um Verzeihung bitte. - -Ferid stand auf, küßte seinen Eltern die Hand und betete für sie. So -brachten sie denn in Behaglichkeit ihr Leben zu. - - - - - - - - -41. DIE VERSCHWENDERISCHE MAUS - - -Ein Landmann hatte in seiner Scheune eine Menge Getreide liegen, legte -nicht Hand daran, es zu verbrauchen, und hatte die Tore seiner -Verwendung zugeschlossen, damit es zu Zeiten der höchsten Not und des -größten Elends ihm als Nahrung diene. Nun hatte eine ganz verhungerte -Maus am Rande dieses Platzes sich ihr Haus und in der Nähe des -Speichers ihr Nest gemacht. Sie hatte andauernd unter der Erde alles -mit dem ehernen Meißel ihrer Zähne durchbohrt und mit ihren -minierenden, Steine spaltenden Vorderzähnen die ganze Gegend -durchlöchert. Endlich hatte sie ein geheimes Loch mitten unter dem -Kornspeicher fertig und von dem Dach ihres Nestes fielen Weizenkörner -wie Meteore vom Himmel. Die Maus sah, daß das Versprechen des -Koranwortes: „Eure Nahrung ist im Himmel“ erfüllt war, und daß der -dunkle Spruch: „Suchet eure Nahrung in den Schlupfwinkeln der Erde“ -klar und deutlich geworden war, daher erfüllte sie die Pflichten der -Dankbarkeit wegen der Gottesgabe und ließ das Koranwort: „Gott sei -Dank, daß er uns einen Tisch vom Himmel gesendet hat“ zum Gipfel des -Himmels emporsteigen. - -Als sie nun durch die Erlangung dieser Kostbarkeiten sehr reich -geworden war, wurde sie so stolz wie Karun [41] und so anmaßend wie -Pharao. In kurzer Zeit war die Sache unter den Mäusen des Viertels -bekannt, und sie beeilten sich, ihr freigebiges Haus zu besuchen. -Trügerische Freunde sind wie Fliegen um den Zucker! Freunde beim Mahl -und Genossen beim Becher sammelten sich alle um die Maus und nach ihrer -Gewohnheit webten sie den Faden ihrer Rede nach ihrem Charakter und -nach ihren Wünschen und schmeichelten ihr. Sie erkundigten sich -andauernd nach ihrem Befinden und waren in ihrem Lob, Preis, Dank und -Gebet übermäßig, und sie prahlte unverständig und verschwendete ihr -Vermögen in der Meinung, daß das Korn der Scheune nie abnehmen werde -und die Getreidekörner immer wie Sand aus diesem Loche herunterfallen -würden. Jeden Tag gab sie ihren Genossen eine Menge davon. Nie dachte -sie daran, von dem Heute auch etwas für das Morgen aufzuheben. - -In dieser Zeit, als sie so im Winkel der Abgeschiedenheit sich dem -Wohlleben hingaben, hatte die kalte Hand des Hungers und der Not die -Menschen unglücklich gemacht. Überall verlangten sie Brot und legten -ihr Leben auf die Wagschale, aber niemand nahm es als Gewicht an, für -ein Stück Brot wollten sie ihren Haushalt verkaufen, aber niemand war -Käufer dafür. - -Die Maus, stolz und glücklich in dem Gedanken großen Reichtums, wußte -nichts davon, daß das Korn teuer geworden und die Hungersnot sehr groß -war. Als dieser Zustand nun einige Zeit dauerte, ging dem Landmann die -Sache ans Leben und das Messer bis an die Knochen, so daß er wohl oder -übel den Speicher öffnen mußte. Da sah er, daß das Korn durch Betrug -weniger geworden war. Er seufzte tief auf, bedauerte seinen Verlust und -sagte zu sich: „Trauer über diejenigen Sachen, die wiederzuerlangen -außerhalb der Möglichkeit ist, gehört sich nicht für verständige Leute. -Das beste ist es nun, daß die Überbleibsel des Getreides gesammelt und -anderswohin gebracht werden.“ Er widmete sich also der Arbeit, das -übrig gebliebene wenige Getreide herauszuholen. - -Nun war die Maus, die sich für den Hausherrn und Meister dieses Platzes -hielt, vom Weine des Schlafes trunken, und auch die anderen Mäuse -hatten bei dem Lärm nicht den Laut der Fußtritte, überhaupt nichts vom -Kommen und Gehen des Landmannes gehört. Unter ihnen war aber eine kluge -Maus, die die Sachlage begriff und, um sie festzustellen, auf das Dach -stieg, aus einer Fensterecke schaute und sah, wie es mit der Scheune -stand. Sofort stieg sie vom Dach, erzählte die ganze Geschichte ihren -Freunden und entfloh durch das Loch. Als die andern dies sahen, -zerstreuten sie sich, der eine hierin, der andere dorthin, und ließen -ihren Wohltäter allein. - -Als die törichte Maus sich am nächsten Tage von ihrem Lager der Ruhe -erhob und aus dem Schlafe der Sorglosigkeit aufwachte, sah sie, daß -weder Freund noch Feind da war. Soviel sie sich auch rechts und links -umschaute, nichts war zu sehen, soviel sie auch suchte, sie konnte sie -nicht finden. Vor Furcht und Einsamkeit ängstigte sie sich und fing -laut an zu wehklagen: - - - Die Freunde, die ich hatte, wo sind sie geblieben? - Was ist gescheh’n, was hat sie von mir weggetrieben? - - -Um die Sache aufzuklären, kroch sie aus einer Ecke des Nestes heraus, -da sah sie, daß in der Welt eine solche Hungersnot herrschte, daß das -Wort Brot wie Wasser von den Lippen floß. In ihrer Aufregung kehrte sie -eiligst wieder in ihr Haus zurück. Dann dachte sie, dafür zu sorgen, -ihre Vorräte aufzusparen. Sie fand aber in ihrem Hause kein Korn mehr -vor. Als sie dann aus dem Loche in die Scheune kletterte, fand sie auch -dort, trotz allen Suchens, kein Weizenkorn. Da brach ihre Kraft -zusammen. Sie zerriß mit der Hand des Unglücks den Kragen der Geduld -[42] und schlug ihren törichten Kopf so stark auf den steinigen Grund, -daß das Gehirn herausspritzte, und stürzte sich mit unheilvollem Tode -in den Abgrund des Untergangs. - - - - - - - - -42. DER TISCHLER UND DER AFFE - - -Ein Tischler saß auf einem Stück Holz und zersägte es. Er hatte zwei -Keile. Den einen klemmte er in die Spalte, damit der Weg für die Säge -leichter sein sollte, und wenn eine bestimmte Grenze überschritten war, -schlug er den zweiten Keil ein und nahm den ersten heraus. In dieser -Weise arbeitete er. Ein Affe sah der Arbeit des Tischlers und der -Bewegung der Säge zu. Plötzlich mußte der Tischler während der Arbeit -etwas anderes tun und ging weg. Als der Affe den Platz des Tischlers -leer sah, kam er sogleich herbei, stieg auf das Holz und setzte sich -darauf. Irgendwie kamen seine Hoden auf der Seite, wo gesägt war, in -den Spalt, und er zog den Keil, ohne vorher einen andern einzuschlagen, -heraus. Als der Keil herausgezogen war, schlugen die beiden Seiten -zusammen und die Hoden des armen Affen wurden in dem Holze eingeklemmt. -Der Affe schrie laut vor Schmerz und sagte: „Es ist gut, daß jeder in -der Welt nur seine Arbeit macht, und der, der seine Arbeit nicht tut, -der macht Gutes schlecht. Meine Arbeit ist es, Früchte zu pflücken. Was -ging mich das Sägen an? Während es mein Beruf ist, mich im Walde -umzuschauen, wozu mußte ich mich mit Säge und Beil abgeben? Wer sich so -benimmt, dem passiert das.“ - -Als der Affe sich selbst so tadelte, kam der Tischler. Als er ihn in -dieser Lage sah, sagte er: „So geht es dem, der tut, was er nicht -gelernt hat“ und ließ es nicht an reichlicher Strafe fehlen. - - - - - - - - -43. DER FUCHS UND DIE TROMMEL - - -Ein Fuchs streifte in einem Walde umher. Von der Macht des Hungers -getrieben suchte er überall in Gedanken nach Nahrung. Er kam gerade in -die Nähe eines Baumes, an den man eine Trommel gehängt hatte. Bei jedem -Windstoße wurde ein Zweig des Baumes in Bewegung gesetzt, der auf die -Trommel schlug, wodurch ein schrecklicher Laut ertönte. Der Fuchs sah -einen Hahn, der auf dem Kopf einen Kamm wie eine Kaiserkrone trug, ein -Gefieder wie ein Pfau hatte und stolz und majestätisch auf einer Wiese -einherstolzierte. - -Der Fuchs verbarg sich in einem Winkel im Hinterhalte und wartete auf -den Augenblick, wo er ihn erbeuten konnte. Da schlug plötzlich der Ton -der Trommel an sein Ohr. Der Fuchs schaute hin und sah einen -merkwürdigen Körper, von dem ein schrecklicher Ton ausging. Seine -Freßbegier regte ihn auf und gab ihm den Gedanken ein, daß das Fleisch -und Fett dieses Gegenstandes seiner Stimme gleich sein müßten. Sogleich -verließ er das Versteck, wo er auf den Hahn lauerte, und ging auf den -Baum zu. Als der Hahn dies merkte, brachte er sich in Sicherheit. Der -Fuchs erstieg mit vieler Anstrengung den Baum und zerriß mit gierigem -Zahn die Trommel, aber er fand sie innen leer und außen trockenes Holz -und Fell. Das Feuer der Gier verbrannte sein Herz und das Wasser der -Reue floß ihm in Strömen aus den Augen, und er sagte: „Schade, daß ich -mich durch diese inhaltslose Form habe täuschen und mich durch diesen -trügerischen Gedanken von meiner anständigen Beute habe abbringen -lassen.“ - - - - - - - - -44. DER REIHER UND DER KREBS - - -Ein Reiher hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und hatte -all sein Bemühen auf den Fang von Fischen gerichtet. Jeden Tag fing er, -soviel er brauchte, und brachte so sein Leben in Behaglichkeit zu. Als -die Zeit des Alters kam, ließ seine Kraft nach. Infolgedessen wurde er -schwach, und seine Körperkräfte wurden von Tag zu Tag geringer. Die -Jagd auf Fische unterblieb und, gefangen von Kummer und Gram, tadelte -er sich und sagte: „Wehe, daß des Lebens Jahre wie eine Karawane -entschwinden, von der man nicht einmal den Staub mehr sieht! Weh, daß -ich mein Leben wie ein Spielzeug betrachtet und seinen Wert nicht -erkannt habe. Ich habe mir für das Alter keine dauernden Vorräte -gesammelt. Jetzt ist meine Kraft gebrochen und mir die Erwerbung von -Unterhalt nicht mehr möglich. So ist es das Beste, daß ich das Gebäude -meines Tuns auf List und Trug gründe, das Netz des Betrugs und der -Heuchelei auswerfe und im Hause der Schlauheit und Täuschung wohne. -Vielleicht kann ich auf diese Art meinen Lebensunterhalt haben.“ - -Er ließ sich also mit traurigem Jammern und heftigem Weinen, wie die -Bekümmerten und Sorgenvollen tun, am Rande des Baches nieder. Da sah -ihn gerade ein Krebs von weitem, kam zu ihm, redete ihn freundlich an -und sagte: „Freund, ich sehe dich sehr bekümmert. Was ist die -Veranlassung? Ich sehe dein Gesicht mit dem Staube der Traurigkeit und -des Ärgers bedeckt, was ist der Grund?“ Der alte Reiher antwortete: -„Wie sollte ich nicht traurig sein? Warum sollte ich nicht mit der Hand -der Sorge meinen Kragen zerreißen? Du weißt ja, daß mein ganzer -Lebensunterhalt auf diesen Bach beschränkt war. Jeden Tag fing ich mir -einige Fische, die mir als Nahrung genügten. Die Fische hatten auch -nicht übermäßig Schaden davon, und ich konnte ruhig und zufrieden -leben. Heute gingen zwei Fischer am Ufer dieses Baches und erzählten -sich, daß in diesem Wasser unendlich viel Fische seien, die sie fangen -wollten. Der andere sagte: ‚In dem und dem Teiche sind noch viel mehr, -wollen erst die erledigen und uns dann zu diesem wenden.‘ Bei diesen -Verhältnissen muß ich auf die Süßigkeit des Lebens verzichten und mich -mit dem Gifte des Todes begnügen.“ - -Als der Krebs dies hörte, ging er schleunigst zu den Fischen und -erzählte es ihnen. Die Fische wurden von dieser schrecklichen Nachricht -ganz aufgeregt und zitterten wie ein Weidenblatt. Schließlich einigten -sie sich, gingen mit dem Krebs zum Reiher und sagten: „Dieser unser -Freund hat uns von dir eine traurige Nachricht gebracht, durch die -unser Verstand aus Rand und Band gekommen ist. Je mehr wir die Sache -betrachten, um so mehr schwanken wir hin und her wie die Kompaßnadel. -Wir sind nun zu dir gekommen, um uns mit dir zu beraten, denn es heißt -ja: ‚Derjenige, der um Rat gefragt wird, ist zuverlässig.‘ Der -Verständige darf, selbst wenn er ein Feind ist, wenn man sich an seinen -Rat und gesundes Urteil wendet, nicht mit seinem Rate zurückhalten, -besonders in dieser Sache, mit der auch sein eigener Nutzen verbunden -ist. Denn du selbst hast ja zugegeben, daß der Bestand deines Lebens an -die Dauer unseres Daseins gebunden ist. Was hältst du also für richtig -in dieser unserer Angelegenheit, und was kannst du uns für unsere -Rettung raten?“ Der Reiher erwiderte: „Ja, ich habe diese Nachricht aus -dem Munde der Fischer selbst gehört. Dagegen nützt nun kein Widerstand. -Ich habe viel über die Lösung des Knotens nachgedacht. Das Beste, was -mir eingefallen ist, ist folgendes: In dieser Gegend ist ein großer -Teich, blank wie ein Spiegel, und an Reinheit wetteifert er mit dem -Sonnenlicht. Infolge seiner Klarheit kann jedes Sandkorn auf seinem -Grunde gezählt werden und jedes in ihm gesehen werden. Trotzdem hat die -Einbildungskraft noch nicht bis zu seinem Grunde tauchen und der -Verstand noch nicht von einem Ufer zum andern schwimmen können; noch -ist die Angelrute eines Fischers je zu jenem Teiche gekommen. Die -Fische dort kennen keine andere Fessel als die Kette des Wassers. Wenn -ihr dorthin umziehen könntet, würdet ihr den Rest des Lebens in Ruhe, -Sicherheit und Freude verleben.“ Sie antworteten: „Dieser Plan ist wohl -das Beste, aber ohne deine Hilfe ist der Umzug nicht auszuführen.“ Der -Reiher entgegnete: „Soweit ich vermag, soll es euch daran nicht fehlen. -Aber die Zeit drängt. Ich fürchte, daß die Fischer unvermutet kommen, -und daß dann die Gelegenheit versperrt ist und mein Plan nicht mehr -nutzt.“ Die Fische baten ihn demütig unter vielen Tränen. Schließlich, -nach vielem Bitten kam es zu einem Vertrage, daß der Reiher jeden Tag -kommen sollte und von den Fischen, soviel er tragen könne, in jenen -Teich hinüberbringe. - -Der Reiher kam also jeden Tag und nahm von den Fischen, soviel er -wollte. In dieser Gegend war ein Wald, dorthin trug er sie und bewahrte -sie sich als Vorrat auf. Wenn er dann zurückkehrte, sah er, daß die -andern am Rande des Teiches standen, in Aufregung warteten und jeder -sich beeilte, vor dem andern hinübergetragen zu werden. Die Weisheit -betrachtete ihre Dummheit und ihren Leichtsinn und nahm sich ein -Beispiel daran, und die Zeit weinte aus hundert Augen über ihr Unglück. -Jeder, der dem Feinde glaubt und den Listen und Betrügereien eines -gemeinen und schlechten Menschen vertraut, wird so bestraft. - -Als so einige Tage vergangen waren, befiel auch den Krebs die Sehnsucht -und das Verlangen, den Teich kennen zu lernen, und er wollte möglichst -schnell übersiedeln. Er bat also den Reiher darum. Dieser überlegte, -daß dies sein schlimmster Feind sei, und daß es das Beste sei, ihn zu -seinen Freunden zu bringen. Er ging also an den Rand des Wassers, nahm -den Krebs an seinem Hals und brach mit ihm nach dem Ruheplatze der -Fische auf. Als der Krebs aus der Ferne die Gräten der Fische sah, -ahnte er, wie die Sache stehe und sagte überlegend zu sich: „Der -Verständige, der, wenn ein Feind ihn töten will, ihm nicht Widerstand -leistet zu der Zeit, da er in der Lage dazu ist, beschleunigt seinen -Tod und begeht Selbstmord und, wenn er sein Geschick erfüllt, hat er -zwei Möglichkeiten, entweder hat er Erfolg, dann gräbt er seinen Namen -in Marmor, und sein Mut steht in den Blättern der Geschichte, oder er -unterliegt, dann ist er entschuldigt, und Mangel an Mut und Tapferkeit -kann ihm nicht vorgeworfen werden.“ Der Krebs legte sich also wie ein -Ring um den Hals des Reihers und drückte ihm fest die Kehle zu. Da der -Reiher alt und schwach war, so verlor er schon bei dem geringen Drucke -die Kräfte, und das Leben entwich aus seinem Körper. Der Krebs verließ -den Hals des Reihers, kehrte um und erzählte den Fischen die ganze -Geschichte, indem er das Beileid für die toten Freunde mit dem -Glückwunsch für die lebenden vereinte. Als die Fische die Kunde -vernahmen, wurden sie erfreut und glücklich und sahen den Tod des -Reihers für sich als ein neues endloses Leben an. - - - - - - - - -45. DER WOLF, DER HASE UND DER FUCHS - - -Ein hungriger Wolf durchstreifte eine Steppe und suchte nach Nahrung. -Plötzlich sah er einen Hasen in tiefem Schlafe in einem Gebüsch liegen. -Der Wolf sah ihn als gute Beute an und ging leise an ihn heran. Der -Hase fuhr bei seinem Schnauben und bei seinem Tritte auf und wollte -entfliehen. Der Wolf kam ihm entgegen und sagte: „Komm, komm, ich kann -ohne dich nicht leben; lauf nicht weg, lauf nicht weg, denn die -Trennung würde mich töten.“ Der Hase war aus Furcht vor dem Wolf ganz -erschreckt, fing an, ihn demütig zu bitten und sagte unterwürfig: „Ich -weiß, daß das Feuer des Hungers des Königs der Tiere brennend und die -Glut der Leidenschaft schrecklich ist. Aber ich bin mit meinem -schwachen, elenden Körper nur ein Bissen für ihn. Wie sollte der als -Nahrung ausreichen, und wie sollte sein Hunger dadurch gestillt werden. -Aber in dieser Gegend ist ein Fuchs, der infolge seines Fettes nicht -mehr laufen mag und infolge seines vielen Fleisches sich nicht mehr -bewegen mag. Ich vermute, daß sein Fleisch an Feinheit des Geschmackes -mit dem Lebenswasser wetteifert und sein Fett dem süßesten Scherbet -gleichkommt. Wenn also der Herr geruhen und die Mühe auf sich nehmen -wollte, dessen abgeschiedenes Heim mit seinem Besuche zu beehren, so -werde ich den Fuchs mit den Schlingen der List fangen und vor meinen -Herrn bringen. Wenn er dann mit diesem Bissen zufrieden ist, so ist es -gut, wenn nicht, so bin ich da und warte auf meinen Tod.“ - -Der Wolf ließ sich durch den Hasen täuschen und durch seine List -verführen und ging zu der Höhle des Fuchses. Dieser war so schlau, daß -er in der Betrügerei selbst den Teufel lehren konnte und in der List -alle Einbildung übertraf. Der Hase hatte einen alten Streit mit dem -Fuchs. Da es sich nun so traf, wollte er die Gelegenheit benutzen und -sich an ihm rächen. Als sie zum Hause des Fuchses gekommen waren, ließ -er den Wolf draußen und trat selbst durch das Loch ein. Er begrüßte -ihn, und der Fuchs empfing ihn mit aller Ehrerbietung. Der Hase sagte: -„Wie lange ist es her, daß ich dich besuchen wollte, aber die Ungunst -der Zeiten hat mir dieses Glück nicht gegönnt. Jetzt ist nun ein -frommer Mann nach seinen gesegneten Fahrten in diese Gegend gekommen. -Er hat von deiner Frömmigkeit gehört und hat mich als Mittelsperson -benutzt ihn bei dir einzuführen. Wenn du es erlaubst, so ist es gut; -wenn irgendein Hindernis vorliegt, kann er zu anderer Zeit kommen.“ Der -kluge Fuchs sah unter dieser Rede die List und erkannte auf dem Spiegel -dieser Worte das Abbild des Betruges und sagte zu sich: „Das Beste ist -es, in dieser Sache ebenso zu verfahren wie sie und ihren Gifttrank -ihnen selbst zu trinken zu geben.“ Er begann daher mit Schmeicheleien -und Begrüßungsworten und sagte: „Ich stehe immer den Reisenden zu -Dienst und halte meine Tür für sie geöffnet, damit ich durch sie -gesegnet werde. Besonders gegen einen so frommen Mann, wie du ihn -beschreibst, und einen so heiligen Scheich, wie du ihn darstellst, -lasse ich es nie an Gastfreundschaft fehlen. Aber ich hoffe, du wirst -diesen Heiligen benachrichtigen, daß er so lange warten möge, bis ich -meine Wohnung ausgefegt und einen Teppich, für den Gast passend, -ausgebreitet habe.“ - -Der Hase dachte, daß seine List bei dem Fuchse Erfolg gehabt habe, und -daß dieser bald mit dem Wolfe sprechen würde, und antwortete: „Der -Ankömmling ist ein fremder Mann und legt keinen Wert auf -Äußerlichkeiten, aber wenn du nicht davon lassen willst, so will ich -dich nicht hindern.“ Mit diesen Worten ging er hinaus und berichtete -dem Wolf genau die Angelegenheit und brachte die frohe Nachricht, daß -der Fuchs sich habe täuschen lassen, und nach dem Satze: „Jede -Neuigkeit bereitet Vergnügen“ schilderte er von neuem das Fleisch und -das Fett des Fuchses sowie seine Zartheit und Feinheit. Dem Wolfe lief -das Wasser im Munde zusammen, und der Hase hoffte, durch diesen Dienst -sich das Leben gerettet zu haben. - -Der Fuchs hatte aber schon früher in kluger Vorsicht in seinem Bau eine -tiefe Grube gegraben, die Erde hinausgebracht und die Öffnung mit -Reisig zugedeckt. Außerdem hatte er sich einen geheimen Ausweg gemacht, -auf dem er zur Zeit der Not entfliehen konnte. Als nun der Hase -hinausgegangen war, ging er zur Grube und ordnete das Reisig so, daß es -auch bei der kleinsten Berührung nachgeben mußte. Dann rief er von dem -geheimen Gang aus: „Bitte, geehrte Gäste, betretet mein niedriges -Haus!“ Sofort bei ihrem Eintritt entwischte er durch das Loch. Der Hase -in höchster Freude, der Wolf voll Hunger betraten in größter Eile die -dunkle Wohnung und, sobald sie das Reisig betraten, befanden sie sich -in der Grube. Der Wolf dachte, daß der Hase ihm einen Streich gespielt -habe, zerriß den Armen sofort in Stücke und ging weg. - - - - - - - - -46. DER LÖWE UND DER HASE - - -In der Umgegend von Bagdad war eine Wiese, deren Erde wie Ambra duftete -und deren sanfte Lüfte den Geist erquickten wie die klare Luft des -Keyserbrunnens im Paradiese. Vom Reflex der Lichter und Blumen war das -Firmament geblendet, die Zahl seiner Brunnen und Flüsse war ohne Ende, -und auf jedem Zweige im Garten leuchteten tausend Sterne, über deren -Anblick der Himmel schwindelig wurde. - -Auf dieser Wiese hatten sich viele wilde Tiere wegen ihrer lieblichen -Luft und ihres Reichtums an Wasser und Nahrung niedergelassen. - -Hier lebte ein blutgieriger Löwe, der immer seinen unheilvollen Anblick -diesen Armen zeigte und ihnen das Leben verbitterte. Jeden Tag -erbeutete er sich ein paar von ihnen. Eines Tages kamen sie überein und -gingen zu dem Löwen und sagten in aller Demut und Unterwürfigkeit: „Wir -sind die Diener des Königs der Tiere. Wir sind jeden Tag in Aufregung, -ob du wohl einen von uns erbeutest oder nicht, und du bist auch durch -die Verfolgung belästigt. Wir sind also aus Rücksicht auf deine -Bequemlichkeit und auf unsere Ruhe und Sicherheit auf den Gedanken -gekommen, dir, wenn du uns weiter nicht verfolgst, jeden Tag zur -Mahlzeit in deine Küche eine Beute zu schicken. Wir werden diese -Verpflichtung gewissenhaft ausführen.“ Der Löwe war damit -einverstanden. - -Sie kamen also überein, daß jeden Tag das Los geworfen werde und daß -der, den es träfe, in die Küche des Löwen geschickt werde. So verging -einige Zeit. Eines Tages fiel das Los auf den Hasen. Dieser sagte nach -einigem Nachdenken: „Wenn ihr mit meiner Absendung etwas warten wollt, -so denke ich, daß ich wahrscheinlich euch alle von der gewaltigen Faust -dieses Tyrannen befreien kann.“ Die Tiere waren alle damit -einverstanden. Der Hase wartete so lange, bis die Stunde des Frühstücks -vorüber war. Der Zorn des Löwen wurde durch den Hunger aufs äußerste -erregt, bald stand er auf, bald setzte er sich hin und schlug die Zähne -aufeinander. Sein Gebrüll drang bis zum Himmel. Da näherte sich der -Hase leise dem Löwen. Dieser war sehr aufgeregt, schlug vor Zorn den -Boden mit seinem Schweife und wollte den Vertrag lösen. - -Der Hase kam leise näher und grüßte mit aller Unterwürfigkeit. Der Löwe -sagte: „Woher kommst du und was weißt du von den Tieren?“ Der Hase -erwiderte: „Nach unserm alten Vertrage schickten sie mit mir einen -Hasen in die königliche Küche. Während ich mit ihm unterwegs war, kam -zufällig in dem und dem Walde ein wilder Löwe uns entgegen und nahm ihn -mir aus der Hand. Wie sehr ich auch rief: ‚Dieser Hase ist die Nahrung -des Königs der Tiere‘, er hörte gar nicht zu und kümmerte sich nicht um -mich. Er gebrauchte Schimpfworte gegen mich und sagte: ‚Weißt du nicht, -daß dieser Wald mein Jagdplatz ist und die Beute nur mir zukommt?‘ Er -gebrauchte solche Worte und schmähte auch den König, daß ich erschreckt -war. Schließlich lief ich weg und kam in Eile hierher, damit ich den -Fall deiner hohen Einsicht unterbreite.“ - -Als der Löwe dies hörte, sagte er im höchsten Zorne: „Hase, kannst du -ihn mir zeigen, damit du siehst, wie ich dir zu deinem Rechte verhelfe -und mich räche?“ Der Hase antwortete: „Wie sollte ich das nicht -können?“ und ging voraus. Der einfältige Löwe ließ sich von dem Hasen -täuschen und folgte ihm. Der Hase führte den Löwen an den Rand eines -tiefen Brunnens, dessen Wasser infolge seiner Klarheit die -Spiegelbilder klar wie ein chinesischer Spiegel zeigte und die -Hineinschauenden deutlich und ohne Fehler wiedergab. Dann sagte er: -„König, dein Feind ist in diesem Brunnen. Ich fürchte mich vor ihm. -Wenn der König mich zu sich nimmt, will ich ihm den Feind zeigen.“ Der -Löwe nahm den Hasen in seinen Arm und schaute in den Brunnen. Als er -sich und den Hasen im Wasser sah, dachte er, es wäre der böse Löwe und -der Hase, der ihm selbst geschickt war. Sofort ließ er den Hasen los, -stürzte sich in den Brunnen, versank und übergab seine Seele den -Wärtern des Höllenfeuers. Der Hase kehrte wohlbehalten heim und -erzählte den Tieren die Geschichte. - - - - - - - - -47. DIE SCHILDKRÖTE UND DER SKORPION - - -Eine Schildkröte und ein Skorpion hielten Freundschaft miteinander. -Immer sprachen sie in Liebe und Eintracht, Aufrichtigkeit und -Anhänglichkeit. Einst mußten sie notgedrungen ihre Heimat verlassen. -Sie wanderten in Kameradschaft und Einmütigkeit an einen anderen -sicheren Platz. Durch Gottes Fügung kam ihr Weg an einen großen Fluß, -und sie planten ihn zu durchschreiten. Der Skorpion hatte Besorgnis, -den Fluß zu überschreiten und war in Verlegenheit. Die Schildkröte -sagte: „Lieber Freund, was ist die Veranlassung, daß du das Schiff des -Nachdenkens auf den Fluß der Verlegenheit gesetzt hast, und was ist der -Grund, daß du in das Meer der Sorge und des Kummers untergesunken -bist?“ Der Skorpion erwiderte: „Bruder, der Gedanke, diesen Fluß zu -überschreiten, hat mich in den Strudel der Aufregung geworfen. Es ist -mir unmöglich, den Fluß zu überschreiten, noch kann ich die Glut des -Feuers der Trennung (von dir) aushalten.“ Die Schildkröte sagte: „Sei -nicht traurig, ich werde dich ohne weitere Unbequemlichkeiten auf -meinem Rücken über dies Wasser bringen, meine Brust zum Ziele für den -Pfeil deines Kummers machen und dich so aus dem Strudel ans Ufer -bringen, denn man sagt: ‚Es ist schade, einen Freund, den man mit Mühe -gewonnen hat, durch Leichtsinn zu verlieren.‘“ Die Schildkröte nahm den -Skorpion auf ihren Rücken, ließ sich wie ein Schiff ins Wasser und -machte sich auf den Weg. Während sie im Wasser schwamm, kam plötzlich -ein unangenehmes Geräusch ihr zu Ohren, und sie merkte ein Kratzen und -Picken auf ihrem Rücken durch die Bewegung des Skorpions. Sie fragte: -„Bruder, was ist das für ein Geräusch, das ich höre, und womit -beschäftigst du dich?“ Der Skorpion antwortete: „Bruder, ich erprobe -die Spitze meines Stachels an der Rüstung deines Körpers.“ Die -Schildkröte sagte voller Zorn: „Wie unfreundlich von dir. Ich habe mich -deinetwegen dem Strudel entgegengestellt und mein liebes Leben und -meinen schwachen Körper der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt. Während -ich jetzt die Arbeit habe, sitzt du dort in Ruhe und überschreitest auf -meinem Körper wie in einem Schiffe das Wasser. Wenn du dich nicht zu -Dank verpflichtet fühlst und unsere alte Freundschaft so gering -achtest, was soll denn dies Stechen, zumal doch klar ist, daß du mir -damit keinen Schaden zufügst und dein Stachel durch meine dicke Haut -nicht durchdringt.“ Der Skorpion antwortete: „Gott soll mich bewahren, -daß mir derartige Gedanken je in meinem Leben gekommen sind. Diese -Bewegung liegt nur in meiner Natur. Ich muß stechen und da ist es mir -einerlei, ob es der Rücken des Freundes oder die Brust des Feindes -ist.“ Die Schildkröte wunderte sich darüber, versank in Nachdenken und -sagte zu sich: „Die Weisen haben mit Recht gesagt, daß Edelmut einem -gemeinen und schlechten Menschen gegenüber dasselbe sei wie Disteln in -der Schleppe und Schlangen im Kragen zu hegen.“ - - - - - - - - -48. DER FALKE UND DER HAHN - - -Ein schneller Falke stritt sich einst mit einem lautkrähenden Hahn: „Du -bist ein Vogel, der äußerlich zwar sanft, von Natur aber wild ist, -freundlich erscheint, aber Feindschaft nährt. Warum habt ihr im Herzen -keine Zuverlässigkeit und Treue. Was ihr tut, ist nur Unaufrichtigkeit -und Undankbarkeit.“ Der Hahn antwortete: „Was für Treulosigkeit und -Undankbarkeit hast du an uns gesehen?“ Der Falke sagte: „Gibt es wohl -größeren Undank? Die Menschen sind zu euch so freundlich und bereiten -euch euer Essen, daß ihr, ohne euch abzumühen, euer Leben lang -ausreichend habt, sie kümmern sich immer mit derselben Sorgfalt um euch -und beschützen euch, so daß ihr unter ihrem Schutz ruhig leben könnt. -Wenn sie euch aber rufen, so flieht ihr und fliegt von Dach zu Dach. -Wir Falken, die wir doch wilde Tiere sind, sind, wenn wir nur einige -Tage mit den Menschen zusammen sind, dankbar und bringen ihnen die -Beute, die wir gemacht haben, und wenn wir sehr weit von ihnen sind, -fliegen wir auf einen Ton zu ihnen zurück.“ Der Hahn antwortete: „Du -hast recht, aber euer Gehorsam und unser Ungehorsam kommt daher, daß -ihr noch nie einen von euch in der Pfanne habt braten gesehen. Wir aber -haben unsere Artgenossen am Roste braten gesehen. Wenn ihr das gesehen -hättet, würdet auch ihr die Menschen meiden und, wenn wir von Dach zu -Dach flüchten, würdet ihr von Berg zu Berg flüchten.“ - - - - - - - - -49. DER JÄGER, DER FUCHS UND DER LEOPARD - - -Eines Tages streifte ein Jäger durch die Steppe und sah einen flinken -Fuchs in schnellem Lauf die Ebene durcheilen. Da er in seinen Pelz -verliebt war, so trieb ihn seine Leidenschaft an, den Fuchs zu -verfolgen. Er kannte das Fuchsloch, grub darum einen Graben, deckte ihn -mit Reisig zu, legte darauf ein Aas und verbarg sich im Hinterhalt, um -abzuwarten, bis der Fuchs sich fangen würde. Zufällig kam der Fuchs aus -dem Loch und wurde durch den Geruch des Aases, er mochte wollen oder -nicht, an den Rand des Grabens gelockt. Als er das Aas auf dem Reisig -liegen sah, da erkannte er die List und sagte zu sich: „Der Duft dieses -Aases ist zwar sehr lieblich, aber das Leben ist auch etwas Schönes. -Ein Weiser mischt sich nicht in eine Sache, die Gefahr in sich -schließt, und ein Kluger läßt sich nicht in eine Angelegenheit ein, die -die Möglichkeit des Schadens in sich birgt. Wenn es auch möglich ist, -daß auf diesem Reisig ein Tier liegt, so ist es auch möglich, daß -darunter eine Falle oder ein Mensch verborgen ist. Jedenfalls ist -Vorsicht angebracht.“ - -Der Fuchs verzichtete in diesem Gedanken auf das Aas und wählte den -sicheren Weg. Währenddessen kam ein hungriger Panther, getrieben von -seiner Freßbegier, von einem hohen Berge herab. Der Geruch des Aases -lockte ihn in diese Grube. - -Als der Jäger das Geräusch der Falle hörte und die Bewegung eines -Tieres merkte, glaubte er, es sei der Fuchs, und sprang gierig und ohne -Überlegung in die Grube. Der Leopard, der dachte, daß er ihn an dem -Genuß des Aases hindern wollte, sprang auf ihn zu und zerriß ihn in -lauter Stücke. - -Der gierige Jäger wurde in der Schlinge des Todes gefangen, der -genügsame Fuchs entrann seinem Unheil dank seiner Genügsamkeit. - - - - - - - - -50. DIE ENTEN UND DIE SCHILDKRÖTE - - -In einem Bache, der wie ein Spiegel leuchtete und an Lieblichkeit und -Süße mit der Quelle des Lebenswassers und mit dem Paradiesesbrunnen -Selsebil wetteiferte, lebten zwei Enten und eine Schildkröte. Infolge -ihrer Nachbarschaft war unter ihnen die engste Freundschaft entstanden. -Plötzlich drohte das grimme Geschick, ihr Zusammensein zu trennen. In -dem Teiche, in dem sie ihren Lebensunterhalt fanden, machte sich von -Tag zu Tag eine Abnahme des Wassers bemerkbar. - -Als die Enten ihre traurige Lage bemerkten, entschlossen sie sich, ihre -ihnen liebgewordene Heimat zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. In -Niedergeschlagenheit gingen sie mit feuchten Augen zu der Schildkröte -und sagten ihr Lebewohl. Als diese von der Abreise der Freunde hörte, -jammerte und wehklagte sie: „Wie sollte ich ohne euch denkbar sein. -Jetzt habe ich kaum die Kraft, euch Lebewohl zu sagen. Wie sollte ich -die Trennung ertragen?“ Die Enten erwiderten: „Auch unser Herz ist von -dem Stachel der Trennung verwundet und unsere Brust brennt von dem -Feuer der Abreise. Aber der Wassermangel droht unser Leben zu -vernichten, so müssen wir notgedrungen in die Ferne ziehen und den -lieben Freund und das paradiesische Land verlassen.“ - -Die Schildkröte sagte: „Der Wassermangel berührt mich auch, denn ohne -Wasser ist mein Leben verwüstet. Seid so freundlich und achtet die alte -Freundschaft, laßt mich nicht in diesem Unglück allein. Wenn ihr geht, -nehmt mich mit.“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund und alter -Genosse, die Trennung von dir ist für uns die schlimmste Folter und die -böseste Pein. Überall, wo wir in Ruhe und selbst in der größten -Bequemlichkeit wohnen, wird unserem Auge der Glanz und unserer Brust -die Ruhe fehlen, da wir von deinem lieben Anblick getrennt sind. Auch -wir haben weiter kein Verlangen als deine Gesellschaft und weiter -keinen Wunsch als deine Kameradschaft. Aber was sollen wir machen? Denn -wir können nicht mit dir auf der Erde wandern und mit unserem schwachen -Körper und schwachen Füßen Täler und Wüsten durchqueren und du wiederum -kannst nicht die Weiten des Himmels durchfliegen. Wie soll da auf -dieser Reise Begleitung und Genossenschaft zwischen uns möglich sein?“ - -Die Schildkröte sagte: „Das überlasse ich wieder eurer Einsicht, und -die Lösung dieser Schwierigkeit hängt von eurem Scharfsinn ab. Was -könnte ich mit meinem schwachen Geist, der durch den Abschiedsschmerz -krank und durch die Trennung von den Freunden ganz gebrochen ist, -herausfinden?“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund, wir haben schon an -eine Möglichkeit gedacht, aber da wir wissen, daß du etwas leichtsinnig -bist, so kannst du wahrscheinlich nicht so, wie wir denken, handeln.“ -Die Schildkröte sagte: „Wäre es möglich, daß ich, während ihr zu meinem -Besten einen Plan ausdenkt, mein Versprechen nicht halten sollte, -obgleich es zu meinem Nutzen ist?“ Die Enten sagten: „Wir können dich -unter der Bedingung durch den weiten Himmelsraum tragen, daß du weder -Hand noch Fuß rührst und kein Wort sprichst. Denn es werden uns Leute -begegnen, die uns irgendein Wort zurufen oder sich sonst irgendwie -bemerklich machen. Da ist es nötig, daß du, magst du auch hören und -sehen, was du willst, deinen Mund fest unter Siegel hältst.“ Die -Schildkröte sagte: „Ich tue, wie ihr befehlt.“ - -Die Enten brachten einen Stock und steckten die Mitte davon der -Schildkröte in das Maul. Sie faßten an beiden Enden an und hoben ihn -hoch. Als sie so flogen, kamen sie über ein Dorf. Alle Leute, jung und -alt, groß und klein, sahen dies Ereignis und verließen, um es sich -genauer anzusehen, die Häuser, wunderten sich und riefen von allen -Seiten: „Die Enten tragen eine Schildkröte.“ Eine Zeitlang war die -Schildkröte ruhig, dann konnte sie es nicht mehr aushalten und -antwortete auf das Gerede der Leute: „ja.“ Sobald sie zur Antwort den -Mund geöffnet hatte, fiel sie vom Himmel zur Erde. - -Die Enten sagten tadelnd: „Du Unverständiger, du Leichtsinniger, vom -Boten verlangt man nur, daß er seine Botschaft überbringt, von den -Freunden, daß sie raten, und von den Verständigen, daß sie zuhören und -demgemäß handeln.“ - - - - - - - - -51. DIE BEIDEN GESCHÄFTSFREUNDE - - -Es waren einst zwei Geschäftsgenossen, der eine klug, der andere -leichtsinnig. Der eine war in dem Maße schlau und gewandt, daß er durch -seinen Zauber, seine Künste und Listen das Wasser vom Fließen und den -Vogel vom Fliegen abhielt und durch seinen Scharfsinn aus den Blättern -des Heute die Ereignisse des Morgen lesen konnte. Dieser hieß Tizhūsch. -Der andere konnte bei seinen Mängeln und seiner Einfältigkeit nicht -einmal zwischen Gewinn und Verlust entscheiden. Der hieß Hazim. Diese -befiel die Lust zu reisen und Handelsgeschäfte zu treiben und sie -machten sich in Kameradschaft auf den Weg. - -Sie zogen von Station zu Station. Unterwegs fanden sie durch Gottes -Fügung einen Beutel mit vollwichtigen Goldstücken. Diesen sahen sie als -einen großen Gewinn und ausreichenden Lebensunterhalt an und machten -Halt. Der kluge Gefährte sagte: „Lieber Freund, es gibt viel Gewinn in -der Welt, der noch nicht nutzbringend verwendet ist. Ich halte es für -das Beste, unsere Reiselust aufzugeben und uns mit diesem Sack Gold zu -begnügen, mit diesem Lebensunterhalt zufrieden zu sein und in Ruhe und -Gesundheit nach Hause zu gehen.“ - -Sie kehrten also um und rasteten nahe vor der Stadt. Der einfältige -Genosse sagte: „Bruder, wollen diese Beute teilen, wollen unser -gemeinsames Geschäft auflösen und von unserm Anteil leben.“ Der Kluge, -der allerhand listige Pläne schmiedete, antwortete: „Jetzt ist der -Gedanke der Teilung abwegig. Das Richtige ist es, jetzt soviel davon -auszugeben, wie wir brauchen, und den Rest mit größter Vorsicht in -einem Loche zu deponieren. Nach einigen Tagen kommen wir und nehmen uns -so einen bestimmten Teil und verwahren den Rest wieder. So ist es am -wenigsten gefährlich und am sichersten.“ Der törichte Genosse ließ sich -täuschen und nahm das listige Angebot an. Sie nahmen in dieser Weise, -soviel sie brauchten, heraus und vergruben den Rest am Fuße eines -Baumes. Dann gingen sie in die Stadt ein jeder in sein Haus. - -Der schlaue Genosse ging zum Baume und nahm den Schatz vollständig in -eigenen Besitz. Der andere, der nichts davon ahnte, war damit -beschäftigt sein Geld auszugeben. Als er damit fertig war, mußte er -notgedrungen zu dem klugen Partner gehen, teilte ihm die Sache mit und -sagte: „Bruder, komm, wollen uns aus dem Schatz für unsere Ausgaben -einen Teil holen. Ich brauche es nötig.“ Tizhūsch stellte sich so, als -ob nichts passiert sei, und sagte: „Ob Not oder nicht, ist einerlei, -komm, wir wollen hingehen.“ Sie gingen an den bekannten Platz und -suchten emsig und eifrig, fanden aber vom Schatz keine Spur. Tizhūsch -wurde zornig, packte Hazim am Kragen und sagte: „Natürlich hast du das -Geld genommen. Kein anderer außer dir wußte darum.“ Wie sehr der Arme -auch jammerte und schwur, es nützte ihm nichts. Kurz, vom Streit kam es -zum Prozeß. Der kluge Partner führte den andern vor den Kadi und -erzählte diesem die Sache. Hazim sagte nur: „Gott soll mich bewahren.“ -Der Kadi forderte von Tizhūsch Beweise für die Richtigkeit seiner -Behauptung. Dieser sagte: „Kadi, außer dem Baum, an dessen Fuße das -Gold vergraben wurde, habe ich keinen Zeugen. Ich hoffe, daß der -allmächtige Gott jenem Baume die Macht der Rede geben wird und ihn -gegen den Betrug dieses gemeinen Menschen, der sich den ganzen Schatz -genommen und mich um meinen Anteil gebracht hat, Zeugnis ablegen lassen -wird.“ - -Der Kadi wunderte sich über diese Worte und nach langem Hin- und -Herreden kam man überein, daß am nächsten Morgen der Kadi persönlich am -Fuße jenes Baumes anwesend sein würde und die Zeugnisabgabe des Baumes -mit ansehen werde. Sollte das Zeugnis für Tizhūsch günstig sein, würde -er dementsprechend das Urteil fällen. - -Der kluge Partner ging nach Hause und erzählte seinem Vater die Sache -ganz offen. „Vater, ich vertraue dir. Deswegen habe ich diesen Gedanken -mit dem Zeugnis des Baumes vorgebracht und in der Hoffnung auf deine -Zustimmung habe ich den Setzling dieser List in den Garten des Kadis -gepflanzt. Das Gelingen dieser Sache ist an deine Mitwirkung geknüpft. -Wenn du einverstanden bist, gewinnen wir so viel Geld und noch mehr und -können den Rest unseres Lebens in Behaglichkeit und Zufriedenheit -zubringen.“ Der Vater antwortete: „Was soll ich in dieser Sache tun und -was ist an meine Mitwirkung geknüpft?“ Der Sohn erwiderte: „Der Baum -ist in seinem Innern hohl, und zwar in einem Grade, daß zwei Personen -sich darin verbergen können. Du mußt in dieser Nacht hingehen und dich -im Innern verstecken. Morgen, wenn der Kadi kommt und das Zeugnis vom -Baume fordert, legst du ein ordentliches Zeugnis ab.“ Der Vater sagte: -„Sohn, gib die List und den Betrug auf. Selbst wenn du die Leute -täuschest, wie willst du es mit Gott machen? Und selbst wenn du mit -deinen Betrügereien auf den Richter der Stadt Eindruck machst, wie -willst du den Richter des Weltgerichts täuschen?“ Der Sohn antwortete: -„Vater, rede nicht soviel und mache dir nicht solche Sorgen! Denn die -Sache verursacht nur wenig Mühe und bringt großen Nutzen.“ - -Schließlich zog die Gier nach Geld und die Liebe zu seiner Familie den -armen Vater von dem Ruheplatz des Glaubens und der Frömmigkeit in die -Wüste der Ungerechtigkeit und des Verbrechens und das Wort des Korans: -„Euer Vermögen und eure Kinder sind eine Versuchung“ erfüllte sich. Er -ließ den Weg des Edelmuts beiseite, rollte den Teppich der -Ritterlichkeit gänzlich zusammen und fand es für passend, eine solche -Sache, die sowohl im göttlichen wie im Gewohnheitsrecht verboten ist, -zu begehen. In jener dunklen Nacht ging der ungerechte Vater zu dem -Baume, und da er sein Inneres hohl fand, versteckte er sich in der -Höhlung. Am Morgen, als der leuchtende Richter, die Sonne, im -Gerichtssaal des Himmels erschien und die Täuschung des Morgengrauens -[43] den Menschen klar wie der Tag wurde, da fanden sich der Kadi und -die übrigen Notabeln der Stadt am Fuße des Baumes ein, und das Volk in -Scharen stand in Reihen und schaute voll Neugier auf den Baum. - -Der Kadi redete den Baum an, legte die Klage des Klägers und die -Leugnung des Beklagten dar und fragte um Rat hinsichtlich der -Angelegenheit. Da kam aus dem Innern des Baumes eine Stimme: „Hazim hat -das Geld genommen und dieser Übeltäter hat Tizhūsch unrecht getan.“ Der -Kadi war erstaunt und überlegte ein Zeitlang, dann erkannte er durch -seinen Scharfsinn, daß im Baum jemand verborgen war, den er mit List -herausbringen müsse. Darum befahl er, daß man Holz sammele und rings um -den Baum anzünde. Der habgierige Alte hielt es einige Zeit aus, als er -aber sah, daß es ihm ans Leben gehe und das Messer bis auf die Knochen -ging, da bat er um Gnade. Der Kadi gewährte sie und als der alte Mann -heraus kam, gab er ihm gute Worte und fragte ihn nach der -Angelegenheit. Der halbverbrannte Alte erzählte den ganzen Sachverhalt. -Als der Kadi ihn erfahren hatte, erklärte er Hazim für unschuldig und -setzte den Leuten Hazims Ehrlichkeit und Tizhūschs Betrügerei -auseinander. Währenddessen starb der betrügerische Alte, da er die -Schande nicht ertragen konnte, und brachte die Last seiner Seele aus -dieser vergänglichen Welt in die Ewigkeit und aus der Feuerhitze dieser -Welt in das ewige Höllenfeuer. Der lügnerische Sohn, der schwere Strafe -erfuhr, nahm seinen toten Vater auf die Schulter und brachte ihn in die -Stadt, wo jeder, der ihn sah, die Geschichte vom Vater und Sohn den -Leuten erzählte. Hazim aber erlangte durch seine Ehrlichkeit und -Rechtlichkeit seinen Anteil von dem Gelde und lebte seinen -Angelegenheiten. - - - - - - - - -52. DER GÄRTNER UND DER BÄR - - -In alter Zeit lebte ein Gärtner, der sein Leben mit der Pflege seines -Gartens zubrachte. So hatte er einen Garten geschaffen, der dem -Paradiese glich. Da er mit jedem Baum so eng verbunden war, war aus -seinem Herzen jedes Gefühl für Vater, Frau und Sohn entschwunden, und -er brachte in dem Garten lange Zeit Tag und Nacht einsam und verlassen -zu. Schließlich wurde er von der Verlassenheit so bekümmert, daß er in -die Ebene wanderte. Als er am Fuße eines Berges, der sich unendlich wie -die Hoffnung dahinstreckte, spazieren ging, kam ihm durch Gottes Fügung -ein häßlicher, scheußlicher Bär entgegen, der gleichfalls aus Furcht -vor der Einsamkeit von der Höhe des Berges in die Ebene herabgestiegen -war. Sogleich entstand zwischen beiden eine Liebe, und das Herz des -Landmannes war geneigt, mit dem Bären Freundschaft zu pflegen. - -Als der Bär diese Anhänglichkeit des Bauern sah, wurde er auch ihm in -Freundschaft zugetan und folgte ihm auf den leisesten Wink in den -paradiesesgleichen Garten, und da der Gärtner gemäß dem Worte „Ehret -eure Gäste“ ihn freundlich behandelte, so wurde dadurch das Band ihrer -Liebe fest, und auf dem Boden ihrer Herzen sproßte das Reis der -Zuneigung. - -Jedesmal, wenn der Gärtner müde war und sich im Schatten eines Baumes -ausruhte, stand der Bär liebevoll neben seinem Kopfe und jagte ihm die -Fliegen weg. Eines Tages schlief der Gärtner wieder in gewohnter Weise -und der Bär verscheuchte die Fliegen. So oft er sie auch verjagte, -immer kehrten sie wieder. Schließlich wurde er zornig, nahm einen -schweren Stein und warf ihn, um die Fliegen zu töten, dem armen Bauern -auf den Kopf. Die Fliegen erlitten keinen Schaden davon, aber der -Gärtner starb daran. - -Deswegen sagt man: „Ein kluger Feind ist besser als ein dummer Freund.“ - - - - - - - - -53. DER UNWISSENDE ARZT - - -Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz -seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit -in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht -einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der -Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende -Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden -aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung -ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst -wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch -seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft -in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des -Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte -dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein -Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete. - -Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne -strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit -war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der -glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres -Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte, -hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt -wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die -Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu -geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel -bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt -werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem [44] -davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit -etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird -die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das -Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich -in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen -ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden -können.“ - -Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies -Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf -Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene -Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er -sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon -heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches -Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen -Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke -dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab -ihr Leben auf. - -Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung -Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden -Arzte, der auch daran starb. - - - - - - - - -54. DER KAMELREITER UND DIE SCHLANGE - - -Ein Kamelreiter war auf seiner Reise an einen Ort gekommen, wo eine -Karawane gerastet und ein Feuer angezündet hatte. Nach ihrer Abreise -hatte der Wind das Feuer angefacht und die Funken hatten alles Gestrüpp -und Reisig in der Wüste in Brand gesetzt. Mitten darin lag eine große -Schlange. Die Flammen hatten sie ganz eingeschlossen, daß sie nirgends -hinaus konnte. Wohin sie auch schaute, nirgends sah sie einen Weg der -Rettung und beinahe wäre sie von dem Feuer wie ein Fisch in der Pfanne -gebraten. Als sie den Reiter sah, bat und flehte sie ihn an, sie zu -befreien. - -Der Reiter war ein barmherziger Mann. Als er den Hilferuf der Schlange -hörte und ihre Not sah, sagte er zu sich: „Die Schlange ist zwar ein -giftiges Tier und ein böser Feind, aber da sie jetzt in Not ist, wäre -es doch wohl angebracht, Mitleid mit ihr zu haben. Das Beste ist es, -daß ich sie jetzt aus diesem Strudel ziehe und den Samen eines guten -Werkes, der in dieser Welt Glück und in der zukünftigen Segen als -Früchte tragen wird, pflanze.“ Er nahm also den Ledersack, den er bei -sich trug, band ihn an die Spitze seiner Lanze und hielt ihn der -Schlange hin. Die Schlange legte sich hinein und der Reiter, im -Glauben, ein gutes Werk zu tun, zog sie aus dem Feuer heraus. Nachdem -er sie aus dem Sack hatte herauskriechen lassen, richtete er einige -ermahnende Worte an sie und sagte: „Du weißt, aus einer wie großen -Gefahr du befreit bist. So ist es nötig, daß du aus Dankbarkeit über -diese Gnade dich jetzt in einen Winkel zurückziehst und hinfort kein -Unrecht mehr tust, denn wer den Geschöpfen Gottes Übles zufügt, ist in -dieser Welt übelberüchtigt und in der anderen unglücklich und hat -keinen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Liebe der -Menschen.“ - -Die Schlange antwortete: „Reiter, laß solche Worte. Ich will nicht von -hier gehen, ehe ich dicht nicht gebissen habe.“ Der Reiter erwiderte: -„Was ist das für eine unpassende Rede! Ich habe es nicht an Liebe und -Erbarmen fehlen lassen und dich nicht im Feuer verbrennen lassen. Wenn -ich nicht gewesen wäre, hätte der Strudel des Todes dein Leben -vernichtet und die Feuerflamme dich verbrannt.“ Die Schlange sagte: -„Ja, du hast es nicht an Menschlichkeit fehlen lassen, aber sie war -nicht angebracht und deine Güte hat einen Unwürdigen getroffen. Du -weißt, daß ich eine Quelle des Giftes und des Schadens bin. Alle Tiere -und besonders die Menschen fürchten sich vor meinem Gift. Wenn du also -einen so großen Schädling nicht im Feuer hast umkommen lassen, so -kannst du von ihm als Belohnung jedenfalls nichts anderes als Unheil -und Böses erwarten, denn den Schlechten Gutes tun ist ebensoviel wie -den Guten Schlechtes tun. Vielleicht ist das erstere sogar noch -schlimmer. Mich zu töten, wäre für dich eine religiöse Pflicht gewesen. -Da du dem göttlichen Gesetz und den Erfordernissen des Verstandes -zuwider gehandelt hast, so halte ich es für richtig, dich meinen -Stachel kosten zu lassen, damit diejenigen, die es hören, sich abhalten -lassen, dir zu folgen und sich dein Beispiel als Lehre nehmen.“ Der -Reiter sagte: „Du böser Unhold, was für gottlose Reden führst du? Denke -billig, in welcher Religion hat man wohl Böses als Vergeltung für eine -Wohltat als passend angesehen? Kein Verständiger hält es für richtig, -Gutes mit Bösem zu vergelten und selbst ein ungläubiger Richter glaubt -nicht, daß man Nutzen durch Schaden vergelten darf.“ Die Schlange -sagte: „Wie kannst du leugnen, daß bei den Menschen und in eurer -Religion Gutes und Schlechtes, Wohltat und Böses als gleichwertig -gelten. Darum will ich auch, wie ich es von euch gelernt habe, -verfahren.“ - -Wie sehr sich auch der Reiter bemühte, sie zu überzeugen, es glückte -ihm nicht. Die Schlange rief: „Wähle, ob ich zuerst dich stechen soll -oder ob ich mit deinem Kamel anfangen soll.“ Schließlich kamen sie -überein, daß die Schlange ihre Behauptung mit vertrauenswürdigen Zeugen -beweisen und den Reiter zum Verstummen bringen solle, dann wolle er -bereitwillig den Tod annehmen. Dann schaute sich die Schlange um und -sah gerade einen Büffel in der Wüste weiden. Sie sagte: „Komm, Reiter, -wollen die Schwierigkeit von diesem Braven lösen lassen.“ Der -Kamelreiter und die Schlange gingen zu dem Büffel und die Schlange -öffnete ihr giftspeiendes Maul und sagte: „Büffel, du wanderst nun so -viele Jahre in der Welt herum. Was ist die Vergeltung für Wohltaten?“ -Der Büffel antwortete: „Bei den Menschen ist die Belohnung für gute -Taten Undank. Um das zu beweisen, genügt folgendes: Ich bin bei einem -Menschen schon so lange im Dienst, habe ihm jedes Jahr ein kräftiges -Kalb geboren, habe ihm Milch und Butter geliefert, habe für seinen -Unterhalt und sein behagliches Leben gesorgt, indem ich auf seinen Dank -hoffte. Als ich alt wurde und ihm keine Kälber mehr schenken konnte, -sorgte er nicht mehr für mich, vergaß das, was ich ihm vorher getan, -und ließ mich einsam und allein in dieser Wüste. Als ich auf dieser -Weide graste und wieder fett wurde, ging eines Tages mein Herr hier -vorbei, schaute mich prüfend an und stellte meinen guten Zustand fest. -Als er sah, daß ich kräftig und fleischig war, kehrte er mit großer -Freude nach Hause zurück, und am nächsten Tage kam er mit einem -Fleischer zurück und verkaufte mich an ihn. Heute wird man mich ins -Schlachthaus führen und mich schlachten. Das ist der Dank der Menschen -für Wohltaten.“ - -Die Schlange sagte: „Da hast du gehört, wie die Menschen Wohltaten -vergelten. Bereite dich nun zum Tode und erfülle dein Versprechen.“ Der -Reiter erwiderte: „Nach unserem Gesetz genügt ein Zeuge nicht. Bevor -nicht alle Erfordernisse erfüllt sind, hat der Urteilsspruch keine -Gültigkeit.“ Die Schlange sah sich um, erblickte einen Baum und sagte: -„Komm, wollen diesen Baum fragen. Wollen sehen, was er dazu sagt.“ Sie -gingen zusammen zu diesem Baum und die Schlange fragte ihn: „Was ist -die Belohnung für Wohltaten?“ Der Baum antwortete: „In der Religion der -Menschen ist Übeltat die Vergeltung für Wohltun, und ihrer -Charakteranlage nach verfahren sie auch so. Als Beweis dafür diene -folgendes: „Ich gebe hier in der Wüste allein Schatten und auf einem -Fuße stehend diene ich allen Kommenden und Gehenden. Jeder von den -Menschen, der in der Wüste von der Glut der Sonne gequält wird, findet -unter meinem mächtigen Schatten Ruhe und Erquickung, so daß er sich von -den Strapazen des Weges und den Unbilden der Witterung erholen kann. -Wenn er mich aber ansieht, sagt er: ‚Aus jedem Zweige ließen sich -soundsoviele Bündel Reisig und soviel Axtgriffe und aus seinem Stamm -soviel Bretter und daraus soviel Türen herstellen.‘ Wenn sie Äxte -hätten, würden sie sofort einige von meinen Zweigen abschlagen. Während -sie nur Gutes von mir haben, wollen sie mir Übles antun.“ - -Die Schlange sagte: „Die Zeugenangelegenheit ist erledigt. Nun ist -weiter kein Vorwand und du mußt die übernommene Bedingung erfüllen und -dich meinem Stachel darbieten.“ Der Reiter machte Einwendungen und -sagte: „Es war nötig festzustellen, daß die Zeugen glaubwürdig sind. -Das ist nicht geschehen. Auf unrechtliche Art Blut zu vergießen, würde -sich für dich nicht geziemen. Außerdem ist einem das Leben lieb und die -Frucht des Lebens süß, und das Herz von den Dingen dieses Lebens zu -reißen ist schwer. Ich habe nun noch eine Bedingung. Wenn du noch einen -Zeugen in dieser Angelegenheit findest, will ich mich dem Geschick -unterwerfen und mich dem Untergang preisgeben.“ - -Währenddessen kam ein Fuchs in diese Gegend, fand sie in diesem Streit -und fragte sie, worum es sich handle. Als die Schlange ihn sah, sagte -sie zu dem Reiter: „Komm, jetzt wollen wir den Fuchs fragen. Wollen -sehen, was er sagt.“ Der Reiter hatte ihm kaum die Sache genau -auseinandergesetzt, als der schlaue Fuchs ausrief: „Mensch, weißt du -nicht, daß die Belohnung für eine Wohltat Böses ist? Aber hast du der -Schlange denn etwas Gutes getan, daß du als Vergeltung Böses -verdienst?“ Als der Reiter ihm den Vorgang erzählte, sagte der Fuchs: -„Du gleichst doch sonst einem verständigen Mann, wie kannst du denn -solchen Unsinn erzählen und Lügen auftischen?“ Die Schlange fiel ein: -„Doch, er hat die Wahrheit gesagt. Da ist der Sack, in dem er mich aus -dem Feuer gezogen hat.“ Der Fuchs fuhr fort: „Wie sollte man das -glauben, daß ein so großes Tier in einen Sack ginge, der im Vergleich -zu dir noch kleiner als ein Ochsenauge ist?“ Die Schlange sagte: „Das -läßt sich leicht beweisen. Wenn du es nicht glaubst, kann ich in den -Sack hineingehen.“ Der Fuchs erwiderte: „Wenn ich das mit eigenen Augen -sehe, will ich die Angelegenheit entscheiden.“ Um die Behauptung zu -beweisen, öffnete der Reiter die Öffnung des Sackes und die Schlange -kroch im Vertrauen auf die Worte des Fuchses hinein. Als der Fuchs das -sah, sagte er leise zum Reiter: „Junger Mann, jetzt hast du deinen -Feind im Gefängnis, benutze die Gelegenheit und lasse ihn nicht wieder -frei.“ - -Der Reiter hielt die Öffnung des Sackes fest zu und schlug ihn so stark -auf den steinigen Boden, daß die Schlange starb, und die Menschheit von -ihrem Gifte, und die Welt von ihrer Bosheit befreit wurde. - - - - - - - - -55. DER FROMME MANN UND DIE DIEBE - - -Ein frommer Mann hatte sich für das Opferfest einen Hammel gekauft, um -dessen Hals einen Strick gelegt und führte ihn zu seinem Kloster. -Unterwegs sahen einige Diebe das Schaf: Ihre Diebslust regte sich und -sie gingen dem frommen Mann entgegen. Da sie nicht wie Wölfe oder Tiger -mit gewalttätiger Hand die Beute nehmen konnten, wollten sie listig wie -ein Fuchs zu Werke gehen und den frommen Mann in den Schlaf des Hasen -[45] versetzen. Sie verfielen auf eine ganz besondere List, durch die -sie das einfache und fromme Herz des Mannes zu fangen gedachten. -Nämlich folgendermaßen: Sie gingen einzeln dem frommen Manne entgegen. -Der erste sagte: „Scheich, was willst du mit dem Hunde machen?“ Der -zweite: „Scheich, beflecke dein Gewand nicht mit dem Hunde.“ Der -dritte: „Es sieht so aus, als ob du mit dem Hunde auf Jagd gehst.“ Ein -anderer sagte: „Jäger, von wem hast du diesen Jagdhund gekauft?“ Ein -anderer: „Der Scheich mit diesem Hunde sieht so aus wie ein -Nachtwächter.“ Ein anderer: „Dieser Mann mit dem Jagdhund ist -sicherlich ein Hundewärter des Kaisers.“ Kurz, alle die Diebe hatten -sich auf dies Wort geeinigt, warfen ihm ein solches Wort zu und machten -ihn zur Scheibe ihres Witzes. - -Als der schlichte fromme Mann von ihnen allen übereinstimmend dies Wort -hörte, kamen ihm Zweifel, ob sein Hammel ein Hund sei und er sagte zu -sich: „Vielleicht war der Verkäufer ein Zauberer, der mich verzaubert -hat, daß ich den Hund für einen Hammel halte. Das Beste ist es, ich -lasse ihn fahren, gehe zum Verkäufer zurück und verlange mein Geld -zurück, das ich ihm gegeben.“ - -In seiner Einfalt ließ er den Hammel los und ging zurück, um den -Verkäufer zu suchen. Als die Diebe das sahen, stürzten sie sich wie -Wölfe auf den Hammel und nahmen ihn mit sich. - - - - - - - - -56. DIE MAUS, DIE IN EIN JUNGES MÄDCHEN VERWANDELT WURDE - - -Ein Mönch, dessen Gebet Erhörung bei Gott fand, hatte sich am Rande -eines Baches niedergelassen und sich ganz von den Dingen dieser Welt -zurückgezogen. Eines Tages flog ein Weihe vorbei, der eine Maus -gefangen hatte und im Schnabel hielt. Nach Gottes Willen fiel diese aus -dem Schnabel des Weihes gerade vor den Mönch. Dieser sah sie und -empfand Mitleid mit ihr, warf seinen Mantel über sie, nahm sie in sein -Haus und trug einem seiner Schüler auf, sie wie seinen Sohn zu pflegen. -Dann kam ihm in den Sinn, daß dies Tier in einer Menschenwohnung -allerlei Unbequemlichkeit hervorrufen werde. Er bat daher Gott, daß er -sie in ein junges Mädchen verwandele. Sein Gebet wurde erhört und sie -wurde ein schönes Mädchen. Als der Mönch sah, daß sie die leibhaftige -Grazie war, übergab er sie einem seiner Schüler und trug ihm auf, sie -wie seinen leiblichen Sohn zu erziehen. Der Schüler folgte dieser -Anweisung seines Meisters und erzog sie mit Eifer. - -Nach kurzer Zeit war das Mädchen herangewachsen und der Mönch sagte zu -ihr: „Liebes Herz, du bist nun herangewachsen und ich muß dich -verheiraten. Ich überlasse die Sache dir. Was sagst du dazu? Du kannst -dir deinen Gemahl aus den Menschen und Geistern und den Wesen der Ober- -und Unterwelt aussuchen.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche einen -Gemahl, der sich durch Kraft und Stärke besonders auszeichnet.“ Der -Mönch erwiderte: „Ein Wesen, das alle diese Eigenschaften besitzt, wird -schwer gefunden, aber vielleicht ist es die Sonne?“ Das Mädchen sagte: -„Ja, das wäre ein passender Gemahl für mich.“ - -Als die Sonne am Morgen aufging, stellte der Asket ihr die Sache dar -und sagte: „Das Mädchen ist sehr schön und einem Engel zu vergleichen. -Ich will sie jetzt verheiraten, aber sie verlangt jetzt von mir einen -starken, angesehenen Gemahl, deswegen möchte ich sie dir als Dienerin -übergeben und die Ehe zwischen euch beiden abschließen.“ Als die Sonne -dies hörte, wurde sie vor Scham bald bleich, bald rot. Schließlich gab -sie folgende Antwort: „Mönch, ich will dir jemand nennen, der stärker -als ich ist. Das ist die Wolke, denn sie kann mit ihrer Schleppe mein -leuchtendes Gesicht verhüllen und meinen Anblick dem Menschen fern -halten.“ - -Der Mönch wandte sich also an die Wolke und trug sein Anliegen vor. Die -Wolke versank vor Scham und sagte: „Wenn du mich wegen meiner Kraft und -Stärke wählst, so ist der Wind in dieser Beziehung mir überlegen, denn -er treibt mich dorthin, wohin er es will, und mein Wille ist ganz in -seiner Hand.“ Der Mönch gab dies zu und wandte sich an den Wind. Er -schilderte ihm die Schönheit seiner Tochter und erzählte die Geschichte -von der Wahl des Schwiegersohnes genau wie vorher. Der Wind kam in -Verlegenheit über diese Worte und sagte: „Wenn ich auch noch so mächtig -und kräftig bin, so ist doch der Berg noch mächtiger, denn er steht -fest und majestätisch. Meine Kraft macht gerade soviel Eindruck auf ihn -wie der Ton einer Posaune auf das Ohr eines Tauben oder der Tritt einer -Ameise auf einen harten Fels.“ - -Als der Mönch dem Berge seine Absicht auseinandergesetzt hatte, rief -dieser mit lauter Stimme: „An Kraft und Stärke ist die Maus mir -überlegen, denn sie nagt mich von allen Seiten mit ihren scharfen -Zähnen an, macht in meinem Innern lauter Löcher und Nester und hat -meine Brust und meinen Körper mit ihren erbarmungslosen Zähnen zu einem -Sieb gemacht.“ Als das Mädchen dies hörte, regte sich in ihr ihre -Herkunft und sie sagte: „Du sagst die Wahrheit, denn die Maus ist -mächtiger als er, und eine Heirat mit der Maus wäre für mich das -passendste.“ Der Mönch war damit einverstanden und setzte einer Maus -sein Anliegen auseinander. Die Maus fühlte infolge der Verwandtschaft -Zuneigung zu ihr und sagte: „Ich wünsche mir schon seit langem eine -Geliebte, die mir Gefährte und Genosse sein könnte, aber da zwischen -den Gatten Gleichwertigkeit vorhanden sein muß, so muß ich eine -Gemahlin haben, die von meiner Rasse ist.“ Das Mädchen sagte: „Das ist -leicht. Der fromme Mann muß zu Gott beten, daß ich eine Maus werde und -dich mit den Armen der Liebe umarme.“ Da der Mönch sah, daß auf beiden -Seiten Zuneigung vorhanden war, so hob er seine Hände empor und bat -Gott, sie wieder zur Maus zu machen. Sein Gebet wurde sofort erhört und -der Spruch: „Jedes Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück“ bewahrheitete -sich wieder. Das Mädchen wurde wieder eine Maus, was sie vorher -gewesen, und der Mönch gab sie der anderen Maus zur Ehe. - - - - - - - - -57. DIE BEIDEN SPERLINGE UND DIE SCHLANGE - - -Zwei Sperlinge hatten ein Nest auf dem Dach eines Hauses und brachten -ihr Leben zu, indem sie zufrieden waren mit dem, was sie sich erwarben. -Nachdem sie durch Gottes Willen Junge bekommen hatten, flogen sie immer -beide aus, um für ihre Jungen Nahrung zu holen. Eines Tages als der -Vater von einem Fluge heimkehrte, sah er, daß die Mutter in Aufregung -um das Nest flog, laut schrie und jammerte. Er rief aus: „Was machst du -und was jammerst du?“ Sie antwortete: „Warum sollte ich nicht -wehklagen? Als ich nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, sah ich, daß -eine schreckliche Schlange an unser Nest herankroch. Wie sehr ich auch -bat und flehte, es nützte nichts.“ Sie sagte: „Dein Schreien macht auf -meine schwarze Seele keinen Eindruck.“ Ich antwortete: „Gut, aber -fürchtest du dich nicht davor, daß wir beide uns an dir rächen und dich -zu töten versuchen werden?“ Die Schlange antwortete unter Lachen: „Was -sollte ich von dir befürchten?“ Da blieb mir nichts anderes übrig als -um Hilfe zu rufen. Aber niemand hörte mich und die Schlange hat unsere -Jungen gefressen und sich in unser Nest gelegt.“ - -Als der männliche Sperling diese Schreckenskunde vernahm, war er wie -vom Blitze getroffen. Während dessen war der Besitzer des Hauses damit -beschäftigt Licht anzuzünden und hielt einen in Öl getauchten -brennenden Docht in der Hand. Der Sperling packte den Docht und warf -ihn auf sein Nest. Um einen großen Brand zu verhindern, stieg der -Hausherr auf das Dach und wollte das Nest mit einer Hacke vom Dache -herunterschlagen. Als die Schlange vor sich die Feuerfunken und über -sich die Schläge der Hacke merkte, steckte sie aus einem Loch den Kopf -heraus und wurde von der Hacke erschlagen. - - - - - - - - -58. DER DERWISCH UND DER ZERSCHLAGENE KRUG - - -Ein frommer Mann lebte neben einem Kaufmann, der ihn in den Dingen -dieses Lebens um Rat fragte. Der Kaufmann verkaufte Öl und Honig und -gewann dabei sehr viel. Der fromme Mann widmete sich ganz dem Dienste -Gottes. Deswegen schenkte der Kaufmann ihm in allem Glauben, hatte die -Sorge für seinen Unterhalt übernommen und schickte ihm jeden Tag eine -bestimmte Menge Öl und Honig. Der Derwisch gebrauchte davon etwas für -seinen täglichen Unterhalt, den Rest sparte er sich auf. Im Lauf der -Zeit sammelte er sich davon einen Krug an und kam auf den Gedanken, ihn -mit Gewinn zu verkaufen. Als er ihn sich eines Tages ansah und in -Gedanken versunken war, überlegte er, wieviel Maß Honig und Öl er wohl -fasse. Er schätzte ihn auf zehn Maß und sagte: „Das Beste ist, daß ich -ihn für zehn Dirhem verkaufe und mir für das Geld zehn Schafe kaufe. -Diese werden nach sechs Monaten Junge bekommen und jedes wird zwei -Lämmer haben. In einem Jahre werden es vierzig bis fünfzig sein und in -zehn Jahren werden daraus Herden entstehen. Davon werde ich einige -verkaufen und reich werden. Dann werde ich ein schönes junges Mädchen -aus vornehmer Familie heiraten. Diese wird in neun Monaten mir einen -Sohn, wie ein Engel, gebären. Nach einiger Zeit werde ich ihn in allen -Wissenschaften und Künsten unterrichten. Wenn er dann heranwächst, kann -es vorkommen, daß er nicht tut, was ich will. Dann werde ich ihn -züchtigen, und zwar werde ich das mit diesem Stocke in meiner Hand -tun.“ Er hob den Stock hoch und war so in seine Träumerei versunken, -daß er seinen ungehorsamen Sohn vor sich zu haben glaubte, und schlug -stark auf den Krug ein. Nun stand der Krug oben auf einem Brett, und er -saß darunter. Als er auf den Krug einschlug, zerbrach dieser, und das -Öl und der Honig floß ihm über Haar und Bart. - - - - - - - - -59. DER KÖNIG UND SEIN FALKE - - -In alter Zeit lebte ein König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König -hatte einen Falken, der im Fluge jedes Wild einholte. Der König liebte -diesen Falken über die Maßen und fütterte ihn immer mit eigener Hand. -Eines Tages jagte er mit ihm auf einer Wiese und plötzlich erschien ein -Hirsch. Der König verfolgte ihn ohne Überlegung mit größtem Eifer und -ließ seinem leichtfüßigen Pferde die Zügel schießen. Es rannte so -schnell, daß selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblicke -durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge -einer nach dem anderen zurück und die Diener trennten sich von ihm. -Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der -König mußte die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durste gequält -wurde, durcheilte er die Wüste, um Wasser zu suchen, nach allen -Richtungen. Schließlich kam er an den Fuß eines Berges und sah, daß von -dem Berge klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er -bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise -herabfloß, voll. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit -seinem Flügel an den Becher, so daß das Wasser ausfloß. Als der König -ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von neuem füllte und trinken -wollte, geschah dasselbe wie vorher. - -Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das -Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem -Augenblick kam der Steigbügelhalter des Königs heran und fand den -Falken tot und den König durstig. Er holte eine Feldflasche hervor, -füllte den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sagte: „Ich -möchte von diesem Wasser haben, das von dem Berge herabtröpfelt, aber -da es nur tropfenweise fließt, so macht es viel Mühe den Becher zu -füllen. Du mußt hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis -für das Wasser ist, und den Becher füllen.“ Der Steigbügelhalter sagte: -„Zu Befehl“ und stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur -tropfenweise Wasser gab und vor der Quelle lag eine tote große Schlange -und durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest und ihr Gift hatte -sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der -Steigbügelhalter lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter, -nachdem er vorher seine Feldflasche mit dem kalten Wasser gefüllt -hatte, und erzählte dem König, was er gesehen. Der König erquickte sich -an dem kühlen Wasser, während aus seinen Augen Tränen flössen. Der -Steigbügelhalter fragte ihn nach dem Grunde der Tränen. Der König -erzählte die Geschichte und sagte: „Ich weine darüber, daß ich den -Falken zu unrecht getötet habe.“ Der Steigbügelhalter erwiderte: „O -König, dieser Falke hat dich vor einem großen Unglück bewahrt, und das -ganze Volk des Landes ist ihm zu großem Danke verpflichtet. Es wäre -besser gewesen, wenn der König nicht so eilig gewesen wäre, ihn zu -töten und wenn er die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde -gedämpft hätte.“ Der König antwortete: „Ich bereue meine Handlung, aber -die Reue nützt nichts und, so lange ich lebe, werde ich stets durch -Gewissensbisse gequält werden.“ - - - - - - - - -60. DIE RÄUBER UND DIE KRANICHE - - -In der Stadt Rakka lebte ein Derwisch, der reich an lobenswerten -Tugenden und schätzenswerten Eigenschaften war, mit Namen Danadil. Alle -Leute in der Stadt liebten ihn. - -Einst entschloß er sich, die Pilgerreise nach Mekka zu machen, und trat -ohne Freund und Genossen die Reise durch die Wüste an. Unterwegs -beabsichtigten einige Räuber ihn zu töten, da sie bei ihm Geld -vermuteten. Als Danadil ihre Absicht merkte, sagte er: „Ich habe nicht -mehr Geld bei mir, als gerade für die Pilgerfahrt genügt. Wenn euch das -genügt, so nehmt ohne Zaudern alles, was ich habe, aber laßt mich frei, -damit ich die Pilgerfahrt beendige und meine Absicht erreiche.“ Die -Räuber, die sich fürchteten, ihn am Leben zu lassen, beschlossen, ihn -ohne Erbarmen zu töten. In seiner Not schaute der Arme sich nach allen -Seiten um, und wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so -sah er überall nach Hilfe aus. In dieser Einöde war aber kein lebendes -Wesen zu erblicken außer einer Herde Kraniche, die über ihnen durch die -Luft flogen. Als Danadil sie hörte, rief er aus: „Ihr Kraniche, ich muß -in dieser Wüste von den Händen dieser Räuber sterben und außer Gott -weiß niemand etwas davon. Ich hoffe, daß ihr mein Blut nicht ungerächt -laßt und mich an diesen Blutgierigen rächen werdet.“ Als die Räuber -dies hörten, lachten sie und fragten ihn spöttisch nach seinem Namen. -Auf seine Aussage, daß er Danadil [46] heiße, sagten sie: „Der Name -paßt für dich gar nicht, denn wie kannst du Danadil heißen, wenn du -nicht einmal weißt, daß die Vögel dich nicht verstehen? Für uns ist es -ausgemacht, daß du ganz dumm bist. Und einen Dummen umzubringen, ist -keine Sünde.“ Sie töteten ihn und nahmen das wenige, das er bei sich -hatte. Als die Kunde seines Mordes in der Stadt bekannt wurde, -trauerten alle sehr um ihn und bemühten sich, die Mörder ausfindig zu -machen. Schließlich, nach langer Zeit, waren die Bewohner der Stadt bei -dem Opferfest auf dem Betplatze vereinigt und die Mörder des Danadil -waren auch dabei. Währenddessen flog eine Schar Kraniche über den -Köpfen der Mörder und schrie so laut, daß die Leute in ihren Gebeten -innehielten. Da sagte einer von den Räubern spöttisch lächelnd zu -seinen Genossen: „Diese verlangen wohl das Blut des Danadil?“ - -Nach Gottes Fügung hatte einer von den Leuten aus der Stadt, der neben -ihm stand, dies gehört. Er meldete den Vorfall dem Oberhaupt der Stadt -und sofort wurden Wachen und Boten ausgeschickt. Alle Räuber wurden -ergriffen und erfuhren die Vergeltung nach dem göttlichen Recht für -ihre Untat. - - - - - - - - -61. DIE MUTTER UND DIE KRANKE TOCHTER - - -Eine alte Frau hatte eine wunderschöne Tochter, die plötzlich sehr -krank geworden war. Die Mutter war immer am Bette der Tochter, vergoß -Ströme von Tränen und sagte, indem sie voll Trauer zum Himmel blickte: -„Liebes Kind, du bist mein alles. Wie gerne würde ich mein Leben für -dich dahingeben. Nur mit dir habe ich Freude am Leben. Ohne dich nützt -mir das Leben nichts. Ich will gern sterben, wenn du nur gesund wirst.“ -So betete sie Tag und Nacht und war bereit, sich für ihre Tochter zu -opfern. - -Nun hatte die alte Frau eine schwarze Kuh. Diese war vom Felde -heimgekommen und in die Küche gegangen. Angelockt durch den Geruch der -Mahlzeit, hatte sie den Kopf in den Kessel gesteckt und alles, was sie -fand, ausgefressen. Als sie den Kopf wieder herausziehen wollte, konnte -sie den Kessel nicht loswerden und wurde dadurch ganz aufgeregt. Die -alte Frau, die von diesem Vorgange nichts wußte, hörte gegen Abend eine -schreckliche Stimme und sah diese merkwürdige Erscheinung. Da dachte -sie, es sei der Todesengel, der gekommen sei, um ihre Tochter zu holen. -Infolgedessen sagte sie unter Jammern und Wehklagen: „Engel des Todes, -ich bin nicht die Kranke. Ich bin eine alte Frau. Die Kranke ist meine -Tochter. Deren Seele hole.“ - - - - - - - - -62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN - - -Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein -Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein -Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und -behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei -der einen und die andere Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die -Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf -den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im -Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne -weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen -Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit -die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn -sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese -Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie, -soweit als möglich die schwarzen Haare. - -Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese -unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten -Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen, -so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau -überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also, -soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines -Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über -seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß -überhaupt kein Haar mehr geblieben war. - - - - - - - - -63. DER JÄGER UND DIE BEIDEN STUDENTEN - - -Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen -Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer -Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit -vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge -zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel -hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß -es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß -die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat -und flehte: „Seid einen Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt -werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn -du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen -Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht -weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe -eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon -zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die -ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung, -wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch -bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen -dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was -der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so -mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die -drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half, -teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen -getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch -gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen -von euch habe.“ - -Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen -und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein -Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder -männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging -betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die -begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten -Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes -Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte. -Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte -er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen -Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt -es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, damit -er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen -Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des -Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und -mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt -und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des -Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das -Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er -hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren -Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer -tausend Goldstücke anweisen. - -Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher -offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät -weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer -ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch -tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch -sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch -der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen -Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die -Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar -recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein -Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder -wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das -Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist. -Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit -es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird -dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat, -zufrieden sein.“ - -Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser -Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ Der Fischender ein -vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser -Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das -er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser -Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch -Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den -versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine -Hofleute auf. - - - - - - - - -64. DER KLUGE KADI - - -Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt -auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und -sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine -Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein -werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König -noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele -Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten -veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit -den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit -alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie -dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher -solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das -Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache -belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine -Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache -entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach: -„Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen. -Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in -dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem -fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du -das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das -Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand -geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies -versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau -mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen -sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die -Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und -gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs -einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige -Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und -sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie -wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er -fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre -Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte, -sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich -will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten -bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an -die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will -ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten -eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir -hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche -ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag -gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht -vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte! -Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit -diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch -sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der -Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst -aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen, -welchen von diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den -Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen -erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann -sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der -dritte meinte: „Der Dieb.“ - -Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu -demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte -Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du -hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib -sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem -Biederen und der Dieb dem Diebe!“ - -Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die -Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin. - - - - - - - - -65. DER UNSICHTBARE TURBAN - - -Es gab einst einen großen König. Eines Tages kam zu ihm ein Mann und -sprach: „König, ich will einen Turban weben, welcher dem legitimen -Sohne sichtbar, dem illegitimen aber nicht sichtbar sein soll.“ Der -König wunderte sich sehr über diese Rede und ließ sich von ihm den -Turban weben. Der junge Mann bezog nun vom Könige zur Bestreitung der -Kosten das nötige Geld, ging in einen Laden und hielt sich da einige -Zeit auf. Eines Tages faltete er die eine und die andere Seite eines -Papiers zusammen, nahm es und brachte es vor den König. Er sprach: „O -König, siehe, ich habe dir den Turban gewebt.“ Der König öffnete das -Papier und sah, daß nichts darin war. Alle Vezire und Fürsten, welche -zugegen waren, erblickten ebenfalls in dem Papiere nichts. Da sprach -der König zu sich: „Siehst du, da muß ich wohl ein Bastard sein.“ Alle -Vezire und Fürsten waren sehr bestürzt, daß sie auch Bastarde sein -sollten. Der König sprach nun zu sich: „Ich kann mir nicht anders -helfen, als das ich sage: ‚Ein schöner Turban, er gefällt mir.‘“ Darauf -sprach der König: „Alle Wetter, Meister, das hast du sehr schön -gewebt.“ Der Weber sagte: „O König, befiehl, daß man eine Mütze bringe, -ich will den Turban darum wickeln.“ Man brachte eine Mütze herbei. Der -junge Mann nahm das Papier vor sich, tat so, als ob er den Zipfel der -Kopfbinde nehmen und sie darum wickeln wollte und bewegte seine Hand -hin und her. Er hatte aber gar nichts in der Hand. Als er fertig war, -setzte er sie dem Könige auf. Alle umstehenden Vezire und Fürsten -sagten: „Alle Wetter, o König, was für ein schöner, feiner Turban ist -das!“ und lobten und priesen den jungen Mann. Dann stand der König auf, -ging mit seinen Veziren in ein Nebenzimmer und sprach: „O meine Vezire, -bin ich ein Bastard, daß ich den Turban nicht sehe?“ Die Vezire -erwiderten: „O König, bei Gott, wir sehen auch nichts und wissen nicht, -was das ist.“ Endlich sahen sie aber ein, daß es nichts war und daß -jener junge Mann ihnen nur irdischen Vorteils wegen einen Streich -gespielt habe. - - - - - - - - -66. DER VIELGEPRÜFTE PRINZ - - -Es gab einen großen König. Die sieben Erdgürtel waren unter seiner -Botmäßigkeit. Er besaß jedoch weder Sohn noch Tochter. Opfer und -Gelübde verrichtete er, um sich Gott geneigt zu machen. Eines Tages -nahm dann auch Gott der Erhabene sein Opfer wohlgefällig an und -schenkte ihm aus seiner Gnadenfülle einen Sohn, der an Schönheit ein -zweiter Joseph war. Darüber ward der König sehr froh und veranstaltete -an diesem Tage ein großes Festgelage, schenkte dabei dem einen -Ehrenkleider, dem andern Geld und verehrte andere Gnadengeschenke. -Darauf ließ er die Sterndeuter kommen und sie nach dem Geburtsstern des -Prinzen schauen. Als sie das getan hatten, sprachen sie: „O König, in -betreff des Geburtssternes des Prinzen hat man in der astronomischen -Tafel sowohl als in dem Traumbuche und nach den Astrolab folgende -Prophezeiung aufgestellt: ‚Von seinem dreißigsten bis zu seinem -sechzigsten Jahre wird sich seines Geburtssternes Glück und Heil in -Unglück und Unheil verwandeln, und er wird in fremden Ländern von Not -und Mühsal heimgesucht werden.‘ Nur Gott kennt die verborgene Zukunft.“ -Als der König dies hörte, wurde er sehr betrübt. - -Als einige Jahre vorüber waren, gab der König den Knaben in die Schule -und ließ ihn die Wissenschaften aller Art lernen. Als der Prinz zur -Mannbarkeit herangereift war, ließ er ihn sich verheiraten und -verschaffte ihm die Tochter eines großen Sultans zur Frau. Mit der Zeit -wurden ihm auch zwei Söhne geboren. Als sie heranwuchsen, gingen sie -auch in die Schule und erlernten die Wissenschaften aller Art. Von Zeit -zu Zeit pflegten sie mit ihrem Vater spazieren zu gehen. Nun geschah es -eines Tages, daß der Prinz, ihr Vater, mit ihnen am Meeresstrande -spazieren ging, sodann ein Schiff herbringen ließ und auf demselben mit -seinen kleinen Söhnen in die hohe See hinausfuhr. Nach Gottes Ratschluß -und Befehl kam ihnen unterwegs ein fränkischer Seeräuber entgegen, -welcher sowohl den Prinzen und seine beiden Söhne als auch vierzig -Sklaven, welche der Prinz mit sich hatte, sämtlich gefangennahm. Den -Prinzen und die vierzig Sklaven verkaufte er an menschenfressende -Neger, die kleinen Söhne des Prinzen hingegen verkaufte er nicht, -sondern nahm sie mit sich fort. Die Neger hielten den Prinzen und seine -Leute für eine angenehme Nahrung und fütterten sie. Jeden Tag -schlachteten sie einen von ihnen in der Küche des Königs und setzten -ihn ihm als Gericht vor. Als nun von diesen vierzig Sklaven alle -abgeschlachtet waren, kam die Reihe an den Prinzen. Man nahm ihn, -führte ihn in die Küche und wollte ihm die Kehle abschneiden. Als der -Prinz dies gewahr wurde, flehte er zu Gott dem Erhabenen, strengte sich -an und zerriß die um seine Hände gelegten Bande, entriß demjenigen, der -gekommen war, ihm die Kehle abzuschneiden, das Schlachtmesser, stach -damit auf ihn ein und zerhieb ihn in zwei Stücke. Nicht minder erstach -er alle sonst in der Küche befindlichen Leute, stellte sich dann an die -Türe derselben und tötete jeden, der noch auf ihn los kam. - -Von diesem Ereignis gelangte alsbald die Nachricht zu dem Könige dieser -Wilden. Als der König daraus ersah, was für eine Herzhaftigkeit der -Prinz bewiesen habe, kam er herbei und erteilte ihm Sicherheit des -Lebens, indem er sprach: „Ich will dir etwas sagen. Ich habe eine -Tochter, die will ich dir zur Frau geben und dich zu meinem Eidam -machen. Ich will hiermit diesen Vertrag mit dir geschlossen haben.“ Da -der Prinz diesem Wunsche des Königs nicht widersprechen konnte, so nahm -er seine Tochter zur Gattin an und heiratete sie. Er lebte mit ihr -einige Jahre zusammen und befand sich wohl. Eines Tages starb seine -Frau. Nun bestand unter diesen Wilden die Sitte, daß, wenn ein Mann -gestorben war, mit ihm seine Frau, und, wenn eine Frau gestorben war, -mit derselben ihr Mann lebendig in einen großen, tiefen Brunnen -hinabgelassen und ihnen ein Laib Brot und ein Krug Wasser mitgegeben -wurde. Dann pflegte man auf die Mündung des Brunnens einen großen -schweren Stein zu legen und fortzugehen. In denselben Brunnen ließ man -nun den Prinzen mit seiner Frau hinunter und gab ihm einen Laib Brot -und einen Krug Wasser mit, legte dann einen großen Stein auf die -Mündung des Brunnens und ging fort. - -Als der Prinz sich in diesen Zustand versetzt sah, wurde er ganz -verdutzt und verblüfft und seufzte: „Ach, Gott, was ist das?“ und -flehte demütig zu Gott dem Erhabenen um Errettung. Er sah sich in dem -Innern des Brunnens weiter um und bemerkte, daß eine hübsche und -liebenswürdige Frau dasaß. Er fragte sie: „Wer bist du?“ Sie erwiderte: -„Bei Gott, ich bin eine junge Frau. Vor kurzem starb mein Mann. Da hat -man mich nun samt meinem Manne in diesen Brunnen lebendig -hinuntergelassen.“ Ein weiterer Blick in dem Brunnen herum zeigte dem -Prinzen, wie einige jener Beigesetzten schon verwest waren, andere eben -erst geendet hatten, andere noch in den letzten Zügen lagen. Plötzlich -kam von einer Seite des Brunnens her ein Geräusch, welches einem -Scharren mit den Füßen glich. Der Prinz erkannte, daß es von einem Tier -herrührte, machte sich sogleich mit der jungen Frau auf und ging mit -ihr nach jener Seite zu. Hier trafen sie auf ein Loch, in welches sie -hineintraten. Der Grund dieses Loches war aber tief. Sich bückend und -in dieser Stellung kriechend gingen sie einige Zeit vorwärts, bis sie -endlich an den Abhang eines Berges gelangten und am Ufer eines großen -Wassers herauskamen. Hier dankten sie ihrem Schöpfer für ihre -glückliche Errettung und wurden munter und froh. Zufälligerweise trafen -sie daselbst ein Schiff an. Sie sammelten sich eine Menge von des -Berges Früchten und füllten damit ihr Schiff an. Nachdem sie dieses -bestiegen hatten, nahm sie die Strömung des Wassers selbst bis dahin -mit sich fort, wo sich der Fluß am Bergesabhange in ein Loch verlor. -Als sie sich dieser Stelle näherten, konnten sie ihres Schiffes nicht -Herr werden, sondern das Wasser nahm sie auf demselben unter den Berg -mit sich fort. Als der Prinz dies gewahr wurde, seufzte er und sprach: -„O Gott, was ist das?“ Sie verbrachten da eine lange Zeit und wußten -nicht, ob es Tag oder Nacht wäre. Sie flehten in einem fort Gott um -Errettung, bis endlich der Fluß unter dem Berge wieder hervor an das -offene Land heraustrat. - -Der Prinz wurde hierüber froh, und sie beide brachten nun ihr Schiff an -das Ufer und stiegen aus demselben hinaus. Als sie sich von des Berges -Früchten einige pflückten und sie aßen, sah der Prinz, indem er weiter -lustwandelte, daß es hier ein großes weißes gewölbtes Gebäude gab, -dessen Kuppel bis in die Wolken reichte. Als sie beide dorthin kamen, -traten sie ein und sahen, daß das Gebäude einem Schlosse glich. In dem -Innern dieses Schlosses stand geschrieben: „Wer dieses Tor zu öffnen -und diesen Talisman zu lösen gedenkt, der möge ein fünffüßiges Tier -hierherbringen und es vor diesem Tore töten, damit sich die Schlösser -an diesem Talisman erschließen!“ Der Prinz blieb darüber verdutzt und -verblüfft stehen und fragte sich verwundernd: „Gibt es denn in der Welt -überhaupt ein fünffüßiges Tier?“ Mit diesen Worten setzte er sich an -das Tor dieses Schlosses hin. Die Läuse plagten sie entsetzlich und sie -fingen an, sich von diesem Ungeziefer zu reinigen. Der Prinz tötete -eine Laus. Bei der zweiten fielen auf einmal mit lautem Geklirr und -Gerassel die Schlösser an dem Tore des Schlosses herunter und sie -erkannten hieraus, daß das fünffüßige Tier die Laus war. Darauf standen -sie auf und gingen hinein. Sie sahen da — es gab in der Welt nichts dem -Ähnliches — einen Garten voll fließender Gewässer und verschiedener -Früchte, spürten bald große Lust darnach und gingen hin, um eine davon -zu essen. Da erblickten sie dann, daß jene Bäume sämtlich von Gold und -ihre Früchte wertvolle Steine waren. Am Fuße der Bäume lagen -herabgefallene Edelsteine und Flußkiesel. Als sie weiter vorwärts in -das Gebäude eindrangen, sahen sie, daß es sehr groß war. Man hatte es -von Bergkristall gebaut und seine Tür offengelassen. Als sie hier -eintraten, bemerkten sie, daß es noch ein Gebäude darin gab. Es bestand -aus rotem Gold. Als sie hier eintraten, sahen sie weiter, daß es -abermals ein Gebäude darin gab, dessen Wände sämtlich aus Rubinen und -Perlen gebaut waren. Als sie endlich hier eintraten, gewahrten sie, daß -in einem mit Rubinen und Perlen geschmückten Sarge ein Toter lag, über -dessen Haupte sich eine Tafel befand, welche folgende Inschrift -enthielt: „Jeder, der hierherkommt und mich sieht, wisse, daß ich ein -König war. Die ganze Welt stand unter meiner Botmäßigkeit: Menschen, -Dämonen und Peris waren mein Heergefolge. Ich lebte tausend Jahre und -dachte nie zu sterben und dem Todesgeschosse zu erliegen. Plötzlich -wurde ich aber eines Tages krank, fiel auf das Sterbebett und sah ein, -daß ich bestimmt sterben würde. Deshalb ließ ich dieses Gebäude, -welches du hier siehst, in drei Tagen erbauen und erwählte es mir zum -Mausoleum. Oberhalb meines Hauptes gibt es zwei Quellen; trinke daraus -und verrichte für mich eine Fürbitte!“ Der Prinz wurde bald diese -beiden bezeichneten Quellen gewahr und trank aus einer derselben. Sie -enthielt Milch und die andere Zuckerscherbet. Noch eine lange Zeit -hielten sie sich in diesem Gebäude auf, nährten sich von dieser Milch -und tranken von diesem Scherbet. Zuletzt nahmen sie sich eine große -Menge Edelsteine, füllten damit ihr Schiff an, bestiegen dasselbe von -neuem und fuhren in die hohe See hinaus. - -Nachdem sie eine Weile gefahren waren, brachte der Wind ihr Schiff an -eine Insel. Hier stiegen sie aus dem Schiffe heraus, um von des Berges -Früchten zu essen. Plötzlich kam eine große Schar Menschen auf sie los -und nahm sie gefangen. Der Prinz blickte auf und sah, daß jene keine -Köpfe besaßen, ihren Mund auf ihrer Brust und ihre Augen auf den -Schultern hatten und in ihrer Sprache wie Vögel zwitscherten. Sie beide -wurden aber vor den König dieser Leute gebracht und blieben lange Zeit -als Gefangene daselbst, bis sie endlich ihnen entflohen, jenes Schiff -wieder bestiegen und auf die hohe See hinausfuhren. So kam der Prinz -auf diesem Meere dreißig Jahre hindurch bald unter Menschen mit -Schweinsköpfen, bald unter Menschen mit Vogelköpfen, von denen ein -jeder dem Prinzen mannigfache Unbilden zufügte. Wiederum gab ihm Gott -der Erhabene einen Ausweg an die Hand und ließ ihn entfliehen. - -Auf Gottes Geheiß trieb der Wind sein Schiff an eine Insel. Als er hier -herausstieg, sah er einige Menschen. Die Leute hielten ihn für einen -Spion, nahmen ihn gefangen und brachten ihn vor ihren König. Dieser -fragte ihn: „Wer und was bist du?“ Der Prinz erzählte ihm seine -Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der König nun wußte, daß er ein -Prinz war, ließ er ihm voller Freude Ehrenkleider anlegen, nahm ihn -beiseite und sprach: „Ich kenne Euer Reich und deinen Vater; auch habe -ich gehört, daß dich und deine beiden Söhne und vierzig Diener ein -fränkischer Seeräuber auf dem Meere gefangen genommen habe. Wohin -willst du nun gehen? Erzeige mir den Gefallen und bleibe bei mir, ich -will dir meine Tochter geben.“ Der Prinz erwiderte: „Bei meiner Geburt -haben mir die Sterndeuter dreißig Jahre Unglück prophezeit; ich fürchte -daher, daß, wenn ich die Tochter des Königs nehme, diese in mein -Unglück verwickelt werden wird.“ - -Der König ließ nun die Sterndeuter kommen und nach des Prinzen -Geburtskonstellation schauen. Als sie dies getan hatten, sagten sie: „O -König, wir bringen dir die frohe Botschaft, die unglücklichen dreißig -Jahre sind vergangen und sein Geburtsstern ist jetzt zu Glück und Segen -gelangt.“ Als der König dies hörte, freute er sich sehr und -verheiratete seine Tochter mit dem Prinzen. - -Der Prinz blieb einige Jahre daselbst, bis endlich der König starb und -der Prinz an seiner Stelle König wurde. Eines Tages sagte man ihm: „O -König, ein Franke ist gekommen und hat viele Waren mitgebracht. Darf er -sie ausstellen?“ Der König gab dazu die Erlaubnis. Als er an der Seite -des Franken zwei Knaben erblickte, regte sich sein Blut in Liebe und -das Gefühl der Vaterschaft rührte sich. Er fragte den Franken: „In -welchem Verhältnis stehen diese zwei Knaben zu dir?“ Er erwiderte: „Das -sind meine Sklaven, die ich verkaufen will.“ Der König sagte: „Ich -werde sie kaufen“, nahm sie in ein Nebenzimmer und fragte sie, wo der -Franke sie gekauft habe. Alsbald erzählten sie ihm ihre Ereignisse vom -Anfang bis zu Ende. Der König erkannte daraus, daß es seine beiden -Söhne waren, drückte sie an seine Brust, küßte einen jeden auf die -Augen und sprach: „Ich bin eurer Vater.“ - -Der König kam wieder heraus, nahm den Franken gefangen und ließ ihn -unter tausend Qualen sterben. Nachher wurde er von neuem mit Glück -gekrönt, indem er auch das Reich seines Vaters als König bekam. - - - - - - - - -ANMERKUNGEN - - -[1] Hodscha ist eigentlich der Titel für Geistliche, aber auch -Quacksalber, die durch Besprechen, Bepusten und durch Amulette die -Kranken heilen, werden damit bezeichnet. - -[2] Der Ausdruck des Textes ist merkwürdig. Ich nehme an, daß ein -Druckfehler für den Namen des Prinzen von Jemen vorliegt. - -[3] Lala ist der Prinzenerzieher. - -[4] Halwa ist eine sehr geschätzte Süßigkeit. - -[5] Müezzin = Gebetsrufer. - -[6] Mit dem Badezeug. - -[7] Geste des Erstaunens. - -[8] Häufige Redewendung, mit der sich der Märchenerzähler an einen -besonders interessiert Aussehenden unter seinen Zuhörern wendet. - -[9] Im türkischen Volksglauben werden darunter Riesen mit dämonischen -Kräften verstanden. - -[10] Die Peris sind im Türkischen fast immer böse Geister. - -[11] = das, was mir bestimmt ist. - -[12] Gedörrtes Rindfleisch. - -[13] Türbe = Mausoleum. - -[14] Er meint das andere Mädchen damit. - -[15] Anka ist ein sagenhafter Vogel von gewaltiger Größe, sehr -häufig unserem Phönix entsprechend. - -[16] Um kahlköpfig zu erscheinen. - -[17] Zuruf an den Taschendieb. - -[18] Sefa bedeutet Freude, Dschefa Leid. - -[19] Feredsche und Jaschmak sind der Überwurf und Schleier, die die -türkischen Damen zum Ausgange anlegen. - -[20] Ein Akt der Höflichkeit gegen Höherstehende beim Treppensteigen -und dergl. - -[21] Unübersetzbares Wortspiel. Im Türkischen wird das Wort für -Pfirsich gleichzeitig für Kuß gebraucht. - -[22] Die Buchstaben haben etwa die Form dieser Gegenstände. - -[23] Ein Geldstück, etwa unserem Taler entsprechend. - -[24] Ein Gewicht, etwa unserem Kilo entsprechend. - -[25] Kayk = Boot. - -[26] Batman ist ein Gewicht, das in den einzelnen Gegenden verschieden -ist. - -[27] Para etwa gleich ½ Pfennig. - -[28] Kawaß = Diener. Gewöhnlich als Türhüter und zur Begleitung bei -Ausgängen benutzt. - -[29] Bej = Bey. - -[30] Joghurt entspricht im Geschmacke unserer dicken Milch, nur wird es -anders zubereitet. Gequirltes Joghurt mit Salz, Knoblauch oder Zucker -vermischt gibt den Airan. - -[31] Turan ist die sagenhafte Urheimat aller Türkstämme. - -[32] Köschk = Gartenpavillon, Sommerhaus. - -[33] Rūm bezeichnet das byzantinische Kaiserreich. - -[34] Der Atem Jesu gilt als lebenspendend, Krankheiten beseitigend. - -[35] Zeichen der Trauer. - -[36] Die Paradiesesjungfrauen, die den Gläubigen im Himmel zu teil -werden. - -[37] Titel für Geistliche. - -[38] = Gerichtssitzung. - -[39] So ist zu lesen, wie sich aus der Antwort ergibt und nicht -„schwarz“, wie der Text hat. - -[40] D. h. sie sind gelb geworden, was unserem Bleichwerden entspricht. - -[41] Der aus dem Alten Testament bekannte Korah. In der muslimischen -Legende gilt er als Besitzer ungeheurer Reichtümer. - -[42] Das Unglück tötete die Geduld. - -[43] Das Morgengrauen hat gewissermaßen die Sonne vorgetäuscht und wird -nun durch den wirklichen Sonnenaufgang als Betrüger entlarvt. - -[44] Dirhem ist ein kleines Gewicht (etwa 3¾ Gramm) und früher auch -eine Silbermünze von etwa 1 Frank. - -[45] D. h. ihn, obgleich er die Augen offen hat, gleichsam schlafend -und unaufmerksam machen. - -[46] Danadil bedeutet „Klugherz“. - - - - - - - - -INHALTSVERZEICHNIS - - - Einleitung 1 - 1. Die Geschichte von dem Kristallpalast und - dem Diamantschiff 7 - 2. Die Geschichte vom Halwaverkäufer 17 - 3. Der schöne Kaffeeschenk 29 - 4. Die Geschichte von der weinenden Granate und - der lachenden Quitte 35 - 5. Die Geschichte von der Schönen, die das erreichte, - was sie wollte 50 - 6. Die Geschichte von der Dilber, die nicht erreichte, - was sie wollte 54 - 7. Die Geschichte von dem Kummervogel 65 - 8. Die Geschichte vom smaragdenen Ankavogel 75 - 9. Die Geschichte von dem Vater Spindelhändler 92 - 10. Die Geschichte vom Diebe und vom Taschendiebe 98 - 11. Die Geschichte von Dschefa und Sefa 102 - 12. Die Geschichte von Ali Dschengiz 110 - 13. Die Geschichte von dem schönen Wasserträger 113 - 14. Die Geschichte von der schwarzen Schlange 116 - 15. Der dankbare Fuchs 125 - 16. Die Geschichte vom Dschihanschah 130 - 17. Das wunderbare Napf 137 - 18. Die drei Söhne des Padischahs 142 - 19. Der Grindkopf 149 - 20. Im Alter oder in der Jugend? 155 - 21. Der Obersterndeuter 168 - 22. Der indische Kaufmann und der Papagei 181 - 23. Die Geschichte vom Goldschmied und Zimmermann 186 - 24. Das hölzerne Mädchen und seine Liebhaber 193 - 25. Der Löwe und das Schaf 198 - 26. Der Löwe und der Kater 201 - 27. Zarife und Antar 204 - 28. Dschemile und die drei Freier 207 - 29. Der Greis, der nie verliebt war 210 - 30. Der Kaufmann und der König der Tiere 211 - 31. Der habgierige Seidenspinner 214 - 32. Der Beduine und der Kalif Mamun 219 - 33. Der Luchs und der Löwe 219 - 34. Die Frau und der Tiger 224 - 35. Der Esel in der Löwenhaut 229 - 36. Der Kaiser von China und die griechische - Prinzessin 229 - 37. Der Holzhauer, der zur Unzeit tanzte 234 - 38. Die chinesische Sklavin und der Jüngling - von Bagdad 235 - 39. Die Geschichte von dem klugen Landmanne 239 - 40. Der Vogel Heftreng 243 - 41. Die verschwenderische Maus 251 - 42. Der Tischler und der Affe 254 - 43. Der Fuchs und die Trommel 255 - 44. Der Reiher und der Krebs 256 - 45. Der Wolf, der Hase und der Fuchs 259 - 46. Der Löwe und der Hase 262 - 47. Die Schildkröte und der Skorpion 264 - 48. Der Falke und der Hahn 265 - 49. Der Jäger, der Fuchs und der Leopard 266 - 50. Die Enten und die Schildkröte 267 - 51. Die beiden Geschäftsfreunde 269 - 52. Der Gärtner und der Bär 273 - 53. Der unwissende Arzt 274 - 54. Der Kamelreiter und die Schlange 276 - 55. Der fromme Mann und die Diebe 280 - 56. Die Maus, die in ein junges Mädchen verwandelt - wurde 281 - 57. Die beiden Sperlinge und die Schlange 284 - 58. Der Derwisch und der zerschlagene Krug 285 - 59. Der König und sein Falke 286 - 60. Die Räuber und die Kraniche 287 - 61. Die Mutter und die kranke Tochter 289 - 62. Der Mann mit den zwei Frauen 289 - 63. Der Jäger und die beiden Studenten 290 - 64. Der kluge Kadi 293 - 65. Der unsichtbare Turban 295 - 66. Der vielgeprüfte Prinz 296 - Anmerkungen 303 - - - - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TÜRKISCHE MÄRCHEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg™ electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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