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-The Project Gutenberg eBook of Türkische Märchen, by Friedrich
-Giese
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Türkische Märchen
-
-Author: Friedrich Giese
-
-Release Date: February 4, 2023 [eBook #69949]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading
- Team at https://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This
- file was produced from images generously made available by
- The Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TÜRKISCHE MÄRCHEN ***
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- TÜRKISCHE
- MÄRCHEN
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- HERAUSGEGEBEN VON FR. GIESE
- VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS IN JENA
- 1925
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-EINLEITUNG
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-Die türkischen Märchen, die dieser Band bietet, sind zweierlei Art:
-Volksmärchen und Kunstmärchen. Die ersteren umfassen die Nummern 1 bis
-21, die zweiten die Nummern 22 bis 66. Die letzteren sind die Märchen,
-die, in der Hauptsache aus Indien stammend, ihren Weg über die ganze
-Welt gemacht haben und auch durch Vermittlung des Persischen nach der
-Türkei kamen. Sie sind in den Märchensammlungen der Qyrq vezir, dem
-Humajunname und dem Tutiname enthalten.
-
-Diese genannten Sammlungen sind keine sklavischen Übersetzungen,
-sondern kunstvolle Umarbeitungen, die als Produkte der türkischen
-Literatur ihren eigenen Wert und ihre Bedeutung haben. Einfluß auf das
-Volk haben sie nur indirekt ausgeübt, da sie ihres künstlichen Stiles
-wegen dem Ungebildeten nicht verständlich waren. Trotzdem finden wir
-auch in den Volksmärchen viele Stoffe aus diesen Sammlungen.
-
-Türkische Volksmärchen sind zuerst in größerem Umfange von Ignác Kúnos
-gesammelt und herausgegeben worden. Ich nenne nur seine
-Hauptsammlungen:
-
-1. Osmán-török népköltési gyűjtemény (2 Bände), Budapest 1887–1889.
-
-2. Band VIII von Radloffs Proben der Volksliteratur der türkischen
-Stämme, Petersburg 1899.
-
-3. Ada-Kalei török népdalok, Budapest 1906.
-
-4. Materialien zur Kenntnis des rumelischen Türkisch (mit deutscher
-Übersetzung), Leipzig 1907.
-
-Er hat auch einen Band: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden ohne
-Jahr, in deutscher Sprache herausgegeben, die aber mehr eine freie
-Bearbeitung als eine Übersetzung sind.
-
-In der Türkei sind verhältnismäßig sehr wenige solcher Sammlungen
-gedruckt worden. Abgesehen von einzelnen Erzählungen sind in den
-früheren Jahren nur zwei Sammlungen erschienen. Erstens das Billur
-kjöschk, so genannt nach dem Titel des ersten Märchens dieser Sammlung,
-und zweitens Horos kardasch. Von diesen ist das letztere von Georg
-Jacob übersetzt und in der Türkischen Bibliothek, Band V, Berlin 1906,
-erschienen. Von dem ersteren, über das man Georg Jacob, Die türkische
-Volksliteratur, Berlin 1901, S. 5 ff. vergleiche, war schon oft eine
-deutsche Übersetzung gewünscht worden. Die in Amerika erschienene
-englische Übersetzung: Told in the Gardens of Araby (untranslated till
-now) by Izora Chandler and Mary Montgomery, Neuyork 1905, ist mir
-unzugänglich geblieben. Ich habe daher die ganze Sammlung übersetzt. Es
-sind die ersten 14 Märchen dieses Bandes. Inzwischen ist nun noch eine
-Übersetzung von Theodor Menzel erschienen in Beiträge zur Märchenkunde
-des Morgenlandes, herausgegeben von Georg Jacob und Theodor Menzel,
-Band II, Hannover 1923.
-
-In neuester Zeit hat man auch in der Türkei angefangen, sich mehr für
-das Märchen zu interessieren. Davon gibt zunächst ein Band: Türk
-Masallary (Türkische Märchen) von K. D. in Konstantinopel, Druckerei
-Mahmud Bej 1329/1911, und die Veröffentlichungen des Türk Yurdu der
-letzten Jahre Kunde.
-
-Die Türk Masallary enthalten eine sehr hübsche Sammlung bekannter und
-unbekannter Märchen, die recht geschickt erzählt sind. Sie sind zwar im
-allgemeinen in einem einfachen Stil gehalten, aber sehr häufig finden
-sich doch Wendungen, die dem Volke nicht verständlich sind. Sie wenden
-sich mehr an den Durchschnittsgebildeten, dem sie diese Märchen in
-etwas verfeinerter und veredelter Gestalt darbieten. Da der gebildete
-Türke über diese Gattung Literatur im allgemeinen die Nase rümpft, so
-ist dies Bestreben durchaus anzuerkennen, aber von ihrer schlichten
-Einfachheit haben sie doch viel verloren. Von diesen Märchen ist bis
-jetzt das erste von Beck in dem Korrespondenzblatt der
-Nachrichtenstelle für den Orient Nr. 9, Berlin 1917, übersetzt. Der
-türkische Text ist von ihm in der Sammlung: Der islamische Orient,
-Heidelberg 1917, veröffentlicht. Ich habe in meiner Übersetzung eine
-Probe in den Nummern 19 bis 21 gegeben.
-
-Die Publikationen des Türk Yurdu wenden sich an die Jugend. Sie sind in
-reinem Türkisch geschrieben. Leider sind neben echt türkischen auch
-allerhand moderne europäische Stoffe übernommen. Ich habe aus dieser
-Sammlung das Märchen: In der Jugend oder im Alter?, das von Ömer
-Sēfüddīn verfaßt ist, übersetzt.
-
-Neben diesen Märchen, die aus türkischen gedruckten Sammlungen
-entnommen sind, habe ich dann die Märchen übersetzt, die ich in
-Kleinasien aus dem Munde gänzlich ungebildeter Leute gesammelt und in
-meinem Werke: Materialien zur Kenntnis des anatolischen Türkisch, Halle
-1907, veröffentlicht habe. Es sind dies die Nummern 15 bis 19.
-Stilistisch stehen sie natürlich am tiefsten, denn es sind eben keine
-Erzähler von Beruf, die sie mir mitgeteilt haben. Aber gerade in ihrer
-Unberührtheit von jeder Kunst der Darstellung geben sie ein Bild der
-türkischen Märchen in ihrer primitivsten Form.
-
-Von den Kunstmärchen stammen 22 bis 40 aus dem Tutiname oder
-Papageienbuch, 41 bis 63 aus dem Humajunname und 64 bis 66 aus dem Qyrq
-vezir. Wie schon vorher gesagt, sind dies Übersetzungen, die in letzter
-Linie auf indische Vorbilder zurückgehen. Ich verweise hierfür auf den
-bibliographischen Wegweiser in Georg Jacob, Beiträge zur Märchenkunde
-des Morgenlandes, Band I, Hannover 1923, und auf Johannes Hertel, Das
-Pañcatantra. Seine Geschichte und seine Verbreitung, Leipzig und Berlin
-1914.
-
-Vom Tutiname gibt es eine vollständige deutsche Übersetzung von Georg
-Rosen (Tuti-nameh. Das Papageienbuch. Eine Sammlung orientalischer
-Erzählungen. Nach der türkischen Bearbeitung zum ersten Male übersetzt
-von Georg Rosen, Leipzig 1858). Aus dieser Übersetzung habe ich die
-Verse und auch hier und da besonders glückliche Verdeutschungen des
-Prosatextes beibehalten.
-
-Die Qyrq vezir hat Walter Fr. Adolf Behrnauer (Die vierzig Veziere oder
-weisen Meister, Leipzig 1851) übersetzt. Ich habe Nr. 64 bis 66 daraus
-übernommen mit gelegentlichen Verbesserungen.
-
-Von dem Humajunname existiert bis jetzt keine deutsche Übersetzung,
-denn die von Suby Bey: Fabeln und Parabeln des Orients, Berlin 1903,
-herausgegebene ist nur eine inhaltliche Wiedergabe einiger
-ausgewählter Stücke. Ebendasselbe gilt von der französischen
-Bearbeitung Gallands und Cordonnes und der aus ihr geflossenen
-deutschen. Es sind alles selbständige Umarbeitungen des Inhaltes.
-Allerdings ist nun eine wörtliche Übersetzung für ein nicht
-orientalisch gebildetes Publikum eine Unmöglichkeit. Das Humajunname
-ist nämlich in einem so gekünstelten, mit Koranstellen und Versen
-geschmückten Stil geschrieben, der eine Menge Anmerkungen und
-Erklärungen nötig machen und den Leser ermüden würde. Ich habe daher
-das überflüssige Beiwerk ausgelassen und die Weitschweifigkeiten
-gekürzt, aber sonst, soweit es anging, übersetzt.
-
-So dürfte dieser Band einen guten Überblick über das türkische Märchen
-in seinen verschiedenen Darstellungen geben. Verwandte Stoffe der
-Volksliteratur, wie den Volksroman, das Karagöz usw., hielt ich nicht
-für angebracht, in dieser Sammlung zu vereinigen. Es ist auch schon
-mancherlei davon in deutschen Übersetzungen vorhanden. Ich nenne nur
-die schöne Übersetzung des Köroglu von Szamatolski in der
-wissenschaftlichen Beilage zum Jahresberichte der sechsten städtischen
-Realschule zu Berlin, Ostern 1913, sowie die Karagözübersetzungen Georg
-Jacobs und verweise für die letzteren auf seine Türkische
-Literaturgeschichte in Einzeldarstellungen: Heft I, Das türkische
-Schattentheater, Berlin 1900.
-
-Bei der Übersetzung habe ich mich im Gegensatz zu Kúnos möglichst an
-das Original gehalten, um dessen Einfachheit nicht zu zerstören. Nur
-da, wo sich der türkische Satzbau nicht wiedergeben ließ, habe ich mir
-Freiheiten erlaubt. Jedenfalls kann die Übersetzung, soweit das möglich
-ist, eine wörtliche genannt werden. Die Weitschweifigkeiten, die
-Wiederholung derselben Wörter und die Unebenheiten im Stile, z. B. im
-Subjektswechsel, fallen dem Original zur Last.
-
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-
-
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-1. DIE GESCHICHTE VON DEM KRISTALLPALAST UND DEM DIAMANTSCHIFF
-
-
-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am
-Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher
-Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt
-und der Hodscha [1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten:
-„Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube
-machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen
-Ausweg gibt.“
-
-Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde
-eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das
-Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und
-abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in
-sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es
-nicht seinesgleichen.
-
-Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle,
-die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie
-brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da
-sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so,
-daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein
-Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen
-versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre
-Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt
-fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die
-Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich
-selber um.“
-
-Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte,
-die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder
-die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah,
-hole sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag
-sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“
-Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen
-Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den
-Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und
-sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen
-Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und
-schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich
-mich sofort um.“
-
-Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn
-dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort
-an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er
-fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des
-Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder,
-der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist
-unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt.
-
-Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte:
-„Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig
-geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit
-Vergnügen.“
-
-Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich
-und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und
-gingen dort spazieren.
-
-Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum
-Dschihan-i-alem [2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und
-sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von
-Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu
-seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von
-Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht
-mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen
-und ihn ansehen. Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“
-Da gab sein Vater die Erlaubnis.
-
-Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich
-auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach
-einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz
-erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort
-erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“
-
-Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von
-allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er
-und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort
-vor Anker.
-
-Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder
-zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen
-und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem
-gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich
-dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die
-Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und
-fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu
-sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen
-nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“
-und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das
-Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und
-aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf
-das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß
-aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der
-Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind
-nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein
-Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns
-jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle
-(d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem Vater und
-sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten,
-dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen
-sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven
-befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“
-Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es
-wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen
-Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau
-zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater,
-küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen
-Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr
-Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie
-wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und
-sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah
-möge Heil geben!“
-
-Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße
-Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das
-Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag
-wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der
-linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab.
-
-An jenem Tage lobte sie die ganze Welt und Hunderttausende priesen sie
-mit den Worten: „Was ist das für eine geschickte Prinzessin!“ Die
-Prinzessin war der Kapitän, ihr Gehilfe ein alter Kapitän und die
-Sklaven und Sklavinnen in ihrer Begleitung wurden als Soldaten
-gebraucht und von ihr befehligt. Eines Tages kamen sie nach Jemen. Sie
-lief in den Hafen ein, ging dort vor Anker und blieb jene Nacht dort.
-
-Der dortige Aufsichtsbeamte hörte davon und kam es sich anzusehen. Als
-er es sah, sagte er: „Wer ist das wohl? Solch ein Schiff habe ich in
-meinem Leben nicht gesehen, Allah möge es vor dem bösen Blick
-bewahren!“ Dann ging er sofort zum Schloß und machte Meldung: „Mein
-Padischah, gestern ist ein Schiff angekommen, das unbeschreibbar ist.
-Reiner Diamant und Juwelen! Es lohnt sich, es einmal anzusehen.“ Da
-schickte der Schah seinen Lala [3] und sagte: „Forsche nach und komme
-wieder mit der Nachricht, wer es ist.“
-
-Dann bestieg sein Adjutant eine Schaluppe und fuhr nach dem
-Diamantschiff. Als nun die Prinzessin sah, daß der Adjutant kam,
-kleidete sie ihre Mannschaft vom Kopf bis zu den Füßen in rote Kleider.
-Als endlich die Schaluppe sich der Landungstreppe näherte, ging die
-gesamte Mannschaft ihm entgegen und führte ihn nach oben geradeswegs
-zur Kabine des Kapitäns. Er setzte sich auf einen Stuhl und wurde
-freundlich begrüßt. Er sagte: „Aber mein Bej, ich möchte noch gern
-länger bleiben, aber der Schah erwartet mich, ich bin gekommen, um
-Kunde einzuholen. Wenn Sie mir Ihren schönen Namen sagen würden, würde
-ich den Padischah benachrichtigen.“
-
-Der Kapitän sagte: „Ich bin ein Kaufmannssohn und bin auf die Reise
-gegangen, um mich zu vergnügen.“ Da ging er dann zum Padischah und
-sagte: „Padischah, das angekommene Schiff ist ein Handelsschiff, sein
-Kapitän ist ein junger Mann ohne Schnurr- und Backenbart, schön wie ein
-Mond am Vierzehnten. Seine Mannschaft ist ihm ganz entsprechend. Ja,
-mein Herr, es lohnt sich wirklich, es einmal anzusehen.“ Der Padischah
-bekam Lust und wünschte hinzugehen. Dann bestieg er eine Schaluppe mit
-sieben Doppelrudern und ging mit seinem ganzen Hofstaat auf das Schiff.
-
-Als der Kapitän sah, daß der Herrscher kam, ließ er die ganze
-Mannschaft gelbe Kleider anziehen. Als der König sich der
-Landungstreppe näherte, gingen sie ihm alle entgegen und führten ihn
-nach oben. Als er in die Kabine des Kapitäns kam, empfingen sie ihn mit
-Ehren und bewirteten ihn mit Kaffee und Tabak. Der Padischah war
-erstaunt. Danach brach er wieder auf und ging in sein Schloß.
-
-Als der Prinz das hörte, verstand er sofort die Sache. Dann bestieg er
-eine Schaluppe und fuhr nach jenem Schiffe.
-
-Wir wollen jetzt wieder zum Kapitän kommen. Wie das vorige Mal, ließ er
-die ganze Mannschaft grüne Gewänder anziehen. Jetzt legte der Prinz an
-dem Schiffe an. Sie gingen ihm alle mit Ehrerbietung entgegen.
-Schließlich kam er in die Kabine des Kapitäns und verweilte dort. Jetzt
-fragte der Prinz den Kapitän eingehend nach allem. Der Kapitän gab sich
-nicht zu erkennen. Der Prinz verliebte sich in den Kapitän und konnte
-sein Auge nicht von seinem Auge trennen. Als es schließlich Abend
-wurde, mußte der Prinz wohl oder übel aufstehen und in sein Schloß
-fahren.
-
-Wir wollen uns nun wieder zum Kapitän wenden. Er schickte zu dem
-Aufsichtsbeamten der dortigen Gegend. Unter seiner Vermittlung legten
-sie das Schiff ins Dock. Vor dem Schloß war ein großer Palast. Den
-mieteten sie und ließen es sich gut gehen. Wir wollen uns jetzt zum
-Prinzen wenden. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, kam er an die
-Stelle, wo das Schiff gewesen war, und sieht, daß keine Spur davon da
-ist. „Ach, Gott“, sagte er, und schlug mit seinem Kopf auf den Boden.
-Er kam zu seinem Lala und fragte ihn. Der Lala erklärte ihm alles,
-eins nach dem anderen, und das Herz des Prinzen wurde wieder froh.
-Dann ging er ins Schloß. Als er vom Gartenhaus in das Fenster des
-erwähnten Palastes sah, fällt sein Blick auf das Mädchen. Der Prinz
-wurde verwirrt. Wer ist das wohl? Sollte es die Frau des Kapitäns sein?
-vermutete er bei sich. Es war eine Schönheit, die in der Welt nicht
-ihresgleichen hatte; die Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt.
-
-Als jetzt das Mädchen auch den Prinzen sah, schloß sie das Fenster und
-zog sich ins Innere zurück. Da verliebte sich der Prinz von neuem in
-sie, und indem er den Palast von allen vier Seiten umging, sagte er:
-„Ach, ob ich wohl noch einmal diese Schöne wieder sehen kann?“ Als es
-schließlich Nacht wurde, zog er sich in sein Zimmer zurück und weinte.
-
-Am nächsten Morgen kam er in das Gartenhaus und sieht, daß niemand am
-Fenster ist. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ging er zu seiner
-Mutter und sagte: „Ach, Mutter, in diesem Palaste uns gegenüber wohnt
-die Frau des Kapitäns, ich habe sie am Fenster gesehen und mich in sie
-verliebt, nimm diese diamantbesetzten Holzschuhe und bringe sie ihr als
-Geschenk. Ich möchte noch einmal ihr Gesicht sehen, sonst bringe ich
-mich um.“ Die Mutter stand wohl oder übel auf und ging sofort zum
-Palast des Kapitäns. Nachdem sie eingetreten und gegrüßt hatte, gab sie
-die genannten Holzschuhe dem Mädchen. Das Mädchen nahm auch die Schuhe
-und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Die arme Dame wunderte sich
-und sagte zu dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der Prinz grüßt Sie
-besonders und wünscht Ihr gesegnetes Gesicht zu sehen, aber wie denken
-Sie darüber?“ Das Mädchen gab keine Antwort. Nachdem sie noch einige
-Zeit gesessen, ging sie in das Schloß und sagte zornig zum Prinzen:
-„Ich habe jenem Mädchen die Schuhe gegeben. Sie nahm sie und gab sie
-den Sklavinnen in der Küche. Ich war sehr ärgerlich, und obgleich ich
-ihr deine Sache auseinandergesetzt habe, gab sie überhaupt keine
-Antwort. Dann stand ich auf und ging hierher. Wenn dein Kummer auch
-noch so groß ist, so mußt du dich damit abfinden.“
-
-Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen.
-Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach,
-liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“
-
-Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins
-Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein
-Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal
-sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner
-Mutter die Hände.
-
-Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie
-eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem
-Mädchen.
-
-Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing.
-Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der
-Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie
-zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu
-sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt
-Futter.“
-
-Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst
-seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein
-Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und
-hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das
-Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde
-ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie
-das mit uns wird.“
-
-Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr
-nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen
-nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte:
-„Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht
-hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt
-billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin.
-
-Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin
-kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben.
-Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran
-heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt
-ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr:
-„Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird
-er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem
-Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für
-einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich
-zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind,
-wir wollen tun, was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen:
-„Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke
-machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann
-an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann
-werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“
-
-Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach,
-Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen
-antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und
-rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen
-Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen
-und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“
-
-Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben
-hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte
-an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man
-schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und
-ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach
-sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und
-kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt:
-„Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt
-und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht
-sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt
-zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das
-Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht
-zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“
-
-Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem
-eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die
-Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der
-einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter
-auf. Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen
-Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich
-kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust
-ansehen.“
-
-Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein
-Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt
-und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt
-tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So
-wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf
-beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen.
-‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll
-man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde
-dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach
-Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“
-
-Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins
-Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen
-hat.“ Das beschlossen sie.
-
-Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen
-goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der
-Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles.
-
-Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das
-Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war,
-mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging
-das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da
-ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg
-sie das Schiff und fuhr ab.
-
-Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich
-abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter:
-„Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben.
-Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des
-Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte:
-„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“
-Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann
-küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein
-Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die
-Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf
-den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten
-Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie
-führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht
-schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte:
-„Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem
-Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu
-verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine
-Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die
-Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten
-erreichten glücklich ihre Absicht.
-
-Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre
-Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte
-Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage
-und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht
-auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die
-beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und
-damit Schluß.
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-2. DIE GESCHICHTE VOM SCHÖNEN HALWAVERKÄUFER [4]
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren
-Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines
-Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu
-gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin [5]
-an. Wenn du etwas brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte
-er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem
-Hedschas.
-
-Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret,
-und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen
-im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und
-konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt
-sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu
-ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die
-Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte:
-„Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas
-schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete:
-„Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich
-sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und
-dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten.
-Nimm du morgen zum Schein ein Bündel [6] unter den Arm und gehe zum
-Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“
-So verabredeten sie sich.
-
-Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm
-und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens:
-„Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und
-schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden
-und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren
-besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit
-ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich
-belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder
-ordentlich zurück.“
-
-Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie
-irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem
-Hedschas gegangen ist, heute gerade zwei Tage her. Da werden die Leute
-uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen
-sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre
-Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen
-Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen
-hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis
-geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die
-Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der
-Müezzin gemietet hatte.
-
-Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten
-um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad?
-Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist
-noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie
-sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“
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-Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau
-ging nach Hause.
-
-Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht
-sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn
-sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und
-sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen
-spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand
-da.“
-
-Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte,
-wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete:
-„Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der
-Müezzin einverstanden.
-
-Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken.
-
-Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der
-Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie
-seifte seinen Kopf gehörig ein, so daß er die Augen geschlossen halten
-mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und
-verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie
-ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und
-nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht
-wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des
-Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der
-Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen
-hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter
-fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre
-Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad
-ohnegleichen.“
-
-Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach
-einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht
-zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur
-von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser
-kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in
-keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so
-sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so
-voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den
-Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit
-den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte
-ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn
-zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch
-sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er
-legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen
-war, daß er sich nicht rühren konnte.
-
-Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater
-des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine
-Hure geworden und läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte
-er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las
-ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das
-nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne:
-„Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe
-mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“
-
-Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er
-in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen
-Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm
-alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf
-die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an
-die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach
-unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein
-Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm
-entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit
-ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte:
-„Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter
-ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater
-dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter
-den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist
-der Grund meines Kommens, Schwester.“
-
-Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich
-sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er
-nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner
-Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen.
-Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten
-sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg
-zu Berg.
-
-Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf
-den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und
-sagte: „Da, Vater, habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter
-gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich
-aus dem Gerede der Leute gekommen.“
-
-Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das
-Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken.
-Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den
-Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab
-dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie:
-„Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr
-dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum
-steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den
-Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum.
-
-Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses
-Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam
-schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und
-führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser
-nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu
-bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen
-getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz
-das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz
-seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das
-Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das
-Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen
-heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann
-nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater
-die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren
-Brauch des Propheten jenes Mädchen.
-
-Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am
-einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit
-hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen.
-
-Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem
-Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen
-so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß
-das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du
-so?“
-
-Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir
-meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der
-Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“,
-sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich
-Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte
-der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt?
-Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir
-deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst
-sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“
-
-Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und
-Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so
-möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie
-noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder
-zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so
-sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern
-gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese
-Nacht.
-
-Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die
-Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit
-ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm
-als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort
-und machten sich auf die Reise.
-
-Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte
-zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine
-Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine
-Sache! Das ist ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin,
-du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht
-willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es,
-erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er
-wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir
-willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen
-sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“
-Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete
-es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine
-Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie
-etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an,
-steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei
-Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich
-mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß
-ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir
-hingeben.“
-
-Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen
-stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen
-Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter,
-löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und
-entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am
-Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht
-die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen
-weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine
-endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen
-sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende
-des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist.
-Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich
-die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder
-in das Schloß.
-
-Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren,
-nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus
-dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen
-kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf
-den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt
-auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein
-Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um
-das Mädchen.
-
-Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen
-ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in
-ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den
-Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden
-verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten:
-„Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete:
-„Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen.
-Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben?
-Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen
-antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost.
-Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der
-Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte:
-„Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand,
-trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte
-das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu
-bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine
-Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte
-und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er:
-„Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir
-gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“
-Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte das Halwa,
-das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den
-schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie
-eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden
-und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und
-kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde
-überall gesprochen.
-
-Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns
-wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine
-Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen
-Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und
-sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich
-muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das
-Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du
-es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der
-Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die
-Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das
-Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein
-Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein
-Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des
-schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar
-nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob
-dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging
-mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das
-Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab
-sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück
-Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht
-hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie
-mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die
-freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige
-Begrüßung hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr
-an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann
-traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich.
-
-Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem
-Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft
-machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen
-lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht
-sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von
-ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten:
-„Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn
-wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine
-Halwagesellschaft geben.“
-
-Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich
-habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da
-sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne
-Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren,
-man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte,
-zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte:
-„Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den
-Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der
-Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling
-machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich
-das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem
-Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen
-Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach
-oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und
-Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer
-anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken
-in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann sagte er:
-„Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte
-erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu
-sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an.
-Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig
-waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt,
-nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne
-Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle,
-habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer
-hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte:
-„Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an
-die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die
-Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin
-aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch
-schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“
-Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise
-erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da
-begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin
-die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen,
-daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist
-mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu
-ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte
-das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger [7] und
-war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir
-unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte
-ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder
-auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und
-vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat
-der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und
-damit Schluß!
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-3. DER SCHÖNE KAFFEESCHENK
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-Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In
-alten Zeiten lebte ein erwachsener Jüngling in sehr ärmlichen
-Verhältnissen. Eines Tages verkleidete er sich und machte sich auf die
-Reise. Nach langem Reisen kam er in ein Land. Er kam an ein altes
-Kaffeehaus und fragte den Wirt: „Meister, würdest du mich als Lehrling
-annehmen?“ Der Wirt sagte: „Ach, mein Sohn, meine Kaffeeschenke ist
-alt. Am Tage kommen ein paar Kunden. Fünf bis zehn Para nehme ich ein,
-davon kaufe ich das Brot für den Abend und gebe es für meinen Unterhalt
-aus.“ Der Jüngling sagte: „Vater, ich verlange von dir nichts. Ich will
-nur meinen Kopf hier ein wenig einstecken und verweilen.“ Dagegen sagte
-der Kaffeewirt nicht: „Es ist unmöglich“, sondern: „Sehr schön, mein
-Sohn, was Gott schenkt, nimmt man hin.“ Darauf küßte der Jüngling dem
-Meister die Hand, trat ein und verblieb im Kaffeehaus. Als es Abend
-wurde, sagte sein Meister: „Mein Sohn, ich gehe jetzt nach Hause,
-schließe du das Kaffeehaus ordentlich zu und schlafe darin.“ Sein
-Meister ging nach Hause weg.
-
-Wir wenden uns nun zu dem Jüngling. Dieser verschloß ordentlich das
-Kaffeehaus, legte sich auf die Bank und schlief ein. Ungefähr um vier
-oder fünf krachte die Türe des Kaffeehauses, öffnete sich, und ein
-Derwisch trat ein und grüßte. Der schlafende Jüngling wachte auf und
-erwiderte höflich den Gruß des Derwisches. Jetzt sagte der Derwisch:
-„Steh auf, junger Mann, koche mir einen Kaffee umsonst.“ Der Jüngling
-stand auch auf und kochte dem Derwisch einen Kaffee umsonst und reichte
-ihm den. Der Derwisch trank den Kaffee und ging, ohne ein Wort zu
-sagen, hinaus. Der Jüngling sagte: „Hoffentlich ist es eine gute
-Vorbedeutung“, schloß die Türe der Kaffeeschenke, setzte sich wieder
-auf die Bank und blieb die Nacht dort. Als es Morgen wurde, sagte er
-nichts dem Meister davon. Als es wieder Abend wurde, schlief er wieder
-wie das erstemal ein. Genau um vier oder fünf ungefähr krachte wieder
-die Türe und öffnete sich. Da kamen zwei Derwische herein, grüßten und
-sagten: „Koche uns zwei Kaffee umsonst.“ Der Jüngling stand auf, kochte
-ihnen zwei Kaffee umsonst und gab sie ihnen. Sie tranken den Kaffee und
-gingen weg. Er schloß wieder die Türe des Kaffeehauses und verblieb die
-Nacht auf der Bank. Als es Morgen wurde und der Meister kam, sagte er
-ihm nichts von den Geschehnissen. Als es Abend wurde, schloß er wieder
-das Kaffeehaus und stellte alles, was an Dingen vorhanden war, hinter
-die Tür, legte sich auf seine Bank und schlief ein. Genau gegen vier
-oder fünf erhob sich ein sehr starker Lärm, die Tür krachte und öffnete
-sich, und herein traten drei Derwische. Nachdem sie gegrüßt hatten,
-sagten sie: „Steh auf, junger Mann, und koche uns drei Kaffee umsonst.“
-Der arme Jüngling stand auf, kochte den Kaffee und gab ihnen den. Sie
-tranken ihren Kaffee und standen auf. Der eine sagte: „In der
-Kaffeeschenke, in der sich dieser junge Mann befindet, soll nie in der
-Kaffeebüchse an Kaffee und Zucker Mangel sein; sie sollen immer bis an
-den Rand voll sein.“ Der zweite sagte: „In die Kaffeeschenke, in der
-sich dieser junge Mann befindet, sollen Kunden wie Ameisen kommen.“ Der
-dritte sagte: „Dieser junge Mann soll alle Löcher zum Sprechen bringen
-können.“ Schließlich gingen alle drei Derwische auf einmal davon.
-
-Der Jüngling schloß wieder wie das erstemal die Türe des Kaffeehauses,
-legte sich auf die Bank und schlief ein. Als es Morgen wurde, stand er
-auf, öffnete das Kaffeehaus und sieht, daß vor dem Kaffeehaus die
-Kunden wie Ameisen gedrängt stehen. Er sagte: „Es ist tatsächlich
-geschehen, was die Derwische in der Nacht sagten“, und dankte Gott.
-Danach ging er an den Herd und als er nach dem Kaffee und Zucker sieht,
-um den Kunden Kaffee zu kochen, ist die Büchse bis zum Rande voll. Er
-sagte: „Die Derwische waren doch nicht so ohne.“ Dann verfiel er in
-Nachdenken. Doch kochte er andauernd Kaffee und setzte ihn den Gästen
-vor. Schließlich kommt sein Meister und sieht, — na, was siehst du? [8]
-— der Platz vor dem Kaffeehaus und drinnen ist voller Menschen. Er sagt
-zu sich: „Das ist ja ein reines Wunder“, steckt den Finger in den
-Mund[7] und bleibt stehen. Er denkt: „Jeden Tag kommt sonst nur der
-eine oder der andere Kunde. Dahinter muß etwas stecken.“ Er geht umher
-und findet keinen Platz zum Sitzen. Dann fragt er den Jüngling: „Hast
-du Kaffee und Zucker in dem Kasten?“ Der Jüngling antwortete: „Ja,
-Meister, ich habe welchen gekauft. Setze dich nur hin und vergnüge
-dich.“ Da setzte sich sein Meister irgendwohin.
-
-Der junge Mann kochte andauernd Kaffee. Als es schließlich Abend wurde,
-ging sein Meister an die Schublade, öffnet sie und sieht, — na, was
-siehst du? — die Schublade ist bis zum Rande voller Geld. Als der
-Meister das sieht, wäre er beinahe ohnmächtig geworden. Dann sagte er:
-„Bravo, mein Junge, dein Fuß war glückbringend!“ und küßte den jungen
-Mann auf die Augen. Dann steckt er das Geld in den Beutel und trug es
-nach Hause.
-
-Der junge Mann verblieb einige Monate im Kaffeehause und an jedem Tage
-kamen viele Kunden. Sie wurden nun so reich, daß sie keinen Platz
-finden konnten, wo sie das Geld hinlegen konnten. Schließlich sagte der
-junge Mann eines Tages zu seinem Meister: „Meister, ich möchte in meine
-Heimat reisen, gib mir die Erlaubnis.“ Der Meister wollte sich zwar
-nicht von ihm trennen, notgedrungen sagte er aber wohl oder übel: „Sehr
-schön, mein Sohn, Allah möge dir Heil geben, geh!“ Dann küßte der junge
-Mann seinem Meister die Hand, und der Meister gab ihm ein paar Kleider,
-wie es in der Welt nicht Ähnliches gibt, ganz mit Goldstickerei und mit
-Juwelen. Er zog sie an und machte sich auf den Weg.
-
-Eines Tages kam er in ein anderes Land; dort mietete er sich ein
-Kaffeehaus und fing an zu arbeiten. Wieder kamen wie vorher so viel
-Kunden, daß sie sich nicht zählen ließen. Kurz, dieser schöne
-Kaffeeschenk wurde in dieser Stadt bekannt.
-
-Als eines Tages einer von den Reichen der dortigen Gegend davon hörte,
-konnte er es nicht mehr aushalten, stand auf und ging sofort in das
-Kaffeehaus, wo der schöne Kaffeeschenk war. Er setzte sich dort hin und
-verblieb dort, konnte aber sein Auge nicht von dem jungen Manne wenden.
-Er war so schön, als wenn er aus Wachs geformt wäre. — Der Reiche riß
-vor Erstaunen seinen Mund auf.
-
-Der junge Mann kochte einen ganz besonders leckeren Kaffee und setzte
-ihm den vor. Dieser Reiche streckte seine Hand aus und trank ihn. Als
-er den Genuß ganz ausgekostet hatte, sagte dieser Reiche zu dem schönen
-Kaffeeschenk: „Schöner Kaffeeschenk, ich habe eine Tochter. Nach Allahs
-Bestimmung werde ich sie dir geben. Wirst du sie nehmen?“ Der schöne
-Kaffeeschenk sagte: „Mein Herr, da Sie Ihre Tochter für mich passend
-ansehen, warum sollte ich sie nicht nehmen?“ Schließlich führte dieser
-Reiche den schönen Kaffeeschenk in sein Haus, rief die Gemeinde
-zusammen und verheiratete seine Tochter mit dem Kaffeeschenk. Es wurde
-Scherbet getrunken und an jeden verteilt. Den schönen Kaffeeschenk
-geleitete man in dieser Nacht ins Brautgemach. Der schöne Kaffeeschenk
-ging zu dem Mädchen und sagte: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Das
-Loch schrie: „Mich hat mein Vetter durchstochen.“
-
-Am Morgen schied er sich von diesem Mädchen und ging in sein
-Kaffeehaus. Als sie das sahen, wunderten sie sich: „Was ist das für
-eine Sache, an einem Tage heiraten und am nächsten scheiden?“ Alle
-waren verwundert und bedenklich.
-
-Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der schöne
-Kaffeeschenk nahm die Tochter eines anderen reichen Mannes. Als es
-Morgen wurde, entließ er sie wieder. Am folgenden Tage nahm er
-anderswoher ein Mädchen, auch die entließ er.
-
-Als dieser schöne Kaffeeschenk eines Tages am Meeresgestade ging,
-begegnete er einem Hirten, bei ihm war seine Tochter. Er redete ihn an:
-„He, Hirte, ist dies deine Tochter?“ Der Hirte antwortete: „Ja, mein
-Herr.“ Als er sagte: „Ach, Hirte, mein lieber Hirte, dies Mädchen werde
-ich nach Gottes Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten
-heiraten“, antwortete der Hirte: „Ach, mein Herr, ist denn ein
-Hirtenmädchen Ihrer würdig?“ Da sagte der schöne Kaffeeschenk: „Ich
-halte dies Mädchen meiner für würdig.“ Schließlich nahm er den Hirten
-und dies Mädchen mit in sein Haus. Dann rief er die Gemeinde zusammen
-und heiratete das Mädchen.
-
-Als es Nacht wurde, ging er zum Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich
-durchstochen?“ Das Loch fing an zu sagen: „Ich bin arm, keiner hat sich
-zu mir herabgelassen. Ich bin so, wie ich von der Mutter geboren bin.
-Bis jetzt hat noch niemand Hand daran gelegt.“
-
-Als der schöne Kaffeeschenk dies hörte, freute er sich und sagte: „Da
-habe ich endlich die Frau gefunden, die ich suchte.“ Dann näherte er
-sich dem Mädchen und wohnte ihr bei.
-
-Als es Morgen wurde, stand er auf, ging ins Bad, wusch sich, kaufte
-Sahne und ging wieder ins Haus, wo das Mädchen war, verweilte bei dem
-Mädchen und sie liebten sich.
-
-Die mögen nun hierbleiben, wir kommen jetzt zu den Reichen. Die hatten
-einen nahen Nachbarn. Eines Tages versammelten sie sich und er sagte:
-„An dem und dem Orte ist ein schöner Kaffeeschenk. Der nahm meine
-Tochter und am Morgen verließ er sie. Gestern hat er ein Hirtenmädchen
-genommen. Das heißt, daß ihm meine Tochter nicht gefallen hat. Kommt,
-wollen alle einmütig daraus einen ehrenrührigen Prozeß machen und ihn
-bestrafen lassen.“
-
-Dies Wort gefiel allen. Darauf schicken sie Nachricht an den schönen
-Kaffeeschenk. Schließlich sagte er: „Wenn Allah will, ist es so gut“,
-verließ sein Haus und kam zu ihnen, setzte sich und verweilte. Sie
-sagten zu ihm: „He, schöner Kaffeeschenk, nach Allahs Anordnung hast du
-unsere Töchter geheiratet und am Morgen wieder verlassen. Was ist der
-Grund? Schließlich hast du ein Hirtenmädchen genommen und bei der
-bleibst du. Schämst du dich nicht? Gehört sich so etwas für dich? Was
-hatten unsere Töchter für einen Fehler? Jetzt wollen wir dir einen
-ehrenrührigen Prozeß machen. Laß dir das gesagt sein!“
-
-Da antwortete der schöne Kaffeeschenk: „Meine Herren, jetzt ruft eure
-Töchter, wir wollen die Sache erklären, damit, wenn die Schuld an mir
-liegt, der schöne Kaffeeschenk verderben möge.“ Sie sagten: „Sehr
-schön, mein Sohn, wollen sie rufen, sie mögen kommen.“ Dann sandten sie
-Nachricht in ihre Häuser und die genannten Mädchen bestiegen ihre
-Droschken und kamen in die Versammlung.
-
-Eins von den Zimmern wurde abgesondert und der schöne Kaffeeschenk trat
-mit einem Mädchen ein. Er ging zu dem Mädchen und rief: „Loch, wer hat
-dich durchstochen?“ Das Loch sagte: „Mein Vetter hat mich
-durchstochen.“ Sie horchten hinter der Tür. Der schöne Kaffeeschenk
-sagte zu ihnen: „Nun, habt ihr es gehört, meine Herren?“ Sie standen da
-und bissen sich auf den Finger.
-
-Darauf ging das Mädchen aus dem Zimmer und sagte zu ihren Genossinnen:
-„Ach, Schwestern, steckt in eure Löcher einen Lappen.“ Das taten sie
-und eine andere ging in das Zimmer. Der schöne Kaffeeschenk ging zu dem
-Mädchen und rief: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Von dem Loch kam
-keine Antwort. Er sagte zu dem anderen Loch: „Warum kommt keine Stimme
-heraus?“
-
-„Ach, mein Herr, wie soll es sprechen, sie hat es verstopft.“
-
-Darauf ging das Mädchen hinaus und sagte zu ihrer Gefährtin: „Fräulein,
-verstopfe deine beiden Löcher, denn deine Sache steht schlecht.“
-
-Die glaubte ihr und verstopfte beide Löcher. Dann kam sie herein und
-setzte sich. Der schöne Kaffeeschenk ging zu ihr und sagte: „Loch, wer
-hat dich durchstochen?“ Vom Loch kam keine Antwort. Er sagte zum andern
-Loch: „Warum kommt keine Stimme heraus?“ Auch dort keine Antwort. Dann
-ging er an das Ohr des Mädchens und rief: „Loch, warum antworten nicht
-die unteren Löcher?“ Das Loch antwortete: „Ach, mein Herr, wie sollten
-sie antworten, sie sind beide verstopft.“ Da sagte der schöne
-Kaffeeschenk: „Nun, meine Herren, habt ihr eure Töchter gehört, wie sie
-es eingestanden haben? Ihr hättet sie auch nicht genommen, wie sollte
-ich sie nehmen?“ Die waren still und sagten keinen Ton.
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-Dann sagte er wieder: „Nun, meine Herren, ich will auch eure Löcher zum
-Sprechen bringen, damit kein Zweifel sei.“ Sie sagten: „Ach, mein Sohn,
-bringe nicht unsere Löcher zum Sprechen, da, nimm diese Goldstücke, geh
-und lebe ruhig, wo du bist.“
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-Da stand der schöne Kaffeeschenk auf, ging in sein Haus. Vierzig Tage
-und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Sie erlangten, was sie
-wollten.
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-4. DIE GESCHICHTE VON DER WEINENDEN GRANATE UND DER LACHENDEN QUITTE
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines
-Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe,
-habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal
-wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte
-die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte
-die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es
-dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah,
-freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre
-Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das
-Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr.
-
-Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich
-die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen
-ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter,
-was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein
-Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein
-Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich
-du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist
-die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein
-Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen
-sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu
-meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr
-nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die
-Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum
-weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich
-beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater
-sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten
-Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und
-ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet.
-Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich
-auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen.
-
-Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und
-fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter
-weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete:
-„Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was
-ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem
-Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der
-Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in
-diesem Jahre.
-
-Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies
-Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun weine nicht mehr.“ Inzwischen
-verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog
-sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als
-das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es
-es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen.
-Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater
-davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist
-auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es
-keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der
-letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn
-mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde
-ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde
-spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein
-schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich
-werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So
-beschlossen sie.
-
-Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es
-werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird
-hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den
-Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn
-Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“
-Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will
-hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin
-damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab
-dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein
-rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen.
-Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du
-so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich
-nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner
-Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er dann
-merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe
-von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin
-hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd
-antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde
-dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich
-rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei
-lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe
-wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so
-würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten
-ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und
-tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den
-Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die
-Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies
-sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute
-nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten
-wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk
-trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder
-an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen.
-
-Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich
-genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes
-Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe
-ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für
-dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach,
-mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich
-von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da
-tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare
-von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert,
-die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir
-Hilfe bringen.“
-
-Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und
-steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem
-Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos.
-
-Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich
-ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden.
-Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses.
-Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu
-ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling
-annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit
-haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und
-überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von
-unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister,
-warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt
-in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev [9]. Der frißt die Leber
-des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt.
-Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß
-es sich auf den Finger vor Erstaunen.
-
-Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum
-Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach
-oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf
-bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes
-Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz.
-Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in
-ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine
-Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt
-sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der
-bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt.
-
-Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das
-Mädchen aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte,
-heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte:
-„Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir
-ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn
-geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da,
-meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten
-Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand
-das Pferd spurlos.
-
-Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war,
-trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht
-war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach
-geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte
-das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie
-bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der
-Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich
-möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das
-Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug
-nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die
-Hölle.
-
-Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in
-die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren
-Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der
-Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht
-mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev.
-Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen
-Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute
-des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten:
-„Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der
-Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten
-sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben ihn
-getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den
-Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die
-Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein
-Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das
-Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie
-sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein
-Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum
-Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich
-getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest
-du die Kraft, ihn zu töten!“
-
-Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst,
-werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr
-des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es
-nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man
-zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah
-antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen
-antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal
-fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es:
-„In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“
-Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen
-jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat
-sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen
-Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich
-dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese,
-wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“
-Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die
-kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der
-Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst
-du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß
-ich diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde
-ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr
-Zimmer.
-
-In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür
-des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte
-durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des
-Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann
-kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte
-sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager
-des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das
-Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen
-und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis
-gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe
-es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine
-Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen
-niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn
-holst, werde ich dich heiraten.‘“ Das hörte das Mädchen draußen. So
-einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein
-Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und
-sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel.
-Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah
-diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies
-Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den
-will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole
-ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich
-ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare,
-welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben
-hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“
-Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte
-ist bei Deven ein Spiegel, den will ich haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr
-schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg
-auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit
-kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin,
-bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor
-dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre
-Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind,
-schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel.
-Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich
-umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und
-ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve
-geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein,
-nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich
-umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick
-wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling,
-bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von
-Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt
-zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe
-wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich
-kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt
-vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist.
-
-Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da,
-mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der
-Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte:
-„Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das
-Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht
-Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte:
-„Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der
-Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo.
-Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich
-das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das
-Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein
-goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das
-Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte
-sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte
-das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser
-elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven
-entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis
-erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“
-Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An
-dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand
-holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er
-nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte
-dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel
-und flog durch das Fenster davon.
-
-Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater,
-an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der
-Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann
-zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven
-ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der
-Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse
-und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum
-Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem
-und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“
-Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg
-das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon.
-Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an.
-Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, sagte das Pferd: „Meine
-Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der
-Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und
-komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch,
-den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom
-Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat
-ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und
-kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das
-Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu
-schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein
-Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“
-Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das
-Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter
-dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt
-sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir
-nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein
-Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘“ Dann
-befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie
-beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so
-ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war
-es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe
-meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch
-wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“
-Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender
-Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an.
-Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz
-ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich
-habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der
-Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat
-den von ihm verlangten Karfunkelstein gebracht. Was wirst du jetzt für
-eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um
-Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort
-geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“
-Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem
-Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das
-Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das
-Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die
-Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken,
-wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das
-Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein
-Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen
-Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling
-sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines
-Padischahs der Peris [10] sein und nicht einen Ausweg finden? In
-unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte.
-Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt
-die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu
-lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle
-Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem
-Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir
-ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird
-dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden
-wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen
-das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum.
-Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch
-das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten
-und sie stellten sich unter dem Baume auf.
-
-Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer,
-ging zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Orte ist
-in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine
-lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich
-nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den
-Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse
-des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende
-Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine
-Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten
-Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er
-nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem
-Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das
-Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach,
-mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der
-Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange
-ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für
-dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“
-
-Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer
-wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie
-in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell,
-eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge
-waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die
-drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als
-das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr
-nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“
-Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine
-Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch
-einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen
-Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die
-Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit
-Armeskraft den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der
-Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die
-Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine
-Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte
-sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen
-sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war.
-Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das
-Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd
-sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige
-auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du
-dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit
-einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da
-setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das
-Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß
-das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der
-Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen,
-aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und
-der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite
-und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die
-Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist
-mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen
-wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig
-waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte
-das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk
-gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in
-seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster
-ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht.
-
-Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr
-in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, sofort fuhr er über
-die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit
-aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und
-der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort
-befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie:
-„Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung,
-riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der
-Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der
-Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache.
-Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das
-Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum.
-Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen
-verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort.
-
-Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen
-hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf
-den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom
-Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte:
-„Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete:
-„Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen
-Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete
-er sie.
-
-Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der
-Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu
-seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte
-sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern.
-Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich
-verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem
-Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die
-Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten.
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-5. DIE GESCHICHTE VON DER SCHÖNEN, DIE DAS ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE
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-Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In
-alten Zeiten hatte eine alte Frau eine sehr liebenswürdige Tochter, die
-an Schönheit nicht ihres gleichen in der Welt hatte. Dies Mädchen saß
-in ihrem Zimmer und stickte. Eines Tages am Abend kam durch das Fenster
-ein Vogel und sprach sie in wohlgesetzter Rede an: „Meine Prinzessin,
-vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und dann das erreichen, was
-du willst.“ Dann flog er weg. Das Mädchen legte sich am Abend schlafen
-und schlief ein. Am nächsten Tage, am Abend, kam wie das vorige Mal der
-Vogel, sprach wieder zu ihr und flog weg. Das arme Mädchen erzählte
-ihrer Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter sagte: „Ach, mein
-Mädchen, wann kommt der Vogel?“ Das Mädchen sagte: „Heute Abend kommt
-er wieder.“
-
-Am Abend verbarg sich die Mutter in einem Schranke. Der Vogel kam
-wieder und sagte: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten
-bewachen und danach das erreichen, was du willst.“ Dann flog er wieder
-fort. Als die Mutter dies hörte, sagte sie: „Ach, mein Mädchen, komm,
-wir wollen uns vor dem Vogel retten und flüchten.“ Darauf nahmen sie
-ihre Sachen, die an Last leicht, an Wert schwer waren, und machten sich
-auf den Weg. Sie kamen an ein anderes Schloß, wohnten in einem Teile
-außerhalb des Schlosses. In der Nacht legten sie sich schlafen und
-schliefen ein. Der Vogel kam wieder, ergriff leise das Mädchen und
-führte es in ein Zimmer innerhalb des Schlosses. Dann flog der Vogel
-weg. Als das Mädchen seine Augen öffnete und sich umschaute, sah sie
-sich in dem Schlosse, und in der Mitte des Zimmers lag in einem Bette
-ein Toter. Als das Mädchen das sah, wäre sie beinahe ohnmächtig
-geworden und sagte: „Ach, nun hat der Vogel doch recht. Das ist von
-Gott; ich werde ertragen, was mir auf die Stirne geschrieben ist [11].
-Das Ende wird ja gut, so Gott will.“
-
-Wir wollen das Mädchen hier lassen und uns zur Mutter wenden. Am Morgen
-erwachte die Mutter aus dem Schlaf und sieht, daß das Mädchen nicht
-dort ist. Sie sagt: „Ach, während ich meine Tochter vor dem Vogel
-retten wollte, habe ich sie mit eigener Hand zugrunde gerichtet“,
-schrie und weinte, kehrte in ihr Haus zurück und trauerte um ihr Kind.
-Nun kommen wir wieder zu dem Mädchen. Tag und Nacht schlief sie nicht
-und weinte. Schließlich am neununddreißigsten Tage saß sie am Fenster
-und sah traurig auf das Meer. Da kam von Persien ein Schiff und fuhr
-vor dem Schlosse vorbei. Sie gab dem Kapitän mit der Hand Zeichen und
-sagte: „Nimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.“ Das
-Mädchen ließ einen Strick hinab und zog die Sklavin nach oben und hing
-ihr eine goldene Kette um den Hals. Das Mädchen freute sich und sagte:
-„Gott sei Dank, nun habe ich eine Gefährtin gefunden.“ Genau am
-vierzigsten Tage sagte sie zu der Sklavin: „Du, bleibe hier, ich werde
-ein wenig die Zimmer ansehen und wiederkommen.“
-
-Das Mädchen ging weg. Die Sklavin bleibt allein. Während sie sich nach
-allen vier Ecken umsieht, niest der dort liegende Tote, steht auf, wird
-lebendig, öffnet die Augen, sieht die Sklavin und sagt: „Mädchen, hast
-du mich bewacht?“ Das Mädchen sagte: „Ja, ich habe dich bewacht.“
-Dieser dort liegende Prinz hatte nämlich früher geschworen: „Wenn mich
-jemand vierzig Tage bewacht, so werde ich, wenn ich sie bei meinem
-Aufstehen sehe, heiraten.“ So hatte er beschlossen.
-
-Dann nahm er die Sklavin und fragte sie: „Ist außer dir noch jemand
-sonst hier?“ Da antwortete sie: „Ja, in jenem Zimmer ist meine Sklavin.
-Ich habe sie um Geld gekauft und die Goldstücke, die sie am Halse
-trägt, habe ich ihr auch gegeben.“ Dann rief sie ihre Herrin: „Komm
-Mädchen, der Herr verlangt nach dir.“ Als das Mädchen eintritt und
-sieht, daß die Sache ganz anders geworden ist, sagt sie: „Auch das ist
-von Gott. Man muß es mit Geduld tragen.“ Das Mädchen zog Dienerkleider
-an und tat im Hause oben und unten ihren Dienst. Eines Tages sagte der
-Prinz zur Herrin: „Ich werde auf die Reise gehen, was wünschst du dir
-von mir?“ Die Herrin antwortete: „Ich wünsche mir von dir eine Menge
-Diamanten und Türkise.“ Als er die Dienerin fragte: „Was wünschest du
-dir?“ sagte sie: „Ich wünsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergißt,
-soll bei deiner Rückkehr das Vorderteil des Schiffes pechschwarzer
-Rauch sein.“
-
-Darauf ging der Prinz weg nach Jemen. Einige Monate blieb er dort und
-erledigte seine Geschäfte, kaufte den Auftrag der Herrin und vergaß den
-Auftrag der Sklavin. Als er abfuhr, sah er, daß vor dem Schiffe
-pechschwarze Dunkelheit und hinter ihm Helligkeit ist. Das Schiff
-konnte nicht fahren. Der Kapitän rief die Soldaten und sagte: „Wenn
-unter euch ein Verfluchter ist, so soll er hinausgehen.“
-
-Als der Prinz dies hörte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn.
-Es war tatsächlich so geworden, wie sie gesagt hatte. Dann kehrte das
-Schiff um, und der Prinz stieg aus, kaufte den Geduldstein wie ihm
-aufgetragen und kam zum Schiffe zurück. Da war das Vorderteil des
-Schiffes hell und sein Hinterteil Nebel. Mit Gottes Gnade fuhr es wie
-ein Vogel in kurzer Zeit nach seinem Lande. Er stieg aus und betrat das
-Schloß. Die Herrin und die Dienerin stiegen die Treppe hinab, begrüßten
-ihn und führten ihn nach oben. Er gab der Herrin den von ihr verlangten
-Auftrag und der Dienerin den Geduldstein. Sie waren zufrieden. Am Abend
-ging das Mädchen in ihr Zimmer und blieb dort. Der Prinz und die Herrin
-legten sich schlafen. Als sie schlief, kam es dem Prinzen in den Sinn:
-„Was mag die Sklavin wohl mit dem Geduldstein anfangen?“ Da die Herrin
-schlief, erhob er sich, ging leise an das Zimmer, in dem die Sklavin
-war, und beobachtete durch das Schlüsselloch das Mädchen.
-
-Wir kommen jetzt zu dem Mädchen. Der sogenannte Geduldstein war ein
-Stein von der Größe einer Linse. Das Mädchen legte ihn auf den Boden
-und sagte: „Ach, Geduldstein, einst war ich ein liebes Kind meiner
-Mutter. Als ich einmal stickte, kam ein Vogel und sagte in
-wohlgesetzter Rede zu mir: ‚Du wirst vierzig Tage einen Toten bewachen
-und danach erreichen, was du willst.‘ Dann kam ich durch ein Wunder in
-dieses Schloß. Neununddreißig Tage bewachte ich diesen Jüngling. Wenn
-du an meiner Stelle gewesen wärest, was tätest du, Geduldstein?“ Der
-Geduldstein machte puh puh und schwoll an. „Als an jenem Tage ein
-Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir für Geld eine Sklavin. Am vierzigsten
-Tage ließ ich die Dienerin im Zimmer und ging ein wenig hinaus. Da
-wachte der Jüngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie
-und wohnte mit ihr zusammen. Wenn du an meiner Stelle wärest, was
-tätest du?“ Der Geduldstein machte puh und schwoll wieder an. „Ich
-wurde ihre Sklavin. Geduldstein, wie würdest du das ertragen?“ Der
-Geduldstein machte puh und platzte. „Ja, Geduldstein, du hast es nicht
-aushalten können und bist geplatzt, wie soll ich es denn aushalten? Ich
-werde mich an der Decke aufhängen.“ Sie stellte einen Schemel unter
-ihre Füße. Als sie sich aufhängen wollte, zerbrach der Prinz die Tür,
-trat ein, umarmte das Mädchen, setzte sie auf die Erde und sagte:
-„Meine Prinzessin, wenn du mich bewacht hast, warum hast du es mir so
-lange nicht gesagt?“ Dann ging er in das Zimmer des Mädchens, stieß und
-schlug sie, ließ sie aufstehen und sagte: „Willst du vierzig Maultiere
-oder vierzig große Messer?“ Da antwortete sie: „Ach, die vierzig Messer
-mögen über meinen Feind kommen, ich will vierzig Maultiere und in meine
-Heimat gehen.“ Dann band er das Mädchen vierzig Maultieren an den
-Schwanz und ließ sie los. Auf jedem Berge blieb ein Stück von ihr. Dann
-nahm er die Herrin und heiratete sie. Vierzig Tage und vierzig Nächte
-dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Die haben erreicht, was sie
-wollten. Damit Schluß.
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-6. DIE GESCHICHTE VON DER DILBER, DIE NICHT ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatte ein armer Mann eine Frau. Sie waren
-sehr arm und hatten keinen Platz zum Wohnen. Diese Frau wurde von ihrem
-Manne schwanger, und als ihre Zeit herankam, sagte sie zu ihrem Manne:
-„Geh zu der Badbesitzerin Aische Molla und sage ihr: ‚Meine Frau hat
-keinen Platz, wo sie gebären könnte. Wenn im Bade ein leeres Zimmer
-ist, laß sie dort gebären‘.“ Darauf ging der Mann zu der Aische Molla
-und erzählte ihr die Sache. Sie antwortete: „Schön, mein Sohn, morgen
-mag sie kommen und hier bleiben.“ Dann kehrte der arme Mann wieder nach
-Hause zurück und erzählte es seiner Frau. Am nächsten Tage stand die
-Frau auf und ging ins Bad. Sofort führte die Aische Molla sie in eine
-Kabine und sagte: „Meine Prinzessin, dort können Sie gebären.“ Die Frau
-trat ein, bekam die Wehen und brachte ein wunderschönes Kind zur Welt.
-Es war so schön, daß man es nicht fertig brachte, ihm ins Gesicht zu
-sehen. Da spalteten sich die Wände des Bades und drei Derwische traten
-ein. Der erste sagte: „Dieses Kind soll die ihren Wunsch nicht
-erreichende Dilber heißen.“ Der andere sagte: „Wenn dies Mädchen sich
-wäscht, sollen von ihrem Kopfe Goldstücke fallen, wenn sie lacht,
-sollen auf ihren Wangen Rosen blühen, und wenn sie weint, sollen aus
-ihren Augen Perlen fallen, und da, wo sie geht, soll Rasen wachsen.“
-Der dritte sagte: „Sie soll dies Armband an ihren Arm legen. Wenn sie
-es abnimmt, stirbt sie, aber so lange sie das Armband nicht abnimmt,
-soll ihr nichts passieren und sie wird jahrelang leben.“ Dann ließ er
-sein Armband im Bade zurück und die drei Derwische verschwanden.
-
-Die Mutter legte ihrer Tochter das Armband um, und wusch das Mädchen
-ordentlich. Immer, wenn sie ihr Wasser auf den Kopf goß, fielen
-Goldstücke herunter. Dann gab die Frau der Badbesitzerin eine Anzahl
-Goldstücke, nahm ihre Tochter und kehrte in ihr verfallenes Haus
-zurück. Nach einigen Tagen ließ sie ein großes Haus bauen mit
-Gartenhaus und schön mit Goldverzierung, daß es sich nicht beschreiben
-läßt. Die Frau brachte das Mädchen in dieses Gartenhaus und dort lebten
-sie. Wenn das Mädchen weinte, fielen Perlen herab, wenn sie lachte,
-blühten Rosen auf ihren Wangen, wo sie ging, sproßte Rasen. Schließlich
-wurden sie durch das Mädchen so reich, daß sie den Wert von weißen und
-schwarzen Sklavinnen und vom Gelde nicht kannten. Die Zeit verging, das
-Mädchen kam in ihr vierzehntes Jahr. Sie hatte nicht ihresgleichen in
-der Welt, schlank wie eine Gerte, mit Rehaugen, geschweiften
-Augenbrauen, Lippen wie Zucker, mit einem Geruch wie Ambra, von
-liebenswürdigem Wesen. Sie war so schön, daß man unfähig war, es zu
-beschreiben. Ein Wunder der Welt. Wer sie ansah, wurde geblendet. Es
-war, als ob in ihrem Zimmer die Sonne aufgegangen war und strahlte. In
-allen Stadtvierteln war sie bekannt und man fand sie schön.
-
-Die wollen wir nun lassen und uns zum Sohne des Padischahs von Jemen
-wenden. Eines Nachts sah er im Traum dieses Mädchen und trank aus ihrer
-Hand den Becher der Liebe. Morgens stand er auf, ging zu seiner Mutter
-und sagte: „Liebe Mutter, Gott möge es zum Guten wenden! Im Traume habe
-ich ein Mädchen gesehen. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor. Nur die
-will ich.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, was willst du mit ihr
-anfangen. An dem und dem Orte ist ein Mädchen. Wenn sie sich wäscht,
-fallen Goldstücke von ihrem Kopfe, wenn sie lacht, blühen Rosen auf
-ihren Wangen, wenn sie weint, fallen Perlen herab, und wo sie geht,
-blüht Rasen.“ Der Sohn sagte: „Ach, Mutter, ist das, was du sagst, ein
-Traum? So etwas gibt es ja nicht.“ Die Mutter antwortete: „Mein Sohn,
-wenn du mir nicht glaubst, so laß es dir anderweitig bestätigen, ob es
-vielleicht falsch ist.“
-
-Man rief die Makler und fragte sie. Die wunderten sich; aber einer
-unter ihnen hatte gerade das Mädchen gesehen, trat vor und sagte: „Mein
-Prinz, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, sie ist vorhanden.“ Da
-blieb nunmehr dem Prinzen kein Zweifel. Er ging zu seiner Mutter und
-sagte: „Liebe Mutter, besteige morgen ein Schiff und fahre als
-Brautwerberin zu dem Mädchen. Wenn es sich wirklich mit dem Mädchen so
-verhält, so verlobe sie mir sofort und bringe sie hierher.“ Am Morgen
-bestieg die Dame ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nach einigen
-Monaten kam sie in dem Lande, wo das Mädchen war, an, verließ das
-Schiff und betrat die Stadt. Als sie dort jemand gefragt hatte, zeigte
-man ihr das Haus des Mädchens. Die Dame ging hin und klopfte an die
-Tür. Als die Tür geöffnet wurde, trat sie ein. Man holte sie nach oben,
-und sie kam zu dem Landhause, wo das Mädchen war. Nachdem sie sich
-gesetzt hatte, fing sie an, sich ausgiebig mit ihrer Mutter zu
-unterhalten. Ihre Absicht war es, zunächst zu erproben, ob es sich
-wirklich mit dem Mädchen so verhielte, und sagte: „Meine Tochter, würde
-es dir Mühe machen, mir ein Glas Wasser zu bringen?“ Das Mädchen stand
-sofort auf. Als sie Wasser holte, wuchs an der Stelle, die sie betrat,
-eine Spanne weit Rasen. Als die Dame das sah, verwunderte sie sich. Als
-die Dame die Schale nahm und trank, drückte sie das Mädchen an einer
-Stelle leicht. Das Mädchen war nahe daran zu weinen, und ehe sie
-anfing, fielen Perlen herab. Als die Dame dann eine lustige Geschichte
-erzählte, konnte das Mädchen sich nicht halten, lachte, und sofort
-blühten Rosen auf ihren Wangen. Schließlich goß sie zufällig dem
-Mädchen Wasser auf den Kopf, sofort fielen ihr vom Kopfe Goldstücke. Da
-blieb ihr nun in ihrem Herzen kein Zweifel mehr und sie sagte zu der
-Mutter: „Den schönen Namen Ihrer Tochter habe ich gehört, nach Gottes
-Anordnung und dem heiligen Brauch des Propheten möchte ich Ihre Tochter
-mit meinem Prinzen verheiraten. Was denken Sie dazu?“ Da sagte die
-Dame: „Meine Königin, sollte ich meine Tochter solchen Leuten, wie Sie
-es sind, vorenthalten? Nach Ihrem Belieben. Gott möge Segen geben!“
-Dann wurde die Verlobung gemacht und die Königin sagte: „Ich werde nun
-gehen. Nachher bringen Sie Ihre Tochter, denn wir wollen dort nun alles
-zur Hochzeit herrichten.“ Dann stand die Königin auf und machte sich
-auf den Weg. Schließlich kam sie eines Tages nach Jemen, ging in den
-Palast, rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, ich bin hingegangen und
-habe das Mädchen gesehen. Es verhält sich mit ihr wirklich so. Wer sie
-einmal sieht, sagt: „Ich möchte sie noch einmal sehen.“ So schön ist
-sie. Sofort habe ich die Verlobung abgeschlossen und bin hierher
-gekommen.“ Als der Prinz das hörte, wurde er ganz verwirrt und seine
-Hände und Arme fingen an zu zittern. Dann küßte er seiner Mutter die
-Hand und blieb dort.
-
-Die fingen nun mit den Hochzeitsvorbereitungen an, und der Prinz sah
-sehnsüchtig nach dem Mädchen aus. Die wollen wir nun lassen und uns
-wieder dem Mädchen zuwenden. Die Mutter machte ihrer Tochter kostbare
-Kleider und richtete eine kostbar ausgestattete Aussteuer her. Als die
-Reisevorbereitungen fertig waren, rief sie die Amme des Mädchens und
-sagte: „Du wirst auf meine Tochter ordentlich acht geben und sie nach
-Jemen führen. Nach einigen Tagen komme ich auch.“ Dann nahm die Amme
-die Tochter der Dame und ihre eigene Tochter und etwas Nahrungsmittel
-mit, bestieg ein Schiff und machte sich mit ihnen auf den Weg. Als es
-Abend wurde, hungerte die Braut und sagte: „Mutter, gib mir etwas
-Brot.“ Die Amme schnitt entsprechend der List, die sie sich ausgedacht
-hatte, ein Stück gesalzenes Pasdyrma [12] ab und gab es dem Mädchen.
-Als das arme Mädchen das Pasdyrma gegessen hatte, bekam es nach einer
-halben Stunde großen Durst und sagte: „Mutter, gib mir etwas Wasser.“
-Die Frau sagte: „Wenn du eins von deinen Augen herausreißt und mir
-gibst, gebe ich dir Wasser, sonst nicht.“ Das arme Mädchen weinte und
-nahm ein Auge heraus und gab es ihr. Nach einiger Zeit hatte das
-Mädchen wieder Durst und sagte zu der Frau: „Mutter, mich dürstet.“ Die
-Frau antwortete: „Du schweinisches gemeines Mädchen, wenn du das eine
-Auge herausreißt, werde ich dir Wasser geben.“ Was soll das arme
-Mädchen tun? Ihr Inneres war ganz von Durst verbrannt, gezwungenerweise
-riß sie es aus und gab es der Frau. Die Frau gab ihr etwas Wasser, und
-das Mädchen trank, aber sie war auf beiden Augen blind. Als sich dann
-das Schiff einem Lande näherte, zog die Frau der Braut die Kleider aus,
-und führte die Arme auf einen Berg und ließ sie dort. Darauf zog sie
-ihrer Tochter die Kleider an, schmückte sie, und sie gingen in das
-Schloß des Königs von Jemen. Aus dem Palast ging man ihnen entgegen und
-führte sie nach oben. Die Mutter des Prinzen betrachtete das Mädchen
-genau, wunderte sich und überlegte innerlich: „Das ist nicht das
-Mädchen, das ich dort gesehen. Dahinter steckt sicherlich etwas. Wollen
-einmal sehen, worauf das hinauslaufen wird.“ Sie setzten sich und
-fingen an zu erzählen. Am Abend wurde die Hochzeit mit dem Prinzen
-gefeiert und Scherbet getrunken. In dieser Nacht führte man den Prinzen
-in das Brautgemach. Der Prinz sagte zu dem Mädchen: „Lache doch ein
-wenig!“ Obgleich das Mädchen zu lachen anfing, geschah nichts von dem
-Wunder. Der Prinz wunderte sich. Wenn dies Mädchen lacht, sollen doch
-Rosen blühen, wenn sie weint, Perlen fallen, und auf der Stelle, wo sie
-geht, soll Rasen wachsen. Ist dies das so gepriesene Mädchen? Bei
-diesem Mädchen geschieht nichts derartiges. Nach solchen langen
-Überlegungen redete er das Mädchen an: „Meine Prinzessin, wenn du
-lachst, sollen Rosen auf deinem Gesicht blühen. Aber du hast gelacht
-und keine ist aufgeblüht. Was heißt das?“ Das Mädchen antwortete: „Mein
-Herr, sie blühen nur einmal im Jahre.“
-
-Kurz, am Morgen führte die Mutter des Prinzen das Mädchen ins Bad und
-fing an sie zu baden. Die Dame goß ihr, um sie zu erproben, Wasser auf
-den Kopf, aber keine Goldstücke fielen herab. Die Dame war verwundert.
-Darauf kleidete sie schließlich das Mädchen an und schmückte sie und
-man führte sie in das Schloß. Das Mädchen setzte sich in einen Winkel.
-
-Die mögen nun dort sitzen, wir wenden uns jetzt zu dem Mädchen, das sie
-auf dem Berge gelassen hatten. Mit ihren beiden blinden Augen weinte
-sie andauernd und von ihrem Weinen hatte sich vor ihr ein Haufen Perlen
-angesammelt. Da kam ein Karawanenführer und, als er das Mädchen in
-dieser Lage sah, seufzte er, und sein Herz blutete. Er ging zu ihr und
-sagte: „Meine Tochter, welcher Teufel hat dich in solche Verfassung
-gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, Vater, frage nicht. Gott hat
-es so bestimmt, man muß es tragen.“ Darauf faßte er das Mädchen an der
-Hand und nahm auch die Perlen und brachte sie in sein Haus und sagte zu
-seiner Frau: „Quäle nicht dieses Mädchen, wasche sie ordentlich. Es ist
-ein gutes Werk.“ Schließlich fragten sie das Mädchen nach ihren
-Erlebnissen. Das Mädchen erzählte ihnen die Geschichte von Anfang bis
-zu Ende. Sie sagten zu der Unglücklichen: „Ach, das ist schade.“ Als
-das Mädchen lachte, wuchsen sofort Blumen auf ihren Wangen. Da schnitt
-sie sie mit der Schere ab und sagte: „Vater, nimm diese Rose, lege sie
-in einen Korb, geh vor das Schloß des Prinzen und rufe: ‚Ich verkaufe
-Rosen außer der Jahreszeit.‘ Dann wird man dich rufen und dir sagen:
-‚Für wieviel Para gibst du sie?‘, dann sage du: ‚Ich verkaufe sie nicht
-für Geld, nur für ein Auge‘.“ Der Vater antwortete: „Sehr wohl, mein
-Mädchen.“ Diese Nacht legte er sich schlafen. Am Morgen packte er die
-Rosen in einen Korb, stand auf und machte sich auf den Weg.
-
-Als er vor das Schloß kam, rief er: „Ich verkaufe Rosen außer der
-Jahreszeit.“ Als das Mädchen aus dem Schlosse das hörte, sagte es zu
-seiner Mutter: „Ach, Mutter, da werden Rosen außer der Jahreszeit
-angeboten. Wollen sie kaufen und dem Prinzen zeigen und ihm sagen:
-„Siehe, heute ist diese Rose auf meiner Wange erblüht.“ Da liefen sie
-zu der Tür und riefen: „Komm hierher.“ Der Karawanenführer kam sofort
-an die Tür des Schlosses, nahm den Korb von der Schulter und stellte
-ihn auf die Erde. Das Mädchen sagte: „Gärtner, um wieviel Piaster gibst
-du die Rose?“ Da antwortete er: „Mein Mädchen, für Geld nicht, ich gebe
-sie für ein Auge.“ Da wandte sich das Mädchen um und sagte zur Mutter:
-„Wollen ihm die Augen des Mädchens, die im Kasten liegen, geben und die
-Rose nehmen.“ Das Mädchen ging zu dem Kasten, nahm beide Augen, brachte
-sie und gab sie dem Gärtner. Der nahm die Augen, gab die Rosen und ging
-ohne Verweilen nach Hause, trat ein, ging zu dem Zimmer, wo sich das
-Mädchen befand, und sagte: „Meine Tochter, ich habe deine beiden
-Augen.“ Da stand das Mädchen auf, vollzog eine schnelle Waschung und,
-um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, zwei Gebetsbeugungen, stand auf,
-erhob die Hände und betete. Ihr Gebet wurde erhört. Als sie ihre Augen
-wieder an die Stelle setzte, wurden mit Gottes, des Höchsten, Erlaubnis
-ihre Augen geöffnet, sodaß sie die Welt wieder sah. Sie leuchteten
-heller wie vorher. Sie dankte Gott und ging in dem Zimmer auf und ab.
-Wenn das Mädchen lachte, blühten die Rosen, und wenn sie sich wusch,
-fielen von ihrem Kopfe Goldstücke. Kurz, das Mädchen sah in dem
-Karawanenführer ihren Vater und umarmte ihn innig. Sie wurden auch
-durch dieses Mädchen so reich, daß sie sich Häuser bauen und paarweise
-Sklavinnen und Sklaven hielten. Das Mädchen hatte auch für sich ein
-außergewöhnliches Zimmer. Jeden Tag setzte sie sich dorthin und
-vergnügte sich. Eines Tages sagte das Mädchen: „Vater, ich wünsche von
-dir eine Türbe [13] ganz aus Karfunkelstein und im Inneren einen Kasten
-von Gold. Die Türen der Türbe sollen einmal von selbst in der Stunde
-schreien: ‚Die Dilber, die nicht ihren Wunsch erlangt hat‘ und sich
-nach beiden Seiten öffnen. So sollen die Türen rufen.“ Der
-Karawanenführer sagte: „Meine Tochter, du sollst eine Türbe, wie du sie
-wünschst, haben. Mit Gottes Hilfe will ich sie dir machen.“ Schließlich
-erhob er sich, ging auf den Berg, ließ nach der Beschreibung des
-Mädchens aus Karfunkelstein eine Türbe machen und im Inneren auch einen
-Kasten. Die Türen öffneten sich von selbst und riefen: „Die Dilber, die
-ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als die Türbe fertig war und bereit
-stand, ging der Karawanenführer nach Hause und sagte: „Da habe ich dir
-die gewünschte Türbe machen lassen, gräme dich nicht.“
-
-Die wollen wir nun lassen und uns zu dem im Schlosse weilenden Mädchen
-wenden. Als sie dem Prinzen die Rose gegeben hatte, nahm er sie, roch
-daran und sagte: „Deine Rose ist gekommen. Du selbst wirst auch bald
-kommen.“ [14] Als das Mädchen aus der Rose gemerkt hatte, daß die
-andere lebe, sagte sie zu ihrer Mutter: „Mutter, dies Mädchen ist am
-Leben; sie muß irgendwo in der Nähe leben. Komm, wollen ihr eine
-Zauberin schicken. In der Nacht soll sie ihr den Armring ausziehen,
-dann wird sie sterben.“
-
-Darauf schickte die Mutter eine Zauberin mit Maßregeln an das Mädchen.
-Die Zauberin fragte nach dem Mädchen, ging sofort in das Haus, wo sich
-das Mädchen befand und klopfte an die Tür. Als sie geöffnet wurde,
-stieg sie auf der Treppe nach oben, trat in das Zimmer des Mädchens ein
-und setzte sich. Da es spät geworden, sagte sie zu der Frau: „Ach,
-Mutter, ich bin von weit her gekommen; es ist spät, und ich fürchte
-mich zu gehen. Ich bin nur hierhergekommen, daß ihr mich als Gottesgast
-aufnehmt.“ Da sagte die Frau: „Sehr schön, Mutter. Da ist ein Zimmer,
-schlafe dort ruhig.“ Später wird zu Abend gegessen. Danach geht die
-Zauberin in ihr Zimmer und legt sich schlafen. Das Mädchen und die
-Mutter gehen in ihre Zimmer und schlafen ein. Genau zwischen sieben und
-acht verläßt die Zauberin ihr Zimmer, geht in das Sommerhaus des
-Mädchens und tritt sofort ein. Als sie eintrat, schlief das Mädchen
-fest. Die Zauberin näherte sich, zog dem Mädchen leise den Armring vom
-Arm, nimmt ihn mit, geht hinunter in das Zimmer, nimmt ihren Mantel,
-zieht ihn an, verläßt das Haus und geht sofort zum Schloß. Nachdem sie
-eingetreten, gibt sie der Mutter des Mädchens den Armring. Die nimmt
-ihn freudig in Empfang und bewahrt ihn.
-
-Die wollen wir nun verlassen und uns zu der Dame wenden. Am Morgen
-steht sie auf, geht in das Zimmer, wo die alte Frau schlief und sieht,
-daß sie nicht da ist. Sie wundert sich: „Wohin kann sie wohl gegangen
-sein? Sie ist weggegangen.“ Sie sieht nach dem Mantel. Auch der ist
-nicht da. Dann geht sie in das Zimmer des Mädchens, und sieht, daß es
-schläft. Sie kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wecken. Darauf
-kehrt sie um, geht in ihr Zimmer. Schließlich wird es gegen vier und
-fünf Uhr. Das Mädchen steht nicht auf. Die Dame denkt bei sich: „Das
-Mädchen pflegte jeden Tag früh aufzustehen. Warum bleibt sie heute so
-lange? Ich werde sie aufwecken.“ Sie geht nach oben, tritt in das
-Zimmer, wo das Mädchen liegt und sagt: „Hollah, meine Tochter, man ruft
-zum Mittagsgebet. Stehe auf!“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Sie ruft
-nochmals. Wieder kein Laut. Da sieht sie nach dem Atem des Mädchens.
-Auch nicht der geringste Atem ist zu spüren. Sie faßt die Füße an. Sie
-sind kalt wie Eis. Als sie das sieht, fängt sie zu jammern und
-wehklagen an: „Ach, meine Tochter ist gestorben; nun will ich von der
-ganzen Welt nichts wissen“ und fällt auf den Boden. Der Mann der Frau
-kommt. Als er sie sieht, fragt er: „Was ist geschehen, Frau, warum
-weinst du so?“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Herr, diese unsere
-Tochter ist diese Nacht gestorben. Bis zum jüngsten Tage werde ich mich
-nach ihr sehnen.“ Als der Karawanenführer dies hörte, fielen aus seinen
-Augen Tränen wie Regentropfen. Schließlich wuschen sie das Mädchen,
-vollzogen das Gebet und begruben es in der Türbe, die es sich hatte
-machen lassen. Dann trauerten sie um das Mädchen.
-
-Die wollen wir nun verlassen und uns zur Mutter des Mädchens in dem
-Palaste wenden. Als sie hörten, daß dies Mädchen gestorben war, gehörte
-die Welt ihnen, und sie sagten: „Ach, Gott sei Dank, nun sind wir das
-Mädchen los.“ Als der Prinz hörte, daß dies Mädchen draußen gestorben
-sei, seufzte er und sein Herz blutete. Danach mochte er nun nicht mehr
-bei diesem Mädchen im Schlosse bleiben. Eines Tages zog er ärgerlich
-andere Kleider an, stand auf und zog mit einem Hofmeister von Berg zu
-Berg, brennend von dem Feuer der Sehnsucht, nach dem (anderen) Mädchen.
-Nachdem sie einige Zeit gewandert sind, kommen sie an einen großen
-Berg. Um sich auszuruhen, setzten sie sich. Da hörte der Prinz eine
-leise Stimme: „Dilber, die ihren Wunsch nicht erlangt hat.“ Als der
-Prinz das hört, steht er ohne Zaudern auf und steigt auf den Berg. Da
-sieht er eine Türbe aus Karfunkelsteinen, die jeden Beschauer blendete.
-Die beiden Türen öffnen sich von selbst und sagen schmerzlich: „Dilber,
-die ihren Wunsch nicht erreicht hat.“ Als der Prinz das sieht, sagt er:
-„Wessen Türbe ist das wohl?“ Nachdem er eine Zeitlang in Erstaunen
-dagestanden hat, tritt er in die Türbe ein und sieht einen goldenen
-Kasten, in dem er ein Jammern hört. Der Prinz ist sehr neugierig, hebt
-den Deckel des Kastens auf und sieht, daß dort ein junges Mädchen,
-schön wie der Mond am vierzehnten, liegt und neben ihr ein
-allerliebstes, blondes, schönes Kind sitzt, das anstatt an der Brust,
-an den Fingern der Mutter saugt. Als er das sieht, füllen sich seine
-Augen mit Tränen, und er sagt Gott für seine Güte Dank. Dann nimmt er
-das Kind und geht erfreut mit seinem Hofmeister in das Schloß. Als er
-in das Zimmer des Mädchens kommt, setzt er sich, legt das Kind aus
-seinem Arm auf ein Polster. Das Kind fängt an zu spielen. Der Prinz
-sagt zu dem Mädchen: „Hüte dich, dieses Kind zum Weinen zu bringen.“
-Dann geht er hinaus, um sich zu waschen. Das Kind kommt während des
-Spielens an eine Schublade und findet den Armring, der der Talisman
-ihrer Mutter war. Das Kind hält ihn für ein Spielzeug und nimmt ihn in
-die Hand. Als das Mädchen den Ring in der Hand des Kindes sieht, kommt
-es und will ihn ihm aus der Hand ziehen. Das Kind hält fest, läßt nicht
-los und fängt an zu weinen. Als der Prinz das Kind weinen hört, tritt
-er sofort ein, geht auf sie zu und fragt: „Warum haben Sie das Kind zum
-Weinen gebracht?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, das Kind hatte
-mein Amulet in seiner Hand. Ich will es ihm wegnehmen, deswegen weint
-es.“ Der Prinz sagte: „Laß es doch spielen. Es ißt doch nicht das
-Amulet auf.“ Dann fängt das Kind derart an zu weinen, daß es sich nicht
-beruhigt. Der Prinz nimmt das Kind, geht zur Türbe und legt es neben
-seine Mutter. Als der Ring in der Hand des Kindes den Körper der Mutter
-berührt, fangen die Glieder der Mutter zu zittern an und der
-Unterkörper wird wieder lebendig. Als der Prinz das sieht, sagt er zu
-sich: „Ist das ein Wunder oder hat es mit diesem Amulet eine besondere
-Bewandtnis?“ Dann sieht er auf den Arm des Mädchens. Dort ist der Platz
-des Ringes. Sofort nimmt er dem Kinde das Amulet aus der Hand und legt
-es an den Arm des Mädchens. Das Mädchen nieste, stand auf, wird
-lebendig, aus ihrer Brust kommt Milch, und das Kind fängt an, an der
-Mutter Brust zu saugen. Als der Prinz das sieht, sagt er: „Meine
-Prinzessin, wessen Tochter bist du? Wessen Kind ist dies?“ das Mädchen
-sagte: „Mein Prinz, ich habe meine Mutter in Stambul gelassen. Während
-ich mit meiner Amme zu dir als Braut fuhr, hat sie mich unterwegs beide
-Augen herausreißen lassen, meine Kleider ihrer Tochter angezogen und
-dann mich auf einem Berge ausgesetzt. Eines Tages kam ein
-Karawanenführer vorbei und nahm mich mit in sein Haus. Da ließ ich auf
-meinem Gesichte eine Rose sprossen und nahm dafür meine Augen, steckte
-sie wieder an ihre Stelle und mit Gottes gnädiger Hilfe wurden meine
-Augen wieder sehend. Schließlich gab das Mädchen dir die Rose, die ich
-geschickt hatte. Sie haben daran gerochen und von dieser Stärke des
-Riechens wurde ich schwanger. Schließlich kam eines Nachts eine Frau
-und stahl mir den Armring vom Arm. Dann starb ich. Man begrub mich und
-ich gebar das Kind. Das gehört jetzt dir.“
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-Als der Prinz das hörte, weinte er blutige Tränen. Als er wieder ruhig
-wurde, umarmten sie sich und liebten sich unbeschreiblich. Dann standen
-sie auf und gingen ins Schloß. Der Prinz rief die Mutter mit ihrer
-Tochter und sagte: „Ihr Verfluchten, ihr macht derartige Dinge?“ Dann
-schlug er sie, daß ihre Knochen kurz und klein geschlagen wurden. Ihre
-Seele verließ sie, ging in die Hölle, und sie selbst warf er den Hunden
-vor und sagte: „Gott sei Dank, bin ich jetzt vor diesen Teufeln sicher.
-Nun habe ich meine Kraft wieder.“ Dann rief er die eigentliche Mutter
-des Mädchens und die Frau des Karawanenführers und verheiratete sich
-mit dem Mädchen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die
-Hochzeitsfestlichkeiten. Danach ging er in der Nacht auf den Freitag
-ins Brautgemach, erlangte, was er wünschte, und gewährte, was verlangt
-wurde.
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-7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter.
-Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen.
-Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte:
-„Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“
-„Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch
-einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich
-von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt,
-kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin
-mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“
-
-Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen
-Tagen geht sie mit den Sklavinnen in ihren Garten an den Teich und
-hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und
-sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den
-Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin
-hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen
-Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel
-nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die
-Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und
-sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch
-mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft.
-
-Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den
-Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem
-Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“
-Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin.
-Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an
-ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als
-Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen
-Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu
-ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus
-schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen
-Ermahnungen geht er weg.
-
-Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke
-und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles
-was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt
-sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein
-geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen?
-Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er
-weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister
-sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle
-Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das Mädchen
-ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus.
-
-Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in
-diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider
-bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das
-Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als
-Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und
-setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das
-Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und
-zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen
-auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern
-vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast
-du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer
-machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß
-alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht
-zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit
-dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und
-soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die
-Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er
-wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das
-zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat
-er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“
-Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden.
-
-Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines
-Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling
-annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche.
-Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu
-sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling
-an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den
-Laden dem grindigen Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß
-nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt
-der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um
-Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern
-vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht,
-sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist,
-zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer
-gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann
-fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann
-kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern
-im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran,
-sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den
-grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden.
-
-Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt
-gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel
-Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die
-Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig
-und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in
-Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der
-Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses
-Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen
-auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil
-ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht
-er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du
-ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein
-Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und
-brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte
-ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen.
-Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der
-Welt nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen
-Jünglinge im Paradiese.
-
-Als der Prinz sie so sieht, verliebt er sich gleich in sie und wird wie
-berauscht. Als er nach ein bis zwei Stunden wieder vernünftig ist, ging
-er zu seinem Vater und sagte: „Vater, neulich war ich auf die Jagd
-gegangen, und während ich jagte, sah ich in einem Baume ein Mädchen und
-brachte es hierher. Die ist nun mein Schicksal. Ich will nur sie
-heiraten.“ Der Padischah sagte: „Was ist das für eine Sache? Die will
-ich mir einmal ansehen.“ Sofort rief er sie, und als er sie sah, hielt
-er sie für passend für seinen Sohn.
-
-Er verheiratete das Mädchen mit dem Prinzen und machte vierzig Tage und
-vierzig Nächte Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigsten Tage in
-der Nacht auf den Freitag betrat der Prinz das Brautgemach. Infolge
-dieser Nacht wurde die Prinzessin schwanger und nach neun Monaten und
-zehn Tagen gebar sie dem Prinzen eine Tochter.
-
-Das Kind mag nun in der Wiege heranwachsen. Als eines Nachts der Prinz
-und die Prinzessin schlafen, kommt um Mitternacht der Vogel, nimmt die
-Tochter der Prinzessin, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut,
-weckt sie auf und sagt: „Dein Kind nehme ich mit; da hast du deinen
-Kummer. Hiernach werde ich dir noch ähnlichen Kummer bereiten.“ Darauf
-fliegt er weg.
-
-Am Morgen sieht der Prinz, daß das Kind nicht da ist und daß der Mund
-der Prinzessin blutig ist. Als er das sieht, wendet er sich, geht zu
-seinem Vater und setzt ihm die Sache auseinander. Der sagt: „Mein Sohn,
-woher hast du das Mädchen geholt?“ Er antwortete: „Von den Bergen.“ Der
-Padischah fährt fort: „Das Mädchen ist ein wildes Mädchen, es frißt
-sicherlich Menschen.“
-
-Wir wollen uns kurz fassen. Die Sache geht so weiter. Nach einiger Zeit
-bringt die Prinzessin eine zweite Tochter zur Welt. Wie das erste Mal
-kommt der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit
-Blut und geht wieder weg. Das Mädchen wacht auf, schlägt sich und wirft
-sich auf den Boden. Am Morgen wacht der Prinz auf und sieht, daß das
-Kind wieder nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist.
-Sofort benachrichtigt er den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihr
-sofort den Kopf abzuschlagen. Da der Prinz das Mädchen sehr liebt, geht
-er zu seinem Vater und bittet ihn für sie, und der schenkt sie diesmal
-noch dem Prinzen.
-
-Im Laufe der Zeit nach einigen Monaten wird sie wieder schwanger, und
-nach neun Monaten zehn Tagen bringt die Prinzessin einen Knaben zur
-Welt. Der Prinz fängt an zu überlegen: „Wenn sie diesmal das Kind
-verzehren sollte, wird der Vater sie ohne weiteres töten.“ Während
-dieser Überlegung kommt ihm in den Sinn: „Ich will diese Nacht nicht
-schlafen und sie heimlich beobachten.“ Die Prinzessin mag nun schlafen,
-der Prinz nimmt eine Nadel in die Hand, hält die Spitze der Nadel an
-das Kinn und faßt das andere Ende mit der Hand. Wenn der Schlaf über
-ihn kommt, drückt er auf die Nadel, sticht sich ins Kinn und wacht auf.
-Schließlich fällt ihm die Nadel aus der Hand auf den Boden und er
-schläft ein. Da kommt zwischen vier und fünf Uhr der Vogel, nimmt das
-Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und
-sagt: „Da, dein Kind nehme ich mit. Da hast du deinen Kummer. Hernach
-werde ich dir noch anderen Kummer bereiten.“ Mit diesen Worten fliegt
-er weg. Die Prinzessin kann es nicht mehr aushalten und weint bis zum
-Morgen. Als der Prinz aufwacht und sieht, — was siehst du? — daß das
-Kind nicht da ist und der Mund und die Nase der Prinzessin blutig ist,
-benachrichtigt er den Vater. Der Henker wird befohlen. Der Henker
-bindet dem Mädchen die Hände auf den Rücken und führt sie auf einen
-großen Platz, um sie zu enthaupten. Das Mädchen war von einzigartiger
-Schönheit und der Henker konnte es nicht übers Herz bringen, sie zu
-töten und sagte: „Vorwärts, geh, meine Prinzessin, komme nicht wieder
-ins Schloß, geh, wohin du willst. Gott möge dir Heil geben!“ und
-entläßt sie. Die Prinzessin geht weinend in die Berge. Da kommt der
-Vogel, packt die Prinzessin und fliegt davon. Nach einiger Zeit läßt er
-sie in dem Garten eines Schlosses aus Edelsteinen, wie es das Auge noch
-nicht gesehen hat, und das sich nicht beschreiben läßt, nieder. Wer es
-ansah, wurde geblendet. Als sie auf den Marmorsteinen angekommen sind,
-schüttelt sich der Vogel einmal und wird ein Jüngling, schön wie der
-Mond am vierzehnten. Die Prinzessin sieht hin und wundert sich. Als sie
-die Treppe hinaufsteigen, waren dort eine Sklavin und drei liebliche
-Kinder von sieben bis acht Jahren. Sie kommen herunter und gehen der
-Prinzessin entgegen. Ihr Blut kommt in Wallung und die Augen füllen
-sich mit Tränen. Dann gehen sie mit dem Jüngling nach oben. Da kommt
-ein Platz aus Edelsteinen, ein Zimmer mit gestickten Vorhängen. Sie
-heben den Vorhang, treten ein, setzen sich und wenden ihre Augen nicht
-von der Prinzessin. Jetzt sagt der Jüngling: „Meine Prinzessin, soviel
-Qualen habe ich dir zugefügt. Deine Kinder habe ich dir entführt, dann
-hat man dich hinrichten wollen. Du hast alles ertragen und mich nicht
-verraten und hast ausgeharrt. Jetzt habe ich dir auf Gottes Befehl ein
-großes Schloß bauen lassen. Das ist nur für dich. Mit deinen Kindern
-bin ich davongegangen und habe sie mit Milch groß gezogen. Diese drei
-Kinder vor dir sind die Deinigen und ich bin von jetzt ab dein Sklave.“
-
-Da umarmte die Prinzessin die Kinder, küßte sie auf beide Augen und
-drückte sie an die Brust, und die Kinder umarmten die Mutter und
-weinten Blut statt Tränen. Die waren nun bei einander und die Welt
-gehörte ihnen. Tag und Nacht trennten sie sich nicht.
-
-Sie alle mögen mit den Kindern im Schlosse wohnen und sich lieben. Wir
-wenden uns nun zu dem Prinzen. Er mag nun traurig entweder darüber
-sein, daß die Kinder tot sind oder daß seine Gemahlin, die er so sehr
-geliebt hatte, vom Henker hingerichtet ist. Tag und Nacht seufzte er
-vor Sehnsucht und weinte. Er hatte einen alten Opiumraucher, der kam
-jeden Tag zum Prinzen und unterhielt ihn mit Geschichtenerzählen. Dem
-Opiumraucher war eines Tages sein Opium ausgegangen, hatte vom Prinzen
-eine halbe Stunde Urlaub bekommen und war auf den Markt gegangen. Auf
-einmal sieht er ein großes Schloß. Er sagt sich: „Wann ist dieses
-Schloß gebaut? Ich komme hier jeden Tag vorbei, niemals war es da. Ist
-es Traum oder Phantasie?“ Er denkt bei sich: „Ich will doch einmal dies
-Schloß besichtigen“ und geht zum Schlosse. Während die Prinzessin in
-dem Schlosse und der Jüngling im Schlosse sitzen und sich vergnügen,
-sehen sie von Ferne den Opiumraucher. Der Jüngling sagt: „Meine
-Prinzessin, da kommt der Opiumraucher des Prinzen. Mit dem wollen wir
-unsern Spaß treiben.“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben.“ Der
-Opiumraucher kommt. Als er um das Schloß wendet, wirft der Jüngling aus
-dem Fenster eine verzauberte Rose hinab. Der Opiumraucher nimmt die
-fallende Rose auf, riecht daran und sagt: „Ach, wie schön riecht deine
-Rose! Wie schön mußt du erst selber riechen.“ Dies wiederholt er immer
-und kehrt um. Unterwegs spricht er immer so zu sich. Die Leute, die ihn
-sehen, folgen ihm und sagen: „Ist der Mensch verrückt?“ Fünfzig bis
-sechzig Leute sammeln sich um ihn und sehen ihn an.
-
-Wir wenden uns zu dem Prinzen. Er sieht, daß zwei Stunden vorüber sind
-und der Opiumraucher immer noch nicht kommt. Er langweilt sich und
-befiehlt seinem Hausmeister: „Geh, wo du den Opiumraucher findest,
-bringe ihn hierher.“ Der Hausmeister geht nach dem Opiumraucher aus.
-Auf einmal sieht er auf dem Platze eine Menschenmenge. Indem er sagt:
-„Was ist das wohl?“ geht er hin. Er sieht — was siehst du? — unsern
-Opiumraucher. Sofort geht er zu ihm und sagt: „Der Prinz verlangt nach
-dir.“ Der Opiumraucher sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose. Wie
-schön mußt du erst selber riechen.“
-
-Zum Hausmeister sagt er: „Wenn sie aus diesem Schloß Rosen werfen, hüte
-dich, nimm sie nicht.“ Der sagt: „Ich will doch hingehen und sie einmal
-sehen.“ Als sie zum Schlosse kommen, sieht der Jüngling sie und sagt
-zur Prinzessin: „Der Hausmeister des Prinzen kommt, soll ich ihn
-empfangen?“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben, mein Herr.“ Der
-Jüngling läßt sofort die Türen des Schlosses aufmachen und der
-Hausmeister tritt durch die Türen ein. Sofort kommen Sklavinnen, gehen
-ihm entgegen und führen ihn nach oben. Der Jüngling sagt: „Er soll
-seine Kleider ausziehen und so kommen.“ Der Hausmeister geht in ein
-anderes Zimmer und zieht sich aus. Als er die Hand an seine Mütze
-bringt und an ihr zieht, geht die Mütze nicht ab. Wie sehr er sich auch
-müht, er kann sie nicht abbekommen. Die Sklavinnen gehen zu ihrem
-Herrn. Als sie sagen: „Der Hausmeister kann seine Mütze nicht
-herunterbekommen,“ sagte er: „Was ist das für ein Mensch, der seine
-Mütze nicht herunterbekommen kann!“ und treibt ihn hinaus. Sofort als
-der Hausmeister unter der Tür des Schlosses sich bückt, um seine
-Stiefel anzuziehen, fällt ihm seine Mütze vom Kopf auf die Erde. Der
-Hausmeister nimmt die Mütze und sagt: „Drinnen wolltest du nicht
-abgehen, was gehst du draußen gleich ab?“, wirft die Mütze auf den
-Boden und geht zu dem Opiumraucher. Als der Opiumraucher ihn sieht,
-wundern sie sich beide sehr.
-
-Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach
-dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen.
-Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der
-Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und
-sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus
-diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht
-daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue
-es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga
-geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der
-Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich
-spielen.“ Sie antwortet: „Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das
-Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein
-Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus,
-aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er
-kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der
-Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht
-ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem
-Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine
-Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet
-ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den
-Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und
-sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß,
-trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der
-Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft,
-nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst
-hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga
-sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie
-das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und
-geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling,
-die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit
-entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder
-und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel,
-das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem
-Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt
-den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das
-jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und
-sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder
-antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt
-nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere
-Mutter.“ Der Jüngling tritt hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen
-leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“
-
-Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die
-Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen.
-Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte
-mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte
-mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die
-Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und
-meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt
-die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig
-Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten,
-was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen.
-Amen, o Helfer.
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-8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL [15]
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem
-Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor.
-Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev,
-pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von
-ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt
-der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der
-Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer
-Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den
-Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön,
-mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas
-zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil
-in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht
-entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem Nebel
-bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev
-hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die
-Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte
-die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den
-Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du
-den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der
-Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das
-Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die
-Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu
-seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht
-töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den
-Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev
-nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich
-kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen
-und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging
-in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein
-Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den
-Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum
-Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine
-Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das
-Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre
-gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging
-diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie
-erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine
-Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr
-bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein
-Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen
-Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich
-im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und fing an schön
-darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe
-und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach
-einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er
-auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den
-Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er
-drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam
-wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der
-Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der
-Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein
-Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da
-war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast
-dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein
-Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache
-gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte:
-„Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen
-geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz
-mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.
-
-Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut.
-Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie
-sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht
-das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen
-Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen,
-wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den
-Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder,
-ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie
-waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um
-die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in
-den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich
-nach oben!“ Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem
-Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er
-hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“
-Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder,
-bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage:
-‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich
-erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib
-und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“
-ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen
-sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den
-Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein
-und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten.
-Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was
-siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß
-gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und
-sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und
-der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten
-gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und
-denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten
-hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die
-Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er
-redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen
-antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher
-gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich
-merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz:
-„Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir,
-welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in
-welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was
-siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der
-ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen sieht, nimmt
-er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die
-Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der
-Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“,
-schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm
-den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte
-seine Seele in die Hölle.
-
-Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen
-und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen,
-Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und
-geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen
-obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz
-bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein
-ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach
-oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das
-andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein
-Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach
-unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm:
-„Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine
-Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick
-abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf
-die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben,
-dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen
-Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die
-Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes
-und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach
-oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch
-sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom
-Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick
-und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“
-
-Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am
-Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben
-und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn.
-Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt,
-schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß
-der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die
-Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem
-Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das
-schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.
-
-Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die
-nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und
-sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet.
-Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“
-Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte
-um den Prinzen.
-
-Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben
-Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er
-etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine
-Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast
-auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum
-Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus
-seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm,
-mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein.
-Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der
-Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den
-Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern
-angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem
-Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser
-war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es
-nicht und sagt: „Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange
-Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag
-dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache
-und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen
-gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die
-Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die
-ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder
-abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten.
-Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies
-Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah
-dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“
-
-Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus
-dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder
-wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des
-Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren
-einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das
-Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort
-stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu
-weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz
-blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu
-dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und
-halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen,
-stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger
-Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte
-Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der
-Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen
-Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen
-Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen.
-Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären,
-in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog,
-es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu
-ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach
-dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen
-Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul
-des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie
-gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der
-Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft
-steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß
-die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache
-warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre
-fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn
-streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein
-Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.
-
-Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine
-Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen
-und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den
-Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht
-weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und
-rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst,
-gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“
-
-Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, —
-was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder,
-der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und
-alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins
-Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du
-ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen
-auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da
-wurden Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß
-alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und
-weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.
-
-Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in
-das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau:
-„Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum
-siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was
-sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“
-
-Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er,
-daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das
-Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn.
-Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in
-das Schloß zu dem Padischah.
-
-Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den
-Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat
-den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des
-jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte
-von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre
-Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur
-Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für
-Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte
-der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will
-ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf
-und ging in das Haus der alten Frau.
-
-Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen
-Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr
-müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem
-Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem
-Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie auf und ging weg. Die
-Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief,
-kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert,
-erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu
-schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der
-Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange
-die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er
-den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil
-ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die
-beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der
-Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und
-vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen
-sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus
-der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn
-herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende
-Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der
-Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an
-den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum
-Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel
-und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt
-wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein
-Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er
-leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du
-willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich
-bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte:
-„Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von
-ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich
-verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt
-du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das
-Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich
-wieder auf die Erde bringen.“
-
-Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen
-vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt
-vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der
-Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe
-auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst
-setzt sich in die Mitte.
-
-Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach
-Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn
-er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende
-und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak
-sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz
-seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es
-Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen
-sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun
-habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott
-möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich
-gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus,
-drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.
-
-Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den
-Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft
-sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf. [16] Unterwegs trifft
-er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider,
-ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des
-Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum
-Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“
-Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn
-schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der
-Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein
-Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der
-Prinz reibt die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander
-und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt:
-„Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine
-Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht
-weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie
-dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was
-an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd
-und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle.
-Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten
-ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und
-weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen,
-die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den
-Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat
-den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der
-Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf
-einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht,
-ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben
-und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal
-den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die
-Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf
-der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.
-
-Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als
-das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn
-zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den
-Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner
-wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg.
-Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß
-kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht,
-daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt ihn aus
-dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem
-Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“
-Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was
-sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich
-wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm
-der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen.
-
-Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die
-Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und
-sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit
-verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war,
-wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch
-nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine:
-„Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die
-von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene
-Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste
-fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene
-Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der
-erstere muß den anderen verfolgen.“
-
-Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen.
-Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit.
-Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte:
-„Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich
-euch“ und entläßt sie in ihre Läden.
-
-In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen
-jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du
-nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger
-Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er
-bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es
-doch.“ Der Meister antwortete: „Frage mich nicht mehr, unsere Sache
-steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen
-mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß
-ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage
-es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen
-Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine
-goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf
-antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas
-Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht
-bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen
-und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was
-du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen
-verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen
-für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm.
-
-Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort
-vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und
-lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die
-Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was
-wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden
-befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund
-und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die
-Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt
-sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du
-gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du
-mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den
-Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein
-Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt
-es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben
-sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott.
-
-Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den
-Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“
-Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch
-so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand.
-Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu
-dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der
-Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du
-fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn,
-weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an.
-
-Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht:
-„Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht
-mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der
-Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein
-Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel
-genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider
-überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah
-sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am
-einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit
-entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte
-der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der
-antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich
-nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu
-sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß
-gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere
-geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine
-Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns
-alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du
-nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner
-Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am
-einundvierzigsten Tage machen und bringen.“ Der Meister sagte: „Das
-Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge
-und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der
-Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse
-und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die
-Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.
-Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der
-Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie
-und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte:
-„Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der
-grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der
-Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat.
-Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der
-Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten.
-
-Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde,
-auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der
-älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten
-vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein
-Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne
-des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen
-Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge
-etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem
-der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr
-erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange
-von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“
-Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an,
-besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der
-Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den
-Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn.
-Als der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom
-Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und
-bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist
-gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist
-geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug
-den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es
-ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas
-geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“
-
-Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf
-den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden
-und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er:
-„Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der
-Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da
-sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft
-er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann
-geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und
-bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es
-ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was
-ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem
-gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel
-getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott
-dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn
-des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den
-grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder
-die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von
-dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der
-Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da
-sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei
-Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken
-wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze
-herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den
-Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz:
-„Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen
-gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach,
-bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach
-mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz
-antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib
-jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem
-mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort
-wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast
-gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig
-Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am
-einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das
-Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit
-ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß.
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-9. DIE GESCHICHTE VON DEM VATER SPINDELHÄNDLER
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-Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In
-früheren Zeiten lebten in einem Hause drei Schwestern. Eines Tages geht
-unvermutet auf der Straße ein Spindelhändler mit seinem Korbe auf dem
-Rücken vor dem Hause der drei Schwestern vorbei und ruft: „Spindeln zum
-spinnen.“ Die Mädchen rufen: „Was verlangst du, Vater? Pack doch aus.
-Hast du gute Spindeln?“ Der Alte legt die Spindeln, die er in seinem
-Korbe hatte, auf die Erde. Die Mädchen sehen sich die Spindeln an,
-keine gefiel ihnen. Sie fragen: „Vater, hast du noch andere?“ Er sagte:
-„Fräulein, zu Hause habe ich welche. Komm mit mir und suche dir die
-schönsten aus.“ Sie sagten: „Sehr schön.“ Das älteste Mädchen steht auf
-und macht sich mit dem Alten auf den Weg. Nach einiger Zeit kommen sie
-auf die Höhe eines Berges. Nachdem sie noch etwas weiter gegangen sind,
-kommen sie in eine Höhle. Sie treten ein und das Mädchen blickt sich
-nach den beiden Seiten um und sieht, daß die zwei Wände mit
-Menschenleichnamen bedeckt sind, die in der Mitte aufgeschnitten und an
-die Wand gehängt sind.
-
-Als das Mädchen diese sah, verlor es die Besinnung. Nach einiger Zeit
-geht sie mit dem Alten weiter. Sie treten in ein Zimmer. Als es Abend
-wird, sagt der Alte: „Mädchen, koche etwas von dem dort aufgehängten
-Fleisch, wir wollen essen.“ Das arme Mädchen steht auf, nimmt einen von
-den aufgehängten Leichnamen, kocht ihn, legt ihn dem Alten vor. Der
-fängt an zu essen und sagt zu dem Mädchen: „Warum ißt du nicht?“ Das
-Mädchen antwortet: „Ich liebe kein Fleisch.“
-
-„Ja, was willst du denn essen? Willst du meinen Finger essen?“
-
-Das Mädchen denkt, daß er sich nicht den Finger abschneiden wird, und
-sagte: „Ja, ich werde ihn essen.“
-
-Sofort schnitt sich der Alte seinen Finger ab, wirft ihn dem Mädchen
-hin und sagte: „Da, iß!“
-
-Das Mädchen, das sehr erstaunt war, fürchtete sich und warf bei
-Gelegenheit den Finger unter den Tisch.
-
-Der Alte sagte: „Hast du den Finger gegessen?“
-
-Das Mädchen sagt: „Ja.“
-
-Der Alte: „Soll ich dich töten, wenn du ihn nicht gegessen hast?“
-
-Das Mädchen denkt bei sich, wie sollte er es wissen, und sagt: „Ja,
-töte mich.“
-
-Der Alte schreit: „Finger, wo bist du?“
-
-Der Finger antwortet: „Ich bin unter dem Tisch.“
-
-Da steht der Alte auf, schneidet das Mädchen vom Ohr bis nach unten in
-zwei Teile und hängt es an die Wand. Am nächsten Morgen geht der Alte
-zum Hause der zwei Schwestern. Die fragen: „Vater Spindelverkäufer, wo
-ist unsere Schwester?“
-
-Der Alte antwortet: „Unterwegs hat sie ein Prinz gesehen und mit sich
-genommen. Die lebt jetzt bequem. Kommt mit, ich werde euch führen und
-euch einem reichen Mann geben.“
-
-Die hielten das für Wahrheit, und die Mittlere stand auf und machte
-sich mit dem Alten auf den Weg, kam an die Höhle, trat ein und sieht
-auf beiden Seiten viele Menschen aufgehängt und ihre Schwester auch
-mitten durchgeschnitten dort hängen.
-
-Als sie das sieht, seufzt sie und verliert die Besinnung. Ihr Herz
-blutet. Sie gehen weiter und betreten das Zimmer. Er läßt das Mädchen
-wie das erste Mal Fleisch kochen. Das Mädchen sagt auch: „Ich esse
-nicht.“
-
-Er sagt: „Ich werde dir meinen Finger geben, ißt du den?“
-
-Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
-
-Der Alte schneidet seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen zu.
-
-Das Mädchen nimmt leise den Finger und wirft ihn in den Garten.
-
-Er sagt: „Mädchen, hast du den Finger gegessen?“
-
-Das Mädchen sagt: „Ich habe ihn gegessen.“
-
-Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger schreit: „Ich bin im
-Garten auf dem Kehrichthaufen.“
-
-Wie das erste Mal steht er auf, zerschneidet das Mädchen und hängt es
-an die Wand.
-
-Am nächsten Tage steht er auf, geht wieder in das Haus. Das jüngste
-Mädchen schreit: „Wo sind meine Schwestern? Wohin hast du sie
-gebracht?“
-
-Der Alte sagt: „Die eine habe ich einem Prinzen gegeben, die andere
-einem reichen Manne. Deine Schwestern sind gut untergebracht. Ich werde
-dich auch mitnehmen und einem schönen Jünglinge geben.“
-
-Das Mädchen hatte im Hause eine gelbe Katze, die nahm sie unter dem Arm
-mit und ging mit dem Alten. Sie kommen an die Höhle und treten ein. Das
-Mädchen sieht nach beiden Seiten, — was siehst du? — ihre beiden
-Schwestern sind mitten durch gespalten und hängen an der Wand. Das
-Mädchen sagt: „Ach, meine Schwestern sind tot“ und aus ihren Augen
-fließt Blut anstatt Tränen. Sie sagt: „Du gottloser Kerl, ich werde
-dich bestrafen“ und geht weiter.
-
-Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der Alte kommt in
-sein Zimmer und, wie das vorige Mal, sagt er zum Mädchen: „Ich hungere,
-koche deine Schwester, wir wollen essen.“ Das Mädchen steht auf, nimmt
-einen Leichnam, kocht die eine Hälfte im Herde, die andere nicht und
-setzt sie vor. Der Alte nötigt das Mädchen, das Mädchen sagt: „Ich esse
-kein Menschenfleisch.“
-
-„Ja, was ißt du denn? Ißt du meinen Finger?“
-
-Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
-
-Sofort schneidet er seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen vor. Das
-Mädchen gibt ihn leise der unter dem Tisch liegenden Katze. Die Katze
-verschluckt ihn. Wie das vorige Mal fragt er: „Mädchen, hast du den
-Finger gegessen? Wenn du ihn nicht gegessen hast, werde ich dich
-töten.“
-
-Das Mädchen sagt: „Du kannst mich töten.“
-
-Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger sagt: „Ich bin in
-einem warmen Magen.“
-
-Der Alte sagt: „Bravo, mein Mädchen, jetzt bist du mein Mädchen.“
-
-Schließlich gewöhnt das Mädchen dem Alten das Menschenfleisch ab, holt
-von draußen ein Lamm und sie essen es zusammen.
-
-Eines Tages sagt der Alte: „Mädchen, damit du dich nicht langweilst,
-nimm diese vierzig Schlüssel, öffne die vierzig Zimmer und wandere
-ordentlich drin herum. Aber das einundvierzigste darfst du nicht
-öffnen.“ Nach diesen Ermahnungen geht er aus. Das Mädchen steht auf,
-öffnet die vierzig Zimmer und sieht, daß darin Diamanten, Juwelen,
-Rubinen und allerlei Dinge sind. Sie sieht sich diese an. Dann war sie
-aber neugierig auf das Zimmer, von dem er gesagt hatte: „Öffne es
-nicht“, und sagte: „Ich will auch das öffnen.“ Sie kommt an das Zimmer,
-öffnet es, tritt ein und sieht an der Decke einen Jüngling an den
-Haaren aufgehängt, schön wie der Mond am vierzehnten. Man konnte es
-nicht aushalten ihn anzusehen. Solch eine Schönheit hatte nicht
-ihresgleichen. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie bewußtlos und fragt:
-„Bist du ein Geist oder etwas derartiges?“ Der Jüngling sagte: „Ich bin
-ein Mensch.“
-
-„Wer hat dich hier aufgehängt?“
-
-Der Jüngling: „Der Zauberer hier wollte mich töten, er besiegte mich
-und hängte mich, um es kurz zu sagen, hier an meinen Haaren auf.“ Das
-Mädchen erzählte auch genau ihre Abenteuer und sagte: „Mein Held, gibt
-es ein Mittel, ihn zu töten?“
-
-Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin. Wenn jetzt der Zauberer kommt,
-geh und sage: ‚Komm, ich will dir den Kopf nachsehen‘, schneide ihm
-dann leise einige Kopfhaare ab. Dann fällt er in Schlaf. Das dauert
-vierzig Tage. Am einundvierzigsten steht er wieder auf. Das mußt du
-tun, dann lassen wir ihn hier und entfliehen zusammen. Dann sollst du
-mein und ich dein sein.“ So beschließen sie. Das Mädchen schließt leise
-ab und kehrt in das Zimmer des Zauberers zurück. Nach einiger Zeit
-kommt der Zauberer und sagt zum Mädchen: „Hast du die Zimmer
-angesehen?“ Das Mädchen sagt: „Ja, ich habe sie mir angesehen und mich
-daran erfreut.“ Dann sagte sie: „Komm, ich will dir den Kopf
-nachsehen.“ Der Zauberer legte seinen Kopf in den Schoß des Mädchens
-und sie schnitt ihm leise seine Haare ab und nahm sie mit. Der Zauberer
-schläft ein. Sofort legt das Mädchen seinen Kopf von seinem Schoße auf
-die Erde und geht zu dem Zimmer, wo der Jüngling ist, löst ihm die
-Haare, läßt ihn herunter und sagt: „Jetzt bist du mein und ich dein.
-Wir dürfen nun nicht verweilen. Wollen fliehen.“ Sie nehmen noch von
-dort alles, was leicht an Last und schwer an Wert ist, machen sich auf
-den Weg und nach einundvierzig Tagen kommen sie in die Stadt und gingen
-in das Haus des Mädchens. Dort pflegten sie der Liebe.
-
-Diese wollen wir nun lassen und uns zum Zauberer wenden. Als für ihn
-der einundvierzigste Tag war, wachte er auf und sieht sich nach allen
-vier Seiten um. Als er das Mädchen nicht sieht, geht er nach oben in
-das Zimmer, wo der Jüngling aufgehängt war. Weder der Jüngling noch das
-Mädchen ist vorhanden. Er sagt: „Ach, du gottloser Bummler, hast das
-Mädchen mit dir genommen und bist entflohen!“
-
-Er macht sich voller Wut auf den Weg. Nachdem er einen Weg von vierzig
-Tagen an einem Tage gemacht hat, kommt er in die Stadt, verkleidet sich
-als Armer und geht vor die Tür des Mädchens und sagt: „Ach, Mädchen,
-nimm mich um Gottes willen auf.“ Das Mädchen hielt ihn für einen Armen
-und nahm ihn auf. Der Jüngling war außerhalb eingeladen. Nach einer
-Stunde kommt er und merkt die Geschichte, als er diesen Armen sieht.
-Der Jüngling stellt sich, als ob er nichts merkte, und geht in sein
-Zimmer. Als es Abend wird, essen sie und geben dem Armen auch etwas.
-Kurz, wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. In der Nacht
-schläft das Mädchen ein. Dem Jüngling kommt kein Schlaf in die Augen.
-Um vier oder fünf hat der Zauberer auf die in dem Viertel wohnenden
-Leute Totenerde gestreut und zog rings einen Kreis. Er ging zu dem
-Jüngling und stellte ihm zu Häupten eine große Flasche mit Totenerde.
-Der Jüngling fiel auch in Schlaf, so wie ein Toter. Dann ergriff der
-Zauberer das Mädchen und schlug sie so mit einem Stocke, daß ihr
-Schreien zum Himmel drang. Da sie keinen Platz zum Entfliehen fand, so
-drehte sie sich, wie das Himmelsgewölbe um den Jüngling. Der Zauberer
-lief ihr ohne Verweilen nach. Dem Mädchen blieb keine Kraft mehr. In
-diesem Spektakel spaltete sich die Wand und eine Stimme rief: „Mädchen,
-was säumst du? Zu Häupten des Jünglings steht eine Flasche, zerbrich
-sie, und der Jüngling steht auf.“ Als das Mädchen dies hörte, zerbrach
-sie die Flasche mit dem Fuße. Sofort wacht der Jüngling auf und sieht,
-daß das Mädchen von dem Schlagen ganz blau ist und zum Himmel schreit.
-Er sagte: „Bei Gott“, faßt den verfluchten Zauberer, hebt ihn hoch und
-wirft ihn auf die Erde. Dann stößt er ihm einen Pfahl durch den Nabel
-und verbrennt ihn ordentlich.
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-Danach verheiratet er sich mit dem Mädchen, und sie erreichten ihr
-Verlangen. Damit ist unsere Geschichte zu Ende und somit Schluß.
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-10. DIE GESCHICHTE VOM DIEBE UND VOM TASCHENDIEBE
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war
-ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie
-gesehen.
-
-Eines Tages will der Dieb verreisen und läßt sich von seiner Frau ein
-Blech Pastete machen. Die Frau gibt die Hälfte dem Diebe. Als er sie
-bekommen hat, macht er sich auf den Weg. Jetzt kommt der Taschendieb
-nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Frau, morgen werde ich verreisen.“
-Die Frau gibt ihm die andere Hälfte der Pastete. Er nimmt sie und macht
-sich auf den Weg. Nach einiger Zeit begegnet er dem Taschendiebe und
-sagt: „Kamerad, wohin gehst du?“ Der Dieb antwortet: „Ich gehe nach
-Aleppo, wollen Kameradschaft halten.“ Der ist auch damit einverstanden,
-und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Nach einiger Zeit
-hungerten sie und sagten: „Komm, Kamerad, wollen ein wenig essen“ und
-setzen sich hin. Der Dieb holt aus seinem Sack eine Pastete und legt
-sie hin. Der Taschendieb holt auch aus seiner Tasche eine Pastete und
-legt sie hin. Da sieht der Dieb, daß beide eine Pastete sind, auf einem
-Bleche gebacken. Darauf sagt der Dieb: „Diese Pastete hat meine Frau
-gemacht.“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau hat sie gemacht.“ Der Dieb
-fragt: „Wie heißt deine Frau?“ Der Taschendieb sagt: „Meine Frau heißt
-Nasime.“ Der Dieb sagt: „Das ist meine Frau.“ Der andere sagt: „Das ist
-meine Frau.“ Sie erhitzen sich im Streit, und gehen in ihr Haus. Jetzt
-sagt der Dieb: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau sagt zu ihm:
-„Ja.“ Der Taschendieb sagt: „Du, bist du nicht meine Frau?“ Die Frau
-sagt zu ihm: „Ja.“ Da sagt der Dieb: „Seit so langer Zeit hast du zwei
-Männer gebraucht, du Herumtreiberin! Sieh mal, hat sie es mir wohl
-gesagt?“ Sie stehen auf, gehen zum Gericht und erzählen die Sache, wie
-sie sich verhält, dem Herrn Richter. Der Richter antwortet: „Ihr müßt
-beide eine Prüfung ablegen. Wer gewinnt, dem gehört die Frau.“ Die
-gehen wieder in ihr Haus. Eines Tages sagt der Dieb zu seiner Frau:
-„Gib deine Brosche her, wollen sie beim Goldarbeiter verkaufen und uns
-Lebensmittel dafür kaufen.“ Der Taschendieb kam von draußen dazu. Der
-Dieb nimmt die Brosche. Während er auf den Markt geht, gibt ihm der
-Taschendieb einen Stoß, stiehlt ihm die Brosche und bringt sie nach
-Hause. Der andere ahnt davon nichts, kommt zum Goldarbeiter, will sie
-herausholen und zeigen. Da sieht er, daß die Brosche nicht da ist. Er
-denkt: „Ich habe sie zu Hause gelassen“ und kehrt nach Hause um. Er
-sagt: „Frau, ich habe die Brosche hier wohl vergessen, gib mir die
-Brosche.“ Er nimmt sie, und während er geht, stiehlt sie ihm der
-Taschendieb wieder bei Gelegenheit aus dem Busen und bringt sie nach
-Hause. Der andere ahnt wieder nichts davon und bringt sie zum
-Goldarbeiter. Als er sie geben will, sieht er, daß die Brosche nicht da
-ist. Wieder denkt er: „Merkwürdig, ich muß sie wieder zu Hause
-vergessen haben“ und kehrt wieder um, Zu Hause sagt er: „Frau, ich habe
-wieder die Brosche vergessen. Gib sie, ich will sie ordentlich
-verstecken.“ Er nimmt sie, während der Taschendieb aufpaßt, und bindet
-sie ums Gesäß und geht auf den Markt. Währenddessen kommt der
-Taschendieb, nimmt ihm den Fes weg und wirft ihn auf das Dach eines
-Ladens. Der Dieb sieht ihn an: „Was tust du da, du ungebildeter Kerl?“
-Der sagte: „Ach, Verzeihung, mein Herr, mir fiel meine Jugend ein.
-Komm, ich werde auf deine Schulter steigen und ihn herunterholen.“ Der
-Dieb sieht, daß seine Schuhe schmutzig sind und sagt: „Deine Schuhe
-sind schmutzig. Ich werde auf deine Schulter steigen und ihn
-herunterholen.“ Als dieser auf seine Schulter steigt, nimmt er ihm
-leise die Brosche von seinem Gliede und steckt sie in seinen Busen.
-Der Dieb kommt zum Goldarbeiter. Als er sie ihm geben will, sieht
-er, daß die Brosche nicht da ist und ruft aus: „Nanu, was ist denn
-das mit mir!“
-
-Der Goldschmied sagt: „Willst du dich über mich lustig machen?“ Da wird
-der Dieb zornig, geht nach Hause und sagt: „Hallo Frau, ich habe die
-Brosche ordentlich verborgen; jetzt ist sie nicht da. Was ist das wohl
-mit mir?“ Da kommt der Taschendieb und sagt: „Nun Bruder, hast du es
-jetzt gesehen. Das ist meine Kunst. Nun zeige mir deine Kunst.“
-
-Der Dieb sagt: „Folge mir.“ Sie stehen auf, gehen auf den Markt, kaufen
-einen Korb Nägel und einen Hammer, gehen zur Nacht in das Schloß des
-Padischahs, schlagen Nägel in die Wand, steigen hinauf und auf der
-anderen Seite der Mauer hinunter. Im Garten war eine Gans. Der Dieb
-ergreift sie, schlachtet sie und sagt zum Taschendieb: „Ich gehe jetzt
-in das Zimmer des Padischahs und stehle alles, was dort an wertvollen
-Gegenständen vorhanden ist. Du mache hier Feuer und brate die Gans.“
-
-Der Dieb geht in das Zimmer, wo der Padischah ist. Da sieht er, daß der
-Padischah auf seinem Bett liegt und sein Hofmeister zu seinen Füßen ihm
-die Kniee reibt und gleichzeitig Mastix kaut, damit er nicht
-einschläft. Der Dieb tritt unbeachtet ein, reißt sich ein Haar aus,
-steckt es dem Hofmeister in den Mund und nimmt ihm leise den Mastix aus
-dem Munde. Dann schläft der Hofmeister ein. Sofort legt er ihn in den
-Korb und hängt ihn an der Decke auf, dann geht er hin und reibt die
-Kniee des Padischahs und sagt zum Padischah: „Mein Padischah, ich werde
-dir eine Geschichte erzählen, aber du darfst mir nichts tun.“ Der
-Padischah befiehlt: „Erzähle.“ Er erzählt:
-
-„Mein Padischah, einst gab es einen Dieb und einen Taschendieb. Beide
-hatten eine Frau. In der Nacht gebrauchte sie den einen und am Tage den
-andern. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt. [17] — Als die
-Sache bekannt wurde, kam sie vors Gericht. Dort sagte man: ‚Ihr müßt
-eine Prüfung ablegen.‘ Der Taschendieb führte seine Sache aus. — Dreh
-die Gans um, damit sie nicht anbrennt und unser Padischah es merkt! —
-Der Dieb kommt in dies Schloß. Der Taschendieb briet die Gans, der Dieb
-steckte den Hofmeister des Padischahs in einen Sack und hängte ihn an
-die Decke. Er selbst ging zum Padischah und fing an ihm die Kniee zu
-reiben. — Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!“ — Als der
-Taschendieb dies draußen hört, sagt er: „Wenn der Padischah merkt, daß
-ich die Gans brate, dann schlägt er uns beiden den Hals ab“, und seine
-Hände und Füße fangen an zu zittern. Der Padischah sagt: „Hofmeister,
-was soll das heißen: ‚Dreh die Gans um, damit sie nicht anbrennt!‘“ Er
-antwortete: „Mein Herr, das ist eine Redensart. Dann, mein Padischah,
-kamen sie hierher, verlangten weiter nichts, haben nur Ihre Gans
-gegessen und aus Ihrem Schlosse nichts genommen und der Dieb hat soviel
-Mut gezeigt. Wem fällt nun die Frau zu?“ Der Padischah sagte: „Dem
-Diebe.“ Schließlich schlief der Padischah ein.
-
-Sie gingen wieder in ihr Haus. Als der Padischah aufwachte, rief er
-seinen Hofmeister. Es war nichts von ihm zu hören. Er fragte nochmals:
-„Hofmeister, wo bist du?“
-
-Er antwortete: „Ach, mein Herr, an der Decke bin ich.“
-
-Da sagte der Padischah: „Ach, dann war der, der mir in der Nacht die
-Geschichte erzählt hat, wohl der Dieb.“
-
-Dann ließ der Padischah den Hofmeister herunterholen und sie merkten
-die ganze Sache. Der Padischah befahl, daß Ausrufer von Viertel zu
-Viertel gingen. Als der Taschendieb und Dieb dies sahen, sagten sie:
-„Ja, wir sind es.“ Sofort brachte man sie vor den Padischah. Der
-Padischah sagte: „Wer von euch ist der Dieb und wer der Taschendieb?“
-Der Dieb sagte: „Mein Herr, ich bin der Dieb. Der Taschendieb ist mein
-Kamerad.“
-
-Der Padischah fragte: „Mein Sohn, warst du es, der in der Nacht neben
-mir die Geschichte erzählt hat?“
-
-Er antwortete: „Ja, mein Herr, das war ich.“
-
-Man sah im Schlosse nach, nichts fehlte.
-
-Der Padischah sagte: „Ich nehme dich als Diener an. Die Frau gehört
-dir.“ Er gab dem Diebe und dem Taschendiebe tausend Piaster. Sie gingen
-in ihr Haus. Der Taschendieb trennte sich von ihnen und ging in ein
-anderes Land. Der Dieb heiratete von neuem seine Frau, und sie lebten
-ruhig miteinander. Unsere Geschichte ist auch aus. Damit Schluß.
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-11. DIE GESCHICHTE VON DSCHEFA UND SEFA
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten war ein gerechter Padischah. Dieser
-Padischah hatte keine Nachkommen. Eines Tages verkleidete er sich mit
-seinem Hofmeister und ging aus. Als sie an einer Quelle die Waschung
-vollzogen und das Gebet verrichteten, kam von ungefähr ein Derwisch,
-ging zu ihnen und sagte: „Friede sei über dir, mein Padischah.“ Da
-sagte er: „Auch über dir Friede, Vater Derwisch. Da du weißt, daß ich
-ein Padischah bin, so kennst du auch mein Verlangen.“ Der Derwisch
-sagte: „Mein Padischah, du hast keine Nachkommen auf der Welt.“ Er nahm
-einen Apfel aus seinem Busen und sagte: „Mein Padischah, nimm diesen
-Apfel, schäle ihn und iß ihn mit der Königin. Die eine Hälfte gib ihr
-und die andere Hälfte gib der Amme. Dann erhältst du einen Sohn. Aber
-hüte dich, ihm einen Namen zu geben, bevor ich komme.“
-
-Als der Padischah seine Hand in die Tasche steckt, um dem Derwisch Geld
-zu geben, sieht er, daß der Derwisch verschwunden ist. Dann geht er ins
-Schloß, schält den Apfel, gibt die Hälfte der Königin und die andere
-Hälfte der Amme. Sie essen ihn und legen sich am Abend schlafen. Sie
-bekommen Nachkommen. Nach neun Monaten und zehn Tagen bekommt der
-Padischah einen Sohn, und auch die Amme bringt einen Knaben zur Welt.
-Der Padischah gab den Armen viele Geschenke. Als schließlich der Prinz
-und sein Gefährte vier oder fünf Jahre alt sind, schickt man sie zur
-Schule, um etwas zu lernen. In der Schule nannte man ihn den namenlosen
-Prinzen.
-
-Eines Tages ärgerte sich der Prinz darüber, geht zu seinem Vater und
-sagt: „Mein Vater, ich habe keinen Namen. Warum hast du mir keinen
-Namen gegeben?“ Er antwortete: „Mein Sohn, du bist durch einen Derwisch
-entstanden. Bevor der Derwisch kommt, kann ich die Angelegenheit mit
-deinem Namen nicht ordnen.“
-
-Die Minister hielten eine Sitzung ab und sagten: „Padischah, wer weiß,
-wann der Derwisch kommt? Wollen die Angelegenheit ordnen.“ Da
-antwortete er: „Sehr schön.“ Als man die Sache ordnen will, kommt der
-Derwisch und sagt: „Mein Padischah, der Name des Prinzen soll Sefa, und
-der des Gefährten Dschefa sein.“ Danach geht er weg. Die setzen nun
-ordnungsgemäß ihren Unterricht fort.
-
-Als eines Tages Sefa und Dschefa [18] in den Hofgarten gehen, sagt
-Dschefa zu Sefa: „Ich will die Waschung vollziehen“ und geht weg. Als
-Sefa sich nach allen Seiten umsieht, erscheint ein Derwisch, zieht aus
-seinem Busen ein Bild und gibt es dem Prinzen. Der sieht, daß es ein
-Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten, ist. Sofort verliebt er
-sich in dieses Bild, fällt auf den Boden und wird ohnmächtig. Als er
-nach einiger Zeit wieder zu sich kommt, geht er mit Dschefa ins Schloß.
-
-Der Prinz wird krank und wird von Tag zu Tag bleicher und schwächer.
-Obgleich Ärzte und Hodschas ihn behandeln, finden sie kein Mittel. Der
-Padischah denkt: „Wenn jemand das Leiden des Prinzen kennt, so ist es
-Dschefa.“ Er ruft ihn. Dieser steht ehrfürchtig mit
-übereinandergeschlagenen Händen vor ihm. Der Padischah sagt: „Dschefa,
-sage mir, was die Krankheit meines Sohnes ist. Ich gebe dir vierzig
-Tage Frist, am einundvierzigsten schlage ich dir den Kopf ab.“
-
-Dschefa geht zu Sefa und sagt: „Mein Prinz, Ihr Vater hat mir vierzig
-Tage Frist gegeben. Sagen Sie mir, was Ihre Krankheit ist, denn am
-einundvierzigstenTage wird er mich töten.“ Wie sehr er auch flehte, er
-erhielt keine Antwort.
-
-Am einundvierzigsten Tage sagte er: „Mein Prinz, heute ist der
-Abschiedstag. Wollen uns gegenseitig verzeihen, was wir einander getan
-haben.“ Dann umarmte er ihn, und aus seinen Augen floß Blut statt der
-Tränen. Als Dschefa „Gott befohlen“ sagte und sich wandte, rief der
-Prinz ihn zurück und sagte: „Komm, Dschefa, nimm dies Bild und gib es
-meinem Vater.“ Dschefa nahm erfreut das Bild, ging zum Vater und sagte:
-„Mein Padischah, eine frohe Botschaft! Der Prinz hat mir dies Bild
-eines Mädchens gegeben.“ Er sieht, daß es die Tochter des Padischahs
-von Jemen ist. Er geht zu Sefa und sagt: „Mein Sohn, warum hast du mir
-nicht gesagt, daß du in die Tochter des Padischahs von Jemen verliebt
-bist. Sollte ich ein Padischah sein und meinem Sohn nicht helfen
-können?“ Dann rief er Dschefa und befahl: „Ich verlange von dir die
-Tochter des Padischahs von Jemen.“ Sefa sagt: „Wo Dschefa ist, bin ich
-auch. Wenn Sie erlauben, gehe ich mit Dschefa.“ Darauf verabschiedeten
-sie sich von seiner Mutter, treffen die Vorbereitungen zur Reise,
-besteigen die Pferde und machen sich auf den Weg. Allmählich kommen sie
-an eine Quelle, lassen die Pferde auf der Wiese frei, und ruhen sich
-etwas aus. Auf einmal sehen sie, daß eine alte Frau mit einem Kruge in
-der Hand, um Wasser zu holen, kommt. Sie fragten die Mutter: „Mutter,
-wie heißt dies Land?“ Sie antwortet: „Mein Sohn, dies Land heißt
-Jemen.“ Als sie fragen: „Mutter, kannst du uns diese Nacht als Gäste
-aufnehmen?“ antwortet sie: „Mein Sohn, ich habe kein Lager.“ Der Prinz
-holt aus seiner Tasche eine Handvoll Goldstücke. Die Frau sagt: „Mein
-Sohn, ich habe ein Lager, für die Pferde habe ich auch einen Stall.“
-Sie gehen mit ihr ins Haus, binden die Pferde im Stalle an und steigen
-nach oben.
-
-Als sie in einem Zimmer verweilten, rief der Prinz die Mutter und
-sagte: „Mutter, du fragst gar nicht, wie es mit uns steht.“ Sie sagte:
-„Mein Sohn, erzähle doch.“ Er erzählte: „Ich bin der Sohn des
-Padischahs von Stambul und habe mich in die Tochter des Padischahs von
-Jemen verliebt. Deswegen bin ich in die Fremde gezogen. Ist sie
-vielleicht hier?“ Sie antwortete: „Ja, mein Sohn, ich bin ihre
-Lehrerin, in dieser Woche verheiratet sie sich mit dem Sohne des
-Padischahs von Indien.“ Da seufzt er und alles verfinstert sich vor
-ihm.
-
-Am nächsten Tage bekommt die Frau Lehrerin die Nachricht: „Die
-Prinzessin verlangt dich.“ Die Frau Lehrerin sagt: „Mein Sohn, ich habe
-Besuch von draußen. Wie sollte ich den allein lassen.“ Da bekommt sie
-Nachricht, daß sie ihren Besuch mitbringen soll.
-
-Wir wenden uns jetzt zu Sefa und Dschefa. Da sie aus einem Apfel
-entstanden waren, so waren sie sich sehr ähnlich. Die Frau Lehrerin
-sagte: „Mein Sohn, was sagt Ihr, man hat Euch auch eingeladen. Kommt
-bitte mit.“ Sefa sagt: „Bringe mir einen Feredsche und Jaschmak. [19]
-Ich will mich anziehen und dann hingehen.“ Sie sagte: „Sehr schön.“ Sie
-zogen einen Jaschmak und Feredsche an und gingen in das Schloß. Die
-Tochter des Padischahs von Jemen, schön wie der Mond am vierzehnten,
-stieg die Treppe hinab und ging ihnen mit ihren Sklavinnen entgegen.
-Als Sefa sie sah, zitterten ihm Hände und Füße. Dann stiegen sie nach
-oben und setzten sich in ein Zimmer, nahmen ihren Jaschmak und
-Feredsche ab und unterhielten sich. Nachdem sie Kaffee getrunken und
-geraucht hatten, sagte die Prinzessin: „Frau Lehrerin, woher ist dieser
-Gast gekommen? und wer ist er?“ Sie antwortete: „Sie sind aus diesem
-Lande und gehören zu meiner Verwandtschaft. Ich habe mich sehr dazu
-gefreut.“
-
-Am Abend sagte die Prinzessin: „Frau Lehrerin, bleibt als Gäste bei
-mir. Ich werde euch nicht weglassen.“ Sie antwortete: „Ach, meine
-Tochter, zu Hause ist ihre Mutter. Die weiß nichts davon, daß sie
-hierhergegangen sind. Sie würde sich wundern. Morgen werde ich ihre
-Mutter um Erlaubnis bitten und sie hierherbringen.“ Dann standen sie
-auf und gingen nach Hause. In dieser Nacht schliefen sie. Am nächsten
-Morgen lassen sie Sefa im Hause und gehen mit Dschefa ins Schloß.
-Nachdem sie zu Abend gegessen hatten, geben sie der Frau Lehrerin ein
-großes Zimmer und sie beide zogen sich in ein anderes Zimmer zurück,
-zündeten goldene und silberne Leuchter an und setzten sich auf
-Federkissen. Das Mädchen umarmt Dschefa und küßte ihn und sagte:
-„Umarme mich auch und küsse mich auch.“ Dschefa tut das auch. Das
-Mädchen sagt: „Das ist der Kuß eines Mannes.“ Schließlich gibt er sich
-zu erkennen und setzt ihr alles von Anfang bis zu Ende auseinander, daß
-der gestern Gekommene, der Sohn des Padischahs von Stambul sei, und daß
-sie beide aus einem Apfel entstanden seien.
-
-Die Liebe des Mädchens wurde noch größer und sagte: „Dafür muß ein
-Mittel gefunden werden. Ach, Dschefa, morgen gehe ich als Braut des
-Sohnes des Padischahs von Indien fort. Gegenüber, eine halbe Stunde
-entfernt, ist eine Türbe. Ich gehe nicht, bevor ich nicht zuerst diese
-Türbe besucht habe. Ihr müßt morgen von der Frau Lehrerin direkt zu der
-Türbe gehen, dem Wärter etwas Geld geben, eintreten und mich erwarten.
-Ich komme mit dem Wagen zur Türbe, steige aus, gehe allein in die
-Türbe, lasse dich meine Brautkleider anziehen. Du besteigst den Wagen
-und gehst als Braut zum Sohne des Padischahs von Indien. Ich entfliehe
-von dort mit Sefa. Wir erwarten dich auf dem und dem Berge. Du
-entfliehst eines Tages von dort und kommst.“ So beschlossen sie in
-jener Nacht. Am Morgen geht Dschefa und die Frau Lehrerin wieder nach
-Hause und erzählen dies alles im Geheimen dem Sefa. Sie geben der Frau
-Lehrerin eine Anzahl Goldstücke und verabschieden sich. Sie verlassen
-das Haus, gehen zur Türbe, geben dem Wärter eine Handvoll Goldstücke
-und Sefa und Dschefa verbergen sich in einem Winkel der Türbe.
-
-Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Die Wagen kommen,
-die Braut steigt bei der Türbe ab, betritt die Türbe, sieht, daß Sefa
-und Dschefa dort sind. Sofort zieht sie, ohne zu verweilen, ihre
-Kleider aus, gibt sie Dschefa. Als der von dort wieder zum Wagen
-gekommen ist, umarmt man ihn und setzt ihn in den Wagen. Die Pferde
-bekommen einen Peitschenschlag und man macht sich auf den Weg nach
-Indien.
-
-Eines Tages kommen sie nach Indien. Aus Freude, daß die Tochter des
-Padischahs von Jemen als Braut für den Sohn des Padischahs von Indien
-kommt, werden Kanonen abgeschossen und Freudenfeste abgehalten. Die
-Türen des Schlosses werden geöffnet und man ging ihnen entgegen. Die
-Sklavinnen fassen ihn unter den Arm [20] und führen ihn ins dritte
-Stockwerk hinauf. Kurz, in jener Nacht bringt man Dschefa, in der
-Meinung, daß er ein Mädchen sei, in das Brautgemach. In jener Nacht
-zeigte er sich dem Bräutigam nicht gefällig. Am Morgen ging der Prinz
-grollend weg, die vermeintliche Braut blieb im Schloß. Nach einigen
-Tagen, während die Braut im Garten spazieren geht, erscheint von
-ungefähr die Schwester des Bräutigams und sagte: „Ach, meine
-Prinzessin, komm, wollen zu Gott bitten, vielleicht wird einer von uns
-ein Mann.“ Das wäre für das Mädchen ein Glück gewesen. Dschefa betete
-und das Mädchen sagte „Amen“. Sie untersuchten sich. Das Mädchen sagte:
-„Bei mir ist nichts.“ Dschefa sagte: „Bei mir ist etwas geworden.“ Sie
-umarmen sich und pflücken die reifen Küsse von ihren Wangen, die
-anderen heben sie sich für später auf. [21]
-
-Dschefa sagte: „Hier können wir nicht mehr bleiben. Wollen in mein Land
-gehen.“ Sie besteigen die Pferde, und machen sich mit den Worten: „Wo
-bist du, Sefa?“ auf den Weg.
-
-Nach vier bis fünf Tagen erreichten sie sie. Sie fragten sich
-gegenseitig nach ihrer Gesundheit und erzählten genau ihre Erlebnisse.
-
-Die wollen wir nun verlassen und uns Indien zuwenden. Als es Abend
-wird, sieht man, daß weder die Braut noch die Schwester des Bräutigams
-im Schlosse sind. Ein Wehklagen entstand. Man rief die Besprecherin und
-ließ sich aus dem Sande weissagen. „Ach, das zu uns gekommene Mädchen
-ist ein Junge und hat gleichzeitig die Schwester des Bräutigams
-mitgenommen.“ Sofort verzauberte die Besprecherin ein Pferd und sagte:
-„Über sie soll der Tod, den ich sende, kommen.“
-
-Das Pferd raste im schnellsten Galopp heran. Als es ihnen nahe war,
-erschien der Derwisch und sagte: „Dschefa, nimm eine Handvoll Erde und
-wirf sie auf das herankommende Pferd“ und verschwand. Plötzlich sieht
-er ein Pferd, das nicht seinesgleichen in der Welt hat. Als er von der
-Erde eine Handvoll Erde genommen und auf das Pferd geworfen hatte,
-wurde es ein elendes Pferd. Die Besprecherin schickte einen Hirsch,
-dessen Haare buntfarbig waren und dessen Geweih nach allen vier Seiten
-Licht verbreitete. Solch ein entzückendes Tier war es. Sefa sagte:
-„Dies Tier will ich ordentlich halten und meinem Vater als Geschenk
-bringen.“ Dschefa nahm wieder eine Handvoll Erde vom Boden und warf sie
-auf das Tier und machte wieder ein elendes Tier daraus. Der Prinz wurde
-darüber Dschefa feindlich. Darauf verzauberte die Besprecherin einen
-Drachen und schickte ihnen den. Aus seinem Maule und seiner Nase
-sprühte Feuer, und er kam wie ein Blitzstrahl daher. Auch ihn bewarf er
-mit Erde und vernichtete ihn.
-
-Die brachen auf und machten sich auf den Weg. Nach ein paar Tagen kamen
-sie nach Stambul. Als gemeldet wurde: „Mein Padischah, eine frohe
-Botschaft! Der Prinz kommt!“, wurden Kanonen abgeschossen und
-Freudenfeste abgehalten. Der Großvezier zog ihm entgegen und führte ihn
-in den Palast. Da sagte er: „Mein Vater, jetzt kannst du den Dschefa
-töten.“ Der Padischah befahl dem Henker. Der Henker faßte Dschefa an
-der Hand und führte ihn auf den Berg, um ihm den Kopf abzuschlagen. Als
-der Henker ihm ins Gesicht sah, konnte er es nicht übers Herz bringen.
-Er tötete einen jungen Hund, tauchte Dschefas Hemd in das Blut, legte
-Dschefa zwischen zwei Steine und brachte das blutige Hemde dem
-Padischah. Als dem Prinzen dies nach einigen Tagen zum Bewußtsein kam,
-rief er: „Wer hat auf der Reise für mich soviel Elend ertragen? Ach,
-mein Dschefa, wo bist du?“ Er ging in die Berge, um ihn zu suchen.
-
-Wir wollen uns nun zu Dschefa wenden. — Seit ziemlicher Zeit war der
-Unglückliche zwischen den Steinen geblieben. Weder Brot noch Wasser
-hatte er. Der Jüngling, der wie ein Stück Fels gewesen war, wurde wie
-ein Zwirnfaden. In zwei Stunden erhob er einmal seinen Kopf und rief:
-„Sefa, Sefa.“ Wer ihn sah, dem blutete das Herz.
-
-Eines Tages zog eine Karawane dort vorüber, die hörte ein Gewimmer.
-Obgleich man suchte, was das sei, fand man nichts und zog vorüber. Der
-Prinz begegnete ihr und sagte: „Ach, Karawanenführer, hast du hier
-niemand gesehen?“ Der Karawanenführer sagte: „Auf der Spitze jenes
-Berges kam ein Gewimmer an mein Ohr. Ich habe nachgesucht aber nichts
-gefunden. Was es war, weiß ich auch nicht.“
-
-Sofort stieg der Prinz ohne Verweilen auf die Spitze des Berges. Er
-hörte hin. Zwischen zwei Steinen hörte er alle zwei Stunden einmal eine
-sehr feine Stimme: „Sefa, Sefa.“ Als der Prinz dies sah, zerriß sein
-Herz. Sofort hob er mit Gewalt die beiden Steine voneinander und warf
-sie zur Seite. Da sieht er, daß er wie ein sechs Monate altes Kind
-geworden ist. Er sprach ihn an: „Dschefa, Dschefa, ich bin gekommen“
-und gab sich zu erkennen. Sogleich umarmten sie sich. Dann geht er mit
-Dschefa in eins der dort befindlichen Häuser, läßt Suppe kochen und
-nachdem er ihn einige Tage ordentlich gepflegt hat, kommt er wieder zu
-sich. Danach gehen sie von diesem Hause ins Schloß. Er verheiratete
-sich mit der Tochter des Padischahs von Jemen und verheiratete die
-Tochter des Padischahs von Indien mit Dschefa. Vierzig Tage und vierzig
-Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. In der Nacht auf den
-einundvierzigsten Tag gingen die beiden Paare in das Hochzeitsgemach
-und erreichten ihr Verlangen.
-
-Den Rest ihres Lebens verbrachten sie im Glück. Diese Geschichte ist
-nun auch zu Ende und damit Schluß.
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-12. DIE GESCHICHTE VON ALI DSCHENGIZ
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau einen Sohn. Der war sehr
-schön und hatte in der Welt nicht seinesgleichen. Er war auch sehr
-geschickt. Diese Frau nahm den Jungen und brachte ihn ins Schloß. Eines
-Tages langweilte sich der Padischah und sagte: „Kennt einer unter euch
-das Ali Dschengizspiel?“ Das Kind sagte: „Mein Padischah, wenn Sie
-erlauben, werde ich es lernen und wiederkommen.“ Der Padischah gab die
-Erlaubnis und entsandte den Jüngling. Als der Bursche zum Hause des Ali
-Dschengiz ging, traf er unterwegs einen Derwisch. Der sagte: „Mein
-Sohn, wohin gehst du?“ Er antwortete: „Ich gehe, um das Ali
-Dschengizspiel zu lernen.“ Da sagte der Derwisch: „Komm, mein Sohn, ich
-werde es dich lehren.“ Er ging mit dem Sohn in die Berge. Nach einiger
-Zeit kamen sie an eine Höhle und traten ein. Nachdem sie noch eine
-Minute gegangen sind, kommen sie in das Zimmer, wo der Derwisch wohnt.
-Nachdem sie dort etwas verweilt, langweilt sich der Bursche und geht
-aus dem Zimmer. Während er umhergeht, kommt er an ein Zimmer dort in
-der Nähe. Er tritt ein und sieht dort ein Mädchen, schön wie der Mond
-am vierzehnten, dessen Augen voller Feuer sind. Das saß dort und
-stickte. Der Bursche sagte: „Bist du ein Geist oder ein Dschinn?“ Das
-Mädchen sagte: „Ich bin weder ein Geist noch ein Dschinn, ich bin ein
-Mensch.“ Als er fragte: „Aber wie bist du denn hierher gekommen?“ sagte
-sie: „Als Kind ging ich in die Schule. Eines Tages nahm mich dieser
-Derwisch und brachte mich hierher. Wie sehr er sich auch bemühte, mich
-zu unterrichten, ich sagte nie das nach, was er vorsagte. Schließlich
-hat er mich in dies Zimmer eingesperrt.“ Dann zeigte sie ihm einen
-Brunnen, der bis an den Rand mit Menschenleichen angefüllt war. Da
-verliert der Bursche seine Besinnung. Als er wieder zu sich kommt,
-ermahnte ihn das Mädchen: „Jüngling, wenn der Derwisch dich richtig
-unterrichtet, lies du das Gegenteil, mache Fehler und lies nie
-richtig.“ Der Bursche geht wieder dahin, wo der Derwisch sich befand.
-Der sagte: „Komm, mein Sohn, ich will dich unterrichten“ und nimmt den
-Jungen sich vor. Der Bursche kniet nieder und fängt an zu lesen. Wenn
-der Derwisch Elif sagt, sagt er Stange, wenn er Be sagt, sagt er Wanne.
-[22] Kurz, als er auf diese Art bis zum Schluß zu lesen anfängt, ärgert
-sich der Derwisch, legt ihn hin und verprügelt ihn nach Herzenslust.
-Dann läßt er ihn das Ali Dschengizbuch lesen, auch das liest er
-verkehrt. Der Bursche lernt es vollständig auswendig, aber der Derwisch
-sagt sich: „Er wird es nie lernen“, verprügelt ihn und jagt ihn auf
-einen Berg.
-
-Dann geht der Junge zum Hause seiner Mutter und sagt zu ihr: „Mutter,
-morgen werde ich ein Pferd werden, nimm mich und verkaufe mich dem
-Padischah, aber hüte dich, meinen Zaum zu geben.“ Am Morgen steht die
-Mutter auf und sieht, — ihr Sohn ist im Stalle tatsächlich ein Pferd
-geworden. Dann faßt sie ihn am Halfter, führt ihn zum Padischah,
-verkauft ihn für 100000 Piaster, nimmt seinen Zaum und geht nach Hause.
-Am Abend kommt ihr Sohn und sagt ihr: „Mutter, morgen werde ich ein
-Widder sein. Wieder verkaufe mich wie das erste Mal dem Padischah.“ Am
-nächsten Morgen ist der Sohn ein Widder geworden. Während sie ihn zum
-Padischah führt, merkt es der Derwisch. Er sagt: „Weh, dies Schwein von
-Junge hat mir meine Kunst gestohlen.“ Voll Wut vertritt er der Frau den
-Weg und sagt: „Mutter, nimm dies Geld und verkaufe mir den Widder.“ Als
-die Frau ihn auch dem Derwisch geben will, wird der Bursche ein Vogel
-und fliegt davon. Sofort wird der Derwisch eine Taube und verfolgt ihn,
-um ihn zu fangen. Die arme Frau bleibt ganz erstaunt stehen. Diese
-kommen allmählich zum Schloß des Padischahs. Während der Padischah im
-Gartenhaus sitzt und zuschaut, wird der Vogel ein Apfel und fällt dem
-Padischah in den Schoß. Die Taube wird wieder ein Derwisch, tritt in
-das Gartenhaus ein und sagt: „Mein Padischah, das ist mein Apfel.“ Der
-Padischah sagt verwundert: „Nein, das ist mein Apfel.“ Als schließlich
-der Padischah ihm den Apfel geben will, wird der Apfel Hirse in seiner
-Hand und fällt auf den Boden. Der Derwisch wird ein Huhn und während er
-anfängt die Hirse aufzupicken, wird die Hirse sofort ein Marder,
-springt auf das Huhn und erwürgt es, schüttelt sich und wird wieder wie
-früher ein Jüngling. Der Padischah sagt: „Ach, bist du es, mein Sohn?“
-Er antwortete: „Ja, mein Padischah, das nennt man das Ali
-Dschengizspiel. Jener Derwisch war mein Lehrer. Er bemühte sich, mich
-zu töten, aber ich bin sein Meister geworden und habe ihn getötet.“
-
-Die Sache gefiel dem Padischah sehr, er gab ihm 100000 Piaster und
-machte ihn zum Pagen und schenkte ihm auch einen großen Palast.
-
-Diese Geschichte ist nun auch aus und damit Schluß!
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-13. DIE GESCHICHTE VON DEM SCHÖNEN WASSERTRÄGER
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes. In alten Zeiten hatten ein Padischah und ein Vezir jeder
-eine Tochter. Als sie eines Tages vom Fenster einander sehen und sich
-unterhalten, kommt auf der Straße ein schöner Wasserträger vorbei. Die
-Tochter des Padischahs sagt: „Schöner Wasserträger, schöner
-Wasserträger, ist die Tochter des Vezirs schön oder bin ich es?“ Der
-schöne Wasserträger sagt: „Meine Prinzessin, ihr seid beide schön, aber
-die Tochter des Vezirs ist noch schöner.“ Dann geht er weiter. Darüber
-wurde die Tochter des Padischahs böse auf die Tochter des Vezirs. Nach
-einiger Zeit wird sie krank und legt sich hin. Der Padischah ruft Ärzte
-und Hodschas, die das Mädchen untersuchen. Sie gibt den Ärzten eine
-Handvoll Goldstücke und sagt zu einem: „Sage meinem Vater: ‚Wenn sie
-nicht das Blut der Tochter des Vezirs trinkt, ist keine Rettung.‘“
-Dieser Arzt geht sofort zum Padischah und sagt: „Mein Padischah, wenn
-sie nicht das Blut der Tochter des Vezirs trinkt, wird sie nicht
-gesund.“ Der Padischah läßt dem Vezir die Nachricht zukommen. Der Vezir
-hatte Mitleid mit seiner Tochter, tötete eine junge Katze und schickte
-ihr Blut hin. Dann ließ er einen Kasten aus Nußbaum machen der von
-innen verschließbar war, legte das Mädchen hinein, brachte ihn auf den
-Bitbazar und ließ ihn verauktionieren. Der schöne Wasserträger geht
-gerade vorbei, sieht den Kasten, geht zum Auktionator, gibt das Geld
-und nimmt den Kasten. Dann gibt er den Kasten einem Lastträger, geht
-nach Hause und stellt den Kasten in sein Schlafzimmer. Am Morgen geht
-der schöne Wasserträger weg. Das Mädchen steigt aus dem Kasten, fegt
-ordentlich das Zimmer, macht das Bett und legt sich wieder in den
-Kasten. Am Abend kommt der schöne Wasserträger und sieht, daß sein
-Zimmer gefegt und sein Bett gemacht ist und überlegt: „Wer ist wohl
-heute hierher gekommen?“ Schließlich legt er sich schlafen. Am Morgen
-geht er wieder weg. Wie das vorige Mal fegt das Mädchen das Zimmer und
-macht das Bett. Am Abend legt es sich wieder in den Kasten. Darauf
-kommt der schöne Wasserträger wieder und sieht, — was siehst du? —
-wieder ist sein Bett gemacht. Er dachte etwas nach und geht dann zu dem
-Kasten und sagt: „Heh, Taugenichts, komm heraus, wer du auch seiest.“
-Nichts rührt sich. Er legt sich wieder schlafen. Am Morgen holt er
-Fleisch vom Schlächter, bringt es in sein Zimmer, legt es hin und sagt
-zu sich: „Wenn Gott will, werde ich es mir kochen.“ Dann steht er auf
-und geht weg.
-
-Das Mädchen steigt aus dem Kasten, fegt das Zimmer, kocht das Fleisch,
-legt es auf die Platte und beschäftigte sich damit, die Wäsche zu
-waschen. Da kommt plötzlich der schöne Wasserträger, tritt ein und
-sieht, daß das Mädchen Wäsche wäscht. Als das Mädchen ihn sieht, sagt
-sie: „Ach“ und bedeckt ihr Gesicht mit ihrem Rocksaum. Der schöne
-Wasserträger sagt: „Meine Prinzessin, jetzt bist du mein und ich dein,
-ein Entrinnen gibt es nicht, du bist nun mir zugefallen.“ Sogleich holt
-er einige Leute, verheiratet sich mit dem Mädchen und sie pflegten der
-Liebe.
-
-Eines Tages beladet der schöne Wasserträger vierzig Maultiere mit Geld
-und schickt das Mädchen mit den Tieren zu seiner Mutter. Das Mädchen
-geht dorthin und wohnte dort. Eines Tages schreiben die Leute des
-Stadtviertels an den schönen Wasserträger: „Deine Frau ist eine Hure
-geworden.“ Der schöne Wasserträger nimmt ein großes Messer in die Hand
-und geht zum Hause seiner Frau. Als er in die Tür eintritt, geht das
-Mädchen mit einem silbernen Leuchter in ihren Händen, ihm entgegen. Als
-er sie töten will, wirft sich das Mädchen in einen Bach, der vor dem
-Hause war. Der Bach führt sie ins Meer. Dort fischten drei Fischer. Sie
-geht in das Netz und die Fischer ziehen sie heraus. Da sehen sie, — was
-siehst du? — in dem Netz ist ein Mädchen. Sie fangen an sich zu
-streiten, wer das Mädchen bekommen soll. Da sagt einer von ihnen: „Wir
-wollen diesen Pfeil abschießen. Wer von uns ihn holt, dem soll das
-Mädchen gehören.“ Dann schießen sie den Pfeil ab und die drei laufen
-hinter dem Pfeil her. Da entflieht das Mädchen. Allmählich trifft sie
-einen Juden. Der sagte: „Ei, mein Mädchen, mein Mädchen, nun werde ich
-dich nehmen und nicht loslassen. Was sagst du nun?“ Das Mädchen gibt
-dem Juden den Leuchter in seine Hände und entflieht. Allmählich kommt
-sie an eine Quelle und setzt sich dort hin. Da erblickt sie der Sohn
-des Padischahs, nimmt sie mit sich, und heiratet sie.
-
-Jetzt sagt das Mädchen: „Prinz, diese Quelle laß schön herrichten, daß
-derjenige, der daraus trinkt, mein Bild sieht.“ Der Prinz läßt die
-Quelle, so wie das Mädchen es beschrieben hatte, herrichten. Nach
-einigen Tagen kommen diese drei Fischer, um aus dieser Quelle Wasser zu
-trinken. Als sie die Schönheit des Mädchens sehen, werden sie
-ohnmächtig. Später kam dieser Jude. Auch der wird ohnmächtig, als er
-Wasser trinkt.
-
-Eines Tages kommt der schöne Wasserträger. Auch der wird ohnmächtig,
-während er trinkt. Das Mädchen hat aus dem Fenster auf diese aufgepaßt,
-es dem Prinzen gesagt. Der läßt sie hereinholen und einsperren.
-
-Eines Tages geht das Mädchen mit dem Prinzen zu ihnen und sagte: „Mein
-Prinz, diese Fischer haben mich aus dem Wasser gezogen, dieser Jude hat
-mich beleidigt und dieser schöne Wasserträger war früher mein Mann.“ Da
-sagte er: „Meine Prinzessin, ist es so?“ Dann gab er die Fischer frei,
-ließ dann den Juden hinrichten und gab dann dies Mädchen dem schönen
-Wasserträger wieder zurück und sagte: „Gehe und lebe vergnügt.“ Der
-schöne Wasserträger brachte das Mädchen mit sich in sein Haus. Das
-Mädchen erzählte ihm alles das, was ihm geschehen war. Der schöne
-Wasserträger heiratete sie von neuem. Vierzig Tage und vierzig Nächte
-dauerten die Hochzeitsfeste. In der einundvierzigsten Nacht ging er ins
-Hochzeitsgemach. Sie erreichten ihr Verlangen.
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-Diese Geschichte ist auch zu Ende und damit Schluß.
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-14. DIE GESCHICHTE VON DER SCHWARZEN SCHLANGE
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-Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten
-folgendes.
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-In alten Zeiten lebte ein gerechter Padischah. Dieser Padischah hatte
-keine Nachkommenschaft und war sehr alt. Deswegen rief er eines Tages
-seinen Vezir und sagte: „Mein Vezir, ich bin sehr alt geworden und habe
-keinen Sohn. Wenn ich sterbe, wird mein Thron und meine Krone Fremden
-zufallen.“ Der Vezir sagte: „Mein Padischah, Gott möge Euch langes
-Leben geben, deswegen bekümmert Euch nicht. Morgen wollen wir uns
-verkleiden und uns auf die Reise begeben. Vielleicht treffen wir
-jemand, dessen Gebet heilkräftig ist, so daß Gott, der Erhabene, Euch
-Nachkommen schenkt.“
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-Dem Padischah schien das gut und so verkleideten sie sich am folgenden
-Tage und verließen am Morgen das Schloß, um spazieren zu gehen. Nachdem
-sie etwas gegangen waren, kamen sie an eine Quelle. Um sich auszuruhen,
-rasteten sie dort. Auf einmal sahen sie, daß von der gegenüberliegenden
-Seite ein weißbärtiger, majestätischer Derwisch kommt, der einen weißen
-Mantel trug. Dieser Derwisch begrüßte sie: „Heil sei über Euch, mein
-Padischah.“
-
-Nachdem der Padischah seinen Gruß angenommen hatte, sagte er: „Nun,
-Großvater Derwisch, da du weißt, daß ich ein Padischah bin, weißt du
-auch, was ich für ein Verlangen im Herzen trage.“ Der Derwisch zog aus
-seinem Busen einen Apfel und sagte zum Padischah: „Mein Padischah, nimm
-diesen Apfel, gib die Hälfte deiner Gemahlin, die andere Hälfte iß du,
-und Gott wird euch einen Sohn geben.“ Damit verschwand der Derwisch.
-
-Die nahmen den Apfel und kehrten in ihr Schloß zurück. Am Abend aß der
-Padischah die eine Hälfte des Apfels und die andere seine Gemahlin,
-dann vollzogen sie den Beischlaf, und die Königin wurde schwanger. Nach
-neun Monaten und zehn Tagen bekam sie die Wehen und man rief die
-Hebamme. Als die Königin ihre Leibesfrucht zur Welt bringt, sieht man,
-daß es eine schwarze Schlange ist, die sogleich in dem Augenblick, wo
-sie geboren ist, die Hebamme beißt und tötet. Man ruft eine zweite
-Hebamme, auch die tötet sie. Im ganzen Reiche gab es keinen, den sie
-nicht getötet hätte. Die Eunuchen des Harems suchen an allen Türen eine
-Hebamme. Sie kommen an die Tür eines Hauses und sagen: „Mutter, ist
-hier keine Hebamme?“
-
-Nun hatte diese Frau eine Stieftochter, der sie sehr feind war. Sie
-sagte: „Meine Söhne, ich habe hier eine Tochter. Die ist Meister in der
-Hilfe beim Kindergebären.“
-
-Als sie das hörten, sagten sie: „Mutter, gib deiner Tochter die
-Erlaubnis, daß sie mit uns in das Schloß gehe.“ Die Frau rief das
-Mädchen und sagte: „Meine Tochter, man hat dich aus dem Schloß gerufen,
-gehe und hilf der Königin bei der Geburt.“ Das arme Mädchen stand wohl
-oder übel auf. Unterwegs kam sie am Grabe ihrer Mutter vorbei und
-sagte: „Mütterchen, Mütterchen, meine Stiefmutter schickt mich in das
-Schloß, um das Kind gebären zu helfen, jetzt gehe ich in den Tod.
-Mütterchen, hilf mir!“
-
-Da kommt aus dem Grabe eine Stimme: „Meine Tochter während du in das
-Schloß gehst, tue Milch in eine Kiste und, wenn du zur Königin gehst,
-mußt du die Milch vor sie halten. In ihrem Bauche ist eine schwarze
-Schlange. Wenn sie herauskommen und sich auf dich stürzen will, nimm
-die Kiste und, sobald die Schlange hineingefallen ist, schließe den
-Deckel und gib sie dem Padischah.“
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-Das Mädchen freute sich, nahm eine Kiste, ging damit zum Schloß und kam
-zur Königin. Als diese ihre Leibesfrucht gebären wollte, kam aus ihrem
-Bauche eine schwarze Schlange und wollte sich auf das Mädchen stürzen.
-Da hielt das Mädchen ihr die Milchkiste entgegen, die Schlange fiel
-hinein. Das Mädchen schloß den Deckel und brachte sie dem Padischah.
-Als der Padischah das sah, wunderte er sich sehr und gab dem Mädchen
-sehr viel Bachschisch. Das Mädchen verließ das Schloß, ging nach Hause
-und gab den vom Padischah erhaltenen Bachschisch der Frau.
-
-Die wollen wir nun verlassen und uns zu dem in der Kiste liegenden
-Prinzen wenden. Eine Sklavin wurde für ihn bestimmt. Jeden Tag gab man
-ihm Mark und ernährte ihn damit.
-
-Als der Prinz vier oder fünf Jahre alt wurde, sagte er zu der Sklavin:
-„Sage meinem Vater, er soll mich in die Schule schicken.“ Darauf ging
-die Sklavin zum Padischah und sagte: „Mein Herr, der Prinz möchte in
-die Schule geschickt werden.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön“ und
-rief am nächsten Tage einen Lehrer. Als der kommt, holt er die schwarze
-Schlange aus dem Kasten heraus. Während sie dem Lehrer gegenüber liegt
-und er sie unterrichtet, beißt sie ihn. Er stirbt sofort. Ein anderer
-Lehrer wird gerufen. Auch den tötet sie.
-
-Kurz, auf der Erde bleibt kein Lehrer übrig; alle tötet sie. Eines
-Tages beruft der Großvezir eine Versammlung und sagt: „Mein Padischah,
-die Hebamme des Prinzen, wer sie auch sei, muß ihn unterrichten. Ein
-anderer kann das nicht.“
-
-Dies Wort gefiel dem Padischah, und er schickt seine Diener zu der
-Hebamme. Als das Mädchen von Hause geht, geht es zum Grabe seiner
-Mutter, wehklagt und sagt: „Mütterchen, Mütterchen, ich habe so
-gehandelt, wie du mir beschrieben hast. Ich habe die Schlange
-herausgezogen. Jetzt sucht man einen Lehrer, sie zu unterrichten. Alle
-Lehrer hat sie gebissen und getötet. Nun ruft man mich. Ich weiß nicht,
-was ich tun soll.“ Da kommt eine Stimme aus dem Grabe: „Meine Tochter,
-fürchte dich nicht! Brich einundvierzig Rosenstämme ab. Wenn du zu der
-Schlange gehst und sie sich auf dich stürzt, schlage sie mit den
-vierzig, und mit dem einen stich sie.“
-
-Nachdem das Mädchen einundvierzig Rosenstämme genommen hat, geht sie
-ins Schloß in das Zimmer, wo der Prinz sich befindet. Sofort holt man
-die schwarze Schlange aus der Kiste und bringt sie zum Mädchen. Das
-Mädchen öffnet das Buch, das den Koranabschnitt enthält, und
-unterrichtet sie. Wenn die Schlange sich auf sie stürzen will, schlägt
-das Mädchen sie mit dem Stock. Der Prinz beruhigt sich etwas und auf
-diese Art unterrichtet sie ordentlich den Prinzen. Man bringt dem
-Padischah die frohe Nachricht: „Der Prinz hat ausgelernt.“ Der
-Padischah geht hin, gibt dem Mädchen reichlich Geld. Das Mädchen nimmt
-das Geld, geht nach Hause und gibt das Geld seiner Stiefmutter.
-
-Wir wollen nun diese verlassen und uns zum Prinzen wenden. Nachdem der
-Prinz vierzehn oder fünfzehn Jahre alt geworden ist, geht er eines
-Tages zu seinem Vater und sagt: „Vater, verheirate mich.“
-
-Wohl oder übel nimmt der Vater ein Mädchen und verheiratet sie mit ihm.
-Nachdem man sie ins Hochzeitsgemach gebracht hat, sticht die Schlange
-das Mädchen und tötet sie. Am Morgen sieht man, daß das Mädchen tot
-ist. Wir wollen die Geschichte kurz machen. Wieviel Mädchen man ihm
-auch gibt, er tötet sie alle, so daß auf der Erde kein Mädchen mehr
-bleibt.
-
-Eines Tages ruft der Großvezir einen Ministerrat zusammen und sagt:
-„Mein Padischah, so geht es nicht weiter. Gebt ihm das Mädchen, das ihn
-unterrichtet hat. Eine andere fruchtet nicht.“ Das Wort gefiel dem
-Padischah und er benachrichtigte das Mädchen.
-
-Das Mädchen geht von Hause zum Grabe seiner Mutter, wehklagt und sagt:
-„Mütterchen, Mütterchen. Ich habe ihn unterrichtet, wie du angegeben
-hast. Jetzt will man mich ihm verheiraten. Ich weiß nicht, was jetzt
-aus mir wird.“ Während sie wehklagt, kommt aus dem Grabe eine Stimme:
-„Meine Tochter, fürchte dich nicht, nimm die Haut von vierzig
-Stachelschweinen und ziehe sie an. Wenn die schwarze Schlange, nachdem
-du das Hochzeitsgemach betreten hast, kommt und dich angreift, sich
-dann sticht und sagt: ‚Zieh dich aus,‘ dann mußt du sagen: ‚Zieh du
-auch deine Kleider aus, dann werde ich meine auch ausziehen.‘ Fängt
-dann die Schlange an, ihre Haut auszuziehen, und ist sie damit fertig,
-dann wirf die Haut in ein Kohlenbecken und verbrenne sie, dann wird die
-Schlange ein Jüngling, schön wie der Mond am vierzehnten. Danach sei
-ihm willfährig.“
-
-Das Mädchen geht, nimmt die Haut von vierzig Stachelschweinen, zieht
-sie an und geht ins Schloß. Sogleich verheiratet der Padischah sie mit
-dem Prinzen und bringt sie ins Hochzeitsgemach. Das Mädchen zündet ein
-Kohlenbecken an und läßt es vor der Tür des Zimmers und tritt ein.
-
-Die Schlange kommt herein, stürzt sich auf das Mädchen, sticht sich an
-der Stachelschweinhaut und sagt: „Mädchen, zieh deine Kleider aus.“ Das
-Mädchen sagt: „Zuerst zieh du deine Kleider aus, dann werde ich meine
-ausziehen.“ Da fängt der Prinz an, seine Kleider völlig auszuziehen.
-Als er sie ausgezogen hat, nimmt das Mädchen die Kleider, wirft sie ins
-Feuer und verbrennt sie. Da sieht sie, daß er ein Jüngling, schön wie
-der Mond am vierzehnten, ist. Das Mädchen zieht seine Kleider aus, ist
-dem Prinzen willfährig, und sie umarmen sich. Am Morgen kommen der
-Vater und die Mutter des Prinzen und wundern sich, als sie das sehen,
-und danken Gott sehr.
-
-Der Prinz und das Mädchen lebten lange Zeit miteinander. Eines Tages
-geht der Prinz zu seinem Vater und sagt: „Vater, ich will jetzt in die
-Fremde gehen. Wenn Gott will, komme ich in zwei Monaten ungefähr
-wieder“, steht auf, geht zum Mädchen, küßt sie auf die Augen,
-verabschiedet sich und verläßt das Schloß. Nach einem Monat schickt er
-seiner Mutter einen Brief.
-
-Die Sklavinnen in dem Schloß waren auf das Mädchen neidisch, schrieben,
-um es zu töten, einen Brief, legten ihn in den Brief des Prinzen und
-gaben ihn der Königin. Die Mutter denkt: „Von meinem Sohn ist ein Brief
-gekommen, öffnet ihn und sieht, daß zwei Briefe darin sind. Sie liest
-den ersten: er enthält nur Grüße. Sie öffnet den andern und liest ihn.
-Darin steht geschrieben: „Schlagt meiner Frau die Hände und Füße ab und
-werft sie hinaus.“ Als die Mutter das las, wunderte sie sich. Nun hatte
-das Mädchen an der Tür gehorcht, tritt ein und sagt: „Mutter, bevor mir
-die Hände und Füße abgeschlagen werden, will ich gehen.“ Dann verläßt
-sie das Schloß und geht in die Berge.
-
-Nach einiger Zeit kommt sie an einen Ort, wo Särge stehen, sie tritt
-ein und legt sich schlafen. Als sie sich umsieht, erblickt sie in einem
-Sarge neben sich, einen Jüngling liegen. Der Jüngling steht auf, geht
-zum Mädchen und sagt: „Heh, Mädchen, wie bist du hierher gekommen, ohne
-dich zu fürchten? Jetzt wird eine Taube kommen. Wenn die dich hier
-sieht, tötet sie dich. Aber komm her, ich werde dich in diesem Sarge
-verstecken.“ Er nimmt das Mädchen, geht an den Platz, wo die Särge
-stehen, dort umarmen sie sich und vereinen sich. Da wurde das Mädchen
-von diesem Jüngling schwanger. Dann geht der Jüngling in seinen Sarg
-und legt sich schlafen. Nach einiger Zeit kommt eine Taube und bringt
-dem Jüngling Nahrung und fliegt wieder davon. Kurz, er ißt mit dem
-Mädchen von der Nahrung, die der Vogel gebracht hat, und sie leben
-vergnügt. Als die Zeit zu gebären für das Mädchen kommt, sagt der
-Jüngling: „Mädchen, jetzt gehe auf diesem Wege gerade aus. Dann kommt
-eine Quelle. An diese Quelle setze dich. Vor ihr ist ein Palast. Von
-dort kommt ein Mädchen, um Wasser zu holen. Du mußt ihr sagen:
-‚Bachtijars wegen nehmt mich in das Haus, ich werde gebären.‘ Sie
-werden dich aufnehmen und du wirst in meinem Zimmer niederkommen, dann
-werde ich kommen und dem Kinde einen Namen geben.“
-
-Das Mädchen stand auf, ging zu der beschriebenen Quelle, stieg auf den
-Stein und wartete. Nach einiger Zeit kommt aus dem Palast eine Sklavin
-mit schön gearbeiteten Holzschuhen und zwei Wasserbehältern in ihren
-Händen, um Wasser zu holen. Als das Mädchen die Sklavin sieht, sagt
-sie: „Ach, Schwester, Bachtijars wegen nehmt mich auf, ich werde
-gebären.“ Die Sklavin ging ins Schloß und erzählte es der Königin. Die
-sagte: „Ach, meine Tochter, die Dame kennt meinen Sohn Bachtijar und
-hat auch bei ihm geschworen, sofort bringe sie her.“ Die Sklavin ging
-wieder zu dem Mädchen und sagte: „Ach, Schwester, ich habe es der
-Herrin gesagt. Sie will dich sehen. Komm, wir wollen gehen.“ Sie gehen
-in das Schloß, steigen die Treppen hinauf und das Mädchen geht zu der
-Königin. Das Zimmer ihres Sohnes Bachtijar war leer. Sie bringt das
-Mädchen ordentlich in dem Zimmer unter. Dort kommt sie nieder und
-bringt einen allerliebsten Jungen zur Welt. Um Mitternacht kommt der
-Jüngling und sagt: „Meine Prinzessin, mein Sohn soll Havbetjar heißen.“
-Dann geht er wieder. In der zweiten Nacht legt die Schwester des
-Jünglings das Kind in die Wiege. Als sie es zum Schlafen gebracht hat,
-kommt der Jüngling und fragt: „Meine Prinzessin, was macht mein
-Havbetjar?“ Das Mädchen antwortete: „Deine Schwester wiegt ihn, er
-schläft, mein Bachtijar.“ Nun hörte der Jüngling seine Schwester von
-innen und geht weg. Am nächsten Morgen geht die Schwester hin und
-erzählt der Mutter und der älteren Schwester alles. Die Mutter sagt:
-„Ach, mein Sohn ist mir seit seiner frühsten Kindheit genommen. Das
-Mädchen, das wir aufgenommen haben, ist in sein Zimmer gekommen, und
-sie pflegen dort der Liebe. Aber morgen in der Nacht werde ich kommen
-und das Kind wiegen.“ In der zweiten Nacht kommt die älteste Schwester
-des Jünglings ins Zimmer und wiegt das Kind. Als das Mädchen
-hinausgegangen ist, kommt der Jüngling und sagt: „Meine Prinzessin, was
-macht mein Havbetjar?“ Das Mädchen sagt zu Bachtijar: „Deine ältere
-Schwester wiegt es, es schläft.“ Die ältere Schwester des Jünglings
-hatte von innen gelauscht. Dann geht der Jüngling. Am Morgen geht sie
-in das Zimmer des Mädchens und ist sehr freundlich mit ihr. An der
-Decke des Zimmers nagelten sie einen schwarzen Stoff, aus einem Stück,
-und ließen darauf aus ausgestreuter Bronze dreieckige Sterne machen. Um
-Mitternacht kam der Jüngling und sagte: „Meine Prinzessin, was macht
-mein Havbetjar?“ Das Mädchen sagte: „Deine Mutter wiegt ihn, er
-schläft, mein Bachtijar.“ Sogleich kommt seine Mutter aus dem Zimmer,
-umarmt den Sohn und nimmt ihn hinein. Der Jüngling sagt: „Mutter, ich
-will nun wieder an meinen Platz gehen. Wenn der Vogel sieht, daß ich
-hierhergegangen bin, tötet er mich.“ Die Mutter sagte: „Mein Sohn, es
-ist noch früh. Sieh, die Sterne stehen noch.“ Der Jüngling hielt das
-für wahr und sie setzten sich mit der Mutter hin. Am Morgen kommt der
-Vogel, schlägt ans Fenster und sagt: „Heh, mein Bachtijar, die Mauer,
-die ich berührt habe, soll einfallen.“ Kaum sagt er das, da fällt die
-Mauer mit Krachen ein. Der Vogel sagt wieder: „Die Zweige, auf denen
-ich sitze, sollen vertrocknen.“ Da trocknet der Baum ein und seine
-Blätter fallen ab. Während der Vogel so aus Wut immer weiter sprach,
-zerplatzte er.
-
-Da sagte der Jüngling: „Gott sei Dank, der Vogel ist tot und ich bin
-gerettet.“ Die Mutter umarmte ihren Sohn und küßte ihn auf die Augen
-und verheiratete dies Mädchen mit ihm. Vierzig Tage und vierzig Nächte
-dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht auf den
-einundvierzigsten Tag führte man Bachtijar in das Brautgemach. Dort
-vergnügten sich die beiden.
-
-Nach einigen Monaten ging Bachtijar in das Kaffeehaus der Stadt und
-setzte sich dorthin. Die mögen nun dort sitzen. Wir wollen uns zum
-Prinzen wenden.
-
-Als er von seiner Reise heimkehrte, ging er zu seiner Mutter, küßte ihr
-die Hand und fragte sie nach ihrem Befinden. Danach sagte sie: „Mein
-Sohn, du hattest einen Brief geschrieben, wir sollten dem Mädchen Arme
-und Beine brechen. Als das Mädchen das hörte, kam sie zu mir und sagte:
-‚Mutter, bevor du mir Hände und Beine brichst, will ich gehen‘, verließ
-das Schloß und ging in die Berge. Ist es nicht schade um das Mädchen?
-Warum hast du das getan?“
-
-Als der Prinz das hörte, sagte er: „Aber Mutter, ich habe derartiges
-nicht geschrieben. Da ist sicherlich eine Feindseligkeit im Spiele.
-Danach soll mir nun der Aufenthalt hier verwehrt bleiben.“
-
-Dann ging er weinend weg in die Berge, um das Mädchen zu suchen.
-Schließlich kam er in das Land Bachtijars und kehrte am Abend in das
-Kaffeehaus der Stadt ein. Er grüßte und setzte sich. Nun war auch
-gerade Bachtijar in dem Kaffeehause. Als der Prinz den Leuten dort
-diese Angelegenheit erzählte, vernahm Bachtijar die Sache. Sofort ging
-er zu dem Prinzen und fing an ihn genau auszufragen. Nach einiger Zeit
-verstand er alles. Er sagte: „Mein Prinz, besuchen Sie mich. Wir wollen
-eine Schale Suppe miteinander trinken.“ Der Prinz sagte: „Komm, wollen
-gehen.“ Sofort verließen sie das Kaffeehaus, gingen in den Palast und
-blieben in einem Zimmer. Nachher aßen sie die Mahlzeit und nachdem sie
-es sich bequem gemacht hatten, erzählte Bachtijar dem Prinzen die Sache
-von Anfang bis zu Ende. Dann ging Bachtijar aus dem Zimmer und sagte zu
-dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der eben Angekommene ist dein erster
-Mann. Ich werde hineingehen und mich hinsetzen. Du überlege es dir,
-komme durch die Türe herein und gehe zu dem, den du von uns beiden
-willst, und setze dich da hin. Aber wisse, wenn du weggehst, werde ich
-dir das Kind nicht geben sondern hier behalten.“ Da trat er ein und
-setzte sich auf das Polster. Sie sah durch den Spalt der Türe. Als sie
-den Prinzen sah, trat sie ein, ging sofort zu dem Prinzen und setzte
-sich neben ihn. Als Bachtijar dies sah, sagte er: „Gott möge seinen
-Segen geben, mein Prinz“, blieb nicht mehr länger im Zimmer und ging
-hinaus.
-
-Der Prinz blieb die Nacht dort, am Morgen nahm er das Mädchen mit sich
-und brachte es ins Schloß. Das Mädchen erzählte die ganze Sache dem
-Prinzen. Dann wurde in der Nacht von neuem die Ehe geschlossen. Vierzig
-Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der
-Nacht auf den einundvierzigsten Tag trat er in das Hochzeitsgemach und
-die beiden Verliebten erreichten ihr Verlangen. Die Geschichte ist
-damit nun auch aus und damit Schluß.
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-15. DER DANKBARE FUCHS
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-Einst lebte ein Müller, der eine große Liebhaberei für Hühner hatte. Er
-hielt sich drei bis fünf Hühner. Ein Fuchs kommt und frißt sie auf. Ein
-paar Tage sah er sich das an, dann grub er eine Grube und setzte die
-Hühner dort hinein. Der Fuchs kommt, sieht, daß die Hühner in der Grube
-sind, springt hinein, sieht sich um, kann aber die Hühner nicht
-fressen. — Wenn er sie gefressen hätte, würde er von dem Müller Prügel
-bekommen haben.
-
-Am Morgen kommt der Müller und sieht die Geschichte. Der Fuchs sagt in
-der Grube: „Ach, schlage mich nicht. Ich werde dir eine Wohltat tun,
-fasse mich an der Hand.“ Der sagt: „Du Verfluchter, du hast mir meine
-Hühner aufgefressen. Was für eine Wohltat solltest du mir wohl
-erweisen?“ Er sagt: „Ach, fasse mich nur an. Ich werde dir wirklich
-eine große Wohltat erweisen.“ Da faßt er den Fuchs an der Hand und
-zieht ihn heraus. Sie gehen beide zur Mühle. Der Fuchs sagte zum
-Müller: „Du, setze dich hier hin und gib mir fünf bis zehn
-Medschidije.“ [23] Der gab ihm die fünf bis zehn Medschidije. Der Fuchs
-nahm sie und ging zum Schloß des Padischahs von Indien. Als er
-angekommen ist, klopft er an die Tür. Der Diener kommt heraus.
-
-Der Fuchs sagt: „Der Staubpadischah läßt grüßen. Wollt Ihr Euer Maß zum
-Medschidijemessen ihm geben? Unser Staubpadischah wird die Medschidije
-messen und ich werde es wieder bringen.“ Dann nimmt er das
-Medschidijemaß und macht sich auf den Weg. Drei bis fünf Tage verweilt
-er irgendwo, dann geht er wieder zum Schloß des Padischahs von Indien,
-legt die Medschidije in das Maß und übergibt es mit den Worten: „Da
-habt ihr euer Maß!“ Man fragt: „Was sollen diese Medschidije?“ Er
-antwortet: „Davon hat er bergeweise. Komm nur und sieh sie dir an. Es
-macht nichts.“ Er gab das Maß mit den Medschidije dem Padischah von
-Indien, kehrte um, und kam wieder zum Müller.
-
-Einen Tag verweilte er, am zweiten Tage sagte er: „Gib mir fünf bis
-zehn Goldpfunde!“ Der Müller sagte: „Du willst mich wohl bankrott
-machen? Mach, daß du weg kommst. Ich gebe dir nicht die Pfunde.“ Der
-Fuchs sagte: „Aber, Staubpadischah, überlege dir doch, was ich dir für
-eine Wohltat erweisen werde. Geh, sei nicht so, gib mir die fünf bis
-zehn Pfunde.“ Der gab unwillig die fünf bis zehn Pfunde. Der Fuchs nahm
-sie und ging wieder zum Schloß des Padischahs von Indien und klopfte
-an. Die Diener kamen heraus. Er sagte: „Gebt mir euer Maß zum
-Pfundemessen. Unser Herr Staubpadischah will Pfunde messen. Gebt das
-Maß; ich bringe es gleich wieder.“ Er nahm das Pfundmaß und ging weg.
-Unterwegs verweilte er irgendwo drei bis fünf Tage, dann lief er wieder
-zu dem Schloß des Padischahs von Indien und klopfte an die Tür. Der
-Diener kam heraus. Der Fuchs hatte die Pfunde hineingelegt und übergab
-es so. Die Diener sagten: „Was sollen diese Pfunde?“ Er antwortete:
-„Davon hat er haufenweise wie auf einer Tenne.“ Dann kehrt er wieder
-zum Müller zurück. Der fragt: „Wo sind meine Medschidije und Pfunde,
-die ich dir gegeben habe?“ Der Fuchs antwortet: „Warte nur! Die Schärfe
-des Rettigs kommt erst nachher zum Vorschein.“ Dann erbittet er sich
-zehn Tage Urlaub und geht in die Stadt. Der Fuchs läßt die Ausrufer
-ausrufen: „Jeder soll sich bereit halten! Wir wollen zur Tochter des
-Padischahs von Indien gehen, um Scherbet zu trinken.“ Der Ausrufer ruft
-aus: „Am dritten Tage soll jeder da und da hin gehen!“ Am dritten Tage
-machen sie sich zu Fuß auf den Weg und tun so, als ob
-Fünfhunderttausend auf Pferden und Maultieren hinter ihnen wären. Der
-Fuchs vor ihnen als Oberherold — der Fuchs ist natürlich nun schon
-Herold geworden. — Der Fuchs führt sie drei bis fünf Tage. Er kommt in
-einen großen Morast. Ein Regenguß kam und ertränkte viele Menschen in
-dem Sumpf. Er selbst eilt vor und kommt zum Padischah von Indien und
-sagt: „Gott sei Dank! Es ist niemand gestorben. Aber soviel Sachen und
-Schmuckgegenstände sind verloren gegangen.“ Da sagt der Padischah von
-Indien: „Geht zu den Schneidern, nehmt alles zusammen, was an Kleidern
-vorhanden ist. Für soviel Menschen sollen neue Kleider kommen.“
-Besonders für den Staubpadischah kommt ein Kleid, das sich nicht
-beschreiben läßt. Der Padischah befiehlt: „Der Schneider soll es
-nähen!“ Es wird genäht. Alles wird auf Wagen und Landauern verladen und
-dorthin gebracht. Der Herold Fuchs eilt voraus und kommt dort schnell
-an und sagt: „Ich habe eine feine Geschichte eingefädelt.“ Dann eilt er
-wieder zu den Wagen zurück und sagt: „Macht schnell, soviel Leute
-liegen im Freien.“ Sie nehmen die Wagen und Landauer und kommen zu
-jenen Leuten. Die steigen ein und kommen zum Schloß des Padischahs von
-Indien. Draußen werden Zelte aufgeschlagen. Fünfzehn bis Zwanzig treten
-ein, für einen jeden werden die Zelte verteilt. Der Padischah von
-Indien fragt: „Was ist das für eine Menge?“ Der Herold Fuchs kommt
-sofort und sagt: „Das ist das Gefolge des Staubpadischahs.“ Dann geht
-er wieder zu ihnen und sagt: „Vorwärts, sie sollen gehen und um die
-Tochter des Padischahs von Indien werben!“ Da gehen fünf bis zehn
-Hodschas für den Staubpadischah zum Schlosse des Padischahs von Indien
-und sagen: „Auf Allahs Befehl wünschen wir von dir deine Tochter für
-den Herrn Staubpadischah. Was wirst du sagen?“ Der antwortet: „Wenn es
-das Schicksal so will, was soll ich sagen?“ Dann trinken sie Scherbet,
-erheben sich und gehen wieder zurück. Der Fuchs sagt: „Geben Sie mir
-drei Tage Urlaub.“ Sein Herr gibt ihm Urlaub. Am Vierten kommt der
-Herold Fuchs zurück, geht zum Padischah von Indien und sagt: „Mein
-Herr, wir wollten die Hochzeit zurichten, haben aber, als wir
-hierherkamen, soviel Waren und Sachen und so viele Pfunde durch den
-Regenguß verloren.“ Da sagt der Padischah von Indien: „Das macht
-nichts, wenn wir auch nicht viel Geld haben, so wollen wir doch die
-Hochzeit hier machen.“ Sie fingen an, die Hochzeit zuzubereiten.
-Vierzig Tage und vierzig Nächte dauert die Hochzeit. Alle Kosten
-bezahlt der Padischah von Indien. Er läßt für fünfhunderttausend Leute
-echte silbergestickte Kleider nähen.
-
-Nachdem die Hochzeitsfeste vierzig Tage und vierzig Nächte gedauert
-haben, bringt man den Staubpadischah dorthin. Der Herold Fuchs geht hin
-und fragt leise den Staubpadischah: „Wie geht es dir?“ Der sagt: „Gut.“
-Dann brechen sie auf und machen sich mit den fünfhunderttausend Leuten
-auf den Weg. Der Padischah von Indien füllt ihnen die Kisten mit
-Pfunden. Fünf bis zehn Leute vom Padischah von Indien gehen zur
-Begleitung seiner Tochter mit ihnen. Der Herold Fuchs hatte sich eine
-Stunde vor ihnen auf den Weg gemacht. Unterwegs sieht er auf einer
-Ebene, daß Hirten Kamele und Stuten weiden. Der Herold Fuchs geht zu
-den Hirten und sagt: „Seht ihr die dort Ankommenden?“ Die Hirten sagen:
-„Wer ist das?“ Er antwortet: „Die kommen, um euch zu überfallen. Wenn
-sie fragen: ‚Wem gehören diese Stuten und Kamele?‘ so sagt: ‚Unserm
-Herrn Staubpadischah.‘“ Die kommen und fragen die Hirten: „Wem gehören
-diese Stuten und Kamele?“ Die Hirten antworten: „Diese Kamele und
-Stuten gehören unserem Herrn Staubpadischah.“ Die ziehen weiter.
-
-Der Herold Fuchs ist wieder eine Stunde voraus. Auf einer Ebene sind
-soviel Schafhirten und Rinderhirten. Der Herold Fuchs eilt zu ihnen und
-sagt: „Seht ihr die dort Ankommenden? Die kommen, um euch zu
-überfallen. Wenn sie fragen, wem gehört dies alles, so antwortet:
-‚Unserm Herrn Staubpadischah‘. Dann werdet ihr gerettet sein.“ Die
-ziehen vorüber. Der Herold Fuchs ist wieder eine Stunde voraus. Er
-kommt an eine Dev-Wohnung. Die Deve sind im Hause. Er sagt zu den
-Deven: „Kommt, verbergt euch. Die da ankommen, wollen euch überfallen.“
-Die Deve sagen: „Um Himmelswillen, verbirg uns!“ Da nimmt der Herold
-Fuchs die Deve, legt Heu in die Wohnung und zündet es an. Die Deve
-fliegen alle in die Luft und verbrennen vollständig.
-
-Dann geht der Herold Fuchs schnell den Ankommenden entgegen und sagt zu
-den fünfhunderttausend Leuten: „Fürchtet nichts! Es ist nichts! Was uns
-zustoßen wird, soll nur unserm Besitz zustoßen!“ Als die von dem
-Padischah von Indien geschickten Leute kommen, sehen sie: Ein großes
-Schloß ist verbrannt und verschwunden. Da sagen die Leute, die mit der
-Tochter des Padischahs von Indien gekommen waren: „Was machts? Was
-brennt, mag brennen. Wir bauen es wieder. Wir wollen schnell einen
-Palast mieten.“ Dann mieten sie schnell einen großen Palast und sagen:
-„Bitte, Staubpadischah!“ Sie ziehen ein und holen das Fehlende von den
-Kaufleuten. Alles Geld bezahlen die Leute, die von dem Padischah von
-Indien gekommen sind. Vierzehn Tage leben sie vergnügt. Dann bitten sie
-um Urlaub. Man verabschiedet sich. Sie machen sich auf den Heimweg, die
-andern bleiben allein zurück.
-
-Eines Tages sagt der Herold Fuchs aufrichtig: „Halt, ich werde krank.“
-Der Herold Fuchs wird krank. Die Diener sagen: „Herr, unser Herold
-Fuchs ist krank geworden.“ Der Staubpadischah sagt: „Halt, wollen doch
-einmal sehen!“ Sie gehen hin. Der Herold Fuchs ist tot. Sie kommen
-wieder und bringen die Kunde: „Der Herold Fuchs ist tot.“ Der
-Staubpadischah sagt: „Zieht ihn an seinem Bein herunter.“ Da steht der
-Herold Fuchs auf und sagt: „Ich habe dir soviel Gutes getan, wie kannst
-du mich an meinem Bein ziehen.“ Da sagt der Staubpadischah: „Ich wußte,
-daß du nicht gestorben warst und habe einen Scherz gemacht.“
-
-Nach einigen Tagen stirbt der Herold Fuchs wirklich. Die Diener kommen
-schnell und bringen dem Staubpadischah die Kunde: „Unser Herold Fuchs
-ist gestorben.“ Der denkt, er verstellt sich wieder. Der Staubpadischah
-geht zum Herold Fuchs und ruft leise: „Herold Fuchs!“ Vom Herold Fuchs
-war nichts zu vernehmen. Er war wirklich tot. Sie sagen zum
-Staubpadischah: „Unser Herold Fuchs ist tot.“ Der sagt: „Ein Imam soll
-schnell kommen.“ Der Imam kommt, wäscht den Herold Fuchs und wickelt
-ihn ordentlich ein. Dann begräbt man ihn. Der Staubpadischah und die
-Tochter des Padischahs von Indien lebten vergnügt in dem großen
-Schlosse. Das ist die Wohltat, die der Herold Fuchs getan hat.
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-16. DIE GESCHICHTE VOM DSCHIHANSCHAH
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-Es gab einen Padischah, der Dschihanschah hieß. Einst sagte er: „Ich
-will das andere Ende dieser Welt finden“ und nahm einen Dampfer,
-Soldaten und Lebensmittel mit sich und fuhr über’s Meer. Unterwegs
-kommt ein Sturm. Nach drei bis fünf Monaten kommt er in ein Land. Die
-Soldaten, die er bei sich hatte, waren umgekommen, er war allein ohne
-Lebensmittel übriggeblieben. Als er so dahingeht, kommt er in ein Dorf
-und bleibt als Gast bei einem Manne. Als er am Morgen aufsteht, ruft
-ein Ausrufer: „Ist jemand da, der für eine Stunde Arbeit einen neuen
-Anzug, tausend Piaster und ein schönes Mädchen sich verdienen will?“ Da
-er unerfahren und in Not ist, sagt er: „Ich will es tun.“ Er empfängt
-den Anzug, das Geld und das Mädchen.
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-Der Mann, der ihm den Anzug, das Geld und das Mädchen gegeben hat,
-sagt: „Komm, ich werde dich an einen Ort führen.“ Er gibt ihm ein
-Pferd, besteigt selber eins, nimmt sich noch zehn Pferde und zwei Leute
-dazu. So ziehen sie in die Berge, kommen an einen felsigen Ort und
-steigen vom Pferde. Dann tötet er ein Pferd, zieht ihm das Fell ab,
-schneidet den Bauch auf, nimmt die Eingeweide heraus und sagt zum
-Dschihanschah: „Zieh dich aus.“ Der sagt: „Was soll ich tun?“ Der
-andere antwortet: „Du wirst in den Bauch des Pferdes gehen, eine Stunde
-schlafen und mir dann genau sagen, was du im Traum gesehen hast.“ Der
-zieht sich aus, läßt Geld und Kleidung zurück und geht nackt in den
-Bauch des Pferdes. Der Mensch näht die Haut zu und versteckt sich mit
-den andern in einem Hinterhalt. Von dem Berge kommen große Vögel,
-nehmen das tote Pferd mit dem Dschihanschah darinnen, und tragen sie
-weg. Auf der Spitze des Berges zerreißen die Vögel das Pferd. Der Schah
-kommt aus dem Innern heraus und die Vögel zerstreuen sich. Er sieht,
-daß es nicht die Stelle ist, wo er sich hat einnähen lassen, geht bis
-an den Rand des Felsens und sieht sich um. Da sieht er die Leute mit
-den Pferden. Die rufen ihm von unten zu: „Wirf uns von den dort
-befindlichen Steinen einige herunter. Ich werde dir dann den Weg
-beschreiben, komm dann herunter.“ Der Dschihanschah wirft die Steine
-herunter. Die Leute sammeln die Steine, packen sie in Säcke, legen sie
-auf die Pferde und gehen wieder in ihr Dorf zurück. Der Dschihanschah
-bleibt dort, sucht überall einen Weg, findet aber keinen. Nach einiger
-Zeit findet er einen Abstieg. Er nimmt zwei Knochen in die Hand und
-stützt sich damit auf dem Abstieg. Während er hinabsteigt, hört der Weg
-auf, so daß noch eine Entfernung von zwei Minarets Höhe bis zum Boden
-übrigbleibt. Er wirft sich hinab. Allah bewahrt ihn vor dem Tode, er
-fällt herunter und wird ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, sieht
-er, daß er bei Tagesanbruch den Berg herabgestiegen ist und bei
-Sonnenuntergang wieder zu sich gekommen ist. Es war unmöglich, weder
-vom Lande, noch vom Meere, diesen Ort zu finden. Er sieht sich um und
-erblickt in der Ferne ein Schloß. Während er überall den Weg sucht,
-findet er es, öffnet die Tür und geht hinein. Da sieht er einen
-wohlbeleibten, schönen, weißbärtigen Mann. Als der den Dschihanschah
-sieht, steht er auf und fragt ihn: „Aber, Menschenssohn, wie kommst du
-hierher?“ Der erzählt ihm sein Erlebnis. Der in dem Schlosse wohnende
-weißbärtige Alte sagt: „Mein Sohn, nimm diesen Schlüssel, öffne jede
-Tür, aber jene Tür dort, öffne nicht, denn in drei Tagen komme ich
-wieder. Aber jene Tür öffne ja nicht.“ Der weißbärtige Alte geht weg.
-Der Dschihanschah denkt: „Ach, was sollte geschehen. Ich habe schon
-soviel Unglück erlebt, da will ich auch diese Tür öffnen. Mag
-geschehen, was will.“ Er öffnet die Tür, tritt ein und sieht, daß in
-der Mitte ein Wasserbecken ist und rings darum ein Rosengarten. In den
-übrigen Räumen, deren Türen er geöffnet hatte, war nichts so Schönes,
-und keine Nachtigall ließ sich dort hören. Indem er am Rande des
-Wasserbeckens spazieren geht, setzt er sich unter einen Rosenbaum. Da
-kommt eine Taube und setzt sich auf den Stein des Beckens. Dann sieht
-er, daß sie ein Mädchen wird und daß noch eine, und noch eine Taube
-kommt. Die drei Tauben werden Mädchen. Das älteste Mädchen sagt: „Seht
-euch um, ob kein Mensch hier ist.“ Die jüngste sagt: „Seit Sultan
-Solimans Zeiten ist kein Mensch hierhergekommen. Zieht euch nur aus!“
-Sie ziehen sich aus. Als die jüngste sich auszieht, verliert der
-Dschihanschah die Besinnung und wird ohnmächtig. Diese Tauben kamen
-einmal im Jahre zu jenem Becken, badeten sich und gingen dann wieder
-weg. Nachdem sie sich nun gebadet hatten, gingen sie auch wieder weg.
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-Als der weißbärtige Alte wieder kam, sah er, daß der Dschihanschah
-nicht im Schlosse ist. Er suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht
-finden. Da kommt ihm in den Sinn: „Vielleicht hat er die Tür, von der
-ich gesagt hatte ‚öffne sie nicht‘, geöffnet und ist eingetreten, und
-dann ist ihm ein Unglück zugestoßen.“ Er fing an, im Garten zu suchen.
-Während er suchte, sah er ihn unter einem Rosenbaum liegen. Er ging
-hin, schüttelte ihn, hob ihn auf und fragte: „Was ist dir geschehen?“
-Der sagte: „Ach, Vater, ich will alles tun, was du willst, aber sage
-mir, wie ich das jüngste Mädchen bekommen kann. Ich will dir mein
-ganzes Leben dienen, aber verschaffe mir dies Mädchen.“ Der sagte: „Das
-sind Peris. Sie kommen einmal im Jahre hierher, baden sich in diesem
-Becken und gehen dann fort. Sogar wenn ich hier bin, kommen sie nicht.
-Nur wenn ich im Jahre die Regierung über die Vögel ausübe, kommen sie,
-wenn ich dazu weggegangen bin, in Gestalt von Tauben. Wenn du noch ein
-Jahr wartest, kommen sie wieder, so, wie du es jetzt gesehen hast. Wenn
-das jüngste Mädchen ihr Hemd ausgezogen hat, nimm das Hemd, und wenn
-sie dich auch noch so sehr bittet, laß dich nicht täuschen und gib es
-nicht, ehe sie dir ein Kind geboren hat.
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-Der Dschihanschah wartet ein Jahr. Nach einem Jahre geht der Herr des
-Schlosses zu den Vögeln und übergibt ihm die Schlüssel. Wie das
-erstemal öffnet er die Tür, verbirgt sich unter dem Rosenbaum. Die
-Tauben kommen und ziehen sich aus. Der Dschihanschah nimmt das Hemd des
-jüngsten Mädchens, geht weg und setzt sich unter den Rosenbaum. Die
-älteren Mädchen ziehen sich an und fliegen weg. Das jüngste Mädchen
-fleht: „Ach, gib mir mein Hemde und ich will dir angehören.“ Der
-Dschihanschah gibt es ihr nicht, bis der Herr des Schlosses kommt. Der
-kommt. Das Mädchen sagt: „Verheirate mich mit dem Dschihanschah.“ Der
-Dschihanschah sagt: „In Gegenwart meines Vaters will ich die Hochzeit
-machen. Hier gehe ich nicht ins Hochzeitsgemach.“ Der Schloßbesitzer
-ermahnt den Dschihanschah: „Paß auf, gib ihr nicht das Hemd.“ Das
-Mädchen nimmt ihn auf den Rücken und fliegt in die Luft, zeigt auf eine
-Stadt und fragt: „Welche Stadt ist das?“ Der Dschihanschah sagt: „Das
-ist meines Vaters Stadt.“ Das Mädchen steigt mit dem Dschihanschah
-zusammen herab. Der Vater und die Mutter des Dschihanschah sehen ihren
-Sohn nach drei Jahren mit einem schönen Mädchen zusammen. Sie begrüßen
-ihn und fragen: „Aber, Kind, woher kommst du?“
-
-Der Dschihanschah befiehlt: „Spaltet einen Marmorstein.“ In die Spalte
-steckt er das Hemd. Dann befiehlt er: „Es soll ein Schloß gebaut
-werden.“ Diesen Stein macht er zum Grundstein des Schlosses. Er läßt
-das Schloß bauen und die Hochzeit zurichten. Er beendigt das Schloß und
-auch die Hochzeitszurichtungen. Dann bringt man das Mädchen ins Schloß.
-Als es eintritt, riecht es den Geruch seines Hemdes, nimmt aus dem
-Stein unter dem Grundstein das Hemd, fliegt auf das Fenstergesims und
-verbleibt dort.
-
-Als die Hodschas den Dschihanschah unter Gebet in das Hochzeitsgemach
-führen, sieht er, daß das Mädchen nicht in seinem Zimmer ist. Er denkt:
-„Bin ich in ein falsches Zimmer gekommen oder bin ich verwirrt?“ Als er
-wieder umkehren will, sagt das Mädchen: „Du bist nicht verwirrt. Ich
-bin hier auf dem Fenstersims.“ Er sagt: „Komm herunter.“ Sie antwortet:
-„Als der Padischah der Vögel als Hodscha uns dort ins Brautgemach
-führen wollte, sagtest du: ‚Mein Vater und meine Mutter sollen ihren
-Wunsch erfüllt sehen.‘ Jetzt haben dein Vater und deine Mutter ihren
-Wunsch erfüllt gesehen, aber meine Eltern noch nicht. Wenn du mich
-liebst und mich haben willst, komm, suche mich im Perilande meines
-Vaters.“ Mit diesen Worten flog sie weg.
-
-Der Dschihanschah weinte und alle Verwandten und seine Eltern kamen und
-sagten: „Wir wollen dir die Tochter von dem und dem Vezir geben.“ Aber
-es nützte nichts.
-
-Das Mädchen ging zu ihren Eltern und erzählte die Geschichte, die ihr
-passiert war. Der Vater sagte: „Ach, meine Tochter, das war ein
-Königssohn. Dem warst du bestimmt. Du hättest nicht fliehen müssen.“
-Das Mädchen antwortete: „Ich hoffe, daß er mich suchen und finden wird
-oder meinetwegen sterben wird. Außerdem muß er in dem Schlosse des
-Vogelpadischahs am Becken gefunden werden.“ Auf diese Worte hin
-schickte ihr Vater zwei Peri aus, um jenen Menschen zu suchen.
-
-Der Dschihanschah bestieg wieder wie das erstemal einen Dampfer, fand
-das Land, in dem der Ausrufer ausrief, und ging wieder in das Dorf. Der
-Ausrufer fing wieder an auszurufen: „Für einen Anzug, tausend Piaster
-und ein schönes Mädchen ist eine Stunde Arbeit zu tun.“ Der
-Dschihanschah nahm Anzug, Geld, Mädchen. Sie besteigen die Pferde und
-gehen an den Fuß des Berges. Wie das erstemal geht er in den Bauch des
-Pferdes — aber diesmal nimmt er Anzug und Geld mit. — Die andern
-verbergen sich. Von der Spitze des Berges kommen die großen Vögel und
-holen das tote Pferd mit dem Dschihanschah und legen es oben auf dem
-Berge nieder. Der Dschihanschah kommt heraus, die Vögel zerstreuen
-sich. Er geht an den Rand des Berges und schaut nach unten. Die Leute
-sagen: „Wirf von dort Steine herab und wir werden dir den Abstieg
-zeigen.“ Der Dschihanschah warf ihnen keine Steine hinunter, weil sie
-ihn das erste Mal getäuscht hatten. Die Steine hatten nämlich die
-osmanische Okka [24] den Wert einer Last Gold. Wie das erstemal nimmt
-er da, wo er absteigt, für den Abstieg zwei Knochen in die Hand, stützt
-sich darauf und steigt allmählich hinunter. Als er in der Höhe von zwei
-Minarets keinen Pfad und keine Felsspalte, in die er den Knochen setzen
-konnte, findet, wirft er sich hinunter und wird ohnmächtig, kommt
-wieder zu sich, sieht sich um, erblickt das Schloß und geht hin. Er
-findet den weißbärtigen Alten, küßt ihm Hände und Füße. Dieser weiß,
-daß das Mädchen entwischt ist. Der Vater des Mädchens hatte zwei Peri
-geschickt, um den Jüngling zu suchen. Er fragte die Vögel: „Wißt ihr
-das Land der Peris?“ Die Vögel sagten: „Wir wissen es nicht, aber es
-gibt einen großen Vogel, der Smaragdvogel heißt, den frage.“ Er rief
-den Smaragdvogel und fragt ihn: „Der Vogel antwortete: Als ich noch als
-Junges im Nest lag, nahm mich meine Mutter und entfloh bis zur Grenze
-des Perilandes. Die Grenze weiß ich. Darüber hinaus gehe ich nicht.“
-Von der Grenze bis zur Stadt des Vaters des Mädchens war zu fliegen ein
-Weg von sechs Monaten, von der Grenze bis zum Schlosse des Padischahs
-der Vögel zu fliegen ein Weg von drei Monaten. Der Herr des Schlosses
-füllte einen Schlauch voll Wasser — etwa zwanzig Okka —, lädt es dem
-Dschihanschah auf den Rücken und setzt ihn auf den Vogel und schrieb
-einen Brief für ihn. Eine Monatsreise entfernt wohnte nämlich sein
-älterer Bruder. Der war auch Vogelpadischah. Er setzte ihn also auf den
-Vogel und ermahnte ihn: „Wenn der Vogel, auf den du gestiegen bist,
-‚tschak‘ sagt, gib ihm ein Stück Fleisch, wenn er ‚Tschunk‘ sagt, gib
-ihm etwas Wasser.“ Zum Vogel sagte er: „Führe diesen Dschihanschah zu
-meinem älteren Bruder. Von dort komme du wieder zurück.“ Der
-Dschihanschah nahm das Fleisch, das Wasser und den Brief und stieg auf
-den Vogel. Der Vogel brachte ihn zum Vogelpadischah, gab ihn ab und
-kehrte wieder um und gab den Brief dem älteren Bruder. Der öffnet ihn
-und liest: „Setze diesen Dschihanschah auf einen Vogel, schreibe an
-unseren älteren Bruder einen Brief, daß er ihn mit einem Vogel in das
-Periland führe.“ Der setzte ihn auf einen Vogel und schickte ihn zu
-ihrem älteren Bruder. Dieser berief die Vögel zusammen, gab einem
-großen, starken Vogel Anweisungen und der setzte den Dschihanschah, wie
-er ihm auf einem Vogel geschickt war, auch auf einen Vogel an der
-Grenze des Perilandes ab und kehrte um. Da traf er die beiden Peris,
-die der Vater des Mädchens abgeschickt hatte, um ihn zu suchen. Die
-sagten: „Das ist der Mensch, den der Peripadischah sucht.“ Sie packten
-ihn, ohne ihm weh zu tun, und brachten ihn zum Vater des Mädchens. Der
-sagte: „Ich bin zufrieden“, richtete die Hochzeit zu und führte den
-Dschihanschah in das Brautgemach und dieser erreichte seinen Wunsch.
-Nach einiger Zeit setzte er, um den Vater des Dschihanschah zu
-besuchen, seine Gemahlin auf Peris und schickte kostbare Geschenke mit.
-Als sie durch die Luft flogen, sahen sie in einem öden Lande einen Ort
-mit Wiesen und Weiden. Indem sie sagten: „Hier wollen wir eine Nacht
-bleiben“, stiegen sie aus der Luft herunter und verweilten dort.
-Während sie da saßen, ging das Mädchen, um sich den Rücken zu waschen,
-weiter fort ans Wasser und zieht sich aus. Als es in das Wasser gehen
-will, kommt aus dem Walde ein Wolf, zerreißt das Mädchen und tötet es.
-Der Jüngling erfährt, daß ein Wolf das Mädchen aufgefressen hat. Er
-hört nicht auf zu weinen, geht weder zu seinem Vater noch zu dem des
-Mädchens, sondern verweilt dort und stirbt dort.
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-17. DAS WUNDERBARE NAPF
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-Wir waren früher drei Brüder. Der eine von uns war Fischer, der andere
-Barbier, der dritte Kaffeewirt. Wir sagten zueinander: „Wollen uns auf
-den Weg machen. Wessen Geschäft vorwärtsgeht, darin wollen wir arbeiten
-und Ersparnisse zurücklegen.“ Wir gingen in eine Provinz. Der
-Kaffeewirt und der Barbier arbeiteten. Da in dem Lande kein See war, so
-konnte der Fischer nicht arbeiten. Der Kaffeewirt und der Barbier
-sagten zu mir: „Dein Geschäft geht hier nicht, gehe in ein anderes
-Land.“ Ich ging von dort weg und kam in ein Land wie Smyrna. Ich setzte
-mich in ein Kaffee. Vor dem Kaffee war ein See oder ein Meer, in dem
-man Fische fing. Da es mein Geschäft war, fing ich an, so und so, nach
-beiden Seiten, die Bewegungen des Netzeinziehens auszuführen. Der
-Kaffeewirt sagte zu mir: „Bist du verrückt? Was machst du?“ Ich sagte:
-„Ich bin Fischer.“ Da sagte er: „Ich werde dir ein Schiff kaufen.
-Arbeite in deinem Gewerbe.“ Er kaufte mir für siebenhundert Piaster ein
-Schiff. Ich fuhr aufs Meer, warf die Netze aus und legte mich hin, dann
-stand ich auf und fand in dem Netze einen Fisch. In dem Lande war ein
-Jude. Dem war im Traume gesagt: „Es wird ein Fisch gefangen werden, den
-mußt du kaufen.“ Ich kam an die Landungsstelle. Der Jude kam und sagte:
-„Gib mir schnell den Fisch.“ Ich sagte: „Ich will ihn selber essen, ich
-verkaufe ihn nicht.“ Er sagte: „Ich werde dir hundert Piaster geben,
-gib mir den Fisch.“ Ich antwortete: „Nein, ich gebe ihn nicht.“ — Ich
-dachte, er macht Scherz. — Er sagte: „Ich werde dir geben fünfhundert
-Piaster, gib ihn mir.“ Ich sagte: „Gib das Geld.“ Da zog der Mensch
-fünfhundert Piaster heraus und gab sie mir. Ich gab ihm den Fisch und
-ging ins Kaffeehaus. Mein Freund der Kaffeewirt sagte: „Nun, was hast
-du gemacht. Hast du nichts mitgebracht?“ Ich sagte: „Ich habe einem
-Juden einen Fisch für fünfhundert Piaster verkauft. Ich weiß nicht, ob
-es Trug oder Wahrheit ist. Ich glaube es nicht.“ Ich gab das Geld
-meinem Kameraden. Als es Abend wurde, sagte er zu mir: „Vorwärts, geh
-noch einmal auf den Fischfang.“ Ich ging auch. Wieder erschien dem
-Juden der Fisch im Traum. Es wurde ihm gesagt: „Kaufe den Fisch, für
-wieviel tausend Piaster er auch verkauft wird.“ Ich fing wieder einen
-Fisch. Als ich wieder an die Landungsstelle kam, sagte der Jude zu mir:
-„Gib mir den Fisch.“ Ich antwortete: „Wenn du mir zweitausend Piaster
-gibst, will ich ihn dir geben.“ Der holte das Geld heraus und gab es.
-Ich gab das Geld meinem Kameraden, dem Kaffeewirt, und ging am Abend
-wieder auf den Fischfang. Wie das vorige Mal fing ich wieder einen
-Fisch. Wieder erschien er dem Juden im Traum. Ich nahm den Fisch und
-schnitt ihm den Bauch auf. Da kam ein Napf zum Vorschein. Ich wusch es
-im Meer ab und trank einen Schluck. Da kam ein Mohr, sagte „Gesundheit“
-und legte eine Handvoll Goldstücke in das Napf. Ich sah mich nach
-beiden Seiten um, sagte: „Was ist das?“ und trank noch einmal. Wieder
-legte der Araber eine Handvoll Goldstücke hinein. Ich stieg ans Land.
-Wieder kam der Jude und sagte: „Wo ist der Fisch?“ Ich antwortete: „Da
-ist der Fisch, sein Bauch ist aufgeschnitten.“ Da sagte er: „Gerechter
-Gott!“ ging weg und wurde verrückt. Ich ging ins Kaffeehaus. Mein
-Kamerad ließ den Fisch kochen. Als er ihn aß, sagte er: „Bring schnell
-ein Glas Wasser.“ Ich ging hin, brachte in dem Napf, aus des Fisches
-Magen, Wasser und gab es meinem Kameraden. Man sagte: „Gesundheit“ und
-gab ihm eine Handvoll Goldstücke. Mein Kamerad sagte: „Gib noch etwas
-Wasser, der Fisch hat durstig gemacht.“ Ich ging hin und brachte
-nochmals Wasser. Wieder sagte man: „Gesundheit“ und gab eine Handvoll
-Goldstücke. Mein Kamerad sagte: „Was ist das für eine Geschichte.“ Ich
-sagte: „Das ist aus dem Bauch des Fisches gekommen. Nun wollen wir in
-unsere Heimat gehen. Jetzt haben wir viel Gold.“ Mein Kamerad sagte:
-„Dies Napf gehört dir, nimm es.“ Ich antwortete: „Nimm du es.“ Er
-sagte: „Ich nehme es nicht, nimm du es.“ Er gab das Napf mir und ging
-in seine Heimat. Ich nahm mir einen Meister, der mir auf dem Meer ein
-Schloß bauen sollte und schloß den Handel mit ihm ab, daß er für jeden
-Hammerschlag ein Pfund bekommen sollte. Ich ließ ein solches Schloß
-bauen, das sich nicht beschreiben läßt. Als ich eines Tages darin saß,
-kommt eine Dame mit ihrer Dienerin, grüßte und setzte sich. Während wir
-uns freundschaftlich unterhalten, sagte sie: „Gib mir zu trinken.“ Ich
-gab ihr Wasser in dem Napf aus des Fisches Magen. Wieder sagte man:
-„Gesundheit.“ Das Mädchen sagte: „Gib noch einmal Wasser in diesem
-Napf.“ Ich gab es ihr. Sie sagte: „Gib mir dies Napf.“ Ich sagte: „Wenn
-du dich mir hingibst, will ich dir das Napf geben.“ Sie sagte: „Gut,
-komm am Freitag in unser Schloß. Da wollen wir es machen.“ Dann
-beschrieb sie mir den Weg zu ihrem Hause. Ich ging dann hin. Als das
-Mädchen dort am Fenster saß, erblickte sie mich, ließ einen Strick
-hinab und zog mich hinauf. Ich ging zu ihr, wir vollzogen die Sache und
-ich ließ ihr das Napf zurück. Danach bekam das Mädchen hiervon ein
-Kind. Als ihr Vater das merkte, sagte er: „Was ist das für ein Kind?
-haben wir denn gar keine Ehre?“ Sie führten das Mädchen auf einen Berg
-und wollten es töten, taten es aber doch nicht und ließen es zurück.
-Das Mädchen ging auf die Berge, kam zu einem Hirten, zog die Kleider
-des Hirten an und gab ihm seine.
-
-Das Mädchen kam in Männerkleidung in ein Land und sah einen alten armen
-Schilfsammler und sagte zu ihm: „Nimmst du mich heute als Gast auf?“
-Der sagte: „Ich habe kein Brot und nichts zu essen.“ Die Frau des Alten
-sagte: „Der Arme mag hereinkommen und diese Nacht bei uns schlafen.“
-Sie schlief jene Nacht dort und brachte ein Kind zur Welt und sagte:
-„Zeige dies, mein Kind, niemandem, wollen es verwahren.“ Die sagten:
-„Wir sind arm und können nicht dafür sorgen.“ Da zog sie ein Goldstück
-heraus und gab es. Da sagten sie: „Wenn du es gibst, wollen wir danach
-sehen.“ Das Mädchen ging in ein großes Kaffeehaus. Vor dem Kaffeehaus
-war eine Quelle. Dort legte sie die Form eines Napfes hin und stellte
-einen Menschen auf und sagte: „Einen jeden, der aus diesem Napf trinkt
-und sich so das Napf ansieht und seufzt, bringe zu mir.“ Eines Tages
-kam ein Mann, trank aus dem Napf, sah sich das Napf an und seufzte. Man
-ergriff den Menschen und brachte ihn zum Kaffeewirt. Der sieht, daß es
-ein Verrückter ist. Man schickte den Mann, der das Napf genommen hatte,
-ins Bad, zog ihm wieder Kleider an. Er setzte sich ins Kaffeehaus.
-
-Der Vater des Mädchens war der Herrscher des Landes. Das Mädchen
-pflegte, was in diesem Lande gehandelt wurde, am Abend zu begleichen.
-Der Vater des Mädchens hört dies und sagte: „Wir haben doch keine
-Sklaven freigelassen. In der und der Provinz ist ein Mensch, der, was
-auch für Geschäfte gemacht werden, sagt: „Geh, bete für den Padischah“
-und kein Geld nimmt. Wollen doch einmal hingehen und es uns ansehen.
-Sie gehen in Derwischkleidung hin und sind Gäste in dem Kaffeehause.
-Zur Zeit des zweiten Gebetes gehen die Derwische auf den Markt, um Brot
-zu kaufen. Sie kaufen für zwanzig Para Brot und geben das Geld. Man
-antwortet: „Geh, bete für den Padischah.“ Sie kaufen bei einem
-Halwahändler Halwa. Der nahm kein Geld und sagte: „Geh, bete für den
-Padischah.“ Sie kommen wieder ins Kaffeehaus. Der Padischah sagte zu
-seinem Hofmeister: „Was ist das für eine Sache? Ich werde nicht klug
-daraus.“ Der Hofmeister sagte: „Gedulde dich, es wird schon gut.“ Eines
-Tages lud das Mädchen, das wußte, daß es sein Vater sei, ihn in sein
-Haus ein. Als sie gegen Abend in das Haus gingen, sah der Schah, daß es
-genau so wie sein Eigenes eingerichtet war, und sagte zum Hofmeister:
-„Wir wohnen wie in unserm Hause.“ Nun aßen der Bursche, der vorher der
-Besitzer des Napfes war, das er aus dem Bauche des Fisches gezogen
-hatte, das Mädchen, ihr Sohn, ihr Vater und sein Hofmeister, zu fünfen,
-zusammen. Als es ungefähr fünf Uhr in der Nacht ist, war der Bursche,
-der ihr das Napf gegeben, eingeschlafen, ebenso das kleine Kind. Da
-sagte der Vater des Mädchens zu ihm: „Gib mir etwas Wasser.“ Das ging
-hin und brachte in dem Napf aus des Fisches Bauch Wasser. Als es ihm
-gab, sagte der Mohr „Gesundheit“ und legte eine Handvoll Goldstücke
-hinein. Darauf sagte der Vater: „Mein Durst ist noch nicht gestillt,
-gib mir noch einmal.“ Das Mädchen gab ihm wieder zu trinken. Wieder
-legte man eine Handvoll Goldstücke in das Napf. Der Vater sagte: „Gib
-mir dies Napf.“ Das Mädchen antwortete: „Ich habe mich für dies Napf
-einmal hingegeben. Wenn du dasselbe tun willst, so will ich es dir
-geben.“ Da sagte er zu seinem Hofmeister: „Mach du es.“ Der sagte:
-„Nein, ich tue es nicht.“ Nachdem sie einige Zeit geschlafen hatten,
-weckte der Vater das Mädchen auf und sagte: „Komm, wollen tun, wie du
-gesagt, und gib mir das Napf.“ Als er sich dazu bereit machte, sagte
-das Mädchen: „So, fürchtest du dich nicht vor Gott? Du bist mein Vater.
-Während ich als Mädchen neunmal so sinnlich wie der Mann bin, habe ich
-meiner Sinnlichkeit nachgegeben und für dieses Napf meine Ehre
-hingegeben. Ich habe mich einem solchen jungen Manne hingegeben und
-dies Kind von ihm bekommen. Du, der du doch neunmal weniger sinnlich
-und der Schah eines Landes bist, hast jetzt auch deine Ehre für dies
-Napf hingegeben.“ Der Vater hatte bis dahin die Sachlage nicht gewußt
-und sein Kind noch nicht erkannt. Als das Mädchen ihrem Vater alles
-genau auseinandergesetzt hatte, wie sie sich dem Jüngling hingegeben
-und das Napf von ihm empfangen hatte und, als sie dann schwanger
-geworden, von ihrem Vater dem Henker zum töten übergeben und auf den
-Berg geschickt worden war, da erfuhr der Padischah, daß dies Mädchen
-wirklich seine Tochter war. Darauf weckte er den schlafenden Jüngling
-und das Kind und verheiratete seine Tochter mit dem Jüngling, da sie
-Verlangen nacheinander hatten. Die erlangten und gewährten ihr
-Verlangen. Der Vater und sein Hofmeister ließen sie dort und kehrten in
-ihre Heimat zurück.
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-18. DIE DREI SÖHNE DES PADISCHAHS
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-In alter Zeit lebte ein Padischah und dieser Padischah hatte drei
-Söhne. Der Padischah wurde blind und sagte zu seinen Söhnen: „Wenn ihr
-von einer Stelle, welche die Spur meines Pferdes nicht berührt und mein
-Auge nicht gesehen hat, eine Handvoll Erde bringt, werde ich wieder
-gesund.“
-
-Der älteste Sohn besteigt ein Pferd, macht einen Weg von vierzig Tagen
-und bringt von dort eine Handvoll Erde. Sein Vater streicht die Erde
-auf seine Augen, sie hilft aber nicht. Sein zweiter Sohn besteigt ein
-Pferd, macht eine Reise von achtzig Tagen, bringt von dort eine
-Handvoll Erde, auch sie hilft nicht. Der Padischah sagt: „Ihr habt mir
-nicht geholfen. Vielleicht findet mein jüngster Sohn den Ort, den die
-Spur meines Pferdes nicht berührt hat, und vielleicht nützt er mir,
-wenn er Erde davon bringt.“ Sein jüngster Sohn besteigt ein Pferd,
-reist hundert Tage. Nach hundert Tagen kommt er in ein Schloß. In dem
-Schlosse befand sich eine alte Frau. Die alte Frau beherbergt den
-jungen Mann, fragt ihn nach dem, was ihm geschehen ist. Er erzählt, daß
-der Padischah blind geworden ist und daß er der Sohn des Padischahs sei
-und, um Erde zu suchen, ausgezogen sei. Die alte Frau antwortet: „Wenn
-dein Vater des Morgens aus eurer Stadt aufbrach, frühstückte er zu
-Mittag in unserm Schlosse. Auf diese Art kannst du nicht den Ort
-finden, den sein Pferd nicht betreten und sein Auge nicht gesehen hat.“
-Der Jüngling antwortete: „Ja, Mutter, wie ist mir da zu helfen?“ Die
-alte Frau sagt: „Nachdem du zwanzig Tage gegangen bist, triffst du an
-dem und dem Orte eine Höhle. Geh in die Höhle. Neben der Tür ist ein
-Halfter aufgehängt. Das Halfter nimm in deine Hand und schwinge es
-einmal, dann kommen viele Pferde und sagen: ‚Mein Held, besteige mich.‘
-Steige du auf keins der Pferde. Dann kommt ein rotbraunes Pferd mit
-krummen Beinen und Krebs auf den Schultern. Dies rotbraune Pferd
-besteige und so wirst du deinen Wunsch erreichen.“
-
-Der Jüngling reist zwanzig Tage. Nach zwanzig Tagen findet er die
-Höhle, nimmt das Halfter, das an der inneren Tür hängt, schwingt es
-einmal. Viele Tiere kommen und sagen: „Mein Held, besteige mich.“ Er
-besteigt keins davon. Danach kommt ein rotbraunes Pferd mit krummen
-Beinen und Krebs auf den Schultern. Er besteigt jenes Pferd und macht
-sich auf den Weg. Nach zwei Tagen steigt er an einer hohen Cypresse ab
-und legt sich schlafen. Auf einmal ertönt, während er schläft, eine
-Stimme. Er wacht von dieser Stimme auf, springt auf und sieht, daß ein
-Drache an dem Brunnen emporzuklettern im Begriff ist. Der Jüngling
-schießt den Pfeil, den er in der Hand hat, ab und tötet den Drachen. Da
-sagen die Jungen des Vogels, die sich auf dem Baum befanden: „Mein
-Held, unsere Mutter ist ein Raubvogel, sie wird dich töten. Geh,
-verbirg dich. Dann werden wir unserer Mutter in unserer Sprache es
-sagen. Was auch immer dein Wunsch sein mag, sage ihn ihr. Vielleicht
-kann sie dir helfen.“ Der junge Mann geht und verbirgt sich irgendwo.
-Nach einiger Zeit kommt der Vogel, der die Mutter der Jungen ist, und
-sieht, daß der Drache getötet ist. Die Jungen sagen ihrer Mutter: „Der
-Jüngling, der uns gerettet hat, hat sich an jener Stelle verborgen.
-Frage ihn, was ihm fehlt.“ Da geht der Vogel hin, nimmt den Jüngling in
-seine Krallen, trägt ihn auf den Wipfel des Baumes und sagt: „Fordere
-von mir, was du willst. Ich will dich erfreuen.“ Der Jüngling erzählt
-das, was ihm geschehen ist. Der Vogel antwortet: „Dein Vater pflegte
-sein Nachmittagsgebet hier zu verrichten. Das Pferd unter dir, ist das
-Pferd deines Vaters, damit wirst du deinen Wunsch erlangen. Aber wenn
-du in Not bist, rufe mich.“ Der junge Mann bricht von dort auf. Das
-braunrote Pferd sagt: „Schließe dein Auge und öffne es nicht.“ Der
-junge Mann schließt seine Augen. Nach einer Stunde sagt es: „Öffne
-deine Augen.“ Als er seine Augen öffnet, befindet er sich an einem
-Orte, dessen Leute und Sprache ihm unbekannt und dessen Menschen ihm
-nicht gleichen. Dieser Ort war die Hauptstadt eines Padischahs. Als er
-vor dem Schloß vorbeigeht, sieht der Padischah ihn und da er merkt, daß
-er den Leuten seines Landes nicht glich, schickt er einen von seinen
-Leuten hin, läßt ihn holen und fragt: „Woher kommst du und wohin gehst
-du?“ Er antwortet: „Wenn du damit einverstanden bist, will ich in deine
-Dienste treten.“ Der Padischah ist damit einverstanden und sagt: „Ich
-habe neunundzwanzig Vezire. Du sollst der dreißigste sein.“ Er nimmt
-das Amt des Vezirs an. Die anderen Vezire haben die Absicht, den jungen
-Mann zu töten und laden ihn mit Erlaubnis des Padischahs ein. Nachdem
-sie gegessen und getrunken haben, untersuchen sie ihn. Aus seiner
-Tasche sieht der Flügel eines goldenen Vogels hervor. Einer von den
-Veziren geht zum Padischah und sagt: „Dein neuer Vezir hat geprahlt:
-Diesen goldenen Vogel will ich lebendig herbringen.“ Der Padischah läßt
-den Vezir kommen und sagt: „Ich wünsche diesen Vogel lebendig von dir.“
-Der junge Mann sagt: „Sogleich“ und ging hinaus zu dem rotbraunen
-Pferde. Das Pferd fragt ihn: „Was fehlt dir?“ Er antwortet: „Ich habe
-mir den Unwillen des Padischahs zugezogen. Er verlangt einen goldenen
-Vogel von mir.“ Das Pferd sagt: „Das ist etwas Leichtes. Besteige mich,
-schließe dein Auge. Ich werde dir helfen.“ Der junge Mann besteigt das
-rotbraune Pferd, schließt sein Auge und befindet sich sofort an der
-Stelle des großen Vogels, wo er vorher gewesen war. Der Vogel fragt den
-jungen Mann. Als Antwort bekommt er: „Der Padischah verlangt von mir
-einen goldenen Vogel.“ Der Vogel antwortet: „Geh, bringe die Tiere aus
-dieser Herde, koche sie und hänge sie an diesem Baume auf.“ Der junge
-Mann bringt die Tiere aus der Herde, kocht sie und hängt sie an einen
-Zweig. Nach einer halben Stunde kommen drei goldene Vögel zu dem an dem
-Zweige hängenden Fleische. Der andere große Vogel greift die goldenen
-Vögel an, verschwindet in der Luft und ist nicht mehr zu sehen. Der
-Jüngling geht auch. Der große Vogel hatte ihm nämlich
-auseinandergesetzt: „Sei an der Tür der Höhle, an dem und dem Orte
-anwesend und gib dir Mühe die Vögel zu fangen, wenn ich sie verfolge,
-bringe sie mit dir und sei nicht unachtsam wie dein Vater und laß den
-Vogel nicht entwischen.“ Deswegen war er — das heißt der Jüngling —,
-als der große Vogel die goldenen Vögel verfolgte und in die Luft
-geflogen war, auf sein Pferd gestiegen und zur Tür der Höhle gegangen.
-Auf einmal entsteht in der Luft ein Geräusch, der große Vogel bringt
-die goldenen Vögel herbei und treibt sie vor sich. Da der junge Mann
-nun persönlich anwesend war, gelang es ihm, mit größtem Eifer einen von
-den Vögeln, als sie in die Höhle gehen wollten, zu fangen. Danach
-verabschiedet er sich von dem großen Vogel, nimmt den goldenen Vogel,
-besteigt das erwähnte rotbraune Pferd und geht direkt in das Schloß des
-Padischahs. Der Padischah sieht, daß er den gewünschten goldenen Vogel
-gebracht hat. Daraufhin wurde die Liebe des Padischahs zu diesem Vezir
-groß, aber die anderen Vezire beneideten ihn und warteten immer auf
-eine Gelegenheit. Eines Tages luden sie wieder diesen Vezir ein, gaben
-ihm Wein zu trinken und machten ihn betrunken. Wieder ging einer von
-ihnen zum Padischah und sagte: „Dein neuer Vezir prahlte: ‚Ich will auf
-diese hohe Pappel steigen.‘“ Der Padischah rief ihn und sagte, als er
-kam: „Ich verlange, daß du auf diese Pappel steigst und mir Antwort
-bringst, was auf dieser Pappel los ist.“ Der junge Mann läßt sich auf
-Anweisung des rotbraunen Pferdes von einem Schmiede viele Nägel machen.
-Dann nimmt er einen Hammer in die Hand und schlägt einen Nagel in die
-Pappel. Auf diese Art schlägt er immer einen Nagel ein und steigt oben
-auf die Pappel. Oben auf der Pappel findet er einen goldenen
-Mädchenzopf, den ein Vogel gebracht hatte. Er steigt herunter und zeigt
-ihn dem Padischah. Der Padischah befiehlt ihm: „Ich verlange von dir
-dies goldhaarige Mädchen persönlich.“ Der junge Mann antwortet: „Zu
-Befehl.“ Darauf geht er zu seinem rotbraunen Pferde und sagt: „Der
-Padischah verlangt von mir das goldhaarige Mädchen.“ Das Pferd
-antwortet: „Besteige mich. Gott ist barmherzig. Schließe deine Augen
-und öffne sie, wenn ich es dir sage.“ Sofort befindet er sich auf einer
-Insel mitten im Meere und sieht, daß das goldhaarige Mädchen auf einem
-Throne schläft. Das Pferd befiehlt: „Nimm es mit dem Thron in deine
-Arme, aber schließe deine Augen und öffne sie nicht. Wollen abwarten,
-was Gott tut.“ Sofort nimmt der junge Mann das goldhaarige Mädchen in
-die Arme auf das Pferd, und schließt seine Augen. Da ertönt von der
-andern Seite eine Stimme: „Bruder, einmal hast du mich in dieser Welt
-mißachtet, dies zweite Mal habe Mitleid mit mir.“ Diese Stimme war
-nämlich die des zweiten Bruders des Pferdes. Dies rotbraune Pferd war
-nämlich ein Peripferd. Seinerzeit war der Vater des jungen Mannes
-hierher gekommen, um das Mädchen zu nehmen. Der zweite Bruder des
-rotbraunen Pferdes hatte es damals sich aus der Hand nehmen lassen.
-Auch diesmal hat er Mitleid, bleibt zurück und läßt zu, daß das
-goldhaarige Mädchen dem Padischah gebracht wird. Nun sagt das
-goldhaarige Mädchen: „Ich habe drei Aufträge. Wenn du sie annimmst,
-richte die Hochzeit zu und ich werde dich heiraten, sonst nicht.“ Der
-Padischah sagte: „Was dein Auftrag auch sei, sage ihn mir. Ich werde
-sehen, was sich tun läßt.“ Der erste Auftrag des Mädchens: „An dem und
-dem Orte ist ein Kayk [25] aus einer Haut, das lasse herbringen.“ Der
-Padischah trägt dem jungen Manne auf: „Geh, hole das Kayk, das da und
-da ist.“ Der junge Mann geht sofort zu dem rotbraunen Pferde und
-erzählt ihm die Sache. Das Pferd sagt: „Besteige mich und schließ deine
-Augen.“ Wieder befindet er sich auf einer Insel mitten im Meere. Das
-Pferd sagt: „Das Kayk, das der Padischah von dir verlangt hat, ist
-dieses, aber der Grund für deine Reise in diese Länder war eine
-Handvoll Erde. Diesen Platz hat weder deines Vaters Auge gesehen noch
-seines Pferdes Spur berührt. Geh hin, nimm eine Handvoll Erde.“
-Daraufhin nimmt der junge Mann eine Handvoll Erde und steckt sie in
-sein Taschentuch. Danach nimmt er das Kayk in den Arm und schließt die
-Augen. Wieder ertönt wie vorher eine Stimme. Das war nämlich die Stimme
-des jüngsten Bruders des braunroten Pferdes. Das braunrote Pferd sagt:
-„Mein Bruder, du bist ein Jüngling. Habe Mitleid mit mir. Ich möchte
-dies Kayk mitnehmen und dem Padischah geben.“ Da hat er Mitleid und
-bleibt zurück. Der junge Mann bringt das Kayk dem Padischah und
-übergibt es ihm.
-
-Der zweite Auftrag des Mädchens: „Im Meer ist ein eisenköpfiges Pferd,
-das bringe.“ Der Padischah befiehlt es dem jungen Manne. Der geht
-wieder zu dem rotbraunen Pferde. Dies sagt: „Schlage mir unter jeden
-Huf einen Batman [26] Hufeisen und lege mir auf den Rücken drei
-Ochsenhäute und klebe sie mit Pech an. Dann wollen wir sehen, ob sich
-die Sache machen läßt.“ Der Jüngling tut so, wie das Pferd es
-beschrieben hat. Danach kommen sie an das Gestade eines Meeres. Er läßt
-das rotbraune Pferd ins Meer. Nach zwei bis drei Stunden kommt es
-wieder heraus und hat das eisenköpfige Pferd am Halse gepackt. Er legt
-dem letzteren ein Halfter um den Kopf und besteigt das Pferd. Als er
-zum Palast des Padischahs kommt, schreit das Mädchen aus dem Schlosse:
-„Wärst du doch nie gekommen! Wohin gehst du?“ Da sieht sich der
-Jüngling um und sieht, daß vierzig Stuten aus dem Meer steigen und dort
-bleiben, als sie die Stimme des Mädchens hören.
-
-Der Padischah sagte: „Auch dieser dein zweiter Auftrag ist ausgeführt.
-Sage deinen dritten. Wollen sehen, was sich machen läßt.“ Da antwortet
-das Mädchen: „Laß die Milch dieser Stuten melken und in jenes Kayk
-füllen. Dann habe ich nichts mehr zu sagen. Rüste die Hochzeit und ich
-will dich heiraten.“ Der Padischah befiehlt dem jungen Manne: „Geh,
-melke jene Stuten!“ Der junge Mann melkt die Stuten mit Leichtigkeit
-und füllt das Kayk mit Milch. Da sagt das Mädchen zum Padischah: „Du
-hast wahrscheinlich nicht die vorgeschriebene Waschung vollzogen.
-Wasche dich in dieser Milch.“ Wenn sie dem Padischah, statt sich in
-Milch zu waschen, gesagt hätte: „Geh ins Feuer“, so hätte er auch das
-getan, denn so beherrschte ihn die Liebesglut zu diesem Mädchen. Sofort
-zieht er sich aus und steigt in die Milch. Nun war aber die Stutenmilch
-giftig und der Padischah stirbt sofort. Nun kam die Reihe an den jungen
-Mann. Das Mädchen sagte: „Vorwärts, mein Jüngling, der Padischah
-verstand nicht den Kniff, sich zu baden, du kennst aber den Kniff. Bade
-dich und ich werde dich heiraten.“ Der Jüngling war zum Sterben in das
-Mädchen verliebt. Als er dabei ist, sich auszuziehen und hinein zu
-steigen, faßt das Pferd ihn mit den Zähnen am Kragen und zieht ihn
-zurück. Danach wendet es ein Mittel bei der Stutenmilch an, so daß kein
-Gift bleibt. Dann steigt der Jüngling in die Milch, badet sich und
-kommt heil wieder heraus. Als er herauskommt, nimmt er das schöne
-goldhaarige Mädchen in die Arme und tausend Küsse haben nur den Wert
-eines Paras [27] für sie. Schluß: Das Mädchen wird mit dem Sohne des
-Padischahs verheiratet und sie beide erreichten ihren Wunsch und
-bringen die Erde, die eigentlich der Zweck war, im Taschentuch in das
-Reich seines Vaters. Sie streichen die mitgebrachte Erde dem Vater auf
-die Augen. Er wird mit Gottes Hilfe wieder sehend und setzt das Mädchen
-und seinen Sohn auf seinen Thron. Alle erlangten, was sie wünschten.
-Hier hat die Geschichte ein Ende.
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-19. DER GRINDKOPF
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-Früher war in Stambul ein grindiger Junge. Der sagte: „Wenn ich fünf
-Piaster hätte, würde ich ein Kunststück vollführen.“ Ein Reicher hörte
-dies, ging hin und gab ihm sieben Piaster und sagte: „Vorwärts,
-Bursche, zeige dein Kunststück.“ Der grindige Junge nahm diese sieben
-Piaster und ging zum Scherbethändler und sagte: „Nimm diese vierzig
-Para und bringe um ein Uhr diesen Scherbet in das Bad von Tacht elqalà.
-Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich in diesem Bade ausgezogen.
-Wenn er aus dem Bade gehen will, soll er den Scherbet trinken.“ Dann
-ging er hin und gab einem Pastetenbäcker sechzig Para und sagte: „Um 1½
-Uhr soll das der Sohn des Padischahs von Indien essen, wenn er aus dem
-Bade von Tacht elqalà, wo er sich ausgezogen hat, herausgeht.“ Dann
-kaufte er Tabak zu zwei Piastern und vom besten Zigarettenpapier und
-wies einen Krämer an: „Um zwei Uhr bring dies in das Bad von Tacht
-elqalà. Der Sohn des Padischahs von Indien hat sich dort ausgezogen und
-soll ihn rauchen, wenn er das Bad verläßt.“
-
-Er selbst geht um zwölf Uhr ins Bad, zog sich aus und verbarg seine
-schlechten Kleider irgendwo und setzt sich auf den Stein in der Mitte
-des Bades. Die Badediener sagen: „Grindiger Junge, geh nun endlich. Es
-ist Abend geworden. Wir wollen das Bad reinigen.“ Der grindige Junge
-sagte: „Langsam, langsam!“ Da schlugen sie ihn. Als er aus dem Bade
-gehen wollte, klopfte man an die Tür. Der Badebesitzer sagte: „Was ist
-da?“ Da sagte der Scherbetverkäufer: „Der Sohn des Padischahs von
-Indien hat sich hier umgezogen. Er wird diesen Scherbet trinken, wenn
-er aus dem Bade geht.“ Da wunderte sich der Badebesitzer, kam sofort
-und sagte: „Mein Herr, verzeihe das Versehen der Badediener. Wir
-kannten dich nicht.“ Während sie so sprachen, wurde wieder an die Tür
-geklopft. Als der Badebesitzer fragte: „Was ist das?“ Da wurde
-geantwortet: „Pasteten, die der Sohn des Padischahs von Indien essen
-wird.“ Da glaubte der Badebesitzer es wirklich. Man breitete ein
-schönes Handtuch über den Stein in der Mitte des Bades und ließ ihn
-sich dort hinlegen. Die Badediener rieben ihn mit dem Frottierlappen
-und führten ihn mit vieler Höflichkeit aus dem Bade auf das Lager. Als
-man ihn sich hinlegen ließ, wurde wieder an die Tür geklopft. Auf die
-Frage des Badebesitzers „Was ist das?“ hieß es: „Diesen Tabak wird der
-Sohn des Padischahs von Indien rauchen, wenn er aus dem Bade gehen
-wird.“
-
-Sie drehen eine Zigarette und geben sie ihm. Der grindige Junge sagt
-zum Badebesitzer: „Mein Kawaß [28] wollte mir meine Kleider
-nachbringen. Ist er noch nicht gekommen?“ Da sagte der Badebesitzer:
-„Ist nicht nötig, mein Herr. Ich habe viele Kleider.“ Dann sagte er zu
-seinem Mohren: „Geh, meine Frau soll in die Festkleider in die eine
-Tasche Gold und in die andere Silbergeld stecken. Dann bringe sie her.“
-Der Mohr ging hin und tat so. Der Grindkopf zog die schönen Kleider des
-Badebesitzers an. Als er das Bad verließ, gab er zwei Pfund den
-Badedienern, vier Pfund dem Oberaufseher und sechs dem Badebesitzer.
-Als er aufstand und weggehen wollte, sagte der Badebesitzer: „Bitte,
-mein Herr, bleibe heute als unser Gast.“ Sie standen auf und gingen in
-das Haus des Badebesitzers. Am Morgen sagt der Badebesitzer zu seinem
-Mohren: „Geh, sage dem und dem Hotelbesitzer, er soll wenigstens ein
-Zimmer zurichten.“ Der Hotelbesitzer und der grindige Junge gingen in
-das Hotel. Der Letztere blieb in einem Zimmer als Gast. Der grindige
-Junge rief den Hotelbesitzer und sagte: „Geh, miete mir vom Bazar zwei
-Diener. Der eine soll ein Mohr, der andere ein Weißer sein.“ Der
-Hotelbesitzer tat so. Darauf sagte er: „Geh, bringe mir schnell einen
-Soldatenrock und ein Martinigewehr.“ Der tat das auch. Der grindige
-Junge gab den Soldatenrock und das Gewehr dem weißen Diener und sagte:
-„Du halte Wache hier draußen vor der Tür. Wenn jemand kommt, sagst du:
-‚es ist verboten.‘“ Der tat so. Dem Mohren sagte er: „Du bleibst bei
-mir. Wenn der Soldat draußen sagt: ‚es ist verboten‘, gehe du auch
-hinaus und frage: ‚Wer ist da?‘ Wenn der Mann draußen dann sagt: ‚Ich
-bin der Diener von dem und dem‘, komme zu mir und benachrichtige mich.“
-Die taten so. Er sagte zu dem Mohren: „Kennst du den Läufer des
-Großvezirs?“ Der Mohr antwortete: „Ja, ich kenne ihn.“ Er antwortete:
-„Geh, rufe ihn mir.“ Der Mohr ging und rief ihn. Als er kam, sagte er
-zu dem Läufer: „Bist du der Läufer des Großvezirs?“ Der antwortete:
-„Ja.“ Dann sagte er: „Kannst du mir morgen gegen drei oder vier Uhr das
-Pferd des Großvezirs im Paradeschmuck bringen? Ich möchte etwas
-umherreiten und werde dir zehn Pfund geben.“ Der Läufer sagte: „Sehr
-wohl.“ Nachdem er gegangen war, sagte er zu dem Mohren: „Rufe mir den
-Läufer des Seraskers.“ Er rief ihn. Als er kam, sagte er ihm dasselbe.
-Auch der antwortete: „Sehr wohl.“ Am nächsten Tage legten die beiden
-Läufer den Pferden Paradeschmuck an und führten sie vor das Hotel. Er
-sagte zu dem Hotelbesitzer: „Suche ein gutes Pferd.“ Der antwortete:
-„Sehr wohl.“
-
-Der grindige Junge bestieg das Pferd des Großvezirs, auf das des
-Seraskers setzte sich sein Soldat, auf das des Hotelbesitzers der Mohr.
-Dann ritten sie spazieren. Als sie während des Rittes vor dem Palast
-des Padischahs vorbeikamen, fiel das Auge der Tochter des Padischahs
-auf sie. Sie fragte den Posten vor der Tür: „Wer sind die? Frage
-einmal.“ Der Posten fragte den Diener: „Wer sind die?“ Der antwortete:
-„Das ist der Sohn des Padischahs von Indien.“ Inzwischen wurde es
-Abend. Als der Padischah in sein Schloß kam, sagte seine Tochter:
-„Vater, ist der Sohn des Padischahs von Indien gekommen?“ Der Padischah
-sagt: „Nein, wenn er gekommen wäre, müßte ich es erfahren haben.“ Sie
-antwortete: „Als er heute hier vorbeiritt, habe ich ihn gesehen und zum
-Posten gesagt: ‚Frage, wer das ist!‘ Der Posten fragte und sagte: ‚Das
-ist der Sohn des Padischahs von Indien‘“. Sie ließen den Posten kommen
-und sagten: „Du hast gefragt?“ Er antwortete: „Ja, mein Padischah, ich
-habe gefragt.“ Da sagte er: „Hast du gefragt, wo er wohnt?“ Er
-antwortete: „Nein, mein Padischah, zum Fragen war keine Zeit, sie
-gingen weiter.“ Da wurde der Padischah zornig und sagte: „Soviel
-Patrouillen und Geheimpolizisten haben wir, und die ahnen nichts davon,
-daß der Sohn des Padischahs von Indien gekommen ist?“ Er ließ schnell
-einen Menschen kommen und ließ den Sohn des Padischahs von Indien
-aufsuchen. Sie fanden das Hotel und sagen dem Padischah: „Er wohnt in
-dem und dem Hotel.“ Da sagte der Padischah zu einem seiner Adjutanten:
-„Geh, rufe ihn, er soll kommen und unsere Unaufmerksamkeit verzeihen.“
-Als der Adjutant kam und nach oben gehen wollte, sagte der Posten: „Es
-ist verboten.“ Der Mohr kam heraus und fragte: „Wer ist da?“ Der
-Adjutant sagte: „Wenn es erlaubt ist, möchte ich den Bej [29]
-besuchen.“ Der Mohr ging hinein, der Prinz antwortete: „Nein, er soll
-nicht kommen.“ Der Adjutant ging wieder zum Padischah und sagte: „Er
-hat mich nicht hineingelassen.“ Der Padischah dachte: „Er ist zornig,
-weil wir ihm nicht entgegengegangen sind. Deswegen ist er ärgerlich.“
-Er ging zum Großvezir und sagte: „Rufe du ihn, er möge kommen.“ Er
-ging, wurde aber wie der Adjutant nicht hineingelassen. Da sagte der
-Padischah zum Scheich ul Islam: „Geh du hin. Wenn er nicht kommt, werde
-ich hingehen.“ Der Scheich ul Islam ging hin. Wieder sagte der Posten:
-„Es ist verboten.“ Der Mohr kam und fragte: „Wer ist da?“ Da sagte er:
-„Ich bin der Scheich ul Islam. Wenn es erlaubt ist, möchte ich
-eintreten.“ Der ging und sagte dem Grindköpfigen: „Der Scheich ul Islam
-ist gekommen. Darf er eintreten?“ Der sagte: „Ja, er mag kommen.“ Der
-Scheich ul Islam trat ein. Der Grindköpfige stand auf. Der Scheich ul
-Islam ließ ihn sich hinsetzen, begrüßte ihn und fragte ihn nach seinem
-Befinden und sagte: „Wie geht es deinem Vater, ist er gesund?“ Er
-sagte: „Es geht ihm gut, er läßt euch grüßen.“ Der Scheich ul Islam
-sagte: „Dein Vater ist ein sehr guter Mann. Er war mein Schulkamerad.“
-Nachdem sie sich gegenseitig nach ihrem Befinden erkundigt hatten,
-sagte der Scheich ul Islam: „Komm doch, bitte. Unser Padischah wünscht
-dich zu sehen.“ Da sagte der Grindköpfige: „Ist das bei euch so Sitte?“
-Der antwortete: „Was verlangst du?“ Er antwortete: „Ich verlange eine
-Regimentskapelle und ein Regiment Kavallerie.“ Er ging zum Padischah
-und sagte es ihm. Der antwortete: „So soll es sein.“ Alle Vezire holten
-ihn mit Ehrenbezeugungen in den Palast. Sie unterhielten sich im Palast
-bis zum Abend. Alle Anwesenden entfernten sich. Als sie allein waren
-und nur der Padischah und der Grindköpfige allein waren, ging die
-Tochter des Padischahs spazieren. Sie war in den Grindköpfigen
-verliebt, nimmt ein Tuch und schickt es durch eine Sklavin zu ihrem
-Vater. Damals herrschte die Gewohnheit, wenn ein Mädchen sich in jemand
-verliebt hatte, so schickte sie ihm solche Zeichen. Der Padischah
-verstand, daß seiner Tochter der Grindköpfige gefiel. Der Padischah
-dachte nach. Da sagte der Grindköpfige: „Mein Padischah, woran denkst
-du?“ Der erklärte ihm die Sache. Dieser sagte: „Sehr wohl, mein
-Padischah, aber ohne die Erlaubnis meines Vaters und meiner Mutter geht
-es nicht.“ Der Padischah sagte: „Ich werde an deinen Vater und Mutter
-schreiben, um die Erlaubnis zu erlangen. Ich werde einen Brief mit der
-Post schreiben.“ Der antwortete: „Wenn ich nicht selber hingehe, ist es
-unmöglich. Nach drei bis fünf Monaten werde ich hingehen und die
-Erlaubnis holen und wiederkommen. Dann mag es sein, wie du gesagt
-hast.“ Der Padischah: „Es ist nicht nötig, daß du selber hingehst.“ Er
-schrieb einen Brief und gab ihn dem Tataren. Der stieg auf den Dampfer
-und fuhr nach Indien. Eines Tages kam er in Indien an, ging zum
-Padischah und gab den Brief dem Padischah. Der Padischah saß in der
-Versammlung, öffnete den Brief, sah ihn an, legte ihn wieder in den
-Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Als er am Abend nach Hause
-gekommen war, las er ihn und lachte. Seine Frau sagte: „Was lachst du?“
-Er sagte: „Irgend ein junger Mann ist zum Padischah gegangen, hat ihn
-überredet, daß er der Sohn des Padischahs von Indien sei. Der ist
-bereit, ihm seine Tochter zu geben. Der junge Mann hat uns als seine
-Eltern angegeben und gesagt, daß es ohne unsere Erlaubnis nicht
-anginge. Der Padischah hat deswegen an uns geschrieben. Was soll man da
-tun?“ Seine Frau sagte: „Das ist ja gut. Ohne uns zu sehen, hat er uns
-als Eltern angenommen. Deswegen wollen wir, indem wir sagen: ‚Sehr gut,
-wir sind damit einverstanden‘, morgen einen Brief schreiben und von
-dem, von meinem Vater ererbten Vermögen einen Dampfer ausrüsten und als
-Geschenk schicken.“ So taten sie. Das Schiff mag nun nach Stambul
-gehen! Unsere Geschichte kehrt jetzt zu dem Grindköpfigen zurück.
-Seitdem der Dampfer nach Indien gefahren war, hatte er keinen ruhigen
-Schlaf gehabt. Was sollte er machen? Er schlief nicht, in dem Gedanken:
-„Wenn sie sagen, der Sohn des Padischahs von Indien hat keinen Sohn,
-werden sie mich sofort töten.“
-
-Der Dampfer kam nach Stambul, seine Pfeife ertönte. Der Grindköpfige
-wußte nicht, was er tun sollte, und ging ans Fenster indem er dachte:
-„Ich werde mich aus dem Fenster stürzen, dann bin ich wenigstens tot.“
-Die Posten ließen ihn aber nicht an das Fenster. Der Tatar kam und gab
-den Brief dem Padischah. Der Grindköpfige stand Todesqualen aus. Der
-Padischah las den Brief und sagte: „Siehst du, dein Vater hat die
-Erlaubnis gegeben.“ Der Grindköpfige sagte: „Dann ist die Sache
-erledigt. Mein Vater hat zu befehlen.“ Der Padischah sagte: „Die
-Hochzeit soll stattfinden.“ Nachdem vierzig Tage lang die
-Hochzeitsfeierlichkeiten gedauert hatten, sagte der Padischah am
-Brautnachtsabend: „Fordere von mir, was du wünschest.“ Der Grindköpfige
-sagte: „Gib dem Badebesitzer in Tacht el qalà ein Paschalik, dem und
-dem Hotelbesitzer den Posten eines Majors und dem Mann, der die fünf
-Piaster gegeben hat, einen Posten.“ Der Padischah sagte: „Es soll
-sein.“ Der Grindköpfige wurde Schwiegersohn des Padischahs. Jetzt
-wollte der Grindköpfige mit seiner Frau nach Indien gehen. Der
-Padischah gab die Erlaubnis und sie gingen nach Indien. Als die Pfeife
-des Dampfers ertönte, fragte das Volk: „Was ist das?“ Man sagte: „Der
-Sohn des Padischahs ist gekommen. Es sollen Feste gefeiert werden und
-die Bevölkerung soll ihm entgegen gehen.“ Die alten Leute sagten:
-„Hatte der Padischah einen Sohn? Das ist nicht sein Sohn.“ Trotzdem
-gingen sie ihm entgegen und führten ihn ins Schloß. Dort lebten sie
-vergnüglich.
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-20. IM ALTER ODER IN DER JUGEND?
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-Eine weite Wiese im nebeligen, dunkelblauen Schatten von unendlichen
-Wäldern, in die kein Vogel dringt!... In ihrer Mitte fließt ein
-azurblauer Bach... Tausende von Pferden und Stuten tollen im goldigen
-Licht der neuaufgehenden Sonne... Hunderttausende von Schafen blöken.
-Gebrüll und Gewieher! In weiter Ferne erheben sich unzählige Gipfel
-schneebedeckter, hoher Berge, die silbergekrönten Häuptern gleichen, in
-den Himmel. In der Mitte ein Schloß. Vor der Tür des Gartens, der es
-umgibt, stehen bewaffnete, berittene Helden und bellen Hunde.
-
-Das ist der Wohnort eines türkischen Bejs.
-
-Der Besitzer dieses Heims ist der fünfundzwanzigjährige Hassan Bej. Er
-kennt nicht die Zahl seiner Schafe, Pferde, Kamele und seiner in alle
-Welt ziehenden Karawanen. Die Grenzen seines Besitzes sind unbekannt.
-Aus Azerbaidschan, Turkistan, Bagdad, Syrien, Anatolien, aus der
-europäischen Türkei kommen Briefe seiner Leute und sagen: „Mehr als die
-Hälfte der Welt gehört Hassan Bej.“ Die Reisenden erzählen, daß vom
-Osten bis zum Westen sein Name genannt wird.
-
-Hassan Bej, der sein Vermögen und seinen Besitz nicht kennt, besaß zwei
-Zwillingskinder im Alter von sechs Jahren, Turgud und Korkud. Die
-schönste Frau der Welt, Uludsch Begum hatte sie Hassan im Jahre, da sie
-ihn geheiratet, geboren. Jeder hielt sie für Feenkinder. So schön waren
-sie, daß ihre großen schwarzen Augen, die sich gänzlich glichen, zu
-sehen, die Frauen von den Stämmen, die mehr als einen Monat entfernt
-wohnten, kamen und Uludsch Begum beglückwünschten.
-
-Hassan Bej war der einzige Sohn seines reichen, heldenhaften Vaters,
-der vor drei Jahren gestorben war. Jeden Tag ging er auf die Jagd,
-spielte Polo, dankte Gott für den unzählbaren Reichtum, den ihm das
-Geschick gegeben, unterstützte die Armen, half den Hilfesuchenden, kurz
-tat nichts anderes als Gutes, Großes und Heldenhaftes.
-
-Obgleich er so reich war, gab er doch nicht seinen Gelüsten nach, trank
-nicht, brachte sein Leben mit seiner geliebten Uludsch Begum und seinen
-Kindern zu, ging früh zu Bett und stand früh auf. Er war sehr
-glücklich.
-
-Aber eines Nachts erschien ihm im Traum ein Derwisch und fragte ihn:
-
-„Hassan Bej, dir wird ein großes Unglück zustoßen. Soll es in deinem
-Alter oder in deiner Jugend kommen?“
-
-Er gab keine Antwort und sagte, als er aufwachte: „Hoffentlich läuft es
-gut ab.“ Er umarmte Turgud und Korkud, die vor ihm aufgewacht waren und
-küßte sie. An dem Tage war er bis zum Abend weder auf der Jagd noch
-beim Polo aufgelegt. In der Nacht konnte er in seinem Bette nicht
-einschlafen. Gegen Morgen kam eine Müdigkeit über ihn. Kaum waren seine
-Augenlider zugefallen, als der gestrige Derwisch wieder vor ihm stand
-und, während sein langer Bart sich bewegte, fragte:
-
-„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in
-deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“
-
-Wieder fuhr er empor und wachte auf. Seine Kinder und ihre geliebte
-Mutter schliefen noch. Er sah sie an. Also dieses Heim, dieses heilige
-Nest, sollte von der grausamen Hand des Schicksals zerstört werden.
-Aber jetzt oder später? Er fing an nachzudenken. Er konnte sich nicht
-entschließen, zu sagen: „Jetzt ... in meiner Jugend.“ Sollte er nicht
-Mitleid haben mit einer solchen Frau und solchen zwei schönen Kleinen?
-Mögen sie groß werden, mag es dann in seinem Alter kommen, was es auch
-sein möge.
-
-An dem Tage ging er nicht aus. Er saß wie ein Kranker zu Hause. Gegen
-Abend änderte sich allmählich sein Entschluß. So reich wie Hassan Bej
-war, so tapfer war er auch. Wie er sich vor keinem Feinde fürchtete, so
-fürchtete er sich auch nicht vor dem Unglück. Warum sollte er dies
-Unglück in seinem Alter wünschen? Wenn indessen das Unglück in seiner
-Jugend über ihn käme, würde er das ihm entgegentretende Unglück mit der
-Kraft seines Armes erhellen können. Er vertraute auf sich. Da das
-Unglück ihm nun einmal bestimmt war, sollte es in der Zeit der Kraft
-und des Feuers, in der Jugend, über ihn kommen.
-
-Sobald er den Entschluß gefaßt hatte, schlief er gut. Im Traum kam
-wieder der Derwisch und wiederholte seine Frage:
-
-„Hassan Bej, über dich wird ein sehr großes Unglück kommen. Soll es in
-deinem Alter oder in deiner Jugend kommen?“
-
-Hassan Bej rief: „In der Jugend, in der Jugend“ und wachte auf.
-
-Uludsch Begum und die Zwillinge wachten auf. Er aber sagte ihnen nur:
-„Schlaft nur. Ich habe im Traum gerufen. Macht es euch nur bequem.“
-
-Bis zum Morgen schloß er kein Auge. Als es Morgen wurde, befahl er die
-Pferde zu satteln. Er wollte frische Luft schöpfen und einen längeren
-Ritt machen. Während er mit seinen Leuten aus der Tür des Hauses ging,
-sah er fünf bis zehn Bettler. Ihre Kleider waren zerrissen. Durch die
-Risse ihrer Mäntel waren ihre verwundeten Körper zu sehen. Sie
-schwankten, da sie sich vor Hunger nicht mehr aufrecht halten konnten.
-Er steckte seine Hand in seinen Busen und zog eine Handvoll Goldstücke
-heraus und warf sie unter die Armen als Almosen.
-
-Er dachte, sie würden gierig danach greifen. Jedoch keiner rührte sich.
-Da sagte Hassan Bej: „Ihr Unglücklichen, warum nehmt ihr nicht mein
-Geschenk?“
-
-Alle riefen einstimmig: „Wir sind keine Bettler.“
-
-Hassan fragte erstaunt: „Woher kommt euer Elend? Wer seid ihr denn?“
-
-Da trat einer von ihnen vor, öffnete die Hände und sagte: „Mein Bej,
-sieh mich an. Wenn du deutlich hinsiehst, wirst du mich erkennen. Wir
-waren Verwalter deiner Waren im Osten.“
-
-Hassan Bej war erstaunt, erkannte sie alle und rief aus: „Was ist aus
-euch geworden? Wie kommt ihr in diesen Zustand?“
-
-Die Leute, die er für Bettler hielt, erklärten ihm genau, was ihnen
-zugestoßen war.
-
-Chinesen, Räuber, persische Reiter hatten im Osten alles geplündert.
-Alle Türken, die sie in die Hände bekommen konnten, hatten sie getötet.
-Mit tausend Mühen und Entbehrungen hatten sich nur diese fünf bis zehn
-Leute retten können. Der Schaden ließ sich nicht abschätzen.
-
-Hassan Bej verzweifelte nicht und sagte: „Sorgt euch nicht, einem
-Unglück gegenüber, das von Gott kommt, gibt es nichts anderes als sich
-fügen.“
-
-Einen ganzen Monat lang kamen jeden Morgen haufenweise Fremde und
-Bettler und sagten, daß sie zum Hause gehörten. Hassan Bej war nichts
-übriggeblieben. Alle seine unermeßlichen Waren in Azerbaidschan, im
-Kaukasus, in Turkistan, Bagdad, Syrien und der europäischen Türkei
-waren vernichtet und geraubt.
-
-Jeden Tag regnete Unglück über dies Haus.
-
-Eines Tages empörten sich auch die Leute Hassan Bejs, plünderten,
-verbrannten, zerstörten, raubten alles, was ihnen in die Hände kam.
-Hassan Bej leistete ihnen mit ein paar treuen Dienern Widerstand. Er
-rettete seine Frau und die Kinder, war aber gezwungen sein Vaterhaus zu
-verlassen. Zwei Tage und zwei Nächte durchquerten sie Berge und Hügel.
-Endlich kamen sie in eine türkische Stadt. Dort kaufte er von dem
-Gelde, das er bei sich hatte und von den kostbaren Waffen ein Haus. So
-tapfer wie er war, so gelehrt war er auch. Er sammelte Schüler um sich
-und wurde Lehrer an einer neuen Schule der Stadt. In seinem Hause waren
-nur seine Frau und die Zwillinge. Jeden Abend kam er nach Hause und da
-er dachte, daß dies das Unglück wäre, das ihm in seiner Jugend zustoßen
-sollte, dankte er Gott.
-
-Eines Tages war er in der Schule. Uludsch Begum hatte ihre Zwillinge
-spazierengehen lassen. Da hörte man „Feuer, Feuer“ rufen. Die
-Bevölkerung der Stadt eilte nach dem Viertel, wo Hassan Bej wohnte.
-Auch Hassan Bej lief. Was sieht er auf einmal? Sein Haus brennt.
-
-Indem er sagte „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt
-nichts anderes übrig als sich zu fügen“, umarmte er seine Kinder, die
-ihm in die Arme liefen.
-
-Der Sommer war gekommen. Im Sommer zerstreuten sich die Schulkinder. Da
-ihm kein Platz zum wohnen geblieben war, zog sich Hassan Bej in ein
-Dorf zurück. Dort fand er für sich eine kleine Hütte und wurde
-Rinderhirt. Dies Dorf lag an einer großen Straße. Jeden Tag kamen
-Reisende und Karawanen vorbei.
-
-Uludsch Begum blieb tagsüber mit den Zwillingen zusammen in der Hütte
-und wusch die Wäsche der Reisenden und gab ihnen Airan [30] und
-Joghurt. Das Dorf bestand aus fünf bis zehn Häusern und fünfundzwanzig
-bis dreißig Hütten. Hassan Bej sammelte frühmorgens seine Schafe,
-Ziegen und Rinder und ging aus dem Dorf. Gegen Sonnenuntergang kam er
-wieder.
-
-Eines Tages war der persische Gesandte, der aus dem Abendland
-zurückkehrte, in dem größten Gebäude des Dorfes, einem Steinhause,
-eingekehrt und hatte seine Wäsche der Frau des Hassan Bej geschickt, um
-sie zu waschen. Uludsch Begum hatte diese Wäsche gewaschen und am
-nächsten Tage, nachdem sie sie getrocknet hatte, dem Burschen des
-Gesandten gegeben. Als der Bursche durch die Hecke der Hütte die
-Uludsch Begum sah, war er erstaunt, lief sofort zu seinem Herrn und
-sagte: „Ach, Mirza, wenn du diejenige, die diese Wäsche gewaschen hat,
-sähest, würdest du rasend.“ Er beschrieb ihm die Schönheit der Uludsch
-Begum, daß der Gesandte sich, ohne sie zu sehen, in sie verliebte.
-
-Hassan Bej hatte, wie jeden Morgen, seine Herde gesammelt und war der
-aufgehenden Sonne entgegen gegangen. Da wurde an die Hecke der Hütte
-geklopft.
-
-Uludsch Begum gab Torgud und Korkud zu essen. Sie eilte zur Türe, weil
-sie glaubte, daß wieder ein Reisender Wäsche gebracht habe. Es war
-jedoch der Bursche des Gesandten. Dieser sagte: „Frau, mit der Wäsche,
-die du gewaschen hast, war seine Exzellenz der Gesandte sehr zufrieden.
-Er will dir diesen Backschisch geben.“ Dabei zeigte er ihr einige
-Goldstücke, die er in der Hand hatte. Uludsch Begum wollte sie nicht
-nehmen. Der Bursche drang in sie. Als sie schließlich, um sie zu
-nehmen, errötend ihre Hand durch den Türspalt steckte, ergriff der
-Bursche sie und zog sie hinaus. Uludsch Begum schrie und versuchte
-Widerstand zu leisten. Sie hatte keine Waffen. Auf den Lärm kamen auch
-die Kinder herbei. Einige Perser erschienen noch und stürzten sich auf
-Uludsch Begum, banden sie, verstopften ihr den Mund, setzten sie auf
-den Sattel eines Pferdes, schlossen sich im Galopp dem vorausreitenden
-persischen Gesandten an und verschwanden in den Gebüschen des Weges,
-der nach Persien geht, und in dem Staub, den sie aufgewirbelt hatten.
-
-Am Abend kehrte Hassan Bej, nachdem er seine Herden entlassen, in seine
-Hütte zurück. An der Tür fand er Torgud und Korkud. Beide sagten
-einstimmig: „Vater, heute hat der persische Gesandte unsere Mutter
-geraubt und ist mit ihr entflohen.“
-
-Hassan begriff, daß jetzt das schlimmste Unglück ihn getroffen habe,
-aber er war nicht niedergeschlagen und weinte nicht und sagte: „Einem
-Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts anderes übrig als
-sich zu fügen.“
-
-Er faßte seine Kinder an die Hand, legte in seinen Rucksack etwas Brot
-und ging den Blick zur Erde, die Schultern gebeugt langsam nach
-Persien. Sie folgten den Spuren der Hufe, die noch nicht verwischt
-waren.
-
-Als Hassan Bej in Gedanken versunken dahinging, freuten sich seine
-Kinder in dem Gedanken, daß sie ihre Mutter suchten. Nacht und Tag,
-Morgen und Abend gingen sie geradeaus über Berge und Hügel. Sie
-schliefen in den Höhlen der Wälder und tranken das Wasser aus den
-Quellen, die sie fanden.
-
-Eines Tages sah Hassan Bej, daß vor ihrem Wege ein breiter Strom floß.
-Auf der rechten Seite des Stromes war ein Wald. Er fand eine Furt. Wenn
-er beide Kinder in den Arm nähme, würde er die Furt nicht
-durchschreiten können. Er dachte: „Zuerst werde ich einen von ihnen
-hinüber bringen und drüben lassen, dann umkehren und den anderen
-holen.“
-
-Er nahm Torgud in die Arme und sagte zu Korkud: „Mein Junge, passe auf
-uns auf. Ich werde deinen Bruder drüben lassen und dann zu dir
-umkehren.“
-
-Er ging ins Wasser. Das Wasser reichte ihm bis an die Hüfte und kam
-allmählich bis an die Schultern. Er gab Acht, daß er nicht von der
-Strömung ergriffen würde. Da hörte er hinter sich ein jämmerliches
-Geschrei. Der am Ufer zurückgebliebene Korkud schrie. Er wandte den
-Kopf um und sah, daß ein großer Bär das Kind ergriffen hatte und mit
-ihm in den Wald ging. Er beeilte sich, wieder die Waldseite zu
-erreichen. Dabei stieß er an einen Stein, schwankte, fiel und Torgud,
-den er im Arm hielt, wurde vom Wasser ergriffen und fortgerissen. Wie
-sehr er sich auch bemühte, ihn durch Schwimmen zu erreichen, es glückte
-ihm nicht.
-
-Schließlich kam er ganz allein drüben an, setzte sich auf einen Stein,
-stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. In einem Augenblick
-hatte er beide Kinder verloren, die er noch vor fünf Minuten in seinen
-Händen hielt. Trotzdem wurde er nicht mutlos und weinte nicht, sondern
-sagte: „Einem Unglück gegenüber, das von Gott kommt, bleibt nichts
-anderes übrig als sich zu fügen“, und setzte den Weg nach Persien, den
-er zur Hälfte zurückgelegt hatte, fort.
-
-Als er nach Persien kam, fragte er nach dem Gesandten und ließ überall
-suchen. Niemand kannte ihn. Es hieß, er sei jetzt nach Indien gegangen.
-Zehn Jahre lang durchwanderte er Persien, fand aber keine Spur von
-seiner Frau. Schließlich kam er in die Hauptstadt und suchte sie dort.
-
-Eines Tages ging er an einer Versammlung vorbei. Drinnen stritten sich
-die Lehrer und Gelehrten. Er hörte zu und gab Acht. Es sollte auf
-Befehl des Schahs als Gegenstück zu dem persischen Heldenbuch ein
-turanisches [31] Heldenbuch geschrieben werden. Die Weisen stritten
-sich untereinander, indem jeder sagte: „Du kannst das nicht schreiben,
-ich werde es tun.“ Hassan Bej sagte sofort: „Brüder, ich bin auch
-schreibgewandt. Wenn ihr wollt, werde ich es schreiben.“
-
-Die Gelehrten und Dichter hielten alle den Hassan Bej für verrückt,
-lachten und sagten: „Kerl, du bist ein Türke und verstehst nichts
-anderes als reiten und das Schwert zu gebrauchen. Geh an deine Arbeit.“
-
-Hassan Bej antwortete: „Ich bin ein Türke, aber ich kann die Feder
-ebenso gut wie das Schwert gebrauchen. Macht einen Versuch. Ich werde
-es schreiben. Wenn es euch nicht gefällt, zerreißt es, werft es weg und
-jagt mich davon.“
-
-Die Gelehrten, Fürsten und Lehrer gaben diesem seltsamen Türken ein
-Blatt und Feder, um sich über ihn lustig zu machen. Hassan Bej setzte
-sich hin und schrieb in einem Anlauf das erste Lied des turanischen
-Heldenbuches. Alle, die es lasen, waren erstaunt.
-
-Die Perser gaben dies Gedicht, gleich als ob sie es selber geschrieben
-hätten, dem Schah. Der Schah war ein sehr schöner, alter Mann, der den
-Grad der Fähigkeiten und Geschicklichkeit seiner Dichter sehr wohl
-kannte, und sagte: „In unserem Lande ist keiner, der ein solches
-Gedicht schreibt. Sucht den, der es geschrieben und bringt ihn zu mir.“
-
-Da konnten die Perser die Wahrheit nicht verbergen und gaben den Hassan
-Bej an. Der Schah machte ihn zur Belohnung für seine Begabung zu seinem
-Hofdichter und trug ihm auf, das turanische Schahname zu schreiben.
-
-Hassan Bej war jetzt von aller Not befreit, aber er dachte nicht an
-Reichtum und Besitz, sondern konnte seine geliebte Frau Uludsch Begum
-und Torgud und Korkud nicht vergessen. Er verbrachte sein Leben in dem
-Palast des Schahs gleichwie in einem Gefängnis verzweifelt und bedrückt
-zu.
-
-
-
-Der Bär, der Korkud ergriffen hatte, hatte seine Beute nicht gefressen
-und nicht getötet, sondern ihn in seine Höhle gebracht und gefüttert.
-Das Kind fand im Sommer die Gelegenheit in ein Dorf zu entwischen. Dort
-kam es auf das Gut eines Bejs. Torgud, den der Strom fortgerissen
-hatte, war nicht ertrunken. Der Strom hatte ihn in das Rad einer Mühle
-getrieben. Als das Rad stillstand, war der Müller hingelaufen und hatte
-dies Kind, das ihm der Strom zugeführt hatte, als Sohn angenommen.
-
-Sommer und Winter waren vergangen. Nach zehn Jahren waren die Kinder
-erwachsen und immer schöner geworden. Wohl weil sie Zwillinge waren,
-erinnerten sich beide zu gleicher Zeit, daß sie einst eine Mutter
-gehabt hatten, daß diese von dem persischen Gesandten geraubt sei und
-daß ihr Vater, um diesen Gesandten zu suchen, nach Persien gegangen
-sei. Eines Tages machten sie sich beide auf den Weg nach Persien und
-trafen sich. Nachdem sie sich begrüßt hatten, fragten sie sich:
-
-„Bist du ein Türke, Bruder?“
-
-„Ja, ich bin ein Türke.“
-
-„Dann sind wir ja stammverwandt.“
-
-„Sicherlich.“
-
-„Wohin gehst du?“
-
-„Nach Persien.“
-
-„Ich auch.“
-
-„Dann können wir ja zusammengehen und Reisegenossen sein.“
-
-„Sehr wohl.“
-
-„Sehr wohl.“
-
-Dann durchwanderten sie Täler und Höhen und kamen schließlich in die
-Hauptstadt Persiens. Diese jungen Reisenden waren so schön, so gesetzt,
-daß selbst das Schloß von ihrer Schönheit hörte und der Schah sie an
-den Hof holte.
-
-Das Türkentum und die Stammesliebe verband sie beide so sehr, daß sie,
-obwohl sie nicht wußten, daß sie die gleichen Eltern hatten, sich nicht
-voneinander trennten. Sie ritten zusammen, lernten ihre Aufgaben
-zusammen und machten ihre Übungen zusammen.
-
-Inzwischen war ein Jahr vergangen. Die beiden Lieblinge des Hofes waren
-siebzehn Jahr alt geworden. Jetzt war ihre Tapferkeit und ihre
-Geschicklichkeit im Reiten, im Waffengebrauch, im Bogenschießen ebenso
-berühmt wie ihre Schönheit geworden. Eines Tages wünschte ein
-Gesandter, der ins Abendland ging, zwei Helden, um seinen Palast zu
-schützen. Der Schah wollte seinen alten Gesandten erfreuen und gab ihm
-diese beiden Helden, die er am meisten liebte. Der Gesandte nahm diese
-beiden einander ähnlichen Helden, die der Schah ihm schenkte, an,
-brachte sie in seinen Palast und gab ihnen die Schlüssel zu seinem
-Harem. Er selbst stieg zu Pferde und ging auf seinen neuen Posten.
-
-
-
-Torgud und Korkud wohnten seit drei Monaten als Wächter im Palast des
-persischen Gesandten. Der Sommer kam, die Nächte wurden kürzer und die
-Nachtigallen fingen an zu singen. Vor der Tür des Harems war ein mit
-eingelegter Perlmutterarbeit verzierter Vorraum. Bei Mondschein setzten
-sich die beiden dorthin, schauten in das silberne Wasser, das aus dem
-Springbrunnen eines gegenüberliegenden Beckens sprang, und in den
-Widerschein des Mondes darin und erzählten sich von diesem und jenem.
-Gerade über diesem Sitzplatze war ein vergitterter Balkon.
-
-Wieder stieg der Mond empor, indem er die Wolken verscheuchte und
-tauchte alles in ein blaues Licht. Torgud und Korkud standen in den
-Geruch, der aus den Blumen emporstieg, und in das blaue Dunkel, das
-unter den Zweigen der Bäume herrschte, versunken.
-
-Beide waren geborene Dichter. Die Muse der Inspiration erwachte in
-ihnen. Torgud sagte:
-
-
- „Einst glänzte mir des Lebens Sonnenschein.
- Ich nannte Vater, Mutter, Bruder mein.
- Die Mutter haben Perser mir gefangen.
- Nicht weiß ich, wo der Vater hingegangen.
- Noch vor dem Frühling ist der Herbst schon da;
- Nacht ist’s, noch eh das Morgenrot ich sah.
- Der Strom hat mich ans Mühlenrad getrieben.
- Was tat der Bär wohl mit Korkud, dem lieben?“
-
-
-Korkud antwortete folgendermaßen:
-
-
- „Dein Funken hat in mir ein Licht entfacht,
- Das wie ein Blitz erhellt des Dunkels Nacht.
- Beim Bären einst ich lange Zeit verweilte,
- Sein Lager jahrelang ich mit ihm teilte.
- Sag’, Freund, bist du Torgud, der Bruder mein?
- Bist du’s, so sag’, wo mag der Vater sein?
- Die Eltern suchend zog ich in die Weite.
- Beim ersten Schritt standst du an meiner Seite.“
-
-
-Als die beiden Brüder sich erkannten, sagten sie: „Ach, Bruder“ und
-umarmten sich und weinten. Nach kaum einer Minute hörten sie unter
-Tränen ein Geräusch. Sie hielten an und hörten genau hinan.
-
-Eine ungeduldige Hand schlug an das Gitter des Balkons. Als das
-Geräusch sich gelegt hatte, hörten sie die Stimme einer schluchzenden
-Frau folgende Worte sagen:
-
-
- „Zehn Jahre lang bin ich in fremden Landen.
- Der Ehre wegen liege ich in Banden.
- Die Kinder sind gekommen, mich zu retten,
- Zu lösen mich aus meines Feindes Ketten.
- Mein Torgud und Korkud, ihr meine Freude.
- Ich setze meine Hoffnung auf euch beide.
- Ach, kommt und gebt mir meine Freiheit wieder!
- Matt ist mein Geist und müde sind die Glieder.“
-
-
-Die beiden Brüder sprangen auf, zerbrachen die Tür des Köschks [32] und
-stiegen nach oben, öffneten die Tür des Zimmers und traten ein. Eine
-bleiche Frau, deren Haare über die Schultern fielen, streckte ihre in
-Ketten liegenden Arme der Türe entgegen und wartete auf sie unter
-Tränen. Sie stürzten sich sofort in diese heiligen Arme.
-
-Die Frau sagte: „Ach, meine Kinder, ich bin eure Mutter.“
-
-Sie waren verwirrt, konnten es nicht glauben und hielten es für einen
-Traum.
-
-Es war jedoch kein Traum, sondern Wahrheit. Der Gesandte, der Uludsch
-Begum geraubt hatte, hatte sie, weil sie ihrem Manne treu blieb, in
-seinem Harem eingekerkert. Der Gesandte ließ immer, wenn er wegging,
-für seinen Palast zwei Wächter zurück. Uludsch Begum, die sich in zehn
-Jahren dem Perser nicht hingegeben hatte und in den Nächten aus Kummer
-über ihre Kinder nicht hatte schlafen können, hatte der Poesie der
-unten plaudernden jungen Wächter zugehört und erkannte, daß es ihre
-Söhne seien. Sie holte sie hinein, und sie fingen an zusammenzuleben.
-Der Gedanke an ihren unglücklichen Vater Hassan Bej minderte ihre
-Freude. Sie beteten, daß er gesund sein möge.
-
-Uludsch Begum tröstete ihre Kinder und sagte: „Sorgt euch nicht. Ich
-glaube nicht, daß er gestorben ist, da wir uns ja wiedergefunden haben.
-Der große Gott wird uns auch mit ihm vereinigen.“
-
-Die Tage des Glücks vergehen schnell. Eines Tages kam der Gesandte. Als
-er erfuhr, daß die beiden Wächter im Harem seien, hielt er es vor Zorn
-und Wut nicht einmal mehr nötig, Untersuchungen anzustellen, sondern
-lief in das Schloß, beklagte sich beim Schah und flehte, daß die beiden
-Wächter, die seine Ehre angegriffen hätten, und die Frau sofort
-hingerichtet werden sollten. Der Schah war ein sehr weiser und
-bedächtiger Mann und sagte: „Ohne richterliches Verfahren gibt es keine
-Hinrichtung. Wir wollen sie hierher holen und fragen, warum sie dies
-Verbrechen begangen haben. Nachdem wir ihre Antwort angehört haben,
-wollen wir sie aufhängen.“
-
-Der Gesandte konnte nicht widersprechen. So wurde denn ein Rat
-zusammengerufen. Die Soldaten gingen hin und holten Uludsch Begum und
-ihre beiden Söhne. Die Untersuchung verlief sehr tragisch. Als Uludsch
-Begum auseinandersetzte, wie sie ihre Kinder gefunden und wie der
-Gesandte sie aus ihrem Heim geraubt habe, weinte die ganze Versammlung.
-
-Währenddessen stand der Hofdichter des Schahs, Hassan Bej, auf und
-umarmte Uludsch Begum und seine beiden Söhne mit den Worten: „Ach,
-meine Frau, ach, meine Söhne!“
-
-Der Schah war über dies Ereignis so aufgeregt, daß er, ohne auf die
-Fürbitte Hassan Bejs zu hören, sofort den Gesandten aufhängen ließ,
-seinen Palast dem Hassan Bej schenkte und ihn zum Großvezir machte.
-
-Hassan Bej, Uludsch Begum und ihre beiden Kinder waren nun glücklich.
-Alle vergaßen das Unglück, das sie in zehn Jahren durchgemacht hatten.
-Tatsächlich vergißt man ein Unglück schnell. Hassan Bej dankte Gott,
-daß er das ihm bestimmte Unglück in seiner Jugend sich gewünscht hatte.
-Hätte er es sich in seinem Alter gewünscht, hätte er dann wohl solche
-Glückstage erleben und solches Glück kosten können? Hassan Bej blieb
-nicht allein Vezir. Der Schah hatte keinen Sohn. So machte er seinen
-Großvezir zum Nachfolger. Nach einem Jahr starb er und Hassan Bej wurde
-Schah über die persischen Lande. So war auch der persische Thron wie
-die Throne von ganz Asien auf die türkische Rasse übergegangen. Noch
-heute sitzt auf dem persischen Thron wie auf den Thronen ganz Asiens
-ein Sohn der großen türkischen Rasse.
-
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-
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-
-21. DER OBERSTERNDEUTER
-
-
-Es war einmal ein sehr armer Mann, der sein Leben damit fristete, alte
-zerrissene Stiefel auszubessern. Dieser arme unglückliche Mann hatte
-eine ebenso unglückliche Frau und eine Tochter.
-
-Eines Tages ging die Frau dieses Armen mit ihrer Tochter ins Bad, um
-sich zu baden. Sie treten in die Badezelle. Während sie anfangen wollen
-zu baden, kommt die Badefrau und sagt, daß sie aufstehen müssen, weil
-die Frau des Obersterndeuters sich dort baden will. Die Armen verlassen
-den Raum und gehen in einen anderen. Dort rüsten sie alles zu und
-lassen das Wasser laufen. Gerade als sie sich baden wollen, kommt
-wieder die Badefrau und erklärt, daß diese Zelle für das Fräulein
-Tochter der Obersterndeuterin bestimmt sei. Sie gehen in eine andere.
-Dort war nun gerade die erste Verwalterin der Obersterndeuterin, eine
-vierte war für die Sklavinnen, eine fünfte für die Dienerinnen, eine
-sechste und siebente usw. für die Familienangehörigen der
-Obersterndeuterin bestimmt. Überall werden sie so fortgejagt. Daraufhin
-ärgert sich die Frau, sie wird aufgeregt und kehrt zornig in ihr Haus
-zurück.
-
-Am Abend kommt der arme Schuhflicker, der eine mit Mühe und Not
-verdiente Okka Brot in sein Kattuntaschentuch gewickelt und ein Bund
-Zwiebeln am Ende seines Stockes aufgehängt hat, und klopft an die Tür.
-
-Die Frau öffnet ihrem Manne die Tür, aber gleichzeitig öffnet sich auch
-ihr Mund. Der unglückliche Mann weiß nicht, was die Veranlassung zu
-diesem Empfange gewesen ist, und wünscht Aufklärung. Die Frau erklärt
-ihm die Sache und vergißt nicht folgende energische Erklärungen
-hinzuzufügen:
-
-„Mann, entweder wirst du Obersterndeuter, damit wir, wenn wir ins Bad
-gehen, mit gleicher Ehrerbietung behandelt werden, oder ich lasse dich
-nicht mehr ins Haus herein.“
-
-„Aber, Frau, ich bin ein ungebildeter Mann. Um Obersterndeuter zu
-werden, muß man lesen und schreiben können. Davon habe ich keine
-Ahnung. Wie sollte ich das werden können?“
-
-„Ich weiß nicht, was Lesen und Schreiben ist. Du mußt das Schuhflicken
-aufgeben und richtig Obersterndeuter werden. Sonst ist dies mein
-letztes Wort: ich werde dir nicht wieder aufmachen. Dann magst du
-meinetwegen zum Teufel gehen.“
-
-Der arme Schuhflicker merkte, daß die Worte seiner Frau ganz bestimmt
-waren. Er kannte ihre Natur und ihren bösen Charakter. Seitdem sie sich
-verheiratet hatten, war es dreiundvierzig Jahre. So hatte er sie
-ordentlich kennengelernt. Es gab kein anderes Mittel, als
-Obersterndeuter zu werden. Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging
-in den Laden und ließ alle Werkzeuge, die er hatte, versteigern. Mit
-den paar Piastern, die er gewonnen, kaufte er sich auf dem
-Alttrödelmarkt einen Kaftan, ebenso machte er sich aus alten weißen
-Vorhängen einen Turban, besorgte sich ein altes Tintenfaß und ein
-Schreibrohr, setzte sich an einer Straßenecke, wo viele Leute
-vorbeigingen hin und wartete wie eine Spinne, die ihr Netz gebaut hat
-und auf Beute wartet, auf gläubige Kunden. Daß es viele solcher Dummen
-gibt, sieht man aus der Menge der Besprecher und Bepuster und aus der
-allgemeinen Unwissenheit. Ohne Zweifel konnte unser Schuhflicker unter
-diesen so zahlreichen Berufsgenossen sich sein Stück Brot verdienen.
-Aber die Absichten seiner Frau gingen sehr hoch. Ach, wie könnte das
-möglich sein?
-
-Jedenfalls suchte unser Schuhflicker eine junge Gans zum Rupfen und
-brauchte nicht zu lange zu warten. Eine alte Zigeunerin von
-fünfundneunzig Jahren, deren Augen infolge des Alters hellblau
-geworden, deren Hüften gebrochen, deren Kniescheiben infolge der
-Schwäche herausgetreten waren, die sich auf zwei dünne Beine gleichwie
-auf zwei schwarze Bohnenstangen stützte und einen Körper hatte, der in
-keinem Verhältnis zu diesen Füßen stand, ging zu dem Schuhflicker.
-
-„Hollah, Herr Hodscha, ist dein Atem wirkungsvoll? Ich bereite jedesmal
-am letzten Mittwoch des Monats den Geistern eine Suppe und stelle sie
-in den Herd. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang nehme ich das Gefäß,
-bringe es ans Meer und werfe es hinein, dann eile ich ohne mich
-umzudrehen und umzusehen nach Hause. Auf diese Art bin ich bisher immer
-vor den bösen Geistern sicher gewesen.“
-
-„Ach, Herr Hodscha, ich weiß nicht, ob unser junger Herr mir diesmal
-einen falschen Tag gesagt oder sich geirrt hat. Ich weiß nicht, was los
-ist. Diesen Monat konnte ich mein Gelübde nicht ausführen und habe seit
-jenem Tage einen gewaltigen Kopfschmerz, als ob er meinen Kopf abrisse
-und zerhackte. Mein lieber Herr Hodscha, wenn dein Atem wirkungsvoll
-ist, so besprich mich.“
-
-Unser Schuhflicker hatte vom Besprechen und vom Gebet und Derartigem
-keine Ahnung. Schließlich fing er an, innerlich über seine Frau zu
-fluchen, die ihn in eine solche schwierige Lage gebracht hatte.
-
-Als die Zigeunerin dies sah, sagte sie zu sich: „Gott hat mir geholfen.
-Zu was für einem guten, tüchtigen Hodscha hat er mich geführt. Sieh,
-sieh, seine Augen haben sich ganz verändert. Jetzt fängt er auch zu
-beten an. Ach, jetzt bin ich wieder gesund geworden.“
-
-Der arme Schuhflicker ahnte, daß die Geschichte nicht so endigen würde,
-nahm sich zusammen, setzte sich neben die Schwarze, bestrich ihre
-faltenreiche mit Laudanum bestrichene Stirn mit seinen Händen, sagte
-dann mit leiser Stimme zwei- bis dreimal einige sinnlose Wörter und
-blies die Frau an.
-
-Derartige Dinge üben auf das Nervensystem bisweilen eine gute,
-bisweilen eine schlechte Wirkung aus. Die Nerven werden dadurch
-beeinflußt. Deswegen hörte der Kopfschmerz der Schwarzen hiernach auf.
-
-Die Frau kehrte zufrieden und dankbar, lachend und vergnügt nach Hause
-zurück und sagte zu ihrer Herrin: „Ach, Herrin, heute habe ich einen
-Hodscha gefunden, dessen Atem so heilkräftig war, daß mit einem Hauch
-mein Kopfschmerz beseitigt wurde.“
-
-Die Herrin antwortete:
-
-„Wo war der Hodscha? Wie wäre es, wenn du hingingest und, damit die
-Heftigkeit des Herrn aufhört, ihn besprechen ließest?“
-
-Sie antwortete:
-
-„Das wäre nicht schlecht. Wenn wir sein Hemd besprechen ließen, wäre es
-vielleicht das wirksamste.“
-
-Die Herrin schickte die Schwarze mit folgenden Worten zum Hodscha:
-
-„Das ist ein guter Gedanke von dir. Ich werde dir ein rotes Tuch geben.
-Es kann auch ein Stück Kattun sein, das er des Feiertags anlegt. Geh
-sofort nach oben und nimm aus dem Wäschebündel ein Hemd aus
-Kräuselstoff und bring’ es dem gesegneten Hodscha. Gib ihm diese zwei
-Medschidije und sage ihm, wenn sein Atem wirkungsvoll sein wird, werden
-wir ihm zwei Goldstücke geben. Nicht wahr, meine liebe Hoschkadem?“
-
-Als der Hodscha die Schwarze kommen sieht, denkt er, daß sie das ihm
-gegebene Geld wieder fordern will. Als er erfährt, was sie will, wird
-er beruhigt. Er spricht das Gebet über das Hemd und steckt die blanken
-Medschidije in seine Tasche.
-
-Am Abend kehrt unser Schuhflicker mit dem Gelde, wie er noch nie in
-seinem Leben soviel zusammen gesehen, nach Hause zurück und denkt, daß
-seine Frau ihn mit Freuden aufnehmen werde.
-
-Er kommt ans Haus und fängt an der Tür mit den Medschidije zu klappern
-an, um sie neugierig zu machen. Jedoch die Frau war ungeheuer fest in
-ihrem Entschluß. Sie kümmerte sich gar nicht um das Geld und um das
-Klappern. Der Mann macht soviel Lärm, jammerte und flehte, daß die
-Nachbarn Mitleid mit ihm hatten, aber das kümmerte die Frau gar nicht.
-Ihr Entschluß war gefaßt. Schließlich sah sie aus dem Fenster und sagte
-ihr letztes Wort: „Wenn du nicht Obersterndeuter wirst, wird dir nicht
-die Tür geöffnet.“
-
-Der arme Schuhflicker, der vierzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt
-hatte, kannte ihre Natur sehr gut. Wer sollte auf der Welt so wie er
-wissen, wie hartnäckig und eigensinnig sie war. Es war jetzt unnütz, in
-sie zu dringen. Er mußte Obersterndeuter werden oder die Verbindung mit
-dem Hause gänzlich aufgeben. Aber Obersterndeuter zu werden, war recht
-schwer, ja sogar unmöglich. Wie sollte ein unwissender Mensch, der
-nichts anderes getan hatte als alte Schuhe, und zwar für Lastträger und
-Feuerwehrleute, und Pantoffel auszubessern, Obersterndeuter werden
-können. Doch das mußte ertragen werden.
-
-Schließlich zog er traurig und niedergeschlagen ab. Er ging in ein
-Gasthaus und mietete sich dort ein Zimmer.
-
-Jedenfalls der Herr der Schwarzen hatte sein aufbrausendes Temperament
-abgelegt und lebte in seinem Hause wie ein Lamm und war seiner Familie
-gegenüber wieder liebenswürdiger. Diese außergewöhnlichen Zustände
-wurden dem heilkräftigen Atem des Hodschas und seiner wunderbaren Gabe
-zugeschrieben, und die versprochenen zwei türkischen Pfunde wurden ihm
-gegeben. Es ist bekannt, daß die Frauen, besonders die Frauen, die
-keinen Unterricht genossen hatten, in derartigen Dingen sehr geschickt
-sind. Ja, sie sind viel mehr als die Zeitungen geeignet, einen solchen
-Menschen berühmt zu machen. Nun, der Ruhm unseres Hodschas wuchs von
-Tag zu Tage und seine Kunden nahmen zu. Die anderen Scharlatane dieser
-Gattung, die mit Anblasen die Leute betrügen, waren ohne Kunden und
-ohne Brot.
-
-Unser Hodscha war sehr reich geworden. Aber was nützt ihm der Reichtum?
-Da er nicht Obersterndeuter geworden war, so blieben ihm, obgleich er
-reich, ja sogar sehr reich geworden war, die Türen seines Hauses
-verschlossen, die ihm immer beide geöffnet wurden, wenn er als
-Schuhflicker mit zerrissenen Schuhen des Abends mit einer halben Okka
-Brot in einem zerrissenen Tuche nach Hause kam.
-
-Nun, eines Tages war die Tochter des Padischahs, um sich zu baden, ins
-Bad gegangen. Die Prinzessin hatte ein paar sehr kostbare Ohrringe. Als
-sie sich badete, hatte sie diese Ohrringe abgenommen und oben auf das
-Waschbecken gelegt. Nach einiger Zeit suchte sie die Ohrringe, den
-einen fand sie, der andere war verschwunden.
-
-Die Prinzessin wurde sehr unruhig. Dieser kostbare Ohrring gehörte zu
-den ältesten Diamanten der Familie. Was sollte sie ihrem Vater
-antworten.
-
-Sämtliche Bediente des Bades wurden ganz nackt ausgezogen, alle wurden
-mit größter Sorgfalt untersucht. Das ganze Bad, alle Winkel wurden
-untersucht. Alle Arbeit war vergeblich. Alle Hoffnung schwand. Der
-Ohrring wurde nicht gefunden.
-
-Die Prinzessin kehrte traurig und bekümmert in das Schloß zurück. Man
-konnte ihr den Mund selbst nicht mit einem Messer öffnen. Schließlich
-erzählte sie die Sache ihrer Amme, weinte und jammerte, sie gelobte den
-vier Großvätern, den Siebmachervätern Fett und Lichte, aber ohne
-Erfolg.
-
-Schließlich dachte die Amme nach. Als sie in dem Palaste des und des
-Paschas war, war von einem Hodscha gesprochen worden, dessen Atem
-wirkungsvoll und der im Besitze großer Wunderkraft war. Wenn sich
-dieser verlorene Ohrring überhaupt finden ließ, konnte nur dieser
-verehrte Hodscha ihn finden. Man suchte nach, wo dieser Mann saß, und
-man fand ihn. Am nächsten Tage ging die Prinzessin mit ihrer Amme zu
-dem Hodscha.
-
-Als der Hodscha den Hofwagen kommen sah, kam ihm zuerst der Gedanke,
-daß sich jetzt für ihn die Möglichkeit ergebe, Obersterndeuter zu
-werden. Ja, wenn er erst einmal Obersterndeuter wäre, dann würde er
-nach Hause gehen und es seiner Frau zurufen. Er würde wieder in sein
-Haus gehen, das ihm seit zwei Jahren verschlossen war, und mit seiner
-lieben Frau und seiner Tochter, die ihm so teuer wie sein Leben war,
-zusammen leben. Tatsächlich kam ihm sein Leben, das er jetzt im Gasthof
-zubrachte, sehr schwer vor.
-
-Sie stiegen aus dem Wagen. Der Hodscha nahm wieder die betrügerischen
-Gesten an, in denen er bei Ausübung seines Berufs schon Gewandtheit
-erlangt hatte, und empfing seine Kunden artig. Die Prinzessin setzte
-sich traurig und verzweifelt in eine Ecke wie ein sich bewegender aber
-lebloser Körper und wartete auf die Perlen, die aus dem Munde des
-Hodscha fallen würden.
-
-Die Amme erklärte die Sache. Sie sprach von den Gelübden und sagte, daß
-diese ergebnislos geblieben seien. Über sie selber etwas zu sagen, sei
-überflüssig, da die Prinzessin die Tochter des herrschenden mächtigen
-Sultans sei.
-
-Diese Worte wirkten auf den Hodscha wie ein beängstigender Traum.
-Einerseits zitterte er, andererseits schwitzte er. Wenn er es nicht
-herausbringen würde — und dessen war er sicher —, was würde dann mit
-ihm geschehen? Mit einem Padischah und mit den Angehörigen eines
-Padischahs zu spielen, das hieß mit dem Feuer spielen.
-
-Es war aber auch nicht möglich, direkt zu erklären, wie alles gekommen
-sei, und zu sagen, daß er ein Betrüger sei. Wie würde dies werden, wie
-würde es ablaufen!
-
-Schließlich sagte er nach langem Nachdenken:
-
-„Euer Verlust erscheint mir etwas sonderbar. Euer Verlust muß am Rande
-eines Tales, am Zweige eines Baumes aufgehängt sein.“
-
-Auf diese Worte hin dachte die Amme nach. Ja, ja, der Hodscha hatte ein
-reines Wunder gesagt. Der Ohrring war im Bade verloren gegangen, sofort
-wurden Leute in das Bad geschickt. Sie suchten wiederum alles nach,
-schließlich fanden sie ihn auf einem Reiserbesen, der vor eine
-Wasserrinne gelegt war. Dem Hodscha wurden unendlich viel Geschenke
-gemacht. Da die Sache sehr wichtig war, hatte man dem Padischah nichts
-davon gesagt.
-
-Der Hodscha arbeitete inzwischen weiter und verdiente viel Geld, aber
-wiederum war ihm die Tür seines Hauses verschlossen, da er nicht
-Obersterndeuter geworden war.
-
-Eines Tages hatte ein Dieb dem Padischah einen sehr kostbaren, mit
-Brillanten besetzten Ring, ein altes Familienstück, gestohlen. Überall
-suchte man nach, fand aber den Dieb nicht.
-
-Der Padischah zog sich verzweifelt in einem Zustande, daß er seines
-Lebens überdrüssig war, in eine Ecke zurück.
-
-Die Prinzessin wollte nicht, daß ihr Vater so traurig war, ging zu ihm
-und küßte ihm Wangen, Hand und den Saum seines Kleides. Der Padischah
-war sehr erfreut über seine Tochter, die, während er so traurig war, zu
-ihm kam und ihn liebkoste. Er war auch zu ihr freundlich. Dies benutzte
-die Prinzessin und sagte, daß der Hodscha, der ihren Ohrring gefunden,
-auch aller Wahrscheinlichkeit nach den Ring finden würde.
-
-Wer ins Wasser fällt, faßt sogar nach einer Schlange. Der Padischah gab
-Befehl, und sofort gehen Adjutanten aus, um den Hodscha zu suchen. Sie
-bringen ihn ins Schloß. Der Arme steht zitternd Todesängste aus. Er
-wird vor den Padischah gebracht. Der Padischah erzählt ihm die Sache
-und macht ihm klar, daß er, wenn er die Angelegenheit nicht ins Reine
-bringen und den Ring zur Stelle schaffen würde, seinen Kopf verlieren
-würde.
-
-Der Arme sah ein, daß die Sache unmöglich sei und daß es ihm das Leben
-kosten werde. Aber um diesen verhängnisvollen Augenblick etwas
-hinauszuschieben und um diese Zeit gut zu verleben, sagte er: „Mein
-Padischah, das ist eine schwierige Sache. Es steht nicht in der Macht
-der Sterne, Euch sofort eine Antwort zu geben. Gebt mir vierzig Tage
-Frist, weist mir ein Zimmer an und gebt mir während dieser Zeit die
-vorzüglichste Nahrung. Am vierzigsten Tage werde ich Euch sagen, wer
-der Dieb ist.“
-
-Der Padischah nahm den Vorschlag an und befahl, daß alles ausgeführt
-werden sollte, was der Hodscha wünschte. Der Hodscha zog sich in ein
-vorzüglich ausgestattetes Zimmer zurück, um sich Gott zu weihen. Dort
-betete er zu Gott und flehte, daß er sein Gebet annehme und ihm seine
-Sünden verzeihen möge. Andererseits verfluchte er auch seine Frau, die
-ihn in seinem Alter in solche Not und Prüfungen gebracht, und ihren
-Wunsch nach einer angesehenen Stellung.
-
-Jeden Tag wurde ihm ordnungsgemäß Essen gebracht. Um die Tage nicht zu
-vergessen, behielt er einen leeren Teller von den ihm gebrachten
-Speisen zurück.
-
-Inzwischen war nun eine Zeit vergangen. Um festzustellen, wieviel Tage
-er schon dort sei und wieviel Tage ihm von seinem Leben noch übrig
-seien, zählte er die Teller. Es waren genau achtzehn. Voller
-Hoffnungslosigkeit entfuhren ihm, ohne daß er es wollte, diese Worte:
-„Ach, achtzehn!“
-
-Die Diebe des Ringes gehörten zu den Palastdienern. Sie beobachteten
-alles, was der Hodscha tat, durch ein Loch. Der Beobachter an jenem
-Tage hatte nicht bemerkt, daß der Hodscha die Teller gezählt hatte,
-sondern hatte nur gehört, daß er ausrief: „Ach, achtzehn!“
-
-Es waren nun in der Tat achtzehn Diebe. Als der Beobachter die Zahl
-achtzehn hörte, suchte er sofort seine Genossen auf und sagte: „Mit
-unserer Sache steht es schlecht. Dieser Kerl ist ein Teufel oder der
-Antichrist oder derartiges. Er hat jetzt heraus, wieviel wir sind.
-Heute hat er in der Ekstase dreimal: „Ach, achtzehn“ ausgerufen. Wenn
-er noch länger Zeit hat, wird er auch noch herausfinden, wer wir sind,
-und wir sind für den Strick des Henkers reif.“
-
-Die Diebe gerieten über diese Nachricht ihres Genossen in Aufregung.
-Sie hielten einen Rat ab, berieten sich und beschlossen, in der Nacht
-zum Hodscha zu gehen, ihn anzuflehen, sie nicht zu verraten, und sein
-Mitleid zu erwecken.
-
-In der folgenden Nacht betreten sie alle zusammen sein Zimmer. Er
-geriet in große Furcht.
-
-Man sagt: Wenn der Mensch verzweifelt ist, gebärdet er sich am
-mutigsten, so wie die Katze, wenn sie verzweifelt ist, den Hund
-anfällt. Da der arme Hodscha äußerst hoffnungslos war, so stürzte er
-sich auf die Leute und rief: „Ach, ihr, seid ihr da?“ Er glich sozusagen
-einem rasenden Löwen.
-
-Die Diebe wurden noch besorgter und fielen dem Schuhflicker zu Füßen.
-Er wußte nicht, was los war und sah sie ganz entgeistert an.
-Schließlich stand der mutigste von ihnen auf und sagte, nachdem er ihn
-mit höchster Ehrfurcht begrüßt hatte: „Mein Herr, Sie sind wirklich
-eine sehr begabte und große Person. Sie haben entdeckt, daß wir
-achtzehn sind. Jedenfalls hätten Sie auch noch uns herausgebracht. Wir
-wollten Ihnen jedoch nicht soviel Mühe machen und haben beschlossen,
-die Wahrheit zu sagen. Wir vertrauen auf Ihre edle und barmherzige
-Gesinnung und auf Ihr großes Herz. Nehmen Sie unsere Bitte an und
-erbarmen Sie sich nicht nur über uns, sondern auch über unsere Kinder.
-Unser Leben ist jetzt in Ihrer Hand. Nur Sie können uns retten. Ja, wir
-haben den Ring gestohlen.“
-
-Auf diese Rede hin machte der Schuhflicker große Augen und wurde wieder
-ruhig. Es war kein Zweifel, jetzt war er gerettet. Er sagte mit
-angenommener Würde: „Dankt Gott, daß ihr noch gerade im letzten
-Augenblick euch gemeldet habt, sonst wäre es euer letzter Tag gewesen.
-Ich war gerade dabei, eure Namen zu entdecken.“
-
-„Ach, mein Herr, dessen sind wir sicher, aber haben Sie Mitleid mit
-unseren Kindern.“
-
-„Gut, versprecht Ihr, es nicht wieder zu tun?“
-
-„Wir versprechen es nicht nur, wir schwören es bei unserem Glauben und
-auf unser Gewissen.“
-
-„Da ihr versprecht, es nicht wieder zu tun, so will ich euch aus
-Mitleid nicht verraten. Gebt den Ring am vierzigsten Tage einer Gans zu
-fressen und brecht ihr einen Flügel. Das andere ist dann meine Sache.
-Wenn ihr so tut, gut, dann werde ich keinen von euch verraten, sonst
-geht es euch schlecht.“
-
-Die Diebe versprechen, die Worte des Hodschas getreu auszuführen,
-versprechen ihm viel Geld und gehen weg.
-
-Der vierzigste Tag kommt heran. Der Padischah erwartete diesen Tag mit
-Ungeduld. Schließlich befiehlt er, den Hodscha vorzuführen. Der Hodscha
-kommt vor den Padischah. Dieser fragt mit zorniger Stimme: „Nun, wie
-steht es? Hast du ihn gefunden?“
-
-„Ja, mein Herr, das heißt richtiger, ich habe seine Spur. Jetzt möge
-Euer Majestät befehlen, daß alle Geschöpfe des Palastes vor mir im Zuge
-vorüberziehen, dann werde ich zeigen, wer der Dieb ist.“
-
-Der Padischah befiehlt es, und vom Großvezir an bis zum Küchenjungen
-ziehen alle Leute des Schlosses vor dem Hodscha vorbei. Obgleich auch
-die wirklichen Diebe dabei waren, sagt der Hodscha nichts.
-
-Der Padischah fragt: „Nun, Hodscha, wer hat den Ring?“ Der antwortet:
-„Mein Padischah, unter den Leuten Eures Schlosses ist kein Dieb.
-Trotzdem ist der Ring bei einem lebenden Wesen, das zu Eurem Schlosse
-gehört. Befehlt, daß auch die Tiere alle vor mir vorbeiziehen sollen.“
-
-Der Padischah befiehlt es. Die Pferde, Stuten, Esel, Maultiere und die
-anderen Tiere ziehen alle vorüber. Bei keinem ist der Ring. Schließlich
-fragt der Hodscha: „Sind das alle Tiere im Schlosse?“
-
-Man antwortet:
-
-„Nein, mein Herr, es ist noch ein Rudel Gänse da.“
-
-Der Hodscha sagt: „Auch die führt vor.“
-
-Auch die Gänse zogen vorüber. Schließlich sieht er eine Gans, deren
-Flügel zerbrochen ist. Er ordnet an, daß diese aufgeschnitten werde.
-Man führt seinen Befehl aus, schneidet ihr den Bauch auf und findet den
-Ring. Jedermann ist erstaunt. Der Padischah ernennt ihn zum
-Obersterndeuter.
-
-Der neue Obersterndeuter geht eilends nach Hause und bringt seiner Frau
-die frohe Nachricht. Die Frau geht mit ihren Kindern zusammen ins Bad.
-Als es heißt: „Die Frau des Obersterndeuters ist gekommen“, empfängt
-sie jedermann mit Ehrerbietung. Dann kehrt sie nach Hause zurück und
-sagt zu ihrem Manne: „Nun bin ich ins Bad gegangen, jetzt kannst du
-wieder deinen Obersterndeuterposten aufgeben.“
-
-„Aber Frau, ist das denn möglich? Hast du den Verstand verloren?“
-
-„Tu, was du willst. Du mußt ihn aufgeben.“
-
-Er bleibt einige Zeit lang im Gefolge des Padischah. Wie sehr er sich
-auch bemüht, aus dem Amte entlassen zu werden, es glückt ihm nicht.
-
-Eines Tages beschließt er, den Verrückten zu spielen, um von dem
-Hofdienst los zu kommen. Während der Padischah im Bade ist, schlachtet
-er ein Lamm, zieht sich dessen Kaldaune über den Kopf, wickelt sich
-dessen Eingeweide um die Hüften, geht vor das Bad und ruft: „Der
-Padischah soll herauskommen, das Bad wird einfallen.“
-
-Als dem Padischah dies gemeldet wird, wickelt er sich schnell in irgend
-etwas ein und stürzt hinaus.
-
-Kaum ist er draußen, als das Bad mit Krachen einstürzt. Der Padischah
-umarmt ihn, dankt ihm, daß er ihm sein Leben gerettet, und gibt ihm
-viele Geschenke.
-
-Dieser ist über das merkwürdige Zusammentreffen sehr erstaunt.
-
-Eines Tages geht der Padischah mit seinem Obersterndeuter spazieren.
-Unter einem Baume nimmt er von der Erde etwas auf und befiehlt dem
-Obersterndeuter zu sagen, was es sei.
-
-Der denkt nach, und da er es nicht raten kann, sagt er: „Heuschrecke,
-wenn du auch einmal und auch ein zweitesmal springst, das drittemal
-wirst du gefangen.“
-
-Da öffnet der Padischah seine Hand, und eine große Heuschrecke springt
-heraus. Dem Padischah gefiel dies sehr, und er sagte: „Was für eine
-Belohnung wünschst du?“
-
-Er antwortet: „Ich bitte Euer Majestät, mich aus dem Dienst zu
-entlassen.“ Der Padischah nimmt das wohl oder übel an.
-
-Der Mann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zurückgezogen
-in seinem Landhause, beschäftigt sich mit der Erziehung seiner Kinder
-und gibt die Sterndeuterei auf.
-
-
-
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-
-
-
-
-22. DER INDISCHE KAUFMANN UND DER PAPAGEI
-
-
-In alter Zeit lebte in Indien ein Kaufmann, der einen weisen und klugen
-Papagei besaß. Er hatte ihn von seinem Vater geerbt. Der Kaufmann hatte
-diesen Papagei als Wächter für sein Haus eingesetzt. Am Tage ging der
-Kaufmann auf Erwerb aus, und wenn er abends nach Hause kam, fragte er
-den Papagei nach seiner Frau, und wer das Haus besucht und verlassen
-habe. Der Papagei berichtete auch alles genau. So vergingen einige
-Jahre.
-
-Eines Tages mußte dieser Kaufmann nach Chorasan reisen. Er vertraute
-sein ganzes Haus dem Papagei an und sagte zu ihm: „Was auch passiert,
-erzähle es mir, wenn ich wiederkomme.“ Seiner Frau trug er auf, für den
-Papagei zu sorgen und es an nichts fehlen zu lassen. Dann
-verabschiedete er sich und ging auf seine Geschäftsreise.
-
-Danach vergingen einige Tage. Eines Tages verliebte sich seine Frau in
-einen Jüngling. Als eines Abends in ihrem Haus kein Fremder war, lud
-sie den Jüngling in ihr Haus ein. Sie vergnügten sich bis zum Morgen.
-Außer dem Papagei merkte niemand im Hause etwas davon. Nach einiger
-Zeit kam der indische Kaufmann von seiner Geschäftsreise zurück,
-unterhielt sich mit seiner Frau und fand im Hause alles in schönster
-Ordnung. Dann trat er an den Käfig des Papageis und fragte ihn, was im
-Hause passiert sei. Der sagte aber nichts von dem schimpflichen Verkehr
-seiner Frau mit dem Jünglinge. Aber der indische Kaufmann ahnte von dem
-Treiben seiner Frau aus den Witzreden und Spöttereien einiger treuer
-Freunde, denen er vertraute, und das Feuer der Eifersucht verbrannte
-sein Inneres. Er faßte den Entschluß, seine Frau zu töten,
-verheimlichte diesen Plan aber in seinem Innern und zeigte sich
-äußerlich freundlich gegen seine Frau. Diese schöpfte jedoch aus seinem
-Verhalten Verdacht, daß ihr Mann von dem Geheimnis wisse. Sie sagte zu
-sich: In diesem Falle hat sicherlich der Papagei es ausgeplaudert, da
-sonst niemand etwas davon weiß. Sie faßte einen Groll gegen den armen
-Papagei und wartete auf eine Gelegenheit, wie sie sich rächen konnte.
-Eines Tages stand sie auf, öffnete den Käfig des Papageis, nahm ihn
-heraus, rupfte ihm seine Flügel- und Schwanzfedern aus und warf ihn aus
-dem Fenster. Dann fing sie an zu schreien: „Die Katze hat den Papagei
-geholt.“
-
-Von ihrem Geschrei wachte der indische Kaufmann auf und fragte seine
-Frau. Sie sagte wieder: „Die Katze hat den Papagei gefressen.“ Als der
-indische Kaufmann an den Papageien, den treuen Wächter seines Hauses
-dachte, wurde er sehr traurig und weinte.
-
-Als der bedauernswerte Papagei ohne sein Verschulden vom Unglück
-betroffen wurde, befürchtete er, daß er, wie er aus dem Fenster
-geworfen wurde, noch in ein größeres Unglück geworfen werden und
-sterben könnte. In der Nähe jenes Hauses war ein großer Tempel. Dorthin
-ging er, blieb in einer Ecke, ernährte sich von den Überbleibseln der
-Mahlzeit der Mönche und von den Brocken, die sie wegwarfen, und verbarg
-sich dann wieder.
-
-Nach einigen Tagen jagte der indische Kaufmann, der es nun nicht mehr
-aushalten konnte, seine Frau aus dem Hause. Aus Furcht vor dem
-indischen Kaufmann nahm niemand die Frau in sein Haus auf. Auch der
-Jüngling, der der Geliebte der Frau war, weit entfernt als Mann der
-Frau aufzutreten, kam nicht einmal aus dem Hause hervor. Da die Frau
-also von allen verlassen war, ging sie in den Tempel, der der
-Zufluchtsort aller Heimatlosen war, und diente dort Tag und Nacht dem
-Götzen.
-
-Der Papagei sah immer, in welcher Lage sich die Frau befand. Eines
-Abends kam die Frau wieder nach ihrer alten Gewohnheit. Beim Gebet
-sprach sie unter Weinen und Jammern von ihrer Lage. Da gerade niemand
-im Tempel war, ging der kluge Papagei hinter das Götzenbild und sprach
-mit lauter Stimme: „Frau, ich habe dein Gebet erhört und dich meines
-Erbarmens für wert erfunden. Ich werde das Herz des Kaufmanns wieder in
-Neigung und Liebe dir zuwenden, und er wird bereuen, was er getan. Aber
-du tue gehorsam, was ich dir befehle. Rasiere dir Brauen, Wimpern und
-Haar, damit du deinen Wunsch erreichst.“ Sofort zog die Frau ein
-Rasiermesser hervor und wollte ihre Brauen, Wimpern und Haare rasieren.
-Da erschien der Papagei hinter dem Götzenbild und sagte: „O du
-Unverständige, mit diesem schwachen Verstande glaubtest du Freund und
-Feind unterscheiden zu können! Du hast deinen dir wohlwollenden Freund
-in diese Not und dich selbst in dieses Unglück gebracht! Also bei dem
-erhabenen Gott, dem Kenner des Verborgenen! Ich habe von dem bewußten
-Geheimnis niemandem etwas verraten und dem indischen Kaufmanne nur
-Gutes von dir gesagt. Wenn du mich nicht so der Verachtung preisgegeben
-hättest, hätte ich dir nützlich sein können, denn der Kaufmann würde
-mich nach dem bewußten Geheimnis gefragt haben und ich hätte ihn mit
-allerlei Listen beruhigt, und so wärest weder du in ein solches Unglück
-durch deinen Mann gekommen, noch hättest du deinen Geliebten verloren.
-Doch ich will nicht bei dem verweilen, was du getan hast, und will
-nicht vergessen, daß ich dir durch deine früheren Wohltaten
-verpflichtet bin. Dies Unglück ist mir ja auch durch ewigen göttlichen
-Ratschluß bestimmt gewesen. Deine Schuld ist es nicht, denn dich habe
-ich äußerst unverständig erfunden. Wenn du nur eine Spur von Verstand
-hättest, würdest du nicht Götzen angebetet und von ihnen Hilfe erhofft
-haben und hättest nicht geglaubt, daß meine Worte ein Götze gesprochen
-habe. Kann Stein oder Holz reden? Nur mit Gottes Erlaubnis haben sie
-als Wundertat für die Propheten geredet. Nun, komme, gib den
-Aberglauben auf, nimm den wahren Glauben an, bereue deinen Unglauben
-und bitte Gott um Verzeihung. Ich werde hingehen und veranlassen, daß
-der indische Kaufmann seine Tat bereut und dir wieder seine Liebe
-zuwendet.“
-
-Die Frau war damit einverstanden und trat zum Islam über. Der Papagei
-ging sofort in das Haus des Kaufmanns. Als der Kaufmann den Papagei
-sah, stand er sofort auf, faßte ihn mit größter Freude, küßte und
-liebkoste ihn und fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Papagei sagte: „Ich
-war zwar gestorben, aber der allmächtige Gott hat mich mit neuem Leben
-beschenkt.“ Der Kaufmann sagte: „Wie kann ein Gestorbener wieder
-lebendig werden?“ Der Papagei sagte: „Hast du die Geschichte Abrahams —
-Heil sei über ihm — nicht gehört?“ Der Kaufmann sagte: „Ich habe sie
-nicht gehört. Erzähle, damit ich zuhöre, wie die Geschichte ist.“
-
-Der Papagei sagte: „Es wird berichtet, daß einst Abraham der Gedanke in
-den Sinn kam: ‚Wie können wohl die voneinander getrennten und
-verstreuten Gliedmaßen wieder vereinigt werden? Ach, Gott, zeige es
-mir, damit mein Herz ruhig sei!‘ Sofort kam von Gott, dem Herrn der
-Welten, die Antwort: ‚O Abraham, nimm vier Vögel, schneide ihnen die
-Köpfe ab, mische die Teile durcheinander, schütte sie ordentlich
-durcheinander und bringe sie in Unordnung. Danach mache aus den
-ungeordneten Gliedmaßen vier Teile, trage sie auf vier Berge und
-behalte die Köpfe davon bei dir. Dann sollst du ein Wunder erleben.‘
-Abraham — Heil sei über ihm — tat, wie ihm befohlen. Sofort kamen die
-Vögel ohne Kopf zu Abraham und ihre zerstreuten Glieder hatten sich
-vereinigt und neues Leben erhalten, wie dies im heiligen Koran deutlich
-erzählt wird. Gott, der Allmächtige, kann die Toten wieder ins Leben
-rufen und alles, was er will, beleben. Auch mir hat er aus seiner
-Gnadenfülle heraus neues Leben geschenkt.“
-
-Der indische Kaufmann sagte: „Was muß das für ein großer Gott sein, der
-Tote ins Leben rufen kann! Ist er etwa größer als unsere Götter?“ Der
-Papagei antwortete: „Ach, Herr, Eure Götzen sind aus Stein oder Holz
-gearbeitete, seelenlose Dinge, deren Schöpfer Gott, der Allmächtige,
-ist.“
-
-Der indische Kaufmann sagte: „Ach, Papagei, tu mir den Gefallen und
-führe mich zu ihm.“ Der Papagei lehrte ihn die Worte des
-Glaubensbekenntnisses. Der indische Kaufmann wurde Muslim und sagte zum
-Papagei: „Ich weiß jetzt, daß Gott, der Allmächtige, die Toten
-auferwecken kann, aber was war der Grund, dich zu erwecken?“
-
-Der Papagei sagte: „Ach, Herr, nachdem mich dies betroffen und ich
-gestorben war, wurde deine Gattin der Gegenstand einer Verleumdung, an
-die zu glauben dich ihre Feinde veranlaßten. Du wurdest zornig auf
-deine Gattin und brachtest sie in Unehre. Die arme Frau kam in den
-Götzentempel und betete dort. Da ihr unrecht geschehen war und sie
-schuldlos war, so wurde sie durch göttliche Leitung Muslimin. Hierdurch
-wurde sie froh, und ihr verwüstetes Herz fand wieder Frieden. Danach
-flehte sie zu Gott: ‚Ach, Gott, du kennst alle Geheimnisse und
-Heimlichkeiten, du weißt auch, wie es mir ergangen ist. Mein Gemahl hat
-dem Worte der Feinde geglaubt und mich in diese Lage gebracht. Auch der
-Papagei ist nicht mehr am Leben, der meine Unschuld bezeugen und meinen
-Gatten bewegen könnte, mich wieder anzunehmen. Ach, Gott, bei deiner
-Gnadenfülle flehe ich dich an, erwecke den Papagei wieder zum Leben.‘
-Als sie so sprach, gab mir Gott, der Höchste, sofort durch den Segen
-der Reinheit deiner Frau neues Leben. Ich bezeuge also die Reinheit
-jener unschuldig Verfolgten. Kein Fremder hat ihr reines Gewand
-gesehen. Durch den Segen ihres Gebetes bin ich wieder lebendig und du
-Muslim geworden. Auf diese Weise sei überzeugt, daß deine Frau rein
-ist, ja du hast die deutlichsten und zwingendsten Beweise, daß sie eine
-Heilige ist.“
-
-Der indische Kaufmann glaubte diesen Worten, ging sofort in den Tempel,
-küßte seiner Frau Hände und Gesicht, flehte sie um ihre Fürbitte und
-bat sie, ihm sein Vergehen zu verzeihen. Da lobte und pries die Frau
-den Verstand, die Klugheit, Weisheit und Treue des Papageien und
-bereute die unwürdige Behandlung, die sie ihm vorher zugefügt hatte.
-
-
-
-
-
-
-
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-23. DIE GESCHICHTE VOM GOLDSCHMIED UND ZIMMERMANN
-
-
-In den Geschichtsbüchern wird folgendes berichtet. In einer der Städte
-Azerbaidschans lebten ein Goldschmied und ein Zimmermann, die
-miteinander sehr befreundet waren. Nun kam es, daß in diesem Lande ihre
-Arbeit wenig begehrt wurde, ihr Verdienst in die Winde ging und sie in
-die äußerste Not gerieten. Sie kamen daher überein, daß sie beide das
-Land verlassen wollten und beschlossen, nach Rūm [33] zu wandern. An
-der Grenze von Rūm trafen sie eine große Kirche und ließen sich dort
-nieder. Sie sahen dort Götzenbilder, die die Ungläubigen verehrten. Da
-der Zimmermann in seinem Handwerk ein geschickter Meister war, so
-schnitzte er aus Holz Bilder nach Art der Götzen, und überall, wohin
-sie kamen, verkauften sie diese, und lebten davon. Sie hatten die
-Tracht der ungläubigen Geistlichen angenommen, aber in ihrem Innern
-waren sie dem wahren Glauben treu geblieben. Des Geschäftes wegen und
-um sich der Not zu erwehren, hatten sie die Kleider der Ungläubigen
-angezogen und die Tracht der ungläubigen Mönche und Asketen angenommen.
-Da sie tatsächlich die verschiedensten Wissenschaften verstanden, so
-predigten sie in den Ländern, durch die sie kamen, zu den Ungläubigen
-und ermahnten sie. Deswegen wurden sie sehr geehrt und geachtet. Sie
-wohnten meistenteils in den Kirchen und sahen die Götzenbilder aus Gold
-und Silber, deswegen regte sich in ihnen das Verlangen und sie sagten:
-„Ach, wenn wir doch bei Gelegenheit eins davon stehlen und so unsere
-Armut lindern und die Krankheit der Not heilen könnten!“ Sie durchzogen
-das ganze Land Rūm und kamen zu einer Kirche in der Umgegend von
-Konstantinopel. Einige Zeit beteten und fasteten sie darin nach den
-religiösen Gebräuchen der Ungläubigen und erteilten Rat und Ermahnung
-den Ungläubigen, so daß hoch und niedrig an sie glaubte, sich an ihrem
-Gebet erfreute und sich von ihnen bepusten ließ. Viele wurden ihre
-Schüler und hielten ihre Fürbitte für nutzbringend und ihr Bepusten für
-gleichwertig mit dem wunderbaren Atem des Messias. [34]
-
-Eines Tages gab der Kaiser ein großes Fest und lud das ganze Volk und
-alle Geistlichen dazu ein. Auch sie wurden besonders eingeladen. In
-ihrer Antwort sagten sie: „Wir wollen durch das Fest nicht unser Fasten
-unterbrechen und wollen während des Gottesdienstes nicht an weltlichen
-Genüssen teilnehmen. Wir dienen andauernd Gott und widmen unsere Zeit
-dem Gebete für das Glück des Kaisers.“ Die Geistlichen kamen, küßten
-ihnen die Hand und gingen zum Gastmahle des Kaisers. Die beiden blieben
-jenen Tag allein in der Kirche.
-
-Nun war in jener Kirche ein großer Götze, aus reinem roten Golde
-gearbeitet. Auf den hatten die beiden Diebe es abgesehen. Als es Abend
-wurde und die Dunkelheit herrschte, nahmen sie den Götzen von seinem
-Platze, trugen ihn aus der Kirche, gruben an einer geeigneten,
-menschenleeren Stelle eine Grube und legten den Götzen hinein. Dann
-kamen sie wieder zurück, blieben jeder an seinem Orte und widmeten sich
-dem Gottesdienst und dem Fasten.
-
-Nach einiger Zeit kamen die Kirchendiener und suchten den Götzen. Der
-wertvolle Götze war nicht zu finden, an seiner Stelle wehten die Winde.
-Unter den Geistlichen entstand ein Streit, und sie verdächtigten sich
-gegenseitig. Aber der Verdacht gegen den Goldschmied und den Zimmermann
-kam ihnen nicht einmal in den Sinn, denn da diese so fromm und
-enthaltsam waren, so war es ungereimt, ihnen eine derartige Betrügerei
-zuzumuten, und ganz unmöglich, daß sie ihn gestohlen haben könnten.
-Jedoch berichteten die Geistlichen ihnen von der Geschichte, erzählten
-ihnen von dem Kummer ihres Herzens und sagten, daß der Götze
-verschwunden sei. Da enthüllten diese ihr Haupt, rissen sich Haupt- und
-Barthaare aus, schlugen sich mit den Händen auf die Knie und weinten so
-sehr, daß allen Bewohnern des Götzentempels ihr Herz brannte. Der
-Goldschmied und der Zimmermann sagten: „Schon seitdem wir hierherkamen,
-rechneten wir mit dieser Möglichkeit und ahnten, daß er euch verlassen
-werde, denn ihr habt es an Ehrfurcht und Hochachtung fehlen lassen,
-indem ihr ihn nicht genug geehrt habt und Tag und Nacht ihn allein
-gelassen habt. Wir sagten immer zueinander: ‚Unser Gott wird unvermutet
-aus Zorn über sie sich in den Himmel zurückziehen und sich beim Messias
-beschweren.‘ Nun hat sich also unsere Befürchtung erfüllt. Ihr habt den
-hohen Götzen beleidigt und er hat aus Zorn euch jetzt verlassen und ist
-zum Himmel emporgestiegen. Ihr müßt nun mit seinem Groll rechnen. Von
-jetzt ab wird kein Heil und Segen in diesem Lande sein und kein Gebet
-erhört werden. Wir werden nun nicht länger in diesem Lande bleiben. Wir
-werden es verlassen und in ein anderes gehen.“ Alle Geistlichen baten
-und flehten sie unter Wehklagen an, daß sie aus Mitleid mit ihnen nicht
-ihr Land verlassen möchten, da Hoffnung sei, daß durch den Segen ihrer
-geheiligten Anwesenheit die Buße angenommen und der Gott wiederkommen
-werde, während nach ihrer Abreise die Lage sehr schwierig würde.
-
-Aber der Goldschmied und Zimmermann wiesen mit rauher Hand ihre Bitte
-zurück und hörten nicht darauf. Nach einigen Tagen verabschiedeten sie
-sich von den Geistlichen und gingen weg. Als es Abend wurde, kehrten
-sie um, holten den Götzen von der Stelle, wo sie ihn verborgen hatten
-und setzten ihre Reise fort. Nach einiger Zeit kamen sie wohlbehalten
-und reich nach Azerbeidschan.
-
-Das Gold war bei dem Goldschmied, und sie führten beide ein bequemes
-Leben. Der Zimmermann sagte eines Tages zum Goldschmied: „Bruder, das
-Gold ist bei dir, führe sorgfältig Rechnung, daß keiner von uns zuviel
-erhalte.“ Der Goldschmied verwaltete es auch in Rechtlichkeit.
-Allmählich aber verführte ihn der Teufel und senkte die Habsucht in
-sein Herz. Er sagte zu sich: „Was ist das für eine Dummheit. Die ganze
-Geschichte von dem Golde kennt außer uns beiden niemand. Was ich bis
-jetzt dem Zimmermann an Geld gegeben habe, genügt. Wie wäre es, wenn
-ich den Rest ableugnete?“ Gedacht, getan. Als nun der Zimmermann nach
-seiner Gewohnheit zum Goldschmied kam und etwas Gold verlangte, sagte
-der Goldschmied: „Was für Gold willst du? Das ist alles ausgegeben und
-erledigt. Ich habe kein Gold mehr.“ So leugnete er es völlig ab, jedoch
-der Zimmermann war sehr klug und verständig. Er trat dem Goldschmied
-nicht entgegen, zeigte ihm auch nicht, daß er sich ärgere, sondern war
-wie früher freundlich mit ihm und sagte: „Schön, Bruder, wenn vom Gelde
-nichts mehr da ist, möge uns wenigstens die Gesundheit bleiben. Was
-wollen wir uns des Goldes wegen aufregen? Die Bestimmung des Goldes
-ist, ausgegeben zu werden. Das ist geschehen, und nun ist es zu Ende.
-Möge Gott uns am Leben erhalten. Betrübe dich deswegen nicht.“ Mit
-diesen Worten tröstete er den Goldschmied, aber im Innern war er fest
-davon überzeugt, daß der Goldschmied den Weg des Betruges betreten
-habe. Er sagte sich, daß es unmöglich sei, das Gold mit Gewalt zu
-erlangen, daß dazu viele Listen und viele Geduld nötig sei. Er
-veränderte also nicht sein Benehmen dem Goldschmied gegenüber und
-behandelte ihn äußerlich ebenso freundlich wie früher, und wenn er mit
-ihm sprach, war er liebenswürdig zu ihm. So verkehrten sie miteinander,
-ohne daß er lange Zeit etwas ahnen ließ. Der Goldschmied rechnete es
-dem Zimmermann als größte Dummheit an, daß er seinen Worten vom Ende
-des Goldes geglaubt hatte und ihm nicht entgegengetreten war, und
-dachte, er habe ihm wirklich geglaubt.
-
-Inzwischen machte der Zimmermann in seinem Hause ein unterirdisches
-Gemach und schnitzte aus Holz eine Figur, die an Wuchs und Gestalt,
-Form und Aussehen dem Goldschmied glich. Diese Gestalt bekleidete er
-mit Kleidern, ganz wie sie der Goldschmied trug, und stellte sie in dem
-unterirdischen Gemache auf. Er fand zwei junge Bären, nahm sie mit und
-band sie in dem unterirdischen Gemache jener Figur gegenüber mit Ketten
-an. Jeden Tag, wenn die jungen Bären gefüttert werden sollten und sie
-sehr hungrig waren, legte er auf die beiden Schultern der vor ihnen
-stehenden Goldschmiedsfigur je ein Stück Fleisch. Sobald sie das
-Fleisch sahen, zerrten sie, um dort hinzugelangen. Wenn er sie dann von
-der Kette losgemacht hatte, sprangen sie auf die Figur, nahmen von
-jeder Schulter das Stück Fleisch und fraßen es auf. So wurden sie
-gefüttert und bekamen jeden Tag zweimal Fleisch. Deshalb gewöhnten sich
-ihre Augen an die Figur des Goldschmiedes. Selbst wenn sie angekettet
-waren, bewegten sie Kopf und Ohren nach der Figur und machten aus Gier
-nach dem Fleisch allerlei spaßhafte Bewegungen. So machte der
-Zimmermann die jungen Bären völlig mit der Figur des Goldschmiedes
-vertraut. Dann lud er eines Tages den Goldschmied nach der zwischen
-ihnen bestehenden Gewohnheit in sein Haus ein. Der Goldschmied hatte
-zwei Jungen, die er ohne weitere Förmlichkeiten mit zur Gesellschaft
-brachte. Man setzte sich nieder und unterhielt sich lange. Nach der
-Mahlzeit sagte der Goldschmied zum Zimmermann: „Bruder, ich will jetzt
-in meinen Laden gehen, schicke meine Söhne nach Hause.“
-
-Als der Goldschmied gegangen war, nahm der Zimmermann die beiden
-Jungen, steckte sie in ein abgelegenes Zimmer seines Hauses und schloß
-die Tür zu. Dann brachte er die in dem unterirdischen Gemache
-befindliche Figur des Goldschmiedes anderswohin und ließ die jungen
-Bären ordentlich hungern.
-
-Am Abend ging der Goldschmied von seinem Laden nach Hause und sah, daß
-seine Jungen noch nicht da waren. In Aufregung ging er im Dunkel in das
-Haus des Zimmermanns und sah, daß die Jungen auch dort nicht waren. Er
-fragte ihn, wo sie seien. Dieser antwortete: „Bruder, ich habe keine
-Ahnung. Sie sind bald nach dir gegangen. Ich habe sie nicht mehr
-gesehen und weiß auch nichts von ihnen.“ Der Goldschmied ging wieder
-nach Hause, indem er dachte, daß sie vielleicht, als er zum Zimmermann
-ging, einen anderen Weg nach Hause gegangen seien. Er sah überall nach,
-aber die Kinder waren nicht da. In seiner Aufregung konnte er nicht
-schlafen. Gegen Morgen ging er nach allen vier Himmelsrichtungen auf
-die Suche. Er ließ es auch durch Ausrufer bekannt machen. Aber niemand
-hatte sie gesehen.
-
-Da zerriß der Goldschmied sich seinen Kragen [35], ging zum Zimmermann
-und sagte zu ihm: „Jetzt schaffe mir meine Kinder herbei, denn ich habe
-sie bei dir gelassen.“ Sie wurden handgemein und die alte Freundschaft
-verwandelte sich auf einmal in Feindschaft. Schließlich gingen sie
-beide zum Kadi und erhoben einen Prozeß vor dem Gericht. Der
-Goldschmied berichtete dem Kadi die ganze Sache. Der Kadi fragte den
-Zimmermann, was er dagegen zu sagen habe. Dieser antwortete: „Ja, es
-ist richtig. Er hat die Jungen bei mir gelassen. Aber nachdem er
-gegangen war, sind sie zu Bären geworden. Ich habe sie in einem
-unterirdischen Gemache eingeschlossen. Da sind sie noch.“ Der Kadi
-sagte: „Rede nicht Unsinn. Im Islam gibt es keine Verwandlungen. Unter
-den früheren Propheten hat es Seelenwanderungen gegeben, aber seit dem
-Auftreten Mohammeds kommt etwas Derartiges nicht mehr vor. Suche die
-Knaben.“ Darauf antwortete der Zimmermann: „Ja, in den Büchern steht
-tatsächlich so, und die Gemeinde Mohammeds ist von solcher
-Seelenwanderung befreit. Aber Gottes Weisheit hat sich an den Kindern
-dieses Mannes gezeigt. Gott weiß, wegen welcher Schlechtigkeit dieses
-Mannes dies den unschuldigen Kindern passieren mußte.“ Der Kadi blickte
-auf die neben ihm Sitzenden und sagte: „Gläubige Gemeinde, tatsächlich
-kommt in der Gemeinde Mohammeds keine Seelenwanderung mehr vor, aber
-dieser Zimmermann redet sehr vernünftig, so müssen wir denn
-notgedrungen selbst hingehen und sehen.“ Die Zuhörer schlossen sich dem
-Kadi an und gingen mit dem Goldschmied in das Haus des Zimmermanns.
-Dieser öffnete das unterirdische Gemach und alle traten ein. Da die
-jungen Bären an die Gestalt des Goldschmiedes gewöhnt waren, so
-stürzten sie auf ihn, als sie den Goldschmied an Stelle der Figur
-sahen, und umschmeichelten ihn mit allerlei Freundlichkeiten und
-Spielereien. Sie schauten immer auf den Goldschmied, bewegten Ohren und
-Hals und benahmen sich in der Erwartung auf Fressen höchst sonderbar.
-Als dann der Zimmermann sie von der Kette befreit hatte, sprangen sie
-ihm jeder auf eine Schulter und leckten ihm Hals und Ohren.
-
-Als der Kadi und alle Leute dies sahen, waren sie erstaunt und sagten:
-„Was sollen wir tun und sagen? Das ist Gottes Sache. Wir sind alle
-nicht im Zweifel, daß diese jungen Bären deine Kinder sind.“ Damit
-gingen sie fort. Der Zimmermann gab die Kette der jungen Bären dem
-Goldschmied in die Hand und sagte: „Da, Bruder, nimm deine Söhne.“
-
-Da begriff der Goldschmied die Sache und sah ein, daß er, wenn es auch
-möglich wäre, äußerlich den Zimmermann zu besiegen, doch nur an Stelle
-seiner beiden Söhne zwei Bären zugesprochen erhalten würde. Er wußte,
-daß es eine List war, die ihm wegen seiner Habgier gespielt sei und, um
-das Geld von ihm zu erlangen, ins Werk gesetzt sei. Was sollte er tun?
-Er zog den Zimmermann in eine Ecke und sagte: „Bruder, dein Anteil von
-dem Golde ist bei mir. Komm, ich will dir, soviel du willst, und noch
-mehr von deinem Anteil geben. Mache mich nicht zum Gespötte der Welt.“
-Der Zimmermann antwortete: „Bruder, deine Söhne sind bei mir. Bringe
-das Gold und nimm deine Söhne.“
-
-Der Goldschmied brachte das gesamte Gold, empfing seine Söhne gesund
-und wohlbehalten und brachte sie nach Hause. Aber ihre alte
-Freundschaft hatte sich des Geldes wegen in Feindschaft verwandelt und
-in List und Trug verändert.
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-24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER
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-In alten Geschichten wird zuverlässig berichtet, daß vier Leute: ein
-Zimmermann, ein Goldschmied, ein Schneider und ein Asket sich
-verabredeten, auf Reisen zu gehen. Sie machten sich also auf den Weg.
-Nachdem sie einige Zeit gereist waren, mußten sie nach Gottes Ratschluß
-eines Tages in einer gefährlichen bergigen Gegend übernachten. Sie
-hatten sich verabredet, daß sie aus Furcht vor schädlichen wilden
-Tieren nur abwechselnd schlafen würden.
-
-Die Reihe kam an den Zimmermann, während die anderen drei sich
-hinlegten und schliefen. Beim Stillsitzen überwältigte den Zimmermann
-die Müdigkeit, so daß er, um sie zu vertreiben, sein
-Zimmermannshandwerkzeug in die Hand nahm. Er fällte einen geraden Baum,
-schnitzte ihn sauber aus, machte Kopf, Hände und Füße und formte eine
-Mädchengestalt. Danach kam die Reihe an den Goldschmied. Auch ihm kam
-beim Nichtstun der Schlaf. Da fiel sein Blick auf das Mädchen vor ihm,
-das der Zimmermann gemacht hatte. Er lobte die Kunstfertigkeit des
-Zimmermanns und, um den Schlaf zu bannen, wollte er auch seine Kunst
-zeigen. Er machte der Gestalt Ohrringe, Armbänder und anderen
-Frauenschmuck. Als er mit seiner Wache fertig war, kam die Reihe an den
-Schneider. Als dieser aufstand und die wunderbare Gestalt sah, war er
-sehr erstaunt und rief aus: „Da muß ich meine Kunst in würdiger Weise
-zeigen.“ Er machte ihrer ganzen Figur entsprechend prächtige Gewänder
-und bekleidete sie damit von Kopf bis zu Füßen. Wer sie ansah und nicht
-wußte, daß sie eine Figur war, hätte sie für ein lebendiges Wesen
-gehalten, gleich als ob sie geformter Geist sei. Als die Wache des
-Schneiders zu Ende war, weckte er den Asketen und legte sich selbst
-schlafen. Als der Asket aus dem Schlaf die Augen öffnete und das
-geformte Bild erblickte, da wurde er wie einer, dem in Abgeschiedenheit
-von der Welt das göttliche Licht erscheint, und er trat näher an die
-Figur. Was sieht er da? Eine Gestalt, die selbst Asketen verführte, ein
-wunderbares Bild, dessen gewölbte Augenbrauen die Gebetsrichtung der
-Liebenden und dessen rubinrote Lippen die Nahrung für Herz und Seele
-sind. Sofort hob er seine Hände zu dem Schöpfer der Geister und betete:
-„O Herr der Stärke und Allmacht, o Gewaltiger, der du das reine Wesen
-Adams aus dem Dunkel des Nichtseins in das Gefilde des Seins gebracht
-hast und aus dürrem Holze die Früchte wachsen läßt, o Gott bei deiner
-großen Güte bitte ich dich, daß du mich vor meinen Genossen nicht
-beschämst und diese seelenlose Figur beseelen, ihr durch deine Gnade
-Leben schenken und ihre Zunge dich zu loben und zu preisen lösen
-mögest.“ Als er so bat, da schenkte Gott der Ewige, weil der Asket ein
-heiliger Mann war, dessen Gebet Erhör fand, in seiner Güte dieser Figur
-Seele und Leben und sie wurde ein glückliches, junges Mädchen, das wie
-eine schlanke Zypresse daherwandelte und wie ein Papagei sprach. Als es
-Morgen wurde und durch den Strahl der Sonne die Welt erleuchtet wurde,
-da fiel der Blick der vier Gefährten auf das herzraubende Götterbild,
-und sie wurden alle durch die Fesseln ihrer Locken gefangen und
-umflatterten wie ein Schmetterling das Licht ihrer Schönheit. Es
-entstand ein heftiger Streit und Zank unter ihnen. Der Zimmermann
-sagte: „Da ich sie geschaffen, so gehört sie mir; ihr habt kein Anrecht
-darauf.“ Der Goldschmied sagte: „Ich habe Gold und Schmuck an sie
-verwandt und Geld, das die Hälfte der Seele ist, für sie geopfert.
-Deswegen gehört sie mir.“ Der Schneider sagte: „Da sie durch meine
-Bemühungen zu höchster Schönheit und Vollendung gelangte und
-liebenswert wurde, so bin ich die Veranlassung, daß sie fähig wurde,
-den Lebensodem zu erlangen. Deswegen kommt sie mir zu.“ Der Asket
-sagte: „Dieses Mädchen gehört mir. Sie ist ein Werk meiner tiefen
-Frömmigkeit und ist mir eine Probe der im höchsten Himmel weilenden
-Hūrīs. [36] Mein Recht ist klar.“
-
-Schließlich wollten sie alle, um ihre Ansprüche zu entscheiden, vor
-Gericht gehen. Da sahen sie, daß ein Wanderderwisch im Derwischmantel
-daher kam. Einmütig setzten sie den Derwisch zum Richter ein. Sie
-wollten mit seiner Entscheidung, wie sie auch ausfalle, zufrieden sein.
-Sie riefen ihn also heran und setzten ihm die Angelegenheit genau
-auseinander. Kaum hatte aber der Derwisch das Mädchen gesehen, als er
-sich in sie verliebte und wie eine Flöte zu klagen und zu seufzen
-anfing. Der Derwisch, nur in Gedanken, seinen eigenen Kummer zu
-lindern, schaute die Vier an und sagte: „Ihr Muslime, es ist ja reiner
-Unsinn, was ihr da sagt. Fürchtet ihr euch nicht vor Gott, derartig
-häßliche Taten zu begehen und meine legitime Frau mir zu nehmen, indem
-der eine behauptet, er habe sie aus Holz geschnitzt, und der andere, er
-habe für sie gebetet. Sagt doch etwas, das Verstand und göttliches
-Gesetz erlauben. Diese Frau gehört mir und die Sachen, die sie trägt,
-habe ich ihr machen lassen. Vor einigen Tagen ist zwischen uns ein
-kleiner Streit entstanden, und in der vergangenen Nacht ist sie aus
-Ärger aus meinem Hause gegangen. Ich habe mich, um sie zu suchen, auf
-den Weg gemacht und sie mit Gottes Hilfe gefunden. Macht euch nicht
-lächerlich vor den Leuten mit derartigen sinnlosen Reden. Das ist ja
-Unsinn.“
-
-Der Derwisch bestand noch mehr als die anderen auf seinem Anspruch. So
-gingen sie alle fünf mit ihren Ansprüchen in die Stadt direkt zum
-Stadtvoigt und erzählten ihm ihren Fall. Als der Stadtvoigt das Mädchen
-sah, verliebte er sich noch tausendmal mehr als sie und sagte: „Ihr
-verruchten Räuber, dies Weib ist die Frau meines älteren Bruders.
-Räuber haben ihn umgebracht und seine Frau entführt. Gott sei Dank, das
-Blut bleibt nicht ungerächt. Ihr habt euch selber gestellt.“ Er bestand
-also noch mehr als sie alle auf seinem Anspruch und führte sie vor das
-Gericht zum Kadi. Als ein jeder dem Herrn Kadi seinen Anspruch
-auseinandergesetzt hatte, blickte der Kadi auf das Gesicht des
-Mädchens.
-
-
- Ein reizendes Mägdlein vor Augen er sah,
- Anmutig vom Haupt zur Zeh stand sie da!
- Ihr Wuchs jeden Schauenden liebekrank machte,
- Verderben ihr stolzer Zypressengang brachte.
- Den Erdball mit Not ihre Wimper bedroht,
- Ihr gottloses Blinzeln mit Hölle und Tod.
-
- Wo Markttag sie hielt auf der Liebe Basar,
- Da bot man als Preis tausend Seelen ihr dar.
- Wo die Flut ihrer Reize das Herze bestürmte,
- Kein Damm widerstand, kein Verstand da beschirmte.
- Der Ehrbarkeit Burg ward vom Gießbach verheert,
- Von Liebe des Anstandes Grundbau zerstört!
-
-
-Sogleich faßte ihn das Verlangen, das Mädchen zu besitzen und er sagte:
-„Freunde, dieser Prozeß ist nichtig. Dieses reine Mädchen ist in meinem
-Hause aufgewachsen und seit ihrer Kindheit an wie ein Kind von mir
-gehalten. Sie ist meine Sklavin. Den Schmuck und die kostbaren Kleider,
-die sie trägt, hat sie von mir erhalten. Durch Taugenichtse verführt,
-hat sie mich verlassen. Durch Gottes Güte ist sie durch eure Bemühungen
-gefunden, und meine Absicht ist erreicht. Euer Liebesdienst wird bei
-Gott nicht vergessen bleiben, ihr werdet von ihm euren Lohn erhalten.“
-Als er so sprach, sahen die vier Genossen, daß der Kadi über sie großes
-Unglück, vor dem sie sich nicht schützen könnten, bringen würde. Der
-Asket wendete sich zum Kadi und sagte: „Mewlana [37], geziemt es sich,
-indem du Anspruch darauf erhebst, auf dem Teppich des Propheten zu
-sitzen, daß du einen Prozeß von Muslimen nicht nach dem göttlichen
-Recht entscheidest, sondern selbst Ansprüche auf dieses Mädchen erhebst
-und sie uns mit Gewalt entreißen willst, indem du erklärst, sie sei
-deine Sklavin. In welcher Rechtsschule ist das denn gestattet? Und wie
-willst du dich dereinst vor Gottes Richterstuhl verantworten?“ Da
-antwortete der Kadi: „Du Betrüger, um die Leute zu täuschen, hast du
-durch Fasten dein Aussehen verändert, damit die Leute sagen sollen, aus
-Gottesfurcht ist er so krumm wie ein Bogen geworden. Nun gibt es ein
-bekanntes Sprichwort: Der Lügner muß ein gutes Gedächtnis, scharfen
-Verstand und Einsicht haben. Du hast aber weder das eine noch das
-andere. Du Narr, wenn du schon eine verrückte Lüge vorbringst, so darf
-sie doch nicht ganz ungereimt sein. Kann ein Mensch aus Holz entstehen?
-Gebt also diesen Prozeß auf und geht weg. Wenn nicht — wie ihr wollt.
-Ich habe meine Sklavin wiedergefunden.“
-
-Der Asket sagte: „Fürchte dich vor Gott und schäme dich vor dem
-Propheten und entscheide den Prozeß nach dem göttlichen Recht.“ Der
-Kadi und der Asket sagten sich gegenseitig Worte, wie sie ihnen gerade
-auf die Zunge kamen, und es entstand ein großer Streit. Ihr
-Zwiegespräch änderte sich in Zwiespalt. Diese sieben Leute waren aus
-Liebeskummer nahe am Blutvergießen und rüsteten sich zum Kampf. Da
-traten die Verständigen der Stadt zusammen in der Absicht, sie zu
-versöhnen, und sagten: „Ihr Gläubigen, euer Prozeß läßt sich nicht
-entscheiden und die Schwierigkeit kann niemand lösen, wenn nicht der
-Allmächtige in seiner Güte ihn erledigt. In einem Ausspruch des
-Propheten heißt es: ‚Wenn ihr in Zweifel seid bei den Dingen, so sucht
-Hilfe bei den Begrabenen.‘ So wollen wir denn mit euch auf den Kirchhof
-gehen. Ihr betet und wir wollen Amen sagen. Es ist zu hoffen, daß Gott
-der Erhalter dies Geheimnis offenbar mache.“ Alle erhoben sich und
-gingen auf den Kirchhof. Der Asket erhob die Hände und sprach: „O, du
-Mächtiger und Allwissender, du kennst den Grund dieses Prozesses. So
-löse in deiner großen Güte diese Schwierigkeit, damit deutlich werde,
-wer recht hat.“ So betete er unter heftigem Weinen, und alle Leute
-sprachen: Amen.
-
-Während des Gebetes hatte sich das besagte Mädchen an einen großen Baum
-gelehnt. Plötzlich teilte sich jener Baum und nahm das Mädchen in sich
-auf. Dann schloß sich der Baum wieder, und das Geheimnis des Spruches:
-„Jede Sache kehrt zu ihrem Anfang zurück“ wurde klar.
-
-Aller Streit und alle Feindschaft waren beseitigt und alle Welt wußte,
-daß jene vier Leute die Wahrheit gesagt hatten. Ihre Wahrhaftigkeit war
-sonnenklar. Die drei anderen waren Lügner; ihre Lügenhaftigkeit war
-offenbar, und sie selbst ein Gegenstand der Verachtung geworden. Die
-aber das Mädchen, das jetzt zu seinem Ursprunge zurückgekehrt war,
-geliebt hatten, waren betrübt und verstört.
-
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-
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-25. DER LÖWE UND DAS SCHAF
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-
-In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der
-Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein
-großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses
-Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer
-geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren
-umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ
-bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das
-Schiff und schlief dort.
-
-Nun wohnte in dem Walde jener Insel ein großer Löwe. Alles Wild jener
-Gegend gehorchte ihm. Eines Tages machte er eine große Jagd, und
-nachdem er und alle, die unter seinem Schutz lebten, sich gesättigt
-hatten, fiel der Blick des Löwen, als er am Ufer spazierenging, auf das
-Schiff. Er betrat sofort das Schiff, das ihm sehr gefiel, und während
-er alles betrachtete, sah er das Schaf. Da er satt war, hatte er
-Mitleid mit dem Schaf, schenkte ihm das Leben, lud es zu sich ein,
-behandelte es sehr freundlich, zog es in seine nächste Umgebung, ließ
-ihm von niemandem Unrecht tun, da es fremd in dieser Gegend war,
-versorgte es mit allem Nötigen und gewährte ihm Sicherheit. Das Schiff
-machte er zu seinem Palast, lud sein ganzes Gefolge nach dem
-Nachmittagsgebet dorthin ein und ließ dort Diwan [38] abhalten. Das
-Schaf verkehrte auch ohne weitere Förmlichkeiten bei dem Löwen. Eines
-Tages hatte der Löwe mit seinem Gefolge bis zum Abend gejagt, aber kein
-Wild gefunden. Am folgenden Tage fanden sie gleichfalls nichts. Als sie
-am dritten Tage auch keine Beute fanden, war sowohl der Löwe wie auch
-sein Gefolge vor Hunger am Ende ihrer Kräfte. Seine Vezire beschlossen
-einstimmig den Tod des Schafes und gingen zum Löwen. Dieser sagte: „Ich
-will lieber vor Hunger sterben, als mein Wort brechen und einem
-schuldlosen Wesen, dem ich Sicherheit versprochen habe, einen Schaden
-zufügen.“ Seine Vezire sagten: „Jawohl, das Wort des Königs der Tiere
-ist Wahrheit, und seine Rede ist die absolute Weisheit, aber heute ist
-Euer erlauchter Körper vor Hunger nahe am Tode. Nun, was macht es, wenn
-ein Sklave sich für das Wohl der Untertanen des Königs opfert? Schon
-die Weisen sagen: ‚Der Schaden des einzelnen ist besser als der Schaden
-der Gesamtheit.‘ Statt daß alle deine Diener umkommen, ist es besser,
-daß einer deiner Sklaven sich opfere. Es ist billig, daß du für das
-Wohl so vieler Seelen dieses Schaf uns als Mahlzeit gibst.“
-
-Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber
-keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das
-Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes
-Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst
-und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll
-Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O
-Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige
-unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß
-durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der
-Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen
-Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und
-sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und
-schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und
-wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde
-als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen
-ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst
-du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese
-unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der
-Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist
-schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine
-Geschichte?“ Der Fuchs antwortete:
-
-„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer
-Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe
-hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der
-Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die
-Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen
-Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam
-herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.[20] Er konnte aber
-nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt
-den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie
-sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da
-sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen
-Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um
-Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß
-Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie
-kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen.
-Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit
-diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des
-Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“
-
-Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf.
-
-
-
-
-
-
-
-
-26. DER LÖWE UND DER KATER
-
-
-Im fernsten Indien war ein Weideland, das Blüten und Bäume ohne Zahl
-und Wild ohne Ende hervorbrachte. In dieser Gegend hatte sich nun ein
-Löwe niedergelassen. Was an wilden und reißenden Tieren vorhanden war,
-stand in seinem Dienst, führte seine Befehle mit Vergnügen aus und
-hielt seinen starken Schutz für die Ursache ihres glücklichen Lebens.
-So vergingen einige Monate und Jahre, und der Frühling der Jugend des
-Löwen veränderte sich in den Herbst des Greisenalters; seine
-körperliche Kraft wurde schwach und sein Körper wurde vor Alter matt,
-so daß seine Augen nicht mehr zum Sehen und seine Zähne nicht mehr zum
-Essen der Speisen taugten. Ja es kam so weit, daß jedesmal, wenn er
-seine Beute verzehrt hatte und eingeschlafen war, infolge des Alters
-seine Lippen, wie der Mund eines Opiumrauchers nach dem Rausch, schlaff
-herunterhingen und sein Rachen geöffnet war. Dann kamen alle dort
-vorhandenen Mäuse und holten die Fleischreste, die zwischen seinen
-Zähnen saßen, heraus. Infolge der Belästigung der Mäuse konnte der Löwe
-nicht ruhig schlafen und wachte jede Stunde auf. Es war auch nicht
-möglich, so viele Mäuse zu fangen, denn sobald der Löwe eingeschlafen
-war, sammelten sich die Mäuse um ihn, so daß er trotz seiner Macht und
-Stärke ihnen gegenüber machtlos blieb.
-
-Der Wolf, der den Rang eines Vezirs innehatte und des näheren Umganges
-mit dem Löwen gewürdigt wurde, trat eines Tages in das Privatgemach des
-Löwen. Dieser erzählte ihm, was für Not er von den Mäusen leide. Der
-Wolf antwortete: „Mächtiger Löwe, deine Lage gleicht ganz genau der
-Geschichte von dem Kalifen von Bagdad und dem Gottesgelehrten.“ Der
-Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Wolf erzählte:
-
-„Einer von den Abbasidischen Kalifen war durch seine Gewalt berühmt und
-durch seine große Macht bekannt geworden. Eines Tages ließ sich in
-seinem Empfangszimmer ein tugendreicher Gottesgelehrter, der Stolz der
-Bagdader Gelehrten, nieder. Aber da es Sommer war, belästigten und
-quälten die Fliegen den Kalifen über die Maßen. Der Kalif wandte sich
-zum Gelehrten und sagte: ‚Warum sind wohl diese Fliegen geschaffen? Was
-kann Gottes Weisheit damit bezweckt haben? Abgesehen davon, daß sie
-unnütz sind, sind sie auch unrein und schmutzig.‘ Der weise Gelehrte
-sagte: ‚Kalif der Welt, Gott der Herr der Welten hat nichts Unnützes
-geschaffen. Er hat in seiner Weisheit die Fliegen geschaffen, um den
-Mächtigen ihre Ohnmacht zu zeigen. Trotz ihrer Kraft und Macht sind sie
-doch nicht in der Lage, ein so schwaches Heer zu besiegen. Aus diesem
-Grunde sind dem Allmächtigen die Fliegen äußerst nötig!‘
-
-Der Kalif freute sich sehr über die weise Rede des Gelehrten und gab
-sich zufrieden.
-
-„Wenn du also, mächtiger Löwe, die Belästigung dieser verächtlichen
-Tiere nicht ertragen kannst, so ist dies eine göttliche Mahnung und
-Belehrung. Aber für jeden Kummer gibt es ein Heilmittel und, wenn man
-sie nicht mit Gewalt vertreiben kann, muß man List anwenden. Gott hat
-für jede Sache eine Ursache geschaffen. Was der eine kann, kann der
-andere nicht. So z. B. kann man den Staub eines Hauses nicht mit einem
-Pfauenwedel beseitigen, dazu ist ein Besen nötig. So können wir auch
-die Mäuse vertilgen. Wir haben doch einen alten Diener deines Hofes,
-den Kater, der seit Jahren auf deine Befehle wartet. Wenn du befiehlst,
-wollen wir ihm die Bewachung deines Thrones übertragen.“
-
-Der Löwe war damit einverstanden, und der Kater, der den Namen
-Flinkhand hatte, wurde vor den Löwen gerufen und ihm die Wache
-übertragen. Flinkhand übernahm dies Amt und sagte zum Löwen: „O König
-der Tiere, du hast mich zwar in deiner großen Güte zum Wächter ernannt.
-Aber ich war schon seit vielen Jahren an deinem Hofe, ohne daß ich
-eines gnädigen Blickes von dir für würdig erfunden wurde. Das ist um so
-merkwürdiger, als ich nicht nur ein alter Freund Euer Majestät bin,
-sondern auch Verwandtschaft zwischen uns beiden besteht.“ Der Löwe
-fragte: „Inwiefern?“ Darauf antwortete der Kater: „Als Noah in der
-Arche war, da waren alle Tiere machtlos gegen die Menge der Mäuse in
-der Arche und beklagten sich bei Noah. Infolge göttlicher Eingebung
-strich Noah mit der Hand über die Stirn des Löwen. Da kamen aus seinen
-zwei Nasenlöchern zwei Katzen zum Vorschein, die meine Ahnen sind. Alle
-Tiere in der Arche waren nun befreit von der Belästigung durch die
-Mäuse und hatten ihre Ruhe. Im Schutze deiner Herrschaft habe ich nun
-auch dieses Amt übernommen.“
-
-Tatsächlich verschwanden alle Mäuse, wo Flinkhand sich zeigte. Aber er
-fing und tötete keine einzige, sondern verhinderte nur, daß sie sich
-vor dem Löwen zeigten. So hatte dieser seine Ruhe, und Flinkhands
-Ansehen vermehrte sich von Tag zu Tag.
-
-Als Flinkhand auf diese Weise zu der nächsten Umgebung des Löwen
-gehörte, brachte er eines Tages seinen ältesten Sohn zu ihm, ließ ihn
-den Erdboden küssen und sagte: „König der Tiere, dies ist mein ältester
-Sohn. Er versteht gut die Hofetiquette und kann alle Dienste
-verrichten. Wenn ich bisweilen andere Geschäfte erledige, kann er mich
-vertreten und das Wächteramt übernehmen.“ Der Löwe gestattete es.
-
-Eines Tages hatte Flinkhand anderweitig zu tun, ließ seinen Sohn an
-seiner Stelle zurück und ermahnte ihn, gewissenhaft seinen Dienst zu
-erfüllen. Als dieser nun das Wächteramt übernahm, verfuhr er nicht wie
-sein Vater mit Schonung, kümmerte sich auch nicht um das Geheimnis und
-den weisen Zweck der Milde, sondern tötete jede Maus, die sich zeigte.
-Er tötete so viele, daß er bis zum Morgen alle umgebracht hatte, ohne
-auch nur eine einzige übrigzulassen.
-
-Am nächsten Tage kam sein Vater Flinkhand. Als er sah, daß Berge von
-getöteten Mäusen vorhanden waren, da geriet er außer sich und sagte zu
-seinem Sohn: „Du unverständiger Tor, diesen königlichen Posten, den ich
-nach allerlei Mühen am Ende meines Lebens erlangt hatte, hast du mir
-geraubt und mein Ansehen dem Staube gleich gemacht. Du Tor, du
-Dummkopf, wenn man uns Gutes tut, so ist es nur der Mäuse wegen. Wozu
-taugten wir, wenn es keine Mäuse gäbe?“ Also tadelte und schalt er ihn
-heftig.
-
-Einige Tage danach sah der Löwe, daß von den Mäusen nichts mehr
-geblieben war, und sagte zum Wolf: „Nun wollen wir Flinkhand entlassen,
-denn der Grund für ein Amt liegt in der Beschäftigung und Arbeit. Wenn
-diese nicht vorhanden sind, einen Menschen in ein Amt zu setzen, ist
-genau dasselbe, als wenn man einem Blinden eine Nadel gibt. Flinkhands
-Amt war das Mäusefangen. Da keine Mäuse mehr vorhanden sind, so wäre es
-Dummheit, ihn noch zu den Beamten zu rechnen. Besonders da das
-Katzengeschlecht sehr blutgierig ist und ich auch von der Strafe, die
-sie wegen ihrer Grausamkeit trifft, mitgefaßt werden könnte. Das
-Verständigste ist also, ihn zu entlassen.“
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-Sofort wurde er entlassen. Er befand sich wieder in dem alten traurigen
-Zustande der Verabschiedung.
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-27. ZARIFE UND ANTAR
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-In der Stadt Tus lebte ein Mann mit Namen Sejjar. Dieser war sehr
-reich, aber er war sehr traurig, weil er keinen Sohn hatte. Jeden, den
-er traf, fragte er, ob er kein Mittel kenne, um einen Sohn zu bekommen.
-Eines Tages kam ein geschickter griechischer Arzt in sein Haus als
-Gast. Sejjar teilte auch ihm sein Verlangen nach einem Sohne mit und
-bat ihn, ihm ein Mittel zu geben. Der gelehrte Arzt nahm aus seinem
-Wunder bergenden Kasten eine feine Paste und sagte: „Zerstoße sie mit
-der Galle eines Pfaus, gib es deiner Frau zu trinken und dann vollziehe
-den Beischlaf mit ihr und, wenn Allah will, wirst du einen Sohn
-bekommen.“ Am anderen Tage verabschiedete sich der Arzt.
-
-Es gab nun in der Stadt keinen Pfau. Nur der König hatte einen, den er
-sehr liebte und hütete. Sejjar beriet sich mit seiner Frau Zarife, und
-sie beschlossen, sich den Pfau auf irgendeine Art zu beschaffen. Eines
-Nachts gingen sie in den Garten, wo der Pfau war, holten den Pfau mit
-List heraus und brachten ihn in ihr Haus zu einer Zeit, wo kein Fremder
-dort war. Sofort schlachteten sie ihn, nahmen seine Galle, zerstießen
-sie mit der erwähnten Paste und tranken sie. Zarife hatte aber einen
-Bruder, mit Namen Antar. Zarife konnte aus übergroßer Freude, einen
-Sohn zu bekommen, nicht mehr an sich halten und erzählte dem Antar die
-ganze Geschichte. Als am nächsten Tage der Pfau vermißt wurde und der
-König davon erfuhr, befahl er, ihn zu suchen und versprach einem jeden,
-der ihn fände oder Kunde von seinem Leben oder Tod bringe, tausend
-Goldstücke zu geben.
-
-Als dies durch Ausrufer bekannt gegeben wurde, und als Antar von den
-tausend Goldstücken hörte, da ging er zum König und erzählte ihm die
-Geschichte. Der König entbrannte vor Zorn über die Frau und befahl, sie
-zu töten. Seine Vezire sagten aber: „O König, ohne den wahren
-Sachverhalt der Angelegenheit erforscht zu haben, diese arme Frau
-umzubringen, ist dem göttlichen Recht zuwider, denn dem Worte eines
-Mannes, der vielleicht aus Eigennutz ausgesagt hat, darf man nicht
-vertrauen. Die Frau muß ordentlich ausgefragt werden. Wenn sie ihn
-wirklich genommen hat, soll sie ihre Strafe erhalten, wenn aber im
-Gegenteil dieser Mensch nur aus Eigennutz ausgesagt hat, soll er
-bestraft werden.“
-
-Dem König gefiel der Vorschlag seiner Vezire, und er dämpfte etwas
-seinen Zorn. Er rief den Antar und sagte: „Mensch, wenn deine Aussage
-nicht richtig ist, werde ich dich an ihrer Stelle töten.“ Antar
-antwortete: „Mein Padischah, ich habe selbst von meiner Schwester
-gehört, daß sie den Pfau umgebracht habe. Wenn du aber meinen Worten
-nicht glaubst, so bestimme zwei Männer. Ich werde sie irgendwo
-verbergen und werde sie die Worte meiner Schwester hören lassen.“
-
-Der König gab dem Antar zwei Leute, denen er vertraute, mit. Antar
-versteckte einen jeden von ihnen in einem Kasten, verschloß sie und
-ließ sie von zwei Lastträgern in das Haus seiner Schwester bringen.
-Dann sagte er: „Schwester, ich muß irgendwohin verreisen. In diesen
-Kästen sind meine Kostbarkeiten, die ich fürchte in meinem Hause zu
-lassen. Sie sollen bei dir zur Aufbewahrung bleiben.“ Sie sprachen dann
-von allerlei Dingen, und er brachte das Gespräch auf den Pfau und
-sagte: „Ach, Schwester, wie wäre es, wenn du doch einen Sohn bekämst!
-Wie würden wir uns freuen! Aber erzähle mir doch noch einmal, wie ihr
-den Pfau in der Nacht habt fangen können. Ich habe mich sehr darüber
-gefreut. Verzeih mir nur, daß ich das erste Mal, als du mir es
-erzähltest, nicht recht zugehört habe, weil ich zu aufgeregt war.
-Erzähle es mir, bitte, noch einmal!“
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-Zarife erzählte auch, von Anfang bis zu Ende, wie sie dorthin gegangen
-seien, ihn ergriffen, nach Hause gebracht und getötet hätten. Zum
-Schlusse sagte sie dann: „Es war gerade Morgen geworden, und ich wachte
-auf. Es war ein Traum. Aber da der Pfau ein bunter Vogel ist, so deutet
-das darauf hin, daß ich, wenn Gott will, einen schönen Sohn bekommen
-werde. Es muß ein guter Traum sein, denn wer im Traum einen Pfau sieht,
-deutet das so.“ Antar sagte: „Schwester, war das denn ein Traum, was du
-mir das erste Mal erzähltest?“ Zarife antwortete: „Bruder, weißt du
-nicht, daß ich nicht einmal einen Sperling töten kann, wie sollte ich
-wohl einen Pfau schlachten besonders, wenn es der des Königs ist. Du
-hast mich in deiner Aufregung nicht verstanden und hast angenommen, ich
-hätte dir ein wirkliches Ereignis erzählt.“
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-Antar war ganz bestürzt und hatte nicht die Kraft, wieder zum Könige zu
-gehen. Aber als die Vertrauensmänner des Königs wieder zu ihm geführt
-wurden, ließ man sie alles eins nach dem andern erzählen. Sie
-berichteten, wie sie gehört hatten: „O König, was die Frau sagte, war
-ein Traum. Sie sagte auch, daß es ein solcher sei. Dieser Mann hat es
-für Wirklichkeit gehalten.“ Der König sah ein, daß Antar nur aus
-Eigennutz gehandelt habe, und ließ ihn auf dem Richtplatze hinrichten.
-Der Zarife erwies er aber viele Gnaden und Wohltaten.
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-28. DSCHEMILE UND DIE DREI FREIER
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-Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und
-seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt
-nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu
-seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist
-herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt
-bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob
-ich wiederkomme.“
-
-Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen
-jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das
-Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete
-ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die
-Pilgerfahrt mit ihm zusammen.
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-Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den
-anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in
-Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort
-einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß
-der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in
-Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für
-ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie
-mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die
-Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben
-bleiben.
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-Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach
-seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam,
-traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei
-Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn
-waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas
-vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da
-der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie
-in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit
-Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht
-als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das
-Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des
-Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So
-entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der
-fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen
-geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die
-Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu
-Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam
-sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde
-schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines
-Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in
-die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und
-wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für
-Leichentuch und Waschung, und begruben sie.
-
-Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten
-sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen,
-sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens
-verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr
-Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich
-wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht
-mehr aushalten und kann meine Sehnsucht nicht bis zum Jüngsten Tage
-hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst,
-tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben,
-und welches Anrecht hättest du auf sie?“
-
-Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu
-öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf
-ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr
-geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen
-von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor,
-als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die
-Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte
-ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader
-gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte
-Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das
-Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte
-vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu
-schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht
-schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen,
-da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug
-die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und
-schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen,
-wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die
-Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt.
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-Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib
-sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet
-ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt
-ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens
-festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können?
-Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie
-zu schlagen. Ich habe den Stock genommen und sie geschlagen. Hätte ich
-das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“
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-Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer
-Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch
-ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode
-werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures
-Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen
-wir sehen, was sich machen läßt.“
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-Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter
-wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder
-priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr.
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-Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das
-Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des
-Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes
-weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den
-Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters
-gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen.
-Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken!
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-29. DER GREIS, DER NIE VERLIEBT WAR
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-Der erhabene Heilige Bajezid Bistami hielt einst in der Moschee eine
-Predigt. Alle Anwesenden, groß und klein, waren von seinen Worten
-begeistert. Als die Begeisterung am höchsten war, trat ein Opiumraucher
-an seine Kanzel und sagte: „Meister, durch die Macht deiner glänzenden
-Rede führst du alle Welt auf den Pfad Gottes. Ich habe eine Bitte an
-dich. Mir ist mein Esel verloren gegangen, sage mir, wo er ist.“
-Bajezid Bistami sagte: „Gedulde dich nur! Ich werde ihn finden.“ Darauf
-fing er wieder zu predigen an. Während der Predigt wandte er sich an
-die Anwesenden und fragte: „Gemeinde Muhammeds, ist einer unter euch,
-der nie verliebt gewesen ist? Wenn das der Fall ist, so stehe er auf.“
-Da stand ein Greis auf und sagte: „O Scheich, in der Wissenschaft der
-Liebe bin ich ein Laie. Seit meiner Kindheit bis zum Greisenalter bin
-ich nie verliebt gewesen. Was Liebe ist, weiß ich nicht. Ich habe
-überhaupt keine Ahnung, was das ist, was du Liebe nennst. Sei doch so
-freundlich und erkläre es mir!“ Da sagte Bajezid Bistami zu dem
-Opiumraucher, der seinen Esel verloren hatte: „Mann, das ist der Esel,
-den du verloren hast. Nimm ihn mit!“
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-30. DER KAUFMANN UND DER KÖNIG DER TIERE
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-In den Märchenbüchern steht geschrieben, daß im Gebiete von Kedscherwan
-ein Kaufmann, Namens Sadri, lebte. Nach Gottes Ratschluß
-verschlechterte sich seine Lage von Tag zu Tag, so daß er ganz arm
-wurde. Nach dem Sprichwort: „Sich regen bringt Segen“, beschloß er sich
-auf Reisen zu begeben. Er machte sich also auf den Weg und kam in einen
-Wald. Nun hatte ein Löwe sich diese Gegend unterworfen, und kein
-Fremder durfte sie betreten. Die Antilope und die Gazelle waren seine
-Vezire und leiten den Löwen auf den Pfad des Rechts. Durch Gottes Gnade
-waren die Antilope und die Gazelle gerade in der Nähe des Löwen.
-
-Als der Kaufmann Sadri den Löwen sah, war er ganz verwirrt, fing an zu
-zittern und stand ratlos da. Wenn er zurückging, würde der Löwe ihn von
-hinten einholen und töten, wenn er geradeaus ging, würde er aus freien
-Stücken an den Ort des Verderbens eilen. Da er schließlich nicht wußte,
-was er tun sollte, schaute er verlegen vor sich hin.
-
-Die Antilope und die Gazelle waren von gutmütigem Charakter und
-freundlichem Benehmen. Als sie den armen Sadri sahen, hatten sie
-Mitleid mit ihm und griffen zur List, denn sie wußten, daß der Löwe ihn
-nicht schonen, sondern töten würde. Um Sadri zu retten, gingen sie zum
-Löwen, lobten ihn ins Gesicht und sagten: „Möge Gott, der Höchste, dem
-Könige der Tiere langes Leben und Macht geben! Da sogar die Menschen
-gehört haben, daß alle Tiere unter dem Schutz deiner Gerechtigkeit
-zufrieden und froh leben, so ist ein Mensch zu deiner Schwelle gekommen
-und hofft auf deine Güte. Aber vor deiner Majestät ist er verwirrt und
-wagt nicht, ohne Erlaubnis einzutreten. Wenn du die Erlaubnis gewährst,
-will er den Staub deiner Füße küssen.“
-
-Der Löwe freute sich sehr über ihre Rede und gab die Erlaubnis. Auf
-Anweisung der Antilope und der Gazelle ging er zum Empfang bei dem
-Löwen, küßte verwirrt den Erdboden und erfüllte die Erfordernisse der
-Hofetikette.
-
-Nun hatte der Löwe in einem Engpaß mehrere Karawanen vernichtet und ihr
-Geld und ihre Edelsteine geraubt. Er schüttete diese vor Sadri aus und
-sagte: „Nimm dir davon, soviel du willst!“ Dieser nahm von dem Gelde,
-soviel er konnte, und kehrte wieder in seine Heimat zurück. Er
-verkaufte davon so viel, um seine Schulden zu bezahlen, und vergrub den
-Rest in einem Winkel seines Hauses.
-
-In seiner Habgier bereute er es, nicht alles Gold und alle Edelsteine,
-die der Löwe hatte, genommen zu haben, und ging wieder an die Stelle,
-wo sich der Löwe befand, ohne zu bedenken, wie trügerisch das Schicksal
-ist, und daß der Habgierige schließlich enttäuscht wird. Kurz, er
-befand sich an der bewußten Stelle dem Löwen gegenüber.
-
-Aber an diesem Tage befanden sich bei dem Löwen von seinen Hofleuten
-der Wolf und der Schakal. Da diese von Natur böswillig waren, so
-leiteten sie den Löwen nie zum Guten. Um den Löwen aufzureizen, sagten
-sie: „König der Tiere, warum beschützt du nicht diese Gegend? Was ist
-das für eine Unachtsamkeit, daß die Menschen ohne Erlaubnis deine
-Residenz betreten und die Regeln, die deine Majestät vorgeschrieben,
-verachten? Die Menschen sind überhaupt ein unverschämtes Geschlecht,
-und ihre Schlechtigkeiten auf der Erde sind viel, so daß es zu deinen
-dringendsten Aufgaben gehört, sie in die Schranken zu weisen.“ So
-brachten sie den Löwen in äußerste Wut, so daß er Sadri angriff, um ihn
-zu zerreißen und zu zerstückeln.
-
-Als Sadri sah, daß die Antilope und die Gazelle nicht bei dem Löwen
-waren und der Wolf und der Schakal mit ihrer Tücke den Löwen gegen ihn
-aufgebracht hatten, da erkannte er, daß er in sein Verderben gerannt
-war. Er kletterte aus Furcht für sein Leben auf einen Baum und
-erreichte das Gestade der Sicherheit.
-
-Der Löwe war sehr zornig und schlug den Baum mit seinem Schweife, um
-ihn auszureißen. Da erschien die Antilope und die Gazelle, und der Wolf
-und der Schakal zogen sich zurück, da ihre Gegenwart nicht mehr so
-erwünscht war. Die Gazelle und die Antilope sahen, daß der Mann aus
-Habgier wiedergekommen war und sich den Zorn des Löwen zugezogen hatte.
-Sie wußten ganz klar, daß der Löwe ihn in Stücke reißen würde.
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-Deswegen regte sich ihr Mitleid und sie bemühten sich, ihn zu befreien.
-Sie traten vor den Löwen, küßten ehrfurchtsvoll den Erdboden und
-sagten: „Mächtiger König und Kaiser, Gott dem Höchsten sei Dank, daß er
-seiner Diener Gebete erhört hat und daß uns durch ihn soviel Erfolg
-beschert wurde. Kann es eine größere Gnade Gottes geben als, daß auf
-der ganzen Erde Tiere und Menschen dich loben und preisen und für die
-Dauer deiner Herrschaft beten, aber auch die in der Luft fliegenden
-Vögel und die in den Höhen schwebenden Engel steigen auf die Zweige der
-Bäume als Kanzeln, um deine Güte und Gnade zu preisen, und loben mit
-beredten Worten deine Herrschaft.“
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-Als der Löwe diese besänftigenden Worte hörte, legte sich sofort sein
-Grimm und er sagte: „Möge Gott es euch vergelten! Wenig fehlte und ich
-hätte dem Worte der andern vertrauend diesen unschuldigen armen
-Kaufmann getötet. Sagt ihm, er soll sich nicht fürchten und für mich
-weiter beten.“ Dann wandte er sich seiner Wohnung zu. Die Gazelle und
-die Antilope ließen Sadri entwischen. Ohne ihre Bemühungen wäre er
-sicher wegen seiner Habgier umgekommen.
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-31. DER HABGIERIGE SEIDENSPINNER
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-In einer Stadt Iraks lebte ein Seidenspinner. Er konnte ein Haar in
-vierzig Strähnen teilen und war jeden Augenblick an der Arbeit. Trotz
-seines Eifers konnte er nicht mehr verdienen, als er gerade für den Tag
-brauchte. Er hatte einen Freund, der Wollkrempler war. Eines Tages
-besuchte er ihn und fand sein Haus mit allerlei Kostbarkeiten angefüllt
-und seine Kleider und Wertsachen in Menge vorhanden. Hierüber wunderte
-er sich und sagte zu sich: „Ich gehe Tag und Nacht zu Königen und
-Fürsten und arbeite ihrer würdige Sachen, dieser Wollkrempler dagegen
-reinigt nur Baumwolle und Wolle. Während er zu solchem Reichtum gelangt
-ist, bin ich vor Armut nahe am Sterben. Was kann Gott damit bezweckt
-haben?“ Mit diesem Gedanken kam er nach Hause zurück und setzte sich
-hin, versunken in das Meer des Nachdenkens und der Aufregung. Seine
-Frau kam zu ihm und fragte ihn nach seiner Traurigkeit. Der
-Seidenspinner erzählte ihr den Grund seines Nachdenkens und sagte zu
-ihr: „Frau, ich bin nun entschlossen, diese Stadt zu verlassen und in
-ein anderes Land zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich meinen
-Unterhalt nur mit Mühe verdienen. Ich will also in eine Stadt gehen,
-die meine Kunstfertigkeit zu würdigen weiß, und dort werde ich bequem
-leben. Außerdem sagen auch die Weisen: ‚Wenn der Halbmond nicht
-wandert, wird er kein Vollmond, und wenn die Perle nicht die Muschel
-verläßt, wird ihr Wert nicht erkannt.‘“ Seine Frau sagte:
-„Seidenspinner, deine Gedanken sind töricht und sinnlos. Gott hat im
-Koran gesagt: ‚Wir haben einem jeden seinen Unterhalt zugeteilt‘, und
-jedes Tier hat seine Nahrung, gemäß dem Koranverse: ‚Jedes Tier hat
-seine Nahrung von Gott.‘ Niemand kann durch Eifer und Sorgfalt mehr als
-seine ihm zugewiesene Nahrung erwerben. Wenn du dich einer Sache, die
-dir bestimmt ist, entziehen wolltest, so würde sie dich doch erreichen,
-und wenn du dich jahrelang bemühen würdest, mehr, als dir zugedacht
-ist, zu erreichen, so wirst du es nie erlangen. Die Geschichte des
-Ibrahim Edhem, des Königs von Balch — Gott habe ihn selig! —, der sich
-mit dem begnügte, was die ewige Vorsehung ihm zuwies, und in das Reich
-der Seligen einging, indem er sein Königtum aufgab, ist für alle, die
-sie hören, eine ernste Mahnung und Warnung.“
-
-Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“
-
-Darauf erzählte die Frau:
-
-„Ibrahim Edhem, der König von Balch, ging einst während seiner
-Regierung auf die Jagd. Während er im Freien aß, sah er, daß plötzlich
-eine Biene kam, ein Stück Brot vom Tische nahm und wieder davonflog.
-Ibrahim Edhem wurde durch diesen Vorgang in seinem Innern bewegt und
-folgte der Biene, die zu einem Baume flog und sich an dessen Fuße
-niederließ. Ibrahim Edhem sah, daß am Fuße ein blinder Sperling saß.
-Als dieser das Summen der Biene vernahm, öffnete er seinen Schnabel,
-und die Biene brach das Brot, das sie vom Tische genommen hatte, in
-drei Teile und steckte eins nach dem andern dem blinden Sperling in den
-Schnabel. Dann flog die Biene wieder davon.
-
-Als Ibrahim Edhem dies wunderbare Wirken Gottes sah, da entsagte er
-ganz der Welt und wandte sich Gott zu.
-
-Sollte daher, mein Gatte, — fuhr die Frau fort — Gott, der Allernährer,
-der einem blinden Sperling in der Wüste seine Nahrung sendet, dir nicht
-auch deinen Unterhalt geben? Warum gibst du dich also so bösen Gedanken
-hin?“
-
-Der Seidenspinner antwortete: „Was du sagst, Frau, das ist Ergebung in
-den Willen Gottes. Das ist auch etwas Gutes, aber eigenes Bemühen ist
-etwas anderes und das begreifst du nicht. Man sagt: ‚Der angebundene
-Löwe erjagt kein Wild‘ und ‚das Pferd, das nicht läuft, kommt nicht zum
-Ziel und gewinnt nicht den Wettpreis.‘ Ich für mein Teil bin
-entschlossen, in ein anderes Land zu gehen.“ Mit diesen Worten
-verabschiedete er sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg.
-
-So kam er nach der Stadt Nischapur. Als er einige Zeit seinem Gewerbe
-nachgegangen war, erwarb er nach Wunsch Geld und sagte zu sich: „Wenn
-ich von heute ab noch vierzig bis fünfzig Jahre lebe, so kann ich
-bequem in meiner Heimat, ohne zu arbeiten, glücklich damit auskommen.“
-Er brach von Nischapur auf, um nach dem Irak aufzubrechen. Unterwegs
-mußte er an einem gefährlichen Orte zu Nacht bleiben. Der Schlaf
-überwältigte ihn. Im Schlaf sah er zwei schön gestaltete Vögel sich auf
-die Erde niederlassen, und der eine fragte den andern: „Wer bist du?“
-Die beiden schienen sich nicht zu kennen. Da sagte der eine Vogel: „Ich
-bin das Abbild des Fleißes und Eifers dieses Seidenspinners.“ Der
-andere sagte: „Ich bin das Abbild seines Glückes. In seinem
-Schicksalsbuch steht geschrieben, daß er nie weltliche Schätze, die er
-aufsparen und vergraben könnte, haben wird. Denn Gott, der Allmächtige
-und Allweise, ist seinen Dienern gegenüber barmherziger als Vater und
-Mutter. Da sein ewiges Wissen alles umfaßt, was eines jeden
-Charakteranlage passend ist, so schenkt er seinen Knechten allerlei
-Gnadengaben, wie sie ihm heilsam sind. Wessen Charakter rein und bei
-wem der Spiegel seines Herzens von Aufrichtigkeit glänzt, wessen
-Frömmigkeit, je mehr sein Reichtum wächst, um so mehr an Milde und
-Würde zunimmt, dem setzt Gott die Königskrone auf und bekleidet ihn mit
-dem Königsmantel, von wem er aber weiß, daß sein Charakter zur Zeit des
-Reichtums zum Übermut neigen würde, dem gibt er sein tägliches Brot
-ratenweise, damit die Armut ihm heilsam sei und er vor Übermut bewahrt
-bleibe. Also du, Seidenspinner, willst du mit deinem Gelde gehen und
-dich deinem Schicksal entgegenstellen?“ Mit den Worten des Korans: „Es
-gibt niemand, der Gottes Beschluß rückgängig machen oder seine
-Entscheidung umstoßen könnte“, ergriff er seinen Geldbeutel und rief
-den Ibn almirrich herbei. Sofort erschien jemand, der wie der Mars
-(Mirrich) und wie ein Henker aussah. Diesem lud er das Geld auf, und
-die drei verschwanden aus den Augen des Seidenspinners.
-
-Als er aus diesem schrecklichen Traume aufwachte, sah er mit eigenen
-Augen, daß die Geschichte Wirklichkeit war, und daß sein Geld mit dem
-Beutel verschwunden war. Der arme Seidenspinner war hierüber entsetzt,
-suchte überall, fand aber keine Spur von seinem Gelde. Aus Scham vor
-seiner Frau und den anderen Leuten konnte er nicht nach der Stadt im
-Irak gehen und wandte sich wieder nach Nischapur und widmete sich
-seinem Gewerbe. Nach kurzer Zeit hatte er mehr Geld als das erste Mal
-verdient und wollte nun ins Irak, in seine Heimat, zurückreisen. Wieder
-mußte er übernachten. Während er schlief, hatte er denselben Traum. Das
-Abbild des Glücks sprach zu dem des Fleißes: „Du Tor, quäle dich doch
-nicht nutzlos, mehr zu erwerben, als der Herr der Welten in seiner
-ewigen Weisheit bestimmt hat. Das hatte ich dir schon vorher gesagt.
-Warum begehst du die Torheit und Sünde, Gott zuwider zu handeln?“ Da
-entschuldigte ihn das Abbild des Fleißes und sagte: „Verzeihe, wir
-haben die Gewohnheit, daß wir jeden, der arbeitet und unser Gewand
-flehend anfaßt, in seinen Bestrebungen nicht schädigen und auf jeden
-Fall sein Ziel erreichen lassen. Wenn er dann deine Hilfe hat, so hat
-er Erfolg, wenn nicht, so nützt unser Eifer nichts. Jedes Verlangen
-hängt von dir ab. Wer dein Wohlwollen hat, braucht sich nicht zu
-bemühen. Mag er auch ein noch so großer Verschwender sein, sein
-Vermögen vermindert sich nicht.“
-
-Als der Seidenspinner aufwachte und von seinem Gelde nichts vorfand,
-wußte er, daß sein Traum Wirklichkeit war. Da sagte er sich, daß es
-Sünde sei, auf dem Wege der Widersetzlichkeit weiter zu wandeln, und
-daß er mit dem, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war, zufrieden sein
-müsse. Er ging also in seine Vaterstadt und erzählte das, was ihm
-passiert war, seiner Frau. Diese sagte: „Wie oft hatte ich dich
-gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Dir ist das gleiche passiert,
-wie dem Schakal in der Geschichte.“
-
-Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Frau
-erzählte:
-
-„In alter Zeit hatte jemand ein Kamel, das so räudig geworden war, daß
-infolge seiner Fieberhitze das rote Fleisch zum Vorschein gekommen war.
-Da kein Mittel helfen wollte, so trieb der Besitzer das Kamel in die
-Wüste. Als es nun allein in der Wüste ging, lag ein Schakal im
-Hinterhalt vor einem Mauseloch und wartete auf Mäuse. Als er es sah,
-gab er die Mäuse auf und folgte dem Kamel, denn er dachte, daß es seine
-Beute werden würde. Seine Genossin, das Schakalweibchen, warnte ihn und
-sagte: ‚Gib aus Habgier nicht die Beute, die du in der Hand hast, auf!
-Begnüge dich mit wenigem! Es ist sehr wahrscheinlich, daß du, während
-du Größeres suchst, auch das Kleinere nicht erlangst und dann
-enttäuscht dastehst.‘
-
-Der Schakal antwortete: ‚Sich mit Geringem zu begnügen, ist nur etwas
-für gewöhnliche Leute, aber ich habe ein hohes Streben. Eine so große
-Beute aufzugeben und Mäuse zu fangen, kommt mir nicht in den Sinn, und
-ich begnüge mich nicht mit so niedriger Beute.‘
-
-Er folgte dem Kamel zwei bis drei Tage, erreichte aber nicht seinen
-Wunsch und hatte die nahe Beute auch aus der Hand gelassen, so daß er
-mit leerer Hand und hungrigem Magen zu seinem Weibchen zurückkehrte.
-Diese sagte zu ihm: ‚Mit deiner täglichen Nahrung warst du nicht
-zufrieden, deswegen hast du nun Elend und Mühe ausstehen müssen.‘“
-
-Der Seidenspinner bereute nun seine Habgier und war mit dem zufrieden,
-was ihm von Ewigkeit her bestimmt war.
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-32. DER BEDUINE UND DER KALIF MAMUN
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-Eines Tages kam ein Beduine zum Kalifen Mamun und sagte: „Beherrscher
-der Gläubigen, ich möchte die Pilgerfahrt nach Mekka machen, habe aber
-kein Geld.“ Mamun antwortete: „Da du kein Geld hast, bist du auch nicht
-verpflichtet, die Pilgerfahrt zu machen. Warum willst du dich unnütz
-quälen?“ Der Beduine sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich wollte dir
-meine Armut klagen. Wenn ich sagte: ‚Ich muß die Pilgerfahrt machen,
-habe aber kein Geld‘, so hoffte ich auf ein Geschenk von dir. Du
-erklärst mir aber theologische Streitfragen, indem du von der
-Notwendigkeit der Pilgerfahrt sprichst.“ Der Kalif Mamun freute sich
-über den Witz des Beduinen und gab ihm reiche Geschenke.
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-33. DER LUCHS UND DER LÖWE
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-Vor alten Zeiten lebte in einer Prärie ein Löwe, der einen Affen als
-Haushofmeister hatte. Einst mußte der Löwe weggehen, und er übertrug
-die Bewachung des Ortes dem Affen. Aber dieser war dazu nicht in der
-Lage, denn bisweilen betraten Fremde den Ort. Einst kam der Luchs
-dorthin und sah, daß es ein angenehmer Platz und eine entzückende
-Stelle war. So beschloß er sich dort niederzulassen.
-
-Als der Affe den Luchs dort sah, sagte er: „Luchs, was für eine
-Unverschämtheit begehst du, und warum streckst du dich in Überhebung
-nicht nach der Decke? Nach dem Worte: ‚Gott erbarmt sich über den, der
-bescheiden ist und nicht hoch hinauswill‘, geziemt es sich für jeden,
-daß er sich richtig einschätzt und nicht seine Grenze überschreitet.
-Dieser Platz gehört dem Löwen, dem Könige der Tiere. Seiner Macht und
-Kraft kann niemand entgegentreten. Wie kannst du in deiner Dummheit
-dies wagen? Fürchtest du dich nicht vor der Gewalt seiner Tatzen?“ Der
-Luchs antwortete: „Du bist das dümmste Wesen der Welt, daß du so
-grundlos unnütze Reden führst. Wie hat der Löwe diesen Platz erworben,
-und welches Anrecht hat er darauf? Seit alten Zeiten habe ich ihn von
-meinem Vater geerbt. Mögen Löwen, ja sogar Tiger kommen, ich will mit
-ihnen kämpfen. Wofür hältst du mich? Glaubst du, daß ich mich vor einem
-Löwen fürchte? Denkst du, ich sei nur ein Luchs? Wenn man jenen den
-Löwen nennt, so nennt man mich den Löwenbezwinger. In meiner Küche wird
-nur Löwen- und Tigerfleisch gekocht. Was ist das für ein Hund, den du
-Löwe nennst? Er mag nur kommen. Ich werde ihn schon in seine Schranken
-weisen und ihn lehren, anderer ererbten Besitz sich anzueignen.“
-
-Der Affe war von den mutigen Worten überwältigt, wandte sich und ging
-weg, aber das Weibchen des Luchses sagte: „Wir können nun doch nicht
-länger hier bleiben. Wir müssen uns vor den Tatzen des Löwen in acht
-nehmen, und es ist verständig, sich möglichst bald davon zu machen.“
-Der Luchs antwortete: „Fürchte dich nicht! Vielleicht ist dies gar
-nicht der Platz des Löwen, und selbst, wenn es der Fall sein sollte,
-könnte es durch Gottes Güte doch möglich sein, daß ihm dort, wohin er
-gegangen ist, ein Unfall zugestoßen sei und er nicht zurückkäme, und
-wenn er kommt, so ist es immer noch möglich, durch eine List sich vor
-ihm zu retten. Wollen den heutigen Tag als Gewinn ansehen und ihn
-fröhlich genießen. Für morgen wird Gott schon sorgen.“ Die Luchsin
-sagte: „Ich zweifle nicht, daß dieser Platz dem Löwen gehört, und es
-ist sehr wahrscheinlich, daß er keinen Unfall erleidet und hier
-erscheint, außerdem wird man ihm erzählen, wie frech du von ihm
-gesprochen hast. Und wenn du sagst, du würdest bei seiner Ankunft eine
-List anwenden, so ist List auch nicht immer angebracht. Bisweilen
-stürzte der Listige in sein Verderben, wie der Wolf, der den Schakal
-überlisten wollte, durch seine List selber umkam.“ Der Luchs fragte:
-„Was ist das für eine Geschichte?“ Die Luchsin antwortete: „Ich habe
-gehört, daß einst ein Wolf die Höhle eines Schakals leer fand. Er ging
-hinein, um den Schakal, wenn er komme, zu fangen. Als der Schakal kam,
-sah er am Eingang der Höhle außer seinen noch fremde Fußspuren.
-Vorsichtig ging er nicht hinein, sondern beschloß, bevor er sie
-betrete, vorsichtig zu verfahren. Er rief daher vor der Tür: ‚Mein
-Haus, mein liebes Nest!‘ Als aus dem Hause keine Antwort kam, sagte er:
-‚Liebes Haus, sonst hat doch immer ein Gespräch zwischen uns
-stattgefunden. Jedesmal wenn ich zu deiner Tür kam, rief ich, und du
-antwortetest. Jetzt habe ich gerufen, du hast aber nicht geantwortet.
-Es wäre schön, wenn du antwortetest, sonst müßte ich dich verlassen und
-mir eine andere Wohnung suchen.‘
-
-Der Wolf im Innern der Höhle sagte zu sich: ‚Weiß Gott, es muß zu den
-Eigentümlichkeiten dieser Höhle gehören, zu antworten, wenn der
-Besitzer kommt. Wenn ich jetzt nicht antworte, so geht der Schakal weg,
-und all mein Bemühen war umsonst. Es ist also das Klügste, zu
-antworten.‘ Er antwortete also: ‚Zu Befehl.‘ Als der Schakal die Stimme
-des Wolfes hörte und wußte, wie die Sache stand, ging er zu einem
-Hirten, der in der Nähe war, und erzählte ihm, daß der Wolf in der
-Höhle sei. Der Hirt hatte schon oft von Gott eine solche Gelegenheit
-erfleht, denn der Wolf hatte ihm schon oft ein Schaf von seiner Herde
-geraubt. Er ging also sofort zu jener Höhle, legte vor ihre Öffnung
-einen großen Stein. Der arme Wolf starb drinnen vor Hunger und Durst,
-und die List, die er gegen den Schakal geplant hatte, traf ihn selber.“
-
-Als der Luchs diese Geschichte hörte, antwortete er der Luchsin:
-
-„Wie kannst du mich mit dem Wolf vergleichen? Der Wolf, wie du ihn
-nennst, ist ein dummer Hund. Wenn er Verstand gehabt hätte, würde er
-nicht aus dem Hause geantwortet haben. Der Kluge darf natürlich in
-seiner List keine Fehler machen. Aber das verstehst du nicht.“
-
-Während der Luchs sich mit der Luchsin stritt, entstand plötzlich ein
-Lärm. Der Löwe war nämlich gekommen. Die Tiere standen auf und
-begrüßten ihn. Sein Hausmeister, der Affe, aber eilte allen voraus und
-erzählte, daß der Luchs gekommen sei und sich so unverschämt benommen
-habe. Da sagte der Löwe: „Affe, so viel Mut und Energie, wie du da
-erzählst, hat der Luchs gar nicht. Das ist gar kein Luchs, sondern ein
-wildes Tier, das mich an Kraft und Mut übertrifft, sonst hätte es dies
-nicht gewagt, deswegen muß ich vorsichtig sein.“
-
-Als er dann nicht weiter vorging, sagt der Affe zu ihm: „König der
-Tiere, gibt es auf der Erde ein Wesen, das tapferer, mutiger und
-heldenhafter als du wäre? Warum tust du so? Ich habe ihn hundertmal
-gesehen und weiß ganz sicher, daß es ein Luchs ist. Darum laß dich,
-bitte, nicht von der Furcht überwältigen!“ Der Löwe antwortete: „Affe,
-ein Luchs hat nicht so viel Mut. Seine Art hat tausendfach meine
-gewaltige Faust kennen gelernt, aber nach dem Worte des Korans: ‚Über
-jeden Wissenden gibt es einen Allwisser‘, ist es nicht
-unwahrscheinlich, daß dies Tier zwar an Wuchs klein, aber an Mut mir
-überlegen ist. Es heißt ja auch: ‚Selbst den Löwen besiegt und schlägt
-er‘, und ein Sprichwort sagt: ‚Es ist besser, sich zur Flucht bereit zu
-halten als im Unglück zu bleiben.‘ Anstatt mit ihm zu kämpfen und, wenn
-ich keinen Erfolg habe, meine Ehre zu schädigen, ist es verständiger,
-sofort zu fliehen, ohne von ihm gesehen zu werden.“
-
-Als der Löwe und der Affe so miteinander sprachen, näherten sie sich
-der Wohnung, immer sich nach rechts und links umschauend und auf die
-Flucht bedacht. Währenddessen sagte die Luchsin: „Was ich befürchtete,
-ist geschehen. Was willst du nun tun?“ Der Luchs antwortete: „Wenn der
-Löwe herankommt, dann bringe unsere Jungen zum Weinen und Jammern. Wenn
-ich dann dich frage: ‚Warum läßt du unsere Kinder schreien?‘, dann
-antworte: ‚Unsere Kinder sind gewohnt, Löwenfleisch zu essen. Zwar
-fehlt es durch deine, des Löwenbezwingers, Bemühungen in unserer Küche
-nicht an Tigerfleisch, aber da das Löwenfleisch zarter ist, so
-verlangen unsere Kinder dieses.‘“
-
-Als der Löwe sich ihnen näherte, brachte die Luchsin tatsächlich die
-Jungen zum Weinen, und als der Luchs mit lauter Stimme rief: „Warum
-läßt du die Jungen weinen?“, da antwortete sie, wie sie gelehrt war.
-Der Luchs rief: „In unserer Küche liegt Tigerfleisch bergehoch, aber
-wenn sie an Löwenfleisch gewohnt sind und Tigerfleisch nicht mögen, wo
-ist das Löwenfleisch geblieben, das ich neulich gebracht habe?“ Da
-antwortete die Luchsin: „Es ist zwar Löwenfleisch da, aber da unsere
-Kinder an frisches Löwenfleisch gewöhnt sind, so wollen sie das alte
-nicht essen und verlangen frischen Löwenbraten.“ Der Luchs rief: „Für
-den Augenblick sollen sie sich mit altem begnügen. Der Löwe, der in
-diesem Walde lebte, muß bald hierher kommen, denn, seitdem er gegangen
-ist, ist schon reichlich Zeit verflossen, er wird wahrscheinlich bald
-kommen. Wenn er mit Gottes Güte heute oder morgen kommt, werde ich
-ihnen von seinem Fleisch einen Braten machen.“
-
-Als der Löwe diese Worte mit eigenen Ohren hörte, sagte er zum Affen:
-„Hast du es nun gehört? Sagte ich dir nicht, dies ist ein mächtiger
-Feind? Ein Luchs wagt so etwas nicht. Das Beste ist es nun, diesen Ort
-zu verlassen.“ Als er fliehen wollte, sagte der Affe: „König der Tiere,
-lasse dich durch Furcht doch nicht so verwirren! Jenes Tier ist ein
-schwaches, verächtliches Geschöpf. Wenn du nun einmal in diesem Wahn
-lebst, so lasse dich doch, bitte, in den Kampf ein, und du wirst den
-wirklichen Sachverhalt erfahren.“ Mit derartigen vielen Worten brachte
-er den Löwen wieder zur Umkehr und führte ihn wieder zum Luchs. Als
-dieser den Löwen sah, da wußte er, daß der Affe ihn durch sein Drängen
-zur Umkehr bewogen habe. Er ließ also wieder seine Jungen weinen, und,
-als auf seine Frage die Luchsin wie das erste Mal antwortete, sagte er:
-„Habe ich dir nicht gesagt, du solltest die Jungen für den Augenblick,
-soweit möglich, beruhigen? Wie ich höre, ist der Löwe, der auf dieses
-Haus Anspruch erhebt, soeben gekommen, und mein Freund, der Affe, ist
-auch da. Er hatte es übernommen, den Löwen, sobald er gekommen sei,
-durch List zu mir zu führen. Wenn Gott der Höchste den Plan des Affen,
-meines Freundes, zur Ausführung kommen läßt, werde ich dem Löwen,
-sobald er herangekommen ist, mit einen Angriff den Garaus machen. Dann
-werden wir selbst und die Jungen zu leben haben, und ich werde mich dem
-Affen für seine Bemühung dankbar erweisen und ihn in meine nächste
-Umgebung aufnehmen.“
-
-Als der Löwe diese Worte des Luchses hörte, sagte er: „Du
-nichtsnutziger Affe, du wolltest mich mit List umbringen! Bevor du mich
-tötest, will ich dich töten.“ Mit diesen Worten zerriß er den Affen,
-und entfloh selbst mit aller Kraft von jenem Orte. Der Luchs aber, der
-durch seine List gerettet war, verbrachte den Rest seines Lebens dort
-mit Vergnügen.
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-34. DIE FRAU UND DER TIGER
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-Vor alten Zeiten hatte ein nichtsnutziger Mann eine verständige Frau,
-die Pelenkferib hieß. Da dieser Mann infolge seiner nichtsnutzigen
-Charakteranlage die Frau immer quälte und schlug, so konnte seine Frau,
-nachdem er sie einmal wieder geschlagen hatte, es nicht mehr länger
-aushalten und verließ in einer Nacht mit ihren zwei Kindern das Haus
-und kam in eine Wüste, die so schrecklich war, daß selbst Riesen und
-Wüstengespenster sich dort fürchteten. Plötzlich erschien vor ihr ein
-Tiger, der sie mit ihren Kindern zu verschlucken beabsichtigte. Die
-Frau sagte zu sich: „Wenn man ohne Erlaubnis seines Mannes wegläuft, da
-ist es nicht wunderbar, wenn einem derartiges passiert.“ Sie gelobte
-Gott mit aufrichtigem Herzen Buße und bat um Verzeihung und versprach
-nach diesem, die Gewalttätigkeiten ihres Mannes zu ertragen und ihm
-willfährig zu sein.
-
-Als der Tiger nun nahe herangekommen war, hatte sie eine göttliche
-Eingebung. Sie sagte zu sich: „Ich will jetzt eine List dem Tiger
-gegenüber anwenden. Wenn sie gelingt, ist es gut, und ich werde
-gerettet, wenn nicht, was macht es? Ich habe wenigstens nichts
-unversucht gelassen, um ihn fernzuhalten. Wenn ich jetzt schleunigst
-fliehen würde, so würde er mich doch einholen. Das würde mir nicht
-helfen. Es ist das Klügste, ihn zu überlisten. Ein anderes Mittel gibt
-es nicht.“
-
-Sie rief also mit lauter Stimme: „Bleib stehen, Tiger, beeile dich
-nicht! Ich habe dir etwas zu sagen. Höre zu! Ich bin ja in deiner Hand,
-dann kannst du mit mir machen, was du willst.“ Der Tiger wunderte sich
-über diese Anrede, blieb stehen und fragte: „Was willst du mir sagen?“
-Die Frau antwortete: „Ich bin aus dem Dorfe hier in der Nähe. Dieses
-Dorf beherrscht ein Löwe, der mit einem Sprunge die ganze Welt über den
-Haufen werfen könnte. Damit er nun nicht das ganze Dorf vernichte,
-haben die Bewohner aus Furcht vor ihm sich einmütig entschlossen, jeden
-Tag dreimal das Los zu werfen und, wen es trifft, in die Küche des
-Löwen zu schicken. Jetzt hat das Los meine beiden Söhne und mich
-getroffen. Nun bist du auch in der Hoffnung, daß ich dir als Nahrung
-diene, gekommen. Ich möchte dich nun nicht enttäuscht gehen lassen, das
-leidet meine Großmut nicht, aber es geht auch nicht an, den Löwen in
-seiner Nahrung zu schädigen. So ist es also billig, daß du einen von
-meinen Söhnen und die Hälfte von mir verzehrst und die andere Hälfte
-von mir und mein anderer Sohn für den Löwen verbleibt, damit weder du
-noch der Löwe leer ausgehen.“
-
-Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich vor dem Löwen und
-sagte voll Bewunderung über die Großmut der Frau: „Pelenkferib, eine
-solche Großmut habe ich bis jetzt noch bei keinem Geschöpf gesehen. Du
-opferst dich für den Unterhalt deines Feindes. Ist wohl bis jetzt
-deines Gleichen auf der Erde gewesen?“ Die Frau antwortete: „Großmut
-besteht darin, Leib und Leben dahinzugeben, allein mit Geld ist es
-nicht getan. Es gibt viele hunderttausend Menschen in dieser Welt, die
-dem Feinde Wohltaten erwiesen haben. Da fällt mir eine passende
-Geschichte ein. Wenn du willst, werde ich sie dir erzählen.“ Der Tiger
-war sehr begierig sie zu hören und sagte: „Erzähle, was ist das für
-eine Geschichte?“ Pelenkferib erzählte:
-
-„In den alten Geschichtsbüchern wird erwähnt: Als der Beste der Kalifen
-der Ommajaden, der kluge und verständige Omar ben Abdulaziz, regierte,
-da vergiftete diesen Gerechten einer seiner Diener, ein unglücklicher,
-verfluchter Bösewicht. Als seines Körpers Pflanze durch die Einwirkung
-des Giftes grün wie ein Garten wurde und die Angelegenheit allgemein
-bekannt wurde, da ließ der Kalife diesen Diener, der ihm das Gift
-gegeben, zu sich allein rufen und sagte: ‚Unglücklicher, sage mir die
-Wahrheit, ob dies Verbrechen allein von dir ausgeht.‘ Der Bösewicht
-sagte notgedrungen die Wahrheit, daß ihm einer von den Feinden des
-Kalifen viel Geld versprochen habe, und deswegen habe er die
-scheußliche Tat getan.
-
-Der Kalife sagte: ‚Du Tor, ich werde mich von dieser Krankheit nicht
-erholen, sonst würde ich dir viel Gutes schenken. Aber nach meinem Tode
-wird mein Sohn, der Erbe meines Thrones, sicherlich deine Hinrichtung
-befehlen. Darum fliehe schleunigst, solange ich noch lebe, aus diesem
-Lande, daß du dich vielleicht rettest.‘ Er gab ihm unzählige Goldstücke
-und schickte ihn weg.“
-
-Als die Frau mit der Geschichte fertig war, wandte sie sich an den
-Tiger und sagte: „Ich muß ja sterben, und da ist es mir einerlei, ob
-ich vom Löwen oder vom Tiger aufgefressen werde. Ich würde mich freuen,
-wenn ich dir zufiele, da wir nun schon so lange miteinander erzählt
-haben, und in Wirklichkeit habe ich auch in meinem Herzen eine Liebe zu
-dir. Deswegen will ich dir einen Rat geben. Wenn du den einen meiner
-Söhne und die Hälfte von mir verzehrt hast, halte dich hier nicht auf,
-sondern entfliehe schnell, denn ich habe eine Zauberin zur Schwester.
-Diese weiß noch nicht, daß ich durch das Los dem Löwen zugefallen bin.
-Wenn sie es erfahren wird, kommt sie hierher und steckt die ganze
-Gegend in Brand, und wer sich ihr nähert, verbrennt zu Asche. Wenn sie
-zufälligerweise auch von dir hört, möchte sie auch dir ein Leid antun.“
-
-Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich sowohl vor dem Löwen
-wie auch vor der Zauberin. Da er außerdem Pelenkferibs Edelsinn
-bewunderte und Mitleid mit ihr hatte, so verließ er sie, ohne ihr etwas
-anzutun, und machte sich auf den Weg.
-
-Unterwegs traf er einen Fuchs, mit dem er befreundet war. Als dieser
-den Tiger aufgeregt aussehend fand, fragte er ihn nach dem Grunde. Der
-Tiger erzählte ihm das Abenteuer, das ihm passiert war. Der Fuchs
-tadelte ihn und sagte: „Die Weisen haben Recht, wenn sie sagen, alle
-Tapferen sind dumm, denn auch du bist zwar tapfer, aber unverständig.
-Was nützt dir also dein Mut? Du Dummkopf, die Menschen sind vom Kopf
-bis zum Fuß nur List und Trug. Sie meinen, daß wir Füchse uns besonders
-auf die List verstehen, aber die Menschen sind uns überlegen. An
-Stellen, wo wir es nicht erwarten, stellen sie Fallen und fangen uns
-und tragen nachher unsern Pelz. Auch diese Frau hat einen so Mutigen
-wie dich betrogen. Kein Verständiger hätte eine so fette Beute aus der
-Hand gelassen. Laß von dieser Dummheit, führe mich an die Stelle.
-Vielleicht komme ich unter deinem Schütze auch zu einem Braten.“
-
-Der Tiger antwortete: „Wenn die Frau nun die Wahrheit gesagt hat, und
-ihre Schwester, die Zauberin, kommt und uns durch ihre Zauberei
-verbrennen will, dann kannst du dich schnell in Sicherheit bringen, da
-du leichtfüßig bist. Ich aber, der ich von schwerfälligem Körperbau
-bin, kann nicht entfliehen. Außerdem habe ich mit der Frau einen
-Vertrag abgeschlossen, und sein Wort muß man halten. Darum wollen wir
-nun die Sache ruhen lassen.“ Der Fuchs aber blieb hartnäckig und sagte:
-„Tiger, die Frau hat gelogen. Wenn sie aber wirklich die Wahrheit
-sollte gesagt haben, so reiße mich zuerst in Stücke, und, wenn du
-meinst, daß ich schnell entfliehen und mich in Sicherheit bringen kann,
-so binde ein Bein von mir an das deinige, und so wollen wir gehen.“
-
-Der Tiger band also ein Bein des Fuchses an sein Bein, und so zogen sie
-zu der Stelle, wo die Frau war. Diese hatte, als der Tiger sie
-verlassen hatte, zu sich gesagt: „Wenn ich jetzt schleunigst fliehe und
-der Tiger das, was er getan, bereut und zurückkommt und mich verfolgt,
-dann würde ich mich, auch wenn ich tausend Leben hätte, nicht vor ihm
-retten können. Darum ist es das Klügste, sich nicht zu beeilen, sondern
-hier zu bleiben. Wenn er kommt, will ich, um ihn zu täuschen, alles
-Schilf hier anzünden.“ Sie zündete alles Schilf in der Gegend an und
-stieg auf einen Baum. Da sah sie auch, daß der Tiger kam mit dem Fuchs,
-den er an sein Bein gebunden hatte, als Weggenossen. Sie erriet, daß
-dieser den Tiger aufgereizt habe. Sie rief daher unter Wehklagen vom
-Baume: „Du unverständiger Tiger, infolge unserer langen Unterhaltung
-hatte ich Mitleid mit dir. Warum hast du meinen Rat nicht befolgt und
-dich in dieses Feuermeer gestürzt? Ich hatte dir doch vorher gesagt,
-daß meine Schwester kommen und die Welt in Brand setzen werde. Durch
-Zauberei hat sie sich in einen Fuchs verwandelt und geht neben dir,
-während du glaubst, daß er dein Freund sei. Sie wird dich nun
-vernichten. Komm nicht näher, sondern bringe dich schleunigst in
-Sicherheit.“
-
-Es fehlte wenig, daß dem Tiger das Herz vor Angst im Leibe zersprang.
-Um sich möglichst schnell zu retten, lief er so schnell, daß er eine
-Tagesreise in einer Stunde zurücklegte, und während er lief, wurde der
-an sein Bein gebundene Fuchs mitgeschleift und in Stücke gerissen, so
-daß er umkam.
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-35. DER ESEL IN DER LÖWENHAUT
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-In alten Zeiten lebte ein Kaufmann, der sehr reich war. Nach Gottes
-Ratschluß ging aber sein Reichtum von Tag zu Tag zurück, so daß ihm das
-Notwendigste fehlte. Nur einen Esel besaß er noch, der vor Hunger so
-schwach und elend geworden war, daß er sich nicht mehr bewegen konnte.
-Da sagte er aus Mitleid mit seinem Esel zu sich: „Anstatt ihn
-verhungern zu lassen, will ich ihn ins freie Feld lassen zum Grasen.
-Vielleicht hilft das ihm.“ Aber aus Furcht, daß die wilden Tiere wegen
-seiner Schwäche ihm leicht ein Leid zufügen konnten, legte er ihm ein
-Löwenfell auf den Rücken und ließ ihn so frei laufen.
-
-Die wilden Tiere hielten den Esel für einen Löwen und flohen vor ihm.
-Nach einiger Zeit war der Esel ganz fett geworden. Als er einmal wieder
-herumstreifte, traf er einen Garten, in den er hineinging. Als die
-Gärtner den Esel sahen, hielten sie ihn für einen Löwen und kletterten
-auf einen Baum, während der Esel rechts und links alles fraß, was er im
-Garten fand. Währenddessen gingen draußen vor dem Garten einige Esel
-vorüber und schrieen; als der Esel im Löwenkleid die Stimmen seiner
-Genossen hörte, ließ er sein widerwärtiges Geschrei erschallen.
-
-Als die Gärtner seine Stimme hörten, sahen sie, daß es ein Esel war und
-erkannten, daß ein Mensch in seiner List so gehandelt habe. Sie stiegen
-sofort von dem Baume, nahmen dem Esel das Löwenfell ab, verprügelten
-ihn ordentlich, legten ihm einen Tragsattel auf und beluden ihn.
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-36. DER KAISER VON CHINA UND DIE GRIECHISCHE PRINZESSIN
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-
-Einst herrschte über China ein mächtiger Kaiser, mit Namen Fagfur. Er
-hatte einen sehr klugen und weisen Vezir, der zu jeder Zeit und ohne
-besondere Erlaubnis das Gemach des Kaisers betreten durfte. Eines Tages
-betrat der Vezir nach alter Gewohnheit das Zimmer, wo der Thron stand,
-und traf den Kaiser Fagfur auf seinem Throne schlafend. Durch das
-Eintreten seines Vezirs wachte er auf, ergriff sein Schwert und stürzte
-auf den Vezir. Als er im Begriff war ihn zu töten, warfen sich die
-Hofleute dem Kaiser zu Füßen und befreiten den Vezir mit genauer Not.
-
-Als sich nach einiger Zeit der Zorn des Kaisers gelegt hatte, befragte
-man ihn nach dem Grunde des Zornes. Da antwortete er: „Im Traume sah
-ich ein hübsches Mädchen, wie ich noch keins in der Welt gesehen; doch
-nicht nur ich, sondern auch das Firmament hat nie etwas derartiges
-gesehen. Als ich vor Wonne in ihren Anblick versunken war, kam der
-Vezir und weckte mich auf. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor Augen,
-und mein Herz denkt noch an sie.“
-
-Der Vezir, der so klug und weise wie Aristoteles war, konnte mit einem
-klugen Gedanken tausend Schwierigkeiten lösen. Gleichzeitig war er ein
-so großer Meister in der Malerei, daß Mani und Behzad seine Schüler
-hätten sein können, und daß von ihm gemalte lebende Wesen wirklich
-lebten. Dieser Vezir bemühte sich nun, dem Kaiser in seiner Liebe zu
-helfen. Er fragte also den Kaiser nach seinem Traume aus und malte nach
-der Beschreibung und Darstellung des Kaisers ein Bild von dem Hause,
-das er im Traume gesehen, und von der Schönheit und Lieblichkeit und
-von der Gestalt des Mädchens. Dann erbaute er außerhalb der Stadt an
-einer Stelle, wo die Wege sich kreuzten, eine Herberge und fragte alle
-Ankommenden nach dem Orte und dem Mädchen, die das Bild darstellte.
-
-Eines Tages kam ein Weltreisender. Als er das Bild sah, verfiel er in
-Nachdenken und Staunen. Der Vezir fragte ihn nach der Ursache seines
-Staunens. Der Reisende sagte: „Ich wundere mich darüber, daß dieses
-Bild der Tochter des Kaisers von Rum gleicht.“ Als der Vezir dies vom
-Reisenden erfuhr, wurde er froh und erkundigte sich nach diesem
-Mädchen. Der Reisende sagte: „Dies ist das Bild der Prinzessin von Rum.
-Obgleich sie sehr schön ist, will sie doch nicht heiraten. Der Grund
-dafür ist der, daß, als sie eines Tages in einem Garten saß, in einem
-Gebüsch ein Pfauenpaar Junge ausbrütete. Zufälligerweise entstand ein
-Brand in dem Gebüsch. Als der männliche Pfau das Feuer sah, verließ er
-das Weibchen und die Jungen. Das Weibchen blieb aus Liebe zu seinen
-Jungen und verbrannte mit ihnen zu Asche. Als die Prinzessin die
-Treulosigkeit des Pfauenmännchens und die Liebe des Weibchens sah,
-gewann sie den Glauben, daß Treulosigkeit die Eigenschaft der Männer
-sei, und daß alle Treulosigkeit in der Welt von ihnen ausgehe.
-Infolgedessen darf in ihrer Gegenwart das Wort Mann nicht erwähnt
-werden. Noch viel weniger denkt sie daran sich zu verheiraten.“
-
-Als der Vezir dies von dem Reisenden erfuhr, freute er sich, ging zu
-dem Kaiser Fagfur und erzählte ihm, was er gehört hatte, indem er sich
-verpflichtete, sie ebenso verliebt in den Kaiser zu machen, wie dieser
-sich in sie verliebt hatte.
-
-Er bat um die Erlaubnis, nach Rum zu gehen, verkleidete sich
-gleichfalls als Reisender und machte sich mit dem genannten Reisenden
-zusammen auf den Weg. So kamen sie nach Rum, nach Konstantinopel. Der
-Reisende zeigte dem Vezir den kaiserlichen Garten. Der Vezir zog das
-Bild aus dem Busen und sah, daß es genau der paradiesische Ort war, den
-Fagfur im Traume gesehen hatte. Nun wußte er sicher, daß das Mädchen,
-in das sich der Kaiser verliebt hatte, die Prinzessin von Rum sei. Sie
-überlegten, was nun zu tun sei.
-
-Der Vezir ließ sich in einer Karawanserei nieder und fing an, Bilder zu
-malen. Da diese von größter Feinheit waren, so wurde er bald so
-bekannt, daß man der Prinzessin und ihrem Vater, dem Kaiser,
-berichtete, daß ein großer Meister aus China gekommen sei. Die
-Prinzessin, die Neigung zu heiterer Lebensfreude und Kunstgenuß hatte,
-bat ihren Vater, den Kaiser von Rum, um die Erlaubnis, den Maler kommen
-und ihr Wohngemach ausmalen zu lassen. Dieser erlaubte es, und der
-Reisende rief den Vezir, dem die Ausmalung des Palastes der Prinzessin
-übertragen wurde. Er war sehr sorgsam in der Ausführung seiner Aufgabe
-und malte den paradiesischen Ort so aus, daß jeder erstaunt war. Als er
-mit der Arbeit fertig war, malte er noch an die Wand des Zimmers, in
-dem die Prinzessin am Tage saß und in der Nacht schlief, ein Gemälde
-von seltener Feinheit. In der Mitte war ein wunderbarer großer Garten
-mit lachenden Rosen, klagenden Nachtigallen, reifen Früchten und
-stattlichen Bäumen. In diesem Garten stand ein schöner Pavillon, auf
-dessen Throne malte er den Fagfur in seiner ganzen Schönheit und im
-Glanze seiner Macht und Pracht. Außerhalb des Pavillons stellte er eine
-Rasenflur dar, in deren Mitte ein prächtiger Garten war, bei dem man an
-das Koranwort: „Ihnen sind Gärten bestimmt, unter welchen die Flüsse
-fließen“ dachte. Das Wasser war so klar wie der Paradiesesbrunnen
-Selsebil. In diesem Wasser war eine männliche Antilope mit ihren Jungen
-ertrunken, während das Weibchen der Rasenflur gegenüber graste.
-
-Nachdem er mit seiner Malerei fertig war und man das Schloß mit
-Teppichen und Möbeln ausgestattet hatte, führte man die Prinzessin
-hinein. Als sie das Bild sah, war sie erstaunt und sah es sich immer
-wieder an, dann rief sie den Vezir und fragte ihn, was das alles zu
-bedeuten habe. Dieser erkannte, daß jetzt die Gelegenheit für ihn
-günstig sei, und daß er sie nicht aus der Hand lassen dürfe, und fing
-an zu erzählen: „Dieser Garten ist der des jetzigen Kaisers von China,
-und der, der auf dem Thron sitzt, ist er selbst. Da in diesem Garten
-sich eine merkwürdige Sache ereignete, meidet er das weibliche
-Geschlecht.“ Die Prinzessin fragte: „Was ist die Ursache davon?“ Der
-Vezir sagte: „Eines Tages saß der Kaiser Fagfur nach alter Gewohnheit
-in diesem Pavillon und genoß die Aussicht. Da kam ein Antilopenpaar, um
-Wasser zu trinken. Da schwoll das Wasser plötzlich an und führte die
-Jungen mit sich fort. Als das Männchen dies sah, warf es sich aus Liebe
-zu seinen Jungen in das Wasser, um sie zu retten, und ertrank mit ihnen
-zusammen. Das Weibchen aber kümmerte sich gar nicht darum, dachte nur
-an seine eigene Rettung und ließ das Männchen und seine Jungen im
-Stich. Als der Kaiser Fagfur die weibliche Antilope so treulos sah, da
-glaubte er, daß das ganze weibliche Geschlecht so treulos sei, und mied
-gänzlich den Umgang mit Frauen.“
-
-Als die Prinzessin diese Geschichte hörte, sagte sie zu sich: „Bei
-Gott, ich dachte, daß Treulosigkeit nur dem männlichen Geschlechte
-eigen sei. Sie kommt also auch bei dem weiblichen vor.“ Dann versank
-sie in Nachdenken und wandte sich dann mit folgenden Worten an den
-Vezir: „Dieser Kaiser Fagfur, den du gemalt hast, paßt zu mir. Es ist,
-als ob Gott mich seinetwegen bisher vor einer Heirat bewahrt hat. Solch
-einen würdevollen Mann wünsche ich mir, und ich zweifle nicht, daß ich
-ihm auch als Gattin angenehm bin.“
-
-Als ihr Vater kam, bat sie ihn, sie mit dem Fagfur von China zu
-verheiraten. Der Kaiser hatte nur auf den Wunsch seiner Tochter
-gewartet, um sie zu verheiraten. Er schrieb sogleich einen Brief und
-schickte einen Gesandten ab. Der Vezir ging als Reisender mit dem
-Gesandten nach China zurück und erzählte dem Kaiser alles.
-
-Als dann der Gesandte vorgelassen wurde, zeigte sich Fagfur äußerlich
-etwas zurückhaltend, aber da es seinen Wünschen entsprach, sagte er:
-„Ich hatte auf diese Liebe schon verzichtet, aber aus Rücksicht auf den
-Kaiser willige ich ein.“ Er schickte sofort eine Antwort ab. Den Vezir
-schätzte er noch mehr als früher und gab ihm Geld und Macht ohne Ende.
-Nach einiger Zeit kam die Prinzessin mit ihrer ganzen Aussteuer
-glücklich in China an, und der Kaiser von China erlangte alles, was er
-sich gewünscht hatte.
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-37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE
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-In Kerdifan ging ein Holzhauer einst ins Gebirge, um Holz zu fällen.
-Als er auf dem Berge an einen schönen Platz gekommen war, sah er dort
-fünf bis zehn Mann sitzen, und vor ihnen stand ein Krug, aus dem sie
-Speisen und Wein, soviel sie wollten, nahmen und nach Herzenslust sich
-satt aßen.
-
-Als der Holzhauer dies sah, trat er zu ihnen und mischte sich ins
-Gespräch. Da ihnen seine Gesellschaft sehr gefiel, sagte einer von
-ihnen zu ihm: „Sage uns, wenn du irgendeinen Wunsch hast. Wir werden
-ihn erfüllen.“ Sie waren nämlich Gelehrte aus dem Feengeschlecht. Der
-Holzhauer wünschte sich den Krug. Sie antworteten: „Du kannst ihn
-bekommen, aber es ist schwer, ihn zu behüten. Es wäre schade um dich,
-denn, wenn er zerbrochen ist, läßt er sich nicht wieder machen, und du
-hast nichts mehr von ihm zu erwarten und wirst auch alles verlieren,
-was du durch ihn erworben hast. Wünsche ihn dir lieber nicht und
-fordere etwas, das dir nützlicher ist.“
-
-Der dumme Holzhauer hörte aber nicht auf ihren Rat, sondern sagte: „Ich
-wünsche doch den Krug. Ich werde ihn schon, soweit es möglich,
-beschützen und ihn wie meinen Kopf halten.“ So gaben sie ihm den Krug.
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-Der Holzhauer wurde in kurzer Zeit sehr reich. Eines Tages hatte er
-seine Freunde zu einer Gesellschaft eingeladen. Als die Eingeladenen
-diesen wunderbaren Zauberkrug sahen, waren sie sehr erstaunt. Der
-Holzhauer stand im Übermaß seiner Freude auf, setzte den Krug sich auf
-den Kopf und fing vor Freuden an zu tanzen, indem er sagte: „O du
-Kapital meines Wohlstandes, du Glanz meines Lebens.“ Während des Tanzes
-glitt er aus, fiel aufs Gesicht, der Krug fiel ihm vom Kopfe und
-zerbrach in tausend Scherben. Sogleich schwand sein großer Reichtum und
-Wohlstand dahin, und er wurde wieder so arm wie vorher. Alles, was er
-bis zu diesem Tage an Geld gesammelt hatte, verschwand.
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-38. DIE CHINESISCHE SKLAVIN UND DER JÜNGLING VON BAGDAD
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-In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen
-besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er
-sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er
-unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er
-besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr
-besaß.
-
-Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du
-dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine
-sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So
-haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der
-Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung
-von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als
-Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es
-schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut
-ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der
-Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand
-kommen.“
-
-Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am
-folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade
-ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die
-Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend
-Goldstücke.
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-Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht
-seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das
-Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz
-ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger
-aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht
-bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus.
-Als er infolge des Suchens nach dem haschimitischen Kaufmann müde und
-matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn
-ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge,
-als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der
-Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der
-Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch
-nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er
-wie ein Verrückter in die Berge.
-
-Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um
-Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit
-harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer
-Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe
-ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er
-Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten
-Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie
-zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem
-früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag
-zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn
-ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will
-ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm
-wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden
-unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein
-Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen
-und Wehklagen.
-
-Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift,
-um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres,
-traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes
-Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber
-sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren,
-rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand
-und bat sie, ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur
-Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören
-weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute
-wieder hin und fing wieder an zu klagen.
-
-Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er,
-daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten
-Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe
-seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden
-Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu
-holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die
-Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer
-anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt
-hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen.
-Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem
-Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der
-Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem
-Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur
-hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in
-der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde
-durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich,
-behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin
-nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre
-Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch
-ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“
-
-Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des
-Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach
-fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein
-Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in
-Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er sein ganzes
-Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz
-arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an
-einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen.
-Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm
-blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht
-mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen
-genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab
-sie dem Jünglinge.
-
-Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten
-dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten,
-landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen.
-Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt
-sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein
-günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und
-waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner
-Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst.
-
-Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich
-hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein
-ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders
-gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das
-Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“
-
-Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster
-baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und
-darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der
-Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben
-bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens
-und tat, wie sie gesagt.
-
-Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet
-hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort
-anlegte. Er besprach sich mit dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach
-verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause
-des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe.
-
-Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei
-Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der
-Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener
-mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand.
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-Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich
-und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob
-es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt
-hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster
-zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So
-lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend.
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-39. DIE GESCHICHTE VON DEM KLUGEN LANDMANNE
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-In alter Zeit pflügte einst ein Landmann seinen Acker, als plötzlich
-ein eiserner Ring zum Vorschein kam. Der Landmann grub die Erde um den
-Ring aus und sah, daß es der Ring von dem Deckel eines Vorratsraumes
-war. Mit tausend Mühen und Anstrengungen hob er den Deckel und stieg in
-den Raum hinein. Da sah er, daß das Innere bis zum Rande mit gelbem
-Weizen angefüllt war. Es war jedoch eine Art von Weizen, von der jedes
-Korn die Größe eines Pfirsichkernes hatte. Als er dies sah, war er
-erstaunt und meldete dies dem Gouverneur der Stadt. Auch der wunderte
-sich, und in der Annahme, daß dies etwas merkwürdiges sei, schrieb er
-an den Kaiser einen Bericht und schickte auch eine Probe von dem Weizen
-mit.
-
-Als der Weizen ankam, rief der Kaiser seine höchsten Beamten zusammen,
-die sich gleichfalls alle über die Größe des Weizens wunderten. Der
-Kaiser fragte, ob es einen Menschen gebe, der wüßte, von was für
-Menschen dieser Weizen gepflanzt sei, und worin das Geheimnis bestände.
-Wenn es solchen Menschen gebe, wolle er ihn um Rat fragen. Der Kaiser
-hatte einen sehr klugen und weisen Hofmann. Dieser sagte: „Mein Kaiser,
-in der und der Stadt deines Reiches lebt ein alter welterfahrener
-Landmann. Wenn jemand die Schwierigkeit lösen kann, ist er es.“ Alle
-fanden seine Worte verständig. So schickte man einen Boten, dem man
-eine Probe des Weizens mitgab, ab, um den Alten danach zu fragen.
-
-Als der Bote sich schleunigst auf den Weg machte, traf er einen seiner
-Freunde. Dieser wünschte ihm glückliche Reise und fragte, wohin er
-gehe. Der Bote erzählte die ganze Sache und der Freund sagte: „Gott sei
-Dank! Es ist ein Segen, daß ich dich getroffen habe. Der Landmann, zu
-dem du gehen willst, ist sehr klug. Ich habe auch eine schwierige
-Frage. Nachdem du ihn nach der des Kaisers gefragt hast, frage ihn auch
-nach meiner. Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun.“ Der Bote
-sagte: „Selbstverständlich, erzähle mir nur deine Frage.“ Der Freund
-sagte: „Erstens: Was ist die Ursache, daß, wenn der Mensch alt wird,
-Haar und Bart weiß werden und keine andere Farbe annehmen? Zweitens:
-Während beim Beischlaf der Genuß für Mann und Frau der gleiche ist,
-warum ist die Treue bei dem Mann größer als bei der Frau? Drittens:
-Warum wird der Mann, wenn er alt und sein Haar und Bart weiß werden,
-schöner, während bei der Frau das Gegenteil der Fall ist? Was mag
-Gottes Zweck dabei sein. Das sind die Fragen, die mir Schwierigkeiten
-machen.“
-
-Sie verabschiedeten sich, und der Bote machte sich auf den Weg und
-erreichte auch die Stadt, wo der Landmann, den er suchte, wohnte. Nach
-einigem Fragen fand er ihn auch und sah, daß es ein hinwelkender Greis
-war, dessen Körper wie ein Bogen gekrümmt war, und dessen Brauen seine
-Augen bedeckten.
-
-Der Bote setzte den Grund seiner Absendung auseinander, sagte, daß er
-vom Kaiser geschickt sei, und fragte, wie es sich mit dem Weizen
-verhalte. Der alte Landmann sagte: „Sohn, ich weiß nicht, wann dieser
-Weizen gewachsen ist, aber in der gegenüberliegenden Stadt wohnt mein
-älterer Bruder. Da er älter ist als ich, hat er vielleicht jene Zeit
-erlebt. Gehe hin und frage ihn.“
-
-Der Bote ging dorthin, fand auch den Bruder. Dieser hatte einen grauen
-[39] Bart, und sein Körper war lebendig im Vergleiche zu dem seines
-Bruders. Voller Verwunderung fragte der Bote ihn nach dem, was der
-Weizen zu bedeuten habe. Der Landmann antwortete: „Ich weiß nichts
-davon. In meinen Zeiten ist so etwas nicht passiert. Aber in der
-gegenüberliegenden Stadt wohnt mein älterer Bruder. Gehe hin und frage
-den. Vielleicht weiß er es, denn er ist viel älter als ich.“
-
-Der Bote ging in diese Stadt und fand ihn auch. Er war noch lebendiger
-und sah wie ein frischer junger Mann mit schwarzem Bart aus. Der Bote
-sagte: „Bei Gott, seine Brüder bezeichneten ihn als den ältesten von
-ihnen. Das ist doch höchst merkwürdig, daß er jünger und frischer als
-sie ist.“ Voller Verwunderung fragte er ihn nach dem Weizen und sagte,
-daß er eigens deshalb vom Kaiser gesandt sei.
-
-Der alte Mann sagte: „Vor hundert Jahren lebte ein Volk, dem dieser
-Weizen als Wundergabe verliehen worden ist. Der Grund dafür ist der,
-daß sie fromm und gottesfürchtig waren. Deswegen schenkte ihnen Gott so
-reichliche Nahrung.“
-
-Als der Bote die richtige Auskunft erhalten hatte, wollte er sofort
-umkehren, da kamen ihm aber die Fragen seines Freundes, den er
-unterwegs getroffen, in den Sinn. Er stellte also die vorher genannten
-drei Fragen, und der weise Mann antwortete: „Der Grund, daß Haar und
-Bart, wenn der Mann alt wird, nur weiß werden und keine andere Farbe
-annehmen, ist folgender: Zuerst ist das Haar vollkommen schwarz oder
-blond. Wenn der Mensch aber zur höchsten Vollendung gekommen ist und
-auch in der Farbe die Vollendung eingetreten ist, dann muß ebenso, wie
-überall nach der Vollendung der Verfall eintritt, ein Rückschlag zum
-Verfall eintreten. Der Grund dafür, daß es nach diesem Verfall nur weiß
-wird und keine andere Farbe annimmt, besteht darin, daß, wie das
-Zeichen der Jugend das schwarze oder blonde Haar ist, so ist das
-Zeichen des Alters wegen der Erleuchtung die weiße Farbe. Darum
-verändert sich das Haar nur in Weiß. Die Antwort auf die zweite Frage
-ist folgende: Da Gott, der Allweise, Ewige, der Frau die Kraft der
-Schwangerschaft, die Freundlichkeit bei der Haushaltung und alle die
-Mühen beim Säugen verliehen hat, so hat er aus Billigkeit dem Manne die
-Treue und Liebe verliehen. So hat Gott mit Gerechtigkeit beide
-ausgeglichen. Gottes weiser Zweck bei der dritten Frage ist folgender.
-Er hat unsern Vater Adam aus Erde geschaffen, unsere Mutter Eva aber
-aus dessen linker Seite. Deshalb wird das männliche Geschlecht seiner
-Herkunft gemäß schöner, denn wie die Erde, wenn sie steht, schöner
-wird, so auch der Mann. Wie aber Fleisch, wenn es steht, sich
-verändert, so wird die Frau im Alter häßlich. Das ist Gottes Weisheit
-dabei.“ Der Bote sagte: „O weiser Mann, dein Mund ist die Quelle der
-Weisheit. Du hast alle Schwierigkeiten gelöst. Nun habe ich noch eine
-Frage. Nimm, bitte, meine Unbescheidenheit nicht übel und löse mir
-diese Schwierigkeit.“ Der weise Mann fragte: „Worin besteht sie denn?“
-Er antwortete: „Deinen jüngsten Bruder habe ich sehr alt und schwach
-gefunden und den mittleren als einen graubärtigen Greis, dich aber, der
-du doch der älteste von ihnen bist, als einen frischen jungen Mann.
-Erkläre mir doch, bitte, den Grund hierfür.“
-
-Der weise Mann sagte: „Der Grund dafür, daß mein jüngster Bruder sehr
-alt geworden ist, liegt darin, daß er in seiner Landwirtschaft nicht
-recht vorwärts kommt und ziemlich arm ist. Außerdem hat er eine
-häßliche Frau, die auch eine böse Zunge besitzt. Da sich zwei große
-Unglücke bei ihm vereint haben, so ist er sozusagen schon in dieser
-Welt bei lebendigem Leibe in der Hölle. Deswegen ist er so alt und
-schwach geworden. Der Grund aber dafür, daß der mittlere Bruder im
-Verhältnis zu mir alt und im Verhältnis zu dem jüngsten Bruder jung
-ist, liegt darin, daß er in der Landwirtschaft viel Glück hat, aber
-eine häßliche Frau mit einer bösen Zunge besitzt. So hat er nur ein
-Unglück und sieht also frischer als unser jüngster Bruder aus. Ich
-habe, Gott sei Dank, in der Landwirtschaft Erfolg und habe in meinem
-Harem eine schöne und an Charakter einzigartige Frau, deswegen sehe ich
-frisch und heiter aus. Wer Wohlstand und eine gute Frau erlangt hat,
-der wird schon in dieser Welt der Paradiesesfreuden teilhaftig.
-Deswegen sagt man: Des Menschen Haus ist sein Paradies oder seine
-Hölle.“
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-Als der kluge Mann alle schwierigen Fragen gelöst hatte, entließ er den
-Boten mit aller Hochachtung. Dieser kam zum Palaste des Kaisers,
-berichtete alles, und ein jeder, der es hörte, hatte seinen Nutzen
-davon.
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-40. DER VOGEL HEFTRENG
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-Zur Zeit der Kinder Israel lebte ein frommer Asket, der sehr arm war.
-Dieser ging, um sich einen Unterhalt zu verschaffen, von Zeit zu Zeit
-aus, erbettelte sich um Gottes willen ein paar Pfennig und lebte den
-Tag davon. Wieder war er eines Tages nach alter Gewohnheit in der Stadt
-von Tor zu Tor gegangen, als plötzlich jemand zu ihm trat und ihn
-anredete: „Willst du lieber ein rechtlich erworbenes Goldstück oder
-zehn unrechtlich erworbene?“ Der Asket erwiderte: „Unrechtlich
-erworbene Dinge nehme ich überhaupt nicht an, selbst wenn es tausend
-Goldstücke wären, aber ein rechtlich erworbenes Goldstück genügt mir.“
-Der andere gab ihm ein Goldstück in die Hand, das der Asket annahm,
-indem er Gottes Segen wünschte.
-
-Als er danach in der Stadt umherging, sah er bei einem Manne einen
-wunderbar schönen Vogel. Kaum hatte er ihn gesehen, als er eine Liebe
-zu dem Vogel faßte und nach dem Preise und der Art des Vogels fragte.
-Der Besitzer forderte ein Goldstück und sagte, daß er der Vogel
-Heftreng (sieben Farben) heiße. Sofort gab er sein Goldstück, das er
-soeben erhalten, und kaufte sich den Vogel Heftreng. Als er nach Hause
-kam, ging seine Frau in der Hoffnung, Geld von ihm zu erhalten, ihm
-entgegen. Sie sah, daß er kein Geld, wohl aber einen Vogel brachte. Da
-die Frau sehr hungrig war, der Asket aber ohne Geld mit leeren Taschen
-kam, so war sie sehr aufgeregt und fing an ihn zu schelten: „Während
-wir schon nichts zu essen haben, bringst du jetzt noch einen, der
-Nahrung verlangt, und noch dazu einen unschuldigen Vogel, den du
-einsperrst, und für dessen Unterhalt zu sorgen du verpflichtet bist.
-Was ist das wieder für ein neues Unglück, das über uns gekommen ist.“
-Sie machte einen großen Lärm, aber da die Frau sehr schön war, so
-ertrug der Asket alles, was sie auch tat. Er setzte also den Vogel
-Heftreng in einen Käfig und hängte diesen an die Wand.
-
-Gegen Abend fing der Vogel an, im Käfig sich zu schütteln. Der Asket
-ging hin und sah, daß, während er sich schüttelte, unter seinen Flügeln
-ein Edelstein herunterfiel. Der Asket nahm den Edelstein, brachte ihn
-auf den Bazar, empfing genau hundert Goldstücke dafür, als er ihn
-verkaufte, und besorgte alles, was für das Haus notwendig war. Er
-schloß den Vogel nicht im Käfig ein, sondern ließ ihn immer frei
-umherfliegen. Am Abend kehrte er dann zurück und brachte in seinem
-Schnabel jeden Tag einen Smaragden, den der Asket für ein Goldstück
-verkaufte. In kurzer Zeit sammelte er so ein großes Vermögen, daß er
-selbst nicht einmal wußte, wie groß es war. Da die Ankunft des Vogels
-von Segen war, so wurde die Frau in der Nacht, da er in das Haus kam,
-schwanger, und als die Zeit kam, brachte sie einen Sohn zur Welt. Der
-Asket, der nun in jeder Beziehung froh war, nahm für ihn eine besondere
-Wärterin an und nannte ihn Ferid. Da er jetzt Geld genug hatte,
-beschloß er, um die Pflicht zu erfüllen, die Pilgerfahrt nach Mekka zu
-machen. Er rief seine Frau und sagte zu ihr: „Tugendhafte Frau, dieser
-Vogel Heftreng ist die Ursache der Ordnung unserer Verhältnisse
-geworden, und du weißt, daß ich auch nur durch ihn die Pilgerfahrt
-auszuführen in der Lage bin. Darum laß es an nichts in seiner Pflege
-fehlen, denn er ist wie unser Sohn der Grund zur Freude unseres
-betrübten Gemütes und die Frucht am Baum unseres Herzens geworden.
-Darum hüte ihn und laß es beileibe an nichts fehlen.“ Dann befahl er
-sie alle Gottes Schutz und machte sich auf den Weg.
-
-Seine Frau langweilte sich aber bald, zu Hause zu sitzen. Sie ging
-daher eines Tages auf dem Markte spazieren, sah einen jungen
-Geldwechsler und verliebte sich in ihn, und bei dem Anblick seiner
-Schönheit verlor sie ihre Ruhe, ging jeden Tag vor dem Laden vorbei und
-schaute ihm ins Gesicht, um sich zu trösten. Wenn ihr die Mahnung ihres
-Mannes einfiel, wiederholte sie folgenden Vers:
-
-
- Selbst Asketen, wenn sie sähen
- Dieser Augen Schönheitsadel,
- Würden meine Liebe ahnen,
- Würden meiden Schmach und Tadel.
-
-
-Als sie auf ihren Spaziergängen kein anderes Mittel, um die Glut des
-Feuers ihrer Liebe zu löschen, als das Wasser der Vereinigung mit dem
-jungen Geldwechsler fand, lud sie ihn in ihr Haus. Da die Frau sehr
-hübsch war, ging er mit tausend Freuden darauf ein, denn er war auch in
-sie verliebt. Die Liebe war nun auf beiden Seiten so stark, daß der
-junge Geldwechsler das Haus des Asketen wie sein eigenes jeden Tag
-besuchte.
-
-Eines Tages erzählte ihm die Frau im Gespräch die Geschichte des Vogels
-und wie sie durch ihn so reich geworden waren. Der Geldwechsler hatte
-aber einen sehr weisen, klugen Freund. Als er diesem einst die
-Geschichte des Vogels erzählte, sagte dieser: „Dieser Vogel bringt zwar
-schon lebendig so große Vorteile, wenn aber jemand seinen Kopf essen
-würde, so würde er Kaiser oder Vezir werden.“
-
-Als der Wechsler dies hörte, war er fest entschlossen, den Kopf des
-Vogels zu essen. Er ging also nach alter Gewohnheit in das Haus des
-Asketen und sagte: „Brate mir diesen Vogel. Ich habe Verlangen danach.“
-Die Frau antwortete: „Du meine Seele und mein Leben. Zwar ist der Vogel
-der Begründer unseres Wohlstandes in dieser Welt, aber da du ihn
-wünschst, so würde ich nicht nur ihn, sondern mein Leben opfern. Komm
-morgen. Ich werde dir dann einen ordentlichen Braten machen. Laß ihn
-dir schmecken.“
-
-Am nächsten Morgen stand die Frau auf, schlachtete den Vogel, steckte
-ihn an einen Spieß und fing an, den Braten zu wenden. Ihr Sohn Ferid
-war immer mit dem Vogel zusammen und konnte auch nicht eine Stunde ohne
-ihn sein. Er war also sehr betrübt darüber, daß der Vogel geschlachtet
-war, und fing an zu weinen. Seine Mutter und die Wärterin suchten ihn
-zu beruhigen, aber vergeblich. Da sagte die Wärterin: „Herrin, gib ihm
-doch einen Bissen von dem Fleisch des Vogels. Er ist ja ein Kind. Dann
-wird sein Weinen aufhören.“ Die Frau konnte sich aber nicht
-entschließen, ihrem Sohne ein Stück zu geben, da dann für den jungen
-Wechsler zu wenig übrig bleiben würde. Als schließlich die Wärterin
-bat: „Wenn du ihm kein Fleisch geben willst, so gib ihm den Kopf,
-vielleicht hört sein Weinen dann auf. Den Kopf ißt man ja nicht.“
-
-Da schnitt die Frau den Kopf des Vogels ab und gab ihn zwar sehr
-widerwillig ihrem Sohne. Als Ferid den Kopf gegessen hatte, hörte nach
-Gottes Ratschluß das Weinen auf.
-
-Währenddessen war der Wechsler gekommen. Die Frau ging ihm entgegen,
-nötigte ihn höflichst sich zu setzen und sagte: „Du Grundstock meines
-Lebens, deinetwegen habe ich den Vogel, der ein unerschöpfliches
-Kapital war, geschlachtet und gebraten.“ Indem sie so ihre Liebe zu ihm
-zum Ausdruck brachte, bereitete sie den Tisch, schmückte das Zimmer,
-legte den Vogel Heftreng auf eine Schüssel und setzte ihn vor. Der
-Wechsler aß nicht von dem Fleisch, sondern suchte nach dem Kopfe, und
-da er ihn nicht finden konnte, fragte er, wo der Kopf des Vogels sei.
-Die Frau antwortete: „Ißt man denn den Kopf eines gebratenen Vogels?
-Der Rumpf ist es doch, auf den es ankommt. Als ich den Braten
-bereitete, weinte mein Sohn. Ich konnte mich nicht entschließen, ihm
-ein Stück Fleisch zu geben, da du es behalten solltest. Da bat mich die
-Wärterin um den Kopf, um ihn zu beruhigen. Ich schnitt also den Kopf ab
-und gab ihn der Wärterin. Das Kind hat ihn auch gegessen.“
-
-Als der Wechsler dies hörte, war er ganz bestürzt, warf die Schüssel
-mit dem Vogel auf die Erde, verließ in seinem Zorne das Haus und ging
-zu dem vorher genannten Weisen, dem er die Geschichte ganz genau
-erzählte. Dieser sagte: „Sei nicht traurig. Wenn dein Wort etwas bei
-der Frau vermag, so läßt sich die Sache heilen. Nämlich, wenn jemand
-den Kopf desjenigen, der den Vogelkopf verzehrt hat, ißt, so wird er
-Kaiser. So steht es geschrieben.“ Der Wechsler schickte also der Frau
-folgende Nachricht: „Ich wollte den Kopf des Vogels essen, da du ihn
-nun deinem Sohne gegeben hast, so mußt du deinem Sohne den Kopf
-abschneiden und ihn mir zu essen geben. Dann komme ich wieder in dein
-Haus. Wenn nicht, werde ich mich nie wieder sehen lassen.“
-
-Da die Verfluchte ganz von ihrer fleischlichen Lust beherrscht war, so
-war sie bereit, ihren Sohn zu töten, wenn nur ihr Geliebter wieder
-käme, und sandte ihm Nachricht, sie würde mit tausend Freuden es bei
-Gelegenheit tun.
-
-Der Wechsler war sehr froh, und die Frau spähte nach einer Gelegenheit.
-Die Wärterin des Ferid aber ahnte, daß ihre Herrin ihn töten wollte.
-Eines Nachts, als die Herrin schlief, drückte die Wärterin das Kind an
-ihre Brust und verließ das Haus und die Stadt. Indem sie bis zum Morgen
-lief, kam sie in eine andere Stadt. Am nächsten Tage von dieser wieder
-in eine andere und so kam sie nach dreißig Tagen in die Residenz des
-Kaisers. Dort fand sie eine passende Wohnung und widmete sich der
-Erziehung Ferids.
-
-Als aber die Frau am nächsten Morgen aufstand und den Ferid und die
-Wärterin nicht vorfand, suchte sie sie überall. Da sie nicht wußte, wo
-sie waren, rief sie vom Feuer der Unruhe gefoltert aus: „Ach, was soll
-ich meinem Geliebten sagen? Vielleicht wird er sich von mir trennen!“
-Als der Wechsler die Sachlage erfuhr, gab er die Frau auf und kam nicht
-wieder. Schließlich starb er, da sein Kummer untröstlich war, an
-Sehnsucht nach dem Vogelkopf.
-
-Nach einiger Zeit kam auch der Asket wieder von der Pilgerreise gesund
-zurück. Als er weder den Vogel noch seinen Sohn noch die Wärterin
-vorfand, fragte er, wo sie seien. Die Frau sagte weinend: „Ach, mein
-Herr, mögest du wenigstens am Leben bleiben! Sie sind alle gestorben.
-Durch die Trennung von ihnen bin ich in diese Lage gekommen, daß die
-Rosen meiner Wangen zu Bernstein geworden sind.“ [40]
-
-Ferid nun, zu dem wir uns jetzt wenden wollen, war herangewachsen und
-hatte Freude am Reiten und fing an, auf die Jagd zu gehen. Als er
-einmal wieder zu Pferde auf die Jagd ging, kam er an dem Sommerhause
-für den Harem des Kaisers vorbei. Der Kaiser hatte nun eine reizende
-Tochter, die einem Sterne glich. Als sie aus Langweile aus dem Fenster
-schaute, fiel ihr Blick auf Ferid, und sie verliebte sich von ganzem
-Herzen in ihn. Als Ferid in das Fenster schaute und das Mädchen sah,
-verliebte er sich gleichfalls in sie. Beide suchten jetzt nur nach
-einem Mittel für ihren Liebesschmerz. Der arme Ferid ging jeden Tag
-unter dem Vorwand, daß er auf Jagd gehe, an ihrem Fenster vorüber und
-schaute nach dem Mädchen, während dieses schon aufpaßte, wenn er kam,
-und von oben herabschaute und seufzte.
-
-Einige Zeit verging so ihre Zeit mit Seufzen und Wehklagen, aber eines
-Tages, als Ferid wieder auf Jagd ging, konnte das Mädchen es nicht mehr
-aushalten und sagte: „Jüngling, mein Vater ist alt und hat kein anderes
-Kind als mich. Er versagt mir nichts, was ich von ihm fordere. Ich will
-ihm nun sagen: ‚Verheirate mich nach Gottes Willen mit diesem jungen
-Manne.‘ Aber vor einiger Zeit hat mein Vater bei einer besonderen
-Gelegenheit in Gegenwart der Vezire und Staatswürdenträger meine Heirat
-an eine Arbeit geknüpft. Ohne diese Arbeit kann er mich nicht
-verheiraten. Diese Arbeit läßt sich aber nicht ausführen, denn schon
-viele haben ihr Leben dabei verloren. Ich will sie dir deswegen nicht
-nur nicht auftragen, sondern nicht einmal nennen.“ Ferid sagte:
-„Herrin, sage mir, was das für eine Arbeit ist.“ Sie weigerte sich;
-aber, als er sie beschwor, sie ihm zu nennen, sagte sie: „In der und
-der Steppe ist der Weideplatz für meines Vaters Pferde. Nun ist dort
-ein giftiger Drache erschienen, der schon einige von den Pferden
-getötet hat. Er wohnt dort und hat den Weg dahin abgeschnitten. Es ist
-unmöglich, dorthin zu kommen. Deswegen hat mein Vater versprochen,
-demjenigen, der den Drachen tötet, mich zur Gemahlin zu geben.“ Ferid
-sagte: „Herrin, weißt du nicht, daß Gott im Koran gesagt hat: ‚Wenn ihr
-Ende kommt, können sie es nicht eine Stunde hinausschieben oder
-beschleunigen?‘ Jeder trinkt den Becher des Todes erst, wenn sein
-Lebensbecher bis zum Rande voll ist, und seinem Ende kann niemand
-entgehen. Ich werde mich also dem Drachen entgegenwerfen. Wenn Gott mir
-Gnade gibt und ich den Drachen töte, so erlange ich meinen Wunsch, und
-wenn das Gegenteil eintritt und ich unter den Krallen des Drachen
-umkomme, so bete für mich. Wenn ich nicht mit dir vereint werde, sterbe
-ich doch und, wenn ich sterben muß, so ist es mir einerlei, auf welche
-Art es geschieht.“
-
-Er faßte also den Entschluß, gegen den Drachen zu ziehen, und sie
-trennten sich beide unter vielen Tränen. Ferid ging in sein Haus, nahm
-von seiner Wärterin Abschied und begab sich am nächsten Tage in den
-Diwan des Kaisers und bat um die Erlaubnis, gegen den Drachen zu
-ziehen.
-
-Als der Blick des Kaisers auf ihn fiel, faßte er nach Gottes Willen
-Zuneigung zu ihm, denn Ferid war ein hübscher junger Mann. Der Kaiser
-sagte zu seinem Vezir: „Lala, ich habe die Hand meiner Tochter an die
-Tötung des Drachen geknüpft, sonst würde ich meine Tochter diesem
-jungen Manne geben. Aber, was soll man tun? Die Kaiser müssen ihr Wort
-halten. Geh, rate ihm, von seinem Vorhaben abzulassen, sonst kommt er
-vielleicht wie die andern um, und wir haben den Kummer im Herzen. Wer
-weiß, was Gott alles geschehen läßt, das uns noch verborgen ist?
-Vielleicht stirbt der Drache von selbst! Er soll doch so gut sein und
-diesen Wunsch aufgeben.“ Der Vezir tat so. Ferid aber nahm keinen Rat
-an und antwortete, daß er sicher hingehen werde. So ging er und alle
-Würdenträger und alle Edlen des Hofes bis zu der erwähnten Steppe. Dort
-blieben alle und zeigten Ferid die Stelle. Dieser zog im Vertrauen auf
-Gott sein scharfes Schwert und griff den Drachen an. Da sah er, daß
-dieser wie ein Feuerklumpen dalag und schlief. Er griff ihn also an,
-und mit Gottes Hilfe teilte er ihn in zwei Teile, so daß er sich nicht
-mehr bewegen konnte. Als er in seinem Blute tot dalag, sprang Ferid
-herbei und trennte ihm den Kopf vom Rumpfe und brachte ihn dem Könige.
-Alle Würdenträger, die dies mit ansahen, waren erstaunt. Da aber die
-Weisen gesagt hatten, daß menschliche Kraft nicht ausreiche, um diesen
-Drachen zu töten, es sei denn, daß jemand den Kopf des Vogels Heftreng
-gegessen habe, so fragte man Ferid danach. Dieser erzählte alles, was
-er von seiner Wärterin gehört hatte. Deswegen liebten ihn die Weisen
-und die Vezire noch mehr. Der Kaiser freute sich noch mehr darüber, daß
-Ferid am Leben geblieben war, als darüber, daß der Drache getötet war,
-und richtete eine Hochzeit mit königlicher Pracht her und verheiratete
-ihm seine Tochter. Da der Kaiser sehr alt war, ernannte er ihn zu
-seinem Nachfolger, und Ferid wurde unabhängiger Kaiser.
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-Darauf schickte Ferid in seine Heimat, um seine Mutter, seinen Vater
-und, um ihn zu töten, den Wechsler holen zu lassen. Der Wechsler war
-aber schon seit langem tot. Der Asket und seine Frau begaben sich
-voller Furcht, was der Kaiser wohl von ihnen verlange, zu ihm und,
-nachdem sie alle Zeremonien erfüllt hatten, sahen sie, daß es ihr Sohn
-Ferid war. Dieser ließ nun das Vergangene vergangen sein, ernannte
-seinen Vater zum Vezir und seine Wärterin zur Oberaufseherin über alle
-Sklavinnen seines Harems. Als sie dann allein waren, erzählte er seinem
-Vater in Gegenwart der Mutter, was sich ihnen allen seit seiner Jugend
-ereignet hatte. Da schämte sich die Frau sehr, sagte aber, daß zwischen
-ihr und dem Wechsler nichts Häßliches passiert sei, daß sie nur von
-Angesicht ineinander verliebt gewesen seien, und daß sie auch dies
-bereue und dafür um Verzeihung bitte.
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-Ferid stand auf, küßte seinen Eltern die Hand und betete für sie. So
-brachten sie denn in Behaglichkeit ihr Leben zu.
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-41. DIE VERSCHWENDERISCHE MAUS
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-Ein Landmann hatte in seiner Scheune eine Menge Getreide liegen, legte
-nicht Hand daran, es zu verbrauchen, und hatte die Tore seiner
-Verwendung zugeschlossen, damit es zu Zeiten der höchsten Not und des
-größten Elends ihm als Nahrung diene. Nun hatte eine ganz verhungerte
-Maus am Rande dieses Platzes sich ihr Haus und in der Nähe des
-Speichers ihr Nest gemacht. Sie hatte andauernd unter der Erde alles
-mit dem ehernen Meißel ihrer Zähne durchbohrt und mit ihren
-minierenden, Steine spaltenden Vorderzähnen die ganze Gegend
-durchlöchert. Endlich hatte sie ein geheimes Loch mitten unter dem
-Kornspeicher fertig und von dem Dach ihres Nestes fielen Weizenkörner
-wie Meteore vom Himmel. Die Maus sah, daß das Versprechen des
-Koranwortes: „Eure Nahrung ist im Himmel“ erfüllt war, und daß der
-dunkle Spruch: „Suchet eure Nahrung in den Schlupfwinkeln der Erde“
-klar und deutlich geworden war, daher erfüllte sie die Pflichten der
-Dankbarkeit wegen der Gottesgabe und ließ das Koranwort: „Gott sei
-Dank, daß er uns einen Tisch vom Himmel gesendet hat“ zum Gipfel des
-Himmels emporsteigen.
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-Als sie nun durch die Erlangung dieser Kostbarkeiten sehr reich
-geworden war, wurde sie so stolz wie Karun [41] und so anmaßend wie
-Pharao. In kurzer Zeit war die Sache unter den Mäusen des Viertels
-bekannt, und sie beeilten sich, ihr freigebiges Haus zu besuchen.
-Trügerische Freunde sind wie Fliegen um den Zucker! Freunde beim Mahl
-und Genossen beim Becher sammelten sich alle um die Maus und nach ihrer
-Gewohnheit webten sie den Faden ihrer Rede nach ihrem Charakter und
-nach ihren Wünschen und schmeichelten ihr. Sie erkundigten sich
-andauernd nach ihrem Befinden und waren in ihrem Lob, Preis, Dank und
-Gebet übermäßig, und sie prahlte unverständig und verschwendete ihr
-Vermögen in der Meinung, daß das Korn der Scheune nie abnehmen werde
-und die Getreidekörner immer wie Sand aus diesem Loche herunterfallen
-würden. Jeden Tag gab sie ihren Genossen eine Menge davon. Nie dachte
-sie daran, von dem Heute auch etwas für das Morgen aufzuheben.
-
-In dieser Zeit, als sie so im Winkel der Abgeschiedenheit sich dem
-Wohlleben hingaben, hatte die kalte Hand des Hungers und der Not die
-Menschen unglücklich gemacht. Überall verlangten sie Brot und legten
-ihr Leben auf die Wagschale, aber niemand nahm es als Gewicht an, für
-ein Stück Brot wollten sie ihren Haushalt verkaufen, aber niemand war
-Käufer dafür.
-
-Die Maus, stolz und glücklich in dem Gedanken großen Reichtums, wußte
-nichts davon, daß das Korn teuer geworden und die Hungersnot sehr groß
-war. Als dieser Zustand nun einige Zeit dauerte, ging dem Landmann die
-Sache ans Leben und das Messer bis an die Knochen, so daß er wohl oder
-übel den Speicher öffnen mußte. Da sah er, daß das Korn durch Betrug
-weniger geworden war. Er seufzte tief auf, bedauerte seinen Verlust und
-sagte zu sich: „Trauer über diejenigen Sachen, die wiederzuerlangen
-außerhalb der Möglichkeit ist, gehört sich nicht für verständige Leute.
-Das beste ist es nun, daß die Überbleibsel des Getreides gesammelt und
-anderswohin gebracht werden.“ Er widmete sich also der Arbeit, das
-übrig gebliebene wenige Getreide herauszuholen.
-
-Nun war die Maus, die sich für den Hausherrn und Meister dieses Platzes
-hielt, vom Weine des Schlafes trunken, und auch die anderen Mäuse
-hatten bei dem Lärm nicht den Laut der Fußtritte, überhaupt nichts vom
-Kommen und Gehen des Landmannes gehört. Unter ihnen war aber eine kluge
-Maus, die die Sachlage begriff und, um sie festzustellen, auf das Dach
-stieg, aus einer Fensterecke schaute und sah, wie es mit der Scheune
-stand. Sofort stieg sie vom Dach, erzählte die ganze Geschichte ihren
-Freunden und entfloh durch das Loch. Als die andern dies sahen,
-zerstreuten sie sich, der eine hierin, der andere dorthin, und ließen
-ihren Wohltäter allein.
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-Als die törichte Maus sich am nächsten Tage von ihrem Lager der Ruhe
-erhob und aus dem Schlafe der Sorglosigkeit aufwachte, sah sie, daß
-weder Freund noch Feind da war. Soviel sie sich auch rechts und links
-umschaute, nichts war zu sehen, soviel sie auch suchte, sie konnte sie
-nicht finden. Vor Furcht und Einsamkeit ängstigte sie sich und fing
-laut an zu wehklagen:
-
-
- Die Freunde, die ich hatte, wo sind sie geblieben?
- Was ist gescheh’n, was hat sie von mir weggetrieben?
-
-
-Um die Sache aufzuklären, kroch sie aus einer Ecke des Nestes heraus,
-da sah sie, daß in der Welt eine solche Hungersnot herrschte, daß das
-Wort Brot wie Wasser von den Lippen floß. In ihrer Aufregung kehrte sie
-eiligst wieder in ihr Haus zurück. Dann dachte sie, dafür zu sorgen,
-ihre Vorräte aufzusparen. Sie fand aber in ihrem Hause kein Korn mehr
-vor. Als sie dann aus dem Loche in die Scheune kletterte, fand sie auch
-dort, trotz allen Suchens, kein Weizenkorn. Da brach ihre Kraft
-zusammen. Sie zerriß mit der Hand des Unglücks den Kragen der Geduld
-[42] und schlug ihren törichten Kopf so stark auf den steinigen Grund,
-daß das Gehirn herausspritzte, und stürzte sich mit unheilvollem Tode
-in den Abgrund des Untergangs.
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-42. DER TISCHLER UND DER AFFE
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-Ein Tischler saß auf einem Stück Holz und zersägte es. Er hatte zwei
-Keile. Den einen klemmte er in die Spalte, damit der Weg für die Säge
-leichter sein sollte, und wenn eine bestimmte Grenze überschritten war,
-schlug er den zweiten Keil ein und nahm den ersten heraus. In dieser
-Weise arbeitete er. Ein Affe sah der Arbeit des Tischlers und der
-Bewegung der Säge zu. Plötzlich mußte der Tischler während der Arbeit
-etwas anderes tun und ging weg. Als der Affe den Platz des Tischlers
-leer sah, kam er sogleich herbei, stieg auf das Holz und setzte sich
-darauf. Irgendwie kamen seine Hoden auf der Seite, wo gesägt war, in
-den Spalt, und er zog den Keil, ohne vorher einen andern einzuschlagen,
-heraus. Als der Keil herausgezogen war, schlugen die beiden Seiten
-zusammen und die Hoden des armen Affen wurden in dem Holze eingeklemmt.
-Der Affe schrie laut vor Schmerz und sagte: „Es ist gut, daß jeder in
-der Welt nur seine Arbeit macht, und der, der seine Arbeit nicht tut,
-der macht Gutes schlecht. Meine Arbeit ist es, Früchte zu pflücken. Was
-ging mich das Sägen an? Während es mein Beruf ist, mich im Walde
-umzuschauen, wozu mußte ich mich mit Säge und Beil abgeben? Wer sich so
-benimmt, dem passiert das.“
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-Als der Affe sich selbst so tadelte, kam der Tischler. Als er ihn in
-dieser Lage sah, sagte er: „So geht es dem, der tut, was er nicht
-gelernt hat“ und ließ es nicht an reichlicher Strafe fehlen.
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-43. DER FUCHS UND DIE TROMMEL
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-Ein Fuchs streifte in einem Walde umher. Von der Macht des Hungers
-getrieben suchte er überall in Gedanken nach Nahrung. Er kam gerade in
-die Nähe eines Baumes, an den man eine Trommel gehängt hatte. Bei jedem
-Windstoße wurde ein Zweig des Baumes in Bewegung gesetzt, der auf die
-Trommel schlug, wodurch ein schrecklicher Laut ertönte. Der Fuchs sah
-einen Hahn, der auf dem Kopf einen Kamm wie eine Kaiserkrone trug, ein
-Gefieder wie ein Pfau hatte und stolz und majestätisch auf einer Wiese
-einherstolzierte.
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-Der Fuchs verbarg sich in einem Winkel im Hinterhalte und wartete auf
-den Augenblick, wo er ihn erbeuten konnte. Da schlug plötzlich der Ton
-der Trommel an sein Ohr. Der Fuchs schaute hin und sah einen
-merkwürdigen Körper, von dem ein schrecklicher Ton ausging. Seine
-Freßbegier regte ihn auf und gab ihm den Gedanken ein, daß das Fleisch
-und Fett dieses Gegenstandes seiner Stimme gleich sein müßten. Sogleich
-verließ er das Versteck, wo er auf den Hahn lauerte, und ging auf den
-Baum zu. Als der Hahn dies merkte, brachte er sich in Sicherheit. Der
-Fuchs erstieg mit vieler Anstrengung den Baum und zerriß mit gierigem
-Zahn die Trommel, aber er fand sie innen leer und außen trockenes Holz
-und Fell. Das Feuer der Gier verbrannte sein Herz und das Wasser der
-Reue floß ihm in Strömen aus den Augen, und er sagte: „Schade, daß ich
-mich durch diese inhaltslose Form habe täuschen und mich durch diesen
-trügerischen Gedanken von meiner anständigen Beute habe abbringen
-lassen.“
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-44. DER REIHER UND DER KREBS
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-Ein Reiher hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und hatte
-all sein Bemühen auf den Fang von Fischen gerichtet. Jeden Tag fing er,
-soviel er brauchte, und brachte so sein Leben in Behaglichkeit zu. Als
-die Zeit des Alters kam, ließ seine Kraft nach. Infolgedessen wurde er
-schwach, und seine Körperkräfte wurden von Tag zu Tag geringer. Die
-Jagd auf Fische unterblieb und, gefangen von Kummer und Gram, tadelte
-er sich und sagte: „Wehe, daß des Lebens Jahre wie eine Karawane
-entschwinden, von der man nicht einmal den Staub mehr sieht! Weh, daß
-ich mein Leben wie ein Spielzeug betrachtet und seinen Wert nicht
-erkannt habe. Ich habe mir für das Alter keine dauernden Vorräte
-gesammelt. Jetzt ist meine Kraft gebrochen und mir die Erwerbung von
-Unterhalt nicht mehr möglich. So ist es das Beste, daß ich das Gebäude
-meines Tuns auf List und Trug gründe, das Netz des Betrugs und der
-Heuchelei auswerfe und im Hause der Schlauheit und Täuschung wohne.
-Vielleicht kann ich auf diese Art meinen Lebensunterhalt haben.“
-
-Er ließ sich also mit traurigem Jammern und heftigem Weinen, wie die
-Bekümmerten und Sorgenvollen tun, am Rande des Baches nieder. Da sah
-ihn gerade ein Krebs von weitem, kam zu ihm, redete ihn freundlich an
-und sagte: „Freund, ich sehe dich sehr bekümmert. Was ist die
-Veranlassung? Ich sehe dein Gesicht mit dem Staube der Traurigkeit und
-des Ärgers bedeckt, was ist der Grund?“ Der alte Reiher antwortete:
-„Wie sollte ich nicht traurig sein? Warum sollte ich nicht mit der Hand
-der Sorge meinen Kragen zerreißen? Du weißt ja, daß mein ganzer
-Lebensunterhalt auf diesen Bach beschränkt war. Jeden Tag fing ich mir
-einige Fische, die mir als Nahrung genügten. Die Fische hatten auch
-nicht übermäßig Schaden davon, und ich konnte ruhig und zufrieden
-leben. Heute gingen zwei Fischer am Ufer dieses Baches und erzählten
-sich, daß in diesem Wasser unendlich viel Fische seien, die sie fangen
-wollten. Der andere sagte: ‚In dem und dem Teiche sind noch viel mehr,
-wollen erst die erledigen und uns dann zu diesem wenden.‘ Bei diesen
-Verhältnissen muß ich auf die Süßigkeit des Lebens verzichten und mich
-mit dem Gifte des Todes begnügen.“
-
-Als der Krebs dies hörte, ging er schleunigst zu den Fischen und
-erzählte es ihnen. Die Fische wurden von dieser schrecklichen Nachricht
-ganz aufgeregt und zitterten wie ein Weidenblatt. Schließlich einigten
-sie sich, gingen mit dem Krebs zum Reiher und sagten: „Dieser unser
-Freund hat uns von dir eine traurige Nachricht gebracht, durch die
-unser Verstand aus Rand und Band gekommen ist. Je mehr wir die Sache
-betrachten, um so mehr schwanken wir hin und her wie die Kompaßnadel.
-Wir sind nun zu dir gekommen, um uns mit dir zu beraten, denn es heißt
-ja: ‚Derjenige, der um Rat gefragt wird, ist zuverlässig.‘ Der
-Verständige darf, selbst wenn er ein Feind ist, wenn man sich an seinen
-Rat und gesundes Urteil wendet, nicht mit seinem Rate zurückhalten,
-besonders in dieser Sache, mit der auch sein eigener Nutzen verbunden
-ist. Denn du selbst hast ja zugegeben, daß der Bestand deines Lebens an
-die Dauer unseres Daseins gebunden ist. Was hältst du also für richtig
-in dieser unserer Angelegenheit, und was kannst du uns für unsere
-Rettung raten?“ Der Reiher erwiderte: „Ja, ich habe diese Nachricht aus
-dem Munde der Fischer selbst gehört. Dagegen nützt nun kein Widerstand.
-Ich habe viel über die Lösung des Knotens nachgedacht. Das Beste, was
-mir eingefallen ist, ist folgendes: In dieser Gegend ist ein großer
-Teich, blank wie ein Spiegel, und an Reinheit wetteifert er mit dem
-Sonnenlicht. Infolge seiner Klarheit kann jedes Sandkorn auf seinem
-Grunde gezählt werden und jedes in ihm gesehen werden. Trotzdem hat die
-Einbildungskraft noch nicht bis zu seinem Grunde tauchen und der
-Verstand noch nicht von einem Ufer zum andern schwimmen können; noch
-ist die Angelrute eines Fischers je zu jenem Teiche gekommen. Die
-Fische dort kennen keine andere Fessel als die Kette des Wassers. Wenn
-ihr dorthin umziehen könntet, würdet ihr den Rest des Lebens in Ruhe,
-Sicherheit und Freude verleben.“ Sie antworteten: „Dieser Plan ist wohl
-das Beste, aber ohne deine Hilfe ist der Umzug nicht auszuführen.“ Der
-Reiher entgegnete: „Soweit ich vermag, soll es euch daran nicht fehlen.
-Aber die Zeit drängt. Ich fürchte, daß die Fischer unvermutet kommen,
-und daß dann die Gelegenheit versperrt ist und mein Plan nicht mehr
-nutzt.“ Die Fische baten ihn demütig unter vielen Tränen. Schließlich,
-nach vielem Bitten kam es zu einem Vertrage, daß der Reiher jeden Tag
-kommen sollte und von den Fischen, soviel er tragen könne, in jenen
-Teich hinüberbringe.
-
-Der Reiher kam also jeden Tag und nahm von den Fischen, soviel er
-wollte. In dieser Gegend war ein Wald, dorthin trug er sie und bewahrte
-sie sich als Vorrat auf. Wenn er dann zurückkehrte, sah er, daß die
-andern am Rande des Teiches standen, in Aufregung warteten und jeder
-sich beeilte, vor dem andern hinübergetragen zu werden. Die Weisheit
-betrachtete ihre Dummheit und ihren Leichtsinn und nahm sich ein
-Beispiel daran, und die Zeit weinte aus hundert Augen über ihr Unglück.
-Jeder, der dem Feinde glaubt und den Listen und Betrügereien eines
-gemeinen und schlechten Menschen vertraut, wird so bestraft.
-
-Als so einige Tage vergangen waren, befiel auch den Krebs die Sehnsucht
-und das Verlangen, den Teich kennen zu lernen, und er wollte möglichst
-schnell übersiedeln. Er bat also den Reiher darum. Dieser überlegte,
-daß dies sein schlimmster Feind sei, und daß es das Beste sei, ihn zu
-seinen Freunden zu bringen. Er ging also an den Rand des Wassers, nahm
-den Krebs an seinem Hals und brach mit ihm nach dem Ruheplatze der
-Fische auf. Als der Krebs aus der Ferne die Gräten der Fische sah,
-ahnte er, wie die Sache stehe und sagte überlegend zu sich: „Der
-Verständige, der, wenn ein Feind ihn töten will, ihm nicht Widerstand
-leistet zu der Zeit, da er in der Lage dazu ist, beschleunigt seinen
-Tod und begeht Selbstmord und, wenn er sein Geschick erfüllt, hat er
-zwei Möglichkeiten, entweder hat er Erfolg, dann gräbt er seinen Namen
-in Marmor, und sein Mut steht in den Blättern der Geschichte, oder er
-unterliegt, dann ist er entschuldigt, und Mangel an Mut und Tapferkeit
-kann ihm nicht vorgeworfen werden.“ Der Krebs legte sich also wie ein
-Ring um den Hals des Reihers und drückte ihm fest die Kehle zu. Da der
-Reiher alt und schwach war, so verlor er schon bei dem geringen Drucke
-die Kräfte, und das Leben entwich aus seinem Körper. Der Krebs verließ
-den Hals des Reihers, kehrte um und erzählte den Fischen die ganze
-Geschichte, indem er das Beileid für die toten Freunde mit dem
-Glückwunsch für die lebenden vereinte. Als die Fische die Kunde
-vernahmen, wurden sie erfreut und glücklich und sahen den Tod des
-Reihers für sich als ein neues endloses Leben an.
-
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-45. DER WOLF, DER HASE UND DER FUCHS
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-
-Ein hungriger Wolf durchstreifte eine Steppe und suchte nach Nahrung.
-Plötzlich sah er einen Hasen in tiefem Schlafe in einem Gebüsch liegen.
-Der Wolf sah ihn als gute Beute an und ging leise an ihn heran. Der
-Hase fuhr bei seinem Schnauben und bei seinem Tritte auf und wollte
-entfliehen. Der Wolf kam ihm entgegen und sagte: „Komm, komm, ich kann
-ohne dich nicht leben; lauf nicht weg, lauf nicht weg, denn die
-Trennung würde mich töten.“ Der Hase war aus Furcht vor dem Wolf ganz
-erschreckt, fing an, ihn demütig zu bitten und sagte unterwürfig: „Ich
-weiß, daß das Feuer des Hungers des Königs der Tiere brennend und die
-Glut der Leidenschaft schrecklich ist. Aber ich bin mit meinem
-schwachen, elenden Körper nur ein Bissen für ihn. Wie sollte der als
-Nahrung ausreichen, und wie sollte sein Hunger dadurch gestillt werden.
-Aber in dieser Gegend ist ein Fuchs, der infolge seines Fettes nicht
-mehr laufen mag und infolge seines vielen Fleisches sich nicht mehr
-bewegen mag. Ich vermute, daß sein Fleisch an Feinheit des Geschmackes
-mit dem Lebenswasser wetteifert und sein Fett dem süßesten Scherbet
-gleichkommt. Wenn also der Herr geruhen und die Mühe auf sich nehmen
-wollte, dessen abgeschiedenes Heim mit seinem Besuche zu beehren, so
-werde ich den Fuchs mit den Schlingen der List fangen und vor meinen
-Herrn bringen. Wenn er dann mit diesem Bissen zufrieden ist, so ist es
-gut, wenn nicht, so bin ich da und warte auf meinen Tod.“
-
-Der Wolf ließ sich durch den Hasen täuschen und durch seine List
-verführen und ging zu der Höhle des Fuchses. Dieser war so schlau, daß
-er in der Betrügerei selbst den Teufel lehren konnte und in der List
-alle Einbildung übertraf. Der Hase hatte einen alten Streit mit dem
-Fuchs. Da es sich nun so traf, wollte er die Gelegenheit benutzen und
-sich an ihm rächen. Als sie zum Hause des Fuchses gekommen waren, ließ
-er den Wolf draußen und trat selbst durch das Loch ein. Er begrüßte
-ihn, und der Fuchs empfing ihn mit aller Ehrerbietung. Der Hase sagte:
-„Wie lange ist es her, daß ich dich besuchen wollte, aber die Ungunst
-der Zeiten hat mir dieses Glück nicht gegönnt. Jetzt ist nun ein
-frommer Mann nach seinen gesegneten Fahrten in diese Gegend gekommen.
-Er hat von deiner Frömmigkeit gehört und hat mich als Mittelsperson
-benutzt ihn bei dir einzuführen. Wenn du es erlaubst, so ist es gut;
-wenn irgendein Hindernis vorliegt, kann er zu anderer Zeit kommen.“ Der
-kluge Fuchs sah unter dieser Rede die List und erkannte auf dem Spiegel
-dieser Worte das Abbild des Betruges und sagte zu sich: „Das Beste ist
-es, in dieser Sache ebenso zu verfahren wie sie und ihren Gifttrank
-ihnen selbst zu trinken zu geben.“ Er begann daher mit Schmeicheleien
-und Begrüßungsworten und sagte: „Ich stehe immer den Reisenden zu
-Dienst und halte meine Tür für sie geöffnet, damit ich durch sie
-gesegnet werde. Besonders gegen einen so frommen Mann, wie du ihn
-beschreibst, und einen so heiligen Scheich, wie du ihn darstellst,
-lasse ich es nie an Gastfreundschaft fehlen. Aber ich hoffe, du wirst
-diesen Heiligen benachrichtigen, daß er so lange warten möge, bis ich
-meine Wohnung ausgefegt und einen Teppich, für den Gast passend,
-ausgebreitet habe.“
-
-Der Hase dachte, daß seine List bei dem Fuchse Erfolg gehabt habe, und
-daß dieser bald mit dem Wolfe sprechen würde, und antwortete: „Der
-Ankömmling ist ein fremder Mann und legt keinen Wert auf
-Äußerlichkeiten, aber wenn du nicht davon lassen willst, so will ich
-dich nicht hindern.“ Mit diesen Worten ging er hinaus und berichtete
-dem Wolf genau die Angelegenheit und brachte die frohe Nachricht, daß
-der Fuchs sich habe täuschen lassen, und nach dem Satze: „Jede
-Neuigkeit bereitet Vergnügen“ schilderte er von neuem das Fleisch und
-das Fett des Fuchses sowie seine Zartheit und Feinheit. Dem Wolfe lief
-das Wasser im Munde zusammen, und der Hase hoffte, durch diesen Dienst
-sich das Leben gerettet zu haben.
-
-Der Fuchs hatte aber schon früher in kluger Vorsicht in seinem Bau eine
-tiefe Grube gegraben, die Erde hinausgebracht und die Öffnung mit
-Reisig zugedeckt. Außerdem hatte er sich einen geheimen Ausweg gemacht,
-auf dem er zur Zeit der Not entfliehen konnte. Als nun der Hase
-hinausgegangen war, ging er zur Grube und ordnete das Reisig so, daß es
-auch bei der kleinsten Berührung nachgeben mußte. Dann rief er von dem
-geheimen Gang aus: „Bitte, geehrte Gäste, betretet mein niedriges
-Haus!“ Sofort bei ihrem Eintritt entwischte er durch das Loch. Der Hase
-in höchster Freude, der Wolf voll Hunger betraten in größter Eile die
-dunkle Wohnung und, sobald sie das Reisig betraten, befanden sie sich
-in der Grube. Der Wolf dachte, daß der Hase ihm einen Streich gespielt
-habe, zerriß den Armen sofort in Stücke und ging weg.
-
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-46. DER LÖWE UND DER HASE
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-In der Umgegend von Bagdad war eine Wiese, deren Erde wie Ambra duftete
-und deren sanfte Lüfte den Geist erquickten wie die klare Luft des
-Keyserbrunnens im Paradiese. Vom Reflex der Lichter und Blumen war das
-Firmament geblendet, die Zahl seiner Brunnen und Flüsse war ohne Ende,
-und auf jedem Zweige im Garten leuchteten tausend Sterne, über deren
-Anblick der Himmel schwindelig wurde.
-
-Auf dieser Wiese hatten sich viele wilde Tiere wegen ihrer lieblichen
-Luft und ihres Reichtums an Wasser und Nahrung niedergelassen.
-
-Hier lebte ein blutgieriger Löwe, der immer seinen unheilvollen Anblick
-diesen Armen zeigte und ihnen das Leben verbitterte. Jeden Tag
-erbeutete er sich ein paar von ihnen. Eines Tages kamen sie überein und
-gingen zu dem Löwen und sagten in aller Demut und Unterwürfigkeit: „Wir
-sind die Diener des Königs der Tiere. Wir sind jeden Tag in Aufregung,
-ob du wohl einen von uns erbeutest oder nicht, und du bist auch durch
-die Verfolgung belästigt. Wir sind also aus Rücksicht auf deine
-Bequemlichkeit und auf unsere Ruhe und Sicherheit auf den Gedanken
-gekommen, dir, wenn du uns weiter nicht verfolgst, jeden Tag zur
-Mahlzeit in deine Küche eine Beute zu schicken. Wir werden diese
-Verpflichtung gewissenhaft ausführen.“ Der Löwe war damit
-einverstanden.
-
-Sie kamen also überein, daß jeden Tag das Los geworfen werde und daß
-der, den es träfe, in die Küche des Löwen geschickt werde. So verging
-einige Zeit. Eines Tages fiel das Los auf den Hasen. Dieser sagte nach
-einigem Nachdenken: „Wenn ihr mit meiner Absendung etwas warten wollt,
-so denke ich, daß ich wahrscheinlich euch alle von der gewaltigen Faust
-dieses Tyrannen befreien kann.“ Die Tiere waren alle damit
-einverstanden. Der Hase wartete so lange, bis die Stunde des Frühstücks
-vorüber war. Der Zorn des Löwen wurde durch den Hunger aufs äußerste
-erregt, bald stand er auf, bald setzte er sich hin und schlug die Zähne
-aufeinander. Sein Gebrüll drang bis zum Himmel. Da näherte sich der
-Hase leise dem Löwen. Dieser war sehr aufgeregt, schlug vor Zorn den
-Boden mit seinem Schweife und wollte den Vertrag lösen.
-
-Der Hase kam leise näher und grüßte mit aller Unterwürfigkeit. Der Löwe
-sagte: „Woher kommst du und was weißt du von den Tieren?“ Der Hase
-erwiderte: „Nach unserm alten Vertrage schickten sie mit mir einen
-Hasen in die königliche Küche. Während ich mit ihm unterwegs war, kam
-zufällig in dem und dem Walde ein wilder Löwe uns entgegen und nahm ihn
-mir aus der Hand. Wie sehr ich auch rief: ‚Dieser Hase ist die Nahrung
-des Königs der Tiere‘, er hörte gar nicht zu und kümmerte sich nicht um
-mich. Er gebrauchte Schimpfworte gegen mich und sagte: ‚Weißt du nicht,
-daß dieser Wald mein Jagdplatz ist und die Beute nur mir zukommt?‘ Er
-gebrauchte solche Worte und schmähte auch den König, daß ich erschreckt
-war. Schließlich lief ich weg und kam in Eile hierher, damit ich den
-Fall deiner hohen Einsicht unterbreite.“
-
-Als der Löwe dies hörte, sagte er im höchsten Zorne: „Hase, kannst du
-ihn mir zeigen, damit du siehst, wie ich dir zu deinem Rechte verhelfe
-und mich räche?“ Der Hase antwortete: „Wie sollte ich das nicht
-können?“ und ging voraus. Der einfältige Löwe ließ sich von dem Hasen
-täuschen und folgte ihm. Der Hase führte den Löwen an den Rand eines
-tiefen Brunnens, dessen Wasser infolge seiner Klarheit die
-Spiegelbilder klar wie ein chinesischer Spiegel zeigte und die
-Hineinschauenden deutlich und ohne Fehler wiedergab. Dann sagte er:
-„König, dein Feind ist in diesem Brunnen. Ich fürchte mich vor ihm.
-Wenn der König mich zu sich nimmt, will ich ihm den Feind zeigen.“ Der
-Löwe nahm den Hasen in seinen Arm und schaute in den Brunnen. Als er
-sich und den Hasen im Wasser sah, dachte er, es wäre der böse Löwe und
-der Hase, der ihm selbst geschickt war. Sofort ließ er den Hasen los,
-stürzte sich in den Brunnen, versank und übergab seine Seele den
-Wärtern des Höllenfeuers. Der Hase kehrte wohlbehalten heim und
-erzählte den Tieren die Geschichte.
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-47. DIE SCHILDKRÖTE UND DER SKORPION
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-Eine Schildkröte und ein Skorpion hielten Freundschaft miteinander.
-Immer sprachen sie in Liebe und Eintracht, Aufrichtigkeit und
-Anhänglichkeit. Einst mußten sie notgedrungen ihre Heimat verlassen.
-Sie wanderten in Kameradschaft und Einmütigkeit an einen anderen
-sicheren Platz. Durch Gottes Fügung kam ihr Weg an einen großen Fluß,
-und sie planten ihn zu durchschreiten. Der Skorpion hatte Besorgnis,
-den Fluß zu überschreiten und war in Verlegenheit. Die Schildkröte
-sagte: „Lieber Freund, was ist die Veranlassung, daß du das Schiff des
-Nachdenkens auf den Fluß der Verlegenheit gesetzt hast, und was ist der
-Grund, daß du in das Meer der Sorge und des Kummers untergesunken
-bist?“ Der Skorpion erwiderte: „Bruder, der Gedanke, diesen Fluß zu
-überschreiten, hat mich in den Strudel der Aufregung geworfen. Es ist
-mir unmöglich, den Fluß zu überschreiten, noch kann ich die Glut des
-Feuers der Trennung (von dir) aushalten.“ Die Schildkröte sagte: „Sei
-nicht traurig, ich werde dich ohne weitere Unbequemlichkeiten auf
-meinem Rücken über dies Wasser bringen, meine Brust zum Ziele für den
-Pfeil deines Kummers machen und dich so aus dem Strudel ans Ufer
-bringen, denn man sagt: ‚Es ist schade, einen Freund, den man mit Mühe
-gewonnen hat, durch Leichtsinn zu verlieren.‘“ Die Schildkröte nahm den
-Skorpion auf ihren Rücken, ließ sich wie ein Schiff ins Wasser und
-machte sich auf den Weg. Während sie im Wasser schwamm, kam plötzlich
-ein unangenehmes Geräusch ihr zu Ohren, und sie merkte ein Kratzen und
-Picken auf ihrem Rücken durch die Bewegung des Skorpions. Sie fragte:
-„Bruder, was ist das für ein Geräusch, das ich höre, und womit
-beschäftigst du dich?“ Der Skorpion antwortete: „Bruder, ich erprobe
-die Spitze meines Stachels an der Rüstung deines Körpers.“ Die
-Schildkröte sagte voller Zorn: „Wie unfreundlich von dir. Ich habe mich
-deinetwegen dem Strudel entgegengestellt und mein liebes Leben und
-meinen schwachen Körper der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt. Während
-ich jetzt die Arbeit habe, sitzt du dort in Ruhe und überschreitest auf
-meinem Körper wie in einem Schiffe das Wasser. Wenn du dich nicht zu
-Dank verpflichtet fühlst und unsere alte Freundschaft so gering
-achtest, was soll denn dies Stechen, zumal doch klar ist, daß du mir
-damit keinen Schaden zufügst und dein Stachel durch meine dicke Haut
-nicht durchdringt.“ Der Skorpion antwortete: „Gott soll mich bewahren,
-daß mir derartige Gedanken je in meinem Leben gekommen sind. Diese
-Bewegung liegt nur in meiner Natur. Ich muß stechen und da ist es mir
-einerlei, ob es der Rücken des Freundes oder die Brust des Feindes
-ist.“ Die Schildkröte wunderte sich darüber, versank in Nachdenken und
-sagte zu sich: „Die Weisen haben mit Recht gesagt, daß Edelmut einem
-gemeinen und schlechten Menschen gegenüber dasselbe sei wie Disteln in
-der Schleppe und Schlangen im Kragen zu hegen.“
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-48. DER FALKE UND DER HAHN
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-Ein schneller Falke stritt sich einst mit einem lautkrähenden Hahn: „Du
-bist ein Vogel, der äußerlich zwar sanft, von Natur aber wild ist,
-freundlich erscheint, aber Feindschaft nährt. Warum habt ihr im Herzen
-keine Zuverlässigkeit und Treue. Was ihr tut, ist nur Unaufrichtigkeit
-und Undankbarkeit.“ Der Hahn antwortete: „Was für Treulosigkeit und
-Undankbarkeit hast du an uns gesehen?“ Der Falke sagte: „Gibt es wohl
-größeren Undank? Die Menschen sind zu euch so freundlich und bereiten
-euch euer Essen, daß ihr, ohne euch abzumühen, euer Leben lang
-ausreichend habt, sie kümmern sich immer mit derselben Sorgfalt um euch
-und beschützen euch, so daß ihr unter ihrem Schutz ruhig leben könnt.
-Wenn sie euch aber rufen, so flieht ihr und fliegt von Dach zu Dach.
-Wir Falken, die wir doch wilde Tiere sind, sind, wenn wir nur einige
-Tage mit den Menschen zusammen sind, dankbar und bringen ihnen die
-Beute, die wir gemacht haben, und wenn wir sehr weit von ihnen sind,
-fliegen wir auf einen Ton zu ihnen zurück.“ Der Hahn antwortete: „Du
-hast recht, aber euer Gehorsam und unser Ungehorsam kommt daher, daß
-ihr noch nie einen von euch in der Pfanne habt braten gesehen. Wir aber
-haben unsere Artgenossen am Roste braten gesehen. Wenn ihr das gesehen
-hättet, würdet auch ihr die Menschen meiden und, wenn wir von Dach zu
-Dach flüchten, würdet ihr von Berg zu Berg flüchten.“
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-49. DER JÄGER, DER FUCHS UND DER LEOPARD
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-Eines Tages streifte ein Jäger durch die Steppe und sah einen flinken
-Fuchs in schnellem Lauf die Ebene durcheilen. Da er in seinen Pelz
-verliebt war, so trieb ihn seine Leidenschaft an, den Fuchs zu
-verfolgen. Er kannte das Fuchsloch, grub darum einen Graben, deckte ihn
-mit Reisig zu, legte darauf ein Aas und verbarg sich im Hinterhalt, um
-abzuwarten, bis der Fuchs sich fangen würde. Zufällig kam der Fuchs aus
-dem Loch und wurde durch den Geruch des Aases, er mochte wollen oder
-nicht, an den Rand des Grabens gelockt. Als er das Aas auf dem Reisig
-liegen sah, da erkannte er die List und sagte zu sich: „Der Duft dieses
-Aases ist zwar sehr lieblich, aber das Leben ist auch etwas Schönes.
-Ein Weiser mischt sich nicht in eine Sache, die Gefahr in sich
-schließt, und ein Kluger läßt sich nicht in eine Angelegenheit ein, die
-die Möglichkeit des Schadens in sich birgt. Wenn es auch möglich ist,
-daß auf diesem Reisig ein Tier liegt, so ist es auch möglich, daß
-darunter eine Falle oder ein Mensch verborgen ist. Jedenfalls ist
-Vorsicht angebracht.“
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-Der Fuchs verzichtete in diesem Gedanken auf das Aas und wählte den
-sicheren Weg. Währenddessen kam ein hungriger Panther, getrieben von
-seiner Freßbegier, von einem hohen Berge herab. Der Geruch des Aases
-lockte ihn in diese Grube.
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-Als der Jäger das Geräusch der Falle hörte und die Bewegung eines
-Tieres merkte, glaubte er, es sei der Fuchs, und sprang gierig und ohne
-Überlegung in die Grube. Der Leopard, der dachte, daß er ihn an dem
-Genuß des Aases hindern wollte, sprang auf ihn zu und zerriß ihn in
-lauter Stücke.
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-Der gierige Jäger wurde in der Schlinge des Todes gefangen, der
-genügsame Fuchs entrann seinem Unheil dank seiner Genügsamkeit.
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-50. DIE ENTEN UND DIE SCHILDKRÖTE
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-In einem Bache, der wie ein Spiegel leuchtete und an Lieblichkeit und
-Süße mit der Quelle des Lebenswassers und mit dem Paradiesesbrunnen
-Selsebil wetteiferte, lebten zwei Enten und eine Schildkröte. Infolge
-ihrer Nachbarschaft war unter ihnen die engste Freundschaft entstanden.
-Plötzlich drohte das grimme Geschick, ihr Zusammensein zu trennen. In
-dem Teiche, in dem sie ihren Lebensunterhalt fanden, machte sich von
-Tag zu Tag eine Abnahme des Wassers bemerkbar.
-
-Als die Enten ihre traurige Lage bemerkten, entschlossen sie sich, ihre
-ihnen liebgewordene Heimat zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. In
-Niedergeschlagenheit gingen sie mit feuchten Augen zu der Schildkröte
-und sagten ihr Lebewohl. Als diese von der Abreise der Freunde hörte,
-jammerte und wehklagte sie: „Wie sollte ich ohne euch denkbar sein.
-Jetzt habe ich kaum die Kraft, euch Lebewohl zu sagen. Wie sollte ich
-die Trennung ertragen?“ Die Enten erwiderten: „Auch unser Herz ist von
-dem Stachel der Trennung verwundet und unsere Brust brennt von dem
-Feuer der Abreise. Aber der Wassermangel droht unser Leben zu
-vernichten, so müssen wir notgedrungen in die Ferne ziehen und den
-lieben Freund und das paradiesische Land verlassen.“
-
-Die Schildkröte sagte: „Der Wassermangel berührt mich auch, denn ohne
-Wasser ist mein Leben verwüstet. Seid so freundlich und achtet die alte
-Freundschaft, laßt mich nicht in diesem Unglück allein. Wenn ihr geht,
-nehmt mich mit.“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund und alter
-Genosse, die Trennung von dir ist für uns die schlimmste Folter und die
-böseste Pein. Überall, wo wir in Ruhe und selbst in der größten
-Bequemlichkeit wohnen, wird unserem Auge der Glanz und unserer Brust
-die Ruhe fehlen, da wir von deinem lieben Anblick getrennt sind. Auch
-wir haben weiter kein Verlangen als deine Gesellschaft und weiter
-keinen Wunsch als deine Kameradschaft. Aber was sollen wir machen? Denn
-wir können nicht mit dir auf der Erde wandern und mit unserem schwachen
-Körper und schwachen Füßen Täler und Wüsten durchqueren und du wiederum
-kannst nicht die Weiten des Himmels durchfliegen. Wie soll da auf
-dieser Reise Begleitung und Genossenschaft zwischen uns möglich sein?“
-
-Die Schildkröte sagte: „Das überlasse ich wieder eurer Einsicht, und
-die Lösung dieser Schwierigkeit hängt von eurem Scharfsinn ab. Was
-könnte ich mit meinem schwachen Geist, der durch den Abschiedsschmerz
-krank und durch die Trennung von den Freunden ganz gebrochen ist,
-herausfinden?“ Die Enten erwiderten: „Lieber Freund, wir haben schon an
-eine Möglichkeit gedacht, aber da wir wissen, daß du etwas leichtsinnig
-bist, so kannst du wahrscheinlich nicht so, wie wir denken, handeln.“
-Die Schildkröte sagte: „Wäre es möglich, daß ich, während ihr zu meinem
-Besten einen Plan ausdenkt, mein Versprechen nicht halten sollte,
-obgleich es zu meinem Nutzen ist?“ Die Enten sagten: „Wir können dich
-unter der Bedingung durch den weiten Himmelsraum tragen, daß du weder
-Hand noch Fuß rührst und kein Wort sprichst. Denn es werden uns Leute
-begegnen, die uns irgendein Wort zurufen oder sich sonst irgendwie
-bemerklich machen. Da ist es nötig, daß du, magst du auch hören und
-sehen, was du willst, deinen Mund fest unter Siegel hältst.“ Die
-Schildkröte sagte: „Ich tue, wie ihr befehlt.“
-
-Die Enten brachten einen Stock und steckten die Mitte davon der
-Schildkröte in das Maul. Sie faßten an beiden Enden an und hoben ihn
-hoch. Als sie so flogen, kamen sie über ein Dorf. Alle Leute, jung und
-alt, groß und klein, sahen dies Ereignis und verließen, um es sich
-genauer anzusehen, die Häuser, wunderten sich und riefen von allen
-Seiten: „Die Enten tragen eine Schildkröte.“ Eine Zeitlang war die
-Schildkröte ruhig, dann konnte sie es nicht mehr aushalten und
-antwortete auf das Gerede der Leute: „ja.“ Sobald sie zur Antwort den
-Mund geöffnet hatte, fiel sie vom Himmel zur Erde.
-
-Die Enten sagten tadelnd: „Du Unverständiger, du Leichtsinniger, vom
-Boten verlangt man nur, daß er seine Botschaft überbringt, von den
-Freunden, daß sie raten, und von den Verständigen, daß sie zuhören und
-demgemäß handeln.“
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-51. DIE BEIDEN GESCHÄFTSFREUNDE
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-Es waren einst zwei Geschäftsgenossen, der eine klug, der andere
-leichtsinnig. Der eine war in dem Maße schlau und gewandt, daß er durch
-seinen Zauber, seine Künste und Listen das Wasser vom Fließen und den
-Vogel vom Fliegen abhielt und durch seinen Scharfsinn aus den Blättern
-des Heute die Ereignisse des Morgen lesen konnte. Dieser hieß Tizhūsch.
-Der andere konnte bei seinen Mängeln und seiner Einfältigkeit nicht
-einmal zwischen Gewinn und Verlust entscheiden. Der hieß Hazim. Diese
-befiel die Lust zu reisen und Handelsgeschäfte zu treiben und sie
-machten sich in Kameradschaft auf den Weg.
-
-Sie zogen von Station zu Station. Unterwegs fanden sie durch Gottes
-Fügung einen Beutel mit vollwichtigen Goldstücken. Diesen sahen sie als
-einen großen Gewinn und ausreichenden Lebensunterhalt an und machten
-Halt. Der kluge Gefährte sagte: „Lieber Freund, es gibt viel Gewinn in
-der Welt, der noch nicht nutzbringend verwendet ist. Ich halte es für
-das Beste, unsere Reiselust aufzugeben und uns mit diesem Sack Gold zu
-begnügen, mit diesem Lebensunterhalt zufrieden zu sein und in Ruhe und
-Gesundheit nach Hause zu gehen.“
-
-Sie kehrten also um und rasteten nahe vor der Stadt. Der einfältige
-Genosse sagte: „Bruder, wollen diese Beute teilen, wollen unser
-gemeinsames Geschäft auflösen und von unserm Anteil leben.“ Der Kluge,
-der allerhand listige Pläne schmiedete, antwortete: „Jetzt ist der
-Gedanke der Teilung abwegig. Das Richtige ist es, jetzt soviel davon
-auszugeben, wie wir brauchen, und den Rest mit größter Vorsicht in
-einem Loche zu deponieren. Nach einigen Tagen kommen wir und nehmen uns
-so einen bestimmten Teil und verwahren den Rest wieder. So ist es am
-wenigsten gefährlich und am sichersten.“ Der törichte Genosse ließ sich
-täuschen und nahm das listige Angebot an. Sie nahmen in dieser Weise,
-soviel sie brauchten, heraus und vergruben den Rest am Fuße eines
-Baumes. Dann gingen sie in die Stadt ein jeder in sein Haus.
-
-Der schlaue Genosse ging zum Baume und nahm den Schatz vollständig in
-eigenen Besitz. Der andere, der nichts davon ahnte, war damit
-beschäftigt sein Geld auszugeben. Als er damit fertig war, mußte er
-notgedrungen zu dem klugen Partner gehen, teilte ihm die Sache mit und
-sagte: „Bruder, komm, wollen uns aus dem Schatz für unsere Ausgaben
-einen Teil holen. Ich brauche es nötig.“ Tizhūsch stellte sich so, als
-ob nichts passiert sei, und sagte: „Ob Not oder nicht, ist einerlei,
-komm, wir wollen hingehen.“ Sie gingen an den bekannten Platz und
-suchten emsig und eifrig, fanden aber vom Schatz keine Spur. Tizhūsch
-wurde zornig, packte Hazim am Kragen und sagte: „Natürlich hast du das
-Geld genommen. Kein anderer außer dir wußte darum.“ Wie sehr der Arme
-auch jammerte und schwur, es nützte ihm nichts. Kurz, vom Streit kam es
-zum Prozeß. Der kluge Partner führte den andern vor den Kadi und
-erzählte diesem die Sache. Hazim sagte nur: „Gott soll mich bewahren.“
-Der Kadi forderte von Tizhūsch Beweise für die Richtigkeit seiner
-Behauptung. Dieser sagte: „Kadi, außer dem Baum, an dessen Fuße das
-Gold vergraben wurde, habe ich keinen Zeugen. Ich hoffe, daß der
-allmächtige Gott jenem Baume die Macht der Rede geben wird und ihn
-gegen den Betrug dieses gemeinen Menschen, der sich den ganzen Schatz
-genommen und mich um meinen Anteil gebracht hat, Zeugnis ablegen lassen
-wird.“
-
-Der Kadi wunderte sich über diese Worte und nach langem Hin- und
-Herreden kam man überein, daß am nächsten Morgen der Kadi persönlich am
-Fuße jenes Baumes anwesend sein würde und die Zeugnisabgabe des Baumes
-mit ansehen werde. Sollte das Zeugnis für Tizhūsch günstig sein, würde
-er dementsprechend das Urteil fällen.
-
-Der kluge Partner ging nach Hause und erzählte seinem Vater die Sache
-ganz offen. „Vater, ich vertraue dir. Deswegen habe ich diesen Gedanken
-mit dem Zeugnis des Baumes vorgebracht und in der Hoffnung auf deine
-Zustimmung habe ich den Setzling dieser List in den Garten des Kadis
-gepflanzt. Das Gelingen dieser Sache ist an deine Mitwirkung geknüpft.
-Wenn du einverstanden bist, gewinnen wir so viel Geld und noch mehr und
-können den Rest unseres Lebens in Behaglichkeit und Zufriedenheit
-zubringen.“ Der Vater antwortete: „Was soll ich in dieser Sache tun und
-was ist an meine Mitwirkung geknüpft?“ Der Sohn erwiderte: „Der Baum
-ist in seinem Innern hohl, und zwar in einem Grade, daß zwei Personen
-sich darin verbergen können. Du mußt in dieser Nacht hingehen und dich
-im Innern verstecken. Morgen, wenn der Kadi kommt und das Zeugnis vom
-Baume fordert, legst du ein ordentliches Zeugnis ab.“ Der Vater sagte:
-„Sohn, gib die List und den Betrug auf. Selbst wenn du die Leute
-täuschest, wie willst du es mit Gott machen? Und selbst wenn du mit
-deinen Betrügereien auf den Richter der Stadt Eindruck machst, wie
-willst du den Richter des Weltgerichts täuschen?“ Der Sohn antwortete:
-„Vater, rede nicht soviel und mache dir nicht solche Sorgen! Denn die
-Sache verursacht nur wenig Mühe und bringt großen Nutzen.“
-
-Schließlich zog die Gier nach Geld und die Liebe zu seiner Familie den
-armen Vater von dem Ruheplatz des Glaubens und der Frömmigkeit in die
-Wüste der Ungerechtigkeit und des Verbrechens und das Wort des Korans:
-„Euer Vermögen und eure Kinder sind eine Versuchung“ erfüllte sich. Er
-ließ den Weg des Edelmuts beiseite, rollte den Teppich der
-Ritterlichkeit gänzlich zusammen und fand es für passend, eine solche
-Sache, die sowohl im göttlichen wie im Gewohnheitsrecht verboten ist,
-zu begehen. In jener dunklen Nacht ging der ungerechte Vater zu dem
-Baume, und da er sein Inneres hohl fand, versteckte er sich in der
-Höhlung. Am Morgen, als der leuchtende Richter, die Sonne, im
-Gerichtssaal des Himmels erschien und die Täuschung des Morgengrauens
-[43] den Menschen klar wie der Tag wurde, da fanden sich der Kadi und
-die übrigen Notabeln der Stadt am Fuße des Baumes ein, und das Volk in
-Scharen stand in Reihen und schaute voll Neugier auf den Baum.
-
-Der Kadi redete den Baum an, legte die Klage des Klägers und die
-Leugnung des Beklagten dar und fragte um Rat hinsichtlich der
-Angelegenheit. Da kam aus dem Innern des Baumes eine Stimme: „Hazim hat
-das Geld genommen und dieser Übeltäter hat Tizhūsch unrecht getan.“ Der
-Kadi war erstaunt und überlegte ein Zeitlang, dann erkannte er durch
-seinen Scharfsinn, daß im Baum jemand verborgen war, den er mit List
-herausbringen müsse. Darum befahl er, daß man Holz sammele und rings um
-den Baum anzünde. Der habgierige Alte hielt es einige Zeit aus, als er
-aber sah, daß es ihm ans Leben gehe und das Messer bis auf die Knochen
-ging, da bat er um Gnade. Der Kadi gewährte sie und als der alte Mann
-heraus kam, gab er ihm gute Worte und fragte ihn nach der
-Angelegenheit. Der halbverbrannte Alte erzählte den ganzen Sachverhalt.
-Als der Kadi ihn erfahren hatte, erklärte er Hazim für unschuldig und
-setzte den Leuten Hazims Ehrlichkeit und Tizhūschs Betrügerei
-auseinander. Währenddessen starb der betrügerische Alte, da er die
-Schande nicht ertragen konnte, und brachte die Last seiner Seele aus
-dieser vergänglichen Welt in die Ewigkeit und aus der Feuerhitze dieser
-Welt in das ewige Höllenfeuer. Der lügnerische Sohn, der schwere Strafe
-erfuhr, nahm seinen toten Vater auf die Schulter und brachte ihn in die
-Stadt, wo jeder, der ihn sah, die Geschichte vom Vater und Sohn den
-Leuten erzählte. Hazim aber erlangte durch seine Ehrlichkeit und
-Rechtlichkeit seinen Anteil von dem Gelde und lebte seinen
-Angelegenheiten.
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-52. DER GÄRTNER UND DER BÄR
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-In alter Zeit lebte ein Gärtner, der sein Leben mit der Pflege seines
-Gartens zubrachte. So hatte er einen Garten geschaffen, der dem
-Paradiese glich. Da er mit jedem Baum so eng verbunden war, war aus
-seinem Herzen jedes Gefühl für Vater, Frau und Sohn entschwunden, und
-er brachte in dem Garten lange Zeit Tag und Nacht einsam und verlassen
-zu. Schließlich wurde er von der Verlassenheit so bekümmert, daß er in
-die Ebene wanderte. Als er am Fuße eines Berges, der sich unendlich wie
-die Hoffnung dahinstreckte, spazieren ging, kam ihm durch Gottes Fügung
-ein häßlicher, scheußlicher Bär entgegen, der gleichfalls aus Furcht
-vor der Einsamkeit von der Höhe des Berges in die Ebene herabgestiegen
-war. Sogleich entstand zwischen beiden eine Liebe, und das Herz des
-Landmannes war geneigt, mit dem Bären Freundschaft zu pflegen.
-
-Als der Bär diese Anhänglichkeit des Bauern sah, wurde er auch ihm in
-Freundschaft zugetan und folgte ihm auf den leisesten Wink in den
-paradiesesgleichen Garten, und da der Gärtner gemäß dem Worte „Ehret
-eure Gäste“ ihn freundlich behandelte, so wurde dadurch das Band ihrer
-Liebe fest, und auf dem Boden ihrer Herzen sproßte das Reis der
-Zuneigung.
-
-Jedesmal, wenn der Gärtner müde war und sich im Schatten eines Baumes
-ausruhte, stand der Bär liebevoll neben seinem Kopfe und jagte ihm die
-Fliegen weg. Eines Tages schlief der Gärtner wieder in gewohnter Weise
-und der Bär verscheuchte die Fliegen. So oft er sie auch verjagte,
-immer kehrten sie wieder. Schließlich wurde er zornig, nahm einen
-schweren Stein und warf ihn, um die Fliegen zu töten, dem armen Bauern
-auf den Kopf. Die Fliegen erlitten keinen Schaden davon, aber der
-Gärtner starb daran.
-
-Deswegen sagt man: „Ein kluger Feind ist besser als ein dummer Freund.“
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-53. DER UNWISSENDE ARZT
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-Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz
-seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit
-in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht
-einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der
-Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende
-Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden
-aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung
-ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst
-wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch
-seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft
-in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des
-Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte
-dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein
-Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete.
-
-Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne
-strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit
-war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der
-glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres
-Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte,
-hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt
-wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die
-Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu
-geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel
-bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt
-werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem [44]
-davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit
-etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird
-die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das
-Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich
-in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen
-ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden
-können.“
-
-Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies
-Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf
-Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene
-Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er
-sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon
-heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches
-Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen
-Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke
-dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab
-ihr Leben auf.
-
-Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung
-Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden
-Arzte, der auch daran starb.
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-54. DER KAMELREITER UND DIE SCHLANGE
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-Ein Kamelreiter war auf seiner Reise an einen Ort gekommen, wo eine
-Karawane gerastet und ein Feuer angezündet hatte. Nach ihrer Abreise
-hatte der Wind das Feuer angefacht und die Funken hatten alles Gestrüpp
-und Reisig in der Wüste in Brand gesetzt. Mitten darin lag eine große
-Schlange. Die Flammen hatten sie ganz eingeschlossen, daß sie nirgends
-hinaus konnte. Wohin sie auch schaute, nirgends sah sie einen Weg der
-Rettung und beinahe wäre sie von dem Feuer wie ein Fisch in der Pfanne
-gebraten. Als sie den Reiter sah, bat und flehte sie ihn an, sie zu
-befreien.
-
-Der Reiter war ein barmherziger Mann. Als er den Hilferuf der Schlange
-hörte und ihre Not sah, sagte er zu sich: „Die Schlange ist zwar ein
-giftiges Tier und ein böser Feind, aber da sie jetzt in Not ist, wäre
-es doch wohl angebracht, Mitleid mit ihr zu haben. Das Beste ist es,
-daß ich sie jetzt aus diesem Strudel ziehe und den Samen eines guten
-Werkes, der in dieser Welt Glück und in der zukünftigen Segen als
-Früchte tragen wird, pflanze.“ Er nahm also den Ledersack, den er bei
-sich trug, band ihn an die Spitze seiner Lanze und hielt ihn der
-Schlange hin. Die Schlange legte sich hinein und der Reiter, im
-Glauben, ein gutes Werk zu tun, zog sie aus dem Feuer heraus. Nachdem
-er sie aus dem Sack hatte herauskriechen lassen, richtete er einige
-ermahnende Worte an sie und sagte: „Du weißt, aus einer wie großen
-Gefahr du befreit bist. So ist es nötig, daß du aus Dankbarkeit über
-diese Gnade dich jetzt in einen Winkel zurückziehst und hinfort kein
-Unrecht mehr tust, denn wer den Geschöpfen Gottes Übles zufügt, ist in
-dieser Welt übelberüchtigt und in der anderen unglücklich und hat
-keinen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Liebe der
-Menschen.“
-
-Die Schlange antwortete: „Reiter, laß solche Worte. Ich will nicht von
-hier gehen, ehe ich dicht nicht gebissen habe.“ Der Reiter erwiderte:
-„Was ist das für eine unpassende Rede! Ich habe es nicht an Liebe und
-Erbarmen fehlen lassen und dich nicht im Feuer verbrennen lassen. Wenn
-ich nicht gewesen wäre, hätte der Strudel des Todes dein Leben
-vernichtet und die Feuerflamme dich verbrannt.“ Die Schlange sagte:
-„Ja, du hast es nicht an Menschlichkeit fehlen lassen, aber sie war
-nicht angebracht und deine Güte hat einen Unwürdigen getroffen. Du
-weißt, daß ich eine Quelle des Giftes und des Schadens bin. Alle Tiere
-und besonders die Menschen fürchten sich vor meinem Gift. Wenn du also
-einen so großen Schädling nicht im Feuer hast umkommen lassen, so
-kannst du von ihm als Belohnung jedenfalls nichts anderes als Unheil
-und Böses erwarten, denn den Schlechten Gutes tun ist ebensoviel wie
-den Guten Schlechtes tun. Vielleicht ist das erstere sogar noch
-schlimmer. Mich zu töten, wäre für dich eine religiöse Pflicht gewesen.
-Da du dem göttlichen Gesetz und den Erfordernissen des Verstandes
-zuwider gehandelt hast, so halte ich es für richtig, dich meinen
-Stachel kosten zu lassen, damit diejenigen, die es hören, sich abhalten
-lassen, dir zu folgen und sich dein Beispiel als Lehre nehmen.“ Der
-Reiter sagte: „Du böser Unhold, was für gottlose Reden führst du? Denke
-billig, in welcher Religion hat man wohl Böses als Vergeltung für eine
-Wohltat als passend angesehen? Kein Verständiger hält es für richtig,
-Gutes mit Bösem zu vergelten und selbst ein ungläubiger Richter glaubt
-nicht, daß man Nutzen durch Schaden vergelten darf.“ Die Schlange
-sagte: „Wie kannst du leugnen, daß bei den Menschen und in eurer
-Religion Gutes und Schlechtes, Wohltat und Böses als gleichwertig
-gelten. Darum will ich auch, wie ich es von euch gelernt habe,
-verfahren.“
-
-Wie sehr sich auch der Reiter bemühte, sie zu überzeugen, es glückte
-ihm nicht. Die Schlange rief: „Wähle, ob ich zuerst dich stechen soll
-oder ob ich mit deinem Kamel anfangen soll.“ Schließlich kamen sie
-überein, daß die Schlange ihre Behauptung mit vertrauenswürdigen Zeugen
-beweisen und den Reiter zum Verstummen bringen solle, dann wolle er
-bereitwillig den Tod annehmen. Dann schaute sich die Schlange um und
-sah gerade einen Büffel in der Wüste weiden. Sie sagte: „Komm, Reiter,
-wollen die Schwierigkeit von diesem Braven lösen lassen.“ Der
-Kamelreiter und die Schlange gingen zu dem Büffel und die Schlange
-öffnete ihr giftspeiendes Maul und sagte: „Büffel, du wanderst nun so
-viele Jahre in der Welt herum. Was ist die Vergeltung für Wohltaten?“
-Der Büffel antwortete: „Bei den Menschen ist die Belohnung für gute
-Taten Undank. Um das zu beweisen, genügt folgendes: Ich bin bei einem
-Menschen schon so lange im Dienst, habe ihm jedes Jahr ein kräftiges
-Kalb geboren, habe ihm Milch und Butter geliefert, habe für seinen
-Unterhalt und sein behagliches Leben gesorgt, indem ich auf seinen Dank
-hoffte. Als ich alt wurde und ihm keine Kälber mehr schenken konnte,
-sorgte er nicht mehr für mich, vergaß das, was ich ihm vorher getan,
-und ließ mich einsam und allein in dieser Wüste. Als ich auf dieser
-Weide graste und wieder fett wurde, ging eines Tages mein Herr hier
-vorbei, schaute mich prüfend an und stellte meinen guten Zustand fest.
-Als er sah, daß ich kräftig und fleischig war, kehrte er mit großer
-Freude nach Hause zurück, und am nächsten Tage kam er mit einem
-Fleischer zurück und verkaufte mich an ihn. Heute wird man mich ins
-Schlachthaus führen und mich schlachten. Das ist der Dank der Menschen
-für Wohltaten.“
-
-Die Schlange sagte: „Da hast du gehört, wie die Menschen Wohltaten
-vergelten. Bereite dich nun zum Tode und erfülle dein Versprechen.“ Der
-Reiter erwiderte: „Nach unserem Gesetz genügt ein Zeuge nicht. Bevor
-nicht alle Erfordernisse erfüllt sind, hat der Urteilsspruch keine
-Gültigkeit.“ Die Schlange sah sich um, erblickte einen Baum und sagte:
-„Komm, wollen diesen Baum fragen. Wollen sehen, was er dazu sagt.“ Sie
-gingen zusammen zu diesem Baum und die Schlange fragte ihn: „Was ist
-die Belohnung für Wohltaten?“ Der Baum antwortete: „In der Religion der
-Menschen ist Übeltat die Vergeltung für Wohltun, und ihrer
-Charakteranlage nach verfahren sie auch so. Als Beweis dafür diene
-folgendes: „Ich gebe hier in der Wüste allein Schatten und auf einem
-Fuße stehend diene ich allen Kommenden und Gehenden. Jeder von den
-Menschen, der in der Wüste von der Glut der Sonne gequält wird, findet
-unter meinem mächtigen Schatten Ruhe und Erquickung, so daß er sich von
-den Strapazen des Weges und den Unbilden der Witterung erholen kann.
-Wenn er mich aber ansieht, sagt er: ‚Aus jedem Zweige ließen sich
-soundsoviele Bündel Reisig und soviel Axtgriffe und aus seinem Stamm
-soviel Bretter und daraus soviel Türen herstellen.‘ Wenn sie Äxte
-hätten, würden sie sofort einige von meinen Zweigen abschlagen. Während
-sie nur Gutes von mir haben, wollen sie mir Übles antun.“
-
-Die Schlange sagte: „Die Zeugenangelegenheit ist erledigt. Nun ist
-weiter kein Vorwand und du mußt die übernommene Bedingung erfüllen und
-dich meinem Stachel darbieten.“ Der Reiter machte Einwendungen und
-sagte: „Es war nötig festzustellen, daß die Zeugen glaubwürdig sind.
-Das ist nicht geschehen. Auf unrechtliche Art Blut zu vergießen, würde
-sich für dich nicht geziemen. Außerdem ist einem das Leben lieb und die
-Frucht des Lebens süß, und das Herz von den Dingen dieses Lebens zu
-reißen ist schwer. Ich habe nun noch eine Bedingung. Wenn du noch einen
-Zeugen in dieser Angelegenheit findest, will ich mich dem Geschick
-unterwerfen und mich dem Untergang preisgeben.“
-
-Währenddessen kam ein Fuchs in diese Gegend, fand sie in diesem Streit
-und fragte sie, worum es sich handle. Als die Schlange ihn sah, sagte
-sie zu dem Reiter: „Komm, jetzt wollen wir den Fuchs fragen. Wollen
-sehen, was er sagt.“ Der Reiter hatte ihm kaum die Sache genau
-auseinandergesetzt, als der schlaue Fuchs ausrief: „Mensch, weißt du
-nicht, daß die Belohnung für eine Wohltat Böses ist? Aber hast du der
-Schlange denn etwas Gutes getan, daß du als Vergeltung Böses
-verdienst?“ Als der Reiter ihm den Vorgang erzählte, sagte der Fuchs:
-„Du gleichst doch sonst einem verständigen Mann, wie kannst du denn
-solchen Unsinn erzählen und Lügen auftischen?“ Die Schlange fiel ein:
-„Doch, er hat die Wahrheit gesagt. Da ist der Sack, in dem er mich aus
-dem Feuer gezogen hat.“ Der Fuchs fuhr fort: „Wie sollte man das
-glauben, daß ein so großes Tier in einen Sack ginge, der im Vergleich
-zu dir noch kleiner als ein Ochsenauge ist?“ Die Schlange sagte: „Das
-läßt sich leicht beweisen. Wenn du es nicht glaubst, kann ich in den
-Sack hineingehen.“ Der Fuchs erwiderte: „Wenn ich das mit eigenen Augen
-sehe, will ich die Angelegenheit entscheiden.“ Um die Behauptung zu
-beweisen, öffnete der Reiter die Öffnung des Sackes und die Schlange
-kroch im Vertrauen auf die Worte des Fuchses hinein. Als der Fuchs das
-sah, sagte er leise zum Reiter: „Junger Mann, jetzt hast du deinen
-Feind im Gefängnis, benutze die Gelegenheit und lasse ihn nicht wieder
-frei.“
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-Der Reiter hielt die Öffnung des Sackes fest zu und schlug ihn so stark
-auf den steinigen Boden, daß die Schlange starb, und die Menschheit von
-ihrem Gifte, und die Welt von ihrer Bosheit befreit wurde.
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-55. DER FROMME MANN UND DIE DIEBE
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-Ein frommer Mann hatte sich für das Opferfest einen Hammel gekauft, um
-dessen Hals einen Strick gelegt und führte ihn zu seinem Kloster.
-Unterwegs sahen einige Diebe das Schaf: Ihre Diebslust regte sich und
-sie gingen dem frommen Mann entgegen. Da sie nicht wie Wölfe oder Tiger
-mit gewalttätiger Hand die Beute nehmen konnten, wollten sie listig wie
-ein Fuchs zu Werke gehen und den frommen Mann in den Schlaf des Hasen
-[45] versetzen. Sie verfielen auf eine ganz besondere List, durch die
-sie das einfache und fromme Herz des Mannes zu fangen gedachten.
-Nämlich folgendermaßen: Sie gingen einzeln dem frommen Manne entgegen.
-Der erste sagte: „Scheich, was willst du mit dem Hunde machen?“ Der
-zweite: „Scheich, beflecke dein Gewand nicht mit dem Hunde.“ Der
-dritte: „Es sieht so aus, als ob du mit dem Hunde auf Jagd gehst.“ Ein
-anderer sagte: „Jäger, von wem hast du diesen Jagdhund gekauft?“ Ein
-anderer: „Der Scheich mit diesem Hunde sieht so aus wie ein
-Nachtwächter.“ Ein anderer: „Dieser Mann mit dem Jagdhund ist
-sicherlich ein Hundewärter des Kaisers.“ Kurz, alle die Diebe hatten
-sich auf dies Wort geeinigt, warfen ihm ein solches Wort zu und machten
-ihn zur Scheibe ihres Witzes.
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-Als der schlichte fromme Mann von ihnen allen übereinstimmend dies Wort
-hörte, kamen ihm Zweifel, ob sein Hammel ein Hund sei und er sagte zu
-sich: „Vielleicht war der Verkäufer ein Zauberer, der mich verzaubert
-hat, daß ich den Hund für einen Hammel halte. Das Beste ist es, ich
-lasse ihn fahren, gehe zum Verkäufer zurück und verlange mein Geld
-zurück, das ich ihm gegeben.“
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-In seiner Einfalt ließ er den Hammel los und ging zurück, um den
-Verkäufer zu suchen. Als die Diebe das sahen, stürzten sie sich wie
-Wölfe auf den Hammel und nahmen ihn mit sich.
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-56. DIE MAUS, DIE IN EIN JUNGES MÄDCHEN VERWANDELT WURDE
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-Ein Mönch, dessen Gebet Erhörung bei Gott fand, hatte sich am Rande
-eines Baches niedergelassen und sich ganz von den Dingen dieser Welt
-zurückgezogen. Eines Tages flog ein Weihe vorbei, der eine Maus
-gefangen hatte und im Schnabel hielt. Nach Gottes Willen fiel diese aus
-dem Schnabel des Weihes gerade vor den Mönch. Dieser sah sie und
-empfand Mitleid mit ihr, warf seinen Mantel über sie, nahm sie in sein
-Haus und trug einem seiner Schüler auf, sie wie seinen Sohn zu pflegen.
-Dann kam ihm in den Sinn, daß dies Tier in einer Menschenwohnung
-allerlei Unbequemlichkeit hervorrufen werde. Er bat daher Gott, daß er
-sie in ein junges Mädchen verwandele. Sein Gebet wurde erhört und sie
-wurde ein schönes Mädchen. Als der Mönch sah, daß sie die leibhaftige
-Grazie war, übergab er sie einem seiner Schüler und trug ihm auf, sie
-wie seinen leiblichen Sohn zu erziehen. Der Schüler folgte dieser
-Anweisung seines Meisters und erzog sie mit Eifer.
-
-Nach kurzer Zeit war das Mädchen herangewachsen und der Mönch sagte zu
-ihr: „Liebes Herz, du bist nun herangewachsen und ich muß dich
-verheiraten. Ich überlasse die Sache dir. Was sagst du dazu? Du kannst
-dir deinen Gemahl aus den Menschen und Geistern und den Wesen der Ober-
-und Unterwelt aussuchen.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche einen
-Gemahl, der sich durch Kraft und Stärke besonders auszeichnet.“ Der
-Mönch erwiderte: „Ein Wesen, das alle diese Eigenschaften besitzt, wird
-schwer gefunden, aber vielleicht ist es die Sonne?“ Das Mädchen sagte:
-„Ja, das wäre ein passender Gemahl für mich.“
-
-Als die Sonne am Morgen aufging, stellte der Asket ihr die Sache dar
-und sagte: „Das Mädchen ist sehr schön und einem Engel zu vergleichen.
-Ich will sie jetzt verheiraten, aber sie verlangt jetzt von mir einen
-starken, angesehenen Gemahl, deswegen möchte ich sie dir als Dienerin
-übergeben und die Ehe zwischen euch beiden abschließen.“ Als die Sonne
-dies hörte, wurde sie vor Scham bald bleich, bald rot. Schließlich gab
-sie folgende Antwort: „Mönch, ich will dir jemand nennen, der stärker
-als ich ist. Das ist die Wolke, denn sie kann mit ihrer Schleppe mein
-leuchtendes Gesicht verhüllen und meinen Anblick dem Menschen fern
-halten.“
-
-Der Mönch wandte sich also an die Wolke und trug sein Anliegen vor. Die
-Wolke versank vor Scham und sagte: „Wenn du mich wegen meiner Kraft und
-Stärke wählst, so ist der Wind in dieser Beziehung mir überlegen, denn
-er treibt mich dorthin, wohin er es will, und mein Wille ist ganz in
-seiner Hand.“ Der Mönch gab dies zu und wandte sich an den Wind. Er
-schilderte ihm die Schönheit seiner Tochter und erzählte die Geschichte
-von der Wahl des Schwiegersohnes genau wie vorher. Der Wind kam in
-Verlegenheit über diese Worte und sagte: „Wenn ich auch noch so mächtig
-und kräftig bin, so ist doch der Berg noch mächtiger, denn er steht
-fest und majestätisch. Meine Kraft macht gerade soviel Eindruck auf ihn
-wie der Ton einer Posaune auf das Ohr eines Tauben oder der Tritt einer
-Ameise auf einen harten Fels.“
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-Als der Mönch dem Berge seine Absicht auseinandergesetzt hatte, rief
-dieser mit lauter Stimme: „An Kraft und Stärke ist die Maus mir
-überlegen, denn sie nagt mich von allen Seiten mit ihren scharfen
-Zähnen an, macht in meinem Innern lauter Löcher und Nester und hat
-meine Brust und meinen Körper mit ihren erbarmungslosen Zähnen zu einem
-Sieb gemacht.“ Als das Mädchen dies hörte, regte sich in ihr ihre
-Herkunft und sie sagte: „Du sagst die Wahrheit, denn die Maus ist
-mächtiger als er, und eine Heirat mit der Maus wäre für mich das
-passendste.“ Der Mönch war damit einverstanden und setzte einer Maus
-sein Anliegen auseinander. Die Maus fühlte infolge der Verwandtschaft
-Zuneigung zu ihr und sagte: „Ich wünsche mir schon seit langem eine
-Geliebte, die mir Gefährte und Genosse sein könnte, aber da zwischen
-den Gatten Gleichwertigkeit vorhanden sein muß, so muß ich eine
-Gemahlin haben, die von meiner Rasse ist.“ Das Mädchen sagte: „Das ist
-leicht. Der fromme Mann muß zu Gott beten, daß ich eine Maus werde und
-dich mit den Armen der Liebe umarme.“ Da der Mönch sah, daß auf beiden
-Seiten Zuneigung vorhanden war, so hob er seine Hände empor und bat
-Gott, sie wieder zur Maus zu machen. Sein Gebet wurde sofort erhört und
-der Spruch: „Jedes Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück“ bewahrheitete
-sich wieder. Das Mädchen wurde wieder eine Maus, was sie vorher
-gewesen, und der Mönch gab sie der anderen Maus zur Ehe.
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-57. DIE BEIDEN SPERLINGE UND DIE SCHLANGE
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-Zwei Sperlinge hatten ein Nest auf dem Dach eines Hauses und brachten
-ihr Leben zu, indem sie zufrieden waren mit dem, was sie sich erwarben.
-Nachdem sie durch Gottes Willen Junge bekommen hatten, flogen sie immer
-beide aus, um für ihre Jungen Nahrung zu holen. Eines Tages als der
-Vater von einem Fluge heimkehrte, sah er, daß die Mutter in Aufregung
-um das Nest flog, laut schrie und jammerte. Er rief aus: „Was machst du
-und was jammerst du?“ Sie antwortete: „Warum sollte ich nicht
-wehklagen? Als ich nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, sah ich, daß
-eine schreckliche Schlange an unser Nest herankroch. Wie sehr ich auch
-bat und flehte, es nützte nichts.“ Sie sagte: „Dein Schreien macht auf
-meine schwarze Seele keinen Eindruck.“ Ich antwortete: „Gut, aber
-fürchtest du dich nicht davor, daß wir beide uns an dir rächen und dich
-zu töten versuchen werden?“ Die Schlange antwortete unter Lachen: „Was
-sollte ich von dir befürchten?“ Da blieb mir nichts anderes übrig als
-um Hilfe zu rufen. Aber niemand hörte mich und die Schlange hat unsere
-Jungen gefressen und sich in unser Nest gelegt.“
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-Als der männliche Sperling diese Schreckenskunde vernahm, war er wie
-vom Blitze getroffen. Während dessen war der Besitzer des Hauses damit
-beschäftigt Licht anzuzünden und hielt einen in Öl getauchten
-brennenden Docht in der Hand. Der Sperling packte den Docht und warf
-ihn auf sein Nest. Um einen großen Brand zu verhindern, stieg der
-Hausherr auf das Dach und wollte das Nest mit einer Hacke vom Dache
-herunterschlagen. Als die Schlange vor sich die Feuerfunken und über
-sich die Schläge der Hacke merkte, steckte sie aus einem Loch den Kopf
-heraus und wurde von der Hacke erschlagen.
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-58. DER DERWISCH UND DER ZERSCHLAGENE KRUG
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-Ein frommer Mann lebte neben einem Kaufmann, der ihn in den Dingen
-dieses Lebens um Rat fragte. Der Kaufmann verkaufte Öl und Honig und
-gewann dabei sehr viel. Der fromme Mann widmete sich ganz dem Dienste
-Gottes. Deswegen schenkte der Kaufmann ihm in allem Glauben, hatte die
-Sorge für seinen Unterhalt übernommen und schickte ihm jeden Tag eine
-bestimmte Menge Öl und Honig. Der Derwisch gebrauchte davon etwas für
-seinen täglichen Unterhalt, den Rest sparte er sich auf. Im Lauf der
-Zeit sammelte er sich davon einen Krug an und kam auf den Gedanken, ihn
-mit Gewinn zu verkaufen. Als er ihn sich eines Tages ansah und in
-Gedanken versunken war, überlegte er, wieviel Maß Honig und Öl er wohl
-fasse. Er schätzte ihn auf zehn Maß und sagte: „Das Beste ist, daß ich
-ihn für zehn Dirhem verkaufe und mir für das Geld zehn Schafe kaufe.
-Diese werden nach sechs Monaten Junge bekommen und jedes wird zwei
-Lämmer haben. In einem Jahre werden es vierzig bis fünfzig sein und in
-zehn Jahren werden daraus Herden entstehen. Davon werde ich einige
-verkaufen und reich werden. Dann werde ich ein schönes junges Mädchen
-aus vornehmer Familie heiraten. Diese wird in neun Monaten mir einen
-Sohn, wie ein Engel, gebären. Nach einiger Zeit werde ich ihn in allen
-Wissenschaften und Künsten unterrichten. Wenn er dann heranwächst, kann
-es vorkommen, daß er nicht tut, was ich will. Dann werde ich ihn
-züchtigen, und zwar werde ich das mit diesem Stocke in meiner Hand
-tun.“ Er hob den Stock hoch und war so in seine Träumerei versunken,
-daß er seinen ungehorsamen Sohn vor sich zu haben glaubte, und schlug
-stark auf den Krug ein. Nun stand der Krug oben auf einem Brett, und er
-saß darunter. Als er auf den Krug einschlug, zerbrach dieser, und das
-Öl und der Honig floß ihm über Haar und Bart.
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-59. DER KÖNIG UND SEIN FALKE
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-In alter Zeit lebte ein König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König
-hatte einen Falken, der im Fluge jedes Wild einholte. Der König liebte
-diesen Falken über die Maßen und fütterte ihn immer mit eigener Hand.
-Eines Tages jagte er mit ihm auf einer Wiese und plötzlich erschien ein
-Hirsch. Der König verfolgte ihn ohne Überlegung mit größtem Eifer und
-ließ seinem leichtfüßigen Pferde die Zügel schießen. Es rannte so
-schnell, daß selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblicke
-durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge
-einer nach dem anderen zurück und die Diener trennten sich von ihm.
-Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der
-König mußte die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durste gequält
-wurde, durcheilte er die Wüste, um Wasser zu suchen, nach allen
-Richtungen. Schließlich kam er an den Fuß eines Berges und sah, daß von
-dem Berge klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er
-bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise
-herabfloß, voll. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit
-seinem Flügel an den Becher, so daß das Wasser ausfloß. Als der König
-ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von neuem füllte und trinken
-wollte, geschah dasselbe wie vorher.
-
-Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das
-Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem
-Augenblick kam der Steigbügelhalter des Königs heran und fand den
-Falken tot und den König durstig. Er holte eine Feldflasche hervor,
-füllte den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sagte: „Ich
-möchte von diesem Wasser haben, das von dem Berge herabtröpfelt, aber
-da es nur tropfenweise fließt, so macht es viel Mühe den Becher zu
-füllen. Du mußt hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis
-für das Wasser ist, und den Becher füllen.“ Der Steigbügelhalter sagte:
-„Zu Befehl“ und stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur
-tropfenweise Wasser gab und vor der Quelle lag eine tote große Schlange
-und durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest und ihr Gift hatte
-sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der
-Steigbügelhalter lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter,
-nachdem er vorher seine Feldflasche mit dem kalten Wasser gefüllt
-hatte, und erzählte dem König, was er gesehen. Der König erquickte sich
-an dem kühlen Wasser, während aus seinen Augen Tränen flössen. Der
-Steigbügelhalter fragte ihn nach dem Grunde der Tränen. Der König
-erzählte die Geschichte und sagte: „Ich weine darüber, daß ich den
-Falken zu unrecht getötet habe.“ Der Steigbügelhalter erwiderte: „O
-König, dieser Falke hat dich vor einem großen Unglück bewahrt, und das
-ganze Volk des Landes ist ihm zu großem Danke verpflichtet. Es wäre
-besser gewesen, wenn der König nicht so eilig gewesen wäre, ihn zu
-töten und wenn er die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde
-gedämpft hätte.“ Der König antwortete: „Ich bereue meine Handlung, aber
-die Reue nützt nichts und, so lange ich lebe, werde ich stets durch
-Gewissensbisse gequält werden.“
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-60. DIE RÄUBER UND DIE KRANICHE
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-In der Stadt Rakka lebte ein Derwisch, der reich an lobenswerten
-Tugenden und schätzenswerten Eigenschaften war, mit Namen Danadil. Alle
-Leute in der Stadt liebten ihn.
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-Einst entschloß er sich, die Pilgerreise nach Mekka zu machen, und trat
-ohne Freund und Genossen die Reise durch die Wüste an. Unterwegs
-beabsichtigten einige Räuber ihn zu töten, da sie bei ihm Geld
-vermuteten. Als Danadil ihre Absicht merkte, sagte er: „Ich habe nicht
-mehr Geld bei mir, als gerade für die Pilgerfahrt genügt. Wenn euch das
-genügt, so nehmt ohne Zaudern alles, was ich habe, aber laßt mich frei,
-damit ich die Pilgerfahrt beendige und meine Absicht erreiche.“ Die
-Räuber, die sich fürchteten, ihn am Leben zu lassen, beschlossen, ihn
-ohne Erbarmen zu töten. In seiner Not schaute der Arme sich nach allen
-Seiten um, und wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so
-sah er überall nach Hilfe aus. In dieser Einöde war aber kein lebendes
-Wesen zu erblicken außer einer Herde Kraniche, die über ihnen durch die
-Luft flogen. Als Danadil sie hörte, rief er aus: „Ihr Kraniche, ich muß
-in dieser Wüste von den Händen dieser Räuber sterben und außer Gott
-weiß niemand etwas davon. Ich hoffe, daß ihr mein Blut nicht ungerächt
-laßt und mich an diesen Blutgierigen rächen werdet.“ Als die Räuber
-dies hörten, lachten sie und fragten ihn spöttisch nach seinem Namen.
-Auf seine Aussage, daß er Danadil [46] heiße, sagten sie: „Der Name
-paßt für dich gar nicht, denn wie kannst du Danadil heißen, wenn du
-nicht einmal weißt, daß die Vögel dich nicht verstehen? Für uns ist es
-ausgemacht, daß du ganz dumm bist. Und einen Dummen umzubringen, ist
-keine Sünde.“ Sie töteten ihn und nahmen das wenige, das er bei sich
-hatte. Als die Kunde seines Mordes in der Stadt bekannt wurde,
-trauerten alle sehr um ihn und bemühten sich, die Mörder ausfindig zu
-machen. Schließlich, nach langer Zeit, waren die Bewohner der Stadt bei
-dem Opferfest auf dem Betplatze vereinigt und die Mörder des Danadil
-waren auch dabei. Währenddessen flog eine Schar Kraniche über den
-Köpfen der Mörder und schrie so laut, daß die Leute in ihren Gebeten
-innehielten. Da sagte einer von den Räubern spöttisch lächelnd zu
-seinen Genossen: „Diese verlangen wohl das Blut des Danadil?“
-
-Nach Gottes Fügung hatte einer von den Leuten aus der Stadt, der neben
-ihm stand, dies gehört. Er meldete den Vorfall dem Oberhaupt der Stadt
-und sofort wurden Wachen und Boten ausgeschickt. Alle Räuber wurden
-ergriffen und erfuhren die Vergeltung nach dem göttlichen Recht für
-ihre Untat.
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-61. DIE MUTTER UND DIE KRANKE TOCHTER
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-Eine alte Frau hatte eine wunderschöne Tochter, die plötzlich sehr
-krank geworden war. Die Mutter war immer am Bette der Tochter, vergoß
-Ströme von Tränen und sagte, indem sie voll Trauer zum Himmel blickte:
-„Liebes Kind, du bist mein alles. Wie gerne würde ich mein Leben für
-dich dahingeben. Nur mit dir habe ich Freude am Leben. Ohne dich nützt
-mir das Leben nichts. Ich will gern sterben, wenn du nur gesund wirst.“
-So betete sie Tag und Nacht und war bereit, sich für ihre Tochter zu
-opfern.
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-Nun hatte die alte Frau eine schwarze Kuh. Diese war vom Felde
-heimgekommen und in die Küche gegangen. Angelockt durch den Geruch der
-Mahlzeit, hatte sie den Kopf in den Kessel gesteckt und alles, was sie
-fand, ausgefressen. Als sie den Kopf wieder herausziehen wollte, konnte
-sie den Kessel nicht loswerden und wurde dadurch ganz aufgeregt. Die
-alte Frau, die von diesem Vorgange nichts wußte, hörte gegen Abend eine
-schreckliche Stimme und sah diese merkwürdige Erscheinung. Da dachte
-sie, es sei der Todesengel, der gekommen sei, um ihre Tochter zu holen.
-Infolgedessen sagte sie unter Jammern und Wehklagen: „Engel des Todes,
-ich bin nicht die Kranke. Ich bin eine alte Frau. Die Kranke ist meine
-Tochter. Deren Seele hole.“
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-62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN
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-Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein
-Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein
-Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und
-behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei
-der einen und die andere Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die
-Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf
-den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im
-Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne
-weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen
-Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit
-die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn
-sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese
-Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie,
-soweit als möglich die schwarzen Haare.
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-Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese
-unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten
-Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen,
-so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau
-überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also,
-soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines
-Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über
-seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß
-überhaupt kein Haar mehr geblieben war.
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-63. DER JÄGER UND DIE BEIDEN STUDENTEN
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-Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen
-Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer
-Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit
-vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge
-zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel
-hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß
-es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß
-die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat
-und flehte: „Seid einen Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt
-werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn
-du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen
-Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht
-weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe
-eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon
-zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die
-ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung,
-wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch
-bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen
-dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was
-der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so
-mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die
-drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half,
-teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen
-getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch
-gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen
-von euch habe.“
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-Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen
-und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein
-Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder
-männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging
-betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die
-begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten
-Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes
-Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte.
-Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte
-er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen
-Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt
-es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, damit
-er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen
-Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des
-Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und
-mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt
-und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des
-Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das
-Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er
-hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren
-Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer
-tausend Goldstücke anweisen.
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-Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher
-offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät
-weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer
-ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch
-tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch
-sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch
-der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen
-Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die
-Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar
-recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein
-Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder
-wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das
-Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist.
-Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit
-es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird
-dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat,
-zufrieden sein.“
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-Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser
-Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ Der Fischender ein
-vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser
-Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das
-er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser
-Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch
-Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den
-versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine
-Hofleute auf.
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-64. DER KLUGE KADI
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-Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt
-auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und
-sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine
-Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein
-werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König
-noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele
-Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten
-veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit
-den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit
-alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie
-dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher
-solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das
-Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache
-belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine
-Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache
-entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach:
-„Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen.
-Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in
-dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem
-fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du
-das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das
-Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand
-geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies
-versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau
-mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen
-sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die
-Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und
-gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs
-einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige
-Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und
-sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie
-wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er
-fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre
-Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte,
-sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich
-will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten
-bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an
-die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will
-ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten
-eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir
-hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche
-ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag
-gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht
-vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte!
-Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit
-diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch
-sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der
-Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst
-aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen,
-welchen von diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den
-Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen
-erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann
-sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der
-dritte meinte: „Der Dieb.“
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-Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu
-demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte
-Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du
-hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib
-sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem
-Biederen und der Dieb dem Diebe!“
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-Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die
-Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin.
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-65. DER UNSICHTBARE TURBAN
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-Es gab einst einen großen König. Eines Tages kam zu ihm ein Mann und
-sprach: „König, ich will einen Turban weben, welcher dem legitimen
-Sohne sichtbar, dem illegitimen aber nicht sichtbar sein soll.“ Der
-König wunderte sich sehr über diese Rede und ließ sich von ihm den
-Turban weben. Der junge Mann bezog nun vom Könige zur Bestreitung der
-Kosten das nötige Geld, ging in einen Laden und hielt sich da einige
-Zeit auf. Eines Tages faltete er die eine und die andere Seite eines
-Papiers zusammen, nahm es und brachte es vor den König. Er sprach: „O
-König, siehe, ich habe dir den Turban gewebt.“ Der König öffnete das
-Papier und sah, daß nichts darin war. Alle Vezire und Fürsten, welche
-zugegen waren, erblickten ebenfalls in dem Papiere nichts. Da sprach
-der König zu sich: „Siehst du, da muß ich wohl ein Bastard sein.“ Alle
-Vezire und Fürsten waren sehr bestürzt, daß sie auch Bastarde sein
-sollten. Der König sprach nun zu sich: „Ich kann mir nicht anders
-helfen, als das ich sage: ‚Ein schöner Turban, er gefällt mir.‘“ Darauf
-sprach der König: „Alle Wetter, Meister, das hast du sehr schön
-gewebt.“ Der Weber sagte: „O König, befiehl, daß man eine Mütze bringe,
-ich will den Turban darum wickeln.“ Man brachte eine Mütze herbei. Der
-junge Mann nahm das Papier vor sich, tat so, als ob er den Zipfel der
-Kopfbinde nehmen und sie darum wickeln wollte und bewegte seine Hand
-hin und her. Er hatte aber gar nichts in der Hand. Als er fertig war,
-setzte er sie dem Könige auf. Alle umstehenden Vezire und Fürsten
-sagten: „Alle Wetter, o König, was für ein schöner, feiner Turban ist
-das!“ und lobten und priesen den jungen Mann. Dann stand der König auf,
-ging mit seinen Veziren in ein Nebenzimmer und sprach: „O meine Vezire,
-bin ich ein Bastard, daß ich den Turban nicht sehe?“ Die Vezire
-erwiderten: „O König, bei Gott, wir sehen auch nichts und wissen nicht,
-was das ist.“ Endlich sahen sie aber ein, daß es nichts war und daß
-jener junge Mann ihnen nur irdischen Vorteils wegen einen Streich
-gespielt habe.
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-66. DER VIELGEPRÜFTE PRINZ
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-Es gab einen großen König. Die sieben Erdgürtel waren unter seiner
-Botmäßigkeit. Er besaß jedoch weder Sohn noch Tochter. Opfer und
-Gelübde verrichtete er, um sich Gott geneigt zu machen. Eines Tages
-nahm dann auch Gott der Erhabene sein Opfer wohlgefällig an und
-schenkte ihm aus seiner Gnadenfülle einen Sohn, der an Schönheit ein
-zweiter Joseph war. Darüber ward der König sehr froh und veranstaltete
-an diesem Tage ein großes Festgelage, schenkte dabei dem einen
-Ehrenkleider, dem andern Geld und verehrte andere Gnadengeschenke.
-Darauf ließ er die Sterndeuter kommen und sie nach dem Geburtsstern des
-Prinzen schauen. Als sie das getan hatten, sprachen sie: „O König, in
-betreff des Geburtssternes des Prinzen hat man in der astronomischen
-Tafel sowohl als in dem Traumbuche und nach den Astrolab folgende
-Prophezeiung aufgestellt: ‚Von seinem dreißigsten bis zu seinem
-sechzigsten Jahre wird sich seines Geburtssternes Glück und Heil in
-Unglück und Unheil verwandeln, und er wird in fremden Ländern von Not
-und Mühsal heimgesucht werden.‘ Nur Gott kennt die verborgene Zukunft.“
-Als der König dies hörte, wurde er sehr betrübt.
-
-Als einige Jahre vorüber waren, gab der König den Knaben in die Schule
-und ließ ihn die Wissenschaften aller Art lernen. Als der Prinz zur
-Mannbarkeit herangereift war, ließ er ihn sich verheiraten und
-verschaffte ihm die Tochter eines großen Sultans zur Frau. Mit der Zeit
-wurden ihm auch zwei Söhne geboren. Als sie heranwuchsen, gingen sie
-auch in die Schule und erlernten die Wissenschaften aller Art. Von Zeit
-zu Zeit pflegten sie mit ihrem Vater spazieren zu gehen. Nun geschah es
-eines Tages, daß der Prinz, ihr Vater, mit ihnen am Meeresstrande
-spazieren ging, sodann ein Schiff herbringen ließ und auf demselben mit
-seinen kleinen Söhnen in die hohe See hinausfuhr. Nach Gottes Ratschluß
-und Befehl kam ihnen unterwegs ein fränkischer Seeräuber entgegen,
-welcher sowohl den Prinzen und seine beiden Söhne als auch vierzig
-Sklaven, welche der Prinz mit sich hatte, sämtlich gefangennahm. Den
-Prinzen und die vierzig Sklaven verkaufte er an menschenfressende
-Neger, die kleinen Söhne des Prinzen hingegen verkaufte er nicht,
-sondern nahm sie mit sich fort. Die Neger hielten den Prinzen und seine
-Leute für eine angenehme Nahrung und fütterten sie. Jeden Tag
-schlachteten sie einen von ihnen in der Küche des Königs und setzten
-ihn ihm als Gericht vor. Als nun von diesen vierzig Sklaven alle
-abgeschlachtet waren, kam die Reihe an den Prinzen. Man nahm ihn,
-führte ihn in die Küche und wollte ihm die Kehle abschneiden. Als der
-Prinz dies gewahr wurde, flehte er zu Gott dem Erhabenen, strengte sich
-an und zerriß die um seine Hände gelegten Bande, entriß demjenigen, der
-gekommen war, ihm die Kehle abzuschneiden, das Schlachtmesser, stach
-damit auf ihn ein und zerhieb ihn in zwei Stücke. Nicht minder erstach
-er alle sonst in der Küche befindlichen Leute, stellte sich dann an die
-Türe derselben und tötete jeden, der noch auf ihn los kam.
-
-Von diesem Ereignis gelangte alsbald die Nachricht zu dem Könige dieser
-Wilden. Als der König daraus ersah, was für eine Herzhaftigkeit der
-Prinz bewiesen habe, kam er herbei und erteilte ihm Sicherheit des
-Lebens, indem er sprach: „Ich will dir etwas sagen. Ich habe eine
-Tochter, die will ich dir zur Frau geben und dich zu meinem Eidam
-machen. Ich will hiermit diesen Vertrag mit dir geschlossen haben.“ Da
-der Prinz diesem Wunsche des Königs nicht widersprechen konnte, so nahm
-er seine Tochter zur Gattin an und heiratete sie. Er lebte mit ihr
-einige Jahre zusammen und befand sich wohl. Eines Tages starb seine
-Frau. Nun bestand unter diesen Wilden die Sitte, daß, wenn ein Mann
-gestorben war, mit ihm seine Frau, und, wenn eine Frau gestorben war,
-mit derselben ihr Mann lebendig in einen großen, tiefen Brunnen
-hinabgelassen und ihnen ein Laib Brot und ein Krug Wasser mitgegeben
-wurde. Dann pflegte man auf die Mündung des Brunnens einen großen
-schweren Stein zu legen und fortzugehen. In denselben Brunnen ließ man
-nun den Prinzen mit seiner Frau hinunter und gab ihm einen Laib Brot
-und einen Krug Wasser mit, legte dann einen großen Stein auf die
-Mündung des Brunnens und ging fort.
-
-Als der Prinz sich in diesen Zustand versetzt sah, wurde er ganz
-verdutzt und verblüfft und seufzte: „Ach, Gott, was ist das?“ und
-flehte demütig zu Gott dem Erhabenen um Errettung. Er sah sich in dem
-Innern des Brunnens weiter um und bemerkte, daß eine hübsche und
-liebenswürdige Frau dasaß. Er fragte sie: „Wer bist du?“ Sie erwiderte:
-„Bei Gott, ich bin eine junge Frau. Vor kurzem starb mein Mann. Da hat
-man mich nun samt meinem Manne in diesen Brunnen lebendig
-hinuntergelassen.“ Ein weiterer Blick in dem Brunnen herum zeigte dem
-Prinzen, wie einige jener Beigesetzten schon verwest waren, andere eben
-erst geendet hatten, andere noch in den letzten Zügen lagen. Plötzlich
-kam von einer Seite des Brunnens her ein Geräusch, welches einem
-Scharren mit den Füßen glich. Der Prinz erkannte, daß es von einem Tier
-herrührte, machte sich sogleich mit der jungen Frau auf und ging mit
-ihr nach jener Seite zu. Hier trafen sie auf ein Loch, in welches sie
-hineintraten. Der Grund dieses Loches war aber tief. Sich bückend und
-in dieser Stellung kriechend gingen sie einige Zeit vorwärts, bis sie
-endlich an den Abhang eines Berges gelangten und am Ufer eines großen
-Wassers herauskamen. Hier dankten sie ihrem Schöpfer für ihre
-glückliche Errettung und wurden munter und froh. Zufälligerweise trafen
-sie daselbst ein Schiff an. Sie sammelten sich eine Menge von des
-Berges Früchten und füllten damit ihr Schiff an. Nachdem sie dieses
-bestiegen hatten, nahm sie die Strömung des Wassers selbst bis dahin
-mit sich fort, wo sich der Fluß am Bergesabhange in ein Loch verlor.
-Als sie sich dieser Stelle näherten, konnten sie ihres Schiffes nicht
-Herr werden, sondern das Wasser nahm sie auf demselben unter den Berg
-mit sich fort. Als der Prinz dies gewahr wurde, seufzte er und sprach:
-„O Gott, was ist das?“ Sie verbrachten da eine lange Zeit und wußten
-nicht, ob es Tag oder Nacht wäre. Sie flehten in einem fort Gott um
-Errettung, bis endlich der Fluß unter dem Berge wieder hervor an das
-offene Land heraustrat.
-
-Der Prinz wurde hierüber froh, und sie beide brachten nun ihr Schiff an
-das Ufer und stiegen aus demselben hinaus. Als sie sich von des Berges
-Früchten einige pflückten und sie aßen, sah der Prinz, indem er weiter
-lustwandelte, daß es hier ein großes weißes gewölbtes Gebäude gab,
-dessen Kuppel bis in die Wolken reichte. Als sie beide dorthin kamen,
-traten sie ein und sahen, daß das Gebäude einem Schlosse glich. In dem
-Innern dieses Schlosses stand geschrieben: „Wer dieses Tor zu öffnen
-und diesen Talisman zu lösen gedenkt, der möge ein fünffüßiges Tier
-hierherbringen und es vor diesem Tore töten, damit sich die Schlösser
-an diesem Talisman erschließen!“ Der Prinz blieb darüber verdutzt und
-verblüfft stehen und fragte sich verwundernd: „Gibt es denn in der Welt
-überhaupt ein fünffüßiges Tier?“ Mit diesen Worten setzte er sich an
-das Tor dieses Schlosses hin. Die Läuse plagten sie entsetzlich und sie
-fingen an, sich von diesem Ungeziefer zu reinigen. Der Prinz tötete
-eine Laus. Bei der zweiten fielen auf einmal mit lautem Geklirr und
-Gerassel die Schlösser an dem Tore des Schlosses herunter und sie
-erkannten hieraus, daß das fünffüßige Tier die Laus war. Darauf standen
-sie auf und gingen hinein. Sie sahen da — es gab in der Welt nichts dem
-Ähnliches — einen Garten voll fließender Gewässer und verschiedener
-Früchte, spürten bald große Lust darnach und gingen hin, um eine davon
-zu essen. Da erblickten sie dann, daß jene Bäume sämtlich von Gold und
-ihre Früchte wertvolle Steine waren. Am Fuße der Bäume lagen
-herabgefallene Edelsteine und Flußkiesel. Als sie weiter vorwärts in
-das Gebäude eindrangen, sahen sie, daß es sehr groß war. Man hatte es
-von Bergkristall gebaut und seine Tür offengelassen. Als sie hier
-eintraten, bemerkten sie, daß es noch ein Gebäude darin gab. Es bestand
-aus rotem Gold. Als sie hier eintraten, sahen sie weiter, daß es
-abermals ein Gebäude darin gab, dessen Wände sämtlich aus Rubinen und
-Perlen gebaut waren. Als sie endlich hier eintraten, gewahrten sie, daß
-in einem mit Rubinen und Perlen geschmückten Sarge ein Toter lag, über
-dessen Haupte sich eine Tafel befand, welche folgende Inschrift
-enthielt: „Jeder, der hierherkommt und mich sieht, wisse, daß ich ein
-König war. Die ganze Welt stand unter meiner Botmäßigkeit: Menschen,
-Dämonen und Peris waren mein Heergefolge. Ich lebte tausend Jahre und
-dachte nie zu sterben und dem Todesgeschosse zu erliegen. Plötzlich
-wurde ich aber eines Tages krank, fiel auf das Sterbebett und sah ein,
-daß ich bestimmt sterben würde. Deshalb ließ ich dieses Gebäude,
-welches du hier siehst, in drei Tagen erbauen und erwählte es mir zum
-Mausoleum. Oberhalb meines Hauptes gibt es zwei Quellen; trinke daraus
-und verrichte für mich eine Fürbitte!“ Der Prinz wurde bald diese
-beiden bezeichneten Quellen gewahr und trank aus einer derselben. Sie
-enthielt Milch und die andere Zuckerscherbet. Noch eine lange Zeit
-hielten sie sich in diesem Gebäude auf, nährten sich von dieser Milch
-und tranken von diesem Scherbet. Zuletzt nahmen sie sich eine große
-Menge Edelsteine, füllten damit ihr Schiff an, bestiegen dasselbe von
-neuem und fuhren in die hohe See hinaus.
-
-Nachdem sie eine Weile gefahren waren, brachte der Wind ihr Schiff an
-eine Insel. Hier stiegen sie aus dem Schiffe heraus, um von des Berges
-Früchten zu essen. Plötzlich kam eine große Schar Menschen auf sie los
-und nahm sie gefangen. Der Prinz blickte auf und sah, daß jene keine
-Köpfe besaßen, ihren Mund auf ihrer Brust und ihre Augen auf den
-Schultern hatten und in ihrer Sprache wie Vögel zwitscherten. Sie beide
-wurden aber vor den König dieser Leute gebracht und blieben lange Zeit
-als Gefangene daselbst, bis sie endlich ihnen entflohen, jenes Schiff
-wieder bestiegen und auf die hohe See hinausfuhren. So kam der Prinz
-auf diesem Meere dreißig Jahre hindurch bald unter Menschen mit
-Schweinsköpfen, bald unter Menschen mit Vogelköpfen, von denen ein
-jeder dem Prinzen mannigfache Unbilden zufügte. Wiederum gab ihm Gott
-der Erhabene einen Ausweg an die Hand und ließ ihn entfliehen.
-
-Auf Gottes Geheiß trieb der Wind sein Schiff an eine Insel. Als er hier
-herausstieg, sah er einige Menschen. Die Leute hielten ihn für einen
-Spion, nahmen ihn gefangen und brachten ihn vor ihren König. Dieser
-fragte ihn: „Wer und was bist du?“ Der Prinz erzählte ihm seine
-Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der König nun wußte, daß er ein
-Prinz war, ließ er ihm voller Freude Ehrenkleider anlegen, nahm ihn
-beiseite und sprach: „Ich kenne Euer Reich und deinen Vater; auch habe
-ich gehört, daß dich und deine beiden Söhne und vierzig Diener ein
-fränkischer Seeräuber auf dem Meere gefangen genommen habe. Wohin
-willst du nun gehen? Erzeige mir den Gefallen und bleibe bei mir, ich
-will dir meine Tochter geben.“ Der Prinz erwiderte: „Bei meiner Geburt
-haben mir die Sterndeuter dreißig Jahre Unglück prophezeit; ich fürchte
-daher, daß, wenn ich die Tochter des Königs nehme, diese in mein
-Unglück verwickelt werden wird.“
-
-Der König ließ nun die Sterndeuter kommen und nach des Prinzen
-Geburtskonstellation schauen. Als sie dies getan hatten, sagten sie: „O
-König, wir bringen dir die frohe Botschaft, die unglücklichen dreißig
-Jahre sind vergangen und sein Geburtsstern ist jetzt zu Glück und Segen
-gelangt.“ Als der König dies hörte, freute er sich sehr und
-verheiratete seine Tochter mit dem Prinzen.
-
-Der Prinz blieb einige Jahre daselbst, bis endlich der König starb und
-der Prinz an seiner Stelle König wurde. Eines Tages sagte man ihm: „O
-König, ein Franke ist gekommen und hat viele Waren mitgebracht. Darf er
-sie ausstellen?“ Der König gab dazu die Erlaubnis. Als er an der Seite
-des Franken zwei Knaben erblickte, regte sich sein Blut in Liebe und
-das Gefühl der Vaterschaft rührte sich. Er fragte den Franken: „In
-welchem Verhältnis stehen diese zwei Knaben zu dir?“ Er erwiderte: „Das
-sind meine Sklaven, die ich verkaufen will.“ Der König sagte: „Ich
-werde sie kaufen“, nahm sie in ein Nebenzimmer und fragte sie, wo der
-Franke sie gekauft habe. Alsbald erzählten sie ihm ihre Ereignisse vom
-Anfang bis zu Ende. Der König erkannte daraus, daß es seine beiden
-Söhne waren, drückte sie an seine Brust, küßte einen jeden auf die
-Augen und sprach: „Ich bin eurer Vater.“
-
-Der König kam wieder heraus, nahm den Franken gefangen und ließ ihn
-unter tausend Qualen sterben. Nachher wurde er von neuem mit Glück
-gekrönt, indem er auch das Reich seines Vaters als König bekam.
-
-
-
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-
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-
-
-ANMERKUNGEN
-
-
-[1] Hodscha ist eigentlich der Titel für Geistliche, aber auch
-Quacksalber, die durch Besprechen, Bepusten und durch Amulette die
-Kranken heilen, werden damit bezeichnet.
-
-[2] Der Ausdruck des Textes ist merkwürdig. Ich nehme an, daß ein
-Druckfehler für den Namen des Prinzen von Jemen vorliegt.
-
-[3] Lala ist der Prinzenerzieher.
-
-[4] Halwa ist eine sehr geschätzte Süßigkeit.
-
-[5] Müezzin = Gebetsrufer.
-
-[6] Mit dem Badezeug.
-
-[7] Geste des Erstaunens.
-
-[8] Häufige Redewendung, mit der sich der Märchenerzähler an einen
-besonders interessiert Aussehenden unter seinen Zuhörern wendet.
-
-[9] Im türkischen Volksglauben werden darunter Riesen mit dämonischen
-Kräften verstanden.
-
-[10] Die Peris sind im Türkischen fast immer böse Geister.
-
-[11] = das, was mir bestimmt ist.
-
-[12] Gedörrtes Rindfleisch.
-
-[13] Türbe = Mausoleum.
-
-[14] Er meint das andere Mädchen damit.
-
-[15] Anka ist ein sagenhafter Vogel von gewaltiger Größe, sehr
-häufig unserem Phönix entsprechend.
-
-[16] Um kahlköpfig zu erscheinen.
-
-[17] Zuruf an den Taschendieb.
-
-[18] Sefa bedeutet Freude, Dschefa Leid.
-
-[19] Feredsche und Jaschmak sind der Überwurf und Schleier, die die
-türkischen Damen zum Ausgange anlegen.
-
-[20] Ein Akt der Höflichkeit gegen Höherstehende beim Treppensteigen
-und dergl.
-
-[21] Unübersetzbares Wortspiel. Im Türkischen wird das Wort für
-Pfirsich gleichzeitig für Kuß gebraucht.
-
-[22] Die Buchstaben haben etwa die Form dieser Gegenstände.
-
-[23] Ein Geldstück, etwa unserem Taler entsprechend.
-
-[24] Ein Gewicht, etwa unserem Kilo entsprechend.
-
-[25] Kayk = Boot.
-
-[26] Batman ist ein Gewicht, das in den einzelnen Gegenden verschieden
-ist.
-
-[27] Para etwa gleich ½ Pfennig.
-
-[28] Kawaß = Diener. Gewöhnlich als Türhüter und zur Begleitung bei
-Ausgängen benutzt.
-
-[29] Bej = Bey.
-
-[30] Joghurt entspricht im Geschmacke unserer dicken Milch, nur wird es
-anders zubereitet. Gequirltes Joghurt mit Salz, Knoblauch oder Zucker
-vermischt gibt den Airan.
-
-[31] Turan ist die sagenhafte Urheimat aller Türkstämme.
-
-[32] Köschk = Gartenpavillon, Sommerhaus.
-
-[33] Rūm bezeichnet das byzantinische Kaiserreich.
-
-[34] Der Atem Jesu gilt als lebenspendend, Krankheiten beseitigend.
-
-[35] Zeichen der Trauer.
-
-[36] Die Paradiesesjungfrauen, die den Gläubigen im Himmel zu teil
-werden.
-
-[37] Titel für Geistliche.
-
-[38] = Gerichtssitzung.
-
-[39] So ist zu lesen, wie sich aus der Antwort ergibt und nicht
-„schwarz“, wie der Text hat.
-
-[40] D. h. sie sind gelb geworden, was unserem Bleichwerden entspricht.
-
-[41] Der aus dem Alten Testament bekannte Korah. In der muslimischen
-Legende gilt er als Besitzer ungeheurer Reichtümer.
-
-[42] Das Unglück tötete die Geduld.
-
-[43] Das Morgengrauen hat gewissermaßen die Sonne vorgetäuscht und wird
-nun durch den wirklichen Sonnenaufgang als Betrüger entlarvt.
-
-[44] Dirhem ist ein kleines Gewicht (etwa 3¾ Gramm) und früher auch
-eine Silbermünze von etwa 1 Frank.
-
-[45] D. h. ihn, obgleich er die Augen offen hat, gleichsam schlafend
-und unaufmerksam machen.
-
-[46] Danadil bedeutet „Klugherz“.
-
-
-
-
-
-
-
-
-INHALTSVERZEICHNIS
-
-
- Einleitung 1
- 1. Die Geschichte von dem Kristallpalast und
- dem Diamantschiff 7
- 2. Die Geschichte vom Halwaverkäufer 17
- 3. Der schöne Kaffeeschenk 29
- 4. Die Geschichte von der weinenden Granate und
- der lachenden Quitte 35
- 5. Die Geschichte von der Schönen, die das erreichte,
- was sie wollte 50
- 6. Die Geschichte von der Dilber, die nicht erreichte,
- was sie wollte 54
- 7. Die Geschichte von dem Kummervogel 65
- 8. Die Geschichte vom smaragdenen Ankavogel 75
- 9. Die Geschichte von dem Vater Spindelhändler 92
- 10. Die Geschichte vom Diebe und vom Taschendiebe 98
- 11. Die Geschichte von Dschefa und Sefa 102
- 12. Die Geschichte von Ali Dschengiz 110
- 13. Die Geschichte von dem schönen Wasserträger 113
- 14. Die Geschichte von der schwarzen Schlange 116
- 15. Der dankbare Fuchs 125
- 16. Die Geschichte vom Dschihanschah 130
- 17. Das wunderbare Napf 137
- 18. Die drei Söhne des Padischahs 142
- 19. Der Grindkopf 149
- 20. Im Alter oder in der Jugend? 155
- 21. Der Obersterndeuter 168
- 22. Der indische Kaufmann und der Papagei 181
- 23. Die Geschichte vom Goldschmied und Zimmermann 186
- 24. Das hölzerne Mädchen und seine Liebhaber 193
- 25. Der Löwe und das Schaf 198
- 26. Der Löwe und der Kater 201
- 27. Zarife und Antar 204
- 28. Dschemile und die drei Freier 207
- 29. Der Greis, der nie verliebt war 210
- 30. Der Kaufmann und der König der Tiere 211
- 31. Der habgierige Seidenspinner 214
- 32. Der Beduine und der Kalif Mamun 219
- 33. Der Luchs und der Löwe 219
- 34. Die Frau und der Tiger 224
- 35. Der Esel in der Löwenhaut 229
- 36. Der Kaiser von China und die griechische
- Prinzessin 229
- 37. Der Holzhauer, der zur Unzeit tanzte 234
- 38. Die chinesische Sklavin und der Jüngling
- von Bagdad 235
- 39. Die Geschichte von dem klugen Landmanne 239
- 40. Der Vogel Heftreng 243
- 41. Die verschwenderische Maus 251
- 42. Der Tischler und der Affe 254
- 43. Der Fuchs und die Trommel 255
- 44. Der Reiher und der Krebs 256
- 45. Der Wolf, der Hase und der Fuchs 259
- 46. Der Löwe und der Hase 262
- 47. Die Schildkröte und der Skorpion 264
- 48. Der Falke und der Hahn 265
- 49. Der Jäger, der Fuchs und der Leopard 266
- 50. Die Enten und die Schildkröte 267
- 51. Die beiden Geschäftsfreunde 269
- 52. Der Gärtner und der Bär 273
- 53. Der unwissende Arzt 274
- 54. Der Kamelreiter und die Schlange 276
- 55. Der fromme Mann und die Diebe 280
- 56. Die Maus, die in ein junges Mädchen verwandelt
- wurde 281
- 57. Die beiden Sperlinge und die Schlange 284
- 58. Der Derwisch und der zerschlagene Krug 285
- 59. Der König und sein Falke 286
- 60. Die Räuber und die Kraniche 287
- 61. Die Mutter und die kranke Tochter 289
- 62. Der Mann mit den zwei Frauen 289
- 63. Der Jäger und die beiden Studenten 290
- 64. Der kluge Kadi 293
- 65. Der unsichtbare Turban 295
- 66. Der vielgeprüfte Prinz 296
- Anmerkungen 303
-
-
-
-
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TÜRKISCHE MÄRCHEN ***
-
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