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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Jud Süß + +Author: Lion Feuchtwanger + +Release Date: February 3, 2023 [eBook #69944] + +Language: German + +Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team + at https://www.pgdp.net + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS *** + + + Lion Feuchtwanger / Jud Süß + + + Lion Feuchtwanger + + + + + Jud Süß + + + Roman + + 6.-15. Tausend + + + 1925 + Drei Masken Verlag München + + + Alle Rechte vorbehalten + Copyright 1925 by Drei Masken Verlag A. G., München + + + + + Erstes Buch Die Fürsten + + +Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend, +verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, +Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu +überall von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten +sie sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch +diese Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen +verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem und +Herzschlag. + +Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne Polster, +ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren Wagen +der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig Meilen +im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe und +Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen, +und die langsameren Boten der Thurn- und Taxisschen Post. Es zogen +Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten, +hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng +schauende Mönche, verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen +der großen Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in +sechs soliden, etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den +süddeutschen Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es zogen, ein +endloser Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die Protestanten, die der +Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem Land verjagt. Es zogen bunte +Komödianten und Pietisten, nüchtern von Tracht und in sich verloren, und +in prächtiger Kalesche mit Vorreiter und großer Bedeckung der hagere, +hochmütig blickende venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es zogen +auf dem Weg nach Frankfurt unordentlich auf mühsam zusammengestapeltem +Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen Reichsstadt. Es zogen +Magister und Edelleute und seidene Huren und tuchene Referenten des +Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen Kutschen der dicke, schlau +und fröhlich schauende Fürstbischof von Würzburg, und es zog abgerissen +und zu Fuß ein Professor der bayrischen Universität Landshut, der wegen +aufsässiger und ketzerischer Reden entlassen worden war. Es zogen mit +den Agenten einer englischen Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund +und Kind schwäbische Auswanderer, die nach Pennsylvanien wollten, es +zogen fromm, gewalttätig und plärrend niederbayrische Wallfahrer auf dem +Weg nach Rom, es zogen, den huschenden, scharfen, behutsamen Blick +überall, Silberaufkäufer und Vieh- und Getreide-Aufkäufer des Wiener +Kriegsfaktors, und es zogen abgedankte kaiserliche Soldaten aus den +Türkenkriegen und Gaukler und Alchimisten und Bettelvolk und junge +Herren mit ihren Hofmeistern auf der Reise von Flandern nach Venedig. + +Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte, +stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege, +lachte, erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der +Post, greinte über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche Fuhrwerk. +Das alles flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, hurte, lästerte, +bangte, jauchzte, atmete. + + * * * * * + +Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, schickte +Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die verwunderten Blicke +seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges Prusten. Da, wo der Weg den +sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten nun die Wagen, warteten. +Kammerherren und Sekretär krochen vor dem feinen, endlosen Regen ins +Innere der Kutsche, Jäger, Diener, Leibhusar sprachen gedämpft +aufeinander ein, tuschelten, zoteten, pruschten heraus. + +Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig Jahre, ein dicker, großer +Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. Er stapfte schwerfällig, +den Samthut in der Hand, daß der feine, warme Regen die Perücke stäubte, +und er achtete nicht der Pfützen, die ihm die glänzenden Stiefel +bespritzten und den tiefschößigen, silbergestickten, kostbaren Rock. Er +ging langsam, beschäftigt, blieb oft stehen, in unmutiger Nervosität +durch die starke, fleischige Nase schnaubend. + +Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied zu geben. War das +jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts gesagt. Die Gräfin +hatte auf seine halben Worte nur verschleierte Blicke gehabt, keine +Antwort. Aber sie mußte doch gemerkt haben, sie war ja so gescheit, sie +mußte, mußte gemerkt haben, was er wollte. + +Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei gegangen war. +An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr zusammenlebte. Was hatte +seither die Herzogin gejammert, geschrien, gezetert, gewinselt, +intrigiert, ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine Geheimräte +angestellt, der Kaiser, die Prälaten, das verfluchte Gesindel vom +Parlament, die Gesandten von Kurbraunschweig und Kassel. An dreißig +Jahre war die Frau verhaftet mit allem, was das Land und er erlebt +hatten. Sie war er, sie war Württemberg. Dachte man Württemberg, so +dachte man: die Frau, oder: die Hure, oder: die Gräfin, oder: die +Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder hassend, wie immer interessiert, +jeder Gedanke an das Herzogtum war ein Gedanke an die Frau. + +Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die Frau denken, gelöst von +Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er konnte denken: Christl, und es +war kein Gedanke an Soldaten, Geld, Privilegien, Zänkereien mit dem +Parlament, verpfändete Schlösser und Herrschaften, sondern nur die Frau, +allein, lächelnd, sich ihm entgegenräkelnd. + +Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit der Herzogin +versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein großes Präsent +machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem schlaffen Kopf wackeln, +und der grobe, schlecht angezogene König von Preußen wird ihm +Glückwünsche schicken, und die europäischen Höfe werden den Skandal +vermissen, über den jetzt bereits die zweite Generation klatscht. Und +dann wird er der Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen +zweiten richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird +Wohlgefallen sein. + +Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes Wüten stieg in ihm auf, wenn +er an die Freude dachte, mit der das Herzogtum, das ganze Deutschland +den Sturz der Frau feiern würde. Er hörte, hörte, wie das Land +aufatmete, er sah die fetten Bürgerkanaillen seines Parlaments, wie sie +triumphierend grunzten, breitmäulig, sich die Schenkel schlagend, er sah +die nüchternen, steifleinenen, korrekten Verwandten der Herzogin und +ihren magern, sauern, höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird +herfallen über die Frau wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die +Frau gehalten gegen das Gesindel; jetzt, wenn er sie läßt, er ist +fünfundfünfzig, wird es ihm das Gesindel als Greisenschwäche ausdeuten. +Er hat zahllose Reskripte erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen +die Gräfin schwer bestrafen, er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er +hat seinen Jugendfreund und ersten Minister aus dem Land gejagt wegen +eines frechen Wortes über die Frau, er hat sich herumgeschlagen mit +seinen Räten, seinem Parlament, mit dem ganzen Land um Steuern, immer +neue Steuern, um Geld, Geld, Geld für die Frau. Er hat sie gehalten, +gegen Land, Reich und Welt gehalten an dreißig Jahre. + +Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich gleich +zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite Gemahlin neben der +Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete kaiserliche Bitten, +Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften wie tolle Hunde, die +Verwandten der Herzogin, die Baden-Durlachischen, sahen grün und blau +vor Wut und Verachtung, man wetterte von den Kanzeln gegen ihn, +verweigerte ihm das Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und +Strudel. Nun gut, er hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit +der Gräfin aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt. +Was freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche +Beiwohnung – er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase erinnerte, mit +der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der Gräfin hatte sie ihm +gedrechselt – die Zuneigung also und die daraus entstehende eheliche +Beiwohnung war eine Sache, die von Gott und ihm selbst abhing und zu der +ein Reichsfürst durch Fremde nicht gezwungen werden konnte. Und dann auf +frische, scharfe Befehle des Kaisers hin hatte er die Christl wirklich +weit außer Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel +Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber dann +– er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens – hatte +er durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von Grafen +auftreiben lassen, und mit dem hatte er die Christl verheiratet und ihn +zu seinem Landhofmeister gemacht, und als Landhofmeisterin kehrte die +Frau zurück unter dem Toben des betrogenen Württemberg, dieweil der +Kaiser ohnmächtig und bedauernd die Achseln zuckte: wer wollte es einem +Reichsfürsten verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof +zu haben? Und wie hatte die Christl gelacht, als er ihr für das Geld, +das ihm sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die +Herrschaften Höpfigheim und Gomaringen kaufte. + +Jetzt war es ruhig geworden. Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill +gegen die Gräfin, aber seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre +eine gegebene Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände +knurrten, aber sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin +zugestimmt. Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im +Stuttgarter Schloß, ihre Verwandten, die steifleinernen Markgrafen, +hatten sich in ein ägriertes, hochmütiges Schweigen zurückgezogen. Man +fand die Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren, +man hatte sich hineingewöhnt, fügte sich. + +Und jetzt also, eigentlich ohne bestimmten Anlaß, sollten alle +Verbindungen mit der Frau sich lösen, fallen, nicht mehr da sein. + +Sollten sie? Er hatte nicht gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts +geschehen. + +Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, in dem +feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh ab und +schlug ihn mechanisch gegen den Schenkel. + +Oder war ein Anlaß gewesen? War ein Anlaß? Der polternde Preußenkönig +hatte ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen gemacht. Er +solle sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und sich einen +zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen des Erbprinzen +stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen der evangelischen +Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. Nein, das war es nicht. Soll +sich der Preuße nach Haus scheren, zu seinem Sand und seinen Kiefern, +mit seiner faden Nüchternheit und seinem kahlen, moralischen Sermon, der +in jedem dritten Satz von Tod predigte. Er, Eberhard Ludwig, mit seinen +Fünfundfünfzig, war Gott sei dank noch in Saft und Schuß. Mag doch nach +seinem Tod wer will das Land und seine Schulden auf den Buckel nehmen +und sich mit dem lausigen Gesindel vom Parlament herumärgern. Darum der +Christl den Abschied geben? Daß er ein Narr wäre! + +Er nahm den Stapfschritt schneller, pfiff falsch und heftig eine Melodie +aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter angeführt? Die +Gräfin sei ein schlimmeres Unglück für das Herzogtum als alle +Franzoseneinfälle und höchst beschwerlichen Reichskriege. Alle Drangsal, +Jammer und Verwirrung in Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin. +Sie schröpfe und quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes +sei für ihre Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm +aus hundert Schmähschriften entgegen, die Sauce servierten ihm seine +Stände jede Woche zum Braten. Wenn Dürre war und Hagelschlag, war nicht +auch daran die Frau schuld? Sollten froh sein, die Querulanten und +filzig greinenden Pfeffersäcke, daß ihre lumpigen Batzen so prächtig in +Glanz und Herrlichkeit umgemünzt wurden. Sie brauchte Geld, ja, ja, und +immerzu, soviel Geld gab es im ganzen römischen Reich nicht, wie sie +brauchte, sie schmeichelte darum, bettelte, winselte, drohte, zürnte, +schmollte, trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung, +wenn er nicht wußte, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war +besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein Pfennig +zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, wo die +Schlösser und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie bunte Funken +verprasselten? + +Nein, mit solchen Argumenten konnte man ihm die Frau nicht verekeln. Er +hatte auch dem Brandenburger fein heimgeleuchtet, und er wäre dem +Grobian noch viel schwäbischer übers Maul gefahren, hätte er nur die +paar tausend Soldaten mehr gehabt, die ihm seine Stände niemals, ach +niemals verwilligen würden. Nein, das alles hatte ihm gar keine +Impression gemacht, und wenn doch vielleicht der Knauser, der +ungehobelte, den Anstoß zur Verabschiedung der Gräfin gegeben hatte, so +war es mit etwas ganz anderem, mit einem viel leiseren Wort, auf das er +wahrscheinlich selber kaum Gewicht gelegt hatte. Sie waren, der König +und er, auf einen Aussichtspunkt hinaufgefahren, und wie der +Brandenburger das weiche, wellige Land sah, die sanften, grünen, +gesegneten Hügel mit Korn und Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor +sich hingeseufzt: „Wie schön! Wie schön! Und zu denken, daß ein altes +Weib darüberliegt wie Meltau und Nonnenfraß.“ + +An dem Meltau und Nonnenfraß wäre nun Eberhard Ludwig nicht viel +gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich ihm ins Herz. Er, Eberhard +Ludwig, einem alten Weib verhaftet? Alle Flüche, Drohungen, +Beschimpfungen waren an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. +Aber: ein altes Weib? + +Der Herzog erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz +scharfer Edikte hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe +ihn mit Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich +bis in jede Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wußte er +noch, Lampert hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger Urlsperger +gelaufen und hatte dem von gottlosen, widerlichen und hexerischen +Hantierungen erzählt, die die Gräfin treibe, um den Herzog an sich zu +ketten. Der Hofprediger hatte ein Protokoll aufgenommen, von der Lampert +unterschreiben lassen, versiegelt, das Geheimnis in seinem Sekretär +verwahrt. Der Herzog war darauf gekommen, eine Untersuchungskommission +hatte den Urlsperger seines Amtes entsetzt, die Lampertin mit Ruten +peitschen lassen, sie des Landes verwiesen. Aber der Herzog war +überzeugt, daß nicht nur das Volk, daß die Untersuchungskommission +selber den ruchlosen, scheußlichen Unflat glaubte, der in dem Protokoll +vereidet war. Darnach habe die Gräfin in Genf ein Hemd der Herzogin in +kleine viereckige Stücke geschnitten, in den mit Branntwein präparierten +allerfeinsten Wismuth getunkt und hernach auf freche und obszöne Manier +zu Wischläppchen gebraucht. In Urach habe sie sich das neugeborene Kalb +einer schwarzen Kuh bringen lassen und ihm eigenhändig den Kopf +abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen Tauben gemacht, einem +Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten, anderer ekelhafter und +unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch solche Mittel, hieß es, +habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine Gemahlin durchaus nicht +ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr habe leben können, indem er +Beklemmungen bekommen, sobald er von ihr entfernt gewesen. + +Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s +nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann auf +die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel +schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm +entgegenlachte, damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or, +auf dem breiten Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott, +keine Kälber zu schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu +brennen. Aber jetzt? Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen, +Augen zu sehen. Sie war etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es +Teufelei und ruchlos hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie +kettete? Ihre grauen Augen waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß +zwingend, wie vor zwanzig Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht +verfärbt, und in ihrer Stimme läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag. +Freilich, die kleinen Narben, die ihn damals so ohne Maß gereizt hatten +– die Lästerer behaupteten, die Spuren einer schlechten Krankheit – die +versteckte sie jetzt hinter Puder und Schminke. Ein altes Weib? Sie war +diesmal so schwermütig gewesen, so elegisch. Sie hatte ihn nicht +verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht einmal Geld hatte sie verlangt. +Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre wie ein eintägiges Lamm: ein +altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard Ludwig, nicht. Da könnte er +gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren und dem Land den zweiten +Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und dem Reich und seinem +Parlament in Frieden sein. + +Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, Eberhard Lux, und die Glocken +hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über die +Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und Herrschaften +die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder einzelne am +Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze Landschaft am +Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige, sackgrobe +Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle, kluge, +heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von +Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er +nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte. + +Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er +wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach +Ludwigsburg. Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte +Ruhe haben, sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat +Schütz, mit dem wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals +durchsprechen. + +Ein altes Weib? + +Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort. +Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in +Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner +und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen. + + * * * * * + +Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in +Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse +Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft +geregelt hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben +dringlich zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen +Geschäftsfreund getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen +Oberhof- und Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen +Kurfürsten von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und +anstrengender Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem +Badeort ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit +nach Wildbad zu gehen. + +Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß. +„Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“ +konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak +Landauer. Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas +Pfäffle, ehemaliger Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter, +phlegmatischer Mensch, den er in Mannheim während seiner Tätigkeit in +der Kanzlei des Advokaten Lanz kennengelernt hatte und den er, den +Vielverwendbaren, seither für seine persönlichen Dienste auf alle Reisen +mitnahm. + +Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan, +schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das +Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war, +ein Jagdhorn und ein _S_ darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht +hätte, von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der +Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war +der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine Verbindungen +reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des Kaisers, bis zu +den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der Levante bis +zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten, die die +Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht +natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche, +schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht +schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er +mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten. +Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft +gekleidet, saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes +Detail der Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem +Schleier lag. + +Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den +Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock, +silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis +gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten +Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet +haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem +die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus den großen, +rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die neue Generation. +Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, die Löcher der +Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, Schmutz, Verfolgung, +Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. Und Prunk, Weite, Willkür, +Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur ganz wenige, drei, vier +andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie, übersah bis ins +Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des Regiments über die +Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für +die Zusammenhänge, und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen +Wissen um die feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte, +es gab nur Eine Realität auf dieser Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben +und Tod, die Tugend der Frauen, die Macht des Papstes, zu binden und zu +lösen, der Freiheitsmut der Stände, die Reinheit der Augsburgischen +Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten, +die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit, +Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde +alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer, +wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit lenken, +konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese +seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines, +seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner +Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und +Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des +Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen +Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche +Erörterungen und war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die +derartige Dinge mit elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis +kümmerte er sich nicht darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den +Sabbat wie den Werktag: aber in Tracht und Aussehen klammerte er +eigensinnig an dem Ueberkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner +Haut. So trat er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war +das andere tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte +Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, auch in +Kaftan und Haarlöckchen. + +Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da +saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen +Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue +Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu +haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des +Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und +ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren +Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe +eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich +Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack. + +Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede +Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil +herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen +Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden +Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das +Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute +neugierig und geruhig zu, wie und wohin. + +Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig, +das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es +mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit. +Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und +Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an, +mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber +Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ +zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem dummen, +gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der Rat Etterlin +aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen kannte, mit +einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht, die +Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und ihre +Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das +ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man +humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen. +Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter +gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s +überleben.“ + +Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen +Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er +kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen +Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der +hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen +Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine +Eidechse vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen +Rockelor, forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu +häufen, das Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, +wenn man es nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende +Kleider, Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere +herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte +weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht zeigte? +Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn! +Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser, +gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß +er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter, +der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen Kaiser darauf pochen können: +wenn jetzt gegen die Türken die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so +war des er, der Jud Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die +kaiserliche Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in +bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur +nicht in alberne Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen +herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen +Diener und Kompliment gemacht. + +Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend +uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn; +aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte. + +Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen. +Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die +Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich +eine verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die +neue Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht +einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen, +Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die +Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota +abgelassen, und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit +einem Gewinn von zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich +dann nicht etwa Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten +sogleich weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ +ihm nur zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit +Hessen-Darmstadt hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein +Bruder, der Baron, der Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und +das Terrain genau kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer +hatte mit dem Kopf gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter +von Baden-Durlach, Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren +erbitterte Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere +Münze zu prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine +Stirn, eisern bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses +Geschäft mit Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt +sein Nachfolger mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war +gedeckt durch ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in +Gnaden, aus seinen Diensten entlassen worden. Jetzt hatte er sein +schönes Haus in Frankfurt, in Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse +Liegenschaften, von denen niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten +Teilen des römischen Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den +Ruf eines findigen Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß +Gott, Ruhe und ein Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt +zeigen, wer der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus +selbst seiner Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen +Herren. + +So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu +gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene +Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen, +war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen, +von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und +sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte +also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen, +Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität. + +Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die +Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den +Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit +zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten +hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die +Gräfin nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was +sollte er den Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit, +die Chancen des Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz, +klar, sachlich. Eine gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten. +Sie hat sich jede Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und +Privilegien zahlen lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er, +wenn er wiederkam, mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das +Geschäft hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel, +ein bißchen problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider +hat sie gehabt, wie sie an den Hof kam. Und was hat sie +herausgewirtschaftet? Die Gräfin von Würben, die Gräfin von Urach, die +Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin des Conseils. Die Oberaufsicht +der herzoglichen Schatulle. Achtzehntausend Gulden Apanage. Die +Stammkleinodien und Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und +Privilegien einer reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten +auf Prag, Venedig, Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der +Sekretär Pfau, dreihunderttausend Gulden. Sollen es nur +zweimalhunderttausend sein, ist auch mitzunehmen. Die Rittergüter +Freudenthal, Boihingen, die Dörfer Stetten und Höpfigheim, die +Herrschaften Wilzheim, Brenz mit Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine +gescheite Frau, eine liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es +ankommt. Sie verdiente, Jüdin zu sein. + +„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit +ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe +dem Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf +ihn eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett. +Der Herzog ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“ + +„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von +England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist +assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb +Josef Süß.“ + +Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr +Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu +verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“ +sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im +Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des ganzen +Landes gegen sich.“ + +„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte +den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten +Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was +taugt, hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die +anderen, hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“ + +Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen. +„Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu +fett und alt.“ + +„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort. +Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr +neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, +ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, +die Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie +weiß, was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer +und Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, +sie riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und +es kommt was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu +fünfmalhundertundfünfzigtausend!“ + +Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor. Der +Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak +Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte +in den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz. +„Das sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er +gelassen und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen +half. Und schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die +Zimmer. + +Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen; +aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der, +„auch vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit +seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte +sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart. + + * * * * * + +Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere +Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen +Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend, +freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu +dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht, +elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme, +Hände hingen kraftlos, der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte +jäh und erschreckend. + +Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu +sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht, +ihr aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende +Wort steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich, +war hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder +Zornausbruch oder beleidigtes Schweigen. + +Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt +liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz +tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen. +Jetzt saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung +ausgeschöpft, auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf +ihrem Antlitz klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen +angezündet, losch hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten +Falten, und unter der kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia +– sie hatte die Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie +nach – unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, +nußbraune Haar seine sorglose Frische. + +Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der +schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr +Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, +eiskalte. Er brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war +fest genug; es war klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz +hineinverwickelt würde. Sie war ein Hindernis, kostete Rücksichten in +der Politik gegen den Kaiserhof, kostete Geld, viel Geld, das man ohne +den Umweg über sie bequemer und reichlicher in die eigenen Kassen lenken +konnte. Oh, wie sie ihn durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen. +Pfui, pfui, pfui! Aber sie wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie, +lebte sie, der Herzog hatte noch nicht gesprochen, noch regierte sie, +sie, sie im Land. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe +gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den +Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu Gegnern +gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! Der +Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den wahren Grund +auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken umklammern, wußte +ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der Nadel dagegen, daß +er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick suchte den Spiegel, +mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer in sich +zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden Stoffen. + + Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre / + In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere / + +so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen +Spiegel, sie wußte den Grund. + +Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem +Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf, +raste durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte +Kuriere nach allen Richtungen. + +Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht +gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich +gezähmt. Uebermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie +hatte es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt +mußten sie ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen, +und jetzt war sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war. + +Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard Ludwig +war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut, sehr gut +war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von +Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte sie, +was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte, +spazierenging. Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine +halbe Stunde. Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er +vor. Gut, gut. Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte, +wollte nicht weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen, +warteten auf seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach +wegen des Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen +Vergleich, der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog +war nicht zu erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen +über die Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein +Herzog, kein Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter +seines Hubertus-Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte +das Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten +Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise: +_Amicitiae virtutisque foedus_. Auch die ungarische Tänzerin mußte in +Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene. +All gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem +blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine +Intriganten. + +Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und +Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften +den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue +Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese +Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in +die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem +ihr Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung +über Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht +hätten. Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen +Einkünften des Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld +außer Landes, große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig. + +Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall +die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit +denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin +kreischt, die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher +Bewunderung. + +Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak Landauer +nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im Arbeitskabinett der +Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln und goldenen +Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär, zwischen ihnen +in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute durch, prüfte, +die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier und dort noch +Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin, den zu fetten +Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu, machte +Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer Dörfer +ein ungeheures Darlehen. + +Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll: +„Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für +einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud? +Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin +ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer +Exzellenz das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land +schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber +Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie. +Wollen Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute +vor sich hin, hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um +viel mehr ging als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste, +Hoffnungen, Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile. +„Glaubt Er, daß ich es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu +beleihen?“ + +Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine +gescheite, feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und +Verschleierung, es war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen. +Er schaute sie auf und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah +ihr entspanntes Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf +ihren dringlich fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen +und ein Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein +lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie +unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und +die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand +rührten, die sie noch stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte +sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert. +Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem +hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, hier in der Schublade hatte +sie das Papier, einander in günstigen und in widrigen Umständen nach +Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu schlecht für die Hölle und den +Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche +Verträge und Kumpanei. + +Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen. +Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, +röchelte, weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“ +jammerte sie, „ach Jud,“ zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die +schwere, schöne Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe +hingen tot an ihr herunter. + +Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte +den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte +vor sich hin, streichelte sie. + + * * * * * + +Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall +der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort, +aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches +Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete +gesprochen, man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen: +für eine gnädige Fügung. + +Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde +härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein +neuer Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete +gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von +denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle +Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen +wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen Darlehen an die +Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der Gräfin schalteten +herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar ein scharfes +herzogliches Reskript erschien, das von neuem und nachdrücklich alle +übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen bedrohte, sanken auch +die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde. + +Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage +Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie +wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den +nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die +Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue +Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenizschen +aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht Mitglieder +des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der Vorsitzende und +Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem plumpen, +massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim, bis zu +dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von +Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die +Rechte und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten +Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land +gepeitscht werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu +Weinsberg, haute auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine +kleinen Kinder mit auf die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das +pockennarbige, von der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es +dröhnten stolze Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel +Freiheiten, nur Württemberg und England habe sich soviel +parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des +Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam +nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu +erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde Antworten +hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und blieben nach drei +Wochen vergilbende Akten. + +Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter +Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört. +Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser +sandte ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in +besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen +der Gräfin über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der +verschlissenen Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, +verzeichnete sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre +Hoffnung stieg nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als +sich der ersehnte Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. +Dreißig Jahre saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog +ihr nur den nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, +eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten +untertänige Besuche, aber sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man +zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog brouilliert war, ihn +ärgern wollte. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die +Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut hatte, als sie, die Herzogin, +verbissen in Stuttgart aushielt, Demütigungen, Drohungen nicht achtend. +Das Leben war drüben in Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz +verlegt hatte, wohin er die widerstrebenden Aemter, Kollegien, +Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort hatte er für jene, für die +Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das prunkende Schloß gebaut, +dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen +lassen. + +Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in Gedanken +nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an. Sie +hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den +Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war +für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein +herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar +und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem +wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die +Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der +intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar +nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte: +sie hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. +Ueberdies hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst +später bei einer Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte, +entzündete er sich. Sie sah noch die frechen, nackten Brüste, mit denen +die Person in dem koketten Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und +seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehaßt hätte. +Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja klar; sie +hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß ihr damals auf +die Schokolade so schlecht geworden war, da war das Gift der +Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung hatte sie vor +Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen lassen. Für +jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine verfluchte Hexe, +Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor der Zeit +eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs genesen? + +Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und +Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß +mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches, +verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem +weiten, ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die +Nachrichten, die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig, +zäh, spinnwebfarben wie sie selber. + + * * * * * + +Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der Ewige +Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen durch +die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen haben, +zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von einem +seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und ein +merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen sei +um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so +höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung +von ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie +Reißen durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden +gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der +Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte +Instruktionen. + +Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er +sei Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt, +verordnete, man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen. +Aengstlich neugieriges Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig +Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig, +gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz warf er sich nieder, heulte, +schlug sich die Brust. Im übrigen handelte er mit Kleinkram, und man +kaufte ihm viel ab, Amulette, Andenken. Schließlich vor den Magistrat +gestellt, erwies er sich als Schwindler, wurde gestäupt. + +Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich +nicht der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt, +einen soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er +habe ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur +sein Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man +habe eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an +allen Ecken des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten. + +Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er +drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen +Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber +seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen +Dingen befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun. +Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow, +als Kind, war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der +Schäferin, die die Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse +Wetter hergewünscht. Sie hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte +sie hinausjagte, heimlich zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, +und ganz im Innern war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre +bloß davon her, daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, +das die zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen +hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den +Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn +sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte und den Freigeist, so +mischte sie doch in der Stille gespannt und schwer atmend manches Rezept +zur Erhaltung der Jugend, zur Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die +Juden ihre unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem +Finanziellen magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das +nicht zu durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von +Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern +verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie ihn +gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und drehte, +und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not verließ, so war +das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht von ihm. + +Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz +gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln +zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem +Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle +keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen +– dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, +der sich bewährt habe, und an den sie glauben könne. + +Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr +Ansinnen und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein +zuverlässiger Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld, +Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft, +wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen, +sprechende Papageien: aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden +hernehmen oder einen soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt +machen konnte? Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen +geschickten Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte +schließlich diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht +übers Ohr hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu +riskant. Die Landstände haßten ihn sowieso, sie hätten ihn mit größter +Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den Scheiterhaufen gebracht. +Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen seine Gewohnheit verstimmt und +mit einem widerwilligen halben Versprechen. + +Er ging zu Josef Süß Oppenheimer. + +Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte +nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem +Nichtstun; er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn +er nicht Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung +auslösen, in Bewegtem wirbeln konnte. + +Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon +als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in +Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem +Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer +jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen +mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von +Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog +mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele +Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen, +leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders +als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher +schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren. +Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege +stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr +Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war +verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war +stolz darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller +großen Damen von Angesicht zu Angesicht zu kennen. + +Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier +Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der +Vater starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der +Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt +verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf +sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen +Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert +und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward +zwischen Stolz und Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo +er die Rechte studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen. +Mathematik und Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der +Jurisprudenz, die die Professoren sich in mühsamer Theorie +zusammenklaubten, stak ihm in den Fingern. Viel wichtiger war es ihm, +mit den adeligen Studenten zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine +Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür +die ganze übrige Woche den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und +mehr: dies war seine Profession, große Herren zu traktieren und mit +ihnen umzugehen, ihr Efeu zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen +und Lüste der Fürsten hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, +zur rechten Zeit den Samen seines Willens in sie zu senken wie der +Obstspinner seine Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich +dem Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer Hand +auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr +Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung, +Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es ihn, wo seine Schwester in +stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, nicht in den Kontoren seiner +Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten, +nicht in der Kanzlei des Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus +seines Bruders, des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ +geworden, Baron Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue +Frauen, neue Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, +Venedig, Prag. Wirbel, Leben. + +Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte +nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak +Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische +Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut, +mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der +Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige +Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen. + +Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er +zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren, +Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, +den er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker, +gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den +ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen, +Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden. + +Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin +auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war. +Er mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er +auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter +geerbt, pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen, +daß seine Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche +dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; +häufig auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für +einen Herrn seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der +kleine Mund mit den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel +Lachen verzerre, und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit +der glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß +er auffiel, er brauchte Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und +eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs +Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen +unter den gewölbten Brauen fliegende Augen genannt hatte. + +Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer anderes +Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett immer +neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis, ein +ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte, hielt +Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte +keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn +hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in +Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte +das Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken +gingen scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr +selten schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend +an. + +Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen +lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar +Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland +als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber, +hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste +Konversation, man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und +Rauheiten abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz +zu vermeiden wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten +die leisen Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer +Schichten, wer hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war +hundertmal instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland +konnte man mit Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der _à la +mode_-Kavalier bei der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, +wollte er nicht als rückständig angesehen werden. + +Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese +auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum. +Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben +der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der +Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der +jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue, +elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war +der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er +renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die +Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern +Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er +durfte, wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der +Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr +zunächst sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere +Freiheiten nehmen. Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem +Amsterdamer Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei +einem Streithandel mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen +bayrischen Herrn, schnitt er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich +aus Wildbad trollen mußte, er erwirkte dem Gärtner Kredit für neue +Parkanlagen beim Badehaus und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er +hielt am Spieltisch, als alle deutschen Herren sich ängstlich +zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als einziger Widerpart und verlor +lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler, +der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte. +Er antichambrierte täglich beim sächsischen Minister – der sächsische +Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und tief gebückt, während +der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, grußlos +vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem Spott +der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung der +großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land +bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub. + +In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den +seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen +bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer +seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das +Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu +sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen +adeligen Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu +solchem Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom +Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß +die Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen +Magus oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei +sich zu sehen. Dann schwieg er, wartete. + +Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich +zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub, warf +ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins Geschäft +zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das +Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein +eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die +Sicherheit verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, +Trübungen weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt +aber, wie Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl +unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich +herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn +herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend +prickelnder Spannung. + +Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung +unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab +gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“ + +Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau +und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er +zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang +ihn, sich damit auseinanderzusetzen. + +„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete, +„ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er +sein.“ + +Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten +gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß +solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der +Kabbalist, der Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem +Nebel, der einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte, +der einfach durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, +seine Wirklichkeit entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig +machte, auswischte, der sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht +gut, nein, nein, es war bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen. +Er wird an das Verkapselte rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck, +Zwiespalt, Dinge, die sich jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen. +Nein, nein, die Geschäfte waren hier, und jenes andere lag dort, +behütet, fern ab, und es war gut so, und es sollte so bleiben. + +„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der +andre sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit +der Gräfin.“ + +Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer +Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie +und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen +Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der +Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt +an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog heran, von da zum Prinzen +Eugen war ein Schritt. Er sah hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites +rückte ganz nah. + +Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man +preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den +Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er +glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich +in Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich +in einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle +Schwimmkunst vergebens. + +Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh +überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein +Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber +ganz im Dämmer, nebelhaft. + +„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig +weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb +Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja +nur Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß +auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der +Gräfin.“ + +Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die +Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit. +Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine +Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja, +damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, +am kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche +Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es +nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise +Glanz, Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals +und hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der +Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge, +Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von +ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen, +verschachere. Wie hatte ihm da wieder seine Phantasie, die +galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er +den Alten, nichts weiter. Und dafür die Verbindung mit der Gräfin, dem +Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr wäre er, wenn er nicht zugriffe, +weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein wenig unbehaglich war. + +Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an +sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun +forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere +unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen +sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß +zurück. + +Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er +nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte, +sowie er den Diener weggeschickt hatte. + + * * * * * + +Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch +fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen, +versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma +seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen, +klebte er daran, harzzäh und gleichmütig. + +Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne +erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz +wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um +Wendung, unentrinnbar, unerregt. + +Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als +sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug +sich in die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er +ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die +Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte. + +Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart +von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten +sie ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, +und langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. +Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger +Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern +gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund, +wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie +sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht +zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen, +dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer +Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte +kenntlich machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht +zu fassen, und doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war +immer das gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war +gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen +zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler, +beklemmender Reifen um den Kopf. + +Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der +Ursache. Ihm genügte die Fährte. + + * * * * * + +Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei. +Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein. + +Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete der +Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans +Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh, +erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee +schmerzte das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau, +schlossen in starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich, +vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche, +Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der +sperrende Bogen der vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher +die nackte, breite, zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein +anderer, alles endete in Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, +bildeten geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem +leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte Schwung der +beschneiten Gipfel. + +Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse +Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen +trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen +Kopf, sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende, +hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht +hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die +Hand gestützt, kauerte er, schaute. + +War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern +Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung +haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein +menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer, +bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er +suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort +und Unendlichkeit. + +Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig +gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen +Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale, +und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit +sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht +den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein +Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die +Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt, +es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid, +und wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische +Mensch innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und +wie am Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder +sind und uns das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der +Haut unseres Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind +die Sterne und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, +und der Weise liest sie und deutet sie. + +Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende +erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden, +haben sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im +Gesicht des Menschen. + +Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein, man +zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen. + +War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der +höhnisch blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd? +Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war +dies das Antlitz, das er suchte? + +Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war +von dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über +der Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen +Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai. + +Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in +der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten +unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr, +ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals. + +Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen +Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des +zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den +Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer +Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff, +begriff. + +Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich, +erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer, +gefaßter Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal. + +Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch +entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht +gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel +schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß,“ sagte er, so leichthin, als +wäre ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er +Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich. +„Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel. + + * * * * * + +Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten +gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett, +die energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie, +die sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren +Zofen sich massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ +in der Nacht die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende +galt; aber das schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht +ringsum, stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist, +den Isaak Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht. + +Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst. Der +Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem +Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende +Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum +Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in +Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen +Elfer-Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die +Ungarin ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am +Abend gar empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den +stiernackigen Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin. + +Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah, +Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins +Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige +Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem +Uebel! und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen +Deutschland herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den +populärsten Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr +empfangen. Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch +groben Späßen. Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem +Zusehen. Nicht einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in +rasender Hast: Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie +selber, nur mit einem Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte +sich nicht die Zeit zum Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans. + +Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich +kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den +verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot, +flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die +Gräfin ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die +Frau! Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib! + +Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick +eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. +Halten. Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende +Herz. Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner +Irrtum des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende, +Ausbiegende, Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand +kriegen. Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein +anderer dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen +einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe. + +Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte +über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin, +er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den +Osiander hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich +erlustieren an den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch +ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin +vor dem grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem +schweren Rock, schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt! +Kam da einfach angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein +zwielichtiges Nichtein und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit +der Herzogin, Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder +nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja, natürlich, es sei Geschwätz. Sie +aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein +Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen, +lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard Ludwig +ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die Teufelsfrau! + +Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie +erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen, +hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich +grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten +Pferden. In Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war +fort, nach Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche +Prunkgefolge erwarte er außer Landes. + +Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die +Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten +Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August +und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit +den Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen +Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas +Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum +Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform, +nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris +aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten die +mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und versicherte +in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem Französisch, ein +Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro Exzellenz +Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und seinen +untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu +speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot, +wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und +ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie gestikulierte +mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, er +sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können, doch er +sei an strikte Ordres gebunden. + +Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr +den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf +ihre Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter +auf. „Er Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos +lachend. Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, +hellen Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. +Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen +klang, wie gut sie spielte. + +Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen. +Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß +Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den +Befehl Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein +gedrechselten Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre +ihrer Gegenwart habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern +Aussicht allerhöchsten Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die +Mahlzeiten zusammen. Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der +sich unter jedem Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, +für die Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den +komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden in +aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes praktizierten. +Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß er eine fette, +alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und Beflissenheit +hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit hundert frechen +Anspielungen gewürzte Konversation, und er wartete mit Spannung, wie +weit sie die Auflehnung gegen den strikten Befehl Eberhard Ludwigs +treiben würde. + +Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin +mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch +Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten +von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit +seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin +den Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann, +mit einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel +ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ +er sich wieder bei ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie, +ganz stille Hoheit, erklärte, sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu +ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren dort hatte hinkommen lassen. +Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst +vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal, +lehnte ab. + +Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der Geheimrat +stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre Pferde +anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die +herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu +höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog +ihrer Kutsche nach. + +Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und +Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare +Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc +Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, +das die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien. + +Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen. + + * * * * * + +Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte +er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher +Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich +angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief +zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“ +pflegte er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste +Sud des Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So +wollte er ihre Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie +früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen. + +Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des +ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte +Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen +Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein +Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen +mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild. +Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig +belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich +ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl. +Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem +interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten +der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen. + +Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas +abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das +offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem +schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in +der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein +Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses: +auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl, +ein Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug +erbeutet haben. + +Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch +schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den +riesigen, eleganten Mann. _Mille tonnerre!_ Das war nun wirklich ein +Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm +nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak +Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und +Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb +Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“ + +Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im +westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und +Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel +herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden, +mit Behagen die heimatliche Luft. + +Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem +Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht von +Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock, vergnügt, +mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune auf dem Boden +hockte. + +Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er +Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in +Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte, +war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe +Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein +gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein, +auf der Jagd. Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie +erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen, +Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in +Belgrad und im Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen +Regimentern, Ritter des goldenen Vließes. + +In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er +fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung +von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und +das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die +serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte +auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine +Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die +Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr +von seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten +Gebiet war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als +irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien. + +Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war +es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche +Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als +kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und +Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin +von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der +gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf +vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere +Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen +Marstall nicht mit Schindmähren füllen. + +Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und +Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den +Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen +Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die +Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers +hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt +waren sie schwierig, beinahe unverschämt. + +Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er +kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in +Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann +Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft +geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer +Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde +Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß +machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte +Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die +neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer, +lebendiger Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief, +funktionierte sie um so besser, und der ganze junge Adel Europas +studierte in den staatsmännischen Zirkeln der Republik die Routine der +hohen Diplomatie. + +Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen +vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule der +Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz aber +stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt +ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der +Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die +jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives +Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen, +täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten, +liebenswerten Menschen ungefährdet durch die Strudel des wilden und +bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln +bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit, +soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das +gab es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte, +liebte in den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte +offenbar gar nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine +offene, leicht überlegene Zuneigung. + +Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden +Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen +mitteninne in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß +draußen an der Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter +General, von den Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und +wohlwollend belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging +behaglich und geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war +allein sein Geldmangel. + +In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich +eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine +Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität. +Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten +lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf. + +Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu +geben. Er versprach, den Fall zu überdenken. + +Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park, +schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem +Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen. +Vielleicht könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich +sein. Sie schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche. +Sie hatten dem Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg +katholische Messen gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung +an Glanz und Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand +so viel zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit; +immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen +Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg +buchen, ohne ihn zu überschätzen. + +Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht, +mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden +geübten Herren verständigten sich mit halben Worten; es war ja so +leicht, ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an +protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der +war durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war +kleinherzig, knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie +bestimmt ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den +Geheimrat Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird +das sicher zu Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt, +kahl, naiv erbittert über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man +eine katholische Prinzessin auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa, +die Thurn und Taxis, und die Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und +Weihrauch und Gloria. + +Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die +beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis +schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten +Weinberge. + +Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe aus, +und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu +sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu +erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben. Das +Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich +formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien. + +Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld, +in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den +Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die +Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach +dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer +doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so +behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ, +kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen +Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin +anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm, +Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef +Süß Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen +den Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der +Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn +so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt +schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes +ungarisches Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur +des Prinzen zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß +durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der +Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er +guter Laune war, entschied er sich zu lachen. + +Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die +Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller +aus, als er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm +Wohlgefallen und Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit +des Maskenfestes es erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen +– solche Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe +aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische +Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends +behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten +Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug +an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines +Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren +lustiger Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der +hochmütige sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab, +nur der junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm, +wollte zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die +Wirtin, die Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und +nannte ihn unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander, +den schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill. + +Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur +einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie +ein paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners +hatte er vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter +Strohhut seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der +Generalstaaten. Er schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem +Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese +offensichtliche Mißachtung in guter Haltung hin, lehnte bescheiden in +einem Fenster, sah zu. Der Prinz erkundigte sich nach dem Herrn. +Achselzucken: es war der Jud, der Frankfurter Faktor, Josef Süß +Oppenheimer. + +Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette +Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist +gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er +lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn +aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele +Blicke folgen ihm: „Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit +Seinem Dukaten?“ Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, +schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen schmeichlerischen +Frechheit ins Gesicht: „Da wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn +ich recht weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit +Prügel gekriegt und der Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht +schallend: „Hör’ Er, Er weiß Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in +Versailles gelernt.“ Die Florentinerin drängt sich herzu, eifrig: „Er +war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß, bescheiden prahlend: „Ja, ich +kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er spricht mit größtem +Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch Freunde Eurer Hoheit. Den +erhabenen Prinzen von Savoyen.“ + +„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander +interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber +die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für +die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“ + +„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte +ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring +der Gäste zutrat, die sie umstanden. + +Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später +saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es +Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, +schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. +Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas +benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er +hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis +gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. +Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen +Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, +gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der +Prinz nahm an, gewann. + +Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben, +ihn beim Lever vorzulassen. + +Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen. + + * * * * * + +Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die +Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte +er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst +schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß +staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin +in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre +Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert +waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte, +schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. +Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte +schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er +nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die +Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt +doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den +Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“ + +Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen +das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die +Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller +Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel +imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm +auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange +kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb, +war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war +gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht +besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich, +dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück, +der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im +Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander. +Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt, +dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten +die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er +vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit +allem, was er war und was er hatte. + +Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um +ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß +beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich +erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der +Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie +solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und +beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch +Süß geschlafen hatte. + +Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und +ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem +er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm +der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends +dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie +hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede +kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine +Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, +alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn +zu binden. + +Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde +kommen. + +Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten +nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion +Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des +Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur +mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch, +in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor +und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte +in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, +Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte. + +Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde +Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so +altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und +unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar +wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien. + +„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige, +mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er +hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose, +hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte +ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des +Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung, +schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen +prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem +dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten +halten mochte oder für einen Bürger. + +Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend +hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf +und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und +schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt, +daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er +habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut, +wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so +tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei +Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich +auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch +das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim +besser verstehe als er. + +Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft. +Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen, +blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht +über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er +sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den +Anfang des Gottesnamens, Schaddai. + +Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu +erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen, +wissenden Augen, und schwieg. + +Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das +Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und +unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen +Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas +Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er +sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so +unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, +die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er +sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so +entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den +unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und +wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte, +sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag. + +„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es +macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die +Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der +Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten +Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß +segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich +sieht.“ + +Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz +gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze +mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die +Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel +auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln. + +„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu +beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“ + +Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als +kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen +lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte +finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen, +unmodernen Rock. + +Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein +sitzen wird wie jetzt. + + * * * * * + +In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger +Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges +Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen +Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern +schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich. + +Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus! +Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in +Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. +Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht +fürs Bett getaugt hat.“ + +„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte. +„Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn +mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller +mehr herausgeht.“ + +„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich +Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein! +Schlag ihn!“ + +„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“ +versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da, +quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene +Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt +mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. +Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist +nicht wichtig.“ + +Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete, +brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach +dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war +schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, +drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben. + +Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des +herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie +bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und +ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die +Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um +die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze +Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig +züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß +des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte: + + Der itzt den Feind vertrieben, + Nun danket Gott nach großer Not! + +und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz +senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die +Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die +böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen +alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am +Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten, +bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das +herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das +italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! +Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den +Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben +die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst +gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll +kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der +Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt +hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin! + +Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und +schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er +ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf +dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er +ihr vom Blut des Herzogs verschaffe. + +Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem +der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen +schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut +nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer +war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten. + +Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete +er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu +Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht, +daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die +achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und +sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben, +er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es +war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem +Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit +tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog. + +Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick +starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig +Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch +die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er, +er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel +betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke +von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom +Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, +zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig +Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog. + +Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde, +schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft +und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft +gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, +rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, +die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich +Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist +ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller +Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und +allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere, +Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an +keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg. + +Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein +und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit +rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem +Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das +vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten +sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem +abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte +sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und +lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der +neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige +Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben. + +Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit +allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch +den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank. + +Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches, +wichtiges Gewese hub an. + +Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in +dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten +alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem +Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die +Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen +tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz +sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz +sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete +gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich, +überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht +empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht +bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt +und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die +Frau Gräfin selbst zu sprechen. + +Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene +Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst +salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte +mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich +scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei +reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der +Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und +er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann +werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte +sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer +Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen +müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch +sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst. + +Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum, +verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als +der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand +zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher +Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, +er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter +Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde +Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier +unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den +Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie +die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er +sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands +fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr +schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand +wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, +ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie +in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag +wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem +Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden +hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und +Gut, und beteten für ihre Schützerin. + +Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem +Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab +sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und +verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs +verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur +dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische +Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die +Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal +verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in +Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus +noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten +Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn +nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak +Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der +Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in +Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren +der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter. + +Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und +bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann +aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den +Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese +Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte +man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem +Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: +Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner +Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. +War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er +anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in +bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er +bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom +Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben +aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft +ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt. + +Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre +Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für +alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung +Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden +hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden +niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche +Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin +unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und +auf den Schindanger geworfen. + +Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, +eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie +ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der +Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er +eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, +werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, +ihr Vermögen anzutasten. + +Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an +günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt +hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes +Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter +des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in +solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, +Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen +und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das +Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte +ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu +flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf +Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs, +als sie das Herzogtum verließ. + +Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre +Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter +ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat. + +Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der +Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte. + + * * * * * + +Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat +und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast +eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs. +Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke, +weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs +mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler, +undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die +Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen +Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer +Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der +Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um +ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner +kunstgerechten Verfolgung. + +Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten +unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische +Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von +Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen +Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein +ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten +Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, +wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg +Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis +jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über +Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im +landschaftlichen Ausschuß. + +Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl +erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit +und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein +Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner +Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die +Nerven hinaus ins Herz drang. + +In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und +schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig, +bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr +merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh +gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des +Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter +Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs +hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben. + +Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller +Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum +Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine +Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die +blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit +Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges +Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem +stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die +Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, +auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der +Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft +vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt +in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle +teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem +dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön +mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, +Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium +Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift +Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und +Erweckung fließen lasse. + +Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie +grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft +zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das +die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm +einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle +schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem +Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht +daran vergiften lassen. + +Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und +sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten +Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär +und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie +es Dienern Christi ziemte. + +Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu +sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee +kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der +untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume +Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten +des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, +soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die +Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei +des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, +nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die +Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd. + +Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die +Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem +Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft. +Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei +es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu +gewähren. + +Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam +der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht +ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch +alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet. +Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter +Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob +die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen +seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den +Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das +eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte +seinen Kaffee. + +Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht +verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das +Geld geben oder nicht.“ + +Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik: +„Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt, +nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche +Haus.“ + +Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll, +einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen. + +Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam, +war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die +Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe, +polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er +führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und +Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und +verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei +Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, +das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die +paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der +andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen, +geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble +Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch +gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es +praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der +Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja +schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und +wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man +dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und +sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der +Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das +Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen +den sympathischen Prinzen bedeuten solle. + +Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel, +schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie +am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt +geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir +brauchen sie. Das war etwas. + +Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls, +Hoheit, wurde abgelehnt. + + * * * * * + +Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend +pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte +eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt +schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf +niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden, +Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom +ewigen Juden war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die +Papiere des gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war +legalisiert von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van +Straaten, er hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden +Vorschub zu tun. + +Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast +gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam +den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an, wie er da so endlos auf +das Geld von der Landschaft wartete, und er begann sich zu langweilen. +Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele andere große Herren +mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund, +der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen. +Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt +an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz +verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten beibringen +und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte, Rabbi +Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich +fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen +Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich +zwanglos eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte +lachend sein Einverständnis. + +Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins Schwäbische +bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus gefunden, +ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald, weitab von +den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“ + +Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen +Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und +deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst du, +daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit, +daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des +Süß, er sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war +zornig auf jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen +Menschen zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten +kreisen, bis aus diesem Stein Leben sprang. + +Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in +Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah, +Er hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte +sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam +den Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen, +trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde +Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis +Süß es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, +mein erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der +Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der +geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist, +kann Gold machen, was?“ + +„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“ + +Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den Schenkel. +Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten Nase +starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit +traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders +vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er +gewissen magischen Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so +dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer. + +„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach +einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er +gebrauchte jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe +weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches +Jahrgehalt wird zu beschaffen sein.“ + +„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist. + +Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich +um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte. +Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt +zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge. +„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem +bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die +Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr +Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres +fleischig, fett, kurz. + +Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können. +Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen +halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender +nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch, +erlaßt es mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist. + +„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in +Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten +gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um +Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich +kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der +andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr +Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“ + +„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die +Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß +der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei +Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher +Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt +zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein +vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend, +schrie er herrisch: „Rede!“ + +Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in +die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es +hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag +ich Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“ + +Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „_Mille tonnerre!_ Ihr +gebt’s dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie +sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so. +Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich +mein Vetter freuen.“ + +Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich +an Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem +Prinzen, ging. + +„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und +versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn +entschuldigen, Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte +sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein +Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“ +schloß er, wieder beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war +um so erfreulicher.“ + +„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien +des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“ + +„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für wichtig +hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das Leben +anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das +Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für +unsereinen und überhirnisch Zeug.“ + +„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit. +Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin. +Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und +denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau +Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder +mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine +Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut +lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich +stehe Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was +ich habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den +Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst +vor ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte +die Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und +strammte sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“ +sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff +Er sie mir, Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht +hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“ +Und er lachte schallend. + + * * * * * + +Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem +soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig +Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie +ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor +er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt +saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte +unmerklich von ihm ab. + +Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften +Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, +der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen +Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer +Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines +Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, +Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit +gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben +ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die +weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger +Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht +spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick +des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen +gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme +Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden +Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, +lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, +ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen +Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, +gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund. + +Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die +Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an +die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn +und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, +ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre +Straße, die gesäumt war von Bewunderern. + +Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft +erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu +den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den +Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der +junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte +Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt +vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute +in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht +bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin, +dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene +Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit +ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem +leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die +Huldigungen des Abends. + +Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung +gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher +Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler +Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in +seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. +Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute +besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und +Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das +Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz +saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des +Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der +gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen +Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein +Darlehen ablehnte. + +Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild +hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten +ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und +hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier. + +So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm +den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm +dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! +Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen +Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich, +daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den +Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden +nicht leiden konnte, wich aus. + +Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt, +machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er +trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte; +Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch +wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er +ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der +Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder +abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß +geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend +auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber +angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“ + +Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und +schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige +Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu +versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß +elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl +plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ +Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem +Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen +auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen +und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das +schallende Lachen des Prinzen und der Diener. + +Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten +solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man +mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte, +überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, +ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden. + +Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der +unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am +Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von +der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr +Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche +und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und +hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in +seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen +abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger +dienen werde. + +Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich +den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, +neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen +schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit +der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im +römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine +insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz +katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, +dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er +halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das +viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben +Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen +Kaffee. + +Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel +noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch +das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch +wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, +lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs! + +Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus +mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die +besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in +Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den +Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern +und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden +in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er +jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende +das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der +Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen +Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die +Regensburgerin auf alle Fälle. + +Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune +entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ +erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn +ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ +„Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut +schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller +Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der +Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich +mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich +möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa +Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln +kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und +Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte +überschwänglich. + +Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen +Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der +Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung +noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber +hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt. + +Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit +empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn- +und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm +von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr. +Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren +liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und +niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in +Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte +kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, +stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen +Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander +gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht +soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon +Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, +keinen Verstand. + +Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem +taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen +artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des +mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus +feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den +Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter +Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll, +eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine +Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den +lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem +schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete. + +Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders. +Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen +Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem +er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ +bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl +Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube +nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die +Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von +ihm die Rede gewesen. Und alle lachten. + +Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger +Geheimrat Kaffee. + +Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin ausnehmend. +_Mille tonnerre!_ Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß einem Ball +präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn und all das +wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man Staat machen +konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten +mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs der +Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein +Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur +repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund! +Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich +halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der +kleinen, geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz +Donner, die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der +manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine +Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure +Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich +nicht erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie +gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn +aufzog und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und +die da. Da wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, +brauchte sich keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib +wird schöner sein und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche +Mätresse und ihm den Beutel füllen, nicht leeren. + +Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte hochatmen +vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich +ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden. + +Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden +andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden, +gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau +ohne große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin +tauchte ein in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln. + +Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden. + + * * * * * + +Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert, +vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben +Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der +dick und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis +durcheinandergewirbelt hatte. + +So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und +der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um +wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich +trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und +selbst Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige +kleine Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen +suchte, mußte zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können. + +Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte, +bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber +fand er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er +veranlaßte den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen +Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem +Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich +installiert sei, und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem +als nach Versailles schmecke. + +Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem +Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes +Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock +gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht +gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen: +Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an +Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt +lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine +Truppe in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln. + +Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß +ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors +hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum +großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem, +silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den +Gästen herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete +Neuffer. + +Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die +Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre +Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern, +den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach +wenig. Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der +Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als +die Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige, +kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft +mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie +Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander +faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der beiden Damen +mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit. + +Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart +gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen. +Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium +ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den +Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte +nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe +bekam. Ein glückliches Zeichen! + +Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen +Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die +Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere +Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer +dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der +Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den +Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von +lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der +fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden +wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. +Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie +Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall. + +Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz +glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die +Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“ + +Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden +gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er +Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im +allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin +meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich +ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht +dabei gewesen, versicherte der Geheimrat. + +Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich +und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus +ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn +vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist +ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl +Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und +Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während +er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, +lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden +für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen +Kabinett in den Hauptsaal zurück. + +Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl, +dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen. + + * * * * * + +Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die +Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und +jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander +bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt – +Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische +Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an +diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im +Herzogtum nicht ganz unschuldig war. + +Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr +des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der +Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war +voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem +spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, +ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich +voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich +Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel +werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner +Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen, +und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er +ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel +zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der +Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und +dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele +Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt. +Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt, +seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und +er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten +hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen +für späte Generationen. + +Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf +den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und +Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem +ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven +Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, +eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte +Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen. + +Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt. +Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl +für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für +die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man +beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft +nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der +wohllöblichen Versammlung doch selber niemand. + +Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott +sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht +beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik +auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen. + +Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus +unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder +Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem +frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer +Freiheit die geringste Gefahr. + +Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein +bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur, +unverbindlich nur. Immerhin. + +Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng +verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte +schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der +äußersten Not. Nur dann, nur dann. + +Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer, +wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges, +finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, +war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter +Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl +Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die +Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus +und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er +knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, +mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer +mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader +Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, +wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er +hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm +ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das +mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle +Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen +Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das +Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen. + +Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte +weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um +Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe +Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus +Evangelicorum habe man auf seiner Seite. + +Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste +Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich, +machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als +Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener +Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen +Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten, +tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie +persönlich durch den katholischen Prinzen. + +Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls +verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen +Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in +aller, aller Heimlichkeit. + + * * * * * + +In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut, +Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen +Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem +Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die +besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl +Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der +Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig +leuchtend unter der weißen Perücke. + +Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine +Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen +Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz +alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die +Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in +blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des +päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, +einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile +überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer +deutbares Lächeln in den Dom. + +Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und +Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen +Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der +Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der +Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie, +daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur +auf seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der +Jude feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und +gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt. +Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr _à la mode_ wie die ihres +Mannes. Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt +der Jud mit seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren +Nacken unter dem Brautschleier anstarren. + +Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der +Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel. + +Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen, +bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen +sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, +Jägern, Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, +Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die +Donau hinunter. + +Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat +Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß. +Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich +gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker +heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern +Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der +Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was +sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant +und in einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude. + +„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so +elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute +Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich +kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes +Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er +ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu; +„er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und +schwarze Kunst.“ Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi +Gabriel. „Da hat er mich schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! +Da sind noch zwei dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd +war er, wie er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob +seine Herzogin noch so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch +Kinder kriegen wie Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte +ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern +die blaugrünen Wellen hinunterglitt. + +Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach +Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, +das schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden. + + * * * * * + +Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine +Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie +Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen?“ + +Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben, +unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt. + +Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er +hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut +über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, +drohend, unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab. + + + + + Zweites Buch Das Volk + + +Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert +Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im +römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter, +gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer +Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er +schlecht, so war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An +zehn Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den +herzoglichen Renteien. + +War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen kam, +Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land. + +Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten, +von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land. + +In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück +Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet +eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß +die Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort +noch Letztes zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak +Landauer und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der +Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum +Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die +kaiserlichen Räte ertiftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken, +Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart nach +Wien, in Regensburg der alte Fürst Thurn und Taxis blinzelte herüber, +und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und Remchingen, sein +Freund und General, wogen große Pläne. + +Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen +ihre großen, stummen Schatten über das Land. + +Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag +gesegnet. + + * * * * * + +In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und +gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu +Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen +römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises +Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu +Fuß. + +Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom +Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische +Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele +Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants. +Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und sauer +Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert; +und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß +erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt +dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die +Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer +künftig in Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik +wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau. +Aber sie war so ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur +mehr ein Geschäft auf der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu +kochen. Noch saßen die Verwandten der Person an den Futternäpfen des +Herzogtums, noch glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch +zog sie durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer +Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an +sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz mehr, +galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von neuem +peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und Reich. Die +Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem Erbprinzen, +sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die Herzogin, sich +jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht ablassen von +ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird nicht +schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer +Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und +drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten +aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die +Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht. + +Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen die +Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur +mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht, +Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und +ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das +Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man +fluchte auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie +das alte festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland +erschüttert und manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge +zu erlangen, verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof +nicht zu erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen, +auch habe gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und +immer tiefer in den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender +stieg der Herzog, und die Weiber wischten sich die Augen: Und so +prächtig war er, und so freundselig sprach er mit jedem, so ein guter +Herr, so ein schöner Herr! + +Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da +wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände +und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große +Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie +fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der +dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, +und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt +Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen +tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der +Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, +hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein +Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich +seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, +kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien. + +Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war +nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten +Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der +Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, +eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war +schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in +goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in +Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden, +barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof +und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwölken zu sehen wie +Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke tragen, es war gegen +die Mode, aber sie wird es doch tun, und die Krone wird klein und hoch +und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die +nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme +eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, +und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, +tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein, +deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man wird +ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb bewundernd +die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die Herzogin +beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres Kreises stehen, +der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen. Ah, es war gut, +schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut, Herzogin zu sein. +Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und Kronen und +Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu leben. + +Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl +Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe +Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem +schönen, kleinen Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er +eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die +Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen, +tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat +Weißensee zu ihm gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des +katholischen Bruders den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit +beiden Händen zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen, +daß der Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge +als Phantasien betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein, +mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden +Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die +Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte werden +können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der Feldmarschall +von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein unzweideutiges Schreiben +ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen +Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und verschüchtert +zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen zurück, ja, er +vermied in großer Angst jeden Umgang mit Weißensee. Jetzt, wie er den +Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte, phantastische Geträume +wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern, groß erregt, ging der +schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum, dichtete sich zusammen, +was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen mehr Initiative hätte, +wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister +bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an +das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das +Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken +wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert +über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen, +warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete +sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend, nachdenklich +und befriedet, wieder ein. + +Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder +Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel +Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem +stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene +Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich +rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner +ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat +überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, +verwarf, genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen +Intrigenzettlers und Projektenmachers. + +Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem +bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und +Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung +und große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land +fest bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es +locken, gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird +abspenstig machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und +großer Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst, +seine Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß +das Volk fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr +Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten +Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot; +aber sie hatte große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor +Gott und den Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu +Gott, sie schlug die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand +nur den Spruch: „Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, +was ihr nicht essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den +Sperber und den Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei +aller Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen +der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters +und dem Strauß und dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften. +Sie beschloß, das Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der +Erweckten, der blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst +aber betrachtete sie, Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich +kühnen Antlitz, den Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst +angeregt, das feine, lebendige Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung +auf und nieder ging. + + * * * * * + +Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich +die elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im +Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der +Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis, +man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht +hören. + +Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach, +daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in +Dreck und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt, +an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war +durchaus kein Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an +stumme, blinde Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen +Räten durchaus nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit +seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, +bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr und +Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein +Despot war wie nur je ein heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und +Höllensabbat haben mit diesem Leviathan. + +Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von +seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten +den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da, +zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über +dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische +Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem +Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so +wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran +rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen +vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen +Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der +Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu +wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen +Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch +nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und +wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O +klares Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste +Verfassung und Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene +altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzogen solchen Maulkorb +angehängt. + +Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident, +die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte, +erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob +Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge +Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron +übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner +und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte +beauftrage. + +Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter, +dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege, +die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich, +den Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und +Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe +Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen +Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt +wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen +Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen +zwischen Herzog und Landschaft herzustellen. + +Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst +der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze +ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers, +anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde +sie in Ruhe prüfen. + +Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch, +tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust +zettelten? Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast +unmerklich ein wenig von ihnen ab. + +Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im +Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein +Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft. +Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat +ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen +Partei, ließ die Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen +Protestierenden auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, +der Bruder der Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik +ausgeschaltet hatte, sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und +Ministerpräsident, in Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und +der Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und +Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau, +die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen +ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig +getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in +der Zelle und in dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen. + +Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram +Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold +und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft +übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen +ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits +habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion, +fürsorglich schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten +bestätigt habe. + +Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person. +Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser +her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut +fahren. + + * * * * * + +In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von +dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz +auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick +weiter. Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein +alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die +Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene +kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den +Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet, +er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form +vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit +peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit +einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine +merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem +einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der +Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine +Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief +verwirrt sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die +Gegend für immer verlassen. + +Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten +wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge, +gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich +gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen +Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge +trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu +molestieren. + +Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der +dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm. +Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb +und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen +Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu +Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und +ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand +plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und +terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich +gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein +blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber +war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend +und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes +Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte +rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber +schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild +des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen. + + * * * * * + +Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und +sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen +Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre +gutmütig, ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete. +Manchmal hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie +fernhielt, war es wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen +waren besser als die unten lebenden. + +Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es +waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der +Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische +Baum, der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es +tanzten die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie +hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen +Gliedern die Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, +es sanken die Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige +Stern. Aber die Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten +bedrohlich nach einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang +sich in vielwendigem, artigem Tanz. + +Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift +hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte +vergleichst mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der +Buchstaben zu neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein +wenig Schwärze darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist +sprechender Mund für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder? +Vor vielen tausend Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der +Mund, der ihn zum erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn +zum erstenmal dachte. Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn +niederschrieb, strömte Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst +sie heute, nach den vielen tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist +Gott. Buchstaben leben, weben sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in +Ewigkeit. Was einer schreibt, das löst sich von ihm und lebt sein +eigenes Wesen fort und spricht zu jedem andern. Aber wer sich heiligt, +empfindet Gott in allem Geschriebenen. + +So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die +heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen, +mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten sie +zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des +Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern. + +Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine +Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei. +Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der +Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine +Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß +mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn deine +Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt. + +Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die +großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie +das des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen +trugen uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft +rundeten sich aus zarten Gelenken die Arme. + +Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der +Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge, +welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich +erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander +und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich +versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er +geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache, +süße Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei. +Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der +Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und +hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält +den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der +Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte läutet, die silbern +klingenden. Doch niemand kommt. + +Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was Rabbi +Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit +ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war +Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war +sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften +Aegyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die +Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen +Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus. +Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten +die trübgrauen, steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase, +und sie redeten mit seiner knarrenden, übellaunigen Stimme. + +Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine +Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte, +beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so +selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das +war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden +der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, +trug seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich +in seinen klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, +wiegte sich in dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater +das letztemal gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf +artig gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit +einem heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume +sich verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des +Vaters, und wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er +mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen, +geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte. + +Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein +Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte +unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig +der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen +Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden +Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte, +hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife +entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den +Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in +Württemberg ernannte. + +Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. Hochamt. +Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war dem +Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden geistlichen +Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre Glückwünsche +bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der Fürstbischof +von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt +von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und herzlich, +tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand. + +Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon +zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die +beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der +Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen, +derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer +von Kerzen und Wein. + +Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz +nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem +Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen, +daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren +Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren +lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst +solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er +solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und +gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und +siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein +gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl +seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf +Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat +einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie +es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja +blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm +und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der +Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem +größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn +man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits +des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im +Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine +exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an +den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil +die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig +wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht +wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß. + +„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und +schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier. +Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des +Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, +daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein +Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von +ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging. +Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich. + +Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl +Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben, +einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil +es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen, +vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich +nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem +Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd +die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken. +Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen. +Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war +manches Süpplein zu wärmen. + +Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage +sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst +Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in +einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese +verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen +Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich +ramponiert in Fetzen hingen. + +Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler +Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom +Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm +seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen +Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem _Qui vive_ +gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und +jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß +sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, +so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen. + +Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der +Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und +allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom +Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig +bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr +Rom und die Welt. + +Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und +Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte +seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung +des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber +nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte +Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten +zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen +mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen +im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie +sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele +wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst +die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz +fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre +überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen, +ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in +den Schoß der Kirche. + +Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof +versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel +Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten. +Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung. + +Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm +über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen +hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen +Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich +nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die +zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit +vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür +der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität +gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft. + +Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und +Volk auf beide Wangen. + + * * * * * + +Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze +Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben +wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. +Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte +hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, +aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln +gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein +einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung +gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, +der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an +den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben. + +Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle +taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt, +Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln +sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor +ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor +seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende, +vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt +bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte +zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und +wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, +daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie. + +Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in +hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an +ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand +durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer +heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren, +ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf +umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich +entgegenzufahren. + +Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich, +schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in +einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch +seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den +Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert +konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt +Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht +spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer +ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein +Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere +bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für +Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem +alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was +macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn +sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem +alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und +mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der +Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit +sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während +der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte. + +So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen +hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz, +gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von +dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie +nichts, diese Flächlinge. + +Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn +Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen, +altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen. +Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich +mich und allen mitten ins Aug schaun. + +Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich +ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er +das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in +behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage +erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele +Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern, +Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt +ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen +antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von +Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit +Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch +in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte +sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und +töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der +willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher. + +In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben +noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in +seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt +zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese +leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß +der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. +Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem +Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte +er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe +seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, +nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter +zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald. + +Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel +gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner +Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken +geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht +ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich +vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, +und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein +Auftritt. + +In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing +ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen +mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit +seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, +der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden +nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon +seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte. + +Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen. +Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem +mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige +Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die +kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und +preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes +hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre +Hand hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von +hemmungsloser, beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte +Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu +haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein arges +jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit und +giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg. + +Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach +der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber +Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive +Methoden seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag. +Sogleich stellte er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit, +Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit +gespannten Nerven, in Tätigkeit jede Sicherung. Drehte alle Räder seines +Kalküls an, zerteilte rasch und präzis für alles zu Sagende Gründe und +Gegengründe, rieb sie blitzblank, zählte, wog, rechnete. Holte den +Herzog mehr aus als dieser ihn. + +Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk, +unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte +deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen +Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament +sich zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger, +querköpfiger, rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten +so ein, daß sie alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze. + +Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus +hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem +Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit +schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen +Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien +und stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: +der Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die +Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste +an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und +schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht +spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um +dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu +krauen. + +Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen. +Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit +seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog +schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm +verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, +vor ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die +eine seiner Hände haltend, die andere hielt Süß. + +Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte +verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen +Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte +er ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen +Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen, +dunkelblonden, dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, +belustigt, boshaft zu. Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen +an dem sanften Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte +maßlos, in seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude +kannte das Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie +vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen +Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe +Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war +offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud,“ lachte er. „Er +versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“ + +Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war +klar. Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor +Uebertreibung. Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, +Soldaten, Gloire. Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, +aber so viel schaffen, daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner +Teil kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen +gegen sie stellen. Sie _en canaille_ trätieren. Einziges Ziel: Geld für +die herzoglichen Kassen. + +Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch +gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ, +dem Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer +Finanzrat. Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn +zu ihrem Schatullenverwalter ernannte. + + * * * * * + +In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten. +Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen +allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt +mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren +Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das +berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst +kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat +das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem +Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und +Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die ganze +Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei Meilen +lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd, +Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er +ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen +Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft. + +Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten +Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust +zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß, und +mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem +weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem +Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie +niederblickte. Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr +zujubelten, ei, wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der +Tübinger Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, +der sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen +Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft +und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit +seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl +Alexanders Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und +anderen Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes +Volk an Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn +schließlich mit dem römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte +sie ihr Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig +in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor +sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der +kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit +seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud. + +Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke +beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes +Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus +bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem +Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts +herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen +Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem +er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner, +ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im +Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele +Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land +geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich +Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig +und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten +Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die +die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch +seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der +neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei +der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner +stolzen Uniform bescheiden im Winkel. + +Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz +anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte +ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein des +Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen, +hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der +Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig +Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge +Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten +sich über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende +Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden, +hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des +Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon +bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen +waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich +gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen +Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder +Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen +dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem +feierlichen Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig +der Kerl dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen +Landschaft. Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores +beizubringen. + +Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und +daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und +den Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph +und Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen, +fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse +Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so +mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht +widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein +Kabinett zu rufen statt eines Juristen. + +Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der +Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das +eine groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, +bunt, beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz +liefen Fäden von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem +Parlamentarier Neuffer zu seinem Bruder, dem Minister, von dem +ernsthaften, biedern, patriotischen Landschaftspräsidenten Sturm zu dem +ernsthaften, biedern, patriotischen Geheimrat Bilfinger und schon von +dem nervösen, feinen, neugierigen Diplomaten Weißensee zu dem +merkwürdigen, zweideutigen, glatten, eleganten, neuen Finanzienrat, dem +Juden, der hebräischen Exzellenz. + +Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die angesetzte +Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer nicht die +Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die Türen +verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten. +Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die +Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die +Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten +Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War +es Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit? + +Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen +Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch +mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte +sie sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der +Freundin seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf +vergnügte. + + * * * * * + +Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor, +die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene Bestätigungen +und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz abgegeben hatte +und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard Ludwigs den Herren +vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar umständlich, vorsichtig, +langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit gleichmäßiger, +gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht französelnd, las +Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war überheizt, eine +Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern +ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl +Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten, +pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag +dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn +Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und das +näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht +dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam +aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut +des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles, +verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war +erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den +Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine +Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend +gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die +feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei +meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus +freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener, +das Rasierwasser sei nicht warm genug. + +Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er +sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit +unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man +viel leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche, +verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie +lästig lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse, +die Akte beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für +dich kämpfen müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird +viel Aerger und Verdruß haben, dich zu wahren. + +Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich, warf +sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie +sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase, +sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem +sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker, +und dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, +begossen, würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß. + +Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß: +„Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der +Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und +schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter. + + * * * * * + +„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. +„Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von +Bittschriften brach herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir +und mir helfen,“ sagte er einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er +ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit von dem, was +zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums gereichen werde, abhalten +lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken ohne Schleich, Intrigen und +Verwicklungen nach der altberühmten württembergischen Treu und +Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine Beschwerde in solchen +Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in diesem Behuf ein +Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und ihm, dem Herzog, zu +eigenen Händen kommen lassen. + +Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von allen +Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am Rathaus +jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ nicht +durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai +schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf +Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten +die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure +Herzogin-Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt +mit seinen Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das +Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott +gebühre solche Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage +drucken lassen, und es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im +Herzogtum, darin das Bild nicht am besten Platze hing. Und die Herren +vom Parlament machten schele Gesichter. + +Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine +Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten +Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel; +aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen, +so mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin +anlangte, so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten +sie gegen den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak +Landauers löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen +württembergischen Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde +ein spezialiter verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der +erste Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen +in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David +Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten, +wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen +dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen +Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs, +Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein +besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien +gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er +gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an +hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer +noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte +wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen, +komplizierten Geld- und Vergleichshandel. + +Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom +Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste +erlassen, die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der +polternde General Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der +schlaue Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle +Mißstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in +Deutschland gab es einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor +Gott, den Menschen und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den +Titel, mit dem eine Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den +Titel: treuester Hirt und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht +verdient zu haben, überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen +seinen Räten und fuhr, sich freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach +neuer Gloire, zur Armee. + + * * * * * + +Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor +Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen +in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank, +elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand +nicht gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der +Festung zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er +wollte seine württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten. +Auch das peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu +bestätigen nicht geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen +Ausgleichs. Dieser Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und +der herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der +greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke, +und eine so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit +einer hohen Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle +man ihm überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs +erledigen. Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese +Anschauung frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit +der Gräfin hatte, und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der +württembergische Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine +andere Lösung als ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als +jeder andere, und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche +und geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die +weiteren Verhandlungen führe. + +Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen +über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den +beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der +Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge +rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und +Bilfinger, der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von +seiner Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt, +geneigt, die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte +Patrioten beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich +nicht der Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf +der Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die +Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten +Besitz, wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich +verschacherten; sie wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu +mißbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren +privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem tief und von ganzem Herzen +überzeugt, daß das Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten +die Pfeiler des Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen +Grenzfragen zwischen Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und +verantwortungsschweren Ernst heraus, aus dem der erste württembergische +Herzog, in kleinem Land ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung +testiert hatte. Sicherung der Volksfreiheit war sein erstes Prinzip +gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine Parole. Und daß der Fürst durch +die Verfassung manchmal vielleicht selbst im Nützlichen, das er +anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur ein kleines Uebel +gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und seine Schranken +vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde. + +Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des +Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war +der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte +allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von +Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu. +Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen, +gewölbten, süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen. +Gesehen hatte er sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was +waren vor diesen Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel +für etliche Jobber, emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln, +auf dem er saß, an seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser +Mann in der Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die +Konkurrenz, daß er sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten. +Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee +gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu +Dumme-Jungen-Träumen, wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich +albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach, +von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle, +farbige Larve hin; der andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das +heraus, was er für seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte +brauchen konnte. Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der +langsamere Bilfinger hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die +beiden Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem +unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet. + +Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer. +Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm +zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie einander auch +nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf an, +einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für den +Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd +rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen +Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die +Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von +dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte +der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu +zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin +dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und dem +Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere +fünftausend Gulden in Rechnung. + +So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das +Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen +Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin +lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure +Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die +Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte +voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der +Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr. + + * * * * * + +Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager, +ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches +Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen +Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht +wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn. +Schon standen wieder die Franzosen im Herzogtum, schrieben +Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee, +vor allem von Karl Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. +Mit wildem Eifer betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der +Grenzen. Die Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu +hatte der Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes +Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit +Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an +einigen Stellen die Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen +aufwerfen; so war diese Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf +dem Schwarzwald wollte man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen, +bis an den Neckar, den Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung +dieser Befestigungen genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf +Schwadronen. Und mit so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein +schwäbisches Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel +einrennen mußte. + +Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht +entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard +Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord +und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken, +sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten aus +ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den Rhein +zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand, wurden die +Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch mannigfache +umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine +Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der +Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken, +stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewußte +Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen +vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant wurde +ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben, die +Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren +erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten +zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief +seinen Juden ins Lager. + +Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik +gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf +diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er +sich seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder +Zoll seines Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit +mathematischer Präzision ausgeführte Landkarte. + +So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing +ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte +der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen +Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und +jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn +gegen die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich +verstärkt. Sie hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu +bewogen, der Landschaft jene Reversalien und feierlichen Urkunden +auszustellen, um bei der Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen +Heinrich Friedrich den Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die +Ausstellung und Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen, +und zudem hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im +Einverständnis mit der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man +habe aus der Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert; +die Reinschrift laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe. +Unmutig und erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden +an, die der Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er +zwang sich zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu +überzeugen, daß er nichts anderes unterzeichnet habe, als was die +Verfassung ohnehin von ihm verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag +alle seine Vorgänger beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige +Signierung nichts als eine schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber +zweckmäßig, ja unbedingt notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen +Einreden schwieg Karl Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß +beschränkte sich darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem +vieldeutigen Lächeln stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab +von dem roten, erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich +wandte sich Karl Alexander an ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend, +meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen Befehle +des Herzogs so schlecht und unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl +sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern +Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie +nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, Diffikultätenmacher, +Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte der Herzog. Nach seinen +Erfahrungen bei den österreichischen Kriegslieferungen, erwiderte Süß, +müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede passive Resistenz setzen. Mit +Geldstrafen komme man am weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am +Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er +werde es sich überdenken, Süß solle Spezialvorschläge ausarbeiten. Der +Jude erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und +Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den Argwohn +des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, langsamere Maßnahmen +zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann +von den geometrischen Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen. + +Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in +strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun +zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen +verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und +verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, +empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, +unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte +Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem +General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam +war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu +gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe, +selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine +Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur +im geringsten gegen ihn auf. + +Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt +hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm +nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug +darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die +Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die +Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die +Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das +eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, +strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall +Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und +rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen +Finanzienrates. + +Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es +früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, +für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last +fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete +Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine +ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der +Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, +mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde +wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit +langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren +Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben. + +Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs. +Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute +flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das +Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord +nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen, +die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte, +Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich. +Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose +Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und +Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen +und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten +weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach +Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen, +knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren +schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten, +glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen +saudummen Kanonen! + +Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er +dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem +Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm +wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der +Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu +behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, +demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische +Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als +wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die +Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen +unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine +Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre +nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte +das Land. + +Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in +der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des +Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch, +er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah +man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen. +Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen, +Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die +sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus +auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust, +atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie +zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben +unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den +geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen +Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß +bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit. + +Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste, +schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum +Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm +vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ +den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit +feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes +Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten, +daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch +auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts +davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz +erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts +schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, +wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in +Verruf komme. + +Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er +einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem +durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. +Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von +verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und +Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der +Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des +Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in +vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des +Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit +dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen +zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die +Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er +war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris +kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, +klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und +Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die +Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, +der _Bon jour, madame_ krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht +geschlafen zu haben? und _Ma vie pour mon souverain_. Seine Tafel war +erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es +war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, +Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf +seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die +Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche +Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete. + +Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt. +Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer. +Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem, +unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der +Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er +auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der +eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle +zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der +Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, +auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem +Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit +Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu +gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. +Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels +ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte +grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel +brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen +Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren +aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart +feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen +Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen +kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen +Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem +kleinen Stein. + +Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde +mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. +Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den +eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute +Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa +hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er +liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie +prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah. +Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe +er fast aus wie unsereins. + +Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete +viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz +bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er +war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. +Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. +Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug, +sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden +zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer +bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten +die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich +versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte +man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich +eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn +er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um +Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der +Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, +ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich +offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen +Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister +Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von +Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des +Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie +Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der +Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht, +und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer. +Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten +Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der +Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige +Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß +auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als +grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden +ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge, +neugierige Weißensee. + +Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten +neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, +wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier +ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so +langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man +wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in +Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins +Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den +Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß +mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue +Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien +des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein +anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse +heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein +wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch +betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen, +und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen +Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen +und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und +heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des +Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte, +versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die +ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den +vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende, +und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die +verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen +Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit +die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken, +unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene +Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet +wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den +gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann, +ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen +Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten. + +Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine +dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, +sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf +von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte +aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte +vor dem Papagei Akiba, der _Ma vie pour mon souverain_ krächzte, +klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den +Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht +sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen +an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und +reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß +befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine +Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser; +aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen +Schimmel, _santa madre di Loretto_, den konnte nicht einmal Versailles +aufweisen. + +Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte +sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit +ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön. +Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat +Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, +amüsiertes Lachen und fuhr davon. + +Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß +sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den +wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen +in dem weißen Gesicht. + + * * * * * + +Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es +seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er +reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht +tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere +Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so +zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg. + +Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer +kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme +das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen +blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch +das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr +den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es +hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die +Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus. +Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr +Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine +Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen. + +Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es, +warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht, +das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte +lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein. +Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen +silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf. + +Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land +gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das +Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein +Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in +seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt +auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier +unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche +Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen +sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt +zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht +schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein +eigenes. + +Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den +bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es +sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das +Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden, +fordernden, trübgrauen Augen. + +Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten +war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte +fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle +begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem +Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und +Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah +den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel +dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides +neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des +jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute +sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des +Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den +Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. +Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines +Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf +an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem +Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den +kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen +davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er +verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. +Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die +Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem +Hals, vergehend. + +Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm, +verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen +in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame +fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen +Fluß der Stunde. + +Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr, +keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er +anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und +rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie +rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, +herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, +erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als +sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er +spürt ihr Leben in den Dingen. + +War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand +zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie +hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum +versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine +Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, +Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus +phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und +alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen. + +Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit +magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es +ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie +auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, +mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich +Schleim und Ekel. + +Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie +von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen +Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß +und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war +fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn +den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher +entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in +der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels. + +Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen +Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und +kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der +Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die +Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus +dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten +von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit +einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem +reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern +überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, +lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte +nicht, was sie bewegte. + +Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags. +Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle +stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, +das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, +getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, +Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo +er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er +saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm +entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden. +Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage +her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre +Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die +Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug. +Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte, +Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit +halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm +lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die +feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel +sprang zu. + +Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg +zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein +Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter +dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg +hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden, +sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war +schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen +Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst +als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, +sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der +Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß +erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen +Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“ + +In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs +sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu +erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. +Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in +Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und +unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war +Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, +Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr +groß und glänzend in Frankfurt ein. + +Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde +Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich +die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der +württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es +weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die +Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, +keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken +des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, +geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef +Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der +Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu +werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein +Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich +bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, +als wäre er der Herzog selbst. + +Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum +Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger +kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner, +nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen, +sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg. + +Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau +breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen +Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden +Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte +berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus +versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd +seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des +weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten +Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück. + + * * * * * + +Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war +schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte +sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle +Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen +Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, +daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee +rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und +weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in +seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, +sein Asthma bedrängte ihn. + +Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen +Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl +Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase +unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, +als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh +schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten +in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine +rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch +viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich +Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er +aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr +er weiter. + +In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte +ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in +ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes +in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem +französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe +bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief +gewurmt. + +Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und +Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer +zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem +Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte +ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit +Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis +schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und +Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die +Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß. + +Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander +empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den +lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab +und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan +auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht +sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen +Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen +Abgeordneten verstärkt werden. + +Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen +Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden. + +Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher +Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale +Gesinnung gegen den Herzog feststehe. + +Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf +nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art +die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft +in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte. +Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß +rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, +den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in +seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den +Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander +stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen +Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd, +erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger +Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande +über die Grenze jagen. + +Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der +Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß +zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten +Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische +Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit +fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der +andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte +nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog +sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem. +Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der +Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob +er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem +diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in +Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat, +griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei, +nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu +sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die +Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste +aller denkbaren Welten, wie gewisse _à la mode_-Philosophen wollten, es +war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige +konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz +abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum +Verräter werden. + +Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste +des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht +beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem +Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch +Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die +Deputierten. + +Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf +Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die +Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. +Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine +Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren +Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß +unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von +Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken +Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten +Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach +einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade +ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister +lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige +Antworten gaben. + +Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs +genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von +allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die +bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer +wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen, +vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel +zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung +bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der +Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, +wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die +Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses +wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine +Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament +solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude. + +Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp +Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart. + + * * * * * + +Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem +Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich. +Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend, +hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte, +verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen +Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei +mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten +Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten +Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine +einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die +kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, +drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du +kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, +phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den +Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk +groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der +Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau +feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie +einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über +allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran +verzehren und sterben. + +Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister +Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die +Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine +Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des +Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der +Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die +Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie +wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf +zertreten. + +Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt +schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das +blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose +Schreiberei. + +Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf, +hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die +Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur +Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende, +verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt +gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken. + +Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht +wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. +Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die +Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, +die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in +Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt +eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß +den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, +die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines +Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher +vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und +Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen +Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament? + +Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen +Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, +das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen +Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern +bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer, +Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg +ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch +genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich +in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und +schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen +Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können. + +Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das +Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot +und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich +an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er +diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem +plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer +Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem +Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder +durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich +selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel +geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem +vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem +Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den +kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer, +dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem +Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so +gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout +nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre +der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn +fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin, +schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader, +beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben +Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem +Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich. + +Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche, +schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt +rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, +in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, +die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen +entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie +besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts +als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch +Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war, +und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch +ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum. + + * * * * * + +Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus +der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. +Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit +Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, +festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die +Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. +Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird +man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben, +kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon +glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den +Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht +verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr +Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, +Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen +hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber +im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo +die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, +Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und +Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden +Wolken. + +Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als +die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die +Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung +brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, +aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier +belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien +kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. +Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter +Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch +gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt +eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen +Offizieren und ihrer Brutalität. + +Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im +Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl +Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es +jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte +von Tag zu Tag. + +Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er +eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu +scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, +jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu. +Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das +gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus, +seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, +auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens +werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder +auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar. + +Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen +verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene +Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht +an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem +Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat +bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und +besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene +Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld +hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland +fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus +Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, +daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem +mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme +Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in +Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete +schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus +allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen +Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei +Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere +Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als +wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals. + +Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie +versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer +Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer +Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er +wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem +nützte das bestverbriefte Recht nichts. + +Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander +seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin +vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur +Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese +Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus, +dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus +diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott +Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen +Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten +die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht +versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man +ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben, +schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den +Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die +geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse +instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten. + +Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und +Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde +grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur +des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht, +bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine +Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt +wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm +die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der +bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum +Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, +drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde +Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern +entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, +ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei +alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun +wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn +verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter +beschlagnahmte das Fiskalatsamt. + +Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese +Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon +berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine +halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte +Preziosen. + +In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt +innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, +auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom +Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so +harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen +wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von +dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, +knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein +Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen +Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und +wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen +oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in +ewiger Nacht. + +Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter +ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das +Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur +zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder +ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und +die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor +Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden +Backen. + +Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs, +Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit +seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte, +zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, +sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden. + + * * * * * + +In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten +sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie +getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der +scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In +Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs +und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner +Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen +Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel. +Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er +durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher +Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie +hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der +vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen +also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde +zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber +seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die +Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich +trieb. + +Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau +zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie +im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem +Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott +herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie +immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites +Mal. + +Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im +Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der +Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht +geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel +zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in +ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in +dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste +Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott +zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die +Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen. + +Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den +kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen +Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was +waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und +wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben +wird. + +Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den +Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich +hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz +auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen +aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. +Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im +Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, +mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals +schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch +ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, +widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild +verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann +später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich +um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran +gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die +Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so +konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus +herumträumen. + +Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine +merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten +demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der +Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum +gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen +Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen +durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und +erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum. + + * * * * * + +Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte +sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben +nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes +nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe +des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner +Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen +Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn +es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es +nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm +selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm +sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber +waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es +nicht. + +Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres +Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während +sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er +ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von +mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln. +Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu +ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte +rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut +klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und +ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den +Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden +Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er! + +Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her +und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des +Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers +haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und +widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, +hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten +Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so +sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem +Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, +Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher +Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt +diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff +durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, +die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war. + +Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu +sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem +allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte +seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree +schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten +hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr +als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim +leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, +Auspeitschen, Untermgalgenbegraben. + +Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche +Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich +ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der +jede Schranke niederbrach. + +Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte +sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen +Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes +Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus +dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. +Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr +beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man +von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat +seines Finanzdirektors. + +Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich +selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, +starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch +er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines +Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der +Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten +oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor +ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war +elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte +ihm kein leises Zucken nachspotten. + +Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der +Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und +immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener +Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit +großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des +gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert +Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur +Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, +dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu +allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen +Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle, +pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der +Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen +Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, +taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger +Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand +behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands +zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und +Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen +Vermögens lief durch seine Kassen. + +Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof +etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten. +Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den +Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das +Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem +aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen +fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein +Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo, +ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler +Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel +verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten +Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender, +schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er +hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen +beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen +Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den +verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und +mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere, +unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen +war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des +Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine +jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene +Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren. + +War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke +Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen +und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in +ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu +leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war. +Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt +vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar +durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und +kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende +Judengroschen. + +Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an +mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen +Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und +gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel +übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten +Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter +allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem +aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde +mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen, +hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er +andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer +steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu +beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven +Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden +Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen +Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der +endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd, +wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es +sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit. + +Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen. +Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein +fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die +fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem +privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien +privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld +aus allen Taschen. + +So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers +Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm, +als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann +hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn +eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich +schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel +hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, +machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch +viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig +possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem +ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden. + +Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke. +Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins +Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das +Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war +da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben. + + * * * * * + +In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte. +Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, +jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten +eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine +Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als +die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, +Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft +durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert +überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das +Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft +Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und +ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte +Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit +Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz +zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien +Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet. +Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen. + +Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete +jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, +mit der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine +Französin zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im +Oberamt Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen +Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter +Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter +rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr +nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu +leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, +meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland +geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber +Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und +Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von +den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor, +wen er für gut hielt. Und er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er +liebte, und sein Haus und Tagewerk gedieh. + +Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa in +Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und +Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht. +Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine +Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll +gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann, +hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien +in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische +hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart +auf die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in +diesen Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner +gern gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht +daran, diese Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der +Schertlin wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, +ihre Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht, +daß sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der +Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine +Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die +Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es wurden +von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben erhoben. + +Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte +unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er +sich nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem +sie hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph +Adam freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran, +und auch an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die +Hand des Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und +Johann Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, +an der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem +Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können, +den er für sie träumte. + +Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu +fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach +Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück. +Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung +von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf +Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen +Menschen herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief +Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den +Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war +Kriegsverbrechen, Hochverrat. + +Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst +wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren +zu stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er +aufgehoben, auf den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein +Militärgericht werde ihn aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen. + +In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid der +Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten +Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten, +die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein +ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig +Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur +immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung, +spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in +ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den +Süß aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, +das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht. + +Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst +nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß. + +Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition +französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle +des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen, +Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. +Das war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus +einem Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens- +und Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm. +Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr +lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten, +redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie +nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen. +So aber, wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug +von ihrem Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile +reglos, totenhaft fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, +daß sie nicht eh bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf +er sich glatt und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief +verneigte: „Dann also nicht!“ sie höflich zur Tür geleitete und ihr +Abschied nehmend die Hand küßte. + +Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre +durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer +Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für +immer erlahmen mußte. + +In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte +sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie, +daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie +nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er +nicht Glanz und Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie +hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen +lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden war. Sie +verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß +zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann Ulrich +war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich kein Wort, +nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte gegen den Süß, +schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es war hohles +Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter, hochmütiger +Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er zerknickt und +ohne Kraft war und nie etwas tun werde. + +Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert, +versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner +erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in +seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht +die Frau, den Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz +abgelehnt. Auch die anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz. +Verkauft die Häuser in Urach und Stuttgart, verkauft die Weinberge und +Felder. Nur der alte Christoph Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den +großen, verwitternden Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem +Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit +dürrer, doch nicht zitternder Hand. + +Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß von +Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem +Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die +Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er +schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in +Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich, +fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische +Wirtschaft. Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer +strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt +in jeder Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher +Stelle einen Wink bekommen haben. + +Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie +früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine +Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie +karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in +Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur +stockend. + + * * * * * + +Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen +Kaftan, aufdringlich am Aermel trug er das württembergische +Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das _S_ mit dem Horn. Die +glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild +zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem +schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein +Haus. Der Mann im Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden +Pagoden, sah mit aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph +des Merkur, klopfte mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute +Assjadah, schritt durch die beiden Pagen, die Söhne des +Domänenpräsidenten Lamprechts, die in Haltung am Eingang zu den +Privatgemächern standen. Prüfte mit den Fingern die kostbaren Stoffe der +Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis die Preise. Stand +kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles, +äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen.“ Aber +aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht +geschlafen zu haben?“ + +Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein +Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er +lauerte auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem +Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende, +quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die +fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“ + +Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des +Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine +erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß, +üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der +Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die +Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich. + +„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig +Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt dreißig +Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich +begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites +Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“ + +Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war +nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was +kein Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der +schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein +lustig über ihn. Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er +konnte nur schweigen. Sicherlich wird er auch wieder von den +altmodischen Geschichten anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn +und Bezug sind, dem Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei. +Und er, Süß, mußte das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu +machen ohne Isaak Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden +Burschen beiseite drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er +einen an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum. + +Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich, +schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte +viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues +wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch +so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles +Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er das +schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der +Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger +füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der +andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen. + +Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf +den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere +jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache +mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte +jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und +seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen +Juden mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem +aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des +großen Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu +ihm, wies alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und +ungnädig zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen +Osiander aus dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen +groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte +doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet, +der Rest nackt und bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht +mehr ins Herzogtum gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“ +sagte Isaak Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, +nagt. Einer nagt am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, +nagt, solang sie Euch dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes +Lachen. + +Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich +verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige +Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem +Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen +Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie +sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach +gelegentlichen Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs +ausgemalt. + +Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats +ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe +gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es +sei nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von +der Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, +daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle +Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an +dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter +gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit +ihm nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der +Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre +Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei +seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit +ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft. + +Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise +Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den +andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem +Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war, +schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene +Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident +zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater +erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten. +Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu +sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel +lebendig werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen, +gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild +und gekitzelt. + +Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah, +daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure +Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der +ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große +Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn +das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken +Brauen. Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte +er, ob er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem +alten, servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen. + +Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu +dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und +Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um +sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das +holperichte Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem +bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt, +breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur +Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort +zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre +Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die +Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul +schleifte das blonde, üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig, +schief, gehässig nach Magdalen Sibylle. + + * * * * * + +Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von +Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder +peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die +Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des +Süß. + +Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das +Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum +Oeffnen der Wagentüren. + +In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an +denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von +Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste +der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval +aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen +Sitz für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als +sonst in Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der +privaten Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die +ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs +waren zu diesem Fest geladen. + +Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt +sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas +von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die +Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der +spanischen Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber +Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken, +pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger, +wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener +vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der +internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und +Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber +pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den +mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt, +doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu +possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten +Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der General +klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen; aber er +weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn +wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern +schwatzenden Franzosen ihm vorziehen. + +Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk, +undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und +Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige +Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich +alles Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der +Fürst ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, +eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines +genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er +besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat +offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen +Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat +jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot +gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß +jedenfalls sein weinrotes Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch +neben dem verärgerten Fürsten watschelt klein, dick und unscheinbar der +Geheimrat Fichtel, mit Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in +Stuttgart; er steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt +unter dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der +kleinen, fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu. + +Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf +in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg +heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt +durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom +Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß +veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler +einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten +Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender, +verschollener Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm. + +Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor. +Karl Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held +mächtig und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem +üppigen pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich +züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen +artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer +feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer +die Eule. + +Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen, +schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man +sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite +seines Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von +Wuchs, im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel +abnehmend, sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf +einen Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche +Wangen, starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten +Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick +einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm +den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken +Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder +vorgenommen hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“ +sagte sie. Da kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem +Kostüm, sie einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die +Demoiselle Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude, +„die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die +Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste, +Fanfaren klangen. + +Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der +Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“. +Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella +Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, +gelbes, hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte +sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst +Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der +Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem +Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot +sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß +er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl +Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte +was wie: Auf später, auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für +heute eine andere im Sinn lag. Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre +strahlende, beflissene Maske zu wahren, und als sie dann den Süß allein +zu sprechen kriegte, sprang sie ihm fast ins Gesicht. + +Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum abgenommen. +Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das nervöse, +zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater +hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den +Teufel zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz +zerrissen und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben. +Wäre sie dem Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem +Bissen und kann ihn nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war +Eitelkeit und Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott +hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat +sie eine nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber +Gott schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. +Sie starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft +bleibt leer, kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist +schlaff und kahl und dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie +klingen nicht und sie packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der +Heiligen, Blinden, aber sie kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist +ein armes, krankes, altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft +ist um sie her. + +Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals nach +ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den +Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn +gesehen, auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah, +sehr glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des +Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm +nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte, +ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht. + +Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun +war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte +sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher +Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge +Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm +die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden +Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine +Niederlage. + +Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte +Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die +starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen +Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war +eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das +hätte Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein +feines Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der +vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war +ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte +die Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm +vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge, +besondere Schwäbin. + +Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll +Pracht. Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen +aus den Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte +Speisen, starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem +Wunderwerk von Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die +drei Göttinnen, aber Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der +Herzogin den Apfel. Der Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem +türkischen Kostüm, bringt einen Toast aus, in ganz pfiffigen +Alexandrinern, voll von feinen, boshaften Spitzen gegen die Landschaft, +und die katholischen Offiziere huldigen lärmend dem Herzog. + +Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen +possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt +hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein +um Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange +Mensch, die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, +entfleischte Gesicht auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der +altertümlichen Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid +die länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. +Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten +Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und +Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die einzelnen +Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß +die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine Offerten so oft unterboten, +ihm so manchen Handel gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar +gemacht hatte. Angewidert sah er und kalt überschauert die ausgeglühte +Leidenschaft, mit der Dom Bartelemi die flirrenden Steine durch seine +langen, dürren, blauroten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie +beschielten sich, zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer +erfahren der eine, der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder. + +„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen +den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und, +den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner +kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für +den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. +„Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. +„Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom +Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich +mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“ + +Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein +herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht +schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus +Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, +und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des +Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte. + +Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den +bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit +Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen, +beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter +Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, +Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat +Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee +ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen +läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den +Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen. + +Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat +stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein +Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf +irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es +fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das +erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem +Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr +jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man +brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein +einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von +ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß +erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und +Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos +ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er +mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die +Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel +und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch +nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und +nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut, +und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte +dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation +machte, jovial und gnädig zu. + +Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre +Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner +Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, +ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den +schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript +unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung +sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die +Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, +habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine +Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen +Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel +für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen +Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl +Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine +Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst +wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, +auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu +glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, +und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott +verwarf sie. + +Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle +nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe +er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen +Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen +Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation +mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen +Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben +Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei +nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen +drangen zügellos auf sie ein. + +Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und +Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm +erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen +und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes, +Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen, +geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an +der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, +gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, +erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer +Durchlaucht aufzuwarten. + +Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von +Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond, +dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, +mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth +Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich +ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und +langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen, +schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, +in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen +Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen, +ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg +und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, +üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, +ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, +offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des +Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in +seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; +gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin +sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine +Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu +erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen; +die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er +lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus +seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die +zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend +entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von +Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme +Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes +Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden +beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein +stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber, +Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser +Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und +zärtlichen Interesses zu ihm auf. + +In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt, +wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das +Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen +Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie +näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend +die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle +hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, +wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war +wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das +Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die +gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. +Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos +konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung, +Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die +Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen, +Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand +die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die +Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die +Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte +der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder +keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin, +unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und +konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe +vorbeiführte, ihm zublinzelte. + +Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man +aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das +Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett +mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen +allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg +gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit +dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach +den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren +Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend. + +Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster +die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von +all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich +vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt, +daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu +schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel. + +Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann +an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen +Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im +besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte +Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat +keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu +Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit +sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich +zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja +nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne. + +„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner +dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner +Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück +hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie +vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer +Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo +ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben, +meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem +schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist +meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder +sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr, +die groß und gerötet auf dem Diwan saß. + +„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich +mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich +weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, +daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu +unterwerfen.“ + +Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er +verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede +kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum +erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß +Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach +einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, +Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein +ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn +dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie +befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, +sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte +ihm im Eifer die Hand hin. + +Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische +Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch +präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als +plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, +hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. +Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und +auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: _Ma +vie pour mon souverain_, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht +stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, +unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes +Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich +verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst. +Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung, +wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen. +Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den +kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem +hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre +Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig, +behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie +fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte +sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten +Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend +flatterte der Papagei. + +Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener +Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte, +halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz, +selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen +nicht höher. + +Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen +Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem +kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte, +und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der +Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der +Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in +einer Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die +zynischen Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd +erwiderten. Die kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und +verderbt, hatte sich an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht. +Sie tat, als wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, +schmeichle sie nur wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und +Geweses um ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der +gleichfarbigen Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein +Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die +Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit schon +verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, alten, +reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der +Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von +Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und während +sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie noch +Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den +jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu +zwingen. + +Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat Fichtel +waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt trank +der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von dem +schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei Süß +zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit +düsterer Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen, +zusammengestapelten Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die +absolutistischen Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter +Selbstverständlichkeit entwickelte. + +Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er +schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den +und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte +Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen +Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links. + +Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei +anderen Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt +hastig auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin, +die Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres +und kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich +aus der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten, +die Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus +selbst sich um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem +unentwegten, frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu +zittern, mußte sich setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte +unvermittelt, immer lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen +Kirchenratspräsidenten ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und +Orden würden wohl nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte +ein paarmal auf eine seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit +höflichem, leicht verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann +sehr plötzlich, die Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß +anzuschauen, von seinem geräumigen Haus in Hirsau zu erzählen. Er malte +den behaglichen Landsitz: Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof +wohlbestellt, dörflicher Friede; wie er dort an seinem Neuen Testament +gearbeitet, in Muße, die Händel der Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab +und zu ein bißchen Schaum, man genießt ihn kennerisch; und wie zwischen +all dem schlicht und still und sachlich und erfüllt seine Tochter +herumgegangen sei. + +Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete, +verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus, +der elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie +zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend vor +dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf und +ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein +Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so +sentimentalisch sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte +eifrig, sich zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am +Leben, Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine +Tage nicht. Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz +eingerichtet.“ Er versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es +muß ein sehr rastloser Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat +mich nie stille stehen lassen, hat mich durch viele Länder und übers +Meer gejagt und hat mich heißen allen Kreaturen Gottes und des Satans in +die Töpfe gucken. Ah, meine Souvenirs!“ + +Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es, +daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten +braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er +plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer +versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden +Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren +bräunlich kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem +dunklen Haar sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht +hinein hörte er die sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die +Dinge heute abend liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit +aller Bestimmtheit in Aussicht stellen.“ + +Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen und +verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte +bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und +zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor +ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie immer, nur war alles, +was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus +gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich, +freundlich, er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht +und diplomatisch mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine +abgründige und sehr feine Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere +und obszönere. Aber alle diese Stimmen klangen seltsam mechanisch und +scheppernd und die Menschen gingen puppenhaft und sehr künstlich und +alles war wie aus Wachs. Auch der Herzog, der jetzt wieder schwer und +groß und mit müden, schlaffen und gelösten Gliedern, mehr hinkend als +sonst, im Saal war, schien ihm wie eine Wachspuppe, wie hinter Rauch und +Nebel. + +Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue +Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen +stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen, +flatternden Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog +in den Weg, der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen, +ob es vielleicht doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn +nicht, er wollte ihn offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er +ging, trotzdem Weißensee ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich +hinschauend an ihm vorbei, mit einem merkwürdig scheuen und +gewalttätigen Rülpsen. + +Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine +stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß +und soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn +Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein, +zeremoniös auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann +saßen die beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der +junge, plumpe, in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde, +enttäuschte, und sie waren stumm und starrten in das festliche und +überhitzte Getriebe und tranken. + +Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl +hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl +ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über +seine Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß +jeder es sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner +Frau, die ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie +mühelos als ein stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den +Pharaotischen vorbei, wo glühende und über die Störung im geheimen sehr +erboste Spieler sich ehrfürchtig erhoben, und versicherte, daß er sich +heute abend außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er +stürzte durstig zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr +betrunken. Er machte sich an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in +der Napolitanerin aufging, was Karl Alexander anerkennend und gönnerisch +zur Kenntnis nahm. Er fiel dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte +zärtlich: „Euer Liebden! Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden +so jung fühlen.“ Dann prahlte er eitel und sentimental mit seiner +italienischen Jugend, seiner lombardischen Kampagne, seinen +venezianischen Aventüren. Cassano hat er zwar mit dem lahmen Fuß +bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher Preis. Ah, Venedig, Venedig! +Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht, und Frauen und Duelle und hohe +Politik und Alchimisten und Geisterseher und die Lagune und die Paläste +und über allem die heimliche Hand der Zehn. Sie, die Graziella Vitali, +ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein wohliges, rasches, welsches +Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen die Napolitanerin ab, +eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden nicht schlecht,“ lallte +er, „es geht mir auch nicht schlecht. _Suum cuique! Suum cuique!_ Der +Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf ein Plätzchen +gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er tätschelt +anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin und +gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im +Begriff sei. + +Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl +Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern, +klotzig und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der +Laune, sich von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten, +erzählen zu lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in +den hohen Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist, +seinen Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese +Tafeln und prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen +Herren gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland +stand ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders +dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum +Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr +verpflichtet, muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein +Narr wie Isaak Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen; +aber er denkt auch nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige +Mittel eines Glaubenswechsels Titel und Rang zu schaffen. Durch sein +Genie, nur durch sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er +hat rechtzeitig auf den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz +gering. Er wird auch die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu +steigen sind. Er wird Jude bleiben und wird trotzdem, und gerade das +wird sein Triumph sein, adlig sein und Landhofmeister und den rechten +Platz im Herzogtum einnehmen in aller Form und vor aller Welt. + +Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten, huldigenden +Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der Geigen, die +Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der Frauen, der +seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein Fest, +träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein +verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein +Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz. +Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt +rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er +hört keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern +nebelhaften, grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend, +schreitet sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand +schleift, stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber, +durch viele Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der +kopfwackelnd, dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine +setzt? + +Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen +Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen +langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige, +makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der +Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab, +den Solitär?“ + +Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas +Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten +Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke +mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer +Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen, +streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem +herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr +anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido +auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut, +immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte. + +Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer +kleinen Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand +auf einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend +um ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch +hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen +Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord- +und Sauwirtschaft ernst gemeint waren. + +Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in +Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe +zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern +besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt +zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ +worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann +Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, +denn jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und +verachtungsvollen Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war +schließlich in das Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. +Etliche von seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun +draußen im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die +Straße fiel, die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt +vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun, +mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache +geführt würde. Der aber stand eben inmitten der seidenen Gäste, +schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, maßlos und unflätig +schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei übergeben; doch Süß, wie er +hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, ihn für diese Nacht ins +Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen seiner Frau nach Urach +heimzuschicken. + +Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der +Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt +endlich gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt +sich abseits mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu +reden. Er schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat +das Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt +warm, weindunstig, rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem +ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater +Bissen!“ schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er +mir die hat eingeladen. Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht +mangeln lassen. Ein deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein +delikater Bissen!“ Er schilderte Magdalen Sibylle, malte mit seinen +roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem schmalen Rücken und dem +kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste. +„Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und +ist eiskalt, wenn sie sich dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine, +gelbe, geschwinde Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten +Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im +Mundwinkel. „Das da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag +Seine Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er +gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine +Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und +knickt einem nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und +sentimental zurück. „Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit +einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte +er lallend, sank ein wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte. + +Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da +begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat +sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst +du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm, +still zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter: +„An deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat +sie, das Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte +ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte, +hintertückische! Soll er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und +ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!“ + +Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine +abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam, +betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze, +statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den +siebenhundert Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir +kann einer prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich +wag’s! Ich bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von +Gottes Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von +Gottes Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument. + +Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt. +„Wie ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte, +röchelte, schlief ein. + +Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und +Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo +Johann Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, +ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das +schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf +auffuhr, vor sich hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und +weitertrug. + + + + + Drittes Buch Die Juden + + +In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden +groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und +Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe +nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika. +Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen +Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente. + +Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten +Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden +erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben +worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem +saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert Deutsche kam Ein +Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten +sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war +ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der Aemter drängten +sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten +sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren, +steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in +engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten sie zu, Abend +um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht zusammengepreßt saßen sie; +sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht weiteren Raum. Da sie +nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in die Höhe, +Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter wurden ihre +Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum; ohne Sonne +standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem, +seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren +Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren +grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten +den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen +ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie +gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt +vom flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem +Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit, +jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie +sich, die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am +andern, einer des andern Feind, einer im andern verfilzt. Denn jedes +einzelnen kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden. + +Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen +hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der +Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in +Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild, +zwischen lauter wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld. +Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos, +der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen +lächerlichen, spitzen Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten +ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz +und die schwäbischen Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß +und stattlich werden; es wuchsen in der Sonne des brandenburgischen +Kurfürsten die Lipmann Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers +die Oppenheimer. + +Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen +Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die +die Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren +Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten, +verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die +jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des +Sultans von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und +Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers +des Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten, +und der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den +Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung +gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen +war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche +hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es +allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere +Bewußtsein von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der +Macht. Sie waren solange klein und gering gesessen unter den Völkern der +Erde, zwerghaft, lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben +und Macht erleiden ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten +nicht einer um den anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die +Gewaltlosen, hatten der Welt ihr Gesicht gegeben. + +Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der +Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die +Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht +mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche +Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene +Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es +als zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter +davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und +ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn +des Buches. + +Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie +zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame +Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen +Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune, +weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte, +gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken +und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über +die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches. +Vielfältig ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins +aber und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche, +Jahve. Manchmal wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es +stak in jedem, und in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich +ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es da, und was +von einem zum andern flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit +Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie +eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schlossen ihn mit ihm; als erstes +den Säugling lehrten sie das Wort, und der Sterbende verröchelte mit dem +Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft, die gehäuften Qualen ihres Wegs +zu überdauern. Blaß und heimlich lächelten sie über die Macht Edoms, +über seine Raserei und den Wahnsinn seines Geweses und Getriebes. Dies +alles verging; was blieb, war das Wort. + +Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war +ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern +vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen +rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein. + +Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn Buchstaben +hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen, geprüft und +erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten sich +martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch ganz ihr +eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen sie, +bekannten sie, die Stolzen, herrenhaft Schreitenden so überzeugt wie die +Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch. + + * * * * * + +Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke, +flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen, +spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein +Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er +betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam +der Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach +dem Befinden der Demoiselle. + +Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging +stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt +die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie +sagte guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie +kümmerte sich nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem +Vater nicht, zu niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es +kam vor, daß sie ihren Vater tagelang nicht sah. + +Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war +nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er +war flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen +vom engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit +Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann +war und sein Freund. Er wagte es nicht. + +Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich +herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme? +Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte +keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang +zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl +Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren +seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran +dachte, ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam, +wußte sie nicht mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus +nicht haßte. Er war wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm +und mächtig groß und in sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den +Augen eines solchen Tiers, wie fremd und unerreichlich anders es war, +manchmal fühlte man sich ihm nah. Aber man haßte es nicht und niemals. + +Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen +dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein +Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch +Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber +doch ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben +und Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches, +albernes Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine +Blume. + +Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren +Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe, +nicht dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war +eben blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die +daherpredigte! Du hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig +beflissen, und war kein schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein +Tier, rot, weindunstend, schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt +seinen Schmutz und Glitsch in dich: und du kannst es nicht hassen. +Erklär das doch! Deut das doch aus! + +Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee +sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam +nicht. Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der +Herzog ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld +und seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu +sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen +Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin +bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog +habe nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr +gefunden, und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit +hineinreden. Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem +Ahasverus. Magdalen Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde +richtete sanft und ohne Verständnis die erloschenen Augen auf sie. + +Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es +war alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und +hatten sich wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig +und wichtig herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne +Verstand, hatte nicht mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein +Bub in eine Schachtel gesperrt hat. + +Sie saß bei Karl Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die +Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie +zu einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie +tat, sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich +weiter um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein +Stier, wartete darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er +sie nehmen werde. Im Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war, +wurde er zornig. Gewiß, eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach +beleidigt zu tun, das war in aller Welt so. Aber schließlich war es doch +etwas, seine, des Herzogs von Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar +wie die hatte keine getan, so ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch +nie passiert. Er wurde heftig. Sie sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch +nicht mit Hoheit; aber es war ein so abgründiger, ätzender Hohn darin, +er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor wie ein heruntergeputzter +kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich, zärtlich. Sie schwieg. +Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen, ohne sich zu +wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe heruntergeleitete +an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den Gesichtern, so wie +eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie. + +Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie +hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte +sich öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine +anständige, schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch +der Heiligkeit stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu +seiner schönen Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische +Mätresse hatte, versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es +machte manches wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die +Bürger zogen die Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch. + +Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen +stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren +Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an +seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer +gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater +des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf. + +Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück. Wie +wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt, wie +sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen +aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier. +Immer noch blieb Karl Alexander das gleichgültige, mit leichtem +Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und +ihre Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der +Herzog, bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für +sie. Man haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die +man ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war +verantwortlich, der wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog, +zählte genau, war hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles +Böse. Es war ein rechtes Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen, +die sie damals im Wald von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick +aufgeschüttert hatte. Er wußte sehr gut, der freche, glatte, gescheite, +ruchlose, eiskalte Teufel, der er war, wußte so gut wie sie, daß sie um +ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm hingeglitten wäre, daß alle +ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften Gott- und Teufel-Träume +sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst hätten, wenn er nur die +Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen, seine wahrhafte Neigung +nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen Brocken Geld oder Titel von +dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute einer nicht, so sprach und +neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht echt war. Wenn einer aus +einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine Untertanen verelendete, Frauen +vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war keine Verantwortung. Aber +jener andere, der sein Gefühl verschacherte, pfui! pfui! das war das +wahrhaft Jüdische und Teuflische. + +Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend +anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er +wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur +sie gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen +zerteilt, war viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst +wenn er es gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines +Seins, seine Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen, +auch nur der Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen. + +Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es +wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur +tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn +doppelt. + +Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle +interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel +ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der +Herzog sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, sie ihn nur +kalt und leidend gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so +betastete sie doppelt neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren +Widerspiel der blauen Augen und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle +spürte das Wohlwollen, das von Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und +ließ es sich lässig gefallen. Die Herzogin, wie getrieben, schmiegte und +schmeichelte sich immer enger an sie heran, sie gab sich wie eine +jüngere Schwester, legte den Arm vertraulich um die Taille der andern, +zeigte, sie, die sonst an allen Frauen gern ihre selbstsichere, spitze +Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für die schöne Herzdame ihres +Mannes. + +Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie +war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären. +Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen +beschäftigt wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der +philadelphischen Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu +haben. Sie, Marie Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie +wußte von Gott eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand +sich so recht nur auf gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel +müßte Magdalen Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe +die braunen, schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz +einverstanden. + +Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen +Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie +übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot +verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel +Haare wie der Herzog.“ + +Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide +glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit +den länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war +harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet, +ihr einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße +Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und +mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr +geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der +wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat +nach ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt +anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man +einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner +Neigung gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er, +und das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es +stand an ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war +und mit seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor +allem über plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf +den sie sehr stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die +insolentesten Komplimente zu sagen wußte. + +Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie +sah Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und +sie reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr +glücklich. + +Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden +Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt +viel tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und +lächelt. + + * * * * * + +Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und +Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums. Es +war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall im +Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit +Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen +edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus +dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit zierlich +gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit Kornblumen, +gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr künstlich: „Süß +Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“ + +Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich +und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr +eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement +amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen +davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war. + +Auch in dem Forst von Hirsau, in der großen Wiese der Lichtung nahe bei +dem Holzzaun des Hauses mit den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die +Inschrift gesät. Es war ein junger Mensch, und er saß in der +Brüdergemeinde des Magisters Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem +Bibelkollegium war es seit dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und fahl +geworden. Wohl waren es stille, demütige und bescheidene Menschen, die +da zusammensaßen. Aber daß die Tochter des Prälaten unter ihnen war, +hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging +es in dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so +merkwürdige Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und +wenngleich es den frommen Seelen fern lag, von ihrer weiland Schwester +Böses zu glauben, so trugen diese Gerüchte jedenfalls dazu bei, den Haß +und den Abscheu zu nähren gegen den Herodes, den Herzog, und seinen +Trabanten, den Juden, als welcher offenbar der leibhaftige Satanas war. +Aus solchem christlichen Abscheu heraus hatte der junge Bauer säuberlich +und gewissenhaft mit Blumen in die Waldlichtung geschrieben: „Josef Süß +Saujud Und Satanas.“ + +Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit Magdalen Sibylle +eine Tröstung und großes Licht erloschen. Bei aller Demut und +Niedrigkeit spürte er doch zwischen sich und Magdalen Sibylle ein +heimliches, einverstehendes Wissen, das ihn über die anderen hoch +hinaushob. Sicherlich ahnte ihr von seinem großen, seligen Geheimnis, +und so ging der fette, stille, pausbäckige Mensch sanft und gehoben +neben ihr her. Es war so schön gewesen, jemanden mit solcher Ahnung +neben sich zu wissen, es war gewiß kein unfrommer Stolz, sich auf diese +Art gewissermaßen bestätigt zu fühlen. Er liebte die Einsamkeit mit +Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm doch sehr ab, und jetzt erst war es +ihm so recht leid, daß an der Geldforderung des Gratialamts seine +Bewerbung um die herzogliche Bibliothekarstelle gescheitert war, und +jetzt erst hob sich in ihm neben dem allgemeinen Abscheu gegen Süß ein +höchst persönlicher, kräftiger Haß, dessen Unchristlichkeit er sich oft +zerknirscht vorwarf. Er konnte ihn aber nicht loswerden, und wenn er im +Wald seine sinnierenden Spaziergänge machte, so stand er oft in der +Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte befriedigt die Linien: +„Josef Süß Saujud Und Satanas“. + +Einmal, wie es ihn wieder hingetrieben hatte, fand er, und das Herz +stockte ihm, einen andern Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das +blauschwarze, mattweiße, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem. +Sie lag hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von +gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie +ohnmächtig Hingestreckte. + +Dem weichherzigen Magister schnürten sich die Eingeweide vor Mitleid. Es +war keine Frage: hier einzugreifen, war unbedingte Forderung +christlicher Nächstenliebe. Dennoch brauchte er lange Zeit, bis er die +Schüchternheit vor der ihm sehr jenseitigen Erscheinung überwand, und +ganz heimlich fürchtete er bereits, die Prinzessin könnte aus ihrem +Zusammenbruch auferstehen, eh daß er den Mut gefunden hätte, sie +anzureden. + +Aber schließlich überwand er sich, trat, über eine Wurzel stolpernd, +näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen: +„Demoiselle! Demoiselle!“ Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die +Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die wo anders waren und ihn +nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß die +Verstörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und froh über +diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem zärtlichst +ergebenen Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe getreten, +Demoiselle, der arge Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber und +stinkender Satanas.“ + +Aber seine freundlich gemeinte Anrede hatte eine erschreckende Wirkung, +indem nämlich die Zarte aufsprang, ihn anflammte und mit unerwarteter +Gewalt rief: „Verleumder! Niedriger, giftiger, schleichender +Verleumder!“ Der Magister tat einen bestürzten, unbeholfenen Sprung +hinter sich; aber die Dame fuhr mit einer süßen, vorwurfsvollen Stimme +unter stürzenden Tränen fort: „Und Blumen, unschuldige Blumen +mißbrauchen zu solchem Gift und Niedrigkeit!“ + +Den Magister Jaakob Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem +Himmlischen Jerusalem so verloren weinen sah, überkam eine große +Unsicherheit und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war +keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch seine +Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, Demoiselle.“ Er +machte erneut etliche Reverenzen, während die Süße, Blauschwarze still +und strömend vor sich hinweinte und die dickliche Person auf sie +einsprach und sie wegzuziehen versuchte. Sie stützend, tröstend führte +sie sie endlich von den unseligen Blumen fort. + +Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger +Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher, +gekränkt, sich immer wieder verteidigend, es sei doch bekannt in allem +Land, und es sei nicht böslich vermeint gewesen. Doch das Mädchen, und +ihre Augen standen groß und wild in dem sehr weißen Gesicht, eiferte: +„Satanas! Er! Er Satanas! Weiß und rot ist er, hervorragend aus +Myriaden. Sein Haupt feinstes Gold, seine Locken ringeln sich herab, +rabenschwarz. Seine Wangen ein würziges Beet, getürmte Wohlgerüche, +seine Lippen fließende Myrrhe. Goldene Ringe seine Hände, besetzt mit +Chrysolith, sein Leib von Elfenbein ein Schaft, eingehüllt von +Saphiren.“ Und heiligste Hingerissenheit und Ueberzeugtheit lächelte von +ihren Lippen, strahlte von der klaren Stirn, während sie so sprach. + +Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte sich +sogleich wohler und gefaßter. Jetzt konnte er sich auch ihre +Verstörtheit zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die der Jude +mit seiner Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Es gab ja so viele +Liebestränke und arge schwarze Künste, die auch den reinsten Sinn +verwirrten und ihn dem Teufel zutrieben. Gegen die Mandragorawurzel +hatte kein noch so weißes Herz eine Wehr, da hätte er für sich selber +nicht einstehen können. Der Jude war arg aus auf Weiber; wenn auch an +den Historien über Magdalen Sibylle nichts Wahres sein mochte, daß der +Jude sie mit Zauberkünsten zu verlocken suchte, soviel war gewiß. Und +diese also, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem, war sicherlich +ein Opfer von ihm. Wie rein und lauter sie war, erhellte daraus, daß sie +jetzt noch, in ihrer Verstrickung und tiefem Fall, die Bibel zitierte. +Die heiligen Worte flossen süß und lieblich von ihren Lippen; bestimmt +war Beelzebub ihr in heiliger, englischer Vermummung genaht, als er sie +verlockte. + +Den pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er +diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang Magdalen +Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. Jetzt +schickte ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, diese zarte +und feine Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und gefräßigen +Satanas zu retten. Er begann weitschweifig und behutsam von der Freude, +die im Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf die büßende Magdalena +und endete schließlich bei den feinen und schlauen Schlingen, vor denen +auch der Reinste und Zarteste nicht sicher sei. Denn der Feind, der +Satanas und Buhler – + +Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch +viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte +sie, während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten +suchte. „Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“ + +Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und +fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte +sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der +Jude ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf. + +Wie ihm langsam Ueberlegung und Verstand zurückkehrte, sagte er sich, +wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und +tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt +ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für +einen Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders +als unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und +demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne +Geld war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden. +Und wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr +viele andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit +Augen zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild. + +Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“ +rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist. +Fürchtet Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt +gegen seine armseligen Schwärzer und Verleumder.“ + +Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er +sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er +nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger +Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen, +Gott werde er doch immer die Ehre geben. + +Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und die +Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit +ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn, +der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des +Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um +des Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister, +der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und +dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen +Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar +nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre +schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein +schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt +noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt werde, +verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter solchem +Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand mit der +Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme, +unschuldige Blumen!“ + +Um Jaakob Polykarp Schober aber war von jenem Tag an viel Wichtigkeit +und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und schwerer +Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die +Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche +Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man +nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der +Jungfrau zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden +selber gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs +ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der +Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn +das ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden. + +In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war +voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in +seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle +mit einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern +keinerlei Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm, +seine Rede floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm +die Worte zu Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von +der Besetzung der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen +und Gottvertrauen“ betitelte, und das mit den Versen anhub: + + Solang es anoch eine Krähe, + Solang es einen Sperling gibt, + Solang ich andere Tiere sehe, + Solange bin ich unbetrübt. + Wenn die nicht ohne Nahrung sind, + Warum denn ich als Gotteskind? + +Und ein anderes hieß „Jesus, der beste Rechenmeister“ und bekannte: + + Mein Jesus kann addieren + Und kann multiplizieren + Auch da, wo lauter Nullen sind. + +Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die Brüder und +Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen Lebenslagen, +wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig verkauften und wenn +sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den Jaakob Polykarp Schober +befriedigte das bei aller Demut sehr, und es tröstete ihn über den +Weggang Magdalen Sibyllens. + + * * * * * + +Jantje, die fette Zofe, erzählte schuldbewußt Rabbi Gabriel von dem +unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, schwieg. + +Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern mürrische +Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten über der +Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz ihn, +Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr lügen +konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er +hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten. +Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das. + +Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen Mann. +Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen +schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg. + +Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in +großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte ihm +nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften +schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die +Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er +war, und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde, +kluge, den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die +künftige Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit +nicht ein. Oh, wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor +seinen feuervollen Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des +dicken jungen Menschen. + +Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria +Aschkinasi, des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem +Menschenleib nicht nur Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht, +sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem +Körper zu neuer Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist +ihre gegenseitige Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen +sie die neue Wanderung erleiden.“ + +Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder +zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der +maßlosen Berglandschaft, des Steins, der Oednis, des zerschrundeten +Eises. Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die +schattende Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis +verstreuten Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er +suchte die Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war. + +Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in +jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die +kleinen, üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut +und Fleisch und Haar, nichts sonst. + +Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete +schwer, knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht +weiter hinauf kann. + + * * * * * + +Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels. +Der Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller +Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war +der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie +seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als +württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame +Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes +nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm +er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg +weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der +Fürstbischof von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen +Höfen, er war auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche, +sehr in Sicht. + +Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung an +das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit gebundenen +Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien ausdrücklich +auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das +Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen +Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an +Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er +feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der +katholische Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine +Privatandacht. + +Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der +Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen, +geraden Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz +des Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr +und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt +blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß +einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und +kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern +erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in +Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten +Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer +setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine +Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu dem +Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann Jaakob +Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und +Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht. + +Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten +Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse +stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die +Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am +Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche +gesetzliche Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem +Boden katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine, +bewegliche, hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf +dann nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen +Wirtschaftsgebäude. Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise, +erschienen. Der kleine Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das +sei seine neue Livree, er wünsche, die Mode möge recht bald überall im +Land im Schwang sein. Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach +Heilbronn ab. Erzwang schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten. +Schickte dem Grafen durch Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit +gemessenem Befehl, Kloster und Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen +damit zu beginnen. Der Graf schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab, +hetzte ihn mit Hunden den Berg hinunter. Da erschien Moser, der +stattliche, wichtige, komödiantische Mann, mit einem Detachement +Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen, zog erst ab, als der Graf, +heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die militärische Exekution auf +Heller und Groschen bezahlt hatte. Im Grundstein des Klosters fand man +eine Schrift, nach der dieses Kloster Stettenfels der Verbreitung des +alleinseligmachenden katholischen Glaubens und der Bekehrung des +ketzerischen württembergischen Landes geweiht sein sollte. + +Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der +massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist +noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch +immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte: +„Viele Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen; +überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk +lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen +Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur +noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und +Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien +der Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus +gewußt. Sie hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen: +„Verflucht sei der Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht, +den Greuel des Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im +geheimen.“ Im Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich +dreimal hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober: +Jesus, der beste Rechenmeister. + +Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen deutschen +Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte Aufsehen. Der +Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim Herzog durch +seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man habe ihn bei +seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt und +verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der +sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war +durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion +für später. + +Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen, +mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich +nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte +zum Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit +dem Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte +er sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen. +Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines +Judentums vor Kaiser und Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch, +nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte, +durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines +Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend +Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament, +auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet +die Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich +unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat +unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins +Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs +Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend +kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors +bisher ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges +Gesicht. Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren +persönlichen Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den +Militärlieferungen. Dazu reizte Karl Alexander die immer gleiche +Festigkeit Magdalen Sibyllens, auch die beiden Damen Götz, Mutter wie +Tochter, von Süß aus der Ferne klug und unmerklich so geleitet, +leisteten unerwarteten Widerstand. Remchingen war langweilig, mit +Bilfinger wollte er nicht zusammensein, weil er sich über seine Haltung +in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der Franzose Riolles war ihm zu +affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach seinem Juden. Wäre der +dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser Handel anders gegangen; +es war eine Schande, daß seine Minister die christlichsten Affären nicht +ohne den Juden glatt erledigen konnten. + +Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in Holland +gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in +Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne +so verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den +Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de +Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von +Ansehen und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den +Generalstaaten, sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es +nicht ab; Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle +wird sie ihn, und das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen. +Marie Auguste lachte stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem +Herzog war die geplante Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er +polterte, er erlaube ihm ja, sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst +mir sowieso in alle Teller,“ brummte er. Aber Süß ließ bei aller +lächelnden Ehrerbietung nicht von seinem Plan und erwirkte von dem +widerstrebenden Herzog ein neues Schreiben nach Wien wegen der +Nobilitierung. Karl Alexander schrieb eigenhändig und dringlich. Er +betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein weit mehreres als mit all +seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten könne, wie er seines +Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit halber zu allen +nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er, der Herzog, ihm +als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene Reconnaissance das +Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem Schreiben glaubte Süß +alles auf bestem Wege. + +Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn +Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste +Kavalier. Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr +roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen +Haare drängten gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen +besetzt blitzte die Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die +fliegenden Augen. Die Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist +wieder da! Die Damen Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll +Ehrfurcht hinaufgrüßte: Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das +Volk, aber er gefiel ihm. Und Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand, +die seinen Gruß erwiderte, den riesigen, strahlenden Solitär. Er ist +wieder da! lächelte er mit den entfleischten Lippen, und über der +zeremoniösen Halskrause der altertümlichen portugiesischen Hoftracht +schickte er begehrlich und lauersam die starren, schmalen, wandernden +Augen dem entschwindenden Reiter nach. + +Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell +und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen +Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da! + + * * * * * + +Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer +Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz, +der mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat +Süß. Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und +Schauspieler der herzoglichen Truppe übernommen. + +_Théâtre paré._ Allongeperücke der Herren, nackte Schultern der Damen +Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der +mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten +Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden. + +Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht, +der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil, +das in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie +sieht, stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der +Herzog kann sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge +Lord Suffolk wird ganz blaß bei ihrem Anblick. + +Man spielt das Stück eines alten großen spanischen Meisters. Das Werk +ist durch viele Hände gegangen, italienische Komödianten haben es auf +ihre Wanderschaft mitgenommen und umgemodelt, man hat Arien und Ballett +eingelegt. Jetzt hat der Tübinger Hofpoet sich darüber gemacht, er hat +alles in gewissenhafte, säuberliche Alexandriner gegossen. Aber die +gelbe, kleine Napolitanerin, der naturgemäß die wichtigste und schwerste +Rolle übertragen war, hatte darauf bestanden, ihre Hauptszenen +italienisch zu spielen und zu singen. Da hatte sich der schwäbische Poet +grollend zurückgezogen, Süß, der Tausendhändige, hatte in aller Eile aus +dem Kreis seiner Mutter einen anderen Dichter und Regisseur beschafft, +und jetzt wurden einzelne Szenen deutsch, einzelne italienisch gespielt, +was von vornherein für Abwechslung sorgte und keine Langeweile aufkommen +ließ. + +Aber es war überhaupt eine spannende und anregende Komödie. Ein Held +stand oben auf der Bühne, ein Kavalier und wilder Liebender. Sein Metier +war Krieg und Liebe. Er hatte bloß die Eigenheit, daß ihm jede Frau, +erst einmal genossen, sogleich zum Ekel ward. + + „Die Schönheit, die uns lockt / Ist Huld und süßes Wunder; + Die Schönheit, die gekost’t / Ist wüster Dreck und Plunder,“ + +äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich +Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner +Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder +Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur +die Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab +es ihm immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe +Dame schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von +Riolles, der unter den Zuschauern das schärfste Aug für so etwas hatte, +merkte, daß sie heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte +Sprödigkeit, die sie spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch +lächelnd den Expeditionsrat Götz in die Seite: „Den hab ich fein +abfahren lassen, nicht?“ Der Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief +und respektvoll. Er war eigentlich bereits tot. Denn er war einer von +den Nebenbuhlern des Helden und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen +worden. Er hatte aber dem Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht, +denn er wollte, wie sich das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so +gutem Hause geziemt, durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte +alle seine Fechtkünste, hätte um ein Haar den Komödianten schwer +verletzt und mußte schließlich, sonst wäre das Stück nie zu Ende +gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne hinausgeschleift werden. + +Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit der +Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin, +die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die +dort streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit +worden, und infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters +muß nun der Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie +entführen an Stelle der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt +er den Irrtum, schäumt, beschließt, die Unselige an die Mauren zu +verkaufen. Doch die kleine gelbe Napolitanerin, hingeworfen, jammert und +fleht zu ihm. Dies war die schönste Szene des Stückes, der große +spanische Meister hatte all seine Kraft daran gesetzt, und selbst unter +der Verschmutzung und Vernüchterung der langen Wanderschaft waren noch +Reste ihrer Schönheit geblieben. Die Napolitanerin also kniete vor dem +geschminkten, hochmütig und gelangweilt sich spreizenden Komödianten +zwischen Oellampen und drei braunen, primitiv geschnittenen +Versatzstücken, die wildes Gebirg darstellten, und sie sprach: „Du +schworst dich mir zum Gatten. So es dich verdrießt, gern lös ich dich +des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster! Oder mache mich, soll +ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich dir anderes als +Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir kochen, dir +die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib mich ihr +als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht klagen, +sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr, +zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will +ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin +sein, die der Geliebte liebt. Doch nicht verkaufen! Nicht den Mauren +mich verkaufen!“ + +Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte +Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie, +und sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur. +Es wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe +auf die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen +die Kerzen. + +Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die +Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann +hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame +de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren +Vorsatz ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine +praktische Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte, +Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches +und überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie +einen haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn +heirate, werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was +er mir auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen +Eventualitäten auf meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das +Für und Wider noch reiflich überlegen.“ + +„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist +richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen +lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen. +Merkwürdig, daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist +die Magdalen Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den +Blick für die anderen zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch +nachholen.“ + +Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte +sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig, +hielt sie ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen +müssen,“ seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er +muß mich an den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte +Jud ist eigentlich an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß +sie einem nicht auf eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas, +das sie nichts kostet.“ + +Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht +und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um +nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die +Aufgelöste, Hingegossene. Und er konnte einen dunklen, heisern Kehllaut +nicht unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr! +Mein Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder! +Finde dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst +du’s nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und +Wald und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden +auf, empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor +Gomez Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach +Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden +Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in irgendwelchem +vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß die Komödiantin, +während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden Expeditionsrat Götz +dachte. + +Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische +Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu +seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß +benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte, +rührte er die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er +äußerte: + + „Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert, + Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“ + +Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen +maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren, +sehr glänzend aussah. + +Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so +nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud +nicht so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da +deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für +sie gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da +würde er sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten, +entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein. + + * * * * * + +In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar +Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes +Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als +die Manufaktur an die Sozietät Foa-Oppenheimer überging, wurde der Mann +als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt, +schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische +Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber +höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die +ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung +aufkam, entlassen. + +Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen. Verkam +mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen +Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht +gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch +gestäupt. + +Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm zusammen +mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst behilflich war; +fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu, frech, +lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er +hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm +und blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind +wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ +sich nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste, +struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm +verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein +verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie +liebte ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie +wurde ihm allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen +und Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts +kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag +schließlich allein auf ihren Schultern. + +Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte, +begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte +sie es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu +treiben. Immer öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos +liegenblieb. Ein paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu +ihm zurück, schließlich war er der einzige Mensch, über den sie eine +gewisse Macht hatte und der an ihr hing. + +Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen herum, +stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar +Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land. +Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll +und männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte. +Kaskaden von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen +Schnurrbart vor, das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen +Augen, und das Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter +Laune, um die Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, +mauschelte, versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den +Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag +aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf +herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend, +unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in +den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle +sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war. + +Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt. +Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude +der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen +Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der +Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte +als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche +Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer, +krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu +verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett, +das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er +ließ ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf +seiner Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr +und erschöpft aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu +Atem, ein japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den +Späßen des Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich +mit, aber sie kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine +Waren billiger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des +anderen. Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den +Jecheskel Seligmann, er beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und +zu treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei +dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte +vor Torschluß die Stadt verlassen. + +Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das +Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie +froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger +Messe eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine +Einnahme, die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er +hatte ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte +sie, er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, +schimpfte, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr +verdient habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie +genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm +sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund kläffte, +er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich trotz +aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute sie schließlich wuchtig +mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte sich, blieb +liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie liegen, +schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche. +Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend. +Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie +solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie +nicht antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer +nicht rührte, stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich, +seufzend, rülpsend, umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die +blinde, zerschlagene Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, +Kiefer herunter, Augen groß auf, naß, starr. + +Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne Sinn, +allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne hatte +sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an +dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten +Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart +tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie +und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war. +Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel +ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es. + +Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne +Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall +Schnitte in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. +Er verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit +einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch +immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit +Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam +dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der +Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann. +Man ließ ihn passieren. + +Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann +Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen, +gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen +Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff. +Lief dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während +nur die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen +notdürftig begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder +in das Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. +Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe +doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel +Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem +Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm +zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts, +vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei sie dann auf einmal +doch weg gewesen. Manchmal müsse der Mensch auch schlafen; da könne er +dann den andern nicht halten, ja. Und jetzt habe er unter den Waren des +Juden draußen ein Bündel Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett. +Müßt das Kind jetzt wohl nackend herumlaufen, nur mit dem +Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr Osterfest. + +Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige +Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu. +Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter +starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten +rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen +Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch. + +Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die +Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen +Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt. +Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße +hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel +über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den +Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte +Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die +Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat +arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und +Schande des ganzen schwäbischen Kreises. + +Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau +dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr +erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern +davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts mehr +dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie die +Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von +Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von +ihnen mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt +verstinke. Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer +einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in +diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes, +die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den +unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen. +Aengstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere +Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann +morgen dem eigenen geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten +Würmer vor jedem Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern +und wilden Bärten träumen. + +Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt +herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade +demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben +wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte +immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem +zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies +war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man +ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann +einsperren ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung +Christen um ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen +ihn übers Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der +dürre, zitternde, entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er +sah hundert erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen +ihn, er wurde zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden +ihm gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend +noch unter den Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den +Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein +Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer +Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor +die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht. + +Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude. +Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat. +Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken +geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins +versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen? Während +einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das Viehzeug die +Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger wilderten +– ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und +queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider +den Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße +gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist +nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des +Eßlinger Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst, +der freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma +natürlich nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den +Schirmvertrag mit dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud +nicht gleich, als nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe +es wirklich keinen Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde +behandeln! Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel. +Jedem einzelnen der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert. +Aber wart nur, Herr Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem +schwarzen und verruchten Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In +spanische Stiefel schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln +herausquetschen, ihn mit glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen +sich unter den Ratsherren die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn +dort solenn verbrennen wird, und versprechen den Verwandten und +Befreundeten Fensterplätze. Nur schade, daß man es bei einer einzigen +Hinrichtungsart bewenden lassen muß. Man sollte ihn können zugleich +hängen und rädern und vierteilen und verbrennen. + +Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der +seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf +Altenteil in seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und +unrettbar hatte versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine Söhne +hatte verkommen und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies +war eine wilde und unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der +Brust holte er malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie +vor den Rat, einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den +großen, verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen; +heftig, als rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock +gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch +nicht zitternder Hand. + +Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr +nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker +Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein +Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als +wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten +erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine +letzte Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte +er die Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden, +und alle starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die +wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war +ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in +der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden +umgebracht zu werden. + +Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch +Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie +steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln. +Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart war +ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen +Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem +Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt, +zu heiraten. + + * * * * * + +Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer, +langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit +weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief +aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat +unzählige Male um Pardon, suchte seine Mitteilungen durch kleine, +schüchterne, unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein +schwieriger Patient, den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem +flachen Degen halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen +an den Köpfen seiner Aerzte. + +„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin +Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich +Karl Alexanders zu bringen. „Eine _Goutte militaire_!“ wimmerte er dann +mit seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz +kleine, unbedeutende _Goutte militaire_.“ Da der Herzog finster schwieg, +fügte er eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie +und schwarze Gedanken darüber machen. Solche _Goutte militaire_ hat +nichts gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit. +Denn während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide +präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist +Eurer Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen +als ein leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen. +Euer Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon +befreit sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte +kleine Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang +und gäbe ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen +Generale Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“ + +Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter +vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück. + +Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit dem +Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren +Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte +er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So +zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre +Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das +ganze Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und +hatte den Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber +er wird sie stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen. + +Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu +lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt +waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe +Napolitanerin durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer +Fuhre Mist, ratlos und verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein +großer Zettel mit der Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger +schnalzten bedauernd, das hätte man eher wissen sollen; der Most wäre, +eh daß er sauer ward, einem gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man +sich gern sein Schöpplein geholt. Die Frauen aber spien sie an und +warfen sie mit Abfall. So wurde sie krank und ohne Geld aus der Stadt +gejagt. + +Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General +Remchingen und der Schwarzbraune. + +Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die +Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie +doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil +davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst. + +Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat Götz. +Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die +Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an +die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe +Herrin und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es +für seine unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht +sogar die Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft +respektvoll lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs +flüsterte, wie er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der +allerdemütigste und ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige +und schmutzige Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er +bei seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun +konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu +werden, warf ihn um. Er beschloß zunächst, sich zu erschießen. Später +indes sagte er sich, daß eigentlich die Napolitanerin an allem schuld +sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem gottgewollten +Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, wälzte sie auf +die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, wie sie ihre Fuhre +Kot schleppte. + +Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden +Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht +dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch +die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen, +das Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne +Sinn jene Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte: +„Mein Herr! Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß +mich nicht dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von +dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird +er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp +und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er +auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen. + +Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den +Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man +erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen +müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese +kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der Tübinger +Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen die +Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber nicht +minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal +mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht vergessen +hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht hatte +sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und +Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen +welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend +gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand, +werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens Alexander +bald wieder Schwabens Paris sein. + +Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. Noch +immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem roten, +primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem Hof +und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er +verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine +Frage von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte +nicht zu ihr kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte +sich des armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert. + +Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem Unstern +vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur +Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn! +hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung +mißtrauisch geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er +drang unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der +junge Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der +Herzog machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, +zerschliß mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit +pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine, +eidechsenhafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die +Herzogin erzählte weinend und empört Magdalen Sibyllen davon, sie +beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald stahl sich in ihre +Empörung ein kleines, amüsiertes Lächeln, sie machte spitzbübisch die +lärmende Aufregung des Herzogs nach, divertierte sich an den +merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten, suchte sie ins Französische +und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei +seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu ihr kämen, sie sei gewiß, +die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht erwischt werden; aber der +arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und +nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte. + +Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage, +sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht, +Remchingen sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, +eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es +ernster wurde, keine sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer +ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber +zweifelnd an Gott, sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen +mit sich und den Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er +konnte sich an nichts mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem +Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter Strumpfgürtel der +Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf, +Stellung in der Heimat zu gefährden. + +Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt +handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen +Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut +über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie +Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig, +spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den +Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie +entgegen, drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. +Worauf Karl Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle +Glocken läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und +Braten spendieren. + +Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst +ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem +englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer +amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur, +aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor +allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen +Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu +machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn, +Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch +aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine +Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von +Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch +einzurenken. + +Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr gelegen. +Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage der +Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er +wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben +und die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren +Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern +hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, +stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in +Stuttgart. + +Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte mit +Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich +immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als +an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, +fleischige Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald +so weit, daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger +Wiederherstellung des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen +Erben schenken könnten. + +Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen +Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl +Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen +unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde +den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem +Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er +ihm den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, +den heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die +Würzburger Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse +berochen sich anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos, +fröhlich, unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem +schlauen, schlanken, und keiner kam dem andern näher. + +In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte +ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen. +Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen +Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht, +in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der +Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels +reichlich wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den +Grund gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den +katholischen Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit +umfassend organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. +Katholische Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen +vor. Es war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste +Detail ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und +knifflige juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die +parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich +die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der +lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der +Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt. + +In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh +und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu Rom, was +alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht worden. Er +kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung des +Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und Bruder, +daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die +alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu +verbreiten.“ + + * * * * * + +Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung +gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. +Der Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig. +Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein +Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen +Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen +Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge, +rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren. + +Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die Laune. +Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen +der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der +recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten +Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man ihn den +einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte bei ihm +statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus, und +es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als ersten +Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf diesem +Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich +nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte, +kamen ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer, +sachlicher Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen, +Beseitigung der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des +Herzogs; er verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten +Politikern peinlich darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile +und umwegige Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren +viel geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr +weichen, langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht +einfinden. Er sah staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es +peinlich vermieden, die Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn +sie nur zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und +moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf +und sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende +Blicke in die Runde schickten. + +So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte +Bestätigungen. + +Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein +besonders kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen +persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der +Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern +und Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den +auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn. + +Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt. Goldene +Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den kostbaren +Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel dehnten +die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer +großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde +warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus +Gold und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige +Dienerschaft gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander +hatte eine offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen +konnte seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen. + +Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe. +Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation, +alles maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; +das Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten. + +Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes +Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt. +Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit +gezwungen wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit +dessen Hof man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke +zeremoniös versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch +ausschweifende, muntere Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie +beizukommen. Sie hatte nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer +gepanzerten Frostigkeit nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders, +reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich +resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre +Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich nicht +enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, könne sie +auch das noch über sich ergehen lassen. + +Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen lassen! +Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die Töchter +des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein Prunkschloß, +hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach Belieben, arme +Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging! + +Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er glaubte +offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da wieder +ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische +Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine +modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft, +daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht +simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was er ihr getan habe. +„Sie sind ja schuld an allem!“ rief sie, und in ihre bräunlichen, +männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine Flaum darauf belebte +sich. + +Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er +hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte +er mit seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei +Seiner Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner +Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die +Ursache, und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und +ab, was er ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach +dem Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von +Welt. Ernstlich also, was er ihr Leides getan habe? + +Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze +Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was +er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit +und Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen +Odem Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die +heiligen Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld +daran, Sie haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“ + +Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn und +warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze +klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie +denn? + +Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle +so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien +doch nur Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der +Odem Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und +Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne +Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit +seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie +Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch +verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich! +Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange +Sie warteten.“ + +Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was +ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht +glücken, es hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen +Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht +zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die +erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht +der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie +zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang +das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher +schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch +verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme +Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief +sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden. + +Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und +ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“ +sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von +Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich +glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann +über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön +wäre, niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein +Herzog nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie +eben nicht Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem +entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte +er ihr, was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend, +er sprach es gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will +Ihnen etwas sagen, Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie +damals im Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, +was Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und +Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur deshalb +getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich habe +seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und spürte.“ + +Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort +sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre +erhabenen Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott +hinüberzuziehen, alles nannte er bei seinem rechten, kleinen und +lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so einfach auf seine simple und +alberne Formel zu bringen: sie war eben ein kleines, dummes, +schwäbisches Landmädel, das sich in den erstbesten Kavalier vergaffte, +der ihr unvermutet über den Weg lief, und ihre Erweckung und Gottesminne +war nichts als ganz ordinäre, armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise +verging sie durchaus nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie +bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie +reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn: +Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und maskiert, aber er habe +das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun +könne, habe sein Gefühl verschachert. + +Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit +gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. +Und er wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu +paradieren. Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, +entfaltete er denn auch sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie +ihm fangen mußte. Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie +hin: Wie sie ihm unrecht tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr +Gefühl in seine Hand bekommen können, so daß sie sich ihm willig gegeben +hätte. Doch er sei kein Freund der billigen Mittel. Mit seiner Macht und +seinem Glanz auf das schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei +ihm zu wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der +Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt +stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er +freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil +gedreht hatte. + +Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante +Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange +gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte +sich an seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl +sich nicht zu sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich +gewachsenen, durch seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem +höfisch zeremoniösen, überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß +mit dem unter der Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches +genommen war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende +Mädchen zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer +Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig +gezügelt und eingeteilt, sie als gleiche unter die anderen herunterzog. +Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein +eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen +ist wie Sie, wer den Kopf wirft wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott +im Bibelkollegium von Hirsau fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter +seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich vor zu ihr, +sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, eingängigen Stimme, +die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was +es heißt Macht haben? Versuchen Sie es doch, kehren Sie doch zurück in +Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie +Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie können es nicht mehr!“ schloß er +triumphierend. „Sie haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“ + +Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das +Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich +sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt +stand sie ihm gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat +überfüllten Gemachs, von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen +großen Teil einnahm. Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen +Teppich kam er ihr nach und nahe. + +„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die +waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg +Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine +gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“ + +Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke +drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es +beinahe selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von +Anfang an geneigt, sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für +solche Saat. „Magdalen Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem +Herzog überlassen, einen Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab +ich es getan. Sie auf den Weg zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg, +Magdalen Sibylle, Sie und ich: er heißt Macht.“ + +Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel +gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer, +spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an +ihn glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, +die Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, +das war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie +wohl auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein +kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese +Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher, +schwelgend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche +preisgebend und Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen +geblieben wären. Auf und nieder ging er, sich berauschend an der eigenen +Rede, immer glänzender den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein +eitler Schauspieler seiner selbst. + +Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir +gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel +der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn, +dieser Herzog?“ + +Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er +sich selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem +Ernüchterten bangte. + +„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu +können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein +eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl der +Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines +Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück, +daß er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts +von Ihrem Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo +Sie jetzt stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um +Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering, +Griff um Griff, Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen +schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren dicken +Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen braven, +wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen, +der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und +verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie +Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht +gewesen und wie Betrug. Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie +sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich +gehöre zu dir, ich komme.“ + +In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen +Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in +kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich +selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand +küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen. + +Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er +hatte die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über +denen, die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der +plumpe Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die +Geburt, er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser +einzuholen. Er war der Stärkere. + +Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter, +beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust, +ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt. + + * * * * * + +Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen und +Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der Jude +dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen +gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu +tun habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende +von dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die +gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in +Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was +für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken +sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende +Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten. + +Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen. +Rottete sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen +wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen. +Der Handel stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den +jüdischen Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen +die Prozesse in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von +Rosenheim, an der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte +ein Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit +einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen +Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die +kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst +scharfe schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen der +Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende. + +Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger +Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der +Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive +Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem +Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh +gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb +die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht +Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das +ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war. + +Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, lehmfarbene +Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten, stierten auf +das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen gepackt wurde +um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende, +verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde +Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um +sie eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem +Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen, +daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche. +Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer, +wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie +brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen. +Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an +ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses +Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das +teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für +die Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen +Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer +Horde von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die +Aemter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf +den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die +Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott, +gelobt sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen +Zelte Jaakobs! + +Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch +alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis +Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen +Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe +geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen +über uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel! + +Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte, +verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre +schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit, +blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit +des römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen +sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden, +fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum +Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng +gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel +und in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend. +Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, +verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner +erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre +Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht +unsertwillen! Sondern um der Verdienste der Erzväter willen.“ Sie +zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die +Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, die +Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten +von den Christen, die Märtyrer von den polnischen Gemeinden bis zu den +Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre +Leichenlaken, den Kopf bestreut mit Asche, sie standen den ganzen Tag, +alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie schacherten +und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn der Tag trüb wurde +und sich neigte, standen sie noch und schrien mit ihren häßlichen, +ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung +Isaaks!“ Aber auf hundert Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in +den wilden, gellenden Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist +Adonai Elohim, eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, +Ueberwirkliche, Jahve.“ + +Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen. +Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf +einem Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und +töricht aus ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in +einem Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten +und andere fromme Legenden erzählten. + +In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis +ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde, +wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit, +gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn, +gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben, +nur das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels, +das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ + +Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte +sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel +Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen, +vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen +das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer, +zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres +Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im +Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der +Folter nicht hinausgediehen. + +Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende +gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen, +rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn +der Graus losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre +Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer +Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den +Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben arbeiteten +ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu bewegen; in Wechseln und +Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals ins Ausland, in +Sicherheit. + +Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene +Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre +Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren +Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen +Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und +verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die +lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate, +die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen +Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte. + +Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das +Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das +half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre +Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an. + +Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der +Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, +gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste +Verfluchung, die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der +Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der +alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und eilig und mit halber +Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber die Augen des alten +Rabbi blieben kleben an den drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las: + +„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das +Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib +wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du +dir bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen +hingeben deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und +auf sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du +wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen, +daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und +Töchter, die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein +Feind dich engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und +sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu +treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig +schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter. +Wegen des Säuglings, den sie geboren zwischen ihren Füßen, daß jene +nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus Mangel an allem, im geheimen, in der +Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird in allen deinen +Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst +nicht rasten unter diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für +den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein +zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt; und du +wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht trauen deinem Leben. Am Morgen +wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du sprechen: Wer +gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du bangen wirst, und vor +dem Gesicht deiner Augen, das du sehen wirst.“ + +So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er +schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden +Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau, +die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür +und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug +vor Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu +stören. + +Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden, +betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen. + + * * * * * + +Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt, +hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem +Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im +Reich, und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine +gelüstig schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt +hätte. Aber seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam +Lebloses, Mechanisches. Es kam vor, daß der gewandte, welt- und +redekundige Mann mitten im Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden +begann. Oder daß er mitten im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte, +mummelte, ganz schwieg. Dann wieder erschien etwa der peinlich nach der +letzten Mode Gekleidete ohne Kniegürtel oder machte sonst einen +unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den +Frauen. Er sprach und bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie, +aber es konnte geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas +dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber +stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen +bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise +bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch die Hände +des Süß gegangen waren. + +An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn +in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr +so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte +Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen +Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor +nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu +sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der +argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich +vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet, +daß der Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß +Judentum hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn +etwa nach der Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß +sehr ablehnend betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen, +wiederholte er diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft. + +Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und +Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch +sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war +nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die +Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not, +blieben. Da saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei, +begabt von Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, +geachtete Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die +beiden breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der +schlanke, elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches +sprach und fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu +lassen. Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar +gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian +Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien +doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr +des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen +Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser +gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens +über dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war +dies keine Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind +schmutzig, und es ist verflucht schwer, sich sauber zu halten.“ + +Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er vereinte +Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments, formulierte und +stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das Willkürregiment des +Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und +Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und +verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen +Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in +allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler +Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen Hebel und +Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen Betrieb, +dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen Geschäftigkeit. Der +Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand in jeder Aktion, +aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im tollsten Getriebe +zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein +verödetes Haus über seinen Bibelkommentar. + +Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien +der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den +gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die Studenten an +dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute Weile +dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt +haben. + +Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in +die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die +Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen, +nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; +bräunliche, flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in +seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der +Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte +er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in +Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel, +strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die +Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem Lächeln. + +Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der +erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines +Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht +schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt, +wo seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle +Rücksicht fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, +seine frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit +kurzen Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald +kriegte er seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt +hat, so wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, +wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den +Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern im +Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn +bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher +Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter +wieder einmal sehen und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert, +sprach einfältig, herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie +der ganze Kreis diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. +Weißensee hörte gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe, +daß er den aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe +ästimieren können, und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor +befriedete sich sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam +öfters mit dem Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame +Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen +Versen zu sprechen, er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und +Gottvertrauen“ und jenes andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als +Weißensee freundlich zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten +ließ, gewann diese Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den +jungen Menschen ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das +Herz fast bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem +Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute. + +Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang +streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den +Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder +erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel +Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen, +setzte sich aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu +zusammen. + +Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht mehr +schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd, +jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume +füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt +lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl +sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: „_Voyons donc_, mein Herr +Geheimer Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend, +Exzellenz?“ + +Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das +Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man +bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte +wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer +noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler +supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich +in sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es +aus, Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten, +eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen, +raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den +Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten, +eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im +Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor +mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine +wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer, +ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war wohl +ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz _à la mode_ +geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem +Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und +das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl +neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall. + +Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf +seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten +Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten +stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des +nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das +Rachepläne? _Fi donc_, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich +gemeinen Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig +war er, wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp +und alt sein wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert +wird das sein, höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als +was es gemeinhin in den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu +sehen gibt. + +„_Voyons donc_, Exzellenz! _Eh voilà_, mein Herr Geheimderat!“ sagte der +feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann +setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit +abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der +Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten +Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten. + + * * * * * + +Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in +Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer, +Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich +gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der +General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der +Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein Rudel +lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den +Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister Buckow. +Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war, der +Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen +Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, +niedere Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den +Handschuhen. Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom +Bartelemi Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und +Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins +Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in +streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über +mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit +der Geiernase und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem +Süß äugend mit länglichen, starren, schmalen Augen. + +Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener +Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit +er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben, großspurig +törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr +wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen +Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig +das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter +vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche +Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze +durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen. + +Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war +groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger +erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt +hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft +mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die +protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man sich +Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten +Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht; nur wer +mußte, kam. + +Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu +erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen +Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen +Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen +gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst +Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung; +überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes, +Plebejisches, einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch +daran, die Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon +dem Doktor Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus +verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, +entschuldigenden Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten +Stimme vom Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, +erwähnte die Mutter der Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren +Sohn lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. +Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des +Herzogs, gab Marie Auguste es auf. + +Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß +gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die +langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem +Gatten; denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, +wie sie es verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen +Gottesnamen und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers. +Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und +Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten +die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und +Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen sie sie +frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören müssen, keine +Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die durch die Namen der drei +Engel geschützt sind. Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr +Wochenbett durch Amulette mit den Namen der drei Engel. + +Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den +Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne +er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit +ihrem Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und +dringlich. Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. +Besser war besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten. + +Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in +einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in +leichtem Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider +gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei +überlegen amüsiert. + +So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen, +hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors +der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch +züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den +Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen. +Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden, +seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt +hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und +wollte ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in +der Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In +ehrlicher Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr +hübsche Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine +ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst +fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit +beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten. +Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung +überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das +Amulett. + +Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst +stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen +mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort +Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an +dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme. +Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui; +heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus, +betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen +Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich +beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive +Vögel. + +Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen +aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er +sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der +Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den +evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die +evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die +katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er +freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung +dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die +Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und +spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem +Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an +seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine +Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium auch +des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten Textstelle +an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende +Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was die +Vulgata und die Katholiken richtig mit „_bonae voluntatis_, guten +Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem +Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und +danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre +sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt +hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des +Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor +der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische +Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten +den rechten Text. + +Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er +sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder +andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit +ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am +Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und +Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit +Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee +verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen +Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften +Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild +verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend +Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich, +wie das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so +Feindseliges durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand +ganz kalt wurde. + +Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und +stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr +wohl, mit ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des +Mädchens zu streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller +um den Süß. Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber +sie sah, daß er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, +er kam ihr vor wie ein schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen, +zottigen Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen +ihm und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater. + +Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem +Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu +heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit +beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes +Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm +willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden, +pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler, +die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen +Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem +Herzog noch immer weigerten. + +Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem +plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich +angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach +dem Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im +Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel +klingen. „Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß +unser Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm +wird hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über +ihres Juden feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte +verstohlen das Etui mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die +Glöckchen der Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der +Burggraf Röder erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er +wandte sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht +so weit seien. Die Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts +zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin +wollte, und man sprach eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß +zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte +das Argument, daß das Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus +überzeugt. Nur Herr von Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn +wirklich die Juden die in der Christnacht Geborenen gefährdeten, so +hätte Jesus von Nazareth einfach eine andere Nacht sollen für seine +Geburt wählen; dann wäre ihm das Kreuz, uns allen das Christentum +erspart geblieben. + +Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die +Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren, +blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase +vor die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte +er sie; dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose +Material der von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es +im Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im +Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der +Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen +Höhlen blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem +Ring. Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs +alles, was er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden, +lässigen, leicht spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und +sie erzählte die Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und +gekitzelt hörte man zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen +Vögel, die blockigen, unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis +endlich Karl Alexander mit lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung +löste, gutmütig und lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und +sie könne sich freuen, daß sie sich wenigstens nicht werde müssen +beschneiden lassen. + +Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die +Schulter, war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen +Text, wie er da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen +können, das sei sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa. +Unvermittelt dann sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob +man den nicht einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von +wegen dem, womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich, +wich aus. Karl Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus +sei schwer beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse +der Süß ihm schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich +für die Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach +der Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin, +bei dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was +wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten +das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett +beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er +so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das +doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab +nach. + +Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die +Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen. + +Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war lau, +starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück, wie +seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im ganzen +Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald, wie +kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein +morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau, +habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen +Reden war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der +Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und +verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige +Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde +er sich die Ehre geben, dem Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein +Exemplar zu überreichen. + +Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den +Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf +leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon +auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der +Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es +klang ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht +morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein +Hinterhalt? + +Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit +der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen +Hauses mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging +auf und ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die +Glocken der Mette läuteten. + + * * * * * + +Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der +prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende +gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen +gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf +keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und +sagte: „Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist +also in vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders +unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen +Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen um +den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg, fuhr er +fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger Kindermord, +habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt gesagt: +Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt +springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“ + +Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen waren +von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich erkannt, daß +sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte zufahren, zwang +sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines Eingreifens +in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel Seligmann, +so gefährdete er seine Nobilitierung und die Mariage mit der +Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament +herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger +preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel +Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz +durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie +es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben. +Eisern schweigen. + +Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame Schutzmaßnahmen für +die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und ihre etwas zweifelhaften +Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei und keinen Hohn aus +seiner Passivität herauslocken. + +Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er +keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft +mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen. +Besteht sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen +Obligationen. Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu. +Aber man kann nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die +fröstelnden Hände. „Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und +Dummheit. Wenn es gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als +Geld. Und Ihr, Reb Josef Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein +Wort aus ihm herauszupressen war. + +Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden +Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“ + +Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu schützen +wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem goldenen +Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen wissen! +Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das ganze +Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm machen +davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel Seligmann +Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem Gesicht des +anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins, Steinköpfe! +Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der Prophet und +Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie Eure weißen +Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu gehabt. Sonst +hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört durch das +gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin. + +„Ein guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen +Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten +Trumpf aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“ +und wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak +Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren +Bart strähnend, zu gehen. + +Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden, +standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob +Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den +eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten +Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden, +gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal +zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische +Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht; +doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom +Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen +Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung +gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine +Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung +abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der +Heiligen Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie +geküßt, erregt und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen +an Herz und Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So +hatten sie mit Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder +Not und Andacht gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in +Schläfenlocken und schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf, +den Fleck am Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck, +Gobelins, Gold und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten +ein flüsterndes, heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle +Stunde und spielte eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie +warteten, bis der Geheime Finanzienrat sie vorlassen würde. + +Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über +dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl. + +Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute waren +töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen +wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur +kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst +nicht mehr beachteten, aber formal noch gültigen Gesetze hin, die die +Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen +Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr +erlangen können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die +von diesem zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht +binden; im übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die +Landschaft hatte daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten, +strengen Vorschriften neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht. +Seltsam war, daß an der Spitze dieser Agitation im Parlament Weißensee +stand. Wollte er seine katholische Intrige hinter dem Kampf gegen die +Juden verstecken? + +Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation +überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die +angesehensten Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten; +er mußte sie wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so +hätte es ihm geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören. +So empfing er sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden +Bescheid zu entlassen. + +Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd, +umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank, +elegant, gemessen stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden, +Sich-bewegt-wiegenden gegenüber. + +Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben uns +zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und mit +Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr +verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist +wohl auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog. +Die Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf +gegen Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“ + +Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der Rabbiner +von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist keine +Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel Seligmann +Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch, daß Ihr +verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann +verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere +Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß +heranrückend. + +Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud +Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen +Konsens von mir, er steht nicht in meinen Listen; es ist zweifelhaft, ob +er nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren +bei Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich +dreinmelieren. Es ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung +verlange.“ + +„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine, +welke, milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel +für uns getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch +diesmal, damit nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der +dicke, hitzige Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht +opportun!“ erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden +retten, der nichts getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“ + +„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er +blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen, +Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den Reb +Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen mit +Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche +Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip: +da ist ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach +handeln; ich muß rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen +Sorgen, ich hab tausend andere.“ + +Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der +Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und +Gut und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut +vergossen werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich. +Sperrt Euer Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von +Fürth fügte hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil +Ihr Angst habt vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in +der Landschaft?“ + +Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und +seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend +und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen, +braunen Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem +dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum +und erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan, +daß jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ +geworden, hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen +Kaiser wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig, +ich hab mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht +hinausgebrüllt, aber ich hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud +bin.“ + +„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend, +drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von +Fürth. + +Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen, +messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den +Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten +Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr, +Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein, +schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in +seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht +entscheiden. Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen +Sturm riskiere wegen einer Lappalie.“ + +Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft, +öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich +überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame, +ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein +Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet +werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das +Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr +achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf +ihn ein. + +Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr +alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb +Josef Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich +erhöht wie noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures +Fürsten wie Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten +vor der Not Eurer Brüder!“ + +Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit seiner +nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth schwieg. +Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang weniger +sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen. Bloß, +wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten sie +ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen. + +Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer. + +Allein geblieben, ärgerte er sich. Er war wärmer geworden, als er +beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe +gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben +sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen +hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar +vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen +sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie +stieren zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen +Jecheskel Seligmann salviert haben. + +Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und +ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt +ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte, +ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute +gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des +war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert +und die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht +mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in +dem einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie +verstanden nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich +mit seiner Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß +Gott, weiß Gott, schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen +lassen. + +Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine Allmacht +auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den Eßlingern +ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird er in +Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an ihm. + +Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich +in Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber +seine Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und +feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann +Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah +hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug +unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute +spornte, er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte +heftig mit den Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm +gingen und gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem +entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen, +verschollenen Halskrause stand er vor ihm, sagte, wenn er den Solitär an +seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war, +schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom Finger +ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte, ja, da +müsse er eben die Hand abhacken. + +Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er noch so +müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb Jecheskel +Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen berstenden Tage +nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen, unerfreulichen Nächte. + + * * * * * + +Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch +Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen, +senkrechten Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen, +vieldeutigen, bedrohlichen Worten. + +Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte über +Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner Ruhe, +getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und Rabbi +Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte nichts. +Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen müsse er +das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind mehr +als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als +Fleisch und Haut und Knochen. + +Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es, +den Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an +entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische +Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht. + +Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend +von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man +sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem +Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und Zeichen +sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen lassen, +jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben +sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt +sein und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin, +wenn er sich jetzt dem Kind stellen soll, so ein Kind hat sonderbare +Augen, es sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine +Ahnung von menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel +und Schmutz, wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und +wenn bereits Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll +Angst und Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals +gründlich zu säubern, eh daß man vor sie hintritt. + +Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend, +die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der +Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um +sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer? +Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart auf hart +und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß unten +bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor +murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor +keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in +diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger +Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch +ein Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein +winziges Staubkorn an einem finden. + +Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war +sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel +Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes +wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die +Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er +stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und +Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine +kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen. + +Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem +ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich +bejammerte und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm +postuliere, war in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und +er hatte harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder +in ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: +wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er +überall in Europa als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht +und gepriesen werden, wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu +Rand bringen, als einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen +verfallenen Menschen zu entreißen. + +Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er Mühe, +sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses vorzuspielen. + +Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als sonst, +war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich +nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so +ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den +kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl +Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen +blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem +Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt +solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit, +bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte, +trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte, +daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes, +gutachtlich gehört werde über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn +anders er, Süß, seine mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den +Herzog fortführen solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die +Eßlinger in gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um +Enthebung von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und +schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren. + +Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase; +morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander +konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen +tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die +Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte +sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er +dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten +auseinandersetzte, polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer +Uniform mit Stern und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß +er hier mit dem Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart +gehört und wollte es machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun +da und füllte das Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe +er sich kostbar, schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder +ob er es überhaupt verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen? +Süß vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von +wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben. +Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur tastend, leise +andeutend; doch Rabbi Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg. +Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und +schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander von neuem an und fragte, +immer mit gemacht überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine +Frauengeschichten zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus +bei ihrem Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen. +Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete, +der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf +dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“ +Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem +Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer. +Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun +habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin: +Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein Gutachten +aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz und lauter +Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche, entfernte +sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die Büste +des Moses. + +Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den Juden +Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen Edoms. Was +bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß, jetzt +erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so eitel +und Haschen nach Wind ansehe? + +Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß Leben +sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende +Zappelei. + +Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den +Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus +allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen +edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt? +Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen +Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat +allein Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis +nur eine Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem +Punkt aus zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen, +jenseitigen Idee wäre? + +Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester +an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen +Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt +aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die +erhebende Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos, +gar verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung +wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich +dem lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang +sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines +Lebens zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen. +Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner +geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen +fließenden, flutenden, ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der +Beflissenheit, mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er +vor dem Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab. + +Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude +geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder? +Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering +und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an +der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher +Stelle. + +Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie +sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem +Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als +vor dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun +ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder +Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er +jetzt so hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel +anspucken und mit Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an +einen Juden gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und +seinen Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über +dem Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und +wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und +Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter +Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein Leben? + +Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden auch +seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz zu +Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum +schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie +schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd. + +Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche +Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, +fahr nach Frankfurt zu deiner Mutter.“ + +Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer +gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte +von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit +seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das mit +Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die +Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine +Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise, +kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er +sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern. +Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter +reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat. + + * * * * * + +In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten +und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat +Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige, +solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden +Staubflöckchen. + +Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen +Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem Eifer +vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen +Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu +mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund +die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz, +könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß +eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich +denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses +Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche wir den +konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen Schlund +schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im ganzen +Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr Bruder, +ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt, wenn +ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium +verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und +wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und Kommentare um +seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und +wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen +Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins _contrarium_ kann +kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß +ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“ + +Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt hatten +das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein +Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich +schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht +anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich +doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht +er fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm +den Gefallen zu tun.“ + +Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich +eher die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort +hineinsetzt, das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich +von dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem +Händedruck. + +Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder +an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in +die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt, +die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah +über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen +Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens. + +Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt, +und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in +den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie +sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht +hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich +laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen +Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden? +Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts +war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete +gegen den großen Juden wie gegen den kleinen. + +Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen +Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer, +in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm +gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden +im Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen +Herzöge und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden +Geschichte und Recht. + +Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um +Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren +unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie +totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in +Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen, +Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man +solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen +Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl, +so verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, +in einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten +die Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag +zwischen dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten +waren Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die +Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und +weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und +unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und +unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit +entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden +gescholten als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen +Ordnung gehässig, verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem +gemeinen armen Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und +sie wurden Gott dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen +hart und scharf des Landes verwiesen. + +Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer +wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf +Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph, +Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig +wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott +verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor +ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen +Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar +widerlich und reizvoll in Einem? + +Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden +Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des Herzogs +und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere rätselhaft +übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab es ein +Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht. Gegen +die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die +nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam, +Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die +nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden +fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich +spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig. + +Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier +war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit +ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie austreiben +nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst das +primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel +quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie +vermutete, tauchten sie neu auf. + +Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich, +schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du +hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan +zu streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, +weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der +lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten +Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke, +schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar weit. + +Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger +Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und +beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem +verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur +beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein +Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann. + +Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann Daniel +Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der +vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die +Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend, +feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende +Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus. + +Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am +leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins +Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die +wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war +eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt +durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den +monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen +das Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe +des Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die +Juden waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen +komplizierten Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie +heraus, so brach Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und +Symbol der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, +Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem +andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk, +einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern. + +Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück zu +seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen das ekle +Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich, +gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten. + + * * * * * + +Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen, +übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten, nach +außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die württembergischen +Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig, +irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der Folter, kehrte +Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem +Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken an, +schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich zappelnd hin +und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte er, heulte +leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer +Landes, nach Amsterdam. + +Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm +vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre +Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den +Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu +schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut +geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den +Herzog, den der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel +weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den +Dank des Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in +letzter Zeit seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern +spreizte sich vor sich selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um +Dank, sondern nur aus reinen und edlen Motiven die Tat getan habe. + +Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten +sich in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten +Bewunderung, flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder +hoch, daß sie mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein +seliges und beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt +er über hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen +Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in +seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde +aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den +menschenvollen Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene +Schweigen der aus wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte, +ließ mit seiner zittrigen Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden, +alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf +ihn niederrieseln. + +Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn +hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, +seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl +fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und +reich und edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er +sei, wie begabt er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und +Schönheit der Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so +auf in ihm wie sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen +Gesicht wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm +weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen +Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die +schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen +ihre Art etwas Fahriges, Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes. + +Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi Gabriel +in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob wie +flehend und in leichter Abwehr die Hände. + +„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die +Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“ +sagte der Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand +starb. Michaele, mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging. + +„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie? +Was wollt Ihr von ihr?“ + +„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind +hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine +Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“ + +Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack +Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten. +„Muß ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und +voll Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi. + +Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften, +hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante +Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich, +verstand nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte +rasch weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung +von den Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war +allein im Zimmer. + +Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell, +wieder dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht +überm Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig, +wie trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich +straffte, ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff, +stammelnd, zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein +Komödiant, der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in +alle Schlünde hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt, +sitzend, alle Arbeit tief innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos. +Eine lange, ewige Weile wie tot. + +So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese +schattenden, düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte, +hexenmeisterische Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam +betrogen, daß man ihm das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es +war ein arger Possen und echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn +so lange an diese schlechte, niedrige, gemeine, lächerliche und +verachtete Gemeinschaft zu binden. Er hatte sich freilich, Gott sei +Dank, vermöge seines Genies und seines eingeborenen adeligen Blutes doch +nicht unterkriegen lassen. Sein Ingenium hatte strahlend floriert trotz +allen gemeinen Hemmungen und Bindungen. Aber wie viele empörende, +blutvergiftende Demütigungen, wie viele erniedrigende, krumme Schleich- +und Umwege hätte er sich erspart, wie viele bizarre, alberne Kanten und +Winkel wären glatt und gerade gewesen, hätte man ihn nicht +verbrecherisch in diesem falschen und pöbelhaften Stand und Glauben +belassen. + +Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und +überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm? + +Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein +Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von +Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus +schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht +willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine +kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges +Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen; +denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt +und Kavalier. + +Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem +wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich +nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und +Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf +seinen höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte +seinen Vater, daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er +sich von der schönen Jüdin den Sohn gebären ließ. + +Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner +Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er +kannte Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter +das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und +in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor +dem Bild des prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter +sprechen gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff +war mit das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte +aussprechen können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund +gesteckt, als er das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte +er das kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, +und die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer +weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war. + +Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph +hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in +den Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn, +Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht +schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie +feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft +Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der +Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich +noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte +Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen +aufgestellt. Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also +sein Vater, der da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres +entlanggeführt wird. Eine endlose Front; die Soldaten schlängeln sich +das ganze Blatt hindurch in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf +dem Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden, +entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine +Knechte führen ihn. + +Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen. +Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch +ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie +dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein +Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als +treuloser Schelm wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der +Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten +dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über +den Neckar geführt, in einem Nachen. + +Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach +Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl +Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang. +Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held +gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der +Mönch. + +Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal. +Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr +rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime +Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das +katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß +geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet. + +Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was wird er +jetzt tun? + +Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung +verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er +selber nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, +er wird dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des +Konseils. Dies also wird sein. Ja, und dann? + +Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine +Hände in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von +Würzburg wird sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen +Mäuler unter den Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen +Besitz der Macht auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann? + +Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher +Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre, +Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er +der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter +diesem Lachen steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein +Aristokrat Minister wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam +hochklettert, das ist doch wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll +er das hinwerfen? Wofür? Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher +schon taufen lassen können. Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als +wenn er jetzt als geborener Christ sich offenbarte. Christ sein, das war +Einer unter vielen sein. Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur +Einen. Jude sein, das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber +auch einmalig sein, immer bewußt, aller Augen auf sich zu haben, immer +gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der +Hut. + +Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo er +längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den +Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt? +Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und +verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern? + +Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man mit +Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst, +Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit, +daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei? +Wenn er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit +gewonnen? Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip, +daß bei jeder Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas +prellen wolle. + +Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste +Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht? +Warum verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten +Gewinn? Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen? +Frömmigkeit? Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten +sein? Und war es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das +hatte, was sich hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es +denkbar, daß solch ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war, +für ein dunkles Drüben besser vorbereitet, als er in seiner +vielverschlungenen Klugheit? Er fühlte sich wie ein Kind unsicher und +ohne Rat und Hilfe. + +Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder +hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen +Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der +Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so +Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen +des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es +kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu +verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön, +ihn den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu +werfen, es war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu +strahlen, aber der satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer, +in der Judengasse, vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man +behaglich, ohne Furcht vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg +kauen, seinen letzten Saft auskosten, und wußte, im Grund freuten die +anderen sich mit. Hier war man zu Hause, hier konnte man Miene, Geste, +Wort lockern, ausspannen. Hier war man in Frieden und wohlgebettet. + +Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß +sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für +seinen Vater gehalten, der sanftmütige, höfliche, geschwinde, +liebenswürdige, betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl +verachten. Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen +konnte als Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben, +daß er sie den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort +gehört von ihm zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann +zeitlebens zart und einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken +anders als Vater zu nennen gelang nicht. + +Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das Opfer, +das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber +vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt, +als er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und +Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein? +Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne +Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch +gehoben, aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es +doch geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn +man ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge +vor das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den +eigenen auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das +war nicht möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte, +Repräsentant Judas gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war +und unverfälscht. Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war +eben seiner Mutter Sohn, nicht seines Vaters. + +Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu +Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm +schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand +wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters +rechtens überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er +sein Herz vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es +war Recht und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und +Verachteten, groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen +Namen, Erbe und Stellung. + +Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An goldenen +Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den Verachteten zu +stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung abzutun; aber +auch in dem goldenen Panzer zu prangen, war Versuchung und starke Lust. + +Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten +in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der +Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der +Feldmarschall, abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem +zerbrochenen Degen, winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der +Mönch dort hinten, der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater! +Sonderbar, daß man nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist +oder der Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne +lächerlich im Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart, +das ist Isaak Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern +Jecheskel Seligmann. Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich +albern, und er knickst tief und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch +und beklemmend aus, wie er immer wieder mit dem von der Folter +zerrissenen Gesicht lächelt und dann wieder knicksend mit dem Kaftan den +Boden schleift. + +Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er will +jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit +Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese +Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen, +und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen. + +Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel +entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger +scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut +scheint gelöster, bewegter, menschlicher. + +„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere +nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen +gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“ + +Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit +deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr +danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“ + +Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann +dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes +Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben +grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein +Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede +ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein +Opfer, sein großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes +Erbteil prellen? + +Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum +erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum +erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende +Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der +Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, +sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, +unumstößlich. + +Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“ + +Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb +ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“ + +Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte +er: „Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“ + +Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines, Unwahres, +Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen zum +erstenmal Licht. + +„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst. +„Komm mit zu dem Kind!“ + + + + + Viertes Buch Der Herzog + + +Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital +Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der +Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister +sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der +Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer +vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort. + +Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie. +Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft +bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein +in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus +ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten +Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich +über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim +Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch +der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da. + +Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das +einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte +seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, +er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So +fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der +Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer +sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des +Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern +Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst +im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt. + +Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht +enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, +lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum +und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele. + +Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht +besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den +üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet +getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war +ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in +den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich +an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den +Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen +sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte +sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in +Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen +und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und +hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber +ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein +folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging +durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine +Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes. + +Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit. +In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche +Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und +Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und +Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz +des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp +seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von +Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher +nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen +taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und +der Macht. + +Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria +Aschkinasi: + +„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine +neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere +Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die +eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, +die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines +gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie +durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, +sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich +aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern +um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung +erleidet.“ + +Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des +Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre +sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach +Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre +entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf +dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens. + +Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land. +Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen +Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte; +alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün +auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe +des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche, +gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert. + +Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der +erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel, +der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische +Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer, +behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu +Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden, +gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in +einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf, +dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so +eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war +schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das +beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob +Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher +Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er, +Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine +diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche +Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm +tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war +katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen +eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die +venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge +war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott +sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und +Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, +alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. +Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das +war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den +Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war +ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, +verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war +Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute +wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten +Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen +Welt. Aber, _gloria in excelsis!_ von diesen heiteren schwäbischen +Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil +dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die +ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten +Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl +war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er +scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem +Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen +im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein +feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung. + +Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender +Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war +nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land +umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft +waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die +höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst +wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt +widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand +das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud +den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die +Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller +menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, +hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine +große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser +Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft +Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, +Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein +kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut +vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und +stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den +Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die +Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein +ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht +man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie +jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt. + +Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und +kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf +administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. +Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag +in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die +Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den +Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, +sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich +sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die +beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, +während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem +April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen. + +Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der +Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des +Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen +Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den +Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich +ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. +Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, +grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und +Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung +in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf +den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend +und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem +Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus +lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und +meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um +die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war +ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es +war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche, +alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf +der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte +finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte +seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des +Volkes, des Parlaments, der Evangelischen. + +Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder +mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die +Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die +mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, +submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen +Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte +man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein +Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen +drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg +getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und +aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des +parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war +in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ +sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des +Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe +Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht +gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen +Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde. +Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere +Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim +erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, +ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp +und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten. + +So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee +in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch +trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann; +hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein +Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit +der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an +hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit +siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn +hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog +Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in +Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener +Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor +Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es +war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging +nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten +Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald +wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. +Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, +es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede +und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann +Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, +Arndt, Spener, Francke zu stellen. + +Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser +Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser +Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach +und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen +und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen +zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner +Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet +disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum +Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf +eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief +unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ +sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, +gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, +Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte +Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der +Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten +aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel +im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht +behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten +innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der +Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das +die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik +beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den +Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der +schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft +entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir +kann selbst ich nicht helfen.“ + +Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt +in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so +günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die +württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten +Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und +Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen +Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens +schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin +von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom. + +Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in +ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven, +bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz +des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte +spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie +war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die +Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die +Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt +sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard +Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und +silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr +aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara +Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte +bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch. +Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt +gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt, +sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von +getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. +Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen +solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den +guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche +empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen, +über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die, +Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling +abzwangen. + +Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von +Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach, +Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen. + +Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel, +Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s +Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen +Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen +Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr +da. + + * * * * * + +Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher +hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren +herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das +katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen +Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der +Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur +mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden +auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit +dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, +sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim +Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. +Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum +Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er +zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, +gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend +und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten +wiederzugewinnen. + +Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte +er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in +der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des +Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm +vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der +Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen +heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der +Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines +großen Coups. + +Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch +Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies +dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt, +dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann +mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den +Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden +Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. +Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des +katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die +Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den +eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem +Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben +Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik +gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite +Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, +Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, +Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen +Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten +müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten +Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ +die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen. + +Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er +abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem +Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines +Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, +die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das +Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen +Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel +antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an +seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er +außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald +weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie +bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst +vergessen hatte, als teuersten Besitz. + +Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär +Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und +unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so +ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß +dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch +andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die +sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß +jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu +Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem +blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige +hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen +anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen. + +Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr +saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, +vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die +einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß +sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, +daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in +ihm und ihr. + +Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und +Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts +arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte, +Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins +Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während +Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des +Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen +Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten +den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede +Begleitung die Hauptstadt. + +Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt +ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem +einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich +gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die +hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie +zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das +mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller +Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie +opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit +über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll +langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und +sinnierend zu schauen. + +Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten +fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende +Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete +Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des +Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters +doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue +Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, +als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht +recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder +drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem +reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des +Vaters. + +Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und +Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal +sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt; +das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“ + +In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das +Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und +her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen +Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer +durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig +sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut +aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die +Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den +Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den +Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an +einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, +aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß +ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an +Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt? + +Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter +Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die +seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen +Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der +kabbalistische Baum. + +Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. +Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er +war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer +keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen +schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm +schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, +unterworfen, gezähmt. + +Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der +Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem +höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben +können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein +gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die +Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im +Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er +fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur +herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus +dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten. + +Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und +Getragenheit. + +Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender, +prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet +Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher +und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor +sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel +defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet. + +Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß +genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. +Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der +katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller +Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu +erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden +Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der +Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des +Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger +und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen +Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude. + +Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß +genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe +auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise +sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später, +Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, +so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze +Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den +Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen +machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen +Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen +werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen +war er durchaus nicht geneigt. + +Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die +ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das +Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu +entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine +übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der +Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die +Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel: +„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an +seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller +aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät +Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“ + +Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte. +Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte +die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, +sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig +gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er +denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot +angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und +her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei +und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die +die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des +Finanzdirektors befahl. + +Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der +Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem +entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, +vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers +Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, +Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. +Spähten, schnüffelten, schwitzten. + +Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der +Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß +und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte +gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie +man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es, +löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit +gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt. + +So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas +Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige +Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den +trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und +rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu +Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was +jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten. +Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm +die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese +Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen +gehörte er wirklich nicht. + +Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun? +Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei +irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren +herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster +zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine +Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher +fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für +ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht +zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die +Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit +allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen. + +Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen? + +Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt +war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten. +Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere +Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe +stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu +entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen. + +Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt +dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, +das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, +nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern +wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der +Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in +der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der +Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der +Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand +den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen! + +Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig, +vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch +seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts +dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, +polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der +Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine +Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein +gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann +sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und +steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm +auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche +Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend. + +Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme +gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos +keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, +kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn +als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre +ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe +hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen +Christenschelmen. + +Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen +Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel +krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen +Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer +fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo +man an seine Interessen streifte. + +Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im +Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, +wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon +zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter +verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der +Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden +Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident +Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte +es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt. + +So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch +trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er +herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche +Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten +erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner +gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an +von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam +dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm +plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht. + +Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht +mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant +geworden! + +Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert. +Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein +Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, +es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl +nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, +könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem +er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu +lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, +was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag. + +Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in +sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl +aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den +zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach +dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. +Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu +tasten. + + * * * * * + +Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich. +Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. +Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war +glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen +tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und +doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und +schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden +der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten +keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne +Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine +Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, +die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme +eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, +und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, +tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser +über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle +Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie +lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr. + +Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch +heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag +stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede +Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle +Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses +Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. +Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh +sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich +haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn +sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen. + +Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich +über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, +es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen +sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke +Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. +Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als +Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für +den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, +von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres +weiten Rockes vorlugte. + +Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller +Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles +begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien +nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich +nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten +widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann +Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale +dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten +Publizisten zu werden. + +Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und +Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts +davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg +ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin +richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz +Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in +ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, +dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im +Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der +Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten +diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der +schwäbischen Circe zu widerstehen. + +Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede +Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, +war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die +Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen +seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch +auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß +er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die +Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las +ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und +Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen +über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches, +Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er +rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. +Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, +während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; +häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder +lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit +solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch +amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen +Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und +Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend +anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen +himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam +fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, +schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit +vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie +sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz +gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und +betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, +Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel +im Haus der Herzogin zurückzulassen. + +Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine +einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich +an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine +Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war +sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, +der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander +wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts +haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was +geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und +verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von +Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und +dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten +Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes. + +Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte +sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf +einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch +tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, +Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt +lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine +Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten? + +Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde +geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und +unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der +straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie +war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und +empört zu lodern. + +Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die +Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die +Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann +hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger +Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der +Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten +überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war +tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, +war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot. + +Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten +Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und +hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm +willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine +Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und +unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf +gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, +und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen +gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen +Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr +scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr +von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch +alle männliche Glut war verascht. + +Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging +ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: +sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht +sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf +seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte +sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war +nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie +damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten +nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber +weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr +ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der +einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war +durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach! +tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau. + +Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde +Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie +selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten +Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast +körperlich wie einen guten, warmen Mantel. + +Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad +Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel +Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine +flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht +zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte +er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? +Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie +kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward +durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie +zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem +Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große +Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er +geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt +solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die +blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen +Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, +sich beschied. + +Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn +sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer +Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen +Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen +Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen, +betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten +Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit +wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende +Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften +Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige +Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm +als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen +Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer +Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden +Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren +zu dürfen. + +Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden +Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und +tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie +gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der +ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine +andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie +würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele +begabte Heilige, ihre Dornenkrone. + +Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal +ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie +hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten, +dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle +lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der +dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel +und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in +ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger +weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit +großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und +Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste +Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des +Expeditionsrats still und friedlich zu. + +Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so +selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, +auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr +zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und +krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung +nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und +Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte +man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie +zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und +Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß +ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. +Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes +freundlich ein. + +Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und +leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der +Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und +dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch +in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die +glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer +Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet +worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete +sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die +Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie +eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe +ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch +die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem +Kopfschütteln. + +Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und +erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie +nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die +Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war +sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als +die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene +Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach +zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und +urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte +menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle +aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes +natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie +seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er +wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, +ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und +unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich +geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte +dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren +nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, +unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest. + +Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr +verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste +Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes +Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die +philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer +Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus, +waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im +Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, +höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin +geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben +an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der +braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht +zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht +die ihre sein. + +Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen +Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht +überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die +feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im +gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine +Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er +einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule +hinauf, füllte ihn ganz an. + +Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. +Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine +Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen +lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen +Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der +mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch +tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener +Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung +als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den +Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und +Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die +Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem +Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht +ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt +zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des +Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so +betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch +tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als +Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und +Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und +ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken. + +Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt +bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All +seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders +einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend +wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die +frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des +Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der +Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung +und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und +gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat +Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann +geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so +schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als +Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem +Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er, +behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er +ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche +Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne. + +Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf +raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, +der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost +vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation +schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat +verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber +in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm +welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den +vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam +war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft +sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften +Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt +nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das +Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und +verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil +seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu +den wenigen, die sie nicht leiden mochte. + +Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er +wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen +künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß +regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft +jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein +Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der +Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es +wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß, +Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren +akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, +wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre +es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen, +davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und +vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt +gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem +berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um +das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie +festgesetzt. + +Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und +Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, +seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen. +Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um +ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen +Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf +beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, +schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in +sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend, +woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz. + + * * * * * + +Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine +seiner einsamen Reisen. + +Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs +stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch +angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog +nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein +lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße +folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben +auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten +Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus. + +Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen +Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und +fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist +überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in +großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach +einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche +Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er. + +Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er +bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen +gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. +Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren +hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg +rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund +riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem +dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es +gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß +unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden. +Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte +offenbar dieser Gegend. + +Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete +schwer, wanderte weglos und mühsam. + +Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand +plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume +standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. +Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, +die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so +hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete +die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen +den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast +lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, +man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt. + +Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum. +Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen +ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. +Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den +Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner +Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der +verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener +verkettete, leichter atme. + +Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser +Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten +Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? +Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des +Hundes! + +Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten +Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren +um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt +in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und +Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des +Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der +Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi +Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die +aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den +Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen. + +Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr +helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der +Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im +Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt +in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht +auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, +Mann! + +Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn, +aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen +des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, +Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger, +angstvoller Beschwörung: „Hilf!“ + +„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen +nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das +Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da +waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. +Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die +sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes, +unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln +die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen +Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es +herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den +Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen +Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine, +Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: +„Hilf!“ + +Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab, +keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine +Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die +bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt +ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“ + +In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den +großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige +Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit +den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die +kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater +das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit +kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, +die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken +Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht, +ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und +frostig war es erloschen! + +In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner +Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und +gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander +fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, +das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein +blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart +und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische +Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, +die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich +können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins +Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! +Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, +_mille tonnerre_! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen +und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust +haben. + +Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb +des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl +Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über +die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr +schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit +vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem +Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit. + +Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte, +war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem +Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was +wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für +solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen! + +Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem +Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er +rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann +werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine +Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! +Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag +was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf +die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer. + +Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen +des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann +abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem +Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume +sperrten den Blick weiter. + +Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen +noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter +stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts +verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte +voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter, +neugierig, angeregt, amüsiert. + +Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen, +staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig, +Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in +dem schwäbischen Wald was anzufangen. + +„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn +Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht +übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich +plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, +holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit +schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus +steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit +einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“ + +„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem, +genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“ + +Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer +ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir +den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“ + +Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins +Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten? +– Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden, +setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig +anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der +Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen. + +„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte +zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu +befehlen, nur mein Herr.“ + +„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem +erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu +und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes, +des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das +magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der +unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und +gedämpft. + +„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit +hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn +der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister +nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“ + +„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat +Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine, +lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle +Winkel. + +Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen +Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke, +plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten +sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel +angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das +Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, +des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß +dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So +was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! +Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“ + +Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den +Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter +ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch +das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten. + +In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des +Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn +Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren, +liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“ + +„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der +Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner +Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an +ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: +„Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. +Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu: +Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei +doch noch besser als alle Geburten seines Hirns. + +Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank +das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen +Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein +rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er +schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln +um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat, +gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein. +Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten +Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen. +Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser +mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr +Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und +heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für +kurioses Gesicht ziehen. + +Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens +gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte +dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke, +den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die +Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, +da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu +Ihren Füßen legen?“ + +Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor +Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese +Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder +fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn +dein Herzog dich fragt.“ + +„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in +ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir +nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie +nicht so zimpferlich!“ + +Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben, +dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. +„Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl +Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und +Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“ + +„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen +wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und +pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie +Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie +sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und +mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu. + +Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen +Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten +sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der +Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten. +Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den +ganzen Leib und eiskalt. + +In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von +Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach +Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und +nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist +weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten +Magus um sein Prestige bringt.“ + +Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee, +als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den +feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er +sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und +Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und +blaß werden.“ + +So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den +Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht +die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind +hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie +nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und +selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. +Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu +bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer +ungestillt bleiben. + +Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die +großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und +ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl +zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, +ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte. + +Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht +überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein, +Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von +neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen +Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie +jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön +und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. +Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. +So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den +Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm +bleiben werde seiner Tage. + +So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank, +fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in +warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre +weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber +ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie +galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend +Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des +Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, +stilles Lachen. + +Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub +des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er +wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn +bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten, +sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer +behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er +allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche +Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus. + +Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt +von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel. +Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel, +fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken, +warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung +war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, +gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über +Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man +sich wie in Venedig so jung. + +Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen, +die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht +regen konnte. + +Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er +hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer +des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit +den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht +hinaufzuklettern. Er wird ja sehen. + +Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff, +ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er +sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau. + +Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig +hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte +vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt? +Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer, +kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr +Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, +flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete +lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend +wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte +Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie +gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich +ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel, +nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie +mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann +die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach. + +Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der +warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte +hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, +der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den +Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor +an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? +Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige +und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht +hinaus. + +Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier. +Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein +Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit +gleitendem Schritt stieg sie ein. + +Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe +heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und +Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den +Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze +Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand +enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die +schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den +Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen, +nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der +Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn +sie ihn auslachten. + +Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß +schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs +Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und +erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ +Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete +stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die +Neuffer gewiesen. + +Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind +hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief +sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie +nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück, +tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff +nicht. + +Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der +junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg +aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den +Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in +Wind und Nacht. + +Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es +Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er +Ursach dieses Todes. + +Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer +so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders +angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da +brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß +Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was +antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins +Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld. + +Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden. +Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag +sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue +nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war +ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin +noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und +jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm +Erkalten. + +Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen +aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. +Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von +einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im +Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und +plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der +Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte +da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er +hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich +jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies +quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos. + +Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit. +Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je +nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und +dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war +Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr +Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere +und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er +der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben +blühte oder Tod einfiel. + +Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen +lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er +jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken +werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich +zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird +er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller +Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, +Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm +und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex! + +Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho! +Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er +die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten +hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man +dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du +Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, +nie wäre das arriviert. + +Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden. +Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in +die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und +auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen +wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch +wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und +niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war +schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte +Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß +mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. +Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich +zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem +verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man +es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein +kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß +verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. +Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich +mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht +bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm +wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es +jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war +tot. + +Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes +Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich +alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird +ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er! + +Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles, +drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen. + +Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er +sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, +brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die +Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das +tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der +aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, +hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem +verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. +Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, +schnarchend, totenhaft tief. + +Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif +und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl +Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus +verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des +Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die +Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und +damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie +nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der +Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der +sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster +waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des +Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand +Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich +nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts. +Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr +Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine +große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah +nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er +sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem +Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und +bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort. + +Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel +gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen +sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die +breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen +war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter +Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren +Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das +Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: +Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das +Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das +Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. +Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur +Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So +blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken. + +Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die +drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel, +der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke +konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war +noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; +noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte +das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie +gestorben, eh daß er gekommen war. + +Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum, +der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden, +verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner +knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war +ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, +er konnte sie nicht halten. + +Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie +überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, +die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! +Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“ + +Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als +er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so +schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in +grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die +Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand +war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in +herzschnürender Not mit Samael, dem Linken. + + * * * * * + +Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen +war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während +er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig, +trank, zotete, jagte. + +Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht +des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie +Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war +tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; +entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud +war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud +war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und +verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat +es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn +mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das +Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im +Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin: +„Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“ + +Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog +sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen, +war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem +Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im +Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im +Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß +wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er +eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die +hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein +Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen, +Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die +verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-, +Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden +ohne Besinnung. + +Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen +verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm +und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos +häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging +er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser. + +Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog +gestorben?“ + +„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel. + +„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in +die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“ + +„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel. + +„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß. + +Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren +der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt +ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. +Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, +stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten +gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, +hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“ + +„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß. + +Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie +wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird +auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“ + +Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute +herauf, er rührte sich nicht. + +Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht. +Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht +erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um +den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den +eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein +Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der +Frauen? + +Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend, +sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in +Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich +spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr +viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines +Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“ + +Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte +der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“ + +Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm +lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, +hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses +mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch +nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die +knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten +Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. +Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: +„Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es +eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und +kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, +da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich +sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“ + +Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr +und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der +_coûte que coûte_ seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein +bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, +ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. +_Parole d’honneur!_ Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig +Spaß versteht.“ + +Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht, +wer hätte das denken können.“ + +Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er: +„Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn +um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns +soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste +wie bisher! Geb Er mir die Hand!“ + +Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des +Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne +Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum +andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen +regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war +im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen +Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt. + +Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „_Bien!_“ sagte er. „Bestatte +Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“ + +Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den +hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und +Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich +heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, +pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter +Laune zurück in seine Hauptstadt. + +Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen +lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind, +und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, +und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? +Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die +Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt +und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm +gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er +geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar +nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel +davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können. + +Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen +wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod +seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war +ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war +ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil +losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes +Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn +er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist +er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, +allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er +ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige +Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und +brät sie und kocht von allen Seiten sie gar. + +Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne, +sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß. + +Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen +Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit +seiner knarrenden, mißtönigen Stimme. + +Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm +wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich +dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund +und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten +Augen gehässig an. Aber er sagte nichts. + +Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre +Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum, +und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael, +dem Linken. + + * * * * * + +Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht: +Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von +Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist +gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist +ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt. +Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter. + +Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd +und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter +Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und +von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan +Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und +Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi. + +Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner +von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er +drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich +freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht +mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem +häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah +er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr +es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich +fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den +rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm. + +Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines, +goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort +Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den +Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer +nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette, +schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der +Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der +dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der +milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in +seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen +sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, +durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, +sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie +weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber +nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß +Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt +Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in +keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige +Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr +ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges, +und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt +seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine +Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus +Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den +eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern. +Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind +Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet +hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not. + +In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von +Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß +im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, +gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und +vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig +ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank +der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den +kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit +ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des +göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich. +Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie +sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die +Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den +Friedhof. + +Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde +gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die +Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und +Herrn. + + * * * * * + +Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die +Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, +riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches +lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. +Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine +ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus +ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin +menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, +spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen, +überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen +Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem, +nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer +kriecherischen Geduld. + +Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen. +Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog +zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das +ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte, +leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er +bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und +zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter, +düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister +Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, +suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. +Doch der schwieg. + +Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war +härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, +und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es +anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter +strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle +Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie +nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die +wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich +sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl +zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein +feindseliges, gelblich dunkles Feuer. + +Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug +sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn; +eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber +schleppte, den Feind aller und von allen befeindet. + +Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet +und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder +jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie +wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder +politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die +Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in +nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben. + +Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine +Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten +die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der +Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in +Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? +Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, +die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt. + +Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht, +schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren, +maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine +grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er, +der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig +schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch +des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den +Ausgehöhlten aufrecht. + +Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der +Herr des Landes, scheute keine Grenze. + +In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer. +Dieser Fall lag so: + +Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war +der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht, +verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische +Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen +Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen +unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder +Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen +mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung, +einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen, +reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren, +humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß, +sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust. + +Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe +von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den +Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter +vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den +Jüngling. + +Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die +vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung +seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie +des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden. +Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein +anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte, +höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge +Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der +Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die +Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen +anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in +Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor +Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, +zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende, +zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht +sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich +spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle +Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die +Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und +Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern +wischen. + +Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn +ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete +dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge +Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram +über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht +doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann +seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des +Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart. + +Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der +hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an +der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch +die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn +verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene +Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur +Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter +verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem +Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die +herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer +noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher +verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des +Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte +Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den +wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen +Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden. + +Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten +Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des +Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch +bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand +sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen. + +Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst +vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen +Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein, +sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der +Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den +Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine +müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des +Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen +werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen. + +In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah +der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war +die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, +pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht +Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen +Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm +als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins +andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle +Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie. + +Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu +müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der +Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen +und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe, +seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem +Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn +Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen +verwiesen. + +Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch +unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem +großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die +einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des +Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu +Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige +Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen +einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und +wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, +seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, +erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes +verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm. + +Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er +hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er +war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge +Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und +stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle +der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn +der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht +besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander +hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, +versprach unsicher, er werde es überdenken. + +Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war +alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und +der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité +not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche +Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren +oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte +abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner +Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu +refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, +sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn +nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den +Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit +die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle +Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der +Herzog. + +Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. +Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl +Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der +Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, +habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr +auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. _Mille +tonnerre!_ Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und +er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und +kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt +das Urteil annullieren. + +Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch +einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach +Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte +drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine +Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein +Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des +Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht. + +Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig +machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr +befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn +vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der +hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden. + +Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei +begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser +Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf +zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf +gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser +marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht +geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem +Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte +sich, zu lächeln, und schwieg. + +Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen +den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie +begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche +unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es +mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine +Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem +Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei +Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, +ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären; +vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie +schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die +Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung. + +Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, +sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die +Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere +durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um +seine Entlassung. + +„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein +verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“ + +„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des +Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche +Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“ + +„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog +läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es +vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser +zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch +nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes +Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume +kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende +Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die +Finger gestreckt im Zeichen des Schin. + +Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß, +er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem +Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann +einen schweren Stand haben. + +Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, +nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu +dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt +über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine +Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen +geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. +Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine +Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, +ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle +seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle +Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er +können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie +dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur +Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt +publiziert werden. Wir warten.“ + +Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig +gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der +Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die +Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander. +Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das +Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister. + +Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme, +unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen +waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm +und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander +erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte. + +„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der +Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen, +machtbewußten, bösen Lächeln. + +Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich +wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm +zu jenem. + + * * * * * + +Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als +Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen +die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin +Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth +Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils +war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und +es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und +Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des +Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom +Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte +den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den +Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen +Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine +peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu +besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht +seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied +genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn +zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung +Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in +schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen +Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen. + +Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder +die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl +manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu +pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den +bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten +Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine +Brunst immer höher. + +Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne +Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer +schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, +dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und +melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und +auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen +Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er +an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen +Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen +und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und +backfischhaft empfindungslos ins Gesicht. + +Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht +und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig +gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der +Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie +pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht +Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, +furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn +männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie +anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber +auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich +Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden +ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während +der Expeditionsrat unbehaglich schwieg. + +Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er +lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für +seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie +so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen. + +Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler +einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses +genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von +dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. +Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein +seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür +zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte +der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob +keiner den Preis des Heiden überbiete. + +Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders +rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt +feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, +daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei +keiner Dame Gunst verschleudert. + +Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die +Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl +Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was +er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit, +sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich +den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er +nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man +und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, +wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht. + +Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die +begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das +gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! – +hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett +schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er +Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt +wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine +undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche +Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und +Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine +Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser +vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre, +den Stein zu erwerben. + +Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu +dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein +Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs +unwahrscheinlich hoch überboten. + +„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die +Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können. + +Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge +des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen +westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz +wußte durchaus nicht, was er anfangen solle. + +Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl +Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und +sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle. + +Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und +bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute +ihn an. + +Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, +Jud!“ sagte er endlich heiser. + +Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war. + + * * * * * + +Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen +besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der +Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt +werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein +Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt +sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die +Legalisierung der Militärautokratie. + +Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das +jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten +Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge +begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich +gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde +man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit +und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die +Festung setzen. + +Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare +Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine +umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag +und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte. +Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil +kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument +ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten +Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden; +mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr +hinauszugelangen. + +Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben +wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen, +die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen +hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei +Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen, +gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr +bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den +österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die +Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte +straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische +Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee. + +Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb +selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das +katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, +keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der +dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen +machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische +Projekt frei und los machen. + +Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische +Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt +hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll +Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze +nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen _à la +mode_-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, +einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese +Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel +besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war +es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, +obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern +schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen +konnte. + +Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein +Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als +praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten +schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann +sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu +vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die +Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie +Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten +geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der +Bräuche. + +Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem +Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, +unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten +erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus +politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende +Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen +und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er +den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich +belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden. + +Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und +annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das +erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den +Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer +Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald +auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. +Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war +jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des +Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen +Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben, +zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg +nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter +seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte +Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb +dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht +wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig +lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem +Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem +Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja +die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, +daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen +gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und +als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine +Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und +Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den +christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem +jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen. + +Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht +widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, +die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch +in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in +das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz +vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren +zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die +Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin +jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: +„Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, +die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er +sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich +auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, +knurrte sein Zorn noch leise nach. + +Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den +Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle +gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da +Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen +in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig +auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß +verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden +Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl +Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher +Abwehr den Rücken rundete. + +Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem +Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser +Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er +spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie +zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl +Alexander. + +Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl +auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein +Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand, +saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar +lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber +ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und +Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen. +Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei +Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm +diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen +konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die +fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die +stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche, +wilde, zähe Hassen. + + * * * * * + +Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus +lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer +begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang +es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein +Gesicht, Josef.“ + +„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu: +„Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich +noch immer meines Vaters Sohn?“ + +„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein +zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch, +Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen +zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte +nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht. + +Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind +geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und +des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er +starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen +Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die +süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine +heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht +länger anschauen. + +Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte +sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in +seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich +Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine +Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für +Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit +ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte, +durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in +sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach +einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei +Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, +sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die +Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es +deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor +Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und +sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit. + +Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt, +nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als +sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene +Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er +hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des +dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren +hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den +eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr +allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er +sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, +wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige +Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden. + +Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes +Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig +wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles +schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener +noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, +sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei +Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete +nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und +mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von +Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen +wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der +altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald +verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch +einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und +unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort. + +Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße +Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter +Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden +waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren +Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das +verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige +Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im +Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die +Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen +das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz +eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen +Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich +unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich +die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem +Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und +Horn und Pferdefuß. + +Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, +unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und +Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, +bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob +Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg +gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte +auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, +tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch +inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber +solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen +und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu +erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige +Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, +die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß +er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens +in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg +gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit +einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die +vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie +dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen. +Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb +eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte +Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit +den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, / +Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er +dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen. + +Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre +schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen +Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt, +wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um +für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer +Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, +in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. +Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige +rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder +Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und +finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine +angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der +pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und +streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas +Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu +bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen +Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi +unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht +ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon +zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der +heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine +eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden +suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte +unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe +machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er +bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu +hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle. + +Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige +Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er +den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse, +sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem +Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die +Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber +vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er +Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste +zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der +Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so +auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis +der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter +Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften +Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden, +ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im +Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er +gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam +das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause. + +In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts +von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen +Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz +gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen; +aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden +Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie +gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in +ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War +sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung +gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein. + +Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß. +Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle +noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des +Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann +aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so +beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum +Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun +mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor +schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten, +wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die +Hand gaben. + +Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober +das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen +Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte +unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in +Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine +Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war +freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein +Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu +nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und +die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt +und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten +Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm +und Verdammter? + +Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister. +Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung +hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu +werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so +grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der +schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele +retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. +Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit +kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, +über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief. + +Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug +auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in +Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter +verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez +das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der +Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen +Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und +arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in +seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen. + + * * * * * + +Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander +die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut +hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem +Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich +Abwartenden an. + +„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit +einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet +war. + +Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die +Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud +recht hatte. + +Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie. +„Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen, +höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen +Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die +unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, +mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma +wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige +Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, +Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben +und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat, +wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir +sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig +zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben +Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist +ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“ + +Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte, +spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es +ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, +daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende +führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände +nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem +fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe +lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge +zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das +katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige +Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß +dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war, +das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude. + +Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter +dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. +Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts +weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung, +Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. +Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber +werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber +oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird +das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land +hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, +wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht +es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. +Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das +schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er +ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er. + +So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit +kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das +gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: +„Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es +geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog +steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut +und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, +leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es +geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“ + +Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß +man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst +und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein +ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und +Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und +gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas +Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, +das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das +Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude. + +Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es +wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es +immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der +Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen +Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; +sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft. + +Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des +Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und +nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit, +in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes, +fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte +gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich +einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf +Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus +diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar +grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes +und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, +was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es +hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein +anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, +es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. +Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn; +nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst +gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den +tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde, +Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt. + +Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht +schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, +wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, +beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte +dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung. + + * * * * * + +Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und +Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren +Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon +losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen +Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit +aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär +zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte +sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker +allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in +Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl +zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde +Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in +kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von +Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke +Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand +gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und +Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend +organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, +besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die +Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans +Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. +In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das +Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten +lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere +Kugeln. + +Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von +Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter +Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab, +Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die +staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. +Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon +nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der +Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter +verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte. + +Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von +Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie +vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der +unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem +Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur +Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit +Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt +entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und +Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals +Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten +Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz +ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog +seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu +seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen +Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl +Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische +Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem +Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber +das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der +Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man +mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des +Staatsstreichs warten. + +Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter +Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant +dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder, +jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war +guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der +militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge +Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand +nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen +Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum +denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung? +Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit, +die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die +Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn +doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die +Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge +– so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul +voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und +schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten +Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten +Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher +Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden +Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine +plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen +und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen +Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk +ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, +dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal +rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der +populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, +daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu +Tumulten führte. + +Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste +Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele +machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum +Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein +erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen +Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen +Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt +auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim +habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche +besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen. + +An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so +wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel +gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und +christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und +bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die +diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem +Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in +der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, +wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, +dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, +zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der +weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit. + +In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher +Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und +in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum +Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen +wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie +verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den +Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her +ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen +Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, +ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit +statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga. + +Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach +aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht +hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich +träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von +seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die +ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm +dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im +Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die +Medizin die gewünschte Wirkung. + +Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich. +Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in +diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche +Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon +gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er +holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter +Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und +stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, +daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch +durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der +Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem +amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um +soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen +Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste +aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte +manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen +gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ +sich nicht aus dem Konzept bringen. + +In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine +Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm +Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man +keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn +rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen +und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen +betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas +Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem +so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der +Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott +befohlen!“ sagte der dritte. + +Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman, +der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des +Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach +endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren, +zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie +verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen, +bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen +die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen +sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen +schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und +aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, +laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf +die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten +sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust. + +Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte +gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl +Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war +eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von +Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus +hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der +uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der +fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen, +glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen +sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der +Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher +Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des +Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne, +nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten, +lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett +Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie +den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt. + +Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der +Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind +stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, +als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden, +diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag +beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit +schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt +das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die +Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der +Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot +beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit +parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend +kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in +jaulendem, japsendem Vergnügen. + +In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen +in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh, +daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam +Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock +stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes, +zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand, +schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, +die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz +verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem +kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie +hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen +verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin +richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr +hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, +kostbaren, hoffärtigen Schritten. + + * * * * * + +In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die +blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, +sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen +Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr +schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die +starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle +Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine +Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner +Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien +daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter. + +Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme, +gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an +dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor +der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er +sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den +schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens +hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So +tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen +Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner +Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, +er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos +hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, +der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders +hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug +des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts +unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen +Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast +matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände +lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah +diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam +sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige +Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare +und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre +ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so +schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird +resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und +gar frei lassen. + +Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und +nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und +dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie +habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp +Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern +und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren +unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien. +Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen +sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger +liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart. + +Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der +schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da +raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem +andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats +feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme +fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit +sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, +illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel +Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und +er war beglückt. + +Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht +mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in +Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und +Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das +fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; +das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, +auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu +tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm, +sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man +sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche +Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das +Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten, +schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt +ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern. + +So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und +lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich +in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu +einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und +ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit +und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte +Begrenzung. + +Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen +Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim +und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten +sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, +spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch +überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, +was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber +rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit +sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur +Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende. + +Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre +Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog +ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für +alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war +er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft +Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß +schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die +Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern +alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. +War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und +Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die +Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und +gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz +folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen +Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln +ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen +Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, +der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor +der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst +nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs. + +Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die +Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht +zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm +plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem +strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt +leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern +Hofjuden heiraten?“ + +„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang +aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und +wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten +aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach. + + * * * * * + +In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem +ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des +Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend, +verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in +brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte +der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall +sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, +drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber +nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog +schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum +Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies. + +In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der +Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners +auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er +sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er +verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts. + +Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die +Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell +sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall +des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, +dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten +Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit +setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem +Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam +–, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle +Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl +Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung +aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der +katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler +Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige +Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch +Gesetz verkünden. + +Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die +reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen +Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, +als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog +sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf, +Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und +Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, +ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller +jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als +einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das +konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten, +dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man +sich im Unrecht fühlte; das _Corpus evangelicorum_ wird über einen +herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und +enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die +Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die +geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die +anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal +zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall +gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem +Schoße Flor oder Verderb trug. + +Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem +Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte +er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt +wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn +sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und +Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, +miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. +Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder +dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm +auswirken könnte. + +In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, +wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen +hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und +was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee? +Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt +mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder – +wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? +Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak +höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. +Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer +als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte +Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, +unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins +Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er! + +„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die +unbewegte, sachliche Stimme des Juden. + +„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt: +Attempto!“ + +Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. +„Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast +genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und +als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. +„Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses +Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein +Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den +Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn +einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; +denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen +Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl +Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete +Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle +der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen. +Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander +war doch ein Kerl! + +Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause. +Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet, +hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen +Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es +und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte +er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert +gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester +wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen. + +Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt, +alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi +Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, +um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das +von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote +gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie +ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie +heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, +auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus +dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und +die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt +sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. +Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein +reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines +zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich +dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich +dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem +Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn +deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt. + +Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er +wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, +er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher +persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen +nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht +aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das +nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber +jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war +jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett +und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu +zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, +wie fern das war und wie nichts! + +Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus +dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte +des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden +Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit +runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war +munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten +des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei +der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer +Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister +stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei +Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich +abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, +schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch +eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur +Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen, +rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden +verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber +wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million +evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm +und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte +haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und +Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“ + +Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen, +wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle, +dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den +Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer +Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ +sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht +mehr als jeder andere.“ + +Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der +Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer +überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer +seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu +haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma +heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die +Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die +Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt +zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann +sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. +Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt +sie zum Herzog.“ + +Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn +hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit, +Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen +geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand +schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt +oder gar Ihn geschickt habe.“ + +„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich +versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie +erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber +wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie +es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die +Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark +_in politicis_, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“ + +„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß +Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. +„Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein +evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den +lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim +machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“ + +Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock, +Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen +Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum +Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber +soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch +das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten +den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie +war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme +oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte +sie nicht. + +Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte +die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, +Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine +gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: +„Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, +wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“ + +Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und +Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen, +violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! +Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig +betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, +sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, +ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger +drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des +Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel +des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben +Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch +sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu +leben! + +In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, +lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte +sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre +gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu +Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl +Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ? +Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres, +Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene +Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg +Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein +säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch, +er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter +her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß +Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die +Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging. + +Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war +das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. +Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen +wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn +einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er +selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die +beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste +sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift +hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, +der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg +schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! +Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und +amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich +die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf +die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein +Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den +Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du +Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und +Mädchenschänder und Metzger und Schuft! + +Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er +einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im +letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die +Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des +gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein +wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen +weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! +Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr +Herzog! + +Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. +Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner +Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles, +des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte +Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus +den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten +Bauer der Papagei Akiba krächzte: „_Bon jour, madame!_“ und „_Ma vie +pour mon souverain!_“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle +wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von +seinen Gedanken, Bildern, Gesichten. + +Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich +im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte, +wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug, +gurgelte. + + * * * * * + +Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer +van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi +Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern, +Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, +der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, +daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer +wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu +sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber +auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn +der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in +Demut verehrt über weites Land. + +Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. +Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von +Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als +Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn +gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die +Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen +Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott +und Bannstrahl. + +Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, +keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun +des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? +Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische +Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben +zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht? +Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger +und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend +im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den +Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder +schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen +Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde, +orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in +Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu +machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng +rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet +von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem +früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des +christlichen Evangels? + +Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi +Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür +des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines +Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der +Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut +lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen +Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem +bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war +bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte +sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und +gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem +gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar +nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und +den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten +senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten, +bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: +Schaddai. + +„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“ +begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem +Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und +sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende +Liebenswürdigkeit. + +Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten +Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose +Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den +dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan +Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen +zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, +die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes +gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden, +Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der +Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm +Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen +lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein +Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in +den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte +er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles +muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es +nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. +Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi +Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. +Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und +er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, +milchig fließenden Bart. + +Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du +die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen +Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum +läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen +Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du +Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast +du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann +getan?“ + +Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus +seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist +nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich +könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder +Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl +Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr +Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob +Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter +Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere +Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias +Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu +retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir +nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu +schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche +gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, +Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee +willen. + +Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er +stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den +mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten +Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich +räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es +gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich +hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern +zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, +brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle +Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die +Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber +ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist +jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen +Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig +und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß +immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm +sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart +mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine +Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer +steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“ + +Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten +Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte +sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein, +Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber, +schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis +geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche +Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem +Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen +Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der +Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon +ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. +Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der +Vollendung als dieser. + +Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte +nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das +Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen +runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, +leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen +Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an +seine Bücher und Pergamente setzte. + + * * * * * + +Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg, +um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen. +Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der +geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf +Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und +Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den +geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In +aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin +verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr +hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die +letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan +werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde +man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. +Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau +hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze +mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als +lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden +Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war +doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf +dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm +Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es +ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. +Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte +er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und +zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von +seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und +flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles +gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile +fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der +Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl +Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her +war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich +gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend, +gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde +gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das +jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken. + +Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den +entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger, +Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber +hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das +Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte +Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, +schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des +Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall +im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein. +Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten +heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam +der Abend. + +In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht. +Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von +Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß +es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers +hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender +Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief +in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, +raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb +zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll +Bereitschaft. + +In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der +Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den +Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, +auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele +Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend +hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach +Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren +Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf +den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem +Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die +unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle +Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote, +geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der +riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der +verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er +witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen +strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden +Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere, +festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl +Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen +des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille +Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen +und Erwidern vom Aug des einen zum andern. + +In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der +Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen +Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung +käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl +Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen +gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die +Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon +die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager +mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht +ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders +stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, +befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken. + +Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast +des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte +durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, +Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der +schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen +können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus +den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die +prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über +eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus. + +Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle +Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh +abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle +Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch +soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in +silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s +auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“ +erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck. + +Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb +unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine +Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette +spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der +Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die +aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem +stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. +„Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine +Depeschen nicht herhexen.“ + +Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete +das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug +eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut +mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du +mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige +Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut +sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit +Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, +geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah +den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so +weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für +die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom +Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen +Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten +begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors +und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus +schossen. + +Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist +da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten +zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: +„Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, +wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich +nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt +noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und +steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich +sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte +obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, +schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung +der Jude, gingen sie. + +Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille +Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem +andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs. +Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der +wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht +der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, +die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und +schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, +proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die +jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im +Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und +erhellt. + +Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme +fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in +der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem +Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der +Kurier?“ + +„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig, +feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander +fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, +schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ +Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, +sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es +ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei +lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu +eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine +tiefsten Kasematten!“ + +„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen +Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er +verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht +allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. +Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken, +und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer +Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und +wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist +darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen +Umständen halten.“ + +Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen +können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als +der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und +Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu +Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die +ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende +Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden +Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht +lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der +Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann +auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie +sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß +war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle, +verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, +sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen +werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm +und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost +und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren. + +Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem +Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die +Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und +sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das +von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit +einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm +entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“ + +Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er +gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches +aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den +Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch, +oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben +hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der +erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche +Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und +Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam +nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch +nicht unwillkommen. + +Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem +Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“ +Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden +allein. + +Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem +wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den +jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht +verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph +dieser heißen, flüsternden Stimme. + +Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! +Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren +zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? +Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung +eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht +sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all +deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die +Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind +doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben +und mußt mich hören. + +Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und +Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat +dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die +Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen, +dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du +geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl +Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das +geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, +ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du +aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst +du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst +ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen +Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, +deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst +nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und +ich hab dich lassen tanzen. + +Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu, +ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in +dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können +wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich +hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom +Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab +ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich +hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du +reif warst.“ + +Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, +verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können +dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich +gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du +aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und +Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“ + +Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin +Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der +Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der +Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger +Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den +Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen +Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich +hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten, +befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich +bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im +Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich +einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im +Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte +sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter +sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor +stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind. + +Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es +kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz +nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer +Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das +aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß +offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen, +sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren – +die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist +tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu +konstatieren. + +Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust +hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener +_Spasmus diaphragmatis_, Steckfluß, _stagnatio sanguinis plenaria_, – +still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich +abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge, +flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den +Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure, +lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das +ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das +verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen, +bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie +dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle +zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem +einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar +der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte +er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit +einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte +leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so +weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das +Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel +nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen, +möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem +Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen. + +Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er +kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug +nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah +nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. +Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe +Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er +saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete. + +Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick +kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie +kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die +heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er +erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte +hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu +tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem +Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in +welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem +Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich +nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war +ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau, +aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll +Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je. + +Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken, +überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. +Es war sein eigenes Gesicht. + +Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er +schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem +Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des +Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie +füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da +hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht, +gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer +künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen. + +Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar +empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener +stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der +Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, +verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen +Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, +still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein +letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander. + +Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so +ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So +mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz +langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden, +Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder +pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, +Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal +Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als +entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er +sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung. + +So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, +der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, +wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange +fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich +matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es +sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, +machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, +ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner +Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, +er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß +unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um +mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte +wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte +beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte +nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. +Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er +Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“ +„Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß +Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er +mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des +Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des +Schlosses. + +Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts, +Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die +würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen +Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter +davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt +seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war, +ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends +verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in +dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten +ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen. + +Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über +die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als +die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr +Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe +an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr +liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie +sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast +konversierend. + +Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre +Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude +hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn +festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut +zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange +Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten +fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und +alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die +Rettung! Der Jud muß hängen! + +Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht +länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte +doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das +für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl +gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so +widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt +auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute +wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression +hinter sich und vergessen haben. + +Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und +den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von +seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte +ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante +Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der +Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“ + +In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in +tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte +still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und +tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr +Inneres dringen zu lassen. + + + + + Fünftes Buch Der Andere + + +Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, liegt das +Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge +vor, leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des +Ostens treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie +sich zum Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei +Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit +geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg +Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle +zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem. + +Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande Kanaan: +Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust, zur +Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr +Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden +unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der +Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in +kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige +Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes Haften +am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den Körper +zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte +Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig +sein. Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten. +Und die milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan. + +Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden ineinander; +die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende vom +herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen +und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und +läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten. + +In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte +nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so +kleines Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, +Syrien-Rom. Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt +werden oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will +dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, +sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß, +immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es +wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle +gar zu hoch einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel +überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und +ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen +Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den drei Strömungen, was +ihm tauglich scheint, paßt es sich an. + +Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der +gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu +wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der +Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel +solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den +Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet +auf, was ihm die drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene +Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom +Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des +Nichtwollens und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden +Bücher, die von allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das +große Buch vom Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht, +das Neue. Trotz zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem +seinem Leben und Wort. + +Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre +des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht +recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und +Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl, +in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im +rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend +Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, +nicht tun, verzichten auf das Ich. + +Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden Wirbel +des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die Zerwesung zur +seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht. + + * * * * * + +Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den +Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die +Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den +Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor, +flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall +Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger. +Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So +erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch +wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern. +Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte +ein Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der +Herzog ist zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich +duckten, die Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam, +unzweifelbare Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog +ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude +auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der +schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen +Bock, ein Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein +geflügelter Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern +setzte er den Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier +der Teufel holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er +das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge +davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall, +den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, was für +schwarzblaues, gräßlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? Mit den +Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten. + +In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um +sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der +Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute +früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte +immer denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen +Tag vorher gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht +getragen und Karl Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich +tot und wird sich nie an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie +empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht +Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel +der Stadt über den Tod des Herzogs. + +Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich +und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend, +knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz +allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die +Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren +lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth. +Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte +Hofkanzler. Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch +sei erledigt und vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles +legitime. Das Testament gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater +Florian, doch bestimmter und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des +Kapuziners spann an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als +Beichtiger der regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, +aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er +leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder Mazarin. +Aber Marie Auguste war, während ihr pastellfarbener, kleiner +Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr abwesend, sie dachte +an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu bestellenden Witwenschleier +– man konnte das sehr pikant und kleidsam machen, selbst die häßliche +Herzogin von Angoulème hatte gut darin ausgesehen – und nachdem die +Herren höchst positive Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt +mit kleiner, wichtiger Stimme: „_Que faire, messieurs? Que faire?_“ + +Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch +anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung +teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz. +Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr persönliches +Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese einfachste +Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer glaubte +wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster +phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und +geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte +zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht +seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der +Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es +eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte +der vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei +der Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit +Notwendigkeit eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern +herumgefragt; alle hatten es ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen +Umständen die Katastrophe eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht +sogleich zur Stelle waren. Und sie waren nicht zur Stelle, Karl +Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder hatte vielleicht eine +sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander starb ganz +allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in den +Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle +Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um +dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot. +Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig, daß +der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte, +flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann +seinen Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem +Moment war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt +waren, der Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten +sie und doch bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der +Stuttgarter Brutus in seiner düstern Größe. + +Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die +Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt +war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern, +allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog +Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers werden +mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte. Auf den +konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer +Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht +noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz +aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil +von der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte +man noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard +Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener +gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden, +wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und +Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die +Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab, +ja selbst der Hofkanzler Scheffer. + +Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin +verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen! +Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren +stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er +drein! Doch in weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um +die Militärs herum. + +Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur +leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der +letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin +und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was +tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte, +Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte +keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste +Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen. Man +war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab, +streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden. +Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein +glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden +Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung: +Was tat Süß? + + * * * * * + +In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen +Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig +Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von +Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die +Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie +an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst +du fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine +Medizinflasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll +gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt +diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit +großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und gewissenhafte +_Judicium medico-chirurgicum_, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem +_Viso reperto_“, diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine +Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer +Inflammation oder _Gangraena_, nicht an einem Blutsturz, auch nicht an +einem _Polypo etc._, sondern an einem Steckfluß verschieden und in dem +Blut recht ersticket ist. Zu dieser so schnellen Veränderung hat ohne +allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines Teils der ehemals öfters +rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene _Spasmus +diaphragmatis etc._ und der große, das Zwerchfell über sich pressende, +mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die _ad +stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam_ +(allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die +meisten Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen +dahingehen) ohnehin disponierte _Pulmones_.“ + +In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl Alexanders, +sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner ursprünglichen +Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl Rudolf von Neuenstadt +als Vormünder ein. Ein späteres, von den Geheimräten Fichtel und Raab +veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den Erzbischof von Würzburg als +Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod +unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit besonderer +Machtvollkommenheit aus. + +Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen +Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der +Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger, +hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon +die Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich, +England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische +Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von +Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland +gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner +geführt, den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz +Eugen und Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den +Heerführern Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders +ihm die Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte +der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine +Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater +seines kleinen Volkes. + +Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst +mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief +zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er +liebte seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie +Auguste, der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und +Komödianten, verzog er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war +klein, dürr, etwas schief, sein Wort von militärischer Kürze, seine +Kleidung und sein Hofhalt streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: +Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz +seines Alters ein starker Arbeiter. + +Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre +umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch +immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in +seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine +Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner +Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun +legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land +zu säubern und auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und +Reich herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von +Würzburg abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte +Subordination, hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, +er nehme die Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter +Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die +Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte, +er werde schon andern Tags in die Residenz kommen. + +Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie +brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem +Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte. + +Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren +Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und +Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf +die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm +ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm +von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen, +vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und +gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den +Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine +Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die +Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe +mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große +Entlassungen stünden bevor. + +Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein, +bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der +Herzogin-Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er +kümmerte sich nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens +schon um sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, +zunächst in der Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen +Beamten wurden entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. +Die Mehrzahl der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen. + +Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch +nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig +und machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge +Ordres ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er +sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! + +Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische Transparent +mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge solcher Ordres +drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich der +schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus mußte +er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird +nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem +Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine +Hur, unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte +gräßlich, als er starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im +Blauen Bock sagten sie, der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch +am Tod dieses guten Bürgers schuld. + +Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl Rudolf +und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau bewundern zu +lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug gewesen, jetzt +reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen Preußenkönig zu +werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der katholische +Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den Kaiser, +Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die +kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher +und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen +Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater +Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen +Politikus ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen, +schmollend, wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen, +nach Wien, nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde +Witwe zeigte sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine, +langäugige, blasse Kopf in dem schwarzen Pomp. Ihr Söhnchen, den Herzog, +ließ sie aus Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den +strahlend großen Augen, dem gerührten Volk. + +Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er +veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu +verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung. +Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von +Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte +Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg, +bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles +verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit +ihnen das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator. + +Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung. Die +Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl +Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof +und die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber +reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ +durch seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion +verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen +Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments +erwiesen wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die +Subtilität dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht. +Karl Rudolf saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der +Macht, war ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die +Proteste, Reklamationen blieben platonisch. + +Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ +seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu +wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren +Rates Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit +Gewalt gar nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche +arbeitete auf lange Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu +rechnen, ihn fest im katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der +Bischof, wird diese Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer +Karl Alexander! Guter, fester, angenehmer Freund! _Requiescas in pace._ +Er wird selber Messen für ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war +nur, auf gute Manier aus der württembergischen Affäre herauszukommen, +unkompromittiert. + +Mit größter Umsicht wurde alles, was Würzburg und die Katholischen +bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige +Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in +Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet +war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten, +ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung +anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten +lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente +verschwanden nach Würzburg. + +Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art +ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des +Generals, ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den +Asperg schaffen. + +Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste aus +ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich, +Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne +Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der +geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten, +lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian +bei sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den +Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch +gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem +Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und +vorsichtig das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes +den guten Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste +ihrerseits beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen, +dürftigen, kleinen Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres +Trauerkleides nicht zu würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre +vielen Beschwerden an. Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger, +zählte neben Bedeutsamem lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich; +ihre Beiständer mußten ihre Reden wieder ins rechte Garn bringen. +Verächtlich und angewidert hörte Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am +falschen Ort, mit wichtigem Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die +heiligen Begriffe Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm +profaniert in diesem kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er +antwortete kurz, behutsam, grob, griff geschickt auf, was sie Unsinniges +gesagt hatte, die Einwände und Korrekturen des Kapuziners und des feinen +Bibliothekars überhörte er hart und verächtlich; er hatte, der Fürst, +nur mit der Fürstin zu tun. Er schalt Marie Auguste, sie sei übel +beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an, Remchingen, den schlechten, +landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In allen kleinen +Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte, versprach er +ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem politisch wirklich +Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen die Hände, wie die +Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen einstrich, um dem +schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche preiszugeben. Man kam +schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu sprechen. Davon verstand +nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus einem der reichsten +europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich wie andere mit +Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu reden. Karl +Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es um die +Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus +bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es +gewiß, daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht +schwer, sich nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet +ohne Mühe, schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt +und befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine +große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und +befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein +stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel. +Auf Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem +gewissen überlegenen und verächtlichen Wohlwollen. + +Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen +Streitereien. Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige +Entrevue sich hinreichend klar geworden über die einzuschlagende +Politik. Wollte er von Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in +Verwaltungsfragen erreichen, so kränkte er sie in Dingen der Etikette. +Stritt ihr etwa einen Titel ab, schickte ihr einen Subalternoffizier +statt des bisherigen Stabsoffiziers als Wache, schikanierte ihren +Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar. Reklamierte sie, so +verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die Abstellung solcher +Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen. + +Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl +Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei Monate +darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe des +Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze +katholische Welt ihre Hoffnung setzten, vor den Augen Europas zu +paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die +Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten +und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste +ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches +Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier +wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen +der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der +Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der +Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und +viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der +wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem +weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und +edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein +Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von +sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß +sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der +kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors, +äugte bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte +sich Marie Auguste in Trauer und großem Glanz. + +Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die +Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der +Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites +seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste +seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor +der offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von +Ludwigsburg hatte beisetzen müssen. + + * * * * * + +Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders +überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In +der Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis +ihrer staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den +Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche +Siegerin bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches +Projekt nicht mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter +Führung eines Prinzen Waldeck lehnten es ab, sich auf den Boden der +Tatsachen zu stellen. Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz +gedacht, alle ihre Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der +Verfassung und unter Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant +gewesen. Es gab einen einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber +alles Schlechten, Hebel allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den +guten Fürsten verleitet und alle seine edlen Pläne ins Gegenteil +verkehrt hatte, Landverderber und Schelm und Schurken, einen einzigen, +den Juden. Und wie rein und staatstreu man sich selber fühlte, erhellte +daraus, daß man sotanen Juden nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn +sogleich gepackt hatte. + +Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und +nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man +mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft +geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen. +Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war +Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus +Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus +geschlichen, sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme +von Preziosen und belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht. +Aber die braven Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann +und gute Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten +Aufenthalt und Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht. +Man erzählte genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge +geschlichen, sei auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute +Strecke weit entkommen. Da aber hatte der Major Röder seine besten +Stadtreiter genommen – sogar die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts, +Weis, Mann, Meier, – und so zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf +der Kornwestheimer Höhe hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit +gespannter Pistole habe der wackere Röder ihm sein Halt! +entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden seine Unverschämtheit, sein +Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die wackeren Stadtreiter hätten +seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich werden sie ihn über die +Galgensteige durch das Ludwigsburgertor einbringen. + +Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling. +Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den +Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor, saß +mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein +aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen, +kleinen Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte +lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie +beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche +mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert, +stürzten sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen, +rissen den Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn, +schlugen ihn, stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ +derweilen den Major Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat +schmunzelnd Bescheid, während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm +sich übrigens keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück, +einem Knirps, der sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle, +daß der Junge unter die Beine der Nachdrängenden kollerte; auch +erwiderte er kräftig die Flüche und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es +war keine fanatische, sondern eine sachliche, saftige Rauferei. Aber +schließlich wäre der Jude, trotzdem es dem Volk eine im Grund harmlose +Angelegenheit war, aus purem Gaudium totgeschlagen worden, wenn nicht +Stadtgrenadiere dazu gekommen wären und ihn mit Hilfe der Stadtreiter +dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und atemlos hockte er im Wagen, +zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut. Der junge Langefaß, der +ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen sehr beliebt, hatte +witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei dem Geraufe +entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf seinem +Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den Markt in +das Herrenhaus. + +Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des +jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine +Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der +sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen, +wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von +sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse +Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach +Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden +auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter +einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen, +dem Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser +Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor +gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit +schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine Ahnung, wieso das +katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie +wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit +Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als +sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in +Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen +Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens +bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei +Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der +württembergischen Regierung energische Klage führte. Der +Herzog-Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit! +und setzte drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache. + +Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige Reime. +Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land; +insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich +jung und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder +stirb entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch +die umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen +hebräischen Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen, +und wo er mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner +knarrenden Stimme auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen. + +Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man auch +sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei +diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des +Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige +Person hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich +ab, dicke, blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers +Gesicht. Die Häuser der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und +manches gute Stück Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem +Anlaß unter die Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes +Militäraufgebot geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge +getroffen. Noch ein anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um +den Schutz des Hauses bemüht, Dom Bartelemi Pancorbo. Als +Regierungskommissar erschien er mit Polizei und Militär und +beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas Pfäffle schlurrte er +langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten Räume, äugte aus +entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich ging er vorbei +an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von den kostbaren +Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger hungerten, war nichts da. +Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus; unbewegt, +phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der Portugiese wurde +drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab an dem Gleichmut +des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas Pfäffle, forschte ihn +peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz. Man fand nichts und +mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten Burschen bald wieder +freilassen. + + * * * * * + +Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht +schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem +Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben +Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten +nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er +wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich +hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter +Kaftanjude. + +Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings +um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn +möglichst tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen +zu entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken, +mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar +nicht er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das +der alte Süß war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt +und erkannt hatte. Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in +einem wilden, hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller +Lebenszappelei, den fing kein Herzog, kein Kaiser, kein Gericht. + +So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um +die vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und +Streiche zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester +Finanzienrat, mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige +Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von +Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen +Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte; +Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer, +hochmütiger Herr, angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die +Professoren Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz, +Jäger, strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren; +Sekretäre waren der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es +bestand für diese Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe +todeswürdiger Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß +man ihm streng juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit, +ihn nach den Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht +vereidigter Beamter, ja nicht einmal Staatsuntertan war. Er hatte +lediglich unter dem Titel eines Geheimen Finanzienrats völlig als +Privatperson dem Herzog Ratschläge erteilt. Wenn die vereidigten +Minister und Räte diese verderberischen Projekte ausführten, so waren +sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte sich die Untersuchung in +der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen man die Möglichkeit der +Verurteilung zu konstruieren suchte. Man verzögerte die Inquisition, +schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die Richter Eile haben? Man +fühlte sich so angenehm wichtig in dieser Untersuchungskommission. Alle +Bekannten fragten einen: „Nun, was habt ihr wieder Neues aus dem Juden +herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen die Augen des ganzen +schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war auch die Teilnahme an +der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen verbunden, die natürlich aus +dem beschlagnahmten Vermögen des Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem +den strebsamen Beamten in mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen +sehr gelegen. + +Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen. +Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat. Der +biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein +Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem +Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere +rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich +darauf, die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf, +folgte ihm. Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam +allein zu Süß, haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen, +jovialen Art: „Was macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er +auf dem Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht +zuviel Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte, +ging auf seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei, +könnten sie ihn doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen, +gemütlichen Grobian, warf ihm Dinge hin, daß der schon glaubte, zupacken +zu können, entzog sich ihm wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit +langhängender Zunge stehen. + +Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem +geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn, +redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen +Sicherheit heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll +mildspöttischer, kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern +Erdteil, wie aus einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu, +amüsierte sich still über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe +und Listen, ihn zu fangen. Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten, +schwitzten! Wie sie schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg +stierten, von dem sie glaubten, er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und +wie neugierig sie alle waren, und wie ganz fern und ohne einen Schimmer +Lichtes sie ihn beschauten, wie ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne +Witterung ihn berochen. Dabei war der eine oder andere guten Willens, +gewann im Lauf der langen Untersuchung sogar ein gewisses Wohlwollen für +den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber mit seinem behenden Witz, seiner +scharfen Geistigkeit etwas sehr Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast +zärtlichem Spott sah Süß, wie sogar die beiden Sekretäre kamen, jung, +dumm, schlau, streberisch, ihr Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu +versuchen. Die Armen, Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich +heraufklettern wie junge Hunde und streifte sie dann sanft und lässig +wieder ab. + +Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war auch +der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der +Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte ihn +spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm +die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe, +bittere Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von +Pflug atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte +leiblichen Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er +hielt es für seine Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der +Menschen immer neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in +der Schmach dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang, +machte ihn elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer +wiederzukommen. Süß schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der +adelsstolze Herr erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den +Heydersdorff zum Vater hatte, den Feldmarschall und Baron, seine ganze +Welt wäre zusammengestürzt. + +Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu +führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel +höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem Angeklagten +einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt sehr +reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und +betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien, +den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der mußte +sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen, +wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle +sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion +eine leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger +Blonder mit rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein +redlicher Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache +verflucht ernst, lief, schwitzte, schrieb. Die Herren des +Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie ihn sahen, der Jude selber +lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen seine Arbeit sehr. Wichtige +Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die Protokolle der einzelnen +Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man sonst den Süß kaum +hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der arme Lizentiat sehr +schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich oder mündlich +kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten, sondern tat +redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht. + +Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn herum +waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele und +Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer +sonderbaren, wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an +ihn. + +Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam +nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte +sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung +einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der +Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug. +Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen, +harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen, +Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die +todeswürdigen Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet +begangen habe. Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den +fleischlichen Umgang eines Juden mit einer Christin. Es sei aber +männiglich bekannt, auf welch säuische Art der Inquisit christliche +Jungfrauen defloriert, vornehme Damen und geringe Frauenspersonen +profitiert habe. Es sei an der Reihe, die Untersuchung auch auf diesen +Punkt auszudehnen. + +Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn man +hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht +kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr +reizvoll, Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und +Vorn und Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern +einzelner Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze +Römische Reich in diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte +gut überlegt sein. Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein +verstrickt waren, mit wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung +verfeinden konnte. Es war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre. + +Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel +Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt +sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es +ein betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich +dem Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des +gewesten Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch +das Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese +Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei +jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und +Christ den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei +Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und +Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht etwan +allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des +Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung +prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen. + +Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den +weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien, +hier Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte +es nicht staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person, +gerecht. + +Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie +sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes +Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die +Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler +Frauen, wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte +Namen, es waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja +darauf beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem +Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch +nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach +Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete +solche Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs +an Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke +über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie +viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den +Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken +später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man +mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig. Das +zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene, +vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich +demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig +übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit +denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich +erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und +Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale +Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen +schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten. +Man beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug. + +Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die +Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter +geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien +breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder. +In die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken. +Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um +ihn. + +Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt +habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das +solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so +außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich +bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man +hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm +weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher +herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren +aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte +sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das +solle mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn +Herr von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine +jüdische Frechheit zähmen. + +Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des +Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst +genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte. +Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn +hinmetzgen, auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der +alte, glänzende Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche, +fliegende Blicke über die Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit +christlichen Frauen geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren +mich darum wollen zum Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische +Reich wird lachen. Nicht über mich.“ Während die Empörten +auf ihn losfuhren, über seine Frechheit keifend, gröhlend, +durcheinanderschreiend, stand Süß kalt, unbewegt. Er sah seine Richter. +Den tierischen, triumphierenden Haß, die Lüsternheit, die Grausamkeit, +die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte, erpresserische Spiel, das mit +den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die menschlichen Masken +abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und Säue. Doch ehe sein +geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich, Erbarmnis +überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das alte, milde, +listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich nicht. Da +müssen sich die Herren die Damen schon selber zusammensuchen.“ + +Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten +sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht +auf die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie +nicht hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß +sie, die hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als +ein Jud, daß der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer +Geheimrat. Nein, es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken, +eine Art jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf +hatten, nicht an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen +verbergen wollte. Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die +Sensation, den Kitzel, alles Drum und Dran, und nun wollte er es einem +aus purer Bosheit verhunzen. Aber man wird den Kujonen kleinkriegen, +wird dem Saujuden Respekt beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof. + +Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen +Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den +Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen +Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der +Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der +nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der +Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot +gesetzt, durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten +trippelten widrig über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht +wehren. + +Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige +Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den +früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern +gegenüber viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen, +wehrte sich auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er +allein saß, hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend, +dann sahen die Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal +sonderbar zufrieden den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor +sich hinsprach, mit häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien +es, als spräche er mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete +Antworten ab, gab Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den +Ratten. Die Wärter stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen +an, ihn für gestört und irrsinnig zu halten. + +Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so +voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und +jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten +Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in +eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und +konnte gut lächeln. + +Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem Major +hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum Bekenntnis der +Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann könne man ihn +gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen zerquetschen. Der +Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und zehn Uhr. Süß +gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der Major sagte, +das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier müsse doch +verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen werde. Der Major: was +einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen +stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter. + +Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte +nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es +überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen +Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm +die Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede +Regung des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer +erbitterten Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie, +von dem Wärter Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für +giftig ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße +verschluckt. Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit +vier Tagen habe der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert +genossen und ihn in Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und +krepieren. Heute speise er wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe, +ihn lebendig zum Galgen schicken zu können. + +In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an +seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben +bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar +nichts anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette +fünfzigtausend Gulden, daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter +johlender, schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er, +drohte, tobte, man solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes +Recht, er müsse nach Stuttgart, um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der +Kommandant kümmerte sich um das alles durchaus nicht, berichtete nur +jedes Wort an Herrn von Pflug, verhörte den Delinquenten täglich +zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach den Namen der Weiber, wobei +immer die gleichen Fragen und Antworten fielen, konstatierte die +Hartnäckigkeit dieses Schurken und Landverbrechers. + +Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der +Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft +sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im +Habit des Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und +verfallen, aber mit stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm +und sie waren sehr einig und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte +Marschall und der gestürzte Minister, der Bettelmönch und der gefolterte +Häftling in seinen stinkenden Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie +gingen in gutem Gefühl auf und ab in dem engen, feuchten Geviert und die +Ratten raschelten über ihre Füße. + +Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und +sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten. + + * * * * * + +Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer +Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte. +Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar +Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke, +Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem +hübschen Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der +junge, katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar +entwarf, an seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere +Pater Florian, der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste +griff überall mit blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein. +Der geschweifte, geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger, +wortreicher Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen, +modischen Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb +auch einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis +ebenso staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen +über die Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und +eleganten Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular +und seinen Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er +ihre Politik machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das +ging sehr ineinander. + +Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte es, +daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste zu +durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für +allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht +auf, die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres +glücklich beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt +gemacht, die Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst +einzurichten. Das Perfide lag darin, daß die Herzogin zwar tausend +andere Händel angezettelt hatte, daß aber just an dieser Sache kein +wahres Wort war. Es war klotzige Ironie, sie gerade darüber zu Fall zu +bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die Gerüchte. Wilde Reden, +fliegende Blätter, auf der Straße, wenn sie vorüberfuhr, Stummheit, +freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei einschritt, etliche, die +den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die Kutsche der Herzogin +erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in den Häusern, in +den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie Auguste ertrug das +nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten große Summen +aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie merkte, daß die +Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian mußte an den +Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie Augustens +vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die freche +Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten brandmarken, +Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf erwiderte nicht. +Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe keine Zeit, +Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel seines +Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem Menschen +erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der nicht +einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne er +den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein, +doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er +gebe Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie +er, dann würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich +auch ohne Gage mit geziemender Huldigung begrüßen. + +Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare +Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und +schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe. + +Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin +Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der +ziervollen, beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von +der bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch +gab. Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen +kleinen Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern +ehrliches Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit +gebührender Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das +notwendige Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die +tölpischen, klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank, +bald im Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl +Rudolf, über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor, +über alle die grobe, ungehobelte Populace. Nur Eines bedauerte sie: daß +sie den treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg +sitzen lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten +Hausjuden. Den quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie +Auguste, konnte gar nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr +wichtigstes Gesicht auf – das hätte sie unpopulär gemacht und das hätte +ihr lieber Bibliothekar aus politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte +ja wahrscheinlich der Jud Kinder geschlachtet und weiß der Himmel was +für schwarze Kunst getrieben. Aber er war ein galanter, gut gewachsener +Mann und sicher der amüsanteste in diesem ennuyanten Stuttgart, und es +war jedenfalls ein Jammer, daß diese plumpen Bestien ihn torturierten +und verunstalteten. „_Hélas, hélas!_“ machte sie mit gespitzten Lippen, +wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte. + +Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten an +Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche +Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde, +freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm +überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen, +fraulichen Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da +war er der Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen, +sondern sie dem Tier hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum +vor sie hingebreitet von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er +fremd und anders und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und +jetzt saß er auf dem Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die +Glieder. Sie aber trug ein Kind, es wird wohl ein braves Kind werden, +denn es stammt von einem braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es +wird groß werden in den friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim +und auf Wiesen mit gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem +Asperg wird es nie sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie +begegnen. Vielleicht wird es dafür Verse machen, brave, redliche Verse, +die jedem eingehen und manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird +es wohl nie begegnen. + +Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht +vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe +ja ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin +und gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes +Abschiedspräsent. „_Cara mia!_“ sagte sie, „_cara mia Maddalena +Sibilla!_“ Es sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie +geheimnisvoll, rückte ganz nahe an sie heran, streichelte die große +Frau. Ihr selber habe es geholfen. Daß es bei ihr so leicht gegangen sei +und daß sie jung und ohne Entstellung geblieben sei, das danke sie nur +dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als Präsent verehren wolle. Sie +selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention habe, ins Kloster zu +gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen. Und mit süßer, +spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor, das Etui +des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis +geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen +Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof, den +beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und bedrohlich +hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie das Etui +von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte von +Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr +nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die +Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich, +unsicher, leicht übergruselt. + +Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in +ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen +Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der +Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war +gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend +gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit +Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich. + +Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner Frau. +Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt, +sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber +aus dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und +beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest +die Hand seines Weibes. + +Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig +der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“ +schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt +gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte spöttisch +überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt +sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte, +pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu, +der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich +schmunzelte. + +Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur nichts +weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit +Christinnen verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte +sie peinlich nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch +Schlüssellöcher geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn +gehört. Das alles, wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her +besprochen, zerkaut, in die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden, +Nachttöpfe wurden berochen, der Befund in den Protokollen erörtert. So +kam man allmählich auf eine lange Liste von Frauen, hohen und niederen, +ledigen und verheirateten. Alle wurden sie umständlich ohne Erlaß des +minutiösesten Details von den gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie +oft, wie lange, welcher Art der Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann +verzeichnet, schwarz auf weiß, in dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als +Staatsurkunde im Archiv niedergelegt zu werden. + +Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder einmal +fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit. Er +hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein +Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die +Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen +Jurisdiktion entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern +zurücktreten. Oder sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor +einer einen schiefen Blick wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen, +daß ihm der Spott erstickte. Dies war anstrengend, aufreibend, denn man +wird sehr viele, ja fast alle so anschauen müssen. Aber er war tapfer +und entschied sich dafür. + +An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den Richtern. +Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die Tochter +zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der +Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu +verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des +blonden Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes, +einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß +sie, völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug, +gegen das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren +kamen nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen +Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen +Stein vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen +Fragen stellten. Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie +sich peinvoll unter der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen +sie viele überhaupt nicht verstand, duckte sich, rückte zuckend den +Kopf, den schamlosen Blicken ausweichend, bog und streckte krampfig die +schmalen, knochigen Finger. Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem +Kehlkopf, manche unhörbar; man beschied sich nicht, sie mußte sie +wiederholen, der schwerhörige Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“ +und verlangte manches dreimal. Ebenso eingehend dann kam man auf ihre +Affäre mit dem Herzog zu sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ +nicht locker, er wollte daraus, daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust, +ein Majestätsverbrechen konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond, +lieblich, an dem unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle +drangen sie auf sie ein. Alle jagten sie. Voran der hagere, hochmütige, +scharfe Herr von Pflug, der, voll Haß und angewidert wie von Gestank, +immer wieder fragte, ob sie sich denn nicht vor dem Geruch des +Beschnittenen geekelt habe; sodann die Regierungsräte Faber, Renz, +Jäger, Dann, die strebsamen, karrierebeflissenen Beamten in mittleren +Jahren, die, gekitzelt von diesem endlich einmal anregenden +Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen wollten, erst genießerisch +umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen, dann plump eindeutig; +die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius Gabler, die mit übler +Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre Gutmütigkeit an +einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände beizubringen +suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit polternder +Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und +zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie +sich nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in +Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge +aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und +zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem +verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend +deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie +ihren Sinn verstand, in ihr Ohr. + +Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene, +geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen +von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum +war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in +den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten +sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief +ihnen kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab. +Auch andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von +den längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die +Männer zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer +derben Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die +Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen +wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und +Glieder erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das +vielumraunte Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen. + +Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach der +Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten den +jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der Verbannung +männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung gelitten, galt als +Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal. Vielleicht +wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an der +Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder starke +Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie dachten daran, +sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer Erbitterung und +ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für möglich, +daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen, tugendhaften +Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte. Michael +Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch auch kein +Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er war +durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das reine, +helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht um +die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit begonnen. +Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt hatte, war +jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit den +bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die Affäre +der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte Herr +besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war und +daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen +vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des +Jungen, überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es +nicht lange, rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den +Juden, gegen die Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem +Protokoll überklar, daß Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden +müssen. Aber Michael wollte das Mädchen mißbraucht sehen, er sah sie +mißbraucht. Er sah sie hell, zart, lieblich vor den rohen, massigen +Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es war wahrscheinlich +sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an sie dachte, er +konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt weitergehen. Er +rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte, andeutende Fragen +stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er alles Kühnes, +Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte, aber es blieb +ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte sich +dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik +entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der +Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie +ehelichen, sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue +und Dankbarkeit getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr, +auf dem Lande leben. + +Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von +Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer +Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen. +Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur +Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen. +Die Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig +herum zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche, +schichtete, schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit +frivole Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas +durchaus Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton +gewesen, höfisch und galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat. +Ihrer Meinung nach sei der Jud der beste Mann im Schwäbischen und der +einzige Kavalier. Im übrigen gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach +Dresden und Warschau, dann nach Neapel und Paris. Und somit Gott +befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand, an der in verwirrendem Feuer das +Aug des Paradieses strahlte. + +Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück. +Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das +Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand +sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune. + + * * * * * + +In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war +dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der +Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, er war verfettet +und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins +Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen +weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht +gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand +gebracht hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im +Herzogtum gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem +Juden Schweigen zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten +Unschuld offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine +unbehilflichen, verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte +schließlich: „Er ist ein guter Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“ +Und nach einer Weile, zwielichtig lächelnd: „Wenn Er es durchaus will, +kann Er jetzt reden.“ Der Magister küßte ihm die Hand, ging beglückt. + +Lief zu den Herren vom Parlament, denen er damals, autorisiert von Süß, +das katholische Projekt verraten hatte. Erklärte, setzte auseinander, +beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte man ihn an. Glaubte, er wolle +eine nachträgliche Entlohnung für seinen damaligen Verrat des Putsches, +für die Mitwirkung an seiner Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach +man ihm, sich für ihn zu verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im +Staatsdienst. Wie er eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er +habe mit Willen, ja im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart, +wurde man ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an +Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor allem der +Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten Verteidigungsplan des Süß +und bewirkte, daß man den Magister, als er nicht abließ und die Richter +immer wieder mit seinen Märchen behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der +Jude selber aber nichts in der Richtung der Schoberschen Aeußerungen zu +seiner Verteidigung vorbrachte, hielt man den Magister schließlich +einfach für geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte +seinen Irrsinn aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn +mit einer scharfen Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die +Verstrickungen und die Blindheit der Welt zog sich der Magister nach +Hirsau zurück und lebte der Tugend, der alten Katze und der Poesie. + +Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee. Weißensee +hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren müssen. +Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; der Geheimrat +Heinrich Andreas Schütz etwa war im Grund viel enger verstrickt in das +katholische Projekt und hatte sich doch, der geschmeidige Mann, unter +dem Herzog-Administrator Karl Rudolf so gut behaupten können wie in +jeder früheren Regierung, und Weißensee war zumindest ebenso schmiegsam +wie er. Aber er war müde und ausgelaugt, er ließ sich fallen mehr als +daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr fremd +geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an +ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb +Verse, in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel und +Menschenhaß gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte Weißensee ließ sie +nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, sie war ihm in ihrer +Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre Schwangerschaft reizte ihn bis +zu leiblichem Ekel. Was hatte er mit dieser dicken Frau gemein? Er +fühlte nichts für sie, es kam nichts herüber von ihr zu ihm. Was sollte +ihm ein Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren, +unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leergesichtigen +Mannes? Nein, nein! Das ging ihn nichts an, rührte ihm nicht im +leisesten Herz und Blut auf. Dazu schämte er sich der albernen Dichterei +der Tochter. Ein medizinischer und poetischer Freund, der Doktor Daniel +Wilhelm Triller, hatte jetzt ihre Gedichte drucken lassen, der Göttinger +Pietistenkreis hatte erwirkt, daß der Prorektor der dortigen +Universität, der Professor Seldner, in seiner Eigenschaft als +kaiserlicher Pfalzgraf Magdalen Sibylle zur gekrönten Dichterin erhob. +Armer Kurfürst von Hannover, armer König von England, der für solche +Universität und solche Aesthetik, einen solchen Kritikaster und Marsyas +verantwortlich war. Nun zog das hin und her mit nüchternen, törichten, +gereimten Gratulationen und Dankgedichten, und die Frau, die das trieb, +dieweil sie ein Kind trug, diese armselige _Poeta laureata_, war seine +Tochter! Der alte, feine Herr, dessen Leben Takt und Weltgefühl und +Erlesenheit und Diplomatie war, schämte sich. Ihn ekelte, er zog sich, +arm, kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar. + + * * * * * + +Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr von +drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten sich unter +das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl Alexanders. Sechs +Pfund Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen alter Wein im Ausschank +sechs Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder Schweinefleisch fünf Kreuzer, die +Maß Bier zwei Kreuzer drei Heller, ein Klafter buchenes Holz zehn, +tannenes fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht eben +zum besten aussah, – Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit! +Autorität! und war nicht gewillt, dem Parlament gegenüber von seinen +fürstlichen Rechten auch nur ein Tipfelchen abzulassen –, so berief er +anderseits den klugen, festen, redlichen, umsichtigen Bilfinger ins +Kabinett, und solche Sicherung der religiösen und bürgerlichen +Freiheiten war zusammen mit der wirtschaftlichen Entspannung Ursach +genug zu allgemeiner Zufriedenheit. Man suchte altmodische Bilder her, +auf denen sich Karl Rudolf an der Spitze von Truppen in verschollenen +Uniformen mit pumphosigen Türken und krummsäbeligen Sarazenen +herumschlug, und wo der kleine, schiefe, schäbige Soldat erschien, +schrie manch Hoch. + +Die biedere, sachliche Art des alten Regenten imponierte vor allem dem +Landschaftskonsulenten Veit Ludwig Neuffer. Aus einem düster glühenden +Anbeter der Macht war er ein ebenso düster schwelender Tyrannenhasser +geworden. Jetzt erkannte er, dies wie jenes war nur eine Farbe, eine +Fahne, nicht der Kern, nicht das Wesen. Pflicht! Gerechtigkeit! +Autorität! das war der Sinn aller Staatskunst, das Rückgrat guten +Regiments. Karl Rudolf fand Gefallen an dem mageren Menschen, an seiner +schäbig trotzigen Art, sich zu kleiden, sich zu geben, an seinem dürren +Fanatismus. Auch stand er in irgendeinem, freilich wußte man nicht recht +welchem, Zusammenhang mit der Erledigung des letzten, schlechten Herzogs +und des Juden. Karl Rudolf berief auch ihn ins Kabinett. Da saß nun der +trocken glühende Mann und regierte, eisern pflichttreu, eisern gerecht, +Autorität fordernd und Autorität gebend. + +So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein strahlender +Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, jetzt neigte sich +ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und Süß stak noch +immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner Zelle. Er war jetzt +gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu ertragen, es war +vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es wurde mit jedem Tag +schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft zu atmen, das ekle Brot +dieser Festung zu schlingen. Sein Rücken war gekrümmt, seine Glieder +verzerrt, seine Gelenke wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war +Luft, draußen war Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser +und helle Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder +sprangen, Mädchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund voll +freier, wehender Luft, einmal sieben Schritte machen dürfen statt der +fünfeinhalb durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den +Herzog-Administrator. Der war ein betagter Herr; vielleicht hört er. Er +schrieb ehrerbietig, nicht servil, sachlich. Wies sachlich, ohne +Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen des Herzogtums nicht +schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und dort gegen die +Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von dem Herzog Karl +Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er nicht könne +verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, zu ersetzen, was +durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt sei. Bereits sei er +vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil geschlossen. Er sei auf +der Festung ein alter Mann geworden. Er hoffe daher, der +Herzog-Administrator, dem er sich zu Füßen lege, werde für ihn Gnade +haben. + +Mit einer Spannung wie lange nicht mehr wartete er auf Bescheid. Morgen +kam und Abend und wieder ein Tag und noch einer und eine Woche und aber +eine Woche. Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und zehn +Uhr, nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar +Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt hatte, +fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog-Administrator +eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend zurück, ob er im Ernst +glaube, daß man den Regenten mit seinen jüdischen Frechheiten +molestiere; selbstverständlich habe man seine Expektorationen, als eines +verstockten Schelmen und Juden, nicht an den Herzog, sondern nur an die +Richter geleitet. An den Geheimrat Pflug berichtete er in seinem +täglichen Referat, der Hebräer, die Bestie, sei ganz klein geworden bei +diesem Bescheid. + +Doch Süß hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder +angedreht. Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den +unglücklichen Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche +mehr empfangen, selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling, +wurde nicht mehr zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen Mann war +die alte Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um Verstattung eines +Geistlichen. Den konnte man nicht wohl verweigern. Den wollte er zur +Mittelsperson machen, um durch ihn den alten Regenten zu erreichen. +Allein seine Hoffnung war rasch vereitelt; man schickte ihm den +Stadtvikar Hoffmann, den er als alten Anhänger der Verfassungspartei und +erklärten Gegner kannte. Der Vikar glaubte natürlich, Süß in seiner +jetzigen Lage sei leicht zu bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch +und salbungsvoll ins Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch +diese unglückliche Wahl die letzte Hoffnung hinschwimmen, erwiderte, er +denke nicht daran, überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe ihn +nur rufen lassen, um durch seine Vermittlung Audienz beim +Herzog-Vormünder zu erwirken. Der Geistliche schnaubte, dies sei nicht +seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er danke für seinen Besuch. + +Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er hatte +wohl bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und er +vermeinte, in einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele stecken. +Süß lächelte, als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und mit +Aufmerksamkeit. Am Ende sagte er, kopfwiegend: „Religion ändern ist +Sache für einen freien Menschen und steht nicht wohl an einem +Gefangenen.“ Doch der Stadtvikar beschied sich nicht. Er hatte es sich +in den Kopf gesetzt, diesen Mann, dessen Fama durch das ganze Römische +Reich geflogen war, von den Wahrheiten der Augsburgischen Konfession zu +überzeugen. Er brachte sogar einen Helfer mit, den Stiftsprediger Johann +Konrad Rieger. Die beiden Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann +Konrad Rieger breitete allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin, +der Stadtvikar sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft +konnte nicht mehr und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein +verstockter Jud, verharrte dennoch in seinem Irrtum. + +Die anderen Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden sehr +viel glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche Beziehungen +zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden sänftlich +geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der +vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat nach dem +Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche Vergehen; die +Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Zuerst wurde der Hofkanzler von +Scheffer freigesprochen, lediglich zur Bezahlung der Untersuchungskosten +verurteilt; mit Beibehaltung seines Geheimratstitels und voller Pension +zog er nach Tübingen. Dann wurden Bühler und Mez aus der Haft entlassen, +am spätesten Hallwachs. Sie wurden des Landes verwiesen. Vorsichtshalber +hatten sie von den großen Summen, die sie an den Unternehmungen des Süß +verdient, das Wesentliche ins Ausland geschafft. Es wäre nicht not +gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im Herzoglichen nicht an. Sie +zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des Süß anderthalb Meilen +weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in der freundlichen, +angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen Vermögen, ließen sich täglich +Besuch aus Stuttgart kommen, verfolgten als behagliche Zuschauer mit +wohlwollendem Interesse den Prozeß gegen Süß. Wohl murrte man in +Eßlingen zunächst gegen diese neuen Kömmlinge. Aber die veränderten +Läufte hatten viele Emigranten wieder zurück ins Herzogliche geführt, +man spürte in Eßlingen den finanziellen Ausfall und war am Ende froh, +statt ihrer die neuen, viel verzehrenden Flüchtlinge der Gegenpartei +innerhalb der Stadtmauern zu wissen. So fühlten sich also die Genossen +des Süß bald wohl und warteten ab, bis etwa ein Regierungswechsel sie +zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht ewig unmündig und Karl +Rudolf war ein alter Herr. + +Das Vermögen des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden konnte, +vor allem auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die +Liquidierung der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des +Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi Pancorbo +mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der blasse, fette +Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner gleichmütigen Art +Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde Hand heran an Dinge, mit +denen sein Herr in leiblicher Berührung gestanden war. Sowie der +Portugiese hier anzutasten wagte, wurde Nicklas Pfäffle +sogleich widerspenstig, verwirrte die Fäden der schwebenden +Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und Dom Bartelemi mußte +die dürren Finger wieder wegziehen von den Dingen, die ihm der stille +Sekretär nicht erlaubte. + +Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht +mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und +der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es. +Das Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich +rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer +überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb +entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets +enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne +Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin +auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot mußte +die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen reichen +Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem Osten, aus dem +sie gekommen war. + +Auch den Papagei Akiba, der „_Ma vie pour mon souverain!_“ rief und: +„Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas +Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit +dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas +Pfäffle sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große +Finanzmann empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten +Privatkontor seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In +unschöner, unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor +dem fetten, blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel, +sprach schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein +Jud einen Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den +rotblonden, verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige +Blicke herum. Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch +noch einige Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und +gleichmütig der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig, +dringlich der andere. + +Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas +Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den +gestürzten Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit +organisiert. Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten +europäischen Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den +württembergischen Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des +Süß, auch nicht auf die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten +vielmehr, wie willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl +wie gegen die Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten +Beamten ließ man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan +inquirierte man wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches +Reskript war da, das ihn vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt +schützte. Man setzte sich über diese höchste, heiligste Unterschrift +hinweg und prozessierte um Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte +man Rechtssicherheiten, Garantien in einem solchen Staat? Konnte man +verhandeln mit einer solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen? +Gegen einen einzigen Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er +hatte – ei du Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen. +Darum konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz? +Konnte man solch einem Staat Kredit geben? + +So ging es an allen Höfen. Man hänselte die württembergischen Gesandten, +moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die das +Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits +ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den +Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf +des Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der +einzelne seine tausend Taler verdient hätte. + +Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm über +den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und +geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes +Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu +betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es +gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart +physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen +und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die +anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die +politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich +wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden +weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern, +wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei. +Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte. +Man müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des +Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in +Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht +hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau +beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des +Staates, der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud +hätte sich all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens +wolle ihm der Jud, der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler +erscheinen als seine eifrigen Richter. Und man solle endlich aus dieser +Sauerei Hände und Nasen herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu. +Harpprecht polterte nur klar und hart heraus, was er selber schon dumpf +gespürt hatte. Pflicht! Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die +Inquisition wegen der Weiber einzustellen. Etliche von den Frauen ließ +er stäupen, die übliche Fuhre Mist durch die Stadt schleifen. + +Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu behandeln. +Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion. Nicht +weichlich. Die Zelle des Juden maß nach wie vor nur fünfundeinenhalben +Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt Fleisch nur des +Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen Menschen. Das +Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam einen Tag über den +andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und eine Pritsche zum +Schlafen. + +Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch wurde +ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren, klug +geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich nicht +so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen. Daß +Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch +andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst, +sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte +auf. Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und +der Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der +Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der +Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine +Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte +er sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und +schöner, so daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten +mit Schweiß und redlich. + +Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische +Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich +gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte +sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen; +wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager, +bitter, besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich, +saß er herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des +Süß kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht +Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die +Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich +davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt. Das +Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen werden. +Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen, selbst +der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet, +schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen, +Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom +Bartelemi die Weisung aus. „Der Jud muß hängen!“ wetterte es im +Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk, +sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben, +konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die +Bauern. + +Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den +Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten +persönliche Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen +mußte. Die früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt +hatte; der unter Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte +Ehrgeizling Andreas Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es, +daß auch der junge Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an +dem Verderber von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben. + +Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß +viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie +waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die +Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger +legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles +geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt haben +konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die +Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des +Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift +des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich +die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der +Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre +Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß +ausschlossen. + +Sie erkannten den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen +den Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze +Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und Mißtrauen +gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das Parlament und die +Verfassung – hier mußten sehr viele Verordnungen des Süß herhalten, vor +allem auch jenes Reskript wegen der Kaminfeger; und viertens gegen +Gemeinden und einzelne Untertanen. Sie erkannten ihn für einen +Majestätsverbrecher, Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter und +Landverderber. + +Aus diesen Gründen verurteilte das zur Untersuchung seiner Verbrechen +eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, Juden und gewesten +Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. Diese Hinrichtungsart wurde +dem Angeklagten zuerkannt, weil sie ohnedies die gewöhnliche Strafe war +bei verschiedenen dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen; +insonders aber, weil sie die Mitte hielt zwischen der gegen +Majestätsverbrecher üblichen Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen +Falschmünzer zu verhängenden Strafe des Lebendigverbranntwerdens und +zwischen der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert. + +Die Herren gingen geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form +gekleidet, die einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische +Juristen daran mäkeln, sie wußten, das Volk und sein gesundes Empfinden +war auf ihrer Seite. + + * * * * * + +Unbehaglich und mit unruhigen Gliedern saß der Darmstädter Finanzienrat +und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit Akten +überstapelten Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und töricht seine +Mutter, Michaele Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er nicht mehr Nathan +Süß Oppenheimer hieß, sondern sich zum Baron Ludwig Philipp +Tauffenberger hatte taufen lassen, hatte sie ihn nicht mehr besucht. Die +schöne alte Dame, ihr leeres Leben mit Toilettensorgen, Korrespondenz, +Theater, Protektion junger Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend, +hatte Darmstadt, den Sitz ihres älteren Sohnes, immer ängstlich +gemieden. Sie hätte es begriffen, wenn der jüngere, wenn Josef sich zum +Glauben seines Vaters bekannt hätte, ja, sie hätte es vielleicht gern +gesehen, sie suchte mit zärtlichem Schuldbewußtsein die Züge des Vaters +in ihm. Aber daß Nathan, der Sohn des Kantors Isaschar Süßkind, zum +Christentum übertrat, schien ihr ein großer Frevel, der sich gewiß +einmal bitter rächen mußte. Scheu betrachtete sie sein Glück und seinen +Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der den Jecheskel Seligmann +Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und unerhörter Versuchung +Jude geblieben war, daß der jetzt so grausam stürzen mußte, während der +Frevler und Getaufte üppig und in Blüte stand, machte sie vollends wirr +und hilflos. + +Michaele Süß hatte ihren Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art +geliebt. Er war ein netter, betulicher Mann gewesen und ein großer +Sänger und Komödiant und vor allem auch ein sanfter, bequemer Mann, der +viel auf Reisen war und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau +zutrug, nicht hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer +Bewunderung ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem langen, +reichen, leichten Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate mit +dem strahlenden Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die Krone ihrer +Tage gewesen. Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit stürzte, war dies der +echteste Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt hatte. Sie hatte dann +in ihrem Sohn Josef den Vater wiedererlebt, atemlos und schwach vor +Bewunderung hatte sie seinen beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle +Jugend und Süßigkeit, allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie +schwamm selig in hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem +Stern, seiner Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel +grausiger Wendung und Sturz des Vaters. + +Sie hatte erst geglaubt, die Haft des Sohnes sei eine List, eine +Vermummung, aus der er bald um so glänzender auftauchen werde. Aber +jetzt mußte sie sehen, daß es gräßlicher Ernst war. Das Urteil war zwar +noch nicht bekannt, aber immer drohender und bestimmter hieß es im +ganzen Reich, daß die Württemberger ihren gewesten Finanzienrat in den +allernächsten Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: „Der Jud muß +hängen!“ wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein +hinauf, hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht +aus dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte +Versuche, dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt +hinein. Wenn wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! Sie +schrieb einen drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wußte nicht, +ob er ihn erreichte; denn sie hatte nur die Vermutung, keine Gewißheit, +er sei in Holland. Sie schrieb ihrer verheirateten Tochter nach Wien, +schrieb mit ihrer flatterigen, marklosen Schrift eine ganze Reihe von +Briefen an die Wiener Oppenheimers, entschloß sich endlich zu diesem +Aeußersten, suchte ihren ältesten Sohn auf, den Getauften. Da saß sie +nun, den Mund ängstlich, erwartungsvoll halb offen, schaute mit +gescheuchten, törichten Augen auf ihn. „Was soll man tun? Was soll man +tun?“ jammerte sie. + +Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, kramte +nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. Er war ein +fast kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr gepflegt, +die raschen Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die Finger +krümmten sich dick, weiß und beweglich, er war unelegant trotz reicher +und sorgfältiger Kleidung. Sein Christentum war ihm unbehaglich bei +aller gespielten Freigeisterei. Er moquierte sich gern über jüdische +Sitte und jüdisches Wesen, verkehrte auch mit dem Helmstätter Professor +Karl Anton und dem als Prediger nach Stuttgart versetzten früheren +Propst von Denkendorf Johann Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden, +jetzt konvertiert und fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren +waren. Aber er neidete es dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, daß +der es soviel weiter hatte bringen können als er selber und doch Jude +bleiben. Auch hatte Josef ihn als einen Getauften unverhohlen und +reichlich Spott und Verachtung spüren lassen, ihm, als sie einmal am +kurpfälzischen Hof zusammengetroffen waren, kalt den Rücken gekehrt. +Stießen sie geschäftlich aufeinander, so begannen sie ohne +Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den Getauften bis aufs +Blut, daß der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in importanten +Affären es verschmähte, mit ihm persönlich zusammenzutreffen, und +lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch Agenten erledigen ließ. Der +Sturz und die Schmach des Bruders traf ihn tief, auch wurde er darüber +gehöhnt und gehänselt; gleichwohl konnte er, wie jetzt die Mutter ratlos +vor ihm saß, für den geliebteren und bewunderten Sohn bei ihm zu +betteln, ein leises Triumphgefühl nicht niederdrücken. „Da habt Ihr’s, +da habt Ihr’s!“ sagte er mehrmals mit seiner hohen, hellen Stimme. „Es +geht nicht, daß einer da hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt sich +auch nicht,“ eiferte er, heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es +ist gegen göttliche Ordnung und menschlichen Fug.“ + +Aber Michaele ging nicht darauf ein. „Was soll man tun? Was soll man +tun?“ jammerte sie, immer im gleichen Ton. + +Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte einen Stapel Akten +von einer Seite des Tisches auf die andere. „Es gibt nur ein Mittel,“ +sagte er endlich. Da Michaele ihn gespannt und hoffend anschaute, nahm +er Anlauf und warf es wie gleichmütig und selbstverständlich hin: „Er +muß sich taufen lassen.“ + +Michaele überlegte. Dann sagte sie mutlos: „Er wird es nicht tun.“ Und, +nach einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht.“ + +Der Sohn höhnte nach: „Erlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht +erlaubt. Hätte ich ihm gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie +jener. Erlaubt es nicht! Erlaubt es nicht!“ ärgerte er sich, mit seiner +hellen Stimme vor sich hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes +weiß ich nicht,“ sagte er plötzlich, mit einem Ruck stehenbleibend. Und +da er die Mutter mutlos und erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu: +„Ich will gern tun, was ich kann, von seinem Vermögen zu halten, was zu +halten ist. Obzwar er es nicht um mich verdient hat. Was man in +Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn retten kann, ich will die Hand +darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht sparen, Versuche zu machen in +Stuttgart bei der Regierung, bei den Richtern, im Gefängnis. Aber wenn +er sich nicht taufen läßt,“ schloß er achselzuckend, „wird es schwerlich +gut ablaufen.“ Michaele setzte, als sie ging, die Füße schwerer als beim +Kommen. + +In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas Pfäffle +für seinen Herrn. Große Gelder flossen an Regierungsstellen, +Gerichtsbeamte. Da der Herzog-Administrator angeordnet hatte, daß +peinlich genau untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, legitim +erworbener Besitz des Süß sei und daß dieser Besitz nicht angetastet +werden dürfe, hatte der Sekretär reiche Mittel zur Verfügung. Kostbare +Vasen, Teppiche, Steine gingen aus dem Haus des Süß in der Form von +Andenken an einflußreiche Parlamentarier, Hof- und Staatsbeamte, die +offiziell mit der Affäre nichts zu tun hatten, mittelbar um so mehr +wirken konnten. + +Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: „Er hat +gerettet den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand +ausgestreckt und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt haben +sie sich zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind hergefallen über +ihn. Er war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz gestrahlt über die +Judenheit. Sind sie hergefallen über ihn wie Haman der Frevler und +wollen ihn totschlagen. Helft und rettet den Reb Josef Süß Oppenheimer, +der ein guter Jud war und seine Hand gehalten hat, wie er in Glanz war, +zu gutem Schutz über alle Judenheit.“ Da wurde gebetet und gefastet in +den Bethäusern, da wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da +wurde Geld gesammelt, viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles +zu Händen des Reb Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, der +bestellt war von den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen mit aller +Kraft und Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb Josef Süß +Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Isaak Landauer aber hatte +einen Plan, keinen besonders schlauen Plan, aber kühn und geradezu, für +den Fall, daß sie es wirklich wagen sollten, den Süß zu verurteilen. Zu +diesem Plan brauchte er Geld, märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft +viel Geld strömte in seine Kassen, blankes Gold, Wechsel, +Verschreibungen, der Geringe gab gering, der Große gab groß, aus allen +Ländern, aus allen Gemeinden, von den Juden aller Welt. + + * * * * * + +Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. Der +Herzog-Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht bestätigt, +hatte befohlen, ihn vorläufig geheimzuhalten, und hatte ihm, dem +Harpprecht, das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen riesigen +Aktenmaterial zur Begutachtung schicken lassen. + +Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er das +Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte abgegeben, den +Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die nagenden Würmer hatten +abgelassen jetzt und sich verkrochen; die obenan aufringelten, die +fetten, gemästeten, der Herzog und der Jud, davon war der eine tot, der +andere lag machtlos und unterm Fuß, und es stand bei ihm, zuzutreten. +Ei, sie hatten gut genagt seither. Er, Harpprecht, war ein fester Mann +gewesen, jetzt war er ein Greis durch sie, und viel Land und Wald und +Acker und Menschenleib und Menschenseel war übel zerfressen und vertan +durch sie, und der Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte, +liebliche Elisabeth Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und +wenn auch jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es +wird wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte Gebäu +wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und sollte +judizieren, ob es rechtens sei, diesen nagenden und schädigenden Wurm zu +zertreten. + +Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein treuer, +uneitler Regent, der arbeitete wie ein Roß und mit Erfolg. Die Arbeit +schlug ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der Gleichaltrige, +zehn Jahre jünger aus als Harpprecht. + +„Wie steht’s, Herr Bruder?“ fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten. +„Ist es das gleiche,“ setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals +bei dem Juden Jecheskel?“ + +Draußen schneite es weich und dick. Es war sehr still im Zimmer. Von +nebenan hörte man den Schritt des jungen Michael Koppenhöfer. „Ja, Herr +Bruder,“ sagte Harpprecht. „Es ist das gleiche. Er ist formal, nach dem +Buchstaben des Kriminalrechts, nicht genug überwiesen.“ + +Bilfinger nahm von den Papieren, zerteilte sie, schichtete sie wieder +zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr Bruder,“ sagte er nach einer +Weile, „daß er sich im Verfassungsstaat Württemberg so viel Ausnahmen +permittiert hat vom Verfassungsmäßigen, daß er es sich muß gefallen +lassen, wenn man jetzt auch mit ihm eine Ausnahm macht von der +Rechtsform?“ + +„Das ist zu bedenken,“ erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom +Herzog.“ + +Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem Ende +entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische Oberst +wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen Hallwachs, +Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten in der +Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles +Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre, +Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und +trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest +zur Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte. + +Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der +Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt +worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag +zugleich mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der +Prüfung und Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick +durch harte Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof +zu reizen, schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung +hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue +und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein +Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in +venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren +Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „_Innocentia +Remchingiana vindicata_“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten +Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg. + +Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle Bluthunde +ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen entfernt, +lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie Remchingen Stank +und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch. Aber der +wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und Pancorbo +vornean, schürten, zahlten Demonstrationen. Wilder, heftiger, drohender, +drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“ + +So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein +Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil +nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende +Volk, das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte, +nicht durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments. +Der Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte +und Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert +hatten, müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte, +in keinem Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und +deutschem Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt +ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt +könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch +habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe +aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des +Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht +verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei, +abnehmen und ihn des Landes verbannen. + +Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte +aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint also,“ +sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den +Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den +Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart +geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er +endlich. Damit entließ er den Juristen. + +Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu +Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land +gärt weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud +für Christenschelmen die Zeche zahlt.“ + + * * * * * + +Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über +verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen +Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten +Dame beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein +großer, beklemmender, bedrohlicher Apparat. Der Korporal stapfte mit +raschen Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer +Atem, aber sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine +niedrige, häßliche Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles +Geviert, da saß auf einer Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm, +schlaff und übel verfettet, mit schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und +summte und döste vor sich hin mit einem abwesenden, törichten Lächeln. +Sie sagte zaghaft zu dem Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will +zu Josef Süß.“ Der Korporal sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud, +Frau.“ + +Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf den +eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die +braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß +draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche, +verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war +nichts mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm, +viel eher, merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes +dem Rabbi Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte +nichts von dem früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte, +wie er aus ihr glitt, wie sie leer wurde, es war ein fremder, +schmutziger, verwahrloster Mensch, mit dem man, versteht sich! Bedauern +haben mußte, denn er war eingesperrt und es ging ihm schlecht und zudem +war er ein Jud. Aber sie hatte sich schon wieder verkapselt und ihr +Inneres war umkrustet. Sie stand, eine fremde, elegante Dame, verlegen +vor dem ungepflegten, in den Schmutz gerutschten Mann. + +Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu +ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und +streichelte ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines +seiner Worte drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr +Sohn! und war umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war, +die sie bei ihm bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder +abholte. Umschaute sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach +dem alten Mann, der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war +sie es, die den Schritt schneller nahm. + +Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle, +neigte sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände, +melancholische, fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren +bläulichen Gesicht. Er sprach leise, mit einer beredten, traurigen +Stimme. Es war Johann Friedrich Paulus, früher Propst von Denkendorf, +jetzt Prediger in Stuttgart, der Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann +hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar hätte zwar gern selber der Kirche +diesen Verstockten gewonnen; aber er sah, hier war wenig Hoffnung, und +lieber sollte ein anderer das Werk vollenden, als daß es gar nicht +geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer hineinschmiegen, +hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele, sie +aufzuweichen. + +Still und höflich saß der Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle +merkwürdig schattenhaft. Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen +in der kahlen Zelle. Sprach leise, konversierend. „Dies alles sind nur +Kleider und Masken,“ sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum, +mein Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, daß einer den Strom +Gott in sich spürt. Es ist dies, daß einer ein Schein im Schein, ein +Wort im Wort ist. Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, ich +habe Sie in Ihrem großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich bin ein +Freund und Schüler des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der wieder ein Freund +ist Ihres Onkels, des Rabbi Gabriel. Ich hatte oft Lust, mit Ihnen zu +reden, Herr Finanzdirektor. Nicht weil Sie mich vielleicht verachteten +um meine Taufe und mein Christentum und weil ich Sie besser belehren +wollte. Wie ich Sie jetzt sehe,“ schloß er und seine streichelnde Stimme +war noch leiser, und er war fast erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß +ich um unser beider willen gekommen bin, für mich nicht weniger als für +Sie.“ + +„Sie sind doch gekommen,“ sagte Süß, „um mich zum Christentum zu +bekehren? Der Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist’s nicht +so, ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?“ +lächelte er. Der stille Mann an der Wand sagte: „Es ist nicht schwer und +es ist billig, zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten +mich, weil ich Christ wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. Ich +rühre mich nicht und wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan nicht +um Brot und Kleid und Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. Sie +haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre Idee. Ist es nicht vielleicht +richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht nicht verlöschen zu +lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das Kleid Christentum +anziehen muß? In solcher Zelle zu leben,“ – sein sanfter, fließender +Blick glitt über die kahlen Wände – „ist sicher hart. Aber wer sagt +Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?“ + +„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr,“ sagte +Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle zu +verpacken. Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, Rehrücken, alter +Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme Wahrheiten; auch +was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom Schein im Schein, klingt gut +und passabel. Aber sehen Sie, ich habe mein Palais in der Seestraße mit +dieser Zelle vertauscht. Man hat mich in jedem Stück angezweifelt; aber +nie hat jemand gezweifelt, daß ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muß +also wohl“ – er lächelte listig – „zu solchem Tausch meine guten Gründe +gehabt haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar,“ schloß er heiter und +verbindlich, „und sagen Sie sich selbst: Sie haben getan und geredet, +was einem Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich nur +an mir.“ + +Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an Michaele. Die +liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, schwerlos, angenehm müde. +Wie ein Kranker, wohlig im Bett, Genesung spürend. So saß er, dösend, +auf der Pritsche. Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu +ihm. Es war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine +Puppe, und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter und +zupfte ihn zärtlich am Bart und es sagte: „Dummer Vater! Dummer Vater!“ +Sie blieb etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, aber lauter ganz +kleine Dinge, sie sprach mit der Wichtigkeit und dem Ernst der Kinder, +von den Tulpen, von der Auslegung einer Stelle im Hohen Lied, von dem +Futter seines neuen Rockes. Als sie fort war, atmete Süß wie ein +Schlafender, den Mund halb auf, glücklich. So gerufen hatte er sie, und +sie war nicht gekommen, mit wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen, +ein grelles, ungeheures Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht +gekommen. Was für ein Narr war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so +kleiner, sanfter, befriedeter Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen +mit seinen großen, grellen, schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber +jetzt, nun er ganz still war und sich schon beschieden hatte, sie nicht +mehr zu sehen, nun auf einmal kam sie, und es war ein großes, +anfüllendes Geschenk. Er ging die Zelle auf und nieder, seine +fünfeinhalb Schritte, und die Zelle war reich und voll und die ganze +Welt, und er streckte die Arme aus und lachte, allein und jungenhaft und +laut und glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang aufschrak und +mißtrauisch hereinspähte. + + * * * * * + +Der Major Glaser eröffnete dem Süß, er solle sich bereit halten, anderen +Tages in der Frühe nach Stuttgart zu fahren. Der Major wußte, der Jude +fahre nach Stuttgart, sein Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht +Ordre, ihm das zu sagen, und hielt es nicht für not. Süß, im linden +Nachschmack der Worte Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und +in die Freiheit. Er hielt es nicht im entferntesten für möglich, man +werde ihm gegen den klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen. +Gutmütig scherzend und in schwerloser Laune sagte er, er freue sich des +schönen Wetters für die Fahrt, fragte den Kommandanten, ob er ihm, der +ein großer Schnupfer war, eine Tabaksdose zum Andenken übersenden dürfe. +Gemessen lehnte der Major ab; doch gestattete er, das harte Gesicht kaum +vor dem Grinsen wahrend, daß Süß einen Galarock für die Fahrt anlege. +Auch vor dem Wärter erging sich Süß in leichten, schwingenden Worten +über Rückkehr und Freiheit und gab dem erstaunten Mann, der nicht wußte +was tun, eine Anweisung auf eine ansehnliche Summe als Trinkgeld. + +Wie er sich des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz +entlastet und selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an +einen See oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest und ganz klein +und mild leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine. +Und bald wird er leicht und leise verklingen und unter den Menschen wird +nur ein dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von seinem +Gewese und der wird im Guten und im Bösen ganz anders sein und sehr +verzerrt; bald aber wird auch sein Name gar nichts mehr bedeuten, wird +nichts sein als etliche Buchstaben ohne Sinn; schließlich werden auch +die verklungen und es wird große, reine Stille sein und nur mehr ein +Schweben und sachtes Leuchten in der Oberen Welt. + +Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, fuhr Süß +bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte schwach und +froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm gegenüber. Starke Wache +auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem Wagen. Er wollte erst mit seinen +Begleitern sprechen, aber die hatten strenge Weisung, nicht zu erwidern. +Ihn grämte es nicht. Er lehnte zurück, atmete, kostete, schluckte, sah, +tastete nach den vielen dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende +Gottesluft. Blick, nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter, +herrlich reiner Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich +in den Himmel mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt! +Luft! Freie, liebe Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten, +Entwöhnten, er lehnte ganz schlaff und schwach und erschöpft; aber er +war selig. Er hatte den roten, goldbestickten Taffetrock mit dem +zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst das grüne, goldbordierte +Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den braunen Beinkleidern +zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die auf dem schlecht +gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er abgenommen, er ließ wohlig +den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße Haar streichen. + +Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, johlte, +als die Kutsche kam, schmiß Steine, Kot. Stürzte sich auf den Juden, riß +ihn heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem weißen Bart. Hob +Kinder hoch: „Lugt her! Da ist er, der Schinder, Judas, Mörder, Saujud!“ +Spuckte, trat. Zerrissen der feine, rote Rock, in Kot getreten der +artige Samthut. Die aus dem Blauen Bock sagten in wehmütiger, +sentimentaler Genugtuung: „Das hätte der selige Konditor Benz noch +erleben sollen.“ Nur mit Mühe gelang es der Eskorte, den Juden +herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß er jetzt im Wagen, das graue +Gesicht zerschrundet, Rinnsel von Speichel und Blut langsam in den +zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, drohend gegen die Menge, die +Hand an der Waffe. + +Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in dem Magdalen +Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. Der Expeditionsrat +hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem Land, auf ihrer schönen +Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; aber da sie aus unerklärlichen +Gründen durchaus in der Stadt bleiben wollte, fügte er sich. Da lag sie +nun in Wehen, eine geschwätzige, betuliche Hebamme watschelte geschäftig +herum, der Expeditionsrat ging blaß, dienstwillig, demütig und +schwitzend ab und zu. Trotzdem sie breit schien und gebärtüchtig, war +die Entbindung nicht so leicht, wie man gehofft hatte. Sie lag, schrie, +stemmte sich, preßte, keuchte. Jetzt war eine Minute der Erleichterung +gekommen, zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte sie, immer wieder +überschauert. In die Stille klang das Johlen der Volksmenge herein, ganz +deutlich hörte man den Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der +Expeditionsrat rieb sich die Hände. „Ein gutes Omen,“ sagte er, „daß das +Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird.“ Aber sie schaute voll +Haß auf den hageren, unscheinbaren Mann und betete unhörbar, ohne Reim +und Schnörkelei, dringlich und stark: „Herr Gott im Himmel! Laß es nicht +werden wie der da! Herr Gott im Himmel! Du hast mir soviel verhunzt. Das +gib mir, das wenigstens gib mir, daß mein Kind nicht werde wie der da!“ + +Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal war +gestopft mit Zuschauern, das Richterkollegium war versammelt, feierlich +in schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, massige Gesicht +des Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des Schütz, das harte, +grausame, hagere des Pflug, das des jungen Götz sogar, sonst leer, fad, +rosig, schien belebt von Haß, Rache, Triumph. Da erkannte er, daß er +nicht zur Freiheit, sondern zum Tod bestimmt war. Und da begann auch +schon der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, mit seiner harten, +dröhnenden, ungefügen Stimme, stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen. +Süß hörte in monotonem Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung, +Hochverrat, Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen und den Schluß, daß er +mit dem Strang vom Leben zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in +dem überheizten Saal die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle, +die Minister, Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll +Hochgefühl. Er sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich +hingestreckt hatte in freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen, +sich festbeißen, geschäftig übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch +sinnlos die Zähne hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war +plötzlich wieder in ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann zu +reden, der alte, verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem Kot der +Mißhandlungen, richtete sich hoch, erwiderte seinen Richtern. Kratzte, +eiskalt sachlich, schneidend, dem Urteil die pathetische Tünche +herunter. Lautlos hörte man seine ersten Sätze an. Dann aber, rot +angelaufen über solche Frechheit, stürzten sich, nicht anders als das +Volk, die vornehmen Herren auf ihn, brüllend, mit den flachen Degen auf +ihn einschlagend, und wie dem Volk konnte die Eskorte auch ihnen nur mit +Mühe den Delinquenten entreißen. Wie er abgeführt wurde, über den +tosenden Saal hin, packten ihn die harten, höhnischen Worte des +Geheimrats Pflug im Nacken: „Er hat gesagt, Jud, höher als der Galgen +ist, könnten wir Ihn nicht hängen. Wir werden’s Ihm weisen.“ + + * * * * * + +Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van +Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf +der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie sahen die schaukelnden Schenkel +der Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das +vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber +nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein +tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten, +daß sie es erreichten, ehe es verlösche. + +Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den +dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi +Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig +fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern +weltlichen Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis, +Gott. Die letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung +an. Es war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel, +ohne daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige +Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die +Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun +auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in +jenem, eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden +Männer, gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer +brütete um sie die Erkenntnis ihrer Bindung. + +Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit viel +Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er hatte, +trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische +Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige, +verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk, +Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die +drei Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim +Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß sie +bei der Einfahrt nicht belästigt wurden. + +Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es sagte +der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der ganzen +Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber sitzen +ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren Raub, +und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen ihre +Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen +Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie +gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt: +„Reb Josef Süß Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist +geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan +hat, wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird +aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man +sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß +und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht +sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud +ist nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die +Christen. Es kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die +Getretenen und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die +anderen. Wir bitten Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen +um Gnade für den einen und die ganze Judenheit.“ + +Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß Oppenheimer, +hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut der und jener und +das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld, kann gutgemacht +werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle Judenheit, und +haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld. Und so sind +wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig den Reb Josef +Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann haben gesündigt, wir +wollen es machen gut und aber gut, daß das Land Württemberg kann kommen +in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie lassen ledig den Juden Josef +Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von fünfmalhunderttausend +Doppeldukaten.“ + +Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die +Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das +Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel +größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums +gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten +wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte. Fünfmalhunderttausend +Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war eine Frechheit und eine +Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren Summe loskaufen wollen +war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner naiven Großartigkeit +verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer gerechnet, darauf baute er +seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt, mit Listen, mit Argumenten, +mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um Gnade war hier nichts +auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives Geradezu. Für Geld +konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh, Berg, Fluß und +Wald, Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum sollte man nicht +können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre Rachgier und ihr +albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe Gerechtigkeit, +diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer. +Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein kleines +Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen sogenannter +Justiz. + +Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach +Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht +in Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde, +unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem +kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In +stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf +die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke, +sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß +Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches, +afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich, +hörte nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine +ausgewachsene Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine, +schiefe, schäbige Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo +reckte den entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause, +seine dürren Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger +widerstehen, streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in +dem endlosen Fluß. Isaak Landauer stand daneben in seinem +schmierigen Kaftan, die Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner, +unselbstverständlicher Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm +eng am Körper, die Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern +Hand strähnte er den rotblonden, verfärbten Ziegenbart. + +Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten +Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war gezwungen, +vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den Süß, auch +gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn nicht +an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr +Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und +gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte +vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser +Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund. + +In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von +Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die +Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan, +das Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl +erreicht. Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es +war nicht möglich, in diesen Läuften das Regiment nach solchen +Prinzipien zu führen. Er hatte müssen zusehen, wie man die todeswürdigen +Schelmen hatte laufen lassen, jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden, +trotzdem es unrecht war, aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und +müde. Er fühlte seine Leibes- und Geisteskräfte merklich schwinden. Es +sei ihm beschwerlich, schrieb er dem Kaiser, erklärte er den +Geheimräten, dem völligen Detail einer so verwirrten als wichtigen +Regierung nach eigenem Wunsche genugsam abzuwarten. Er sehnte sich, der +schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der bäuerlichen Ruhe seines +kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen Sterben. + + * * * * * + +Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und +widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur +Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne +Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er +war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden, +beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt +war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des +leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte +ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte, +hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn von +Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter. Andere +kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch +Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in +Gestalt Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und +die Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet, +knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem +reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das +Gesicht darunter sein eigenes. + +Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der +Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession +anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er +glaubte, jetzt sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war +durchaus nicht gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe +Stimme verdrängte die sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von +ihm abzustehen; er wolle gern, lasse man nur von ihm ab, der +evangelischen Kirche zehntausend Taler für ihre Bemühungen +testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog sich der ergrimmte +Geistliche zurück. + +Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr, +Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm +gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis. +Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden +hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben +lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand +gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht +offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte. +Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von +Höflichkeit, er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen. +Ein Mann, mit dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand, +Manierlichkeit gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung +kommen ließ. Der alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als +ein Baron Neuhoff. Er hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm +nie vergessen, daß der gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die +weinrote Livree seiner Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen +hatte. Es wäre geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen +des andern zu freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben, +daß das Milieu des Juden die eigene Repräsentation beschatte. + +Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er +den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so +einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen. +Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten, +bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art +loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung +stellen. So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch +wieder nicht. Es durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird +da in seiner Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte +selbstverständlich übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die +katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker, +der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen +sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen. + +Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der +Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da +hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War +das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber +schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit +einem ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“ + +Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß +gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich +den Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem +eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt +wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er +hatte das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und +vor den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht +und ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen +haben? Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht +daran, dem Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene, +skeptische Herr und Fürst, er läßt sich nicht bluffen. + +„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt +und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten, +daß ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen +werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite, +mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte +er sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr +Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom +Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“ + +Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“ +tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen +wollen. Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um +dann eine so glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig! +Die Stimmung ist gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht +soweit kommen lassen. Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! – +aufhängen mitsamt Ihren Trümpfen in der Hand.“ + +Da Süß noch immer schwieg, wurde er ungeduldig. „Exzellenz! Mann! +Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen. +Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher +Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“ +Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan +und seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine +Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst +sich geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da, +refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst +fühlte sich plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr, +sagte mit gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren +verlernt. Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens +_Mille merci_ sagen.“ + +„_Mille merci_,“ sagte Süß. + +Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern +sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als +persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte +er und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr +Stoizismus ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den +Historienbüchern der Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser +ein lebendiger Hund als ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König +Salomo.“ Er stäubte sich den Rock ab, schloß, schon unter der Türe: +„Lassen Sie sich wenigstens den Bart balbieren und ziehen Sie sich gut +an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase – „partout dahinauf wollen. Das kann +man verlangen von jemandem, den man so freundlich in seinen Kreis +aufgenommen hat. Sie haben ein zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr +ganzes Leben haben Sie gute Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem +Kavaliersruf nicht selber in den Schatten, wenn Sie von diesem +Welttheater abtreten.“ Damit ging er. + + * * * * * + +Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig +Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er +hatte schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische +Gulden gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als +der hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig +Fuß war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig +Zentnern und achtzehn Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer +ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den +Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb und +Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit +Gold verziert und der Honauer daran gehenkt. + +Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von +denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein +Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus +Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein +anderer Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger +geblüht; er hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft +schwebenden Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der +Galgen lange nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen +auf den Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon +hatte er drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen +nächtlicherweile entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines +Verbrechens justifiziert wurde. + +Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden. +Jetzt bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution +übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere +Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf +gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so +feiern, daß Europa es nicht vergessen sollte. + +Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor. +Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung +christlicher, deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja +leider, sehr gegen seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle +finden dürfen. Jetzt bei der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem +Juden seine Wollust und freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am +Galgen wird er ihn hängen lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner +liederlichen Nächte mit populärem Wortspiel verhöhnend, in einem +Vogelbauer. + +Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils +etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch +Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen +gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten +eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine +Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der +Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das Malefikantenglöcklein mit +einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue Uniformen. + +Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des +Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist +könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man wird +einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen +hinaufziehen. + +Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats +wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler +anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier +Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen +in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über +den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer. +Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig +tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das +monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der +Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur +Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt, +Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und +Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf +dem Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu, +bewunderte die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig. + +Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die +Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse +ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln +flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte +man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei; +das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem +Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an +die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den +Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder! + + * * * * * + +In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz. +Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer +van Straaten das Gefängnis ohne weiteres geöffnet. Nun saßen die drei +Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht, +Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein. +Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar, +über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei +Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens +Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit. +Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die +drei Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem +Ernst. Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum +andern. Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum +erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als +Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen +Strom wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und +die Welle trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug +das Zeichen des Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber +die Welle trug ihn nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die +Schnitten der Apfelsine mit Zucker und verteilte sie. Er schenkte von +dem südlichen, schwarzfarbenen Wein. Die Zelle war voll von +ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht, Gott. Doch an Rabbi Jonathan +nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte sich mit zynischem Witz +lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu haben, wenn man gehenkt +wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht, er fühlte sich, der +Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben Verräter. Und als er +den beiden anderen die Verse des Tischgebets zurückgab, prunkend in +seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem Bart, würdig, wissend, +hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann. + +In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das Urteil +verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß der +milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische Rabbiner +von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich +lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder +verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich +neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf +seinem alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen +Rädern ragte kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in +grellen Farben um ihn herum. + +Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden +verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf +nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden +Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es +lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende +Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die +beiden anderen. + +Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und +gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von +Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des +Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja +selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben. +Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner +knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte, +Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß. +Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens, +schnalzte mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua +Falk, mit fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der +zornige Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche +gurgelte er hinter dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und +Frevler. Isaak Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes, +tierisches Heulen aus. Es war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen, +wie er den Kopf gegen die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne +Hemmung heulte. Nun begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn, +scharf, scheppernd mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch +die schneeige, dämpfende Luft, ins Mark reißend. + +Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut +überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein +normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie +hörte das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie +schaute auf ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht. + +Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit +Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte +Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf +sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“ + +Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß +auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem +scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem Finger, der +Herzog-Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes +beraube. Die Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die +Prozession schritt sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar +lautlos zu. Die Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß, +zu Pferd, zu Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der +blassen, nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke +war alles doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man +führte den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren +von weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von +jenseits der Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das +Schauspiel zeigen. Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif, +Schnee fiel auf seine Kleider, auf seinen weißen Bart. + +An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und bedrückt, +daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er durfte +sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die _vox populi_ +einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter +und schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne +juristisch zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich, +angefrostet. Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher +Weins hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal, +er blieb vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter +und wärmer. + +Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin. +Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild, +das in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart, +Schnee auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer, +ahnte Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen +Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph, +auf den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre +länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark +schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch +höher.“ „_Sale bête!_“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den +flockenden Schnee. + +An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er +begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische +Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte +sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund zu, bevor er zu Ende +war. Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas +Pfäffle, der blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes +Mal vorüberkam, grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas +Pfäffle, wie der Karren vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging +abseits, schluckte. + +Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock +aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel +standen die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das +kleine Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er +wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das +alte Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu +seiner Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien +unansehnlich vor dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst, +das für ihn bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen, +vielfach gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde +schlang sich, den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit +Menschen. Das hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen, +Bäumen. Von ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf +dem Rock des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten +die kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart. + +Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die +Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die +auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der +Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der +Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz +verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt +war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der +Verhaßte hochschweben, erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten +gierig unter dem Kragen des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den +Strick. Herrlich ist es, den Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für +die Augen, angenehm und lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das +Scheppern des Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr +genau kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung +entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt +waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er +hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er +konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar +und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich +selber schämen, daß man mit ihm im Bett gelegen war. Doch +merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. Gierig und gelockt schauten +sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er gleich tot sein, jetzt wird +er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei und ihre Verstrickung +sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern +und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich davor. Die meisten +von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die +Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen. + +Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also wird +der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der +Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle +Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend +zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und +er hatte sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der +alte, krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und +bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge +Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer +Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester +ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn +niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat! + +Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene +Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn +wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten +Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg +und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen +Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde, +höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen +Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und +wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor +dem Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was +blieb von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig +verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird, +was er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen +werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben +werden. + +Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder +steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die +geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz +absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um +den Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte, +sichtbarlich vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung. +Ja, ja, es brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der +Welt zu schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige +Weiber, die Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu +schmatzen und zu knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig, +bestimmt, so leer und bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er +sah den Atem der Menge, weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen +Frost, die gierigen Augen, die gereckten Hälse, die sich vormals so +devot vor ihm gebeugt hatten. Er sah das Vogelbauer, den umständlichen, +schimpflichen Apparat seiner Tötung. Und während er dies sah, drang in +sein Ohr etwas Plärrendes, Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es +sich nicht nehmen lassen, ihn unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf +ihn einzureden, von Himmel und Erde, von Verzeihung der Menschen und +Gottes, von Sühnung und Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute +langsam den Stadtvikar auf und ab, wandte sich weg, spie aus. +Aufgerissene Augen, leises, empörtes, rasch verstummendes Schnauben der +Menge. + +Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen Uniformen +an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen, ungefügen +Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg, er +schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es +war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den +Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den +Knechten herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten +in die Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und +anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden +fiel auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn +hart an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm +die Schlinge um den Hals. + +Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden Hufe +der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf +Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit +auf, er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen +Atem und das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob +sich. Da, durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton, +gellende, gurgelnde Stimmen, schreiende: „Eins und ewig ist das Seiende, +das Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden, +der kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der +schmierige Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie +und sieben andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht +um das Volk, das vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die +Leiber, stehen und schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den +weiten Platz hin: „Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“ +Weißliche Wolken in dem starken Frost ziehen die Worte von ihren +Mündern, in die Ohren des Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls +Heydersdorff tut den Mund auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve +Adonai.“ + +Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der +Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar +dem Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das +gelle Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem +Käfig tönt es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt. + +Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo +erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung, reckt +aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig +hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in +ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des +Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft. + +Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die Menge +den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur halben +Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs saßen in +dicken Scharen schwarze Vögel. + +Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als +Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken. +Der junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des +Süß erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er +stülpte sich das Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf, +die vergraust kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch +kam die rechte Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man +hatte sich den Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang: +Der Jud muß hängen, man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder +stirb entweder! Doch das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die +Kinder spielten Hängen; und das Spiel ging so, daß einer oben stand und +Adonai schrie und die anderen standen unten und schrien, brüllten, +johlten, gellten: Adonai. + + * * * * * + +In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer, +großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der +Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee, +beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief +in einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte +zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als +beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die +beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie +hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten +leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in +dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden +Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog +nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte +unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie, +leise, an, als sie endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“ +stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den +Stein gestohlen!“ bellte heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich +lasse euch den Prozeß machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen, +verängstet, versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein +anderer im Käfig. Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang +ungläubig, ließ schließlich noch in der Nacht durch Leibhusaren, +amtlich, den Käfig untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen, +ausgetauscht. + +In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim +Herzog-Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt +hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte +an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie +gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast. +Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die +Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und Soldaten hätten das nicht +besser machen können. Er gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ +sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme +grausige Flüche vor sich hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in +seiner verschollenen Hoftracht. + +Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von +Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden +geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak +am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger +könnte ihn stehlen. + +In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen +gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im +Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens +Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde +Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter +bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde +beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. +Aber es raunte von Mund zu Mund. + +Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar +umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht +zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen +über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin. +Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der +Solitär. Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen +großen Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache. + +Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, +graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter +sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen +des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum. + +An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme +den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ +Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da +schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte +zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand +zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines, +verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten. + +Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte +beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am +Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der +Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und +vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig +ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen +sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras +welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir +Staub sind.“ Dann wuschen sie sich die Hände in fließendem, +dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof. + + + + + Werke von Lion Feuchtwanger + + + Im Drei Masken Verlag München: + + _Vasantasena_ + Schauspiel. Vierte Auflage + + _Der holländische Kaufmann_ + Schauspiel + + _Der Frauenverkäufer_ + Spiel nach Calderon + + + Im Wegweiserverlag Berlin: + + _Die häßliche Herzogin_ + Roman. 110. Tausend + + + Im Verlag Gustav Kiepenheuer Potsdam: + + _Leben Eduards des Zweiten_ + Historie. (Zusammen mit Bertolt Brecht) + + + Im Georg Müller Verlag München: + + _Thomas Wendt_ + Ein dramatischer Roman. Dritte Auflage + + _Die Kriegsgefangenen_ + Schauspiel + + _Friede_ + Ein burleskes Spiel nach dem Aristophanes + + _Warren Hastings_ + Schauspiel + + + Presse-Stimmen + + Vasantasena + + Man kann das Stück des sagenhaften Königs Sudraka, das ein + Jahrtausend vor Shakespeare entstanden ist, nicht besser + charakterisieren, als es der Herausgeber in seiner Einleitung + tut: „Die Vasantasena vereint süße, weisheitsvolle Resignation + mit lichter, anmutiger Schalkhaftigkeit ... Hier ist kein + Erdenrest zu tragen peinlich. Diese Dichtung tanzt, schwebt, löst + alle irdische Diskrepanz in unirdische Harmonie ...“ – und + Feuchtwanger ist es gelungen, diese dichterische Höhe in seiner + Nachdichtung zu wahren. + + Der holländische Kaufmann + + _Berliner Börsen-Ztg._: Das Stück erstrebt große Ziele und weite + Perspektiven. + + Der Frauenverkäufer + + _Neue Freie Presse_, Wien: Calderons Schauspiel ist ein Wurf, aus + dem Feuchtwanger in freier und sehr geschickter Nachdichtung eine + Komödie machte. Feuchtwanger hat durch stärkeren komischen + Einschlag und menschliche Vertiefung ausgleichend eingegriffen. + „Der Frauenverkäufer“ wird eine bleibende Bereicherung des + deutschen Spielplanes sein. + + _Nieuwe Rotterdamsche Courant_: Fruchtbarste Phantasie, zwischen + Adelsschloß, Wildnis und maurischen Felsburgen, Sinn und Ulk, + Liebe und Kampf hin und her schweifend, sichert dieser + Nachdichtung stärkste Wirkung. + + Die häßliche Herzogin + + _Frankfurter Zeitung_: Ein Roman von wunderbarer Frische und + Leuchtkraft, von innerer Wahrhaftigkeit und tiefer + Eindringlichkeit, aus mittelalterlichen Zeiten ein + farbenkräftiges Gemälde von kultureller Treue, zeitenecht und + gleichwohl zu uns sprechend wie zu Zeitgenossen. Eines der besten + und wertvollsten Bücher der neueren Literatur. + + _Münchner Neueste Nachrichten_: Das ausgezeichnet erzählte Buch + ist das Werk eines Dichters und großen Psychologen. + + Thomas Wendt + + _Der Tag, Berlin_: Feuchtwanger hat in diesem Werk eine auf + Erlebnis und scharfer Beobachtung ruhende, glänzende Darstellung + der Zeit gegeben. Man kann an diesem ebenso ernsten wie witzigen + Werk unmöglich vorbeigehen. + + _Thomas Mann_: Dieses Werk hat mich tief ergriffen. Es ist voll + Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Schönheit. + + Die Kriegsgefangenen + + _V. Cyril in der Pariser Humanité_: In diesem Stück ist das Beste + deutscher Kunst. Früher Sommer, ruhevolle, sanfte Landschaft, + sicheres, hinreißendes Gefühl der Schwingungen von Mensch zu + Mensch. + + Friede + + _Basler Nationalzeitung_: Feuchtwangers Bearbeitung beweist eine + geradezu geniale Hand. Die Holzschnittdrastik seiner + Knittelverse, voll Schlagkraft, voll sprühenden Witzes, die + staunenswerte Beherrschung der Sprache machen das Werk zum + Muster- und Meisterbeispiel einer Uebersetzung in unsere Sprache + und unsere Zeit. + + _Vossische Zeitung_: Eine höchst wirkungsvolle und bühnensichere + Komödie. + + Warren Hastings + + _Frankfurter Zeitung_: Wir grüßen Lion Feuchtwanger. Er bedeutet + für die Bühne entschiedenen Gewinn, denn er verweist sie auf neue + Möglichkeiten. + + _Münchner Zeitung_: Das Ganze ist ein Werk von durchaus + persönlicher Haltung, ein Stück, dessen starke Wirkungen nicht + mit billigen Mitteln erkauft sind. + + Jakob Wassermann + + Gestalt und Humanität + + Zwei Reden + + 172 Seiten 8° * Ganzleinen Rm. 4.50 + + In Wassermanns Reden spiegelt sich ein gut Stück edelster + geistiger Kultur der Gegenwart – in einer rhetorischen Prosa, wie + man sie heute in Deutschland kaum mehr hört. Unserer Zeit ist der + Sinn für das Wesen der Gestalt und die Kraft zu ihrer Schöpfung + abhanden gekommen. Gestalt ist Symbol und Repräsentation + menschlicher Geisteswelt, ist der höchste Ausdruck + menschheitsgeschichtlicher Epochen. Durch Gleichnisse und Bilder + führt Wassermann uns in der zweiten Rede in das innere Wesen der + Humanität hinein; Verkörperung seiner Idee ist ihm die Gestalt + des Humanus, Humanus ist ein Spiegel der Genien, die an der + Vervollkommnung der Menschheit gewirkt haben, voll Herzensadel, + voll Geistigkeit, voll Phantasie; er ist der Werkmeister am „Bau + zur wahrhaften Ehre des Menschen“. + + A. M. Frey + + Robinsonade zu Zwölft + + Grotesker Roman + + 378 Seiten 8° * Broschiert Rm. 5.–, Ganzleinen Rm. 6.50 + + Eine groteske Geschichte, dahingeplaudert in einem tollen + Wirbelwind der Gedanken und Einfälle, verschroben oft und + verwirrend in dem turbulenten Durcheinander der Gestalten und + Ereignisse, aber immer spannend und als kraftvolle, dichterisch + glänzend gelöste Satire nicht ohne sittlich ernsten Hintergrund. + – Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von + Gegenwartsmenschen wird aus ihrer gewohnten Zivilisation durch + ein Flugabenteuer herausgerissen; die zwölf Leutchen haben ihre + komplizierten Europäerseelen wieder einmal auf das Natürliche + einzustellen. Das führt zu Szenen von überwältigender Komik, aber + auch von feinster gesellschaftskritischer Bedeutung. + + _Drei Masken Verlag München_ + + Jerome K. Jerome + _Alle Wege führen nach Golgatha_ + Roman. Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.– + + Carl Sternheim + _Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn_ + Neue erweiterte Ausgabe mit 16 Holzschnitten von Franz + Masereel + Broschiert Rm. 10.–, Halbleinen Rm. 12.– + + Dmitrij Mereschkowskij + _Der vierzehnte Dezember_ + Roman. Broschiert Rm. 5.50, Halbleinen Rm. 7.– + + _Das Reich des Antichrist_ + Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.– + + Alfons Paquet + _Drei Balladen._ (Einmalige numerierte Ausgabe) + Pappband Rm. 7.–, Halbleder Rm. 15.– + + _Prophezeiungen._ Roman + Broschiert Rm. 4.50, gebunden Rm. 6.– + + _Erzählungen an Bord._ 10. Auflage + Broschiert Rm. 5.–, gebunden Rm. 6.50 + + _Delphische Wanderung._ Ein Zeit- und Reisebuch + Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 6.– + + _In Palästina._ Ein Reisebuch + Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 5.50 + + _Rom oder Moskau._ Sieben Aufsätze + Kartoniert Rm. 4.– + + _Fahnen._ Ein dramatischer Roman + Kartoniert Rm. 4.50 + + _Drei Masken Verlag München_ + + + Druck von Mänicke und Jahn A.-G., Rudolstadt + + + Anmerkungen zur Transkription + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier +aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 14]: + ... an ihr abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ... + ... an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ... + + [S. 60]: + ... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor war beliebt ... + ... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt ... + + [S. 81]: + ... Breuz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ... + ... Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ... + + [S. 167]: + ... er blieb auch irgendwo rasten, er reiste stetig und, so ... + ... er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so ... + + [S. 281]: + ... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer. Ein ... + ... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer aus. Ein ... + + [S. 442]: + ... errichteten alten Verträgen sie wohl zu beachten, in ... + ... errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. 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