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+The Project Gutenberg eBook of Jud Süß, by Lion Feuchtwanger
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Jud Süß
+
+Author: Lion Feuchtwanger
+
+Release Date: February 3, 2023 [eBook #69944]
+
+Language: German
+
+Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
+ at https://www.pgdp.net
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS ***
+
+
+ Lion Feuchtwanger / Jud Süß
+
+
+ Lion Feuchtwanger
+
+
+
+
+ Jud Süß
+
+
+ Roman
+
+ 6.-15. Tausend
+
+
+ 1925
+ Drei Masken Verlag München
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright 1925 by Drei Masken Verlag A. G., München
+
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+
+
+ Erstes Buch Die Fürsten
+
+
+Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend,
+verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen,
+Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu
+überall von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, verengten
+sie sich in Saumpfade, verloren sich. Alles Blut des Landes floß durch
+diese Adern. Die holperigen, in der Sonne staubig klaffenden, im Regen
+verschlammten Straßen waren des Landes Bewegung, Leben und Odem und
+Herzschlag.
+
+Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne Polster,
+ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die schnelleren Wagen
+der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die bis zu zwanzig Meilen
+im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen die Eilkuriere der Höfe und
+Gesandten, auf guten Pferden, oft wechselnd, mit versiegelten Taschen,
+und die langsameren Boten der Thurn- und Taxisschen Post. Es zogen
+Handwerksburschen mit Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten,
+hager und sanft die einen, die andern fest und verwegen, und eng
+schauende Mönche, verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen
+der großen Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in
+sechs soliden, etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den
+süddeutschen Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es zogen, ein
+endloser Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die Protestanten, die der
+Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem Land verjagt. Es zogen bunte
+Komödianten und Pietisten, nüchtern von Tracht und in sich verloren, und
+in prächtiger Kalesche mit Vorreiter und großer Bedeckung der hagere,
+hochmütig blickende venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es zogen
+auf dem Weg nach Frankfurt unordentlich auf mühsam zusammengestapeltem
+Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen Reichsstadt. Es zogen
+Magister und Edelleute und seidene Huren und tuchene Referenten des
+Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen Kutschen der dicke, schlau
+und fröhlich schauende Fürstbischof von Würzburg, und es zog abgerissen
+und zu Fuß ein Professor der bayrischen Universität Landshut, der wegen
+aufsässiger und ketzerischer Reden entlassen worden war. Es zogen mit
+den Agenten einer englischen Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund
+und Kind schwäbische Auswanderer, die nach Pennsylvanien wollten, es
+zogen fromm, gewalttätig und plärrend niederbayrische Wallfahrer auf dem
+Weg nach Rom, es zogen, den huschenden, scharfen, behutsamen Blick
+überall, Silberaufkäufer und Vieh- und Getreide-Aufkäufer des Wiener
+Kriegsfaktors, und es zogen abgedankte kaiserliche Soldaten aus den
+Türkenkriegen und Gaukler und Alchimisten und Bettelvolk und junge
+Herren mit ihren Hofmeistern auf der Reise von Flandern nach Venedig.
+
+Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte,
+stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege,
+lachte, erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der
+Post, greinte über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche Fuhrwerk.
+Das alles flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, hurte, lästerte,
+bangte, jauchzte, atmete.
+
+ * * * * *
+
+Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, schickte
+Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die verwunderten Blicke
+seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges Prusten. Da, wo der Weg den
+sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten nun die Wagen, warteten.
+Kammerherren und Sekretär krochen vor dem feinen, endlosen Regen ins
+Innere der Kutsche, Jäger, Diener, Leibhusar sprachen gedämpft
+aufeinander ein, tuschelten, zoteten, pruschten heraus.
+
+Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig Jahre, ein dicker, großer
+Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. Er stapfte schwerfällig,
+den Samthut in der Hand, daß der feine, warme Regen die Perücke stäubte,
+und er achtete nicht der Pfützen, die ihm die glänzenden Stiefel
+bespritzten und den tiefschößigen, silbergestickten, kostbaren Rock. Er
+ging langsam, beschäftigt, blieb oft stehen, in unmutiger Nervosität
+durch die starke, fleischige Nase schnaubend.
+
+Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied zu geben. War das
+jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts gesagt. Die Gräfin
+hatte auf seine halben Worte nur verschleierte Blicke gehabt, keine
+Antwort. Aber sie mußte doch gemerkt haben, sie war ja so gescheit, sie
+mußte, mußte gemerkt haben, was er wollte.
+
+Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei gegangen war.
+An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr zusammenlebte. Was hatte
+seither die Herzogin gejammert, geschrien, gezetert, gewinselt,
+intrigiert, ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine Geheimräte
+angestellt, der Kaiser, die Prälaten, das verfluchte Gesindel vom
+Parlament, die Gesandten von Kurbraunschweig und Kassel. An dreißig
+Jahre war die Frau verhaftet mit allem, was das Land und er erlebt
+hatten. Sie war er, sie war Württemberg. Dachte man Württemberg, so
+dachte man: die Frau, oder: die Hure, oder: die Gräfin, oder: die
+Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder hassend, wie immer interessiert,
+jeder Gedanke an das Herzogtum war ein Gedanke an die Frau.
+
+Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die Frau denken, gelöst von
+Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er konnte denken: Christl, und es
+war kein Gedanke an Soldaten, Geld, Privilegien, Zänkereien mit dem
+Parlament, verpfändete Schlösser und Herrschaften, sondern nur die Frau,
+allein, lächelnd, sich ihm entgegenräkelnd.
+
+Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit der Herzogin
+versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein großes Präsent
+machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem schlaffen Kopf wackeln,
+und der grobe, schlecht angezogene König von Preußen wird ihm
+Glückwünsche schicken, und die europäischen Höfe werden den Skandal
+vermissen, über den jetzt bereits die zweite Generation klatscht. Und
+dann wird er der Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen
+zweiten richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird
+Wohlgefallen sein.
+
+Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes Wüten stieg in ihm auf, wenn
+er an die Freude dachte, mit der das Herzogtum, das ganze Deutschland
+den Sturz der Frau feiern würde. Er hörte, hörte, wie das Land
+aufatmete, er sah die fetten Bürgerkanaillen seines Parlaments, wie sie
+triumphierend grunzten, breitmäulig, sich die Schenkel schlagend, er sah
+die nüchternen, steifleinenen, korrekten Verwandten der Herzogin und
+ihren magern, sauern, höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird
+herfallen über die Frau wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die
+Frau gehalten gegen das Gesindel; jetzt, wenn er sie läßt, er ist
+fünfundfünfzig, wird es ihm das Gesindel als Greisenschwäche ausdeuten.
+Er hat zahllose Reskripte erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen
+die Gräfin schwer bestrafen, er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er
+hat seinen Jugendfreund und ersten Minister aus dem Land gejagt wegen
+eines frechen Wortes über die Frau, er hat sich herumgeschlagen mit
+seinen Räten, seinem Parlament, mit dem ganzen Land um Steuern, immer
+neue Steuern, um Geld, Geld, Geld für die Frau. Er hat sie gehalten,
+gegen Land, Reich und Welt gehalten an dreißig Jahre.
+
+Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich gleich
+zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite Gemahlin neben der
+Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete kaiserliche Bitten,
+Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften wie tolle Hunde, die
+Verwandten der Herzogin, die Baden-Durlachischen, sahen grün und blau
+vor Wut und Verachtung, man wetterte von den Kanzeln gegen ihn,
+verweigerte ihm das Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und
+Strudel. Nun gut, er hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit
+der Gräfin aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt.
+Was freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche
+Beiwohnung – er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase erinnerte, mit
+der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der Gräfin hatte sie ihm
+gedrechselt – die Zuneigung also und die daraus entstehende eheliche
+Beiwohnung war eine Sache, die von Gott und ihm selbst abhing und zu der
+ein Reichsfürst durch Fremde nicht gezwungen werden konnte. Und dann auf
+frische, scharfe Befehle des Kaisers hin hatte er die Christl wirklich
+weit außer Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel
+Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber dann
+– er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens – hatte
+er durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von Grafen
+auftreiben lassen, und mit dem hatte er die Christl verheiratet und ihn
+zu seinem Landhofmeister gemacht, und als Landhofmeisterin kehrte die
+Frau zurück unter dem Toben des betrogenen Württemberg, dieweil der
+Kaiser ohnmächtig und bedauernd die Achseln zuckte: wer wollte es einem
+Reichsfürsten verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof
+zu haben? Und wie hatte die Christl gelacht, als er ihr für das Geld,
+das ihm sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die
+Herrschaften Höpfigheim und Gomaringen kaufte.
+
+Jetzt war es ruhig geworden. Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill
+gegen die Gräfin, aber seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre
+eine gegebene Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände
+knurrten, aber sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin
+zugestimmt. Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im
+Stuttgarter Schloß, ihre Verwandten, die steifleinernen Markgrafen,
+hatten sich in ein ägriertes, hochmütiges Schweigen zurückgezogen. Man
+fand die Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren,
+man hatte sich hineingewöhnt, fügte sich.
+
+Und jetzt also, eigentlich ohne bestimmten Anlaß, sollten alle
+Verbindungen mit der Frau sich lösen, fallen, nicht mehr da sein.
+
+Sollten sie? Er hatte nicht gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts
+geschehen.
+
+Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, in dem
+feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh ab und
+schlug ihn mechanisch gegen den Schenkel.
+
+Oder war ein Anlaß gewesen? War ein Anlaß? Der polternde Preußenkönig
+hatte ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen gemacht. Er
+solle sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und sich einen
+zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen des Erbprinzen
+stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen der evangelischen
+Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. Nein, das war es nicht. Soll
+sich der Preuße nach Haus scheren, zu seinem Sand und seinen Kiefern,
+mit seiner faden Nüchternheit und seinem kahlen, moralischen Sermon, der
+in jedem dritten Satz von Tod predigte. Er, Eberhard Ludwig, mit seinen
+Fünfundfünfzig, war Gott sei dank noch in Saft und Schuß. Mag doch nach
+seinem Tod wer will das Land und seine Schulden auf den Buckel nehmen
+und sich mit dem lausigen Gesindel vom Parlament herumärgern. Darum der
+Christl den Abschied geben? Daß er ein Narr wäre!
+
+Er nahm den Stapfschritt schneller, pfiff falsch und heftig eine Melodie
+aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter angeführt? Die
+Gräfin sei ein schlimmeres Unglück für das Herzogtum als alle
+Franzoseneinfälle und höchst beschwerlichen Reichskriege. Alle Drangsal,
+Jammer und Verwirrung in Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin.
+Sie schröpfe und quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes
+sei für ihre Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm
+aus hundert Schmähschriften entgegen, die Sauce servierten ihm seine
+Stände jede Woche zum Braten. Wenn Dürre war und Hagelschlag, war nicht
+auch daran die Frau schuld? Sollten froh sein, die Querulanten und
+filzig greinenden Pfeffersäcke, daß ihre lumpigen Batzen so prächtig in
+Glanz und Herrlichkeit umgemünzt wurden. Sie brauchte Geld, ja, ja, und
+immerzu, soviel Geld gab es im ganzen römischen Reich nicht, wie sie
+brauchte, sie schmeichelte darum, bettelte, winselte, drohte, zürnte,
+schmollte, trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung,
+wenn er nicht wußte, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war
+besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein Pfennig
+zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, wo die
+Schlösser und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie bunte Funken
+verprasselten?
+
+Nein, mit solchen Argumenten konnte man ihm die Frau nicht verekeln. Er
+hatte auch dem Brandenburger fein heimgeleuchtet, und er wäre dem
+Grobian noch viel schwäbischer übers Maul gefahren, hätte er nur die
+paar tausend Soldaten mehr gehabt, die ihm seine Stände niemals, ach
+niemals verwilligen würden. Nein, das alles hatte ihm gar keine
+Impression gemacht, und wenn doch vielleicht der Knauser, der
+ungehobelte, den Anstoß zur Verabschiedung der Gräfin gegeben hatte, so
+war es mit etwas ganz anderem, mit einem viel leiseren Wort, auf das er
+wahrscheinlich selber kaum Gewicht gelegt hatte. Sie waren, der König
+und er, auf einen Aussichtspunkt hinaufgefahren, und wie der
+Brandenburger das weiche, wellige Land sah, die sanften, grünen,
+gesegneten Hügel mit Korn und Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor
+sich hingeseufzt: „Wie schön! Wie schön! Und zu denken, daß ein altes
+Weib darüberliegt wie Meltau und Nonnenfraß.“
+
+An dem Meltau und Nonnenfraß wäre nun Eberhard Ludwig nicht viel
+gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich ihm ins Herz. Er, Eberhard
+Ludwig, einem alten Weib verhaftet? Alle Flüche, Drohungen,
+Beschimpfungen waren an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper.
+Aber: ein altes Weib?
+
+Der Herzog erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz
+scharfer Edikte hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe
+ihn mit Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich
+bis in jede Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wußte er
+noch, Lampert hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger Urlsperger
+gelaufen und hatte dem von gottlosen, widerlichen und hexerischen
+Hantierungen erzählt, die die Gräfin treibe, um den Herzog an sich zu
+ketten. Der Hofprediger hatte ein Protokoll aufgenommen, von der Lampert
+unterschreiben lassen, versiegelt, das Geheimnis in seinem Sekretär
+verwahrt. Der Herzog war darauf gekommen, eine Untersuchungskommission
+hatte den Urlsperger seines Amtes entsetzt, die Lampertin mit Ruten
+peitschen lassen, sie des Landes verwiesen. Aber der Herzog war
+überzeugt, daß nicht nur das Volk, daß die Untersuchungskommission
+selber den ruchlosen, scheußlichen Unflat glaubte, der in dem Protokoll
+vereidet war. Darnach habe die Gräfin in Genf ein Hemd der Herzogin in
+kleine viereckige Stücke geschnitten, in den mit Branntwein präparierten
+allerfeinsten Wismuth getunkt und hernach auf freche und obszöne Manier
+zu Wischläppchen gebraucht. In Urach habe sie sich das neugeborene Kalb
+einer schwarzen Kuh bringen lassen und ihm eigenhändig den Kopf
+abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen Tauben gemacht, einem
+Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten, anderer ekelhafter und
+unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch solche Mittel, hieß es,
+habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine Gemahlin durchaus nicht
+ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr habe leben können, indem er
+Beklemmungen bekommen, sobald er von ihr entfernt gewesen.
+
+Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln von Zauberei, können sich’s
+nicht ohne Hexenhantierung zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann auf
+die natürlichste Art das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel
+schießen muß! Wenn er an Genf dachte, wie die Christl ihm
+entgegenlachte, damals, in dem blaßblauen Zimmer im Gasthof Cerf d’Or,
+auf dem breiten Bett lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott,
+keine Kälber zu schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu
+brennen. Aber jetzt? Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen,
+Augen zu sehen. Sie war etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es
+Teufelei und ruchlos hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie
+kettete? Ihre grauen Augen waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß
+zwingend, wie vor zwanzig Jahren, ihr nußbraunes Haar hatte sich nicht
+verfärbt, und in ihrer Stimme läuteten noch alle Glocken vom ersten Tag.
+Freilich, die kleinen Narben, die ihn damals so ohne Maß gereizt hatten
+– die Lästerer behaupteten, die Spuren einer schlechten Krankheit – die
+versteckte sie jetzt hinter Puder und Schminke. Ein altes Weib? Sie war
+diesmal so schwermütig gewesen, so elegisch. Sie hatte ihn nicht
+verlacht, ihm keine Szene gemacht, nicht einmal Geld hatte sie verlangt.
+Spürte sie was? Aber wenn sie sanft wäre wie ein eintägiges Lamm: ein
+altes Weib liebte er nicht. Er, Eberhard Ludwig, nicht. Da könnte er
+gleich zu seiner sauern Herzogin zurückkehren und dem Land den zweiten
+Sohn machen und mit Gott und dem Kaiser und dem Reich und seinem
+Parlament in Frieden sein.
+
+Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, Eberhard Lux, und die Glocken
+hatten geklungen wie am ersten Tag. Und dann hatte sie sich über die
+Landschaft moquiert, die aus ihren, der Gräfin, Dörfern und Herrschaften
+die Juden verjagt haben wollte, ihre Juden, von denen jeder einzelne am
+Werktag mehr Hirn im kleinen Finger hatte als die ganze Landschaft am
+Feiertag im Kopf. Und wie sie sich über die dumm giftige, sackgrobe
+Petition der Landschaft lustig machte, so keine zweite helle, kluge,
+heitere Frau, ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr erlebt, von
+Türkenland bis Paris, von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er
+nichts Entscheidendes zu ihr gesagt hatte.
+
+Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ wenden, er
+wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht nach
+Ludwigsburg. Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen Jagdhaus. Er wollte
+Ruhe haben, sich auslüften. Er schickte einen Läufer um den Geheimrat
+Schütz, mit dem wollte er die Affäre in aller Ruhe nochmals
+durchsprechen.
+
+Ein altes Weib?
+
+Noch auf dem Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort.
+Die neue, blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in
+Ludwigsburg eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner
+und Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen.
+
+ * * * * *
+
+Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon Landauer war in
+Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des kurpfälzischen Hofes gewisse
+Kreditgeschäfte mit der niederländisch-ostindischen Gesellschaft
+geregelt hatte. Von Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben
+dringlich zurück nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen
+Geschäftsfreund getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen
+Oberhof- und Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen
+Kurfürsten von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und
+anstrengender Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem
+Badeort ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit
+nach Wildbad zu gehen.
+
+Die beiden Männer fuhren in dem eleganten Privat-Reisewagen des Süß.
+„Kostet mindestens seine zweihundert Reichstaler jährlich, der Wagen,“
+konstatierte mit gutmütiger, leicht spöttischer Mißbilligung Isaak
+Landauer. Hintenauf saß des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas
+Pfäffle, ehemaliger Notariatsgehilfe, ein blasser, fetter,
+phlegmatischer Mensch, den er in Mannheim während seiner Tätigkeit in
+der Kanzlei des Advokaten Lanz kennengelernt hatte und den er, den
+Vielverwendbaren, seither für seine persönlichen Dienste auf alle Reisen
+mitnahm.
+
+Isaak Landauer trug jüdische Tracht, Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan,
+schütteren Ziegenbart, rotblond, verfärbt. Ja, er trug sogar das
+Judenzeichen, das ein Jahrhundert vorher im Herzogtum eingeführt war,
+ein Jagdhorn und ein _S_ darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht
+hätte, von dem angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der
+Gräfin groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war
+der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine Verbindungen
+reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers des Kaisers, bis zu
+den Kapitalisten der Provence, von den reichen Händlern der Levante bis
+zu den jüdischen Kapitalisten in Holland und den Hansestädten, die die
+Schiffahrt nach Uebersee finanzierten. Er lehnte in unschöner, nicht
+natürlicher Haltung im Polster zurück und barg, der unansehnliche,
+schmutzige Mann, fröstelnd die magern blutlosen Hände im Kaftan. Leicht
+schläfrig vom Fahren, die kleinen Augen halb geschlossen, beobachtete er
+mit gutmütigem, kleinem, ein wenig spöttischem Lächeln seinen Gefährten.
+Josef Süß, stattlich, bartlos, modisch, fast ein wenig geckenhaft
+gekleidet, saß aufrecht, besah, den Blick rastlos, scharf, rasch, jedes
+Detail der Landschaft, die noch immer in feinem Regen wie hinter einem
+Schleier lag.
+
+Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert den
+Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen Rock,
+silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis
+gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefältelten
+Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet
+haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer gehabt, dem
+die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus den großen,
+rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die neue Generation.
+Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, die Löcher der
+Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, Schmutz, Verfolgung,
+Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. Und Prunk, Weite, Willkür,
+Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte wie nur ganz wenige, drei, vier
+andere im Reich, den Mechanismus der Diplomatie, übersah bis ins
+Kleinste den Apparat des Kriegs und des Friedens, des Regiments über die
+Menschen. Seine zahllosen Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für
+die Zusammenhänge, und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen
+Wissen um die feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte,
+es gab nur Eine Realität auf dieser Welt: Geld. Krieg und Frieden, Leben
+und Tod, die Tugend der Frauen, die Macht des Papstes, zu binden und zu
+lösen, der Freiheitsmut der Stände, die Reinheit der Augsburgischen
+Konfession, die Schiffe auf den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten,
+die Christianisierung der Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit,
+Ueppigkeit, Laster und Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde
+alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer,
+wußte das, er saß mit an den Quellen, konnte den Strom mit lenken,
+konnte verdorren lassen, befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese
+seine Macht herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines,
+seltenes, amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner
+Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und
+Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und Garten des
+Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen mit genauen
+Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel Zeit für solche
+Erörterungen und war eher geneigt, gewissen Franzosen zu glauben, die
+derartige Dinge mit elegantem Hohn abtaten; auch in seiner Praxis
+kümmerte er sich nicht darum, er aß, was ihm beliebte, und hielt den
+Sabbat wie den Werktag: aber in Tracht und Aussehen klammerte er
+eigensinnig an dem Ueberkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner
+Haut. So trat er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war
+das andere tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte
+Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, auch in
+Kaftan und Haarlöckchen.
+
+Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da
+saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen
+Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue
+Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu
+haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des
+Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und
+ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren
+Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe
+eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich
+Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.
+
+Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede
+Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil
+herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen
+Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden
+Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das
+Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute
+neugierig und geruhig zu, wie und wohin.
+
+Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig,
+das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es
+mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit.
+Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und
+Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an,
+mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber
+Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ
+zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem dummen,
+gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der Rat Etterlin
+aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen kannte, mit
+einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht, die
+Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und ihre
+Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das
+ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man
+humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen.
+Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter
+gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s
+überleben.“
+
+Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen
+Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er
+kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen
+Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der
+hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen
+Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine
+Eidechse vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen
+Rockelor, forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu
+häufen, das Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld,
+wenn man es nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende
+Kleider, Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere
+herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte
+weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht zeigte?
+Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn!
+Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser,
+gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß
+er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter,
+der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen Kaiser darauf pochen können:
+wenn jetzt gegen die Türken die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so
+war des er, der Jud Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die
+kaiserliche Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in
+bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur
+nicht in alberne Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen
+herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen
+Diener und Kompliment gemacht.
+
+Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend
+uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn;
+aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte.
+
+Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen.
+Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die
+Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich
+eine verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die
+neue Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht
+einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen,
+Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die
+Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota
+abgelassen, und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit
+einem Gewinn von zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich
+dann nicht etwa Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten
+sogleich weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ
+ihm nur zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit
+Hessen-Darmstadt hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein
+Bruder, der Baron, der Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und
+das Terrain genau kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer
+hatte mit dem Kopf gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter
+von Baden-Durlach, Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren
+erbitterte Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere
+Münze zu prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine
+Stirn, eisern bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses
+Geschäft mit Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt
+sein Nachfolger mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war
+gedeckt durch ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in
+Gnaden, aus seinen Diensten entlassen worden. Jetzt hatte er sein
+schönes Haus in Frankfurt, in Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse
+Liegenschaften, von denen niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten
+Teilen des römischen Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den
+Ruf eines findigen Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß
+Gott, Ruhe und ein Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt
+zeigen, wer der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus
+selbst seiner Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen
+Herren.
+
+So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu
+gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene
+Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen,
+war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen,
+von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und
+sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte
+also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen,
+Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität.
+
+Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die
+Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den
+Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit
+zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten
+hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die
+Gräfin nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was
+sollte er den Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit,
+die Chancen des Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz,
+klar, sachlich. Eine gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten.
+Sie hat sich jede Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und
+Privilegien zahlen lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er,
+wenn er wiederkam, mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das
+Geschäft hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel,
+ein bißchen problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider
+hat sie gehabt, wie sie an den Hof kam. Und was hat sie
+herausgewirtschaftet? Die Gräfin von Würben, die Gräfin von Urach, die
+Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin des Conseils. Die Oberaufsicht
+der herzoglichen Schatulle. Achtzehntausend Gulden Apanage. Die
+Stammkleinodien und Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und
+Privilegien einer reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten
+auf Prag, Venedig, Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der
+Sekretär Pfau, dreihunderttausend Gulden. Sollen es nur
+zweimalhunderttausend sein, ist auch mitzunehmen. Die Rittergüter
+Freudenthal, Boihingen, die Dörfer Stetten und Höpfigheim, die
+Herrschaften Wilzheim, Brenz mit Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine
+gescheite Frau, eine liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es
+ankommt. Sie verdiente, Jüdin zu sein.
+
+„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit
+ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe
+dem Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf
+ihn eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett.
+Der Herzog ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“
+
+„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von
+England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist
+assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb
+Josef Süß.“
+
+Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr
+Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu
+verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“
+sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im
+Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des ganzen
+Landes gegen sich.“
+
+„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte
+den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten
+Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was
+taugt, hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die
+anderen, hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“
+
+Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen.
+„Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu
+fett und alt.“
+
+„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort.
+Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr
+neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können,
+ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß,
+die Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie
+weiß, was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer
+und Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug,
+sie riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und
+es kommt was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu
+fünfmalhundertundfünfzigtausend!“
+
+Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor. Der
+Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak
+Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte
+in den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz.
+„Das sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er
+gelassen und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen
+half. Und schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die
+Zimmer.
+
+Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen;
+aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der,
+„auch vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit
+seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte
+sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.
+
+ * * * * *
+
+Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere
+Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen
+Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend,
+freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu
+dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht,
+elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme,
+Hände hingen kraftlos, der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte
+jäh und erschreckend.
+
+Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu
+sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht,
+ihr aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende
+Wort steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich,
+war hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder
+Zornausbruch oder beleidigtes Schweigen.
+
+Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt
+liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz
+tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen.
+Jetzt saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung
+ausgeschöpft, auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf
+ihrem Antlitz klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen
+angezündet, losch hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten
+Falten, und unter der kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia
+– sie hatte die Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie
+nach – unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche,
+nußbraune Haar seine sorglose Frische.
+
+Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der
+schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr
+Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische,
+eiskalte. Er brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war
+fest genug; es war klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz
+hineinverwickelt würde. Sie war ein Hindernis, kostete Rücksichten in
+der Politik gegen den Kaiserhof, kostete Geld, viel Geld, das man ohne
+den Umweg über sie bequemer und reichlicher in die eigenen Kassen lenken
+konnte. Oh, wie sie ihn durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen.
+Pfui, pfui, pfui! Aber sie wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie,
+lebte sie, der Herzog hatte noch nicht gesprochen, noch regierte sie,
+sie, sie im Land. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe
+gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den
+Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu Gegnern
+gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! Der
+Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den wahren Grund
+auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken umklammern, wußte
+ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der Nadel dagegen, daß
+er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick suchte den Spiegel,
+mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer in sich
+zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden Stoffen.
+
+ Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre /
+ In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere /
+
+so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen
+Spiegel, sie wußte den Grund.
+
+Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem
+Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf,
+raste durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte
+Kuriere nach allen Richtungen.
+
+Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht
+gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich
+gezähmt. Uebermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie
+hatte es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt
+mußten sie ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen,
+und jetzt war sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war.
+
+Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard Ludwig
+war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut, sehr gut
+war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von
+Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte sie,
+was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte,
+spazierenging. Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine
+halbe Stunde. Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er
+vor. Gut, gut. Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte,
+wollte nicht weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen,
+warteten auf seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach
+wegen des Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen
+Vergleich, der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog
+war nicht zu erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen
+über die Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein
+Herzog, kein Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter
+seines Hubertus-Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte
+das Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten
+Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise:
+_Amicitiae virtutisque foedus_. Auch die ungarische Tänzerin mußte in
+Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene.
+All gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem
+blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine
+Intriganten.
+
+Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und
+Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften
+den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue
+Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese
+Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in
+die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem
+ihr Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung
+über Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht
+hätten. Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen
+Einkünften des Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld
+außer Landes, große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig.
+
+Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall
+die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit
+denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin
+kreischt, die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher
+Bewunderung.
+
+Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak Landauer
+nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im Arbeitskabinett der
+Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln und goldenen
+Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär, zwischen ihnen
+in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute durch, prüfte,
+die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier und dort noch
+Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin, den zu fetten
+Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu, machte
+Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer Dörfer
+ein ungeheures Darlehen.
+
+Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll:
+„Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für
+einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud?
+Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin
+ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer
+Exzellenz das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land
+schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber
+Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie.
+Wollen Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute
+vor sich hin, hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um
+viel mehr ging als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste,
+Hoffnungen, Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile.
+„Glaubt Er, daß ich es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu
+beleihen?“
+
+Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine
+gescheite, feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und
+Verschleierung, es war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen.
+Er schaute sie auf und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah
+ihr entspanntes Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf
+ihren dringlich fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen
+und ein Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein
+lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie
+unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und
+die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand
+rührten, die sie noch stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte
+sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert.
+Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem
+hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, hier in der Schublade hatte
+sie das Papier, einander in günstigen und in widrigen Umständen nach
+Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu schlecht für die Hölle und den
+Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche
+Verträge und Kumpanei.
+
+Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen.
+Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte,
+röchelte, weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“
+jammerte sie, „ach Jud,“ zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die
+schwere, schöne Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe
+hingen tot an ihr herunter.
+
+Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte
+den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte
+vor sich hin, streichelte sie.
+
+ * * * * *
+
+Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall
+der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort,
+aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches
+Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete
+gesprochen, man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen:
+für eine gnädige Fügung.
+
+Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde
+härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein
+neuer Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete
+gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von
+denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle
+Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen
+wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen Darlehen an die
+Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der Gräfin schalteten
+herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar ein scharfes
+herzogliches Reskript erschien, das von neuem und nachdrücklich alle
+übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen bedrohte, sanken auch
+die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.
+
+Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage
+Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie
+wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den
+nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die
+Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue
+Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenizschen
+aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht Mitglieder
+des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der Vorsitzende und
+Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem plumpen,
+massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim, bis zu
+dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von
+Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die
+Rechte und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten
+Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land
+gepeitscht werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu
+Weinsberg, haute auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine
+kleinen Kinder mit auf die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das
+pockennarbige, von der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es
+dröhnten stolze Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel
+Freiheiten, nur Württemberg und England habe sich soviel
+parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des
+Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam
+nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu
+erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde Antworten
+hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und blieben nach drei
+Wochen vergilbende Akten.
+
+Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter
+Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört.
+Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser
+sandte ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in
+besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen
+der Gräfin über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der
+verschlissenen Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen,
+verzeichnete sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre
+Hoffnung stieg nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als
+sich der ersehnte Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet.
+Dreißig Jahre saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog
+ihr nur den nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt,
+eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten
+untertänige Besuche, aber sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man
+zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog brouilliert war, ihn
+ärgern wollte. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die
+Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut hatte, als sie, die Herzogin,
+verbissen in Stuttgart aushielt, Demütigungen, Drohungen nicht achtend.
+Das Leben war drüben in Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz
+verlegt hatte, wohin er die widerstrebenden Aemter, Kollegien,
+Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort hatte er für jene, für die
+Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das prunkende Schloß gebaut,
+dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen
+lassen.
+
+Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in Gedanken
+nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an. Sie
+hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den
+Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war
+für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein
+herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar
+und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem
+wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die
+Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der
+intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar
+nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte:
+sie hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm.
+Ueberdies hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst
+später bei einer Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte,
+entzündete er sich. Sie sah noch die frechen, nackten Brüste, mit denen
+die Person in dem koketten Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und
+seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehaßt hätte.
+Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja klar; sie
+hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß ihr damals auf
+die Schokolade so schlecht geworden war, da war das Gift der
+Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung hatte sie vor
+Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen lassen. Für
+jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine verfluchte Hexe,
+Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor der Zeit
+eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs genesen?
+
+Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und
+Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß
+mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches,
+verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem
+weiten, ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die
+Nachrichten, die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig,
+zäh, spinnwebfarben wie sie selber.
+
+ * * * * *
+
+Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der Ewige
+Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen durch
+die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen haben,
+zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von einem
+seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und ein
+merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen sei
+um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so
+höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung
+von ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie
+Reißen durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden
+gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der
+Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte
+Instruktionen.
+
+Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er
+sei Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt,
+verordnete, man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen.
+Aengstlich neugieriges Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig
+Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig,
+gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz warf er sich nieder, heulte,
+schlug sich die Brust. Im übrigen handelte er mit Kleinkram, und man
+kaufte ihm viel ab, Amulette, Andenken. Schließlich vor den Magistrat
+gestellt, erwies er sich als Schwindler, wurde gestäupt.
+
+Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich
+nicht der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt,
+einen soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er
+habe ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur
+sein Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man
+habe eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an
+allen Ecken des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.
+
+Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er
+drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen
+Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber
+seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen
+Dingen befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun.
+Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow,
+als Kind, war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der
+Schäferin, die die Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse
+Wetter hergewünscht. Sie hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte
+sie hinausjagte, heimlich zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte,
+und ganz im Innern war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre
+bloß davon her, daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut,
+das die zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen
+hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den
+Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn
+sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte und den Freigeist, so
+mischte sie doch in der Stille gespannt und schwer atmend manches Rezept
+zur Erhaltung der Jugend, zur Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die
+Juden ihre unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem
+Finanziellen magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das
+nicht zu durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von
+Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern
+verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie ihn
+gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und drehte,
+und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not verließ, so war
+das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht von ihm.
+
+Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz
+gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln
+zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem
+Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle
+keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen
+– dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen,
+der sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.
+
+Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr
+Ansinnen und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein
+zuverlässiger Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld,
+Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft,
+wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen,
+sprechende Papageien: aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden
+hernehmen oder einen soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt
+machen konnte? Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen
+geschickten Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte
+schließlich diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht
+übers Ohr hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu
+riskant. Die Landstände haßten ihn sowieso, sie hätten ihn mit größter
+Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den Scheiterhaufen gebracht.
+Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen seine Gewohnheit verstimmt und
+mit einem widerwilligen halben Versprechen.
+
+Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.
+
+Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte
+nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem
+Nichtstun; er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn
+er nicht Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung
+auslösen, in Bewegtem wirbeln konnte.
+
+Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon
+als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in
+Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem
+Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer
+jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen
+mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von
+Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog
+mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele
+Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen,
+leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders
+als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher
+schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren.
+Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege
+stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr
+Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war
+verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war
+stolz darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller
+großen Damen von Angesicht zu Angesicht zu kennen.
+
+Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier
+Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der
+Vater starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der
+Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt
+verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf
+sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen
+Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert
+und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward
+zwischen Stolz und Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo
+er die Rechte studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen.
+Mathematik und Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der
+Jurisprudenz, die die Professoren sich in mühsamer Theorie
+zusammenklaubten, stak ihm in den Fingern. Viel wichtiger war es ihm,
+mit den adeligen Studenten zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine
+Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür
+die ganze übrige Woche den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und
+mehr: dies war seine Profession, große Herren zu traktieren und mit
+ihnen umzugehen, ihr Efeu zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen
+und Lüste der Fürsten hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit,
+zur rechten Zeit den Samen seines Willens in sie zu senken wie der
+Obstspinner seine Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich
+dem Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer Hand
+auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr
+Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung,
+Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es ihn, wo seine Schwester in
+stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, nicht in den Kontoren seiner
+Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten,
+nicht in der Kanzlei des Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus
+seines Bruders, des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ
+geworden, Baron Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue
+Frauen, neue Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris,
+Venedig, Prag. Wirbel, Leben.
+
+Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte
+nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak
+Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische
+Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut,
+mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der
+Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige
+Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.
+
+Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er
+zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren,
+Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle,
+den er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker,
+gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den
+ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen,
+Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.
+
+Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin
+auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war.
+Er mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er
+auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter
+geerbt, pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen,
+daß seine Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche
+dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide;
+häufig auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für
+einen Herrn seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der
+kleine Mund mit den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel
+Lachen verzerre, und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit
+der glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß
+er auffiel, er brauchte Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und
+eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs
+Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen
+unter den gewölbten Brauen fliegende Augen genannt hatte.
+
+Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer anderes
+Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett immer
+neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis, ein
+ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte, hielt
+Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte
+keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn
+hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in
+Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte
+das Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken
+gingen scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr
+selten schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend
+an.
+
+Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen
+lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar
+Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland
+als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber,
+hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste
+Konversation, man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und
+Rauheiten abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz
+zu vermeiden wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten
+die leisen Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer
+Schichten, wer hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war
+hundertmal instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland
+konnte man mit Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der _à la
+mode_-Kavalier bei der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte,
+wollte er nicht als rückständig angesehen werden.
+
+Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese
+auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum.
+Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben
+der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der
+Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der
+jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue,
+elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war
+der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er
+renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die
+Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern
+Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er
+durfte, wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der
+Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr
+zunächst sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere
+Freiheiten nehmen. Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem
+Amsterdamer Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei
+einem Streithandel mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen
+bayrischen Herrn, schnitt er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich
+aus Wildbad trollen mußte, er erwirkte dem Gärtner Kredit für neue
+Parkanlagen beim Badehaus und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er
+hielt am Spieltisch, als alle deutschen Herren sich ängstlich
+zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als einziger Widerpart und verlor
+lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler,
+der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte.
+Er antichambrierte täglich beim sächsischen Minister – der sächsische
+Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und tief gebückt, während
+der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, grußlos
+vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem Spott
+der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung der
+großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land
+bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.
+
+In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den
+seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen
+bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer
+seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das
+Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu
+sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen
+adeligen Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu
+solchem Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom
+Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß
+die Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen
+Magus oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei
+sich zu sehen. Dann schwieg er, wartete.
+
+Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich
+zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub, warf
+ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins Geschäft
+zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das
+Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein
+eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die
+Sicherheit verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen,
+Trübungen weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt
+aber, wie Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl
+unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich
+herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn
+herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend
+prickelnder Spannung.
+
+Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung
+unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab
+gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“
+
+Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau
+und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er
+zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang
+ihn, sich damit auseinanderzusetzen.
+
+„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete,
+„ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er
+sein.“
+
+Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten
+gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß
+solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der
+Kabbalist, der Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem
+Nebel, der einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte,
+der einfach durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte,
+seine Wirklichkeit entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig
+machte, auswischte, der sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht
+gut, nein, nein, es war bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen.
+Er wird an das Verkapselte rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck,
+Zwiespalt, Dinge, die sich jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen.
+Nein, nein, die Geschäfte waren hier, und jenes andere lag dort,
+behütet, fern ab, und es war gut so, und es sollte so bleiben.
+
+„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der
+andre sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit
+der Gräfin.“
+
+Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer
+Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie
+und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen
+Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der
+Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt
+an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog heran, von da zum Prinzen
+Eugen war ein Schritt. Er sah hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites
+rückte ganz nah.
+
+Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man
+preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den
+Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er
+glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich
+in Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich
+in einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle
+Schwimmkunst vergebens.
+
+Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh
+überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein
+Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber
+ganz im Dämmer, nebelhaft.
+
+„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig
+weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb
+Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja
+nur Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß
+auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der
+Gräfin.“
+
+Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die
+Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit.
+Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine
+Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja,
+damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen,
+am kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche
+Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es
+nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise
+Glanz, Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals
+und hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der
+Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge,
+Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von
+ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen,
+verschachere. Wie hatte ihm da wieder seine Phantasie, die
+galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er
+den Alten, nichts weiter. Und dafür die Verbindung mit der Gräfin, dem
+Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr wäre er, wenn er nicht zugriffe,
+weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein wenig unbehaglich war.
+
+Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an
+sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun
+forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere
+unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen
+sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß
+zurück.
+
+Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er
+nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte,
+sowie er den Diener weggeschickt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch
+fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen,
+versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma
+seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen,
+klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.
+
+Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne
+erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz
+wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um
+Wendung, unentrinnbar, unerregt.
+
+Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als
+sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug
+sich in die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er
+ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die
+Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte.
+
+Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart
+von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten
+sie ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh,
+und langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei.
+Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger
+Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern
+gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund,
+wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie
+sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht
+zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen,
+dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer
+Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte
+kenntlich machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht
+zu fassen, und doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war
+immer das gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war
+gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen
+zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler,
+beklemmender Reifen um den Kopf.
+
+Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der
+Ursache. Ihm genügte die Fährte.
+
+ * * * * *
+
+Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei.
+Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.
+
+Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete der
+Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans
+Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh,
+erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee
+schmerzte das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau,
+schlossen in starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich,
+vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche,
+Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der
+sperrende Bogen der vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher
+die nackte, breite, zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein
+anderer, alles endete in Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut,
+bildeten geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem
+leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte Schwung der
+beschneiten Gipfel.
+
+Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse
+Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen
+trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen
+Kopf, sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende,
+hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht
+hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die
+Hand gestützt, kauerte er, schaute.
+
+War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern
+Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung
+haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein
+menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer,
+bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er
+suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort
+und Unendlichkeit.
+
+Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig
+gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen
+Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale,
+und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit
+sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht
+den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein
+Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die
+Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt,
+es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid,
+und wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische
+Mensch innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und
+wie am Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder
+sind und uns das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der
+Haut unseres Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind
+die Sterne und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit,
+und der Weise liest sie und deutet sie.
+
+Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende
+erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden,
+haben sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im
+Gesicht des Menschen.
+
+Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein, man
+zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen.
+
+War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der
+höhnisch blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd?
+Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war
+dies das Antlitz, das er suchte?
+
+Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war
+von dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über
+der Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen
+Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
+
+Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in
+der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten
+unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr,
+ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals.
+
+Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen
+Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des
+zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den
+Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer
+Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff,
+begriff.
+
+Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich,
+erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer,
+gefaßter Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal.
+
+Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch
+entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht
+gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel
+schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß,“ sagte er, so leichthin, als
+wäre ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er
+Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich.
+„Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel.
+
+ * * * * *
+
+Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten
+gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett,
+die energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie,
+die sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren
+Zofen sich massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ
+in der Nacht die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende
+galt; aber das schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht
+ringsum, stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist,
+den Isaak Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht.
+
+Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst. Der
+Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem
+Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende
+Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum
+Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in
+Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen
+Elfer-Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die
+Ungarin ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am
+Abend gar empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den
+stiernackigen Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin.
+
+Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah,
+Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins
+Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige
+Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem
+Uebel! und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen
+Deutschland herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den
+populärsten Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr
+empfangen. Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch
+groben Späßen. Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem
+Zusehen. Nicht einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in
+rasender Hast: Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie
+selber, nur mit einem Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte
+sich nicht die Zeit zum Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans.
+
+Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich
+kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den
+verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot,
+flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die
+Gräfin ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die
+Frau! Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!
+
+Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick
+eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt.
+Halten. Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende
+Herz. Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner
+Irrtum des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende,
+Ausbiegende, Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand
+kriegen. Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein
+anderer dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen
+einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.
+
+Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte
+über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin,
+er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den
+Osiander hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich
+erlustieren an den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch
+ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin
+vor dem grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem
+schweren Rock, schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt!
+Kam da einfach angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein
+zwielichtiges Nichtein und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit
+der Herzogin, Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder
+nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja, natürlich, es sei Geschwätz. Sie
+aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein
+Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen,
+lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard Ludwig
+ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die Teufelsfrau!
+
+Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie
+erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen,
+hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich
+grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten
+Pferden. In Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war
+fort, nach Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche
+Prunkgefolge erwarte er außer Landes.
+
+Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die
+Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten
+Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August
+und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit
+den Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen
+Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas
+Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum
+Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform,
+nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris
+aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten die
+mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und versicherte
+in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem Französisch, ein
+Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro Exzellenz
+Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und seinen
+untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu
+speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot,
+wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und
+ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie gestikulierte
+mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, er
+sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können, doch er
+sei an strikte Ordres gebunden.
+
+Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr
+den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf
+ihre Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter
+auf. „Er Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos
+lachend. Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen,
+hellen Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend.
+Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen
+klang, wie gut sie spielte.
+
+Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen.
+Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß
+Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den
+Befehl Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein
+gedrechselten Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre
+ihrer Gegenwart habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern
+Aussicht allerhöchsten Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die
+Mahlzeiten zusammen. Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der
+sich unter jedem Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin,
+für die Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den
+komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden in
+aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes praktizierten.
+Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß er eine fette,
+alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und Beflissenheit
+hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit hundert frechen
+Anspielungen gewürzte Konversation, und er wartete mit Spannung, wie
+weit sie die Auflehnung gegen den strikten Befehl Eberhard Ludwigs
+treiben würde.
+
+Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin
+mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch
+Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten
+von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit
+seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin
+den Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann,
+mit einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel
+ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ
+er sich wieder bei ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie,
+ganz stille Hoheit, erklärte, sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu
+ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren dort hatte hinkommen lassen.
+Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst
+vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal,
+lehnte ab.
+
+Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der Geheimrat
+stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre Pferde
+anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die
+herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu
+höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog
+ihrer Kutsche nach.
+
+Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und
+Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare
+Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc
+Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters,
+das die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.
+
+Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.
+
+ * * * * *
+
+Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte
+er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher
+Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich
+angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief
+zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“
+pflegte er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste
+Sud des Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So
+wollte er ihre Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie
+früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.
+
+Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des
+ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte
+Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen
+Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein
+Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen
+mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild.
+Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig
+belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich
+ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl.
+Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem
+interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten
+der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.
+
+Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas
+abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das
+offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem
+schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in
+der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein
+Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses:
+auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl,
+ein Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug
+erbeutet haben.
+
+Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch
+schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den
+riesigen, eleganten Mann. _Mille tonnerre!_ Das war nun wirklich ein
+Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm
+nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak
+Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und
+Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb
+Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“
+
+Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im
+westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und
+Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel
+herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden,
+mit Behagen die heimatliche Luft.
+
+Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem
+Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht von
+Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock, vergnügt,
+mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune auf dem Boden
+hockte.
+
+Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er
+Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in
+Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte,
+war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe
+Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein
+gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein,
+auf der Jagd. Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie
+erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen,
+Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in
+Belgrad und im Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen
+Regimentern, Ritter des goldenen Vließes.
+
+In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er
+fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung
+von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und
+das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die
+serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte
+auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine
+Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die
+Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr
+von seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten
+Gebiet war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als
+irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.
+
+Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war
+es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche
+Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als
+kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und
+Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin
+von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der
+gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf
+vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere
+Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen
+Marstall nicht mit Schindmähren füllen.
+
+Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und
+Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den
+Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen
+Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die
+Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers
+hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt
+waren sie schwierig, beinahe unverschämt.
+
+Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er
+kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in
+Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann
+Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft
+geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer
+Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde
+Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß
+machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte
+Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die
+neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer,
+lebendiger Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief,
+funktionierte sie um so besser, und der ganze junge Adel Europas
+studierte in den staatsmännischen Zirkeln der Republik die Routine der
+hohen Diplomatie.
+
+Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen
+vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule der
+Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz aber
+stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt
+ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der
+Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die
+jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives
+Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen,
+täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten,
+liebenswerten Menschen ungefährdet durch die Strudel des wilden und
+bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln
+bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit,
+soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das
+gab es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte,
+liebte in den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte
+offenbar gar nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine
+offene, leicht überlegene Zuneigung.
+
+Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden
+Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen
+mitteninne in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß
+draußen an der Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter
+General, von den Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und
+wohlwollend belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging
+behaglich und geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war
+allein sein Geldmangel.
+
+In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich
+eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine
+Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität.
+Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten
+lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf.
+
+Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu
+geben. Er versprach, den Fall zu überdenken.
+
+Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park,
+schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem
+Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen.
+Vielleicht könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich
+sein. Sie schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche.
+Sie hatten dem Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg
+katholische Messen gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung
+an Glanz und Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand
+so viel zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit;
+immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen
+Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg
+buchen, ohne ihn zu überschätzen.
+
+Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht,
+mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden
+geübten Herren verständigten sich mit halben Worten; es war ja so
+leicht, ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an
+protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der
+war durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war
+kleinherzig, knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie
+bestimmt ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den
+Geheimrat Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird
+das sicher zu Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt,
+kahl, naiv erbittert über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man
+eine katholische Prinzessin auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa,
+die Thurn und Taxis, und die Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und
+Weihrauch und Gloria.
+
+Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die
+beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis
+schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten
+Weinberge.
+
+Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe aus,
+und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu
+sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu
+erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben. Das
+Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich
+formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien.
+
+Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld,
+in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den
+Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die
+Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach
+dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer
+doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so
+behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ,
+kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen
+Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin
+anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm,
+Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef
+Süß Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen
+den Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der
+Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn
+so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt
+schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes
+ungarisches Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur
+des Prinzen zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß
+durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der
+Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er
+guter Laune war, entschied er sich zu lachen.
+
+Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die
+Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller
+aus, als er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm
+Wohlgefallen und Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit
+des Maskenfestes es erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen
+– solche Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe
+aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische
+Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends
+behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten
+Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug
+an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines
+Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren
+lustiger Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der
+hochmütige sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab,
+nur der junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm,
+wollte zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die
+Wirtin, die Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und
+nannte ihn unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander,
+den schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
+
+Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur
+einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie
+ein paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners
+hatte er vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter
+Strohhut seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der
+Generalstaaten. Er schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem
+Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese
+offensichtliche Mißachtung in guter Haltung hin, lehnte bescheiden in
+einem Fenster, sah zu. Der Prinz erkundigte sich nach dem Herrn.
+Achselzucken: es war der Jud, der Frankfurter Faktor, Josef Süß
+Oppenheimer.
+
+Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette
+Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist
+gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er
+lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn
+aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele
+Blicke folgen ihm: „Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit
+Seinem Dukaten?“ Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt,
+schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen schmeichlerischen
+Frechheit ins Gesicht: „Da wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn
+ich recht weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit
+Prügel gekriegt und der Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht
+schallend: „Hör’ Er, Er weiß Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in
+Versailles gelernt.“ Die Florentinerin drängt sich herzu, eifrig: „Er
+war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß, bescheiden prahlend: „Ja, ich
+kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er spricht mit größtem
+Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch Freunde Eurer Hoheit. Den
+erhabenen Prinzen von Savoyen.“
+
+„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander
+interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber
+die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für
+die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
+
+„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte
+ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring
+der Gäste zutrat, die sie umstanden.
+
+Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später
+saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es
+Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös,
+schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man.
+Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas
+benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er
+hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis
+gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten.
+Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen
+Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam,
+gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der
+Prinz nahm an, gewann.
+
+Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben,
+ihn beim Lever vorzulassen.
+
+Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
+
+ * * * * *
+
+Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die
+Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte
+er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst
+schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß
+staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin
+in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre
+Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert
+waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte,
+schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein.
+Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte
+schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er
+nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die
+Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt
+doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den
+Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“
+
+Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen
+das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die
+Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller
+Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel
+imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm
+auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange
+kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb,
+war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war
+gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht
+besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich,
+dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück,
+der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im
+Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander.
+Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt,
+dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten
+die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er
+vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit
+allem, was er war und was er hatte.
+
+Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um
+ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß
+beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich
+erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der
+Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie
+solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und
+beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch
+Süß geschlafen hatte.
+
+Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und
+ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem
+er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm
+der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends
+dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie
+hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede
+kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine
+Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm,
+alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn
+zu binden.
+
+Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde
+kommen.
+
+Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten
+nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion
+Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des
+Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur
+mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch,
+in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor
+und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte
+in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen,
+Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
+
+Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde
+Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so
+altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und
+unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar
+wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien.
+
+„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige,
+mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er
+hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose,
+hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte
+ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des
+Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung,
+schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen
+prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem
+dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten
+halten mochte oder für einen Bürger.
+
+Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend
+hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf
+und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und
+schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt,
+daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er
+habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut,
+wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so
+tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei
+Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich
+auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch
+das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim
+besser verstehe als er.
+
+Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft.
+Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen,
+blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht
+über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er
+sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den
+Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
+
+Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu
+erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen,
+wissenden Augen, und schwieg.
+
+Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das
+Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und
+unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen
+Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas
+Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er
+sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so
+unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote,
+die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er
+sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so
+entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den
+unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und
+wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte,
+sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag.
+
+„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es
+macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die
+Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der
+Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten
+Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß
+segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich
+sieht.“
+
+Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz
+gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze
+mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die
+Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel
+auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
+
+„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu
+beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
+
+Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als
+kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen
+lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte
+finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen,
+unmodernen Rock.
+
+Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein
+sitzen wird wie jetzt.
+
+ * * * * *
+
+In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger
+Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges
+Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen
+Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern
+schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
+
+Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus!
+Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in
+Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen.
+Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht
+fürs Bett getaugt hat.“
+
+„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte.
+„Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn
+mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller
+mehr herausgeht.“
+
+„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich
+Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein!
+Schlag ihn!“
+
+„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“
+versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da,
+quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene
+Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt
+mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes.
+Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist
+nicht wichtig.“
+
+Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete,
+brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach
+dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war
+schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei,
+drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben.
+
+Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des
+herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie
+bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und
+ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die
+Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um
+die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze
+Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig
+züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß
+des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
+
+ Der itzt den Feind vertrieben,
+ Nun danket Gott nach großer Not!
+
+und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz
+senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die
+Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die
+böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen
+alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am
+Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten,
+bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das
+herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das
+italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux!
+Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den
+Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben
+die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst
+gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll
+kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der
+Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt
+hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin!
+
+Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und
+schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er
+ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf
+dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er
+ihr vom Blut des Herzogs verschaffe.
+
+Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem
+der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen
+schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut
+nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer
+war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
+
+Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete
+er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu
+Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht,
+daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die
+achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und
+sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben,
+er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es
+war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem
+Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit
+tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
+
+Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick
+starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig
+Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch
+die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er,
+er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel
+betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke
+von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom
+Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte,
+zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig
+Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog.
+
+Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde,
+schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft
+und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft
+gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche,
+rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende,
+die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich
+Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist
+ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller
+Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und
+allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere,
+Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an
+keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg.
+
+Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein
+und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit
+rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem
+Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das
+vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten
+sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem
+abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte
+sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und
+lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der
+neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige
+Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
+
+Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit
+allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch
+den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
+
+Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches,
+wichtiges Gewese hub an.
+
+Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in
+dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten
+alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem
+Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die
+Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen
+tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz
+sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz
+sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete
+gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich,
+überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht
+empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht
+bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt
+und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die
+Frau Gräfin selbst zu sprechen.
+
+Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene
+Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst
+salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte
+mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich
+scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei
+reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der
+Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und
+er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann
+werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte
+sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer
+Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen
+müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch
+sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst.
+
+Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum,
+verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als
+der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand
+zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher
+Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich,
+er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter
+Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde
+Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier
+unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den
+Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie
+die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er
+sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands
+fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr
+schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand
+wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot,
+ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie
+in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag
+wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem
+Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden
+hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und
+Gut, und beteten für ihre Schützerin.
+
+Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem
+Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab
+sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und
+verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs
+verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur
+dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische
+Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die
+Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal
+verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in
+Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus
+noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten
+Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn
+nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak
+Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der
+Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in
+Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren
+der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
+
+Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und
+bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann
+aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den
+Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese
+Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte
+man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem
+Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen:
+Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner
+Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben.
+War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er
+anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in
+bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er
+bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom
+Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben
+aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft
+ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
+
+Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre
+Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für
+alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung
+Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden
+hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden
+niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche
+Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin
+unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und
+auf den Schindanger geworfen.
+
+Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte,
+eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie
+ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der
+Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er
+eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei,
+werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran,
+ihr Vermögen anzutasten.
+
+Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an
+günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt
+hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes
+Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter
+des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in
+solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten,
+Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen
+und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das
+Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte
+ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu
+flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf
+Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs,
+als sie das Herzogtum verließ.
+
+Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre
+Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter
+ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
+
+Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der
+Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
+
+ * * * * *
+
+Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat
+und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast
+eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs.
+Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke,
+weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs
+mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler,
+undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die
+Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen
+Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer
+Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der
+Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um
+ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner
+kunstgerechten Verfolgung.
+
+Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten
+unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische
+Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von
+Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen
+Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein
+ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten
+Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften,
+wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg
+Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis
+jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über
+Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im
+landschaftlichen Ausschuß.
+
+Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl
+erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit
+und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein
+Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner
+Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die
+Nerven hinaus ins Herz drang.
+
+In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und
+schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig,
+bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr
+merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh
+gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des
+Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter
+Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs
+hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
+
+Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller
+Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum
+Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine
+Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die
+blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit
+Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges
+Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem
+stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die
+Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte,
+auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der
+Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft
+vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt
+in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle
+teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem
+dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön
+mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen,
+Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium
+Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift
+Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und
+Erweckung fließen lasse.
+
+Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie
+grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft
+zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das
+die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm
+einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle
+schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem
+Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht
+daran vergiften lassen.
+
+Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und
+sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten
+Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär
+und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie
+es Dienern Christi ziemte.
+
+Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu
+sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee
+kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der
+untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume
+Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten
+des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht,
+soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die
+Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei
+des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt,
+nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die
+Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd.
+
+Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die
+Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem
+Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft.
+Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei
+es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu
+gewähren.
+
+Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam
+der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht
+ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch
+alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet.
+Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter
+Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob
+die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen
+seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den
+Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das
+eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte
+seinen Kaffee.
+
+Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht
+verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das
+Geld geben oder nicht.“
+
+Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik:
+„Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt,
+nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche
+Haus.“
+
+Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll,
+einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
+
+Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam,
+war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die
+Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe,
+polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er
+führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und
+Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und
+verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei
+Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch,
+das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die
+paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der
+andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen,
+geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble
+Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch
+gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es
+praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der
+Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja
+schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und
+wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man
+dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und
+sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der
+Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das
+Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen
+den sympathischen Prinzen bedeuten solle.
+
+Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel,
+schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie
+am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt
+geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir
+brauchen sie. Das war etwas.
+
+Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls,
+Hoheit, wurde abgelehnt.
+
+ * * * * *
+
+Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend
+pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte
+eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt
+schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf
+niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden,
+Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom
+ewigen Juden war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die
+Papiere des gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war
+legalisiert von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van
+Straaten, er hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden
+Vorschub zu tun.
+
+Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast
+gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam
+den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an, wie er da so endlos auf
+das Geld von der Landschaft wartete, und er begann sich zu langweilen.
+Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele andere große Herren
+mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund,
+der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen.
+Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt
+an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz
+verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten beibringen
+und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte, Rabbi
+Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich
+fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen
+Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich
+zwanglos eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte
+lachend sein Einverständnis.
+
+Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins Schwäbische
+bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus gefunden,
+ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald, weitab von
+den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
+
+Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen
+Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und
+deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst du,
+daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit,
+daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des
+Süß, er sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war
+zornig auf jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen
+Menschen zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten
+kreisen, bis aus diesem Stein Leben sprang.
+
+Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in
+Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah,
+Er hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte
+sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam
+den Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen,
+trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde
+Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis
+Süß es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg,
+mein erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der
+Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der
+geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist,
+kann Gold machen, was?“
+
+„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
+
+Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den Schenkel.
+Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten Nase
+starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit
+traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders
+vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er
+gewissen magischen Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so
+dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer.
+
+„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach
+einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er
+gebrauchte jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe
+weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches
+Jahrgehalt wird zu beschaffen sein.“
+
+„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
+
+Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich
+um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte.
+Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt
+zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge.
+„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem
+bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die
+Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr
+Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres
+fleischig, fett, kurz.
+
+Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können.
+Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen
+halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender
+nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch,
+erlaßt es mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
+
+„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in
+Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten
+gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um
+Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich
+kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der
+andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr
+Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
+
+„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die
+Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß
+der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei
+Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher
+Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt
+zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein
+vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend,
+schrie er herrisch: „Rede!“
+
+Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in
+die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es
+hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag
+ich Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
+
+Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „_Mille tonnerre!_ Ihr
+gebt’s dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie
+sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so.
+Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich
+mein Vetter freuen.“
+
+Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich
+an Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem
+Prinzen, ging.
+
+„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und
+versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn
+entschuldigen, Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte
+sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein
+Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“
+schloß er, wieder beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war
+um so erfreulicher.“
+
+„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien
+des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
+
+„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für wichtig
+hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das Leben
+anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das
+Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für
+unsereinen und überhirnisch Zeug.“
+
+„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit.
+Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin.
+Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und
+denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau
+Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder
+mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine
+Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut
+lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich
+stehe Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was
+ich habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den
+Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst
+vor ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte
+die Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und
+strammte sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“
+sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff
+Er sie mir, Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht
+hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“
+Und er lachte schallend.
+
+ * * * * *
+
+Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem
+soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig
+Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie
+ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor
+er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt
+saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte
+unmerklich von ihm ab.
+
+Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften
+Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis,
+der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen
+Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer
+Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines
+Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter,
+Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit
+gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben
+ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die
+weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger
+Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht
+spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick
+des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen
+gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme
+Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden
+Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung,
+lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein,
+ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen
+Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine,
+gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
+
+Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die
+Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an
+die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn
+und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen,
+ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre
+Straße, die gesäumt war von Bewunderern.
+
+Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft
+erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu
+den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den
+Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der
+junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte
+Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt
+vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute
+in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht
+bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin,
+dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene
+Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit
+ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem
+leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die
+Huldigungen des Abends.
+
+Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung
+gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher
+Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler
+Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in
+seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze.
+Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute
+besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und
+Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das
+Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz
+saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des
+Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der
+gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen
+Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein
+Darlehen ablehnte.
+
+Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild
+hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten
+ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und
+hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
+
+So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm
+den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm
+dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone!
+Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen
+Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich,
+daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den
+Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden
+nicht leiden konnte, wich aus.
+
+Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt,
+machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er
+trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte;
+Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch
+wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er
+ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der
+Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder
+abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß
+geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend
+auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber
+angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
+
+Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und
+schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige
+Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu
+versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß
+elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl
+plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“
+Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem
+Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen
+auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen
+und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das
+schallende Lachen des Prinzen und der Diener.
+
+Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten
+solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man
+mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte,
+überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren,
+ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
+
+Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der
+unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am
+Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von
+der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr
+Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche
+und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und
+hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in
+seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen
+abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger
+dienen werde.
+
+Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich
+den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann,
+neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen
+schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit
+der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im
+römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine
+insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz
+katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit,
+dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er
+halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das
+viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben
+Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen
+Kaffee.
+
+Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel
+noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch
+das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch
+wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute,
+lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
+
+Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus
+mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die
+besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in
+Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den
+Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern
+und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden
+in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er
+jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende
+das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der
+Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen
+Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die
+Regensburgerin auf alle Fälle.
+
+Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune
+entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“
+erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn
+ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“
+„Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut
+schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller
+Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der
+Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich
+mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich
+möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa
+Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln
+kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und
+Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte
+überschwänglich.
+
+Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen
+Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der
+Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung
+noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber
+hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt.
+
+Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit
+empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn-
+und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm
+von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr.
+Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren
+liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und
+niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in
+Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte
+kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft,
+stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen
+Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander
+gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht
+soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon
+Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm,
+keinen Verstand.
+
+Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem
+taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen
+artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des
+mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus
+feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den
+Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter
+Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll,
+eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine
+Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den
+lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem
+schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
+
+Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders.
+Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen
+Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem
+er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“
+bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl
+Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube
+nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die
+Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von
+ihm die Rede gewesen. Und alle lachten.
+
+Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger
+Geheimrat Kaffee.
+
+Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin ausnehmend.
+_Mille tonnerre!_ Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß einem Ball
+präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn und all das
+wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man Staat machen
+konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten
+mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs der
+Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein
+Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur
+repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund!
+Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich
+halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der
+kleinen, geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz
+Donner, die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der
+manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine
+Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure
+Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich
+nicht erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie
+gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn
+aufzog und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und
+die da. Da wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander,
+brauchte sich keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib
+wird schöner sein und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche
+Mätresse und ihm den Beutel füllen, nicht leeren.
+
+Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte hochatmen
+vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich
+ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
+
+Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden
+andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden,
+gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau
+ohne große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin
+tauchte ein in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
+
+Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
+
+ * * * * *
+
+Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert,
+vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben
+Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der
+dick und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis
+durcheinandergewirbelt hatte.
+
+So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und
+der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um
+wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich
+trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und
+selbst Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige
+kleine Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen
+suchte, mußte zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.
+
+Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte,
+bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber
+fand er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er
+veranlaßte den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen
+Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem
+Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich
+installiert sei, und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem
+als nach Versailles schmecke.
+
+Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem
+Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes
+Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock
+gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht
+gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen:
+Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an
+Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt
+lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine
+Truppe in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.
+
+Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß
+ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors
+hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum
+großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem,
+silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den
+Gästen herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete
+Neuffer.
+
+Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die
+Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre
+Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern,
+den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach
+wenig. Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der
+Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als
+die Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige,
+kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft
+mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie
+Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander
+faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der beiden Damen
+mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.
+
+Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart
+gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen.
+Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium
+ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den
+Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte
+nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe
+bekam. Ein glückliches Zeichen!
+
+Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen
+Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die
+Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere
+Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer
+dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der
+Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den
+Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von
+lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der
+fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden
+wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter.
+Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie
+Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall.
+
+Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz
+glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die
+Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
+
+Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden
+gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er
+Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im
+allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin
+meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich
+ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht
+dabei gewesen, versicherte der Geheimrat.
+
+Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich
+und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus
+ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn
+vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist
+ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl
+Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und
+Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während
+er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes,
+lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden
+für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen
+Kabinett in den Hauptsaal zurück.
+
+Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl,
+dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die
+Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und
+jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander
+bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt –
+Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische
+Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an
+diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im
+Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
+
+Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr
+des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der
+Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war
+voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem
+spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb,
+ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich
+voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich
+Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel
+werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner
+Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen,
+und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er
+ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel
+zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der
+Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und
+dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele
+Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt.
+Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt,
+seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und
+er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten
+hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen
+für späte Generationen.
+
+Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf
+den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und
+Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem
+ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven
+Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu,
+eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte
+Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen.
+
+Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt.
+Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl
+für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für
+die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man
+beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft
+nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der
+wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.
+
+Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott
+sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht
+beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik
+auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.
+
+Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus
+unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder
+Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem
+frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer
+Freiheit die geringste Gefahr.
+
+Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein
+bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur,
+unverbindlich nur. Immerhin.
+
+Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng
+verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte
+schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der
+äußersten Not. Nur dann, nur dann.
+
+Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer,
+wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges,
+finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen,
+war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter
+Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl
+Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die
+Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus
+und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er
+knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach,
+mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer
+mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader
+Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen,
+wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er
+hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm
+ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das
+mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle
+Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen
+Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das
+Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen.
+
+Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte
+weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um
+Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe
+Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus
+Evangelicorum habe man auf seiner Seite.
+
+Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste
+Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich,
+machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als
+Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener
+Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen
+Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten,
+tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie
+persönlich durch den katholischen Prinzen.
+
+Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls
+verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen
+Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in
+aller, aller Heimlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut,
+Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen
+Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem
+Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die
+besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl
+Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der
+Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig
+leuchtend unter der weißen Perücke.
+
+Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine
+Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen
+Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz
+alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die
+Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in
+blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des
+päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone,
+einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile
+überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer
+deutbares Lächeln in den Dom.
+
+Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und
+Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen
+Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der
+Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der
+Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie,
+daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur
+auf seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der
+Jude feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und
+gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt.
+Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr _à la mode_ wie die ihres
+Mannes. Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt
+der Jud mit seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren
+Nacken unter dem Brautschleier anstarren.
+
+Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der
+Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.
+
+Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen,
+bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen
+sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat,
+Jägern, Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt,
+Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die
+Donau hinunter.
+
+Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat
+Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß.
+Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich
+gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker
+heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern
+Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der
+Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was
+sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant
+und in einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.
+
+„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so
+elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute
+Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich
+kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes
+Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er
+ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu;
+„er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und
+schwarze Kunst.“ Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi
+Gabriel. „Da hat er mich schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone!
+Da sind noch zwei dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd
+war er, wie er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob
+seine Herzogin noch so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch
+Kinder kriegen wie Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte
+ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern
+die blaugrünen Wellen hinunterglitt.
+
+Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach
+Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat,
+das schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.
+
+ * * * * *
+
+Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine
+Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie
+Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen?“
+
+Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben,
+unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.
+
+Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er
+hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut
+über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen,
+drohend, unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.
+
+
+
+
+ Zweites Buch Das Volk
+
+
+Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert
+Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im
+römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter,
+gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer
+Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er
+schlecht, so war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An
+zehn Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den
+herzoglichen Renteien.
+
+War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen kam,
+Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.
+
+Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten,
+von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.
+
+In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück
+Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet
+eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß
+die Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort
+noch Letztes zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak
+Landauer und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der
+Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum
+Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die
+kaiserlichen Räte ertiftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken,
+Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart nach
+Wien, in Regensburg der alte Fürst Thurn und Taxis blinzelte herüber,
+und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und Remchingen, sein
+Freund und General, wogen große Pläne.
+
+Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen
+ihre großen, stummen Schatten über das Land.
+
+Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag
+gesegnet.
+
+ * * * * *
+
+In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und
+gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu
+Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen
+römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises
+Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu
+Fuß.
+
+Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom
+Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische
+Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele
+Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants.
+Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und sauer
+Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert;
+und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß
+erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt
+dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die
+Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer
+künftig in Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik
+wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau.
+Aber sie war so ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur
+mehr ein Geschäft auf der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu
+kochen. Noch saßen die Verwandten der Person an den Futternäpfen des
+Herzogtums, noch glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch
+zog sie durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer
+Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an
+sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz mehr,
+galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von neuem
+peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und Reich. Die
+Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem Erbprinzen,
+sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die Herzogin, sich
+jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht ablassen von
+ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird nicht
+schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer
+Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und
+drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten
+aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die
+Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.
+
+Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen die
+Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur
+mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht,
+Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und
+ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das
+Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man
+fluchte auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie
+das alte festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland
+erschüttert und manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge
+zu erlangen, verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof
+nicht zu erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen,
+auch habe gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und
+immer tiefer in den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender
+stieg der Herzog, und die Weiber wischten sich die Augen: Und so
+prächtig war er, und so freundselig sprach er mit jedem, so ein guter
+Herr, so ein schöner Herr!
+
+Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da
+wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände
+und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große
+Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie
+fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der
+dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich,
+und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt
+Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen
+tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der
+Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen,
+hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein
+Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich
+seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett,
+kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.
+
+Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war
+nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten
+Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der
+Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine,
+eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war
+schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in
+goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in
+Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden,
+barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof
+und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwölken zu sehen wie
+Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke tragen, es war gegen
+die Mode, aber sie wird es doch tun, und die Krone wird klein und hoch
+und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die
+nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme
+eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war,
+und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten,
+tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein,
+deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man wird
+ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb bewundernd
+die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die Herzogin
+beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres Kreises stehen,
+der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen. Ah, es war gut,
+schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut, Herzogin zu sein.
+Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und Kronen und
+Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu leben.
+
+Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl
+Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe
+Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem
+schönen, kleinen Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er
+eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die
+Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen,
+tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat
+Weißensee zu ihm gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des
+katholischen Bruders den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit
+beiden Händen zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen,
+daß der Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge
+als Phantasien betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein,
+mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden
+Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die
+Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte werden
+können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der Feldmarschall
+von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein unzweideutiges Schreiben
+ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen
+Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und verschüchtert
+zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen zurück, ja, er
+vermied in großer Angst jeden Umgang mit Weißensee. Jetzt, wie er den
+Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte, phantastische Geträume
+wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern, groß erregt, ging der
+schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum, dichtete sich zusammen,
+was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen mehr Initiative hätte,
+wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister
+bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an
+das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das
+Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken
+wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert
+über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen,
+warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete
+sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend, nachdenklich
+und befriedet, wieder ein.
+
+Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder
+Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel
+Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem
+stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene
+Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich
+rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner
+ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat
+überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne,
+verwarf, genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen
+Intrigenzettlers und Projektenmachers.
+
+Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem
+bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und
+Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung
+und große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land
+fest bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es
+locken, gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird
+abspenstig machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und
+großer Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst,
+seine Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß
+das Volk fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr
+Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten
+Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot;
+aber sie hatte große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor
+Gott und den Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu
+Gott, sie schlug die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand
+nur den Spruch: „Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist,
+was ihr nicht essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den
+Sperber und den Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei
+aller Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen
+der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters
+und dem Strauß und dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften.
+Sie beschloß, das Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der
+Erweckten, der blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst
+aber betrachtete sie, Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich
+kühnen Antlitz, den Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst
+angeregt, das feine, lebendige Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung
+auf und nieder ging.
+
+ * * * * *
+
+Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich
+die elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im
+Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der
+Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis,
+man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht
+hören.
+
+Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach,
+daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in
+Dreck und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt,
+an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war
+durchaus kein Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an
+stumme, blinde Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen
+Räten durchaus nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit
+seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war,
+bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr und
+Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein
+Despot war wie nur je ein heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und
+Höllensabbat haben mit diesem Leviathan.
+
+Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von
+seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten
+den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da,
+zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über
+dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische
+Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem
+Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so
+wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran
+rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen
+vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen
+Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der
+Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu
+wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen
+Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch
+nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und
+wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O
+klares Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste
+Verfassung und Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene
+altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzogen solchen Maulkorb
+angehängt.
+
+Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident,
+die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte,
+erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob
+Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge
+Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron
+übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner
+und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte
+beauftrage.
+
+Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter,
+dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege,
+die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich,
+den Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und
+Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe
+Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen
+Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt
+wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen
+Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen
+zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.
+
+Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst
+der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze
+ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers,
+anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde
+sie in Ruhe prüfen.
+
+Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch,
+tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust
+zettelten? Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast
+unmerklich ein wenig von ihnen ab.
+
+Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im
+Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein
+Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft.
+Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat
+ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen
+Partei, ließ die Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen
+Protestierenden auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm,
+der Bruder der Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik
+ausgeschaltet hatte, sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und
+Ministerpräsident, in Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und
+der Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und
+Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau,
+die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen
+ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig
+getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in
+der Zelle und in dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.
+
+Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram
+Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold
+und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft
+übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen
+ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits
+habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion,
+fürsorglich schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten
+bestätigt habe.
+
+Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person.
+Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser
+her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut
+fahren.
+
+ * * * * *
+
+In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von
+dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz
+auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick
+weiter. Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein
+alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die
+Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene
+kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den
+Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet,
+er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form
+vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit
+peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit
+einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine
+merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem
+einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der
+Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine
+Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief
+verwirrt sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die
+Gegend für immer verlassen.
+
+Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten
+wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge,
+gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich
+gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen
+Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge
+trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu
+molestieren.
+
+Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der
+dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm.
+Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb
+und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen
+Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu
+Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und
+ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand
+plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und
+terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich
+gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein
+blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber
+war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend
+und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes
+Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte
+rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber
+schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild
+des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.
+
+ * * * * *
+
+Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und
+sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen
+Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre
+gutmütig, ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete.
+Manchmal hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie
+fernhielt, war es wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen
+waren besser als die unten lebenden.
+
+Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es
+waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der
+Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische
+Baum, der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es
+tanzten die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie
+hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen
+Gliedern die Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke,
+es sanken die Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige
+Stern. Aber die Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten
+bedrohlich nach einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang
+sich in vielwendigem, artigem Tanz.
+
+Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift
+hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte
+vergleichst mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der
+Buchstaben zu neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein
+wenig Schwärze darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist
+sprechender Mund für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder?
+Vor vielen tausend Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der
+Mund, der ihn zum erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn
+zum erstenmal dachte. Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn
+niederschrieb, strömte Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst
+sie heute, nach den vielen tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist
+Gott. Buchstaben leben, weben sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in
+Ewigkeit. Was einer schreibt, das löst sich von ihm und lebt sein
+eigenes Wesen fort und spricht zu jedem andern. Aber wer sich heiligt,
+empfindet Gott in allem Geschriebenen.
+
+So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die
+heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen,
+mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten sie
+zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des
+Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.
+
+Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine
+Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei.
+Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der
+Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine
+Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß
+mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn deine
+Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
+
+Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die
+großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie
+das des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen
+trugen uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft
+rundeten sich aus zarten Gelenken die Arme.
+
+Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der
+Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge,
+welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich
+erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander
+und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich
+versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er
+geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache,
+süße Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei.
+Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der
+Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und
+hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält
+den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der
+Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte läutet, die silbern
+klingenden. Doch niemand kommt.
+
+Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was Rabbi
+Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit
+ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war
+Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war
+sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften
+Aegyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die
+Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen
+Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus.
+Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten
+die trübgrauen, steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase,
+und sie redeten mit seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.
+
+Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine
+Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte,
+beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so
+selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das
+war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden
+der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug,
+trug seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich
+in seinen klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte,
+wiegte sich in dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater
+das letztemal gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf
+artig gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit
+einem heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume
+sich verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des
+Vaters, und wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er
+mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen,
+geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte.
+
+Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein
+Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte
+unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig
+der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen
+Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden
+Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte,
+hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife
+entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den
+Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in
+Württemberg ernannte.
+
+Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. Hochamt.
+Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war dem
+Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden geistlichen
+Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre Glückwünsche
+bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der Fürstbischof
+von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt
+von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und herzlich,
+tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.
+
+Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon
+zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die
+beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der
+Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen,
+derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer
+von Kerzen und Wein.
+
+Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz
+nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem
+Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen,
+daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren
+Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren
+lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst
+solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er
+solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und
+gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und
+siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein
+gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl
+seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf
+Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat
+einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie
+es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja
+blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm
+und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der
+Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem
+größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn
+man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits
+des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im
+Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine
+exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an
+den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil
+die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig
+wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht
+wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß.
+
+„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und
+schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier.
+Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des
+Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht,
+daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein
+Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von
+ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging.
+Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
+
+Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl
+Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben,
+einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil
+es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen,
+vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich
+nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem
+Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd
+die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken.
+Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen.
+Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war
+manches Süpplein zu wärmen.
+
+Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage
+sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst
+Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in
+einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese
+verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen
+Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich
+ramponiert in Fetzen hingen.
+
+Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler
+Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom
+Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm
+seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen
+Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem _Qui vive_
+gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und
+jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß
+sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat,
+so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
+
+Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der
+Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und
+allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom
+Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig
+bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr
+Rom und die Welt.
+
+Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und
+Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte
+seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung
+des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber
+nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte
+Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten
+zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen
+mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen
+im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie
+sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele
+wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst
+die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz
+fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre
+überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen,
+ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in
+den Schoß der Kirche.
+
+Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof
+versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel
+Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten.
+Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
+
+Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm
+über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen
+hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen
+Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich
+nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die
+zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit
+vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür
+der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität
+gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
+
+Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und
+Volk auf beide Wangen.
+
+ * * * * *
+
+Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze
+Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben
+wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel.
+Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte
+hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben,
+aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln
+gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein
+einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung
+gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer,
+der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an
+den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben.
+
+Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle
+taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt,
+Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln
+sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor
+ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor
+seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende,
+vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt
+bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte
+zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und
+wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen,
+daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
+
+Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in
+hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an
+ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand
+durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer
+heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren,
+ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf
+umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich
+entgegenzufahren.
+
+Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich,
+schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in
+einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch
+seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den
+Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert
+konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt
+Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht
+spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer
+ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein
+Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere
+bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für
+Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem
+alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was
+macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn
+sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem
+alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und
+mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der
+Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit
+sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während
+der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte.
+
+So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen
+hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz,
+gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von
+dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie
+nichts, diese Flächlinge.
+
+Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn
+Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen,
+altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen.
+Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich
+mich und allen mitten ins Aug schaun.
+
+Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich
+ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er
+das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in
+behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage
+erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele
+Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern,
+Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt
+ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen
+antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von
+Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit
+Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch
+in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte
+sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und
+töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der
+willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
+
+In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben
+noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in
+seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt
+zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese
+leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß
+der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde.
+Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem
+Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte
+er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe
+seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter,
+nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter
+zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
+
+Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel
+gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner
+Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken
+geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht
+ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich
+vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein,
+und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein
+Auftritt.
+
+In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing
+ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen
+mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit
+seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch,
+der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden
+nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon
+seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte.
+
+Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen.
+Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem
+mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige
+Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die
+kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und
+preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes
+hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre
+Hand hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von
+hemmungsloser, beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte
+Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu
+haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein arges
+jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit und
+giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.
+
+Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach
+der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber
+Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive
+Methoden seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag.
+Sogleich stellte er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit,
+Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit
+gespannten Nerven, in Tätigkeit jede Sicherung. Drehte alle Räder seines
+Kalküls an, zerteilte rasch und präzis für alles zu Sagende Gründe und
+Gegengründe, rieb sie blitzblank, zählte, wog, rechnete. Holte den
+Herzog mehr aus als dieser ihn.
+
+Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk,
+unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte
+deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen
+Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament
+sich zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger,
+querköpfiger, rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten
+so ein, daß sie alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.
+
+Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus
+hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem
+Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit
+schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen
+Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien
+und stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt:
+der Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die
+Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste
+an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und
+schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht
+spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um
+dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu
+krauen.
+
+Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen.
+Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit
+seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog
+schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm
+verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz,
+vor ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die
+eine seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.
+
+Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte
+verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen
+Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte
+er ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen
+Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen,
+dunkelblonden, dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert,
+belustigt, boshaft zu. Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen
+an dem sanften Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte
+maßlos, in seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude
+kannte das Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie
+vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen
+Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe
+Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war
+offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud,“ lachte er. „Er
+versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“
+
+Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war
+klar. Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor
+Uebertreibung. Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber,
+Soldaten, Gloire. Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen,
+aber so viel schaffen, daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner
+Teil kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen
+gegen sie stellen. Sie _en canaille_ trätieren. Einziges Ziel: Geld für
+die herzoglichen Kassen.
+
+Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch
+gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ,
+dem Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer
+Finanzrat. Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn
+zu ihrem Schatullenverwalter ernannte.
+
+ * * * * *
+
+In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten.
+Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen
+allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt
+mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren
+Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das
+berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst
+kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat
+das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem
+Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und
+Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die ganze
+Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei Meilen
+lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd,
+Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er
+ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen
+Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.
+
+Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten
+Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust
+zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß, und
+mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem
+weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem
+Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie
+niederblickte. Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr
+zujubelten, ei, wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der
+Tübinger Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor,
+der sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen
+Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft
+und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit
+seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl
+Alexanders Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und
+anderen Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes
+Volk an Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn
+schließlich mit dem römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte
+sie ihr Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig
+in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor
+sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der
+kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit
+seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.
+
+Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke
+beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes
+Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus
+bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem
+Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts
+herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen
+Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem
+er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner,
+ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im
+Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele
+Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land
+geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich
+Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig
+und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten
+Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die
+die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch
+seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der
+neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei
+der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner
+stolzen Uniform bescheiden im Winkel.
+
+Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz
+anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte
+ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein des
+Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen,
+hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der
+Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig
+Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge
+Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten
+sich über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende
+Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden,
+hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des
+Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon
+bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen
+waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich
+gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen
+Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder
+Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen
+dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem
+feierlichen Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig
+der Kerl dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen
+Landschaft. Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores
+beizubringen.
+
+Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und
+daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und
+den Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph
+und Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen,
+fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse
+Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so
+mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht
+widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein
+Kabinett zu rufen statt eines Juristen.
+
+Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der
+Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das
+eine groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd,
+bunt, beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz
+liefen Fäden von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem
+Parlamentarier Neuffer zu seinem Bruder, dem Minister, von dem
+ernsthaften, biedern, patriotischen Landschaftspräsidenten Sturm zu dem
+ernsthaften, biedern, patriotischen Geheimrat Bilfinger und schon von
+dem nervösen, feinen, neugierigen Diplomaten Weißensee zu dem
+merkwürdigen, zweideutigen, glatten, eleganten, neuen Finanzienrat, dem
+Juden, der hebräischen Exzellenz.
+
+Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die angesetzte
+Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer nicht die
+Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die Türen
+verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten.
+Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die
+Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die
+Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten
+Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War
+es Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?
+
+Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen
+Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch
+mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte
+sie sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der
+Freundin seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf
+vergnügte.
+
+ * * * * *
+
+Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor,
+die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene Bestätigungen
+und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz abgegeben hatte
+und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard Ludwigs den Herren
+vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar umständlich, vorsichtig,
+langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit gleichmäßiger,
+gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht französelnd, las
+Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war überheizt, eine
+Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern
+ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl
+Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten,
+pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag
+dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn
+Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und das
+näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht
+dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam
+aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut
+des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles,
+verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war
+erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den
+Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine
+Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend
+gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die
+feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei
+meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus
+freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener,
+das Rasierwasser sei nicht warm genug.
+
+Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er
+sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit
+unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man
+viel leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche,
+verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie
+lästig lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse,
+die Akte beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für
+dich kämpfen müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird
+viel Aerger und Verdruß haben, dich zu wahren.
+
+Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich, warf
+sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie
+sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase,
+sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem
+sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker,
+und dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt,
+begossen, würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.
+
+Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß:
+„Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der
+Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und
+schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.
+
+ * * * * *
+
+„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation.
+„Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von
+Bittschriften brach herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir
+und mir helfen,“ sagte er einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er
+ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit von dem, was
+zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums gereichen werde, abhalten
+lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken ohne Schleich, Intrigen und
+Verwicklungen nach der altberühmten württembergischen Treu und
+Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine Beschwerde in solchen
+Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in diesem Behuf ein
+Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und ihm, dem Herzog, zu
+eigenen Händen kommen lassen.
+
+Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von allen
+Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am Rathaus
+jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ nicht
+durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai
+schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf
+Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten
+die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure
+Herzogin-Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt
+mit seinen Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das
+Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott
+gebühre solche Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage
+drucken lassen, und es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im
+Herzogtum, darin das Bild nicht am besten Platze hing. Und die Herren
+vom Parlament machten schele Gesichter.
+
+Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine
+Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten
+Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel;
+aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen,
+so mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin
+anlangte, so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten
+sie gegen den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak
+Landauers löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen
+württembergischen Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde
+ein spezialiter verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der
+erste Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen
+in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David
+Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten,
+wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen
+dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen
+Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs,
+Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein
+besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien
+gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er
+gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an
+hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer
+noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte
+wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen,
+komplizierten Geld- und Vergleichshandel.
+
+Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom
+Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste
+erlassen, die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der
+polternde General Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der
+schlaue Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle
+Mißstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in
+Deutschland gab es einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor
+Gott, den Menschen und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den
+Titel, mit dem eine Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den
+Titel: treuester Hirt und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht
+verdient zu haben, überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen
+seinen Räten und fuhr, sich freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach
+neuer Gloire, zur Armee.
+
+ * * * * *
+
+Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor
+Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen
+in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank,
+elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand
+nicht gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der
+Festung zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er
+wollte seine württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten.
+Auch das peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu
+bestätigen nicht geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen
+Ausgleichs. Dieser Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und
+der herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der
+greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke,
+und eine so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit
+einer hohen Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle
+man ihm überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs
+erledigen. Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese
+Anschauung frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit
+der Gräfin hatte, und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der
+württembergische Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine
+andere Lösung als ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als
+jeder andere, und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche
+und geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die
+weiteren Verhandlungen führe.
+
+Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen
+über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den
+beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der
+Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge
+rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und
+Bilfinger, der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von
+seiner Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt,
+geneigt, die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte
+Patrioten beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich
+nicht der Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf
+der Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die
+Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten
+Besitz, wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich
+verschacherten; sie wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu
+mißbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren
+privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem tief und von ganzem Herzen
+überzeugt, daß das Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten
+die Pfeiler des Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen
+Grenzfragen zwischen Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und
+verantwortungsschweren Ernst heraus, aus dem der erste württembergische
+Herzog, in kleinem Land ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung
+testiert hatte. Sicherung der Volksfreiheit war sein erstes Prinzip
+gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine Parole. Und daß der Fürst durch
+die Verfassung manchmal vielleicht selbst im Nützlichen, das er
+anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur ein kleines Uebel
+gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und seine Schranken
+vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.
+
+Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des
+Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war
+der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte
+allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von
+Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu.
+Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen,
+gewölbten, süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen.
+Gesehen hatte er sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was
+waren vor diesen Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel
+für etliche Jobber, emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln,
+auf dem er saß, an seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser
+Mann in der Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die
+Konkurrenz, daß er sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten.
+Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee
+gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu
+Dumme-Jungen-Träumen, wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich
+albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach,
+von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle,
+farbige Larve hin; der andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das
+heraus, was er für seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte
+brauchen konnte. Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der
+langsamere Bilfinger hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die
+beiden Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem
+unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.
+
+Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer.
+Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm
+zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie einander auch
+nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf an,
+einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für den
+Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd
+rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen
+Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die
+Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von
+dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte
+der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu
+zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin
+dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und dem
+Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere
+fünftausend Gulden in Rechnung.
+
+So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das
+Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen
+Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin
+lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure
+Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die
+Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte
+voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der
+Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.
+
+ * * * * *
+
+Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager,
+ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches
+Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen
+Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht
+wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn.
+Schon standen wieder die Franzosen im Herzogtum, schrieben
+Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee,
+vor allem von Karl Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück.
+Mit wildem Eifer betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der
+Grenzen. Die Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu
+hatte der Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes
+Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit
+Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an
+einigen Stellen die Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen
+aufwerfen; so war diese Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf
+dem Schwarzwald wollte man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen,
+bis an den Neckar, den Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung
+dieser Befestigungen genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf
+Schwadronen. Und mit so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein
+schwäbisches Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel
+einrennen mußte.
+
+Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht
+entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard
+Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord
+und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken,
+sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten aus
+ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den Rhein
+zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand, wurden die
+Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch mannigfache
+umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine
+Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der
+Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken,
+stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewußte
+Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen
+vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant wurde
+ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben, die
+Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren
+erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten
+zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief
+seinen Juden ins Lager.
+
+Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik
+gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf
+diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er
+sich seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder
+Zoll seines Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit
+mathematischer Präzision ausgeführte Landkarte.
+
+So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing
+ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte
+der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen
+Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und
+jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn
+gegen die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich
+verstärkt. Sie hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu
+bewogen, der Landschaft jene Reversalien und feierlichen Urkunden
+auszustellen, um bei der Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen
+Heinrich Friedrich den Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die
+Ausstellung und Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen,
+und zudem hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im
+Einverständnis mit der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man
+habe aus der Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert;
+die Reinschrift laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe.
+Unmutig und erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden
+an, die der Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er
+zwang sich zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu
+überzeugen, daß er nichts anderes unterzeichnet habe, als was die
+Verfassung ohnehin von ihm verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag
+alle seine Vorgänger beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige
+Signierung nichts als eine schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber
+zweckmäßig, ja unbedingt notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen
+Einreden schwieg Karl Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß
+beschränkte sich darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem
+vieldeutigen Lächeln stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab
+von dem roten, erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich
+wandte sich Karl Alexander an ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend,
+meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen Befehle
+des Herzogs so schlecht und unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl
+sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern
+Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie
+nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, Diffikultätenmacher,
+Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte der Herzog. Nach seinen
+Erfahrungen bei den österreichischen Kriegslieferungen, erwiderte Süß,
+müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede passive Resistenz setzen. Mit
+Geldstrafen komme man am weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am
+Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er
+werde es sich überdenken, Süß solle Spezialvorschläge ausarbeiten. Der
+Jude erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und
+Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den Argwohn
+des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, langsamere Maßnahmen
+zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann
+von den geometrischen Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.
+
+Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in
+strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun
+zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen
+verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und
+verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken,
+empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes,
+unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte
+Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem
+General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam
+war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu
+gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe,
+selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine
+Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur
+im geringsten gegen ihn auf.
+
+Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt
+hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm
+nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug
+darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die
+Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die
+Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die
+Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das
+eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll,
+strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall
+Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und
+rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen
+Finanzienrates.
+
+Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es
+früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser,
+für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last
+fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete
+Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine
+ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der
+Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte,
+mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde
+wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit
+langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren
+Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben.
+
+Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs.
+Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute
+flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das
+Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord
+nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen,
+die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte,
+Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich.
+Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose
+Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und
+Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen
+und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten
+weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach
+Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen,
+knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren
+schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten,
+glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen
+saudummen Kanonen!
+
+Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er
+dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem
+Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm
+wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der
+Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu
+behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger,
+demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische
+Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als
+wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die
+Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen
+unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine
+Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre
+nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte
+das Land.
+
+Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in
+der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des
+Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch,
+er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah
+man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen.
+Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen,
+Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die
+sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus
+auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust,
+atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie
+zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben
+unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den
+geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen
+Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß
+bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.
+
+Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste,
+schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum
+Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm
+vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ
+den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit
+feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes
+Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten,
+daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch
+auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts
+davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz
+erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts
+schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog,
+wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in
+Verruf komme.
+
+Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er
+einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem
+durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war.
+Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von
+verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und
+Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der
+Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des
+Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in
+vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des
+Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit
+dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen
+zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die
+Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er
+war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris
+kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine,
+klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und
+Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die
+Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba,
+der _Bon jour, madame_ krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht
+geschlafen zu haben? und _Ma vie pour mon souverain_. Seine Tafel war
+erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es
+war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln,
+Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf
+seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die
+Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche
+Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.
+
+Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt.
+Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer.
+Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem,
+unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der
+Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er
+auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der
+eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle
+zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der
+Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe,
+auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem
+Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit
+Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu
+gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt.
+Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels
+ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte
+grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel
+brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen
+Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren
+aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart
+feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen
+Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen
+kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen
+Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem
+kleinen Stein.
+
+Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde
+mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte.
+Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den
+eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute
+Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa
+hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er
+liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie
+prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah.
+Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe
+er fast aus wie unsereins.
+
+Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete
+viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz
+bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er
+war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat.
+Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift.
+Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug,
+sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden
+zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer
+bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten
+die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich
+versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte
+man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich
+eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn
+er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um
+Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der
+Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat,
+ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich
+offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen
+Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister
+Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von
+Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des
+Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie
+Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der
+Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht,
+und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer.
+Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten
+Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der
+Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige
+Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß
+auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als
+grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden
+ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge,
+neugierige Weißensee.
+
+Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten
+neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle,
+wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier
+ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so
+langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man
+wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in
+Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins
+Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den
+Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß
+mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue
+Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien
+des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein
+anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse
+heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein
+wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch
+betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen,
+und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen
+Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen
+und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und
+heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des
+Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte,
+versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die
+ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den
+vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende,
+und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die
+verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen
+Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit
+die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken,
+unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene
+Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet
+wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den
+gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann,
+ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen
+Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.
+
+Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine
+dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin,
+sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf
+von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte
+aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte
+vor dem Papagei Akiba, der _Ma vie pour mon souverain_ krächzte,
+klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den
+Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht
+sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen
+an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und
+reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß
+befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine
+Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser;
+aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen
+Schimmel, _santa madre di Loretto_, den konnte nicht einmal Versailles
+aufweisen.
+
+Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte
+sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit
+ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön.
+Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat
+Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges,
+amüsiertes Lachen und fuhr davon.
+
+Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß
+sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den
+wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen
+in dem weißen Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es
+seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er
+reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht
+tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere
+Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so
+zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.
+
+Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer
+kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme
+das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen
+blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch
+das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr
+den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es
+hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die
+Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus.
+Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr
+Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine
+Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.
+
+Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es,
+warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht,
+das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte
+lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein.
+Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen
+silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.
+
+Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land
+gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das
+Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein
+Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in
+seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt
+auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier
+unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche
+Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen
+sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt
+zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht
+schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein
+eigenes.
+
+Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den
+bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es
+sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das
+Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden,
+fordernden, trübgrauen Augen.
+
+Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten
+war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte
+fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle
+begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem
+Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und
+Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah
+den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel
+dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides
+neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des
+jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute
+sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des
+Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den
+Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist.
+Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines
+Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf
+an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem
+Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den
+kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen
+davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er
+verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein.
+Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die
+Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem
+Hals, vergehend.
+
+Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm,
+verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen
+in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame
+fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen
+Fluß der Stunde.
+
+Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr,
+keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er
+anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und
+rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie
+rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden,
+herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte,
+erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als
+sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er
+spürt ihr Leben in den Dingen.
+
+War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand
+zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie
+hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum
+versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine
+Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt,
+Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus
+phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und
+alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.
+
+Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit
+magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es
+ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie
+auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume,
+mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich
+Schleim und Ekel.
+
+Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie
+von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen
+Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß
+und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war
+fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn
+den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher
+entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in
+der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.
+
+Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen
+Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und
+kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der
+Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die
+Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus
+dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten
+von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit
+einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem
+reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern
+überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen,
+lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte
+nicht, was sie bewegte.
+
+Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags.
+Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle
+stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an,
+das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend,
+getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte,
+Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo
+er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er
+saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm
+entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden.
+Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage
+her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre
+Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die
+Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug.
+Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte,
+Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit
+halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm
+lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die
+feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel
+sprang zu.
+
+Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg
+zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein
+Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter
+dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg
+hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden,
+sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war
+schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen
+Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst
+als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn,
+sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der
+Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß
+erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen
+Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“
+
+In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs
+sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu
+erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog.
+Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in
+Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und
+unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war
+Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall,
+Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr
+groß und glänzend in Frankfurt ein.
+
+Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde
+Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich
+die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der
+württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es
+weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die
+Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person,
+keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken
+des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer,
+geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef
+Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der
+Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu
+werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein
+Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich
+bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt,
+als wäre er der Herzog selbst.
+
+Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum
+Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger
+kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner,
+nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen,
+sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg.
+
+Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau
+breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen
+Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden
+Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte
+berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus
+versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd
+seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des
+weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten
+Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war
+schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte
+sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle
+Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen
+Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war,
+daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee
+rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und
+weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in
+seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt,
+sein Asthma bedrängte ihn.
+
+Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen
+Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl
+Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase
+unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm,
+als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh
+schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten
+in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine
+rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch
+viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich
+Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er
+aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr
+er weiter.
+
+In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte
+ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in
+ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes
+in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem
+französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe
+bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief
+gewurmt.
+
+Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und
+Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer
+zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem
+Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte
+ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit
+Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis
+schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und
+Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die
+Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.
+
+Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander
+empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den
+lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab
+und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan
+auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht
+sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen
+Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen
+Abgeordneten verstärkt werden.
+
+Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen
+Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden.
+
+Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher
+Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale
+Gesinnung gegen den Herzog feststehe.
+
+Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf
+nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art
+die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft
+in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte.
+Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß
+rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte,
+den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in
+seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den
+Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander
+stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen
+Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
+erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger
+Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande
+über die Grenze jagen.
+
+Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der
+Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß
+zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten
+Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische
+Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit
+fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der
+andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte
+nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog
+sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem.
+Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der
+Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob
+er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem
+diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in
+Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat,
+griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei,
+nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu
+sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die
+Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste
+aller denkbaren Welten, wie gewisse _à la mode_-Philosophen wollten, es
+war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige
+konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz
+abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum
+Verräter werden.
+
+Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste
+des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht
+beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem
+Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch
+Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die
+Deputierten.
+
+Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf
+Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die
+Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte.
+Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine
+Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren
+Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß
+unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von
+Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken
+Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten
+Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach
+einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade
+ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister
+lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige
+Antworten gaben.
+
+Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs
+genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von
+allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die
+bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer
+wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen,
+vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel
+zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung
+bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der
+Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben,
+wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die
+Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses
+wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine
+Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament
+solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude.
+
+Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp
+Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.
+
+ * * * * *
+
+Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem
+Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich.
+Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend,
+hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte,
+verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen
+Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei
+mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten
+Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten
+Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine
+einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die
+kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals,
+drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du
+kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde,
+phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den
+Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk
+groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der
+Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau
+feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie
+einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über
+allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran
+verzehren und sterben.
+
+Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister
+Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die
+Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine
+Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des
+Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der
+Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die
+Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie
+wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf
+zertreten.
+
+Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt
+schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das
+blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose
+Schreiberei.
+
+Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf,
+hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die
+Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur
+Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende,
+verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt
+gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.
+
+Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht
+wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs.
+Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die
+Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen,
+die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in
+Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt
+eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß
+den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene,
+die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines
+Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher
+vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und
+Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen
+Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament?
+
+Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen
+Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren,
+das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen
+Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern
+bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer,
+Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg
+ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch
+genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich
+in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und
+schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen
+Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können.
+
+Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das
+Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot
+und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich
+an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er
+diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem
+plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer
+Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem
+Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder
+durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich
+selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel
+geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem
+vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem
+Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den
+kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer,
+dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem
+Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so
+gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout
+nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre
+der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn
+fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin,
+schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader,
+beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben
+Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem
+Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.
+
+Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche,
+schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt
+rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig,
+in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß,
+die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen
+entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie
+besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts
+als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch
+Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war,
+und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch
+ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum.
+
+ * * * * *
+
+Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus
+der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten.
+Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit
+Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen,
+festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die
+Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett.
+Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird
+man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben,
+kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon
+glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den
+Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht
+verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr
+Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung,
+Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen
+hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber
+im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo
+die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen,
+Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und
+Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden
+Wolken.
+
+Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als
+die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die
+Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung
+brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges,
+aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier
+belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien
+kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern.
+Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter
+Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch
+gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt
+eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen
+Offizieren und ihrer Brutalität.
+
+Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im
+Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl
+Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es
+jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte
+von Tag zu Tag.
+
+Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er
+eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu
+scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt,
+jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu.
+Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das
+gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus,
+seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles,
+auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens
+werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder
+auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.
+
+Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen
+verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene
+Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht
+an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem
+Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat
+bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und
+besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene
+Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld
+hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland
+fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus
+Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt,
+daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem
+mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme
+Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in
+Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete
+schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus
+allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen
+Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei
+Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere
+Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als
+wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals.
+
+Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie
+versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer
+Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer
+Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er
+wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem
+nützte das bestverbriefte Recht nichts.
+
+Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander
+seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin
+vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur
+Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese
+Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus,
+dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus
+diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott
+Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen
+Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten
+die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht
+versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man
+ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben,
+schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den
+Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die
+geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse
+instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.
+
+Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und
+Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde
+grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur
+des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht,
+bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine
+Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt
+wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm
+die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der
+bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum
+Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht,
+drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde
+Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern
+entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein,
+ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei
+alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun
+wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn
+verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter
+beschlagnahmte das Fiskalatsamt.
+
+Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese
+Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon
+berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine
+halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte
+Preziosen.
+
+In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt
+innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde,
+auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom
+Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so
+harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen
+wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von
+dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus,
+knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein
+Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen
+Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und
+wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen
+oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in
+ewiger Nacht.
+
+Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter
+ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das
+Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur
+zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder
+ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und
+die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor
+Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden
+Backen.
+
+Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs,
+Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit
+seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte,
+zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen,
+sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.
+
+ * * * * *
+
+In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten
+sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie
+getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der
+scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In
+Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs
+und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner
+Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen
+Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel.
+Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er
+durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher
+Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie
+hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der
+vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen
+also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde
+zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber
+seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die
+Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich
+trieb.
+
+Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau
+zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie
+im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem
+Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott
+herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie
+immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites
+Mal.
+
+Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im
+Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der
+Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht
+geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel
+zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in
+ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in
+dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste
+Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott
+zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die
+Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.
+
+Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den
+kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen
+Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was
+waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und
+wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben
+wird.
+
+Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den
+Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich
+hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz
+auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen
+aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang.
+Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im
+Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet,
+mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals
+schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch
+ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen,
+widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild
+verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann
+später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich
+um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran
+gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die
+Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so
+konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus
+herumträumen.
+
+Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine
+merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten
+demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der
+Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum
+gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen
+Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen
+durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und
+erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.
+
+ * * * * *
+
+Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte
+sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben
+nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes
+nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe
+des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner
+Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen
+Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn
+es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es
+nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm
+selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm
+sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber
+waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es
+nicht.
+
+Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres
+Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während
+sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er
+ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von
+mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln.
+Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu
+ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte
+rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut
+klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und
+ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den
+Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden
+Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er!
+
+Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her
+und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des
+Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers
+haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und
+widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen,
+hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten
+Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so
+sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem
+Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe,
+Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher
+Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt
+diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff
+durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier,
+die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.
+
+Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu
+sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem
+allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte
+seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree
+schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten
+hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr
+als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim
+leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen,
+Auspeitschen, Untermgalgenbegraben.
+
+Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche
+Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich
+ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der
+jede Schranke niederbrach.
+
+Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte
+sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen
+Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes
+Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus
+dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten.
+Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr
+beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man
+von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat
+seines Finanzdirektors.
+
+Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich
+selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes,
+starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch
+er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines
+Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der
+Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten
+oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor
+ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war
+elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte
+ihm kein leises Zucken nachspotten.
+
+Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der
+Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und
+immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener
+Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit
+großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des
+gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert
+Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur
+Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin,
+dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu
+allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen
+Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle,
+pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der
+Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen
+Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender,
+taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger
+Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand
+behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands
+zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und
+Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen
+Vermögens lief durch seine Kassen.
+
+Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof
+etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten.
+Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den
+Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das
+Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem
+aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen
+fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein
+Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo,
+ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler
+Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel
+verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten
+Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender,
+schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er
+hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen
+beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen
+Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den
+verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und
+mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere,
+unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen
+war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des
+Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine
+jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene
+Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.
+
+War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke
+Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen
+und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in
+ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu
+leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war.
+Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt
+vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar
+durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und
+kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende
+Judengroschen.
+
+Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an
+mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen
+Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und
+gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel
+übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten
+Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter
+allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem
+aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde
+mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen,
+hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er
+andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer
+steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu
+beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven
+Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden
+Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen
+Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der
+endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd,
+wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es
+sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.
+
+Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen.
+Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein
+fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die
+fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem
+privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien
+privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld
+aus allen Taschen.
+
+So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers
+Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm,
+als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann
+hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn
+eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich
+schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel
+hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich,
+machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch
+viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig
+possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem
+ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.
+
+Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke.
+Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins
+Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das
+Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war
+da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.
+
+ * * * * *
+
+In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte.
+Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen,
+jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten
+eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine
+Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als
+die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie,
+Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
+durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert
+überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das
+Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft
+Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und
+ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte
+Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit
+Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz
+zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien
+Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet.
+Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.
+
+Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete
+jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann,
+mit der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine
+Französin zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im
+Oberamt Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen
+Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter
+Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter
+rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr
+nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu
+leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz,
+meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland
+geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber
+Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und
+Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von
+den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor,
+wen er für gut hielt. Und er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er
+liebte, und sein Haus und Tagewerk gedieh.
+
+Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa in
+Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und
+Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht.
+Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine
+Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll
+gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann,
+hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien
+in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische
+hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart
+auf die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in
+diesen Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner
+gern gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht
+daran, diese Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der
+Schertlin wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert,
+ihre Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht,
+daß sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der
+Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine
+Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die
+Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es wurden
+von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben erhoben.
+
+Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte
+unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er
+sich nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem
+sie hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph
+Adam freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran,
+und auch an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die
+Hand des Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und
+Johann Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts,
+an der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem
+Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können,
+den er für sie träumte.
+
+Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu
+fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach
+Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück.
+Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung
+von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf
+Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen
+Menschen herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief
+Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den
+Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war
+Kriegsverbrechen, Hochverrat.
+
+Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst
+wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren
+zu stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er
+aufgehoben, auf den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein
+Militärgericht werde ihn aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.
+
+In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid der
+Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten
+Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten,
+die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein
+ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig
+Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur
+immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung,
+spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in
+ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den
+Süß aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart,
+das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.
+
+Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst
+nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.
+
+Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition
+französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle
+des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen,
+Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin.
+Das war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus
+einem Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens-
+und Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm.
+Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr
+lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten,
+redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie
+nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen.
+So aber, wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug
+von ihrem Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile
+reglos, totenhaft fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich,
+daß sie nicht eh bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf
+er sich glatt und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief
+verneigte: „Dann also nicht!“ sie höflich zur Tür geleitete und ihr
+Abschied nehmend die Hand küßte.
+
+Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre
+durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer
+Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für
+immer erlahmen mußte.
+
+In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte
+sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie,
+daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie
+nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er
+nicht Glanz und Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie
+hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen
+lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden war. Sie
+verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß
+zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann Ulrich
+war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich kein Wort,
+nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte gegen den Süß,
+schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es war hohles
+Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter, hochmütiger
+Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er zerknickt und
+ohne Kraft war und nie etwas tun werde.
+
+Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert,
+versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner
+erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in
+seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht
+die Frau, den Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz
+abgelehnt. Auch die anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz.
+Verkauft die Häuser in Urach und Stuttgart, verkauft die Weinberge und
+Felder. Nur der alte Christoph Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den
+großen, verwitternden Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem
+Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit
+dürrer, doch nicht zitternder Hand.
+
+Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß von
+Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem
+Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die
+Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er
+schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in
+Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich,
+fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische
+Wirtschaft. Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer
+strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt
+in jeder Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher
+Stelle einen Wink bekommen haben.
+
+Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie
+früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine
+Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie
+karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in
+Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur
+stockend.
+
+ * * * * *
+
+Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen
+Kaftan, aufdringlich am Aermel trug er das württembergische
+Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das _S_ mit dem Horn. Die
+glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild
+zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem
+schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein
+Haus. Der Mann im Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden
+Pagoden, sah mit aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph
+des Merkur, klopfte mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute
+Assjadah, schritt durch die beiden Pagen, die Söhne des
+Domänenpräsidenten Lamprechts, die in Haltung am Eingang zu den
+Privatgemächern standen. Prüfte mit den Fingern die kostbaren Stoffe der
+Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis die Preise. Stand
+kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles,
+äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen.“ Aber
+aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht
+geschlafen zu haben?“
+
+Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein
+Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er
+lauerte auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem
+Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende,
+quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die
+fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“
+
+Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des
+Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine
+erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß,
+üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der
+Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die
+Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.
+
+„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig
+Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt dreißig
+Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich
+begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites
+Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“
+
+Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war
+nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was
+kein Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der
+schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein
+lustig über ihn. Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er
+konnte nur schweigen. Sicherlich wird er auch wieder von den
+altmodischen Geschichten anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn
+und Bezug sind, dem Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei.
+Und er, Süß, mußte das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu
+machen ohne Isaak Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden
+Burschen beiseite drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er
+einen an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.
+
+Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich,
+schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte
+viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues
+wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch
+so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles
+Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er das
+schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der
+Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger
+füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der
+andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.
+
+Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf
+den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere
+jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache
+mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte
+jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und
+seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen
+Juden mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem
+aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des
+großen Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu
+ihm, wies alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und
+ungnädig zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen
+Osiander aus dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen
+groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte
+doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet,
+der Rest nackt und bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht
+mehr ins Herzogtum gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“
+sagte Isaak Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt,
+nagt. Einer nagt am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt,
+nagt, solang sie Euch dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes
+Lachen.
+
+Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich
+verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige
+Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem
+Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen
+Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie
+sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach
+gelegentlichen Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs
+ausgemalt.
+
+Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats
+ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe
+gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es
+sei nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von
+der Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug,
+daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle
+Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an
+dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter
+gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit
+ihm nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der
+Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre
+Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei
+seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit
+ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.
+
+Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise
+Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den
+andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem
+Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war,
+schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene
+Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident
+zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater
+erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten.
+Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu
+sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel
+lebendig werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen,
+gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild
+und gekitzelt.
+
+Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah,
+daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure
+Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der
+ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große
+Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn
+das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken
+Brauen. Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte
+er, ob er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem
+alten, servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.
+
+Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu
+dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und
+Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um
+sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das
+holperichte Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem
+bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt,
+breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur
+Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort
+zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre
+Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die
+Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul
+schleifte das blonde, üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig,
+schief, gehässig nach Magdalen Sibylle.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von
+Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder
+peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die
+Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des
+Süß.
+
+Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das
+Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum
+Oeffnen der Wagentüren.
+
+In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an
+denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von
+Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste
+der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval
+aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen
+Sitz für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als
+sonst in Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der
+privaten Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die
+ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs
+waren zu diesem Fest geladen.
+
+Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt
+sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas
+von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die
+Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der
+spanischen Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber
+Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken,
+pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger,
+wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener
+vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der
+internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und
+Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber
+pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den
+mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt,
+doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu
+possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten
+Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der General
+klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen; aber er
+weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn
+wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern
+schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.
+
+Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk,
+undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und
+Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige
+Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich
+alles Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der
+Fürst ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer,
+eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines
+genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er
+besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat
+offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen
+Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat
+jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot
+gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß
+jedenfalls sein weinrotes Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch
+neben dem verärgerten Fürsten watschelt klein, dick und unscheinbar der
+Geheimrat Fichtel, mit Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in
+Stuttgart; er steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt
+unter dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der
+kleinen, fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu.
+
+Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf
+in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg
+heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt
+durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom
+Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß
+veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler
+einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten
+Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender,
+verschollener Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.
+
+Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor.
+Karl Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held
+mächtig und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem
+üppigen pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich
+züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen
+artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer
+feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer
+die Eule.
+
+Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen,
+schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man
+sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite
+seines Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von
+Wuchs, im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel
+abnehmend, sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf
+einen Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche
+Wangen, starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten
+Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick
+einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm
+den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken
+Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder
+vorgenommen hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“
+sagte sie. Da kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem
+Kostüm, sie einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die
+Demoiselle Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude,
+„die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die
+Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste,
+Fanfaren klangen.
+
+Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der
+Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“.
+Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella
+Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett,
+gelbes, hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte
+sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst
+Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der
+Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem
+Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot
+sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß
+er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl
+Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte
+was wie: Auf später, auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für
+heute eine andere im Sinn lag. Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre
+strahlende, beflissene Maske zu wahren, und als sie dann den Süß allein
+zu sprechen kriegte, sprang sie ihm fast ins Gesicht.
+
+Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum abgenommen.
+Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das nervöse,
+zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater
+hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den
+Teufel zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz
+zerrissen und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben.
+Wäre sie dem Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem
+Bissen und kann ihn nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war
+Eitelkeit und Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott
+hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat
+sie eine nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber
+Gott schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier.
+Sie starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft
+bleibt leer, kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist
+schlaff und kahl und dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie
+klingen nicht und sie packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der
+Heiligen, Blinden, aber sie kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist
+ein armes, krankes, altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft
+ist um sie her.
+
+Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals nach
+ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den
+Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn
+gesehen, auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah,
+sehr glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des
+Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm
+nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte,
+ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.
+
+Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun
+war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte
+sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher
+Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge
+Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm
+die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden
+Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine
+Niederlage.
+
+Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte
+Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die
+starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen
+Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war
+eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das
+hätte Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein
+feines Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der
+vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war
+ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte
+die Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm
+vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge,
+besondere Schwäbin.
+
+Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll
+Pracht. Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen
+aus den Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte
+Speisen, starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem
+Wunderwerk von Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die
+drei Göttinnen, aber Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der
+Herzogin den Apfel. Der Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem
+türkischen Kostüm, bringt einen Toast aus, in ganz pfiffigen
+Alexandrinern, voll von feinen, boshaften Spitzen gegen die Landschaft,
+und die katholischen Offiziere huldigen lärmend dem Herzog.
+
+Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen
+possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt
+hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein
+um Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange
+Mensch, die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote,
+entfleischte Gesicht auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der
+altertümlichen Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid
+die länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft.
+Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten
+Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und
+Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die einzelnen
+Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß
+die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine Offerten so oft unterboten,
+ihm so manchen Handel gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar
+gemacht hatte. Angewidert sah er und kalt überschauert die ausgeglühte
+Leidenschaft, mit der Dom Bartelemi die flirrenden Steine durch seine
+langen, dürren, blauroten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie
+beschielten sich, zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer
+erfahren der eine, der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder.
+
+„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen
+den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und,
+den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner
+kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für
+den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß.
+„Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese.
+„Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom
+Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich
+mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“
+
+Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein
+herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht
+schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus
+Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte,
+und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des
+Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte.
+
+Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den
+bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit
+Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen,
+beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter
+Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor,
+Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat
+Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee
+ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen
+läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den
+Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen.
+
+Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat
+stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein
+Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf
+irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es
+fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das
+erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem
+Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr
+jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man
+brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein
+einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von
+ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß
+erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und
+Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos
+ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er
+mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die
+Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel
+und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch
+nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und
+nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut,
+und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte
+dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation
+machte, jovial und gnädig zu.
+
+Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre
+Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner
+Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse,
+ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den
+schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript
+unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung
+sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die
+Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung,
+habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine
+Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen
+Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel
+für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen
+Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl
+Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine
+Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst
+wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt,
+auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu
+glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig,
+und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott
+verwarf sie.
+
+Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle
+nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe
+er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen
+Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen
+Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation
+mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen
+Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben
+Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei
+nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen
+drangen zügellos auf sie ein.
+
+Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und
+Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm
+erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen
+und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes,
+Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen,
+geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an
+der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen,
+gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick,
+erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer
+Durchlaucht aufzuwarten.
+
+Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von
+Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond,
+dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm,
+mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth
+Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich
+ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und
+langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen,
+schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich,
+in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen
+Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen,
+ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg
+und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne,
+üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten,
+ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich,
+offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des
+Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in
+seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen;
+gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin
+sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine
+Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu
+erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen;
+die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er
+lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus
+seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die
+zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend
+entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von
+Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme
+Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes
+Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden
+beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein
+stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber,
+Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser
+Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und
+zärtlichen Interesses zu ihm auf.
+
+In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt,
+wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das
+Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen
+Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie
+näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend
+die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle
+hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich,
+wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war
+wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das
+Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die
+gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem.
+Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos
+konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung,
+Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die
+Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen,
+Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand
+die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die
+Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die
+Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte
+der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder
+keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin,
+unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und
+konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe
+vorbeiführte, ihm zublinzelte.
+
+Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man
+aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das
+Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett
+mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen
+allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg
+gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit
+dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach
+den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren
+Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.
+
+Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster
+die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von
+all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich
+vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt,
+daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu
+schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.
+
+Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann
+an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen
+Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im
+besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte
+Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat
+keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu
+Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit
+sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich
+zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja
+nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.
+
+„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner
+dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner
+Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück
+hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie
+vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer
+Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo
+ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben,
+meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem
+schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist
+meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder
+sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr,
+die groß und gerötet auf dem Diwan saß.
+
+„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich
+mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich
+weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen,
+daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu
+unterwerfen.“
+
+Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er
+verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede
+kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum
+erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß
+Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach
+einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube,
+Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein
+ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn
+dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie
+befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem,
+sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte
+ihm im Eifer die Hand hin.
+
+Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische
+Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch
+präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als
+plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt,
+hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend.
+Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und
+auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: _Ma
+vie pour mon souverain_, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht
+stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer,
+unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes
+Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich
+verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst.
+Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung,
+wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen.
+Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den
+kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem
+hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre
+Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig,
+behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie
+fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte
+sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten
+Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend
+flatterte der Papagei.
+
+Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener
+Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte,
+halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz,
+selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen
+nicht höher.
+
+Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen
+Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem
+kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte,
+und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der
+Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der
+Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in
+einer Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die
+zynischen Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd
+erwiderten. Die kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und
+verderbt, hatte sich an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht.
+Sie tat, als wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle,
+schmeichle sie nur wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und
+Geweses um ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der
+gleichfarbigen Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein
+Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die
+Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit schon
+verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, alten,
+reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der
+Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von
+Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und während
+sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie noch
+Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den
+jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu
+zwingen.
+
+Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat Fichtel
+waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt trank
+der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von dem
+schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei Süß
+zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit
+düsterer Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen,
+zusammengestapelten Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die
+absolutistischen Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter
+Selbstverständlichkeit entwickelte.
+
+Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er
+schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den
+und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte
+Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen
+Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.
+
+Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei
+anderen Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt
+hastig auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin,
+die Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres
+und kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich
+aus der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten,
+die Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus
+selbst sich um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem
+unentwegten, frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu
+zittern, mußte sich setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte
+unvermittelt, immer lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen
+Kirchenratspräsidenten ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und
+Orden würden wohl nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte
+ein paarmal auf eine seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit
+höflichem, leicht verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann
+sehr plötzlich, die Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß
+anzuschauen, von seinem geräumigen Haus in Hirsau zu erzählen. Er malte
+den behaglichen Landsitz: Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof
+wohlbestellt, dörflicher Friede; wie er dort an seinem Neuen Testament
+gearbeitet, in Muße, die Händel der Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab
+und zu ein bißchen Schaum, man genießt ihn kennerisch; und wie zwischen
+all dem schlicht und still und sachlich und erfüllt seine Tochter
+herumgegangen sei.
+
+Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete,
+verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus,
+der elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie
+zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend vor
+dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf und
+ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein
+Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so
+sentimentalisch sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte
+eifrig, sich zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am
+Leben, Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine
+Tage nicht. Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz
+eingerichtet.“ Er versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es
+muß ein sehr rastloser Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat
+mich nie stille stehen lassen, hat mich durch viele Länder und übers
+Meer gejagt und hat mich heißen allen Kreaturen Gottes und des Satans in
+die Töpfe gucken. Ah, meine Souvenirs!“
+
+Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es,
+daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten
+braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er
+plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer
+versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden
+Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren
+bräunlich kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem
+dunklen Haar sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht
+hinein hörte er die sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die
+Dinge heute abend liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit
+aller Bestimmtheit in Aussicht stellen.“
+
+Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen und
+verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte
+bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und
+zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor
+ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie immer, nur war alles,
+was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus
+gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich,
+freundlich, er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht
+und diplomatisch mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine
+abgründige und sehr feine Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere
+und obszönere. Aber alle diese Stimmen klangen seltsam mechanisch und
+scheppernd und die Menschen gingen puppenhaft und sehr künstlich und
+alles war wie aus Wachs. Auch der Herzog, der jetzt wieder schwer und
+groß und mit müden, schlaffen und gelösten Gliedern, mehr hinkend als
+sonst, im Saal war, schien ihm wie eine Wachspuppe, wie hinter Rauch und
+Nebel.
+
+Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue
+Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen
+stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen,
+flatternden Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog
+in den Weg, der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen,
+ob es vielleicht doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn
+nicht, er wollte ihn offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er
+ging, trotzdem Weißensee ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich
+hinschauend an ihm vorbei, mit einem merkwürdig scheuen und
+gewalttätigen Rülpsen.
+
+Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine
+stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß
+und soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn
+Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein,
+zeremoniös auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann
+saßen die beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der
+junge, plumpe, in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde,
+enttäuschte, und sie waren stumm und starrten in das festliche und
+überhitzte Getriebe und tranken.
+
+Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl
+hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl
+ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über
+seine Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß
+jeder es sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner
+Frau, die ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie
+mühelos als ein stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den
+Pharaotischen vorbei, wo glühende und über die Störung im geheimen sehr
+erboste Spieler sich ehrfürchtig erhoben, und versicherte, daß er sich
+heute abend außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er
+stürzte durstig zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr
+betrunken. Er machte sich an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in
+der Napolitanerin aufging, was Karl Alexander anerkennend und gönnerisch
+zur Kenntnis nahm. Er fiel dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte
+zärtlich: „Euer Liebden! Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden
+so jung fühlen.“ Dann prahlte er eitel und sentimental mit seiner
+italienischen Jugend, seiner lombardischen Kampagne, seinen
+venezianischen Aventüren. Cassano hat er zwar mit dem lahmen Fuß
+bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher Preis. Ah, Venedig, Venedig!
+Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht, und Frauen und Duelle und hohe
+Politik und Alchimisten und Geisterseher und die Lagune und die Paläste
+und über allem die heimliche Hand der Zehn. Sie, die Graziella Vitali,
+ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein wohliges, rasches, welsches
+Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen die Napolitanerin ab,
+eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden nicht schlecht,“ lallte
+er, „es geht mir auch nicht schlecht. _Suum cuique! Suum cuique!_ Der
+Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf ein Plätzchen
+gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er tätschelt
+anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin und
+gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im
+Begriff sei.
+
+Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl
+Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern,
+klotzig und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der
+Laune, sich von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten,
+erzählen zu lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in
+den hohen Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist,
+seinen Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese
+Tafeln und prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen
+Herren gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland
+stand ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders
+dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum
+Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr
+verpflichtet, muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein
+Narr wie Isaak Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen;
+aber er denkt auch nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige
+Mittel eines Glaubenswechsels Titel und Rang zu schaffen. Durch sein
+Genie, nur durch sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er
+hat rechtzeitig auf den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz
+gering. Er wird auch die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu
+steigen sind. Er wird Jude bleiben und wird trotzdem, und gerade das
+wird sein Triumph sein, adlig sein und Landhofmeister und den rechten
+Platz im Herzogtum einnehmen in aller Form und vor aller Welt.
+
+Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten, huldigenden
+Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der Geigen, die
+Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der Frauen, der
+seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein Fest,
+träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein
+verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein
+Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz.
+Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt
+rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er
+hört keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern
+nebelhaften, grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend,
+schreitet sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand
+schleift, stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber,
+durch viele Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der
+kopfwackelnd, dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine
+setzt?
+
+Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen
+Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen
+langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige,
+makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der
+Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab,
+den Solitär?“
+
+Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas
+Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten
+Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke
+mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer
+Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen,
+streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem
+herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr
+anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido
+auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut,
+immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.
+
+Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer
+kleinen Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand
+auf einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend
+um ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch
+hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen
+Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord-
+und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.
+
+Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in
+Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe
+zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern
+besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt
+zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“
+worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann
+Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht,
+denn jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und
+verachtungsvollen Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war
+schließlich in das Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen.
+Etliche von seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun
+draußen im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die
+Straße fiel, die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt
+vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun,
+mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache
+geführt würde. Der aber stand eben inmitten der seidenen Gäste,
+schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, maßlos und unflätig
+schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei übergeben; doch Süß, wie er
+hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, ihn für diese Nacht ins
+Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen seiner Frau nach Urach
+heimzuschicken.
+
+Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der
+Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt
+endlich gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt
+sich abseits mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu
+reden. Er schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat
+das Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt
+warm, weindunstig, rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem
+ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater
+Bissen!“ schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er
+mir die hat eingeladen. Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht
+mangeln lassen. Ein deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein
+delikater Bissen!“ Er schilderte Magdalen Sibylle, malte mit seinen
+roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem schmalen Rücken und dem
+kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste.
+„Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und
+ist eiskalt, wenn sie sich dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine,
+gelbe, geschwinde Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten
+Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im
+Mundwinkel. „Das da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag
+Seine Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er
+gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine
+Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und
+knickt einem nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und
+sentimental zurück. „Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit
+einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte
+er lallend, sank ein wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.
+
+Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da
+begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat
+sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst
+du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm,
+still zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter:
+„An deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat
+sie, das Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte
+ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte,
+hintertückische! Soll er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und
+ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!“
+
+Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine
+abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam,
+betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze,
+statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den
+siebenhundert Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir
+kann einer prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich
+wag’s! Ich bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von
+Gottes Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von
+Gottes Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.
+
+Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt.
+„Wie ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte,
+röchelte, schlief ein.
+
+Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und
+Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo
+Johann Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane,
+ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das
+schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf
+auffuhr, vor sich hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und
+weitertrug.
+
+
+
+
+ Drittes Buch Die Juden
+
+
+In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden
+groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und
+Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe
+nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika.
+Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen
+Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente.
+
+Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten
+Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden
+erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben
+worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem
+saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert Deutsche kam Ein
+Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten
+sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war
+ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der Aemter drängten
+sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten
+sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren,
+steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in
+engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten sie zu, Abend
+um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht zusammengepreßt saßen sie;
+sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht weiteren Raum. Da sie
+nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in die Höhe,
+Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter wurden ihre
+Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum; ohne Sonne
+standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem,
+seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren
+Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren
+grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten
+den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen
+ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie
+gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt
+vom flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem
+Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit,
+jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie
+sich, die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am
+andern, einer des andern Feind, einer im andern verfilzt. Denn jedes
+einzelnen kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden.
+
+Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen
+hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der
+Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in
+Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild,
+zwischen lauter wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld.
+Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos,
+der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen
+lächerlichen, spitzen Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten
+ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz
+und die schwäbischen Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß
+und stattlich werden; es wuchsen in der Sonne des brandenburgischen
+Kurfürsten die Lipmann Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers
+die Oppenheimer.
+
+Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen
+Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die
+die Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren
+Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten,
+verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die
+jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des
+Sultans von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und
+Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers
+des Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten,
+und der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den
+Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung
+gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen
+war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche
+hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es
+allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere
+Bewußtsein von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der
+Macht. Sie waren solange klein und gering gesessen unter den Völkern der
+Erde, zwerghaft, lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben
+und Macht erleiden ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten
+nicht einer um den anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die
+Gewaltlosen, hatten der Welt ihr Gesicht gegeben.
+
+Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der
+Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die
+Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht
+mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche
+Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene
+Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es
+als zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter
+davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und
+ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn
+des Buches.
+
+Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie
+zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame
+Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen
+Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune,
+weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte,
+gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken
+und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über
+die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches.
+Vielfältig ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins
+aber und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche,
+Jahve. Manchmal wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es
+stak in jedem, und in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich
+ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es da, und was
+von einem zum andern flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit
+Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie
+eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schlossen ihn mit ihm; als erstes
+den Säugling lehrten sie das Wort, und der Sterbende verröchelte mit dem
+Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft, die gehäuften Qualen ihres Wegs
+zu überdauern. Blaß und heimlich lächelten sie über die Macht Edoms,
+über seine Raserei und den Wahnsinn seines Geweses und Getriebes. Dies
+alles verging; was blieb, war das Wort.
+
+Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war
+ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern
+vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen
+rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein.
+
+Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn Buchstaben
+hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen, geprüft und
+erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten sich
+martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch ganz ihr
+eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen sie,
+bekannten sie, die Stolzen, herrenhaft Schreitenden so überzeugt wie die
+Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch.
+
+ * * * * *
+
+Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke,
+flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen,
+spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein
+Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er
+betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam
+der Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach
+dem Befinden der Demoiselle.
+
+Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging
+stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt
+die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie
+sagte guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie
+kümmerte sich nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem
+Vater nicht, zu niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es
+kam vor, daß sie ihren Vater tagelang nicht sah.
+
+Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war
+nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er
+war flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen
+vom engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit
+Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann
+war und sein Freund. Er wagte es nicht.
+
+Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich
+herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme?
+Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte
+keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang
+zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl
+Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren
+seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran
+dachte, ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam,
+wußte sie nicht mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus
+nicht haßte. Er war wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm
+und mächtig groß und in sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den
+Augen eines solchen Tiers, wie fremd und unerreichlich anders es war,
+manchmal fühlte man sich ihm nah. Aber man haßte es nicht und niemals.
+
+Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen
+dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein
+Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch
+Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber
+doch ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben
+und Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches,
+albernes Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine
+Blume.
+
+Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren
+Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe,
+nicht dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war
+eben blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die
+daherpredigte! Du hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig
+beflissen, und war kein schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein
+Tier, rot, weindunstend, schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt
+seinen Schmutz und Glitsch in dich: und du kannst es nicht hassen.
+Erklär das doch! Deut das doch aus!
+
+Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee
+sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam
+nicht. Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der
+Herzog ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld
+und seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu
+sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen
+Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin
+bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog
+habe nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr
+gefunden, und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit
+hineinreden. Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem
+Ahasverus. Magdalen Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde
+richtete sanft und ohne Verständnis die erloschenen Augen auf sie.
+
+Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es
+war alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und
+hatten sich wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig
+und wichtig herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne
+Verstand, hatte nicht mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein
+Bub in eine Schachtel gesperrt hat.
+
+Sie saß bei Karl Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die
+Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie
+zu einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie
+tat, sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich
+weiter um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein
+Stier, wartete darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er
+sie nehmen werde. Im Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war,
+wurde er zornig. Gewiß, eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach
+beleidigt zu tun, das war in aller Welt so. Aber schließlich war es doch
+etwas, seine, des Herzogs von Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar
+wie die hatte keine getan, so ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch
+nie passiert. Er wurde heftig. Sie sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch
+nicht mit Hoheit; aber es war ein so abgründiger, ätzender Hohn darin,
+er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor wie ein heruntergeputzter
+kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich, zärtlich. Sie schwieg.
+Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen, ohne sich zu
+wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe heruntergeleitete
+an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den Gesichtern, so wie
+eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie.
+
+Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie
+hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte
+sich öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine
+anständige, schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch
+der Heiligkeit stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu
+seiner schönen Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische
+Mätresse hatte, versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es
+machte manches wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die
+Bürger zogen die Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch.
+
+Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen
+stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren
+Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an
+seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer
+gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater
+des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf.
+
+Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück. Wie
+wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt, wie
+sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen
+aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier.
+Immer noch blieb Karl Alexander das gleichgültige, mit leichtem
+Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und
+ihre Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der
+Herzog, bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für
+sie. Man haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die
+man ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war
+verantwortlich, der wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog,
+zählte genau, war hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles
+Böse. Es war ein rechtes Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen,
+die sie damals im Wald von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick
+aufgeschüttert hatte. Er wußte sehr gut, der freche, glatte, gescheite,
+ruchlose, eiskalte Teufel, der er war, wußte so gut wie sie, daß sie um
+ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm hingeglitten wäre, daß alle
+ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften Gott- und Teufel-Träume
+sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst hätten, wenn er nur die
+Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen, seine wahrhafte Neigung
+nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen Brocken Geld oder Titel von
+dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute einer nicht, so sprach und
+neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht echt war. Wenn einer aus
+einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine Untertanen verelendete, Frauen
+vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war keine Verantwortung. Aber
+jener andere, der sein Gefühl verschacherte, pfui! pfui! das war das
+wahrhaft Jüdische und Teuflische.
+
+Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend
+anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er
+wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur
+sie gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen
+zerteilt, war viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst
+wenn er es gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines
+Seins, seine Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen,
+auch nur der Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen.
+
+Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es
+wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur
+tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn
+doppelt.
+
+Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle
+interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel
+ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der
+Herzog sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, sie ihn nur
+kalt und leidend gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so
+betastete sie doppelt neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren
+Widerspiel der blauen Augen und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle
+spürte das Wohlwollen, das von Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und
+ließ es sich lässig gefallen. Die Herzogin, wie getrieben, schmiegte und
+schmeichelte sich immer enger an sie heran, sie gab sich wie eine
+jüngere Schwester, legte den Arm vertraulich um die Taille der andern,
+zeigte, sie, die sonst an allen Frauen gern ihre selbstsichere, spitze
+Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für die schöne Herzdame ihres
+Mannes.
+
+Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie
+war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären.
+Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen
+beschäftigt wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der
+philadelphischen Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu
+haben. Sie, Marie Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie
+wußte von Gott eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand
+sich so recht nur auf gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel
+müßte Magdalen Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe
+die braunen, schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz
+einverstanden.
+
+Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen
+Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie
+übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot
+verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel
+Haare wie der Herzog.“
+
+Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide
+glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit
+den länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war
+harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet,
+ihr einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße
+Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und
+mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr
+geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der
+wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat
+nach ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt
+anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man
+einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner
+Neigung gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er,
+und das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es
+stand an ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war
+und mit seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor
+allem über plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf
+den sie sehr stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die
+insolentesten Komplimente zu sagen wußte.
+
+Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie
+sah Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und
+sie reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr
+glücklich.
+
+Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden
+Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt
+viel tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und
+lächelt.
+
+ * * * * *
+
+Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und
+Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums. Es
+war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall im
+Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit
+Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen
+edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus
+dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit zierlich
+gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit Kornblumen,
+gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr künstlich: „Süß
+Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“
+
+Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich
+und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr
+eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement
+amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen
+davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war.
+
+Auch in dem Forst von Hirsau, in der großen Wiese der Lichtung nahe bei
+dem Holzzaun des Hauses mit den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die
+Inschrift gesät. Es war ein junger Mensch, und er saß in der
+Brüdergemeinde des Magisters Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem
+Bibelkollegium war es seit dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und fahl
+geworden. Wohl waren es stille, demütige und bescheidene Menschen, die
+da zusammensaßen. Aber daß die Tochter des Prälaten unter ihnen war,
+hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging
+es in dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so
+merkwürdige Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und
+wenngleich es den frommen Seelen fern lag, von ihrer weiland Schwester
+Böses zu glauben, so trugen diese Gerüchte jedenfalls dazu bei, den Haß
+und den Abscheu zu nähren gegen den Herodes, den Herzog, und seinen
+Trabanten, den Juden, als welcher offenbar der leibhaftige Satanas war.
+Aus solchem christlichen Abscheu heraus hatte der junge Bauer säuberlich
+und gewissenhaft mit Blumen in die Waldlichtung geschrieben: „Josef Süß
+Saujud Und Satanas.“
+
+Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit Magdalen Sibylle
+eine Tröstung und großes Licht erloschen. Bei aller Demut und
+Niedrigkeit spürte er doch zwischen sich und Magdalen Sibylle ein
+heimliches, einverstehendes Wissen, das ihn über die anderen hoch
+hinaushob. Sicherlich ahnte ihr von seinem großen, seligen Geheimnis,
+und so ging der fette, stille, pausbäckige Mensch sanft und gehoben
+neben ihr her. Es war so schön gewesen, jemanden mit solcher Ahnung
+neben sich zu wissen, es war gewiß kein unfrommer Stolz, sich auf diese
+Art gewissermaßen bestätigt zu fühlen. Er liebte die Einsamkeit mit
+Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm doch sehr ab, und jetzt erst war es
+ihm so recht leid, daß an der Geldforderung des Gratialamts seine
+Bewerbung um die herzogliche Bibliothekarstelle gescheitert war, und
+jetzt erst hob sich in ihm neben dem allgemeinen Abscheu gegen Süß ein
+höchst persönlicher, kräftiger Haß, dessen Unchristlichkeit er sich oft
+zerknirscht vorwarf. Er konnte ihn aber nicht loswerden, und wenn er im
+Wald seine sinnierenden Spaziergänge machte, so stand er oft in der
+Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte befriedigt die Linien:
+„Josef Süß Saujud Und Satanas“.
+
+Einmal, wie es ihn wieder hingetrieben hatte, fand er, und das Herz
+stockte ihm, einen andern Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das
+blauschwarze, mattweiße, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem.
+Sie lag hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von
+gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie
+ohnmächtig Hingestreckte.
+
+Dem weichherzigen Magister schnürten sich die Eingeweide vor Mitleid. Es
+war keine Frage: hier einzugreifen, war unbedingte Forderung
+christlicher Nächstenliebe. Dennoch brauchte er lange Zeit, bis er die
+Schüchternheit vor der ihm sehr jenseitigen Erscheinung überwand, und
+ganz heimlich fürchtete er bereits, die Prinzessin könnte aus ihrem
+Zusammenbruch auferstehen, eh daß er den Mut gefunden hätte, sie
+anzureden.
+
+Aber schließlich überwand er sich, trat, über eine Wurzel stolpernd,
+näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen:
+„Demoiselle! Demoiselle!“ Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die
+Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die wo anders waren und ihn
+nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß die
+Verstörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und froh über
+diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem zärtlichst
+ergebenen Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe getreten,
+Demoiselle, der arge Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber und
+stinkender Satanas.“
+
+Aber seine freundlich gemeinte Anrede hatte eine erschreckende Wirkung,
+indem nämlich die Zarte aufsprang, ihn anflammte und mit unerwarteter
+Gewalt rief: „Verleumder! Niedriger, giftiger, schleichender
+Verleumder!“ Der Magister tat einen bestürzten, unbeholfenen Sprung
+hinter sich; aber die Dame fuhr mit einer süßen, vorwurfsvollen Stimme
+unter stürzenden Tränen fort: „Und Blumen, unschuldige Blumen
+mißbrauchen zu solchem Gift und Niedrigkeit!“
+
+Den Magister Jaakob Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem
+Himmlischen Jerusalem so verloren weinen sah, überkam eine große
+Unsicherheit und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war
+keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch seine
+Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, Demoiselle.“ Er
+machte erneut etliche Reverenzen, während die Süße, Blauschwarze still
+und strömend vor sich hinweinte und die dickliche Person auf sie
+einsprach und sie wegzuziehen versuchte. Sie stützend, tröstend führte
+sie sie endlich von den unseligen Blumen fort.
+
+Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger
+Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher,
+gekränkt, sich immer wieder verteidigend, es sei doch bekannt in allem
+Land, und es sei nicht böslich vermeint gewesen. Doch das Mädchen, und
+ihre Augen standen groß und wild in dem sehr weißen Gesicht, eiferte:
+„Satanas! Er! Er Satanas! Weiß und rot ist er, hervorragend aus
+Myriaden. Sein Haupt feinstes Gold, seine Locken ringeln sich herab,
+rabenschwarz. Seine Wangen ein würziges Beet, getürmte Wohlgerüche,
+seine Lippen fließende Myrrhe. Goldene Ringe seine Hände, besetzt mit
+Chrysolith, sein Leib von Elfenbein ein Schaft, eingehüllt von
+Saphiren.“ Und heiligste Hingerissenheit und Ueberzeugtheit lächelte von
+ihren Lippen, strahlte von der klaren Stirn, während sie so sprach.
+
+Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte sich
+sogleich wohler und gefaßter. Jetzt konnte er sich auch ihre
+Verstörtheit zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die der Jude
+mit seiner Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Es gab ja so viele
+Liebestränke und arge schwarze Künste, die auch den reinsten Sinn
+verwirrten und ihn dem Teufel zutrieben. Gegen die Mandragorawurzel
+hatte kein noch so weißes Herz eine Wehr, da hätte er für sich selber
+nicht einstehen können. Der Jude war arg aus auf Weiber; wenn auch an
+den Historien über Magdalen Sibylle nichts Wahres sein mochte, daß der
+Jude sie mit Zauberkünsten zu verlocken suchte, soviel war gewiß. Und
+diese also, die Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem, war sicherlich
+ein Opfer von ihm. Wie rein und lauter sie war, erhellte daraus, daß sie
+jetzt noch, in ihrer Verstrickung und tiefem Fall, die Bibel zitierte.
+Die heiligen Worte flossen süß und lieblich von ihren Lippen; bestimmt
+war Beelzebub ihr in heiliger, englischer Vermummung genaht, als er sie
+verlockte.
+
+Den pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er
+diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang Magdalen
+Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. Jetzt
+schickte ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, diese zarte
+und feine Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und gefräßigen
+Satanas zu retten. Er begann weitschweifig und behutsam von der Freude,
+die im Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf die büßende Magdalena
+und endete schließlich bei den feinen und schlauen Schlingen, vor denen
+auch der Reinste und Zarteste nicht sicher sei. Denn der Feind, der
+Satanas und Buhler –
+
+Aber da warf ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch
+viel schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler,“ glühte
+sie, während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich zurückzuhalten
+suchte. „Das ist schwarze, niedrige, scheusälige Verleumdung.“
+
+Das freundliche, pausbäckige Gesicht des Magisters wurde ganz gelb und
+fahl. Der Jude ihr Vater! Der moosichte Boden unter ihm hob und senkte
+sich, die Bäume fielen um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der
+Jude ihr Vater! Seine ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf.
+
+Wie ihm langsam Ueberlegung und Verstand zurückkehrte, sagte er sich,
+wenn der Jude eine solche Tochter habe, sei doch wohl vieles Fabel und
+tückisches Geschwätz, was von ihm in Schwang und Gerede sei. Die Welt
+ist übel, die Zungen sind vergiftete Schwerter, manch einer wurde für
+einen Herodes und Barrabas hingestellt und war hernach nicht viel anders
+als unsereins. Immerhin, die Tatsache blieb, daß man ihm, der fromm und
+demütig war, die Bibliothekarstelle verweigert hatte, bloß weil er ohne
+Geld war. Und diese Institution war bestimmt eine Einführung des Juden.
+Und wenn auch die Jungfrau hier rein und unschuldig einherging, sehr
+viele andere Werke des Juden waren heillos und verrucht und ebenso mit
+Augen zu schauen wie dieses freilich sehr weiße und englische Bild.
+
+Das Kind hatte die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah,“
+rief sie, „jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist.
+Fürchtet Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt
+gegen seine armseligen Schwärzer und Verleumder.“
+
+Aber das ließ sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er
+sei demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne er
+nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein wütiger
+Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen werfen lassen,
+Gott werde er doch immer die Ehre geben.
+
+Unter solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und die
+Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Sie nahm ihn beiseit, und mit
+ungefügen, holperigen Worten in fremdartigem Akzent beschwor sie ihn,
+der Kleinen nicht zu glauben. Sie sei natürlich nicht die Tochter des
+Finanzdirektors, sie träume sich das nur so zusammen. Und er solle um
+des Himmels willen keinem Menschen von der Sache erzählen. Dem Magister,
+der sonst sehr langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und
+dem ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen
+Sekunden für immer vergehen werde, und da faßte er unerwartet einen gar
+nicht demütigen Entschluß. Er sagte, er sei es seiner christlichen Ehre
+schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, daß er kein
+schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu solchem Behuf unbedingt
+noch einmal und ausführlich sprechen. Nur wenn ihm das eingeräumt werde,
+verpflichte er sich, reinen Mund zu halten. Die Dickliche, unter solchem
+Druck, sagte zaudernd für einen spätern Tag zu und verschwand mit der
+Prinzessin, die wieder klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme,
+unschuldige Blumen!“
+
+Um Jaakob Polykarp Schober aber war von jenem Tag an viel Wichtigkeit
+und Gehobenheit. Gott hatte ihn an den Hebel großer und schwerer
+Ereignisse gestellt. Denn es war klar, daß die Prinzessin doch die
+Tochter der hebräischen Exzellenz war, und was das dickliche
+Frauenzimmer geredet hatte, war Schwatz, und er war klug, ihn führte man
+nicht so leicht hinters Licht. Und nun liegt es an ihm, die Seele der
+Jungfrau zu retten, ja, vielleicht wird er auf diesem Weg an den Juden
+selber gelangen und ihm ins Gewissen reden; denn es ist doch keineswegs
+ausgemacht, daß ein Jud von vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der
+Herr Zebaoth seiner Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn
+das ganze Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden.
+
+In solcher Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war
+voll Gehobenheit, und es war großes Licht um ihn. Er ließ sich auch in
+seiner Zuversicht nicht stören, als er hörte, daß die Bibliothekarstelle
+mit einem ganz Unwürdigen besetzt wurde, der außer seinen Talern
+keinerlei Eignung mitbrachte. Die Gnade war jetzt sichtbarlich über ihm,
+seine Rede floß ihm lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm
+die Worte zu Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von
+der Besetzung der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen
+und Gottvertrauen“ betitelte, und das mit den Versen anhub:
+
+ Solang es anoch eine Krähe,
+ Solang es einen Sperling gibt,
+ Solang ich andere Tiere sehe,
+ Solange bin ich unbetrübt.
+ Wenn die nicht ohne Nahrung sind,
+ Warum denn ich als Gotteskind?
+
+Und ein anderes hieß „Jesus, der beste Rechenmeister“ und bekannte:
+
+ Mein Jesus kann addieren
+ Und kann multiplizieren
+ Auch da, wo lauter Nullen sind.
+
+Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die Brüder und
+Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen Lebenslagen,
+wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig verkauften und wenn
+sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den Jaakob Polykarp Schober
+befriedigte das bei aller Demut sehr, und es tröstete ihn über den
+Weggang Magdalen Sibyllens.
+
+ * * * * *
+
+Jantje, die fette Zofe, erzählte schuldbewußt Rabbi Gabriel von dem
+unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, schwieg.
+
+Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern mürrische
+Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten über der
+Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz ihn,
+Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr lügen
+konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er
+hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten.
+Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das.
+
+Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen Mann.
+Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen
+schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg.
+
+Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in
+großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte ihm
+nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften
+schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die
+Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er
+war, und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde,
+kluge, den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die
+künftige Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit
+nicht ein. Oh, wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor
+seinen feuervollen Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des
+dicken jungen Menschen.
+
+Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria
+Aschkinasi, des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem
+Menschenleib nicht nur Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht,
+sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem
+Körper zu neuer Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist
+ihre gegenseitige Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen
+sie die neue Wanderung erleiden.“
+
+Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder
+zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der
+maßlosen Berglandschaft, des Steins, der Oednis, des zerschrundeten
+Eises. Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die
+schattende Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis
+verstreuten Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er
+suchte die Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war.
+
+Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in
+jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die
+kleinen, üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut
+und Fleisch und Haar, nichts sonst.
+
+Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete
+schwer, knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht
+weiter hinauf kann.
+
+ * * * * *
+
+Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels.
+Der Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller
+Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war
+der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie
+seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als
+württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame
+Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes
+nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm
+er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg
+weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der
+Fürstbischof von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen
+Höfen, er war auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche,
+sehr in Sicht.
+
+Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung an
+das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit gebundenen
+Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien ausdrücklich
+auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das
+Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen
+Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an
+Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er
+feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der
+katholische Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine
+Privatandacht.
+
+Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der
+Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen,
+geraden Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz
+des Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr
+und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt
+blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß
+einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und
+kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern
+erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in
+Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten
+Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer
+setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine
+Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu dem
+Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann Jaakob
+Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und
+Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht.
+
+Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten
+Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse
+stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die
+Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am
+Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche
+gesetzliche Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem
+Boden katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine,
+bewegliche, hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf
+dann nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen
+Wirtschaftsgebäude. Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise,
+erschienen. Der kleine Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das
+sei seine neue Livree, er wünsche, die Mode möge recht bald überall im
+Land im Schwang sein. Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach
+Heilbronn ab. Erzwang schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten.
+Schickte dem Grafen durch Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit
+gemessenem Befehl, Kloster und Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen
+damit zu beginnen. Der Graf schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab,
+hetzte ihn mit Hunden den Berg hinunter. Da erschien Moser, der
+stattliche, wichtige, komödiantische Mann, mit einem Detachement
+Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen, zog erst ab, als der Graf,
+heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die militärische Exekution auf
+Heller und Groschen bezahlt hatte. Im Grundstein des Klosters fand man
+eine Schrift, nach der dieses Kloster Stettenfels der Verbreitung des
+alleinseligmachenden katholischen Glaubens und der Bekehrung des
+ketzerischen württembergischen Landes geweiht sein sollte.
+
+Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der
+massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist
+noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch
+immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte:
+„Viele Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen;
+überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk
+lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen
+Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur
+noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und
+Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien
+der Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus
+gewußt. Sie hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen:
+„Verflucht sei der Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht,
+den Greuel des Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im
+geheimen.“ Im Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich
+dreimal hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober:
+Jesus, der beste Rechenmeister.
+
+Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen deutschen
+Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte Aufsehen. Der
+Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim Herzog durch
+seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man habe ihn bei
+seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt und
+verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der
+sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war
+durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion
+für später.
+
+Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen,
+mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich
+nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte
+zum Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit
+dem Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte
+er sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen.
+Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines
+Judentums vor Kaiser und Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch,
+nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte,
+durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines
+Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend
+Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament,
+auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet
+die Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich
+unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat
+unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins
+Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs
+Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend
+kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors
+bisher ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges
+Gesicht. Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren
+persönlichen Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den
+Militärlieferungen. Dazu reizte Karl Alexander die immer gleiche
+Festigkeit Magdalen Sibyllens, auch die beiden Damen Götz, Mutter wie
+Tochter, von Süß aus der Ferne klug und unmerklich so geleitet,
+leisteten unerwarteten Widerstand. Remchingen war langweilig, mit
+Bilfinger wollte er nicht zusammensein, weil er sich über seine Haltung
+in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der Franzose Riolles war ihm zu
+affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach seinem Juden. Wäre der
+dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser Handel anders gegangen;
+es war eine Schande, daß seine Minister die christlichsten Affären nicht
+ohne den Juden glatt erledigen konnten.
+
+Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in Holland
+gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in
+Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne
+so verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den
+Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de
+Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von
+Ansehen und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den
+Generalstaaten, sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es
+nicht ab; Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle
+wird sie ihn, und das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen.
+Marie Auguste lachte stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem
+Herzog war die geplante Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er
+polterte, er erlaube ihm ja, sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst
+mir sowieso in alle Teller,“ brummte er. Aber Süß ließ bei aller
+lächelnden Ehrerbietung nicht von seinem Plan und erwirkte von dem
+widerstrebenden Herzog ein neues Schreiben nach Wien wegen der
+Nobilitierung. Karl Alexander schrieb eigenhändig und dringlich. Er
+betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein weit mehreres als mit all
+seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten könne, wie er seines
+Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit halber zu allen
+nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er, der Herzog, ihm
+als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene Reconnaissance das
+Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem Schreiben glaubte Süß
+alles auf bestem Wege.
+
+Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn
+Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste
+Kavalier. Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr
+roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen
+Haare drängten gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen
+besetzt blitzte die Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die
+fliegenden Augen. Die Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist
+wieder da! Die Damen Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll
+Ehrfurcht hinaufgrüßte: Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das
+Volk, aber er gefiel ihm. Und Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand,
+die seinen Gruß erwiderte, den riesigen, strahlenden Solitär. Er ist
+wieder da! lächelte er mit den entfleischten Lippen, und über der
+zeremoniösen Halskrause der altertümlichen portugiesischen Hoftracht
+schickte er begehrlich und lauersam die starren, schmalen, wandernden
+Augen dem entschwindenden Reiter nach.
+
+Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell
+und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen
+Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da!
+
+ * * * * *
+
+Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer
+Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz,
+der mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat
+Süß. Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und
+Schauspieler der herzoglichen Truppe übernommen.
+
+_Théâtre paré._ Allongeperücke der Herren, nackte Schultern der Damen
+Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der
+mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten
+Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden.
+
+Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht,
+der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil,
+das in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie
+sieht, stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der
+Herzog kann sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge
+Lord Suffolk wird ganz blaß bei ihrem Anblick.
+
+Man spielt das Stück eines alten großen spanischen Meisters. Das Werk
+ist durch viele Hände gegangen, italienische Komödianten haben es auf
+ihre Wanderschaft mitgenommen und umgemodelt, man hat Arien und Ballett
+eingelegt. Jetzt hat der Tübinger Hofpoet sich darüber gemacht, er hat
+alles in gewissenhafte, säuberliche Alexandriner gegossen. Aber die
+gelbe, kleine Napolitanerin, der naturgemäß die wichtigste und schwerste
+Rolle übertragen war, hatte darauf bestanden, ihre Hauptszenen
+italienisch zu spielen und zu singen. Da hatte sich der schwäbische Poet
+grollend zurückgezogen, Süß, der Tausendhändige, hatte in aller Eile aus
+dem Kreis seiner Mutter einen anderen Dichter und Regisseur beschafft,
+und jetzt wurden einzelne Szenen deutsch, einzelne italienisch gespielt,
+was von vornherein für Abwechslung sorgte und keine Langeweile aufkommen
+ließ.
+
+Aber es war überhaupt eine spannende und anregende Komödie. Ein Held
+stand oben auf der Bühne, ein Kavalier und wilder Liebender. Sein Metier
+war Krieg und Liebe. Er hatte bloß die Eigenheit, daß ihm jede Frau,
+erst einmal genossen, sogleich zum Ekel ward.
+
+ „Die Schönheit, die uns lockt / Ist Huld und süßes Wunder;
+ Die Schönheit, die gekost’t / Ist wüster Dreck und Plunder,“
+
+äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich
+Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner
+Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder
+Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur
+die Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab
+es ihm immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe
+Dame schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von
+Riolles, der unter den Zuschauern das schärfste Aug für so etwas hatte,
+merkte, daß sie heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte
+Sprödigkeit, die sie spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch
+lächelnd den Expeditionsrat Götz in die Seite: „Den hab ich fein
+abfahren lassen, nicht?“ Der Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief
+und respektvoll. Er war eigentlich bereits tot. Denn er war einer von
+den Nebenbuhlern des Helden und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen
+worden. Er hatte aber dem Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht,
+denn er wollte, wie sich das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so
+gutem Hause geziemt, durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte
+alle seine Fechtkünste, hätte um ein Haar den Komödianten schwer
+verletzt und mußte schließlich, sonst wäre das Stück nie zu Ende
+gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne hinausgeschleift werden.
+
+Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit der
+Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin,
+die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die
+dort streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit
+worden, und infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters
+muß nun der Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie
+entführen an Stelle der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt
+er den Irrtum, schäumt, beschließt, die Unselige an die Mauren zu
+verkaufen. Doch die kleine gelbe Napolitanerin, hingeworfen, jammert und
+fleht zu ihm. Dies war die schönste Szene des Stückes, der große
+spanische Meister hatte all seine Kraft daran gesetzt, und selbst unter
+der Verschmutzung und Vernüchterung der langen Wanderschaft waren noch
+Reste ihrer Schönheit geblieben. Die Napolitanerin also kniete vor dem
+geschminkten, hochmütig und gelangweilt sich spreizenden Komödianten
+zwischen Oellampen und drei braunen, primitiv geschnittenen
+Versatzstücken, die wildes Gebirg darstellten, und sie sprach: „Du
+schworst dich mir zum Gatten. So es dich verdrießt, gern lös ich dich
+des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster! Oder mache mich, soll
+ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich dir anderes als
+Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir kochen, dir
+die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib mich ihr
+als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht klagen,
+sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr,
+zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will
+ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin
+sein, die der Geliebte liebt. Doch nicht verkaufen! Nicht den Mauren
+mich verkaufen!“
+
+Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte
+Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie,
+und sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur.
+Es wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe
+auf die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen
+die Kerzen.
+
+Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die
+Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann
+hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame
+de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren
+Vorsatz ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine
+praktische Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte,
+Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches
+und überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie
+einen haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn
+heirate, werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was
+er mir auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen
+Eventualitäten auf meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das
+Für und Wider noch reiflich überlegen.“
+
+„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist
+richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen
+lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen.
+Merkwürdig, daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist
+die Magdalen Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den
+Blick für die anderen zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch
+nachholen.“
+
+Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte
+sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig,
+hielt sie ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen
+müssen,“ seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er
+muß mich an den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte
+Jud ist eigentlich an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß
+sie einem nicht auf eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas,
+das sie nichts kostet.“
+
+Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht
+und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um
+nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die
+Aufgelöste, Hingegossene. Und er konnte einen dunklen, heisern Kehllaut
+nicht unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr!
+Mein Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder!
+Finde dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst
+du’s nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und
+Wald und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden
+auf, empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor
+Gomez Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach
+Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden
+Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in irgendwelchem
+vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß die Komödiantin,
+während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden Expeditionsrat Götz
+dachte.
+
+Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische
+Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu
+seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß
+benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte,
+rührte er die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er
+äußerte:
+
+ „Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert,
+ Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“
+
+Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen
+maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren,
+sehr glänzend aussah.
+
+Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so
+nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud
+nicht so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da
+deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für
+sie gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da
+würde er sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten,
+entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein.
+
+ * * * * *
+
+In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar
+Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes
+Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als
+die Manufaktur an die Sozietät Foa-Oppenheimer überging, wurde der Mann
+als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt,
+schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische
+Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber
+höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die
+ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung
+aufkam, entlassen.
+
+Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen. Verkam
+mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen
+Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht
+gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch
+gestäupt.
+
+Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm zusammen
+mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst behilflich war;
+fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu, frech,
+lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er
+hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm
+und blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind
+wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ
+sich nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste,
+struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm
+verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein
+verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie
+liebte ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie
+wurde ihm allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen
+und Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts
+kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag
+schließlich allein auf ihren Schultern.
+
+Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte,
+begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte
+sie es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu
+treiben. Immer öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos
+liegenblieb. Ein paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu
+ihm zurück, schließlich war er der einzige Mensch, über den sie eine
+gewisse Macht hatte und der an ihr hing.
+
+Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen herum,
+stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar
+Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land.
+Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll
+und männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte.
+Kaskaden von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen
+Schnurrbart vor, das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen
+Augen, und das Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter
+Laune, um die Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm,
+mauschelte, versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den
+Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag
+aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf
+herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend,
+unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in
+den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle
+sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.
+
+Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt.
+Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude
+der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen
+Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der
+Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte
+als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche
+Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer,
+krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu
+verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett,
+das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er
+ließ ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf
+seiner Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr
+und erschöpft aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu
+Atem, ein japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den
+Späßen des Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich
+mit, aber sie kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine
+Waren billiger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des
+anderen. Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den
+Jecheskel Seligmann, er beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und
+zu treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei
+dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte
+vor Torschluß die Stadt verlassen.
+
+Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das
+Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie
+froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger
+Messe eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine
+Einnahme, die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er
+hatte ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte
+sie, er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie,
+schimpfte, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr
+verdient habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie
+genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm
+sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund kläffte,
+er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich trotz
+aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute sie schließlich wuchtig
+mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte sich, blieb
+liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie liegen,
+schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche.
+Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend.
+Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie
+solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie
+nicht antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer
+nicht rührte, stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich,
+seufzend, rülpsend, umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die
+blinde, zerschlagene Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie,
+Kiefer herunter, Augen groß auf, naß, starr.
+
+Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne Sinn,
+allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne hatte
+sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an
+dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten
+Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart
+tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie
+und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war.
+Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel
+ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.
+
+Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne
+Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall
+Schnitte in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit.
+Er verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit
+einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch
+immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit
+Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam
+dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der
+Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann.
+Man ließ ihn passieren.
+
+Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann
+Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen,
+gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen
+Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff.
+Lief dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während
+nur die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen
+notdürftig begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder
+in das Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus.
+Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe
+doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel
+Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem
+Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm
+zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts,
+vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei sie dann auf einmal
+doch weg gewesen. Manchmal müsse der Mensch auch schlafen; da könne er
+dann den andern nicht halten, ja. Und jetzt habe er unter den Waren des
+Juden draußen ein Bündel Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett.
+Müßt das Kind jetzt wohl nackend herumlaufen, nur mit dem
+Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr Osterfest.
+
+Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige
+Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu.
+Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter
+starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten
+rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen
+Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.
+
+Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die
+Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen
+Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt.
+Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße
+hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel
+über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den
+Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte
+Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die
+Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat
+arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und
+Schande des ganzen schwäbischen Kreises.
+
+Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau
+dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr
+erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern
+davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts mehr
+dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie die
+Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von
+Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von
+ihnen mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt
+verstinke. Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer
+einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in
+diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes,
+die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den
+unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen.
+Aengstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere
+Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann
+morgen dem eigenen geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten
+Würmer vor jedem Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern
+und wilden Bärten träumen.
+
+Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt
+herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade
+demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben
+wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte
+immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem
+zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies
+war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man
+ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann
+einsperren ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung
+Christen um ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen
+ihn übers Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der
+dürre, zitternde, entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er
+sah hundert erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen
+ihn, er wurde zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden
+ihm gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend
+noch unter den Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den
+Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein
+Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer
+Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor
+die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.
+
+Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude.
+Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat.
+Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken
+geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins
+versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen? Während
+einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das Viehzeug die
+Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger wilderten
+– ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und
+queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider
+den Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße
+gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist
+nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des
+Eßlinger Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst,
+der freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma
+natürlich nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den
+Schirmvertrag mit dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud
+nicht gleich, als nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe
+es wirklich keinen Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde
+behandeln! Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel.
+Jedem einzelnen der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert.
+Aber wart nur, Herr Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem
+schwarzen und verruchten Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In
+spanische Stiefel schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln
+herausquetschen, ihn mit glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen
+sich unter den Ratsherren die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn
+dort solenn verbrennen wird, und versprechen den Verwandten und
+Befreundeten Fensterplätze. Nur schade, daß man es bei einer einzigen
+Hinrichtungsart bewenden lassen muß. Man sollte ihn können zugleich
+hängen und rädern und vierteilen und verbrennen.
+
+Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der
+seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf
+Altenteil in seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und
+unrettbar hatte versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine Söhne
+hatte verkommen und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies
+war eine wilde und unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der
+Brust holte er malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie
+vor den Rat, einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den
+großen, verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen;
+heftig, als rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock
+gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch
+nicht zitternder Hand.
+
+Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr
+nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker
+Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein
+Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als
+wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten
+erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine
+letzte Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte
+er die Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden,
+und alle starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die
+wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war
+ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in
+der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden
+umgebracht zu werden.
+
+Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch
+Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie
+steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln.
+Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart war
+ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen
+Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem
+Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt,
+zu heiraten.
+
+ * * * * *
+
+Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer,
+langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit
+weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief
+aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat
+unzählige Male um Pardon, suchte seine Mitteilungen durch kleine,
+schüchterne, unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein
+schwieriger Patient, den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem
+flachen Degen halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen
+an den Köpfen seiner Aerzte.
+
+„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin
+Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich
+Karl Alexanders zu bringen. „Eine _Goutte militaire_!“ wimmerte er dann
+mit seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz
+kleine, unbedeutende _Goutte militaire_.“ Da der Herzog finster schwieg,
+fügte er eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie
+und schwarze Gedanken darüber machen. Solche _Goutte militaire_ hat
+nichts gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit.
+Denn während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide
+präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist
+Eurer Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen
+als ein leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen.
+Euer Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon
+befreit sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte
+kleine Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang
+und gäbe ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen
+Generale Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“
+
+Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter
+vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück.
+
+Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit dem
+Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren
+Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte
+er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So
+zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre
+Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das
+ganze Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und
+hatte den Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber
+er wird sie stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen.
+
+Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu
+lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt
+waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe
+Napolitanerin durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer
+Fuhre Mist, ratlos und verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein
+großer Zettel mit der Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger
+schnalzten bedauernd, das hätte man eher wissen sollen; der Most wäre,
+eh daß er sauer ward, einem gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man
+sich gern sein Schöpplein geholt. Die Frauen aber spien sie an und
+warfen sie mit Abfall. So wurde sie krank und ohne Geld aus der Stadt
+gejagt.
+
+Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General
+Remchingen und der Schwarzbraune.
+
+Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die
+Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie
+doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil
+davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.
+
+Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat Götz.
+Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die
+Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an
+die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe
+Herrin und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es
+für seine unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht
+sogar die Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft
+respektvoll lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs
+flüsterte, wie er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der
+allerdemütigste und ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige
+und schmutzige Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er
+bei seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun
+konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu
+werden, warf ihn um. Er beschloß zunächst, sich zu erschießen. Später
+indes sagte er sich, daß eigentlich die Napolitanerin an allem schuld
+sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem gottgewollten
+Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, wälzte sie auf
+die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, wie sie ihre Fuhre
+Kot schleppte.
+
+Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden
+Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht
+dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch
+die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen,
+das Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne
+Sinn jene Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte:
+„Mein Herr! Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß
+mich nicht dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von
+dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird
+er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp
+und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er
+auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.
+
+Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den
+Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man
+erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen
+müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese
+kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der Tübinger
+Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen die
+Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber nicht
+minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal
+mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht vergessen
+hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht hatte
+sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und
+Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen
+welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend
+gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand,
+werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens Alexander
+bald wieder Schwabens Paris sein.
+
+Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. Noch
+immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem roten,
+primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem Hof
+und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er
+verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine
+Frage von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte
+nicht zu ihr kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte
+sich des armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.
+
+Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem Unstern
+vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur
+Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn!
+hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung
+mißtrauisch geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er
+drang unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der
+junge Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der
+Herzog machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms,
+zerschliß mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit
+pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine,
+eidechsenhafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die
+Herzogin erzählte weinend und empört Magdalen Sibyllen davon, sie
+beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald stahl sich in ihre
+Empörung ein kleines, amüsiertes Lächeln, sie machte spitzbübisch die
+lärmende Aufregung des Herzogs nach, divertierte sich an den
+merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten, suchte sie ins Französische
+und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei
+seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu ihr kämen, sie sei gewiß,
+die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht erwischt werden; aber der
+arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und
+nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.
+
+Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage,
+sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht,
+Remchingen sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin,
+eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es
+ernster wurde, keine sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer
+ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber
+zweifelnd an Gott, sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen
+mit sich und den Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er
+konnte sich an nichts mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem
+Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter Strumpfgürtel der
+Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf,
+Stellung in der Heimat zu gefährden.
+
+Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt
+handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen
+Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut
+über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie
+Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig,
+spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den
+Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie
+entgegen, drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren.
+Worauf Karl Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle
+Glocken läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und
+Braten spendieren.
+
+Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst
+ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem
+englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer
+amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur,
+aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor
+allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen
+Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu
+machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn,
+Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch
+aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine
+Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von
+Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch
+einzurenken.
+
+Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr gelegen.
+Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage der
+Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er
+wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben
+und die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren
+Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern
+hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen,
+stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in
+Stuttgart.
+
+Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte mit
+Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich
+immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als
+an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße,
+fleischige Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald
+so weit, daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger
+Wiederherstellung des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen
+Erben schenken könnten.
+
+Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen
+Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl
+Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen
+unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde
+den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem
+Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er
+ihm den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel,
+den heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die
+Würzburger Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse
+berochen sich anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos,
+fröhlich, unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem
+schlauen, schlanken, und keiner kam dem andern näher.
+
+In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte
+ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen.
+Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen
+Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht,
+in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der
+Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels
+reichlich wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den
+Grund gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den
+katholischen Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit
+umfassend organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen.
+Katholische Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen
+vor. Es war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste
+Detail ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und
+knifflige juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die
+parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich
+die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der
+lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der
+Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt.
+
+In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh
+und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu Rom, was
+alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht worden. Er
+kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung des
+Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und Bruder,
+daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die
+alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu
+verbreiten.“
+
+ * * * * *
+
+Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung
+gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte.
+Der Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig.
+Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein
+Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen
+Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen
+Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge,
+rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.
+
+Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die Laune.
+Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen
+der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der
+recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten
+Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man ihn den
+einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte bei ihm
+statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus, und
+es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als ersten
+Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf diesem
+Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich
+nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte,
+kamen ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer,
+sachlicher Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen,
+Beseitigung der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des
+Herzogs; er verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten
+Politikern peinlich darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile
+und umwegige Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren
+viel geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr
+weichen, langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht
+einfinden. Er sah staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es
+peinlich vermieden, die Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn
+sie nur zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und
+moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf
+und sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende
+Blicke in die Runde schickten.
+
+So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte
+Bestätigungen.
+
+Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein
+besonders kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen
+persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der
+Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern
+und Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den
+auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.
+
+Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt. Goldene
+Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den kostbaren
+Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel dehnten
+die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer
+großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde
+warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus
+Gold und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige
+Dienerschaft gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander
+hatte eine offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen
+konnte seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.
+
+Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe.
+Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation,
+alles maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum;
+das Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.
+
+Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes
+Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt.
+Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit
+gezwungen wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit
+dessen Hof man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke
+zeremoniös versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch
+ausschweifende, muntere Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie
+beizukommen. Sie hatte nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer
+gepanzerten Frostigkeit nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders,
+reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich
+resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre
+Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich nicht
+enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, könne sie
+auch das noch über sich ergehen lassen.
+
+Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen lassen!
+Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die Töchter
+des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein Prunkschloß,
+hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach Belieben, arme
+Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!
+
+Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er glaubte
+offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da wieder
+ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische
+Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine
+modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft,
+daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht
+simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was er ihr getan habe.
+„Sie sind ja schuld an allem!“ rief sie, und in ihre bräunlichen,
+männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine Flaum darauf belebte
+sich.
+
+Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er
+hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte
+er mit seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei
+Seiner Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner
+Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die
+Ursache, und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und
+ab, was er ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach
+dem Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von
+Welt. Ernstlich also, was er ihr Leides getan habe?
+
+Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze
+Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was
+er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit
+und Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen
+Odem Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die
+heiligen Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld
+daran, Sie haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“
+
+Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn und
+warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze
+klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie
+denn?
+
+Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle
+so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien
+doch nur Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der
+Odem Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und
+Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne
+Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit
+seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie
+Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch
+verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich!
+Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange
+Sie warteten.“
+
+Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was
+ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht
+glücken, es hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen
+Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht
+zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die
+erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht
+der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie
+zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang
+das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher
+schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch
+verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme
+Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief
+sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden.
+
+Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und
+ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“
+sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von
+Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich
+glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann
+über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön
+wäre, niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein
+Herzog nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie
+eben nicht Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem
+entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte
+er ihr, was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend,
+er sprach es gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will
+Ihnen etwas sagen, Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie
+damals im Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles,
+was Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und
+Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur deshalb
+getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich habe
+seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und spürte.“
+
+Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort
+sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre
+erhabenen Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott
+hinüberzuziehen, alles nannte er bei seinem rechten, kleinen und
+lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so einfach auf seine simple und
+alberne Formel zu bringen: sie war eben ein kleines, dummes,
+schwäbisches Landmädel, das sich in den erstbesten Kavalier vergaffte,
+der ihr unvermutet über den Weg lief, und ihre Erweckung und Gottesminne
+war nichts als ganz ordinäre, armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise
+verging sie durchaus nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie
+bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie
+reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn:
+Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und maskiert, aber er habe
+das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun
+könne, habe sein Gefühl verschachert.
+
+Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit
+gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte.
+Und er wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu
+paradieren. Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet,
+entfaltete er denn auch sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie
+ihm fangen mußte. Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie
+hin: Wie sie ihm unrecht tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr
+Gefühl in seine Hand bekommen können, so daß sie sich ihm willig gegeben
+hätte. Doch er sei kein Freund der billigen Mittel. Mit seiner Macht und
+seinem Glanz auf das schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei
+ihm zu wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der
+Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt
+stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er
+freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil
+gedreht hatte.
+
+Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante
+Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange
+gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte
+sich an seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl
+sich nicht zu sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich
+gewachsenen, durch seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem
+höfisch zeremoniösen, überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß
+mit dem unter der Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches
+genommen war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende
+Mädchen zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer
+Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig
+gezügelt und eingeteilt, sie als gleiche unter die anderen herunterzog.
+Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein
+eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen
+ist wie Sie, wer den Kopf wirft wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott
+im Bibelkollegium von Hirsau fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter
+seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich vor zu ihr,
+sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, eingängigen Stimme,
+die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was
+es heißt Macht haben? Versuchen Sie es doch, kehren Sie doch zurück in
+Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie
+Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie können es nicht mehr!“ schloß er
+triumphierend. „Sie haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“
+
+Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das
+Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich
+sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt
+stand sie ihm gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat
+überfüllten Gemachs, von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen
+großen Teil einnahm. Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen
+Teppich kam er ihr nach und nahe.
+
+„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die
+waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg
+Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine
+gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“
+
+Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke
+drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es
+beinahe selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von
+Anfang an geneigt, sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für
+solche Saat. „Magdalen Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem
+Herzog überlassen, einen Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab
+ich es getan. Sie auf den Weg zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg,
+Magdalen Sibylle, Sie und ich: er heißt Macht.“
+
+Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel
+gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer,
+spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an
+ihn glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier,
+die Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte,
+das war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie
+wohl auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein
+kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese
+Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher,
+schwelgend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche
+preisgebend und Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen
+geblieben wären. Auf und nieder ging er, sich berauschend an der eigenen
+Rede, immer glänzender den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein
+eitler Schauspieler seiner selbst.
+
+Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir
+gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel
+der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn,
+dieser Herzog?“
+
+Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er
+sich selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem
+Ernüchterten bangte.
+
+„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu
+können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein
+eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl der
+Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines
+Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück,
+daß er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts
+von Ihrem Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo
+Sie jetzt stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um
+Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering,
+Griff um Griff, Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen
+schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren dicken
+Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen braven,
+wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen,
+der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und
+verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie
+Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht
+gewesen und wie Betrug. Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie
+sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich
+gehöre zu dir, ich komme.“
+
+In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen
+Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in
+kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich
+selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand
+küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.
+
+Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er
+hatte die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über
+denen, die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der
+plumpe Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die
+Geburt, er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser
+einzuholen. Er war der Stärkere.
+
+Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter,
+beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust,
+ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.
+
+ * * * * *
+
+Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen und
+Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der Jude
+dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen
+gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu
+tun habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende
+von dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die
+gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in
+Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was
+für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken
+sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende
+Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.
+
+Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen.
+Rottete sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen
+wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen.
+Der Handel stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den
+jüdischen Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen
+die Prozesse in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von
+Rosenheim, an der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte
+ein Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit
+einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen
+Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die
+kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst
+scharfe schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen der
+Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende.
+
+Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger
+Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der
+Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive
+Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem
+Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh
+gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb
+die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht
+Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das
+ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.
+
+Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, lehmfarbene
+Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten, stierten auf
+das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen gepackt wurde
+um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende,
+verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde
+Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um
+sie eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem
+Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen,
+daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche.
+Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer,
+wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie
+brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen.
+Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an
+ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses
+Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das
+teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für
+die Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen
+Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer
+Horde von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die
+Aemter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf
+den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die
+Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott,
+gelobt sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen
+Zelte Jaakobs!
+
+Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch
+alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis
+Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen
+Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe
+geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen
+über uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!
+
+Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte,
+verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre
+schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit,
+blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit
+des römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen
+sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden,
+fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum
+Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng
+gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel
+und in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend.
+Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen,
+verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner
+erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre
+Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht
+unsertwillen! Sondern um der Verdienste der Erzväter willen.“ Sie
+zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die
+Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, die
+Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten
+von den Christen, die Märtyrer von den polnischen Gemeinden bis zu den
+Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre
+Leichenlaken, den Kopf bestreut mit Asche, sie standen den ganzen Tag,
+alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie schacherten
+und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn der Tag trüb wurde
+und sich neigte, standen sie noch und schrien mit ihren häßlichen,
+ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung
+Isaaks!“ Aber auf hundert Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in
+den wilden, gellenden Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist
+Adonai Elohim, eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende,
+Ueberwirkliche, Jahve.“
+
+Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen.
+Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf
+einem Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und
+töricht aus ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in
+einem Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten
+und andere fromme Legenden erzählten.
+
+In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis
+ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde,
+wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit,
+gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn,
+gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben,
+nur das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels,
+das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
+
+Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte
+sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel
+Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen,
+vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen
+das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer,
+zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres
+Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im
+Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der
+Folter nicht hinausgediehen.
+
+Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende
+gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen,
+rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn
+der Graus losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre
+Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer
+Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den
+Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben arbeiteten
+ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu bewegen; in Wechseln und
+Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals ins Ausland, in
+Sicherheit.
+
+Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene
+Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre
+Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren
+Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen
+Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und
+verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die
+lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate,
+die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen
+Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.
+
+Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das
+Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das
+half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre
+Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.
+
+Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der
+Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren,
+gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste
+Verfluchung, die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der
+Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der
+alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und eilig und mit halber
+Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber die Augen des alten
+Rabbi blieben kleben an den drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:
+
+„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das
+Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib
+wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du
+dir bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen
+hingeben deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und
+auf sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du
+wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen,
+daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und
+Töchter, die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein
+Feind dich engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und
+sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu
+treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig
+schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter.
+Wegen des Säuglings, den sie geboren zwischen ihren Füßen, daß jene
+nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus Mangel an allem, im geheimen, in der
+Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird in allen deinen
+Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst
+nicht rasten unter diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für
+den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein
+zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt; und du
+wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht trauen deinem Leben. Am Morgen
+wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du sprechen: Wer
+gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du bangen wirst, und vor
+dem Gesicht deiner Augen, das du sehen wirst.“
+
+So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er
+schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden
+Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau,
+die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür
+und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug
+vor Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu
+stören.
+
+Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden,
+betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.
+
+ * * * * *
+
+Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt,
+hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem
+Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im
+Reich, und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine
+gelüstig schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt
+hätte. Aber seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam
+Lebloses, Mechanisches. Es kam vor, daß der gewandte, welt- und
+redekundige Mann mitten im Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden
+begann. Oder daß er mitten im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte,
+mummelte, ganz schwieg. Dann wieder erschien etwa der peinlich nach der
+letzten Mode Gekleidete ohne Kniegürtel oder machte sonst einen
+unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den
+Frauen. Er sprach und bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie,
+aber es konnte geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas
+dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber
+stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen
+bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise
+bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch die Hände
+des Süß gegangen waren.
+
+An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn
+in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr
+so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte
+Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen
+Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor
+nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu
+sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der
+argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich
+vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet,
+daß der Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß
+Judentum hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn
+etwa nach der Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß
+sehr ablehnend betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen,
+wiederholte er diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.
+
+Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und
+Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch
+sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war
+nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die
+Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not,
+blieben. Da saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei,
+begabt von Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit,
+geachtete Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die
+beiden breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der
+schlanke, elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches
+sprach und fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu
+lassen. Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar
+gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian
+Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien
+doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr
+des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen
+Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser
+gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens
+über dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war
+dies keine Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind
+schmutzig, und es ist verflucht schwer, sich sauber zu halten.“
+
+Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er vereinte
+Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments, formulierte und
+stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das Willkürregiment des
+Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und
+Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und
+verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen
+Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in
+allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler
+Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen Hebel und
+Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen Betrieb,
+dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen Geschäftigkeit. Der
+Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand in jeder Aktion,
+aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im tollsten Getriebe
+zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein
+verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.
+
+Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien
+der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den
+gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die Studenten an
+dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute Weile
+dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt
+haben.
+
+Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in
+die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die
+Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen,
+nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war;
+bräunliche, flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in
+seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der
+Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte
+er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in
+Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel,
+strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die
+Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem Lächeln.
+
+Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der
+erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines
+Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht
+schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt,
+wo seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle
+Rücksicht fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus,
+seine frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit
+kurzen Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald
+kriegte er seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt
+hat, so wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er,
+wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den
+Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern im
+Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn
+bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher
+Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter
+wieder einmal sehen und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert,
+sprach einfältig, herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie
+der ganze Kreis diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse.
+Weißensee hörte gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe,
+daß er den aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe
+ästimieren können, und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor
+befriedete sich sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam
+öfters mit dem Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame
+Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen
+Versen zu sprechen, er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und
+Gottvertrauen“ und jenes andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als
+Weißensee freundlich zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten
+ließ, gewann diese Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den
+jungen Menschen ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das
+Herz fast bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem
+Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.
+
+Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang
+streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den
+Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder
+erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel
+Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen,
+setzte sich aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu
+zusammen.
+
+Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht mehr
+schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd,
+jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume
+füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt
+lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl
+sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: „_Voyons donc_, mein Herr
+Geheimer Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend,
+Exzellenz?“
+
+Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das
+Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man
+bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte
+wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer
+noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler
+supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich
+in sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es
+aus, Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten,
+eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen,
+raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den
+Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten,
+eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im
+Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor
+mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine
+wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer,
+ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war wohl
+ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz _à la mode_
+geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem
+Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und
+das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl
+neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.
+
+Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf
+seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten
+Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten
+stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des
+nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das
+Rachepläne? _Fi donc_, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich
+gemeinen Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig
+war er, wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp
+und alt sein wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert
+wird das sein, höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als
+was es gemeinhin in den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu
+sehen gibt.
+
+„_Voyons donc_, Exzellenz! _Eh voilà_, mein Herr Geheimderat!“ sagte der
+feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann
+setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit
+abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der
+Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten
+Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.
+
+ * * * * *
+
+Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in
+Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer,
+Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich
+gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der
+General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der
+Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein Rudel
+lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den
+Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister Buckow.
+Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war, der
+Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen
+Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann,
+niedere Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den
+Handschuhen. Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom
+Bartelemi Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und
+Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins
+Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in
+streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über
+mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit
+der Geiernase und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem
+Süß äugend mit länglichen, starren, schmalen Augen.
+
+Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener
+Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit
+er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben, großspurig
+törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr
+wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen
+Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig
+das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter
+vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche
+Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze
+durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
+
+Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war
+groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger
+erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt
+hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft
+mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die
+protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man sich
+Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten
+Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht; nur wer
+mußte, kam.
+
+Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu
+erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen
+Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen
+Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen
+gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst
+Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung;
+überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes,
+Plebejisches, einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch
+daran, die Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon
+dem Doktor Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus
+verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen,
+entschuldigenden Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten
+Stimme vom Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike,
+erwähnte die Mutter der Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren
+Sohn lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte.
+Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des
+Herzogs, gab Marie Auguste es auf.
+
+Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß
+gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die
+langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem
+Gatten; denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen,
+wie sie es verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen
+Gottesnamen und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers.
+Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und
+Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten
+die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und
+Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen sie sie
+frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören müssen, keine
+Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die durch die Namen der drei
+Engel geschützt sind. Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr
+Wochenbett durch Amulette mit den Namen der drei Engel.
+
+Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den
+Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne
+er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit
+ihrem Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und
+dringlich. Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen.
+Besser war besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
+
+Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in
+einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in
+leichtem Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider
+gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei
+überlegen amüsiert.
+
+So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen,
+hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors
+der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch
+züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den
+Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen.
+Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden,
+seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt
+hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und
+wollte ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in
+der Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In
+ehrlicher Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr
+hübsche Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine
+ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst
+fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit
+beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten.
+Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung
+überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das
+Amulett.
+
+Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst
+stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen
+mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort
+Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an
+dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme.
+Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui;
+heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus,
+betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen
+Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich
+beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive
+Vögel.
+
+Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen
+aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er
+sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der
+Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den
+evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die
+evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die
+katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er
+freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung
+dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die
+Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und
+spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem
+Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an
+seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine
+Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium auch
+des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten Textstelle
+an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende
+Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was die
+Vulgata und die Katholiken richtig mit „_bonae voluntatis_, guten
+Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem
+Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und
+danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre
+sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt
+hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des
+Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor
+der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische
+Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten
+den rechten Text.
+
+Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er
+sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder
+andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit
+ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am
+Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und
+Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit
+Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee
+verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen
+Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften
+Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild
+verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend
+Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich,
+wie das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so
+Feindseliges durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand
+ganz kalt wurde.
+
+Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und
+stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr
+wohl, mit ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des
+Mädchens zu streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller
+um den Süß. Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber
+sie sah, daß er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum,
+er kam ihr vor wie ein schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen,
+zottigen Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen
+ihm und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater.
+
+Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem
+Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu
+heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit
+beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes
+Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm
+willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden,
+pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler,
+die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen
+Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem
+Herzog noch immer weigerten.
+
+Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem
+plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich
+angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach
+dem Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im
+Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel
+klingen. „Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß
+unser Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm
+wird hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über
+ihres Juden feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte
+verstohlen das Etui mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die
+Glöckchen der Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der
+Burggraf Röder erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er
+wandte sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht
+so weit seien. Die Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts
+zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin
+wollte, und man sprach eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß
+zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte
+das Argument, daß das Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus
+überzeugt. Nur Herr von Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn
+wirklich die Juden die in der Christnacht Geborenen gefährdeten, so
+hätte Jesus von Nazareth einfach eine andere Nacht sollen für seine
+Geburt wählen; dann wäre ihm das Kreuz, uns allen das Christentum
+erspart geblieben.
+
+Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die
+Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren,
+blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase
+vor die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte
+er sie; dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose
+Material der von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es
+im Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im
+Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der
+Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen
+Höhlen blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem
+Ring. Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs
+alles, was er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden,
+lässigen, leicht spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und
+sie erzählte die Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und
+gekitzelt hörte man zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen
+Vögel, die blockigen, unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis
+endlich Karl Alexander mit lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung
+löste, gutmütig und lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und
+sie könne sich freuen, daß sie sich wenigstens nicht werde müssen
+beschneiden lassen.
+
+Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die
+Schulter, war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen
+Text, wie er da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen
+können, das sei sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa.
+Unvermittelt dann sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob
+man den nicht einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von
+wegen dem, womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich,
+wich aus. Karl Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus
+sei schwer beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse
+der Süß ihm schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich
+für die Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach
+der Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin,
+bei dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was
+wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten
+das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett
+beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er
+so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das
+doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab
+nach.
+
+Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die
+Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen.
+
+Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war lau,
+starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück, wie
+seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im ganzen
+Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald, wie
+kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein
+morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau,
+habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen
+Reden war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der
+Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und
+verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige
+Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde
+er sich die Ehre geben, dem Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein
+Exemplar zu überreichen.
+
+Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den
+Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf
+leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon
+auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der
+Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es
+klang ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht
+morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein
+Hinterhalt?
+
+Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit
+der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen
+Hauses mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging
+auf und ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die
+Glocken der Mette läuteten.
+
+ * * * * *
+
+Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der
+prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende
+gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen
+gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf
+keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und
+sagte: „Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist
+also in vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders
+unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen
+Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen um
+den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg, fuhr er
+fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger Kindermord,
+habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt gesagt:
+Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt
+springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“
+
+Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen waren
+von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich erkannt, daß
+sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte zufahren, zwang
+sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines Eingreifens
+in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel Seligmann,
+so gefährdete er seine Nobilitierung und die Mariage mit der
+Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament
+herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger
+preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel
+Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz
+durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie
+es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben.
+Eisern schweigen.
+
+Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame Schutzmaßnahmen für
+die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und ihre etwas zweifelhaften
+Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei und keinen Hohn aus
+seiner Passivität herauslocken.
+
+Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er
+keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft
+mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen.
+Besteht sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen
+Obligationen. Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu.
+Aber man kann nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die
+fröstelnden Hände. „Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und
+Dummheit. Wenn es gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als
+Geld. Und Ihr, Reb Josef Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein
+Wort aus ihm herauszupressen war.
+
+Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden
+Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“
+
+Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu schützen
+wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem goldenen
+Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen wissen!
+Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das ganze
+Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm machen
+davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel Seligmann
+Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem Gesicht des
+anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins, Steinköpfe!
+Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der Prophet und
+Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie Eure weißen
+Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu gehabt. Sonst
+hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört durch das
+gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin.
+
+„Ein guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen
+Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten
+Trumpf aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“
+und wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak
+Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren
+Bart strähnend, zu gehen.
+
+Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden,
+standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob
+Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den
+eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten
+Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden,
+gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal
+zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische
+Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht;
+doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom
+Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen
+Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung
+gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine
+Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung
+abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der
+Heiligen Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie
+geküßt, erregt und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen
+an Herz und Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So
+hatten sie mit Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder
+Not und Andacht gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in
+Schläfenlocken und schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf,
+den Fleck am Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck,
+Gobelins, Gold und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten
+ein flüsterndes, heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle
+Stunde und spielte eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie
+warteten, bis der Geheime Finanzienrat sie vorlassen würde.
+
+Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über
+dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl.
+
+Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute waren
+töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen
+wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur
+kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst
+nicht mehr beachteten, aber formal noch gültigen Gesetze hin, die die
+Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen
+Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr
+erlangen können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die
+von diesem zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht
+binden; im übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die
+Landschaft hatte daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten,
+strengen Vorschriften neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht.
+Seltsam war, daß an der Spitze dieser Agitation im Parlament Weißensee
+stand. Wollte er seine katholische Intrige hinter dem Kampf gegen die
+Juden verstecken?
+
+Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation
+überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die
+angesehensten Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten;
+er mußte sie wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so
+hätte es ihm geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören.
+So empfing er sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden
+Bescheid zu entlassen.
+
+Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd,
+umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank,
+elegant, gemessen stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden,
+Sich-bewegt-wiegenden gegenüber.
+
+Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben uns
+zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und mit
+Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr
+verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist
+wohl auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog.
+Die Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf
+gegen Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“
+
+Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der Rabbiner
+von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist keine
+Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel Seligmann
+Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch, daß Ihr
+verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann
+verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere
+Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß
+heranrückend.
+
+Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud
+Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen
+Konsens von mir, er steht nicht in meinen Listen; es ist zweifelhaft, ob
+er nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren
+bei Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich
+dreinmelieren. Es ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung
+verlange.“
+
+„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine,
+welke, milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel
+für uns getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch
+diesmal, damit nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der
+dicke, hitzige Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht
+opportun!“ erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden
+retten, der nichts getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“
+
+„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er
+blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen,
+Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den Reb
+Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen mit
+Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche
+Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip:
+da ist ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach
+handeln; ich muß rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen
+Sorgen, ich hab tausend andere.“
+
+Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der
+Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und
+Gut und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut
+vergossen werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich.
+Sperrt Euer Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von
+Fürth fügte hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil
+Ihr Angst habt vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in
+der Landschaft?“
+
+Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und
+seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend
+und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen,
+braunen Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem
+dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum
+und erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan,
+daß jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ
+geworden, hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen
+Kaiser wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig,
+ich hab mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht
+hinausgebrüllt, aber ich hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud
+bin.“
+
+„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend,
+drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von
+Fürth.
+
+Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen,
+messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den
+Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten
+Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr,
+Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein,
+schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in
+seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht
+entscheiden. Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen
+Sturm riskiere wegen einer Lappalie.“
+
+Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft,
+öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich
+überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame,
+ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein
+Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet
+werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das
+Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr
+achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf
+ihn ein.
+
+Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr
+alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb
+Josef Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich
+erhöht wie noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures
+Fürsten wie Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten
+vor der Not Eurer Brüder!“
+
+Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit seiner
+nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth schwieg.
+Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang weniger
+sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen. Bloß,
+wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten sie
+ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen.
+
+Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer.
+
+Allein geblieben, ärgerte er sich. Er war wärmer geworden, als er
+beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe
+gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben
+sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen
+hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar
+vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen
+sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie
+stieren zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen
+Jecheskel Seligmann salviert haben.
+
+Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und
+ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt
+ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte,
+ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute
+gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des
+war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert
+und die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht
+mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in
+dem einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie
+verstanden nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich
+mit seiner Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß
+Gott, weiß Gott, schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen
+lassen.
+
+Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine Allmacht
+auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den Eßlingern
+ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird er in
+Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an ihm.
+
+Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich
+in Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber
+seine Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und
+feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann
+Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah
+hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug
+unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute
+spornte, er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte
+heftig mit den Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm
+gingen und gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem
+entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen,
+verschollenen Halskrause stand er vor ihm, sagte, wenn er den Solitär an
+seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war,
+schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom Finger
+ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte, ja, da
+müsse er eben die Hand abhacken.
+
+Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er noch so
+müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb Jecheskel
+Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen berstenden Tage
+nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen, unerfreulichen Nächte.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch
+Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen,
+senkrechten Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen,
+vieldeutigen, bedrohlichen Worten.
+
+Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte über
+Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner Ruhe,
+getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und Rabbi
+Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte nichts.
+Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen müsse er
+das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind mehr
+als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als
+Fleisch und Haut und Knochen.
+
+Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es,
+den Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an
+entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische
+Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht.
+
+Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend
+von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man
+sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem
+Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und Zeichen
+sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen lassen,
+jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben
+sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt
+sein und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin,
+wenn er sich jetzt dem Kind stellen soll, so ein Kind hat sonderbare
+Augen, es sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine
+Ahnung von menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel
+und Schmutz, wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und
+wenn bereits Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll
+Angst und Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals
+gründlich zu säubern, eh daß man vor sie hintritt.
+
+Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend,
+die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der
+Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um
+sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer?
+Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart auf hart
+und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß unten
+bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor
+murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor
+keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in
+diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger
+Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch
+ein Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein
+winziges Staubkorn an einem finden.
+
+Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war
+sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel
+Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes
+wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die
+Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er
+stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und
+Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine
+kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.
+
+Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem
+ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich
+bejammerte und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm
+postuliere, war in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und
+er hatte harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder
+in ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen:
+wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er
+überall in Europa als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht
+und gepriesen werden, wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu
+Rand bringen, als einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen
+verfallenen Menschen zu entreißen.
+
+Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er Mühe,
+sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses vorzuspielen.
+
+Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als sonst,
+war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich
+nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so
+ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den
+kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl
+Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen
+blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem
+Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt
+solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit,
+bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte,
+trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte,
+daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes,
+gutachtlich gehört werde über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn
+anders er, Süß, seine mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den
+Herzog fortführen solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die
+Eßlinger in gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um
+Enthebung von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und
+schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren.
+
+Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase;
+morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander
+konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen
+tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die
+Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte
+sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er
+dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten
+auseinandersetzte, polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer
+Uniform mit Stern und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß
+er hier mit dem Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart
+gehört und wollte es machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun
+da und füllte das Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe
+er sich kostbar, schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder
+ob er es überhaupt verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen?
+Süß vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von
+wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben.
+Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur tastend, leise
+andeutend; doch Rabbi Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg.
+Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und
+schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander von neuem an und fragte,
+immer mit gemacht überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine
+Frauengeschichten zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus
+bei ihrem Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen.
+Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete,
+der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf
+dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“
+Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem
+Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer.
+Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun
+habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin:
+Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein Gutachten
+aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz und lauter
+Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche, entfernte
+sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die Büste
+des Moses.
+
+Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den Juden
+Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen Edoms. Was
+bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß, jetzt
+erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so eitel
+und Haschen nach Wind ansehe?
+
+Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß Leben
+sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende
+Zappelei.
+
+Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den
+Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus
+allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen
+edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt?
+Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen
+Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat
+allein Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis
+nur eine Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem
+Punkt aus zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen,
+jenseitigen Idee wäre?
+
+Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester
+an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen
+Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt
+aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die
+erhebende Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos,
+gar verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung
+wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich
+dem lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang
+sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines
+Lebens zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen.
+Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner
+geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen
+fließenden, flutenden, ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der
+Beflissenheit, mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er
+vor dem Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab.
+
+Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude
+geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder?
+Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering
+und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an
+der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher
+Stelle.
+
+Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie
+sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem
+Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als
+vor dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun
+ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder
+Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er
+jetzt so hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel
+anspucken und mit Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an
+einen Juden gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und
+seinen Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über
+dem Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und
+wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und
+Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter
+Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein Leben?
+
+Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden auch
+seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz zu
+Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum
+schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie
+schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.
+
+Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche
+Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst,
+fahr nach Frankfurt zu deiner Mutter.“
+
+Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer
+gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte
+von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit
+seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das mit
+Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die
+Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine
+Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise,
+kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er
+sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern.
+Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter
+reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.
+
+ * * * * *
+
+In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten
+und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat
+Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige,
+solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden
+Staubflöckchen.
+
+Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen
+Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem Eifer
+vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen
+Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu
+mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund
+die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz,
+könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß
+eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich
+denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses
+Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche wir den
+konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen Schlund
+schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im ganzen
+Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr Bruder,
+ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt, wenn
+ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium
+verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und
+wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und Kommentare um
+seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und
+wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen
+Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins _contrarium_ kann
+kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß
+ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“
+
+Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt hatten
+das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein
+Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich
+schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht
+anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich
+doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht
+er fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm
+den Gefallen zu tun.“
+
+Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich
+eher die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort
+hineinsetzt, das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich
+von dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem
+Händedruck.
+
+Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder
+an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in
+die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt,
+die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah
+über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen
+Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.
+
+Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt,
+und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in
+den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie
+sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht
+hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich
+laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen
+Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden?
+Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts
+war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete
+gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.
+
+Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen
+Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer,
+in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm
+gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden
+im Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen
+Herzöge und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden
+Geschichte und Recht.
+
+Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um
+Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren
+unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie
+totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in
+Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen,
+Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man
+solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen
+Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl,
+so verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal,
+in einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten
+die Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag
+zwischen dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten
+waren Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die
+Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und
+weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und
+unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und
+unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit
+entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden
+gescholten als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen
+Ordnung gehässig, verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem
+gemeinen armen Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und
+sie wurden Gott dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen
+hart und scharf des Landes verwiesen.
+
+Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer
+wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf
+Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph,
+Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig
+wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott
+verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor
+ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen
+Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar
+widerlich und reizvoll in Einem?
+
+Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden
+Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des Herzogs
+und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere rätselhaft
+übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab es ein
+Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht. Gegen
+die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die
+nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam,
+Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die
+nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden
+fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich
+spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.
+
+Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier
+war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit
+ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie austreiben
+nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst das
+primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel
+quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie
+vermutete, tauchten sie neu auf.
+
+Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich,
+schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du
+hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan
+zu streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte,
+weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der
+lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten
+Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke,
+schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar weit.
+
+Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger
+Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und
+beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem
+verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur
+beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein
+Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.
+
+Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann Daniel
+Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der
+vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die
+Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend,
+feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende
+Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.
+
+Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am
+leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins
+Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die
+wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war
+eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt
+durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den
+monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen
+das Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe
+des Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die
+Juden waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen
+komplizierten Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie
+heraus, so brach Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und
+Symbol der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude,
+Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem
+andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk,
+einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern.
+
+Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück zu
+seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen das ekle
+Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich,
+gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.
+
+ * * * * *
+
+Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen,
+übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten, nach
+außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die württembergischen
+Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig,
+irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der Folter, kehrte
+Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem
+Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken an,
+schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich zappelnd hin
+und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte er, heulte
+leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer
+Landes, nach Amsterdam.
+
+Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm
+vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre
+Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den
+Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu
+schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut
+geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den
+Herzog, den der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel
+weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den
+Dank des Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in
+letzter Zeit seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern
+spreizte sich vor sich selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um
+Dank, sondern nur aus reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.
+
+Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten
+sich in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten
+Bewunderung, flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder
+hoch, daß sie mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein
+seliges und beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt
+er über hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen
+Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in
+seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde
+aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den
+menschenvollen Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene
+Schweigen der aus wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte,
+ließ mit seiner zittrigen Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden,
+alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf
+ihn niederrieseln.
+
+Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn
+hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste,
+seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl
+fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und
+reich und edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er
+sei, wie begabt er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und
+Schönheit der Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so
+auf in ihm wie sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen
+Gesicht wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm
+weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen
+Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die
+schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen
+ihre Art etwas Fahriges, Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.
+
+Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi Gabriel
+in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob wie
+flehend und in leichter Abwehr die Hände.
+
+„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die
+Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“
+sagte der Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand
+starb. Michaele, mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging.
+
+„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie?
+Was wollt Ihr von ihr?“
+
+„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind
+hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine
+Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“
+
+Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack
+Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten.
+„Muß ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und
+voll Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi.
+
+Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften,
+hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante
+Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich,
+verstand nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte
+rasch weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung
+von den Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war
+allein im Zimmer.
+
+Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell,
+wieder dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht
+überm Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig,
+wie trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich
+straffte, ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff,
+stammelnd, zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein
+Komödiant, der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in
+alle Schlünde hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt,
+sitzend, alle Arbeit tief innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos.
+Eine lange, ewige Weile wie tot.
+
+So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese
+schattenden, düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte,
+hexenmeisterische Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam
+betrogen, daß man ihm das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es
+war ein arger Possen und echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn
+so lange an diese schlechte, niedrige, gemeine, lächerliche und
+verachtete Gemeinschaft zu binden. Er hatte sich freilich, Gott sei
+Dank, vermöge seines Genies und seines eingeborenen adeligen Blutes doch
+nicht unterkriegen lassen. Sein Ingenium hatte strahlend floriert trotz
+allen gemeinen Hemmungen und Bindungen. Aber wie viele empörende,
+blutvergiftende Demütigungen, wie viele erniedrigende, krumme Schleich-
+und Umwege hätte er sich erspart, wie viele bizarre, alberne Kanten und
+Winkel wären glatt und gerade gewesen, hätte man ihn nicht
+verbrecherisch in diesem falschen und pöbelhaften Stand und Glauben
+belassen.
+
+Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und
+überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm?
+
+Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein
+Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von
+Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus
+schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht
+willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine
+kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges
+Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen;
+denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt
+und Kavalier.
+
+Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem
+wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich
+nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und
+Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf
+seinen höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte
+seinen Vater, daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er
+sich von der schönen Jüdin den Sohn gebären ließ.
+
+Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner
+Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er
+kannte Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter
+das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und
+in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor
+dem Bild des prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter
+sprechen gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff
+war mit das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte
+aussprechen können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund
+gesteckt, als er das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte
+er das kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung,
+und die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer
+weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.
+
+Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph
+hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in
+den Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn,
+Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht
+schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie
+feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft
+Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der
+Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich
+noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte
+Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen
+aufgestellt. Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also
+sein Vater, der da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres
+entlanggeführt wird. Eine endlose Front; die Soldaten schlängeln sich
+das ganze Blatt hindurch in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf
+dem Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden,
+entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine
+Knechte führen ihn.
+
+Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen.
+Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch
+ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie
+dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein
+Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als
+treuloser Schelm wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der
+Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten
+dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über
+den Neckar geführt, in einem Nachen.
+
+Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach
+Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl
+Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang.
+Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held
+gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der
+Mönch.
+
+Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal.
+Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr
+rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime
+Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das
+katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß
+geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.
+
+Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was wird er
+jetzt tun?
+
+Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung
+verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er
+selber nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken,
+er wird dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des
+Konseils. Dies also wird sein. Ja, und dann?
+
+Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine
+Hände in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von
+Würzburg wird sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen
+Mäuler unter den Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen
+Besitz der Macht auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?
+
+Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher
+Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre,
+Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er
+der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter
+diesem Lachen steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein
+Aristokrat Minister wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam
+hochklettert, das ist doch wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll
+er das hinwerfen? Wofür? Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher
+schon taufen lassen können. Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als
+wenn er jetzt als geborener Christ sich offenbarte. Christ sein, das war
+Einer unter vielen sein. Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur
+Einen. Jude sein, das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber
+auch einmalig sein, immer bewußt, aller Augen auf sich zu haben, immer
+gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der
+Hut.
+
+Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo er
+längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den
+Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt?
+Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und
+verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?
+
+Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man mit
+Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst,
+Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit,
+daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei?
+Wenn er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit
+gewonnen? Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip,
+daß bei jeder Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas
+prellen wolle.
+
+Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste
+Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht?
+Warum verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten
+Gewinn? Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen?
+Frömmigkeit? Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten
+sein? Und war es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das
+hatte, was sich hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es
+denkbar, daß solch ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war,
+für ein dunkles Drüben besser vorbereitet, als er in seiner
+vielverschlungenen Klugheit? Er fühlte sich wie ein Kind unsicher und
+ohne Rat und Hilfe.
+
+Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder
+hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen
+Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der
+Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so
+Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen
+des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es
+kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu
+verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön,
+ihn den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu
+werfen, es war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu
+strahlen, aber der satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer,
+in der Judengasse, vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man
+behaglich, ohne Furcht vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg
+kauen, seinen letzten Saft auskosten, und wußte, im Grund freuten die
+anderen sich mit. Hier war man zu Hause, hier konnte man Miene, Geste,
+Wort lockern, ausspannen. Hier war man in Frieden und wohlgebettet.
+
+Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß
+sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für
+seinen Vater gehalten, der sanftmütige, höfliche, geschwinde,
+liebenswürdige, betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl
+verachten. Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen
+konnte als Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben,
+daß er sie den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort
+gehört von ihm zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann
+zeitlebens zart und einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken
+anders als Vater zu nennen gelang nicht.
+
+Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das Opfer,
+das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber
+vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt,
+als er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und
+Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein?
+Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne
+Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch
+gehoben, aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es
+doch geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn
+man ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge
+vor das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den
+eigenen auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das
+war nicht möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte,
+Repräsentant Judas gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war
+und unverfälscht. Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war
+eben seiner Mutter Sohn, nicht seines Vaters.
+
+Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu
+Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm
+schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand
+wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters
+rechtens überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er
+sein Herz vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es
+war Recht und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und
+Verachteten, groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen
+Namen, Erbe und Stellung.
+
+Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An goldenen
+Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den Verachteten zu
+stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung abzutun; aber
+auch in dem goldenen Panzer zu prangen, war Versuchung und starke Lust.
+
+Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten
+in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der
+Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der
+Feldmarschall, abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem
+zerbrochenen Degen, winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der
+Mönch dort hinten, der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater!
+Sonderbar, daß man nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist
+oder der Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne
+lächerlich im Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart,
+das ist Isaak Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern
+Jecheskel Seligmann. Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich
+albern, und er knickst tief und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch
+und beklemmend aus, wie er immer wieder mit dem von der Folter
+zerrissenen Gesicht lächelt und dann wieder knicksend mit dem Kaftan den
+Boden schleift.
+
+Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er will
+jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit
+Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese
+Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen,
+und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen.
+
+Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel
+entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger
+scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut
+scheint gelöster, bewegter, menschlicher.
+
+„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere
+nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen
+gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“
+
+Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit
+deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr
+danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“
+
+Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann
+dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes
+Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben
+grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein
+Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede
+ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein
+Opfer, sein großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes
+Erbteil prellen?
+
+Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum
+erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum
+erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende
+Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der
+Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte,
+sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich,
+unumstößlich.
+
+Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“
+
+Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb
+ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“
+
+Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte
+er: „Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“
+
+Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines, Unwahres,
+Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen zum
+erstenmal Licht.
+
+„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst.
+„Komm mit zu dem Kind!“
+
+
+
+
+ Viertes Buch Der Herzog
+
+
+Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital
+Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der
+Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister
+sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der
+Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer
+vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.
+
+Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie.
+Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft
+bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein
+in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus
+ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten
+Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich
+über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim
+Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch
+der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.
+
+Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das
+einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte
+seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da,
+er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So
+fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der
+Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer
+sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des
+Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern
+Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst
+im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.
+
+Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht
+enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen,
+lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum
+und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.
+
+Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht
+besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den
+üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet
+getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war
+ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in
+den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich
+an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den
+Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen
+sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte
+sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in
+Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen
+und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und
+hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber
+ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein
+folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging
+durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine
+Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.
+
+Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit.
+In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche
+Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und
+Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und
+Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz
+des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp
+seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von
+Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher
+nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen
+taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und
+der Macht.
+
+Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria
+Aschkinasi:
+
+„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine
+neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere
+Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die
+eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres,
+die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines
+gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie
+durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich,
+sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich
+aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern
+um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung
+erleidet.“
+
+Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des
+Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre
+sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach
+Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre
+entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf
+dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.
+
+Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land.
+Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen
+Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte;
+alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün
+auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe
+des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche,
+gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.
+
+Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der
+erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel,
+der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische
+Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer,
+behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu
+Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden,
+gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in
+einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf,
+dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so
+eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war
+schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das
+beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob
+Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher
+Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er,
+Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine
+diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche
+Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm
+tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war
+katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen
+eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die
+venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge
+war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott
+sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und
+Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau,
+alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch.
+Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das
+war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den
+Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war
+ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle,
+verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war
+Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute
+wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten
+Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen
+Welt. Aber, _gloria in excelsis!_ von diesen heiteren schwäbischen
+Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil
+dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die
+ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten
+Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl
+war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er
+scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem
+Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen
+im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein
+feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.
+
+Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender
+Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war
+nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land
+umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft
+waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die
+höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst
+wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt
+widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand
+das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud
+den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die
+Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller
+menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus,
+hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine
+große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser
+Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft
+Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei,
+Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein
+kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut
+vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und
+stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den
+Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die
+Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein
+ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht
+man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie
+jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt.
+
+Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und
+kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf
+administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel.
+Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag
+in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die
+Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den
+Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja,
+sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich
+sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die
+beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten,
+während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem
+April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.
+
+Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der
+Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des
+Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen
+Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den
+Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich
+ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten.
+Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm,
+grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und
+Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung
+in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf
+den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend
+und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem
+Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus
+lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und
+meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um
+die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war
+ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es
+war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche,
+alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf
+der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte
+finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte
+seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des
+Volkes, des Parlaments, der Evangelischen.
+
+Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder
+mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die
+Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die
+mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen,
+submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen
+Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte
+man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein
+Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen
+drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg
+getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und
+aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des
+parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war
+in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ
+sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des
+Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe
+Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht
+gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen
+Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde.
+Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere
+Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim
+erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging,
+ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp
+und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.
+
+So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee
+in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch
+trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann;
+hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein
+Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit
+der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an
+hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit
+siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn
+hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog
+Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in
+Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener
+Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor
+Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es
+war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging
+nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten
+Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald
+wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück.
+Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen,
+es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede
+und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann
+Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther,
+Arndt, Spener, Francke zu stellen.
+
+Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser
+Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser
+Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach
+und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen
+und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen
+zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner
+Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet
+disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum
+Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf
+eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief
+unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ
+sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt,
+gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente,
+Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte
+Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der
+Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten
+aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel
+im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht
+behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten
+innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der
+Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das
+die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik
+beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den
+Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der
+schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft
+entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir
+kann selbst ich nicht helfen.“
+
+Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt
+in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so
+günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die
+württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten
+Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und
+Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen
+Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens
+schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin
+von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.
+
+Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in
+ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven,
+bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz
+des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte
+spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie
+war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die
+Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die
+Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt
+sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard
+Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und
+silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr
+aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara
+Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte
+bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch.
+Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt
+gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt,
+sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von
+getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter.
+Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen
+solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den
+guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche
+empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen,
+über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die,
+Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling
+abzwangen.
+
+Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von
+Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach,
+Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen.
+
+Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel,
+Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s
+Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen
+Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen
+Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr
+da.
+
+ * * * * *
+
+Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher
+hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren
+herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das
+katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen
+Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der
+Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur
+mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden
+auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit
+dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht,
+sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim
+Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde.
+Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum
+Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er
+zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes,
+gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend
+und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten
+wiederzugewinnen.
+
+Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte
+er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in
+der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des
+Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm
+vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der
+Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen
+heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der
+Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines
+großen Coups.
+
+Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch
+Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies
+dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt,
+dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann
+mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den
+Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden
+Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste.
+Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des
+katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die
+Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den
+eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem
+Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben
+Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik
+gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite
+Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen,
+Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo,
+Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen
+Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten
+müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten
+Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ
+die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.
+
+Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er
+abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem
+Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines
+Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche,
+die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das
+Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen
+Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel
+antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an
+seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er
+außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald
+weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie
+bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst
+vergessen hatte, als teuersten Besitz.
+
+Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär
+Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und
+unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so
+ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß
+dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch
+andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die
+sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß
+jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu
+Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem
+blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige
+hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen
+anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.
+
+Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr
+saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher,
+vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die
+einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß
+sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat,
+daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in
+ihm und ihr.
+
+Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und
+Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts
+arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte,
+Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins
+Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während
+Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des
+Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen
+Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten
+den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede
+Begleitung die Hauptstadt.
+
+Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt
+ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem
+einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich
+gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die
+hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie
+zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das
+mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller
+Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie
+opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit
+über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll
+langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und
+sinnierend zu schauen.
+
+Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten
+fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende
+Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete
+Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des
+Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters
+doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue
+Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister,
+als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht
+recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder
+drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem
+reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des
+Vaters.
+
+Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und
+Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal
+sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt;
+das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“
+
+In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das
+Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und
+her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen
+Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer
+durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig
+sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut
+aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die
+Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den
+Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den
+Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an
+einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt,
+aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß
+ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an
+Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?
+
+Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter
+Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die
+seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen
+Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der
+kabbalistische Baum.
+
+Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben.
+Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er
+war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer
+keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen
+schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm
+schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm,
+unterworfen, gezähmt.
+
+Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der
+Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem
+höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben
+können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein
+gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die
+Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im
+Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er
+fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur
+herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus
+dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.
+
+Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und
+Getragenheit.
+
+Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender,
+prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet
+Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher
+und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor
+sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel
+defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.
+
+Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß
+genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr.
+Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der
+katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller
+Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu
+erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden
+Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der
+Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des
+Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger
+und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen
+Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.
+
+Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß
+genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe
+auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise
+sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später,
+Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie,
+so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze
+Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den
+Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen
+machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen
+Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen
+werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen
+war er durchaus nicht geneigt.
+
+Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die
+ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das
+Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu
+entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine
+übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der
+Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die
+Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel:
+„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an
+seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller
+aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät
+Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“
+
+Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte.
+Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte
+die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich,
+sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig
+gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er
+denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot
+angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und
+her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei
+und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die
+die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des
+Finanzdirektors befahl.
+
+Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der
+Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem
+entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend,
+vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers
+Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern,
+Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen.
+Spähten, schnüffelten, schwitzten.
+
+Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der
+Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß
+und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte
+gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie
+man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es,
+löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit
+gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.
+
+So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas
+Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige
+Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den
+trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und
+rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu
+Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was
+jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten.
+Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm
+die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese
+Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen
+gehörte er wirklich nicht.
+
+Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun?
+Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei
+irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren
+herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster
+zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine
+Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher
+fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für
+ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht
+zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die
+Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit
+allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen.
+
+Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen?
+
+Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt
+war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten.
+Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere
+Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe
+stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu
+entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen.
+
+Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt
+dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort,
+das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er,
+nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern
+wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der
+Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in
+der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der
+Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der
+Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand
+den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen!
+
+Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig,
+vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch
+seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts
+dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden,
+polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der
+Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine
+Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein
+gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann
+sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und
+steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm
+auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche
+Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend.
+
+Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme
+gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos
+keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten,
+kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn
+als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre
+ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe
+hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen
+Christenschelmen.
+
+Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen
+Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel
+krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen
+Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer
+fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo
+man an seine Interessen streifte.
+
+Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im
+Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war,
+wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon
+zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter
+verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der
+Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden
+Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident
+Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte
+es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.
+
+So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch
+trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er
+herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche
+Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten
+erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner
+gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an
+von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam
+dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm
+plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.
+
+Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht
+mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant
+geworden!
+
+Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert.
+Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein
+Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich,
+es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl
+nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel,
+könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem
+er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu
+lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das,
+was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.
+
+Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in
+sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl
+aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den
+zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach
+dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff.
+Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu
+tasten.
+
+ * * * * *
+
+Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich.
+Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte.
+Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war
+glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen
+tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und
+doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und
+schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden
+der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten
+keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne
+Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine
+Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob,
+die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme
+eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war,
+und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten,
+tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser
+über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle
+Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie
+lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.
+
+Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch
+heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag
+stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede
+Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle
+Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses
+Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte.
+Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh
+sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich
+haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn
+sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.
+
+Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich
+über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr,
+es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen
+sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke
+Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus.
+Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als
+Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für
+den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher,
+von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres
+weiten Rockes vorlugte.
+
+Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller
+Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles
+begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien
+nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich
+nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten
+widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann
+Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale
+dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten
+Publizisten zu werden.
+
+Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und
+Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts
+davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg
+ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin
+richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz
+Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in
+ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm,
+dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im
+Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der
+Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten
+diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der
+schwäbischen Circe zu widerstehen.
+
+Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede
+Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß,
+war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die
+Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen
+seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch
+auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß
+er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die
+Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las
+ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und
+Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen
+über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches,
+Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er
+rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck.
+Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren,
+während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant;
+häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder
+lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit
+solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch
+amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen
+Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und
+Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend
+anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen
+himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam
+fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend,
+schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit
+vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie
+sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz
+gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und
+betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede,
+Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel
+im Haus der Herzogin zurückzulassen.
+
+Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine
+einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich
+an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine
+Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war
+sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem,
+der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander
+wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts
+haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was
+geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und
+verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von
+Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und
+dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten
+Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.
+
+Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte
+sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf
+einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch
+tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt,
+Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt
+lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine
+Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
+
+Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde
+geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und
+unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der
+straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie
+war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und
+empört zu lodern.
+
+Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die
+Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die
+Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann
+hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger
+Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der
+Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten
+überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war
+tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten,
+war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
+
+Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten
+Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und
+hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm
+willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine
+Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und
+unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf
+gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm,
+und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen
+gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen
+Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr
+scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr
+von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch
+alle männliche Glut war verascht.
+
+Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging
+ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich:
+sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht
+sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf
+seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte
+sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war
+nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie
+damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten
+nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber
+weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr
+ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der
+einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war
+durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach!
+tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.
+
+Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde
+Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie
+selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten
+Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast
+körperlich wie einen guten, warmen Mantel.
+
+Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad
+Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel
+Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine
+flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht
+zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte
+er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt?
+Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie
+kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward
+durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie
+zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem
+Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große
+Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er
+geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt
+solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die
+blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen
+Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend,
+sich beschied.
+
+Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn
+sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer
+Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen
+Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen
+Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen,
+betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten
+Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit
+wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende
+Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften
+Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige
+Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm
+als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen
+Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer
+Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden
+Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren
+zu dürfen.
+
+Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden
+Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und
+tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie
+gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der
+ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine
+andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie
+würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele
+begabte Heilige, ihre Dornenkrone.
+
+Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal
+ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie
+hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten,
+dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle
+lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der
+dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel
+und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in
+ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger
+weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit
+großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und
+Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste
+Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des
+Expeditionsrats still und friedlich zu.
+
+Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so
+selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof,
+auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr
+zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und
+krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung
+nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und
+Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte
+man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie
+zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und
+Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß
+ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang.
+Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes
+freundlich ein.
+
+Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und
+leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der
+Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und
+dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch
+in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die
+glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer
+Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet
+worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete
+sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die
+Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie
+eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe
+ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch
+die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem
+Kopfschütteln.
+
+Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und
+erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie
+nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die
+Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war
+sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als
+die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene
+Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach
+zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und
+urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte
+menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle
+aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes
+natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie
+seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er
+wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war,
+ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und
+unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich
+geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte
+dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren
+nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena,
+unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.
+
+Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr
+verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste
+Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes
+Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die
+philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer
+Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus,
+waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im
+Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige,
+höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin
+geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben
+an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der
+braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht
+zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht
+die ihre sein.
+
+Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen
+Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht
+überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die
+feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im
+gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine
+Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er
+einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule
+hinauf, füllte ihn ganz an.
+
+Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder.
+Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine
+Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen
+lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen
+Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der
+mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch
+tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener
+Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung
+als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den
+Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und
+Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die
+Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem
+Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht
+ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt
+zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des
+Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so
+betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch
+tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als
+Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und
+Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und
+ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.
+
+Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt
+bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All
+seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders
+einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend
+wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die
+frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des
+Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der
+Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung
+und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und
+gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat
+Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann
+geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so
+schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als
+Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem
+Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er,
+behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er
+ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche
+Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.
+
+Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf
+raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann,
+der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost
+vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation
+schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat
+verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber
+in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm
+welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den
+vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam
+war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft
+sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften
+Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt
+nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das
+Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und
+verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil
+seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu
+den wenigen, die sie nicht leiden mochte.
+
+Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er
+wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen
+künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß
+regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft
+jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein
+Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der
+Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es
+wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß,
+Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren
+akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun,
+wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre
+es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen,
+davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und
+vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt
+gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem
+berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um
+das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie
+festgesetzt.
+
+Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und
+Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender,
+seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen.
+Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um
+ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen
+Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf
+beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete,
+schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in
+sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend,
+woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.
+
+ * * * * *
+
+Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine
+seiner einsamen Reisen.
+
+Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs
+stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch
+angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog
+nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein
+lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße
+folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben
+auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten
+Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.
+
+Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen
+Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und
+fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist
+überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in
+großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach
+einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche
+Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.
+
+Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er
+bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen
+gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten.
+Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren
+hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg
+rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund
+riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem
+dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es
+gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß
+unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden.
+Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte
+offenbar dieser Gegend.
+
+Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete
+schwer, wanderte weglos und mühsam.
+
+Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand
+plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume
+standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich.
+Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände,
+die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so
+hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete
+die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen
+den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast
+lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert,
+man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.
+
+Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum.
+Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen
+ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief.
+Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den
+Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner
+Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der
+verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener
+verkettete, leichter atme.
+
+Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser
+Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten
+Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen?
+Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des
+Hundes!
+
+Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten
+Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren
+um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt
+in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und
+Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des
+Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der
+Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi
+Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die
+aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den
+Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.
+
+Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr
+helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der
+Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im
+Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt
+in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht
+auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es,
+Mann!
+
+Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn,
+aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen
+des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus,
+Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger,
+angstvoller Beschwörung: „Hilf!“
+
+„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen
+nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das
+Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da
+waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht.
+Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die
+sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes,
+unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln
+die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen
+Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es
+herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den
+Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen
+Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine,
+Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus:
+„Hilf!“
+
+Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab,
+keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine
+Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die
+bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt
+ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“
+
+In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den
+großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige
+Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit
+den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die
+kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater
+das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit
+kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war,
+die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken
+Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht,
+ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und
+frostig war es erloschen!
+
+In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner
+Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und
+gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander
+fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen,
+das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein
+blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart
+und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische
+Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper,
+die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich
+können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins
+Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber!
+Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte,
+_mille tonnerre_! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen
+und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust
+haben.
+
+Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb
+des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl
+Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über
+die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr
+schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit
+vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem
+Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.
+
+Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte,
+war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem
+Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was
+wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für
+solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!
+
+Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem
+Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er
+rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann
+werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine
+Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs!
+Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag
+was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf
+die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.
+
+Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen
+des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann
+abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem
+Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume
+sperrten den Blick weiter.
+
+Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen
+noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter
+stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts
+verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte
+voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter,
+neugierig, angeregt, amüsiert.
+
+Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen,
+staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig,
+Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in
+dem schwäbischen Wald was anzufangen.
+
+„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn
+Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht
+übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich
+plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten,
+holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit
+schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus
+steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit
+einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
+
+„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem,
+genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
+
+Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer
+ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir
+den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
+
+Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins
+Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten?
+– Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden,
+setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig
+anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der
+Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
+
+„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte
+zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu
+befehlen, nur mein Herr.“
+
+„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem
+erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu
+und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes,
+des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das
+magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der
+unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und
+gedämpft.
+
+„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit
+hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn
+der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister
+nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“
+
+„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat
+Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine,
+lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle
+Winkel.
+
+Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen
+Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke,
+plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten
+sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel
+angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das
+Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts,
+des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß
+dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So
+was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou!
+Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“
+
+Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den
+Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter
+ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch
+das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.
+
+In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des
+Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn
+Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren,
+liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“
+
+„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der
+Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner
+Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an
+ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern:
+„Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein.
+Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu:
+Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei
+doch noch besser als alle Geburten seines Hirns.
+
+Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank
+das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen
+Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein
+rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er
+schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln
+um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat,
+gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein.
+Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten
+Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen.
+Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser
+mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr
+Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und
+heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für
+kurioses Gesicht ziehen.
+
+Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens
+gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte
+dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke,
+den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die
+Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und,
+da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu
+Ihren Füßen legen?“
+
+Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor
+Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese
+Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder
+fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn
+dein Herzog dich fragt.“
+
+„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in
+ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir
+nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie
+nicht so zimpferlich!“
+
+Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben,
+dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit.
+„Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl
+Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und
+Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“
+
+„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen
+wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und
+pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie
+Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie
+sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und
+mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.
+
+Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen
+Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten
+sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der
+Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten.
+Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den
+ganzen Leib und eiskalt.
+
+In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von
+Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach
+Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und
+nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist
+weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten
+Magus um sein Prestige bringt.“
+
+Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee,
+als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den
+feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er
+sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und
+Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und
+blaß werden.“
+
+So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den
+Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht
+die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind
+hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie
+nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und
+selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt.
+Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu
+bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer
+ungestillt bleiben.
+
+Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die
+großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und
+ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl
+zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte,
+ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.
+
+Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht
+überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein,
+Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von
+neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen
+Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie
+jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön
+und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein.
+Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu.
+So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den
+Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm
+bleiben werde seiner Tage.
+
+So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank,
+fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in
+warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre
+weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber
+ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie
+galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend
+Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des
+Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines,
+stilles Lachen.
+
+Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub
+des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er
+wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn
+bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten,
+sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer
+behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er
+allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche
+Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.
+
+Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt
+von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel.
+Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel,
+fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken,
+warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung
+war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei,
+gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über
+Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man
+sich wie in Venedig so jung.
+
+Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen,
+die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht
+regen konnte.
+
+Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er
+hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer
+des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit
+den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht
+hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.
+
+Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff,
+ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er
+sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.
+
+Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig
+hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte
+vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt?
+Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer,
+kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr
+Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick,
+flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete
+lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend
+wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte
+Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie
+gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich
+ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel,
+nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie
+mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann
+die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach.
+
+Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der
+warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte
+hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei,
+der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den
+Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor
+an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald?
+Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige
+und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht
+hinaus.
+
+Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier.
+Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein
+Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit
+gleitendem Schritt stieg sie ein.
+
+Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe
+heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und
+Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den
+Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze
+Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand
+enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die
+schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den
+Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen,
+nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der
+Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn
+sie ihn auslachten.
+
+Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß
+schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs
+Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und
+erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“
+Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete
+stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die
+Neuffer gewiesen.
+
+Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind
+hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief
+sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie
+nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück,
+tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff
+nicht.
+
+Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der
+junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg
+aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den
+Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in
+Wind und Nacht.
+
+Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es
+Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er
+Ursach dieses Todes.
+
+Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer
+so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders
+angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da
+brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß
+Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was
+antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins
+Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
+
+Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden.
+Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag
+sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue
+nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war
+ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin
+noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und
+jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm
+Erkalten.
+
+Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen
+aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es.
+Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von
+einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im
+Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und
+plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der
+Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte
+da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er
+hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich
+jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies
+quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
+
+Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit.
+Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je
+nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und
+dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war
+Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr
+Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere
+und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er
+der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben
+blühte oder Tod einfiel.
+
+Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen
+lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er
+jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken
+werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich
+zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird
+er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller
+Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren,
+Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm
+und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!
+
+Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho!
+Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er
+die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten
+hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man
+dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du
+Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht,
+nie wäre das arriviert.
+
+Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden.
+Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in
+die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und
+auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen
+wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch
+wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und
+niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war
+schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte
+Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß
+mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen.
+Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich
+zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem
+verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man
+es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein
+kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß
+verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen.
+Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich
+mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht
+bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm
+wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es
+jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war
+tot.
+
+Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes
+Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich
+alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird
+ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!
+
+Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles,
+drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.
+
+Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er
+sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut,
+brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die
+Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das
+tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der
+aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus,
+hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem
+verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse.
+Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd,
+schnarchend, totenhaft tief.
+
+Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif
+und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl
+Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus
+verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des
+Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die
+Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und
+damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie
+nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der
+Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der
+sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster
+waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des
+Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand
+Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich
+nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts.
+Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr
+Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine
+große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah
+nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er
+sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem
+Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und
+bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.
+
+Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel
+gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen
+sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die
+breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen
+war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter
+Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren
+Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das
+Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens:
+Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das
+Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das
+Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens.
+Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur
+Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So
+blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.
+
+Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die
+drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel,
+der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke
+konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war
+noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt;
+noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte
+das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie
+gestorben, eh daß er gekommen war.
+
+Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum,
+der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden,
+verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner
+knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war
+ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte,
+er konnte sie nicht halten.
+
+Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie
+überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift,
+die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter!
+Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“
+
+Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als
+er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so
+schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in
+grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die
+Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand
+war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in
+herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.
+
+ * * * * *
+
+Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen
+war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während
+er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig,
+trank, zotete, jagte.
+
+Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht
+des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie
+Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war
+tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot;
+entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud
+war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud
+war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und
+verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat
+es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn
+mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das
+Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im
+Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin:
+„Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
+
+Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog
+sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen,
+war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem
+Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im
+Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im
+Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß
+wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er
+eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die
+hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein
+Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen,
+Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die
+verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-,
+Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden
+ohne Besinnung.
+
+Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen
+verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm
+und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos
+häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging
+er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
+
+Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog
+gestorben?“
+
+„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
+
+„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in
+die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
+
+„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
+
+„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
+
+Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren
+der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt
+ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben.
+Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe,
+stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten
+gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er,
+hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“
+
+„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.
+
+Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie
+wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird
+auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“
+
+Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute
+herauf, er rührte sich nicht.
+
+Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht.
+Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht
+erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um
+den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den
+eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein
+Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der
+Frauen?
+
+Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend,
+sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in
+Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich
+spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr
+viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines
+Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“
+
+Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte
+der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
+
+Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm
+lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog,
+hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses
+mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch
+nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die
+knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten
+Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren.
+Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er:
+„Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es
+eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und
+kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden,
+da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich
+sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
+
+Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr
+und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der
+_coûte que coûte_ seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein
+bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können,
+ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt.
+_Parole d’honneur!_ Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig
+Spaß versteht.“
+
+Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht,
+wer hätte das denken können.“
+
+Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er:
+„Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn
+um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns
+soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste
+wie bisher! Geb Er mir die Hand!“
+
+Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des
+Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne
+Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum
+andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen
+regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war
+im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen
+Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.
+
+Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „_Bien!_“ sagte er. „Bestatte
+Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“
+
+Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den
+hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und
+Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich
+heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken,
+pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter
+Laune zurück in seine Hauptstadt.
+
+Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen
+lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind,
+und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war,
+und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann?
+Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die
+Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt
+und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm
+gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er
+geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar
+nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel
+davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können.
+
+Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen
+wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod
+seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war
+ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war
+ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil
+losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes
+Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn
+er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist
+er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt,
+allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er
+ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige
+Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und
+brät sie und kocht von allen Seiten sie gar.
+
+Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne,
+sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.
+
+Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen
+Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit
+seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.
+
+Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm
+wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich
+dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund
+und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten
+Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.
+
+Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre
+Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum,
+und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael,
+dem Linken.
+
+ * * * * *
+
+Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht:
+Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von
+Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist
+gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist
+ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt.
+Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.
+
+Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd
+und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter
+Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und
+von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan
+Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und
+Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.
+
+Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner
+von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er
+drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich
+freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht
+mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem
+häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah
+er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr
+es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich
+fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den
+rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
+
+Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines,
+goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort
+Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den
+Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer
+nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette,
+schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der
+Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der
+dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der
+milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in
+seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen
+sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen,
+durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer,
+sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie
+weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber
+nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß
+Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt
+Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in
+keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige
+Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr
+ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges,
+und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt
+seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine
+Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus
+Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den
+eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern.
+Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind
+Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet
+hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
+
+In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von
+Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß
+im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott,
+gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und
+vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig
+ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank
+der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den
+kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit
+ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des
+göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich.
+Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie
+sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die
+Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den
+Friedhof.
+
+Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde
+gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die
+Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und
+Herrn.
+
+ * * * * *
+
+Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die
+Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt,
+riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches
+lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit.
+Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine
+ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus
+ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin
+menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter,
+spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen,
+überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen
+Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem,
+nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer
+kriecherischen Geduld.
+
+Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen.
+Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog
+zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das
+ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte,
+leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er
+bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und
+zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter,
+düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister
+Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke,
+suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen.
+Doch der schwieg.
+
+Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war
+härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen,
+und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es
+anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter
+strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle
+Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie
+nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die
+wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich
+sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl
+zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein
+feindseliges, gelblich dunkles Feuer.
+
+Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug
+sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn;
+eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber
+schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.
+
+Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet
+und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder
+jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie
+wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder
+politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die
+Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in
+nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
+
+Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine
+Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten
+die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der
+Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in
+Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen?
+Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu,
+die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.
+
+Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht,
+schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren,
+maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine
+grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er,
+der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig
+schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch
+des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den
+Ausgehöhlten aufrecht.
+
+Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der
+Herr des Landes, scheute keine Grenze.
+
+In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer.
+Dieser Fall lag so:
+
+Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war
+der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht,
+verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische
+Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen
+Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen
+unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder
+Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen
+mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung,
+einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen,
+reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren,
+humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß,
+sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.
+
+Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe
+von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den
+Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter
+vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den
+Jüngling.
+
+Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die
+vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung
+seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie
+des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden.
+Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein
+anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte,
+höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge
+Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der
+Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die
+Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen
+anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in
+Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor
+Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land,
+zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende,
+zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht
+sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich
+spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle
+Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die
+Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und
+Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern
+wischen.
+
+Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn
+ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete
+dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge
+Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram
+über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht
+doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann
+seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des
+Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.
+
+Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der
+hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an
+der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch
+die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn
+verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene
+Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur
+Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter
+verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem
+Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die
+herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer
+noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher
+verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des
+Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte
+Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den
+wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen
+Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.
+
+Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten
+Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des
+Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch
+bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand
+sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.
+
+Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst
+vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen
+Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein,
+sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der
+Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den
+Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine
+müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des
+Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen
+werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.
+
+In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah
+der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war
+die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde,
+pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht
+Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen
+Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm
+als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins
+andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle
+Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.
+
+Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu
+müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der
+Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen
+und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe,
+seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem
+Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn
+Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen
+verwiesen.
+
+Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch
+unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem
+großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die
+einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des
+Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu
+Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige
+Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen
+einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und
+wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten,
+seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche,
+erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes
+verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.
+
+Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er
+hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er
+war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge
+Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und
+stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle
+der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn
+der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht
+besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander
+hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand,
+versprach unsicher, er werde es überdenken.
+
+Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war
+alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und
+der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité
+not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche
+Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren
+oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte
+abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner
+Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu
+refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere,
+sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn
+nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den
+Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit
+die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle
+Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der
+Herzog.
+
+Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen.
+Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl
+Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der
+Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau,
+habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr
+auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. _Mille
+tonnerre!_ Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und
+er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und
+kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt
+das Urteil annullieren.
+
+Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch
+einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach
+Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte
+drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine
+Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein
+Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des
+Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.
+
+Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig
+machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr
+befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn
+vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der
+hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.
+
+Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei
+begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser
+Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf
+zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf
+gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser
+marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht
+geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem
+Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte
+sich, zu lächeln, und schwieg.
+
+Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen
+den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie
+begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche
+unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es
+mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine
+Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem
+Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei
+Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende,
+ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären;
+vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie
+schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die
+Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.
+
+Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre,
+sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die
+Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere
+durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um
+seine Entlassung.
+
+„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein
+verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“
+
+„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des
+Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche
+Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“
+
+„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog
+läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es
+vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser
+zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch
+nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes
+Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume
+kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende
+Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die
+Finger gestreckt im Zeichen des Schin.
+
+Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß,
+er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem
+Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann
+einen schweren Stand haben.
+
+Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war,
+nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu
+dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt
+über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine
+Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen
+geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten.
+Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine
+Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen,
+ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle
+seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle
+Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er
+können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie
+dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur
+Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt
+publiziert werden. Wir warten.“
+
+Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig
+gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der
+Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die
+Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander.
+Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das
+Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.
+
+Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme,
+unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen
+waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm
+und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander
+erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.
+
+„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der
+Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen,
+machtbewußten, bösen Lächeln.
+
+Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich
+wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm
+zu jenem.
+
+ * * * * *
+
+Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als
+Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen
+die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin
+Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth
+Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils
+war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und
+es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und
+Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des
+Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom
+Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte
+den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den
+Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen
+Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine
+peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu
+besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht
+seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied
+genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn
+zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung
+Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in
+schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen
+Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
+
+Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder
+die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl
+manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu
+pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den
+bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten
+Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine
+Brunst immer höher.
+
+Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne
+Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer
+schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige,
+dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und
+melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und
+auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen
+Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er
+an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen
+Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen
+und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und
+backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.
+
+Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht
+und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig
+gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der
+Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie
+pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht
+Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig,
+furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn
+männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie
+anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber
+auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich
+Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden
+ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während
+der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.
+
+Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er
+lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für
+seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie
+so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
+
+Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler
+einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses
+genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von
+dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben.
+Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein
+seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür
+zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte
+der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob
+keiner den Preis des Heiden überbiete.
+
+Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders
+rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt
+feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise,
+daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei
+keiner Dame Gunst verschleudert.
+
+Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die
+Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl
+Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was
+er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit,
+sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich
+den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er
+nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man
+und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte,
+wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
+
+Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die
+begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das
+gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! –
+hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett
+schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er
+Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt
+wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine
+undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche
+Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und
+Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine
+Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser
+vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre,
+den Stein zu erwerben.
+
+Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu
+dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein
+Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs
+unwahrscheinlich hoch überboten.
+
+„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die
+Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.
+
+Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge
+des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen
+westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz
+wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.
+
+Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl
+Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und
+sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.
+
+Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und
+bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute
+ihn an.
+
+Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt,
+Jud!“ sagte er endlich heiser.
+
+Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.
+
+ * * * * *
+
+Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen
+besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der
+Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt
+werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein
+Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt
+sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die
+Legalisierung der Militärautokratie.
+
+Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das
+jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten
+Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge
+begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich
+gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde
+man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit
+und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die
+Festung setzen.
+
+Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare
+Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine
+umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag
+und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte.
+Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil
+kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument
+ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten
+Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden;
+mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr
+hinauszugelangen.
+
+Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben
+wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen,
+die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen
+hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei
+Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen,
+gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr
+bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den
+österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die
+Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte
+straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische
+Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.
+
+Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb
+selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das
+katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm,
+keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der
+dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen
+machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische
+Projekt frei und los machen.
+
+Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische
+Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt
+hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll
+Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze
+nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen _à la
+mode_-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich,
+einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese
+Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel
+besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war
+es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten,
+obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern
+schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen
+konnte.
+
+Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein
+Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als
+praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten
+schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann
+sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu
+vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die
+Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie
+Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten
+geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der
+Bräuche.
+
+Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem
+Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle,
+unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten
+erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus
+politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende
+Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen
+und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er
+den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich
+belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.
+
+Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und
+annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das
+erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den
+Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer
+Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald
+auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist.
+Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war
+jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des
+Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen
+Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben,
+zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg
+nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter
+seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte
+Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb
+dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht
+wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig
+lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem
+Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem
+Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja
+die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht,
+daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen
+gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und
+als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine
+Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und
+Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den
+christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem
+jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.
+
+Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht
+widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren,
+die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch
+in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in
+das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz
+vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren
+zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die
+Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin
+jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt:
+„Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit,
+die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er
+sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich
+auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte,
+knurrte sein Zorn noch leise nach.
+
+Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den
+Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle
+gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da
+Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen
+in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig
+auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß
+verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden
+Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl
+Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher
+Abwehr den Rücken rundete.
+
+Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem
+Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser
+Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er
+spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie
+zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl
+Alexander.
+
+Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl
+auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein
+Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand,
+saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar
+lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber
+ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und
+Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen.
+Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei
+Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm
+diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen
+konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die
+fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die
+stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche,
+wilde, zähe Hassen.
+
+ * * * * *
+
+Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus
+lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer
+begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang
+es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein
+Gesicht, Josef.“
+
+„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu:
+„Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich
+noch immer meines Vaters Sohn?“
+
+„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein
+zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch,
+Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen
+zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte
+nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.
+
+Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind
+geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und
+des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er
+starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen
+Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die
+süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine
+heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht
+länger anschauen.
+
+Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte
+sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in
+seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich
+Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine
+Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für
+Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit
+ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte,
+durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in
+sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach
+einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei
+Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren,
+sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die
+Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es
+deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor
+Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und
+sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit.
+
+Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt,
+nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als
+sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene
+Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er
+hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des
+dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren
+hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den
+eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr
+allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er
+sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird,
+wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige
+Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden.
+
+Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes
+Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig
+wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles
+schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener
+noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion,
+sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei
+Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete
+nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und
+mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von
+Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen
+wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der
+altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald
+verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch
+einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und
+unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort.
+
+Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße
+Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter
+Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden
+waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren
+Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das
+verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige
+Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im
+Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die
+Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen
+das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz
+eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen
+Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich
+unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich
+die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem
+Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und
+Horn und Pferdefuß.
+
+Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes,
+unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und
+Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend,
+bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob
+Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg
+gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte
+auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen,
+tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch
+inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber
+solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen
+und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu
+erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige
+Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl,
+die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß
+er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens
+in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg
+gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit
+einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die
+vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie
+dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen.
+Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb
+eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte
+Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit
+den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, /
+Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er
+dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen.
+
+Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre
+schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen
+Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt,
+wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um
+für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer
+Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand,
+in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war.
+Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige
+rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder
+Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und
+finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine
+angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der
+pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und
+streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas
+Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu
+bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen
+Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi
+unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht
+ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon
+zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der
+heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine
+eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden
+suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte
+unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe
+machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er
+bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu
+hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.
+
+Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige
+Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er
+den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse,
+sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem
+Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die
+Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber
+vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er
+Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste
+zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der
+Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so
+auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis
+der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter
+Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften
+Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden,
+ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im
+Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er
+gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam
+das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.
+
+In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts
+von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen
+Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz
+gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen;
+aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden
+Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie
+gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in
+ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War
+sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung
+gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.
+
+Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß.
+Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle
+noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des
+Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann
+aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so
+beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum
+Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun
+mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor
+schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten,
+wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die
+Hand gaben.
+
+Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober
+das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen
+Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte
+unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in
+Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine
+Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war
+freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein
+Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu
+nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und
+die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt
+und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten
+Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm
+und Verdammter?
+
+Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister.
+Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung
+hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu
+werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so
+grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der
+schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele
+retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund.
+Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit
+kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand,
+über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.
+
+Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug
+auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in
+Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter
+verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez
+das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der
+Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen
+Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und
+arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in
+seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.
+
+ * * * * *
+
+Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander
+die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut
+hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem
+Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich
+Abwartenden an.
+
+„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit
+einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet
+war.
+
+Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die
+Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud
+recht hatte.
+
+Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie.
+„Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen,
+höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen
+Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die
+unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme,
+mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma
+wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige
+Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander,
+Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben
+und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat,
+wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir
+sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig
+zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben
+Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist
+ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
+
+Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte,
+spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es
+ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich,
+daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende
+führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände
+nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem
+fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe
+lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge
+zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das
+katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige
+Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß
+dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war,
+das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.
+
+Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter
+dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt.
+Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts
+weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung,
+Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber.
+Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber
+werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber
+oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird
+das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land
+hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen,
+wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht
+es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung.
+Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das
+schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er
+ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.
+
+So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit
+kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das
+gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort:
+„Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es
+geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog
+steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut
+und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes,
+leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es
+geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
+
+Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß
+man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst
+und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein
+ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und
+Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und
+gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas
+Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen,
+das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das
+Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude.
+
+Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es
+wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es
+immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der
+Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen
+Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog;
+sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
+
+Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des
+Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und
+nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit,
+in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes,
+fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte
+gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich
+einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf
+Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus
+diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar
+grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes
+und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum,
+was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es
+hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein
+anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist,
+es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt.
+Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn;
+nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst
+gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den
+tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde,
+Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt.
+
+Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht
+schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf,
+wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich,
+beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte
+dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung.
+
+ * * * * *
+
+Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und
+Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren
+Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon
+losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen
+Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit
+aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär
+zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte
+sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker
+allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in
+Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl
+zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde
+Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in
+kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von
+Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke
+Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand
+gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und
+Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend
+organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer,
+besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die
+Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans
+Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen.
+In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das
+Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten
+lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere
+Kugeln.
+
+Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von
+Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter
+Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab,
+Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die
+staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten.
+Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon
+nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der
+Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter
+verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
+
+Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von
+Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie
+vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der
+unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem
+Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur
+Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit
+Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt
+entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und
+Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals
+Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten
+Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz
+ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog
+seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu
+seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen
+Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl
+Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische
+Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem
+Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber
+das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der
+Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man
+mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des
+Staatsstreichs warten.
+
+Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter
+Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant
+dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder,
+jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war
+guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der
+militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge
+Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand
+nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen
+Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum
+denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung?
+Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit,
+die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die
+Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn
+doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die
+Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge
+– so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul
+voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und
+schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten
+Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten
+Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher
+Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden
+Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine
+plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen
+und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen
+Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk
+ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn,
+dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal
+rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der
+populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken,
+daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu
+Tumulten führte.
+
+Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste
+Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele
+machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum
+Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein
+erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen
+Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen
+Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt
+auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim
+habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche
+besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
+
+An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so
+wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel
+gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und
+christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und
+bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die
+diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem
+Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in
+der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar,
+wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten,
+dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend,
+zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der
+weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
+
+In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher
+Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und
+in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum
+Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen
+wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie
+verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den
+Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her
+ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen
+Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus,
+ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit
+statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga.
+
+Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach
+aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht
+hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich
+träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von
+seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die
+ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm
+dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im
+Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die
+Medizin die gewünschte Wirkung.
+
+Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich.
+Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in
+diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche
+Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon
+gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er
+holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter
+Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und
+stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es,
+daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch
+durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der
+Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem
+amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um
+soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen
+Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste
+aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte
+manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen
+gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ
+sich nicht aus dem Konzept bringen.
+
+In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine
+Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm
+Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man
+keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn
+rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen
+und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen
+betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas
+Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem
+so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der
+Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott
+befohlen!“ sagte der dritte.
+
+Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman,
+der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des
+Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach
+endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren,
+zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie
+verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen,
+bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen
+die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen
+sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen
+schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und
+aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir,
+laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf
+die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten
+sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust.
+
+Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte
+gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl
+Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war
+eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von
+Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus
+hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der
+uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der
+fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen,
+glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen
+sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der
+Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher
+Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des
+Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne,
+nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten,
+lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett
+Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie
+den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
+
+Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der
+Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind
+stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen,
+als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden,
+diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag
+beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit
+schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt
+das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die
+Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der
+Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot
+beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit
+parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend
+kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in
+jaulendem, japsendem Vergnügen.
+
+In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen
+in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh,
+daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam
+Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock
+stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes,
+zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand,
+schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin,
+die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz
+verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem
+kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie
+hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen
+verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin
+richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr
+hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten,
+kostbaren, hoffärtigen Schritten.
+
+ * * * * *
+
+In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die
+blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger,
+sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen
+Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr
+schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die
+starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle
+Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine
+Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner
+Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien
+daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter.
+
+Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme,
+gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an
+dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor
+der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er
+sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den
+schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens
+hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So
+tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen
+Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner
+Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt,
+er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos
+hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel,
+der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders
+hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug
+des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts
+unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen
+Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast
+matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände
+lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah
+diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam
+sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige
+Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare
+und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre
+ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so
+schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird
+resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und
+gar frei lassen.
+
+Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und
+nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und
+dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie
+habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp
+Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern
+und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren
+unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien.
+Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen
+sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger
+liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.
+
+Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der
+schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da
+raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem
+andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats
+feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme
+fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit
+sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene,
+illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel
+Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und
+er war beglückt.
+
+Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht
+mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in
+Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und
+Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das
+fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort;
+das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen,
+auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu
+tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm,
+sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man
+sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche
+Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das
+Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten,
+schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt
+ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.
+
+So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und
+lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich
+in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu
+einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und
+ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit
+und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte
+Begrenzung.
+
+Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen
+Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim
+und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten
+sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich,
+spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch
+überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie,
+was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber
+rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit
+sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur
+Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.
+
+Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre
+Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog
+ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für
+alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war
+er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft
+Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß
+schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die
+Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern
+alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte.
+War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und
+Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die
+Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und
+gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz
+folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen
+Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln
+ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen
+Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann,
+der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor
+der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst
+nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.
+
+Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die
+Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht
+zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm
+plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem
+strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt
+leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern
+Hofjuden heiraten?“
+
+„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang
+aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und
+wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten
+aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
+
+ * * * * *
+
+In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem
+ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des
+Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend,
+verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in
+brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte
+der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall
+sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden,
+drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber
+nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog
+schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum
+Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.
+
+In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der
+Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners
+auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er
+sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er
+verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.
+
+Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die
+Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell
+sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall
+des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren,
+dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten
+Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit
+setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem
+Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam
+–, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle
+Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl
+Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung
+aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der
+katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler
+Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige
+Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch
+Gesetz verkünden.
+
+Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die
+reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen
+Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land,
+als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog
+sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf,
+Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und
+Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte,
+ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller
+jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als
+einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das
+konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten,
+dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man
+sich im Unrecht fühlte; das _Corpus evangelicorum_ wird über einen
+herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und
+enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die
+Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die
+geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die
+anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal
+zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall
+gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem
+Schoße Flor oder Verderb trug.
+
+Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem
+Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte
+er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt
+wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn
+sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und
+Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem,
+miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts.
+Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder
+dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm
+auswirken könnte.
+
+In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht,
+wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen
+hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und
+was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee?
+Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt
+mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder –
+wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst?
+Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak
+höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel.
+Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer
+als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte
+Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden,
+unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins
+Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!
+
+„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die
+unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
+
+„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt:
+Attempto!“
+
+Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf.
+„Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast
+genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und
+als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben.
+„Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses
+Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein
+Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den
+Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn
+einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er;
+denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen
+Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl
+Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete
+Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle
+der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen.
+Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander
+war doch ein Kerl!
+
+Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause.
+Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet,
+hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen
+Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es
+und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte
+er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert
+gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester
+wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
+
+Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt,
+alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi
+Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf,
+um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das
+von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote
+gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie
+ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie
+heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern,
+auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus
+dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und
+die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt
+sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit.
+Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein
+reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines
+zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich
+dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich
+dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem
+Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn
+deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
+
+Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er
+wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte,
+er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher
+persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen
+nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht
+aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das
+nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber
+jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war
+jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett
+und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu
+zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach,
+wie fern das war und wie nichts!
+
+Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus
+dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte
+des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden
+Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit
+runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war
+munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten
+des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei
+der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer
+Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister
+stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei
+Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich
+abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig,
+schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch
+eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur
+Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen,
+rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden
+verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber
+wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million
+evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm
+und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte
+haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und
+Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“
+
+Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen,
+wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle,
+dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den
+Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer
+Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“
+sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht
+mehr als jeder andere.“
+
+Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der
+Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer
+überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer
+seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu
+haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma
+heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die
+Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die
+Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt
+zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann
+sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken.
+Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt
+sie zum Herzog.“
+
+Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn
+hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit,
+Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen
+geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand
+schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt
+oder gar Ihn geschickt habe.“
+
+„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich
+versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie
+erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber
+wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie
+es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die
+Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark
+_in politicis_, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
+
+„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß
+Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu.
+„Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein
+evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den
+lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim
+machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“
+
+Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock,
+Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen
+Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum
+Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber
+soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch
+das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten
+den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie
+war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme
+oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte
+sie nicht.
+
+Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte
+die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch,
+Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine
+gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise:
+„Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal,
+wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“
+
+Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und
+Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen,
+violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte!
+Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig
+betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten,
+sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken,
+ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger
+drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des
+Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel
+des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben
+Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch
+sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu
+leben!
+
+In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft,
+lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte
+sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre
+gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu
+Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl
+Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ?
+Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres,
+Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene
+Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg
+Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein
+säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch,
+er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter
+her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß
+Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die
+Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.
+
+Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war
+das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert.
+Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen
+wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn
+einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er
+selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die
+beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste
+sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift
+hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann,
+der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg
+schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander!
+Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und
+amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich
+die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf
+die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein
+Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den
+Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du
+Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und
+Mädchenschänder und Metzger und Schuft!
+
+Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er
+einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im
+letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die
+Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des
+gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein
+wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen
+weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung!
+Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr
+Herzog!
+
+Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden.
+Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner
+Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles,
+des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte
+Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus
+den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten
+Bauer der Papagei Akiba krächzte: „_Bon jour, madame!_“ und „_Ma vie
+pour mon souverain!_“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle
+wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von
+seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.
+
+Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich
+im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte,
+wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug,
+gurgelte.
+
+ * * * * *
+
+Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer
+van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi
+Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern,
+Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten,
+der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht,
+daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer
+wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu
+sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber
+auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn
+der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in
+Demut verehrt über weites Land.
+
+Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land.
+Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von
+Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als
+Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn
+gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die
+Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen
+Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott
+und Bannstrahl.
+
+Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch,
+keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun
+des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend?
+Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische
+Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben
+zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht?
+Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger
+und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend
+im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den
+Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder
+schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen
+Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde,
+orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in
+Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu
+machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng
+rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet
+von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem
+früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des
+christlichen Evangels?
+
+Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi
+Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür
+des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines
+Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der
+Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut
+lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen
+Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem
+bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war
+bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte
+sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und
+gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem
+gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar
+nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und
+den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten
+senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten,
+bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens:
+Schaddai.
+
+„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“
+begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem
+Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und
+sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende
+Liebenswürdigkeit.
+
+Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten
+Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose
+Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den
+dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan
+Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen
+zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel,
+die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes
+gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden,
+Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der
+Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm
+Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen
+lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein
+Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in
+den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte
+er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles
+muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es
+nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen.
+Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi
+Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung.
+Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und
+er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen,
+milchig fließenden Bart.
+
+Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du
+die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen
+Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum
+läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen
+Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du
+Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast
+du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann
+getan?“
+
+Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus
+seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist
+nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich
+könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder
+Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl
+Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr
+Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob
+Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter
+Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere
+Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias
+Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu
+retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir
+nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu
+schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche
+gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig,
+Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee
+willen.
+
+Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er
+stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den
+mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten
+Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich
+räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es
+gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich
+hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern
+zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes,
+brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle
+Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die
+Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber
+ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist
+jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen
+Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig
+und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß
+immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm
+sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart
+mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine
+Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer
+steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“
+
+Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten
+Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte
+sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein,
+Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber,
+schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis
+geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche
+Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem
+Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen
+Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der
+Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon
+ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith.
+Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der
+Vollendung als dieser.
+
+Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte
+nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das
+Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen
+runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde,
+leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen
+Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an
+seine Bücher und Pergamente setzte.
+
+ * * * * *
+
+Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg,
+um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen.
+Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der
+geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf
+Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und
+Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den
+geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In
+aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin
+verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr
+hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die
+letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan
+werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde
+man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen.
+Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau
+hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze
+mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als
+lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden
+Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war
+doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf
+dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm
+Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es
+ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern.
+Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte
+er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und
+zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von
+seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und
+flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles
+gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile
+fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der
+Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl
+Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her
+war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich
+gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend,
+gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde
+gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das
+jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.
+
+Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den
+entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger,
+Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber
+hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das
+Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte
+Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß,
+schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des
+Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall
+im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein.
+Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten
+heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam
+der Abend.
+
+In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht.
+Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von
+Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß
+es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers
+hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender
+Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief
+in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte,
+raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb
+zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll
+Bereitschaft.
+
+In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der
+Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den
+Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich,
+auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele
+Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend
+hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach
+Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren
+Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf
+den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem
+Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die
+unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle
+Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote,
+geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der
+riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der
+verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er
+witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen
+strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden
+Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere,
+festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl
+Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen
+des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille
+Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen
+und Erwidern vom Aug des einen zum andern.
+
+In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der
+Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen
+Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung
+käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl
+Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen
+gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die
+Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon
+die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager
+mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht
+ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders
+stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste,
+befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.
+
+Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast
+des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte
+durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an,
+Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der
+schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen
+können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus
+den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die
+prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über
+eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.
+
+Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle
+Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh
+abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle
+Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch
+soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in
+silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s
+auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“
+erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.
+
+Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb
+unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine
+Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette
+spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der
+Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die
+aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem
+stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer.
+„Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine
+Depeschen nicht herhexen.“
+
+Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete
+das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug
+eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut
+mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du
+mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige
+Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut
+sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit
+Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen,
+geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah
+den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so
+weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für
+die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom
+Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen
+Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten
+begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors
+und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus
+schossen.
+
+Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist
+da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten
+zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu:
+„Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß,
+wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich
+nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt
+noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und
+steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich
+sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte
+obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend,
+schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung
+der Jude, gingen sie.
+
+Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille
+Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem
+andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs.
+Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der
+wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht
+der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer,
+die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und
+schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem,
+proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die
+jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im
+Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und
+erhellt.
+
+Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme
+fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in
+der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem
+Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der
+Kurier?“
+
+„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig,
+feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander
+fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen,
+schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“
+Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete,
+sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es
+ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei
+lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu
+eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine
+tiefsten Kasematten!“
+
+„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen
+Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er
+verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht
+allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird.
+Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken,
+und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer
+Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und
+wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist
+darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen
+Umständen halten.“
+
+Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen
+können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als
+der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und
+Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu
+Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die
+ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende
+Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden
+Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht
+lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der
+Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann
+auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie
+sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß
+war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle,
+verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden,
+sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen
+werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm
+und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost
+und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.
+
+Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem
+Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die
+Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und
+sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das
+von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit
+einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm
+entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“
+
+Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er
+gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches
+aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den
+Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch,
+oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben
+hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der
+erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche
+Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und
+Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam
+nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch
+nicht unwillkommen.
+
+Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem
+Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“
+Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden
+allein.
+
+Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem
+wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den
+jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht
+verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph
+dieser heißen, flüsternden Stimme.
+
+Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog!
+Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren
+zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören?
+Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung
+eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht
+sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all
+deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die
+Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind
+doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben
+und mußt mich hören.
+
+Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und
+Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat
+dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die
+Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen,
+dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du
+geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl
+Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das
+geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht,
+ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du
+aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst
+du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst
+ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen
+Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest,
+deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst
+nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und
+ich hab dich lassen tanzen.
+
+Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu,
+ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in
+dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können
+wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich
+hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom
+Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab
+ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich
+hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du
+reif warst.“
+
+Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er,
+verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können
+dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich
+gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du
+aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und
+Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“
+
+Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin
+Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der
+Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der
+Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger
+Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den
+Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen
+Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich
+hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten,
+befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich
+bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im
+Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich
+einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im
+Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte
+sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter
+sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor
+stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.
+
+Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es
+kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz
+nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer
+Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das
+aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß
+offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen,
+sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren –
+die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist
+tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu
+konstatieren.
+
+Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust
+hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener
+_Spasmus diaphragmatis_, Steckfluß, _stagnatio sanguinis plenaria_, –
+still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich
+abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge,
+flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den
+Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure,
+lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das
+ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das
+verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen,
+bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie
+dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle
+zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem
+einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar
+der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte
+er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit
+einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte
+leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so
+weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das
+Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel
+nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen,
+möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem
+Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.
+
+Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er
+kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug
+nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah
+nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete.
+Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe
+Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er
+saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.
+
+Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick
+kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie
+kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die
+heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er
+erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte
+hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu
+tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem
+Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in
+welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem
+Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich
+nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war
+ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau,
+aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll
+Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.
+
+Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken,
+überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter.
+Es war sein eigenes Gesicht.
+
+Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er
+schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem
+Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des
+Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie
+füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da
+hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht,
+gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer
+künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen.
+
+Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar
+empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener
+stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der
+Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas,
+verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen
+Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an,
+still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein
+letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander.
+
+Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so
+ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So
+mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz
+langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden,
+Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder
+pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben,
+Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal
+Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als
+entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er
+sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.
+
+So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer,
+der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt,
+wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange
+fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich
+matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es
+sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend,
+machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen,
+ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner
+Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an,
+er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß
+unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um
+mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte
+wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte
+beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte
+nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte.
+Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er
+Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“
+„Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß
+Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er
+mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des
+Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des
+Schlosses.
+
+Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts,
+Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die
+würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen
+Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter
+davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt
+seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war,
+ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends
+verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in
+dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten
+ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.
+
+Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über
+die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als
+die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr
+Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe
+an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr
+liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie
+sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast
+konversierend.
+
+Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre
+Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude
+hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn
+festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut
+zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange
+Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten
+fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und
+alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die
+Rettung! Der Jud muß hängen!
+
+Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht
+länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte
+doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das
+für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl
+gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so
+widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt
+auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute
+wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression
+hinter sich und vergessen haben.
+
+Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und
+den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von
+seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte
+ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante
+Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der
+Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“
+
+In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in
+tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte
+still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und
+tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr
+Inneres dringen zu lassen.
+
+
+
+
+ Fünftes Buch Der Andere
+
+
+Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, liegt das
+Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge
+vor, leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des
+Ostens treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie
+sich zum Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei
+Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit
+geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg
+Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle
+zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem.
+
+Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande Kanaan:
+Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust, zur
+Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr
+Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden
+unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der
+Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in
+kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige
+Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes Haften
+am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den Körper
+zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte
+Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig
+sein. Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten.
+Und die milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan.
+
+Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden ineinander;
+die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende vom
+herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen
+und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und
+läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.
+
+In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte
+nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so
+kleines Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim,
+Syrien-Rom. Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt
+werden oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will
+dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran,
+sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß,
+immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es
+wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle
+gar zu hoch einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel
+überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und
+ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen
+Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den drei Strömungen, was
+ihm tauglich scheint, paßt es sich an.
+
+Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der
+gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu
+wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der
+Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel
+solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den
+Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet
+auf, was ihm die drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene
+Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom
+Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des
+Nichtwollens und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden
+Bücher, die von allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das
+große Buch vom Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht,
+das Neue. Trotz zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem
+seinem Leben und Wort.
+
+Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre
+des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht
+recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und
+Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl,
+in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im
+rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend
+Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen,
+nicht tun, verzichten auf das Ich.
+
+Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden Wirbel
+des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die Zerwesung zur
+seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht.
+
+ * * * * *
+
+Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den
+Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die
+Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den
+Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor,
+flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall
+Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger.
+Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So
+erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch
+wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern.
+Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte
+ein Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der
+Herzog ist zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich
+duckten, die Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam,
+unzweifelbare Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog
+ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude
+auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der
+schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen
+Bock, ein Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein
+geflügelter Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern
+setzte er den Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier
+der Teufel holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er
+das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge
+davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall,
+den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, was für
+schwarzblaues, gräßlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? Mit den
+Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten.
+
+In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um
+sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der
+Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute
+früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte
+immer denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen
+Tag vorher gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht
+getragen und Karl Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich
+tot und wird sich nie an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie
+empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht
+Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel
+der Stadt über den Tod des Herzogs.
+
+Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich
+und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend,
+knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz
+allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die
+Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren
+lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth.
+Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte
+Hofkanzler. Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch
+sei erledigt und vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles
+legitime. Das Testament gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater
+Florian, doch bestimmter und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des
+Kapuziners spann an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als
+Beichtiger der regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten,
+aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er
+leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder Mazarin.
+Aber Marie Auguste war, während ihr pastellfarbener, kleiner
+Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr abwesend, sie dachte
+an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu bestellenden Witwenschleier
+– man konnte das sehr pikant und kleidsam machen, selbst die häßliche
+Herzogin von Angoulème hatte gut darin ausgesehen – und nachdem die
+Herren höchst positive Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt
+mit kleiner, wichtiger Stimme: „_Que faire, messieurs? Que faire?_“
+
+Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch
+anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung
+teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz.
+Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr persönliches
+Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese einfachste
+Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer glaubte
+wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster
+phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und
+geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte
+zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht
+seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der
+Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es
+eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte
+der vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei
+der Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit
+Notwendigkeit eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern
+herumgefragt; alle hatten es ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen
+Umständen die Katastrophe eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht
+sogleich zur Stelle waren. Und sie waren nicht zur Stelle, Karl
+Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder hatte vielleicht eine
+sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander starb ganz
+allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in den
+Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle
+Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um
+dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot.
+Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig, daß
+der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte,
+flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann
+seinen Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem
+Moment war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt
+waren, der Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten
+sie und doch bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der
+Stuttgarter Brutus in seiner düstern Größe.
+
+Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die
+Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt
+war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern,
+allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog
+Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers werden
+mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte. Auf den
+konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer
+Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht
+noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz
+aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil
+von der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte
+man noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard
+Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener
+gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden,
+wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und
+Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die
+Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab,
+ja selbst der Hofkanzler Scheffer.
+
+Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin
+verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen!
+Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren
+stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er
+drein! Doch in weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um
+die Militärs herum.
+
+Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur
+leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der
+letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin
+und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was
+tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte,
+Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte
+keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste
+Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen. Man
+war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab,
+streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden.
+Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein
+glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden
+Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung:
+Was tat Süß?
+
+ * * * * *
+
+In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen
+Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig
+Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von
+Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die
+Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie
+an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst
+du fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine
+Medizinflasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll
+gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt
+diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit
+großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und gewissenhafte
+_Judicium medico-chirurgicum_, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem
+_Viso reperto_“, diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine
+Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer
+Inflammation oder _Gangraena_, nicht an einem Blutsturz, auch nicht an
+einem _Polypo etc._, sondern an einem Steckfluß verschieden und in dem
+Blut recht ersticket ist. Zu dieser so schnellen Veränderung hat ohne
+allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines Teils der ehemals öfters
+rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene _Spasmus
+diaphragmatis etc._ und der große, das Zwerchfell über sich pressende,
+mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die _ad
+stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam_
+(allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die
+meisten Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen
+dahingehen) ohnehin disponierte _Pulmones_.“
+
+In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl Alexanders,
+sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner ursprünglichen
+Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl Rudolf von Neuenstadt
+als Vormünder ein. Ein späteres, von den Geheimräten Fichtel und Raab
+veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den Erzbischof von Würzburg als
+Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod
+unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit besonderer
+Machtvollkommenheit aus.
+
+Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen
+Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der
+Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger,
+hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon
+die Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich,
+England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische
+Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von
+Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland
+gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner
+geführt, den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz
+Eugen und Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den
+Heerführern Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders
+ihm die Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte
+der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine
+Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater
+seines kleinen Volkes.
+
+Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst
+mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief
+zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er
+liebte seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie
+Auguste, der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und
+Komödianten, verzog er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war
+klein, dürr, etwas schief, sein Wort von militärischer Kürze, seine
+Kleidung und sein Hofhalt streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte:
+Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz
+seines Alters ein starker Arbeiter.
+
+Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre
+umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch
+immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in
+seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine
+Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner
+Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun
+legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land
+zu säubern und auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und
+Reich herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von
+Würzburg abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte
+Subordination, hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern,
+er nehme die Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter
+Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die
+Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte,
+er werde schon andern Tags in die Residenz kommen.
+
+Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie
+brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem
+Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.
+
+Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren
+Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und
+Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf
+die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm
+ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm
+von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen,
+vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und
+gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den
+Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine
+Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die
+Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe
+mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große
+Entlassungen stünden bevor.
+
+Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein,
+bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der
+Herzogin-Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er
+kümmerte sich nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens
+schon um sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete,
+zunächst in der Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen
+Beamten wurden entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet.
+Die Mehrzahl der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.
+
+Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch
+nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig
+und machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge
+Ordres ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er
+sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität!
+
+Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische Transparent
+mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge solcher Ordres
+drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich der
+schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus mußte
+er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird
+nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem
+Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine
+Hur, unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte
+gräßlich, als er starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im
+Blauen Bock sagten sie, der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch
+am Tod dieses guten Bürgers schuld.
+
+Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl Rudolf
+und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau bewundern zu
+lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug gewesen, jetzt
+reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen Preußenkönig zu
+werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der katholische
+Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den Kaiser,
+Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die
+kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher
+und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen
+Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater
+Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen
+Politikus ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen,
+schmollend, wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen,
+nach Wien, nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde
+Witwe zeigte sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine,
+langäugige, blasse Kopf in dem schwarzen Pomp. Ihr Söhnchen, den Herzog,
+ließ sie aus Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den
+strahlend großen Augen, dem gerührten Volk.
+
+Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er
+veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu
+verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung.
+Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von
+Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte
+Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg,
+bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles
+verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit
+ihnen das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator.
+
+Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung. Die
+Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl
+Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof
+und die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber
+reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ
+durch seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion
+verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen
+Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments
+erwiesen wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die
+Subtilität dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht.
+Karl Rudolf saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der
+Macht, war ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die
+Proteste, Reklamationen blieben platonisch.
+
+Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ
+seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu
+wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren
+Rates Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit
+Gewalt gar nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche
+arbeitete auf lange Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu
+rechnen, ihn fest im katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der
+Bischof, wird diese Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer
+Karl Alexander! Guter, fester, angenehmer Freund! _Requiescas in pace._
+Er wird selber Messen für ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war
+nur, auf gute Manier aus der württembergischen Affäre herauszukommen,
+unkompromittiert.
+
+Mit größter Umsicht wurde alles, was Würzburg und die Katholischen
+bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige
+Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in
+Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet
+war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten,
+ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung
+anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten
+lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente
+verschwanden nach Würzburg.
+
+Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art
+ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des
+Generals, ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den
+Asperg schaffen.
+
+Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste aus
+ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich,
+Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne
+Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der
+geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten,
+lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian
+bei sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den
+Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch
+gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem
+Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und
+vorsichtig das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes
+den guten Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste
+ihrerseits beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen,
+dürftigen, kleinen Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres
+Trauerkleides nicht zu würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre
+vielen Beschwerden an. Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger,
+zählte neben Bedeutsamem lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich;
+ihre Beiständer mußten ihre Reden wieder ins rechte Garn bringen.
+Verächtlich und angewidert hörte Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am
+falschen Ort, mit wichtigem Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die
+heiligen Begriffe Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm
+profaniert in diesem kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er
+antwortete kurz, behutsam, grob, griff geschickt auf, was sie Unsinniges
+gesagt hatte, die Einwände und Korrekturen des Kapuziners und des feinen
+Bibliothekars überhörte er hart und verächtlich; er hatte, der Fürst,
+nur mit der Fürstin zu tun. Er schalt Marie Auguste, sie sei übel
+beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an, Remchingen, den schlechten,
+landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In allen kleinen
+Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte, versprach er
+ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem politisch wirklich
+Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen die Hände, wie die
+Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen einstrich, um dem
+schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche preiszugeben. Man kam
+schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu sprechen. Davon verstand
+nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus einem der reichsten
+europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich wie andere mit
+Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu reden. Karl
+Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es um die
+Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus
+bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es
+gewiß, daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht
+schwer, sich nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet
+ohne Mühe, schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt
+und befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine
+große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und
+befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein
+stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel.
+Auf Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem
+gewissen überlegenen und verächtlichen Wohlwollen.
+
+Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen
+Streitereien. Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige
+Entrevue sich hinreichend klar geworden über die einzuschlagende
+Politik. Wollte er von Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in
+Verwaltungsfragen erreichen, so kränkte er sie in Dingen der Etikette.
+Stritt ihr etwa einen Titel ab, schickte ihr einen Subalternoffizier
+statt des bisherigen Stabsoffiziers als Wache, schikanierte ihren
+Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar. Reklamierte sie, so
+verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die Abstellung solcher
+Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen.
+
+Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl
+Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei Monate
+darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe des
+Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze
+katholische Welt ihre Hoffnung setzten, vor den Augen Europas zu
+paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die
+Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten
+und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste
+ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches
+Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier
+wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen
+der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der
+Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der
+Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und
+viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der
+wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem
+weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und
+edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein
+Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von
+sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß
+sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der
+kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors,
+äugte bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte
+sich Marie Auguste in Trauer und großem Glanz.
+
+Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die
+Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der
+Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites
+seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste
+seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor
+der offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von
+Ludwigsburg hatte beisetzen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders
+überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In
+der Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis
+ihrer staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den
+Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche
+Siegerin bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches
+Projekt nicht mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter
+Führung eines Prinzen Waldeck lehnten es ab, sich auf den Boden der
+Tatsachen zu stellen. Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz
+gedacht, alle ihre Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der
+Verfassung und unter Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant
+gewesen. Es gab einen einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber
+alles Schlechten, Hebel allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den
+guten Fürsten verleitet und alle seine edlen Pläne ins Gegenteil
+verkehrt hatte, Landverderber und Schelm und Schurken, einen einzigen,
+den Juden. Und wie rein und staatstreu man sich selber fühlte, erhellte
+daraus, daß man sotanen Juden nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn
+sogleich gepackt hatte.
+
+Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und
+nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man
+mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft
+geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen.
+Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war
+Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus
+Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus
+geschlichen, sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme
+von Preziosen und belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht.
+Aber die braven Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann
+und gute Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten
+Aufenthalt und Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht.
+Man erzählte genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge
+geschlichen, sei auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute
+Strecke weit entkommen. Da aber hatte der Major Röder seine besten
+Stadtreiter genommen – sogar die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts,
+Weis, Mann, Meier, – und so zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf
+der Kornwestheimer Höhe hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit
+gespannter Pistole habe der wackere Röder ihm sein Halt!
+entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden seine Unverschämtheit, sein
+Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die wackeren Stadtreiter hätten
+seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich werden sie ihn über die
+Galgensteige durch das Ludwigsburgertor einbringen.
+
+Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling.
+Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den
+Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor, saß
+mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein
+aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen,
+kleinen Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte
+lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie
+beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche
+mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert,
+stürzten sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen,
+rissen den Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn,
+schlugen ihn, stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ
+derweilen den Major Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat
+schmunzelnd Bescheid, während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm
+sich übrigens keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück,
+einem Knirps, der sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle,
+daß der Junge unter die Beine der Nachdrängenden kollerte; auch
+erwiderte er kräftig die Flüche und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es
+war keine fanatische, sondern eine sachliche, saftige Rauferei. Aber
+schließlich wäre der Jude, trotzdem es dem Volk eine im Grund harmlose
+Angelegenheit war, aus purem Gaudium totgeschlagen worden, wenn nicht
+Stadtgrenadiere dazu gekommen wären und ihn mit Hilfe der Stadtreiter
+dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und atemlos hockte er im Wagen,
+zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut. Der junge Langefaß, der
+ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen sehr beliebt, hatte
+witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei dem Geraufe
+entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf seinem
+Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den Markt in
+das Herrenhaus.
+
+Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des
+jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine
+Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der
+sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen,
+wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von
+sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse
+Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach
+Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden
+auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter
+einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen,
+dem Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser
+Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor
+gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit
+schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine Ahnung, wieso das
+katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie
+wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit
+Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als
+sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in
+Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen
+Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens
+bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei
+Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der
+württembergischen Regierung energische Klage führte. Der
+Herzog-Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit!
+und setzte drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache.
+
+Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige Reime.
+Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land;
+insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich
+jung und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder
+stirb entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch
+die umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen
+hebräischen Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen,
+und wo er mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner
+knarrenden Stimme auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen.
+
+Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man auch
+sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei
+diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des
+Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige
+Person hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich
+ab, dicke, blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers
+Gesicht. Die Häuser der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und
+manches gute Stück Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem
+Anlaß unter die Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes
+Militäraufgebot geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge
+getroffen. Noch ein anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um
+den Schutz des Hauses bemüht, Dom Bartelemi Pancorbo. Als
+Regierungskommissar erschien er mit Polizei und Militär und
+beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas Pfäffle schlurrte er
+langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten Räume, äugte aus
+entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich ging er vorbei
+an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von den kostbaren
+Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger hungerten, war nichts da.
+Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus; unbewegt,
+phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der Portugiese wurde
+drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab an dem Gleichmut
+des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas Pfäffle, forschte ihn
+peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz. Man fand nichts und
+mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten Burschen bald wieder
+freilassen.
+
+ * * * * *
+
+Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht
+schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem
+Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben
+Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten
+nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er
+wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich
+hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter
+Kaftanjude.
+
+Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings
+um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn
+möglichst tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen
+zu entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken,
+mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar
+nicht er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das
+der alte Süß war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt
+und erkannt hatte. Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in
+einem wilden, hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller
+Lebenszappelei, den fing kein Herzog, kein Kaiser, kein Gericht.
+
+So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um
+die vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und
+Streiche zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester
+Finanzienrat, mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige
+Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von
+Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen
+Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte;
+Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer,
+hochmütiger Herr, angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die
+Professoren Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz,
+Jäger, strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren;
+Sekretäre waren der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es
+bestand für diese Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe
+todeswürdiger Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß
+man ihm streng juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit,
+ihn nach den Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht
+vereidigter Beamter, ja nicht einmal Staatsuntertan war. Er hatte
+lediglich unter dem Titel eines Geheimen Finanzienrats völlig als
+Privatperson dem Herzog Ratschläge erteilt. Wenn die vereidigten
+Minister und Räte diese verderberischen Projekte ausführten, so waren
+sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte sich die Untersuchung in
+der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen man die Möglichkeit der
+Verurteilung zu konstruieren suchte. Man verzögerte die Inquisition,
+schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die Richter Eile haben? Man
+fühlte sich so angenehm wichtig in dieser Untersuchungskommission. Alle
+Bekannten fragten einen: „Nun, was habt ihr wieder Neues aus dem Juden
+herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen die Augen des ganzen
+schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war auch die Teilnahme an
+der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen verbunden, die natürlich aus
+dem beschlagnahmten Vermögen des Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem
+den strebsamen Beamten in mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen
+sehr gelegen.
+
+Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen.
+Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat. Der
+biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein
+Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem
+Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere
+rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich
+darauf, die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf,
+folgte ihm. Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam
+allein zu Süß, haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen,
+jovialen Art: „Was macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er
+auf dem Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht
+zuviel Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte,
+ging auf seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei,
+könnten sie ihn doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen,
+gemütlichen Grobian, warf ihm Dinge hin, daß der schon glaubte, zupacken
+zu können, entzog sich ihm wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit
+langhängender Zunge stehen.
+
+Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem
+geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn,
+redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen
+Sicherheit heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll
+mildspöttischer, kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern
+Erdteil, wie aus einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu,
+amüsierte sich still über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe
+und Listen, ihn zu fangen. Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten,
+schwitzten! Wie sie schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg
+stierten, von dem sie glaubten, er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und
+wie neugierig sie alle waren, und wie ganz fern und ohne einen Schimmer
+Lichtes sie ihn beschauten, wie ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne
+Witterung ihn berochen. Dabei war der eine oder andere guten Willens,
+gewann im Lauf der langen Untersuchung sogar ein gewisses Wohlwollen für
+den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber mit seinem behenden Witz, seiner
+scharfen Geistigkeit etwas sehr Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast
+zärtlichem Spott sah Süß, wie sogar die beiden Sekretäre kamen, jung,
+dumm, schlau, streberisch, ihr Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu
+versuchen. Die Armen, Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich
+heraufklettern wie junge Hunde und streifte sie dann sanft und lässig
+wieder ab.
+
+Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war auch
+der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der
+Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte ihn
+spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm
+die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe,
+bittere Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von
+Pflug atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte
+leiblichen Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er
+hielt es für seine Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der
+Menschen immer neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in
+der Schmach dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang,
+machte ihn elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer
+wiederzukommen. Süß schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der
+adelsstolze Herr erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den
+Heydersdorff zum Vater hatte, den Feldmarschall und Baron, seine ganze
+Welt wäre zusammengestürzt.
+
+Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu
+führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel
+höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem Angeklagten
+einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt sehr
+reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und
+betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien,
+den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der mußte
+sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen,
+wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle
+sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion
+eine leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger
+Blonder mit rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein
+redlicher Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache
+verflucht ernst, lief, schwitzte, schrieb. Die Herren des
+Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie ihn sahen, der Jude selber
+lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen seine Arbeit sehr. Wichtige
+Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die Protokolle der einzelnen
+Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man sonst den Süß kaum
+hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der arme Lizentiat sehr
+schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich oder mündlich
+kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten, sondern tat
+redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht.
+
+Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn herum
+waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele und
+Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer
+sonderbaren, wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an
+ihn.
+
+Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam
+nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte
+sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung
+einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der
+Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug.
+Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen,
+harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen,
+Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die
+todeswürdigen Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet
+begangen habe. Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den
+fleischlichen Umgang eines Juden mit einer Christin. Es sei aber
+männiglich bekannt, auf welch säuische Art der Inquisit christliche
+Jungfrauen defloriert, vornehme Damen und geringe Frauenspersonen
+profitiert habe. Es sei an der Reihe, die Untersuchung auch auf diesen
+Punkt auszudehnen.
+
+Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn man
+hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht
+kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr
+reizvoll, Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und
+Vorn und Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern
+einzelner Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze
+Römische Reich in diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte
+gut überlegt sein. Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein
+verstrickt waren, mit wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung
+verfeinden konnte. Es war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre.
+
+Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel
+Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt
+sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es
+ein betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich
+dem Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des
+gewesten Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch
+das Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese
+Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei
+jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und
+Christ den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei
+Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und
+Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht etwan
+allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des
+Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung
+prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen.
+
+Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den
+weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien,
+hier Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte
+es nicht staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person,
+gerecht.
+
+Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie
+sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes
+Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die
+Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler
+Frauen, wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte
+Namen, es waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja
+darauf beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem
+Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch
+nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach
+Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete
+solche Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs
+an Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke
+über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie
+viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den
+Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken
+später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man
+mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig. Das
+zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene,
+vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich
+demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig
+übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit
+denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich
+erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und
+Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale
+Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen
+schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten.
+Man beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.
+
+Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die
+Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter
+geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien
+breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder.
+In die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken.
+Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um
+ihn.
+
+Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt
+habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das
+solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so
+außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich
+bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man
+hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm
+weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher
+herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren
+aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte
+sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das
+solle mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn
+Herr von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine
+jüdische Frechheit zähmen.
+
+Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des
+Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst
+genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte.
+Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn
+hinmetzgen, auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der
+alte, glänzende Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche,
+fliegende Blicke über die Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit
+christlichen Frauen geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren
+mich darum wollen zum Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische
+Reich wird lachen. Nicht über mich.“ Während die Empörten
+auf ihn losfuhren, über seine Frechheit keifend, gröhlend,
+durcheinanderschreiend, stand Süß kalt, unbewegt. Er sah seine Richter.
+Den tierischen, triumphierenden Haß, die Lüsternheit, die Grausamkeit,
+die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte, erpresserische Spiel, das mit
+den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die menschlichen Masken
+abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und Säue. Doch ehe sein
+geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich, Erbarmnis
+überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das alte, milde,
+listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich nicht. Da
+müssen sich die Herren die Damen schon selber zusammensuchen.“
+
+Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten
+sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht
+auf die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie
+nicht hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß
+sie, die hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als
+ein Jud, daß der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer
+Geheimrat. Nein, es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken,
+eine Art jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf
+hatten, nicht an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen
+verbergen wollte. Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die
+Sensation, den Kitzel, alles Drum und Dran, und nun wollte er es einem
+aus purer Bosheit verhunzen. Aber man wird den Kujonen kleinkriegen,
+wird dem Saujuden Respekt beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof.
+
+Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen
+Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den
+Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen
+Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der
+Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der
+nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der
+Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot
+gesetzt, durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten
+trippelten widrig über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht
+wehren.
+
+Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige
+Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den
+früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern
+gegenüber viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen,
+wehrte sich auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er
+allein saß, hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend,
+dann sahen die Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal
+sonderbar zufrieden den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor
+sich hinsprach, mit häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien
+es, als spräche er mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete
+Antworten ab, gab Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den
+Ratten. Die Wärter stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen
+an, ihn für gestört und irrsinnig zu halten.
+
+Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so
+voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und
+jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten
+Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in
+eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und
+konnte gut lächeln.
+
+Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem Major
+hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum Bekenntnis der
+Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann könne man ihn
+gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen zerquetschen. Der
+Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und zehn Uhr. Süß
+gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der Major sagte,
+das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier müsse doch
+verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen werde. Der Major: was
+einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen
+stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter.
+
+Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte
+nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es
+überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen
+Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm
+die Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede
+Regung des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer
+erbitterten Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie,
+von dem Wärter Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für
+giftig ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße
+verschluckt. Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit
+vier Tagen habe der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert
+genossen und ihn in Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und
+krepieren. Heute speise er wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe,
+ihn lebendig zum Galgen schicken zu können.
+
+In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an
+seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben
+bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar
+nichts anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette
+fünfzigtausend Gulden, daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter
+johlender, schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er,
+drohte, tobte, man solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes
+Recht, er müsse nach Stuttgart, um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der
+Kommandant kümmerte sich um das alles durchaus nicht, berichtete nur
+jedes Wort an Herrn von Pflug, verhörte den Delinquenten täglich
+zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach den Namen der Weiber, wobei
+immer die gleichen Fragen und Antworten fielen, konstatierte die
+Hartnäckigkeit dieses Schurken und Landverbrechers.
+
+Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der
+Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft
+sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im
+Habit des Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und
+verfallen, aber mit stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm
+und sie waren sehr einig und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte
+Marschall und der gestürzte Minister, der Bettelmönch und der gefolterte
+Häftling in seinen stinkenden Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie
+gingen in gutem Gefühl auf und ab in dem engen, feuchten Geviert und die
+Ratten raschelten über ihre Füße.
+
+Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und
+sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten.
+
+ * * * * *
+
+Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer
+Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte.
+Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar
+Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke,
+Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem
+hübschen Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der
+junge, katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar
+entwarf, an seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere
+Pater Florian, der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste
+griff überall mit blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein.
+Der geschweifte, geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger,
+wortreicher Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen,
+modischen Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb
+auch einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis
+ebenso staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen
+über die Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und
+eleganten Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular
+und seinen Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er
+ihre Politik machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das
+ging sehr ineinander.
+
+Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte es,
+daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste zu
+durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für
+allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht
+auf, die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres
+glücklich beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt
+gemacht, die Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst
+einzurichten. Das Perfide lag darin, daß die Herzogin zwar tausend
+andere Händel angezettelt hatte, daß aber just an dieser Sache kein
+wahres Wort war. Es war klotzige Ironie, sie gerade darüber zu Fall zu
+bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die Gerüchte. Wilde Reden,
+fliegende Blätter, auf der Straße, wenn sie vorüberfuhr, Stummheit,
+freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei einschritt, etliche, die
+den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die Kutsche der Herzogin
+erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in den Häusern, in
+den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie Auguste ertrug das
+nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten große Summen
+aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie merkte, daß die
+Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian mußte an den
+Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie Augustens
+vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die freche
+Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten brandmarken,
+Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf erwiderte nicht.
+Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe keine Zeit,
+Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel seines
+Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem Menschen
+erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der nicht
+einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne er
+den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein,
+doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er
+gebe Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie
+er, dann würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich
+auch ohne Gage mit geziemender Huldigung begrüßen.
+
+Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare
+Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und
+schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe.
+
+Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin
+Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der
+ziervollen, beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von
+der bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch
+gab. Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen
+kleinen Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern
+ehrliches Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit
+gebührender Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das
+notwendige Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die
+tölpischen, klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank,
+bald im Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl
+Rudolf, über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor,
+über alle die grobe, ungehobelte Populace. Nur Eines bedauerte sie: daß
+sie den treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg
+sitzen lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten
+Hausjuden. Den quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie
+Auguste, konnte gar nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr
+wichtigstes Gesicht auf – das hätte sie unpopulär gemacht und das hätte
+ihr lieber Bibliothekar aus politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte
+ja wahrscheinlich der Jud Kinder geschlachtet und weiß der Himmel was
+für schwarze Kunst getrieben. Aber er war ein galanter, gut gewachsener
+Mann und sicher der amüsanteste in diesem ennuyanten Stuttgart, und es
+war jedenfalls ein Jammer, daß diese plumpen Bestien ihn torturierten
+und verunstalteten. „_Hélas, hélas!_“ machte sie mit gespitzten Lippen,
+wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte.
+
+Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten an
+Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche
+Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde,
+freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm
+überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen,
+fraulichen Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da
+war er der Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen,
+sondern sie dem Tier hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum
+vor sie hingebreitet von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er
+fremd und anders und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und
+jetzt saß er auf dem Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die
+Glieder. Sie aber trug ein Kind, es wird wohl ein braves Kind werden,
+denn es stammt von einem braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es
+wird groß werden in den friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim
+und auf Wiesen mit gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem
+Asperg wird es nie sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie
+begegnen. Vielleicht wird es dafür Verse machen, brave, redliche Verse,
+die jedem eingehen und manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird
+es wohl nie begegnen.
+
+Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht
+vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe
+ja ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin
+und gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes
+Abschiedspräsent. „_Cara mia!_“ sagte sie, „_cara mia Maddalena
+Sibilla!_“ Es sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie
+geheimnisvoll, rückte ganz nahe an sie heran, streichelte die große
+Frau. Ihr selber habe es geholfen. Daß es bei ihr so leicht gegangen sei
+und daß sie jung und ohne Entstellung geblieben sei, das danke sie nur
+dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als Präsent verehren wolle. Sie
+selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention habe, ins Kloster zu
+gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen. Und mit süßer,
+spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor, das Etui
+des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis
+geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen
+Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof, den
+beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und bedrohlich
+hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie das Etui
+von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte von
+Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr
+nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die
+Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich,
+unsicher, leicht übergruselt.
+
+Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in
+ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen
+Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der
+Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war
+gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend
+gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit
+Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich.
+
+Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner Frau.
+Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt,
+sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber
+aus dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und
+beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest
+die Hand seines Weibes.
+
+Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig
+der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“
+schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt
+gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte spöttisch
+überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt
+sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte,
+pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu,
+der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich
+schmunzelte.
+
+Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur nichts
+weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit
+Christinnen verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte
+sie peinlich nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch
+Schlüssellöcher geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn
+gehört. Das alles, wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her
+besprochen, zerkaut, in die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden,
+Nachttöpfe wurden berochen, der Befund in den Protokollen erörtert. So
+kam man allmählich auf eine lange Liste von Frauen, hohen und niederen,
+ledigen und verheirateten. Alle wurden sie umständlich ohne Erlaß des
+minutiösesten Details von den gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie
+oft, wie lange, welcher Art der Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann
+verzeichnet, schwarz auf weiß, in dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als
+Staatsurkunde im Archiv niedergelegt zu werden.
+
+Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder einmal
+fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit. Er
+hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein
+Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die
+Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen
+Jurisdiktion entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern
+zurücktreten. Oder sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor
+einer einen schiefen Blick wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen,
+daß ihm der Spott erstickte. Dies war anstrengend, aufreibend, denn man
+wird sehr viele, ja fast alle so anschauen müssen. Aber er war tapfer
+und entschied sich dafür.
+
+An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den Richtern.
+Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die Tochter
+zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der
+Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu
+verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des
+blonden Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes,
+einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß
+sie, völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug,
+gegen das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren
+kamen nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen
+Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen
+Stein vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen
+Fragen stellten. Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie
+sich peinvoll unter der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen
+sie viele überhaupt nicht verstand, duckte sich, rückte zuckend den
+Kopf, den schamlosen Blicken ausweichend, bog und streckte krampfig die
+schmalen, knochigen Finger. Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem
+Kehlkopf, manche unhörbar; man beschied sich nicht, sie mußte sie
+wiederholen, der schwerhörige Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“
+und verlangte manches dreimal. Ebenso eingehend dann kam man auf ihre
+Affäre mit dem Herzog zu sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ
+nicht locker, er wollte daraus, daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust,
+ein Majestätsverbrechen konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond,
+lieblich, an dem unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle
+drangen sie auf sie ein. Alle jagten sie. Voran der hagere, hochmütige,
+scharfe Herr von Pflug, der, voll Haß und angewidert wie von Gestank,
+immer wieder fragte, ob sie sich denn nicht vor dem Geruch des
+Beschnittenen geekelt habe; sodann die Regierungsräte Faber, Renz,
+Jäger, Dann, die strebsamen, karrierebeflissenen Beamten in mittleren
+Jahren, die, gekitzelt von diesem endlich einmal anregenden
+Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen wollten, erst genießerisch
+umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen, dann plump eindeutig;
+die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius Gabler, die mit übler
+Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre Gutmütigkeit an
+einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände beizubringen
+suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit polternder
+Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und
+zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie
+sich nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in
+Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge
+aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und
+zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem
+verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend
+deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie
+ihren Sinn verstand, in ihr Ohr.
+
+Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene,
+geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen
+von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum
+war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in
+den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten
+sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief
+ihnen kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab.
+Auch andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von
+den längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die
+Männer zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer
+derben Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die
+Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen
+wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und
+Glieder erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das
+vielumraunte Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen.
+
+Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach der
+Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten den
+jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der Verbannung
+männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung gelitten, galt als
+Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal. Vielleicht
+wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an der
+Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder starke
+Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie dachten daran,
+sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer Erbitterung und
+ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für möglich,
+daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen, tugendhaften
+Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte. Michael
+Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch auch kein
+Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er war
+durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das reine,
+helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht um
+die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit begonnen.
+Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt hatte, war
+jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit den
+bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die Affäre
+der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte Herr
+besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war und
+daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen
+vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des
+Jungen, überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es
+nicht lange, rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den
+Juden, gegen die Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem
+Protokoll überklar, daß Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden
+müssen. Aber Michael wollte das Mädchen mißbraucht sehen, er sah sie
+mißbraucht. Er sah sie hell, zart, lieblich vor den rohen, massigen
+Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es war wahrscheinlich
+sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an sie dachte, er
+konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt weitergehen. Er
+rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte, andeutende Fragen
+stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er alles Kühnes,
+Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte, aber es blieb
+ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte sich
+dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik
+entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der
+Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie
+ehelichen, sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue
+und Dankbarkeit getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr,
+auf dem Lande leben.
+
+Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von
+Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer
+Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen.
+Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur
+Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen.
+Die Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig
+herum zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche,
+schichtete, schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit
+frivole Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas
+durchaus Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton
+gewesen, höfisch und galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat.
+Ihrer Meinung nach sei der Jud der beste Mann im Schwäbischen und der
+einzige Kavalier. Im übrigen gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach
+Dresden und Warschau, dann nach Neapel und Paris. Und somit Gott
+befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand, an der in verwirrendem Feuer das
+Aug des Paradieses strahlte.
+
+Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück.
+Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das
+Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand
+sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune.
+
+ * * * * *
+
+In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war
+dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der
+Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, er war verfettet
+und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins
+Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen
+weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht
+gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand
+gebracht hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im
+Herzogtum gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem
+Juden Schweigen zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten
+Unschuld offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine
+unbehilflichen, verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte
+schließlich: „Er ist ein guter Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“
+Und nach einer Weile, zwielichtig lächelnd: „Wenn Er es durchaus will,
+kann Er jetzt reden.“ Der Magister küßte ihm die Hand, ging beglückt.
+
+Lief zu den Herren vom Parlament, denen er damals, autorisiert von Süß,
+das katholische Projekt verraten hatte. Erklärte, setzte auseinander,
+beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte man ihn an. Glaubte, er wolle
+eine nachträgliche Entlohnung für seinen damaligen Verrat des Putsches,
+für die Mitwirkung an seiner Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach
+man ihm, sich für ihn zu verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im
+Staatsdienst. Wie er eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er
+habe mit Willen, ja im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart,
+wurde man ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an
+Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor allem der
+Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten Verteidigungsplan des Süß
+und bewirkte, daß man den Magister, als er nicht abließ und die Richter
+immer wieder mit seinen Märchen behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der
+Jude selber aber nichts in der Richtung der Schoberschen Aeußerungen zu
+seiner Verteidigung vorbrachte, hielt man den Magister schließlich
+einfach für geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte
+seinen Irrsinn aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn
+mit einer scharfen Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die
+Verstrickungen und die Blindheit der Welt zog sich der Magister nach
+Hirsau zurück und lebte der Tugend, der alten Katze und der Poesie.
+
+Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee. Weißensee
+hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren müssen.
+Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; der Geheimrat
+Heinrich Andreas Schütz etwa war im Grund viel enger verstrickt in das
+katholische Projekt und hatte sich doch, der geschmeidige Mann, unter
+dem Herzog-Administrator Karl Rudolf so gut behaupten können wie in
+jeder früheren Regierung, und Weißensee war zumindest ebenso schmiegsam
+wie er. Aber er war müde und ausgelaugt, er ließ sich fallen mehr als
+daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr fremd
+geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an
+ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb
+Verse, in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel und
+Menschenhaß gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte Weißensee ließ sie
+nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, sie war ihm in ihrer
+Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre Schwangerschaft reizte ihn bis
+zu leiblichem Ekel. Was hatte er mit dieser dicken Frau gemein? Er
+fühlte nichts für sie, es kam nichts herüber von ihr zu ihm. Was sollte
+ihm ein Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren,
+unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leergesichtigen
+Mannes? Nein, nein! Das ging ihn nichts an, rührte ihm nicht im
+leisesten Herz und Blut auf. Dazu schämte er sich der albernen Dichterei
+der Tochter. Ein medizinischer und poetischer Freund, der Doktor Daniel
+Wilhelm Triller, hatte jetzt ihre Gedichte drucken lassen, der Göttinger
+Pietistenkreis hatte erwirkt, daß der Prorektor der dortigen
+Universität, der Professor Seldner, in seiner Eigenschaft als
+kaiserlicher Pfalzgraf Magdalen Sibylle zur gekrönten Dichterin erhob.
+Armer Kurfürst von Hannover, armer König von England, der für solche
+Universität und solche Aesthetik, einen solchen Kritikaster und Marsyas
+verantwortlich war. Nun zog das hin und her mit nüchternen, törichten,
+gereimten Gratulationen und Dankgedichten, und die Frau, die das trieb,
+dieweil sie ein Kind trug, diese armselige _Poeta laureata_, war seine
+Tochter! Der alte, feine Herr, dessen Leben Takt und Weltgefühl und
+Erlesenheit und Diplomatie war, schämte sich. Ihn ekelte, er zog sich,
+arm, kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar.
+
+ * * * * *
+
+Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr von
+drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten sich unter
+das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl Alexanders. Sechs
+Pfund Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen alter Wein im Ausschank
+sechs Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder Schweinefleisch fünf Kreuzer, die
+Maß Bier zwei Kreuzer drei Heller, ein Klafter buchenes Holz zehn,
+tannenes fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht eben
+zum besten aussah, – Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit!
+Autorität! und war nicht gewillt, dem Parlament gegenüber von seinen
+fürstlichen Rechten auch nur ein Tipfelchen abzulassen –, so berief er
+anderseits den klugen, festen, redlichen, umsichtigen Bilfinger ins
+Kabinett, und solche Sicherung der religiösen und bürgerlichen
+Freiheiten war zusammen mit der wirtschaftlichen Entspannung Ursach
+genug zu allgemeiner Zufriedenheit. Man suchte altmodische Bilder her,
+auf denen sich Karl Rudolf an der Spitze von Truppen in verschollenen
+Uniformen mit pumphosigen Türken und krummsäbeligen Sarazenen
+herumschlug, und wo der kleine, schiefe, schäbige Soldat erschien,
+schrie manch Hoch.
+
+Die biedere, sachliche Art des alten Regenten imponierte vor allem dem
+Landschaftskonsulenten Veit Ludwig Neuffer. Aus einem düster glühenden
+Anbeter der Macht war er ein ebenso düster schwelender Tyrannenhasser
+geworden. Jetzt erkannte er, dies wie jenes war nur eine Farbe, eine
+Fahne, nicht der Kern, nicht das Wesen. Pflicht! Gerechtigkeit!
+Autorität! das war der Sinn aller Staatskunst, das Rückgrat guten
+Regiments. Karl Rudolf fand Gefallen an dem mageren Menschen, an seiner
+schäbig trotzigen Art, sich zu kleiden, sich zu geben, an seinem dürren
+Fanatismus. Auch stand er in irgendeinem, freilich wußte man nicht recht
+welchem, Zusammenhang mit der Erledigung des letzten, schlechten Herzogs
+und des Juden. Karl Rudolf berief auch ihn ins Kabinett. Da saß nun der
+trocken glühende Mann und regierte, eisern pflichttreu, eisern gerecht,
+Autorität fordernd und Autorität gebend.
+
+So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein strahlender
+Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, jetzt neigte sich
+ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und Süß stak noch
+immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner Zelle. Er war jetzt
+gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu ertragen, es war
+vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es wurde mit jedem Tag
+schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft zu atmen, das ekle Brot
+dieser Festung zu schlingen. Sein Rücken war gekrümmt, seine Glieder
+verzerrt, seine Gelenke wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war
+Luft, draußen war Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser
+und helle Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder
+sprangen, Mädchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund voll
+freier, wehender Luft, einmal sieben Schritte machen dürfen statt der
+fünfeinhalb durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den
+Herzog-Administrator. Der war ein betagter Herr; vielleicht hört er. Er
+schrieb ehrerbietig, nicht servil, sachlich. Wies sachlich, ohne
+Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen des Herzogtums nicht
+schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und dort gegen die
+Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von dem Herzog Karl
+Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er nicht könne
+verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, zu ersetzen, was
+durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt sei. Bereits sei er
+vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil geschlossen. Er sei auf
+der Festung ein alter Mann geworden. Er hoffe daher, der
+Herzog-Administrator, dem er sich zu Füßen lege, werde für ihn Gnade
+haben.
+
+Mit einer Spannung wie lange nicht mehr wartete er auf Bescheid. Morgen
+kam und Abend und wieder ein Tag und noch einer und eine Woche und aber
+eine Woche. Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und zehn
+Uhr, nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar
+Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt hatte,
+fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog-Administrator
+eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend zurück, ob er im Ernst
+glaube, daß man den Regenten mit seinen jüdischen Frechheiten
+molestiere; selbstverständlich habe man seine Expektorationen, als eines
+verstockten Schelmen und Juden, nicht an den Herzog, sondern nur an die
+Richter geleitet. An den Geheimrat Pflug berichtete er in seinem
+täglichen Referat, der Hebräer, die Bestie, sei ganz klein geworden bei
+diesem Bescheid.
+
+Doch Süß hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder
+angedreht. Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den
+unglücklichen Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche
+mehr empfangen, selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling,
+wurde nicht mehr zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen Mann war
+die alte Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um Verstattung eines
+Geistlichen. Den konnte man nicht wohl verweigern. Den wollte er zur
+Mittelsperson machen, um durch ihn den alten Regenten zu erreichen.
+Allein seine Hoffnung war rasch vereitelt; man schickte ihm den
+Stadtvikar Hoffmann, den er als alten Anhänger der Verfassungspartei und
+erklärten Gegner kannte. Der Vikar glaubte natürlich, Süß in seiner
+jetzigen Lage sei leicht zu bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch
+und salbungsvoll ins Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch
+diese unglückliche Wahl die letzte Hoffnung hinschwimmen, erwiderte, er
+denke nicht daran, überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe ihn
+nur rufen lassen, um durch seine Vermittlung Audienz beim
+Herzog-Vormünder zu erwirken. Der Geistliche schnaubte, dies sei nicht
+seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er danke für seinen Besuch.
+
+Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er hatte
+wohl bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und er
+vermeinte, in einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele stecken.
+Süß lächelte, als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und mit
+Aufmerksamkeit. Am Ende sagte er, kopfwiegend: „Religion ändern ist
+Sache für einen freien Menschen und steht nicht wohl an einem
+Gefangenen.“ Doch der Stadtvikar beschied sich nicht. Er hatte es sich
+in den Kopf gesetzt, diesen Mann, dessen Fama durch das ganze Römische
+Reich geflogen war, von den Wahrheiten der Augsburgischen Konfession zu
+überzeugen. Er brachte sogar einen Helfer mit, den Stiftsprediger Johann
+Konrad Rieger. Die beiden Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann
+Konrad Rieger breitete allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin,
+der Stadtvikar sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft
+konnte nicht mehr und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein
+verstockter Jud, verharrte dennoch in seinem Irrtum.
+
+Die anderen Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden sehr
+viel glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche Beziehungen
+zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden sänftlich
+geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der
+vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat nach dem
+Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche Vergehen; die
+Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Zuerst wurde der Hofkanzler von
+Scheffer freigesprochen, lediglich zur Bezahlung der Untersuchungskosten
+verurteilt; mit Beibehaltung seines Geheimratstitels und voller Pension
+zog er nach Tübingen. Dann wurden Bühler und Mez aus der Haft entlassen,
+am spätesten Hallwachs. Sie wurden des Landes verwiesen. Vorsichtshalber
+hatten sie von den großen Summen, die sie an den Unternehmungen des Süß
+verdient, das Wesentliche ins Ausland geschafft. Es wäre nicht not
+gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im Herzoglichen nicht an. Sie
+zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des Süß anderthalb Meilen
+weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in der freundlichen,
+angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen Vermögen, ließen sich täglich
+Besuch aus Stuttgart kommen, verfolgten als behagliche Zuschauer mit
+wohlwollendem Interesse den Prozeß gegen Süß. Wohl murrte man in
+Eßlingen zunächst gegen diese neuen Kömmlinge. Aber die veränderten
+Läufte hatten viele Emigranten wieder zurück ins Herzogliche geführt,
+man spürte in Eßlingen den finanziellen Ausfall und war am Ende froh,
+statt ihrer die neuen, viel verzehrenden Flüchtlinge der Gegenpartei
+innerhalb der Stadtmauern zu wissen. So fühlten sich also die Genossen
+des Süß bald wohl und warteten ab, bis etwa ein Regierungswechsel sie
+zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht ewig unmündig und Karl
+Rudolf war ein alter Herr.
+
+Das Vermögen des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden konnte,
+vor allem auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die
+Liquidierung der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des
+Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi Pancorbo
+mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der blasse, fette
+Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner gleichmütigen Art
+Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde Hand heran an Dinge, mit
+denen sein Herr in leiblicher Berührung gestanden war. Sowie der
+Portugiese hier anzutasten wagte, wurde Nicklas Pfäffle
+sogleich widerspenstig, verwirrte die Fäden der schwebenden
+Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und Dom Bartelemi mußte
+die dürren Finger wieder wegziehen von den Dingen, die ihm der stille
+Sekretär nicht erlaubte.
+
+Die Stute Assjadah fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht
+mehr die Hand ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und
+der Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Nicklas Pfäffle verhinderte es.
+Das Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich
+rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten Käufer
+überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! oder stirb
+entweder! noch immer in aller Munde war, mußte sich dem stets
+enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die schöne
+Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin
+auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in starker Geldnot mußte
+die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie verkaufte sie an einen reichen
+Moslem, und die Stute Assjadah verschwand wieder nach dem Osten, aus dem
+sie gekommen war.
+
+Auch den Papagei Akiba, der „_Ma vie pour mon souverain!_“ rief und:
+„Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ entzog Nicklas
+Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte das Bauer mit
+dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der einen dem Nicklas
+Pfäffle sympathischen Käufer ausfindig gemacht hatte. Der große
+Finanzmann empfing den Sekretär in dem dumpfen, schlecht gelüfteten
+Privatkontor seines häßlichen, schiefen, verwinkelten Ghettohauses. In
+unschöner, unbequemer Haltung saß er in seinem schmierigen Kaftan vor
+dem fetten, blassen Sekretär, beschaute gehässig den kreischenden Vogel,
+sprach schließlich: „Ich hab es ihm rechtzeitig gesagt: Was braucht ein
+Jud einen Papagei?“ Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den
+rotblonden, verfärbten Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, mißmutige
+Blicke herum. Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch
+noch einige Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und
+gleichmütig der eine, hastig, jammernd, drohend, anklagend, heftig,
+dringlich der andere.
+
+Infolge dieser Unterredung machte sowohl Isaak Landauer wie Nicklas
+Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für den
+gestürzten Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese Tätigkeit
+organisiert. Bei den Ministern und großen Herren an den verschiedensten
+europäischen Höfen saßen jüdische Bankiers herum, besprachen den
+württembergischen Prozeß. Legten Gewicht nicht etwa auf die Person des
+Süß, auch nicht auf die üble Behandlung, die er leiden mußte. Betonten
+vielmehr, wie willkürlich und gegen römisches und deutsches Recht sowohl
+wie gegen die Landesgesetze dieser Prozeß geführt werde. Die vereidigten
+Beamten ließ man laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan
+inquirierte man wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches
+Reskript war da, das ihn vor allen Verfolgungen durch Gesetzesakt
+schützte. Man setzte sich über diese höchste, heiligste Unterschrift
+hinweg und prozessierte um Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte
+man Rechtssicherheiten, Garantien in einem solchen Staat? Konnte man
+verhandeln mit einer solchen Regierung, Geschäfte mit ihr abschließen?
+Gegen einen einzigen Gesetzesparagraphen hatte Süß sich vergangen. Er
+hatte – ei du Kriminalverbrechen! – mit christlichen Frauen geschlafen.
+Darum konfiszierte man sein Vermögen. Hieß das Recht? Hieß das Justiz?
+Konnte man solch einem Staat Kredit geben?
+
+So ging es an allen Höfen. Man hänselte die württembergischen Gesandten,
+moquierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, die das
+Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des Staatsdefizits
+ausnützte. Auch daß die Richter den Prozeß nur hinschleppten, um an den
+Diäten fett zu werden, wurde überall festgestellt. An jedem Beischlaf
+des Juden, hieß es, schnüffelten die Herren so lange herum, bis der
+einzelne seine tausend Taler verdient hätte.
+
+Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm über
+den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und
+geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die schwäbische Justiz jedes
+Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge blamiert. Er brauche nicht zu
+betonen, daß er den Juden für eine schädliche Wanze ästimiere. Aber es
+gehe nicht an, einen Menschen in einem modernen Rechtsstaat derart
+physisch zu torturieren. Man möge endlich die Argumente zusammenstellen
+und zu Deduktion und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die
+anderen größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die
+politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich
+wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des Juden
+weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den Frauenzimmern,
+wie sie die Kommission betreibe, sei eine landesverderberische Sauerei.
+Der alte Jurist redete sich rot und heiß und gebrauchte starke Worte.
+Man müßte, gehe man nach dem nackten und längst entwesten Buchstaben des
+Gesetzes, auch die Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in
+Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht
+hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen. Im Bett, eine Frau
+beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des
+Staates, der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der Jud
+hätte sich all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. Uebrigens
+wolle ihm der Jud, der sich keinen Namen entpressen lasse, nobler
+erscheinen als seine eifrigen Richter. Und man solle endlich aus dieser
+Sauerei Hände und Nasen herauslassen. Finster hörte der alte Regent zu.
+Harpprecht polterte nur klar und hart heraus, was er selber schon dumpf
+gespürt hatte. Pflicht! Gerechtigkeit! Und er gab Weisung, die
+Inquisition wegen der Weiber einzustellen. Etliche von den Frauen ließ
+er stäupen, die übliche Fuhre Mist durch die Stadt schleifen.
+
+Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen Menschen zu behandeln.
+Pedantisch genau befolgte der Major Glaser diese Instruktion. Nicht
+weichlich. Die Zelle des Juden maß nach wie vor nur fünfundeinenhalben
+Schritt, er wurde jeden zweiten Tag geschlossen, erhielt Fleisch nur des
+Sonntags, durfte nur einfachste Kleider tragen. Als einen Menschen. Das
+Verhör zwischen neun und zehn Uhr fiel fort, er bekam einen Tag über den
+andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und eine Pritsche zum
+Schlafen.
+
+Auf die Herren der Kommission wirkte die Ordre des Regenten. Auch wurde
+ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der immer lauteren, klug
+geschürten Mißbilligung des Auslands unbehaglich. Es war wirklich nicht
+so ganz einfach, eine Verurteilung formal einwandfrei zu begründen. Daß
+Harpprecht und Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiß; aber auch
+andere, vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst,
+sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, blühte
+auf. Er hatte das Gefühl, als sei die sanftere Behandlung des Süß und
+der Stimmungsumschwung einzelner Richter sein Werk. Zwar wurde ihm der
+Zutritt zu seinem Klienten immer noch erschwert, auch die Protokolle der
+Zeugenverhöre wurden ihm geradezu verweigert, so daß seine
+Defensionsschrift sachlich nicht recht weiter gedieh; aber formal feilte
+er sie immer schärfer durch, er setzte die Worte immer glatter und
+schöner, so daß er sich beruhigt sagen konnte, er verdiene seine Diäten
+mit Schweiß und redlich.
+
+Voll Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische
+Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich
+gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus empörte
+sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu nahe gewesen;
+wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht überwunden. Hager,
+bitter, besessen von seinem Zweck, keinem andern Argument zugänglich,
+saß er herum bei den Parlamentariern, die er als grimmigste Feinde des
+Süß kannte. Beriet unermüdlich mit Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht
+Geld, nicht Mühe. Flugschriften erschienen gegen den Juden, die
+Erbitterung des Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich
+davongekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt. Das
+Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst entlassen werden.
+Die Richter, von denen man annahm, sie würden milder sprechen, selbst
+der hochangesehene Harpprecht, wurden von allen Seiten bearbeitet,
+schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es kam zu Rottierungen,
+Demonstrationen. „Der Jud muß hängen!“ gaben Herr von Pflug und Dom
+Bartelemi die Weisung aus. „Der Jud muß hängen!“ wetterte es im
+Parlament, von den Kanzeln. „Der Jud muß hängen!“ brüllte das Volk,
+sangen es in einem eingängigen, gassenhauerischen Rhythmus die Buben,
+konstatierten schwerfällig und überzeugt in den einsamsten Höfen die
+Bauern.
+
+Durch solchen Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den
+Richtern aus der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten
+persönliche Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen
+mußte. Die früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß gestürzt
+hatte; der unter Karl Alexander überall von Süß gehemmte kalte, glatte
+Ehrgeizling Andreas Heinrich von Schütz; ja, Herr von Pflug drehte es,
+daß auch der junge Geheimrat von Götz in das Kollegium berufen wurde, an
+dem Verderber von Mutter und Schwester Wut und Rache auszutoben.
+
+Diese alle waren nun zu Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Haß
+viel heißer als Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie
+waren sehr bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die
+Untersuchung. Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger
+legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander Uebles
+geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis gehabt haben
+konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für die
+Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern des
+Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere Verteidigungsschrift
+des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum gelesen. Haßblind setzten sich
+die Richter über den klaren Tatbestand hinweg, streiften in der
+Urteilsbegründung kaum die zahllosen Einwände, die sich gegen ihre
+Kompetenz erhoben und eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß
+ausschlossen.
+
+Sie erkannten den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen
+den Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze
+Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und Mißtrauen
+gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das Parlament und die
+Verfassung – hier mußten sehr viele Verordnungen des Süß herhalten, vor
+allem auch jenes Reskript wegen der Kaminfeger; und viertens gegen
+Gemeinden und einzelne Untertanen. Sie erkannten ihn für einen
+Majestätsverbrecher, Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter und
+Landverderber.
+
+Aus diesen Gründen verurteilte das zur Untersuchung seiner Verbrechen
+eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, Juden und gewesten
+Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. Diese Hinrichtungsart wurde
+dem Angeklagten zuerkannt, weil sie ohnedies die gewöhnliche Strafe war
+bei verschiedenen dem Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen;
+insonders aber, weil sie die Mitte hielt zwischen der gegen
+Majestätsverbrecher üblichen Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen
+Falschmünzer zu verhängenden Strafe des Lebendigverbranntwerdens und
+zwischen der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert.
+
+Die Herren gingen geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form
+gekleidet, die einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische
+Juristen daran mäkeln, sie wußten, das Volk und sein gesundes Empfinden
+war auf ihrer Seite.
+
+ * * * * *
+
+Unbehaglich und mit unruhigen Gliedern saß der Darmstädter Finanzienrat
+und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit Akten
+überstapelten Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und töricht seine
+Mutter, Michaele Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er nicht mehr Nathan
+Süß Oppenheimer hieß, sondern sich zum Baron Ludwig Philipp
+Tauffenberger hatte taufen lassen, hatte sie ihn nicht mehr besucht. Die
+schöne alte Dame, ihr leeres Leben mit Toilettensorgen, Korrespondenz,
+Theater, Protektion junger Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend,
+hatte Darmstadt, den Sitz ihres älteren Sohnes, immer ängstlich
+gemieden. Sie hätte es begriffen, wenn der jüngere, wenn Josef sich zum
+Glauben seines Vaters bekannt hätte, ja, sie hätte es vielleicht gern
+gesehen, sie suchte mit zärtlichem Schuldbewußtsein die Züge des Vaters
+in ihm. Aber daß Nathan, der Sohn des Kantors Isaschar Süßkind, zum
+Christentum übertrat, schien ihr ein großer Frevel, der sich gewiß
+einmal bitter rächen mußte. Scheu betrachtete sie sein Glück und seinen
+Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der den Jecheskel Seligmann
+Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und unerhörter Versuchung
+Jude geblieben war, daß der jetzt so grausam stürzen mußte, während der
+Frevler und Getaufte üppig und in Blüte stand, machte sie vollends wirr
+und hilflos.
+
+Michaele Süß hatte ihren Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art
+geliebt. Er war ein netter, betulicher Mann gewesen und ein großer
+Sänger und Komödiant und vor allem auch ein sanfter, bequemer Mann, der
+viel auf Reisen war und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau
+zutrug, nicht hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer
+Bewunderung ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem langen,
+reichen, leichten Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate mit
+dem strahlenden Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die Krone ihrer
+Tage gewesen. Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit stürzte, war dies der
+echteste Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt hatte. Sie hatte dann
+in ihrem Sohn Josef den Vater wiedererlebt, atemlos und schwach vor
+Bewunderung hatte sie seinen beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle
+Jugend und Süßigkeit, allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie
+schwamm selig in hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem
+Stern, seiner Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel
+grausiger Wendung und Sturz des Vaters.
+
+Sie hatte erst geglaubt, die Haft des Sohnes sei eine List, eine
+Vermummung, aus der er bald um so glänzender auftauchen werde. Aber
+jetzt mußte sie sehen, daß es gräßlicher Ernst war. Das Urteil war zwar
+noch nicht bekannt, aber immer drohender und bestimmter hieß es im
+ganzen Reich, daß die Württemberger ihren gewesten Finanzienrat in den
+allernächsten Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: „Der Jud muß
+hängen!“ wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein
+hinauf, hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht
+aus dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte
+Versuche, dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt
+hinein. Wenn wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! Sie
+schrieb einen drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wußte nicht,
+ob er ihn erreichte; denn sie hatte nur die Vermutung, keine Gewißheit,
+er sei in Holland. Sie schrieb ihrer verheirateten Tochter nach Wien,
+schrieb mit ihrer flatterigen, marklosen Schrift eine ganze Reihe von
+Briefen an die Wiener Oppenheimers, entschloß sich endlich zu diesem
+Aeußersten, suchte ihren ältesten Sohn auf, den Getauften. Da saß sie
+nun, den Mund ängstlich, erwartungsvoll halb offen, schaute mit
+gescheuchten, törichten Augen auf ihn. „Was soll man tun? Was soll man
+tun?“ jammerte sie.
+
+Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, kramte
+nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. Er war ein
+fast kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr gepflegt,
+die raschen Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die Finger
+krümmten sich dick, weiß und beweglich, er war unelegant trotz reicher
+und sorgfältiger Kleidung. Sein Christentum war ihm unbehaglich bei
+aller gespielten Freigeisterei. Er moquierte sich gern über jüdische
+Sitte und jüdisches Wesen, verkehrte auch mit dem Helmstätter Professor
+Karl Anton und dem als Prediger nach Stuttgart versetzten früheren
+Propst von Denkendorf Johann Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden,
+jetzt konvertiert und fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren
+waren. Aber er neidete es dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, daß
+der es soviel weiter hatte bringen können als er selber und doch Jude
+bleiben. Auch hatte Josef ihn als einen Getauften unverhohlen und
+reichlich Spott und Verachtung spüren lassen, ihm, als sie einmal am
+kurpfälzischen Hof zusammengetroffen waren, kalt den Rücken gekehrt.
+Stießen sie geschäftlich aufeinander, so begannen sie ohne
+Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den Getauften bis aufs
+Blut, daß der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in importanten
+Affären es verschmähte, mit ihm persönlich zusammenzutreffen, und
+lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch Agenten erledigen ließ. Der
+Sturz und die Schmach des Bruders traf ihn tief, auch wurde er darüber
+gehöhnt und gehänselt; gleichwohl konnte er, wie jetzt die Mutter ratlos
+vor ihm saß, für den geliebteren und bewunderten Sohn bei ihm zu
+betteln, ein leises Triumphgefühl nicht niederdrücken. „Da habt Ihr’s,
+da habt Ihr’s!“ sagte er mehrmals mit seiner hohen, hellen Stimme. „Es
+geht nicht, daß einer da hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt sich
+auch nicht,“ eiferte er, heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es
+ist gegen göttliche Ordnung und menschlichen Fug.“
+
+Aber Michaele ging nicht darauf ein. „Was soll man tun? Was soll man
+tun?“ jammerte sie, immer im gleichen Ton.
+
+Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte einen Stapel Akten
+von einer Seite des Tisches auf die andere. „Es gibt nur ein Mittel,“
+sagte er endlich. Da Michaele ihn gespannt und hoffend anschaute, nahm
+er Anlauf und warf es wie gleichmütig und selbstverständlich hin: „Er
+muß sich taufen lassen.“
+
+Michaele überlegte. Dann sagte sie mutlos: „Er wird es nicht tun.“ Und,
+nach einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht.“
+
+Der Sohn höhnte nach: „Erlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht
+erlaubt. Hätte ich ihm gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie
+jener. Erlaubt es nicht! Erlaubt es nicht!“ ärgerte er sich, mit seiner
+hellen Stimme vor sich hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes
+weiß ich nicht,“ sagte er plötzlich, mit einem Ruck stehenbleibend. Und
+da er die Mutter mutlos und erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu:
+„Ich will gern tun, was ich kann, von seinem Vermögen zu halten, was zu
+halten ist. Obzwar er es nicht um mich verdient hat. Was man in
+Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn retten kann, ich will die Hand
+darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht sparen, Versuche zu machen in
+Stuttgart bei der Regierung, bei den Richtern, im Gefängnis. Aber wenn
+er sich nicht taufen läßt,“ schloß er achselzuckend, „wird es schwerlich
+gut ablaufen.“ Michaele setzte, als sie ging, die Füße schwerer als beim
+Kommen.
+
+In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas Pfäffle
+für seinen Herrn. Große Gelder flossen an Regierungsstellen,
+Gerichtsbeamte. Da der Herzog-Administrator angeordnet hatte, daß
+peinlich genau untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, legitim
+erworbener Besitz des Süß sei und daß dieser Besitz nicht angetastet
+werden dürfe, hatte der Sekretär reiche Mittel zur Verfügung. Kostbare
+Vasen, Teppiche, Steine gingen aus dem Haus des Süß in der Form von
+Andenken an einflußreiche Parlamentarier, Hof- und Staatsbeamte, die
+offiziell mit der Affäre nichts zu tun hatten, mittelbar um so mehr
+wirken konnten.
+
+Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: „Er hat
+gerettet den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand
+ausgestreckt und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt haben
+sie sich zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind hergefallen über
+ihn. Er war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz gestrahlt über die
+Judenheit. Sind sie hergefallen über ihn wie Haman der Frevler und
+wollen ihn totschlagen. Helft und rettet den Reb Josef Süß Oppenheimer,
+der ein guter Jud war und seine Hand gehalten hat, wie er in Glanz war,
+zu gutem Schutz über alle Judenheit.“ Da wurde gebetet und gefastet in
+den Bethäusern, da wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da
+wurde Geld gesammelt, viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles
+zu Händen des Reb Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, der
+bestellt war von den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen mit aller
+Kraft und Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb Josef Süß
+Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Isaak Landauer aber hatte
+einen Plan, keinen besonders schlauen Plan, aber kühn und geradezu, für
+den Fall, daß sie es wirklich wagen sollten, den Süß zu verurteilen. Zu
+diesem Plan brauchte er Geld, märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft
+viel Geld strömte in seine Kassen, blankes Gold, Wechsel,
+Verschreibungen, der Geringe gab gering, der Große gab groß, aus allen
+Ländern, aus allen Gemeinden, von den Juden aller Welt.
+
+ * * * * *
+
+Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. Der
+Herzog-Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht bestätigt,
+hatte befohlen, ihn vorläufig geheimzuhalten, und hatte ihm, dem
+Harpprecht, das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen riesigen
+Aktenmaterial zur Begutachtung schicken lassen.
+
+Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er das
+Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte abgegeben, den
+Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die nagenden Würmer hatten
+abgelassen jetzt und sich verkrochen; die obenan aufringelten, die
+fetten, gemästeten, der Herzog und der Jud, davon war der eine tot, der
+andere lag machtlos und unterm Fuß, und es stand bei ihm, zuzutreten.
+Ei, sie hatten gut genagt seither. Er, Harpprecht, war ein fester Mann
+gewesen, jetzt war er ein Greis durch sie, und viel Land und Wald und
+Acker und Menschenleib und Menschenseel war übel zerfressen und vertan
+durch sie, und der Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte,
+liebliche Elisabeth Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und
+wenn auch jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es
+wird wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte Gebäu
+wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und sollte
+judizieren, ob es rechtens sei, diesen nagenden und schädigenden Wurm zu
+zertreten.
+
+Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein treuer,
+uneitler Regent, der arbeitete wie ein Roß und mit Erfolg. Die Arbeit
+schlug ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der Gleichaltrige,
+zehn Jahre jünger aus als Harpprecht.
+
+„Wie steht’s, Herr Bruder?“ fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten.
+„Ist es das gleiche,“ setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals
+bei dem Juden Jecheskel?“
+
+Draußen schneite es weich und dick. Es war sehr still im Zimmer. Von
+nebenan hörte man den Schritt des jungen Michael Koppenhöfer. „Ja, Herr
+Bruder,“ sagte Harpprecht. „Es ist das gleiche. Er ist formal, nach dem
+Buchstaben des Kriminalrechts, nicht genug überwiesen.“
+
+Bilfinger nahm von den Papieren, zerteilte sie, schichtete sie wieder
+zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr Bruder,“ sagte er nach einer
+Weile, „daß er sich im Verfassungsstaat Württemberg so viel Ausnahmen
+permittiert hat vom Verfassungsmäßigen, daß er es sich muß gefallen
+lassen, wenn man jetzt auch mit ihm eine Ausnahm macht von der
+Rechtsform?“
+
+„Das ist zu bedenken,“ erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom
+Herzog.“
+
+Indessen war auch der Prozeß gegen den General Remchingen seinem Ende
+entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und österreichische Oberst
+wurde nicht so glimpflich behandelt wie die eingesessenen Hallwachs,
+Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er hatte keine Verwandten in der
+Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als Federfuchser, alles
+Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur als Kanaillen, Rotüre,
+Populace traktiert und war sehr verhaßt. Man inquirierte also scharf und
+trug Material zusammen, das, wenn nicht zum Todesurteil, so zumindest
+zur Bestrafung mit lebenslänglicher Festungshaft genügte.
+
+Nun war aber um diese Zeit der Vergleich Karl Rudolfs mit der
+Herzogin-Witwe über die Vormundschaft bis in alle Details fertiggestellt
+worden, auf eine für den Regenten sehr günstige Art, und unterlag
+zugleich mit dem Regierungsreglement für die Administrationszeit der
+Prüfung und Bestätigung der kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick
+durch harte Bestrafung des Katholiken und Oesterreichers den Wiener Hof
+zu reizen, schien höchst inopportun. So beschloß man, die Urteilsfällung
+hinauszuschieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue
+und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein
+Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg in
+venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in mehreren
+Klageschriften an Kaiser und Reich, besonders in der „_Innocentia
+Remchingiana vindicata_“ oder „Notgedrungenen Ehrenrettung“ erbitterten
+Einspruch. Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg.
+
+Das Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle Bluthunde
+ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb Meilen entfernt,
+lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch wie Remchingen Stank
+und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte man noch. Aber der
+wenigstens sollte büßen. Wieder waren die Geheimräte Pflug und Pancorbo
+vornean, schürten, zahlten Demonstrationen. Wilder, heftiger, drohender,
+drängender ging es durch das Land: „Der Jud muß hängen!“
+
+So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator sein
+Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein Urteil
+nicht trüben durch den Haß gegen den Juden, nicht durch das tobende
+Volk, das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des Juden brüllte,
+nicht durch die Gunst oder Mißgunst des Kabinetts und des Parlaments.
+Der Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung und Amt vereidigten Räte
+und Minister, welche die angeklagten Befehle und Verordnungen signiert
+hatten, müßten prozessiert und gestraft werden, nicht der unvereidigte,
+in keinem Staatsamt stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und
+deutschem Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt
+ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und dieser Punkt
+könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht herangezogen werden, auch
+habe ihn die Kommission gar nicht erst in ihre Entscheidungsgründe
+aufgenommen. Er kam zum Schluß, auf Grund der bestehenden Gesetze des
+Römischen Reichs und des Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht
+verurteilt werden; man solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei,
+abnehmen und ihn des Landes verbannen.
+
+Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und hörte
+aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er vermeint also,“
+sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden mehr als den
+Schelmen verurteilt?“ „Ja,“ sagte Harpprecht. Draußen pfiff einer den
+Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der alte Regent hielt die Lippen hart
+geschlossen. „Ich wollte, ich könnte tun nach Seinem Rat,“ sagte er
+endlich. Damit entließ er den Juristen.
+
+Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, der Jud wird zu
+Unrecht erwürgt,“ sagte er, „als er bleibt zu Recht leben und das Land
+gärt weiter.“ Auch sagte er: „Das ist ein seltenes Ereignis, daß ein Jud
+für Christenschelmen die Zeche zahlt.“
+
+ * * * * *
+
+Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über
+verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen
+Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, verzärtelten
+Dame beschleunte sich das Herz, Mauern überall und klobige Waffen, ein
+großer, beklemmender, bedrohlicher Apparat. Der Korporal stapfte mit
+raschen Schritten voraus, sie konnte nur mit Mühe folgen und kam außer
+Atem, aber sie wagte nichts zu sagen. Endlich knarrte rasselnd eine
+niedrige, häßliche Tür auf. Sie schaute, schnaufend, in ein kahles
+Geviert, da saß auf einer Pritsche ein alter Mann, den Rücken krumm,
+schlaff und übel verfettet, mit schmutzig weißem, ungepflegtem Bart, und
+summte und döste vor sich hin mit einem abwesenden, törichten Lächeln.
+Sie sagte zaghaft zu dem Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will
+zu Josef Süß.“ Der Korporal sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud,
+Frau.“
+
+Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß auf den
+eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht zuwandte, die
+braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der Korporal verschloß
+draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr Sohn! Der häßliche,
+verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender Sohn! Oh, es war
+nichts mehr, nicht die leiseste Spur mehr war vom Heydersdorff in ihm,
+viel eher, merkte sie mit Grauen und Neugier, glich er trotz des Bartes
+dem Rabbi Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, voll Grauen, sie spürte
+nichts von dem früheren fressenden, schmerzhaften Mitleid, sie spürte,
+wie er aus ihr glitt, wie sie leer wurde, es war ein fremder,
+schmutziger, verwahrloster Mensch, mit dem man, versteht sich! Bedauern
+haben mußte, denn er war eingesperrt und es ging ihm schlecht und zudem
+war er ein Jud. Aber sie hatte sich schon wieder verkapselt und ihr
+Inneres war umkrustet. Sie stand, eine fremde, elegante Dame, verlegen
+vor dem ungepflegten, in den Schmutz gerutschten Mann.
+
+Als sie dann redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu
+ihr, mit einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und
+streichelte ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines
+seiner Worte drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr
+Sohn! und war umkrustet. Sie war eigentlich froh, als die Stunde um war,
+die sie bei ihm bleiben durfte und der mißlaunige Korporal sie wieder
+abholte. Umschaute sie noch einmal aus der Tür voll scheuen Grauens nach
+dem alten Mann, der ihr Sohn war. Als sie dann die Festung verließ, war
+sie es, die den Schritt schneller nahm.
+
+Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die Zelle,
+neigte sich, war sehr höflich. Stille, große, weiße Hände,
+melancholische, fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren
+bläulichen Gesicht. Er sprach leise, mit einer beredten, traurigen
+Stimme. Es war Johann Friedrich Paulus, früher Propst von Denkendorf,
+jetzt Prediger in Stuttgart, der Konvertit. Der Stadtvikar Hoffmann
+hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar hätte zwar gern selber der Kirche
+diesen Verstockten gewonnen; aber er sah, hier war wenig Hoffnung, und
+lieber sollte ein anderer das Werk vollenden, als daß es gar nicht
+geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht tiefer hineinschmiegen,
+hineintasten, hineinschmuggeln in die verhärtete Seele, sie
+aufzuweichen.
+
+Still und höflich saß der Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle
+merkwürdig schattenhaft. Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen
+in der kahlen Zelle. Sprach leise, konversierend. „Dies alles sind nur
+Kleider und Masken,“ sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum,
+mein Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, daß einer den Strom
+Gott in sich spürt. Es ist dies, daß einer ein Schein im Schein, ein
+Wort im Wort ist. Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, ich
+habe Sie in Ihrem großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich bin ein
+Freund und Schüler des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der wieder ein Freund
+ist Ihres Onkels, des Rabbi Gabriel. Ich hatte oft Lust, mit Ihnen zu
+reden, Herr Finanzdirektor. Nicht weil Sie mich vielleicht verachteten
+um meine Taufe und mein Christentum und weil ich Sie besser belehren
+wollte. Wie ich Sie jetzt sehe,“ schloß er und seine streichelnde Stimme
+war noch leiser, und er war fast erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß
+ich um unser beider willen gekommen bin, für mich nicht weniger als für
+Sie.“
+
+„Sie sind doch gekommen,“ sagte Süß, „um mich zum Christentum zu
+bekehren? Der Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist’s nicht
+so, ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?“
+lächelte er. Der stille Mann an der Wand sagte: „Es ist nicht schwer und
+es ist billig, zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten
+mich, weil ich Christ wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. Ich
+rühre mich nicht und wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan nicht
+um Brot und Kleid und Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. Sie
+haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre Idee. Ist es nicht vielleicht
+richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht nicht verlöschen zu
+lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das Kleid Christentum
+anziehen muß? In solcher Zelle zu leben,“ – sein sanfter, fließender
+Blick glitt über die kahlen Wände – „ist sicher hart. Aber wer sagt
+Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?“
+
+„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr,“ sagte
+Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle zu
+verpacken. Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, Rehrücken, alter
+Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme Wahrheiten; auch
+was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom Schein im Schein, klingt gut
+und passabel. Aber sehen Sie, ich habe mein Palais in der Seestraße mit
+dieser Zelle vertauscht. Man hat mich in jedem Stück angezweifelt; aber
+nie hat jemand gezweifelt, daß ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muß
+also wohl“ – er lächelte listig – „zu solchem Tausch meine guten Gründe
+gehabt haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar,“ schloß er heiter und
+verbindlich, „und sagen Sie sich selbst: Sie haben getan und geredet,
+was einem Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich nur
+an mir.“
+
+Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an Michaele. Die
+liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, schwerlos, angenehm müde.
+Wie ein Kranker, wohlig im Bett, Genesung spürend. So saß er, dösend,
+auf der Pritsche. Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu
+ihm. Es war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine
+Puppe, und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter und
+zupfte ihn zärtlich am Bart und es sagte: „Dummer Vater! Dummer Vater!“
+Sie blieb etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, aber lauter ganz
+kleine Dinge, sie sprach mit der Wichtigkeit und dem Ernst der Kinder,
+von den Tulpen, von der Auslegung einer Stelle im Hohen Lied, von dem
+Futter seines neuen Rockes. Als sie fort war, atmete Süß wie ein
+Schlafender, den Mund halb auf, glücklich. So gerufen hatte er sie, und
+sie war nicht gekommen, mit wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen,
+ein grelles, ungeheures Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht
+gekommen. Was für ein Narr war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so
+kleiner, sanfter, befriedeter Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen
+mit seinen großen, grellen, schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber
+jetzt, nun er ganz still war und sich schon beschieden hatte, sie nicht
+mehr zu sehen, nun auf einmal kam sie, und es war ein großes,
+anfüllendes Geschenk. Er ging die Zelle auf und nieder, seine
+fünfeinhalb Schritte, und die Zelle war reich und voll und die ganze
+Welt, und er streckte die Arme aus und lachte, allein und jungenhaft und
+laut und glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang aufschrak und
+mißtrauisch hereinspähte.
+
+ * * * * *
+
+Der Major Glaser eröffnete dem Süß, er solle sich bereit halten, anderen
+Tages in der Frühe nach Stuttgart zu fahren. Der Major wußte, der Jude
+fahre nach Stuttgart, sein Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht
+Ordre, ihm das zu sagen, und hielt es nicht für not. Süß, im linden
+Nachschmack der Worte Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und
+in die Freiheit. Er hielt es nicht im entferntesten für möglich, man
+werde ihm gegen den klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen.
+Gutmütig scherzend und in schwerloser Laune sagte er, er freue sich des
+schönen Wetters für die Fahrt, fragte den Kommandanten, ob er ihm, der
+ein großer Schnupfer war, eine Tabaksdose zum Andenken übersenden dürfe.
+Gemessen lehnte der Major ab; doch gestattete er, das harte Gesicht kaum
+vor dem Grinsen wahrend, daß Süß einen Galarock für die Fahrt anlege.
+Auch vor dem Wärter erging sich Süß in leichten, schwingenden Worten
+über Rückkehr und Freiheit und gab dem erstaunten Mann, der nicht wußte
+was tun, eine Anweisung auf eine ansehnliche Summe als Trinkgeld.
+
+Wie er sich des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz
+entlastet und selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an
+einen See oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest und ganz klein
+und mild leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine.
+Und bald wird er leicht und leise verklingen und unter den Menschen wird
+nur ein dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von seinem
+Gewese und der wird im Guten und im Bösen ganz anders sein und sehr
+verzerrt; bald aber wird auch sein Name gar nichts mehr bedeuten, wird
+nichts sein als etliche Buchstaben ohne Sinn; schließlich werden auch
+die verklungen und es wird große, reine Stille sein und nur mehr ein
+Schweben und sachtes Leuchten in der Oberen Welt.
+
+Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, fuhr Süß
+bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte schwach und
+froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm gegenüber. Starke Wache
+auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem Wagen. Er wollte erst mit seinen
+Begleitern sprechen, aber die hatten strenge Weisung, nicht zu erwidern.
+Ihn grämte es nicht. Er lehnte zurück, atmete, kostete, schluckte, sah,
+tastete nach den vielen dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende
+Gottesluft. Blick, nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter,
+herrlich reiner Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich
+in den Himmel mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt!
+Luft! Freie, liebe Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten,
+Entwöhnten, er lehnte ganz schlaff und schwach und erschöpft; aber er
+war selig. Er hatte den roten, goldbestickten Taffetrock mit dem
+zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst das grüne, goldbordierte
+Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den braunen Beinkleidern
+zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die auf dem schlecht
+gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er abgenommen, er ließ wohlig
+den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße Haar streichen.
+
+Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, johlte,
+als die Kutsche kam, schmiß Steine, Kot. Stürzte sich auf den Juden, riß
+ihn heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem weißen Bart. Hob
+Kinder hoch: „Lugt her! Da ist er, der Schinder, Judas, Mörder, Saujud!“
+Spuckte, trat. Zerrissen der feine, rote Rock, in Kot getreten der
+artige Samthut. Die aus dem Blauen Bock sagten in wehmütiger,
+sentimentaler Genugtuung: „Das hätte der selige Konditor Benz noch
+erleben sollen.“ Nur mit Mühe gelang es der Eskorte, den Juden
+herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß er jetzt im Wagen, das graue
+Gesicht zerschrundet, Rinnsel von Speichel und Blut langsam in den
+zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, drohend gegen die Menge, die
+Hand an der Waffe.
+
+Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in dem Magdalen
+Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. Der Expeditionsrat
+hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem Land, auf ihrer schönen
+Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; aber da sie aus unerklärlichen
+Gründen durchaus in der Stadt bleiben wollte, fügte er sich. Da lag sie
+nun in Wehen, eine geschwätzige, betuliche Hebamme watschelte geschäftig
+herum, der Expeditionsrat ging blaß, dienstwillig, demütig und
+schwitzend ab und zu. Trotzdem sie breit schien und gebärtüchtig, war
+die Entbindung nicht so leicht, wie man gehofft hatte. Sie lag, schrie,
+stemmte sich, preßte, keuchte. Jetzt war eine Minute der Erleichterung
+gekommen, zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte sie, immer wieder
+überschauert. In die Stille klang das Johlen der Volksmenge herein, ganz
+deutlich hörte man den Gassenhauer: „Der Jud muß hängen!“ Der
+Expeditionsrat rieb sich die Hände. „Ein gutes Omen,“ sagte er, „daß das
+Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird.“ Aber sie schaute voll
+Haß auf den hageren, unscheinbaren Mann und betete unhörbar, ohne Reim
+und Schnörkelei, dringlich und stark: „Herr Gott im Himmel! Laß es nicht
+werden wie der da! Herr Gott im Himmel! Du hast mir soviel verhunzt. Das
+gib mir, das wenigstens gib mir, daß mein Kind nicht werde wie der da!“
+
+Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal war
+gestopft mit Zuschauern, das Richterkollegium war versammelt, feierlich
+in schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, massige Gesicht
+des Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des Schütz, das harte,
+grausame, hagere des Pflug, das des jungen Götz sogar, sonst leer, fad,
+rosig, schien belebt von Haß, Rache, Triumph. Da erkannte er, daß er
+nicht zur Freiheit, sondern zum Tod bestimmt war. Und da begann auch
+schon der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, mit seiner harten,
+dröhnenden, ungefügen Stimme, stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen.
+Süß hörte in monotonem Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung,
+Hochverrat, Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen und den Schluß, daß er
+mit dem Strang vom Leben zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in
+dem überheizten Saal die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle,
+die Minister, Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll
+Hochgefühl. Er sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich
+hingestreckt hatte in freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen,
+sich festbeißen, geschäftig übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch
+sinnlos die Zähne hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war
+plötzlich wieder in ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann zu
+reden, der alte, verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem Kot der
+Mißhandlungen, richtete sich hoch, erwiderte seinen Richtern. Kratzte,
+eiskalt sachlich, schneidend, dem Urteil die pathetische Tünche
+herunter. Lautlos hörte man seine ersten Sätze an. Dann aber, rot
+angelaufen über solche Frechheit, stürzten sich, nicht anders als das
+Volk, die vornehmen Herren auf ihn, brüllend, mit den flachen Degen auf
+ihn einschlagend, und wie dem Volk konnte die Eskorte auch ihnen nur mit
+Mühe den Delinquenten entreißen. Wie er abgeführt wurde, über den
+tosenden Saal hin, packten ihn die harten, höhnischen Worte des
+Geheimrats Pflug im Nacken: „Er hat gesagt, Jud, höher als der Galgen
+ist, könnten wir Ihn nicht hängen. Wir werden’s Ihm weisen.“
+
+ * * * * *
+
+Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van
+Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf
+der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie sahen die schaukelnden Schenkel
+der Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das
+vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber
+nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein
+tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten,
+daß sie es erreichten, ehe es verlösche.
+
+Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den
+dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi
+Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig
+fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern
+weltlichen Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis,
+Gott. Die letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung
+an. Es war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel,
+ohne daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige
+Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die
+Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun
+auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in
+jenem, eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden
+Männer, gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer
+brütete um sie die Erkenntnis ihrer Bindung.
+
+Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit viel
+Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er hatte,
+trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische
+Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige,
+verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk,
+Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die
+drei Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim
+Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß sie
+bei der Einfahrt nicht belästigt wurden.
+
+Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es sagte
+der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der ganzen
+Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber sitzen
+ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren Raub,
+und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen ihre
+Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen
+Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie
+gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt:
+„Reb Josef Süß Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist
+geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan
+hat, wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird
+aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man
+sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß
+und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht
+sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud
+ist nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die
+Christen. Es kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die
+Getretenen und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die
+anderen. Wir bitten Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen
+um Gnade für den einen und die ganze Judenheit.“
+
+Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß Oppenheimer,
+hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut der und jener und
+das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld, kann gutgemacht
+werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle Judenheit, und
+haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld. Und so sind
+wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig den Reb Josef
+Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann haben gesündigt, wir
+wollen es machen gut und aber gut, daß das Land Württemberg kann kommen
+in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie lassen ledig den Juden Josef
+Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von fünfmalhunderttausend
+Doppeldukaten.“
+
+Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die
+Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das
+Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel
+größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums
+gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten
+wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte. Fünfmalhunderttausend
+Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war eine Frechheit und eine
+Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren Summe loskaufen wollen
+war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner naiven Großartigkeit
+verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer gerechnet, darauf baute er
+seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt, mit Listen, mit Argumenten,
+mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um Gnade war hier nichts
+auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives Geradezu. Für Geld
+konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh, Berg, Fluß und
+Wald, Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum sollte man nicht
+können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre Rachgier und ihr
+albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe Gerechtigkeit,
+diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer.
+Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein kleines
+Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen sogenannter
+Justiz.
+
+Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach
+Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht
+in Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde,
+unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem
+kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In
+stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf
+die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke,
+sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß
+Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches,
+afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich,
+hörte nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine
+ausgewachsene Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine,
+schiefe, schäbige Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo
+reckte den entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause,
+seine dürren Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger
+widerstehen, streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in
+dem endlosen Fluß. Isaak Landauer stand daneben in seinem
+schmierigen Kaftan, die Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner,
+unselbstverständlicher Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm
+eng am Körper, die Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern
+Hand strähnte er den rotblonden, verfärbten Ziegenbart.
+
+Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten
+Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war gezwungen,
+vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den Süß, auch
+gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn nicht
+an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr
+Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und
+gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte
+vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser
+Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund.
+
+In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von
+Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die
+Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan,
+das Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl
+erreicht. Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es
+war nicht möglich, in diesen Läuften das Regiment nach solchen
+Prinzipien zu führen. Er hatte müssen zusehen, wie man die todeswürdigen
+Schelmen hatte laufen lassen, jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden,
+trotzdem es unrecht war, aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und
+müde. Er fühlte seine Leibes- und Geisteskräfte merklich schwinden. Es
+sei ihm beschwerlich, schrieb er dem Kaiser, erklärte er den
+Geheimräten, dem völligen Detail einer so verwirrten als wichtigen
+Regierung nach eigenem Wunsche genugsam abzuwarten. Er sehnte sich, der
+schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der bäuerlichen Ruhe seines
+kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen Sterben.
+
+ * * * * *
+
+Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und
+widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur
+Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne
+Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er
+war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden,
+beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt
+war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des
+leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte
+ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte,
+hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn von
+Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter. Andere
+kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch
+Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in
+Gestalt Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und
+die Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet,
+knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem
+reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das
+Gesicht darunter sein eigenes.
+
+Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der
+Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession
+anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er
+glaubte, jetzt sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war
+durchaus nicht gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe
+Stimme verdrängte die sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von
+ihm abzustehen; er wolle gern, lasse man nur von ihm ab, der
+evangelischen Kirche zehntausend Taler für ihre Bemühungen
+testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog sich der ergrimmte
+Geistliche zurück.
+
+Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr,
+Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm
+gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis.
+Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden
+hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben
+lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand
+gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht
+offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte.
+Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von
+Höflichkeit, er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen.
+Ein Mann, mit dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand,
+Manierlichkeit gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung
+kommen ließ. Der alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als
+ein Baron Neuhoff. Er hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm
+nie vergessen, daß der gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die
+weinrote Livree seiner Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen
+hatte. Es wäre geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen
+des andern zu freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben,
+daß das Milieu des Juden die eigene Repräsentation beschatte.
+
+Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er
+den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so
+einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen.
+Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten,
+bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art
+loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung
+stellen. So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch
+wieder nicht. Es durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird
+da in seiner Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte
+selbstverständlich übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die
+katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker,
+der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen
+sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen.
+
+Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der
+Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da
+hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War
+das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber
+schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit
+einem ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“
+
+Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß
+gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich
+den Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem
+eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt
+wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er
+hatte das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und
+vor den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht
+und ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen
+haben? Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht
+daran, dem Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene,
+skeptische Herr und Fürst, er läßt sich nicht bluffen.
+
+„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt
+und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten,
+daß ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen
+werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite,
+mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte
+er sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr
+Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom
+Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“
+
+Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“
+tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen
+wollen. Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um
+dann eine so glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig!
+Die Stimmung ist gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht
+soweit kommen lassen. Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! –
+aufhängen mitsamt Ihren Trümpfen in der Hand.“
+
+Da Süß noch immer schwieg, wurde er ungeduldig. „Exzellenz! Mann!
+Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen.
+Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher
+Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“
+Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan
+und seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine
+Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst
+sich geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da,
+refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst
+fühlte sich plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr,
+sagte mit gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren
+verlernt. Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens
+_Mille merci_ sagen.“
+
+„_Mille merci_,“ sagte Süß.
+
+Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern
+sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als
+persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte
+er und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr
+Stoizismus ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den
+Historienbüchern der Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser
+ein lebendiger Hund als ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König
+Salomo.“ Er stäubte sich den Rock ab, schloß, schon unter der Türe:
+„Lassen Sie sich wenigstens den Bart balbieren und ziehen Sie sich gut
+an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase – „partout dahinauf wollen. Das kann
+man verlangen von jemandem, den man so freundlich in seinen Kreis
+aufgenommen hat. Sie haben ein zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr
+ganzes Leben haben Sie gute Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem
+Kavaliersruf nicht selber in den Schatten, wenn Sie von diesem
+Welttheater abtreten.“ Damit ging er.
+
+ * * * * *
+
+Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig
+Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er
+hatte schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische
+Gulden gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als
+der hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig
+Fuß war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig
+Zentnern und achtzehn Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer
+ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den
+Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb und
+Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit
+Gold verziert und der Honauer daran gehenkt.
+
+Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von
+denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein
+Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus
+Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein
+anderer Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger
+geblüht; er hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft
+schwebenden Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der
+Galgen lange nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen
+auf den Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon
+hatte er drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen
+nächtlicherweile entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines
+Verbrechens justifiziert wurde.
+
+Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden.
+Jetzt bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution
+übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere
+Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf
+gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so
+feiern, daß Europa es nicht vergessen sollte.
+
+Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor.
+Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung
+christlicher, deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja
+leider, sehr gegen seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle
+finden dürfen. Jetzt bei der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem
+Juden seine Wollust und freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am
+Galgen wird er ihn hängen lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner
+liederlichen Nächte mit populärem Wortspiel verhöhnend, in einem
+Vogelbauer.
+
+Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils
+etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch
+Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen
+gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten
+eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine
+Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der
+Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das Malefikantenglöcklein mit
+einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue Uniformen.
+
+Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des
+Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist
+könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man wird
+einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen
+hinaufziehen.
+
+Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats
+wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler
+anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier
+Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen
+in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über
+den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer.
+Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig
+tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das
+monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der
+Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur
+Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt,
+Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und
+Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf
+dem Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu,
+bewunderte die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig.
+
+Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die
+Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse
+ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln
+flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte
+man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei;
+das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem
+Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an
+die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den
+Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!
+
+ * * * * *
+
+In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz.
+Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer
+van Straaten das Gefängnis ohne weiteres geöffnet. Nun saßen die drei
+Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht,
+Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein.
+Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar,
+über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei
+Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens
+Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit.
+Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die
+drei Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem
+Ernst. Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum
+andern. Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum
+erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als
+Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen
+Strom wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und
+die Welle trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug
+das Zeichen des Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber
+die Welle trug ihn nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die
+Schnitten der Apfelsine mit Zucker und verteilte sie. Er schenkte von
+dem südlichen, schwarzfarbenen Wein. Die Zelle war voll von
+ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht, Gott. Doch an Rabbi Jonathan
+nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte sich mit zynischem Witz
+lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu haben, wenn man gehenkt
+wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht, er fühlte sich, der
+Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben Verräter. Und als er
+den beiden anderen die Verse des Tischgebets zurückgab, prunkend in
+seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem Bart, würdig, wissend,
+hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann.
+
+In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das Urteil
+verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß der
+milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische Rabbiner
+von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich
+lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder
+verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich
+neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf
+seinem alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen
+Rädern ragte kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in
+grellen Farben um ihn herum.
+
+Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden
+verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf
+nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden
+Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es
+lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende
+Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die
+beiden anderen.
+
+Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und
+gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von
+Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des
+Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja
+selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben.
+Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner
+knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte,
+Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß.
+Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens,
+schnalzte mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua
+Falk, mit fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der
+zornige Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche
+gurgelte er hinter dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und
+Frevler. Isaak Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes,
+tierisches Heulen aus. Es war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen,
+wie er den Kopf gegen die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne
+Hemmung heulte. Nun begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn,
+scharf, scheppernd mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch
+die schneeige, dämpfende Luft, ins Mark reißend.
+
+Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut
+überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein
+normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie
+hörte das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie
+schaute auf ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht.
+
+Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit
+Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte
+Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf
+sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“
+
+Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß
+auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem
+scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem Finger, der
+Herzog-Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes
+beraube. Die Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die
+Prozession schritt sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar
+lautlos zu. Die Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß,
+zu Pferd, zu Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der
+blassen, nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke
+war alles doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man
+führte den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren
+von weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von
+jenseits der Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das
+Schauspiel zeigen. Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif,
+Schnee fiel auf seine Kleider, auf seinen weißen Bart.
+
+An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und bedrückt,
+daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er durfte
+sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die _vox populi_
+einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter
+und schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne
+juristisch zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich,
+angefrostet. Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher
+Weins hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal,
+er blieb vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter
+und wärmer.
+
+Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin.
+Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild,
+das in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart,
+Schnee auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer,
+ahnte Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen
+Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph,
+auf den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre
+länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark
+schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch
+höher.“ „_Sale bête!_“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den
+flockenden Schnee.
+
+An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er
+begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische
+Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte
+sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund zu, bevor er zu Ende
+war. Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas
+Pfäffle, der blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes
+Mal vorüberkam, grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas
+Pfäffle, wie der Karren vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging
+abseits, schluckte.
+
+Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock
+aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel
+standen die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das
+kleine Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er
+wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das
+alte Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu
+seiner Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien
+unansehnlich vor dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst,
+das für ihn bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen,
+vielfach gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde
+schlang sich, den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit
+Menschen. Das hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen,
+Bäumen. Von ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf
+dem Rock des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten
+die kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart.
+
+Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die
+Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die
+auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der
+Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der
+Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz
+verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt
+war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der
+Verhaßte hochschweben, erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten
+gierig unter dem Kragen des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den
+Strick. Herrlich ist es, den Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für
+die Augen, angenehm und lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das
+Scheppern des Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr
+genau kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung
+entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt
+waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er
+hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er
+konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar
+und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich
+selber schämen, daß man mit ihm im Bett gelegen war. Doch
+merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. Gierig und gelockt schauten
+sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er gleich tot sein, jetzt wird
+er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei und ihre Verstrickung
+sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern
+und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich davor. Die meisten
+von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die
+Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen.
+
+Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also wird
+der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der
+Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle
+Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend
+zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und
+er hatte sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der
+alte, krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und
+bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge
+Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer
+Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester
+ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn
+niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat!
+
+Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene
+Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn
+wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten
+Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg
+und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen
+Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde,
+höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen
+Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und
+wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor
+dem Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was
+blieb von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig
+verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird,
+was er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen
+werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben
+werden.
+
+Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder
+steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die
+geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz
+absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um
+den Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte,
+sichtbarlich vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung.
+Ja, ja, es brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der
+Welt zu schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige
+Weiber, die Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu
+schmatzen und zu knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig,
+bestimmt, so leer und bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er
+sah den Atem der Menge, weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen
+Frost, die gierigen Augen, die gereckten Hälse, die sich vormals so
+devot vor ihm gebeugt hatten. Er sah das Vogelbauer, den umständlichen,
+schimpflichen Apparat seiner Tötung. Und während er dies sah, drang in
+sein Ohr etwas Plärrendes, Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es
+sich nicht nehmen lassen, ihn unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf
+ihn einzureden, von Himmel und Erde, von Verzeihung der Menschen und
+Gottes, von Sühnung und Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute
+langsam den Stadtvikar auf und ab, wandte sich weg, spie aus.
+Aufgerissene Augen, leises, empörtes, rasch verstummendes Schnauben der
+Menge.
+
+Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen Uniformen
+an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen, ungefügen
+Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg, er
+schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es
+war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den
+Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den
+Knechten herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten
+in die Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und
+anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden
+fiel auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn
+hart an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm
+die Schlinge um den Hals.
+
+Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden Hufe
+der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf
+Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit
+auf, er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen
+Atem und das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob
+sich. Da, durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton,
+gellende, gurgelnde Stimmen, schreiende: „Eins und ewig ist das Seiende,
+das Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden,
+der kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der
+schmierige Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie
+und sieben andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht
+um das Volk, das vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die
+Leiber, stehen und schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den
+weiten Platz hin: „Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“
+Weißliche Wolken in dem starken Frost ziehen die Worte von ihren
+Mündern, in die Ohren des Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls
+Heydersdorff tut den Mund auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve
+Adonai.“
+
+Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der
+Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar
+dem Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das
+gelle Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem
+Käfig tönt es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt.
+
+Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo
+erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung, reckt
+aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig
+hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in
+ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des
+Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft.
+
+Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die Menge
+den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur halben
+Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs saßen in
+dicken Scharen schwarze Vögel.
+
+Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als
+Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken.
+Der junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des
+Süß erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er
+stülpte sich das Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf,
+die vergraust kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch
+kam die rechte Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man
+hatte sich den Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang:
+Der Jud muß hängen, man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder
+stirb entweder! Doch das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die
+Kinder spielten Hängen; und das Spiel ging so, daß einer oben stand und
+Adonai schrie und die anderen standen unten und schrien, brüllten,
+johlten, gellten: Adonai.
+
+ * * * * *
+
+In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer,
+großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der
+Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee,
+beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief
+in einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte
+zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als
+beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die
+beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie
+hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten
+leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in
+dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden
+Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog
+nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte
+unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie,
+leise, an, als sie endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“
+stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den
+Stein gestohlen!“ bellte heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich
+lasse euch den Prozeß machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen,
+verängstet, versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein
+anderer im Käfig. Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang
+ungläubig, ließ schließlich noch in der Nacht durch Leibhusaren,
+amtlich, den Käfig untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen,
+ausgetauscht.
+
+In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim
+Herzog-Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt
+hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte
+an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie
+gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast.
+Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die
+Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und Soldaten hätten das nicht
+besser machen können. Er gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ
+sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme
+grausige Flüche vor sich hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in
+seiner verschollenen Hoftracht.
+
+Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von
+Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden
+geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak
+am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger
+könnte ihn stehlen.
+
+In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen
+gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im
+Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens
+Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde
+Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter
+bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde
+beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt.
+Aber es raunte von Mund zu Mund.
+
+Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar
+umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht
+zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen
+über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin.
+Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der
+Solitär. Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen
+großen Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache.
+
+Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht,
+graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter
+sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen
+des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum.
+
+An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme
+den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“
+Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da
+schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte
+zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand
+zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines,
+verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten.
+
+Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte
+beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am
+Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der
+Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und
+vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig
+ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen
+sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras
+welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir
+Staub sind.“ Dann wuschen sie sich die Hände in fließendem,
+dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.
+
+
+
+
+ Werke von Lion Feuchtwanger
+
+
+ Im Drei Masken Verlag München:
+
+ _Vasantasena_
+ Schauspiel. Vierte Auflage
+
+ _Der holländische Kaufmann_
+ Schauspiel
+
+ _Der Frauenverkäufer_
+ Spiel nach Calderon
+
+
+ Im Wegweiserverlag Berlin:
+
+ _Die häßliche Herzogin_
+ Roman. 110. Tausend
+
+
+ Im Verlag Gustav Kiepenheuer Potsdam:
+
+ _Leben Eduards des Zweiten_
+ Historie. (Zusammen mit Bertolt Brecht)
+
+
+ Im Georg Müller Verlag München:
+
+ _Thomas Wendt_
+ Ein dramatischer Roman. Dritte Auflage
+
+ _Die Kriegsgefangenen_
+ Schauspiel
+
+ _Friede_
+ Ein burleskes Spiel nach dem Aristophanes
+
+ _Warren Hastings_
+ Schauspiel
+
+
+ Presse-Stimmen
+
+ Vasantasena
+
+ Man kann das Stück des sagenhaften Königs Sudraka, das ein
+ Jahrtausend vor Shakespeare entstanden ist, nicht besser
+ charakterisieren, als es der Herausgeber in seiner Einleitung
+ tut: „Die Vasantasena vereint süße, weisheitsvolle Resignation
+ mit lichter, anmutiger Schalkhaftigkeit ... Hier ist kein
+ Erdenrest zu tragen peinlich. Diese Dichtung tanzt, schwebt, löst
+ alle irdische Diskrepanz in unirdische Harmonie ...“ – und
+ Feuchtwanger ist es gelungen, diese dichterische Höhe in seiner
+ Nachdichtung zu wahren.
+
+ Der holländische Kaufmann
+
+ _Berliner Börsen-Ztg._: Das Stück erstrebt große Ziele und weite
+ Perspektiven.
+
+ Der Frauenverkäufer
+
+ _Neue Freie Presse_, Wien: Calderons Schauspiel ist ein Wurf, aus
+ dem Feuchtwanger in freier und sehr geschickter Nachdichtung eine
+ Komödie machte. Feuchtwanger hat durch stärkeren komischen
+ Einschlag und menschliche Vertiefung ausgleichend eingegriffen.
+ „Der Frauenverkäufer“ wird eine bleibende Bereicherung des
+ deutschen Spielplanes sein.
+
+ _Nieuwe Rotterdamsche Courant_: Fruchtbarste Phantasie, zwischen
+ Adelsschloß, Wildnis und maurischen Felsburgen, Sinn und Ulk,
+ Liebe und Kampf hin und her schweifend, sichert dieser
+ Nachdichtung stärkste Wirkung.
+
+ Die häßliche Herzogin
+
+ _Frankfurter Zeitung_: Ein Roman von wunderbarer Frische und
+ Leuchtkraft, von innerer Wahrhaftigkeit und tiefer
+ Eindringlichkeit, aus mittelalterlichen Zeiten ein
+ farbenkräftiges Gemälde von kultureller Treue, zeitenecht und
+ gleichwohl zu uns sprechend wie zu Zeitgenossen. Eines der besten
+ und wertvollsten Bücher der neueren Literatur.
+
+ _Münchner Neueste Nachrichten_: Das ausgezeichnet erzählte Buch
+ ist das Werk eines Dichters und großen Psychologen.
+
+ Thomas Wendt
+
+ _Der Tag, Berlin_: Feuchtwanger hat in diesem Werk eine auf
+ Erlebnis und scharfer Beobachtung ruhende, glänzende Darstellung
+ der Zeit gegeben. Man kann an diesem ebenso ernsten wie witzigen
+ Werk unmöglich vorbeigehen.
+
+ _Thomas Mann_: Dieses Werk hat mich tief ergriffen. Es ist voll
+ Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Schönheit.
+
+ Die Kriegsgefangenen
+
+ _V. Cyril in der Pariser Humanité_: In diesem Stück ist das Beste
+ deutscher Kunst. Früher Sommer, ruhevolle, sanfte Landschaft,
+ sicheres, hinreißendes Gefühl der Schwingungen von Mensch zu
+ Mensch.
+
+ Friede
+
+ _Basler Nationalzeitung_: Feuchtwangers Bearbeitung beweist eine
+ geradezu geniale Hand. Die Holzschnittdrastik seiner
+ Knittelverse, voll Schlagkraft, voll sprühenden Witzes, die
+ staunenswerte Beherrschung der Sprache machen das Werk zum
+ Muster- und Meisterbeispiel einer Uebersetzung in unsere Sprache
+ und unsere Zeit.
+
+ _Vossische Zeitung_: Eine höchst wirkungsvolle und bühnensichere
+ Komödie.
+
+ Warren Hastings
+
+ _Frankfurter Zeitung_: Wir grüßen Lion Feuchtwanger. Er bedeutet
+ für die Bühne entschiedenen Gewinn, denn er verweist sie auf neue
+ Möglichkeiten.
+
+ _Münchner Zeitung_: Das Ganze ist ein Werk von durchaus
+ persönlicher Haltung, ein Stück, dessen starke Wirkungen nicht
+ mit billigen Mitteln erkauft sind.
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Gestalt und Humanität
+
+ Zwei Reden
+
+ 172 Seiten 8° * Ganzleinen Rm. 4.50
+
+ In Wassermanns Reden spiegelt sich ein gut Stück edelster
+ geistiger Kultur der Gegenwart – in einer rhetorischen Prosa, wie
+ man sie heute in Deutschland kaum mehr hört. Unserer Zeit ist der
+ Sinn für das Wesen der Gestalt und die Kraft zu ihrer Schöpfung
+ abhanden gekommen. Gestalt ist Symbol und Repräsentation
+ menschlicher Geisteswelt, ist der höchste Ausdruck
+ menschheitsgeschichtlicher Epochen. Durch Gleichnisse und Bilder
+ führt Wassermann uns in der zweiten Rede in das innere Wesen der
+ Humanität hinein; Verkörperung seiner Idee ist ihm die Gestalt
+ des Humanus, Humanus ist ein Spiegel der Genien, die an der
+ Vervollkommnung der Menschheit gewirkt haben, voll Herzensadel,
+ voll Geistigkeit, voll Phantasie; er ist der Werkmeister am „Bau
+ zur wahrhaften Ehre des Menschen“.
+
+ A. M. Frey
+
+ Robinsonade zu Zwölft
+
+ Grotesker Roman
+
+ 378 Seiten 8° * Broschiert Rm. 5.–, Ganzleinen Rm. 6.50
+
+ Eine groteske Geschichte, dahingeplaudert in einem tollen
+ Wirbelwind der Gedanken und Einfälle, verschroben oft und
+ verwirrend in dem turbulenten Durcheinander der Gestalten und
+ Ereignisse, aber immer spannend und als kraftvolle, dichterisch
+ glänzend gelöste Satire nicht ohne sittlich ernsten Hintergrund.
+ – Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von
+ Gegenwartsmenschen wird aus ihrer gewohnten Zivilisation durch
+ ein Flugabenteuer herausgerissen; die zwölf Leutchen haben ihre
+ komplizierten Europäerseelen wieder einmal auf das Natürliche
+ einzustellen. Das führt zu Szenen von überwältigender Komik, aber
+ auch von feinster gesellschaftskritischer Bedeutung.
+
+ _Drei Masken Verlag München_
+
+ Jerome K. Jerome
+ _Alle Wege führen nach Golgatha_
+ Roman. Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
+
+ Carl Sternheim
+ _Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn_
+ Neue erweiterte Ausgabe mit 16 Holzschnitten von Franz
+ Masereel
+ Broschiert Rm. 10.–, Halbleinen Rm. 12.–
+
+ Dmitrij Mereschkowskij
+ _Der vierzehnte Dezember_
+ Roman. Broschiert Rm. 5.50, Halbleinen Rm. 7.–
+
+ _Das Reich des Antichrist_
+ Broschiert Rm. 4.–, Halbleinen Rm. 5.–
+
+ Alfons Paquet
+ _Drei Balladen._ (Einmalige numerierte Ausgabe)
+ Pappband Rm. 7.–, Halbleder Rm. 15.–
+
+ _Prophezeiungen._ Roman
+ Broschiert Rm. 4.50, gebunden Rm. 6.–
+
+ _Erzählungen an Bord._ 10. Auflage
+ Broschiert Rm. 5.–, gebunden Rm. 6.50
+
+ _Delphische Wanderung._ Ein Zeit- und Reisebuch
+ Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 6.–
+
+ _In Palästina._ Ein Reisebuch
+ Broschiert Rm. 4.50, Halbleinen Rm. 5.50
+
+ _Rom oder Moskau._ Sieben Aufsätze
+ Kartoniert Rm. 4.–
+
+ _Fahnen._ Ein dramatischer Roman
+ Kartoniert Rm. 4.50
+
+ _Drei Masken Verlag München_
+
+
+ Druck von Mänicke und Jahn A.-G., Rudolstadt
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier
+aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 14]:
+ ... an ihr abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
+ ... an ihm abgeglitten wie Wasser von geöltem Körper. Aber: ...
+
+ [S. 60]:
+ ... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor war beliebt ...
+ ... Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt ...
+
+ [S. 81]:
+ ... Breuz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
+ ... Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich ...
+
+ [S. 167]:
+ ... er blieb auch irgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
+ ... er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so ...
+
+ [S. 281]:
+ ... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer. Ein ...
+ ... sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer aus. Ein ...
+
+ [S. 442]:
+ ... errichteten alten Verträgen sie wohl zu beachten, in ...
+ ... errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JUD SÜSS ***
+
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+remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
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+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™'s
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation's website
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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