diff options
Diffstat (limited to 'old/69894-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/69894-0.txt | 18478 |
1 files changed, 0 insertions, 18478 deletions
diff --git a/old/69894-0.txt b/old/69894-0.txt deleted file mode 100644 index 6d73048..0000000 --- a/old/69894-0.txt +++ /dev/null @@ -1,18478 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Allerhand Sprachdummheiten, by Gustav -Wustmann - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Allerhand Sprachdummheiten - Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des - Häßlichen - -Author: Gustav Wustmann - -Editor: Rudolf Wustmann - -Release Date: January 28, 2023 [eBook #69894] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALLERHAND -SPRACHDUMMHEITEN *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; - fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere - Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kleinere Schrift: |senkrechte Striche| - kursiv: _Unterstriche_ - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ (Buchwerbung am Ende ausgenommen) - - #################################################################### - - - - - Allerhand Sprachdummheiten - - [Illustration] - - - - - Die erste Ausgabe dieses Buches ist 1891 erschienen, die zweite - 1896, die dritte 1903, die vierte 1908, die fünfte 1911. - - - - - Allerhand - Sprachdummheiten - - Kleine deutsche Grammatik - des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen - - Ein Hilfsbuch für alle - die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen - - von - - Gustav Wustmann - - Gewohnheit macht den Fehler schön - Den wir von Jugend auf gesehn - - +Gellert+ - - Sechste Auflage - - [Illustration] - - Straßburg - Verlag von Karl J. Trübner - 1912 - - - - -[Illustration] - - - - -Aus dem Vorwort des Verfassers zur dritten Auflage - - -Viele von denen, in deren Hände dieses Buch gekommen ist, haben es -als Nachschlagebuch benutzt, als eine Art von „Duden“ für Grammatik -und Stilistik. Das ist ein Irrtum. Die „Sprachdummheiten“ sind kein -Sprachknecht, der auf jede grammatische oder stilistische Frage die -gewünschte Antwort bereit hat, sondern ein Buch für denkende Leser, -das im Zusammenhange studiert und gehörig verarbeitet sein will. Wer -Nutzen davon haben will, muß sich den Geist des Buches zu eigen machen. -Gewiß soll es auch der herrschenden Fehlerhaftigkeit und Unsicherheit -unsers Sprachgebrauchs steuern, aber vor allem soll es doch das -Sprachgefühl schärfen und dadurch das Aufkommen neuer Fehler verhüten, -und seine Hauptaufgabe ist eine ästhetische: es soll der immer ärger -gewordnen Steifheit, Schwerfälligkeit und Schwülstigkeit unsrer Sprache -entgegenarbeiten und ihr wieder zu einer gewissen Einfachheit und -Natürlichkeit verhelfen, die, gleichweit entfernt von Gassensprache wie -von Papierdeutsch, die Freiheit einer feinern Umgangssprache mit der -Gesetzmäßigkeit einer guten Schriftsprache vereinigt. - -[Illustration] - - - - -Vorwort zur fünften Auflage - - -Die fünfte Auflage dieses Buches erscheint unter veränderten Umständen. - -Am 22. Dezember 1910 starb der Verfasser des Buches. Kurz darauf -erhielt ich von dem Grunowschen Verlag die Aufforderung, eine neue -Auflage zu besorgen. Mir lag dazu das mit Nachträgen versehene -Handexemplar des Verfassers von der vierten Auflage vor und manche -sonstige von ihm aufgezeichnete Einzelbemerkung. Davon ist aber nur -das wenige, was den Text wirklich berichtigte oder durch ein besonders -treffendes Beispiel verbesserte, in die neue Auflage aufgenommen -worden, sodaß diese im ganzen der vierten Auflage gleicht. - -Während des Druckes der fünften Auflage ist das Buch aus dem Verlag von -Fr. Wilh. Grunow, der die ersten vier Auflagen des Buches verlegt hat, -sich aber nun in anderer Richtung zu betätigen wünscht, in den von Karl -J. Trübner übergegangen. - - Ende September 1911 - - =Rudolf Wustmann= - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Inhaltsverzeichnis - - - Zur Formenlehre - - Seite - - Starke und schwache Deklination 3 - - Frieden oder Friede? Namen oder Name? 5 - - Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? 6 - - Des Rhein oder des Rheins 7 - - Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? 8 - - Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? 13 - - Kaiser Wilhelms 13 - - Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? 15 - - Böte oder Boote? 16 - - Generäle oder Generale? 17 - - Die Stiefeln oder die Stiefel? 18 - - Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? 20 - - Das s der Mehrzahl 23 - - Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? 24 - - Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? 25 - - Anderen, andren oder andern? 27 - - Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem - Werte? 29 - - Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen - Stämme? 31 - - Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer - Gelehrter oder großer Gelehrten? 33 - - Das Deutsche und das Deutsch 35 - - Lieben Freunde oder liebe Freunde? 36 - - Wir Deutsche oder wir Deutschen? 36 - - Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff 38 - - Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder - schwerer wiegend? 41 - - Größtmöglichst 43 - - Gedenke unsrer oder unser? 44 - - Derer und deren 45 - - Einundderselbe 46 - - Man 46 - - Jemandem oder jemand? 47 - - Jemand anders 47 - - Ein andres und etwas andres 48 - - Zahlwörter 49 - - Starke und schwache Konjugation 50 - - Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter 51 - - Frägt und frug 54 - - Übergeführt und überführt 56 - - Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? 59 - - Singen gehört oder singen hören? 60 - - Du issest oder du ißt? 62 - - Stände oder stünde? Begänne oder begönne? 62 - - Kännte oder kennte? 63 - - - Zur Wortbildungslehre - - Reformer und Protestler 67 - - Ärztin und Patin 68 - - Tintefaß oder Tintenfaß? 69 - - Speisenkarte oder Speisekarte? 73 - - Äpfelwein oder Apfelwein? 74 - - Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? 76 - - Das Binde-s 77 - - ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich 80 - - Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? 84 - - Hallenser und Weimaraner 87 - - - Zur Satzlehre - - Unterdrückung des Subjekts 91 - - Die Ausstattung war eine glänzende 92 - - Eine Menge war oder waren? 96 - - Noch ein falscher Plural im Prädikat 98 - - Das Passivum. Es wurde sich 100 - - Ist gebeten oder wird gebeten? 101 - - Mißbrauch des Imperfekts 101 - - Worden 105 - - Wurde geboren, war geboren, ist geboren 108 - - Erzählung und Inhaltsangabe 109 - - Tempusverirrung beim Infinitiv 111 - - Relativsätze. Welcher, welche, welches 112 - - Das und was 116 - - Wie, wo, worin, womit, wobei 118 - - Wechsel zwischen der und welcher 120 - - Welch letzterer und welcher letztere 123 - - Relativsätze an Attributen 125 - - Einer der schwierigsten, der oder die? 127 - - Falsch fortgesetzte Relativsätze 128 - - Relativsatz statt eines Hauptsatzes 130 - - Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar 131 - - Mißbrauch des Bedingungssatzes 134 - - Unterdrückung des Hilfszeitworts 135 - - Indikativ und Konjunktiv 140 - - Die sogenannte ~consecutio temporum~ 148 - - Der unerkennbare Konjunktiv 150 - - Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit 153 - - Vergleichungssätze. Als ob, als wenn 157 - - Würde 158 - - Noch ein falsches würde 160 - - Der Infinitiv. Zu und um zu 161 - - Das Partizipium. Die stattgefundene Versammlung 165 - - Das sich ereignete Unglück 168 - - Hocherfreut oder hoch erfreut 169 - - Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes 170 - - Falsch angeschloßnes Partizipium 171 - - In Ergänzung 172 - - Das Attribut 175 - - Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? 176 - - Fachliche Bildung oder Fachbildung? 183 - - Erstaufführung 188 - - Sedantag und Chinakrieg 191 - - Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen 193 - - Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen 199 - - Die Sammlung Göschen 200 - - Die Familie Nachfolger 204 - - Ersatz Deutschland 205 - - Der grobe Unfugparagraph 206 - - Die teilweise Erneuerung 207 - - Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer - denkende? 210 - - Die Apposition 213 - - Der Buchtitelfehler 215 - - Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. 217 - - Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße 218 - - Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur 220 - - In einer Zeit wie der unsrigen 221 - - Gustav Fischer, Buchbinderei 221 - - Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der - letztere 223 - - Derselbe, dieselbe, dasselbe 226 - - Darin, daraus, daran, darauf usw. 231 - - Derjenige, diejenige, dasjenige 235 - - Jener, jene, jenes 237 - - Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? 238 - - Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? 242 - - Zur Steuerung des Notstandes 243 - - Voller Menschen 244 - - Zahlwörter. Erste Künstler 245 - - Die Präpositionen 246 - - Nördlich, südlich, rechts, links, unweit 248 - - Im oder in dem? zum oder zu dem? 250 - - Aus: „Die Grenzboten“ 254 - - Nach dort 256 - - Bis 257 - - In 1870 258 - - Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? 259 - - Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags 260 - - Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier - Monate 261 - - Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar 263 - - Bindewörter. Und 265 - - Als, wie, denn beim Vergleich 268 - - Die Verneinungen 270 - - Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels 274 - - Natürliches und grammatisches Geschlecht 276 - - Mißhandelte Redensarten 278 - - Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts -- - ein schwieriger Fall 283 - - Die fehlerhafte Zusammenziehung 286 - - Tautologie und Pleonasmus 290 - - Die Bildervermengung 293 - - Vermengung zweier Konstruktionen 295 - - Falsche Wortstellung 297 - - Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? 299 - - Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges 301 - - Die sogenannte Inversion nach und 304 - - Die Stellung der persönlichen Fürwörter 308 - - In fast allen oder fast in allen? 314 - - Zwei Präpositionen nebeneinander 317 - - Zur Interpunktion 318 - - Fließender Stil 324 - - - Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung - - Die Stoffnamen 337 - - Verwechselte Wörter 338 - - Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit 343 - - Vertauschung der Hilfszeitwörter 346 - - Der Dritte und der Andre 347 - - Verwechslung von Präpositionen 349 - - Hin und her 352 - - Ge, be, ver, ent, er 354 - - Neue Wörter 359 - - Modewörter 365 - - Der Gesichtspunkt und der Standpunkt 393 - - Das Können und das Fühlen 396 - - Bedingen 398 - - Richtigstellen und klarlegen 402 - - Fort oder weg? 404 - - Schwulst 405 - - Rücksichtnahme und Verzichtleistung 408 - - Anders, andersartig und anders geartet 409 - - Haben und besitzen 410 - - Verbalsurrogate 416 - - Vermittelst, mit Zuhilfenahme von 418 - - Seitens 422 - - Bez. beziehungsweise bezw. 426 - - Provinzialismen 430 - - Fremdwörter 433 - - - Alphabetisches Wortregister 453 - -[Illustration] - - - - -Zur Formenlehre - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Starke und schwache Deklination - -Bekanntlich gibt es -- oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und -einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache -Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern -Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in -der Einzahl im Genitiv die Endung +es+, im Dativ e, in der Mehrzahl -im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern -männlichen und sächlichen Geschlechts +er+), im Dativ +en+ (+ern+). Die -Stammvokale a, o, u und der Diphthong +au+ werden dabei in der Mehrzahl -gewöhnlich in ä, ö, ü, +äu+ verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1] -Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier -haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle -Kasus der Mehrzahl die Endung +en+. Die schwache Deklination hat auch -keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen, -weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und -weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in -beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form. - -Zur starken Deklination gehören z. B. der +Fuß+, die +Hand+, das -+Haus+; zur schwachen der +Mensch+, die +Frau+.[2] - -Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und -der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen -besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im -Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein. -Aber ganz fehlt es doch nicht daran. - -Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende -Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: +den Fürst+, +den -Held+, +den Hirt+. Es heißt aber: +den Fürsten+, +den Helden+ usw. - -+Zu Mann+ gibt es eine doppelte Mehrzahl: +Männer+ und +Leute+. Man -sagt: die +Bergleute+, die +Hauptleute+, die +Spielleute+, aber die -+Wahlmänner+, die +Ehrenmänner+, die +Biedermänner+, die +Ehemänner+; -unter +Eheleuten+ versteht man Mann und Frau zusammen. - -Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das -sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist +Gewerke+ (für +Handwerker+). -Ein +Gewerke+ ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein -Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute -deutsche Wort für das heutige +Aktionär+). Das Wort ist aber schwach -zu flektieren, die Mehrzahl heißt +die Gewerken+ (die +Baugewerken+). -Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: +das -Gewerk+ (für +Handwerk+, +Innung+), und das ist stark zu flektieren; -hier heißt die Mehrzahl die +Gewerke+. Viele gebrauchen aber jetzt -fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen -Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische +Künstler -und Gewerke+. Umgekehrt sind jetzt +die Gauen+ beliebt: das Lied ging -durch +alle+ deutschen +Gauen+. Aber auch sie sind falsch; +Gau+, -ursprünglich sächlichen Geschlechts (+das Gäu+), jetzt Maskulinum, -bildet den Genitiv +des Gaus+ und die Mehrzahl +die Gaue+. - -In Leipziger Zeitungen werden oft +Darlehne+ gesucht (+Pfanddarlehne+, -+Hypothekendarlehne+), und die Geistlichen treten für ihre alten -+Kirchlehne+ ein. Die Einzahl heißt aber das +Lehen+, und wenn das -auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie +Wesen+, +Schreiben+, -+Vermögen+, +Verfahren+, +Vergnügen+, +Unternehmen+, so wird es doch -in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl -heißt: die +Lehen+, die +Darlehen+, die +Kirchlehen+, so gut wie die -+Wesen+, die +Verfahren+, die +Unternehmen+. - - -Frieden oder Friede? Namen oder Name? - -Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ -zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende -Wörter: +Friede+, +Funke+, +Gedanke+, +Gefalle+, +Glaube+, +Haufe+, -+Name+, +Same+, +Schade+ und +Wille+. Die Form auf en ist aber -eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination -an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform -aus der starken und der schwachen Deklination auf +ens+ (des +Namens+), -und von +Schade+ hat der Plural sogar den Umlaut: die +Schäden+. Da -hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das +en+ aus dem -Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte -richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im -Gebrauch (von +Schade+ allerdings fast nur noch in der Redensart: es -+ist schade+). Der +Gefalle+ (bei Lessing öfter) ist wenigstens in -Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer -+Gefalle+ damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also -gesagt werden: der +Friede+ von 1871, nicht der +Frieden+ von 1871. -Vollends der künstlerische +Gedanken+, wie man bisweilen lesen muß, ist -unerträglich.[5] - - -Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? - -Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung +es+ oder das -bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des -+Amtes+, des +Berufes+, oder des +Amts+, des +Berufs+, darüber läßt -sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur -die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide -Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen -ältere Bildungen wie +Landsmann+ und +Landsknecht+ neben jüngern wie -+Landesherr+ und +Landesvater+. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des -einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden -Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die -langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der -Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des +Throns+ -liegt in der Liebe und Dankbarkeit des +Volkes+, die täglich neu aus -der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des -+Volks+ ihre beste Stütze im +Throne+ finden. - -Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils -von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz -wegzuwerfen und zu sagen: vor dem +König+, in dem +Buch+, aus dem -+Haus+, nach dem +Krieg+, nach dem +Tod+, im +Jahr+, im +Recht+, im -+Reich+, im +Wald+, auf dem +Berg+, am +Meer+ (statt +Könige+, +Buche+, -+Hause+, +Kriege+, +Jahre+, +Rechte+ usw.). Ja manche möchten das jetzt -geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch -der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu -der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert, -erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern -überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann -oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut -herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen -Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es -zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn -das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste -anfängt, z. B. im +Goldland des+ Altertums. Nur wo das Wort mit einem -Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man -das e zuweilen fallen lassen -- zuweilen, denn auch da ist immer der -Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden -sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das -Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: +zustande+ -kommen, +im Wege+ stehen, +zugrunde+ gehen, +zu Kreuze+ kriechen, -ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern -formelhaften Wendungen wie: +mit Dank+, +von Jahr zu Jahr+, +von Ort zu -Ort+. - -An den Wörtern auf +nis+ und +tum+ und an Fremdwörtern wirkt das -Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem -+Verhältnisse+, dem +Eigentume+, dem +Systeme+, dem +Probleme+, -dem +Organe+, dem +Prinzipe+, dem +Rektorate+, dem +Programme+, -dem +Metalle+, dem +Offiziere+, dem +Romane+, dem +Ideale+, dem -+Madrigale+, dem +Oriente+, dem +Manifeste+, dem +Archive+ usw. Man -kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die -Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber -als Dative des Singulars wirken sie häßlich. - - -Des Rhein oder des Rheins? - -Vielfache Unsicherheit herrscht in der Deklination der Ortsnamen. Haben -sie keinen Artikel, wie die meisten Länder- und Städtenamen, so bildet -wohl jedermann einen richtigen Genitiv (+Deutschlands+, +Wiens+); bei -den Berg- und Flußnamen aber, die den Artikel bei sich haben, muß man -jetzt immer öfter Genitive lesen wie +des Rhein+, +des Main+, +des -Nil+, +des Brocken+, +des Petersberg+, +des Hohentwiel+, +des Vesuv+, -und ebenso ist es bei Länder- und Städtenamen, wenn sie durch den -Zusatz eines Attributs den Artikel erhalten; auch da hat sich immer -mehr die Nachlässigkeit verbreitet, zu schreiben: des +kaiserlichen -Rom+, des +modernen Wien+, des +alten Leipzig+, des +damaligen -Frankreich+, des +nordöstlichen Böhmen+, des erst noch +zu erobernden -Jütland+. Bei den Personennamen ist ja, wenn sie den Artikel haben, der -Genitiv rettungslos verloren; des +großen Friedrichs+ oder die Leiden -des +jungen Werthers+ (wie Goethe noch 1774 schrieb) getraut sich -heute niemand mehr zu schreiben. Ebenso geht es den Monatsnamen. Auch -diese wurden früher alle zwölf richtig dekliniert: +des Aprils+, +des -Oktobers+ (Klopstock: Sohn +des Mais+; Schlegel: Nimm vor des +Märzen+ -Idus dich in acht). Heute schreibt man fast nur noch: zu Anfang +des -Oktober+, wenn man nicht lieber gar stammelt: +Anfang Oktober+. Aber -bei Ortsnamen sind wir doch noch nicht ganz so weit. - - -Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? - -Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen -mit einem Apostroph zu versehen: +Friedrich’s+, +Müller’s+. Selbst -große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz -undenkbar erscheint, +Goethes+ ohne das hübsche Häkchen oben zu -schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle -unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch -die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das -Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern -und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich -machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu -einen Laut bedeuten, der -- nicht da ist, der eigentlich da sein -sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja -aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt: -+des Müllers+ Esel, warum soll man nicht auch +Otfried Müllers+ -Etrusker schreiben?[6] - -Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x -- welche -Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl -solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an +Fuchs+, +Voß+, -+Krebs+, +Carstens+, +Görres+, +Strauß+, +Brockhaus+, +Hinrichs+, -+Brahms+, +Begas+, +Dickens+, +Curtius+, +Mylius+, +Cornelius+, -+Berzelius+, +Rodbertus+, +Marx+, +Felix+, +Max+, +Franz+, +Fritz+, -+Moritz+, +Götz+, +Uz+, +Schütz+, +Schwarz+, +Leibniz+, +Opitz+, -+Rochlitz+, +Lorenz+, +Pohlenz+, nicht zu reden von den griechischen, -römischen, spanischen Namen, wie +Sophokles+, +Tacitus+, +Olivarez+ -usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den -griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß -man den Artikel vorsetzt: die Tragödien +des Sophokles+, die Germania -+des Tacitus+. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her -so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl -man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe: -die Gedichte +des Goethe+. Der Artikel vor dem Personennamen ist -süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt -man: +der Uhland+, in Wien: +der Raimund+), aber in die Schriftsprache -gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer -von Zeichnungen +des Carstens+ und Entwürfen +des Cornelius+ lesen -zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau- -und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis +des Gottsched+, einem -Bildnis +des Gellert+, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn -nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem -unvermeidlichen Apostroph davor!), also: +Fues’s+ Verlag, +Rus’s+ -Kaffeehandlung, +Harras’s+ Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst -+Moritz’s+ Verdienste um Leipzig, +Leibniz’s+ ägyptischer Plan, Gabriel -+Max’s+ Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten. -Noch andre -- und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken -gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen -vorgeschrieben wird -- meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen -bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. +Celtes’+ Ausgabe der -Roswitha, +Junius’+ Briefe, +Kochs’+ Mikroskopierlampe (der Erfinder -heißt wirklich +Kochs+!), +Uz’+ Gedichte, +Voß’+ Luise, Heinrich -+Schütz’+ sämtliche Werke, +Rochlitz’+ Briefwechsel mit Goethe. Und -solche Beispiele, in denen der Name +vor+ dem Worte steht, von dem -er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die -Findung +Moses’+, der Kanzler +Moritz’+ (das soll heißen: der Kanzler -des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift +Servetus’+, auf -Anregung +Gervinus’+, der Besuch König +Alfons’+, der Stil +Rabelais’+, -der Dualismus +Descartes’+ (in +Descartes+ ist ja das es stumm, und -der Genitiv von +Descartes+ wird wirklich gesprochen: +karts+!). -Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf +sch+ endigen, in -diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern -Moritz +Busch’+, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm +Busch’+, das -allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: ~Dr.~ +Peters’+ als -Vorsitzendem lag die Pflicht ob! - -Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen -Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem -Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen -auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter -das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem -Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph -hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man -vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich -einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph -fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen +Leibniz+ und -+Leibniz’+, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar -kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch -die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in -den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie: -+Sophokle’s+ Tragödien, +Carsten’s+ Werke, +Dicken’s+ Romane, +Brahm’s+ -Requiem, Friedrich +Perthe’s+ Leben und +Siever’s+ Phonetik. - -Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich, -wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder -unbedenklich +Romanus Haus+ (ohne den Apostroph), oder sie half sich -bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B. -+Herz+, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen -und der starken Deklination auf +ens+ bildete, also: +Fuchsens+, -+Straußens+, +Schützens+, +Hansens+, +Franzens+, +Fritzens+, +Götzens+, -+Leibnizens+ (vgl. +Luisens+, +Friederikens+, +Sophiens+). Im -Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe -(ebenso wie die Dative und Akkusative +Hansen+, +Fritzen+, +Sophien+ --- hast du +Fritzen+ nicht gesehen? gibs +Fritzen+! --, die jetzt -freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die -unflektierte Form verdrängt werden: hast du +Fritz+ nicht gesehen? gibs -+Fritz+!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute -noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch -im Götz von Berlichingen +Hansens Küraß+ in +Hans’ Küraß+ verwandeln? -+Franzensbad+ und +Franzensfeste+ in +Franz’bad+ und +Franz’feste+ -verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur -lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte -Form allmählich wieder und schreiben wieder: +Vossens Luise+. Wenn sie -nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte! - -Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst -Genitive sind, wie +Carstens+ (eigentlich Carstens Sohn), +Hinrichs+, -+Brahms+. +Brahmsens+ dritte Geigensonate -- das klingt nicht schön. -Auch +Phidiassens+ Zeus und +Sophoklessens+ Antigone nicht, obwohl -auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt -worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen -der Frau auf +in+ bildete, von der +Möbiussin+. Das beste ist wohl, -solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist, -ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch -Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen, -statt des Genitivs +sein+ setzen, +des Dichters+, +des Künstlers+ dafür -einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen +des Carstens+! -Und noch weniger +Voß’s Luise+ oder gar das +Grab Brahms’+, denn das -ist gar zu einfältig. - -In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf +us+ gerät man -übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar -unbedenklich von +Omnibussen+, aber Not machen uns die +Ismusse+, -und der Deutsche hat sehr viel +Ismusse+! Die Komödie erlognen -+Patriotismus’+, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten -+Lokalpatriotismus’+ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen -+Partikularismus’+ oder ein Ausfluß erstarkten +Individualismus’+ -- -das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens. -Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition +von+ greifen oder -den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: +eines+ erlognen -+Patriotismus+, +von+ preußischem +Partikularismus+. - - -Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? - -Daß von +Friedrich+ der Genitiv +Friedrichs+ heißt, das weiß man -allenfalls noch. Aber sobald eine Apposition zu dem Namen tritt, -wissen sich die meisten nicht mehr zu helfen. Man frage einmal nach -dem Genitiv von +Friedrich der Große+; die Hälfte aller Gefragten -wird ihn +Friedrich des Großen bilden+. Fortwährend begegnet man -jetzt so abscheulichen Genitiven wie: +Heinrich des Erlauchten+, -+Albrecht des Beherzten+, +Georg des Bärtigen+. Es gibt Leute, die -alles Ernstes glauben, solche Verbindungen seien eine Art von Formeln -oder Sigeln, die nur am Ende dekliniert zu werden brauchten! Auch -wenn die Apposition eine Ordinalzahl ist -- der häufigste Fall --, -wird kaum noch anders geschrieben als: die Urkunden +Otto+ III., die -Gegenreformation +Rudolf+ II., die Gemahlin +Heinrich+ VIII., die -Regierungszeit +Ludwig+ XIV. Wenn man das aussprechen will, so kann -man doch gar nicht anders sagen als: +Otto der dritte+, +Rudolf der -zweite+, +Heinrich der achte+. Denn wie kann der Schreibende erwarten, -daß man die Zahl im Genitiv lese, wenn der Name, zu dem sie gehört, im -Nominativ steht?[8] - - -Kaiser Wilhelms - -Tritt vollends der Herrschertitel dazu, so pflegt alle Weisheit zu -Ende zu sein. Wie dekliniert man: +Herzog Ernst der Fromme+, +Kaiser -Friedrich der Dritte+? Bei einer vorangestellten Apposition wie -+Kaiser+, +König+, +Herzog+, +Prinz+, +Graf+, +Papst+, +Bischof+, -+Bürgermeister+, +Stadtrat+, +Major+, +Professor+, +Doktor+, +Direktor+ -usw. kommt es darauf an, ob die Apposition als bloßer Titel, oder ob -sie wirklich als Amt, Beruf, Tätigkeit der Person aufgefaßt werden -soll oder aufgefaßt wird. Im ersten Fall ist es das üblichste, nur den -Eigennamen zu deklinieren, den Titel aber ohne Artikel und undekliniert -zu lassen, also +Kaiser Wilhelms+, +Papst Urbans+, +Doktor Fausts -Höllenfahrt+, +Bürgermeister Müllers Haus+. Der Titel verwächst für -das Sprachgefühl so mit dem Namen, daß beide wie eins erscheinen.[9] -Im achtzehnten Jahrhundert sagte man sogar +Herr Müllers+, +Herr -Müllern+, nicht: +Herrn Müller+. Im zweiten Falle wird der Artikel zur -Apposition gesetzt und die Apposition dekliniert, dagegen bleibt der -Name undekliniert: +des Kaisers Wilhelm+, +des Herzogs Albrecht+, ein -Bild +des Ritters Georg+. Freilich geht die Neigung vielfach dahin, -auch hier die Apposition undekliniert zu lassen, z. B. +des Doktor -Müller+, +des Professor Albrecht+. Treten zwei Appositionen zu dem -Namen, eine davor, die andre dahinter, so ist für die voranstehende -nur das erste der eben besprochnen beiden Verfahren möglich, also: die -Truppen +Kaiser Heinrichs des Vierten+, das Denkmal +König Friedrichs -des Ersten+, eine Urkunde +Markgraf Ottos des Reichen+, die Bulle -+Papst Leos des Zehnten+. Beide Appositionen zu deklinieren und den -Namen undekliniert zu lassen, z. B. +Königs+ Christian +des Ersten+, -+des Kaisers+ Wilhelm +des Siegreichen+, wirkt unangenehm wegen des -Zickzackganges der beiden Kasus (Genitiv, Nominativ, Genitiv).[10] - - -Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? - -Verlegenheit bereitet vielen auch die Deklination adliger Namen -oder solcher Namen, die adligen nachgebildet sind. Soll man -sagen: die Dichtungen +Wolframs von Eschenbach+ oder +Wolfram von -Eschenbachs+? Richtig ist -- selbstverständlich -- nur das erste, -denn Eschenbach ist, wie alle echten Adelsnamen, ein Ortsname, der -die Herkunft bezeichnet; den kann man doch hier nicht in den Genitiv -setzen wollen.[11] So muß es denn auch heißen: die Heimat +Walters -von der Vogelweide+, die Burg +Götzens von Berlichingen+, die -Lebensbeschreibung +Wiprechts von Groitzsch+, die Gedichte +Hoffmanns -von Fallersleben+, auch die Werke +Leonardos da Vinci+, die Schriften -+Abrahams a Sancta Clara+. - -Wie steht es aber mit den Namen, die nicht jedermann sofort als -Ortsnamen empfindet, wie +Hutten+? Wer kann alle deutschen Ortsnamen -kennen? Soll man sagen +Ulrichs von Hutten+ oder +Ulrich von Huttens+ -deutsche Schriften? Und nun vollends die zahllosen unechten Adelsnamen, -über die sich schon Jakob Grimm lustig gemacht hat: diese +von Richter+ -und +von Schulz+, +von Schmidt+ und +von Weber+, +von Bär+ und +von -Wolf+, wie stehts mit denen? Soll man sagen: +Heinrichs von Weber+ -Lehrbuch der Physik, +Leopolds von Ranke+ Weltgeschichte? Streng -genommen müßte es ja so heißen; warum behandelt man Namen, die alles -andre, nur keinen Ort bezeichnen, als Ortsnamen, indem man ihnen das -sinnlose +von+ vorsetzt! Im achtzehnten Jahrhundert war das Gefühl für -die eigentliche Bedeutung der adligen Namen noch lebendig; da adelte -man einen +Peter Hohmann+ nicht zum +Peter von Hohmann+, sondern zum -+Peter von Hohenthal+, einen +Maximilian Speck+ nicht zum +Maximilian -von Speck+, sondern zum +Maximilian Speck von Sternburg+, indem man -einen (wirklichen oder erdichteten) Ortsnamen zum Familiennamen setzte; -in Österreich verfährt man zum Teil noch heute so. Da aber nun einmal -die unechten Adelsnamen vorhanden sind, wie soll man sich helfen? Es -bleibt nichts weiter übrig, als das +von+ hier so zu behandeln, als -ob es nicht da wäre, also zu sagen: +Leopold von Rankes+ sämtliche -Werke, besonders dann, wenn der Genitiv vor dem Worte steht, von dem er -abhängig ist; steht er dahinter, so empfiehlt es sich schon eher, den -Vornamen zu flektieren: die Werke +Leopolds von Ranke+, denn man möchte -natürlich den Genitiv immer so dicht wie möglich an das Wort bringen, -zu dem er gehört. Und so verfährt man oft auch bei echten Adelsnamen, -selbst wenn man weiß, oder wenn kein Zweifel ist, daß sie eigentlich -Ortsnamen sind. Es ist das ein Notbehelf, aber schließlich erscheint er -doch von zwei Übeln als das kleinere. - - -Böte oder Boote? - -Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem -Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat. Solche falsche -Plurale sind: +Ärme+, +Böte+, +Bröte+, +Röhre+, +Täge+, +Böden+, -+Bögen+, +Kästen+, +Krägen+, +Mägen+, +Wägen+, +Läger+. Man redet jetzt -von Geburts+tägen+, Muster+lägern+, Fuß+böden+, Gummi+krägen+ usw. Bei -den Wörtern auf +en+ und +er+ wird dadurch allerdings ein Unterschied -zwischen der Einzahl und der Mehrzahl geschaffen, der namentlich in -Süddeutschland üblich geworden ist.[12] Dennoch ist nur die Form ohne -Umlaut richtig: +die Arme+, +die Kasten+, +die Lager+, +die Rohre+ usw. -Man denke sich, daß es in Eichendorffs schönem Liede: O Täler weit, o -Höhen -- am Schlusse hieße: Schlag noch einmal die +Bögen+ um mich, -du grünes Zelt! Auch +Herzöge+ ist eigentlich falsch; das Wort ist -bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nur schwach dekliniert worden: -des +Herzogen+, dem +Herzogen+, die +Herzogen+. Dann sprang es aber -in die starke Deklination über (des +Herzogs+), und nun blieben auch -die +Herzöge+ nicht aus: der +Trog+, die +Tröge+ -- der +Herzog+, die -+Herzöge+, die Ähnlichkeit war überwältigend. - - -Generäle oder Generale? - -Von den Fremdwörtern sind viele in den Umlaut hineingezogen worden, -obwohl er ihnen eigentlich auch nicht zukommt, nicht bloß Lehnwörter, -deren fremde Herkunft man nicht mehr fühlt, wie +Bischöfe+, +Paläste+, -+Pläne+, +Bässe+, +Chöre+, sondern auch Wörter, die man noch lebhaft -als Fremdwörter empfindet, wie +Altäre+, +Tenöre+, +Hospitäler+, -+Kanäle+. Aber von andern wird doch die Mehrzahl noch richtig ohne -Umlaut gebildet, wie +Admirale+, +Prinzipale+, +Journale+. Wenn sich -daher irgendwo ein Schwanken zu zeigen beginnt, so ist es klar, daß -die Form ohne Umlaut den Vorzug verdient. Besser also als +Generäle+ -ist unzweifelhaft +Generale+. Bisweilen hat die Sprache auch hier die -Möglichkeit der doppelten Form zu einer Unterscheidung des Sinnes -benutzt: +Kapitale+ (oder +Kapitalien+) sind Gelder, +Kapitäle+ -Säulenknäufe; hier heißt freilich auch schon die Einzahl +Kapitäl+. - -Auch zwischen der starken und der schwachen Deklination hat die -Pluralbildung der Fremdwörter vielfach geschwankt und schwankt zum -Teil noch jetzt. Im achtzehnten Jahrhundert sagte man +Katalogen+, -+Monologen+; jetzt heißt es +Kataloge+, +Monologe+. Dagegen sagen -die meisten jetzt +Autographen+ und +Paragraphen+; +Autographe+ und -+Paragraphe+ klingt gesucht. Unverständlich ist es, wie unsre Techniker -dazu gekommen sind, die Mehrzahl +Motore+ zu bilden, da es doch nicht -+Faktore+, +Doktore+ und +Pastore+ heißt; wahrscheinlich haben sie an -die +Matadore+ im Skat gedacht. +Effekte+ und +Effekten+ werden wieder -dem Sinne nach unterschieden: +Effekte+ sind Wirkungen, +Effekten+ -Wertpapiere oder Habseligkeiten. - - -Die Stiefeln oder die Stiefel? - -Von den Hauptwörtern auf +el+ und +er+ gehören alle Feminina der -schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: +Nadeln+, -+Windeln+, +Kacheln+, +Kurbeln+, +Klingeln+, +Fackeln+, +Wurzeln+, -+Mandeln+, +Eicheln+, +Nesseln+, +Regeln+, +Bibeln+, +Wimpern+, -+Adern+, +Nattern+, +Leitern+, +Klaftern+, +Scheuern+, +Mauern+, -+Kammern+; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken -Deklination, wie +Schlüssel+, +Mäntel+, +Wimpel+, +Zweifel+, +Spiegel+, -+Kessel+, +Achtel+, +Siegel+, +Kabel+, +Eber+, +Zeiger+, +Winter+, -+Laster+, +Ufer+, +Klöster+.[13] Die Regel läßt sich sehr hübsch bei -Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von -+Schüssel+ und +Teller+, +Messer+, +Gabel+ und +Löffel+, +Semmel+, -+Kartoffel+ und +Zwiebel+, +Auster+, +Hummer+ und +Flunder+. Sie gilt, -wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für -Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im -Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht -übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten -Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl +die Zedel+ (~schedula~), -folglich in der Mehrzahl +die Zedeln+, im achtzehnten Jahrhundert -noch in der Einzahl +die Aurikel+ (~auricula~), folglich in der -Mehrzahl die +Aurikeln+; heute heißt es +der Zettel+, +das Aurikel+ -und folglich die Mehrzahl +die Zettel+, +die Aurikel+. Also sind -Plurale wie +Buckeln+, +Möbeln+, +Stiefeln+, +Schlüsseln+, +Titeln+, -+Ziegeln+, +Aposteln+, +Hummern+ falsch und klingen gemein. Nur -+Muskel+, +Stachel+, +Pantoffel+ und +Hader+ (Lump, Fetzen) machen -eine Ausnahme (die +Muskeln+, die +Stacheln+, die +Pantoffeln+, die -+Hadern+), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter -Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital. -~pantofola~) oder, wie +Hader+, eine schwache männliche Nebenform (des -+Hadern+), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist -auch: die +Trümmern+ (in +Trümmern+ schlagen); die Einzahl heißt: der -oder das +Trumm+ (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die -Mehrzahl die +Trümmer+. Wer noch gewöhnt ist, +Angel+ als Maskulinum zu -gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden -+die Angel+, wer es weiblich gebraucht, sagt +die Angeln+. Ebenso ist -es mit +Quader+; wer +Quader+ männlich gebraucht, wird in der Mehrzahl -sagen: die +Quader+, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die -+Quadern+. Der +Oberkiefer+ und der +Unterkiefer+ heißen zusammen die -+Kiefer+; im Wald aber stehen +Kiefern+. Die +Schiffe+ haben +Steuer+ -(das +Steuer+), der Staat erhebt +Steuern+ (die +Steuer+). - -In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre -falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß -man lesen: +Muffen+, +Korken+ (auch +Korken+zieher, +Korken+fabrik), -+Stutzen+ (Feder+stutzen+), auch +Korsetten+ und +Jaquetten+ (als ob -die Einzahl +Jaquette+ und +Korsette+ hieße!). Anständige Kaufleute -werden sich vor solcher Gassensprache hüten. +Muff+, +Kork+, +Stutz+ -gehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: der +Muff+, -des +Muffs+, die +Müffe+, der +Kork+, des +Korks+, die +Korke+; die -+Muffen+ sind eins der vielen Beispiele, wo sich -- unter dem Einflusse -Berlins -- das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder -durchzusetzen versucht. - - -Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? - -Die meisten reden von +Fremdwörtern+, manche aber auch von -+Fremdworten+. Was ist richtig? Die Pluralendung +er+, die namentlich -bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (+Gräber+, +Kälber+, -+Kräuter+, +Lämmer+, +Rinder+, +Täler+), aber auch bei Maskulinen -(+Männer+, +Leiber+, +Geister+, +Wälder+, +Würmer+, +Reichtümer+), -im Althochdeutschen ~ir~ (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit -auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts -ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch: -+die Amt+, +die Kleid+, +die Pfand+, +die Land+, +die Dach+, +die -Fach+, +die Gemach+, +die Rad+, +die Schloß+, +die Schwert+, +die -Faß+, +die Bret+, daneben: +die Amte+, +die Rade+, +die Schwerte+, -+die Fasse+, und endlich kam auf: +die Ämter+, +die Räder+ usw. Bei -manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er -auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form -jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des -Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an +Denkmale+ -und +Denkmäler+, +Gewande+ und +Gewänder+, +Lande+ und +Länder+, -+Tale+ und +Täler+ (Es geht durch alle +Lande+ ein Engel still -umher -- Die +Tale+ dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern -Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein -Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man +Bande+ (des -Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und +Bänder+, +Bande+ -sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, +Bänder+ sind einzelne -Stücke. Auch +Gesichte+ und +Gesichter+, +Lichte+ und +Lichter+ sind -dem Sinne nach zu unterscheiden. +Gesichte+ sind Erscheinungen (im -Faust: die Fülle der +Gesichte+). +Lichte+ sind Kerzen (Wachslichte, -Stearinlichte), +Lichter+ sind Flammen (durch das Fenster strahlen -unzählige +Lichter+, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmels+lichter+). -Auf dem Altar stehen immer große +Kirchenlichte+, auf der Kanzel -aber nicht immer große +Kirchenlichter+. Bisweilen kommt auch noch -ein Geschlechtsunterschied dazu: +Schilde+ (+der Schild+) gehören zur -Rüstung; +Schilder+ (+das Schild+) sind an den Kaufmannsläden. Neben -den +Banden+ und den +Bändern+ stehen noch die +Bände+ (der Roman -hat drei +Bände+). So kam auch neben der Mehrzahl +die Wort+ oder -+die Worte+ im sechzehnten Jahrhundert die Form auf +er+ auf: +die -Wörter+. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im -achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter +Wörtern+ bloße Teile der -Sprache (~vocabula~), unter +Worten+ Teile der zusammenhängenden Rede -zu verstehen. Man sprach also nun von +Hauptwörtern+, +Zeitwörtern+, -+Fürwörtern+, +Wörterbüchern+, dagegen von +Dichterworten+, -+Textworten+, +Vorworten+ (Vorreden), +schöne Worte+ machen usw. Und -an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten. -+Worte+ haben Sinn und Zusammenhang, +Wörter+ sind zusammenhanglos -aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von -+Fremdworten+ oder +Schlagworten+ zu reden, so ist doch die Mehrzahl -+Fremdwörter+ vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der +Wörter+ -sind genug +gewechselt+. - -In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung -vorhanden, die Pluralendung auf +er+ immer weiter auszudehnen. Es ist -das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk -redet in Leipzig von +Gewölbern+ und +Geschäftern+, der Gebildete von -+Gewölben+ und +Geschäften+. Nur das niedrige Volk bildet Plurale -wie +Zelter+, +Gewinner+, +Mäßer+, +Sträußer+, +Butterbröter+, -+Kartoffelklößer+. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre +Rester+ an, nur -die Telephonarbeiter kommen, um „+die Elementer+ nachzusehen“.[15] Und -wie gemein erscheinen die +Dinger+, mit denen sich das Volk überall -da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit -seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung +er+ in der -guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden -ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie -bei +Scheit+; die Mehrzahl heißt jetzt +Scheite+, früher hieß sie -+Scheiter+ (vgl. +Scheiterhaufe+ und +scheitern+). Auch bei +Ort+ ist -eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl -+Örter+ ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz -verschwunden; man spricht fast nur noch von +Orten+. Dagegen hat leider -der plebejische Plural +Gehälter+ (Lehrer+gehälter+, Beamten+gehälter+) -gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum +das Gehalt+ von Norddeutschland -aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht. -Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig -+der Gehalt+ und +die Gehalte+ geschrieben hat, halten es schon viele -für fein, +das Gehalt+ und die +Gehälter+ zu sagen. Nun verteilen -sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix -+Ge-+ gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind: -+Geruch+, +Geschmack+, +Gedanke+; weiblich: +Geburt+, +Geduld+; -sächlich: +Gehör+, +Gesicht+, +Gewehr+, +Gewicht+. Man mag auch die -Unterscheidung von: +der Gehalt+ (Gedankengehalt, Silbergehalt des -Erzes) und +das Gehalt+ (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne -Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. +der Verdienst+ und +das -Verdienst+, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt -ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten -+das Gehalt+ noch gemein, und +die Gehälter+ stehen für unser Ohr -und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den +Gewölbern+, den -+Geschäftern+ und den +Geschmäckern+.[18] Weshalb sollen wir uns also -so etwas aufnötigen lassen? - - -Das s der Mehrzahl - -Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre -Sprache eingedrungen. Wenn wir von +Genies+, +Pendants+, +Etuis+, -+Portemonnaies+, +Korsetts+, +Beefsteaks+ und +Meetings+ reden, so ist -das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen -Wörtern zukommt. Aber man redet auch von +Jungens+ und +Mädels+, -+Herrens+ und +Fräuleins+, +Kerls+ und +Schlingels+, +Hochs+ und -+Krachs+, +Bestecks+, +Fracks+, +Schmucks+, +Parks+ und +Blocks+ -(Bau+blocks+), +Echos+ und +Villas+ (statt Villen), +Vergißmeinnichts+ -und +Stelldicheins+, +Polkas+, +Galopps+, +Tingeltangels+ und +Trupps+ -(Studenten+trupps+), +Uhus+ und +Känguruhs+, +Wenns+ und +Abers+, U’s -und T’s, +Holbeins+ und +Lenbachs+ (zwei neue +Lenbachs+, ein paar -echte +Holbeins+), von den +Fuggers+ und den +Schlegels+, und einzelne -Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre +Kollegs+ -an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie -als ~pluralis Borussicus~. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen -Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die +Jungens+ und die -+Mädels+ an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen -an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte -deutsche Substantiva gehängt worden. - -Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre -Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie +Solis+, +Mottis+, +Kollis+ und -+Portis+, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige -italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja +Solo+, -+Motto+, +Kollo+ und +Porto+. Freilich wird auch schon in der Einzahl -+das Kolli+ gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen! - - -Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? - -Wenn fünf einzelne Pfennige auf dem Tische liegen, so sind das -unzweifelhaft fünf Pfennige; wenn ich aber mit diesen fünf Pfennigen -(oder auch mit einem Nickelfünfer) eine Zigarre bezahle, kostet die -dann fünf +Pfennige+ oder, wie auf dem Nickelfünfer steht, fünf -+Pfennig+? Schwierige Frage! - -Bei Angaben von Preis, Gewicht, Maß, Zeit, Lebensalter usw. ist oft -eine Pluralform üblich, die sich vom Singular nicht unterscheidet, -wenigstens bei Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts,[20] wie -bei +Taler+, +Gulden+, +Groschen+, +Heller+, +Pfennig+, +Batzen+, -+Pfund+, +Lot+, +Fuß+, +Zoll+, +Schuh+, +Faden+, +Faß+, +Glas+ (zwei -+Glas+ Bier), +Maß+, +Ries+, +Buch+ (drei +Buch+ Papier), +Blatt+,[21] -+Jahr+, +Monat+, +Mann+ (sechs +Mann+ Wache), +Schritt+, +Schuß+ -(tausend +Schuß+), +Stock+ (drei +Stock+ hoch). Diese Formen sind -natürlich keine wirklichen Singulare, sondern zum Teil sind es alte -Pluralformen (vgl. S. 20 +Fach+ und +Fächer+), zum Teil Formen, die -solchen unwillkürlich nachgebildet worden sind. Von einer Regel also, -daß in allen solchen Fällen der Singular stehen müsse, kann keine Rede -sein. Es ist ganz richtig, zu sagen: das Kind ist +drei Monate+ alt, -+drei+ Jahre alt, wie denn auch jeder +drei Taler+, +drei Gulden+, -+drei Groschen+ sicherlich als Plural fühlen, folglich auch sagen wird: -ich habe das Bild mit +zehn Talern+ bezahlt (nicht mit +zehn Taler+!). -Und so haben wir auch in Mitteldeutschland früher immer +Pfennige+ -gesagt so gut wie +Könige+, +Käfige+ und +Zeisige+. (In dem alten Liede -von der Seestadt Leipzig heißt es sogar: Und ein einzig Lot Kaffee -kostet +sechzehn Pfennigee+.) Bis 1880 war auch auf unsern Briefmarken -so gedruckt. Wahrscheinlich war das aber nicht „schneidig“ genug, -und so hieß es von da an 3 +Pfennig+, 5 +Pfennig+, worauf 1889 die -Abkürzung +Pf.+ erschien, die jeder lesen konnte, wie er wollte, bis -schließlich gar nur noch die Ziffer übrig blieb! - - -Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? - -Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die -Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs -und eines Adjektivs. Heißt es: +jeden Zwanges+ oder +jedes Zwanges+? -+sämtlicher deutscher Stämme+ oder +sämtlicher deutschen Stämme+? -+großer Gelehrter+ oder +großer Gelehrten+? ein +schönes Ganzes+ oder -ein +schönes Ganze+? von +hohem praktischen Werte+ oder von +hohem -praktischem Werte+? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint, -so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden, -der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche -selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was -richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber -doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen. - -Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der -schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung -+en+, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes: -+es+, +em+, +en+ usw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie -allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im -Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht: +mein guter Hans+, -+du alter Freund+, +unser jährlicher Umsatz+, +welch vorzüglicher+ -Wein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination. -Es muß also heißen: +gerades Wegs+, +guter Hoffnung+, +schwieriger -Fragen+, dagegen +des geraden Wegs+, +der guten Hoffnung+, +der -schwierigen Fragen+, +dieser schwierigen+ Fragen, +welcher schwierigen+ -Fragen, +solcher schwierigen+ Fragen, auch +derartiger+ und +folgender -schwierigen+ Fragen, +beifolgendes kleine+ Buch (denn +derartiger+ -steht für +solcher+, +folgender+ und +beifolgender+ für +dieser+). - -So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive -wie +süßen Weines+ fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten -Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen -ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv -des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat -sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: +frohen Sinnes+, +reichen -Geistes+, +weiblichen Geschlechts+, +größten Formats+. Höchstens +gutes -Muts+, +reines Herzens+, +gerades Wegs+ wird bisweilen noch richtig -gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, +dein+, +sein+, -+unser+, +euer+, +ihr+) hat sich die starke Form überall unangetastet -erhalten (+meines Wissens+, +unsers Lebens+), dagegen ist es bei den -Zahlbegriffen (+jeder+, +aller+, +vieler+, +keiner+, +mancher+) ins -Schwanken gekommen. Wie man sagt: +größtenteils+ und +andernteils+, -so sagt man auch +jedenfalls+ und +allenfalls+ neben +keineswegs+, -+keinesfalls+, +jedes Menschen+, +keines Worts+, +alles Lebens+, +alles -Ernstes+. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz +alles Leugnens+, -trotz +manches Erfolgs+, trotz +vieles Aufwands+; die meisten -schreiben: trotz +allen Leugnens+ usw. - -Bei +jeder+ erklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daß +jeder+ -wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden -kann (+ein jeder+ Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller -bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße +jeder+ gar nicht mehr -kennten. - -Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo -sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung -des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei -+jeder+, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden -hat. Falsch ist: die Abwehr +jeden+ Zwanges; richtig ist nur: die -Abwehr +jedes Zwanges+ oder +eines jeden Zwanges+ (wie die Bekämpfung -+solches Unsinns+ oder +eines solchen Unsinns+). - -Merkwürdig ist, daß sich nach +solcher+ die schwache Deklination -noch nicht so festgesetzt hat wie nach +welcher+. Während jeder ohne -Besinnen sagt: +welcher gute+ Mensch, +welches guten+ Menschen, +welche -guten+ Menschen, auch +solcher vollkommnen+ Exemplare, hört man im -Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter: +solche vollkommne+ -Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch +solcher+ oft mehr etwas -adjektivisches hat. Ebenso ist es bei +derartiger+ (für +solcher+) -und +folgender+ (für +dieser+). Jeder wird im Nominativ vorziehen: -+folgende schwierige+ Fragen, dagegen im Genitiv vielleicht +folgender -schwierigen+ Fragen (wie +dieser schwierigen+ Fragen). - -Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur -einen schwachen Dativ bilden könnten, weil +mem+ „schlecht klinge“, -daß es also heißen müsse: mit +warmen Herzen+, mit +geheimen Kummer+, -mit +stummen Schmerz+, mit +grimmen Zorn+, von +vornehmen+ Sinn, +bei -angenehmen+ Wetter, bei +gemeinsamen+ Lesen -- ein ganz törichter -Aberglaube. - - -Anderen, andren oder andern? - -Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven, -deren Stamm auf +el+ und +er+ endigt, wie +dunkel+, +edel+, +eitel+, -+übel+, +lauter+, +wacker+; auch die Komparativstämme, wie +besser+, -+größer+, +unser+, +euer+, +inner+, +äußer+, +ander+, gehören dazu. -Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem -e zusammen, also des +eitelen+ Menschen, dem +übelen+ Rufe, dem -+dunkelen+ Grunde, +unseres+ Wissens, mit +besserem+ Erfolge, aus -+härterem+ Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl -bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen. -Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv -der Zeitwörter, die von Stämmen auf +el+ und +er+ gebildet werden. -Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß. -Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt, -zu sagen: +tadlen+, +handlen+, +wandlen+, +veredlen+, +vermittlen+, -+verdunklen+, +verwechslen+, +ausbeutlen+, +mildren+, +verwundren+, -+erschüttren+, +veräußren+, +versilbren+, +versichren+, +erläutren+, -im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch +tadeln+, -+veredeln+, +erinnern+, +erläutern+, d. h. man opfert das e der Endung -und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion -des Verbums: +er vereitelt+, er +verändert+, nicht er +vereitlet+, er -+verändret+. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das -Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf +eln+ und -+ern+ klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei -den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen -druckt man die häßlich weichlichen Formen: +unsres+ Jahrhunderts, -des +üblen+ Rufes, die +ältren+ Ausgaben, meiner +teuren+ Gemeinde, -in der +ungeheuren+ Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann: -+unsers+ Jahrhunderts, des +übeln+ Rufes, die +ältern+ Ausgaben, meiner -+teuern+ Gemeinde, in der +ungeheuern+ Menschenmenge. Man druckt ja -nicht: die +Eltren+, überall wird richtig +Eltern+ gedruckt, warum also -nicht auch die +ältern+? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m -kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung -ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen -ist aber auch hier auf +dunkelm+ Grunde, mit +besserm+ Erfolg gewiß -vorzuziehen. - - -Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte? - -Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es -selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt -werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn -das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ -der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben -gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander -stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, ~a-a-s~, dürften -sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit +rotem, kaltem+ -Blute, nach +langem, heißem+ Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv -mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das -erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten -übergeordnet sei, ~a~/(~a-s~), so müsse das zweite schwach dekliniert -werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit +echtem -Kölnischen+ Wasser, nach +allgemeinem deutschen+ Sprachgebrauch, zu -+kühnem dramatischen+ Pathos, mit +eigentümlichem humoristischen+ -Anstrich, von +großem praktischen+ Wert, aus +übertriebnem -patriotischen+ Zartgefühl, aus +süddeutschem adligen+ Besitz. Ebenso -müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: +frischer, -süßer Kirschen+ (denn die Kirschen seien frisch und süß) und +neuer -isländischen Heringe+, +scharfer indianischen Pfeile+, +einheimischer -geographischen Namen+, +ehemaliger freien+ Reichsstädte (denn die -Heringe seien nicht neu +und+ isländisch, sondern die isländischen -Heringe seien neu). - -Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie -muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte -Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei -Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist, -kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die -reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus -beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural? -Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus -fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form -zu bringen. Oder sagt jemand: ohne +selbständiges geschichtliche+ -Studium? von +bewährter christlichen+ Gesinnung?[24] Dazu kommt, -daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva -einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B. -nach +ergebnislosem zweijährigem+ Versuche. Unsre Romanschriftsteller -scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das -zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos: -bei +schönem blauen+ Himmel, mit +langem schwarzen+ Haar, mit -+schmalem braunen+ Rande, mit +auffälligem roten+ Bande. Das ist -völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes -schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht -vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine -andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern +blau+ ist eine -weitere Ausführung und Begründung von +schön+: der Himmel ist schön, -weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In -Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach +langem, schweren -Leiden+ oder nach +kurzem, schweren+ Leiden gestorben sei. Man liest -es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das -gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden -hat: nach +langem, schwerem+ Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen -das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen. - - -Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme? - -Große Unsicherheit herrscht in der Deklination der Adjektiva im -Genitiv der Mehrzahl nach den Zahlbegriffen +alle+, +keine+, +einige+, -+wenige+, +einzelne+, +etliche+, +manche+, +mehrere+, +viele+, -+sämtliche+, denen sich auch die Adjektiva +andre+, +verschiedne+ -und +gewisse+ anschließen, die beiden letzten, wenn sie in dem Sinne -von +mehrere+ und +einige+ stehen. Da sagt man: +aller guten+ Dinge, -+aller halben+ Stunden, +mancher kleinen+ Souveräne, +einzelner -ausgezeichneten+ Schriftsteller, +verschiedner schweren+ Bedenken, -+gewisser aristokratischen+ Kreise, aber auch: +vieler andrer+ -Gebiete, +vieler damaliger preußischer+ Offiziere, +einzelner großer -politischer+ Ereignisse, +sämtlicher deutscher evangelischer+ -Kirchenregimente, +gewisser mathematischer+ Kenntnisse. Sollte es denn -nicht möglich sein, hier Ordnung und Regel zu schaffen? - -Tatsache ist, daß auch nach allen diesen Wörtern die Adjektiva -ursprünglich stark dekliniert worden sind. Ebenso ist es Tatsache, daß -die schwache Form nur nach zweien von ihnen endgültig durchgedrungen -ist: nach +alle+ und +keine+. Sollte das nicht einen tiefern Grund -haben? Die schwache Form ist endgültig durchgedrungen auch hinter -dem bestimmten Artikel, hinter den hinweisenden Fürwörtern (+dieser+ -und +jener+) und hinter den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, -+dein+ usw.). In allen diesen Fällen aber handelt es sich um eine -ganz bestimmte Menge. Dagegen bezeichnet die artikellose Form eine -unbestimmte Menge. Sollte es nun Zufall sein, daß gerade +alle+ (mit -seiner Negation +keine+) der Form gefolgt ist, die eine bestimmte -Menge ausdrückt? +Alle+ und +keine+ sind die einzigen in der ganzen -Reihe. Alle übrigen (+viele+, +einige+, +manche+ usw.) bezeichnen eine -unbestimmte Menge; +viele+ und +einige+ bleiben +viele+ und +einige+, -auch wenn einer dazukommt oder abgeht. Sollte sich nicht deshalb hier -die artikellose Form erhalten haben? Im Nominativ überall: +viele -junge+ Leute, +manche bittre+ Erfahrungen, +verschiedne schwere+ -Bedenken, +gewisse aristokratische+ Kreise. Erst im Genitiv beginnt das -Schwanken zwischen +vieler junger+ Leute und +vieler jungen+ Leute, -+verschiedner freisinniger+ Blätter und +verschiedner freisinnigen+ -Blätter, +mehrerer andrer ausländischer+ Blätter und +mehrerer andern -ausländischen+ Blätter. Unzweifelhaft wäre also die starke Form hier -überall vorzuziehen. Nur noch hinter +sämtliche+ wäre die schwache am -Platze, denn +sämtliche+ bedeutet ja dasselbe wie +alle+, also eine -bestimmte Menge. - -Hinter den wirklichen Zahlwörtern +zwei+, +drei+, +vier+, +fünf+ usw. -steht im Nominativ überall die starke Form, so auch im Genitiv, solange -die Zahlwörter selbst undekliniert bleiben: die Kraft +vier starker+ -Männer, um +fünf Gerechter+ willen. Dagegen beginnt das Schwanken, -sobald die Zahlwörter selbst wie Adjektiva dekliniert werden: ein Kampf -+zweier großen+ Völker steht neben einem Kampf +zweier großer+ Völker. -Daß aber auch hier die starke Form vorzuziehen sei, kann wohl keinem -Zweifel unterliegen. +Beide+ dagegen schließt sich natürlich an +alle+ -und +keine+ an: +beide großen+ Männer, +beide+ hier +mitgeteilten+ -Schriftstücke. - - -Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder -großer Gelehrten? - -Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der -ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten -Artikel. Reste davon sind +Junge+ (ein +Junge+), eigentlich ein -+Junger+, das in der Form +Jünger+ noch daneben steht, und +Untertan+ -(e), eigentlich ein +Untertaner+. Später ist auch bei solchen -substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter +ein+ die -starke Form eingetreten: ein +Heiliger+, ein +Kranker+, ein +Fremder+, -ein +Gelehrter+, ein +Verwandter+, ein +Junges+ (von Hund oder -Katze), ein +Ganzes+, und stark wird auch überall der alleinstehende -artikellose Plural jetzt dekliniert: +Heilige+, +Verwandte+, -+Geistliche+, +Gelehrte+, +Junge+ (der Hund hat +Junge+ bekommen). -Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem -Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein +schönes -Ganze+ (noch genau so wie ein +guter Junge+), +mein ganzes Innere+, -von +auffälligem Äußern+, mit +zerstörtem Innern+, und namentlich -im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl +wunderlicher Heiligen+, eine -Versammlung +evangelischer Geistlichen+, ein Kreis +lieber Verwandten+, -die Stellung +höherer Beamten+, die Arbeiten +großer Gelehrten+, -ein Kreis +geladner Sachverständigen+, große Züge +französischer -Kriegsgefangnen+, die Lehren +griechischer Weisen+ usw. - -Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke -Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt +ein Ganzes+, so müsse -es auch heißen: ein +schönes Ganzes+, mein +ganzes Inneres+, ein -+ungewöhnliches Äußeres+, mit +zerrüttetem Innerm+, und im Genitiv -der Mehrzahl: ein Dutzend +deutscher Gelehrter+, die Aufnahme -+choleraverdächtiger Gefangner+, das Eigentum +französischer -Staatsangehöriger+, inmitten +scheelblickender Fremder+, die -Genossenschaft +deutscher Bühnenangehöriger+, der Verband +sächsischer -Industrieller+, zum Besten +armer Augenkranker+, zur Unterstützung -+verschämter Armer+, die Anstellung +pensionierter Geistlicher+, -Mißgriffe +preußischer Polizeibeamter+, die Einführung +neugewählter -Stadtverordneter+, Geldbeiträge +reicher Privater+, der Streit -+zweier berühmter deutscher Gelehrter+, die Zustimmung +vieler -amerikanischer+, +spanischer+ und +französischer Gelehrter+, die -Einbildung +etlicher wunderlicher Heiliger+ usw. Daß die gehäuften -+er+ in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen -haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber -da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie -unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders -geschrieben als: zur Unterstützung +verschämter Armen+, Lieder +zweier -Liebenden+, zur Bewaffnung +unbegüterter Freiwilligen+, inmitten -+eifersüchtiger Fremden+ usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil -+hervorragender Gelehrter+, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt -sich unwillkürlich +hervorragender gelehrter+ geschrieben (mit g) -und meint, es müsse noch folgen: +Männer+. Nur die schwache Form -erzeugt das Substantivgefühl. Ein +schönes Ganzes+ und nach dem Urteil -+hervorragender Gelehrter+ sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse -der Halbwisserei. - -Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen, -wie die +Rechte+, die +Linke+, die +Weiße+ (eine Berliner +Weiße+), -wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung +der+ -Berliner +Weiße+; richtig ist nur: +der+ Berliner +Weißen+, wie in -+seiner Rechten+, auf der +äußersten Linken+. Auch die +Herbstzeitlose+ -gehört hierher und die +junge Schöne+, die natürlich ebenso wie die -Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis +junger -Schönen+ (nicht +Schöner+). - - -Das Deutsche und das Deutsch. - -Die Sprach- und die Farbenbezeichnungen bilden ein substantiviertes -Neutrum in zwei Formen nebeneinander, in einer Form mit -Deklinationsendung und einer Form ohne Endung: +das Deutsche+ und -+das Deutsch+, +das Englische+ und +das Englisch+, +das Blaue+ (ins -+Blaue+ hinein reden) und +das Blau+ (das Himmelblau), +das Weiße+ (im -Auge) und +das Weiß+ (das Eiweiß). Zwischen beiden Formen ist aber -ein fühlbarer Bedeutungsunterschied. +Das Deutsche+ bezeichnet die -Sprache überhaupt, und dem schließt sich auch das +Hochdeutsche+, das -+Plattdeutsche+ usw. an. Sobald aber irgendein beschränkender Zusatz -hinzutritt, der eine besondre Art oder Form der deutschen Sprache -bezeichnet, wird die kürzere Form gebraucht: das +heutige Deutsch+, ein -+fehlerhaftes Deutsch+, das +beste Deutsch+, +Goethes Deutsch+, +mein -Deutsch+, +dieses Deutsch+, das +Juristendeutsch+, das +Tintendeutsch+ -(Goethe im +Faust+: in +mein geliebtes Deutsch+ zu übertragen; der -Deutsche ist gelehrt, wenn er +sein Deutsch+ versteht). - -Die längere Form: +das Deutsche+, +das Blaue+ muß natürlich schwach -dekliniert werden: der Lehrer +des Deutschen+, die beste Zensur +im -Deutschen+, ein Kirchlein steht +im Blauen+, Willkommen im +Grünen+! -Die kürzere Form halten manche für ganz undeklinierbar und schreiben: -+des Juristendeutsch+, eines +feurigen Rot+. Sie steht aber durchaus -auf einer Stufe mit andern endunglosen substantivierten Neutren, wie: -das +Gut+, das +Übel+, das +Recht+, das +Dunkel+, das +Klein+ (für -+Kleinod+, +Kleinet+, z. B. Gänse+klein+), das +Wild+, und es ist -nicht einzusehen, weshalb man nicht sagen soll: des +Eigelbs+, des -+Tintendeutschs+. An das +tschs+ braucht sich niemand zu stoßen, sonst -dürfte man auch nicht sagen: des Erd+rutschs+, des Stadt+klatschs+. - -Ganz unsinnig ist, was man fort und fort auf den Titelblättern aus -fremden Sprachen übersetzter Bücher lesen muß: +aus dem Französischen -des Voltaire+ übersetzt u. ähnl. Man kann über +das Französisch -Voltaires+ (nicht +das Französische+!) eine wissenschaftliche -Abhandlung schreiben, aber übersetzen kann man etwas nur +aus dem -Französischen+ schlechthin; der Name des französischen Verfassers muß -an andrer Stelle auf dem Titelblatt angebracht werden: +Voltaires+ -Briefe, +aus dem Französischen+ übersetzt usw. - - -Lieben Freunde oder liebe Freunde? - -Obwohl es keinem Menschen einfällt, in der Anrede zu sagen: +teuern+ -Freunde, +geehrten+ Herren, +geliebten+ Eltern, schwankt man -wunderlicherweise seit alter Zeit bei dem Adjektivum +lieb+. Das -ursprüngliche ist allerdings, daß beim Vokativ die schwache Form steht. -Aber bereits im Althochdeutschen dringt die starke Form ein, und im -Neuhochdeutschen gewinnt sie bis zum achtzehnten Jahrhundert die -Oberhand. Auch die Kanzleisprache sagte schließlich: +liebe Getreue+ -statt: +lieben Getreuen+! Und heute haben wir bei einer Verbindung -wie +lieben Freunde+ (wie Luther noch schreibt) nicht mehr das Gefühl -von etwas organischem, von etwas, das so in Ordnung wäre, sondern die -Empfindung einer gewissen Altertümelei. Wer diese Empfindung nicht -erregen will, wird die schwache Form in der Anrede vermeiden. - - -Wir Deutsche oder wir Deutschen? - -Ist es richtiger, zu sagen: +wir Deutsche+ oder +wir Deutschen+? -Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde -wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten -Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der -dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern, -Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: +Wir Deutsche+ -fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den -stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu -sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem -Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: +Wir Deutschen+, -und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten, -wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise -auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: +wir Deutschen+, und so -ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel -öfter gesagt worden als +wir Deutsche+, obwohl es in der Einzahl heißt: -+ich Deutscher+, und heute vollends sagt niemand mehr: +wir Arme+, +ihr -Reiche+, +wir Alte+, +ihr Junge+, sondern +wir Armen+ (Gretchen im -Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach +wir Armen+!), -+ihr Reichen+, +wir Alten+, +ihr Jungen+, +wir Konservativen+, -+wir Liberalen+, +wir Wilden+ (Seume: +wir Wilden+ sind doch beßre -Menschen), +wir Geistlichen+, +wir Gesandten+, +wir Vorgenannten+, +wir -Unterzeichneten+, +wir armen Deutschen+, +wir guten dummen Deutschen+, -+wir Deutschen+ sind halt +Deutsche+! Es ist gar nicht einzusehen, -weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven -und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich -gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: +wir -Arme+, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz -ungewohnten +wir Deutsche+ spreizen, so ist das einfach lächerlich. - -Die Ursache, weshalb hinter +wir+ und +ihr+ schon früh die schwache -Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den -hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter -+alle+ und +keine+ wirksam gewesen ist (vgl. S. 32): daß es sich um -eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: +wir Deutschen+, so -meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen -in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen -verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im -Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: +uns -Deutsche+, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte -vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich -an +uns Deutschen+ kummen). - -Ein Unterschied läßt sich zwischen +wir beiden+ und +wir beide+ -machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht -drangewesen? ein Schüler dann antwortet: +Wir beiden+ sind noch nicht -drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, +du+ wärst -schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein, -+wir beide+ sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird +beide+ -zum Prädikat gezogen, +wir beiden+ dagegen ist dasselbe wie +wir zwei+. -Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: +Wir beide+ haben niemals -gebebt. - - -Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff - -Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in -gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein -scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein +Leipziger Gastwirte+, -Ausschank +Zwenkauer Biere+, Hilfskasse +Leipziger Journalisten+, -Verein +Berliner Buchhändler+, Radierungen +Düsseldorfer Künstler+, -Photographien +Magdeburger Baudenkmäler+, eine Sammlung +Meißner -Porzellane+, die frühesten Namen +Breslauer Konsuln+, zur Topographie -+südtiroler Burgen+, nach Meldungen +Dresdner Zeitungen+. - -Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf +er+ werden von vielen jetzt -für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit -kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: +pariser+, +wiener+, +thüringer+, -+schweizer+. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine -Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der +Leipziger -Bürgermeister+ ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht ~consul -Lipsiensis~ -- das wäre der +Leipzigische+ Bürgermeister --, sondern -~Lipsiensium consul~, der Bürgermeister +der Leipziger+. Man sieht das -deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen -Adjektivum dekliniert, z. B. der +neue Berliner Ofen+. Dann lauten die -einzelnen Kasus: des neu+en+ Berlin+er+ +Ofens+, dem neu+en+ Berlin+er+ -+Ofen+, den neu+en+ Berlin+er+ +Ofen+, die neu+en+ Berlin+er+ -+Öfen+ usw. Während also das Adjektiv +neu+ und das Substantiv -+Ofen+ dekliniert werden, bleibt +Berliner+ stets unverändert. Ganz -natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner, -abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch -den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit -dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie +deutscher+, +preußischer+ -zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung -+deutscher Gastwirte+, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein -+Leipziger Gastwirte+. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht -+Leipzige+, während er dort +deutsche+ heißt. - -Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl, -wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird, -überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition +von+ -umschrieben werden. Wenn man sagt: eine +Versammlung großer Künstler+, -so ist der Genitiv durch das Attribut +großer+ genügend kenntlich -gemacht; aber ~societas artificum~ läßt sich nimmermehr übersetzen: -ein +Verein Künstler+, sondern nur ein +Künstlerverein+ oder: ein -+Verein von Künstlern+; erst durch das +von+ entsteht ein erkennbarer -Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein -Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein -abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es -ist, zu sagen: infolge +Streitigkeiten+, wegen +Sonderzüge+, mangels -+Beweise+, ein Bund +sechs Städte+, innerhalb +vier Wochen+, nach -Verlauf +vier Wochen+, die Lieferung +fünftausend Gewehre+, in der -ersten Zeit +dessen Leitung+, mit Bewilligung +dessen Eltern+, unter -Angabe +deren Kennzeichen+, die Neubesetzung +Herrn Dornfelds Stelle+, -unterhalb ~Dr.~ +Heines Brücke+, der Verkauf +ihres Mannes Bücher+, -Genüsse +mancherlei Art+, eine Quelle +allerhand Verlegenheiten+, so -gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition -+von+ kenntlich gemacht werden kann (ein Bund +von sechs Städten+, eine -Quelle +von allerhand Verlegenheiten+), so gewiß muß es auch heißen: -Verein +von Leipziger Gastwirten+, Verhaftung +von Erfurter Bürgern+, -Verkauf +von Magdeburger Molkereibutter+; bei +Verein Berliner -Künstler+ glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein +Verein -Künstler+, wie bei: eine +Menge Menschen+, ein +Haufe Steine+, ein -+Sack Geld+, ein +Stück Brot+ usw.[25] - -Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord +Sr. Majestät -Schiff Möwe+, die Forschungsreise +Sr. Majestät Schiff Gazelle+. Der -Genitiv +Sr. Majestät+ hängt ab von +Schiff+. Aber wovon hängt +Schiff+ -ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein -Genitiv sein, der von +Bord+ oder +Reise+ abhängt. Der kann nur dadurch -erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord +von Sr. Majestät -Schiff+ Gazelle, denn an Bord +Sr. Majestät Schiffs+ Gazelle wird -niemand sagen wollen.[26] - -Anstatt des abhängigen +dessen+ und +deren+ braucht man sich nur -des attributiven +sein+ und +ihr+ zu bedienen, und der Genitiv ist -sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke +dessen+ Güte und Macht --- die Briefe Goethes an seinen Sohn während +dessen+ Studienjahre -in Heidelberg -- eine Darstellung der alten Kirche und +deren+ -Kunstschätze -- die Interessen der Stadt und +deren+ Einwohner -- -eine Aufzählung aller Güter und +deren+ Besitzer -- eine Versammlung -sämtlicher evangelischen Fürsten und +deren+ Vertreter -- eine Tochter -des Herrn Direktor Schmidt und +dessen+ Gemahlin -- zum Besten der -Verunglückten und +deren+ Hinterlassenen -- die Sicherstellung der -Zukunft der Beamten und +deren+ Familien; es muß heißen: +seiner+ Güte -und Macht, +seiner+ Gemahlin, +ihrer+ Hinterlassenen, +ihrer+ Familien -usw.[27] - - -Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend? - -Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva -(Positiv, Komparativ, Superlativ). Von +viel+ heißt der Komparativ -nicht +mehrere+, sondern +mehr+: ich habe in meinem Garten +viel+ -Rosen, du hast +mehr+ Rosen, er hat die +meisten+ Rosen. +Mehrere+ -ist nichts andres als +einige+, +etliche+. Wenn also ein Hausbesitzer -genötigt wird, zu bescheinigen, daß +mehrere+ Hunde als die hier -verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er -genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben. - -Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im -Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter -mehrsilbig sind (der +weibischste+, der +malerischste+), wohl aber, -wenn sie einsilbig sind (der +hübschste+, der +süßste+). Man bewahrt -dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der -+hübscheste+, der +süßeste+. Von +groß+ ist allgemein der +größte+ -üblich geworden (Goethe im Götz auch: der +hübschte+, in den Briefen -aus Italien: der +genialischte+). - -Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie +groß+, +stark+, -+schwer+ durch schleppende Zusammensetzungen wie +tiefgehend+, -+weitgehend+, +weittragend+, +schwerwiegend+ ersetzt werden, entsteht -oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ -und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht -zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip -+gehend+, sondern das dabeistehende Adverb +tief+ oder +weit+. -In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem -Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung -empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine +weitverbreitete+ -Unsitte zu steigern: eine +weitverbreitetere+ Unsitte, sondern eine -+weiter verbreitete+,[28] das +hochbesteuerte Einkommen+, nicht: -das +hochbesteuertste+, sondern das +höchstbesteuerte+, so ist doch -gegen einen Komparativ wie +zartfühlender+ nichts einzuwenden, denn -das Partizipium +fühlend+ wird hier gar nicht mehr als Verbalform -empfunden, sondern etwa wie +fühlig+ in +feinfühlig+, und solche -Zusammensetzungen (+feinsinnig+, +kleinmütig+, +böswillig+, -+fremdartig+, +gleichmäßig+) gelten für einfache Wörter und können -nur steigern: +kleinmütiger+, der +kleinmütigste+. Ihnen würde sich -auch das neumodische +hochgradig+ anschließen. Dazwischen liegen aber -nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob -man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll; -sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden -fühlen. Ganz unerträglich sind: der +schöngelegenste+ Teil, die -+vielgenannteste+ Persönlichkeit, die +naheliegendste+ Erklärung, -die +leichtlaufendste+ Maschine, die +tiefliegendere+ Bedeutung, -+tiefgehendere+ Anregungen, die +feinschmeckenderen+ Sorten, die -+weitblickendere+ Klugheit, eine +engbegrenztere+ Aufgabe; es muß -heißen: der +schönstgelegne+, noch besser der am +schönsten gelegne+ -Teil, die +am meisten genannte+ Persönlichkeit, die +tiefer liegende+ -Bedeutung, +tiefer gehende+ Anregungen, die +feiner schmeckenden+ -Sorten, die +nächstliegende+ Erklärung, die +weiter blickende+ -Klugheit, eine +enger begrenzte+ Aufgabe. Nicht ganz so anstößig -erscheint: die +wohlgemeinteste+ Warnung, die +weitgehendste+ -Mitwirkung, die +weittragendste+ Bedeutung, die +fernliegendsten+ -Dinge, die +hochfliegendsten+ Pläne, obwohl natürlich der -+bestgemeinte+ Rat, die +weitestgehende+ Mitwirkung vorzuziehen ist. -Völlig gewöhnt haben wir uns an den +tiefgefühltesten+ Dank und an die -+hochgeehrtesten+ oder +hochverehrtesten+ Damen und Herren. Schön kann -man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr -oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen, -kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz -ebenso kräftig und deutlich gesagt werden. - - -Größtmöglichst - -Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten -Superlativbildungen, wie die +besteingerichtetsten+ Verkehrsanstalten, -die +bestbewährtesten+ Fabrikate, die +höchstgelegenste+ Wohnung, der -+feinstlaubigste+ Kohlrabi u. ähnl. (statt der +besteingerichteten+ -oder der +bewährtesten+). Für +so gut wie möglich+ kann man natürlich -auch sagen: +möglichst gut+. Es gibt ja verschiedne Grade der -Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer -möglich; man sagt auch: tue dein +möglichstes+! Wie muß sich aber diese -Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt, -bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen +bestmöglich+, -in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der -+beste+, der +möglich+ ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun -und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ +bestmöglichst+, -+größtmöglichst+: mit +größtmöglichster+ Beschleunigung. Das beste ist, -auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von -der beliebten Steigerung: der +denkbar größte+. Wenn ein Nutzen nicht -der +denkbar größte+ wäre, so wäre er doch auch nicht der +größte+. -Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses +denkbar+ -so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung -sind beide Altarflügel +denkbar verschieden+. - -Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt -der +erste beste+ zusammenziehen in der +erstbeste+, wenn ein Arzt -bittet, +möglichst keine+ Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei, -eine Herrschaft einen +möglichst verheirateten+ oder einen +möglichst -unverheirateten+ Kutscher zu +möglichst sofortigem+ Antritt sucht, -Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement +baldgefälligst+ -zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm +baldmöglichst+ -oder +baldgefälligst+ ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen -zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: +womöglich -keine+, +womöglich verheiratet+, +womöglich sofort+, und: +möglichst -bald+, +gefälligst bald+. Aber namentlich das +baldgefälligst+, so -albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute -und Beamten. - -Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von +einzig+ gebildet wird: -der +Einzigste+, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat. -Einziger als einzig kann doch niemand sein. - - -Gedenke unsrer oder unser? - -Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit -oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke -+unsrer+ oder +unser+? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn -der Fehler: wir sind +unsrer+ acht -- es harrt +unsrer+ eine schwere -Aufgabe, oder: wir gedenken +eurer+ in Liebe, kommt so oft vor, daß man -fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen -seien nur durch Nachlässigkeit entstanden. - -Die Genitive der persönlichen Fürwörter +ich+, +du+, +er+, +wir+, -+ihr+, +sie+ heißen: +mein+, +dein+, +sein+, +unser+, +euer+, +ihr+, -z. B.: gedenke +mein+, vergiß +mein+ nicht, der Buhle +mein+, ich -denke +dein+, +unser+ einer, +unser aller+ Wohl, +unser+ keiner lebt -ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die -unorganischen Formen +meiner+, +deiner+, +seiner+ aufgekommen und -haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz -verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat +mein+ noch nie vergessen, -vergiß, mein Herz, auch +seiner+ nicht); +ihr+ ist leider ganz durch -+ihrer+ verdrängt worden; wir wollen uns +ihrer+ annehmen. Aber in -der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige -alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man -sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in -Schutz nähme. +Unsrer+ und +eurer+ sind Genitive des besitzanzeigenden -Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt -euch +unser+ und +unsrer+ Kinder![30] - - -Derer und deren - -Die Genitive der Mehrzahl +derer+ und +deren+ sind der alten Sprache -überhaupt unbekannt, sie hat nur ~der~; beide sind -- ebenso wie die -Genitive der Einzahl +dessen+ und +deren+ -- erst im Neuhochdeutschen -gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und -lang gesprochnen Determinativs und Relativs +der+ (~dēr~) von dem -gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel +der+ (~dĕr~) -festgehalten worden. +Derer+ steht vor Relativsätzen (und verdient -dort den Vorzug vor dem schleppenden +derjenigen+); +deren+ ist -Demonstrativum: die Krankheit und +deren+ Heilung (d. i. +ihre+ -Heilung) und Relativum: die Krankheiten, +deren+ Heilung möglich ist. -Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff -+derer+, vermöge +derer+. - -Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist +dessem+ -und +derem+: der Dichter, +dessem+ löblichen Fortschreiten ich -mit Freuden folge -- die Geschäfte werden inzwischen von +dessem+ -Stellvertreter besorgt -- die fremde Kunst, bei +derem+ Studium der -Deutsche seine eigne Kunst vergaß -- für die Behörden zu +derem+ -alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen -steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt -und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl -öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor; -bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so -wird er mit gedruckt. Auch +dergleichem+ findet sich schon: er ist zu -Verschickungen und +dergleichem+ gebraucht worden.[31] - - -Einundderselbe - -Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen +derselbe+ getrieben wird -(daß man es fortwährend für +er+ oder +dieser+ gebraucht; vgl. S. -226), hat dazu geführt, daß man nun +einundderselbe+ sagen zu müssen -glaubt, wo man +derselbe+ mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese -überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie -pedantisch dekliniert: +eines und desselben+, +einem und demselben+. -Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens: -an +einunddemselben Tage+, im Laufe +einunddesselben+ Jahres, in -+einundderselben+ Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei -+Grund und Boden+: die Entwertung des +Grund und Bodens+ (als ob beides -nur +ein+ Wort wäre), nicht des +Grundes und Bodens+; ebenso: ein Hut -mit +blau und weißem+ Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder -gemeint sind, sondern ein zweifarbiges. - - -Man - -Daß auch das unpersönliche Fürwort +man+ dekliniert werden kann, dessen -sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden -sie zwar, ohne es zu wissen, die ~casus obliqui~ ganz richtig, aber -wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie -hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken -sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß -+einen+ doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er: -der neckt +einen+ immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann +einem+ alle -Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht +man+ das, was +einem+ so -einfällt? -- so was erinnert +einen+ manchmal, woran +man+ nicht gern -erinnert sein will -- muß +man+ nicht grob sein, wenn +einen+ die Leute -sollen gehn lassen? -- Goethe sagt sogar: +eines+ Haus und Hof steht -gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die ~casus -obliqui~ von +man+ werden in der lebendigen Sprache gebildet durch -+eines+, +einem+, +einen+. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise -jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie -nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube, -man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat, -wenn er z. B. sagt: wenn +man+ für einen reichen Mann bekannt ist, so -steht es +einem+ frei, seinen Aufwand einzurichten, wie +man+ will. - - -Jemandem oder jemand? - -In +jemand+ und +niemand+ ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die -Wörter sind natürlich mit +man+ (+Mann+) zusammengesetzt (~ieman~, -~nieman~), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch -~iemanne~, ~niemanne~, ~ieman~, ~nieman~. Da sich das Gefühl dafür -durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn -man sagt: ich habe +niemand+ gesehen, du kannst +niemand+ einen Vorwurf -machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis -entstandnen Formen +jemandem+, +niemandem+, +jemanden+, +niemanden+ den -Vorzug verdienen sollten. - - -Jemand anders - -Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die -schönen, kräftigen Formen: +unsers+, +andern+ den weichlichen Formen: -+unsres+, +andren+ vorzuziehen (vgl. S. 29), erleidet eine Ausnahme -bei dem Neutrum +anders+. Unser heutiges Umstandswort +anders+ (ich -hätte das +anders+ gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das -Neutrum von +andrer+, +andre+, +andres+ (ein +andres+ Kleid). Die -Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal -den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um -einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso -bei +besondres+ und +besonders+.) An diesem Unterschied ist natürlich -nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein +anders+ Kleid. Zum Glück -hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: +wer -anders+, +was anders+, +jemand anders+, +niemand anders+ die kräftigere -Form erhalten; man sagt: +wer anders+ sollte mir helfen? -- das ist -+niemand anders+ gewesen als du -- und die Schlußzeile einer bekannten -Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was +anders+ -- ist durchaus nicht bloß -wegen des Reimes auf +Alexanders+ so geschrieben. In allen diesen -Verbindungen ist +anders+ nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern -es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung -beider Geschlechter dient, wie in +jemand fremdes+. Darnach kann nun -auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der -Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von +wem anders+ soll ich -mir denn helfen lassen? -- ich bin mit +niemand anders+ in Berührung -gekommen. Mit +niemand anderm+ ist falsch, freilich nicht viel falscher -als: von +was anderm+, zu +was besserm+, zu +nichts gutem+, wo auch -das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die -Kasusbezeichnung übernommen hat, die in +was+ und +nichts+ nicht zum -Ausdrucke kommt. - - -Ein andres und etwas andres - -Das Neutrum von +jemand anders+ heißt +etwas andres+, im Volksmunde -+was andres+. Die Mutter sagt: ich habe dir +was schönes+ oder +etwas -schönes+ mitgebracht. Ebenso +etwas gutes+, +etwas rechtes+, +etwas -wahres+, +etwas großes+, +etwas wesentliches+, +etwas neues+, +etwas -weiteres+. Dieses schlichte +was+ oder +etwas+ verschmäht man aber -jetzt, man schreibt: und noch +ein andres+ muß ich erwähnen -- zunächst -möchte ich +ein allgemeines+ voranschicken -- und nun können wir -noch +ein weiteres+ hinzufügen -- man darf nicht glauben, daß damit -+ein wesentliches+ gewonnen sei -- auch der reichhaltigste Stoff muß -+ein spezifisches+ haben, das ihn von tausend andern unterscheidet; -und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar -ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das -Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß +ein wunderbares+ sein -ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei. -Poetischer wird das Lied durch das +ein+ sicherlich nicht. - -„Etwas andres“ ist es, wenn +ein+ nicht das unbestimmte Fürwort, -sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen -wenigstens +ein gutes+ gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie: -+das eine gute+. - - -Zahlwörter - -Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße -begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß -manche Leute immer +sechszig+ und +siebenzig+ drucken lassen, denn -in ganz Deutschland sagt man +sechzig+ und +siebzig+. Für +fünfzehn+ -und +fünfzig+ sagen manche lieber +funfzehn+ und +funfzig+. Im -Althochdeutschen stand neben unflektiertem ~funf~ ein flektiertes -~funfi~, woraus im Mittelhochdeutschen +fünfe+ wurde. +Funfzig+ ist nun -mit +funf+ gebildet, mit +fünf+ dagegen +fünfzehn+ und +fünfzig+, die -in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32] - -Statt +hundertunderste+ kann man jetzt öfter lesen: +hundertundeinte+, -aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den -hundert Fausterklärungen noch +eine hundertundeinte+ hinzufügen wollte. -Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte -Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von +hundert+ auf -+hundertundeins+ steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung. - -Die Bildungen +anderthalb+ (d. h. der andre, der zweite halb), -+drittehalb+ (2½), +viertehalb+ (3½) sind jetzt mehr auf die -Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner -geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden. - - -Starke und schwache Konjugation - -Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen -Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer -starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt -man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes -bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel -bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich +springe+, ich +sprang+, ich -bin +gesprungen+, ein schwaches: ich +sage+, ich +sagte+, ich habe -+gesagt+. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die -verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33] -Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (+reite+, +ritt+, -+geritten+), ei, ie, ie (+bleibe+, +blieb+, +geblieben+), ie, o, o -(+gieße+, +goß+, +gegossen+), i, a, u (+binde+, +band+, +gebunden+), i, -a, o (+schwimme+, +schwamm+, +geschwommen+), e, a, o (+nehme+, +nahm+, -+genommen+), i, a, e (+bitte+, +bat+, +gebeten+), e, a, e (+lese+, -+las+, +gelesen+), a, u, a (+fahre+, +fuhr+, +gefahren+). Außerdem gibt -es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal -im Präsens und im Partizip, wie +falle+, +fiel+, +gefallen+, +stoße+, -+stieß+, +gestoßen+, +rufe+, +rief+, +gerufen+, +laufe+, +lief+, -+gelaufen+, +heiße+, +hieß+, +geheißen+, wofür man jetzt bisweilen -falsch +gehießen+ hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe -gehörte. - -Fast noch bewundernswürdiger als in der Deklination der Hauptwörter -ist in der Flexion der Zeitwörter die Sicherheit, mit der auch -der Mindergebildete der Fülle und Mannigfaltigkeit der Formen -gegenübersteht. Freilich gibt es auch hier Schwankungen und -Verirrungen, darunter sogar recht ärgerliche und beschämende. Es gibt -Verbalstämme, die eine starke und auch eine schwache Flexion erzeugt -haben mit verschiedner Bedeutung; da ist dann Verwechslung eingetreten. -Es gibt aber auch Zeitwörter, die sich bloß in die andre Flexion -verirrt haben ohne Bedeutungswechsel. Bei gutem Willen ist aber doch -vielleicht auch hier noch manches zu verhüten oder aufzuhalten. - - -Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter - -Das intransitive +hangen+ und das transitive +hängen+ (eigentlich -+henken+) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen wäre wohl -vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird: -ich habe das Bild +aufgehängt+, und +aufgehangen+ hier als fehlerhaft -empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert: -ich +hing+ den Hut auf, und +hangen+, +abhangen+, +zusammenhangen+ -erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist -(Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe -+hangen+). Ähnlich verhält sichs mit +wägen+ und +wiegen+; man sagt -jetzt ebenso: der Bäcker +wiegt+ das Brot, wie: das Brot +wiegt+ zu -wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich +wägt+ heißen müßte. -Auch bei +schmelzen+, +löschen+ und +verderben+ ist von Rechts wegen -zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken -Flexion zu unterscheiden: die Sonne +schmelzt+ den Schnee, hat den -Schnee +geschmelzt+, aber der Schnee +schmilzt+, er ist +geschmolzen+; -der Wind +löscht+ das Licht +aus+, hat es +ausgelöscht+, aber das Licht -+verlischt+, ist +verloschen+; das Fleisch +verdirbt+, +verdarb+, -ist +verdorben+, aber der schlechte Umgang +verderbt+ die Jugend, -+verderbte+ sie, hat sie +verderbt+. Leider wird der Unterschied -nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei +löschen+). Sehr -in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive -+schrecken+. Das intransitive +erschrecken+ wird allgemein noch -richtig flektiert: du +erschrickst+, er +erschrickt+, ich +erschrak+, -ich +bin erschrocken+ (in der niederdeutschen Vulgärsprache: +ich -habe mich erschrocken+!); ebenso das transitive: du +erschreckst+ -mich, ich +erschreckte+, ich habe +erschreckt+. Bei +aufschrecken+ -und +zurückschrecken+ aber hat die schwache Form die starke fast -ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die -Sozialdemokratie hiervor nicht +zurückschrickt+. Von dem ursprünglich -intransitiven +stecken+ (der Schlüssel +steckt+ an der Tür) hat sich -ein transitives +stecken+ abgezweigt (ich +stecke+ den Schlüssel an die -Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war -aber früher stark: wo +stickst+ du? Und mundartlich heißt es ja noch -heute: der Schlüssel +stak+. - -Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte +gesonnen+ und -+gesinnt+, +geschaffen+ und +geschafft+. +Gesonnen+ kann nur die -Absicht oder den Willen bedeuten: ich bin +gesonnen+, zu verreisen; -+gesinnt+, das gar nicht von dem Zeitwort +sinnen+, sondern von dem -Hauptwort +Sinn+ gebildet ist (wie +gewillt+ nicht von +wollen+, -sondern von +Wille+), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er -war gut deutsch +gesinnt+, er ist mir feindlich +gesinnt+. +Schaffen+ -bedeutet in der starken Flexion (+schuf+, +geschaffen+) die wirklich -schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues -Werk +geschaffen+. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten, -bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint, -so muß es schwach flektiert werden (+schaffte+, +geschafft+). Von -+Rat schaffen+ also, +Nutzen schaffen+, +Abhilfe schaffen+, +Ersatz -schaffen+, +Raum schaffen+, +Luft schaffen+ und dem jetzt in der -Zeitungssprache so beliebten +Wandel schaffen+ dürfen durchaus nur die -schwachen Formen gebildet werden; es ist falsch, zu sagen: hier muß -+Wandel geschaffen+ werden. Ein +neuer Raum+ (ein Zimmer, ein Saal) -kann +geschaffen+ werden, aber +Raum+ (Freiheit der Bewegung) wird -+geschafft+. - -Auch das starke Zeitwort +schleifen+ (+schliff+, +geschliffen+) hat -im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespaltet (+schleifte+, -+geschleift+), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird +geschliffen+, -aber die Kleiderschleppe wird über den Boden +geschleift+. Früher -wurden auch Städte und Festungen +geschleift+, auch Verbrecher auf -einer Kuhhaut auf den Richtplatz +geschleift+; jetzt wird nur noch -ein Student vom andern in die Kneipe +geschleift+, und dort wird dann -+gekneipt+ (nicht +geknippen+), denn +kneipen+ „in diesem Sinne“ ist -nur eine Ableitung von +Kneipe+. - -Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen -einander in +laden+. Zwar werden jetzt ebenso Gäste +geladen+ wie -Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich +lud+. -Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du -+ladest+ oder er +ladet+ mich ein (Schiller: es lächelt der See, er -+ladet+ zum Bade) und: er +lädt+ das Gewehr. - -Sehr unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von +dringen+ und -+drängen+ auf. +Dringen+ ist intransitiv und hat zu bilden: ich +drang+ -vor, ich bin +vorgedrungen+. +Drängen+ dagegen ist transitiv oder -reflexiv und kann nur bilden: ich +drängte+, ich habe +gedrängt+; also -auch: ich +drängte mich+ vor, ich habe +mich vorgedrängt+, es wurde -mir +aufgedrängt+. Durchaus falsch ist: ich +dringe mich+ nicht auf, -ich habe +mich+ nicht +aufgedrungen+, diese Auffassung hat sich mir -+aufgedrungen+. - -Eine ärgerliche Verwirrung ist bei +dünken+ eingerissen. Man sollte -dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht -altertümelndes hat, doch lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn man es -nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von +dünken+ heißt -+deuchte+; beide Formen verhalten sich zueinander ebenso wie +denken+ -und +dachte+, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus +deuchte+ hat -man aber ein Präsens +deucht+ gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ -verbunden: +mir deucht+ (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken -will, sagt immer: +mir deucht+ (statt +mir scheint+) und macht dabei -zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: +mich dünkt+ und +mich -deuchte+. - -+Willfahren+ und +radebrechen+ (eine Sprache) sind nicht mit +fahren+ -und +brechen+ zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet, -von einem nicht mehr vorhandnen ~willevar~ und von der +Radebreche+, -einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.[34] Beide -werden also richtig schwach flektiert: er +willfahrt+, +willfahrte+, -hat +gewillfahrt+, er +radebrecht+, +radebrechte+, hat +geradebrecht+. - -Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip -gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B. -+verschroben+ (von +schrauben+), +verwunschen+ (der +verwunschne+ -Prinz, von +verwünschen+), +unverhohlen+ (ich habe ihm +unverhohlen+ -meine Meinung gesagt, von +verhehlen+). - - -Frägt und frug - -Eine Schande ist es -- nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann, -wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und -doch nicht verhütet hat --, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer -Zeit die falschen Formen +frägt+ und +frug+ um sich gegriffen haben, -auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch -erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb -so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort -handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören -und -- lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich. - -Die Zeitwörter mit +ag+ im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die -eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die -erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich +trage+, du +trägst+ -- ich -+trug+ -- ich habe +getragen+, ich +schlage+, du +schlägst+ -- ich -+schlug+ -- ich habe +geschlagen+; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie -+fahre+, +fuhr+, +gefahren+ -- +grabe+, +grub+, +gegraben+ -- +wachse+, -+wuchs+, +gewachsen+ u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich +sage+, du -+sagst+ -- ich +sagte+ -- ich habe +gesagt+, ich +jage+, du +jagst+ -- -ich +jagte+ -- ich habe +gejagt+; ebenso +klagen+, +nagen+, +plagen+, -+ragen+, +wagen+, +zagen+. +Fragen+ hat nun seit Jahrhunderten -unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich +frage+, du +fragst+ -- -ich +fragte+ -- ich habe +gefragt+. Unsre Klassiker kennen keine andre -Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen -von +frägt+ und +frug+ gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in -Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, +frug+; so -bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals +frug+ ein Kaiser -nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert -- bei Schiller -im Wallenstein: jawohl, der Schwed +frug+ nach der Jahrszeit nichts. -Auch Bürger hat es (Lenore: sie +frug+ den Zug wohl auf und ab, und -+frug+ nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es -stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei -Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit -allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des -neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten -Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und -nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete -sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und -heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der -Unterhaltung unaufhörlich: ich +frug+ ihn, er +frug+ mich, wir +frugen+ -sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle -schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens, -das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte -nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe +gefragen+, -er hat mich +gefragen+ usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode -dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? -Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und -Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden, -so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich -eingedrängt haben.[38] - -Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der -schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft -sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden -lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation -bilden: ich +schreibte+, der Käfer +fliegte+, der Mann, der da -+reinkamte+, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die -nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden +falten+ und +spalten+, -die ursprünglich stark flektiert wurden (+falte+, +fielt+, +gefalten+), -jetzt schwach flektiert: mit +gefalteten+ Händen; von +spalten+ hat -sich nur das starke Partizip erhalten: +gespaltnes+ Holz. Aber einzelne -Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen; -so ist das ursprüngliche +geweist+ und +gepreist+ schon längst durch -+gewiesen+ und +gepriesen+ verdrängt worden, und in Mitteldeutschland -kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke -+gelauten+, ich habe den ganzen Winter kalt +gebaden+.[39] - - -Übergeführt und überführt - -Auch das transitive +führen+ (d. h. bringen) und das intransitive -+fahren+ (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre -vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch -+fahren+ gebraucht: ich +fahre+ im Wagen, und der Kutscher +fährt+ -mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an +Fuhre+, -+Fuhrmann+, +Bierführer+, dem ältern +Buchführer+ (statt Buchhändler) -u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte -auch +überführen+ dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz -für +transportieren+) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht -fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen -von +überführten+ Kranken und +überführten+ Leichen lesen, das soll -heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem -Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich -das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden +überführt+, wenn ihnen -trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden -sie ins Zuchthaus +übergeführt+, wenn denn durchaus „geführt“ werden -muß. - -Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen, -je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das -Zeitwort betont wird, z. B. +über+setzen (den Wandrer über den Fluß) -und über+setzen+, +über+fahren (über den Fluß) und über+fahren+ (ein -Kind auf der Straße), +über+laufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und -über+laufen+ (es über+läuft+ mich kalt, er über+läuft+ mich mit seinen -Besuchen), +über+legen (über die Bank) und über+legen+, +über+gehen -(zum Feinde) und über+gehen+ (den nächsten Abschnitt), +unter+halten -(den Krug am Brunnen) und unter+halten+, +unter+schlagen (die Beine) -und unter+schlagen+ (eine Geldsumme), +unter+breiten (einen Teppich) -und unter+breiten+ (ein Bittgesuch), +hinter+ziehen (ein Seil) und -hinter+ziehen+ (die Steuern), +um+schreiben (noch einmal oder ins -Reine schreiben) und um+schreiben+ (einen Ausdruck durch einen -andern), +durch+streichen (eine Zeile) und durch+streichen+ (eine -Gegend), +durch+sehen (eine Rechnung) und durch+schauen+ (einen -Betrug), +um+gehen und um+gehen+, +hinter+gehen und hinter+gehen+, -+wieder+holen und wieder+holen+ usw. Gewöhnlich haben die Bildungen -mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem -Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive, -die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die -Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder -richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich +breite unter+, -ich +streiche durch+, ich +gehe hinter+, daher auch +hinterzugehen+) -und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe +ge+ -(+untergebreitet+, +durchgestrichen+, +hintergegangen+); die dagegen, -die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition -verbunden (ich +unterbreite+, ich +durchstreiche+, ich +hintergehe+, -daher auch +zu hintergehen+) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe -+ge+ (+unterbreitet+, +durchstrichen+, +hintergangen+). Darnach ist es -klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur +übergeführt+, aber nicht -+überführt+ werden kann. Ebenso verhält sichs mit +übersiedeln+, wo -das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig -ist nur, wann siedelst du +über+? ich bin schon +übergesiedelt+, aber -nicht: wann +übersiedelst+ du? ich bin schon +übersiedelt+, die Familie -+übersiedelte+ nach Berlin. - -Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich, -wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird, -sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren -Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets: -über+führt+, über+siedelt+; er an+erkennt+ etwas, er unter+ordnet+ -sich, eine Aufgabe ob+liegt+ ihm, er redet von einem unter+schobnen+ -Kinde, von dem Text, der einem Liede unter+legt+ ist, er unter+bringt+ -einen jungen Mann in einem Geschäft, er über+schäumt+ vor Entrüstung, -er hat die verschiednen Weine des Landes durch+kostet+ usw. Wir sollen -uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen -trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist. - -Von den mit +miß+ zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit -oder ohne +ge+- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber +miß+ oder -das Verbum betont denkt, also miß+lungen+, miß+raten+, miß+fallen+, -miß+billigt+, miß+deutet+, miß+gönnt+, miß+braucht+, miß+handelt+, -neben +gemiß+braucht, +gemiß+billigt, +gemiß+handelt. Die Vorsilbe -+ge+- kann aber niemals zwischen +miß+ und das Zeitwort treten, +miß+ -bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher -ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie +mißzuhandeln+, es muß -unbedingt heißen: +zu mißhandeln+, +zu mißbrauchen+. - -Für +neubacken+ wird jetzt öfter +neugebacken+ geschrieben: ein -neu+gebackner+ Doktor, ein neu+gebackner+ Ehemann usw., aber doch -immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben -getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor +neuwaschen+ noch vor -+altbacken+ noch vor +hausbacken+. - - -Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? - -Ufm Bergli +bin i gsässe+, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, +hänt -gesprunge+, hänt’s Nestli gebaut -- heißt es in Goethes Schweizerlied. -+Ich bin gesessen+, +gestanden+, +gelegen+ ist das Ursprüngliche, das -aber in der Schriftsprache längst durch +habe gesessen+, +gestanden+, -+gelegen+ verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in -einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben -läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert: -es +ist+ ein Bäumlein +gestanden+ im Wald); in einem wissenschaftlichen -Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das +hänt -gesprunge+! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit -+sein+; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit +haben+ -bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung -bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der -Custos zu S. Niclas +hat+ mit dem Frohnen nach Erbgeld +gangen+, d. h. -er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt -es allgemein: vorige Woche +haben+ wir +gejagt+, aber: ich +bin+ in der -ganzen Stadt +herumgejagt+, eine Zeit lang +bin+ ich diesem Trugbilde -+nachgejagt+, wir +haben+ die halbe Nacht +getanzt+, aber: das Pärchen -+war+ ins Nebenzimmer +getanzt+. Jedermann sagt: +ich bin gereist+, -nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich +habe+ nun schon zehn -Jahre +gereist+, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn -er aber sagt: Ich +bin+ mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang -+verkehrt+, so ist das falsch: auch +verkehren+ bildet sein Perfektum -mit +haben+. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau -in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier -+bin+ ich ein Jahr lang +jewohnt+! Richtig unterschieden wird wohl -allgemein zwischen: er +ist+ mir +gefolgt+ (nachgegangen) und er +hat+ -mir +gefolgt+ (gehorcht), er +ist fortgefahren+ (im Wagen) und er +hat -fortgefahren+ (zu lügen). - - -Singen gehört oder singen hören? - -Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem -Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird -mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich +singen gehört+ oder -+singen hören+. - -Bei den Hilfszeitwörtern +können+, +mögen+, +dürfen+, +wollen+, -+sollen+ und +müssen+ und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die -ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie +heißen+, +lehren+, -+lernen+, +helfen+, +lassen+ (+lassen+ in allen seinen Bedeutungen: -befehlen, erlauben und zurücklassen), +machen+, +sehen+, +hören+ und -+brauchen+ (+brauchen+ im Sinne von +müssen+ und +dürfen+) ist schon -in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es -unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der +Rat+ hat ihn -+geheißen gehen+), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv -verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten -Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn +geheißen gehen+ -und +heißen gehen+, und passiv: er ist +geheißen gehen+, er ist +heißen -gehen+, er ist +geheißen zu gehen+, ja sogar er ist +gegangen heißen+. -Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig -durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar -davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn +gehen -heißen+, ich habe ihn +tragen müssen+, ich habe ihn +kommen lassen+, -ich habe ihn +kennen lernen+, ich habe ihn +laufen sehen+, ich habe ihn -+rufen hören+, er hat viel von sich +reden machen+ (Goethe im Faust: -ihr habt mich weidlich +schwitzen+ machen, der Kasus +macht+ mich -+lachen+), du hättest nicht zu +warten brauchen+.[41] Das merkwürdigste -ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv -ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden -ist, nämlich bei +hören+, +sehen+, +machen+ und +lassen+: ich höre ihn -+singen+, ich mache ihn +schwitzen+, ich lasse ihn +liegen+ ist ja -entstanden aus: ich höre ihn +singend+, ich mache ihn +schwitzend+, -ich lasse ihn +liegend+.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn -+singen hören+ sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der -Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu -Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch -jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie -ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt, -ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie -auf dem Ball +kennen gelernt+ -- Dozent auf der Hochschule hatte ich -+werden gewollt+ (behüt dich Gott! es hat nicht +sein gesollt+!) -- -er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos +sitzen gelassen+ -- -wir haben die Situation +kommen gesehen+ -- über diesen Versuch hat -er nie Reue zu +empfinden gebraucht+ -- du hast mir das Verständnis -+erschließen geholfen+ usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt -beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf -sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch -dann noch auf uns +lasten fühlen+ (statt: +lasten gefühlt+). (Lenau: -Drei Zigeuner +fand+ ich einmal +liegen+ an einer Weide.) - -Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und -wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn -dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl +laufen lassen -sollen+, +laufen lassen müssen+, +laufen lassen können+. Klingt -wundervoll und ist -- ganz richtig. - - -Du issest oder du ißt? - -In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler -gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die -auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten -Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen -wird: du +reisest+, du +liesest+, du +hassest+, du +beißest+, du -+tanzest+, du +seufzest+. Allgemein üblich ist freilich: du +mußt+, -du +läßt+, fast allgemein auch: du +ißt+. Aber zu fragen: du +speist+ -doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen +speisen+ und +speien+ -muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch +du haust+ und +du hausest+.) -Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost -sagen: du +naschst+, du +wäschst+, du +drischst+, du +wünschst+, -sogar du +rutschst+. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird -das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht -mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über -Maueranschläge, wie: +Besuchet+ Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten, -oder: +Waschet+ mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen -des altmodischen +et+. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern -gefallen: +Nehmet+ hin und +esset+. - - -Stände oder stünde? Begänne oder begönne? - -Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts -richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben -ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (+würde+ mit -dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz -unzulässig ist (vgl. S. 158). Besonders auffällig ist bei einer Reihe -von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man -ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im -Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders -lautete als der Singularvokal (~half~, ~hulfen~; ~wart~, ~wurden~), -dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv -immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand -Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (+hülfe+, -+stürbe+, +verdürbe+, +würbe+, +würfe+) doch noch lebendig sind, so -verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen -+hälfe+, +stärbe+, +verdärbe+, +wärbe+, +wärfe+ vorgezogen zu -werden. Neben +würde+ ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von -+stehen+ hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht +stand+, -sondern +stund+, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u -ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier -+stünde+ älter und richtiger als +stände+. Bei einigen Verben, wie -bei +beginnen+, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o -des Partizips (+begonnen+) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme -gebracht. Auch diese Formen mit ö (+beföhle+, +begönne+, +besönne+, -+empföhle+, +gewönne+, +gölte+, +rönne+, +schölte+, +schwömme+, -+spönne+, +stöhle+) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem -Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä. - - -Kännte oder kennte? - -Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, aus dem Indikativ +kannte+ einen -Konjunktiv +kännte+ bilden zu dürfen. Die sechs schwachen Zeitwörter: -+brennen+, +kennen+, +nennen+, +rennen+, +senden+ und +wenden+ haben -eigentlich ein a im Stamm, sind also schon im Präsens umgelautet. -Ihr Imperfekt bilden sie ebenso wie das Partizip der Vergangenheit -(durch den sogenannten Rückumlaut) mit a: +brannte+, +gebrannt+, -+sandte+, +gesandt+, und da der Konjunktiv bei schwachen Verben -nicht umlautet, so sollte er eigentlich ebenfalls +brannte+, +sandte+ -heißen. Zur Unterscheidung hat man aber (und zwar ursprünglich nur im -Mitteldeutschen) einen Konjunktiv +brennete+, +kennete+, +nennete+, -+rennete+, +sendete+ und +wendete+ gebildet. Das e dieser Formen ist -nicht etwa ein jüngerer Umlaut zu dem a des Indikativs, sondern es -ist das alte Umlauts-e, das durch das Präsens dieser Zeitwörter geht. -Wirft man nun, wie es jetzt geschieht, aus +brennete+, +kennete+ das -mittlere e aus, das in +sendete+ und +wendete+ beibehalten wird, so -bleibt +brennte+, +kennte+ übrig. In früherer Zeit gehörten noch andre -Verba zu dieser Reihe, z. B. +setzen+ und +stellen+; der Konjunktiv -des Imperfekts heißt hier +setzte+, +stellte+, der Indikativ und das -Partizipium aber hießen früher: +sazte+, +stalte+, +gesazt+, +gestalt+ -(das noch in +wohlgestalt+, +mißgestalt+, +ungestalt+ erhalten ist). - -[Illustration] - - - - -Zur Wortbildungslehre - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Reformer und Protestler - -Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung, -noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch -im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen -vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und -Verirrungen. - -Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von -Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv, -das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung -+er+ hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten -Jahrhundert nicht bloß von +Barfüßern+, sondern nannte auch die -Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg +Pauler+ und -+Thomasser+, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung -der Stadt +Defensioner+. Dazu kamen später die +Korrektioner+ (die -Insassen des Arbeitshauses) und die +Polizeier+, und in neuerer -Zeit die +Hundertsiebener+, die +Urlauber+, die +Sanitäter+, die -+Eisenbahner+ und die +Straßenbahner+. Im Buchhandel spricht man von -+Sortimentern+, in der gelehrten Welt von +Naturwissenschaftern+ und -+Sprachwissenschaftern+, in der Malerei von +Landschaftern+, und in der -Politik von +Botschaftern+, +Reformern+ und -- +Attentätern+![43] Da -manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack -haben, der den von Verbalstämmen gebildeten Substantiven auf er -(+Herrscher+, +Denker+, +Kämpfer+) nicht anhaftet, so sollte man sich -mit ihnen recht in acht nehmen. In +Reformer+, das man dem Engländer -nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zu -+Reformator+; unter einem +Reformer+ denkt man sich einen Menschen, -der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts -bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige -in den Bildungen auf +ler+, wie +Geschmäckler+, +Zünftler+, -+Tugendbündler+, +Temperenzler+, +Abstinenzler+, +Protestler+, -+Radler+, +Sommerfrischler+, +Barfüßler+, +Zuchthäusler+; deshalb ist -es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von -+Neusprachlern+ und von +Naturwissenschaftlern+ zu reden. Eigentlich -gehen ja die Bildungen auf +ler+ auf Zeitwörter zurück, die auf +eln+ -endigen, wie +bummeln+, +betteln+, +grübeln+, +kritteln+, +sticheln+, -+nörgeln+, +kränkeln+, +hüsteln+, +frömmeln+, +tänzeln+, +radeln+, -+anbändeln+, sich +herumwörteln+, +näseln+, +schwäbeln+, +französeln+. -So setzen +Neusprachler+ und +Naturwissenschaftler+ die Zeitwörter -+neuspracheln+ und +naturwissenschafteln+ voraus; das wären aber -doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als -Spielerei betrieben würden. An +Künstler+ haben wir uns freilich ganz -gewöhnt, obwohl +künsteln+ mit seiner geringschätzigen Bedeutung -daneben steht, auch an +Tischler+ und +Häusler+. - - -Ärztin und Patin - -Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf -+in+ gebildet: +König, Königin+ -- +Wirt, Wirtin+ -- +Koch, Köchin+ --- +Berliner, Berlinerin+ -- sogar +Landsmann, Landsmännin+ (während -sonst natürlich zu +Mann+ das Femininum +Weib+ oder +Frau+ ist: der -+Kehrmann+, das +Waschweib+, der +Botenmann+, die +Botenfrau+). Von -+Arzt+ hat man in letzter Zeit +Ärztin+ gebildet. Manche getrauten -sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von +weiblichen Ärzten+, -es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt, -wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und +weiblichen Arbeitern+, -männlichen und +weiblichen Lehrern+ reden statt von Arbeitern und -+Arbeiterinnen+, Lehrern und +Lehrerinnen+ (abgeschmackt auch, wenn -es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes +Kind+ männlichen -oder +weiblichen Geschlechts+ im Wasser gefunden worden sei, statt -ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes +Mädchen+). Dagegen ist es -nicht gut, ein Femininum auf +in+ zu bilden von +Pate+, +Kunde+ (beim -Kaufmann) und +Gast+. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen -auch +Gästin+, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer -Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als +Gastin+ auftrete, -aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine +Gästin+ -oder +Gastin+ nennen? Bei +Pate+ unterscheidet man +den Paten+ und -+die Pate+, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der -Kaufmann sagt: das ist +ein guter Kunde+ oder +eine gute Kunde+ von -mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen: -die +Beklagtin+, die +Verwandtin+ und -- das neueste -- die +Beamtin+. -Von Partizipialsubstantiven -- und ein solches ist auch der +Beamte+, -d. h. der +Beamtete+, der mit einem Amte versehene -- können keine -Feminina auf +in+ gebildet werden; niemand sagt: meine +Bekanntin+, -meine +Geliebtin+, auch Juristen nicht. - - -Tintefaß oder Tintenfaß? - -Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen -ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des -Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt -wurde, z. B. +Tage-lohn+; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte -Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch -entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem -folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B. -+Gottesdienst+, +Sonntagsfeier+, +Tageslicht+, +Heeressprache+, -+Handelskammer+. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der -Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung, -z. B. +Landmann+ und +Landsmann+, +Wassernot+ und +Wassersnot+. Nun -endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie -der Genitiv, beide gehen eigentlich auf +en+ aus, und so haben diese -schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit +en+ -gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß -+en+ zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man -denke +nur an Sonnenschein+, +Frauenkirche+ (d. i. die Kirche unsrer -lieben +Frauen+, der Jungfrau Maria), +Erdenrund+, +Lindenblatt+, -+Aschenbecher+, +Taschentuch+, +Seifensieder+, +Gassenjunge+, -+Stubentür+, +Laubendach+, +Küchenschrank+, +Schneckenberg+, -+Wochenamt+, +Gallenstein+, +Kohlenzeichnung+, +Leichenpredigt+, -+Reihenfolge+, +Wiegenlied+, +Längenmaß+, +Breitengrad+, +Größenwahn+, -+Muldental+, +Pleißenburg+, +Parthendörfer+, +Markthallenstraße+ -u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung -angeschlossen, wie in +Straßenpflaster+, +Tintenfaß+, +Kirchendiener+, -+Lampenschirm+, +Flötenspiel+, +Kasernenhof+, +Bastillenplatz+, -+Visitenkarte+, +Toilettentisch+, +Promenadenfächer+, -+Kolonnadenstraße+. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das -+Schokoladenmädchen+. - -Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber -Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das -hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich -ein, das Binde-+en+ sei überhaupt nichts andres als das Plural-+en+, -man fühlt nicht mehr, daß dieses +en+ ebenso gut die Berechtigung -hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu -verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst -vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: +Aschebecher+, +Aschegrube+, -+Tintefaß+, +Jauchefaß+, +Sahnekäse+, +Hefezelle+, +Hefepilz+, -+Rassepferd+ und +Rassehund+, +Stellegesuch+, +Muldetal+, +Pleißeufer+, -+Parthebrücke+, +Gartenlaubekalender+, +Gartenlaubebilderbuch+, -+Sparkassebuch+, +Visitekarte+, +Toiletteseife+, +Serviettering+, -+Manschetteknopf+, +Promenadeplatz+, +Schokoladefabrik+ usw. In allen -Bauzeitungen muß man von +Mansardedach+ und von +Lageplan+ lesen (so -haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger -sind, +Situationsplan+ übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von -+Kohlezeichnungen+ und +Kohledrucken+, offenbar damit ja niemand -denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder -Braunkohle aus dem +Kohlenkasten+ gemacht -- nicht wahr? Wer nicht -fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu -bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst -reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können. -Man setze sich das nur im Geiste weiter fort -- was wird die Folge -sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: +Sonneschein+, +Taschetuch+, -+Brilleglas+, +Gosestube+, +Zigarrespitze+, +Straßepflaster+, -+Roseduft+, +Seifeblase+, +Hülsefrucht+, +Laubedach+, +Geigespiel+, -+Ehrerettung+, +Wiegelied+, +Aschebrödel+ usw.[44] Sollten einzelne -dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur -deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im -Plural, und der sei richtig, also ein +Taschentuch+ sei nicht ein Tuch -für die Tasche, sondern -- für die Taschen! - -Wo das Binde-+en+ aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht -wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten -Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten -starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der -Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in -früherer Zeit +Leichpredigt+ neben +Leichenpredigt+, und so haben wir -längst +Mühlgasse+ neben +Mühlenstraße+, +Erdball+ und +Erdbeere+ -neben +Erdenrund+ und +Erdenkloß+, +Kirchspiel+ und +Kirchvater+ -neben +Kirchenbuch+ und +Kirchendiener+, +Elbtal+, +Elbufer+ und -+Elbbrücke+ neben +Muldental+ und +Muldenbett+. Vor dreißig Jahren -sagte man +Lokomotivenführer+, und das war gut und richtig. Neuerdings -hat die Amtssprache +Lokomotivführer+ durchgedrückt. Das ist zwar ganz -häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber -es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie +Saalezeitung+ oder -+Solebad+, wie man auch neuerdings lallt (das +Solebad+ Kissingen), -ist doch die reine Leimerei. Bei +Saalzeitung+ könnte wohl einer an -den +Saal+ denken statt an die +Saale+? Denkt denn beim +Saalkreis+, -beim +Saalwein+ und bei der +Saalbahn+ jemand dran?[45] Die Amtssprache -fängt jetzt freilich auch an, vom +Saalekreis+ zu stammeln. Als 1747 -das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald -+Nashorn+, bald +Nasenhorn+. Hätte man das Tier heute zu benennen, -man würde es unzweifelhaft +Nasehorn+ nennen.[46] Das Neueste ist, -daß sich die Herren von der Presse jetzt +Pressevertreter+ nennen und -bisweilen ein +Pressefest+ oder einen +Presseball+ veranstalten. Von -einem +Preßfest+ oder einem +Preßball+ zu reden fürchten sie sich, -offenbar damit niemand an die +Preßwurst+ denke! Ein Glück, daß die -Wörter +Preßfreiheit+, +Preßgesetz+, +Preßvergehen+, +Preßpolizei+, -+Preßbureau+ schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren -von der Presse noch deutsch reden konnten! - -Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei -der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise -geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße -+Augustastraße+, ein Haus +Marthahaus+, einen Garten +Johannapark+ zu -nennen! Da sagte man +Annenkirche+, +Katharinenstraße+, +Marienbild+, -und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen, -Katharinen oder Marien zu denken. - - -Speisenkarte oder Speisekarte? - -Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein -üblichen +Speisekarte+ eine +Speisenkarte+ eingeführt haben, -etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv -wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben -die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf -meiner Karte steht doch nicht bloß +eine+ Speise. Damit sind sie -aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In +Speisekarte+ ist -die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort +Speise+ gebildet, -sondern durch den Verbalstamm von +speisen+. Alles, was zum Speisen -gehört: die +Speisekammer+, das +Speisezimmer+, der +Speisesaal+, -das +Speisegeschirr+, der +Speisezettel+ -- alles ist mit diesem -Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die +Speisekarte+ nicht die -Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte, -die man beim Speisen gebraucht, wie die +Tanzkarte+ die Karte, die -man beim Tanzen gebraucht, das +Kochbuch+ das Buch, das man beim -Kochen benutzt, die +Spielregel+ die Regel, die man beim Spielen -beobachtet, die +Bauordnung+ die Ordnung, nach der man sich beim -Bauen richtet, der +Fahrplan+ der Plan, der uns darüber belehrt, -wann und wohin gefahren wird, die +Singweise+ die Weise, nach der -man singt, das +Stickmuster+ das Muster, nach dem man stickt, die -+Zählmethode+ die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind -mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit -ihrer +Speisenkarte+ Recht, dann müßten sie doch auch +Weinekarte+ -sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen. -Niemals hört man in einer Wirtschaft eine +Speisenkarte+ verlangen, es -wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die -damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf -Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders -feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen -Unterschied machen wollen: eine +Speisekarte+ sei die, auf der ich mir -eine Speise aussuchen könne, eine +Speisenkarte+ dagegen ein „Menu“, -das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch -das schöne Wort +Speisenfolge+ eingeführt hat. Die +Speisekarte+ ist -die Karte, die zum +Speisen+ gehört, ob ich mir nun etwas darauf -aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse. - -Ein Gegenstück zur +Speisenkarte+ ist die +Fahrrichtung+; an den -ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der +Fahrrichtung+ -abspringen! Es spricht aber niemand von +Fließrichtung+, -+Strömrichtung+, +Schießrichtung+, wohl aber von +Flußrichtung+, -+Stromrichtung+, +Schußrichtung+, +Windrichtung+, +Strahlrichtung+. -Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die +Fahrtrichtung+ -unzweifelhaft sofort zur +Fahrtsrichtung+ verschönert hätte (nach -+Mietskaserne+), so muß man ja eigentlich für die +Fahrrichtung+ sehr -dankbar sein. - - -Äpfelwein oder Apfelwein? - -Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem -Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am -Platze sei. Einen Braten, der nur von +einem+ Rind geschnitten ist, -nennt man in Leipzig +Rinderbraten+, eine Schüssel Mus dagegen, die -aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, +Apfelmus+. Das ist doch -sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein! -Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen -weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den -Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine -Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der -guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und -Willkür. Man sagt: +Bruderkrieg+, +Freundeskreis+, +Jünglingsverein+, -+Ortsverzeichnis+ (neuerdings leider auch +Namensverzeichnis+ und -+Offizierskasino+!), +Adreßbuch+, +Baumschule+, +Fischteich+, -+Kartoffelernte+, +Trüffelwurst+, +Federbett+, obwohl hier überall -das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen -sagt man +Kinderkopf+ (in der Malerei), +Liedervers+, +Eierschale+, -+Lämmerschwänzchen+, +Hühnerei+, +Städtename+, +Gänsefeder+, obwohl -ein Vers nur zu +einem+ Liede, eine Schale nur zu +einem+ Ei gehören -kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren -Willkür gute Gründe. +Baumschule+, +Bruderkrieg+ und +Fischteich+ -sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach -singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes -nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet. -+Jünglingsverein+ und +Ortsverzeichnis+ haben das s, das eigentlich nur -dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter -gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch -gemeinte Substantiva, geworden ist; auch +Freundeskreis+ ist ein -Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die -Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung. -In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung +er+ und umgelautete -Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das +er+ -(und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem -Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den -Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt, -können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch -denkt bei dem Worte +Gänseblume+ an mehrere Gänse, sondern jeder nur an -den Begriff Gans, so gut wie er bei +Rinderbrust+ nicht mehrere Rinder -vor Augen hat. - -Trotz alledem ist natürlich +Äpfelwein+ neben +Apfelwein+ nicht zu -verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der -pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen -in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen -verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen -wie +Anwaltstag+, +Juristentag+, +Ärztetag+, +Bischofkonferenz+, -+Rektorenkonferenz+, +Gastwirtverein+, +Gastwirtstag+, -+Architektenverein+ u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es -nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich -den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu +Ärztetag+ hat -man ausnahmsweise gegriffen, weil +Arzttag+ undeutlich, +Arztstag+ -unerträglich klingt, während gegen eine +Arztversammlung+ niemand -etwas einwenden wird, also auch die +Ärztekammer+ (statt +Arztkammer+) -überflüssig war, ebenso überflüssig wie der +Wirteverein+. Höchst -ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von -+Kollegienheften+ hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster -eines Schreibwarenkrämers +Kolleghefte+ angepriesen sieht. Aber der -gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine -+Kollegiengelder+ mehr beanspruchen, sondern +Kolleggelder+! - - -Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? - -Die falschen Zusammensetzungen +Zeichnenbuch+, +Zeichnensaal+, -+Rechnenheft+ sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten, -jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule -aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das -Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen -das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des -Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: +Schreibfeder+, +Reißzeug+, -+Stimmgabel+, +Druckpapier+, +Stehpult+, +Rauchzimmer+, +Laufbursche+, -+Spinnstube+, +Trinkhalle+, +Springbrunnen+, +Zauberflöte+, oder auch -mit einem Bindevokal: +Wartesaal+, +Singestunde+, +Bindemittel+.[49] -Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. +zeichen+, -+rechen+, +trocken+, +turn+; die Infinitive dazu heißen: +rechnen+ -(eigentlich +rechenen+), +zeichnen+ (eigentlich +zeichenen+), -+trocknen+, +turnen+. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet, -so können natürlich nur Formen entstehen wie +Rechenstunde+, -+Zeichensaal+, +Trockenplatz+, +Turnhalle+. Wäre +Rechnenbuch+ und -+Zeichnensaal+ richtig, so müßte man doch auch sagen: +Trocknenplatz+, -+Turnenhalle+, ja auch +Schreibenfeder+ und +Singenstunde+. - - -Das Binde-s - -In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne -s in zusammengesetzten Wörtern um sich. In +Himmelstor+, +Gotteshaus+, -+Königstochter+, +Gutsbesitzer+, +Feuersnot+, +Wolfsmilch+ kann -man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder -sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche -Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s -also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B. +Rittersmann+, -+segensreich+ (Schiller hat in der Glocke noch richtig +segenreiche -Himmelstochter+ geschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter -weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können? -Wie ist man dazu gekommen, zu bilden: +Liebesdienst+, +Hilfslehrer+, -+Geschichtsforscher+, +Bibliotheksordnung+, +Arbeitsliste+, -+Geburtstag+, +Hochzeitsgeschenk+, +Weihnachtsabend+, +Fastnachtsball+, -+Zukunftsmusik+, +Einfaltspinsel+, +Zeitungsschreiber+, +Hoheitsrecht+, -+Sicherheitsnadel+, +Wirtschaftsgeld+, +Konstitutionsfest+, -+Majestätsbeleidigung+, +ausnahmsweise+, +rücksichtsvoll+, -+vorschriftsmäßig+? - -Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl. S. 23) aus -dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht, -um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden, -natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt, -voransteht, wie +Mutters+ Liebling, vor +Schwesters Tür+, +Madames+ -Geschenk (Lessing: +Antworts+ genug, über +Naturs+ Größe), und so ist -aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber -erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur -vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich -dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer -weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen: +Doktorsgrad+, -+Wertspapiere+, +Raumsgestaltung+, +Gesteinsmassen+, +Gewebslehre+, -+Gesangsunterricht+, +Kapitalsanlage+, +Inventursaufnahme+, -+Examensvorbereitung+, +Aufnahmsprüfung+, +Einnahmsquelle+, -+teilnahmslos+, +Niederlagsraum+, +Schwadronsbesichtigung+, ja -in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar -schon +Stiefelsknecht+, +Erbsmasse+ (statt Erbmasse), +Ratshaus+, -+Stadtsgraben+, +Nachtswächter+, +Zweimarksstück+, +Schiffsbruch+, -+Kartoffelsbrei+ u. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einem -+Kajütsbureau+ beglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen -reden seit einiger Zeit nur noch von +Zugsverkehr+, +Zugsverbindungen+ -und +Zugsverspätungen+. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit -sind wohl die Zusammensetzungen mit +Miets-+ und +Fabriks-+: das -+Mietshaus+, die +Mietskaserne+, der +Mietsvertrag+, der +Mietspreis+, -der +Fabriksdirektor+, das +Fabriksmädchen+, das tollste der in -rheinischen Städten übliche +Stehsplatz+ und der +Verpflegsdienst+. Das -Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt! - -Nur +eine+ Wortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich -erwehrt: die Stoffnamen. Von +Gold+, +Silber+, +Wein+, +Kaffee+, -+Mehl+, +Zucker+ usw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s -gebildet. Nur mit +Tabak+ hat man es gewagt: +Tabaksmonopol+, -+Tabaksmanufaktur+, natürlich durch das verwünschte k verführt. -Der +Fabrikstabak+ und die +Tabaksfabrik+ sind einander wert. Die -+Tabakspfeife+ geht freilich schon weit zurück. - -Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf -vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mit -+Liebe+, +Hilfe+, +Geschichte+, hinter vielen weiblichen Wörtern, -die auf t endigen, ferner bei allen, die mit +ung+, +heit+, +keit+ -und +schaft+ gebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern auf +ion+ -und +tät+. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder -loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50] Wo es sich aber noch -nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinter -+Fabrik+ und +Miete+, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es -fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51] -Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn -dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste -Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt man +Rindsleder+, +Schweinsleder+, -+vertragsbrüchig+, +inhaltsreich+, +beispielsweise+, +hoffnungslos+, -da man doch +Kalbleder+, +Schafleder+, +wortbrüchig+, +gehaltreich+, -+schrittweise+, +gefühllos+ sagt? Hie und da scheint wieder der -Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer. - -Nach +Hilfe+ wird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied -beobachtet: man sagt +Hilfsprediger+, +Hilfslehrer+, +Hilfsbremser+, -+hilfsbedürftig+ und +hilfsbereit+, auch +aushilfsweise+, dagegen -+Hilferuf+ und +Hilfeleistung+, weil man bei diesen beiden das -Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung. -Ähnlich ist es mit +Arbeitgeber+ im Gegensatz zu +Arbeitsleistung+, -+Arbeitsteilung+, mit +staatserhaltend+ und +vaterlandsliebend+ im -Gegensatz zu +kriegführend+, +rechtsuchend+, +betriebstörend+. Niemand -redet von +kriegsführenden+ Mächten, auch nicht von +Kriegsführung+, -weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ -(Krieg) deutlich gefühlt wird, während +vaterlandsliebend+ und -+staatserhaltend+ eine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt -aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten -Zeitungsnummer stößt man auf den +geschäftsführenden+ Ausschuß, auf -die +verkehrshindernde+ Barriere und auf die +vertragsschließenden+ -Parteien.[52] - - -ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich - -Eigenschaftswörter können im Deutschen von Hauptwörtern auf sehr -verschiedne Arten gebildet werden: mit +ig+, +lich+, +isch+, +sam+, -+bar+, +haft+ usw. Zwischen allen diesen Bildungen waren ursprünglich -fühlbare Bedeutungsunterschiede, die heute vielfach verwischt sind. -Doch sind sie auch manchmal noch deutlich zu erkennen, selbst bei den -am häufigsten verwendeten und deshalb am meisten verblaßten Endungen -+ig+, +lich+ und +isch+; man denke nur an +weiblich+ und +weibisch+, -+kindlich+ und +kindisch+, +herrlich+ und +herrisch+, +launig+ und -+launisch+, +traulich+ und +mißtrauisch+, +göttlich+ und +abgöttisch+, -+väterlich+ und +altväterisch+, +gläubig+ und +abergläubisch+ u. a. - -Das von +Adel+ gebildete Adjektiv soll nach der „neuen Orthographie“ -nun endgiltig +adlig+ geschrieben werden. Es schadet aber vielleicht -nichts, wenn man sich darüber klar bleibt, daß das eigentlich falsch -ist. +Adlich+ ist entstanden aus +adel-lich+, es gehört zu +königlich+, -+fürstlich+, +ritterlich+, +männlich+, +weiblich+, +geistlich+, -+weltlich+, +fleischlich+, aber nicht zu +heilig+, +geistig+, -+luftig+, +fleißig+, +steinig+, +ölig+, +fettig+, +schmutzig+. -Dieselbe Verwirrung des Sprachgefühls wie bei +adlig+ findet sich -auch bei +billig+ (das noch bis in das siebzehnte Jahrhundert richtig -+billich+ geschrieben wurde) und bei +unzählig+ und +untadlig+, die -eigentlich +unzählich+ und +untadlich+ geschrieben werden müßten. Nur -bei +allmählich+, das eine Zeit lang allgemein falsch +allmählig+ -geschrieben wurde (es ist aus +allgemächlich+ entstanden), ist das -richtige in neuerer Zeit wiederhergestellt worden, wohl deshalb, weil -hier doch gar zu offenbar ist, daß das l nicht zum Stamme gehören kann. - -Wenn aus einem Substantiv mit vorhergehendem Eigenschaftswort oder -Zahlwort ein Adjektiv gebildet wird, so geschieht es immer mit -der Endung +ig+. Bei +kurzweilig+, +langstielig+, +großmäulig+, -+dickfellig+, +gleichschenklig+, +rechtwinklig+, +vierzeilig+ könnte -man meinen, sie wären deshalb auf ig gebildet worden, weil der -Stamm auf l endigt; es heißt aber auch: +fremdartig+, +treuherzig+, -+gutmütig+, +schöngeistig+, +freisinnig+, +hartnäckig+, +vollblütig+, -+breitschultrig+, +schmalspurig+, +freihändig+, +buntscheckig+, -+eintönig+, +vierprozentig+ usw. - -Da hat man nun neuerdings +fremdsprachlich+ und +neusprachlich+ -gebildet -- ist das richtig? Leider Gottes! muß man sagen. Diese -Adjektiva sind nicht etwa entstanden zu denken aus +fremd+ und -+Sprache+, +neu+ und +Sprache+ (so wie +fremdartig+ aus +fremd+ und -+Art+), sondern es sollen Adjektivbildungen zu +Fremdsprache+ und -+Neusprache+ sein. Diese beiden herrlichen Wörter hat man nämlich -gebildet, um nicht mehr von +fremden+ und +neuen Sprachen+ reden -zu müssen; nur die +Altsprachen+ fehlen noch, aber stillschweigend -vorausgesetzt werden sie auch, denn neben +neusprachlich+ steht -natürlich +altsprachlich+. Und wie man nun nicht mehr von -+Sprachunterricht+, sondern nur noch von +sprachlichem+ Unterricht -redet, so nun auch von +fremdsprachlichem+, +altsprachlichem+ -und +neusprachlichem+. Neben diesen Bildungen gibt es aber auch -+fremdsprachig+, das nun wirklich aus +fremd+ und +Sprache+ -gebildet ist. Während mit +fremdsprachlich+ bezeichnet wird, was -sich auf eine fremde Sprache bezieht, bezeichnet +fremdsprachig+ -eine wirkliche Eigenschaft. Man redet oder kann wenigstens reden -von +fremdsprachigen+ Völkern, +fremdsprachigen+ Büchern, einer -+fremdsprachigen+ Literatur (wie von einer +dreisprachigen+ Inschrift -und einer +gemischtsprachigen+ Bevölkerung). Sogar ein Unterricht kann -zugleich +fremdsprachlich+ und +fremdsprachig+ sein, wenn z. B. der -Lehrer die Schüler im Französischen unterrichtet und dabei zugleich -französisch spricht. +Fremdsprachig+ steht also neben +fremdsprachlich+ -wie +gleichaltrig+ (gebildet aus +gleich+ und +Alter+) neben -+mittelalterlich+ (gebildet von +Mittelalter+). - -Streng zu scheiden ist zwischen den Bildungen auf +ig+ und denen auf -+lich+ bei den Adjektiven, die von +Jahr+, +Monat+, +Tag+ und +Stunde+ -gebildet werden. Auch hier bezeichnen die auf +ig+ eine Eigenschaft, -nämlich die Dauer: +zweijährig+, +eintägig+, +vierstündig+. -Bis vor kurzem konnte man zwar oft von einem +dreimonatlichen -Urlaub+ oder einer +vierwöchentlichen+ Reise lesen; jetzt wird -erfreulicherweise fast überall nur noch von einem +dreimonatigen+ -Urlaub und einer +vierwöchigen+ Reise gesprochen. Dagegen bezeichnen -+einstündlich+, +dreimonatlich+ so gut wie +jährlich+, +halbjährlich+, -+vierteljährlich+, +monatlich+, +wöchentlich+, +täglich+ und -+stündlich+ den Zeitabstand von wiederkehrenden Handlungen. Da heißt -es: in +dreimonatlichen+ Raten zu zahlen, +einstündlich+ einen Eßlöffel -voll zu nehmen, ebenso wie: nach +vierteljährlicher Kündigung+. Unsinn -also ist es, von +halbjährigen+ öffentlichen Prüfungen zu reden; -es gibt nur +halbjährliche+, das sind solche, die alle halben Jahre -stattfinden, und +halbstündige+, das sind solche, die eine halbe Stunde -dauern. - -Falsch ist es auch, von einem +unförmlichen+ Fleischklumpen zu reden. -+Unförmlich+ könnte nur als Verneinung von +förmlich+ verstanden -werden. Das Betragen eines Menschen kann +unförmlich+ sein (ohne -Förmlichkeit, formlos), ein Fleischklumpen aber nur +unförmig+ -(gebildet von +Unform+; vgl. +unsinnig+ und +unsinnlich+). - -Genau zu unterscheiden ist endlich auch noch zwischen +abschlägig+ -(eine +abschlägige+ Antwort) und +abschläglich+ (eine +abschlägliche+ -Zahlung). +Abschlägig+ ist unmittelbar aus dem Verbalstamm gebildet, -eine +abschlägige+ Antwort ist eine abschlagende; +abschläglich+ -dagegen ist von +Abschlag+ gebildet, eine +abschlägliche+ Zahlung -ist eine +Abschlagszahlung+. (Vgl. +geschäftig+ und +geschäftlich+.) -Wenn Kaufleute oder Buchhändler neuerdings davon reden, daß Waren -oder Bücher wegen ihres niedrigen Preises den weitesten Kreisen -+zugängig+ seien, oder eine Zeitung schreibt: die Kinder müssen so -viel Deutsch lernen, daß ihnen die deutsche Kultur +zugängig+ ist, -oder das „Tuberkulosemerkblatt“ des Kaiserlichen Gesundheitsamtes als -Hauptmittel gegen die Ansteckung eine dem Zutritte (!) von Luft und -Licht +zugängige+ Wohnung bezeichnet, so ist das dieselbe Verwechslung. -Die Wohnung soll der Luft +zugänglich+ sein, d. h. sie soll der Luft -+Zugang+ bieten. +Zugängig+ könnte höchstens (aktiv!) etwas bedeuten, -was jedermann zugeht, z. B. die Probenummer einer Zeitung, wie das -neumodische +angängig+ (für +möglich+) doch das bedeuten soll, was -angeht. (Vgl. auch +verständlich+ und +verständig+.) Wenn also amtlich -bekanntgemacht wird, daß die sächsischen Sterbetaler der Allgemeinheit -unmittelbar +zugängig+ gemacht werden sollen, so könnte ich mit Recht -sagen: Schön, wann wird mir der meinige zugeschickt? Der Unterschied -liegt auf der Hand, und doch hat das dumme +zugängig+ in der letzten -Zeit mit ungeheurer Schnelligkeit um sich gegriffen. - - -Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? - -Eine rechte Dummheit ist in der Bildung der Adjektiva auf +isch+ -eingerissen bei Orts- und Personennamen, die auf e endigen; man liest -nur noch von der +Halle’schen+ Universität, von +Goethe’schen+ und -+Heine’schen+ Gedichten und von der +Ranke’schen+ Weltgeschichte. Man -übersehe ja den Apostroph nicht; ohne den Apostroph würde die Sache den -Leuten gar keinen Spaß machen. In dieses Häkchen sind Schulmeister und -Professoren ebenso verliebt wie Setzer und Korrektoren (vgl. S. 8). - -Die Adjektivendung +isch+ muß stets unmittelbar an den Wortstamm -treten. Von +Laune+ heißt das Adjektiv +launisch+, von +Hölle+ -+höllisch+, von +Satire+ +satirisch+, von +Schwede+ +schwedisch+; -niemand spricht von +laune’schen+ Menschen, +hölle’schen+ Qualen, -+satire’schen+ Bemerkungen oder +schwede’schen+ Streichhölzchen. Und -sagt oder schreibt wohl ein vernünftiger Mensch: dieses Gedicht klingt -echt +Goethe’sch+? oder: mancher versucht zwar Ranke nachzuahmen, -aber seine Darstellung klingt gar nicht +Ranke’sch+? Jeder sagt doch: -es klingt +Goethisch+, es klingt +Rankisch+. Wenn man aber in der -undeklinierten, prädikativen Form das Adjektiv richtig bildet, warum -denn nicht in der attributiven, deklinierten? Es könnte wohl am Ende -einer denken, der Dichter hieße +Goeth+ oder +Goethi+, wenn man von -+Goethischen+ Gedichten spricht? Denkt vielleicht bei der +hansischen+ -Geschichte irgend jemand an einen +Hans+ oder +Hansi+? August Hermann -Francke, der Stifter des +Hallischen+ Waisenhauses (noch bis ins -achtzehnte Jahrhundert hinein sagte man sogar mit richtigem Umlaut -+hällisch+),[53] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß -seine Stiftung jetzt das +Halle’sche+ Waisenhaus genannt wird. Genau -so lächerlich aber sind die +Laube’schen+ Dramen, die +Raabe’schen+ -Erzählungen, das +Fichte’sche+ System, die +Heyse’schen+ Novellen, die -+Stolze’sche+ Stenographie, der +Grote’sche+ Verlag, die +Moltke’sche+ -Strategie und der +Lippe’sche+ Erbfolgestreit. Unbegreiflicherweise -stammelt man jetzt sogar in Germanistenkreisen von der +Manesse’schen+ -Handschrift, die doch seit Menschengedenken die +Manessische+ geheißen -hat.[54] - -Man spricht aber neuerdings auch von dem +Meiningen’schen+ Theater -(statt vom +Meiningischen+), von +rügen’schen+ Bauernsöhnen (statt von -+rügischen+), vom +schonen’schen+ Hering (statt vom +schonischen+) und -von +hohenzollern’schem+ Hausbesitz (statt von +hohenzollerischem+). -Dann wollen wir nur auch in Zukunft von +thüringen’schen+ Landgrafen -reden, von der +franken’schen+ Schweiz, vom +sachsen’schen+ und vom -+preußen’schen+ König! Nein, auch hier ist die Bildung unmittelbar aus -dem Wortstamm das einzig richtige. Die Ortsnamen auf +en+ sind meist -alte Dative im Plural. Wenn ein Adjektiv auf +isch+ davon gebildet -werden soll, so muß die Endung +en+ erst weichen. Es kann also nur -heißen: +hohenzollerisch+, +meiningisch+. - -Derselbe Unsinn wie in +meiningen’sch+ liegt übrigens auch in Bildungen -wie +Emdener+, +Zweibrückener+, +Eislebener+, +St. Gallener+ vor; da -ist die Endung +er+ an die Endung +en+ gefügt, statt an den Stamm. In -den genannten Orten selbst, wo man wohl am besten Bescheid wissen wird, -wie es heißen muß, kennt man nur +Emder+, +Zweibrücker+, +Eisleber+, -(das +Eisleber+ Seminar), +St. Galler+, wie anderwärts +Bremer+, -+Kempter+, +Gießer+ (meine +Gießer+ Studentenjahre), +Barmer+. Bei -+Bingen+ ist das +Binger+ Loch, und in Emden wird einer sofort als -Fremder erkannt, wenn er von der +Emdener+ Zeitung redet. Ein wahres -Glück, daß der +Nordhäuser+ und der +Steinhäger+ schon ihre Namen -haben! Heute würden sie sicherlich +Nordhausener+ und +Steinhagener+ -genannt werden: Geben Sie mir einen +Nordhausener+![55] - -All dieser Unsinn hat freilich eine tiefer sitzende Ursache, er -hängt zusammen mit der traurigen Namenerstarrung, zu der wir erst im -neunzehnten Jahrhundert gekommen sind, und die, wie so manche andre -Erscheinung in unserm heutigen Sprachleben, eine Folge des alles -beherrschenden juristischen Geistes unsrer Zeit ist. Im fünfzehnten, -ja noch im sechzehnten Jahrhundert bedeutete ein Name etwas. Um 1480 -heißt derselbe Mann in Leipziger Urkunden bald +Graue Hänsel+, bald -+Graue Henschel+, bald +Hänsichen Grau+, um 1500 derselbe Mann bald -+Schönwetter+, bald +Hellwetter+, derselbe Mann bald +Sporzel+, -bald +Sperle+ (Sperling), derselbe Mann bald +Sachtleben+, bald -+Sanftleben+, derselbe Mann bald +Meusel+, bald +Meusichen+, Albrecht -Dürer nennt 1521 in dem Tagebuch seiner niederländischen Reise seinen -Schüler +Hans Baldung+, der den Spitznamen der +grüne+ (mundartlich -der +griene+) +Hans+ führte, nur den +Grünhans+,[56] und selbst als -sich längst bestimmte Familiennamen festgesetzt hatten, behandelte -man sie doch immer noch wie alle andern Nomina, man scherte sich -den Kuckuck um ihre Orthographie, man deklinierte sie, man bildete -frischweg Feminina und Adjektiva davon wie von jedem Appellativum. -Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts berichtete der Leipziger -Rat an die Landesregierung, daß er Gottfried +Langen+, Hartmann -+Wincklern+, Friedrich +Treitschken+, Tobias +Richtern+ und Jakob -+Bertramen+ zu Ratsherren gewählt habe. Frau Karsch hieß bei den -besten Schriftstellern die +Karschin+ (das heute von „gebildeten“ -Leuten wie +Berlin+ betont wird!), und so war es noch zu Anfange des -neunzehnten Jahrhunderts. Heute ist ein Name vor allen Dingen eine -unantastbare Reihe von Buchstaben. Wehe dem, der sich daran vergreift! -Wehe dem, der es wagen wollte, den großen +Winckelmann+ jetzt etwa -+Winkelmann+ zu schreiben, weil man auch den +Winkel+ nicht mehr mit -ck schreibt, oder +Joachimsthal+ mit T, weil man auch das +Tal+ jetzt -nicht mehr mit Th schreibt, oder gar +Goethe+ mit ö! Er wäre sofort -von der Wissenschaft in Acht und Bann getan. Das alles haben wir dem -grenzenlosen juristischen Genauigkeitsbedürfnis unsrer Zeit zu danken, -das keinen gesunden Menschenverstand kennt und anerkennt, das alles -äußerlich in Buchstaben „festlegen“ muß, und dessen höchster Stolz es -ist, selbst eine Straße mit einem Vornamen, eine Stiftung mit einem -Doktortitel und ein Denkmal mit einem Doktortitel und einem Vornamen -zu schmücken: +Gustav Freytag-Straße+, ~Dr.~ +Wünsche-Stiftung+, ~Dr.~ -+Karl Heine-Denkmal+. - - -Hallenser und Weimaraner - -Daß wir Deutschen bei unsrer großen Gelehrsamkeit und -Gewissenhaftigkeit die Bewohner fremder Länder und Städte mit einer -wahren Musterkarte von Namenbildungen versehen, ist zwar sehr komisch, -aber doch immerhin erträglich. Sprechen wir also auch in Zukunft -getrost von Amerika+nern+, Mexika+nern+, Neapolita+nern+, Parmes+anern+ -und Venezol+anern+, Byzant+inern+, Florent+inern+ und Tarent+inern+, -Chine+sen+ und Japane+sen+, Piemont+esen+ und Alban+esen+, Genu+esern+, -Bolog+nesern+ und Veron+esern+, Bethlehem+iten+ und Sybar+iten+ -(denen sich als neue Errungenschaft die Sansibar+iten+ angereiht -haben), Samarit+ern+ und Moskowit+ern+, Asia+ten+ und Ravenna+ten+, -Candi+oten+ und Hydri+oten+, Franzo+sen+, Portugi+esen+, Provenz+alen+, -Savoy+arden+ usw. Daß wir aber an deutsche(!) Städtenamen noch -immer lateinische Endungen hängen, ist doch ein Zopf, der endlich -einmal abgeschnitten werden sollte. Die +Athenienser+ und die -+Carthaginienser+ sind wir aus den Geschichtsbüchern glücklich -los, aber die +Hallenser+, die +Jenenser+ und die +Badenser+, die -+Hannoveraner+ und die +Weimaraner+ wollen nicht weichen, auch die -+Anhaltiner+ spuken noch gelegentlich. Und doch ist nicht einzusehen, -weshalb man nicht ebensogut soll +Jenaer+ sagen können wie +Gothaer+, -+Geraer+ und +Altonaer+,[57] ebenso gut +Badner+ wie +Münchner+, -+Posner+ und +Dresdner+, ebenso gut +Haller+ wie +Celler+, +Stader+ -und +Klever+, ebenso gut +Hannoverer+ und +Weimarer+ wie +Trierer+, -+Speierer+ und +Colmarer+. - -Freilich erstreckt sich die häßliche Sprachmengerei in unsrer -Wortbildung nicht bloß auf geographische Namen, sie ist überhaupt -in unsrer Sprache weit verbreitet; man denke nur an Bildungen wie -+buchstabieren+, +halbieren+, +hausieren+, +grundieren+, +schattieren+, -+glasieren+ (im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +geglästen+ -Ziegeln und Kacheln), +amtieren+, +Hornist+, +Lagerist+, +Probist+, -+Kursist+, +Wagnerianer+, +Börsianer+, +Goethiana+, +Beethoveniana+, -+Lieferant+, +Stellage+, +Futteral+, +Stiefeletten+, +Glasur+, -+schauderös+, +blumistisch+, +superklug+, +hypergeistreich+, -+antideutsch+ usw. Manches davon stammt aus sehr früher Zeit und -wird wohl nie wieder zu beseitigen sein; vieles aber ließe sich doch -vermeiden, und vor allem sollte es nicht vermehrt werden. - -[Illustration] - - - - -Zur Satzlehre - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Unterdrückung des Subjekts - -Die meisten Fehler gegen die grammatische Richtigkeit und den guten -Geschmack werden natürlich auf dem schwierigsten Gebiete der Sprache, -auf dem des Satzbaues begangen. Hier sollen zunächst Subjekt und -Prädikat und dann die Tempora und die Modi des Zeitworts in Haupt- und -Nebensätzen besprochen werden. - -Nicht bloß in dem Geschäfts- und Briefstil der Kaufleute, sondern im -Briefstil überhaupt halten es viele für ein besondres Zeichen von -Höflichkeit, das Subjekt ich oder wir zu unterdrücken. Kaufleute -schreiben in ihren Geschäftsanzeigen: Kisten und Tonnen +nehmen+ zum -Selbstkostenpreise zurück, Zeitungen drucken über ihren Inseratenteil: -Sämtliche Anzeigen +halten+ der Beachtung unsrer Leser empfohlen, und -Ärzte machen bekannt: +Habe+ mich hier niedergelassen, oder: Meine -Sprechstunden +halte+ von heute ab von acht bis zehn Uhr. Aber auch -gebildete Frauen und Mädchen, denen man etwas Geschmack zutrauen -sollte, schreiben: Vorige Woche +habe+ mit Papa einen Besuch bei R.s -gemacht. - -Wenn man jemand seine Hochachtung unter anderm auch durch die Sprache -bezeugen will, so ist das gar nicht so übel. Aber vernünftigerweise -kann es doch nur dadurch geschehen, daß man die Sprache so sorgfältig -und sauber behandelt wie irgend möglich, aber nicht durch äußerliche -Mittelchen, wie große Anfangsbuchstaben (+Du+, +Dein+), gesuchte -Wortstellung, bei der man den Angeredeten möglichst weit vor, sich -selbst aber möglichst weit hinter stellt (so +bitte Ew. Wohlgeboren+ -infolge unsrer mündlichen Verabredung +ich+ ganz ergebenst), oder gar -dadurch, daß man den grammatischen Selbstmord begeht, wie es Jean Paul -genannt hat, +ich+ oder +wir+ wegzulassen. Derartige Scherze schleppen -sich aus alten Briefstellern fort -- wer Gelegenheit hätte, in den -Briefen des alten Goethe zu lesen, würde mit Erstaunen sehen, daß sich -auch der nie anders ausgedrückt hat --, sie sollten aber doch endlich -einmal überwunden werden. - -Noch schlimmer freilich als die Unterdrückung von +ich+ und +wir+ ist -die Albernheit, wenn man den andern nicht recht verstanden hat, zu -fragen: +Wie meinen?+ Hier mordet man grammatisch gar den Angeredeten! - - -Die Ausstattung war eine glänzende - -Eine häßliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist -die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht, -wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der -unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren -ist +sehr einfach+, sondern in der flektierten, attributiven Form, als -ob sich der Leser dazu das Subjekt noch einmal ergänzen sollte: das -Verfahren ist +ein sehr einfaches+ (nämlich Verfahren). Es ist das -nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und -daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei. - -Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn, -nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Klasse -oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: die Kirsche, die -du mir gegeben hast, war +eine saure+ -- das Regiment dort ist +ein -preußisches+ -- diese Frage ist +eine+ rein +wirtschaftliche+ -- der -Genuß davon ist mehr +ein sinnlicher+, +kein+ rein +geistiger+ -- der -Begriff der Infektionslehre ist +ein moderner+ -- der Hauptzweck der -Regierung war +ein fiskalischer+ -- das Amt des Areopagiten war +ein -lebenslängliches+ -- das Exemplar, das ich bezogen habe, war +ein -gebundnes+ -- das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt +kein -günstiges+ -- so teilt man die Kirschen, die Regimenter, die Fragen, -die Genüsse usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist -das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu -sagen: diese Frage ist rein +ästhetisch+ oder: das Regiment dort ist -+preußisch+. Die Kirsche ist +sauer+ -- das kann man wohl von einer -unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht, wenn man ausdrücken will, daß -die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte -Adjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist -aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist +eine -vergebliche+ gewesen. Es fällt dem Schreibenden nicht im Traume ein, -die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die -Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen -zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit -aussprechen. Da genügt es doch, zu sagen: meine Arbeit ist +vergeblich+ -gewesen. - -In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist -+eine zu heiße+, aber +eine sehr gute+. Der lebendigen Sprache -ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz -fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich -immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei -dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem -gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner -Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern -Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses -schleppende flektierte Adjektiv, im Aktendeutsch durchweg, aber auch -in der wissenschaftlichen Darstellung, im Essay, im Leitartikel, im -Feuilleton. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein -Adverb gesteigert, sodaß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein -Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr geurteilt, -es wird überall nur noch sortiert: das Befinden der Königin ist +ein -ausgezeichnetes+ -- die Ausstattung war +eine überaus vornehme+ -- -die Organisation ist +eine sehr straffe, fast militärische+ -- der -Andrang war +ein ganz enormer+ -- der Beifall war +ein wohlverdienter+ --- diese Forderung ist eine +durchaus gerechtfertigte+ -- die Stellung -des neuen Direktors war +eine außerordentlich schwierige+ -- in einigen -Lieferungen ist die Bandbezeichnung +eine falsche+ -- der Erfolg mußte -von vornherein +ein zweifelhafter+ sein -- diese Anschauung vom Leben -der Sprache ist +eine durchaus verkehrte+ -- die Verfrachtung ist +eine -außerordentlich zeitraubende+ und +kostspielige+ -- die Beurteilung -des Gedichts war +eine verschiedne+, doch +günstige+ -- dieser -Standpunkt ist +ein völlig undurchführbarer+ -- die kirchliche Lage -der kleinen Gemeinden war eine +sehr gedrückte, wenig beneidenswerte+ --- die Aussicht auf die kommende Session ist +eine sehr trübe+ -- -dieses Gedicht ist +ein+ dem ganzen deutschen Volke +teures+ (!) -- -allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein -+sehr willkommner+ (!) sein -- die Notwendigkeit einer Ausdehnung wird -schwerlich so bald +eine fühlbare+ (!) sein usw. Ebenso dann auch in -der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind +sehr verschiedne+ -- die -Pachtsummen waren schon an und für sich +hohe+ -- die mythologischen -Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich +ziemlich dürftige+ -- ich -glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen +so -grundverschiedne+ (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es -natürlich +kein+ statt +nicht+: die Schwierigkeiten waren +keine -geringen+ -- die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war +keine sehr -tiefe+ -- die Rührung ist +keine erkünstelte+ -- die Grenze ist +keine+ -für alle Zeiten +bestimmte+ und +keine+ für alle Orte +gleiche+ -- bei -Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart +kein so starker+ -mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so: ist der Inhalt -des Lexikons +ein sehr wertvoller+ und die Behandlung der einzelnen -Punkte +eine vorzügliche+, so hält die Ausstattung gleichen Schritt -damit, denn sie ist +eine sehr gediegne+.[58] - -Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der -Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem -Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt -es nur noch: diesen Kampf kann man nur +einen gehässigen+ nennen -(statt: +gehässig+ nennen!) -- mehr oder minder sehen wir alle die -Zukunft als +eine ernste+ an (statt: als +ernst+ an) -- ich möchte -diesen Versuch nicht als +einen durchaus gelungnen+ bezeichnen -- ich -bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als +eine abschließende+ -hinzustellen -- das, was uns diese Tage +zu unvergeßlichen+ macht -(statt: +unvergeßlich+ macht!) -- und passiv: der angerichtete Schade -wird als +ein beträchtlicher+ bezeichnet -- abhängige Arbeit löst sich -los und wird zu +einer unabhängigen+ (statt: wird +unabhängig+) -- bis -die Bildung der Frauen +eine andre+ und +bessere+ wird (statt: +anders+ -und +besser+ wird) -- unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist -+eine+ viel +umfassendere+ und +gründlichere+ geworden -- durch diese -Nadel ist das Fleischspicken +ein müheloseres+ (!) geworden usw. - -Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs -oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das -ganze Verfahren ist +ein durchaus+ den Gesetzen +widersprechendes+. -Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen -~verbum finitum~ +widerspricht+ ist das Partizip gebraucht: +ist -widersprechend+, und statt des unflektierten Partizips auch noch das -flektierte: ist +ein widersprechendes+. Aber gerade auch solchen Sätzen -begegnet man täglich: das Ergebnis ist +ein verstimmendes+ -- da die -natürliche Beleuchtung doch immer +eine wechselnde+ ist -- der Anteil -war +ein+ den vorhandnen männlichen Seelen +entsprechender+ -- die -Mache ist +eine verschiedenartige+, der Mangel selbständiger Forschung -aber +ein+ stets +wiederkehrender+ -- die Stellung des Richters ist -+eine+ von Jahr zu Jahr +sinkende+ -- das schließt nicht aus, daß der -Inhalt der Sitte +ein verwerflicher+, d. h. dem wahren Besten der -Gesellschaft +nicht entsprechender+ sei (statt: +verwerflich+ sei, -d. h. +nicht entspreche+) -- die Armierung ist +eine sehr schwache+ -und absolut +nicht+ ins Gewicht +fallende+ -- die Sprache des Buchs -ist +eine klare, einfache+ und allgemein +verständliche+, vom Herzen -+kommende+ und zum Herzen +gehende+ -- im ganzen ist das Werk freilich -+kein+ den Gegenstand +erschöpfendes+ -- und auch hier passiv: der -Zweck des Buchs ist ein +durchaus anzuerkennender+ (statt: +durchaus -anzuerkennen+). - -Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate -allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal -auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden -ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er -sie nicht so schnell wie möglich abzuschütteln suchte. - - -Eine Menge war oder waren? - -Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wie +Zahl+, +Anzahl+, -+Menge+, +Masse+, +Fülle+, +Haufe+, +Reihe+, +Teil+ und ähnliche -gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus -gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten, -der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein -frei angeschlossener Nominativ erscheint (eine +Menge Menschen+) und -deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eine -+Menge unbedeutende Menschen+[59]), oder ein auf irgendeine Weise -erkennbar gemachter Genitiv (eine +Menge von Menschen+, eine +Menge -unbedeutender Menschen+); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie -die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat -in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare Nominativ +Menschen+ tritt -da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für -die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist -aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl -stehn kann, denn der abhängige Genitiv +von Menschen+ bleibt im -Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann -nur der Singular +Menge+ sein. Man kann zwar zu solchen Begriffen --- nach dem Sinne -- das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber -doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen -Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem -Begriff +Menge+ so eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem -Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserlesene +Zahl -deutscher Kunstwerke+ sind gegenwärtig in Leipzig zu sehen -- eine -große +Anzahl seiner Erzählungen beginnen+ mit dem jugendlichen Alter -des Helden -- erfreulich ist es, daß eine große +Anzahl unsrer Ärzte+ -schon über zehn Jahre ihren Dienst versehen +haben+ -- die größere -+Anzahl+ der Lieder und Bearbeitungen +sind+ nicht frei -- eine +Menge -abweichender Beispiele dürfen+ nicht dazu verleiten, die Regel als -ungiltig zu bezeichnen -- außer den Seen +müssen+ noch eine +Menge -kleiner Kanäle+ benutzt werden -- dem Reichsdeutschen +treten+ in dem -schweizerischen Schriftdeutsch eine ganze +Menge von Besonderheiten+ -entgegen -- von diesem schönen Unternehmen +liegen+ nun schon +eine -Reihe+ von Heften vor -- eine +Reihe von Kunstbeilagen ermöglichen+ dem -Kunsthistoriker weitergehendes Studium -- kaum ein halbes +Dutzend der -vorzüglichsten Dramen finden+ nachhaltige Teilnahme -- der größte +Teil -der Grundbesitzer waren+ gar nicht mehr Eigentümer -- ein ganz geringer -+Bruchteil der Stellen sind+ auskömmlich bezahlt -- mindestens ein -+Viertel seiner Lieder stehen+ in jedem Gesangbuche -- wer da weiß, wie -schrecklich unbeholfen die +Mehrzahl unsrer Knaben sind+ -- dem Erfolge -+stehen+ eine +Fülle von verschiednen Bedingungen+ entgegen usw. Alle, -die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich -von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein -großer +Posten zurückgesetzter Unterröcke ist+ billig zu verkaufen. -Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural -unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht. - -Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als -Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminium +wird zwei -Drittel+ des Gewichts erspart -- es +wurde nur fünf Prozent+ der Masse -gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den -vorher angeführten Beispielen der Plural. - -Dem Deutschen eigentümlich ist die Anrede +Sie+, eigentlich die -dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man -vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre -Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man -wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn -anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesem +Sie+ wird aber nun -sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wie +Eure Majestät+, -+Exzellenz+, +der Herr Hofrat+ (Goethe im Faust: +Herr Doktor wurden+ -da katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu -beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist -wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ich +Sie, der Sie+ ohnehin so -beschäftigt +sind+, mit dieser Frage belästige. - - -Noch ein falscher Plural im Prädikat - -Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß -selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe -zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das -Bindewort +und+ verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu -einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder -gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden -- eigentlich ein -Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist -etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas -innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich -mehr Adverbien) gehören: +oder+, +teils -- teils+, +weder -- noch+, -+wie+, +sowie+, +sowohl -- wie+, +sowohl -- als auch+. Es ist eins -der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens, -daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural -gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze -wie: wenn ein schwacher Vater +oder+ eine schwache Mutter der Schule -ein Schnippchen +schlagen+ (+schlägt+!) -- es ist sehr fraglich, ob ein -roher, trunksüchtiger Mann +oder+ eine böse, schlecht wirtschaftende -Frau im Hause mehr Schaden +anrichten+ (+anrichtet+!) -- so war es -+teils+ die Willkür des Geschmacks, +teils+ die Willkür des Zufalls, -die zu entscheiden +hatten+ (+hatte+!) -- oder gar: sein Milieu, +wenn -nicht+ etwas andres in ihm, +erhalten+ (+erhält+!) ihn unparteiisch -und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei -+weder -- noch+: wenn +weder+ der Beklagte +noch+ er selbst +sich -stellen+ -- während doch sonst +weder+ Tinte +noch+ Papier gespart -+werden+ -- da +weder+ der Vater +noch+ die Mutter des Jungen mit uns -das geringste zu tun +haben+ -- +weder+ die Gräfin +noch+ ihr Bruder -+verfügen+ über ein größeres Vermögen -- +weder+ Boccaccio +noch+ -Lafontaine +haben+ solche Abweichungen geduldet -- +weder+ Preußen -+noch+ das junge Reich +waren+ stark genug, das Zentrum zu überwinden. -Am häufigsten wird der Fehler bei +wie+, +sowie+ und den verwandten -Verbindungen begangen: die vornehme Salondame +wie+ die schlichte -Hausfrau +stellen+ an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen -- der -Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer +wie+ das Reich immer mehr -+barbarisierten+ -- da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion -bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete +wie+ der Ungebildete in -gleicher Weise +anhängen+ -- die Ausbildung der städtischen Verfassung -+wie+ die Entwicklung der Fürstentümer +zwangen+ zur Vermehrung der -Beamten -- der höchste Gerichtshof +sowie+ der Rechnungshof des Reichs -+befinden+ sich nicht in der Reichshauptstadt -- Frankreich +sowohl -wie+ Deutschland +entwickeln sich+ sozialistisch -- Custine +sowohl -wie+ die französische Regierung +waren+ hinlänglich davon unterrichtet --- +sowohl+ der romantische +als+ der realistische Meister +hatten+ der -Entwicklung eine breite Bahn geöffnet -- +sowohl+ der Wortschatz +als -auch+ die Formenlehre +haben+ im Verlaufe von hundert Jahren merkliche -Veränderungen erfahren -- die freundlichen Worte, die +sowohl+ der -Vizepräsident an mich +als auch+ der Herr Ministerpräsident an die -Direktoren gerichtet +haben+. In allen diesen Sätzen kann gar kein -Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser -Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe -Aussage gilt. Aber dadurch wird doch aus den beiden Singularen noch -kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die -Subjekte durch +und+ verbinden, nicht durch +wie+. - - -Das Passivum. Es wurde sich - -Beim Gebrauche der Zeitwörter kommen in Betracht die Genera (Aktivum -und Passivum), die Tempora und die Modi. Im Gebrauche der Genera -können kaum Fehler vorkommen. Zu warnen ist nur vor der unter Juristen -und Zeitungschreibern weit verbreiteten Gewohnheit, alles passivisch -auszudrücken, z. B.: namentlich muß +von dem+ obersten +Leiter+ der -Politik dieser Zustand als eine Erschwerung seines Amtes +empfunden -werden+ (statt: der oberste Leiter muß empfinden) -- das hat sehr dazu -beigetragen, +daß von der Regierung+ nicht an den bisher befolgten -sozialpolitischen Grundsätzen +festgehalten worden ist+ (statt: daß -die Regierung nicht festgehalten hat) -- bei einem Pachtverhältnis -sollte +von seiten (!) des+ Verpächters nicht bloß auf die Höhe der -gebotnen Pachtsumme +gesehen werden+, sondern auch die Persönlichkeit -des Bewerbers +berücksichtigt+ und auf dessen Befähigung Wert -+gelegt werden+ (statt: der Verpächter sollte berücksichtigen). Das -nächstliegende ist doch immer das Aktivum. - -Geschmacklos ist es, ein Passivum von einem reflexiven Zeitwort zu -bilden: es brach ein Gewitter los, und +es wurde sich+ in ein Haus -+geflüchtet+ -- mit dem Beschlusse des Rats +wurde sich+ einverstanden -+erklärt+ -- über dieses Thema +ist sich+ in pädagogischen -Zeitschriften wiederholt +geäußert worden+. Dergleichen Sätze kann man -höchstens im Scherz bilden. In gutem Deutsch müssen sie mit Hilfe des -Fürworts +man+ umschrieben werden. - - -Ist gebeten oder wird gebeten? - -Zahlreiche Verstöße werden gegen den richtigen Gebrauch der Tempora -begangen. Ganz undeutsch und nichts als eine gedankenlose Nachäfferei -des Französischen, noch dazu eines falsch verstandnen Französisch, -ist es, zu schreiben: die Mitglieder +sind gebeten+, pünktlich zu -erscheinen. In dem Augenblicke, wo jemand eine derartige Aufforderung -erhält, +ist+ er noch nicht gebeten, sondern er +wird+ es erst. Man -kann wohl sagen: du +bist geladen+, d. h. betrachte dich hiermit als -geladen. Aber die Mitteilung einer Bitte, einer Einladung usw. kann nur -durch das Präsens, nicht durch das Perfektum ausgedrückt werden. - - -Mißbrauch des Imperfekts - -Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung -unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger -Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat. - -Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was -heißt erzählen? - -Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: +Wolf hat+ -mich +geschlagen+! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie -und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt -Mariandel: ich +saß+ ganz ruhig da und +spielte+, da +kam+ der böse -Wolf und +zupfte+ mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die -erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen, -springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn -des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen, herzählen. Das Wesentliche -einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin -besteht aber zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in -der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man -kann sich meist ein +damals+ dazu denken), das Perfektum Ereignisse, -die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel -bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe -und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz +hat -eingeschlagen+, und am Markt +ist+ Feuer +ausgebrochen+; d. h. das ist -soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über -den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz +schlug ein+, und -am Markte +brach+ Feuer +aus+. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer -erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann, -wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt, -selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen. -Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage -gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen? - -Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es -ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen, -aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der -Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge -selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der -bloßen Meldung, der tatsächlichen Mitteilung. Der Unterschied ist so -handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt -werden. - -Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die -das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen, -unter den Stadtnachrichten usw. -- ist es nicht widerwärtig, wie da -das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: Prinz A. +erkrankte+ -schwer in Venedig; seine Gemahlin +reiste+ aus München dahin ab -- -Bahnhofsinspektor S. in R. +erhielt+ das Ritterkreuz zweiter Klasse --- in Heidelberg +starb+ Professor X -- Minister Soundso +reichte+ -seine Entlassung +ein+ -- in Dingsda +wurde+ die Sparkasse +erbrochen+ --- ein merkwürdiges Buch +erschien+ in Turin. Wann denn? fragte man -unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine -Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest, -was vor dreihundert Jahren geschehen wäre. Ein merkwürdiges Buch -+erschien+ in Turin -- das klingt doch, als ob der Satz aus einer -Kirchengeschichte Italiens genommen wäre. - -Etwas andres wird es schon, wenn eine Zeitbestimmung der Vergangenheit -hinzutritt, und wäre es nur ein +gestern+; dann kann der Satz den -Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der -Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb -hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: +gestern+ ist hier nach -längerer Krankheit Professor X +gestorben+. Im zweiten Falle melde ich -einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede -Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der -Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch. - -Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben; -auch unsre Geschäftsleute schreiben schon in ihren Anzeigen und Briefen -und halten das für eine besondre Feinheit: ich +verlegte+ mein Geschäft -von der Petersstraße nach der Schillerstraße -- ich +eröffnete+ am -Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt -einem Schüler ins Zeugnis: M. +besuchte+ die hiesige Schule und +trat+ -heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung -eines Werkes, dessen Ausgabe bevorsteht: wir +scheuten+ kein Opfer, -die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis -+stellten+ wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten -Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich. -Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir? -erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein -Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt -hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist? -Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir +haben+ kein -Opfer +gescheut+, den Preis +haben+ wir so niedrig +gestellt+ usw. Eine -andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke: -den Buchschmuck +zeichnete+ Fidus. +Zeichneetee+! Wann denn? - -Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat -auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch -einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in -dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das -Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist -das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren -+erhielt+ (statt: +erhalten hat+, denn er hat es doch nun!) -- auch die -vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die -der Verfasser auf sie +verwandte+ (statt: +verwendet hat+, denn die -Arbeit liegt doch vor!) -- da die Ehe des Herzogs kinderlos +blieb+ -(statt: +geblieben ist+) -- folgt ihm sein Neffe in der Regierung -- -die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer -weitere Kreise +drang+ (statt: +gedrungen ist+) -- wir beklagen tief, -daß sich kein Ausweg finden +ließ+ (statt: +hat finden lassen+) -- -kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse +hervorgingen+ usw. -Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgendeiner geschichtlichen -Darstellung genommen, als wäre etwa von Wahlen zum ersten deutschen -Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit -gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da -muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse -+hervorgegangen sind+, denn diese Ergebnisse bilden doch die -gegenwärtige Sachlage. - -Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des -Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des -Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen -Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: ~I +saw+ him this morning~ -(ich +habe+ ihn diesen Morgen +gesehen+) -- ~I +expected+ you last -Thursday~ (ich +habe+ Sie vorigen Donnerstag +erwartet+) -- ~Yours -I +received+~ (ich +habe+ Ihr Schreiben +erhalten+) -- ~That is the -finest ship I ever +saw+~ (das ist das schönste Schiff, das ich je -+gesehen habe+) -- ~Sheridan’s Plays, now printed as he +wrote+ -them~ (wie er sie +geschrieben hat+). Wahrscheinlich weniger durch -nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen als durch schlechten -englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied -der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern -gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche -hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck, -der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken -auf der Straße zuruft: +Jä, ich käm gestern zurück+, wie ein Geck in -Gesellschaft sagt: ich +hatte+ schon den Vorzug (ich habe schon die -Ehre gehabt). In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle. -Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit -Ausnahme von +ich war+) gänzlich; er kennt weder ein +hatte+, noch -ein +ging+, noch ein +sprach+, er braucht in der Erzählung immer das -Perfekt (+bin ich gewesen+ -- +hab ich gesagt+). Daher hat diese Form -in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Vulgären, und -wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht -er überall, auch da, wo es gar nicht hinpaßt, das Imperfektum, weil -er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen -Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische -Kinder zusammen sind, soll man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig -beobachten können. - -Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet -sich in neuern Geschichtsdarstellungen, nämlich die Schrulle, im -Perfektum zu -- erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so -geschrieben, wie: der Enkel +hat+ ihm eine freundliche und liebevolle -Erinnerung +bewahrt+ (statt: +bewahrte+ ihm), sondern halbe und ganze -Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum -ersetzt. Geschmackvoll kann man auch das nicht nennen. - - -Worden - -Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch -eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer -Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in -dem Weglassen des Partizips +worden+ im passiven Perfektum zeigt. Es -handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner -Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als -~Perfectum praesens~ bezeichnet. - -Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten -Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden -worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatze +sind+ -junge Linden +angepflanzt worden+, und: auf dem Königsplatze +sind+ -junge Linden +angepflanzt+. Der erste Satz meldet den Vorgang oder -die Handlung des Anpflanzens -- das ist das eigentliche und wirkliche -Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens -geschaffnen gegenwärtigen Zustand -- das ist das, was die Grammatik -~Perfectum praesens~ nennt. Der Altarraum +ist+ mit fünf Gemälden -+geschmückt worden+ -- das ist eine Mitteilung; der Altarraum +ist+ mit -fünf Gemälden +geschmückt+ -- das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein -Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er: -komm, das Klavier +ist gestimmt+! Dann kann ich ihn wohl fragen: so? -wann +ist+ es denn +gestimmt worden+? aber nicht: wann +ist+ es denn -+gestimmt+? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mir -+sind+ für das Bild 6000 Mark +geboten+, so heißt das: ich kann das -Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden. -Sagt er aber: mir +sind+ 6000 Mark +geboten worden+, so kann der Bieter -sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben. - -Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer -nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht -zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied -ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß. -Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis -als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und -gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher -nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu -müssen und lassen das +worden+ jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen -lesen wie: ~Dr.~ Sch. +ist+ zum außerordentlichen Professor an der -Universität Leipzig +ernannt+ -- dem Freiherrn von S. +ist+ auf sein -Gesuch der Abschied +bewilligt+ -- in H. +ist+ eine Eisenbahnstation -feierlich +eröffnet+ -- oder Sätze wie: über den Begriff der Philologie -+ist+ viel +herumgestritten+ -- die märkischen Stände +sind+ um ihre -Zustimmung offenbar nicht +befragt+ -- so ist die Reformation in -Preußen als Volkssache +vollzogen+ -- er behauptete, daß er in dieser -Anstalt wohl +gedrillt+, aber nicht +erzogen sei+ -- die Methode, -in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte, -+ist+ von Ranke auf andre Gebiete +ausgedehnt+ -- man rühmt sich bei -den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen +abgegeben -seien+ -- es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung +geleistet -ist+, was möglich war -- es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht -auf eine lohnendere Aufgabe +verwendet ist+ -- wie hätte die schöne -Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür -+eingetreten wäre+? - -Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer -Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang -(manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll, -nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch -diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern. -Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung +ist heute+ wieder -+aufgehoben+ (+worden+! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen) --- der österreichische Reichsrat +ist gestern eröffnet+ (+worden+!) --- der Anfang zu dieser Umgestaltung +ist+ schon +vor längerer Zeit -gemacht+ (+worden+!) -- diese Frage +ist schon einmal aufgeworfen+ und -+damals+ in verneinendem Sinne +beantwortet+ (+worden+!) -- +vorige -Woche ist+ ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im -Kursaal +aufgestellt+ (+worden+!) -- +in späterer Zeit sind+ an dieser -Tracht die mannigfachsten Veränderungen +vorgenommen+ (+worden+!) -- -+in gotischer Zeit ist+ das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und -dreiseitig +geschlossen+ (+worden+!) -- an der Stelle, wo Tells Haus -gestanden haben soll, +ist+ 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle -+errichtet+ (+worden+!) -- +am Tage darauf+, am 25. Januar, +sind+ -noch drei Statuen +ausgegraben+ (+worden+!) -- jedenfalls +ist+ der -Scherz in Karlsbad +bei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht+ -(+worden+!) -- in B. +ist dieser Tage+ ein Kunsthändler wegen Betrugs -zu sechs Monaten Gefängnis +verurteilt+ (+worden+!) -- diese Dinge -sind offenkundig, denn sie +sind hundertmal besprochen+ (+worden+!) --- die Wandlungen der Mode +sind+ zu allen Zeiten von Sittenpredigern -+bekämpft+ (+worden+!) -- bis 1880 +ist+ von dieser Befugnis nicht +ein -einzigesmal+ Gebrauch +gemacht+ (+worden+!). - -Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen -und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über -Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer -Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten -Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um -die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen: -daß ein Knecht +geschlagen ist worden+ (anfangs immer in dieser -Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne -Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die -niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt -- noch heute, -nach vierhundert Jahren -- dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen -unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines -Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der -gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht -sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben. - - -Wurde geboren, war geboren, ist geboren - -Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann -sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der -erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben: -Lessing +war geboren+, Lessing +wurde geboren+ oder Lessing +ist -geboren+? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise -am häufigsten die falsche! Er +ist geboren+ -- das kann man doch -vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebenden fragt -man: wann +bist+ du denn +geboren+? Und dann antwortet er: +ich bin+ am -23. Mai 1844 +geboren+. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl -am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen: +gestorben ist+ er am 31. -Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus -in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am -Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer -Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: er +war+ -oder er +wurde geboren+; mit +wurde+ versetze ich mich -- was das -natürlichste ist -- an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mit -+war+ versetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend -Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in -Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen, -daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den -Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe -eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben -ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt -sichs um das wirkliche Leben. - - -Erzählung und Inhaltsangabe - -Wer eine Geschichte erzählt, bedient sich des Imperfekts; alle -Ereignisse; die vor der Geschichte liegen, die erzählt wird, also zu -der sogenannten Vorfabel gehören, müssen im Plusquamperfekt mitgeteilt -werden. Imperfekt und Plusquamperfekt sind die beiden einzigen Tempora, -die in den erzählenden Abschnitten einer Novelle oder eines Romans -vorkommen können. Die Vorfabel braucht nicht am Anfang der Novelle zu -stehen, sie kann mitten in der Novelle nachgetragen, ja selbst auf -mehrere Stellen der Novelle verteilt werden. Immer aber muß das sofort -durch den Tempuswechsel kenntlich gemacht werden. Zieht sich nun die -Vorfabel in die Länge, so wird der Leser bald des Plusquamperfekts -überdrüssig, und der Erzähler muß dann auch für die Vorfabel in das -Imperfekt einzulenken suchen. Das geschickt und fein und an der -richtigen Stelle zu machen ist eine Aufgabe, an der viele Erzähler -scheitern. - -Noch schwieriger freilich scheint eine andre Aufgabe zu sein: wenn -Rezensenten den Inhalt eines Romans, eines erzählenden Gedichts, -eines Dramas angeben, so zeigen sie nicht selten eine klägliche -Hilflosigkeit in der Anwendung der Tempora. Man kann Inhaltsangaben -lesen, deren Darstellung zwischen Präsens und Imperfekt, Perfekt und -Plusquamperfekt nur immer so hin und her taumelt. Und doch ist auch -diese Aufgabe eigentlich nicht schwieriger als die andre. Ein Buch, das -besprochen wird, liegt vor. Da hat kein andres Tempus etwas zu suchen -als das Präsens und das Perfektum, das Präsens für die Geschichte -selbst, das Perfektum für die Vorgeschichte. Wer den Inhalt wissen -will, fragt nicht: wie +war+ denn die Geschichte? sondern: wie +ist+ -denn die Geschichte? Und anders kann auch der nicht antworten, der -den Inhalt des Buches angibt; er kann nur sagen: die Geschichte +ist -so+, und nun fängt er im Präsens an: Auf einem Gut in der Nähe von -Danzig +lebt+ ein alter Rittmeister; er +hat+ früher eine zahlreiche -Familie +gehabt+, +steht+ aber jetzt allein da usw. Auch wer in der -Unterhaltung den Inhalt eines Schauspiels angibt, das er am Abend zuvor -im Theater gesehen hat, bedient sich keines andern Tempus und kann sich -keines andern bedienen. Nur manche Zeitungschreiber scheinen das nicht -begreifen zu können.[60] - -Nicht ganz leicht dagegen ist es wieder, in der Erzählung das -sogenannte ~Praesens historicum~, das Präsens der lebhaften, -anschaulichen Schilderung richtig anzuwenden. Genau an der richtigen -Stelle in dieses Präsens einzufallen, genau an der richtigen Stelle -sich wieder ins Imperfekt zurückzuziehen, das glückt nur wenigen. Die -meisten fangen es recht täppisch an. - - -Tempusverirrung beim Infinitiv - -Wenn jemand anstatt: da +muß+ ich mich +geirrt haben+ -- sagen -wollte: da +mußte+ ich mich +irren+ oder: +da habe+ ich mich +irren -müssen+, so würde man ihn wohl sehr verdutzt ansehen, denn eine -solche Tempusverschiebung aus dem Infinitiv in das regierende Verbum -ließe auf eine nicht ganz normale Geistesverfassung schließen. Der -Fehler wird aber gar nicht selten gemacht, nur daß er nicht immer so -verblüffend hervortritt, z. B.: ich glaube bewiesen zu haben, daß die -Verfügung des Oberpräsidenten an dem Anschwellen der Bewegung nicht -schuld +sein konnte+ (anstatt: nicht schuld +gewesen sein kann+). -Nicht besser, eher noch schlimmer ist es, die Vergangenheit doppelt zu -setzen, z. B.: später +mochten+ wohl die Arbeiten für den Kurfürsten -dem Künstler nicht mehr die Muße +gelassen haben+. Wenn ein Vorgang aus -der Vergangenheit nicht als wirklich, sondern mit Hilfe von +scheinen+, -+mögen+, +können+, +müssen+ nur als möglich oder wahrscheinlich -hingestellt werden soll, so gehört die Vergangenheit natürlich nicht in -die Form der Aussage, denn die Aussage geschieht ja in der Gegenwart, -sondern sie gehört in den Infinitiv. Es muß also heißen: +mögen nicht -gelassen haben+. - -Manche möchten es ja nun gern richtig machen, sind sich aber über die -richtige Form des Infinitivs nicht klar. Wenn z. B. jemand schreibt: -Ludwig +scheint+ sich durch seine Vorliebe für die Musik etwas von -den Wissenschaften +entfernt zu haben+ -- und sich einbildet, damit -den Satz: Ludwig +hatte+ sich von den Wissenschaften +entfernt+ -- in -das Gebiet der Wahrscheinlichkeit gerückt zu haben, so irrt er sich. -Die Tempora des Indikativs und des Infinitivs entsprechen einander in -folgender Weise: - - L. +entfernt+ sich -- scheint sich zu +entfernen+. - - L. +entfernte+ sich -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich - damals). - - L. +hat+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich - jetzt). - - L. +hatte+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt gehabt zu haben+. - - L. +wird+ sich +entfernen+ -- scheint sich +entfernen zu wollen+. - - -Relativsätze. Welcher, welche, welches - -Unter den Nebensätzen ist keine Art, in der so viel und so -mannigfaltige Fehler gemacht würden wie in den Relativsätzen. Freilich -sind sie auch die am häufigsten verwendete Art. - -Ein Hauptübel unsrer ganzen Relativsatzbildung liegt zunächst nicht im -Satzbau, sondern in der Verwendung des langweiligen Relativpronomens -+welcher+, +welche+, +welches+. Das Relativpronomen +welcher+ gehört, -wie so vieles andre, fast ausschließlich der Papiersprache an, und -da sein Umfang und seine Schwere in gar keinem Verhältnis zu seiner -Aufgabe und Leistung stehen, so trägt es ganz besonders zu der -breiten, schleppenden Ausdrucksweise unsrer Schriftsprache bei. In der -ältern Sprache war +welcher+ (~swelher~) durchaus nicht allgemeines -Relativpronomen, sondern nur indefinites Relativ, es bedeutete: +wer -nur irgend+ (~quisquis~), +jeder, der+, noch bei Luther: +welchen+ der -Herr lieb hat, den züchtiget er. Erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert -ist es allmählich zum gemeinen Relativum herabgesunken. Aber nur in -der Schreibsprache, die sich so gern breit und wichtig ausdrückt, -zuerst in Übersetzungen aus dem Lateinischen; der lebendigen Sprache -ist es immer fremd geblieben und ist es bis auf den heutigen Tag -fremd. Niemand spricht +welcher+, es wird immer nur geschrieben! Man -beobachte sich selbst, man beobachte andre, stundenlang, tagelang, -man wird das vollständig bestätigt finden. Es ist ganz undenkbar, daß -sich in freier, lebendiger Rede, wie sie der Augenblick schafft, das -Relativum +welcher+ einstellte; jedermann sagt immer und überall: -+der+, +die+, +das+. Es ist undenkbar, daß jemand bei Tische sagte: -die Sorte, +welche+ wir vorhin getrunken haben, oder: wir gehen wieder -in die Sommerfrische, +in welcher+ wir voriges Jahr gewesen sind.[61] -In stenographischen Berichten über öffentliche Versammlungen und -Verhandlungen findet man allerdings oft Relativsätze mit +welcher+, -aber darauf ist nicht viel zu geben, diese Berichte werden redigiert, -und wer weiß, wie viele +der+ dabei erst nachträglich in +welcher+ -verwandelt werden, weil mans nun einmal so für schriftgemäß hält! Und -dann: Leute, die viel öffentlich reden, sprechen nicht, wie andre -Menschen sprechen, sie sprechen auch, wenn sie am Rednerpulte stehen, -anders als in der Unterhaltung, sie sprechen nicht bloß für die -Zeitung, sie sprechen geradezu Zeitung; alte Gewohnheitsredner, die Tag -für Tag denselben Schalenkorb ausschütten und es gar nicht mehr für der -Mühe wert halten, sich auf eine „Ansprache“ vorzubereiten, suchen auch -mit ihrem +welcher+ Zeit zu gewinnen, wie andre mit ihrem äh -- äh. -Wenn aber ein junger Pfarrer auf der Kanzel Relativsätze mit +welcher+ -anfängt, so kann man sicher sein, daß er die Predigt aufgeschrieben und -wörtlich auswendig gelernt hat; wenn ein Festredner aller Augenblicke -+welcher+ sagt, so kann man sicher sein, daß das Manuskript seiner -Festrede schon in der Redaktion des Tageblatts ist. Wer den Ausdruck -im Augenblicke schafft, sagt +der+, nicht +welcher+. Darum ist auch -+welcher+ in der Dichtersprache ganz unmöglich. In Stellen, wie -bei Goethe (in den Venezianischen Epigrammen): +welche+ verstohlen -freundlich mir streifet den Arm -- oder bei Schiller (in Shakespeares -Schatten): das große gigantische Schicksal, +welches+ den Menschen -erhebt, wenn es den Menschen zermalmt -- oder bei Hölty: wunderseliger -Mann, +welcher+ der Stadt entfloh -- oder bei Schikaneder: bei Männern, -+welche+ Liebe fühlen -- oder bei Tiedge (in der Urania): mir auch -war ein Leben aufgegangen, +welches+ reichbekränzte Tage bot -- oder -bei Uhland: ihr habt gehört die Kunde vom Fräulein, +welches+ tief -usw., ist es nichts als ein langweiliges Versfüllsel, eine Strohblume -in einem Rosenstrauß. Darum wird es +ja+ auch mit Vorliebe in der -Biedermeierpoesie verwendet und wirkt dort so unnachahmlich komisch: -zu beneiden sind die Knaben, +welche+ einen Onkel haben, oder: wie -z. B. hier von diesen, +welche+ Max und Moritz hießen. Aber auch in -der dichterischen Prosa, was gäbe man da manchmal drum, wenn man das -+welcher+ hinauswerfen könnte, wie bei Gottfried Keller in Romeo und -Julia auf dem Dorfe: sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten -oder wirklichen Töne, +welche+ von der großen Stille herrührten, oder -+welche+ sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, -+welches+ nah und fern über die grauen Herbstnebel wallte, +welche+ -tief auf den Gründen lagen! - -Leider lernt man in der Schule als Relativpronomen kaum etwas andres -kennen als +welcher+. Man schlage eine Grammatik auf, +welche+ (hier -ist es am Platze! denn hier heißt es: +welche auch immer+) man will, -eine lateinische, eine griechische, eine französische, eine englische: -wie ist das Relativpronomen ins Deutsche übersetzt? +Welcher+, -+welche+, +welches!+ Allenfalls steht +der+, +die+, +das+ in Klammern -dahinter, als ob das gelegentlich einmal als Ersatz dafür geduldet -werden könnte! Und sieht man in die Beispielsätze, die zur Übung in die -fremde Sprache übersetzt werden sollen, wie fangen die Relativsätze an? -Mit +welcher+, +welche+, +welches+. Nur ja nicht mit +der+! der Schüler -könnte ja einmal irre werden! Daß die lebendige Sprache eine einzige -große Widerlegung dieses Unsinns ist, sieht gar niemand. Kein Wunder, -daß den meisten später das langweilige Wort in die Feder läuft, sowie -sie die Feder in die Hand nehmen. Gerade umgekehrt müßte es sein. In -allen Grammatiken müßte +der+, +die+, +das+ als Relativpronomen stehn, -dahinter in Klammern +welcher+, +welche+, +welches+, denn das ist -doch das traurige Surrogat. Man benutze in Gottes Namen +welcher+ im -Unterricht ein paar Wochen lang als Verständniskrücke; aber sobald der -Junge den Begriff des Relativs gefaßt hat, müßte die Krücke unbedingt -weggeworfen und er wieder auf seine eignen Beine gestellt werden. Wer -einmal auf dieses Verhältnis zwischen +der+ und +welcher+ aufmerksam -geworden oder aufmerksam gemacht worden ist, den verfolgt +welcher+ -förmlich beim Lesen, er sieht es immer gleichsam gesperrt oder fett -gedruckt, und in wenigen Tagen ist es ihm ganz unerträglich geworden: -wenn ers schreiben wollte, käme er sich entweder ganz schulknabenhaft -vor, oder er sähe sich sitzen wie einen alten, verschleimten Aktuarius -mit Vatermördern, Hornbrille und Gänsekiel. Bisweilen will ihm wohl -noch einmal ein +wel+-- aus der Feder laufen! aber weiter kommt er -nicht, dann streicht ers ohne Gnade durch und setzt +der+ darüber.[62] - -Aber gibt es denn nicht Fälle, wo man +welcher+ gar nicht umgehen -kann, wo man es ganz notwendig braucht, um einen häßlichen Gleichklang -zu vermeiden? Wenn nun unmittelbar auf +der+ (~qui~ oder ~cui~) der -Artikel +der+ folgt, unmittelbar auf +die+ (~quae~ oder ~quam~ oder -~quos~ oder ~quas~) der Artikel +die+? Nikolaus, +der der+ Vater des -Andreas gewesen war -- eine Verwandlung, bei +der der+ große Vorhang -nicht fällt -- die Prozessionsstraße, auf +der der+ Papst zum Lateran -zog -- auf der Wiese, durch +die die+ Straße führt -- die Bildwerke, -+die die+ hehre Göttin verherrlichen -- das Tau, +das das+ Fahrzeug -am Ufer hielt -- das sind doch ganz unerträgliche Sätze, nicht wahr? -Mancher Schulmeister behauptets. Es gehört das in das berühmte Kapitel -von den angeblich unschönen Wiederholungen, vor denen der Unterricht -zu warnen pflegt. Die Warnung ist aber ganz überflüssig, sie stammt -nur aus der Anschauung des Papiermenschen, der die Sprache bloß noch -schwarz auf weiß, aber nicht mehr mit den Ohren aufzufassen vermag. Der -Papiermensch sieht das doppelte +der der+ oder +die die+, und das flößt -ihm Entsetzen ein. Aber lies doch einmal solche Sätze laut, lieber -Leser, hörst du nichts? Ich denke, es wird dir aufdämmern, daß es zwei -ganz verschiedne Wörter sind, die hier nebeneinander stehen: ein lang -und schwer gesprochnes +der+ (das Relativpronomen) und ein kurz und -leicht gesprochnes +der+ (der Artikel). Was man hört, ist: +deer dr+. -Jedermann spricht so, und keinem Menschen fällt es ein, daran Anstoß -zu nehmen; warum soll man nicht so schreiben? Aberglaube, dummer -Aberglaube! Und fürchtet sich denn jemand vor +daß das+? Jeder schreibt -unbedenklich: wir wissen, +daß das+ höchste Gut die Gesundheit ist. Ach -so, das sind wohl zwei verschiedne Wörter? das eine mit ß, das andre -mit s? Nein, es sind keine verschiednen Wörter. Sie klingen gleich, -und sie sind gleich; das Fügewort +daß+ ist ja nur in der Schrift ganz -willkürlich von dem hinweisenden Fürwort +das+ unterschieden worden.[63] - - -Das und was - -Ein häßlicher Fehler ist es, statt des relativen +das+ zu schreiben -+was+, wenn sich das Relativ auf einen bestimmten einzelnen Gegenstand -bezieht, z. B. +das Haus, was+ -- +das Buch, was+ -- +das Ziel, -was+. Nur die niedrige Umgangssprache drückt sich so aus; in der -guten Schriftsprache wie in der feinern Umgangssprache ist +was+ -als Relativ auf ganz bestimmte Fälle beschränkt: es wird nur hinter -substantivierten Fürwörtern, Zahlwörtern und Eigenschaftswörtern -gebraucht, z. B. +das, was+ -- +dasselbe, was+ -- +etwas, was+ -- -+alles, was+ -- +vieles, was+ -- +das wenige, was+ -- +das einzige, -was+ -- +das erste, was+ -- +das letzte, was+ -- +das meiste, was+ -- -+das Gute, was+ -- +das Beste, was+. Doch ist auch hier, namentlich bei -den substantivierten Adjektiven, wohl zu unterscheiden zwischen solchen -Fällen, wo es sich um ein Allgemeines handelt, und solchen, wo etwas -Besondres, Bestimmtes, Einzelnes vorschwebt. Fälle der zweiten Art -sind z. B.: +etwas Ungeschicktes, das+ mich in Verlegenheit brachte -- -+das Bittre, das+ zwischen uns getreten ist -- +das Besondre, das+ dem -Allgemeinen untergeordnet ist -- +das Schiefe und Hinkende, das+ jeder -Vergleich hat -- +das Moralische, das+ einem doch nicht gleichgiltig -sein kann -- +das Erlernbare, das+ sich jederzeit in Büchern wieder -auffinden läßt -- wenn an +das Gute, das+ ich zu tun vermeine, gar -zu nah was Schlimmes grenzt (Lessing). Hinter dem Superlativ von -substantivierten Eigenschaftswörtern ist in den meisten Fällen +was+ -das richtige, aber doch nur deshalb, weil gewöhnlich ein partitiver -Genitiv zu ergänzen ist (+von dem, von allem+), der das +was+ verlangen -würde. Wenn ich sage: +das Erhabenste, was+ Beethoven geschaffen hat --- so meine ich nicht das Erhabenste überhaupt, sondern eben das -Erhabenste +von dem+ oder +von allem, was+ Beethoven geschaffen hat. -Der Superlativ für sich allein bezeichnet hier noch gar nichts, der -Relativsatz ist die notwendige Ergänzung dazu. Wenn ich dagegen sage: -+das Erhabenste, das+ wir Gott nennen, so ist gar nichts zu ergänzen, -der Relativsatz kann auch fehlen, es ist das Erhabenste schlechthin -gemeint. Beispiele der ersten Art sind: +das Höchste, was+ wir -erreichen können -- +das Schlimmste, was+ einem Staate widerfahren kann --- +das Ärgste, was+ Menschen einander antun können -- +das Beste, -was+ du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen (Faust) -- -er preist +das Höchste, das Beste, was+ das Herz sich wünscht, +was+ -der Sinn begehrt (Schiller). Hier wird denn auch meist richtig +was+ -gesetzt. Nach dem Positiv gebrauchen aber auch gute Schriftsteller -blindlings bald +das+, bald +was+. Sieht man sich die Beispiele näher -an, so sieht man, daß sie viel öfter das Falsche als das Richtige -getroffen haben. - -Endlich ist +was+ für +das+ auch da notwendig, wo sich das Relativ -auf den Inhalt eines ganzen Satzes bezieht, z. B. der Mensch, +das -Tier+ mit zwei Händen, +das+ auch lachen kann, +was+ der Affe immer -noch nicht fertig bringt. In einem Satze wie: es ist kein freundliches -Bild, +was+ der Verfasser vor uns aufrollt -- wird nicht deutlich, ob -sich was auf Bild beziehen soll; man kann den Relativsatz auch als -Subjektsatz auffassen: +was+ der Verfasser vor uns aufrollt, ist kein -freundliches Bild. In diesem Falle wäre natürlich +was+ richtig, im -andern müßte es +das+ heißen. - - -Wie, wo, worin, womit, wobei - -Daß Präpositionen in Verbindung mit dem Relativpronomen durch die -hübschen relativen Adverbia +worin+, +woraus+, +womit+, +wobei+, -+woran+, +wofür+ usw. ersetzt werden können und in der lebendigen -Sprache sehr oft ersetzt werden, wenn sich das Relativ auf eine Sache -(nicht auf eine Person!) zurückbezieht, daran denken beim Schreiben -die wenigsten, und wenn sie daran denken, so wagen sie nicht, Gebrauch -davon zu machen. Am ehesten getrauen sie sichs noch da, wo sie auch -+was+ statt +das+ sagen würden. Aber ein Brief, +worin+ -- eine Fläche, -+worauf+ -- ein Messer, +womit+ -- ein Mittel, +wodurch+ -- eine Regel, -+wobei+ -- ein Geschenk, +worüber+ -- eine Gefahr, +wovor+ -- (auch: -der Grund, +weshalb+) -- wie wenigen will das aus der Feder! Sie halten -es womöglich gar für falsch. Irgendein Schulmeister, der sich nicht vom -Lateinischen hatte losmachen können, hat ihnen vielleicht einmal in der -Jugend davor bange gemacht, und so schreiben sie denn: diese beiden -Punkte sind es, +an welchen+ Grimm aufs strengste festgehalten hat -- -der innige Zusammenhang, +in welchem+ Glaube, Recht und Sitte stehen --- das einfache, schmucklose Gewand, +mit welchem+ uns die Natur wie -eine Mutter umfängt usw. Und doch heißt es in dem Bürgerschen Spruch: -Die schlechtsten Früchte sind es nicht, +woran+ die Wespen nagen. Nun -gar das einfache +wo+: das Gebäude, +wo+ -- ein Gebiet, +wo+ -- in -einer Stadt, +wo+ -- in allen Fällen, +wo+ -- eine Gelegenheit, +wo+ --- eine Ausgabe, +wo+ (z. B. der Sopran die Melodie hat), und vollends -dieses einfache +wo+ von der Zeit gebraucht: wir gedenken an jene Zeit -der Jugend, +wo+ wir zuerst auszogen -- die Eltern sind genötigt, -über den Bildungsgang ihrer Kinder schon zu einer Zeit Bestimmungen -zu treffen, +wo+ deren Anlagen noch zu wenig hervorgetreten sind -- -seit dem 29. März, +wo+ die neue Bewegung begann -- seit dem Jahre -1866, +wo+ er sein Amt niedergelegt hatte -- wie wenige wagen das zu -schreiben, wie wenige haben eine Ahnung davon, daß auch das grammatisch -ganz richtig und hundertmal schöner ist als das ungeschickte: seit dem -29. März, +an welchem Tage+ -- seit 1866, in welchem Jahre usw.[64] -Ist es nicht kläglich komisch, in einem Manuskript sehen zu müssen, -wie der Verfasser erst geschrieben hat: die Depesche gelangte +an -demselben Tage+ in seine Hände, +als+ usw., dann das +als+ wieder -durchgestrichen und darübergesetzt hat: +an welchem+, aber auf das -gute, einfache, natürliche +wo+ nicht verfallen ist? Und genau so ist -es mit +wie+. Die Art und Weise, +wie+ -- in dem Grade, +wie+ -- in -jenem Sinne, +wie+ -- in dem Maße, +wie+ -- über die Richtung, +wie+ --- wie wenige getrauen sich das zu schreiben! Die alten Innungen waren -Produktivgenossenschaften in jenem vernünftigen Sinne, +in welchem+ -jeder Staat es ist -- man war im Zweifel über die Art und Weise, +in -welcher+ die soziale Gesetzgebung vorzugehen habe -- ein Bier, das in -demselben Grade ungenießbar wird, +in welchem+ sich seine Temperatur -über den Gefrierpunkt erhebt -- in dem Maße, +in welchem+ (+wie+!) -sich die Partei dem Augenblicke nähert, +in welchem+ (+wo+!) sie ihr -Versprechen erfüllen soll -- anders schreibt der Papiermensch gar nicht. - -Das relative Adverbium +wo+ bedeutet keineswegs, wie so viele -glauben, nur den Ort, es bedeutet, wie das ihm entsprechende +da+, -ebensogut auch die Zeit. Merkwürdigerweise hat man noch eher den Mut, -zu schreiben: die Zeit, +da+ -- als: die Zeit, +wo+. Manche lieben -sogar dieses +da+, ziehen also hier das Demonstrativ in der relativen -Bedeutung vor, während sie doch sonst immer +welcher+ für +der+ -schreiben. Aber +da+ als Relativ klingt uns heute doch etwas veraltet -(man denke nur an den Bibelspruch: seid Täter des Worts und nicht Hörer -allein, +damit+ ihr euch selbst betrüget), es kann auch leicht mit dem -kausalen +da+ verwechselt werden, z. B. mitten in einer trüben Zeit, -+da+ ihn ein Augenleiden heimsuchte. Für +in welchem+ sollte man, wo es -irgend angeht, schreiben +worin+; bei +in dem+ entsteht der Übelstand, -daß es mit dem Fügewort +indem+ verwechselt werden kann: der Aufsatz, -+in dem+ ihm vorgeworfen wird, er heuchle Frömmigkeit. Auf dem Papier -natürlich nicht, aber das Papier geht uns auch nichts an; beim Hören -kanns verwechselt werden -- das ist die Hauptsache! - - -Wechsel zwischen der und welcher - -Wenn zu einem Worte zwei (oder mehr) Relativsätze zu fügen sind, so -halten es viele für eine besondre Schönheit, mit dem Relativpronomen -abzuwechseln. Es ist das der einzige Fall, wo sie einmal mit Bewußtsein -und Absicht zu dem Relativum +der+ greifen, während sie sonst, wie die -Schulknaben, immer +welcher+ schreiben. Jeden Tag kann man Sätze lesen -wie: das Allegro und das Scherzo fanden nicht das Maß von Beifall, -+welches+ wir erwartet hatten, und +das+ sie verdienen -- jedes -Grundstück, +welches+ mindestens zu einem Grundsteuerertrage von 200 -Mark eingeschätzt ist, und +das+ mindestens einen Taxwert von 1000 Mark -hat -- lehrreich ist die Niederschrift durch die Korrekturen, +welche+ -der Komponist selbst darin vorgenommen hat, und +die+ sich nicht nur -im Ändern einzelner Noten zeigen -- in eine weite Hausflur mündete die -Treppe, +welche+ in die obern Stockwerke führte, und +die+ man gern als -Wendeltreppe gestaltete -- die ehrwürdigen Denkmäler der Druckkunst, -+welche+ uns der Altmeister selbst hinterlassen hat, und +die+ man mit -dem Namen Wiegendrucke bezeichnet -- es geht nicht an, daß wir Schäden -groß wachsen sehen, +die+ uns als schwache Köpfe erscheinen lassen, -und auf +welche+ die Fremden mit Fingern weisen -- es war ein Klang -in seinen Worten, +welcher+ alle Herzen ergriff, und +dem+ sie gern -weiter gelauscht hätten -- Aufsätze, +welche+ bereits in verschiednen -Zeitschriften erschienen sind, und +die+ durch ihre Beziehungen auf -Schwaben zusammengehalten werden. Kein Zweifel: in allen diesen Fällen -liegt ein absichtlicher Wechsel vor; alle, die so schreiben, glauben -eine besondre Feinheit anzubringen. - -Aber das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, daß die Wiederholung -des Relativpronomens bisweilen ganz überflüssig ist, weil das -Satzgefüge dasselbe bleibt, ist es auch unbegreiflich, wie jemand in -seinem Sprachgefühl so irre gehen kann. Wenn man an ein Hauptwort -zwei oder mehr Relativsätze anschließt, so stehn doch diese Sätze als -Bauglieder innerhalb des Satzgefüges parallel zueinander, etwa so: - - Erster Relativsatz - ---------------------- - Hauptsatz / - ----------------- - \ Zweiter Relativsatz - ---------------------- - -Wie kann man da auf den Gedanken kommen, diese beiden parallelstehenden -Sätze verschieden anknüpfen zu wollen! Das natürliche ist es doch, -parallellaufende Sätze auch gleichmäßig anzuknüpfen, ja es ist das -geradezu notwendig, die Abwechslung stört nur und führt irre. Wenn -ich erst +der+ lese und im nächsten Satze +welcher+, so suche ich -unwillkürlich bei dem wechselnden Pronomen auch nach dem wechselnden -Hauptwort und sehe zu spät, daß ich genarrt bin. Mit der vermeintlichen -Schönheitsregel ist es also nichts; auch sie ist nur ein Erzeugnis -der abergläubischen Furcht, kurz hintereinander zweimal dasselbe -Wort -- geschrieben zu sehen. Die vernünftige Regel heißt: Parallele -Relativsätze müssen mit demselben Relativpronomen beginnen, also alle -mit +der+, +die+, +das+. Es gibt viele Talente, +die+ vielleicht nie -selbständig etwas erfinden werden, +die+ man daher auf der Akademie -zwecklos mit Kompositionsaufgaben plagt, +die+ aber beweglich genug -sind, das in der Kopierschule erlernte frei umzubilden -- das ist gutes -Deutsch. +Welcher+, +welche+, +welches+ ist auch hier ganz entbehrlich. - -Etwas andres ist es, wenn auf einen Relativsatz ein zweiter folgt, der -sich an ein neues Hauptwort in dem ersten Relativsatz anschließt, etwa -so: - - Hauptsatz - ----------- - \ Erster Relativsatz - ------------------------ - \ Zweiter Relativsatz. - ----------------------- - -Da wechselt die Beziehung, und da hat es etwas für sich, auch -das Pronomen wechseln zu lassen; die Abwechslung kann da sogar -die richtige Auffassung erleichtern und beschleunigen, wie in -folgenden Sätzen: +Klaviere+, +die+ den +Anforderungen+ entsprechen, -+welche+ in Tropengegenden an sie gestellt werden -- +Gesetze+, die -bestimmte +Organisationen+ zum Gegenstande haben, +welche+ nur bei -der katholischen Kirche vorkommen -- die +Bühnen+, +die+ mit einer -ständigen Schar von +Freunden+ rechnen können, +welche+ mit liebevollem -Interesse ihrer Entwicklung folgen -- +Verbesserungen+, +die+ der -Dichter der +dritten Ausgabe+ seiner Gedichte zu geben beabsichtigte, -+welche+ er leider nicht mehr erlebte -- Amerika zerfällt in zwei -+Hälften+, die nur durch eine verhältnismäßig schwache +Brücke+ -zusammenhängen, +welche+ sich nicht zu einem Handelsweg eignet -- in -dem +Pakt+, +den+ Faust mit dem +Geiste+ der Verneinung schließt, -+welcher+ sich als der Zwillingsbruder des Todes bekennt -- es fehlte -bisher an einer +Darstellung+, +die+ allen +Anforderungen+ entsprochen -hätte, +welche+ an Kunstblätter von nationaler Bedeutung zu stellen -sind -- es gelang uns, in Beziehung zu den +Stämmen+ zu treten, +die+ -die +Artikel+ produzieren, +welche+ unsern Kaufleuten zugehen, und -+die+ zugleich ein weites Absatzgebiet für unsre Industrie bieten. -Dabei empfiehlt sich übrigens (aus rhythmischen Gründen, der Steigerung -wegen), +der+ immer an die erste, +welcher+ an die zweite Stelle zu -bringen, nicht umgekehrt! Aber unbedingt nötig ist der Wechsel auch -hier nicht. - - -Welch letzterer und welcher letztere - -An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit -der so beliebten Verbindung: +welcher letztere+. Auf die häßliche -unorganische Bildung +ersterer+ und +letzterer+ -- eine komparativische -Weiterbildung eines Superlativs! -- soll dabei gar kein Gewicht gelegt -werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in -allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal -das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein -bringt, es wollte jemand der +größtere+, der +kleinstere+, der -+bestere+, der +schönstere+ bilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische -Anwendung. - -Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf -eine Reihe von Hauptwörtern, zwei, drei, vier oder mehr folgt, so -ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied -angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann, -also nicht so: - - Erstes Hauptwort - ------------------ - Zweites Hauptwort - ------------------ - Drittes Hauptwort - ------------------ - \ Relativsatz - -------------- - -sondern so: - - Erstes Hauptwort - ------------------- - Zweites Hauptwort \ Relativsatz. - --------------------------------------- - Drittes Hauptwort / - ------------------- - -Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel -zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen. -Es kann also nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller, +der+, sondern -nur: Lessing, Goethe und Schiller, +die+. Das fühlt auch jeder ohne -weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei, -vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das zuletzt genannte noch etwas -näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßes +welcher+ -- das -fühlt jeder -- ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aber +welcher -letztere+ oder +welch letzterer+ -- das rettet! Also: das Bild stellt -Johannes den Täufer und den Christusknaben dar, +welch letzterer+ von -dem Täufer in die Welt eingeführt wird -- einen Hauptartikel des Landes -bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch, -+welch letzteres+ allerdings dem niederländischen nachstand -- er war -Regent der weimarischen, gothaischen und altenburgischen Lande, +welche -letztern+ ihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen -- die Summe des -Intellektuellen im Menschen setzt sich zusammen aus Geist, Bildung -und Kenntnissen, +welchen letztern+ auch die Vorstellungen zugezählt -werden dürfen -- es gibt von dem Bilde schwarze und braune Abdrücke, -+welch letztere+ aber erst 1784 erschienen sind -- den Schluß bildet -der Jahresbericht und das Mitgliederverzeichnis, +welch letzteres+ eine -große Anzahl neuer Namen enthält -- der Neger überflügelt zuerst seine -Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen, -für +welch letztere+ seine Begabung erstaunlich ist. - -Dieses +letztere+ ist ein bequemes, aber sehr häßliches -Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht -dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem -man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den -Täufer dar und den +Christusknaben+, +der+ usw., oder indem man statt -des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort -wiederholt wird. - -Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft, +welch letzterer+ -selbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum -vorhergeht, eine falsche Beziehung also ganz unmöglich ist, z. B.: -der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet, +welch letztere+ ihn -schon seit längerer Zeit hat -- der Urkunde ist die durch den Bischof -von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben, +welche letztere+ -aber nichts besondres enthält -- den gesetzlichen Bestimmungen gemäß -scheiden vier Mitglieder aus, +welch letztere+ aber wieder wählbar -sind -- die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach dem -+Gesetz, welch letzteres+ sie selten kennt -- überall wechseln üppige -Wiesengründe mit stattlichen Waldungen, +welch letztere+ namentlich die -Bergkuppen und Hänge bedecken -- der König nahm in dem +Wagen+ Platz, -+welch letzterer+ aber schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt. -Welch eine Schwulst! Vier Silben, wo drei Buchstaben genügen! - - -Relativsätze an Attributen - -Sehr vorsichtig muß man damit sein, einen Relativsatz hinter ein -Hauptwort zu stellen, das ein Attribut mit einem zweiten Hauptworte -(am häufigsten als abhängigen Genitiv) bei sich hat. Jedes der beiden -Hauptwörter, das erste so gut wie das zweite, kann einen Relativsatz zu -sich nehmen; es kommt nur darauf an, welches von beiden den Ton hat. -Beide zugleich sind nie betont, entweder hat das tragende den Ton, oder -das getragne, das im Attribut steht. Welches von beiden betont ist, -ergibt sich gewöhnlich sofort aus dem Zusammenhange. Nur an das betonte -Hauptwort aber kann sich der Relativsatz anschließen. - -Es ist also nichts einzuwenden gegen Verbindungen wie folgende: -mit zehn Jahren wurde ich in die unterste Klasse +der Kreuzschule+ -aufgenommen, +der ich+ dann acht Jahre lang als Schüler angehörte --- bezeichnend ist sein Verhältnis +zum Gelde, das+ er stets wie -ein armer Mann behandelte. In diesen Fällen ist das Hauptwort des -Attributs betont, der Relativsatz schließt sich also richtig an. -Ob man nicht trotzdem solche Verbindungen lieber meiden sollte, -namentlich dann, wenn die beiden Hauptwörter gleiches Geschlecht haben, -ist eine Frage für sich. Vorsicht ist auch hier zu empfehlen, ein -Mißverständnis manchmal nicht ausgeschlossen. Unbedingt falsch dagegen -ist folgender Satz: auch warne ich vor einer bravourmäßigen Auffassung -der +zweiten Variation, die+ dort gar nicht am Platze ist. Es ist von -den Variationen in einer Beethovenschen Sonate die Rede; die erste -Variation ist besprochen, nun kommt die zweite an die Reihe. Da ist es -klar, daß der Relativsatz nur heißen kann: +die+ eine solche (nämlich -eine bravourmäßige Behandlung) gar nicht verträgt. - -Viel öfter kommt aber nun der umgekehrte Fehler vor: daß ein -Relativsatz an das zweite Hauptwort angeschlossen wird, obwohl das -erste den Ton hat. In den meisten Fällen -- das ist das Natürliche -in jeder logisch fortschreitenden Darstellung -- wird das neu -Hinzugekommne, das Unterscheidende, also das zu Betonende in dem -tragenden Hauptworte liegen, nicht in dem Attribut. Wenn trotzdem -an das Attribut ein Relativsatz gehängt wird, so entstehen störende -Verbindungen wie folgende: der +Dichter+ dieses Weihnachtsscherzes, -+der+ vortrefflich inszeniert war -- der +Empfang+ des Fürsten, +der+ -um sieben Uhr eintraf -- der +Tod+ des trefflichen Mannes, +der+ -eine zahlreiche Familie hinterläßt -- der +Appetit+ des Kranken, -+der+ allerdings nur flüssige Nahrungsmittel zu sich nehmen darf -- -der +linke+ Arm des Verschwundnen, +der+ sich vermutlich herumtreibt --- Flüchtigkeiten erklären sich aus dem +körperlichen Zustande+ des -Verfassers, +dem+ es nicht vergönnt war, die letzte Hand an sein Werk -zu legen -- die folgenden Radierungen tragen schon den +Namen+ des -Künstlers, +der+ inzwischen auch mehrere Bildnisse gemalt hatte -- um -den +neuen Lorbeer+ unsers Freundes, +der+ einen so tiefen Blick in -das Leben getan hat, mit Champagner zu begießen -- eine +Beschränkung+ -der Korrekturlast, +die+ wissenschaftlich gebildete Männer täglich -stundenlang bei mechanischer Arbeit festhält -- die +Hochzeitstorte+ -der Prinzessin, +die+ einen Untertanen, den Herzog von Fife heiratete --- die +Glanznummer+ der Wahrsagerin, +die+ noch eine ziemlich junge -Frau ist -- nun wurde das +Dach+ des Schlosses gerichtet, +das+ man in -wenigen Jahren zu beziehen hoffte. Bei oberflächlicher Betrachtung wird -mancher meinen, das Störende in diesen Verbindungen liege nur darin, -daß die beiden Hauptwörter dasselbe Geschlecht haben, und deshalb eine -falsche Beziehung des Relativsatzes möglich ist. Das ist aber nicht -der Fall: es sind auch solche Verbindungen nicht gut wie: +das letzte -Werk+ des russischen Erzählers, +der+ es seiner Freundin Viardot in die -Feder diktierte -- die +lichtvollen Ausführungen+ des Redners, +der+ -durch seinen Eifer für die Sache der evangelischen Vereine bekannt ist --- weist nicht der +Ursprung+ des Gewissens, +das+ ein unveräußerliches -Erbteil des Menschen ist, auf eine höhere Macht hin? Für wen der -Satzbau etwas mehr ist als ein bloßes äußerliches Zusammenleimen, der -wird auch solche Verbindungen meiden. - -Oft sind solche falsch angeschlossene Relativsätze nicht bloß dynamisch -anstößig (der Betonung wegen), sondern auch logisch; sie enthalten -Gedanken, die überhaupt nicht in Relativsätze gehören, beiläufige -Bemerkungen, zu denen man sich das beliebte „übrigens“ hinzudenken -soll, oder Parenthesen, die eigentlich in Hauptsätzen stehen -sollten. Da greifen nun auch hier wieder viele, um Mißverständnissen -vorzubeugen, zu dem bequemen Auskunftsmittel +welcher letztere+ und -schreiben: die übermäßigen +Aufgaben+ der +Schauspieler+, +welch -letztere+ an einzelnen Tagen dreimal aufzutreten haben -- diese -ausgezeichnete +Landschaftsstudie+ aus dem Garten der +Villa Medici+, -+welch letztere+ der Künstler eine Zeit lang bewohnte -- er mußte sich -mit dem +Anblick+ des +Waschschwamms+ begnügen, +welch letzterer+ am -Fenster in der Sonne trocknete -- eine größere Reihe von +Abbildungen+ -kirchlicher +Gegenstände+, +welch letztere+ einst im Besitz der -Michaeliskirche waren -- +die Freunde+ der zum Heere einberufnen -+Studenten+, +welch letztern+ dieser Aufruf nicht zu Gesichte kommt -usw. Ein schwächliches Mittel. Eine Geschmacklosigkeit soll dazu -dienen, einen Fehler zu verbergen! - - -Einer der schwierigsten, der oder die? - -Oft wird an einen Genitiv der Mehrzahl, der von dem Zahlwort +einer+, -+eine+, +eins+ abhängt, ein Relativsatz angeschlossen, aber gewöhnlich -in folgender falschen Weise: ich würde das für +einen+ der härtesten -+Unfälle+ halten, +der+ je das Menschengeschlecht +betroffen hat+ -- -Leipzig ist +eine+ der wenigen +Großstädte+, in +der+ eine solche -Einrichtung noch nicht besteht -- das Buch ist +eine+ der schönsten -+Kriminalgeschichten+, +die+ je geschrieben +worden ist+ -- das -Denkmal ist +eins+ der +schönsten+, +das+ bis jetzt ans Tageslicht -gebracht +worden ist+ -- Klopstock ist +einer+ der +ersten+, +der+ -die Nachahmung des Franzosentums +verwirft+. In solchen Sätzen ist -das +einer+, +eine+, +eins+ völlig tonlos, es ist wie ein bloßer -Henkel für den abhängigen Genitiv, und dieser Genitiv hat den Ton. -Es ist aber auch ein logischer Fehler, den Relativsatz an +einer+ -anzuschließen; denn der Inhalt des Relativsatzes gilt doch nicht bloß -von dem einen, aus der Menge herausgehobnen, sondern von allen, aus -denen das eine herausgehoben wird. Es kann also nur heißen: +einer+ -der härtesten +Unfälle+, +die+ je das Menschengeschlecht betroffen -+haben+ -- +eine+ der wenigen +Großstädte+, +in denen+ (besser -+wo+) eine solche Einrichtung noch nicht besteht usw. Nur scheinbar -vermieden wird der Fehler, wenn jemand schreibt: er war +ein+ durch -und durch +norddeutscher Charakter+, +der+ nur die Pflicht kennt; -denn hier bezeichnet +ein+ die ganze Klasse, und +der+ geht auf den -Einzelnen. Auch hier muß es heißen: er war +einer+ jener +norddeutschen -Charaktere+, +die+ nur die Pflicht kennen.[65] - - -Falsch fortgesetzte Relativsätze - -Ein gemeiner Fehler, dem man in Relativsätzen unendlich oft begegnet, -ist der, daß an einen Relativsatz ein zweiter Satz mit +und+, -+aber+, +jedoch+ angeknüpft wird, worin aus dem Relativ in das -Demonstrativ oder in das Personalpronomen gesprungen oder sonstwie -schludrig fortgefahren wird, z. B. eine Schrift, +die+ er auf -seine Kosten drucken ließ +und sie+ umsonst unter seinen Anhängern -austeilte -- Redensarten, +die+ der Schriftsteller vermeidet, +sie -jedoch+ dem Leser beliebig einzuschalten überläßt -- die vielen -Fische, +die+ er bisweilen selbst füttert +und ihnen+ zuschaut, -wenn sie nach den Krumen schnappen -- ein Bauer, mit +dem+ ich über -Feuerversicherungsgesellschaften sprach +und ihm+ meine Bewundrung -dieser trefflichen Einrichtung ausdrückte -- am Schlusse gab Herr W. -Erläuterungen über die Vorzüge der Neuklaviatur, +welch letztere+ (!) -übrigens in der hiesigen Akademie für Tonkunst bereits eingeführt ist -+und+ der Unterricht +auf derselben+ (!) mit bestem Erfolge betrieben -wird (das richtige Dummejungendeutsch!) -- der Künstler, +der+ dem -Männergesang zu jener hohen Stelle verhalf und +dieser ihm+ die -gewaltige Bedeutung verdankte, die er heute einnimmt (ebenso!) -- eine -übermächtige Verbindung, +welcher+ der Herzog schnell mürbe gemacht -wich +und+ sich zu einer Landesteilung herbeiließ -- dieser Kranke, +an -den+ ich seit zwanzig Jahren gekettet war +und+ nicht aufatmen durfte --- er entwendete verschiedne Kleidungsstücke, +die+ er zu Gelde machte -+und+ sich +dann+ heimlich von hier entfernte -- sie erhielt Saalfeld, -+wo+ sie 1492 starb +und+ in +Weimar+ begraben wurde -- die +Seuche+, -+an der+ zahlreiche Schweine zugrunde gehen +und dann+ noch verwendet -werden -- es geht das aus dem Testament hervor, +das+ ich abschriftlich -beifüge +und+ von fernern Nachforschungen absehen zu können glaube -- -ein +Augenblick+, +den+ der Verhaftete benutzte, um zu entweichen, -+und+ bis zur Stunde noch nicht wieder aufgefunden worden ist. - -Es ist klar, daß durch +und+ nur gleichartige Nebensätze verbunden -werden können. Geht also ein Relativsatz voraus, so muß auch ein -Relativsatz folgen; die Kraft der relativen Verknüpfung wirkt über das -+und+ hinaus fort. In den ersten Beispielen muß es also einfach heißen: -+und+ umsonst austeilte --, +jedoch+ einzuschalten überläßt --, in den -folgenden: +und denen+ er zuschaut, +und dem+ ich meine Bewundrung -ausdrückte. In den letzten Beispielen ist der Anschluß eines zweiten -Relativsatzes überhaupt unmöglich, weil der Begriff, der im Relativ -erscheinen müßte, in dem zweiten Satze gar nicht wiederkehrt; es kann -höchstens heißen: +worauf+ er sich entfernte -- +sodaß+ ich absehen zu -können glaube. - -Steht das Pronomen der Relativsätze im Genitiv, so ist es ein beliebter -Fehler, in dem zweiten Relativsatz, obwohl das Subjekt dasselbe bleibt, -dieses Subjekt durch ein Relativpronomen zu wiederholen, z. B.: der -+Kaiser+, +dessen Interesse+ für alle Zweige der Technik bekannt ist, -+und das+ gerade bei der Berliner Ausstellung wieder klar zutage tritt --- das +Sprachgewissen+, +dessen Stimme+ sich nicht überhören läßt, -die sich vielmehr geltend macht bei allem, was wir lesen und schreiben. -Ein ebenso beliebtes Gegenstück dazu ist es dann, einen zweiten -Relativsatz, der dem ersten untergeordnet ist, mit +und+ anzuknüpfen, -z. B.: eine +Ehe+, vor +deren+ Sündhaftigkeit sie ein wahres +Grauen+ -hat, +und das+ sie doch allmählich überwinden muß -- er war im Frühling -geboren, +dessen Blumen+ ihm stets so lieb blieben, +und die+ er so -gern im Knopfloch trug -- er sollte ihr ein Wort ins Ohr flüstern, -von +deren Antlitz+ sein Herz geträumt hatte, +und von dem+ es sich -nicht abwenden konnte. In den ersten beiden Sätzen muß das zweite -Relativpronomen weichen, in den drei letzten das +und+; der letzte Satz -bleibt freilich auch dann noch Unsinn. - -Ein abscheulicher Fehler ist es, wenn man zwei Relativsätze -miteinander verbindet, ohne das Relativum zu wiederholen, obwohl -das Relativpronomen in dem einen der beiden Sätze Objekt, in dem -andern Subjekt ist, der eine also mit dem Akkusativ, der andre mit -dem Nominativ anfängt, z. B.: ein paar +Kopien+, +die ich+ schon -+vorfand+ und mir viel Freude +machen+ -- +die Festschrift+, +die+ -Georg Bötticher +verfaßt hat+ und von Kleinmichel mit Schildereien -+versehen worden ist+. -- Dieser Fehler gehört unter die zahlreichen -Sprachdummheiten, die dadurch entstehen, daß man ein Wort nicht als -etwas lebendiges, sinn- und inhaltvolles, sondern bloß als eine -Reihe von Buchstaben ansieht, also -- durch die Papiersprache. Ob -diese Buchstabenreihe das einemal Akkusativ, das andremal Nominativ -ist, ist dem Papiermenschen ganz gleichgiltig. Schreibt doch eine -Memoirenerzählerin sogar: +Natur+ und +Kunst lernten wir+ lieben und -+wurden+ in unserm Hause gepflegt! - - -Relativsatz statt eines Hauptsatzes - -Ein schlimmer Fehler endlich, der sehr oft begangen wird, ist es, wenn -ein Relativsatz gebildet wird, wo gar kein Relativsatz hingehört, -sondern entweder eine andre Art von Nebensatz oder -- ein Hauptsatz. -Wenn jemand schreibt: Harkort erfreute sich des Rufes +eines bewährten -Geschäftsmannes+, der als Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn -rastlose Energie an den Tag gelegt hatte -- so ist klar, daß der -Relativsatz keine Eigenschaft eines bewährten Geschäftsmannes angibt, -sondern den Grund, weshalb Harkort in diesen Ruf kam; es muß also -heißen: +da er+ als Mitbegründer usw. Wenn jemand schreibt: das Steigen -des Flusses erschwerte +die Arbeiten+, +die+ mit größter Anstrengung -ausgeführt wurden -- so ist klar, daß der Relativsatz keine Eigenschaft -der Arbeiten angibt, sondern eine Folge davon, daß der Fluß steigt; -es muß also heißen: +sodaß+ sie nur mit größter Anstrengung usw. Nun -vollends: machen Sie +einen Versuch+ mit dem Werke, der Sie voll -befriedigen wird -- kein Mittel vertreibt +den Geruch+, der wohl -schwächer wird, aber immer bemerklich bleibt -- das ersehnte Glück -fand er in +dieser Verbindung+ nicht, +die+ nach drei Jahren wieder -gelöst wurde -- wie im Fluge verbreitete sich die Trauerkunde unter -+den Vereinsmitgliedern+, +die+ dem teuern Genossen vollzählig das -letzte Geleit gaben -- er widmete sich dem juristischen Studium ohne -+innern Drang+, +der+ ihn zur Literatur und Geschichte führte -- jedes -+Konzert+, +das+ er nie versäumte, war ihm ein Hochgenuß -- solche -Sätze erscheinen wohl äußerlich in der Gestalt von Relativsätzen, -ihrem Inhalte nach aber sind es Hauptsätze. Es muß heißen: kein Mittel -vertreibt den Geruch; er wird wohl schwächer, bleibt aber immer -bemerklich -- das ersehnte Glück fand er in dieser Verbindung nicht; -sie wurde nach drei Jahren wieder gelöst. Noch fehlerhafter sind -folgende Sätze: die Meister sind das +Ein und Alles+ der Kunst, +die+ -in ihren Werken und sonst nirgends niedergelegt und beschlossen ist -- -oder gar: +das Honorar+ beträgt jährlich 360 +Mark+, +welches+ (!) in -drei Terminen zu entrichten ist. Hier ist der Relativsatz nicht bloß an -das falsche Wort angeschlossen, sondern logisch falsch: er muß in einen -Hauptsatz verwandelt werden. - - -Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar - -Verhältnismäßig wenig Fehler kommen in den Nebensätzen vor, die -eine Zeitbestimmung, einen Grund oder ein Zugeständnis enthalten -(Temporalsätze, Kausalsätze, Konzessivsätze). In den Kausalsätzen ist -vor allem vor einem Mißbrauch des Fügewortes +nachdem+ zu warnen. -+Nachdem+ kann nur Temporalsätze anfangen. Es ist zwar schon früh auch -auf das kausale Gebiet übertragen worden (wie +weil+ und +da+, die -ja auch ursprünglich temporal und lokal sind); gegenwärtig aber ist -das nur noch in Österreich üblich. +Nachdem+ der Kaiser keine weitere -Verwendung für seine Dienste +hat+ -- +nachdem+ für die Anschaffung nur -unbedeutende Kosten erwachsen -- +nachdem+ bei günstigem Wasserstande -+sich+ die Verladungen lebhaft +entwickeln werden+ -- solche Sätze -erscheinen als auffällige Provinzialismen. Falsch ist es aber auch, -+nachdem+ in Temporalsätzen mit dem Imperfekt zu verbinden, z. B. der -Grund, warum Lasalle, +nachdem+ seine Lebensarbeit +zerbrach+, doch -immer deutlicher als historische Persönlichkeit hervortritt. +Nachdem+ -kann nur mit dem Perfekt oder dem Plusquamperfekt verbunden werden. - -Ein andrer Fehler, der jetzt in Kausalsätzen fort und fort begangen -wird, ist der, hinter +zumal+ das Fügewort +da+ wegzulassen, als ob -+zumal+ selber das Fügewort wäre, z. B.: der Zuziehung von Fachmännern -wird es nicht bedürfen, +zumal+ in der Literatur einschlägige -Werke genug vorhanden sind. +Zumal+ ist kein Fügewort, sondern ein -Adverb, es bedeutet ungefähr dasselbe wie +besonders+, +namentlich+, -+hauptsächlich+, hat aber noch eine feine Nebenfarbe, insofern -es, ähnlich wie +vollends+, nicht bloß die Hervorhebung aus dem -allgemeinen, sondern zugleich eine Steigerung ausdrückt; der Inhalt -des Hauptsatzes wird, wenn sich ein Nebensatz mit +zumal+ anschließt, -beinahe als etwas selbstverständliches hingestellt. Soll nun, wie es -sehr oft geschieht, der in einem Nebensatz ausgedrückte Gedanke in -dieser Weise hervorgehoben werden, so muß +zumal+ einfach davortreten, -sodaß der Nebensatz nun beginnt: +zumal wer+, +zumal wo+, +zumal als+, -+zumal wenn+, +zumal weil+, +zumal da+, je nachdem es ein Relativsatz, -ein Temporalsatz, ein Bedingungssatz oder ein Kausalsatz ist, z. B.: -das wäre die heilige Aufgabe der Kunst, +zumal seit+ sie bei den -Gebildeten zugleich die Religion vertreten soll. So wenig nun jemand -hinter +zumal+ das +wer+, +wo+, +wann+ oder +als+ weglassen wird, so -wenig hat es eine Berechtigung, das +da+ oder +weil+ wegzulassen, und -es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: diese Maßregel erbitterte -die Evangelischen, +zumal+ sie hörten -- schließlich ließ sich die -Angelegenheit nicht länger aufschieben, +zumal+ sich die Aussicht -eröffnete usw. Leider ist diese Nachlässigkeit schon so beliebt -geworden, daß man bald wird lehren müssen: +zumal+ ist ein Adverb, aber -zugleich ist es ein Fügewort, das Kausalsätze anfängt. - -Ähnlich wie mit +zumal+ steht es mit +trotzdem+; auch das möchte man -jetzt mit aller Gewalt zum Fügewort pressen. Aber auch das hat keine -Berechtigung. Auch +trotzdem+ ist ein Adverb, es bedeutet dasselbe wie -+dennoch+; soll es zur Bildung eines Konzessivsatzes dienen, so muß -es mit +daß+ verbunden werden. Zu schreiben, wie es jetzt geschieht: -+trotzdem+ Camerarius den Aufgeklärten spielte -- +trotzdem+ die -Arbeiten im Innern des Hauses noch nicht beendigt sind -- +trotzdem+ es -an Festlichkeiten nicht mangelte -- ist ebenfalls eine Nachlässigkeit. -Wir haben zur Bildung von Konzessivsätzen eine Fülle von Fügewörtern: -+obgleich+, +obwohl+, +obschon+, +wenngleich+, +wenn auch+. Kennt -man die gar nicht mehr, daß man sie jetzt alle dem fehlerhaften -+trotzdem+ zuliebe verschmäht? Sie sind wohl zu weich, zu geschmeidig, -zu verbindlich, nicht wahr? +Trotzdem+ ist gröber, „schneidiger“, -trotziger, darum gefällts den Leuten. - -Freilich sind alle unsre Fügewörter früher einmal Adverbia gewesen. -Auch +indem+, +seitdem+, +nachdem+, +solange+, +sooft+, +nun+ (+nun+ -die schreckliche Seuche glücklich erloschen ist) wurden zur Bildung von -Nebensätzen anfangs gewöhnlich mit einem Fügewort gebraucht (+indem -daß+, +solange als+). Aber warum soll man nicht einen Unterschied -bewahren, solange das Bedürfnis darnach noch von vielen empfunden wird? -Wer sorgfältig schreiben will, wird sich auch nicht mit +insofern+ -begnügen, wenn er +insofern als+ meint. - -Eine österreichische Eigentümlichkeit ist es, Konzessivsätze mit -+obzwar+ anzufangen. In der guten Schriftsprache ist das, wie alle -Austriazismen, unausstehlich. - - -Mißbrauch des Bedingungssatzes - -Das temporale Fügewort +während+, das zunächst zwei Vorgänge als -gleichzeitig hinstellt, kommt auf sehr leichte und natürliche Weise -dazu, zwei Handlungen einander entgegenzusetzen. Den Übergang sieht man -an einem Satze wie folgendem: +während+ ihr euerm Vergnügen nachgingt, -habe ich gearbeitet; das Fügewort kann hier noch rein temporal -aufgefaßt werden, hat aber schon einen Beigeschmack vom Adversativen. -Man muß aber in der Anwendung dieser adversativen Bedeutung sehr -vorsichtig sein, sonst kommt man leicht zu so lächerlichen Sätzen wie: -+während+ Herr W. die Phantasie von Vieuxtemps für Violine vortrug, -blies Herr L. ein Nocturno für Flöte von Köhler -- der Minister -besuchte gestern (!) die Schulen zu Marienthal und Leubnitz, +während+ -er heute (!) die Besuche in den hiesigen Schulanstalten fortsetzte -- -König Albert brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, +während+ der Kaiser -ihm dafür dankte. - -Geradezu ein Unfug aber ist es, Bedingungssätze in adversativem -Sinne zu verwenden. Es scheint das aber jetzt für eine ganz besondre -Feinheit zu gelten. Man schreibt: +wenn+ bei vielen niedrigen Völkern -die Priester als Träger höherer Bildung zu betrachten sind, +so+ ist -das bei den Ephenegern nicht der Fall -- +wenn+ Adelung die Sprache -hauptsächlich als Verständigungsmittel behandelt wissen wollte, +so+ -forderte Herder eine individuelle, schöpferische Empfindungssprache. -Auch vergleichende Nebensätze werden schon, anstatt mit +wie+, mit -+wenn+ gebildet: +wenn+ Indien die Geschichte der Philosophie ~in nuce~ -enthält, +so+ ist es an Materialien für die Geschichte der Religion -gewiß reicher als ein andres Land -- +wenn+ bei uns vielfach über -den Niedergang des politischen Lebens geklagt wird, +so+ ist auch in -Amerika, wo das politische Leben schon bisher nicht sehr hoch stand, -ein solcher Niedergang bemerkbar -- +wenn+ der Verein schon immer -bestrebt war, die reichen Kunstschätze Freibergs zu heben, +so+ ist -das in besonderm Maße in dem vorliegenden Hefte gelungen -- +war+ das -Handpressenverfahren ungeeignet, +so+ konnte das Typendruckverfahren -hinsichtlich der Güte nicht genügen -- +war+ das Haus damals recht -unbehaglich, +so+ machten sich auch nach dem Umbau Übelstände -bemerklich. Ebenso Kausalsätze: +wenn+ die Macht der Sozialdemokratie -in der Organisation liegt, +so+ müssen wir uns eben auch organisieren. -Ebenso Konzessivsätze: +wenn+ die gestellte Aufgabe sich +zwar+ (aha!) -zunächst nur auf die Untersuchung der Goldlagerstellen bezog, +so+ -war es +doch+ nötig, auch andre Minerale in den Kreis der Betrachtung -zu ziehen. Sogar wo einfach zwei Hauptsätze am Platze wären, kommt -man mit diesem +wenn+ angerückt: +wenn+ mein Herr Amtsvorgänger vorm -Jahre viel gutes wünschte, +so+ sind diese Wünsche nicht vergeblich -gewesen -- +wenn+ im frühern Mittelalter die meisten Häuser einfache -Holzhäuser gewesen waren, +so+ ist man erst später aus diesem Zustande -herausgekommen. Welcher Unsinn! - -Wenn diese Art, sich auszudrücken, weitere Fortschritte macht, so kann -es noch dahin kommen, daß der Bedingungssatz alle andern Arten von -Fügewortsätzen nach und nach auffrißt. - - -Unterdrückung des Hilfszeitworts - -Sehr verschieden sind merkwürdigerweise von jeher die Ansichten gewesen -über den Gebrauch, das Hilfszeitwort und (was gleich damit verbunden -werden kann) die sogenannte Kopula in Nebensätzen wegzulassen, also -zu schreiben: der Bischof war bestrebt, von dem Einfluß, den er -früher in der Stadt +besessen+ (nämlich +hatte+), möglichst viel -zurückzugewinnen, der Rat dagegen trachtete, die wenigen Rechte, die -ihm noch +geblieben+ (nämlich +waren+), immer mehr zu beschränken --- die Wirkung der Mühlen würde noch erhöht, wenn sie beständig von -Luft +durchstrichen+ (nämlich +würden+) -- seine Briefe blieben -frei von Manier, während +sich+ in seine spätern Werke etwas davon -+eingeschlichen+ (nämlich +hat+) -- die Pallas trug einst einen Helm, -wie aus der oben abgeplatteten Form des Kopfes zu +erkennen+ (nämlich -+ist+) -- eine Vorstellung wird um so leichter aufgenommen, je -+einfacher+ ihr sprachlicher Ausdruck (nämlich +ist+) -- der Ursachen -sind mehrere, wenn sie auch sämtlich auf eine Wurzel +zurückzuführen+ -(nämlich +sind+) -- verwundert fragt man, ob denn die Krankheit -wirklich so gefährlich, das Übel gar so heillos +geworden+ (+ist+? -+sei+?) -- so lautet das Schlagwort, womit das ideale Werk +begonnen+ -(+ist+? +hat+?) -- sogar: die Lukaspassion kann nicht, wie allgemein -+behauptet+ (nämlich +wird+), von Bach geschrieben sein. - -Dieser Gebrauch hat eine ungeheure Verbreitung, viele halten ihn -offenbar für eine ganz besondre Schönheit. Manche Romanschriftsteller -schreiben gar nicht anders; aber auch in wissenschaftlichen, -namentlich in Geschichtswerken geschieht es fort und fort. Ja es muß -hie und da geradezu in Schulen gelehrt werden, daß dieses Abwerfen -des Hilfszeitworts eine Zierde der Sprache sei. Wenigstens war -einmal in einem Aufsatz einer Unterrichtszeitschrift verächtlich vom -„Hattewarstil“ die Rede; der Verfasser meinte damit die pedantische -Korrektheit, die das +hatte+ und +war+ nicht opfern will. Von -ältern Schriftstellern liebt es namentlich Lessing, aus dessen -Sprache man sich sonst die Muster zu holen pflegt, das Hilfszeitwort -wegzulassen, und Jean Paul empfiehlt es geradezu, diese „abscheulichen -Rattenschwänze der Sprache“ womöglich überall abzuschneiden. - -Halten wir uns, wie immer, an die lebendige Sprache. Tatsache ist, daß -in der unbefangnen Umgangssprache das Hilfszeitwort niemals weggelassen -wird. Es würde als arge Ziererei empfunden werden, wenn jemand sagte: -es ist ein ganzes Jahr her, daß wir uns nicht +gesehen+. In der Sprache -der Dichtung dagegen ist die Unterdrückung des Hilfszeitworts wohl das -überwiegende. Man denke sich, daß Chamissos Frauenliebe und -leben -anfinge: seit ich ihn +gesehen habe+, glaub ich blind zu sein! In der -Prosa kommt es nun sehr auf die Gattung an. In poetisch oder rednerisch -gehobner Sprache stört es nicht, wenn das Hilfszeitwort zuweilen -unterdrückt wird; in schlichter Prosa, wie sie die wissenschaftliche -Darstellung und im allgemeinen doch auch die Erzählung, die historische -sowohl wie der Roman und die Novelle, erfordert, ist es geradezu -unerträglich. Wer das bestreitet, hat eben kein Sprachgefühl. Wer sich -einmal die Mühe nimmt, bei einem Schriftsteller, der das Hilfszeitwort -mechanisch und aus bloßer Gewohnheit überall wegläßt, nur ein paar -Druckseiten lang auf diese vermeintliche Schönheit zu achten, der wird -bald täuschend den Eindruck haben, als ob er durch einen Tiergarten -ginge, wo lauter unglückselige Bestien mit abgehackten Schwänzen ihres -Verlustes sich schämend scheu um ihn herumliefen. - -Ganz unausstehlich wird das Abwerfen des Hilfszeitworts, wenn das übrig -bleibende Partizip mit dem Indikativ des Präsens oder des Imperfekts -gleich lautet, also ohne das Hilfszeitwort die Tempora gar nicht -voneinander zu unterscheiden sind, z. B.: in unsrer Zeit, wo der Luxus -eine schwindelhafte Höhe +erreicht+ (nämlich +hat+!) -- er ist auch -dann strafbar, wenn er sich nur an der Tat +beteiligt+ (+hat+!) -- -das, was der Geschichtschreiber gewissenhaft +durchforscht+ (+hat+!) --- er erinnert sich der Freude, die ihm so mancher gelungne Versuch -+verursacht+ (+hat+!) -- einer jener Männer, die, nachdem sie in -hohen Stellungen Eifer und Tatkraft +bewiesen+ (+haben+!), sich einem -müßigen Genußleben hingeben -- nachdem 1631 Baner die Stadt vergeblich -+belagert+ (+hatte+!) -- er verteilte die Waffen an die Partei, mit -der er sich +befreundet+ (+hatte+!) -- ich kam im Herbstregen an, den -mein Kirchdorf lange +ersehnt+ (+hatte+!) -- er schleuderte über die -Republik und ihre Behörden den Bannstrahl, weil sie sich an päpstlichem -Gut +vergriffen+ (+hatten+!) -- du stellst in Abrede, daß Vilmar mit -dem Buch eine politische Demonstration +beabsichtigt+ (+habe+!). Oder -wenn es in zwei oder mehr aufeinander folgenden Nebensätzen verschiedne -Hilfszeitwörter sind, die dadurch verloren gehen, +haben+ und +sein+, -z. B.: es war ein glücklicher Gedanke, dort, wo einst der deutsche -Dichterfürst seinen Fuß +hingesetzt+ (nämlich +hat+), auf dem Boden, -der durch seinen Aufenthalt geschichtlich +geworden+ (nämlich +ist+), -eine Kuranstalt zu errichten -- wir wissen, auf welchen Widerstand -einst das Interim +gestoßen+ (+ist+!), und welchen Haß sich Melanchthon -durch seine Nachgiebigkeit +zugezogen+ (+hat+!) -- da sie das -Führen der Maschine +unterlassen+ (+hatten+!) und auf den Fußwegen -+gefahren+ (+waren+!). Oder endlich wenn gar von zwei verschiednen -Hilfszeitwörtern das erste weggeworfen, das zweite aber gesetzt wird, -sodaß man dieses nun unwillkürlich mit auf den ersten Satz bezieht, -z. B.: als ich die Fastnachtsspiele +durchgelesen+ und schließlich zu -dem Luzerner Neujahrsspiel +gekommen war+ (also auch: +durchgelesen -war+?) -- seitdem die Philosophie exakt +geworden+, seitdem auch sie -sich auf die Beobachtung und Sammlung von Phänomenen +verlegt hat+ -(also auch: +geworden hat+?) -- der Verfasser macht Banquo den Vorwurf, -daß er nicht für die Rechte der Söhne Duncans +eingetreten+, sondern -Macbeth als König +anerkannt habe+ (also auch: +eingetreten habe+?). -Wie jemand so etwas schön finden kann, ist unbegreiflich. - -Selbst in Fällen, wo der nachfolgende Hauptsatz zufällig mit demselben -Zeitwort anfängt, mit dem der Nebensatz geschlossen hat, ist das -Wegwerfen des Hilfszeitworts häßlich, z. B.: soviel +bekannt+ (nämlich -+ist+), +ist+ der Vorsitzende der Bürgermeister -- wie der Unglückliche -hierher +gelangt+ (+ist+), +ist+ rätselhaft -- alles, was damit -gewonnen +worden+ (+war+), +war+ unbedeutend gegen das verlorne -- wer -diesen Forderungen Genüge +geleistet+ (+hatte+), +hatte+ sich dadurch -den Anspruch erworben usw. Zwar nehmen auch solche, die im allgemeinen -für Beibehaltung des Hilfszeitworts sind, hier das Abwerfen in Schutz, -aber doch nur wieder infolge des weitverbreiteten Aberglaubens, daß ein -Wort nicht unmittelbar hintereinander oder kurz hintereinander zweimal -geschrieben werden dürfe. Es ist das eine von den traurigen paar -stilistischen Schönheitsregeln, die sich im Unterricht von Geschlecht -zu Geschlecht fortschleppen. Die lebendige Sprache fragt darnach gar -nichts; da setzt jeder ohne weiteres das Verbum doppelt, und es fällt -nicht im geringsten auf, kann gar nicht auffallen, weil mit dem ersten -Verbum, fast tonlos, der Nebensatz ausklingt, mit dem zweiten, nach -einer kleinen Pause, frisch betont der Hauptsatz anhebt. Sie klingen ja -beide ganz verschieden, diese Verba, man traue doch nur seinen Ohren -und lasse sich nicht immer von dem Papiermenschen bange machen! - -Nur in einem Falle empfiehlt sichs zuweilen, das Hilfszeitwort auch in -schlichter Prosa wegzulassen, nämlich dann, wenn in den Nebensatz ein -zweiter Nebensatz eingeschoben ist, der mit demselben Hilfszeitwort -endigen würde, z. B.: bis die Periode, für die der Reichstag +gewählt -worden+, +abgelaufen war+. Hier würden zwei gleiche Satzausgänge -mit +war+ nicht angenehm wirken. Wo bei Häufung von Nebensätzen der -Eindruck des Schleppens entsteht, liegt die Schuld niemals an den -Hilfszeitwörtern, sondern immer an dem ungeschickten Satzbau. - -Die Sitte, das Hilfszeitwort in Nebensätzen gewohnheitsmäßig -abzuwerfen, muß um so mehr als Unsitte bekämpft werden, als sie schon -einen ganz verhängnisvollen Einfluß auf den richtigen Gebrauch der -Modi ausgeübt hat. Daß manche Schriftsteller keine Ahnung mehr davon -haben, wo ein Konjunktiv und wo ein Indikativ hingehört, daß in dem -Gebrauche der Modi eine geradezu grauenvolle Verwilderung und Verrohung -eingerissen ist und täglich weitere Fortschritte macht, daran ist -zum guten Teil die abscheuliche Unsitte schuld, die Hilfszeitwörter -wegzulassen. Wo soll noch Gefühl für die Kraft und Bedeutung eines -Modus herkommen, wenn man jedes +ist+, +sei+, +war+, +wäre+, +hat+, -+habe+, +hatte+, +hätte+ am Ende eines Nebensatzes unterdrückt und -dem Leser nach Belieben zu ergänzen überläßt? In den meisten Fällen -ist die Unterdrückung des Hilfszeitwortes nichts als ein bequemes -Mittel, sein Ungeschick oder seine Unwissenheit zu verbergen. Freilich -ist es sehr bequem, zu schreiben: daß viele Glieder der ersten -Christengemeinde arm +gewesen+, ist zweifellos, daß es alle +gewesen+, -ist sehr zu bezweifeln, oder: wenn man nicht annehmen will, daß ihm -seine Genialität +geoffenbart+, was andre schon vorher +gefunden+, -oder: wir bedauerten, daß sie nicht etwas +getan+, was sie in den Augen -unsrer Gespielen recht groß und mächtig +gemacht+. Hätten die, die -so geschrieben haben, gewußt, das es heißen muß: daß viele Glieder -der ersten Christengemeinde arm +gewesen sind+, ist zweifellos, daß -es alle +gewesen seien+, ist sehr zu bezweifeln -- wenn man nicht -annehmen will, daß ihm seine Genialität +geoffenbart habe+, was andre -schon vorher +gefunden hatten+ -- wir bedauerten, daß sie nicht etwas -+getan hatten+, was sie in den Augen unsrer Gespielen recht groß und -mächtig +gemacht hätte+ -- so hätten sie es schon geschrieben. Aber -man weiß eben nichts, und da man seine Unwissenheit durch Hineintappen -in den falschen Modus nicht verraten möchte, so läßt man einfach das -Hilfszeitwort weg. - - -Indikativ und Konjunktiv - -Sogar in Wunsch- und Absichtssätzen, wo man es kaum für möglich halten -sollte, wird jetzt statt des Konjunktivs der Indikativ geschrieben! -Da liest man: es ist zu wünschen, daß die Nation auch künstlerisch -+zusammensteht+ -- wir wünschen von Herzen, daß das der letzte Fall -eines solchen Verbrechens gewesen +ist+ -- wir hoffen, daß er sich nach -längerer Prüfung davon +wird+ überzeugen lassen -- wir wollen alle -mithelfen, daß es eine gute Ernte +gibt+ -- die staatliche Gewalt hat -darüber zu wachen, daß der Sittlichkeit kein ernster Schaden zugefügt -+wird+ -- als deutscher Fabrikant habe ich das lebhafteste Interesse -daran, daß in deutschen Bureaus mit deutschen Federn geschrieben +wird+ --- wir bitten um Erneuerung des Abonnements, damit die Zusendung keine -Unterbrechung +erleidet+ -- wir raten ihm, sich an deutsche Quellen zu -halten, damit er das Deutsche nicht ganz +verlernt+. Die schlimmste -Verwirrung des Indikativs und des Konjunktivs ist aber in den Subjekt- -und Objektsätzen (Inhaltsätzen) und in den abhängigen Fragesätzen -eingerissen. Und doch, wie leicht ist es, bei einigem guten Willen auch -hier das Richtige zu treffen! - -Man vergleiche einmal folgende beiden Sätze: Curtius zeigte seinen -Fachgenossen, daß er ihnen auch auf dieses Gebiet zu folgen -+vermöchte+, und: Curtius zeigte seinen Fachgenossen, daß er ihnen -auch auf dieses Gebiet zu folgen +vermochte+. Was ist der Unterschied? -In dem ersten Falle lehne ich, der Redende oder Schreibende, ein -Urteil darüber ab, ob Curtius wirklich seinen Fachgenossen habe folgen -können, ich gebe nur seine eigne Meinung wieder; im zweiten Falle gebe -ich selbst ein Urteil ab, ich stimme ihm bei, stelle es als Tatsache -hin, daß er ihnen habe folgen können. Ein andres Beispiel: die meisten -Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so war+, und: die -meisten Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so gewesen -sei+. Was ist der Unterschied? In dem ersten Falle gebe ich über den -Trostgrund der Menschen ein Urteil ab, ich stimme ihnen bei, ich stelle -ihren Trostgrund als richtig, als Tatsache hin; in dem zweiten Falle -enthalte ich mich jedes Urteils, ich gebe nur die Meinung der Menschen -wieder. Noch ein Beispiel: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank -+bin+, und: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank +sei+. Der erste -Satz bedeutet: ich trage Bedenken, die Tatsache meiner Erkrankung -einzugestehen; der zweite: ich trage Bedenken, eine Krankheit -vorzuspiegeln. Da haben wir deutlich den Sinn der beiden Modi. - -Darnach ist es klar, weshalb nach Zeitwörtern wie +wissen+, +beweisen+, -+sehen+, +einsehen+, +begreifen+, +erkennen+, +entdecken+, ebenso -wie nach den unpersönlichen Redensarten: +es ist bekannt+, +es steht -fest+, +es ist sicher+, +es ist klar+, +es ist kein Zweifel+, +es ist -Tatsache+, +es läßt sich nicht leugnen+ usw. der Inhaltsatz stets im -Indikativ steht. In allen diesen Fällen kann das Subjekt oder Objekt -nur eine Tatsache sein; welchen Sinn hätte es da, ein Urteil darüber -abzulehnen? Es ist also ganz richtig, zu sagen: +kann es geleugnet -werden+, daß die Erziehung des gemeinen Volks eines der wichtigsten -Mittel +ist+, unsre Person und unser Eigentum zu schützen? Dagegen -spricht aus folgenden Sätzen eine völlig unverständliche Ängstlichkeit: -Hamerling hat +bewiesen+, daß man als Atheist ein edler und tüchtiger -Mensch sein +könne+ -- die Besichtigung der Leiche +ergab+, daß es -sich um einen Raubmord +handle+ -- schon seit Jahren hatte sich -+herausgestellt+, daß die Räume unzureichend +seien+ -- als man die -Kopfhaut entfernte, +sah+ man, daß die Schädeldecke vollständig entzwei -geschnitten +sei+ -- zu meinem Schrecken +entdeckte+ ich, daß der junge -Graf nicht einmal orthographisch schreiben +könne+ -- die Sammlung -tritt sehr bescheiden auf und läßt +keinen Zweifel+ darüber, daß die -Zeit des Sturms und Dranges vorüber +sei+. Was bewiesen, gesehen, -entdeckt worden ist, sich ergeben, sich herausgestellt hat, nicht -bezweifelt werden kann, das müssen doch Tatsachen sein. Weshalb soll -man sich scheuen, solche Tatsachen anzuerkennen? - -Dieser Fehler kommt denn auch verhältnismäßig selten vor. Um so öfter -wird der entgegengesetzte Fehler begangen, daß nach Zeitwörtern, die -eine bloße Meinung oder Behauptung ausdrücken, der Indikativ gesetzt -wird, obwohl der Redende oder Schreibende über die ausgesprochne -Meinung oder Behauptung nicht das geringste Urteil abgeben, sondern -sie als bloße Meinung oder Behauptung eines andern hinstellen -will. Die Zeitwörter, hinter denen das geschieht, sind namentlich: -+glauben+, +meinen+, +fühlen+, +denken+, +annehmen+, +vermuten+, -+voraussetzen+, +sich vorstellen+, +überzeugt sein+, +schließen+, -+folgern+, +behaupten+, +sagen+, +lehren+, +erklären+, +versichern+, -+beteuern+, +bekennen+, +gestehen+, +zugeben+, +bezweifeln+, -+leugnen+, +antworten+, +erwidern+, +einwenden+, +berichten+, -+melden+, +erzählen+, +überliefern+, +erfahren+, +vernehmen+, +hören+ -u. a. Stehen diese Verba in dem Tempus der Erzählung, so setzt wohl -jeder richtig den Konjunktiv dahinter, wiewohl sich auch Beispiele -finden wie: er kam zu der +Überzeugung+, daß er zu alt +war+, sich -noch den bildenden Künsten zu widmen. Aber wie, wenn sie im Präsens -oder im Futurum stehen? Da wird geschrieben: man +glaubt+, daß die -Diebe während der Fahrt in den Zug +stiegen+ -- der Ausschuß ist der -+Meinung+, daß der Markt der geeignetste Platz für das Denkmal ist -- -der Herausgeber ist zu der +Ansicht+ gekommen, das sich diese Rede -Ciceros nicht für die Schule +eignet+ -- man kann dem Verfasser darin -(d. h. in der +Ansicht+) beistimmen, daß sich das Juristendeutsch -gegen früher bedeutend gebessert +hat+ -- jeder wird von einer -Privatsammlung, die in den fünfziger Jahren genannt wurde, +annehmen+, -daß sie heute nicht mehr +besteht+ -- man geht von der albernen -+Voraussetzung+ aus, daß Bach und Händel grobe Klötze gewesen +sind+ -- -hier wirkt noch die alte +Vorstellung+, daß das Wesen eines Dinges in -seinem Bilde +steckt+ -- die Rede ist von der +Überzeugung+ erfüllt, -daß das amerikanische Deutschtum mit der deutschen Sprache +steht+ und -+fällt+ -- man behauptet, daß das Lateinische zu schwer +ist+, als -erste fremde Sprache gelernt zu werden -- die +Behauptung+, daß dieser -Aufsatz für die Zeitschrift kein Ruhmesblatt +bildet+, wird schwerlich -auf Widerspruch stoßen -- Marx +sagt+, daß keine neue Gesellschaft -ohne die Geburtshilfe der Gewalt +entsteht+ -- man +sagt+, daß er sich -von einem Priester taufen +ließ+ -- der Fremde, der die Ausstellung -besucht, wird +sagen+, daß es der Berliner Kunst an Schwung und -Phantasie +gebricht+ -- von glaubwürdiger Seite wird uns +versichert+, -daß die Stimmung sehr +flau+ war -- die Legende +erzählt+, daß, als -die Greisin noch ein schönes Mädchen +war+, sie eine tiefe Neigung zu -einem jungen Krieger +faßte+ -- die +Meldung+, daß Morenga +gefallen -ist+, wird durch einen amtlichen Bericht bestätigt -- in Berliner -Künstlerwerkstätten gilt noch heute die +Überlieferung+, daß Rauch -nicht immer der große Mann +gewesen ist+, als den ihn die Nachwelt -preist. In allen diesen Sätzen ist der Indikativ wahrhaft barbarisch. -Doppelt beleidigend wirkt er, wenn in dem regierenden Satze die Meinung -oder Behauptung, die im Nebensatze steht, ausdrücklich verneint -wird, als falsch, als irrtümlich, als übertrieben, als unbewiesen -bezeichnet wird. Und doch muß man täglich auch solche Sätze lesen wie: -ich kann +nicht zugeben+, daß diese Satzfügung fehlerhaft ist -- es -kann +nicht zugegeben+ werden, daß der große Zuzug der Bevölkerung -die Ursache der städtischen Wohnungsnot +ist+ -- wir sind +nicht+ -zu der +Annahme+ berechtigt, daß er sich durch die Mitgift der -Frau zu der Heirat bewegen +ließ+ -- aus dieser Tabelle läßt sich -+keineswegs+ der +Schluß+ ziehen, daß die Kost dürftig +ist+ -- daß -der sozialistische Geschäftsbetrieb in diesen Industrien möglich +ist+, -hat noch +niemand bewiesen+ -- ich kann +nicht finden+, daß Wagners -Musik +läutert+ -- ich muß aufs entschiedenste +bestreiten+, das es -in einem unsrer Schutzgebiete Sklavenmärkte +gibt+ -- daß das Kreuz -erst in christlicher Zeit religiöse Bedeutung +erhielt+, kann man -+nicht behaupten+ -- +niemand+ wird +behaupten+, daß es dem Architekten -gleichgiltig sein +kann+, ob sein Ornament langweilig oder geistreich -ist -- die K. Zeitung geht +zu weit+ mit der +Behauptung+, daß die -beiden vorigen Sessionen des Landtags unfruchtbar +gewesen sind+ -- es -wird +schwerlich+ jemand +dafür eintreten+, daß die Ausführung dieses -Planes möglich +ist+ -- es ist +nicht wahr+, daß man durch Arbeit und -Sparen reich werden +kann+ -- +unwahr+ ist, daß Herr B. eine Sühne -von 500 M. angeboten +hat+ -- es ist +falsch+, wenn der Verfasser -behauptet, daß die Fehlerzahl den Ausschlag bei der Versetzung der -Schüler +gibt+ -- es liegt +nicht+ der leiseste +Anhalt+ vor, daß eine -neue Revision des Gesetzes beabsichtigt +ist+ -- mir ist +nichts+ -davon +bekannt+, daß das ausdrücklich betont worden +ist+ -- es ist -+unzutreffend+, daß das Urteil bereits rechtskräftig geworden +ist+ -- -die Volkszeitung hat sich direkt +aus den Fingern gesogen+, daß mich -der Minister wegen meines patriotischen Verhaltens gelobt +hat+ -- ich -kann +nicht sagen+, daß ich diese Woche große Freude an der Arbeit -+hatte+ -- damit soll +nicht gesagt+ sein, daß es der Sammlung ganz an -duftigen Liederblüten +fehlt+ -- es soll damit +nicht gesagt+ sein, daß -Beethoven je populär werden +kann+ -- wir glauben +widerlegt+ zu haben, -daß der Schule in diesem Kampfe ein Vorwurf zu machen +ist+ -- wer +hat -bewiesen+, daß die sittliche Höhe eines Künstlers der künstlerischen -seiner Werke gleichstehen +muß+? (niemand!) -- +ist+ irgendwo offenbar -geworden, daß der Abgeordnete sich seiner Aufgaben bewußt +gewesen ist+ -(nein!) usw. Welcher Unsinn, etwas in einem Atem zu leugnen oder zu -bestreiten und zugleich als wirklich hinzustellen! Darauf laufen aber -schließlich alle solche Sätze hinaus. Der Indikativ kann in solchen -Fällen geradezu zu Mißverständnissen führen. Wenn einer schreibt: -es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt worden -+ist+ -- so kann man das auch so verstehen: sie ist ohne jeden Grund -eingestellt worden, und das ist sehr dumm gewesen. Will einer deutlich -sagen: sie ist +nicht+ ohne Grund eingestellt worden, so muß er -schreiben: es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt -worden +sei+. - -Gewiß gibt es zwischen den unbedingt nötigen Indikativen und den -unbedingt nötigen Konjunktiven verschiedne Arten von zweifelhaften -Fällen. Es gibt doppelsinnige Verba, wie z. B. +finden+, +sehen+, -+zeigen+, die ebensogut eine Erkenntnis wie eine Meinung ausdrücken -können; darnach hat sich der Modus des Nebensatzes zu richten. Als -der erste Schrecken überwunden war, +sahen+ die Römer, daß sich der -Aufstand nicht bis zum Rhein +ausdehne+ -- man erwartet den Indikativ: -+ausdehnte+; aber der Schreibende hat mit +sehen+ vielleicht mehr den -Gedankengang, die Erwägung der Römer ausdrücken wollen. So ist auch -+beweisen wollen+, +zu beweisen suchen+ etwas andres als +beweisen+; -Hamerling hat +beweisen wollen+, daß man als Atheist auch ein edler -und tüchtiger Mensch sein +könne+ -- das wäre richtig, ebenso wie: er -+will beweisen+, daß weiß schwarz +sei+. Ein Bigotter könnte aber auch -sagen: beweisen läßt sich alles mögliche; hat nicht Hamerling sogar -+bewiesen+, daß ein Atheist ein edler Mensch sein +könne+? Dann wäre -der Sinn: trotz seines Beweises glaube ich es nicht. Und andrerseits -kann man wieder sagen: warum +willst+ du erst noch +beweisen+, daß zwei -mal zwei vier +ist+? Man vergleiche noch folgende Sätze: darin geben -wir dem Verfasser Recht, daß es unerklärlich +ist+, wie der gütige Gott -eine mit Übeln erfüllte Welt schaffen konnte; aber wir bestreiten, -daß es deshalb logisch geboten +sei+, dem Wesen, das die sittliche -Norm in sich enthält, die Weltschöpfung abzusprechen. Auch in dem -ersten Satze ist der Konjunktiv möglich, mancher würde ihn vielleicht -auch dort vorziehen. Bei guten Schriftstellern, bei denen man das -angenehme Gefühl hat, daß sie jedes Wort mit Bedacht hinsetzen, macht -es Vergnügen, solchen Dingen nachzugehen. Aber wie oft hat man dieses -Gefühl? Meist lohnt es nicht der Mühe, hinter plumpen Schnitzern nach -besondern Feinheiten zu suchen. - -Wenn das Verbum des Hauptsatzes im Präsens steht und das Subjekt die -erste Person ist, so ist auch nach den Verben des Meinens und Sagens -wohl allgemein der Indikativ üblich und auch durchaus am Platze. Wenn -der Hauptsatz heißt: +ich glaube+ oder +wir behaupten+, so hätte -es keinen Sinn, den Inhalt des Nebensatzes als bloße Vorstellung -hinzustellen und ein Urteil über seine Wirklichkeit abzulehnen, -denn +ich+ und der Redende sind ja +eine+ Person. Daher sagt man am -liebsten: ich +glaube+, daß du Unrecht +hast+. Und sogar wenn der -Hauptsatz verneint ist: ich +glaube nicht+, daß sie bei so rauher -Jahreszeit noch in Deutschland +sind+ -- ich +glaube nicht+, daß der -freie Wille der Gesellschaft heute schon stark genug +ist+ -- wir sind -+nicht der Ansicht+, daß man die bestehende Welt willkürlich ändern -+kann+. In den beiden letzten Sätzen würde vielleicht mancher den -Konjunktiv vorziehen; aber schwerlich wird jemand sagen: +ich glaube -nicht+, daß sie bei so rauher Jahreszeit noch in Deutschland +seien+. -Selbst in Wunsch- und Absichtssätzen steht in solchen Fällen der -Indikativ, zumal in der Umgangssprache. Jedermann sagt: spann deinen -Schirm auf, daß du nicht naß +wirst+! +Werdest+ würde hier so geziert -klingen, daß der andre mit Recht erwidern könnte: du sprichst ja wie -ein Buch. Wenn man aber einen Bibelspruch anführt, sollte man ihn nicht -so anführen: Richte nicht, damit du nicht gerichtet +wirst+! - -Genau so wie mit den Objektsätzen, die mit dem Fügewort +daß+ -anfangen, verhält sichs mit denen, die die Form eines abhängigen -Fragesatzes haben: sie müssen im Konjunktiv stehen, wenn der Redende -oder Schreibende kein Urteil darüber abgeben kann, ob ihr Inhalt -wirklich sei oder nicht, weil es sich um Dinge handelt, die eben in -Frage stehen, sie können im Indikativ stehen, wenn der Redende ein -solches Urteil abgeben kann und will, sie müssen im Indikativ stehen, -wenn es gar keinen Sinn hätte, ein solches Urteil abzulehnen, weil es -sich um eine einfache Tatsache handelt. Richtig sind folgende Sätze: -man darf sich nicht damit begnügen, zu behaupten, etwas sei Recht, -sondern man muß doch wenigstens angeben, weshalb es Recht +sei+, und -welches Ziel ein solches Recht +verfolge+ -- nicht darum handelt sichs -in der Politik, ob eine Bewegung revolutionär +sei+, sondern ob sie -eine innere Berechtigung +habe+ -- die Frage, ob der Angeklagte den -beleidigenden Sinn eines Schimpfwortes +erkannt habe+, wird meist -leicht zu bejahen sein -- man sollte sich fragen, ob man nicht selbst -die Mißstände zum Teil +verschuldet habe+, die man beklagt -- es sollte -nicht gefragt werden, ob die Zölle überhaupt zweckmäßig +seien+, -sondern ob im einzelnen Fall ein Zoll angebracht +sei+, und ob damit -erreicht +werde+, was erstrebt wird. Liederlich ist es dagegen, zu -schreiben: die Verhandlung hat +keine Klarheit+ darüber gebracht, ob -die Klagen berechtigt +sind+ oder nicht. Wie kann man etwas als gewiß -hinstellen, wovon man eben gesagt hat, daß es noch unklar sei? Falsch -sind aber auch -- trotz ihres schönen Konjunktivs -- folgende Sätze: -wie weit das Gebiet +sei+, das K. bearbeitet, +zeigen+ seine Bücher -- -ältere Zuhörer, die mehr oder weniger schon +wissen+, wovon die Rede -+sei+ -- es ist vom Schüler zu verlangen, daß er +wisse+, was eine -Metapher +sei+ -- es wäre interessant, zu +wissen+, was Goethe mit -dieser Bezeichnung gemeint +habe+. - -Schuld an der traurigen Verrohung des Sprachgefühls, die sich in den -falschen Indikativen kundgibt, ist zum Teil sicherlich die Unsitte, -die Hilfszeitwörter in den Nebensätzen immer wegzulassen; das stumpft -das Gefühl für die Bedeutung der Modi so ab, daß man sich schließlich -auch dann nicht mehr zu helfen weiß, wenn das Verbum gesetzt werden -muß. Daneben aber ist noch etwas andres schuld, nämlich die unter -dem verwirrenden Einflusse des Englischen immer ärger werdende -Unkenntnis, welche Konjunktive und welche Indikative im Satzbau -einander entsprechen, d. h. in welchen Konjunktiv im abhängigen Satz -ein Indikativ des unabhängigen Satzes verwandelt werden muß; es scheint -das geradezu nicht mehr gelernt zu werden. Man erinnert sich wohl -dunkel einer Konjugationstabelle, worin die Indikative und Konjunktive -einander so gegenübergestellt waren: - - ich bin ich sei - ich war ich wäre - ich bin gewesen ich sei gewesen - ich war gewesen ich wäre gewesen - -oder: - - ich nehme ich nehme - ich nahm ich nähme - ich habe genommen ich habe genommen - ich hatte genommen ich hätte genommen - -Aber daß einem diese Gegenüberstellung aus der Formenlehre für -den Satzbau gar nichts helfen kann, das weiß man nicht. Die -Gegenüberstellung der Modi für die Inhaltssätze sieht so aus: - - er trägt daß er trage oder: daß er trüge - er trug } daß er getragen habe oder: daß - er hat getragen } er getragen hätte - - ich bin daß ich sei oder: daß ich wäre - ich war } daß ich gewesen sei oder: daß ich - ich bin gewesen } gewesen wäre - -Daß sich gerade der Indikativ des Imperfekts jetzt so oft findet, -wo ein Konjunktiv des Perfekts oder des Plusquamperfekts hingehört -(Friedmann ist den Beweis dafür schuldig geblieben, daß dieser Verdacht -haltlos und sinnwidrig +war+), zeigt deutlich, daß man einen richtigen -Konjunktiv in abhängigen Sätzen zu bilden vollständig verlernt hat. - - -Die sogenannte ~consecutio temporum~ - -Daß ich +sei+ oder: daß ich +wäre+! Oder? Was heißt oder? Ist es -gleichgiltig, was von beiden gesetzt wird? oder richtet sich das nach -dem Tempus des regierenden Hauptsatzes? Mit andern Worten: gibt es -nicht auch im Deutschen etwas ähnliches wie eine ~consecutio temporum~, -die vorschreibt, daß auf die Gegenwart im Hauptsatz auch die -Gegenwart im Nebensatze, auf die Vergangenheit im Hauptsatz auch die -Vergangenheit im Nebensatze folgen müsse? - -Das Altdeutsche hat seine strenge ~consecutio temporum~ gehabt. Die -hat sich aber schon frühzeitig gelockert, und zwar ist in den nieder- -und mitteldeutschen Mundarten der Konjunktiv der Vergangenheit, in -den oberdeutschen der Konjunktiv der Gegenwart bevorzugt worden. Dort -ist die Vergangenheit auch nach Hauptsätzen der Gegenwart, hier die -Gegenwart auch nach Hauptsätzen der Vergangenheit vorgezogen worden. -Eine weitere Entwicklungsstufe, auf der wir noch stehen, ist die, daß -die Eigentümlichkeit der oberdeutschen Mundarten, die Bevorzugung -der Gegenwart, weiter um sich griff und mit der Eigentümlichkeit der -mittel- und niederdeutschen in Kampf geriet. Schon Luther schreibt (Ev. -Joh. 5, 15): der Mensch +ging+ hin und +verkündigte+ es den Juden, es -+sei+ Jesus, der ihn gesund gemacht +habe+. Der gegenwärtige Stand -ist der -- was namentlich auch für Ausländer gesagt sein mag --, daß -es in allen Fällen, mag im regierenden Satze die Gegenwart oder die -Vergangenheit stehen, im abhängigen Satze unterschiedslos +sei+ und -+wäre+, +habe+ und +hätte+, +gewesen sei+ und +gewesen wäre+, +gehabt -habe+ und +gehabt hätte+ heißen kann. Es ist ebensogut möglich, zu -sagen: er +sagt+, er +wäre+ krank -- er +sagt+, er +wäre+ krank -+gewesen+ -- er +sagte+, er +sei+ krank -- er +sagte+, er +sei+ krank -+gewesen+ -- wie: er +sagt+, er +sei+ krank -- er +sagt+, er +sei+ -krank +gewesen+ -- er +sagte+, er +wäre+ +krank+ -- er +sagte+, er -+wäre+ krank +gewesen+. In der Schriftsprache ziehen viele in allen -Fällen den Konjunktiv der Gegenwart als das Feinere vor und überlassen -den Konjunktiv der Vergangenheit der Umgangssprache. Wenn sich aber -jemand in allen Fällen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit -bedient, so ist auch dagegen nichts ernstliches einzuwenden. Wer -vollends durch die Verwirrung der Tempora in seinem Sprachgefühl -verletzt wird, wem es Bedürfnis ist, eine ordentliche ~consecutio -temporum~ zu beobachten, den hindert nichts, das auch jetzt noch zu -tun. Das alles ist nun freilich eine Willkür, die ihresgleichen sucht; -aber der tatsächliche Zustand ist so. - -Glücklicherweise hat aber diese Willkür doch gewisse Grenzen, und -daß von diesen Grenzen die wenigsten eine Ahnung haben, ist wieder -ein trauriger Beweis von der fortschreitenden Abstumpfung unsers -Sprachgefühls. - - -Der unerkennbare Konjunktiv - -Die eine Grenze liegt in der Sprachform unsrer Konjunktive. Der -Konjunktiv der Gegenwart hat nämlich jetzt im Deutschen nur zwei (oder -drei) Formen, in denen er sich von dem Indikativ unterscheidet: die -zweite und die dritte Person der Einzahl (und allenfalls die zweite -Person in der Mehrzahl); in allen übrigen Formen stimmen beide überein. -Nur das Zeitwort +sein+ macht seine Ausnahme, und die Hilfszeitwörter -+müssen+, +dürfen+, +können+, +wollen+, +mögen+ und +sollen+; die haben -einen durchgeführten Konjunktiv des Präsens: +ich sei+, +du seist+, +er -+sei+, +ich müsse+, +du müssest+, +er müsse+. Im Plural unterscheiden -sich aber die beiden Modi auch bei den Hilfszeitwörtern nicht. Nur in -der zweiten Person heißt es im Indikativ +wollt+, +müßt+, im Konjunktiv -+wollet+, +müsset+; eigentlich sind aber auch diese Formen gleich, man -hat nur im Konjunktiv das e bewahrt, das man im Indikativ ausgeworfen -hat. Die Formen nun, in denen der Konjunktiv nicht erkennbar ist, -weil er sich vom Indikativ nicht unterscheidet, haben natürlich nur -theoretischen Wert, sie stehen gleichsam nur als Füllsel in der -Grammatik (um das Konjugationsschema vollzumachen), aber praktische -Bedeutung haben sie nicht, im Satzbau müssen sie durch den Konjunktiv -des Imperfekts ersetzt werden. Das geschieht denn auch in der -lebendigen Sprache ganz regelmäßig, so regelmäßig, daß es beinahe ein -Unsinn ist, wenn unsre Grammatiken lehren: ~Conj. praes.~: +ich trage+, -+du tragest+, +er trage+, +wir tragen+, +ihr traget+, +sie tragen+. -Solche Schattenbilder sollten gar nicht in der Grammatik stehen, -es könnte einfach gelehrt werden: ~Conj. praes.~: +ich trüge+, +du -tragest+, +er trage+, +wir trügen+, +ihr trüget+, +sie trügen+. Dieser -Gebrauch steht schon lange so fest, daß er selbst dann gilt, wenn das -regierende Verbum in der Gegenwart steht, also -- gegen die ~consecutio -temporum~. Unsre guten Schriftsteller haben ihn denn auch fast immer -beobachtet. Nicht selten springen sie in einer längern abhängigen Rede -scheinbar willkürlich zwischen dem Konjunktiv des Präsens und dem -des Imperfekts hin und her; sieht man aber genauer zu, so sieht man, -daß das Imperfekt immer nur dazu dient, den Konjunktiv erkennbar zu -machen -- ganz wie in der lebendigen Sprache. Nun unterscheidet sich -zwar der Konjunktiv des Imperfekts, zu dem man seine Zuflucht nimmt, -bisweilen auch nicht von dem Indikativ des Imperfekts. Wenn er aber in -der abhängigen Rede zwischen erkennbaren Konjunktiven der Gegenwart und -abwechselnd mit ihnen erscheint, so wird er eben nicht als Indikativ -gefühlt, sondern hier ist er das einzige Mittel, das Konjunktivgefühl -aufrecht zu erhalten. Ganz dasselbe gilt natürlich von dem Konjunktiv -des Perfekts und des Plusquamperfekts; der erste ist, abgesehen von den -zwei erkennbaren Formen: +du habest gesagt+, +er habe gesagt+, für die -lebendige Sprache so gut wie nicht vorhanden, er muß überall durch den -des Plusquamperfekts ersetzt werden: +ich hätte gesagt+, +wir hätten -gesagt+ usw. - -Nun vergleiche man damit die klägliche Hilflosigkeit unsrer -Papiersprache! Da wird geschrieben: es ist eine Lüge, wenn man -+behauptet+, daß wir die Juden nur +angreifen+, weil sie Juden sind. -Es muß unbedingt heißen: +angriffen+, denn es muß der Konjunktiv -stehen, und das Präsens +angreifen+ wird nicht als Konjunktiv -gefühlt. Zu folgenden falschen Sätzen mag das richtige immer gleich -in Klammern danebengesetzt werden: es ist ein Irrtum, wenn behauptet -wird, daß sich die Ziele hieraus von selbst +ergeben+ (+ergäben+!) --- wie oft wird geklagt, daß die Diener des Staats und der Kirche -von der Universität nicht die genügende Vorbildung für ihren Beruf -+mitbringen+ (+mitbrächten+!) -- von dem Gedanken, daß in Lothringen -ähnliche Verhältnisse +vorliegen+ (+vorlägen+!) wie in Posen, muß -ganz abgesehen werden -- es war eine ausgemachte Sache, daß ich in -Kriegsdienst zu treten +habe+ (+hätte+!) -- es gibt noch Leute, die -ernstlich der Meinung sind, daß die Nationalliberalen 1866 das Deutsche -Reich +haben+ (+hätten+!) gründen helfen -- es wird mir vorgeworfen, -daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zureichenden Grund verlassen -+habe+[66] (+hätte+!) -- H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, -daß ich den Unterricht in der neuern Kunstgeschichte an der Berliner -Universität bekrittelt +habe+ (+hätte+!) -- am Tage meiner Abreise -konnte ich schreiben, daß ich die Taschen voll gewichtiger Empfehlungen -+habe+ (+hätte+!) -- da mußte ich erkennen, daß ich für mein -wissenschaftliches Streben nicht die gehoffte Förderung zu erwarten -+habe+ (+hätte+!) -- der Verfasser ist der Meinung, das Verbrechen -+müsse+ als gesellschaftliche Erscheinung betrachtet und bekämpft -werden, zu seiner Ergründung +müssen+ (+müßten+!) die Ergebnisse der -Gesellschaftswissenschaft berücksichtigt werden -- man behauptet, -daß die Lehren des Talmud veraltet +seien+ und nicht mehr befolgt -+werden+ (+würden+!) -- ich schrieb ihm, daß ich die Verantwortung -nicht übernehmen +könne+, sondern die anstößigen Stellen beseitigen -+werde+ (+würde+!)[67] -- er erhebt den Vorwurf gegen uns, daß wir -damit ein bloßes Wahlmanöver +bezwecken+ (+bezweckten+!) -- er hatte -vor seinem Tode den Wunsch geäußert, die Soldaten +mögen+ (+möchten+!) -nicht auf seinen Kopf zielen -- der Verfasser sucht nachzuweisen, -daß die behaupteten Erfolge nicht +bestehen+ (+bestünden+!) -- -durch die Städte und Dörfer eilte die Schreckenskunde, daß Haufen -französischer Freischärler den Rhein überschritten +haben+ (+hätten+!) -und sich sengend und brennend über das Land +ergießen+ (+ergössen+!) --- ich hatte ihm bei der letzten Besprechung gesagt, ich +begreife+ -(+begriffe+!) sehr wohl, daß unser Verhältnis nicht wieder angeknüpft -werden könne usw. - -Daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen, -ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die redliche Absicht -gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben. Aber sie haben alle jenes -Papiergespenst erwischt, das in der Schulgrammatik, um das Kästchen -der Konjugationstabelle zu füllen, als Konjunktiv des Präsens oder des -Perfekts dasteht, aber in der Satzbildung dazu völlig unbrauchbar ist. - -Ganz entsetzlich zu lesen sind Zeitungsberichte über „stattgefundne“ -Versammlungen und die dabei „stattgefundnen“ Debatten. Was die Redner -da gesagt haben, erscheint ja in den Berichten in abhängiger Rede. -Aber von Anfang bis zu Ende wird alles mechanisch in den Konjunktiv -der Gegenwart gesetzt, dazwischen noch so und so viel Indikative. Da -aber mindestens fünfzig von hundert solchen Konjunktiven gar nicht als -solche gefühlt werden können, so taumeln die Berichte nun unausgesetzt -zwischen Konjunktiv und Indikativ hin und her. Auch Protokolle werden -jetzt zum größten Teil so abgefaßt. - - -Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit - -Eine zweite, ebenso unüberschreitbare Grenze für die Neigung, überall -den Konjunktiv der Gegenwart vorzuziehen, liegt in einer gewissen -Bedeutung des Konjunktivs der Vergangenheit. Der Indikativ stellt -etwas als wirklich hin, der Konjunktiv nur als gedacht, gleichviel, ob -diesem Gedachten die Wirklichkeit entspricht oder nicht. Es gibt aber -noch einen dritten Fall. Es kann etwas als gedacht hingestellt, aber -zugleich aufs bestimmteste ausgedrückt werden, daß diesem Gedachten -die Wirklichkeit +nicht+ entspreche. Diese Aufgabe kann aber nur der -Konjunktiv der Vergangenheit erfüllen. Das bekannteste Beispiel dafür -und eins, das niemand falsch bildet, sind die sogenannten irrealen -Konditionalsätze oder Bedingungssätze der Nichtwirklichkeit. Jedermann -sagt und schreibt richtig: wenn ich Geld +hätte+, +käme ich+, oder: -wenn ich Geld +gehabt hätte+, +wäre ich gekommen+. Der Sinn ist in -dem ersten Falle: ich +habe+ aber keins, im zweiten: ich +hatte+ aber -keins, mit andern Worten: sowohl das Geldhaben als die Folge davon, -das Kommen, wird in beiden Fällen als nichtwirklich, als „irreal“ -hingestellt. Die Sprache verfährt dabei sehr ausdrucksvoll. Sie rückt -den Gedanken nicht bloß aus dem Bereiche der Wirklichkeit (den der -Indikativ ausdrücken würde), sondern versetzt ihn außerdem auch noch -in eine größere Zeitferne: eine irreale Bedingung in der Gegenwart -wird durch das Imperfekt (wenn ich +hätte+), eine irreale Bedingung in -der Vergangenheit durch das Plusquamperfekt (wenn ich +gehabt hätte+) -ausgedrückt. Ein Schwanken in dem Tempus des Konjunktivs ist hier -völlig ausgeschlossen; Imperfekt und Plusquamperfekt sind in solchen -Sätzen unerläßlich.[68] - -Solche Sätze bildet ja nun jeder richtig, wenn er auch vielleicht nie -darüber nachgedacht hat, warum er sie so bildet. Die Bedingungssätze -sind aber keineswegs die einzigen Nebensätze, die irrealen Sinn -haben können. Etwas sehr gewöhnliches sind auch Relativsätze, -Objektsätze, Kausalsätze, Folgesätze mit irrealem Sinn. In allen diesen -Sätzen verfährt die lebendige Sprache genau so wie in den irrealen -Bedingungssätzen, jedermann bildet auch sie in der Umgangssprache -ganz richtig, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, und sagt: ich -kenne +keinen+ Menschen, den ich lieber +hätte+ als dich -- ich weiß -+nichts+ davon, daß er verreist +gewesen wäre+ -- ich will nicht -+sagen+, daß ich keine Lust +gehabt hätte+[69] -- er ist zu dieser -Arbeit nicht zu brauchen, +nicht+ etwa weil er zu dumm dazu +wäre+ -- -ich bin +nicht+ so ungeduldig, daß ich es nicht erwarten +könnte+ usw. -Aber der Papiermensch getraut sich solche Sätze nicht zu schreiben, er -stutzt, zweifelt, wird irre, schreibt schließlich -- den Indikativ, und -so laufen einem denn täglich auch solche Sätze über den Weg wie: ich -kenne +keine+ zweite Fachzeitschrift auf diesem Gebiete, die so allen -Ansprüchen entgegen+kommt+ (+käme+!) -- die Geschichte kennt +keine+ -Musiker, die auf rein autodidaktischem Wege zur Bedeutung gelangt -+sind+ (+wären+!) -- es dürfte heute +kein+ Physiker zu ermitteln -sein, der an die Möglichkeit eines absolut leeren Raumes +glaube+ -(+glaubte+!) -- bei Shakespeare selbst findet sich +kein+ Wort, das -auf eine solche Anschauung seines Helden +deutet+ (+deutete+!) -- es -gibt +kein+ Stück Shakespeares, worin die Charaktere klarer entwickelt -+sind+ (+wären+!) -- es gibt +kein+ zweites Industrieprodukt, das -eine derartige Verbreitung gefunden +hat+ (+hätte+!) -- es gibt heute -+keine+ Sängerin von Ruf, die diese Lieder nicht +singt+ (+sänge+!), -kein Publikum, das sie nicht begeistert +aufnimmt+ (+aufnähme+!) -- -Wien ist gegenwärtig +kein+ Platz, wo goldne Sporen zu verdienen +sind+ -(+wären+!) -- es +fehlte+ bisher an einem Buche, +das+ dem Laien -verständlich +war+ (+gewesen wäre+!) und zugleich auf der Höhe der -Wissenschaft +stand+ (+gestanden hätte+!) -- es gibt +keinen+, +der+ -die Entwicklung der politischen Verhältnisse +kennt+ (+kennte+!), -keinen, der sagen +kann+ (+könnte+!): morgen wird es so sein -- -+nie+ hat er etwas getan, +was+ mit seiner Untertanenpflicht in -Widerspruch +stand+ (+gestanden hätte+!) -- wir haben seit langen -Jahren +kein+ Abgeordnetenhaus gehabt, worin diese Partei so stark -vertreten +war+ (+gewesen wäre+!) -- wir hören +nichts+ davon, daß -die weniger betroffnen Gemeinden den Notleidenden die Hand +boten+ -(+geboten hätten+!) -- ich gebe diese Auslassung wörtlich wieder, -+nicht+ weil ich sie für sehr bedeutend +halte+ (+hielte+!), sondern -weil usw. -- gewiß sind manche Fehler begangen worden, nicht etwa -weil unsre Vorfahren unverständige Leute +waren+ (+gewesen wären+!) -und ihre Pflicht nicht getan +haben+ (+hätten+!), sondern weil eine -solche Entwicklung nicht vorauszusehen war -- wie +selten+ sind diese -Kenntnisse ein so sichrer Besitz geworden, +daß+ mit Freiheit darüber -verfügt +wird+ (+würde+!) -- die Summe gewährt ihm +keine+ genügende -Unterstützung, +daß+ er während seiner Studentenzeit sorgenfrei leben -+kann+ (+könnte+!) -- so dumm sind unsre Schauspieler nicht, +daß+ man -ihnen das alles haarklein vorschreiben +muß+ (+müßte+!) -- die Sache -ist damals beanstandet worden, +ohne daß+ über den Grund aus den Akten -etwas zu ersehen +ist+ (+wäre+!) -- ach, es war eine schöne Zeit, zu -schön, +als daß+ sie lange dauern +konnte+ (+hätte+ dauern +können+!) --- zum Glück war ich noch zu klein, +als daß+ mir der Inhalt des Buches -großen Schaden zufügen +konnte+ (+hätte+ zufügen +können+!) -- die -Hauswirte lassen lieber die Wohnungen leer stehen, +als daß+ sie sie -billig +vermieten+ (+vermieteten+!) -- +anstatt daß+ eine Beruhigung -+eintrat+ (+eingetreten wäre+!), bemächtigte sich vielmehr des ganzen -Landes eine tiefe Aufregung. - -In allen diesen Sätzen drückt der Nebensatz etwas Nichtwirkliches -aus. Zu allen diesen Nebensätzen ist gleichsam im Geist ein irrealer -Bedingungssatz zu ergänzen: nie hat er etwas getan, was mit seiner -Untertanenpflicht in Widerspruch +gestanden hätte+ (nämlich +wenn er -es getan hätte+, was eben +nicht+ der Fall +war+). Also müssen sie -auch alle in den Modus der Nichtwirklichkeit treten. Es würde ganz -unbegreiflich sein, wie jemand solche Nebensätze in den Indikativ -setzen kann, wenn nicht, wie so oft, die leidige Halbwisserei dabei im -Spiele wäre. Man ist nicht unwissend genug, den richtigen Konjunktiv -aus der lebendigen Sprache unangezweifelt zu lassen, aber man ist auch -nicht wissend, nicht unterrichtet genug, den Zweifel niederzuschlagen -und das richtige aufs Papier zu bringen. - - -Vergleichungssätze. Als wenn, als ob - -Zu diesen Nebensätzen, die sehr oft irrealen Sinn haben, gehören nun -auch die Vergleichungssätze, die mit +als ob+, +als wenn+, +wie wenn+ -anfangen. Sehr oft kann oder muß man zu solchen Sätzen im Geiste den -Gedanken ergänzen: was +nicht+ der Fall +ist+ oder: was +nicht+ der -Fall +war+, z. B.: er geht mit dem Gelde um, +als ob+ er (was nicht -der Fall ist) ein reicher Mann +wäre+. Auch diese Sätze werden in der -lebendigen Sprache wie alle andern irrealen Nebensätze behandelt, -d. h. in der Gegenwart stehen sie im Konjunktiv des Imperfekts, in -der Vergangenheit im Konjunktiv des Plusquamperfekts. Auf dem Papier -ist aber jetzt auch hier Verwirrung eingerissen. Man schreibt z. B.: -er tut, als +habe+ er schon damals diese Absicht gehabt -- er sah -mich verwundert an, als ob ich irre +rede+ oder Fabeln +erzähle+. -Es muß heißen: als +hätte+ er -- als ob ich irre +redete+ oder -Fabeln +erzählte+ -- ganz abgesehen davon, daß sich in dem zweiten -Beispiel die Konjunktive der Gegenwart nicht von den Indikativen -unterscheiden. Die Verwirrung geht so weit, daß solche Sätze jetzt -sogar in den Indikativ gesetzt werden, z. B.: es will uns scheinen, -als ob die mißgünstige Kritik einen sehr durchsichtigen Grund +hat+ -- -es macht den Eindruck, als ob das Stück der Zensurbehörde +vorlag+, -aber nicht die Sanktion +erhielt+ -- es war, als ob seit dem Einzuge -der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause -+lag+.[70] - -Soll nicht angedeutet werden, daß der in dem Vergleichungssatze -stehende Gedanke nicht wirklich sei, so kann (nach einem Präsens im -Hauptsatze) natürlich auch im Nebensatze der Konjunktiv der Gegenwart -stehen, z. B.: es +will+ mir scheinen, +als ob+ er geflissentlich die -Augen dagegen +verschließe+ -- es +gewinnt+ den Anschein, +als wolle+ -der Verfasser das sittliche Gefühl des Zuschauers absichtlich verletzen --- ich +habe+ die Empfindung, +als ob+ ihm die Welt zuweilen recht -verzerrt +erschienen sei+. - - -Würde - -Wieviel zu der herrschenden Unsicherheit im Gebrauche der Modi die -Unsitte beiträgt, die Hilfszeitwörter wegzulassen, ist schon gezeigt -worden (vgl. S. 139). Nicht nur der Unterricht sollte darauf halten, -sondern auch jeder Einzelne sich selbst so weit in Zucht nehmen, daß -gerade da, wo ein Zweifel über den Modus entstehen kann, das bequeme -Auskunftsmittel, das Hilfszeitwort zu unterdrücken, verschmäht würde, -der Gedanke stets reinlich und bestimmt zu Ende gebracht würde. Für -den Konjunktiv des Imperfekts aber und seinen richtigen Gebrauch ist -insbesondere noch der Umstand verhängnisvoll geworden, daß man ihn -in Hauptsätzen zu Bedingungssätzen durch den sogenannten Konditional -(+würde+ mit dem Infinitiv) umschreiben kann (+ich würde bringen+ -statt: +ich brächte+). Das hat nicht nur dazu geführt, daß sich viele -Leute von gewissen Zeitwörtern kaum noch einen wirklichen Konjunktiv -des Imperfekts zu bilden getrauen, daß sie sich überall da, wo sie -zweifeln (vgl. S. 62), mit dem kläglichen +würde+ behelfen, anstatt -sich die Kenntnis der richtigen Verbalform zu verschaffen, sondern sie -hat auch schon eine bedenkliche Verwirrung im Satzbau angerichtet. -Von Süddeutschland und namentlich von Österreich aus hat sich aus dem -fehlerhaften Hochdeutsch der Halbgebildeten immer mehr die Unsitte -verbreitet, den Konditional auch in Bedingungs- und Relativsätzen, -Vergleichungs- und Wunschsätzen anzuwenden. - -Man schreibt: ich würde mich nicht wundern, wenn ich in einer Zeitung -+lesen würde+ (+läse+!) -- von großer Bedeutung wäre es, wenn sich der -Leserkreis des Blattes +erweitern würde+ (+erweiterte+) -- wir könnten -eine monumentale Sprache wiedergewinnen, wenn wir unser Denkmalschema -+verlassen würden+ (+verließen+!) -- wie schematisch würde eine -historische Darstellung ausfallen, wenn sie immer nur diese Maßstäbe -+anlegen würde+ (+anlegte+!) -- weniger Sauberkeit und Regelmäßigkeit -wäre dichterisch wertvoller, wenn sich eine starke Natur, eine glühende -Leidenschaft, ein hoher Sinn +offenbaren würden+ (+offenbarten+!) -- -der Christ, der sich +einbilden würde+ (+einbildete+!), daß seine -Religion die Menschen zu Engeln gemacht habe, wäre ein Utopist -- -der Stil seiner Abhandlung wird oft so hoch, als wenn er über Goethe -+schreiben würde+ (+schriebe+!) -- hat die Kochstunde geschlagen, -so muß das Feuer flackern, als ob es auf Kommando +gehen würde+ -(+ginge+!) -- er fuhr mit den Händen auf und ab, als ob er +buttern -würde+ (+butterte+!) -- wenn man diese Arbeit eines Spezialisten auf -therapeutischem Gebiete durchstudiert, so bekommt man den Eindruck, -als wenn man das Urteil eines Richters +lesen würde+ (+läse+!), der -in eigner Sache entscheidet -- diese Romane tun, als +würden+ sie die -Laster nur der Sittlichkeit wegen +schildern+ (+schilderten+!) -- es -wäre zu wünschen, er +würde+ dieser Feier einmal +beiwohnen+ (+wohnte -bei+!) -- es wäre dringend erwünscht, daß das Polizeiamt dieser -Anregung Folge +geben würde+ (+gäbe+!) -- es gibt +keine+ Sphäre des -Lebens, deren Anfänge nicht im Unbewußten +liegen würden+ (+lägen+!) -- -wenn nur wenigstens künstlerische Form ihre Darstellung +adeln würde+ -(+adelte+!) -- der Engländer ist zu sachlich und zu praktisch, als daß -er selber beleidigend +auftreten würde+ (+aufträte+!) -- der Ernst des -militärischen Lebens läßt es sich ab und zu gefallen, daß das Blümlein -Humor an ihm emporwuchert, ohne daß sich dadurch das feste Gefüge der -Disziplin +lockern würde+ (+lockerte+!). - -Ein wahres Wunder, daß wir den Kehrreim bei Mirza Schaffy und -Rubinstein: ach, wenn es doch immer so +bliebe+! nicht längst -verschönert haben zu: ach, wenn es doch immer +so bleiben würde+! Ein -wahres Wunder, daß wir das alte Volkslied: wenn ich ein Vöglein +wär+ -und auch zwei Flüglein +hätt+! noch nicht umgestaltet haben zu: wenn -ich ein Vöglein +sein würde+ und auch zwei Flüglein +haben würde+! -Denn so müßte es doch eigentlich in dem schönen österreichischen -Zeitungshochdeutsch heißen! Im Volksdialekt heißt es freilich ganz -richtig: Wann i a Vögerl war (= wär) und a zwoa Flügerln hätt. - -Nicht zu verwerfen ist es, wenn in Bedingungs- und Wunschsätzen -anstatt des Konjunktivs ein +wollte+, +sollte+ oder +möchte+ mit dem -Infinitiv erscheint. Der Satz kann hierdurch bisweilen eine feine -Färbung erhalten. Wenn ich mir das +erlauben wollte+ -- ist etwas -andres als das einfache: wenn ich mir das +erlaubte+, wenn er sich so -etwas +unterstehen sollte+ -- etwas andres als das einfache: wenn er -sich das +unterstünde+ -- wenn sich doch die Regierung einmal ernstlich -darum +kümmern möchte+ -- etwas andres als das einfache: wenn sie -sich doch einmal darum +kümmerte+. Eine so sinnvolle Verwendung der -Hilfszeitwörter ist natürlich mit dem inhaltlosen, nichtssagenden -+würde+ nicht auf eine Stufe zu stellen. - - -Noch ein falsches würde - -Ein abscheulicher Stilunfug, der jetzt durch unsre gesamte -Erzählungsliteratur geht, ist die Schluderei, die Erzählung durch -eine abhängige (indirekte) Rede zu unterbrechen, ohne ein Zeitwort -des Sagens, Denkens oder Meinens vorauszuschicken oder wenigstens -einzuschalten. Etwa so: Trotz solcher bittern Erfahrungen ließ H. den -Mut nicht sinken. Er +würde+ nach Berlin gehn, +würde+ sich dort Arbeit -suchen, und es +würden+ auch wieder bessere Zeiten kommen. Jeder, der -das liest, glaubt zunächst, der Erzähler spreche weiter, „Er würde“ -sei der Konjunktiv des Imperfekts, und es werde nun ein Bedingungssatz -folgen. Statt dessen ist der Satz als indirekte Rede dem Helden in den -Mund gelegt, und „Er würde“ soll der Konjunktiv des Futurums sein (in -direkter Rede: +ich werde+ nach Berlin gehn, +werde+ mir dort Arbeit -suchen, und es werden auch wieder bessere Zeiten kommen). Ein guter -Erzähler hätte etwa so geschrieben: Er +wollte+ nach Berlin gehn, er -+beschloß+, nach Berlin zu gehn, er +hoffte+, daß auch wieder bessere -Zeiten kommen würden. Das unvorbereitete Umspringen in die indirekte -Rede soll wohl der Darstellung etwas dramatisch lebendiges geben, es -ist aber eine Liederlichkeit. Leider ist sie in neuern Erzählungen -schon so verbreitet, daß sie dem gewohnheitsmäßigen Romanfresser gar -nicht mehr auffällt. Woher sie stammt? Wie es scheint, aus schlecht -übersetzten Erzählungen aus den skandinavischen Sprachen. - - -Der Infinitiv. Zu und um zu - -In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem -reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauch von +zu+ und -+um zu+ ein, und zwar so, daß sich +um zu+ immer öfter an Stellen -drängt, wo nur +zu+ hingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer -Unterschied. Der Infinitiv mit +um zu+ bezeichnet den Zweck einer -Handlung; der Infinitiv mit +zu+ dagegen dient zur Begriffsergänzung -des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie: -die schönen Tage +benutzte+ ich, die Gegend +zu durchstreifen+, +um+ -meine Gesundheit +zu kräftigen+ -- ist der Sinn von +zu+ und +um zu+ -deutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage -- das verlangt eine -Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloße +benutzte+ sagt noch nichts. -Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegend +zu durchstreifen+. Aber -das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben: +um+ -meine Gesundheit +zu kräftigen+.[71] - -Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von -Hauptwörtern gehören dazu: +Art und Weise+, +Mittel+, +Macht+, +Kraft+, -+Lust+, +Absicht+, +Versuch+, +Zeit+, +Alter+, +Geld+, +Gelegenheit+, -+Ort+, +Anlaß+ usw., von Zeitwörtern: +imstande sein+, +genug+ (+groß -genug+, +alt genug+ usw.) +sein+, +genügen+, +hinreichen+, +passen+, -+geeignet sein+, +angetan sein+, +dasein+, +dazu gehören+, +dienen+, -+benutzen+ usw. Auf alle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mit -+zu+ folgen.[72] Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde -eine günstige +Gelegenheit+ benutzt, +um sich+ einen Weg durch die -Feinde zu +bahnen+ -- hierin sehen wir das beste +Mittel+, +um+ einem -Mißbrauch der Staatssteuer +vorzubeugen+ -- als er endlich +Kraft+ -und +Lust+ fühlte, +um+ sich an monumentalen Aufgaben zu +versuchen+ --- sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß den +Anlaß+ geben, +um+ den -Rachekrieg +zu predigen+ -- wo ist in der Türkei ein +Mann+, +um so+ -umfassende Aufgaben +durchzuführen+? -- wenn man wirklich einmal die -+Zeit+ gewinnt, +um+ ein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werk -+zu vollenden+ -- nach den Vorbereitungen für die Schule behielt -sie noch +Zeit+ übrig, +um+ deutsche Gedichte +zu lesen+ -- alle -waren in dem +Alter+, +um+ die Gefahr +zu begreifen+ -- wie viele -Schulbibliotheken haben kein +Geld+, +um+ sich Rankes Weltgeschichte -+zu kaufen+! -- er hatte das nötige +Geld+, +um+ durch Reisen seinen -Wissensdurst +zu befriedigen+ -- es +gehört+ schon eine bedeutende -Einnahme +dazu+, +um+ sich eine anständige Wohnung +verschaffen zu -können+ -- manche Aufzeichnungen scheinen mir nicht +geeignet+, +um+ -einen Platz in diesen Denkwürdigkeiten +zu finden+ -- die Zeitlage -ist nicht dazu +angetan+, +um+ diese Forderungen +zu bewilligen+ -- -den Aufenthalt in Berlin +benutzte+ ich, +um+ mich auch den ältern -Fachgenossen +vorzustellen+ -- die Arbeiter +sind+ nur dazu +da+, -+um+ den Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrente +zu sichern+ --- sind diese Gründe wirklich +genügend+, +um+ das Bestehen einer -solchen Einrichtung +zu rechtfertigen+? -- ist unsre Sprache noch -+jung genug+, +um+ (!) neue Wörter +zu erzeugen+? -- ein Jahrhundert -ist +lang genug+, +um+ (!) in der Sprache erhebliche Änderungen -+hervorzurufen+ -- der deutsche Geist war +stark genug+ geworden, -+um+(!) die fremden Ketten +zu brechen+ -- ich muß abwarten, ob ihm -mein Wesen +Interesse genug+ einflößen wird, +um+(!) sich mit mir -abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wird +nichts -tun+, +um+ die Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächte +zu stören+. -Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit sie -das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird -alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches -Unheil richtet das dumme +um+ an! - -Namentlich hinter den Verbindungen mit +genug+ hat +um zu+ gewaltig um -sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem -bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt: -du bist +alt genug+, das +zu begreifen+! Vollends verdrängt worden -ist aber das ursprüngliche einfache +zu+ nach den mit +zu+ verbundnen -Adjektiven: Gott ist +zu hoch+, +um+ sich um die Kleinigkeiten der -Welt +zu kümmern+ -- der Stoff ist viel +zu umfänglich+, +um+ ihn -in öffentlichen Vorlesungen +zu behandeln+ -- sie haben +zu wenig+ -Bildung, +um+ ihre Taktlosigkeiten +zu erkennen+ -- die Mannschaft ist -+zu gering+, +um+ einen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekruten -+abzugeben+. Auch hier genügt überall das einfache +zu+ und hat auch -früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich bin +zu -alt+, +um+ nur +zu spielen+, +zu jung+, +um+ ohne Wunsch +zu sein+.) - -Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß -das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des -Hauptsatzes. Doch ist es gut, dabei vorsichtig zu sein. Es braucht bei -Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen -wie in dem Satze: +ohne Gefahr zu ahnen+, +geriet ein+ vom Abhange -rollender +Stein+ unter das Vorderrad des Wagens -- es sind auch solche -Sätze schlecht wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie -mit den Tröstungen der Religion +zu erquicken+; hier wird nur der -Fehler durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze -statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort -müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden, +um sich+ von -ihm mit den Tröstungen der Religion +erquicken zu lassen+. Erträglich -sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen, +um+ -Turm und Schiff in größern Einklang +zu bringen+ -- das Fechten mit der -blanken Waffe sollte fleißig geübt werden, +um+ nötigenfalls mit der -eignen Person +eintreten zu können+ -- zurzeit liegt die Fregatte im -Trockendock, +um+ sie für die Winterreise +vorzubereiten+. Hier schwebt -beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (+man+) vor. - -Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mit -+um zu+ sein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei -aufeinanderfolgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis -oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines -Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um -es nie wieder +zu verlassen+. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal -bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht -war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das -ironische +um zu+ nennen. Es entsteht aber sehr oft ein lächerlicher -Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt, +um+ -später in den Dom zu Kölln an der Spree +überführt+ (!) +zu werden+ --- er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an, +um+ ein trauriges -Ende dabei +zu finden+ -- täglich wird eine Masse von Konzert- und -Theaterberichten geschrieben, +um+ schnell wieder +vergessen zu -werden+ -- beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits -vollständig, +um+ schließlich +einzustürzen+ -- die Einzeichnungen -beginnen im Jahre 1530, +um+ schon im Jahre 1555 wieder +abzubrechen+ --- vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt, +um+ -erst neuerdings wieder +hervorzubrechen+ -- nach einigen Jahren wandte -er sich nach Magdeburg, doch nur, +um+ dort in noch größere Bedrängnis -+zu geraten+ -- die Schwestern reisten in die Schweiz, wo sie sich -trennten, +um+ sich nie +wiederzusehen+. Das Richtige wären hier -überall zwei Hauptsätze. - -Mit dem Hilfszeitwort +sein+ verbunden kann der Infinitiv mit +zu+ -sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit ausdrücken; das -+ist zu erreichen+ heißt: das +kann+ erreicht werden, das +ist zu -beklagen+ heißt: das +muß+ beklagt werden. Daher muß man sich vor -Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem -geistlichen Herrn; gute Zeugnisse +sind vorzulegen+. - - -Das Partizipium. Die stattgefundne Versammlung - -Partizipia hat unsre Sprache nur zwei: ein aktives in der Gegenwart -(ein +beißender+ Hund, d. i. ein Hund, der beißt), und ein passives in -der Vergangenheit (ein +gebissener+ Hund, d. i. ein Hund, der +gebissen -worden+ ist).[73] Für die Gegenwart fehlt es an einem passiven, für -die Vergangenheit an einem aktiven Partizipium; weder ein Hund, der -gebissen +wird+, noch ein Hund, der gebissen +hat+, kann durch ein -Partizip ausgedrückt werden.[74] Nur wirkliche Passiva von transitiven -Zeitwörtern und im Aktiv solche Intransitiva, die sich zur Bildung der -Vergangenheit des Hilfszeitworts +sein+ bedienen (+gehen+, +laufen+, -+sterben+), können ein Partizip der Vergangenheit bilden (+gegangen+, -+gelaufen+, +gestorben+). - -Diese Schranke hat aber nicht immer bestanden. In der ältern Zeit -ist das Partizipium der Gegenwart auch im passiven Sinne gebraucht -worden. Noch im achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts -sagte man ganz unbedenklich: zu einer +vorhabenden Reise+, zu seinem -+vorhabenden+ neuen +Bau+, sein vor dem Tore +besitzendes Haus+, das -gegen mich +tragende Vertrauen+, laut der in Händen +habenden Urkunde+, -die Briefe des sich von meiner +unterhabenden Kompagnie+ selbst -entleibten (!) Unteroffiziers, er nahm dem Erschlagnen die bei sich -+tragenden Pretiosen+ ab, wir konnten uns nur mit Mühe den +bedürfenden -Bissen+ Brot verschaffen usw., ja man sprach sogar von +essender Ware+ -(statt von +Eßware+). Aber diese Erscheinung ist doch nach und nach -durch den Unterricht beseitigt worden. Höchst selten kommt es vor, daß -man in einer Zeitung noch heute einen Satz liest wie: er hatte nichts -eiligeres zu tun, als ihm eine +in der Hand haltende Flasche+ an den -Kopf zu werfen. Verkehrt aber wäre es, die +fahrende Habe+ mit unter -diese Ausdrücke zu rechnen, denn hier hat das Partizip wirklich aktiven -Sinn, wie bei dem +fahrenden Volke+: der Fuhrmann +führt+ die Habe, die -Habe aber +wird geführt+, oder sie +fährt+ (vgl. S. 56). - -Andrerseits hat man nach dem Beispiel der intransitiven Partizipia -schon frühzeitig angefangen, auch passive Partizipia von transitiven -Zeitwörtern aktivisch zu verwenden. Einzelne Beispiele davon haben -sich so in der Sprache eingebürgert, daß sie gar nicht mehr als falsch -empfunden werden; man braucht nur an Verbindungen zu denken wie: ein -+geschworner+ Bote, ein +abgesagter+ Feind, ein +gedienter+ Soldat, -ein +gelernter+ Kellner, ein +studierter+ Mann, ein +erfahrner+ Arzt, -ein +verdienter+ Schulmann usw. Alle diese Partizipia haben aktive -Bedeutung, auch der +abgesagte+ Feind, der natürlich ein Feind ist, -der einer Person oder einer Sache +abgesagt+, ihr gleichsam die Absage -geschickt +hat+; aber sie werden kaum noch als Partizipia gefühlt, -man fühlt und behandelt sie wie Adjektiva. Auch Verneinungen solcher -Partizipia sind gebildet worden, wie +ungepredigt+, +ungefrühstückt+: -er mußte +ungepredigt+ wieder von der Kanzel gehen. Aber auch diese -Verirrung ist doch im Laufe der Zeit durch den Unterricht beseitigt -worden, und heute erscheint es uns unerträglich, zu sagen: der -vormals zu diesem Hause +gehörte+ Garten, die zwischen den Parteien -+gewaltete+ Uneinigkeit, eine im vorigen Jahrhundert +obgeschwebte+ -Rechtssache, durch Dekoration leicht +gelittene+ Artikel, die dem Feste -+beigewohnten+ Mitglieder, die an der Feier +teilgenommenen+ Offiziere, -Nacht verhüllte seinen ihm so lange +gestrahlten+ Glücksstern,[75] -und nun vollends in Verbindung mit einem Objekt: die das Zeitliche -+gesegneten+ Mitglieder, das den Lokomotivführer +betroffne+ Unglück, -eine inzwischen Gesetzeskraft +erlangte+ Übereinkunft, die im -vorigen Jahre eingerichtete und sehr günstige Aufnahme +gefundne+ -Auskunftsstelle, trotz ihres hohen nun schon ein Jahrhundert -+überschrittnen+ Alters. Vor allem aber unerträglich erscheinen die -+stattgehabte+ und die +stattgefundne+ Versammlung. Je häufiger die -beiden Zeitwörter +statthaben+ und +stattfinden+ -- namentlich das -zweite -- ohnehin in unsrer Amts- und Zeitungssprache verwandt werden, -je lebendiger man sie also als Zeitwörter, und zwar als aktive, mit -einem Objekt verbundne Zeitwörter (+Statt finden+, d. h. Platz finden) -fühlt, desto widerwärtiger sind für jeden Menschen, der sich noch -etwas Sprachgefühl bewahrt hat, diese zahllosen +stattgefundnen+ -Versammlungen, Beratungen, Verhandlungen, Wahlen, Prüfungen, -Untersuchungen, Audienzen, Feuersbrünste usw.[76] - -Sie sind aber doch so kurz und bequem, soll man denn immer Nebensätze -bilden? Nein, das soll man nicht; aber man soll ein klein wenig -nachdenken, sich in dem Reichtum unsrer Sprache umsehen und dann -schreiben: die +veranstaltete+ Feier, die +abgehaltne+ Versammlung, -die +vorgenommne+ Abstimmung, die +angestellte+ Untersuchung, die -+bewilligte+ Audienz, die +ausgebrochne+ Feuersbrunst usw., oder -man soll, was in tausend Fällen das gescheiteste ist, das müßige -Partizipium ganz weglassen. Die +stattgefundne Untersuchung+ ergab -- -kann denn eine Untersuchung etwas ergeben, die +nicht+ stattgefunden -hat? In R. ereignete sich bei einer +stattgehabten Feuersbrunst+ das -Unglück -- kann sich auch ein Unglück ereignen bei einer Feuersbrunst, -die nicht stattgehabt hat? Über den +stattgefundnen Wechsel+ im -Ministerium sind unsre Leser bereits unterrichtet -- können die Leser -auch unterrichtet sein über einen Wechsel, der +nicht+ stattgefunden -hat? - -Nicht viel besser als die +stattgefundnen+ Versammlungen sind aber auch -der bei einem Meister in Arbeit +gestandne Geselle+ und der seit langer -Zeit hier +bestandne Saatmarkt+, das früher +bestandne Hindernis+ und -das lange +bestandne+ freundschaftliche +Verhältnis+. Freilich sagt -man in Süddeutschland: er +ist gestanden+ (vgl. S. 59), und er +ist -bestanden+[77]; aber in der Schriftsprache empfindet man das doch als -Provinzialismus. Es gibt aber sogar Schulräte, die nicht bloß von -+bestandnen Prüfungen+, sondern auch von +bestandnen Kandidaten+ reden! -Dann darf man sich freilich nicht mehr über die Zeitungschreiber und -die Kanzlisten wundern.[78] - - -Das sich ereignete Unglück - -Aus dem vorigen ergibt sich von selbst, warum man auch nicht sagen -darf: das +sich gebildete+ Blatt. Alle reflexiven Zeitwörter -gebrauchen in der Vergangenheit das Hilfszeitwort +haben+, können -also kein Partizip der Vergangenheit bilden. Falsch sind daher alle -Verbindungen wie: der +sich ereignete+ Jagdunfall, die +sich bewährte+ -Geistesbildung, der von hier +sich entfernte+ Lehrer, die +sich -davongemachten+ Zuschauer, der +kürzlich+ hier +sich niedergelassene+ -Bildhauer, die +sich+ zahlreich +eingefundnen+ Konzertbesucher, die -am 9. August +sich+ (!) +angefangne+ Woche, das schon längst +sich+ -fühlbar +gemachte+ Bedürfnis, das +sich+ irrtümlich +eingeschlichne+ -Wort, das ehemals so weit +sich ausgebreitete+ Lehrsystem, ein +sich+ -aus den Kinderschuhen glücklich +herausentwickelter+ Jüngling, ein in -der Mauerritze +sich eingenisteter+ Brombeerstrauch. Ein Partizip wäre -hier nur dann möglich, wenn man sagen wollte: der +sich eingenistet -habende+ Brombeerstrauch, eine Verbindung, die natürlich aus dem Regen -in die Traufe führen würde. Es bleibt auch in solchen Fällen nichts -übrig, als einen Relativsatz zu bilden: ein Brombeerstrauch, +der sich+ -in der Mauerritze +eingenistet hatte+. - - -Hocherfreut oder hoch erfreut? - -Leipziger Geburtsanzeigen werden nie anders gedruckt als: Durch -die glückliche Geburt eines Knaben wurden +hocherfreut+ usw. -- -auch Zeitungen schreiben: das gesamte Personal der Firma ist durch -Jubelgaben +hocherfreut+ worden -- Gutenberg ist dieses Jahr in vielen -deutschen Städten +hochgefeiert+ worden -- und auf Buchtiteln liest -man: in dritter Auflage +neubearbeitet+ von usw. Welche Verirrung! -Ein Partizip kann Verbalform sein, es kann auch Nomen sein.[79] Aber -nur dann, wenn es Nomen, also Adjektiv ist, kann ein hinzugefügtes -Adverb damit zu +einem+ Worte verwachsen: wie man von +hochadligen -Eltern+ reden kann, so auch von +hocherfreuten+ Eltern. Wie soll -aber ein Adverb mit dem Partizip zusammenwachsen, wenn das Partizip -Verbalform ist? Wir sind +hocherfreut worden+ -- so könnte man doch nur -schreiben, wenn es ein Zeitwort +hocherfreuen+ gäbe: ich +hocherfreue+, -du +hocherfreust+ usw. Dasselbe gilt natürlich vom Infinitiv und bei -intransitiven Zeitwörtern vom ~Verbum finitum~; es ist töricht, wenn -Zeitungen schreiben: der Kronprinz ließ das Brautpaar +hochleben+, der -Vortrag wird +hochbefriedigen+, +feststeht+, daß der Minister nicht -zurücktreten wird, denn es gibt kein Zeitwort: ich +hochlebe+, ich -+hochbefriedige+, ich +feststehe+. - -Ebenso wie mit den Adverbien ist es auch mit den Objekten. Man kann -wohl schreiben: die +notleidende+ Landwirtschaft, aber falsch ist es, -im Infinitiv zu schreiben: +notleiden+; denn es gibt kein Zeitwort: ich -+notleide+. - -Es handelt sich hier durchaus nicht bloß um einen „orthographischen“ -Fehler oder gar bloß um eine gleichgiltige orthographische Abweichung, -sondern in der falschen Schreibung verrät sich ein grober Denkfehler. - - -Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes - -Wie es oft geschieht, daß ein Gedanke, der eigentlich durch einen -Hauptsatz ausgedrückt werden müßte, unlogischerweise in einen -Relativsatz gebracht wird (vgl. S. 130), so packt man oft auch einen -Hauptgedanken in ein attributives Partizip und schreibt: hier ist -das bisher noch von keiner Seite +bestätigte+ Gerücht verbreitet -- -die neue Auflage hat die von dem Verfasser getreulich +benutzte+ -Gelegenheit gegeben, manches nachzutragen -- ich sandte ausführliche, -in freundlichster Weise +beantwortete+ Fragebogen an folgende -Bibliotheken -- der Mörder nahm die Nachricht von seiner gestern früh -+erfolgten+ Hinrichtung gefaßt entgegen -- mit klopfendem Herzen betrat -ich das Auditorium, um die in der Bohemia +abgedruckte+ Antrittsrede -zu halten -- die anonym +einzureichenden+ Bewerbungsschriften sind -in deutscher, lateinischer oder französischer Sprache zu verfassen. -Da fragt man doch: in welcher Sprache sind denn die nicht anonym -einzureichenden zu verfassen? Und war denn die Antrittsrede wirklich -schon gedruckt, als der Verfasser das Auditorium betrat? Natürlich -soll es heißen: um die Antrittsrede zu halten, die dann in der Bohemia -abgedruckt wurde -- die Bewerbungsschriften sind anonym einzureichen -und in deutscher Sprache abzufassen. - -Nicht viel besser ist es, wenn ein Partizipsatz statt eines Hauptsatzes -gesetzt wird, z. B.: im Jahre 1850 in den Generalstab +zurücktretend+ -(+getreten+!), +wurde+ B. 1858 zum persönlichen Adjutanten des Prinzen -Friedrich Karl +ernannt+ -- er ging zunächst nach Paris, dann nach -London, an beiden Plätzen im Bankfach +arbeitend+ -- oder gar: in der -Einleitung +stellt+ Friedländer die Entwicklung des deutschen Liedes -dar, hierauf (!) eine übersichtliche Bibliographie +bringend+ -- Jürgen -lief in die Apotheke, nach wenig Augenblicken (!) mit einer großen -Medizinflasche +zurückkehrend+. Während in den zuerst angeführten -Beispielen eine Art von Schnelldenkerei vorliegt -- die Verfasser haben -es gleichsam nicht erwarten können, zu sagen, was sie sagen wollten ---, handelt sichs in den letzten nur um einen ungeschickten Versuch, -in den Ausdruck Abwechslung zu bringen. Der Sinn verlangt statt dieser -Partizipialsätze Hauptsätze. - - -Falsch angeschloßnes Partizipium - -Noch größer als bei Infinitivsätzen mit +um zu+ ist bei -Partizipialsätzen die Gefahr eines Mißverständnisses, wenn das Partizip -an ein anderes Wort im Satze als an das Subjekt angelehnt wird; das -nächstliegende wird es auch hier immer sein, es auf das Subjekt des -Hauptsatzes zu beziehen. Entschieden schlecht sind also Verbindungen -wie folgende: +angefüllt+ mit edelm Rheinwein, überreiche ich Eurer -Majestät diesen +Becher+ -- kaum +heimgekehrt+, wandte sich die -engherzigste Philisterei gegen +ihn+ -- einmal +gedruckt+, kehre ich -+dem Buche+ den Rücken -- +erhaben+ über Menschenlob und dessen +nicht -bedürftig+, wissen wir, was wir an +unserm Fürsten+ haben -- an der -Begründung unsers Unternehmens wesentlich +beteiligt+ und während der -ganzen Dauer desselben an der Spitze des Aufsichtsrates +stehend+, -verdanken wir der Tatkraft und Geschäftskenntnis des verehrten -+Mannes+ unendlich viel -- +abstoßend+, schroff, von der mildesten -Güte, verschlossen und hingebend, konnte man ganz irre an +ihm+ werden --- durch Rotationsdruck +angefertigt+, sind wir in der Lage, das -+Verzeichnis+ zu einem Spottpreis zu liefern -- +mich umdrehend+ grüßt -+mich+ im Osten Schloß Johannisberg. Besonders beliebt ist es jetzt, -das Partizip +anschließend+ so zu verbinden, daß man eine Zeit lang im -Satze suchen muß, worauf es sich eigentlich beziehen soll, z. B.: schon -in Ingolstadt hatte er sich, +anschließend+ an seine astronomischen -Arbeiten, optischen Studien gewidmet. Das +anschließend+ soll hier auf -Studien gehen: er schloß die optischen Studien an seine astronomischen -Arbeiten an. Ebenso: +anschließend+ an diese allgemeine Einführung, -dürfte es zweckmäßig sein, einmal das +Gebiet+ der Einzelheiten zu -übersehen. Das schlimmste ist es, vor den Hauptsatz ein absolutes -Partizip zu stellen, für das man sich dann vergebens in dem Satze -nach einem Begriff umsieht, auf den es bezogen werden könnte, z. B.: -wiederholt +lächelnd+ und lebhaft +grüßend+, fuhr das Kriegsschiff -vorüber. Die Partizipia sollen sich auf -- den Kaiser beziehen! -Es braucht nicht immer ein so lächerlicher Sinn zu entstehen wie -hier, auch so beliebte Partizipia wie: +dies vorausgesetzt+, +dies -vorausgeschickt+, +dies zugegeben+ u. ähnl. sind nicht schön. Ja man -kann noch weiter gehen und sagen: das unflektierte Partizip überhaupt, -wenigstens das der Gegenwart (1870 wandte er sich an Richard Wagner, -ihn +fragend+ -- er schlich sich feige davon, nur ein kurzes Wort des -Abschieds +zurücklassend+ -- der Vorsitzende entbot den Versammelten -ein herzliches Willkommen, dankbar des Erscheinens der Ehrengäste -+gedenkend+ und seiner Freude über die Zuwendung reicher Preise -+Ausdruck gebend+), hat im Deutschen immer etwas unlebendiges, steifes; -die Sprache erscheint darin wie halb erstarrt. - - -In Ergänzung - -Wie Ungeziefer hat sich in den letzten Jahren eine Ausdrucksweise -verbreitet, die die verschiedenartigsten Nebensätze und ganz besonders -auch den Infinitiv und das Partizip ersetzen soll: die Verbindung von -+in+ mit gewissen Hauptwörtern, namentlich auf +ung+. Den Anfang -scheinen +in Erwägung+ und +in Ermanglung+ gemacht zu haben[80]; -diese beiden haben aber schon ein ganzes Heer ähnlicher Verbindungen -nach sich gezogen, und das Ende ist noch nicht abzusehen, jede Woche -überrascht uns mit neuen. Briefe von Beamten und Geschäftsleuten -fangen kaum noch anders an als: +in Beantwortung+ oder +in Erwiderung+ -Ihres gefälligen Schreibens vom usw., ein Aufsatz wird geschrieben -+in Anlehnung+ oder +in Anknüpfung+ an ein neu erschienenes Buch, -ein Abschied wird bewilligt +in Genehmigung+ eines Gesuchs, eine -Zeitungsmitteilung wird gemacht +in Ergänzung+ oder +in Berichtigung+ -einer frühern Mitteilung oder +in Fortsetzung+ des gestrigen Artikels, -der Polizeirat vollzieht eine Handlung +in Vertretung+ oder +in -Stellvertretung+ des Polizeidirektors, ein Vereinsmitglied leitet die -Verhandlungen +in Behindrung+ des Vorsitzenden, eine Auszeichnung wird -jemand verliehen +in Anerkennung+ seiner Verdienste, ein Mord wird -begangen +in Ausführung+ früherer Drohungen, eine Bibliothek wird -gestiftet +in Beschränkung+ auf gewisse Fächer usw.; man schreibt: +in -Erledigung+ Ihres Auftrags -- +in Würdigung+ der volkswirtschaftlichen -Wichtigkeit des Sparkassenwesens -- +in Anspielung+ auf eine frühere -Reichstagsrede -- +in Wahrung+ meiner Interessen weise ich jeden -solchen Versuch zurück -- +in Vervollständigung+ der Zirkularnote des -Ministeriums -- +in Veranlassung+ des 25jährigen Geschäftsjubiläums --- +in Begründung+ der Anklage beantragte der Staatsanwalt -- +in -Überschätzung+ dieses Umstandes oder +in Entstellung+ des Sachverhalts -behauptete er -- +in Ausführung+ von § 14 des Ortsstatuts bringen wir -zur Kenntnis -- man gebe den Behörden +in Ausdehnung+ von § 39 die -Befugnis -- +in Verfolgung+ dieses Zieles hatte Schliemann die obere -Schicht zerstört -- +in Befolgung+ seiner Befehle wurden noch weitere -Gebietsteile unterworfen -- die Schauspielkunst hat es, +in Abweichung+ -von dem eben gesagten, mit Gehör und Gesicht zugleich zu tun -- +in -Nachahmung+ einer bei der Kreuzschule bestehenden Einrichtung wurden -zwei Diskantistenstellen begründet -- der +in Verlängerung+ des -Neumarkts durch die Promenade führende Fußweg usw. Vor einigen Jahren -ging sogar eine Anekdote aus den Memoiren der Madame Carette durch die -Zeitungen, wonach Bismarck dieser Dame auf einem Ball am Hofe Napoleons -eine Rose überreicht haben sollte, mit den Worten: wollen Sie diese -Rose annehmen +in Erinnerung+ an den letzten Walzer, den ich in meinem -Leben getanzt habe. - -Wer ein wenig nachdenkt, sieht, daß hier die verschiedensten logischen -Verhältnisse in ganz mechanischer Weise gleichsam auf eine Formel -gebracht sind, wie sie so recht für denkfaule Leute geschaffen ist. In -einem Teile dieser Verbindungen soll +in+ den Beweggrund ausdrücken, -der doch nur durch +aus+ oder +wegen+ bezeichnet werden kann; +in -Ermanglung+, +in Anerkennung+, +in Überschätzung+, +in Behindrung+ -- -das soll heißen: +aus Mangel+, +aus Anerkennung+, +aus Überschätzung+, -+wegen Behindrung+. Wenn Nebensätze dafür eintreten sollten, so könnten -sie nur lauten: +weil+ es mangelt, +weil+ er behindert ist, +weil+ -wir anerkennen, +weil+ er überschätzt. In einem andern Teile soll -+in+ den Zweck bezeichnen, der doch nur durch +zu+ ausgedrückt werden -kann; +in Ergänzung+, +in Berichtigung+, +in Vervollständigung+, +in -Erinnerung+ -- das soll heißen: +zur Ergänzung+, +zur Berichtigung+, -+zur Vervollständigung+, +zur Erinnerung+. Mit einem Nebensatze könnte -man hier nur sagen: +um zu+ ergänzen, +um zu+ berichtigen, +um zu+ -vervollständigen, +damit Sie+ sich erinnern. Wieder in andern Fällen -wäre +als+ am Platze statt in: ein Weg wird +als+ Verlängerung des -Neumarkts durch die Promenade geführt, ein Brief wird geschrieben -+als+ Antwort auf einen andern, der Polizeirat unterschreibt +als+ -Stellvertreter des Polizeidirektors. Nur in wenigen Fällen bezeichnet -das +in+ wirklich einen begleitenden Umstand, wie man ihn sonst durch -+indem+ oder durch das Partizip ausdrückt: ich schreibe einen Aufsatz, -+anknüpfend+ an ein neues Buch, oder +indem+ ich an das Buch anknüpfe; -dafür ließe sich ja zur Not auch sagen: +in Anknüpfung+, wiewohl auch -das nicht gerade schön ist. +Indem+ der Staatsanwalt die Anklage -begründete, beantragte er das höchste Strafmaß -- auch dafür kann -man sagen: in +seiner Begründung+ (+seiner+ darf nicht fehlen).[81] -Aber wie ist es möglich, das alles in einen Topf zu werfen: Ursache, -Grund, Zweck, begleitende Umstände, vorübergehende oder dauernde -Eigenschaften? Wie können wir uns solchem Reichtum gegenüber freiwillig -zu solcher Armut verurteilen? Es handelt sich hier um nichts als -eine Modedummheit, die unter dem Einflusse des Französischen und des -Englischen (~en conséquence~, ~en réponse~, ~in remembrance~, ~in -reply~, ~in answer~, ~in compliance with~, ~in his defence~ u. ähnl.) -aufgekommen ist, und die nun gedankenlos nachgemacht und dabei -immer weiter ausgedehnt wird. Es wird noch dahin kommen, daß jemand -1000 Mark erhält +in Bedingung+ der Rückzahlung oder +in Belohnung+ -treuer Dienste oder +in Entschädigung+ für einen Verlust oder +in -Unterstützung+ seiner Angehörigen; es ist nicht einzusehen, weshalb -nicht auch das alles durch +in+ und ein Hauptwort auf +ung+ sollte -ausgedrückt werden können. - - -Das Attribut - -Unter den Erweiterungen, die ein Satzglied erfahren kann, stehen obenan -das Attribut und die Apposition. - -Ein Attribut kann zu einem Hauptwort in vierfacher Form treten: -als Adjektiv (ein +schöner Tod+), als abhängiger Genitiv (der +Tod -des Kriegers+), als Bestimmungswort einer Zusammensetzung (der -+Heldentod+), endlich in Form einer adverbialen Bestimmung (der -+Tod auf dem Schlachtfelde+, der +Tod fürs Vaterland+). Auch gegen -die vierte Art ist, wie ausdrücklich bemerkt werden soll, nichts -einzuwenden; es ist untadliges Deutsch, wenn man sagt: das +Zimmer -oben+, eine +Wohnung in der innern Stadt+, der +Weg zur Hölle+, die -+Tötung im Duell+, die preußische +Mobilmachung im Juni+ usw. Manche -getrauen sich zwar nicht, solche Attribute zu schreiben, sie meinen -immer ein +befindlich+, +belegen+ (be!), +stattgefunden+, +erfolgt+ -oder dgl. dazusetzen zu müssen; aber das ist eine überflüssige und -häßliche Umständlichkeit. - -Bisweilen kann man ja nun zwei solche Attributarten miteinander -vertauschen, ohne daß der Sinn verändert wird, aber durchaus nicht -immer. Auf wenigen Gebieten unsrer Sprache herrscht aber jetzt eine so -grauenvolle Verwirrung wie auf dem der Attributbildung; hier wird jetzt -tatsächlich alles durcheinander gequirlt. - - -Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? - -Wie würde man wohl über jemand urteilen, der ein +Fremdenbuch+ nicht -von einem +fremden Buch+, einen +kranken Wärter+ nicht von einem -+Krankenwärter+, eine +Gelehrtenfrau+ nicht von einer +gelehrten Frau+, -+Bekanntenkreise+ nicht von +bekannten Kreisen+, ein +liebes Lied+ -nicht von einem +Liebeslied+, eine +Hoferstraße+ (nach Andreas Hofer -genannt) nicht von einer +Hofer Straße+ (nach der Stadt Hof in Bayern -genannt) unterscheiden könnte? Genau dieselbe Dummheit ist es, wenn -jemand +Leipzigerstraße+ schreibt statt +Leipziger Straße+. - -Die von Ortsnamen (Länder- und Städtenamen) abgeleiteten Bildungen -auf +er+ sind unzweifelhaft eigentlich Substantiva. +Österreicher+ -und +Passauer+ bedeutet ursprünglich einen Mann aus Österreich oder -aus Passau. Als Adjektiva hat die ältere Sprache solche Bildungen -nicht gebraucht, die Adjektiva bildete sie von Länder- und Städtenamen -auf +isch+: +meißnisch+ (meißnische Gulden), +torgisch+ (von Torgau, -torgisches Bier), +lündisch+ (von London, lündisches Tuch), +parisisch+ -(parisische Schuhe schreibt noch der junge Goethe statt Pariser Fuß). -Nun ist freilich zwischen diesen beiden Bildungen schon längst -Verwirrung eingerissen: die Formen auf +er+ sind schon frühzeitig auch -im adjektivischen Sinne gebraucht worden. Lessing schrieb noch 1768 -eine +Hamburgische Dramaturgie+, Goethe aber schon 1772 Rezensionen -für die +Frankfurter Gelehrten Anzeigen+. Natürlich sind nun die -Bildungen auf +er+ dadurch, daß sie adjektivisch gebraucht werden, -nicht etwa zu Adjektiven geworden (vgl. S. 38); sie können aber doch -vor andern Substantiven wie Adjektiva gefühlt werden, wie am besten -daraus hervorgeht, daß manche Leute Adverbia dazusetzen, wie +echt -Münchner+ Löwenbräu, statt +echtes Münchner+ oder +echt Münchnisches+ -Löwenbräu, +echt Harzer Sauerbrunnen+.[82] Dennoch haben sich im Laufe -der Zeit zwischen den Bildungen auf +er+ und denen auf +isch+ auch -wieder gewisse Grenzen festgesetzt. Von manchen Länder- und Städtenamen -gebrauchen wir noch heute ausschließlich die echt adjektivische Form -auf +isch+, von andern ebenso ausschließlich die Bildung auf +er+, -wieder von andern beide friedlich nebeneinander. Niemand sagt: der -+Österreicher Finanzminister+, der +Römer Papst+, aber auch niemand -mehr das +Leipzigische Theater+, die +Berlinischen Bauten+. Dagegen -sprechen alle Gebildeten noch von +Kölnischem Wasser+, +holländischem -Käse+, +italienischen Strohhüten+, +persischen Teppichen+, -+amerikanischen Äpfeln+. Warum von dem einen Namen die Form auf +isch+, -von dem andern die auf +er+ bevorzugt wird, kann niemand sagen; der -Sprachgebrauch hat sich dafür entschieden, und dabei muß man sich -beruhigen. - -Nur in gewissen Kreisen, die von dem wirklichen Verhältnis der beiden -Bildungen zueinander und von der Berechtigung des Sprachgebrauchs keine -Ahnung haben, besteht die Neigung, das Gebiet der Bildungen auf +er+ -mehr und mehr zum Nachteil derer auf +isch+ zu erweitern. So empfiehlt -mancher Geschäftsmann beharrlich seine +Amerikaner Öfen+, obwohl alle -Gebildeten, die in seinen Laden kommen, seine +amerikanischen Öfen+ -zu sehen wünschen. An einer alten Leipziger Weinhandlung konnte man -vor kurzem ein Schild am Schaufenster liegen sehen: +Italiener Weine+! -Leipziger Teppichhandlungen preisen +Perser Teppiche+, sogar +echt -Perser Teppiche+ an! Aber auch +Holländer Austern+ und +Holländer Käse+ -werden schon empfohlen, ja sogar +Kölner Wasser+, und der +Kölnischen -Zeitung+ hat man schon mehr als einmal zugemutet, sich in +Kölner -Zeitung+ umzutaufen -- ein törichtes Ansinnen, dem sie mit Recht nicht -nachgegeben hat und hoffentlich nie nachgeben wird. Auf den echten -Adjektivbildungen auf +isch+ liegt ein feiner Hauch des Altertümlichen -und -- des Vornehmen, manche sind wie Stücke schönen alten Hausrats; -die unechten auf +er+, namentlich die neugeprägten, sind so gemein -wie Waren aus dem Fünfzigpfennigbasar. Unbegreiflich ist es, wie -sich gebildete, namentlich wissenschaftlich gebildete Leute solchen -unnötigen Neuerungen, die gewöhnlich aus den Kreisen der Geschäftsleute -kommen, gedankenlos fügen können. Ein deutscher Buchhändler in -Athen hat vor kurzem ein Werk über das +Athener Nationalmuseum+ -herausgegeben! Greulich! Auf der Leipziger Stadtbibliothek gibt es eine -berühmte Handschrift aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts: den -+Pirnischen Mönch+, genannt nach der Stadt Pirna (eigentlich Pirn) an -der Elbe in Sachsen. Den nennen jetzt sogar Historiker den +Pirnaer -Mönch+! In Plauen im sächsischen Vogtlande gibt es jetzt ein +Plauener -Realgymnasium+, einen +Plauener+ Altertumsverein, man hat sogar ein -+Plauener Stadtbuch+ veröffentlicht; die gute alte Adjektivform -+Plauisch+ scheint also dort niemand mehr zu kennen. Und in neuern -Werken über die Befreiungskriege wird in den Schilderungen der Schlacht -bei Leipzig gar von der Erstürmung des +Grimmaer Tores+ geredet (statt -des +Grimmischen+)![83] Einem Leipziger kehrt sich der Magen um, wenn -er so etwas liest. - -Nun ist aber doch so viel klar, daß, wenn ein Wort wie +Dresdner+ -in zwei verschiednen Bedeutungen gebraucht wird, als Hauptwort und -auch als Eigenschaftswort, es nur in seiner Bedeutung als Hauptwort -mit einem andern Hauptworte zusammengesetzt werden kann. Wenn nun -eine Straße in Leipzig die +Dresdner Straße+ genannt wird, ist -da +Dresdner+ als Substantiv oder als Adjektiv aufzufassen? Ohne -Zweifel als Adjektiv. Es soll damit dasselbe bezeichnet sein, was -durch +Dresdnische Straße+ bezeichnet sein würde: die Straße, die -von Dresden kommt oder nach Dresden führt. Sowie man den Bindestrich -dazwischensetzt und schreibt: +Dresdner-Straße+ oder auch in +einem+ -Worte: +Dresdnerstraße+, so kann +Dresdner+ nichts andres bedeuten -als Leute aus Dresden, es wird Substantiv, oder vielmehr es bleibt -Substantiv, und die Zusammensetzung rückt auf eine Stufe mit Bildungen -wie +Fleischergasse+, +Gerbergasse+, +Böttchergasse+ und andre -Gassennamen, die in alter Zeit nach den Handwerkern genannt worden -sind, die auf den Gassen angesessen waren. Eine +Dresdnerstraße+ kann -also nichts andres bezeichnen als eine Straße, auf der Dresdner, -womöglich lauter Dresdner wohnen, ein +Potsdamerplatz+ nur einen -Platz, auf dem sich die Potsdamer zu versammeln pflegen. Wir haben -in Leipzig eine +Paulinerkirche+ und eine +Wettinerstraße+. Das sind -richtige Zusammensetzungen, denn die Paulinerkirche war wirklich die -Kirche der Pauliner, der ehemaligen Dominikaner Leipzigs, und die -Wettinerstraße ist nicht nach dem Städtchen Wettin genannt, wie die -+Berliner Straße+ nach der Stadt Berlin, sondern nach den Wettinern, -dem sächsischen Herrschergeschlecht.[84] Aus demselben Grunde ist der -+Wittelsbacherbrunnen+ in München eine richtige Zusammensetzung. -Eine +Berliner Versammlung+ ist eine Versammlung, die in Berlin -stattfindet, eine +Berlinerversammlung+ eine Versammlung, zu der lauter -Berliner kommen. Die +Herrnhuter Gemeinde+ ist die Gemeinde der Stadt -+Herrnhut+, eine +Herrnhutergemeinde+ kann in jeder beliebigen andern -Stadt sein. - -Die Verwechslung der adjektivischen und der substantivischen Bedeutung -der von Ortsnamen abgeleiteten Bildungen auf +er+ grassiert gegenwärtig -in ganz Deutschland und wird von Tag zu Tag ärger. Sie beschränkt sich -keineswegs, wie man wohl gemeint hat, auf die Gassen- und Straßennamen, -sie geht weiter. Schenkwirte, Kaufleute, Buchhändler, sogar Gelehrte -schreiben: +Wienerschnitzel+, +Berlinerblau+, +Solenhoferplatten+, -+Schweizerfabrikanten+, +Tirolerführer+, obwohl hier überall der -Ortsname als Adjektiv verstanden werden soll; denn nicht die -Tiroler sollen geführt werden, sondern die Fremden durch Tirol. Ein -Wienerschnitzel aber -- entsetzliche Vorstellung! -- kann doch nur ein -Stück Fleisch bedeuten, das man von einem Wiener heruntergeschnitten -hat. - -Ganz ähnlich wie mit den Bildungen +Leipziger+, +Dresdner+ verhält -sichs mit den von Zahlwörtern abgeleiteten Bildungen auf +er+: -+Dreißiger+, +Vierziger+, +Achtziger+. Auch das sind natürlich zunächst -Hauptwörter; wir reden von einem +hohen Dreißiger+, einem +angehenden -Vierziger+ (vgl. S. 67). Aber auch sie können als Adjektiva gefühlt -werden; wir sagen: das war in den +vierziger Jahren+, in den +achtziger -Jahren+. Auch da aber druckt man neuerdings: in den +Vierzigerjahren+, -in den +Achtzigerjahren+, ein Ölgemälde aus den +Neunzigerjahren+, als -ob von menschlichen Lebensaltern und nicht von dem Jahrzehnt eines -Jahrhunderts die Rede wäre! - -Eine andre Spielart der hier behandelten Verwirrung tritt uns -in Ausdrücken entgegen wie: +Gabelsberger Stenographenverein+, -+Meggendorfer Blätter+, +Nordheimer Schuhwaren+ (der Geschäftsinhaber -heißt Nordheimer!). Hier werden umgekehrt wirkliche Substantiva -auf +er+, und zwar Personennamen, wie Adjektiva behandelt. Ein -+Gabelsberger+ Stenographenverein -- das klingt wie ein Verein -aus Gabelsberg; natürlich soll es ein +Gabelsbergerscher+ -sein. Die +Meggendorfer+ Blätter -- das klingt, als erschienen -sie in +Meggendorf+; natürlich sollen es +Meggendorfers+ oder -+Meggendorfersche+ Blätter sein. - -Aber die Verwirrung geht noch weiter. Wie jede Sprachdummheit, -wenn sie einmal losgelassen ist, wie Feuer um sich frißt, so auch -die, kein Gefühl mehr für den adjektivischen Sinn der Bildungen -auf +er+ zu haben. Nachdem unsre Geschäftsleute aus der +Dresdner -Straße+ eine +Dresdnerstraße+ gemacht haben, schrecken sie auch vor -dem weitern Unsinn nicht zurück, die Bildungen auf +isch+, über -deren adjektivische Natur doch wahrhaftig kein Zweifel sein kann, -mit +Straße+ zu +einem+ Worte zusammenzusetzen; immer häufiger -schreiben sie +Grimmaischestraße+, +Hallischestraße+ (oder vielmehr -+Halleschestraße+!), und um das Maß des Unsinns voll zu machen, nun -auch +Langestraße+, +Hohestraße+ und +Kurzegasse+, und wer in einer -solchen Gasse wohnt, der wohnt natürlich nun +in der Langestraße+, +in -der Hohestraße+, +in der Kurzegasse+.[85] In frühern Jahrhunderten war -die Sprache unsers Volks so voll überquellenden Lebens, daß sich in -den Ortsbezeichnungen die ~casus obliqui~ in den Nominativ drängten; -daher die zahllosen Ortsnamen, die eigentlich Dative sind (+Altenburg+, -+Weißenfels+, +Hohenstein+, +Breitenfeld+). Heute ist sie so tot und -starr, daß der Nominativ, dieser langweilige, nichtssagende Geselle, -die ~casus obliqui~ verdrängt. Man wohnt +in der Breite Gasse+,[86] und -Sommerwohnungen sind +auf Weißer Hirsch+ bei Dresden zu vermieten! - -Aber selbst damit ist die Verwirrung noch nicht erschöpft. In Leipzig -gibt es auch Ortsbezeichnungen, bei denen einer Örtlichkeit einfach -der Name des Erbauers oder Besitzers im Genitiv vorangestellt ist, wie -+Auerbachs Keller+, +Hohmanns Hof+, +Löhrs Platz+, +Tscharmanns Haus+, -+Czermaks Garten+. Bis vor wenig Jahren hat niemand daran gezweifelt, -daß alle diese Bezeichnungen aus je zwei getrennten Wörtern bestehen, -so gut wie +Luthers Werke+, +Goethes Mutter+, +Schillers Tell+. -Jetzt fängt man an, auch hier den Bindestrich dazwischenzuschieben, -den Artikel davorzusetzen und zu schreiben: +im Auerbachs-Keller+, -+am Löhrs-Platz+, +im Czermaks-Garten+. Man denke sich, daß jemand -schreiben wollte: +in den Luthers-Schriften+, +bei der Goethes-Mutter+, -+im Schillers-Tell+! - -Zum guten Teil tragen die Schuld an der grauenvollen Verwirrung, die -hier herrscht, die Firmenschreiber und die Akzidenzdrucker, die ganz -vernarrt in den Bindestrich sind, aber nie wissen, wo er hingehört, -und wo er nicht hingehört, nie wissen, ob sie ein zusammengesetztes -Wort oder zwei Wörter vor sich haben.[87] Aber nicht sie allein. -Warum lassen sich die Besteller, Behörden wie Privatleute, den Unsinn -gefallen? - - -Fachliche Bildung oder Fachbildung? - -In beängstigender Weise hat in neuerer Zeit die Neigung zugenommen, -statt des Bestimmungswortes einer Zusammensetzung ein Adjektiv zu -setzen, also z. B. statt +Fachbildung+ zu sagen: +fachliche Bildung+. -Sie hat in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, wie sie sich nur -daraus erklären lassen, daß diese Ausdrucksweise jetzt für besonders -schön und vornehm gilt. Früher sprach man von +Staatsvermögen+, -+Gesellschaftsordnung+, +Rechtsverhältnis+, +Kriegsereignissen+, -+Junkerregiment+, +Soldatenlaufbahn+, +Bürgerpflichten+, -+Handwerkstraditionen+, +Geschäftsverkehr+, +Verlagstätigkeit+, -+Sonntagsarbeit+, +Kirchennachrichten+, +Kultusordnung+, -+Gewerbeschulen+, +Betriebseinrichtungen+, +Bergbauinteressen+, -+Forstunterricht+, +Steuerfragen+, +Fachausdrücken+, -+Berufsbildung+, +Amtspflichten+, +Schöpferkraft+, +Gedankeninhalt+, -+Körperpflege+, +Lautgesetzen+, +Textbeilagen+, +Klangwirkungen+, -+Gesangvorträgen+, +Frauenchören+, +Kunstgenüssen+, +Turnübungen+, -+Studentenaufführungen+, +Farbenstimmung+, +Figurenschmuck+, -+Winterlandschaft+, +Pflanzennahrung+, +Abendbeleuchtung+, -+Nachtgespenstern+, +Regentagen+, +Landaufenthalt+, +Gartenanlagen+, -+Nachbargrundstücken+, +Elternhaus+, +Endresultat+ usw. Jetzt redet -man nur noch von staat+lichem+ Vermögen, gesellschaft+licher+ -Ordnung, recht+lichem+ Verhältnis, krieger+ischen+ Ereignissen, -junker+lichem+ Regiment, soldat+ischer+ Laufbahn, bürger+lichen+ -Pflichten, handwerk+lichen+ Traditionen, geschäft+lichem+ Verkehr, -verleger+ischer+ Tätigkeit, sonntäg+licher+ Arbeit, kirch+lichen+ -Nachrichten, kult+ischer+ (!) Ordnung, gewerb+lichen+ Schulen, -betrieb+licher+ Einrichtung, bergbau+lichen+ Interessen, forst+lichem+ -Unterricht, steuer+lichen+ Fragen, fach+lichen+ Ausdrücken, -beruf+licher+ Bildung, amt+lichen+ Pflichten, schöpfer+ischer+ -Kraft, gedank+lichem+ Inhalt, körper+licher+ Pflege, laut+lichen+ -Gesetzen, text+lichen+ Beilagen, klang+lichen+ Wirkungen, -gesang+lichen+ Vorträgen, weib+lichen+ (!) Chören, künstler+ischen+ -Genüssen, turner+ischen+ Übungen, student+ischen+ Aufführungen, -farb+licher+ Stimmung, figür+lichem+ Schmuck, winter+licher+ -Landschaft, pflanz+licher+ Nahrung, abend+licher+ Beleuchtung, -nächt+lichen+ Gespenstern, regner+ischen+ Tagen, länd+lichem+ -Aufenthalt, gärtner+ischen+ Anlagen, nachbar+lichen+ Grundstücken, -dem elter+lichen+ Hause, dem end+lichen+ (!) Resultat usw. Eine von -Offizieren gerittne Quadrille wird als +reiterliche+ (!) +Darbietung+ -gepriesen; statt, wie früher, vernünftige Zusammensetzungen mit +Volk+ -zu bilden, quält man sich ab, auch davon Adjektiva zu bilden (die -einen sagen +volklich+, die andern +völkisch+), die „Pädagogen“ reden -sogar von +schulischen+ Verhältnissen und unterricht+licher+ Methode, -und in Schulprogrammen kann man lesen, nicht als schlechten Witz, -sondern in vollem Ernste, daß Herr Kand. X im verflossenen Jahre mit -der Schule „in unterricht+lichem+ Zusammenhange gestanden“ habe.[88] -Aber auch da, wo man früher den Genitiv eines Hauptwortes oder eine -Präposition mit einem Hauptwort oder -- ein einfaches Wort setzte, -drängen sich jetzt überall diese abgeschmackten Adjektiva ein; man -redet von kronprinz+lichen+ Kindern, behörd+licher+ Genehmigung, -erzieh+lichen+ Aufgaben, gedank+licher+ Großartigkeit, gegner+ischen+ -Vorschlägen, zeichner+ischen+ Mitteln, einer buchhändler+ischen+ -Verkehrsordnung, gesetzgeber+ischen+ Fragen, erstinstanz+lichen+ (!) -Urteilen, stecher+ischer+ Technik, gemischtchör+igen+ Quartetten, -stimm+licher+ Begabung, text+lichem+ Inhalt, bau+licher+ Umgestaltung, -seelsorger+ischer+ Tätigkeit, wo man früher Kinder des +Kronprinzen+, -Genehmigung +der Behörden+, Aufgaben +der Erziehung+, Großartigkeit -+der Gedanken+, Vorschläge +des Gegners+, Mittel +der Zeichnung+, -Verkehrsordnung +des Buchhandels+, Fragen +der Gesetzgebung+, Urteile -der +ersten Instanz+, Technik +des Stechers+, Quartette +für gemischten -Chor, Stimme, Text, Umbau, Seelsorge+ sagte. Ein Choralbuch wurde -früher zum +Hausgebrauch+ herausgegeben, jetzt zum +häuslichen+ -Gebrauch; eine Bildersammlung hatte früher Wert +für die Kostümkunde+ -oder +Kunstwert+ oder +Altertumswert+, jetzt kostüm+lichen+ (!), -künstler+ischen+ oder altertüm+lichen+ (!) Wert. Die Sprachwissenschaft -redete früher von dem +Lautleben+ der Sprache und vom +Lautwandel+, -jetzt nur noch von dem laut+lichen+ Leben und dem laut+lichen+ (!) -Wandel; die Ärzte sprachen sonst von Herztönen +des Kindes+ und von -+Gewebe+veränderungen, unsre heutigen medizinischen Journalisten -schwatzen von kind+lichen+ (!) Herztönen[89] und geweb+lichen+ -(!) Veränderungen. Auch Fremdwörter mit fremden Adjektivendungen -werden mit in die alberne Mode hineingezogen; schon heißt es nicht -mehr: +Stilübungen+, +Religionsfreiheit+, +Kulturaufgabe+ und -+Kulturfortschritt+, +Maschinenbetrieb+, +Finanzlage+, +Inselvolk+, -+Kolonieleitung+, +Artilleriegeschosse+, +Infanteriegefechte+, -+Theaterfragen+, +Solo+-, +Chor+- und +Orchester+kräfte, sondern -stilist+ische+ Übungen, religi+öse+ Freiheit, kultur+elles+ Problem -und kultur+eller+ Fortschritt (scheußlich!), maschin+eller+ Betrieb -(scheußlich!), finanzi+elle+ Lage, insu+lares+ Volk, koloni+ale+ -Leitung, artiller+istische+ Geschosse, infanter+istische+ Gefechte -(alle Wörter auf +istisch+ klingen ja äußerst gelehrt und vornehm), -solist+ische+, chor+istische+ und orchest+rale+ Kräfte. Auch von -+Alpenflora+ wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch von alp+iner+ -(!) Flora. Am Ende kommts noch dahin, daß einer erzählt, er habe in -einer alp+inen+ Hütte in sommer+lichen+ Hosen sein abend+liches+ Brot -nebst einem wurst+lichen+ Zipfel verzehrt. - -Was soll die Neuerung? Soll sie der Kürze dienen? Einige der -angeführten Beispiele scheinen dafür zu sprechen. Aber die Mehrzahl -spricht doch dagegen; man könnte eher meinen, sie solle den Ausdruck -verbreitern, ein Bestreben, das sich jetzt ja auch in vielen -andern Spracherscheinungen zeigt. Man fragt vergebens nach einem -vernünftigen Grunde, durch den sich diese Vorliebe für alle möglichen -und unmöglichen Adjektivbildungen erklären ließe: es ist nichts als -eine dumme Mode. Wenn so etwas in der Luft liegt, so steckt es heute -hier, morgen da an; ob das Neugeschaffne nötig, richtig, schön sei, -danach fragt niemand, wenns nur neu ist! Um der Neuheit willen schlägt -man sogar gelegentlich einmal den entgegengesetzten Weg ein. Da es -bis jetzt +silberne Hochzeit+ geheißen hat, so finden sich natürlich -nun Narren, die mit Vorliebe von +Silberhochzeit+ reden. Dazu gehört -natürlich nun auch ein +Silberpaar+: der Bürgermeister schloß mit einem -Hoch auf das +Silberpaar+.[90] In einer Lebensbeschreibung Bismarcks -ist gleich das erste Kapitel überschrieben: Unter dem Zeichen des -+Eisenkreuzes+. Also aus dem geschichtlichen +Eisernen Kreuz+, das doch -für jeden unantastbar sein sollte, wird ein +Eisenkreuz+ gemacht -- aus -bloßer dummer Neuerungssucht. - -Die Adjektiva auf +lich+ bedeuten eine Ähnlichkeit; +lich+ ist -dasselbe wie +Leiche+, es bedeutet den Leib, die Gestalt; daher auch -das Adjektivum +gleich+, d. i. +geleich+, was dieselbe Gestalt hat. -+Königlich+ ist, was die Gestalt, die Art oder das Wesen eines Königs -hat. Will man nun das mit den kronprinz+lichen+ Kindern sagen? Gewiß -nicht. Man meint doch die Kinder des Kronprinzen, und nicht bloß -kronprinzenartige Kinder. Was kann eine Arbeit sonntägliches haben? -eine Bewegung körperliches? eine Wirkung farbliches? eine Pflicht -bürgerliches? ein Herzton kindliches? eine Frage theatralisches? -Gemeint ist doch wirklich die Arbeit am Sonntage, die Bewegung des -Körpers, die Wirkung der Farben usw.[91] Und hat man denn gar kein Ohr -für die Häßlichkeit vieler dieser neugeschaffnen Adjektiva (+fachlich+, -+beruflich+, +volklich+, +farblich+, +klanglich+, +stimmlich+, -+forstlich+, +pflanzlich+, +prinzlich+, +erziehlich+)? - -Hie und da mag ja ein Grund für die Neubildung zu entdecken sein. So -mag zwischen +Regentagen+ und +regnerischen+ Tagen ein Unterschied -sein: an Regentagen regnets vielleicht von früh bis zum Abend, an -regnerischen (früher: +regnichten+) Tagen mit Unterbrechungen. Der -Chordirektor, der zuerst von einem Terzett für +weibliche Stimmen+ -anstatt von einem Terzett für +Frauenstimmen+ gesprochen hat, hatte -sich vielleicht überlegt, daß unter den Sängerinnen auch junge Mädchen -sein könnten. Und der Ratsgärtner, der seiner Behörde zuerst einen -Plan zu +gärtnerischen Anlagen+ am Theater vorlegte, hatte wohl daran -gedacht, daß ein eigentlicher Garten, d. h. eine von einem Zaun oder -Geländer umschlossene Anpflanzung nicht geschaffen werden sollte. -Aber bedeutet denn +Frau+, wo sichs um die bloße Gegenüberstellung -der Geschlechter handelt, nicht auch das Mädchen? Kann sich wirklich -ein junges Mädchen beleidigt fühlen, wenn es aufgefordert wird, einen -+Frauenchor+ mitzusingen?[92] Und können denn nicht +Gartenanlagen+ -auch Anlagen sein, +wie+ sie in einem Garten sind? müssen sie immer -+in+ einem Garten sein? +Gärtnerische+ Anlagen möchte man einem Jungen -wünschen, der Lust hätte, Gärtner zu werden, wiewohl es auch dann -noch besser wäre, wenn er Anlagen +zum Gärtner+ hätte. Nun vollends -von +gärtnerischen+ Arbeiten zu reden statt von +Garten+arbeiten (die -Rekonvaleszenten der Anstalt werden mit +gärtnerischen Arbeiten+ -beschäftigt), ist doch die reine Narrheit. - - -Erstaufführung - -Ein Gegenstück zu dem +fachlichen Unterricht+ bilden die schönen -neumodischen Zusammensetzungen, mit denen man sich jetzt -spreizt, wie: +Fremdsprache+, +Fremdkörper+ und +Falschstück+ -(ein gefälschtes Geldstück!), +Neuauflage+, +Neuerscheinung+ -und +Neuerwerbung+ (die +Neuerscheinungen+ des Buchhandels und -die +Neuerwerbungen+ der Berliner Galerie), +Neuerkrankung+ und -+Leichtverwundung+, +Deutschunterricht+, +Deutschbewußtsein+ und -+Deutschgefühl+, +Erstaufführung+, +Erstausgabe+ und +Erstdruck+, -+Jüngstvergangenheit+, +Einzelfall+, +Einzelpersönlichkeit+ und -+Allgemeingesang+, +Mindestmaß+, +Mindestpreis+ und +Mindestgehalt+, -+Höchstmaß+, +Höchstpreis+, +Höchstgehalt+, +Höchstarbeitszeit+ und -- -+Höchststundenzahl+! Hier leimt man also einen Adjektivstamm vor das -Hauptwort, statt einfach zu sagen: +fremder Körper+, +neue Auflage+, -+einzelner Fall+, +erste Aufführung+, +allgemeiner Gesang+, +höchste -Stundenzahl+ usw. - -Worin liegt das Abgeschmackte solcher Zusammensetzungen? gibt es nicht -längst, ja zum Teil schon seit sehr alter Zeit ähnliche Wörter, an -denen niemand Anstoß nimmt? Gewiß gibt es die, sogar in großer Fülle. -Man denke nur an: +Fremdwort+, +Edelstein+, +Schwerspat+, +Braunkohle+, -+Neumond+, +Weißwein+, +Kaltschale+, +Süßwasser+, +Sauerkraut+, -+Buntfeuer+, +Kurzwaren+, +Hohlspiegel+, +Hartgummi+, +Trockenplatte+, -+Schnellzug+, +Glatteis+, +Rotkehlchen+, +Grünschnabel+, +Freischule+, -+Vollmacht+, +Hochverrat+, +Eigennutz+, +Halbbruder+, +Breitkopf+, -+Rothschild+, +Warmbrunn+ und viele andre. Was ist aber das -Eigentümliche solcher Zusammensetzungen? Es sind meist Fachausdrücke -oder Kunstausdrücke aus irgendeinem Gebiete des geistigen Lebens, aus -dem Handel, aus irgendeinem Gewerbe, einer Kunst, einer Wissenschaft, -aus der Rechtspflege, oder es sind -- Eigennamen.[93] Nun stecken aber -dem Deutschen zwei Narrheiten tief im Blute: erstens, sich womöglich -immer auf irgendein Fach hinauszuspielen, mit Fachausdrücken um sich zu -werfen, jeden Quark anscheinend zum Fachausdruck zu stempeln; zweitens, -sich immer den Anschein zu geben, als ob man die Fachausdrücke aller -Fächer und folglich die Fächer auch selbst verstünde. Wenn es ein paar -Buchhändlern beliebt, plötzlich von +Neuauflagen+ zu reden, so denkt -der junge Privatdozent: aha! +Neuauflage+ -- schöner neuer Terminus -des Buchhandels, will ich mir merken und bei der nächsten Gelegenheit -anbringen. Der Professor der Augenheilkunde nennt wahrscheinlich -ein Eisensplitterchen, das einem ins Auge geflogen ist, einen -+Fremdkörper+. Da läßt es dem Geschichtsprofessor keine Ruhe, er muß -doch zeigen, daß er das auch weiß, und so erzählt er denn bei der -nächsten Gelegenheit: die Germanen waren ein +Fremdkörper+ im römischen -Reiche. Und wenn er Wirtschaftsgeschichte schreibt, dann redet er nicht -von den +fremden Kaufleuten+, die ins Land gekommen seien, sondern von -den +Fremdkaufleuten+! Wie gelehrt das klingt! Der gewöhnliche Mensch -lernt in der Schule, +Evangelium+ heiße auf deutsch: +frohe Botschaft+. -Der Theolog aber sagt dafür neuerdings +Frohbotschaft+! Wie gelehrt das -klingt! Der gewöhnliche Mensch sehnt sich nach +frischer Luft+. Wenn -aber ein Techniker eine Ventilationsanlage macht, so beseitigt er die -+Abluft+ (!) und sorgt für +Frischluft+! Im gewöhnlichen Leben spricht -man von einem +großen Feuer+. Das kann aber doch die Feuerwehr nicht -tun; so gut wie sie ihre Spritzen und ihre Helme hat, muß sie auch -ihre Wörter haben. Der „Branddirektor“ kennt also nur +Großfeuer+. -Sobald das aber der Philister weggekriegt hat, sagt er natürlich auch -am Biertisch: Bitte, meine Herren, sehen Sie mal hinaus, da muß ein -+Großfeuer+ sein, und der Zeitungschreiber berichtet: Diese Nacht wurde -das Gut des Gutsbesitzers Sch. durch ein +Großfeuer+ eingeäschert. -So bilden sich denn auch die gewerbsmäßigen Theaterschreiber ein, -mit +Erstaufführung+ den Begriff der +ersten Aufführung+ aus der -gewöhnlichen Alltagssprache in die vornehme Region der Fachbegriffe -gehoben zu haben. In Wahrheit ist es weiter nichts als eine schlechte -Übersetzung von +Premiere+,[94] wie alle die wahrhaft greulichen -Zusammensetzungen mit +Höchst+ und +Mindest+ nichts als schlechte -Übersetzungen von Wörtern mit +Maximal+ und +Minimal+ sind. Für solches -Deutsch doch lieber keins! Der Katarrh hat den +höchsten Stand+ -überschritten -- das klänge ja ganz laienhaft; den +Höchststand+ -- das -klingt fachmännisch. Wenn aber bei einer Epidemie Ärzte und Zeitungen -berichten, daß an einem Tage hundert +Neuerkrankungen+ vorgekommen -seien, so kann das geradezu zu Mißverständnissen führen. Eine -+Neuerkrankung+ würde ich es nennen, wenn jemand, der krank gewesen -und wieder gesund geworden ist, von neuem erkrankt, ebenso wie eine -+Neuordnung+ voraussetzt, daß die Dinge schon vorher geordnet gewesen -seien. +Erstausgabe!+ Es ist so unsäglich häßlich; aber der große Haufe -ist ganz versessen auf solche Narrheiten. - -Besonders beliebt ist jetzt der +Altmeister+, und eine Zeit lang war es -auch der +Altreichskanzler+. Hier ist aber zweierlei zu unterscheiden. -Der +Altreichskanzler+ stammte aus Süddeutschland und der Schweiz, -wo man den alten, d. h. den ehemaligen, aus dem Amte geschiednen -(~ancien~) so bezeichnete, und wo man z. B. auch vom +Altbürgermeister+ -spricht (bei Schiller: +Altlandammann+). +Altmeister+ dagegen bedeutet -wie +Altgesell+ nicht den ehemaligen, sondern den ältesten, d. h. -bejahrtesten unter den vorhandnen Meistern und Gesellen. Man konnte -also wohl Franz Liszt, solange er lebte, den +Altmeister+ der deutschen -Musik nennen, aber Johann Sebastian Bach einen +Altmeister+ zu nennen, -wie es unter den Musikschwätzern jetzt Mode ist, ist Unsinn. Bach -ist ein Meister der alten Zeit, der Vergangenheit; das ist aber ein -+alter Meister+, kein +Altmeister+. Sehr beliebt sind jetzt auch -Zusammensetzungen wie +Altleipzig+, +Altweimar+, +Altheidelberg+. -Sie haben einen poetischen Beigeschmack, wie man sofort fühlt, -wenn man an +jung Siegfried, jung Roland+ denkt. Wie abgeschmackt -also, von einem +Junggoethedenkmal+, einem +Jungwilhelmdenkmal+, -einem +Jungbismarckdenkmal+ zu reden! Zu einem logischen Verstoß -führen überdies gewisse Zusammensetzungen, mit denen sich jetzt die -Kunstgewerbegelehrten spreizen: +Altmeißner Porzellan, Altthüringer -Porzellan+. Denn nicht darauf kommt es an, daß das Porzellan aus -+Altmeißen+ ist, sondern nur darauf, daß es aus +Meißen+ ist, aber -+altes+ Porzellan aus Meißen! Mancher wird das für Haarspalterei -halten, es ist aber ein großer Unterschied. - - -Sedantag und Chinakrieg - -Noch überboten an Geschmacklosigkeit werden Zusammensetzungen wie -+Erstaufführung+ durch die Roheit, mit der man jetzt Eigennamen -(Ortsnamen und noch öfter Personennamen) vor ein Hauptwort leimt, -anstatt aus dem Namen ein Adjektiv zu bilden. - -Die Herkunft einer Sache wurde sonst nie anders bezeichnet als -durch ein von einem Städte- oder Ländernamen gebildetes Adjektiv -oder durch eine Präposition mit dem Namen, z. B.: +sizilische -Märchen+, +bengalisches Feuer+, +Kölnisches Wasser+, +Berliner -Weißbier+, +Emser Kränchen+, +Dessauer Marsch+, +Motiv aus Capri+, -+Karte von Europa+. Jetzt redet man aber von +Japanwaren+, -einer +Chinaausstellung+, +Smyrnateppichen+, +Olympiametopen+, -+Samosausbruch+, +Neapelmotiven+, +Romplänen+ (das sollen -Stadtpläne von Rom sein!), einem +Leipzig-Elbe-Kanal+ und einer -+Holland-Amerika-Linie+. Wenn solche Zusammenleimungen auch zu -entschuldigen sein mögen bei Namen, von denen man sich kein Adjektiv zu -bilden getraut, wie +Bordeauxwein+, +Jamaikarum+, +Havannazigarren+, -+Angoraziege+, +Chesterkäse+, +Panamahut+, +Suezkanal+, +Sedantag+ -(in Leipzig +Seedangtag+ gesprochen), so ließe sich doch schon eine -Bildung wie +Maltakartoffeln+ vermeiden, denn niemand spricht von -einem +Maltakreuz+ oder +Maltarittern+. Oder klingt +Malteser+ für -Kartoffeln zu vornehm? Auch das +Selterser Wasser+, wie man es richtig -nannte, als es bekannt wurde, hätte man getrost beibehalten können -und nicht in +Selterswasser+ (oder gar +Selterwasser+! es ist nach -dem nassauischen Dorfe Nieder-+Selters+ genannt) umzutaufen brauchen. -Aber ganz überflüssig sind doch die angeführten Neubildungen, denn -das Adjektiv +japanisch+ (oder meinetwegen +japanesisch+!) ist doch -wohl allbekannt, jeder Archäolog oder Kunsthistoriker kennt auch das -Adjektiv +olympisch+, auch von +samischem+ Wein hat man früher lange -genug gesprochen, und auch von +Leipzig+ und von +Holland+ wird man -sich doch wohl noch Adjektiva zu bilden getrauen? +Leipzig-Elbe-Kanal+! -Es ist ja fürchterlich! Einen Städtenamen so vor einen Flußnamen zu -leimen, der selber nur angeleimt ist! Vor fünfzig Jahren hätte jeder -zehnjährige Junge auf die Frage: wie nennt man einen Kanal, der von -Leipzig nach der Elbe führen soll? richtig geantwortet: +Leipziger -Elbkanal+; wie nennt man eine Dampferlinie zwischen Holland und -Amerika? +Holländisch-amerikanische Linie+. Und warum nicht: +Smyrnaer -Teppiche+? Sagt man doch: +Geraer Kleiderstoffe+. Sachkenner behaupten, -die echten nenne man auch so; nur die unechten, in smyrnischer Technik -in Deutschland angefertigten nenne man +Smyrnateppiche+. Mag sein. -Aber warum nicht: +Motive aus Neapel? Japanwaren, Neapelmotive+ -- wer -verfällt nur auf so etwas! Man denke sich, daß jemand +Italienwaren+ -zum Kauf anbieten oder von +Romruinen+ reden wollte! Ein Wunder, daß -noch niemand darauf gekommen ist, den +Cyperwein+ und die +Cyperkatze+ -in +Cypernwein+ und +Cypernkatze+ umzutaufen. Die Insel heißt doch -+Cypern+! Jawohl, aber der Stamm heißt +Cyper+ -- das ist so gut -wie ein Adjektiv, und der ist zum Glück den plumpen Fäusten unsrer -Sprachneuerer bis jetzt noch entgangen. Die +Italienreisenden+ haben -wir freilich auch, wie die +Schweizreisenden+ und die +Afrikareisenden+ -und neuerdings die +Weimarpilger+ und den +Chinakrieg+. Schön -sind die auch nicht (zu Goethes und Schillers Zeit sprach man von -+italienischen+, +Schweizer+ und +afrikanischen+ Reisenden), aber -man läßt sie sich zur Not gefallen; der Ortsname bezeichnet da nicht -den Ursprung, die Herkunft, sondern das Land, auf das sich die -Tätigkeit des Reisenden erstreckt. Im allgemeinen aber kann doch das -Bestimmungswort eines zusammengesetzten Wortes nur ein Appellativ, kein -Eigenname sein. Von +Eisenwaren+, +Sandsteinmetopen+, +Stadtplänen+, -+Fluß-+ und +Waldmotiven+ kann man reden, aber nicht von +Japanwaren+, -+Olympiametopen+, +Romplänen+ und +Neapelmotiven+. Das ist nicht mehr -gesprochen, es ist gestammelt. - -Gestammelt? O nein, es ist ja das schönste Englisch! Der Engländer -sagt ja: ~the India house~, ~the Oxford Chaucer~ (das soll heißen: die -Oxforder Ausgabe von Chaucers Werken), ~the Meier Madonna~; das muß -natürlich wieder nachgeplärrt werden. Wir kommen schon auch noch dahin, -daß wir die Weimarische Ausgabe von Goethes Werken den +Weimar-Goethe+ -nennen oder gar den +Weimar Goethe+ (ohne Bindestrich). - - -Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen - -Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht -täglich von Gastwirten +Tucher Bier+ (so!) empfohlen? Und das soll Bier -aus der Freiherrl. Tucherschen Brauerei in Nürnberg sein! - -Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer -Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu -der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, die -Herkunft, der Ursprung oder eine sonstige engere Beziehung bezeichnet -werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den -Genitiv[95] oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv -geschehen. - -Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist, -neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei -kurz +Goethestraße+ oder +Blücherplatz+ benannt worden sind, so ist -dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu -Ehren eines verdienten Bürgers namens Schumann durch eine Geldsammlung -geschaffen worden ist, mag man getrost eine +Schumannstiftung+ nennen, -ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke -großer Männer pflegen, +Goethegesellschaft+ oder +Bachverein+; auch -+Beethovenkonzert+ und +Mozartabend+ sind richtig gebildet, wenn -sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von -Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch die +Schillerhäuser+ -läßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die -Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal -gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis -so genannt werden. Bedenklicher sind schon die +Goethedenkmäler+, -denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen -ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger -Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken -gewagt, da sprach man in Leipzig nur von +Bachs Denkmal+, von +Gellerts -Denkmal+. Sind einmal die +Goethedenkmäler+ richtig, dann sind es -auch die +Goethebildnisse+, dann ist es auch die +Goethebüste+, der -+Goethekopf+ und -- die +Goethebiographie+. Nun aber das +Goethehaus+ -auf dem Frauenplan in Weimar und die Weimarer +Goetheausgabe+ -- da -meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes -Werken. Etwas andres ist es mit einer +Elzevirausgabe+; das soll nicht -eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevir sein, sondern eine -Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen -Verlagsbuchhandlung. Ist die +Goetheausgabe+ richtig, dann kommen wir -schließlich auch zu den +Goethefreunden+ (d. h. Goethes Freunden zu -seinen Lebzeiten), den +Goetheeltern+ und den +Goetheenkeln+. Es ist -nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen, und -man sagt es ja auch schon. Stammelt man doch auch schon von einem -+Lutherbecher+ (einem Becher, den einst Luther besessen hat) und einem -+Veltheimzettel+ (einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger -Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert), -von einer +Böttgerperiode+ (der Zeit Böttgers in der Geschichte des -Porzellans!) und einer +Schlüterzeit+, von +Kellerfreunden+ (Freunden -des Dichters Gottfried Keller!) und +Pilotyschülern+, von einem -+Grillparzersarg+ und einem +Brahmsgrab+. - -Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken -einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen, -Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen -oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort -leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher -stets des Genitivs oder der Adjektivbildung auf +isch+ bedient. In -Dresden ist die +Brühlsche Terrasse+, in Frankfurt das +Städelsche -Institut+, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann von +Goethischen+ -und +Schillerschen Gedichten+ gesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt; -jetzt heißt es: +Goethegedichte+ und +Shakespearedramen+, +Mozartopern+ -und +Dürerzeichnungen+, +Bachkantaten+ und +Chopinwalzer+, -+Goethefaust+ und +Gounodfaust+, +Bismarckreden+ und +Napoleonbriefe+, -+Schopenhauerworte+ und +Heimburgromane+, +Schweningerkur+ und -+Horneffervorträge+. Der von Karl Riedel gegründete Leipziger -Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig der +Riedelsche -Verein+ hieß, ist neuerdings zum +Riedelverein+ verschönert worden, und -wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligsten aller Sprachschöpfer -und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer -Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen, -so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt -und preisen nun stolz ihre +Pfaffnähmaschinen+ und +Drewsgardinen+, -ihre +Jägerpumpen+ und +Steinmüllerkessel+, ihren +Kempfsekt+ und -ihr +Auergasglühlicht+, ihre +Rönischpianos+ und +Feurichpianinos+, -ihre +Langeuhren+, +Zeißobjektive+ und +Ernemanncameras+ an, und -das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die -Vorzüge der +Blüthnerflügel+ und der +Bechsteinflügel+.[96] In -Leipzig nannte eines Tags eine Bierbrauerei (die Riebeckische) ihr -Bier +Riebeckbier+. Flugs kamen die andern hinterdrein und priesen -+Ulrichbier+, +Naumannbier+ und +Sternburgbier+ an (das nun freilich -eigentlich +Speckbier+ heißen müßte!). Dieses Schandzeug aus unsrer -Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr die -+Shakespearedramen+ und die +Dürerzeichnungen+ erfunden habt! Wenn -man in vornehmen Fachzeitschriften von +Bürgerbriefen+ (Briefen des -Dichters der Lenore!) und einem +Lenznachlaß+ (Nachlaß des Dichters -Lenz), einem +Kuglerwerk+ und einem +Menzelwerk+, einem +König -Albert-Bild+, einem +Mörike-Schwind-Briefwechsel+, einer +Rudolf -Hildebrand-Erinnerung+ lesen muß, kann man dann -- andern Leuten -einen Vorwurf machen, wenn sie von +Kathreiners Kneipp-Malzkaffee+, -+Junker- und Ruh-Öfen+ und +August Lehr-Fahrrädern+ reden? Alle -diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die -kaum noch ärger werden kann. Von +Lichtfreunden+ kann man reden, von -+Naturfreunden+, +Kunstfreunden+ und +Musikfreunden+, von +Zinnsärgen+ -und +Marmorsärgen+, von +Konzertflügeln+ und +Stutzflügeln+, aber nicht -von +Kellerfreunden+, +Grillparzersärgen+ und +Blüthnerflügeln+. Das -ist schlechterdings kein Deutsch. - -Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt -du, was +Kriegerliteratur+ ist, lieber Leser? ein +Senfkatalog+? -eine +Schleicherskizze+? ein +Pfeilliederabend+? Du ahnst es nicht, -ich will dirs sagen. +Kriegerliteratur+ sind die Schriften über -den Komponisten des siebzehnten Jahrhunderts Adam Krieger, ein -+Senfkatalog+ ist ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in -Leipzig, eine +Schleicherskizze+ eine Lebensbeschreibung des berühmten -Philologen Schleicher, ein +Pfeilliederabend+ ein Abendkonzert, bei -dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was -ein +Lenbachaufsatz+ ist? ein +Holbeinbildnis+? Das weiß ich selber -nicht. Es kann ein Aufsatz +von+ Lenbach sein, es kann aber auch einer -+über+ ihn sein, ein von Holbein gezeichnetes Bildnis, aber auch eins, -das ihn darstellt. Daß läßt sich in dem heutigen Deutsch nicht mehr -unterscheiden. - -Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche -Zusammensetzungen unerträglich macht; sie sind auch dann unerträglich, -wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem -eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den -Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter -dem Titel +Kürassierbriefe+ drucken lassen. Das können aber niemals -Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe, -wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue Wort -+Kaiserhoch+ aufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache. -Irgendeiner telegraphierte: „Professor Ö. Festrede Kaiserhoch“; daraus -machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede, -die in ein +Kaiserhoch+ ausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden -beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends -statt +ein Kaiserhoch+ schreiben +das Kaiserhoch+ -- die Herabwürdigung -einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu -einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder -Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es -mit der +Königsbüste+. Professor Seffner ist damit beschäftigt, eine -+Königsbüste+ anzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem -Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl die -+Herrenworte+ und das +Herrenmahl+, das die Theologen jetzt aufgebracht -haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein! -Man denkt doch unwillkürlich an ein +Herrenessen+. - -Den Gipfel der Sinnlosigkeit erreichen solche Zusammenleimungen, -wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem -transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings -nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen; -sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern -eine Gattung von Handlungen, Menschen, deren Tätigkeit sich nicht -auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine -Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter -Zeitungschreiber das Wort +Bismarckbeleidigung+. Natürlich sollte -es eine höhnische Nachbildung von +Majestätsbeleidigung+ sein. -Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst -gebraucht und sogar +Caprivibeleidigung+ darnach gebildet! Jetzt -redet man aber auch von +Cäsarmördern+, +Richardsonübersetzern+, -+Romkennern+, +Goethefreunden+ und +Schillerfeinden+ (unter den heute -lebenden!), +Beethovenerklärern+, +Wagnerverehrern+, +Zolanachahmern+ -und +Nietzscheanbetern+. Entsetzliche Verirrung! Man kann von -+Vatermördern+, +Romanübersetzern+, +Kunstkennern+, +Frauenverehrern+, -und +Fetischanbetern+ reden; aber ein +Wagnerverehrer+ -- das könnte -doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt“, der Wagner -heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu -helfen.[97] - - -Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen - -Eine andre Abgeschmacktheit, auf die nicht bloß Zeitungschreiber, -sondern auch Leute, denen man in Sprachdingen etwas Geschmack zutrauen -sollte, ganz versessen sind, ist die Unsitte, an einen Personennamen -den Wohnort der Person mit Bindestrichen anzuhängen, anstatt ihn -durch die Präposition +in+ oder +aus+ damit zu verbinden und so ein -ordentliches Attribut zu schaffen. Den Anfang dazu haben Leute wie -+Schulze-Delitzsch+, +Braun-Wiesbaden+ u. a. gemacht; die wollten und -sollten durch solches Anhängen des Ortsnamens von einem andern Schulze -und einem andern Braun unterschieden werden. Das waren nun ihrerzeit -gefeierte Parlamentsgrößen, und wer möchte das nicht auch gerne sein! -Wenn sich daher im Sommer Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu -den üblichen Wanderversammlungen aufmachen und dort schöne Reden -halten, so möchten sie natürlich auch die Parlamentarier spielen -und dann im Zeitungsbericht mit so einem schönen zusammengesetzten -Namen erscheinen, sie möchten nicht bloß +Müller+ und +Meyer+ heißen, -sondern Herr +Müller-Rumpeltskirchen+ und Herr +Meyer-Cunnewalde+ -- -das klingt so aristokratisch, so ganz wie +Bismarck-Schönhausen+, es -könnte im freiherrlichen Taschenbuche stehen; man hats ja auch den -geographischen Adel genannt. Der Unsinn geht so weit, daß man sogar -schreibt: Direktor +Wirth-Plötzensee bei Berlin+. Was ist denn bei -Berlin? Direktor Wirth-Plötzensee? - -Die ganze dumme Mode ist wieder ein Pröbchen unsers schönen -Papierdeutsch. Man höre nur einmal zu, wenn in einer solchen -Wanderversammlung die sogenannte Präsenzliste verlesen wird: hört -man da je etwas andres als Städtenamen? Man möchte gern wissen, wer -anwesend ist, aber man kann es beim besten Willen nicht erfahren, -denn der Vorlesende betont unwillkürlich -- wie man solche traurige -Koppelnamen nur betonen kann --: Herr Stieve-+München+, Herr -Prutz-+Königsberg+, Herr Ulmann-+Greifswald+. Der Personenname geht -vollständig verloren. Wenn dann die Zeitungen über eine solche -Versammlung berichten, so drucken sie zwar den Personennamen gesperrt -oder fett: Herr +Stieve+-München oder Herr =Stieve=-München. Das hilft -aber gar nichts; gesprochen wird doch: Stieve-+München+ (ᴗ̣ ᴗ ́– ᴗ). -Dieser fett gedruckte und doch unbetonte Personenname, dieser grobe -Widerspruch zwischen Papiersprache und Ohrensprache, ist geradezu ein -Hohn auf den gesunden Menschenverstand. Will man beide Namen betonen, -so bleibt nichts weiter übrig, als eine Pause zu machen, etwa als ob -geschrieben wäre: Herr +Stieve+ (+München+). Dann hat man aber doch -auch Zeit, die Präposition auszusprechen. In neuester Zeit hat man -angefangen, auch Fluß-, Tal- und Bergnamen auf diese Weise an Ortsnamen -anzuleimen; man schreibt: +Halle-Saale+ (statt +Halle a. d. Saale+), -+Frankfurt-Main+, +Sils-Engadin+, +Frankenhausen-Kyffhäuser+. Und ein -Buchhändler in dem Städtchen Borna bei Leipzig schreibt stolz auf seine -Verlagswerke: +Borna-Leipzig+, als ob Leipzig ein unbekannter Vorort -von Borna wäre. Wo ist dabei der mindeste Witz? - - -Die Sammlung Göschen - -Während das Vorleimen von Eigennamen unter dem Einflusse des -Englischen um sich gegriffen hat, beruhen andre Verirrungen unsrer -Attributbildung auf Nachäfferei der romanischen Sprachen, namentlich -des Französischen, vor allem der abscheuliche, immer ärger werdende -Unfug, Personen- oder Ortsnamen unflektiert und ohne alle Verbindung -hinter ein Hauptwort zu stellen, das eine Sache bezeichnet, als ob -die Sache selbst diesen Personen- oder Ortsnamen führte, z. B. das -+Hotel Hauffe+, der +Konkurs Schmidt+, die +Stadtbibliothek Zürich+ -(statt: +Hauffes Hotel+, der +Schmidtsche Konkurs+, die +Züricher -Stadtbibliothek+). Die Anfänge dieses Mißbrauchs liegen freilich weit -zurück, man braucht nur an Ausdrücke zu denken wie: +Universität -Leipzig+, +Zirkus Renz+, +Café Bauer+; aber seinen gewaltigen Umfang -hat er doch erst in der neuesten Zeit angenommen. In wirklich deutsch -gedachter Form bekommt man einen Eigennamen in Attributen kaum noch -zu hören: alles plärrt, die Franzosen und Italiener nachäffend -(~librairie Quantin~, ~chocolat Suchard~, ~rue Bonaparte~, ~casa -Bartholdi~, ~Hera Farnese~ und ähnl.), von dem +Antrag Dunger+, dem -+Fall Löhnig+, der +Affäre Lindau+, dem +Ministerium Gladstone+, dem -+Kabinett Salisbury+, dem +System Jäger+, der +Galerie Schack+, dem -+Papyrus Ebers+, der +Edition Peters+, der +Kollektion Spemann+ und -der +Sammlung Göschen+, von +Schokolade Felsche+ und +Tee Riquet+,[98] -von der +Villa Meyer+, dem +Wohnhaus Fritzen+, dem +Grabdenkmal Kube+, -dem +Erbbegräbnis Wenzel+, dem +Pensionat Neumann+, der +Direktion -Stägemann+, dem +Patentbureau Sack+, dem +Sprachinstitut Bach+, -dem +Konzert Friedheim+, der +Soiree Buchmayer+, der +Tanzstunde -Marquart+, dem +Experimentierabend Dähne+, dem +Vortrag Mauerhof+, dem -+Quartett Udel+, der +Bibliothek Simson+, der +Versteigerung Krabbe+ -und dem +Streit Geyger-Klinger+, von dem +Magistrat Osnabrück+, der -+Staatsanwaltschaft Halle+, der +Fürstenschule Grimma+, dem Kaiserl. -deutschen +Postamt Frankfurt+, dem +Schreberverein Gohlis+, der +Mühle -Zwenkau+, dem +Bundesschießen Mainz+, dem +Löwenbräu München+ und dem -+Migränin Höchst+. Sogar der Dorfwirt will nicht zurückbleiben: er -läßt den Firmenschreiber kommen, die alte Inschrift an seiner Schänke: -+Gasthof zu Lindenthal+ zupinseln und dafür +Gasthof Lindenthal+ -hinmalen, und der Dorfpastor kommt sich natürlich nun auch noch -einmal so vornehm vor, wenn er sich auf seine Briefbogen +Pfarrhaus -Schmiedeberg+ hat drucken lassen. Und was der Franzose nie tut, das -bringt der Deutsche fertig: er setzt auch hier Vornamen und Titel zu -diesen angeleimten Namen und schreibt: die +Galerie Alfred Thieme+, die -+Kapelle Günther Coblenz+, der +Rezitationsabend Ernst von Possart+, -die +Villa ~Dr.~ Brüning+, das +Signet Galerie Ernst Arnold Dresden+ -(das soll heißen: Signet der Galerie von Ernst Arnold in Dresden!). -Manchmal weiß man nicht einmal, ob der angefügte Name ein Orts- oder -ein Personenname sein soll. In Leipzig preist man +Gose Nickau+ an. Ja, -was ist Nickau? Ist es der Ort, wo dieser edle Trank gebraut wird, oder -heißt der Brauer so? Der großherzogliche +Bahnbauinspektor Waldshut+ -- -heißt der Mann Waldshut, oder baut er in Waldshut eine Eisenbahn? - -Da kämpfen wir nun für Beseitigung der unnützen Fremdwörter in unsrer -Sprache; aber sind denn nicht solche fremde Wortverbindungen viel -schlimmer als alle Fremdwörter? Das Fremdwort entstellt doch die -Sprache nur äußerlich; wirft man es aus dem Satze hinaus und setzt das -deutsche Wort dafür ein, so kann der Satz im übrigen meist unverändert -bleiben. Aber die Nachahmung von syntaktischen Erscheinungen aus -fremden Sprachen, noch dazu von Erscheinungen, die die Sprache in so -heruntergekommenem Zustande zeigen, wie dieses gemeine Aneinanderleimen --- leimen ist noch zuviel gesagt, Aneinanderschieben -- von Wörtern -fälscht doch das Wesen unsrer Sprache und zerstört ihren Organismus. -Es ist eine Schande, wie wir uns hier an ihr versündigen! Wie stolz mag -der Inhaber der +Auskunftei Schimmelpfeng+ gewesen sein, als er das -herrliche deutsche Wort +Auskunftei+ erfunden hatte![99] Aber für die -ganz undeutsche Wortzusammenschiebung hat er kein Gefühl gehabt. - -Auch hier handelt sichs um nichts als um eine dumme Mode, die jetzt, -namentlich in den Kreisen der Geschäftsleute und Techniker, für fein -gilt. Wenn es in einer Stadt fünf Kakaofabrikanten gibt, und einer -von den fünfen schreibt plötzlich in seinen Geschäftsanzeigen: +Kakao -Müller+ (statt +Müllerscher+ Kakao) und hat nun damit etwas besondres, -so läßt es den vier andern keine Ruhe, bis sie dieselbe Höhe der -Vornehmheit erklommen haben (+Kakao Schulze+, +Kakao Meier+ usw.). Der -fünfte lacht vielleicht die andern vier eine Zeit lang aus und wartet -am längsten; aber schließlich humpelt er doch auch hinterdrein, während -sich der, der mit der Dummheit angefangen hat, schon wieder eine neue -ausdenkt. - -Zu einer ganz besondern Abgeschmacktheit hat die neu erwachte -Liebhaberei geführt, in Büchern ein Bücherzeichen mit dem Namen des -Eigentümers einzukleben. Ein solches Bücherzeichen nennt man ein -Exlibris, und wer sich eins anfertigen läßt, der läßt auch stets -dieses Wort darauf anbringen. Da gibt es aber doch nun bloß zwei -Möglichkeiten. Entweder man versteht das Wort lateinisch und in -seiner eigentlichen Bedeutung (eins von den Büchern); dann kann -man auch nur seinen Namen lateinisch dahinter setzen: +~Ex libris -Caroli Schelleri~+. So geschah es im achtzehnten Jahrhundert. Oder -man versteht ~Ex-Libris~ „deutsch“ als „Bücherzeichen“; dann kann -man natürlich nur schreiben: +Exlibris Karl Schellers+. Das tut aber -von Tausenden nicht einer! Alle setzen hinter Exlibris ihren Namen -im Nominativ: +Exlibris Eugen Reichardt+, +Exlibris Adolf von Groß+, -+Exlibris Carl und Emma Eckhard+. Das vernünftigste wäre ja, weiter -nichts als seinen Namen hinzusetzen oder zu schreiben: +Eigentum Oskar -Leuschners+ oder +Aus der Bibliothek+ (oder Bücherei) +Paul Werners+. -Aber ohne die Worte oder das Wort Exlibris würde der ganze Sport den -Leuten gar keinen Spaß machen. Man tauscht Exlibris, man tritt in den -Exlibrisverein, man hält sich die Exlibriszeitschrift, und man druckt -auf sein Bücherzeichen eine -- Sprachdummheit. - - -Die Familie Nachfolger - -Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße -Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist. -Der französische Geschäftsstil setzt ~père~, ~fils~ und ~frères~, der -englische ~brothers~ als Apposition hinter den Personennamen: ~Dumas -fils~, ~Shakelford brothers~. Im Deutschen ist das ganz unmöglich, -wir können nur von dem Wörterbuch der +Gebrüder Grimm+ reden, -nicht der +Grimm Gebrüder+. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich -wieder das Fremde nachäffen; sie nennen sich +Schmidt Gebrüder+, -+Blembel Gebrüder+, +Ury Gebrüder+. Sie gehen aber noch weiter. -Während der Franzose sagt: ~Veuve Cliquot~, schreibt der Deutsche: -+M. D. Schwennicke Witwe+, ja selbst wo es sich gar nicht um ein -Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen -Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden; -in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so -aussehen, als ob ihre Inhaber den Familiennamen +Nachfolger+ und dabei -die seltsamsten Vornamen hätten, wie: +C. F. Kahnt Nachfolger+, +Johann -Jakob Huth Nachfolger+, ja sogar +Gebrüder Hinzelmann Nachfolger+ und -+Luise Werner Nachfolger+. In großen Städten findet man kaum noch eine -Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen. -Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher -ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist -unverändert beibehielt, um sich deren Ruf zu erhalten -- in Leipzig -gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vor hundert und mehr als -hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! --, ist -jetzt oft ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt -der „Nachfolger“ auf der Firma. Manchen will ja die Dummheit, den -Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den -Kopf; man sieht das an der verschiedenen Art und Weise, wie sie sich -quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist: -+Ferdinand Schmidt Nachfolger+. Andre schreiben aber doch mit Komma: -+Ferdinand Schmidt, Nachfolger+, was zwischen einem Schneider und einem -Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im -Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen -schämten: +Ferdinand Schmidt |Nachfolger|+. Nur auf das einzig -vernünftige: +Ferdinand Schmidts Nachfolger+ verfällt keiner. - -Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht -der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen, -die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem -gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der -Gartenlaube: +Ernst Keils Nachfolger+. Dagegen überbietet alles an -Sprachzerrüttung die +Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger+; das soll -heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch -prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke -erschienen sind! - - -Ersatz Deutschland - -Eine ähnliche Sprachzerrüttung wie in den zuletzt angeführten -Beispielen findet sich nur noch in den Namen neuer Schiffe, von denen -man jetzt öfter in den Zeitungen liest: +Ersatz Preußen+, +Ersatz -Leipzig+, +Ersatz Deutschland+. Was in aller Welt soll das heißen? Man -kann es wohl ungefähr ahnen, aber ausgesprochen ist es nicht. Soll -+Ersatz Preußen+ aufzufassen sein wie +Ersatztruppen+, +Ersatzknopf+, -+Ersatzgarnitur+, so müßte es natürlich als zusammengesetztes -Wort geschrieben werden: +Ersatz-Preußen+. Soll es aber, was das -wahrscheinlichere ist, heißen: +Ersatz der (!) Preußen+[100] oder -+Ersatz für die Preußen+, so läge in dem Weglassen des Artikels oder -der Präposition eine beispiellose Stammelei. Man könnte dann ebensogut -sagen: +Stellvertreter Direktor+ und sich einbilden, das hieße: -+Stellvertretender Direktor+ oder +Stellvertreter des Direktors+. -Das mag Chinesisch sein oder Negersprache, Deutsch ist es nicht. -Wahrscheinlich ist es aber -- Englisch. Englisch ist ja jetzt Trumpf, -zumal wenn es die Marine betrifft. - - -Der grobe Unfugparagraph - -Viel ist schon gespottet worden über Attributbildungen wie: der -+musikalische Instrumentenmacher+, der +vierstöckige Hausbesitzer+, -der +doppelte Buchhalter+, der +wilde Schweinskopf+, die +reitende -Artilleriekaserne+, die +geprüfte Lehrerinnenanstalt+, die -+durchlöcherte Stuhlsitzfabrik+, die +chinesische Feuerzeugfabrik+, -der +geräucherte Fischladen+, die +verheiratete Inspektorwohnung+, die -+gelben Fieberanfälle+, das +einjährig-freiwillige Berechtigungswesen+ -und ähnliche, wo ein Attribut zu einem zusammengesetzten Worte gestellt -ist, während es sich nur auf das Bestimmungswort der Zusammensetzung, -in dem letzten Falle sogar auf einen dritten, hinzuzudenkenden Begriff -(+Dienst+) bezieht. Dennoch wagen sich immer wieder Verbindungen -dieser Art hervor wie: das +alte Thomanerstipendium+ (das soll eine -Stiftung der alten, d. h. ehemaligen Thomaner sein!), der +grobe -Unfugparagraph+, die +transportabeln Beleuchtungszwecke+, der -+Vereinigte Staatenstaatssekretär+, die +Weiße Damenpartitur+ usw. - -Solche Verbindungen werden nur dann erträglich, wenn es möglich -ist, sie durch doppelte Zusammensetzung zu dreigliederigen -Wörtern zu gestalten; wie: +Armesünderglocke+, +Liebfrauenmilch+, -+Altweibersommer+, +Sauregurkenzeit+ u. dgl. - -Nicht besser, eher noch schlimmer sind solche Fälle, wo das Attribut, -statt durch ein Eigenschaftswort, durch einen Genitiv oder eine -Präposition mit einem Hauptworte gebildet wird wie: der +Doktor+titel -der +Philosophie+, der +Enthüllungs+tag +des Geibeldenkmals+, -das +Heil+verfahren der +Diphtheritis+, das +Schmerz+stillen der -+Zähne+, die +Anzeige+pflicht der +ansteckenden Krankheiten+, -der +Verhaftungs+versuch +des Arbeiters+, eine +Fälscher+bande -+amtlicher Papiere+, das +Übersetzungs+recht +in fremde Sprachen+, -der +Verpackungs+tag +nach Österreich+, ein +Reise+handbuch +nach -Griechenland+, die +Abfahrts+zeit +nach Kassel+, eine +Stern+gruppe -+dritter Größe+, eine +Zucker+fabrik +aus Rüben+, +Erinnerungs+stätte -an +Käthchen Schönkopf+, 100 Stück +Kinder+hemden +von 2 bis 14 -Jahren+, und ähnliches. - - -Die teilweise Erneuerung - -Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in -der Attributbildung verbreitet, der für einen Menschen von feinerem -Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die -große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mit +weise+ -zusammengesetzten Adverbia wie Adjektiva zu behandeln. Man schreibt -jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: die +teilweise -Erneuerung+, die +stufenweise Vermehrung+, die +ausnahmsweise -Erlaubnis+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, die +heftweise -Ausgabe+, die +stückweise Bezahlung+, die +auszugsweise Abschrift+, die -+vergleichsweise Erledigung+, die +leihweise+ oder +schenkungsweise -Überlassung+, der +glasweise Ausschank+, die +probeweise Anstellung+, -die +reihenweise Aufstellung+, die +versuchsweise Aufhebung+, -die +abwechslungsweise Verteilung+ usw. Wenn in Leipzig jemand -seine Steuern nicht pünktlich bezahlt, so hat er die +zwangsweise -Beitreibung+ (!) zu gewärtigen; ja nach einer Dorfversammlung läßt man -sogar die Leute in ihre +beziehungsweisen (!) Behausungen+ zurückkehren. - -Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die -griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort -tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen -Ausdruck zu bilden.[101] Im Griechischen kann man sagen: das +jetzt -Geschlecht+ (τὸ νῦν γένος) für: das jetzige Geschlecht, der +heute -Tag+ für: der heutige Tag, der +jedesmal König+ für: der jedesmalige -König, die +dazwischen Zeit+ für: die dazwischenliegende Zeit, der -+zurück Weg+ für: der zurückführende Weg, die +allzusehr Freiheit+ -für: die allzu große Freiheit. Mit unsern Adverbien auf +weise+ -lassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition -κατά und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen wie: κατὰ -μικρόν (stückweise), κατ’ ἐνιαυτόν (jahrweise, alljährlich), καθ’ -ἡμέραν (tageweise), (einer auf einmal), ἡ καθ’ ἡμέραν τροφή (die -tageweise Nahrung). Im Deutschen sind derartige Verbindungen ganz -unmöglich.[102] Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht -ein, in einer Verbindung wie: die +schrittweise Vervollkommnung+ -das +schrittweise+ als Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe -wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: die +pfennigweisen -Ersparnisse+, ein +teilweiser Erlaß+. Das ist aber eben die Verwirrung. -Die mit +weise+ zusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus -Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst: +glücklicher Weise+, -+törichter Weise+, +verkehrter Weise+, wie man auch sagte: +gewisser -Maßen+ (+die+ Maße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht -mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen -(+versuchsweise+ ist eigentlich: +nach+ oder +auf Versuchs Weise+), und -endlich bildete man sich ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang -mit +weise+ (~sapiens~), diese Zusammensetzungen wären Adjektiva. -Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwas +teilweise erneuern+, -+ausnahmsweise erlauben+, +zwangsweise versteigern+, +bruchstückweise -veröffentlichen+, man kann sich +schrittweise vervollkommnen+, aber die -+schrittweise Vervollkommnung+ ist eine Verirrung des Sprachgefühls, -die nicht um ein Haar besser ist als das +entzweie Glas+, der +extrae -Teller+, der +sehre Hunger+ und die bisweilen im Scherz gebildeten -Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: ein -+durcher Käse+, eine +zue Droschke+, ein +auses Heft+ (statt: ein -ausgeschriebnes).[103] - -Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist -doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mit +zufrieden+, -+vorhanden+, +ungefähr+ ist es ebenso gegangen. Erst sagte man: -ich kann mir das +ungefähr vorstellen+, dann wagte man auch: ich -habe davon eine +ungefähre Vorstellung+. Andre werden einwenden: -dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) gewährt doch unleugbar eine -Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher -sagte man: +partiell+ (die +partielle Renovation+), +fragmentarisch+ -(die +fragmentarische Publikation+), +exzeptionell+, +obligatorisch+, -+relativ+, +provisorisch+. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen: -die +teilweise Erneuerung+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, und -nun ist es wieder nicht recht. - -Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser -Zusammensetzungen bewußt geblieben ist -- und solche Menschen -wird es doch wohl noch geben dürfen? --, oder wer sie sich wieder -zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt -Ausdrücke wie +teilweise Erneuerung+ weder über die Lippen noch aus -der Feder.[104] Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als -Sprachschwulst oder Ungeschick: für +schenkungsweise Überlassung+ -eines Bauplatzes genügt doch wahrhaftig +Schenkung+ und statt: die -+teilweise Veröffentlichung+ der Briefe kann man doch sagen: die -Veröffentlichung +eines Teils+ oder +von Teilen+ der Briefe. Alle aber -lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder -wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen -ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer -ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wenn wir wieder Verba -schreiben lernten, vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum -anfangen lernten, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann würde -so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben: -es wurde eine Resolution angenommen, die die +zeitweise Aufhebung+ der -Kornzölle verlangte -- schreibe man doch: die verlangte, die Kornzölle -+zeitweise aufzuheben+, statt: ihre +teilweise Begründung+ mag diese -Gleichgiltigkeit darin finden -- schreibe man doch: +begründet+ mag -diese Gleichgiltigkeit +zum Teil+ darin sein -- und alles ist in bester -Ordnung. - -Eine nagelneue besondre Abart dieses Fehlers ist das von den -Kleiderfabrikanten aufgebrachte +fußfreie Kleid+, dem sich natürlich -schleunigst der +armfreie Lodenmantel+, die +armfreie+ Betätigung aller -Kräfte und die +kniefreien Wunderkinder+ angeschlossen haben. Man kann -+sich+ wohl +fußfrei kleiden+, d. h. so, daß die Füße frei bleiben, man -kann sich auch +rückenfrei setzen+, aber dann kann weder der Mensch -noch das Kleid fußfrei, weder der Mensch noch der Stuhl rückenfrei -genannt werden. - - -Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende? - -Ein Gegenstück zu der +schrittweisen Vervollkommnung+, das freilich -durch eine andre Sprachdummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: das -+einzig Richtige+, der +tiefer Denkende+, der +mittellos Verstorbne+, -der +mit ihm Redende+ u. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck, -sondern -- in der Schreibung, nämlich in den törichten großen -Anfangsbuchstaben, mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und -Partizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt. - -Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Partizipia, wenn sie kein -Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann -mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben seien, also: die +Grünen+ -und die +Blauen+, alle +Gebildeten+. Das läßt sich hören. Nun geht -man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch -dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem -Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle -Bestimmung tritt, z. B.: so +Schönes+, längst +Bekanntes+, etwas -ungemein +Elastisches+, der minder +Arme+, alles +bloß Technische+, -das eigentlich +Theatralische+, der wirtschaftlich +Abhängige+, das -dem Vaterland +Ersprießliche+ -- ein unglücklich +Liebender+, kein -billig +Denkender+, der wagehalsig +Spekulierende+, das wahrhaft -+Seiende+, der früh +Dahingeschiedne+, die mäßig +Begüterten+, die -bloß +Verschwägerten+, der ergebenst +Unterzeichnete+, der sehnlichst -+Erwartete+, der wahrhaft +Gebildete+, das glücklich +Erreichte+, -das früher +Versäumte+, der hier +Begrabne+, das anderwärts besser -+Dargestellte+ -- der beschaulich +Angelegte+, der gefesselt -+Daliegende+, der unschuldig +Hingerichtete+, das als richtig -+Erkannte+ -- die dem Gemetzel +Entgangnen+, die Medizin +Studierenden+ --- die zu ihm +Geflüchteten+, die vom Leben +Abgeschiednen+, die -bei der Schaffung des Denkmals +Beteiligten+, die an der Aufführung -+Mitwirkenden+, die auf die Eröffnung der Kasse +Wartenden+ -- auch: -die von ihm +zu Befördernden+, das auf Grund des schon +Vorhandnen+ -noch +zu Erreichende+ usw. - -Ist das richtig? Können in solchen Verbindungen die Adjektiva und -Partizipia wirklich als Substantiva angesehen werden? Ein wenig -Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich -sage: der +frühere Geliebte+, so ist das Partizip wirklich zum -Substantivum geworden; sage ich aber: der +früher geliebte+, so -kann doch von einer Substantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn -hat es aber, Wörter äußerlich, für das Auge, zu Hauptwörtern zu -stempeln, die gar nicht als Hauptwörter gefühlt werden können? Diese -Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied -zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen -Partizipium klarzumachen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisher -+Erforschte+, alle vernünftig +Denkenden+, die im Elsaß +Reisenden+, -die zwei Jahre lang +Verbündeten+, die zur Feier von Kaisers Geburtstag -+Versammelten+, die durch die Überschwemmung +Beschädigten+, die auf -preußischen Universitäten +Studierenden+, der wegen einer geringfügigen -Übertretung +Angeklagte+, wäre es möglich, alle diese Partizipia als -Substantiva zu fühlen -- und nur darauf kommt es an! --, dann müßte man -auch sagen können: alle bisher +Forschung+, alle vernünftig +Denker+, -die im Elsaß Reise, die zwei Jahre lang +Verbindung+, die zur Feier -von Kaisers Geburtstag +Versammlung+, der durch die Überschwemmung -+Schade+, die auf preußischen Universitäten +Studenten+, die wegen -einer geringfügigen Übertretung +Anklage+. Wollte man hier wirklich -eine Substantivierung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das -nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte -und schriebe: die +Wirklichoderangeblichminderbegabten+, jeder -+Tieferindiegoethestudieneingedrungne+. So verfährt man ja wirklich bei -kurzen Zusätzen wie: die +Leichtverwundeten+, der +Frühverstorbne+, die -+Fernerstehenden+, die +Wenigerbegabten+. - -Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Adjektiva und Partizipia -allein stehen, sie mit großen Anfangsbuchstaben schreiben; treten -sie mit irgendwelchen Zusätzen auf, so mögen sie mit dem kleinen -Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn -beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht, -z. B.: das +unbedeutende+, in der Eile +hingeworfne+ -- etwas -+selbstverständliches+, mit Händen +greifbares+ -- etwas +großes+, -der ganzen Menschheit +ersprießliches+ -- eine nach dem +pikanten+, -noch nicht +dagewesenen+ haschende Phantasie -- mit Verzicht auf das -+verlorne+ und zu unsrer Sicherheit unbedingt +notwendige+? Soll man da -abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben? - -Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen -Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirklichen Substantiva und schriebe -alles übrige klein. Aber zu schreiben: das durch redlichen Fleiß -+Gewonnene+, und sich und andern einzureden: +Gewonnene+ sei hier ein -Substantiv, ist doch geradezu ein Verbrechen an der Logik. Aber auch -das +schrittweise Gewonnene+ ist Unsinn. Denn wäre +Gewonnene+ ein -Hauptwort, dann könnte +schrittweise+ nur ein Eigenschaftswort sein, -und das ist es nicht, ist aber +schrittweise+ ein Adverbium, dann kann -+Gewonnene+ nur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht, -sowie man es mit G schreibt. - - -Die Apposition - -Eine Regel, die schon der Quintaner lernt, lautet: eine Apposition -muß stets in demselben Kasus stehen wie das Hauptwort, zu dem sie -gehört. Das ist so selbstverständlich, daß es ein Kind begreifen -kann. Nun sehe man sich aber einmal um, wie geschrieben wird! Da -heißt es: das Gastspiel +des+ Herrn R., +erster Tenor+ an der Skala -in Mailand -- der Verfasser +der+ Sylvia, +ein Buch+, das wir leider -nicht kennen -- es gilt das namentlich von +dem+ mitteldeutschen -Hofbau, +die verbreitetste+ aller deutschen Bauarten -- der First ist -+mit+ freistehenden +Figuren+, Petrus und +die vier Evangelisten+, -geschmückt -- offenbar hat Trippel von +jener Skulptur+, +eine+ dem -Apoll von Belvedere nicht +allzufernstehende Arbeit+, die Anregung -erhalten -- in Koblenz war ich ein Stündchen +bei Bädeker+, ein recht -+liebenswürdiger, verständiger+ Mann -- das Grab war +mit+ Reseda und -+Monatsrosen+ geschmückt, +die Lieblingsblumen+ der Verstorbnen -- -anders verhält es sich mit +dem Sauggasmotor+, +ein Apparat+, der das -erforderliche Gas selbst erzeugt. Solche Verbindungen kann man sehr -oft lesen; mag der Genitiv, der Dativ, der Akkusativ vorausgehen, -gleichviel: die Apposition wird in den Nominativ gesetzt. Sie wird -behandelt wie eine Parenthese, als ob sie gar nicht zum Satzgefüge -gehörte, als ob sie der Schreibende „beiseite“ spräche oder in den Bart -murmelte. - -Auch dieser Fehler ist, wie so manches in unsrer Sprache, durch -Nachäfferei des Französischen entstanden. Nicht daß das Französische -bei seiner strengen Logik eines solchen Unsinns fähig wäre, zu einem -Hauptwort im Genitiv eine Apposition im Nominativ zu setzen. Wenn der -Franzose schreibt: ~le faîte est orné de statues~, ~St. Pierre et les -quatre évangélistes~, so empfindet er natürlich ~les évangélistes~ -so gut von de abhängig wie das vorhergehende. Der Deutsche aber, der -ein bißchen Französisch gelernt hat, sieht nur die unflektierte Form, -bildet sich ein, das sei ein Nominativ, und plumpst nun hinter +des+ -und +dem+ und +den+ mit seinem +der+ drein. Es ist wie ein Schlag ins -Gesicht, ein solcher Nominativ als Genosse und Begleiter eines ~casus -obliquus~. - -Auch wenn die Apposition mit +als+ angeschlossen wird, muß sie -unbedingt in demselben Kasus stehen wie das Wort, zu dem sie tritt, -z. B.: ein Vortrag über Viktor +Hugo+ als +politischen Dichter+ -(nicht +politischer+!) -- ein Portal mit zwei gefesselten +Türken+ -als +Schildhaltern+ (nicht +Schildhalter+!) -- eine Zusammenfassung -+Schlesiens+ als +eines+ Ganzen (nicht ein +Ganzes+!). Nur wenn sie -sich an das besitzanzeigende Adjektiv anschließt, also eigentlich im -Genitiv stehen müßte, nimmt man sich allgemein die Freiheit, zu sagen: -+mein+ Beruf +als Lehrer+, +seine+ Bedeutung +als Dichter+. - -Nicht zu verwechseln mit der Apposition hinter +als+ ist das -Prädikatsnomen hinter +als+ und dem Partizip eines Zeitworts, wie -+gesandt+, +berufen+, +bekannt+, +berühmt+, +gefeiert+, +bewährt+, -+berüchtigt+ usw. Beim ~Verbum finitum~ steht selbstverständlich ein -Prädikatsnomen, das sich an das Subjekt anschließt, im Nominativ: -der +Entschlafne+ wurde als +Mensch+ wie als Politiker gleich hoch -geschätzt; schließt es sich an das Objekt an, so steht es im Akkusativ: -ich habe +den Entschlafnen+ als +Menschen+ wie als Politiker gleich -hoch geschätzt. Manche schreiben nun aber auch: die Stadt hat ihr +als -ausgezeichneten Verwaltungsbeamten+ bekanntes +Oberhaupt+ verloren. -Das ist des Guten zu viel. Beim Partizip steht das Prädikatsnomen -stets im Nominativ, der Kasus, auf den es sich bezieht, mag sein, -welcher er will, z. B.: auf die Vorstellungen +des als Gesandter+ -an ihn geschickten +Tilo+ -- an die Stelle +des als Professor+ nach -Aachen versetzten +Baumeisters+ -- als Nachfolger +des als Gehilfe+ -des Finanzministers nach Petersburg berufnen +Geheimrats+ -- +dem+ als -vortrefflicher +Dirigent+ bekannten +Kapellmeister+. Dieser Nominativ -erklärt sich daraus, daß er eben stets hinter dem passiven ~Verbum -finitum~ steht, sogar oft im Aktiv bei rückbezüglichen Zeitwörtern, -wie +sich zeigen+, +sich beweisen+, +sich verraten+, +sich entpuppen+, -+sich bewähren+, wo eigentlich der Akkusativ am Platze wäre: er hat -+sich+ als +ausgezeichneter Verwaltungsbeamter+ bewährt. Hier ist -übrigens ein Unterschied möglich; er zeigte +sich+ als +feinen+ Kenner --- ist etwas andres als: er zeigte +sich+ als +feiner+ Kenner. Der -Akkusativ entspricht einem Objektsatz im Konjunktiv (er zeigte, daß er -ein feiner Kenner +sei+), der Nominativ einem Objektsatz im Indikativ -(er zeigte, daß er ein feiner Kenner +ist+). Aber dieser Unterschied -ist so fein, daß ihn die wenigsten nachfühlen werden; die meisten -schreiben unwillkürlich überall den Nominativ. - -Bei +sein lassen+ und +werden lassen+ muß ein zum Objekt gehöriges -Prädikat natürlich im Nominativ stehen. Falsch heißt es in dem -Gesangbuchliede: laß du +mich deinen Tempel+ sein, falsch auch bei -Uhland: laß +du mich deinen Gesellen+ sein -- so annehmbar es auch zu -klingen scheint. Es muß heißen: laß du +mich dein Geselle+ sein -- laß -+ihn ein tüchtiger Künstler+ werden. - - -Der Buchtitelfehler - -Ein besonders häufiges Beispiel einer fehlerhaften Apposition -findet sich auf Buchtiteln. Gewiß auf der Hälfte aller Buchtitel -wird jetzt zum Verfassernamen, der ja immer hinter +von+, also im -Dativ steht, das Amt oder der Beruf des Verfassers im Nominativ -gesetzt! Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen -Jahrhunderts war diese Nachlässigkeit fast unbekannt; da schrieb -man noch richtig; +von+ Joseph +Freiherrn+ von Eichendorff, +von+ -H. Stephan, kgl. preußisch+em+ Postrat. Jetzt heißt es: +von+ -C. W. Schneider, Reichstagsabgeordnet+er+ -- +von+ H. Brehmer, -dirigierend+er+ Arzt -- +von+ F. Kobeker, kaiserl. russisch+er+ -Geheimrat -- +von+ Egbert von Frankenberg, diensttuend+er+ Kammerherr --- +von+ Havestadt und Contag, Regierungsbaumeist+er+ -- +von+ ~Dr.~ -Leonhard Wolff, städtisch+er+ Musikdirektor -- +von+ J. Hartmann, -königl. preußisch+er+ Generalleutnant z. D. -- +von+ Adolf Zeller, -königlich+er+ Regierungsbaumeister -- +von+ Adolf Winds, königl. -sächsisch+er+ Hofschauspieler -- +von+ ~Dr.~ Friedrich Harms, weiland -ordentlich+er+ Professor an der Universität Berlin -- +von+ L. Schmidt, -korrespondierend+es+ Mitglied des Vereins usw. Besonders häufig -erscheinen der +Dozent+, der +Privatdozent+ und der +Architekt+ in -solchen fehlerhaften Appositionen; es ist, als ob die Herren ganz -vergessen hätten, daß sie nach der schwachen Deklination gehen (+dem+ -Dozent+en+, +dem+ Architekt+en+). Mitunter sind ja die Verfasser so -vorsichtig, das Wort, auf das es ankommt, abzukürzen, z. B.: +von+ -Heinrich Oberländer, +königl.+ Schauspieler. Namentlich der +ordentl.+ -und der +außerordentl.+ Professor gebrauchen gern diese Vorsicht und -überlassen es dem Leser, sich die Abkürzung nach Belieben zu ergänzen. -Die meisten Leser ergänzen aber sicher falsch.[105] Hat außerdem noch -der Name des Druckers oder des Verlegers eine Apposition, so kann es -vorkommen, daß auf einem Buchtitel der Fehler zweimal steht, oben -beim Verfassernamen und dann wieder unten am Fuße: Druck +von+ Gustav -Schenk, königlich+er+ Hofliefer+ant+! - -Aber auch in andern Fällen, nicht bloß wo sich der Verfasser -eines Buches nennt, wird der Fehler oft begangen. Man schreibt -auch: Erinnerungen +an+ Botho von Hülsen, Generalintend+ant+ der -königlichen Schauspiele. Auf Briefadressen kann man lesen: +Herrn+ -~Dr.~ Müller, Vorsitzend+er+ des Vereins usw. Es ist, als ob alle -solche Appositionen, die Amt, Titel, Beruf angeben, zusammen mit den -Personennamen als eine Art von Versteinerungen betrachtet würden. Daß -+von+ den Dativ, +an+ den Akkusativ regiert, dafür scheint hier alles -Bewußtsein geschwunden zu sein. Erst kommt die Präposition, dann der -Name, und dann, unflektiert und, wie es scheint, auch unflektierbar, -der Wortlaut der -- Visitenkarte. - - -Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. - -Zu der einen Nachäfferei des Französischen bei der Apposition kommt -aber jetzt noch eine zweite, nämlich die, den Artikel wegzulassen. In -gutem Deutsch ist das nur dann üblich, wenn die Apposition Amt, Beruf -oder Titel bezeichnet, und auch da eigentlich nur in Unterschriften, -wenn man selber seinen Namen und Titel hinschreibt. Aber abgeschmackt -ist es, den Artikel bei Verwandtschaftsbegriffen wegzulassen, und -doch kann man das jetzt ebenso oft in Geschichtswerken wie in -- -Verlobungsanzeigen lesen. Historiker und Literarhistoriker schreiben: -die Bekanntschaft mit Körner, +Vater+ des Dichters Theodor Körner --- die Briefe sind an die Herzogin Dorothee Susanne, +Gemahlin+ des -Herzogs Johann Wilhelm, gerichtet -- Gabriele von Bülow, +Tochter+ -Wilhelm von Humboldts -- sogar: Direktor Adler, +Pate+ meiner Schwester --- und der Reserveleutnant und Gymnasialoberlehrer Schmidt zeigt an, -daß er sich mit Fräulein Mimi Schulz, +Tochter+ des Herrn Kommerzienrat -Schulz, verlobt habe. Diese lapidarische Kürze mag in den Augen des -Reserveleutnants der Größe des Augenblicks angemessen erscheinen -- -deutsch ist sie nicht. Hat der Herr Kommerzienrat nur die eine Tochter, -so muß es heißen: +der Tochter+, hat er mehrere, so muß es heißen: -+einer Tochter+; und warum soll die Welt nicht erfahren, ob er noch -mehr hat? Und wenn der Geschichtschreiber nicht wüßte, oder wenn es -überhaupt unbekannt wäre, ob die Fürstin, von der er erzählt, eine oder -mehrere Töchter gehabt hat, so müßte es immer heißen: +eine Tochter+, -denn +eine+ Tochter war es auf jeden Fall, ob sie nun die einzige war -oder Schwestern hatte. - -Ebenso falsch ist es natürlich, zu schreiben, der Vorwärts, +Organ+ der -sozialdemokratischen Partei. Hat die Partei mehrere „Organe“, so muß -es heißen: +ein+ Organ; hat sie nur das eine, ist das ihr anerkanntes -amtliches „Organ“, so muß es heißen: +das+ Organ. +Organ+ allein könnte -höchstens (in dem zweiten Falle) unter dem Titelkopfe der Zeitung -stehen. - - -Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße - -Daß ein Eigenname nicht mit einer vorangestellten Apposition ein -zusammengesetztes Wort bilden kann, darüber ist sich wohl jedermann -klar. +Kaiser Wilhelm+ -- das sind und bleiben zwei Wörter, so gut wie -+Doktor Luther+, +Bruder Straubinger+, +Inspektor Bräsig+, +Familie -Mendelssohn+, +Stadt Berlin+ u. ähnl. Trotzdem ist neuerdings der -Unsinn aufgekommen, namentlich bei Badeorten die Apposition +Bad+ durch -einen Strich mit dem Ortsnamen zu verbinden, als ob beides zusammen -+ein+ Wort bildete. +Bad-Sulza+, im Gegensatz dazu dann +Stadt-Sulza+, -+Bad-Elster+, +Bad-Kissingen+, +Bad-Nauheim+ -- so wird selbst -amtlich von der Post und der Eisenbahn z. B. in Briefstempeln und auf -Eisenbahnbilletts gedruckt. Und besucht man dann einen solchen Badeort, -so sieht man, daß dort auch hinter dem Worte +Villa+ der Unsinn in -üppigster Blüte steht: +Villa-Daheim+, +Villa-Schröter+, +Villa-Maria+, -+Villa-Quisisana+ -- anders wird gar nicht mehr an die Häuser gemalt, -einer machts immer dem andern nach.[106] - -Mit diesem Unsinn kreuzt sich aber nun ein andrer. Teils infolge des -übertriebnen juristischen Genauigkeitsbedürfnisses, teils infolge des -herrschenden Byzantinismus unsrer Zeit kann man es sich nicht versagen, -da, wo nun wirkliche Zusammensetzungen mit Eigennamen gebildet werden, -auch noch Vornamen, Titel oder sonstige Appositionen davorzusetzen und -zu schreiben: +Gustav Freytag-Straße+, +von (!) Falckenstein-Straße+, -+Kaiserin Augusta-Straße+, +Königin Carola-Gymnasium+, +Königin -Luisen-Garten+, +Kaiser Friedrich-Quelle+, +Generalfeldmarschall Prinz -Friedrich Karl von Preußen-Eiche+, +Familie Mendelssohn-Stiftung+, -+Baronin Moritz von Cohn-Stiftung+, +Philipp Reis-Denkmal+, +Waldemar -Meyer-Quartett+, +Gustav Frenssen-Abend+, +Arthur Nikisch-Stipendium+, -+Auguste Schmidt-Haus+, +Hugo Wolff-Nachruf+ usw. Wenn man früher -eine Straße nach dem großen Preußenkönig, einen Kanal nach dem großen -Bayernkönig nannte, so nannte man sie einfach +Friedrichstraße+, -+Ludwigskanal+. Eine Stiftung hieß die +Wiedebachsche Stiftung+, mochte -sie nun von einem Manne namens Wiedebach, einer Frau namens Wiedebach -oder einer Familie namens Wiedebach herrühren. Auf den Namen kam es -an. Ein Name soll doch eben ein Name sein, aber keine Geschichte, -kein Steckbrief, keine Hofkalenderadresse, keine Visitenkarte. Die -heute beliebten langatmigen Bezeichnungen sind aber alles andre, nur -keine Namen. Dazu kommt aber nun, daß alle solche Worthaufen, die -doch als zusammengesetzte Wörter gelten sollen, vor den Eigennamen -ohne Bindestrich geschrieben werden: +Kaiser Wilhelm-Straße+. Das -kann doch nichts andres bedeuten als einen Kaiser, der Wilhelmstraße -heißt! Soll es eine Straße bedeuten, die nach Kaiser Wilhelm genannt -ist, so muß sie unbedingt geschrieben werden: +Kaiser-Wilhelm-Straße+. -Und ebenso muß unbedingt geschrieben werden: +Gustav-Adolf-Verein+, -+Maria-Stuart-Tragödie+, +Baronin-Moritz-von-Cohn-Stiftung+, -+Generalfeldmarschall-Prinz-Friedrich-Karl-von-Preußen-Eiche+. Wem das -nicht gefällt, der bilde keine solchen Wörter. Es geht aber schon so -weit, daß man eine Schule +Kaiser Wilhelm II. Realschule+ genannt hat! -Wie soll man das nur aussprechen? - -In der unsinnigen Schreibung solcher Wortungetüme (ohne alle -Bindestriche) offenbart sich wieder der zerrüttende Einfluß des -Englischen. Das Englische kennt ja keine Wortzusammensetzungen. Die -Wörter kollern da aufs Papier wie die Pferdeäpfel auf die Straße: -+Original Singer Familien Nähmaschine+. Das ist zu schön, das muß doch -wieder nachgemacht werden! - - -Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur - -Eine fehlerhafte und abgeschmackte Nachahmung des Französischen und -des Englischen liegt auch in Verbindungen wie +Prinz-Regent+ und -+Dichter-Komponist+ vor. Nach deutscher Logik (vgl. +Chorregent+, -+Liederkomponist+) wäre ein +Dichterkomponist+ ein Komponist, der -Dichter komponierte, ein +Prinzregent+ ein Regent, der einen Prinzen -regierte; das eine soll aber ein Dichter sein, der zugleich komponiert, -das andre ein Prinz, der die Regentschaft führt; das erste Wort soll -also nicht das Bestimmungswort des zweiten, sondern das zweite eine -Art von Apposition zum ersten sein. Das erste Beispiel dieser Art -war wohl der +Bürgergeneral+, wie Goethe wörtlich das französische -~citoyen-général~ übersetzt hatte; später kam der +Prinz-Gemahl+ -dazu (dem englischen ~prince-consort~ nachgebildet). Und nun war -kein Halten mehr. Nun folgten auch die +Herzogin-Mutter+, die -+Königin-Witwe+, der +Prinz-Regent+, der +Fürst-Bischof+ und der -+Fürst-Reichskanzler+, und in andern Lebenskreisen, dem französischen -~peintre-graveur~, ~membre-protecteur~ und ~commis-voyageur~ -nachgeäfft, der +Maler-Radierer+, der +Maler-Dichter+ (z. B. Reinick, -Stifter, Fitger), der +Dichter-Komponist+ und der +Senior-Chef+. Kann -man sich da wundern, wenn die Dienstmädchen nun auch von einem Prinzen, -der in Leipzig studiert, sagen: Dort fährt der +Prinz-Student+? Manche -Zeitungen getrauen sich schon nicht mehr, Fürstenkinder als Söhne und -Töchter zu bezeichnen, sondern schreiben stets: die +Prinzen-Söhne+, -die +Prinzessinnen-Töchter+. In gewissen sächsischen Zeitungen z. B. -hat der König von Sachsen immer nur +Prinzensöhne+. Es fehlt nur noch -die +Kaiserin-Großmutter+ und die +Königin-Tante+. Das neueste der Art -ist der +Doktor-Ingenieur+, der lächerlicherweise noch dazu ~Dr. ing.~ -geschrieben wird, was man doch höchstens ~Doctor ingenii~ lesen kann. -Hätte es da nicht näher gelegen und wäre es nicht logischer gewesen, -solche Herren als ~Dr. techn.~ zu bezeichnen? - - -In einer Zeit wie der unsrigen - -Keine eigentliche Apposition liegt vor, wenn man sagt: +in einer Zeit+ -wie +der unsrigen+, sondern hier hat ein kurzer Nebensatz, und zwar -ein Attributsatz (+wie die unsrige ist+), sein Zeitwort eingebüßt, und -das übrigbleibende Subjekt des Satzes ist dann unwillkürlich zu dem -vorhergehenden Dativ gezogen, „attrahiert“ worden. Manche wollen von -dieser Attraktion nichts wissen; sie ist aber sehr natürlich und liegt -so nahe, daß es pedantisch wäre, sie zu vermeiden. Gegen Verbindungen -wie: in +einem Buche+ wie dem vorliegenden, oder: es bedarf +eines -Reaktionsstoffes+ wie +des Natriums+ -- ist nicht das geringste -einzuwenden; es klingt sogar gesucht und hart, wenn jemand schreibt: -+von+ Perioden wie +die jetzige+ kann man sagen -- sie wollte ihren -Sohn +vor+ einem ähnlichen Schicksal wie +das+ seines Vaters bewahren --- wer die Jugend +zu+ einem Berufe wie +der ärztliche+ vorbereiten -will -- +solche+ kleinere Sammlungen wurden +in+ Werken wie +die -Weingartner Handschrift+ vereinigt. - - -Gustav Fischer, Buchbinderei - -Eine Geschmacklosigkeit, die sich in der Sprache unsrer Geschäftsleute -mit großer Schnelligkeit verbreitet hat, besteht darin, zu einem -Personennamen eine Sache als Apposition zu setzen, z. B.: +Gustav -Fischer, Buchbinderei+ -- +Th. Böhme, Schuhmacherartikel und -Schäftefabrik+ -- +B. Fricke, Kartoffelmehl ~en gros~+ -- +Leopold -Wallfisch, Leder+. Früher sagte man vernünftigerweise: +Gustav Fischer, -Buchbinder+, und wer zu verstehen geben wollte, daß er sein Geschäft -nicht allein, sondern mit einer Anzahl von Gesellen betreibe (jetzt -heißt es vornehmer: Gehilfen, obwohl ein Geselle von damals viel mehr -zu bedeuten hatte als so ein moderner „Gehilfe“!), sagte: +Gustav -Fischers Buchbinderei+ oder +Buchbinderei von Gustav Fischer+. Der -Unsinn, einen Menschen eine Buchbinderei zu nennen, ist unsrer Zeit -vorbehalten geblieben. - -Man könnte nun einwenden, in solchen Verbindungen solle der -Personenname gar nicht den Mann bedeuten, sondern die Firma, das -Geschäft; in dem Zusatz solle also gar keine Apposition liegen, -sondern mehr eine „Juxtaposition“. In den altmodischen Firmen sei nur -der eine Satz ausgedrückt gewesen: (hier wohnt) +Gustav Fischer+; in -den neumodischen Firmen seien zwei Sätze ausgedrückt: (hier wohnt) -+Karl Bellach+, (der hat eine) +photographische Anstalt+, oder: (hier -hat sein Geschäft) +Siegfried Goldmann+, (der verkauft) +Wolle+. Wie -steht es denn aber dann, wenn man in einem Ausstellerverzeichnis -lesen muß: Herr +F. A. Barthel, Abteilung+ für Metallklammern, oder -in einer Verlobungsanzeige: Herr +Max Schnetger, Rosenzüchterei+, mit -Fräulein Luise Langbein, oder in einem Fremdenbuche: +Rudolf Dahme, -Kognakbrennerei+, mit Gattin und Tochter, oder in einer Zeitung: Herr -+Gustav Böhme jun., Bureau+ für Orientreisen, telegraphiert uns? Ist da -auch noch die Firma gemeint? - -Zum Teil ist dieser Unsinn eine Folge der Prahlsucht[107] -unsrer Geschäftsleute; es will niemand mehr +Gärtner+ oder -+Brauer+, +Tischler+ oder +Buchbinder+ sein, sondern nur noch -+Gärtnereibesitzer+, +Brauereibesitzer+, +Tischlereibesitzer+, -+Buchbindereibesitzer+ -- immer großartig! Da darf natürlich die -Buchbind+erei+ auch in der Firma nicht fehlen. Zum andern Teil ist er -aber doch auch eine Folge der Verwilderung unsers Sprachgefühls. +W. -Spindlers Waschanstalt+ und +Gotthelf Kühnes Weinkellereien+ -- das -wäre Sprache; +W. Spindler Färberei und Waschanstalt+ und +Gotthelf -Kühne Weinkellereien+ -- das ist Gestammel. Man will aber gar nicht -mehr sprechen, man will eben stammeln. - - -Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der letztere - -Recht vorsichtig sollte man immer in dem Gebrauche der persönlichen -Fürwörter sein. Wer schreibt, der weiß ja, wen er mit einem -+er+ oder +ihn+ meint; der Leser aber versteht oft falsch, weil -mehrere Hauptwörter vorhergegangen sind, auf die sich das Fürwort -zurückbeziehen kann, sucht dann nach dem richtigen Wort und wird so in -ärgerlicher Weise aufgehalten. Wo daher ein Mißverständnis möglich ist, -ist es immer besser, statt des Fürworts wieder das Hauptwort zu setzen, -besonders dann, wenn im vorhergehenden zwei Hauptwörter einander -gegenübergestellt worden sind. Leider macht sich auch hier wieder der -törichte Aberglaube breit, daß es unschön sei, kurz hintereinander -mehreremal dasselbe Wort zu gebrauchen. - -Man nehme folgende Sätze: Schon in Goethe, ja schon in dem -musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte Vorgefühl einer -solchen Entwicklung; Goethe hatte bekanntlich bis zu seinem vierzigsten -Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden Kunst zu widmen, -und die Haupttat Luthers, die Bibelübersetzung, ist eine wesentlich -künstlerische Tat. - -Das sind gewiß ein paar gute, tadellose Sätze, so klar, übersichtlich -und wohlklingend, wie man sie nur wünschen kann. Da kommt nun der -Papiermensch drüber und sagt: Entsetzlich! Da steht ja zweimal -hintereinander Goethe und zweimal hintereinander Luther! Jedes zweite -mal ist vom Übel, also weg damit! Es muß heißen: +der eine+ und +der -andre+, oder +jener+ und +dieser+, oder -- und das ist nun das schönste -von allem --: +ersterer+ und +letzterer+. Also: schon in Goethe, -ja schon in dem musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte -Vorgefühl einer solchen Entwicklung: +ersterer+ hatte bekanntlich bis -zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden -Kunst zu widmen; und die Haupttat des +letztern+, die Bibelübersetzung, -war eine wesentlich künstlerische Tat. - -Über die häßliche Komparativbildung +ersterer+ und +letzterer+ -ist schon bei den Relativsätzen gesprochen worden (vgl. S. 123). -Wie häßlich ist aber erst -- dort wie hier -- die Anwendung! Das -angeführte Beispiel ist ja verhältnismäßig einfach, und da es vorher -mit Wiederholung der Namen gebildet worden ist, so sieht man leicht, -worauf sich +ersterer+ und +letzterer+ beziehen soll. Aber welche -Qualen kann dem Leser in tausend andern Fällen ein solches +ersterer+ -und +letzterer+, +dieser+ und +jener+ bereiten! Man hat ja, wenn man -arglos vor sich hinliest, keine Ahnung davon, daß sich der Schreibende -gewisse Wörter gleichsam heimlich numeriert, um hinterher plötzlich -von dem Leser zu verlangen, daß der sie sich auch numeriert und -- -mit der Nummer gemerkt habe. Auf einmal kommt nun so ein verteufeltes -+ersterer+. Ja wer war denn der +erstere+? Hastig fliegt das Auge -zurück und irrt in den letzten zwei, drei Zeilen umher, um darnach zu -suchen. +Ersterer+ -- halt, da steht +er+: Luther! Also: Luther hatte -bekanntlich bis zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht, -sich der bildenden Kunst zu widmen. Unsinn! der andre muß es gewesen -sein, also noch einmal suchen! Richtig, hier steht er: Goethe! Also: -Goethe hatte bekanntlich die ernstliche Absicht -- Gott sei Dank, jetzt -sind wir wieder im Fahrwasser. Zum Glück verläuft ja in Wirklichkeit -dieses Hinundhergeworfenwerden etwas schneller; aber angenehm ist es -nicht, und doch, wie oft muß mans über sich ergehen lassen! - -Noch ein paar weitere Beispiele: Diskretion ist eine Tugend der -Gesellschaft: +diese+ kann nicht ohne +jene+ bestehen -- unerfahrne -Kinder und geübte Diplomaten haben das oft blitzartige Durchschauen -von Menschen und Charakteren miteinander gemein, aber freilich aus -verschiednen Gründen: +jene+ besitzen noch den Blick für das Ganze, -+diese+ schon den für die Einzelheiten des menschlichen Seelenlebens --- wie Raffael in der Form, ist Rembrandt in der Farbe nichts weniger -als naturwahr; +dieser+ hat seinen selbständigen und in gewissem -Sinne unnatürlichen Stil gerade so gut wie +jener+; und insofern -Rembrandt in seinen Bildern sogar eine noch intensivere persönliche -Handschrift zeigt als Raffael, hat der +erstere+ noch mehr Stil als -der +letztere+ -- der Gelehrte ist seinem Wesen nach international, -der Künstler national; darauf gründet sich die Überlegenheit des -+letztern+ über den +erstern+ -- dieser Umschwung ist wieder durch -den Egoismus bewirkt worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers, -sondern der des Nehmers war; +jener+ hat in +diesem+ seinen Meister -gefunden; +letzterer+ das Werk würdig fortgesetzt. Alle solche Sätze -sind eine Qual für den Leser. Wer ist +dieser+, wer ist +jener+, wer -ist +letzterer+? In dem letzten Beispiele sollen +dieser+ und +jener+ -der Geber und der Nehmer sein, aber in welcher Reihenfolge? +Dieser+ -soll sich auf den näherstehenden, +jener+ auf den fernerstehenden -beziehen, +letzterer+ bezieht man unwillkürlich zunächst auf Meister, -es ist aber wieder der Nehmer gemeint. Ist es denn da nicht gescheiter, -zu schreiben: dieser Umschwung ist wieder durch den Egoismus bewirkt -worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers, sondern der des -Nehmers war; der Geber hat im Nehmer seinen Meister gefunden, der -Nehmer hat das Werk würdig fortgesetzt? Das ist sofort verständlich, -und alles ängstliche Umkehren und Suchen fällt weg. - -Ein ganz besondrer Mißbrauch wird noch mit +letzterer+ allein -getrieben. Viele sind so verliebt in dieses schöne Wort, daß sie es -ganz gedankenlos (für +dieser+!) auch da gebrauchen, wo gar keine -Gegenüberstellung von zwei Dingen vorhergegangen ist; sie weisen -damit einfach auf das zuletzt genannte Hauptwort zurück; z. B.: das -Preisgericht hat seinen Spruch getan, +letzterer+ greift jedoch -der Entscheidung nicht vor -- das Pepton wird aus bestem Fleisch -dargestellt, sodaß +letzteres+ bereits in löslicher Form dem Magen -zugeführt wird -- Krüge, Teller und Schüsseln bilden das Material, -dem die dichterischen Ergüsse anvertraut werden; sind +letztere+ aber -elegischer Natur, so finden wir sie auf Grabsteinen und Votivtafeln --- in der offiziösen Sprache schreibt man erst dann von gestörten -Beziehungen, wenn der Krieg vor der Tür steht, und daß +letzteres+ -nicht der Fall sei, glauben wir gern -- je weiter entwickelt die Kultur -eines Volkes ist, desto empfindlicher ist +letzteres+ gegen gewaltsame -Eingriffe -- die Stellungnahme (!) des Pietismus zu den Kantoreien -mußte auf +letztere+ lähmend wirken -- die Genossen, die ohne Kündigung -die Arbeit eingestellt hatten und +letztere+ nicht sofort wieder -aufnahmen -- F. schlug den Wachtmeister über den Kopf, als +letzterer+ -(der Kopf?) seine Zelle betrat -- diese Aufsätze sind verhaltne -lyrische Gedichte, von +letztern+ (+solchen+!) nur durch die Form -verschieden usw. Wenn solche Gedankenlosigkeit weitere Fortschritte -macht, so kommen wir noch dahin, daß es in lateinisch-deutschen -Wörterbüchern heißen muß: ~hic~, ~haec~, ~hoc~: +letzterer+, -+letztere+, +letzteres+ (ebenso wie ~qui~, ~quae~, ~quod~: +welch -letzterer+, +welch letztere+, +welch letzteres+). - - -Derselbe, dieselbe, dasselbe - -Zu den entsetzlichsten Erscheinungen unsrer Schriftsprache gehört -der alles Maß übersteigende Mißbrauch, der mit dem Fürwort -+derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ getrieben wird. An der Unnatur und -Steifbeinigkeit unsers ganzen schriftlichen Ausdrucks trägt dieses -Wort die Hälfte aller Schuld. Könnte man unsrer Schriftsprache diesen -Bleiklumpen abnehmen, schon dadurch allein würde sie Flügel zu bekommen -scheinen. Der Mißbrauch dieses Fürworts gehört zu den Hauptkennzeichen -jener Sprache, von der nun schon so viele Beispiele in diesem Buche -angeführt worden sind, und die man so treffend als papiernen Stil -bezeichnet hat.[108] - -Unter hundert Fällen, wo heute +derselbe+ geschrieben wird, sind keine -fünf, wo das Wort in seiner wirklichen Bedeutung (~idem~, ~le même~, -~the same~) stünde. In der lebendigen Sprache wird es zwar in seiner -wirklichen Bedeutung täglich tausendmal gebraucht, auf dem Papier aber -fast gar nicht mehr; da wird es immer ersetzt durch +ebenderselbe+ -oder +einundderselbe+ oder +der nämliche+ oder +der gleiche+ (von dem -+gleichen+ Verfasser erschien in der +gleichen+ Verlagsbuchhandlung -usw.). Daß zur Gleichheit mindestens zwei gehören, daran denkt man -gar nicht. Zwar so wunderbaren Sätzen wie: Wagner hat +dieselben+ -Quellen benutzt wie Goethe, aber in engerm Anschluß an +dieselben+ -(wo erst ~eosdem~, dann ~eos~ gemeint ist) -- fast gleichzeitig wurde -der Roman Werthers Leiden fertig; über +denselben+ schreibt Goethe in -+demselben+ Briefe usw., begegnet man selten. Aber in fünfundneunzig -unter hundert Fällen ist +derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ nichts -weiter als +er+, +sie+, +es+ oder +dieser+, +diese+, +dieses+. Und das -ist das ärgerlichste an dem dummen Mißbrauch, daß dabei auch noch der -Unterschied zwischen +er+ und +dieser+ verwischt wird. - -Für das persönliche Fürwort +er+ steht +derselbe+ z. B. in folgenden -Sätzen (man kann in wenig Minuten in jedem Buch und jeder Zeitung die -Beispiele schockweise sammeln): wir brauchten das nur dann zu wissen, -wenn die Welt erst noch geschaffen werden sollte; +dieselbe+ ist aber -bereits fertig -- der Hauptsitz der Rosenkultur ist der Südfuß des -Hämus, doch zieht sich +dieselbe+ auch in das Mittelgebirge hinein --- durch Höhe der Gebäude suchte man zu ersetzen, was +denselben+ an -Breite und Tiefe abging -- was Erich Schmidt gegen die Glaubwürdigkeit -Bretschneiders in Feld führt, reicht nicht aus, +dieselbe+ zu -erschüttern -- der Fall muß allgemeines Aufsehen erregt haben, da -+derselbe+ eine Bürgerstochter aus guter Familie betraf -- neuerdings -hat man versucht, den Reim durch die Alliteration zu verdrängen; Jordan -hat +dieselbe+ eingeführt, und R. Wagner hat +dieselbe+ in freier Weise -verwandt -- ich hatte mir gleich anfangs ein Brunnenglas gekauft, aber -+dasselbe+ blieb jungfräulich -- die Gemeinde war allerdings Besitzer -des Bodens, +derselbe+ wurde aber nicht gemeinschaftlich bearbeitet --- das Manuskript lag halbvergessen in einem Schubfache, bis mir die -Anregung wurde, +dasselbe+ einer Zeitung zu überlassen -- Versuche, -den Verein zu verfolgen, werden +demselben+ nur neues Wachstum -verleihen -- der Inhaber hat die Karte stets bei sich zu führen und -darf +dieselbe+ an andre Personen nicht weitergeben -- der Nebensatz -steht gewöhnlich hinter dem Hauptsatz, +derselbe+ kann jedoch auch -dem Hauptsatz vorangehen, und endlich kann +derselbe+ auch in den -Hauptsatz eingeschaltet sein usw. Kein vernünftiger Mensch spricht so; -jeder braucht, um ein eben dagewesenes Hauptwort zu ersetzen, in der -lebendigen Sprache das persönliche Fürwort. - -In folgenden Sätzen wäre +dieser+ (oder das demonstrative +der+) das -richtige: der Wildbach trat aus und wälzte große Schuttmassen in -die Limmat; dadurch wurde +dieselbe+ in ihrem Laufe gehemmt -- in -Königsberg ließ Lenz seine Ode auf Kant drucken, als +derselbe+ die -Professorwürde erlangte -- in jeder Küche stand früher ein viereckiges -Kästchen aus Blech; +dasselbe+ enthielt vier Gegenstände, unter -anderm eine Masse, die man Zunder hieß; +dieselbe+ war hergestellt -aus usw. -- es finden sich in der Schrift bisweilen originelle -Kombinationen; +dieselben+ sind aber doch völlig wertlos -- freilich -gehört Anlagekapital dazu, +dasselbe+ verzinst sich aber gut -- -für die lokale Feier sind entsprechende Festlichkeiten in Aussicht -genommen; +denselben+ werden geistliche Festlichkeiten vorausgehen -- -das Ergebnis der Revolution wäre sicher nicht der sozialdemokratische -Staat; +derselbe+ (+dieser+!) verlangt eine solche Umwälzung aller -Anschauungen, daß +sich dieselbe+ (+sie sich+!) nicht von heute auf -morgen vollziehen kann. - -Ein Zeitungschreiber kann heutzutage nicht eine Mitteilung von -zwei Zeilen machen ohne dieses unsinnige +derselbe+; erst wenn das -darinsteht, hat die Sache die nötige Wichtigkeit. Der Adjutant des -Sultans ist hier eingetroffen; +derselbe+ überbrachte dem Großfürsten -vier Pferde. Daß man nur ja nicht etwa denke, es habe sie ein andrer -überbracht! nein nein, es war derselbe! Ach, und wenn nun erst noch -die schöne Inversion dazukommt (der Verdacht lenkte sich sofort auf -den wegen Nachlässigkeit bekannten Hausmann, +und wurde derselbe+ in -einem Bodenraum erhängt aufgefunden), und wenn gar die Inversion nur -zu dem Zweck angewandt wird, auch das herrliche +derselbe+ anbringen -zu können (die Zigarren erheben sich weit über das gewöhnliche -Niveau, +und gehören dieselben+ zu den besten usw.), oder wenn sich -zu +derselbe+ noch ein +daselbst+, +dortselbst+, +hierselbst+ oder -+woselbst+ gesellt (denn +da+, +dort+, +hier+ und +wo+ kennt der -Zeitungschreiber auch nicht, das ist ihm viel zu simpel), dann -schwillt die stolze Reporterbrust, er weiß, daß er seinen „bedeutsamen“ -Mitteilungen die würdigste Form verliehen hat. Zur Resolution sprach -bei Beginn der Sitzung der Abgeordnete T.; +derselbe+ erklärte sich -gegen +dieselbe+ -- der Ulan M. erhielt drei Tage Mittelarrest, weil -+derselbe+ beim Appell sein Pferd schlecht vorführte, sodaß +dasselbe+ -einen Kameraden auf den Fuß trat und +denselben+ verletzte -- gestern -abend ist der Herr Justizminister +hierselbst+ eingetroffen und im -Hotel S. abgestiegen. +Derselbe+ begab sich heute morgen nach dem -Amtsgerichtsgebäude, nahm +dasselbe+ eingehend in Augenschein und -wohnte verschiedenen Verhandlungen +daselbst+ bei -- heute wurde hier -eine Windhose beobachtet; +dieselbe+ erfaßte einen Teil des auf der -Wiese liegenden Heues und drehte +dasselbe+ turmhoch in die Luft, -+woselbst+ es dann weiter geführt wurde -- die Färbung der Kreuzotter -ist nicht bestimmt anzugeben, da +dieselbe+ bei +einunddemselben+ (!) -Individuum (!) wechselt und nach der Häutung meist heller erscheint -als vor +derselben+. Das sind Muster von Zeitungssätzen. Aber auch -in wissenschaftlichen Werken und in Erzählungen, in Bekanntmachungen -von Behörden und in Geschäftsanzeigen -- überall verfolgt einen das -entsetzliche Wort. Selbst in den kleinen Scherzgesprächen unter -den Bildern der Fliegenden Blätter und in dem Dialog der neuesten -Lustspiele ist man nicht mehr sicher davor. Man schnellt im Theater von -seinem Sitz in die Höhe, wenn auf der Bühne so ein dummes +derselbe+ -(für +er+) gesprochen wird; aber weder der Schauspieler noch der -Regisseur hat es bemerkt und beseitigt! Wie kommt es nur, liebe B. --- heißt es auf einem Reklamebildchen --, daß deine Kinderchen stets -so blühend und gesund sind, während die meinigen immer bleich und -kränklich aussehen? -- Wir genießen alle als tägliches Getränk Kakao -von Hartwig und Vogel; +derselbe+ ist von anerkannt vorzüglicher -Qualität, ergiebig und daher billig. Nein, so spricht die liebe B. -nicht. Ein bekanntes Geschichtchen erzählt, daß der Lehrer in der -Stunde gefragt habe: wieviel Elemente gibt es, und wie heißen sie? -und der Schüler geantwortet habe: es gibt vier Elemente, und ich heiße -Müller. Das war die Folge davon, daß sich der Lehrer so gewöhnlich -ausgedrückt hatte! Warum hatte er nicht vornehm gefragt, wie unsre -statistischen Formulare: und wie heißen +dieselben+! - -Ein Hochgenuß für den Leser ist es, wenn, wie es tausendfach geschieht, -beide in einem Satz unmittelbar nebeneinander stehen, die herrlichen -Papierpronomina: +derselbe+ (statt +er+) und +welcher+ (statt +der+)! -Zum Verständnis des Parzival ist es nötig, die beiden Sagenkreise, -+welche demselben+ (+die ihm+!) zugrunde liegen, kennen zu lernen -- -in Hyrtls Hause befindet sich der fragliche Schädel (Mozarts), und der -Besitzer, +welcher denselben+ (+der ihn+!) der Stadt Salzburg vermacht -hat, zweifelt nicht an der Echtheit +desselben+ -- Reiskes Briefe kamen -in die Universitätsbibliothek zu Leiden; es sind aufrichtige Verehrer -gewesen, +welche dieselben+ (+die sie+!) jener Bibliothek schenkten, -und sie werden +in derselben+ als ein Schatz geachtet -- das erwähnte -Statut und die Bulle, +welche dasselbe+ (+die es+!) sanktioniert hatte --- bezeichnend für den Geschmack der Direktion und die Zumutungen, -+welche dieselbe+ (+die sie+!) an das Publikum zu stellen wagt -- was -für Forderungen an die Gebildeten gestellt werden, wird je nach dem -Zeitalter, +welchem dieselben+ (+dem sie+!) angehören, verschieden -sein -- die farbige Aufnahme des Fensters verdanken wir Herrn E., -+welcher dasselbe+ (+der es+!) restauriert hat -- wer spricht so? Kein -Mensch. Aber sowie der Deutsche die Feder in die Tinte taucht, fährt -ihm der Registrator oder der Kanzlist in die Glieder. Im fünfzehnten -und sechzehnten Jahrhundert sind Tausende der wichtigsten Urkunden -angefangen worden: Wir tun kund mit diesem Brief allen +denen, die -ihn+ sehen oder hören lesen. Heute in einem Ehrenbürgerbriefe zu -schreiben: Wir ernennen Herrn X. +wegen+ der großen Verdienste, +die -er sich+ um unsre Stadt erworben hat usw. -- das wäre ja im höchsten -Grade würdelos, so spricht man wohl, aber so schreibt man doch nicht! -Wir ernennen Herrn +in Anbetracht+ der großen Verdienste, +welche -derselbe+ um unsre Stadt +sich+ erworben hat usw. -- so klingt es -großartig, feierlich, erhaben! Kaiser Friedrich soll als Kronprinz -1859 zu einer Deputation gesagt haben: Wenn Gott meinen Sohn am Leben -erhält, so wird es unsre schönste Aufgabe sein, +denselben+ in den -Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +welche+ mich an das Vaterland -ketten. Man kann darauf schwören, daß er nicht so gesagt hat, sondern: -+ihn+ in den Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +die+ mich an das -Vaterland ketten. Aber der Zeitungschreiber hat das natürlich erst -aus dem Menschlichen ins Papierne übersetzen müssen. In der Poesie -ist +derselbe+ noch viel unmöglicher als +welcher+. Nur in dem alten -Studentenliede ~Ça ça~ geschmauset! heißt es: - - Knaster den gelben - Hat uns Apolda präpariert - Und uns +denselben+ - Rekommandiert. - - -Darin, daraus, daran, darauf usw. - -Es sind ja aber nicht bloß die Fürwörter +er+ und +dieser+ (oder -+der+), die durch den unsinnigen Mißbrauch verdrängt und vermengt -werden; er -- wollte sagen „derselbe“ frißt noch weiter, viel weiter. -In der lebendigen Sprache haben wir die leichten, zierlichen Adverbia: -+darin+, +daraus+, +daran+, +darauf+, +dabei+, +davor+, +dahinter+, -+damit+, +darum+, +dafür+, +dazwischen+ usw.; jeder braucht sie -hundertmal des Tags. Aber sowie einer die Feder ergreift -- wehe den -armen! Dann heißt es: +in demselben+, +aus demselben+, +an demselben+, -+auf demselben+, +mit demselben+, +bei demselben+, +zwischen denselben+ -usw. -- auch in dieser Gestalt storcht das langbeinige Ungetüm -überall durch unsre Schriftsprache. Das Denkmal will alles Prunkvolle -vermeiden, nur das allgemein Menschliche soll +in demselben+ (+darin+!) -betont werden -- die Geistlichen hatten ihren eignen Predigtstuhl, und -+in demselben+ (+darin+!) jeder seinen bestimmten Platz -- so sehr ich -in diesem Punkte mit dem Verfasser einverstanden bin, so entschieden -muß ich die Forderungen bekämpfen, die er +aus demselben+ (+daraus+!) -ableitet -- sie betrachteten sich als die alleinigen Eigentümer des -Landes und gestanden andern keinen Anteil +an demselben+ (+daran+!) -zu -- obgleich durch den Regen der Abmarsch des Festzuges verspätet -und die Beteiligung +an demselben+ (+daran+!) beeinträchtigt wurde -- -die Entstellungen sind wirkungslos, ein unbefangner Beurteiler wird -sich an +dieselben+ (+daran+!) nicht kehren -- im Jahre 1560 wurde -der Turm erhöht und eine Wohnung +auf demselben+ (+darauf+!) erbaut --- die Wiesen waren wieder getrocknet, und bald entwickelte sich +auf -denselben+ (+darauf+!) ein üppiger Graswuchs -- 1890 reichte die -Zahl an den Durchschnitt hinan, 1900 blieb sie +hinter demselben+ -(+dahinter+!) zurück -- der Boden war überall von so wunderbarer -Beschaffenheit, daß sich kaum die fruchtbarsten Gegenden Deutschlands -+mit demselben+ (+damit+!) vergleichen ließen -- der Holzbau ist ein -viel zu überwundner Standpunkt, als daß es der Mühe lohnte, sich in -der Praxis +mit demselben+ (+damit+!) zu befassen -- die Erziehung -des Knaben ruhte ausschließlich in den Händen der Mutter, da sich der -Vater, der sich viel auf Reisen befand, nicht +um dieselbe+ (+darum+!) -kümmern konnte -- hier bedarf es des Glaubens an die gute Sache und der -Begeisterung +für dieselbe+ (+dafür+!) -- keinem kann dieses Studium -erlassen werden, wohl aber bereitet sich +für dasselbe+ (+dafür+!) -ein neuer Maßstab vor -- dieser Gedanke wurde am Mainzer Hofe lebhaft -erwogen, der Kurfürst war ganz +von demselben+ (+davon+!) erfüllt -- -die Fürstin wünschte lebhaft, das Bild zu besitzen, aber Angelika -konnte sich +von demselben+ (+davon+!) nicht trennen -- in der Mitte -des Schrankes hängt ein mächtiges, reich verziertes Schwert, +neben -demselben+ (+daneben+!) rechts und links zwei kleinere Schwerter -- -in diesem Graben fließt eine bedeutende Wassermenge, deshalb ist auch -ein Steg +über denselben+ (+darüber+!) gelegt -- die Presse ist noch -nicht einig, ob sie den Vorfall bedauern oder sich +über denselben+ -(+darüber+!) freuen soll -- das Partizip steht hier absolut, ein Komma -+hinter demselben+ (+dahinter+!) würde nur irreführen usw. Anders wird -gar nicht geschrieben. - -Nach einem weit verbreiteten Aberglauben sollen sich die Adverbia -+darin+, +darauf+, +dafür+ usw. immer nur auf eine Handlung, ein -Zeitwort, einen ganzen Satz, aber nie auf ein Hauptwort beziehen -können. Es sei also zwar richtig, zu antworten: ich kann mich nicht -+darauf+ besinnen -- wenn gefragt worden sei: besinnst du dich, -+was du+ mir damals +versprochen hast+? aber nicht, wenn die Frage -gelautet habe: besinnst du dich auf den +Ausdruck+, den du damals -gebraucht hast? Die angeführten Beispiele zeigen, wie lächerlich dieser -Aberglaube ist. Die lebendige Sprache setzt die Adverbia überall statt -der Präposition in Verbindung mit einem persönlichen Fürwort. Nur -auf Personen können sie sich nicht beziehen, da muß das persönliche -Fürwort stehen. Es gibt zwar Fälle, wo das Adverb auch bei Sachen etwas -ungewöhnlich klingt, z. B.: wer die hiesigen Universitätsverhältnisse -und mein Verhalten +dazu+ nicht kennt; aber das liegt nur daran, daß -uns das dumme +derselbe+ so oft vor die Augen gebracht wird, daß uns -schließlich das Einfache und Natürliche befremdet. Und was hindert -denn, auch hier das persönliche Fürwort zu gebrauchen? Warum sagt man -nicht: die hiesigen Universitätsverhältnisse und mein Verhalten +zu -ihnen+? Bei +ohne+ scheint sowieso nichts andres übrig zu bleiben, -denn ein Adverb +darohne+ gibt es nicht, obwohl man es zu bilden -versucht hat. Auch bei dem Neutrum es entsteht eine Schwierigkeit. Sie -wollte sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +ohne -dasselbe+ nicht rechnen konnte -- hier ist doch wohl +dasselbe+ ganz -unentbehrlich? Soll man schreiben: +ohne es+? Jakob Grimm hätte es -getan, er schrieb so, er wollte, daß es nicht anders behandelt würde -als +ihn+ und +sie+, und einige sind ihm darin gefolgt. Es klingt aber -doch seltsam, denn +es+ ist gewöhnlich tonlos, und hier müßte es betont -werden. Gibt es denn aber wirklich keinen Ersatz für das fehlende -+darohne+? Gewiß gibt es einen, und er heißt -- +sonst+! Sie wollte -sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +sonst+ nicht -rechnen konnte. Das ist gutes Deutsch. - -Bisweilen erscheinen in einem Satze zwei gleichklingende persönliche -Fürwörter unmittelbar hintereinander, z. B. +sie+ als Femininum -und als Plural: Handlungen dieser Art suchte die Gewerbeordnung zu -unterdrücken, indem +sie sie+ verbot. Etwas schrecklicheres ist ja -nun für die Augen des Papiermenschen nicht denkbar. Da muß es doch -unbedingt heißen: indem +sie dieselben+ verbot? Nein, auch da nicht, -denn man spricht nicht so, man spricht frischweg +sie sie+, und was -gesprochen und gehört nicht mißfällt, ja nicht einmal auffällt, kann -doch auch geschrieben oder gedruckt keinen Anstoß erregen! Wenn sich -in einer Schulklasse die Mädchen gezankt haben, zwei einer dritten ein -Buch weggenommen haben, der Lehrer Frieden stiftet und dann fragt: -habt +ihr ihr ihr+ Buch wiedergegeben? so ist das doch noch viel -„schlimmer“. Aber wird der Lehrer deshalb fragen: habt +ihr derselben -ihr+ Buch wiedergegeben? - -Der abhängige Genitiv endlich (+desselben+ und +derselben+) kann -überall durch +sein+ und +ihr+ ersetzt werden, denn daß diese Fürwörter -nur im reflexiven Sinne gebraucht werden könnten, ist doch auch -nur Aberglaube.[109] Als die Kaiserin das +Schloß+ besichtigt und -die Schönheit +desselben+ bewundert hatte -- warum nicht: +seine+ -Schönheit? Die Sammlung ist so zeitgemäß, daß zur Rechtfertigung -+derselben+ kein Wort zu verlieren ist -- warum nicht: zu +ihrer+ -Rechtfertigung? Freilich würden einige Geschäfte dann eingehen, da die -ganze Bedeutung +derselben+ darin beruht usw. -- warum nicht: +ihre+ -ganze Bedeutung? Auch wer sich tief in die Eigentümlichkeiten der -spanischen Dichtung versenkt hat und von der lebhaften Bewunderung für -die Vorzüge +derselben+ durchdrungen ist -- warum nicht: für +ihre+ -Vorzüge? Wo eine Verwechslung, ein Mißverständnis entstehen könnte, -da schreibe man +dessen+ und +deren+, z. B.: es muß dem Biographen -nachgerühmt werden, daß er bei aller Liebe zu +seinem+ Helden doch -nicht blind für +dessen+ Schwächen ist. Aber nur nicht +desselben+! -In den allermeisten Fällen aber -- man achte nur darauf und versuche -es! -- kann man den Genitiv einfach streichen, ohne daß der Gedanke -im geringsten an Deutlichkeit verlöre. Nicht auf den Stoff kommt es -an, sondern auf die Behandlung +desselben+ -- über die Aufgaben waren -alle einig, nur schlugen sie zur Lösung +derselben+ verschiedne Wege -ein -- die Erklärung des Parteitags fand so viel Beifall, daß sich die -Führer +desselben+ ermutigt sahen -- Gregor klagte, daß sie die Kirche -zerstört und das Material +derselben+ zum Bau ihrer Häuser verwendet -hätten -- zu den Unregelmäßigkeiten in der äußern Anlage unsrer Dörfer -kommt noch die Unregelmäßigkeit im innern Aufbau +derselben+ -- die -steilere Partie des Berges gehört dem weißen, die mäßig geneigten -Ausläufer +desselben+ dem braunen Jura an -- ich habe die Fachausdrücke -des Deutschen und des Französischen miteinander verglichen und habe -gefunden, daß die Mehrzahl +derselben+ übereinstimmt -- nachdem die -Gäste das Gasthaus verlassen hatten und die Wirtin +desselben+ die Tür -verschlossen hatte -- man streiche überall +desselben+ und +derselben+: -ist irgendwo ein Mißverständnis möglich? Der Kaiser unternahm -heute einen längern Spazierritt und erledigte nach der Rückkehr -+von demselben+ Regierungsgeschäfte. Ja, wovon soll er denn sonst -zurückgekehrt sein als von -- demselben? - - -Derjenige, diejenige, dasjenige - -Noch in anderm Sinne als +derselbe+ ist das schöne Kanzleiwort -+derjenige+ ein Papierpronomen: es ist eigens für die Papiersprache -erfunden worden. +Derjenige+ ist im sechzehnten Jahrhundert aus einem -vorhergegangnen +der jene+ entstanden, wie +derselbige+, das zum Glück -wieder verschwunden ist, aus +der selbe+. Es hat keinen andern Zweck -und keine andre Aufgabe, als das betonte, lange +der+ der lebendigen -Sprache, das determinative Fürwort, das vor Relativsätzen und vor -abhängigen Genitiven steht, auf dem Papier zu ersetzen. Den Ton und die -Länge kann man ja weder schreiben noch drucken, wenigstens ist es nicht -üblich, +dēr+ oder +dér+ zu schreiben[110]; also hilft man sich, so -gut man kann. Der eine läßt das der sperren (wie auch +ein+, wenn es so -viel heißen soll wie +ein einziger+), ein andrer greift zu +jener+, wie -es in Österreich beliebt ist, in der Regel aber schreibt und druckt man -+derjenige+. Wenn man spricht, sagt man zwar: als er endlich +den+ Weg -einschlug, +der+ zum Ziele führen mußte; aber drucken läßt man: als er -endlich +denjenigen Weg+ einschlug, +welcher+ zum Ziele führen mußte. - -Wenn aber nun +derjenige+ allein steht, ohne Hauptwort hinter sich, -z. B.: selbst +diejenigen, welche die+ Schaffung eines allgemeinen -Bürgerlichen Gesetzbuches nicht ganz ablehnten -- kein Scharfsinn -hätte eine bessere Lösung finden können als +diejenige, welche -die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen -- die größten Menschen sind -+diejenigen, welche die+ Kultur einer eben dahinsinkenden Epoche -noch einmal zusammenfassend verkörpern -- da ist es doch wohl ganz -unentbehrlich? Nun, in der lebendigen Sprache sagt man getrost: selbst -+die, die die+ Schaffung eines Gesetzbuches nicht ganz ablehnten -- -eine bessere Lösung als +die, die die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen. -Aber das ist ja wieder das Schreckgespenst des Papiermenschen: nicht -zwei-, nein dreimal hintereinander dasselbe Wort! -- Wirklich? dasselbe -Wort? Dreimal hintereinander dieselben drei Buchstaben: d--i--e; aber -wer seine Ohren aufmacht, der hört doch drei verschiedne Wörter: -+dieh+, +die di+ -- drei Wörter von ganz verschiedner Länge, und hinter -dem ersten eine Pause. Das ist ja wie Musik, es hüpft und springt ja -förmlich. Nun höre man dagegen dieses Schleppen und Schleichen und -Schlurfen: +diejenigen, welche die+![111] - -Nun vollends, daß in der lebendigen Sprache in tausend und aber -tausend Fällen statt +derjenige, welcher+ einfach +wer+ gesagt wird --- also drei Laute statt sechs Silben! --, das ist dem Papiermenschen -völlig unbekannt. Er schreibt: +diejenigen, welche+ die Absicht haben, -Adjuvanten zu werden, lassen sich als Anwärter einschreiben. Ja er wäre -imstande, das Sprichwort: +wer+ Pech angreift, besudelt sich -- oder -den Kinderspruch: +wer+ meine Gans gestohlen hat, der ist ein Dieb --- oder den Goethischen Vers: nur +wer+ die Sehnsucht kennt, weiß, -was ich leide -- zu verwandeln in: +derjenige, welcher+ Pech angreift --- +derjenige, welcher+ meine Gans gestohlen hat -- nur +derjenige, -welcher+ die Sehnsucht kennt usw. - -Leider liegt hier einmal der Fall vor, daß eine Erscheinung der -Papiersprache sogar in die lebendige Sprache eingedrungen ist, -was gewiß selten geschieht. Aktenmenschen und Gewohnheitsredner -bringen es fertig, in Sitzungen und Verhandlungen in einer Stunde -dreißigmal +derjenige, welcher zu+ sagen. Selbst in der Unterhaltung -der „Gebildeten“ kann man es hören; sie haben es eben gar zu oft in -ihrer Zeitung gelesen. Aber die lebendige Sprache des Volks kennt es -nicht; wenn es der Mann aus dem Volke in den Mund nimmt, so tut er es -höchstens, um sich darüber lustig zu machen, er spricht es gleichsam -mit Gänsefüßchen. Also du bist +derjenige, welcher+? fragt er höhnisch --- na warte, Bursche! Oder er sagt: fällt mir gar nicht ein; wenn -ein Unglück passiert, dann bin ich +derjenige, welcher+ (nämlich: -blechen muß), und zitiert damit gleichsam das Gesetzbuch oder die -Polizeiverordnung, worin er die beiden Papierwörter auf jeder Seite -gelesen hat. - - -Jener, jene, jenes - -Der Österreicher gebraucht statt +derjenige+ vor Relativsätzen, -namentlich aber vor einem abhängigen Genitiv +jener+; er schreibt: -diese Vorlesungen haben nur einen bedingten Wert für +jenen+, der -selber Einsicht genug hat, Dichterwerke ohne Beihilfe zu verstehen. Das -halten manche deutsche Schriftsteller jetzt offenbar für eine besondre -Schönheit und machen es nach. In gutem Schriftdeutsch wird aber +jener+ -nur in die Ferne weisend gebraucht, mit einem bald stärkern, bald -schwächern rhetorischen Beigeschmack: wenn ich an +jene schöne Zeit+ -zurückdenke usw. - -Ganz unausstehlich für norddeutsche Ohren ist das österreichische -+jener+ vor einem abhängigen Genitiv, z. B.: der Orden der Dominikaner -und +jener+ der Franziskaner -- wir hoffen, daß sich die Ausstellung -ebenso erfolgreich erweisen werde wie +jene+ von 1897 -- obgleich die -Gesamtzahl ihrer Kräfte +jener+ des Feindes bedeutend nachstand -- ein -~Ecce homo~ trägt das Monogramm Ludwig Krugs, eine Madonna +jenes+ des -Marcantonio Raimondi -- so auffallend erschien dem Tacitus die Art des -deutschen Anbaues gegenüber +jener+ der romanischen Völker -- größere -Gebäude wie Kirchen und Seminare dürfen für die Gesellschaft Jesu -nur mit Erlaubnis des Generals, kleinere mit +jener+ des Provinzials -errichtet werden -- unter den Dienstkrankheiten der Bahnbeamten nehmen -+jene+ der Verdauungsorgane den breitesten Raum ein -- man sucht die -Farbe der Umhüllung meist +jener+ der Blumen anzupassen usw. In allen -diesen Fällen würde die deutsche Amts- und Zeitungssprache +derjenige+ -gebrauchen. Die gute Schriftsprache aber kennt vor solchen Genitiven -nur das determinative Fürwort +der+, +die+, +das+: die Leistungen der -Fabriken stehen gegen +die+ des Handwerks zurück. - - -Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? - -Verhältnismäßig wenig Verstöße werden gegen die Regeln der Kasuslehre -begangen; im allgemeinen herrscht eine erfreuliche Sicherheit darüber, -welchen Kasus ein Zeitwort oder ein Eigenschaftswort zu sich zu nehmen -hat. Bei einer kleinen Anzahl von Zeitwörtern schwankt aber doch der -Sprachgebrauch: der eine verbindet sie mit dem Dativ, der andre mit dem -Akkusativ. Es sind das namentlich die Zeitwörter +heißen+, +lassen+, -+lehren+, +angehen+, +dünken+, +kosten+ und +nachahmen+. - -Mit der berüchtigten Berliner Verwechslung von +mir+ und +mich+ hat -dieses Schwanken nichts zu tun, sondern es hängt meist damit zusammen, -daß in den Begriff dieser Verba sinnverwandte Zeitwörter hineinspielen, -die teils mit dem Dativ, teils mit dem Akkusativ verbunden werden. Aber -nur in den seltensten Fällen hat das Schwanken eine Berechtigung. Bei -+nachahmen+ handelt sichs eigentlich nicht um ein Schwanken, sondern um -zwei verschiedne Bedeutungen des Wortes: es ist ein großer Unterschied, -ob man sagt: ich ahme +dich+ nach, oder ich ahme +dir+ nach. Mit -dem Akkusativ bedeutet es +nachmachen+ (+dich+), mit dem Dativ -+nachstreben+ (+dir+). Wenn Schüler +dem+ Lehrer nachahmen, so kann das -sehr lobenswert sein; wenn sie +den+ Lehrer nachahmen, so kann ihnen -das unter Umständen eine Stunde Karzer eintragen.[112] Schwer ist es, -bei +kosten+ eine Entscheidung zu treffen; +kosten+ ist ein Lehnwort, -entstanden aus dem lateinischen ~constare~. Die Verbindung ~constat -mihi~ ist aber gar nicht maßgebend, denn +kosten+ ist ursprünglich im -Sinne von +aufwenden machen+ gebraucht worden. Der Akkusativ überwiegt -denn auch in der guten Schriftsprache. Bei allen übrigen der genannten -Verba hat der Dativ überhaupt keine Berechtigung. Sätze wie: laß +mir+ -das einmal sehen -- das geht +dir+ nichts an u. ähnl. gehören nur der -niedrigsten Volkssprache an. +Heißen+ verträgt den Dativ der Person -nur ausnahmsweise: wer hat +dir das+ geheißen? (wie: wer hat dir das -+geboten+, +befohlen+, +aufgetragen+?). Im allgemeinen verlangt es, -wie +lehren+, den Akkusativ der Person. Aber gerade für +lehren+ und -+heißen+ verliert die ganze Frage mehr und mehr an Bedeutung, denn -in der lebendigen Sprache werden diese Wörter überhaupt kaum noch -in solcher Verbindung gebraucht. In Mitteldeutschland gebraucht das -Volk +lehren+ mit einem Akkusativ der Person fast gar nicht mehr, -sondern nur +lernen+; man sagt nicht bloß: wo hast du +das gelernt+? -sondern auch: wer hat +dir das gelernt+? Und auch wo man wirklich -noch +lehren+ sagt, setzt man doch den Dativ der Person dazu. Bei -Uhland heißt es noch richtig und sauber: Wer hat +dich solche Streich’+ -gelehrt? Das Volk aber sagt: Ich werde +dir Mores+ lehren. Und in einem -Bibelspruche wie: Herr, +lehre uns bedenken+, daß wir sterben müssen -- -wo +uns+ natürlich der Akkusativ ist --, wird es sicherlich jetzt von -den meisten als Dativ gefühlt. - -Ganz lächerlich ist die Unsicherheit und der Streit darüber, ob es -heißen müsse: ich +versichre dir+ oder: ich +versichre dich+, der Hut -+kleidet dich+, oder: er +kleidet dir+, es +lohnt der Mühe+ oder: -es +lohnt die Mühe+. +Versichern+ ist unzweifelhaft ein transitives -Zeitwort; man versichert sein Leben, seinen Hausrat, seine Ernte. Man -kann auch sagen: ich +versichre dich+ meiner Freundschaft (Goethe: -ich fahre fort, +dich+ meiner Liebe zu +versichern+), wiewohl das -schon etwas gesucht klingt. Aber zu sagen: ich +versichre dich, daß+ -ich nichts davon gewußt habe -- und das für richtig zu halten oder -gar zu verteidigen, kann doch nur einem Sophisten einfallen oder -einem Menschen, der wirklich -- +mir+ und +mich+ nicht unterscheiden -kann. Daß es schon im achtzehnten Jahrhundert so vorkommt, hat gar -nichts zu sagen; der Akkusativ ist eben vernünftigerweise mehr und -mehr gewichen. Wenn auf +versichern+ ein Objektsatz folgt, so ist -doch der Inhalt dieses Satzes das Objekt der Versicherung; diese -Versicherung aber gebe ich nicht +dich+, sondern gebe sie +dir+. -+Versichern+ tritt dann vollständig in eine Reihe mit +beteuern+, -+erklären+, +sagen+, +melden+, +mitteilen+, +berichten+,[113] lauter -Zeitwörtern, die mit dem Dativ der Person und einem Objekt der Sache -verbunden werden. Im Passivum fällt es gar niemand ein zu sagen: +ich -bin versichert worden, daß+, sondern jeder sagt: +mir ist versichert -worden, daß+. Also kann auch im Aktivum das richtige nur sein: +ich -versichre dir, daß+ ich nichts davon gewußt habe. Wenn neuerdings -namentlich in Kreisen, die für vornehm gelten möchten, mit einer -gewissen Absichtlichkeit wieder der Akkusativ gebraucht wird (ich -versichre +Sie+), so ist das eine Modedummheit, durch die sich der -gesunde Menschenverstand und ein natürliches Sprachgefühl nicht werden -irremachen lassen. - -+Kleiden+ mit dem Dativ zu verbinden wäre keinem Menschen eingefallen, -wenn nicht die sinnverwandten intransitiven Zeitwörter +passen+, -+sitzen+ und +stehen+ dazu verführt hätten. Weil man sagt: der Hut -+paßt dir+, +sitzt dir+, +steht dir+, so sagte man auch: er +kleidet -dir+. Richtig ist natürlich nur: er +kleidet dich+. - -In der Redensart: es +lohnt der Mühe+ (oder: es lohnt nicht der Mühe) -ist +der Mühe+ gar nicht der Dativ, sondern der Genitiv (statt: +für+ -die Mühe, +wegen+ der Mühe). Die Redensart hat etwa denselben Sinn wie: -es ist +der Mühe wert+ (oder: es ist nicht der Mühe wert). Zu sagen: es -+lohnt+ nicht +die Mühe+ -- ist also nichts als eine Ausweichung aus -Unwissenheit. - -Ganz unsinnig wird jetzt die Redensart +sich Rats erholen+ gebraucht, -z. B. dort kannst du +dir+ am besten +Rats erholen+! Das +sich+ in -dieser Redensart ist ebenfalls nicht der Dativ, sondern der Akkusativ, -+Rats+ ein frei angeschlossener Genitiv; es heißt: ich +erhole mich -Rates+. Noch Benedix schreibt 1866 in den Zärtlichen Verwandten -richtig: bei mir allein mußt du +dich Rats erholen+. Der Fehler wird -auch nicht besser, wenn man statt +Rats+ sagt +Rat+: in Einzelheiten -+erholte ich mir Rat+ bei besonders sachkundigen Personen, denn dann -hat das +er+holen gar keinen Sinn mehr; es genügt dann, zu sagen: +hole -dir+ bei mir +Rat+, so gut wie: hole dir bei mir Geld. Wenn man die -Redensart nicht mehr versteht und nicht mehr richtig anzuwenden weiß, -warum gebraucht man sie dann noch? (Vgl. auch +dünken+ S. 53.) - -Ein süddeutscher Provinzialismus ist es, +verdenken+ so wie +beneiden+ -zu verbinden: wer kann +ihn darum verdenken+? In gutem Deutsch wird -es verbunden wie +verargen+, +verübeln+: ich kann +dir das+ nicht -+verdenken+. - - -Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? - -Nicht ganz so lächerlich ist der Streit, ob es heißen müsse: er hat -+mir+ oder er hat +mich+ auf den Fuß getreten. Jeder verbindet ohne -Besinnen mit dem Akkusativ der Person: +in den Finger schneiden+, +ins -Bein beißen+, +aufs Maul schlagen+, +auf die Stirn küssen+ (Luther: du -wirst +ihn in die Ferse stechen+). Jeder verbindet eben so sicher mit -dem Dativ der Person: +unter die Arme greifen+, +auf die Finger sehen+, -+auf den Zahn fühlen+, +auf die Schleppe treten.+ Warum dort der -Akkusativ und hier der Dativ? Was ist der Unterschied zwischen diesen -beiden Gruppen von Redensarten? Worauf kommt es an? - -Zunächst ist klar, daß, wenn die Person im Akkusativ steht, zuerst -die Person im ganzen als von einer Tätigkeit betroffen hingestellt -wird, und dann noch nachträglich der einzelne betroffne Körperteil -hinzugefügt wird. Steht die Person im Dativ, so wird der betroffne -Körperteil in den Vordergrund gerückt und die Person mehr als -beteiligt, in Mitleidenschaft gezogen, nicht als unmittelbar betroffen -hingestellt. Das paßt nun zu den mitgeteilten Beispielen vortrefflich. -Wird jemand nur auf ein Kleidungsstück getreten, so wird sein Körper -gar nicht davon berührt; alle andern Redensarten der zweiten Gruppe -aber sind bildliche Wendungen, bei denen ebenfalls kein wirkliches, -leibliches Angreifen, Ansehen, Anfühlen gemeint ist. So wird es nun -auch leicht verständlich, warum man wohl sagt: er hat +mich ins -Gesicht geschlagen+, aber: das +schlägt der Wahrheit ins Gesicht+ -- -der Mörder hatte +ihn mitten ins Herz gestochen+, aber: deine Klagen -+schneiden mir ins Herz+ -- der Schmied hat +das Pferd auf den Schenkel -gebrannt+, aber: solange nicht +dem deutschen Michel+ die +Not auf die -Nägel brennt+ -- du hast +mich+ mit deinem Stock ins +Auge gestochen+, -aber: am Schaufenster +stach mir+ ein schöner Brillantschmuck +ins -Auge+. Erschöpft wird die Sache mit dieser Unterscheidung zwar nicht, -aber man kann sich, wenn man sie sich vor Augen hält, auch in andern -Fällen leicht klarmachen, weshalb die Sprache hier den Dativ, dort -den Akkusativ vorzieht oder vorziehen -- sollte, weshalb man also -z. B. sagt: +seinem Freund auf die Schulter klopfen+ (obwohl das -doch wirklich und nicht bildlich geschieht). Bisweilen bedeutet der -Akkusativ der Person mehr das Absichtliche: weshalb +trittst du mich+ -denn +auf den Fuß+? der Dativ mehr das Unabsichtliche: +mir+ hat vorhin -einer +auf den Fuß getreten+, das tut mir jetzt noch weh. - - -Zur Steuerung des Notstandes - -Ein persönliches Passivum kann natürlich nur von solchen Zeitwörtern -gebildet werden, die ein direktes Objekt (im Akkusativ) zu sich -nehmen: ich +bestreite die Nachricht+ -- +die Nachricht wird+ von -mir +bestritten+. Von Zeitwörtern, die ein indirektes Objekt (im -Dativ) haben, läßt sich nur ein unpersönliches Passivum bilden: -ich +widerspreche der Behauptung+ -- +der Behauptung+ (nicht: +die -Behauptung+!) wird +von mir widersprochen+. Daher ist es falsch, so, -wie es unsre Zeitungen jetzt täglich tun, von +unwidersprochnen+ -Nachrichten zu reden, oder zu sagen wie unsre Reichstagsabgeordneten: -dieser Artikel darf nicht +unwidersprochen+ bleiben, diese Äußerung -möchte ich nicht +unwidersprochen+ ins Land gehen lassen. +Unwiderlegt+ --- das wäre richtig, und aufs Widerlegen kommts doch wohl auch viel -mehr an als aufs Widersprechen. Ebenso falsch sind +bedankt+ und -+unbedankt+ (nun sei +bedankt+, mein lieber Schwan! -- der Vorstand -kann Sie an diesem Tage nicht +unbedankt+ hinweggehen lassen); denn -es heißt nicht: +ich danke dich+, sondern ich +danke dir+, oder: ich -+bedanke mich bei dir+.[114] - -Ebenso kann natürlich ein Objektsgenitiv nur an solche -Verbalsubstantiva gehängt werden, die aus Zeitwörtern mit direktem -Objekt gebildet sind. Falsch und liederlich ist es, zu schreiben: -die +Kündigung der Arbeiter+ (wenn nicht gemeint ist, daß die -Arbeiter kündigen, sondern daß +den Arbeitern gekündigt wird+), ebenso -falsch: zur +Steuerung+ oder zur +Abhilfe des Notstandes+ -- sie war -zur +Hilfeleistung ihrer+ Mutter anwesend -- denn +gesteuert+ oder -+abgeholfen+ wird +dem+ Notstande, nicht +der+ Notstand. - - -Voller Menschen - -Das Adjektivum +voll+ verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv -oder, je nachdem, mit der Präposition +von+, z. B.: die Straßen waren -+voll geputzter Menschen+ -- er war +deines Lobes voll+ -- das ganze -Haus war +voll von Altertümern+ und +Merkwürdigkeiten+. Daneben ist -noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu +voll+ zu setzen: -+voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen+ usw. Das -ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird. -Wenn man +voll Liebe+ sagte, so meinte man natürlich ursprünglich -auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war, -verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei -männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise -sind ja auch Verbindungen entstanden wie: +ein Stück Brot, ein Glas -Wein+. - -Nun aber +voller+ -- wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang -und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben, -aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so -gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe -oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen. -Die Kirche war +voller Menschen+ -- der Kerl ist +voller Neid+ -- der -Garten ist +voller Unkraut+ -- der Himmel hängt ihm +voller Geigen+ -- -der Junge steckt +voller Schnurren+ -- darf man so schreiben? Ei, gewiß -darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans -nicht schreiben dürfen? - -+Voller+ ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf -alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat -(ganz ebenso wie +selber+ und ebenso wie +selbst+, das nichts andres -als das erstarrte Neutrum +selbs+ ist). Schon Luther scheint über -diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der -Annahme gekommen zu sein, daß +voller+ aus +voll der+ entstanden sei; -er gebraucht es gern, aber immer nur -- vor dem Femininum und vor dem -Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im -Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache -ist sie durchaus nicht unwürdig.[115] - - -Zahlwörter. Erste Künstler - -In dem Wesen und der Bedeutung des Superlativs liegt es begründet, daß -er eigentlich nur den bestimmten Artikel haben kann: unter hundert -Männern von verschiedner Größe ist einer +der+ größte. Sind drei von -dieser Größe darunter, so sind diese drei +die+ größten. Dann ist aber -einer von diesen dreien nicht +ein größter+ -- das ist undeutsch! ---, sondern +einer der größten+. Darum ist es eine Abgeschmacktheit, -zu schreiben: Lessings Andenken wird gepflegt wie +eine seltenste+ -Blume im Treibhause -- ein 45jähriger, der +einer reifsten+ Zukunft -entgegenschreitet. Nur in der Mehrzahl kann man allenfalls, wie der -Kaufmann, von +billigsten Preisen+ oder, wie der Philosoph, von -+kleinsten Teilen+ reden. - -Ebenso abgeschmackt ist es, zu sagen: dieses Denkmal wird stets +einen -ersten+ Rang behaupten -- die Politik spielte in seinem ganzen Leben -+eine erste Rolle+ -- und von +ersten Künstlern+, +ersten Opernsängern+ -zu reden oder von +ersten Firmen+, +ersten Häusern+, wie es jetzt in -den Anpreisungen der Geschäftsleute täglich geschieht. Gemeint ist -weiter nichts als +bedeutend+, +hervorragend+, +ausgezeichnet+ -- -warum sagt man das nicht?[116] So ist es auch unlogisch, zu sagen: -+ein letzter+ Wunsch des Verstorbnen, +eine Hauptursache+ des Erfolgs; -sorgfältig ausgedrückt muß es heißen: +einer der letzten+ Wünsche, -+eine der Hauptursachen+ des Erfolgs, denn auch die +Hauptursache+ -ist ein superlativischer Begriff von derselben Bedeutung wie: die -+höchste+, die +wichtigste+ Ursache. - -Statt vom +fünfzigsten+ oder +sechzigsten+ Geburtstag redet man -jetzt öfter vom +fünfzigjährigen+: das Buch ist als Festschrift zum -+fünfzigjährigen Geburtstage+ Max Klingers erschienen. Das ist völliger -Unsinn. Von einem +fünfzigjährigen+ oder +hundertjährigen Jubiläum+ -kann man reden, denn da feiert man den ganzen Zeitraum, mit dem -Geburtstag aber nur den einzelnen Tag. - -Recht unfein klingt es, wie es in militärischen Kreisen üblich ist, -hinter Personennamen die Kardinalzahl zu gebrauchen und von +Fischer -eins+, +Meyer sieben+ zu reden. Vielleicht -- soll es unfein klingen. -Oder wollen wir in Zukunft auch von +Otto drei+ und +Heinrich acht+ -reden? Wie mag +Wilhelm zwei+ darüber denken? - - -Die Präpositionen - -Eine grauenvolle Liederlichkeit hat in der niedrigen Geschäftssprache -in der Behandlung der Präpositionen um sich gegriffen. Vor allem -erscheint immer häufiger der Akkusativ hinter Präpositionen, die den -Dativ verlangen. Schweinsknochen +mit Klöße+, Spinat +mit Eier+, -Kotelette +mit Steinpilze+, Sülze +aus Kalbskopf+ und +Füße+ -- anders -wird auf Leipziger Speisekarten kaum noch geschrieben. Das ist freilich -Kellnerdeutsch, aber wen trifft die Schande für solche Sprachsudelei? -Und ist es nicht eine Beleidigung der Gäste, wenn ihnen Wirte solches -Schanddeutsch vorsetzen? Aber auch an Schaufenstern kann man lesen: -Sohlen +mit Absätze+ -- Neuvergoldung +von Spiegel+ -- Verkauf -+von Zauberapparate+ -- Stühle werden +mit Roßhaare+ gepolstert -- -Regentropfen +auf Hüte+ werden sofort beseitigt -- großes Lager +in -Regenmäntel+ -- Ausstellung +in Damenstiefel+; Zeitungen schreiben: -er wurde +zu zwei Monate+ Gefängnis verurteilt -- und sogar Behörden -machen bekannt: die Lieferung +von+ hundert Stück +gebrauchte+ -Schwellen -- das Abladen +von+ dreißig Kubikmeter +Bruchsteine+ -- das -Befahren dieses Weges +mit Lastfuhrwerke+ usw.[117] - -In andern Fällen drängt sich auf ganz lächerliche Weise der Genitiv -an die Stelle des Dativs. In Leipzig kann man von Halbgebildeten -hören: +unter meines Beiseins+ -- +nach meines Erachtens+; aber auch -Gebildete schreiben: +dank dieses Umstands+ -- +dank des+ mir von allen -Seiten entgegengebrachten ehrenvollen +Vertrauens+ -- +dank dieser -Eindrücke+ meiner Jugendzeit -- +dank seines+ ins einzelste gehenden -+Verständnisses+ -- +dank des+ reichen und neuartigen +Programms+ -- -+dank der Geschenke+ der Offiziere und +andrer+ Zuwendungen. Wie in -aller Welt ist eine solche Verirrung möglich? Man könnte glauben, den -Leuten schwebe bei ihrem +dank+ mit dem Genitiv etwas ähnliches vor -wie: +kraft meines Amts+, +laut deines Briefs+, +statt eines Auftrags+; -+kraft+, +laut+ und +statt+ werden mit Recht mit dem Genitiv verbunden, -denn ursprünglich hieß es: +in Kraft+ (oder: +durch Kraft+), +nach -Laut+, +an Statt+. Aber +dank+ ist doch einfach +Dank+, es hat nie eine -Präposition vor sich gehabt, es verlangt also auch unbedingt den Dativ: -+dank deinem Fleiße+, +dank deinen Bemühungen+ ist es gelungen usw. -Die wunderlichen Beispiele: +unter meines Beiseins+ und +nach meines -Erachtens+ zeigen, wie der falsche Genitiv zustande kommt: er entsteht -durch Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv im Femininum. +Nach -meiner Meinung+, +unter meiner Mitwirkung+, +dank deiner Bemühung+ --- das klingt den Leuten wie ein Genitiv, und so sagen sie nun auch -fröhlich: +dank dieses Umstands+. Man kann hier einmal die Entstehung -einer Sprachdummheit an ihrer Quelle beobachten. Genau so ist es mit -+trotz+ gegangen: da sind wir jetzt glücklich so weit, daß der richtige -Dativ für einen Fehler und der falsche Genitiv für das Richtige erklärt -wird. Vielleicht kommt es auch noch mit +dank+ dahin, und wenn wir uns -rechte Mühe geben, auch mit +nach+, +unter+ und -- +gemäß+; denn schon -schreibt man auch: die Arbeiter sind +gemäß ihres+ Beschlusses heute -früh wieder in der Fabrik erschienen. - -Die Redensart +sich an etwas halten+ -- verlangt sie nach +an+ den -Dativ oder den Akkusativ? In äußerlicher, sinnlicher Bedeutung -unzweifelhaft den Dativ: man +hält sich an einer Stange, an einem -Seile+ (an). In übertragner Bedeutung hat man früher geschwankt -(Goethe: wer klug ist, wird sich +am Zugänglichen+ halten). Heute ist --- unter dem Einflusse sinnverwandter Wendungen wie: +sich wenden an, -sich stützen auf+, +sich verlassen auf+ -- nur noch der Akkusativ -üblich: wenn er mich nicht bezahlt, so halte ich mich +an dich+ -- ich -halte mich lieber +ans Gewisse+ als +ans Ungewisse+. - -Die allerneuesten Präpositionen sind +ungerechnet+ und +unerwartet+. -Sie werden beide mit dem Genitiv verbunden: +unerwartet des Beitritts+ -andrer Eisenbahnverwaltungen -- es hatten vierhundert Händler feil, -+ungerechnet derer+, die in den Höfen standen. Beide sind natürlich -dem eben so schönen +ungeachtet+ nachgebildet, das schon älter -ist: +ungeachtet seines Widerspruchs+. Auch hier sieht man eine -Sprachdummheit an der Quelle. Ursprünglich hieß es: +ungeachtet seinen -Widerspruch+; das war aber ein absolutes Partizip im Akkusativ. - - -Nördlich, südlich, rechts, links, unweit - -Alle Präpositionen sind ursprünglich einmal Adverbia gewesen. -Auch die häßlichen, langatmigen Modepräpositionen unsrer Amts- -und Zeitungssprache: +anläßlich+, +gelegentlich+, +inhaltlich+, -+antwortlich+, was sind sie zunächst anders als Adverbia? Neuerdings -soll nun aber noch eine Anzahl weiterer Adverbia mit aller Gewalt zu -Präpositionen gepreßt werden, nämlich: +rechts+, +links+, +nördlich+, -+südlich+, +östlich+, +westlich+ und +seitlich+ (das letzte ein recht -überflüssiges Wort). Niemand wird bestreiten, daß auch diese Wörter -Adverbia sind. Um anzugeben, im Vergleich womit etwas rechts oder -links, nördlich oder südlich sei, haben wir denn auch bis vor kurzem -immer die Präposition +von+ zu Hilfe genommen und gesagt: +rechts von+ -der Straße, +nördlich von+ den Alpen. Da haben nun offenbar manche -Leute geglaubt, +von+ sei hier, wie so oft, eine bloße Umschreibung -des Genitivs, und da sei es doch gescheiter, lieber gleich den Genitiv -zu setzen. Und so hat sich denn immer mehr der Fehler verbreitet, zu -schreiben: +rechts+ und +links der Szene+, +nördlich des Viktoriasees+, -+südlich der Kirche+, +seitlich des Altars+, ja neuerdings sogar -+abseits aller Parteien+ und +ringsum des Marktes+. Namentlich -Architekten, Techniker oder Geographen schreiben gar nicht mehr anders, -aber auch der gebildete Philister am Biertisch sagt schon: Meißen liegt -doch +links der Elbe+. Ein Fehler ist es aber doch, wenigstens solange -es noch Menschen gibt, die so altväterisch sind, zu glauben, +rechts+ -und +links+, +nördlich+ und +südlich+ seien Adverbia, und solange -- -die Schule ihre Schuldigkeit tut. - -Ebenso verhält sichs mit den verneinten Adverbien +unfern+ und -+unweit+. Auch sie können von Rechts wegen nur als Adverbia gebraucht -werden: +unweit von+ dem Dorfe; aber auch sie hat man zu Präpositionen -zu pressen gesucht, und weiß nun nicht, ob man sie mit dem Genitiv -oder, wie das gleichbedeutende +nahe+, mit dem Dativ verbinden soll; -die einen schreiben: +unfern des Bodensees+, +unweit des Flusses+, -andre: +unfern dem Schlosse+, +unweit dem Tore+. Und das hat wieder -zur Folge gehabt, daß man sogar bei +nahe+ irre geworden ist und zu -schreiben anfängt: +nahe Leipzigs+! Auch +nahe+ ist keine Präposition, -sondern ein Adverbium (+nahe bei+, +nahe an+), und als Adjektiv kann es -unzweifelhaft nur den Dativ haben; +unfern+ aber und +unweit+ könnte -man sich doch ganz ersparen; sie sind gesucht (wie +unschwer+; vgl. S. -273) und der lebendigen Sprache fremd. - - -Im oder in dem? zum oder zu dem? - -Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte -Artikel mit der Präposition verschmolzen werden darf, und in welchen -Fällen nicht, wann es also heißen darf: +im+, +vom+, +zur+, +aufs+, -+ins+ (oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann, +auf’s+, -+in’s+, vielleicht auch +i’m+, +zu’r+?), und wann: +in dem+, +von -dem+, +auf das+ usw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich -selbstverständlich. - -Der bestimmte Artikel +der+, +die+, +das+ hat ursprünglich -demonstrativen oder determinativen Sinn, er bedeutet dasselbe -wie +dieser+, +diese+, +dieses+, oder wie das schöne Kanzleiwort -+derjenige+, +diejenige+, +dasjenige+. In dieser Bedeutung wird er -ja auch noch täglich gebraucht, er wird dann gedehnt gesprochen und -betont: +deer+, +deem+, +deen+ (man nehme nur seine Ohren zu Hilfe, -nicht immer bloß die Augen!), während er als bloßer Artikel unbetont -bleibt und kurz gesprochen wird. Nun ist es doch klar, daß die -Verschmelzung mit der Präposition nur da eintreten kann, wo wirklich -der bloße Artikel vorliegt. Verschlungen oder verschluckt werden kann -immer nur ein Wort, das keinen Ton hat. Es ist also richtig, zu sagen: -du wirst schon noch +zur Einsicht+ kommen, wenn gemeint ist: zur -Einsicht überhaupt, zur Einsicht schlechthin, oder: ich habe +im guten -Glauben+ gehandelt. Sowie aber durch einen nachfolgenden Nebensatz eine -bestimmte Einsicht, ein bestimmter guter Glaube bezeichnet wird, so ist -eben so klar, daß dann der Artikel einen Rest seiner ursprünglichen -demonstrativen oder determinativen Kraft bewahrt hat, und dann kann von -einer Verschlingung mit der Präposition keine Rede sein. Es kann also -nur heißen: als er nach Jahren +zu der Einsicht+ kam, +daß+ er nicht -zum Künstler geboren sei -- ich habe +in dem guten Glauben+ gehandelt, -+daß+ ich in meinem Rechte wäre. Dennoch muß man fort und fort so -fehlerhafte Sätze lesen wie: die Bauern kamen +zum Bewußtsein, daß+ -sie auf weitere Schenkung von Grund und Boden nicht rechnen dürften --- im +Bewußtsein, daß+ es der Reichshauptstadt an einem Mittelpunkte -künstlerischer Bestrebungen +fehle+ -- er kam +zur Überzeugung, daß+ -alles Suchen vergeblich sei -- die Vergleichung seiner Landsleute mit -den Deutschen von ehemals führte Melanchthon +zur Erklärung, daß+ die -Deutschen leider ihren Vorfahren unähnlich geworden seien -- folgende -Erwägung führt +zur Vermutung, daß+ die Ohnmacht Gretchens einem -geschichtlichen Fall nachgebildet sei -- vielleicht wird die praktische -Beschäftigung +zur Erkenntnis+ gelangen, daß die Rückkehr zum -historischen Ausgangspunkte geboten sei -- er sah sich +zum Geständnis+ -genötigt, +daß+ er sich getäuscht habe -- das Komitee empfahl seinen -Kandidaten im festen +Vertrauen, daß+ ein paar Schlagwörter genügen -würden. In allen diesen Sätzen ist die Verschmelzung der Präposition -mit dem Artikel ein grober Fehler. Es ist unbegreiflich, wie jemand -dafür das Gefühl verlieren kann. - -Die nähere Bestimmung kann aber auch durch einen Infinitiv mit +zu+, -durch einen Relativsatz, durch ein Attribut ausgedrückt werden -- -auch dann darf der Artikel nicht verschlungen werden. Also auch -folgende Sätze sind falsch: er stand +im Rufe+, es mit der klerikalen -Partei +zu halten+ -- er starb +im Bewußtsein+, die teuersten Güter -des Vaterlandes verteidigt +zu haben+ -- unter Eigentum verstehen -wir die volle Herrschaft über eine Sache bis +zur Befugnis+, sie -+zu vernichten+ -- er hielt +am Gedanken+ fest, +sich+ sobald als -möglich von dieser Last +zu befreien+ -- er stand +im Verdacht+, -einem verbotnen Verein +anzugehören+ -- er wurde +vom Verdacht+, ein -preußischer Spion +zu sein+, freigesprochen -- er war +vom reinsten -Willen+ erfüllt, Versöhnung mit Gott +zu finden+ -- +im Augenblick, -wo+ er mich sah -- Goethe schlug den Hans Sachsischen Ton auch +zur -Zeit+ an, +wo+ er sich sonst meist der neueren Formen bediente -- er -ist nicht sparsam +im Lobe, das+ den polnischen Pferden gebührt -- -+im Deutschen, das+ heute geschrieben wird (+in dem Deutsch, das+!) --- sie tranken fleißig +vom Weine, der+ auf der reichbesetzten Tafel -stand -- diese Arie gehört +zum Besten, was+ Verdi geschrieben hat --- Vischer hat es nie +zur Volkstümlichkeit Scheffels+ gebracht -- -ein unbewachter Augenblick stürzte +ihn vom Thron seiner Tugendgröße+ --- +im Alter von+ 60 Jahren -- +zum+ ermäßigten +Preise von+ 15 Mark --- +vom Streit um+ Kleinigkeiten -- +im Bande über+ Leibniz -- +im -Essay über+ Auerbach -- +im Hause+ Berliner Straße Nr. 70 usw. +Im -Augenblicke+ und +zurzeit+ können nur allein stehen, beides bedeutet -dann soviel wie +jetzt+; ebenso auch: +im Alter+, +im Hause+. Auch +im -Essay+ kann nur allein stehen, der Essay wäre dann als Gattung etwa -dem Roman gegenübergestellt: dergleichen kann man sich wohl +im Roman+ -erlauben, aber nicht +im Essay+; von einem bestimmten Essay aber kann -es nur heißen: +in dem Essay+ über Auerbach. Ja es gibt sogar Fälle, -wo gar kein Zusatz hinter dem Hauptwort zu stehen braucht und doch die -Verschmelzung des Artikels mit der Präposition ein Fehler wäre: wenn -nämlich nach dem ganzen Zusammenhange nicht das Ding an sich, sondern -ein bestimmtes Ding gemeint ist. So ist z. B. falsch: die Beziehungen, -in denen Otto Ludwig +zur Stadt+ und ihren Bewohnern stand -- wenn -Leipzig unter der Stadt gemeint ist; es muß heißen: +zu der Stadt+ und -ihren Bewohnern. +Zur Stadt+ könnte nur im Gegensatz zum Lande gesagt -sein.[118] - -Eine Unsitte ist es daher auch, zu schreiben, wie es immer mehr Mode -wird: +im selben+ Augenblick -- die +vom selben+ Verlag ausgegebnen -Kupferstiche -- die Erfüllung dieser Aufgaben kann +beim selben+ -Objekt verschieden erreicht werden. Wer sorgfältig schreiben will, kann -nur schreiben: +in demselben+ Augenblick, +von demselben+ Verlag, +bei -demselben+ Objekt. - -Wo wirklich der bloße Artikel vorliegt, da sollte aber auch nun überall -die Verschmelzung vorgenommen werden; nicht bloß in der lebendigen -Sprache -- da fehlts ja nicht daran --, sondern auch auf dem Papier. -Welche Ziererei, zu schreiben: Alle diese schönen Pläne sind +in das+ -Wasser gefallen! Kein Mensch sagt: +an das Land+ steigen, der Kampf -+um das Dasein+, eine Anstalt +in das Leben+ rufen, einen Vorgang -+an das Licht+ ziehen, einen +hinter das Licht+ führen, eine Sache -+über das Knie+ brechen, +in das Auge+ fallen, einem +in das Gesicht+ -sehen, etwas +in das Werk+ setzen, eine Sache +in das Reine+ bringen, -sich +auf das hohe Pferd+ setzen, sich +auf das beste+, +auf das -bequemste+ einrichten, sondern: +ans Land+, +ums Dasein+, +ins Leben+, -+ans Licht+, +aufs beste+, +aufs bequemste+ (wie: +aufs neue+). Also -schreibe und drucke man auch so. Dagegen ist wieder falsch: sich +aufs -hohe Pferd des Sittenrichters+ setzen -- denn hier ist ein bestimmtes -hohes Pferd gemeint. Ebenso ist zu unterscheiden: +im öffentlichen -Leben+ eine Rolle spielen und: +in dem öffentlichen Leben Deutschlands+ -eine Rolle spielen. - -Wenn von einer Präposition mehrere Substantiva abhängen und beim -ersten die Präposition mit dem Artikel verschmolzen worden ist, so -ist es sehr anstößig, bei den folgenden Substantiven den Artikel -aus der Verschmelzung wieder herauszureißen und mit Weglassung der -Präposition zu schreiben: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz -oder +dem+ Platze des sonstigen Unglücksfalles -- von Platos realen -Begriffen bis +zur+ Goldmacherkunst und +der+ Telepathie -- Geschichte -+vom+ braven Kasperl und +dem+ schönen Annerl (Brentano). Die -Verschmelzung +vom+ wirkt im Sprachgefühl fort auf das folgende Wort: -man hört also unwillkürlich: +vom dem+ Platze. In solchen Fällen ist -es unbedingt nötig, entweder auch die Präposition zu wiederholen, -also: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz oder +vom+ Platze -des sonstigen Unglücksfalles, oder von vornherein die Verschmelzung -zu unterlassen und zu schreiben: +von dem+ Brandplatze oder +dem+ -Platze des sonstigen Unglücksfalles. Ebenso verhält sichs bei der -Apposition. Es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: +im+ Süden, +dem+ -taurischen Gouvernement -- +am+ 12. Januar 1888, +dem+ dreihundertsten -Geburtstage Riberas; auch bei der Apposition muß es wieder +im+ und -+am+ heißen. Doppelt anstößig wird der Fehler, wenn die Substantiva -im Geschlecht oder in der Zahl verschieden sind, z. B. +im+ Berliner -Tageblatt und +der+ geistesverwandten Presse -- das +am+ Ananias und -+der+ Saphira vollzogne Strafwunder -- die +vom+ Anarchismus und +der+ -Sozialdemokratie drohenden Gefahren -- von der Universität herab bis -+zur+ Volksschule und +dem+ Kindergarten -- das hängt +vom+ guten -Willen und +der+ Zahlungsfähigkeit der Untertanen ab -- Eingang +zum+ -Garten und +der+ Kegelbahn. Auch hier muß überall die Präposition -wiederholt werden. Der Gipfel der Nachlässigkeit ist es, die -Wiederholung der Präposition dann zu unterlassen, wenn der bestimmte -Artikel mit der artikellosen Form wechselt: z. B. +zur+ Annahme von -Bestellungen und direkt+er+ Erledigung derselben; es muß heißen: +zur+ -Annahme und +zu+ direkt+er+ Erledigung. - - -Aus: „Die Grenzboten“ - -Zu den größten irdischen Freuden des Papiermenschen gehören die -sogenannten Gänsefüßchen. Der Schulmeister, der auf Verständnis -rechnen kann, wenn er dem Achtjährigen zum erstenmal in die Feder -diktiert: der Vater fragte -- Doppelpunkt -- Gänsefüßchen unten -- -wo bist du gewesen, Max -- Fragezeichen -- Gänsefüßchen oben --, hat -das stolze Gefühl, daß er seinen Zögling zu einer der wichtigsten -Entwicklungsstufen seiner Geistesbildung emporgeführt habe. Aber -nicht bloß Schulmeister und Schulknaben, auch andre Leute, z. B. -Romanschriftsteller, haben an diesen Strichelchen eine kindische -Freude; es gibt Romane, in denen man vor lauter Gänsefüßchen fast -nichts vom Dialog sieht. Ein Hochgenuß beim Lesen ist es, wenn Er -immer mit zweien („--“), Sie immer mit vieren („„--““) erscheint; dann -flimmert es einem förmlich vor den Augen. - -Die Gänsefüßchen sind, wie der Apostroph (vgl. S. 8), eine jener -nichtsnutzigen Spielereien, die -- es steht nicht fest, ob durch den -Schulmeister oder durch den Druckereikorrektor -- eigens für die -Papiersprache erfunden worden sind. Wenn jemand einen Roman vorliest, -so kann er doch die Gänsefüßchen nicht mitlesen, und doch versteht ihn -der Zuhörer. Wozu schreibt und druckt man sie also? Einen Zweck haben -sie nur da, wo man Wörter oder Redensarten ironisch gebraucht (um sie -lächerlich zu machen), oder wo man mitten in seine eigne Darstellung -eine Stelle aus der Darstellung eines andern einflicht.[119] Aber auch -da sind sie überflüssig, wenn diese Stelle in fremder Sprache oder in -Versen ist, sich also schon durch die Schriftgattung (Antiqua, Kursiv, -Petit) von dem übrigen Text genügend abhebt. Ebenso überflüssig aber -und nichts als eine Spielerei sind sie bei Namen und bei Überschriften -und Titeln von Büchern, Schauspielen, Opern, Gedichten usw. Wenn man -sagt: der Kaiser hatte eine Reise +auf der Hohenzollern+ gemacht -- so -versteht das doch jedermann, und ebenso wenn man sagt: der Vers ist -+aus Goethes Iphigenie+. Manche Lehrer behaupten zwar, die Iphigenie -ohne Gänsefüßchen sei die Person des Schauspiels, die Iphigenie mit -Gänsefüßchen sei das Schauspiel selbst; kann man aber in der lebendigen -Sprache diese Unterscheidung machen? - -Das ärgste aber ist es und eine der abgeschmacktesten Erscheinungen -der Papiersprache, wenn Titel und Überschriften wie Versteinerungen -behandelt werden, und geschrieben wird: die Redaktion +des+ „Wiener -Fremden+blatt+“, +des+ „Berliner Tage+blatt+“ und ebenso nach -Präpositionen: Vorspiel +zu+ „+Die+ Meistersinger“ -- Ouverture +zu+: -„+Die+ Fledermaus“ -- einzelne Bilder +aus+ „+Der+ neue Pausias“ --- Bemerkungen zu Goethes „+Der+ getreue Eckardt“ -- erweiterter -Separatabdruck +aus+ „+Der+ praktische Schulmann“ -- diese Aufsätze -haben zuerst +in+ „+Die+ Grenzboten“ gestanden usw. Jedermann sagt: ich -bin gestern abend +in der+ Fledermaus gewesen, der Vers ist +aus dem+ -Neuen Pausias, ich habe das +im+ Praktischen Schulmann gelesen, die -Aufsätze haben +in den+ Grenzboten gestanden. Versteht man das nicht? -Wenn mans aber mit den Ohren versteht, warum denn nicht mit den Augen? - -Einige Verlegenheit bereiten ja die jetzt so beliebten Zeitungs- und -Büchertitel, die, anstatt aus einem Hauptwort, aus einer adverbiellen -Bestimmung bestehen, wie: +Aus unsern vier Wänden+, +Vom Fels zum -Meer+, +Zur guten Stunde+ u. ähnl. Jedes natürliche Sprachgefühl -sträubt sich doch dagegen zu sagen: ich habe das +in Vom+ Fels zum Meer -gelesen. Aber immer dazuzusetzen: in dem Buche, in der Zeitschrift -- -was schließlich das einzige Rettungsmittel ist -- ist doch langweilig. - - -Nach dort - -Statt +hin+ und +her+ schreiben unsre Kaufleute jetzt in ihren -Geschäftsbriefen +nach dort+ und +nach hier+: kommen Sie nicht in -den nächsten Wochen einmal +nach hier+? Wenn nicht, so komme ich -vielleicht einmal +nach dort+. Auch die Zeitungen berichten: Herr M. -ist als Bauinspektor +nach hier+ versetzt worden. Und wenn ein paar -Handlungsreisende bei kühlem Wetter in einem Biergarten sitzen, fragen -sie sich sogar: Wollen wir uns nicht lieber +nach drin+ setzen? Diese -neumodische schöne Ortsbestimmung ist freilich nicht ohne Beispiel: -schon längst hat man zur Bezeichnung einer Richtung, statt die auf die -Frage wohin? antwortenden Ortsadverbien zu gebrauchen, die Präposition -+nach+ mit Ortsadverbien verbunden, die auf die Frage wo? antworten, -z. B. +nach vorn+, +nach hinten+, +nach oben+, +nach unten+, statt: -+vor+, +hinter+, +hinauf+, +herunter+. Auch Schiller sagt im Taucher: -Doch es war mir zum Heil, er riß mich +nach oben+. Und ebenso hat man -auf die Frage woher? geantwortet: +von vorn+, +von hinten+, +von oben+, -+von unten+, sogar +von hier+, +von dort+. Nur +nach hier+, +nach -dort+ und +nach drin+ hatte noch niemand zu sagen gewagt. Aber warum -eigentlich nicht? Offenbar aus reiner Feigheit. Wir können also dem -kaufmännischen Geschäftsstil für seinen sprachschöpferischen Mut nur -dankbar sein. Schade, daß Goethe das Lied der Mignon nicht mehr ändern -kann; das müßte doch nun auch am Schlusse heißen: +nach dort, nach -dort+ möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn![120] - - -Bis - -Viel Nachlässigkeiten und Dummheiten werden in den Zeitangaben -begangen. Ein Ausdruck wie: +vom 16. bis 18. Oktober+ soll dabei -noch nicht einmal angefochten werden, wiewohl, wer sorgfältig -schreiben will, hinter +bis+ die Präposition nie weglassen, sondern -schreiben wird: +bis zum 18. Oktober+. Denn +bis+ ist zwar selbst -eine Präposition, es ist aber auch eine Konjunktion, es ist ein -Mittelding zwischen beiden, und bei Ortsbestimmungen verlangt es noch -ein +an+, +auf+, +in+, +zu+, +nach+, nur vor Städte- und Ländernamen -kann es allein stehen, aber doch auch nur dann, wenn eine Strecke, -eine Ausdehnung, aber nicht, wenn ein Ziel angegeben wird. Man kann -also wohl sagen: +bis morgen+, +bis Montag+, +bis Ostern+, sogar: -+bis nächste Woche+, auch +bis Berlin+, aber nicht: +bis Haus+, -+bis Tür+. Nur wer in den Straßenbahnwagen gestiegen ist, antwortet -maulfaul auf die Frage des Schaffners: wie weit? +Bis Kirche+. Eine -ganz unzweifelhafte Nachlässigkeit aber ist es, zu schreiben: von -Nikolaus I. +bis Gregor VII+. Denn wie soll man das lesen? +Bis+ -Gregor +den Siebenten+? +bis den+? Wenn das richtig wäre, dann könnte -man auch sagen: wenn wir vom Großvater noch weiter zurückgehen +bis -den Urgroßvater+. Ebenso nachlässig ist es, zu schreiben: Ausgewählte -Texte +des 4. bis 15. Jahrhunderts+, deutsche Liederdichter +des -12. bis 14. Jahrhunderts+ oder mit einem Strich, den man bis lesen -soll: +des 12.-14. Jahrhunderts+,[121] Flugschriften +des 16. bis 18. -Jahrhunderts+, Kulturbilder aus +dem 15. bis 18. Jahrhundert+. Da -hört man erst den Singular +des+, +dem+, und dann kommen drei oder -vier Jahrhunderte hinterher. Wie kann denn +ein+ Jahrhundert das 4. -bis 15. sein! Und doch muß man den Fehler täglich lesen, oft gleich -auf Titelblättern neuer Bücher. Wer sorgfältig schreiben will, wird -schreiben: Flugschriften +des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts+ -- -oder wenigstens: +des 16., 17. und 18. Jahrhunderts+ -- oder: +aus der -Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert+. Das ist zwar etwas umständlich, -aber es geht nicht anders. Wir schrecken ja sonst vor umständlicher -Ausdrucksweise nicht zurück, können uns oft gar nicht breit und -umständlich genug ausdrücken. Warum denn gerade da, wo sie einmal -angebracht ist? - - -In 1870 - -Wie mit +nach hier+ und +nach dort+, verhält sichs auch mit +in+ 1870, -das man neuerdings öfter lesen kann. Jede andre Präposition kann man -so vor die Jahreszahl setzen, man kann sagen: +vor+ 1870, +nach+ -1870, +bis+ 1870 -- aber nicht: +in+ 1870. Warum nicht? Weils nicht -deutsch ist. Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen -und des Englischen. Deutsch ist auf die Frage wann? entweder die bloße -Jahreszahl ohne jede Präposition, oder: +im Jahre+ 1870. - -Bei den Angaben der Monate und der Jahreszeiten scheinen es manche -jetzt für geistreich zu halten, +in+ ganz wegzulassen und zu -schreiben: das geschah +Dezember+ 1774 -- ich wurde +Herbst+ 1874 -immatrikuliert. Auch das ist undeutsch; die Monatsnamen wie die Namen -der Jahreszeiten verlangen unbedingt die Präposition, denn bei ihnen -ebenso wie bei dem ganzen Jahre hat man deutlich die Vorstellung eines -Zeitraums, in dessen Innerm sich ein Ereignis zuträgt. - - -Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? - -Bei periodisch wiederkehrenden Handlungen antwortet auf die Frage: -wie oft? der Genitiv von +alle+ mit einem Zahlwort, z. B.: +aller -vierzehn Tage+, +aller vier Wochen+, +aller zwei Stunden+, +aller -halben Jahre+, +aller Vierteljahre+, +aller hundert Jahre+, ja sogar -ohne Zahlwort: +aller Augenblicke+. Wenigstens in Mitteldeutschland, -namentlich in Sachsen und Thüringen, ist dieser Genitiv allgemein, bei -Hoch und Niedrig, im Gebrauch. Nicht bloß die Leipziger Straßenjugend -spottete von der Leipziger Pferdebahn: und +aller fünf Minuten+, da -bleibt de Karre stehn -- auch die gebildete Mutter sagt zu ihrem Kinde: -bleib doch nicht +aller zehn Schritte+ stehen, oder: du bleibst +ja -aller drei Zeilen hängen+, oder: so was kommt nur +aller Jubeljahre+ -einmal vor (wobei der Zahlbegriff in +Jubel+ steckt: 25, 50, 100), ja -sogar: komm doch nicht +aller Nasen lang+ gelaufen, oder: du störst -mich +aller Augenblicke+, und der Arzt schreibt auf das Rezept: +aller -zwei Stunden+ einen Eßlöffel voll zu nehmen. Mit dem Akkusativ, wie -er in Nord- und Süddeutschland üblich ist, erscheint uns nicht das -Periodische, die Wiederkehr der Handlung in gleichen Zeitabständen, -ausgedrückt. Wenn ich sage: das kann ich +alle Augenblicke+ tun, oder -von einem geladnen Geschoß: geh zurück! es kann +alle Augenblicke+ -losgehen, so heißt das nichts andres als: +jeden Augenblick+, -+jederzeit+, +sogleich+, +sofort+. Sage ich dagegen: es blitzt +aller -Augenblicke+, so heißt das (natürlich mit einer starken Übertreibung): -es blitzt in regelmäßigen Abständen von je einem Augenblick. Wenn sich -jemand beklagt, er habe vierzehn Tage an einem langweiligen Badeorte -sitzen müssen, so kann ich ihn fragen: bist du denn +alle vierzehn -Tage+ dort gewesen? Das ist eine Zeitdauer, keine Wiederholung. Wenn -sich aber die Landpfarrer in regelmäßigen Zwischenräumen von je -vierzehn Tagen zu einer Konferenz in der Stadt zusammenfinden, so -kommen sie nicht +alle+, sonder +aller vierzehn Tage+. Eine Berliner -Zeitschrift verspricht ihren Lesern auf dem Umschlag +alle sieben Tage+ -ein Heft. Sie hält aber ihr Versprechen nicht, denn sie bringt nur -+aller sieben Tage+ eins. Wenn ich sage: ich reise +alle Jahre+ nach -Italien, so kann ich das einemal im März, das andremal im Mai, das -drittemal im Oktober reisen. Will ich dagegen sagen, daß ich die Reise -in genauen Abständen von je einem Jahre mache, so würde ich zwar nicht -sagen: +aller Jahre+ (das ist nicht gebräuchlich), wohl aber, wo es -auf eine genaue Bestimmung einer periodisch wiederkehrenden Handlung -ankommt: +aller zwölf Monate+.[122] - -Da es sich bei diesem eigentümlich gefärbten „distributiven“ Genitiv, -wie man ihn treffend genannt hat, keineswegs um einen niedrigen -Provinzialismus handelt, sondern um eine mundartliche Feinheit, deren -das Norddeutsche wie das Süddeutsche entbehrt, so kann es uns niemand -verdenken, wenn wir ihn nicht dem unklaren, doppelsinnigen Akkusativ -zuliebe fallen lassen. Wir bleiben fest bei unserm +aller vier Wochen+! - - -Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags - -Auch auf die Frage: wann? muß bei periodisch wiederkehrenden Handlungen -stets der Genitiv stehen. Auf die Frage: wann ist der Eintritt ins -Museum frei? kann nur geantwortet werden: +Montags und Donnerstags+, -wenn damit gesagt sein soll, daß es jeden Montag und jeden Donnerstag -so sei. Ebenso bezeichnet +morgens+, +mittags+, +vormittags+, -+nachmittags+, +abends+ Handlungen, die jeden Morgen, jeden Mittag usw. -geschehen. Die einmalige Handlung dagegen wird durch den Akkusativ -ausgedrückt. Aber auch hier herrscht jetzt Verwirrung. Genitive wie -+Sonntags+, +Montags+ gelten jetzt lächerlicherweise manchen beim -Schreiben für unfein, und umgekehrt drängt sich wieder der Genitiv -dahin, wo er nicht hingehört. In der Umgangssprache wird er schon -ganz anstandslos auch von einmaligen Handlungen gebraucht: kommst du -+mittags+ zurück? Nein, ich komme erst +abends+ zurück. Es muß heißen: -+zu Mittag+ und +am Abend+ oder mit dem bloßen Akkusativ: +Mittag+, -+Abend+. Also: ich bin heute +mittag+ in Berlin, aber heute abend schon -wieder in Leipzig; dagegen: ich bin +mittags+ stets in Berlin, +abends+ -stets in Leipzig.[123] Ganz abscheulich ist es, zu schreiben: +anfangs -April+, +anfangs Dezember+, +anfangs der+ fünfziger Jahre, +anfangs der -Spielzeit+, es muß unbedingt heißen: +Anfang April+, +Anfang Dezember+, -wie +Mitte Dezember+, +Ende Dezember+. Auch +Anfang+, +Mitte+, +Ende+ -sind hier Akkusative, +Dezember+ ein (natürlich schlechter!) Genitiv -(vgl. S. 8). +Anfangs+ kann immer nur allein als Adverbium stehen, im -Gegensatze zu +dann+, +später+, +endlich+ (+anfangs+ wollt ich fast -verzagen). - - -Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier Monate - -Ein widerwärtiger Mißbrauch, der aber auch neuerdings für vornehm gilt --- natürlich! es klingt ja französisch --, ist der Gebrauch, auf die -Frage: +wie lange+? mit +während+ zu antworten: wir waren +während -dreier Monate+ in der Schweiz -- dieses Geräusch blieb +während -einiger Minuten+ hörbar -- man sprach +während einiger Wochen+ von -nichts als von dieser Unternehmung -- die Prüfungskommission, der -Gottfried Kinkel +während einer Reihe+ von Jahren angehört hat -- -die Lehren, die +während achtzehn Jahrhunderten+ als die Grundlage -rechtgläubigen Christentums angesehen worden sind -- der Clavigo wurde -+während weniger Tage+ in einem Gusse geschaffen -- die Naturaldienste -wurden nur +während weniger Tage+ im Jahre geleistet. - -Während kann nie auf die Frage: wielange? antworten, sondern immer -nur auf die Frage: wann? Vielleicht ist es nicht allen Lesern in der -Erinnerung, wie die Präposition +während+ entstanden ist. Noch im -achtzehnten Jahrhundert schrieb man +währendes Frühlings+, +währendes -Krieges+. Allmählich wurde dieser absolute Genitiv mißverstanden, eine -Zeit lang wußte man nicht recht, ob man +währendes+ oder +während des+ -hörte, und schließlich sprang der Partizipialstamm von der Endung -ab und wurde -- tatsächlich also durch ein Mißverständnis, durch -eine Sprachdummheit -- zu einer Präposition. Trotzdem erhielt sich -bei richtiger Anwendung der ursprüngliche Sinn: es wird ein Vorgang -zusammengestellt mit einem andern Vorgange, mit dem er entweder ganz -oder teilweise zeitlich zusammenfällt; er lag +während des Kriegs+ -im Lazarett -- +während des Vortrags+ darf nicht geraucht werden -- -+während des Gewitters+ waren wir unter Dach und Fach. Der Krieg, -der Vortrag, das Gewitter sind Vorgänge, Ereignisse. Aber ein Tag, -ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert sind bloße Zeitabschnitte oder -Zeitmaße. Er lag +während dreier Monate+ im Lazarett -- ist völliger -Unsinn, denn drei Monate sind kein Ereignis, womit der Aufenthalt im -Lazarett zeitlich verglichen würde, sondern sie bedeuten einfach die -Zeitdauer; diese kann aber nur ausgedrückt werden durch den Akkusativ -+drei Monate+ oder +drei Monate lang+. Der Clavigo wurde nicht +während -weniger Tage+, sondern +in wenigen Tagen+ geschaffen. Aber kann man -denn nicht sagen: +während des Tags+? Gewiß kann man das; aber dann -ist +Tag+ nicht als Zeitmaß gebraucht, sondern als Erscheinung der -Nacht gegenübergestellt: +während des Tags+ scheint die Sonne. Die -Sonne hat nur +während eines Tags+ geschienen -- das ist Unsinn; die -Sonne hat +während meiner Ferien nur einen Tag+ geschienen -- das hat -Sinn. Aber alle Romanschreiber und besonders alle Romanschreiberinnen -spreizen sich jetzt mit diesem albernen, dem französischen ~pendant~ -nachgeäfften Mißbrauch. - -+Durch fünfzehn Monate+ endlich, +durch lange Zeit+, +durch fünf -Minuten+, wie die Zeitungen jetzt auch gern auf die Frage: wielange? -schreiben (die heldenmütigen Frauen, die +durch fünfzehn Monate+ mit -ihren Kindern im Buschwalde umherirrten -- dieses Gefühl war +durch -lange Zeit+ künstlich genährt worden -- das Publikum lärmte und -applaudierte +durch+ wenigstens +fünf Minuten+), ist ganz undeutsch. Es -ist ein gedankenlos dem Lateinischen nachgebildeter Austriazismus, der -aus österreichischen Zeitungen in unsre Sprache geschleppt worden ist. - - -Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar - -Ein abscheulicher Fehler, der wieder recht ein Zeichen der immer -mehr zunehmenden Verrohung unsers Sprachgefühls ist, ist die gemeine -Zusammenkoppelung des Dativs und des Akkusativs, die neuerdings bei -Datenangaben aufgekommen ist und mit unbegreiflicher Schnelligkeit um -sich gegriffen hat. Fast alle Behörden, alle Berichterstatter, alle -Programme, alle Einladungen schreiben: +am+ Donnerstag, +den+ 13. -Februar. Sogar die amtlichen stenographischen Berichte des Reichstags -sind so überschrieben! - -Jede von beiden Konstruktionen für sich allein wäre richtig. Auf die -Frage: wann ist das Konzert? kann ebensogut mit dem bloßen Akkusativ -geantwortet werden: +den+ Donnerstag, wie mit an und dem Dativ: +am+ -Donnerstag.[124] Aber beide Konstruktionen zusammenzukoppeln, einen -Akkusativ als Apposition zu einem Dativ zu setzen, ist greulich. -Fühlt man das gar nicht? Was glaubt man denn, daß es für ein Kasus -sei, wenn auf die Frage: wann wird er zurückkehren? geantwortet wird: -+Donnerstag+. Ist man so stumpfsinnig geworden, daß man hier den -Akkusativ nicht mehr fühlt, auch wenn der Artikel nicht dabeisteht? -wenn bloß geschrieben wird: +Donnerstag+, den 13. Februar? Nun meinen -ja manche den Fehler zu vermeiden und ihre Sache sehr gut zu machen, -wenn sie schreiben: +am+ Donnerstag, +dem+ 13. Februar. Aber da kommen -sie aus dem Regen in die Traufe! (vgl. S. 253). Nein nein, es gibt nur -+ein+ Heilmittel: man lasse das dumme am wieder weg, und alles ist in -Ordnung. - -Man schreibt aber auch schon: +vom Ende+ Februar, +vom+ Dienstag, +den+ -6. dieses Monats ab. Das ist fast noch abscheulicher. Die Akkusative -+Ende+ Februar, +Dienstag, den+ 6. gelten für den Satzbau genau so viel -wie jedes Adverbium der Zeit, das auf die Frage wann? antwortet, wie -+gestern+, +heute+, +morgen+ usw. Ebenso nun wie auf die Fragen: von -wann? und bis wann? geantwortet wird: +von heute bis morgen+, ebenso -muß auch geantwortet werden: +von Ende Februar+, +von Dienstag, den -6. bis Donnerstag, den 8. April+. Denn nicht +Ende+ oder der Artikel -+den+ hängt von der Präposition +von+ ab, sondern die ganze, wie ein -Adverbium der Zeit aufzufassende Formel: +Dienstag, den 6+. - -Derselbe Fall kommt auch bei Ortsbestimmungen vor. +Zuhause+, das -auf die Frage wo? antwortet, wird für die Konstruktion ganz zum -Ortsadverbium, wie +hier+, +dort+, +oben+, +unten+ u. a. Auf die Frage: -wo kommst du her? ist es also durchaus nicht falsch, zu antworten: -+von zuhause+. Wir in Mitteldeutschland sagen immer so (nicht wie der -Norddeutsche sagt: +von Hause+, das uns fremdartig und geziert klingt), -ebenso wie wir auch sagen: er spricht viel +von zuhause+, er denkt den -ganzen Tag +an zuhause+. (Goethe: ich freue mich recht +auf nachhause+!) - - -Bindewörter. Und - -Auch der Gebrauch der Bindewörter hält sich jetzt nicht frei von -Fehlern und namentlich nicht frei von Geschmacklosigkeiten, die sich -aber natürlich gerade deshalb, weil sie so geschmacklos sind, besondrer -Beliebtheit erfreuen. Richtig angewandt werden ja im allgemeinen die -geläufigen Verbindungen: +nicht nur -- sondern auch+, +sowohl -- als -auch+, +entweder -- oder+, +weder -- noch+; doch kann man bisweilen -auch Sätze lesen, wo falsch +nicht nur -- aber auch+ gegenübergestellt -sind. Feiner und weniger geläufig ist die Verbindung +nicht sowohl -- -als vielmehr+. Bei den vorhergehenden Verbindungen sind entweder beide -Glieder bejahend oder beide verneinend; hier ist das erste verneinend -und das zweite bejahend. Mit dieser Verbindung wissen manche nicht -recht umzugehn; sie möchten sich aber doch auch gern damit zieren und -schreiben dann: +nicht sowohl+ was die Anzahl, +sondern mehr+ was die -Bedeutung der Stücke betrifft. - -Aber selbst bei dem einfachen +und+ werden Fehler gemacht. Ein sehr -gewöhnlicher Fehler entsteht dadurch, daß sich der Schreibende nicht -genügend klar darüber ist, wieviel Glieder er vor sich hat. Da schreibt -z. B. einer -- gleich auf dem Titelblatt eines Buches! --: Geschichte -+der Seuchen, Hungers- und Kriegsnot+ im Dreißigjährigen Kriege. -Wieviel Glieder sind das, zwei oder drei? Der Schreibende hat es für -drei gehalten, es sind aber nur zwei. Das erste Glied ist +Seuchen+, -das zweite ist +Hungers- und Kriegsnot+, und dieses besteht selber -wieder aus zwei Gliedern. Folglich fehlt die Verbindung zwischen dem -ersten und dem zweiten Gliede. Vielleicht fürchtet man sich vor einem -doppelten +und+ -- es spielt da wieder der Aberglaube herein, daß man -nicht kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort gebrauchen dürfe! --, -aber die Logik verlangt es hier unbedingt. Beseitigen wir noch den -zweiten groben Fehler, daß der Plural +der+ vor +Seuchen+ zugleich als -Singular auf +Hungersnot+ bezogen ist, so lautet das Ganze richtig: -Geschichte +der Seuchen und der Hungers- und Kriegsnot+ usw. Ähnliche -Beispiele, wo überall ein +und+ fehlt -- wo? deuten die Klammern an ---, sind folgende: ~Ex-Libris~, Zeitschrift für Bücherzeichen- [] -Bibliothekskunde +und+ Gelehrtengeschichte -- die Beziehungen zum Hofe -von Alexandrien [] zur alexandrinischen Kunst +und+ Wissenschaft -- das -Material entnimmt er seinen eignen Erinnerungen [] Aufzeichnungen +und+ -Briefen aus dem schleswig-holsteinischen Archiv -- ein gemeinsames -Münz-, Maß- [] Gewichtssystem [] Patent- +und+ Markenschutzrecht -- -Hundegeschirre, Hand- [] Kinderwagen +und+ Rollstühle -- ein Gärtchen, -in dem er Gemüse baute [] Blumen +und+ Bienen pflegte -- das schlechte -Essen [] Trinken +und+ die lästigen Fliegen -- wer lesen, schreiben [] -rechnen kann +und+ täglich seine Zeitung liest. In allen diesen Fällen -liegen nur zwei (oder drei) Glieder vor, von denen aber das eine selbst -wieder aus zwei oder mehr Gliedern besteht, und in den meisten Fällen -fehlt das +und+ gerade da, wo die beiden Hauptglieder miteinander -verbunden werden müssen. Es ist genau so, wie wenn jemand schreiben -wollte: die Räuber, Kabale und Liebe anstatt: die Räuber +und+ Kabale -und Liebe. Derselbe Fehler findet sich auch bei +oder+: z. B. die -Beeinträchtigung eines künstlerisch bedeutungsvollen Platzes [], -Straßen- +oder+ Stadtbildes. Hier muß auch hinter +Platzes+ unbedingt -noch ein +oder+ stehen. - -Eine rechte Dummheit ist es, wenn auf Buchtiteln, in -Buchhändleranzeigen, auf Konzertprogrammen usw. von zwei Männern, die, -entweder gleichzeitig oder nacheinander, der eine vielleicht nach dem -Tode des andern, an einem Werke gearbeitet haben, die Namen durch -Bindestriche miteinander verbunden werden, z. B.: kritische Ausgabe -+von Lachmann-Muncker+, Quellenkunde von +Dahlmann-Waitz+, Phantasie -+von Schubert-Liszt+, der Denkmalsentwurf von +Schmitz-Geiger+. Zwei -Namen so zu verbinden hat allenfalls Sinn, wenn der Mann zu seinem -Namen den der Frau oder (wie in der Theaterwelt) die Frau zu dem -ihrigen den des Mannes fügt. Aber zwei (!) Personen durch einen solchen -Doppel- und Koppelnamen zu bezeichnen ist doch sinnwidrig. Warum denn -nicht: kritische Ausgabe von +Lachmann und Muncker+? Wozu solches -Telegrammgestammel, wo es gar nicht nötig ist? Aber die Franzosen -reden doch auch von +Erckmann-Chatrian+. Das wars! das muß doch wieder -nachgemacht werden. Aber es ist wieder nur gedankenlose Nachäfferei, -denn diese beiden +wollten+ doch den Schein erwecken, daß sie nur -+eine+ Person wären![125] - -Dieselbe Dummheit -- einen Bindestrich statt +und+ zu schreiben -- -ist aber auch sonst noch verbreitet, namentlich in den beliebten -Verbindungen: +kritisch-historisch+, +historisch-kritisch+, -+religiös-sittlich+, +religiös-sozial+, +sozial-wirtschaftlich+, -+sozial-ethisch+, +technisch-konstruktiv+, +wirtschaftlich-technisch+, -+hygienisch-therapeutisch+ usw. Welche Unklarheit und Verwirrung haben -diese törichten Koppelwörter schon in den Köpfen angerichtet! Kann -es einen größern Unsinn geben als +religiös-sittlich+? Religion und -Sittlichkeit sind doch zwei ganz verschiedne Gebiete. Kann es einen -größern Unsinn geben als +historisch-kritische+ Anmerkungen? Eine -historische Anmerkung ist doch keine kritische, und eine kritische -keine historische. - -Sehr beliebt ist jetzt auch die Abgeschmacktheit -- sie stammt aus -Österreich --, statt +und zwar so+ zu schreiben: +so zwar+, z. B.: -entscheidend sind die Leistungen im Deutschen, +so zwar+, daß ein -Schüler, der im Deutschen nicht genügt, für nicht bestanden (!) erklärt -wird. Wer logisch denkt, wird hinter +so zwar+ stets noch ein zweites -Glied erwarten: +aber doch auch so+, daß usw. - -Eine ganz neue Dummheit ist es, auf Quittungen, Wechseln u. dgl. in der -Angabe der Geldsumme statt +und+ zu schreiben auch: 75 Mark +auch+ 20 -Pfennige. Das ist schwedisch, aber nicht deutsch: ~utan svafvel +och+ -fosfor~. - -Falsch ist es, einen Satz mit +denn+ an einen untergeordneten Nebensatz -anzuknüpfen, z. B.: leider ist der Brief +nicht so bekannt geworden+, -wie er es verdiente, +denn+ er ist für den Entwicklungsgang des -Künstlers von großer Wichtigkeit. Man erwartet: +denn+ er ist an einer -sehr versteckten Stelle abgedruckt. An einen untergeordneten Nebensatz -kann sich nie ein bei- oder nebengeordneter anschließen. - - -Als, wie, denn beim Vergleich - -Ob es richtiger sei, zu sagen: +größer als+ oder +größer wie+, -läßt sich am besten mit Hilfe der Sprachgeschichte beantworten. In -der Anwendung der drei vergleichenden Bindewörter +als+, +wie+ und -+denn+ ist im Laufe der Zeit eine Verschiebung vor sich gegangen. Im -Althochdeutschen und noch im Mittelhochdeutschen stand (wie noch heute -im Englischen) hinter dem Komparativ stets ~danne~, ~dan~, ~denne~, -z. B.: ~wîzer dan ein snê~ (weißer +denn+ Schnee). +Denn+ bezeichnete -also die Ungleichheit. Hinter dem Positiv stand damals stets ~alsô~ -(d. h. ganz so), ~alse~, ~als~, z. B.: ~wîz als ein swan~ (weiß +als+ -ein Schwan). +Als+ bezeichnete also die Gleichheit, und zwar nicht nur -hinter dem Positiv, sondern auch bei andern Vergleichungen, wie bei -Luther: wer nicht das Reich Gottes empfängt +als+ ein Kind -- du sollst -deinen Nächsten lieben +als+ dich selbst -- und auch in vergleichenden -Zwischensätzen: +als+ sich gebührt. Wie endlich, althochdeutsch -~hwêo~ oder ~hwio~, war ursprünglich überhaupt keine vergleichende -Konjunktion, sondern nur Fragewort. - -Allmählich erweiterte sich aber das Gebiet von +als+ so, daß es nicht -bloß bei der Gleichheit, sondern auch bei der Ungleichheit, hinter dem -Komparativ verwendet wurde und dort das alte +denn+ verdrängte. Dafür -wurde aber +wie+ zur Vergleichungspartikel und fing nun seinerseits -an, das alte +als+ da zu verdrängen, wo dieses früher die Gleichheit -bezeichnet hatte, ja es drang sogar noch weiter vor, bis an die -Stelle von +denn+ und bezeichnete nun ebenfalls auch die Ungleichheit -(+größer wie+). Diese Verschiebung, die schon im sechzehnten -Jahrhundert beginnt, ist im siebzehnten und achtzehnten in vollem Gange -und ist eigentlich auch jetzt noch nicht ganz, aber doch ziemlich -abgeschlossen. Daß sie noch nicht ganz abgeschlossen ist, daher stammt -eben das Schwanken. - -Wenn man also auch nicht behaupten kann, es sei falsch, zu sagen: -+so weiß als+ Schnee, es dürfe nur heißen: so +weiß wie+ Schnee, so -trifft man doch ungefähr das richtige, wenn man sagt: +denn+ als -Vergleichungspartikel ist veraltet (nur in gewissen Verbindungen wie: -mehr +denn je+ ist es noch üblich), +als+ bezeichnet die Ungleichheit -(+anders als+) und gehört hinter den Komparativ (wie lat. ~quam~, -franz. ~que~, engl. ~than~), +wie+ bezeichnet die Gleichheit und -gehört hinter den Positiv (wie lat. ~ut~, franz. ~comme~, engl. -~as~). Es könnte nichts schaden, wenn der Unterricht in diesem Sinne -etwas nachhülfe und dadurch dem Schwanken ein Ende machte. +Wie+ auch -hinter dem Komparativ zu gebrauchen (er sieht ganz +anders+ aus +wie+ -die üblichen Sterblichen), müßte dann natürlich der Gassensprache -überlassen bleiben. Leider verbreitet es sich neuerdings wieder mehr -und mehr auch in der Schriftsprache (+besser wie+, +mehr wie je+), wo -es dann unsäglich gemein wirkt. - -Erhalten hat sich noch die ursprüngliche Bedeutung von +als+ im Sinne -der Übereinstimmung bei den Appositionen hinter +als+: +als Knabe+, -+als Mann+, +als König+, +als Gast+, +als Fremder+. Da kommt es nun -nicht selten vor, daß dieses +als+ unmittelbar hinter ein +als+ beim -Komparativ tritt, z. B.: er betrachtete und behandelte den jungen -Mann mehr als Freund, +als als+ Untergebnen. In diesem Falle pflegt --- nach dem alten, nun schon oft bekämpften Aberglauben -- gelehrt -zu werden, es müsse heißen: +denn als+ Untergebnen; das Wort +als+ -dürfe nicht zweimal hintereinander stehen. Und so schreibt man denn -auch meist ängstlich: die Trennung der Christenheit hat sich eher -als Gewinn +denn als+ Schädigung erwiesen -- Bismarck fühlte sich -weniger als deutscher Staatsmann +denn als+ der ergebne Diener des -Hauses Hohenzollern -- manche Gymnasiallehrer stellen sich lieber als -Reserveoffiziere +denn als+ Bildner der Jugend vor. Es fragt sich aber -doch sehr, was anstößiger sei: das doppelte +als+ oder das auffällige, -gesuchte, veraltete +denn+, das sonst niemand mehr in diesem Sinne -gebraucht. Die Umgangssprache, auch die der Gebildeten, setzt -unbefangen ein doppeltes +als+: mir hat Lewinsky besser als Shylock -+als als+ Mohr gefallen. Ein feiner Satz ist: Friedrich Wilhelm der -Vierte haßte die Revolution nicht bloß +wie+, sondern +als+ die Sünde. -Hier sieht man deutlich hinter +wie+ die Vergleichung, hinter +als+ die -Übereinstimmung. - - -Die Verneinungen - -In dem Gebrauche der Verneinungen ist es zunächst eine häßliche -Gewohnheit der Amts- und Zeitungssprache, statt +keiner+ und +nichts+ -immer zu sagen: +einer nicht+, +etwas nicht+, z. B. dieser Orden wird -auch an solche Personen verliehen, die +einen+ Hofrang +nicht+ besitzen --- diesem Unterschied ist +eine+ größere Tragweite +nicht+ beizumessen --- wenn nachgewiesen wird, daß dieser Versuch +einen+ günstigen Erfolg -+nicht+ gehabt hat -- von der Opposition hatte sich +ein+ Redner, um -diese scharfen Angriffe zurückzuweisen, +nicht+ gemeldet -- das Patent -schließt sich der Ansicht an, daß in dem vorgelegten Maschinenteil -+eine+ wesentliche, zur Erleichterung der Anwendung beitragende neue -Erfindung +nicht+ gemacht sei -- den auf die Tagesordnung zu stellenden -Vorträgen wird +eine+ Erörterung +nicht+ folgen -- die Deputation fand -gegen alles dieses +etwas nicht+ einzuwenden -- durch die neuerlichen -(!) Bestimmungen wird im übrigen an den bestehenden Einrichtungen -+etwas nicht+ geändert (was mag dieses Etwas sein?). Eine solche -Trennung -- eine Nachahmung des Lateinischen -- ist nur dann am Platze, -wenn das Hauptwort betont und einem andern Hauptworte gegenübergestellt -wird, z. B.: +ein Erfolg+ ist bis jetzt +nicht+ zu beobachten gewesen --- wo +Erfolg+ vorangestellt und vielleicht den vorher besprochnen -Bemühungen gegenübergestellt ist.[126] - -Eine doppelte Verneinung gilt jetzt fast allgemein in der guten -Schriftsprache als Bejahung. Es ist das aber -- dessen wollen wir uns -bewußt bleiben -- eine ziemlich junge „Errungenschaft“ des Unterrichts. -In der älteren Sprache bestand, wenn auch nicht geradezu die Regel, -so doch weit und breit die Gewohnheit, daß man den Begriff der -Verneinung, um ihn zu verstärken, verdoppelte, ja verdreifachte. Diese -Gewohnheit hat sich, auch bei den besten Schriftstellern, bis weit in -das achtzehnte Jahrhundert erhalten, und der Volksmund übt sie zum -Teil noch heute. Nicht bloß Luther schreibt: ich habe +keinem nie -kein+ Leid getan,[127] auch Lessing schreibt noch: +keinen+ wirklichen -Nebel sahe Achilleus +nicht+, auch Goethe noch: man sieht, daß er an -+nichts keinen+ Anteil nimmt, auch Schiller noch: +nirgends kein+ Dank -für diese unendliche Arbeit, und der Volksmund fragt noch heute: hat -+keener kee+ Streichhelzchen +nich+? Wir mögen es bedauern, daß unter -dem Einflusse der lateinischen Grammatik diese -- falsche darf man -nicht sagen, sondern nur andre Art, zu denken, ganz verdrängt worden -ist, auch in der Volksschule, die hier ebenfalls unter dem Banne der -lateinischen Grammatik steht; aber nachdem das einmal geschehen ist, -und die doppelte Verneinung fast allgemein wie im Lateinischen (~nemo -non~) als Bejahung empfunden wird, ist es auch unmöglich, sie noch -in der alten Weise zu verwenden. Das gilt besonders auch bei den -Nebensätzen, die mit +ehe+, +bevor+, +bis+ und +ohne daß+ anfangen, -und bei Infinitivsätzen nach einem verneinten Hauptsatze. Es ist -also entschieden anstößig, zu schreiben, wie es so oft geschieht: -die Hauptfrage kann +nicht+ erledigt werden, ehe +nicht+ (oder: -bis +nicht+) die Vorfrage erledigt ist (+wenn nicht+ oder +solange -nicht+ wäre richtig) -- es gehört +keine+ große Menschenkenntnis -dazu, das +nicht+ auf den ersten Blick zu sehen. Namentlich hinter -+warnen+ erscheint ein verneinter Infinitiv, wie in den bekannten -Zeitungsanzeigen: ich +warne+ hiermit jedermann, meiner Frau +nichts+ -zu borgen u. dgl., unsinnig, denn +warnen+, d. h. abraten, abmahnen, -enthält ja schon den Begriff der Verneinung. - -Daß eine Verneinung eines mit +un+ zusammengesetzten Hauptworts oder -Eigenschaftsworts (+kein Un+mensch, +nicht un+gewöhnlich, +nicht -un+möglich, +nicht un+wahrscheinlich) nur eine Bejahung, und zwar eine -eigentümlich gefärbte vorsichtige Bejahung ausdrücken kann, darüber -ist sich wohl jedermann klar. Man sollte aber mit dieser doppelten -Verneinung, der sogenannten Litotes (Einfachheit), wie man sie mit -einem Ausdrucke der griechischen Grammatik bezeichnet, recht sparsam -sein. Es gibt Gelehrte -- es sind dieselben, die auf jeder Seite zwei-, -dreimal +meines Erachtens+ lispeln, als ob nicht alles, was sie sagen, -bloß ihr „Erachten“ wäre! --, die nicht den Mut haben, auch nur eine -einzige Behauptung, ein einziges Urteil fest und bestimmt hinzustellen, -sondern sich um alles mit dem ängstlichen +nicht un+-- herumdrücken. Es -gibt aber auch Leute, die so in diese Litotes verliebt sind, daß sie -sie gedankenlos sogar da brauchen, wo sie die Verneinung meinen, z. B.: -das wirkt +nicht unübel+ -- dieser Effekt war ein von dem Juden +nicht -un+erwarteter -- endlich fand sich ein Tag, an welchem (wo!) +keiner+ -der drei Herren +un+behindert war -- es ist das +kein unverächtlicher+ -Zug -- die Leistungen zeigen eine +nicht ungewöhnliche+ Begabung -- -ein gewisser +Mangel an Nichtachtung+ des Lehrerstandes und ähnl. Ist -es doch sogar einem so scharfen Denker wie Lessing begegnet, daß er -in der Emilia Galotti geschrieben hat: +nicht ohne Miß+fallen (wo -er schreiben wollte: +nicht ohne+ Wohlgefallen, oder: +nicht+ mit -Mißfallen). Sehr häufig, viel häufiger, als es bei unserm heutigen -hastigen und gedankenlosen Lesen bemerkt wird, findet sich namentlich -die törichte Verbindung +nicht unschwer+: der Leser wird +nicht -unschwer+ erkennen -- es wird das +nicht unschwer+ zu beweisen sein --- man wird sich +nicht unschwer+ vorstellen können. Schon +unschwer+ -allein ist ein dummes Wort, wie alle solche unnötig gekünstelten -Verneinungen.[128] Nun vollends +nicht unschwer+! Und das soll heißen: -+leicht+! Erscheint nicht ein solches Hineinfallen in einen logischen -Fehler wie eine gerechte Strafe für törichte Sprachziererei? Auch wenn -jemand schreibt: der Besitzer sieht in dieser Bronze +nichts weniger+ -als ein Werk des Lysipp, es ist aber nur eine römische Nachahmung -- -so schreibt er gerade das Gegenteil von dem, was er sagen will; er -will sagen: der Besitzer sieht in der Bronze +nichts geringeres+ als -ein Werk des Lysipp, es ist aber +nichts weniger+ als das, es ist nur -eine römische Nachahmung. Auch wenn man gespreizt sagt: das ist +nicht -zum geringsten Teile+ der Tätigkeit unsers Vereins zu danken (anstatt -einfach: +zum größten Teile+), kann man sich nicht beschweren, wenn ein -Schalk das Gegenteil von dem heraushört, was man sagen will. - -Wenn von zwei Verneinungen die zweite gesteigert werden soll, so -geschieht das durch +geschweige denn+, z. B. der Bau kann in vier -Jahren nicht ausgeführt werden, +geschweige denn+ in zweien. Ist -das erste Glied positiv, so kann +geschweige denn+ nicht angewendet -werden. Falsch ist also folgender Satz: diese Bestrebungen können -+nur+ mit universalgeschichtlichen Kenntnissen gepflegt, +geschweige -denn+ gefördert werden. Hier muß es entweder statt +geschweige denn+ -heißen: und +vollends+ (vgl. S. 132), oder das erste Glied muß -ebenfalls negativ eingekleidet werden: diese Bestrebungen können ohne -universalgeschichtliche Kenntnisse +nicht+ gepflegt, +geschweige denn+ -gefördert werden. - - -Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels - -Im Niederdeutschen ist es gebräuchlich, bei -Verwandtschaftsbezeichnungen den Artikel wegzulassen wie bei -Personennamen und zu sagen: +Vater+ hats erlaubt, +Mutter+ ist -verreist, +Tante+ ist dagewesen. Wenn das neuerdings auch in -Mitteldeutschland viele nachmachen, weil es aus Berlin kommt, so ist -das Geschmacksache; schön ist es nicht, nicht einmal traulich. Eine -widerwärtige Unsitte aber ist es, diese niederdeutsche Gewohnheit -auszudehnen auf Wörter wie: der +Verfasser+, der +Berichterstatter+, -der +Referent+, der +Rezensent+, der +Angeklagte+, der +Kläger+, -der +Redner+, der +Vorredner+ (!), der +Vorsitzende+ usw. Es wird -aber jetzt fast allgemein geschrieben: in dieser Schrift bietet -+Verfasser+ eine Anthologie aus den Hauptwerken der Klassiker der -Staatswissenschaft -- die Veröffentlichung dieses Buchs hat für -+Referenten+ ein besondres Interesse gehabt (für alle Referenten?) --- +Berichterstatter+ bekennt gern, daß er eine solche Bemerkung nie -zu hören bekommen hat -- +Schreiber+ dieser Zeilen hat das selbst -beobachtet. - -Einen zweiten Fall, wo der Artikel jetzt unberechtigterweise -weggelassen wird, vergegenwärtigen Ausdrücke wie: Denkmale +deutscher -Tonkunst+, die erste Blütezeit +französischer Plastik+, eine ältere -Epoche +deutscher Geschichte+, Fragen +auswärtiger Politik+, die Freude -an +heimischer Vergangenheit+, eine Tat +evangelischen Bekenntnisses+. -Sind denn die deutsche Tonkunst und die französische Plastik früherer -Zeiten Dinge wie französischer Rotwein und deutscher Käse, die -unaufhörlich vertilgt und neu fabriziert werden? Es sind doch ganz -bestimmt umgrenzte Mengen dauernder Erzeugnisse der menschlichen -Geistestätigkeit. Welcher Unsinn, denen den bestimmten Artikel zu -rauben! Man denke sich, daß Overbeck seine Geschichte der griechischen -Plastik Geschichte +griechischer Plastik+ genannt hätte! - -Ein dritter Fall endlich -- ungefähr von derselben Art -- ist die -Geschmacklosigkeit, den bestimmten Artikel in Überschriften von -Aufsätzen und in Buchtiteln wegzulassen. Aber auch das ist jetzt -sehr beliebt. Man nimmt eine Monatsschrift zur Hand und findet im -Inhaltsverzeichnis: +Ballade+. Von X. Ei der tausend! denkt man, ist -dein guter Freund X unter die Balladendichter gegangen? und schlägt -begierig auf. Was findet man? Einen Aufsatz über die Geschichte der -Ballade! Der kann aber doch vernünftigerweise nur überschrieben werden: -+Die Ballade+. Ein bekannter Kunstsammler hat über seine Schätze ein -Prachtwerk veröffentlicht unter dem Titel: +Sammlung Schubart+. Ja, so -konnte er ins Treppenhaus über die Tür seines Museums schreiben, aber -der Buchtitel kann nur lauten: +Die Sammlung Schubart+ (wenn durchaus -französelt sein muß!). Namentlich Romane, Schauspiele und Zeitschriften -werden jetzt gern mit solchen artikellosen Titeln versehen (+Heimat+, -+Jugend+, +Sonntagskind+ u. ähnl.), aber auch andre Werke, wie: -+Stammbaum Becker-Glauch+ (das soll heißen: der Stammbaum der Familien -Becker und Glauch!). Ein bekanntes Werk von Guhl und Koner hat fünf -Auflagen lang +das Leben der Griechen und Römer+ geheißen; der neue -Herausgeber der sechsten hat es wahrhaftig verschönert zu: +Leben der -Griechen und Römer+. Zu einer wahren Seuche ist dieses Weglassen des -Artikels in den sogenannten „Spitzmarken“ der Zeitungen ausgeartet: -+Frecher Diebstahl+, +Aufgefundener Leichnam+, +Fahrrad gestohlen+, -+Mädchen vermißt+.[129] - -In formelhaften Verbindungen wie: +Haus und Hof+, +Land und Leute+, -+Frau und Kinder+ bleibt der Artikel stets weg, aber nur dann, wenn die -beiden so verbundnen Hauptwörter gar keinen Zusatz haben. Falsch ist -es, zu sagen, wie es jetzt oft geschieht: der Verunglückte hinterläßt -+Frau und drei unmündige Kinder+. Er hinterläßt +Frau+ -- das ist kein -Deutsch, denn niemand sagt: +ich habe Frau, hast du Frau+? - -Es gibt aber auch Fälle, wo der Artikel gesetzt wird, obwohl er nicht -hingehört. Gleich unausstehlich sind zwei Anwendungen des Artikels --- das einemal des unbestimmten, das andremal des bestimmten -- bei -Personennamen. Für Leute von Geschmack bedarf es wohl nur folgender -Beispiele, um ihren ganzen Abscheu zu erregen: Heyse hat nie die ruhige -Größe +eines Goethe+ erreicht -- welcher unsrer großen Schriftsteller, -selbst +ein Lessing+ und +ein Goethe+, wäre von Fehlern freizusprechen! --- und: von den Franzosen kamen +die Dumas Sohn+ und Genossen herüber --- die Neigung und Schätzung +der Haupt, Jahn und Mommsen+ -- die -tiefeindringende Ästhetik +der Hebbel und Ludwig+. Der zweite Fall -ist ja ein gemeiner Latinismus; den ersten aber sollte man dem -Untersekundaner überlassen, der seinen ersten deutschen Aufsatz über -ein literargeschichtliches Thema schreibt, ja nicht einmal dem, denn -wie soll er sonst seinen Ungeschmack loswerden? - - -Natürliches und grammatisches Geschlecht - -Viel Kopfzerbrechen hat schon manchem die Frage gemacht, ob man auf -Wörter wie +Weib+, +Mädchen+, +Fräulein+, +Mütterchen+ mit +es+, -+das+ und +sein+ zurückweisen müsse, oder auch mit +sie, die+ und -+ihr+ zurückweisen dürfe, mit andern Worten: ob bei solchen Wörtern -das grammatische oder das natürliche Geschlecht vorgehe. Auch bei -+Backfisch+ kann die Frage entstehen. Nun, um das Ob braucht man -sich nicht zu sorgen, es ist eins so richtig wie das andre; die -Schwierigkeit liegt nur in dem Wo und Wie, und hierüber läßt sich -keine allgemeine Regel geben, es muß das dem natürlichen Gefühl des -Schreibenden überlassen bleiben. Klar ist, daß das grammatische Subjekt -solcher Wörter um so eher festgehalten werden darf, je dichter das -Fürwort auf das Hauptwort folgt, also besonders bei dem relativen -Fürwort, das sich unmittelbar an das Hauptwort anschließt, ebenso, -wenn beide sonst nahe beieinander in demselben Satze stehen, z. B.: -+das Mädchen+ hatte frühzeitig +seine+ Eltern verloren. Es ist aber -auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn jemand schreibt: die -Dekoration stand +dem Mütterchen+ Moskau gut zu +ihrem+ alten Gesicht. -Auch bei Goethe heißt es: dienen lerne beizeiten +das Weib+ nach -+seiner+ Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt +sie+ endlich -zum Herrschen. Je später das Fürwort auf das Hauptwort folgt, desto -mehr schwächt sich die Kraft des grammatischen Geschlechts ab, und die -Vorstellung des natürlichen Geschlechts verstärkt sich. Deshalb ist es -auch abgeschmackt zu schreiben: die jüngere Tochter ist +ein Ausbund+ -von Anmut und Gescheitheit, um +den+ sich die tanzenden Herren förmlich -reißen, wenn +er+ in der Gesellschaft erscheint. Namentlich in einer -längeren Reihe von Sätzen hintereinander das grammatische Geschlecht -solcher Wörter pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden. - -Die Frage, ob es heißen müsse: +Ihr Fräulein Tochter+ (+Schwester+, -+Braut+) oder +Ihre Fräulein Tochter+, ist sehr leicht zu beantworten. -Das besitzanzeigende Adjektivum gehört in diesen Verbindungen nicht zu -+Fräulein+, sondern natürlich zu +Tochter+, +Schwester+, +Braut+, wozu -+Fräulein+, gleichsam in Klammern, als bloßer Höflichkeitszusatz tritt -(vgl. S. 15 die Herren Mitglieder). Es darf also nur heißen: +Ihre -[Fräulein] Braut+ -- empfehlen Sie mich +Ihrer [Fräulein] Tochter+! - -Seitdem die Universitäten den Titel „Doktor“ (als ob er eine -Versteinerung wäre, von der kein Femininum gebildet werden könnte!) an -Damen verleihen, liest man auf Büchertiteln: ~Dr.~ +Hedwig Michaelson+. -Setzt man davor noch +Fräulein+, so hat man glücklich drei Geschlechter -nebeneinander: +Fräulein+ (sächlich) +Doktor+ (männlich) +Hedwig+ -(weiblich). Freilich ist dabei eigentlich nichts verwunderliches. -Die Verschrobenheit der Sprache ist ja nur das Abbild von der -Verschrobenheit der Sache. Vielleicht druckt man auch noch: Fräulein -~Studiosus medicinae~ Klara Schulze. - - -Mißhandelte Redensarten - -Für eine große Anzahl von Tätigkeitsbegriffen fehlt es im Deutschen -an einem geeigneten Zeitwort; wir können sie nur durch Redensarten -ausdrücken, die aus einem Zeitwort und einem Hauptwort bestehen. -Oft ist aber auch ein geeignetes Zeitwort vorhanden, und doch -geben viele, weil sie die Neigung haben, sich breit auszudrücken, -einer umschreibenden Redensart den Vorzug. Solche Redensarten -- -unentbehrliche und entbehrliche -- sind z. B.: +Fühlung haben+, -+Gebrauch machen+, +Klage führen+, +Rechenschaft ablegen+, +Kenntnis -nehmen+, +Platz greifen+, +Wandel schaffen+, +Lärm schlagen+, +Dank -wissen+, +in Kenntnis setzen+, +zur Verfügung stellen+ und hundert -andre. - -Diese Redensarten haben nun meist etwas formelhaftes. Da sie einfache -Verbalbegriffe ersetzen, so werden sie auch wie einfache Verba gefühlt. -Daraus folgt aber mit Notwendigkeit zweierlei: erstens, daß sie in -passivischen Sätzen und in Nebensätzen, wo das Zeitwort am Ende steht, -nicht zerrissen werden dürfen; zweitens, daß sie, ebenso wie wirkliche -Verba, nur mit Adverbien bekleidet werden können. Gegen beide Gesetze -wird fort und fort verstoßen. - -Da schreibt man z. B.: er wurde +in Kenntnis+ von dem Geschehenen -+gesetzt+. Falsch! Es muß heißen: er wurde von dem Geschehenen +in -Kenntnis gesetzt+, denn die Redensart +in Kenntnis setzen+ vertritt -ein einfaches Verbum und darf nicht zerrissen werden. Andre Beispiele -solches gefühllosen Zerreißens sind: wenn eine der brennenden Fragen -+in Beziehung+ zur technischen Hochschule +gesetzt wurde+ -- es ist -nicht mehr als billig, daß wir +einen Begriff+ von Talenten wie -Kjelland +erhalten+ -- weil die Regierung nicht +die Hand+ zu einer -dauernden Spaltung in den Münchner Künstlerkreisen +bieten+ wollte --- wenn auch dieser Realismus +die Brücke+ zwischen der Dichterin -und der großen Menge +schlug+ -- wer sich +eine Vorstellung+ von der -eigentümlichen Persönlichkeit Stiers +machen+ will. Der Fehler ist um -so störender, als durch das Zerreißen der Redensart der Ton von dem -Hauptwort auf das Zeitwort verlegt wird (die Hand bieten, anstatt: die -Hand bieten -- die Brücke schlug, anstatt: die Brücke schlug), auf das -Zeitwort, das meist ziemlich bedeutungslos und nur ein äußerliches -Hilfsmittel zur Bildung der Redensart ist. Läßt man die Redensart -zusammen, so bleibt auch der Ton an der richtigen Stelle. - -Die andre Art, solche Redensarten zu mißhandeln, besteht darin, daß man -das Hauptwort herausreißt und mit einem Attribut bekleidet, anstatt -die Redensart zusammenzulassen und sie als Ganzes mit einem Adverb -oder einem adverbiellen Ausdruck zu bekleiden. Der häufigste Fall -ist der, daß man zu dem Hauptwort ein Adjektiv setzt, z. B. es ist -sehr zu befürchten, daß er dabei +ernstlichen Schaden nehmen werde+. -+Schaden nehmen+ ist eine Redensart, die einen einfachen passiven -Verbalbegriff vertritt (geschädigt werden, beschädigt werden). Man kann -nicht +ernstlichen+, man kann nur +ernstlich+ Schaden nehmen, wie man -nur +ernstlich+ geschädigt werden kann. Mit andern Worten: nicht der -Schade ist ernstlich, sondern das Schadennehmen, der ganze Begriff. Der -Minister +nahm+ von den Einrichtungen der Schule +eingehende Kenntnis+ --- derselbe Fehler! +Kenntnis nehmen+ ist eine Redensart, die einen -einfachen aktiven oder passiven Verbalbegriff vertritt (kennen lernen, -belehrt werden, unterrichtet werden). Man kann von einer Sache weder -eingehende, noch gründliche, noch flüchtige, noch oberflächliche -Kenntnis nehmen, man kann nur +eingehend+, +gründlich+, +flüchtig+, -+oberflächlich+ Kenntnis nehmen. In folgenden Beispielen soll das -Richtige immer gleich in Klammern hinzugesetzt werden: +bittere -Klagen führen+ (+bitter+ Klage führen) -- +gebührende Notiz nehmen+ -(+gebührend+ Notiz nehmen) -- seiner Abneigung +unverhohlenen Ausdruck -geben+ (+unverhohlen+ Ausdruck geben) -- wir werden sein Andenken -stets +in hohen Ehren halten+ (+hoch+ in Ehren halten) -- sie +nahm+ -immer noch +einen merkwürdigen Anteil+ an dem Herrn (+merkwürdig+ -Anteil) -- der Rat wolle zu diesem Plane +wohlwollende Stellung nehmen+ -(+wohlwollend+ Stellung nehmen) -- es ist nicht leicht, zu dieser -Frage +richtige Stellung+ zu nehmen (+richtig+ Stellung zu nehmen) --- gegen das Rabattwesen wurde +scharfe Stellung genommen+ (+scharf+ -Stellung genommen) -- der König besuchte das Geschäft, um die Geschenke -in +kritischen Augenschein zu nehmen+ (+kritisch+ in Augenschein -zu nehmen) -- von seinen literarischen Arbeiten +legen+ die Briefe -+ausgiebige+ Rechenschaft ab (+ausgiebig+) -- sie denken nicht daran, -mit diesen Hirngespinsten +ernsthafte Politik zu treiben+ (+ernsthaft+ -Politik zu treiben) -- über meine Tätigkeit war +ein entstellender -Bericht erstattet+ worden (+entstellend+ Bericht erstattet worden) --- die ausgestellten Gegenstände +kommen+ nicht +zu rechter Geltung+ -(+recht+ zur Geltung) -- die Stimme des Unmuts im Lande soll nicht +zu -weiterm Ausdruck+ (+weiter+ zum Ausdruck) kommen -- wir können diesen -Gerüchten +keinen rechten Glauben schenken+ (+nicht recht+ Glauben -schenken) -- allen gröbern Ausschreitungen muß +ein energisches Halt -geboten werden+ (+energisch+ Halt geboten) -- die gegnerische Presse -hat +gewaltigen Lärm geschlagen+ (+gewaltig+ Lärm geschlagen) -- das -Gottesgnadentum hatte unter seinem Vater +trostlosen Schiffbruch -gelitten+ (+trostlos+ Schiffbruch gelitten) -- hier wäre Grund -vorhanden, +bessernde Hand anzulegen+ (+bessernd+ Hand anzulegen) --- die Zeit +schafft+ oft unerwartet +schnellen Wandel+ (+schnell+ -Wandel) -- er +brachte+ die Angelegenheit +zum ausführlichen Vortrag+ -(+ausführlich+ zum Vortrag) -- ich erlaube mir, meinen schönen Garten -mit Kolonnaden +in empfehlende Erinnerung zu bringen+ (+empfehlend+ in -Erinnerung zu bringen). - -Ebensowenig wie Eigenschaftswörter dürfen natürlich Zahlwörter oder -besitzanzeigende Adjektiva in solche Redensarten eingefügt werden. Da -schreibt einer über die Tagespresse: man muß +zwischen ihren Zeilen -lesen+. Unsinn! Man muß +bei ihr zwischen den Zeilen lesen+! Denn -+zwischen den Zeilen lesen+ ist eine formelhafte, unveränderliche -Redensart, die nur durch einen adverbiellen Zusatz (+bei ihr+) näher -bestimmt werden kann. Ein andrer schreibt: der +erste Sturm+ sollte -gegen das Großkapital +gelaufen+ werden. Doppelter Unsinn! Erstens weil -der Sturm gezählt, zweitens weil die Redensart zerrissen ist. Es muß -heißen: +zuerst+ sollte gegen das Großkapital +Sturm gelaufen werden+. -Ebenso ist doppelt fehlerhaft: wir müssen +fleißigern Gebrauch+ von der -Rute +machen+ (richtig: wir müssen +fleißiger+ von der Rute +Gebrauch -machen+) -- die Zeit, wo der Fürst noch +unmittelbare Fühlung+ mit -dem Volke +hatte+ (richtig: +unmittelbar+ mit dem Volke +Fühlung -hatte+) -- +besonderen Dank+ wird der Leser dem Herausgeber für die -kurzen Einleitungen +wissen+ (richtig: +besonders+ wird der Leser dem -Herausgeber für die kurzen Einleitungen +Dank wissen+) -- +besondre -Obacht+ mußte darauf +gegeben werden+, daß sich keiner der Buße -entzog (richtig: +besonders+ mußte darauf +Obacht gegeben werden+) -- -von konservativer Seite wird +laute Klage+ über die antisemitischen -Demagogen +geführt+ (richtig: wird +laut+ über die antisemitischen -Demagogen +Klage geführt+).[130] - -Ein Attribut kann ja aber auch in der Form eines abhängigen Genitivs -erscheinen; auch in dieser Form kommt der Fehler sehr oft vor. Da -schreibt man: die Ärzte müssen die ganze Nacht +zur Verfügung der -Wache stehen+ -- sämtliche Verhafteten wurden +zur Verfügung des+ -französischen +Botschafters+ gestellt -- wenn +sich+ die Kammer +zur -Verfügung der+ größten +Schwindelei+ des Jahrhunderts stellt (muß -heißen: der Wache +zur Verfügung stehen+ usw.) -- die Streitfragen, -+die auf der Tagesordnung ihrer Wissenschaft stehen+ (muß heißen: +in -ihrer Wissenschaft auf der Tagesordnung stehen+) -- es sollen ganz -bestimmte Gegenstände +zur Beratung der Konferenz gestellt werden+ --- (muß heißen: +der Konferenz zur Beratung gestellt werden+) -- -die Dame, +in deren Mund+ die Erzählung +gelegt ist+ (muß heißen: -der die Erzählung +in den Mund gelegt ist+). Auch in diesen Fällen -wird überdies die Redensart zerrissen, in den meisten entsteht ein -Gallizismus (~mettre à la disposition de quelqu’un~). - -Sowenig aber das Hauptwort einer solchen formelhaften Redensart mit -einem Attribut bekleidet werden kann, so wenig kann es endlich mit -einem Relativsatz behängt werden. Auch ein Relativsatz kann sich immer -nur an den Gesamtbegriff der Redensart, aber nicht an den Bestandteil -anschließen, den das Hauptwort bildet. Aber auch dieser Fehler, der -große Unbeholfenheit verrät, ist etwas sehr gewöhnliches, wie folgende -Beispiele zeigen: die Versuche +blieben nicht ohne Eindruck, der+ (!) -aber durch die nachfolgenden Ereignisse bald wieder verwischt wurde -- -namentlich +waren+ die Schöpfungen der Pariser Architektur auf ihn +von -Einfluß, der+ (!) bis zu seinen letzten Werken nachhaltend geblieben -ist -- ein solches Unternehmen muß in Einzelheiten +Widerspruch -hervorrufen+, +der+ (!) dann auch auf die Beratung des Ganzen Einfluß -übt -- da +stand er+ nun in +Verlegenheit, an die+ (!) er gar nicht -gedacht hatte -- auf seine Bitten erhielt er in dieser Sprache -+Unterricht, den+ (!) er selbst so anziehend geschildert hat -- die -Scheune +geriet in Brand, der+ (!) erst nach einer Stunde gelöscht -wurde -- Vischer +redet sich+ alle Galle +vom Herzen, das+ (!) im -deutschen Bruderkriege 1866 blutete. - -Etwas erträglicher wird der Fehler, wenn man das Hauptwort der -Redensart mit einer Art von Anaphora wiederholt, z. B.: man hat den -Eindruck, daß beide in dem Augenblick der Entscheidung +Friede gemacht -haben, einen Frieden+, der auch dem unterliegenden Teile zugute kommt. -Schwache Gemüter können hier zugleich rein äußerlich sehen, worauf es -ankommt: in der Redensart erscheint das Hauptwort ohne Artikel, in der -Anaphora mit Artikel; bezeichnend ist dabei der Unterschied, den der -Schreibende (unwillkürlich?) zwischen der ältern und der jüngern Form -+Friede+ und +Frieden+ gemacht hat. Oft berühren sich nämlich solche -unveränderliche formelhafte Redensarten nahe mit andern Wendungen, die -nichts formelhaftes haben, sondern im Augenblick gebildet sind und -jeden Augenblick anders gebildet werden können. Die sind aber dann von -formelhaften Wendungen leicht zu unterscheiden, äußerlich gewöhnlich -schon dadurch, daß in der Formel das Hauptwort keinen Artikel hat. Eine -zweifellos formelhafte Redensart ist: +zu Ohren kommen+. Daher wird -niemand sagen: es ist +zu meinen Ohren gekommen+, oder es ist +zu Ohren -des Ministers+ gekommen, sondern: es ist +mir zu Ohren gekommen+, es -ist +dem Minister zu Ohren gekommen+. Zweifeln kann man dagegen, ob -auch +zur Kenntnis kommen+ formelhaft sei. Der Vorgang kam +zu meiner -Kenntnis+ oder +zur Kenntnis des großen Publikums+ dürfte ebensogut -sein wie: er kam +mir zur Kenntnis+ oder +dem Publikum zur Kenntnis+. -Die Grenze ist hier manchmal schwer zu ziehen; wer Sprachgefühl hat, -wird meist ohne weiteres das Richtige treffen, wer keins hat, wird auch -bei aller Belehrung danebentappen. - -Das Tollste ist es, das Hauptwort aus einer solchen Redensart -herauszunehmen und in einem besondern Satze zu verwenden. Aber auch das -geschieht. Da schreibt z. B. einer: rührend war der +Abschied+, der -+genommen wurde+, ein andrer: wichtig war für meine spätern Neigungen -+die Bekanntschaft+ mit den Zeitungen, die +ich+ schon in meinen -Kinderjahren +machte+. Das soll heißen: rührend war es, als +Abschied -genommen wurde+, wichtig war, +daß ich+ schon in meinen Kinderjahren -mit den Zeitungen +Bekanntschaft machte+. Solche Sätze liegen schon -dicht an dem Wege, der zu den bekannten Späßen Wippchens führt, wie: -gebt mir +einen Haufen+, damit ich den Feind +darüberwerfen+ kann. - - -Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts -- ein schwieriger Fall - -Einen eigentümlichen Fehler, dem man sehr oft begegnet, zeigen in zwei -verschiednen Spielarten folgende Beispiele (das Richtige soll wieder -gleich in Klammern danebengesetzt werden): die Lage +Deutschlands+ -inmitten seiner wahrscheinlichen Gegner mache es +ihm+ zur Pflicht -(+seine+ Lage macht es +Deutschland+ zur Pflicht) -- das Zartgefühl -+des Fürsten+ erlaubte +ihm+ nicht die Annahme des Opfers (+sein+ -Zartgefühl erlaubte +dem Fürsten+ nicht) -- leider hat die enge -Begabung +des Dichters ihm+ nicht ermöglicht (leider hat +seine+ enge -Begabung +dem Dichter+) -- der Haß +des Berichterstatters+ gegen -Textor hat +ihn+ zu Übertreibungen geführt (+sein+ Haß hat +den -Berichterstatter+) -- die Krankheit des +Papstes+ hat +ihn+ zu einer -andern Lebensweise veranlaßt (+seine+ Krankheit hat +den Papst+) -- -man hatte gleich nach dem ersten Auftreten +Raimunds ihn+ verdächtigt -(man hatte gleich nach +seinem+ ersten Auftreten +Raimund+ verdächtigt) --- es stellt sich dabei heraus, daß die eignen Kenntnisse +des -Kritikers ihn+ zu diesen Angriffen nicht berechtigen (daß seine eignen -Kenntnisse +den Kritiker+) -- die Romanschreiber, die im Vertrauen -auf die Dummheit +der Gesellschaft dieser+ den Spiegel vorhalten -(die +der Gesellschaft+ im Vertrauen auf +deren+ Dummheit) -- nach -ältern Beschreibungen +des Kodex+ war +er+ früher in roten Sammet -gebunden (nach ältern Beschreibungen war +der Kodex+) -- die Begleiter -+des Kranken+ vermochten +ihn+ nicht zu überwältigen (die Begleiter -vermochten +den Kranken+) -- zur Zeit der Ausweisung +des Ordens -aus+ dem Deutschen +Reiche+ zählte er innerhalb +desselben+ sechzehn -Niederlassungen (zweimal der Fehler in +einem+ Satze! es muß heißen: -zur Zeit +seiner+ Ausweisung zählte der +Orden+ innerhalb des Deutschen -+Reichs+ usw.) -- angesichts der Macht +dieser Gesetze dieselben+ (!) -auf ihre Annehmbarkeit zu prüfen ist dem Gesetzgeber nicht eingefallen -(angesichts +ihrer+ Macht +diese Gesetze+ zu prüfen) -- wie war es -möglich, daß der Besitzer +dieses Schatzes denselben+ so geheim hielt -(der Besitzer +diesen Schatz+) -- man wollte trotz der von den Gehilfen -beschlossenen Kündigung +des Tarifs+ an +letzterm+ (!) festhalten -(trotz der beschlossenen Kündigung an +dem Tarif+ festhalten) -- wir -betrauern den Heimgang des liebenswürdigen Kollegen, der seit Gründung -+der Ärztekammer derselben+ angehört (der +der Ärztekammer+ seit -+ihrer Gründung+ angehört) -- wegen Reinigung +der großen Ratsstube+ -bleibt +dieselbe+ (!) nächsten Montag geschlossen (wegen Reinigung -bleibt die +große Ratsstube+) -- wegen Neubaues der Schleuse +in der -Zentralstraße+ bleibt +letztere+ (!) für den Fahrverkehr gesperrt -(wegen Neubaus der Schleuse bleibt +die Zentralstraße+) -- sie heiratet -darauf den Grafen Tr., +dessen+ Frau +ihm+ kurz vorher durchgegangen -ist (+dem seine Frau+) -- der Bedauernswerte, +dessen+ Eltern +ihm+ -gestern einen Besuch zugedacht hatten (+dem seine+ Eltern) -- der -Vorwurf trifft nur den, +dessen+ Männerstolz +ihm+ nicht gestattet -(+dem sein+ Männerstolz) -- der Verfasser, +dessen+ Bescheidenheit -+ihn+ bis in sein Greisenalter zögern ließ, seine Arbeit zu -veröffentlichen (+den seine+ Bescheidenheit) -- Scharnhorst ist einer -jener schicksalvollen Männer, +deren+ Genius +sie+ zu Dolmetschern -eines ganzen Volkes gemacht hat (+die ihr+ Genius) -- es wird das auch -von solchen bestätigt, +deren+ Auftrag +sie+ zu möglichst gründlicher -Prüfung verpflichtet (+die ihr+ Auftrag) -- Menschen, +deren+ -Halbbildung +sie+ unempfänglich macht (+die ihre+ Halbbildung) -- die -Italiener, +deren+ Freude an der farbigen Oberfläche der Dinge +sie+ -abhält, in den Chor der Naturalisten einzustimmen (+die ihre+ Freude). - -In allen diesen Sätzen ist ein Begriff doppelt da: das einemal in Form -eines Hauptworts (in den zuletzt angeführten Relativsätzen in Form -eines relativen Fürworts), das andremal in Form eines persönlichen -Fürworts (wozu hier auch +derselbe+ und +letzterer+ gerechnet werden -müssen). Der Fehler liegt nun darin, daß beide am falschen Platze -stehen: sie müssen ihre Plätze wechseln, wenn der Satz richtig werden -soll. Warum? Weil das Hauptwort in allen diesen Sätzen nur in einem -Attribut (meist in einem abhängigen Genitiv) und damit gleichsam im -Hintergrunde, im Schatten, das persönliche Fürwort dagegen als Subjekt -oder Objekt im Vordergrunde, im vollen Lichte des Satzes steht. Gerade -umgekehrt muß es sein: das Hauptwort gehört in den Vordergrund, der -bloße Ersatz dafür, das Fürwort, in den Hintergrund. Nicht selten -kann nach dem Platzwechsel das Fürwort ganz wegfallen. Wer lebendiges -Sprachgefühl hat, bildet solche Sätze von selber richtig, ohne zu -wissen, warum. Andern wird die Sache vielleicht auch durch diese -Erklärung nicht deutlich geworden sein. Es ist wirklich ein etwas -schwieriger Fall. - - -Die fehlerhafte Zusammenziehung - -Ein Fehler, der die mannigfachsten Spielarten zeigt, obwohl er im -Grunde immer derselbe ist, entsteht durch jene äußerliche Auffassung -der Sprache, die nicht nach Sinn und Bedeutung, sondern nur nach dem -Lautbilde der Wörter fragt. Kehrt dasselbe Lautbild wieder, so glaubt -es der Papiermensch das zweitemal ohne weiteres unterdrücken zu dürfen, -obwohl es dieses zweitemal vielleicht einen ganz andern Sinn hat als -das erstemal. Eine Abart dieses Fehlers ist schon früher besprochen -worden: die Vernachlässigung des Kasuswechsels beim Relativpronomen -(S. 130). Hierher gehört es aber auch, wenn man einen Fügewortsatz -oder Fragesatz zugleich als Objekt und als Subjekt verwendet, z. B.: -daß der Verfasser ein Jurist ist, +kann man+ mit Händen greifen, +hält -ihn+ jedoch nicht ab -- ob das Wort schon früher in Gebrauch war, -+können wir+ nicht feststellen, +ist+ auch ohne Belang. Oder wenn man -ein Zeitwort gleichzeitig als selbständiges Zeitwort (oder Kopula) und -als Hilfszeitwort verwendet und schreibt: er +hatte sich+ aus kleinen -Verhältnissen +emporgearbeitet+ und wirklich +das Zeug+ zu einem -tüchtigen Künstler -- er +war+ vor kurzem erst ins Dorf +gezogen+ und -ein +kleiner+, kugelrunder +Mann+ -- er +wurde+ später sächsischer -+Minister+ und in den Freiherrnstand +erhoben+ -- jeden Morgen, wenn -der Kaiser +rasiert+ und der +Kopf+ Habys am Fenster +sichtbar wird+ -- -oder gar: wenn ein Grenzstein +verrückt+ oder +unkenntlich geworden+ -ist (anstatt: +verrückt worden+ oder +unkenntlich geworden+) -- glauben -Sie nicht, daß eine Errungenschaft darin liegen würde, wenn Frauen -medizinisch +gebildet+ und +praktizieren würden+? (anstatt: +gebildet -würden+ und +praktizierten+)[131]. Ferner wenn man ein persönliches -Fürwort zugleich als Dativ und als Akkusativ verwendet, z. B.: +sich+ -stets betastend und die Hände reichend -- die Gelegenheit, +sich+ -kennen zu lernen, bzw. (!) näher zu treten -- kurz alle Fälle, wo ein -Wort gleichzeitig in zwei verschiednen Auffassungen gebraucht wird, -also auch z. B.: in Halle +ist+ er +gestorben+ und +begraben+ (wo -das Perfektum das einemal einen Vorgang, das andremal einen Zustand -bezeichnet) -- die Pferde stürzten so unglücklich, daß +die Deichsel -brach+, das eine Pferd aber +den Oberschenkel+ -- er war darauf -angewiesen, sein +Leben+, an das er große +Ansprüche machte+, durch -erbitterten Kampf gegen die Konkurrenz zu +gewinnen+ (wo +Leben+ das -einemal als +Lebensweise+, das andremal als +Lebensunterhalt+ gemeint -ist). - -Eine der häufigsten, aber auch widerwärtigsten Spielarten dieses -groben logischen Fehlers ist es, ein Femininum und einen Plural unter -demselben Artikel, Fürwort oder Adjektivum zusammenzukoppeln (vgl. -englisch: ~the life and times~) und zu schreiben: +die Höhe und Formen+ -des Gitters -- +die Umrahmung und Seitenflügel+ des Altarbildes -- +die -Metalle und Spektralanalyse+ -- +die Verbreitung und Ursachen+ der -Lungenschwindsucht -- +die Stellung und Ansprüche+ des Zentrums -- die -Sicherung +der Post und Transporte+ -- die Analyse +der Gestalten und -Kunst+ Shakespeares -- Handbuch +der Staatswissenschaften und Politik+ --- das Gebiet +der Mathematik und Naturwissenschaften+ -- die Angaben -+der Bevölkerungsdichtigkeit und Temperaturverhältnisse+ -- +seine -Reue und Gewissensbisse+ -- im Kreise +seiner Frau und drei Kinder+ -- -durch +ihre Taten und Hingebung+ -- eine Darstellung ihrer +Schicksale -und Bauart+ -- die Bühne, die +keine Dekoration und Kulissen+ kannte --- die Gegner +der deutschen Landwirtschaft und Getreidezölle+ -- zur -Erforschung +vaterländischer Sprache und Altertümer+ -- trotz +der -papistischen Gesinnung und Bestrebungen+ des Herzogs usw.[132] - -Aber auch da, wo Geschlecht und Numerus zweier Begriffe dieselben -sind, ist es eine grobe Nachlässigkeit, sie unter einem Artikel -unterzubringen und zu schreiben: die Zustimmung +des Bundesrats und -Reichskanzlers+ -- der Direktor +der Bürger- oder Bezirksschule+ --- eine Sitzung +des Bau-, Ökonomie- und Finanzausschusses+ -- ein -Ausflug +nach dem Süßen und Salzigen See+ -- +der Rote und Schwarze -Kocher+ -- +das alte und neue Buchhändlerhaus+ -- +die katholische -und evangelische Kirche+ -- +der Renaissance- und Barockstil+ -- +das -sächsische und schlesische Gebirge+ -- +die religiöse und weltliche -Poesie+ der Juden -- +die weiße und rote Rose+ -- +das Sol- und -Seebad+ -- der Wert +der klassischen und modernen Sprachen+ -- die -Knochen waren nicht die Überreste +eines Frauen- und Kinderskeletts+, -sondern +eines Ferkel- und Kaninchengerippes+! Auch in diesen Fällen -muß der Artikel unbedingt wiederholt werden; wird er nur +ein+mal -gesetzt, so erweckt das die Vorstellung, als ob sichs nur um +einen+ -Begriff handelte. Niemand kann erraten, daß der +Bau-, Ökonomie- und -Finanzausschuß+ drei verschiedne Ausschüsse sind. +Der König von -Preußen und Kaiser von Deutschland+ -- das ist richtig, denn beides ist -dieselbe Person; +das belgische und deutsche Herrscherpaar+ -- das ist -falsch, denn das sind zwei verschiedene Paare. - -Die Nachlässigkeit wird um so störender, wenn durch das im Plural -stehende Prädikat oder auf irgendeine andre Weise noch besonders -deutlich fühlbar gemacht wird, daß es sich um mehrere Begriffe handelt, -z. B.: der deutsche Handel war bedeutender als +der englische und -amerikanische zusammen+ -- +der Nominativ und Vokativ sind+ eigentlich -keine Kasus -- +die erste und letzte Strophe zerfallen+ in zwei Hälften --- +der lyrische und epische Dichter bedürfen+ dieses Mittels nicht --- 1830 +starben der Bruder und Vater+ -- westlich davon +stehen -die Thomas- und Matthäikirche+ -- an der Nordseite +befinden sich -der Dresdner, Magdeburger und Thüringer Bahnhof+ -- die Anlage, -die +die Mit- und Nachwelt+ an Bismarck zu bewundern alle Ursache -+haben+ -- +zwischen (!) dem+ 13. +und+ 15. Grade südlicher Breite --- der Unterschied +zwischen (!) den staatlichen und kirchlichen+ -Einrichtungen -- wo ist die Grenze +zwischen (!) der Wahrheit+, die -man mitteilen, und [+der+!], die man nicht mitteilen darf -- die -deutsche Umgangssprache schwankt +zwischen dem Extrem barscher Kürze -und bedientenhafter Redseligkeit+ -- das Zentrum möchte einen Keil -treiben +zwischen den rechten und linken Flügel+ des Blocks. Wie kann -etwas „zwischen“ einem Grade liegen, „zwischen“ einem Extrem schwanken, -„zwischen“ einen Flügel getrieben werden? - -Bei mehr als zwei Gliedern kann die sorgfältige Wiederholung des -Artikels freilich etwas schleppendes bekommen, und wo mehr aufgereiht -als gegenübergestellt wird, da schreibe man getrost: mit +den Geruchs-, -Geschmacks- und Gefühlsnerven+, die Gewohnheiten +des Fastens, -Beichtens und Betens+, ein Schatz +des Wahren, Guten und Schönen+. -Wo aber unterschieden und gegenübergestellt wird, da muß auch der -Artikel wiederholt werden. Darum steht auch auf dem Titelblatte dieses -Buches: Grammatik +des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen+, -denn jeder dieser drei Begriffe bezeichnet eine andre Art von Fällen. -Manche glauben genug zu tun, wenn sie den Artikel bei einem Wechsel -des Geschlechts wiederholen, und schreiben: die Gelübde +der Armut, -Keuschheit+ und +des Gehorsams+. Ganz irrig! Die Gleichmäßigkeit -verlangt den Artikel bei jedem Gliede der Reihe. - -Kein grammatischer, aber ein grober Denkfehler liegt vor in -Verbindungen wie: Lager von +Schneider- und Schuhartikeln+ -- Fabrik -von +Bambus-, Luxus- und Rohrmöbeln+. Der Schneider kann nicht den -Schuhen, Bambus oder Rohr nicht dem Luxus gegenübergestellt werden, -denn Bambus und Rohr geben den Stoff an, Luxus den Zweck (oder die -Zwecklosigkeit). Man könnte ebensogut +Kaffee-, Porzellan- und -Teetassen+ verbinden. - - -Tautologie und Pleonasmus - -Während die fehlerhafte Zusammenziehung aus einem irregeleiteten -Streben nach Kürze entsteht, beruht ein andrer Fehler auf dem Streben -nach Breite und Wortreichtum: der Fehler, einen Begriff doppelt oder -gar dreifach auszudrücken. Man bezeichnet ihn mit Ausdrücken der -griechischen Grammatik als Tautologie (Dasselbesagung) oder Pleonasmus -(Überfluß). - -In den seltensten Fällen will man durch die Verdopplung etwa -den Ausdruck verstärken,[133] gewöhnlich fällt man aus bloßer -Gedankenlosigkeit hinein. Zu den üblichsten Tautologien gehören: -+bereits schon+, ich +pflege gewöhnlich+, +einander gegenseitig+ -oder gar +sich einander gegenseitig+.[134] Aber es gibt ihrer von -den verschiedensten Arten. Auch in Verbindungen wie: +schon gleich+ -(die Bedenken fangen schon gleich beim Lesen der ersten Seite an), -+auch selbst+, +nach abwärts+, +nach dieser Richtung+ (statt: +nach+ -dieser +Seite+ oder +in+ dieser +Richtung+), +nach+ verschiednen -+Richtungen+ (!), +unsre Gegenwart+ (statt: unsre +Zeit+ oder +die+ -Gegenwart), +unsre deutsche+ Jugend, +unser deutsches+ Vaterland, -+mein mir übertragnes+ Amt, +rückvergüten+, +gemeinschaftliches -Zusammenwirken+, etwas +näher bei Lichte+ besehen, nicht +ganz+ ohne -+jede+ gute Regung, Personen beider+lei Geschlechts+ (statt +beider -Geschlechter+), Hilfeleistungen +weiblicher Schwestern+, es +kann -möglich sein+, +ich darf mit Recht+ beanspruchen, das Lob, das ihm +mit -Recht gebührt+, man +muß+ von einem Geschichtschreiber +verlangen+, -die +Forderung+ ist +unerläßlich+, er hat +Anspruch+ auf +gebührende+ -Beachtung, ehe das Einschreiten zur +zwingenden Notwendigkeit+ wird, -die Innung +geht+ mehr und mehr dem +Rückgange entgegen+, die Übung der -Denkkraft, die +angeblich+ durch die Mathematik erzielt werden +soll+ --- überall ist hier ein Begriff ganz unnötigerweise doppelt da. Es -genügt, zu sagen entweder: +mein+ Amt oder: das +mir übertragne+ Amt, -entweder: man kann von einem Geschichtschreiber +verlangen+, oder: -ein Geschichtschreiber +muß+, entweder: die Übung, die +angeblich+ -erzielt +wird+, oder: die erzielt werden +soll+. In Leipzig werden -immer noch Dinge +meistbietend versteigert+ -- das soll heißen: an den, -der das Meiste bietet, was doch schon in dem Begriffe des Versteigerns -liegt --, und dann natürlich gegen +sofortige Barzahlung+! Auch -Zusammensetzungen wie +Rückerinnerung+, +vollfüllen+ und +loslösen+ -sind nichts als Pleonasmen; ebenso die beliebten Partizipzusätze, -die zum Teil aus schlechtem lateinischem Unterricht stammen: auf -+erhaltnen+ mündlichen Befehl -- nach +gehaltner+ Frühpredigt -- die -+erfahrne+ unwürdige Behandlung -- ohne +vorhergehende+ Beschaffung -geeigneter Verkehrsmittel -- nach einer +vorhergehenden+ Fermate -- -bis zur +getroffnen+ Entscheidung -- die +angestellte+ Untersuchung -ergab -- meine Erörterung gründet sich auf +schon gemachte+ Erfahrungen --- die Aussteller sind in der Reihe ihrer +erfolgten+ Anmeldung -aufgeführt. Man streiche die Partizipia, und der Sinn bleibt derselbe, -der Ausdruck aber wird knapper und sauberer (vgl. auch, was S. 167 über -+stattgefunden+ und +stattgehabt+ gesagt ist). - -Der häufigste Pleonasmus aber und der, der nachgerade zu einer -dauernden Geschwulst am Leibe unsrer Sprache zu werden droht und -trotzdem allgemein als Schönheit, ja als eine Art von Bedürfnis -empfunden zu werden scheint, ist der, nach den Begriffen der -Möglichkeit und der Erlaubnis, der Notwendigkeit und der Absicht -beim Infinitiv diese Begriffe durch die Hilfszeitwörter +können+, -+dürfen+, +wollen+, +sollen+, +müssen+ zu wiederholen, also zu -schreiben: niemand schien +geeigneter+ als Ranke, dieses Werk zur -Vollendung bringen zu +können+ -- die +Leichtigkeit+, die gepriesensten -Punkte Süditaliens erreichen zu +können+ -- die +Möglichkeit+, die -Sozialdemokratie mit gleichen Waffen bekämpfen zu +können+ -- auf -diese Weise ist es +möglich+, während des Umbaus den Verkehr aufrecht -erhalten zu +können+ -- die +Fähigkeit+, über sich selbst lachen zu -+können+ -- die +Mittel+, an Ort und Stelle mit Nachdruck auftreten -zu +können+ -- es ist +Gelegenheit+ gegeben, auch am Polytechnikum -Vorlesungen hören zu +können+ -- er hatte +genügendes+ Kapital, etwas -ausführen zu +können+ -- die Finanzwirtschaft ist gar nicht +imstande+, -das Kreditwesen des Staates entbehren zu +können+ -- ich +getraute+ -mir nicht, das Gespräch mit ihm aufrecht erhalten zu +können+ -- -wenn es mir +gelingen+ sollte, hierdurch meine Verehrung an den Tag -legen zu +können+ -- es ist zu beklagen, daß so aufrichtige Naturen -sich nicht anders zur Kirche stellen zu +können vermögen+ (!) -- -der Thronfolger kann von Glück sagen, wenn es ihm +erspart+ bleibt, -seine Herrscherautorität +nicht+ erst durch die Schärfe des Schwerts -erkämpfen zu +brauchen+[135] -- es sei mir +gestattet+, einen Irrtum -berichtigen zu +dürfen+ -- der Biograph hat das schöne +Recht+, -Enthusiast sein zu +dürfen+ -- eine Stellung, die ihm +erlaubte+, -ohne Frage nach dem augenblicklichen Erfolg produzieren zu +dürfen+ --- einer Deputation war es +vergönnt+, Glückwünsche darbringen zu -+dürfen+ -- die +Freiheit+, seiner innern Eingebung folgen zu +dürfen+ --- der +Anspruch+, Universalgeschichte sein zu +wollen+ -- er sprach -seine +Bereitwilligkeit+ aus, auf diesem Wege vorgehen zu +wollen+ -- -die +Absicht+, blenden oder über ihre Verhältnisse leben zu +wollen+ --- er hat +versprochen+, in den ruhmreichen Bahnen seines Großvaters -fortwandeln zu +wollen+ -- die +Aufgabe+, die Akademie reformieren zu -+sollen+ -- es gehört zu den schönsten +Aufgaben+, das Leben eines -Zeitgenossen beschreiben zu +wollen+ (!) -- die +Zumutung+, Gott ohne -Bilder anbeten zu +sollen+ -- ein Volk, das sich dazu +erwählt+ glaubt, -große Dinge erfüllen zu +müssen+ -- die Verhältnisse +zwangen+ den -König, auf die Führung seines Heeres verzichten zu +müssen+. - -Statt in Nebensätzen die Hilfszeitwörter +sein+ und +haben+ -wegzulassen, wo sie oft ganz unentbehrlich sind (vgl. S. 137), bekämpfe -man lieber diese abscheuliche Gewohnheit; die unnützen +können+, -+dürfen+, +wollen+, +sollen+ und +müssen+ sind wirklich wie garstige -Rattenschwänze.[136] - - -Die Bildervermengung - -Bei dem Worte Bildervermengung denkt wohl jeder an Wendungen wie: -das ist wie ein +Tropfen+ auf einen +hohlen Stein+, oder: er wurde -an den +Rand des Bettelstabes+ gebracht, oder: der +Zahn der Zeit+, -der schon so manche +Träne getrocknet+ hat, wird auch über dieser -+Wunde Gras wachsen+ lassen -- und meint, dergleichen werde wohl -beim Unterricht als abschreckendes Beispiel vorgeführt, komme aber -in Wirklichkeit nicht vor. Zeitungen und Bücher leisten aber fast -täglich ähnliches; gilt es doch für geistreich, möglichst viel in -Bildern zu schreiben! Oder wäre es nicht ebenso lächerlich, wenn -von einer Nachricht gesagt wird, daß sie wie ein +Donnerschlag+ ins -+Pulverfaß+ gewirkt habe, wenn in einem Aufsatz über das Theater von -+gaumenkitzelnden Trikotanzügen+ gesprochen wird, oder wenn es in einem -Börsenberichte heißt: der +Verkehr wickelte sich+ in +ruhigem Tone+ -ab, in dem Bericht über eine Kunstausstellung: was bei den Russen zum -+Zerrbilde+ des Fanatismus geworden ist, leuchtet bei den Spaniern als -+Flamme+ der Begeisterung, oder wenn gar geschrieben wird: wo finden -wir einen +roten Faden+, der uns aus diesem +Labyrinth+ hinausführt? --- das politische +Knochengerüst+, über dessen +Nacktheit+ durch eine -schöne +Verbrämung+ hinweggetäuscht werden soll -- der Zauber seiner -Persönlichkeit teilt sich dem Leser in einem +bestrickenden Fluidum+ -mit -- unsre Universitäten sind wie +rohe Eier+: sobald man sie -antastet, +stellen sie sich auf die Hinterbeine+ -- der bureaukratische -Staat +schert+ (!) alles +über einen Leisten+ -- +pilzartig+ schossen -die Lust-, Schau- und Trauerspiele seiner Feder +ins Kraut+ -- alle -diese Mitteilungen +schweben in der Luft+, aus der sie +geschnappt+ -sind (in der Luft schweben, aus der Luft greifen, nach Luft schnappen --- drei Bilder vermengt!) -- das ist eins jener +Kolumbuseier+, deren -der Genius Shakespeares verschiedne +ausgebrütet+ hat -- das sind -vom nationalökonomischen +Gesichtswinkel+ aus in +kargem Gerippe+ -die geistreich variierten +Grundzüge+ seiner Lehre -- die Millionen -+fliegen zum Fenster hinaus+ und leeren das +Reichsfaß+ bis zum -Boden -- natürlich muß das +Pflaster+ auf die verschiednen +kalten -Wasserstrahlen+ gegen ihre Eitelkeit ein wenig +gekitzelt+ werden -- -dieses +Schreckgespenst+ ist schon +so abgedroschen+, daß nur noch -ein politisches +Wickelkind+ darauf +herumreiten+ kann -- um ihrem -geschwächten Parteimagen +neue Nahrung+ zuzuführen, +angeln+ sie in dem -Wasser des Bauernbundes nach +faulen Fischen+ -- die lauteste +Trommel+ -bei dieser Hetze +blasen+ natürlich die Geistlichen -- wenn man den -Herren einen +Floh+ ins Ohr setzt, wird sofort ein +Elefant+ daraus -gemacht und dann auch noch öffentlich +breitgetreten+.[137] - -Dergleichen erregt ja nun die Heiterkeit auch des gedankenlosesten -Lesers. Ein Berliner Schriftsteller hat sich sogar (unter dem Namen -Wippchen) jahrelang planmäßig dem Anbau dieses Sprachunkrauts gewidmet -und großen Erfolg damit gehabt. Es gibt aber auch zahlreiche -Bildervermengungen, die genau so schlimm sind, und die doch von -Tausenden von Lesern, auch von denkenden, gar nicht bemerkt werden, -weil sie nicht so zutage liegen, sondern etwas verschleiert sind. -Unsre Sprache ist überreich an bildlichen Ausdrücken, über deren -ursprüngliche Bedeutung man sich oft gar keine Rechenschaft mehr gibt. -Schon wenn jemand schreibt: die Sache machte keinen +durchschlagenden -Eindruck+ -- so lesen sicher unzählige darüber weg, denn +Eindruck -machen+ und ein +durchschlagender Erfolg+ sind so abgebrauchte -Bilder, daß man sich ihres ursprünglichen Sinnes kaum noch bewußt -ist. Und doch liegt hier eine lächerliche Bildervermengung vor, denn -einen +Eindruck machen+ und +durchschlagen+ schließen einander aus; -wenn man das Kalbfell einer Pauke durchschlägt, so ist es mit dem -Eindruckmachen vorbei. Ebenso ist es, wenn ein Kritiker von Leistungen -eines Schriftstellers redet, die nicht den vollen +Umfang+ seiner -Fähigkeiten +erschöpfen+, denn beim Umfang denkt man an ein Längenmaß, -schöpfen kann man aber nur mit einem Hohlmaß. In solchen mehr oder -weniger verschleierten Bildervermengungen wird sehr viel gesündigt. Man -schreibt: die kleinen Staaten werden von der +Wucht+ ganz Deutschlands -+getragen+ -- er hatte sich in eine solche Schulden+last gestürzt+ -- -diese Maßregel ist von sehr ungünstigem +Einfluß begleitet+ gewesen --- als die auf die Hebung der Hundezucht abzielende +Bewegung+ -feste +Wurzeln geschlagen+ hatte -- bis sie ihm die +Unterlage+ für -Börsenspekulationen +eröffnet+ hatten -- wer nicht +mit der Herde -läuft+, muß sich hüten, daß er nicht +scheitere+ usw.[138] - - -Vermengung zweier Konstruktionen - -Wie zwei verschiedne Bilder, so werden oft auch zwei verschiedne -Konstruktionen miteinander vermengt. Da wird z. B. die erste Person -mit der dritten vermengt und geschrieben: die Verlobung +unsrer+ -Tochter (statt: +ihrer+ Tochter!) beehren sich anzuzeigen -- um -Rückgabe der von +mir+ (statt: von +ihm+!) entliehenen Biergläser -bittet -- +meiner+ Mutter (statt: +ihrer+ Mutter!) gewidmet von der -Verfasserin. Oder es wird an +hoffen+ ein Nebensatz angeschlossen, -als ob +wünschen+ vorherginge: ich +hoffe+ sehr, daß ich das nie -wieder erleben +möge+ (+erlebe+!) -- wir +hoffen+, daß dergleichen -nicht wieder vorkommen +möge+ (+werde+!) -- ich übergebe diese Arbeit -der Öffentlichkeit in der +Hoffnung+, daß sie dazu beitragen +möge+ -(beitragen +werde+!) -- er +hoffe+, daß andre Forscher glücklicher -operieren +möchten+ (+würden+!). Es wird +weil+ geschrieben, wo -es +daß+ heißen muß: er hat seinen Namen +davon, weil+ er -- die -fürstliche Ehe war dem Volke besonders +dadurch+ teuer, +weil+ ihr -eine reiche Zahl von Prinzen entsprossen war; dagegen +daß+, wo es -+als+ heißen muß: Thomsen ist nur +insofern+ original, +daß+ er -die Grundrente als unrechtmäßige Abzahlung betrachtet -- meinem -Arbeitsfelde liegen diese Untersuchungen nur +insofern+ nahe, +daß+ -ich daraus belehrt worden bin usw. Oder es wird geschrieben: da -manche Erörterung die Untersuchung +eher+ erschwert, +statt+ sie zu -vereinfachen -- wo entweder das +eher+ wegfallen, oder fortgefahren -werden muß: +als daß+ sie sie vereinfachte. - -Sehr häufig ist der Fehler, daß man auf das Adverbium +so+ einen -Infinitiv mit +um zu+ folgen läßt statt eines Folgesatzes mit +daß+, -z. B.: Aristoteles sagt, daß eine Stadt +so+ gebaut sein müsse, +um+ -die Menschen zugleich sicher und glücklich +zu+ machen -- behauptet -jemand, daß der Zucker +so+ belastet sei, +um+ weitere Lasten nicht -+zu+ ertragen -- er hatte gerade noch +so+ viel Zeit, +um+ sich in -das Dickicht +zu+ schleichen -- die Verhältnisse haben sich +so+ weit -geordnet, +um+ der Nation eine andre Haltung +zu+ ermöglichen -- dieses -Licht läßt uns gerade +so+ viel sehen, +um+ dem Ewigen und Rätselhaften -seine Launen ab+zu+lauschen -- wenn man nur +so+ viel Freiheit des -Geistes hat, +um+ sich über die Macht der Gewohnheit empor+zu+schwingen --- die Realien waren noch nicht +so+ weit in sich gefestigt, +um+ -als Bildungsmittel Verwendung +zu+ finden -- wir müssen das -Reinlichkeitsbedürfnis in uns +so+ entwickeln, +um+ schmutzige -Literatur fern+zu+halten -- +so+ einfach sind denn doch diese Fragen -nicht, +um+ sie spielend mit einem Worte +zu+ erledigen -- die Herren -sind nicht +so+ dumm, +um+ auf diesen Leim +zu+ gehen. In einigen der -angeführten Beispiele mag wohl das Bestreben, nicht zwei Nebensätze -hintereinander -- einen Objektsatz und einen Folgesatz -- mit +daß+ -anzufangen (für manche Leute ein entsetzlicher Gedanke!), zu dem Fehler -verleitet haben. Dem läßt sich aber doch leicht dadurch aus dem Wege -gehen, daß man den Objektsatz ohne +daß+ bildet: behauptet jemand, der -Zucker sei +so+ belastet, +daß+ er usw. - - -Falsche Wortstellung - -Ein völlig vernachlässigtes Kapitel der deutschen Grammatik ist die -Lehre von der Wortstellung. Die meisten haben kaum eine Ahnung davon, -daß es Gesetze für die Wortstellung in unsrer Sprache gibt. Gewöhnlich -besteht die gesamte Weisheit, die dem Schüler oder dem Ausländer, -der Deutsch lernen möchte, eingeflößt wird, in der Regel, daß in -Nebensätzen das Zeitwort am Ende, in Hauptsätzen in der Mitte zu stehen -pflege; im übrigen, meint man, herrsche in unsrer Wortstellung die -„größte Freiheit“. - -Ein Glück, daß das natürliche Sprachgefühl noch immer so lebendig ist, -daß die Gesetze der Wortstellung, wie sie sich teils aus dem Sinne, -teils aus rhythmischem Bedürfnis, teils aus der Art der Darstellung -(schlichte Prosa, Dichtersprache oder Rednersprache) ergeben, trotz -der angeblichen „Freiheit“ im allgemeinen richtig beobachtet werden. -Dennoch gibt es auch eine Reihe von argen Verstößen dagegen, die sehr -verbreitet und beliebt sind. Auf Abgeschmacktheiten, wie die des -niedrigen Geschäftsstils, bei Preisangaben von +Mark 50+ zu reden, -statt, wie jeder vernünftige Mensch sagt, von +50 Mark+, oder auf -Briefadressen zu schreiben, wie man es neuerdings, natürlich wieder -die Engländer nachäffend, tut: +20 Königsstraße Leipzig+, statt, -wie jeder vernünftige Mensch sagt: +Leipzig, Königsstraße 20+, soll -dabei gar nicht geachtet werden; ebensowenig auf die Ziererei -mancher Schriftsteller, in schlichter Prosa einen Genitiv immer vor -das Hauptwort zu stellen, von dem er abhängt.[139] Auch der häßliche -Latinismus, den manche so lieben: +Goethe, nachdem er+ (vgl. ~Caesar, -cum~), soll nur beiläufig erwähnt werden. Ein Nebensatz, der mit einem -Fügewort anfängt, und ein Infinitivsatz können in einen Hauptsatz nur -dann eingeschoben werden, wenn das Zeitwort des Hauptsatzes bereits -ausgesprochen ist. Eine Wortstellung wie in dem Fibelverse: +die Gans, -wenn sie+ gebraten ist, wird mit der Gabel angespießt, oder: +dem -Hunde, wenn+ er gut gezogen, ist auch ein weiser Mann gewogen -- ist -wohl dem Dichter erlaubt, aber in Prosa sind Satzgefüge wie folgende -undeutsch: +die Pflanzen, um zu gedeihen+, bedürfen des wärmenden -Sonnenlichts -- die +katholische Kirche, wie sie+ sich gern der -Siebenzahl freut, zählt auch sieben Werke der Barmherzigkeit -- alle -+andern Parteien, wenn sie+ im übrigen noch so bedenkliche Grundsätze -haben, erkennen doch den Staat als notwendig an -- der +Verband der -Sattler, obwohl+ er erst ein Jahr besteht, umfaßt bereits 37 Vereine. -Entweder muß es heißen: der Verband der Sattler +umfaßt, obwohl er+ -- -oder der Nebensatz muß mit dem Hauptworte vorangestellt werden: +obwohl -der Verband+ der Sattler usw., +so umfaßt er doch+. Auch der Fehler, -der in Satzgefügen wie folgenden liegt: um die Reisekosten, die er -auf andre Weise nicht beschaffen konnte, +aufzutreiben+ -- auf einem -der schönsten Plätze der Welt, der zugleich ein Hauptkreuzungspunkt -städtischen und vorstädtischen Verkehrs ist, +gelegen+ -- M. ist nun -auch unter die Novellisten, wohl mehr der Mode folgend als dem innern -Drange, +gegangen+ -- mir liegt das Stammbuch eines Holsteiners, der -um 1750 in Helmstedt studierte, +vor+ -- sieht man von der kurzen -Würdigung, die Waldberg 1889 in der Allgemeinen Deutschen Biographie -gegeben hat, +ab+ -- am Neumarkte rissen gestern zwei vor einen -Korbwagen gespannte Pferde eine Frau, die auf der Straße stand und sich -mit einer andern Frau unterhielt, +um+ -- der Redner brach, da die Zeit -inzwischen längst die zulässige Frist von zehn Minuten überschritten -hatte und noch ein andrer Redner zu Worte kommen wollte, auf die -Aufforderung des Vorsitzenden, mit der Bemerkung, daß er noch viel zu -sagen habe, +ab+ -- auch dieser Fehler soll hier nur gestreift werden. -Die Fälle brauchen nicht immer so lächerlich zu sein wie der letzte; -ein eingeschobnes Satzglied muß zusammen mit dem Gliede, in das es -eingeschoben wird, immer folgende Gestalt ergeben, wenn die Verbindung -angenehm wirken soll: - - [--------[--------]--------] - -Sehen sie zusammen so aus: - - [--------------[--------]--] - -so ist der Bau verfehlt, und es ist dann besser, die Einschiebung -lieber ganz zu unterlassen, die Glieder so zu ordnen: - - [------------] [------------] - -und zu schreiben: M. ist nun auch unter die Novellisten gegangen, wohl -mehr der Mode folgend als dem innern Drange. - - -Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? - -Ein Verstoß gegen die Gesetze der Wortstellung, der sehr oft -vorkommt und nicht gerade von scharfem Denken zeugt, ist der, daß -zwei Adjektiva (oder ein Adjektiv und ein Partizip oder Zahlwort) in -verkehrter Reihenfolge zu einem Substantiv gesetzt werden, z. B.: ein -+sächsischer junger+ Leutnant -- die +ausländische gesamte+ Medizin --- +westfälische mittelalterliche+ Volkslieder -- man schöpfte mit -+hölzernen großen+ Kannen -- wenn die Sonne schien, wurden die -+seidnen verblaßten+ Vorhänge zugezogen -- da wollte auf dem Boden -des Handwerks nicht einmal mehr das +tägliche kärgliche+ Brot wachsen --- die Turnübungen finden in der +städtischen geräumigen+ Turnhalle -statt -- die Bestrebungen, den Arbeiterfamilien +eigne behagliche+ -Wohnungen zu schaffen -- die Bildung +künftiger maßgebender+ -Staatsbeamten -- in Zeiten +wirtschaftlicher+ schroff aufeinander -+stoßender+ Gegensätze -- eine +chronische+ mit Geduld +ertragne+ -Krankheit -- ein +sittlicher angeborner+ Defekt usw. In allen diesen -Fällen ist das Eigenschaftswort, das unmittelbar vor dem Hauptworte -stehen müßte, weil es mit diesem zusammen +einen+ Begriff bildet, durch -ein zweites Eigenschaftswort, das dem Schreibenden nachträglich noch -eingefallen ist, von dem Hauptworte getrennt; soll die Darstellung -logisch richtig werden, so müssen die beiden Eigenschaftswörter überall -ihre Plätze wechseln. Das ärgste dieser Art ist die +alte gute Zeit+, -der +alte gute Taler+, wie man jetzt auch zu schreiben anfängt. Die -+alte Zeit+ ist +ein+ Begriff (die Vergangenheit); tritt zu diesem -Begriff das Eigenschaftswort +gut+, so darf er nicht zerrissen werden, -sondern es muß heißen: die +gute alte Zeit+. Man muß sich also immer -klarmachen, welches von den beiden Adjektiven das wesentliche ist; -dies gehört dann unmittelbar vor das Hauptwort. Bezeichnet eins der -beiden Adjektiva einen Stoff (+hölzern+, +seiden+) oder die Herkunft -(+sächsisch+, +ausländisch+, +westfälisch+), so gehört dieses in der -Regel unmittelbar vor das Hauptwort: +mit großen hölzernen+ Kannen, -ein +junger sächsischer Leutnant+. Natürlich ist es auch möglich, daß -das andre Adjektiv mit dem Substantiv zusammen einen Begriff bildet -oder wenigstens -- bilden soll; dann muß die Ortsbezeichnung von dem -Hauptwort entfernt werden, z. B.: +Leipziger elektrische+ Straßenbahn --- +Münchner neueste+ Nachrichten -- +englische historische+ Romane --- die +sächsische zweite+ Kammer -- die +Straßburger katholische+ -Fakultät -- seine +Nürnberger gelehrten+ Freunde usw. Sage ich: der -+höchste Leipziger+ Turm, so stelle ich mir alle Leipziger Türme vor -und greife dann den höchsten heraus; bei den +Leipziger neuesten+ -Nachrichten dagegen soll ich mir alle Zeitungen vorstellen, die Neueste -Nachrichten heißen, und soll dann die Leipziger herausgreifen. So ist -auch der +letzte schwere+ Tag der letzte einer Reihe von schweren -Tagen, z. B. einer Examenwoche, dagegen der +schwere letzte+ Tag der -Todestag. - -Grundfalsch ist also auch, was man fast in allen antiquarischen -Bücherverzeichnissen lesen muß: +erste seltne+ Ausgabe. Es klingt das, -als ob es von dem Buche mehrere seltne Ausgaben gäbe, und die jetzt -verkäufliche die erste davon wäre. Die Antiquare wollen aber sagen, -es sei überhaupt die erste Ausgabe, die Originalausgabe, die ~editio -princeps~, und diese sei selten. Das kann nur heißen: +seltne erste -Ausgabe+. Anders verhält sichs mit der +zweiten, verbesserten+ Ausgabe. -Hier ist +verbessert+ ein nachträglicher Zusatz, wie schon das Komma -zeigt, das hier nicht fehlen darf, aber auf Büchertiteln leider sehr -oft fehlt; der Sinn ist: +zweite+, (und zwar) +verbesserte+ Auflage. -Läßt man das Komma weg, so erweckt das die Vorstellung, als ob schon -eine +erste verbesserte+ Auflage vorhergegangen, die vorliegende also -im ganzen die dritte wäre. Manchem wird das als unnötige Diftelei -erscheinen, es handelt sich aber um einen ganz groben, handgreiflichen -Unterschied. - - -Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges - -Mit großer Schnelligkeit, bazillusartig, wie immer, hat sich seit -einiger Zeit ein Fehler in der Wortstellung verbreitet, der noch -vor fünfzig Jahren ganz undenkbar gewesen wäre, der Fehler, der in -Verbindungen liegt, wie den folgenden: +der Direktor Hittenkofer des -Technikums zu Strelitz+ -- +das Töchterchen Alice des Herrn Hofhotelier -Baumann+ -- +die Sektion Sterzing des österreichischen Touristenklubs+. -Hier sind zwei Konstruktionen in- und durcheinandergeschoben. Richtig -ist es, zu sagen: +der Direktor Hittenkofer+; hier ist der Name -+Hittenkofer+ das Hauptwort, und +der Direktor+ eine Apposition dazu. -Richtig ist es auch, zu sagen: +der Direktor des Technikums+; hier -ist +der Direktor+ das Hauptwort, und +des Technikums+ ein Attribut -dazu. Aber falsch ist es, beide Konstruktionen so miteinander zu -verbinden, wie es in den angeführten Beispielen geschehen ist; denn -dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort zu der Apposition +der Direktor+, -und gleichzeitig der +Direktor+ das Hauptwort zu dem Attribut +des -Technikums+. Will man beide Konstruktionen verbinden, so kann es -nur heißen: +der Direktor des Technikums zu Strelitz Hittenkofer+. -Dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort, +der Direktor+ die Apposition -dazu, und +des Technikums+ das Attribut zur Apposition. Wer ein wenig -Sprachgefühl hat, für den wird es dieser langen Auseinandersetzung -gar nicht bedurft haben. Man denke sich, daß jemand sagen wollte: -+die Ballade Erlkönig Goethes+ -- +der Doktor Meurer der Medizin+ --- +der Minister von Dallwitz des Innern+ -- +der Begründer Ritter -der wissenschaftlichen Erdkunde+ -- +das Mitglied Eugen Richter des -Reichstags+ -- jeder würde das für lächerlich und ganz unmöglich -halten, und doch wären das ganz ähnliche Verbindungen.[140] - -Wer sich den logischen Verstoß, der in solchen Ineinanderschiebungen -liegt, nicht klarmachen kann, der müßte doch wenigstens stutzig werden, -wenn er den abhängigen Genitiv, der sonst immer unmittelbar auf das -Wort folgt, von dem er abhängt, hier durch ein dazwischengeschobnes -Wort davon getrennt sieht! Es wird aber niemand stutzig; man schreibt -ruhig: +der Redakteur+ Küchling des Leipziger +Tageblatts+, +der -Direktorialassistent+ Prof. Vogel des städtischen +Museums+, der -+Sekondeleutnant+ von Guttenberg +des Infanterieleibregiments+, -+der Prokurist+ Hermann Becker +der Firma+ Schimmel und Ko., +der -Insasse+ Körner +des+ hiesigen +Arbeitshauses+, +der Mönch+ Bernardus -+des Klosters+ St. Stephan, +der Roman+anfang „Waldrauschen“ der -+Gartenlaube+, +das Segelboot+ Undine +des Prinzen+ Demidoff, +der -Passagierdampfer+ Großer Kurfürst +des Norddeutschen Lloyd+, +das -Pferd+ Lippspringe +des Freiherrn+ von Reitzenstein, +die Komödie+ -Hans Pfriem +des Martin Hayneccius+, +die Marmorbüste+ Die Verdammnis -+des+ kurfürstl. sächs. +Hofbildhauers+ Permoser, +der Bezirksverband+ -Sachsen +des deutschen Schmiedeverbandes+, +die Ortsgruppe+ Zeitz -+des+ Allgemeinen deutschen +Schulvereins+, +der Zweigverein+ -Berlin-Charlottenburg +des+ Allgemeinen deutschen +Sprachvereins+ -(!), +die Haltestelle+ Zwischenbrücken +der+ Plagwitzer +Eisenbahn+, -+die Strecke+ Faido-Lavorgo +der Gotthardbahn+ und (das Neueste!): -+die Königin+ Wilhelmine +der Niederlande+, +der Prinz+ Heinrich +der -Niederlande+ und +die Königin-Mutter+ Emma +der Niederlande+. Und -die angeführten Beispiele zeigen, daß der Fehler keineswegs bloß in -Zeitungen grassiert, sondern auch in wissenschaftlichen Werken spukt. - -Unleugbar hat der Fehler etwas bequemes, und das Bestreben, ihn -zu vermeiden, manchmal etwas unbequemes. Aber wird er dadurch -erträglicher? Wem es nicht gefällt, zu sagen: +die Ortsgruppe des -Allgemeinen deutschen Schulvereins Zeitz+ (natürlich ist das häßlich, -aber doch nicht wegen der Wortstellung, sondern weil einer „Ortsgruppe“ -frischweg ein Städtename beigelegt wird), der sage doch: +die Zeitzer -Ortsgruppe+ des Allgemeinen deutschen Schulvereins. Das ist deutsch. - -Streng genommen ist es natürlich auch falsch, zu sagen: +der -Wetterbericht+ Nr. 200 +des Meteorologischen Instituts+. Hier drängt -sich +Nr. 200+ eben so störend zwischen die beiden untrennbaren Glieder -wie in den vorher angeführten Beispielen die Eigennamen; deutsch wäre: -+der 200. Wetterbericht des Meteorologischen Instituts+. Ganz falsch -ist: eine +Stiftung+ von 7000 Mark +des Landgerichtsrat+ N. -- eine -+Handschrift+ von 240 Blatt +der Münchner Hof- und Staatsbibliothek+ --- +die Abteilung+ für Kriegsgeschichte +des Großen Generalstabs+ -- -+die Adreßbücher+ für 1906 +der Städte Berlin, Bremen und Breslau+ -- -+der Oberarzt+ für Hautkrankheiten +des städtischen Krankenhauses+ -- -+Höhenkurort+ für Nervenschwache +ersten Ranges+ -- +Friseurgeschäft+ -für Herren und Damen +ersten Ranges+ -- +der Entwurf+ zu einem Brunnen -+des Herrn Werner Stein+ -- +das Promemoria+ an die kurfürstliche -Bücherkommission +des Professors Ernesti+ -- +der Mangel+ an -Selbstbewußtsein und Selbständigkeit +der deutschen Mädchen+ -- eine -öffentliche +Vorlesung+ gegen Entree +der+ am beifälligsten begrüßten -+Produktionen+ -- ein großes +Konzert+ mit darauffolgendem Ball +der+ -ganzen +Kapelle+ des Füsilierregiments Nr. 36 usw. Auch hier sind -überall zwei Konstruktionen, und zwar beidemal ein Hauptwort mit -Attribut (z. B. +der Oberarzt des städtischen Krankenhauses+ und der -+Oberarzt für Hautkrankheiten+), in unerträglicher Weise ineinander -geschoben, unerträglich deshalb, weil dadurch der Genitiv von dem -Worte weggerissen ist, zu dem er gehört. Freilich läßt sich auch in -solchen Fällen nicht immer durch bloße Umstellung helfen. Schreibt man: -+der Oberarzt des städtischen Krankenhauses für Hautkrankheiten+, so -ist zwar die unsinnige Verbindung: +Hautkrankheiten des städtischen -Krankenhauses+ beseitigt; aber dafür wird nun das Mißverständnis -möglich, daß es ein besondres Krankenhaus für Hautkrankheiten gebe. In -solchen Fällen bleibt nichts übrig, als ein Partizip zu Hilfe zu nehmen -und zu schreiben: der an dem städtischen Krankenhaus +angestellte+ -Oberarzt für Hautkrankheiten. Solche Partizipia werden so oft ganz -überflüssigerweise hinzugesetzt (vgl. S. 291), daß man auch einmal eins -hinzusetzen kann, wo es notwendig ist. - -Besonders schlimm sind aber nun drei Verstöße gegen die Gesetze der -Wortstellung, die zum Teil schon seit alter Zeit, zum Teil auch erst in -neuerer Zeit für besondre Feinheiten und Schönheiten gehalten werden -und deshalb nicht eindringlich genug bekämpft werden können. Der erste -ist: - - -Die sogenannte Inversion nach und - -Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der -deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt -gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet, -aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben (+hätte -ich dich+ gesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch -Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt, -mit einem Adverbium oder einer adverbialen Bestimmung anfangen; es -heißt: +den Vater haben wir+ -- +dem Himmel haben wir+ -- +gestern -haben wir+ -- +dort haben wir+ -- +schon oft haben wir+ -- +aus -diesem Grunde haben wir+ -- +trotzdem haben wir+ -- +zwar haben wir+ --- +freilich haben wir+ -- +auch haben wir+ usw., nicht (wie im -Französischen und im Englischen) +gestern wir haben+. Ebenso ist die -Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründenden +doch+: -+habe ich es doch+ selber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion -völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt: +oder wir haben+, -+aber wir haben+, +sondern wir haben+, +denn wir haben+. Nur hinter -+und+, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele -nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit, -die Inversion anzubringen und zu schreiben: +und haben wir+. Der -Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen -Inversionen nach +und+, viele halten sie für einen solchen Schmuck -der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt -haben, es also genügte, zu sagen: die erste +Lieferung+ ist soeben -+erschienen und liegt+ in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- nur -um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen, -und zwar in der Gestalt des schönen +derselbe+, und schreiben: die -erste Lieferung ist soeben erschienen, +und liegt dieselbe+ in -allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- die +Fluchtlinie+ und das -+Straßenniveau werden+ vom Rate +vorgeschrieben, und sind dieselben+ -dieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer -Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitung. Der -Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt, +und wollen wir+ -nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen -- der Verein hat sich -in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt, +und finden die -Bestrebungen+ desselben allgemeine Anerkennung -- die alte Orgel war -sehr baufällig geworden, +und wurde die Reparatur+ dem Orgelbaumeister -Herrn G. übertragen -- der Austernfang ist in letzter Zeit sehr -ergiebig gewesen, +und wurden+ am Dienstag wieder 10000 Stück in die -Stadt gebracht -- sämtliche Stoffe sind von mir für Leipzig engagiert, -+und können+ daher +dieselben Muster+ nicht von andrer Seite geboten -werden -- die Ruine ist in zehn Minuten zu erreichen, +und bietet -sich+ unterhalb derselben +ein herrliches Panorama+ -- heute findet -ein nochmaliges Ochsenbraten statt, +und können wir+ den Besuch des -Restaurants nur empfehlen -- anders wird gar nicht geschrieben. Prof. -X ist hier eingetroffen, +und fand+ -- na, was fand er denn? eine -begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! -- +und fand+ ihm zu Ehren +ein -Festmahl+ statt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande -sind, auf einer Postkarte zwei Inversionen anzubringen und damit Wunder -was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben: Nun sind die -schönen Tage in Dresden bald vorüber, +und sende ich Ihnen+ herzliche -Grüße; mein Auftreten ist gut gelungen, +und freue ich mich+ nun wieder -auf unsre gemütlichen Abende usw. - -Einigermaßen erträglich wird die Inversion nach +und+, wenn an der -Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich -zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.: +hier+ hört das Rostocker -Stadtrecht auf +und fängt+ die gesunde Vernunft an -- +so+ werden unsre -Reichen mit Wintergemüse versorgt +und wird+ die Zahl der Genußmittel -um einige überflüssige vermehrt -- +zum Glück+ gibt es noch anständige -Meister +und nehmen+ die Fabriken einen großen Teil der jungen Leute -auf -- +selbstverständlich+ gehört Freigebigkeit gegen die Priester zu -den Hauptbestandteilen der Frömmigkeit +und ist Geiz+ gegen sie die -größte aller Sünden -- +zur Pflege der Geselligkeit+ fand im Januar -eine Christbescherung statt +und wurden+ im Laufe des Sommers mehrere -Ausflüge unternommen -- +wo Hindernisse im Wege stehen+ (Adverbsatz), -pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu halten +und -kommt+ die Überschreitung des zweiten nur selten vor. Man hat diesen -Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung“ genannt. - -Auf keinem Kunstgebiete kann es ein so schlagendes Beispiel für -die Verschiedenheit des Geschmacks geben wie auf dem Gebiete der -Sprache die Inversion nach +und+. Der Beamte, der Zeitungschreiber, -der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den -sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre -Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch über +seitens+, über bzw., -über +selbstredend+, über +diesbezüglich+, sie erregt ihm geradezu -Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der -„Spitzenbestimmung“ nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden -Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die -der erste Satz mit Recht hat, im zweiten auf und schreibt: +übrigens+ -hatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich, +und das Joch+ der -Sittenzucht +war+ nicht übermäßig schwer (statt: +und war das Joch+). - -Das Widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen -Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht -den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und -doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich -gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion -nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in -Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt -und Prädikat hinter +und+ in die richtige Stellung bringt, sondern -meist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger -Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg -über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren -Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das +und+ -zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren. - -Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des -wunderlichen Standpunkts, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über -Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten, -die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch -(!), aber „eigentlich falsch“ kann man sie nicht nennen, denn sie -ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen, -im Mittelhochdeutschen, bei Luther, sehr oft im siebzehnten und -achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein -gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner -würde, daß sie jahrhundertealt ist![141] Wer hat denn zu entscheiden, -was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige, -sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte -Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär“? -Ein Schriftsteller, der die Inversion nach +und+ aufs strengste -vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.[142] - - -Die Stellung der persönlichen Fürwörter - -Der zweite Verstoß betrifft die Stellung der persönlichen Fürwörter. Es -handelt sich da wieder um eine Spracherscheinung, die äußerst häßlich -ist und doch allgemein für eine Schönheit gehalten wird (vgl. S. 116 -Anm.). Um die Sache deutlich zu machen, soll zunächst der häufigste und -auffälligste Fall besprochen werden. - -Wenn das Zeitwort eines Satzes ein Reflexivum ist, gleichviel ob -das reflexive Verhältnis den Dativ oder den Akkusativ hat (+sich+ -entschließen, +sich+ einbilden), so erscheint in der lebendigen -Sprache das reflexive Fürwort +sich+ stets so zeitig wie möglich im -Satze. In Nebensätzen wird es stets unmittelbar hinter das erste Wort -gestellt, hinter das Relativ, hinter das Fügewort usw. (+der sich+, -+wo sich+, +wobei sich+, +da sich+, +obgleich sich+, +als sich+, -+daß sich+, +wenn sich+, +als ob sich+, +je mehr sich+ usw.); erst -dann folgt das Subjekt des Satzes. Nur wenn das Subjekt selbst ein -persönliches Fürwort ist, geht dieses dem +sich+ voran (+da es sich+, -+wenn sie sich+, +die er sich+). In Hauptsätzen steht das +sich+ stets -unmittelbar hinter dem Verbum (+hat sich+, +zeigt sich+, +wird sich -finden+); in Infinitivsätzen steht es ganz an der Spitze, mag das -Verbum noch so reich mit Objekten, adverbiellen Bestimmungen u. dgl. -bekleidet sein. Man beobachte sich selbst, man beobachte andre, wie -sie reden, man wird höchst selten einer Abweichung von diesem Gesetze -begegnen. - -Nun vergleiche man damit, wie geschrieben wird, ganz allgemein -geschrieben wird, und sehe, wo da das +sich+ hingesetzt wird; die -Stelle, wo es hingehört, soll jedesmal durch Klammern bezeichnet -werden. Da heißt es in Hauptsätzen: selten +hat+ [] eine Darstellung -so rasch in der Literatur +sich eingebürgert+ -- durch die neue -Ordnung +glaubte+ [] namentlich die Universität +sich verletzt+ -- -diese +hielten+ [] ohne Erlaubnis der Regierung in diesen Gegenden -+sich auf+ -- der heftige Seelenschmerz +löste+ [] in ein krampfhaftes -Schluchzen +sich auf+ -- eventuell (!) +behält+ [] der Verkäufer das -Rückkaufsrecht +sich vor+ -- als Porträtmaler +schließt+ [] Hausmann -unmittelbar an Hoyer +sich an+. Beim Infinitiv: nur einmal +scheinen+ -[] die beiden +sich gesprochen+ zu haben -- die Photographie +scheint+ -[] in Rom wirklich bis an die Grenze echter Kunst +sich zu erheben+ --- bald +begannen+ [] Menschen in dem Walde +sich anzusammeln+ -- der -Name +dürfte+ [] auf den ganzen Gebirgszug +sich beziehen+ -- man -+mußte+ [] in entsetzlichen Postkarren, von Ungeziefer halb verzehrt, -unter Hunger und Durst, in jene schönen Gegenden +sich durcharbeiten+ --- es ist leicht, [] diese Kenntnis +sich anzueignen+ -- das Recht, -[] an der friedlichen Kulturarbeit frei +sich zu beteiligen+. In -Nebensätzen endlich: die Verdienste, +welche+ (!) [] Eure Durchlaucht -um das deutsche Vaterland +sich erworben haben+ -- es ist das eine der -schwierigsten Aufgaben, +die+ [] der menschliche Geist +sich stellen -kann+ -- bei dieser Lage der Dinge, +die+ [] binnen wenigen Monaten zu -einer ganz unerträglichen +sich ausbildete+ -- der geistige Zustand, -+in dem+ [] die deutsche Jugend in der Zeit der französischen Invasion -+sich befand+ -- der Modegeschmack, +der+ [] namentlich auf dem Gebiete -des Romans so rasch +sich ändert+ -- die Philosophie, +die+ [] doch nur -dem an das Denken gewöhnten Höhergebildeten +sich erschließt+ -- ein -Mann, +der+ [] bei allem Eifer für die katholische Sache doch einen -warmen Patriotismus +sich bewahrt hatte+ -- im Militärwaisenhaus, -+das+ [] nach dem Willen des Königs zu einer möglichst großartigen -Anlage +sich gestalten soll+ -- die Schlagwörter, +mit denen+ [] die -sozialdemokratischen Lehren +sich zu schmücken lieben+ -- in Fällen, -+wo+ [] das Bedürfnis dazu +sich herausstellt+ -- der erste Akt -versetzt uns in die Welt des Waldes, wo [] Roseggers Phantasie am -meisten +sich heimisch fühlt+ -- in Bonn, wo [] die ganze Rheinstraße -mit ihren Denkmälern zu Exkursionen +sich anbietet+ -- die Verbrecher -treiben allerlei Ulk, +wobei+ [] ihre wahre Natur +sich äußert+ -- -die Schicksale, aus +deren+ Zusammenwirken [] erst die eigenartige -Entwicklung von Hoffmanns Persönlichkeit +sich erklären läßt+ -- -unter der Bedingung, +daß er+ [] auf eine bestimmte Probezeit des -Wilderns +sich enthalte+ -- die Gegenwart beweist, +daß+ [] der kleine -Betrieb dem Großkapital gegenüber +sich+ nicht +halten kann+ -- der -einzelne darf nicht verkennen, +daß er+ [] unter solchen Umständen -zu Nutz und Frommen seiner Mitmenschen eine Selbstbeschränkung +sich -auferlegen muß+ -- +als+ [] fast sämtliche Klöster wieder mit den -geistlichen Orden +sich gefüllt hatten+ -- es wird noch geraume Zeit -vergehen, +ehe+ [] ihr Ideal vollständig +sich verwirklichen kann+ -- -+seitdem+ [] das große, für die Kultur so folgenreiche Weltereignis -der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus +sich ergab+ -- die -Aufhebung des Gesetzes können wir nicht beklagen, +da es+ [] im Laufe -der Jahre immer mehr als unbrauchbar +sich erwiesen hat+ -- +da er+ [] -gerade jetzt in der Lage +sich befindet+, Zahlung leisten zu können -- -+weil er+ [] diese Eigenschaften bis in sein hohes Alter +sich bewahrt -hat+ -- +nachdem+ [] die ursprüngliche Bedeutung im Sprachbewußtsein -+sich verdunkelt hatte+ -- +nachdem+ [] die Wogen freundlicher und -feindlicher Erregung, die das Buch hervorrief, +sich gelegt haben+ -- -+wenn er+ [] zuweilen zu religiösem Pathos +sich erhob+ -- +wenn+ der -Kurfürst abreist und [] auf einen seiner Landsitze +sich begibt+ -- -ich würde untröstlich sein, +wenn+ Sie [] durch mich in Ihrer alten -Ordnung +sich stören ließen+ -- +wenn+ [] neuerdings die Unternehmer -und Arbeitgeber zur Wahrung ihrer gerechten Interessen +sich -zusammenschließen+ -- die Namen der Künstler sind so bezeichnet, +wie+ -sie [] auf den Blättern +sich finden+ -- +als ob er+ [] die größten -Verdienste um das deutsche Vaterland +sich erworben hätte+ -- +je mehr+ -[] Frankreichs Stellung am Mittelmeere +sich behauptet+ usw. - -Wir stehen da wieder vor einer Erscheinung, die recht eigentlich in -das Kapitel vom papiernen Stil gehört. Der lebendigen Sprache gänzlich -fremd, stellt sie sich immer nur da ein, wo jemand die Feder in -die Hand nimmt, aber auch da nicht sofort, sondern erst dann, wenn -er zu künsteln anfängt.[143] Man könnte ja nun meinen, es sei doch -unnatürlich, das reflexive Fürwort von seinem Verbum zu trennen und -so weit vor, an den Anfang des Satzes zu rücken. Aber diese Trennung -ist der Sprache offenbar etwas unwesentliches. Das wesentliche ist -ihr die enge Verbindung, die erst infolge dieser Trennung eingegangen -werden kann: die Verbindung mit dem voranstehenden andern Pronomen -oder mit dem Fügewort (+der sich+, +wenn sich+). Diese Verbindung -ist der lebendigen Sprache wichtiger als die mit dem Verbum, denn -durch sie wird der Satz wie mit eisernen Klammern umschlossen. Wenn -ich das +sich+ unmittelbar nach +da+, +wo+, +wenn+, +seitdem+ bringe, -so erfährt der Hörer schon, daß am Ende des Satzes ein reflexives -Zeitwort folgen wird, die Hälfte des Verbalbegriffs klingt ihm -gleichsam schon im Ohre. Daß sich auf diese Weise der Satz fester -zusammenschließt als auf die andre, liegt auf der Hand. Wenn einer mit -+wenn+ oder +daß+ anfängt, und erst nachdem er zwanzig oder dreißig -Worte dazwischengeschoben hat, endlich mit +sich begab+ oder +sich -befindet+ schließt, so möchte man immer fragen: So viel Zeit hast du -gebraucht, dich auf das Zeitwort zu besinnen? dich zu besinnen, daß du -ein reflexives Verbum gebrauchen willst? - -Es ist ja aber keineswegs bloß das +sich+, das jetzt in dieser Weise -verstellt wird, es geschieht das mit dem rückbezüglichen Fürwort -überhaupt. Man schreibt auch: darüber gedenke ich [] später einmal -in diesen Blättern +mich auszulassen+ -- wenn wir [] auch mit voller -Seele an der Jubelfeier +uns beteiligen+ -- daß wir [] in unsern -nationalen Lebensformen ungehindert +uns entwickeln+ können -- wenn -wir [] überhaupt von Gott eine Vorstellung +uns machen+ wollen usw. Ja -die Krankheit hat sich noch viel weiter verbreitet, sie hat auch das -ganze persönliche Fürwort ergriffen. In der lebendigen Sprache wird -das persönliche Fürwort genau so gestellt wie das reflexive. Wie aber -wird geschrieben? Das war es bloß, wozu [] mein väterlicher Freund -+mich bewegen+ wollte -- wie willst du den Widerspruch lösen, den [] -eine verehrte Autorität +dir aufdrängt+? -- als Goethe seine Reise -antrat, +war+ [] Rom +ihm+ nicht +fremd+ -- man kann den Fortgang -voraussehen, soweit [] nicht unberechenbare äußere Störungen +ihn -hemmen+ -- die Mängel des Gedächtnisses kommen weniger zur Geltung, -wenn [] das Nachdenken +ihm Zeit läßt+ -- der Bischof verzichtete auf -den Segen, den [] sein Konfrater in Trier +ihm anpries+ -- können wir -einen Dichter nennen, der [] an Mannigfaltigkeit, an beherrschender -Sicherheit +ihm gleichkäme+? -- er würde [] gewiß auch diesmal nicht -ohne Not +sie warten lassen+ -- die Menge geht dahin, wohin [] der -Zar und die Kirche +sie treibt+ -- sie wissen viel zu gut, was [] das -erreichte Ziel +sie gekostet hat+ -- die Arbeiter stehen schon so -tief, daß [] ein weiterer Druck +sie arbeitsunfähig machen würde+ -- -wenn [] die Zeit +es erlaubt+ -- wer [] in unsern Tagen noch +es wagt+ --- wie [] der Drang seines Herzens +es gebot+ -- eine unzulängliche -Einrichtung, wie [] das Duell +es ist+ -- abgesehen davon hatten [] -die Bewohner des Hauses +es nicht schlecht+ -- wenn [] die Gegner des -Sozialistengesetzes +es+ als einen Vorteil +preisen+ -- unter diesem -Feldgeschrei hatte man [] in den katholisch-deutschen Ländern +es -dahin gebracht+ -- es genügt uns nicht, [] bei dieser allgemeinen -Schilderung seines Wesens +es bewenden zu lassen+ -- wir müssen tragen, -was [] unser Geschick +uns auferlegt+ -- die praktische Aufgabe, die [] -unsre religiöse Gefahr +uns stellt+ -- wir halten das für die einzig -mögliche Erklärung, weil [] keine andre +uns begreiflich ist+ -- wenn -[] sein Auge so ernst und mild +uns anblickt+ -- wäre er nicht das -große Genie gewesen, so würde [] der Name Rembrandt +uns+ unbekannt -+geblieben+ sein -- am 19. Mai +hat+ [] der Tod wieder einen der -hervorragendsten Künstler +uns entrissen+ -- nun galt es, [] mit Rat -und Tat +ihnen beizustehen+ -- sie warfen mit lateinischen Brocken -um sich, sodaß [] kein andrer in der Gesellschaft +ihnen zu folgen -vermochte+ -- er berichtete gewissenhaft die Geschichte, wie [] [] sein -alter Schulkamerad +sie ihm erzählt hatte+ -- es ist das ein großes -Stück Wehrkraft, worin [] [] die Nachbarn im Osten und Westen +es uns+ -nicht +gleichtun können+. Überall ein ängstliches, schulknabenhaftes -Voranstellen der Subjekte vor die Objekte, überall das gequälte -Aufsparen der Fürwörter bis unmittelbar vor das Zeitwort![144] In -einem Roman heißt es: während die Stämme ihre kahlen Äste +uns -entgegenstreckten+, als wollten sie mit ihren Armen +unserer (!) sich -erwehren+. Das soll heißen: +während uns+ die Stämme ihre kahlen -Äste entgegenstreckten, als wollten +sie sich unser+ mit ihren Armen -erwehren! Am fürchterlichsten ist es, wenn das unbetonte +es+, vollends -das proleptische, das nur einen Inhalts- oder einen Infinitivsatz -vorbereitet, und das nur dann erträglich ist, wenn es sich so viel wie -möglich versteckt und möglichst flüchtig durch den Satz huscht -- wenn -das mit solchem Elefantentritt an möglichst unpassender Stelle in den -Satz hineintappt: trotz des Widerwillens des Vaters setzte [] der Knabe -unter dem Beistande der guten Mutter +es durch+, daß er usw. - -Möglich ist ja eine solche Stellung der Fürwörter auch, falsch ist sie -nicht, es fragt sich nur, ob sie schön sei. Wie müssen sich oft die -Fürwörter und die Wörter überhaupt in Versen herumwerfen lassen! Wie -die Kegel, wenn die Kugel dazwischenfährt. Da +senkte sich+ aus der -Höhe ein lichter Engel -- nicht wahr, ganz gewöhnliche Prosa? - - Da +senkte+ aus der Höhe - Ein lichter Engel +sich+ -- - -auf einmal „Poesie“! Das hat aber doch auch seine Grenzen. Poetischer -als ein Vers wie der: - - Wie +soll+ aus diesem Zwiespalt +ich+ retten +mich+? - -klingt doch unzweifelhaft die schlichte „Prosa“: Wie +soll ich mich -aus+ diesem Zwiespalt retten? - -Von Gellerts Fabeln hat man geringschätzig gesagt, sie wären die reine -Prosa. Von dem Ausdruck trifft das gar nicht zu, der ist dazu viel zu -fein und gewählt. Wenn es sich aber darauf beziehen soll, daß ihre -Wortstellung ganz so ist, wie sie in guter Prosa sein würde, so wäre -das ja das höchste Lob! Es ist das, was Friedrich der Große mit den -Worten sagte: Er hat so etwas Coulantes in seinen Versen. - - -In fast allen oder fast in allen? - -Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch -alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz, daß die Präpositionen -(+an+, +bei+, +nach+, +für+, +in+, +vor+, +mit+ usw.) unmittelbar vor -dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und -selbstverständlich wie irgend etwas, es kann gar nicht anders sein. In -der griechischen Grammatik spricht man von ~Procliticae~ (d. h. vorn -angelehnten).[145] Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen, -die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts -bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern -- wie durch magnetische -Kraft -- an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören -auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine -Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt -es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch -im Deutschen die Präpositionen. Weil diese aber solche ~Procliticae~ -sind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so -ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort -(Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu stopfen.[146] Auch -dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der -Präpositionen begründet. - -Da ist aber nun der große Logiker drüber gekommen und hat sich -überlegt: +fast in allen Fällen+ -- das kann doch nicht richtig sein! -das +fast+ gehört doch nicht zu +in+, es gehört ja zu +allen+! Also -muß es heißen: +in fast allen+ Fällen. Und so wird denn wirklich -seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: die +von fast+ allen -Grammatikern gerügte Gewohnheit -- es geht eine Bewegung +durch fast+ -sämtliche Kulturstaaten -- +mit fast+ gar keinen Vorkenntnissen -- -+mit nur+ echten Spitzen -- das Stück besteht +aus nur+ drei Szenen -- -wir haben es +mit nur+ wenigen Lehrstunden zu tun -- wir fuhren +durch -meist+ anmutige Gegend -- die Kritik, die +in meist+ schlechten Händen -ist -- es waren +gegen etwa+ vierzig Mann -- mit einer Besatzung +von -oft+ sechs bis acht Mann -- +in bald+ einfacherer, +bald+ prächtigerer -Ausstattung -- das Buch ist +in wohl+ sämtliche europäische Sprachen -übersetzt -- andre Kritiker +von freilich+ geringerer Autorität -- -+nach genau+ einem Jahrhundert -- +in genau+ derselben Form -- +mit -genau+ derselben Geschwindigkeit -- +nach längstens+ zwei Jahren -- -+für wenigstens+ ein paar Wochen -- Unterricht +in wenigstens+ einer -zweiten lebenden Sprache -- die ordnungsliebendern Elemente sehen sich -+zu wenigstens+ tatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen -- die -Kosten belaufen sich +auf mindestens+ tausend Pfund -- die Schulden -müssen +mit mindestens+ einem Prozent jährlich abgetragen werden -- -fünf Präpositionen +mit jedesmal+ verschiedner Funktion -- eine Anfrage -würde das +in vielleicht+ überraschendem Maße bestätigen -- überall ist -die Technik +auf annähernd+ gleicher Höhe -- er wurde +auf zunächst+ -sechs Jahre zum Stadtrat gewählt -- +mit sozusagen+ absolutem Maßstabe --- +mit allerdings nur+ geringer Hoffnung auf Erfolg -- Japan war mit -+alles in allem+ vier Artikeln vertreten -- er stand mit ihm +in so gut -wie+ keiner Verbindung -- sie sind +um zusammen etwa+ vier Millionen -Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrich +von erst+ Farbe -+und dann+ Lack wird vermieden. - -Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte -einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen -Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der -Präposition selber wehtun, wenn sie auf solche Weise von dem Worte, -mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine -Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es einmal, man -setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige -Stelle, nämlich vor die Präposition: +meist durch+ anmutige Gegend --- +wohl in+ sämtliche Sprachen -- +wenigstens für+ ein paar Wochen --- +annähernd auf+ gleicher Höhe -- +zunächst auf+ sechs Jahre usw., -empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?[147] - -Nur die kurzen Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen: +so+, -+sehr+, +viel+, +weit+, stehen hinter der Präposition: +mit so+ großem -Erfolg -- +in sehr+ vielen Fällen -- +mit viel+ geringern Mitteln -- -+nach weit+ gründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die -den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen, -ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich. - - -Zwei Präpositionen nebeneinander - -Doppelt häßlich wird das Wegreißen der Präposition von dem abhängigen -Worte dann, wenn das Einschiebsel nicht ein einfaches Adverb, sondern -ein Satzglied ist, das selbst wieder aus einer Präposition und einem -davon abhängigen Worte besteht; dann entsteht der Fall, daß zwei -Präpositionen unmittelbar hintereinander geraten -- für jeden Menschen -von feinerm Gefühl eine der beleidigendsten Spracherscheinungen. Und -doch wird auch so jetzt fortwährend geschrieben! Da heißt es: +in -im+ Ratsdepositorium befindlichen Dokumenten -- +in zur+ Zeit nicht -zu verwirklichenden Gedanken -- +durch vom+ Kriege unberührtes Land --- +durch von+ beiden Teilen erwählte Schiedsrichter -- +durch für+ -ein weiches Gemüt empfindlichen Tadel -- +mit in+ Tränen erstickender -Stimme -- +mit vor+ Freude strahlendem Gesicht -- +mit vor+ keinem -Hindernis zurückschreckender Energie -- +mit auf+ die Wand aufgelegtem -Papier -- +mit für+ die Umgebung störendem Geräusch -- +mit nach+ außen -kräftigen Institutionen -- +mit über+ die ganze Provinz verteilten -Zweigvereinen -- +mit mit+ (!) schwarzem Krepp umwundnen Fahnen -- -+bei nach+ fürstlichen Personen benannten Gegenständen -- das Sammeln -+von an+ sich wertlosen Dingen -- die Frucht +von durch+ Jahrtausende -fortgesetzten Erfahrungen -- eine große Anzahl +von in+ einzelnen -Fächern weiter ausgebildeten jungen Männern -- die Schülerzahl stieg -+von über+ zwei- gleich +auf über+ sechshundert -- die Falter werden -+mittelst auf mit+ (!) Öl begossene Teller gestellter Gläser gefangen -usw. Man kann also solche Zusammenstöße sehr leicht vermeiden, und -zwar auf die verschiedenste Weise; entweder durch einen Nebensatz: -+durch Land, das+ vom Kriege noch unberührt geblieben war -- oder -durch einen wirklichen Genitiv statt +von+: das Sammeln an sich -+wertloser+ Dinge -- oder durch einen Ausdruck, der dasselbe sagt wie -die Präposition: +von mehr als+ zweihundert (statt +von über+) oder -durch ein zusammengesetztes Wort: +mit freudestrahlendem+ Gesicht usw. -Aber alle diese Mittel werden verschmäht, lieber versetzt man dem Leser -den stilistischen Rippenstoß, unmittelbar hinter einer Präposition noch -eine zweite zu bringen![148] - - -Zur Interpunktion - -Eine feine und schwierige Kunst ist es, gut zu interpungieren. Hier -können nur einige Winke darüber gegeben werden. - -Die Interpunktion verfolgt zwei verschiedne Zwecke: erstens die -Satzgliederung zu unterstützen und die Übersicht über den Satzbau -zu erleichtern, zweitens die Pausen und die Betonung der lebendigen -Sprache in der Schrift auszudrücken. Oft fallen beide Zwecke zusammen, -aber nicht immer. Wenn z. B. geschrieben wird: die Berliner Künstler -haben den französischen Bildern stets die besten Plätze eingeräumt -+und, wenn+ diese nicht reichten, andre Räume gemietet -- oder: wer -die Tagespresse kritiklos liest +und, ohne+ es zu wissen und zu -wollen, die dargebotnen Anschauungen in sich aufnimmt -- so schließt -sich zwar die Interpunktion genau dem Satzbau an, steht aber in -auffälligem Widerspruch zur lebendigen Sprache: niemand wird bis zu -+und+ (oder +oder+) sprechen und hinter +und+ eine Pause machen, -jeder wird vor +und+ abbrechen. Daher empfiehlt es sich, das Komma -hier lieber vor +und+ zu setzen -- gegen den Satzbau -- und zu -schreiben: da die Frauen mit Vorliebe männliche Verhüllungen wählen, -+und+ wenn sie ihren Vornamen nicht ausschreiben, auch die Handschrift -sie nicht immer verrät -- sie glaubte, +oder+ wie es von ihrem -Standpunkt aus wohl richtiger heißen muß, sie hoffte -- daß Dichter -wie Keller und Storm, +oder+ um einige weniger berühmte zu nennen, -Vischer und Riehl gesund blieben -- die Elemente des Anschauungs- und -Gestaltungsvermögens, +oder+ anders ausgedrückt, des Einbildungs- und -des Ausbildungsvermögens.[149] - -Dem ersten Zwecke dienen nun vor allem die drei üblichen Zeichen: -Punkt, Semikolon (;) und Komma. Über die Bedeutung von Punkt und -Komma besteht kein Zweifel; sie werden im allgemeinen auch richtig -angewandt. Der Punkt schließt ab, das Komma gliedert; der Punkt -trennt größere oder kleinere selbständige Gedankengruppen, das Komma -scheidet die einzelnen Bestandteile dieser Gruppen, es tritt vor jeden -Nebensatz, auch vor Partizipial- und Infinitivsätze. Jeder Satz hat -nur einen Punkt; die Zahl der Kommata im Satze ist unbeschränkt. Das -Semikolon endlich ist stärker als das Komma, aber schwächer als der -Punkt. Es ist überall da am Platze, wo zwei Hauptsätze -- mögen sie -nun allein stehen oder jeder wieder von einem Nebensatze begleitet -sein -- einander gegenübergestellt werden, wo also der eine der beiden -Hauptsätze nur die Hälfte des Gedankens enthält und den andern zu -seiner Ergänzung verlangt, z. B.: hättest du dich an den Buchstaben -des Gesetzes gehalten, so träfe dich kein Vorwurf; da du aber -eigenmächtig vorgegangen bist, so hast du nun auch die Verantwortung -zu tragen. Das Semikolon trennt also und vereinigt zugleich, es -scheidet und verbindet. Sehr fein hat es daher David Strauß die Taille -des Satzes genannt[150] und auf Lessing hingewiesen als den, der den -richtigen Gebrauch davon gemacht habe. In der Tat ist das Semikolon -für den, der damit umzugehen weiß, eins der ausdrucksfähigsten -Interpunktionszeichen, es wird nur noch vom Kolon übertroffen. Aber wie -ungeschickt wird es oft behandelt! Besonders beliebt ist es jetzt, wenn -vor einen Hauptsatz eine größere Anzahl gleichartiger Nebensätze tritt, -z. B. drei, vier, fünf Bedingungssätze, diese alle durch Semikolon -voneinander zu trennen -- eine sehr geschmacklose Anwendung. Zwischen -Haupt- und Nebensatz ist einzig und allein das Komma am Platze; folgen -mehrere gleichartige Nebensätze aufeinander, so kann hinter jedem -immer wieder nur ein Komma stehen. Wie der Punkt, so kann auch das -Semikolon in einem gut gegliederten Satze nur +einmal+ vorkommen; ein -Satz, der mehr als +ein+ Semikolon enthält, ist immer entweder schlecht -interpungiert oder schlecht gegliedert. - -Aber auch in dem Gebrauche des Kommas werden mancherlei Fehler gemacht. -Wenn vor ein Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so gilt -im allgemeinen die Regel, diese Eigenschaftswörter durch Kommata -voneinander zu trennen. Manche wollen zwar neuerdings davon nichts -wissen, sie schreiben: ein +guter treuer anhänglicher zuverlässiger -Mensch+; aber das verstößt gegen die Betonung der lebendigen Sprache, -die bei solchen längern Attributreihen hinter jedem Attribut eine -fühlbare kleine Pause macht, und vor allem: man beraubt sich damit -sehr notwendiger Unterscheidungen. Es ist ein großer Unterschied, ob -ich schreibe: er hatte eine +tiefe, staatsmännische Einsicht+ oder: -eine +tiefe staatsmännische Einsicht+ -- hier schließt der +erste, -historische Abschnitt+ oder: der +erste historische Abschnitt+ -des Buches. Im ersten Falle stehen die beiden Attribute parallel -zueinander, das zweite erläutert das erste: er hatte eine tiefe, -(wahrhaft oder echt) staatsmännische Einsicht -- hier schließt -der erste, (nämlich) historische Abschnitt des Buches. Im zweiten -Falle bildet das zweite Attribut mit dem Hauptwort einen einzigen -Begriff, sodaß tatsächlich nur +ein+ Attribut übrig bleibt: er -hatte staatsmännische Einsicht, und diese war tief -- das Buch hat -mehrere historische Abschnitte, und hier schließt der erste davon -(vgl. S. 301). Auf solche Weise kann sogar ein drittes Attribut -wieder dem zweiten übergeordnet werden. Es darf also kein Komma -stehen in folgenden Verbindungen: ein +starker demokratischer Zug+, -eine +liebenswürdige alte Jungfer+, die +nackteste persönliche -Herrschsucht+, das +jahrelange geistliche Eifern+, der +unvermeidliche -tragische Ausgang+, nach +überstandnem sturmvollem Leben+, von -+gewissen hohen österreichischen Offizieren+, die +ganze vielgepriesene -englische Kirchlichkeit+. Ebenso muß ohne Komma geschrieben werden: -das +andre der klassischen Richtung angehörige Drama+ -- wenn der -betreffende Dichter mehrere der klassischen Richtung angehörige Dramen -geschrieben hat, wogegen das Komma nicht fehlen dürfte, wenn er nur -zwei Dramen geschrieben hätte, eins, das der modernen, und eins, das -der klassischen Richtung angehört. - -Wenn zwei Hauptsätze oder auch zwei Nebensätze durch +und+ verbunden -werden, so gilt im allgemeinen die verständige Regel, daß vor +und+ ein -Komma stehen müsse, wenn hinter +und+ ein neues Subjekt folgt, dagegen -das Komma wegbleiben müsse, wenn das Subjekt dasselbe bleibt. Natürlich -ist dabei unter Subjekt das grammatische Subjekt zu verstehen, nicht -das logische. Seinem Begriffe nach mag das zweite Subjekt dasselbe sein -wie das erste: sowie es grammatisch durch ein Fürwort (+er+, +dieser+) -erneuert wird, darf auch das Komma nicht fehlen. Dagegen wird niemand -vor +und+ ein Komma setzen, wo +und+ nur zwei Wörter verbindet. Doch -sind Ausnahmefälle denkbar, z. B.: er welkt, +und+ blüht nicht mehr --- in Leipzig, wo man so viel, +und+ so viel gute Musik hören kann -- -er war unfähig als Heerführer, +und+ als Mensch unbedeutend und wenig -sympathisch. Er blüht +und+ duftet nicht mehr -- da wäre das Komma -überflüssig. In solchen Fällen tritt der zweite Zweck der Interpunktion -in seine Rechte: die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache -auszudrücken, selbst abweichend von dem ersten, die Gliederung des -Satzbaus zu unterstützen. - -Auch vor einem Infinitiv mit +zu+ ist es wohl allgemein üblich, ein -Komma zu setzen. Manche lassen es zwar hier jetzt weg, namentlich wenn -der Infinitiv ganz unbekleidet ist; sie halten es für überflüssig, ein -so kurzes, nur aus zwei Wörtern bestehendes Glied durch ein besondres -Zeichen abzutrennen. Es empfiehlt sich aber doch, es zu setzen, da -sonst leicht Zweifel oder Mißverständnisse entstehen können. Wenn -jemand schreibt: es ist +schwer zu verstehen+ -- so kann der Sinn nur -sein: es ist zu verstehen, aber schwer. Wenn man aber ausdrücken will: -es bereitet Schwierigkeiten, es zu verstehen? Das kann nur durch ein -Komma deutlich gemacht werden. Man muß also unterscheiden zwischen: +es -ist nicht gut, zu verlangen+ und: +es ist nicht gut zu verlangen+ -- -es war +ein Fest, zu sehen+ und: es war +ein Fest zu sehen+. Aber auch -in Sätzen wie: er befahl +ihm Gläser zu bringen+ -- die ultramontane -Presse +verstand es bald+ allerlei Mißverständnisse +aufzufinden+ --- entsteht der Zweifel: wozu gehört +ihm+? wozu gehört +bald+? zu -+verstehen+ oder zu +auffinden+? Ein Komma hebt sofort den Zweifel. - -Nur in einem Falle ist es nicht nur überflüssig, sondern geradezu -störend, vor den Infinitiv mit +zu+ ein Komma zu setzen, nämlich dann, -wenn der Infinitiv ein Objekt oder ein Adverb bei sich hat, und dieses -vor dem regierenden Verbum steht, von dem der Infinitiv abhängt, z. B.: -+diesen Gedanken+ könnte man +versucht sein+, mit Wallenstein herzlich -dumm +zu nennen+. Diesen Gedanken könnte man versucht sein -- das ist -nur ein Satzbruchstück ohne allen Sinn, was soll da das Komma? Es -ist aber auch durch die lebendige Sprache hier nicht gerechtfertigt, -denn niemand wird hinter +versucht sein+ im Sprechen anhalten, alles -drängt zu dem Infinitiv, der erst das Objekt verständlich macht, -das vorläufig noch in der Luft schwebt. Es ist also richtiger, ohne -Komma zu schreiben: bares Geld gelang es ihm nicht sich anzueignen --- tatsächliche Irrtümer dürfte es schwer sein in dem bändereichen -Werke aufzustöbern -- was bemüht man sich mit dem Worte Sozialismus -zu benennen? -- alle Abfälle hatte sie sich ausgebeten ihm bringen -zu dürfen -- auf die Erhaltung des Waldes war die Behörde geneigt das -entscheidende Gewicht zu legen -- gegen diese Szene liegt es uns fern -uns hier zu ereifern -- ich gebe dir keinen Rat, den ich nicht bereit -wäre selber zu befolgen -- die Anforderungen, die wir uns gewöhnt haben -an eine solche Ausgabe zu stellen -- der Wust von Aberglauben, den der -Vorgänger sich rühmte ausgefegt zu haben -- der Unterschied, den der -Offizier gewohnt ist zwischen seiner Stellung als solcher und der als -Gentleman zu machen -- die Oberamtsrichter, denen manche geneigt sind -die Rektoren gleichzustellen -- seine Verwandten, für die es vor allem -seine Pflicht wäre zu sorgen. - -Unbegreiflich ist es, daß man die beiden verschiednen +ja+, die es -gibt, das beteuernde und das steigernde, nie richtig unterschieden -findet, und doch sind sie durch die Interpunktion so leicht zu -unterscheiden. Ein Komma gehört nur hinter das beteuernde +ja+, denn -nur hinter diesem wird beim Sprechen eine Pause gemacht: +ja+, es waren -herrliche Tage! Das steigernde +ja+ dagegen wird mit dem folgenden -Worte fast in eins verschmolzen: sie duldete diese Mißhandlungen, +ja -sie+ schien sie zu verlangen -- es ist wünschenswert, +ja+ geradezu -unerläßlich -- hinter Frankreich liegt der Atlantische Ozean, +ja -man+ kann sagen die ganze andre Welt. Was soll da ein Komma? Ebenso -töricht ist es, ein doppeltes +ja+ (+ja ja+), ein doppeltes +nein+ -(+nein nein+), +ei ei!+ +na na+ oder gar das +ha ha!+, das das Lachen -ausdrücken soll, durch Kommata zu trennen, wie man es in Erzählungen -und Schauspielen überall gedruckt lesen muß. Man spricht doch nicht -+ja+ (Pause), +ja+, sondern +jajjah+, +neinnein+, als ob es nur +ein+ -Wort wäre. Und vollends +ha+ (Komma) +ha+! Wer lacht so? - -Ganz verkehrt wird von vielen das Kolon (:) angewandt: sie setzen -es statt des Semikolons (;) und stören damit den, der die Bedeutung -der Satzzeichen kennt, auf ärgerliche Weise. Das Semikolon schließt -ab wie der Punkt; das Kolon schließt -- auf, es hat vorbereitenden, -spannungerweckenden, aussichteröffnenden Sinn, ein gut gesetztes Kolon -wirkt, wie wenn eine Tür geöffnet, ein Vorhang weggezogen wird. Daher -steht es vor allem vor jeder direkten Rede (vor die indirekte gehört -das Komma!); es ist aber auch überall da am Platze, wo es so viel -bedeutet wie +nämlich+, z. B.: der Verfasser hat mehr getan als diesen -Wunsch erfüllt: er hat die Aufsätze vielfach erweitert und ergänzt -- -oder wo es dazu dient, die Folgen, das Ergebnis, das erwartete oder -unerwartete Ergebnis des vorhergeschilderten einzuleiten, z. B.: wir -baten, flehten, schmollten: er blieb ungerührt und sprach von etwas -anderm. - -Geschmacklos ist es, die der Betonung dienenden Zeichen, das -Fragezeichen und das Ausrufezeichen, zu verdoppeln, zu verdreifachen -oder miteinander zu verbinden: ??, !!!, ?! Dergleichen schreit -den Leser förmlich an, und das darf man sich doch verbitten. Eine -Abgeschmacktheit ohnegleichen aber ist es, halbe oder ganze Zeilen mit -Punkten oder Gedankenstrichen zu füllen, wie es unsre Romanschreiber -und Feuilletonisten jetzt lieben. Das soll geistreich aussehen, den -Schein erwecken, als ob der Verfasser vor Gedanken und Bildern beinahe -platzte, sie gar nicht alle aussprechen oder ausführen könnte, sondern -dem Leser sich auszumalen überlassen müßte. Es ist aber meistens -nur Wind; wer etwas zu sagen hat, der sagt es schon. Nur +eine+ -Abgeschmacktheit kommt dieser noch gleich, die neueste Zierde des -Feuilletonstils: eine Menge kleiner Nebensätze jeden mit einem Punkt -abzuschließen, sodaß die aus Hauptsatz und Nebensätzen bestehende -Periode dem Leser in lauter Brocken vorgesetzt wird. Auch das soll -geistreich aussehen, den Schein höchster dramatischer Lebendigkeit der -Gedankenerzeugung und -einkleidung erregen. In Wahrheit ist es eine -krasse Stillosigkeit, eine abgeschmackte Manier. - - -Fließender Stil - -Man spricht so viel von fließendem Stil, beneidet wohl auch den und -jenen um seinen fließenden Stil. Ist das Sache der Begabung, oder ist -es etwas erlernbares? - -Zum Teil beruht das, was man fließenden Stil nennt, unzweifelhaft -auf der Klarheit des Denkens und der Folgerichtigkeit der -Gedankenentwicklung -- nur wer sich selbst über eine Sache völlig -klar geworden ist, kann sie auch andern klarmachen --, zum Teil -auch auf Rhythmus und Wohllaut -- es wird viel zu viel stumm -geschrieben, während man doch nichts drucken lassen sollte, was man -sich nicht selber laut vorgelesen hat![151] --, zum größten Teil -aber beruht es auf gewissen technischen Handgriffen beim Satzbau -- -Handwerksvorteilchen möchte ich sagen --, die man eben kennen muß, um -sie anwenden zu können. Unbewußt und unwillkürlich wendet sie niemand -an. Es gibt zwar auch einen Naturburschenstil, der den Leser durch eine -gewisse Gewandtheit ein paar Seiten lang täuschen kann; dann kommt -aber plötzlich ein Satz, der deutlich verrät, daß der Verfasser nur -zufällig, nicht mit Bewußtsein fließend geschrieben hat. - -Den angenehmen Eindruck, daß jemand fließend schreibe, hat man -dann, wenn beim Lesen das Verständnis, die geistige Auffassung des -Geschriebnen immer gleichen Schritt hält mit der sinnlichen Auffassung, -die durch das Auge vor sich geht. Ist das nicht der Fall, ist man öfter -genötigt, stehen zu bleiben, mit den Augen wieder zurückzukehren, einen -ganzen Satz, einen halben Satz oder auch nur ein paar Worte noch einmal -zu lesen, weil man sieht, daß man das Gelesene falsch verstanden hat, -so spricht man von holprigem oder höckrigem Stil. Solch ärgerliches -Mißverständnis kann aber die verschiedensten Ursachen haben. Wer diese -Ursachen zu vermeiden weiß, wer den Leser jederzeit +zwingt+, gleich -beim ersten Lesen richtig zu verstehen, der schreibt einen fließenden -Stil. Das ist das ganze Geheimnis. Im folgenden sollen einige -Haupthindernisse eines fließenden Stils zusammengestellt werden. - -Vor allem gehört zu ihnen die leider in unsrer Sprache weitverbreitete, -ungemein beliebte und doch das Verständnis, namentlich dem Ausländer, -aber auch dem Deutschen selbst überaus erschwerende Unsitte (so, wie es -hier soeben geschehen ist!), zwischen den Artikel und das zugehörige -Hauptwort langatmige Attribute einzuschieben, statt diese Attribute -in Nebensätzen nachzubringen. Dergleichen Verbindungen sind eine Qual -für den Leser. Man sieht einen Artikel: +die+. Dann folgt eine ganze -Reihe von Bestimmungen, von denen man zunächst gar nicht weiß, worauf -sie sich beziehen: +verbreitete+, +beliebte+, +erschwerende+. Endlich -kommt das erlösende Hauptwort: +Unsitte+! Während also das Auge weiter -gleitet, weiter irrt, wird unmittelbar hinter dem Artikel der Strom -der geistigen Auffassung unterbrochen, es entsteht eine Lücke, und der -Strom schließt sich erst wieder, wenn endlich das Hauptwort kommt. -Dann ist es aber zu spät, man hat die Übersicht über das Eingeschobne -längst verloren, muß wieder umkehren und das Ganze noch einmal lesen. -Eine solche Unterbrechung tritt zwar bei jedem eingeschobnen Attribut -ein, aber bei kurzen Attributen doch in so geringem Maße, daß man -sie gar nicht fühlt. Je länger das Attribut ist, desto empfindlicher -und störender wirkt die Lücke. Nur ein guter Schriftsteller hat ein -richtiges und feines Gefühl dafür, was er dem Leser in dieser Beziehung -zumuten darf. Unsre Kanzlisten und Zeitungschreiber haben meist keine -Ahnung davon; sie schreiben seelenvergnügt, indem sie immer ein -Attribut ins andre schachteln: das Gericht wolle erkennen, der Geklagte -(!) sei schuldig, mir für +die+ von mir an +die+ in +dem+ von ihm -zur Bearbeitung übernommenen +Steinbruch+ beschäftigten +Arbeiter+ -vorgeschossenen +Arbeitslöhne+ Ersatz zu leisten -- oder: von +einer+ -durch +einen+ in +einer Umwälzung+ in den wichtigsten Einrichtungen -aller Kulturstaaten bestehenden +Vorteil+ ausgezeichneten +Erfindung+ -sind einige Gewinnanteile zu verkaufen -- oder: mit +einem+ von +dem+ -auf +der+ nach +dem Wasser+ zu gelegnen +Veranda+ aufgestellten -+Musikkorps+ des ersten Gardedragonerregiments geblasenen +Choral+ -wurde die Feierlichkeit eröffnet. - -Ein zweites Haupthindernis eines fließenden Stils ist schon früher -besprochen worden und soll hier nur noch einmal kurz erwähnt werden: -es ist der unvorsichtige Gebrauch der Fürwörter (vgl. S. 224). Wie -ärgerlich wird man beim Lesen aufgehalten durch ein +er+, +sie+, +ihm+, -+ihn+, +sein+, +ihr+, +diesem+, wenn man nicht sofort sieht, auf wen -oder was es sich bezieht! Wo irgendein Mißverständnis möglich ist, -sollte immer statt des Fürworts wieder das Hauptwort gesetzt werden. - -Eine dritte Unsitte, die das Verständnis alles Deutschgeschriebnen -in neuerer Zeit in der peinlichsten Weise erschwert, besteht darin, -daß man das eigentliche und wirkliche Hauptwort des Satzes, nämlich -das Verbum, immer in ein Substantiv verwandelt, entweder in ein -wirkliches Substantiv oder in einen substantivierten Infinitiv. Da -wird z. B. geschrieben: der +Zuhilfenahme+ eines besondern Rechts der -Persönlichkeit bedarf es nicht (statt: ein besondres Recht zu Hilfe -zu nehmen ist nicht nötig) -- beim +Unterbleiben+ einer baldigen -+Inangriffnahme+ des Projekts (statt: wenn das Projekt nicht bald in -Angriff genommen wird) -- nach +Umarbeitung+ eines Teils der Lieder zum -Zwecke der +Herstellung+ ihrer +Sangbarkeit+ für Männerchöre an höhern -Schulen (statt: nachdem ein Teil der Lieder umgearbeitet worden ist, um -sie sangbar zu machen) -- aus Gründen der +Zugänglichmachung+ dieses -Vorteils für das große Publikum -- (statt: um diesen Vorteil zugänglich -zu machen) -- im Interesse der +Vermeidung+ von Wiederholungen (statt: -um Wiederholungen zu vermeiden) -- trotz der seitens des Vorsitzenden -erfolgten +Ablehnung+ des Antrags des Angeklagten auf +Vorladung+ des -Kellners (statt: obgleich der Vorsitzende den Antrag des Angeklagten -ablehnte, den Kellner vorzuladen) -- das +Mißlingen+ des Versuchs -muß natürlich sein +Aufgeben+ zur +Folge+ haben (statt: wenn der -Versuch mißlingt, muß er natürlich aufgegeben werden) -- für die -+Mehrzahl+ der Reisenden hat die +Erweiterung+ des Gesichtskreises -aufgehört der +Reisezweck+ zu sein (statt: die meisten reisen nicht -mehr, um ihren Gesichtskreis zu erweitern) -- die +Voraussetzung+ -für die +Patentierung+ eines Advokaten bildet eine mehrjährige -+Hilfsarbeiterschaft+ in einem Bureau (statt: wer als Advokat -patentiert sein will, muß mehrere Jahre Hilfsarbeiter gewesen sein) --- es gibt eine Grenze, bei deren +Überschreitung+ die +Vermehrung+ -der +Bevölkerung+ nicht zur +Erhöhung+, sondern zur +Verminderung+ -des Wohlstandes führt (statt: das Wachstum der Bevölkerung hat eine -Grenze; wird diese überschritten, so wird der Volkswohlstand nicht -vermehrt, sondern vermindert). Es gibt Schriftsteller, bei denen diese -Art, sich auszudrücken, vollständig zur Manier geworden ist; sie haben -sich so hinein verrannt, daß sie nicht wieder davon loskommen. Jeder -Gedanke, der vor ihrer Seele auftaucht, nimmt sofort die Gestalt eines -Substantivs an, jeder Hauptsatz, jeder Nebensatz gerinnt ihnen zu einem -Substantiv. +Erweitern+ -- das können sie gar nicht mehr denken, sie -denken nur noch +Erweiterung+.[152] Statt +um zu+, +weil+, +so daß+, -+wenn+ schwebt ihnen sofort +Zweck+, +Grund+, +Interesse+, +Folge+, -+Voraussetzung+ vor. Wenn ein gewissenhafter Redakteur mit solchen -Mitarbeitern zu tun hat, so bleibt ihm gar nichts weiter übrig, als -Satz für Satz die harten Substantivschalen entzweizuschlagen und -überall den weichen Verbalkern herauszuholen, mit andern Worten: Satz -für Satz umzuschreiben, aus der Substantivsprache in die Verbalsprache -zu übersetzen. Verba erhalten den Satzbau geschmeidig und flüssig, -sie lassen sich in der mannigfaltigsten Weise bekleiden, ohne daß die -Sätze beschwert werden und dadurch schleppend werden. Sowie man aber -den Verbalbegriff substantiviert, entstehen nicht nur so häßliche -Bildungen wie: +Zuhilfenahme+, +Inangriffnahme+, +Inanspruchnahme+, -+Beiseiteschiebung+, +Zugänglichmachung+, +Zurannahmebringung+, -+Inanklagestandversetzung+, sondern diese zähen Verbalextrakte müssen -nun auch erst wieder durch irgendeinen wässerigen, gehaltlosen Zusatz -wie +stattfinden+, +erfolgen+, +bewirken+ in den flüssigen Zustand -zurückversetzt werden, der für den Satzbau notwendig ist. Außerdem -verbaut man sich durch solche Substantivierung selbst den Weg, verfitzt -sich den Satz, und adverbielle Bestimmungen geraten in die Gefahr, -falsch bezogen zu werden, wie in folgenden Sätzen: Seine Majestät -+gab das Zeichen+ zum Beginn der Feier +durch Absingung+ eines -Chorals (statt: durch Absingung +zu beginnen+) -- man +verzichtete+ -auf die Beantwortung einer Thronrede +durch eine Adresse+ (statt: -durch eine Adresse +zu beantworten+) -- K. wurde der Körperverletzung -+mittels eines schweren Werkzeuges angeklagt+ (statt: mittels eines -schweren Werkzeuges +verletzt zu haben+) -- ein Expedient wurde wegen -Unterschlagung von 750 Mark +zum Nachteil seines Prinzipals verhaftet+ -(statt: weil er zum Nachteil seines Prinzipals oder einfach: seinem -Prinzipal +unterschlagen hatte+) -- die Fischerinnung hat das Befahren -der Flüsse innerhalb der Stadtflur +mit Booten und Kähnen verboten+ -(statt: mit Booten und Kähnen +zu befahren+). Eine adverbielle -Bestimmung gehört, wie ihr Name sagt, zunächst zum Verbum; wird -dieses Verbum substantiviert, so flüchtet sie eben zu einem andern -Verbum, und der Unsinn ist fertig. Namentlich in unsrer Gesetz- und -Verordnungssprache spielt dieser Fehler eine große Rolle; Tausende von -Bekanntmachungen, Verordnungen, Warnungen und Verboten, aber auch die -einzelnen Punkte von Tagesordnungen und Protokollen fangen gewöhnlich -gleich mit einem Verbalsubstantiv oder einem substantivierten Infinitiv -an und quälen dann sich und die Leser mit allem, was darauf folgt. - -Ein vierter, sehr häufiger Fehler, aus dem das gerade Gegenteil eines -fließenden Stils entspringt, besteht darin, daß ein ~casus obliquus~ -eines Hauptworts so im Satze gestellt wird, daß er beim ersten Lesen -entweder nicht erkannt wird oder falsch bezogen werden muß. Sehr -gewöhnlich ist es z. B., daß ein Satz mit einem Akkusativ angefangen -wird, der, weil er ein Femininum, ein Neutrum oder ein Plural ist oder -keinen Artikel hat, nicht eher als Akkusativ erkannt wird, als bis --- oft ziemlich spät -- das Subjekt folgt[153]; bis dahin hält ihn -jeder Leser für den Nominativ, also für das Subjekt des Satzes, z. B.: -+die Pflege+ und die Wartung des jüngsten Kindes besorgt die Hausfrau -selbst -- +die Frage+, ob es richtig war, auch die schon seit längerer -Zeit ansässigen Einwandrer auszuweisen, untersuche ich hier nicht -- -+seine Erziehung+ hatte bisher nach der allgemeinen Gewohnheit in -hochadligen Familien ein Priester geleitet -- die beste +Schilderung+ -Corneliens, zugleich ein herrliches Denkmal dankbarer Liebe, haben -wir in Wahrheit und Dichtung -- die +harmlose Geselligkeit+ der -anständigen Restaurationen will der Ankläger nicht gemeint haben -- -+die Einreihung+ der nicht teuern Bände in jede Familienbibliothek -befürworte ich aufs wärmste -- +das Orchester+ führte schneidig -und mit Umsicht Herr Kapellmeister P. -- +das große Pferd+, dessen -mythologische Bedeutung schon durch die Statue auf der Säule nahegelegt -wird, hat Thausing als Herkules gedeutet -- +das geistige Leben+ -beherrscht auf der einen Seite die bald in scholastischer Erstarrung -erstickende lutherische Theologie, auf der andern der Jesuitismus -- -+anerkannte Namen+ von bestem Klange wie aufstrebende neue Talente hat -unsre Mitarbeiterliste aufzuweisen -- des Kaisers +Sieg+ bei Mühlberg, -nach dem die Tage des Evangeliums gezählt schienen, feierte Agricola -durch einen Dankgottesdienst -- +die Herren+, die sich an unserm -Fortbildungskursus beteiligen wollen, ersuchen wir usw. Aber auch andre -Fälle solcher falscher Beziehungen kommen vor, wie folgende Beispiele -zeigen (das Mißverständnis, in das jeder Leser zunächst verfällt, soll -durch den Druck hervorgehoben werden): +diese volle Unabhängigkeit+ -fordernde Stelle -- +in einem Ende+ November 1862 an das Ministerium -gerichteten Schreiben -- die Sozialdemokratie besteht noch +in dem -Staate+ gefahrdrohender Weise -- der Staatsbetrug der Armeelieferanten -ist mir lieber als +der der Staatsteile+ verschachernden Fürsten -- es -handelt sich um +eine sehr weite+ Kreise interessierende Angelegenheit --- um sie +zu allen Anforderungen+ entsprechenden Soldaten zu machen -- -die Absicht, den Platz +mit dem Festzweck+ entsprechenden Dauerbauten -zu versehen -- sie hat ihm +zu seinem Aufsehen+ erregenden Mädchenbilde -gesessen -- mit Rücksicht +auf die Befähigten+ zu erteilende Ausbildung --- das nationale Gefühl ist +durch Jahrhunderte+ lange Trennung -geschwächt -- die beiden Täler werden +von Steinforellen+ enthaltenden -Bächen durchflossen -- diese Konglomerate von +kleinlichen, -detaillierten Spezialforderungen+ anzupassenden Verwaltungsräumen -- -+es traten sich mühsam+ mit der Gitarre begleitende Sängerinnen auf usw. -In allen diesen Sätzen verbindet man im ersten Augenblicke falsch; im -nächsten Augenblicke sieht man natürlich die richtige Verbindung, aber -seinen Rippenstoß hat man weg. - -Viele Druckseiten könnten hier mit Beispielen der verschiedensten -Art gefüllt werden, die alle darauf hinauslaufen, daß der Leser beim -ersten Lesen falsch versteht, an einer gewissen Stelle merkt, daß er -falsch verstanden hat, und deshalb umkehren und das Gelesene gleichsam -umdenken muß. Sehr häufig ist der Fall, daß dem Schreibenden bei -einem Fürwort, einem Partizip, einem Adverb ein erst später folgendes -Hauptwort oder Zeitwort vorschwebt, während es der Leser, der das nicht -wissen kann, auf ein schon dagewesenes bezieht. Welche Störung dann! -Da wird z. B. geschrieben: in Berlin gelang es +Bandel+ nicht, festen -Fuß zu fassen; mit der brutalen Deutlichkeit, die +ihm+ eigen war, -erklärte ihm +Schadow+ usw. (hier wird jeder Leser +ihm+ zunächst auf -Bandel beziehen, während es auf Schadow gehen soll) -- die Gedichte -wurden meine Einführungsbriefe bei den Dichtern Münchens, die ich fast -alle in diesen Jahren im Hause meines Vaters kennen lernte; als +Glied -des Leseausschusses+, als Regisseur, als Träger der Heldenrollen und -wahrlich nicht am wenigsten als einsichtsvoller und wohlwollender -Berater, als ein in allen Stücken prächtiger Mann war +er+ von den -Herren gar eifrig gesucht (hier bezieht der Leser alle die schönen -Prädikate des zweiten Satzes auf +ich+, bis er zuletzt merkt, daß sie -sich auf +er+ beziehen) -- wie sehr unsre Landsleute am Vaterlande -hängen, bewies die reiche +Spende+, die sie zum Bismarckdenkmal -herübersandten. In herrlichem Gartengrün +verborgen, umgeben+ von -tropischer Blumenpracht, hat der deutsche Verein in Honolulu sein -+eignes Heim+ (hier versucht man, die Partizipia +verborgen+ und -+umgeben+ zunächst auf +Spende+ zu beziehen, bis man endlich merkt, -daß sie zu +Heim+ gehören sollen) -- diese Idee +kam+ von außen, +aus+ -der römisch gebildeten +Umgebung+ des Königs und aus den Bedürfnissen -des römischen Papsttums +erwuchs sie+ (hier merkt man erst, daß man -das zweite +aus+, und was darauf folgt, fälschlich mit +kam+ verbunden -hat) -- obgleich ich nicht wußte, ob ich sitzen bleiben dürfte oder -mich zurückziehen müßte, blieb ich doch +sitzen+. +So sehr+ hatte -mich die bewundernswerte Persönlichkeit des Grafen gefangen genommen, -daß ich selbst die gewöhnlichsten Gesellschaftsregeln +außer acht -ließ+ (hier bezieht man +so sehr+ zunächst auf das vorhergehende -+sitzen bleiben+, es soll aber den kommenden Folgesatz vorbereiten) --- das ist zum erstenmal der volle, unvergleichliche +Beethoven+; und -angesichts dieser Stelle kann man es nur mit der Eile, mit der +er+ -schrieb, entschuldigen, daß +Berlioz+ in dieser Sinfonie nur Haydnsche -Musik gesehen hat (hier bezieht jeder Leser das +er+, womit Berlioz -gemeint ist, zunächst auf Beethoven). Auch wenn geschrieben wird: -diese Urkunden +ändern+ das Bild, das man sich von jenen Sekten und -von der zu ihrer Vertilgung eingesetzten Inquisition gemacht hatte, -+nicht wesentlich+ -- die jetzige ritterschaftliche Vertretung besitzt -in ihrer Mehrheit das nötige Verständnis für die Aufgaben ihrer Zeit -+nicht+ -- Wien +hat den Ruhm+, unter allen deutschen Hauptstädten -zuerst eine Pflegstätte für das musikalische Lustspiel, die idyllische, -bürgerliche und lyrisch-romantische Oper zu besitzen, +nicht lange -genossen+ -- so liegt derselbe Fehler vor. Daß Wien den Ruhm nicht -lange genossen hat, erfährt der Leser zu spät; bis dahin hat er glauben -müssen, es hätte ihn überhaupt. - -Abzuhelfen ist solchen Anstößen, wie man sieht, auf die verschiedenste -Weise, aber immer sehr leicht: ein denkender Schriftsteller wird -sich überall schnell zu helfen wissen, sobald er nur -- den Anstoß -bemerkt. Aber das ist eben das schlimme, daß der Schriftsteller selber -gewöhnlich solche Anstöße +nicht+ bemerkt, nur der Leser bemerkt -sie. Wie dem abzuhelfen sei? Vor allem dadurch, daß man sich beim -Lesen dessen, was andre geschrieben haben, überall da, wo man hängen -bleibt, darüber Rechenschaft gibt, warum man hängen bleibt, und dann -dergleichen vermeidet. Man kann es darin bei einigem guten Willen sehr -bald zu einer gewissen Fertigkeit bringen. Ein andres, sehr einfaches -Mittel ist, daß man nichts naß in die Druckerei gibt, sondern alles, -was man geschrieben hat, wenn auch nicht ~nonum in annum~, so doch -einige Tage lang beiseite legt und dann wieder vornimmt. In dieser -Zwischenzeit ist es einem gewöhnlich so fremd geworden, daß man von all -den Anstößen, die jeden andern Leser verletzen würden, selber verletzt -wird, sie also noch rechtzeitig beseitigen kann. - -Auf jeden Fall sollten folgende stilistische Haus- und Lebensregeln -beobachtet werden: 1. schreibe Zeitwörter, nicht Hauptwörter! 2. -schreibe Hauptwörter, nicht Fürwörter! 3. schachtle nicht, sondern -schreibe Nebensätze! 4. schreibe laut! schreibe nicht immer bloß für -die Augen, sondern vor allem auch für die Ohren! Mit der Beobachtung -dieser Regeln und Ratschläge wird man freilich noch lange kein großer -Schriftsteller, aber ohne sie auch nicht. Die Schriftstellerei ist eine -Kunst, und jede Kunst hat ihre Technik, die gelehrt und gelernt werden -kann. Wie der Maler malen, so muß der Schriftsteller schreiben können, -und der geistvollste Schriftsteller kann sich um alle Wirkung bringen, -wenn er seine Leser aller Augenblicke durch Ungeschicklichkeiten und -lumpige technische Schnitzer stört und ärgert. - - - - -Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Die Stoffnamen - -Zahllose Fehler und Geschmacklosigkeiten werden in der Wahl und der -Anwendung der Wörter begangen. - -Alle Stoffnamen wie: +Wein+, +Bier+, +Blut+, +Eisen+, können von Rechts -wegen nur im Singular gebraucht werden, und so priesen denn auch früher -unsre Kaufleute nur ihren guten +Lack+ oder +Firnis+ an, auch wenn -sie noch so viel Sorten hatten. Von einigen solchen Wörtern hatte man -aber doch gewagt, den Plural zu bilden, um die Mehrzahl der Sorten -zu bezeichnen, und wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Schon das -sechzehnte Jahrhundert kannte die Plurale: +die Bier+, +die Wein+, im -Faust heißt es: ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, -doch ihre +Weine+ trinkt er gern, und die Chemie und die Technologie -reden schon lange von +Ölen+ und +Fetten+. Neuerdings wird aber doch -diese Pluralbildung in unerträglicher Weise ausgedehnt; man empfiehlt -nicht nur +Lacke+, +Firnisse+, +Öle+ und +Seifen+, sondern auch -+Mehle+, +Grieße+, +Essige+, +Salate+, +Honige+, +Tabake+, +Zwirne+, -+Garne+, +Wollen+ (Strick- und Häkelwollen!), +Tuche+, +Seiden+, -+Flanelle+, +Plüsche+, +Tülle+, +Battiste+, +Kattune+, +Damaste+, -+Barchente+ -- +Tees+, +Kaffees+, +Kakaos+, +Buckskins+ usw. Diese -Formen, die die immer rücksichtsloser werdende Reklamesprache unsrer -Kaufleute geschaffen hat, haben etwas stammelndes, sie klingen wirklich -wie Kindergelall. Wenn auf diesem Wege weitergegangen würde, müßte man -in Zukunft auch +Wachse+, +Leime+, +Kalke+, +Porzellane+, ja sogar -+Fleische+, +Wurste+, +Korne+, +Glase+, +Stahle+ anpreisen können. -Denn +Würste+, +Körner+, +Gläser+, +Stähle+ (Plättstähle sagt man in -Leipzig) sind doch etwas andres, sie bezeichnen die einzelnen Stücke, -aber nicht die Sorten; ähnlich die +Kälke+, von denen die Gerber früher -sprachen. Die Geologen reden bereits von +Sanden+ und +Tonen+, statt -von Sand- und Tonarten. Wo ist die Grenze? Und wie will man überhaupt -eine Mehrzahl bilden von +Schiefer+, +Zucker+, +Obst+, +Milch+, -+Butter+, +Käse+, +Leinwand+, +Flachs+, +Spiritus+, +Petroleum+? Das -Bedürfnis, die verschiednen Sorten auszudrücken, ist doch bei diesen -Dingen gewiß ebenso stark wie bei andern. An der Firma einer Leipziger -Handlung steht: +Stahl aller Art+. Wie vornehm klingt das! Man freut -sich jedesmal, wenn man vorbeigeht. Wie dumm dagegen ist die Mehrzahl -+Abfallseifen+! Wenn es irgend etwas gibt, was man nicht in den Plural -setzen kann, so ist es doch das Sammelsurium, daß man als „Abfallseife“ -bezeichnet. - -Ein wunderliches Gegenstück zu diesen anstößigen Pluralen ist es, daß -von manchen Wörtern die Mehrzahl jetzt auffällig vermieden wird. Von -den schönen +Haaren+ einer Frau zu sprechen, gilt nicht für fein; nur -daß sie schönes +Haar+ habe, hört sie gern. Und beim Schneider bestellt -man sich nicht mehr neue +Hosen+ -- das wäre ja ganz plebejisch! --, -nein, eine neue +Hose+. Was will man denn aber mit +einer+ Hose? -Man hat doch zwei Beine, also wird man auch immer ein Paar +Hosen+ -brauchen. +Hose+ bedeutet doch nur die zylinderförmige Hülse für +ein+ -Bein. Vornehme Leute haben allerdings auch keine Beine mehr, sondern -nur noch Füße. Ich habe mich an den Fuß gestoßen, sagt die feine -Dame; wenn man sie aber nach der Stelle fragt, zeigt sie -- auf den -Oberschenkel. - - -Verwechselte Wörter - -Nicht bloß Kindern, auch Erwachsenen, oft sogar recht „gebildeten“ -Erwachsenen begegnet es, daß sie ein Wort in falschem Sinne gebrauchen -oder zwei Wörter oder Redensarten miteinander verwechseln oder -vermengen. Es fehlt ihnen dann an der nötigen Spracherfahrung. Sie -haben die Wörter noch nicht oft genug gehört, oder sie haben nicht -scharf genug auf den Zusammenhang geachtet, worin ihnen die Wörter -vorgekommen sind, und so verbinden sie nun einen falschen Sinn damit. -Es gibt Bücher über Shakespeares, Goethes, Schillers +Frauengestalten+. -Darunter hat wohl noch niemand etwas andres verstanden als die -Frauen in den Werken der drei Dichter. Vor kurzem ist aber ein Buch -erschienen: +Lenaus Frauengestalten+. Das behandelt „diejenigen (!) -Frauen, welche (!) bedeutsam (!) in das Leben und Werden (!) Lenaus -eingegriffen haben“. Wenn eine solche Begriffsverwechslung einem -Schriftsteller begegnet, dann kann man den Schenkwirten keinen Vorwurf -machen, wenn sie neuerdings mit Vorliebe auf die +kleinen Preise+ -ihrer Speisekarte aufmerksam machen. Zwischen +Preis+ (~praemium~) und -+Preis+ (~pretium~) ist ein Unterschied. Große und +kleine Preise+ -gibt es bei Preisausschreiben und Preisverteilungen; im Handel aber -gibt es nur hohe und +niedrige+ oder +billige+ oder +mäßige Preise+. -Man scheint zu glauben, daß man durch +niedrige+ Preise das Publikum -beleidige; Sängerinnen veranstalten schon Konzerte zu +volkstümlichen+, -sogar +populären+ Preisen.[154] In den Zeitungen kann man jeden Tag -lesen, daß ein Erkrankter oder ein Verunglückter in das oder jenes -Krankenhaus +eingeliefert+ worden sei. Welche Roheit! Ein Verbrecher -wird ins Gefängnis +eingeliefert+, nachdem er verhaftet worden ist, -aber doch nicht ein armer Kranker! - -Oft verwechselt werden jetzt von Hauptwörtern: +Neuheit+ und -+Neuigkeit+, +Wirkung+ und +Wirksamkeit+, +Folge+ und +Erfolg+, von -Zeitwörtern: +zeigen+, +zeichnen+, +bezeichnen+ und +kennzeichnen+, -+verlauten+ und +verlautbaren+ u. a., von Adverbien: +regelmäßig+ und -+in der Regel+, +anscheinend+, +scheinbar+ und +augenscheinlich+, -+voran+ und +vorwärts+, +zumal+ und +besonders+. - -+Neuheiten+ liegen in dem Schaufenster des Modewarenhändlers; in dem -des Buchhändlers liegen +Neuigkeiten+. Bis vor kurzem wenigstens ist -dieser Unterschied stets beobachtet und von literarischen Erzeugnissen -dasselbe Wort gebraucht worden wie von neuen Nachrichten: +Neuigkeit+. -Es hat einen geistigern Inhalt als +Neuheit+, und die Schriftsteller -sollten es sich verbitten, daß man ihre Erzeugnisse mit demselben Worte -bezeichnet wie die des Schneiders. - -Von der +Wirksamkeit+ des Saxlehnerschen Bitterwassers zu reden ist -ebenso verkehrt, wie zu sagen: diese Maßregel verliert auf die Dauer -ihre +Wirksamkeit+. Der Pfarrer wirkt in seinem Amte, eine Maßregel -wirkt vielleicht im Verkehr, und das Bitterwasser wirkt in den -Gedärmen; aber nur der Pfarrer hat eine +Wirksamkeit+, die beiden -andern haben eine +Wirkung+. - -Ebenso sinnwidrig ist es von dem +Erfolg+ zu knapper Mittel zu reden, -statt von den +Folgen+, denn ein +Erfolg+ ist etwas positives, -erfreuliches, zu knappe Mittel sind etwas negatives, unerfreuliches. - -+Kennzeichnen+ ist sehr beliebt geworden, seitdem man es als Ersatz -für das Fremdwort +charakterisieren+ gebraucht. Es wird aber oft ganz -gedankenlos verwendet. Wenn geschrieben wird: welche Stellung er zur -Revolution einnahm, ist schon oben kurz +gekennzeichnet+ worden -- -durch ihre Aussprüche +kennzeichnen+ sie ihre Zugehörigkeit zur stillen -Gemeinde -- wir haben das Buch als das +gekennzeichnet+, was es ist: -als eine Tendenzschrift -- der ungeheure Verbrauch von Offizieren muß -als ein Luxus +gekennzeichnet+ werden -- der Hauptraum, der als Halle -oder Kapelle +gekennzeichnet+ werden kann -- die ganze Kläglichkeit der -heutigen Handwerkspolitik hat Stieda trefflich +gekennzeichnet+ -- so -liegt auf der Hand, daß in den ersten drei Sätzen +zeigen+ (andeuten, -verraten, nachweisen), in den zwei nächsten +bezeichnen+, in dem -letzten einfach +zeichnen+ (schildern) gemeint ist. - -+Verlauten+ ist ein intransitives Zeitwort und bedeutet: +laut werden+. -Es +verlautet+ etwas -- heißt: man erzählt es, man spricht davon. -+Verlautbaren+ dagegen (ein entsetzliches Kanzleiwort!) ist transitiv -und bedeutet: +laut aussprechen+, bekanntmachen. Ganz verkehrt ist es -also, zu sagen: es +verlautbart+ etwas.[155] - -Sehr gern verwechselt werden auch +erhalten+ und +empfangen+: er -+empfing+ die Nachricht, daß sein Freund bankrott sei -- wenige Stunden -später +empfing+ Delbrück abermals ein Telegramm Bismarcks. Wenn man -Besuch +erhält+, so kann man ihn natürlich auch +empfangen+, entweder -freundlich oder höflich oder feierlich; aber Nachrichten, Briefe, -Telegramme, Geld usw. +erhält+ man, wenn es auch üblich ist, hinterher -den richtigen +Empfang+ anzuzeigen. - -Falsch ist es auch, aber trotzdem sehr beliebt, reflexive Zeitwörter, -wie: +sich erheben+, +sich anschließen+, ihres rückbezüglichen Fürworts -zu berauben, sie als Intransitiva zu behandeln und zu schreiben: ein -Festaktus in der Aula mit +anschließendem+ Rundgange durch das Gebäude --- die Versammlung bezeugte ihre Teilnahme durch +Erheben+ von den -Plätzen. Man erhebt +sich+, oder einfach: man -- +steht auf+! - -+Regelmäßig+ ist dasselbe wie +immer+; +in der Regel+ aber ist nicht -dasselbe wie +immer+. Wer regelmäßig früh um fünf Uhr aufsteht, leistet -mehr, als wer es bloß in der Regel tut. Die Regel leidet eine Ausnahme, -die Regelmäßigkeit leidet keine. - -Wenn eine Zeitung schreibt: die Herren verlebten einen +scheinbar+ -ganz köstlichen Abend -- so ist das etwas ganz andres, als was der -Zeitungschreiber sagen will. Mit +scheinbar+ wird ein Anschein gleich -für falsch erklärt, mit +augenscheinlich+ wird er gleich für richtig -erklärt, mit +anscheinend+ wird gar kein Urteil ausgesprochen. Er -verzichtet +scheinbar+ auf einen Gewinn -- heißt: in Wahrheit ist -er ganz gierig darnach; er verzichtet +anscheinend+ -- heißt: es -kann sein, daß er verzichtet, es kann auch nicht sein; er verzichtet -+augenscheinlich+ -- heißt: er verzichtet offenbar. - -+Voran+ bezeichnet einen Platz, und zwar den ersten Platz, die Spitze, -+vorwärts+ dagegen eine Richtung. Es ist also Gedankenlosigkeit oder -Ziererei, wenn jemand schreibt: Max Müller hat die Forschung in der -Sprachwissenschaft in keinem Punkte +voran+ gebracht. Gemeint ist: -+vorwärts+gebracht oder +gefördert+. - -Durch +zumal+ erfährt eine Behauptung eine in der Sache selbst -liegende, also selbstverständliche Steigerung z. B.: die Urkunden -sind schwer lesbar, +zumal+ im siebzehnten Jahrhundert (wo man -überhaupt schlecht schrieb -- ist der Sinn) -- du solltest dich doch -sehr in acht nehmen, +zumal+ im Winter. Ganz unangebracht ist es -dagegen in folgendem Satze: als ich die Quellen zur Geschichte des -Bistums durcharbeitete, stieß ich, +zumal+ in zwei Handschriften des -fünfzehnten Jahrhunderts, auf zahlreiche Aktenstücke. Hier kann es nur -+besonders+ oder +namentlich+ heißen. - -Keine Verwechslung, sondern bloße Ziererei ist es, für +erstens+ zu -schreiben +einmal+: ich muß das aus verschiednen Gründen ablehnen, -+einmal+ weil, +sodann+ weil usw. Wer darauf aufmerksam gemacht worden -ist, unterläßt das; es ist wirklich eine Abgeschmacktheit. - -Nicht verwechselt, aber vermengt werden neuerdings fortwährend die -beiden Redensarten +einig sein+ und +sich klar sein+. +Einig sein+ -über etwas können immer nur mehrere; +sich klar sein+ kann auch ein -einzelner. Ganz sinnlos aber ist das aus beiden zusammengeknetete -+sich einig sein+, das man jetzt täglich lesen muß: Protestanten und -Katholiken sind +sich+ in diesem Punkte +einig+ -- darin waren +sich+ -zwei Männer von so verschiedner Art wie Freytag und Treitschke +einig+ --- die Völker andrer Zonen sind +sich+ darüber +einig+ -- die Ärzte -sind +sich+ schon lange darüber +einig+ -- in dieser Wahlparole sind -+sich+ heute alle völlig +einig+ -- die Reichsregierung ist +sich+ -über die Höhe der Forderungen noch nicht +einig+ -- es handelt sich um -Maßnahmen, über die wohl die überwiegende Mehrheit +sich einig+ ist -- -vor kurzem noch war man +sich+ in Kunstgelehrtenkreisen darüber +einig+ --- offenbar ist man +sich+ über gewisse Personenfragen noch nicht -+einig+ -- in der Forderung einer amtlichen, unanfechtbaren Darstellung -des Falles wird man +sich+ wohl überall +einig+ sein. Wenige -Sprachdummheiten haben sich in den letzten Jahren so seuchenartig -verbreitet wie dieses +sich einig sein+. Fort wieder mit dem törichten -+sich+![156] - - -Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit - -Von manchen wird ein lebhafter Kampf gegen die Wörter auf +ung+ -geführt. Sie klängen häßlich, heißt es, ja sie seien geradezu eine -Verunstaltung unsrer Sprache. Im Unterricht wird gelehrt, man solle -sie möglichst vermeiden. Irgend jemand hat sogar die witzige Bemerkung -gemacht, unsre Sprache mit ihren vielen +ung-ung-ung+ klinge wie lauter -Unkenrufe. - -Das ist zunächst eine Übertreibung. Die Endung +ung+ ist tonlos -und fällt nicht so ins Gehör, daß sie, in kurzen Zwischenräumen -wiederholt, stören könnte. Wenn in dem heutigen Deutsch das Ohr -durch nicht schlimmeres verletzt würde als durch die Endung +ung+, -so wäre es gut. Ein Satz wie folgender: über die +Voraussetzungen+ -zu einer +Schließung+ des Reichstags enthält die +Verfassung+ keine -ausdrückliche +Bestimmung+ -- hat gar nichts anstößiges. In lebendiger -Rede hört man es kaum, daß hier kurz hintereinander vier Wörter auf -+ung+ stehen. Hebt man freilich die Endung auffällig hervor, so kann es -wohl lächerlich klingen; aber auf diese Weise könnte man auch hundert -andre Spracherscheinungen lächerlich machen. - -Nicht die Wörter auf +ung+ muß man bekämpfen, sondern eine immer mehr -um sich greifende garstige Gewohnheit, die dazu verleitet, eine Menge -wirklich häßlicher Wörter auf +ung+ zu bilden, darunter Ungetüme -wie: +Inbetriebsetzung+, +Außerachtlassung+, +Inwegfallbringung+, -+Zurdispositionstellung+, +Außerdienststellung+ u. a., die Gewohnheit, -eine Handlung oder einen Vorgang nicht durch ein Zeitwort auszudrücken, -sondern durch ein Substantiv in Verbindung mit irgendeinem farblosen -Zeitwort des Geschehens (mit Vorliebe +stattfinden+ oder +erfolgen+). -Da ist es aber nicht die Endung +ung+, die stört, sondern das -schleppende Wortungetüm, das damit gebildet ist, und der ganze -unlebendige Gedankenausdruck (vgl. S. 328). Wir haben vielmehr allen -Anlaß, die Endung +ung+ zu schützen, ja zu verteidigen gegen törichte -Neubildungen, die sich ihr an die Seite drängen wollen. - -Die Wörter auf +ung+ bezeichnen zunächst eine Handlung, einen -Vorgang; +Bildung+, +Erziehung+, +Aufklärung+, +Einrichtung+ bedeuten -zunächst die Handlung, die Tätigkeit des Bildens, des Erziehens, des -Aufklärens, des Einrichtens. Aus dieser Bedeutung entwickelt sich -aber eine weitere, nämlich die des Ergebnisses, das die Handlung hat, -des Zustandes, der durch sie herbeigeführt worden ist; +Bildung+, -+Erziehung+, +Aufklärung+ bedeuten auch den Zustand des Gebildetseins, -des Erzogenseins, des Aufgeklärtseins, +Einrichtung+ auch das -Eingerichtete selbst. Vielfach hat nun die Sprache, um den Unterschied -zwischen der Handlung und ihrem Ergebnis zu bezeichnen, neben dem Wort -auf +ung+ noch ein kürzeres, meist mit Ablaut, unmittelbar aus dem -Stamme geschaffen, also eine starke Bildung neben der schwachen. So -haben wir +Anlage+ neben +Anlegung+, +Vorlage+ neben +Vorlegung+ und -können geradezu reden von der +Anlegung+ von Gas- und Wasser+anlagen+, -der +Vorlegung+ von Zeichen+vorlagen+. Da besteht nun schon seit -alter Zeit die Neigung, die Bildung auf +ung+ ganz zu beseitigen und -ihre Aufgabe der kürzern Form mit zu übertragen. So sind die Wörter -+Kaufung+ und +Verkaufung+ ganz verschwunden; heute bedeutet +Kauf+ -und +Verkauf+ auch die Handlung des Kaufens und Verkaufens. Noch um -1800 sprach man von +Einführung+ und +Ausführung+ von Waren, und wenn -man mit etwas nicht einverstanden war, machte man eine +Einwendung+; -heute heißt es: +Einfuhr+, +Ausfuhr+, +Einwand+. Und diese Neigung -ist gegenwärtig sehr stark verbreitet: obwohl die Sprache eine -Unterscheidung an die Hand gibt, es ermöglicht, einen Unterschied zu -machen (wieder ein Beispiel: +Unterscheidung+ und +Unterschied+!), -verschmäht man ihn und redet von +Hingabe+, +Freigabe+, +Erwerb+ -(in jedem Bande stand auf dem Titelblatte das Datum des +Erwerbs+!), -+Gewinn+, +Bezug+, +Vollzug+, +Entscheid+, +Entsatz+, +Ersatz+, -+Vergleich+, +Ausgleich+, +Aufgebot+, +Freispruch+ (des Angeklagten), -+Zusammenschluß+, wo +Hingebung+, +Freigebung+ (der Sonntagsarbeit), -+Erwerbung+ (eines Grundstücks oder der Staatsangehörigkeit), -+Gewinnung+ (Schlesiens), +Beziehung+, +Vollziehung+, +Entscheidung+, -+Entsetzung+ (Emin Paschas), +Ersetzung+, +Vergleichung+, +Aufbietung+ -(aller Kräfte), +Zusammenschließung+ das Richtige wäre, weil eine -Handlung gemeint ist. Vor dem letzten Einzug des Königs in Leipzig -schilderte ein Zeitungschreiber, wieviel fleißige Hände mit dem -+Ausschmuck+ der Straßen beschäftigt wären. In den nächsten Tagen -plapperten das dumme Wort alle Leipziger Zeitungen nach![157] -Andrerseits: da, wo die Sprache wirklich beides, Handlung und Zustand, -mit demselben Worte, und zwar auf +ung+, ausgedrückt hat, schafft man -künstlich einen Unterschied durch häßliche Neubildungen auf +heit+ -(sie schießen wie Pilze aus der Erde!) und läßt die Menschen aus -+Geneigtheit+ oder +Abgeneigtheit+, in der +Zerstreutheit+, in der -+Verzücktheit+, in der +Verstimmtheit+, in der +Aufgeregtheit+, in -der ersten +Überraschtheit+, mit +Gefaßtheit+, unter Merkmalen von -+Geistesgestörtheit+ oder gar +geistiger Gestörtheit+ tun, was sie -früher aus +Neigung+ oder +Abneigung+, in der +Zerstreuung+, in der -+Verzückung+, in der +Verstimmung+, in der +Aufregung+, in der ersten -+Überraschung+, mit +Fassung+, in einem Anfalle von +Geistesstörung+ -taten. Ja man redet sogar von künstlerischer +Abgeklärtheit+, von -religiöser +Aufgeklärtheit+, von der +Isoliertheit+ eines Gebäudes, von -der +Vertiertheit+ des Proletariats und sieht mit +Gespanntheit+ den -kommenden Ereignissen entgegen. Hier überall gilt es, die Bildung auf -+ung+ vor der häßlichen Nebenbildung auf +heit+ zu schützen und das -einschlummernde Sprachgefühl wieder zu wecken. Der Straf+vollzug+, -von dem die Juristen immer reden, ist ein Greuel, der doch aus -unsrer Sprache wieder hinauszubringen sein müßte; ebenso die innige -+Hingabe+.[158] Wird jemand +Anziehung+ und +Anzug+ oder +Abtretung+ -und +Abtritt+ oder +Eingebung+ und +Eingabe+ verwechseln und sagen: -er tat das aus göttlicher +Eingabe+? Das fürchterlichste ist wohl der -+Bezug+. Früher kannte man +Bezüge+ nur an Bettkissen, Stuhlpolstern -und Regenschirmen. Jetzt steht +Bezug+ überall für +Beziehung+, und -da nun die, die das Wort so gebrauchen, die Bedeutung der Handlung -dabei doch nicht recht fühlen, was haben sie gemacht? Sie haben das -herrliche Wort +Bezugnahme+ erfunden. Das kann man doch bequemer haben: -was mühselig durch das zusammengesetzte Wort +Bezugnahme+ ausgedrückt -werden soll, das liegt ja in dem einfachen Worte +Beziehung+! - - -Vertauschung der Hilfszeitwörter - -Eine vollständige Verschiebung scheinen manche jetzt unter den -Hilfszeitwörtern (+können+, +mögen+, +wollen+, +dürfen+, +sollen+, -+müssen+) durchsetzen zu wollen. Und +warum+? Aus bloßer Ziererei, nur, -um es einmal anders zu machen, als es bisher gemacht worden ist. Da -schreibt einer: es +mag+ für ältere Mitglieder von Interesse sein die -Mitgliederliste kennen zu lernen. Nun denkt man, er werde fortfahren: -aber für die jüngern hat es kein Interesse, und darum teile ich sie -nicht mit. Nein, er teilt sie mit! Er hat also sagen wollen: die Liste -+kann+ oder +wird vielleicht+ von Interesse sein, darum will ich sie -mitteilen. Eine Zeitschrift macht bekannt: Abonnenten +wollen+ die -Fortsetzung bei der Expedition bestellen -- ein Realschuldirektor -schreibt: Neuphilologisch geschulte Bewerber +wollen+ ihre Gesuche -bis zum 1. Dezember einreichen. Das ist doch nichts als Nachäfferei -des Französischen (~veuillez~); deutsch kann es nur heißen: +mögen+ -sie einreichen, oder wenn das nicht höflich genug scheint, +werden -gebeten+, +werden ersucht+, sie einzureichen. Noch alberner ist es, ein -solches +wollen+ mit dem Passivum zu verbinden: die Redaktion +wolle+ -angewiesen werden (statt: es wird gebeten, die Redaktion anzuweisen) --- das Testament +wolle+ in Verwahrung genommen werden -- das Öffnen -der Fenster +wolle+ den Schaffnern aufgetragen werden -- es +wolle+ -sich gefälligst des Tabakrauchens enthalten werden. Sehr beliebt ist -es auch jetzt, zu schreiben: ich +darf+ endlich noch hinzufügen -- -hier +darf+ zum Schluß noch angeführt werden usw. Darf? Wer erlaubt es -denn? Der Schreibende erlaubt es sich doch selber, er nimmt es sich -heraus. Er kann also doch nur sagen: hier +darf wohl+ zum Schluß noch -angeführt werden; mit dem +wohl+ sucht man sich höflich der Zustimmung -des Lesers zu versichern. Ganz abgeschmackt ist der Mißbrauch, der -jetzt mit +sollen+ getrieben wird. Da wird geschrieben: eines nähern -Eingehens auf diese Punkte glaube ich mich enthalten zu +sollen+ -- -wir glauben, diesen Satz auf das ganze Werk ausdehnen zu +sollen+ -- -der Heilige Vater glaubt dich ermuntern zu +sollen+, in der begonnenen -Arbeit fortzufahren -- wir glaubten die Eröffnung +nicht+ vornehmen zu -+sollen+, ohne die maßgebenden Persönlichkeiten dazu einzuladen -- im -Interesse des Publikums hat die Behörde geglaubt, den Betrieb +nicht+ -in städtische Regie nehmen zu +sollen+. +Sollen+ bezeichnet einen -Befehl, einen Auftrag. In den angeführten Beispielen aber handelt sichs -entweder um eine Möglichkeit oder eine Notwendigkeit. Weshalb also -nicht +können+, +müssen+, +dürfen+? Es ist nichts als dumme Ziererei. - - -Der Dritte und der Andre - -Viele Menschen können jetzt tatsächlich nicht mehr „bis drei zählen“, -sondern lassen auf den Ersten gleich den Dritten folgen. Sie schreiben: -bei allem, was ich unternommen habe, hat mich nichts verleiten können, -das Recht eines +Dritten+ zu verletzen -- an einer neuen Entdeckung -ging er gleichgiltig vorbei; sobald sie aber durch einen +Dritten+ -verballhornt war, erhob er den Kopf -- mein Bauplan würde ganz umsonst -gemacht sein, wenn dann ein +Dritter+ den Bauplatz bekäme -- bei -einer solchen Verpachtung würde die Stadtgemeinde das Eigentumsrecht -behalten und nur auf eine Reihe von Jahren einem +Dritten+ ein -Benutzungsrecht einräumen -- auch der Künstler, der aus innerm Drange -schafft, wird früher oder später erlahmen, wenn er fortwährend zusehen -muß, wie +Dritte+ den ihm zukommenden Ruhm genießen -- die juristische -Wissenschaft zeigt dem Verwaltungsbeamten die Schranken, die seinem -Handeln durch entgegenstehende Rechte +Dritter+ gesetzt sind -- ich -hätte die Aufgabe ohne die freundliche Hilfe +Dritter+ nicht bewältigen -können -- das Mißtrauen in (!) seine Begabung, unter dem er durch -+Dritte+ zu leiden hatte -- die Anerkennung, die sich als Ausbeutung -seines geistigen Eigentums seitens (!) +Dritter+ darstellt -- die -sekundäre Art der Komposition, über Themen +Dritter+ zu phantasieren --- Akten über innere Verwaltungssachen und Verträge mit +Dritten+ -werden nicht mitgeteilt -- da die Mitglieder entfernt wohnen, so -lag es nahe, ihre Befugnisse auf +dritte+ Personen zu übertragen --- wegen des Zeitverlustes, den mir die Arbeit an +dritter+ Stelle -machen würde, bitte ich mir die Bücher in meine Wohnung zu senden. Ein -Lokalrichter macht bekannt, er habe Waren im Auftrage eines +Dritten+ -zu versteigern -- eine Zeitung berichtet, daß ein Klempner von einem -Baugerüst gefallen, ein Verschulden +Dritter+ an dem Unglücksfall aber -ausgeschlossen sei -- eine andre erzählt: der junge Mann besuchte -darauf ein Restaurant, wo möglicherweise +dritte+ Personen von seinem -Gelde Kenntnis erlangten. - -Der Unsinn stammt natürlich aus Juristenkreisen. Die Herren Juristen -sind so daran gewöhnt, mit zwei Parteien zu tun zu haben, zu denen -dann irgend ein „Dritter“ kommt, daß ihnen schließlich der Dritte auch -da in die Feder läuft, wo gar nicht von zweien die Rede gewesen ist; -er vertritt schon vollständig die Stelle des Andern. Und andre Leute -machen es gedankenlos nach. - - -Verwechslung von Präpositionen - -Mancherlei Verwirrung herrscht auch auf dem Gebiete der Präpositionen. -So werden z. B. sehr oft +durch+ und +wegen+ verwechselt, obwohl -sie doch so leicht auseinanderzuhalten wären, denn +durch+ gibt das -Mittel, +wegen+ den Grund an. Da wird z. B. geschrieben: das Buch ist -+durch+ seine prachtvolle Ausstattung ein wertvolles Geschenk -- die -Marienkirche enthält viele +durch+ Kunst und Geschichte bemerkenswerte -Sehenswürdigkeiten -- der Streit ist +durch+ seine lange Dauer von -mehr als bloß örtlicher Bedeutung gewesen -- +durch+ die verkehrte -Methode seines Lehrers machte er lange Zeit keine Fortschritte -- -Falb, der +durch+ seine kritischen Tage vielgenannte Wetterprophet --- die Mißernten bleiben dann nur noch +durch+ Regen zu fürchten -- -+durch+ körperliches Leiden ist als sicher anzunehmen, daß sie sich -ein Leid angetan hat -- +durch+ sein liebenswürdiges und aufrichtiges -Wesen werden wir stets seiner in Ehren gedenken. In allen diesen -Sätzen muß es +wegen+ heißen, denn man fragt hier nicht: wodurch? -sondern weshalb oder warum? Ebenso werden +für+ und +vor+, +für+ und -+zu+, +für+ und +über+ oft vertauscht. Früher hatte man Liebe +zu+ -jemand, faßte Neigung +zu+ jemand, hegte Achtung +vor+ etwas, hatte -Sinn, Gefühl, Interesse +für+ etwas; jetzt gilt es +für+ fein, das -alles durch +für+ zu erledigen: daher seine merkwürdige +Neigung für+ -alle Verkommnen und Gescheiterten -- wir haben +Achtung für+ den -realistischen Geist -- der Sozialismus hat wenig +Achtung für+ rein -geistige Arbeit. Eine Stadtgemeinde gibt Verwaltungsberichte heraus -+für+ das abgelaufene Jahr. Nein, Kalender und Adreßbücher druckt man -+für+ ein Jahr, Berichte schreibt man +über+ ein Jahr. Früher sagte -man: +von+ heute +an+. Jetzt liest man nur noch: +von+ heute +ab+, -+von+ Montag +ab+, +vom+ 1. Januar +ab+. Warum denn +ab+? Man bildet -sich doch nicht etwa ein, +ab+ könne hier in dem Sinne stehen wie auf -den Eisenbahnfahrplänen, wo es den Ausgangspunkt bezeichnet? Nein, es -bedeutet die Richtung. +Von+ Kindesbeinen +an+ -- das will sagen, daß -der Weg von der Kindheit in die Höhe führe (vgl. +hinan+, +bergan+); -noch deutlicher sagt es: +von+ Jugend +auf+. Bei dem neumodischen -+von+ -- +ab+ hat man immer die Vorstellung, als ob alles, was jetzt -unternommen wird, von Anfang an dazu verurteilt wäre, bergab zu gehen. - -Besonders anstößig ist es, wie oft sich -- offenbar unter dem Einflusse -des Lateinischen -- die Präposition +in+ an Stellen drängt, wo sie -nicht hingehört. In gutem Deutsch hat man Vertrauen +zu+ jemand, -Hoffnung +auf+ jemand und Mißtrauen +gegen+ jemand. Das wird jetzt -alles durch +in+ besorgt: man hat Vertrauen +in+ die Kriegsleitung -(scheußlich!), verliert die Zuversicht +in+ sich selbst, ist ohne jedes -persönliche Mißtrauen +in+ die Behörden und setzt seine Hoffnung +in+ -die Zukunft. Ja die Juristen reden sogar von einer Vollstreckung +in+ -verschuldeten Besitz, einer Zwangsvollstreckung +in+ Liegenschaften -und verurteilen einen Angeklagten +in+ die Kosten. Das alles ist -schlechterdings kein Deutsch, es ist das offenbarste Latein. Früher -ging man auch +auf+ einem Wege vorwärts, und nur wenn einen auf -diesem Wege jemand hinderte, sagte man: er tritt mir +in+ den Weg, -er steht mir +im+ Wege, er mag mir +aus+ dem Wege gehen. Unsre -Juristen aber möchten nur noch +im Wege+ vorwärtsgehen oder vielmehr -„vorschreiten“, sei es nun +im Wege+ der Gesetzgebung oder +im Wege+ -der Polizeiverordnung oder +im Wege+ der einstweiligen Verfügung oder -+im Wege+ des Vergleichs oder +im Wege+ der Güte oder +im Wege+ der -Anregung. Man denkt sich die Herren unwillkürlich in einer Schlucht -oder einem Hohlwege stehen, „rings von Felsen eingeschlossen“, wenn -sie so „im Wege vorschreiten“. In der Juristensprache bedeutet aber -doch wenigstens das Wort den eingeschlagnen Weg, das Verfahren; der -Jurist beschreitet ja auch den +Klageweg+ oder verweist einen Klienten -auf den +Beschwerdeweg+. Wenn aber gar eine Bibliothek berichtet, daß -ihr Bücher zugegangen seien +im Wege+ der Schenkung, des Tauschs oder -des Kaufs, so ist das doch völlig abgeschmackt, denn da ist doch nur -von der Art und Weise die Rede: die Bücher sind ihr +durch+ Schenkung, -Tausch oder Kauf zugegangen. - -Im Buchdruck und Buchhandel, wo man sich gegenwärtig durch -Absonderlichkeiten aller Art zu überbieten sucht -- in der Wahl -der Schriften, in der Einrichtung der Kolumnen, in der Fassung und -Anordnung der Titel, in der Angabe des Verlags --, müssen auch die -Präpositionen mit herhalten: ein Buch wird nicht mehr +von+ jemand -herausgegeben und verlegt, sondern herausgegeben wird es +durch+ jemand -(herausgegeben +durch+ Hans Helmolt) und verlegt wird es +bei+ jemand -(verlegt +bei+ Eugen Diederichs). Gedruckt +bei+ -- das hat Sinn. Aber -verlegt +bei+ -- da fragt man doch: verlegt es denn der Herr nicht -selbst? wer sind denn die Hintermänner, die es +bei+ ihm verlegen? - -Zu den neuesten Dummheiten gehört es auch, daß man die Präposition -+nach+ gebraucht in einem Falle, wo sie nicht hingehört, und sie nicht -gebraucht in einem Falle, wo sie hingehört. Man schreibt nicht mehr: -+nach+ der und der Zeitung oder dem und dem Telegramm ist das und das -geschehen, sondern: +zufolge+ (!) der Zeitung oder des Telegramms, als -ob die Zeitung oder das Telegramm die Ursache, die Veranlassung des -Ereignisses wäre. Da ist hier eine Ministerkrisis ausgebrochen, dort -ein Luftschiffer verunglückt, hier beim Rennen ein Pferd gestürzt, dort -ein Leprafall vorgekommen, alles +zufolge+ von Zeitungen! Es ist zu -dumm. Man kann es aber alle Tage lesen. Andrerseits geht man aber nicht -mehr +zu+ Schulze, sondern +nach Schulze+, ja man schreibt sogar +nach -Schulze+ und schickt einen Brief +nach Schulze+ (statt: +an Schulze+). -In meiner Kindheit ging man noch +zu Hause+, so gut wie man +zu Tische+ -und +zu Bette+ ging, und wie der Krug so lange +zu Wasser+ geht, bis er -bricht. Dann hieß es auf einmal: +zu Hause+ auf die Frage wohin? sei -nicht fein, man müsse sagen: +nach Hause+. Vielleicht wird auch +nach -Schulze+ noch fein. Feine Leute schicken aber auch ihre Kinder nicht -mehr +in+ die Schule, sondern +zur+ Schule. Geht Ihre Kleine schon -+zur+ Schule? heißt es. Da wird sie nicht viel lernen, wenn sie bloß -+zur+ Schule geht; sie muß hineingehen! - - -Hin und her - -Auch für den Unterschied von +hin+ und +her+ scheinen nur wenig -Menschen noch ein Gefühl zu haben; daß +hin+ die Richtung, die Bewegung -von mir weg nach einem andern Orte, +her+ die Richtung, die Bewegung -von einem andern Orte auf mich zu bedeutet -- man vergleiche +geh hin!+ -mit +komm her!+ --, wie wenige wissen das noch! In ihrem Sprachgebrauch -wenigstens, dem mündlichen wie dem schriftlichen, wird +hinein+ und -+herein+, +hinaus+ und +heraus+, +hinan+ und +heran+, +hinauf+ und -+herauf+ fortwährend zusammengeworfen. Ein klassisches Beispiel dieser -Verwirrung ist die gemeine Redensart: er ist +reingefallen+. Daß jemand -in eine Grube +hereingefallen+ sei, kann man doch nur sagen, wenn man -selber schon drinliegt. Die aber, die mit Vorliebe diese Redensart im -Munde führen, fühlen sich doch stolz als draußen stehend, sie stehen -oben am Rande der Grube und blicken schadenfroh auf das Opfer, das -unten liegt. Das Opfer ist also +hinein+gefallen oder +nein+gefallen. -Wer auf der Straße bleibt, kann nur sagen: +Geh hinauf+ und wirf mir -den Schlüssel +herunter+! Wer oben am Fenster steht, kann nur fragen: -Willst du +heraufkommen+, oder soll ich dir den Schlüssel +hinunter -werfen+? Aber der Volksmund, auch der der Gebildeten, drückt jetzt -beides durch +rauf+ und +runter+ aus, es gilt das jetzt offenbar für -feiner als +nauf+ und +nunter+. Wenn auch niemand drin ist, ich will -doch mal +rein+sehen -- so sagen auch gebildete Leute. Wenn zwei -an einem Graben stehen, der eine hüben, der andre drüben, so kann -jeder von beiden fragen: Willst du +herüber+springen, oder soll ich -+hinüber+springen? Heute springen beide nur noch +rüber+: Willst +du+ -rüberspringen, oder soll +ich+ rüberspringen? Die Herren von der Feder -aber machens nicht besser, auch sie verwechseln +hin+ und +her+. Nicht -bloß der Zeitungschreiber schreibt: bis in die jüngste Zeit +hinein+, -auch der Historiker: auf die Sturm- und Drangzeit folgte die klassische -Periode, die in unser Jahrhundert +hinein+ragt. Jeder ist aber doch -drin in seinem Jahrhundert! In einem Raum oder Zeitraum, worin wir -uns befinden, kann doch etwas nur +hereinragen+. Etwas andres ist es, -wenn von einer Erscheinung des sechzehnten Jahrhunderts gesagt wird, -sie lasse sich bis ins siebzehnte Jahrhundert +hinein+ verfolgen; das -ist richtig, denn wir sind nicht drin im siebzehnten Jahrhundert. -Umgekehrt aber wird geschrieben: wir fragen nicht, was in das Bild -alles +herein+geheimnist ist (+hinein+!) -- über das Zellensystem kommt -der Architekt nun einmal nicht +heraus+ (+hinaus+!) usw. - -Nun ist es freilich eine merkwürdige Erscheinung, daß bei allen -Zeitwörtern mit übertragner Bedeutung, bei denen man die Vorstellung -einer äußern Richtung nur noch undeutlich oder gar nicht mehr -hat, +hin+ vollständig durch +her+ verdrängt worden ist; man sagt -z. B.: sich +herab+lassen, mit Verachtung +herab+blicken, den Preis -+herab+setzen, ein Buch +heraus+geben, in seinen Vermögensverhältnissen -+herunter+kommen u. a. Die Neigung, +her+ dem +hin+ vorzuziehen, -ist also augenscheinlich in der Sprache vorhanden. Man sollte aber -doch meinen, daß überall da, wo noch deutlich eine äußere Richtung -ausgedrückt wird, eine Verwechslung unmöglich sei. Wie kann man also -sagen, daß die Steuern +herauf+geschraubt werden? Wir stehen doch -unten und möchten auch gern unten bleiben; also werden die Steuern -+hinauf+geschraubt. Wir erhielten Befehl, an den Feind +heran+zureiten --- wer kann so schreiben? Der Feind kann wohl an uns +heran+reiten, -wir aber an den Feind doch nur +hinan+. Eine bittre Pille oder einen -Vorwurf -- schluckt man sie +herunter+ oder +hinunter+? Da man sein -Ich lieber im Kopfe denkt als im Magen, so kann man sie doch nur -+hinunter+schlucken. Er sah zu mir +hinauf+ -- Unsinn! Ich und mein -Kopf, wir sind doch oben. - -Auch sonst, nicht bloß bei +hin+ und +her+, wird der örtliche Gegensatz -jetzt oft verwischt. +Hüben+ und +drüben+ wird allenfalls noch -unterschieden, aber +haußen+ und +hinnen+ getraut sich kaum noch jemand -zu schreiben; jetzt heißt es: sie holen von +draußen+, was +drinnen+ -fehlt. Aber wo bin ich denn, der Schreibende? Irgendwo muß ich mich -doch denken! - - -Ge, be, ver, ent, er - -Wenn auf solche Weise Wörter mißverstanden und miteinander verwechselt -werden können, deren Sinn und Bedeutung man sich mit ein wenig -Nachdenken noch klarmachen kann, um wieviel mehr sind Wörter dem -Mißverständnis und dem Mißbrauch ausgesetzt, wie die kleinen Präfixe -+ge+, +be+, +ver+, +ent+, +er+, deren Bedeutung nicht mehr klar zutage -liegt, sondern nur noch mehr oder weniger dunkel gefühlt wird! Wie -oft wird +brauchen+ und +gebrauchen+ verwechselt! Und doch heißt das -eine +nötig haben+, das andre +anwenden+. Wie oft liest man das dumme -+belegen+ sein (ein Haus ist in der oder der Straße +belegen+), wie -oft das gespreizte +beheben+ (die Hindernisse werden sich hoffentlich -+beheben+ lassen), wie oft das widersinnige +beeidigen+ (die Zeugen -wurden +beeidigt+)! Man kann eine Aussage +beeidigen+, aber nicht -einen +Zeugen+. Im gewöhnlichen Leben sagt man: hier wird Trottoir -+gelegt+; sowie es aber eine Tiefbauverwaltung besorgt, dann wird es -+verlegt+. Warum denn +ver+? Was man +verlegt+ hat, das findet man -doch nicht wieder. Wie oft muß man das lächerliche +entnüchtern+ lesen -(statt +ernüchtern+), auch schon +entwehren+ (statt +erwehren+)! Wird -jemand +entledigen+ und +erledigen+ verwechseln? Wie abgeschmackt -ist der Gebrauch von +entfallen+ und +entlohnen+, mit dem sich jetzt -täglich die Zeitungen spreizen! Fabrikarbeiter werden ja nicht mehr -bezahlt, sie werden nur noch +entlohnt+, der deutsche Lehrerstand -hat stets die Ideale treu gepflegt trotz kärglicher +Entlohnung+, -und von der Fernsprechstelle Berlin-Wien, die 660 Kilometer beträgt, -+entfallen+ 430 auf österreichisches und 230 auf deutsches Gebiet. -Warum denn +ent+? Wem +entfallen+ sie denn? Es wird aber auch nichts -mehr +gehofft+, sondern alles nur +erhofft+ (der +erhoffte+ Erfolg -blieb aus.) Das allerschönste aber ist +erbringen+, das in keiner -Zeitungsnummer fehlt. Beweise und Nachweise, die früher +gebracht+ oder -+geliefert+ wurden und im Volksmunde noch jetzt +gebracht+ werden, in -der Zeitung werden sie nur noch +erbracht+. Ja selbst Tatsachen werden -schon +erbracht+ (die neue Verhandlung hat eine ganze Reihe neuer -Tatsachen +erbracht+), Beispiele (Koschat +erbringt+ dafür ein lebendes -Beispiel -- schreibt der Musikschwätzer), Erträge (die Staatsforsten -+erbringen+ einen Ertrag von einer Million Mark) und sogar Spuren -(von einem Sinken des Richterstandes ist bis jetzt noch keine Spur -+erbracht+). Warum denn +er+? was heißt denn +er+? - -Er ist verwandt mit +ur+, wie +erlauben+ neben +Urlaub+ zeigt, und -beide bedeuteten +aus+. Diese ursprüngliche Bedeutung von +er+ ist -in vielen zusammengesetzten Zeitwörtern noch sehr gut zu fühlen: -gewöhnlich bedeuten sie den Anfang oder das Ende einer Handlung, -wie auch das Wort +ausgehen+ beides bedeutet (vgl. wir sind davon -+ausgegangen+, und: die Sache ist übel +ausgegangen+). Den Anfang einer -Handlung bezeichnet +er+ z. B. in +erblühen+, den Endpunkt dagegen -in +erlangen+, +erreichen+, +erfinden+, +erfüllen+, +ertrinken+, -+ersticken+. Weislingen im Götz sagt mit bewußter Unterscheidung: -ich +sterbe+ und kann nicht +ersterben+. Was da +erhoffen+ bedeuten -soll, ist unverständlich; es könnte doch nur heißen: so lange auf -etwas hoffen, bis es eintritt. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, zu -sagen: der +erhoffte+ Erfolg blieb aus, es genügt der +gehoffte+. -Auch ein Brief kann nicht +eröffnet+ werden, wie die Post sagt -(amtlich +eröffnet+!), sondern einfach +geöffnet+; eine Aussicht wird -mir +eröffnet+, ein Beschluß der Behörde, auch ein neues Geschäft; -dann wird es aber jeden Morgen nur +geöffnet+. Auch weshalb die -Eisenbahndirektion Sonntags einen Sonderzug +erstellt+, ist nicht -einzusehen; man ist doch schon zufrieden, wenn sie ihn +stellt+. Das -törichtste aber sind die +erbrachten+ Beweise, Nachweise, Belege, -Beispiele, Erträge und Spuren. Einen Beweis oder Nachweis +erbringen+ -könnte zur Not einen Sinn haben, wenn man damit den durchgeführten, -bis aufs letzte Tüpfelchen gelungnen Beweis im Gegensatz zu dem -bloß versuchten bezeichnen wollte. Aber daran ist in den seltensten -Fällen zu denken, +erbringen+ wird mit ganz gedankenlosem Gespreiz -für +bringen+ gesagt. In +bringen+ liegt ja schon der Begriff des -Vollendens, des Beendigens; +bringen+ verhält sich zu +tragen+ wie -+treffen+ zu +werfen+. Man könnte schließlich auch sagen: Kellner, -+erbringen+ Sie mir ein Glas Bier! - -+Ent+ (urverwandt mit dem lateinischen ~ante~ und dem griechischen -ἀντί, vgl. Antlitz, Antwort) bedeutet eigentlich +vor+, +gegen+, -+gegenüber+. Mit Zeitwörtern zusammengesetzt, drückt es daher zunächst -aus, daß sich von einem Ganzen ein Teil ablöst und ihm als ein -selbständiges Ganze gegenübertritt, so in +entstehen+, +entspringen+. -Daraus entwickelt sich dann überhaupt der Begriff der Trennung, Lösung, -Befreiung und auch Beraubung, wie in +entkommen+, +entfliehen+, -+entwenden+, +entlehnen+, +entkleiden+, +enthüllen+, +entblättern+, -+entkräften+, +entthronen+, +entfesseln+, +entlarven+, und endlich, -bei gänzlicher Verblassung der eigentlichen Bedeutung, eine bloße -Verstärkung des Verbalbegriffs, wie in +entlassen+, +enttäuschen+, -+entfremden+. Wenn man neuerdings +entrechten+ und +enthaften+ gebildet -hat, so ist dagegen nichts weiter einzuwenden, als daß das zweite Wort -recht überflüssig ist. +Entlohnen+ aber kann doch nur heißen: einem -seinen Lohn wegnehmen (wahrscheinlich hat der Schöpfer des Wortes -zugleich an +lohnen+ und +entlassen+ gedacht) und +entnüchtern+ nur: -einen betrunken machen, und was das +ent+ in einem Satze wie: auf den -Quadratkilometer +entfallen+ 200 Seelen -- bedeuten soll, ist gänzlich -unverständlich. Man könnte ebensogut sagen: auf den Quadratkilometer -+entkommen+ 200 Seelen.[159] Auch wenn Bibliotheken um gütige -+Entleihung+ oder +Entlehnung+ eines Buches gebeten werden, so ist -das sinnwidrig; die Bibliothek +verleiht+ ihre Bücher, der Leser aber -+leiht+ oder +entleiht+ sie. - -Lebhafter Streit ist darüber geführt worden, ob es richtig sei, -zu sagen: er +entblödete sich nicht+. Das Grimmische Wörterbuch -erklärt die Verneinung bei +sich entblöden+ für falsch. In der Tat -liegt es auch am nächsten, +sich entblöden+ mit Zeitwörtern wie -+entbehren+, +enthüllen+, +entschuldigen+, +entführen+, +entwischen+ -zu vergleichen, sodaß es bedeuten würde: +die Blödigkeit+ (d. h. -Schüchternheit) +ablegen+, +sich erdreisten+, +sich erfrechen+. Dann -wäre natürlich die Verneinung falsch, denn +sich erdreisten+ -- das -will man ja gerade mit +sich nicht entblöden+ sagen. Neuerdings -ist aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vorsilbe +ent+ -hier gar nicht verneinenden (privativen) Sinn habe, sondern wie in -+entschlafen+, +entbrennen+, +entzünden+, +entblößen+ das Eintreten in -einen Zustand bezeichne, sodaß sich +entblöden+ bedeuten würde: +sich -schämen+, +sich scheuen+, und die Verneinung davon: +sich erdreisten+. -Die Unsicherheit über die eigentliche Bedeutung des Wortes bestand -schon im achtzehnten Jahrhundert. Wieland schreibt bald: Verwegner, -darfst du +dich entblöden+ (d. h. dich erfrechen), bald: du solltest -+dich entblöden+ (d. h. dich schämen). Das Klügste wäre, man gebrauchte -eine Redensart überhaupt nicht mehr, die so veraltet und in ihrer -Bedeutung so verblichen ist, daß ihr niemand mehr unmittelbar anfühlt, -ob sie mit oder ohne Verneinung das ausdrückt, was man ausdrücken will. - -+Ver+ gibt dem Zeitwort meist einen schlimmen Sinn, es bezeichnet, -daß gleichsam ein Riegel vor eine Sache geschoben ist, daß sie nicht -wieder rückgängig gemacht werden kann, und schließlich auch, da -man doch manche eben gern wieder rückgängig machen möchte, daß sie -falsch gemacht worden ist. Man denke an: +versichern+, +versprechen+, -+verbinden+, +verpflichten+, +verkaufen+, +verpfänden+, sich -+verlieben+, sich +verloben+, sich +verheiraten+, +verstellen+, -+verdrehen+, +verrücken+, +verlieren+, +verderben+, +vergiften+, -+verschwinden+, +verschlimmern+, +versauern+ (allerdings auch: -+verbessern+, +vergrößern+, +verfeinern+, +verschönern+, +veredeln+, -+versüßen+). Für +meinen+ also zu sagen +vermeinen+, wie es der -Amtsstil liebt, wäre eigentlich nur dann am Platze, wenn die Meinung -als irrig bezeichnet werden sollte (vgl. +vermeintlich+), und von -jemand, der einfach seine Wohnung oder seinen Aufenthalt gewechselt -hat, zu sagen: er ist nach Dresden +verzogen+, ist geradezu lächerlich, -denn es klingt das, als ob er damit verschwunden und gänzlich -unauffindbar geworden wäre. Ebenso unverständlich aber ist es, warum, -wie in Leipzig, Trottoirplatten, Straßenbahngleise und elektrische -Kabel immer +verlegt+ werden, oder, wie in Hamburg, Kaffee +verlesen+ -wird, oder, wie in Magdeburg, Rüben +verzogen+ werden. Es genügt doch, -wenn sie +gelegt+, +gelesen+ und +gezogen+ werden. - -Am meisten verblaßt ist die Bedeutung von +be+ und +ge+. +Be+ ist aus -+bei+ abgeschwächt; +ge+, in der ältern Sprache ~ga~ (wie noch in -+Gastein+), ist urverwandt mit dem lateinischen ~con~ und bedeutet -einen Zusammenhang, eine Vereinigung. Am deutlichsten ist sein Sinn -noch in Bildungen wie +gerinnen+, +gefrieren+, +Gedicht+, +Gebüsch+, -+Gehölz+, +Gewölk+, +Gebirge+, +Gerippe+, +Gefühl+, +Gehör+, -+Gewissen+ (vgl. ~scientia~ und ~conscientia~). Aber wenn sich auch -die ursprüngliche Bedeutung noch so sehr abgeschwächt hat, so kann -man doch immer noch durch umsichtige Vergleichung dahinterkommen, -weshalb es unnötig ist, zu sagen: einem die Möglichkeit +benehmen+, -Geld zu +beschaffen+, oder: ein Haus +beheizen+, wie unsre Techniker -jetzt sagen (sie meinen wohl: +beöfnen+, mit Öfen versehen), oder: die -bei Goslar +belegnen+ geistlichen Stiftungen, weshalb es lächerlich -ist, wenn Schmerzen, Krankheiten, Hindernisse immer +behoben+ werden -(statt +gehoben+). Auch für +gründen+ wird jetzt oft unnötigerweise -+begründen+ gesagt: die +Begründung+ des Deutschen Reiches. Nein, -+begründet+ werden nur Meinungen, Behauptungen, Urteile; aber Reiche, -Staaten, Städte, Anstalten, Schulen, Geschäfte, Zeitungen werden -+gegründet+. Befremdlich klingt es auch, wenn Juristen davon reden, -daß ein Zeuge +beeidigt+ werden müsse, oder wenn Berichterstatter über -Gerichtsverhandlungen einen +Beklagten+ auftreten lassen. Ein Zeuge -kann seine Aussage +beeidigen+ (vgl. +beschwören+), aber er selbst kann -nur +vereidigt+ werden (vgl. +verpflichten+). +Beklagen+ kann man aber -nur den, dem ein Unglück zugestoßen ist; vor Gericht kann einer nur -+verklagt+ oder +angeklagt+ werden. Wer +angeklagt+ wird, kommt vor den -Strafrichter, wer +verklagt+ wird, vor den Richter in bürgerlichen -Streitigkeiten. Und ebenso läßt sich endlich recht gut fühlen, weshalb -es unnötig ist, zu sagen, die 1883 gebornen haben sich heuer zu -+gestellen+.[160] - -Groß in solchen Verschiebungen und Vertauschungen sind namentlich -die Kanzleimenschen und die Techniker. Sie suchen etwas darin, und -sie verblüffen auch wirklich die große Masse mit diesem wohlfeilen -Mittelchen.[161] - -Der Unterricht kann sehr viel tun, das abgestorbne Sprachgefühl in -solchen Fällen wieder zu beleben. Wem die Bedeutung von +ent+ und +er+ -einmal auseinandergesetzt worden ist, der wird nie wieder +entnüchtern+ -statt +ernüchtern+ schreiben, er wird aber auch bald alle die Leute -auslachen, die sich immer mit +entfallen+ und +erbringen+ spreizen. - - -Neue Wörter - -Kein Tag vergeht, ohne daß einem in Büchern oder Zeitungen neue Wörter -entgegenträten. Nun wird niemand so töricht sein, ein neues Wort -deshalb anzufechten, weil es neu ist. Jedes Wort ist zu irgendeiner -Zeit einmal neu gewesen; von vielen Wörtern, die uns jetzt so geläufig -sind, daß wir sie uns gar nicht mehr aus der Sprache wegdenken können, -läßt sich nachweisen, wann und wie sie ältern Wörtern an die Seite -getreten sind, bis sie diese allmählich ganz verdrängten. Wohl aber -darf man neuen Wörtern gegenüber fragen: sind sie nötig? und sind sie -richtig gebildet? - -Neue Gegenstände, neue Vorstellungen und Begriffe verlangen unbedingt -auch neue Wörter. Ein neu erfundnes Gerät, ein neu ersonnener -Kleiderstoff, eine neu entdeckte chemische Verbindung, eine neu -beobachtete Krankheit, eine neu entstandne politische Partei -- wie -sollte man sie mit den bisher üblichen Wörtern bezeichnen können? -Sie alle verlangen und erhalten auch alsbald ihre neuen Namen. Aber -auch alte Dinge fordern bisweilen neue Bezeichnungen. Wörter sind wie -Münzen im Verkehr: sie greifen sich mit der Zeit ab und verlieren -ihr scharfes Gepräge. Ist dieser Vorgang so weit fortgeschritten, -daß das Gepräge beinahe unkenntlich geworden ist, so entsteht von -selbst das Bedürfnis, die abgenutzten Wörter gegen neue umzutauschen. -Und wie bei abgegriffnen Münzen leicht Täuschungen entstehen, so -auch bei vielbenutzten Wörtern; sehr leicht verschiebt sich nämlich -ihre ursprüngliche Bedeutung. Hat sich aber eine solche Verschiebung -vollzogen, dann ist für den alten Begriff, der durch das alte Wort -nun nicht mehr völlig gedeckt wird, gleichfalls ein neues Wort nötig. -In vielen Fällen büßen die Wörter, ebenso wie die Münzen, durch den -fortwährenden Gebrauch geradezu an Wert ein, sie erhalten einen -niedrigen, gemeinen Nebensinn. Dieser „pessimistische“ Zug, wie man ihn -genannt hat, ist gerade im Deutschen weit verbreitet und hat mit der -Zeit eine große Masse von Wörtern ergriffen; man denke an +Pfaffe+, -+Schulmeister+, +Komödiant+, +Literat+, +Magd+, +Dirne+, +Mensch+ -(+das+ Mensch, Küchenmensch, Kammermensch), +Elend+, +Schimpf+, -+Hoffart+, +Gift+, +List+, +gemein+, +schlecht+, +frech+, +erbärmlich+. -Ihnen allen ist ursprünglich der verächtliche Nebensinn fremd, der im -Laufe der Zeit hineingelegt worden ist. Sobald sie aber einmal damit -behaftet waren, mußten sie, wenn der frühere Sinn ohne Beigeschmack -wieder ausgedrückt werden sollte, durch andre Wörter ersetzt werden. -So wurden sie verdrängt durch +Geistlicher+, +Lehrer+, +Schauspieler+, -+Schriftsteller+, +Mädchen+, +Fremde+, +Scherz+, +Hochherzigkeit+, -+Gabe+, +Klugheit+, +allgemein+, +schlicht+, +kühn+, +barmherzig+. - -Die andre Forderung, die man an ein neu aufkommendes Wort stellen darf, -ist die, daß es regelrecht, gesetzmäßig gebildet sei, und daß es mit -einleuchtender Deutlichkeit wirklich das ausdrücke, was es auszudrücken -vorgibt. Diese Forderung ist so wesentlich, daß man, wo sie erfüllt -ist, selbst davon absieht, die Bedürfnisfrage zu betonen. Verrät -sich in einem neu gebildeten Wort ein besonders geschickter Griff, -zeigt es etwas besonders schlagendes, überzeugendes, eine besondre -Anschaulichkeit, und das alles noch verbunden mit gefälligem Klang, so -heißt man es auch dann willkommen, wenn es überflüssig ist; man läßt es -sich als eine glückliche Bereicherung des Wortschatzes gefallen. - -Aber wie wenige von den neuen Wörtern, mit denen unsre Sprache jetzt -überschwemmt wird, erfüllen diese Forderungen! Die meisten werden aus -Eitelkeit oder aus -- Langerweile gebildet. Schopenhauer hat einmal mit -schlagender Kürze ausgesprochen, was er von einem guten Schriftsteller -verlange: er gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge! -Heute machen es die meisten umgekehrt und hoffen, der Leser werde -so dumm sein, zu glauben, sie hätten etwas neues gesagt. Wie quälen -sich unsre ästhetischen Schwätzer, ihren Trivialitäten den Schein des -Geistreichen zu geben, indem sie sich neue Wörter aussinnen! Eine Art -von „Jugendstil“ möchten sie auch in die Sprache einführen. Wie quälen -sich unsre Musik- und Theaterschreiber, den tausendmal gesagten Quark -einmal mit andern Worten zu sagen! Wie quälen sich die Geschäftsleute -in ihren Anzeigen, dem „Konkurrenten“ durch neue Wörter und Wendungen -den Rang abzulaufen! - -Jahrzehntelang hat man von +Zeitungsnachrichten+ gesprochen; jetzt -heißt es: +Blättermeldungen+! Das eine verhält sich zum andern ungefähr -wie der +Essenkehrer+ zum +Schornsteinfeger+ oder der +Korkzieher+ -zum +Pfropfenheber+. Verfallen sein kann auf +Blättermeldung+ nur -einer, dem +Zeitungsnachricht+ zu langweilig geworden war. Was soll -+Jetztzeit+? Es ist schlecht gebildet, denn unsre Sprache kennt keine -Zusammensetzungen aus einem Umstandswort und einem Hauptwort,[162] -es klingt auch schlecht mit seinem tztz und ist ganz überflüssig, -denn +Gegenwart+ hat weder etwas von seiner alten Kraft eingebüßt -noch seine Bedeutung verschoben. +Gepflogenheit+ hat man gebildet, -um eine Schattierung von +Gewohnheit+ zu haben; ist aber nicht -+Brauch+ so ziemlich dasselbe? Ein abscheuliches Wort ist +Einakter+ -(für einaktiges Schauspiel). Freilich haben wir auch +Einhufer+, -+Dreimaster+ und +Vierpfünder+; würde aber wohl jemand ein Distichon -einen +Zweizeiler+ nennen? Um für +Lehrer+ und +Lehrerin+ ein -gemeinschaftliches Wort zu haben, hat man +Lehrperson+ gebildet -- -eine gräßliche Geschmacklosigkeit. Den +Arbeiter+ nennt man jetzt -+Arbeitnehmer+ in plumpem Gegensatz zum +Arbeitgeber+! Statt +voriges -Jahr+ sagt man jetzt +Vorjahr+; alle Jahresberichte spreizen sich -damit. Man hat das aus dem Adjektivum +vorjährig+ gebildet, wie man -auch aus +alltäglich+ und +vormärzlich+ gedankenloserweise +Alltag+ und -+Vormärz+ (!) gemacht hat, aus +freisinnig+ eine Partei, die man +den -Freisinn+ nennt, und neuerdings gar aus +überseeisch+ +Übersee+: aus -Europa und +Übersee+ (+die+ Übersee oder +das+ Übersee?) -- die Briefe -gehen +nach Übersee+ (warum denn nicht einfach und vernünftig: +über -See+?). Vorjahr ist aber auch dem Sinne nach anstößig. Die mit +Vor+ -zusammengesetzten Hauptwörter bedeuten (wenn es nicht Verbalsubstantiva -sind, wie +Vorsteher+, +Vorreiter+, +Vorsänger+, +Vorbeter+) ein Ding, -das einem andern Dinge als Vorbereitung vorhergeht, wie +Vorspiel+, -+Vorrede+, +Vorgeschichte+, +Vorfrühling+, +Voressen+, +Vorgeschmack+. -Die Leipziger Messe hatte sonst eine +Vorwoche+, die der Hauptwoche -vorausging. Wie kann man also jedes beliebige Jahr das +Vorjahr+ des -folgenden Jahres nennen! Dann könnte auch der Lehrer im Unterricht -fragen: Was haben wir in der +Vorstunde+ behandelt? Mit dem +Vortag+ -fängt man aber auch schon an: trotz des schlechten Wetters am +Vortage+ --- das Befinden des Monarchen war diese Woche besser als am +Vortage+. -Ebenso verfehlt wie das +Vorjahr+ ist natürlich der +Vorredner+ --- man vergleiche ihn nur mit dem +Vorsänger+ und dem +Vorbeter+. -Wenn ein Schiff eine Reise antritt, so nennt man das jetzt nicht -mehr +abreisen+, sondern +ausreisen+: der Tag der +Ausreise+ rückte -heran. War das Wort wirklich nötig, das so lächerlich an +ausreißen+ -anklingt? Für die zeichnenden Künste hat neuerdings jemand das schöne -Wort +Griffelkunst+ erfunden, das die Kunstschreiber schon fleißig -nachgebrauchen. Nun verstand man ja unter den zeichnenden Künsten auch -den Kupferstich und die Radierung, die mit dem Griffel arbeiten. Unter -der +Griffelkunst+ aber soll man nun auch die Bleistift-, die Feder- -und die Tuschzeichnung verstehen, die nicht mit dem Griffel arbeiten. -Was ist also gewonnen? Und wollen wir die Malerei vielleicht nun -+Pinselkunst+ nennen? - -Zu recht verunglückten Bildungen hat neuerdings öfter das Streben -geführt, einen Ersatz für Fremdwörter zu schaffen. Dazu gehören z. B. -der +Fehlbetrag+ (Defizit), die +Begleiterscheinung+ (Symptom), der -+Werdegang+ (Genesis) und die +Straftat+ (Delikt). Auch das +Lebewesen+ -kann mit angereiht werden. Ein Verbalstamm als Bestimmungswort einer -Zusammensetzung bedeutet meist den Zweck des Dinges (vgl. +Leitfaden+, -+Trinkglas+, +Schießpulver+ und S. 73).[163] Ein +Fehlbetrag+ ist aber -doch nicht ein Betrag, der den Zweck hat, zu fehlen, sondern es soll -ein +fehlender+ Betrag sein (ganz anders gebildet sind +Fehlbitte+, -+Fehltritt+, +Fehlschuß+, +Fehlschluß+; hier ist fehl nicht der -Verbalstamm, sondern das Adverbium), ebenso soll +Lebewesen+ ein -+lebendes+ Wesen, +Begleiterscheinung+ eine +begleitende+ Erscheinung -bedeuten. In +Werdegang+ vollends soll der Verbalstamm den Genitiv -ersetzen (Gang +des Werdens+); es scheint nach +Lehrgang+ gebildet -zu sein, aber es scheint nur so, denn +Lehrgang+ ist mit +Lehre+ -zusammengesetzt. Überdies wird es lächerlicherweise auch schon für -+Geschichte+ gebraucht; man redet nicht bloß von dem +Werdegang+ einer -Kellnerin, sondern auch von dem +Werdegang+ der mittelalterlichen -Pergamenthandschriften! Die verunglückteste Bildung ist wohl +Straftat+ --- wer mag die auf dem Gewissen haben! Das Wort ist gebildet, um -eine gemeinschaftliche Bezeichnung für +Vergehen+ und +Verbrechen+ -zu haben. Was soll man sich aber dabei unter +Straf+- denken? das -Hauptwort oder den Verbalstamm? Eins ist so unmöglich wie das andre. -Im ersten Falle würde das Wort auf einer Stufe stehen mit +Freveltat+, -+Gewalttat+, +Greueltat+, +Schandtat+, +Wundertat+. Alle diese -Zusammensetzungen bezeichnen eine Eigenschaft der Tat und zugleich des -Täters; in +Straftat+ aber würde -- die Folge der Tat bezeichnet sein! -Im zweiten Falle würde es auf einer Stufe stehen mit +Trinkwasser+, -und das wäre der helle Unsinn, denn dann wäre es eine Tat, die den -Zweck hätte, bestraft zu werden! Freilich sind solche ungeschickte -Wörter auch früher schon als Übersetzung von Fremdwörtern „von plumpen -Puristenfäusten geknetet“ worden, man denke nur an +Beweggrund+ (für -Motiv), +Fahrgast+ (für Passagier) und ähnliche. - -Unter den Eigenschaftswörtern sind ebenso geschmacklose wie -überflüssige Neubildungen: +erhältlich+ (in allen Apotheken -erhältlich), +erstklassig+ (ein erstklassiges Etablissement, -ein erstklassiges Restaurant, ein erstklassiges Pensionat, eine -erstklassige Firma, erstklassiges Personal, erstklassige Spezialitäten -usw.), +erststellig+ und +zweitstellig+ (eine erststellige Beleihung, -eine zweitstellige Hypothek), +innerpolitisch+ (die innerpolitische -Lage), +treffsicher+ (eine treffsichere Charakteristik), +parteilos+ -(für unparteiisch), +lateinlos+ (die lateinlose Realschule!); -unter den Adverbien: +fraglos+, +debattelos+ (es wurde +debattelos+ -genehmigt), +verdachtlos+ (ein Fahrrad wurde +verdachtlos+ gestohlen -- -abgesehen davon, daß hier weder das grammatische Subjekt, das Fahrrad, -noch das logische Subjekt, der Dieb, einen Verdacht haben kann). Nach -+jahrein jahraus+ hat man +tagein tagaus+ gebildet -- ganz töricht! Das -Jahr ist ein großer Ring oder Kreis, in den tritt man ein und wieder -aus; die kurzen Tage aber gleichen einzelnen Schritten, darum sagt man -richtiger: +Tag für Tag+, wie +Schritt für Schritt+. - -Besonders gern werfen die Techniker unnötige neue Wörter in die -Sprache. Wenn man auf einen Gegenstand Licht fallen läßt, so nannte -man das früher +beleuchten+. Das hat aber den Photographen nicht -genügt, sie haben sich das schöne Wort +belichten+ ausgedacht. Ein -Ding, womit man ein Zimmer heizt, nannte man früher einen +Ofen+, -und ein Ding, womit man ein Zimmer beleuchtet, einen +Leuchter+ -(Armleuchter, Kronleuchter) oder eine +Lampe+. Jetzt nennt man das -eine +Heizkörper+, das andre +Beleuchtungskörper+. +Lehrperson+ und -+Heizkörper+ -- eins immer schöner als das andre! Denen, die sich -für Krematorien begeistern, will doch das Wort +Leichenverbrennung+ -nicht gefallen, obwohl es die Sache schlicht und ehrlich bezeichnet. -Daher haben sie zur +Einäscherung+ ihre Zuflucht genommen, oder -gar zur +Feuerbestattung+, ja sie reden sogar davon, daß jemand -+feuerbestattet+ worden sei. Nur schade, daß bei der Leichenverbrennung -der Verstorbne eben nicht +bestattet+, d. h. mit einer +Grabstätte+ -versehen wird, und daß man wohl von +Gasbeleuchtung+ und -+Wasserheizung+ sprechen, aber nicht sagen kann: ich +gasbeleuchte+, du -+wasserheizest+. - - -Modewörter - -Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die -Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein -Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden -sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut -wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben, -Modefrisuren und Modesitten, darüber kann gar kein Zweifel sein. In -meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte: -+Was?+ Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es -plötzlich: +Was+ sei grob, man müsse fragen: +Wie?+ Dazu sollte man -ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kamen dann dafür die schönen -Fragen auf: +Wie meinen?+ (vgl. S. 92) und +Wie beliebt?+ (was immer -wie +Bibeli+ klingt), und das Allerneueste ist, daß man den andern -zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: +Bötte?+ - -Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Kleidermode auf, -aber im allgemeinen wird doch die Mode gemacht von Leuten, die -nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich -ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt, -der Fabrikant habe absichtlich etwas recht dummes unter die Leute -geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer -fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist, wie -Verstand, „stets bei wenigen nur gewesen“. Ähnlich ist es mit den -Modesitten. Kann es etwas dümmeres, lächerlicheres geben, als den -Stock in die Rocktasche zu stecken oder ans Knopfloch zu hängen? -etwas unritterlicheres, ja roheres, als daß der Mann auf der Straße -die Frau nicht mehr führt, sondern sich bei ihr einhakt und sich von -ihr schleppen läßt oder sie vor sich herschiebt? Aber mindestens -neunzig von hundert Frauen sind darauf hineingefallen. Zuletzt, wenn -eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem -Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von -Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie -wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt. -Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen -und Mädchen, die in ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die -jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern, -was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen -so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie -darum beneiden könnten. - -Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder -liest ein Wort -- entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter -geschieht, ein bereits vorhandnes in neuer Bedeutung! -- irgendwo zum -erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter, -und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es -selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben, -widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es -gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich -wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von -Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren -Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht -aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich; wer -überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie -sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst -du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei -zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen -ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf -haben -- ein Beweis, daß es an den Wörtern liegt und nicht an den -Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden. -Ihrer Ausdrucksweise merkt aber trotzdem niemand an, daß sie die Wörter -vermeiden, die klingt so modern wie möglich, niemand vermißt die -Modewörter darin. Gewiß gibt es auch unter den Modewörtern einzelne, -die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es -eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter, die -bisher im Gebrauch waren, verdrängen, schließlich sogar in völlig -unpassendem Sinn angewandt werden und doch das bißchen Reiz, daß sie im -Anfange hatten, sehr schnell verlieren. - -Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die -entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast -ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die -meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre -Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergegangen -werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell dergleichen -veraltet. - -+Darbietung.+ Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem -Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen -wird: die gelungenste +Darbietung+ des Abends -- die +Darbietungen+ des -diesjährigen Pensionsfondskonzerts -- das Programm enthielt auch einige -solistische +Darbietungen+ -- die literarischen +Darbietungen+ im Stil -der freien Bühne usw. - -+Ehrung.+ Für +Ehrenbezeigung+ oder +Auszeichnung+. In +Ehrungen+ wird -jetzt ungemein viel geleistet. - -+Note.+ Wofür? Ja, wer das sagen könnte! man schwatzt von einer -eignen, einer besondern, einer persönlichen, einer intimen +Note+: -das Leipziger Barock besitzt eine eigne +Note+ -- was dem Buche noch -eine besondre +Note+ gibt, ist, daß es ein späterer Papst geschrieben -hat -- ein Haus gibt seine intime +Note+ an ein andres Haus weiter -- -wenn auch die Sammlung meist Kunstwerke enthält, so fehlt doch auch -die +Note+ des Absonderlichen nicht -- mit dem fußfreien Rock hat die -Modedame ihre Erscheinung auf die +Note+ des Mädchenhaften gestimmt. -Das letzte Beispiel ist völliger Unsinn, denn hier ist außerdem noch -+Note+ mit +Ton+ verwechselt. - -+Prozent+ oder +Prozentsatz+. Für +Teil+. Aus der Sprache der -Statistik. Man sagt nicht mehr: über die +Hälfte+ aller Arbeiter, -sondern: über +fünfzig Prozent+ aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz -geringer +Teil+ der Künstler, sondern: ein ganz geringer +Prozentsatz+ -der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen. -Man sagt nicht: ein großer +Teil+ der Studenten ist faul, sondern -man klagt über den Unfleiß (!) eines großen +Prozentsatzes+ der -„Studierenden“. - -+Rückschluß+, +Rückschlag+ und +Rückwirkung+. Für +Schluß+, +Einfluß+ -und +Wirkung+. +Schlüsse+ und +Wirkungen+ gibt es nicht mehr, nur noch -+Rückschlüsse+ und +Rückwirkungen+. Von +Rück+- ist aber meist gar -nicht die Rede. - -+Unstimmigkeit.+ Törichte Neubildung für +Widerspruch+, -+Meinungsverschiedenheit+, +Mißhelligkeit+. Es gibt +einstimmige+ und -+vierstimmige+ Lieder, es gibt auch +Einstimmigkeit+ bei Abstimmungen, -aber es gibt weder +Stimmigkeit+ noch +Unstimmigkeit+. - -+Verfehlung.+ Mattherzig bemäntelndes Wort für +Verbrechen+, -+Vergehen+. Für Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen, -Bilanzverschleierungen, betrügerische Bankerotte, Ehebrüche u. dgl. -sehr beliebt. - -+Bedeutsam.+ Aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort. Goethe sagt in -seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler -halte das Blümlein Mannstreu +bedeutsam+ in der Hand. Das heißt so -viel wie +bedeutungsvoll+: der Maler habe damit sinnbildlich oder -symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen -Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren. -Kein zweites Wort ist binnen wenigen Jahren so heruntergebracht, -so scheußlich entwertet worden wie dieses schöne Wort. Für alles -mögliche muß es herhalten, für +groß+, +wichtig+, +bedeutend+, -+hervorragend+, +wertvoll+, +brauchbar+ usw. Wenn man über eine Sache -nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie +bedeutsam+. -Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und -Hegel +bedeutsame+ Bücher geschrieben -- diese Zusammenstellung ist -nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich -+bedeutsam+ -- das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die -Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) +bedeutsame+ war -- -für den Buchstaben G lagen schon aus Hildebrands Nachlaß +bedeutsame+ -Ergänzungen vor -- auch in dem Holzschnittwerk des Meisters findet -sich eine +bedeutsame+ Nummer -- in Amerika sind für die deutsche -Sprache +bedeutsame+ Ereignisse zu verzeichnen -- die Thronrede mußte -um so +bedeutsamer+ wirken, als Österreich jetzt im Brennpunkt des -Interesses steht -- daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen -wurden, schien dem Herausgeber +bedeutsam+ genug, um (!) sie hier -mitzuteilen. Man schwatzt von +bedeutsamen+ Bekanntschaften, Erfolgen, -Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte -+bedeutsamen+ Veröffentlichung, von einer +bedeutsamen+ Umgestaltung -des Schulwesens, von dem +bedeutsamsten+ Teil der Wettinischen Lande, -von einem +bedeutsamen+ Hinweis auf Pflanzenstudien, von +bedeutsamen+ -Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von +bedeutsamen+ politischen -Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem +bedeutsamen+ -Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bzw. (!) durch (!) die -Namen ihrer einstigen Besitzer +bedeutsamen+ Armbrüsten und von -der +bedeutsamen+ Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer -die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so sinnvolle, -gehaltvolle Wort! - -+Belangreich+ und +belanglos+. Zwei herrliche Wörter, obgleich kein -Mensch sagen kann, was +Belang+ ist, und ob es +der+ Belang oder +das+ -Belang heißt. - -+Besser.+ Wird jetzt mit Vorliebe nicht mehr als positive Steigerung -von +gut+, sondern als negative Steigerung von +schlecht+ gebraucht, -also in dem Sinne von +weniger schlecht+. Herrschaften suchen -täglich in den Zeitungen +bessere+ Mädchen, und Mädchen natürlich -nun auch +bessere+ Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten -wollen, +bessere+ Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß -seine Zeitung in allen +bessern+ Hotels und Cafés ausliege, und ein -Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen +bessern+ Apotheken -und Drogengeschäften „erhältlich“ sei. Folglich ist +gut+ jetzt besser -als +besser+. - -+Eigenartig.+ Äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort +originell+ -und zugleich für +eigentümlich+, worunter man jetzt nur noch so viel -wie +wunderlich+ oder +seltsam+ zu verstehen scheint. Oft auch bloßer -Schwulst für +eigen+ (vgl. S. 400): ein +eigenartiger+ Reiz, ein -+eigenartiger+ Zauber, eine +eigenartige+ Weihe usw. - -+Einwandfrei.+ Schöner neuer Ersatz für +tadellos+ und zugleich für -+unanfechtbar+: gesunde, frische, +einwandfreie+ Milch -- ein sittlich -+einwandfreier+ Priester -- eine absolut +einwandfreie+ Berliner -Familie. Daß man nur von Dingen +frei+ sein kann, die einem auch -anhaften können (vgl. +fehlerfrei+, +fieberfrei+), daran wird gar nicht -gedacht. - -+Erheblich.+ Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben -gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder hervorgesucht und -nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen, -Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für +groß+, +wichtig+, -+bedeutend+, +wesentlich+). Es gibt nichts in der Welt, was nicht -entweder +erheblich+ oder +unerheblich+ oder -- +nicht unerheblich+ -wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung, -eine Verkehrsstörung, alles ist +erheblich+. So heißt es auch vor -Komparativen nicht mehr +viel+, sondern nur noch +erheblich+: -+erheblich+ besser, +erheblich+ größer usw. - -+Froh+ und viele Zusammensetzungen damit: +arbeitsfroh+, -+bildungsfroh+, +genußfroh+, +sangesfroh+, +kunstfroh+, +farbenfroh+, -+fleischfroh+ (der +fleischfrohe+ Rubens!), +wirklichkeitsfroh+, -namentlich in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Wir leben in -einer +kunstfrohen+ Zeit, in der es viele +novitätenfrohe+ Kunstfreunde -gibt. - -+Glatt.+ Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: +leicht+, -+schnell+, +sicher+, +offenbar+ usw.: der Verkehr wickelte sich +glatt+ -ab -- er fiel mit seinem Antrage +glatt+ ab -- es steht zu hoffen, -daß die Heilung der Wunde +glatt+ erfolgen wird -- es liegt ein ganz -+glatter+ Betrug vor -- sogar: das liegt auf +glatter+ Hand (statt: auf -+flacher+)! - -+Großzügig.+ Neues Glanzwort, das alle Welt berauscht oder wenigstens -berauschen soll. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf +große -Züge+ beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Nun kann -man ja in anderm Sinne auch von den +großen Zügen+ (Linien) einer -Gebirgslandschaft, also allenfalls auch von einer +großzügigen+ -Gebirgslandschaft reden. Was soll man sich aber darunter denken, wenn -es heißt: ein +großzügiges+ Regierungsprogramm wird aufgerollt (!) --- es fehlt dem Wahlkampf an einer +großzügigen+ Bewegung -- einen -Zufall gibt es für diesen Standpunkt (!) +großzügiger+ Auffassung -nicht -- die protestantischen Völker verfolgen +großzügig+ ihre Ziele --- seiner +großzügigen+ Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein -Lehramt ohne Pedanterie verwaltet -- das Denkmal ist eine +großzügige+ -deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann -- G. verrät in seinen -Porträtköpfen eine +großzügige+ Eigenart -- zeichnerische Genialität -und malerische Kraft paaren sich mit +großzügigem+ Realismus? Was soll -man sich unter einer +großzügigen+ Stadtverwaltung, unter +großzügigen+ -Straßennetzen, Bebauungsplänen und Bauschöpfungen, einem +großzügig+ -redigierten Familienblatt, unter der +großzügigen+ Formensprache des -Barock und der imposanten +Großzügigkeit+ seiner Fassaden vorstellen? -Was sind das für „Züge“, an die man dabei denken soll? Gemeint ist -bald einfach +groß+ oder +großartig+, bald +reich+, +kräftig+ oder -+schwungvoll+, bald +geistreich+ oder +geistvoll+, bald +weitherzig+ -oder +weitblickend+. Das alles soll jetzt das alberne +großzügig+ -ausdrücken! Es ist ein ganz infames Klingklangwort, ohne allen Sinn und -Inhalt, so recht für die gedankenlose, groß--mäulige Schwätzerei unsrer -Tage ersonnen, namentlich für die Kunstschwätzerei, aus deren Kreisen -es höchstwahrscheinlich auch stammt. - -+Hochgradig.+ Für +hoch+ oder +groß+; aus der Sprache der Ärzte: -+hochgradiges+ Fieber. Dann auch +hochgradige+ Erregung, +hochgradige+ -Erbitterung usw. - -+Jugendlich.+ Modeersatz für +jung+, das vollständig in Verruf gekommen -ist. Hat namentlich seit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers um -sich gegriffen. Den wagte man nicht +jung+ zu nennen -- wahrscheinlich -hielt man das für eine Majestätsbeleidigung --, man sagte immer: -unser +jugendlicher+ Kaiser, und genau so ging es dann wieder mit -dem +jugendlichen+ Kronprinzen. Welch großer Unterschied zwischen -+jung+ und +jugendlich+ ist, welch erfreuliche Erscheinung z. B. ein -+jugendlicher Greis+, welch klägliche ein +junger Greis+ ist, dafür hat -man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von +jugendlichen+ -Arbeitern, +jugendlichen+ Übeltätern, Verbrechern, Dieben, -Brandstiftern, einer +jugendlichen+ Sängerschar, sogar +jugendlichen+, -unter sechzehn Jahren alten Mädchen; den siebenjährigen Knaben Mozart -nennt man den +jugendlichen+ Mozart und den sechzehnjährigen Studenten -Goethe den +jugendlichen+ Goethe und betont das +jugendliche Alter+, -in dem er die Universität bezog! Überall ist +jung+ gemeint, und -+jugendlich+ wird gesagt und geschrieben. - -+Minderwertig.+ Verhüllender Ausdruck für +schlecht+, +wertlos+, -+unbrauchbar+. Irgendeinen Menschen oder eine Sache +schlecht+ -zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von -+minderwertigem+ Fleisch, +minderwertigen+ Kartoffeln, +minderwertigen+ -Existenzen, sogar von +minderwertigen+ Referendaren. - -+Offensichtlich.+ Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut -aus +sichtlich+ und +offenbar+: die +offensichtliche+ Gefahr, -+offensichtliche+ Mängel, mit +offensichtlichem+ Stolz usw. - -+Schneidig.+ Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen -Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit, -Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen -Männerwelt jetzt gefällt. Zum Glück im Rückgange begriffen. - -+Selbstlos.+ Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung -des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber -auch schon ziemlich abgewirtschaftet. - -+Tiefgründig.+ Neues Modewort. Man spricht von +tiefgründiger+, das -soll heißen: in die Tiefe gehender Arbeit und Forschung, aber auch von -+tiefgründigen+, das soll heißen geheimnisvollen Kunstwerken: Klingers -Werke sind viel zu +tiefgründig+ (!), um dem unvorbereiteten Betrachter -schnell ihren Gehalt zu offenbaren -- endlich aber auch schon von -+tiefgründiger+ (statt +tiefer+!) Vaterlandsliebe. - -+Tunlich+ und +angängig+. Lieblingswörter der Kanzleisprache für -+möglich+: mit +tunlichster+ Bälde. - -+Uferlos+, für endlos: +uferlose+ Debatten, die Darstellung verliert -sich in +uferlose+ Breite. Ja ja, wir sind ein seefahrendes Volk -geworden. - -+Unerfindlich.+ Für +unbegreiflich+ oder +unverständlich+. Verfehlt -gebildet, da +erfinden+ in dem Sinne, wie es in +unerfindlich+ -verstanden werden soll, ungebräuchlich ist. Trotzdem eine Zeit lang -sehr beliebt, jetzt im Rückgange. - -+Ungezählt.+ Sehr beliebte neue Modedummheit für +unzählig+, -+zahllos+, ja sogar für +zahlreich+. Napoleon stand einer Streitmacht -+ungezählter+ Kosaken gegenüber -- die Stadtchronik berichtet von -+ungezählten+ Festen -- dieser Schrank birgt +ungezählte+ Zinnkannen --- die Atmosphäre ist mit +ungezählten+ Kohlenteilchen erfüllt -- -Messel hat im Wertheimpalast Normen geschaffen, die bestimmend für -+ungezählte+ Warenhäuser wurden -- eine +ungezählte+ Menge drängte -sich nach dem Unglücksplatz -- +ungezählte+ Deutsche feiern heute -den Geburtstag des großen Kanzlers -- der Roman erlebte +ungezählte+ -Auflagen. Ob eine Menge gezählt worden ist, darauf kommt es doch gar -nicht an, sondern darauf, ob sie gezählt werden konnte! Die Auflagen -eines Buches aber werden wirklich gezählt. - -+Verläßlich.+ Modewort für +zuverlässig+. Wunderliche Verirrung! -+Zuverlässig+ ist ein schönes, kräftiges Wort; wer +zuverlässig+ ist, -auf den kann man sich wirklich verlassen. Einem +Verläßlichen+ würde -ich nicht über den Weg trauen; das Wort hat gleich so etwas widerwärtig -weichliches. - -+Vornehm.+ Im Superlativ ausschließlicher Ersatz für alle -Zusammensetzungen, die früher mit +Haupt+- gebildet wurden. Für -+Haupt+ursache, +Haupt+bedingung, +Haupt+zweck, +Haupt+aufgabe heißt -es nur noch: die +vornehmste+ Ursache, die +vornehmste+ Bedingung, der -+vornehmste+ Zweck, die +vornehmste+ Aufgabe. Je öfter man +vornehm+ -schreibt, desto vornehmer kommt man sich selber vor. - -+Zielbewußt.+ Von der sozialdemokratischen Presse in Umlauf gesetzt und -eine Zeit lang von ihr mit blutigem Ernst gebraucht. Heute nur noch mit -Gänsefüßchen möglich: ein „zielbewußter“ Autographensammler u. ähnl. - -+Abstürzen.+ Für +herabstürzen+ oder +hinabstürzen+; namentlich von -den Alpenfexen verbreitet. In den Zeitungen +stürzen+ aber schon nicht -mehr bloß Bergkletterer +ab+, sondern auch Steinblöcke in Steinbrüchen, -Turner vom Reck, Kinder vom Straßenbahnwagen usw. Man setze +fallen+ -für +stürzen+, und man wird die Lächerlichkeit fühlen! Ab mit -Zeitwörtern zusammengesetzt bedeutet ja die Trennung, die Entfernung; -vgl. +abfallen+, +abgehen+, +abfahren+, +absenden+, +abspringen+, -+abnehmen+, +abreißen+, +abhauen+, +abschneiden+ usw. - -+Anschneiden+ und +aufrollen+. Eine Frage, ein Thema wird nicht -mehr +berührt+, +angeregt+ -- das ist viel zu fein --, sondern -entweder werden sie +angeschnitten+, wie eine Blutwurst, oder sie -werden +aufgerollt+, wie ein Treppenläufer oder eine Linoleumrolle. -Das ist die Bildersprache der Gegenwart! Und wenn eine Frage dann -+aufgerollt+ oder +angeschnitten+ ist, dann kommt es darauf an, sich -ein tüchtiges Stück +abzuschneiden+. Gelingt einem das, dann hat man -+gut abgeschnitten+, das soll heißen: man ist gut dabei weggekommen. -Wie wird Deutschland dabei +abschneiden+? - -+Auslösen.+ Für +erregen+, +wecken+, +hervorrufen+, +veranlassen+. -Aus der Mechanik, wo es so viel bedeutet, wie durch Beseitigung einer -Hemmung irgend etwas in Bewegung oder Tätigkeit setzen: der Dichter -will uns nicht seine Gedanken aufnötigen, sondern unsre eignen -Gedanken +auslösen+ -- ein Wort, das gerade in diesem Zusammenhange -eigentümliche Empfindungen +auslösen+ mußte -- ob ein Unlustgefühl -eine Handlung +auszulösen+ imstande ist -- Eindrücke, die leicht -pathologische Reize +auslösen+ -- durch frische Luft wird körperliches -Wohlbefinden +ausgelöst+ -- allgemeine Heiterkeit +löste+ folgender -Vorfall +aus+. Aber auch: manche lyrische Gedichte Goethes lassen sich -in der Musik nicht voll (!) +auslösen+ -- in den ersten Monaten seiner -Universitätszeit +löste sich+ (!) bei ihm eine kräftige Fuchsenstimmung -+aus+. Schön gesagt! - -+Ausschalten.+ Für +beseitigen+, +fernhalten+, +vermeiden+, +unnötig -machen+, +aufgeben+ usw.: der Einfluß des Charakters kann natürlich -nicht +ausgeschaltet+ werden -- nachdem alle andern Projekte -+ausgeschaltet+ sind -- um sprachliche Erklärungen des Textes von -vornherein +auszuschalten+. Man muß doch zeigen, daß man mit dem -Telephon und dem elektrischen Licht Bescheid weiß. - -+Bedeuten.+ Gespreizter Ersatz für +sein+, für die ganz einfache -„Kopula“: sein Tod +bedeutet+ für die gesamte Kunst einen schweren -Verlust -- eine dreiköpfige Leitung würde eine äußerst bedenkliche -Einrichtung +bedeuten+ -- die Schülerfahrt nach Weimar soll für -jeden Teilnehmer ein unvergeßliches Erlebnis +bedeuten+ -- welche -Ermäßigung das gegenüber dem jetzigen Tarif +bedeuten+ würde, mag -folgendes Beispiel zeigen -- diese Art der Einordnung +bedeutet+ -einen willkürlichen Anachronismus -- Gobineaus letzte Lebensjahre -+bedeuten+ den Schlußakt eines erschütternden Trauerspiels -- der Tod -der Königin +bedeutete+ für Southampton das Ende der Kerkerhaft. (Vgl. -+darstellen+.) - -+Begrüßen.+ Neuerdings sehr beliebt statt: +willkommen heißen+. -+Begrüßen+ ist aber ein neutraler Begriff; man kann etwas mit Freuden, -mit Jubel, dankbar, aber auch kühl, gleichgiltig, mit sauersüßer Miene -begrüßen. Es ist also nichtssagend, wenn geschrieben wird: es wäre zu -+begrüßen+, wenn solche Untersuchungen weiter angestellt würden -- -daß Bach mit Chorälen vertreten ist, kann man nur +begrüßen+ -- wir -müssen es immer +begrüßen+, wenn ein Mann der Wissenschaft die Gabe -volkstümlicher Darstellung besitzt (!). - -+Bekannt geben.+ Für +bekannt machen+, weil +machen+ nicht mehr für -fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel +gemacht+: ein Mädchen -+macht+ sich erst die Haare, dann +macht+ sie die Betten, dann +macht+ -sie Feuer usw. Sonntags +macht+ der Leipziger sogar nach Dresden. -Trotzdem ist +bekannt geben+ eine Abgeschmacktheit. - -+Sich beziffern.+ Statt +betragen+, +sich belaufen+. Aus der -Statistik, die ja keine +Zahlen+ kennt, sondern nur +Ziffern+ (obwohl -sich Ziffer zu Zahl verhält wie Buchstabe zu Laut und Note zu Ton): -Bevölkerungs+ziffer+, Durchschnitts+ziffer+ -- ich kann Ihnen noch -einige +Ziffern+ vorlegen -- das Personal +beziffert sich+ auf hundert -Köpfe -- der Verlust +beziffert sich+ auf 30000 Mann usw. - -+Darstellen.+ Schauderhaft gespreizter Ersatz für +bilden+ in dem -Sinne von +sein+ (vgl. +bedeuten+). Schon +bilden+ war überflüssige -Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun -vollends +darstellen+! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben: -ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher +darstellten+ -- der -Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches +darstellt+ -- -das Geschwader +stellt+ eine bedeutende Streitmacht +dar+ -- die -Zusammenkünfte sollen ein kollegiales Bindemittel +darstellen+ -- diese -Bahn +stellt+ den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien +dar+ --- diese Beschäftigung +stellt+ keine ausreichende Tätigkeit +dar+ --- die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar -von armen Sündern +darstellt+ -- Bücherschätze, die ein herrliches -Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte +darstellen+ -- -die Akademie +stellt+ einen zusammenhängenden Organismus +dar+ -- -ein Gebiet, das an dem großen Baume des Kunstgewerbes nur einen Ast -+darstellt+ -- ein Unternehmen, bei dem die hochtönenden Namen offenbar -die Hauptsache +darstellen+ -- das Fleisch der Seefische +stellt+ auch -für den Arbeiter ein vollwertiges Nahrungsmittel +dar+ -- unterliegt -ein Volk seinem Gegner, so bleibt nur der Schluß, daß es einen weniger -lebensfähigen Typ (!) repräsentiert (!), als ihn der Sieger +darstellt+ -(d. h. nicht so lebensfähig ist wie der Sieger!). Kann es einen -alberneren Sprachschwulst geben? - -+Einschätzen.+ Es wird nichts mehr +geschätzt+, +beurteilt+, für etwas -+gehalten+, sondern alles wird +eingeschätzt+: ein Buch, das der -Kritiker dieses Blattes +hoch einschätzt+ -- ein Parteifreund, der die -ultramontane Gefahr minder hoch +einschätzt+ -- man muß sich selbst -beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig +einzuschätzen+ --- sie nahm zu einem Manne ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch -+einschätzte+ -- auch die +Einschätzung+ der künstlerischen Tätigkeit -ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen -- 1849 gab es nicht einen -Menschen, der Goethes Wert richtig +einschätzte+ -- das Buch ermöglicht -uns eine richtige +Einschätzung+ der Verhältnisse unsers Grenznachbars --- ein Diplomat, der die Gewähr bietet, daß er Stimmungen und -Personen aus eigner Anschauung +einzuschätzen+ weiß -- sein Idealismus -+schätzte+ den Opfermut seiner Landsleute zu hoch, die Schwierigkeiten -zu niedrig +ein+ -- Zöllners Musik zur Versunknen Glocke ist höher -+einzuschätzen+ als seine Faustmusik. Warum denn +ein+-? +Eingeschätzt+ -wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das +ein+- seinen -guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte -Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte -Steuer zu bezahlen. Irgendein dummer Kerl hat das Wort für +schätzen+, -+beurteilen+ gebraucht, und die gescheitesten Leute sind darauf -hineingefallen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines -Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe +Einschätzung+ der Kunst? -Muß man denn auf Schritt und Tritt an den Steuerzettel erinnert werden? - -+Einsetzen.+ Seit einigen Jahren großartiges Modewort für +anfangen+ -und +beginnen+, und gleichfalls eins der schlagendsten Beispiele von -der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden. -Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In -einer Fuge +setzen+ die einzelnen Stimmen hintereinander +ein+, jede -Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat -guten Sinn. Aber die erste Stimme -- +setzt+ die auch +ein+? Nein, -die +beginnt+ oder +fängt an+, denn sie ist eben die erste. Und das -ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber -selbst aufgebracht, daß +einsetzen+ als Modewort ausschließlich für -das wirkliche +anfangen+ oder +beginnen+ gebraucht wird, außerdem aber -noch für viele andre Wörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen. -Bücher und Zeitungen wimmeln von Beispielen: die Untersuchungen über -die Grenzen der Instrumentalmusik +setzen+ erst nach Beethoven +ein+ --- die Festspiele haben Mittwoch mit Don Juan unter sehr günstigem -Stern +eingesetzt+ -- ihre greifbarste Gestalt haben diese Bestrebungen -in dem +Einsetzen+ (Entstehung, Gründung) der deutschen Liedertafeln --- die Verhandlungen +setzten+ sehr ruhig +ein+ -- überaus heftig -+setzte+ alsbald die Kritik +ein+ -- groß und vielversprechend -+setzt+ Klingers Schaffen +ein+ -- die Kampftage waren vorüber, das -Strafgericht +setzte+ mit alter Herzlosigkeit +ein+ -- die Romantik -+setzt+ in Dresden früh und mit Entschiedenheit +ein+ -- damit hat -Uhlfeldt sein Schicksal besiegelt, und die fallende Handlung +setzt -ein+ -- die Kunst kann erst +einsetzen+, wenn dem Schauspieler die -Seele der dargestellten Person in Fleisch und Blut übergegangen ist -- -die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon -+eingesetzt+ -- hier hört der Historiker auf, und der Theolog +setzt -ein+ -- Paul Krügers Memoiren +setzen+ mit seiner Jugend +ein+ -- die -aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand +setzen+ mit dem Jahre 1854 -+ein+ -- die heutige Verhandlung +setzte+ mit einem Briefe Schmidts -+ein+ -- dogmatische Spekulation +setzte+ schon zur Zeit der Entstehung -der Evangelien +ein+ -- in dieser Zeit scheinen seine Bemühungen -um eine Professur +einzusetzen+ -- die Scheidung der Mundarten hat -bereits im sechzehnten Jahrhundert +eingesetzt+ -- der wirtschaftliche -Niedergang +setzte+ im Jahre 1901 +ein+ -- im Frühjahr +setzt+ -regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit +ein+ -- das Erdbeben +setzte+ -5 Uhr 30 Minuten +ein+ -- die schon früh +einsetzende+ Dunkelheit -erhöht die Gefahr -- als ob die Brauchbarkeit der Halle bewiesen -werden sollte, +setzte+ am Nachmittag ein gelinder Regen +ein+ -- ja -sogar: für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen -Preisen +eingesetzt+ (!) -- die Diskussion in der Presse +beginnt+ -(!) bereits +einzusetzen+ -- es +beginnt+ (!) hier eine Entwicklung -+einzusetzen+, die möglicherweise zu irrigen Schlüssen führen könnte. -Wem diese Beispiele den Appetit noch nicht verdorben haben, der -sammle in den nächsten drei Tagen selber weiter, bis ihm der Appetit -vergeht. Vernünftigen Sinn hat es, wenn man schreibt: Hier muß die -Wissenschaft +einsetzen+, wenn sie zu einer befriedigenden Lösung der -Frage kommen will; denn hier schwebt ein ganz andres Bild vor, nämlich -das vom Einsetzen oder Ansetzen des Hebels. Aber Unsinn ist es wieder, -zu schreiben: Hier will mein Buch +einsetzen+ (für +eingreifen+, -+einspringen+, +in die Lücke treten+). - -+Einstellen.+ Aus der Sprache des Photographen, der die Camera -einstellt: der Blick, die Aufmerksamkeit muß auf diesen Punkt -+eingestellt+ werden. Warum denn nicht: +gelenkt+, +gerichtet+, -+geleitet+? - -+Entgegennehmen.+ Spreizwort für +annehmen+. Anfangs nahm bloß der -Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen -Souveräns +entgegen+. Das +entgegen+ malte das Zeremoniell der -feierlichen Handlung. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche -Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler, -Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal -nur noch +entgegengenommen+ -- immer feierlich, herablassend. Sogar -die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht +entgegen+, und der -Angeklagte +nimmt+ das Todesurteil gefaßt, das Publikum aber +nimmt+ es -mit tiefem Schweigen +entgegen+. - -+Erübrigen+ und +sich erübrigen+. Ein schlagendes Beispiel dafür, -welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen -angerichtet werden kann. +Erübrigen+ war bisher ein transitives -Zeitwort und bedeutete so viel wie +sparen+, +zurücklegen+: ich habe -mir schon ein hübsches Sümmchen +erübrigt+. Das hat man neuerdings -angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von +übrig -bleiben+: es +erübrigt+ noch, allen denen meinen Dank auszusprechen --- es +erübrigt+ nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre -aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den -Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne -von +überflüssig sein+ zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung -+erübrigt+ es heute einzugehen -- hier +erübrigt+ jedes weitere Wort --- es +erübrigt+ für mich jede weitere Bemerkung -- ein ausdrücklicher -Verzicht +erübrigt+ von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in -der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren -Wiedergabe +sich erübrigt+ -- alle weitern Schritte +erübrigen sich+ -hierdurch -- es +erübrigt sich+ wohl, noch besonders darauf hinzuweisen --- es +erübrigt sich+, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In -solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei -guten, deutlichen Ausdrücken wie +übrig bleiben+ und +überflüssig sein+ -aus dem Wege geht. - -+Erzielen.+ Ausschließlicher Ersatz für +erreichen+. +Erreicht+ wird -nichts mehr; Nutzen, Gewinn, Vorteil, Ergebnisse, Erfolge, alles wird -+erzielt+. - -+Führen.+ Statt +hervorragen+, +Bahn brechen+, +den Ton angeben+. Man -spricht nur noch von +führenden+ Geistern, Denkern, Persönlichkeiten, -Kunstschriftstellern, Chirurgen, von der +führenden+ Presse, von -Leuten, die eine +führende+ Stelle oder Stellung einnehmen, eine -+führende+ Rolle spielen, und Henckell Trocken ist die +führende+ -Marke! Bei +hervorragen+ sah man gleichsam eine stillstehende -Reihe oder Gruppe vor sich; bei +führen+ sieht man die ganze Bande -marschieren, und zwar im Gänsemarsch. - -+Im Gefolge haben.+ Modephrase für: +zur Folge haben+. Bisher hatte nur -ein Fürst ein Gefolge; jetzt heißt es: die Not +hat+ Unzufriedenheit -+im Gefolge+ -- Reformen, die die Schmälerung des Profits +im Gefolge -haben+ könnten -- anarchistische Bestrebungen, die reaktionäre -Maßregeln +im Gefolge haben+ -- der Fall +hatte+ eine fünfjährige -Freiheitsstrafe +im Gefolge+ -- es ist nicht zu verkennen, daß die -Preßfreiheit auch schwere Schäden +im Gefolge hatte+. Man überlege sich -nur, was für Unsinn man da hinschreibt! - -+Gestatten.+ Feiner Ersatz für +erlauben+, das ganz ins alte Eisen -geworfen ist. Hat aber seine Laufbahn ziemlich rasch zurückgelegt. -Auch der Handlanger sagt schon, ehe er einem auf die Füße tritt: -+Gestatten!+ so gut wie er schon die Zigarette nachlässig zwischen den -Lippen hängen hat. Wo bleibt nun die Feinheit? - -+Landen für ankommen.+ Anfangs als Scherz, jetzt aber in vollem Ernst -geschrieben: als Schiffbrüchiger +landete+ er in Rom -- 1842 war Wagner -nach langer Wanderung in Dresden +gelandet+ (wahrscheinlich kam er mit -dem Schandauer Dampfschiff). - -+Rechnung tragen.+ Beliebte Phrase des Kanzleistils und bequemer Ersatz -für alle möglichen Zeitwörter und Redensarten: wir sind bemüht, -diesen Beschwerden +Rechnung zu tragen+ (+abzuhelfen+!) -- Ihrem -Wunsche, den Gebrauch der Fremdwörter einzuschränken, werden wir gern -+Rechnung tragen+ (+erfüllen+!) -- es finden sich Bearbeitungen von den -einfachsten bis zu den schwierigsten, sodaß allen Vereinen +Rechnung -getragen+ ist (+Rücksicht genommen+!) -- es war zu erwarten, daß das -Volk durch eine Landestrauer seinen Gefühlen +Rechnung tragen+ würde -(+Ausdruck geben+!) -- dieser Auffassung haben wir auch +Rechnung -getragen+ (+bestätigt+!) -- wie wenig die Verwaltung diesem Grundsatz -+Rechnung getragen+ hat (+gefolgt ist+!). - -+Schreiten+, +beschreiten+, +verschreiten+. Für +gehen+ oder +sich -wenden+. Man +schreitet+, oder noch lieber: man +verschreitet+ zur -Wahl, zur Abstimmung, zur Veröffentlichung, zur Operation, ja sogar -zum Aufgießen des Tees. Fürsten +gehen+ nie, sie +schreiten+ immer: -der Kaiser +schritt+ zunächst durch die Sammlung der Musikinstrumente. -Aber auch: die Maori +schreiten+ unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen --- immer mit gehobnen und gestreckten Beinen, wie die Rekruten auf dem -Drillplatze. - -+Tragen.+ Feierlicher Ersatz für +bringen+: wir +tragen+ dem Kaiser -Liebe und Vertrauen +entgegen+. Nur schade, daß man einem nur etwas -in den Händen oder auf einem Präsentierteller +entgegentragen+ kann, -in seinem Innern aber doch nur +entgegenbringen+. Ganz besonders -aber ist +getragen sein+ jetzt beliebtes Spreizwort für +erfüllt -sein+: von künstlerischer Überzeugung +getragen+ -- von patriotischer -Wärme +getragen+ -- von religiöser Gläubigkeit +getragen+ -- von -wissenschaftlichem Ernst +getragen+ -- von düsterm Pessimismus -+getragen+ -- eine von hoher Begeisterung +getragene+ Rede -- eine -fesselnde, von staunenswerter Belesenheit +getragene+ Darstellung --- eine von froher Geselligkeit +getragene+ Veranstaltung -- die -geräuschlose, von warmer Fürsorge für die Jugend +getragene+ Arbeit --- der Kommers nahm einen von echt studentischem Geiste +getragenen+ -Verlauf -- der Empfang des Kaisers war von herzlicher Begeisterung -+getragen+ usw. Man muß immer an einen Luftballon denken. - -+Treten.+ Ebenso beliebt wie +schreiten+. Einer Frage wird näher -+getreten+, das Ministerium ist zu einer Beratung zusammen+getreten+, -und besonders gern wird in etwas +eingetreten+: Arbeiter +treten+ -in einen Streik, sogar in einen Ausstand +ein+, eine Versammlung -+tritt+ in eine Verhandlung +ein+, der Reichskanzler ist in ernstliche -Erwägungen +eingetreten+, und der Gelehrte schreibt: ich will auf -dieses Gebiet hier nicht näher +eintreten+ -- ich mag hier nicht in -den Streit über die Bedeutung Hamerlings +eintreten+. Das schönste -aber ist: +in die Erscheinung treten+ (statt +erscheinen+ oder +zur -Erscheinung kommen+): es ist bei dieser Gelegenheit scharf (!) +in -die Erscheinung getreten+ (es hat sich deutlich gezeigt) -- dabei -+tritt+ das Gesetz +in die Erscheinung+ (dabei kann man beobachten) --- es zeigten sich Krankheitssymptome, die immer intensiver +in die -Erscheinung traten+ -- der Zustand der Herzschwäche +trat+ vermindert -+in die Erscheinung+ -- es handelt sich um eine Krankheit des modernen -Lebens, die hier in besonders krasser Weise +in die Erscheinung tritt+ --- Unregelmäßigkeiten +treten+ um so mehr +in die Erscheinung+, je -kleiner das Beobachtungsfeld ist -- hier +tritt+ nie eine so starke -territoriale Zersplitterung +in die Erscheinung+ -- das Gesamtleben des -Reichs +tritt+ in der Hauptstadt konzentriert +in die Erscheinung+ -- -das Nachtleben +tritt+ in Berlin weit auffälliger +in die Erscheinung+ --- ja sogar der neue Spielplan wird zu Neujahr +in die Erscheinung -treten+. Wie vornehm glauben sich die Leute mit diesem ewigen Getrete -auszudrücken, und -- wie albern ist es! - -+Vertrauen.+ Mit nachfolgendem Objektsatz (!), statt +hoffen+, -+glauben+, +überzeugt sein+: das Ministerium +vertraut, daß+ der -eingerissene Mißbrauch bald wieder abgestellt sein werde -- die Leser -können +vertrauen, daß+ wir bei der Feststellung des Textes die größte -Vorsicht haben walten lassen. - -+Vorbestrafen.+ Lieblingswort aller Polizeireporter und aller -Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal -+vorbestrafter+ Kellner -- ein schon fünfzehnmal +vorbestrafter+ -Riemergeselle -- ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus, -+vorbestraftes+ Subjekt. Als ob nicht +bestraft+ genügte! Müssen denn -nicht, wenn einer „schon oft“ bestraft worden ist, diese Strafen -+vor+ der liegen, die ihn jetzt erwartet! Der Unsinn ist aber nicht -auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher -noch +unvorbestrafte+ Verkäuferin. - -+Vorsehen+, nicht als reflexives, sondern als transitives Zeitwort: -+etwas vorsehen.+ Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit -in der Kanzlei- und Zeitungssprache verbreitet, für denkfaule Leute -wieder ein willkommner Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem -Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, ~providere~ -ja nicht mit +vorsehen+ zu übersetzen, es sei das ein gemeiner -Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas +sorgen+, +Fürsorge+ oder -+Vorsorge treffen+, etwas +vorbereiten+. Dieser „gemeine Latinismus“ -ist der neueste Stolz der Kanzlei- und Zeitungssprache: Sache der -Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen +vorzusehen+ -- -zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel -+vorgesehen+ -- die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am -Leipziger Stadttheater +vorgesehen+ -- als Verbindung zwischen beiden -Straßen ist eine Allee +vorgesehen+ -- für die Rasenrabatten ist die -übliche niedrige Einfassung +vorgesehen+ -- für den Speisesaal ist -Rokoko +vorgesehen+ -- die Selbstregierung, die das Friedensinstrument -+vorsieht+ -- die zu einer Ferienreise +vorgesehenen+ Ersparnisse der -Schulkinder -- das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend -den 5. November +vorgesehen+ -- für den Besuch Sr. Majestät in der -Handelsschule ist folgendes Programm +vorgesehen+ -- für den Abend -ist ein Fackelzug +vorgesehen+ usw. Also +sorgen+, +beabsichtigen+, -+planen+, +bestimmen+, +festsetzen+ -- alles wird mit diesem aus reiner -Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften +vorsehen+ ausgedrückt! - -+In die Wege leiten.+ Herrliche neue Modephrase der Amts- und -Zeitungssprache für -- ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt -einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht +geschaffen+ -- er -hat mancherlei Technisches +unternommen+ -- die Veranstaltung wird -schon jetzt +vorbereitet+ -- es wäre zu wünschen, daß ein solches -Amt +eingerichtet+ würde -- heißt es: die Schaffung einer starken -Seemacht wurde +in die Wege geleitet+ -- er hat mancherlei technische -Unternehmungen +in die Wege geleitet+ -- die Vorbereitungen zu der -Anstalt werden bereits +in die Wege geleitet+ -- es wäre zu wünschen, -daß die Organisation eines solchen Amtes +in die Wege geleitet+ würde. -Und ein Unterbeamter schreibt an den andern: ich bitte, das Weitere -baldgefälligst (!) +in die Wege leiten+ zu wollen. - -+Werten+ und +bewerten+. Neben +einschätzen+ (vgl. S. 377) seit -kurzem äußerst beliebte Spreizwörter für +schätzen+, +beurteilen+, -+für etwas ansehen+ oder +halten+. Bisher kannte man nur +verwerten+ -und +entwerten+. Jetzt wird aber alles +gewertet+ oder +bewertet+: -in Schlesien weiß man die Kraft, die aus der Muttererde strömt, wohl -zu +werten+ -- diese Luxusausgaben werden im Handel bereits hoch -+bewertet+ -- seine Schriften verraten eine selten (!) hohe +Wertung+ -der Ehe -- es drängt sich die Frage auf, wie ein sächsischer Offizier -einem preußischen gegenüber zu +bewerten+ sei -- wir können diese -Urteile nicht als Urteile eines ernsthaften Journalisten +bewerten+ --- diese Abweichung von der Regel dürfte als nicht ganz sachgemäß -+bewertet+ werden -- man muß die Ausdrucksweise einer Zeit kennen, -wenn man ihre Freundschaften und Liebschaften +bewerten+ will -- die -Monarchenzusammenkunft wird in der N. A. Z. mit folgenden Worten -+gewertet+ -- beide, er wie sie, wollen selbständig +gewertet+ -werden -- bei der wissenschaftlichen +Wertung+ des Problems tut vor -allem Nüchternheit not -- man muß die juristische +Bewertung+ des -Falles abwarten -- ja sogar: die +Bewertung+ und +Beurteilung+ (!) -dieser Bilder wird neu festzustellen und zu modifizieren sein -- was -eine Südländerin von Temperament als Lebensforderung +einschätzt+ -und +wertet+ (!) -- und das Neueste und Schönste von allem: -baugeschichtliche Feststellungen geben uns die Möglichkeit, die -Entstehungsbedingungen dieser Baukunst sicher +einzuwerten+ (also aus -+werten+ und +einschätzen+ ein drittes Wort zusammengeknetet!). Woher -stammen die herrlichen Wörter? Aus der Börsensprache, die von der -+Bewertung+ des umlaufenden Edelmetalls spricht? Oder von Nietzsche? - -+Zeitigen.+ Für +hervorbringen+, +schaffen+: es ist eine armselige -Literatur, wie sie noch keine Periode der Musikgeschichte +gezeitigt+ -hat. - -+Zubilligen.+ Für +bewilligen+ oder +zugestehen+: den Arbeitern -wurde eine Unterredung +zugebilligt+ -- jeder höhern Lehranstalt -sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark +zugebilligt+ -- die -Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung +zugebilligt+. - -+Zukommen+, auf etwas. Beliebtes neues Ersatzwort des sächsischen -Kanzleistils für alles mögliche, für: an etwas +denken+, etwas +ins -Auge fassen+, etwas +beschließen+, +sich+ zu etwas +entschließen+, -+sich+ auf etwas +einlassen+: wenn man auf die Ausführung dieses -Gedankens +zukommen+ wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick --- es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der -Türme +zuzukommen+ sei -- wann wird man an den höhern Schulen auf eine -Verminderung der Unterrichtszeiten +zukommen+. - -+Bislang.+ Für +bisher+. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark -verbreitet, heute ziemlich vergessen. - -+Da und dort.+ Modeverbindung für +hie und da+: unter den -technischen Schwierigkeiten klingt doch +da und dort+ ein tieferer -musikalischer Sinn heraus. - -+Erstmals.+ Neues Spreizwort für +zuerst+ oder +zum erstenmal+: eine -Fülle von Material ist in diesem Buche +erstmals+ erschlossen. (Vgl. -+erstmalig+ S. 407) - -+Hoch.+ Einzig gebräuchliches Adverb zur Begriffssteigerung folgender -Adjektiva: +fein+, +elegant+, +modern+, +herrschaftlich+, +gebildet+, -+gelehrt+, +verdient+, +bedeutend+, +bedeutsam+, +wichtig+, +ernst+, -+feierlich+, +tragisch+, +komisch+, +romantisch+, +poetisch+, -+interessant+, +erfreulich+, +befriedigend+, +willkommen+, +achtbar+, -+adlich+, +konservativ+, +kirchlich+, +offiziell+. Das wird genügen. - -+Indes+ oder +indessen+. Sehr beliebtes Spreizwort für +aber+, +doch+, -+jedoch+: heute wurden hier starke Erdstöße verspürt, die +indessen+ -keinen Schaden anrichteten -- es kam zu Zwistigkeiten, die +indes+ -einen günstigen Verlauf nahmen -- er hatte das Stück schon vor -Jahren verfaßt, +indessen+ unterblieb damals die Aufführung -- der -Graf wanderte in den Tower; lange dauerte +indes+ seine Haft nicht --- bei näherer Prüfung +indessen+ stellt sich R. als interessante -Persönlichkeit dar. - -+Nahezu.+ Modewort für +fast+ oder +beinahe+. - -+Naturgemäß.+ Aus Berlin (+naturjemäß+). Hat sich mit -lächerlicher Schnelligkeit an die Stelle von +natürlich+ (d. h. -+selbstverständlich+) gedrängt, sodaß man sich, wo es einmal in seiner -wirklichen Bedeutung erscheint (die soziale Bewegung ist +naturgemäß+ -erwachsen), erst förmlich besinnen muß, daß es ja diese Bedeutung auch -noch haben kann. Sonst heißt es nur noch: wir beginnen +naturgemäß+ mit -den preisgekrönten Entwürfen -- +naturgemäß+ ist die Studentenzeit zum -Lernen bestimmt -- die Wiedergabe durch Lichtdruck läßt +naturgemäß+ -manches unklar -- die Sorge beginnt +naturgemäß+ gleich bei der -Aufnahme der Lehrlinge -- +naturgemäß+ konnte die Stadtbahn nicht durch -den glänzendsten Teil der Hauptstadt gelegt werden -- +naturgemäß+ -ist der Grund der Unsicherheit nicht in allen Fällen der gleiche -- -die Unbilligkeit verstärkt sich +naturgemäß+ mit jedem Jahre usw. Man -redet aber auch schon von einer +vernunftgemäßen+ (!) Auswahl der -Schreibfeder, statt von einer +vernünftigen+ -- und da nun einmal -+gemäß+ Mode ist, so führt auch der Kaufmann +wunschgemäß+ seine -Bestellungen aus, und der Unterbeamte erledigt alles mit großem Eifer -+auftraggemäß+. - -+Rund.+ Dem Englischen nachgeäfft. Wird jetzt vor alle Zahlen gesetzt, -die, wie der Zusammenhang zeigt, selbstverständlich nur runde Zahlen -sein können und sollen: der Kandidat der Ordnungsparteien erhielt -+rund+ 3200 Stimmen gegen +rund+ 360 Stimmen der Sozialdemokraten -- -der Ertrag der Sammlung bezifferte sich (!) auf +rund+ 5000 Mark. Ohne -+rund+ bekommt man eine Zahl mit Nullen am Ende kaum mehr zu lesen. - -+Reichlich.+ Seit kurzem äußerst beliebt für +sehr+, aber immer nur -da, wo es nicht hinpaßt, nämlich in tadelnden Bemerkungen: du kommst -+reichlich spät+, der Kerl ist +reichlich dumm+. Es fehlt nur noch, daß -gesagt würde: er hat +reichlich wenig+ gegeben. - -+Selten.+ Beliebtes Adverb zur Steigerung von Eigenschaftswörtern (in -dem Sinne von +ungewöhnlich+, +außerordentlich+, +in seltnem Grade+), -z. B.: ein Mädchen von +selten gutem+ Charakter -- eine +selten -frische+ Witwe -- ein +selten schönes+ Familienleben -- eine +selten -günstige+ Kapitalanlage -- wir haben +selten schönes+ Wetter gehabt --- dieser Weizen gedeiht auf leichtem Boden und liefert +selten hohe+ -Erträge -- besonders hebe ich die +selten naturgetreuen+ farbigen -Abbildungen hervor -- die Inhaber dieser Bauernhöfe sind +selten -fleißige+ und +tüchtige+ Wirte usw. Nur schade, daß +selten+ eben vor -allen Dingen +selten+ bedeutet, und nicht +in seltnem Grade+, und daß -infolgedessen stets das Gegenteil von dem herauskommt, was die Leute -meinen. Darüber ist denn auch schon viel gespottet worden, so viel, daß -endlich doch auch dem Harmlosesten ein Licht aufgehen müßte. - -+Unentwegt.+ Lächerlicher schweizerischer Provinzialismus für +fest+, -+beharrlich+. Hat seine Rolle ziemlich ausgespielt. - -+Vielmehr.+ Ausschließlicher Ersatz für +sondern+: diese Preisbewegung -ist nicht bloß dem Getreide eigentümlich, sie stimmt +vielmehr+ mit -den übrigen Ackerbauerzeugnissen überein -- der Leser wird nicht mit -einem Ballast von Erläuterungen überschüttet, +vielmehr+ halten die -Anmerkungen das rechte Maß ein. - -+Voll und ganz.+ Modephrase ersten Ranges, die aber ihren Weg wohl -bald „voll und ganz“ zurückgelegt haben wird.[164] Sehr beliebt ist es -jetzt, +voll+ allein zu gebrauchen (für +ganz+ oder +vollständig+): -dieser Auffassung kann ich +voll+ beipflichten -- überall deckt der -Ausdruck +voll+ den Gedanken -- um die Tiefe seiner Auffassung +voll+ -zu würdigen -- Künstler, die diese Bedingung +voll+ erfüllen können --- die deutschen Gemälde hielten den Vergleich mit den französischen -+voll+ aus usw. Auch Zusammensetzungen mit +Voll+- als Bestimmungswort -schießen wie Pilze aus der Erde: +Vollbild+, +Vollmilch+, -+Vollgymnasium+, sogar +vollinhaltlich+: ich kann das +vollinhaltlich+ -bestätigen -- er mußte das Leben der Gefangnen +vollinhaltlich+ -mitleben. - -+Vorab+ und +vornehmlich+. Beide gleich beliebter Ersatz für -+besonders+, +namentlich+ und +hauptsächlich+. Das sechzehnte, +vorab+ -das siebzehnte Jahrhundert -- die Künstler +vorab+ hatten sein -herzliches Wohlwollen erfahren -- Briefe Wielands, +vornehmlich+ an -Sophie La Roche -- +vornehmlich+ habe ich die Syntax von Grund aus -umgestaltet. (Vgl. +vornehm+ S. 374). - -+Weitaus.+ Modezusatz zum Superlativ: +weitaus+ der beste -- in -+weitaus+ den meisten Fällen. - -Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt -es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt -sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin -man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von -+Preisen+, sondern nur noch von +Preislagen+, an die Stelle der -frühern +Sorten+ sind die +Qualitäten+, die +Marken+ und die -- -+Genres+ getreten (bitte, probieren Sie meine +Spezialmarke+!). Wer -einen kleinen Laden gemietet und ein Geschäftchen darin eröffnet -hat, nennt das jetzt ein +Haus+; der eine hat ein +Schokoladenhaus+, -der andre ein +Porzellanhaus+, ein dritter ein +Havannahaus+, ein -+Seidenhaus+, ein +Leinwandhaus+, ein +Lodenhaus+. Vor etlichen Jahren -fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt -+Schneidermeister+ zu schreiben: +Herrenmoden+. Das war natürlich -fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt -auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider -gesehen hatten, da kam für die Firmenschreiber gute Zeit. Sämtliche -Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz -Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im -Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen -prangen: Wilhelm Benedix, +Herrenmoden+! Vor etlichen Jahren fiel es -auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert -anzukündigen, daß es +unter persönlicher Leitung+ des Herrn -Musikdirektors X stattfinden würde -- als ob in andre Wirtschaften -der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung -unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte +unter -persönlicher Leitung+ statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen -ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft -stets +illustre+ (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets -+genial+, ein Geschenk stets +sinnig+, Orgelspiel stets +weihevoll+. -Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und -gesanglichen +Darbietungen umrahmt+; von einer Festlichkeit wird -stets versichert, sie habe +einen würdigen (!) Verlauf+ genommen. Ein -Revolverschuß wird stets +abgegeben+, und flieht der Täter, so wird -sofort +die Verfolgung aufgenommen+; sich selbst aber schießt man eine -Kugel niemals zum Vergnügen sondern immer +in selbstmörderischer -Absicht+ in den Kopf. Wenn es in einer Familie oder zwischen einem -Liebespaar zu Zank und Streit, Mord und Totschlag gekommen ist, so -heißt das ein +Familiendrama+ oder eine +Liebestragödie+. Wer ein -Jubiläum feiert, +kann+ stets +auf eine+ 25jährige oder 50jährige -+Tätigkeit zurückblicken+, und ist es ein Verein, so +blickt+ er +auf -ein+ 25jähriges +Bestehen zurück+; wer pensioniert wird, tritt in den -+wohlverdienten Ruhestand+, und stirbt er, so werden an seinem Sarge -Lorbeerkränze +niedergelegt+. Wenn einer von einem Dache herabstürzt, -so +bleibt+ er +tot+ (als ob er es schon vorher gewesen wäre!). -Leichen von Verunglückten werden nicht +gefunden+, sondern stets -+geborgen+ (hätte man die Lebenden besser „geborgen“, so wären sie -nicht verunglückt!), und wenn sie im Wasser gelegen haben, so werden -sie +geländet+; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser -gezogen, so wird er +dem nassen Element entrissen+. Kommt ein Fürst zu -Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er +ent(!)steigt+ dem -+Waggon+ und +schreitet+ dann, und zwar stets +elastischen Schrittes+, -die Front der Ehrenkompagnie +ab+. Man begreift nicht, warum nicht die -Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse, -wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die -Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis -eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter -Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen -auszufüllen hätten. - -Aber auch die niedrige Umgangssprache ist voll von Modewörtern, die -immer wechseln. Man könnte sie die Gassenhauer der Sprache nennen. -Zu ihnen gehört das schöne +selbstredend+, das eine Reihe von Jahren -für +selbstverständlich+ gesagt wurde (übrigens stets falsch betont: -+selbstrédend+, wie auch +tats=ä=chlich+, +wunderbár+, +ekelháft+, -+tadellós+). Neuerdings ist wieder +selbstverständlich+ durchgedrungen -(aber auch das wieder falsch betont: +selbstverst=ä=ndlich+). -Augenblicklich ist der beliebteste Gassenhauer: +ausgeschlossen+, -+ganz ausgeschlossen+, +völlig ausgeschlossen+. +Unwahrscheinlich+, -+unmöglich+, +undenkbar+, sogar +unnötig+ -- das alles gibt es nicht -mehr. +Ausgeschlossen+ -- bums! fertig! In der Unterhaltung am -Biertisch hört man nichts weiter als: +selbstverständlich+ (für +ja+) -und: +ausgeschlossen+ (für +nein+). Andre neue Gassenhauer sind: -+totsicher+, +totschick+, +Ton+ (für +Wort+): er hat mir nicht einen -+Ton+ davon gesagt --, auf Wieder+schaun+, und +ausgerechnet+ (für -+gerade+, +genau+ oder dgl.): das muß +ausgerechnet+ Bebel begegnen! - -Eine feine Nase für Modewörter hat gewöhnlich der Student. Die -Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt, -wird es ihr sofort „einverleibt“. Aber der Student spricht sie fast -alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie -gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch -eine sehr ernste Seite. Jedes neu aufkommende Modewort verdrängt eine -Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden, -und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die -einen ganz andern Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine -zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit -und Unklarheit des Denkens verbunden. - -Wie alle Modedummheiten haben aber auch die Sprachmoden ihre Zeit. -Sie verschwinden alle wieder, die einen früher, die andern später. -Darum ist ein Kampf gegen sie eigentlich überflüssig.[165] Verteidigt -werden sie immer nur von solchen, die darauf hineingefallen sind, ohne -es zu merken; die ärgern sich dann über den, der es gemerkt hat, und -bestreiten die Berechtigung seiner Angriffe. Jeder gute Schriftsteller -aber wird sich vor ihnen hüten. Denn jeder gute Schriftsteller hat doch -den Wunsch, nicht gar zu schnell zu veralten. Dazu gehört aber, daß -das, was er schreibt, nicht bloß einen dauerhaften Inhalt, sondern auch -eine dauerhafte Form habe. - - -Der Gesichtspunkt und der Standpunkt - -Ein Modewort, mit dem ein ganz törichter Mißbrauch getrieben wird, der -zu einer Unmasse von Bildervermengungen führt, ist +Gesichtspunkt+. -Das Wort bedeutet den Punkt, von dem aus man etwas ansieht, wie -+Standpunkt+ den Punkt, auf den man sich gestellt hat, um etwas -anzusehen. Beides ist so ziemlich dasselbe. Man sollte doch nun -meinen, das Bild, das in diesen Ausdrücken liegt, wäre so klar und -deutlich, daß es gar nicht vergessen werden könnte: +Standpunkt+ und -+Gesichtspunkt+ bedeuten durchaus etwas räumliches, einen Punkt im -Raume. Da ist es nun schon verkehrt, wie es manche sehr lieben, von -+großen+ oder +allgemeinen Gesichtspunkten+ zu reden. Man kann sich -weder unter einem großen noch unter einem allgemeinen Punkt etwas -denken. Offenbar wird hier der Gesichts+punkt+ mit dem Gesichts+kreise+ -verwechselt. Wenn ich mich hoch aufstelle und die Dinge von oben -betrachte, so überblicke ich mehr, als wenn ich unten mitten unter den -Dingen stehe. Es ändert sich dann auch der Maßstab der Betrachtung: -was mir unten groß, im übertragnen Sinne wichtig, bedeutend erschien, -schrumpft zusammen, ja verschwindet vielleicht ganz, wenn ich es -von oben betrachte. Man kann also wohl von +hohen+ und +niedrigen+ -Gesichtspunkten reden, aber nicht von +großen+ und +kleinen+. Der Geist -ist klein, der sich nicht zu höhern Gesichtspunkten aufschwingen kann, -auch der Gesichtskreis eines solchen Geistes ist klein, aber ein Punkt -ist und bleibt -- ein Punkt, er kann weder klein noch groß sein. - -Was muß sich aber der Gesichtspunkt sonst noch alles gefallen lassen! -Er wird nicht nur +berührt+, +dargelegt+, +ausgeführt+, er wird auch -+beachtet+, +ins Auge gefaßt+, +betont+, +hervorgehoben+, +geltend -gemacht+, +aufgestellt+, +herausgestellt+, +in den Vordergrund -gestellt+, +zur Diskussion gestellt+, +verworfen+, er +wird eröffnet+, -+zugrunde gelegt+, +gewonnen+, er wird +in die Wagschale geworfen+, -und zwar so, daß er +ins Gewicht fällt+, er ist +maßgebend+, er -+berührt sich+ mit etwas, man tut etwas +unter+ ihm, es wird etwas von -ihm +abgeleitet+, es +entspringt+ ihm etwas usw. Der Leser schüttelt -den Kopf? Hier sind die Beispiele: zum Schluß möchte ich noch zwei -+Gesichtspunkte berühren+ -- er +legte die Gesichtspunkte dar+, die -den Ausschuß veranlaßt hätten, die Versammlung zu berufen -- es würde -mich zu weit führen, wenn ich den angedeuteten +Gesichtspunkt+ näher -+ausführen+ wollte -- die Prügelstrafe ist nicht nur brutal, sie ist -auch ehrenrührig, und diesen wichtigen +Gesichtspunkt+ muß man vor -allen Dingen +beachten+ -- diesen +Gesichtspunkt faßte+ Kurfürst -August jetzt +ins Auge+ -- als der Redner diesen +Gesichtspunkt+ -scharf +betonte+ -- erfreulich ist es, daß der Herzog für das Gefühl -vaterländischer Ehre empfänglich ist und bei der Berücksichtigung -der Muttersprache diesen +Gesichtspunkt+ besonders +hervorhebt+ -- -neue +Gesichtspunkte+ wurden in der Debatte nicht +geltend gemacht+ --- es sind hier +Gesichtspunkte aufgestellt+, die in der Tat +zur -Diskussion gestellt+ werden müssen -- er wußte immer sofort die höhern -+Gesichtspunkte herauszustellen+ -- man kann den Mittelstand sehr -verschieden abgrenzen, +je+ nach den +Gesichtspunkten+, die man +in -den Vordergrund stellt+ -- auch der +Gesichtspunkt+, daß (!) man mit -einer stattlichen Schrift dem Auslande imponieren müsse, ist nicht -+zu verwerfen+ -- diese Bestimmung +eröffnet+ für die Geschichte der -Innung einen neuen +Gesichtspunkt+ -- überhaupt möchten wir auf den -+Gesichtspunkt+ hinweisen, den alle Gerichte ihren Rechtsprechungen -auf diesem Gebiete +zugrunde zu legen+ haben -- ich hoffe, daß sich -aus meiner Darlegung gesunde (!) +Gesichtspunkte+ werden +gewinnen -lassen+ -- hier +fallen+ finanzielle (!) +Gesichtspunkte+ schwer -+ins Gewicht+ -- diese Frage bildet den +maßgebenden Gesichtspunkt+, -von dem aus wir dem Problem näher treten -- dieser +Gesichtspunkt+ -der Theaterdirektion +berührt sich+ in mannigfacher Beziehung mit -dem Interesse des Publikums -- der Theologie wandte er nur +unter -dem Gesichtspunkte+, jederzeit brauchbare Kirchendiener zu haben, -seine Fürsorge zu -- die allgemeinen +Gesichtspunkte+, aus denen -sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriften -+ableiten läßt+, sind folgende -- eine innere Kolonisation, die den -oben gekennzeichneten +Gesichtspunkten entspringt+ usw. In allen -diesen Sätzen ist von dem Bilde, das in dem Worte +Gesichtspunkt+ -liegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas ganz andres, es -steht für +Umstand+, +Tatsache+, +Grund+, +Ansicht+, +Gedanke+, ja -bisweilen steht es für -- gar nichts, es wird als bloßes Klingklangwort -gebraucht. Oder bedeutet der Satz: neue +Gesichtspunkte+ wurden -nicht geltend gemacht -- irgend etwas andres als: neue +Gedanken+ -wurden nicht vorgebracht? der Satz: zum Schluß möchte ich noch +zwei -Gesichtspunkte+ berühren -- irgend etwas andres als: zum Schluß möchte -ich noch +zweierlei+ berühren? Das völkerpsychologische +Moment+ (!) -ist für ihn der +maßgebende Gesichtspunkt+ -- kann man einen einfachen -und einfach auszudrückenden Gedanken in einen unsinnigern Wortschwall -einhüllen? Von solchen Sätzen wimmelt es aber jetzt in Büchern, -Broschüren und Aufsätzen; Tausende lesen darüber weg, haben das dumpfe -Gefühl, irgend etwas gelesen zu haben, aber denken können sie sich gar -nichts dabei. - -Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es geradezu dahin gekommen, -daß dieses gute Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält, -und das bisweilen gar nicht zu entbehren ist, einen lächerlichen -Beigeschmack angenommen hat, sodaß man es in der Unterhaltung kaum -noch anders als spöttisch gebrauchen kann. Eine weitere Folge ist, daß -nun gewisse Leute, um das Wort zu vermeiden, es durch +Gesichtswinkel+ -ersetzt haben, das freilich gleich von vornherein mit Recht dem Spott -verfallen ist. - -Derselbe Unfug wie mit dem +Gesichtspunkt+ hat aber neuerdings nun -auch mit dem +Standpunkt+ begonnen. Niemand hat mehr eine +Ansicht+ -oder eine +Meinung+, alle Welt hat nur noch einen +Standpunkt+. -Eine Meinung kann man ändern, eine Ansicht berichtigen -- das -ist nichts. Aber ein Standpunkt -- alle Hochachtung! -- das ist -etwas. Ein Standpunkt ist unverrückbar, der kommt gleich nach der -Weltanschauung. Man +steht+ auf einem +Standpunkt+, +stellt sich+ -auf einen +Standpunkt+, +vertritt+ einen +Standpunkt+ usw., und das -schönste dabei ist, daß man von dem Worte +Standpunkt+ (ganz so wie -früher von +Meinung+) einen Objektsatz abhängig macht, ja sogar einen -Infinitiv, als ob es soviel bedeutete wie +Regel+ oder +Grundsatz+, -und schreibt: ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man dieses Verbot -wieder aufheben sollte -- ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man -zwischen Leipzig und Berlin ohne umzusteigen fahren können müßte -- -die Gesellschaft steht auf dem +Standpunkte, daß+ die Stadtgemeinde -berechtigt sei, unentgeltliche Abtretung der Straßenfläche zu -verlangen -- der +Standpunkt, daß+ ein Reisender, der auf derselben -Linie zurückfährt, durch eine Preisermäßigung belohnt werden müsse, -ist ein (!) völlig antiquierter -- wir haben stets den +Standpunkt+ -vertreten, +daß+ zwischen Deutschland und England kein vernünftiger -Grund zur Feindschaft vorliege -- man findet heute oft den +Standpunkt+ -vertreten, +daß+ das Kleinbürgerhaus eine überwundne Form bedeute -(sei!) -- wir stellen uns auf den gewiß empfehlenswerten +Standpunkt+, -in schwankenden Fällen das überflüssige Binde-s zu vermeiden. Man -sieht: auch der +Standpunkt+ ist nahe daran, zum Gassenhauer zu -werden; in Vereinssitzungen wie in öffentlichen Versammlungen ergreift -niemand das Wort, der nicht sofort erklärte, daß er auf irgendeinem -+Standpunkt+ stehe. - - -Das Können und das Fühlen - -Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch -einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben -- wenns nicht manchmal -bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn -jemand statt +Ende+ schreibt: +das Aufhören+, oder statt +Mangel+: -+das Fehlen+. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art, -wie jetzt +das Wissen+, +das Können+, +das Wollen+, +das Fühlen+ und -+das Empfinden+ gebraucht wird -- Wörter wie +Kenntnis+, +Fähigkeit+, -+Fertigkeit+, +Geschick+, +Absicht+, +Gefühl+, +Empfindung+ scheinen -ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl +das Streben+ -gemacht,[166] dann kam +das Wissen+: er hat ein ganz +hervorragendes -Wissen+. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem +Wollen+: -anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein -Poet von +großem Wollen+ -- auch diese Kompositionen zeigen die -künstlerische Zielbewußtheit (!) seines +Wollens+. Und in höchster -Blüte steht +das Können+ und +das Fühlen+: folgendes Gedicht mag das -+Können+ des Dichters veranschaulichen -- das Konzert lieferte einen -glänzenden Beweis für das +künstlerische (!) Können+ des Vereins -- -Beethoven widmete ihr die ~Cis-moll~-Sonate, kein geringes Zeugnis -für das +musikalische Können+ der Angebeteten -- die Dame hat sich -unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein +achtunggebietendes -Können+ angeeignet -- die Schüler sollen mit einem +solchen Können+ -des Deutschen aus der Schule gehen -- Herr W. hat damit eine neue -Probe seines bedeutenden +gärtnerischen (!) Könnens+ gegeben (es -handelt sich um ein Teppichbeet) -- die Gedichte zeigen ein gesundes, -+ursprüngliches Fühlen+ -- in allen Briefen gibt er nur dem +einen -Fühlen+ Ausdruck -- Tilgner hat den Geist (!) des +österreichischen -Empfindens+ am besten zum Ausdruck gebracht -- zu der Verehrung für -das große +Wollen+ und +Können+ des Meisters gesellt sich das Mitleid -mit dem leidenden Menschen -- die Pyramiden der Ägypter erzählen uns -von dem +Fühlen+ und +Wollen+ ihrer Erbauer und deren Zeitepoche -(!). Das Neueste aber ist das +Erinnern+, das +Erleben+ und das -+Verstehen+: er bewahrte ihm ein +dankbares Erinnern+ -- für uns -moderne Menschen pflegt Italien das +größte Erleben+ unsers Daseins zu -sein -- ein Mann, in dessen +Erleben+ sich ein ganzes Stück deutscher -Geschichte spiegelt -- Böcklin konnte von dem +künstlerischen Erleben+ -abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das -Geheimnis (!) seiner Werke -- das Buch ist von +tiefem Verstehen+ für -den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt --- sie erfreute ihn durch +warmes+ geistiges +Verstehen+ -- nimm dieses -Buch in dein +treues und zartes Verstehen+ auf! Es kann einem ganz -schlimm und übel dabei werden. - - -Bedingen - -Wie unter den Hauptwörtern das Wort +Gesichtspunkt+, so ist unter -den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetzt -+bedingen+.[167] Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärt -+bedingen+ durch +aushalten+, +bestimmen+, +ausnehmen+. Im Sandersschen -Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt: -+verpflichten+, +festsetzen+, +ausmachen+, +beschränken+, von etwas -+abhängig machen+, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt: -eine Sache +bedingt+ die andre, oder passiv: eine Sache +ist+ oder -+wird+ durch die andre +bedingt+; das Aktivum erklärt Sanders hier -durch +notwendig machen+, +erheischen+, +erfordern+, das Passivum durch -+abhängig sein+ von etwas. - -Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn, -in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt -werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische -Vorbildung +bedingt+ (voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt, -notwendig macht) -- der große Aufwand, den die Aufführung dieser Oper -+bedingt+ (ebenso) -- die angegebnen Preise +bedingen+ die Abnahme -des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) -- die Ausgaben für Saalmiete, -Beleuchtung und Annoncen +bedingen+ einen Berg von Kosten (verursachen) --- unsre ganzen Zeitverhältnisse +bedingen+ den zurückgegangnen -Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an) --- die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die -Verhältnisse zu berühren, die diese Lage +bedingen+ (schaffen, -hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) -- der Sand- und Lehmboden -+bedingt+ eine besondre Flora (ebenso) -- dieses Korsett +bedingt+ -eleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) -- der humanistische -Charakter des akademischen Studiums +bedingt+ das ganze Wesen unsrer -Universitäten (ist von Einfluß auf) -- bei Lessing +bedingte+ stets -die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) -- Tatsache -ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfalls +bedingen+ -(herbeiführen) -- die Stellung der Türen in den Wänden +bedingt+ -wesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab) -- nur -körperliches Leiden (Laokoongruppe!) +bedingt+ eine so gewaltsame -Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) -- -dieser Zweck +bedingt+ sowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes -(aus ihm erklären sich) usw. - -Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder -des Sees und der dadurch +bedingte+ Reichtum malerischer Wirkungen -(geschaffne) -- diese durch die Lage Englands +bedingte+ Gunst -des Glückes (ebenso) -- durch die Verkehrserleichterungen ist ein -Rückgang des Kommissionsgeschäfts +bedingt+ worden (bewirkt worden, -herbeigeführt worden) -- die durch die Großstadt +bedingte+ Vermehrung -der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) -- rascher Fortschritt -wird durch zahlreiche Mitarbeiter +bedingt+ (entsteht) -- der Ausfall -der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung -liegende Verhältnisse +bedingt+ (hängt ab von) -- die Zulassung zur -Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergrades -+bedingt+ (hing ab von) -- der Erfolg des Mittels war durch die -Zuverlässigkeit der Leute +bedingt+ (ebenso) -- die Überholung Leipzigs -durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnisse +bedingt+ -(ist die Folge) -- diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei -Jahren gemachte Erfahrung +bedingt+ (war entstanden, war die Folge) -- -Glück wird durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ (entsteht) -- die Gefahr -für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und -Besitzlosigkeit +bedingt+ (liegt in, beruht auf, entsteht aus) -- die -durch den Reichtum +bedingten+ Lebensgenüsse (ermöglichten) usw. - -Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes. -Die einen gebrauchen +bedingen+ in dem Sinne von: +zur Voraussetzung -haben+. +A bedingt B+ -- das heißt: +A hat B zur Voraussetzung+, A -hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, A +verlangt+ also, -+erheischt+, +erfordert+ B. Das ist die vernünftige und berechtigte -Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das Wort +Bedingung+. Die -Aufführung der Oper +bedingt+ großen Aufwand -- das versteht jedermann; -es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der -Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung. - -Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne von +bewirken+ und -den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (+schaffen+, +erzeugen+, -+hervorbringen+, +hervorrufen+, +verursachen+, +zur Folge haben+). -A +bedingt+ B -- das heißt dann: A +ist die Ursache+ von B. B -+wird+ durch A +bedingt+ heißt: B +ist die Folge+ von A. Wie dieser -Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich, es ist -schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu -dem der Hervorbringung soll werden können. - -Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der -passivischen Anwendung des Wortes. B +wird+ durch A +bedingt+ -- das -heißt nicht bloß: B +wird+ durch A +bewirkt+, sondern B wird +nur+ (!) -durch A +bewirkt+, es kann durch nichts andres entstehen als durch A, -also mit andern Worten: B +hat+ A +zur Voraussetzung+. Und da wären -wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt. -Denn wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt: A hat B zur -Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung -von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit -dem Satze ausgedrückt werden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird -durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgiltig ist, -ob jemand sagt +bedingen+ oder +bedingt werden+, so ist das doch die -vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt. -Geschrieben wird: Glück +wird+ durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ -- -die Zulassung zur Fakultät +wurde+ durch den Magistergrad +bedingt+, -also aktiv ausgedrückt: Leistungsfähigkeit +bedingt+ Glück -- der -Magistergrad +bedingte+ die Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber: -Glück +bedingt+ (d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit -- -die Zulassung zur Fakultät +bedingte+ (d. h. war nicht zu erlangen -ohne) den Magistergrad. - -Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen Gebrauch von -+bedingen+ etwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung -davon hat, daß zwei Dinge in irgendeinem ursächlichen Zusammenhange -stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen -Zusammenhang klarzumachen, so sagt er: das eine Ding +bedingt+ -das andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ober -sagt: Kraft +bedingt+ Wärme oder: Wärme +bedingt+ Kraft, ist ganz -gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken. - -Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine -so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es -vor fünfzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen -Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist -das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer -Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen -solchen Reichtum! -- Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn -zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung -stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen, -verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesem -+bedingen+ zuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern -nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der -zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens. - - -Richtigstellen und klarlegen - -Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mit +bedingen+, -diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst -sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas -vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man -sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich -die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mit +stellen+ -und +legen+, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind. -Stellen und legen -- dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das -macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehr +befriedigt+, -sondern +zufriedengestellt+, nichts mehr +vollendet+, +berichtigt+, -+gesichert+, +geklärt+, sondern alles wird +fertiggestellt+, -+richtiggestellt+, +sichergestellt+, +klargestellt+, +klargelegt+, -+festgelegt+ usw. Der Nervenarzt spricht sogar von +Ruhigstellung+ des -Gehirns, statt von +Beruhigung+. Oder soll das Gehirn in dem Sinne -+ruhig gestellt+ werden, wie die Suppe +warm+ und der Wein +kalt -gestellt+ wird? - -Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine -gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Bei +richtigstellen+ soll man wohl -nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das -falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung -gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander -geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich, -kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt -oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was soll -+fertigstellen+ sein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts -andres bedeuten, als eine Sache so lange hin und her rücken, so -lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie -- steht. Das will man -aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach für +fertigmachen+, -+beendigen+ oder +vollenden+ gebraucht; von einem Romanmanuskript, -einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal -oder einem Straßenpflaster heißt es: es ist +fertiggestellt+.[168] -Ganz törichte Wörter sind +klarlegen+ und +klarstellen+. Klar kann in -sinnlicher Bedeutung nur von der Luft und von Flüssigkeiten gebraucht -werden.[169] Wie soll man die auf eine feste Unterlage +legen+ oder -+stellen+? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nach +freistellen+ -und +bloßstellen+, +freilegen+, +bloßlegen+ und +lahmlegen+. Gerade -diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sind +sie+ -gebildet! Wie anschaulich wird gesagt: den Dom +freilegen+ (nämlich -durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schaden +bloßlegen+ -- -unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite -legt, bis der verletzte Knochen +bloßliegt+, oder: einen in seiner -Tätigkeit +lahmlegen+ -- denn wer gelähmt ist, der ist ja zum +Liegen+ -verurteilt! Besser ist +festlegen+ gebildet; man redet z. B. davon, -daß die Ostertage +festgelegt+ werden sollen. Bisher hatten wir nur -+feststellen+ und +festsetzen+, aber beides drückt doch das nicht recht -aus, was man sagen will: etwas bewegliches gleichsam aufschrauben, daß -es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens -bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht -nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft von +festlegen+ sucht. -Das Neueste ist -- +leerstellen+ und +offenstellen+. Ein Leipziger -Baubeamter schreibt: den Bewohnern ist schon gekündigt; sowie die -Gebäude +leergestellt+ sein werden, sollen sie +zum Abbruch gebracht+ -(!) werden. Und ein Zeitungschreiber berichtet: Fabrikbesitzer haben -Gärten für ihre Arbeiter geschaffen, aber auch für die übrigen Bewohner -+offen gestellt+. Natürlich, die guten Wörter +räumen+ und +öffnen+ -sind den Leuten nicht eingefallen; aber sie haben einmal davon gehört, -daß ein Haus +leer steht+ und ein Garten +offen steht+, da muß man sie -doch auch +leer stellen+ und +offen stellen+ können. Und so wird die -Stellerei wohl fröhlich weitergehen. - - -Fort oder weg? - -Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbium -+weg+ zu verdrängen und überall +fort+ an seine Stelle zu setzen sucht. -Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das -Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen. - -Unleugbar gibt es eine Anzahl von Zeitwörtern, bei denen es keinen -fühlbaren Unterschied macht, ob sie mit +weg+ oder mit +fort+ -zusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer, -bei denen bisher in der Anwendung von +weg+ und +fort+ nicht bloß ein -feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist, -den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten. -+Fort+ nämlich (verwandt mit +vor+ und +vorn+) steht in dem Sinne von -+vorwärts+, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch -nicht genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch -von der Zeit gebraucht. +Weg+ dagegen (dasselbe wie +Weg+) wird nur -räumlich gebraucht und bedeutet: +aus dem Wege+, +auf die Seite+, wobei -man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen -will, kann sagen: mein Koffer ist glücklich +fort+, in einer Stunde -fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann -nicht fahren, mein Koffer ist +weg+. In einer Volksmasse wird jemand -mit +fortgerissen+, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung -wird jemand +fortgerissen+, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns -der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wird -+weggerissen+. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht, -kommt sich anfangs wie +weggesetzt+ vor, aber nicht wie +fortgesetzt+. -Der Bruder sagt zur Schwester: +setze+ deine Malerei (das Malgerät) -jetzt +weg+, wir wollen Klavier spielen: nach einer Stunde aber: es -ist genug, +setze+ deine Malerei (das Malen) nun +fort+. Wenn ich ein -Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperling dargestellt ist, so kann ich -den Sperling +weglassen+; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in -der Hand habe, so kann ich ihn +fortlassen+. Auf sumpfiger Landstraße -kann man schlecht +fortkommen+, aber bei einem gewagten Geschäft kann -man schlecht +wegkommen+. Von zwei Hunden, die aus +einem+ Napfe -saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen alles -+weggesoffen+; ein bekannter § 11 aber lautet: es wird +fortgesoffen+. -Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann, -ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden, +weg+ sei -gemein, +fort+ sei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die -beiden letzten Sätze der Symphonie wurden +fortgelassen+ -- wo wurden -sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sind +fortgebrochen+ -worden -- wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bild -+fortgeschlossen+ -- der Damm wurde durch Überschwemmung +fortgerissen+ --- es ist eine nicht +fortzuleugnende+ (!) Tatsache -- ich habe darüber -+fortgelesen+ (!) -- meine Bleistifte +kommen+ mir immer +fort+ (!) --- er hat mir meine Mütze +fortgenommen+ (!) -- so ist es richtig -Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es nach. -Vielleicht +setzt+ man +sich+ auch noch über einen schweren Verlust -+fort+ oder spricht sich +fortwerfend+ über jemand aus, und in den -Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem -Kameraden: ihn hat es +fortjerissen+, er liegt mir vor den Füßen. - - -Schwulst - -Daß die Sprachmode wie die Kleidermode auch den Schwulst liebt, ist -kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt, -aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke, -ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit -auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen -Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da -wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nicht +sein+, +haben+, -+können+, +kommen+, +geben+, +sehen+, sondern +sich befinden+ (z. B. -in großer Verlegenheit), +besitzen+, +vermögen+ (die Hälfte der -Bevölkerung +vermag+ weder zu lesen noch zu schreiben), +gelangen+, -+verleihen+ (Ausdruck wird immer +verliehen+, nicht +gegeben+), -+erblicken+. Und doch, wie unpassend ist das oft! +Erblicken+ z. B. -bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl. S. -355), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben -oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl -nach ihm umgesehen, endlich +erblickte+ ich ihn. Aber: ich +erblicke+ -darin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zu -+erblicken+ -- wie jetzt immer geschrieben wird --, oder: die meisten -haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des -Freimaurertums zu +erblicken+ -- ist doch sinnwidrig; denn hier -handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht, und die kann nur durch das -schlichte, einfache +sehen+ ausgedrückt werden. - -Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise -durch eine Redensart umschrieben wird, wie +Folge leisten+, +Verzicht -leisten+, +Abbitte leisten+ u. ähnl., oder durch eine schleppende -Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehr +eingenommen+ und -+ausgegeben+, sondern nur noch +vereinnahmt+ und +verausgabt+. Die -Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hoch +angeschlagen+, -sondern +veranschlagt+. Prozente werden nicht +abgezogen+, sondern -+verabzugt+, Porto wird nicht +ausgelegt+, sondern +verauslagt+, und -ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklich +angelegt+, -sondern +beanlagt+ oder +veranlagt+. Lauter fürchterliche Wörter -- -aus dem Zeitwort ist ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort -dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer als -+beauftragt+, +beaufsichtigt+ (vgl. +Aufseher+), +beansprucht+ (statt -+angesprochen+), +bevorzugt+ (statt +vorgezogen+), +beeinflußt+, -+bewerkstelligt+ (man überlege sich einmal, was +Werkstelle+ heißt!), -Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem -ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich -gewesen sind wie für uns heute +vereinnahmt+ und +verauslagt+; aber -es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußt zu werden. Auch in der -Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich -manche nicht genug tun. Da wird ein Stipendium nicht +ausgezahlt+, -sondern +ausbezahlt+, da werden +anlangen+ und +betreffen+ beide -zu +anbelangen+ und +anbetreffen+ verlängert, man +lebt sich+ in -einen Gedanken +hinein+ (statt +ein+), man führt ein Musikwerk +mit -Hinweglassung+ des Chors auf (statt: +ohne+ Chor), vor allen Dingen -aber +bildet sich+ nichts mehr +aus+, sondern alles bildet sich -+heraus+: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich -bei der Kirche die Sitte +herausgebildet+ usw. Woherrraus denn? -Der Ausdruck hat etwas so gewaltsames, daß man die Sitte wie aus -einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüche -+hinausgebracht+ und einem ein paar Hiebe +hinaufgezählt+. Und welcher -Schwulst, wenn jedes +auch+ durch +ebenfalls+ oder +gleichfalls+, jedes -+viel+ durch +zahlreich+, jedes +oft+ durch +häufig+, jedes +nur+ durch -+lediglich+, jedes +viel+ vor dem Komparativ (+viel+ weniger) durch -+bedeutend+, +unvergleichlich+, +unverhältnismäßig+ oder womöglich gar -+unendlich+ ersetzt, jedes +sehr+ und +mehr+ umschrieben wird durch: -+in hohem Grade+, +in ausgedehntem Maße+, +in höherm Grade+, +in -erhöhtem Maße+, jedes +so+ durch: +auf diese Art und Weise+, wenn für -+näher+, +weiter+, +länger+, +breiter+, +öfter+ immer geschrieben wird: -+des nähern+ (oder gar +näheren+), +des weitern+, +des längern+, +des -breitern+, +des öftern+, oder wenn jemand Bericht erstattet nicht +als+ -Rektor oder Vorsitzender, sondern +in seiner Eigenschaft als+ Rektor, -+in seiner Eigenschaft als+ Vorsitzender, wenn +schwere+ Bedenken oder -Vorwürfe zu +schwerwiegenden+ Bedenken und Vorwürfen, eine +schwere+ -Aufgabe zu einer +mit Schwierigkeiten verbundnen+, eine +erste+ -Aufführung und eine +erste+ Einrichtung zu +erstmaligen+ gemacht werden -(die +erstmalige+ Zusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in -Leipzig statt),[170] oder wenn immer von +Vorahnung+, +Voranschlag+, -+Vorbedingung+, +Rückerinnerung+, +Beihilfe+, +Herabminderung+ geredet -wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein -Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte! -Wie der Schwulst immer mehr zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen: -der Fall +ist+ sehr verwickelt -- der Fall +liegt+ sehr verwickelt --- der Fall +ist+ sehr verwickelt +gelagert+ -- die +Lagerung+ des -Falls +ist+ sehr verwickelt -- die +Lagerung+ des Falls +ist eine+ -sehr verwickelte. Weiter gehts nicht! In solchem Deutsch spricht man -aber jetzt mit Vorliebe in Vereinsversammlungen, schreibt man in -Jahresberichten, ja man unterhält sich darin schon am Biertisch, denn -so schreiben die Leitartikelschreiber und die Reporter des Lokalblatts, -und das sind ja die Lehrmeister des Volks auch in Sprachdingen. - - -Rücksichtnahme und Verzichtleistung - -Erzeugnisse des Sprachschwulstes sind unter den Substantiven besonders -die Zusammensetzungen mit +nahme+, die in neuerer Zeit so beliebt -geworden sind: +Parteinahme+, +Stellungnahme+, +Rücksichtnahme+, -+Einsichtnahme+, +Anteilnahme+, +Abschriftnahme+, sogar +Einflußnahme+ -und +Rachenahme+! Einige dieser Bildungen sind ganz überflüssig. -Oder könnte es wirklich mißverstanden werden, wenn jemand sagt: er -handelte ohne +Rücksicht+ auf seine Freunde -- lege mir die Papiere zur -+Einsicht+ vor -- ich erhielt von ihm die Tafeln zur +Abschrift+? Wozu -das -+nahme+? Offenbar soll es die Handlung ausdrücken. Aber die liegt -doch schon in +Rücksicht+, +Einsicht+ und +Abschrift+, fühlt man das -gar nicht mehr? Recht töricht ist +Einflußnahme+, denn Einfluß hat man -entweder, oder man gewinnt ihn, man kann ihn auch zu gewinnen suchen, -sich ihn sogar anmaßen, aber man „nimmt“ ihn nicht. +Anteilnahme+ (in -Leipzig +Ahnteilnahme+ ausgesprochen) ist nichts als eine häßliche -Verbreiterung von +Teilnahme+. Man scheint sich jetzt einzubilden, -+Teilnahme+ sei auf traurige Ereignisse, Unglücksfälle, Todesfälle -u. dgl. zu beschränken, in allen andern Fällen müsse es +Anteilnahme+ -heißen. Ein vernünftiger Grund zu einer solchen Unterscheidung liegt -nicht vor. Es wäre doch lächerlich, wenn nicht auch bei einem freudigen -Ereignis meine +Teilnahme+ genügte; +Parteinahme+ und +Stellungnahme+ -scheinen auf den ersten Blick unentbehrlich zu sein, aber doch nur -deshalb, weil man immer in ein Substantiv zusammenquetschen zu müssen -glaubt, was man mit dem Verbum sagen sollte. - -Wie mit +Rücksichtnahme+ aber verhält sichs auch mit +Hilfeleistung+ -und +Verzichtleistung+; +Hilfe+ und +Verzicht+ sagen genau dasselbe. - - -Anders, andersartig und anders geartet - -Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen -Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als -ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art, -die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch -besonders ausdrücken zu müssen, indem man das Wort +Art+ zu Hilfe -nimmt. Bildungen wie +gutartig+, +bösartig+ und +großartig+ sind ja -schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich -von dem einfachen +gut+, +böse+ und +groß+ unterscheidet, wiewohl -zwischen einem +bösen+ Hund und einem +bösartigen+ Hund, einer +großen+ -Auffassung und einer +großartigen+ Auffassung ein recht geringer -Unterschied ist. Aber schon +fremdartig+ und +verschiedenartig+ ist -doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung von +fremd+ und -+verschieden+. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man -sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschen +fremd+ -- oder wenn man -Gaslicht und elektrisches Licht +verschiednes+ Licht nennt? Vollends -unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodische -+andersartig+ für +anders+. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen, -wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist -eine ganz +andre+ als die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., was S. 370 -über +eigen+ und +eigenartig+ gesagt ist.) - -Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen von -+artig+ -- es scheint das noch nicht schwülstig genug zu sein --, -sondern hat das herrliche Partizip +geartet+ erfunden und schreibt nun -nicht bloß von einer +anders gearteten+ Zeit und +anders gearteten+ -Verhältnissen, sondern auch von einer +so gearteten+ Begabung (statt -von einer +solchen+), von +ähnlich gearteten+ Unternehmungen (statt von -+ähnlichen+) usw. Ist der heutige Sextaner +anders geartet+ als der -frühere? -- man sah der Ausführung zwar mit +anders gearteter+, aber -nicht geringerer Spannung entgegen -- wären alle Deutschen Österreichs -+so geartet+ wie die Siebenbürger Sachsen -- das Schöffengericht hat in -einem ganz +ähnlich gearteten+ Falle auf Freisprechung erkannt (vgl. S. -408 den +gelagerten+ Fall!) -- mit der besondern Veranlassung war auch -eine +besonders geartete+ Zuhörerschaft gegeben -- so spreizt man sich, -und dabei ist man womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den -Unterschied zwischen +ähnlich+ und +ähnlich geartet+ ausgediftelt hat. - -Vielleicht erleben wirs noch, daß auch +anders geartet+ nicht mehr -genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst -schöpfen, ist eine ganz +andersartig geartete+ als diejenige, welche -(!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten -Willen nicht genudelt werden. - - -Haben und besitzen - -Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und -aus bloßer Neigung zur Breite durch ein längeres ersetzt, zeigt am -besten der heutige Mißbrauch von +besitzen+ für +haben+. Auch er ist, -wie der Mißbrauch des Zeitworts +bedingen+ (vgl. S. 398), zu völliger -Verrücktheit ausgeartet. - -Die Grundbedeutung von +haben+ ist +halten+, +in der Hand haben+. -Aus ihr hat sich dann leicht die des Eigentums, des Besitzes -entwickelt, wie sie deutlich in +Habe+ vorliegt. Aber damit ist die -Anwendung des Wortes nicht erschöpft: mit +haben+ läßt sich fast -jeder denkbare Zusammenhang, jedes denkbare Verhältnis zwischen zwei -Dingen ausdrücken. +Besitzen+ dagegen bedeutet ursprünglich +auf -etwas sitzen+. Das erste, was der Mensch „besaß“, war unzweifelhaft -der Grund und Boden, auf dem er saß. Noch im siebzehnten Jahrhundert -„besaß“ der Richter die Bank, der Reiter das Pferd, die brütende -Henne die Eier. Vom Grund und Boden ist das Wort dann auf andre Dinge -übertragen worden, die unser Eigentum sind, vor allem auf das Haus, -das auf dem Grund und Boden errichtet ist -- auch dieses „besitzt“ man -noch im eigentlichen Sinne des Wortes, man sitzt darin, man ist Insasse -des Hauses --, dann auch auf alle fahrende Habe, auf allen Hausrat und -endlich auf das liebe Geld. Damit ist aber die sinngemäße Anwendung des -Wortes erschöpft. - -Bedenklich ist es schon, Kinder als Besitztum der Eltern zu bezeichnen: -er +besaß+ vier +Kinder+, zwei Söhne und zwei Töchter. Eltern -+haben+ Kinder, aber sie +besitzen+ sie nicht. Dasselbe gilt von dem -Verhältnis des Herrn zum Diener, des Herrschers zu den Untertanen, -des Freundes zum Freunde. Es ist abgeschmackt, zu schreiben: er hatte -viele sympathische Züge, und doch +besaß+ er keinen +Freund+. Wer die -Abgeschmacktheit nicht fühlen sollte, der kehre sich die Verhältnisse -um; wenn Eltern Kinder, ein Herrscher Untertanen „besitzt“, dann -„besitzen“ auch Kinder Eltern und Untertanen einen Herrscher. In der -Tat schrickt man auch vor solchem Unsinn schon nicht mehr zurück; man -schreibt: er +besaß Eltern+, die töricht genug gewesen waren, in seinen -Kinderjahren die Keime der Genußsucht in seinem Herzen zu pflegen -- -Tycho Brahe +besaß+ auch entfernte +Verwandte+ in Schweden -- wir -+besitzen+ in unsrer Verwandtschaft einen berühmten +Astronomen+ -- -Preußen +besitzt+ in den Hohenzollern ein +Herrschergeschlecht+, um -das es jedes andre Land beneiden kann. Ist das richtig, dann kann man -schließlich auch einen Onkel, einen Großvater, einen Gönner, einen -Widersacher „besitzen“, eine Stadt kann einen Bürgermeister, eine -Kompagnie einen Hauptmann „besitzen“.[171] - -Ebenso bedenklich ist es, einen Teil unsers eignen Selbst, also -entweder den Körper oder den Geist oder einen Teil des Körpers als -unser Besitztum zu bezeichnen und zu schreiben: er +besaß+ einen -kräftigen, wohlgebauten +Körper+ -- sie +besaß+ eine feine, schmale, -wohlgepflegte +Hand+ (in Romanen sehr beliebt!) -- ein Kind, das -ganz normal entwickelt ist, aber leider keine +Augen besitzt+ -- ich -habe dir treu gedient, ohne daß du ein +Auge+ dafür +besaßest+ -- er -+besaß+ ein +Ohr+ für den Pulsschlag der Zeit -- die Soldaten möchten -bedenken, daß die Schwarzen auch ein +Herz besäßen+. Derselbe Fall ist -es, wenn Bestandteile einer Sache als Besitztum der Sache bezeichnet -werden, z. B.: die Peterskirche +besitzt+ eine Menge kleiner +Türmchen+ --- der Turm +besitzt+ auf jeder Seite eine +Uhr+ -- das Stück -+besitzt+ fünf +Akte+ -- das Werk +besitzt+ über 100 +Abbildungen+ --- die spanisch-maurischen Fayencen +besaßen+ eine +Zinnglasur+ -- -das Buschweidenröschen +besitzt+ einen unterirdischen wurzelartigen -+Stengel+ -- diese Schaftstiefel +besitzen+ +Doppelsohlen+, oben von -Leder, unten von Blech -- wir reden von Fensterscheiben, die doch meist -vier +Ecken besitzen+. - -Unzählig aber sind nun die Fälle, wo gar äußere oder innere -Eigenschaften einer Person oder Sache, Zustände, Empfindungen, -Geistestätigkeiten und ähnliches unsinnigerweise als Besitztum der -Person oder Sache hingestellt werden. Da schreibt man z. B: dieser -Orden wird auch an solche Leute verliehen, die keinen +Hofrang -besitzen+ -- er +besaß+ eine auskömmliche +Stellung+ -- Herr R. +besaß+ -damals ein +Engagement+ in Leipzig -- so wenig wird man begriffen, -wenn man die +Eigenschaften+ des Künstlers +besitzt+ -- K. +besitzt+ -dazu weder das reife, ruhige +Urteil+, noch die nötige +Sachlichkeit+, -ja auch die nötige +Wahrheitsliebe+ -- unsre Juden +besitzen+ nicht -die +Feinheit+ der Empfindung, vor dieser deutlichen Ablehnung -zurückzutreten -- einige Tanzweisen der nordischen Völker +besitzen+ -mit denen der alten Deutschen große +Ähnlichkeit+ -- der hochgeehrte -Rat wolle die +Güte besitzen+, unser Gesuch wohlwollend in Erwägung -zu ziehen -- das moderne Theater +besitzt+ einen ganz bestimmten -+Charakter+ -- entscheidend ist die Frage, ob die bedeutendern -Künstler diese +Kennzeichen+ des Klassizismus +besitzen+ oder nicht --- die +Bedeutung+, die in der Entwicklung Englands die normannische -Eroberung +besitzt+ -- die Reise des Kaisers nach London scheint eine -politische +Bedeutung+ zu +besitzen+ -- fast alle englischen Offiziere -+besitzen Spitznamen+ -- beide Bauten +besitzen+ einen langgestreckten, -rechteckigen +Grundriß+ -- diese epochemachende Camera +besitzt+ -folgende +Einrichtung+ -- der Mann +besitzt+ die stattliche +Größe+ von -2,26 Metern -- die Passage +besitzt+ eine +Länge+ von dreiundvierzig -Metern -- die Zigarre +besitzt+ einen schönen, angenehmen +Brand+ --- dieser Fleischextrakt +besitzt+ den +Wohlgeschmack+ des frischen -Fleisches -- diese Sprachen +besaßen+ nur die +Stellung+ von Mundarten --- man muß sich bewußt bleiben, daß diese Unterscheidung keinen -theoretischen, sondern nur einen praktischen +Wert besitzt+ -- der -Name dieses Künstlers +besitzt+ für uns alle einen vertrauten +Klang+ --- das Genie +besitzt+ eine +Verwandtschaft+ mit dem Wahnsinn -- -priesterlicher Gesang kann nicht die +Töne besitzen+, aus denen -das leise Erzittern des frommen Herzens spricht -- für die moderne -Revolution +besitzen+ Dichter und Denker kaum eine geringere -+Bedeutung+ als die Männer der Tat -- man +besitzt+ in Preußen volles -+Verständnis+ für den sächsischen Standpunkt -- wir +besitzen+ an -einer Vermehrung der Streitkräfte unsrer Nachbarn nicht das geringste -+Interesse+ -- die Landstreicher zerfallen (!) in solche, deren Streben -darauf gerichtet ist, bald wieder Arbeit zu finden, und solche, die -dieses +Streben+ nicht +besitzen+ -- die meisten Menschen +besitzen+ -den sehnlichen +Wunsch+, möglichst lange zu leben -- die Behörden -+besaßen+ keine +Ahnung+ von den ihnen obliegenden Pflichten -- wer mit -dem Volksleben nicht die geringste persönliche +Fühlung besitzt+ -- er -+besaß+ die moralische +Überzeugung+ von ihrer Unschuld -- er hatte -die Kühnheit, eine eigne +Meinung+ zu +besitzen+ (warum nicht auch: -er +besaß+ die +Kühnheit+?) -- zu dem praktischen Blick seiner Mutter -+besaß+ er unbedingtes +Vertrauen+ -- die Neuberin +besaß+ jedenfalls -mehr +Begeisterung+ für die Kunst als Pollini -- jeder Preuße, der -die +Befähigung+ zu den Gemeindewahlen +besitzt+ -- die Erde +besitzt -Raum+ genug für den Wettkampf der zwei germanischen Völker (Schiller: -+Raum+ für alle +hat+ die Erde!) -- Leute, die gern Konjekturen machen, -+besitzen+ hier ein ergiebiges +Arbeitsfeld+ -- wir +besitzen+ hier -einen zuverlässigen +Ausgangspunkt+ -- nun erst +besaßen+ die Künstler -den +Malgrund+, auf dem sie bequem arbeiten konnten -- da er keine -Beweise vorgebracht hat, muß man annehmen, daß er keine +Beweise besaß+ --- gegen die Diphtheritis +besitzen+ die Naturärzte eine +Behandlung+ -von ausgezeichnetem Heilerfolg -- der Entschlafne +besitzt+ ein volles -+Anrecht+ darauf, daß wir ihn durch Worte dankbarer Erinnerung ehren -- -die Fortbildungsschüler müssen noch eine Menge Dinge lernen, in denen -sie schon +Übung besitzen+ sollten -- das Konsistorium wird hoffentlich -die +Konsequenz besitzen+ (so konsequent sein!), ebenfalls aus dem Amte -zu scheiden -- es traten Persönlichkeiten auf, die zum Klagen nicht den -geringsten +Grund besaßen+. In Leipzig kann man sogar schon auf der -Straße hören: Nee, so ’ne +Frechheet+ zu +besitzen+! - -Ein Recht auf eine Sache kann gewiß unter Umständen als eine Art -wertvollen Besitztums aufgefaßt werden. Dasselbe gilt von Kenntnissen -und Fertigkeiten. Aber das meinen doch die gar nicht, die gedankenlos -so etwas hinschreiben, wie daß der Entschlafne (!) ein Anrecht auf -dankbare Erinnerung „besitze“. +Haben+ kann auch ein Entschlafner noch -alles mögliche, +besitzen+ kann er schlechterdings nichts mehr. Aber -auch der Lebende kann alle die andern schönen Dinge, wie Begeisterung, -Streben, Interesse, Verständnis, Vertrauen, Kühnheit, „Frechheet“, wohl -haben, aber nicht besitzen. +Güte haben+ ist ja nur eine verbreiternde -Umschreibung von +gut sein+, +Ähnlichkeit haben+ eine Umschreibung von -+ähnlich sein+. Das sind aber Eigenschaften, keine Besitztümer. - -Vollends lächerlich ist es, wenn Eigenschaften oder Zustände, die -einen Schaden oder Mangel bilden, als Besitztümer bezeichnet werden. -Und doch wird auch geschrieben: das +Leiden+, das +er besaß+, war eine -Blasenfistel -- beim Verhör stellte sich heraus, daß er eine tiefe -+Wunde+ am Jochbein sowie eine +Schußwunde+ oberhalb der Herzgegend -+besaß+. Ja sogar Schulden werden als Besitztum hingestellt: das Reich -und die Einzelstaaten +besitzen+ gegenwärtig etwas über zehn Milliarden -+Staatsschulden+. Nettes Besitztum! - -Aber auch das bloße Dasein, Vorhandensein, Bestehen einer Sache -an irgendeinem Orte, in einem bestimmten örtlichen Umkreis oder -sonstigen Bereich läßt sich wohl mit +haben+ ausdrücken, aber nicht -mit +besitzen+. In Leipzig +sind+ sechs Bahnhöfe, oder: in Leipzig -+gibt es+ sechs Bahnhöfe -- dafür kann man auch sagen: Leipzig +hat+ -sechs Bahnhöfe. Aber zu schreiben: Leipzig +besitzt+ sechs +Bahnhöfe+ --- ist Unsinn. Leipzig besitzt eine Anzahl Waldungen, Rittergüter, -auch öffentliche Gebäude, aber seine sechs Bahnhöfe +hat+ es nur. -Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, wenn die Angabe des -Ortes wegfällt und nur gesagt werden soll, daß eine Sache überhaupt -da sei. Anstatt: es ist das die älteste +Nachricht+, die es hierüber -+gibt+ -- kann man auch sagen: es ist das die älteste +Nachricht+, -die wir hierüber +haben+, wir, nämlich alle, die sich mit der Sache -beschäftigen. Welch törichtes Gespreiz aber, dafür zu schreiben: es ist -das die älteste +Nachricht+, die wir darüber +besitzen+ -- Weltrichs -Buch ist die beste wissenschaftliche +Biographie+ Schillers, die wir -+besitzen+ -- Minors Kommentar bedeutet (!) das Beste, was wir bis -jetzt über den Faust +besitzen+. - -Die Neigung, +besitzen+ zu schreiben, wo +haben+ gemeint ist, ist -freilich nicht von heute und gestern, sie findet sich schon im -achtzehnten Jahrhundert. Man denke nur an die Worte des Schülers im -Faust: - - Denn was man schwarz auf weiß +besitzt+, - Kann man getrost nach Hause tragen, - -oder an den Goethischen Spruch: - - Wer Wissenschaft und Kunst +besitzt+, - +Hat+ auch Religion; - Wer jene beiden nicht +besitzt+, - Der +habe+ Religion. - -Sieht man sich aber die Stellen, wo so geschrieben ist, näher an, -so sieht man, daß es meist mit Absicht geschehen ist, weil eben die -Sache, um die sichs handelt, als eine Art von Besitztum hingestellt -werden soll, oder es ist der Abwechslung, des Reims, des Rhythmus -wegen geschehen.[172] Zur gedankenlosen Mode ist es erst in unsrer -Zeit ausgeartet. Nun hat es aber auch so um sich gegriffen, daß man -auf alles gefaßt sein muß. Es ist gar nicht undenkbar, daß wir noch -dahin kommen, daß einer auch Recht oder Unrecht, Glück oder Unglück -+besitzt+, eine Pflicht oder Verpflichtung +besitzt+, Zeit zu einer -Arbeit, Lust zu einer Reise +besitzt+, Hunger oder Durst +besitzt+, -schlechte Laune +besitzt+, das Scharlachfieber +besitzt+, einen Floh -+besitzt+ usw. - - -Verbalsurrogate - -Zum Sprachschwulst gehört auch die immer weiter fressende, kaum noch -irgendeinen Tätigkeitsbegriff verschonende Umschreibung einfacher -Zeitwörter durch +ziehen+ und +bringen+ im Aktiv, +gezogen+ oder -+gebracht werden+, +kommen+, +gelangen+ und +finden+ im Passiv. -Nichts wird mehr +erwogen+, +überlegt+, +erörtert+, +betrachtet+, -+berücksichtigt+, sondern alles wird +in Erwägung+, +in Überlegung+, -+in Erörterung+, +in Betracht+, +in Berücksichtigung gezogen+. Nichts -wird mehr +vorgelegt+, +vorgetragen+, +aufgeführt+, +dargestellt+, -+wiederhergestellt+, +ausgeführt+, +durchgeführt+, +angeregt+, -+angerechnet+, +vorgeschlagen+, +angezeigt+, +verkauft+, +verteilt+, -+versandt+, +ausgegeben+, +angewandt+, +erledigt+, +entschieden+, -+erfüllt+, sondern alles wird +zur Vorlage gebracht+, +zum Vortrag -gebracht+, +zur Aufführung+ oder +zur Darstellung gebracht+, +zur -Ausführung+ oder +zur Durchführung gebracht+, +in Anregung+, +in -Anrechnung+, +in Vorschlag gebracht+, +zur Anzeige+, +zum Verkauf+, -+zur Verteilung+, +zur Versendung gebracht+, +zur Ausgabe+, -+zur Anwendung+, +zur Erledigung+, +zur Entscheidung+, +zur -Erfüllung gebracht+, oder es +kommt+ oder +gelangt zum Vortrag+, -+zur Aufführung+, +zur Wiederherstellung+, +in Vorschlag+, +zur -Anzeige+, es +findet Anwendung+, +Erledigung+. Ein Personenzug -+kommt zur Ablassung+, ein Buch +gelangt zum Druck+, und dann -+gelangt es zur Ausgabe+, das Kommißbrot +gelangt zum Verzehr+ (!). -Eine Bürgermeisterstelle wird nicht +ausgeschrieben+, sondern zur -+Ausschreibung gebracht+; selbst von Häusern, die infolge einer -Überschwemmung +eingestürzt+ sind, heißt es, sie seien +zum Einsturz -gebracht+ worden. Die Train-Depot-Offiziere +fallen+ nicht +weg+, -sondern sie +gelangen zum Fortfall+ (!). Grund und Boden +gelangt zur -Aufforstung+, alte Schiffe +gelangen zur Außerdienststellung+, Rinder -und Schweine +gelangen zur Schlachtung+, eine Stadtkassenrechnung -+gelangt+ bei den Stadtverordneten zur +Richtigsprechung+, ja sogar -eine Ratsvorlage zur +Ablehnung+ (als ob es Ziel und Bestimmung -der Ratsvorlagen wäre, abgelehnt zu werden), und wenn die -Straßenbahndirektion ihren Fahrpreis herabsetzt, so macht sie bekannt: -Wir +bringen+ hiermit +zur Kenntnis+, daß der seither giltige Fahrpreis -von 15 Pfennigen +in Wegfall kommt+ und der neue Tarifsatz von 10 -Pfennigen +zur Erhebung gelangt+. - -Zum Schwulst gesellt sich aber hier noch etwas andres: die höchst -bedenkliche Neigung, den Verbalreichtum der Sprache gleichsam auf ein -paar Formeln abzuziehen, die alles Flektieren überflüssig machen. -Wer von diesen sechs oder sieben Verbalsurrogaten glücklich noch -ein Tempus und einen Modus bilden kann, der braucht sich nicht mehr -mit Ablautreihen und schwankenden Konjunktivformen zu plagen. Wie -sich das Französische für das Futurum ein Surrogat geschaffen hat in -seinem ~avoir~ mit dem Infinitiv, wie das Deutsche auf dem besten -Wege ist, sich für den Konjunktiv des Imperfekts ein Surrogat zu -schaffen in +würde+ mit dem Infinitiv, so ersetzen wir vielleicht in -hundert Jahren das Verbum überhaupt durch +bringen+ und +gelangen+ mit -einem Substantiv und sagen: ~propono~, ich +bringe+ in Vorschlag -- -~proponor~, ich +komme+ in Vorschlag. - - -Vermittelst, mit Zuhilfenahme von - -Unrettbar dem Schwulst verfallen sind unsre Präpositionen. Als -Präpositionen gebrauchte man früher eine Menge kleiner Wörtchen, die -aus zwei, drei, vier Buchstaben bestanden. In unsern Grammatiken findet -man sie auch jetzt noch verzeichnet, dieses lustige kleine Gesindel: -+in+, +an+, +zu+, +aus+, +von+, +auf+, +mit+, +bei+, +vor+, +nach+, -+durch+ usw.; in unserm Amts- und Zeitungsdeutsch aber fristen sie -nur noch ein kümmerliches Dasein, da sind sie verdrängt und werden -immer mehr verdrängt durch schwerfällige, schleppende Ungetüme wie: -+betreffs+, +behufs+, +zwecks+, +seitens+, +angesichts+, +mittelst+, -+vermittelst+, +vermöge+, +bezüglich+, +hinsichtlich+, +rücksichtlich+, -+einschließlich+, +ausschließlich+, +anläßlich+, +gelegentlich+, -+inhaltlich+, +ausweislich+, +antwortlich+, +abzüglich+, +zuzüglich+, -+zusätzlich+, +vorbehältlich+ usw. Wie lange wird es dauern, so wird -in unsern Grammatiken auch der Abschnitt über die Präpositionen -vollständig umgestaltet werden müssen; alle diese Ungetüme werden als -unsre eigentlichen Präpositionen verzeichnet, die alten, wirklichen -Präpositionen in die Sprachgeschichte verwiesen werden müssen. - -Früher wurde einer, der +mit+ einem Messer gestochen worden war, +mit+ -einer Droschke ins Krankenhaus gebracht; so wird auch heute noch --- gesagt. In der Zeitung geschieht es aber nur noch +vermittelst+ -eines Messers und +vermittelst+ einer Droschke. Ein herrliches Wort, -dieses +vermittelst+! Dem Anschein nach eine Superlativbildung, aber -wovon? Ein Adjektivum +vermittel+ gibt es nicht, nur ein Zeitwort -+vermitteln+. Daran ist aber doch bei +vermittelst+ nicht zu -denken. Offenbar ist das Wort in schauderhafter Weise verdorben aus -+mittels+,[173] dem Genitiv von +Mittel+, der in ähnlicher Weise zur -Präposition gepreßt worden ist wie +behufs+ und +betreffs+, zu denen -sich neuerdings noch +zwecks+, +mangels+ und +namens+ gesellt haben --- lauter herrliche Erfindungen.[174] Das Zwischenglied wäre dann -+mittelst+, das es ja auch gibt; fürstliche Personen reisen stets -+mittelst+ Sonderzugs, und ein „Etablissement“, das früher +mit+ -oder +durch+ Gas erleuchtet wurde, wird jetzt natürlich +mittelst+ -Elektrizität erleuchtet, Handelsartikel, die früher +mit+ der Hand -hergestellt wurden, werden jetzt +mittelst+ Maschinen gewonnen; ja es -kommt sogar vor, daß ausgediente Mannschaften +mittelst Musik+ auf den -Bahnhof gebracht werden! - -Daß +zu+ unter anderm auch den Zweck bezeichnet, ist dem Beamten -und dem Zeitungschreiber gänzlich unbekannt. Früher verstand man -es sehr gut, wenn einer sagte: er ist der Polizeibehörde +zur+ -Einsperrung überwiesen worden -- die Nummern sind +zur+ Registrierung -beigefügt; jetzt heißt es nur noch: +behufs+ oder noch lieber +zwecks+ -Einsperrung, +zwecks+ (oder +zum Zwecke+) der Registrierung, +zwecks+ -Feststellung der Krankenkassenbeiträge, +zwecks+ Stellungnahme usw. -+Behufs+ Bildung einer Berufsgenossenschaft -- +behufs+ Wahrung -des Prestiges der italienischen Flagge -- ein Bündnis Englands mit -Rußland +zwecks+ Niederhaltung Deutschlands -- die Leiche wurde -+zwecks+ Verbrennung nach Gotha überführt (!) -- die Bank hat +zwecks+ -Erweiterung ihrer Räume das Nachbarhaus angekauft -- die Schülerinnen -sollen +zwecks+ Schonung ihrer Augen acht Tage vom Unterricht -dispensiert werden und dann +zwecks+ erneuter Untersuchung sich wieder -in der Schule einfinden -- so hufst und zweckeckeckst es durch die -Spalten unsrer Zeitungen. - -Einen Brief fing man früher an: +auf+ dein Schreiben vom 17. teile -ich dir mit --; jetzt heißt es nur noch: +antwortlich+ (oder in -+Beantwortung+ oder +Erwiderung+) deines Schreibens (vgl. S. -173). Früher verstand es jedermann, wenn man sagte: +nach+ der -Betriebsordnung oder +nach+ den Bestimmungen der Bauordnung, +nach+ -dem Standesamtsregister, +nach+ Paragraph 5; das Volk spricht auch -heute noch so. In den Bekanntmachungen der Behörden aber heißt es -nur: +auf Grund+ der Betriebsordnung, +inhaltlich+ der Bestimmungen -der Bauordnung, +ausweislich+ des Standesamtsregisters, und was das -Allerschönste ist: +in Gemäßheit von+ Paragraph 5, +in Gemäßheit+ -des Beschlusses der Stadtverordneten. Also statt einer einsilbigen -Präposition ein so fürchterliches Wort wie +Gemäßheit+, flankiert von -zwei Präpositionen, +in+ und +von+! Früher sagte man: +nach+ seinen -Kräften, +bei+ der herrschenden Verwirrung, +durch+ den billigen -Zinsfuß -- jetzt heißt es: +nach Maßgabe+ seiner Kräfte, +angesichts+ -der herrschenden Verwirrung, +vermöge+ des billigen Zinsfußes. Eine -Festschrift erschien früher +zum+ Geburtstag eines Gelehrten, +beim+ -Jubiläum eines Rektors, +zur+ Enthüllung eines Denkmals, jetzt nur -noch +aus Anlaß+ oder +anläßlich+ des Geburtstags, +gelegentlich+ des -Jubiläums, +bei Gelegenheit+ der Enthüllung. +Bei+ dem Auftreten der -Influenza hat sich gezeigt -- +in+ den Verhandlungen +über+ den Entwurf -wurde bemerkt -- +auf+ der Weltausstellung in Sydney traten diese -Bestrebungen zuerst hervor -- versteht das niemand mehr? Es scheint -so, denn jetzt heißt es: +gelegentlich+ des Auftretens der Influenza --- +gelegentlich+ der über den Entwurf gepflognen (!) Verhandlungen --- +bei Gelegenheit+ der Weltausstellung in Sydney. Für +wegen+ wird -+aus Anlaß+ gesagt: der Botschafter X hat sich +aus Anlaß+ einer -ernsten Erkrankung seiner Gemahlin nach B. begeben. Für +über+ heißt es -+betreffs+ oder +bezüglich+: das letzte Wort +betreffs+ der Expedition -ist noch nicht gesprochen -- die Mitteilung der Theaterdirektion -+bezüglich+ der Neueinstudierung des Don Juan war verfrüht. Früher -verstand es jeder, wenn gesagt wurde: +mit+ der heutigen Versammlung -sind dieses Jahr zehn Versammlungen gewesen, +ohne+ die heutige -neun; jetzt heißt es: +einschließlich+ der heutigen Versammlung, -+ausschließlich+ der heutigen Versammlung. Unsre Kaufleute reden sogar -davon, was eine Ware zu stehen komme, +zuzüglich+ der Transportkosten, -+abzüglich+ der Fracht oder +zusätzlich+ der Differenz, statt: +mit+ -den Transportkosten, +ohne+ die Fracht, +samt+ der Differenz, was -man doch auch verstehen würde, und ein Verein macht bekannt, daß er -den Jahresbeitrag +zuzüglich+ der dadurch entstehenden Kosten durch -Postauftrag erheben werde, statt +samt+ oder +nebst+ den Kosten. Ein -Betrüger ist +mit+ 10000 Mark entflohen -- ist das nicht deutlich? Der -Zeitungschreiber sagt: +unter Mitnahme von+ 10000 Mark! Endlich: +mit -Zuhilfenahme von+, +unter Zugrundelegung von+, +in der Richtung nach+, -+in Höhe von+, +an der Hand von+ (jetzt sehr beliebt: +an der Hand+ -der Statistik), was sind alle diese Wendungen anders als breitspurige -Umschreibungen einfacher Präpositionen, zu denen man greift, weil -man die Kraft und Wirkung der Präpositionen nicht mehr fühlt oder -nicht mehr fühlen will. +Ohne Zuhilfenahme von+ fremdem Material -- -was heißt das anders als: +ohne+ fremdes Material? Der Staatsanwalt -machte +an der Hand+ einer Reihe von Straftaten (!) die Schuld des -Angeklagten wahrscheinlich -- was heißt das anders als: +mit+ oder -+an+ einer Reihe? Ist es nötig, daß in Bekanntmachungen einer Behörde -geschrieben wird, daß ein gewisser Unternehmer eine Kaution +in Höhe -von+ 1000 Mark zu erlegen habe, daß eine Straße neu gepflastert werden -solle +in ihrer Ausdehnung von+ der Straße A +bis zur+ Straße B? Sind -wir so schwachsinnig geworden, daß wir eine Kaution +von+ 1000 Mark -nicht mehr verstehen, uns bei dem einfachen +von -- bis+ keine Strecke -mehr vorstellen können? Muß das alles besonders ausgequetscht werden? -Rührend ist es, wenn der „Portier“ auf dem Bahnhof ausruft: Abfahrt -+in der Richtung nach+ Altenburg, Plauen, Hof, Bamberg, Nürnberg usw. -Der Bureaumensch, der +das+ ausgeheckt hat, verdiente zum Geheimen -Regierungsrat ernannt zu werden! Er wird es längst sein. Bei einem -bloßen +nach+ könnte sich ja ein Reisender beschweren und sagen: Ich -wollte nach Gaschwitz, das ist aber nicht mit ausgerufen worden, nun -bin ich sitzen geblieben. Aber +in der Richtung nach+ -- da kann sich -niemand beschweren. - - -Seitens - -Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen -Präpositionenschwulstes ist wohl das Wort +seitens+; es ist zu einer -wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden. - -Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und -fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und -Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebe +von Seiten+ -statt des einfachen +von+ (ebenso +auf Seiten+ statt +bei+). Das -war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens -richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen Dativ +Seiten+ -freuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit -der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen -dieses ewige +von Seiten+ zu viel. Statt nun das einzig vernünftige -zu tun und wieder zu dem einfachen +von+ zurückzukehren, ließ man -das +von+ weg und sagte nur noch +seiten+. Aber das dauerte auch -nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer -abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt -durch Genitive wie +behufs+, +betreffs+, ein unorganisches s an den -schwachen Dativ,[175] und so entstand nun dieses Jammerbild einer -Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer Amts- und -Zeitungssprache ist. Sowie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das -erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist: +seitens+. Die kleinen -Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an; -wenn nicht, dann stehts gewiß auf der zweiten oder dritten Zeile. Da -es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum -mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt -zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen -Agens wird, +von+ beim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist, -so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohne -+seitens+. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, das Gericht, -der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium --- sie alle +tun+ nichts mehr, sondern alles +wird+ getan, alles -geschieht, erfolgt, findet statt +seitens+ der Regierung, +seitens+ -des Bundesrats, +seitens+ des Ministeriums, +seitens+ des Gerichts, -+seitens+ des Magistrats, +seitens+ der Polizeidirektion usw. Dem -fortschrittlichen Kandidaten konnte +seitens+ der Gegner nichts -nachgesagt werden -- die Maschinen können +seitens+ der Interessenten -jederzeit besichtigt werden -- gegen solche Unart muß endlich einmal -mit Ernst vorgegangen werden, +seitens+ der Schule, +seitens+ der -Polizei, aber auch +seitens+ des Publikums -- es liegt darin etwas -verletzendes, auch wenn dies weder +seitens+ des Dichters, noch -+seitens+ der Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurde -+seitens+ des Publikums einstimmig abgelehnt -- anders wird nicht -geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen -sind +seitens+ (!) einflußreicher Personen eingelaufen -- +seitens+ des -Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen --- +seitens+ der Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht --- +seitens+ der Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung -hin. Und hier wird +seitens+ auch für +bei+ gebraucht: dabei stieß er -+seitens+ des Gouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt: +bei+ dem -Gouverneur!) -- wie er denn auch vielfache Anerkennung +seitens+ der -wissenschaftlichen Welt (+bei+ der wissenschaftlichen Welt!) gefunden -hat -- er erfreute sich des größten Vertrauens +seitens+ seines Chefs -(+bei+ seinem Chef!) -- das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunst -+seitens+ der Berliner (+bei+ den Berlinern!) nichts einbüßen. Für -den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinter +seitens+ nun -immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch -hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das -einfache, vernünftige +von+ oder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß -nicht; dann schreibt er lieber: +englischerseits+, +staatlicherseits+, -+kirchlicherseits+, +päpstlicherseits+, +ministeriellerseits+, -+landwirtschaftlicherseits+, ja sogar +unterrichteterseits+ -oder: +regierungsseitig+, +eisenbahnseitig+, +gerichtsseitig+, -+prinzipalseitig+: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis -gebracht, an dem sich +prinzipalseitig+ nichts aussetzen ließ! Ein -Tierarzt macht darauf aufmerksam -- die Judenfeinde behaupten -- wie -simpel! Der Zeitungschreiber sagt: +tierärztlicherseits+ wird darauf -aufmerksam gemacht -- +antisemitischerseits+ (–ᴗᴗ–ᴗᴗ–) wird behauptet. -So klingts vornehm! - -Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht -erschöpft. +Seitens+ wird nicht nur mit Verben, es wird auch mit -Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur -Unfallversicherung +seitens+ der Arbeitsherren -- die Vorführung -eines Spritzenzugs +seitens+ des Branddirektors -- die Behandlung der -Frauen +seitens+ der Männer -- die Aufnahme des Gesandten +seitens+ -des Königs -- die Abneigung gegen die Angestellten +seitens+ der -Einwohnerschaft -- der Übergang über die Parthe +seitens+ der Nordarmee --- die allgemeine Benutzung der Lebensversicherung +seitens+ der -ärmern Klassen -- ein Opfer von 3000 Mark +seitens+ der Stadt -- -die Besitznahme dieses Küstengebiets +seitens+ der Franzosen -- die -Unsitte des Trampelns im Theater +seitens+ der Studenten -- der -schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichten +seitens+ -eines Kirchenmitgliedes -- das Dementi der Nachricht von der Audienz -des Herrn H. beim Kaiser +seitens+ der Konservativen Korrespondenz -- -Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man -sie aber vermeiden? in allen diesen Beispielen ist doch ohne +seitens+ -gar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort -ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die Beiträge -+der+ Arbeitsherren zur Unfallversicherung -- der Übergang +der+ -Nordarmee über die Parthe -- ein Opfer +der+ Stadt von 3000 Mark; oder -dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze -Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann -man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer -freie Bahn und kommt leicht vorwärts; sowie man aber das flüssige -Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verbaut man sich selbst -den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig wie: mit der -Beherrschung von Raum und Kraft +seitens+ der Menschen wäre es zu Ende -(statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) -- -der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstücke +seitens+ des Angeklagten -ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben -hatte). - -Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mit -+seitens+ sind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist -so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo -gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu -- den Genitiv -damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die -Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige -Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuch +seitens+ des -Publikums, die Anregung +seitens+ des Vorstandes, eine Erklärung -+seitens+ des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung +seitens+ -eines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den -Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einreden -+seitens+ der Gegner vorbeugen -- der glänzende Erfolg, den der -Verfasser dem ausgezeichneten Vortrage +seitens+ des Rezitators zu -danken hat -- ein ähnliches Beispiel einer starken Willkür +seitens+ -eines Herausgebers -- er wurde die Zielscheibe vieler Angriffe -+seitens+ der Klerikalen -- ein höherer Gehilfe kann nicht ohne -Vertrauen +seitens+ des Handelsherrn angestellt werden -- die Frau war -wegen fortgesetzter Roheiten +seitens+ ihres Mannes ins Elternhaus -zurückgekehrt -- der Gesandte hatte die Stirn, zu fragen, ob man denn -auch des Friedensbruchs +seitens+ Frankreichs gewiß sei -- es fehlt -ihm die Anerkennung +seitens+ der Großmächte -- das Urteil klingt hart, -beruht aber auf sorgfältiger Prüfung +seitens+ eines Unbefangnen -- -es bedarf nur der Aufforderung +seitens+ eines geeigneten Mannes -- -sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungen +seitens+ -ihrer Feinde zu sichern -- ohne die freundliche Unterstützung +seitens+ -zahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein --- es trifft ihn die Verachtung +seitens+ seiner Mitmenschen -- es -kostete große Anstrengungen +seitens+ der bekümmerten Verwandten --- an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenreden -+seitens+ der Arbeiter und Prinzipale -- der Straßenhandel hat zu -Beschwerden +seitens+ der Einwohnerschaft geführt -- eine Trauung, -bei der es an aufrichtig frommer Gesinnung +seitens+ der Brautleute -fehlte. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer -von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv -abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel -entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als -passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums -- das könnte ja -auch heißen, das Publikum sei besucht +worden+; der Besuch +seitens+ -des Publikums -- das ist nicht mißzuverstehen, da +hat+ das Publikum -besucht. Angriffe der Klerikalen -- da könnte man auch denken, -die Klerikalen wären angegriffen +worden+; Angriffe +seitens+ der -Klerikalen -- da +haben+ sie natürlich angegriffen. Die Untersuchung -des Arztes -- da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersucht -+worden+; die Untersuchung +seitens+ des Arztes -- nun +hat+ der Arzt -untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt -wären, dergleichen mißzuverstehen? - - -Bez. beziehungsweise bezw. - -Ein Juwel unsrer Papiersprache endlich, der Stolz aller Kanzlisten -und Reporter, der höchste Triumph der Bildungsphilisterlogik ist das -Bindewort +bez.+ oder +bezw.+ - -Vor fünfzig Jahren gab es noch im Deutschen das schöne Wort -+respektive+, geschrieben: +resp.+; man sagte z. B.: der +Vater resp. -Vormund+ -- der +Rektor+ der Schule, +resp.+ dessen +Stellvertreter+ --- +nachlässige, resp. rohe+ Eltern. Was wollte man mit dem Worte? -Warum sagte man nicht: der +Vater oder Vormund+? Hätte man das nicht -verstanden? I nun, der gesunde Menschenverstand des Volks hätte es -schon verstanden; aber der große Logiker, der Kanzleimensch, sagte -sich: ein Kind kann doch nicht zugleich einen Vater und einen Vormund -haben, es kann doch nur entweder einen Vater oder (oder aber! sagte der -Kanzleimensch) einen Vormund haben. Dieses Verhältnis kann man nicht -mit dem bloßen +oder+ ausdrücken, für dieses feine, bedingte +oder+: -der +Vater oder+ (+wenn+ nämlich das Kind keinen Vater mehr haben -sollte!) +Vormund+ gibt es im Deutschen überhaupt kein Wort, das läßt -sich nur durch -- +respektive+ sagen, dadurch aber auch „voll und ganz“. - -Als man nun auch im Kanzleistil den Fremdwörterzopf abzuschneiden -anfing, erfand man als Übersetzung von +respektive+ das herrliche Wort -+beziehentlich+ oder +beziehungsweise+: +be-zieh-ungs-wei-se+! Das war -natürlich etwas zu lang, es immer zu schreiben und zu drucken, und so -wurde es denn zu +bez.+ „beziehungsweise“ +bezw.+ abgekürzt. Daß das -Wörtchen +oder+ auch nur vier Buchstaben hat und dabei ein wirkliches -Wort ist, kein bloßer Wortstummel wie +bezw.+, auf diesen naheliegenden -Gedanken verfiel merkwürdigerweise niemand. Und doch, was bedeutet in -folgenden Beispielen das +bezw.+ anders als +oder+: in einer Zeit, -wo man alles den einzelnen +Kreisen bezw. Staaten+ überließ -- alles -weitere ist +Spezialsache bezw. Aufgabe+ der spätern Jahre -- über den -+Mord bezw. Raubmord+ in R. ist noch immer nichts genaues festgestellt --- Windschirme mit japanischer +Malerei bezw. Stickerei+ -- der -Zusammenschluß zu einem +genossenschaftlichen bezw. landschaftlichen+ -Kreisverbande -- die +wieder bezw. neu+ gewählten Stadtverordneten -- -ein +angebornes bezw.+ durch Überlieferung +geschultes+ Geschick -- -die Bänder haben Wert als +geschichtliche bezw. kulturgeschichtliche+ -Erinnerungsstücke -- +nicht benutzte bezw. nicht abgeholte+ Bücher -werden wieder eingestellt -- es wird mit dem +Kellergeschoß bezw. -Erdgeschoß+ angefangen -- zwei Dachstuben von je drei Meter Breite -und +drei bezw. vier+ Meter Länge -- jede Serie umfaßt +15 bezw. 12+ -Hefte -- die Bemerkung befindet sich in dem +Vor- bezw. Nachwort+ der -Ausgabe -- W. A. Lippert, welcher +flüchtig ist bezw. sich verborgen -hält+ -- da die Anstalt nur solche Kinder +aufnimmt bezw. behält+, -die eine Besserung erwarten lassen -- wo Jahnsdorf +liegt bezw. -gelegen hat+, ist ungewiß -- viele Personen sind außerstande, selbst -bei langsamem Gange des Wagens +auf- bezw. abzuspringen+ -- jeder -Fachmann wird die Schrift +beiseite bezw. in den Papierkorb+ werfen --- es ist anziehend, zu sehen, wie sich dieser Kreis im Laufe der -Sprachentwicklung +verengert bezw. erweitert+ -- die Weigerung der -Prinzessin ist +hauptsächlich bezw. ausschließlich+ auf diesen Umstand -zurückzuführen. Und in folgenden Beispielen, was bedeutet da +bezw.+ -anders als +und+: ein Haus an der +Beethoven- bezw. Rhodestraße+ -- -französische +Bonnen bezw. Gouvernanten+ haben seit Jahrhunderten in -Deutschland eine Rolle gespielt -- zwei Kinder im Alter von +fünf bezw. -drei+ Jahren -- K. und T. wurden zu +viermonatiger bezw. zweimonatiger+ -Gefängnisstrafe verurteilt -- später verfaßte er +pädagogische bezw. -Schulbücher+ -- alle +Bestellzettel bezw. Quittungsformulare+ sind -mit Tinte auszufüllen -- +Anfragen bezw. Anmeldungen+ sind an den -Vorstand des Kunstvereins zu richten -- zur +Rechten bezw. Linken+ des -Kaisers saßen der Reichskanzler und der Staatssekretär -- die Zinsen -werden zu +Ostern bezw. zu Michaeli+ bezahlt -- großen Einfluß auf -die Zahl der +Dissertationen bezw. Promotionen+ über den pekuniären -Anforderungen, die die einzelnen +Universitäten bezw. Fakultäten+ -stellen -- wann die noch übrigen Befestigungsreste der +Burg bezw. -Stadt+ entstanden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben -- der -König tritt eine mehrwöchige Reise nach +München bezw. Stuttgart+ an --- die Zehnpfennigmarken und die Fünfpfennigmarken sind von +roter -bezw. grüner+ Farbe -- in A. sind letzte Nacht zwei Personen, ein -Maler und ein Strumpfwirker, die in einem +Schuppen bezw. einem Stalle+ -nächtigten, erfroren. - -Der große Logiker, der so schreibt, denkt natürlich wenn er +und+ -gebrauche, so könnte ihn jemand auch so verstehen, als ob „sowohl“ die -Zehnpfennigmarken „als auch“ die Fünfpfennigmarken zweifarbig wären, -nämlich beide Arten rot und grün, als ob „sowohl“ der Maler „als -auch“ der Strumpfwirker in zwei Räumlichkeiten, nämlich gleichzeitig -in einem Schuppen und in einem Stalle genächtigt hätte. Solchen -Gefahren wird natürlich durch +bezw.+ vorgebeugt; nun weiß man genau, -daß die Zehnpfennigmarken rot und die Fünfpfennigmarken grün sind, -daß der Maler in einem Schuppen, der Strumpfwirker in einem Stalle -genächtigt hat. Maler: Schuppen = Strumpfwirker: Stall -- darin liegt -die tiefe Bedeutung von +bezw.+! Ein unübertreffliches Beispiel ist -folgender Zeitungssatz: alle +Musik- bezw. Trompeterkorps+ und alle -Spielmannszüge +bliesen bezw. schlugen+ den Präsentiermarsch +bezw.+ -die Paradepost. - -Aber damit ist der große Logiker noch nicht auf dem Gipfel seines -Scharfsinns angelangt. Sein schlauestes Gesicht steckt er auf, wenn -er schreibt: +und (!) bezw.+ +Die Besitzer und bezw. Pächter+ der -Grundstücke werden darauf aufmerksam gemacht -- die +Eltern und bezw. -Erzieher+ der schulpflichtigen Kinder werden hiermit aufgefordert -- -ich bitte mir angeben zu wollen, ob diese Ausgabe +und beziehungsweise -oder+ (!) andre Ausgaben auf der Bibliothek vorhanden sind usw. Sogar -solche Dummheiten werden jetzt geschrieben „und bezw.“ gedruckt, und -die, die sie leisten, bilden sich dabei noch ein, sie hätten sich -wunder wie fein und scharf ausgedrückt! Leider ist das widerwärtige -Wort, das übrigens neuerdings oft mit +bezüglich+ vermengt wird,[176] -aus der Papiersprache bereits in die lebendige Sprache eingedrungen. -Nicht nur in Sitzungen und Verhandlungen muß man es hören, es ertönt -auch immer häufiger auf Kathedern, und da es der Professor gebraucht, -gebrauchts natürlich der Student mit, und selbst der Kaufmannsdiener -sagt schon am Biertische: Sie erhalten Sonnabend abend +beziehentlich+ -(oder +bezüglich+!) Sonntag früh Nachricht. Schließlich wird noch der -Herr Assessor, der für seine Kinder zu Weihnachten Spielzeug eingekauft -hat, zur Frau Assessorin sagen: ich habe für Fritz und Mariechen +eine -Schachtel Soldaten beziehungsweise eine Puppe+ mitgebracht! - - -Provinzialismen - -Für Provinzialismen ist in der guten Schriftsprache kein Raum, -mögen sie stammen, woher sie wollen. Man spricht jetzt viel davon, -daß unser Sprachvorrat aus den Mundarten aufgefrischt, verjüngt, -bereichert, befruchtet werden könnte. O ja, wenn es mit Maß und Takt -geschähe, warum nicht? Überzeugende Proben davon hat man aber noch -nicht viel gesehen. Ein böses Mißverständnis wäre es, wenn man jeden -beliebigen Provinzialismus für geeignet hielte, unsern Sprachvorrat -zu „bereichern“. Meist liegt kein Bedürfnis darnach vor, man legt -sich dergleichen aus Eitelkeit zu, um Aufmerksamkeit zu erregen, etwa -wie irgend ein Hansnarr zu einem gut bürgerlichen Anzug einen Tiroler -Lodenhut mit Hahnenfeder aufsetzt. - -Namentlich sind es österreichische Ausdrücke und Wendungen -(Austriazismen), die jetzt durch wörtlichen Abdruck aus -österreichischen Zeitungen in unsre Schriftsprache hereingeschleppt, -dann aber auch nachgebraucht werden. - -Für +brauchen+ z. B. sagt der Österreicher +benötigen+, für -+benachrichtigen+ +verständigen+ (+jemand verständigen+, während sich -in gutem Deutsch nur zwei oder mehr +untereinander verständigen+ -können); beides kann man jetzt auch in deutschen Zeitungen lesen. -In der Studentensprache ist das schöne Wort +unterfertigen+ Mode -(statt +unterzeichnen+); das ist nichts als eine lächerliche, -halb(!)-österreichische Bastardbildung. Der Österreicher sagt: der -+Gefertigte+. Das ist dem deutschen Studenten, der sich zuerst -damit spreizen wollte, mit dem +Unterzeichneten+ in eine Mischform -zusammengeronnen, und seitdem erfüllt fast in allen akademischen -Vereinigungen beim „Ableben“ eines Mitgliedes der +unterfertigte+ -Schriftführer „die traurige Pflicht, die geehrten a. H. a. H. und a. -o. M. a. o. M. geziemend (!) in Kenntnis zu setzen“. - -Unerträglich in gutem Schriftdeutsch ist das süddeutsche +gestanden -sein+ und +gesessen sein+: die Personen, mit denen er in näherm -Verkehr +gestanden war+ -- es lebten noch Männer, die in der -Paulskirche +gesessen waren+ (vgl. S. 59); ganz unerträglich ferner -die österreichischen Verbindungen: +an etwas vergessen+, +auf etwas -vergessen+ und +auf etwas erinnern+: heute schien die Schar ihrer -Verehrer +auf sie vergessen+ zu haben -- +auf die Einzelheiten+ des -Stückes konnte ich nicht mehr +erinnern+ u. ähnl. - -Eine ganze Reihe von Eigenheiten hat der Österreicher im Gebrauche der -Adverbia. Er sagt: +im vorhinein+ statt +von vornherein+, +rückwärts+ -statt +hinten+, +beiläufig+ (bailaifig) statt +ungefähr+ (bis zur -höchsten Spitze ist es +beiläufig+ 6000 Fuß -- dies ist +beiläufig+ -der Inhalt des hübschen Buches -- der zweite Band erscheint in -+beiläufig+ gleicher Stärke), während in gutem Deutsch +beiläufig+ nur -bedeutet: +nebenbei+, im +Vorbeigehen+ (+beiläufig+ will ich bemerken). -Für +nur noch+ heißt es in München wie in Wien: +nur mehr+: z. B. -leidenschaftliche Gedichte von +nur mehr+ geschichtlichem Wert -- ein -Ausspruch, der uns heute +nur mehr+ grotesk anmutet -- alle Bemühungen -sind jetzt +nur mehr+ darauf gerichtet -- auf die Christlich-Sozialen -fielen heute +nur mehr+ acht Stimmen usw. +Neuerdings+, das gut deutsch -nichts andres heißt als: +in neuerer Zeit+ (+neuerdings+ ist der -Apparat noch wesentlich vervollkommnet worden), wird in Österreich in -dem Sinne von +wiederum+, +nochmals+, +abermals+, +aufs neue+, +von -neuem+ gebraucht, z. B.: es kommt mir nicht darauf an, oft gesagtes -+neuerdings+ zu wiederholen -- er hat mich hierdurch +neuerdings+ -zu Dank verpflichtet -- eine Reise führte ihn +neuerdings+ mit der -Künstlerin zusammen -- in diesem Vertrage wird +neuerdings+ die Frage -untersucht -- es kam eine Schrift zur Verlesung, worin B. +neuerdings+ -für seine Überzeugung eintrat -- die Geneigtheit der Kurie muß bei -jedem Wahlgange +neuerdings+ erkauft werden.[177] Man möchte wirklich -annehmen, daß mancher deutsche Zeitungsredakteur von all diesen -Gebrauchsunterschieden gar keine Ahnung habe, denn sonst könnte er doch -solche Sätze nicht unverändert in seiner Zeitung nachdrucken, er müßte -doch jedesmal den Austriazismus erst ins Deutsche übersetzen, damit der -deutsche Leser nicht falsch verstehe! - -Nichts als ein Provinzialismus, den man aber in neuern Erzählungen -oft lesen kann, ist es auch, bei dem reflexiven +sich finden+ mit -Angabe einer Richtung (sich nach Hause finden, sich hinfinden, sich -zurückfinden, sich zurechtfinden) das +sich+ wegzulassen und zu -schreiben: den sichern Boden, zu dem er +zurückfand+ -- er konnte nicht -+nach Hause finden+ u. dgl. - -Eine Schrulle des niedrigen Geschäftsstils ist es, wenn jetzt angezeigt -wird, daß Kohlen +ab Zwickau+ oder +ab Werke+ (!) oder +ab Bahnhof+ -oder +ab Lager+ zu haben seien, Heu +ab Wiese+ verkauft, Flaschenbier -+ab Brauerei+ oder +ab Kellerei+, Mineralwasser +ab Quelle+ geliefert -werde, daß eine Konzertgesellschaft +ab Sonntag+ den 7. Juni auftrete, -oder daß eine Wohnung +ab 1. Oktober+ zu vermieten sei. Ab als -selbständige Präposition vor Substantiven (vgl. +abhanden+, d. i. +ab -Handen+) ist schon seit dem siebzehnten Jahrhundert vollständig durch -+von+ verdrängt. Nur in Süddeutschland und namentlich in der Schweiz -wird es noch gebraucht, dort sagt man noch +ab dem Hause+, +ab dem -Lande+. Aber was soll uns dieser Provinzialismus? und noch dazu in -solcher Stammelform: +ab Werke+, von der man nicht weiß, ob es der -Dativ der Einzahl oder vielleicht gar der Akkusativ der Mehrzahl sein -soll? Es ist übrigens doch zweifelhaft, ob die Geschäftsleute, die sich -neuerdings damit spreizen, wirklich das alte deutsche +ab+ meinen, -und nicht vielmehr das lateinische +~ab~+. Zuzutrauen wäre es ihnen, -wenigstens wenn man +~pro~ Jahr+, +~pro~ Kopf+, +~per~ sofort+, +~per~ -bald+, +~per~ Weihnachten+ und ähnlichen Unsinn damit vergleicht.[178] - -Ein gemeiner Berolinismus, der aber immer mehr um sich greift und schon -in Lustspielen von der Bühne herab zu hören ist, ist die Anwendung von -+bloß+ für +nur+ in ungeduldigen Fragen und Aufforderungen: Was hat er -+bloß+? Was will er +bloß+? Komm doch +bloß+ mal her! - - -Fremdwörter - -Auch unsre Fremdwörter sind zum großen Teil Modewörter. Bei dem Kampfe -gegen die Fremdwörter, der seit einiger Zeit wieder in Deutschland -entbrannt ist, handelt sichs natürlich nicht um die große Zahl zum -Teil internationaler technischer Ausdrücke, sondern vor allem um -die verhältnismäßig kleine Zahl ganz entbehrlicher Fremdwörter, die -namentlich unsre Umgangssprache und die Sprache der Gelehrten, der -Beamten, der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber entstellen. - -Zwar haben sich die Bemühungen der Sprachreiniger auch auf die -technischen Ausdrücke einzelner Berufe und Tätigkeitsgebiete -erstreckt, wie des Militärs, des Post- und Eisenbahnwesens, des -Handels, der Küche, des Spiels, auch einzelner Wissenschaften und -Künste, wie der Grammatik, der Mathematik, der Baukunst, der Musik, -des Tanzes. Was aber vorgeschlagen worden ist, hat selten Beifall -gefunden. Schlimm und verdächtig ist es immer schon, wenn einfache -Fremdwörter durch Wortzusammensetzungen verdeutscht werden sollen: -einige Beispiele solcher Art sind schon früher angeführt worden -(S. 363). Gewöhnlich sind das gar keine Übersetzungen, sondern -Umschreibungen oder Begriffserklärungen. So hat man +Redakteur+ und -+Redaktion+ durch +Schriftleiter+ und +Schriftleitung+ „übersetzt“, -und einzelne Zeitungen und Zeitschriften haben das angenommen (dann -auch +Geschäftsstelle+ für +Expedition+). Diese Verdeutschungen geben -nicht entfernt den Begriff des Fremdworts wieder. Unter +Schrift+ -kann dreierlei verstanden werden: die Handschrift, ein Schriftstück -und die Lettern der Druckerei. An die erste und die dritte Bedeutung -ist hier natürlich nicht zu denken, nur die zweite kann gemeint sein. -Aufgabe eines Redakteurs ist es, die eingegangnen Schriftstücke auf -ihren Inhalt zu prüfen, sie in anständiges Deutsch zu bringen, eine -sorgfältige Druckkorrektur zu lesen und den Inhalt der einzelnen -Zeitungsnummern zu bestimmen und anzuordnen. Das alles stellen wir -uns wohl bei dem Worte +Redakteur+ vor, aber nicht bei dem mühselig -ausgeklügelten Worte +Schriftleiter+. Die Zeitung selbst wird -+geleitet+, aber nicht ihre Schriftstücke. Wenn es damals, als es im -Deutschen noch keine Fremdwörter gab, schon Zeitungen gegeben hätte, -ich weiß, wie man den Redakteur genannt hätte: +Zeitungmeister+! Im -Eisenbahnverkehr hat man uns die +Fahrkarte+ und das fürchterliche -+Abteil+ aufgenötigt (statt +Billett+ und +Coupé+). Das kurze, leichte -+Billett+ war -- man spreche es nur deutsch aus! -- fast schon zum -Lehnwort geworden. In Leipzig hieß schon im sechzehnten Jahrhundert -die Kupfermarke, die sich der Brauerbe auf dem Rathause holen mußte, -wenn er Bier brauen wollte, +Bollet+. Was für ein langstieliger Ersatz -dafür sind unsre +Fahrkarten+, +Eintrittskarten+, +Teilnehmerkarten+ -usw.! Und ist etwa +Karte+ ein deutsches Wort? Eine wirkliche -Übersetzung von +Coupé+ wäre +Fach+ gewesen, das in dem ältern Deutsch -jede Abteilung eines Raums bedeutete, nicht bloß in einem Schrank -oder Kasten, sondern auch im Hause (vgl. +Dach und Fach+). Sogar eine -Straße, die in einen Fahrweg, einen Fußweg und einen Reitweg geteilt -war, hieß im achtzehnten Jahrhundert eine Straße in +drei Fachen+. -Das +Abteil+ und die +Fahrkarte+ werden sich schwerlich einbürgern. -Die Schaffner sind ja dazu verurteilt, die Wörter zu gebrauchen, aber -das Publikum gebraucht lachend die Fremdwörter weiter. Etwas ganz -komisches -- wenigstens nach meinem Gefühl -- ist bei der Übersetzung -der militärischen Fachausdrücke mit untergelaufen: die Wiedergabe von -+Terrain+ durch +Gelände+. +Gelände+ war früher ein poetisches Wort, -und zwar ein Wort der höchsten Poesie. Man denke nur an Schillers -Berglied: da tut sich ein +lachend Gelände+ hervor -- und vor allem -an Goethes herrlichen Spruch: Gottes ist der Orient, Gottes ist -der Occident, Nord- und +südliches Gelände+ ruht im Frieden seiner -Hände. Einem solchen Wort jetzt in den Manöverberichten der Zeitungen -zu begegnen ist doch gar zu komisch. In der Musik möchte man jetzt -die Wörter +komponieren+ und +Komposition+ abschaffen, und durch -+vertonen+ und +Vertonung+ ersetzen. Gräßliche Geschmacklosigkeit! -Von einem +vertonten+ (+ver+!) Liede kann man doch nur mit Bedauern -sprechen, denn das könnte doch nur eins sein, das ungeschickt, falsch, -fehlerhaft komponiert, durch die musikalische Zutat verdorben worden -wäre (vgl. S. 357). Die Architekten vermeiden jetzt erfreulicherweise -das überflüssige Fremdwort +Dimension+, nur sollten sie es nicht -immer durch +Abmessung+ übersetzen, was meist gar keinen Sinn gibt -(denn Abmessung bedeutet eine Handlung, keine Eigenschaft!), sondern -einfach durch +Maß+ oder -- es ganz weglassen. Denn ist ein Gebäude -von +riesigen Abmessungen+ etwas andres als ein +riesiges+ Gebäude? -Und welcher Schwulst, zu schreiben: der Baumeister ist verpflichtet, -Irrtümer im Voranschlag in bescheidnen +Abmessungen+ auftreten zu -lassen! Wenn vollends allgemein angenommene und geläufige alte -Kunstausdrücke einzelner Wissenschaften „übersetzt“ werden, wie man -es den Kindern der Volksschule zuliebe in der Grammatik, auch in der -Arithmetik versucht hat, so ist das Ergebnis meist ganz unerfreulich. -Wenn man ein Buch oder einen Aufsatz mit solchen Verdeutschungen liest, -so hat man immer das unbehagliche Gefühl, als ginge man auf einem -Wege, wo aller zwanzig Schritt ein Loch gegraben und ein paar wacklige -Bretter darüber gelegt wären. - -Am ehesten darf man vielleicht hoffen, daß die Fremdwörter aus der -Umgangssprache verschwinden werden, denn hier wirkt fast nur die Mode. -Die Fremdwörter unsrer Umgangssprache stammen zum Teil noch aus dem -siebzehnten Jahrhundert, andre sind im achtzehnten, noch andre erst in -der Franzosenzeit zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eingedrungen. -Aber sie kommen eins nach dem andern wieder aus der Mode. Viele, die -vor fünfzig Jahren noch für fein galten, fristen heute nur noch in -den untersten Volksschichten ein kümmerliches Dasein! man denke an -+Madame+, +Logis+, +~vis-à-vis~+, +~peu-à-peu~+ (in Leipzig +beeabeeh+ -gesprochen), +retour+, +charmant+, +mechant+, +inkommodieren+, +sich -revanchieren+ und viele andre. In den Befreiungskriegen gab es nur -+Blessierte+; wer hat 1870 noch von +Blessierten+ gesprochen? Wer -+amüsiert+ sich noch? anständige Leute nicht mehr; die haben längst -wieder angefangen, sich zu +vergnügen+. Auch +existieren+, +passieren+ -(für +geschehen+ oder +begegnen+: es ist ein Unglück +passiert+, -mir ist etwas Unangenehmes +passiert+), +sich genieren+ sind so -heruntergekommen, daß man sie anständigerweise kaum noch gebrauchen -kann. Vor dreißig Jahren gab es noch vereinzelt Schneider+mamsellen+; -jetzt wird jedes Dienstmädchen in der Markthalle mit +Fräulein+ -angeredet, wofür die Bürgerstochter freilich zum +gnädigen Fräulein+ -aufgerückt ist. Und wo ist das +Parapluie+ geblieben, das doch auch -einmal fein war, und wie fein! - -Leider tauchen nur an Stelle veraltender Fremdwörter immer auch wieder -neue auf. Wer hat vor dreißig Jahren etwas von +Milieu+ gewußt? Als -es aufkam, mußten auch gebildete Leute das Wörterbuch aufschlagen, -um sich zu belehren, was eigentlich damit gemeint sei. Und was war -es schließlich? Weiter nichts, als was man bis dahin als Hintergrund -(einer Handlung, einer Erzählung) bezeichnet hatte. Neue Schiffe werden -jetzt nicht mehr nach einem Muster gebaut, sondern nur noch nach -einem +Typ+, ebenso auch schon Automobile und Orgeln. Unsre Frauen -und Mädchen tragen keine Kleider oder Anzüge mehr, sondern nur noch -+Kostüme+, die es früher nur auf dem Theater oder auf Maskenbällen -gab. Wagen wurden bisher in eine +Remise+ gestellt; die Automobile -müssen natürlich etwas besondres haben, sie werden in die +Garage+ -gebracht; aber auch das ist nichts weiter als ein Schuppen. Ein neues -Eigenschaftswort, das man seit kurzem täglich hört und liest, ist -+markant+: eine +markante+ Erscheinung, ein +markanter+ Unterschied, -eine +markante+ Persönlichkeit, die +markanteste+ Linie des Gesichts. -Eine feine, leicht auf der Zunge zergehende Schokolade heißt im -Französischen ~chocolat fondant~; ~fondre~ heißt +schmelzen+. Was -haben die deutschen Fabrikanten daraus gemacht? +Fondantschokolade+! -Warum denn nicht +Schmelzschokolade+? Wer hat vor dreißig Jahren etwas -von +chic+ gewußt? Es ist nichts andres als unser +geschickt+, das -nach Frankreich gegangen und in der Form +chic+ zurückgekehrt ist und -nun für +fein+, +hübsch+, +nett+ gebraucht wird. Der Plural davon -wird von unsern Geschäftsleuten +chice+ geschrieben: +chice+ Hüte, -+chice+ Kleider, +chice+ Schuhe, was man wohl +schicke+ aussprechen -soll, aber doch nur +schitze+ aussprechen kann (vgl. +Vice+). Zum -Glück ist es neuerdings schon wieder aus der Mode gekommen. Zu einem -greulichen Modewort dagegen ist +eventuell+ geworden. Es bedeutet ja: -+vorkommendenfalls+, ferner +nötigenfalls+ oder +möglichenfalls+, je -nachdem, dann immer mehr verblassend: +möglicherweise+, +vielleicht+, -+etwa+, +wohl+ und endlich: gar nichts. Es gibt aber eine Menge -Leute, die heute kaum noch einen Satz sagen können, worin nicht -+eventuell+ vorkäme: wir könnens ja +eventuell+ auch so machen -- -ich kann +eventuell+ schon um sieben kommen. Wenn man auf der Straße -aus der Unterhaltung Vorübergehender zehn Worte aufschnappt, das -Wort +eventuell+ ist sicher darunter. Aber auch der Musikschreiber -sagt: etwas mehr Fülle des Tons hätte +eventuell+ den Vortrag noch -mehr unterstützt; ein Buchhändler schreibt: umstehenden Bestellzettel -bitten wir +eventuell+ direkt an die Verlagsbuchhandlung gelangen zu -lassen, und Zeitungen schreiben: ein Mensch, der eine Volksschule und -+eventuell+ eine höhere Schule besucht hat -- der Kreuzer X erhielt -Befehl, sich +eventuell+ zur Ausreise (!) bereit zu halten -- die -Regierung hat alle Maßregeln getroffen, um für einen +eventuellen+ -(!) Streik gerüstet zu sein -- es war Schutzmannschaft aufgestellt, -um einen +eventuellen+ Tumult zu verhüten -- der Platz soll zur -+eventuellen+ (!) Bebauung liegen bleiben. Fast überall kann man -+eventuell+ streichen, und der Sinn bleibt genau derselbe. Eine ganz -neue Aufgabe erfüllt das Zeitwort +interpretieren+. Aus der Sprache -der Philologie, wo es immer mehr zurückgegangen ist, ist es in die der -Musik- und Theaterschreiber eingedrungen. Eine Rolle auf der Bühne -wird nicht mehr gespielt, ein Musikstück nicht vorgetragen, ein Lied -nicht gesungen -- es wird alles +interpretiert+: Strauß wird die Lieder -selbst dirigieren, Frau B. wird +Interpretin+ sein -- der Künstler -hat durch die +Interpretation+ dieses Liedes einen Beweis seines -hervorragenden Könnens (!) erbracht(!) usw. An Stelle der +Sensationen+ -sind neuerdings die +Attraktionen+ getreten, das Konzertprogramm -hat man zwar in +Vortragsordnung+ „übersetzt“, aber in dieser -„Vortragsordnung“ erscheint nun statt des ehemaligen +Potpourris+ -die +Selektion+, und dafür hat man den guten Theater+zettel+ in -Theater+programm+ verwandelt, wenigstens in Leipzig, wo die Jungen -jetzt abends am Theater ausrufen: +Deeaderbroogramm+ gefällig? Kunst- -und Kunstgewerbemuseen veranstalten jetzt mit Vorliebe +retrospektive+ -Ausstellungen. Wieviele Leute, die in solche Ausstellungen laufen, -mögen wissen, was +retrospektiv+ heißt? Ein Friedhof hat in -Sachsen seit einiger Zeit keine Leichenhalle mehr, sondern eine -+Parentationshalle+! Wieviel Leute, auch gelehrte Leute, mögen wissen, -was ~parentare~ und ~parentatio~ heißt, wissen, daß das heidnische -Begriffe sind, die auf unsre Friedhöfe gar nicht passen? - -Ganz widerwärtig ist es, wie unsre Sprache neuerdings mit englischen -Sprachbrocken überschüttet wird. Da wird das kleine Kind +Baby+ -genannt, und die Bedürfnisse für kleine Kinder kauft man im -+Babybasar+, ja im zoologischen Garten ist sogar ein Elefanten+baby+ -zu sehen! Ein Frauenkleid, das der Schneider gemacht hat, wird als -~tailor-made~ bezeichnet, eine Schauspielerin oder Sängerin, die -Aufsehen erregt, wird als +Star+ gefeiert, Buchhändler reden von -+Standard+-Werken, unsre Schuhe werden aus +Boxcalf+ gemacht (wenn -nicht noch lieber aus +Chevreau+), an allen Mauern, Wänden und -Schaufenstern schreit uns das Wort +Sunlight-Seife+ entgegen, das die -Fabrikanten den deutschen Dienstmädchen zuliebe neuerdings sogar in -+Sunlicht-Seife+ (!) geändert haben, ein andrer Fabrikant preist seine -+Safety+-Füllfedern an, und an den Anschlagsäulen heißt es, daß in dem -oder jenem Tingeltangel ~fife sisters~ oder ~fife brothers~ auftreten -werden. Und dabei rühmt eine bekannte Fabrik von Teegebäck in Hannover, -daß ihr Fabrikat +der (!) beste Buttercakes+ sei! Eine deutsche Mutter -sollte sich schämen, ihr Kind +Baby+ zu nennen. Was würden unsre guten -Freunde, die Engländer, sagen, wenn ein englischer Fabrikant wagen -wollte, ~Sonnenlicht Soap~ anzupreisen! - -Unsre Kanzleisprache hat sich im Laufe eines Jahrhunderts gewaltig -gereinigt. Noch 1810 konnte ein deutsches Stadtgericht an das andre -schreiben: „Ew. Wohlgeboren werden ~in subsidium juris et sub oblatione -ad reciproca~ ergebenst ersucht, die anliegende ~Edictalcitation~ in -Sachen des Kaufmanns R. daselbst ~loco consueto affigiren~ zu lassen -und selbige ~effluxo termino cum documentis aff- et refixionis~ -gegen die Gebühr zu ~remittiren~.“ Heute hat sich, wenigstens unter -den höhergebildeten Beamten, doch fast allgemein die Einsicht Bahn -gebrochen, daß das beste und vornehmste Amtsdeutsch das sei, das die -wenigsten Fremdwörter enthält. Nur der kleine Unterbeamte, der +Folium+ -und +Volumen+, +Repositorium+ und +Repertorium+ nicht unterscheiden -kann, der eine Empfangsbescheinigung eine +Rezepisse+ nennt und vom -+Makulatieren+ der Akten redet, weil er einmal von +Makulatur+ gehört -hat, tut sich noch etwas zugute auf ein ~sub~ oder ~ad~ (das gehört -+unter+ ~sub A~, sagt er), auf ein ~a. c.~ (~anni currentis~), ein -~eodem die~, ein ~s. p. r.~ (~sub petito remissonis~), ein ~cf. pg.~ -(~confer paginam~) u. dgl.; er fühlt sich gehoben, wenn er solche -geheimnisvolle Zeichen in die Akten hineinmalen kann. - -Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man -doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, fast alle noch in dem -Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und -Bedeutung geben könnten. Auf den Universitätskathedern und in der -fachwissenschaftlichen Literatur, da steht die Fremdwörterei noch in -voller Blüte. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich -mit +~editio princeps~+, +~terra incognita~+, +~eo ipso~+, +~bona -fide~+, +Publikation+, +Argumentation+, +Modifikation+, +Akquisition+, -+Kontroverse+, +Resultat+, +Analogie+, +intellektuell+, +individuell+, -+identisch+, +irrelevant+, +adäquat+, +edieren+, +dokumentieren+, -+polemisieren+, +modifizieren+, +identifizieren+, +verifizieren+ -vornehmer ausdrücke als mit den entsprechenden deutschen Wörtern. -Er fühlt sich wunderlicherweise auch gehoben (wie der kleine Rats- -und Gerichtsbeamte), wenn er +lexikalisches Material+ sagt statt -+Wortschatz+, wenn er von +heterogenen Elementen+, +intensiven -Impulsen+, +prägnanten Kontrasten+, +approximativen Fixierungen+ oder -einer +aggressiven Tendenz+, einem +intellektuellen+ oder +moralischen -Defekt+, einem +Produkt destruktiver Tendenzen+ redet, wenn er eine -+Idee ventiliert+, statt einen +Gedanken+ zu +erörtern+, wenn er von -einem +Produkt+ der +Textilkunst+ die +Provenienz konstatiert+, statt -von einem +Erzeugnis+ der +Weberei+ die +Herkunft nachzuweisen+, -wenn er schreibt: es kommt fast nie vor, daß gutartige Polypen -+recidivieren+ (statt: wiederkehren) -- die +Autopsie konstatierte+ -die +Existenz+ eines +sanguinolent tingierten Serums+ im +Perikardium+ -(statt: bei der Öffnung der Leiche zeigte sich, daß der Herzbeutel -blutig gefärbte Flüssigkeit enthielt).[179] Und der Student macht -es ihm leider meist gedankenlos nach; die wenigsten haben die -geistige Überlegenheit, sich darüber zu erheben. In der Sprache aller -Wissenschaften gibt es ja gewisse Freimaurerhändedrücke, an denen -sich die Leute von der Zunft erkennen. Wie stolz ist der Student der -Kunstgeschichte, wenn er zum erstenmale +Cinquecento+ sagen kann! Zwei -Semester lang tut er, als ob er +sechzehntes Jahrhundert+ gar nicht -mehr verstünde. Wie stolz ist er, wenn er das Wort +konventionell+ -begriffen hat! Mit der größten Verachtung blickt er auf die gesamte -Kunst aller Zeiten und Völker herab, denn mit Ausnahme der Kunst der -letzten drei Jahre ist ja alles -- +konventionell+. Und wenn er dann -sein Dissertatiönchen baut, wie freut es ihn, wenn er alle die schönen -vom Katheder aufgeschnappten Wörter und Redensarten darin anbringen -kann! Man kennt den Rummel, man ist ja selber einmal so kindisch -gewesen. Dabei begegnet es aber auch sehr gelehrten Herren, daß sie die -Verneinung von +normal+ frischweg +anormal+ bilden, also das sogenannte -~Alpha privativum~ des Griechischen vor ein lateinisches Wort leimen, -statt +anomal+ (griechisch!) oder +abnorm+ (lateinisch!) zu sagen. Was -ist in der letzten Zeit von +anormalem+ Denken, +anormalem+ Empfinden, -+anormalen+ Trieben geschwafelt worden! Es begegnet auch sehr gelehrten -Herren, daß sie von +Prozent+ ein Eigenschaftswort +prozentuell+ bilden -(als ob ~centum~ „nach der vierten“ ginge, einen ~u~-Stamm hätte wie -~accentus~!), statt +prozentisch+ zu sagen, daß sie +indifferent+ -schreiben, wo sie +undifferenziert+ meinen u. dgl. - -Besonders stolz auf ihre Fremdwörterkenntnis sind gewöhnlich die Herren -„Pädagogen“, d. h. die Volksschullehrer, die sich nicht mit dem Seminar -begnügt, sondern nachträglich noch ein paar Semester an den Brüsten -der ~Alma mater~ gesogen haben. Schon daß sie sich immer +Pädagogen+ -nennen, ist bezeichnend. +Lehrer+ klingt ihnen nicht wichtig genug. -Daß ein Pädagog etwas ganz andres ist als ein Lehrer, daran denken -sie gar nicht. Wenn so ein Pädagog einen Vortrag hält oder einen -Aufsatz schreibt über die Aufgaben oder vielmehr die +Probleme+ (!) -des Unterrichts in der Klippschule, dann regnet es nur so von +exakt+, -+theoretisch+, +empirisch+, +empiristisch+, +didaktisch+, +psychisch+, -+psychologisch+, +ethisch+, +Lustrum+, +Dezennium+, +Koedukation+ usw. -Aus diesen Kreisen ist dann auch in andre Kreise der Unsinn verpflanzt -worden, von +Klavier-+ und +Gesangpädagogen+ zu reden. Wieck, der Vater -der Klara Schumann, der bekanntlich in Leipzig Klavierstunden gab, wird -stets „der hervorragende Klavierpädagog“ genannt. Vielleicht erleben -wir auch noch +Geigen-+, +Posaunen-+ und +Fagottpädagogen+. - -Weniger zu verwundern ist der Massenverbrauch von Fremdwörtern bei den -Geschäftsleuten. Sie stecken infolge ihrer Halbbildung am tiefsten in -dem Wahne, daß ein Fremdwort stets vornehmer sei als das entsprechende -deutsche Wort. Weil auf sie selbst ein Fremdwort einen so gewaltigen -Eindruck macht, so meinen sie, es müsse diesen Eindruck auf alle -Menschen machen. Ein Kapitel, das von Jahr zu Jahr beschämender für -unser Volk wird, bilden die Warennamen, die, wohl meist von den -Fabrikanten der Waren oder von ebenso unfähigen Helfern ersonnen, uns -täglich in Zeitungen und Wochenblättern anschreien. Namentlich auf -dem Gebiete der Arznei- und Toilettenmittel, aber auch auf andern -Gebieten, wie dem der Beleuchtungsmittel, der Kraftfahrzeuge, der -Musikmaschinen, der photographischen Artikel, der „alkoholfreien“ -Getränke usw., wimmelt es davon. Von vernünftigen Sprachgesetzen, -nach denen sich doch auch solche Namen bilden ließen, ist gar keine -Rede mehr. Die Zeiten, wo ein Chemiker oder ein Techniker, der einen -neuen Namen brauchte, einen Philologen zu Rate zog, sind längst -vorüber. Jeder Fabrikant hält sich heute für berechtigt und befähigt, -solche Namen zu bilden; er nimmt ein paar -- Stämme oder Wurzeln, -kann man gar nicht sagen, sondern Stammsplitter oder Wurzelfetzen -- -von irgendwelchen griechischen oder lateinischen Wörtern und leimt -sie aneinander, klebt auch vielleicht noch eine der aus der Chemie -bekannten oder sonst beliebten Endungen daran (ol, il, it, in usw.), -und der Name ist fertig. Man denke nur an Wörter wie +Odol+, +Pektol+, -+Javol+, +Virisanol+, +Antirheumol+, +Pomeril+, +Frutil+, +Fortisin+, -+Antinervin+, +Bioferrin+, +Hämoglobin+, +Sanatogen+, +Kantophon+, -+Solvolith+, +Photonox+, +Humidophor+, +Pianola+, nicht zu reden von -solchen Albernheiten wie +Velotrab+, +Biomalz+, +Abrador+, +Waschifix+ -u. a.[180] Die Verrücktheit geht so weit, daß man sogar die Namen der -Orte zu Hilfe nimmt, wo die Waren fabriziert werden, und Namen bildet -wie +Thürpil+ (Thüringer Pillen!), ja daß man die Anfangsbuchstaben -des in der Regel ja sehr breitspurigen Namens der Anstalt oder Fabrik, -aus der die Ware hervorgeht, oder anderer beliebiger Wörter zu einem -scheinbaren Wort aufreiht, das in Wahrheit nichts als ein bloßer -Lauthaufe ist, ja daß man sogar aus ganz beliebigen Lauten solche -Lauthaufen bildet! ~Tet roia aga simi dalli perco aok degea ohno -pilo agfi wuk afpi tita maggi oxo ciba pebeco densos~ -- klingt das -nicht wie Sprache der Herero oder der Wahehe? Das alles sind deutsche -Warennamen! Ein Glück, daß die meisten nur ein kurzes Dasein fristen. -Sie flackern zu irgendeiner Zeit plötzlich auf, verlöschen aber bald -wieder wie Lämpchen, denen das nötige Öl fehlt. Leider drängen sich -aber an die Stelle jedes verschwindenden sofort wieder zwei oder drei -neue. Man kann nur hoffen, daß der ganze Blödsinn schließlich einmal an -sich selber zugrunde gehen werde. - -Eine Menge Fremdwörter schleppen sich in der Zeitungssprache fort. In -der Zeit der Befreiungskriege redete man viel von +Monarchen+; bei -Leipzig erinnert noch der +Monarchenhügel+ daran. Heute dient der -+Monarch+ nur noch dem Zeitungschreiber zur Abwechselung und als Ersatz -für das persönliche Fürwort +er+, das er sich von einem gekrönten -Haupte nicht zu gebrauchen getraut: heute vormittag empfing der -Kaiser den Prinzen X; bald darauf stattete der +Monarch+ dem Prinzen -einen Gegenbesuch ab -- der Katarrh des Kaisers ist noch im Zunehmen -begriffen, doch ist das Befinden des +Monarchen+ befriedigend -- es -steht jetzt fest, daß die angedeutete Besprechung des Königs nicht -stattgefunden hat, der +Monarch+ also gar nicht in der Lage gewesen -ist, sich zu äußern -- der König nahm heute an der Familientafel teil, -nach der Tafel besuchte der +Monarch+ die Gartenbauausstellung -- der -König wurde aufs Rathaus geleitet, wo der Bürgermeister den +Monarchen+ -erwartete -- Frl. R. überreichte dem König ein Bukett, wofür der -+Monarch+ freundlich dankte. Lieblingswörter der Zeitungssprache -sind: +Individuum+, +Panik+, +Affäre+, +Katastrophe+. Wenn ein Kerl -einen Mordversuch gemacht hat, heißt er stets ein +Individuum+. Ein -großer Schrecken in einer Volksmasse oder im Theater wird stets -als +Panik+ bezeichnet; ob der Zeitungschreiber wohl eine Ahnung -davon hat, woher das Wort stammt? Einen großen Unglücksfall nennt -er stets eine +Katastrophe+: da gibt es +Eisenbahn-+, +Schiffs-+ -und +Bootskatastrophen+, +Erdbeben-+ oder +Vulkankatastrophen+, -+Brandkatastrophen+, +Überschwemmungskatastrophen+, -+Grubenkatastrophen+, sogar +Unglückskatastrophen+! Er redet auch stets -von einer +Duellaffäre+, einer +Säbelaffäre+, einer +Messeraffäre+, -einer +Giftmordaffäre+. Einen gemeinen Betrüger bezeichnet er vornehm -als +Defraudanten+. Wenn sich einer in einem Hotel erschießt, so gibt -das stets eine +Detonation+, dann findet man das +Projektil+, das -+Motiv+ der Tat ist aber gewöhnlich unbekannt. Gerade gegenwärtig -schwelgen die Zeitungschreiber wieder -- im Leitartikel wie im -Feuilleton -- ärger denn je in Fremdwörtern. Es ist, als ob es ihnen -förmlich Spaß machte, die Puristen zu ärgern und ihnen zu zeigen: -wir scheren uns den Kuckuck um eure Bestrebungen! Der Kohlen+konsum+ -+figuriert+ bei der +Rentabilität+ als +Bagatelle+ -- von solchen -Sätzen sind die Zeitungen wieder voll. Es war schon einmal besser -geworden. - -Könnte man doch nur den Aberglauben loswerden, daß das Fremdwort -vornehmer sei als das deutsche Wort, das +momentan+ vornehmer klinge -als +augenblicklich+, +transpirieren+ vornehmer als +schwitzen+ (der -Hufschmied bei seiner Arbeit +schwitzt+ bekanntlich, aber der Herr im -Ballsaal +transpiriert+!), +professioneller Vagabund+ vornehmer als -+gewerbsmäßiger Landstreicher+, ein +elegant möbliertes Garçonlogis+ -vornehmer als ein +fein ausgestattetes Herrenzimmer+, +konsequent -ignorieren+ vornehmer als +beharrlich unbeachtet lassen+, daß ein -+Eleve+ etwas vornehmeres sei als ein +Lehrling+ (Apotheker, Banken -usw. suchen stets Eleven!), ein +Collier+ etwas vornehmeres als ein -+Halsband+ oder eine +Halskette+![181] Schon der Umstand, daß wir für -niedrige, gemeine Dinge so oft zum Fremdwort greifen, sollte uns von -diesem Aberglauben befreien. Oder wäre +perfid+, +frivol+, +anonymer -Denunziant+ nicht zehnmal gemeiner als +treulos+, +leichtfertig+, -+ungenannter Ankläger+? Und stehen +noble Passionen+ nicht tief unter -+edeln Leidenschaften+? Um etwas niedriges zu bezeichnen, dazu sollte -uns das Fremdwort gerade gut genug sein.[182] - -Aber auch unklar, verschwommen, vieldeutig sind oft die Fremdwörter. -Was wird nicht alles durch +konstatieren+ ausgedrückt! +Feststellen+, -+behaupten+, +erklären+, +wahrnehmen+, +beobachten+, +nachweisen+ --- alles legt man in dieses alberne Wort! Da ist wieder etwas -überraschendes zu +konstatieren+ -- was heißt das anders als: da macht -man wieder eine überraschende +Wahrnehmung+ oder +Beobachtung+?[183] -Was soll +intensiv+ nicht alles bedeuten: +groß+, +stark+, +lebhaft+, -+heftig+, +eifrig+, +kräftig+, +genau+, +scharf+, +straff+! Man nutzt -die Zeit +intensiv+ aus, lernt ein Volk +intensiv+ kennen, bespricht -eine Rechenaufgabe +intensiv+ usw. Was soll +direkt+ nicht alles -bedeuten! Bald +unmittelbar+ (die +direkte+ Umgebung von Leipzig, -eine Ware wird +direkt+ bezogen, einer ist der +direkte+ Schüler des -andern, ein Aufsatz wird unter +direkter+ Beteiligung des Kanzlers -geschrieben), bald +gleich+ (sie gingen +direkt+ von der Arbeit ins -Wirtshaus), bald +dicht+ oder +nahe+ (der Gasthof liegt +direkt+ -am Bahnhof), bald +gerade+ (die Straße führt +direkt+ nach der -Ausstellung), bald +geradezu+ (die Verschiedenheit der Darstellung -wird als +direkt+ störend empfunden -- die Stelle wirkt in dieser -Fassung +direkt+ erschütternd -- die Dichtung ist in ihrer Art -+direkt+ klassisch -- die evangelische Kirche ist hier in +direkt+ -falschem Licht dargestellt), bald +genau+ (soll ich denn +direkt+ -um sieben kommen?), bald +wirklich+ (bist du in Berlin gewesen, -+direkt+ in Berlin?), bald +nur+ (Ihre Bibliothek hat also +direkt+ -wissenschaftliche Werke?). Eine Berlinerin ist imstande, zu ihrem -ungezognen Bengel zu sagen: was hast du da gemacht? das ist +direkt+ -ein Fettfleck! oder: wirst du +direkt+ folgen? wirst dus +direkt+ -wieder aufheben? Was für ein unklares Wort ist +Konsequenz+! Bald -soll es +Folge+ heißen (die Konsequenzen tragen), bald +Folgerung+ -(die Konsequenzen ziehen). Was für ein unklares Wort ist +Tendenz+! -Bald soll es +Bestrebung+ bedeuten, bald +Absicht+, bald +Richtung+, -bald +Neigung+. Was für ein unklares Wort ist +System+! Man spricht -von einem +philosophischen System+ und meint eine +Lehre+ oder ein -+Lehrgebäude+, von einem +Röhrensystem+ und meint ein +Röhrennetz+, -von einem +Festungssystem+ und meint einen +Festungsgürtel+, von einem -+Achsensystem+ und meint ein +Achsenkreuz+, von einem +Sternsystem+ -und meint eine +Sterngruppe+, von einem +Verwaltungssystem+ und meint -die +Grundsätze+ der Verwaltung, von einem Sprengwagen +System Eckert+ -und meint die +Bauweise+, ja man kann nicht ein Hemd auf den Leib -ziehen, ohne mit einem +System+ in Berührung zu kommen, entweder dem -+System Prof. ~Dr.~ Jäger+ (!) oder dem +System Lahmann+ oder dem -+System Kneipp+ -- was mag sich die Verkäuferin im Wolladen unter -all diesen Systemen denken? Man sagt: hier fehlt es an +System+, -und meint +Ordnung+ oder +Plan+, man spricht von +systematischem+ -Vorgehen und meint +planmäßiges+. Dazu wird System fort und fort -verwechselt mit +Prinzip+ und mit +Methode+ (auf derselben Seite -spricht derselbe Schriftsteller bald von Germanisierungssystem, bald -von Germanisierungsmethode). Wie kann man den Reichtum des Deutschen -so gegen die Armut des Fremden vertauschen! Das Erstaunlichste von -Vieldeutigkeit und infolgedessen völliger Inhaltlosigkeit sind wohl -die Wörter +Interesse+, +interessant+ und +interessieren+. Vor kurzem -hat jemand in einer großen Tabelle alle möglichen Übersetzungen dieser -Wörter zusammengestellt. Da zeigte sich, daß es kaum ein deutsches -Adjektiv gibt, das nicht durch +interessant+ übersetzt werden könnte! -Ein so nichtssagendes „Bummelwort“ sollte doch anständigerweise in -keinem Buche und keinem Aufsatze mehr vorkommen. - -Aus der Unklarheit, die durch die Fremdwörter großgezogen wird, -entspringen dann auch so alberne Verbindungen wie: +vorübergehende -Passanten+, +dekorativer Schmuck+, +neu renovierter Saal+, -+Grundprinzip+, +Einzelindividuum+, +Attentatsversuch+, +defensive -Abwehr+, +numerische Anzahl+, +gemeinsame Solidarität+, -+charakteristisches Gepräge+ (in der Kunst und Literaturschreiberei -äußerst beliebt!), +ausschlaggebendes Moment+ u. ähnl. Nicht einmal -richtig geschrieben werden manche Fremdwörter. Wir Deutschen lassen -uns keine Gelegenheit entgehen, über den Fremden zu spotten, der -ein deutsches Wort falsch schreibt. Aber machen wir es denn besser? -Nicht bloß der kleine Handwerker setzt uns eine +Vetterage+ oder eine -+Lamperie+ auf die Rechnung statt einer +Vitrage+ oder eines +Lambris+, -sondern auch der Zeitungschreiber schreibt beharrlich +Plebiscit+, -+Diaspora+, +Atmosphäre+ (sogar +Athmosphäre+), +Proſelyten+ statt -+Plebiſcit+, +Diaſpora+, +Atmoſphäre+, +Proselyten+. Wer Griechisch -versteht, dem kommt doch +Diaspora+ und +Proſelyten+ so vor, wie -wenn einer +Schnürstiefel+ und +Halſtuch+ schriebe! Auf Leipziger -Ladenschildern liest man in zehn Fällen kaum einmal richtig +Email+, -überall steht +Emaille+, ein Wort, das es gar nicht gibt! +Drogue+ -und +Droguerie+ werden sogar amtlich in der „neuen Orthographie“ -+Droge+ und +Drogerie+ geschrieben, als ob sie wie +Loge+ und +Eloge+ -ausgesprochen werden sollten; man ließe sich noch +Drogerei+ gefallen, -aber -+erie+ ist doch eine französische Endung! Wie lange wird man noch -+posthum+ mit dem törichten h schreiben! Man kann darauf wetten, daß -die meisten dabei nicht an ~postumus~, sondern an ~humus~ denken. Ganz -glücklich sind die Leute, wenn sie in einem Fremdwort ein y anbringen -können; gewöhnlich tun sies aber gerade an der falschen Stelle, wie in -+Sphynx+, +Syphon+, +Logogryph+ usw. - -Manche Fremdwörter berauschen die Menschen offenbar durch ihren -Klang, wie +glorreich+ (in Leipziger Festreden +chlorreich+ -gesprochen), +historisch+, +Material+, +Element+, +Moment+, +Faktor+, -+Charakter+, +Epoche+ und die zahlreichen Wörter auf +ion+. -+Material+ wird in ganz abscheulicher Weise gebraucht: man redet -nicht bloß von +Pferdematerial+, sondern auch von +Menschenmaterial+, -+Kolonistenmaterial+, sogar +Referendarmaterial+! Streicht man das -+Material+, so bleibt der Sinn derselbe und der Ausdruck verliert zwar -seine klangvolle Breite, aber auch seinen ganz unnötig geringschätzigen -Nebensinn. Zu den nichtsnutzigsten Klingklangwörtern gehören +Element+, -+Moment+ (+das+ Moment!) und +Faktor+, sie werden ganz sinnlos -mißbraucht. Es sind ja eigentlich lateinische Wörter (~elementum~, -~momentum~, ~factor~); wenn man aber einen Satz, worin eins von ihnen -vorkommt, in wirkliches Latein übersetzen wollte, könnte man meist gar -nichts besseres tun, als die Wörter einfach -- weglassen. Liberale -+Elemente+, bedenkliche, unzuverlässige, gefährliche +Elemente+ -- das -ist doch nichts andres als Männer, Menschen, +Leute+. Glücklicherweise -bildeten die anständigen +Elemente+ die +Majorität+ -- das heißt doch -nichts weiter als: die anständigen +Leute+ bildeten die +Mehrheit+. -+Moment+ wie +Faktor+ aber bedeutet in den meisten Fällen weiter -nichts als ~res~, ~aliquid~, und auch mit +Element+ ist es oft nicht -anders. Da will einer sagen: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist -der Torpedo noch immer +etwas neues+. Das drückt er so aus: trotz aller -Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer ein +neues Element+ -oder ein +neues Moment+ oder ein +neuer Faktor+ -- nun klingt es! -Hier sind +drei Momente+ zu berücksichtigen, oder hier wirken +drei -Faktoren+ zusammen -- bei Lichte besehen ist es weiter nichts als: -+dreierlei+ (~tria~). Das wichtigste +Moment+ -- es ist schlechterdings -nichts andres als das +Wichtigste+. Der Stock hat von jeher Freud und -Leid mit den Menschen geteilt: dies +Moment+ findet in der Glocke -einen ergreifenden Ausdruck -- wenn diejenigen +Momente+ in den -Vordergrund gestellt werden, die für die Technik von Wert und Interesse -sind -- die Feinhörigkeit ist von osteologischen +Momenten+ abhängig --- die Studentenauffahrt mit ihren bunten, malerischen +Momenten+ -entrollte ein interessantes akademisches (!) Bild -- die gestrige -Stadtverordnetensitzung bot verschiedne interessante +Momente+ -- bei -jedem entstehenden Reichtum ist die Arbeit ein mitwirkender +Faktor+ -- -sind nicht +Moment+ und +Faktor+ hier ganz taube, inhaltleere Wörter? -Bisweilen kann man wohl +Moment+ durch +Umstand+, +Tatsache+, +Zug+, -+Seite+ wiedergeben, ebenso +Faktor+ bisweilen durch +Macht+, +Kraft+, -+Mittel+, aber in den meisten Fällen ist es nichts als: +etwas+; ein -+beunruhigendes Moment+, ein +differenzierendes Moment+ -- es sind -doch nur gespreizte wichtigtuerische Umschreibungen von +Beunruhigung+ -und +Unterschied+.[184] Nicht viel anders ist es mit +Charakter+. -Diese Festlichkeiten haben deshalb einen wertvollen und interessanten -+Charakter+ -- was bedeutet das anders als: sie sind deshalb wertvoll? -Die Raumbildung ist der wesentlichste +Faktor+, der dem Architekten -zur Verfügung steht. Daneben ist ein zweiter, sehr wichtiger -+Faktor+, um (!) einem Raum +individuellen Charakter+ zu geben, die -Art seiner Beleuchtung. Das dritte +Charakterisierungsmoment+, das -dem Architekten zur Verfügung steht, ist die Farbengebung. In solch -albernem Schwulst wird jetzt der einfache Gedanke ausgedrückt: der -Architekt wirkt durch drei Mittel: Raum, Licht und Farbe! +Historisch+ -(d. h. +geschichtlich+ oder +geschichtswissenschaftlich+) wird -jetzt unsinnigerweise für +alt+ oder +altertümlich+ gebraucht. -Man gibt Konzerte mit +historischen+ Blasinstrumenten (zu dumm!), -schießt auf der Schützenwiese mit +historischen+ Armbrüsten, bildet -Fanfarenbläser in +historischer+ Tracht ab, schwärmt von der +alten, -historischen+ Markgrafenstadt Meißen und preist die +althistorischen+ -Sehenswürdigkeiten von Augsburg an. Ganz arg ist auch der Mißbrauch, -der mit +Epoche+ getrieben wird, namentlich in den Schriften neuerer -Geschichtschreiber. +Epoche+ (ἐποχή) bedeutet Haltepunkt, in der -Geschichte ein Ereignis, das einen wichtigen Wendepunkt gebildet hat. -So brauchen noch unsre Klassiker bisweilen das Wort. Schiller nennt -noch ganz richtig die Geburt Christi eine +Epoche+, das Ereignis -selbst, nicht etwa die Zeit des Ereignisses! Die +Epoche+ der -Weltliteratur ist an der +Zeit+ -- sagte Goethe zu Eckermann. Daher -stammt ja auch die Verbindung +epochemachend+, d. h. einen Wendepunkt -bezeichnend. Das Wort ist dann auf die Zeit selbst übertragen worden --- worin allerdings schon der alte Goethe erkleckliches geleistet hat ---, und heute bezeichnet man jeden beliebigen Zeitabschnitt, klein -oder groß, wichtig oder unwichtig, als +Epoche+. Für Zeit kennen -unsre Geschichtschreiber gar kein andres Wort mehr, sie verwechseln -es auch fortwährend mit +Periode+,[185] reden sogar von +Zeitepoche+, -unaufhörlich pochpochpocht es durch ihre Darstellungen! Aber auch die -Jahre, in denen ein tüchtiger Rektor eine Schule geleitet hat, werden -schon eine der inhaltreichsten +Epochen+ der Schule genannt! Auch -+Generation+ hats den Leuten angetan, obwohl es zu den zahlreichen -unklaren Fremdwörtern gehört, denn es bedeutet ja +Geschlecht+ und auch -+Menschenalter+; man kann zuweilen geradezu lesen von der +Generation+, -die vor drei +Generationen+ gelebt hat! Aber es klingt, und das ist -die Hauptsache. Wenn sich bei einer großen Festtafel nach dem zweiten -Gange, wo der Wein schon zu wirken anfängt, einer erhebt, und nachdem -er einigemal mit +glorreiche Epoche+, +Moment+, +Faktor+, +zielbewußt+, -+unentwegt+ um sich geworfen hat, schließlich, ehe er „in diesem -Sinne“ sein Glas leert, noch einmal donnert: von +Generatiooon+ zu -+Generatiooon+! so muß ja alles auf dem Kopfe stehen vor Entzücken. -+Von Geschlecht zu Geschlecht+ -- damit tut man keine Wirkung. - -Im Grunde ist die Fremdwörterfrage eine Frage der Bildung und des -guten Geschmacks. Man könnte mit Rücksicht auf den Gebrauch unnötiger -Fremdwörter die Deutschen in drei Bildungsklassen einteilen: die -unterste Klasse gebraucht die Fremdwörter falsch, die mittlere -gebraucht sie richtig, die oberste gebraucht sie -- gar nicht. Daneben -gibts natürlich Misch- und Zwischenklassen, aber die Hauptklassen sind -doch diese drei. - -Der gewöhnliche Mann aus dem Volke weiß in den meisten Fällen gar -nicht, daß er Fremdwörter gebraucht. Woher sollte ers auch wissen? In -eine fremde Sprache hat er nie hineingeblickt, über seinen Wortschatz -macht er sich keine Gedanken, entweder versteht er ein Wort, oder er -versteht es nicht -- die Fremdwörter versteht er meist nicht; ob die -Wörter, die er gebraucht, deutsch sind oder einer fremden Sprache -angehören, vermag er nicht zu beurteilen. In Leipzig ist z. B. dem -kleinen Handwerker und Krämer, dem untern Beamten, dem Kutscher, dem -Packträger, dem Kellner das Wort +zurück+ fast unbekannt. Wenns ers -gedruckt liest, versteht ers wohl, aber seinem Wortschatze gehört -es nicht an, er kennt nur das Wort +reduhr+ (+retour+), das ist für -ihn deutsch! Er sagt: ich kriege zehn Fennche +reduhr+ -- schiebe -mal de Karre +reduhr+ -- um zehne fahrmer +reduhr+ -- Müller is in -seinem Jeschäfte +redur+jekommen (denn auch in Leipzig wird jetzt -vielfach +jesehen+, +jekommen+ gesagt). So gibt es noch eine Menge von -Fremdwörtern aus dem täglichen Leben, die er ganz richtig gebraucht, -die aber eben für ihn so gut wie deutsche Wörter sind, wie +Gongerrenz+ -(Konkurrenz), +degerieren+ (dekorieren), +mummendahn+, +orchinell+ -u. a. Die meisten aber gebraucht er falsch oder halbfalsch: entweder -er verdirbt oder verstümmelt ihre Form, oder er wendet sie in -falscher Bedeutung an, oder er verwechselt zwei miteinander: er sagt -+absorbieren+, wo er +absolvieren+ meint (meine Tochter hat die höhere -Töchterschule +absorbiert+), er fordert +Reduzierung+ der Arbeitslöhne -(statt +Regulierung+) und erbietet sich, wenn er eine Stelle sucht, -+Primadifferenzen+ vorzulegen, spricht von +rabiater+ Geschwindigkeit -(statt von +rapider+) und von der Gefahr, die es hat, wenn ein -Schlaganfall +repartiert+ (statt +repetiert+), verwechselt +luxuriös+ -und +lukrativ+ (wir können nicht so +lukrativ+ bauen wie die reichen -Leute), versteht +intakt+ als +in Takt+, gebraucht +irritieren+ in dem -Sinne von +irre machen+, +stören+, leitet +affektiert+ von +Affe+ ab, -bringt überall ein bißchen „französische“ Aussprache an: +Orschester+, -+Sanktimeter+, +Parangthese+, +Deelephong+, +Biweh+ (Büfett!), +Serwih+ -(Service), +Dabbeldooh+ und prophezeit von einem neuen Konzertsaal: -wenn er ene gute +Renässangs+ (Resonanz) kriegt, kriegt er ooch ene -gute +Augustik+ (Akustik). - -Nun die mittlere Klasse. Das sind die, die sich so viel Kenntnis -fremder Sprachen angeeignet haben, daß sie von einer großen Anzahl -von Fremdwörtern die Ableitung, die eigentliche Bedeutung kennen, -auf diese Wissenschaft (wenn sie sich mit den unter ihnen stehenden -vergleichen, die +Gratifikation+ und +Gravitation+ verwechseln) sehr -stolz sind und ihre hohe Bildung nun durch möglichst häufigen Gebrauch -von Fremdwörtern an den Tag zu legen suchen. Das ist die gefährliche -Klasse. Sie werfen sich in die Brust und meinen, sie hätten wunder -was gesagt, wenn sie von +lokalem Konsum+ reden, statt von +örtlichem -Verbrauch+. - -Über dieser aber gibt es noch eine dritte Klasse. Es ist ein Zeichen -höchster und vornehmster Bildung, wenn man durch die Erlernung fremder -Sprachen zugleich seine Muttersprache so hat beherrschen lernen, daß -man die fremden Flicken und Lappen entbehren, daß man wirklich deutsch -reden kann. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - -Alphabetisches Wortregister - - - ab statt von 432 - - abdecken 359 - - abend und abends 261 - - Abmessung 435 - - abpflastern 359 - - abschlägig und abschläglich 83 - - abstürzen 374 - - Abteil 434 - - abzüglich 421 - - Achtung für oder vor 349 - - adlig und adlich 81 - - Affäre 444 - - Afrikareisender 193 - - Aktiengesellschaft 199 - - alle 31 - - alle oder aller vier Wochen 259 - - allmählich 81 - - Alltag 362 - - alpine Flora 185 - - als beim Komparativ 268 - - als ob, als wenn 157 - - altbacken 59 - - Altheidelberg, Altweimar 191 - - Altmeister 190 - - Altmeißner Porzellan 191 - - anbelangen, anbetreffen 407 - - anders 47 - - anderthalb 49 - - andersartig 409 - - andres, ein 48 - - Anfang und Anfangs 261 - - angängig 373 - - angehen 239 - - Angehöriger 34 - - Angel 19 - - Anhaltspunkt 73 - - anklagen, beklagen, verklagen 358 - - Anlage und Anlegung 344 - - anläßlich 420 - - anliefern 359 - - anormal 441 - - anscheinend 341 - - anschneiden, eine Frage 375 - - anschließen, sich 341 - - Anteilnahme 408 - - antideutsch 88 - - antwortlich 419 - - Anwaltstag 76 - - Anzahl 96 - - Apfelwein 74 - - Apostel 19 - - Arbeitgeber 80 - - Arbeitnehmer 362 - - Arm 16 - - Armesünderglocke 206 - - Aschenbecher 70 - - Ärztetag 70 - - Ärztin 68 - - Attentäter 67 - - auf Festung, auf Jagd 275 - - aufliefern 359 - - Aufregung und Aufgeregtheit 345 - - aufrollen, eine Frage 375 - - auftraggemäß 387 - - augenscheinlich 341 - - Aurikel 19 - - ausbezahlen 407 - - Ausfuhr u. Ausführung 344 - - Ausgabe, erste seltene 301 - - ausgehen 355 - - ausgeschlossen 391 - - Auskunftei Schimmelpfeng 203 - - auslösen 375 - - Ausreise 363 - - ausschließlich 420 - - Ausschmuck 345 - - ausschalten 375 - - Autograph 18 - - - Baby 438 - - Bachkantate 195 - - baden 56 - - Bad-Kissingen 218 - - baldgefälligst 43 - - Bande, Bände, Bänder 20 - - Beamter 33 - - Beamtin 69 - - bedanken 243 - - bedeuten statt sein 376 - - bedeutsam 369 - - bedingen 398 - - beföhle 63 - - Begleiterscheinung 363 - - begönne 63 - - begründen und gründen 358 - - begrüßen 376 - - behufs 418 - - bei statt von 351 - - beide 37 - - beiderlei Geschlechts 290 - - beiläufig 431 - - bekannt als, berühmt als 214 - - bekannt geben 376 - - beklagen, anklagen, verklagen 358 - - Beklagtin 69 - - belanglos, belangreich 370 - - beheben 354 - - belegen sein 354. 358 - - Beleuchtungskörper 365 - - belichten 365 - - benötigen 430 - - bereits schon 290 - - Bergmann 4 - - Bericht erstatten 280 - - berichten 240 - - besitzen statt haben 410 - - besönne 63 - - besser statt gut 370 - - bewähren, sich, als 215 - - bewerten 385 - - beziffern sich 376 - - Beziehung, Bezug, Bezugnahme 345 - - beziehentlich, beziehungsweise 426 - - Biere 337 - - bilden statt sein 377 - - billig 81 - - bis 257 - - bislang 386 - - Bismarckbeleidigung 198 - - Blatt und Blätter 24 - - Blättermeldung 361 - - Blau, das, und das Blaue 35 - - blumistisch 88 - - Blüthnerflügel 196 - - Boden 16 - - Bogen 16 - - Boot 16 - - brauchen oder gebraucht 61 - - brauchen mit Infinitiv 292 - - brauchen und gebrauchen 354 - - bringen, zur Aufführung 416 - - Brot 16 - - Buckel 19 - - - Café Bauer 201 - - Charakter 449 - - chic 437 - - Cypernwein 192 - - - da und dort 386 - - dabei, dafür, darin 231 - - dank 247 - - Darbietung 368 - - Darlehen 4 - - darstellen statt sein oder bilden 377 - - das und was 116 - - denkbar beim Superlativ 43 - - Denkmal 20 - - denn beim Komparativ 268 - - der der, die die, das das 115 - - der, die, das als Relativpronomen 112 - - deren 40 - - deren und derer 45 - - derem und dessem 45 - - derjenige, welcher 235 - - derselbe 226 - - derselbige 235 - - dessen 40 - - Deutsch, das, und das Deutsche 35 - - Deutsche, wir, und wir Deutschen 36 - - Dichter-Komponist 220 - - Ding 21 - - direkt 445 - - Doktor-Ingenieur 220 - - ~Dr.~, weiblich 277 - - drängen 53 - - draußen, drinnen 353 - - dreimonatig und dreimonatlich 82 - - dringen 53 - - Dritte, der, statt der Andre 347 - - drittehalb 49 - - Droguerie 447 - - drüben und hüben 353 - - dünken 53 - - durch statt von 351 - - durch von der Zeit 263 - - durch und wegen 349 - - durchwegs 422 - - Dürerzeichnung 195 - - dürfen 347 - - dürfen mit Recht 290 - - - Edition Peters 201 - - Effekt 18 - - ehe nicht 272 - - Ehrung 368 - - eigenartig 370 - - ein andres 48 - - Einakter 362 - - einander gegenseitig 290 - - eindecken 359 - - einer nicht statt keiner 270 - - eines, einem, einen 46 - - ein Goethe 276 - - einige 31 - - einig sein, sich 342 - - einliefern 339 - - ein Maler drei, ein Stücker drei 245 - - einmal statt erstens 342 - - Einnahmsquelle 78 - - einschätzen 377 - - einschließlich 420 - - einsetzen 378 - - Einsichtnahme 408 - - einstellen 380 - - einundderselbe 46. 226 - - einwandfrei 370 - - einwerten 386 - - einzig 44 - - Eisenbahner 67 - - Element 448 - - Eltern 29 - - Email 447 - - empfangen und erhalten 341 - - empföhle 63 - - empor 257 - - entblöden, sich 356 - - entfallen statt fallen 354. 356 - - entgegennehmen 380 - - entleihen 356 - - entlohnen 354. 356 - - entnüchtern, ernüchtern 359 - - Entscheid 345 - - Epoche 450 - - erblicken 406 - - erbringen 354 - - Erfolg 340 - - erfolgen 344 - - erhalten und empfangen 341 - - erhältlich 364 - - erheben, sich 341 - - erheblich 371 - - erholen, sich, Rats 241 - - erhoffen 354 - - erinnern, auf etwas 431 - - erlauben 355 - - Erleben, das 397 - - eröffnen 355 - - Erscheinung, in die, treten 383 - - erschrecken 51 - - Erstaufführung 188 - - Erstausgabe, Erstdruck 188 - - erstbeste 43 - - erste Künstler 245 - - erstellen 355 - - ersterer 223 - - erstklassig 364 - - erstmalig 407 - - erstmals 386 - - erübrigen statt übrig bleiben 380 - - erübrigen, sich, statt überflüssig sein 380 - - Erwerb und Erwerbung 345 - - erzielen 381 - - essen 62 - - Essen-Ruhr 200 - - ~et~, & 267 - - Etikett, das 23 - - etwas andres 48 - - etwas nicht statt nichts 270 - - euer und eurer 44 - - Eure Majestät 45 - - eventuell 437 - - existieren 436 - - Exlibris 203 - - - Fabriksmädchen 78 - - Façon, das 23 - - fahren und führen 56. 166 - - Fahrkarte 434 - - Fahrrichtung 74 - - Faktor 449 - - Falschstück 188 - - falten 56 - - Fehlbetrag 363 - - Fels und Felsen 5 - - fertigstellen 402 - - Feste, die 34 - - festlegen 403 - - Feuerbestattung 365 - - finden, sich 432 - - Firma, das 23 - - folgender 27 - - forstlich 185 - - fort 404 - - fragen 54 - - Frauenkirche 70 - - Frau und Kinder 276 - - Fräulein, das oder die 276 - - Fräulein Braut, Tochter 277 - - Freisinn 362 - - Fremder 33 - - Fremdsprache 188 - - fremdsprachig und fremdsprachlich 81 - - Friede 5 - - Frischluft 189 - - froh in Zusammensetzungen (arbeitsfroh) 371 - - Fühlen, das 396 - - führende Geister 381 - - fünfzig und funfzig 49 - - fünfzigjähriger Geburtstag 246 - - Funke 5 - - für und über 349 - - für und zu 349 - - Fürst 4 - - fußfrei 210 - - - Ganzes oder Ganze 25. 33 - - Garage 436 - - Garne 337 - - Gartenlaubekalender 70 - - Gastwirtstag, Gastwirtsverein 76 - - Gau 4 - - geartet 409 - - geboren werden, geboren sein 108 - - gebrauchen und brauchen 354 - - Geburtstag 16. 246 - - Gedanke 5 - - gedienter Soldat 166 - - Gefalle 5 - - gefeiert als 214 - - Gefertigte, der 430 - - Gefolge, im -- haben 381 - - Gehalte und Gehälter 20. 22 - - Geistlicher 33 - - gelagerter Fall 408 - - Gelände 435 - - gelangen, zur Aufführung 416 - - gelegentlich 420 - - Gelehrter 33 - - gelernter Kellner 166 - - gemäß 248 - - Gemäßheit, in 420 - - General 17 - - Generation 450 - - Gepflogenheit 362 - - Gesangpädagog 442 - - geschaffen, geschafft 52 - - Geschäft 21 - - geschleift, geschliffen 52 - - Geschmack 22 - - geschweige denn 273 - - gesessen sein, gesessen haben 59 - - Gesichte und Gesichter 20 - - Gesichtspunkt 393 - - gesinnt, gesonnen 52 - - gestanden sein, gestanden haben 59. 168 - - gestatten 381 - - getragen 382 - - Gewand 20 - - Gewerk und Gewerke 4 - - Gewinn 21 - - Gewölbe 21 - - gewönne 63 - - glasieren 88 - - glatt 371 - - Glaube 5 - - gleiche, der 226 - - Goethebiographie, Goethedenkmal 194 - - gölte 63 - - Griffelkunst 363 - - Großfeuer 189 - - großzügig 371 - - größtmöglichst 43 - - Grund und Boden 46 - - gründen und begründen 358 - - - Haar, Haare 338 - - Hader 19 - - Halle-Saale 200 - - hangen und hängen 51 - - Hannoveraner 88 - - Haufe 5 - - Haus 390 - - Hause, nach 351 - - hausbacken 59 - - haußen, hinnen 353 - - Heiliger 33 - - heißen 239 - - heißen oder geheißen 60 - - -heit, Wörter auf 345 - - Heizkörper 365 - - Held 4 - - helfen oder geholfen 61 - - her und hin 352 - - herab, heran, herunter 353 - - Herabminderung 408 - - herauf und hinauf, herein und hinein 352 - - herausbilden 407 - - Herbstzeitlose 34 - - Herr 14 - - Herrenmoden 390 - - Herzog 17 - - Hilferuf, Hilfeleistung 80 - - Hilfslehrer, Hilfsprediger 80 - - hin und her 352 - - hinab, hinan, hinunter 353 - - hinauf 257 - - Hingabe und Hingebung 343 - - Hirt 4 - - historisch 450 - - historisch-kritisch 267 - - hocherfreut und hoch erfreut 169 - - hochfein, hochmodern 386 - - hochgradig 372 - - hoch kommen 257 - - hochleben 170 - - Höchstgehalt, Höchstmaß 188 - - hochverehrtest 42 - - hoffen und wünschen, verwechselt 296 - - Holbeinbildnis 197 - - Holländer Austern 178 - - hören oder gehört 60 - - Hose, Hosen 338 - - hüben und drüben 353 - - hülfe 63 - - Hummer 19 - - hundertunderste 49 - - - im Begriff 252 - - im Wege 350 - - in 1870 258 - - in statt auf oder gegen 350 - - indes, indessen 387 - - in Ergänzung, Fortsetzung, Veranlassung 172 - - inhaltlich 420 - - Inneres oder Innere 33 - - insofern als 133 - - insofern, daß 296 - - instandsetzen 252 - - intensiv 445 - - interessant 447 - - interpretieren 438 - - -ismus, Wörter auf 12 - - - ja, das beteuernde und das steigernde 323 - - ja ja 323 - - jagen 59 - - Jaquet 19 - - jeder 26 - - jemand 47 - - jemand anders 47 - - jener 237 - - Jetztzeit 362 - - Jubiläum 246 - - jugendlich statt jung 372 - - Jungens 23 - - Jünger 33 - - Jungwilhelmdenkmal 191 - - - Kaiserhoch 197 - - Kajütsbureau 78 - - kännte und kennte 63 - - Kapital, Kapitäl 17 - - Kasten 16 - - Katastrophe 444 - - kein 31. 270 - - kennen lernen oder gelernt 61 - - Kenntnis, zur, kommen 283 - - Kenntnis nehmen 279 - - kennzeichnen 340 - - Kiefer 19 - - Klage führen 281 - - klarlegen, klarstellen 402 - - klar sein, sich 342 - - kleiden 240 - - Klein, das 35 - - Kloß 21 - - kneipen 52 - - Kohlezeichnung 71 - - Kolleggeld 76 - - Kollegienhefte 76 - - Kollegs 23 - - kommen, zur Aufführung 416 - - Königsbüste 198 - - Können, das 396 - - konstatieren 445 - - Kork 19 - - Korset 19 - - kosten 239 - - Kostüm 436 - - Kragen 16 - - kriegführend 80 - - kulturell 185 - - Kunde 69 - - Künstler 68 - - - laden 53 - - Lage 293 - - Lageplan 71 - - Lager 16 - - Lande und Länder 20 - - landen 381 - - lang, drei Monate 262 - - längeren, des 407 - - lassen 238 - - lassen oder gelassen 60 - - lateinlos 365 - - lauten 56 - - leerstellen 403 - - Lehen 4 - - lehren 239 - - Lehrperson 362 - - Leipzig-Elbe-Kanal 192 - - leisten, Folge, Verzicht 406 - - letzterer 223 - - Lichte und Lichter 20 - - liebedienerisch 80 - - Liebesdienst 77 - - Liebfrauenmilch 72. 206 - - Linke, die 34 - - links 248 - - Lohn 22 - - lohnen, der Mühe 241 - - Lokomotivführer 72 - - löschen 51 - - - Mädels 23 - - Magen 16 - - Maler-Dichter 220 - - man 46 - - Mann 4 - - manche 31 - - mangels 418 - - Mansardedach 71 - - markant 437 - - Maß 21 - - maschinell 185 - - Material 448 - - mehrere 32 - - mehrere und mehr 41 - - mein, dein, sein 32 - - Menge 96 - - Mietshaus, Mietspreis, Mietsvertrag 74. 78 - - Milieu 436 - - minderwertig 373 - - Mindestpreis 188 - - mißbrauchen, mißfallen, mißhandeln 58 - - Mittwoch 261 - - Möbel 19 - - mögen für können 346 - - möglichst und womöglich 43 - - Moment 448 - - Monarch 443 - - monatlich 82 - - Motor 18 - - Muff 19 - - - nachahmen 239 - - nachdem 131 - - nach dort, nach hier 256 - - nach Hause, zu Hause 351 - - nach meines Erachtens 247 - - nach oben 256 - - Nachrichten, Neueste Leipziger 300 - - nahe 249 - - näheren, des 407 - - nahezu 387 - - Name 5 - - namens 418 - - Namensverzeichnis 75 - - naturgemäß 387 - - Naturwissenschaftler 68 - - Neigung und Geneigtheit 345 - - nein nein 323 - - Neuauflage, Neuerscheinung 188 - - neubacken 59 - - neuerdings 431 - - Neuheit und Neuigkeit 340 - - Neusprachler 68 - - neusprachlich 81 - - nicht ohne 273 - - nichts 270 - - nicht un -- 272 - - Niederlagsraum 78 - - Niederlande, Königin Wilhelmine der 303 - - niemand 47 - - nördlich 248 - - notleiden 170 - - Note, intime 368 - - - oben gehen 257 - - obzwar 133 - - oder 98 - - offenstellen 403 - - öffnen und eröffnen 355 - - offensichtlich 373 - - Offert, das 23 - - Offizierskasino 75 - - öfters 422 - - Ohren, zu, kommen 283 - - Orte und Örter 22 - - Ortsverzeichnis 75 - - - Pädagog 441 - - Pantoffel 19 - - Papierverein 199 - - Paragraph 18 - - Parteinahme 408 - - passieren 436 - - Pate 69 - - Perser Teppiche 178 - - Pfennig, Pfennige 24 - - Porto, Porti 24 - - posthum 447 - - Preise, kleine 339 - - Preislage 390 - - Presseball, Pressefest 72 - - Prinz 4 - - Prinzensöhne 220 - - prinzlich 185 - - Prinzregent 220 - - prozentual 441 - - Prozentsatz 368 - - - radebrechen 53 - - Rassepferd 70 - - Rechenstunde 77 - - Rechnung tragen 381 - - Rechte, die 34 - - rechts 248 - - Redakteur 433 - - reichlich 388 - - Reihe 96 - - reisen 59 - - religiös-sittlich 267 - - Rest 21 - - retour 451 - - retrospektiv 438 - - richtig stellen 402 - - Richtung, in der 421 - - Rindsleder 79 - - Rittersmann 77 - - Rohr 16 - - rönne 63 - - rückenfrei 210 - - Rückerinnerung 291. 408 - - Rücksichtnahme 408 - - Rückwirkung, Rückschluß 368 - - rund 387 - - - Saalezeitung 72 - - Same 5 - - sämtliche 31 - - Sand 338 - - Sauregurkenzeit 206 - - Schade und schade 5 - - schaffen 52 - - scheinbar 341 - - Scheit 22 - - Schilde und Schilder 21 - - Schillerfeind 198 - - schleifen 52 - - Schlüssel 19 - - schmelzen 51 - - schneidig 373 - - schölte 63 - - Schönen, die 34 - - Schreibepapier 77 - - schreiten 382 - - Schriftleiter 433 - - schrittweise 207 - - Schule, zur 351 - - schulisch 184 - - schwerwiegend 41 - - schwömme 63 - - segensreich 77 - - sehen oder gesehen 60 - - Seiner Majestät Schiff 40 - - sein lassen 215 - - seitens 422 - - -seitig, -seits 424 - - selber, selbst 245 - - selbstlos 373 - - selbstredend, selbstverständlich 391 - - selten 388 - - Shakespearedramen 195 - - Silberhochzeit 186 - - singen hören oder gehört 60 - - sinnen 52 - - solcher 27 - - Solebad 72 - - sollen für müssen 346 - - Solo, Soli 24 - - sonst 233 - - sowie 98 - - sowohl als auch 98 - - so zwar 267 - - spalten 56 - - Speisekarte 73 - - speisen 62 - - Spielmann 4 - - spönne 63 - - Standpunkt 395 - - stände, stünde 62 - - stattfinden 344 - - stattgefunden und stattgehabt 167 - - stecken 52 - - Stellung nehmen 279 - - Stellungnahme 408 - - Steuer 19 - - Stiefel 19 - - Straftat 363 - - Straßenbahner 67 - - Strauß 21 - - stückweise 207 - - studierter Mann 166 - - stürbe 63 - - Stutz 19 - - südlich 248 - - Sunlightseife 439 - - System 446 - - - Tabaksmonopol 79 - - tagein, tagaus 365 - - Tale und Täler 20 - - Taler 24 - - teils -- teils 98 - - teilweise 207 - - Tendenz 446 - - tiefgefühltest 42 - - tiefgehend 41 - - tiefgründig 373 - - Tintenfaß 70 - - Titel 19 - - todsicher 392 - - Toiletteseife 70 - - Ton 338 - - Ton für Wort 392 - - tragen 382 - - treffsicher 364 - - treten 383 - - trotzdem und trotzdem daß 133 - - Trümmer 19 - - Tucher Bier 192 - - tunlich 373 - - Typ 436 - - - überfahren 57 - - überführen 56 - - überlegen 57 - - Übersee 362 - - übersetzen 57 - - übersiedeln 58 - - uferlos 373 - - um zu 161. 296 - - und, fehlendes 265 - - unentwegt 388 - - unerfindlich 373 - - unerheblich 371 - - unerwartet 248 - - unförmig und unförmlich 83 - - ungeachtet 248 - - ungefähr 209 - - ungezählt statt unzählig 374 - - Universität Leipzig 201 - - unschwer, nicht unschwer 273 - - unser und unsrer 44 - - unsre Gegenwart 290 - - Unstimmigkeit 369 - - untadlig 81 - - unterbreiten 57 - - Unterfertigte, der 431 - - unterhalten 57 - - unterrichtlich 184 - - unterschlagen 57 - - Untertan 33 - - unverhohlen 54 - - unweit 249 - - unwidersprochen 243 - - unzählig 81 - - Urlaub 355 - - - vaterlandsliebend 80 - - veranschlagen 406 - - verausgaben 406 - - verdenken 241 - - verderben 51 - - Verdienst 22 - - verdürbe 63 - - Verein Berliner Künstler 39 - - vereinnahmen 406 - - Verfehlung 369 - - Verfügung, zur, stehen und stellen 281 - - vergessen, auf etwas 431 - - Verkauf und Verkaufung 344 - - verkehren 60 - - verläßlich statt zuverlässig 374 - - verlautbaren u. verlauten 341 - - verlegen statt legen 354 - - vermeinen 357 - - vermittelst 418 - - vernunftgemäß 387 - - verraten, sich, als 215 - - verschreiten 382 - - verschroben 54 - - versichern 240 - - verständigen 430 - - Verstehen, das 397 - - vertonen 435 - - vertrauen 383 - - Verwandter 33 - - Verwandtin 69 - - Verzichtleistung 408 - - verziehen 357 - - viele 32 - - vielmehr 388 - - vierwöchig und vierwöchentlich 82 - - Villa-Daheim 218 - - Visitekarte 70 - - volklich, völkisch 184 - - voll und ganz 388 - - vollends 273 - - voller 244 - - Vollziehung und Vollzug 345 - - von -- ab, von -- an 349 - - von Ende oder vom Ende 264 - - von Hause, von zuhause 264 - - vorab 389 - - voran und vorwärts 341 - - vorbestrafen 383 - - vorhanden 209 - - vorhinein, im 431 - - Vorjahr 362 - - Vormärz 362 - - vornehm statt Haupt- 374 - - vornehmlich 389 - - Vorredner 362 - - vorsehen 384 - - - Wagen 163 - - wägen 51 - - Wagnerverehrer 198 - - während 14. 261 - - weder -- noch 98 - - weg 404 - - Wege, im 350 - - Wege, in die -- leiten 384 - - wegen und durch 349 - - Weimaraner 88 - - Wein 337 - - weise 207 - - Weiser 33 - - Weiße, die 49 - - weitaus 38 - - weitgehend 413 - - welcher 27. 112 - - welch letzterer 123 - - Werdegang 360 - - werden lassen 215 - - werten 385 - - wie beim Komparativ 268 - - Wie meinen? 366 - - wiegen 51 - - Wild, das 35 - - Wille 5 - - willfahren 53 - - wir Deutschen 36 - - Wirksamkeit und Wirkung 340 - - wo, wobei, womit, worin 118 - - wöchentlich 82 - - Wolle 337 - - Wollen, das 397 - - worden 105 - - Wort, Worte, Wörter 20 - - wunschgemäß 387 - - wünschen und hoffen verwechselt 296 - - würbe 63 - - würde statt des Konjunktivs 158 - - würfe 63 - - - Zeichenbuch 76 - - zeigen, sich, als 215 - - Zeit, die gute alte 209 - - zeitigen 386 - - Zelt 21 - - Zerstreuung und Zerstreutheit 345 - - Zettel 18 - - Ziegel 19 - - zielbewußt 374 - - zu und um zu 161 - - zubilligen 386 - - zufolge statt nach 351 - - zufrieden 209 - - zufriedenstellen 402 - - zugängig und zugänglich 83 - - Zugsverbindung 78 - - zuhause 264 - - Zuhilfenahme 421 - - zukommen, auf etwas 386 - - zumal 342 - - zumal und zumal da 132 - - zuzüglich 421 - - zwangsweise 207 - - zwar, so 267 - - zwecks 418 - - zween, zwo, zwei 49 - - zwischen 258 - -[Illustration] - - - - -Druck von Carl Marquart in Leipzig - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -Walther von der Vogelweide - -Von - -Rudolf Wustmann - -Kl. 8°. V, 103 S. 1912. Mit 3 Tafeln. - -Geheftet ℳ 2.--, gebunden ℳ 2.40. - -+~Vorwort des Verfassers~+: - -„~Dies Büchlein zu schreiben hat mich schon lange gedrängt. Walther -von der Vogelweide verdient in unserer allgemeinen Bildung einen -besseren Platz, als ihm die meisten deutschen Hoch- und Mittelschulen -zuteil werden lassen. Sein Charakterbild steht im großen und ganzen -fest, so vieles auch an seinem Lebensbilde noch undeutlich ist. Daß -ich nun auch etwas von Walthers Musik mit vorlegen kann, macht mir -besondere Freude.~“ - - -Shakspere - -Fünf Vorlesungen aus dem Nachlaß - -von - -Bernhard ten Brink - -Mit dem Medaillonbildnis des Verfassers in Lichtdruck - -Dritte durchgesehene Auflage - -Klein 8°. VII, 149 S. 1907. ℳ 2.--, gebunden ℳ 2.50. - - Inhalt: Erste Vorlesung: Der Dichter und der Mensch. -- Zweite - Vorlesung: Die Zeitfolge von Shaksperes Werken. -- Dritte Vorlesung: - Shakspere als Dramatiker. -- Vierte Vorlesung: Shakspere als - komischer Dichter. -- Fünfte Vorlesung: Shakspere als Tragiker. - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -Deutsches - -Fremdwörterbuch - -Von - -Hans Schulz - -Privatdozent an der Universität Freiburg i. Br. - -Erste bis vierte Lieferung: A-Kampagne - -Lex. 8°. je 5 Bogen. Subskriptionspreis für die Lieferung ℳ 1.50. Das -Werk wird etwa 10 Lieferungen von je 5 Bogen Lex. 8° umfassen. - -~Das Buch versucht zum ersten Male eine lexikalische Behandlung der -in unsere Sprache aufgenommenen Fremdwörter nach den Grundsätzen der -modernen Wortforschung. Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gemacht, -für jedes Wort die Quelle und die Zeit der Entlehnung zu ermitteln, -seinen ursprünglichen Geltungsbereich festzustellen und unter Darlegung -des historischen Belegmaterials seine Entwicklung im deutschen -Sprachgebrauch zu veranschaulichen. Besonderer Wert wurde darauf -gelegt, die lebende und allgemein gebräuchliche Sprache zu fassen und -eingehend zu behandeln.~ - -„~Das lang ersehnte geschichtliche Fremdwörterbuch tritt endlich in -Erscheinung, nicht im Zusammenarbeiten mehrerer, nicht als Ertrag -einer langen Lebensarbeit, sondern dank der Tatkraft, dem mutigen -Zugreifen eines jugendfrischen Mannes. Schulz will allerdings nicht -ein Seitenstück zum Deutschen Wörterbuch bieten, seine Arbeit ist -vielmehr auf ein einbändiges Werk berechnet. Es sollen nur die wirklich -lebendigen Fremdwörter behandelt werden und nur die, die der allgemein -gebräuchlichen Sprache angehören; Veraltetes, wie das große Heer der -technischen Ausdrücke, scheidet also aus. Was Schulz innerhalb dieser -Grenzen geleistet hat, ist ganz vortrefflich. Auswahl, Anordnung, -Darstellung sind durchaus zweckentsprechend und geschickt; musterhafte -Knappheit verbindet sich mit großem Reichtum ... Die Ausstattung des -Buches ist durchaus erfreulich. Hoffentlich liegt das Ganze recht bald -vollendet vor uns.~“ - -_Prof. Dr. O. Behaghel im Literaturblatt für germanische und romanische -Philologie XXII. Jahrgang 1911, Nr. 1._ - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache - -von - -Friedrich Kluge - -ord. Professor der deutschen Sprache an der Universität Freiburg i. Br. - -Siebente verbesserte und vermehrte Auflage - -Lex. 8°. XVI, 519 S. 1910. Geheftet ℳ 9.--, in Leinwand geb. ℳ 10.20, -in Halbfranz geb. ℳ 11.--. - -=Kluges Wörterbuch= ist im Jahre 1883 erstmals erschienen; es hat -also im Jahre 1908 sein 25jähriges Jubiläum feiern können. Der Erfolg -der bis jetzt erschienenen sieben Auflagen und die Anerkennung, -welche dem Buche zu Teil geworden, haben gezeigt, wie richtig der -Gedanke war, die Ergebnisse des anziehendsten und wertvollsten Teiles -der wissenschaftlichen Wortforschung, den über die Entstehung und -Geschichte der einzelnen Wörter unseres Sprachschatzes, in knapper -lexikalischer Darstellung zusammenzufassen. - -Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Form und Bedeutung -jedes Wortes bis zu seiner Quelle zu verfolgen, die Beziehungen -zu den klassischen Sprachen in gleichem Maße betonend wie das -Verwandtschaftsverhältnis zu den übrigen germanischen und den -romanischen Sprachen; auch die entfernteren orientalischen, -sowie die keltischen und die slavischen Sprachen sind in allen -Fällen herangezogen, wo die Forschung eine sichere Verwandtschaft -festzustellen vermag. - -Die vorliegende neue Auflage, die auf jeder Seite Besserungen und -Zusätze aufweist, hält an dem früheren Programm des Werkes fest, -strebt aber wiederum nach einer Vertiefung und Erweiterung der -wortgeschichtlichen Probleme und ist auch diesmal bemüht, den -neuesten Fortschritten der etymologischen Wortforschung gebührende -Rechnung zu tragen. Am besten aber veranschaulichen einige Zahlen die -Vervollständigung des Werkes seit seinem ersten Erscheinen: die Zahl -der Stichworte hat sich von der ersten zur siebenten Auflage vermehrt -im Buchstaben A: von 130 auf 346 (6. Aufl. 280); B: von 378 auf 608 (6. -Aufl. 520); D: von 137 auf 238 (6. Aufl. 200); E: von 100 auf 202 (6. -Aufl. 160); F: von 236 auf 454 (6. Aufl. 329). Diese Vermehrung ist in -gleicher Weise auch bei den übrigen Buchstaben angestrebt worden. - - - - -Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg. - - -Wörterbuch-Bibliothek. - - =Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.= Von +Friedrich - Kluge+, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Siebente - verbesserte und vermehrte Auflage. Lex. 8°. XVI, 519 S. 1910. Geh. ℳ - 9.--, in Leinw. geb. ℳ 10.20, in Halbfranz geb. ℳ 11.-- - - =Deutsches Fremdwörterbuch.= Von +Hans Schulz+, Privatdozent an - der Universität Freiburg i. Br. 1.-4. Lieferung: A-Kampagne. - Subskriptionspreis für die Lieferung ℳ 1.50. Das Werk wird etwa 10 - Lieferungen von je 5 Bogen Lex. 8°. umfassen. - - =Wörterbuch der deutschen Kaufmannssprache.= ~Auf geschichtlichen - Grundlagen. Mit einer systematischen Einleitung. Von _Alfred - Schirmer_. Lex. 8°. LI, 218 S. 1911.~ - - Geh. ℳ 6.50, geb. ℳ 7.50 - - =Die deutsche Druckersprache.= Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. XV, - 128 S. 1900. Geh. ℳ 2.50, geb. ℳ 3.50 - - =Schlagwörterbuch.= Von +Otto Ladendorf+. 8°. XXIV, 365 S. 1906. Geh. - ℳ 6.--, in Leinwand geb. ℳ 7.-- - - =Pennälersprache.= Entwicklung, Wortschatz und Wörterbuch. Von - +Rudolf Eilenberger+. 8°. VIII, 68 S. 1910. Geh. ℳ 1.80, in Leinwand - geb. ℳ 2.30 - - =Schelten-Wörterbuch.= Die Berufs-, besonders Handwerkerschelten und - Verwandtes. Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. VIII, 159 S. 1910. Geh. ℳ - 4.--, geb. ℳ 5.-- - - =Rotwelsch.= +Quellen und Wortschatz der Gaunersprache+ und der - verwandten Geheimsprachen. Von +Friedrich Kluge+. I. Rotwelsches - Quellenbuch. Gr. 8°. XVI, 495 S. 1901. ℳ 14.-- - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -Allgemeine - -Bücherkunde - -zur neueren deutschen Literaturgeschichte - -Von - -Robert F. Arnold - -a. o. Univ.-Prof., Kustos der k. k. Hofbibliothek in Wien. - -8°. XIX, 354 S. 1910. - -Geheftet ℳ 8.--, in Leinwand geb. ℳ 9.--. - -„~Dieses Werk gehört zu den Büchern, die wirklich einmal eine -vorhandene Lücke ausfüllen und den Bestand unserer Hilfsmittel um -ein höchst nützliches Glied erweitern. Aus der Praxis erwachsen, ist -es auch in besonderem Sinne praktisch gestaltet worden, zumal der -Verfasser reiche bibliothekarische Erfahrung mit literarhistorischer -Kritik aufs glücklichste vereinigte ... Alles in allem erscheint der -Inhalt des Buches so wohlerwogen und so gewissenhaft überprüft, ist -die Anordnung und der Druck so klar und übersichtlich, daß es den -zu stellenden Anforderungen aufs beste entspricht ... Und wenn der -Verfasser die mühevolle Arbeit mit einem Seufzer der Erleichterung -beschließt, so mag in das Bewußtsein trösten, durch sein schönes Buch -den Nachstrebenden wie den Fachgenossen einen guten Dienst geleistet zu -haben.~“ - - _Dr. Otto Ladendorf in Zeitschr. f. d. dt. Unterricht, 24. Jahrg., - Heft 11._ - -„~Für das Gebiet der deutschen Literatur, den bevorzugten Tummelplatz -unserer Bibliophilen, liefert der bekannte, als Bibliograph der neueren -Theatergeschichte bewährte Wiener Literaturhistoriker und Bibliothekar -Arnold eine überaus nützliche Einführung, indem er streng gegliedert -die gesamte eingeschlagene Literatur vorführt. Das System ist praktisch -und zumal durch das ausführliche Register auch für Laien leicht -benutzbar. Für jedes Gebiet wird eine Art historischer Entwicklung -an der Hand der älteren Bücher und Zeitschriften gegeben; knappe, -sichere Urteile, Anweisungen für den Gebrauch von Sammelwerken und -Nachschlagebüchern gewähren namentlich dem Anfänger die nützlichste -Unterstützung~ ...“ - - _Prof. Dr. G. Witkowski in der Zeitschr. f. Bücherfreunde, - Januar-Heft 1911._ - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -Die Renaissance - -Historische Szenen - -vom - -Grafen Gobineau - -Deutsch von Ludwig Schemann - -Ausgabe letzter Hand mit den aus der Handschrift erstmalig übertragenen - -Originaleinleitungen Gobineaus. - -8°. LXXXV, 387 S. 1912. - -Preis: Geheftet ℳ 4.--, geb. in Leinwand ℳ 5.--, in Ganzlederband ℳ -6.--. - -~Der Wert und die Bedeutung der neuen Auflage wird besonders -dadurch erhöht, daß in ihr =zum ersten Male= und =allein in ihr -die Einleitungen, die Gobineau selbst zur Renaissance= geschrieben -hat, veröffentlicht werden. „Diese Einleitungen, deren Charakter -und Bedeutung auf den ersten Blick erhellt, bringen einerseits -eine Art =Vorgeschichte der Renaissance=, eine knappe, lichtvolle -kulturgeschichtliche Übersicht über das Mittelalter, als die -eigentliche Grundlage und Voraussetzung jener großen Zeit; anderseits -aber Einzelcharakteristiken von Personen und Ereignissen, welche -die des Hauptwerkes zum Teil zusammenfassen, zum Teil ergänzen -und durch neue Züge bereichern; endlich noch einzelne besondere -geschichtsphilosophische Ausblicke und Erörterungen. =Das Ganze bildet -eine schwungvolle Parallele=, die der Kulturhistoriker dem Dichter -geliefert hat.“~ - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -_DAS GESAMTE GEBIET DER NATURWISSENSCHAFTEN IN ZEHN BÄNDCHEN._ - -Chemie -- Physik -- Astronomie -- Physikalische Geographie -- Geologie --- Tierkunde -- Botanik -- Mineralogie -- Physiologie -- Allgemeine -Einführung in die Naturwissenschaften - -~vereinigt die bekannte von bedeutenden Gelehrten verfaßte -Sammlung~ - -Naturwissenschaftliche Elementarbücher. - -~Ihren durchschlagenden Erfolg haben die Bändchen dieser Serie dem -Umstand zu danken, daß hier zum erstenmal die Wissenschaft durch ihre -allerersten Vertreter dem Elementar-Unterricht direkt dienstbar gemacht -ist; sie wollen „die Schuljugend zur Beobachtung, zum Nachdenken über -die alltäglichen Erscheinungen der Außenwelt anleiten und sie so mit -der Natur, in der wir wurzeln, vertraut machen. Nie zuvor sind unserer -Schule so gediegene Hilfsmittel dargeboten worden, in denen unter -der einfachsten und verständlichsten, zugleich das Gemüt erfreuenden -Einkleidung die Resultate der Wissenschaften durchblicken“. -- Die -schöne klare Sprache machen die Bändchen auch in hervorragendem Maße -zum Selbststudium und ersten Einführung gut geeignet.~ - -~+Gute Ausstattung+ (klarer Druck, weißes starkes Papier). -- -+Zahlreiche gute Abbildungen.+~ -- - - ~Preis pro Bändchen~: ~in Schulband~ ℳ --.80, - ~in gediegenem Leinenband~ ℳ 1.--. - _Die ganze Serie zusammen_: _in Schulband_ ℳ 8.--, - _gebunden in Leinen in elegantem Karton_ ℳ 10.--. - - - - -~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~ - - -~Kurzes Lehrbuch der~ - -~Physikalischen Geographie~ - -~von~ - -~A. Geikie~ - -~Professor an der Universität Edinburg.~ - -~Autorisierte Deutsche Ausgabe~ - -~von~ - -~Prof. Dr. Bruno Weigand.~ - -~Mit einer Einführung von Prof. Dr. Erich von Drygalski.~ - -~Zweite verbesserte und vermehrte Auflage.~ - -~Mit 77 Holzschnitten, 5 Vollbildern und 13 Karten.~ - -~8°. X, 386 S. 1908.~ - -~Geheftet ℳ 4.50, in Leinwand gebunden ℳ 5.20.~ - -~+Inhalt+: 1. Die Erde als Planet. -- 2. Die Luft. -- 3. Das -Meer. -- 4. Das Festland. -- 5. Das Leben.~ - -„... ~Wer die kleine „physikalische Geographie“ und „Geologie“ -Geikies kennt, die als Nr. 4 und 5 der „Naturwissenschaftlichen -Elementarbücher“ (im selben Verlage) erschienen sind, der wird mit -großer Spannung an Geikies Lehrbuch herantreten. Und diese wächst mit -der Lektüre jeder Seite. Denn es spricht ein Meister und ein Künstler -der Sprache zu uns. Da ist alles knapp, einfach, klar und präzise -ausgedrückt ...~“ - - _Blätter für die Fortbildung des Lehrers und der Lehrerin 1908, - Heft 23._ - -„... ~In seiner Klarheit, Allseitigkeit, strengen Begründung und -doch leichten Faßlichkeit ist das Buch dem Lehrer das beste Werk zum -Selbststudium, dem Unterricht ein treffliches Hilfsmittel und der -reifen Jugend eine anregende Lektüre.~“ - - _Bayerische Lehrerzeitung 1908, Heft 41._ - - - - -Fußnoten: - -[1] Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie -das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet. - -[2] Einige Wörter, wie +Auge+, +Bett+ u. a., werden in der Einzahl -stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte -Deklination zusammen. - -[3] Mit Ausnahme von +Friede+ und +Gedanke+, die im Mittelhochdeutschen -(~vride~, ~gedanc~) zur starken Deklination gehörten. - -[4] Auch der Nominativ +Felsen+ neben +Fels+ ist auf diese Weise -entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an, -daher ist gegen die Dativ- und Akkusativform +Fels+ (+Vom Fels+ zum -Meer) nichts einzuwenden. - -[5] Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte, -richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie bei -+Braten+, +Hopfen+, +Kuchen+, +Rücken+, +Schinken+ u. a., die im -Mittelhochdeutschen noch ~brate~, ~hopfe~ usw. hießen. - -[6] Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine -Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsens +rauscht+ und -dem Imperfektum +rauscht’+ (Das Wasser +rauscht’+, das Wasser schwoll), -oder zwischen der Einzahl +Berg+ und der Mehrzahl +Berg’+ (über +Berg’+ -und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei -gutem Vorlesen sogar -- hören! - -[7] Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination -der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloß -+Schwarz+ und +Schütz+ wurden dekliniert +Schwarzens+, +Schwarzen+, -+Schützens+, +Schützen+, weshalb man aus den ~casus obliqui~ nie -entnehmen kann, ob sich der Mann +Schwarz+ oder +Schwarze+ nannte; -auch von +Christ+, +Weck+, +Frank+, +Fritsch+ bildete man +Christens+, -+Christen+, +Weckens+, +Wecken+, +Frankens+, +Franken+, +Fritschens+, -+Fritschen+ (Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in -antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung der -~Monogrammatum~“ meist unter dem falschen Namen +Christen+, Wecks -Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen Namen +Wecken+ -aufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich: +von Christen+, +von -Wecken+. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie der +Mencke+, aus der -Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihre ~casus obliqui~ so irre -geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß; -deutsch schrieben sie sich +Mencke+, aber latinisiert ~Menckenius~. -Aber auch bei solchen Genitiven auf +ens+ richtet der Apostroph oft -Unheil an. An +Stieglitzens+ Hof am Markt in Leipzig steht über dem -Eingang in goldner Schrift: +Stieglitzen’s+ Hof -- als ob der Erbauer -+Stieglitzen+ geheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem -der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: Hans -+Sachsen’s+ Dichtungen! - -[8] Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf -der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man -nicht +Heinrichs 8.+, +Ludwigs XIV.+? Auch in andern Fällen werden -die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht -das +12. Armeekorps+, warum immer das +XII. Armeekorps+? Fast alle -unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie -schreiben: im +XVIII. Jahrhundert+. Eigentlich sollte man im Druck -überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B. -statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht -drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich -auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren -verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr. - -[9] Daher schreibt man auch auf Büchertiteln: +Von Pfarrer+ Hansjakob, -+von Prof.+ A. Schneider (statt +von dem+ Professor), wo bloß der Titel -gemeint ist. - -[10] Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich -den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das Wort +Herr+ zu -setzen: der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Erste(!) Staatsanwalt+, -der +Herr Bürgermeister+, der +Herr Stadtverordnete+, der +Herr -Vorsitzende+, der +Herr Direktor+, der +Herr Lehrer+ (die +Herren -Lehrer+ sind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen), -der +Herr Königliche Oberförster+, der +Herr Organist+, der +Herr -Hilfsgeistliche+, sogar der +Herr Aufseher+, der +Herr Expedient+, -die +Herren Beamten+ usw. Wenn das +Herr+ durchaus zur Erhöhung der -Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen: -der +Abgeordnete Herr Götz+, der +Organist Herr Schneider+, der -+Hilfsgeistliche Herr Richter+ usw. Fühlt man denn aber nicht, daß +der -Reichskanzler+, +der Bürgermeister+ und +der Direktor+ viel vornehmere -Leute sind als der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Bürgermeister+ -und der +Herr Direktor+? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der -Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten -Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten -Kandidaten als +Herren+ aufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind -wohl die +Herren Mitglieder+. Wie heißt denn davon die Einzahl? +der+ -Herr Mitglied? oder +das+ Herr Mitglied? - -[11] Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet: -das Haus, das +Peter von Dubins+ (Peters von Düben) oder das +Nickel -von Pirnes+ (Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den -Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen. - -[12] In München und in Wien +fahrt+ man in +Wägen+! Die +Nägel+, die -+Gärten+ u. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im -sechzehnten Jahrhundert noch hieß: +die Nagel+, +die Garten+. - -[13] Ausgenommen sind nur +Mutter+ und +Tochter+, die zur starken, -und +Bauer+, +Vetter+ und +Gevatter, die zur gemischten Deklination -gehören. In der Sprache der Technik aber, wo +Mutter+ mehrfach im -übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich die +Muttern+ -(die +Schraubenmuttern+). - -[14] Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig -geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute: +die Bret+, +die -Fach+, nicht +die Bretter+, +die Fächer+. - -[15] Als die +Schlösser+ aufkamen, müssen Menschen von feinerem -Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde, -wenn jemand von +Rössern+ reden wollte. - -[16] Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne -nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß -die Hüte drin nicht gedrückt werden. - -[17] Auch bei +Lohn+ sind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich: -aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack. -Dienstmädchen verlangen +hohes Lohn+, Gesellen +höheres Macherlohn+ -oder +Arbeitslohn+; aber jede gute Tat hat +ihren+ schönsten +Lohn+ in -sich selbst. - -[18] Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das -Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß -nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig -ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt -(+das Bruder+, +das Offizier+, +das Kutscher+), sondern auch der -ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an -die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und -Ladenmädchen: +das Firma+, +das Fasson+, +das Etikett+, +das Offert+, -+das Makulatur+! Das neueste ist +das Meter+, das die Handlungsdiener -und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe -plötzlich als Neutrum behandeln! - -[19] Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen -eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle -zurückgehen. - -[20] Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet: -+zwei Mandeln+ Eier, +drei Ellen+ Band, +sechs Flaschen+ Wein, +zehn -Klaftern+ Holz, +vier Wochen+ alt. - -[21] Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten -Druck sagt: +Sechs Blatt+ sind stockfleckig, so ist das natürlich -falsch. - -[22] Genau genommen wird freilich auch nicht +vereiteln+, +verändern+ -gesprochen, sondern +vereitln, verändrn+, l und r werden gleichsam -vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Aussprache +eln+, +ern+, -nicht +len+, +ren+. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme auf -+en+ hierher, wie +rechen+, +zeichen+, +orden+, +offen+, +eben+, -+eigen+, +regen+ (vgl. +Rechenschaft+, +Eigentum+, +Offenbarung+). -Die Infinitive können da natürlich nur +rechnen+, +ordnen+, +eignen+ -lauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemein -+zeichnet+, +zeichnete+, +öffnete+, +gerechnet+, +geordnet+, +geeignet+ -schreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch -überall schöner: +zeichent+, +gerechent+, +geordent+, +geeigent+. -Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt --- er mag sich nur richtig beobachten --: +es regent+, es +regente+, -es hat +geregent+ (genau genommen freilich auch hier wieder +regnt+, -+geregnt+, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie -gedruckt“ redet, sagt: +ausgezeichnet+! +Net+, womöglich +nett+! Man -muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um das +net+ -herauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften -brauchten nur einmal die vernünftigen Formen +zeichent+, +öffent+, -+zeichente+, +öffente+, +gezeichent+, +geöffent+ eine Reihe von Jahren -beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. In -+atmen+ (Stamm +atem+) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden -müssen, weil +atemn+ niemand sprechen kann; für +atmet+ hört man aber -im Volksmunde auch oft genug +atent+, wie denn auch schon in der ältern -Sprache +Aten+ neben +Atem+ erscheint, (und wie auch ~bodem~, ~gadem~, -~besem~, ~busem~ zu +Boden+, +Gaden+, +Besen+, +Busen+ geworden sind). - -[23] Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden -Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die -garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus -gemacht, die gar niemand spricht (+anderen+, +unseren+). Die -Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem -Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes -Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm -das selbstverständliche. - -[24] Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten -Jahrhundert: nach +gepflogner reifen+ Beratschlagung; Lessing: aus -+eigner sorgfältigen+ Lesung. - -[25] Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und -sagte: +Verein der Berliner Künstler+. Es brauchten doch deshalb nicht -alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben. - -[26] Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute -in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wird -~on board~ mit dem Akkusativ verbunden (~to go on board a ship~ -- ~on -board Her Majesty’s ship Albert~). Aber was geht das uns an? - -[27] Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai -gefällt, und freue sich der schönen Welt und +Gottes Vatergüte+ (statt -+der Vatergüte Gottes+). - -[28] Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt kein +leicht -verdaulicheres+ Mehl als Rademanns Kindermehl. - -[29] Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative -auffaßte (+mein+ wie +klein+) und nun aufs neue deklinierte, die -besitzanzeigenden Eigenschaftswörter +mein+, +dein+, +sein+, +unser+, -+euer+, +ihr+ entstanden. Früher nahm man an, daß auch in den -Anfangsworten des +Vaterunsers+ das +unser+ der nachgestellte Genitiv -von +wir+ sei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher -ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach -dem lateinischen ~Pater noster~), das in der ältern Sprache auch -nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung: ~atta -unsar~). - -[30] Genitiv und Dativ von +Eure Majestät+, +Eure Exzellenz+ heißen -natürlich +Eurer Majestät+, +Eurer Exzellenz+. Völliger Unsinn aber -ist, was man darnach gebildet hat: +Eurer Hochwohlgeboren+! - -[31] Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. -Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in -Leipzig: der Gasthof +zum drei Schwanen+, der Riß +zum Schlachthöfen+. -Man meinte natürlich +zun+ d. i. +zu den+, getraute sich das aber nicht -zu schreiben. - -[32] Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser -historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zu +zween+ und -+zwo+, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der -Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt: -+zween+ war männlich, +zwo+ weiblich, +zwei+ sächlich. - -[33] Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm. - -[34] Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, -zurückführen. - -[35] Das Niederdeutsche hat auch +jug+ gebildet von +jagen+. Doch wird -ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchte +jagte+ von der Jagd, -+jug+ von schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt -der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte, +jug+ der -Bengel um die Ecke. - -[36] Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag -beigetragen, die sie beide sehr lieben. - -[37] Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus -Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig -machte. Es begann mit der Strophe: - - Ich +frug+ mich manchmal in den letzten Tagen: - Woher stammt wohl die edle Form: er +frug+? - Wer war der Kühne, der zuerst sie +wug+? - So +frug+ ich mich, so hab ich mich +gefragen+. - -Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen -nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den -Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die -falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß -sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten. - -[38] Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtig +fragt+ und -fragte gelernt haben, in der Schule das dumme +frug+ in die Arbeiten -hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen. - -[39] Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger -Buchbinder sagen: das Buch wird bloß +geheftet+, dagegen die Leipziger -Schneider: der Ärmel ist erst +gehoften+. - -[40] Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir -sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl -gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ich +hab -gehuppt+. - -[41] Bei +brauchen+ darf natürlich +zu+ beim Infinitiv nicht fehlen. -Das hättest du ja nicht +sagen brauchen+ -- ist Gassendeutsch. - -[42] Ebenso bei +bleiben+ und +haben+: er ist +sitzen geblieben+ -(eigentlich: +sitzend+) -- ich +habe+ tausend Mark auf dem Hause -+stehen+ (eigentlich: +stehend+) -- hat keiner einen Bleistift -+einstecken+? (eigentlich: +einsteckend+). In der ältern Zeit schrieb -man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchen +gebrauchen ist+ (statt -+gebrauchend+) -- wir +sind+ euch dafür +danken+ (statt +dankend+). - -[43] +Apotheker+ und, was man im Volke auch hören kann, +Bibliotheker+ -ist anders entstanden, es ist verstümmelt aus ~apothecarius~ und -~biliothecarius~. +Attentäter+ wurde anfangs nur als schlechter Witz -gebildet (es hätte auch +Täter+ genügt); aber törichte Zeitungschreiber -haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht. - -[44] +Kreidezeichnung+, +Höhepunkt+ und +Blütezeit+ haben wir ja -schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet: -+Kreidenstrich+, +Höhenpunkt+, +Blütenzeit+. - -[45] Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetzt -+Liebfraumilch+ lesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür -schmuggelt man dann das +en+ in den +Niersteiner+ ein und nennt ihn -- -höchst verdächtig! -- +Nierensteiner+ (Nierstein ist nach dem Kaiser -Nero genannt). +Visitekarte+, +Manschetteknopf+, +Toiletteseife+ soll -vielleicht +Visittkarte+, +Manschettknopf+, +Toilettseife+ gesprochen -werden -- gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur -gedruckt; aber wozu die französische Aussprache? - -[46] Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. -Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden die -+Parthenmühle+ als ~Pardemöl~ vor. Im Harz spricht man allgemein und -wohl schon lange vom +Bodetal+ und vom +Ilsetal+. - -[47] Ähnlich verhält sichs mit dem neuen Modewort +Anhaltspunkt+. -Früher sagte man: ich finde keinen +Anhaltepunkt+, d. h. keinen Punkt, -wo ich mich anhalten könnte (vgl. +Siedepunkt+, +Gefrierpunkt+). -Daneben hatte man in demselben Sinne das Substantiv +Anhalt+; man -sagte: dafür fehlt es mir an jedem +Anhalt+. Aus beiden aber nun einen -+Anhaltspunkt+ zu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich -hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu den -+Anhaltepunkten+ auf den Eisenbahnen. Als ob +Anhaltepunkt+ nicht -ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo man +sich anhält+, wie die, wo -man +anhält+! - -[48] In Leipzig hält man sich ein +Kindermädchen+, auch wenn man nur -ein Kind hat, in Wien eine +Kinds+magd, auch wenn man +sechs+ Kinder -hat. - -[49] Wofür man in Süddeutschland auch +Wartsaal+, +Singstunde+ sagt, -wie neben +Bindemittel+ auch +Bindfaden+ steht. +Schreibpapier+ und -+Schreibpult+ spricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen; -man hört immer nur: +Schreipapier+. Darum ist wohl +Schreibepapier+ -vorzuziehen. - -[50] Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese -s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer -neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber -vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt -der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft -wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten. - -[51] Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen -nicht. - -[52] Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben -nur wenige das s nicht: +liebreich+, +liebevoll+, +liebeglühend+, -+liebetrunken+, +liebedienerisch+, +Liebedienerei+, einige wohl -deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird. - -[53] Wie man auch das Haus eines Mannes, der +Plank+ hieß, das -+Plänkische Haus+ nannte, die Mühle in dem Dorfe +Wahren+ die -+Währische Mühle+. - -[54] Daneben freilich auch schon vom +Manesse-Kodex+! Es wird immer -besser. Vielleicht wird nächstens auch noch der +Farnesische Herkules+ -in einen +Farnese’schen+ verwandelt, und der +Borghesische+ Fechter in -einen +Borghese’schen+. - -[55] Auch die guten Pfefferkuchen, die +Aachner Printen+, sollen -früher in Aachen selbst +Aacher Printen+ geheißen haben. In vielen -ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört -das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner, -Meißner, Posner usw. Aber die guten +Gießer+ hätten sich keine -+Gießener Neuesten Nachrichten+ aufnötigen zu lassen brauchen. - -[56] Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht -haben. - -[57] Freilich sind Formen wie +Jenaer+ und +Geraer+ auch nicht -besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache -beliebten Adjektivbildungen auf +aisch+: +Grimmaisch+, +Tauchaisch+, -+Bornaisch+, +Pirnaisch+. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung -an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung -gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die Städte +Grimme+, -+Tauche+, +Borne+, +Pirne+ und so auch nur die Adjektivbildungen -+Grimmisch+, +Tauchisch+, +Bornisch+, +Pirnisch+, und es wäre zu -wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So -gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen -lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen. -Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste -volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten. -Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks? - -[58] Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte -Verbindungen, wie: eine +offne Frage+, ein +zweifelhaftes Lob+, ein -+frommer Wunsch+, +blinder Lärm+, auseinanderreißt, das Prädikat zum -Subjekt macht und schreibt: +die Frage+, ob das Werk fortgesetzt werden -sollte, war lange Zeit +eine offne+ -- +dieses Lob+ ist doch +ein sehr -zweifelhaftes+ -- +dieser Wunsch+ wird wohl ewig +ein frommer+ (!) -bleiben -- +der Lärm+ war zum Glück nur +ein blinder+ (!). - -[59] Vgl. ein +Schock frische+ Eier -- ein +Dutzend neue+ Hemden -- -eine +Flasche guter+ Wein -- mit +ein paar guten+ Freunden -- mit ein -+bißchen fremdländischem+ Sprachflitter. - -[60] Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten -Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist -auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie -viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn -er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen -gründlich erörterte! - -[61] Nur in Süddeutschland und Österreich wird +welcher+ auch -gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken -möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch -- da grassiert -es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren -in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie -zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. -Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen -worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“ +welcher+. In Mittel- und -Norddeutschland aber spricht es niemand. - -[62] Um +welcher+ zu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie -oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden, -daß sie es -- sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch -weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von -Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht -aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst. - -[63] Wenn man nicht +der der+ oder +die die+ schreiben dürfte, dann -dürfte man auch nicht schreiben: +an an+drer Stelle, +ein ein+zigesmal, -+bei bei+den Gelegenheiten, +mit mit+leidiger Miene. Sehr oft entsteht -übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung: -ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beiden +der+ -oder +die+ oder +das+ gehört, wird verschoben und erst beim Verbum -nachgebracht: +alle+ Änderungen, +die die+ Schule +sich+ hat gefallen -lassen -- die Grundsätze, an +die die+ Revision +sich+ gebunden hat -- -die Aufgaben, +die die+ wirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeit +uns+ -stellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und -das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen, +die sich die+ Schule -hat gefallen lassen. - -[64] Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen -müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist -ganz dem Lateinischen nachgeahmt. - -[65] Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender: -+eine+ der größten +Schwierigkeiten+ für das Verständnis unsrer -Vorzeit, +die+ meist gar nicht gewürdigt +wird+. Hier muß es +wird+ -heißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich auf +eine+; der -Sinn ist: und zwar +eine+, +die+ meist gar nicht gewürdigt wird. - -[66] +Habe+ wäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt -sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen -Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den -dialektischen Konjunktiv des Präsens haben: +ich häbe+, +wir häben+, -+sie häben+ und daher den Konjunktiv +ich habe+, +wir haben+, +sie -haben+, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich als +häbe+ verstehen -und vielleicht auch so -- aussprechen. Die mögen dann nichts davon -wissen, +habe+ durch +hätte+ zu ersetzen, und behaupten, sie könnten -+hätte+ nur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und -Norddeutschland fühlen eben anders. - -[67] Im Konjunktiv Futuri von +werden+ zu +würden+ auszuweichen ist -freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dann -+würden+ als Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes -Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in -der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit -von Abgeordneten entsenden +werden+. In solchen Fällen kann man sich -aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die -Wählerschaft entsenden +werde+. - -[68] Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der -Vergangenheit durch den -- Indikativ des Imperfekts auszudrücken: -wenn ich Geld +hatte+, +kam+ ich. Das klingt aber der Angabe einer -wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (+jedesmal+, +wenn+ ich Geld -+hatte+, +kam+ ich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache -besser vermeidet. - -[69] Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ich +nicht wüßte+ -- -+nicht+ daß es dem Vater an trefflichen Eigenschaften +gefehlt hätte+. - -[70] In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das -H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn -dahin -- durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; -- mir ist, -+als ob+ ich längst gestorben +bin+ (!) -- und +ziehe+ (!) selig -mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die -Lippen. -- Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt -werden, z. B. hörten wir ein Geräusch, +wie wenn+ in regelmäßigen -Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brett +fällt+, d. h. -wie man es hört, +wenn+ ein Wassertropfen +fällt+ (Schiller im Taucher: -+wie wenn+ Wasser mit Feuer +sich mengt+). Hier ist selbstverständlich -der Indikativ am Platze. - -[71] In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das -bloße +zu+ ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit +um zu+ ist die -jüngere. - -[72] An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mit +um zu+ niemals -angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. -Wenn auf Konzertprogrammen steht: +Das Belegen+ der Plätze, +um+ solche -Späterkommenden +zu sichern+, ist streng untersagt -- so ist das ein -Schnitzer. - -[73] Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen: +zu hoffend+, +zu -fürchtend+, +anzuerkennend+, die durch Anhängen eines unorganischen d -aus dem Infinitiv mit +zu+ entstanden sind. - -[74] Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart -bedeuten, z. B. das von mir +bewohnte+ Haus (d. i. das Haus, das von -mir +bewohnt wird+). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem -verstorbenen Rentier Sch. +bewohnte+ Wohnung ist zu Ostern anderweit zu -vermieten -- kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: -die +bewohnt gewesene+. - -[75] Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang -mit Vorliebe der Spruch gestickt: - - +Geblüht+ im Sommerwinde, - +Gebleicht+ auf grüner Au, - Ruht still es nun im Spinde - Zum Stolz der deutschen Frau. - -+Gebleicht+ ist richtig; aber daß das +geblüht+ den Stolz der deutschen -Frau nicht verletzte, war zu verwundern. - -[76] In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich -sogar von demnächst +stattzufindenden+ Revisionen, und in -Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedern +zu -bestehenden+ Jury! - -[77] Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man von -+gestandnem Wasser+ (im Gegensatz zu frischem). - -[78] Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine -Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende, -teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber -mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er -fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand: -+abgelehnte Schreiben+, auf der andern: +angenommene Schreiben+. Ich -fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die -Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben. - -[79] Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her von -~particeps~, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich -am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist. -Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort -übersetzt. - -[80] +In Ermanglung+ ist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer -als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um -zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde. - -[81] Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das -Hauptwort auf +ung+ von einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ -regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen -kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetzt +in Entsprechung+ eines -Gesuchs (vgl. S. 243). Eine Behörde schreibt: +In Begegnung von+ -(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird -hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen: +um+ Vorgängen +zu begegnen+ -(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben. - -[82] In Leipzig empfiehlt man freilich auch +echt Madeirahandarbeiten+, -+echt Gose+ und +echt Bütten+ (nämlich +-papier+)! - -[83] Manche Leute sind in diese Formen auf +er+ so vernarrt, daß sie -sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen -sind. So redeten die Leipziger Förster früher vom +Rosentäler+, vom -+Kuhturmer+ und vom +Burgauer+ Revier, statt vom +Rosentalrevier+, -+Kuhturmrevier+, +Burgauenrevier+. Ob sies auch heute noch tun, weiß -ich nicht. - -[84] Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht -ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie -nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter -den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt -sind, ist auch eine +Lützowstraße+, eine +Schenkendorfstraße+, eine -+Gneisenaustraße+. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die -großen Kinder? Eine +Lützower Straße+, eine +Schenkendorfer Straße+, -eine +Gneisenauer Straße+! Wir haben ferner eine +Senefelderstraße+. -Auch die wird im Volksmunde als +Senefelder Straße+ verstanden. -Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein -Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und -abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs -ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen -Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch die +Fichtestraße+, -als sie neu war, sofort als +Fichtenstraße+ verstanden, und ein -unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant -zur Fichte“! - -[85] Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des -Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle -Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle -als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen: +Dresdnerstraße+, -+Grimmaischestraße+, +Hohestraße+ usw., obwohl in allen amtlichen -Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten -und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das -frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff -sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an -die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse -Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten -Zeitung befindet sich noch heute auf +der Reudnitzerstraße+! - -[86] Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des -fünfzehnten Jahrhunderts: ~uf der nuwestrasse~ (auf der +Neuen Straße+). - -[87] Auf der einen Seite schreiben sie: +Kaiser Park+, +Hôtel Eingang+, -hier werden +Kinder+ und +Damenschuhe+ gemacht, auf der andern Seite: -+Grüne-Waren+, +Täglich-frei-Konzert+ u. ähnl. - -[88] Nachdem die +Sprachdummheiten+ erschienen waren, redeten auch -andre von +Sprachsünden+, +Sprachleben+, +Sprachgefühl+ usw. Wären -die +Sprachdummheiten+ nicht vorangegangen, so kann man sicher sein, -daß die andern von sprach+lichen+ Sünden, sprach+lichem+ Leben, -sprach+lichem+ Gefühl geredet hätten. - -[89] Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde! - -[90] Fühlt man denn gar nicht, daß bei der +silbernen+ und der +goldnen -Hochzeit+ das +silbern+ und +golden+ nur ein schönes Gleichnis ist, -wie beim +silbernen+ und +goldnen Zeitalter+? und daß dieses Gleichnis -durch +Silber+hochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper -Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von -Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft -auch von der +Goldhochzeit+ und vom +Goldzeitalter+ reden? Wir reden -von einem +Bronzezeitalter+, aber in wie anderm Sinne! Daß schon -Goethe einmal das Wort +Silberhochzeit+ gebraucht -- in einem Brief -an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, -Produkte einer Silberhochzeit“ --, auch Rückert einmal (in trochäischen -Versen, wo +silberne Hochzeit+ gar nicht unterzubringen gewesen wäre), -will gar nichts sagen. - -[91] Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche -wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in -die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva -- -gebildet sind sie ja richtig --, sondern in ihrer falschen Anwendung. - -[92] Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor -lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein -Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber -das Wort +Damen+ wollte er als Fremdwort nicht gebrauchen, +Frauen+ -auch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die -ers besonders abgesehen hatte, +Frauen und Mädchen+ aber auch nicht, -denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben -wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht für +erwachsene -Personen weiblichen Geschlechts+! - -[93] Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten -Jahrhundert erteilte, wer mit seinem +halben Bruder+ im Streite lag, -einem Anwalt +volle Macht+, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf -der Leipziger Messe von +kurzen Waren+ gesprochen. - -[94] Neuerdings hat man es durch +Uraufführung+ ersetzt, kein -glücklicher Ersatz. - -[95] Daher Ortsnamen wie +Karlsruhe+, +Ludwigsburg+, +Wilhelmshaven+, -die ja nichts andres sind als +Karls Ruhe+ usw. - -[96] Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden -ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen -entgegenschreien: +Henckell Trocken+, +Kupferberg Gold+ u. ähnl. Als -vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken -und fragt: Was sind denn das für Waren: +Trocken+ und +Gold+? Es sind -gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint -ist +Henckellscher Schaumwein+, +Kupferbergscher Schaumwein+. Aber -keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt -statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (~sec~, ~dry~), aber -mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für -die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der -Ausstattung, denn +Gold+ soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel -beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und -fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch. - -[97] Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, -mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn -und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei +Gesellschaft+ und +Verein+ -z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so -nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute -eine +Aktiengesellschaft+ oder eine +Immobiliengesellschaft+, eine -Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen +Eisverein+ und eine -Vereinigung von Förstern einen +Forstverein+ zu nennen. Noch gewagter -ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem +Papierverein+ -zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack -könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen -+Fleischverein+ nennen. - -[98] +Schokolade+ und +Tee+ -- deutsch geschrieben! Manche -verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wie -+Atelier-Strauß+, +Tee-Meßmer+, was doch nur Männer bezeichnen kann -(der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich -Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch -selber lächerlich machen, wie: +Butter-Bader+, +Gold-Richter+, -+Fahrrad-Klarner+, +Zigarren-Krause+, +Schokoladen-Hering+. - -[99] Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof -die +Abfahrtei+ nennen oder die Kopierstube im Amtsgericht die -+Abschriftei+. - -[100] Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder -Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet: +die+. - -[101] Die englische in einzelnen Fällen, wie: ~the now king~, ~the -then ministry~, ~the above rule~, die aber nicht von allen englischen -Grammatikern gebilligt werden. - -[102] Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiser +in fast -Lebensgröße+, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (+in -fast+ statt +fast in+). - -[103] Im Stephansdom in Wien ist etwas bei +sogleicher Wegweisung+ -verboten. - -[104] Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu -schreiben, haßte sie aus tiefster Seele. - -[105] Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die -Apposition voranstellt: +von Privatdozent+ ~Dr.~ Albert Schmidt, +von -ordentl. Professor+ E. Max, was doch unzweifelhaft +von ordentlicher+ -(!) Professor gelesen werden soll. - -[106] In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und -Familiennamen einen Bindestrich zu setzen: +Horst-Schulze+, -+Hermann-Könnecke+. - -[107] Der Deutsche sagt dafür +Renommage+, ein Wort, das es im -Französischen gar nicht gibt! - -[108] O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908. - -[109] Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf -gehalten werden, daß kein ~ejus~ und ~eorum~ mit +desselben+ und -+derselben+ übersetzt werde. - -[110] Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtig -+der+artig, +der+maßen, +der+gestalt usw. - -[111] Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig -sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten -und feierlichsten Sprache: selbst +die, die die+ wissenschaftliche -Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest -überzeugt, daß außer mir kein Mensch die drei +die+ gehört hat, obwohl -Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, -weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht. - -[112] In der Dichtersprache wird auch +rufen+ noch wie im alten Deutsch -bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruft +mir+? -Gellert: +Er ruft der Sonn’+, er schafft den Mond). Auch hier ist -aber dann ein Bedeutungsunterschied; +rufen+ steht hier im Sinne von -+zurufen+, +gebieten+. - -[113] In der ältern Sprache hatte auch +berichten+ den Akkusativ der -Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich den -+Kurfürsten+ mit Lügen +berichteten+, die hohe Schule zu Wittenberg -wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte -Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze -verbunden werden kann, das verhältnismäßig junge +benachrichtigen+. - -[114] Nur mit den Bildungen auf +bar+ nimmt man es nicht so genau, wie -+unentrinnbar+ zeigt. - -[115] Eine ähnlich merkwürdige Bildung wie +voller+ ist +Maler+, -+Stücker+, +Tager+, +Jahrer+ in Verbindungen wie: +ein Maler drei+, -+ein Stücker drei+, +ein Jahrer fünf+, +ein Tager sechs+ u. ähnl. Hier -ist das +er+ der Rest eines rasch und nachlässig gesprochnen +oder+: -+ein Stück oder drei+. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der -guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der -Umgangssprache an. - -[116] Nur in Verbindungen wie: ein Kaffee +erster Sorte+, ein Künstler -+zweiten Ranges+, ein Wagen +dritter Klasse+, ein Stern +vierter Größe+ -bleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg. - -[117] Hierher gehört auch der beliebte Fehler: +aus+ aller Herrn -+Länder+, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelte +ern+ -schien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ -hinter +aus+, man schreibe nur, wie sichs gehört: +aus+ aller Herr+en+ -Länd+ern+. - -[118] Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche -Bedeutung niemand mehr denkt, wie: +im Stande+, +im Begriff+, +im -Interesse+, +im Sinne+, +im Lichte+, +im Spiegel+, +zum Besten+, ist im -Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die -Heimat der Indogermanen +in dem Lichte+ der urgeschichtlichen Forschung --- Napoleons Tod +in dem Spiegel+ zeitgenössischer Dichtung -- wir sind -+in dem Begriff+, abzureisen -- ich bin nicht +in dem Stande+, einen -Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist -wieder +in Stand+ gesetzt worden, und: der Verfasser will uns +in den -Stand+ setzen, selbst an der Forschung +teilzunehmen+. Bei dem bloßen -+in Stand+ (d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl. +in -Händen+ haben, +in Kauf+ nehmen). - -[119] An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender -Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des -Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber -woher? Büchmann gibt keine Auskunft. - -[120] Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings -rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch von +hoch+ für +oben+ und -zugleich für +hinauf+, +herauf+, +empor+, +in die Höhe+, z. B. +hoch -kommen+, +hoch gehen+, +hoch holen+ (eine Flasche aus dem Keller); wenn -ich einmal +hoch bin+, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein -ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch von +oben+ für +hinauf+, z. B. -+oben gehen+. In anständigem Deutsch geht man weder +hoch+ noch +oben+, -sondern +hinauf+. - -[121] Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch -geschrieben wird: +zwischen 1670 bis 1710+. Offenbar hatte einer -geschrieben: +zwischen+ 1670-1710, ein andrer schrieb das ab und wollte -ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich als -+und+ lesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt -Wörter. - -[122] Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nur -+einmal alle hundert Jahr+, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von -hundert Jahren +einmal+ blühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie -in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist das -+einmal+ ganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blüht +aller -hundert Jahr+. - -[123] Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen -in der Zeitung bekanntzumachen, daß +nächste Mittwoch Abend 8 Uhr+ -eine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den -altmodischen Leuten, die +Mittwoch+ noch für ein Wort weiblichen -Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es -natürlich besser wußte, +nächste Mittwoch Abends+ daraus gemacht, bis -ich mirs endlich verbat. - -[124] Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung -vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird -er zurückkehren? (+Den+) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt? +Am+ -Donnerstag. - -[125] Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache -gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung -des Wörtchens +und+ gebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen, -sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische -Wörtchen ~et~. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind -glückselig, wenn sie schreiben können: +Calw ~et~ Stuttgart+, +Max ~et~ -Johann Schneider+, +Tricotagen ~et~ Strumpfwaren+, +Conditorei ~et~ -Café+, Schnitzel mit +Schoten ~et~ Karotten+. Als ob nicht und eben so -kurz wäre! - -[126] Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der -Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer -Unterschied, ob ich sage: +Nicht alle+ Bücher dieses Verzeichnisses -sind eingebunden, oder: +Alle+ Bücher dieses Verzeichnisses sind +nicht -eingebunden+. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte -steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird -keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß das +ganze+ -Programm +nicht aufgeführt+ wird -- eine schöne Aussicht! Die Direktion -will aber sagen: es ist möglich, daß +nicht das ganze+ Programm -+aufgeführt+ wird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen: -Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird -keine Gewähr übernommen. - -[127] Freilich war +kein+ ursprünglich gar kein verneinendes, sondern -ein unbestimmtes Fürwort (+irgend ein+). Luther hat es sicherlich noch -so gefühlt. - -[128] Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehr -+traurig+ sagen, sondern +unfroh+. - -[129] In der Schiffersprache geht man +in See+, +an Land+, +an Bord+, -+auf Deck+, und der Soldat zieht +auf Wache+. Neuerdings ist es aber -auch fein geworden, nicht mehr +auf die Jagd+ zu gehen, sondern +auf -Jagd+ (oder vielmehr +auf Jacht+, natürlich nachdem man vorher ein -Stück „mitm +Zuch+ jefahren is“), und der junge Leutnant wird +auf -Festung+ kommandiert oder geht +auf Kriegsschule+. Schließlich geht -man vielleicht auch noch +auf Universität+, setzt sich +auf Stuhl+ und -klettert +auf Baum+. - -[130] Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten -in die Mehrzahl zu setzen: hierüber +sind+ neuerdings +Klagen geführt+ -worden. Man führt nur +Klage+, aber nicht +Klagen+. - -[131] Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie -die bekannten scherzhaften Wortverbindungen: +geo- und arithmetisch+ -- -teils +aus Frömmig-+, teils +zum Zeitvertreib+ -- der heutige Tag wird -mir ewig +denk-+ und +gegenwärtig+ bleiben. - -[132] Vollends arg sind Zusammenziehungen wie: +unsre+ Arbeit und -+Streben+. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren; -für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung. - -[133] Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition -wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramen +an+ -- -sie traten +aus+ der Landeskirche +aus+ -- man warf ihn +aus+ dem -Zimmer +hinaus+ -- das Gymnasium geriet +in+ einen innern Widerspruch -+hinein+ -- dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden +durch+ -das Gesetz +hindurch+ -- wir können uns schlechterdings nicht +darum -herumdrücken+. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden. - -[134] Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage, -ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der -Gegenfrage geantwortet habe: muß es denn +jetzt alleweile gleich in -demselben Momente+ sein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen -Eintritt +ausschließlich nur allein+ für Damen.“ - -[135] Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daß +brauchen+ mit -dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl. S. 61.) - -[136] Ein neutraler Begriff ist +Lage+. Ich bin +in der Lage+ -- kann -ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier -muß die besondre Art der Lage durch ein +können+ oder +müssen+ näher -bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben: -er wird in die +Zwangslage+ gebracht, sich mit einer Stellung zweiten -Ranges begnügen zu +müssen+. Vereinzelt wird übrigens auch der -umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es -ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten, +dazubleiben+ -- wo es heißen -muß: dableiben zu +wollen+, denn in +erklären+ liegt noch nicht der -Begriff der Absicht. - -[137] Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag, -nicht erfunden! - -[138] Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern -geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird; -so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger -einsandte, heißt: jede +jährliche Ernte+ seines Fleißes und Talentes -hat er +in den Hof+ des befreundeten Hauses +eingefahren+. - -[139] Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies -vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen: +Lichtenbergs -Mädchen+. Da fragt doch der Leser sofort: +das+ oder +die+? - -[140] +Das Mitglied Eugen Richter des Reichstags+ habe ich wirklich -gedruckt gelesen. - -[141] Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nach +denn+ -und +nämlich+; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich -schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion -mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs -soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit -des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich -werden.“ - -[142] Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb -einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion -gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber -kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit -dem Messer essen. Tu es nicht wieder! - -[143] Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten das -+sich+ heraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die -Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt; -alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten. -Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der -Verfasser bei der ersten Niederschrift das +sich+ an die richtige -Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann -hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte -- niemals das -umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung des -+sich+ das natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt, -aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das -Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur. - -[144] Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt -und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser -ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter -müssen sich darein finden, daß +die Kinder sie+ verlassen. Aber ist -etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich -geltend, gleichviel ob +sie die Juristen+ definieren können oder nicht? -Wird hier jemand +die Juristen+ für das Objekt halten? - -[145] Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet. - -[146] Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten -Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das ist +gar ein+ -merkwürdiger Mensch, das ist +ganz was+ feines. - -[147] Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche -Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie -ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer -haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie -hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches -Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer -Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen! - -[148] Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen -hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb: +mit -Zumherunterlassen+ eingerichteten Fenstern! - -[149] Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze, +da wo+ wir -ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt -sich mit einer Skizze +da, wo+ wir usw. - -[150] In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, -Bd. 2). - -[151] Bedingungssätze statt mit +wenn+ mit dem Verbum anzufangen ist -an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter -dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich muß +eilen, will+ ich den Zug -nicht versäumen -- ein gewissenhafter Mann +darf, will+ er seinen Ruf -nicht gefährden -- es ist manches verschwiegen, was gesagt werden -+müßte, sollte+ die Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer -laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen -aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt man +wenn+, so mündet -der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den -Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung -einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger -Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen -zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt | -noch fast gar nicht | gegeben hat. - -[152] Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde -Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen -Sätze wie: es ist zu bedauern, was für ein +Aufwand+ von Zeit und -Mühe darauf +verwendet+ worden ist -- die Erfahrungen, die man in -Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften den +Beweis+ -für die Notwendigkeit derselben genügend +bewiesen+ haben -- eine -telegraphische Nachricht, wonach die +Möglichkeit+ einer persönlichen -Begegnung für +möglich+ erachtet wurde. - -[153] Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht: -Ritter, +treue Schwesterliebe+ widmet euch dies Herz. Dann heißt es -weiter: +fordert+ keine andre Liebe -- wo mir wieder +fordert+ wie ein -zweites Prädikat zu +Schwesterliebe+ erschien. - -[154] Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleider -+staunend hohe+ Preise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zu +staunend -niedrigen+ Preisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine -Verwechslung; sie meinen +erstaunlich hohe+ und +niedrige+ Preise. - -[155] In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben, -sondern +grundbücherlich+ (so!) +verlautbart+. - -[156] Das niedrige Volk sagt jetzt auch: +da hört sich alles+ -auf! offenbar, indem es die Redensart: +das gehört sich+ -- damit -zusammenwirft. - -[157] Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopf+wäsche+. -Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fuß+wäsche+ reden wollte! - -[158] Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +Unterrichtung+. -Als dafür +Unterricht+ aufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe -betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns -heute beim +Vollzug+ und beim +Entscheid+. - -[159] Bei dem jetzt so beliebten +entfallen+ mag wohl das lateinische -~dis~ vorgeschwebt haben, das in ~distrahere~ die Trennung, in -~distribuere~ die Verteilung bedeutet. - -[160] Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu -betonen, wie +An-+ und +Ver+kauf, +be+- und +ent+laden, +Be+- und -+Ent+wässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte -Präpositionen: +auf+- und +ab+steigen, +Ab+- und +Zu+gang; dagegen -+An+kauf und +Verkauf+. - -[161] Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um -wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird -ein neues Haus +gedeckt+, eine neue Kirche +gewölbt+, eine Straße -+gepflastert+, Sandsteinfiguren werden an einem Hause +angebracht+, -Bilder werden +eingerahmt+, und wenn man eine Stube tapezieren läßt, -so werden die Möbel vorher +zugedeckt+; sowie aber der Architekt davon -spricht, wird das Haus +eingedeckt+, die Kirche +eingewölbt+, die -Straße +abgepflastert+, die Figuren werden +aufgebracht+, die Bilder -+gerahmt+, und die Möbel -- +abgedeckt+! Gewöhnlich werden Farben -+gemischt+, und zu einer Lotterie werden auch die Lose +gemischt+. -Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seine +Ausmischungen+ sämtlicher -Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von der +Einmischung+ -der Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stange +abgeschossen+, und -unnütze Sperlinge werden +weggeschossen+; sowie aber der Herr Landrat -davon spricht, werden die Sperlinge +abgeschossen+. Der gewöhnliche -Mensch begnügt sich damit, etwas zu +liefern+. Im Bauwesen aber werden -Steine, Kalk, Ziegel +angeliefert+, und bei der Post werden Briefe, -Postkarten, Pakete, Zeitungen sogar +aufgeliefert+! Der gewöhnliche -Mensch +beschneidet+ in seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aber -+kürzt+ ihn +ein+ usw. - -[162] Höchstens +Wollust+ und +Jawort+ ließen sich vergleichen. - -[163] Auch Wörter wie +Pflegemutter+, +Betschwester+, +Schreihals+, -+Singvogel+, +Stechapfel+, +Stinktier+ machen nur scheinbar eine -Ausnahme, auch +Beißkorb+ und +Klapperdeckchen+, denn sie bezeichnen -Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. Nur -+Bratheringe+, +Röstkartoffeln+ und +Schlagsahne+ haben ihren Zweck -schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen. - -[164] Die früheste Anwendung von +voll und ganz+, freilich in -gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch -schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von -Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3): - - Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst - Für eine Weile; meines Herzens Summe - Bleibt dein hier +voll und ganz+. - (~The strong necessity of time commands - Our services a while; but my full heart - Remains in use with you.~) - -Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er -den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind, - - Nein, groß und fertig, +voll und ganz+ - Entsteig’ er unsern Dämmerungen -- - -schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner -Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der -Unterhaltung mit ihm jemand +voll und ganz+ gebraucht habe, ausgerufen: -„Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, -nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es -gibt, trotz seiner Fülle!“ - -[165] Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher -Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische -Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von -der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet -worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran -knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht -anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer -solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat, -das Ungeheure davon gewahr werden kann.“ - -[166] Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven -geworden sind, wie +Leben+, +Essen+, +Vergnügen+, +Vermögen+, -+Wohlwollen+ u. a. - -[167] Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der -Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es -unverändert hier wieder abgedruckt werden -- als sprachgeschichtliches -Zeugnis. - -[168] Neuerdings wird das Wort sogar für +anfertigen+, +schaffen+ -gebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefel +fertigstellen+ lassen -- -eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühe +fertigzustellen+ als eine -Symphonie! - -[169] Von festen Körpern nur in dem Sinne von +zerkleinert+; +klarer+ -Zucker, +klares+ Holz. - -[170] Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: die +zweitmalige+, -+drittmalige+ usw.? - -[171] Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathaus +besitzt+ -denselben Baumeister wie die Pleißenburg! - -[172] Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des -Reichen heißt: „Und er +besitzt+ dich nicht, er +hat+ dich nur.“ - -[173] Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie in +jetzt+, -+selbst+ und +Obst+. In Leipzig sagt das Volk auch +anderst+, +Rußt+, -+Harzt+. - -[174] Früher hieß es +im Namen+ des Königs, +aus Mangel+ an genügendem -Angebot, jetzt nur noch +namens+ des Königs -- +mangels+ genügenden -Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise -durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen -abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive; -man denke auch an: +anfangs+ (!) Oktober (vgl. S. 8). - -[175] Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man -denke an +vollends+, +bereits+, +öfters+, +nirgends+, +zusehends+, -+durchgehends+, +allerdings+, +schlechterdings+ (um 1700 noch aller -+Dinge+, +schlechter Dinge+), „neuerdings“ auch +folgends+. Bei den -meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s, -höchstens noch bei +öfters+. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir -das häßliche süddeutsche und österreichische +weiters+ und +durchwegs+ -hören: ein selbständiges, +durchwegs+ auf Erfahrung begründetes Urteil --- oder wenn wir +unversehens+ und +unbesehens+ lesen: der Zuhörer -steht +unversehens+ vor dem Dämonischen -- er hätte dieses Argument -nicht so +unbesehens+ hinnehmen sollen. - -[176] +Bezüglich+ ist Präposition und bedeutet dasselbe wie -+hinsichtlich+, +rücksichtlich+. - -[177] Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre -und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl. S. 17 und 58. - -[178] Manche Kaufleute behaupten, in dem +ab+ liege ein besondrer Sinn; -es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des -Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (+ab Bahnhof+, -+ab Lager+) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“. -Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung -liest, keine Ahnung. - -[179] Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des -achtzehnten Jahrhunderts lesen: die ~iniquitaet~ ist ~manifest~ oder: -wir müssen diese ~difficultaeten superiren~. Mache sie es denn aber um -ein Haar besser? - -[180] Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran. -Vgl. +Taxameter+, +Automobil+, +homosexuell+ (dessen erste Hälfte auch -„gebildete“ Leute für das lateinische ~homo~ halten!), +Telefunken+ -u. ähnl. - -[181] Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer -Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie -müßten +Colliers+ tragen, weil jeder Hund ein +Halsband+ trägt. In -Paris trägt aber doch jeder Hund ein +Collier+! - -[182] Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt -(1815) einen eingebildeten Kunstkenner einen +Connaisseur+ und fügt -hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen. - -[183] Weiß der Leser, wie +konstatieren+ entstanden ist? Durch Anhängen -der Endung -+ieren+ an das lateinische Impersonale ~constat~. Fast -unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällen -+konstatieren+ nichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für -einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern -man +konstatiert+, daß der Hund einen Schwanz hat. - -[184] In einem längern Aufsatze, worin +Moment+ und +Faktor+ jedes -etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig -miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers -erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was -müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben -kann! Ein rechtes Kreuz sind die +gesetzgebenden Faktoren+; könnte man -die doch irgendwie los werden! - -[185] Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eine +Epoche+ -gehabt haben, die ich Ihre analytische +Periode+ nennen möchte. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALLERHAND -SPRACHDUMMHEITEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg™ electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg™ License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase “Project -Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg™. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: - -• You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation.” - -• You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ - works. - -• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -• You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg™ works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right -of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you “AS-IS”, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ - -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™'s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
