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-The Project Gutenberg eBook of Allerhand Sprachdummheiten, by Gustav
-Wustmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Allerhand Sprachdummheiten
- Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des
- Häßlichen
-
-Author: Gustav Wustmann
-
-Editor: Rudolf Wustmann
-
-Release Date: January 28, 2023 [eBook #69894]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALLERHAND
-SPRACHDUMMHEITEN ***
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
- verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
- fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
- Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kleinere Schrift: |senkrechte Striche|
- kursiv: _Unterstriche_
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~ (Buchwerbung am Ende ausgenommen)
-
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-
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-
-
- Allerhand Sprachdummheiten
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Die erste Ausgabe dieses Buches ist 1891 erschienen, die zweite
- 1896, die dritte 1903, die vierte 1908, die fünfte 1911.
-
-
-
-
- Allerhand
- Sprachdummheiten
-
- Kleine deutsche Grammatik
- des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
-
- Ein Hilfsbuch für alle
- die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen
-
- von
-
- Gustav Wustmann
-
- Gewohnheit macht den Fehler schön
- Den wir von Jugend auf gesehn
-
- +Gellert+
-
- Sechste Auflage
-
- [Illustration]
-
- Straßburg
- Verlag von Karl J. Trübner
- 1912
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Aus dem Vorwort des Verfassers zur dritten Auflage
-
-
-Viele von denen, in deren Hände dieses Buch gekommen ist, haben es
-als Nachschlagebuch benutzt, als eine Art von „Duden“ für Grammatik
-und Stilistik. Das ist ein Irrtum. Die „Sprachdummheiten“ sind kein
-Sprachknecht, der auf jede grammatische oder stilistische Frage die
-gewünschte Antwort bereit hat, sondern ein Buch für denkende Leser,
-das im Zusammenhange studiert und gehörig verarbeitet sein will. Wer
-Nutzen davon haben will, muß sich den Geist des Buches zu eigen machen.
-Gewiß soll es auch der herrschenden Fehlerhaftigkeit und Unsicherheit
-unsers Sprachgebrauchs steuern, aber vor allem soll es doch das
-Sprachgefühl schärfen und dadurch das Aufkommen neuer Fehler verhüten,
-und seine Hauptaufgabe ist eine ästhetische: es soll der immer ärger
-gewordnen Steifheit, Schwerfälligkeit und Schwülstigkeit unsrer Sprache
-entgegenarbeiten und ihr wieder zu einer gewissen Einfachheit und
-Natürlichkeit verhelfen, die, gleichweit entfernt von Gassensprache wie
-von Papierdeutsch, die Freiheit einer feinern Umgangssprache mit der
-Gesetzmäßigkeit einer guten Schriftsprache vereinigt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorwort zur fünften Auflage
-
-
-Die fünfte Auflage dieses Buches erscheint unter veränderten Umständen.
-
-Am 22. Dezember 1910 starb der Verfasser des Buches. Kurz darauf
-erhielt ich von dem Grunowschen Verlag die Aufforderung, eine neue
-Auflage zu besorgen. Mir lag dazu das mit Nachträgen versehene
-Handexemplar des Verfassers von der vierten Auflage vor und manche
-sonstige von ihm aufgezeichnete Einzelbemerkung. Davon ist aber nur
-das wenige, was den Text wirklich berichtigte oder durch ein besonders
-treffendes Beispiel verbesserte, in die neue Auflage aufgenommen
-worden, sodaß diese im ganzen der vierten Auflage gleicht.
-
-Während des Druckes der fünften Auflage ist das Buch aus dem Verlag von
-Fr. Wilh. Grunow, der die ersten vier Auflagen des Buches verlegt hat,
-sich aber nun in anderer Richtung zu betätigen wünscht, in den von Karl
-J. Trübner übergegangen.
-
- Ende September 1911
-
- =Rudolf Wustmann=
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Zur Formenlehre
-
- Seite
-
- Starke und schwache Deklination 3
-
- Frieden oder Friede? Namen oder Name? 5
-
- Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? 6
-
- Des Rhein oder des Rheins 7
-
- Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? 8
-
- Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? 13
-
- Kaiser Wilhelms 13
-
- Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? 15
-
- Böte oder Boote? 16
-
- Generäle oder Generale? 17
-
- Die Stiefeln oder die Stiefel? 18
-
- Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? 20
-
- Das s der Mehrzahl 23
-
- Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? 24
-
- Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? 25
-
- Anderen, andren oder andern? 27
-
- Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem
- Werte? 29
-
- Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen
- Stämme? 31
-
- Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer
- Gelehrter oder großer Gelehrten? 33
-
- Das Deutsche und das Deutsch 35
-
- Lieben Freunde oder liebe Freunde? 36
-
- Wir Deutsche oder wir Deutschen? 36
-
- Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff 38
-
- Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder
- schwerer wiegend? 41
-
- Größtmöglichst 43
-
- Gedenke unsrer oder unser? 44
-
- Derer und deren 45
-
- Einundderselbe 46
-
- Man 46
-
- Jemandem oder jemand? 47
-
- Jemand anders 47
-
- Ein andres und etwas andres 48
-
- Zahlwörter 49
-
- Starke und schwache Konjugation 50
-
- Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter 51
-
- Frägt und frug 54
-
- Übergeführt und überführt 56
-
- Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? 59
-
- Singen gehört oder singen hören? 60
-
- Du issest oder du ißt? 62
-
- Stände oder stünde? Begänne oder begönne? 62
-
- Kännte oder kennte? 63
-
-
- Zur Wortbildungslehre
-
- Reformer und Protestler 67
-
- Ärztin und Patin 68
-
- Tintefaß oder Tintenfaß? 69
-
- Speisenkarte oder Speisekarte? 73
-
- Äpfelwein oder Apfelwein? 74
-
- Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? 76
-
- Das Binde-s 77
-
- ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich 80
-
- Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? 84
-
- Hallenser und Weimaraner 87
-
-
- Zur Satzlehre
-
- Unterdrückung des Subjekts 91
-
- Die Ausstattung war eine glänzende 92
-
- Eine Menge war oder waren? 96
-
- Noch ein falscher Plural im Prädikat 98
-
- Das Passivum. Es wurde sich 100
-
- Ist gebeten oder wird gebeten? 101
-
- Mißbrauch des Imperfekts 101
-
- Worden 105
-
- Wurde geboren, war geboren, ist geboren 108
-
- Erzählung und Inhaltsangabe 109
-
- Tempusverirrung beim Infinitiv 111
-
- Relativsätze. Welcher, welche, welches 112
-
- Das und was 116
-
- Wie, wo, worin, womit, wobei 118
-
- Wechsel zwischen der und welcher 120
-
- Welch letzterer und welcher letztere 123
-
- Relativsätze an Attributen 125
-
- Einer der schwierigsten, der oder die? 127
-
- Falsch fortgesetzte Relativsätze 128
-
- Relativsatz statt eines Hauptsatzes 130
-
- Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar 131
-
- Mißbrauch des Bedingungssatzes 134
-
- Unterdrückung des Hilfszeitworts 135
-
- Indikativ und Konjunktiv 140
-
- Die sogenannte ~consecutio temporum~ 148
-
- Der unerkennbare Konjunktiv 150
-
- Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit 153
-
- Vergleichungssätze. Als ob, als wenn 157
-
- Würde 158
-
- Noch ein falsches würde 160
-
- Der Infinitiv. Zu und um zu 161
-
- Das Partizipium. Die stattgefundene Versammlung 165
-
- Das sich ereignete Unglück 168
-
- Hocherfreut oder hoch erfreut 169
-
- Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes 170
-
- Falsch angeschloßnes Partizipium 171
-
- In Ergänzung 172
-
- Das Attribut 175
-
- Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? 176
-
- Fachliche Bildung oder Fachbildung? 183
-
- Erstaufführung 188
-
- Sedantag und Chinakrieg 191
-
- Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen 193
-
- Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen 199
-
- Die Sammlung Göschen 200
-
- Die Familie Nachfolger 204
-
- Ersatz Deutschland 205
-
- Der grobe Unfugparagraph 206
-
- Die teilweise Erneuerung 207
-
- Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer
- denkende? 210
-
- Die Apposition 213
-
- Der Buchtitelfehler 215
-
- Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. 217
-
- Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße 218
-
- Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur 220
-
- In einer Zeit wie der unsrigen 221
-
- Gustav Fischer, Buchbinderei 221
-
- Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der
- letztere 223
-
- Derselbe, dieselbe, dasselbe 226
-
- Darin, daraus, daran, darauf usw. 231
-
- Derjenige, diejenige, dasjenige 235
-
- Jener, jene, jenes 237
-
- Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? 238
-
- Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? 242
-
- Zur Steuerung des Notstandes 243
-
- Voller Menschen 244
-
- Zahlwörter. Erste Künstler 245
-
- Die Präpositionen 246
-
- Nördlich, südlich, rechts, links, unweit 248
-
- Im oder in dem? zum oder zu dem? 250
-
- Aus: „Die Grenzboten“ 254
-
- Nach dort 256
-
- Bis 257
-
- In 1870 258
-
- Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? 259
-
- Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags 260
-
- Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier
- Monate 261
-
- Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar 263
-
- Bindewörter. Und 265
-
- Als, wie, denn beim Vergleich 268
-
- Die Verneinungen 270
-
- Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels 274
-
- Natürliches und grammatisches Geschlecht 276
-
- Mißhandelte Redensarten 278
-
- Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts --
- ein schwieriger Fall 283
-
- Die fehlerhafte Zusammenziehung 286
-
- Tautologie und Pleonasmus 290
-
- Die Bildervermengung 293
-
- Vermengung zweier Konstruktionen 295
-
- Falsche Wortstellung 297
-
- Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? 299
-
- Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges 301
-
- Die sogenannte Inversion nach und 304
-
- Die Stellung der persönlichen Fürwörter 308
-
- In fast allen oder fast in allen? 314
-
- Zwei Präpositionen nebeneinander 317
-
- Zur Interpunktion 318
-
- Fließender Stil 324
-
-
- Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung
-
- Die Stoffnamen 337
-
- Verwechselte Wörter 338
-
- Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit 343
-
- Vertauschung der Hilfszeitwörter 346
-
- Der Dritte und der Andre 347
-
- Verwechslung von Präpositionen 349
-
- Hin und her 352
-
- Ge, be, ver, ent, er 354
-
- Neue Wörter 359
-
- Modewörter 365
-
- Der Gesichtspunkt und der Standpunkt 393
-
- Das Können und das Fühlen 396
-
- Bedingen 398
-
- Richtigstellen und klarlegen 402
-
- Fort oder weg? 404
-
- Schwulst 405
-
- Rücksichtnahme und Verzichtleistung 408
-
- Anders, andersartig und anders geartet 409
-
- Haben und besitzen 410
-
- Verbalsurrogate 416
-
- Vermittelst, mit Zuhilfenahme von 418
-
- Seitens 422
-
- Bez. beziehungsweise bezw. 426
-
- Provinzialismen 430
-
- Fremdwörter 433
-
-
- Alphabetisches Wortregister 453
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zur Formenlehre
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Starke und schwache Deklination
-
-Bekanntlich gibt es -- oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und
-einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache
-Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern
-Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in
-der Einzahl im Genitiv die Endung +es+, im Dativ e, in der Mehrzahl
-im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern
-männlichen und sächlichen Geschlechts +er+), im Dativ +en+ (+ern+). Die
-Stammvokale a, o, u und der Diphthong +au+ werden dabei in der Mehrzahl
-gewöhnlich in ä, ö, ü, +äu+ verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1]
-Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier
-haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle
-Kasus der Mehrzahl die Endung +en+. Die schwache Deklination hat auch
-keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen,
-weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und
-weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in
-beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form.
-
-Zur starken Deklination gehören z. B. der +Fuß+, die +Hand+, das
-+Haus+; zur schwachen der +Mensch+, die +Frau+.[2]
-
-Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und
-der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen
-besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im
-Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein.
-Aber ganz fehlt es doch nicht daran.
-
-Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende
-Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: +den Fürst+, +den
-Held+, +den Hirt+. Es heißt aber: +den Fürsten+, +den Helden+ usw.
-
-+Zu Mann+ gibt es eine doppelte Mehrzahl: +Männer+ und +Leute+. Man
-sagt: die +Bergleute+, die +Hauptleute+, die +Spielleute+, aber die
-+Wahlmänner+, die +Ehrenmänner+, die +Biedermänner+, die +Ehemänner+;
-unter +Eheleuten+ versteht man Mann und Frau zusammen.
-
-Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das
-sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist +Gewerke+ (für +Handwerker+).
-Ein +Gewerke+ ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein
-Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute
-deutsche Wort für das heutige +Aktionär+). Das Wort ist aber schwach
-zu flektieren, die Mehrzahl heißt +die Gewerken+ (die +Baugewerken+).
-Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: +das
-Gewerk+ (für +Handwerk+, +Innung+), und das ist stark zu flektieren;
-hier heißt die Mehrzahl die +Gewerke+. Viele gebrauchen aber jetzt
-fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen
-Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische +Künstler
-und Gewerke+. Umgekehrt sind jetzt +die Gauen+ beliebt: das Lied ging
-durch +alle+ deutschen +Gauen+. Aber auch sie sind falsch; +Gau+,
-ursprünglich sächlichen Geschlechts (+das Gäu+), jetzt Maskulinum,
-bildet den Genitiv +des Gaus+ und die Mehrzahl +die Gaue+.
-
-In Leipziger Zeitungen werden oft +Darlehne+ gesucht (+Pfanddarlehne+,
-+Hypothekendarlehne+), und die Geistlichen treten für ihre alten
-+Kirchlehne+ ein. Die Einzahl heißt aber das +Lehen+, und wenn das
-auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie +Wesen+, +Schreiben+,
-+Vermögen+, +Verfahren+, +Vergnügen+, +Unternehmen+, so wird es doch
-in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl
-heißt: die +Lehen+, die +Darlehen+, die +Kirchlehen+, so gut wie die
-+Wesen+, die +Verfahren+, die +Unternehmen+.
-
-
-Frieden oder Friede? Namen oder Name?
-
-Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ
-zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende
-Wörter: +Friede+, +Funke+, +Gedanke+, +Gefalle+, +Glaube+, +Haufe+,
-+Name+, +Same+, +Schade+ und +Wille+. Die Form auf en ist aber
-eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination
-an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform
-aus der starken und der schwachen Deklination auf +ens+ (des +Namens+),
-und von +Schade+ hat der Plural sogar den Umlaut: die +Schäden+. Da
-hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das +en+ aus dem
-Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte
-richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im
-Gebrauch (von +Schade+ allerdings fast nur noch in der Redensart: es
-+ist schade+). Der +Gefalle+ (bei Lessing öfter) ist wenigstens in
-Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer
-+Gefalle+ damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also
-gesagt werden: der +Friede+ von 1871, nicht der +Frieden+ von 1871.
-Vollends der künstlerische +Gedanken+, wie man bisweilen lesen muß, ist
-unerträglich.[5]
-
-
-Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke?
-
-Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung +es+ oder das
-bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des
-+Amtes+, des +Berufes+, oder des +Amts+, des +Berufs+, darüber läßt
-sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur
-die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide
-Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen
-ältere Bildungen wie +Landsmann+ und +Landsknecht+ neben jüngern wie
-+Landesherr+ und +Landesvater+. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des
-einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden
-Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die
-langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der
-Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des +Throns+
-liegt in der Liebe und Dankbarkeit des +Volkes+, die täglich neu aus
-der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des
-+Volks+ ihre beste Stütze im +Throne+ finden.
-
-Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils
-von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz
-wegzuwerfen und zu sagen: vor dem +König+, in dem +Buch+, aus dem
-+Haus+, nach dem +Krieg+, nach dem +Tod+, im +Jahr+, im +Recht+, im
-+Reich+, im +Wald+, auf dem +Berg+, am +Meer+ (statt +Könige+, +Buche+,
-+Hause+, +Kriege+, +Jahre+, +Rechte+ usw.). Ja manche möchten das jetzt
-geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch
-der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu
-der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert,
-erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern
-überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann
-oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut
-herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen
-Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es
-zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn
-das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste
-anfängt, z. B. im +Goldland des+ Altertums. Nur wo das Wort mit einem
-Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man
-das e zuweilen fallen lassen -- zuweilen, denn auch da ist immer der
-Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden
-sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das
-Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: +zustande+
-kommen, +im Wege+ stehen, +zugrunde+ gehen, +zu Kreuze+ kriechen,
-ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern
-formelhaften Wendungen wie: +mit Dank+, +von Jahr zu Jahr+, +von Ort zu
-Ort+.
-
-An den Wörtern auf +nis+ und +tum+ und an Fremdwörtern wirkt das
-Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem
-+Verhältnisse+, dem +Eigentume+, dem +Systeme+, dem +Probleme+,
-dem +Organe+, dem +Prinzipe+, dem +Rektorate+, dem +Programme+,
-dem +Metalle+, dem +Offiziere+, dem +Romane+, dem +Ideale+, dem
-+Madrigale+, dem +Oriente+, dem +Manifeste+, dem +Archive+ usw. Man
-kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die
-Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber
-als Dative des Singulars wirken sie häßlich.
-
-
-Des Rhein oder des Rheins?
-
-Vielfache Unsicherheit herrscht in der Deklination der Ortsnamen. Haben
-sie keinen Artikel, wie die meisten Länder- und Städtenamen, so bildet
-wohl jedermann einen richtigen Genitiv (+Deutschlands+, +Wiens+); bei
-den Berg- und Flußnamen aber, die den Artikel bei sich haben, muß man
-jetzt immer öfter Genitive lesen wie +des Rhein+, +des Main+, +des
-Nil+, +des Brocken+, +des Petersberg+, +des Hohentwiel+, +des Vesuv+,
-und ebenso ist es bei Länder- und Städtenamen, wenn sie durch den
-Zusatz eines Attributs den Artikel erhalten; auch da hat sich immer
-mehr die Nachlässigkeit verbreitet, zu schreiben: des +kaiserlichen
-Rom+, des +modernen Wien+, des +alten Leipzig+, des +damaligen
-Frankreich+, des +nordöstlichen Böhmen+, des erst noch +zu erobernden
-Jütland+. Bei den Personennamen ist ja, wenn sie den Artikel haben, der
-Genitiv rettungslos verloren; des +großen Friedrichs+ oder die Leiden
-des +jungen Werthers+ (wie Goethe noch 1774 schrieb) getraut sich
-heute niemand mehr zu schreiben. Ebenso geht es den Monatsnamen. Auch
-diese wurden früher alle zwölf richtig dekliniert: +des Aprils+, +des
-Oktobers+ (Klopstock: Sohn +des Mais+; Schlegel: Nimm vor des +Märzen+
-Idus dich in acht). Heute schreibt man fast nur noch: zu Anfang +des
-Oktober+, wenn man nicht lieber gar stammelt: +Anfang Oktober+. Aber
-bei Ortsnamen sind wir doch noch nicht ganz so weit.
-
-
-Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes?
-
-Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen
-mit einem Apostroph zu versehen: +Friedrich’s+, +Müller’s+. Selbst
-große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz
-undenkbar erscheint, +Goethes+ ohne das hübsche Häkchen oben zu
-schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle
-unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch
-die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das
-Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern
-und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich
-machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu
-einen Laut bedeuten, der -- nicht da ist, der eigentlich da sein
-sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja
-aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt:
-+des Müllers+ Esel, warum soll man nicht auch +Otfried Müllers+
-Etrusker schreiben?[6]
-
-Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x -- welche
-Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl
-solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an +Fuchs+, +Voß+,
-+Krebs+, +Carstens+, +Görres+, +Strauß+, +Brockhaus+, +Hinrichs+,
-+Brahms+, +Begas+, +Dickens+, +Curtius+, +Mylius+, +Cornelius+,
-+Berzelius+, +Rodbertus+, +Marx+, +Felix+, +Max+, +Franz+, +Fritz+,
-+Moritz+, +Götz+, +Uz+, +Schütz+, +Schwarz+, +Leibniz+, +Opitz+,
-+Rochlitz+, +Lorenz+, +Pohlenz+, nicht zu reden von den griechischen,
-römischen, spanischen Namen, wie +Sophokles+, +Tacitus+, +Olivarez+
-usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den
-griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß
-man den Artikel vorsetzt: die Tragödien +des Sophokles+, die Germania
-+des Tacitus+. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her
-so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl
-man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe:
-die Gedichte +des Goethe+. Der Artikel vor dem Personennamen ist
-süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt
-man: +der Uhland+, in Wien: +der Raimund+), aber in die Schriftsprache
-gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer
-von Zeichnungen +des Carstens+ und Entwürfen +des Cornelius+ lesen
-zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau-
-und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis +des Gottsched+, einem
-Bildnis +des Gellert+, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn
-nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem
-unvermeidlichen Apostroph davor!), also: +Fues’s+ Verlag, +Rus’s+
-Kaffeehandlung, +Harras’s+ Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst
-+Moritz’s+ Verdienste um Leipzig, +Leibniz’s+ ägyptischer Plan, Gabriel
-+Max’s+ Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten.
-Noch andre -- und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken
-gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen
-vorgeschrieben wird -- meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen
-bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. +Celtes’+ Ausgabe der
-Roswitha, +Junius’+ Briefe, +Kochs’+ Mikroskopierlampe (der Erfinder
-heißt wirklich +Kochs+!), +Uz’+ Gedichte, +Voß’+ Luise, Heinrich
-+Schütz’+ sämtliche Werke, +Rochlitz’+ Briefwechsel mit Goethe. Und
-solche Beispiele, in denen der Name +vor+ dem Worte steht, von dem
-er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die
-Findung +Moses’+, der Kanzler +Moritz’+ (das soll heißen: der Kanzler
-des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift +Servetus’+, auf
-Anregung +Gervinus’+, der Besuch König +Alfons’+, der Stil +Rabelais’+,
-der Dualismus +Descartes’+ (in +Descartes+ ist ja das es stumm, und
-der Genitiv von +Descartes+ wird wirklich gesprochen: +karts+!).
-Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf +sch+ endigen, in
-diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern
-Moritz +Busch’+, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm +Busch’+, das
-allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: ~Dr.~ +Peters’+ als
-Vorsitzendem lag die Pflicht ob!
-
-Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen
-Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem
-Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen
-auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter
-das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem
-Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph
-hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man
-vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich
-einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph
-fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen +Leibniz+ und
-+Leibniz’+, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar
-kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch
-die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in
-den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie:
-+Sophokle’s+ Tragödien, +Carsten’s+ Werke, +Dicken’s+ Romane, +Brahm’s+
-Requiem, Friedrich +Perthe’s+ Leben und +Siever’s+ Phonetik.
-
-Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich,
-wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder
-unbedenklich +Romanus Haus+ (ohne den Apostroph), oder sie half sich
-bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B.
-+Herz+, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen
-und der starken Deklination auf +ens+ bildete, also: +Fuchsens+,
-+Straußens+, +Schützens+, +Hansens+, +Franzens+, +Fritzens+, +Götzens+,
-+Leibnizens+ (vgl. +Luisens+, +Friederikens+, +Sophiens+). Im
-Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe
-(ebenso wie die Dative und Akkusative +Hansen+, +Fritzen+, +Sophien+
--- hast du +Fritzen+ nicht gesehen? gibs +Fritzen+! --, die jetzt
-freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die
-unflektierte Form verdrängt werden: hast du +Fritz+ nicht gesehen? gibs
-+Fritz+!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute
-noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch
-im Götz von Berlichingen +Hansens Küraß+ in +Hans’ Küraß+ verwandeln?
-+Franzensbad+ und +Franzensfeste+ in +Franz’bad+ und +Franz’feste+
-verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur
-lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte
-Form allmählich wieder und schreiben wieder: +Vossens Luise+. Wenn sie
-nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte!
-
-Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst
-Genitive sind, wie +Carstens+ (eigentlich Carstens Sohn), +Hinrichs+,
-+Brahms+. +Brahmsens+ dritte Geigensonate -- das klingt nicht schön.
-Auch +Phidiassens+ Zeus und +Sophoklessens+ Antigone nicht, obwohl
-auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt
-worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen
-der Frau auf +in+ bildete, von der +Möbiussin+. Das beste ist wohl,
-solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist,
-ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch
-Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen,
-statt des Genitivs +sein+ setzen, +des Dichters+, +des Künstlers+ dafür
-einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen +des Carstens+!
-Und noch weniger +Voß’s Luise+ oder gar das +Grab Brahms’+, denn das
-ist gar zu einfältig.
-
-In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf +us+ gerät man
-übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar
-unbedenklich von +Omnibussen+, aber Not machen uns die +Ismusse+,
-und der Deutsche hat sehr viel +Ismusse+! Die Komödie erlognen
-+Patriotismus’+, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten
-+Lokalpatriotismus’+ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen
-+Partikularismus’+ oder ein Ausfluß erstarkten +Individualismus’+ --
-das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens.
-Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition +von+ greifen oder
-den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: +eines+ erlognen
-+Patriotismus+, +von+ preußischem +Partikularismus+.
-
-
-Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen?
-
-Daß von +Friedrich+ der Genitiv +Friedrichs+ heißt, das weiß man
-allenfalls noch. Aber sobald eine Apposition zu dem Namen tritt,
-wissen sich die meisten nicht mehr zu helfen. Man frage einmal nach
-dem Genitiv von +Friedrich der Große+; die Hälfte aller Gefragten
-wird ihn +Friedrich des Großen bilden+. Fortwährend begegnet man
-jetzt so abscheulichen Genitiven wie: +Heinrich des Erlauchten+,
-+Albrecht des Beherzten+, +Georg des Bärtigen+. Es gibt Leute, die
-alles Ernstes glauben, solche Verbindungen seien eine Art von Formeln
-oder Sigeln, die nur am Ende dekliniert zu werden brauchten! Auch
-wenn die Apposition eine Ordinalzahl ist -- der häufigste Fall --,
-wird kaum noch anders geschrieben als: die Urkunden +Otto+ III., die
-Gegenreformation +Rudolf+ II., die Gemahlin +Heinrich+ VIII., die
-Regierungszeit +Ludwig+ XIV. Wenn man das aussprechen will, so kann
-man doch gar nicht anders sagen als: +Otto der dritte+, +Rudolf der
-zweite+, +Heinrich der achte+. Denn wie kann der Schreibende erwarten,
-daß man die Zahl im Genitiv lese, wenn der Name, zu dem sie gehört, im
-Nominativ steht?[8]
-
-
-Kaiser Wilhelms
-
-Tritt vollends der Herrschertitel dazu, so pflegt alle Weisheit zu
-Ende zu sein. Wie dekliniert man: +Herzog Ernst der Fromme+, +Kaiser
-Friedrich der Dritte+? Bei einer vorangestellten Apposition wie
-+Kaiser+, +König+, +Herzog+, +Prinz+, +Graf+, +Papst+, +Bischof+,
-+Bürgermeister+, +Stadtrat+, +Major+, +Professor+, +Doktor+, +Direktor+
-usw. kommt es darauf an, ob die Apposition als bloßer Titel, oder ob
-sie wirklich als Amt, Beruf, Tätigkeit der Person aufgefaßt werden
-soll oder aufgefaßt wird. Im ersten Fall ist es das üblichste, nur den
-Eigennamen zu deklinieren, den Titel aber ohne Artikel und undekliniert
-zu lassen, also +Kaiser Wilhelms+, +Papst Urbans+, +Doktor Fausts
-Höllenfahrt+, +Bürgermeister Müllers Haus+. Der Titel verwächst für
-das Sprachgefühl so mit dem Namen, daß beide wie eins erscheinen.[9]
-Im achtzehnten Jahrhundert sagte man sogar +Herr Müllers+, +Herr
-Müllern+, nicht: +Herrn Müller+. Im zweiten Falle wird der Artikel zur
-Apposition gesetzt und die Apposition dekliniert, dagegen bleibt der
-Name undekliniert: +des Kaisers Wilhelm+, +des Herzogs Albrecht+, ein
-Bild +des Ritters Georg+. Freilich geht die Neigung vielfach dahin,
-auch hier die Apposition undekliniert zu lassen, z. B. +des Doktor
-Müller+, +des Professor Albrecht+. Treten zwei Appositionen zu dem
-Namen, eine davor, die andre dahinter, so ist für die voranstehende
-nur das erste der eben besprochnen beiden Verfahren möglich, also: die
-Truppen +Kaiser Heinrichs des Vierten+, das Denkmal +König Friedrichs
-des Ersten+, eine Urkunde +Markgraf Ottos des Reichen+, die Bulle
-+Papst Leos des Zehnten+. Beide Appositionen zu deklinieren und den
-Namen undekliniert zu lassen, z. B. +Königs+ Christian +des Ersten+,
-+des Kaisers+ Wilhelm +des Siegreichen+, wirkt unangenehm wegen des
-Zickzackganges der beiden Kasus (Genitiv, Nominativ, Genitiv).[10]
-
-
-Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes?
-
-Verlegenheit bereitet vielen auch die Deklination adliger Namen
-oder solcher Namen, die adligen nachgebildet sind. Soll man
-sagen: die Dichtungen +Wolframs von Eschenbach+ oder +Wolfram von
-Eschenbachs+? Richtig ist -- selbstverständlich -- nur das erste,
-denn Eschenbach ist, wie alle echten Adelsnamen, ein Ortsname, der
-die Herkunft bezeichnet; den kann man doch hier nicht in den Genitiv
-setzen wollen.[11] So muß es denn auch heißen: die Heimat +Walters
-von der Vogelweide+, die Burg +Götzens von Berlichingen+, die
-Lebensbeschreibung +Wiprechts von Groitzsch+, die Gedichte +Hoffmanns
-von Fallersleben+, auch die Werke +Leonardos da Vinci+, die Schriften
-+Abrahams a Sancta Clara+.
-
-Wie steht es aber mit den Namen, die nicht jedermann sofort als
-Ortsnamen empfindet, wie +Hutten+? Wer kann alle deutschen Ortsnamen
-kennen? Soll man sagen +Ulrichs von Hutten+ oder +Ulrich von Huttens+
-deutsche Schriften? Und nun vollends die zahllosen unechten Adelsnamen,
-über die sich schon Jakob Grimm lustig gemacht hat: diese +von Richter+
-und +von Schulz+, +von Schmidt+ und +von Weber+, +von Bär+ und +von
-Wolf+, wie stehts mit denen? Soll man sagen: +Heinrichs von Weber+
-Lehrbuch der Physik, +Leopolds von Ranke+ Weltgeschichte? Streng
-genommen müßte es ja so heißen; warum behandelt man Namen, die alles
-andre, nur keinen Ort bezeichnen, als Ortsnamen, indem man ihnen das
-sinnlose +von+ vorsetzt! Im achtzehnten Jahrhundert war das Gefühl für
-die eigentliche Bedeutung der adligen Namen noch lebendig; da adelte
-man einen +Peter Hohmann+ nicht zum +Peter von Hohmann+, sondern zum
-+Peter von Hohenthal+, einen +Maximilian Speck+ nicht zum +Maximilian
-von Speck+, sondern zum +Maximilian Speck von Sternburg+, indem man
-einen (wirklichen oder erdichteten) Ortsnamen zum Familiennamen setzte;
-in Österreich verfährt man zum Teil noch heute so. Da aber nun einmal
-die unechten Adelsnamen vorhanden sind, wie soll man sich helfen? Es
-bleibt nichts weiter übrig, als das +von+ hier so zu behandeln, als
-ob es nicht da wäre, also zu sagen: +Leopold von Rankes+ sämtliche
-Werke, besonders dann, wenn der Genitiv vor dem Worte steht, von dem er
-abhängig ist; steht er dahinter, so empfiehlt es sich schon eher, den
-Vornamen zu flektieren: die Werke +Leopolds von Ranke+, denn man möchte
-natürlich den Genitiv immer so dicht wie möglich an das Wort bringen,
-zu dem er gehört. Und so verfährt man oft auch bei echten Adelsnamen,
-selbst wenn man weiß, oder wenn kein Zweifel ist, daß sie eigentlich
-Ortsnamen sind. Es ist das ein Notbehelf, aber schließlich erscheint er
-doch von zwei Übeln als das kleinere.
-
-
-Böte oder Boote?
-
-Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem
-Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat. Solche falsche
-Plurale sind: +Ärme+, +Böte+, +Bröte+, +Röhre+, +Täge+, +Böden+,
-+Bögen+, +Kästen+, +Krägen+, +Mägen+, +Wägen+, +Läger+. Man redet jetzt
-von Geburts+tägen+, Muster+lägern+, Fuß+böden+, Gummi+krägen+ usw. Bei
-den Wörtern auf +en+ und +er+ wird dadurch allerdings ein Unterschied
-zwischen der Einzahl und der Mehrzahl geschaffen, der namentlich in
-Süddeutschland üblich geworden ist.[12] Dennoch ist nur die Form ohne
-Umlaut richtig: +die Arme+, +die Kasten+, +die Lager+, +die Rohre+ usw.
-Man denke sich, daß es in Eichendorffs schönem Liede: O Täler weit, o
-Höhen -- am Schlusse hieße: Schlag noch einmal die +Bögen+ um mich,
-du grünes Zelt! Auch +Herzöge+ ist eigentlich falsch; das Wort ist
-bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nur schwach dekliniert worden:
-des +Herzogen+, dem +Herzogen+, die +Herzogen+. Dann sprang es aber
-in die starke Deklination über (des +Herzogs+), und nun blieben auch
-die +Herzöge+ nicht aus: der +Trog+, die +Tröge+ -- der +Herzog+, die
-+Herzöge+, die Ähnlichkeit war überwältigend.
-
-
-Generäle oder Generale?
-
-Von den Fremdwörtern sind viele in den Umlaut hineingezogen worden,
-obwohl er ihnen eigentlich auch nicht zukommt, nicht bloß Lehnwörter,
-deren fremde Herkunft man nicht mehr fühlt, wie +Bischöfe+, +Paläste+,
-+Pläne+, +Bässe+, +Chöre+, sondern auch Wörter, die man noch lebhaft
-als Fremdwörter empfindet, wie +Altäre+, +Tenöre+, +Hospitäler+,
-+Kanäle+. Aber von andern wird doch die Mehrzahl noch richtig ohne
-Umlaut gebildet, wie +Admirale+, +Prinzipale+, +Journale+. Wenn sich
-daher irgendwo ein Schwanken zu zeigen beginnt, so ist es klar, daß
-die Form ohne Umlaut den Vorzug verdient. Besser also als +Generäle+
-ist unzweifelhaft +Generale+. Bisweilen hat die Sprache auch hier die
-Möglichkeit der doppelten Form zu einer Unterscheidung des Sinnes
-benutzt: +Kapitale+ (oder +Kapitalien+) sind Gelder, +Kapitäle+
-Säulenknäufe; hier heißt freilich auch schon die Einzahl +Kapitäl+.
-
-Auch zwischen der starken und der schwachen Deklination hat die
-Pluralbildung der Fremdwörter vielfach geschwankt und schwankt zum
-Teil noch jetzt. Im achtzehnten Jahrhundert sagte man +Katalogen+,
-+Monologen+; jetzt heißt es +Kataloge+, +Monologe+. Dagegen sagen
-die meisten jetzt +Autographen+ und +Paragraphen+; +Autographe+ und
-+Paragraphe+ klingt gesucht. Unverständlich ist es, wie unsre Techniker
-dazu gekommen sind, die Mehrzahl +Motore+ zu bilden, da es doch nicht
-+Faktore+, +Doktore+ und +Pastore+ heißt; wahrscheinlich haben sie an
-die +Matadore+ im Skat gedacht. +Effekte+ und +Effekten+ werden wieder
-dem Sinne nach unterschieden: +Effekte+ sind Wirkungen, +Effekten+
-Wertpapiere oder Habseligkeiten.
-
-
-Die Stiefeln oder die Stiefel?
-
-Von den Hauptwörtern auf +el+ und +er+ gehören alle Feminina der
-schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: +Nadeln+,
-+Windeln+, +Kacheln+, +Kurbeln+, +Klingeln+, +Fackeln+, +Wurzeln+,
-+Mandeln+, +Eicheln+, +Nesseln+, +Regeln+, +Bibeln+, +Wimpern+,
-+Adern+, +Nattern+, +Leitern+, +Klaftern+, +Scheuern+, +Mauern+,
-+Kammern+; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken
-Deklination, wie +Schlüssel+, +Mäntel+, +Wimpel+, +Zweifel+, +Spiegel+,
-+Kessel+, +Achtel+, +Siegel+, +Kabel+, +Eber+, +Zeiger+, +Winter+,
-+Laster+, +Ufer+, +Klöster+.[13] Die Regel läßt sich sehr hübsch bei
-Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von
-+Schüssel+ und +Teller+, +Messer+, +Gabel+ und +Löffel+, +Semmel+,
-+Kartoffel+ und +Zwiebel+, +Auster+, +Hummer+ und +Flunder+. Sie gilt,
-wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für
-Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im
-Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht
-übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten
-Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl +die Zedel+ (~schedula~),
-folglich in der Mehrzahl +die Zedeln+, im achtzehnten Jahrhundert
-noch in der Einzahl +die Aurikel+ (~auricula~), folglich in der
-Mehrzahl die +Aurikeln+; heute heißt es +der Zettel+, +das Aurikel+
-und folglich die Mehrzahl +die Zettel+, +die Aurikel+. Also sind
-Plurale wie +Buckeln+, +Möbeln+, +Stiefeln+, +Schlüsseln+, +Titeln+,
-+Ziegeln+, +Aposteln+, +Hummern+ falsch und klingen gemein. Nur
-+Muskel+, +Stachel+, +Pantoffel+ und +Hader+ (Lump, Fetzen) machen
-eine Ausnahme (die +Muskeln+, die +Stacheln+, die +Pantoffeln+, die
-+Hadern+), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter
-Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital.
-~pantofola~) oder, wie +Hader+, eine schwache männliche Nebenform (des
-+Hadern+), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist
-auch: die +Trümmern+ (in +Trümmern+ schlagen); die Einzahl heißt: der
-oder das +Trumm+ (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die
-Mehrzahl die +Trümmer+. Wer noch gewöhnt ist, +Angel+ als Maskulinum zu
-gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden
-+die Angel+, wer es weiblich gebraucht, sagt +die Angeln+. Ebenso ist
-es mit +Quader+; wer +Quader+ männlich gebraucht, wird in der Mehrzahl
-sagen: die +Quader+, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die
-+Quadern+. Der +Oberkiefer+ und der +Unterkiefer+ heißen zusammen die
-+Kiefer+; im Wald aber stehen +Kiefern+. Die +Schiffe+ haben +Steuer+
-(das +Steuer+), der Staat erhebt +Steuern+ (die +Steuer+).
-
-In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre
-falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß
-man lesen: +Muffen+, +Korken+ (auch +Korken+zieher, +Korken+fabrik),
-+Stutzen+ (Feder+stutzen+), auch +Korsetten+ und +Jaquetten+ (als ob
-die Einzahl +Jaquette+ und +Korsette+ hieße!). Anständige Kaufleute
-werden sich vor solcher Gassensprache hüten. +Muff+, +Kork+, +Stutz+
-gehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: der +Muff+,
-des +Muffs+, die +Müffe+, der +Kork+, des +Korks+, die +Korke+; die
-+Muffen+ sind eins der vielen Beispiele, wo sich -- unter dem Einflusse
-Berlins -- das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder
-durchzusetzen versucht.
-
-
-Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte?
-
-Die meisten reden von +Fremdwörtern+, manche aber auch von
-+Fremdworten+. Was ist richtig? Die Pluralendung +er+, die namentlich
-bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (+Gräber+, +Kälber+,
-+Kräuter+, +Lämmer+, +Rinder+, +Täler+), aber auch bei Maskulinen
-(+Männer+, +Leiber+, +Geister+, +Wälder+, +Würmer+, +Reichtümer+),
-im Althochdeutschen ~ir~ (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit
-auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts
-ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch:
-+die Amt+, +die Kleid+, +die Pfand+, +die Land+, +die Dach+, +die
-Fach+, +die Gemach+, +die Rad+, +die Schloß+, +die Schwert+, +die
-Faß+, +die Bret+, daneben: +die Amte+, +die Rade+, +die Schwerte+,
-+die Fasse+, und endlich kam auf: +die Ämter+, +die Räder+ usw. Bei
-manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er
-auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form
-jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des
-Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an +Denkmale+
-und +Denkmäler+, +Gewande+ und +Gewänder+, +Lande+ und +Länder+,
-+Tale+ und +Täler+ (Es geht durch alle +Lande+ ein Engel still
-umher -- Die +Tale+ dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern
-Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein
-Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man +Bande+ (des
-Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und +Bänder+, +Bande+
-sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, +Bänder+ sind einzelne
-Stücke. Auch +Gesichte+ und +Gesichter+, +Lichte+ und +Lichter+ sind
-dem Sinne nach zu unterscheiden. +Gesichte+ sind Erscheinungen (im
-Faust: die Fülle der +Gesichte+). +Lichte+ sind Kerzen (Wachslichte,
-Stearinlichte), +Lichter+ sind Flammen (durch das Fenster strahlen
-unzählige +Lichter+, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmels+lichter+).
-Auf dem Altar stehen immer große +Kirchenlichte+, auf der Kanzel
-aber nicht immer große +Kirchenlichter+. Bisweilen kommt auch noch
-ein Geschlechtsunterschied dazu: +Schilde+ (+der Schild+) gehören zur
-Rüstung; +Schilder+ (+das Schild+) sind an den Kaufmannsläden. Neben
-den +Banden+ und den +Bändern+ stehen noch die +Bände+ (der Roman
-hat drei +Bände+). So kam auch neben der Mehrzahl +die Wort+ oder
-+die Worte+ im sechzehnten Jahrhundert die Form auf +er+ auf: +die
-Wörter+. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im
-achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter +Wörtern+ bloße Teile der
-Sprache (~vocabula~), unter +Worten+ Teile der zusammenhängenden Rede
-zu verstehen. Man sprach also nun von +Hauptwörtern+, +Zeitwörtern+,
-+Fürwörtern+, +Wörterbüchern+, dagegen von +Dichterworten+,
-+Textworten+, +Vorworten+ (Vorreden), +schöne Worte+ machen usw. Und
-an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten.
-+Worte+ haben Sinn und Zusammenhang, +Wörter+ sind zusammenhanglos
-aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von
-+Fremdworten+ oder +Schlagworten+ zu reden, so ist doch die Mehrzahl
-+Fremdwörter+ vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der +Wörter+
-sind genug +gewechselt+.
-
-In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung
-vorhanden, die Pluralendung auf +er+ immer weiter auszudehnen. Es ist
-das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk
-redet in Leipzig von +Gewölbern+ und +Geschäftern+, der Gebildete von
-+Gewölben+ und +Geschäften+. Nur das niedrige Volk bildet Plurale
-wie +Zelter+, +Gewinner+, +Mäßer+, +Sträußer+, +Butterbröter+,
-+Kartoffelklößer+. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre +Rester+ an, nur
-die Telephonarbeiter kommen, um „+die Elementer+ nachzusehen“.[15] Und
-wie gemein erscheinen die +Dinger+, mit denen sich das Volk überall
-da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit
-seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung +er+ in der
-guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden
-ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie
-bei +Scheit+; die Mehrzahl heißt jetzt +Scheite+, früher hieß sie
-+Scheiter+ (vgl. +Scheiterhaufe+ und +scheitern+). Auch bei +Ort+ ist
-eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl
-+Örter+ ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz
-verschwunden; man spricht fast nur noch von +Orten+. Dagegen hat leider
-der plebejische Plural +Gehälter+ (Lehrer+gehälter+, Beamten+gehälter+)
-gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum +das Gehalt+ von Norddeutschland
-aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht.
-Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig
-+der Gehalt+ und +die Gehalte+ geschrieben hat, halten es schon viele
-für fein, +das Gehalt+ und die +Gehälter+ zu sagen. Nun verteilen
-sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix
-+Ge-+ gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind:
-+Geruch+, +Geschmack+, +Gedanke+; weiblich: +Geburt+, +Geduld+;
-sächlich: +Gehör+, +Gesicht+, +Gewehr+, +Gewicht+. Man mag auch die
-Unterscheidung von: +der Gehalt+ (Gedankengehalt, Silbergehalt des
-Erzes) und +das Gehalt+ (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne
-Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. +der Verdienst+ und +das
-Verdienst+, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt
-ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten
-+das Gehalt+ noch gemein, und +die Gehälter+ stehen für unser Ohr
-und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den +Gewölbern+, den
-+Geschäftern+ und den +Geschmäckern+.[18] Weshalb sollen wir uns also
-so etwas aufnötigen lassen?
-
-
-Das s der Mehrzahl
-
-Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre
-Sprache eingedrungen. Wenn wir von +Genies+, +Pendants+, +Etuis+,
-+Portemonnaies+, +Korsetts+, +Beefsteaks+ und +Meetings+ reden, so ist
-das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen
-Wörtern zukommt. Aber man redet auch von +Jungens+ und +Mädels+,
-+Herrens+ und +Fräuleins+, +Kerls+ und +Schlingels+, +Hochs+ und
-+Krachs+, +Bestecks+, +Fracks+, +Schmucks+, +Parks+ und +Blocks+
-(Bau+blocks+), +Echos+ und +Villas+ (statt Villen), +Vergißmeinnichts+
-und +Stelldicheins+, +Polkas+, +Galopps+, +Tingeltangels+ und +Trupps+
-(Studenten+trupps+), +Uhus+ und +Känguruhs+, +Wenns+ und +Abers+, U’s
-und T’s, +Holbeins+ und +Lenbachs+ (zwei neue +Lenbachs+, ein paar
-echte +Holbeins+), von den +Fuggers+ und den +Schlegels+, und einzelne
-Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre +Kollegs+
-an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie
-als ~pluralis Borussicus~. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen
-Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die +Jungens+ und die
-+Mädels+ an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen
-an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte
-deutsche Substantiva gehängt worden.
-
-Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre
-Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie +Solis+, +Mottis+, +Kollis+ und
-+Portis+, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige
-italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja +Solo+,
-+Motto+, +Kollo+ und +Porto+. Freilich wird auch schon in der Einzahl
-+das Kolli+ gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen!
-
-
-Fünf Pfennig oder fünf Pfennige?
-
-Wenn fünf einzelne Pfennige auf dem Tische liegen, so sind das
-unzweifelhaft fünf Pfennige; wenn ich aber mit diesen fünf Pfennigen
-(oder auch mit einem Nickelfünfer) eine Zigarre bezahle, kostet die
-dann fünf +Pfennige+ oder, wie auf dem Nickelfünfer steht, fünf
-+Pfennig+? Schwierige Frage!
-
-Bei Angaben von Preis, Gewicht, Maß, Zeit, Lebensalter usw. ist oft
-eine Pluralform üblich, die sich vom Singular nicht unterscheidet,
-wenigstens bei Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts,[20] wie
-bei +Taler+, +Gulden+, +Groschen+, +Heller+, +Pfennig+, +Batzen+,
-+Pfund+, +Lot+, +Fuß+, +Zoll+, +Schuh+, +Faden+, +Faß+, +Glas+ (zwei
-+Glas+ Bier), +Maß+, +Ries+, +Buch+ (drei +Buch+ Papier), +Blatt+,[21]
-+Jahr+, +Monat+, +Mann+ (sechs +Mann+ Wache), +Schritt+, +Schuß+
-(tausend +Schuß+), +Stock+ (drei +Stock+ hoch). Diese Formen sind
-natürlich keine wirklichen Singulare, sondern zum Teil sind es alte
-Pluralformen (vgl. S. 20 +Fach+ und +Fächer+), zum Teil Formen, die
-solchen unwillkürlich nachgebildet worden sind. Von einer Regel also,
-daß in allen solchen Fällen der Singular stehen müsse, kann keine Rede
-sein. Es ist ganz richtig, zu sagen: das Kind ist +drei Monate+ alt,
-+drei+ Jahre alt, wie denn auch jeder +drei Taler+, +drei Gulden+,
-+drei Groschen+ sicherlich als Plural fühlen, folglich auch sagen wird:
-ich habe das Bild mit +zehn Talern+ bezahlt (nicht mit +zehn Taler+!).
-Und so haben wir auch in Mitteldeutschland früher immer +Pfennige+
-gesagt so gut wie +Könige+, +Käfige+ und +Zeisige+. (In dem alten Liede
-von der Seestadt Leipzig heißt es sogar: Und ein einzig Lot Kaffee
-kostet +sechzehn Pfennigee+.) Bis 1880 war auch auf unsern Briefmarken
-so gedruckt. Wahrscheinlich war das aber nicht „schneidig“ genug,
-und so hieß es von da an 3 +Pfennig+, 5 +Pfennig+, worauf 1889 die
-Abkürzung +Pf.+ erschien, die jeder lesen konnte, wie er wollte, bis
-schließlich gar nur noch die Ziffer übrig blieb!
-
-
-Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?
-
-Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die
-Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs
-und eines Adjektivs. Heißt es: +jeden Zwanges+ oder +jedes Zwanges+?
-+sämtlicher deutscher Stämme+ oder +sämtlicher deutschen Stämme+?
-+großer Gelehrter+ oder +großer Gelehrten+? ein +schönes Ganzes+ oder
-ein +schönes Ganze+? von +hohem praktischen Werte+ oder von +hohem
-praktischem Werte+? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint,
-so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden,
-der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche
-selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was
-richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber
-doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen.
-
-Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der
-schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung
-+en+, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes:
-+es+, +em+, +en+ usw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie
-allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im
-Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht: +mein guter Hans+,
-+du alter Freund+, +unser jährlicher Umsatz+, +welch vorzüglicher+
-Wein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination.
-Es muß also heißen: +gerades Wegs+, +guter Hoffnung+, +schwieriger
-Fragen+, dagegen +des geraden Wegs+, +der guten Hoffnung+, +der
-schwierigen Fragen+, +dieser schwierigen+ Fragen, +welcher schwierigen+
-Fragen, +solcher schwierigen+ Fragen, auch +derartiger+ und +folgender
-schwierigen+ Fragen, +beifolgendes kleine+ Buch (denn +derartiger+
-steht für +solcher+, +folgender+ und +beifolgender+ für +dieser+).
-
-So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive
-wie +süßen Weines+ fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten
-Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen
-ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv
-des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat
-sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: +frohen Sinnes+, +reichen
-Geistes+, +weiblichen Geschlechts+, +größten Formats+. Höchstens +gutes
-Muts+, +reines Herzens+, +gerades Wegs+ wird bisweilen noch richtig
-gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, +dein+, +sein+,
-+unser+, +euer+, +ihr+) hat sich die starke Form überall unangetastet
-erhalten (+meines Wissens+, +unsers Lebens+), dagegen ist es bei den
-Zahlbegriffen (+jeder+, +aller+, +vieler+, +keiner+, +mancher+) ins
-Schwanken gekommen. Wie man sagt: +größtenteils+ und +andernteils+,
-so sagt man auch +jedenfalls+ und +allenfalls+ neben +keineswegs+,
-+keinesfalls+, +jedes Menschen+, +keines Worts+, +alles Lebens+, +alles
-Ernstes+. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz +alles Leugnens+,
-trotz +manches Erfolgs+, trotz +vieles Aufwands+; die meisten
-schreiben: trotz +allen Leugnens+ usw.
-
-Bei +jeder+ erklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daß +jeder+
-wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden
-kann (+ein jeder+ Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller
-bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße +jeder+ gar nicht mehr
-kennten.
-
-Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo
-sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung
-des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei
-+jeder+, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden
-hat. Falsch ist: die Abwehr +jeden+ Zwanges; richtig ist nur: die
-Abwehr +jedes Zwanges+ oder +eines jeden Zwanges+ (wie die Bekämpfung
-+solches Unsinns+ oder +eines solchen Unsinns+).
-
-Merkwürdig ist, daß sich nach +solcher+ die schwache Deklination
-noch nicht so festgesetzt hat wie nach +welcher+. Während jeder ohne
-Besinnen sagt: +welcher gute+ Mensch, +welches guten+ Menschen, +welche
-guten+ Menschen, auch +solcher vollkommnen+ Exemplare, hört man im
-Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter: +solche vollkommne+
-Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch +solcher+ oft mehr etwas
-adjektivisches hat. Ebenso ist es bei +derartiger+ (für +solcher+)
-und +folgender+ (für +dieser+). Jeder wird im Nominativ vorziehen:
-+folgende schwierige+ Fragen, dagegen im Genitiv vielleicht +folgender
-schwierigen+ Fragen (wie +dieser schwierigen+ Fragen).
-
-Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur
-einen schwachen Dativ bilden könnten, weil +mem+ „schlecht klinge“,
-daß es also heißen müsse: mit +warmen Herzen+, mit +geheimen Kummer+,
-mit +stummen Schmerz+, mit +grimmen Zorn+, von +vornehmen+ Sinn, +bei
-angenehmen+ Wetter, bei +gemeinsamen+ Lesen -- ein ganz törichter
-Aberglaube.
-
-
-Anderen, andren oder andern?
-
-Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven,
-deren Stamm auf +el+ und +er+ endigt, wie +dunkel+, +edel+, +eitel+,
-+übel+, +lauter+, +wacker+; auch die Komparativstämme, wie +besser+,
-+größer+, +unser+, +euer+, +inner+, +äußer+, +ander+, gehören dazu.
-Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem
-e zusammen, also des +eitelen+ Menschen, dem +übelen+ Rufe, dem
-+dunkelen+ Grunde, +unseres+ Wissens, mit +besserem+ Erfolge, aus
-+härterem+ Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl
-bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen.
-Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv
-der Zeitwörter, die von Stämmen auf +el+ und +er+ gebildet werden.
-Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß.
-Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt,
-zu sagen: +tadlen+, +handlen+, +wandlen+, +veredlen+, +vermittlen+,
-+verdunklen+, +verwechslen+, +ausbeutlen+, +mildren+, +verwundren+,
-+erschüttren+, +veräußren+, +versilbren+, +versichren+, +erläutren+,
-im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch +tadeln+,
-+veredeln+, +erinnern+, +erläutern+, d. h. man opfert das e der Endung
-und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion
-des Verbums: +er vereitelt+, er +verändert+, nicht er +vereitlet+, er
-+verändret+. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das
-Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf +eln+ und
-+ern+ klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei
-den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen
-druckt man die häßlich weichlichen Formen: +unsres+ Jahrhunderts,
-des +üblen+ Rufes, die +ältren+ Ausgaben, meiner +teuren+ Gemeinde,
-in der +ungeheuren+ Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann:
-+unsers+ Jahrhunderts, des +übeln+ Rufes, die +ältern+ Ausgaben, meiner
-+teuern+ Gemeinde, in der +ungeheuern+ Menschenmenge. Man druckt ja
-nicht: die +Eltren+, überall wird richtig +Eltern+ gedruckt, warum also
-nicht auch die +ältern+? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m
-kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung
-ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen
-ist aber auch hier auf +dunkelm+ Grunde, mit +besserm+ Erfolg gewiß
-vorzuziehen.
-
-
-Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte?
-
-Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es
-selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt
-werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn
-das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ
-der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben
-gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander
-stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, ~a-a-s~, dürften
-sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit +rotem, kaltem+
-Blute, nach +langem, heißem+ Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv
-mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das
-erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten
-übergeordnet sei, ~a~/(~a-s~), so müsse das zweite schwach dekliniert
-werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit +echtem
-Kölnischen+ Wasser, nach +allgemeinem deutschen+ Sprachgebrauch, zu
-+kühnem dramatischen+ Pathos, mit +eigentümlichem humoristischen+
-Anstrich, von +großem praktischen+ Wert, aus +übertriebnem
-patriotischen+ Zartgefühl, aus +süddeutschem adligen+ Besitz. Ebenso
-müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: +frischer,
-süßer Kirschen+ (denn die Kirschen seien frisch und süß) und +neuer
-isländischen Heringe+, +scharfer indianischen Pfeile+, +einheimischer
-geographischen Namen+, +ehemaliger freien+ Reichsstädte (denn die
-Heringe seien nicht neu +und+ isländisch, sondern die isländischen
-Heringe seien neu).
-
-Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie
-muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte
-Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei
-Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist,
-kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die
-reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus
-beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural?
-Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus
-fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form
-zu bringen. Oder sagt jemand: ohne +selbständiges geschichtliche+
-Studium? von +bewährter christlichen+ Gesinnung?[24] Dazu kommt,
-daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva
-einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B.
-nach +ergebnislosem zweijährigem+ Versuche. Unsre Romanschriftsteller
-scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das
-zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos:
-bei +schönem blauen+ Himmel, mit +langem schwarzen+ Haar, mit
-+schmalem braunen+ Rande, mit +auffälligem roten+ Bande. Das ist
-völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes
-schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht
-vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine
-andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern +blau+ ist eine
-weitere Ausführung und Begründung von +schön+: der Himmel ist schön,
-weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In
-Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach +langem, schweren
-Leiden+ oder nach +kurzem, schweren+ Leiden gestorben sei. Man liest
-es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das
-gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden
-hat: nach +langem, schwerem+ Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen
-das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen.
-
-
-Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme?
-
-Große Unsicherheit herrscht in der Deklination der Adjektiva im
-Genitiv der Mehrzahl nach den Zahlbegriffen +alle+, +keine+, +einige+,
-+wenige+, +einzelne+, +etliche+, +manche+, +mehrere+, +viele+,
-+sämtliche+, denen sich auch die Adjektiva +andre+, +verschiedne+
-und +gewisse+ anschließen, die beiden letzten, wenn sie in dem Sinne
-von +mehrere+ und +einige+ stehen. Da sagt man: +aller guten+ Dinge,
-+aller halben+ Stunden, +mancher kleinen+ Souveräne, +einzelner
-ausgezeichneten+ Schriftsteller, +verschiedner schweren+ Bedenken,
-+gewisser aristokratischen+ Kreise, aber auch: +vieler andrer+
-Gebiete, +vieler damaliger preußischer+ Offiziere, +einzelner großer
-politischer+ Ereignisse, +sämtlicher deutscher evangelischer+
-Kirchenregimente, +gewisser mathematischer+ Kenntnisse. Sollte es denn
-nicht möglich sein, hier Ordnung und Regel zu schaffen?
-
-Tatsache ist, daß auch nach allen diesen Wörtern die Adjektiva
-ursprünglich stark dekliniert worden sind. Ebenso ist es Tatsache, daß
-die schwache Form nur nach zweien von ihnen endgültig durchgedrungen
-ist: nach +alle+ und +keine+. Sollte das nicht einen tiefern Grund
-haben? Die schwache Form ist endgültig durchgedrungen auch hinter
-dem bestimmten Artikel, hinter den hinweisenden Fürwörtern (+dieser+
-und +jener+) und hinter den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+,
-+dein+ usw.). In allen diesen Fällen aber handelt es sich um eine
-ganz bestimmte Menge. Dagegen bezeichnet die artikellose Form eine
-unbestimmte Menge. Sollte es nun Zufall sein, daß gerade +alle+ (mit
-seiner Negation +keine+) der Form gefolgt ist, die eine bestimmte
-Menge ausdrückt? +Alle+ und +keine+ sind die einzigen in der ganzen
-Reihe. Alle übrigen (+viele+, +einige+, +manche+ usw.) bezeichnen eine
-unbestimmte Menge; +viele+ und +einige+ bleiben +viele+ und +einige+,
-auch wenn einer dazukommt oder abgeht. Sollte sich nicht deshalb hier
-die artikellose Form erhalten haben? Im Nominativ überall: +viele
-junge+ Leute, +manche bittre+ Erfahrungen, +verschiedne schwere+
-Bedenken, +gewisse aristokratische+ Kreise. Erst im Genitiv beginnt das
-Schwanken zwischen +vieler junger+ Leute und +vieler jungen+ Leute,
-+verschiedner freisinniger+ Blätter und +verschiedner freisinnigen+
-Blätter, +mehrerer andrer ausländischer+ Blätter und +mehrerer andern
-ausländischen+ Blätter. Unzweifelhaft wäre also die starke Form hier
-überall vorzuziehen. Nur noch hinter +sämtliche+ wäre die schwache am
-Platze, denn +sämtliche+ bedeutet ja dasselbe wie +alle+, also eine
-bestimmte Menge.
-
-Hinter den wirklichen Zahlwörtern +zwei+, +drei+, +vier+, +fünf+ usw.
-steht im Nominativ überall die starke Form, so auch im Genitiv, solange
-die Zahlwörter selbst undekliniert bleiben: die Kraft +vier starker+
-Männer, um +fünf Gerechter+ willen. Dagegen beginnt das Schwanken,
-sobald die Zahlwörter selbst wie Adjektiva dekliniert werden: ein Kampf
-+zweier großen+ Völker steht neben einem Kampf +zweier großer+ Völker.
-Daß aber auch hier die starke Form vorzuziehen sei, kann wohl keinem
-Zweifel unterliegen. +Beide+ dagegen schließt sich natürlich an +alle+
-und +keine+ an: +beide großen+ Männer, +beide+ hier +mitgeteilten+
-Schriftstücke.
-
-
-Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder
-großer Gelehrten?
-
-Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der
-ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten
-Artikel. Reste davon sind +Junge+ (ein +Junge+), eigentlich ein
-+Junger+, das in der Form +Jünger+ noch daneben steht, und +Untertan+
-(e), eigentlich ein +Untertaner+. Später ist auch bei solchen
-substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter +ein+ die
-starke Form eingetreten: ein +Heiliger+, ein +Kranker+, ein +Fremder+,
-ein +Gelehrter+, ein +Verwandter+, ein +Junges+ (von Hund oder
-Katze), ein +Ganzes+, und stark wird auch überall der alleinstehende
-artikellose Plural jetzt dekliniert: +Heilige+, +Verwandte+,
-+Geistliche+, +Gelehrte+, +Junge+ (der Hund hat +Junge+ bekommen).
-Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem
-Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein +schönes
-Ganze+ (noch genau so wie ein +guter Junge+), +mein ganzes Innere+,
-von +auffälligem Äußern+, mit +zerstörtem Innern+, und namentlich
-im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl +wunderlicher Heiligen+, eine
-Versammlung +evangelischer Geistlichen+, ein Kreis +lieber Verwandten+,
-die Stellung +höherer Beamten+, die Arbeiten +großer Gelehrten+,
-ein Kreis +geladner Sachverständigen+, große Züge +französischer
-Kriegsgefangnen+, die Lehren +griechischer Weisen+ usw.
-
-Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke
-Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt +ein Ganzes+, so müsse
-es auch heißen: ein +schönes Ganzes+, mein +ganzes Inneres+, ein
-+ungewöhnliches Äußeres+, mit +zerrüttetem Innerm+, und im Genitiv
-der Mehrzahl: ein Dutzend +deutscher Gelehrter+, die Aufnahme
-+choleraverdächtiger Gefangner+, das Eigentum +französischer
-Staatsangehöriger+, inmitten +scheelblickender Fremder+, die
-Genossenschaft +deutscher Bühnenangehöriger+, der Verband +sächsischer
-Industrieller+, zum Besten +armer Augenkranker+, zur Unterstützung
-+verschämter Armer+, die Anstellung +pensionierter Geistlicher+,
-Mißgriffe +preußischer Polizeibeamter+, die Einführung +neugewählter
-Stadtverordneter+, Geldbeiträge +reicher Privater+, der Streit
-+zweier berühmter deutscher Gelehrter+, die Zustimmung +vieler
-amerikanischer+, +spanischer+ und +französischer Gelehrter+, die
-Einbildung +etlicher wunderlicher Heiliger+ usw. Daß die gehäuften
-+er+ in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen
-haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber
-da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie
-unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders
-geschrieben als: zur Unterstützung +verschämter Armen+, Lieder +zweier
-Liebenden+, zur Bewaffnung +unbegüterter Freiwilligen+, inmitten
-+eifersüchtiger Fremden+ usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil
-+hervorragender Gelehrter+, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt
-sich unwillkürlich +hervorragender gelehrter+ geschrieben (mit g)
-und meint, es müsse noch folgen: +Männer+. Nur die schwache Form
-erzeugt das Substantivgefühl. Ein +schönes Ganzes+ und nach dem Urteil
-+hervorragender Gelehrter+ sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse
-der Halbwisserei.
-
-Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen,
-wie die +Rechte+, die +Linke+, die +Weiße+ (eine Berliner +Weiße+),
-wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung +der+
-Berliner +Weiße+; richtig ist nur: +der+ Berliner +Weißen+, wie in
-+seiner Rechten+, auf der +äußersten Linken+. Auch die +Herbstzeitlose+
-gehört hierher und die +junge Schöne+, die natürlich ebenso wie die
-Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis +junger
-Schönen+ (nicht +Schöner+).
-
-
-Das Deutsche und das Deutsch.
-
-Die Sprach- und die Farbenbezeichnungen bilden ein substantiviertes
-Neutrum in zwei Formen nebeneinander, in einer Form mit
-Deklinationsendung und einer Form ohne Endung: +das Deutsche+ und
-+das Deutsch+, +das Englische+ und +das Englisch+, +das Blaue+ (ins
-+Blaue+ hinein reden) und +das Blau+ (das Himmelblau), +das Weiße+ (im
-Auge) und +das Weiß+ (das Eiweiß). Zwischen beiden Formen ist aber
-ein fühlbarer Bedeutungsunterschied. +Das Deutsche+ bezeichnet die
-Sprache überhaupt, und dem schließt sich auch das +Hochdeutsche+, das
-+Plattdeutsche+ usw. an. Sobald aber irgendein beschränkender Zusatz
-hinzutritt, der eine besondre Art oder Form der deutschen Sprache
-bezeichnet, wird die kürzere Form gebraucht: das +heutige Deutsch+, ein
-+fehlerhaftes Deutsch+, das +beste Deutsch+, +Goethes Deutsch+, +mein
-Deutsch+, +dieses Deutsch+, das +Juristendeutsch+, das +Tintendeutsch+
-(Goethe im +Faust+: in +mein geliebtes Deutsch+ zu übertragen; der
-Deutsche ist gelehrt, wenn er +sein Deutsch+ versteht).
-
-Die längere Form: +das Deutsche+, +das Blaue+ muß natürlich schwach
-dekliniert werden: der Lehrer +des Deutschen+, die beste Zensur +im
-Deutschen+, ein Kirchlein steht +im Blauen+, Willkommen im +Grünen+!
-Die kürzere Form halten manche für ganz undeklinierbar und schreiben:
-+des Juristendeutsch+, eines +feurigen Rot+. Sie steht aber durchaus
-auf einer Stufe mit andern endunglosen substantivierten Neutren, wie:
-das +Gut+, das +Übel+, das +Recht+, das +Dunkel+, das +Klein+ (für
-+Kleinod+, +Kleinet+, z. B. Gänse+klein+), das +Wild+, und es ist
-nicht einzusehen, weshalb man nicht sagen soll: des +Eigelbs+, des
-+Tintendeutschs+. An das +tschs+ braucht sich niemand zu stoßen, sonst
-dürfte man auch nicht sagen: des Erd+rutschs+, des Stadt+klatschs+.
-
-Ganz unsinnig ist, was man fort und fort auf den Titelblättern aus
-fremden Sprachen übersetzter Bücher lesen muß: +aus dem Französischen
-des Voltaire+ übersetzt u. ähnl. Man kann über +das Französisch
-Voltaires+ (nicht +das Französische+!) eine wissenschaftliche
-Abhandlung schreiben, aber übersetzen kann man etwas nur +aus dem
-Französischen+ schlechthin; der Name des französischen Verfassers muß
-an andrer Stelle auf dem Titelblatt angebracht werden: +Voltaires+
-Briefe, +aus dem Französischen+ übersetzt usw.
-
-
-Lieben Freunde oder liebe Freunde?
-
-Obwohl es keinem Menschen einfällt, in der Anrede zu sagen: +teuern+
-Freunde, +geehrten+ Herren, +geliebten+ Eltern, schwankt man
-wunderlicherweise seit alter Zeit bei dem Adjektivum +lieb+. Das
-ursprüngliche ist allerdings, daß beim Vokativ die schwache Form steht.
-Aber bereits im Althochdeutschen dringt die starke Form ein, und im
-Neuhochdeutschen gewinnt sie bis zum achtzehnten Jahrhundert die
-Oberhand. Auch die Kanzleisprache sagte schließlich: +liebe Getreue+
-statt: +lieben Getreuen+! Und heute haben wir bei einer Verbindung
-wie +lieben Freunde+ (wie Luther noch schreibt) nicht mehr das Gefühl
-von etwas organischem, von etwas, das so in Ordnung wäre, sondern die
-Empfindung einer gewissen Altertümelei. Wer diese Empfindung nicht
-erregen will, wird die schwache Form in der Anrede vermeiden.
-
-
-Wir Deutsche oder wir Deutschen?
-
-Ist es richtiger, zu sagen: +wir Deutsche+ oder +wir Deutschen+?
-Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde
-wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten
-Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der
-dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern,
-Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: +Wir Deutsche+
-fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den
-stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu
-sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem
-Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: +Wir Deutschen+,
-und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten,
-wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise
-auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: +wir Deutschen+, und so
-ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel
-öfter gesagt worden als +wir Deutsche+, obwohl es in der Einzahl heißt:
-+ich Deutscher+, und heute vollends sagt niemand mehr: +wir Arme+, +ihr
-Reiche+, +wir Alte+, +ihr Junge+, sondern +wir Armen+ (Gretchen im
-Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach +wir Armen+!),
-+ihr Reichen+, +wir Alten+, +ihr Jungen+, +wir Konservativen+,
-+wir Liberalen+, +wir Wilden+ (Seume: +wir Wilden+ sind doch beßre
-Menschen), +wir Geistlichen+, +wir Gesandten+, +wir Vorgenannten+, +wir
-Unterzeichneten+, +wir armen Deutschen+, +wir guten dummen Deutschen+,
-+wir Deutschen+ sind halt +Deutsche+! Es ist gar nicht einzusehen,
-weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven
-und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich
-gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: +wir
-Arme+, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz
-ungewohnten +wir Deutsche+ spreizen, so ist das einfach lächerlich.
-
-Die Ursache, weshalb hinter +wir+ und +ihr+ schon früh die schwache
-Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den
-hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter
-+alle+ und +keine+ wirksam gewesen ist (vgl. S. 32): daß es sich um
-eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: +wir Deutschen+, so
-meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen
-in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen
-verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im
-Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: +uns
-Deutsche+, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte
-vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich
-an +uns Deutschen+ kummen).
-
-Ein Unterschied läßt sich zwischen +wir beiden+ und +wir beide+
-machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht
-drangewesen? ein Schüler dann antwortet: +Wir beiden+ sind noch nicht
-drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, +du+ wärst
-schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein,
-+wir beide+ sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird +beide+
-zum Prädikat gezogen, +wir beiden+ dagegen ist dasselbe wie +wir zwei+.
-Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: +Wir beide+ haben niemals
-gebebt.
-
-
-Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff
-
-Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in
-gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein
-scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein +Leipziger Gastwirte+,
-Ausschank +Zwenkauer Biere+, Hilfskasse +Leipziger Journalisten+,
-Verein +Berliner Buchhändler+, Radierungen +Düsseldorfer Künstler+,
-Photographien +Magdeburger Baudenkmäler+, eine Sammlung +Meißner
-Porzellane+, die frühesten Namen +Breslauer Konsuln+, zur Topographie
-+südtiroler Burgen+, nach Meldungen +Dresdner Zeitungen+.
-
-Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf +er+ werden von vielen jetzt
-für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit
-kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: +pariser+, +wiener+, +thüringer+,
-+schweizer+. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine
-Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der +Leipziger
-Bürgermeister+ ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht ~consul
-Lipsiensis~ -- das wäre der +Leipzigische+ Bürgermeister --, sondern
-~Lipsiensium consul~, der Bürgermeister +der Leipziger+. Man sieht das
-deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen
-Adjektivum dekliniert, z. B. der +neue Berliner Ofen+. Dann lauten die
-einzelnen Kasus: des neu+en+ Berlin+er+ +Ofens+, dem neu+en+ Berlin+er+
-+Ofen+, den neu+en+ Berlin+er+ +Ofen+, die neu+en+ Berlin+er+
-+Öfen+ usw. Während also das Adjektiv +neu+ und das Substantiv
-+Ofen+ dekliniert werden, bleibt +Berliner+ stets unverändert. Ganz
-natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner,
-abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch
-den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit
-dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie +deutscher+, +preußischer+
-zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung
-+deutscher Gastwirte+, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein
-+Leipziger Gastwirte+. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht
-+Leipzige+, während er dort +deutsche+ heißt.
-
-Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl,
-wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird,
-überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition +von+
-umschrieben werden. Wenn man sagt: eine +Versammlung großer Künstler+,
-so ist der Genitiv durch das Attribut +großer+ genügend kenntlich
-gemacht; aber ~societas artificum~ läßt sich nimmermehr übersetzen:
-ein +Verein Künstler+, sondern nur ein +Künstlerverein+ oder: ein
-+Verein von Künstlern+; erst durch das +von+ entsteht ein erkennbarer
-Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein
-Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein
-abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es
-ist, zu sagen: infolge +Streitigkeiten+, wegen +Sonderzüge+, mangels
-+Beweise+, ein Bund +sechs Städte+, innerhalb +vier Wochen+, nach
-Verlauf +vier Wochen+, die Lieferung +fünftausend Gewehre+, in der
-ersten Zeit +dessen Leitung+, mit Bewilligung +dessen Eltern+, unter
-Angabe +deren Kennzeichen+, die Neubesetzung +Herrn Dornfelds Stelle+,
-unterhalb ~Dr.~ +Heines Brücke+, der Verkauf +ihres Mannes Bücher+,
-Genüsse +mancherlei Art+, eine Quelle +allerhand Verlegenheiten+, so
-gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition
-+von+ kenntlich gemacht werden kann (ein Bund +von sechs Städten+, eine
-Quelle +von allerhand Verlegenheiten+), so gewiß muß es auch heißen:
-Verein +von Leipziger Gastwirten+, Verhaftung +von Erfurter Bürgern+,
-Verkauf +von Magdeburger Molkereibutter+; bei +Verein Berliner
-Künstler+ glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein +Verein
-Künstler+, wie bei: eine +Menge Menschen+, ein +Haufe Steine+, ein
-+Sack Geld+, ein +Stück Brot+ usw.[25]
-
-Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord +Sr. Majestät
-Schiff Möwe+, die Forschungsreise +Sr. Majestät Schiff Gazelle+. Der
-Genitiv +Sr. Majestät+ hängt ab von +Schiff+. Aber wovon hängt +Schiff+
-ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein
-Genitiv sein, der von +Bord+ oder +Reise+ abhängt. Der kann nur dadurch
-erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord +von Sr. Majestät
-Schiff+ Gazelle, denn an Bord +Sr. Majestät Schiffs+ Gazelle wird
-niemand sagen wollen.[26]
-
-Anstatt des abhängigen +dessen+ und +deren+ braucht man sich nur
-des attributiven +sein+ und +ihr+ zu bedienen, und der Genitiv ist
-sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke +dessen+ Güte und Macht
--- die Briefe Goethes an seinen Sohn während +dessen+ Studienjahre
-in Heidelberg -- eine Darstellung der alten Kirche und +deren+
-Kunstschätze -- die Interessen der Stadt und +deren+ Einwohner --
-eine Aufzählung aller Güter und +deren+ Besitzer -- eine Versammlung
-sämtlicher evangelischen Fürsten und +deren+ Vertreter -- eine Tochter
-des Herrn Direktor Schmidt und +dessen+ Gemahlin -- zum Besten der
-Verunglückten und +deren+ Hinterlassenen -- die Sicherstellung der
-Zukunft der Beamten und +deren+ Familien; es muß heißen: +seiner+ Güte
-und Macht, +seiner+ Gemahlin, +ihrer+ Hinterlassenen, +ihrer+ Familien
-usw.[27]
-
-
-Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend?
-
-Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva
-(Positiv, Komparativ, Superlativ). Von +viel+ heißt der Komparativ
-nicht +mehrere+, sondern +mehr+: ich habe in meinem Garten +viel+
-Rosen, du hast +mehr+ Rosen, er hat die +meisten+ Rosen. +Mehrere+
-ist nichts andres als +einige+, +etliche+. Wenn also ein Hausbesitzer
-genötigt wird, zu bescheinigen, daß +mehrere+ Hunde als die hier
-verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er
-genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben.
-
-Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im
-Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter
-mehrsilbig sind (der +weibischste+, der +malerischste+), wohl aber,
-wenn sie einsilbig sind (der +hübschste+, der +süßste+). Man bewahrt
-dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der
-+hübscheste+, der +süßeste+. Von +groß+ ist allgemein der +größte+
-üblich geworden (Goethe im Götz auch: der +hübschte+, in den Briefen
-aus Italien: der +genialischte+).
-
-Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie +groß+, +stark+,
-+schwer+ durch schleppende Zusammensetzungen wie +tiefgehend+,
-+weitgehend+, +weittragend+, +schwerwiegend+ ersetzt werden, entsteht
-oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ
-und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht
-zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip
-+gehend+, sondern das dabeistehende Adverb +tief+ oder +weit+.
-In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem
-Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung
-empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine +weitverbreitete+
-Unsitte zu steigern: eine +weitverbreitetere+ Unsitte, sondern eine
-+weiter verbreitete+,[28] das +hochbesteuerte Einkommen+, nicht:
-das +hochbesteuertste+, sondern das +höchstbesteuerte+, so ist doch
-gegen einen Komparativ wie +zartfühlender+ nichts einzuwenden, denn
-das Partizipium +fühlend+ wird hier gar nicht mehr als Verbalform
-empfunden, sondern etwa wie +fühlig+ in +feinfühlig+, und solche
-Zusammensetzungen (+feinsinnig+, +kleinmütig+, +böswillig+,
-+fremdartig+, +gleichmäßig+) gelten für einfache Wörter und können
-nur steigern: +kleinmütiger+, der +kleinmütigste+. Ihnen würde sich
-auch das neumodische +hochgradig+ anschließen. Dazwischen liegen aber
-nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob
-man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll;
-sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden
-fühlen. Ganz unerträglich sind: der +schöngelegenste+ Teil, die
-+vielgenannteste+ Persönlichkeit, die +naheliegendste+ Erklärung,
-die +leichtlaufendste+ Maschine, die +tiefliegendere+ Bedeutung,
-+tiefgehendere+ Anregungen, die +feinschmeckenderen+ Sorten, die
-+weitblickendere+ Klugheit, eine +engbegrenztere+ Aufgabe; es muß
-heißen: der +schönstgelegne+, noch besser der am +schönsten gelegne+
-Teil, die +am meisten genannte+ Persönlichkeit, die +tiefer liegende+
-Bedeutung, +tiefer gehende+ Anregungen, die +feiner schmeckenden+
-Sorten, die +nächstliegende+ Erklärung, die +weiter blickende+
-Klugheit, eine +enger begrenzte+ Aufgabe. Nicht ganz so anstößig
-erscheint: die +wohlgemeinteste+ Warnung, die +weitgehendste+
-Mitwirkung, die +weittragendste+ Bedeutung, die +fernliegendsten+
-Dinge, die +hochfliegendsten+ Pläne, obwohl natürlich der
-+bestgemeinte+ Rat, die +weitestgehende+ Mitwirkung vorzuziehen ist.
-Völlig gewöhnt haben wir uns an den +tiefgefühltesten+ Dank und an die
-+hochgeehrtesten+ oder +hochverehrtesten+ Damen und Herren. Schön kann
-man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr
-oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen,
-kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz
-ebenso kräftig und deutlich gesagt werden.
-
-
-Größtmöglichst
-
-Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten
-Superlativbildungen, wie die +besteingerichtetsten+ Verkehrsanstalten,
-die +bestbewährtesten+ Fabrikate, die +höchstgelegenste+ Wohnung, der
-+feinstlaubigste+ Kohlrabi u. ähnl. (statt der +besteingerichteten+
-oder der +bewährtesten+). Für +so gut wie möglich+ kann man natürlich
-auch sagen: +möglichst gut+. Es gibt ja verschiedne Grade der
-Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer
-möglich; man sagt auch: tue dein +möglichstes+! Wie muß sich aber diese
-Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt,
-bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen +bestmöglich+,
-in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der
-+beste+, der +möglich+ ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun
-und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ +bestmöglichst+,
-+größtmöglichst+: mit +größtmöglichster+ Beschleunigung. Das beste ist,
-auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von
-der beliebten Steigerung: der +denkbar größte+. Wenn ein Nutzen nicht
-der +denkbar größte+ wäre, so wäre er doch auch nicht der +größte+.
-Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses +denkbar+
-so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung
-sind beide Altarflügel +denkbar verschieden+.
-
-Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt
-der +erste beste+ zusammenziehen in der +erstbeste+, wenn ein Arzt
-bittet, +möglichst keine+ Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei,
-eine Herrschaft einen +möglichst verheirateten+ oder einen +möglichst
-unverheirateten+ Kutscher zu +möglichst sofortigem+ Antritt sucht,
-Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement +baldgefälligst+
-zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm +baldmöglichst+
-oder +baldgefälligst+ ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen
-zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: +womöglich
-keine+, +womöglich verheiratet+, +womöglich sofort+, und: +möglichst
-bald+, +gefälligst bald+. Aber namentlich das +baldgefälligst+, so
-albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute
-und Beamten.
-
-Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von +einzig+ gebildet wird:
-der +Einzigste+, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat.
-Einziger als einzig kann doch niemand sein.
-
-
-Gedenke unsrer oder unser?
-
-Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit
-oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke
-+unsrer+ oder +unser+? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn
-der Fehler: wir sind +unsrer+ acht -- es harrt +unsrer+ eine schwere
-Aufgabe, oder: wir gedenken +eurer+ in Liebe, kommt so oft vor, daß man
-fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen
-seien nur durch Nachlässigkeit entstanden.
-
-Die Genitive der persönlichen Fürwörter +ich+, +du+, +er+, +wir+,
-+ihr+, +sie+ heißen: +mein+, +dein+, +sein+, +unser+, +euer+, +ihr+,
-z. B.: gedenke +mein+, vergiß +mein+ nicht, der Buhle +mein+, ich
-denke +dein+, +unser+ einer, +unser aller+ Wohl, +unser+ keiner lebt
-ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die
-unorganischen Formen +meiner+, +deiner+, +seiner+ aufgekommen und
-haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz
-verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat +mein+ noch nie vergessen,
-vergiß, mein Herz, auch +seiner+ nicht); +ihr+ ist leider ganz durch
-+ihrer+ verdrängt worden; wir wollen uns +ihrer+ annehmen. Aber in
-der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige
-alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man
-sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in
-Schutz nähme. +Unsrer+ und +eurer+ sind Genitive des besitzanzeigenden
-Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt
-euch +unser+ und +unsrer+ Kinder![30]
-
-
-Derer und deren
-
-Die Genitive der Mehrzahl +derer+ und +deren+ sind der alten Sprache
-überhaupt unbekannt, sie hat nur ~der~; beide sind -- ebenso wie die
-Genitive der Einzahl +dessen+ und +deren+ -- erst im Neuhochdeutschen
-gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und
-lang gesprochnen Determinativs und Relativs +der+ (~dēr~) von dem
-gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel +der+ (~dĕr~)
-festgehalten worden. +Derer+ steht vor Relativsätzen (und verdient
-dort den Vorzug vor dem schleppenden +derjenigen+); +deren+ ist
-Demonstrativum: die Krankheit und +deren+ Heilung (d. i. +ihre+
-Heilung) und Relativum: die Krankheiten, +deren+ Heilung möglich ist.
-Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff
-+derer+, vermöge +derer+.
-
-Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist +dessem+
-und +derem+: der Dichter, +dessem+ löblichen Fortschreiten ich
-mit Freuden folge -- die Geschäfte werden inzwischen von +dessem+
-Stellvertreter besorgt -- die fremde Kunst, bei +derem+ Studium der
-Deutsche seine eigne Kunst vergaß -- für die Behörden zu +derem+
-alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen
-steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt
-und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl
-öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor;
-bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so
-wird er mit gedruckt. Auch +dergleichem+ findet sich schon: er ist zu
-Verschickungen und +dergleichem+ gebraucht worden.[31]
-
-
-Einundderselbe
-
-Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen +derselbe+ getrieben wird
-(daß man es fortwährend für +er+ oder +dieser+ gebraucht; vgl. S.
-226), hat dazu geführt, daß man nun +einundderselbe+ sagen zu müssen
-glaubt, wo man +derselbe+ mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese
-überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie
-pedantisch dekliniert: +eines und desselben+, +einem und demselben+.
-Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens:
-an +einunddemselben Tage+, im Laufe +einunddesselben+ Jahres, in
-+einundderselben+ Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei
-+Grund und Boden+: die Entwertung des +Grund und Bodens+ (als ob beides
-nur +ein+ Wort wäre), nicht des +Grundes und Bodens+; ebenso: ein Hut
-mit +blau und weißem+ Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder
-gemeint sind, sondern ein zweifarbiges.
-
-
-Man
-
-Daß auch das unpersönliche Fürwort +man+ dekliniert werden kann, dessen
-sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden
-sie zwar, ohne es zu wissen, die ~casus obliqui~ ganz richtig, aber
-wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie
-hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken
-sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß
-+einen+ doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er:
-der neckt +einen+ immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann +einem+ alle
-Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht +man+ das, was +einem+ so
-einfällt? -- so was erinnert +einen+ manchmal, woran +man+ nicht gern
-erinnert sein will -- muß +man+ nicht grob sein, wenn +einen+ die Leute
-sollen gehn lassen? -- Goethe sagt sogar: +eines+ Haus und Hof steht
-gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die ~casus
-obliqui~ von +man+ werden in der lebendigen Sprache gebildet durch
-+eines+, +einem+, +einen+. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise
-jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie
-nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube,
-man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat,
-wenn er z. B. sagt: wenn +man+ für einen reichen Mann bekannt ist, so
-steht es +einem+ frei, seinen Aufwand einzurichten, wie +man+ will.
-
-
-Jemandem oder jemand?
-
-In +jemand+ und +niemand+ ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die
-Wörter sind natürlich mit +man+ (+Mann+) zusammengesetzt (~ieman~,
-~nieman~), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch
-~iemanne~, ~niemanne~, ~ieman~, ~nieman~. Da sich das Gefühl dafür
-durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn
-man sagt: ich habe +niemand+ gesehen, du kannst +niemand+ einen Vorwurf
-machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis
-entstandnen Formen +jemandem+, +niemandem+, +jemanden+, +niemanden+ den
-Vorzug verdienen sollten.
-
-
-Jemand anders
-
-Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die
-schönen, kräftigen Formen: +unsers+, +andern+ den weichlichen Formen:
-+unsres+, +andren+ vorzuziehen (vgl. S. 29), erleidet eine Ausnahme
-bei dem Neutrum +anders+. Unser heutiges Umstandswort +anders+ (ich
-hätte das +anders+ gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das
-Neutrum von +andrer+, +andre+, +andres+ (ein +andres+ Kleid). Die
-Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal
-den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um
-einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso
-bei +besondres+ und +besonders+.) An diesem Unterschied ist natürlich
-nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein +anders+ Kleid. Zum Glück
-hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: +wer
-anders+, +was anders+, +jemand anders+, +niemand anders+ die kräftigere
-Form erhalten; man sagt: +wer anders+ sollte mir helfen? -- das ist
-+niemand anders+ gewesen als du -- und die Schlußzeile einer bekannten
-Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was +anders+ -- ist durchaus nicht bloß
-wegen des Reimes auf +Alexanders+ so geschrieben. In allen diesen
-Verbindungen ist +anders+ nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern
-es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung
-beider Geschlechter dient, wie in +jemand fremdes+. Darnach kann nun
-auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der
-Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von +wem anders+ soll ich
-mir denn helfen lassen? -- ich bin mit +niemand anders+ in Berührung
-gekommen. Mit +niemand anderm+ ist falsch, freilich nicht viel falscher
-als: von +was anderm+, zu +was besserm+, zu +nichts gutem+, wo auch
-das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die
-Kasusbezeichnung übernommen hat, die in +was+ und +nichts+ nicht zum
-Ausdrucke kommt.
-
-
-Ein andres und etwas andres
-
-Das Neutrum von +jemand anders+ heißt +etwas andres+, im Volksmunde
-+was andres+. Die Mutter sagt: ich habe dir +was schönes+ oder +etwas
-schönes+ mitgebracht. Ebenso +etwas gutes+, +etwas rechtes+, +etwas
-wahres+, +etwas großes+, +etwas wesentliches+, +etwas neues+, +etwas
-weiteres+. Dieses schlichte +was+ oder +etwas+ verschmäht man aber
-jetzt, man schreibt: und noch +ein andres+ muß ich erwähnen -- zunächst
-möchte ich +ein allgemeines+ voranschicken -- und nun können wir
-noch +ein weiteres+ hinzufügen -- man darf nicht glauben, daß damit
-+ein wesentliches+ gewonnen sei -- auch der reichhaltigste Stoff muß
-+ein spezifisches+ haben, das ihn von tausend andern unterscheidet;
-und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar
-ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das
-Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß +ein wunderbares+ sein
-ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei.
-Poetischer wird das Lied durch das +ein+ sicherlich nicht.
-
-„Etwas andres“ ist es, wenn +ein+ nicht das unbestimmte Fürwort,
-sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen
-wenigstens +ein gutes+ gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie:
-+das eine gute+.
-
-
-Zahlwörter
-
-Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße
-begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß
-manche Leute immer +sechszig+ und +siebenzig+ drucken lassen, denn
-in ganz Deutschland sagt man +sechzig+ und +siebzig+. Für +fünfzehn+
-und +fünfzig+ sagen manche lieber +funfzehn+ und +funfzig+. Im
-Althochdeutschen stand neben unflektiertem ~funf~ ein flektiertes
-~funfi~, woraus im Mittelhochdeutschen +fünfe+ wurde. +Funfzig+ ist nun
-mit +funf+ gebildet, mit +fünf+ dagegen +fünfzehn+ und +fünfzig+, die
-in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32]
-
-Statt +hundertunderste+ kann man jetzt öfter lesen: +hundertundeinte+,
-aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den
-hundert Fausterklärungen noch +eine hundertundeinte+ hinzufügen wollte.
-Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte
-Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von +hundert+ auf
-+hundertundeins+ steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung.
-
-Die Bildungen +anderthalb+ (d. h. der andre, der zweite halb),
-+drittehalb+ (2½), +viertehalb+ (3½) sind jetzt mehr auf die
-Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner
-geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden.
-
-
-Starke und schwache Konjugation
-
-Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen
-Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer
-starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt
-man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes
-bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel
-bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich +springe+, ich +sprang+, ich
-bin +gesprungen+, ein schwaches: ich +sage+, ich +sagte+, ich habe
-+gesagt+. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die
-verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33]
-Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (+reite+, +ritt+,
-+geritten+), ei, ie, ie (+bleibe+, +blieb+, +geblieben+), ie, o, o
-(+gieße+, +goß+, +gegossen+), i, a, u (+binde+, +band+, +gebunden+), i,
-a, o (+schwimme+, +schwamm+, +geschwommen+), e, a, o (+nehme+, +nahm+,
-+genommen+), i, a, e (+bitte+, +bat+, +gebeten+), e, a, e (+lese+,
-+las+, +gelesen+), a, u, a (+fahre+, +fuhr+, +gefahren+). Außerdem gibt
-es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal
-im Präsens und im Partizip, wie +falle+, +fiel+, +gefallen+, +stoße+,
-+stieß+, +gestoßen+, +rufe+, +rief+, +gerufen+, +laufe+, +lief+,
-+gelaufen+, +heiße+, +hieß+, +geheißen+, wofür man jetzt bisweilen
-falsch +gehießen+ hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe
-gehörte.
-
-Fast noch bewundernswürdiger als in der Deklination der Hauptwörter
-ist in der Flexion der Zeitwörter die Sicherheit, mit der auch
-der Mindergebildete der Fülle und Mannigfaltigkeit der Formen
-gegenübersteht. Freilich gibt es auch hier Schwankungen und
-Verirrungen, darunter sogar recht ärgerliche und beschämende. Es gibt
-Verbalstämme, die eine starke und auch eine schwache Flexion erzeugt
-haben mit verschiedner Bedeutung; da ist dann Verwechslung eingetreten.
-Es gibt aber auch Zeitwörter, die sich bloß in die andre Flexion
-verirrt haben ohne Bedeutungswechsel. Bei gutem Willen ist aber doch
-vielleicht auch hier noch manches zu verhüten oder aufzuhalten.
-
-
-Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter
-
-Das intransitive +hangen+ und das transitive +hängen+ (eigentlich
-+henken+) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen wäre wohl
-vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird:
-ich habe das Bild +aufgehängt+, und +aufgehangen+ hier als fehlerhaft
-empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert:
-ich +hing+ den Hut auf, und +hangen+, +abhangen+, +zusammenhangen+
-erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist
-(Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe
-+hangen+). Ähnlich verhält sichs mit +wägen+ und +wiegen+; man sagt
-jetzt ebenso: der Bäcker +wiegt+ das Brot, wie: das Brot +wiegt+ zu
-wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich +wägt+ heißen müßte.
-Auch bei +schmelzen+, +löschen+ und +verderben+ ist von Rechts wegen
-zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken
-Flexion zu unterscheiden: die Sonne +schmelzt+ den Schnee, hat den
-Schnee +geschmelzt+, aber der Schnee +schmilzt+, er ist +geschmolzen+;
-der Wind +löscht+ das Licht +aus+, hat es +ausgelöscht+, aber das Licht
-+verlischt+, ist +verloschen+; das Fleisch +verdirbt+, +verdarb+,
-ist +verdorben+, aber der schlechte Umgang +verderbt+ die Jugend,
-+verderbte+ sie, hat sie +verderbt+. Leider wird der Unterschied
-nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei +löschen+). Sehr
-in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive
-+schrecken+. Das intransitive +erschrecken+ wird allgemein noch
-richtig flektiert: du +erschrickst+, er +erschrickt+, ich +erschrak+,
-ich +bin erschrocken+ (in der niederdeutschen Vulgärsprache: +ich
-habe mich erschrocken+!); ebenso das transitive: du +erschreckst+
-mich, ich +erschreckte+, ich habe +erschreckt+. Bei +aufschrecken+
-und +zurückschrecken+ aber hat die schwache Form die starke fast
-ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die
-Sozialdemokratie hiervor nicht +zurückschrickt+. Von dem ursprünglich
-intransitiven +stecken+ (der Schlüssel +steckt+ an der Tür) hat sich
-ein transitives +stecken+ abgezweigt (ich +stecke+ den Schlüssel an die
-Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war
-aber früher stark: wo +stickst+ du? Und mundartlich heißt es ja noch
-heute: der Schlüssel +stak+.
-
-Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte +gesonnen+ und
-+gesinnt+, +geschaffen+ und +geschafft+. +Gesonnen+ kann nur die
-Absicht oder den Willen bedeuten: ich bin +gesonnen+, zu verreisen;
-+gesinnt+, das gar nicht von dem Zeitwort +sinnen+, sondern von dem
-Hauptwort +Sinn+ gebildet ist (wie +gewillt+ nicht von +wollen+,
-sondern von +Wille+), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er
-war gut deutsch +gesinnt+, er ist mir feindlich +gesinnt+. +Schaffen+
-bedeutet in der starken Flexion (+schuf+, +geschaffen+) die wirklich
-schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues
-Werk +geschaffen+. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten,
-bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint,
-so muß es schwach flektiert werden (+schaffte+, +geschafft+). Von
-+Rat schaffen+ also, +Nutzen schaffen+, +Abhilfe schaffen+, +Ersatz
-schaffen+, +Raum schaffen+, +Luft schaffen+ und dem jetzt in der
-Zeitungssprache so beliebten +Wandel schaffen+ dürfen durchaus nur die
-schwachen Formen gebildet werden; es ist falsch, zu sagen: hier muß
-+Wandel geschaffen+ werden. Ein +neuer Raum+ (ein Zimmer, ein Saal)
-kann +geschaffen+ werden, aber +Raum+ (Freiheit der Bewegung) wird
-+geschafft+.
-
-Auch das starke Zeitwort +schleifen+ (+schliff+, +geschliffen+) hat
-im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespaltet (+schleifte+,
-+geschleift+), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird +geschliffen+,
-aber die Kleiderschleppe wird über den Boden +geschleift+. Früher
-wurden auch Städte und Festungen +geschleift+, auch Verbrecher auf
-einer Kuhhaut auf den Richtplatz +geschleift+; jetzt wird nur noch
-ein Student vom andern in die Kneipe +geschleift+, und dort wird dann
-+gekneipt+ (nicht +geknippen+), denn +kneipen+ „in diesem Sinne“ ist
-nur eine Ableitung von +Kneipe+.
-
-Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen
-einander in +laden+. Zwar werden jetzt ebenso Gäste +geladen+ wie
-Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich +lud+.
-Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du
-+ladest+ oder er +ladet+ mich ein (Schiller: es lächelt der See, er
-+ladet+ zum Bade) und: er +lädt+ das Gewehr.
-
-Sehr unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von +dringen+ und
-+drängen+ auf. +Dringen+ ist intransitiv und hat zu bilden: ich +drang+
-vor, ich bin +vorgedrungen+. +Drängen+ dagegen ist transitiv oder
-reflexiv und kann nur bilden: ich +drängte+, ich habe +gedrängt+; also
-auch: ich +drängte mich+ vor, ich habe +mich vorgedrängt+, es wurde
-mir +aufgedrängt+. Durchaus falsch ist: ich +dringe mich+ nicht auf,
-ich habe +mich+ nicht +aufgedrungen+, diese Auffassung hat sich mir
-+aufgedrungen+.
-
-Eine ärgerliche Verwirrung ist bei +dünken+ eingerissen. Man sollte
-dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht
-altertümelndes hat, doch lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn man es
-nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von +dünken+ heißt
-+deuchte+; beide Formen verhalten sich zueinander ebenso wie +denken+
-und +dachte+, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus +deuchte+ hat
-man aber ein Präsens +deucht+ gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ
-verbunden: +mir deucht+ (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken
-will, sagt immer: +mir deucht+ (statt +mir scheint+) und macht dabei
-zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: +mich dünkt+ und +mich
-deuchte+.
-
-+Willfahren+ und +radebrechen+ (eine Sprache) sind nicht mit +fahren+
-und +brechen+ zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet,
-von einem nicht mehr vorhandnen ~willevar~ und von der +Radebreche+,
-einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.[34] Beide
-werden also richtig schwach flektiert: er +willfahrt+, +willfahrte+,
-hat +gewillfahrt+, er +radebrecht+, +radebrechte+, hat +geradebrecht+.
-
-Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip
-gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B.
-+verschroben+ (von +schrauben+), +verwunschen+ (der +verwunschne+
-Prinz, von +verwünschen+), +unverhohlen+ (ich habe ihm +unverhohlen+
-meine Meinung gesagt, von +verhehlen+).
-
-
-Frägt und frug
-
-Eine Schande ist es -- nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann,
-wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und
-doch nicht verhütet hat --, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer
-Zeit die falschen Formen +frägt+ und +frug+ um sich gegriffen haben,
-auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch
-erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb
-so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort
-handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören
-und -- lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich.
-
-Die Zeitwörter mit +ag+ im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die
-eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die
-erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich +trage+, du +trägst+ -- ich
-+trug+ -- ich habe +getragen+, ich +schlage+, du +schlägst+ -- ich
-+schlug+ -- ich habe +geschlagen+; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie
-+fahre+, +fuhr+, +gefahren+ -- +grabe+, +grub+, +gegraben+ -- +wachse+,
-+wuchs+, +gewachsen+ u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich +sage+, du
-+sagst+ -- ich +sagte+ -- ich habe +gesagt+, ich +jage+, du +jagst+ --
-ich +jagte+ -- ich habe +gejagt+; ebenso +klagen+, +nagen+, +plagen+,
-+ragen+, +wagen+, +zagen+. +Fragen+ hat nun seit Jahrhunderten
-unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich +frage+, du +fragst+ --
-ich +fragte+ -- ich habe +gefragt+. Unsre Klassiker kennen keine andre
-Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen
-von +frägt+ und +frug+ gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in
-Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, +frug+; so
-bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals +frug+ ein Kaiser
-nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert -- bei Schiller
-im Wallenstein: jawohl, der Schwed +frug+ nach der Jahrszeit nichts.
-Auch Bürger hat es (Lenore: sie +frug+ den Zug wohl auf und ab, und
-+frug+ nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es
-stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei
-Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit
-allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des
-neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten
-Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und
-nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete
-sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und
-heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der
-Unterhaltung unaufhörlich: ich +frug+ ihn, er +frug+ mich, wir +frugen+
-sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle
-schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens,
-das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte
-nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe +gefragen+,
-er hat mich +gefragen+ usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode
-dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen?
-Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und
-Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden,
-so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich
-eingedrängt haben.[38]
-
-Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der
-schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft
-sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden
-lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation
-bilden: ich +schreibte+, der Käfer +fliegte+, der Mann, der da
-+reinkamte+, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die
-nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden +falten+ und +spalten+,
-die ursprünglich stark flektiert wurden (+falte+, +fielt+, +gefalten+),
-jetzt schwach flektiert: mit +gefalteten+ Händen; von +spalten+ hat
-sich nur das starke Partizip erhalten: +gespaltnes+ Holz. Aber einzelne
-Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen;
-so ist das ursprüngliche +geweist+ und +gepreist+ schon längst durch
-+gewiesen+ und +gepriesen+ verdrängt worden, und in Mitteldeutschland
-kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke
-+gelauten+, ich habe den ganzen Winter kalt +gebaden+.[39]
-
-
-Übergeführt und überführt
-
-Auch das transitive +führen+ (d. h. bringen) und das intransitive
-+fahren+ (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre
-vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch
-+fahren+ gebraucht: ich +fahre+ im Wagen, und der Kutscher +fährt+
-mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an +Fuhre+,
-+Fuhrmann+, +Bierführer+, dem ältern +Buchführer+ (statt Buchhändler)
-u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte
-auch +überführen+ dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz
-für +transportieren+) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht
-fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen
-von +überführten+ Kranken und +überführten+ Leichen lesen, das soll
-heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem
-Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich
-das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden +überführt+, wenn ihnen
-trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden
-sie ins Zuchthaus +übergeführt+, wenn denn durchaus „geführt“ werden
-muß.
-
-Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen,
-je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das
-Zeitwort betont wird, z. B. +über+setzen (den Wandrer über den Fluß)
-und über+setzen+, +über+fahren (über den Fluß) und über+fahren+ (ein
-Kind auf der Straße), +über+laufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und
-über+laufen+ (es über+läuft+ mich kalt, er über+läuft+ mich mit seinen
-Besuchen), +über+legen (über die Bank) und über+legen+, +über+gehen
-(zum Feinde) und über+gehen+ (den nächsten Abschnitt), +unter+halten
-(den Krug am Brunnen) und unter+halten+, +unter+schlagen (die Beine)
-und unter+schlagen+ (eine Geldsumme), +unter+breiten (einen Teppich)
-und unter+breiten+ (ein Bittgesuch), +hinter+ziehen (ein Seil) und
-hinter+ziehen+ (die Steuern), +um+schreiben (noch einmal oder ins
-Reine schreiben) und um+schreiben+ (einen Ausdruck durch einen
-andern), +durch+streichen (eine Zeile) und durch+streichen+ (eine
-Gegend), +durch+sehen (eine Rechnung) und durch+schauen+ (einen
-Betrug), +um+gehen und um+gehen+, +hinter+gehen und hinter+gehen+,
-+wieder+holen und wieder+holen+ usw. Gewöhnlich haben die Bildungen
-mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem
-Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive,
-die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die
-Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder
-richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich +breite unter+,
-ich +streiche durch+, ich +gehe hinter+, daher auch +hinterzugehen+)
-und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe +ge+
-(+untergebreitet+, +durchgestrichen+, +hintergegangen+); die dagegen,
-die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition
-verbunden (ich +unterbreite+, ich +durchstreiche+, ich +hintergehe+,
-daher auch +zu hintergehen+) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe
-+ge+ (+unterbreitet+, +durchstrichen+, +hintergangen+). Darnach ist es
-klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur +übergeführt+, aber nicht
-+überführt+ werden kann. Ebenso verhält sichs mit +übersiedeln+, wo
-das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig
-ist nur, wann siedelst du +über+? ich bin schon +übergesiedelt+, aber
-nicht: wann +übersiedelst+ du? ich bin schon +übersiedelt+, die Familie
-+übersiedelte+ nach Berlin.
-
-Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich,
-wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird,
-sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren
-Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets:
-über+führt+, über+siedelt+; er an+erkennt+ etwas, er unter+ordnet+
-sich, eine Aufgabe ob+liegt+ ihm, er redet von einem unter+schobnen+
-Kinde, von dem Text, der einem Liede unter+legt+ ist, er unter+bringt+
-einen jungen Mann in einem Geschäft, er über+schäumt+ vor Entrüstung,
-er hat die verschiednen Weine des Landes durch+kostet+ usw. Wir sollen
-uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen
-trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist.
-
-Von den mit +miß+ zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit
-oder ohne +ge+- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber +miß+ oder
-das Verbum betont denkt, also miß+lungen+, miß+raten+, miß+fallen+,
-miß+billigt+, miß+deutet+, miß+gönnt+, miß+braucht+, miß+handelt+,
-neben +gemiß+braucht, +gemiß+billigt, +gemiß+handelt. Die Vorsilbe
-+ge+- kann aber niemals zwischen +miß+ und das Zeitwort treten, +miß+
-bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher
-ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie +mißzuhandeln+, es muß
-unbedingt heißen: +zu mißhandeln+, +zu mißbrauchen+.
-
-Für +neubacken+ wird jetzt öfter +neugebacken+ geschrieben: ein
-neu+gebackner+ Doktor, ein neu+gebackner+ Ehemann usw., aber doch
-immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben
-getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor +neuwaschen+ noch vor
-+altbacken+ noch vor +hausbacken+.
-
-
-Ich bin gestanden oder ich habe gestanden?
-
-Ufm Bergli +bin i gsässe+, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, +hänt
-gesprunge+, hänt’s Nestli gebaut -- heißt es in Goethes Schweizerlied.
-+Ich bin gesessen+, +gestanden+, +gelegen+ ist das Ursprüngliche, das
-aber in der Schriftsprache längst durch +habe gesessen+, +gestanden+,
-+gelegen+ verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in
-einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben
-läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert:
-es +ist+ ein Bäumlein +gestanden+ im Wald); in einem wissenschaftlichen
-Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das +hänt
-gesprunge+! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit
-+sein+; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit +haben+
-bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung
-bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der
-Custos zu S. Niclas +hat+ mit dem Frohnen nach Erbgeld +gangen+, d. h.
-er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt
-es allgemein: vorige Woche +haben+ wir +gejagt+, aber: ich +bin+ in der
-ganzen Stadt +herumgejagt+, eine Zeit lang +bin+ ich diesem Trugbilde
-+nachgejagt+, wir +haben+ die halbe Nacht +getanzt+, aber: das Pärchen
-+war+ ins Nebenzimmer +getanzt+. Jedermann sagt: +ich bin gereist+,
-nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich +habe+ nun schon zehn
-Jahre +gereist+, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn
-er aber sagt: Ich +bin+ mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang
-+verkehrt+, so ist das falsch: auch +verkehren+ bildet sein Perfektum
-mit +haben+. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau
-in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier
-+bin+ ich ein Jahr lang +jewohnt+! Richtig unterschieden wird wohl
-allgemein zwischen: er +ist+ mir +gefolgt+ (nachgegangen) und er +hat+
-mir +gefolgt+ (gehorcht), er +ist fortgefahren+ (im Wagen) und er +hat
-fortgefahren+ (zu lügen).
-
-
-Singen gehört oder singen hören?
-
-Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem
-Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird
-mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich +singen gehört+ oder
-+singen hören+.
-
-Bei den Hilfszeitwörtern +können+, +mögen+, +dürfen+, +wollen+,
-+sollen+ und +müssen+ und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die
-ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie +heißen+, +lehren+,
-+lernen+, +helfen+, +lassen+ (+lassen+ in allen seinen Bedeutungen:
-befehlen, erlauben und zurücklassen), +machen+, +sehen+, +hören+ und
-+brauchen+ (+brauchen+ im Sinne von +müssen+ und +dürfen+) ist schon
-in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es
-unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der +Rat+ hat ihn
-+geheißen gehen+), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv
-verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten
-Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn +geheißen gehen+
-und +heißen gehen+, und passiv: er ist +geheißen gehen+, er ist +heißen
-gehen+, er ist +geheißen zu gehen+, ja sogar er ist +gegangen heißen+.
-Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig
-durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar
-davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn +gehen
-heißen+, ich habe ihn +tragen müssen+, ich habe ihn +kommen lassen+,
-ich habe ihn +kennen lernen+, ich habe ihn +laufen sehen+, ich habe ihn
-+rufen hören+, er hat viel von sich +reden machen+ (Goethe im Faust:
-ihr habt mich weidlich +schwitzen+ machen, der Kasus +macht+ mich
-+lachen+), du hättest nicht zu +warten brauchen+.[41] Das merkwürdigste
-ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv
-ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden
-ist, nämlich bei +hören+, +sehen+, +machen+ und +lassen+: ich höre ihn
-+singen+, ich mache ihn +schwitzen+, ich lasse ihn +liegen+ ist ja
-entstanden aus: ich höre ihn +singend+, ich mache ihn +schwitzend+,
-ich lasse ihn +liegend+.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn
-+singen hören+ sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der
-Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu
-Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch
-jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie
-ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt,
-ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie
-auf dem Ball +kennen gelernt+ -- Dozent auf der Hochschule hatte ich
-+werden gewollt+ (behüt dich Gott! es hat nicht +sein gesollt+!) --
-er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos +sitzen gelassen+ --
-wir haben die Situation +kommen gesehen+ -- über diesen Versuch hat
-er nie Reue zu +empfinden gebraucht+ -- du hast mir das Verständnis
-+erschließen geholfen+ usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt
-beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf
-sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch
-dann noch auf uns +lasten fühlen+ (statt: +lasten gefühlt+). (Lenau:
-Drei Zigeuner +fand+ ich einmal +liegen+ an einer Weide.)
-
-Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und
-wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn
-dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl +laufen lassen
-sollen+, +laufen lassen müssen+, +laufen lassen können+. Klingt
-wundervoll und ist -- ganz richtig.
-
-
-Du issest oder du ißt?
-
-In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler
-gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die
-auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten
-Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen
-wird: du +reisest+, du +liesest+, du +hassest+, du +beißest+, du
-+tanzest+, du +seufzest+. Allgemein üblich ist freilich: du +mußt+,
-du +läßt+, fast allgemein auch: du +ißt+. Aber zu fragen: du +speist+
-doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen +speisen+ und +speien+
-muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch +du haust+ und +du hausest+.)
-Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost
-sagen: du +naschst+, du +wäschst+, du +drischst+, du +wünschst+,
-sogar du +rutschst+. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird
-das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht
-mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über
-Maueranschläge, wie: +Besuchet+ Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten,
-oder: +Waschet+ mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen
-des altmodischen +et+. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern
-gefallen: +Nehmet+ hin und +esset+.
-
-
-Stände oder stünde? Begänne oder begönne?
-
-Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts
-richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben
-ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (+würde+ mit
-dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz
-unzulässig ist (vgl. S. 158). Besonders auffällig ist bei einer Reihe
-von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man
-ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im
-Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders
-lautete als der Singularvokal (~half~, ~hulfen~; ~wart~, ~wurden~),
-dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv
-immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand
-Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (+hülfe+,
-+stürbe+, +verdürbe+, +würbe+, +würfe+) doch noch lebendig sind, so
-verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen
-+hälfe+, +stärbe+, +verdärbe+, +wärbe+, +wärfe+ vorgezogen zu
-werden. Neben +würde+ ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von
-+stehen+ hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht +stand+,
-sondern +stund+, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u
-ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier
-+stünde+ älter und richtiger als +stände+. Bei einigen Verben, wie
-bei +beginnen+, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o
-des Partizips (+begonnen+) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme
-gebracht. Auch diese Formen mit ö (+beföhle+, +begönne+, +besönne+,
-+empföhle+, +gewönne+, +gölte+, +rönne+, +schölte+, +schwömme+,
-+spönne+, +stöhle+) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem
-Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä.
-
-
-Kännte oder kennte?
-
-Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, aus dem Indikativ +kannte+ einen
-Konjunktiv +kännte+ bilden zu dürfen. Die sechs schwachen Zeitwörter:
-+brennen+, +kennen+, +nennen+, +rennen+, +senden+ und +wenden+ haben
-eigentlich ein a im Stamm, sind also schon im Präsens umgelautet.
-Ihr Imperfekt bilden sie ebenso wie das Partizip der Vergangenheit
-(durch den sogenannten Rückumlaut) mit a: +brannte+, +gebrannt+,
-+sandte+, +gesandt+, und da der Konjunktiv bei schwachen Verben
-nicht umlautet, so sollte er eigentlich ebenfalls +brannte+, +sandte+
-heißen. Zur Unterscheidung hat man aber (und zwar ursprünglich nur im
-Mitteldeutschen) einen Konjunktiv +brennete+, +kennete+, +nennete+,
-+rennete+, +sendete+ und +wendete+ gebildet. Das e dieser Formen ist
-nicht etwa ein jüngerer Umlaut zu dem a des Indikativs, sondern es
-ist das alte Umlauts-e, das durch das Präsens dieser Zeitwörter geht.
-Wirft man nun, wie es jetzt geschieht, aus +brennete+, +kennete+ das
-mittlere e aus, das in +sendete+ und +wendete+ beibehalten wird, so
-bleibt +brennte+, +kennte+ übrig. In früherer Zeit gehörten noch andre
-Verba zu dieser Reihe, z. B. +setzen+ und +stellen+; der Konjunktiv
-des Imperfekts heißt hier +setzte+, +stellte+, der Indikativ und das
-Partizipium aber hießen früher: +sazte+, +stalte+, +gesazt+, +gestalt+
-(das noch in +wohlgestalt+, +mißgestalt+, +ungestalt+ erhalten ist).
-
-[Illustration]
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-Zur Wortbildungslehre
-
-[Illustration]
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-
-[Illustration]
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-
-Reformer und Protestler
-
-Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung,
-noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch
-im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen
-vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und
-Verirrungen.
-
-Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von
-Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv,
-das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung
-+er+ hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten
-Jahrhundert nicht bloß von +Barfüßern+, sondern nannte auch die
-Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg +Pauler+ und
-+Thomasser+, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung
-der Stadt +Defensioner+. Dazu kamen später die +Korrektioner+ (die
-Insassen des Arbeitshauses) und die +Polizeier+, und in neuerer
-Zeit die +Hundertsiebener+, die +Urlauber+, die +Sanitäter+, die
-+Eisenbahner+ und die +Straßenbahner+. Im Buchhandel spricht man von
-+Sortimentern+, in der gelehrten Welt von +Naturwissenschaftern+ und
-+Sprachwissenschaftern+, in der Malerei von +Landschaftern+, und in der
-Politik von +Botschaftern+, +Reformern+ und -- +Attentätern+![43] Da
-manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack
-haben, der den von Verbalstämmen gebildeten Substantiven auf er
-(+Herrscher+, +Denker+, +Kämpfer+) nicht anhaftet, so sollte man sich
-mit ihnen recht in acht nehmen. In +Reformer+, das man dem Engländer
-nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zu
-+Reformator+; unter einem +Reformer+ denkt man sich einen Menschen,
-der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts
-bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige
-in den Bildungen auf +ler+, wie +Geschmäckler+, +Zünftler+,
-+Tugendbündler+, +Temperenzler+, +Abstinenzler+, +Protestler+,
-+Radler+, +Sommerfrischler+, +Barfüßler+, +Zuchthäusler+; deshalb ist
-es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von
-+Neusprachlern+ und von +Naturwissenschaftlern+ zu reden. Eigentlich
-gehen ja die Bildungen auf +ler+ auf Zeitwörter zurück, die auf +eln+
-endigen, wie +bummeln+, +betteln+, +grübeln+, +kritteln+, +sticheln+,
-+nörgeln+, +kränkeln+, +hüsteln+, +frömmeln+, +tänzeln+, +radeln+,
-+anbändeln+, sich +herumwörteln+, +näseln+, +schwäbeln+, +französeln+.
-So setzen +Neusprachler+ und +Naturwissenschaftler+ die Zeitwörter
-+neuspracheln+ und +naturwissenschafteln+ voraus; das wären aber
-doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als
-Spielerei betrieben würden. An +Künstler+ haben wir uns freilich ganz
-gewöhnt, obwohl +künsteln+ mit seiner geringschätzigen Bedeutung
-daneben steht, auch an +Tischler+ und +Häusler+.
-
-
-Ärztin und Patin
-
-Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf
-+in+ gebildet: +König, Königin+ -- +Wirt, Wirtin+ -- +Koch, Köchin+
--- +Berliner, Berlinerin+ -- sogar +Landsmann, Landsmännin+ (während
-sonst natürlich zu +Mann+ das Femininum +Weib+ oder +Frau+ ist: der
-+Kehrmann+, das +Waschweib+, der +Botenmann+, die +Botenfrau+). Von
-+Arzt+ hat man in letzter Zeit +Ärztin+ gebildet. Manche getrauten
-sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von +weiblichen Ärzten+,
-es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt,
-wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und +weiblichen Arbeitern+,
-männlichen und +weiblichen Lehrern+ reden statt von Arbeitern und
-+Arbeiterinnen+, Lehrern und +Lehrerinnen+ (abgeschmackt auch, wenn
-es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes +Kind+ männlichen
-oder +weiblichen Geschlechts+ im Wasser gefunden worden sei, statt
-ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes +Mädchen+). Dagegen ist es
-nicht gut, ein Femininum auf +in+ zu bilden von +Pate+, +Kunde+ (beim
-Kaufmann) und +Gast+. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen
-auch +Gästin+, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer
-Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als +Gastin+ auftrete,
-aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine +Gästin+
-oder +Gastin+ nennen? Bei +Pate+ unterscheidet man +den Paten+ und
-+die Pate+, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der
-Kaufmann sagt: das ist +ein guter Kunde+ oder +eine gute Kunde+ von
-mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen:
-die +Beklagtin+, die +Verwandtin+ und -- das neueste -- die +Beamtin+.
-Von Partizipialsubstantiven -- und ein solches ist auch der +Beamte+,
-d. h. der +Beamtete+, der mit einem Amte versehene -- können keine
-Feminina auf +in+ gebildet werden; niemand sagt: meine +Bekanntin+,
-meine +Geliebtin+, auch Juristen nicht.
-
-
-Tintefaß oder Tintenfaß?
-
-Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen
-ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des
-Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt
-wurde, z. B. +Tage-lohn+; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte
-Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch
-entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem
-folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B.
-+Gottesdienst+, +Sonntagsfeier+, +Tageslicht+, +Heeressprache+,
-+Handelskammer+. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der
-Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung,
-z. B. +Landmann+ und +Landsmann+, +Wassernot+ und +Wassersnot+. Nun
-endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie
-der Genitiv, beide gehen eigentlich auf +en+ aus, und so haben diese
-schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit +en+
-gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß
-+en+ zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man
-denke +nur an Sonnenschein+, +Frauenkirche+ (d. i. die Kirche unsrer
-lieben +Frauen+, der Jungfrau Maria), +Erdenrund+, +Lindenblatt+,
-+Aschenbecher+, +Taschentuch+, +Seifensieder+, +Gassenjunge+,
-+Stubentür+, +Laubendach+, +Küchenschrank+, +Schneckenberg+,
-+Wochenamt+, +Gallenstein+, +Kohlenzeichnung+, +Leichenpredigt+,
-+Reihenfolge+, +Wiegenlied+, +Längenmaß+, +Breitengrad+, +Größenwahn+,
-+Muldental+, +Pleißenburg+, +Parthendörfer+, +Markthallenstraße+
-u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung
-angeschlossen, wie in +Straßenpflaster+, +Tintenfaß+, +Kirchendiener+,
-+Lampenschirm+, +Flötenspiel+, +Kasernenhof+, +Bastillenplatz+,
-+Visitenkarte+, +Toilettentisch+, +Promenadenfächer+,
-+Kolonnadenstraße+. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das
-+Schokoladenmädchen+.
-
-Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber
-Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das
-hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich
-ein, das Binde-+en+ sei überhaupt nichts andres als das Plural-+en+,
-man fühlt nicht mehr, daß dieses +en+ ebenso gut die Berechtigung
-hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu
-verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst
-vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: +Aschebecher+, +Aschegrube+,
-+Tintefaß+, +Jauchefaß+, +Sahnekäse+, +Hefezelle+, +Hefepilz+,
-+Rassepferd+ und +Rassehund+, +Stellegesuch+, +Muldetal+, +Pleißeufer+,
-+Parthebrücke+, +Gartenlaubekalender+, +Gartenlaubebilderbuch+,
-+Sparkassebuch+, +Visitekarte+, +Toiletteseife+, +Serviettering+,
-+Manschetteknopf+, +Promenadeplatz+, +Schokoladefabrik+ usw. In allen
-Bauzeitungen muß man von +Mansardedach+ und von +Lageplan+ lesen (so
-haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger
-sind, +Situationsplan+ übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von
-+Kohlezeichnungen+ und +Kohledrucken+, offenbar damit ja niemand
-denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder
-Braunkohle aus dem +Kohlenkasten+ gemacht -- nicht wahr? Wer nicht
-fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu
-bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst
-reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können.
-Man setze sich das nur im Geiste weiter fort -- was wird die Folge
-sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: +Sonneschein+, +Taschetuch+,
-+Brilleglas+, +Gosestube+, +Zigarrespitze+, +Straßepflaster+,
-+Roseduft+, +Seifeblase+, +Hülsefrucht+, +Laubedach+, +Geigespiel+,
-+Ehrerettung+, +Wiegelied+, +Aschebrödel+ usw.[44] Sollten einzelne
-dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur
-deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im
-Plural, und der sei richtig, also ein +Taschentuch+ sei nicht ein Tuch
-für die Tasche, sondern -- für die Taschen!
-
-Wo das Binde-+en+ aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht
-wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten
-Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten
-starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der
-Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in
-früherer Zeit +Leichpredigt+ neben +Leichenpredigt+, und so haben wir
-längst +Mühlgasse+ neben +Mühlenstraße+, +Erdball+ und +Erdbeere+
-neben +Erdenrund+ und +Erdenkloß+, +Kirchspiel+ und +Kirchvater+
-neben +Kirchenbuch+ und +Kirchendiener+, +Elbtal+, +Elbufer+ und
-+Elbbrücke+ neben +Muldental+ und +Muldenbett+. Vor dreißig Jahren
-sagte man +Lokomotivenführer+, und das war gut und richtig. Neuerdings
-hat die Amtssprache +Lokomotivführer+ durchgedrückt. Das ist zwar ganz
-häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber
-es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie +Saalezeitung+ oder
-+Solebad+, wie man auch neuerdings lallt (das +Solebad+ Kissingen),
-ist doch die reine Leimerei. Bei +Saalzeitung+ könnte wohl einer an
-den +Saal+ denken statt an die +Saale+? Denkt denn beim +Saalkreis+,
-beim +Saalwein+ und bei der +Saalbahn+ jemand dran?[45] Die Amtssprache
-fängt jetzt freilich auch an, vom +Saalekreis+ zu stammeln. Als 1747
-das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald
-+Nashorn+, bald +Nasenhorn+. Hätte man das Tier heute zu benennen,
-man würde es unzweifelhaft +Nasehorn+ nennen.[46] Das Neueste ist,
-daß sich die Herren von der Presse jetzt +Pressevertreter+ nennen und
-bisweilen ein +Pressefest+ oder einen +Presseball+ veranstalten. Von
-einem +Preßfest+ oder einem +Preßball+ zu reden fürchten sie sich,
-offenbar damit niemand an die +Preßwurst+ denke! Ein Glück, daß die
-Wörter +Preßfreiheit+, +Preßgesetz+, +Preßvergehen+, +Preßpolizei+,
-+Preßbureau+ schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren
-von der Presse noch deutsch reden konnten!
-
-Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei
-der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise
-geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße
-+Augustastraße+, ein Haus +Marthahaus+, einen Garten +Johannapark+ zu
-nennen! Da sagte man +Annenkirche+, +Katharinenstraße+, +Marienbild+,
-und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen,
-Katharinen oder Marien zu denken.
-
-
-Speisenkarte oder Speisekarte?
-
-Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein
-üblichen +Speisekarte+ eine +Speisenkarte+ eingeführt haben,
-etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv
-wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben
-die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf
-meiner Karte steht doch nicht bloß +eine+ Speise. Damit sind sie
-aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In +Speisekarte+ ist
-die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort +Speise+ gebildet,
-sondern durch den Verbalstamm von +speisen+. Alles, was zum Speisen
-gehört: die +Speisekammer+, das +Speisezimmer+, der +Speisesaal+,
-das +Speisegeschirr+, der +Speisezettel+ -- alles ist mit diesem
-Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die +Speisekarte+ nicht die
-Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte,
-die man beim Speisen gebraucht, wie die +Tanzkarte+ die Karte, die
-man beim Tanzen gebraucht, das +Kochbuch+ das Buch, das man beim
-Kochen benutzt, die +Spielregel+ die Regel, die man beim Spielen
-beobachtet, die +Bauordnung+ die Ordnung, nach der man sich beim
-Bauen richtet, der +Fahrplan+ der Plan, der uns darüber belehrt,
-wann und wohin gefahren wird, die +Singweise+ die Weise, nach der
-man singt, das +Stickmuster+ das Muster, nach dem man stickt, die
-+Zählmethode+ die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind
-mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit
-ihrer +Speisenkarte+ Recht, dann müßten sie doch auch +Weinekarte+
-sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen.
-Niemals hört man in einer Wirtschaft eine +Speisenkarte+ verlangen, es
-wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die
-damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf
-Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders
-feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen
-Unterschied machen wollen: eine +Speisekarte+ sei die, auf der ich mir
-eine Speise aussuchen könne, eine +Speisenkarte+ dagegen ein „Menu“,
-das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch
-das schöne Wort +Speisenfolge+ eingeführt hat. Die +Speisekarte+ ist
-die Karte, die zum +Speisen+ gehört, ob ich mir nun etwas darauf
-aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.
-
-Ein Gegenstück zur +Speisenkarte+ ist die +Fahrrichtung+; an den
-ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der +Fahrrichtung+
-abspringen! Es spricht aber niemand von +Fließrichtung+,
-+Strömrichtung+, +Schießrichtung+, wohl aber von +Flußrichtung+,
-+Stromrichtung+, +Schußrichtung+, +Windrichtung+, +Strahlrichtung+.
-Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die +Fahrtrichtung+
-unzweifelhaft sofort zur +Fahrtsrichtung+ verschönert hätte (nach
-+Mietskaserne+), so muß man ja eigentlich für die +Fahrrichtung+ sehr
-dankbar sein.
-
-
-Äpfelwein oder Apfelwein?
-
-Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem
-Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am
-Platze sei. Einen Braten, der nur von +einem+ Rind geschnitten ist,
-nennt man in Leipzig +Rinderbraten+, eine Schüssel Mus dagegen, die
-aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, +Apfelmus+. Das ist doch
-sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein!
-Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen
-weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den
-Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine
-Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der
-guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und
-Willkür. Man sagt: +Bruderkrieg+, +Freundeskreis+, +Jünglingsverein+,
-+Ortsverzeichnis+ (neuerdings leider auch +Namensverzeichnis+ und
-+Offizierskasino+!), +Adreßbuch+, +Baumschule+, +Fischteich+,
-+Kartoffelernte+, +Trüffelwurst+, +Federbett+, obwohl hier überall
-das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen
-sagt man +Kinderkopf+ (in der Malerei), +Liedervers+, +Eierschale+,
-+Lämmerschwänzchen+, +Hühnerei+, +Städtename+, +Gänsefeder+, obwohl
-ein Vers nur zu +einem+ Liede, eine Schale nur zu +einem+ Ei gehören
-kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren
-Willkür gute Gründe. +Baumschule+, +Bruderkrieg+ und +Fischteich+
-sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach
-singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes
-nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet.
-+Jünglingsverein+ und +Ortsverzeichnis+ haben das s, das eigentlich nur
-dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter
-gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch
-gemeinte Substantiva, geworden ist; auch +Freundeskreis+ ist ein
-Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die
-Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung.
-In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung +er+ und umgelautete
-Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das +er+
-(und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem
-Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den
-Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt,
-können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch
-denkt bei dem Worte +Gänseblume+ an mehrere Gänse, sondern jeder nur an
-den Begriff Gans, so gut wie er bei +Rinderbrust+ nicht mehrere Rinder
-vor Augen hat.
-
-Trotz alledem ist natürlich +Äpfelwein+ neben +Apfelwein+ nicht zu
-verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der
-pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen
-in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen
-verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen
-wie +Anwaltstag+, +Juristentag+, +Ärztetag+, +Bischofkonferenz+,
-+Rektorenkonferenz+, +Gastwirtverein+, +Gastwirtstag+,
-+Architektenverein+ u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es
-nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich
-den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu +Ärztetag+ hat
-man ausnahmsweise gegriffen, weil +Arzttag+ undeutlich, +Arztstag+
-unerträglich klingt, während gegen eine +Arztversammlung+ niemand
-etwas einwenden wird, also auch die +Ärztekammer+ (statt +Arztkammer+)
-überflüssig war, ebenso überflüssig wie der +Wirteverein+. Höchst
-ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von
-+Kollegienheften+ hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster
-eines Schreibwarenkrämers +Kolleghefte+ angepriesen sieht. Aber der
-gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine
-+Kollegiengelder+ mehr beanspruchen, sondern +Kolleggelder+!
-
-
-Zeichnenbuch oder Zeichenbuch?
-
-Die falschen Zusammensetzungen +Zeichnenbuch+, +Zeichnensaal+,
-+Rechnenheft+ sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten,
-jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule
-aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das
-Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen
-das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des
-Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: +Schreibfeder+, +Reißzeug+,
-+Stimmgabel+, +Druckpapier+, +Stehpult+, +Rauchzimmer+, +Laufbursche+,
-+Spinnstube+, +Trinkhalle+, +Springbrunnen+, +Zauberflöte+, oder auch
-mit einem Bindevokal: +Wartesaal+, +Singestunde+, +Bindemittel+.[49]
-Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. +zeichen+,
-+rechen+, +trocken+, +turn+; die Infinitive dazu heißen: +rechnen+
-(eigentlich +rechenen+), +zeichnen+ (eigentlich +zeichenen+),
-+trocknen+, +turnen+. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet,
-so können natürlich nur Formen entstehen wie +Rechenstunde+,
-+Zeichensaal+, +Trockenplatz+, +Turnhalle+. Wäre +Rechnenbuch+ und
-+Zeichnensaal+ richtig, so müßte man doch auch sagen: +Trocknenplatz+,
-+Turnenhalle+, ja auch +Schreibenfeder+ und +Singenstunde+.
-
-
-Das Binde-s
-
-In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne
-s in zusammengesetzten Wörtern um sich. In +Himmelstor+, +Gotteshaus+,
-+Königstochter+, +Gutsbesitzer+, +Feuersnot+, +Wolfsmilch+ kann
-man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder
-sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche
-Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s
-also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B. +Rittersmann+,
-+segensreich+ (Schiller hat in der Glocke noch richtig +segenreiche
-Himmelstochter+ geschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter
-weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können?
-Wie ist man dazu gekommen, zu bilden: +Liebesdienst+, +Hilfslehrer+,
-+Geschichtsforscher+, +Bibliotheksordnung+, +Arbeitsliste+,
-+Geburtstag+, +Hochzeitsgeschenk+, +Weihnachtsabend+, +Fastnachtsball+,
-+Zukunftsmusik+, +Einfaltspinsel+, +Zeitungsschreiber+, +Hoheitsrecht+,
-+Sicherheitsnadel+, +Wirtschaftsgeld+, +Konstitutionsfest+,
-+Majestätsbeleidigung+, +ausnahmsweise+, +rücksichtsvoll+,
-+vorschriftsmäßig+?
-
-Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl. S. 23) aus
-dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht,
-um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden,
-natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt,
-voransteht, wie +Mutters+ Liebling, vor +Schwesters Tür+, +Madames+
-Geschenk (Lessing: +Antworts+ genug, über +Naturs+ Größe), und so ist
-aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber
-erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur
-vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich
-dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer
-weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen: +Doktorsgrad+,
-+Wertspapiere+, +Raumsgestaltung+, +Gesteinsmassen+, +Gewebslehre+,
-+Gesangsunterricht+, +Kapitalsanlage+, +Inventursaufnahme+,
-+Examensvorbereitung+, +Aufnahmsprüfung+, +Einnahmsquelle+,
-+teilnahmslos+, +Niederlagsraum+, +Schwadronsbesichtigung+, ja
-in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar
-schon +Stiefelsknecht+, +Erbsmasse+ (statt Erbmasse), +Ratshaus+,
-+Stadtsgraben+, +Nachtswächter+, +Zweimarksstück+, +Schiffsbruch+,
-+Kartoffelsbrei+ u. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einem
-+Kajütsbureau+ beglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen
-reden seit einiger Zeit nur noch von +Zugsverkehr+, +Zugsverbindungen+
-und +Zugsverspätungen+. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit
-sind wohl die Zusammensetzungen mit +Miets-+ und +Fabriks-+: das
-+Mietshaus+, die +Mietskaserne+, der +Mietsvertrag+, der +Mietspreis+,
-der +Fabriksdirektor+, das +Fabriksmädchen+, das tollste der in
-rheinischen Städten übliche +Stehsplatz+ und der +Verpflegsdienst+. Das
-Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt!
-
-Nur +eine+ Wortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich
-erwehrt: die Stoffnamen. Von +Gold+, +Silber+, +Wein+, +Kaffee+,
-+Mehl+, +Zucker+ usw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s
-gebildet. Nur mit +Tabak+ hat man es gewagt: +Tabaksmonopol+,
-+Tabaksmanufaktur+, natürlich durch das verwünschte k verführt.
-Der +Fabrikstabak+ und die +Tabaksfabrik+ sind einander wert. Die
-+Tabakspfeife+ geht freilich schon weit zurück.
-
-Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf
-vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mit
-+Liebe+, +Hilfe+, +Geschichte+, hinter vielen weiblichen Wörtern,
-die auf t endigen, ferner bei allen, die mit +ung+, +heit+, +keit+
-und +schaft+ gebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern auf +ion+
-und +tät+. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder
-loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50] Wo es sich aber noch
-nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinter
-+Fabrik+ und +Miete+, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es
-fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51]
-Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn
-dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste
-Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt man +Rindsleder+, +Schweinsleder+,
-+vertragsbrüchig+, +inhaltsreich+, +beispielsweise+, +hoffnungslos+,
-da man doch +Kalbleder+, +Schafleder+, +wortbrüchig+, +gehaltreich+,
-+schrittweise+, +gefühllos+ sagt? Hie und da scheint wieder der
-Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer.
-
-Nach +Hilfe+ wird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied
-beobachtet: man sagt +Hilfsprediger+, +Hilfslehrer+, +Hilfsbremser+,
-+hilfsbedürftig+ und +hilfsbereit+, auch +aushilfsweise+, dagegen
-+Hilferuf+ und +Hilfeleistung+, weil man bei diesen beiden das
-Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung.
-Ähnlich ist es mit +Arbeitgeber+ im Gegensatz zu +Arbeitsleistung+,
-+Arbeitsteilung+, mit +staatserhaltend+ und +vaterlandsliebend+ im
-Gegensatz zu +kriegführend+, +rechtsuchend+, +betriebstörend+. Niemand
-redet von +kriegsführenden+ Mächten, auch nicht von +Kriegsführung+,
-weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ
-(Krieg) deutlich gefühlt wird, während +vaterlandsliebend+ und
-+staatserhaltend+ eine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt
-aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten
-Zeitungsnummer stößt man auf den +geschäftsführenden+ Ausschuß, auf
-die +verkehrshindernde+ Barriere und auf die +vertragsschließenden+
-Parteien.[52]
-
-
-ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich
-
-Eigenschaftswörter können im Deutschen von Hauptwörtern auf sehr
-verschiedne Arten gebildet werden: mit +ig+, +lich+, +isch+, +sam+,
-+bar+, +haft+ usw. Zwischen allen diesen Bildungen waren ursprünglich
-fühlbare Bedeutungsunterschiede, die heute vielfach verwischt sind.
-Doch sind sie auch manchmal noch deutlich zu erkennen, selbst bei den
-am häufigsten verwendeten und deshalb am meisten verblaßten Endungen
-+ig+, +lich+ und +isch+; man denke nur an +weiblich+ und +weibisch+,
-+kindlich+ und +kindisch+, +herrlich+ und +herrisch+, +launig+ und
-+launisch+, +traulich+ und +mißtrauisch+, +göttlich+ und +abgöttisch+,
-+väterlich+ und +altväterisch+, +gläubig+ und +abergläubisch+ u. a.
-
-Das von +Adel+ gebildete Adjektiv soll nach der „neuen Orthographie“
-nun endgiltig +adlig+ geschrieben werden. Es schadet aber vielleicht
-nichts, wenn man sich darüber klar bleibt, daß das eigentlich falsch
-ist. +Adlich+ ist entstanden aus +adel-lich+, es gehört zu +königlich+,
-+fürstlich+, +ritterlich+, +männlich+, +weiblich+, +geistlich+,
-+weltlich+, +fleischlich+, aber nicht zu +heilig+, +geistig+,
-+luftig+, +fleißig+, +steinig+, +ölig+, +fettig+, +schmutzig+.
-Dieselbe Verwirrung des Sprachgefühls wie bei +adlig+ findet sich
-auch bei +billig+ (das noch bis in das siebzehnte Jahrhundert richtig
-+billich+ geschrieben wurde) und bei +unzählig+ und +untadlig+, die
-eigentlich +unzählich+ und +untadlich+ geschrieben werden müßten. Nur
-bei +allmählich+, das eine Zeit lang allgemein falsch +allmählig+
-geschrieben wurde (es ist aus +allgemächlich+ entstanden), ist das
-richtige in neuerer Zeit wiederhergestellt worden, wohl deshalb, weil
-hier doch gar zu offenbar ist, daß das l nicht zum Stamme gehören kann.
-
-Wenn aus einem Substantiv mit vorhergehendem Eigenschaftswort oder
-Zahlwort ein Adjektiv gebildet wird, so geschieht es immer mit
-der Endung +ig+. Bei +kurzweilig+, +langstielig+, +großmäulig+,
-+dickfellig+, +gleichschenklig+, +rechtwinklig+, +vierzeilig+ könnte
-man meinen, sie wären deshalb auf ig gebildet worden, weil der
-Stamm auf l endigt; es heißt aber auch: +fremdartig+, +treuherzig+,
-+gutmütig+, +schöngeistig+, +freisinnig+, +hartnäckig+, +vollblütig+,
-+breitschultrig+, +schmalspurig+, +freihändig+, +buntscheckig+,
-+eintönig+, +vierprozentig+ usw.
-
-Da hat man nun neuerdings +fremdsprachlich+ und +neusprachlich+
-gebildet -- ist das richtig? Leider Gottes! muß man sagen. Diese
-Adjektiva sind nicht etwa entstanden zu denken aus +fremd+ und
-+Sprache+, +neu+ und +Sprache+ (so wie +fremdartig+ aus +fremd+ und
-+Art+), sondern es sollen Adjektivbildungen zu +Fremdsprache+ und
-+Neusprache+ sein. Diese beiden herrlichen Wörter hat man nämlich
-gebildet, um nicht mehr von +fremden+ und +neuen Sprachen+ reden
-zu müssen; nur die +Altsprachen+ fehlen noch, aber stillschweigend
-vorausgesetzt werden sie auch, denn neben +neusprachlich+ steht
-natürlich +altsprachlich+. Und wie man nun nicht mehr von
-+Sprachunterricht+, sondern nur noch von +sprachlichem+ Unterricht
-redet, so nun auch von +fremdsprachlichem+, +altsprachlichem+
-und +neusprachlichem+. Neben diesen Bildungen gibt es aber auch
-+fremdsprachig+, das nun wirklich aus +fremd+ und +Sprache+
-gebildet ist. Während mit +fremdsprachlich+ bezeichnet wird, was
-sich auf eine fremde Sprache bezieht, bezeichnet +fremdsprachig+
-eine wirkliche Eigenschaft. Man redet oder kann wenigstens reden
-von +fremdsprachigen+ Völkern, +fremdsprachigen+ Büchern, einer
-+fremdsprachigen+ Literatur (wie von einer +dreisprachigen+ Inschrift
-und einer +gemischtsprachigen+ Bevölkerung). Sogar ein Unterricht kann
-zugleich +fremdsprachlich+ und +fremdsprachig+ sein, wenn z. B. der
-Lehrer die Schüler im Französischen unterrichtet und dabei zugleich
-französisch spricht. +Fremdsprachig+ steht also neben +fremdsprachlich+
-wie +gleichaltrig+ (gebildet aus +gleich+ und +Alter+) neben
-+mittelalterlich+ (gebildet von +Mittelalter+).
-
-Streng zu scheiden ist zwischen den Bildungen auf +ig+ und denen auf
-+lich+ bei den Adjektiven, die von +Jahr+, +Monat+, +Tag+ und +Stunde+
-gebildet werden. Auch hier bezeichnen die auf +ig+ eine Eigenschaft,
-nämlich die Dauer: +zweijährig+, +eintägig+, +vierstündig+.
-Bis vor kurzem konnte man zwar oft von einem +dreimonatlichen
-Urlaub+ oder einer +vierwöchentlichen+ Reise lesen; jetzt wird
-erfreulicherweise fast überall nur noch von einem +dreimonatigen+
-Urlaub und einer +vierwöchigen+ Reise gesprochen. Dagegen bezeichnen
-+einstündlich+, +dreimonatlich+ so gut wie +jährlich+, +halbjährlich+,
-+vierteljährlich+, +monatlich+, +wöchentlich+, +täglich+ und
-+stündlich+ den Zeitabstand von wiederkehrenden Handlungen. Da heißt
-es: in +dreimonatlichen+ Raten zu zahlen, +einstündlich+ einen Eßlöffel
-voll zu nehmen, ebenso wie: nach +vierteljährlicher Kündigung+. Unsinn
-also ist es, von +halbjährigen+ öffentlichen Prüfungen zu reden;
-es gibt nur +halbjährliche+, das sind solche, die alle halben Jahre
-stattfinden, und +halbstündige+, das sind solche, die eine halbe Stunde
-dauern.
-
-Falsch ist es auch, von einem +unförmlichen+ Fleischklumpen zu reden.
-+Unförmlich+ könnte nur als Verneinung von +förmlich+ verstanden
-werden. Das Betragen eines Menschen kann +unförmlich+ sein (ohne
-Förmlichkeit, formlos), ein Fleischklumpen aber nur +unförmig+
-(gebildet von +Unform+; vgl. +unsinnig+ und +unsinnlich+).
-
-Genau zu unterscheiden ist endlich auch noch zwischen +abschlägig+
-(eine +abschlägige+ Antwort) und +abschläglich+ (eine +abschlägliche+
-Zahlung). +Abschlägig+ ist unmittelbar aus dem Verbalstamm gebildet,
-eine +abschlägige+ Antwort ist eine abschlagende; +abschläglich+
-dagegen ist von +Abschlag+ gebildet, eine +abschlägliche+ Zahlung
-ist eine +Abschlagszahlung+. (Vgl. +geschäftig+ und +geschäftlich+.)
-Wenn Kaufleute oder Buchhändler neuerdings davon reden, daß Waren
-oder Bücher wegen ihres niedrigen Preises den weitesten Kreisen
-+zugängig+ seien, oder eine Zeitung schreibt: die Kinder müssen so
-viel Deutsch lernen, daß ihnen die deutsche Kultur +zugängig+ ist,
-oder das „Tuberkulosemerkblatt“ des Kaiserlichen Gesundheitsamtes als
-Hauptmittel gegen die Ansteckung eine dem Zutritte (!) von Luft und
-Licht +zugängige+ Wohnung bezeichnet, so ist das dieselbe Verwechslung.
-Die Wohnung soll der Luft +zugänglich+ sein, d. h. sie soll der Luft
-+Zugang+ bieten. +Zugängig+ könnte höchstens (aktiv!) etwas bedeuten,
-was jedermann zugeht, z. B. die Probenummer einer Zeitung, wie das
-neumodische +angängig+ (für +möglich+) doch das bedeuten soll, was
-angeht. (Vgl. auch +verständlich+ und +verständig+.) Wenn also amtlich
-bekanntgemacht wird, daß die sächsischen Sterbetaler der Allgemeinheit
-unmittelbar +zugängig+ gemacht werden sollen, so könnte ich mit Recht
-sagen: Schön, wann wird mir der meinige zugeschickt? Der Unterschied
-liegt auf der Hand, und doch hat das dumme +zugängig+ in der letzten
-Zeit mit ungeheurer Schnelligkeit um sich gegriffen.
-
-
-Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer?
-
-Eine rechte Dummheit ist in der Bildung der Adjektiva auf +isch+
-eingerissen bei Orts- und Personennamen, die auf e endigen; man liest
-nur noch von der +Halle’schen+ Universität, von +Goethe’schen+ und
-+Heine’schen+ Gedichten und von der +Ranke’schen+ Weltgeschichte. Man
-übersehe ja den Apostroph nicht; ohne den Apostroph würde die Sache den
-Leuten gar keinen Spaß machen. In dieses Häkchen sind Schulmeister und
-Professoren ebenso verliebt wie Setzer und Korrektoren (vgl. S. 8).
-
-Die Adjektivendung +isch+ muß stets unmittelbar an den Wortstamm
-treten. Von +Laune+ heißt das Adjektiv +launisch+, von +Hölle+
-+höllisch+, von +Satire+ +satirisch+, von +Schwede+ +schwedisch+;
-niemand spricht von +laune’schen+ Menschen, +hölle’schen+ Qualen,
-+satire’schen+ Bemerkungen oder +schwede’schen+ Streichhölzchen. Und
-sagt oder schreibt wohl ein vernünftiger Mensch: dieses Gedicht klingt
-echt +Goethe’sch+? oder: mancher versucht zwar Ranke nachzuahmen,
-aber seine Darstellung klingt gar nicht +Ranke’sch+? Jeder sagt doch:
-es klingt +Goethisch+, es klingt +Rankisch+. Wenn man aber in der
-undeklinierten, prädikativen Form das Adjektiv richtig bildet, warum
-denn nicht in der attributiven, deklinierten? Es könnte wohl am Ende
-einer denken, der Dichter hieße +Goeth+ oder +Goethi+, wenn man von
-+Goethischen+ Gedichten spricht? Denkt vielleicht bei der +hansischen+
-Geschichte irgend jemand an einen +Hans+ oder +Hansi+? August Hermann
-Francke, der Stifter des +Hallischen+ Waisenhauses (noch bis ins
-achtzehnte Jahrhundert hinein sagte man sogar mit richtigem Umlaut
-+hällisch+),[53] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß
-seine Stiftung jetzt das +Halle’sche+ Waisenhaus genannt wird. Genau
-so lächerlich aber sind die +Laube’schen+ Dramen, die +Raabe’schen+
-Erzählungen, das +Fichte’sche+ System, die +Heyse’schen+ Novellen, die
-+Stolze’sche+ Stenographie, der +Grote’sche+ Verlag, die +Moltke’sche+
-Strategie und der +Lippe’sche+ Erbfolgestreit. Unbegreiflicherweise
-stammelt man jetzt sogar in Germanistenkreisen von der +Manesse’schen+
-Handschrift, die doch seit Menschengedenken die +Manessische+ geheißen
-hat.[54]
-
-Man spricht aber neuerdings auch von dem +Meiningen’schen+ Theater
-(statt vom +Meiningischen+), von +rügen’schen+ Bauernsöhnen (statt von
-+rügischen+), vom +schonen’schen+ Hering (statt vom +schonischen+) und
-von +hohenzollern’schem+ Hausbesitz (statt von +hohenzollerischem+).
-Dann wollen wir nur auch in Zukunft von +thüringen’schen+ Landgrafen
-reden, von der +franken’schen+ Schweiz, vom +sachsen’schen+ und vom
-+preußen’schen+ König! Nein, auch hier ist die Bildung unmittelbar aus
-dem Wortstamm das einzig richtige. Die Ortsnamen auf +en+ sind meist
-alte Dative im Plural. Wenn ein Adjektiv auf +isch+ davon gebildet
-werden soll, so muß die Endung +en+ erst weichen. Es kann also nur
-heißen: +hohenzollerisch+, +meiningisch+.
-
-Derselbe Unsinn wie in +meiningen’sch+ liegt übrigens auch in Bildungen
-wie +Emdener+, +Zweibrückener+, +Eislebener+, +St. Gallener+ vor; da
-ist die Endung +er+ an die Endung +en+ gefügt, statt an den Stamm. In
-den genannten Orten selbst, wo man wohl am besten Bescheid wissen wird,
-wie es heißen muß, kennt man nur +Emder+, +Zweibrücker+, +Eisleber+,
-(das +Eisleber+ Seminar), +St. Galler+, wie anderwärts +Bremer+,
-+Kempter+, +Gießer+ (meine +Gießer+ Studentenjahre), +Barmer+. Bei
-+Bingen+ ist das +Binger+ Loch, und in Emden wird einer sofort als
-Fremder erkannt, wenn er von der +Emdener+ Zeitung redet. Ein wahres
-Glück, daß der +Nordhäuser+ und der +Steinhäger+ schon ihre Namen
-haben! Heute würden sie sicherlich +Nordhausener+ und +Steinhagener+
-genannt werden: Geben Sie mir einen +Nordhausener+![55]
-
-All dieser Unsinn hat freilich eine tiefer sitzende Ursache, er
-hängt zusammen mit der traurigen Namenerstarrung, zu der wir erst im
-neunzehnten Jahrhundert gekommen sind, und die, wie so manche andre
-Erscheinung in unserm heutigen Sprachleben, eine Folge des alles
-beherrschenden juristischen Geistes unsrer Zeit ist. Im fünfzehnten,
-ja noch im sechzehnten Jahrhundert bedeutete ein Name etwas. Um 1480
-heißt derselbe Mann in Leipziger Urkunden bald +Graue Hänsel+, bald
-+Graue Henschel+, bald +Hänsichen Grau+, um 1500 derselbe Mann bald
-+Schönwetter+, bald +Hellwetter+, derselbe Mann bald +Sporzel+,
-bald +Sperle+ (Sperling), derselbe Mann bald +Sachtleben+, bald
-+Sanftleben+, derselbe Mann bald +Meusel+, bald +Meusichen+, Albrecht
-Dürer nennt 1521 in dem Tagebuch seiner niederländischen Reise seinen
-Schüler +Hans Baldung+, der den Spitznamen der +grüne+ (mundartlich
-der +griene+) +Hans+ führte, nur den +Grünhans+,[56] und selbst als
-sich längst bestimmte Familiennamen festgesetzt hatten, behandelte
-man sie doch immer noch wie alle andern Nomina, man scherte sich
-den Kuckuck um ihre Orthographie, man deklinierte sie, man bildete
-frischweg Feminina und Adjektiva davon wie von jedem Appellativum.
-Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts berichtete der Leipziger
-Rat an die Landesregierung, daß er Gottfried +Langen+, Hartmann
-+Wincklern+, Friedrich +Treitschken+, Tobias +Richtern+ und Jakob
-+Bertramen+ zu Ratsherren gewählt habe. Frau Karsch hieß bei den
-besten Schriftstellern die +Karschin+ (das heute von „gebildeten“
-Leuten wie +Berlin+ betont wird!), und so war es noch zu Anfange des
-neunzehnten Jahrhunderts. Heute ist ein Name vor allen Dingen eine
-unantastbare Reihe von Buchstaben. Wehe dem, der sich daran vergreift!
-Wehe dem, der es wagen wollte, den großen +Winckelmann+ jetzt etwa
-+Winkelmann+ zu schreiben, weil man auch den +Winkel+ nicht mehr mit
-ck schreibt, oder +Joachimsthal+ mit T, weil man auch das +Tal+ jetzt
-nicht mehr mit Th schreibt, oder gar +Goethe+ mit ö! Er wäre sofort
-von der Wissenschaft in Acht und Bann getan. Das alles haben wir dem
-grenzenlosen juristischen Genauigkeitsbedürfnis unsrer Zeit zu danken,
-das keinen gesunden Menschenverstand kennt und anerkennt, das alles
-äußerlich in Buchstaben „festlegen“ muß, und dessen höchster Stolz es
-ist, selbst eine Straße mit einem Vornamen, eine Stiftung mit einem
-Doktortitel und ein Denkmal mit einem Doktortitel und einem Vornamen
-zu schmücken: +Gustav Freytag-Straße+, ~Dr.~ +Wünsche-Stiftung+, ~Dr.~
-+Karl Heine-Denkmal+.
-
-
-Hallenser und Weimaraner
-
-Daß wir Deutschen bei unsrer großen Gelehrsamkeit und
-Gewissenhaftigkeit die Bewohner fremder Länder und Städte mit einer
-wahren Musterkarte von Namenbildungen versehen, ist zwar sehr komisch,
-aber doch immerhin erträglich. Sprechen wir also auch in Zukunft
-getrost von Amerika+nern+, Mexika+nern+, Neapolita+nern+, Parmes+anern+
-und Venezol+anern+, Byzant+inern+, Florent+inern+ und Tarent+inern+,
-Chine+sen+ und Japane+sen+, Piemont+esen+ und Alban+esen+, Genu+esern+,
-Bolog+nesern+ und Veron+esern+, Bethlehem+iten+ und Sybar+iten+
-(denen sich als neue Errungenschaft die Sansibar+iten+ angereiht
-haben), Samarit+ern+ und Moskowit+ern+, Asia+ten+ und Ravenna+ten+,
-Candi+oten+ und Hydri+oten+, Franzo+sen+, Portugi+esen+, Provenz+alen+,
-Savoy+arden+ usw. Daß wir aber an deutsche(!) Städtenamen noch
-immer lateinische Endungen hängen, ist doch ein Zopf, der endlich
-einmal abgeschnitten werden sollte. Die +Athenienser+ und die
-+Carthaginienser+ sind wir aus den Geschichtsbüchern glücklich
-los, aber die +Hallenser+, die +Jenenser+ und die +Badenser+, die
-+Hannoveraner+ und die +Weimaraner+ wollen nicht weichen, auch die
-+Anhaltiner+ spuken noch gelegentlich. Und doch ist nicht einzusehen,
-weshalb man nicht ebensogut soll +Jenaer+ sagen können wie +Gothaer+,
-+Geraer+ und +Altonaer+,[57] ebenso gut +Badner+ wie +Münchner+,
-+Posner+ und +Dresdner+, ebenso gut +Haller+ wie +Celler+, +Stader+
-und +Klever+, ebenso gut +Hannoverer+ und +Weimarer+ wie +Trierer+,
-+Speierer+ und +Colmarer+.
-
-Freilich erstreckt sich die häßliche Sprachmengerei in unsrer
-Wortbildung nicht bloß auf geographische Namen, sie ist überhaupt
-in unsrer Sprache weit verbreitet; man denke nur an Bildungen wie
-+buchstabieren+, +halbieren+, +hausieren+, +grundieren+, +schattieren+,
-+glasieren+ (im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +geglästen+
-Ziegeln und Kacheln), +amtieren+, +Hornist+, +Lagerist+, +Probist+,
-+Kursist+, +Wagnerianer+, +Börsianer+, +Goethiana+, +Beethoveniana+,
-+Lieferant+, +Stellage+, +Futteral+, +Stiefeletten+, +Glasur+,
-+schauderös+, +blumistisch+, +superklug+, +hypergeistreich+,
-+antideutsch+ usw. Manches davon stammt aus sehr früher Zeit und
-wird wohl nie wieder zu beseitigen sein; vieles aber ließe sich doch
-vermeiden, und vor allem sollte es nicht vermehrt werden.
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-[Illustration]
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-Zur Satzlehre
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-Unterdrückung des Subjekts
-
-Die meisten Fehler gegen die grammatische Richtigkeit und den guten
-Geschmack werden natürlich auf dem schwierigsten Gebiete der Sprache,
-auf dem des Satzbaues begangen. Hier sollen zunächst Subjekt und
-Prädikat und dann die Tempora und die Modi des Zeitworts in Haupt- und
-Nebensätzen besprochen werden.
-
-Nicht bloß in dem Geschäfts- und Briefstil der Kaufleute, sondern im
-Briefstil überhaupt halten es viele für ein besondres Zeichen von
-Höflichkeit, das Subjekt ich oder wir zu unterdrücken. Kaufleute
-schreiben in ihren Geschäftsanzeigen: Kisten und Tonnen +nehmen+ zum
-Selbstkostenpreise zurück, Zeitungen drucken über ihren Inseratenteil:
-Sämtliche Anzeigen +halten+ der Beachtung unsrer Leser empfohlen, und
-Ärzte machen bekannt: +Habe+ mich hier niedergelassen, oder: Meine
-Sprechstunden +halte+ von heute ab von acht bis zehn Uhr. Aber auch
-gebildete Frauen und Mädchen, denen man etwas Geschmack zutrauen
-sollte, schreiben: Vorige Woche +habe+ mit Papa einen Besuch bei R.s
-gemacht.
-
-Wenn man jemand seine Hochachtung unter anderm auch durch die Sprache
-bezeugen will, so ist das gar nicht so übel. Aber vernünftigerweise
-kann es doch nur dadurch geschehen, daß man die Sprache so sorgfältig
-und sauber behandelt wie irgend möglich, aber nicht durch äußerliche
-Mittelchen, wie große Anfangsbuchstaben (+Du+, +Dein+), gesuchte
-Wortstellung, bei der man den Angeredeten möglichst weit vor, sich
-selbst aber möglichst weit hinter stellt (so +bitte Ew. Wohlgeboren+
-infolge unsrer mündlichen Verabredung +ich+ ganz ergebenst), oder gar
-dadurch, daß man den grammatischen Selbstmord begeht, wie es Jean Paul
-genannt hat, +ich+ oder +wir+ wegzulassen. Derartige Scherze schleppen
-sich aus alten Briefstellern fort -- wer Gelegenheit hätte, in den
-Briefen des alten Goethe zu lesen, würde mit Erstaunen sehen, daß sich
-auch der nie anders ausgedrückt hat --, sie sollten aber doch endlich
-einmal überwunden werden.
-
-Noch schlimmer freilich als die Unterdrückung von +ich+ und +wir+ ist
-die Albernheit, wenn man den andern nicht recht verstanden hat, zu
-fragen: +Wie meinen?+ Hier mordet man grammatisch gar den Angeredeten!
-
-
-Die Ausstattung war eine glänzende
-
-Eine häßliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist
-die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht,
-wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der
-unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren
-ist +sehr einfach+, sondern in der flektierten, attributiven Form, als
-ob sich der Leser dazu das Subjekt noch einmal ergänzen sollte: das
-Verfahren ist +ein sehr einfaches+ (nämlich Verfahren). Es ist das
-nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und
-daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei.
-
-Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn,
-nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Klasse
-oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: die Kirsche, die
-du mir gegeben hast, war +eine saure+ -- das Regiment dort ist +ein
-preußisches+ -- diese Frage ist +eine+ rein +wirtschaftliche+ -- der
-Genuß davon ist mehr +ein sinnlicher+, +kein+ rein +geistiger+ -- der
-Begriff der Infektionslehre ist +ein moderner+ -- der Hauptzweck der
-Regierung war +ein fiskalischer+ -- das Amt des Areopagiten war +ein
-lebenslängliches+ -- das Exemplar, das ich bezogen habe, war +ein
-gebundnes+ -- das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt +kein
-günstiges+ -- so teilt man die Kirschen, die Regimenter, die Fragen,
-die Genüsse usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist
-das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu
-sagen: diese Frage ist rein +ästhetisch+ oder: das Regiment dort ist
-+preußisch+. Die Kirsche ist +sauer+ -- das kann man wohl von einer
-unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht, wenn man ausdrücken will, daß
-die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte
-Adjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist
-aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist +eine
-vergebliche+ gewesen. Es fällt dem Schreibenden nicht im Traume ein,
-die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die
-Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen
-zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit
-aussprechen. Da genügt es doch, zu sagen: meine Arbeit ist +vergeblich+
-gewesen.
-
-In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist
-+eine zu heiße+, aber +eine sehr gute+. Der lebendigen Sprache
-ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz
-fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich
-immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei
-dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem
-gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner
-Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern
-Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses
-schleppende flektierte Adjektiv, im Aktendeutsch durchweg, aber auch
-in der wissenschaftlichen Darstellung, im Essay, im Leitartikel, im
-Feuilleton. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein
-Adverb gesteigert, sodaß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein
-Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr geurteilt,
-es wird überall nur noch sortiert: das Befinden der Königin ist +ein
-ausgezeichnetes+ -- die Ausstattung war +eine überaus vornehme+ --
-die Organisation ist +eine sehr straffe, fast militärische+ -- der
-Andrang war +ein ganz enormer+ -- der Beifall war +ein wohlverdienter+
--- diese Forderung ist eine +durchaus gerechtfertigte+ -- die Stellung
-des neuen Direktors war +eine außerordentlich schwierige+ -- in einigen
-Lieferungen ist die Bandbezeichnung +eine falsche+ -- der Erfolg mußte
-von vornherein +ein zweifelhafter+ sein -- diese Anschauung vom Leben
-der Sprache ist +eine durchaus verkehrte+ -- die Verfrachtung ist +eine
-außerordentlich zeitraubende+ und +kostspielige+ -- die Beurteilung
-des Gedichts war +eine verschiedne+, doch +günstige+ -- dieser
-Standpunkt ist +ein völlig undurchführbarer+ -- die kirchliche Lage
-der kleinen Gemeinden war eine +sehr gedrückte, wenig beneidenswerte+
--- die Aussicht auf die kommende Session ist +eine sehr trübe+ --
-dieses Gedicht ist +ein+ dem ganzen deutschen Volke +teures+ (!) --
-allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein
-+sehr willkommner+ (!) sein -- die Notwendigkeit einer Ausdehnung wird
-schwerlich so bald +eine fühlbare+ (!) sein usw. Ebenso dann auch in
-der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind +sehr verschiedne+ -- die
-Pachtsummen waren schon an und für sich +hohe+ -- die mythologischen
-Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich +ziemlich dürftige+ -- ich
-glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen +so
-grundverschiedne+ (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es
-natürlich +kein+ statt +nicht+: die Schwierigkeiten waren +keine
-geringen+ -- die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war +keine sehr
-tiefe+ -- die Rührung ist +keine erkünstelte+ -- die Grenze ist +keine+
-für alle Zeiten +bestimmte+ und +keine+ für alle Orte +gleiche+ -- bei
-Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart +kein so starker+
-mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so: ist der Inhalt
-des Lexikons +ein sehr wertvoller+ und die Behandlung der einzelnen
-Punkte +eine vorzügliche+, so hält die Ausstattung gleichen Schritt
-damit, denn sie ist +eine sehr gediegne+.[58]
-
-Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der
-Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem
-Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt
-es nur noch: diesen Kampf kann man nur +einen gehässigen+ nennen
-(statt: +gehässig+ nennen!) -- mehr oder minder sehen wir alle die
-Zukunft als +eine ernste+ an (statt: als +ernst+ an) -- ich möchte
-diesen Versuch nicht als +einen durchaus gelungnen+ bezeichnen -- ich
-bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als +eine abschließende+
-hinzustellen -- das, was uns diese Tage +zu unvergeßlichen+ macht
-(statt: +unvergeßlich+ macht!) -- und passiv: der angerichtete Schade
-wird als +ein beträchtlicher+ bezeichnet -- abhängige Arbeit löst sich
-los und wird zu +einer unabhängigen+ (statt: wird +unabhängig+) -- bis
-die Bildung der Frauen +eine andre+ und +bessere+ wird (statt: +anders+
-und +besser+ wird) -- unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist
-+eine+ viel +umfassendere+ und +gründlichere+ geworden -- durch diese
-Nadel ist das Fleischspicken +ein müheloseres+ (!) geworden usw.
-
-Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs
-oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das
-ganze Verfahren ist +ein durchaus+ den Gesetzen +widersprechendes+.
-Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen
-~verbum finitum~ +widerspricht+ ist das Partizip gebraucht: +ist
-widersprechend+, und statt des unflektierten Partizips auch noch das
-flektierte: ist +ein widersprechendes+. Aber gerade auch solchen Sätzen
-begegnet man täglich: das Ergebnis ist +ein verstimmendes+ -- da die
-natürliche Beleuchtung doch immer +eine wechselnde+ ist -- der Anteil
-war +ein+ den vorhandnen männlichen Seelen +entsprechender+ -- die
-Mache ist +eine verschiedenartige+, der Mangel selbständiger Forschung
-aber +ein+ stets +wiederkehrender+ -- die Stellung des Richters ist
-+eine+ von Jahr zu Jahr +sinkende+ -- das schließt nicht aus, daß der
-Inhalt der Sitte +ein verwerflicher+, d. h. dem wahren Besten der
-Gesellschaft +nicht entsprechender+ sei (statt: +verwerflich+ sei,
-d. h. +nicht entspreche+) -- die Armierung ist +eine sehr schwache+
-und absolut +nicht+ ins Gewicht +fallende+ -- die Sprache des Buchs
-ist +eine klare, einfache+ und allgemein +verständliche+, vom Herzen
-+kommende+ und zum Herzen +gehende+ -- im ganzen ist das Werk freilich
-+kein+ den Gegenstand +erschöpfendes+ -- und auch hier passiv: der
-Zweck des Buchs ist ein +durchaus anzuerkennender+ (statt: +durchaus
-anzuerkennen+).
-
-Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate
-allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal
-auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden
-ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er
-sie nicht so schnell wie möglich abzuschütteln suchte.
-
-
-Eine Menge war oder waren?
-
-Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wie +Zahl+, +Anzahl+,
-+Menge+, +Masse+, +Fülle+, +Haufe+, +Reihe+, +Teil+ und ähnliche
-gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus
-gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten,
-der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein
-frei angeschlossener Nominativ erscheint (eine +Menge Menschen+) und
-deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eine
-+Menge unbedeutende Menschen+[59]), oder ein auf irgendeine Weise
-erkennbar gemachter Genitiv (eine +Menge von Menschen+, eine +Menge
-unbedeutender Menschen+); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie
-die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat
-in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare Nominativ +Menschen+ tritt
-da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für
-die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist
-aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl
-stehn kann, denn der abhängige Genitiv +von Menschen+ bleibt im
-Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann
-nur der Singular +Menge+ sein. Man kann zwar zu solchen Begriffen
--- nach dem Sinne -- das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber
-doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen
-Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem
-Begriff +Menge+ so eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem
-Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserlesene +Zahl
-deutscher Kunstwerke+ sind gegenwärtig in Leipzig zu sehen -- eine
-große +Anzahl seiner Erzählungen beginnen+ mit dem jugendlichen Alter
-des Helden -- erfreulich ist es, daß eine große +Anzahl unsrer Ärzte+
-schon über zehn Jahre ihren Dienst versehen +haben+ -- die größere
-+Anzahl+ der Lieder und Bearbeitungen +sind+ nicht frei -- eine +Menge
-abweichender Beispiele dürfen+ nicht dazu verleiten, die Regel als
-ungiltig zu bezeichnen -- außer den Seen +müssen+ noch eine +Menge
-kleiner Kanäle+ benutzt werden -- dem Reichsdeutschen +treten+ in dem
-schweizerischen Schriftdeutsch eine ganze +Menge von Besonderheiten+
-entgegen -- von diesem schönen Unternehmen +liegen+ nun schon +eine
-Reihe+ von Heften vor -- eine +Reihe von Kunstbeilagen ermöglichen+ dem
-Kunsthistoriker weitergehendes Studium -- kaum ein halbes +Dutzend der
-vorzüglichsten Dramen finden+ nachhaltige Teilnahme -- der größte +Teil
-der Grundbesitzer waren+ gar nicht mehr Eigentümer -- ein ganz geringer
-+Bruchteil der Stellen sind+ auskömmlich bezahlt -- mindestens ein
-+Viertel seiner Lieder stehen+ in jedem Gesangbuche -- wer da weiß, wie
-schrecklich unbeholfen die +Mehrzahl unsrer Knaben sind+ -- dem Erfolge
-+stehen+ eine +Fülle von verschiednen Bedingungen+ entgegen usw. Alle,
-die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich
-von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein
-großer +Posten zurückgesetzter Unterröcke ist+ billig zu verkaufen.
-Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural
-unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht.
-
-Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als
-Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminium +wird zwei
-Drittel+ des Gewichts erspart -- es +wurde nur fünf Prozent+ der Masse
-gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den
-vorher angeführten Beispielen der Plural.
-
-Dem Deutschen eigentümlich ist die Anrede +Sie+, eigentlich die
-dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man
-vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre
-Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man
-wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn
-anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesem +Sie+ wird aber nun
-sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wie +Eure Majestät+,
-+Exzellenz+, +der Herr Hofrat+ (Goethe im Faust: +Herr Doktor wurden+
-da katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu
-beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist
-wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ich +Sie, der Sie+ ohnehin so
-beschäftigt +sind+, mit dieser Frage belästige.
-
-
-Noch ein falscher Plural im Prädikat
-
-Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß
-selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe
-zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das
-Bindewort +und+ verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu
-einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder
-gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden -- eigentlich ein
-Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist
-etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas
-innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich
-mehr Adverbien) gehören: +oder+, +teils -- teils+, +weder -- noch+,
-+wie+, +sowie+, +sowohl -- wie+, +sowohl -- als auch+. Es ist eins
-der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens,
-daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural
-gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze
-wie: wenn ein schwacher Vater +oder+ eine schwache Mutter der Schule
-ein Schnippchen +schlagen+ (+schlägt+!) -- es ist sehr fraglich, ob ein
-roher, trunksüchtiger Mann +oder+ eine böse, schlecht wirtschaftende
-Frau im Hause mehr Schaden +anrichten+ (+anrichtet+!) -- so war es
-+teils+ die Willkür des Geschmacks, +teils+ die Willkür des Zufalls,
-die zu entscheiden +hatten+ (+hatte+!) -- oder gar: sein Milieu, +wenn
-nicht+ etwas andres in ihm, +erhalten+ (+erhält+!) ihn unparteiisch
-und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei
-+weder -- noch+: wenn +weder+ der Beklagte +noch+ er selbst +sich
-stellen+ -- während doch sonst +weder+ Tinte +noch+ Papier gespart
-+werden+ -- da +weder+ der Vater +noch+ die Mutter des Jungen mit uns
-das geringste zu tun +haben+ -- +weder+ die Gräfin +noch+ ihr Bruder
-+verfügen+ über ein größeres Vermögen -- +weder+ Boccaccio +noch+
-Lafontaine +haben+ solche Abweichungen geduldet -- +weder+ Preußen
-+noch+ das junge Reich +waren+ stark genug, das Zentrum zu überwinden.
-Am häufigsten wird der Fehler bei +wie+, +sowie+ und den verwandten
-Verbindungen begangen: die vornehme Salondame +wie+ die schlichte
-Hausfrau +stellen+ an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen -- der
-Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer +wie+ das Reich immer mehr
-+barbarisierten+ -- da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion
-bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete +wie+ der Ungebildete in
-gleicher Weise +anhängen+ -- die Ausbildung der städtischen Verfassung
-+wie+ die Entwicklung der Fürstentümer +zwangen+ zur Vermehrung der
-Beamten -- der höchste Gerichtshof +sowie+ der Rechnungshof des Reichs
-+befinden+ sich nicht in der Reichshauptstadt -- Frankreich +sowohl
-wie+ Deutschland +entwickeln sich+ sozialistisch -- Custine +sowohl
-wie+ die französische Regierung +waren+ hinlänglich davon unterrichtet
--- +sowohl+ der romantische +als+ der realistische Meister +hatten+ der
-Entwicklung eine breite Bahn geöffnet -- +sowohl+ der Wortschatz +als
-auch+ die Formenlehre +haben+ im Verlaufe von hundert Jahren merkliche
-Veränderungen erfahren -- die freundlichen Worte, die +sowohl+ der
-Vizepräsident an mich +als auch+ der Herr Ministerpräsident an die
-Direktoren gerichtet +haben+. In allen diesen Sätzen kann gar kein
-Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser
-Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe
-Aussage gilt. Aber dadurch wird doch aus den beiden Singularen noch
-kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die
-Subjekte durch +und+ verbinden, nicht durch +wie+.
-
-
-Das Passivum. Es wurde sich
-
-Beim Gebrauche der Zeitwörter kommen in Betracht die Genera (Aktivum
-und Passivum), die Tempora und die Modi. Im Gebrauche der Genera
-können kaum Fehler vorkommen. Zu warnen ist nur vor der unter Juristen
-und Zeitungschreibern weit verbreiteten Gewohnheit, alles passivisch
-auszudrücken, z. B.: namentlich muß +von dem+ obersten +Leiter+ der
-Politik dieser Zustand als eine Erschwerung seines Amtes +empfunden
-werden+ (statt: der oberste Leiter muß empfinden) -- das hat sehr dazu
-beigetragen, +daß von der Regierung+ nicht an den bisher befolgten
-sozialpolitischen Grundsätzen +festgehalten worden ist+ (statt: daß
-die Regierung nicht festgehalten hat) -- bei einem Pachtverhältnis
-sollte +von seiten (!) des+ Verpächters nicht bloß auf die Höhe der
-gebotnen Pachtsumme +gesehen werden+, sondern auch die Persönlichkeit
-des Bewerbers +berücksichtigt+ und auf dessen Befähigung Wert
-+gelegt werden+ (statt: der Verpächter sollte berücksichtigen). Das
-nächstliegende ist doch immer das Aktivum.
-
-Geschmacklos ist es, ein Passivum von einem reflexiven Zeitwort zu
-bilden: es brach ein Gewitter los, und +es wurde sich+ in ein Haus
-+geflüchtet+ -- mit dem Beschlusse des Rats +wurde sich+ einverstanden
-+erklärt+ -- über dieses Thema +ist sich+ in pädagogischen
-Zeitschriften wiederholt +geäußert worden+. Dergleichen Sätze kann man
-höchstens im Scherz bilden. In gutem Deutsch müssen sie mit Hilfe des
-Fürworts +man+ umschrieben werden.
-
-
-Ist gebeten oder wird gebeten?
-
-Zahlreiche Verstöße werden gegen den richtigen Gebrauch der Tempora
-begangen. Ganz undeutsch und nichts als eine gedankenlose Nachäfferei
-des Französischen, noch dazu eines falsch verstandnen Französisch,
-ist es, zu schreiben: die Mitglieder +sind gebeten+, pünktlich zu
-erscheinen. In dem Augenblicke, wo jemand eine derartige Aufforderung
-erhält, +ist+ er noch nicht gebeten, sondern er +wird+ es erst. Man
-kann wohl sagen: du +bist geladen+, d. h. betrachte dich hiermit als
-geladen. Aber die Mitteilung einer Bitte, einer Einladung usw. kann nur
-durch das Präsens, nicht durch das Perfektum ausgedrückt werden.
-
-
-Mißbrauch des Imperfekts
-
-Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung
-unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger
-Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat.
-
-Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was
-heißt erzählen?
-
-Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: +Wolf hat+
-mich +geschlagen+! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie
-und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt
-Mariandel: ich +saß+ ganz ruhig da und +spielte+, da +kam+ der böse
-Wolf und +zupfte+ mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die
-erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen,
-springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn
-des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen, herzählen. Das Wesentliche
-einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin
-besteht aber zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in
-der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man
-kann sich meist ein +damals+ dazu denken), das Perfektum Ereignisse,
-die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel
-bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe
-und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz +hat
-eingeschlagen+, und am Markt +ist+ Feuer +ausgebrochen+; d. h. das ist
-soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über
-den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz +schlug ein+, und
-am Markte +brach+ Feuer +aus+. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer
-erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann,
-wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt,
-selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen.
-Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage
-gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen?
-
-Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es
-ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen,
-aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der
-Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge
-selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der
-bloßen Meldung, der tatsächlichen Mitteilung. Der Unterschied ist so
-handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt
-werden.
-
-Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die
-das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen,
-unter den Stadtnachrichten usw. -- ist es nicht widerwärtig, wie da
-das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: Prinz A. +erkrankte+
-schwer in Venedig; seine Gemahlin +reiste+ aus München dahin ab --
-Bahnhofsinspektor S. in R. +erhielt+ das Ritterkreuz zweiter Klasse
--- in Heidelberg +starb+ Professor X -- Minister Soundso +reichte+
-seine Entlassung +ein+ -- in Dingsda +wurde+ die Sparkasse +erbrochen+
--- ein merkwürdiges Buch +erschien+ in Turin. Wann denn? fragte man
-unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine
-Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest,
-was vor dreihundert Jahren geschehen wäre. Ein merkwürdiges Buch
-+erschien+ in Turin -- das klingt doch, als ob der Satz aus einer
-Kirchengeschichte Italiens genommen wäre.
-
-Etwas andres wird es schon, wenn eine Zeitbestimmung der Vergangenheit
-hinzutritt, und wäre es nur ein +gestern+; dann kann der Satz den
-Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der
-Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb
-hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: +gestern+ ist hier nach
-längerer Krankheit Professor X +gestorben+. Im zweiten Falle melde ich
-einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede
-Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der
-Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch.
-
-Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben;
-auch unsre Geschäftsleute schreiben schon in ihren Anzeigen und Briefen
-und halten das für eine besondre Feinheit: ich +verlegte+ mein Geschäft
-von der Petersstraße nach der Schillerstraße -- ich +eröffnete+ am
-Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt
-einem Schüler ins Zeugnis: M. +besuchte+ die hiesige Schule und +trat+
-heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung
-eines Werkes, dessen Ausgabe bevorsteht: wir +scheuten+ kein Opfer,
-die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis
-+stellten+ wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten
-Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich.
-Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir?
-erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein
-Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt
-hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist?
-Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir +haben+ kein
-Opfer +gescheut+, den Preis +haben+ wir so niedrig +gestellt+ usw. Eine
-andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke:
-den Buchschmuck +zeichnete+ Fidus. +Zeichneetee+! Wann denn?
-
-Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat
-auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch
-einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in
-dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das
-Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist
-das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren
-+erhielt+ (statt: +erhalten hat+, denn er hat es doch nun!) -- auch die
-vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die
-der Verfasser auf sie +verwandte+ (statt: +verwendet hat+, denn die
-Arbeit liegt doch vor!) -- da die Ehe des Herzogs kinderlos +blieb+
-(statt: +geblieben ist+) -- folgt ihm sein Neffe in der Regierung --
-die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer
-weitere Kreise +drang+ (statt: +gedrungen ist+) -- wir beklagen tief,
-daß sich kein Ausweg finden +ließ+ (statt: +hat finden lassen+) --
-kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse +hervorgingen+ usw.
-Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgendeiner geschichtlichen
-Darstellung genommen, als wäre etwa von Wahlen zum ersten deutschen
-Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit
-gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da
-muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse
-+hervorgegangen sind+, denn diese Ergebnisse bilden doch die
-gegenwärtige Sachlage.
-
-Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des
-Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des
-Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen
-Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: ~I +saw+ him this morning~
-(ich +habe+ ihn diesen Morgen +gesehen+) -- ~I +expected+ you last
-Thursday~ (ich +habe+ Sie vorigen Donnerstag +erwartet+) -- ~Yours
-I +received+~ (ich +habe+ Ihr Schreiben +erhalten+) -- ~That is the
-finest ship I ever +saw+~ (das ist das schönste Schiff, das ich je
-+gesehen habe+) -- ~Sheridan’s Plays, now printed as he +wrote+
-them~ (wie er sie +geschrieben hat+). Wahrscheinlich weniger durch
-nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen als durch schlechten
-englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied
-der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern
-gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche
-hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck,
-der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken
-auf der Straße zuruft: +Jä, ich käm gestern zurück+, wie ein Geck in
-Gesellschaft sagt: ich +hatte+ schon den Vorzug (ich habe schon die
-Ehre gehabt). In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle.
-Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit
-Ausnahme von +ich war+) gänzlich; er kennt weder ein +hatte+, noch
-ein +ging+, noch ein +sprach+, er braucht in der Erzählung immer das
-Perfekt (+bin ich gewesen+ -- +hab ich gesagt+). Daher hat diese Form
-in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Vulgären, und
-wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht
-er überall, auch da, wo es gar nicht hinpaßt, das Imperfektum, weil
-er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen
-Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische
-Kinder zusammen sind, soll man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig
-beobachten können.
-
-Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet
-sich in neuern Geschichtsdarstellungen, nämlich die Schrulle, im
-Perfektum zu -- erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so
-geschrieben, wie: der Enkel +hat+ ihm eine freundliche und liebevolle
-Erinnerung +bewahrt+ (statt: +bewahrte+ ihm), sondern halbe und ganze
-Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum
-ersetzt. Geschmackvoll kann man auch das nicht nennen.
-
-
-Worden
-
-Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch
-eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer
-Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in
-dem Weglassen des Partizips +worden+ im passiven Perfektum zeigt. Es
-handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner
-Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als
-~Perfectum praesens~ bezeichnet.
-
-Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten
-Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden
-worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatze +sind+
-junge Linden +angepflanzt worden+, und: auf dem Königsplatze +sind+
-junge Linden +angepflanzt+. Der erste Satz meldet den Vorgang oder
-die Handlung des Anpflanzens -- das ist das eigentliche und wirkliche
-Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens
-geschaffnen gegenwärtigen Zustand -- das ist das, was die Grammatik
-~Perfectum praesens~ nennt. Der Altarraum +ist+ mit fünf Gemälden
-+geschmückt worden+ -- das ist eine Mitteilung; der Altarraum +ist+ mit
-fünf Gemälden +geschmückt+ -- das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein
-Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er:
-komm, das Klavier +ist gestimmt+! Dann kann ich ihn wohl fragen: so?
-wann +ist+ es denn +gestimmt worden+? aber nicht: wann +ist+ es denn
-+gestimmt+? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mir
-+sind+ für das Bild 6000 Mark +geboten+, so heißt das: ich kann das
-Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden.
-Sagt er aber: mir +sind+ 6000 Mark +geboten worden+, so kann der Bieter
-sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.
-
-Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer
-nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht
-zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied
-ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß.
-Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis
-als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und
-gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher
-nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu
-müssen und lassen das +worden+ jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen
-lesen wie: ~Dr.~ Sch. +ist+ zum außerordentlichen Professor an der
-Universität Leipzig +ernannt+ -- dem Freiherrn von S. +ist+ auf sein
-Gesuch der Abschied +bewilligt+ -- in H. +ist+ eine Eisenbahnstation
-feierlich +eröffnet+ -- oder Sätze wie: über den Begriff der Philologie
-+ist+ viel +herumgestritten+ -- die märkischen Stände +sind+ um ihre
-Zustimmung offenbar nicht +befragt+ -- so ist die Reformation in
-Preußen als Volkssache +vollzogen+ -- er behauptete, daß er in dieser
-Anstalt wohl +gedrillt+, aber nicht +erzogen sei+ -- die Methode,
-in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte,
-+ist+ von Ranke auf andre Gebiete +ausgedehnt+ -- man rühmt sich bei
-den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen +abgegeben
-seien+ -- es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung +geleistet
-ist+, was möglich war -- es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht
-auf eine lohnendere Aufgabe +verwendet ist+ -- wie hätte die schöne
-Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür
-+eingetreten wäre+?
-
-Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer
-Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang
-(manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll,
-nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch
-diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern.
-Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung +ist heute+ wieder
-+aufgehoben+ (+worden+! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen)
--- der österreichische Reichsrat +ist gestern eröffnet+ (+worden+!)
--- der Anfang zu dieser Umgestaltung +ist+ schon +vor längerer Zeit
-gemacht+ (+worden+!) -- diese Frage +ist schon einmal aufgeworfen+ und
-+damals+ in verneinendem Sinne +beantwortet+ (+worden+!) -- +vorige
-Woche ist+ ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im
-Kursaal +aufgestellt+ (+worden+!) -- +in späterer Zeit sind+ an dieser
-Tracht die mannigfachsten Veränderungen +vorgenommen+ (+worden+!) --
-+in gotischer Zeit ist+ das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und
-dreiseitig +geschlossen+ (+worden+!) -- an der Stelle, wo Tells Haus
-gestanden haben soll, +ist+ 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle
-+errichtet+ (+worden+!) -- +am Tage darauf+, am 25. Januar, +sind+
-noch drei Statuen +ausgegraben+ (+worden+!) -- jedenfalls +ist+ der
-Scherz in Karlsbad +bei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht+
-(+worden+!) -- in B. +ist dieser Tage+ ein Kunsthändler wegen Betrugs
-zu sechs Monaten Gefängnis +verurteilt+ (+worden+!) -- diese Dinge
-sind offenkundig, denn sie +sind hundertmal besprochen+ (+worden+!)
--- die Wandlungen der Mode +sind+ zu allen Zeiten von Sittenpredigern
-+bekämpft+ (+worden+!) -- bis 1880 +ist+ von dieser Befugnis nicht +ein
-einzigesmal+ Gebrauch +gemacht+ (+worden+!).
-
-Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen
-und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über
-Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer
-Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten
-Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um
-die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen:
-daß ein Knecht +geschlagen ist worden+ (anfangs immer in dieser
-Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne
-Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die
-niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt -- noch heute,
-nach vierhundert Jahren -- dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen
-unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines
-Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der
-gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht
-sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.
-
-
-Wurde geboren, war geboren, ist geboren
-
-Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann
-sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der
-erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben:
-Lessing +war geboren+, Lessing +wurde geboren+ oder Lessing +ist
-geboren+? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise
-am häufigsten die falsche! Er +ist geboren+ -- das kann man doch
-vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebenden fragt
-man: wann +bist+ du denn +geboren+? Und dann antwortet er: +ich bin+ am
-23. Mai 1844 +geboren+. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl
-am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen: +gestorben ist+ er am 31.
-Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus
-in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am
-Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer
-Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: er +war+
-oder er +wurde geboren+; mit +wurde+ versetze ich mich -- was das
-natürlichste ist -- an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mit
-+war+ versetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend
-Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in
-Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen,
-daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den
-Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe
-eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben
-ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt
-sichs um das wirkliche Leben.
-
-
-Erzählung und Inhaltsangabe
-
-Wer eine Geschichte erzählt, bedient sich des Imperfekts; alle
-Ereignisse; die vor der Geschichte liegen, die erzählt wird, also zu
-der sogenannten Vorfabel gehören, müssen im Plusquamperfekt mitgeteilt
-werden. Imperfekt und Plusquamperfekt sind die beiden einzigen Tempora,
-die in den erzählenden Abschnitten einer Novelle oder eines Romans
-vorkommen können. Die Vorfabel braucht nicht am Anfang der Novelle zu
-stehen, sie kann mitten in der Novelle nachgetragen, ja selbst auf
-mehrere Stellen der Novelle verteilt werden. Immer aber muß das sofort
-durch den Tempuswechsel kenntlich gemacht werden. Zieht sich nun die
-Vorfabel in die Länge, so wird der Leser bald des Plusquamperfekts
-überdrüssig, und der Erzähler muß dann auch für die Vorfabel in das
-Imperfekt einzulenken suchen. Das geschickt und fein und an der
-richtigen Stelle zu machen ist eine Aufgabe, an der viele Erzähler
-scheitern.
-
-Noch schwieriger freilich scheint eine andre Aufgabe zu sein: wenn
-Rezensenten den Inhalt eines Romans, eines erzählenden Gedichts,
-eines Dramas angeben, so zeigen sie nicht selten eine klägliche
-Hilflosigkeit in der Anwendung der Tempora. Man kann Inhaltsangaben
-lesen, deren Darstellung zwischen Präsens und Imperfekt, Perfekt und
-Plusquamperfekt nur immer so hin und her taumelt. Und doch ist auch
-diese Aufgabe eigentlich nicht schwieriger als die andre. Ein Buch, das
-besprochen wird, liegt vor. Da hat kein andres Tempus etwas zu suchen
-als das Präsens und das Perfektum, das Präsens für die Geschichte
-selbst, das Perfektum für die Vorgeschichte. Wer den Inhalt wissen
-will, fragt nicht: wie +war+ denn die Geschichte? sondern: wie +ist+
-denn die Geschichte? Und anders kann auch der nicht antworten, der
-den Inhalt des Buches angibt; er kann nur sagen: die Geschichte +ist
-so+, und nun fängt er im Präsens an: Auf einem Gut in der Nähe von
-Danzig +lebt+ ein alter Rittmeister; er +hat+ früher eine zahlreiche
-Familie +gehabt+, +steht+ aber jetzt allein da usw. Auch wer in der
-Unterhaltung den Inhalt eines Schauspiels angibt, das er am Abend zuvor
-im Theater gesehen hat, bedient sich keines andern Tempus und kann sich
-keines andern bedienen. Nur manche Zeitungschreiber scheinen das nicht
-begreifen zu können.[60]
-
-Nicht ganz leicht dagegen ist es wieder, in der Erzählung das
-sogenannte ~Praesens historicum~, das Präsens der lebhaften,
-anschaulichen Schilderung richtig anzuwenden. Genau an der richtigen
-Stelle in dieses Präsens einzufallen, genau an der richtigen Stelle
-sich wieder ins Imperfekt zurückzuziehen, das glückt nur wenigen. Die
-meisten fangen es recht täppisch an.
-
-
-Tempusverirrung beim Infinitiv
-
-Wenn jemand anstatt: da +muß+ ich mich +geirrt haben+ -- sagen
-wollte: da +mußte+ ich mich +irren+ oder: +da habe+ ich mich +irren
-müssen+, so würde man ihn wohl sehr verdutzt ansehen, denn eine
-solche Tempusverschiebung aus dem Infinitiv in das regierende Verbum
-ließe auf eine nicht ganz normale Geistesverfassung schließen. Der
-Fehler wird aber gar nicht selten gemacht, nur daß er nicht immer so
-verblüffend hervortritt, z. B.: ich glaube bewiesen zu haben, daß die
-Verfügung des Oberpräsidenten an dem Anschwellen der Bewegung nicht
-schuld +sein konnte+ (anstatt: nicht schuld +gewesen sein kann+).
-Nicht besser, eher noch schlimmer ist es, die Vergangenheit doppelt zu
-setzen, z. B.: später +mochten+ wohl die Arbeiten für den Kurfürsten
-dem Künstler nicht mehr die Muße +gelassen haben+. Wenn ein Vorgang aus
-der Vergangenheit nicht als wirklich, sondern mit Hilfe von +scheinen+,
-+mögen+, +können+, +müssen+ nur als möglich oder wahrscheinlich
-hingestellt werden soll, so gehört die Vergangenheit natürlich nicht in
-die Form der Aussage, denn die Aussage geschieht ja in der Gegenwart,
-sondern sie gehört in den Infinitiv. Es muß also heißen: +mögen nicht
-gelassen haben+.
-
-Manche möchten es ja nun gern richtig machen, sind sich aber über die
-richtige Form des Infinitivs nicht klar. Wenn z. B. jemand schreibt:
-Ludwig +scheint+ sich durch seine Vorliebe für die Musik etwas von
-den Wissenschaften +entfernt zu haben+ -- und sich einbildet, damit
-den Satz: Ludwig +hatte+ sich von den Wissenschaften +entfernt+ -- in
-das Gebiet der Wahrscheinlichkeit gerückt zu haben, so irrt er sich.
-Die Tempora des Indikativs und des Infinitivs entsprechen einander in
-folgender Weise:
-
- L. +entfernt+ sich -- scheint sich zu +entfernen+.
-
- L. +entfernte+ sich -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich
- damals).
-
- L. +hat+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich
- jetzt).
-
- L. +hatte+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt gehabt zu haben+.
-
- L. +wird+ sich +entfernen+ -- scheint sich +entfernen zu wollen+.
-
-
-Relativsätze. Welcher, welche, welches
-
-Unter den Nebensätzen ist keine Art, in der so viel und so
-mannigfaltige Fehler gemacht würden wie in den Relativsätzen. Freilich
-sind sie auch die am häufigsten verwendete Art.
-
-Ein Hauptübel unsrer ganzen Relativsatzbildung liegt zunächst nicht im
-Satzbau, sondern in der Verwendung des langweiligen Relativpronomens
-+welcher+, +welche+, +welches+. Das Relativpronomen +welcher+ gehört,
-wie so vieles andre, fast ausschließlich der Papiersprache an, und
-da sein Umfang und seine Schwere in gar keinem Verhältnis zu seiner
-Aufgabe und Leistung stehen, so trägt es ganz besonders zu der
-breiten, schleppenden Ausdrucksweise unsrer Schriftsprache bei. In der
-ältern Sprache war +welcher+ (~swelher~) durchaus nicht allgemeines
-Relativpronomen, sondern nur indefinites Relativ, es bedeutete: +wer
-nur irgend+ (~quisquis~), +jeder, der+, noch bei Luther: +welchen+ der
-Herr lieb hat, den züchtiget er. Erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert
-ist es allmählich zum gemeinen Relativum herabgesunken. Aber nur in
-der Schreibsprache, die sich so gern breit und wichtig ausdrückt,
-zuerst in Übersetzungen aus dem Lateinischen; der lebendigen Sprache
-ist es immer fremd geblieben und ist es bis auf den heutigen Tag
-fremd. Niemand spricht +welcher+, es wird immer nur geschrieben! Man
-beobachte sich selbst, man beobachte andre, stundenlang, tagelang,
-man wird das vollständig bestätigt finden. Es ist ganz undenkbar, daß
-sich in freier, lebendiger Rede, wie sie der Augenblick schafft, das
-Relativum +welcher+ einstellte; jedermann sagt immer und überall:
-+der+, +die+, +das+. Es ist undenkbar, daß jemand bei Tische sagte:
-die Sorte, +welche+ wir vorhin getrunken haben, oder: wir gehen wieder
-in die Sommerfrische, +in welcher+ wir voriges Jahr gewesen sind.[61]
-In stenographischen Berichten über öffentliche Versammlungen und
-Verhandlungen findet man allerdings oft Relativsätze mit +welcher+,
-aber darauf ist nicht viel zu geben, diese Berichte werden redigiert,
-und wer weiß, wie viele +der+ dabei erst nachträglich in +welcher+
-verwandelt werden, weil mans nun einmal so für schriftgemäß hält! Und
-dann: Leute, die viel öffentlich reden, sprechen nicht, wie andre
-Menschen sprechen, sie sprechen auch, wenn sie am Rednerpulte stehen,
-anders als in der Unterhaltung, sie sprechen nicht bloß für die
-Zeitung, sie sprechen geradezu Zeitung; alte Gewohnheitsredner, die Tag
-für Tag denselben Schalenkorb ausschütten und es gar nicht mehr für der
-Mühe wert halten, sich auf eine „Ansprache“ vorzubereiten, suchen auch
-mit ihrem +welcher+ Zeit zu gewinnen, wie andre mit ihrem äh -- äh.
-Wenn aber ein junger Pfarrer auf der Kanzel Relativsätze mit +welcher+
-anfängt, so kann man sicher sein, daß er die Predigt aufgeschrieben und
-wörtlich auswendig gelernt hat; wenn ein Festredner aller Augenblicke
-+welcher+ sagt, so kann man sicher sein, daß das Manuskript seiner
-Festrede schon in der Redaktion des Tageblatts ist. Wer den Ausdruck
-im Augenblicke schafft, sagt +der+, nicht +welcher+. Darum ist auch
-+welcher+ in der Dichtersprache ganz unmöglich. In Stellen, wie
-bei Goethe (in den Venezianischen Epigrammen): +welche+ verstohlen
-freundlich mir streifet den Arm -- oder bei Schiller (in Shakespeares
-Schatten): das große gigantische Schicksal, +welches+ den Menschen
-erhebt, wenn es den Menschen zermalmt -- oder bei Hölty: wunderseliger
-Mann, +welcher+ der Stadt entfloh -- oder bei Schikaneder: bei Männern,
-+welche+ Liebe fühlen -- oder bei Tiedge (in der Urania): mir auch
-war ein Leben aufgegangen, +welches+ reichbekränzte Tage bot -- oder
-bei Uhland: ihr habt gehört die Kunde vom Fräulein, +welches+ tief
-usw., ist es nichts als ein langweiliges Versfüllsel, eine Strohblume
-in einem Rosenstrauß. Darum wird es +ja+ auch mit Vorliebe in der
-Biedermeierpoesie verwendet und wirkt dort so unnachahmlich komisch:
-zu beneiden sind die Knaben, +welche+ einen Onkel haben, oder: wie
-z. B. hier von diesen, +welche+ Max und Moritz hießen. Aber auch in
-der dichterischen Prosa, was gäbe man da manchmal drum, wenn man das
-+welcher+ hinauswerfen könnte, wie bei Gottfried Keller in Romeo und
-Julia auf dem Dorfe: sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten
-oder wirklichen Töne, +welche+ von der großen Stille herrührten, oder
-+welche+ sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten,
-+welches+ nah und fern über die grauen Herbstnebel wallte, +welche+
-tief auf den Gründen lagen!
-
-Leider lernt man in der Schule als Relativpronomen kaum etwas andres
-kennen als +welcher+. Man schlage eine Grammatik auf, +welche+ (hier
-ist es am Platze! denn hier heißt es: +welche auch immer+) man will,
-eine lateinische, eine griechische, eine französische, eine englische:
-wie ist das Relativpronomen ins Deutsche übersetzt? +Welcher+,
-+welche+, +welches!+ Allenfalls steht +der+, +die+, +das+ in Klammern
-dahinter, als ob das gelegentlich einmal als Ersatz dafür geduldet
-werden könnte! Und sieht man in die Beispielsätze, die zur Übung in die
-fremde Sprache übersetzt werden sollen, wie fangen die Relativsätze an?
-Mit +welcher+, +welche+, +welches+. Nur ja nicht mit +der+! der Schüler
-könnte ja einmal irre werden! Daß die lebendige Sprache eine einzige
-große Widerlegung dieses Unsinns ist, sieht gar niemand. Kein Wunder,
-daß den meisten später das langweilige Wort in die Feder läuft, sowie
-sie die Feder in die Hand nehmen. Gerade umgekehrt müßte es sein. In
-allen Grammatiken müßte +der+, +die+, +das+ als Relativpronomen stehn,
-dahinter in Klammern +welcher+, +welche+, +welches+, denn das ist
-doch das traurige Surrogat. Man benutze in Gottes Namen +welcher+ im
-Unterricht ein paar Wochen lang als Verständniskrücke; aber sobald der
-Junge den Begriff des Relativs gefaßt hat, müßte die Krücke unbedingt
-weggeworfen und er wieder auf seine eignen Beine gestellt werden. Wer
-einmal auf dieses Verhältnis zwischen +der+ und +welcher+ aufmerksam
-geworden oder aufmerksam gemacht worden ist, den verfolgt +welcher+
-förmlich beim Lesen, er sieht es immer gleichsam gesperrt oder fett
-gedruckt, und in wenigen Tagen ist es ihm ganz unerträglich geworden:
-wenn ers schreiben wollte, käme er sich entweder ganz schulknabenhaft
-vor, oder er sähe sich sitzen wie einen alten, verschleimten Aktuarius
-mit Vatermördern, Hornbrille und Gänsekiel. Bisweilen will ihm wohl
-noch einmal ein +wel+-- aus der Feder laufen! aber weiter kommt er
-nicht, dann streicht ers ohne Gnade durch und setzt +der+ darüber.[62]
-
-Aber gibt es denn nicht Fälle, wo man +welcher+ gar nicht umgehen
-kann, wo man es ganz notwendig braucht, um einen häßlichen Gleichklang
-zu vermeiden? Wenn nun unmittelbar auf +der+ (~qui~ oder ~cui~) der
-Artikel +der+ folgt, unmittelbar auf +die+ (~quae~ oder ~quam~ oder
-~quos~ oder ~quas~) der Artikel +die+? Nikolaus, +der der+ Vater des
-Andreas gewesen war -- eine Verwandlung, bei +der der+ große Vorhang
-nicht fällt -- die Prozessionsstraße, auf +der der+ Papst zum Lateran
-zog -- auf der Wiese, durch +die die+ Straße führt -- die Bildwerke,
-+die die+ hehre Göttin verherrlichen -- das Tau, +das das+ Fahrzeug
-am Ufer hielt -- das sind doch ganz unerträgliche Sätze, nicht wahr?
-Mancher Schulmeister behauptets. Es gehört das in das berühmte Kapitel
-von den angeblich unschönen Wiederholungen, vor denen der Unterricht
-zu warnen pflegt. Die Warnung ist aber ganz überflüssig, sie stammt
-nur aus der Anschauung des Papiermenschen, der die Sprache bloß noch
-schwarz auf weiß, aber nicht mehr mit den Ohren aufzufassen vermag. Der
-Papiermensch sieht das doppelte +der der+ oder +die die+, und das flößt
-ihm Entsetzen ein. Aber lies doch einmal solche Sätze laut, lieber
-Leser, hörst du nichts? Ich denke, es wird dir aufdämmern, daß es zwei
-ganz verschiedne Wörter sind, die hier nebeneinander stehen: ein lang
-und schwer gesprochnes +der+ (das Relativpronomen) und ein kurz und
-leicht gesprochnes +der+ (der Artikel). Was man hört, ist: +deer dr+.
-Jedermann spricht so, und keinem Menschen fällt es ein, daran Anstoß
-zu nehmen; warum soll man nicht so schreiben? Aberglaube, dummer
-Aberglaube! Und fürchtet sich denn jemand vor +daß das+? Jeder schreibt
-unbedenklich: wir wissen, +daß das+ höchste Gut die Gesundheit ist. Ach
-so, das sind wohl zwei verschiedne Wörter? das eine mit ß, das andre
-mit s? Nein, es sind keine verschiednen Wörter. Sie klingen gleich,
-und sie sind gleich; das Fügewort +daß+ ist ja nur in der Schrift ganz
-willkürlich von dem hinweisenden Fürwort +das+ unterschieden worden.[63]
-
-
-Das und was
-
-Ein häßlicher Fehler ist es, statt des relativen +das+ zu schreiben
-+was+, wenn sich das Relativ auf einen bestimmten einzelnen Gegenstand
-bezieht, z. B. +das Haus, was+ -- +das Buch, was+ -- +das Ziel,
-was+. Nur die niedrige Umgangssprache drückt sich so aus; in der
-guten Schriftsprache wie in der feinern Umgangssprache ist +was+
-als Relativ auf ganz bestimmte Fälle beschränkt: es wird nur hinter
-substantivierten Fürwörtern, Zahlwörtern und Eigenschaftswörtern
-gebraucht, z. B. +das, was+ -- +dasselbe, was+ -- +etwas, was+ --
-+alles, was+ -- +vieles, was+ -- +das wenige, was+ -- +das einzige,
-was+ -- +das erste, was+ -- +das letzte, was+ -- +das meiste, was+ --
-+das Gute, was+ -- +das Beste, was+. Doch ist auch hier, namentlich bei
-den substantivierten Adjektiven, wohl zu unterscheiden zwischen solchen
-Fällen, wo es sich um ein Allgemeines handelt, und solchen, wo etwas
-Besondres, Bestimmtes, Einzelnes vorschwebt. Fälle der zweiten Art
-sind z. B.: +etwas Ungeschicktes, das+ mich in Verlegenheit brachte --
-+das Bittre, das+ zwischen uns getreten ist -- +das Besondre, das+ dem
-Allgemeinen untergeordnet ist -- +das Schiefe und Hinkende, das+ jeder
-Vergleich hat -- +das Moralische, das+ einem doch nicht gleichgiltig
-sein kann -- +das Erlernbare, das+ sich jederzeit in Büchern wieder
-auffinden läßt -- wenn an +das Gute, das+ ich zu tun vermeine, gar
-zu nah was Schlimmes grenzt (Lessing). Hinter dem Superlativ von
-substantivierten Eigenschaftswörtern ist in den meisten Fällen +was+
-das richtige, aber doch nur deshalb, weil gewöhnlich ein partitiver
-Genitiv zu ergänzen ist (+von dem, von allem+), der das +was+ verlangen
-würde. Wenn ich sage: +das Erhabenste, was+ Beethoven geschaffen hat
--- so meine ich nicht das Erhabenste überhaupt, sondern eben das
-Erhabenste +von dem+ oder +von allem, was+ Beethoven geschaffen hat.
-Der Superlativ für sich allein bezeichnet hier noch gar nichts, der
-Relativsatz ist die notwendige Ergänzung dazu. Wenn ich dagegen sage:
-+das Erhabenste, das+ wir Gott nennen, so ist gar nichts zu ergänzen,
-der Relativsatz kann auch fehlen, es ist das Erhabenste schlechthin
-gemeint. Beispiele der ersten Art sind: +das Höchste, was+ wir
-erreichen können -- +das Schlimmste, was+ einem Staate widerfahren kann
--- +das Ärgste, was+ Menschen einander antun können -- +das Beste,
-was+ du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen (Faust) --
-er preist +das Höchste, das Beste, was+ das Herz sich wünscht, +was+
-der Sinn begehrt (Schiller). Hier wird denn auch meist richtig +was+
-gesetzt. Nach dem Positiv gebrauchen aber auch gute Schriftsteller
-blindlings bald +das+, bald +was+. Sieht man sich die Beispiele näher
-an, so sieht man, daß sie viel öfter das Falsche als das Richtige
-getroffen haben.
-
-Endlich ist +was+ für +das+ auch da notwendig, wo sich das Relativ
-auf den Inhalt eines ganzen Satzes bezieht, z. B. der Mensch, +das
-Tier+ mit zwei Händen, +das+ auch lachen kann, +was+ der Affe immer
-noch nicht fertig bringt. In einem Satze wie: es ist kein freundliches
-Bild, +was+ der Verfasser vor uns aufrollt -- wird nicht deutlich, ob
-sich was auf Bild beziehen soll; man kann den Relativsatz auch als
-Subjektsatz auffassen: +was+ der Verfasser vor uns aufrollt, ist kein
-freundliches Bild. In diesem Falle wäre natürlich +was+ richtig, im
-andern müßte es +das+ heißen.
-
-
-Wie, wo, worin, womit, wobei
-
-Daß Präpositionen in Verbindung mit dem Relativpronomen durch die
-hübschen relativen Adverbia +worin+, +woraus+, +womit+, +wobei+,
-+woran+, +wofür+ usw. ersetzt werden können und in der lebendigen
-Sprache sehr oft ersetzt werden, wenn sich das Relativ auf eine Sache
-(nicht auf eine Person!) zurückbezieht, daran denken beim Schreiben
-die wenigsten, und wenn sie daran denken, so wagen sie nicht, Gebrauch
-davon zu machen. Am ehesten getrauen sie sichs noch da, wo sie auch
-+was+ statt +das+ sagen würden. Aber ein Brief, +worin+ -- eine Fläche,
-+worauf+ -- ein Messer, +womit+ -- ein Mittel, +wodurch+ -- eine Regel,
-+wobei+ -- ein Geschenk, +worüber+ -- eine Gefahr, +wovor+ -- (auch:
-der Grund, +weshalb+) -- wie wenigen will das aus der Feder! Sie halten
-es womöglich gar für falsch. Irgendein Schulmeister, der sich nicht vom
-Lateinischen hatte losmachen können, hat ihnen vielleicht einmal in der
-Jugend davor bange gemacht, und so schreiben sie denn: diese beiden
-Punkte sind es, +an welchen+ Grimm aufs strengste festgehalten hat --
-der innige Zusammenhang, +in welchem+ Glaube, Recht und Sitte stehen
--- das einfache, schmucklose Gewand, +mit welchem+ uns die Natur wie
-eine Mutter umfängt usw. Und doch heißt es in dem Bürgerschen Spruch:
-Die schlechtsten Früchte sind es nicht, +woran+ die Wespen nagen. Nun
-gar das einfache +wo+: das Gebäude, +wo+ -- ein Gebiet, +wo+ -- in
-einer Stadt, +wo+ -- in allen Fällen, +wo+ -- eine Gelegenheit, +wo+
--- eine Ausgabe, +wo+ (z. B. der Sopran die Melodie hat), und vollends
-dieses einfache +wo+ von der Zeit gebraucht: wir gedenken an jene Zeit
-der Jugend, +wo+ wir zuerst auszogen -- die Eltern sind genötigt,
-über den Bildungsgang ihrer Kinder schon zu einer Zeit Bestimmungen
-zu treffen, +wo+ deren Anlagen noch zu wenig hervorgetreten sind --
-seit dem 29. März, +wo+ die neue Bewegung begann -- seit dem Jahre
-1866, +wo+ er sein Amt niedergelegt hatte -- wie wenige wagen das zu
-schreiben, wie wenige haben eine Ahnung davon, daß auch das grammatisch
-ganz richtig und hundertmal schöner ist als das ungeschickte: seit dem
-29. März, +an welchem Tage+ -- seit 1866, in welchem Jahre usw.[64]
-Ist es nicht kläglich komisch, in einem Manuskript sehen zu müssen,
-wie der Verfasser erst geschrieben hat: die Depesche gelangte +an
-demselben Tage+ in seine Hände, +als+ usw., dann das +als+ wieder
-durchgestrichen und darübergesetzt hat: +an welchem+, aber auf das
-gute, einfache, natürliche +wo+ nicht verfallen ist? Und genau so ist
-es mit +wie+. Die Art und Weise, +wie+ -- in dem Grade, +wie+ -- in
-jenem Sinne, +wie+ -- in dem Maße, +wie+ -- über die Richtung, +wie+
--- wie wenige getrauen sich das zu schreiben! Die alten Innungen waren
-Produktivgenossenschaften in jenem vernünftigen Sinne, +in welchem+
-jeder Staat es ist -- man war im Zweifel über die Art und Weise, +in
-welcher+ die soziale Gesetzgebung vorzugehen habe -- ein Bier, das in
-demselben Grade ungenießbar wird, +in welchem+ sich seine Temperatur
-über den Gefrierpunkt erhebt -- in dem Maße, +in welchem+ (+wie+!)
-sich die Partei dem Augenblicke nähert, +in welchem+ (+wo+!) sie ihr
-Versprechen erfüllen soll -- anders schreibt der Papiermensch gar nicht.
-
-Das relative Adverbium +wo+ bedeutet keineswegs, wie so viele
-glauben, nur den Ort, es bedeutet, wie das ihm entsprechende +da+,
-ebensogut auch die Zeit. Merkwürdigerweise hat man noch eher den Mut,
-zu schreiben: die Zeit, +da+ -- als: die Zeit, +wo+. Manche lieben
-sogar dieses +da+, ziehen also hier das Demonstrativ in der relativen
-Bedeutung vor, während sie doch sonst immer +welcher+ für +der+
-schreiben. Aber +da+ als Relativ klingt uns heute doch etwas veraltet
-(man denke nur an den Bibelspruch: seid Täter des Worts und nicht Hörer
-allein, +damit+ ihr euch selbst betrüget), es kann auch leicht mit dem
-kausalen +da+ verwechselt werden, z. B. mitten in einer trüben Zeit,
-+da+ ihn ein Augenleiden heimsuchte. Für +in welchem+ sollte man, wo es
-irgend angeht, schreiben +worin+; bei +in dem+ entsteht der Übelstand,
-daß es mit dem Fügewort +indem+ verwechselt werden kann: der Aufsatz,
-+in dem+ ihm vorgeworfen wird, er heuchle Frömmigkeit. Auf dem Papier
-natürlich nicht, aber das Papier geht uns auch nichts an; beim Hören
-kanns verwechselt werden -- das ist die Hauptsache!
-
-
-Wechsel zwischen der und welcher
-
-Wenn zu einem Worte zwei (oder mehr) Relativsätze zu fügen sind, so
-halten es viele für eine besondre Schönheit, mit dem Relativpronomen
-abzuwechseln. Es ist das der einzige Fall, wo sie einmal mit Bewußtsein
-und Absicht zu dem Relativum +der+ greifen, während sie sonst, wie die
-Schulknaben, immer +welcher+ schreiben. Jeden Tag kann man Sätze lesen
-wie: das Allegro und das Scherzo fanden nicht das Maß von Beifall,
-+welches+ wir erwartet hatten, und +das+ sie verdienen -- jedes
-Grundstück, +welches+ mindestens zu einem Grundsteuerertrage von 200
-Mark eingeschätzt ist, und +das+ mindestens einen Taxwert von 1000 Mark
-hat -- lehrreich ist die Niederschrift durch die Korrekturen, +welche+
-der Komponist selbst darin vorgenommen hat, und +die+ sich nicht nur
-im Ändern einzelner Noten zeigen -- in eine weite Hausflur mündete die
-Treppe, +welche+ in die obern Stockwerke führte, und +die+ man gern als
-Wendeltreppe gestaltete -- die ehrwürdigen Denkmäler der Druckkunst,
-+welche+ uns der Altmeister selbst hinterlassen hat, und +die+ man mit
-dem Namen Wiegendrucke bezeichnet -- es geht nicht an, daß wir Schäden
-groß wachsen sehen, +die+ uns als schwache Köpfe erscheinen lassen,
-und auf +welche+ die Fremden mit Fingern weisen -- es war ein Klang
-in seinen Worten, +welcher+ alle Herzen ergriff, und +dem+ sie gern
-weiter gelauscht hätten -- Aufsätze, +welche+ bereits in verschiednen
-Zeitschriften erschienen sind, und +die+ durch ihre Beziehungen auf
-Schwaben zusammengehalten werden. Kein Zweifel: in allen diesen Fällen
-liegt ein absichtlicher Wechsel vor; alle, die so schreiben, glauben
-eine besondre Feinheit anzubringen.
-
-Aber das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, daß die Wiederholung
-des Relativpronomens bisweilen ganz überflüssig ist, weil das
-Satzgefüge dasselbe bleibt, ist es auch unbegreiflich, wie jemand in
-seinem Sprachgefühl so irre gehen kann. Wenn man an ein Hauptwort
-zwei oder mehr Relativsätze anschließt, so stehn doch diese Sätze als
-Bauglieder innerhalb des Satzgefüges parallel zueinander, etwa so:
-
- Erster Relativsatz
- ----------------------
- Hauptsatz /
- -----------------
- \ Zweiter Relativsatz
- ----------------------
-
-Wie kann man da auf den Gedanken kommen, diese beiden parallelstehenden
-Sätze verschieden anknüpfen zu wollen! Das natürliche ist es doch,
-parallellaufende Sätze auch gleichmäßig anzuknüpfen, ja es ist das
-geradezu notwendig, die Abwechslung stört nur und führt irre. Wenn
-ich erst +der+ lese und im nächsten Satze +welcher+, so suche ich
-unwillkürlich bei dem wechselnden Pronomen auch nach dem wechselnden
-Hauptwort und sehe zu spät, daß ich genarrt bin. Mit der vermeintlichen
-Schönheitsregel ist es also nichts; auch sie ist nur ein Erzeugnis
-der abergläubischen Furcht, kurz hintereinander zweimal dasselbe
-Wort -- geschrieben zu sehen. Die vernünftige Regel heißt: Parallele
-Relativsätze müssen mit demselben Relativpronomen beginnen, also alle
-mit +der+, +die+, +das+. Es gibt viele Talente, +die+ vielleicht nie
-selbständig etwas erfinden werden, +die+ man daher auf der Akademie
-zwecklos mit Kompositionsaufgaben plagt, +die+ aber beweglich genug
-sind, das in der Kopierschule erlernte frei umzubilden -- das ist gutes
-Deutsch. +Welcher+, +welche+, +welches+ ist auch hier ganz entbehrlich.
-
-Etwas andres ist es, wenn auf einen Relativsatz ein zweiter folgt, der
-sich an ein neues Hauptwort in dem ersten Relativsatz anschließt, etwa
-so:
-
- Hauptsatz
- -----------
- \ Erster Relativsatz
- ------------------------
- \ Zweiter Relativsatz.
- -----------------------
-
-Da wechselt die Beziehung, und da hat es etwas für sich, auch
-das Pronomen wechseln zu lassen; die Abwechslung kann da sogar
-die richtige Auffassung erleichtern und beschleunigen, wie in
-folgenden Sätzen: +Klaviere+, +die+ den +Anforderungen+ entsprechen,
-+welche+ in Tropengegenden an sie gestellt werden -- +Gesetze+, die
-bestimmte +Organisationen+ zum Gegenstande haben, +welche+ nur bei
-der katholischen Kirche vorkommen -- die +Bühnen+, +die+ mit einer
-ständigen Schar von +Freunden+ rechnen können, +welche+ mit liebevollem
-Interesse ihrer Entwicklung folgen -- +Verbesserungen+, +die+ der
-Dichter der +dritten Ausgabe+ seiner Gedichte zu geben beabsichtigte,
-+welche+ er leider nicht mehr erlebte -- Amerika zerfällt in zwei
-+Hälften+, die nur durch eine verhältnismäßig schwache +Brücke+
-zusammenhängen, +welche+ sich nicht zu einem Handelsweg eignet -- in
-dem +Pakt+, +den+ Faust mit dem +Geiste+ der Verneinung schließt,
-+welcher+ sich als der Zwillingsbruder des Todes bekennt -- es fehlte
-bisher an einer +Darstellung+, +die+ allen +Anforderungen+ entsprochen
-hätte, +welche+ an Kunstblätter von nationaler Bedeutung zu stellen
-sind -- es gelang uns, in Beziehung zu den +Stämmen+ zu treten, +die+
-die +Artikel+ produzieren, +welche+ unsern Kaufleuten zugehen, und
-+die+ zugleich ein weites Absatzgebiet für unsre Industrie bieten.
-Dabei empfiehlt sich übrigens (aus rhythmischen Gründen, der Steigerung
-wegen), +der+ immer an die erste, +welcher+ an die zweite Stelle zu
-bringen, nicht umgekehrt! Aber unbedingt nötig ist der Wechsel auch
-hier nicht.
-
-
-Welch letzterer und welcher letztere
-
-An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit
-der so beliebten Verbindung: +welcher letztere+. Auf die häßliche
-unorganische Bildung +ersterer+ und +letzterer+ -- eine komparativische
-Weiterbildung eines Superlativs! -- soll dabei gar kein Gewicht gelegt
-werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in
-allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal
-das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein
-bringt, es wollte jemand der +größtere+, der +kleinstere+, der
-+bestere+, der +schönstere+ bilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische
-Anwendung.
-
-Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf
-eine Reihe von Hauptwörtern, zwei, drei, vier oder mehr folgt, so
-ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied
-angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann,
-also nicht so:
-
- Erstes Hauptwort
- ------------------
- Zweites Hauptwort
- ------------------
- Drittes Hauptwort
- ------------------
- \ Relativsatz
- --------------
-
-sondern so:
-
- Erstes Hauptwort
- -------------------
- Zweites Hauptwort \ Relativsatz.
- ---------------------------------------
- Drittes Hauptwort /
- -------------------
-
-Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel
-zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen.
-Es kann also nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller, +der+, sondern
-nur: Lessing, Goethe und Schiller, +die+. Das fühlt auch jeder ohne
-weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei,
-vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das zuletzt genannte noch etwas
-näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßes +welcher+ -- das
-fühlt jeder -- ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aber +welcher
-letztere+ oder +welch letzterer+ -- das rettet! Also: das Bild stellt
-Johannes den Täufer und den Christusknaben dar, +welch letzterer+ von
-dem Täufer in die Welt eingeführt wird -- einen Hauptartikel des Landes
-bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch,
-+welch letzteres+ allerdings dem niederländischen nachstand -- er war
-Regent der weimarischen, gothaischen und altenburgischen Lande, +welche
-letztern+ ihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen -- die Summe des
-Intellektuellen im Menschen setzt sich zusammen aus Geist, Bildung
-und Kenntnissen, +welchen letztern+ auch die Vorstellungen zugezählt
-werden dürfen -- es gibt von dem Bilde schwarze und braune Abdrücke,
-+welch letztere+ aber erst 1784 erschienen sind -- den Schluß bildet
-der Jahresbericht und das Mitgliederverzeichnis, +welch letzteres+ eine
-große Anzahl neuer Namen enthält -- der Neger überflügelt zuerst seine
-Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen,
-für +welch letztere+ seine Begabung erstaunlich ist.
-
-Dieses +letztere+ ist ein bequemes, aber sehr häßliches
-Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht
-dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem
-man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den
-Täufer dar und den +Christusknaben+, +der+ usw., oder indem man statt
-des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort
-wiederholt wird.
-
-Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft, +welch letzterer+
-selbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum
-vorhergeht, eine falsche Beziehung also ganz unmöglich ist, z. B.:
-der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet, +welch letztere+ ihn
-schon seit längerer Zeit hat -- der Urkunde ist die durch den Bischof
-von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben, +welche letztere+
-aber nichts besondres enthält -- den gesetzlichen Bestimmungen gemäß
-scheiden vier Mitglieder aus, +welch letztere+ aber wieder wählbar
-sind -- die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach dem
-+Gesetz, welch letzteres+ sie selten kennt -- überall wechseln üppige
-Wiesengründe mit stattlichen Waldungen, +welch letztere+ namentlich die
-Bergkuppen und Hänge bedecken -- der König nahm in dem +Wagen+ Platz,
-+welch letzterer+ aber schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt.
-Welch eine Schwulst! Vier Silben, wo drei Buchstaben genügen!
-
-
-Relativsätze an Attributen
-
-Sehr vorsichtig muß man damit sein, einen Relativsatz hinter ein
-Hauptwort zu stellen, das ein Attribut mit einem zweiten Hauptworte
-(am häufigsten als abhängigen Genitiv) bei sich hat. Jedes der beiden
-Hauptwörter, das erste so gut wie das zweite, kann einen Relativsatz zu
-sich nehmen; es kommt nur darauf an, welches von beiden den Ton hat.
-Beide zugleich sind nie betont, entweder hat das tragende den Ton, oder
-das getragne, das im Attribut steht. Welches von beiden betont ist,
-ergibt sich gewöhnlich sofort aus dem Zusammenhange. Nur an das betonte
-Hauptwort aber kann sich der Relativsatz anschließen.
-
-Es ist also nichts einzuwenden gegen Verbindungen wie folgende:
-mit zehn Jahren wurde ich in die unterste Klasse +der Kreuzschule+
-aufgenommen, +der ich+ dann acht Jahre lang als Schüler angehörte
--- bezeichnend ist sein Verhältnis +zum Gelde, das+ er stets wie
-ein armer Mann behandelte. In diesen Fällen ist das Hauptwort des
-Attributs betont, der Relativsatz schließt sich also richtig an.
-Ob man nicht trotzdem solche Verbindungen lieber meiden sollte,
-namentlich dann, wenn die beiden Hauptwörter gleiches Geschlecht haben,
-ist eine Frage für sich. Vorsicht ist auch hier zu empfehlen, ein
-Mißverständnis manchmal nicht ausgeschlossen. Unbedingt falsch dagegen
-ist folgender Satz: auch warne ich vor einer bravourmäßigen Auffassung
-der +zweiten Variation, die+ dort gar nicht am Platze ist. Es ist von
-den Variationen in einer Beethovenschen Sonate die Rede; die erste
-Variation ist besprochen, nun kommt die zweite an die Reihe. Da ist es
-klar, daß der Relativsatz nur heißen kann: +die+ eine solche (nämlich
-eine bravourmäßige Behandlung) gar nicht verträgt.
-
-Viel öfter kommt aber nun der umgekehrte Fehler vor: daß ein
-Relativsatz an das zweite Hauptwort angeschlossen wird, obwohl das
-erste den Ton hat. In den meisten Fällen -- das ist das Natürliche
-in jeder logisch fortschreitenden Darstellung -- wird das neu
-Hinzugekommne, das Unterscheidende, also das zu Betonende in dem
-tragenden Hauptworte liegen, nicht in dem Attribut. Wenn trotzdem
-an das Attribut ein Relativsatz gehängt wird, so entstehen störende
-Verbindungen wie folgende: der +Dichter+ dieses Weihnachtsscherzes,
-+der+ vortrefflich inszeniert war -- der +Empfang+ des Fürsten, +der+
-um sieben Uhr eintraf -- der +Tod+ des trefflichen Mannes, +der+
-eine zahlreiche Familie hinterläßt -- der +Appetit+ des Kranken,
-+der+ allerdings nur flüssige Nahrungsmittel zu sich nehmen darf --
-der +linke+ Arm des Verschwundnen, +der+ sich vermutlich herumtreibt
--- Flüchtigkeiten erklären sich aus dem +körperlichen Zustande+ des
-Verfassers, +dem+ es nicht vergönnt war, die letzte Hand an sein Werk
-zu legen -- die folgenden Radierungen tragen schon den +Namen+ des
-Künstlers, +der+ inzwischen auch mehrere Bildnisse gemalt hatte -- um
-den +neuen Lorbeer+ unsers Freundes, +der+ einen so tiefen Blick in
-das Leben getan hat, mit Champagner zu begießen -- eine +Beschränkung+
-der Korrekturlast, +die+ wissenschaftlich gebildete Männer täglich
-stundenlang bei mechanischer Arbeit festhält -- die +Hochzeitstorte+
-der Prinzessin, +die+ einen Untertanen, den Herzog von Fife heiratete
--- die +Glanznummer+ der Wahrsagerin, +die+ noch eine ziemlich junge
-Frau ist -- nun wurde das +Dach+ des Schlosses gerichtet, +das+ man in
-wenigen Jahren zu beziehen hoffte. Bei oberflächlicher Betrachtung wird
-mancher meinen, das Störende in diesen Verbindungen liege nur darin,
-daß die beiden Hauptwörter dasselbe Geschlecht haben, und deshalb eine
-falsche Beziehung des Relativsatzes möglich ist. Das ist aber nicht
-der Fall: es sind auch solche Verbindungen nicht gut wie: +das letzte
-Werk+ des russischen Erzählers, +der+ es seiner Freundin Viardot in die
-Feder diktierte -- die +lichtvollen Ausführungen+ des Redners, +der+
-durch seinen Eifer für die Sache der evangelischen Vereine bekannt ist
--- weist nicht der +Ursprung+ des Gewissens, +das+ ein unveräußerliches
-Erbteil des Menschen ist, auf eine höhere Macht hin? Für wen der
-Satzbau etwas mehr ist als ein bloßes äußerliches Zusammenleimen, der
-wird auch solche Verbindungen meiden.
-
-Oft sind solche falsch angeschlossene Relativsätze nicht bloß dynamisch
-anstößig (der Betonung wegen), sondern auch logisch; sie enthalten
-Gedanken, die überhaupt nicht in Relativsätze gehören, beiläufige
-Bemerkungen, zu denen man sich das beliebte „übrigens“ hinzudenken
-soll, oder Parenthesen, die eigentlich in Hauptsätzen stehen
-sollten. Da greifen nun auch hier wieder viele, um Mißverständnissen
-vorzubeugen, zu dem bequemen Auskunftsmittel +welcher letztere+ und
-schreiben: die übermäßigen +Aufgaben+ der +Schauspieler+, +welch
-letztere+ an einzelnen Tagen dreimal aufzutreten haben -- diese
-ausgezeichnete +Landschaftsstudie+ aus dem Garten der +Villa Medici+,
-+welch letztere+ der Künstler eine Zeit lang bewohnte -- er mußte sich
-mit dem +Anblick+ des +Waschschwamms+ begnügen, +welch letzterer+ am
-Fenster in der Sonne trocknete -- eine größere Reihe von +Abbildungen+
-kirchlicher +Gegenstände+, +welch letztere+ einst im Besitz der
-Michaeliskirche waren -- +die Freunde+ der zum Heere einberufnen
-+Studenten+, +welch letztern+ dieser Aufruf nicht zu Gesichte kommt
-usw. Ein schwächliches Mittel. Eine Geschmacklosigkeit soll dazu
-dienen, einen Fehler zu verbergen!
-
-
-Einer der schwierigsten, der oder die?
-
-Oft wird an einen Genitiv der Mehrzahl, der von dem Zahlwort +einer+,
-+eine+, +eins+ abhängt, ein Relativsatz angeschlossen, aber gewöhnlich
-in folgender falschen Weise: ich würde das für +einen+ der härtesten
-+Unfälle+ halten, +der+ je das Menschengeschlecht +betroffen hat+ --
-Leipzig ist +eine+ der wenigen +Großstädte+, in +der+ eine solche
-Einrichtung noch nicht besteht -- das Buch ist +eine+ der schönsten
-+Kriminalgeschichten+, +die+ je geschrieben +worden ist+ -- das
-Denkmal ist +eins+ der +schönsten+, +das+ bis jetzt ans Tageslicht
-gebracht +worden ist+ -- Klopstock ist +einer+ der +ersten+, +der+
-die Nachahmung des Franzosentums +verwirft+. In solchen Sätzen ist
-das +einer+, +eine+, +eins+ völlig tonlos, es ist wie ein bloßer
-Henkel für den abhängigen Genitiv, und dieser Genitiv hat den Ton.
-Es ist aber auch ein logischer Fehler, den Relativsatz an +einer+
-anzuschließen; denn der Inhalt des Relativsatzes gilt doch nicht bloß
-von dem einen, aus der Menge herausgehobnen, sondern von allen, aus
-denen das eine herausgehoben wird. Es kann also nur heißen: +einer+
-der härtesten +Unfälle+, +die+ je das Menschengeschlecht betroffen
-+haben+ -- +eine+ der wenigen +Großstädte+, +in denen+ (besser
-+wo+) eine solche Einrichtung noch nicht besteht usw. Nur scheinbar
-vermieden wird der Fehler, wenn jemand schreibt: er war +ein+ durch
-und durch +norddeutscher Charakter+, +der+ nur die Pflicht kennt;
-denn hier bezeichnet +ein+ die ganze Klasse, und +der+ geht auf den
-Einzelnen. Auch hier muß es heißen: er war +einer+ jener +norddeutschen
-Charaktere+, +die+ nur die Pflicht kennen.[65]
-
-
-Falsch fortgesetzte Relativsätze
-
-Ein gemeiner Fehler, dem man in Relativsätzen unendlich oft begegnet,
-ist der, daß an einen Relativsatz ein zweiter Satz mit +und+,
-+aber+, +jedoch+ angeknüpft wird, worin aus dem Relativ in das
-Demonstrativ oder in das Personalpronomen gesprungen oder sonstwie
-schludrig fortgefahren wird, z. B. eine Schrift, +die+ er auf
-seine Kosten drucken ließ +und sie+ umsonst unter seinen Anhängern
-austeilte -- Redensarten, +die+ der Schriftsteller vermeidet, +sie
-jedoch+ dem Leser beliebig einzuschalten überläßt -- die vielen
-Fische, +die+ er bisweilen selbst füttert +und ihnen+ zuschaut,
-wenn sie nach den Krumen schnappen -- ein Bauer, mit +dem+ ich über
-Feuerversicherungsgesellschaften sprach +und ihm+ meine Bewundrung
-dieser trefflichen Einrichtung ausdrückte -- am Schlusse gab Herr W.
-Erläuterungen über die Vorzüge der Neuklaviatur, +welch letztere+ (!)
-übrigens in der hiesigen Akademie für Tonkunst bereits eingeführt ist
-+und+ der Unterricht +auf derselben+ (!) mit bestem Erfolge betrieben
-wird (das richtige Dummejungendeutsch!) -- der Künstler, +der+ dem
-Männergesang zu jener hohen Stelle verhalf und +dieser ihm+ die
-gewaltige Bedeutung verdankte, die er heute einnimmt (ebenso!) -- eine
-übermächtige Verbindung, +welcher+ der Herzog schnell mürbe gemacht
-wich +und+ sich zu einer Landesteilung herbeiließ -- dieser Kranke, +an
-den+ ich seit zwanzig Jahren gekettet war +und+ nicht aufatmen durfte
--- er entwendete verschiedne Kleidungsstücke, +die+ er zu Gelde machte
-+und+ sich +dann+ heimlich von hier entfernte -- sie erhielt Saalfeld,
-+wo+ sie 1492 starb +und+ in +Weimar+ begraben wurde -- die +Seuche+,
-+an der+ zahlreiche Schweine zugrunde gehen +und dann+ noch verwendet
-werden -- es geht das aus dem Testament hervor, +das+ ich abschriftlich
-beifüge +und+ von fernern Nachforschungen absehen zu können glaube --
-ein +Augenblick+, +den+ der Verhaftete benutzte, um zu entweichen,
-+und+ bis zur Stunde noch nicht wieder aufgefunden worden ist.
-
-Es ist klar, daß durch +und+ nur gleichartige Nebensätze verbunden
-werden können. Geht also ein Relativsatz voraus, so muß auch ein
-Relativsatz folgen; die Kraft der relativen Verknüpfung wirkt über das
-+und+ hinaus fort. In den ersten Beispielen muß es also einfach heißen:
-+und+ umsonst austeilte --, +jedoch+ einzuschalten überläßt --, in den
-folgenden: +und denen+ er zuschaut, +und dem+ ich meine Bewundrung
-ausdrückte. In den letzten Beispielen ist der Anschluß eines zweiten
-Relativsatzes überhaupt unmöglich, weil der Begriff, der im Relativ
-erscheinen müßte, in dem zweiten Satze gar nicht wiederkehrt; es kann
-höchstens heißen: +worauf+ er sich entfernte -- +sodaß+ ich absehen zu
-können glaube.
-
-Steht das Pronomen der Relativsätze im Genitiv, so ist es ein beliebter
-Fehler, in dem zweiten Relativsatz, obwohl das Subjekt dasselbe bleibt,
-dieses Subjekt durch ein Relativpronomen zu wiederholen, z. B.: der
-+Kaiser+, +dessen Interesse+ für alle Zweige der Technik bekannt ist,
-+und das+ gerade bei der Berliner Ausstellung wieder klar zutage tritt
--- das +Sprachgewissen+, +dessen Stimme+ sich nicht überhören läßt,
-die sich vielmehr geltend macht bei allem, was wir lesen und schreiben.
-Ein ebenso beliebtes Gegenstück dazu ist es dann, einen zweiten
-Relativsatz, der dem ersten untergeordnet ist, mit +und+ anzuknüpfen,
-z. B.: eine +Ehe+, vor +deren+ Sündhaftigkeit sie ein wahres +Grauen+
-hat, +und das+ sie doch allmählich überwinden muß -- er war im Frühling
-geboren, +dessen Blumen+ ihm stets so lieb blieben, +und die+ er so
-gern im Knopfloch trug -- er sollte ihr ein Wort ins Ohr flüstern,
-von +deren Antlitz+ sein Herz geträumt hatte, +und von dem+ es sich
-nicht abwenden konnte. In den ersten beiden Sätzen muß das zweite
-Relativpronomen weichen, in den drei letzten das +und+; der letzte Satz
-bleibt freilich auch dann noch Unsinn.
-
-Ein abscheulicher Fehler ist es, wenn man zwei Relativsätze
-miteinander verbindet, ohne das Relativum zu wiederholen, obwohl
-das Relativpronomen in dem einen der beiden Sätze Objekt, in dem
-andern Subjekt ist, der eine also mit dem Akkusativ, der andre mit
-dem Nominativ anfängt, z. B.: ein paar +Kopien+, +die ich+ schon
-+vorfand+ und mir viel Freude +machen+ -- +die Festschrift+, +die+
-Georg Bötticher +verfaßt hat+ und von Kleinmichel mit Schildereien
-+versehen worden ist+. -- Dieser Fehler gehört unter die zahlreichen
-Sprachdummheiten, die dadurch entstehen, daß man ein Wort nicht als
-etwas lebendiges, sinn- und inhaltvolles, sondern bloß als eine
-Reihe von Buchstaben ansieht, also -- durch die Papiersprache. Ob
-diese Buchstabenreihe das einemal Akkusativ, das andremal Nominativ
-ist, ist dem Papiermenschen ganz gleichgiltig. Schreibt doch eine
-Memoirenerzählerin sogar: +Natur+ und +Kunst lernten wir+ lieben und
-+wurden+ in unserm Hause gepflegt!
-
-
-Relativsatz statt eines Hauptsatzes
-
-Ein schlimmer Fehler endlich, der sehr oft begangen wird, ist es, wenn
-ein Relativsatz gebildet wird, wo gar kein Relativsatz hingehört,
-sondern entweder eine andre Art von Nebensatz oder -- ein Hauptsatz.
-Wenn jemand schreibt: Harkort erfreute sich des Rufes +eines bewährten
-Geschäftsmannes+, der als Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn
-rastlose Energie an den Tag gelegt hatte -- so ist klar, daß der
-Relativsatz keine Eigenschaft eines bewährten Geschäftsmannes angibt,
-sondern den Grund, weshalb Harkort in diesen Ruf kam; es muß also
-heißen: +da er+ als Mitbegründer usw. Wenn jemand schreibt: das Steigen
-des Flusses erschwerte +die Arbeiten+, +die+ mit größter Anstrengung
-ausgeführt wurden -- so ist klar, daß der Relativsatz keine Eigenschaft
-der Arbeiten angibt, sondern eine Folge davon, daß der Fluß steigt;
-es muß also heißen: +sodaß+ sie nur mit größter Anstrengung usw. Nun
-vollends: machen Sie +einen Versuch+ mit dem Werke, der Sie voll
-befriedigen wird -- kein Mittel vertreibt +den Geruch+, der wohl
-schwächer wird, aber immer bemerklich bleibt -- das ersehnte Glück
-fand er in +dieser Verbindung+ nicht, +die+ nach drei Jahren wieder
-gelöst wurde -- wie im Fluge verbreitete sich die Trauerkunde unter
-+den Vereinsmitgliedern+, +die+ dem teuern Genossen vollzählig das
-letzte Geleit gaben -- er widmete sich dem juristischen Studium ohne
-+innern Drang+, +der+ ihn zur Literatur und Geschichte führte -- jedes
-+Konzert+, +das+ er nie versäumte, war ihm ein Hochgenuß -- solche
-Sätze erscheinen wohl äußerlich in der Gestalt von Relativsätzen,
-ihrem Inhalte nach aber sind es Hauptsätze. Es muß heißen: kein Mittel
-vertreibt den Geruch; er wird wohl schwächer, bleibt aber immer
-bemerklich -- das ersehnte Glück fand er in dieser Verbindung nicht;
-sie wurde nach drei Jahren wieder gelöst. Noch fehlerhafter sind
-folgende Sätze: die Meister sind das +Ein und Alles+ der Kunst, +die+
-in ihren Werken und sonst nirgends niedergelegt und beschlossen ist --
-oder gar: +das Honorar+ beträgt jährlich 360 +Mark+, +welches+ (!) in
-drei Terminen zu entrichten ist. Hier ist der Relativsatz nicht bloß an
-das falsche Wort angeschlossen, sondern logisch falsch: er muß in einen
-Hauptsatz verwandelt werden.
-
-
-Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar
-
-Verhältnismäßig wenig Fehler kommen in den Nebensätzen vor, die
-eine Zeitbestimmung, einen Grund oder ein Zugeständnis enthalten
-(Temporalsätze, Kausalsätze, Konzessivsätze). In den Kausalsätzen ist
-vor allem vor einem Mißbrauch des Fügewortes +nachdem+ zu warnen.
-+Nachdem+ kann nur Temporalsätze anfangen. Es ist zwar schon früh auch
-auf das kausale Gebiet übertragen worden (wie +weil+ und +da+, die
-ja auch ursprünglich temporal und lokal sind); gegenwärtig aber ist
-das nur noch in Österreich üblich. +Nachdem+ der Kaiser keine weitere
-Verwendung für seine Dienste +hat+ -- +nachdem+ für die Anschaffung nur
-unbedeutende Kosten erwachsen -- +nachdem+ bei günstigem Wasserstande
-+sich+ die Verladungen lebhaft +entwickeln werden+ -- solche Sätze
-erscheinen als auffällige Provinzialismen. Falsch ist es aber auch,
-+nachdem+ in Temporalsätzen mit dem Imperfekt zu verbinden, z. B. der
-Grund, warum Lasalle, +nachdem+ seine Lebensarbeit +zerbrach+, doch
-immer deutlicher als historische Persönlichkeit hervortritt. +Nachdem+
-kann nur mit dem Perfekt oder dem Plusquamperfekt verbunden werden.
-
-Ein andrer Fehler, der jetzt in Kausalsätzen fort und fort begangen
-wird, ist der, hinter +zumal+ das Fügewort +da+ wegzulassen, als ob
-+zumal+ selber das Fügewort wäre, z. B.: der Zuziehung von Fachmännern
-wird es nicht bedürfen, +zumal+ in der Literatur einschlägige
-Werke genug vorhanden sind. +Zumal+ ist kein Fügewort, sondern ein
-Adverb, es bedeutet ungefähr dasselbe wie +besonders+, +namentlich+,
-+hauptsächlich+, hat aber noch eine feine Nebenfarbe, insofern
-es, ähnlich wie +vollends+, nicht bloß die Hervorhebung aus dem
-allgemeinen, sondern zugleich eine Steigerung ausdrückt; der Inhalt
-des Hauptsatzes wird, wenn sich ein Nebensatz mit +zumal+ anschließt,
-beinahe als etwas selbstverständliches hingestellt. Soll nun, wie es
-sehr oft geschieht, der in einem Nebensatz ausgedrückte Gedanke in
-dieser Weise hervorgehoben werden, so muß +zumal+ einfach davortreten,
-sodaß der Nebensatz nun beginnt: +zumal wer+, +zumal wo+, +zumal als+,
-+zumal wenn+, +zumal weil+, +zumal da+, je nachdem es ein Relativsatz,
-ein Temporalsatz, ein Bedingungssatz oder ein Kausalsatz ist, z. B.:
-das wäre die heilige Aufgabe der Kunst, +zumal seit+ sie bei den
-Gebildeten zugleich die Religion vertreten soll. So wenig nun jemand
-hinter +zumal+ das +wer+, +wo+, +wann+ oder +als+ weglassen wird, so
-wenig hat es eine Berechtigung, das +da+ oder +weil+ wegzulassen, und
-es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: diese Maßregel erbitterte
-die Evangelischen, +zumal+ sie hörten -- schließlich ließ sich die
-Angelegenheit nicht länger aufschieben, +zumal+ sich die Aussicht
-eröffnete usw. Leider ist diese Nachlässigkeit schon so beliebt
-geworden, daß man bald wird lehren müssen: +zumal+ ist ein Adverb, aber
-zugleich ist es ein Fügewort, das Kausalsätze anfängt.
-
-Ähnlich wie mit +zumal+ steht es mit +trotzdem+; auch das möchte man
-jetzt mit aller Gewalt zum Fügewort pressen. Aber auch das hat keine
-Berechtigung. Auch +trotzdem+ ist ein Adverb, es bedeutet dasselbe wie
-+dennoch+; soll es zur Bildung eines Konzessivsatzes dienen, so muß
-es mit +daß+ verbunden werden. Zu schreiben, wie es jetzt geschieht:
-+trotzdem+ Camerarius den Aufgeklärten spielte -- +trotzdem+ die
-Arbeiten im Innern des Hauses noch nicht beendigt sind -- +trotzdem+ es
-an Festlichkeiten nicht mangelte -- ist ebenfalls eine Nachlässigkeit.
-Wir haben zur Bildung von Konzessivsätzen eine Fülle von Fügewörtern:
-+obgleich+, +obwohl+, +obschon+, +wenngleich+, +wenn auch+. Kennt
-man die gar nicht mehr, daß man sie jetzt alle dem fehlerhaften
-+trotzdem+ zuliebe verschmäht? Sie sind wohl zu weich, zu geschmeidig,
-zu verbindlich, nicht wahr? +Trotzdem+ ist gröber, „schneidiger“,
-trotziger, darum gefällts den Leuten.
-
-Freilich sind alle unsre Fügewörter früher einmal Adverbia gewesen.
-Auch +indem+, +seitdem+, +nachdem+, +solange+, +sooft+, +nun+ (+nun+
-die schreckliche Seuche glücklich erloschen ist) wurden zur Bildung von
-Nebensätzen anfangs gewöhnlich mit einem Fügewort gebraucht (+indem
-daß+, +solange als+). Aber warum soll man nicht einen Unterschied
-bewahren, solange das Bedürfnis darnach noch von vielen empfunden wird?
-Wer sorgfältig schreiben will, wird sich auch nicht mit +insofern+
-begnügen, wenn er +insofern als+ meint.
-
-Eine österreichische Eigentümlichkeit ist es, Konzessivsätze mit
-+obzwar+ anzufangen. In der guten Schriftsprache ist das, wie alle
-Austriazismen, unausstehlich.
-
-
-Mißbrauch des Bedingungssatzes
-
-Das temporale Fügewort +während+, das zunächst zwei Vorgänge als
-gleichzeitig hinstellt, kommt auf sehr leichte und natürliche Weise
-dazu, zwei Handlungen einander entgegenzusetzen. Den Übergang sieht man
-an einem Satze wie folgendem: +während+ ihr euerm Vergnügen nachgingt,
-habe ich gearbeitet; das Fügewort kann hier noch rein temporal
-aufgefaßt werden, hat aber schon einen Beigeschmack vom Adversativen.
-Man muß aber in der Anwendung dieser adversativen Bedeutung sehr
-vorsichtig sein, sonst kommt man leicht zu so lächerlichen Sätzen wie:
-+während+ Herr W. die Phantasie von Vieuxtemps für Violine vortrug,
-blies Herr L. ein Nocturno für Flöte von Köhler -- der Minister
-besuchte gestern (!) die Schulen zu Marienthal und Leubnitz, +während+
-er heute (!) die Besuche in den hiesigen Schulanstalten fortsetzte --
-König Albert brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, +während+ der Kaiser
-ihm dafür dankte.
-
-Geradezu ein Unfug aber ist es, Bedingungssätze in adversativem
-Sinne zu verwenden. Es scheint das aber jetzt für eine ganz besondre
-Feinheit zu gelten. Man schreibt: +wenn+ bei vielen niedrigen Völkern
-die Priester als Träger höherer Bildung zu betrachten sind, +so+ ist
-das bei den Ephenegern nicht der Fall -- +wenn+ Adelung die Sprache
-hauptsächlich als Verständigungsmittel behandelt wissen wollte, +so+
-forderte Herder eine individuelle, schöpferische Empfindungssprache.
-Auch vergleichende Nebensätze werden schon, anstatt mit +wie+, mit
-+wenn+ gebildet: +wenn+ Indien die Geschichte der Philosophie ~in nuce~
-enthält, +so+ ist es an Materialien für die Geschichte der Religion
-gewiß reicher als ein andres Land -- +wenn+ bei uns vielfach über
-den Niedergang des politischen Lebens geklagt wird, +so+ ist auch in
-Amerika, wo das politische Leben schon bisher nicht sehr hoch stand,
-ein solcher Niedergang bemerkbar -- +wenn+ der Verein schon immer
-bestrebt war, die reichen Kunstschätze Freibergs zu heben, +so+ ist
-das in besonderm Maße in dem vorliegenden Hefte gelungen -- +war+ das
-Handpressenverfahren ungeeignet, +so+ konnte das Typendruckverfahren
-hinsichtlich der Güte nicht genügen -- +war+ das Haus damals recht
-unbehaglich, +so+ machten sich auch nach dem Umbau Übelstände
-bemerklich. Ebenso Kausalsätze: +wenn+ die Macht der Sozialdemokratie
-in der Organisation liegt, +so+ müssen wir uns eben auch organisieren.
-Ebenso Konzessivsätze: +wenn+ die gestellte Aufgabe sich +zwar+ (aha!)
-zunächst nur auf die Untersuchung der Goldlagerstellen bezog, +so+
-war es +doch+ nötig, auch andre Minerale in den Kreis der Betrachtung
-zu ziehen. Sogar wo einfach zwei Hauptsätze am Platze wären, kommt
-man mit diesem +wenn+ angerückt: +wenn+ mein Herr Amtsvorgänger vorm
-Jahre viel gutes wünschte, +so+ sind diese Wünsche nicht vergeblich
-gewesen -- +wenn+ im frühern Mittelalter die meisten Häuser einfache
-Holzhäuser gewesen waren, +so+ ist man erst später aus diesem Zustande
-herausgekommen. Welcher Unsinn!
-
-Wenn diese Art, sich auszudrücken, weitere Fortschritte macht, so kann
-es noch dahin kommen, daß der Bedingungssatz alle andern Arten von
-Fügewortsätzen nach und nach auffrißt.
-
-
-Unterdrückung des Hilfszeitworts
-
-Sehr verschieden sind merkwürdigerweise von jeher die Ansichten gewesen
-über den Gebrauch, das Hilfszeitwort und (was gleich damit verbunden
-werden kann) die sogenannte Kopula in Nebensätzen wegzulassen, also
-zu schreiben: der Bischof war bestrebt, von dem Einfluß, den er
-früher in der Stadt +besessen+ (nämlich +hatte+), möglichst viel
-zurückzugewinnen, der Rat dagegen trachtete, die wenigen Rechte, die
-ihm noch +geblieben+ (nämlich +waren+), immer mehr zu beschränken
--- die Wirkung der Mühlen würde noch erhöht, wenn sie beständig von
-Luft +durchstrichen+ (nämlich +würden+) -- seine Briefe blieben
-frei von Manier, während +sich+ in seine spätern Werke etwas davon
-+eingeschlichen+ (nämlich +hat+) -- die Pallas trug einst einen Helm,
-wie aus der oben abgeplatteten Form des Kopfes zu +erkennen+ (nämlich
-+ist+) -- eine Vorstellung wird um so leichter aufgenommen, je
-+einfacher+ ihr sprachlicher Ausdruck (nämlich +ist+) -- der Ursachen
-sind mehrere, wenn sie auch sämtlich auf eine Wurzel +zurückzuführen+
-(nämlich +sind+) -- verwundert fragt man, ob denn die Krankheit
-wirklich so gefährlich, das Übel gar so heillos +geworden+ (+ist+?
-+sei+?) -- so lautet das Schlagwort, womit das ideale Werk +begonnen+
-(+ist+? +hat+?) -- sogar: die Lukaspassion kann nicht, wie allgemein
-+behauptet+ (nämlich +wird+), von Bach geschrieben sein.
-
-Dieser Gebrauch hat eine ungeheure Verbreitung, viele halten ihn
-offenbar für eine ganz besondre Schönheit. Manche Romanschriftsteller
-schreiben gar nicht anders; aber auch in wissenschaftlichen,
-namentlich in Geschichtswerken geschieht es fort und fort. Ja es muß
-hie und da geradezu in Schulen gelehrt werden, daß dieses Abwerfen
-des Hilfszeitworts eine Zierde der Sprache sei. Wenigstens war
-einmal in einem Aufsatz einer Unterrichtszeitschrift verächtlich vom
-„Hattewarstil“ die Rede; der Verfasser meinte damit die pedantische
-Korrektheit, die das +hatte+ und +war+ nicht opfern will. Von
-ältern Schriftstellern liebt es namentlich Lessing, aus dessen
-Sprache man sich sonst die Muster zu holen pflegt, das Hilfszeitwort
-wegzulassen, und Jean Paul empfiehlt es geradezu, diese „abscheulichen
-Rattenschwänze der Sprache“ womöglich überall abzuschneiden.
-
-Halten wir uns, wie immer, an die lebendige Sprache. Tatsache ist, daß
-in der unbefangnen Umgangssprache das Hilfszeitwort niemals weggelassen
-wird. Es würde als arge Ziererei empfunden werden, wenn jemand sagte:
-es ist ein ganzes Jahr her, daß wir uns nicht +gesehen+. In der Sprache
-der Dichtung dagegen ist die Unterdrückung des Hilfszeitworts wohl das
-überwiegende. Man denke sich, daß Chamissos Frauenliebe und -leben
-anfinge: seit ich ihn +gesehen habe+, glaub ich blind zu sein! In der
-Prosa kommt es nun sehr auf die Gattung an. In poetisch oder rednerisch
-gehobner Sprache stört es nicht, wenn das Hilfszeitwort zuweilen
-unterdrückt wird; in schlichter Prosa, wie sie die wissenschaftliche
-Darstellung und im allgemeinen doch auch die Erzählung, die historische
-sowohl wie der Roman und die Novelle, erfordert, ist es geradezu
-unerträglich. Wer das bestreitet, hat eben kein Sprachgefühl. Wer sich
-einmal die Mühe nimmt, bei einem Schriftsteller, der das Hilfszeitwort
-mechanisch und aus bloßer Gewohnheit überall wegläßt, nur ein paar
-Druckseiten lang auf diese vermeintliche Schönheit zu achten, der wird
-bald täuschend den Eindruck haben, als ob er durch einen Tiergarten
-ginge, wo lauter unglückselige Bestien mit abgehackten Schwänzen ihres
-Verlustes sich schämend scheu um ihn herumliefen.
-
-Ganz unausstehlich wird das Abwerfen des Hilfszeitworts, wenn das übrig
-bleibende Partizip mit dem Indikativ des Präsens oder des Imperfekts
-gleich lautet, also ohne das Hilfszeitwort die Tempora gar nicht
-voneinander zu unterscheiden sind, z. B.: in unsrer Zeit, wo der Luxus
-eine schwindelhafte Höhe +erreicht+ (nämlich +hat+!) -- er ist auch
-dann strafbar, wenn er sich nur an der Tat +beteiligt+ (+hat+!) --
-das, was der Geschichtschreiber gewissenhaft +durchforscht+ (+hat+!)
--- er erinnert sich der Freude, die ihm so mancher gelungne Versuch
-+verursacht+ (+hat+!) -- einer jener Männer, die, nachdem sie in
-hohen Stellungen Eifer und Tatkraft +bewiesen+ (+haben+!), sich einem
-müßigen Genußleben hingeben -- nachdem 1631 Baner die Stadt vergeblich
-+belagert+ (+hatte+!) -- er verteilte die Waffen an die Partei, mit
-der er sich +befreundet+ (+hatte+!) -- ich kam im Herbstregen an, den
-mein Kirchdorf lange +ersehnt+ (+hatte+!) -- er schleuderte über die
-Republik und ihre Behörden den Bannstrahl, weil sie sich an päpstlichem
-Gut +vergriffen+ (+hatten+!) -- du stellst in Abrede, daß Vilmar mit
-dem Buch eine politische Demonstration +beabsichtigt+ (+habe+!). Oder
-wenn es in zwei oder mehr aufeinander folgenden Nebensätzen verschiedne
-Hilfszeitwörter sind, die dadurch verloren gehen, +haben+ und +sein+,
-z. B.: es war ein glücklicher Gedanke, dort, wo einst der deutsche
-Dichterfürst seinen Fuß +hingesetzt+ (nämlich +hat+), auf dem Boden,
-der durch seinen Aufenthalt geschichtlich +geworden+ (nämlich +ist+),
-eine Kuranstalt zu errichten -- wir wissen, auf welchen Widerstand
-einst das Interim +gestoßen+ (+ist+!), und welchen Haß sich Melanchthon
-durch seine Nachgiebigkeit +zugezogen+ (+hat+!) -- da sie das
-Führen der Maschine +unterlassen+ (+hatten+!) und auf den Fußwegen
-+gefahren+ (+waren+!). Oder endlich wenn gar von zwei verschiednen
-Hilfszeitwörtern das erste weggeworfen, das zweite aber gesetzt wird,
-sodaß man dieses nun unwillkürlich mit auf den ersten Satz bezieht,
-z. B.: als ich die Fastnachtsspiele +durchgelesen+ und schließlich zu
-dem Luzerner Neujahrsspiel +gekommen war+ (also auch: +durchgelesen
-war+?) -- seitdem die Philosophie exakt +geworden+, seitdem auch sie
-sich auf die Beobachtung und Sammlung von Phänomenen +verlegt hat+
-(also auch: +geworden hat+?) -- der Verfasser macht Banquo den Vorwurf,
-daß er nicht für die Rechte der Söhne Duncans +eingetreten+, sondern
-Macbeth als König +anerkannt habe+ (also auch: +eingetreten habe+?).
-Wie jemand so etwas schön finden kann, ist unbegreiflich.
-
-Selbst in Fällen, wo der nachfolgende Hauptsatz zufällig mit demselben
-Zeitwort anfängt, mit dem der Nebensatz geschlossen hat, ist das
-Wegwerfen des Hilfszeitworts häßlich, z. B.: soviel +bekannt+ (nämlich
-+ist+), +ist+ der Vorsitzende der Bürgermeister -- wie der Unglückliche
-hierher +gelangt+ (+ist+), +ist+ rätselhaft -- alles, was damit
-gewonnen +worden+ (+war+), +war+ unbedeutend gegen das verlorne -- wer
-diesen Forderungen Genüge +geleistet+ (+hatte+), +hatte+ sich dadurch
-den Anspruch erworben usw. Zwar nehmen auch solche, die im allgemeinen
-für Beibehaltung des Hilfszeitworts sind, hier das Abwerfen in Schutz,
-aber doch nur wieder infolge des weitverbreiteten Aberglaubens, daß ein
-Wort nicht unmittelbar hintereinander oder kurz hintereinander zweimal
-geschrieben werden dürfe. Es ist das eine von den traurigen paar
-stilistischen Schönheitsregeln, die sich im Unterricht von Geschlecht
-zu Geschlecht fortschleppen. Die lebendige Sprache fragt darnach gar
-nichts; da setzt jeder ohne weiteres das Verbum doppelt, und es fällt
-nicht im geringsten auf, kann gar nicht auffallen, weil mit dem ersten
-Verbum, fast tonlos, der Nebensatz ausklingt, mit dem zweiten, nach
-einer kleinen Pause, frisch betont der Hauptsatz anhebt. Sie klingen ja
-beide ganz verschieden, diese Verba, man traue doch nur seinen Ohren
-und lasse sich nicht immer von dem Papiermenschen bange machen!
-
-Nur in einem Falle empfiehlt sichs zuweilen, das Hilfszeitwort auch in
-schlichter Prosa wegzulassen, nämlich dann, wenn in den Nebensatz ein
-zweiter Nebensatz eingeschoben ist, der mit demselben Hilfszeitwort
-endigen würde, z. B.: bis die Periode, für die der Reichstag +gewählt
-worden+, +abgelaufen war+. Hier würden zwei gleiche Satzausgänge
-mit +war+ nicht angenehm wirken. Wo bei Häufung von Nebensätzen der
-Eindruck des Schleppens entsteht, liegt die Schuld niemals an den
-Hilfszeitwörtern, sondern immer an dem ungeschickten Satzbau.
-
-Die Sitte, das Hilfszeitwort in Nebensätzen gewohnheitsmäßig
-abzuwerfen, muß um so mehr als Unsitte bekämpft werden, als sie schon
-einen ganz verhängnisvollen Einfluß auf den richtigen Gebrauch der
-Modi ausgeübt hat. Daß manche Schriftsteller keine Ahnung mehr davon
-haben, wo ein Konjunktiv und wo ein Indikativ hingehört, daß in dem
-Gebrauche der Modi eine geradezu grauenvolle Verwilderung und Verrohung
-eingerissen ist und täglich weitere Fortschritte macht, daran ist
-zum guten Teil die abscheuliche Unsitte schuld, die Hilfszeitwörter
-wegzulassen. Wo soll noch Gefühl für die Kraft und Bedeutung eines
-Modus herkommen, wenn man jedes +ist+, +sei+, +war+, +wäre+, +hat+,
-+habe+, +hatte+, +hätte+ am Ende eines Nebensatzes unterdrückt und
-dem Leser nach Belieben zu ergänzen überläßt? In den meisten Fällen
-ist die Unterdrückung des Hilfszeitwortes nichts als ein bequemes
-Mittel, sein Ungeschick oder seine Unwissenheit zu verbergen. Freilich
-ist es sehr bequem, zu schreiben: daß viele Glieder der ersten
-Christengemeinde arm +gewesen+, ist zweifellos, daß es alle +gewesen+,
-ist sehr zu bezweifeln, oder: wenn man nicht annehmen will, daß ihm
-seine Genialität +geoffenbart+, was andre schon vorher +gefunden+,
-oder: wir bedauerten, daß sie nicht etwas +getan+, was sie in den Augen
-unsrer Gespielen recht groß und mächtig +gemacht+. Hätten die, die
-so geschrieben haben, gewußt, das es heißen muß: daß viele Glieder
-der ersten Christengemeinde arm +gewesen sind+, ist zweifellos, daß
-es alle +gewesen seien+, ist sehr zu bezweifeln -- wenn man nicht
-annehmen will, daß ihm seine Genialität +geoffenbart habe+, was andre
-schon vorher +gefunden hatten+ -- wir bedauerten, daß sie nicht etwas
-+getan hatten+, was sie in den Augen unsrer Gespielen recht groß und
-mächtig +gemacht hätte+ -- so hätten sie es schon geschrieben. Aber
-man weiß eben nichts, und da man seine Unwissenheit durch Hineintappen
-in den falschen Modus nicht verraten möchte, so läßt man einfach das
-Hilfszeitwort weg.
-
-
-Indikativ und Konjunktiv
-
-Sogar in Wunsch- und Absichtssätzen, wo man es kaum für möglich halten
-sollte, wird jetzt statt des Konjunktivs der Indikativ geschrieben!
-Da liest man: es ist zu wünschen, daß die Nation auch künstlerisch
-+zusammensteht+ -- wir wünschen von Herzen, daß das der letzte Fall
-eines solchen Verbrechens gewesen +ist+ -- wir hoffen, daß er sich nach
-längerer Prüfung davon +wird+ überzeugen lassen -- wir wollen alle
-mithelfen, daß es eine gute Ernte +gibt+ -- die staatliche Gewalt hat
-darüber zu wachen, daß der Sittlichkeit kein ernster Schaden zugefügt
-+wird+ -- als deutscher Fabrikant habe ich das lebhafteste Interesse
-daran, daß in deutschen Bureaus mit deutschen Federn geschrieben +wird+
--- wir bitten um Erneuerung des Abonnements, damit die Zusendung keine
-Unterbrechung +erleidet+ -- wir raten ihm, sich an deutsche Quellen zu
-halten, damit er das Deutsche nicht ganz +verlernt+. Die schlimmste
-Verwirrung des Indikativs und des Konjunktivs ist aber in den Subjekt-
-und Objektsätzen (Inhaltsätzen) und in den abhängigen Fragesätzen
-eingerissen. Und doch, wie leicht ist es, bei einigem guten Willen auch
-hier das Richtige zu treffen!
-
-Man vergleiche einmal folgende beiden Sätze: Curtius zeigte seinen
-Fachgenossen, daß er ihnen auch auf dieses Gebiet zu folgen
-+vermöchte+, und: Curtius zeigte seinen Fachgenossen, daß er ihnen
-auch auf dieses Gebiet zu folgen +vermochte+. Was ist der Unterschied?
-In dem ersten Falle lehne ich, der Redende oder Schreibende, ein
-Urteil darüber ab, ob Curtius wirklich seinen Fachgenossen habe folgen
-können, ich gebe nur seine eigne Meinung wieder; im zweiten Falle gebe
-ich selbst ein Urteil ab, ich stimme ihm bei, stelle es als Tatsache
-hin, daß er ihnen habe folgen können. Ein andres Beispiel: die meisten
-Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so war+, und: die
-meisten Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so gewesen
-sei+. Was ist der Unterschied? In dem ersten Falle gebe ich über den
-Trostgrund der Menschen ein Urteil ab, ich stimme ihnen bei, ich stelle
-ihren Trostgrund als richtig, als Tatsache hin; in dem zweiten Falle
-enthalte ich mich jedes Urteils, ich gebe nur die Meinung der Menschen
-wieder. Noch ein Beispiel: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank
-+bin+, und: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank +sei+. Der erste
-Satz bedeutet: ich trage Bedenken, die Tatsache meiner Erkrankung
-einzugestehen; der zweite: ich trage Bedenken, eine Krankheit
-vorzuspiegeln. Da haben wir deutlich den Sinn der beiden Modi.
-
-Darnach ist es klar, weshalb nach Zeitwörtern wie +wissen+, +beweisen+,
-+sehen+, +einsehen+, +begreifen+, +erkennen+, +entdecken+, ebenso
-wie nach den unpersönlichen Redensarten: +es ist bekannt+, +es steht
-fest+, +es ist sicher+, +es ist klar+, +es ist kein Zweifel+, +es ist
-Tatsache+, +es läßt sich nicht leugnen+ usw. der Inhaltsatz stets im
-Indikativ steht. In allen diesen Fällen kann das Subjekt oder Objekt
-nur eine Tatsache sein; welchen Sinn hätte es da, ein Urteil darüber
-abzulehnen? Es ist also ganz richtig, zu sagen: +kann es geleugnet
-werden+, daß die Erziehung des gemeinen Volks eines der wichtigsten
-Mittel +ist+, unsre Person und unser Eigentum zu schützen? Dagegen
-spricht aus folgenden Sätzen eine völlig unverständliche Ängstlichkeit:
-Hamerling hat +bewiesen+, daß man als Atheist ein edler und tüchtiger
-Mensch sein +könne+ -- die Besichtigung der Leiche +ergab+, daß es
-sich um einen Raubmord +handle+ -- schon seit Jahren hatte sich
-+herausgestellt+, daß die Räume unzureichend +seien+ -- als man die
-Kopfhaut entfernte, +sah+ man, daß die Schädeldecke vollständig entzwei
-geschnitten +sei+ -- zu meinem Schrecken +entdeckte+ ich, daß der junge
-Graf nicht einmal orthographisch schreiben +könne+ -- die Sammlung
-tritt sehr bescheiden auf und läßt +keinen Zweifel+ darüber, daß die
-Zeit des Sturms und Dranges vorüber +sei+. Was bewiesen, gesehen,
-entdeckt worden ist, sich ergeben, sich herausgestellt hat, nicht
-bezweifelt werden kann, das müssen doch Tatsachen sein. Weshalb soll
-man sich scheuen, solche Tatsachen anzuerkennen?
-
-Dieser Fehler kommt denn auch verhältnismäßig selten vor. Um so öfter
-wird der entgegengesetzte Fehler begangen, daß nach Zeitwörtern, die
-eine bloße Meinung oder Behauptung ausdrücken, der Indikativ gesetzt
-wird, obwohl der Redende oder Schreibende über die ausgesprochne
-Meinung oder Behauptung nicht das geringste Urteil abgeben, sondern
-sie als bloße Meinung oder Behauptung eines andern hinstellen
-will. Die Zeitwörter, hinter denen das geschieht, sind namentlich:
-+glauben+, +meinen+, +fühlen+, +denken+, +annehmen+, +vermuten+,
-+voraussetzen+, +sich vorstellen+, +überzeugt sein+, +schließen+,
-+folgern+, +behaupten+, +sagen+, +lehren+, +erklären+, +versichern+,
-+beteuern+, +bekennen+, +gestehen+, +zugeben+, +bezweifeln+,
-+leugnen+, +antworten+, +erwidern+, +einwenden+, +berichten+,
-+melden+, +erzählen+, +überliefern+, +erfahren+, +vernehmen+, +hören+
-u. a. Stehen diese Verba in dem Tempus der Erzählung, so setzt wohl
-jeder richtig den Konjunktiv dahinter, wiewohl sich auch Beispiele
-finden wie: er kam zu der +Überzeugung+, daß er zu alt +war+, sich
-noch den bildenden Künsten zu widmen. Aber wie, wenn sie im Präsens
-oder im Futurum stehen? Da wird geschrieben: man +glaubt+, daß die
-Diebe während der Fahrt in den Zug +stiegen+ -- der Ausschuß ist der
-+Meinung+, daß der Markt der geeignetste Platz für das Denkmal ist --
-der Herausgeber ist zu der +Ansicht+ gekommen, das sich diese Rede
-Ciceros nicht für die Schule +eignet+ -- man kann dem Verfasser darin
-(d. h. in der +Ansicht+) beistimmen, daß sich das Juristendeutsch
-gegen früher bedeutend gebessert +hat+ -- jeder wird von einer
-Privatsammlung, die in den fünfziger Jahren genannt wurde, +annehmen+,
-daß sie heute nicht mehr +besteht+ -- man geht von der albernen
-+Voraussetzung+ aus, daß Bach und Händel grobe Klötze gewesen +sind+ --
-hier wirkt noch die alte +Vorstellung+, daß das Wesen eines Dinges in
-seinem Bilde +steckt+ -- die Rede ist von der +Überzeugung+ erfüllt,
-daß das amerikanische Deutschtum mit der deutschen Sprache +steht+ und
-+fällt+ -- man behauptet, daß das Lateinische zu schwer +ist+, als
-erste fremde Sprache gelernt zu werden -- die +Behauptung+, daß dieser
-Aufsatz für die Zeitschrift kein Ruhmesblatt +bildet+, wird schwerlich
-auf Widerspruch stoßen -- Marx +sagt+, daß keine neue Gesellschaft
-ohne die Geburtshilfe der Gewalt +entsteht+ -- man +sagt+, daß er sich
-von einem Priester taufen +ließ+ -- der Fremde, der die Ausstellung
-besucht, wird +sagen+, daß es der Berliner Kunst an Schwung und
-Phantasie +gebricht+ -- von glaubwürdiger Seite wird uns +versichert+,
-daß die Stimmung sehr +flau+ war -- die Legende +erzählt+, daß, als
-die Greisin noch ein schönes Mädchen +war+, sie eine tiefe Neigung zu
-einem jungen Krieger +faßte+ -- die +Meldung+, daß Morenga +gefallen
-ist+, wird durch einen amtlichen Bericht bestätigt -- in Berliner
-Künstlerwerkstätten gilt noch heute die +Überlieferung+, daß Rauch
-nicht immer der große Mann +gewesen ist+, als den ihn die Nachwelt
-preist. In allen diesen Sätzen ist der Indikativ wahrhaft barbarisch.
-Doppelt beleidigend wirkt er, wenn in dem regierenden Satze die Meinung
-oder Behauptung, die im Nebensatze steht, ausdrücklich verneint
-wird, als falsch, als irrtümlich, als übertrieben, als unbewiesen
-bezeichnet wird. Und doch muß man täglich auch solche Sätze lesen wie:
-ich kann +nicht zugeben+, daß diese Satzfügung fehlerhaft ist -- es
-kann +nicht zugegeben+ werden, daß der große Zuzug der Bevölkerung
-die Ursache der städtischen Wohnungsnot +ist+ -- wir sind +nicht+
-zu der +Annahme+ berechtigt, daß er sich durch die Mitgift der
-Frau zu der Heirat bewegen +ließ+ -- aus dieser Tabelle läßt sich
-+keineswegs+ der +Schluß+ ziehen, daß die Kost dürftig +ist+ -- daß
-der sozialistische Geschäftsbetrieb in diesen Industrien möglich +ist+,
-hat noch +niemand bewiesen+ -- ich kann +nicht finden+, daß Wagners
-Musik +läutert+ -- ich muß aufs entschiedenste +bestreiten+, das es
-in einem unsrer Schutzgebiete Sklavenmärkte +gibt+ -- daß das Kreuz
-erst in christlicher Zeit religiöse Bedeutung +erhielt+, kann man
-+nicht behaupten+ -- +niemand+ wird +behaupten+, daß es dem Architekten
-gleichgiltig sein +kann+, ob sein Ornament langweilig oder geistreich
-ist -- die K. Zeitung geht +zu weit+ mit der +Behauptung+, daß die
-beiden vorigen Sessionen des Landtags unfruchtbar +gewesen sind+ -- es
-wird +schwerlich+ jemand +dafür eintreten+, daß die Ausführung dieses
-Planes möglich +ist+ -- es ist +nicht wahr+, daß man durch Arbeit und
-Sparen reich werden +kann+ -- +unwahr+ ist, daß Herr B. eine Sühne
-von 500 M. angeboten +hat+ -- es ist +falsch+, wenn der Verfasser
-behauptet, daß die Fehlerzahl den Ausschlag bei der Versetzung der
-Schüler +gibt+ -- es liegt +nicht+ der leiseste +Anhalt+ vor, daß eine
-neue Revision des Gesetzes beabsichtigt +ist+ -- mir ist +nichts+
-davon +bekannt+, daß das ausdrücklich betont worden +ist+ -- es ist
-+unzutreffend+, daß das Urteil bereits rechtskräftig geworden +ist+ --
-die Volkszeitung hat sich direkt +aus den Fingern gesogen+, daß mich
-der Minister wegen meines patriotischen Verhaltens gelobt +hat+ -- ich
-kann +nicht sagen+, daß ich diese Woche große Freude an der Arbeit
-+hatte+ -- damit soll +nicht gesagt+ sein, daß es der Sammlung ganz an
-duftigen Liederblüten +fehlt+ -- es soll damit +nicht gesagt+ sein, daß
-Beethoven je populär werden +kann+ -- wir glauben +widerlegt+ zu haben,
-daß der Schule in diesem Kampfe ein Vorwurf zu machen +ist+ -- wer +hat
-bewiesen+, daß die sittliche Höhe eines Künstlers der künstlerischen
-seiner Werke gleichstehen +muß+? (niemand!) -- +ist+ irgendwo offenbar
-geworden, daß der Abgeordnete sich seiner Aufgaben bewußt +gewesen ist+
-(nein!) usw. Welcher Unsinn, etwas in einem Atem zu leugnen oder zu
-bestreiten und zugleich als wirklich hinzustellen! Darauf laufen aber
-schließlich alle solche Sätze hinaus. Der Indikativ kann in solchen
-Fällen geradezu zu Mißverständnissen führen. Wenn einer schreibt:
-es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt worden
-+ist+ -- so kann man das auch so verstehen: sie ist ohne jeden Grund
-eingestellt worden, und das ist sehr dumm gewesen. Will einer deutlich
-sagen: sie ist +nicht+ ohne Grund eingestellt worden, so muß er
-schreiben: es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt
-worden +sei+.
-
-Gewiß gibt es zwischen den unbedingt nötigen Indikativen und den
-unbedingt nötigen Konjunktiven verschiedne Arten von zweifelhaften
-Fällen. Es gibt doppelsinnige Verba, wie z. B. +finden+, +sehen+,
-+zeigen+, die ebensogut eine Erkenntnis wie eine Meinung ausdrücken
-können; darnach hat sich der Modus des Nebensatzes zu richten. Als
-der erste Schrecken überwunden war, +sahen+ die Römer, daß sich der
-Aufstand nicht bis zum Rhein +ausdehne+ -- man erwartet den Indikativ:
-+ausdehnte+; aber der Schreibende hat mit +sehen+ vielleicht mehr den
-Gedankengang, die Erwägung der Römer ausdrücken wollen. So ist auch
-+beweisen wollen+, +zu beweisen suchen+ etwas andres als +beweisen+;
-Hamerling hat +beweisen wollen+, daß man als Atheist auch ein edler
-und tüchtiger Mensch sein +könne+ -- das wäre richtig, ebenso wie: er
-+will beweisen+, daß weiß schwarz +sei+. Ein Bigotter könnte aber auch
-sagen: beweisen läßt sich alles mögliche; hat nicht Hamerling sogar
-+bewiesen+, daß ein Atheist ein edler Mensch sein +könne+? Dann wäre
-der Sinn: trotz seines Beweises glaube ich es nicht. Und andrerseits
-kann man wieder sagen: warum +willst+ du erst noch +beweisen+, daß zwei
-mal zwei vier +ist+? Man vergleiche noch folgende Sätze: darin geben
-wir dem Verfasser Recht, daß es unerklärlich +ist+, wie der gütige Gott
-eine mit Übeln erfüllte Welt schaffen konnte; aber wir bestreiten,
-daß es deshalb logisch geboten +sei+, dem Wesen, das die sittliche
-Norm in sich enthält, die Weltschöpfung abzusprechen. Auch in dem
-ersten Satze ist der Konjunktiv möglich, mancher würde ihn vielleicht
-auch dort vorziehen. Bei guten Schriftstellern, bei denen man das
-angenehme Gefühl hat, daß sie jedes Wort mit Bedacht hinsetzen, macht
-es Vergnügen, solchen Dingen nachzugehen. Aber wie oft hat man dieses
-Gefühl? Meist lohnt es nicht der Mühe, hinter plumpen Schnitzern nach
-besondern Feinheiten zu suchen.
-
-Wenn das Verbum des Hauptsatzes im Präsens steht und das Subjekt die
-erste Person ist, so ist auch nach den Verben des Meinens und Sagens
-wohl allgemein der Indikativ üblich und auch durchaus am Platze. Wenn
-der Hauptsatz heißt: +ich glaube+ oder +wir behaupten+, so hätte
-es keinen Sinn, den Inhalt des Nebensatzes als bloße Vorstellung
-hinzustellen und ein Urteil über seine Wirklichkeit abzulehnen,
-denn +ich+ und der Redende sind ja +eine+ Person. Daher sagt man am
-liebsten: ich +glaube+, daß du Unrecht +hast+. Und sogar wenn der
-Hauptsatz verneint ist: ich +glaube nicht+, daß sie bei so rauher
-Jahreszeit noch in Deutschland +sind+ -- ich +glaube nicht+, daß der
-freie Wille der Gesellschaft heute schon stark genug +ist+ -- wir sind
-+nicht der Ansicht+, daß man die bestehende Welt willkürlich ändern
-+kann+. In den beiden letzten Sätzen würde vielleicht mancher den
-Konjunktiv vorziehen; aber schwerlich wird jemand sagen: +ich glaube
-nicht+, daß sie bei so rauher Jahreszeit noch in Deutschland +seien+.
-Selbst in Wunsch- und Absichtssätzen steht in solchen Fällen der
-Indikativ, zumal in der Umgangssprache. Jedermann sagt: spann deinen
-Schirm auf, daß du nicht naß +wirst+! +Werdest+ würde hier so geziert
-klingen, daß der andre mit Recht erwidern könnte: du sprichst ja wie
-ein Buch. Wenn man aber einen Bibelspruch anführt, sollte man ihn nicht
-so anführen: Richte nicht, damit du nicht gerichtet +wirst+!
-
-Genau so wie mit den Objektsätzen, die mit dem Fügewort +daß+
-anfangen, verhält sichs mit denen, die die Form eines abhängigen
-Fragesatzes haben: sie müssen im Konjunktiv stehen, wenn der Redende
-oder Schreibende kein Urteil darüber abgeben kann, ob ihr Inhalt
-wirklich sei oder nicht, weil es sich um Dinge handelt, die eben in
-Frage stehen, sie können im Indikativ stehen, wenn der Redende ein
-solches Urteil abgeben kann und will, sie müssen im Indikativ stehen,
-wenn es gar keinen Sinn hätte, ein solches Urteil abzulehnen, weil es
-sich um eine einfache Tatsache handelt. Richtig sind folgende Sätze:
-man darf sich nicht damit begnügen, zu behaupten, etwas sei Recht,
-sondern man muß doch wenigstens angeben, weshalb es Recht +sei+, und
-welches Ziel ein solches Recht +verfolge+ -- nicht darum handelt sichs
-in der Politik, ob eine Bewegung revolutionär +sei+, sondern ob sie
-eine innere Berechtigung +habe+ -- die Frage, ob der Angeklagte den
-beleidigenden Sinn eines Schimpfwortes +erkannt habe+, wird meist
-leicht zu bejahen sein -- man sollte sich fragen, ob man nicht selbst
-die Mißstände zum Teil +verschuldet habe+, die man beklagt -- es sollte
-nicht gefragt werden, ob die Zölle überhaupt zweckmäßig +seien+,
-sondern ob im einzelnen Fall ein Zoll angebracht +sei+, und ob damit
-erreicht +werde+, was erstrebt wird. Liederlich ist es dagegen, zu
-schreiben: die Verhandlung hat +keine Klarheit+ darüber gebracht, ob
-die Klagen berechtigt +sind+ oder nicht. Wie kann man etwas als gewiß
-hinstellen, wovon man eben gesagt hat, daß es noch unklar sei? Falsch
-sind aber auch -- trotz ihres schönen Konjunktivs -- folgende Sätze:
-wie weit das Gebiet +sei+, das K. bearbeitet, +zeigen+ seine Bücher --
-ältere Zuhörer, die mehr oder weniger schon +wissen+, wovon die Rede
-+sei+ -- es ist vom Schüler zu verlangen, daß er +wisse+, was eine
-Metapher +sei+ -- es wäre interessant, zu +wissen+, was Goethe mit
-dieser Bezeichnung gemeint +habe+.
-
-Schuld an der traurigen Verrohung des Sprachgefühls, die sich in den
-falschen Indikativen kundgibt, ist zum Teil sicherlich die Unsitte,
-die Hilfszeitwörter in den Nebensätzen immer wegzulassen; das stumpft
-das Gefühl für die Bedeutung der Modi so ab, daß man sich schließlich
-auch dann nicht mehr zu helfen weiß, wenn das Verbum gesetzt werden
-muß. Daneben aber ist noch etwas andres schuld, nämlich die unter
-dem verwirrenden Einflusse des Englischen immer ärger werdende
-Unkenntnis, welche Konjunktive und welche Indikative im Satzbau
-einander entsprechen, d. h. in welchen Konjunktiv im abhängigen Satz
-ein Indikativ des unabhängigen Satzes verwandelt werden muß; es scheint
-das geradezu nicht mehr gelernt zu werden. Man erinnert sich wohl
-dunkel einer Konjugationstabelle, worin die Indikative und Konjunktive
-einander so gegenübergestellt waren:
-
- ich bin ich sei
- ich war ich wäre
- ich bin gewesen ich sei gewesen
- ich war gewesen ich wäre gewesen
-
-oder:
-
- ich nehme ich nehme
- ich nahm ich nähme
- ich habe genommen ich habe genommen
- ich hatte genommen ich hätte genommen
-
-Aber daß einem diese Gegenüberstellung aus der Formenlehre für
-den Satzbau gar nichts helfen kann, das weiß man nicht. Die
-Gegenüberstellung der Modi für die Inhaltssätze sieht so aus:
-
- er trägt daß er trage oder: daß er trüge
- er trug } daß er getragen habe oder: daß
- er hat getragen } er getragen hätte
-
- ich bin daß ich sei oder: daß ich wäre
- ich war } daß ich gewesen sei oder: daß ich
- ich bin gewesen } gewesen wäre
-
-Daß sich gerade der Indikativ des Imperfekts jetzt so oft findet,
-wo ein Konjunktiv des Perfekts oder des Plusquamperfekts hingehört
-(Friedmann ist den Beweis dafür schuldig geblieben, daß dieser Verdacht
-haltlos und sinnwidrig +war+), zeigt deutlich, daß man einen richtigen
-Konjunktiv in abhängigen Sätzen zu bilden vollständig verlernt hat.
-
-
-Die sogenannte ~consecutio temporum~
-
-Daß ich +sei+ oder: daß ich +wäre+! Oder? Was heißt oder? Ist es
-gleichgiltig, was von beiden gesetzt wird? oder richtet sich das nach
-dem Tempus des regierenden Hauptsatzes? Mit andern Worten: gibt es
-nicht auch im Deutschen etwas ähnliches wie eine ~consecutio temporum~,
-die vorschreibt, daß auf die Gegenwart im Hauptsatz auch die
-Gegenwart im Nebensatze, auf die Vergangenheit im Hauptsatz auch die
-Vergangenheit im Nebensatze folgen müsse?
-
-Das Altdeutsche hat seine strenge ~consecutio temporum~ gehabt. Die
-hat sich aber schon frühzeitig gelockert, und zwar ist in den nieder-
-und mitteldeutschen Mundarten der Konjunktiv der Vergangenheit, in
-den oberdeutschen der Konjunktiv der Gegenwart bevorzugt worden. Dort
-ist die Vergangenheit auch nach Hauptsätzen der Gegenwart, hier die
-Gegenwart auch nach Hauptsätzen der Vergangenheit vorgezogen worden.
-Eine weitere Entwicklungsstufe, auf der wir noch stehen, ist die, daß
-die Eigentümlichkeit der oberdeutschen Mundarten, die Bevorzugung
-der Gegenwart, weiter um sich griff und mit der Eigentümlichkeit der
-mittel- und niederdeutschen in Kampf geriet. Schon Luther schreibt (Ev.
-Joh. 5, 15): der Mensch +ging+ hin und +verkündigte+ es den Juden, es
-+sei+ Jesus, der ihn gesund gemacht +habe+. Der gegenwärtige Stand
-ist der -- was namentlich auch für Ausländer gesagt sein mag --, daß
-es in allen Fällen, mag im regierenden Satze die Gegenwart oder die
-Vergangenheit stehen, im abhängigen Satze unterschiedslos +sei+ und
-+wäre+, +habe+ und +hätte+, +gewesen sei+ und +gewesen wäre+, +gehabt
-habe+ und +gehabt hätte+ heißen kann. Es ist ebensogut möglich, zu
-sagen: er +sagt+, er +wäre+ krank -- er +sagt+, er +wäre+ krank
-+gewesen+ -- er +sagte+, er +sei+ krank -- er +sagte+, er +sei+ krank
-+gewesen+ -- wie: er +sagt+, er +sei+ krank -- er +sagt+, er +sei+
-krank +gewesen+ -- er +sagte+, er +wäre+ +krank+ -- er +sagte+, er
-+wäre+ krank +gewesen+. In der Schriftsprache ziehen viele in allen
-Fällen den Konjunktiv der Gegenwart als das Feinere vor und überlassen
-den Konjunktiv der Vergangenheit der Umgangssprache. Wenn sich aber
-jemand in allen Fällen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit
-bedient, so ist auch dagegen nichts ernstliches einzuwenden. Wer
-vollends durch die Verwirrung der Tempora in seinem Sprachgefühl
-verletzt wird, wem es Bedürfnis ist, eine ordentliche ~consecutio
-temporum~ zu beobachten, den hindert nichts, das auch jetzt noch zu
-tun. Das alles ist nun freilich eine Willkür, die ihresgleichen sucht;
-aber der tatsächliche Zustand ist so.
-
-Glücklicherweise hat aber diese Willkür doch gewisse Grenzen, und
-daß von diesen Grenzen die wenigsten eine Ahnung haben, ist wieder
-ein trauriger Beweis von der fortschreitenden Abstumpfung unsers
-Sprachgefühls.
-
-
-Der unerkennbare Konjunktiv
-
-Die eine Grenze liegt in der Sprachform unsrer Konjunktive. Der
-Konjunktiv der Gegenwart hat nämlich jetzt im Deutschen nur zwei (oder
-drei) Formen, in denen er sich von dem Indikativ unterscheidet: die
-zweite und die dritte Person der Einzahl (und allenfalls die zweite
-Person in der Mehrzahl); in allen übrigen Formen stimmen beide überein.
-Nur das Zeitwort +sein+ macht seine Ausnahme, und die Hilfszeitwörter
-+müssen+, +dürfen+, +können+, +wollen+, +mögen+ und +sollen+; die haben
-einen durchgeführten Konjunktiv des Präsens: +ich sei+, +du seist+, +er
-+sei+, +ich müsse+, +du müssest+, +er müsse+. Im Plural unterscheiden
-sich aber die beiden Modi auch bei den Hilfszeitwörtern nicht. Nur in
-der zweiten Person heißt es im Indikativ +wollt+, +müßt+, im Konjunktiv
-+wollet+, +müsset+; eigentlich sind aber auch diese Formen gleich, man
-hat nur im Konjunktiv das e bewahrt, das man im Indikativ ausgeworfen
-hat. Die Formen nun, in denen der Konjunktiv nicht erkennbar ist,
-weil er sich vom Indikativ nicht unterscheidet, haben natürlich nur
-theoretischen Wert, sie stehen gleichsam nur als Füllsel in der
-Grammatik (um das Konjugationsschema vollzumachen), aber praktische
-Bedeutung haben sie nicht, im Satzbau müssen sie durch den Konjunktiv
-des Imperfekts ersetzt werden. Das geschieht denn auch in der
-lebendigen Sprache ganz regelmäßig, so regelmäßig, daß es beinahe ein
-Unsinn ist, wenn unsre Grammatiken lehren: ~Conj. praes.~: +ich trage+,
-+du tragest+, +er trage+, +wir tragen+, +ihr traget+, +sie tragen+.
-Solche Schattenbilder sollten gar nicht in der Grammatik stehen,
-es könnte einfach gelehrt werden: ~Conj. praes.~: +ich trüge+, +du
-tragest+, +er trage+, +wir trügen+, +ihr trüget+, +sie trügen+. Dieser
-Gebrauch steht schon lange so fest, daß er selbst dann gilt, wenn das
-regierende Verbum in der Gegenwart steht, also -- gegen die ~consecutio
-temporum~. Unsre guten Schriftsteller haben ihn denn auch fast immer
-beobachtet. Nicht selten springen sie in einer längern abhängigen Rede
-scheinbar willkürlich zwischen dem Konjunktiv des Präsens und dem
-des Imperfekts hin und her; sieht man aber genauer zu, so sieht man,
-daß das Imperfekt immer nur dazu dient, den Konjunktiv erkennbar zu
-machen -- ganz wie in der lebendigen Sprache. Nun unterscheidet sich
-zwar der Konjunktiv des Imperfekts, zu dem man seine Zuflucht nimmt,
-bisweilen auch nicht von dem Indikativ des Imperfekts. Wenn er aber in
-der abhängigen Rede zwischen erkennbaren Konjunktiven der Gegenwart und
-abwechselnd mit ihnen erscheint, so wird er eben nicht als Indikativ
-gefühlt, sondern hier ist er das einzige Mittel, das Konjunktivgefühl
-aufrecht zu erhalten. Ganz dasselbe gilt natürlich von dem Konjunktiv
-des Perfekts und des Plusquamperfekts; der erste ist, abgesehen von den
-zwei erkennbaren Formen: +du habest gesagt+, +er habe gesagt+, für die
-lebendige Sprache so gut wie nicht vorhanden, er muß überall durch den
-des Plusquamperfekts ersetzt werden: +ich hätte gesagt+, +wir hätten
-gesagt+ usw.
-
-Nun vergleiche man damit die klägliche Hilflosigkeit unsrer
-Papiersprache! Da wird geschrieben: es ist eine Lüge, wenn man
-+behauptet+, daß wir die Juden nur +angreifen+, weil sie Juden sind.
-Es muß unbedingt heißen: +angriffen+, denn es muß der Konjunktiv
-stehen, und das Präsens +angreifen+ wird nicht als Konjunktiv
-gefühlt. Zu folgenden falschen Sätzen mag das richtige immer gleich
-in Klammern danebengesetzt werden: es ist ein Irrtum, wenn behauptet
-wird, daß sich die Ziele hieraus von selbst +ergeben+ (+ergäben+!)
--- wie oft wird geklagt, daß die Diener des Staats und der Kirche
-von der Universität nicht die genügende Vorbildung für ihren Beruf
-+mitbringen+ (+mitbrächten+!) -- von dem Gedanken, daß in Lothringen
-ähnliche Verhältnisse +vorliegen+ (+vorlägen+!) wie in Posen, muß
-ganz abgesehen werden -- es war eine ausgemachte Sache, daß ich in
-Kriegsdienst zu treten +habe+ (+hätte+!) -- es gibt noch Leute, die
-ernstlich der Meinung sind, daß die Nationalliberalen 1866 das Deutsche
-Reich +haben+ (+hätten+!) gründen helfen -- es wird mir vorgeworfen,
-daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zureichenden Grund verlassen
-+habe+[66] (+hätte+!) -- H. Grimm geht von der Voraussetzung aus,
-daß ich den Unterricht in der neuern Kunstgeschichte an der Berliner
-Universität bekrittelt +habe+ (+hätte+!) -- am Tage meiner Abreise
-konnte ich schreiben, daß ich die Taschen voll gewichtiger Empfehlungen
-+habe+ (+hätte+!) -- da mußte ich erkennen, daß ich für mein
-wissenschaftliches Streben nicht die gehoffte Förderung zu erwarten
-+habe+ (+hätte+!) -- der Verfasser ist der Meinung, das Verbrechen
-+müsse+ als gesellschaftliche Erscheinung betrachtet und bekämpft
-werden, zu seiner Ergründung +müssen+ (+müßten+!) die Ergebnisse der
-Gesellschaftswissenschaft berücksichtigt werden -- man behauptet,
-daß die Lehren des Talmud veraltet +seien+ und nicht mehr befolgt
-+werden+ (+würden+!) -- ich schrieb ihm, daß ich die Verantwortung
-nicht übernehmen +könne+, sondern die anstößigen Stellen beseitigen
-+werde+ (+würde+!)[67] -- er erhebt den Vorwurf gegen uns, daß wir
-damit ein bloßes Wahlmanöver +bezwecken+ (+bezweckten+!) -- er hatte
-vor seinem Tode den Wunsch geäußert, die Soldaten +mögen+ (+möchten+!)
-nicht auf seinen Kopf zielen -- der Verfasser sucht nachzuweisen,
-daß die behaupteten Erfolge nicht +bestehen+ (+bestünden+!) --
-durch die Städte und Dörfer eilte die Schreckenskunde, daß Haufen
-französischer Freischärler den Rhein überschritten +haben+ (+hätten+!)
-und sich sengend und brennend über das Land +ergießen+ (+ergössen+!)
--- ich hatte ihm bei der letzten Besprechung gesagt, ich +begreife+
-(+begriffe+!) sehr wohl, daß unser Verhältnis nicht wieder angeknüpft
-werden könne usw.
-
-Daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen,
-ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die redliche Absicht
-gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben. Aber sie haben alle jenes
-Papiergespenst erwischt, das in der Schulgrammatik, um das Kästchen
-der Konjugationstabelle zu füllen, als Konjunktiv des Präsens oder des
-Perfekts dasteht, aber in der Satzbildung dazu völlig unbrauchbar ist.
-
-Ganz entsetzlich zu lesen sind Zeitungsberichte über „stattgefundne“
-Versammlungen und die dabei „stattgefundnen“ Debatten. Was die Redner
-da gesagt haben, erscheint ja in den Berichten in abhängiger Rede.
-Aber von Anfang bis zu Ende wird alles mechanisch in den Konjunktiv
-der Gegenwart gesetzt, dazwischen noch so und so viel Indikative. Da
-aber mindestens fünfzig von hundert solchen Konjunktiven gar nicht als
-solche gefühlt werden können, so taumeln die Berichte nun unausgesetzt
-zwischen Konjunktiv und Indikativ hin und her. Auch Protokolle werden
-jetzt zum größten Teil so abgefaßt.
-
-
-Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit
-
-Eine zweite, ebenso unüberschreitbare Grenze für die Neigung, überall
-den Konjunktiv der Gegenwart vorzuziehen, liegt in einer gewissen
-Bedeutung des Konjunktivs der Vergangenheit. Der Indikativ stellt
-etwas als wirklich hin, der Konjunktiv nur als gedacht, gleichviel, ob
-diesem Gedachten die Wirklichkeit entspricht oder nicht. Es gibt aber
-noch einen dritten Fall. Es kann etwas als gedacht hingestellt, aber
-zugleich aufs bestimmteste ausgedrückt werden, daß diesem Gedachten
-die Wirklichkeit +nicht+ entspreche. Diese Aufgabe kann aber nur der
-Konjunktiv der Vergangenheit erfüllen. Das bekannteste Beispiel dafür
-und eins, das niemand falsch bildet, sind die sogenannten irrealen
-Konditionalsätze oder Bedingungssätze der Nichtwirklichkeit. Jedermann
-sagt und schreibt richtig: wenn ich Geld +hätte+, +käme ich+, oder:
-wenn ich Geld +gehabt hätte+, +wäre ich gekommen+. Der Sinn ist in
-dem ersten Falle: ich +habe+ aber keins, im zweiten: ich +hatte+ aber
-keins, mit andern Worten: sowohl das Geldhaben als die Folge davon,
-das Kommen, wird in beiden Fällen als nichtwirklich, als „irreal“
-hingestellt. Die Sprache verfährt dabei sehr ausdrucksvoll. Sie rückt
-den Gedanken nicht bloß aus dem Bereiche der Wirklichkeit (den der
-Indikativ ausdrücken würde), sondern versetzt ihn außerdem auch noch
-in eine größere Zeitferne: eine irreale Bedingung in der Gegenwart
-wird durch das Imperfekt (wenn ich +hätte+), eine irreale Bedingung in
-der Vergangenheit durch das Plusquamperfekt (wenn ich +gehabt hätte+)
-ausgedrückt. Ein Schwanken in dem Tempus des Konjunktivs ist hier
-völlig ausgeschlossen; Imperfekt und Plusquamperfekt sind in solchen
-Sätzen unerläßlich.[68]
-
-Solche Sätze bildet ja nun jeder richtig, wenn er auch vielleicht nie
-darüber nachgedacht hat, warum er sie so bildet. Die Bedingungssätze
-sind aber keineswegs die einzigen Nebensätze, die irrealen Sinn
-haben können. Etwas sehr gewöhnliches sind auch Relativsätze,
-Objektsätze, Kausalsätze, Folgesätze mit irrealem Sinn. In allen diesen
-Sätzen verfährt die lebendige Sprache genau so wie in den irrealen
-Bedingungssätzen, jedermann bildet auch sie in der Umgangssprache
-ganz richtig, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, und sagt: ich
-kenne +keinen+ Menschen, den ich lieber +hätte+ als dich -- ich weiß
-+nichts+ davon, daß er verreist +gewesen wäre+ -- ich will nicht
-+sagen+, daß ich keine Lust +gehabt hätte+[69] -- er ist zu dieser
-Arbeit nicht zu brauchen, +nicht+ etwa weil er zu dumm dazu +wäre+ --
-ich bin +nicht+ so ungeduldig, daß ich es nicht erwarten +könnte+ usw.
-Aber der Papiermensch getraut sich solche Sätze nicht zu schreiben, er
-stutzt, zweifelt, wird irre, schreibt schließlich -- den Indikativ, und
-so laufen einem denn täglich auch solche Sätze über den Weg wie: ich
-kenne +keine+ zweite Fachzeitschrift auf diesem Gebiete, die so allen
-Ansprüchen entgegen+kommt+ (+käme+!) -- die Geschichte kennt +keine+
-Musiker, die auf rein autodidaktischem Wege zur Bedeutung gelangt
-+sind+ (+wären+!) -- es dürfte heute +kein+ Physiker zu ermitteln
-sein, der an die Möglichkeit eines absolut leeren Raumes +glaube+
-(+glaubte+!) -- bei Shakespeare selbst findet sich +kein+ Wort, das
-auf eine solche Anschauung seines Helden +deutet+ (+deutete+!) -- es
-gibt +kein+ Stück Shakespeares, worin die Charaktere klarer entwickelt
-+sind+ (+wären+!) -- es gibt +kein+ zweites Industrieprodukt, das
-eine derartige Verbreitung gefunden +hat+ (+hätte+!) -- es gibt heute
-+keine+ Sängerin von Ruf, die diese Lieder nicht +singt+ (+sänge+!),
-kein Publikum, das sie nicht begeistert +aufnimmt+ (+aufnähme+!) --
-Wien ist gegenwärtig +kein+ Platz, wo goldne Sporen zu verdienen +sind+
-(+wären+!) -- es +fehlte+ bisher an einem Buche, +das+ dem Laien
-verständlich +war+ (+gewesen wäre+!) und zugleich auf der Höhe der
-Wissenschaft +stand+ (+gestanden hätte+!) -- es gibt +keinen+, +der+
-die Entwicklung der politischen Verhältnisse +kennt+ (+kennte+!),
-keinen, der sagen +kann+ (+könnte+!): morgen wird es so sein --
-+nie+ hat er etwas getan, +was+ mit seiner Untertanenpflicht in
-Widerspruch +stand+ (+gestanden hätte+!) -- wir haben seit langen
-Jahren +kein+ Abgeordnetenhaus gehabt, worin diese Partei so stark
-vertreten +war+ (+gewesen wäre+!) -- wir hören +nichts+ davon, daß
-die weniger betroffnen Gemeinden den Notleidenden die Hand +boten+
-(+geboten hätten+!) -- ich gebe diese Auslassung wörtlich wieder,
-+nicht+ weil ich sie für sehr bedeutend +halte+ (+hielte+!), sondern
-weil usw. -- gewiß sind manche Fehler begangen worden, nicht etwa
-weil unsre Vorfahren unverständige Leute +waren+ (+gewesen wären+!)
-und ihre Pflicht nicht getan +haben+ (+hätten+!), sondern weil eine
-solche Entwicklung nicht vorauszusehen war -- wie +selten+ sind diese
-Kenntnisse ein so sichrer Besitz geworden, +daß+ mit Freiheit darüber
-verfügt +wird+ (+würde+!) -- die Summe gewährt ihm +keine+ genügende
-Unterstützung, +daß+ er während seiner Studentenzeit sorgenfrei leben
-+kann+ (+könnte+!) -- so dumm sind unsre Schauspieler nicht, +daß+ man
-ihnen das alles haarklein vorschreiben +muß+ (+müßte+!) -- die Sache
-ist damals beanstandet worden, +ohne daß+ über den Grund aus den Akten
-etwas zu ersehen +ist+ (+wäre+!) -- ach, es war eine schöne Zeit, zu
-schön, +als daß+ sie lange dauern +konnte+ (+hätte+ dauern +können+!)
--- zum Glück war ich noch zu klein, +als daß+ mir der Inhalt des Buches
-großen Schaden zufügen +konnte+ (+hätte+ zufügen +können+!) -- die
-Hauswirte lassen lieber die Wohnungen leer stehen, +als daß+ sie sie
-billig +vermieten+ (+vermieteten+!) -- +anstatt daß+ eine Beruhigung
-+eintrat+ (+eingetreten wäre+!), bemächtigte sich vielmehr des ganzen
-Landes eine tiefe Aufregung.
-
-In allen diesen Sätzen drückt der Nebensatz etwas Nichtwirkliches
-aus. Zu allen diesen Nebensätzen ist gleichsam im Geist ein irrealer
-Bedingungssatz zu ergänzen: nie hat er etwas getan, was mit seiner
-Untertanenpflicht in Widerspruch +gestanden hätte+ (nämlich +wenn er
-es getan hätte+, was eben +nicht+ der Fall +war+). Also müssen sie
-auch alle in den Modus der Nichtwirklichkeit treten. Es würde ganz
-unbegreiflich sein, wie jemand solche Nebensätze in den Indikativ
-setzen kann, wenn nicht, wie so oft, die leidige Halbwisserei dabei im
-Spiele wäre. Man ist nicht unwissend genug, den richtigen Konjunktiv
-aus der lebendigen Sprache unangezweifelt zu lassen, aber man ist auch
-nicht wissend, nicht unterrichtet genug, den Zweifel niederzuschlagen
-und das richtige aufs Papier zu bringen.
-
-
-Vergleichungssätze. Als wenn, als ob
-
-Zu diesen Nebensätzen, die sehr oft irrealen Sinn haben, gehören nun
-auch die Vergleichungssätze, die mit +als ob+, +als wenn+, +wie wenn+
-anfangen. Sehr oft kann oder muß man zu solchen Sätzen im Geiste den
-Gedanken ergänzen: was +nicht+ der Fall +ist+ oder: was +nicht+ der
-Fall +war+, z. B.: er geht mit dem Gelde um, +als ob+ er (was nicht
-der Fall ist) ein reicher Mann +wäre+. Auch diese Sätze werden in der
-lebendigen Sprache wie alle andern irrealen Nebensätze behandelt,
-d. h. in der Gegenwart stehen sie im Konjunktiv des Imperfekts, in
-der Vergangenheit im Konjunktiv des Plusquamperfekts. Auf dem Papier
-ist aber jetzt auch hier Verwirrung eingerissen. Man schreibt z. B.:
-er tut, als +habe+ er schon damals diese Absicht gehabt -- er sah
-mich verwundert an, als ob ich irre +rede+ oder Fabeln +erzähle+.
-Es muß heißen: als +hätte+ er -- als ob ich irre +redete+ oder
-Fabeln +erzählte+ -- ganz abgesehen davon, daß sich in dem zweiten
-Beispiel die Konjunktive der Gegenwart nicht von den Indikativen
-unterscheiden. Die Verwirrung geht so weit, daß solche Sätze jetzt
-sogar in den Indikativ gesetzt werden, z. B.: es will uns scheinen,
-als ob die mißgünstige Kritik einen sehr durchsichtigen Grund +hat+ --
-es macht den Eindruck, als ob das Stück der Zensurbehörde +vorlag+,
-aber nicht die Sanktion +erhielt+ -- es war, als ob seit dem Einzuge
-der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause
-+lag+.[70]
-
-Soll nicht angedeutet werden, daß der in dem Vergleichungssatze
-stehende Gedanke nicht wirklich sei, so kann (nach einem Präsens im
-Hauptsatze) natürlich auch im Nebensatze der Konjunktiv der Gegenwart
-stehen, z. B.: es +will+ mir scheinen, +als ob+ er geflissentlich die
-Augen dagegen +verschließe+ -- es +gewinnt+ den Anschein, +als wolle+
-der Verfasser das sittliche Gefühl des Zuschauers absichtlich verletzen
--- ich +habe+ die Empfindung, +als ob+ ihm die Welt zuweilen recht
-verzerrt +erschienen sei+.
-
-
-Würde
-
-Wieviel zu der herrschenden Unsicherheit im Gebrauche der Modi die
-Unsitte beiträgt, die Hilfszeitwörter wegzulassen, ist schon gezeigt
-worden (vgl. S. 139). Nicht nur der Unterricht sollte darauf halten,
-sondern auch jeder Einzelne sich selbst so weit in Zucht nehmen, daß
-gerade da, wo ein Zweifel über den Modus entstehen kann, das bequeme
-Auskunftsmittel, das Hilfszeitwort zu unterdrücken, verschmäht würde,
-der Gedanke stets reinlich und bestimmt zu Ende gebracht würde. Für
-den Konjunktiv des Imperfekts aber und seinen richtigen Gebrauch ist
-insbesondere noch der Umstand verhängnisvoll geworden, daß man ihn
-in Hauptsätzen zu Bedingungssätzen durch den sogenannten Konditional
-(+würde+ mit dem Infinitiv) umschreiben kann (+ich würde bringen+
-statt: +ich brächte+). Das hat nicht nur dazu geführt, daß sich viele
-Leute von gewissen Zeitwörtern kaum noch einen wirklichen Konjunktiv
-des Imperfekts zu bilden getrauen, daß sie sich überall da, wo sie
-zweifeln (vgl. S. 62), mit dem kläglichen +würde+ behelfen, anstatt
-sich die Kenntnis der richtigen Verbalform zu verschaffen, sondern sie
-hat auch schon eine bedenkliche Verwirrung im Satzbau angerichtet.
-Von Süddeutschland und namentlich von Österreich aus hat sich aus dem
-fehlerhaften Hochdeutsch der Halbgebildeten immer mehr die Unsitte
-verbreitet, den Konditional auch in Bedingungs- und Relativsätzen,
-Vergleichungs- und Wunschsätzen anzuwenden.
-
-Man schreibt: ich würde mich nicht wundern, wenn ich in einer Zeitung
-+lesen würde+ (+läse+!) -- von großer Bedeutung wäre es, wenn sich der
-Leserkreis des Blattes +erweitern würde+ (+erweiterte+) -- wir könnten
-eine monumentale Sprache wiedergewinnen, wenn wir unser Denkmalschema
-+verlassen würden+ (+verließen+!) -- wie schematisch würde eine
-historische Darstellung ausfallen, wenn sie immer nur diese Maßstäbe
-+anlegen würde+ (+anlegte+!) -- weniger Sauberkeit und Regelmäßigkeit
-wäre dichterisch wertvoller, wenn sich eine starke Natur, eine glühende
-Leidenschaft, ein hoher Sinn +offenbaren würden+ (+offenbarten+!) --
-der Christ, der sich +einbilden würde+ (+einbildete+!), daß seine
-Religion die Menschen zu Engeln gemacht habe, wäre ein Utopist --
-der Stil seiner Abhandlung wird oft so hoch, als wenn er über Goethe
-+schreiben würde+ (+schriebe+!) -- hat die Kochstunde geschlagen,
-so muß das Feuer flackern, als ob es auf Kommando +gehen würde+
-(+ginge+!) -- er fuhr mit den Händen auf und ab, als ob er +buttern
-würde+ (+butterte+!) -- wenn man diese Arbeit eines Spezialisten auf
-therapeutischem Gebiete durchstudiert, so bekommt man den Eindruck,
-als wenn man das Urteil eines Richters +lesen würde+ (+läse+!), der
-in eigner Sache entscheidet -- diese Romane tun, als +würden+ sie die
-Laster nur der Sittlichkeit wegen +schildern+ (+schilderten+!) -- es
-wäre zu wünschen, er +würde+ dieser Feier einmal +beiwohnen+ (+wohnte
-bei+!) -- es wäre dringend erwünscht, daß das Polizeiamt dieser
-Anregung Folge +geben würde+ (+gäbe+!) -- es gibt +keine+ Sphäre des
-Lebens, deren Anfänge nicht im Unbewußten +liegen würden+ (+lägen+!) --
-wenn nur wenigstens künstlerische Form ihre Darstellung +adeln würde+
-(+adelte+!) -- der Engländer ist zu sachlich und zu praktisch, als daß
-er selber beleidigend +auftreten würde+ (+aufträte+!) -- der Ernst des
-militärischen Lebens läßt es sich ab und zu gefallen, daß das Blümlein
-Humor an ihm emporwuchert, ohne daß sich dadurch das feste Gefüge der
-Disziplin +lockern würde+ (+lockerte+!).
-
-Ein wahres Wunder, daß wir den Kehrreim bei Mirza Schaffy und
-Rubinstein: ach, wenn es doch immer so +bliebe+! nicht längst
-verschönert haben zu: ach, wenn es doch immer +so bleiben würde+! Ein
-wahres Wunder, daß wir das alte Volkslied: wenn ich ein Vöglein +wär+
-und auch zwei Flüglein +hätt+! noch nicht umgestaltet haben zu: wenn
-ich ein Vöglein +sein würde+ und auch zwei Flüglein +haben würde+!
-Denn so müßte es doch eigentlich in dem schönen österreichischen
-Zeitungshochdeutsch heißen! Im Volksdialekt heißt es freilich ganz
-richtig: Wann i a Vögerl war (= wär) und a zwoa Flügerln hätt.
-
-Nicht zu verwerfen ist es, wenn in Bedingungs- und Wunschsätzen
-anstatt des Konjunktivs ein +wollte+, +sollte+ oder +möchte+ mit dem
-Infinitiv erscheint. Der Satz kann hierdurch bisweilen eine feine
-Färbung erhalten. Wenn ich mir das +erlauben wollte+ -- ist etwas
-andres als das einfache: wenn ich mir das +erlaubte+, wenn er sich so
-etwas +unterstehen sollte+ -- etwas andres als das einfache: wenn er
-sich das +unterstünde+ -- wenn sich doch die Regierung einmal ernstlich
-darum +kümmern möchte+ -- etwas andres als das einfache: wenn sie
-sich doch einmal darum +kümmerte+. Eine so sinnvolle Verwendung der
-Hilfszeitwörter ist natürlich mit dem inhaltlosen, nichtssagenden
-+würde+ nicht auf eine Stufe zu stellen.
-
-
-Noch ein falsches würde
-
-Ein abscheulicher Stilunfug, der jetzt durch unsre gesamte
-Erzählungsliteratur geht, ist die Schluderei, die Erzählung durch
-eine abhängige (indirekte) Rede zu unterbrechen, ohne ein Zeitwort
-des Sagens, Denkens oder Meinens vorauszuschicken oder wenigstens
-einzuschalten. Etwa so: Trotz solcher bittern Erfahrungen ließ H. den
-Mut nicht sinken. Er +würde+ nach Berlin gehn, +würde+ sich dort Arbeit
-suchen, und es +würden+ auch wieder bessere Zeiten kommen. Jeder, der
-das liest, glaubt zunächst, der Erzähler spreche weiter, „Er würde“
-sei der Konjunktiv des Imperfekts, und es werde nun ein Bedingungssatz
-folgen. Statt dessen ist der Satz als indirekte Rede dem Helden in den
-Mund gelegt, und „Er würde“ soll der Konjunktiv des Futurums sein (in
-direkter Rede: +ich werde+ nach Berlin gehn, +werde+ mir dort Arbeit
-suchen, und es werden auch wieder bessere Zeiten kommen). Ein guter
-Erzähler hätte etwa so geschrieben: Er +wollte+ nach Berlin gehn, er
-+beschloß+, nach Berlin zu gehn, er +hoffte+, daß auch wieder bessere
-Zeiten kommen würden. Das unvorbereitete Umspringen in die indirekte
-Rede soll wohl der Darstellung etwas dramatisch lebendiges geben, es
-ist aber eine Liederlichkeit. Leider ist sie in neuern Erzählungen
-schon so verbreitet, daß sie dem gewohnheitsmäßigen Romanfresser gar
-nicht mehr auffällt. Woher sie stammt? Wie es scheint, aus schlecht
-übersetzten Erzählungen aus den skandinavischen Sprachen.
-
-
-Der Infinitiv. Zu und um zu
-
-In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem
-reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauch von +zu+ und
-+um zu+ ein, und zwar so, daß sich +um zu+ immer öfter an Stellen
-drängt, wo nur +zu+ hingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer
-Unterschied. Der Infinitiv mit +um zu+ bezeichnet den Zweck einer
-Handlung; der Infinitiv mit +zu+ dagegen dient zur Begriffsergänzung
-des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie:
-die schönen Tage +benutzte+ ich, die Gegend +zu durchstreifen+, +um+
-meine Gesundheit +zu kräftigen+ -- ist der Sinn von +zu+ und +um zu+
-deutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage -- das verlangt eine
-Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloße +benutzte+ sagt noch nichts.
-Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegend +zu durchstreifen+. Aber
-das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben: +um+
-meine Gesundheit +zu kräftigen+.[71]
-
-Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von
-Hauptwörtern gehören dazu: +Art und Weise+, +Mittel+, +Macht+, +Kraft+,
-+Lust+, +Absicht+, +Versuch+, +Zeit+, +Alter+, +Geld+, +Gelegenheit+,
-+Ort+, +Anlaß+ usw., von Zeitwörtern: +imstande sein+, +genug+ (+groß
-genug+, +alt genug+ usw.) +sein+, +genügen+, +hinreichen+, +passen+,
-+geeignet sein+, +angetan sein+, +dasein+, +dazu gehören+, +dienen+,
-+benutzen+ usw. Auf alle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mit
-+zu+ folgen.[72] Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde
-eine günstige +Gelegenheit+ benutzt, +um sich+ einen Weg durch die
-Feinde zu +bahnen+ -- hierin sehen wir das beste +Mittel+, +um+ einem
-Mißbrauch der Staatssteuer +vorzubeugen+ -- als er endlich +Kraft+
-und +Lust+ fühlte, +um+ sich an monumentalen Aufgaben zu +versuchen+
--- sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß den +Anlaß+ geben, +um+ den
-Rachekrieg +zu predigen+ -- wo ist in der Türkei ein +Mann+, +um so+
-umfassende Aufgaben +durchzuführen+? -- wenn man wirklich einmal die
-+Zeit+ gewinnt, +um+ ein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werk
-+zu vollenden+ -- nach den Vorbereitungen für die Schule behielt
-sie noch +Zeit+ übrig, +um+ deutsche Gedichte +zu lesen+ -- alle
-waren in dem +Alter+, +um+ die Gefahr +zu begreifen+ -- wie viele
-Schulbibliotheken haben kein +Geld+, +um+ sich Rankes Weltgeschichte
-+zu kaufen+! -- er hatte das nötige +Geld+, +um+ durch Reisen seinen
-Wissensdurst +zu befriedigen+ -- es +gehört+ schon eine bedeutende
-Einnahme +dazu+, +um+ sich eine anständige Wohnung +verschaffen zu
-können+ -- manche Aufzeichnungen scheinen mir nicht +geeignet+, +um+
-einen Platz in diesen Denkwürdigkeiten +zu finden+ -- die Zeitlage
-ist nicht dazu +angetan+, +um+ diese Forderungen +zu bewilligen+ --
-den Aufenthalt in Berlin +benutzte+ ich, +um+ mich auch den ältern
-Fachgenossen +vorzustellen+ -- die Arbeiter +sind+ nur dazu +da+,
-+um+ den Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrente +zu sichern+
--- sind diese Gründe wirklich +genügend+, +um+ das Bestehen einer
-solchen Einrichtung +zu rechtfertigen+? -- ist unsre Sprache noch
-+jung genug+, +um+ (!) neue Wörter +zu erzeugen+? -- ein Jahrhundert
-ist +lang genug+, +um+ (!) in der Sprache erhebliche Änderungen
-+hervorzurufen+ -- der deutsche Geist war +stark genug+ geworden,
-+um+(!) die fremden Ketten +zu brechen+ -- ich muß abwarten, ob ihm
-mein Wesen +Interesse genug+ einflößen wird, +um+(!) sich mit mir
-abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wird +nichts
-tun+, +um+ die Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächte +zu stören+.
-Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit sie
-das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird
-alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches
-Unheil richtet das dumme +um+ an!
-
-Namentlich hinter den Verbindungen mit +genug+ hat +um zu+ gewaltig um
-sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem
-bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt:
-du bist +alt genug+, das +zu begreifen+! Vollends verdrängt worden
-ist aber das ursprüngliche einfache +zu+ nach den mit +zu+ verbundnen
-Adjektiven: Gott ist +zu hoch+, +um+ sich um die Kleinigkeiten der
-Welt +zu kümmern+ -- der Stoff ist viel +zu umfänglich+, +um+ ihn
-in öffentlichen Vorlesungen +zu behandeln+ -- sie haben +zu wenig+
-Bildung, +um+ ihre Taktlosigkeiten +zu erkennen+ -- die Mannschaft ist
-+zu gering+, +um+ einen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekruten
-+abzugeben+. Auch hier genügt überall das einfache +zu+ und hat auch
-früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich bin +zu
-alt+, +um+ nur +zu spielen+, +zu jung+, +um+ ohne Wunsch +zu sein+.)
-
-Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß
-das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des
-Hauptsatzes. Doch ist es gut, dabei vorsichtig zu sein. Es braucht bei
-Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen
-wie in dem Satze: +ohne Gefahr zu ahnen+, +geriet ein+ vom Abhange
-rollender +Stein+ unter das Vorderrad des Wagens -- es sind auch solche
-Sätze schlecht wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie
-mit den Tröstungen der Religion +zu erquicken+; hier wird nur der
-Fehler durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze
-statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort
-müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden, +um sich+ von
-ihm mit den Tröstungen der Religion +erquicken zu lassen+. Erträglich
-sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen, +um+
-Turm und Schiff in größern Einklang +zu bringen+ -- das Fechten mit der
-blanken Waffe sollte fleißig geübt werden, +um+ nötigenfalls mit der
-eignen Person +eintreten zu können+ -- zurzeit liegt die Fregatte im
-Trockendock, +um+ sie für die Winterreise +vorzubereiten+. Hier schwebt
-beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (+man+) vor.
-
-Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mit
-+um zu+ sein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei
-aufeinanderfolgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis
-oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines
-Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um
-es nie wieder +zu verlassen+. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal
-bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht
-war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das
-ironische +um zu+ nennen. Es entsteht aber sehr oft ein lächerlicher
-Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt, +um+
-später in den Dom zu Kölln an der Spree +überführt+ (!) +zu werden+
--- er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an, +um+ ein trauriges
-Ende dabei +zu finden+ -- täglich wird eine Masse von Konzert- und
-Theaterberichten geschrieben, +um+ schnell wieder +vergessen zu
-werden+ -- beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits
-vollständig, +um+ schließlich +einzustürzen+ -- die Einzeichnungen
-beginnen im Jahre 1530, +um+ schon im Jahre 1555 wieder +abzubrechen+
--- vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt, +um+
-erst neuerdings wieder +hervorzubrechen+ -- nach einigen Jahren wandte
-er sich nach Magdeburg, doch nur, +um+ dort in noch größere Bedrängnis
-+zu geraten+ -- die Schwestern reisten in die Schweiz, wo sie sich
-trennten, +um+ sich nie +wiederzusehen+. Das Richtige wären hier
-überall zwei Hauptsätze.
-
-Mit dem Hilfszeitwort +sein+ verbunden kann der Infinitiv mit +zu+
-sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit ausdrücken; das
-+ist zu erreichen+ heißt: das +kann+ erreicht werden, das +ist zu
-beklagen+ heißt: das +muß+ beklagt werden. Daher muß man sich vor
-Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem
-geistlichen Herrn; gute Zeugnisse +sind vorzulegen+.
-
-
-Das Partizipium. Die stattgefundne Versammlung
-
-Partizipia hat unsre Sprache nur zwei: ein aktives in der Gegenwart
-(ein +beißender+ Hund, d. i. ein Hund, der beißt), und ein passives in
-der Vergangenheit (ein +gebissener+ Hund, d. i. ein Hund, der +gebissen
-worden+ ist).[73] Für die Gegenwart fehlt es an einem passiven, für
-die Vergangenheit an einem aktiven Partizipium; weder ein Hund, der
-gebissen +wird+, noch ein Hund, der gebissen +hat+, kann durch ein
-Partizip ausgedrückt werden.[74] Nur wirkliche Passiva von transitiven
-Zeitwörtern und im Aktiv solche Intransitiva, die sich zur Bildung der
-Vergangenheit des Hilfszeitworts +sein+ bedienen (+gehen+, +laufen+,
-+sterben+), können ein Partizip der Vergangenheit bilden (+gegangen+,
-+gelaufen+, +gestorben+).
-
-Diese Schranke hat aber nicht immer bestanden. In der ältern Zeit
-ist das Partizipium der Gegenwart auch im passiven Sinne gebraucht
-worden. Noch im achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
-sagte man ganz unbedenklich: zu einer +vorhabenden Reise+, zu seinem
-+vorhabenden+ neuen +Bau+, sein vor dem Tore +besitzendes Haus+, das
-gegen mich +tragende Vertrauen+, laut der in Händen +habenden Urkunde+,
-die Briefe des sich von meiner +unterhabenden Kompagnie+ selbst
-entleibten (!) Unteroffiziers, er nahm dem Erschlagnen die bei sich
-+tragenden Pretiosen+ ab, wir konnten uns nur mit Mühe den +bedürfenden
-Bissen+ Brot verschaffen usw., ja man sprach sogar von +essender Ware+
-(statt von +Eßware+). Aber diese Erscheinung ist doch nach und nach
-durch den Unterricht beseitigt worden. Höchst selten kommt es vor, daß
-man in einer Zeitung noch heute einen Satz liest wie: er hatte nichts
-eiligeres zu tun, als ihm eine +in der Hand haltende Flasche+ an den
-Kopf zu werfen. Verkehrt aber wäre es, die +fahrende Habe+ mit unter
-diese Ausdrücke zu rechnen, denn hier hat das Partizip wirklich aktiven
-Sinn, wie bei dem +fahrenden Volke+: der Fuhrmann +führt+ die Habe, die
-Habe aber +wird geführt+, oder sie +fährt+ (vgl. S. 56).
-
-Andrerseits hat man nach dem Beispiel der intransitiven Partizipia
-schon frühzeitig angefangen, auch passive Partizipia von transitiven
-Zeitwörtern aktivisch zu verwenden. Einzelne Beispiele davon haben
-sich so in der Sprache eingebürgert, daß sie gar nicht mehr als falsch
-empfunden werden; man braucht nur an Verbindungen zu denken wie: ein
-+geschworner+ Bote, ein +abgesagter+ Feind, ein +gedienter+ Soldat,
-ein +gelernter+ Kellner, ein +studierter+ Mann, ein +erfahrner+ Arzt,
-ein +verdienter+ Schulmann usw. Alle diese Partizipia haben aktive
-Bedeutung, auch der +abgesagte+ Feind, der natürlich ein Feind ist,
-der einer Person oder einer Sache +abgesagt+, ihr gleichsam die Absage
-geschickt +hat+; aber sie werden kaum noch als Partizipia gefühlt,
-man fühlt und behandelt sie wie Adjektiva. Auch Verneinungen solcher
-Partizipia sind gebildet worden, wie +ungepredigt+, +ungefrühstückt+:
-er mußte +ungepredigt+ wieder von der Kanzel gehen. Aber auch diese
-Verirrung ist doch im Laufe der Zeit durch den Unterricht beseitigt
-worden, und heute erscheint es uns unerträglich, zu sagen: der
-vormals zu diesem Hause +gehörte+ Garten, die zwischen den Parteien
-+gewaltete+ Uneinigkeit, eine im vorigen Jahrhundert +obgeschwebte+
-Rechtssache, durch Dekoration leicht +gelittene+ Artikel, die dem Feste
-+beigewohnten+ Mitglieder, die an der Feier +teilgenommenen+ Offiziere,
-Nacht verhüllte seinen ihm so lange +gestrahlten+ Glücksstern,[75]
-und nun vollends in Verbindung mit einem Objekt: die das Zeitliche
-+gesegneten+ Mitglieder, das den Lokomotivführer +betroffne+ Unglück,
-eine inzwischen Gesetzeskraft +erlangte+ Übereinkunft, die im
-vorigen Jahre eingerichtete und sehr günstige Aufnahme +gefundne+
-Auskunftsstelle, trotz ihres hohen nun schon ein Jahrhundert
-+überschrittnen+ Alters. Vor allem aber unerträglich erscheinen die
-+stattgehabte+ und die +stattgefundne+ Versammlung. Je häufiger die
-beiden Zeitwörter +statthaben+ und +stattfinden+ -- namentlich das
-zweite -- ohnehin in unsrer Amts- und Zeitungssprache verwandt werden,
-je lebendiger man sie also als Zeitwörter, und zwar als aktive, mit
-einem Objekt verbundne Zeitwörter (+Statt finden+, d. h. Platz finden)
-fühlt, desto widerwärtiger sind für jeden Menschen, der sich noch
-etwas Sprachgefühl bewahrt hat, diese zahllosen +stattgefundnen+
-Versammlungen, Beratungen, Verhandlungen, Wahlen, Prüfungen,
-Untersuchungen, Audienzen, Feuersbrünste usw.[76]
-
-Sie sind aber doch so kurz und bequem, soll man denn immer Nebensätze
-bilden? Nein, das soll man nicht; aber man soll ein klein wenig
-nachdenken, sich in dem Reichtum unsrer Sprache umsehen und dann
-schreiben: die +veranstaltete+ Feier, die +abgehaltne+ Versammlung,
-die +vorgenommne+ Abstimmung, die +angestellte+ Untersuchung, die
-+bewilligte+ Audienz, die +ausgebrochne+ Feuersbrunst usw., oder
-man soll, was in tausend Fällen das gescheiteste ist, das müßige
-Partizipium ganz weglassen. Die +stattgefundne Untersuchung+ ergab --
-kann denn eine Untersuchung etwas ergeben, die +nicht+ stattgefunden
-hat? In R. ereignete sich bei einer +stattgehabten Feuersbrunst+ das
-Unglück -- kann sich auch ein Unglück ereignen bei einer Feuersbrunst,
-die nicht stattgehabt hat? Über den +stattgefundnen Wechsel+ im
-Ministerium sind unsre Leser bereits unterrichtet -- können die Leser
-auch unterrichtet sein über einen Wechsel, der +nicht+ stattgefunden
-hat?
-
-Nicht viel besser als die +stattgefundnen+ Versammlungen sind aber auch
-der bei einem Meister in Arbeit +gestandne Geselle+ und der seit langer
-Zeit hier +bestandne Saatmarkt+, das früher +bestandne Hindernis+ und
-das lange +bestandne+ freundschaftliche +Verhältnis+. Freilich sagt
-man in Süddeutschland: er +ist gestanden+ (vgl. S. 59), und er +ist
-bestanden+[77]; aber in der Schriftsprache empfindet man das doch als
-Provinzialismus. Es gibt aber sogar Schulräte, die nicht bloß von
-+bestandnen Prüfungen+, sondern auch von +bestandnen Kandidaten+ reden!
-Dann darf man sich freilich nicht mehr über die Zeitungschreiber und
-die Kanzlisten wundern.[78]
-
-
-Das sich ereignete Unglück
-
-Aus dem vorigen ergibt sich von selbst, warum man auch nicht sagen
-darf: das +sich gebildete+ Blatt. Alle reflexiven Zeitwörter
-gebrauchen in der Vergangenheit das Hilfszeitwort +haben+, können
-also kein Partizip der Vergangenheit bilden. Falsch sind daher alle
-Verbindungen wie: der +sich ereignete+ Jagdunfall, die +sich bewährte+
-Geistesbildung, der von hier +sich entfernte+ Lehrer, die +sich
-davongemachten+ Zuschauer, der +kürzlich+ hier +sich niedergelassene+
-Bildhauer, die +sich+ zahlreich +eingefundnen+ Konzertbesucher, die
-am 9. August +sich+ (!) +angefangne+ Woche, das schon längst +sich+
-fühlbar +gemachte+ Bedürfnis, das +sich+ irrtümlich +eingeschlichne+
-Wort, das ehemals so weit +sich ausgebreitete+ Lehrsystem, ein +sich+
-aus den Kinderschuhen glücklich +herausentwickelter+ Jüngling, ein in
-der Mauerritze +sich eingenisteter+ Brombeerstrauch. Ein Partizip wäre
-hier nur dann möglich, wenn man sagen wollte: der +sich eingenistet
-habende+ Brombeerstrauch, eine Verbindung, die natürlich aus dem Regen
-in die Traufe führen würde. Es bleibt auch in solchen Fällen nichts
-übrig, als einen Relativsatz zu bilden: ein Brombeerstrauch, +der sich+
-in der Mauerritze +eingenistet hatte+.
-
-
-Hocherfreut oder hoch erfreut?
-
-Leipziger Geburtsanzeigen werden nie anders gedruckt als: Durch
-die glückliche Geburt eines Knaben wurden +hocherfreut+ usw. --
-auch Zeitungen schreiben: das gesamte Personal der Firma ist durch
-Jubelgaben +hocherfreut+ worden -- Gutenberg ist dieses Jahr in vielen
-deutschen Städten +hochgefeiert+ worden -- und auf Buchtiteln liest
-man: in dritter Auflage +neubearbeitet+ von usw. Welche Verirrung!
-Ein Partizip kann Verbalform sein, es kann auch Nomen sein.[79] Aber
-nur dann, wenn es Nomen, also Adjektiv ist, kann ein hinzugefügtes
-Adverb damit zu +einem+ Worte verwachsen: wie man von +hochadligen
-Eltern+ reden kann, so auch von +hocherfreuten+ Eltern. Wie soll
-aber ein Adverb mit dem Partizip zusammenwachsen, wenn das Partizip
-Verbalform ist? Wir sind +hocherfreut worden+ -- so könnte man doch nur
-schreiben, wenn es ein Zeitwort +hocherfreuen+ gäbe: ich +hocherfreue+,
-du +hocherfreust+ usw. Dasselbe gilt natürlich vom Infinitiv und bei
-intransitiven Zeitwörtern vom ~Verbum finitum~; es ist töricht, wenn
-Zeitungen schreiben: der Kronprinz ließ das Brautpaar +hochleben+, der
-Vortrag wird +hochbefriedigen+, +feststeht+, daß der Minister nicht
-zurücktreten wird, denn es gibt kein Zeitwort: ich +hochlebe+, ich
-+hochbefriedige+, ich +feststehe+.
-
-Ebenso wie mit den Adverbien ist es auch mit den Objekten. Man kann
-wohl schreiben: die +notleidende+ Landwirtschaft, aber falsch ist es,
-im Infinitiv zu schreiben: +notleiden+; denn es gibt kein Zeitwort: ich
-+notleide+.
-
-Es handelt sich hier durchaus nicht bloß um einen „orthographischen“
-Fehler oder gar bloß um eine gleichgiltige orthographische Abweichung,
-sondern in der falschen Schreibung verrät sich ein grober Denkfehler.
-
-
-Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes
-
-Wie es oft geschieht, daß ein Gedanke, der eigentlich durch einen
-Hauptsatz ausgedrückt werden müßte, unlogischerweise in einen
-Relativsatz gebracht wird (vgl. S. 130), so packt man oft auch einen
-Hauptgedanken in ein attributives Partizip und schreibt: hier ist
-das bisher noch von keiner Seite +bestätigte+ Gerücht verbreitet --
-die neue Auflage hat die von dem Verfasser getreulich +benutzte+
-Gelegenheit gegeben, manches nachzutragen -- ich sandte ausführliche,
-in freundlichster Weise +beantwortete+ Fragebogen an folgende
-Bibliotheken -- der Mörder nahm die Nachricht von seiner gestern früh
-+erfolgten+ Hinrichtung gefaßt entgegen -- mit klopfendem Herzen betrat
-ich das Auditorium, um die in der Bohemia +abgedruckte+ Antrittsrede
-zu halten -- die anonym +einzureichenden+ Bewerbungsschriften sind
-in deutscher, lateinischer oder französischer Sprache zu verfassen.
-Da fragt man doch: in welcher Sprache sind denn die nicht anonym
-einzureichenden zu verfassen? Und war denn die Antrittsrede wirklich
-schon gedruckt, als der Verfasser das Auditorium betrat? Natürlich
-soll es heißen: um die Antrittsrede zu halten, die dann in der Bohemia
-abgedruckt wurde -- die Bewerbungsschriften sind anonym einzureichen
-und in deutscher Sprache abzufassen.
-
-Nicht viel besser ist es, wenn ein Partizipsatz statt eines Hauptsatzes
-gesetzt wird, z. B.: im Jahre 1850 in den Generalstab +zurücktretend+
-(+getreten+!), +wurde+ B. 1858 zum persönlichen Adjutanten des Prinzen
-Friedrich Karl +ernannt+ -- er ging zunächst nach Paris, dann nach
-London, an beiden Plätzen im Bankfach +arbeitend+ -- oder gar: in der
-Einleitung +stellt+ Friedländer die Entwicklung des deutschen Liedes
-dar, hierauf (!) eine übersichtliche Bibliographie +bringend+ -- Jürgen
-lief in die Apotheke, nach wenig Augenblicken (!) mit einer großen
-Medizinflasche +zurückkehrend+. Während in den zuerst angeführten
-Beispielen eine Art von Schnelldenkerei vorliegt -- die Verfasser haben
-es gleichsam nicht erwarten können, zu sagen, was sie sagen wollten
---, handelt sichs in den letzten nur um einen ungeschickten Versuch,
-in den Ausdruck Abwechslung zu bringen. Der Sinn verlangt statt dieser
-Partizipialsätze Hauptsätze.
-
-
-Falsch angeschloßnes Partizipium
-
-Noch größer als bei Infinitivsätzen mit +um zu+ ist bei
-Partizipialsätzen die Gefahr eines Mißverständnisses, wenn das Partizip
-an ein anderes Wort im Satze als an das Subjekt angelehnt wird; das
-nächstliegende wird es auch hier immer sein, es auf das Subjekt des
-Hauptsatzes zu beziehen. Entschieden schlecht sind also Verbindungen
-wie folgende: +angefüllt+ mit edelm Rheinwein, überreiche ich Eurer
-Majestät diesen +Becher+ -- kaum +heimgekehrt+, wandte sich die
-engherzigste Philisterei gegen +ihn+ -- einmal +gedruckt+, kehre ich
-+dem Buche+ den Rücken -- +erhaben+ über Menschenlob und dessen +nicht
-bedürftig+, wissen wir, was wir an +unserm Fürsten+ haben -- an der
-Begründung unsers Unternehmens wesentlich +beteiligt+ und während der
-ganzen Dauer desselben an der Spitze des Aufsichtsrates +stehend+,
-verdanken wir der Tatkraft und Geschäftskenntnis des verehrten
-+Mannes+ unendlich viel -- +abstoßend+, schroff, von der mildesten
-Güte, verschlossen und hingebend, konnte man ganz irre an +ihm+ werden
--- durch Rotationsdruck +angefertigt+, sind wir in der Lage, das
-+Verzeichnis+ zu einem Spottpreis zu liefern -- +mich umdrehend+ grüßt
-+mich+ im Osten Schloß Johannisberg. Besonders beliebt ist es jetzt,
-das Partizip +anschließend+ so zu verbinden, daß man eine Zeit lang im
-Satze suchen muß, worauf es sich eigentlich beziehen soll, z. B.: schon
-in Ingolstadt hatte er sich, +anschließend+ an seine astronomischen
-Arbeiten, optischen Studien gewidmet. Das +anschließend+ soll hier auf
-Studien gehen: er schloß die optischen Studien an seine astronomischen
-Arbeiten an. Ebenso: +anschließend+ an diese allgemeine Einführung,
-dürfte es zweckmäßig sein, einmal das +Gebiet+ der Einzelheiten zu
-übersehen. Das schlimmste ist es, vor den Hauptsatz ein absolutes
-Partizip zu stellen, für das man sich dann vergebens in dem Satze
-nach einem Begriff umsieht, auf den es bezogen werden könnte, z. B.:
-wiederholt +lächelnd+ und lebhaft +grüßend+, fuhr das Kriegsschiff
-vorüber. Die Partizipia sollen sich auf -- den Kaiser beziehen!
-Es braucht nicht immer ein so lächerlicher Sinn zu entstehen wie
-hier, auch so beliebte Partizipia wie: +dies vorausgesetzt+, +dies
-vorausgeschickt+, +dies zugegeben+ u. ähnl. sind nicht schön. Ja man
-kann noch weiter gehen und sagen: das unflektierte Partizip überhaupt,
-wenigstens das der Gegenwart (1870 wandte er sich an Richard Wagner,
-ihn +fragend+ -- er schlich sich feige davon, nur ein kurzes Wort des
-Abschieds +zurücklassend+ -- der Vorsitzende entbot den Versammelten
-ein herzliches Willkommen, dankbar des Erscheinens der Ehrengäste
-+gedenkend+ und seiner Freude über die Zuwendung reicher Preise
-+Ausdruck gebend+), hat im Deutschen immer etwas unlebendiges, steifes;
-die Sprache erscheint darin wie halb erstarrt.
-
-
-In Ergänzung
-
-Wie Ungeziefer hat sich in den letzten Jahren eine Ausdrucksweise
-verbreitet, die die verschiedenartigsten Nebensätze und ganz besonders
-auch den Infinitiv und das Partizip ersetzen soll: die Verbindung von
-+in+ mit gewissen Hauptwörtern, namentlich auf +ung+. Den Anfang
-scheinen +in Erwägung+ und +in Ermanglung+ gemacht zu haben[80];
-diese beiden haben aber schon ein ganzes Heer ähnlicher Verbindungen
-nach sich gezogen, und das Ende ist noch nicht abzusehen, jede Woche
-überrascht uns mit neuen. Briefe von Beamten und Geschäftsleuten
-fangen kaum noch anders an als: +in Beantwortung+ oder +in Erwiderung+
-Ihres gefälligen Schreibens vom usw., ein Aufsatz wird geschrieben
-+in Anlehnung+ oder +in Anknüpfung+ an ein neu erschienenes Buch,
-ein Abschied wird bewilligt +in Genehmigung+ eines Gesuchs, eine
-Zeitungsmitteilung wird gemacht +in Ergänzung+ oder +in Berichtigung+
-einer frühern Mitteilung oder +in Fortsetzung+ des gestrigen Artikels,
-der Polizeirat vollzieht eine Handlung +in Vertretung+ oder +in
-Stellvertretung+ des Polizeidirektors, ein Vereinsmitglied leitet die
-Verhandlungen +in Behindrung+ des Vorsitzenden, eine Auszeichnung wird
-jemand verliehen +in Anerkennung+ seiner Verdienste, ein Mord wird
-begangen +in Ausführung+ früherer Drohungen, eine Bibliothek wird
-gestiftet +in Beschränkung+ auf gewisse Fächer usw.; man schreibt: +in
-Erledigung+ Ihres Auftrags -- +in Würdigung+ der volkswirtschaftlichen
-Wichtigkeit des Sparkassenwesens -- +in Anspielung+ auf eine frühere
-Reichstagsrede -- +in Wahrung+ meiner Interessen weise ich jeden
-solchen Versuch zurück -- +in Vervollständigung+ der Zirkularnote des
-Ministeriums -- +in Veranlassung+ des 25jährigen Geschäftsjubiläums
--- +in Begründung+ der Anklage beantragte der Staatsanwalt -- +in
-Überschätzung+ dieses Umstandes oder +in Entstellung+ des Sachverhalts
-behauptete er -- +in Ausführung+ von § 14 des Ortsstatuts bringen wir
-zur Kenntnis -- man gebe den Behörden +in Ausdehnung+ von § 39 die
-Befugnis -- +in Verfolgung+ dieses Zieles hatte Schliemann die obere
-Schicht zerstört -- +in Befolgung+ seiner Befehle wurden noch weitere
-Gebietsteile unterworfen -- die Schauspielkunst hat es, +in Abweichung+
-von dem eben gesagten, mit Gehör und Gesicht zugleich zu tun -- +in
-Nachahmung+ einer bei der Kreuzschule bestehenden Einrichtung wurden
-zwei Diskantistenstellen begründet -- der +in Verlängerung+ des
-Neumarkts durch die Promenade führende Fußweg usw. Vor einigen Jahren
-ging sogar eine Anekdote aus den Memoiren der Madame Carette durch die
-Zeitungen, wonach Bismarck dieser Dame auf einem Ball am Hofe Napoleons
-eine Rose überreicht haben sollte, mit den Worten: wollen Sie diese
-Rose annehmen +in Erinnerung+ an den letzten Walzer, den ich in meinem
-Leben getanzt habe.
-
-Wer ein wenig nachdenkt, sieht, daß hier die verschiedensten logischen
-Verhältnisse in ganz mechanischer Weise gleichsam auf eine Formel
-gebracht sind, wie sie so recht für denkfaule Leute geschaffen ist. In
-einem Teile dieser Verbindungen soll +in+ den Beweggrund ausdrücken,
-der doch nur durch +aus+ oder +wegen+ bezeichnet werden kann; +in
-Ermanglung+, +in Anerkennung+, +in Überschätzung+, +in Behindrung+ --
-das soll heißen: +aus Mangel+, +aus Anerkennung+, +aus Überschätzung+,
-+wegen Behindrung+. Wenn Nebensätze dafür eintreten sollten, so könnten
-sie nur lauten: +weil+ es mangelt, +weil+ er behindert ist, +weil+
-wir anerkennen, +weil+ er überschätzt. In einem andern Teile soll
-+in+ den Zweck bezeichnen, der doch nur durch +zu+ ausgedrückt werden
-kann; +in Ergänzung+, +in Berichtigung+, +in Vervollständigung+, +in
-Erinnerung+ -- das soll heißen: +zur Ergänzung+, +zur Berichtigung+,
-+zur Vervollständigung+, +zur Erinnerung+. Mit einem Nebensatze könnte
-man hier nur sagen: +um zu+ ergänzen, +um zu+ berichtigen, +um zu+
-vervollständigen, +damit Sie+ sich erinnern. Wieder in andern Fällen
-wäre +als+ am Platze statt in: ein Weg wird +als+ Verlängerung des
-Neumarkts durch die Promenade geführt, ein Brief wird geschrieben
-+als+ Antwort auf einen andern, der Polizeirat unterschreibt +als+
-Stellvertreter des Polizeidirektors. Nur in wenigen Fällen bezeichnet
-das +in+ wirklich einen begleitenden Umstand, wie man ihn sonst durch
-+indem+ oder durch das Partizip ausdrückt: ich schreibe einen Aufsatz,
-+anknüpfend+ an ein neues Buch, oder +indem+ ich an das Buch anknüpfe;
-dafür ließe sich ja zur Not auch sagen: +in Anknüpfung+, wiewohl auch
-das nicht gerade schön ist. +Indem+ der Staatsanwalt die Anklage
-begründete, beantragte er das höchste Strafmaß -- auch dafür kann
-man sagen: in +seiner Begründung+ (+seiner+ darf nicht fehlen).[81]
-Aber wie ist es möglich, das alles in einen Topf zu werfen: Ursache,
-Grund, Zweck, begleitende Umstände, vorübergehende oder dauernde
-Eigenschaften? Wie können wir uns solchem Reichtum gegenüber freiwillig
-zu solcher Armut verurteilen? Es handelt sich hier um nichts als
-eine Modedummheit, die unter dem Einflusse des Französischen und des
-Englischen (~en conséquence~, ~en réponse~, ~in remembrance~, ~in
-reply~, ~in answer~, ~in compliance with~, ~in his defence~ u. ähnl.)
-aufgekommen ist, und die nun gedankenlos nachgemacht und dabei
-immer weiter ausgedehnt wird. Es wird noch dahin kommen, daß jemand
-1000 Mark erhält +in Bedingung+ der Rückzahlung oder +in Belohnung+
-treuer Dienste oder +in Entschädigung+ für einen Verlust oder +in
-Unterstützung+ seiner Angehörigen; es ist nicht einzusehen, weshalb
-nicht auch das alles durch +in+ und ein Hauptwort auf +ung+ sollte
-ausgedrückt werden können.
-
-
-Das Attribut
-
-Unter den Erweiterungen, die ein Satzglied erfahren kann, stehen obenan
-das Attribut und die Apposition.
-
-Ein Attribut kann zu einem Hauptwort in vierfacher Form treten:
-als Adjektiv (ein +schöner Tod+), als abhängiger Genitiv (der +Tod
-des Kriegers+), als Bestimmungswort einer Zusammensetzung (der
-+Heldentod+), endlich in Form einer adverbialen Bestimmung (der
-+Tod auf dem Schlachtfelde+, der +Tod fürs Vaterland+). Auch gegen
-die vierte Art ist, wie ausdrücklich bemerkt werden soll, nichts
-einzuwenden; es ist untadliges Deutsch, wenn man sagt: das +Zimmer
-oben+, eine +Wohnung in der innern Stadt+, der +Weg zur Hölle+, die
-+Tötung im Duell+, die preußische +Mobilmachung im Juni+ usw. Manche
-getrauen sich zwar nicht, solche Attribute zu schreiben, sie meinen
-immer ein +befindlich+, +belegen+ (be!), +stattgefunden+, +erfolgt+
-oder dgl. dazusetzen zu müssen; aber das ist eine überflüssige und
-häßliche Umständlichkeit.
-
-Bisweilen kann man ja nun zwei solche Attributarten miteinander
-vertauschen, ohne daß der Sinn verändert wird, aber durchaus nicht
-immer. Auf wenigen Gebieten unsrer Sprache herrscht aber jetzt eine so
-grauenvolle Verwirrung wie auf dem der Attributbildung; hier wird jetzt
-tatsächlich alles durcheinander gequirlt.
-
-
-Leipzigerstraße oder Leipziger Straße?
-
-Wie würde man wohl über jemand urteilen, der ein +Fremdenbuch+ nicht
-von einem +fremden Buch+, einen +kranken Wärter+ nicht von einem
-+Krankenwärter+, eine +Gelehrtenfrau+ nicht von einer +gelehrten Frau+,
-+Bekanntenkreise+ nicht von +bekannten Kreisen+, ein +liebes Lied+
-nicht von einem +Liebeslied+, eine +Hoferstraße+ (nach Andreas Hofer
-genannt) nicht von einer +Hofer Straße+ (nach der Stadt Hof in Bayern
-genannt) unterscheiden könnte? Genau dieselbe Dummheit ist es, wenn
-jemand +Leipzigerstraße+ schreibt statt +Leipziger Straße+.
-
-Die von Ortsnamen (Länder- und Städtenamen) abgeleiteten Bildungen
-auf +er+ sind unzweifelhaft eigentlich Substantiva. +Österreicher+
-und +Passauer+ bedeutet ursprünglich einen Mann aus Österreich oder
-aus Passau. Als Adjektiva hat die ältere Sprache solche Bildungen
-nicht gebraucht, die Adjektiva bildete sie von Länder- und Städtenamen
-auf +isch+: +meißnisch+ (meißnische Gulden), +torgisch+ (von Torgau,
-torgisches Bier), +lündisch+ (von London, lündisches Tuch), +parisisch+
-(parisische Schuhe schreibt noch der junge Goethe statt Pariser Fuß).
-Nun ist freilich zwischen diesen beiden Bildungen schon längst
-Verwirrung eingerissen: die Formen auf +er+ sind schon frühzeitig auch
-im adjektivischen Sinne gebraucht worden. Lessing schrieb noch 1768
-eine +Hamburgische Dramaturgie+, Goethe aber schon 1772 Rezensionen
-für die +Frankfurter Gelehrten Anzeigen+. Natürlich sind nun die
-Bildungen auf +er+ dadurch, daß sie adjektivisch gebraucht werden,
-nicht etwa zu Adjektiven geworden (vgl. S. 38); sie können aber doch
-vor andern Substantiven wie Adjektiva gefühlt werden, wie am besten
-daraus hervorgeht, daß manche Leute Adverbia dazusetzen, wie +echt
-Münchner+ Löwenbräu, statt +echtes Münchner+ oder +echt Münchnisches+
-Löwenbräu, +echt Harzer Sauerbrunnen+.[82] Dennoch haben sich im Laufe
-der Zeit zwischen den Bildungen auf +er+ und denen auf +isch+ auch
-wieder gewisse Grenzen festgesetzt. Von manchen Länder- und Städtenamen
-gebrauchen wir noch heute ausschließlich die echt adjektivische Form
-auf +isch+, von andern ebenso ausschließlich die Bildung auf +er+,
-wieder von andern beide friedlich nebeneinander. Niemand sagt: der
-+Österreicher Finanzminister+, der +Römer Papst+, aber auch niemand
-mehr das +Leipzigische Theater+, die +Berlinischen Bauten+. Dagegen
-sprechen alle Gebildeten noch von +Kölnischem Wasser+, +holländischem
-Käse+, +italienischen Strohhüten+, +persischen Teppichen+,
-+amerikanischen Äpfeln+. Warum von dem einen Namen die Form auf +isch+,
-von dem andern die auf +er+ bevorzugt wird, kann niemand sagen; der
-Sprachgebrauch hat sich dafür entschieden, und dabei muß man sich
-beruhigen.
-
-Nur in gewissen Kreisen, die von dem wirklichen Verhältnis der beiden
-Bildungen zueinander und von der Berechtigung des Sprachgebrauchs keine
-Ahnung haben, besteht die Neigung, das Gebiet der Bildungen auf +er+
-mehr und mehr zum Nachteil derer auf +isch+ zu erweitern. So empfiehlt
-mancher Geschäftsmann beharrlich seine +Amerikaner Öfen+, obwohl alle
-Gebildeten, die in seinen Laden kommen, seine +amerikanischen Öfen+
-zu sehen wünschen. An einer alten Leipziger Weinhandlung konnte man
-vor kurzem ein Schild am Schaufenster liegen sehen: +Italiener Weine+!
-Leipziger Teppichhandlungen preisen +Perser Teppiche+, sogar +echt
-Perser Teppiche+ an! Aber auch +Holländer Austern+ und +Holländer Käse+
-werden schon empfohlen, ja sogar +Kölner Wasser+, und der +Kölnischen
-Zeitung+ hat man schon mehr als einmal zugemutet, sich in +Kölner
-Zeitung+ umzutaufen -- ein törichtes Ansinnen, dem sie mit Recht nicht
-nachgegeben hat und hoffentlich nie nachgeben wird. Auf den echten
-Adjektivbildungen auf +isch+ liegt ein feiner Hauch des Altertümlichen
-und -- des Vornehmen, manche sind wie Stücke schönen alten Hausrats;
-die unechten auf +er+, namentlich die neugeprägten, sind so gemein
-wie Waren aus dem Fünfzigpfennigbasar. Unbegreiflich ist es, wie
-sich gebildete, namentlich wissenschaftlich gebildete Leute solchen
-unnötigen Neuerungen, die gewöhnlich aus den Kreisen der Geschäftsleute
-kommen, gedankenlos fügen können. Ein deutscher Buchhändler in
-Athen hat vor kurzem ein Werk über das +Athener Nationalmuseum+
-herausgegeben! Greulich! Auf der Leipziger Stadtbibliothek gibt es eine
-berühmte Handschrift aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts: den
-+Pirnischen Mönch+, genannt nach der Stadt Pirna (eigentlich Pirn) an
-der Elbe in Sachsen. Den nennen jetzt sogar Historiker den +Pirnaer
-Mönch+! In Plauen im sächsischen Vogtlande gibt es jetzt ein +Plauener
-Realgymnasium+, einen +Plauener+ Altertumsverein, man hat sogar ein
-+Plauener Stadtbuch+ veröffentlicht; die gute alte Adjektivform
-+Plauisch+ scheint also dort niemand mehr zu kennen. Und in neuern
-Werken über die Befreiungskriege wird in den Schilderungen der Schlacht
-bei Leipzig gar von der Erstürmung des +Grimmaer Tores+ geredet (statt
-des +Grimmischen+)![83] Einem Leipziger kehrt sich der Magen um, wenn
-er so etwas liest.
-
-Nun ist aber doch so viel klar, daß, wenn ein Wort wie +Dresdner+
-in zwei verschiednen Bedeutungen gebraucht wird, als Hauptwort und
-auch als Eigenschaftswort, es nur in seiner Bedeutung als Hauptwort
-mit einem andern Hauptworte zusammengesetzt werden kann. Wenn nun
-eine Straße in Leipzig die +Dresdner Straße+ genannt wird, ist
-da +Dresdner+ als Substantiv oder als Adjektiv aufzufassen? Ohne
-Zweifel als Adjektiv. Es soll damit dasselbe bezeichnet sein, was
-durch +Dresdnische Straße+ bezeichnet sein würde: die Straße, die
-von Dresden kommt oder nach Dresden führt. Sowie man den Bindestrich
-dazwischensetzt und schreibt: +Dresdner-Straße+ oder auch in +einem+
-Worte: +Dresdnerstraße+, so kann +Dresdner+ nichts andres bedeuten
-als Leute aus Dresden, es wird Substantiv, oder vielmehr es bleibt
-Substantiv, und die Zusammensetzung rückt auf eine Stufe mit Bildungen
-wie +Fleischergasse+, +Gerbergasse+, +Böttchergasse+ und andre
-Gassennamen, die in alter Zeit nach den Handwerkern genannt worden
-sind, die auf den Gassen angesessen waren. Eine +Dresdnerstraße+ kann
-also nichts andres bezeichnen als eine Straße, auf der Dresdner,
-womöglich lauter Dresdner wohnen, ein +Potsdamerplatz+ nur einen
-Platz, auf dem sich die Potsdamer zu versammeln pflegen. Wir haben
-in Leipzig eine +Paulinerkirche+ und eine +Wettinerstraße+. Das sind
-richtige Zusammensetzungen, denn die Paulinerkirche war wirklich die
-Kirche der Pauliner, der ehemaligen Dominikaner Leipzigs, und die
-Wettinerstraße ist nicht nach dem Städtchen Wettin genannt, wie die
-+Berliner Straße+ nach der Stadt Berlin, sondern nach den Wettinern,
-dem sächsischen Herrschergeschlecht.[84] Aus demselben Grunde ist der
-+Wittelsbacherbrunnen+ in München eine richtige Zusammensetzung.
-Eine +Berliner Versammlung+ ist eine Versammlung, die in Berlin
-stattfindet, eine +Berlinerversammlung+ eine Versammlung, zu der lauter
-Berliner kommen. Die +Herrnhuter Gemeinde+ ist die Gemeinde der Stadt
-+Herrnhut+, eine +Herrnhutergemeinde+ kann in jeder beliebigen andern
-Stadt sein.
-
-Die Verwechslung der adjektivischen und der substantivischen Bedeutung
-der von Ortsnamen abgeleiteten Bildungen auf +er+ grassiert gegenwärtig
-in ganz Deutschland und wird von Tag zu Tag ärger. Sie beschränkt sich
-keineswegs, wie man wohl gemeint hat, auf die Gassen- und Straßennamen,
-sie geht weiter. Schenkwirte, Kaufleute, Buchhändler, sogar Gelehrte
-schreiben: +Wienerschnitzel+, +Berlinerblau+, +Solenhoferplatten+,
-+Schweizerfabrikanten+, +Tirolerführer+, obwohl hier überall der
-Ortsname als Adjektiv verstanden werden soll; denn nicht die
-Tiroler sollen geführt werden, sondern die Fremden durch Tirol. Ein
-Wienerschnitzel aber -- entsetzliche Vorstellung! -- kann doch nur ein
-Stück Fleisch bedeuten, das man von einem Wiener heruntergeschnitten
-hat.
-
-Ganz ähnlich wie mit den Bildungen +Leipziger+, +Dresdner+ verhält
-sichs mit den von Zahlwörtern abgeleiteten Bildungen auf +er+:
-+Dreißiger+, +Vierziger+, +Achtziger+. Auch das sind natürlich zunächst
-Hauptwörter; wir reden von einem +hohen Dreißiger+, einem +angehenden
-Vierziger+ (vgl. S. 67). Aber auch sie können als Adjektiva gefühlt
-werden; wir sagen: das war in den +vierziger Jahren+, in den +achtziger
-Jahren+. Auch da aber druckt man neuerdings: in den +Vierzigerjahren+,
-in den +Achtzigerjahren+, ein Ölgemälde aus den +Neunzigerjahren+, als
-ob von menschlichen Lebensaltern und nicht von dem Jahrzehnt eines
-Jahrhunderts die Rede wäre!
-
-Eine andre Spielart der hier behandelten Verwirrung tritt uns
-in Ausdrücken entgegen wie: +Gabelsberger Stenographenverein+,
-+Meggendorfer Blätter+, +Nordheimer Schuhwaren+ (der Geschäftsinhaber
-heißt Nordheimer!). Hier werden umgekehrt wirkliche Substantiva
-auf +er+, und zwar Personennamen, wie Adjektiva behandelt. Ein
-+Gabelsberger+ Stenographenverein -- das klingt wie ein Verein
-aus Gabelsberg; natürlich soll es ein +Gabelsbergerscher+
-sein. Die +Meggendorfer+ Blätter -- das klingt, als erschienen
-sie in +Meggendorf+; natürlich sollen es +Meggendorfers+ oder
-+Meggendorfersche+ Blätter sein.
-
-Aber die Verwirrung geht noch weiter. Wie jede Sprachdummheit,
-wenn sie einmal losgelassen ist, wie Feuer um sich frißt, so auch
-die, kein Gefühl mehr für den adjektivischen Sinn der Bildungen
-auf +er+ zu haben. Nachdem unsre Geschäftsleute aus der +Dresdner
-Straße+ eine +Dresdnerstraße+ gemacht haben, schrecken sie auch vor
-dem weitern Unsinn nicht zurück, die Bildungen auf +isch+, über
-deren adjektivische Natur doch wahrhaftig kein Zweifel sein kann,
-mit +Straße+ zu +einem+ Worte zusammenzusetzen; immer häufiger
-schreiben sie +Grimmaischestraße+, +Hallischestraße+ (oder vielmehr
-+Halleschestraße+!), und um das Maß des Unsinns voll zu machen, nun
-auch +Langestraße+, +Hohestraße+ und +Kurzegasse+, und wer in einer
-solchen Gasse wohnt, der wohnt natürlich nun +in der Langestraße+, +in
-der Hohestraße+, +in der Kurzegasse+.[85] In frühern Jahrhunderten war
-die Sprache unsers Volks so voll überquellenden Lebens, daß sich in
-den Ortsbezeichnungen die ~casus obliqui~ in den Nominativ drängten;
-daher die zahllosen Ortsnamen, die eigentlich Dative sind (+Altenburg+,
-+Weißenfels+, +Hohenstein+, +Breitenfeld+). Heute ist sie so tot und
-starr, daß der Nominativ, dieser langweilige, nichtssagende Geselle,
-die ~casus obliqui~ verdrängt. Man wohnt +in der Breite Gasse+,[86] und
-Sommerwohnungen sind +auf Weißer Hirsch+ bei Dresden zu vermieten!
-
-Aber selbst damit ist die Verwirrung noch nicht erschöpft. In Leipzig
-gibt es auch Ortsbezeichnungen, bei denen einer Örtlichkeit einfach
-der Name des Erbauers oder Besitzers im Genitiv vorangestellt ist, wie
-+Auerbachs Keller+, +Hohmanns Hof+, +Löhrs Platz+, +Tscharmanns Haus+,
-+Czermaks Garten+. Bis vor wenig Jahren hat niemand daran gezweifelt,
-daß alle diese Bezeichnungen aus je zwei getrennten Wörtern bestehen,
-so gut wie +Luthers Werke+, +Goethes Mutter+, +Schillers Tell+.
-Jetzt fängt man an, auch hier den Bindestrich dazwischenzuschieben,
-den Artikel davorzusetzen und zu schreiben: +im Auerbachs-Keller+,
-+am Löhrs-Platz+, +im Czermaks-Garten+. Man denke sich, daß jemand
-schreiben wollte: +in den Luthers-Schriften+, +bei der Goethes-Mutter+,
-+im Schillers-Tell+!
-
-Zum guten Teil tragen die Schuld an der grauenvollen Verwirrung, die
-hier herrscht, die Firmenschreiber und die Akzidenzdrucker, die ganz
-vernarrt in den Bindestrich sind, aber nie wissen, wo er hingehört,
-und wo er nicht hingehört, nie wissen, ob sie ein zusammengesetztes
-Wort oder zwei Wörter vor sich haben.[87] Aber nicht sie allein.
-Warum lassen sich die Besteller, Behörden wie Privatleute, den Unsinn
-gefallen?
-
-
-Fachliche Bildung oder Fachbildung?
-
-In beängstigender Weise hat in neuerer Zeit die Neigung zugenommen,
-statt des Bestimmungswortes einer Zusammensetzung ein Adjektiv zu
-setzen, also z. B. statt +Fachbildung+ zu sagen: +fachliche Bildung+.
-Sie hat in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, wie sie sich nur
-daraus erklären lassen, daß diese Ausdrucksweise jetzt für besonders
-schön und vornehm gilt. Früher sprach man von +Staatsvermögen+,
-+Gesellschaftsordnung+, +Rechtsverhältnis+, +Kriegsereignissen+,
-+Junkerregiment+, +Soldatenlaufbahn+, +Bürgerpflichten+,
-+Handwerkstraditionen+, +Geschäftsverkehr+, +Verlagstätigkeit+,
-+Sonntagsarbeit+, +Kirchennachrichten+, +Kultusordnung+,
-+Gewerbeschulen+, +Betriebseinrichtungen+, +Bergbauinteressen+,
-+Forstunterricht+, +Steuerfragen+, +Fachausdrücken+,
-+Berufsbildung+, +Amtspflichten+, +Schöpferkraft+, +Gedankeninhalt+,
-+Körperpflege+, +Lautgesetzen+, +Textbeilagen+, +Klangwirkungen+,
-+Gesangvorträgen+, +Frauenchören+, +Kunstgenüssen+, +Turnübungen+,
-+Studentenaufführungen+, +Farbenstimmung+, +Figurenschmuck+,
-+Winterlandschaft+, +Pflanzennahrung+, +Abendbeleuchtung+,
-+Nachtgespenstern+, +Regentagen+, +Landaufenthalt+, +Gartenanlagen+,
-+Nachbargrundstücken+, +Elternhaus+, +Endresultat+ usw. Jetzt redet
-man nur noch von staat+lichem+ Vermögen, gesellschaft+licher+
-Ordnung, recht+lichem+ Verhältnis, krieger+ischen+ Ereignissen,
-junker+lichem+ Regiment, soldat+ischer+ Laufbahn, bürger+lichen+
-Pflichten, handwerk+lichen+ Traditionen, geschäft+lichem+ Verkehr,
-verleger+ischer+ Tätigkeit, sonntäg+licher+ Arbeit, kirch+lichen+
-Nachrichten, kult+ischer+ (!) Ordnung, gewerb+lichen+ Schulen,
-betrieb+licher+ Einrichtung, bergbau+lichen+ Interessen, forst+lichem+
-Unterricht, steuer+lichen+ Fragen, fach+lichen+ Ausdrücken,
-beruf+licher+ Bildung, amt+lichen+ Pflichten, schöpfer+ischer+
-Kraft, gedank+lichem+ Inhalt, körper+licher+ Pflege, laut+lichen+
-Gesetzen, text+lichen+ Beilagen, klang+lichen+ Wirkungen,
-gesang+lichen+ Vorträgen, weib+lichen+ (!) Chören, künstler+ischen+
-Genüssen, turner+ischen+ Übungen, student+ischen+ Aufführungen,
-farb+licher+ Stimmung, figür+lichem+ Schmuck, winter+licher+
-Landschaft, pflanz+licher+ Nahrung, abend+licher+ Beleuchtung,
-nächt+lichen+ Gespenstern, regner+ischen+ Tagen, länd+lichem+
-Aufenthalt, gärtner+ischen+ Anlagen, nachbar+lichen+ Grundstücken,
-dem elter+lichen+ Hause, dem end+lichen+ (!) Resultat usw. Eine von
-Offizieren gerittne Quadrille wird als +reiterliche+ (!) +Darbietung+
-gepriesen; statt, wie früher, vernünftige Zusammensetzungen mit +Volk+
-zu bilden, quält man sich ab, auch davon Adjektiva zu bilden (die
-einen sagen +volklich+, die andern +völkisch+), die „Pädagogen“ reden
-sogar von +schulischen+ Verhältnissen und unterricht+licher+ Methode,
-und in Schulprogrammen kann man lesen, nicht als schlechten Witz,
-sondern in vollem Ernste, daß Herr Kand. X im verflossenen Jahre mit
-der Schule „in unterricht+lichem+ Zusammenhange gestanden“ habe.[88]
-Aber auch da, wo man früher den Genitiv eines Hauptwortes oder eine
-Präposition mit einem Hauptwort oder -- ein einfaches Wort setzte,
-drängen sich jetzt überall diese abgeschmackten Adjektiva ein; man
-redet von kronprinz+lichen+ Kindern, behörd+licher+ Genehmigung,
-erzieh+lichen+ Aufgaben, gedank+licher+ Großartigkeit, gegner+ischen+
-Vorschlägen, zeichner+ischen+ Mitteln, einer buchhändler+ischen+
-Verkehrsordnung, gesetzgeber+ischen+ Fragen, erstinstanz+lichen+ (!)
-Urteilen, stecher+ischer+ Technik, gemischtchör+igen+ Quartetten,
-stimm+licher+ Begabung, text+lichem+ Inhalt, bau+licher+ Umgestaltung,
-seelsorger+ischer+ Tätigkeit, wo man früher Kinder des +Kronprinzen+,
-Genehmigung +der Behörden+, Aufgaben +der Erziehung+, Großartigkeit
-+der Gedanken+, Vorschläge +des Gegners+, Mittel +der Zeichnung+,
-Verkehrsordnung +des Buchhandels+, Fragen +der Gesetzgebung+, Urteile
-der +ersten Instanz+, Technik +des Stechers+, Quartette +für gemischten
-Chor, Stimme, Text, Umbau, Seelsorge+ sagte. Ein Choralbuch wurde
-früher zum +Hausgebrauch+ herausgegeben, jetzt zum +häuslichen+
-Gebrauch; eine Bildersammlung hatte früher Wert +für die Kostümkunde+
-oder +Kunstwert+ oder +Altertumswert+, jetzt kostüm+lichen+ (!),
-künstler+ischen+ oder altertüm+lichen+ (!) Wert. Die Sprachwissenschaft
-redete früher von dem +Lautleben+ der Sprache und vom +Lautwandel+,
-jetzt nur noch von dem laut+lichen+ Leben und dem laut+lichen+ (!)
-Wandel; die Ärzte sprachen sonst von Herztönen +des Kindes+ und von
-+Gewebe+veränderungen, unsre heutigen medizinischen Journalisten
-schwatzen von kind+lichen+ (!) Herztönen[89] und geweb+lichen+
-(!) Veränderungen. Auch Fremdwörter mit fremden Adjektivendungen
-werden mit in die alberne Mode hineingezogen; schon heißt es nicht
-mehr: +Stilübungen+, +Religionsfreiheit+, +Kulturaufgabe+ und
-+Kulturfortschritt+, +Maschinenbetrieb+, +Finanzlage+, +Inselvolk+,
-+Kolonieleitung+, +Artilleriegeschosse+, +Infanteriegefechte+,
-+Theaterfragen+, +Solo+-, +Chor+- und +Orchester+kräfte, sondern
-stilist+ische+ Übungen, religi+öse+ Freiheit, kultur+elles+ Problem
-und kultur+eller+ Fortschritt (scheußlich!), maschin+eller+ Betrieb
-(scheußlich!), finanzi+elle+ Lage, insu+lares+ Volk, koloni+ale+
-Leitung, artiller+istische+ Geschosse, infanter+istische+ Gefechte
-(alle Wörter auf +istisch+ klingen ja äußerst gelehrt und vornehm),
-solist+ische+, chor+istische+ und orchest+rale+ Kräfte. Auch von
-+Alpenflora+ wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch von alp+iner+
-(!) Flora. Am Ende kommts noch dahin, daß einer erzählt, er habe in
-einer alp+inen+ Hütte in sommer+lichen+ Hosen sein abend+liches+ Brot
-nebst einem wurst+lichen+ Zipfel verzehrt.
-
-Was soll die Neuerung? Soll sie der Kürze dienen? Einige der
-angeführten Beispiele scheinen dafür zu sprechen. Aber die Mehrzahl
-spricht doch dagegen; man könnte eher meinen, sie solle den Ausdruck
-verbreitern, ein Bestreben, das sich jetzt ja auch in vielen
-andern Spracherscheinungen zeigt. Man fragt vergebens nach einem
-vernünftigen Grunde, durch den sich diese Vorliebe für alle möglichen
-und unmöglichen Adjektivbildungen erklären ließe: es ist nichts als
-eine dumme Mode. Wenn so etwas in der Luft liegt, so steckt es heute
-hier, morgen da an; ob das Neugeschaffne nötig, richtig, schön sei,
-danach fragt niemand, wenns nur neu ist! Um der Neuheit willen schlägt
-man sogar gelegentlich einmal den entgegengesetzten Weg ein. Da es
-bis jetzt +silberne Hochzeit+ geheißen hat, so finden sich natürlich
-nun Narren, die mit Vorliebe von +Silberhochzeit+ reden. Dazu gehört
-natürlich nun auch ein +Silberpaar+: der Bürgermeister schloß mit einem
-Hoch auf das +Silberpaar+.[90] In einer Lebensbeschreibung Bismarcks
-ist gleich das erste Kapitel überschrieben: Unter dem Zeichen des
-+Eisenkreuzes+. Also aus dem geschichtlichen +Eisernen Kreuz+, das doch
-für jeden unantastbar sein sollte, wird ein +Eisenkreuz+ gemacht -- aus
-bloßer dummer Neuerungssucht.
-
-Die Adjektiva auf +lich+ bedeuten eine Ähnlichkeit; +lich+ ist
-dasselbe wie +Leiche+, es bedeutet den Leib, die Gestalt; daher auch
-das Adjektivum +gleich+, d. i. +geleich+, was dieselbe Gestalt hat.
-+Königlich+ ist, was die Gestalt, die Art oder das Wesen eines Königs
-hat. Will man nun das mit den kronprinz+lichen+ Kindern sagen? Gewiß
-nicht. Man meint doch die Kinder des Kronprinzen, und nicht bloß
-kronprinzenartige Kinder. Was kann eine Arbeit sonntägliches haben?
-eine Bewegung körperliches? eine Wirkung farbliches? eine Pflicht
-bürgerliches? ein Herzton kindliches? eine Frage theatralisches?
-Gemeint ist doch wirklich die Arbeit am Sonntage, die Bewegung des
-Körpers, die Wirkung der Farben usw.[91] Und hat man denn gar kein Ohr
-für die Häßlichkeit vieler dieser neugeschaffnen Adjektiva (+fachlich+,
-+beruflich+, +volklich+, +farblich+, +klanglich+, +stimmlich+,
-+forstlich+, +pflanzlich+, +prinzlich+, +erziehlich+)?
-
-Hie und da mag ja ein Grund für die Neubildung zu entdecken sein. So
-mag zwischen +Regentagen+ und +regnerischen+ Tagen ein Unterschied
-sein: an Regentagen regnets vielleicht von früh bis zum Abend, an
-regnerischen (früher: +regnichten+) Tagen mit Unterbrechungen. Der
-Chordirektor, der zuerst von einem Terzett für +weibliche Stimmen+
-anstatt von einem Terzett für +Frauenstimmen+ gesprochen hat, hatte
-sich vielleicht überlegt, daß unter den Sängerinnen auch junge Mädchen
-sein könnten. Und der Ratsgärtner, der seiner Behörde zuerst einen
-Plan zu +gärtnerischen Anlagen+ am Theater vorlegte, hatte wohl daran
-gedacht, daß ein eigentlicher Garten, d. h. eine von einem Zaun oder
-Geländer umschlossene Anpflanzung nicht geschaffen werden sollte.
-Aber bedeutet denn +Frau+, wo sichs um die bloße Gegenüberstellung
-der Geschlechter handelt, nicht auch das Mädchen? Kann sich wirklich
-ein junges Mädchen beleidigt fühlen, wenn es aufgefordert wird, einen
-+Frauenchor+ mitzusingen?[92] Und können denn nicht +Gartenanlagen+
-auch Anlagen sein, +wie+ sie in einem Garten sind? müssen sie immer
-+in+ einem Garten sein? +Gärtnerische+ Anlagen möchte man einem Jungen
-wünschen, der Lust hätte, Gärtner zu werden, wiewohl es auch dann
-noch besser wäre, wenn er Anlagen +zum Gärtner+ hätte. Nun vollends
-von +gärtnerischen+ Arbeiten zu reden statt von +Garten+arbeiten (die
-Rekonvaleszenten der Anstalt werden mit +gärtnerischen Arbeiten+
-beschäftigt), ist doch die reine Narrheit.
-
-
-Erstaufführung
-
-Ein Gegenstück zu dem +fachlichen Unterricht+ bilden die schönen
-neumodischen Zusammensetzungen, mit denen man sich jetzt
-spreizt, wie: +Fremdsprache+, +Fremdkörper+ und +Falschstück+
-(ein gefälschtes Geldstück!), +Neuauflage+, +Neuerscheinung+
-und +Neuerwerbung+ (die +Neuerscheinungen+ des Buchhandels und
-die +Neuerwerbungen+ der Berliner Galerie), +Neuerkrankung+ und
-+Leichtverwundung+, +Deutschunterricht+, +Deutschbewußtsein+ und
-+Deutschgefühl+, +Erstaufführung+, +Erstausgabe+ und +Erstdruck+,
-+Jüngstvergangenheit+, +Einzelfall+, +Einzelpersönlichkeit+ und
-+Allgemeingesang+, +Mindestmaß+, +Mindestpreis+ und +Mindestgehalt+,
-+Höchstmaß+, +Höchstpreis+, +Höchstgehalt+, +Höchstarbeitszeit+ und --
-+Höchststundenzahl+! Hier leimt man also einen Adjektivstamm vor das
-Hauptwort, statt einfach zu sagen: +fremder Körper+, +neue Auflage+,
-+einzelner Fall+, +erste Aufführung+, +allgemeiner Gesang+, +höchste
-Stundenzahl+ usw.
-
-Worin liegt das Abgeschmackte solcher Zusammensetzungen? gibt es nicht
-längst, ja zum Teil schon seit sehr alter Zeit ähnliche Wörter, an
-denen niemand Anstoß nimmt? Gewiß gibt es die, sogar in großer Fülle.
-Man denke nur an: +Fremdwort+, +Edelstein+, +Schwerspat+, +Braunkohle+,
-+Neumond+, +Weißwein+, +Kaltschale+, +Süßwasser+, +Sauerkraut+,
-+Buntfeuer+, +Kurzwaren+, +Hohlspiegel+, +Hartgummi+, +Trockenplatte+,
-+Schnellzug+, +Glatteis+, +Rotkehlchen+, +Grünschnabel+, +Freischule+,
-+Vollmacht+, +Hochverrat+, +Eigennutz+, +Halbbruder+, +Breitkopf+,
-+Rothschild+, +Warmbrunn+ und viele andre. Was ist aber das
-Eigentümliche solcher Zusammensetzungen? Es sind meist Fachausdrücke
-oder Kunstausdrücke aus irgendeinem Gebiete des geistigen Lebens, aus
-dem Handel, aus irgendeinem Gewerbe, einer Kunst, einer Wissenschaft,
-aus der Rechtspflege, oder es sind -- Eigennamen.[93] Nun stecken aber
-dem Deutschen zwei Narrheiten tief im Blute: erstens, sich womöglich
-immer auf irgendein Fach hinauszuspielen, mit Fachausdrücken um sich zu
-werfen, jeden Quark anscheinend zum Fachausdruck zu stempeln; zweitens,
-sich immer den Anschein zu geben, als ob man die Fachausdrücke aller
-Fächer und folglich die Fächer auch selbst verstünde. Wenn es ein paar
-Buchhändlern beliebt, plötzlich von +Neuauflagen+ zu reden, so denkt
-der junge Privatdozent: aha! +Neuauflage+ -- schöner neuer Terminus
-des Buchhandels, will ich mir merken und bei der nächsten Gelegenheit
-anbringen. Der Professor der Augenheilkunde nennt wahrscheinlich
-ein Eisensplitterchen, das einem ins Auge geflogen ist, einen
-+Fremdkörper+. Da läßt es dem Geschichtsprofessor keine Ruhe, er muß
-doch zeigen, daß er das auch weiß, und so erzählt er denn bei der
-nächsten Gelegenheit: die Germanen waren ein +Fremdkörper+ im römischen
-Reiche. Und wenn er Wirtschaftsgeschichte schreibt, dann redet er nicht
-von den +fremden Kaufleuten+, die ins Land gekommen seien, sondern von
-den +Fremdkaufleuten+! Wie gelehrt das klingt! Der gewöhnliche Mensch
-lernt in der Schule, +Evangelium+ heiße auf deutsch: +frohe Botschaft+.
-Der Theolog aber sagt dafür neuerdings +Frohbotschaft+! Wie gelehrt das
-klingt! Der gewöhnliche Mensch sehnt sich nach +frischer Luft+. Wenn
-aber ein Techniker eine Ventilationsanlage macht, so beseitigt er die
-+Abluft+ (!) und sorgt für +Frischluft+! Im gewöhnlichen Leben spricht
-man von einem +großen Feuer+. Das kann aber doch die Feuerwehr nicht
-tun; so gut wie sie ihre Spritzen und ihre Helme hat, muß sie auch
-ihre Wörter haben. Der „Branddirektor“ kennt also nur +Großfeuer+.
-Sobald das aber der Philister weggekriegt hat, sagt er natürlich auch
-am Biertisch: Bitte, meine Herren, sehen Sie mal hinaus, da muß ein
-+Großfeuer+ sein, und der Zeitungschreiber berichtet: Diese Nacht wurde
-das Gut des Gutsbesitzers Sch. durch ein +Großfeuer+ eingeäschert.
-So bilden sich denn auch die gewerbsmäßigen Theaterschreiber ein,
-mit +Erstaufführung+ den Begriff der +ersten Aufführung+ aus der
-gewöhnlichen Alltagssprache in die vornehme Region der Fachbegriffe
-gehoben zu haben. In Wahrheit ist es weiter nichts als eine schlechte
-Übersetzung von +Premiere+,[94] wie alle die wahrhaft greulichen
-Zusammensetzungen mit +Höchst+ und +Mindest+ nichts als schlechte
-Übersetzungen von Wörtern mit +Maximal+ und +Minimal+ sind. Für solches
-Deutsch doch lieber keins! Der Katarrh hat den +höchsten Stand+
-überschritten -- das klänge ja ganz laienhaft; den +Höchststand+ -- das
-klingt fachmännisch. Wenn aber bei einer Epidemie Ärzte und Zeitungen
-berichten, daß an einem Tage hundert +Neuerkrankungen+ vorgekommen
-seien, so kann das geradezu zu Mißverständnissen führen. Eine
-+Neuerkrankung+ würde ich es nennen, wenn jemand, der krank gewesen
-und wieder gesund geworden ist, von neuem erkrankt, ebenso wie eine
-+Neuordnung+ voraussetzt, daß die Dinge schon vorher geordnet gewesen
-seien. +Erstausgabe!+ Es ist so unsäglich häßlich; aber der große Haufe
-ist ganz versessen auf solche Narrheiten.
-
-Besonders beliebt ist jetzt der +Altmeister+, und eine Zeit lang war es
-auch der +Altreichskanzler+. Hier ist aber zweierlei zu unterscheiden.
-Der +Altreichskanzler+ stammte aus Süddeutschland und der Schweiz,
-wo man den alten, d. h. den ehemaligen, aus dem Amte geschiednen
-(~ancien~) so bezeichnete, und wo man z. B. auch vom +Altbürgermeister+
-spricht (bei Schiller: +Altlandammann+). +Altmeister+ dagegen bedeutet
-wie +Altgesell+ nicht den ehemaligen, sondern den ältesten, d. h.
-bejahrtesten unter den vorhandnen Meistern und Gesellen. Man konnte
-also wohl Franz Liszt, solange er lebte, den +Altmeister+ der deutschen
-Musik nennen, aber Johann Sebastian Bach einen +Altmeister+ zu nennen,
-wie es unter den Musikschwätzern jetzt Mode ist, ist Unsinn. Bach
-ist ein Meister der alten Zeit, der Vergangenheit; das ist aber ein
-+alter Meister+, kein +Altmeister+. Sehr beliebt sind jetzt auch
-Zusammensetzungen wie +Altleipzig+, +Altweimar+, +Altheidelberg+.
-Sie haben einen poetischen Beigeschmack, wie man sofort fühlt,
-wenn man an +jung Siegfried, jung Roland+ denkt. Wie abgeschmackt
-also, von einem +Junggoethedenkmal+, einem +Jungwilhelmdenkmal+,
-einem +Jungbismarckdenkmal+ zu reden! Zu einem logischen Verstoß
-führen überdies gewisse Zusammensetzungen, mit denen sich jetzt die
-Kunstgewerbegelehrten spreizen: +Altmeißner Porzellan, Altthüringer
-Porzellan+. Denn nicht darauf kommt es an, daß das Porzellan aus
-+Altmeißen+ ist, sondern nur darauf, daß es aus +Meißen+ ist, aber
-+altes+ Porzellan aus Meißen! Mancher wird das für Haarspalterei
-halten, es ist aber ein großer Unterschied.
-
-
-Sedantag und Chinakrieg
-
-Noch überboten an Geschmacklosigkeit werden Zusammensetzungen wie
-+Erstaufführung+ durch die Roheit, mit der man jetzt Eigennamen
-(Ortsnamen und noch öfter Personennamen) vor ein Hauptwort leimt,
-anstatt aus dem Namen ein Adjektiv zu bilden.
-
-Die Herkunft einer Sache wurde sonst nie anders bezeichnet als
-durch ein von einem Städte- oder Ländernamen gebildetes Adjektiv
-oder durch eine Präposition mit dem Namen, z. B.: +sizilische
-Märchen+, +bengalisches Feuer+, +Kölnisches Wasser+, +Berliner
-Weißbier+, +Emser Kränchen+, +Dessauer Marsch+, +Motiv aus Capri+,
-+Karte von Europa+. Jetzt redet man aber von +Japanwaren+,
-einer +Chinaausstellung+, +Smyrnateppichen+, +Olympiametopen+,
-+Samosausbruch+, +Neapelmotiven+, +Romplänen+ (das sollen
-Stadtpläne von Rom sein!), einem +Leipzig-Elbe-Kanal+ und einer
-+Holland-Amerika-Linie+. Wenn solche Zusammenleimungen auch zu
-entschuldigen sein mögen bei Namen, von denen man sich kein Adjektiv zu
-bilden getraut, wie +Bordeauxwein+, +Jamaikarum+, +Havannazigarren+,
-+Angoraziege+, +Chesterkäse+, +Panamahut+, +Suezkanal+, +Sedantag+
-(in Leipzig +Seedangtag+ gesprochen), so ließe sich doch schon eine
-Bildung wie +Maltakartoffeln+ vermeiden, denn niemand spricht von
-einem +Maltakreuz+ oder +Maltarittern+. Oder klingt +Malteser+ für
-Kartoffeln zu vornehm? Auch das +Selterser Wasser+, wie man es richtig
-nannte, als es bekannt wurde, hätte man getrost beibehalten können
-und nicht in +Selterswasser+ (oder gar +Selterwasser+! es ist nach
-dem nassauischen Dorfe Nieder-+Selters+ genannt) umzutaufen brauchen.
-Aber ganz überflüssig sind doch die angeführten Neubildungen, denn
-das Adjektiv +japanisch+ (oder meinetwegen +japanesisch+!) ist doch
-wohl allbekannt, jeder Archäolog oder Kunsthistoriker kennt auch das
-Adjektiv +olympisch+, auch von +samischem+ Wein hat man früher lange
-genug gesprochen, und auch von +Leipzig+ und von +Holland+ wird man
-sich doch wohl noch Adjektiva zu bilden getrauen? +Leipzig-Elbe-Kanal+!
-Es ist ja fürchterlich! Einen Städtenamen so vor einen Flußnamen zu
-leimen, der selber nur angeleimt ist! Vor fünfzig Jahren hätte jeder
-zehnjährige Junge auf die Frage: wie nennt man einen Kanal, der von
-Leipzig nach der Elbe führen soll? richtig geantwortet: +Leipziger
-Elbkanal+; wie nennt man eine Dampferlinie zwischen Holland und
-Amerika? +Holländisch-amerikanische Linie+. Und warum nicht: +Smyrnaer
-Teppiche+? Sagt man doch: +Geraer Kleiderstoffe+. Sachkenner behaupten,
-die echten nenne man auch so; nur die unechten, in smyrnischer Technik
-in Deutschland angefertigten nenne man +Smyrnateppiche+. Mag sein.
-Aber warum nicht: +Motive aus Neapel? Japanwaren, Neapelmotive+ -- wer
-verfällt nur auf so etwas! Man denke sich, daß jemand +Italienwaren+
-zum Kauf anbieten oder von +Romruinen+ reden wollte! Ein Wunder, daß
-noch niemand darauf gekommen ist, den +Cyperwein+ und die +Cyperkatze+
-in +Cypernwein+ und +Cypernkatze+ umzutaufen. Die Insel heißt doch
-+Cypern+! Jawohl, aber der Stamm heißt +Cyper+ -- das ist so gut
-wie ein Adjektiv, und der ist zum Glück den plumpen Fäusten unsrer
-Sprachneuerer bis jetzt noch entgangen. Die +Italienreisenden+ haben
-wir freilich auch, wie die +Schweizreisenden+ und die +Afrikareisenden+
-und neuerdings die +Weimarpilger+ und den +Chinakrieg+. Schön
-sind die auch nicht (zu Goethes und Schillers Zeit sprach man von
-+italienischen+, +Schweizer+ und +afrikanischen+ Reisenden), aber
-man läßt sie sich zur Not gefallen; der Ortsname bezeichnet da nicht
-den Ursprung, die Herkunft, sondern das Land, auf das sich die
-Tätigkeit des Reisenden erstreckt. Im allgemeinen aber kann doch das
-Bestimmungswort eines zusammengesetzten Wortes nur ein Appellativ, kein
-Eigenname sein. Von +Eisenwaren+, +Sandsteinmetopen+, +Stadtplänen+,
-+Fluß-+ und +Waldmotiven+ kann man reden, aber nicht von +Japanwaren+,
-+Olympiametopen+, +Romplänen+ und +Neapelmotiven+. Das ist nicht mehr
-gesprochen, es ist gestammelt.
-
-Gestammelt? O nein, es ist ja das schönste Englisch! Der Engländer
-sagt ja: ~the India house~, ~the Oxford Chaucer~ (das soll heißen: die
-Oxforder Ausgabe von Chaucers Werken), ~the Meier Madonna~; das muß
-natürlich wieder nachgeplärrt werden. Wir kommen schon auch noch dahin,
-daß wir die Weimarische Ausgabe von Goethes Werken den +Weimar-Goethe+
-nennen oder gar den +Weimar Goethe+ (ohne Bindestrich).
-
-
-Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen
-
-Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht
-täglich von Gastwirten +Tucher Bier+ (so!) empfohlen? Und das soll Bier
-aus der Freiherrl. Tucherschen Brauerei in Nürnberg sein!
-
-Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer
-Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu
-der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, die
-Herkunft, der Ursprung oder eine sonstige engere Beziehung bezeichnet
-werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den
-Genitiv[95] oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv
-geschehen.
-
-Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist,
-neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei
-kurz +Goethestraße+ oder +Blücherplatz+ benannt worden sind, so ist
-dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu
-Ehren eines verdienten Bürgers namens Schumann durch eine Geldsammlung
-geschaffen worden ist, mag man getrost eine +Schumannstiftung+ nennen,
-ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke
-großer Männer pflegen, +Goethegesellschaft+ oder +Bachverein+; auch
-+Beethovenkonzert+ und +Mozartabend+ sind richtig gebildet, wenn
-sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von
-Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch die +Schillerhäuser+
-läßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die
-Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal
-gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis
-so genannt werden. Bedenklicher sind schon die +Goethedenkmäler+,
-denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen
-ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger
-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken
-gewagt, da sprach man in Leipzig nur von +Bachs Denkmal+, von +Gellerts
-Denkmal+. Sind einmal die +Goethedenkmäler+ richtig, dann sind es
-auch die +Goethebildnisse+, dann ist es auch die +Goethebüste+, der
-+Goethekopf+ und -- die +Goethebiographie+. Nun aber das +Goethehaus+
-auf dem Frauenplan in Weimar und die Weimarer +Goetheausgabe+ -- da
-meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes
-Werken. Etwas andres ist es mit einer +Elzevirausgabe+; das soll nicht
-eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevir sein, sondern eine
-Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen
-Verlagsbuchhandlung. Ist die +Goetheausgabe+ richtig, dann kommen wir
-schließlich auch zu den +Goethefreunden+ (d. h. Goethes Freunden zu
-seinen Lebzeiten), den +Goetheeltern+ und den +Goetheenkeln+. Es ist
-nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen, und
-man sagt es ja auch schon. Stammelt man doch auch schon von einem
-+Lutherbecher+ (einem Becher, den einst Luther besessen hat) und einem
-+Veltheimzettel+ (einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger
-Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert),
-von einer +Böttgerperiode+ (der Zeit Böttgers in der Geschichte des
-Porzellans!) und einer +Schlüterzeit+, von +Kellerfreunden+ (Freunden
-des Dichters Gottfried Keller!) und +Pilotyschülern+, von einem
-+Grillparzersarg+ und einem +Brahmsgrab+.
-
-Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken
-einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen,
-Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen
-oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort
-leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher
-stets des Genitivs oder der Adjektivbildung auf +isch+ bedient. In
-Dresden ist die +Brühlsche Terrasse+, in Frankfurt das +Städelsche
-Institut+, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann von +Goethischen+
-und +Schillerschen Gedichten+ gesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt;
-jetzt heißt es: +Goethegedichte+ und +Shakespearedramen+, +Mozartopern+
-und +Dürerzeichnungen+, +Bachkantaten+ und +Chopinwalzer+,
-+Goethefaust+ und +Gounodfaust+, +Bismarckreden+ und +Napoleonbriefe+,
-+Schopenhauerworte+ und +Heimburgromane+, +Schweningerkur+ und
-+Horneffervorträge+. Der von Karl Riedel gegründete Leipziger
-Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig der +Riedelsche
-Verein+ hieß, ist neuerdings zum +Riedelverein+ verschönert worden, und
-wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligsten aller Sprachschöpfer
-und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer
-Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen,
-so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt
-und preisen nun stolz ihre +Pfaffnähmaschinen+ und +Drewsgardinen+,
-ihre +Jägerpumpen+ und +Steinmüllerkessel+, ihren +Kempfsekt+ und
-ihr +Auergasglühlicht+, ihre +Rönischpianos+ und +Feurichpianinos+,
-ihre +Langeuhren+, +Zeißobjektive+ und +Ernemanncameras+ an, und
-das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die
-Vorzüge der +Blüthnerflügel+ und der +Bechsteinflügel+.[96] In
-Leipzig nannte eines Tags eine Bierbrauerei (die Riebeckische) ihr
-Bier +Riebeckbier+. Flugs kamen die andern hinterdrein und priesen
-+Ulrichbier+, +Naumannbier+ und +Sternburgbier+ an (das nun freilich
-eigentlich +Speckbier+ heißen müßte!). Dieses Schandzeug aus unsrer
-Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr die
-+Shakespearedramen+ und die +Dürerzeichnungen+ erfunden habt! Wenn
-man in vornehmen Fachzeitschriften von +Bürgerbriefen+ (Briefen des
-Dichters der Lenore!) und einem +Lenznachlaß+ (Nachlaß des Dichters
-Lenz), einem +Kuglerwerk+ und einem +Menzelwerk+, einem +König
-Albert-Bild+, einem +Mörike-Schwind-Briefwechsel+, einer +Rudolf
-Hildebrand-Erinnerung+ lesen muß, kann man dann -- andern Leuten
-einen Vorwurf machen, wenn sie von +Kathreiners Kneipp-Malzkaffee+,
-+Junker- und Ruh-Öfen+ und +August Lehr-Fahrrädern+ reden? Alle
-diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die
-kaum noch ärger werden kann. Von +Lichtfreunden+ kann man reden, von
-+Naturfreunden+, +Kunstfreunden+ und +Musikfreunden+, von +Zinnsärgen+
-und +Marmorsärgen+, von +Konzertflügeln+ und +Stutzflügeln+, aber nicht
-von +Kellerfreunden+, +Grillparzersärgen+ und +Blüthnerflügeln+. Das
-ist schlechterdings kein Deutsch.
-
-Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt
-du, was +Kriegerliteratur+ ist, lieber Leser? ein +Senfkatalog+?
-eine +Schleicherskizze+? ein +Pfeilliederabend+? Du ahnst es nicht,
-ich will dirs sagen. +Kriegerliteratur+ sind die Schriften über
-den Komponisten des siebzehnten Jahrhunderts Adam Krieger, ein
-+Senfkatalog+ ist ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in
-Leipzig, eine +Schleicherskizze+ eine Lebensbeschreibung des berühmten
-Philologen Schleicher, ein +Pfeilliederabend+ ein Abendkonzert, bei
-dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was
-ein +Lenbachaufsatz+ ist? ein +Holbeinbildnis+? Das weiß ich selber
-nicht. Es kann ein Aufsatz +von+ Lenbach sein, es kann aber auch einer
-+über+ ihn sein, ein von Holbein gezeichnetes Bildnis, aber auch eins,
-das ihn darstellt. Daß läßt sich in dem heutigen Deutsch nicht mehr
-unterscheiden.
-
-Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche
-Zusammensetzungen unerträglich macht; sie sind auch dann unerträglich,
-wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem
-eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den
-Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter
-dem Titel +Kürassierbriefe+ drucken lassen. Das können aber niemals
-Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe,
-wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue Wort
-+Kaiserhoch+ aufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache.
-Irgendeiner telegraphierte: „Professor Ö. Festrede Kaiserhoch“; daraus
-machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede,
-die in ein +Kaiserhoch+ ausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden
-beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends
-statt +ein Kaiserhoch+ schreiben +das Kaiserhoch+ -- die Herabwürdigung
-einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu
-einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder
-Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es
-mit der +Königsbüste+. Professor Seffner ist damit beschäftigt, eine
-+Königsbüste+ anzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem
-Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl die
-+Herrenworte+ und das +Herrenmahl+, das die Theologen jetzt aufgebracht
-haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein!
-Man denkt doch unwillkürlich an ein +Herrenessen+.
-
-Den Gipfel der Sinnlosigkeit erreichen solche Zusammenleimungen,
-wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem
-transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings
-nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen;
-sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern
-eine Gattung von Handlungen, Menschen, deren Tätigkeit sich nicht
-auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine
-Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter
-Zeitungschreiber das Wort +Bismarckbeleidigung+. Natürlich sollte
-es eine höhnische Nachbildung von +Majestätsbeleidigung+ sein.
-Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst
-gebraucht und sogar +Caprivibeleidigung+ darnach gebildet! Jetzt
-redet man aber auch von +Cäsarmördern+, +Richardsonübersetzern+,
-+Romkennern+, +Goethefreunden+ und +Schillerfeinden+ (unter den heute
-lebenden!), +Beethovenerklärern+, +Wagnerverehrern+, +Zolanachahmern+
-und +Nietzscheanbetern+. Entsetzliche Verirrung! Man kann von
-+Vatermördern+, +Romanübersetzern+, +Kunstkennern+, +Frauenverehrern+,
-und +Fetischanbetern+ reden; aber ein +Wagnerverehrer+ -- das könnte
-doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt“, der Wagner
-heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu
-helfen.[97]
-
-
-Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen
-
-Eine andre Abgeschmacktheit, auf die nicht bloß Zeitungschreiber,
-sondern auch Leute, denen man in Sprachdingen etwas Geschmack zutrauen
-sollte, ganz versessen sind, ist die Unsitte, an einen Personennamen
-den Wohnort der Person mit Bindestrichen anzuhängen, anstatt ihn
-durch die Präposition +in+ oder +aus+ damit zu verbinden und so ein
-ordentliches Attribut zu schaffen. Den Anfang dazu haben Leute wie
-+Schulze-Delitzsch+, +Braun-Wiesbaden+ u. a. gemacht; die wollten und
-sollten durch solches Anhängen des Ortsnamens von einem andern Schulze
-und einem andern Braun unterschieden werden. Das waren nun ihrerzeit
-gefeierte Parlamentsgrößen, und wer möchte das nicht auch gerne sein!
-Wenn sich daher im Sommer Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu
-den üblichen Wanderversammlungen aufmachen und dort schöne Reden
-halten, so möchten sie natürlich auch die Parlamentarier spielen
-und dann im Zeitungsbericht mit so einem schönen zusammengesetzten
-Namen erscheinen, sie möchten nicht bloß +Müller+ und +Meyer+ heißen,
-sondern Herr +Müller-Rumpeltskirchen+ und Herr +Meyer-Cunnewalde+ --
-das klingt so aristokratisch, so ganz wie +Bismarck-Schönhausen+, es
-könnte im freiherrlichen Taschenbuche stehen; man hats ja auch den
-geographischen Adel genannt. Der Unsinn geht so weit, daß man sogar
-schreibt: Direktor +Wirth-Plötzensee bei Berlin+. Was ist denn bei
-Berlin? Direktor Wirth-Plötzensee?
-
-Die ganze dumme Mode ist wieder ein Pröbchen unsers schönen
-Papierdeutsch. Man höre nur einmal zu, wenn in einer solchen
-Wanderversammlung die sogenannte Präsenzliste verlesen wird: hört
-man da je etwas andres als Städtenamen? Man möchte gern wissen, wer
-anwesend ist, aber man kann es beim besten Willen nicht erfahren,
-denn der Vorlesende betont unwillkürlich -- wie man solche traurige
-Koppelnamen nur betonen kann --: Herr Stieve-+München+, Herr
-Prutz-+Königsberg+, Herr Ulmann-+Greifswald+. Der Personenname geht
-vollständig verloren. Wenn dann die Zeitungen über eine solche
-Versammlung berichten, so drucken sie zwar den Personennamen gesperrt
-oder fett: Herr +Stieve+-München oder Herr =Stieve=-München. Das hilft
-aber gar nichts; gesprochen wird doch: Stieve-+München+ (ᴗ̣ ᴗ ́– ᴗ).
-Dieser fett gedruckte und doch unbetonte Personenname, dieser grobe
-Widerspruch zwischen Papiersprache und Ohrensprache, ist geradezu ein
-Hohn auf den gesunden Menschenverstand. Will man beide Namen betonen,
-so bleibt nichts weiter übrig, als eine Pause zu machen, etwa als ob
-geschrieben wäre: Herr +Stieve+ (+München+). Dann hat man aber doch
-auch Zeit, die Präposition auszusprechen. In neuester Zeit hat man
-angefangen, auch Fluß-, Tal- und Bergnamen auf diese Weise an Ortsnamen
-anzuleimen; man schreibt: +Halle-Saale+ (statt +Halle a. d. Saale+),
-+Frankfurt-Main+, +Sils-Engadin+, +Frankenhausen-Kyffhäuser+. Und ein
-Buchhändler in dem Städtchen Borna bei Leipzig schreibt stolz auf seine
-Verlagswerke: +Borna-Leipzig+, als ob Leipzig ein unbekannter Vorort
-von Borna wäre. Wo ist dabei der mindeste Witz?
-
-
-Die Sammlung Göschen
-
-Während das Vorleimen von Eigennamen unter dem Einflusse des
-Englischen um sich gegriffen hat, beruhen andre Verirrungen unsrer
-Attributbildung auf Nachäfferei der romanischen Sprachen, namentlich
-des Französischen, vor allem der abscheuliche, immer ärger werdende
-Unfug, Personen- oder Ortsnamen unflektiert und ohne alle Verbindung
-hinter ein Hauptwort zu stellen, das eine Sache bezeichnet, als ob
-die Sache selbst diesen Personen- oder Ortsnamen führte, z. B. das
-+Hotel Hauffe+, der +Konkurs Schmidt+, die +Stadtbibliothek Zürich+
-(statt: +Hauffes Hotel+, der +Schmidtsche Konkurs+, die +Züricher
-Stadtbibliothek+). Die Anfänge dieses Mißbrauchs liegen freilich weit
-zurück, man braucht nur an Ausdrücke zu denken wie: +Universität
-Leipzig+, +Zirkus Renz+, +Café Bauer+; aber seinen gewaltigen Umfang
-hat er doch erst in der neuesten Zeit angenommen. In wirklich deutsch
-gedachter Form bekommt man einen Eigennamen in Attributen kaum noch
-zu hören: alles plärrt, die Franzosen und Italiener nachäffend
-(~librairie Quantin~, ~chocolat Suchard~, ~rue Bonaparte~, ~casa
-Bartholdi~, ~Hera Farnese~ und ähnl.), von dem +Antrag Dunger+, dem
-+Fall Löhnig+, der +Affäre Lindau+, dem +Ministerium Gladstone+, dem
-+Kabinett Salisbury+, dem +System Jäger+, der +Galerie Schack+, dem
-+Papyrus Ebers+, der +Edition Peters+, der +Kollektion Spemann+ und
-der +Sammlung Göschen+, von +Schokolade Felsche+ und +Tee Riquet+,[98]
-von der +Villa Meyer+, dem +Wohnhaus Fritzen+, dem +Grabdenkmal Kube+,
-dem +Erbbegräbnis Wenzel+, dem +Pensionat Neumann+, der +Direktion
-Stägemann+, dem +Patentbureau Sack+, dem +Sprachinstitut Bach+,
-dem +Konzert Friedheim+, der +Soiree Buchmayer+, der +Tanzstunde
-Marquart+, dem +Experimentierabend Dähne+, dem +Vortrag Mauerhof+, dem
-+Quartett Udel+, der +Bibliothek Simson+, der +Versteigerung Krabbe+
-und dem +Streit Geyger-Klinger+, von dem +Magistrat Osnabrück+, der
-+Staatsanwaltschaft Halle+, der +Fürstenschule Grimma+, dem Kaiserl.
-deutschen +Postamt Frankfurt+, dem +Schreberverein Gohlis+, der +Mühle
-Zwenkau+, dem +Bundesschießen Mainz+, dem +Löwenbräu München+ und dem
-+Migränin Höchst+. Sogar der Dorfwirt will nicht zurückbleiben: er
-läßt den Firmenschreiber kommen, die alte Inschrift an seiner Schänke:
-+Gasthof zu Lindenthal+ zupinseln und dafür +Gasthof Lindenthal+
-hinmalen, und der Dorfpastor kommt sich natürlich nun auch noch
-einmal so vornehm vor, wenn er sich auf seine Briefbogen +Pfarrhaus
-Schmiedeberg+ hat drucken lassen. Und was der Franzose nie tut, das
-bringt der Deutsche fertig: er setzt auch hier Vornamen und Titel zu
-diesen angeleimten Namen und schreibt: die +Galerie Alfred Thieme+, die
-+Kapelle Günther Coblenz+, der +Rezitationsabend Ernst von Possart+,
-die +Villa ~Dr.~ Brüning+, das +Signet Galerie Ernst Arnold Dresden+
-(das soll heißen: Signet der Galerie von Ernst Arnold in Dresden!).
-Manchmal weiß man nicht einmal, ob der angefügte Name ein Orts- oder
-ein Personenname sein soll. In Leipzig preist man +Gose Nickau+ an. Ja,
-was ist Nickau? Ist es der Ort, wo dieser edle Trank gebraut wird, oder
-heißt der Brauer so? Der großherzogliche +Bahnbauinspektor Waldshut+ --
-heißt der Mann Waldshut, oder baut er in Waldshut eine Eisenbahn?
-
-Da kämpfen wir nun für Beseitigung der unnützen Fremdwörter in unsrer
-Sprache; aber sind denn nicht solche fremde Wortverbindungen viel
-schlimmer als alle Fremdwörter? Das Fremdwort entstellt doch die
-Sprache nur äußerlich; wirft man es aus dem Satze hinaus und setzt das
-deutsche Wort dafür ein, so kann der Satz im übrigen meist unverändert
-bleiben. Aber die Nachahmung von syntaktischen Erscheinungen aus
-fremden Sprachen, noch dazu von Erscheinungen, die die Sprache in so
-heruntergekommenem Zustande zeigen, wie dieses gemeine Aneinanderleimen
--- leimen ist noch zuviel gesagt, Aneinanderschieben -- von Wörtern
-fälscht doch das Wesen unsrer Sprache und zerstört ihren Organismus.
-Es ist eine Schande, wie wir uns hier an ihr versündigen! Wie stolz mag
-der Inhaber der +Auskunftei Schimmelpfeng+ gewesen sein, als er das
-herrliche deutsche Wort +Auskunftei+ erfunden hatte![99] Aber für die
-ganz undeutsche Wortzusammenschiebung hat er kein Gefühl gehabt.
-
-Auch hier handelt sichs um nichts als um eine dumme Mode, die jetzt,
-namentlich in den Kreisen der Geschäftsleute und Techniker, für fein
-gilt. Wenn es in einer Stadt fünf Kakaofabrikanten gibt, und einer
-von den fünfen schreibt plötzlich in seinen Geschäftsanzeigen: +Kakao
-Müller+ (statt +Müllerscher+ Kakao) und hat nun damit etwas besondres,
-so läßt es den vier andern keine Ruhe, bis sie dieselbe Höhe der
-Vornehmheit erklommen haben (+Kakao Schulze+, +Kakao Meier+ usw.). Der
-fünfte lacht vielleicht die andern vier eine Zeit lang aus und wartet
-am längsten; aber schließlich humpelt er doch auch hinterdrein, während
-sich der, der mit der Dummheit angefangen hat, schon wieder eine neue
-ausdenkt.
-
-Zu einer ganz besondern Abgeschmacktheit hat die neu erwachte
-Liebhaberei geführt, in Büchern ein Bücherzeichen mit dem Namen des
-Eigentümers einzukleben. Ein solches Bücherzeichen nennt man ein
-Exlibris, und wer sich eins anfertigen läßt, der läßt auch stets
-dieses Wort darauf anbringen. Da gibt es aber doch nun bloß zwei
-Möglichkeiten. Entweder man versteht das Wort lateinisch und in
-seiner eigentlichen Bedeutung (eins von den Büchern); dann kann
-man auch nur seinen Namen lateinisch dahinter setzen: +~Ex libris
-Caroli Schelleri~+. So geschah es im achtzehnten Jahrhundert. Oder
-man versteht ~Ex-Libris~ „deutsch“ als „Bücherzeichen“; dann kann
-man natürlich nur schreiben: +Exlibris Karl Schellers+. Das tut aber
-von Tausenden nicht einer! Alle setzen hinter Exlibris ihren Namen
-im Nominativ: +Exlibris Eugen Reichardt+, +Exlibris Adolf von Groß+,
-+Exlibris Carl und Emma Eckhard+. Das vernünftigste wäre ja, weiter
-nichts als seinen Namen hinzusetzen oder zu schreiben: +Eigentum Oskar
-Leuschners+ oder +Aus der Bibliothek+ (oder Bücherei) +Paul Werners+.
-Aber ohne die Worte oder das Wort Exlibris würde der ganze Sport den
-Leuten gar keinen Spaß machen. Man tauscht Exlibris, man tritt in den
-Exlibrisverein, man hält sich die Exlibriszeitschrift, und man druckt
-auf sein Bücherzeichen eine -- Sprachdummheit.
-
-
-Die Familie Nachfolger
-
-Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße
-Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist.
-Der französische Geschäftsstil setzt ~père~, ~fils~ und ~frères~, der
-englische ~brothers~ als Apposition hinter den Personennamen: ~Dumas
-fils~, ~Shakelford brothers~. Im Deutschen ist das ganz unmöglich,
-wir können nur von dem Wörterbuch der +Gebrüder Grimm+ reden,
-nicht der +Grimm Gebrüder+. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich
-wieder das Fremde nachäffen; sie nennen sich +Schmidt Gebrüder+,
-+Blembel Gebrüder+, +Ury Gebrüder+. Sie gehen aber noch weiter.
-Während der Franzose sagt: ~Veuve Cliquot~, schreibt der Deutsche:
-+M. D. Schwennicke Witwe+, ja selbst wo es sich gar nicht um ein
-Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen
-Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden;
-in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so
-aussehen, als ob ihre Inhaber den Familiennamen +Nachfolger+ und dabei
-die seltsamsten Vornamen hätten, wie: +C. F. Kahnt Nachfolger+, +Johann
-Jakob Huth Nachfolger+, ja sogar +Gebrüder Hinzelmann Nachfolger+ und
-+Luise Werner Nachfolger+. In großen Städten findet man kaum noch eine
-Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen.
-Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher
-ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist
-unverändert beibehielt, um sich deren Ruf zu erhalten -- in Leipzig
-gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vor hundert und mehr als
-hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! --, ist
-jetzt oft ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt
-der „Nachfolger“ auf der Firma. Manchen will ja die Dummheit, den
-Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den
-Kopf; man sieht das an der verschiedenen Art und Weise, wie sie sich
-quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist:
-+Ferdinand Schmidt Nachfolger+. Andre schreiben aber doch mit Komma:
-+Ferdinand Schmidt, Nachfolger+, was zwischen einem Schneider und einem
-Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im
-Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen
-schämten: +Ferdinand Schmidt |Nachfolger|+. Nur auf das einzig
-vernünftige: +Ferdinand Schmidts Nachfolger+ verfällt keiner.
-
-Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht
-der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen,
-die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem
-gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der
-Gartenlaube: +Ernst Keils Nachfolger+. Dagegen überbietet alles an
-Sprachzerrüttung die +Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger+; das soll
-heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch
-prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke
-erschienen sind!
-
-
-Ersatz Deutschland
-
-Eine ähnliche Sprachzerrüttung wie in den zuletzt angeführten
-Beispielen findet sich nur noch in den Namen neuer Schiffe, von denen
-man jetzt öfter in den Zeitungen liest: +Ersatz Preußen+, +Ersatz
-Leipzig+, +Ersatz Deutschland+. Was in aller Welt soll das heißen? Man
-kann es wohl ungefähr ahnen, aber ausgesprochen ist es nicht. Soll
-+Ersatz Preußen+ aufzufassen sein wie +Ersatztruppen+, +Ersatzknopf+,
-+Ersatzgarnitur+, so müßte es natürlich als zusammengesetztes
-Wort geschrieben werden: +Ersatz-Preußen+. Soll es aber, was das
-wahrscheinlichere ist, heißen: +Ersatz der (!) Preußen+[100] oder
-+Ersatz für die Preußen+, so läge in dem Weglassen des Artikels oder
-der Präposition eine beispiellose Stammelei. Man könnte dann ebensogut
-sagen: +Stellvertreter Direktor+ und sich einbilden, das hieße:
-+Stellvertretender Direktor+ oder +Stellvertreter des Direktors+.
-Das mag Chinesisch sein oder Negersprache, Deutsch ist es nicht.
-Wahrscheinlich ist es aber -- Englisch. Englisch ist ja jetzt Trumpf,
-zumal wenn es die Marine betrifft.
-
-
-Der grobe Unfugparagraph
-
-Viel ist schon gespottet worden über Attributbildungen wie: der
-+musikalische Instrumentenmacher+, der +vierstöckige Hausbesitzer+,
-der +doppelte Buchhalter+, der +wilde Schweinskopf+, die +reitende
-Artilleriekaserne+, die +geprüfte Lehrerinnenanstalt+, die
-+durchlöcherte Stuhlsitzfabrik+, die +chinesische Feuerzeugfabrik+,
-der +geräucherte Fischladen+, die +verheiratete Inspektorwohnung+, die
-+gelben Fieberanfälle+, das +einjährig-freiwillige Berechtigungswesen+
-und ähnliche, wo ein Attribut zu einem zusammengesetzten Worte gestellt
-ist, während es sich nur auf das Bestimmungswort der Zusammensetzung,
-in dem letzten Falle sogar auf einen dritten, hinzuzudenkenden Begriff
-(+Dienst+) bezieht. Dennoch wagen sich immer wieder Verbindungen
-dieser Art hervor wie: das +alte Thomanerstipendium+ (das soll eine
-Stiftung der alten, d. h. ehemaligen Thomaner sein!), der +grobe
-Unfugparagraph+, die +transportabeln Beleuchtungszwecke+, der
-+Vereinigte Staatenstaatssekretär+, die +Weiße Damenpartitur+ usw.
-
-Solche Verbindungen werden nur dann erträglich, wenn es möglich
-ist, sie durch doppelte Zusammensetzung zu dreigliederigen
-Wörtern zu gestalten; wie: +Armesünderglocke+, +Liebfrauenmilch+,
-+Altweibersommer+, +Sauregurkenzeit+ u. dgl.
-
-Nicht besser, eher noch schlimmer sind solche Fälle, wo das Attribut,
-statt durch ein Eigenschaftswort, durch einen Genitiv oder eine
-Präposition mit einem Hauptworte gebildet wird wie: der +Doktor+titel
-der +Philosophie+, der +Enthüllungs+tag +des Geibeldenkmals+,
-das +Heil+verfahren der +Diphtheritis+, das +Schmerz+stillen der
-+Zähne+, die +Anzeige+pflicht der +ansteckenden Krankheiten+,
-der +Verhaftungs+versuch +des Arbeiters+, eine +Fälscher+bande
-+amtlicher Papiere+, das +Übersetzungs+recht +in fremde Sprachen+,
-der +Verpackungs+tag +nach Österreich+, ein +Reise+handbuch +nach
-Griechenland+, die +Abfahrts+zeit +nach Kassel+, eine +Stern+gruppe
-+dritter Größe+, eine +Zucker+fabrik +aus Rüben+, +Erinnerungs+stätte
-an +Käthchen Schönkopf+, 100 Stück +Kinder+hemden +von 2 bis 14
-Jahren+, und ähnliches.
-
-
-Die teilweise Erneuerung
-
-Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in
-der Attributbildung verbreitet, der für einen Menschen von feinerem
-Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die
-große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mit +weise+
-zusammengesetzten Adverbia wie Adjektiva zu behandeln. Man schreibt
-jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: die +teilweise
-Erneuerung+, die +stufenweise Vermehrung+, die +ausnahmsweise
-Erlaubnis+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, die +heftweise
-Ausgabe+, die +stückweise Bezahlung+, die +auszugsweise Abschrift+, die
-+vergleichsweise Erledigung+, die +leihweise+ oder +schenkungsweise
-Überlassung+, der +glasweise Ausschank+, die +probeweise Anstellung+,
-die +reihenweise Aufstellung+, die +versuchsweise Aufhebung+,
-die +abwechslungsweise Verteilung+ usw. Wenn in Leipzig jemand
-seine Steuern nicht pünktlich bezahlt, so hat er die +zwangsweise
-Beitreibung+ (!) zu gewärtigen; ja nach einer Dorfversammlung läßt man
-sogar die Leute in ihre +beziehungsweisen (!) Behausungen+ zurückkehren.
-
-Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die
-griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort
-tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen
-Ausdruck zu bilden.[101] Im Griechischen kann man sagen: das +jetzt
-Geschlecht+ (τὸ νῦν γένος) für: das jetzige Geschlecht, der +heute
-Tag+ für: der heutige Tag, der +jedesmal König+ für: der jedesmalige
-König, die +dazwischen Zeit+ für: die dazwischenliegende Zeit, der
-+zurück Weg+ für: der zurückführende Weg, die +allzusehr Freiheit+
-für: die allzu große Freiheit. Mit unsern Adverbien auf +weise+
-lassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition
-κατά und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen wie: κατὰ
-μικρόν (stückweise), κατ’ ἐνιαυτόν (jahrweise, alljährlich), καθ’
-ἡμέραν (tageweise), (einer auf einmal), ἡ καθ’ ἡμέραν τροφή (die
-tageweise Nahrung). Im Deutschen sind derartige Verbindungen ganz
-unmöglich.[102] Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht
-ein, in einer Verbindung wie: die +schrittweise Vervollkommnung+
-das +schrittweise+ als Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe
-wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: die +pfennigweisen
-Ersparnisse+, ein +teilweiser Erlaß+. Das ist aber eben die Verwirrung.
-Die mit +weise+ zusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus
-Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst: +glücklicher Weise+,
-+törichter Weise+, +verkehrter Weise+, wie man auch sagte: +gewisser
-Maßen+ (+die+ Maße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht
-mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen
-(+versuchsweise+ ist eigentlich: +nach+ oder +auf Versuchs Weise+), und
-endlich bildete man sich ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang
-mit +weise+ (~sapiens~), diese Zusammensetzungen wären Adjektiva.
-Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwas +teilweise erneuern+,
-+ausnahmsweise erlauben+, +zwangsweise versteigern+, +bruchstückweise
-veröffentlichen+, man kann sich +schrittweise vervollkommnen+, aber die
-+schrittweise Vervollkommnung+ ist eine Verirrung des Sprachgefühls,
-die nicht um ein Haar besser ist als das +entzweie Glas+, der +extrae
-Teller+, der +sehre Hunger+ und die bisweilen im Scherz gebildeten
-Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: ein
-+durcher Käse+, eine +zue Droschke+, ein +auses Heft+ (statt: ein
-ausgeschriebnes).[103]
-
-Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist
-doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mit +zufrieden+,
-+vorhanden+, +ungefähr+ ist es ebenso gegangen. Erst sagte man:
-ich kann mir das +ungefähr vorstellen+, dann wagte man auch: ich
-habe davon eine +ungefähre Vorstellung+. Andre werden einwenden:
-dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) gewährt doch unleugbar eine
-Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher
-sagte man: +partiell+ (die +partielle Renovation+), +fragmentarisch+
-(die +fragmentarische Publikation+), +exzeptionell+, +obligatorisch+,
-+relativ+, +provisorisch+. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen:
-die +teilweise Erneuerung+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, und
-nun ist es wieder nicht recht.
-
-Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser
-Zusammensetzungen bewußt geblieben ist -- und solche Menschen
-wird es doch wohl noch geben dürfen? --, oder wer sie sich wieder
-zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt
-Ausdrücke wie +teilweise Erneuerung+ weder über die Lippen noch aus
-der Feder.[104] Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als
-Sprachschwulst oder Ungeschick: für +schenkungsweise Überlassung+
-eines Bauplatzes genügt doch wahrhaftig +Schenkung+ und statt: die
-+teilweise Veröffentlichung+ der Briefe kann man doch sagen: die
-Veröffentlichung +eines Teils+ oder +von Teilen+ der Briefe. Alle aber
-lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder
-wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen
-ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer
-ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wenn wir wieder Verba
-schreiben lernten, vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum
-anfangen lernten, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann würde
-so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben:
-es wurde eine Resolution angenommen, die die +zeitweise Aufhebung+ der
-Kornzölle verlangte -- schreibe man doch: die verlangte, die Kornzölle
-+zeitweise aufzuheben+, statt: ihre +teilweise Begründung+ mag diese
-Gleichgiltigkeit darin finden -- schreibe man doch: +begründet+ mag
-diese Gleichgiltigkeit +zum Teil+ darin sein -- und alles ist in bester
-Ordnung.
-
-Eine nagelneue besondre Abart dieses Fehlers ist das von den
-Kleiderfabrikanten aufgebrachte +fußfreie Kleid+, dem sich natürlich
-schleunigst der +armfreie Lodenmantel+, die +armfreie+ Betätigung aller
-Kräfte und die +kniefreien Wunderkinder+ angeschlossen haben. Man kann
-+sich+ wohl +fußfrei kleiden+, d. h. so, daß die Füße frei bleiben, man
-kann sich auch +rückenfrei setzen+, aber dann kann weder der Mensch
-noch das Kleid fußfrei, weder der Mensch noch der Stuhl rückenfrei
-genannt werden.
-
-
-Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende?
-
-Ein Gegenstück zu der +schrittweisen Vervollkommnung+, das freilich
-durch eine andre Sprachdummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: das
-+einzig Richtige+, der +tiefer Denkende+, der +mittellos Verstorbne+,
-der +mit ihm Redende+ u. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck,
-sondern -- in der Schreibung, nämlich in den törichten großen
-Anfangsbuchstaben, mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und
-Partizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt.
-
-Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Partizipia, wenn sie kein
-Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann
-mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben seien, also: die +Grünen+
-und die +Blauen+, alle +Gebildeten+. Das läßt sich hören. Nun geht
-man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch
-dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem
-Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle
-Bestimmung tritt, z. B.: so +Schönes+, längst +Bekanntes+, etwas
-ungemein +Elastisches+, der minder +Arme+, alles +bloß Technische+,
-das eigentlich +Theatralische+, der wirtschaftlich +Abhängige+, das
-dem Vaterland +Ersprießliche+ -- ein unglücklich +Liebender+, kein
-billig +Denkender+, der wagehalsig +Spekulierende+, das wahrhaft
-+Seiende+, der früh +Dahingeschiedne+, die mäßig +Begüterten+, die
-bloß +Verschwägerten+, der ergebenst +Unterzeichnete+, der sehnlichst
-+Erwartete+, der wahrhaft +Gebildete+, das glücklich +Erreichte+,
-das früher +Versäumte+, der hier +Begrabne+, das anderwärts besser
-+Dargestellte+ -- der beschaulich +Angelegte+, der gefesselt
-+Daliegende+, der unschuldig +Hingerichtete+, das als richtig
-+Erkannte+ -- die dem Gemetzel +Entgangnen+, die Medizin +Studierenden+
--- die zu ihm +Geflüchteten+, die vom Leben +Abgeschiednen+, die
-bei der Schaffung des Denkmals +Beteiligten+, die an der Aufführung
-+Mitwirkenden+, die auf die Eröffnung der Kasse +Wartenden+ -- auch:
-die von ihm +zu Befördernden+, das auf Grund des schon +Vorhandnen+
-noch +zu Erreichende+ usw.
-
-Ist das richtig? Können in solchen Verbindungen die Adjektiva und
-Partizipia wirklich als Substantiva angesehen werden? Ein wenig
-Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich
-sage: der +frühere Geliebte+, so ist das Partizip wirklich zum
-Substantivum geworden; sage ich aber: der +früher geliebte+, so
-kann doch von einer Substantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn
-hat es aber, Wörter äußerlich, für das Auge, zu Hauptwörtern zu
-stempeln, die gar nicht als Hauptwörter gefühlt werden können? Diese
-Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied
-zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen
-Partizipium klarzumachen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisher
-+Erforschte+, alle vernünftig +Denkenden+, die im Elsaß +Reisenden+,
-die zwei Jahre lang +Verbündeten+, die zur Feier von Kaisers Geburtstag
-+Versammelten+, die durch die Überschwemmung +Beschädigten+, die auf
-preußischen Universitäten +Studierenden+, der wegen einer geringfügigen
-Übertretung +Angeklagte+, wäre es möglich, alle diese Partizipia als
-Substantiva zu fühlen -- und nur darauf kommt es an! --, dann müßte man
-auch sagen können: alle bisher +Forschung+, alle vernünftig +Denker+,
-die im Elsaß Reise, die zwei Jahre lang +Verbindung+, die zur Feier
-von Kaisers Geburtstag +Versammlung+, der durch die Überschwemmung
-+Schade+, die auf preußischen Universitäten +Studenten+, die wegen
-einer geringfügigen Übertretung +Anklage+. Wollte man hier wirklich
-eine Substantivierung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das
-nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte
-und schriebe: die +Wirklichoderangeblichminderbegabten+, jeder
-+Tieferindiegoethestudieneingedrungne+. So verfährt man ja wirklich bei
-kurzen Zusätzen wie: die +Leichtverwundeten+, der +Frühverstorbne+, die
-+Fernerstehenden+, die +Wenigerbegabten+.
-
-Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Adjektiva und Partizipia
-allein stehen, sie mit großen Anfangsbuchstaben schreiben; treten
-sie mit irgendwelchen Zusätzen auf, so mögen sie mit dem kleinen
-Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn
-beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht,
-z. B.: das +unbedeutende+, in der Eile +hingeworfne+ -- etwas
-+selbstverständliches+, mit Händen +greifbares+ -- etwas +großes+,
-der ganzen Menschheit +ersprießliches+ -- eine nach dem +pikanten+,
-noch nicht +dagewesenen+ haschende Phantasie -- mit Verzicht auf das
-+verlorne+ und zu unsrer Sicherheit unbedingt +notwendige+? Soll man da
-abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben?
-
-Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen
-Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirklichen Substantiva und schriebe
-alles übrige klein. Aber zu schreiben: das durch redlichen Fleiß
-+Gewonnene+, und sich und andern einzureden: +Gewonnene+ sei hier ein
-Substantiv, ist doch geradezu ein Verbrechen an der Logik. Aber auch
-das +schrittweise Gewonnene+ ist Unsinn. Denn wäre +Gewonnene+ ein
-Hauptwort, dann könnte +schrittweise+ nur ein Eigenschaftswort sein,
-und das ist es nicht, ist aber +schrittweise+ ein Adverbium, dann kann
-+Gewonnene+ nur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht,
-sowie man es mit G schreibt.
-
-
-Die Apposition
-
-Eine Regel, die schon der Quintaner lernt, lautet: eine Apposition
-muß stets in demselben Kasus stehen wie das Hauptwort, zu dem sie
-gehört. Das ist so selbstverständlich, daß es ein Kind begreifen
-kann. Nun sehe man sich aber einmal um, wie geschrieben wird! Da
-heißt es: das Gastspiel +des+ Herrn R., +erster Tenor+ an der Skala
-in Mailand -- der Verfasser +der+ Sylvia, +ein Buch+, das wir leider
-nicht kennen -- es gilt das namentlich von +dem+ mitteldeutschen
-Hofbau, +die verbreitetste+ aller deutschen Bauarten -- der First ist
-+mit+ freistehenden +Figuren+, Petrus und +die vier Evangelisten+,
-geschmückt -- offenbar hat Trippel von +jener Skulptur+, +eine+ dem
-Apoll von Belvedere nicht +allzufernstehende Arbeit+, die Anregung
-erhalten -- in Koblenz war ich ein Stündchen +bei Bädeker+, ein recht
-+liebenswürdiger, verständiger+ Mann -- das Grab war +mit+ Reseda und
-+Monatsrosen+ geschmückt, +die Lieblingsblumen+ der Verstorbnen --
-anders verhält es sich mit +dem Sauggasmotor+, +ein Apparat+, der das
-erforderliche Gas selbst erzeugt. Solche Verbindungen kann man sehr
-oft lesen; mag der Genitiv, der Dativ, der Akkusativ vorausgehen,
-gleichviel: die Apposition wird in den Nominativ gesetzt. Sie wird
-behandelt wie eine Parenthese, als ob sie gar nicht zum Satzgefüge
-gehörte, als ob sie der Schreibende „beiseite“ spräche oder in den Bart
-murmelte.
-
-Auch dieser Fehler ist, wie so manches in unsrer Sprache, durch
-Nachäfferei des Französischen entstanden. Nicht daß das Französische
-bei seiner strengen Logik eines solchen Unsinns fähig wäre, zu einem
-Hauptwort im Genitiv eine Apposition im Nominativ zu setzen. Wenn der
-Franzose schreibt: ~le faîte est orné de statues~, ~St. Pierre et les
-quatre évangélistes~, so empfindet er natürlich ~les évangélistes~
-so gut von de abhängig wie das vorhergehende. Der Deutsche aber, der
-ein bißchen Französisch gelernt hat, sieht nur die unflektierte Form,
-bildet sich ein, das sei ein Nominativ, und plumpst nun hinter +des+
-und +dem+ und +den+ mit seinem +der+ drein. Es ist wie ein Schlag ins
-Gesicht, ein solcher Nominativ als Genosse und Begleiter eines ~casus
-obliquus~.
-
-Auch wenn die Apposition mit +als+ angeschlossen wird, muß sie
-unbedingt in demselben Kasus stehen wie das Wort, zu dem sie tritt,
-z. B.: ein Vortrag über Viktor +Hugo+ als +politischen Dichter+
-(nicht +politischer+!) -- ein Portal mit zwei gefesselten +Türken+
-als +Schildhaltern+ (nicht +Schildhalter+!) -- eine Zusammenfassung
-+Schlesiens+ als +eines+ Ganzen (nicht ein +Ganzes+!). Nur wenn sie
-sich an das besitzanzeigende Adjektiv anschließt, also eigentlich im
-Genitiv stehen müßte, nimmt man sich allgemein die Freiheit, zu sagen:
-+mein+ Beruf +als Lehrer+, +seine+ Bedeutung +als Dichter+.
-
-Nicht zu verwechseln mit der Apposition hinter +als+ ist das
-Prädikatsnomen hinter +als+ und dem Partizip eines Zeitworts, wie
-+gesandt+, +berufen+, +bekannt+, +berühmt+, +gefeiert+, +bewährt+,
-+berüchtigt+ usw. Beim ~Verbum finitum~ steht selbstverständlich ein
-Prädikatsnomen, das sich an das Subjekt anschließt, im Nominativ:
-der +Entschlafne+ wurde als +Mensch+ wie als Politiker gleich hoch
-geschätzt; schließt es sich an das Objekt an, so steht es im Akkusativ:
-ich habe +den Entschlafnen+ als +Menschen+ wie als Politiker gleich
-hoch geschätzt. Manche schreiben nun aber auch: die Stadt hat ihr +als
-ausgezeichneten Verwaltungsbeamten+ bekanntes +Oberhaupt+ verloren.
-Das ist des Guten zu viel. Beim Partizip steht das Prädikatsnomen
-stets im Nominativ, der Kasus, auf den es sich bezieht, mag sein,
-welcher er will, z. B.: auf die Vorstellungen +des als Gesandter+
-an ihn geschickten +Tilo+ -- an die Stelle +des als Professor+ nach
-Aachen versetzten +Baumeisters+ -- als Nachfolger +des als Gehilfe+
-des Finanzministers nach Petersburg berufnen +Geheimrats+ -- +dem+ als
-vortrefflicher +Dirigent+ bekannten +Kapellmeister+. Dieser Nominativ
-erklärt sich daraus, daß er eben stets hinter dem passiven ~Verbum
-finitum~ steht, sogar oft im Aktiv bei rückbezüglichen Zeitwörtern,
-wie +sich zeigen+, +sich beweisen+, +sich verraten+, +sich entpuppen+,
-+sich bewähren+, wo eigentlich der Akkusativ am Platze wäre: er hat
-+sich+ als +ausgezeichneter Verwaltungsbeamter+ bewährt. Hier ist
-übrigens ein Unterschied möglich; er zeigte +sich+ als +feinen+ Kenner
--- ist etwas andres als: er zeigte +sich+ als +feiner+ Kenner. Der
-Akkusativ entspricht einem Objektsatz im Konjunktiv (er zeigte, daß er
-ein feiner Kenner +sei+), der Nominativ einem Objektsatz im Indikativ
-(er zeigte, daß er ein feiner Kenner +ist+). Aber dieser Unterschied
-ist so fein, daß ihn die wenigsten nachfühlen werden; die meisten
-schreiben unwillkürlich überall den Nominativ.
-
-Bei +sein lassen+ und +werden lassen+ muß ein zum Objekt gehöriges
-Prädikat natürlich im Nominativ stehen. Falsch heißt es in dem
-Gesangbuchliede: laß du +mich deinen Tempel+ sein, falsch auch bei
-Uhland: laß +du mich deinen Gesellen+ sein -- so annehmbar es auch zu
-klingen scheint. Es muß heißen: laß du +mich dein Geselle+ sein -- laß
-+ihn ein tüchtiger Künstler+ werden.
-
-
-Der Buchtitelfehler
-
-Ein besonders häufiges Beispiel einer fehlerhaften Apposition
-findet sich auf Buchtiteln. Gewiß auf der Hälfte aller Buchtitel
-wird jetzt zum Verfassernamen, der ja immer hinter +von+, also im
-Dativ steht, das Amt oder der Beruf des Verfassers im Nominativ
-gesetzt! Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen
-Jahrhunderts war diese Nachlässigkeit fast unbekannt; da schrieb
-man noch richtig; +von+ Joseph +Freiherrn+ von Eichendorff, +von+
-H. Stephan, kgl. preußisch+em+ Postrat. Jetzt heißt es: +von+
-C. W. Schneider, Reichstagsabgeordnet+er+ -- +von+ H. Brehmer,
-dirigierend+er+ Arzt -- +von+ F. Kobeker, kaiserl. russisch+er+
-Geheimrat -- +von+ Egbert von Frankenberg, diensttuend+er+ Kammerherr
--- +von+ Havestadt und Contag, Regierungsbaumeist+er+ -- +von+ ~Dr.~
-Leonhard Wolff, städtisch+er+ Musikdirektor -- +von+ J. Hartmann,
-königl. preußisch+er+ Generalleutnant z. D. -- +von+ Adolf Zeller,
-königlich+er+ Regierungsbaumeister -- +von+ Adolf Winds, königl.
-sächsisch+er+ Hofschauspieler -- +von+ ~Dr.~ Friedrich Harms, weiland
-ordentlich+er+ Professor an der Universität Berlin -- +von+ L. Schmidt,
-korrespondierend+es+ Mitglied des Vereins usw. Besonders häufig
-erscheinen der +Dozent+, der +Privatdozent+ und der +Architekt+ in
-solchen fehlerhaften Appositionen; es ist, als ob die Herren ganz
-vergessen hätten, daß sie nach der schwachen Deklination gehen (+dem+
-Dozent+en+, +dem+ Architekt+en+). Mitunter sind ja die Verfasser so
-vorsichtig, das Wort, auf das es ankommt, abzukürzen, z. B.: +von+
-Heinrich Oberländer, +königl.+ Schauspieler. Namentlich der +ordentl.+
-und der +außerordentl.+ Professor gebrauchen gern diese Vorsicht und
-überlassen es dem Leser, sich die Abkürzung nach Belieben zu ergänzen.
-Die meisten Leser ergänzen aber sicher falsch.[105] Hat außerdem noch
-der Name des Druckers oder des Verlegers eine Apposition, so kann es
-vorkommen, daß auf einem Buchtitel der Fehler zweimal steht, oben
-beim Verfassernamen und dann wieder unten am Fuße: Druck +von+ Gustav
-Schenk, königlich+er+ Hofliefer+ant+!
-
-Aber auch in andern Fällen, nicht bloß wo sich der Verfasser
-eines Buches nennt, wird der Fehler oft begangen. Man schreibt
-auch: Erinnerungen +an+ Botho von Hülsen, Generalintend+ant+ der
-königlichen Schauspiele. Auf Briefadressen kann man lesen: +Herrn+
-~Dr.~ Müller, Vorsitzend+er+ des Vereins usw. Es ist, als ob alle
-solche Appositionen, die Amt, Titel, Beruf angeben, zusammen mit den
-Personennamen als eine Art von Versteinerungen betrachtet würden. Daß
-+von+ den Dativ, +an+ den Akkusativ regiert, dafür scheint hier alles
-Bewußtsein geschwunden zu sein. Erst kommt die Präposition, dann der
-Name, und dann, unflektiert und, wie es scheint, auch unflektierbar,
-der Wortlaut der -- Visitenkarte.
-
-
-Frl. Mimi Schulz, Tochter usw.
-
-Zu der einen Nachäfferei des Französischen bei der Apposition kommt
-aber jetzt noch eine zweite, nämlich die, den Artikel wegzulassen. In
-gutem Deutsch ist das nur dann üblich, wenn die Apposition Amt, Beruf
-oder Titel bezeichnet, und auch da eigentlich nur in Unterschriften,
-wenn man selber seinen Namen und Titel hinschreibt. Aber abgeschmackt
-ist es, den Artikel bei Verwandtschaftsbegriffen wegzulassen, und
-doch kann man das jetzt ebenso oft in Geschichtswerken wie in --
-Verlobungsanzeigen lesen. Historiker und Literarhistoriker schreiben:
-die Bekanntschaft mit Körner, +Vater+ des Dichters Theodor Körner
--- die Briefe sind an die Herzogin Dorothee Susanne, +Gemahlin+ des
-Herzogs Johann Wilhelm, gerichtet -- Gabriele von Bülow, +Tochter+
-Wilhelm von Humboldts -- sogar: Direktor Adler, +Pate+ meiner Schwester
--- und der Reserveleutnant und Gymnasialoberlehrer Schmidt zeigt an,
-daß er sich mit Fräulein Mimi Schulz, +Tochter+ des Herrn Kommerzienrat
-Schulz, verlobt habe. Diese lapidarische Kürze mag in den Augen des
-Reserveleutnants der Größe des Augenblicks angemessen erscheinen --
-deutsch ist sie nicht. Hat der Herr Kommerzienrat nur die eine Tochter,
-so muß es heißen: +der Tochter+, hat er mehrere, so muß es heißen:
-+einer Tochter+; und warum soll die Welt nicht erfahren, ob er noch
-mehr hat? Und wenn der Geschichtschreiber nicht wüßte, oder wenn es
-überhaupt unbekannt wäre, ob die Fürstin, von der er erzählt, eine oder
-mehrere Töchter gehabt hat, so müßte es immer heißen: +eine Tochter+,
-denn +eine+ Tochter war es auf jeden Fall, ob sie nun die einzige war
-oder Schwestern hatte.
-
-Ebenso falsch ist es natürlich, zu schreiben, der Vorwärts, +Organ+ der
-sozialdemokratischen Partei. Hat die Partei mehrere „Organe“, so muß
-es heißen: +ein+ Organ; hat sie nur das eine, ist das ihr anerkanntes
-amtliches „Organ“, so muß es heißen: +das+ Organ. +Organ+ allein könnte
-höchstens (in dem zweiten Falle) unter dem Titelkopfe der Zeitung
-stehen.
-
-
-Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße
-
-Daß ein Eigenname nicht mit einer vorangestellten Apposition ein
-zusammengesetztes Wort bilden kann, darüber ist sich wohl jedermann
-klar. +Kaiser Wilhelm+ -- das sind und bleiben zwei Wörter, so gut wie
-+Doktor Luther+, +Bruder Straubinger+, +Inspektor Bräsig+, +Familie
-Mendelssohn+, +Stadt Berlin+ u. ähnl. Trotzdem ist neuerdings der
-Unsinn aufgekommen, namentlich bei Badeorten die Apposition +Bad+ durch
-einen Strich mit dem Ortsnamen zu verbinden, als ob beides zusammen
-+ein+ Wort bildete. +Bad-Sulza+, im Gegensatz dazu dann +Stadt-Sulza+,
-+Bad-Elster+, +Bad-Kissingen+, +Bad-Nauheim+ -- so wird selbst
-amtlich von der Post und der Eisenbahn z. B. in Briefstempeln und auf
-Eisenbahnbilletts gedruckt. Und besucht man dann einen solchen Badeort,
-so sieht man, daß dort auch hinter dem Worte +Villa+ der Unsinn in
-üppigster Blüte steht: +Villa-Daheim+, +Villa-Schröter+, +Villa-Maria+,
-+Villa-Quisisana+ -- anders wird gar nicht mehr an die Häuser gemalt,
-einer machts immer dem andern nach.[106]
-
-Mit diesem Unsinn kreuzt sich aber nun ein andrer. Teils infolge des
-übertriebnen juristischen Genauigkeitsbedürfnisses, teils infolge des
-herrschenden Byzantinismus unsrer Zeit kann man es sich nicht versagen,
-da, wo nun wirkliche Zusammensetzungen mit Eigennamen gebildet werden,
-auch noch Vornamen, Titel oder sonstige Appositionen davorzusetzen und
-zu schreiben: +Gustav Freytag-Straße+, +von (!) Falckenstein-Straße+,
-+Kaiserin Augusta-Straße+, +Königin Carola-Gymnasium+, +Königin
-Luisen-Garten+, +Kaiser Friedrich-Quelle+, +Generalfeldmarschall Prinz
-Friedrich Karl von Preußen-Eiche+, +Familie Mendelssohn-Stiftung+,
-+Baronin Moritz von Cohn-Stiftung+, +Philipp Reis-Denkmal+, +Waldemar
-Meyer-Quartett+, +Gustav Frenssen-Abend+, +Arthur Nikisch-Stipendium+,
-+Auguste Schmidt-Haus+, +Hugo Wolff-Nachruf+ usw. Wenn man früher
-eine Straße nach dem großen Preußenkönig, einen Kanal nach dem großen
-Bayernkönig nannte, so nannte man sie einfach +Friedrichstraße+,
-+Ludwigskanal+. Eine Stiftung hieß die +Wiedebachsche Stiftung+, mochte
-sie nun von einem Manne namens Wiedebach, einer Frau namens Wiedebach
-oder einer Familie namens Wiedebach herrühren. Auf den Namen kam es
-an. Ein Name soll doch eben ein Name sein, aber keine Geschichte,
-kein Steckbrief, keine Hofkalenderadresse, keine Visitenkarte. Die
-heute beliebten langatmigen Bezeichnungen sind aber alles andre, nur
-keine Namen. Dazu kommt aber nun, daß alle solche Worthaufen, die
-doch als zusammengesetzte Wörter gelten sollen, vor den Eigennamen
-ohne Bindestrich geschrieben werden: +Kaiser Wilhelm-Straße+. Das
-kann doch nichts andres bedeuten als einen Kaiser, der Wilhelmstraße
-heißt! Soll es eine Straße bedeuten, die nach Kaiser Wilhelm genannt
-ist, so muß sie unbedingt geschrieben werden: +Kaiser-Wilhelm-Straße+.
-Und ebenso muß unbedingt geschrieben werden: +Gustav-Adolf-Verein+,
-+Maria-Stuart-Tragödie+, +Baronin-Moritz-von-Cohn-Stiftung+,
-+Generalfeldmarschall-Prinz-Friedrich-Karl-von-Preußen-Eiche+. Wem das
-nicht gefällt, der bilde keine solchen Wörter. Es geht aber schon so
-weit, daß man eine Schule +Kaiser Wilhelm II. Realschule+ genannt hat!
-Wie soll man das nur aussprechen?
-
-In der unsinnigen Schreibung solcher Wortungetüme (ohne alle
-Bindestriche) offenbart sich wieder der zerrüttende Einfluß des
-Englischen. Das Englische kennt ja keine Wortzusammensetzungen. Die
-Wörter kollern da aufs Papier wie die Pferdeäpfel auf die Straße:
-+Original Singer Familien Nähmaschine+. Das ist zu schön, das muß doch
-wieder nachgemacht werden!
-
-
-Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur
-
-Eine fehlerhafte und abgeschmackte Nachahmung des Französischen und
-des Englischen liegt auch in Verbindungen wie +Prinz-Regent+ und
-+Dichter-Komponist+ vor. Nach deutscher Logik (vgl. +Chorregent+,
-+Liederkomponist+) wäre ein +Dichterkomponist+ ein Komponist, der
-Dichter komponierte, ein +Prinzregent+ ein Regent, der einen Prinzen
-regierte; das eine soll aber ein Dichter sein, der zugleich komponiert,
-das andre ein Prinz, der die Regentschaft führt; das erste Wort soll
-also nicht das Bestimmungswort des zweiten, sondern das zweite eine
-Art von Apposition zum ersten sein. Das erste Beispiel dieser Art
-war wohl der +Bürgergeneral+, wie Goethe wörtlich das französische
-~citoyen-général~ übersetzt hatte; später kam der +Prinz-Gemahl+
-dazu (dem englischen ~prince-consort~ nachgebildet). Und nun war
-kein Halten mehr. Nun folgten auch die +Herzogin-Mutter+, die
-+Königin-Witwe+, der +Prinz-Regent+, der +Fürst-Bischof+ und der
-+Fürst-Reichskanzler+, und in andern Lebenskreisen, dem französischen
-~peintre-graveur~, ~membre-protecteur~ und ~commis-voyageur~
-nachgeäfft, der +Maler-Radierer+, der +Maler-Dichter+ (z. B. Reinick,
-Stifter, Fitger), der +Dichter-Komponist+ und der +Senior-Chef+. Kann
-man sich da wundern, wenn die Dienstmädchen nun auch von einem Prinzen,
-der in Leipzig studiert, sagen: Dort fährt der +Prinz-Student+? Manche
-Zeitungen getrauen sich schon nicht mehr, Fürstenkinder als Söhne und
-Töchter zu bezeichnen, sondern schreiben stets: die +Prinzen-Söhne+,
-die +Prinzessinnen-Töchter+. In gewissen sächsischen Zeitungen z. B.
-hat der König von Sachsen immer nur +Prinzensöhne+. Es fehlt nur noch
-die +Kaiserin-Großmutter+ und die +Königin-Tante+. Das neueste der Art
-ist der +Doktor-Ingenieur+, der lächerlicherweise noch dazu ~Dr. ing.~
-geschrieben wird, was man doch höchstens ~Doctor ingenii~ lesen kann.
-Hätte es da nicht näher gelegen und wäre es nicht logischer gewesen,
-solche Herren als ~Dr. techn.~ zu bezeichnen?
-
-
-In einer Zeit wie der unsrigen
-
-Keine eigentliche Apposition liegt vor, wenn man sagt: +in einer Zeit+
-wie +der unsrigen+, sondern hier hat ein kurzer Nebensatz, und zwar
-ein Attributsatz (+wie die unsrige ist+), sein Zeitwort eingebüßt, und
-das übrigbleibende Subjekt des Satzes ist dann unwillkürlich zu dem
-vorhergehenden Dativ gezogen, „attrahiert“ worden. Manche wollen von
-dieser Attraktion nichts wissen; sie ist aber sehr natürlich und liegt
-so nahe, daß es pedantisch wäre, sie zu vermeiden. Gegen Verbindungen
-wie: in +einem Buche+ wie dem vorliegenden, oder: es bedarf +eines
-Reaktionsstoffes+ wie +des Natriums+ -- ist nicht das geringste
-einzuwenden; es klingt sogar gesucht und hart, wenn jemand schreibt:
-+von+ Perioden wie +die jetzige+ kann man sagen -- sie wollte ihren
-Sohn +vor+ einem ähnlichen Schicksal wie +das+ seines Vaters bewahren
--- wer die Jugend +zu+ einem Berufe wie +der ärztliche+ vorbereiten
-will -- +solche+ kleinere Sammlungen wurden +in+ Werken wie +die
-Weingartner Handschrift+ vereinigt.
-
-
-Gustav Fischer, Buchbinderei
-
-Eine Geschmacklosigkeit, die sich in der Sprache unsrer Geschäftsleute
-mit großer Schnelligkeit verbreitet hat, besteht darin, zu einem
-Personennamen eine Sache als Apposition zu setzen, z. B.: +Gustav
-Fischer, Buchbinderei+ -- +Th. Böhme, Schuhmacherartikel und
-Schäftefabrik+ -- +B. Fricke, Kartoffelmehl ~en gros~+ -- +Leopold
-Wallfisch, Leder+. Früher sagte man vernünftigerweise: +Gustav Fischer,
-Buchbinder+, und wer zu verstehen geben wollte, daß er sein Geschäft
-nicht allein, sondern mit einer Anzahl von Gesellen betreibe (jetzt
-heißt es vornehmer: Gehilfen, obwohl ein Geselle von damals viel mehr
-zu bedeuten hatte als so ein moderner „Gehilfe“!), sagte: +Gustav
-Fischers Buchbinderei+ oder +Buchbinderei von Gustav Fischer+. Der
-Unsinn, einen Menschen eine Buchbinderei zu nennen, ist unsrer Zeit
-vorbehalten geblieben.
-
-Man könnte nun einwenden, in solchen Verbindungen solle der
-Personenname gar nicht den Mann bedeuten, sondern die Firma, das
-Geschäft; in dem Zusatz solle also gar keine Apposition liegen,
-sondern mehr eine „Juxtaposition“. In den altmodischen Firmen sei nur
-der eine Satz ausgedrückt gewesen: (hier wohnt) +Gustav Fischer+; in
-den neumodischen Firmen seien zwei Sätze ausgedrückt: (hier wohnt)
-+Karl Bellach+, (der hat eine) +photographische Anstalt+, oder: (hier
-hat sein Geschäft) +Siegfried Goldmann+, (der verkauft) +Wolle+. Wie
-steht es denn aber dann, wenn man in einem Ausstellerverzeichnis
-lesen muß: Herr +F. A. Barthel, Abteilung+ für Metallklammern, oder
-in einer Verlobungsanzeige: Herr +Max Schnetger, Rosenzüchterei+, mit
-Fräulein Luise Langbein, oder in einem Fremdenbuche: +Rudolf Dahme,
-Kognakbrennerei+, mit Gattin und Tochter, oder in einer Zeitung: Herr
-+Gustav Böhme jun., Bureau+ für Orientreisen, telegraphiert uns? Ist da
-auch noch die Firma gemeint?
-
-Zum Teil ist dieser Unsinn eine Folge der Prahlsucht[107]
-unsrer Geschäftsleute; es will niemand mehr +Gärtner+ oder
-+Brauer+, +Tischler+ oder +Buchbinder+ sein, sondern nur noch
-+Gärtnereibesitzer+, +Brauereibesitzer+, +Tischlereibesitzer+,
-+Buchbindereibesitzer+ -- immer großartig! Da darf natürlich die
-Buchbind+erei+ auch in der Firma nicht fehlen. Zum andern Teil ist er
-aber doch auch eine Folge der Verwilderung unsers Sprachgefühls. +W.
-Spindlers Waschanstalt+ und +Gotthelf Kühnes Weinkellereien+ -- das
-wäre Sprache; +W. Spindler Färberei und Waschanstalt+ und +Gotthelf
-Kühne Weinkellereien+ -- das ist Gestammel. Man will aber gar nicht
-mehr sprechen, man will eben stammeln.
-
-
-Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der letztere
-
-Recht vorsichtig sollte man immer in dem Gebrauche der persönlichen
-Fürwörter sein. Wer schreibt, der weiß ja, wen er mit einem
-+er+ oder +ihn+ meint; der Leser aber versteht oft falsch, weil
-mehrere Hauptwörter vorhergegangen sind, auf die sich das Fürwort
-zurückbeziehen kann, sucht dann nach dem richtigen Wort und wird so in
-ärgerlicher Weise aufgehalten. Wo daher ein Mißverständnis möglich ist,
-ist es immer besser, statt des Fürworts wieder das Hauptwort zu setzen,
-besonders dann, wenn im vorhergehenden zwei Hauptwörter einander
-gegenübergestellt worden sind. Leider macht sich auch hier wieder der
-törichte Aberglaube breit, daß es unschön sei, kurz hintereinander
-mehreremal dasselbe Wort zu gebrauchen.
-
-Man nehme folgende Sätze: Schon in Goethe, ja schon in dem
-musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte Vorgefühl einer
-solchen Entwicklung; Goethe hatte bekanntlich bis zu seinem vierzigsten
-Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden Kunst zu widmen,
-und die Haupttat Luthers, die Bibelübersetzung, ist eine wesentlich
-künstlerische Tat.
-
-Das sind gewiß ein paar gute, tadellose Sätze, so klar, übersichtlich
-und wohlklingend, wie man sie nur wünschen kann. Da kommt nun der
-Papiermensch drüber und sagt: Entsetzlich! Da steht ja zweimal
-hintereinander Goethe und zweimal hintereinander Luther! Jedes zweite
-mal ist vom Übel, also weg damit! Es muß heißen: +der eine+ und +der
-andre+, oder +jener+ und +dieser+, oder -- und das ist nun das schönste
-von allem --: +ersterer+ und +letzterer+. Also: schon in Goethe,
-ja schon in dem musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte
-Vorgefühl einer solchen Entwicklung: +ersterer+ hatte bekanntlich bis
-zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden
-Kunst zu widmen; und die Haupttat des +letztern+, die Bibelübersetzung,
-war eine wesentlich künstlerische Tat.
-
-Über die häßliche Komparativbildung +ersterer+ und +letzterer+
-ist schon bei den Relativsätzen gesprochen worden (vgl. S. 123).
-Wie häßlich ist aber erst -- dort wie hier -- die Anwendung! Das
-angeführte Beispiel ist ja verhältnismäßig einfach, und da es vorher
-mit Wiederholung der Namen gebildet worden ist, so sieht man leicht,
-worauf sich +ersterer+ und +letzterer+ beziehen soll. Aber welche
-Qualen kann dem Leser in tausend andern Fällen ein solches +ersterer+
-und +letzterer+, +dieser+ und +jener+ bereiten! Man hat ja, wenn man
-arglos vor sich hinliest, keine Ahnung davon, daß sich der Schreibende
-gewisse Wörter gleichsam heimlich numeriert, um hinterher plötzlich
-von dem Leser zu verlangen, daß der sie sich auch numeriert und --
-mit der Nummer gemerkt habe. Auf einmal kommt nun so ein verteufeltes
-+ersterer+. Ja wer war denn der +erstere+? Hastig fliegt das Auge
-zurück und irrt in den letzten zwei, drei Zeilen umher, um darnach zu
-suchen. +Ersterer+ -- halt, da steht +er+: Luther! Also: Luther hatte
-bekanntlich bis zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht,
-sich der bildenden Kunst zu widmen. Unsinn! der andre muß es gewesen
-sein, also noch einmal suchen! Richtig, hier steht er: Goethe! Also:
-Goethe hatte bekanntlich die ernstliche Absicht -- Gott sei Dank, jetzt
-sind wir wieder im Fahrwasser. Zum Glück verläuft ja in Wirklichkeit
-dieses Hinundhergeworfenwerden etwas schneller; aber angenehm ist es
-nicht, und doch, wie oft muß mans über sich ergehen lassen!
-
-Noch ein paar weitere Beispiele: Diskretion ist eine Tugend der
-Gesellschaft: +diese+ kann nicht ohne +jene+ bestehen -- unerfahrne
-Kinder und geübte Diplomaten haben das oft blitzartige Durchschauen
-von Menschen und Charakteren miteinander gemein, aber freilich aus
-verschiednen Gründen: +jene+ besitzen noch den Blick für das Ganze,
-+diese+ schon den für die Einzelheiten des menschlichen Seelenlebens
--- wie Raffael in der Form, ist Rembrandt in der Farbe nichts weniger
-als naturwahr; +dieser+ hat seinen selbständigen und in gewissem
-Sinne unnatürlichen Stil gerade so gut wie +jener+; und insofern
-Rembrandt in seinen Bildern sogar eine noch intensivere persönliche
-Handschrift zeigt als Raffael, hat der +erstere+ noch mehr Stil als
-der +letztere+ -- der Gelehrte ist seinem Wesen nach international,
-der Künstler national; darauf gründet sich die Überlegenheit des
-+letztern+ über den +erstern+ -- dieser Umschwung ist wieder durch
-den Egoismus bewirkt worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers,
-sondern der des Nehmers war; +jener+ hat in +diesem+ seinen Meister
-gefunden; +letzterer+ das Werk würdig fortgesetzt. Alle solche Sätze
-sind eine Qual für den Leser. Wer ist +dieser+, wer ist +jener+, wer
-ist +letzterer+? In dem letzten Beispiele sollen +dieser+ und +jener+
-der Geber und der Nehmer sein, aber in welcher Reihenfolge? +Dieser+
-soll sich auf den näherstehenden, +jener+ auf den fernerstehenden
-beziehen, +letzterer+ bezieht man unwillkürlich zunächst auf Meister,
-es ist aber wieder der Nehmer gemeint. Ist es denn da nicht gescheiter,
-zu schreiben: dieser Umschwung ist wieder durch den Egoismus bewirkt
-worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers, sondern der des
-Nehmers war; der Geber hat im Nehmer seinen Meister gefunden, der
-Nehmer hat das Werk würdig fortgesetzt? Das ist sofort verständlich,
-und alles ängstliche Umkehren und Suchen fällt weg.
-
-Ein ganz besondrer Mißbrauch wird noch mit +letzterer+ allein
-getrieben. Viele sind so verliebt in dieses schöne Wort, daß sie es
-ganz gedankenlos (für +dieser+!) auch da gebrauchen, wo gar keine
-Gegenüberstellung von zwei Dingen vorhergegangen ist; sie weisen
-damit einfach auf das zuletzt genannte Hauptwort zurück; z. B.: das
-Preisgericht hat seinen Spruch getan, +letzterer+ greift jedoch
-der Entscheidung nicht vor -- das Pepton wird aus bestem Fleisch
-dargestellt, sodaß +letzteres+ bereits in löslicher Form dem Magen
-zugeführt wird -- Krüge, Teller und Schüsseln bilden das Material,
-dem die dichterischen Ergüsse anvertraut werden; sind +letztere+ aber
-elegischer Natur, so finden wir sie auf Grabsteinen und Votivtafeln
--- in der offiziösen Sprache schreibt man erst dann von gestörten
-Beziehungen, wenn der Krieg vor der Tür steht, und daß +letzteres+
-nicht der Fall sei, glauben wir gern -- je weiter entwickelt die Kultur
-eines Volkes ist, desto empfindlicher ist +letzteres+ gegen gewaltsame
-Eingriffe -- die Stellungnahme (!) des Pietismus zu den Kantoreien
-mußte auf +letztere+ lähmend wirken -- die Genossen, die ohne Kündigung
-die Arbeit eingestellt hatten und +letztere+ nicht sofort wieder
-aufnahmen -- F. schlug den Wachtmeister über den Kopf, als +letzterer+
-(der Kopf?) seine Zelle betrat -- diese Aufsätze sind verhaltne
-lyrische Gedichte, von +letztern+ (+solchen+!) nur durch die Form
-verschieden usw. Wenn solche Gedankenlosigkeit weitere Fortschritte
-macht, so kommen wir noch dahin, daß es in lateinisch-deutschen
-Wörterbüchern heißen muß: ~hic~, ~haec~, ~hoc~: +letzterer+,
-+letztere+, +letzteres+ (ebenso wie ~qui~, ~quae~, ~quod~: +welch
-letzterer+, +welch letztere+, +welch letzteres+).
-
-
-Derselbe, dieselbe, dasselbe
-
-Zu den entsetzlichsten Erscheinungen unsrer Schriftsprache gehört
-der alles Maß übersteigende Mißbrauch, der mit dem Fürwort
-+derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ getrieben wird. An der Unnatur und
-Steifbeinigkeit unsers ganzen schriftlichen Ausdrucks trägt dieses
-Wort die Hälfte aller Schuld. Könnte man unsrer Schriftsprache diesen
-Bleiklumpen abnehmen, schon dadurch allein würde sie Flügel zu bekommen
-scheinen. Der Mißbrauch dieses Fürworts gehört zu den Hauptkennzeichen
-jener Sprache, von der nun schon so viele Beispiele in diesem Buche
-angeführt worden sind, und die man so treffend als papiernen Stil
-bezeichnet hat.[108]
-
-Unter hundert Fällen, wo heute +derselbe+ geschrieben wird, sind keine
-fünf, wo das Wort in seiner wirklichen Bedeutung (~idem~, ~le même~,
-~the same~) stünde. In der lebendigen Sprache wird es zwar in seiner
-wirklichen Bedeutung täglich tausendmal gebraucht, auf dem Papier aber
-fast gar nicht mehr; da wird es immer ersetzt durch +ebenderselbe+
-oder +einundderselbe+ oder +der nämliche+ oder +der gleiche+ (von dem
-+gleichen+ Verfasser erschien in der +gleichen+ Verlagsbuchhandlung
-usw.). Daß zur Gleichheit mindestens zwei gehören, daran denkt man
-gar nicht. Zwar so wunderbaren Sätzen wie: Wagner hat +dieselben+
-Quellen benutzt wie Goethe, aber in engerm Anschluß an +dieselben+
-(wo erst ~eosdem~, dann ~eos~ gemeint ist) -- fast gleichzeitig wurde
-der Roman Werthers Leiden fertig; über +denselben+ schreibt Goethe in
-+demselben+ Briefe usw., begegnet man selten. Aber in fünfundneunzig
-unter hundert Fällen ist +derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ nichts
-weiter als +er+, +sie+, +es+ oder +dieser+, +diese+, +dieses+. Und das
-ist das ärgerlichste an dem dummen Mißbrauch, daß dabei auch noch der
-Unterschied zwischen +er+ und +dieser+ verwischt wird.
-
-Für das persönliche Fürwort +er+ steht +derselbe+ z. B. in folgenden
-Sätzen (man kann in wenig Minuten in jedem Buch und jeder Zeitung die
-Beispiele schockweise sammeln): wir brauchten das nur dann zu wissen,
-wenn die Welt erst noch geschaffen werden sollte; +dieselbe+ ist aber
-bereits fertig -- der Hauptsitz der Rosenkultur ist der Südfuß des
-Hämus, doch zieht sich +dieselbe+ auch in das Mittelgebirge hinein
--- durch Höhe der Gebäude suchte man zu ersetzen, was +denselben+ an
-Breite und Tiefe abging -- was Erich Schmidt gegen die Glaubwürdigkeit
-Bretschneiders in Feld führt, reicht nicht aus, +dieselbe+ zu
-erschüttern -- der Fall muß allgemeines Aufsehen erregt haben, da
-+derselbe+ eine Bürgerstochter aus guter Familie betraf -- neuerdings
-hat man versucht, den Reim durch die Alliteration zu verdrängen; Jordan
-hat +dieselbe+ eingeführt, und R. Wagner hat +dieselbe+ in freier Weise
-verwandt -- ich hatte mir gleich anfangs ein Brunnenglas gekauft, aber
-+dasselbe+ blieb jungfräulich -- die Gemeinde war allerdings Besitzer
-des Bodens, +derselbe+ wurde aber nicht gemeinschaftlich bearbeitet
--- das Manuskript lag halbvergessen in einem Schubfache, bis mir die
-Anregung wurde, +dasselbe+ einer Zeitung zu überlassen -- Versuche,
-den Verein zu verfolgen, werden +demselben+ nur neues Wachstum
-verleihen -- der Inhaber hat die Karte stets bei sich zu führen und
-darf +dieselbe+ an andre Personen nicht weitergeben -- der Nebensatz
-steht gewöhnlich hinter dem Hauptsatz, +derselbe+ kann jedoch auch
-dem Hauptsatz vorangehen, und endlich kann +derselbe+ auch in den
-Hauptsatz eingeschaltet sein usw. Kein vernünftiger Mensch spricht so;
-jeder braucht, um ein eben dagewesenes Hauptwort zu ersetzen, in der
-lebendigen Sprache das persönliche Fürwort.
-
-In folgenden Sätzen wäre +dieser+ (oder das demonstrative +der+) das
-richtige: der Wildbach trat aus und wälzte große Schuttmassen in
-die Limmat; dadurch wurde +dieselbe+ in ihrem Laufe gehemmt -- in
-Königsberg ließ Lenz seine Ode auf Kant drucken, als +derselbe+ die
-Professorwürde erlangte -- in jeder Küche stand früher ein viereckiges
-Kästchen aus Blech; +dasselbe+ enthielt vier Gegenstände, unter
-anderm eine Masse, die man Zunder hieß; +dieselbe+ war hergestellt
-aus usw. -- es finden sich in der Schrift bisweilen originelle
-Kombinationen; +dieselben+ sind aber doch völlig wertlos -- freilich
-gehört Anlagekapital dazu, +dasselbe+ verzinst sich aber gut --
-für die lokale Feier sind entsprechende Festlichkeiten in Aussicht
-genommen; +denselben+ werden geistliche Festlichkeiten vorausgehen --
-das Ergebnis der Revolution wäre sicher nicht der sozialdemokratische
-Staat; +derselbe+ (+dieser+!) verlangt eine solche Umwälzung aller
-Anschauungen, daß +sich dieselbe+ (+sie sich+!) nicht von heute auf
-morgen vollziehen kann.
-
-Ein Zeitungschreiber kann heutzutage nicht eine Mitteilung von
-zwei Zeilen machen ohne dieses unsinnige +derselbe+; erst wenn das
-darinsteht, hat die Sache die nötige Wichtigkeit. Der Adjutant des
-Sultans ist hier eingetroffen; +derselbe+ überbrachte dem Großfürsten
-vier Pferde. Daß man nur ja nicht etwa denke, es habe sie ein andrer
-überbracht! nein nein, es war derselbe! Ach, und wenn nun erst noch
-die schöne Inversion dazukommt (der Verdacht lenkte sich sofort auf
-den wegen Nachlässigkeit bekannten Hausmann, +und wurde derselbe+ in
-einem Bodenraum erhängt aufgefunden), und wenn gar die Inversion nur
-zu dem Zweck angewandt wird, auch das herrliche +derselbe+ anbringen
-zu können (die Zigarren erheben sich weit über das gewöhnliche
-Niveau, +und gehören dieselben+ zu den besten usw.), oder wenn sich
-zu +derselbe+ noch ein +daselbst+, +dortselbst+, +hierselbst+ oder
-+woselbst+ gesellt (denn +da+, +dort+, +hier+ und +wo+ kennt der
-Zeitungschreiber auch nicht, das ist ihm viel zu simpel), dann
-schwillt die stolze Reporterbrust, er weiß, daß er seinen „bedeutsamen“
-Mitteilungen die würdigste Form verliehen hat. Zur Resolution sprach
-bei Beginn der Sitzung der Abgeordnete T.; +derselbe+ erklärte sich
-gegen +dieselbe+ -- der Ulan M. erhielt drei Tage Mittelarrest, weil
-+derselbe+ beim Appell sein Pferd schlecht vorführte, sodaß +dasselbe+
-einen Kameraden auf den Fuß trat und +denselben+ verletzte -- gestern
-abend ist der Herr Justizminister +hierselbst+ eingetroffen und im
-Hotel S. abgestiegen. +Derselbe+ begab sich heute morgen nach dem
-Amtsgerichtsgebäude, nahm +dasselbe+ eingehend in Augenschein und
-wohnte verschiedenen Verhandlungen +daselbst+ bei -- heute wurde hier
-eine Windhose beobachtet; +dieselbe+ erfaßte einen Teil des auf der
-Wiese liegenden Heues und drehte +dasselbe+ turmhoch in die Luft,
-+woselbst+ es dann weiter geführt wurde -- die Färbung der Kreuzotter
-ist nicht bestimmt anzugeben, da +dieselbe+ bei +einunddemselben+ (!)
-Individuum (!) wechselt und nach der Häutung meist heller erscheint
-als vor +derselben+. Das sind Muster von Zeitungssätzen. Aber auch
-in wissenschaftlichen Werken und in Erzählungen, in Bekanntmachungen
-von Behörden und in Geschäftsanzeigen -- überall verfolgt einen das
-entsetzliche Wort. Selbst in den kleinen Scherzgesprächen unter
-den Bildern der Fliegenden Blätter und in dem Dialog der neuesten
-Lustspiele ist man nicht mehr sicher davor. Man schnellt im Theater von
-seinem Sitz in die Höhe, wenn auf der Bühne so ein dummes +derselbe+
-(für +er+) gesprochen wird; aber weder der Schauspieler noch der
-Regisseur hat es bemerkt und beseitigt! Wie kommt es nur, liebe B.
--- heißt es auf einem Reklamebildchen --, daß deine Kinderchen stets
-so blühend und gesund sind, während die meinigen immer bleich und
-kränklich aussehen? -- Wir genießen alle als tägliches Getränk Kakao
-von Hartwig und Vogel; +derselbe+ ist von anerkannt vorzüglicher
-Qualität, ergiebig und daher billig. Nein, so spricht die liebe B.
-nicht. Ein bekanntes Geschichtchen erzählt, daß der Lehrer in der
-Stunde gefragt habe: wieviel Elemente gibt es, und wie heißen sie?
-und der Schüler geantwortet habe: es gibt vier Elemente, und ich heiße
-Müller. Das war die Folge davon, daß sich der Lehrer so gewöhnlich
-ausgedrückt hatte! Warum hatte er nicht vornehm gefragt, wie unsre
-statistischen Formulare: und wie heißen +dieselben+!
-
-Ein Hochgenuß für den Leser ist es, wenn, wie es tausendfach geschieht,
-beide in einem Satz unmittelbar nebeneinander stehen, die herrlichen
-Papierpronomina: +derselbe+ (statt +er+) und +welcher+ (statt +der+)!
-Zum Verständnis des Parzival ist es nötig, die beiden Sagenkreise,
-+welche demselben+ (+die ihm+!) zugrunde liegen, kennen zu lernen --
-in Hyrtls Hause befindet sich der fragliche Schädel (Mozarts), und der
-Besitzer, +welcher denselben+ (+der ihn+!) der Stadt Salzburg vermacht
-hat, zweifelt nicht an der Echtheit +desselben+ -- Reiskes Briefe kamen
-in die Universitätsbibliothek zu Leiden; es sind aufrichtige Verehrer
-gewesen, +welche dieselben+ (+die sie+!) jener Bibliothek schenkten,
-und sie werden +in derselben+ als ein Schatz geachtet -- das erwähnte
-Statut und die Bulle, +welche dasselbe+ (+die es+!) sanktioniert hatte
--- bezeichnend für den Geschmack der Direktion und die Zumutungen,
-+welche dieselbe+ (+die sie+!) an das Publikum zu stellen wagt -- was
-für Forderungen an die Gebildeten gestellt werden, wird je nach dem
-Zeitalter, +welchem dieselben+ (+dem sie+!) angehören, verschieden
-sein -- die farbige Aufnahme des Fensters verdanken wir Herrn E.,
-+welcher dasselbe+ (+der es+!) restauriert hat -- wer spricht so? Kein
-Mensch. Aber sowie der Deutsche die Feder in die Tinte taucht, fährt
-ihm der Registrator oder der Kanzlist in die Glieder. Im fünfzehnten
-und sechzehnten Jahrhundert sind Tausende der wichtigsten Urkunden
-angefangen worden: Wir tun kund mit diesem Brief allen +denen, die
-ihn+ sehen oder hören lesen. Heute in einem Ehrenbürgerbriefe zu
-schreiben: Wir ernennen Herrn X. +wegen+ der großen Verdienste, +die
-er sich+ um unsre Stadt erworben hat usw. -- das wäre ja im höchsten
-Grade würdelos, so spricht man wohl, aber so schreibt man doch nicht!
-Wir ernennen Herrn +in Anbetracht+ der großen Verdienste, +welche
-derselbe+ um unsre Stadt +sich+ erworben hat usw. -- so klingt es
-großartig, feierlich, erhaben! Kaiser Friedrich soll als Kronprinz
-1859 zu einer Deputation gesagt haben: Wenn Gott meinen Sohn am Leben
-erhält, so wird es unsre schönste Aufgabe sein, +denselben+ in den
-Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +welche+ mich an das Vaterland
-ketten. Man kann darauf schwören, daß er nicht so gesagt hat, sondern:
-+ihn+ in den Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +die+ mich an das
-Vaterland ketten. Aber der Zeitungschreiber hat das natürlich erst
-aus dem Menschlichen ins Papierne übersetzen müssen. In der Poesie
-ist +derselbe+ noch viel unmöglicher als +welcher+. Nur in dem alten
-Studentenliede ~Ça ça~ geschmauset! heißt es:
-
- Knaster den gelben
- Hat uns Apolda präpariert
- Und uns +denselben+
- Rekommandiert.
-
-
-Darin, daraus, daran, darauf usw.
-
-Es sind ja aber nicht bloß die Fürwörter +er+ und +dieser+ (oder
-+der+), die durch den unsinnigen Mißbrauch verdrängt und vermengt
-werden; er -- wollte sagen „derselbe“ frißt noch weiter, viel weiter.
-In der lebendigen Sprache haben wir die leichten, zierlichen Adverbia:
-+darin+, +daraus+, +daran+, +darauf+, +dabei+, +davor+, +dahinter+,
-+damit+, +darum+, +dafür+, +dazwischen+ usw.; jeder braucht sie
-hundertmal des Tags. Aber sowie einer die Feder ergreift -- wehe den
-armen! Dann heißt es: +in demselben+, +aus demselben+, +an demselben+,
-+auf demselben+, +mit demselben+, +bei demselben+, +zwischen denselben+
-usw. -- auch in dieser Gestalt storcht das langbeinige Ungetüm
-überall durch unsre Schriftsprache. Das Denkmal will alles Prunkvolle
-vermeiden, nur das allgemein Menschliche soll +in demselben+ (+darin+!)
-betont werden -- die Geistlichen hatten ihren eignen Predigtstuhl, und
-+in demselben+ (+darin+!) jeder seinen bestimmten Platz -- so sehr ich
-in diesem Punkte mit dem Verfasser einverstanden bin, so entschieden
-muß ich die Forderungen bekämpfen, die er +aus demselben+ (+daraus+!)
-ableitet -- sie betrachteten sich als die alleinigen Eigentümer des
-Landes und gestanden andern keinen Anteil +an demselben+ (+daran+!)
-zu -- obgleich durch den Regen der Abmarsch des Festzuges verspätet
-und die Beteiligung +an demselben+ (+daran+!) beeinträchtigt wurde --
-die Entstellungen sind wirkungslos, ein unbefangner Beurteiler wird
-sich an +dieselben+ (+daran+!) nicht kehren -- im Jahre 1560 wurde
-der Turm erhöht und eine Wohnung +auf demselben+ (+darauf+!) erbaut
--- die Wiesen waren wieder getrocknet, und bald entwickelte sich +auf
-denselben+ (+darauf+!) ein üppiger Graswuchs -- 1890 reichte die
-Zahl an den Durchschnitt hinan, 1900 blieb sie +hinter demselben+
-(+dahinter+!) zurück -- der Boden war überall von so wunderbarer
-Beschaffenheit, daß sich kaum die fruchtbarsten Gegenden Deutschlands
-+mit demselben+ (+damit+!) vergleichen ließen -- der Holzbau ist ein
-viel zu überwundner Standpunkt, als daß es der Mühe lohnte, sich in
-der Praxis +mit demselben+ (+damit+!) zu befassen -- die Erziehung
-des Knaben ruhte ausschließlich in den Händen der Mutter, da sich der
-Vater, der sich viel auf Reisen befand, nicht +um dieselbe+ (+darum+!)
-kümmern konnte -- hier bedarf es des Glaubens an die gute Sache und der
-Begeisterung +für dieselbe+ (+dafür+!) -- keinem kann dieses Studium
-erlassen werden, wohl aber bereitet sich +für dasselbe+ (+dafür+!)
-ein neuer Maßstab vor -- dieser Gedanke wurde am Mainzer Hofe lebhaft
-erwogen, der Kurfürst war ganz +von demselben+ (+davon+!) erfüllt --
-die Fürstin wünschte lebhaft, das Bild zu besitzen, aber Angelika
-konnte sich +von demselben+ (+davon+!) nicht trennen -- in der Mitte
-des Schrankes hängt ein mächtiges, reich verziertes Schwert, +neben
-demselben+ (+daneben+!) rechts und links zwei kleinere Schwerter --
-in diesem Graben fließt eine bedeutende Wassermenge, deshalb ist auch
-ein Steg +über denselben+ (+darüber+!) gelegt -- die Presse ist noch
-nicht einig, ob sie den Vorfall bedauern oder sich +über denselben+
-(+darüber+!) freuen soll -- das Partizip steht hier absolut, ein Komma
-+hinter demselben+ (+dahinter+!) würde nur irreführen usw. Anders wird
-gar nicht geschrieben.
-
-Nach einem weit verbreiteten Aberglauben sollen sich die Adverbia
-+darin+, +darauf+, +dafür+ usw. immer nur auf eine Handlung, ein
-Zeitwort, einen ganzen Satz, aber nie auf ein Hauptwort beziehen
-können. Es sei also zwar richtig, zu antworten: ich kann mich nicht
-+darauf+ besinnen -- wenn gefragt worden sei: besinnst du dich,
-+was du+ mir damals +versprochen hast+? aber nicht, wenn die Frage
-gelautet habe: besinnst du dich auf den +Ausdruck+, den du damals
-gebraucht hast? Die angeführten Beispiele zeigen, wie lächerlich dieser
-Aberglaube ist. Die lebendige Sprache setzt die Adverbia überall statt
-der Präposition in Verbindung mit einem persönlichen Fürwort. Nur
-auf Personen können sie sich nicht beziehen, da muß das persönliche
-Fürwort stehen. Es gibt zwar Fälle, wo das Adverb auch bei Sachen etwas
-ungewöhnlich klingt, z. B.: wer die hiesigen Universitätsverhältnisse
-und mein Verhalten +dazu+ nicht kennt; aber das liegt nur daran, daß
-uns das dumme +derselbe+ so oft vor die Augen gebracht wird, daß uns
-schließlich das Einfache und Natürliche befremdet. Und was hindert
-denn, auch hier das persönliche Fürwort zu gebrauchen? Warum sagt man
-nicht: die hiesigen Universitätsverhältnisse und mein Verhalten +zu
-ihnen+? Bei +ohne+ scheint sowieso nichts andres übrig zu bleiben,
-denn ein Adverb +darohne+ gibt es nicht, obwohl man es zu bilden
-versucht hat. Auch bei dem Neutrum es entsteht eine Schwierigkeit. Sie
-wollte sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +ohne
-dasselbe+ nicht rechnen konnte -- hier ist doch wohl +dasselbe+ ganz
-unentbehrlich? Soll man schreiben: +ohne es+? Jakob Grimm hätte es
-getan, er schrieb so, er wollte, daß es nicht anders behandelt würde
-als +ihn+ und +sie+, und einige sind ihm darin gefolgt. Es klingt aber
-doch seltsam, denn +es+ ist gewöhnlich tonlos, und hier müßte es betont
-werden. Gibt es denn aber wirklich keinen Ersatz für das fehlende
-+darohne+? Gewiß gibt es einen, und er heißt -- +sonst+! Sie wollte
-sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +sonst+ nicht
-rechnen konnte. Das ist gutes Deutsch.
-
-Bisweilen erscheinen in einem Satze zwei gleichklingende persönliche
-Fürwörter unmittelbar hintereinander, z. B. +sie+ als Femininum
-und als Plural: Handlungen dieser Art suchte die Gewerbeordnung zu
-unterdrücken, indem +sie sie+ verbot. Etwas schrecklicheres ist ja
-nun für die Augen des Papiermenschen nicht denkbar. Da muß es doch
-unbedingt heißen: indem +sie dieselben+ verbot? Nein, auch da nicht,
-denn man spricht nicht so, man spricht frischweg +sie sie+, und was
-gesprochen und gehört nicht mißfällt, ja nicht einmal auffällt, kann
-doch auch geschrieben oder gedruckt keinen Anstoß erregen! Wenn sich
-in einer Schulklasse die Mädchen gezankt haben, zwei einer dritten ein
-Buch weggenommen haben, der Lehrer Frieden stiftet und dann fragt:
-habt +ihr ihr ihr+ Buch wiedergegeben? so ist das doch noch viel
-„schlimmer“. Aber wird der Lehrer deshalb fragen: habt +ihr derselben
-ihr+ Buch wiedergegeben?
-
-Der abhängige Genitiv endlich (+desselben+ und +derselben+) kann
-überall durch +sein+ und +ihr+ ersetzt werden, denn daß diese Fürwörter
-nur im reflexiven Sinne gebraucht werden könnten, ist doch auch
-nur Aberglaube.[109] Als die Kaiserin das +Schloß+ besichtigt und
-die Schönheit +desselben+ bewundert hatte -- warum nicht: +seine+
-Schönheit? Die Sammlung ist so zeitgemäß, daß zur Rechtfertigung
-+derselben+ kein Wort zu verlieren ist -- warum nicht: zu +ihrer+
-Rechtfertigung? Freilich würden einige Geschäfte dann eingehen, da die
-ganze Bedeutung +derselben+ darin beruht usw. -- warum nicht: +ihre+
-ganze Bedeutung? Auch wer sich tief in die Eigentümlichkeiten der
-spanischen Dichtung versenkt hat und von der lebhaften Bewunderung für
-die Vorzüge +derselben+ durchdrungen ist -- warum nicht: für +ihre+
-Vorzüge? Wo eine Verwechslung, ein Mißverständnis entstehen könnte,
-da schreibe man +dessen+ und +deren+, z. B.: es muß dem Biographen
-nachgerühmt werden, daß er bei aller Liebe zu +seinem+ Helden doch
-nicht blind für +dessen+ Schwächen ist. Aber nur nicht +desselben+!
-In den allermeisten Fällen aber -- man achte nur darauf und versuche
-es! -- kann man den Genitiv einfach streichen, ohne daß der Gedanke
-im geringsten an Deutlichkeit verlöre. Nicht auf den Stoff kommt es
-an, sondern auf die Behandlung +desselben+ -- über die Aufgaben waren
-alle einig, nur schlugen sie zur Lösung +derselben+ verschiedne Wege
-ein -- die Erklärung des Parteitags fand so viel Beifall, daß sich die
-Führer +desselben+ ermutigt sahen -- Gregor klagte, daß sie die Kirche
-zerstört und das Material +derselben+ zum Bau ihrer Häuser verwendet
-hätten -- zu den Unregelmäßigkeiten in der äußern Anlage unsrer Dörfer
-kommt noch die Unregelmäßigkeit im innern Aufbau +derselben+ -- die
-steilere Partie des Berges gehört dem weißen, die mäßig geneigten
-Ausläufer +desselben+ dem braunen Jura an -- ich habe die Fachausdrücke
-des Deutschen und des Französischen miteinander verglichen und habe
-gefunden, daß die Mehrzahl +derselben+ übereinstimmt -- nachdem die
-Gäste das Gasthaus verlassen hatten und die Wirtin +desselben+ die Tür
-verschlossen hatte -- man streiche überall +desselben+ und +derselben+:
-ist irgendwo ein Mißverständnis möglich? Der Kaiser unternahm
-heute einen längern Spazierritt und erledigte nach der Rückkehr
-+von demselben+ Regierungsgeschäfte. Ja, wovon soll er denn sonst
-zurückgekehrt sein als von -- demselben?
-
-
-Derjenige, diejenige, dasjenige
-
-Noch in anderm Sinne als +derselbe+ ist das schöne Kanzleiwort
-+derjenige+ ein Papierpronomen: es ist eigens für die Papiersprache
-erfunden worden. +Derjenige+ ist im sechzehnten Jahrhundert aus einem
-vorhergegangnen +der jene+ entstanden, wie +derselbige+, das zum Glück
-wieder verschwunden ist, aus +der selbe+. Es hat keinen andern Zweck
-und keine andre Aufgabe, als das betonte, lange +der+ der lebendigen
-Sprache, das determinative Fürwort, das vor Relativsätzen und vor
-abhängigen Genitiven steht, auf dem Papier zu ersetzen. Den Ton und die
-Länge kann man ja weder schreiben noch drucken, wenigstens ist es nicht
-üblich, +dēr+ oder +dér+ zu schreiben[110]; also hilft man sich, so
-gut man kann. Der eine läßt das der sperren (wie auch +ein+, wenn es so
-viel heißen soll wie +ein einziger+), ein andrer greift zu +jener+, wie
-es in Österreich beliebt ist, in der Regel aber schreibt und druckt man
-+derjenige+. Wenn man spricht, sagt man zwar: als er endlich +den+ Weg
-einschlug, +der+ zum Ziele führen mußte; aber drucken läßt man: als er
-endlich +denjenigen Weg+ einschlug, +welcher+ zum Ziele führen mußte.
-
-Wenn aber nun +derjenige+ allein steht, ohne Hauptwort hinter sich,
-z. B.: selbst +diejenigen, welche die+ Schaffung eines allgemeinen
-Bürgerlichen Gesetzbuches nicht ganz ablehnten -- kein Scharfsinn
-hätte eine bessere Lösung finden können als +diejenige, welche
-die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen -- die größten Menschen sind
-+diejenigen, welche die+ Kultur einer eben dahinsinkenden Epoche
-noch einmal zusammenfassend verkörpern -- da ist es doch wohl ganz
-unentbehrlich? Nun, in der lebendigen Sprache sagt man getrost: selbst
-+die, die die+ Schaffung eines Gesetzbuches nicht ganz ablehnten --
-eine bessere Lösung als +die, die die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen.
-Aber das ist ja wieder das Schreckgespenst des Papiermenschen: nicht
-zwei-, nein dreimal hintereinander dasselbe Wort! -- Wirklich? dasselbe
-Wort? Dreimal hintereinander dieselben drei Buchstaben: d--i--e; aber
-wer seine Ohren aufmacht, der hört doch drei verschiedne Wörter:
-+dieh+, +die di+ -- drei Wörter von ganz verschiedner Länge, und hinter
-dem ersten eine Pause. Das ist ja wie Musik, es hüpft und springt ja
-förmlich. Nun höre man dagegen dieses Schleppen und Schleichen und
-Schlurfen: +diejenigen, welche die+![111]
-
-Nun vollends, daß in der lebendigen Sprache in tausend und aber
-tausend Fällen statt +derjenige, welcher+ einfach +wer+ gesagt wird
--- also drei Laute statt sechs Silben! --, das ist dem Papiermenschen
-völlig unbekannt. Er schreibt: +diejenigen, welche+ die Absicht haben,
-Adjuvanten zu werden, lassen sich als Anwärter einschreiben. Ja er wäre
-imstande, das Sprichwort: +wer+ Pech angreift, besudelt sich -- oder
-den Kinderspruch: +wer+ meine Gans gestohlen hat, der ist ein Dieb
--- oder den Goethischen Vers: nur +wer+ die Sehnsucht kennt, weiß,
-was ich leide -- zu verwandeln in: +derjenige, welcher+ Pech angreift
--- +derjenige, welcher+ meine Gans gestohlen hat -- nur +derjenige,
-welcher+ die Sehnsucht kennt usw.
-
-Leider liegt hier einmal der Fall vor, daß eine Erscheinung der
-Papiersprache sogar in die lebendige Sprache eingedrungen ist,
-was gewiß selten geschieht. Aktenmenschen und Gewohnheitsredner
-bringen es fertig, in Sitzungen und Verhandlungen in einer Stunde
-dreißigmal +derjenige, welcher zu+ sagen. Selbst in der Unterhaltung
-der „Gebildeten“ kann man es hören; sie haben es eben gar zu oft in
-ihrer Zeitung gelesen. Aber die lebendige Sprache des Volks kennt es
-nicht; wenn es der Mann aus dem Volke in den Mund nimmt, so tut er es
-höchstens, um sich darüber lustig zu machen, er spricht es gleichsam
-mit Gänsefüßchen. Also du bist +derjenige, welcher+? fragt er höhnisch
--- na warte, Bursche! Oder er sagt: fällt mir gar nicht ein; wenn
-ein Unglück passiert, dann bin ich +derjenige, welcher+ (nämlich:
-blechen muß), und zitiert damit gleichsam das Gesetzbuch oder die
-Polizeiverordnung, worin er die beiden Papierwörter auf jeder Seite
-gelesen hat.
-
-
-Jener, jene, jenes
-
-Der Österreicher gebraucht statt +derjenige+ vor Relativsätzen,
-namentlich aber vor einem abhängigen Genitiv +jener+; er schreibt:
-diese Vorlesungen haben nur einen bedingten Wert für +jenen+, der
-selber Einsicht genug hat, Dichterwerke ohne Beihilfe zu verstehen. Das
-halten manche deutsche Schriftsteller jetzt offenbar für eine besondre
-Schönheit und machen es nach. In gutem Schriftdeutsch wird aber +jener+
-nur in die Ferne weisend gebraucht, mit einem bald stärkern, bald
-schwächern rhetorischen Beigeschmack: wenn ich an +jene schöne Zeit+
-zurückdenke usw.
-
-Ganz unausstehlich für norddeutsche Ohren ist das österreichische
-+jener+ vor einem abhängigen Genitiv, z. B.: der Orden der Dominikaner
-und +jener+ der Franziskaner -- wir hoffen, daß sich die Ausstellung
-ebenso erfolgreich erweisen werde wie +jene+ von 1897 -- obgleich die
-Gesamtzahl ihrer Kräfte +jener+ des Feindes bedeutend nachstand -- ein
-~Ecce homo~ trägt das Monogramm Ludwig Krugs, eine Madonna +jenes+ des
-Marcantonio Raimondi -- so auffallend erschien dem Tacitus die Art des
-deutschen Anbaues gegenüber +jener+ der romanischen Völker -- größere
-Gebäude wie Kirchen und Seminare dürfen für die Gesellschaft Jesu
-nur mit Erlaubnis des Generals, kleinere mit +jener+ des Provinzials
-errichtet werden -- unter den Dienstkrankheiten der Bahnbeamten nehmen
-+jene+ der Verdauungsorgane den breitesten Raum ein -- man sucht die
-Farbe der Umhüllung meist +jener+ der Blumen anzupassen usw. In allen
-diesen Fällen würde die deutsche Amts- und Zeitungssprache +derjenige+
-gebrauchen. Die gute Schriftsprache aber kennt vor solchen Genitiven
-nur das determinative Fürwort +der+, +die+, +das+: die Leistungen der
-Fabriken stehen gegen +die+ des Handwerks zurück.
-
-
-Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich?
-
-Verhältnismäßig wenig Verstöße werden gegen die Regeln der Kasuslehre
-begangen; im allgemeinen herrscht eine erfreuliche Sicherheit darüber,
-welchen Kasus ein Zeitwort oder ein Eigenschaftswort zu sich zu nehmen
-hat. Bei einer kleinen Anzahl von Zeitwörtern schwankt aber doch der
-Sprachgebrauch: der eine verbindet sie mit dem Dativ, der andre mit dem
-Akkusativ. Es sind das namentlich die Zeitwörter +heißen+, +lassen+,
-+lehren+, +angehen+, +dünken+, +kosten+ und +nachahmen+.
-
-Mit der berüchtigten Berliner Verwechslung von +mir+ und +mich+ hat
-dieses Schwanken nichts zu tun, sondern es hängt meist damit zusammen,
-daß in den Begriff dieser Verba sinnverwandte Zeitwörter hineinspielen,
-die teils mit dem Dativ, teils mit dem Akkusativ verbunden werden. Aber
-nur in den seltensten Fällen hat das Schwanken eine Berechtigung. Bei
-+nachahmen+ handelt sichs eigentlich nicht um ein Schwanken, sondern um
-zwei verschiedne Bedeutungen des Wortes: es ist ein großer Unterschied,
-ob man sagt: ich ahme +dich+ nach, oder ich ahme +dir+ nach. Mit
-dem Akkusativ bedeutet es +nachmachen+ (+dich+), mit dem Dativ
-+nachstreben+ (+dir+). Wenn Schüler +dem+ Lehrer nachahmen, so kann das
-sehr lobenswert sein; wenn sie +den+ Lehrer nachahmen, so kann ihnen
-das unter Umständen eine Stunde Karzer eintragen.[112] Schwer ist es,
-bei +kosten+ eine Entscheidung zu treffen; +kosten+ ist ein Lehnwort,
-entstanden aus dem lateinischen ~constare~. Die Verbindung ~constat
-mihi~ ist aber gar nicht maßgebend, denn +kosten+ ist ursprünglich im
-Sinne von +aufwenden machen+ gebraucht worden. Der Akkusativ überwiegt
-denn auch in der guten Schriftsprache. Bei allen übrigen der genannten
-Verba hat der Dativ überhaupt keine Berechtigung. Sätze wie: laß +mir+
-das einmal sehen -- das geht +dir+ nichts an u. ähnl. gehören nur der
-niedrigsten Volkssprache an. +Heißen+ verträgt den Dativ der Person
-nur ausnahmsweise: wer hat +dir das+ geheißen? (wie: wer hat dir das
-+geboten+, +befohlen+, +aufgetragen+?). Im allgemeinen verlangt es,
-wie +lehren+, den Akkusativ der Person. Aber gerade für +lehren+ und
-+heißen+ verliert die ganze Frage mehr und mehr an Bedeutung, denn
-in der lebendigen Sprache werden diese Wörter überhaupt kaum noch
-in solcher Verbindung gebraucht. In Mitteldeutschland gebraucht das
-Volk +lehren+ mit einem Akkusativ der Person fast gar nicht mehr,
-sondern nur +lernen+; man sagt nicht bloß: wo hast du +das gelernt+?
-sondern auch: wer hat +dir das gelernt+? Und auch wo man wirklich
-noch +lehren+ sagt, setzt man doch den Dativ der Person dazu. Bei
-Uhland heißt es noch richtig und sauber: Wer hat +dich solche Streich’+
-gelehrt? Das Volk aber sagt: Ich werde +dir Mores+ lehren. Und in einem
-Bibelspruche wie: Herr, +lehre uns bedenken+, daß wir sterben müssen --
-wo +uns+ natürlich der Akkusativ ist --, wird es sicherlich jetzt von
-den meisten als Dativ gefühlt.
-
-Ganz lächerlich ist die Unsicherheit und der Streit darüber, ob es
-heißen müsse: ich +versichre dir+ oder: ich +versichre dich+, der Hut
-+kleidet dich+, oder: er +kleidet dir+, es +lohnt der Mühe+ oder:
-es +lohnt die Mühe+. +Versichern+ ist unzweifelhaft ein transitives
-Zeitwort; man versichert sein Leben, seinen Hausrat, seine Ernte. Man
-kann auch sagen: ich +versichre dich+ meiner Freundschaft (Goethe:
-ich fahre fort, +dich+ meiner Liebe zu +versichern+), wiewohl das
-schon etwas gesucht klingt. Aber zu sagen: ich +versichre dich, daß+
-ich nichts davon gewußt habe -- und das für richtig zu halten oder
-gar zu verteidigen, kann doch nur einem Sophisten einfallen oder
-einem Menschen, der wirklich -- +mir+ und +mich+ nicht unterscheiden
-kann. Daß es schon im achtzehnten Jahrhundert so vorkommt, hat gar
-nichts zu sagen; der Akkusativ ist eben vernünftigerweise mehr und
-mehr gewichen. Wenn auf +versichern+ ein Objektsatz folgt, so ist
-doch der Inhalt dieses Satzes das Objekt der Versicherung; diese
-Versicherung aber gebe ich nicht +dich+, sondern gebe sie +dir+.
-+Versichern+ tritt dann vollständig in eine Reihe mit +beteuern+,
-+erklären+, +sagen+, +melden+, +mitteilen+, +berichten+,[113] lauter
-Zeitwörtern, die mit dem Dativ der Person und einem Objekt der Sache
-verbunden werden. Im Passivum fällt es gar niemand ein zu sagen: +ich
-bin versichert worden, daß+, sondern jeder sagt: +mir ist versichert
-worden, daß+. Also kann auch im Aktivum das richtige nur sein: +ich
-versichre dir, daß+ ich nichts davon gewußt habe. Wenn neuerdings
-namentlich in Kreisen, die für vornehm gelten möchten, mit einer
-gewissen Absichtlichkeit wieder der Akkusativ gebraucht wird (ich
-versichre +Sie+), so ist das eine Modedummheit, durch die sich der
-gesunde Menschenverstand und ein natürliches Sprachgefühl nicht werden
-irremachen lassen.
-
-+Kleiden+ mit dem Dativ zu verbinden wäre keinem Menschen eingefallen,
-wenn nicht die sinnverwandten intransitiven Zeitwörter +passen+,
-+sitzen+ und +stehen+ dazu verführt hätten. Weil man sagt: der Hut
-+paßt dir+, +sitzt dir+, +steht dir+, so sagte man auch: er +kleidet
-dir+. Richtig ist natürlich nur: er +kleidet dich+.
-
-In der Redensart: es +lohnt der Mühe+ (oder: es lohnt nicht der Mühe)
-ist +der Mühe+ gar nicht der Dativ, sondern der Genitiv (statt: +für+
-die Mühe, +wegen+ der Mühe). Die Redensart hat etwa denselben Sinn wie:
-es ist +der Mühe wert+ (oder: es ist nicht der Mühe wert). Zu sagen: es
-+lohnt+ nicht +die Mühe+ -- ist also nichts als eine Ausweichung aus
-Unwissenheit.
-
-Ganz unsinnig wird jetzt die Redensart +sich Rats erholen+ gebraucht,
-z. B. dort kannst du +dir+ am besten +Rats erholen+! Das +sich+ in
-dieser Redensart ist ebenfalls nicht der Dativ, sondern der Akkusativ,
-+Rats+ ein frei angeschlossener Genitiv; es heißt: ich +erhole mich
-Rates+. Noch Benedix schreibt 1866 in den Zärtlichen Verwandten
-richtig: bei mir allein mußt du +dich Rats erholen+. Der Fehler wird
-auch nicht besser, wenn man statt +Rats+ sagt +Rat+: in Einzelheiten
-+erholte ich mir Rat+ bei besonders sachkundigen Personen, denn dann
-hat das +er+holen gar keinen Sinn mehr; es genügt dann, zu sagen: +hole
-dir+ bei mir +Rat+, so gut wie: hole dir bei mir Geld. Wenn man die
-Redensart nicht mehr versteht und nicht mehr richtig anzuwenden weiß,
-warum gebraucht man sie dann noch? (Vgl. auch +dünken+ S. 53.)
-
-Ein süddeutscher Provinzialismus ist es, +verdenken+ so wie +beneiden+
-zu verbinden: wer kann +ihn darum verdenken+? In gutem Deutsch wird
-es verbunden wie +verargen+, +verübeln+: ich kann +dir das+ nicht
-+verdenken+.
-
-
-Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten?
-
-Nicht ganz so lächerlich ist der Streit, ob es heißen müsse: er hat
-+mir+ oder er hat +mich+ auf den Fuß getreten. Jeder verbindet ohne
-Besinnen mit dem Akkusativ der Person: +in den Finger schneiden+, +ins
-Bein beißen+, +aufs Maul schlagen+, +auf die Stirn küssen+ (Luther: du
-wirst +ihn in die Ferse stechen+). Jeder verbindet eben so sicher mit
-dem Dativ der Person: +unter die Arme greifen+, +auf die Finger sehen+,
-+auf den Zahn fühlen+, +auf die Schleppe treten.+ Warum dort der
-Akkusativ und hier der Dativ? Was ist der Unterschied zwischen diesen
-beiden Gruppen von Redensarten? Worauf kommt es an?
-
-Zunächst ist klar, daß, wenn die Person im Akkusativ steht, zuerst
-die Person im ganzen als von einer Tätigkeit betroffen hingestellt
-wird, und dann noch nachträglich der einzelne betroffne Körperteil
-hinzugefügt wird. Steht die Person im Dativ, so wird der betroffne
-Körperteil in den Vordergrund gerückt und die Person mehr als
-beteiligt, in Mitleidenschaft gezogen, nicht als unmittelbar betroffen
-hingestellt. Das paßt nun zu den mitgeteilten Beispielen vortrefflich.
-Wird jemand nur auf ein Kleidungsstück getreten, so wird sein Körper
-gar nicht davon berührt; alle andern Redensarten der zweiten Gruppe
-aber sind bildliche Wendungen, bei denen ebenfalls kein wirkliches,
-leibliches Angreifen, Ansehen, Anfühlen gemeint ist. So wird es nun
-auch leicht verständlich, warum man wohl sagt: er hat +mich ins
-Gesicht geschlagen+, aber: das +schlägt der Wahrheit ins Gesicht+ --
-der Mörder hatte +ihn mitten ins Herz gestochen+, aber: deine Klagen
-+schneiden mir ins Herz+ -- der Schmied hat +das Pferd auf den Schenkel
-gebrannt+, aber: solange nicht +dem deutschen Michel+ die +Not auf die
-Nägel brennt+ -- du hast +mich+ mit deinem Stock ins +Auge gestochen+,
-aber: am Schaufenster +stach mir+ ein schöner Brillantschmuck +ins
-Auge+. Erschöpft wird die Sache mit dieser Unterscheidung zwar nicht,
-aber man kann sich, wenn man sie sich vor Augen hält, auch in andern
-Fällen leicht klarmachen, weshalb die Sprache hier den Dativ, dort
-den Akkusativ vorzieht oder vorziehen -- sollte, weshalb man also
-z. B. sagt: +seinem Freund auf die Schulter klopfen+ (obwohl das
-doch wirklich und nicht bildlich geschieht). Bisweilen bedeutet der
-Akkusativ der Person mehr das Absichtliche: weshalb +trittst du mich+
-denn +auf den Fuß+? der Dativ mehr das Unabsichtliche: +mir+ hat vorhin
-einer +auf den Fuß getreten+, das tut mir jetzt noch weh.
-
-
-Zur Steuerung des Notstandes
-
-Ein persönliches Passivum kann natürlich nur von solchen Zeitwörtern
-gebildet werden, die ein direktes Objekt (im Akkusativ) zu sich
-nehmen: ich +bestreite die Nachricht+ -- +die Nachricht wird+ von
-mir +bestritten+. Von Zeitwörtern, die ein indirektes Objekt (im
-Dativ) haben, läßt sich nur ein unpersönliches Passivum bilden:
-ich +widerspreche der Behauptung+ -- +der Behauptung+ (nicht: +die
-Behauptung+!) wird +von mir widersprochen+. Daher ist es falsch, so,
-wie es unsre Zeitungen jetzt täglich tun, von +unwidersprochnen+
-Nachrichten zu reden, oder zu sagen wie unsre Reichstagsabgeordneten:
-dieser Artikel darf nicht +unwidersprochen+ bleiben, diese Äußerung
-möchte ich nicht +unwidersprochen+ ins Land gehen lassen. +Unwiderlegt+
--- das wäre richtig, und aufs Widerlegen kommts doch wohl auch viel
-mehr an als aufs Widersprechen. Ebenso falsch sind +bedankt+ und
-+unbedankt+ (nun sei +bedankt+, mein lieber Schwan! -- der Vorstand
-kann Sie an diesem Tage nicht +unbedankt+ hinweggehen lassen); denn
-es heißt nicht: +ich danke dich+, sondern ich +danke dir+, oder: ich
-+bedanke mich bei dir+.[114]
-
-Ebenso kann natürlich ein Objektsgenitiv nur an solche
-Verbalsubstantiva gehängt werden, die aus Zeitwörtern mit direktem
-Objekt gebildet sind. Falsch und liederlich ist es, zu schreiben:
-die +Kündigung der Arbeiter+ (wenn nicht gemeint ist, daß die
-Arbeiter kündigen, sondern daß +den Arbeitern gekündigt wird+), ebenso
-falsch: zur +Steuerung+ oder zur +Abhilfe des Notstandes+ -- sie war
-zur +Hilfeleistung ihrer+ Mutter anwesend -- denn +gesteuert+ oder
-+abgeholfen+ wird +dem+ Notstande, nicht +der+ Notstand.
-
-
-Voller Menschen
-
-Das Adjektivum +voll+ verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv
-oder, je nachdem, mit der Präposition +von+, z. B.: die Straßen waren
-+voll geputzter Menschen+ -- er war +deines Lobes voll+ -- das ganze
-Haus war +voll von Altertümern+ und +Merkwürdigkeiten+. Daneben ist
-noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu +voll+ zu setzen:
-+voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen+ usw. Das
-ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird.
-Wenn man +voll Liebe+ sagte, so meinte man natürlich ursprünglich
-auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war,
-verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei
-männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise
-sind ja auch Verbindungen entstanden wie: +ein Stück Brot, ein Glas
-Wein+.
-
-Nun aber +voller+ -- wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang
-und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben,
-aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so
-gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe
-oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen.
-Die Kirche war +voller Menschen+ -- der Kerl ist +voller Neid+ -- der
-Garten ist +voller Unkraut+ -- der Himmel hängt ihm +voller Geigen+ --
-der Junge steckt +voller Schnurren+ -- darf man so schreiben? Ei, gewiß
-darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans
-nicht schreiben dürfen?
-
-+Voller+ ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf
-alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat
-(ganz ebenso wie +selber+ und ebenso wie +selbst+, das nichts andres
-als das erstarrte Neutrum +selbs+ ist). Schon Luther scheint über
-diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der
-Annahme gekommen zu sein, daß +voller+ aus +voll der+ entstanden sei;
-er gebraucht es gern, aber immer nur -- vor dem Femininum und vor dem
-Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im
-Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache
-ist sie durchaus nicht unwürdig.[115]
-
-
-Zahlwörter. Erste Künstler
-
-In dem Wesen und der Bedeutung des Superlativs liegt es begründet, daß
-er eigentlich nur den bestimmten Artikel haben kann: unter hundert
-Männern von verschiedner Größe ist einer +der+ größte. Sind drei von
-dieser Größe darunter, so sind diese drei +die+ größten. Dann ist aber
-einer von diesen dreien nicht +ein größter+ -- das ist undeutsch!
---, sondern +einer der größten+. Darum ist es eine Abgeschmacktheit,
-zu schreiben: Lessings Andenken wird gepflegt wie +eine seltenste+
-Blume im Treibhause -- ein 45jähriger, der +einer reifsten+ Zukunft
-entgegenschreitet. Nur in der Mehrzahl kann man allenfalls, wie der
-Kaufmann, von +billigsten Preisen+ oder, wie der Philosoph, von
-+kleinsten Teilen+ reden.
-
-Ebenso abgeschmackt ist es, zu sagen: dieses Denkmal wird stets +einen
-ersten+ Rang behaupten -- die Politik spielte in seinem ganzen Leben
-+eine erste Rolle+ -- und von +ersten Künstlern+, +ersten Opernsängern+
-zu reden oder von +ersten Firmen+, +ersten Häusern+, wie es jetzt in
-den Anpreisungen der Geschäftsleute täglich geschieht. Gemeint ist
-weiter nichts als +bedeutend+, +hervorragend+, +ausgezeichnet+ --
-warum sagt man das nicht?[116] So ist es auch unlogisch, zu sagen:
-+ein letzter+ Wunsch des Verstorbnen, +eine Hauptursache+ des Erfolgs;
-sorgfältig ausgedrückt muß es heißen: +einer der letzten+ Wünsche,
-+eine der Hauptursachen+ des Erfolgs, denn auch die +Hauptursache+
-ist ein superlativischer Begriff von derselben Bedeutung wie: die
-+höchste+, die +wichtigste+ Ursache.
-
-Statt vom +fünfzigsten+ oder +sechzigsten+ Geburtstag redet man
-jetzt öfter vom +fünfzigjährigen+: das Buch ist als Festschrift zum
-+fünfzigjährigen Geburtstage+ Max Klingers erschienen. Das ist völliger
-Unsinn. Von einem +fünfzigjährigen+ oder +hundertjährigen Jubiläum+
-kann man reden, denn da feiert man den ganzen Zeitraum, mit dem
-Geburtstag aber nur den einzelnen Tag.
-
-Recht unfein klingt es, wie es in militärischen Kreisen üblich ist,
-hinter Personennamen die Kardinalzahl zu gebrauchen und von +Fischer
-eins+, +Meyer sieben+ zu reden. Vielleicht -- soll es unfein klingen.
-Oder wollen wir in Zukunft auch von +Otto drei+ und +Heinrich acht+
-reden? Wie mag +Wilhelm zwei+ darüber denken?
-
-
-Die Präpositionen
-
-Eine grauenvolle Liederlichkeit hat in der niedrigen Geschäftssprache
-in der Behandlung der Präpositionen um sich gegriffen. Vor allem
-erscheint immer häufiger der Akkusativ hinter Präpositionen, die den
-Dativ verlangen. Schweinsknochen +mit Klöße+, Spinat +mit Eier+,
-Kotelette +mit Steinpilze+, Sülze +aus Kalbskopf+ und +Füße+ -- anders
-wird auf Leipziger Speisekarten kaum noch geschrieben. Das ist freilich
-Kellnerdeutsch, aber wen trifft die Schande für solche Sprachsudelei?
-Und ist es nicht eine Beleidigung der Gäste, wenn ihnen Wirte solches
-Schanddeutsch vorsetzen? Aber auch an Schaufenstern kann man lesen:
-Sohlen +mit Absätze+ -- Neuvergoldung +von Spiegel+ -- Verkauf
-+von Zauberapparate+ -- Stühle werden +mit Roßhaare+ gepolstert --
-Regentropfen +auf Hüte+ werden sofort beseitigt -- großes Lager +in
-Regenmäntel+ -- Ausstellung +in Damenstiefel+; Zeitungen schreiben:
-er wurde +zu zwei Monate+ Gefängnis verurteilt -- und sogar Behörden
-machen bekannt: die Lieferung +von+ hundert Stück +gebrauchte+
-Schwellen -- das Abladen +von+ dreißig Kubikmeter +Bruchsteine+ -- das
-Befahren dieses Weges +mit Lastfuhrwerke+ usw.[117]
-
-In andern Fällen drängt sich auf ganz lächerliche Weise der Genitiv
-an die Stelle des Dativs. In Leipzig kann man von Halbgebildeten
-hören: +unter meines Beiseins+ -- +nach meines Erachtens+; aber auch
-Gebildete schreiben: +dank dieses Umstands+ -- +dank des+ mir von allen
-Seiten entgegengebrachten ehrenvollen +Vertrauens+ -- +dank dieser
-Eindrücke+ meiner Jugendzeit -- +dank seines+ ins einzelste gehenden
-+Verständnisses+ -- +dank des+ reichen und neuartigen +Programms+ --
-+dank der Geschenke+ der Offiziere und +andrer+ Zuwendungen. Wie in
-aller Welt ist eine solche Verirrung möglich? Man könnte glauben, den
-Leuten schwebe bei ihrem +dank+ mit dem Genitiv etwas ähnliches vor
-wie: +kraft meines Amts+, +laut deines Briefs+, +statt eines Auftrags+;
-+kraft+, +laut+ und +statt+ werden mit Recht mit dem Genitiv verbunden,
-denn ursprünglich hieß es: +in Kraft+ (oder: +durch Kraft+), +nach
-Laut+, +an Statt+. Aber +dank+ ist doch einfach +Dank+, es hat nie eine
-Präposition vor sich gehabt, es verlangt also auch unbedingt den Dativ:
-+dank deinem Fleiße+, +dank deinen Bemühungen+ ist es gelungen usw.
-Die wunderlichen Beispiele: +unter meines Beiseins+ und +nach meines
-Erachtens+ zeigen, wie der falsche Genitiv zustande kommt: er entsteht
-durch Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv im Femininum. +Nach
-meiner Meinung+, +unter meiner Mitwirkung+, +dank deiner Bemühung+
--- das klingt den Leuten wie ein Genitiv, und so sagen sie nun auch
-fröhlich: +dank dieses Umstands+. Man kann hier einmal die Entstehung
-einer Sprachdummheit an ihrer Quelle beobachten. Genau so ist es mit
-+trotz+ gegangen: da sind wir jetzt glücklich so weit, daß der richtige
-Dativ für einen Fehler und der falsche Genitiv für das Richtige erklärt
-wird. Vielleicht kommt es auch noch mit +dank+ dahin, und wenn wir uns
-rechte Mühe geben, auch mit +nach+, +unter+ und -- +gemäß+; denn schon
-schreibt man auch: die Arbeiter sind +gemäß ihres+ Beschlusses heute
-früh wieder in der Fabrik erschienen.
-
-Die Redensart +sich an etwas halten+ -- verlangt sie nach +an+ den
-Dativ oder den Akkusativ? In äußerlicher, sinnlicher Bedeutung
-unzweifelhaft den Dativ: man +hält sich an einer Stange, an einem
-Seile+ (an). In übertragner Bedeutung hat man früher geschwankt
-(Goethe: wer klug ist, wird sich +am Zugänglichen+ halten). Heute ist
--- unter dem Einflusse sinnverwandter Wendungen wie: +sich wenden an,
-sich stützen auf+, +sich verlassen auf+ -- nur noch der Akkusativ
-üblich: wenn er mich nicht bezahlt, so halte ich mich +an dich+ -- ich
-halte mich lieber +ans Gewisse+ als +ans Ungewisse+.
-
-Die allerneuesten Präpositionen sind +ungerechnet+ und +unerwartet+.
-Sie werden beide mit dem Genitiv verbunden: +unerwartet des Beitritts+
-andrer Eisenbahnverwaltungen -- es hatten vierhundert Händler feil,
-+ungerechnet derer+, die in den Höfen standen. Beide sind natürlich
-dem eben so schönen +ungeachtet+ nachgebildet, das schon älter
-ist: +ungeachtet seines Widerspruchs+. Auch hier sieht man eine
-Sprachdummheit an der Quelle. Ursprünglich hieß es: +ungeachtet seinen
-Widerspruch+; das war aber ein absolutes Partizip im Akkusativ.
-
-
-Nördlich, südlich, rechts, links, unweit
-
-Alle Präpositionen sind ursprünglich einmal Adverbia gewesen.
-Auch die häßlichen, langatmigen Modepräpositionen unsrer Amts-
-und Zeitungssprache: +anläßlich+, +gelegentlich+, +inhaltlich+,
-+antwortlich+, was sind sie zunächst anders als Adverbia? Neuerdings
-soll nun aber noch eine Anzahl weiterer Adverbia mit aller Gewalt zu
-Präpositionen gepreßt werden, nämlich: +rechts+, +links+, +nördlich+,
-+südlich+, +östlich+, +westlich+ und +seitlich+ (das letzte ein recht
-überflüssiges Wort). Niemand wird bestreiten, daß auch diese Wörter
-Adverbia sind. Um anzugeben, im Vergleich womit etwas rechts oder
-links, nördlich oder südlich sei, haben wir denn auch bis vor kurzem
-immer die Präposition +von+ zu Hilfe genommen und gesagt: +rechts von+
-der Straße, +nördlich von+ den Alpen. Da haben nun offenbar manche
-Leute geglaubt, +von+ sei hier, wie so oft, eine bloße Umschreibung
-des Genitivs, und da sei es doch gescheiter, lieber gleich den Genitiv
-zu setzen. Und so hat sich denn immer mehr der Fehler verbreitet, zu
-schreiben: +rechts+ und +links der Szene+, +nördlich des Viktoriasees+,
-+südlich der Kirche+, +seitlich des Altars+, ja neuerdings sogar
-+abseits aller Parteien+ und +ringsum des Marktes+. Namentlich
-Architekten, Techniker oder Geographen schreiben gar nicht mehr anders,
-aber auch der gebildete Philister am Biertisch sagt schon: Meißen liegt
-doch +links der Elbe+. Ein Fehler ist es aber doch, wenigstens solange
-es noch Menschen gibt, die so altväterisch sind, zu glauben, +rechts+
-und +links+, +nördlich+ und +südlich+ seien Adverbia, und solange --
-die Schule ihre Schuldigkeit tut.
-
-Ebenso verhält sichs mit den verneinten Adverbien +unfern+ und
-+unweit+. Auch sie können von Rechts wegen nur als Adverbia gebraucht
-werden: +unweit von+ dem Dorfe; aber auch sie hat man zu Präpositionen
-zu pressen gesucht, und weiß nun nicht, ob man sie mit dem Genitiv
-oder, wie das gleichbedeutende +nahe+, mit dem Dativ verbinden soll;
-die einen schreiben: +unfern des Bodensees+, +unweit des Flusses+,
-andre: +unfern dem Schlosse+, +unweit dem Tore+. Und das hat wieder
-zur Folge gehabt, daß man sogar bei +nahe+ irre geworden ist und zu
-schreiben anfängt: +nahe Leipzigs+! Auch +nahe+ ist keine Präposition,
-sondern ein Adverbium (+nahe bei+, +nahe an+), und als Adjektiv kann es
-unzweifelhaft nur den Dativ haben; +unfern+ aber und +unweit+ könnte
-man sich doch ganz ersparen; sie sind gesucht (wie +unschwer+; vgl. S.
-273) und der lebendigen Sprache fremd.
-
-
-Im oder in dem? zum oder zu dem?
-
-Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte
-Artikel mit der Präposition verschmolzen werden darf, und in welchen
-Fällen nicht, wann es also heißen darf: +im+, +vom+, +zur+, +aufs+,
-+ins+ (oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann, +auf’s+,
-+in’s+, vielleicht auch +i’m+, +zu’r+?), und wann: +in dem+, +von
-dem+, +auf das+ usw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich
-selbstverständlich.
-
-Der bestimmte Artikel +der+, +die+, +das+ hat ursprünglich
-demonstrativen oder determinativen Sinn, er bedeutet dasselbe
-wie +dieser+, +diese+, +dieses+, oder wie das schöne Kanzleiwort
-+derjenige+, +diejenige+, +dasjenige+. In dieser Bedeutung wird er
-ja auch noch täglich gebraucht, er wird dann gedehnt gesprochen und
-betont: +deer+, +deem+, +deen+ (man nehme nur seine Ohren zu Hilfe,
-nicht immer bloß die Augen!), während er als bloßer Artikel unbetont
-bleibt und kurz gesprochen wird. Nun ist es doch klar, daß die
-Verschmelzung mit der Präposition nur da eintreten kann, wo wirklich
-der bloße Artikel vorliegt. Verschlungen oder verschluckt werden kann
-immer nur ein Wort, das keinen Ton hat. Es ist also richtig, zu sagen:
-du wirst schon noch +zur Einsicht+ kommen, wenn gemeint ist: zur
-Einsicht überhaupt, zur Einsicht schlechthin, oder: ich habe +im guten
-Glauben+ gehandelt. Sowie aber durch einen nachfolgenden Nebensatz eine
-bestimmte Einsicht, ein bestimmter guter Glaube bezeichnet wird, so ist
-eben so klar, daß dann der Artikel einen Rest seiner ursprünglichen
-demonstrativen oder determinativen Kraft bewahrt hat, und dann kann von
-einer Verschlingung mit der Präposition keine Rede sein. Es kann also
-nur heißen: als er nach Jahren +zu der Einsicht+ kam, +daß+ er nicht
-zum Künstler geboren sei -- ich habe +in dem guten Glauben+ gehandelt,
-+daß+ ich in meinem Rechte wäre. Dennoch muß man fort und fort so
-fehlerhafte Sätze lesen wie: die Bauern kamen +zum Bewußtsein, daß+
-sie auf weitere Schenkung von Grund und Boden nicht rechnen dürften
--- im +Bewußtsein, daß+ es der Reichshauptstadt an einem Mittelpunkte
-künstlerischer Bestrebungen +fehle+ -- er kam +zur Überzeugung, daß+
-alles Suchen vergeblich sei -- die Vergleichung seiner Landsleute mit
-den Deutschen von ehemals führte Melanchthon +zur Erklärung, daß+ die
-Deutschen leider ihren Vorfahren unähnlich geworden seien -- folgende
-Erwägung führt +zur Vermutung, daß+ die Ohnmacht Gretchens einem
-geschichtlichen Fall nachgebildet sei -- vielleicht wird die praktische
-Beschäftigung +zur Erkenntnis+ gelangen, daß die Rückkehr zum
-historischen Ausgangspunkte geboten sei -- er sah sich +zum Geständnis+
-genötigt, +daß+ er sich getäuscht habe -- das Komitee empfahl seinen
-Kandidaten im festen +Vertrauen, daß+ ein paar Schlagwörter genügen
-würden. In allen diesen Sätzen ist die Verschmelzung der Präposition
-mit dem Artikel ein grober Fehler. Es ist unbegreiflich, wie jemand
-dafür das Gefühl verlieren kann.
-
-Die nähere Bestimmung kann aber auch durch einen Infinitiv mit +zu+,
-durch einen Relativsatz, durch ein Attribut ausgedrückt werden --
-auch dann darf der Artikel nicht verschlungen werden. Also auch
-folgende Sätze sind falsch: er stand +im Rufe+, es mit der klerikalen
-Partei +zu halten+ -- er starb +im Bewußtsein+, die teuersten Güter
-des Vaterlandes verteidigt +zu haben+ -- unter Eigentum verstehen
-wir die volle Herrschaft über eine Sache bis +zur Befugnis+, sie
-+zu vernichten+ -- er hielt +am Gedanken+ fest, +sich+ sobald als
-möglich von dieser Last +zu befreien+ -- er stand +im Verdacht+,
-einem verbotnen Verein +anzugehören+ -- er wurde +vom Verdacht+, ein
-preußischer Spion +zu sein+, freigesprochen -- er war +vom reinsten
-Willen+ erfüllt, Versöhnung mit Gott +zu finden+ -- +im Augenblick,
-wo+ er mich sah -- Goethe schlug den Hans Sachsischen Ton auch +zur
-Zeit+ an, +wo+ er sich sonst meist der neueren Formen bediente -- er
-ist nicht sparsam +im Lobe, das+ den polnischen Pferden gebührt --
-+im Deutschen, das+ heute geschrieben wird (+in dem Deutsch, das+!)
--- sie tranken fleißig +vom Weine, der+ auf der reichbesetzten Tafel
-stand -- diese Arie gehört +zum Besten, was+ Verdi geschrieben hat
--- Vischer hat es nie +zur Volkstümlichkeit Scheffels+ gebracht --
-ein unbewachter Augenblick stürzte +ihn vom Thron seiner Tugendgröße+
--- +im Alter von+ 60 Jahren -- +zum+ ermäßigten +Preise von+ 15 Mark
--- +vom Streit um+ Kleinigkeiten -- +im Bande über+ Leibniz -- +im
-Essay über+ Auerbach -- +im Hause+ Berliner Straße Nr. 70 usw. +Im
-Augenblicke+ und +zurzeit+ können nur allein stehen, beides bedeutet
-dann soviel wie +jetzt+; ebenso auch: +im Alter+, +im Hause+. Auch +im
-Essay+ kann nur allein stehen, der Essay wäre dann als Gattung etwa
-dem Roman gegenübergestellt: dergleichen kann man sich wohl +im Roman+
-erlauben, aber nicht +im Essay+; von einem bestimmten Essay aber kann
-es nur heißen: +in dem Essay+ über Auerbach. Ja es gibt sogar Fälle,
-wo gar kein Zusatz hinter dem Hauptwort zu stehen braucht und doch die
-Verschmelzung des Artikels mit der Präposition ein Fehler wäre: wenn
-nämlich nach dem ganzen Zusammenhange nicht das Ding an sich, sondern
-ein bestimmtes Ding gemeint ist. So ist z. B. falsch: die Beziehungen,
-in denen Otto Ludwig +zur Stadt+ und ihren Bewohnern stand -- wenn
-Leipzig unter der Stadt gemeint ist; es muß heißen: +zu der Stadt+ und
-ihren Bewohnern. +Zur Stadt+ könnte nur im Gegensatz zum Lande gesagt
-sein.[118]
-
-Eine Unsitte ist es daher auch, zu schreiben, wie es immer mehr Mode
-wird: +im selben+ Augenblick -- die +vom selben+ Verlag ausgegebnen
-Kupferstiche -- die Erfüllung dieser Aufgaben kann +beim selben+
-Objekt verschieden erreicht werden. Wer sorgfältig schreiben will, kann
-nur schreiben: +in demselben+ Augenblick, +von demselben+ Verlag, +bei
-demselben+ Objekt.
-
-Wo wirklich der bloße Artikel vorliegt, da sollte aber auch nun überall
-die Verschmelzung vorgenommen werden; nicht bloß in der lebendigen
-Sprache -- da fehlts ja nicht daran --, sondern auch auf dem Papier.
-Welche Ziererei, zu schreiben: Alle diese schönen Pläne sind +in das+
-Wasser gefallen! Kein Mensch sagt: +an das Land+ steigen, der Kampf
-+um das Dasein+, eine Anstalt +in das Leben+ rufen, einen Vorgang
-+an das Licht+ ziehen, einen +hinter das Licht+ führen, eine Sache
-+über das Knie+ brechen, +in das Auge+ fallen, einem +in das Gesicht+
-sehen, etwas +in das Werk+ setzen, eine Sache +in das Reine+ bringen,
-sich +auf das hohe Pferd+ setzen, sich +auf das beste+, +auf das
-bequemste+ einrichten, sondern: +ans Land+, +ums Dasein+, +ins Leben+,
-+ans Licht+, +aufs beste+, +aufs bequemste+ (wie: +aufs neue+). Also
-schreibe und drucke man auch so. Dagegen ist wieder falsch: sich +aufs
-hohe Pferd des Sittenrichters+ setzen -- denn hier ist ein bestimmtes
-hohes Pferd gemeint. Ebenso ist zu unterscheiden: +im öffentlichen
-Leben+ eine Rolle spielen und: +in dem öffentlichen Leben Deutschlands+
-eine Rolle spielen.
-
-Wenn von einer Präposition mehrere Substantiva abhängen und beim
-ersten die Präposition mit dem Artikel verschmolzen worden ist, so
-ist es sehr anstößig, bei den folgenden Substantiven den Artikel
-aus der Verschmelzung wieder herauszureißen und mit Weglassung der
-Präposition zu schreiben: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz
-oder +dem+ Platze des sonstigen Unglücksfalles -- von Platos realen
-Begriffen bis +zur+ Goldmacherkunst und +der+ Telepathie -- Geschichte
-+vom+ braven Kasperl und +dem+ schönen Annerl (Brentano). Die
-Verschmelzung +vom+ wirkt im Sprachgefühl fort auf das folgende Wort:
-man hört also unwillkürlich: +vom dem+ Platze. In solchen Fällen ist
-es unbedingt nötig, entweder auch die Präposition zu wiederholen,
-also: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz oder +vom+ Platze
-des sonstigen Unglücksfalles, oder von vornherein die Verschmelzung
-zu unterlassen und zu schreiben: +von dem+ Brandplatze oder +dem+
-Platze des sonstigen Unglücksfalles. Ebenso verhält sichs bei der
-Apposition. Es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: +im+ Süden, +dem+
-taurischen Gouvernement -- +am+ 12. Januar 1888, +dem+ dreihundertsten
-Geburtstage Riberas; auch bei der Apposition muß es wieder +im+ und
-+am+ heißen. Doppelt anstößig wird der Fehler, wenn die Substantiva
-im Geschlecht oder in der Zahl verschieden sind, z. B. +im+ Berliner
-Tageblatt und +der+ geistesverwandten Presse -- das +am+ Ananias und
-+der+ Saphira vollzogne Strafwunder -- die +vom+ Anarchismus und +der+
-Sozialdemokratie drohenden Gefahren -- von der Universität herab bis
-+zur+ Volksschule und +dem+ Kindergarten -- das hängt +vom+ guten
-Willen und +der+ Zahlungsfähigkeit der Untertanen ab -- Eingang +zum+
-Garten und +der+ Kegelbahn. Auch hier muß überall die Präposition
-wiederholt werden. Der Gipfel der Nachlässigkeit ist es, die
-Wiederholung der Präposition dann zu unterlassen, wenn der bestimmte
-Artikel mit der artikellosen Form wechselt: z. B. +zur+ Annahme von
-Bestellungen und direkt+er+ Erledigung derselben; es muß heißen: +zur+
-Annahme und +zu+ direkt+er+ Erledigung.
-
-
-Aus: „Die Grenzboten“
-
-Zu den größten irdischen Freuden des Papiermenschen gehören die
-sogenannten Gänsefüßchen. Der Schulmeister, der auf Verständnis
-rechnen kann, wenn er dem Achtjährigen zum erstenmal in die Feder
-diktiert: der Vater fragte -- Doppelpunkt -- Gänsefüßchen unten --
-wo bist du gewesen, Max -- Fragezeichen -- Gänsefüßchen oben --, hat
-das stolze Gefühl, daß er seinen Zögling zu einer der wichtigsten
-Entwicklungsstufen seiner Geistesbildung emporgeführt habe. Aber
-nicht bloß Schulmeister und Schulknaben, auch andre Leute, z. B.
-Romanschriftsteller, haben an diesen Strichelchen eine kindische
-Freude; es gibt Romane, in denen man vor lauter Gänsefüßchen fast
-nichts vom Dialog sieht. Ein Hochgenuß beim Lesen ist es, wenn Er
-immer mit zweien („--“), Sie immer mit vieren („„--““) erscheint; dann
-flimmert es einem förmlich vor den Augen.
-
-Die Gänsefüßchen sind, wie der Apostroph (vgl. S. 8), eine jener
-nichtsnutzigen Spielereien, die -- es steht nicht fest, ob durch den
-Schulmeister oder durch den Druckereikorrektor -- eigens für die
-Papiersprache erfunden worden sind. Wenn jemand einen Roman vorliest,
-so kann er doch die Gänsefüßchen nicht mitlesen, und doch versteht ihn
-der Zuhörer. Wozu schreibt und druckt man sie also? Einen Zweck haben
-sie nur da, wo man Wörter oder Redensarten ironisch gebraucht (um sie
-lächerlich zu machen), oder wo man mitten in seine eigne Darstellung
-eine Stelle aus der Darstellung eines andern einflicht.[119] Aber auch
-da sind sie überflüssig, wenn diese Stelle in fremder Sprache oder in
-Versen ist, sich also schon durch die Schriftgattung (Antiqua, Kursiv,
-Petit) von dem übrigen Text genügend abhebt. Ebenso überflüssig aber
-und nichts als eine Spielerei sind sie bei Namen und bei Überschriften
-und Titeln von Büchern, Schauspielen, Opern, Gedichten usw. Wenn man
-sagt: der Kaiser hatte eine Reise +auf der Hohenzollern+ gemacht -- so
-versteht das doch jedermann, und ebenso wenn man sagt: der Vers ist
-+aus Goethes Iphigenie+. Manche Lehrer behaupten zwar, die Iphigenie
-ohne Gänsefüßchen sei die Person des Schauspiels, die Iphigenie mit
-Gänsefüßchen sei das Schauspiel selbst; kann man aber in der lebendigen
-Sprache diese Unterscheidung machen?
-
-Das ärgste aber ist es und eine der abgeschmacktesten Erscheinungen
-der Papiersprache, wenn Titel und Überschriften wie Versteinerungen
-behandelt werden, und geschrieben wird: die Redaktion +des+ „Wiener
-Fremden+blatt+“, +des+ „Berliner Tage+blatt+“ und ebenso nach
-Präpositionen: Vorspiel +zu+ „+Die+ Meistersinger“ -- Ouverture +zu+:
-„+Die+ Fledermaus“ -- einzelne Bilder +aus+ „+Der+ neue Pausias“
--- Bemerkungen zu Goethes „+Der+ getreue Eckardt“ -- erweiterter
-Separatabdruck +aus+ „+Der+ praktische Schulmann“ -- diese Aufsätze
-haben zuerst +in+ „+Die+ Grenzboten“ gestanden usw. Jedermann sagt: ich
-bin gestern abend +in der+ Fledermaus gewesen, der Vers ist +aus dem+
-Neuen Pausias, ich habe das +im+ Praktischen Schulmann gelesen, die
-Aufsätze haben +in den+ Grenzboten gestanden. Versteht man das nicht?
-Wenn mans aber mit den Ohren versteht, warum denn nicht mit den Augen?
-
-Einige Verlegenheit bereiten ja die jetzt so beliebten Zeitungs- und
-Büchertitel, die, anstatt aus einem Hauptwort, aus einer adverbiellen
-Bestimmung bestehen, wie: +Aus unsern vier Wänden+, +Vom Fels zum
-Meer+, +Zur guten Stunde+ u. ähnl. Jedes natürliche Sprachgefühl
-sträubt sich doch dagegen zu sagen: ich habe das +in Vom+ Fels zum Meer
-gelesen. Aber immer dazuzusetzen: in dem Buche, in der Zeitschrift --
-was schließlich das einzige Rettungsmittel ist -- ist doch langweilig.
-
-
-Nach dort
-
-Statt +hin+ und +her+ schreiben unsre Kaufleute jetzt in ihren
-Geschäftsbriefen +nach dort+ und +nach hier+: kommen Sie nicht in
-den nächsten Wochen einmal +nach hier+? Wenn nicht, so komme ich
-vielleicht einmal +nach dort+. Auch die Zeitungen berichten: Herr M.
-ist als Bauinspektor +nach hier+ versetzt worden. Und wenn ein paar
-Handlungsreisende bei kühlem Wetter in einem Biergarten sitzen, fragen
-sie sich sogar: Wollen wir uns nicht lieber +nach drin+ setzen? Diese
-neumodische schöne Ortsbestimmung ist freilich nicht ohne Beispiel:
-schon längst hat man zur Bezeichnung einer Richtung, statt die auf die
-Frage wohin? antwortenden Ortsadverbien zu gebrauchen, die Präposition
-+nach+ mit Ortsadverbien verbunden, die auf die Frage wo? antworten,
-z. B. +nach vorn+, +nach hinten+, +nach oben+, +nach unten+, statt:
-+vor+, +hinter+, +hinauf+, +herunter+. Auch Schiller sagt im Taucher:
-Doch es war mir zum Heil, er riß mich +nach oben+. Und ebenso hat man
-auf die Frage woher? geantwortet: +von vorn+, +von hinten+, +von oben+,
-+von unten+, sogar +von hier+, +von dort+. Nur +nach hier+, +nach
-dort+ und +nach drin+ hatte noch niemand zu sagen gewagt. Aber warum
-eigentlich nicht? Offenbar aus reiner Feigheit. Wir können also dem
-kaufmännischen Geschäftsstil für seinen sprachschöpferischen Mut nur
-dankbar sein. Schade, daß Goethe das Lied der Mignon nicht mehr ändern
-kann; das müßte doch nun auch am Schlusse heißen: +nach dort, nach
-dort+ möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn![120]
-
-
-Bis
-
-Viel Nachlässigkeiten und Dummheiten werden in den Zeitangaben
-begangen. Ein Ausdruck wie: +vom 16. bis 18. Oktober+ soll dabei
-noch nicht einmal angefochten werden, wiewohl, wer sorgfältig
-schreiben will, hinter +bis+ die Präposition nie weglassen, sondern
-schreiben wird: +bis zum 18. Oktober+. Denn +bis+ ist zwar selbst
-eine Präposition, es ist aber auch eine Konjunktion, es ist ein
-Mittelding zwischen beiden, und bei Ortsbestimmungen verlangt es noch
-ein +an+, +auf+, +in+, +zu+, +nach+, nur vor Städte- und Ländernamen
-kann es allein stehen, aber doch auch nur dann, wenn eine Strecke,
-eine Ausdehnung, aber nicht, wenn ein Ziel angegeben wird. Man kann
-also wohl sagen: +bis morgen+, +bis Montag+, +bis Ostern+, sogar:
-+bis nächste Woche+, auch +bis Berlin+, aber nicht: +bis Haus+,
-+bis Tür+. Nur wer in den Straßenbahnwagen gestiegen ist, antwortet
-maulfaul auf die Frage des Schaffners: wie weit? +Bis Kirche+. Eine
-ganz unzweifelhafte Nachlässigkeit aber ist es, zu schreiben: von
-Nikolaus I. +bis Gregor VII+. Denn wie soll man das lesen? +Bis+
-Gregor +den Siebenten+? +bis den+? Wenn das richtig wäre, dann könnte
-man auch sagen: wenn wir vom Großvater noch weiter zurückgehen +bis
-den Urgroßvater+. Ebenso nachlässig ist es, zu schreiben: Ausgewählte
-Texte +des 4. bis 15. Jahrhunderts+, deutsche Liederdichter +des
-12. bis 14. Jahrhunderts+ oder mit einem Strich, den man bis lesen
-soll: +des 12.-14. Jahrhunderts+,[121] Flugschriften +des 16. bis 18.
-Jahrhunderts+, Kulturbilder aus +dem 15. bis 18. Jahrhundert+. Da
-hört man erst den Singular +des+, +dem+, und dann kommen drei oder
-vier Jahrhunderte hinterher. Wie kann denn +ein+ Jahrhundert das 4.
-bis 15. sein! Und doch muß man den Fehler täglich lesen, oft gleich
-auf Titelblättern neuer Bücher. Wer sorgfältig schreiben will, wird
-schreiben: Flugschriften +des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts+ --
-oder wenigstens: +des 16., 17. und 18. Jahrhunderts+ -- oder: +aus der
-Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert+. Das ist zwar etwas umständlich,
-aber es geht nicht anders. Wir schrecken ja sonst vor umständlicher
-Ausdrucksweise nicht zurück, können uns oft gar nicht breit und
-umständlich genug ausdrücken. Warum denn gerade da, wo sie einmal
-angebracht ist?
-
-
-In 1870
-
-Wie mit +nach hier+ und +nach dort+, verhält sichs auch mit +in+ 1870,
-das man neuerdings öfter lesen kann. Jede andre Präposition kann man
-so vor die Jahreszahl setzen, man kann sagen: +vor+ 1870, +nach+
-1870, +bis+ 1870 -- aber nicht: +in+ 1870. Warum nicht? Weils nicht
-deutsch ist. Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen
-und des Englischen. Deutsch ist auf die Frage wann? entweder die bloße
-Jahreszahl ohne jede Präposition, oder: +im Jahre+ 1870.
-
-Bei den Angaben der Monate und der Jahreszeiten scheinen es manche
-jetzt für geistreich zu halten, +in+ ganz wegzulassen und zu
-schreiben: das geschah +Dezember+ 1774 -- ich wurde +Herbst+ 1874
-immatrikuliert. Auch das ist undeutsch; die Monatsnamen wie die Namen
-der Jahreszeiten verlangen unbedingt die Präposition, denn bei ihnen
-ebenso wie bei dem ganzen Jahre hat man deutlich die Vorstellung eines
-Zeitraums, in dessen Innerm sich ein Ereignis zuträgt.
-
-
-Alle vier Wochen oder aller vier Wochen?
-
-Bei periodisch wiederkehrenden Handlungen antwortet auf die Frage:
-wie oft? der Genitiv von +alle+ mit einem Zahlwort, z. B.: +aller
-vierzehn Tage+, +aller vier Wochen+, +aller zwei Stunden+, +aller
-halben Jahre+, +aller Vierteljahre+, +aller hundert Jahre+, ja sogar
-ohne Zahlwort: +aller Augenblicke+. Wenigstens in Mitteldeutschland,
-namentlich in Sachsen und Thüringen, ist dieser Genitiv allgemein, bei
-Hoch und Niedrig, im Gebrauch. Nicht bloß die Leipziger Straßenjugend
-spottete von der Leipziger Pferdebahn: und +aller fünf Minuten+, da
-bleibt de Karre stehn -- auch die gebildete Mutter sagt zu ihrem Kinde:
-bleib doch nicht +aller zehn Schritte+ stehen, oder: du bleibst +ja
-aller drei Zeilen hängen+, oder: so was kommt nur +aller Jubeljahre+
-einmal vor (wobei der Zahlbegriff in +Jubel+ steckt: 25, 50, 100), ja
-sogar: komm doch nicht +aller Nasen lang+ gelaufen, oder: du störst
-mich +aller Augenblicke+, und der Arzt schreibt auf das Rezept: +aller
-zwei Stunden+ einen Eßlöffel voll zu nehmen. Mit dem Akkusativ, wie
-er in Nord- und Süddeutschland üblich ist, erscheint uns nicht das
-Periodische, die Wiederkehr der Handlung in gleichen Zeitabständen,
-ausgedrückt. Wenn ich sage: das kann ich +alle Augenblicke+ tun, oder
-von einem geladnen Geschoß: geh zurück! es kann +alle Augenblicke+
-losgehen, so heißt das nichts andres als: +jeden Augenblick+,
-+jederzeit+, +sogleich+, +sofort+. Sage ich dagegen: es blitzt +aller
-Augenblicke+, so heißt das (natürlich mit einer starken Übertreibung):
-es blitzt in regelmäßigen Abständen von je einem Augenblick. Wenn sich
-jemand beklagt, er habe vierzehn Tage an einem langweiligen Badeorte
-sitzen müssen, so kann ich ihn fragen: bist du denn +alle vierzehn
-Tage+ dort gewesen? Das ist eine Zeitdauer, keine Wiederholung. Wenn
-sich aber die Landpfarrer in regelmäßigen Zwischenräumen von je
-vierzehn Tagen zu einer Konferenz in der Stadt zusammenfinden, so
-kommen sie nicht +alle+, sonder +aller vierzehn Tage+. Eine Berliner
-Zeitschrift verspricht ihren Lesern auf dem Umschlag +alle sieben Tage+
-ein Heft. Sie hält aber ihr Versprechen nicht, denn sie bringt nur
-+aller sieben Tage+ eins. Wenn ich sage: ich reise +alle Jahre+ nach
-Italien, so kann ich das einemal im März, das andremal im Mai, das
-drittemal im Oktober reisen. Will ich dagegen sagen, daß ich die Reise
-in genauen Abständen von je einem Jahre mache, so würde ich zwar nicht
-sagen: +aller Jahre+ (das ist nicht gebräuchlich), wohl aber, wo es
-auf eine genaue Bestimmung einer periodisch wiederkehrenden Handlung
-ankommt: +aller zwölf Monate+.[122]
-
-Da es sich bei diesem eigentümlich gefärbten „distributiven“ Genitiv,
-wie man ihn treffend genannt hat, keineswegs um einen niedrigen
-Provinzialismus handelt, sondern um eine mundartliche Feinheit, deren
-das Norddeutsche wie das Süddeutsche entbehrt, so kann es uns niemand
-verdenken, wenn wir ihn nicht dem unklaren, doppelsinnigen Akkusativ
-zuliebe fallen lassen. Wir bleiben fest bei unserm +aller vier Wochen+!
-
-
-Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags
-
-Auch auf die Frage: wann? muß bei periodisch wiederkehrenden Handlungen
-stets der Genitiv stehen. Auf die Frage: wann ist der Eintritt ins
-Museum frei? kann nur geantwortet werden: +Montags und Donnerstags+,
-wenn damit gesagt sein soll, daß es jeden Montag und jeden Donnerstag
-so sei. Ebenso bezeichnet +morgens+, +mittags+, +vormittags+,
-+nachmittags+, +abends+ Handlungen, die jeden Morgen, jeden Mittag usw.
-geschehen. Die einmalige Handlung dagegen wird durch den Akkusativ
-ausgedrückt. Aber auch hier herrscht jetzt Verwirrung. Genitive wie
-+Sonntags+, +Montags+ gelten jetzt lächerlicherweise manchen beim
-Schreiben für unfein, und umgekehrt drängt sich wieder der Genitiv
-dahin, wo er nicht hingehört. In der Umgangssprache wird er schon
-ganz anstandslos auch von einmaligen Handlungen gebraucht: kommst du
-+mittags+ zurück? Nein, ich komme erst +abends+ zurück. Es muß heißen:
-+zu Mittag+ und +am Abend+ oder mit dem bloßen Akkusativ: +Mittag+,
-+Abend+. Also: ich bin heute +mittag+ in Berlin, aber heute abend schon
-wieder in Leipzig; dagegen: ich bin +mittags+ stets in Berlin, +abends+
-stets in Leipzig.[123] Ganz abscheulich ist es, zu schreiben: +anfangs
-April+, +anfangs Dezember+, +anfangs der+ fünfziger Jahre, +anfangs der
-Spielzeit+, es muß unbedingt heißen: +Anfang April+, +Anfang Dezember+,
-wie +Mitte Dezember+, +Ende Dezember+. Auch +Anfang+, +Mitte+, +Ende+
-sind hier Akkusative, +Dezember+ ein (natürlich schlechter!) Genitiv
-(vgl. S. 8). +Anfangs+ kann immer nur allein als Adverbium stehen, im
-Gegensatze zu +dann+, +später+, +endlich+ (+anfangs+ wollt ich fast
-verzagen).
-
-
-Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier Monate
-
-Ein widerwärtiger Mißbrauch, der aber auch neuerdings für vornehm gilt
--- natürlich! es klingt ja französisch --, ist der Gebrauch, auf die
-Frage: +wie lange+? mit +während+ zu antworten: wir waren +während
-dreier Monate+ in der Schweiz -- dieses Geräusch blieb +während
-einiger Minuten+ hörbar -- man sprach +während einiger Wochen+ von
-nichts als von dieser Unternehmung -- die Prüfungskommission, der
-Gottfried Kinkel +während einer Reihe+ von Jahren angehört hat --
-die Lehren, die +während achtzehn Jahrhunderten+ als die Grundlage
-rechtgläubigen Christentums angesehen worden sind -- der Clavigo wurde
-+während weniger Tage+ in einem Gusse geschaffen -- die Naturaldienste
-wurden nur +während weniger Tage+ im Jahre geleistet.
-
-Während kann nie auf die Frage: wielange? antworten, sondern immer
-nur auf die Frage: wann? Vielleicht ist es nicht allen Lesern in der
-Erinnerung, wie die Präposition +während+ entstanden ist. Noch im
-achtzehnten Jahrhundert schrieb man +währendes Frühlings+, +währendes
-Krieges+. Allmählich wurde dieser absolute Genitiv mißverstanden, eine
-Zeit lang wußte man nicht recht, ob man +währendes+ oder +während des+
-hörte, und schließlich sprang der Partizipialstamm von der Endung
-ab und wurde -- tatsächlich also durch ein Mißverständnis, durch
-eine Sprachdummheit -- zu einer Präposition. Trotzdem erhielt sich
-bei richtiger Anwendung der ursprüngliche Sinn: es wird ein Vorgang
-zusammengestellt mit einem andern Vorgange, mit dem er entweder ganz
-oder teilweise zeitlich zusammenfällt; er lag +während des Kriegs+
-im Lazarett -- +während des Vortrags+ darf nicht geraucht werden --
-+während des Gewitters+ waren wir unter Dach und Fach. Der Krieg,
-der Vortrag, das Gewitter sind Vorgänge, Ereignisse. Aber ein Tag,
-ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert sind bloße Zeitabschnitte oder
-Zeitmaße. Er lag +während dreier Monate+ im Lazarett -- ist völliger
-Unsinn, denn drei Monate sind kein Ereignis, womit der Aufenthalt im
-Lazarett zeitlich verglichen würde, sondern sie bedeuten einfach die
-Zeitdauer; diese kann aber nur ausgedrückt werden durch den Akkusativ
-+drei Monate+ oder +drei Monate lang+. Der Clavigo wurde nicht +während
-weniger Tage+, sondern +in wenigen Tagen+ geschaffen. Aber kann man
-denn nicht sagen: +während des Tags+? Gewiß kann man das; aber dann
-ist +Tag+ nicht als Zeitmaß gebraucht, sondern als Erscheinung der
-Nacht gegenübergestellt: +während des Tags+ scheint die Sonne. Die
-Sonne hat nur +während eines Tags+ geschienen -- das ist Unsinn; die
-Sonne hat +während meiner Ferien nur einen Tag+ geschienen -- das hat
-Sinn. Aber alle Romanschreiber und besonders alle Romanschreiberinnen
-spreizen sich jetzt mit diesem albernen, dem französischen ~pendant~
-nachgeäfften Mißbrauch.
-
-+Durch fünfzehn Monate+ endlich, +durch lange Zeit+, +durch fünf
-Minuten+, wie die Zeitungen jetzt auch gern auf die Frage: wielange?
-schreiben (die heldenmütigen Frauen, die +durch fünfzehn Monate+ mit
-ihren Kindern im Buschwalde umherirrten -- dieses Gefühl war +durch
-lange Zeit+ künstlich genährt worden -- das Publikum lärmte und
-applaudierte +durch+ wenigstens +fünf Minuten+), ist ganz undeutsch. Es
-ist ein gedankenlos dem Lateinischen nachgebildeter Austriazismus, der
-aus österreichischen Zeitungen in unsre Sprache geschleppt worden ist.
-
-
-Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar
-
-Ein abscheulicher Fehler, der wieder recht ein Zeichen der immer
-mehr zunehmenden Verrohung unsers Sprachgefühls ist, ist die gemeine
-Zusammenkoppelung des Dativs und des Akkusativs, die neuerdings bei
-Datenangaben aufgekommen ist und mit unbegreiflicher Schnelligkeit um
-sich gegriffen hat. Fast alle Behörden, alle Berichterstatter, alle
-Programme, alle Einladungen schreiben: +am+ Donnerstag, +den+ 13.
-Februar. Sogar die amtlichen stenographischen Berichte des Reichstags
-sind so überschrieben!
-
-Jede von beiden Konstruktionen für sich allein wäre richtig. Auf die
-Frage: wann ist das Konzert? kann ebensogut mit dem bloßen Akkusativ
-geantwortet werden: +den+ Donnerstag, wie mit an und dem Dativ: +am+
-Donnerstag.[124] Aber beide Konstruktionen zusammenzukoppeln, einen
-Akkusativ als Apposition zu einem Dativ zu setzen, ist greulich.
-Fühlt man das gar nicht? Was glaubt man denn, daß es für ein Kasus
-sei, wenn auf die Frage: wann wird er zurückkehren? geantwortet wird:
-+Donnerstag+. Ist man so stumpfsinnig geworden, daß man hier den
-Akkusativ nicht mehr fühlt, auch wenn der Artikel nicht dabeisteht?
-wenn bloß geschrieben wird: +Donnerstag+, den 13. Februar? Nun meinen
-ja manche den Fehler zu vermeiden und ihre Sache sehr gut zu machen,
-wenn sie schreiben: +am+ Donnerstag, +dem+ 13. Februar. Aber da kommen
-sie aus dem Regen in die Traufe! (vgl. S. 253). Nein nein, es gibt nur
-+ein+ Heilmittel: man lasse das dumme am wieder weg, und alles ist in
-Ordnung.
-
-Man schreibt aber auch schon: +vom Ende+ Februar, +vom+ Dienstag, +den+
-6. dieses Monats ab. Das ist fast noch abscheulicher. Die Akkusative
-+Ende+ Februar, +Dienstag, den+ 6. gelten für den Satzbau genau so viel
-wie jedes Adverbium der Zeit, das auf die Frage wann? antwortet, wie
-+gestern+, +heute+, +morgen+ usw. Ebenso nun wie auf die Fragen: von
-wann? und bis wann? geantwortet wird: +von heute bis morgen+, ebenso
-muß auch geantwortet werden: +von Ende Februar+, +von Dienstag, den
-6. bis Donnerstag, den 8. April+. Denn nicht +Ende+ oder der Artikel
-+den+ hängt von der Präposition +von+ ab, sondern die ganze, wie ein
-Adverbium der Zeit aufzufassende Formel: +Dienstag, den 6+.
-
-Derselbe Fall kommt auch bei Ortsbestimmungen vor. +Zuhause+, das
-auf die Frage wo? antwortet, wird für die Konstruktion ganz zum
-Ortsadverbium, wie +hier+, +dort+, +oben+, +unten+ u. a. Auf die Frage:
-wo kommst du her? ist es also durchaus nicht falsch, zu antworten:
-+von zuhause+. Wir in Mitteldeutschland sagen immer so (nicht wie der
-Norddeutsche sagt: +von Hause+, das uns fremdartig und geziert klingt),
-ebenso wie wir auch sagen: er spricht viel +von zuhause+, er denkt den
-ganzen Tag +an zuhause+. (Goethe: ich freue mich recht +auf nachhause+!)
-
-
-Bindewörter. Und
-
-Auch der Gebrauch der Bindewörter hält sich jetzt nicht frei von
-Fehlern und namentlich nicht frei von Geschmacklosigkeiten, die sich
-aber natürlich gerade deshalb, weil sie so geschmacklos sind, besondrer
-Beliebtheit erfreuen. Richtig angewandt werden ja im allgemeinen die
-geläufigen Verbindungen: +nicht nur -- sondern auch+, +sowohl -- als
-auch+, +entweder -- oder+, +weder -- noch+; doch kann man bisweilen
-auch Sätze lesen, wo falsch +nicht nur -- aber auch+ gegenübergestellt
-sind. Feiner und weniger geläufig ist die Verbindung +nicht sowohl --
-als vielmehr+. Bei den vorhergehenden Verbindungen sind entweder beide
-Glieder bejahend oder beide verneinend; hier ist das erste verneinend
-und das zweite bejahend. Mit dieser Verbindung wissen manche nicht
-recht umzugehn; sie möchten sich aber doch auch gern damit zieren und
-schreiben dann: +nicht sowohl+ was die Anzahl, +sondern mehr+ was die
-Bedeutung der Stücke betrifft.
-
-Aber selbst bei dem einfachen +und+ werden Fehler gemacht. Ein sehr
-gewöhnlicher Fehler entsteht dadurch, daß sich der Schreibende nicht
-genügend klar darüber ist, wieviel Glieder er vor sich hat. Da schreibt
-z. B. einer -- gleich auf dem Titelblatt eines Buches! --: Geschichte
-+der Seuchen, Hungers- und Kriegsnot+ im Dreißigjährigen Kriege.
-Wieviel Glieder sind das, zwei oder drei? Der Schreibende hat es für
-drei gehalten, es sind aber nur zwei. Das erste Glied ist +Seuchen+,
-das zweite ist +Hungers- und Kriegsnot+, und dieses besteht selber
-wieder aus zwei Gliedern. Folglich fehlt die Verbindung zwischen dem
-ersten und dem zweiten Gliede. Vielleicht fürchtet man sich vor einem
-doppelten +und+ -- es spielt da wieder der Aberglaube herein, daß man
-nicht kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort gebrauchen dürfe! --,
-aber die Logik verlangt es hier unbedingt. Beseitigen wir noch den
-zweiten groben Fehler, daß der Plural +der+ vor +Seuchen+ zugleich als
-Singular auf +Hungersnot+ bezogen ist, so lautet das Ganze richtig:
-Geschichte +der Seuchen und der Hungers- und Kriegsnot+ usw. Ähnliche
-Beispiele, wo überall ein +und+ fehlt -- wo? deuten die Klammern an
---, sind folgende: ~Ex-Libris~, Zeitschrift für Bücherzeichen- []
-Bibliothekskunde +und+ Gelehrtengeschichte -- die Beziehungen zum Hofe
-von Alexandrien [] zur alexandrinischen Kunst +und+ Wissenschaft -- das
-Material entnimmt er seinen eignen Erinnerungen [] Aufzeichnungen +und+
-Briefen aus dem schleswig-holsteinischen Archiv -- ein gemeinsames
-Münz-, Maß- [] Gewichtssystem [] Patent- +und+ Markenschutzrecht --
-Hundegeschirre, Hand- [] Kinderwagen +und+ Rollstühle -- ein Gärtchen,
-in dem er Gemüse baute [] Blumen +und+ Bienen pflegte -- das schlechte
-Essen [] Trinken +und+ die lästigen Fliegen -- wer lesen, schreiben []
-rechnen kann +und+ täglich seine Zeitung liest. In allen diesen Fällen
-liegen nur zwei (oder drei) Glieder vor, von denen aber das eine selbst
-wieder aus zwei oder mehr Gliedern besteht, und in den meisten Fällen
-fehlt das +und+ gerade da, wo die beiden Hauptglieder miteinander
-verbunden werden müssen. Es ist genau so, wie wenn jemand schreiben
-wollte: die Räuber, Kabale und Liebe anstatt: die Räuber +und+ Kabale
-und Liebe. Derselbe Fehler findet sich auch bei +oder+: z. B. die
-Beeinträchtigung eines künstlerisch bedeutungsvollen Platzes [],
-Straßen- +oder+ Stadtbildes. Hier muß auch hinter +Platzes+ unbedingt
-noch ein +oder+ stehen.
-
-Eine rechte Dummheit ist es, wenn auf Buchtiteln, in
-Buchhändleranzeigen, auf Konzertprogrammen usw. von zwei Männern, die,
-entweder gleichzeitig oder nacheinander, der eine vielleicht nach dem
-Tode des andern, an einem Werke gearbeitet haben, die Namen durch
-Bindestriche miteinander verbunden werden, z. B.: kritische Ausgabe
-+von Lachmann-Muncker+, Quellenkunde von +Dahlmann-Waitz+, Phantasie
-+von Schubert-Liszt+, der Denkmalsentwurf von +Schmitz-Geiger+. Zwei
-Namen so zu verbinden hat allenfalls Sinn, wenn der Mann zu seinem
-Namen den der Frau oder (wie in der Theaterwelt) die Frau zu dem
-ihrigen den des Mannes fügt. Aber zwei (!) Personen durch einen solchen
-Doppel- und Koppelnamen zu bezeichnen ist doch sinnwidrig. Warum denn
-nicht: kritische Ausgabe von +Lachmann und Muncker+? Wozu solches
-Telegrammgestammel, wo es gar nicht nötig ist? Aber die Franzosen
-reden doch auch von +Erckmann-Chatrian+. Das wars! das muß doch wieder
-nachgemacht werden. Aber es ist wieder nur gedankenlose Nachäfferei,
-denn diese beiden +wollten+ doch den Schein erwecken, daß sie nur
-+eine+ Person wären![125]
-
-Dieselbe Dummheit -- einen Bindestrich statt +und+ zu schreiben --
-ist aber auch sonst noch verbreitet, namentlich in den beliebten
-Verbindungen: +kritisch-historisch+, +historisch-kritisch+,
-+religiös-sittlich+, +religiös-sozial+, +sozial-wirtschaftlich+,
-+sozial-ethisch+, +technisch-konstruktiv+, +wirtschaftlich-technisch+,
-+hygienisch-therapeutisch+ usw. Welche Unklarheit und Verwirrung haben
-diese törichten Koppelwörter schon in den Köpfen angerichtet! Kann
-es einen größern Unsinn geben als +religiös-sittlich+? Religion und
-Sittlichkeit sind doch zwei ganz verschiedne Gebiete. Kann es einen
-größern Unsinn geben als +historisch-kritische+ Anmerkungen? Eine
-historische Anmerkung ist doch keine kritische, und eine kritische
-keine historische.
-
-Sehr beliebt ist jetzt auch die Abgeschmacktheit -- sie stammt aus
-Österreich --, statt +und zwar so+ zu schreiben: +so zwar+, z. B.:
-entscheidend sind die Leistungen im Deutschen, +so zwar+, daß ein
-Schüler, der im Deutschen nicht genügt, für nicht bestanden (!) erklärt
-wird. Wer logisch denkt, wird hinter +so zwar+ stets noch ein zweites
-Glied erwarten: +aber doch auch so+, daß usw.
-
-Eine ganz neue Dummheit ist es, auf Quittungen, Wechseln u. dgl. in der
-Angabe der Geldsumme statt +und+ zu schreiben auch: 75 Mark +auch+ 20
-Pfennige. Das ist schwedisch, aber nicht deutsch: ~utan svafvel +och+
-fosfor~.
-
-Falsch ist es, einen Satz mit +denn+ an einen untergeordneten Nebensatz
-anzuknüpfen, z. B.: leider ist der Brief +nicht so bekannt geworden+,
-wie er es verdiente, +denn+ er ist für den Entwicklungsgang des
-Künstlers von großer Wichtigkeit. Man erwartet: +denn+ er ist an einer
-sehr versteckten Stelle abgedruckt. An einen untergeordneten Nebensatz
-kann sich nie ein bei- oder nebengeordneter anschließen.
-
-
-Als, wie, denn beim Vergleich
-
-Ob es richtiger sei, zu sagen: +größer als+ oder +größer wie+,
-läßt sich am besten mit Hilfe der Sprachgeschichte beantworten. In
-der Anwendung der drei vergleichenden Bindewörter +als+, +wie+ und
-+denn+ ist im Laufe der Zeit eine Verschiebung vor sich gegangen. Im
-Althochdeutschen und noch im Mittelhochdeutschen stand (wie noch heute
-im Englischen) hinter dem Komparativ stets ~danne~, ~dan~, ~denne~,
-z. B.: ~wîzer dan ein snê~ (weißer +denn+ Schnee). +Denn+ bezeichnete
-also die Ungleichheit. Hinter dem Positiv stand damals stets ~alsô~
-(d. h. ganz so), ~alse~, ~als~, z. B.: ~wîz als ein swan~ (weiß +als+
-ein Schwan). +Als+ bezeichnete also die Gleichheit, und zwar nicht nur
-hinter dem Positiv, sondern auch bei andern Vergleichungen, wie bei
-Luther: wer nicht das Reich Gottes empfängt +als+ ein Kind -- du sollst
-deinen Nächsten lieben +als+ dich selbst -- und auch in vergleichenden
-Zwischensätzen: +als+ sich gebührt. Wie endlich, althochdeutsch
-~hwêo~ oder ~hwio~, war ursprünglich überhaupt keine vergleichende
-Konjunktion, sondern nur Fragewort.
-
-Allmählich erweiterte sich aber das Gebiet von +als+ so, daß es nicht
-bloß bei der Gleichheit, sondern auch bei der Ungleichheit, hinter dem
-Komparativ verwendet wurde und dort das alte +denn+ verdrängte. Dafür
-wurde aber +wie+ zur Vergleichungspartikel und fing nun seinerseits
-an, das alte +als+ da zu verdrängen, wo dieses früher die Gleichheit
-bezeichnet hatte, ja es drang sogar noch weiter vor, bis an die
-Stelle von +denn+ und bezeichnete nun ebenfalls auch die Ungleichheit
-(+größer wie+). Diese Verschiebung, die schon im sechzehnten
-Jahrhundert beginnt, ist im siebzehnten und achtzehnten in vollem Gange
-und ist eigentlich auch jetzt noch nicht ganz, aber doch ziemlich
-abgeschlossen. Daß sie noch nicht ganz abgeschlossen ist, daher stammt
-eben das Schwanken.
-
-Wenn man also auch nicht behaupten kann, es sei falsch, zu sagen:
-+so weiß als+ Schnee, es dürfe nur heißen: so +weiß wie+ Schnee, so
-trifft man doch ungefähr das richtige, wenn man sagt: +denn+ als
-Vergleichungspartikel ist veraltet (nur in gewissen Verbindungen wie:
-mehr +denn je+ ist es noch üblich), +als+ bezeichnet die Ungleichheit
-(+anders als+) und gehört hinter den Komparativ (wie lat. ~quam~,
-franz. ~que~, engl. ~than~), +wie+ bezeichnet die Gleichheit und
-gehört hinter den Positiv (wie lat. ~ut~, franz. ~comme~, engl.
-~as~). Es könnte nichts schaden, wenn der Unterricht in diesem Sinne
-etwas nachhülfe und dadurch dem Schwanken ein Ende machte. +Wie+ auch
-hinter dem Komparativ zu gebrauchen (er sieht ganz +anders+ aus +wie+
-die üblichen Sterblichen), müßte dann natürlich der Gassensprache
-überlassen bleiben. Leider verbreitet es sich neuerdings wieder mehr
-und mehr auch in der Schriftsprache (+besser wie+, +mehr wie je+), wo
-es dann unsäglich gemein wirkt.
-
-Erhalten hat sich noch die ursprüngliche Bedeutung von +als+ im Sinne
-der Übereinstimmung bei den Appositionen hinter +als+: +als Knabe+,
-+als Mann+, +als König+, +als Gast+, +als Fremder+. Da kommt es nun
-nicht selten vor, daß dieses +als+ unmittelbar hinter ein +als+ beim
-Komparativ tritt, z. B.: er betrachtete und behandelte den jungen
-Mann mehr als Freund, +als als+ Untergebnen. In diesem Falle pflegt
--- nach dem alten, nun schon oft bekämpften Aberglauben -- gelehrt
-zu werden, es müsse heißen: +denn als+ Untergebnen; das Wort +als+
-dürfe nicht zweimal hintereinander stehen. Und so schreibt man denn
-auch meist ängstlich: die Trennung der Christenheit hat sich eher
-als Gewinn +denn als+ Schädigung erwiesen -- Bismarck fühlte sich
-weniger als deutscher Staatsmann +denn als+ der ergebne Diener des
-Hauses Hohenzollern -- manche Gymnasiallehrer stellen sich lieber als
-Reserveoffiziere +denn als+ Bildner der Jugend vor. Es fragt sich aber
-doch sehr, was anstößiger sei: das doppelte +als+ oder das auffällige,
-gesuchte, veraltete +denn+, das sonst niemand mehr in diesem Sinne
-gebraucht. Die Umgangssprache, auch die der Gebildeten, setzt
-unbefangen ein doppeltes +als+: mir hat Lewinsky besser als Shylock
-+als als+ Mohr gefallen. Ein feiner Satz ist: Friedrich Wilhelm der
-Vierte haßte die Revolution nicht bloß +wie+, sondern +als+ die Sünde.
-Hier sieht man deutlich hinter +wie+ die Vergleichung, hinter +als+ die
-Übereinstimmung.
-
-
-Die Verneinungen
-
-In dem Gebrauche der Verneinungen ist es zunächst eine häßliche
-Gewohnheit der Amts- und Zeitungssprache, statt +keiner+ und +nichts+
-immer zu sagen: +einer nicht+, +etwas nicht+, z. B. dieser Orden wird
-auch an solche Personen verliehen, die +einen+ Hofrang +nicht+ besitzen
--- diesem Unterschied ist +eine+ größere Tragweite +nicht+ beizumessen
--- wenn nachgewiesen wird, daß dieser Versuch +einen+ günstigen Erfolg
-+nicht+ gehabt hat -- von der Opposition hatte sich +ein+ Redner, um
-diese scharfen Angriffe zurückzuweisen, +nicht+ gemeldet -- das Patent
-schließt sich der Ansicht an, daß in dem vorgelegten Maschinenteil
-+eine+ wesentliche, zur Erleichterung der Anwendung beitragende neue
-Erfindung +nicht+ gemacht sei -- den auf die Tagesordnung zu stellenden
-Vorträgen wird +eine+ Erörterung +nicht+ folgen -- die Deputation fand
-gegen alles dieses +etwas nicht+ einzuwenden -- durch die neuerlichen
-(!) Bestimmungen wird im übrigen an den bestehenden Einrichtungen
-+etwas nicht+ geändert (was mag dieses Etwas sein?). Eine solche
-Trennung -- eine Nachahmung des Lateinischen -- ist nur dann am Platze,
-wenn das Hauptwort betont und einem andern Hauptworte gegenübergestellt
-wird, z. B.: +ein Erfolg+ ist bis jetzt +nicht+ zu beobachten gewesen
--- wo +Erfolg+ vorangestellt und vielleicht den vorher besprochnen
-Bemühungen gegenübergestellt ist.[126]
-
-Eine doppelte Verneinung gilt jetzt fast allgemein in der guten
-Schriftsprache als Bejahung. Es ist das aber -- dessen wollen wir uns
-bewußt bleiben -- eine ziemlich junge „Errungenschaft“ des Unterrichts.
-In der älteren Sprache bestand, wenn auch nicht geradezu die Regel,
-so doch weit und breit die Gewohnheit, daß man den Begriff der
-Verneinung, um ihn zu verstärken, verdoppelte, ja verdreifachte. Diese
-Gewohnheit hat sich, auch bei den besten Schriftstellern, bis weit in
-das achtzehnte Jahrhundert erhalten, und der Volksmund übt sie zum
-Teil noch heute. Nicht bloß Luther schreibt: ich habe +keinem nie
-kein+ Leid getan,[127] auch Lessing schreibt noch: +keinen+ wirklichen
-Nebel sahe Achilleus +nicht+, auch Goethe noch: man sieht, daß er an
-+nichts keinen+ Anteil nimmt, auch Schiller noch: +nirgends kein+ Dank
-für diese unendliche Arbeit, und der Volksmund fragt noch heute: hat
-+keener kee+ Streichhelzchen +nich+? Wir mögen es bedauern, daß unter
-dem Einflusse der lateinischen Grammatik diese -- falsche darf man
-nicht sagen, sondern nur andre Art, zu denken, ganz verdrängt worden
-ist, auch in der Volksschule, die hier ebenfalls unter dem Banne der
-lateinischen Grammatik steht; aber nachdem das einmal geschehen ist,
-und die doppelte Verneinung fast allgemein wie im Lateinischen (~nemo
-non~) als Bejahung empfunden wird, ist es auch unmöglich, sie noch
-in der alten Weise zu verwenden. Das gilt besonders auch bei den
-Nebensätzen, die mit +ehe+, +bevor+, +bis+ und +ohne daß+ anfangen,
-und bei Infinitivsätzen nach einem verneinten Hauptsatze. Es ist
-also entschieden anstößig, zu schreiben, wie es so oft geschieht:
-die Hauptfrage kann +nicht+ erledigt werden, ehe +nicht+ (oder:
-bis +nicht+) die Vorfrage erledigt ist (+wenn nicht+ oder +solange
-nicht+ wäre richtig) -- es gehört +keine+ große Menschenkenntnis
-dazu, das +nicht+ auf den ersten Blick zu sehen. Namentlich hinter
-+warnen+ erscheint ein verneinter Infinitiv, wie in den bekannten
-Zeitungsanzeigen: ich +warne+ hiermit jedermann, meiner Frau +nichts+
-zu borgen u. dgl., unsinnig, denn +warnen+, d. h. abraten, abmahnen,
-enthält ja schon den Begriff der Verneinung.
-
-Daß eine Verneinung eines mit +un+ zusammengesetzten Hauptworts oder
-Eigenschaftsworts (+kein Un+mensch, +nicht un+gewöhnlich, +nicht
-un+möglich, +nicht un+wahrscheinlich) nur eine Bejahung, und zwar eine
-eigentümlich gefärbte vorsichtige Bejahung ausdrücken kann, darüber
-ist sich wohl jedermann klar. Man sollte aber mit dieser doppelten
-Verneinung, der sogenannten Litotes (Einfachheit), wie man sie mit
-einem Ausdrucke der griechischen Grammatik bezeichnet, recht sparsam
-sein. Es gibt Gelehrte -- es sind dieselben, die auf jeder Seite zwei-,
-dreimal +meines Erachtens+ lispeln, als ob nicht alles, was sie sagen,
-bloß ihr „Erachten“ wäre! --, die nicht den Mut haben, auch nur eine
-einzige Behauptung, ein einziges Urteil fest und bestimmt hinzustellen,
-sondern sich um alles mit dem ängstlichen +nicht un+-- herumdrücken. Es
-gibt aber auch Leute, die so in diese Litotes verliebt sind, daß sie
-sie gedankenlos sogar da brauchen, wo sie die Verneinung meinen, z. B.:
-das wirkt +nicht unübel+ -- dieser Effekt war ein von dem Juden +nicht
-un+erwarteter -- endlich fand sich ein Tag, an welchem (wo!) +keiner+
-der drei Herren +un+behindert war -- es ist das +kein unverächtlicher+
-Zug -- die Leistungen zeigen eine +nicht ungewöhnliche+ Begabung --
-ein gewisser +Mangel an Nichtachtung+ des Lehrerstandes und ähnl. Ist
-es doch sogar einem so scharfen Denker wie Lessing begegnet, daß er
-in der Emilia Galotti geschrieben hat: +nicht ohne Miß+fallen (wo
-er schreiben wollte: +nicht ohne+ Wohlgefallen, oder: +nicht+ mit
-Mißfallen). Sehr häufig, viel häufiger, als es bei unserm heutigen
-hastigen und gedankenlosen Lesen bemerkt wird, findet sich namentlich
-die törichte Verbindung +nicht unschwer+: der Leser wird +nicht
-unschwer+ erkennen -- es wird das +nicht unschwer+ zu beweisen sein
--- man wird sich +nicht unschwer+ vorstellen können. Schon +unschwer+
-allein ist ein dummes Wort, wie alle solche unnötig gekünstelten
-Verneinungen.[128] Nun vollends +nicht unschwer+! Und das soll heißen:
-+leicht+! Erscheint nicht ein solches Hineinfallen in einen logischen
-Fehler wie eine gerechte Strafe für törichte Sprachziererei? Auch wenn
-jemand schreibt: der Besitzer sieht in dieser Bronze +nichts weniger+
-als ein Werk des Lysipp, es ist aber nur eine römische Nachahmung --
-so schreibt er gerade das Gegenteil von dem, was er sagen will; er
-will sagen: der Besitzer sieht in der Bronze +nichts geringeres+ als
-ein Werk des Lysipp, es ist aber +nichts weniger+ als das, es ist nur
-eine römische Nachahmung. Auch wenn man gespreizt sagt: das ist +nicht
-zum geringsten Teile+ der Tätigkeit unsers Vereins zu danken (anstatt
-einfach: +zum größten Teile+), kann man sich nicht beschweren, wenn ein
-Schalk das Gegenteil von dem heraushört, was man sagen will.
-
-Wenn von zwei Verneinungen die zweite gesteigert werden soll, so
-geschieht das durch +geschweige denn+, z. B. der Bau kann in vier
-Jahren nicht ausgeführt werden, +geschweige denn+ in zweien. Ist
-das erste Glied positiv, so kann +geschweige denn+ nicht angewendet
-werden. Falsch ist also folgender Satz: diese Bestrebungen können
-+nur+ mit universalgeschichtlichen Kenntnissen gepflegt, +geschweige
-denn+ gefördert werden. Hier muß es entweder statt +geschweige denn+
-heißen: und +vollends+ (vgl. S. 132), oder das erste Glied muß
-ebenfalls negativ eingekleidet werden: diese Bestrebungen können ohne
-universalgeschichtliche Kenntnisse +nicht+ gepflegt, +geschweige denn+
-gefördert werden.
-
-
-Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels
-
-Im Niederdeutschen ist es gebräuchlich, bei
-Verwandtschaftsbezeichnungen den Artikel wegzulassen wie bei
-Personennamen und zu sagen: +Vater+ hats erlaubt, +Mutter+ ist
-verreist, +Tante+ ist dagewesen. Wenn das neuerdings auch in
-Mitteldeutschland viele nachmachen, weil es aus Berlin kommt, so ist
-das Geschmacksache; schön ist es nicht, nicht einmal traulich. Eine
-widerwärtige Unsitte aber ist es, diese niederdeutsche Gewohnheit
-auszudehnen auf Wörter wie: der +Verfasser+, der +Berichterstatter+,
-der +Referent+, der +Rezensent+, der +Angeklagte+, der +Kläger+,
-der +Redner+, der +Vorredner+ (!), der +Vorsitzende+ usw. Es wird
-aber jetzt fast allgemein geschrieben: in dieser Schrift bietet
-+Verfasser+ eine Anthologie aus den Hauptwerken der Klassiker der
-Staatswissenschaft -- die Veröffentlichung dieses Buchs hat für
-+Referenten+ ein besondres Interesse gehabt (für alle Referenten?)
--- +Berichterstatter+ bekennt gern, daß er eine solche Bemerkung nie
-zu hören bekommen hat -- +Schreiber+ dieser Zeilen hat das selbst
-beobachtet.
-
-Einen zweiten Fall, wo der Artikel jetzt unberechtigterweise
-weggelassen wird, vergegenwärtigen Ausdrücke wie: Denkmale +deutscher
-Tonkunst+, die erste Blütezeit +französischer Plastik+, eine ältere
-Epoche +deutscher Geschichte+, Fragen +auswärtiger Politik+, die Freude
-an +heimischer Vergangenheit+, eine Tat +evangelischen Bekenntnisses+.
-Sind denn die deutsche Tonkunst und die französische Plastik früherer
-Zeiten Dinge wie französischer Rotwein und deutscher Käse, die
-unaufhörlich vertilgt und neu fabriziert werden? Es sind doch ganz
-bestimmt umgrenzte Mengen dauernder Erzeugnisse der menschlichen
-Geistestätigkeit. Welcher Unsinn, denen den bestimmten Artikel zu
-rauben! Man denke sich, daß Overbeck seine Geschichte der griechischen
-Plastik Geschichte +griechischer Plastik+ genannt hätte!
-
-Ein dritter Fall endlich -- ungefähr von derselben Art -- ist die
-Geschmacklosigkeit, den bestimmten Artikel in Überschriften von
-Aufsätzen und in Buchtiteln wegzulassen. Aber auch das ist jetzt
-sehr beliebt. Man nimmt eine Monatsschrift zur Hand und findet im
-Inhaltsverzeichnis: +Ballade+. Von X. Ei der tausend! denkt man, ist
-dein guter Freund X unter die Balladendichter gegangen? und schlägt
-begierig auf. Was findet man? Einen Aufsatz über die Geschichte der
-Ballade! Der kann aber doch vernünftigerweise nur überschrieben werden:
-+Die Ballade+. Ein bekannter Kunstsammler hat über seine Schätze ein
-Prachtwerk veröffentlicht unter dem Titel: +Sammlung Schubart+. Ja, so
-konnte er ins Treppenhaus über die Tür seines Museums schreiben, aber
-der Buchtitel kann nur lauten: +Die Sammlung Schubart+ (wenn durchaus
-französelt sein muß!). Namentlich Romane, Schauspiele und Zeitschriften
-werden jetzt gern mit solchen artikellosen Titeln versehen (+Heimat+,
-+Jugend+, +Sonntagskind+ u. ähnl.), aber auch andre Werke, wie:
-+Stammbaum Becker-Glauch+ (das soll heißen: der Stammbaum der Familien
-Becker und Glauch!). Ein bekanntes Werk von Guhl und Koner hat fünf
-Auflagen lang +das Leben der Griechen und Römer+ geheißen; der neue
-Herausgeber der sechsten hat es wahrhaftig verschönert zu: +Leben der
-Griechen und Römer+. Zu einer wahren Seuche ist dieses Weglassen des
-Artikels in den sogenannten „Spitzmarken“ der Zeitungen ausgeartet:
-+Frecher Diebstahl+, +Aufgefundener Leichnam+, +Fahrrad gestohlen+,
-+Mädchen vermißt+.[129]
-
-In formelhaften Verbindungen wie: +Haus und Hof+, +Land und Leute+,
-+Frau und Kinder+ bleibt der Artikel stets weg, aber nur dann, wenn die
-beiden so verbundnen Hauptwörter gar keinen Zusatz haben. Falsch ist
-es, zu sagen, wie es jetzt oft geschieht: der Verunglückte hinterläßt
-+Frau und drei unmündige Kinder+. Er hinterläßt +Frau+ -- das ist kein
-Deutsch, denn niemand sagt: +ich habe Frau, hast du Frau+?
-
-Es gibt aber auch Fälle, wo der Artikel gesetzt wird, obwohl er nicht
-hingehört. Gleich unausstehlich sind zwei Anwendungen des Artikels
--- das einemal des unbestimmten, das andremal des bestimmten -- bei
-Personennamen. Für Leute von Geschmack bedarf es wohl nur folgender
-Beispiele, um ihren ganzen Abscheu zu erregen: Heyse hat nie die ruhige
-Größe +eines Goethe+ erreicht -- welcher unsrer großen Schriftsteller,
-selbst +ein Lessing+ und +ein Goethe+, wäre von Fehlern freizusprechen!
--- und: von den Franzosen kamen +die Dumas Sohn+ und Genossen herüber
--- die Neigung und Schätzung +der Haupt, Jahn und Mommsen+ -- die
-tiefeindringende Ästhetik +der Hebbel und Ludwig+. Der zweite Fall
-ist ja ein gemeiner Latinismus; den ersten aber sollte man dem
-Untersekundaner überlassen, der seinen ersten deutschen Aufsatz über
-ein literargeschichtliches Thema schreibt, ja nicht einmal dem, denn
-wie soll er sonst seinen Ungeschmack loswerden?
-
-
-Natürliches und grammatisches Geschlecht
-
-Viel Kopfzerbrechen hat schon manchem die Frage gemacht, ob man auf
-Wörter wie +Weib+, +Mädchen+, +Fräulein+, +Mütterchen+ mit +es+,
-+das+ und +sein+ zurückweisen müsse, oder auch mit +sie, die+ und
-+ihr+ zurückweisen dürfe, mit andern Worten: ob bei solchen Wörtern
-das grammatische oder das natürliche Geschlecht vorgehe. Auch bei
-+Backfisch+ kann die Frage entstehen. Nun, um das Ob braucht man
-sich nicht zu sorgen, es ist eins so richtig wie das andre; die
-Schwierigkeit liegt nur in dem Wo und Wie, und hierüber läßt sich
-keine allgemeine Regel geben, es muß das dem natürlichen Gefühl des
-Schreibenden überlassen bleiben. Klar ist, daß das grammatische Subjekt
-solcher Wörter um so eher festgehalten werden darf, je dichter das
-Fürwort auf das Hauptwort folgt, also besonders bei dem relativen
-Fürwort, das sich unmittelbar an das Hauptwort anschließt, ebenso,
-wenn beide sonst nahe beieinander in demselben Satze stehen, z. B.:
-+das Mädchen+ hatte frühzeitig +seine+ Eltern verloren. Es ist aber
-auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn jemand schreibt: die
-Dekoration stand +dem Mütterchen+ Moskau gut zu +ihrem+ alten Gesicht.
-Auch bei Goethe heißt es: dienen lerne beizeiten +das Weib+ nach
-+seiner+ Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt +sie+ endlich
-zum Herrschen. Je später das Fürwort auf das Hauptwort folgt, desto
-mehr schwächt sich die Kraft des grammatischen Geschlechts ab, und die
-Vorstellung des natürlichen Geschlechts verstärkt sich. Deshalb ist es
-auch abgeschmackt zu schreiben: die jüngere Tochter ist +ein Ausbund+
-von Anmut und Gescheitheit, um +den+ sich die tanzenden Herren förmlich
-reißen, wenn +er+ in der Gesellschaft erscheint. Namentlich in einer
-längeren Reihe von Sätzen hintereinander das grammatische Geschlecht
-solcher Wörter pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden.
-
-Die Frage, ob es heißen müsse: +Ihr Fräulein Tochter+ (+Schwester+,
-+Braut+) oder +Ihre Fräulein Tochter+, ist sehr leicht zu beantworten.
-Das besitzanzeigende Adjektivum gehört in diesen Verbindungen nicht zu
-+Fräulein+, sondern natürlich zu +Tochter+, +Schwester+, +Braut+, wozu
-+Fräulein+, gleichsam in Klammern, als bloßer Höflichkeitszusatz tritt
-(vgl. S. 15 die Herren Mitglieder). Es darf also nur heißen: +Ihre
-[Fräulein] Braut+ -- empfehlen Sie mich +Ihrer [Fräulein] Tochter+!
-
-Seitdem die Universitäten den Titel „Doktor“ (als ob er eine
-Versteinerung wäre, von der kein Femininum gebildet werden könnte!) an
-Damen verleihen, liest man auf Büchertiteln: ~Dr.~ +Hedwig Michaelson+.
-Setzt man davor noch +Fräulein+, so hat man glücklich drei Geschlechter
-nebeneinander: +Fräulein+ (sächlich) +Doktor+ (männlich) +Hedwig+
-(weiblich). Freilich ist dabei eigentlich nichts verwunderliches.
-Die Verschrobenheit der Sprache ist ja nur das Abbild von der
-Verschrobenheit der Sache. Vielleicht druckt man auch noch: Fräulein
-~Studiosus medicinae~ Klara Schulze.
-
-
-Mißhandelte Redensarten
-
-Für eine große Anzahl von Tätigkeitsbegriffen fehlt es im Deutschen
-an einem geeigneten Zeitwort; wir können sie nur durch Redensarten
-ausdrücken, die aus einem Zeitwort und einem Hauptwort bestehen.
-Oft ist aber auch ein geeignetes Zeitwort vorhanden, und doch
-geben viele, weil sie die Neigung haben, sich breit auszudrücken,
-einer umschreibenden Redensart den Vorzug. Solche Redensarten --
-unentbehrliche und entbehrliche -- sind z. B.: +Fühlung haben+,
-+Gebrauch machen+, +Klage führen+, +Rechenschaft ablegen+, +Kenntnis
-nehmen+, +Platz greifen+, +Wandel schaffen+, +Lärm schlagen+, +Dank
-wissen+, +in Kenntnis setzen+, +zur Verfügung stellen+ und hundert
-andre.
-
-Diese Redensarten haben nun meist etwas formelhaftes. Da sie einfache
-Verbalbegriffe ersetzen, so werden sie auch wie einfache Verba gefühlt.
-Daraus folgt aber mit Notwendigkeit zweierlei: erstens, daß sie in
-passivischen Sätzen und in Nebensätzen, wo das Zeitwort am Ende steht,
-nicht zerrissen werden dürfen; zweitens, daß sie, ebenso wie wirkliche
-Verba, nur mit Adverbien bekleidet werden können. Gegen beide Gesetze
-wird fort und fort verstoßen.
-
-Da schreibt man z. B.: er wurde +in Kenntnis+ von dem Geschehenen
-+gesetzt+. Falsch! Es muß heißen: er wurde von dem Geschehenen +in
-Kenntnis gesetzt+, denn die Redensart +in Kenntnis setzen+ vertritt
-ein einfaches Verbum und darf nicht zerrissen werden. Andre Beispiele
-solches gefühllosen Zerreißens sind: wenn eine der brennenden Fragen
-+in Beziehung+ zur technischen Hochschule +gesetzt wurde+ -- es ist
-nicht mehr als billig, daß wir +einen Begriff+ von Talenten wie
-Kjelland +erhalten+ -- weil die Regierung nicht +die Hand+ zu einer
-dauernden Spaltung in den Münchner Künstlerkreisen +bieten+ wollte
--- wenn auch dieser Realismus +die Brücke+ zwischen der Dichterin
-und der großen Menge +schlug+ -- wer sich +eine Vorstellung+ von der
-eigentümlichen Persönlichkeit Stiers +machen+ will. Der Fehler ist um
-so störender, als durch das Zerreißen der Redensart der Ton von dem
-Hauptwort auf das Zeitwort verlegt wird (die Hand bieten, anstatt: die
-Hand bieten -- die Brücke schlug, anstatt: die Brücke schlug), auf das
-Zeitwort, das meist ziemlich bedeutungslos und nur ein äußerliches
-Hilfsmittel zur Bildung der Redensart ist. Läßt man die Redensart
-zusammen, so bleibt auch der Ton an der richtigen Stelle.
-
-Die andre Art, solche Redensarten zu mißhandeln, besteht darin, daß man
-das Hauptwort herausreißt und mit einem Attribut bekleidet, anstatt
-die Redensart zusammenzulassen und sie als Ganzes mit einem Adverb
-oder einem adverbiellen Ausdruck zu bekleiden. Der häufigste Fall
-ist der, daß man zu dem Hauptwort ein Adjektiv setzt, z. B. es ist
-sehr zu befürchten, daß er dabei +ernstlichen Schaden nehmen werde+.
-+Schaden nehmen+ ist eine Redensart, die einen einfachen passiven
-Verbalbegriff vertritt (geschädigt werden, beschädigt werden). Man kann
-nicht +ernstlichen+, man kann nur +ernstlich+ Schaden nehmen, wie man
-nur +ernstlich+ geschädigt werden kann. Mit andern Worten: nicht der
-Schade ist ernstlich, sondern das Schadennehmen, der ganze Begriff. Der
-Minister +nahm+ von den Einrichtungen der Schule +eingehende Kenntnis+
--- derselbe Fehler! +Kenntnis nehmen+ ist eine Redensart, die einen
-einfachen aktiven oder passiven Verbalbegriff vertritt (kennen lernen,
-belehrt werden, unterrichtet werden). Man kann von einer Sache weder
-eingehende, noch gründliche, noch flüchtige, noch oberflächliche
-Kenntnis nehmen, man kann nur +eingehend+, +gründlich+, +flüchtig+,
-+oberflächlich+ Kenntnis nehmen. In folgenden Beispielen soll das
-Richtige immer gleich in Klammern hinzugesetzt werden: +bittere
-Klagen führen+ (+bitter+ Klage führen) -- +gebührende Notiz nehmen+
-(+gebührend+ Notiz nehmen) -- seiner Abneigung +unverhohlenen Ausdruck
-geben+ (+unverhohlen+ Ausdruck geben) -- wir werden sein Andenken
-stets +in hohen Ehren halten+ (+hoch+ in Ehren halten) -- sie +nahm+
-immer noch +einen merkwürdigen Anteil+ an dem Herrn (+merkwürdig+
-Anteil) -- der Rat wolle zu diesem Plane +wohlwollende Stellung nehmen+
-(+wohlwollend+ Stellung nehmen) -- es ist nicht leicht, zu dieser
-Frage +richtige Stellung+ zu nehmen (+richtig+ Stellung zu nehmen)
--- gegen das Rabattwesen wurde +scharfe Stellung genommen+ (+scharf+
-Stellung genommen) -- der König besuchte das Geschäft, um die Geschenke
-in +kritischen Augenschein zu nehmen+ (+kritisch+ in Augenschein
-zu nehmen) -- von seinen literarischen Arbeiten +legen+ die Briefe
-+ausgiebige+ Rechenschaft ab (+ausgiebig+) -- sie denken nicht daran,
-mit diesen Hirngespinsten +ernsthafte Politik zu treiben+ (+ernsthaft+
-Politik zu treiben) -- über meine Tätigkeit war +ein entstellender
-Bericht erstattet+ worden (+entstellend+ Bericht erstattet worden)
--- die ausgestellten Gegenstände +kommen+ nicht +zu rechter Geltung+
-(+recht+ zur Geltung) -- die Stimme des Unmuts im Lande soll nicht +zu
-weiterm Ausdruck+ (+weiter+ zum Ausdruck) kommen -- wir können diesen
-Gerüchten +keinen rechten Glauben schenken+ (+nicht recht+ Glauben
-schenken) -- allen gröbern Ausschreitungen muß +ein energisches Halt
-geboten werden+ (+energisch+ Halt geboten) -- die gegnerische Presse
-hat +gewaltigen Lärm geschlagen+ (+gewaltig+ Lärm geschlagen) -- das
-Gottesgnadentum hatte unter seinem Vater +trostlosen Schiffbruch
-gelitten+ (+trostlos+ Schiffbruch gelitten) -- hier wäre Grund
-vorhanden, +bessernde Hand anzulegen+ (+bessernd+ Hand anzulegen)
--- die Zeit +schafft+ oft unerwartet +schnellen Wandel+ (+schnell+
-Wandel) -- er +brachte+ die Angelegenheit +zum ausführlichen Vortrag+
-(+ausführlich+ zum Vortrag) -- ich erlaube mir, meinen schönen Garten
-mit Kolonnaden +in empfehlende Erinnerung zu bringen+ (+empfehlend+ in
-Erinnerung zu bringen).
-
-Ebensowenig wie Eigenschaftswörter dürfen natürlich Zahlwörter oder
-besitzanzeigende Adjektiva in solche Redensarten eingefügt werden. Da
-schreibt einer über die Tagespresse: man muß +zwischen ihren Zeilen
-lesen+. Unsinn! Man muß +bei ihr zwischen den Zeilen lesen+! Denn
-+zwischen den Zeilen lesen+ ist eine formelhafte, unveränderliche
-Redensart, die nur durch einen adverbiellen Zusatz (+bei ihr+) näher
-bestimmt werden kann. Ein andrer schreibt: der +erste Sturm+ sollte
-gegen das Großkapital +gelaufen+ werden. Doppelter Unsinn! Erstens weil
-der Sturm gezählt, zweitens weil die Redensart zerrissen ist. Es muß
-heißen: +zuerst+ sollte gegen das Großkapital +Sturm gelaufen werden+.
-Ebenso ist doppelt fehlerhaft: wir müssen +fleißigern Gebrauch+ von der
-Rute +machen+ (richtig: wir müssen +fleißiger+ von der Rute +Gebrauch
-machen+) -- die Zeit, wo der Fürst noch +unmittelbare Fühlung+ mit
-dem Volke +hatte+ (richtig: +unmittelbar+ mit dem Volke +Fühlung
-hatte+) -- +besonderen Dank+ wird der Leser dem Herausgeber für die
-kurzen Einleitungen +wissen+ (richtig: +besonders+ wird der Leser dem
-Herausgeber für die kurzen Einleitungen +Dank wissen+) -- +besondre
-Obacht+ mußte darauf +gegeben werden+, daß sich keiner der Buße
-entzog (richtig: +besonders+ mußte darauf +Obacht gegeben werden+) --
-von konservativer Seite wird +laute Klage+ über die antisemitischen
-Demagogen +geführt+ (richtig: wird +laut+ über die antisemitischen
-Demagogen +Klage geführt+).[130]
-
-Ein Attribut kann ja aber auch in der Form eines abhängigen Genitivs
-erscheinen; auch in dieser Form kommt der Fehler sehr oft vor. Da
-schreibt man: die Ärzte müssen die ganze Nacht +zur Verfügung der
-Wache stehen+ -- sämtliche Verhafteten wurden +zur Verfügung des+
-französischen +Botschafters+ gestellt -- wenn +sich+ die Kammer +zur
-Verfügung der+ größten +Schwindelei+ des Jahrhunderts stellt (muß
-heißen: der Wache +zur Verfügung stehen+ usw.) -- die Streitfragen,
-+die auf der Tagesordnung ihrer Wissenschaft stehen+ (muß heißen: +in
-ihrer Wissenschaft auf der Tagesordnung stehen+) -- es sollen ganz
-bestimmte Gegenstände +zur Beratung der Konferenz gestellt werden+
--- (muß heißen: +der Konferenz zur Beratung gestellt werden+) --
-die Dame, +in deren Mund+ die Erzählung +gelegt ist+ (muß heißen:
-der die Erzählung +in den Mund gelegt ist+). Auch in diesen Fällen
-wird überdies die Redensart zerrissen, in den meisten entsteht ein
-Gallizismus (~mettre à la disposition de quelqu’un~).
-
-Sowenig aber das Hauptwort einer solchen formelhaften Redensart mit
-einem Attribut bekleidet werden kann, so wenig kann es endlich mit
-einem Relativsatz behängt werden. Auch ein Relativsatz kann sich immer
-nur an den Gesamtbegriff der Redensart, aber nicht an den Bestandteil
-anschließen, den das Hauptwort bildet. Aber auch dieser Fehler, der
-große Unbeholfenheit verrät, ist etwas sehr gewöhnliches, wie folgende
-Beispiele zeigen: die Versuche +blieben nicht ohne Eindruck, der+ (!)
-aber durch die nachfolgenden Ereignisse bald wieder verwischt wurde --
-namentlich +waren+ die Schöpfungen der Pariser Architektur auf ihn +von
-Einfluß, der+ (!) bis zu seinen letzten Werken nachhaltend geblieben
-ist -- ein solches Unternehmen muß in Einzelheiten +Widerspruch
-hervorrufen+, +der+ (!) dann auch auf die Beratung des Ganzen Einfluß
-übt -- da +stand er+ nun in +Verlegenheit, an die+ (!) er gar nicht
-gedacht hatte -- auf seine Bitten erhielt er in dieser Sprache
-+Unterricht, den+ (!) er selbst so anziehend geschildert hat -- die
-Scheune +geriet in Brand, der+ (!) erst nach einer Stunde gelöscht
-wurde -- Vischer +redet sich+ alle Galle +vom Herzen, das+ (!) im
-deutschen Bruderkriege 1866 blutete.
-
-Etwas erträglicher wird der Fehler, wenn man das Hauptwort der
-Redensart mit einer Art von Anaphora wiederholt, z. B.: man hat den
-Eindruck, daß beide in dem Augenblick der Entscheidung +Friede gemacht
-haben, einen Frieden+, der auch dem unterliegenden Teile zugute kommt.
-Schwache Gemüter können hier zugleich rein äußerlich sehen, worauf es
-ankommt: in der Redensart erscheint das Hauptwort ohne Artikel, in der
-Anaphora mit Artikel; bezeichnend ist dabei der Unterschied, den der
-Schreibende (unwillkürlich?) zwischen der ältern und der jüngern Form
-+Friede+ und +Frieden+ gemacht hat. Oft berühren sich nämlich solche
-unveränderliche formelhafte Redensarten nahe mit andern Wendungen, die
-nichts formelhaftes haben, sondern im Augenblick gebildet sind und
-jeden Augenblick anders gebildet werden können. Die sind aber dann von
-formelhaften Wendungen leicht zu unterscheiden, äußerlich gewöhnlich
-schon dadurch, daß in der Formel das Hauptwort keinen Artikel hat. Eine
-zweifellos formelhafte Redensart ist: +zu Ohren kommen+. Daher wird
-niemand sagen: es ist +zu meinen Ohren gekommen+, oder es ist +zu Ohren
-des Ministers+ gekommen, sondern: es ist +mir zu Ohren gekommen+, es
-ist +dem Minister zu Ohren gekommen+. Zweifeln kann man dagegen, ob
-auch +zur Kenntnis kommen+ formelhaft sei. Der Vorgang kam +zu meiner
-Kenntnis+ oder +zur Kenntnis des großen Publikums+ dürfte ebensogut
-sein wie: er kam +mir zur Kenntnis+ oder +dem Publikum zur Kenntnis+.
-Die Grenze ist hier manchmal schwer zu ziehen; wer Sprachgefühl hat,
-wird meist ohne weiteres das Richtige treffen, wer keins hat, wird auch
-bei aller Belehrung danebentappen.
-
-Das Tollste ist es, das Hauptwort aus einer solchen Redensart
-herauszunehmen und in einem besondern Satze zu verwenden. Aber auch das
-geschieht. Da schreibt z. B. einer: rührend war der +Abschied+, der
-+genommen wurde+, ein andrer: wichtig war für meine spätern Neigungen
-+die Bekanntschaft+ mit den Zeitungen, die +ich+ schon in meinen
-Kinderjahren +machte+. Das soll heißen: rührend war es, als +Abschied
-genommen wurde+, wichtig war, +daß ich+ schon in meinen Kinderjahren
-mit den Zeitungen +Bekanntschaft machte+. Solche Sätze liegen schon
-dicht an dem Wege, der zu den bekannten Späßen Wippchens führt, wie:
-gebt mir +einen Haufen+, damit ich den Feind +darüberwerfen+ kann.
-
-
-Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts -- ein schwieriger Fall
-
-Einen eigentümlichen Fehler, dem man sehr oft begegnet, zeigen in zwei
-verschiednen Spielarten folgende Beispiele (das Richtige soll wieder
-gleich in Klammern danebengesetzt werden): die Lage +Deutschlands+
-inmitten seiner wahrscheinlichen Gegner mache es +ihm+ zur Pflicht
-(+seine+ Lage macht es +Deutschland+ zur Pflicht) -- das Zartgefühl
-+des Fürsten+ erlaubte +ihm+ nicht die Annahme des Opfers (+sein+
-Zartgefühl erlaubte +dem Fürsten+ nicht) -- leider hat die enge
-Begabung +des Dichters ihm+ nicht ermöglicht (leider hat +seine+ enge
-Begabung +dem Dichter+) -- der Haß +des Berichterstatters+ gegen
-Textor hat +ihn+ zu Übertreibungen geführt (+sein+ Haß hat +den
-Berichterstatter+) -- die Krankheit des +Papstes+ hat +ihn+ zu einer
-andern Lebensweise veranlaßt (+seine+ Krankheit hat +den Papst+) --
-man hatte gleich nach dem ersten Auftreten +Raimunds ihn+ verdächtigt
-(man hatte gleich nach +seinem+ ersten Auftreten +Raimund+ verdächtigt)
--- es stellt sich dabei heraus, daß die eignen Kenntnisse +des
-Kritikers ihn+ zu diesen Angriffen nicht berechtigen (daß seine eignen
-Kenntnisse +den Kritiker+) -- die Romanschreiber, die im Vertrauen
-auf die Dummheit +der Gesellschaft dieser+ den Spiegel vorhalten
-(die +der Gesellschaft+ im Vertrauen auf +deren+ Dummheit) -- nach
-ältern Beschreibungen +des Kodex+ war +er+ früher in roten Sammet
-gebunden (nach ältern Beschreibungen war +der Kodex+) -- die Begleiter
-+des Kranken+ vermochten +ihn+ nicht zu überwältigen (die Begleiter
-vermochten +den Kranken+) -- zur Zeit der Ausweisung +des Ordens
-aus+ dem Deutschen +Reiche+ zählte er innerhalb +desselben+ sechzehn
-Niederlassungen (zweimal der Fehler in +einem+ Satze! es muß heißen:
-zur Zeit +seiner+ Ausweisung zählte der +Orden+ innerhalb des Deutschen
-+Reichs+ usw.) -- angesichts der Macht +dieser Gesetze dieselben+ (!)
-auf ihre Annehmbarkeit zu prüfen ist dem Gesetzgeber nicht eingefallen
-(angesichts +ihrer+ Macht +diese Gesetze+ zu prüfen) -- wie war es
-möglich, daß der Besitzer +dieses Schatzes denselben+ so geheim hielt
-(der Besitzer +diesen Schatz+) -- man wollte trotz der von den Gehilfen
-beschlossenen Kündigung +des Tarifs+ an +letzterm+ (!) festhalten
-(trotz der beschlossenen Kündigung an +dem Tarif+ festhalten) -- wir
-betrauern den Heimgang des liebenswürdigen Kollegen, der seit Gründung
-+der Ärztekammer derselben+ angehört (der +der Ärztekammer+ seit
-+ihrer Gründung+ angehört) -- wegen Reinigung +der großen Ratsstube+
-bleibt +dieselbe+ (!) nächsten Montag geschlossen (wegen Reinigung
-bleibt die +große Ratsstube+) -- wegen Neubaues der Schleuse +in der
-Zentralstraße+ bleibt +letztere+ (!) für den Fahrverkehr gesperrt
-(wegen Neubaus der Schleuse bleibt +die Zentralstraße+) -- sie heiratet
-darauf den Grafen Tr., +dessen+ Frau +ihm+ kurz vorher durchgegangen
-ist (+dem seine Frau+) -- der Bedauernswerte, +dessen+ Eltern +ihm+
-gestern einen Besuch zugedacht hatten (+dem seine+ Eltern) -- der
-Vorwurf trifft nur den, +dessen+ Männerstolz +ihm+ nicht gestattet
-(+dem sein+ Männerstolz) -- der Verfasser, +dessen+ Bescheidenheit
-+ihn+ bis in sein Greisenalter zögern ließ, seine Arbeit zu
-veröffentlichen (+den seine+ Bescheidenheit) -- Scharnhorst ist einer
-jener schicksalvollen Männer, +deren+ Genius +sie+ zu Dolmetschern
-eines ganzen Volkes gemacht hat (+die ihr+ Genius) -- es wird das auch
-von solchen bestätigt, +deren+ Auftrag +sie+ zu möglichst gründlicher
-Prüfung verpflichtet (+die ihr+ Auftrag) -- Menschen, +deren+
-Halbbildung +sie+ unempfänglich macht (+die ihre+ Halbbildung) -- die
-Italiener, +deren+ Freude an der farbigen Oberfläche der Dinge +sie+
-abhält, in den Chor der Naturalisten einzustimmen (+die ihre+ Freude).
-
-In allen diesen Sätzen ist ein Begriff doppelt da: das einemal in Form
-eines Hauptworts (in den zuletzt angeführten Relativsätzen in Form
-eines relativen Fürworts), das andremal in Form eines persönlichen
-Fürworts (wozu hier auch +derselbe+ und +letzterer+ gerechnet werden
-müssen). Der Fehler liegt nun darin, daß beide am falschen Platze
-stehen: sie müssen ihre Plätze wechseln, wenn der Satz richtig werden
-soll. Warum? Weil das Hauptwort in allen diesen Sätzen nur in einem
-Attribut (meist in einem abhängigen Genitiv) und damit gleichsam im
-Hintergrunde, im Schatten, das persönliche Fürwort dagegen als Subjekt
-oder Objekt im Vordergrunde, im vollen Lichte des Satzes steht. Gerade
-umgekehrt muß es sein: das Hauptwort gehört in den Vordergrund, der
-bloße Ersatz dafür, das Fürwort, in den Hintergrund. Nicht selten
-kann nach dem Platzwechsel das Fürwort ganz wegfallen. Wer lebendiges
-Sprachgefühl hat, bildet solche Sätze von selber richtig, ohne zu
-wissen, warum. Andern wird die Sache vielleicht auch durch diese
-Erklärung nicht deutlich geworden sein. Es ist wirklich ein etwas
-schwieriger Fall.
-
-
-Die fehlerhafte Zusammenziehung
-
-Ein Fehler, der die mannigfachsten Spielarten zeigt, obwohl er im
-Grunde immer derselbe ist, entsteht durch jene äußerliche Auffassung
-der Sprache, die nicht nach Sinn und Bedeutung, sondern nur nach dem
-Lautbilde der Wörter fragt. Kehrt dasselbe Lautbild wieder, so glaubt
-es der Papiermensch das zweitemal ohne weiteres unterdrücken zu dürfen,
-obwohl es dieses zweitemal vielleicht einen ganz andern Sinn hat als
-das erstemal. Eine Abart dieses Fehlers ist schon früher besprochen
-worden: die Vernachlässigung des Kasuswechsels beim Relativpronomen
-(S. 130). Hierher gehört es aber auch, wenn man einen Fügewortsatz
-oder Fragesatz zugleich als Objekt und als Subjekt verwendet, z. B.:
-daß der Verfasser ein Jurist ist, +kann man+ mit Händen greifen, +hält
-ihn+ jedoch nicht ab -- ob das Wort schon früher in Gebrauch war,
-+können wir+ nicht feststellen, +ist+ auch ohne Belang. Oder wenn man
-ein Zeitwort gleichzeitig als selbständiges Zeitwort (oder Kopula) und
-als Hilfszeitwort verwendet und schreibt: er +hatte sich+ aus kleinen
-Verhältnissen +emporgearbeitet+ und wirklich +das Zeug+ zu einem
-tüchtigen Künstler -- er +war+ vor kurzem erst ins Dorf +gezogen+ und
-ein +kleiner+, kugelrunder +Mann+ -- er +wurde+ später sächsischer
-+Minister+ und in den Freiherrnstand +erhoben+ -- jeden Morgen, wenn
-der Kaiser +rasiert+ und der +Kopf+ Habys am Fenster +sichtbar wird+ --
-oder gar: wenn ein Grenzstein +verrückt+ oder +unkenntlich geworden+
-ist (anstatt: +verrückt worden+ oder +unkenntlich geworden+) -- glauben
-Sie nicht, daß eine Errungenschaft darin liegen würde, wenn Frauen
-medizinisch +gebildet+ und +praktizieren würden+? (anstatt: +gebildet
-würden+ und +praktizierten+)[131]. Ferner wenn man ein persönliches
-Fürwort zugleich als Dativ und als Akkusativ verwendet, z. B.: +sich+
-stets betastend und die Hände reichend -- die Gelegenheit, +sich+
-kennen zu lernen, bzw. (!) näher zu treten -- kurz alle Fälle, wo ein
-Wort gleichzeitig in zwei verschiednen Auffassungen gebraucht wird,
-also auch z. B.: in Halle +ist+ er +gestorben+ und +begraben+ (wo
-das Perfektum das einemal einen Vorgang, das andremal einen Zustand
-bezeichnet) -- die Pferde stürzten so unglücklich, daß +die Deichsel
-brach+, das eine Pferd aber +den Oberschenkel+ -- er war darauf
-angewiesen, sein +Leben+, an das er große +Ansprüche machte+, durch
-erbitterten Kampf gegen die Konkurrenz zu +gewinnen+ (wo +Leben+ das
-einemal als +Lebensweise+, das andremal als +Lebensunterhalt+ gemeint
-ist).
-
-Eine der häufigsten, aber auch widerwärtigsten Spielarten dieses
-groben logischen Fehlers ist es, ein Femininum und einen Plural unter
-demselben Artikel, Fürwort oder Adjektivum zusammenzukoppeln (vgl.
-englisch: ~the life and times~) und zu schreiben: +die Höhe und Formen+
-des Gitters -- +die Umrahmung und Seitenflügel+ des Altarbildes -- +die
-Metalle und Spektralanalyse+ -- +die Verbreitung und Ursachen+ der
-Lungenschwindsucht -- +die Stellung und Ansprüche+ des Zentrums -- die
-Sicherung +der Post und Transporte+ -- die Analyse +der Gestalten und
-Kunst+ Shakespeares -- Handbuch +der Staatswissenschaften und Politik+
--- das Gebiet +der Mathematik und Naturwissenschaften+ -- die Angaben
-+der Bevölkerungsdichtigkeit und Temperaturverhältnisse+ -- +seine
-Reue und Gewissensbisse+ -- im Kreise +seiner Frau und drei Kinder+ --
-durch +ihre Taten und Hingebung+ -- eine Darstellung ihrer +Schicksale
-und Bauart+ -- die Bühne, die +keine Dekoration und Kulissen+ kannte
--- die Gegner +der deutschen Landwirtschaft und Getreidezölle+ -- zur
-Erforschung +vaterländischer Sprache und Altertümer+ -- trotz +der
-papistischen Gesinnung und Bestrebungen+ des Herzogs usw.[132]
-
-Aber auch da, wo Geschlecht und Numerus zweier Begriffe dieselben
-sind, ist es eine grobe Nachlässigkeit, sie unter einem Artikel
-unterzubringen und zu schreiben: die Zustimmung +des Bundesrats und
-Reichskanzlers+ -- der Direktor +der Bürger- oder Bezirksschule+
--- eine Sitzung +des Bau-, Ökonomie- und Finanzausschusses+ -- ein
-Ausflug +nach dem Süßen und Salzigen See+ -- +der Rote und Schwarze
-Kocher+ -- +das alte und neue Buchhändlerhaus+ -- +die katholische
-und evangelische Kirche+ -- +der Renaissance- und Barockstil+ -- +das
-sächsische und schlesische Gebirge+ -- +die religiöse und weltliche
-Poesie+ der Juden -- +die weiße und rote Rose+ -- +das Sol- und
-Seebad+ -- der Wert +der klassischen und modernen Sprachen+ -- die
-Knochen waren nicht die Überreste +eines Frauen- und Kinderskeletts+,
-sondern +eines Ferkel- und Kaninchengerippes+! Auch in diesen Fällen
-muß der Artikel unbedingt wiederholt werden; wird er nur +ein+mal
-gesetzt, so erweckt das die Vorstellung, als ob sichs nur um +einen+
-Begriff handelte. Niemand kann erraten, daß der +Bau-, Ökonomie- und
-Finanzausschuß+ drei verschiedne Ausschüsse sind. +Der König von
-Preußen und Kaiser von Deutschland+ -- das ist richtig, denn beides ist
-dieselbe Person; +das belgische und deutsche Herrscherpaar+ -- das ist
-falsch, denn das sind zwei verschiedene Paare.
-
-Die Nachlässigkeit wird um so störender, wenn durch das im Plural
-stehende Prädikat oder auf irgendeine andre Weise noch besonders
-deutlich fühlbar gemacht wird, daß es sich um mehrere Begriffe handelt,
-z. B.: der deutsche Handel war bedeutender als +der englische und
-amerikanische zusammen+ -- +der Nominativ und Vokativ sind+ eigentlich
-keine Kasus -- +die erste und letzte Strophe zerfallen+ in zwei Hälften
--- +der lyrische und epische Dichter bedürfen+ dieses Mittels nicht
--- 1830 +starben der Bruder und Vater+ -- westlich davon +stehen
-die Thomas- und Matthäikirche+ -- an der Nordseite +befinden sich
-der Dresdner, Magdeburger und Thüringer Bahnhof+ -- die Anlage,
-die +die Mit- und Nachwelt+ an Bismarck zu bewundern alle Ursache
-+haben+ -- +zwischen (!) dem+ 13. +und+ 15. Grade südlicher Breite
--- der Unterschied +zwischen (!) den staatlichen und kirchlichen+
-Einrichtungen -- wo ist die Grenze +zwischen (!) der Wahrheit+, die
-man mitteilen, und [+der+!], die man nicht mitteilen darf -- die
-deutsche Umgangssprache schwankt +zwischen dem Extrem barscher Kürze
-und bedientenhafter Redseligkeit+ -- das Zentrum möchte einen Keil
-treiben +zwischen den rechten und linken Flügel+ des Blocks. Wie kann
-etwas „zwischen“ einem Grade liegen, „zwischen“ einem Extrem schwanken,
-„zwischen“ einen Flügel getrieben werden?
-
-Bei mehr als zwei Gliedern kann die sorgfältige Wiederholung des
-Artikels freilich etwas schleppendes bekommen, und wo mehr aufgereiht
-als gegenübergestellt wird, da schreibe man getrost: mit +den Geruchs-,
-Geschmacks- und Gefühlsnerven+, die Gewohnheiten +des Fastens,
-Beichtens und Betens+, ein Schatz +des Wahren, Guten und Schönen+.
-Wo aber unterschieden und gegenübergestellt wird, da muß auch der
-Artikel wiederholt werden. Darum steht auch auf dem Titelblatte dieses
-Buches: Grammatik +des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen+,
-denn jeder dieser drei Begriffe bezeichnet eine andre Art von Fällen.
-Manche glauben genug zu tun, wenn sie den Artikel bei einem Wechsel
-des Geschlechts wiederholen, und schreiben: die Gelübde +der Armut,
-Keuschheit+ und +des Gehorsams+. Ganz irrig! Die Gleichmäßigkeit
-verlangt den Artikel bei jedem Gliede der Reihe.
-
-Kein grammatischer, aber ein grober Denkfehler liegt vor in
-Verbindungen wie: Lager von +Schneider- und Schuhartikeln+ -- Fabrik
-von +Bambus-, Luxus- und Rohrmöbeln+. Der Schneider kann nicht den
-Schuhen, Bambus oder Rohr nicht dem Luxus gegenübergestellt werden,
-denn Bambus und Rohr geben den Stoff an, Luxus den Zweck (oder die
-Zwecklosigkeit). Man könnte ebensogut +Kaffee-, Porzellan- und
-Teetassen+ verbinden.
-
-
-Tautologie und Pleonasmus
-
-Während die fehlerhafte Zusammenziehung aus einem irregeleiteten
-Streben nach Kürze entsteht, beruht ein andrer Fehler auf dem Streben
-nach Breite und Wortreichtum: der Fehler, einen Begriff doppelt oder
-gar dreifach auszudrücken. Man bezeichnet ihn mit Ausdrücken der
-griechischen Grammatik als Tautologie (Dasselbesagung) oder Pleonasmus
-(Überfluß).
-
-In den seltensten Fällen will man durch die Verdopplung etwa
-den Ausdruck verstärken,[133] gewöhnlich fällt man aus bloßer
-Gedankenlosigkeit hinein. Zu den üblichsten Tautologien gehören:
-+bereits schon+, ich +pflege gewöhnlich+, +einander gegenseitig+
-oder gar +sich einander gegenseitig+.[134] Aber es gibt ihrer von
-den verschiedensten Arten. Auch in Verbindungen wie: +schon gleich+
-(die Bedenken fangen schon gleich beim Lesen der ersten Seite an),
-+auch selbst+, +nach abwärts+, +nach dieser Richtung+ (statt: +nach+
-dieser +Seite+ oder +in+ dieser +Richtung+), +nach+ verschiednen
-+Richtungen+ (!), +unsre Gegenwart+ (statt: unsre +Zeit+ oder +die+
-Gegenwart), +unsre deutsche+ Jugend, +unser deutsches+ Vaterland,
-+mein mir übertragnes+ Amt, +rückvergüten+, +gemeinschaftliches
-Zusammenwirken+, etwas +näher bei Lichte+ besehen, nicht +ganz+ ohne
-+jede+ gute Regung, Personen beider+lei Geschlechts+ (statt +beider
-Geschlechter+), Hilfeleistungen +weiblicher Schwestern+, es +kann
-möglich sein+, +ich darf mit Recht+ beanspruchen, das Lob, das ihm +mit
-Recht gebührt+, man +muß+ von einem Geschichtschreiber +verlangen+,
-die +Forderung+ ist +unerläßlich+, er hat +Anspruch+ auf +gebührende+
-Beachtung, ehe das Einschreiten zur +zwingenden Notwendigkeit+ wird,
-die Innung +geht+ mehr und mehr dem +Rückgange entgegen+, die Übung der
-Denkkraft, die +angeblich+ durch die Mathematik erzielt werden +soll+
--- überall ist hier ein Begriff ganz unnötigerweise doppelt da. Es
-genügt, zu sagen entweder: +mein+ Amt oder: das +mir übertragne+ Amt,
-entweder: man kann von einem Geschichtschreiber +verlangen+, oder:
-ein Geschichtschreiber +muß+, entweder: die Übung, die +angeblich+
-erzielt +wird+, oder: die erzielt werden +soll+. In Leipzig werden
-immer noch Dinge +meistbietend versteigert+ -- das soll heißen: an den,
-der das Meiste bietet, was doch schon in dem Begriffe des Versteigerns
-liegt --, und dann natürlich gegen +sofortige Barzahlung+! Auch
-Zusammensetzungen wie +Rückerinnerung+, +vollfüllen+ und +loslösen+
-sind nichts als Pleonasmen; ebenso die beliebten Partizipzusätze,
-die zum Teil aus schlechtem lateinischem Unterricht stammen: auf
-+erhaltnen+ mündlichen Befehl -- nach +gehaltner+ Frühpredigt -- die
-+erfahrne+ unwürdige Behandlung -- ohne +vorhergehende+ Beschaffung
-geeigneter Verkehrsmittel -- nach einer +vorhergehenden+ Fermate --
-bis zur +getroffnen+ Entscheidung -- die +angestellte+ Untersuchung
-ergab -- meine Erörterung gründet sich auf +schon gemachte+ Erfahrungen
--- die Aussteller sind in der Reihe ihrer +erfolgten+ Anmeldung
-aufgeführt. Man streiche die Partizipia, und der Sinn bleibt derselbe,
-der Ausdruck aber wird knapper und sauberer (vgl. auch, was S. 167 über
-+stattgefunden+ und +stattgehabt+ gesagt ist).
-
-Der häufigste Pleonasmus aber und der, der nachgerade zu einer
-dauernden Geschwulst am Leibe unsrer Sprache zu werden droht und
-trotzdem allgemein als Schönheit, ja als eine Art von Bedürfnis
-empfunden zu werden scheint, ist der, nach den Begriffen der
-Möglichkeit und der Erlaubnis, der Notwendigkeit und der Absicht
-beim Infinitiv diese Begriffe durch die Hilfszeitwörter +können+,
-+dürfen+, +wollen+, +sollen+, +müssen+ zu wiederholen, also zu
-schreiben: niemand schien +geeigneter+ als Ranke, dieses Werk zur
-Vollendung bringen zu +können+ -- die +Leichtigkeit+, die gepriesensten
-Punkte Süditaliens erreichen zu +können+ -- die +Möglichkeit+, die
-Sozialdemokratie mit gleichen Waffen bekämpfen zu +können+ -- auf
-diese Weise ist es +möglich+, während des Umbaus den Verkehr aufrecht
-erhalten zu +können+ -- die +Fähigkeit+, über sich selbst lachen zu
-+können+ -- die +Mittel+, an Ort und Stelle mit Nachdruck auftreten
-zu +können+ -- es ist +Gelegenheit+ gegeben, auch am Polytechnikum
-Vorlesungen hören zu +können+ -- er hatte +genügendes+ Kapital, etwas
-ausführen zu +können+ -- die Finanzwirtschaft ist gar nicht +imstande+,
-das Kreditwesen des Staates entbehren zu +können+ -- ich +getraute+
-mir nicht, das Gespräch mit ihm aufrecht erhalten zu +können+ --
-wenn es mir +gelingen+ sollte, hierdurch meine Verehrung an den Tag
-legen zu +können+ -- es ist zu beklagen, daß so aufrichtige Naturen
-sich nicht anders zur Kirche stellen zu +können vermögen+ (!) --
-der Thronfolger kann von Glück sagen, wenn es ihm +erspart+ bleibt,
-seine Herrscherautorität +nicht+ erst durch die Schärfe des Schwerts
-erkämpfen zu +brauchen+[135] -- es sei mir +gestattet+, einen Irrtum
-berichtigen zu +dürfen+ -- der Biograph hat das schöne +Recht+,
-Enthusiast sein zu +dürfen+ -- eine Stellung, die ihm +erlaubte+,
-ohne Frage nach dem augenblicklichen Erfolg produzieren zu +dürfen+
--- einer Deputation war es +vergönnt+, Glückwünsche darbringen zu
-+dürfen+ -- die +Freiheit+, seiner innern Eingebung folgen zu +dürfen+
--- der +Anspruch+, Universalgeschichte sein zu +wollen+ -- er sprach
-seine +Bereitwilligkeit+ aus, auf diesem Wege vorgehen zu +wollen+ --
-die +Absicht+, blenden oder über ihre Verhältnisse leben zu +wollen+
--- er hat +versprochen+, in den ruhmreichen Bahnen seines Großvaters
-fortwandeln zu +wollen+ -- die +Aufgabe+, die Akademie reformieren zu
-+sollen+ -- es gehört zu den schönsten +Aufgaben+, das Leben eines
-Zeitgenossen beschreiben zu +wollen+ (!) -- die +Zumutung+, Gott ohne
-Bilder anbeten zu +sollen+ -- ein Volk, das sich dazu +erwählt+ glaubt,
-große Dinge erfüllen zu +müssen+ -- die Verhältnisse +zwangen+ den
-König, auf die Führung seines Heeres verzichten zu +müssen+.
-
-Statt in Nebensätzen die Hilfszeitwörter +sein+ und +haben+
-wegzulassen, wo sie oft ganz unentbehrlich sind (vgl. S. 137), bekämpfe
-man lieber diese abscheuliche Gewohnheit; die unnützen +können+,
-+dürfen+, +wollen+, +sollen+ und +müssen+ sind wirklich wie garstige
-Rattenschwänze.[136]
-
-
-Die Bildervermengung
-
-Bei dem Worte Bildervermengung denkt wohl jeder an Wendungen wie:
-das ist wie ein +Tropfen+ auf einen +hohlen Stein+, oder: er wurde
-an den +Rand des Bettelstabes+ gebracht, oder: der +Zahn der Zeit+,
-der schon so manche +Träne getrocknet+ hat, wird auch über dieser
-+Wunde Gras wachsen+ lassen -- und meint, dergleichen werde wohl
-beim Unterricht als abschreckendes Beispiel vorgeführt, komme aber
-in Wirklichkeit nicht vor. Zeitungen und Bücher leisten aber fast
-täglich ähnliches; gilt es doch für geistreich, möglichst viel in
-Bildern zu schreiben! Oder wäre es nicht ebenso lächerlich, wenn
-von einer Nachricht gesagt wird, daß sie wie ein +Donnerschlag+ ins
-+Pulverfaß+ gewirkt habe, wenn in einem Aufsatz über das Theater von
-+gaumenkitzelnden Trikotanzügen+ gesprochen wird, oder wenn es in einem
-Börsenberichte heißt: der +Verkehr wickelte sich+ in +ruhigem Tone+
-ab, in dem Bericht über eine Kunstausstellung: was bei den Russen zum
-+Zerrbilde+ des Fanatismus geworden ist, leuchtet bei den Spaniern als
-+Flamme+ der Begeisterung, oder wenn gar geschrieben wird: wo finden
-wir einen +roten Faden+, der uns aus diesem +Labyrinth+ hinausführt?
--- das politische +Knochengerüst+, über dessen +Nacktheit+ durch eine
-schöne +Verbrämung+ hinweggetäuscht werden soll -- der Zauber seiner
-Persönlichkeit teilt sich dem Leser in einem +bestrickenden Fluidum+
-mit -- unsre Universitäten sind wie +rohe Eier+: sobald man sie
-antastet, +stellen sie sich auf die Hinterbeine+ -- der bureaukratische
-Staat +schert+ (!) alles +über einen Leisten+ -- +pilzartig+ schossen
-die Lust-, Schau- und Trauerspiele seiner Feder +ins Kraut+ -- alle
-diese Mitteilungen +schweben in der Luft+, aus der sie +geschnappt+
-sind (in der Luft schweben, aus der Luft greifen, nach Luft schnappen
--- drei Bilder vermengt!) -- das ist eins jener +Kolumbuseier+, deren
-der Genius Shakespeares verschiedne +ausgebrütet+ hat -- das sind
-vom nationalökonomischen +Gesichtswinkel+ aus in +kargem Gerippe+
-die geistreich variierten +Grundzüge+ seiner Lehre -- die Millionen
-+fliegen zum Fenster hinaus+ und leeren das +Reichsfaß+ bis zum
-Boden -- natürlich muß das +Pflaster+ auf die verschiednen +kalten
-Wasserstrahlen+ gegen ihre Eitelkeit ein wenig +gekitzelt+ werden --
-dieses +Schreckgespenst+ ist schon +so abgedroschen+, daß nur noch
-ein politisches +Wickelkind+ darauf +herumreiten+ kann -- um ihrem
-geschwächten Parteimagen +neue Nahrung+ zuzuführen, +angeln+ sie in dem
-Wasser des Bauernbundes nach +faulen Fischen+ -- die lauteste +Trommel+
-bei dieser Hetze +blasen+ natürlich die Geistlichen -- wenn man den
-Herren einen +Floh+ ins Ohr setzt, wird sofort ein +Elefant+ daraus
-gemacht und dann auch noch öffentlich +breitgetreten+.[137]
-
-Dergleichen erregt ja nun die Heiterkeit auch des gedankenlosesten
-Lesers. Ein Berliner Schriftsteller hat sich sogar (unter dem Namen
-Wippchen) jahrelang planmäßig dem Anbau dieses Sprachunkrauts gewidmet
-und großen Erfolg damit gehabt. Es gibt aber auch zahlreiche
-Bildervermengungen, die genau so schlimm sind, und die doch von
-Tausenden von Lesern, auch von denkenden, gar nicht bemerkt werden,
-weil sie nicht so zutage liegen, sondern etwas verschleiert sind.
-Unsre Sprache ist überreich an bildlichen Ausdrücken, über deren
-ursprüngliche Bedeutung man sich oft gar keine Rechenschaft mehr gibt.
-Schon wenn jemand schreibt: die Sache machte keinen +durchschlagenden
-Eindruck+ -- so lesen sicher unzählige darüber weg, denn +Eindruck
-machen+ und ein +durchschlagender Erfolg+ sind so abgebrauchte
-Bilder, daß man sich ihres ursprünglichen Sinnes kaum noch bewußt
-ist. Und doch liegt hier eine lächerliche Bildervermengung vor, denn
-einen +Eindruck machen+ und +durchschlagen+ schließen einander aus;
-wenn man das Kalbfell einer Pauke durchschlägt, so ist es mit dem
-Eindruckmachen vorbei. Ebenso ist es, wenn ein Kritiker von Leistungen
-eines Schriftstellers redet, die nicht den vollen +Umfang+ seiner
-Fähigkeiten +erschöpfen+, denn beim Umfang denkt man an ein Längenmaß,
-schöpfen kann man aber nur mit einem Hohlmaß. In solchen mehr oder
-weniger verschleierten Bildervermengungen wird sehr viel gesündigt. Man
-schreibt: die kleinen Staaten werden von der +Wucht+ ganz Deutschlands
-+getragen+ -- er hatte sich in eine solche Schulden+last gestürzt+ --
-diese Maßregel ist von sehr ungünstigem +Einfluß begleitet+ gewesen
--- als die auf die Hebung der Hundezucht abzielende +Bewegung+
-feste +Wurzeln geschlagen+ hatte -- bis sie ihm die +Unterlage+ für
-Börsenspekulationen +eröffnet+ hatten -- wer nicht +mit der Herde
-läuft+, muß sich hüten, daß er nicht +scheitere+ usw.[138]
-
-
-Vermengung zweier Konstruktionen
-
-Wie zwei verschiedne Bilder, so werden oft auch zwei verschiedne
-Konstruktionen miteinander vermengt. Da wird z. B. die erste Person
-mit der dritten vermengt und geschrieben: die Verlobung +unsrer+
-Tochter (statt: +ihrer+ Tochter!) beehren sich anzuzeigen -- um
-Rückgabe der von +mir+ (statt: von +ihm+!) entliehenen Biergläser
-bittet -- +meiner+ Mutter (statt: +ihrer+ Mutter!) gewidmet von der
-Verfasserin. Oder es wird an +hoffen+ ein Nebensatz angeschlossen,
-als ob +wünschen+ vorherginge: ich +hoffe+ sehr, daß ich das nie
-wieder erleben +möge+ (+erlebe+!) -- wir +hoffen+, daß dergleichen
-nicht wieder vorkommen +möge+ (+werde+!) -- ich übergebe diese Arbeit
-der Öffentlichkeit in der +Hoffnung+, daß sie dazu beitragen +möge+
-(beitragen +werde+!) -- er +hoffe+, daß andre Forscher glücklicher
-operieren +möchten+ (+würden+!). Es wird +weil+ geschrieben, wo
-es +daß+ heißen muß: er hat seinen Namen +davon, weil+ er -- die
-fürstliche Ehe war dem Volke besonders +dadurch+ teuer, +weil+ ihr
-eine reiche Zahl von Prinzen entsprossen war; dagegen +daß+, wo es
-+als+ heißen muß: Thomsen ist nur +insofern+ original, +daß+ er
-die Grundrente als unrechtmäßige Abzahlung betrachtet -- meinem
-Arbeitsfelde liegen diese Untersuchungen nur +insofern+ nahe, +daß+
-ich daraus belehrt worden bin usw. Oder es wird geschrieben: da
-manche Erörterung die Untersuchung +eher+ erschwert, +statt+ sie zu
-vereinfachen -- wo entweder das +eher+ wegfallen, oder fortgefahren
-werden muß: +als daß+ sie sie vereinfachte.
-
-Sehr häufig ist der Fehler, daß man auf das Adverbium +so+ einen
-Infinitiv mit +um zu+ folgen läßt statt eines Folgesatzes mit +daß+,
-z. B.: Aristoteles sagt, daß eine Stadt +so+ gebaut sein müsse, +um+
-die Menschen zugleich sicher und glücklich +zu+ machen -- behauptet
-jemand, daß der Zucker +so+ belastet sei, +um+ weitere Lasten nicht
-+zu+ ertragen -- er hatte gerade noch +so+ viel Zeit, +um+ sich in
-das Dickicht +zu+ schleichen -- die Verhältnisse haben sich +so+ weit
-geordnet, +um+ der Nation eine andre Haltung +zu+ ermöglichen -- dieses
-Licht läßt uns gerade +so+ viel sehen, +um+ dem Ewigen und Rätselhaften
-seine Launen ab+zu+lauschen -- wenn man nur +so+ viel Freiheit des
-Geistes hat, +um+ sich über die Macht der Gewohnheit empor+zu+schwingen
--- die Realien waren noch nicht +so+ weit in sich gefestigt, +um+
-als Bildungsmittel Verwendung +zu+ finden -- wir müssen das
-Reinlichkeitsbedürfnis in uns +so+ entwickeln, +um+ schmutzige
-Literatur fern+zu+halten -- +so+ einfach sind denn doch diese Fragen
-nicht, +um+ sie spielend mit einem Worte +zu+ erledigen -- die Herren
-sind nicht +so+ dumm, +um+ auf diesen Leim +zu+ gehen. In einigen der
-angeführten Beispiele mag wohl das Bestreben, nicht zwei Nebensätze
-hintereinander -- einen Objektsatz und einen Folgesatz -- mit +daß+
-anzufangen (für manche Leute ein entsetzlicher Gedanke!), zu dem Fehler
-verleitet haben. Dem läßt sich aber doch leicht dadurch aus dem Wege
-gehen, daß man den Objektsatz ohne +daß+ bildet: behauptet jemand, der
-Zucker sei +so+ belastet, +daß+ er usw.
-
-
-Falsche Wortstellung
-
-Ein völlig vernachlässigtes Kapitel der deutschen Grammatik ist die
-Lehre von der Wortstellung. Die meisten haben kaum eine Ahnung davon,
-daß es Gesetze für die Wortstellung in unsrer Sprache gibt. Gewöhnlich
-besteht die gesamte Weisheit, die dem Schüler oder dem Ausländer,
-der Deutsch lernen möchte, eingeflößt wird, in der Regel, daß in
-Nebensätzen das Zeitwort am Ende, in Hauptsätzen in der Mitte zu stehen
-pflege; im übrigen, meint man, herrsche in unsrer Wortstellung die
-„größte Freiheit“.
-
-Ein Glück, daß das natürliche Sprachgefühl noch immer so lebendig ist,
-daß die Gesetze der Wortstellung, wie sie sich teils aus dem Sinne,
-teils aus rhythmischem Bedürfnis, teils aus der Art der Darstellung
-(schlichte Prosa, Dichtersprache oder Rednersprache) ergeben, trotz
-der angeblichen „Freiheit“ im allgemeinen richtig beobachtet werden.
-Dennoch gibt es auch eine Reihe von argen Verstößen dagegen, die sehr
-verbreitet und beliebt sind. Auf Abgeschmacktheiten, wie die des
-niedrigen Geschäftsstils, bei Preisangaben von +Mark 50+ zu reden,
-statt, wie jeder vernünftige Mensch sagt, von +50 Mark+, oder auf
-Briefadressen zu schreiben, wie man es neuerdings, natürlich wieder
-die Engländer nachäffend, tut: +20 Königsstraße Leipzig+, statt,
-wie jeder vernünftige Mensch sagt: +Leipzig, Königsstraße 20+, soll
-dabei gar nicht geachtet werden; ebensowenig auf die Ziererei
-mancher Schriftsteller, in schlichter Prosa einen Genitiv immer vor
-das Hauptwort zu stellen, von dem er abhängt.[139] Auch der häßliche
-Latinismus, den manche so lieben: +Goethe, nachdem er+ (vgl. ~Caesar,
-cum~), soll nur beiläufig erwähnt werden. Ein Nebensatz, der mit einem
-Fügewort anfängt, und ein Infinitivsatz können in einen Hauptsatz nur
-dann eingeschoben werden, wenn das Zeitwort des Hauptsatzes bereits
-ausgesprochen ist. Eine Wortstellung wie in dem Fibelverse: +die Gans,
-wenn sie+ gebraten ist, wird mit der Gabel angespießt, oder: +dem
-Hunde, wenn+ er gut gezogen, ist auch ein weiser Mann gewogen -- ist
-wohl dem Dichter erlaubt, aber in Prosa sind Satzgefüge wie folgende
-undeutsch: +die Pflanzen, um zu gedeihen+, bedürfen des wärmenden
-Sonnenlichts -- die +katholische Kirche, wie sie+ sich gern der
-Siebenzahl freut, zählt auch sieben Werke der Barmherzigkeit -- alle
-+andern Parteien, wenn sie+ im übrigen noch so bedenkliche Grundsätze
-haben, erkennen doch den Staat als notwendig an -- der +Verband der
-Sattler, obwohl+ er erst ein Jahr besteht, umfaßt bereits 37 Vereine.
-Entweder muß es heißen: der Verband der Sattler +umfaßt, obwohl er+ --
-oder der Nebensatz muß mit dem Hauptworte vorangestellt werden: +obwohl
-der Verband+ der Sattler usw., +so umfaßt er doch+. Auch der Fehler,
-der in Satzgefügen wie folgenden liegt: um die Reisekosten, die er
-auf andre Weise nicht beschaffen konnte, +aufzutreiben+ -- auf einem
-der schönsten Plätze der Welt, der zugleich ein Hauptkreuzungspunkt
-städtischen und vorstädtischen Verkehrs ist, +gelegen+ -- M. ist nun
-auch unter die Novellisten, wohl mehr der Mode folgend als dem innern
-Drange, +gegangen+ -- mir liegt das Stammbuch eines Holsteiners, der
-um 1750 in Helmstedt studierte, +vor+ -- sieht man von der kurzen
-Würdigung, die Waldberg 1889 in der Allgemeinen Deutschen Biographie
-gegeben hat, +ab+ -- am Neumarkte rissen gestern zwei vor einen
-Korbwagen gespannte Pferde eine Frau, die auf der Straße stand und sich
-mit einer andern Frau unterhielt, +um+ -- der Redner brach, da die Zeit
-inzwischen längst die zulässige Frist von zehn Minuten überschritten
-hatte und noch ein andrer Redner zu Worte kommen wollte, auf die
-Aufforderung des Vorsitzenden, mit der Bemerkung, daß er noch viel zu
-sagen habe, +ab+ -- auch dieser Fehler soll hier nur gestreift werden.
-Die Fälle brauchen nicht immer so lächerlich zu sein wie der letzte;
-ein eingeschobnes Satzglied muß zusammen mit dem Gliede, in das es
-eingeschoben wird, immer folgende Gestalt ergeben, wenn die Verbindung
-angenehm wirken soll:
-
- [--------[--------]--------]
-
-Sehen sie zusammen so aus:
-
- [--------------[--------]--]
-
-so ist der Bau verfehlt, und es ist dann besser, die Einschiebung
-lieber ganz zu unterlassen, die Glieder so zu ordnen:
-
- [------------] [------------]
-
-und zu schreiben: M. ist nun auch unter die Novellisten gegangen, wohl
-mehr der Mode folgend als dem innern Drange.
-
-
-Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit?
-
-Ein Verstoß gegen die Gesetze der Wortstellung, der sehr oft
-vorkommt und nicht gerade von scharfem Denken zeugt, ist der, daß
-zwei Adjektiva (oder ein Adjektiv und ein Partizip oder Zahlwort) in
-verkehrter Reihenfolge zu einem Substantiv gesetzt werden, z. B.: ein
-+sächsischer junger+ Leutnant -- die +ausländische gesamte+ Medizin
--- +westfälische mittelalterliche+ Volkslieder -- man schöpfte mit
-+hölzernen großen+ Kannen -- wenn die Sonne schien, wurden die
-+seidnen verblaßten+ Vorhänge zugezogen -- da wollte auf dem Boden
-des Handwerks nicht einmal mehr das +tägliche kärgliche+ Brot wachsen
--- die Turnübungen finden in der +städtischen geräumigen+ Turnhalle
-statt -- die Bestrebungen, den Arbeiterfamilien +eigne behagliche+
-Wohnungen zu schaffen -- die Bildung +künftiger maßgebender+
-Staatsbeamten -- in Zeiten +wirtschaftlicher+ schroff aufeinander
-+stoßender+ Gegensätze -- eine +chronische+ mit Geduld +ertragne+
-Krankheit -- ein +sittlicher angeborner+ Defekt usw. In allen diesen
-Fällen ist das Eigenschaftswort, das unmittelbar vor dem Hauptworte
-stehen müßte, weil es mit diesem zusammen +einen+ Begriff bildet, durch
-ein zweites Eigenschaftswort, das dem Schreibenden nachträglich noch
-eingefallen ist, von dem Hauptworte getrennt; soll die Darstellung
-logisch richtig werden, so müssen die beiden Eigenschaftswörter überall
-ihre Plätze wechseln. Das ärgste dieser Art ist die +alte gute Zeit+,
-der +alte gute Taler+, wie man jetzt auch zu schreiben anfängt. Die
-+alte Zeit+ ist +ein+ Begriff (die Vergangenheit); tritt zu diesem
-Begriff das Eigenschaftswort +gut+, so darf er nicht zerrissen werden,
-sondern es muß heißen: die +gute alte Zeit+. Man muß sich also immer
-klarmachen, welches von den beiden Adjektiven das wesentliche ist;
-dies gehört dann unmittelbar vor das Hauptwort. Bezeichnet eins der
-beiden Adjektiva einen Stoff (+hölzern+, +seiden+) oder die Herkunft
-(+sächsisch+, +ausländisch+, +westfälisch+), so gehört dieses in der
-Regel unmittelbar vor das Hauptwort: +mit großen hölzernen+ Kannen,
-ein +junger sächsischer Leutnant+. Natürlich ist es auch möglich, daß
-das andre Adjektiv mit dem Substantiv zusammen einen Begriff bildet
-oder wenigstens -- bilden soll; dann muß die Ortsbezeichnung von dem
-Hauptwort entfernt werden, z. B.: +Leipziger elektrische+ Straßenbahn
--- +Münchner neueste+ Nachrichten -- +englische historische+ Romane
--- die +sächsische zweite+ Kammer -- die +Straßburger katholische+
-Fakultät -- seine +Nürnberger gelehrten+ Freunde usw. Sage ich: der
-+höchste Leipziger+ Turm, so stelle ich mir alle Leipziger Türme vor
-und greife dann den höchsten heraus; bei den +Leipziger neuesten+
-Nachrichten dagegen soll ich mir alle Zeitungen vorstellen, die Neueste
-Nachrichten heißen, und soll dann die Leipziger herausgreifen. So ist
-auch der +letzte schwere+ Tag der letzte einer Reihe von schweren
-Tagen, z. B. einer Examenwoche, dagegen der +schwere letzte+ Tag der
-Todestag.
-
-Grundfalsch ist also auch, was man fast in allen antiquarischen
-Bücherverzeichnissen lesen muß: +erste seltne+ Ausgabe. Es klingt das,
-als ob es von dem Buche mehrere seltne Ausgaben gäbe, und die jetzt
-verkäufliche die erste davon wäre. Die Antiquare wollen aber sagen,
-es sei überhaupt die erste Ausgabe, die Originalausgabe, die ~editio
-princeps~, und diese sei selten. Das kann nur heißen: +seltne erste
-Ausgabe+. Anders verhält sichs mit der +zweiten, verbesserten+ Ausgabe.
-Hier ist +verbessert+ ein nachträglicher Zusatz, wie schon das Komma
-zeigt, das hier nicht fehlen darf, aber auf Büchertiteln leider sehr
-oft fehlt; der Sinn ist: +zweite+, (und zwar) +verbesserte+ Auflage.
-Läßt man das Komma weg, so erweckt das die Vorstellung, als ob schon
-eine +erste verbesserte+ Auflage vorhergegangen, die vorliegende also
-im ganzen die dritte wäre. Manchem wird das als unnötige Diftelei
-erscheinen, es handelt sich aber um einen ganz groben, handgreiflichen
-Unterschied.
-
-
-Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges
-
-Mit großer Schnelligkeit, bazillusartig, wie immer, hat sich seit
-einiger Zeit ein Fehler in der Wortstellung verbreitet, der noch
-vor fünfzig Jahren ganz undenkbar gewesen wäre, der Fehler, der in
-Verbindungen liegt, wie den folgenden: +der Direktor Hittenkofer des
-Technikums zu Strelitz+ -- +das Töchterchen Alice des Herrn Hofhotelier
-Baumann+ -- +die Sektion Sterzing des österreichischen Touristenklubs+.
-Hier sind zwei Konstruktionen in- und durcheinandergeschoben. Richtig
-ist es, zu sagen: +der Direktor Hittenkofer+; hier ist der Name
-+Hittenkofer+ das Hauptwort, und +der Direktor+ eine Apposition dazu.
-Richtig ist es auch, zu sagen: +der Direktor des Technikums+; hier
-ist +der Direktor+ das Hauptwort, und +des Technikums+ ein Attribut
-dazu. Aber falsch ist es, beide Konstruktionen so miteinander zu
-verbinden, wie es in den angeführten Beispielen geschehen ist; denn
-dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort zu der Apposition +der Direktor+,
-und gleichzeitig der +Direktor+ das Hauptwort zu dem Attribut +des
-Technikums+. Will man beide Konstruktionen verbinden, so kann es
-nur heißen: +der Direktor des Technikums zu Strelitz Hittenkofer+.
-Dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort, +der Direktor+ die Apposition
-dazu, und +des Technikums+ das Attribut zur Apposition. Wer ein wenig
-Sprachgefühl hat, für den wird es dieser langen Auseinandersetzung
-gar nicht bedurft haben. Man denke sich, daß jemand sagen wollte:
-+die Ballade Erlkönig Goethes+ -- +der Doktor Meurer der Medizin+
--- +der Minister von Dallwitz des Innern+ -- +der Begründer Ritter
-der wissenschaftlichen Erdkunde+ -- +das Mitglied Eugen Richter des
-Reichstags+ -- jeder würde das für lächerlich und ganz unmöglich
-halten, und doch wären das ganz ähnliche Verbindungen.[140]
-
-Wer sich den logischen Verstoß, der in solchen Ineinanderschiebungen
-liegt, nicht klarmachen kann, der müßte doch wenigstens stutzig werden,
-wenn er den abhängigen Genitiv, der sonst immer unmittelbar auf das
-Wort folgt, von dem er abhängt, hier durch ein dazwischengeschobnes
-Wort davon getrennt sieht! Es wird aber niemand stutzig; man schreibt
-ruhig: +der Redakteur+ Küchling des Leipziger +Tageblatts+, +der
-Direktorialassistent+ Prof. Vogel des städtischen +Museums+, der
-+Sekondeleutnant+ von Guttenberg +des Infanterieleibregiments+,
-+der Prokurist+ Hermann Becker +der Firma+ Schimmel und Ko., +der
-Insasse+ Körner +des+ hiesigen +Arbeitshauses+, +der Mönch+ Bernardus
-+des Klosters+ St. Stephan, +der Roman+anfang „Waldrauschen“ der
-+Gartenlaube+, +das Segelboot+ Undine +des Prinzen+ Demidoff, +der
-Passagierdampfer+ Großer Kurfürst +des Norddeutschen Lloyd+, +das
-Pferd+ Lippspringe +des Freiherrn+ von Reitzenstein, +die Komödie+
-Hans Pfriem +des Martin Hayneccius+, +die Marmorbüste+ Die Verdammnis
-+des+ kurfürstl. sächs. +Hofbildhauers+ Permoser, +der Bezirksverband+
-Sachsen +des deutschen Schmiedeverbandes+, +die Ortsgruppe+ Zeitz
-+des+ Allgemeinen deutschen +Schulvereins+, +der Zweigverein+
-Berlin-Charlottenburg +des+ Allgemeinen deutschen +Sprachvereins+
-(!), +die Haltestelle+ Zwischenbrücken +der+ Plagwitzer +Eisenbahn+,
-+die Strecke+ Faido-Lavorgo +der Gotthardbahn+ und (das Neueste!):
-+die Königin+ Wilhelmine +der Niederlande+, +der Prinz+ Heinrich +der
-Niederlande+ und +die Königin-Mutter+ Emma +der Niederlande+. Und
-die angeführten Beispiele zeigen, daß der Fehler keineswegs bloß in
-Zeitungen grassiert, sondern auch in wissenschaftlichen Werken spukt.
-
-Unleugbar hat der Fehler etwas bequemes, und das Bestreben, ihn
-zu vermeiden, manchmal etwas unbequemes. Aber wird er dadurch
-erträglicher? Wem es nicht gefällt, zu sagen: +die Ortsgruppe des
-Allgemeinen deutschen Schulvereins Zeitz+ (natürlich ist das häßlich,
-aber doch nicht wegen der Wortstellung, sondern weil einer „Ortsgruppe“
-frischweg ein Städtename beigelegt wird), der sage doch: +die Zeitzer
-Ortsgruppe+ des Allgemeinen deutschen Schulvereins. Das ist deutsch.
-
-Streng genommen ist es natürlich auch falsch, zu sagen: +der
-Wetterbericht+ Nr. 200 +des Meteorologischen Instituts+. Hier drängt
-sich +Nr. 200+ eben so störend zwischen die beiden untrennbaren Glieder
-wie in den vorher angeführten Beispielen die Eigennamen; deutsch wäre:
-+der 200. Wetterbericht des Meteorologischen Instituts+. Ganz falsch
-ist: eine +Stiftung+ von 7000 Mark +des Landgerichtsrat+ N. -- eine
-+Handschrift+ von 240 Blatt +der Münchner Hof- und Staatsbibliothek+
--- +die Abteilung+ für Kriegsgeschichte +des Großen Generalstabs+ --
-+die Adreßbücher+ für 1906 +der Städte Berlin, Bremen und Breslau+ --
-+der Oberarzt+ für Hautkrankheiten +des städtischen Krankenhauses+ --
-+Höhenkurort+ für Nervenschwache +ersten Ranges+ -- +Friseurgeschäft+
-für Herren und Damen +ersten Ranges+ -- +der Entwurf+ zu einem Brunnen
-+des Herrn Werner Stein+ -- +das Promemoria+ an die kurfürstliche
-Bücherkommission +des Professors Ernesti+ -- +der Mangel+ an
-Selbstbewußtsein und Selbständigkeit +der deutschen Mädchen+ -- eine
-öffentliche +Vorlesung+ gegen Entree +der+ am beifälligsten begrüßten
-+Produktionen+ -- ein großes +Konzert+ mit darauffolgendem Ball +der+
-ganzen +Kapelle+ des Füsilierregiments Nr. 36 usw. Auch hier sind
-überall zwei Konstruktionen, und zwar beidemal ein Hauptwort mit
-Attribut (z. B. +der Oberarzt des städtischen Krankenhauses+ und der
-+Oberarzt für Hautkrankheiten+), in unerträglicher Weise ineinander
-geschoben, unerträglich deshalb, weil dadurch der Genitiv von dem
-Worte weggerissen ist, zu dem er gehört. Freilich läßt sich auch in
-solchen Fällen nicht immer durch bloße Umstellung helfen. Schreibt man:
-+der Oberarzt des städtischen Krankenhauses für Hautkrankheiten+, so
-ist zwar die unsinnige Verbindung: +Hautkrankheiten des städtischen
-Krankenhauses+ beseitigt; aber dafür wird nun das Mißverständnis
-möglich, daß es ein besondres Krankenhaus für Hautkrankheiten gebe. In
-solchen Fällen bleibt nichts übrig, als ein Partizip zu Hilfe zu nehmen
-und zu schreiben: der an dem städtischen Krankenhaus +angestellte+
-Oberarzt für Hautkrankheiten. Solche Partizipia werden so oft ganz
-überflüssigerweise hinzugesetzt (vgl. S. 291), daß man auch einmal eins
-hinzusetzen kann, wo es notwendig ist.
-
-Besonders schlimm sind aber nun drei Verstöße gegen die Gesetze der
-Wortstellung, die zum Teil schon seit alter Zeit, zum Teil auch erst in
-neuerer Zeit für besondre Feinheiten und Schönheiten gehalten werden
-und deshalb nicht eindringlich genug bekämpft werden können. Der erste
-ist:
-
-
-Die sogenannte Inversion nach und
-
-Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der
-deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt
-gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet,
-aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben (+hätte
-ich dich+ gesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch
-Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt,
-mit einem Adverbium oder einer adverbialen Bestimmung anfangen; es
-heißt: +den Vater haben wir+ -- +dem Himmel haben wir+ -- +gestern
-haben wir+ -- +dort haben wir+ -- +schon oft haben wir+ -- +aus
-diesem Grunde haben wir+ -- +trotzdem haben wir+ -- +zwar haben wir+
--- +freilich haben wir+ -- +auch haben wir+ usw., nicht (wie im
-Französischen und im Englischen) +gestern wir haben+. Ebenso ist die
-Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründenden +doch+:
-+habe ich es doch+ selber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion
-völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt: +oder wir haben+,
-+aber wir haben+, +sondern wir haben+, +denn wir haben+. Nur hinter
-+und+, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele
-nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit,
-die Inversion anzubringen und zu schreiben: +und haben wir+. Der
-Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen
-Inversionen nach +und+, viele halten sie für einen solchen Schmuck
-der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt
-haben, es also genügte, zu sagen: die erste +Lieferung+ ist soeben
-+erschienen und liegt+ in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- nur
-um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen,
-und zwar in der Gestalt des schönen +derselbe+, und schreiben: die
-erste Lieferung ist soeben erschienen, +und liegt dieselbe+ in
-allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- die +Fluchtlinie+ und das
-+Straßenniveau werden+ vom Rate +vorgeschrieben, und sind dieselben+
-dieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer
-Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitung. Der
-Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt, +und wollen wir+
-nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen -- der Verein hat sich
-in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt, +und finden die
-Bestrebungen+ desselben allgemeine Anerkennung -- die alte Orgel war
-sehr baufällig geworden, +und wurde die Reparatur+ dem Orgelbaumeister
-Herrn G. übertragen -- der Austernfang ist in letzter Zeit sehr
-ergiebig gewesen, +und wurden+ am Dienstag wieder 10000 Stück in die
-Stadt gebracht -- sämtliche Stoffe sind von mir für Leipzig engagiert,
-+und können+ daher +dieselben Muster+ nicht von andrer Seite geboten
-werden -- die Ruine ist in zehn Minuten zu erreichen, +und bietet
-sich+ unterhalb derselben +ein herrliches Panorama+ -- heute findet
-ein nochmaliges Ochsenbraten statt, +und können wir+ den Besuch des
-Restaurants nur empfehlen -- anders wird gar nicht geschrieben. Prof.
-X ist hier eingetroffen, +und fand+ -- na, was fand er denn? eine
-begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! -- +und fand+ ihm zu Ehren +ein
-Festmahl+ statt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande
-sind, auf einer Postkarte zwei Inversionen anzubringen und damit Wunder
-was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben: Nun sind die
-schönen Tage in Dresden bald vorüber, +und sende ich Ihnen+ herzliche
-Grüße; mein Auftreten ist gut gelungen, +und freue ich mich+ nun wieder
-auf unsre gemütlichen Abende usw.
-
-Einigermaßen erträglich wird die Inversion nach +und+, wenn an der
-Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich
-zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.: +hier+ hört das Rostocker
-Stadtrecht auf +und fängt+ die gesunde Vernunft an -- +so+ werden unsre
-Reichen mit Wintergemüse versorgt +und wird+ die Zahl der Genußmittel
-um einige überflüssige vermehrt -- +zum Glück+ gibt es noch anständige
-Meister +und nehmen+ die Fabriken einen großen Teil der jungen Leute
-auf -- +selbstverständlich+ gehört Freigebigkeit gegen die Priester zu
-den Hauptbestandteilen der Frömmigkeit +und ist Geiz+ gegen sie die
-größte aller Sünden -- +zur Pflege der Geselligkeit+ fand im Januar
-eine Christbescherung statt +und wurden+ im Laufe des Sommers mehrere
-Ausflüge unternommen -- +wo Hindernisse im Wege stehen+ (Adverbsatz),
-pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu halten +und
-kommt+ die Überschreitung des zweiten nur selten vor. Man hat diesen
-Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung“ genannt.
-
-Auf keinem Kunstgebiete kann es ein so schlagendes Beispiel für
-die Verschiedenheit des Geschmacks geben wie auf dem Gebiete der
-Sprache die Inversion nach +und+. Der Beamte, der Zeitungschreiber,
-der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den
-sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre
-Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch über +seitens+, über bzw.,
-über +selbstredend+, über +diesbezüglich+, sie erregt ihm geradezu
-Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der
-„Spitzenbestimmung“ nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden
-Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die
-der erste Satz mit Recht hat, im zweiten auf und schreibt: +übrigens+
-hatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich, +und das Joch+ der
-Sittenzucht +war+ nicht übermäßig schwer (statt: +und war das Joch+).
-
-Das Widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen
-Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht
-den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und
-doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich
-gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion
-nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in
-Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt
-und Prädikat hinter +und+ in die richtige Stellung bringt, sondern
-meist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger
-Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg
-über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren
-Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das +und+
-zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren.
-
-Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des
-wunderlichen Standpunkts, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über
-Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten,
-die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch
-(!), aber „eigentlich falsch“ kann man sie nicht nennen, denn sie
-ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen,
-im Mittelhochdeutschen, bei Luther, sehr oft im siebzehnten und
-achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein
-gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner
-würde, daß sie jahrhundertealt ist![141] Wer hat denn zu entscheiden,
-was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige,
-sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte
-Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär“?
-Ein Schriftsteller, der die Inversion nach +und+ aufs strengste
-vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.[142]
-
-
-Die Stellung der persönlichen Fürwörter
-
-Der zweite Verstoß betrifft die Stellung der persönlichen Fürwörter. Es
-handelt sich da wieder um eine Spracherscheinung, die äußerst häßlich
-ist und doch allgemein für eine Schönheit gehalten wird (vgl. S. 116
-Anm.). Um die Sache deutlich zu machen, soll zunächst der häufigste und
-auffälligste Fall besprochen werden.
-
-Wenn das Zeitwort eines Satzes ein Reflexivum ist, gleichviel ob
-das reflexive Verhältnis den Dativ oder den Akkusativ hat (+sich+
-entschließen, +sich+ einbilden), so erscheint in der lebendigen
-Sprache das reflexive Fürwort +sich+ stets so zeitig wie möglich im
-Satze. In Nebensätzen wird es stets unmittelbar hinter das erste Wort
-gestellt, hinter das Relativ, hinter das Fügewort usw. (+der sich+,
-+wo sich+, +wobei sich+, +da sich+, +obgleich sich+, +als sich+,
-+daß sich+, +wenn sich+, +als ob sich+, +je mehr sich+ usw.); erst
-dann folgt das Subjekt des Satzes. Nur wenn das Subjekt selbst ein
-persönliches Fürwort ist, geht dieses dem +sich+ voran (+da es sich+,
-+wenn sie sich+, +die er sich+). In Hauptsätzen steht das +sich+ stets
-unmittelbar hinter dem Verbum (+hat sich+, +zeigt sich+, +wird sich
-finden+); in Infinitivsätzen steht es ganz an der Spitze, mag das
-Verbum noch so reich mit Objekten, adverbiellen Bestimmungen u. dgl.
-bekleidet sein. Man beobachte sich selbst, man beobachte andre, wie
-sie reden, man wird höchst selten einer Abweichung von diesem Gesetze
-begegnen.
-
-Nun vergleiche man damit, wie geschrieben wird, ganz allgemein
-geschrieben wird, und sehe, wo da das +sich+ hingesetzt wird; die
-Stelle, wo es hingehört, soll jedesmal durch Klammern bezeichnet
-werden. Da heißt es in Hauptsätzen: selten +hat+ [] eine Darstellung
-so rasch in der Literatur +sich eingebürgert+ -- durch die neue
-Ordnung +glaubte+ [] namentlich die Universität +sich verletzt+ --
-diese +hielten+ [] ohne Erlaubnis der Regierung in diesen Gegenden
-+sich auf+ -- der heftige Seelenschmerz +löste+ [] in ein krampfhaftes
-Schluchzen +sich auf+ -- eventuell (!) +behält+ [] der Verkäufer das
-Rückkaufsrecht +sich vor+ -- als Porträtmaler +schließt+ [] Hausmann
-unmittelbar an Hoyer +sich an+. Beim Infinitiv: nur einmal +scheinen+
-[] die beiden +sich gesprochen+ zu haben -- die Photographie +scheint+
-[] in Rom wirklich bis an die Grenze echter Kunst +sich zu erheben+
--- bald +begannen+ [] Menschen in dem Walde +sich anzusammeln+ -- der
-Name +dürfte+ [] auf den ganzen Gebirgszug +sich beziehen+ -- man
-+mußte+ [] in entsetzlichen Postkarren, von Ungeziefer halb verzehrt,
-unter Hunger und Durst, in jene schönen Gegenden +sich durcharbeiten+
--- es ist leicht, [] diese Kenntnis +sich anzueignen+ -- das Recht,
-[] an der friedlichen Kulturarbeit frei +sich zu beteiligen+. In
-Nebensätzen endlich: die Verdienste, +welche+ (!) [] Eure Durchlaucht
-um das deutsche Vaterland +sich erworben haben+ -- es ist das eine der
-schwierigsten Aufgaben, +die+ [] der menschliche Geist +sich stellen
-kann+ -- bei dieser Lage der Dinge, +die+ [] binnen wenigen Monaten zu
-einer ganz unerträglichen +sich ausbildete+ -- der geistige Zustand,
-+in dem+ [] die deutsche Jugend in der Zeit der französischen Invasion
-+sich befand+ -- der Modegeschmack, +der+ [] namentlich auf dem Gebiete
-des Romans so rasch +sich ändert+ -- die Philosophie, +die+ [] doch nur
-dem an das Denken gewöhnten Höhergebildeten +sich erschließt+ -- ein
-Mann, +der+ [] bei allem Eifer für die katholische Sache doch einen
-warmen Patriotismus +sich bewahrt hatte+ -- im Militärwaisenhaus,
-+das+ [] nach dem Willen des Königs zu einer möglichst großartigen
-Anlage +sich gestalten soll+ -- die Schlagwörter, +mit denen+ [] die
-sozialdemokratischen Lehren +sich zu schmücken lieben+ -- in Fällen,
-+wo+ [] das Bedürfnis dazu +sich herausstellt+ -- der erste Akt
-versetzt uns in die Welt des Waldes, wo [] Roseggers Phantasie am
-meisten +sich heimisch fühlt+ -- in Bonn, wo [] die ganze Rheinstraße
-mit ihren Denkmälern zu Exkursionen +sich anbietet+ -- die Verbrecher
-treiben allerlei Ulk, +wobei+ [] ihre wahre Natur +sich äußert+ --
-die Schicksale, aus +deren+ Zusammenwirken [] erst die eigenartige
-Entwicklung von Hoffmanns Persönlichkeit +sich erklären läßt+ --
-unter der Bedingung, +daß er+ [] auf eine bestimmte Probezeit des
-Wilderns +sich enthalte+ -- die Gegenwart beweist, +daß+ [] der kleine
-Betrieb dem Großkapital gegenüber +sich+ nicht +halten kann+ -- der
-einzelne darf nicht verkennen, +daß er+ [] unter solchen Umständen
-zu Nutz und Frommen seiner Mitmenschen eine Selbstbeschränkung +sich
-auferlegen muß+ -- +als+ [] fast sämtliche Klöster wieder mit den
-geistlichen Orden +sich gefüllt hatten+ -- es wird noch geraume Zeit
-vergehen, +ehe+ [] ihr Ideal vollständig +sich verwirklichen kann+ --
-+seitdem+ [] das große, für die Kultur so folgenreiche Weltereignis
-der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus +sich ergab+ -- die
-Aufhebung des Gesetzes können wir nicht beklagen, +da es+ [] im Laufe
-der Jahre immer mehr als unbrauchbar +sich erwiesen hat+ -- +da er+ []
-gerade jetzt in der Lage +sich befindet+, Zahlung leisten zu können --
-+weil er+ [] diese Eigenschaften bis in sein hohes Alter +sich bewahrt
-hat+ -- +nachdem+ [] die ursprüngliche Bedeutung im Sprachbewußtsein
-+sich verdunkelt hatte+ -- +nachdem+ [] die Wogen freundlicher und
-feindlicher Erregung, die das Buch hervorrief, +sich gelegt haben+ --
-+wenn er+ [] zuweilen zu religiösem Pathos +sich erhob+ -- +wenn+ der
-Kurfürst abreist und [] auf einen seiner Landsitze +sich begibt+ --
-ich würde untröstlich sein, +wenn+ Sie [] durch mich in Ihrer alten
-Ordnung +sich stören ließen+ -- +wenn+ [] neuerdings die Unternehmer
-und Arbeitgeber zur Wahrung ihrer gerechten Interessen +sich
-zusammenschließen+ -- die Namen der Künstler sind so bezeichnet, +wie+
-sie [] auf den Blättern +sich finden+ -- +als ob er+ [] die größten
-Verdienste um das deutsche Vaterland +sich erworben hätte+ -- +je mehr+
-[] Frankreichs Stellung am Mittelmeere +sich behauptet+ usw.
-
-Wir stehen da wieder vor einer Erscheinung, die recht eigentlich in
-das Kapitel vom papiernen Stil gehört. Der lebendigen Sprache gänzlich
-fremd, stellt sie sich immer nur da ein, wo jemand die Feder in
-die Hand nimmt, aber auch da nicht sofort, sondern erst dann, wenn
-er zu künsteln anfängt.[143] Man könnte ja nun meinen, es sei doch
-unnatürlich, das reflexive Fürwort von seinem Verbum zu trennen und
-so weit vor, an den Anfang des Satzes zu rücken. Aber diese Trennung
-ist der Sprache offenbar etwas unwesentliches. Das wesentliche ist
-ihr die enge Verbindung, die erst infolge dieser Trennung eingegangen
-werden kann: die Verbindung mit dem voranstehenden andern Pronomen
-oder mit dem Fügewort (+der sich+, +wenn sich+). Diese Verbindung
-ist der lebendigen Sprache wichtiger als die mit dem Verbum, denn
-durch sie wird der Satz wie mit eisernen Klammern umschlossen. Wenn
-ich das +sich+ unmittelbar nach +da+, +wo+, +wenn+, +seitdem+ bringe,
-so erfährt der Hörer schon, daß am Ende des Satzes ein reflexives
-Zeitwort folgen wird, die Hälfte des Verbalbegriffs klingt ihm
-gleichsam schon im Ohre. Daß sich auf diese Weise der Satz fester
-zusammenschließt als auf die andre, liegt auf der Hand. Wenn einer mit
-+wenn+ oder +daß+ anfängt, und erst nachdem er zwanzig oder dreißig
-Worte dazwischengeschoben hat, endlich mit +sich begab+ oder +sich
-befindet+ schließt, so möchte man immer fragen: So viel Zeit hast du
-gebraucht, dich auf das Zeitwort zu besinnen? dich zu besinnen, daß du
-ein reflexives Verbum gebrauchen willst?
-
-Es ist ja aber keineswegs bloß das +sich+, das jetzt in dieser Weise
-verstellt wird, es geschieht das mit dem rückbezüglichen Fürwort
-überhaupt. Man schreibt auch: darüber gedenke ich [] später einmal
-in diesen Blättern +mich auszulassen+ -- wenn wir [] auch mit voller
-Seele an der Jubelfeier +uns beteiligen+ -- daß wir [] in unsern
-nationalen Lebensformen ungehindert +uns entwickeln+ können -- wenn
-wir [] überhaupt von Gott eine Vorstellung +uns machen+ wollen usw. Ja
-die Krankheit hat sich noch viel weiter verbreitet, sie hat auch das
-ganze persönliche Fürwort ergriffen. In der lebendigen Sprache wird
-das persönliche Fürwort genau so gestellt wie das reflexive. Wie aber
-wird geschrieben? Das war es bloß, wozu [] mein väterlicher Freund
-+mich bewegen+ wollte -- wie willst du den Widerspruch lösen, den []
-eine verehrte Autorität +dir aufdrängt+? -- als Goethe seine Reise
-antrat, +war+ [] Rom +ihm+ nicht +fremd+ -- man kann den Fortgang
-voraussehen, soweit [] nicht unberechenbare äußere Störungen +ihn
-hemmen+ -- die Mängel des Gedächtnisses kommen weniger zur Geltung,
-wenn [] das Nachdenken +ihm Zeit läßt+ -- der Bischof verzichtete auf
-den Segen, den [] sein Konfrater in Trier +ihm anpries+ -- können wir
-einen Dichter nennen, der [] an Mannigfaltigkeit, an beherrschender
-Sicherheit +ihm gleichkäme+? -- er würde [] gewiß auch diesmal nicht
-ohne Not +sie warten lassen+ -- die Menge geht dahin, wohin [] der
-Zar und die Kirche +sie treibt+ -- sie wissen viel zu gut, was [] das
-erreichte Ziel +sie gekostet hat+ -- die Arbeiter stehen schon so
-tief, daß [] ein weiterer Druck +sie arbeitsunfähig machen würde+ --
-wenn [] die Zeit +es erlaubt+ -- wer [] in unsern Tagen noch +es wagt+
--- wie [] der Drang seines Herzens +es gebot+ -- eine unzulängliche
-Einrichtung, wie [] das Duell +es ist+ -- abgesehen davon hatten []
-die Bewohner des Hauses +es nicht schlecht+ -- wenn [] die Gegner des
-Sozialistengesetzes +es+ als einen Vorteil +preisen+ -- unter diesem
-Feldgeschrei hatte man [] in den katholisch-deutschen Ländern +es
-dahin gebracht+ -- es genügt uns nicht, [] bei dieser allgemeinen
-Schilderung seines Wesens +es bewenden zu lassen+ -- wir müssen tragen,
-was [] unser Geschick +uns auferlegt+ -- die praktische Aufgabe, die []
-unsre religiöse Gefahr +uns stellt+ -- wir halten das für die einzig
-mögliche Erklärung, weil [] keine andre +uns begreiflich ist+ -- wenn
-[] sein Auge so ernst und mild +uns anblickt+ -- wäre er nicht das
-große Genie gewesen, so würde [] der Name Rembrandt +uns+ unbekannt
-+geblieben+ sein -- am 19. Mai +hat+ [] der Tod wieder einen der
-hervorragendsten Künstler +uns entrissen+ -- nun galt es, [] mit Rat
-und Tat +ihnen beizustehen+ -- sie warfen mit lateinischen Brocken
-um sich, sodaß [] kein andrer in der Gesellschaft +ihnen zu folgen
-vermochte+ -- er berichtete gewissenhaft die Geschichte, wie [] [] sein
-alter Schulkamerad +sie ihm erzählt hatte+ -- es ist das ein großes
-Stück Wehrkraft, worin [] [] die Nachbarn im Osten und Westen +es uns+
-nicht +gleichtun können+. Überall ein ängstliches, schulknabenhaftes
-Voranstellen der Subjekte vor die Objekte, überall das gequälte
-Aufsparen der Fürwörter bis unmittelbar vor das Zeitwort![144] In
-einem Roman heißt es: während die Stämme ihre kahlen Äste +uns
-entgegenstreckten+, als wollten sie mit ihren Armen +unserer (!) sich
-erwehren+. Das soll heißen: +während uns+ die Stämme ihre kahlen
-Äste entgegenstreckten, als wollten +sie sich unser+ mit ihren Armen
-erwehren! Am fürchterlichsten ist es, wenn das unbetonte +es+, vollends
-das proleptische, das nur einen Inhalts- oder einen Infinitivsatz
-vorbereitet, und das nur dann erträglich ist, wenn es sich so viel wie
-möglich versteckt und möglichst flüchtig durch den Satz huscht -- wenn
-das mit solchem Elefantentritt an möglichst unpassender Stelle in den
-Satz hineintappt: trotz des Widerwillens des Vaters setzte [] der Knabe
-unter dem Beistande der guten Mutter +es durch+, daß er usw.
-
-Möglich ist ja eine solche Stellung der Fürwörter auch, falsch ist sie
-nicht, es fragt sich nur, ob sie schön sei. Wie müssen sich oft die
-Fürwörter und die Wörter überhaupt in Versen herumwerfen lassen! Wie
-die Kegel, wenn die Kugel dazwischenfährt. Da +senkte sich+ aus der
-Höhe ein lichter Engel -- nicht wahr, ganz gewöhnliche Prosa?
-
- Da +senkte+ aus der Höhe
- Ein lichter Engel +sich+ --
-
-auf einmal „Poesie“! Das hat aber doch auch seine Grenzen. Poetischer
-als ein Vers wie der:
-
- Wie +soll+ aus diesem Zwiespalt +ich+ retten +mich+?
-
-klingt doch unzweifelhaft die schlichte „Prosa“: Wie +soll ich mich
-aus+ diesem Zwiespalt retten?
-
-Von Gellerts Fabeln hat man geringschätzig gesagt, sie wären die reine
-Prosa. Von dem Ausdruck trifft das gar nicht zu, der ist dazu viel zu
-fein und gewählt. Wenn es sich aber darauf beziehen soll, daß ihre
-Wortstellung ganz so ist, wie sie in guter Prosa sein würde, so wäre
-das ja das höchste Lob! Es ist das, was Friedrich der Große mit den
-Worten sagte: Er hat so etwas Coulantes in seinen Versen.
-
-
-In fast allen oder fast in allen?
-
-Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch
-alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz, daß die Präpositionen
-(+an+, +bei+, +nach+, +für+, +in+, +vor+, +mit+ usw.) unmittelbar vor
-dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und
-selbstverständlich wie irgend etwas, es kann gar nicht anders sein. In
-der griechischen Grammatik spricht man von ~Procliticae~ (d. h. vorn
-angelehnten).[145] Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen,
-die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts
-bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern -- wie durch magnetische
-Kraft -- an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören
-auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine
-Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt
-es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch
-im Deutschen die Präpositionen. Weil diese aber solche ~Procliticae~
-sind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so
-ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort
-(Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu stopfen.[146] Auch
-dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der
-Präpositionen begründet.
-
-Da ist aber nun der große Logiker drüber gekommen und hat sich
-überlegt: +fast in allen Fällen+ -- das kann doch nicht richtig sein!
-das +fast+ gehört doch nicht zu +in+, es gehört ja zu +allen+! Also
-muß es heißen: +in fast allen+ Fällen. Und so wird denn wirklich
-seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: die +von fast+ allen
-Grammatikern gerügte Gewohnheit -- es geht eine Bewegung +durch fast+
-sämtliche Kulturstaaten -- +mit fast+ gar keinen Vorkenntnissen --
-+mit nur+ echten Spitzen -- das Stück besteht +aus nur+ drei Szenen --
-wir haben es +mit nur+ wenigen Lehrstunden zu tun -- wir fuhren +durch
-meist+ anmutige Gegend -- die Kritik, die +in meist+ schlechten Händen
-ist -- es waren +gegen etwa+ vierzig Mann -- mit einer Besatzung +von
-oft+ sechs bis acht Mann -- +in bald+ einfacherer, +bald+ prächtigerer
-Ausstattung -- das Buch ist +in wohl+ sämtliche europäische Sprachen
-übersetzt -- andre Kritiker +von freilich+ geringerer Autorität --
-+nach genau+ einem Jahrhundert -- +in genau+ derselben Form -- +mit
-genau+ derselben Geschwindigkeit -- +nach längstens+ zwei Jahren --
-+für wenigstens+ ein paar Wochen -- Unterricht +in wenigstens+ einer
-zweiten lebenden Sprache -- die ordnungsliebendern Elemente sehen sich
-+zu wenigstens+ tatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen -- die
-Kosten belaufen sich +auf mindestens+ tausend Pfund -- die Schulden
-müssen +mit mindestens+ einem Prozent jährlich abgetragen werden --
-fünf Präpositionen +mit jedesmal+ verschiedner Funktion -- eine Anfrage
-würde das +in vielleicht+ überraschendem Maße bestätigen -- überall ist
-die Technik +auf annähernd+ gleicher Höhe -- er wurde +auf zunächst+
-sechs Jahre zum Stadtrat gewählt -- +mit sozusagen+ absolutem Maßstabe
--- +mit allerdings nur+ geringer Hoffnung auf Erfolg -- Japan war mit
-+alles in allem+ vier Artikeln vertreten -- er stand mit ihm +in so gut
-wie+ keiner Verbindung -- sie sind +um zusammen etwa+ vier Millionen
-Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrich +von erst+ Farbe
-+und dann+ Lack wird vermieden.
-
-Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte
-einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen
-Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der
-Präposition selber wehtun, wenn sie auf solche Weise von dem Worte,
-mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine
-Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es einmal, man
-setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige
-Stelle, nämlich vor die Präposition: +meist durch+ anmutige Gegend
--- +wohl in+ sämtliche Sprachen -- +wenigstens für+ ein paar Wochen
--- +annähernd auf+ gleicher Höhe -- +zunächst auf+ sechs Jahre usw.,
-empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?[147]
-
-Nur die kurzen Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen: +so+,
-+sehr+, +viel+, +weit+, stehen hinter der Präposition: +mit so+ großem
-Erfolg -- +in sehr+ vielen Fällen -- +mit viel+ geringern Mitteln --
-+nach weit+ gründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die
-den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen,
-ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich.
-
-
-Zwei Präpositionen nebeneinander
-
-Doppelt häßlich wird das Wegreißen der Präposition von dem abhängigen
-Worte dann, wenn das Einschiebsel nicht ein einfaches Adverb, sondern
-ein Satzglied ist, das selbst wieder aus einer Präposition und einem
-davon abhängigen Worte besteht; dann entsteht der Fall, daß zwei
-Präpositionen unmittelbar hintereinander geraten -- für jeden Menschen
-von feinerm Gefühl eine der beleidigendsten Spracherscheinungen. Und
-doch wird auch so jetzt fortwährend geschrieben! Da heißt es: +in
-im+ Ratsdepositorium befindlichen Dokumenten -- +in zur+ Zeit nicht
-zu verwirklichenden Gedanken -- +durch vom+ Kriege unberührtes Land
--- +durch von+ beiden Teilen erwählte Schiedsrichter -- +durch für+
-ein weiches Gemüt empfindlichen Tadel -- +mit in+ Tränen erstickender
-Stimme -- +mit vor+ Freude strahlendem Gesicht -- +mit vor+ keinem
-Hindernis zurückschreckender Energie -- +mit auf+ die Wand aufgelegtem
-Papier -- +mit für+ die Umgebung störendem Geräusch -- +mit nach+ außen
-kräftigen Institutionen -- +mit über+ die ganze Provinz verteilten
-Zweigvereinen -- +mit mit+ (!) schwarzem Krepp umwundnen Fahnen --
-+bei nach+ fürstlichen Personen benannten Gegenständen -- das Sammeln
-+von an+ sich wertlosen Dingen -- die Frucht +von durch+ Jahrtausende
-fortgesetzten Erfahrungen -- eine große Anzahl +von in+ einzelnen
-Fächern weiter ausgebildeten jungen Männern -- die Schülerzahl stieg
-+von über+ zwei- gleich +auf über+ sechshundert -- die Falter werden
-+mittelst auf mit+ (!) Öl begossene Teller gestellter Gläser gefangen
-usw. Man kann also solche Zusammenstöße sehr leicht vermeiden, und
-zwar auf die verschiedenste Weise; entweder durch einen Nebensatz:
-+durch Land, das+ vom Kriege noch unberührt geblieben war -- oder
-durch einen wirklichen Genitiv statt +von+: das Sammeln an sich
-+wertloser+ Dinge -- oder durch einen Ausdruck, der dasselbe sagt wie
-die Präposition: +von mehr als+ zweihundert (statt +von über+) oder
-durch ein zusammengesetztes Wort: +mit freudestrahlendem+ Gesicht usw.
-Aber alle diese Mittel werden verschmäht, lieber versetzt man dem Leser
-den stilistischen Rippenstoß, unmittelbar hinter einer Präposition noch
-eine zweite zu bringen![148]
-
-
-Zur Interpunktion
-
-Eine feine und schwierige Kunst ist es, gut zu interpungieren. Hier
-können nur einige Winke darüber gegeben werden.
-
-Die Interpunktion verfolgt zwei verschiedne Zwecke: erstens die
-Satzgliederung zu unterstützen und die Übersicht über den Satzbau
-zu erleichtern, zweitens die Pausen und die Betonung der lebendigen
-Sprache in der Schrift auszudrücken. Oft fallen beide Zwecke zusammen,
-aber nicht immer. Wenn z. B. geschrieben wird: die Berliner Künstler
-haben den französischen Bildern stets die besten Plätze eingeräumt
-+und, wenn+ diese nicht reichten, andre Räume gemietet -- oder: wer
-die Tagespresse kritiklos liest +und, ohne+ es zu wissen und zu
-wollen, die dargebotnen Anschauungen in sich aufnimmt -- so schließt
-sich zwar die Interpunktion genau dem Satzbau an, steht aber in
-auffälligem Widerspruch zur lebendigen Sprache: niemand wird bis zu
-+und+ (oder +oder+) sprechen und hinter +und+ eine Pause machen,
-jeder wird vor +und+ abbrechen. Daher empfiehlt es sich, das Komma
-hier lieber vor +und+ zu setzen -- gegen den Satzbau -- und zu
-schreiben: da die Frauen mit Vorliebe männliche Verhüllungen wählen,
-+und+ wenn sie ihren Vornamen nicht ausschreiben, auch die Handschrift
-sie nicht immer verrät -- sie glaubte, +oder+ wie es von ihrem
-Standpunkt aus wohl richtiger heißen muß, sie hoffte -- daß Dichter
-wie Keller und Storm, +oder+ um einige weniger berühmte zu nennen,
-Vischer und Riehl gesund blieben -- die Elemente des Anschauungs- und
-Gestaltungsvermögens, +oder+ anders ausgedrückt, des Einbildungs- und
-des Ausbildungsvermögens.[149]
-
-Dem ersten Zwecke dienen nun vor allem die drei üblichen Zeichen:
-Punkt, Semikolon (;) und Komma. Über die Bedeutung von Punkt und
-Komma besteht kein Zweifel; sie werden im allgemeinen auch richtig
-angewandt. Der Punkt schließt ab, das Komma gliedert; der Punkt
-trennt größere oder kleinere selbständige Gedankengruppen, das Komma
-scheidet die einzelnen Bestandteile dieser Gruppen, es tritt vor jeden
-Nebensatz, auch vor Partizipial- und Infinitivsätze. Jeder Satz hat
-nur einen Punkt; die Zahl der Kommata im Satze ist unbeschränkt. Das
-Semikolon endlich ist stärker als das Komma, aber schwächer als der
-Punkt. Es ist überall da am Platze, wo zwei Hauptsätze -- mögen sie
-nun allein stehen oder jeder wieder von einem Nebensatze begleitet
-sein -- einander gegenübergestellt werden, wo also der eine der beiden
-Hauptsätze nur die Hälfte des Gedankens enthält und den andern zu
-seiner Ergänzung verlangt, z. B.: hättest du dich an den Buchstaben
-des Gesetzes gehalten, so träfe dich kein Vorwurf; da du aber
-eigenmächtig vorgegangen bist, so hast du nun auch die Verantwortung
-zu tragen. Das Semikolon trennt also und vereinigt zugleich, es
-scheidet und verbindet. Sehr fein hat es daher David Strauß die Taille
-des Satzes genannt[150] und auf Lessing hingewiesen als den, der den
-richtigen Gebrauch davon gemacht habe. In der Tat ist das Semikolon
-für den, der damit umzugehen weiß, eins der ausdrucksfähigsten
-Interpunktionszeichen, es wird nur noch vom Kolon übertroffen. Aber wie
-ungeschickt wird es oft behandelt! Besonders beliebt ist es jetzt, wenn
-vor einen Hauptsatz eine größere Anzahl gleichartiger Nebensätze tritt,
-z. B. drei, vier, fünf Bedingungssätze, diese alle durch Semikolon
-voneinander zu trennen -- eine sehr geschmacklose Anwendung. Zwischen
-Haupt- und Nebensatz ist einzig und allein das Komma am Platze; folgen
-mehrere gleichartige Nebensätze aufeinander, so kann hinter jedem
-immer wieder nur ein Komma stehen. Wie der Punkt, so kann auch das
-Semikolon in einem gut gegliederten Satze nur +einmal+ vorkommen; ein
-Satz, der mehr als +ein+ Semikolon enthält, ist immer entweder schlecht
-interpungiert oder schlecht gegliedert.
-
-Aber auch in dem Gebrauche des Kommas werden mancherlei Fehler gemacht.
-Wenn vor ein Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so gilt
-im allgemeinen die Regel, diese Eigenschaftswörter durch Kommata
-voneinander zu trennen. Manche wollen zwar neuerdings davon nichts
-wissen, sie schreiben: ein +guter treuer anhänglicher zuverlässiger
-Mensch+; aber das verstößt gegen die Betonung der lebendigen Sprache,
-die bei solchen längern Attributreihen hinter jedem Attribut eine
-fühlbare kleine Pause macht, und vor allem: man beraubt sich damit
-sehr notwendiger Unterscheidungen. Es ist ein großer Unterschied, ob
-ich schreibe: er hatte eine +tiefe, staatsmännische Einsicht+ oder:
-eine +tiefe staatsmännische Einsicht+ -- hier schließt der +erste,
-historische Abschnitt+ oder: der +erste historische Abschnitt+
-des Buches. Im ersten Falle stehen die beiden Attribute parallel
-zueinander, das zweite erläutert das erste: er hatte eine tiefe,
-(wahrhaft oder echt) staatsmännische Einsicht -- hier schließt
-der erste, (nämlich) historische Abschnitt des Buches. Im zweiten
-Falle bildet das zweite Attribut mit dem Hauptwort einen einzigen
-Begriff, sodaß tatsächlich nur +ein+ Attribut übrig bleibt: er
-hatte staatsmännische Einsicht, und diese war tief -- das Buch hat
-mehrere historische Abschnitte, und hier schließt der erste davon
-(vgl. S. 301). Auf solche Weise kann sogar ein drittes Attribut
-wieder dem zweiten übergeordnet werden. Es darf also kein Komma
-stehen in folgenden Verbindungen: ein +starker demokratischer Zug+,
-eine +liebenswürdige alte Jungfer+, die +nackteste persönliche
-Herrschsucht+, das +jahrelange geistliche Eifern+, der +unvermeidliche
-tragische Ausgang+, nach +überstandnem sturmvollem Leben+, von
-+gewissen hohen österreichischen Offizieren+, die +ganze vielgepriesene
-englische Kirchlichkeit+. Ebenso muß ohne Komma geschrieben werden:
-das +andre der klassischen Richtung angehörige Drama+ -- wenn der
-betreffende Dichter mehrere der klassischen Richtung angehörige Dramen
-geschrieben hat, wogegen das Komma nicht fehlen dürfte, wenn er nur
-zwei Dramen geschrieben hätte, eins, das der modernen, und eins, das
-der klassischen Richtung angehört.
-
-Wenn zwei Hauptsätze oder auch zwei Nebensätze durch +und+ verbunden
-werden, so gilt im allgemeinen die verständige Regel, daß vor +und+ ein
-Komma stehen müsse, wenn hinter +und+ ein neues Subjekt folgt, dagegen
-das Komma wegbleiben müsse, wenn das Subjekt dasselbe bleibt. Natürlich
-ist dabei unter Subjekt das grammatische Subjekt zu verstehen, nicht
-das logische. Seinem Begriffe nach mag das zweite Subjekt dasselbe sein
-wie das erste: sowie es grammatisch durch ein Fürwort (+er+, +dieser+)
-erneuert wird, darf auch das Komma nicht fehlen. Dagegen wird niemand
-vor +und+ ein Komma setzen, wo +und+ nur zwei Wörter verbindet. Doch
-sind Ausnahmefälle denkbar, z. B.: er welkt, +und+ blüht nicht mehr
--- in Leipzig, wo man so viel, +und+ so viel gute Musik hören kann --
-er war unfähig als Heerführer, +und+ als Mensch unbedeutend und wenig
-sympathisch. Er blüht +und+ duftet nicht mehr -- da wäre das Komma
-überflüssig. In solchen Fällen tritt der zweite Zweck der Interpunktion
-in seine Rechte: die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache
-auszudrücken, selbst abweichend von dem ersten, die Gliederung des
-Satzbaus zu unterstützen.
-
-Auch vor einem Infinitiv mit +zu+ ist es wohl allgemein üblich, ein
-Komma zu setzen. Manche lassen es zwar hier jetzt weg, namentlich wenn
-der Infinitiv ganz unbekleidet ist; sie halten es für überflüssig, ein
-so kurzes, nur aus zwei Wörtern bestehendes Glied durch ein besondres
-Zeichen abzutrennen. Es empfiehlt sich aber doch, es zu setzen, da
-sonst leicht Zweifel oder Mißverständnisse entstehen können. Wenn
-jemand schreibt: es ist +schwer zu verstehen+ -- so kann der Sinn nur
-sein: es ist zu verstehen, aber schwer. Wenn man aber ausdrücken will:
-es bereitet Schwierigkeiten, es zu verstehen? Das kann nur durch ein
-Komma deutlich gemacht werden. Man muß also unterscheiden zwischen: +es
-ist nicht gut, zu verlangen+ und: +es ist nicht gut zu verlangen+ --
-es war +ein Fest, zu sehen+ und: es war +ein Fest zu sehen+. Aber auch
-in Sätzen wie: er befahl +ihm Gläser zu bringen+ -- die ultramontane
-Presse +verstand es bald+ allerlei Mißverständnisse +aufzufinden+
--- entsteht der Zweifel: wozu gehört +ihm+? wozu gehört +bald+? zu
-+verstehen+ oder zu +auffinden+? Ein Komma hebt sofort den Zweifel.
-
-Nur in einem Falle ist es nicht nur überflüssig, sondern geradezu
-störend, vor den Infinitiv mit +zu+ ein Komma zu setzen, nämlich dann,
-wenn der Infinitiv ein Objekt oder ein Adverb bei sich hat, und dieses
-vor dem regierenden Verbum steht, von dem der Infinitiv abhängt, z. B.:
-+diesen Gedanken+ könnte man +versucht sein+, mit Wallenstein herzlich
-dumm +zu nennen+. Diesen Gedanken könnte man versucht sein -- das ist
-nur ein Satzbruchstück ohne allen Sinn, was soll da das Komma? Es
-ist aber auch durch die lebendige Sprache hier nicht gerechtfertigt,
-denn niemand wird hinter +versucht sein+ im Sprechen anhalten, alles
-drängt zu dem Infinitiv, der erst das Objekt verständlich macht,
-das vorläufig noch in der Luft schwebt. Es ist also richtiger, ohne
-Komma zu schreiben: bares Geld gelang es ihm nicht sich anzueignen
--- tatsächliche Irrtümer dürfte es schwer sein in dem bändereichen
-Werke aufzustöbern -- was bemüht man sich mit dem Worte Sozialismus
-zu benennen? -- alle Abfälle hatte sie sich ausgebeten ihm bringen
-zu dürfen -- auf die Erhaltung des Waldes war die Behörde geneigt das
-entscheidende Gewicht zu legen -- gegen diese Szene liegt es uns fern
-uns hier zu ereifern -- ich gebe dir keinen Rat, den ich nicht bereit
-wäre selber zu befolgen -- die Anforderungen, die wir uns gewöhnt haben
-an eine solche Ausgabe zu stellen -- der Wust von Aberglauben, den der
-Vorgänger sich rühmte ausgefegt zu haben -- der Unterschied, den der
-Offizier gewohnt ist zwischen seiner Stellung als solcher und der als
-Gentleman zu machen -- die Oberamtsrichter, denen manche geneigt sind
-die Rektoren gleichzustellen -- seine Verwandten, für die es vor allem
-seine Pflicht wäre zu sorgen.
-
-Unbegreiflich ist es, daß man die beiden verschiednen +ja+, die es
-gibt, das beteuernde und das steigernde, nie richtig unterschieden
-findet, und doch sind sie durch die Interpunktion so leicht zu
-unterscheiden. Ein Komma gehört nur hinter das beteuernde +ja+, denn
-nur hinter diesem wird beim Sprechen eine Pause gemacht: +ja+, es waren
-herrliche Tage! Das steigernde +ja+ dagegen wird mit dem folgenden
-Worte fast in eins verschmolzen: sie duldete diese Mißhandlungen, +ja
-sie+ schien sie zu verlangen -- es ist wünschenswert, +ja+ geradezu
-unerläßlich -- hinter Frankreich liegt der Atlantische Ozean, +ja
-man+ kann sagen die ganze andre Welt. Was soll da ein Komma? Ebenso
-töricht ist es, ein doppeltes +ja+ (+ja ja+), ein doppeltes +nein+
-(+nein nein+), +ei ei!+ +na na+ oder gar das +ha ha!+, das das Lachen
-ausdrücken soll, durch Kommata zu trennen, wie man es in Erzählungen
-und Schauspielen überall gedruckt lesen muß. Man spricht doch nicht
-+ja+ (Pause), +ja+, sondern +jajjah+, +neinnein+, als ob es nur +ein+
-Wort wäre. Und vollends +ha+ (Komma) +ha+! Wer lacht so?
-
-Ganz verkehrt wird von vielen das Kolon (:) angewandt: sie setzen
-es statt des Semikolons (;) und stören damit den, der die Bedeutung
-der Satzzeichen kennt, auf ärgerliche Weise. Das Semikolon schließt
-ab wie der Punkt; das Kolon schließt -- auf, es hat vorbereitenden,
-spannungerweckenden, aussichteröffnenden Sinn, ein gut gesetztes Kolon
-wirkt, wie wenn eine Tür geöffnet, ein Vorhang weggezogen wird. Daher
-steht es vor allem vor jeder direkten Rede (vor die indirekte gehört
-das Komma!); es ist aber auch überall da am Platze, wo es so viel
-bedeutet wie +nämlich+, z. B.: der Verfasser hat mehr getan als diesen
-Wunsch erfüllt: er hat die Aufsätze vielfach erweitert und ergänzt --
-oder wo es dazu dient, die Folgen, das Ergebnis, das erwartete oder
-unerwartete Ergebnis des vorhergeschilderten einzuleiten, z. B.: wir
-baten, flehten, schmollten: er blieb ungerührt und sprach von etwas
-anderm.
-
-Geschmacklos ist es, die der Betonung dienenden Zeichen, das
-Fragezeichen und das Ausrufezeichen, zu verdoppeln, zu verdreifachen
-oder miteinander zu verbinden: ??, !!!, ?! Dergleichen schreit
-den Leser förmlich an, und das darf man sich doch verbitten. Eine
-Abgeschmacktheit ohnegleichen aber ist es, halbe oder ganze Zeilen mit
-Punkten oder Gedankenstrichen zu füllen, wie es unsre Romanschreiber
-und Feuilletonisten jetzt lieben. Das soll geistreich aussehen, den
-Schein erwecken, als ob der Verfasser vor Gedanken und Bildern beinahe
-platzte, sie gar nicht alle aussprechen oder ausführen könnte, sondern
-dem Leser sich auszumalen überlassen müßte. Es ist aber meistens
-nur Wind; wer etwas zu sagen hat, der sagt es schon. Nur +eine+
-Abgeschmacktheit kommt dieser noch gleich, die neueste Zierde des
-Feuilletonstils: eine Menge kleiner Nebensätze jeden mit einem Punkt
-abzuschließen, sodaß die aus Hauptsatz und Nebensätzen bestehende
-Periode dem Leser in lauter Brocken vorgesetzt wird. Auch das soll
-geistreich aussehen, den Schein höchster dramatischer Lebendigkeit der
-Gedankenerzeugung und -einkleidung erregen. In Wahrheit ist es eine
-krasse Stillosigkeit, eine abgeschmackte Manier.
-
-
-Fließender Stil
-
-Man spricht so viel von fließendem Stil, beneidet wohl auch den und
-jenen um seinen fließenden Stil. Ist das Sache der Begabung, oder ist
-es etwas erlernbares?
-
-Zum Teil beruht das, was man fließenden Stil nennt, unzweifelhaft
-auf der Klarheit des Denkens und der Folgerichtigkeit der
-Gedankenentwicklung -- nur wer sich selbst über eine Sache völlig
-klar geworden ist, kann sie auch andern klarmachen --, zum Teil
-auch auf Rhythmus und Wohllaut -- es wird viel zu viel stumm
-geschrieben, während man doch nichts drucken lassen sollte, was man
-sich nicht selber laut vorgelesen hat![151] --, zum größten Teil
-aber beruht es auf gewissen technischen Handgriffen beim Satzbau --
-Handwerksvorteilchen möchte ich sagen --, die man eben kennen muß, um
-sie anwenden zu können. Unbewußt und unwillkürlich wendet sie niemand
-an. Es gibt zwar auch einen Naturburschenstil, der den Leser durch eine
-gewisse Gewandtheit ein paar Seiten lang täuschen kann; dann kommt
-aber plötzlich ein Satz, der deutlich verrät, daß der Verfasser nur
-zufällig, nicht mit Bewußtsein fließend geschrieben hat.
-
-Den angenehmen Eindruck, daß jemand fließend schreibe, hat man
-dann, wenn beim Lesen das Verständnis, die geistige Auffassung des
-Geschriebnen immer gleichen Schritt hält mit der sinnlichen Auffassung,
-die durch das Auge vor sich geht. Ist das nicht der Fall, ist man öfter
-genötigt, stehen zu bleiben, mit den Augen wieder zurückzukehren, einen
-ganzen Satz, einen halben Satz oder auch nur ein paar Worte noch einmal
-zu lesen, weil man sieht, daß man das Gelesene falsch verstanden hat,
-so spricht man von holprigem oder höckrigem Stil. Solch ärgerliches
-Mißverständnis kann aber die verschiedensten Ursachen haben. Wer diese
-Ursachen zu vermeiden weiß, wer den Leser jederzeit +zwingt+, gleich
-beim ersten Lesen richtig zu verstehen, der schreibt einen fließenden
-Stil. Das ist das ganze Geheimnis. Im folgenden sollen einige
-Haupthindernisse eines fließenden Stils zusammengestellt werden.
-
-Vor allem gehört zu ihnen die leider in unsrer Sprache weitverbreitete,
-ungemein beliebte und doch das Verständnis, namentlich dem Ausländer,
-aber auch dem Deutschen selbst überaus erschwerende Unsitte (so, wie es
-hier soeben geschehen ist!), zwischen den Artikel und das zugehörige
-Hauptwort langatmige Attribute einzuschieben, statt diese Attribute
-in Nebensätzen nachzubringen. Dergleichen Verbindungen sind eine Qual
-für den Leser. Man sieht einen Artikel: +die+. Dann folgt eine ganze
-Reihe von Bestimmungen, von denen man zunächst gar nicht weiß, worauf
-sie sich beziehen: +verbreitete+, +beliebte+, +erschwerende+. Endlich
-kommt das erlösende Hauptwort: +Unsitte+! Während also das Auge weiter
-gleitet, weiter irrt, wird unmittelbar hinter dem Artikel der Strom
-der geistigen Auffassung unterbrochen, es entsteht eine Lücke, und der
-Strom schließt sich erst wieder, wenn endlich das Hauptwort kommt.
-Dann ist es aber zu spät, man hat die Übersicht über das Eingeschobne
-längst verloren, muß wieder umkehren und das Ganze noch einmal lesen.
-Eine solche Unterbrechung tritt zwar bei jedem eingeschobnen Attribut
-ein, aber bei kurzen Attributen doch in so geringem Maße, daß man
-sie gar nicht fühlt. Je länger das Attribut ist, desto empfindlicher
-und störender wirkt die Lücke. Nur ein guter Schriftsteller hat ein
-richtiges und feines Gefühl dafür, was er dem Leser in dieser Beziehung
-zumuten darf. Unsre Kanzlisten und Zeitungschreiber haben meist keine
-Ahnung davon; sie schreiben seelenvergnügt, indem sie immer ein
-Attribut ins andre schachteln: das Gericht wolle erkennen, der Geklagte
-(!) sei schuldig, mir für +die+ von mir an +die+ in +dem+ von ihm
-zur Bearbeitung übernommenen +Steinbruch+ beschäftigten +Arbeiter+
-vorgeschossenen +Arbeitslöhne+ Ersatz zu leisten -- oder: von +einer+
-durch +einen+ in +einer Umwälzung+ in den wichtigsten Einrichtungen
-aller Kulturstaaten bestehenden +Vorteil+ ausgezeichneten +Erfindung+
-sind einige Gewinnanteile zu verkaufen -- oder: mit +einem+ von +dem+
-auf +der+ nach +dem Wasser+ zu gelegnen +Veranda+ aufgestellten
-+Musikkorps+ des ersten Gardedragonerregiments geblasenen +Choral+
-wurde die Feierlichkeit eröffnet.
-
-Ein zweites Haupthindernis eines fließenden Stils ist schon früher
-besprochen worden und soll hier nur noch einmal kurz erwähnt werden:
-es ist der unvorsichtige Gebrauch der Fürwörter (vgl. S. 224). Wie
-ärgerlich wird man beim Lesen aufgehalten durch ein +er+, +sie+, +ihm+,
-+ihn+, +sein+, +ihr+, +diesem+, wenn man nicht sofort sieht, auf wen
-oder was es sich bezieht! Wo irgendein Mißverständnis möglich ist,
-sollte immer statt des Fürworts wieder das Hauptwort gesetzt werden.
-
-Eine dritte Unsitte, die das Verständnis alles Deutschgeschriebnen
-in neuerer Zeit in der peinlichsten Weise erschwert, besteht darin,
-daß man das eigentliche und wirkliche Hauptwort des Satzes, nämlich
-das Verbum, immer in ein Substantiv verwandelt, entweder in ein
-wirkliches Substantiv oder in einen substantivierten Infinitiv. Da
-wird z. B. geschrieben: der +Zuhilfenahme+ eines besondern Rechts der
-Persönlichkeit bedarf es nicht (statt: ein besondres Recht zu Hilfe
-zu nehmen ist nicht nötig) -- beim +Unterbleiben+ einer baldigen
-+Inangriffnahme+ des Projekts (statt: wenn das Projekt nicht bald in
-Angriff genommen wird) -- nach +Umarbeitung+ eines Teils der Lieder zum
-Zwecke der +Herstellung+ ihrer +Sangbarkeit+ für Männerchöre an höhern
-Schulen (statt: nachdem ein Teil der Lieder umgearbeitet worden ist, um
-sie sangbar zu machen) -- aus Gründen der +Zugänglichmachung+ dieses
-Vorteils für das große Publikum -- (statt: um diesen Vorteil zugänglich
-zu machen) -- im Interesse der +Vermeidung+ von Wiederholungen (statt:
-um Wiederholungen zu vermeiden) -- trotz der seitens des Vorsitzenden
-erfolgten +Ablehnung+ des Antrags des Angeklagten auf +Vorladung+ des
-Kellners (statt: obgleich der Vorsitzende den Antrag des Angeklagten
-ablehnte, den Kellner vorzuladen) -- das +Mißlingen+ des Versuchs
-muß natürlich sein +Aufgeben+ zur +Folge+ haben (statt: wenn der
-Versuch mißlingt, muß er natürlich aufgegeben werden) -- für die
-+Mehrzahl+ der Reisenden hat die +Erweiterung+ des Gesichtskreises
-aufgehört der +Reisezweck+ zu sein (statt: die meisten reisen nicht
-mehr, um ihren Gesichtskreis zu erweitern) -- die +Voraussetzung+
-für die +Patentierung+ eines Advokaten bildet eine mehrjährige
-+Hilfsarbeiterschaft+ in einem Bureau (statt: wer als Advokat
-patentiert sein will, muß mehrere Jahre Hilfsarbeiter gewesen sein)
--- es gibt eine Grenze, bei deren +Überschreitung+ die +Vermehrung+
-der +Bevölkerung+ nicht zur +Erhöhung+, sondern zur +Verminderung+
-des Wohlstandes führt (statt: das Wachstum der Bevölkerung hat eine
-Grenze; wird diese überschritten, so wird der Volkswohlstand nicht
-vermehrt, sondern vermindert). Es gibt Schriftsteller, bei denen diese
-Art, sich auszudrücken, vollständig zur Manier geworden ist; sie haben
-sich so hinein verrannt, daß sie nicht wieder davon loskommen. Jeder
-Gedanke, der vor ihrer Seele auftaucht, nimmt sofort die Gestalt eines
-Substantivs an, jeder Hauptsatz, jeder Nebensatz gerinnt ihnen zu einem
-Substantiv. +Erweitern+ -- das können sie gar nicht mehr denken, sie
-denken nur noch +Erweiterung+.[152] Statt +um zu+, +weil+, +so daß+,
-+wenn+ schwebt ihnen sofort +Zweck+, +Grund+, +Interesse+, +Folge+,
-+Voraussetzung+ vor. Wenn ein gewissenhafter Redakteur mit solchen
-Mitarbeitern zu tun hat, so bleibt ihm gar nichts weiter übrig, als
-Satz für Satz die harten Substantivschalen entzweizuschlagen und
-überall den weichen Verbalkern herauszuholen, mit andern Worten: Satz
-für Satz umzuschreiben, aus der Substantivsprache in die Verbalsprache
-zu übersetzen. Verba erhalten den Satzbau geschmeidig und flüssig,
-sie lassen sich in der mannigfaltigsten Weise bekleiden, ohne daß die
-Sätze beschwert werden und dadurch schleppend werden. Sowie man aber
-den Verbalbegriff substantiviert, entstehen nicht nur so häßliche
-Bildungen wie: +Zuhilfenahme+, +Inangriffnahme+, +Inanspruchnahme+,
-+Beiseiteschiebung+, +Zugänglichmachung+, +Zurannahmebringung+,
-+Inanklagestandversetzung+, sondern diese zähen Verbalextrakte müssen
-nun auch erst wieder durch irgendeinen wässerigen, gehaltlosen Zusatz
-wie +stattfinden+, +erfolgen+, +bewirken+ in den flüssigen Zustand
-zurückversetzt werden, der für den Satzbau notwendig ist. Außerdem
-verbaut man sich durch solche Substantivierung selbst den Weg, verfitzt
-sich den Satz, und adverbielle Bestimmungen geraten in die Gefahr,
-falsch bezogen zu werden, wie in folgenden Sätzen: Seine Majestät
-+gab das Zeichen+ zum Beginn der Feier +durch Absingung+ eines
-Chorals (statt: durch Absingung +zu beginnen+) -- man +verzichtete+
-auf die Beantwortung einer Thronrede +durch eine Adresse+ (statt:
-durch eine Adresse +zu beantworten+) -- K. wurde der Körperverletzung
-+mittels eines schweren Werkzeuges angeklagt+ (statt: mittels eines
-schweren Werkzeuges +verletzt zu haben+) -- ein Expedient wurde wegen
-Unterschlagung von 750 Mark +zum Nachteil seines Prinzipals verhaftet+
-(statt: weil er zum Nachteil seines Prinzipals oder einfach: seinem
-Prinzipal +unterschlagen hatte+) -- die Fischerinnung hat das Befahren
-der Flüsse innerhalb der Stadtflur +mit Booten und Kähnen verboten+
-(statt: mit Booten und Kähnen +zu befahren+). Eine adverbielle
-Bestimmung gehört, wie ihr Name sagt, zunächst zum Verbum; wird
-dieses Verbum substantiviert, so flüchtet sie eben zu einem andern
-Verbum, und der Unsinn ist fertig. Namentlich in unsrer Gesetz- und
-Verordnungssprache spielt dieser Fehler eine große Rolle; Tausende von
-Bekanntmachungen, Verordnungen, Warnungen und Verboten, aber auch die
-einzelnen Punkte von Tagesordnungen und Protokollen fangen gewöhnlich
-gleich mit einem Verbalsubstantiv oder einem substantivierten Infinitiv
-an und quälen dann sich und die Leser mit allem, was darauf folgt.
-
-Ein vierter, sehr häufiger Fehler, aus dem das gerade Gegenteil eines
-fließenden Stils entspringt, besteht darin, daß ein ~casus obliquus~
-eines Hauptworts so im Satze gestellt wird, daß er beim ersten Lesen
-entweder nicht erkannt wird oder falsch bezogen werden muß. Sehr
-gewöhnlich ist es z. B., daß ein Satz mit einem Akkusativ angefangen
-wird, der, weil er ein Femininum, ein Neutrum oder ein Plural ist oder
-keinen Artikel hat, nicht eher als Akkusativ erkannt wird, als bis
--- oft ziemlich spät -- das Subjekt folgt[153]; bis dahin hält ihn
-jeder Leser für den Nominativ, also für das Subjekt des Satzes, z. B.:
-+die Pflege+ und die Wartung des jüngsten Kindes besorgt die Hausfrau
-selbst -- +die Frage+, ob es richtig war, auch die schon seit längerer
-Zeit ansässigen Einwandrer auszuweisen, untersuche ich hier nicht --
-+seine Erziehung+ hatte bisher nach der allgemeinen Gewohnheit in
-hochadligen Familien ein Priester geleitet -- die beste +Schilderung+
-Corneliens, zugleich ein herrliches Denkmal dankbarer Liebe, haben
-wir in Wahrheit und Dichtung -- die +harmlose Geselligkeit+ der
-anständigen Restaurationen will der Ankläger nicht gemeint haben --
-+die Einreihung+ der nicht teuern Bände in jede Familienbibliothek
-befürworte ich aufs wärmste -- +das Orchester+ führte schneidig
-und mit Umsicht Herr Kapellmeister P. -- +das große Pferd+, dessen
-mythologische Bedeutung schon durch die Statue auf der Säule nahegelegt
-wird, hat Thausing als Herkules gedeutet -- +das geistige Leben+
-beherrscht auf der einen Seite die bald in scholastischer Erstarrung
-erstickende lutherische Theologie, auf der andern der Jesuitismus --
-+anerkannte Namen+ von bestem Klange wie aufstrebende neue Talente hat
-unsre Mitarbeiterliste aufzuweisen -- des Kaisers +Sieg+ bei Mühlberg,
-nach dem die Tage des Evangeliums gezählt schienen, feierte Agricola
-durch einen Dankgottesdienst -- +die Herren+, die sich an unserm
-Fortbildungskursus beteiligen wollen, ersuchen wir usw. Aber auch andre
-Fälle solcher falscher Beziehungen kommen vor, wie folgende Beispiele
-zeigen (das Mißverständnis, in das jeder Leser zunächst verfällt, soll
-durch den Druck hervorgehoben werden): +diese volle Unabhängigkeit+
-fordernde Stelle -- +in einem Ende+ November 1862 an das Ministerium
-gerichteten Schreiben -- die Sozialdemokratie besteht noch +in dem
-Staate+ gefahrdrohender Weise -- der Staatsbetrug der Armeelieferanten
-ist mir lieber als +der der Staatsteile+ verschachernden Fürsten -- es
-handelt sich um +eine sehr weite+ Kreise interessierende Angelegenheit
--- um sie +zu allen Anforderungen+ entsprechenden Soldaten zu machen --
-die Absicht, den Platz +mit dem Festzweck+ entsprechenden Dauerbauten
-zu versehen -- sie hat ihm +zu seinem Aufsehen+ erregenden Mädchenbilde
-gesessen -- mit Rücksicht +auf die Befähigten+ zu erteilende Ausbildung
--- das nationale Gefühl ist +durch Jahrhunderte+ lange Trennung
-geschwächt -- die beiden Täler werden +von Steinforellen+ enthaltenden
-Bächen durchflossen -- diese Konglomerate von +kleinlichen,
-detaillierten Spezialforderungen+ anzupassenden Verwaltungsräumen --
-+es traten sich mühsam+ mit der Gitarre begleitende Sängerinnen auf usw.
-In allen diesen Sätzen verbindet man im ersten Augenblicke falsch; im
-nächsten Augenblicke sieht man natürlich die richtige Verbindung, aber
-seinen Rippenstoß hat man weg.
-
-Viele Druckseiten könnten hier mit Beispielen der verschiedensten
-Art gefüllt werden, die alle darauf hinauslaufen, daß der Leser beim
-ersten Lesen falsch versteht, an einer gewissen Stelle merkt, daß er
-falsch verstanden hat, und deshalb umkehren und das Gelesene gleichsam
-umdenken muß. Sehr häufig ist der Fall, daß dem Schreibenden bei
-einem Fürwort, einem Partizip, einem Adverb ein erst später folgendes
-Hauptwort oder Zeitwort vorschwebt, während es der Leser, der das nicht
-wissen kann, auf ein schon dagewesenes bezieht. Welche Störung dann!
-Da wird z. B. geschrieben: in Berlin gelang es +Bandel+ nicht, festen
-Fuß zu fassen; mit der brutalen Deutlichkeit, die +ihm+ eigen war,
-erklärte ihm +Schadow+ usw. (hier wird jeder Leser +ihm+ zunächst auf
-Bandel beziehen, während es auf Schadow gehen soll) -- die Gedichte
-wurden meine Einführungsbriefe bei den Dichtern Münchens, die ich fast
-alle in diesen Jahren im Hause meines Vaters kennen lernte; als +Glied
-des Leseausschusses+, als Regisseur, als Träger der Heldenrollen und
-wahrlich nicht am wenigsten als einsichtsvoller und wohlwollender
-Berater, als ein in allen Stücken prächtiger Mann war +er+ von den
-Herren gar eifrig gesucht (hier bezieht der Leser alle die schönen
-Prädikate des zweiten Satzes auf +ich+, bis er zuletzt merkt, daß sie
-sich auf +er+ beziehen) -- wie sehr unsre Landsleute am Vaterlande
-hängen, bewies die reiche +Spende+, die sie zum Bismarckdenkmal
-herübersandten. In herrlichem Gartengrün +verborgen, umgeben+ von
-tropischer Blumenpracht, hat der deutsche Verein in Honolulu sein
-+eignes Heim+ (hier versucht man, die Partizipia +verborgen+ und
-+umgeben+ zunächst auf +Spende+ zu beziehen, bis man endlich merkt,
-daß sie zu +Heim+ gehören sollen) -- diese Idee +kam+ von außen, +aus+
-der römisch gebildeten +Umgebung+ des Königs und aus den Bedürfnissen
-des römischen Papsttums +erwuchs sie+ (hier merkt man erst, daß man
-das zweite +aus+, und was darauf folgt, fälschlich mit +kam+ verbunden
-hat) -- obgleich ich nicht wußte, ob ich sitzen bleiben dürfte oder
-mich zurückziehen müßte, blieb ich doch +sitzen+. +So sehr+ hatte
-mich die bewundernswerte Persönlichkeit des Grafen gefangen genommen,
-daß ich selbst die gewöhnlichsten Gesellschaftsregeln +außer acht
-ließ+ (hier bezieht man +so sehr+ zunächst auf das vorhergehende
-+sitzen bleiben+, es soll aber den kommenden Folgesatz vorbereiten)
--- das ist zum erstenmal der volle, unvergleichliche +Beethoven+; und
-angesichts dieser Stelle kann man es nur mit der Eile, mit der +er+
-schrieb, entschuldigen, daß +Berlioz+ in dieser Sinfonie nur Haydnsche
-Musik gesehen hat (hier bezieht jeder Leser das +er+, womit Berlioz
-gemeint ist, zunächst auf Beethoven). Auch wenn geschrieben wird:
-diese Urkunden +ändern+ das Bild, das man sich von jenen Sekten und
-von der zu ihrer Vertilgung eingesetzten Inquisition gemacht hatte,
-+nicht wesentlich+ -- die jetzige ritterschaftliche Vertretung besitzt
-in ihrer Mehrheit das nötige Verständnis für die Aufgaben ihrer Zeit
-+nicht+ -- Wien +hat den Ruhm+, unter allen deutschen Hauptstädten
-zuerst eine Pflegstätte für das musikalische Lustspiel, die idyllische,
-bürgerliche und lyrisch-romantische Oper zu besitzen, +nicht lange
-genossen+ -- so liegt derselbe Fehler vor. Daß Wien den Ruhm nicht
-lange genossen hat, erfährt der Leser zu spät; bis dahin hat er glauben
-müssen, es hätte ihn überhaupt.
-
-Abzuhelfen ist solchen Anstößen, wie man sieht, auf die verschiedenste
-Weise, aber immer sehr leicht: ein denkender Schriftsteller wird
-sich überall schnell zu helfen wissen, sobald er nur -- den Anstoß
-bemerkt. Aber das ist eben das schlimme, daß der Schriftsteller selber
-gewöhnlich solche Anstöße +nicht+ bemerkt, nur der Leser bemerkt
-sie. Wie dem abzuhelfen sei? Vor allem dadurch, daß man sich beim
-Lesen dessen, was andre geschrieben haben, überall da, wo man hängen
-bleibt, darüber Rechenschaft gibt, warum man hängen bleibt, und dann
-dergleichen vermeidet. Man kann es darin bei einigem guten Willen sehr
-bald zu einer gewissen Fertigkeit bringen. Ein andres, sehr einfaches
-Mittel ist, daß man nichts naß in die Druckerei gibt, sondern alles,
-was man geschrieben hat, wenn auch nicht ~nonum in annum~, so doch
-einige Tage lang beiseite legt und dann wieder vornimmt. In dieser
-Zwischenzeit ist es einem gewöhnlich so fremd geworden, daß man von all
-den Anstößen, die jeden andern Leser verletzen würden, selber verletzt
-wird, sie also noch rechtzeitig beseitigen kann.
-
-Auf jeden Fall sollten folgende stilistische Haus- und Lebensregeln
-beobachtet werden: 1. schreibe Zeitwörter, nicht Hauptwörter! 2.
-schreibe Hauptwörter, nicht Fürwörter! 3. schachtle nicht, sondern
-schreibe Nebensätze! 4. schreibe laut! schreibe nicht immer bloß für
-die Augen, sondern vor allem auch für die Ohren! Mit der Beobachtung
-dieser Regeln und Ratschläge wird man freilich noch lange kein großer
-Schriftsteller, aber ohne sie auch nicht. Die Schriftstellerei ist eine
-Kunst, und jede Kunst hat ihre Technik, die gelehrt und gelernt werden
-kann. Wie der Maler malen, so muß der Schriftsteller schreiben können,
-und der geistvollste Schriftsteller kann sich um alle Wirkung bringen,
-wenn er seine Leser aller Augenblicke durch Ungeschicklichkeiten und
-lumpige technische Schnitzer stört und ärgert.
-
-
-
-
-Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Die Stoffnamen
-
-Zahllose Fehler und Geschmacklosigkeiten werden in der Wahl und der
-Anwendung der Wörter begangen.
-
-Alle Stoffnamen wie: +Wein+, +Bier+, +Blut+, +Eisen+, können von Rechts
-wegen nur im Singular gebraucht werden, und so priesen denn auch früher
-unsre Kaufleute nur ihren guten +Lack+ oder +Firnis+ an, auch wenn
-sie noch so viel Sorten hatten. Von einigen solchen Wörtern hatte man
-aber doch gewagt, den Plural zu bilden, um die Mehrzahl der Sorten
-zu bezeichnen, und wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Schon das
-sechzehnte Jahrhundert kannte die Plurale: +die Bier+, +die Wein+, im
-Faust heißt es: ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
-doch ihre +Weine+ trinkt er gern, und die Chemie und die Technologie
-reden schon lange von +Ölen+ und +Fetten+. Neuerdings wird aber doch
-diese Pluralbildung in unerträglicher Weise ausgedehnt; man empfiehlt
-nicht nur +Lacke+, +Firnisse+, +Öle+ und +Seifen+, sondern auch
-+Mehle+, +Grieße+, +Essige+, +Salate+, +Honige+, +Tabake+, +Zwirne+,
-+Garne+, +Wollen+ (Strick- und Häkelwollen!), +Tuche+, +Seiden+,
-+Flanelle+, +Plüsche+, +Tülle+, +Battiste+, +Kattune+, +Damaste+,
-+Barchente+ -- +Tees+, +Kaffees+, +Kakaos+, +Buckskins+ usw. Diese
-Formen, die die immer rücksichtsloser werdende Reklamesprache unsrer
-Kaufleute geschaffen hat, haben etwas stammelndes, sie klingen wirklich
-wie Kindergelall. Wenn auf diesem Wege weitergegangen würde, müßte man
-in Zukunft auch +Wachse+, +Leime+, +Kalke+, +Porzellane+, ja sogar
-+Fleische+, +Wurste+, +Korne+, +Glase+, +Stahle+ anpreisen können.
-Denn +Würste+, +Körner+, +Gläser+, +Stähle+ (Plättstähle sagt man in
-Leipzig) sind doch etwas andres, sie bezeichnen die einzelnen Stücke,
-aber nicht die Sorten; ähnlich die +Kälke+, von denen die Gerber früher
-sprachen. Die Geologen reden bereits von +Sanden+ und +Tonen+, statt
-von Sand- und Tonarten. Wo ist die Grenze? Und wie will man überhaupt
-eine Mehrzahl bilden von +Schiefer+, +Zucker+, +Obst+, +Milch+,
-+Butter+, +Käse+, +Leinwand+, +Flachs+, +Spiritus+, +Petroleum+? Das
-Bedürfnis, die verschiednen Sorten auszudrücken, ist doch bei diesen
-Dingen gewiß ebenso stark wie bei andern. An der Firma einer Leipziger
-Handlung steht: +Stahl aller Art+. Wie vornehm klingt das! Man freut
-sich jedesmal, wenn man vorbeigeht. Wie dumm dagegen ist die Mehrzahl
-+Abfallseifen+! Wenn es irgend etwas gibt, was man nicht in den Plural
-setzen kann, so ist es doch das Sammelsurium, daß man als „Abfallseife“
-bezeichnet.
-
-Ein wunderliches Gegenstück zu diesen anstößigen Pluralen ist es, daß
-von manchen Wörtern die Mehrzahl jetzt auffällig vermieden wird. Von
-den schönen +Haaren+ einer Frau zu sprechen, gilt nicht für fein; nur
-daß sie schönes +Haar+ habe, hört sie gern. Und beim Schneider bestellt
-man sich nicht mehr neue +Hosen+ -- das wäre ja ganz plebejisch! --,
-nein, eine neue +Hose+. Was will man denn aber mit +einer+ Hose?
-Man hat doch zwei Beine, also wird man auch immer ein Paar +Hosen+
-brauchen. +Hose+ bedeutet doch nur die zylinderförmige Hülse für +ein+
-Bein. Vornehme Leute haben allerdings auch keine Beine mehr, sondern
-nur noch Füße. Ich habe mich an den Fuß gestoßen, sagt die feine
-Dame; wenn man sie aber nach der Stelle fragt, zeigt sie -- auf den
-Oberschenkel.
-
-
-Verwechselte Wörter
-
-Nicht bloß Kindern, auch Erwachsenen, oft sogar recht „gebildeten“
-Erwachsenen begegnet es, daß sie ein Wort in falschem Sinne gebrauchen
-oder zwei Wörter oder Redensarten miteinander verwechseln oder
-vermengen. Es fehlt ihnen dann an der nötigen Spracherfahrung. Sie
-haben die Wörter noch nicht oft genug gehört, oder sie haben nicht
-scharf genug auf den Zusammenhang geachtet, worin ihnen die Wörter
-vorgekommen sind, und so verbinden sie nun einen falschen Sinn damit.
-Es gibt Bücher über Shakespeares, Goethes, Schillers +Frauengestalten+.
-Darunter hat wohl noch niemand etwas andres verstanden als die
-Frauen in den Werken der drei Dichter. Vor kurzem ist aber ein Buch
-erschienen: +Lenaus Frauengestalten+. Das behandelt „diejenigen (!)
-Frauen, welche (!) bedeutsam (!) in das Leben und Werden (!) Lenaus
-eingegriffen haben“. Wenn eine solche Begriffsverwechslung einem
-Schriftsteller begegnet, dann kann man den Schenkwirten keinen Vorwurf
-machen, wenn sie neuerdings mit Vorliebe auf die +kleinen Preise+
-ihrer Speisekarte aufmerksam machen. Zwischen +Preis+ (~praemium~) und
-+Preis+ (~pretium~) ist ein Unterschied. Große und +kleine Preise+
-gibt es bei Preisausschreiben und Preisverteilungen; im Handel aber
-gibt es nur hohe und +niedrige+ oder +billige+ oder +mäßige Preise+.
-Man scheint zu glauben, daß man durch +niedrige+ Preise das Publikum
-beleidige; Sängerinnen veranstalten schon Konzerte zu +volkstümlichen+,
-sogar +populären+ Preisen.[154] In den Zeitungen kann man jeden Tag
-lesen, daß ein Erkrankter oder ein Verunglückter in das oder jenes
-Krankenhaus +eingeliefert+ worden sei. Welche Roheit! Ein Verbrecher
-wird ins Gefängnis +eingeliefert+, nachdem er verhaftet worden ist,
-aber doch nicht ein armer Kranker!
-
-Oft verwechselt werden jetzt von Hauptwörtern: +Neuheit+ und
-+Neuigkeit+, +Wirkung+ und +Wirksamkeit+, +Folge+ und +Erfolg+, von
-Zeitwörtern: +zeigen+, +zeichnen+, +bezeichnen+ und +kennzeichnen+,
-+verlauten+ und +verlautbaren+ u. a., von Adverbien: +regelmäßig+ und
-+in der Regel+, +anscheinend+, +scheinbar+ und +augenscheinlich+,
-+voran+ und +vorwärts+, +zumal+ und +besonders+.
-
-+Neuheiten+ liegen in dem Schaufenster des Modewarenhändlers; in dem
-des Buchhändlers liegen +Neuigkeiten+. Bis vor kurzem wenigstens ist
-dieser Unterschied stets beobachtet und von literarischen Erzeugnissen
-dasselbe Wort gebraucht worden wie von neuen Nachrichten: +Neuigkeit+.
-Es hat einen geistigern Inhalt als +Neuheit+, und die Schriftsteller
-sollten es sich verbitten, daß man ihre Erzeugnisse mit demselben Worte
-bezeichnet wie die des Schneiders.
-
-Von der +Wirksamkeit+ des Saxlehnerschen Bitterwassers zu reden ist
-ebenso verkehrt, wie zu sagen: diese Maßregel verliert auf die Dauer
-ihre +Wirksamkeit+. Der Pfarrer wirkt in seinem Amte, eine Maßregel
-wirkt vielleicht im Verkehr, und das Bitterwasser wirkt in den
-Gedärmen; aber nur der Pfarrer hat eine +Wirksamkeit+, die beiden
-andern haben eine +Wirkung+.
-
-Ebenso sinnwidrig ist es von dem +Erfolg+ zu knapper Mittel zu reden,
-statt von den +Folgen+, denn ein +Erfolg+ ist etwas positives,
-erfreuliches, zu knappe Mittel sind etwas negatives, unerfreuliches.
-
-+Kennzeichnen+ ist sehr beliebt geworden, seitdem man es als Ersatz
-für das Fremdwort +charakterisieren+ gebraucht. Es wird aber oft ganz
-gedankenlos verwendet. Wenn geschrieben wird: welche Stellung er zur
-Revolution einnahm, ist schon oben kurz +gekennzeichnet+ worden --
-durch ihre Aussprüche +kennzeichnen+ sie ihre Zugehörigkeit zur stillen
-Gemeinde -- wir haben das Buch als das +gekennzeichnet+, was es ist:
-als eine Tendenzschrift -- der ungeheure Verbrauch von Offizieren muß
-als ein Luxus +gekennzeichnet+ werden -- der Hauptraum, der als Halle
-oder Kapelle +gekennzeichnet+ werden kann -- die ganze Kläglichkeit der
-heutigen Handwerkspolitik hat Stieda trefflich +gekennzeichnet+ -- so
-liegt auf der Hand, daß in den ersten drei Sätzen +zeigen+ (andeuten,
-verraten, nachweisen), in den zwei nächsten +bezeichnen+, in dem
-letzten einfach +zeichnen+ (schildern) gemeint ist.
-
-+Verlauten+ ist ein intransitives Zeitwort und bedeutet: +laut werden+.
-Es +verlautet+ etwas -- heißt: man erzählt es, man spricht davon.
-+Verlautbaren+ dagegen (ein entsetzliches Kanzleiwort!) ist transitiv
-und bedeutet: +laut aussprechen+, bekanntmachen. Ganz verkehrt ist es
-also, zu sagen: es +verlautbart+ etwas.[155]
-
-Sehr gern verwechselt werden auch +erhalten+ und +empfangen+: er
-+empfing+ die Nachricht, daß sein Freund bankrott sei -- wenige Stunden
-später +empfing+ Delbrück abermals ein Telegramm Bismarcks. Wenn man
-Besuch +erhält+, so kann man ihn natürlich auch +empfangen+, entweder
-freundlich oder höflich oder feierlich; aber Nachrichten, Briefe,
-Telegramme, Geld usw. +erhält+ man, wenn es auch üblich ist, hinterher
-den richtigen +Empfang+ anzuzeigen.
-
-Falsch ist es auch, aber trotzdem sehr beliebt, reflexive Zeitwörter,
-wie: +sich erheben+, +sich anschließen+, ihres rückbezüglichen Fürworts
-zu berauben, sie als Intransitiva zu behandeln und zu schreiben: ein
-Festaktus in der Aula mit +anschließendem+ Rundgange durch das Gebäude
--- die Versammlung bezeugte ihre Teilnahme durch +Erheben+ von den
-Plätzen. Man erhebt +sich+, oder einfach: man -- +steht auf+!
-
-+Regelmäßig+ ist dasselbe wie +immer+; +in der Regel+ aber ist nicht
-dasselbe wie +immer+. Wer regelmäßig früh um fünf Uhr aufsteht, leistet
-mehr, als wer es bloß in der Regel tut. Die Regel leidet eine Ausnahme,
-die Regelmäßigkeit leidet keine.
-
-Wenn eine Zeitung schreibt: die Herren verlebten einen +scheinbar+
-ganz köstlichen Abend -- so ist das etwas ganz andres, als was der
-Zeitungschreiber sagen will. Mit +scheinbar+ wird ein Anschein gleich
-für falsch erklärt, mit +augenscheinlich+ wird er gleich für richtig
-erklärt, mit +anscheinend+ wird gar kein Urteil ausgesprochen. Er
-verzichtet +scheinbar+ auf einen Gewinn -- heißt: in Wahrheit ist
-er ganz gierig darnach; er verzichtet +anscheinend+ -- heißt: es
-kann sein, daß er verzichtet, es kann auch nicht sein; er verzichtet
-+augenscheinlich+ -- heißt: er verzichtet offenbar.
-
-+Voran+ bezeichnet einen Platz, und zwar den ersten Platz, die Spitze,
-+vorwärts+ dagegen eine Richtung. Es ist also Gedankenlosigkeit oder
-Ziererei, wenn jemand schreibt: Max Müller hat die Forschung in der
-Sprachwissenschaft in keinem Punkte +voran+ gebracht. Gemeint ist:
-+vorwärts+gebracht oder +gefördert+.
-
-Durch +zumal+ erfährt eine Behauptung eine in der Sache selbst
-liegende, also selbstverständliche Steigerung z. B.: die Urkunden
-sind schwer lesbar, +zumal+ im siebzehnten Jahrhundert (wo man
-überhaupt schlecht schrieb -- ist der Sinn) -- du solltest dich doch
-sehr in acht nehmen, +zumal+ im Winter. Ganz unangebracht ist es
-dagegen in folgendem Satze: als ich die Quellen zur Geschichte des
-Bistums durcharbeitete, stieß ich, +zumal+ in zwei Handschriften des
-fünfzehnten Jahrhunderts, auf zahlreiche Aktenstücke. Hier kann es nur
-+besonders+ oder +namentlich+ heißen.
-
-Keine Verwechslung, sondern bloße Ziererei ist es, für +erstens+ zu
-schreiben +einmal+: ich muß das aus verschiednen Gründen ablehnen,
-+einmal+ weil, +sodann+ weil usw. Wer darauf aufmerksam gemacht worden
-ist, unterläßt das; es ist wirklich eine Abgeschmacktheit.
-
-Nicht verwechselt, aber vermengt werden neuerdings fortwährend die
-beiden Redensarten +einig sein+ und +sich klar sein+. +Einig sein+
-über etwas können immer nur mehrere; +sich klar sein+ kann auch ein
-einzelner. Ganz sinnlos aber ist das aus beiden zusammengeknetete
-+sich einig sein+, das man jetzt täglich lesen muß: Protestanten und
-Katholiken sind +sich+ in diesem Punkte +einig+ -- darin waren +sich+
-zwei Männer von so verschiedner Art wie Freytag und Treitschke +einig+
--- die Völker andrer Zonen sind +sich+ darüber +einig+ -- die Ärzte
-sind +sich+ schon lange darüber +einig+ -- in dieser Wahlparole sind
-+sich+ heute alle völlig +einig+ -- die Reichsregierung ist +sich+
-über die Höhe der Forderungen noch nicht +einig+ -- es handelt sich um
-Maßnahmen, über die wohl die überwiegende Mehrheit +sich einig+ ist --
-vor kurzem noch war man +sich+ in Kunstgelehrtenkreisen darüber +einig+
--- offenbar ist man +sich+ über gewisse Personenfragen noch nicht
-+einig+ -- in der Forderung einer amtlichen, unanfechtbaren Darstellung
-des Falles wird man +sich+ wohl überall +einig+ sein. Wenige
-Sprachdummheiten haben sich in den letzten Jahren so seuchenartig
-verbreitet wie dieses +sich einig sein+. Fort wieder mit dem törichten
-+sich+![156]
-
-
-Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit
-
-Von manchen wird ein lebhafter Kampf gegen die Wörter auf +ung+
-geführt. Sie klängen häßlich, heißt es, ja sie seien geradezu eine
-Verunstaltung unsrer Sprache. Im Unterricht wird gelehrt, man solle
-sie möglichst vermeiden. Irgend jemand hat sogar die witzige Bemerkung
-gemacht, unsre Sprache mit ihren vielen +ung-ung-ung+ klinge wie lauter
-Unkenrufe.
-
-Das ist zunächst eine Übertreibung. Die Endung +ung+ ist tonlos
-und fällt nicht so ins Gehör, daß sie, in kurzen Zwischenräumen
-wiederholt, stören könnte. Wenn in dem heutigen Deutsch das Ohr
-durch nicht schlimmeres verletzt würde als durch die Endung +ung+,
-so wäre es gut. Ein Satz wie folgender: über die +Voraussetzungen+
-zu einer +Schließung+ des Reichstags enthält die +Verfassung+ keine
-ausdrückliche +Bestimmung+ -- hat gar nichts anstößiges. In lebendiger
-Rede hört man es kaum, daß hier kurz hintereinander vier Wörter auf
-+ung+ stehen. Hebt man freilich die Endung auffällig hervor, so kann es
-wohl lächerlich klingen; aber auf diese Weise könnte man auch hundert
-andre Spracherscheinungen lächerlich machen.
-
-Nicht die Wörter auf +ung+ muß man bekämpfen, sondern eine immer mehr
-um sich greifende garstige Gewohnheit, die dazu verleitet, eine Menge
-wirklich häßlicher Wörter auf +ung+ zu bilden, darunter Ungetüme
-wie: +Inbetriebsetzung+, +Außerachtlassung+, +Inwegfallbringung+,
-+Zurdispositionstellung+, +Außerdienststellung+ u. a., die Gewohnheit,
-eine Handlung oder einen Vorgang nicht durch ein Zeitwort auszudrücken,
-sondern durch ein Substantiv in Verbindung mit irgendeinem farblosen
-Zeitwort des Geschehens (mit Vorliebe +stattfinden+ oder +erfolgen+).
-Da ist es aber nicht die Endung +ung+, die stört, sondern das
-schleppende Wortungetüm, das damit gebildet ist, und der ganze
-unlebendige Gedankenausdruck (vgl. S. 328). Wir haben vielmehr allen
-Anlaß, die Endung +ung+ zu schützen, ja zu verteidigen gegen törichte
-Neubildungen, die sich ihr an die Seite drängen wollen.
-
-Die Wörter auf +ung+ bezeichnen zunächst eine Handlung, einen
-Vorgang; +Bildung+, +Erziehung+, +Aufklärung+, +Einrichtung+ bedeuten
-zunächst die Handlung, die Tätigkeit des Bildens, des Erziehens, des
-Aufklärens, des Einrichtens. Aus dieser Bedeutung entwickelt sich
-aber eine weitere, nämlich die des Ergebnisses, das die Handlung hat,
-des Zustandes, der durch sie herbeigeführt worden ist; +Bildung+,
-+Erziehung+, +Aufklärung+ bedeuten auch den Zustand des Gebildetseins,
-des Erzogenseins, des Aufgeklärtseins, +Einrichtung+ auch das
-Eingerichtete selbst. Vielfach hat nun die Sprache, um den Unterschied
-zwischen der Handlung und ihrem Ergebnis zu bezeichnen, neben dem Wort
-auf +ung+ noch ein kürzeres, meist mit Ablaut, unmittelbar aus dem
-Stamme geschaffen, also eine starke Bildung neben der schwachen. So
-haben wir +Anlage+ neben +Anlegung+, +Vorlage+ neben +Vorlegung+ und
-können geradezu reden von der +Anlegung+ von Gas- und Wasser+anlagen+,
-der +Vorlegung+ von Zeichen+vorlagen+. Da besteht nun schon seit
-alter Zeit die Neigung, die Bildung auf +ung+ ganz zu beseitigen und
-ihre Aufgabe der kürzern Form mit zu übertragen. So sind die Wörter
-+Kaufung+ und +Verkaufung+ ganz verschwunden; heute bedeutet +Kauf+
-und +Verkauf+ auch die Handlung des Kaufens und Verkaufens. Noch um
-1800 sprach man von +Einführung+ und +Ausführung+ von Waren, und wenn
-man mit etwas nicht einverstanden war, machte man eine +Einwendung+;
-heute heißt es: +Einfuhr+, +Ausfuhr+, +Einwand+. Und diese Neigung
-ist gegenwärtig sehr stark verbreitet: obwohl die Sprache eine
-Unterscheidung an die Hand gibt, es ermöglicht, einen Unterschied zu
-machen (wieder ein Beispiel: +Unterscheidung+ und +Unterschied+!),
-verschmäht man ihn und redet von +Hingabe+, +Freigabe+, +Erwerb+
-(in jedem Bande stand auf dem Titelblatte das Datum des +Erwerbs+!),
-+Gewinn+, +Bezug+, +Vollzug+, +Entscheid+, +Entsatz+, +Ersatz+,
-+Vergleich+, +Ausgleich+, +Aufgebot+, +Freispruch+ (des Angeklagten),
-+Zusammenschluß+, wo +Hingebung+, +Freigebung+ (der Sonntagsarbeit),
-+Erwerbung+ (eines Grundstücks oder der Staatsangehörigkeit),
-+Gewinnung+ (Schlesiens), +Beziehung+, +Vollziehung+, +Entscheidung+,
-+Entsetzung+ (Emin Paschas), +Ersetzung+, +Vergleichung+, +Aufbietung+
-(aller Kräfte), +Zusammenschließung+ das Richtige wäre, weil eine
-Handlung gemeint ist. Vor dem letzten Einzug des Königs in Leipzig
-schilderte ein Zeitungschreiber, wieviel fleißige Hände mit dem
-+Ausschmuck+ der Straßen beschäftigt wären. In den nächsten Tagen
-plapperten das dumme Wort alle Leipziger Zeitungen nach![157]
-Andrerseits: da, wo die Sprache wirklich beides, Handlung und Zustand,
-mit demselben Worte, und zwar auf +ung+, ausgedrückt hat, schafft man
-künstlich einen Unterschied durch häßliche Neubildungen auf +heit+
-(sie schießen wie Pilze aus der Erde!) und läßt die Menschen aus
-+Geneigtheit+ oder +Abgeneigtheit+, in der +Zerstreutheit+, in der
-+Verzücktheit+, in der +Verstimmtheit+, in der +Aufgeregtheit+, in
-der ersten +Überraschtheit+, mit +Gefaßtheit+, unter Merkmalen von
-+Geistesgestörtheit+ oder gar +geistiger Gestörtheit+ tun, was sie
-früher aus +Neigung+ oder +Abneigung+, in der +Zerstreuung+, in der
-+Verzückung+, in der +Verstimmung+, in der +Aufregung+, in der ersten
-+Überraschung+, mit +Fassung+, in einem Anfalle von +Geistesstörung+
-taten. Ja man redet sogar von künstlerischer +Abgeklärtheit+, von
-religiöser +Aufgeklärtheit+, von der +Isoliertheit+ eines Gebäudes, von
-der +Vertiertheit+ des Proletariats und sieht mit +Gespanntheit+ den
-kommenden Ereignissen entgegen. Hier überall gilt es, die Bildung auf
-+ung+ vor der häßlichen Nebenbildung auf +heit+ zu schützen und das
-einschlummernde Sprachgefühl wieder zu wecken. Der Straf+vollzug+,
-von dem die Juristen immer reden, ist ein Greuel, der doch aus
-unsrer Sprache wieder hinauszubringen sein müßte; ebenso die innige
-+Hingabe+.[158] Wird jemand +Anziehung+ und +Anzug+ oder +Abtretung+
-und +Abtritt+ oder +Eingebung+ und +Eingabe+ verwechseln und sagen:
-er tat das aus göttlicher +Eingabe+? Das fürchterlichste ist wohl der
-+Bezug+. Früher kannte man +Bezüge+ nur an Bettkissen, Stuhlpolstern
-und Regenschirmen. Jetzt steht +Bezug+ überall für +Beziehung+, und
-da nun die, die das Wort so gebrauchen, die Bedeutung der Handlung
-dabei doch nicht recht fühlen, was haben sie gemacht? Sie haben das
-herrliche Wort +Bezugnahme+ erfunden. Das kann man doch bequemer haben:
-was mühselig durch das zusammengesetzte Wort +Bezugnahme+ ausgedrückt
-werden soll, das liegt ja in dem einfachen Worte +Beziehung+!
-
-
-Vertauschung der Hilfszeitwörter
-
-Eine vollständige Verschiebung scheinen manche jetzt unter den
-Hilfszeitwörtern (+können+, +mögen+, +wollen+, +dürfen+, +sollen+,
-+müssen+) durchsetzen zu wollen. Und +warum+? Aus bloßer Ziererei, nur,
-um es einmal anders zu machen, als es bisher gemacht worden ist. Da
-schreibt einer: es +mag+ für ältere Mitglieder von Interesse sein die
-Mitgliederliste kennen zu lernen. Nun denkt man, er werde fortfahren:
-aber für die jüngern hat es kein Interesse, und darum teile ich sie
-nicht mit. Nein, er teilt sie mit! Er hat also sagen wollen: die Liste
-+kann+ oder +wird vielleicht+ von Interesse sein, darum will ich sie
-mitteilen. Eine Zeitschrift macht bekannt: Abonnenten +wollen+ die
-Fortsetzung bei der Expedition bestellen -- ein Realschuldirektor
-schreibt: Neuphilologisch geschulte Bewerber +wollen+ ihre Gesuche
-bis zum 1. Dezember einreichen. Das ist doch nichts als Nachäfferei
-des Französischen (~veuillez~); deutsch kann es nur heißen: +mögen+
-sie einreichen, oder wenn das nicht höflich genug scheint, +werden
-gebeten+, +werden ersucht+, sie einzureichen. Noch alberner ist es, ein
-solches +wollen+ mit dem Passivum zu verbinden: die Redaktion +wolle+
-angewiesen werden (statt: es wird gebeten, die Redaktion anzuweisen)
--- das Testament +wolle+ in Verwahrung genommen werden -- das Öffnen
-der Fenster +wolle+ den Schaffnern aufgetragen werden -- es +wolle+
-sich gefälligst des Tabakrauchens enthalten werden. Sehr beliebt ist
-es auch jetzt, zu schreiben: ich +darf+ endlich noch hinzufügen --
-hier +darf+ zum Schluß noch angeführt werden usw. Darf? Wer erlaubt es
-denn? Der Schreibende erlaubt es sich doch selber, er nimmt es sich
-heraus. Er kann also doch nur sagen: hier +darf wohl+ zum Schluß noch
-angeführt werden; mit dem +wohl+ sucht man sich höflich der Zustimmung
-des Lesers zu versichern. Ganz abgeschmackt ist der Mißbrauch, der
-jetzt mit +sollen+ getrieben wird. Da wird geschrieben: eines nähern
-Eingehens auf diese Punkte glaube ich mich enthalten zu +sollen+ --
-wir glauben, diesen Satz auf das ganze Werk ausdehnen zu +sollen+ --
-der Heilige Vater glaubt dich ermuntern zu +sollen+, in der begonnenen
-Arbeit fortzufahren -- wir glaubten die Eröffnung +nicht+ vornehmen zu
-+sollen+, ohne die maßgebenden Persönlichkeiten dazu einzuladen -- im
-Interesse des Publikums hat die Behörde geglaubt, den Betrieb +nicht+
-in städtische Regie nehmen zu +sollen+. +Sollen+ bezeichnet einen
-Befehl, einen Auftrag. In den angeführten Beispielen aber handelt sichs
-entweder um eine Möglichkeit oder eine Notwendigkeit. Weshalb also
-nicht +können+, +müssen+, +dürfen+? Es ist nichts als dumme Ziererei.
-
-
-Der Dritte und der Andre
-
-Viele Menschen können jetzt tatsächlich nicht mehr „bis drei zählen“,
-sondern lassen auf den Ersten gleich den Dritten folgen. Sie schreiben:
-bei allem, was ich unternommen habe, hat mich nichts verleiten können,
-das Recht eines +Dritten+ zu verletzen -- an einer neuen Entdeckung
-ging er gleichgiltig vorbei; sobald sie aber durch einen +Dritten+
-verballhornt war, erhob er den Kopf -- mein Bauplan würde ganz umsonst
-gemacht sein, wenn dann ein +Dritter+ den Bauplatz bekäme -- bei
-einer solchen Verpachtung würde die Stadtgemeinde das Eigentumsrecht
-behalten und nur auf eine Reihe von Jahren einem +Dritten+ ein
-Benutzungsrecht einräumen -- auch der Künstler, der aus innerm Drange
-schafft, wird früher oder später erlahmen, wenn er fortwährend zusehen
-muß, wie +Dritte+ den ihm zukommenden Ruhm genießen -- die juristische
-Wissenschaft zeigt dem Verwaltungsbeamten die Schranken, die seinem
-Handeln durch entgegenstehende Rechte +Dritter+ gesetzt sind -- ich
-hätte die Aufgabe ohne die freundliche Hilfe +Dritter+ nicht bewältigen
-können -- das Mißtrauen in (!) seine Begabung, unter dem er durch
-+Dritte+ zu leiden hatte -- die Anerkennung, die sich als Ausbeutung
-seines geistigen Eigentums seitens (!) +Dritter+ darstellt -- die
-sekundäre Art der Komposition, über Themen +Dritter+ zu phantasieren
--- Akten über innere Verwaltungssachen und Verträge mit +Dritten+
-werden nicht mitgeteilt -- da die Mitglieder entfernt wohnen, so
-lag es nahe, ihre Befugnisse auf +dritte+ Personen zu übertragen
--- wegen des Zeitverlustes, den mir die Arbeit an +dritter+ Stelle
-machen würde, bitte ich mir die Bücher in meine Wohnung zu senden. Ein
-Lokalrichter macht bekannt, er habe Waren im Auftrage eines +Dritten+
-zu versteigern -- eine Zeitung berichtet, daß ein Klempner von einem
-Baugerüst gefallen, ein Verschulden +Dritter+ an dem Unglücksfall aber
-ausgeschlossen sei -- eine andre erzählt: der junge Mann besuchte
-darauf ein Restaurant, wo möglicherweise +dritte+ Personen von seinem
-Gelde Kenntnis erlangten.
-
-Der Unsinn stammt natürlich aus Juristenkreisen. Die Herren Juristen
-sind so daran gewöhnt, mit zwei Parteien zu tun zu haben, zu denen
-dann irgend ein „Dritter“ kommt, daß ihnen schließlich der Dritte auch
-da in die Feder läuft, wo gar nicht von zweien die Rede gewesen ist;
-er vertritt schon vollständig die Stelle des Andern. Und andre Leute
-machen es gedankenlos nach.
-
-
-Verwechslung von Präpositionen
-
-Mancherlei Verwirrung herrscht auch auf dem Gebiete der Präpositionen.
-So werden z. B. sehr oft +durch+ und +wegen+ verwechselt, obwohl
-sie doch so leicht auseinanderzuhalten wären, denn +durch+ gibt das
-Mittel, +wegen+ den Grund an. Da wird z. B. geschrieben: das Buch ist
-+durch+ seine prachtvolle Ausstattung ein wertvolles Geschenk -- die
-Marienkirche enthält viele +durch+ Kunst und Geschichte bemerkenswerte
-Sehenswürdigkeiten -- der Streit ist +durch+ seine lange Dauer von
-mehr als bloß örtlicher Bedeutung gewesen -- +durch+ die verkehrte
-Methode seines Lehrers machte er lange Zeit keine Fortschritte --
-Falb, der +durch+ seine kritischen Tage vielgenannte Wetterprophet
--- die Mißernten bleiben dann nur noch +durch+ Regen zu fürchten --
-+durch+ körperliches Leiden ist als sicher anzunehmen, daß sie sich
-ein Leid angetan hat -- +durch+ sein liebenswürdiges und aufrichtiges
-Wesen werden wir stets seiner in Ehren gedenken. In allen diesen
-Sätzen muß es +wegen+ heißen, denn man fragt hier nicht: wodurch?
-sondern weshalb oder warum? Ebenso werden +für+ und +vor+, +für+ und
-+zu+, +für+ und +über+ oft vertauscht. Früher hatte man Liebe +zu+
-jemand, faßte Neigung +zu+ jemand, hegte Achtung +vor+ etwas, hatte
-Sinn, Gefühl, Interesse +für+ etwas; jetzt gilt es +für+ fein, das
-alles durch +für+ zu erledigen: daher seine merkwürdige +Neigung für+
-alle Verkommnen und Gescheiterten -- wir haben +Achtung für+ den
-realistischen Geist -- der Sozialismus hat wenig +Achtung für+ rein
-geistige Arbeit. Eine Stadtgemeinde gibt Verwaltungsberichte heraus
-+für+ das abgelaufene Jahr. Nein, Kalender und Adreßbücher druckt man
-+für+ ein Jahr, Berichte schreibt man +über+ ein Jahr. Früher sagte
-man: +von+ heute +an+. Jetzt liest man nur noch: +von+ heute +ab+,
-+von+ Montag +ab+, +vom+ 1. Januar +ab+. Warum denn +ab+? Man bildet
-sich doch nicht etwa ein, +ab+ könne hier in dem Sinne stehen wie auf
-den Eisenbahnfahrplänen, wo es den Ausgangspunkt bezeichnet? Nein, es
-bedeutet die Richtung. +Von+ Kindesbeinen +an+ -- das will sagen, daß
-der Weg von der Kindheit in die Höhe führe (vgl. +hinan+, +bergan+);
-noch deutlicher sagt es: +von+ Jugend +auf+. Bei dem neumodischen
-+von+ -- +ab+ hat man immer die Vorstellung, als ob alles, was jetzt
-unternommen wird, von Anfang an dazu verurteilt wäre, bergab zu gehen.
-
-Besonders anstößig ist es, wie oft sich -- offenbar unter dem Einflusse
-des Lateinischen -- die Präposition +in+ an Stellen drängt, wo sie
-nicht hingehört. In gutem Deutsch hat man Vertrauen +zu+ jemand,
-Hoffnung +auf+ jemand und Mißtrauen +gegen+ jemand. Das wird jetzt
-alles durch +in+ besorgt: man hat Vertrauen +in+ die Kriegsleitung
-(scheußlich!), verliert die Zuversicht +in+ sich selbst, ist ohne jedes
-persönliche Mißtrauen +in+ die Behörden und setzt seine Hoffnung +in+
-die Zukunft. Ja die Juristen reden sogar von einer Vollstreckung +in+
-verschuldeten Besitz, einer Zwangsvollstreckung +in+ Liegenschaften
-und verurteilen einen Angeklagten +in+ die Kosten. Das alles ist
-schlechterdings kein Deutsch, es ist das offenbarste Latein. Früher
-ging man auch +auf+ einem Wege vorwärts, und nur wenn einen auf
-diesem Wege jemand hinderte, sagte man: er tritt mir +in+ den Weg,
-er steht mir +im+ Wege, er mag mir +aus+ dem Wege gehen. Unsre
-Juristen aber möchten nur noch +im Wege+ vorwärtsgehen oder vielmehr
-„vorschreiten“, sei es nun +im Wege+ der Gesetzgebung oder +im Wege+
-der Polizeiverordnung oder +im Wege+ der einstweiligen Verfügung oder
-+im Wege+ des Vergleichs oder +im Wege+ der Güte oder +im Wege+ der
-Anregung. Man denkt sich die Herren unwillkürlich in einer Schlucht
-oder einem Hohlwege stehen, „rings von Felsen eingeschlossen“, wenn
-sie so „im Wege vorschreiten“. In der Juristensprache bedeutet aber
-doch wenigstens das Wort den eingeschlagnen Weg, das Verfahren; der
-Jurist beschreitet ja auch den +Klageweg+ oder verweist einen Klienten
-auf den +Beschwerdeweg+. Wenn aber gar eine Bibliothek berichtet, daß
-ihr Bücher zugegangen seien +im Wege+ der Schenkung, des Tauschs oder
-des Kaufs, so ist das doch völlig abgeschmackt, denn da ist doch nur
-von der Art und Weise die Rede: die Bücher sind ihr +durch+ Schenkung,
-Tausch oder Kauf zugegangen.
-
-Im Buchdruck und Buchhandel, wo man sich gegenwärtig durch
-Absonderlichkeiten aller Art zu überbieten sucht -- in der Wahl
-der Schriften, in der Einrichtung der Kolumnen, in der Fassung und
-Anordnung der Titel, in der Angabe des Verlags --, müssen auch die
-Präpositionen mit herhalten: ein Buch wird nicht mehr +von+ jemand
-herausgegeben und verlegt, sondern herausgegeben wird es +durch+ jemand
-(herausgegeben +durch+ Hans Helmolt) und verlegt wird es +bei+ jemand
-(verlegt +bei+ Eugen Diederichs). Gedruckt +bei+ -- das hat Sinn. Aber
-verlegt +bei+ -- da fragt man doch: verlegt es denn der Herr nicht
-selbst? wer sind denn die Hintermänner, die es +bei+ ihm verlegen?
-
-Zu den neuesten Dummheiten gehört es auch, daß man die Präposition
-+nach+ gebraucht in einem Falle, wo sie nicht hingehört, und sie nicht
-gebraucht in einem Falle, wo sie hingehört. Man schreibt nicht mehr:
-+nach+ der und der Zeitung oder dem und dem Telegramm ist das und das
-geschehen, sondern: +zufolge+ (!) der Zeitung oder des Telegramms, als
-ob die Zeitung oder das Telegramm die Ursache, die Veranlassung des
-Ereignisses wäre. Da ist hier eine Ministerkrisis ausgebrochen, dort
-ein Luftschiffer verunglückt, hier beim Rennen ein Pferd gestürzt, dort
-ein Leprafall vorgekommen, alles +zufolge+ von Zeitungen! Es ist zu
-dumm. Man kann es aber alle Tage lesen. Andrerseits geht man aber nicht
-mehr +zu+ Schulze, sondern +nach Schulze+, ja man schreibt sogar +nach
-Schulze+ und schickt einen Brief +nach Schulze+ (statt: +an Schulze+).
-In meiner Kindheit ging man noch +zu Hause+, so gut wie man +zu Tische+
-und +zu Bette+ ging, und wie der Krug so lange +zu Wasser+ geht, bis er
-bricht. Dann hieß es auf einmal: +zu Hause+ auf die Frage wohin? sei
-nicht fein, man müsse sagen: +nach Hause+. Vielleicht wird auch +nach
-Schulze+ noch fein. Feine Leute schicken aber auch ihre Kinder nicht
-mehr +in+ die Schule, sondern +zur+ Schule. Geht Ihre Kleine schon
-+zur+ Schule? heißt es. Da wird sie nicht viel lernen, wenn sie bloß
-+zur+ Schule geht; sie muß hineingehen!
-
-
-Hin und her
-
-Auch für den Unterschied von +hin+ und +her+ scheinen nur wenig
-Menschen noch ein Gefühl zu haben; daß +hin+ die Richtung, die Bewegung
-von mir weg nach einem andern Orte, +her+ die Richtung, die Bewegung
-von einem andern Orte auf mich zu bedeutet -- man vergleiche +geh hin!+
-mit +komm her!+ --, wie wenige wissen das noch! In ihrem Sprachgebrauch
-wenigstens, dem mündlichen wie dem schriftlichen, wird +hinein+ und
-+herein+, +hinaus+ und +heraus+, +hinan+ und +heran+, +hinauf+ und
-+herauf+ fortwährend zusammengeworfen. Ein klassisches Beispiel dieser
-Verwirrung ist die gemeine Redensart: er ist +reingefallen+. Daß jemand
-in eine Grube +hereingefallen+ sei, kann man doch nur sagen, wenn man
-selber schon drinliegt. Die aber, die mit Vorliebe diese Redensart im
-Munde führen, fühlen sich doch stolz als draußen stehend, sie stehen
-oben am Rande der Grube und blicken schadenfroh auf das Opfer, das
-unten liegt. Das Opfer ist also +hinein+gefallen oder +nein+gefallen.
-Wer auf der Straße bleibt, kann nur sagen: +Geh hinauf+ und wirf mir
-den Schlüssel +herunter+! Wer oben am Fenster steht, kann nur fragen:
-Willst du +heraufkommen+, oder soll ich dir den Schlüssel +hinunter
-werfen+? Aber der Volksmund, auch der der Gebildeten, drückt jetzt
-beides durch +rauf+ und +runter+ aus, es gilt das jetzt offenbar für
-feiner als +nauf+ und +nunter+. Wenn auch niemand drin ist, ich will
-doch mal +rein+sehen -- so sagen auch gebildete Leute. Wenn zwei
-an einem Graben stehen, der eine hüben, der andre drüben, so kann
-jeder von beiden fragen: Willst du +herüber+springen, oder soll ich
-+hinüber+springen? Heute springen beide nur noch +rüber+: Willst +du+
-rüberspringen, oder soll +ich+ rüberspringen? Die Herren von der Feder
-aber machens nicht besser, auch sie verwechseln +hin+ und +her+. Nicht
-bloß der Zeitungschreiber schreibt: bis in die jüngste Zeit +hinein+,
-auch der Historiker: auf die Sturm- und Drangzeit folgte die klassische
-Periode, die in unser Jahrhundert +hinein+ragt. Jeder ist aber doch
-drin in seinem Jahrhundert! In einem Raum oder Zeitraum, worin wir
-uns befinden, kann doch etwas nur +hereinragen+. Etwas andres ist es,
-wenn von einer Erscheinung des sechzehnten Jahrhunderts gesagt wird,
-sie lasse sich bis ins siebzehnte Jahrhundert +hinein+ verfolgen; das
-ist richtig, denn wir sind nicht drin im siebzehnten Jahrhundert.
-Umgekehrt aber wird geschrieben: wir fragen nicht, was in das Bild
-alles +herein+geheimnist ist (+hinein+!) -- über das Zellensystem kommt
-der Architekt nun einmal nicht +heraus+ (+hinaus+!) usw.
-
-Nun ist es freilich eine merkwürdige Erscheinung, daß bei allen
-Zeitwörtern mit übertragner Bedeutung, bei denen man die Vorstellung
-einer äußern Richtung nur noch undeutlich oder gar nicht mehr
-hat, +hin+ vollständig durch +her+ verdrängt worden ist; man sagt
-z. B.: sich +herab+lassen, mit Verachtung +herab+blicken, den Preis
-+herab+setzen, ein Buch +heraus+geben, in seinen Vermögensverhältnissen
-+herunter+kommen u. a. Die Neigung, +her+ dem +hin+ vorzuziehen,
-ist also augenscheinlich in der Sprache vorhanden. Man sollte aber
-doch meinen, daß überall da, wo noch deutlich eine äußere Richtung
-ausgedrückt wird, eine Verwechslung unmöglich sei. Wie kann man also
-sagen, daß die Steuern +herauf+geschraubt werden? Wir stehen doch
-unten und möchten auch gern unten bleiben; also werden die Steuern
-+hinauf+geschraubt. Wir erhielten Befehl, an den Feind +heran+zureiten
--- wer kann so schreiben? Der Feind kann wohl an uns +heran+reiten,
-wir aber an den Feind doch nur +hinan+. Eine bittre Pille oder einen
-Vorwurf -- schluckt man sie +herunter+ oder +hinunter+? Da man sein
-Ich lieber im Kopfe denkt als im Magen, so kann man sie doch nur
-+hinunter+schlucken. Er sah zu mir +hinauf+ -- Unsinn! Ich und mein
-Kopf, wir sind doch oben.
-
-Auch sonst, nicht bloß bei +hin+ und +her+, wird der örtliche Gegensatz
-jetzt oft verwischt. +Hüben+ und +drüben+ wird allenfalls noch
-unterschieden, aber +haußen+ und +hinnen+ getraut sich kaum noch jemand
-zu schreiben; jetzt heißt es: sie holen von +draußen+, was +drinnen+
-fehlt. Aber wo bin ich denn, der Schreibende? Irgendwo muß ich mich
-doch denken!
-
-
-Ge, be, ver, ent, er
-
-Wenn auf solche Weise Wörter mißverstanden und miteinander verwechselt
-werden können, deren Sinn und Bedeutung man sich mit ein wenig
-Nachdenken noch klarmachen kann, um wieviel mehr sind Wörter dem
-Mißverständnis und dem Mißbrauch ausgesetzt, wie die kleinen Präfixe
-+ge+, +be+, +ver+, +ent+, +er+, deren Bedeutung nicht mehr klar zutage
-liegt, sondern nur noch mehr oder weniger dunkel gefühlt wird! Wie
-oft wird +brauchen+ und +gebrauchen+ verwechselt! Und doch heißt das
-eine +nötig haben+, das andre +anwenden+. Wie oft liest man das dumme
-+belegen+ sein (ein Haus ist in der oder der Straße +belegen+), wie
-oft das gespreizte +beheben+ (die Hindernisse werden sich hoffentlich
-+beheben+ lassen), wie oft das widersinnige +beeidigen+ (die Zeugen
-wurden +beeidigt+)! Man kann eine Aussage +beeidigen+, aber nicht
-einen +Zeugen+. Im gewöhnlichen Leben sagt man: hier wird Trottoir
-+gelegt+; sowie es aber eine Tiefbauverwaltung besorgt, dann wird es
-+verlegt+. Warum denn +ver+? Was man +verlegt+ hat, das findet man
-doch nicht wieder. Wie oft muß man das lächerliche +entnüchtern+ lesen
-(statt +ernüchtern+), auch schon +entwehren+ (statt +erwehren+)! Wird
-jemand +entledigen+ und +erledigen+ verwechseln? Wie abgeschmackt
-ist der Gebrauch von +entfallen+ und +entlohnen+, mit dem sich jetzt
-täglich die Zeitungen spreizen! Fabrikarbeiter werden ja nicht mehr
-bezahlt, sie werden nur noch +entlohnt+, der deutsche Lehrerstand
-hat stets die Ideale treu gepflegt trotz kärglicher +Entlohnung+,
-und von der Fernsprechstelle Berlin-Wien, die 660 Kilometer beträgt,
-+entfallen+ 430 auf österreichisches und 230 auf deutsches Gebiet.
-Warum denn +ent+? Wem +entfallen+ sie denn? Es wird aber auch nichts
-mehr +gehofft+, sondern alles nur +erhofft+ (der +erhoffte+ Erfolg
-blieb aus.) Das allerschönste aber ist +erbringen+, das in keiner
-Zeitungsnummer fehlt. Beweise und Nachweise, die früher +gebracht+ oder
-+geliefert+ wurden und im Volksmunde noch jetzt +gebracht+ werden, in
-der Zeitung werden sie nur noch +erbracht+. Ja selbst Tatsachen werden
-schon +erbracht+ (die neue Verhandlung hat eine ganze Reihe neuer
-Tatsachen +erbracht+), Beispiele (Koschat +erbringt+ dafür ein lebendes
-Beispiel -- schreibt der Musikschwätzer), Erträge (die Staatsforsten
-+erbringen+ einen Ertrag von einer Million Mark) und sogar Spuren
-(von einem Sinken des Richterstandes ist bis jetzt noch keine Spur
-+erbracht+). Warum denn +er+? was heißt denn +er+?
-
-Er ist verwandt mit +ur+, wie +erlauben+ neben +Urlaub+ zeigt, und
-beide bedeuteten +aus+. Diese ursprüngliche Bedeutung von +er+ ist
-in vielen zusammengesetzten Zeitwörtern noch sehr gut zu fühlen:
-gewöhnlich bedeuten sie den Anfang oder das Ende einer Handlung,
-wie auch das Wort +ausgehen+ beides bedeutet (vgl. wir sind davon
-+ausgegangen+, und: die Sache ist übel +ausgegangen+). Den Anfang einer
-Handlung bezeichnet +er+ z. B. in +erblühen+, den Endpunkt dagegen
-in +erlangen+, +erreichen+, +erfinden+, +erfüllen+, +ertrinken+,
-+ersticken+. Weislingen im Götz sagt mit bewußter Unterscheidung:
-ich +sterbe+ und kann nicht +ersterben+. Was da +erhoffen+ bedeuten
-soll, ist unverständlich; es könnte doch nur heißen: so lange auf
-etwas hoffen, bis es eintritt. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, zu
-sagen: der +erhoffte+ Erfolg blieb aus, es genügt der +gehoffte+.
-Auch ein Brief kann nicht +eröffnet+ werden, wie die Post sagt
-(amtlich +eröffnet+!), sondern einfach +geöffnet+; eine Aussicht wird
-mir +eröffnet+, ein Beschluß der Behörde, auch ein neues Geschäft;
-dann wird es aber jeden Morgen nur +geöffnet+. Auch weshalb die
-Eisenbahndirektion Sonntags einen Sonderzug +erstellt+, ist nicht
-einzusehen; man ist doch schon zufrieden, wenn sie ihn +stellt+. Das
-törichtste aber sind die +erbrachten+ Beweise, Nachweise, Belege,
-Beispiele, Erträge und Spuren. Einen Beweis oder Nachweis +erbringen+
-könnte zur Not einen Sinn haben, wenn man damit den durchgeführten,
-bis aufs letzte Tüpfelchen gelungnen Beweis im Gegensatz zu dem
-bloß versuchten bezeichnen wollte. Aber daran ist in den seltensten
-Fällen zu denken, +erbringen+ wird mit ganz gedankenlosem Gespreiz
-für +bringen+ gesagt. In +bringen+ liegt ja schon der Begriff des
-Vollendens, des Beendigens; +bringen+ verhält sich zu +tragen+ wie
-+treffen+ zu +werfen+. Man könnte schließlich auch sagen: Kellner,
-+erbringen+ Sie mir ein Glas Bier!
-
-+Ent+ (urverwandt mit dem lateinischen ~ante~ und dem griechischen
-ἀντί, vgl. Antlitz, Antwort) bedeutet eigentlich +vor+, +gegen+,
-+gegenüber+. Mit Zeitwörtern zusammengesetzt, drückt es daher zunächst
-aus, daß sich von einem Ganzen ein Teil ablöst und ihm als ein
-selbständiges Ganze gegenübertritt, so in +entstehen+, +entspringen+.
-Daraus entwickelt sich dann überhaupt der Begriff der Trennung, Lösung,
-Befreiung und auch Beraubung, wie in +entkommen+, +entfliehen+,
-+entwenden+, +entlehnen+, +entkleiden+, +enthüllen+, +entblättern+,
-+entkräften+, +entthronen+, +entfesseln+, +entlarven+, und endlich,
-bei gänzlicher Verblassung der eigentlichen Bedeutung, eine bloße
-Verstärkung des Verbalbegriffs, wie in +entlassen+, +enttäuschen+,
-+entfremden+. Wenn man neuerdings +entrechten+ und +enthaften+ gebildet
-hat, so ist dagegen nichts weiter einzuwenden, als daß das zweite Wort
-recht überflüssig ist. +Entlohnen+ aber kann doch nur heißen: einem
-seinen Lohn wegnehmen (wahrscheinlich hat der Schöpfer des Wortes
-zugleich an +lohnen+ und +entlassen+ gedacht) und +entnüchtern+ nur:
-einen betrunken machen, und was das +ent+ in einem Satze wie: auf den
-Quadratkilometer +entfallen+ 200 Seelen -- bedeuten soll, ist gänzlich
-unverständlich. Man könnte ebensogut sagen: auf den Quadratkilometer
-+entkommen+ 200 Seelen.[159] Auch wenn Bibliotheken um gütige
-+Entleihung+ oder +Entlehnung+ eines Buches gebeten werden, so ist
-das sinnwidrig; die Bibliothek +verleiht+ ihre Bücher, der Leser aber
-+leiht+ oder +entleiht+ sie.
-
-Lebhafter Streit ist darüber geführt worden, ob es richtig sei,
-zu sagen: er +entblödete sich nicht+. Das Grimmische Wörterbuch
-erklärt die Verneinung bei +sich entblöden+ für falsch. In der Tat
-liegt es auch am nächsten, +sich entblöden+ mit Zeitwörtern wie
-+entbehren+, +enthüllen+, +entschuldigen+, +entführen+, +entwischen+
-zu vergleichen, sodaß es bedeuten würde: +die Blödigkeit+ (d. h.
-Schüchternheit) +ablegen+, +sich erdreisten+, +sich erfrechen+. Dann
-wäre natürlich die Verneinung falsch, denn +sich erdreisten+ -- das
-will man ja gerade mit +sich nicht entblöden+ sagen. Neuerdings
-ist aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vorsilbe +ent+
-hier gar nicht verneinenden (privativen) Sinn habe, sondern wie in
-+entschlafen+, +entbrennen+, +entzünden+, +entblößen+ das Eintreten in
-einen Zustand bezeichne, sodaß sich +entblöden+ bedeuten würde: +sich
-schämen+, +sich scheuen+, und die Verneinung davon: +sich erdreisten+.
-Die Unsicherheit über die eigentliche Bedeutung des Wortes bestand
-schon im achtzehnten Jahrhundert. Wieland schreibt bald: Verwegner,
-darfst du +dich entblöden+ (d. h. dich erfrechen), bald: du solltest
-+dich entblöden+ (d. h. dich schämen). Das Klügste wäre, man gebrauchte
-eine Redensart überhaupt nicht mehr, die so veraltet und in ihrer
-Bedeutung so verblichen ist, daß ihr niemand mehr unmittelbar anfühlt,
-ob sie mit oder ohne Verneinung das ausdrückt, was man ausdrücken will.
-
-+Ver+ gibt dem Zeitwort meist einen schlimmen Sinn, es bezeichnet,
-daß gleichsam ein Riegel vor eine Sache geschoben ist, daß sie nicht
-wieder rückgängig gemacht werden kann, und schließlich auch, da
-man doch manche eben gern wieder rückgängig machen möchte, daß sie
-falsch gemacht worden ist. Man denke an: +versichern+, +versprechen+,
-+verbinden+, +verpflichten+, +verkaufen+, +verpfänden+, sich
-+verlieben+, sich +verloben+, sich +verheiraten+, +verstellen+,
-+verdrehen+, +verrücken+, +verlieren+, +verderben+, +vergiften+,
-+verschwinden+, +verschlimmern+, +versauern+ (allerdings auch:
-+verbessern+, +vergrößern+, +verfeinern+, +verschönern+, +veredeln+,
-+versüßen+). Für +meinen+ also zu sagen +vermeinen+, wie es der
-Amtsstil liebt, wäre eigentlich nur dann am Platze, wenn die Meinung
-als irrig bezeichnet werden sollte (vgl. +vermeintlich+), und von
-jemand, der einfach seine Wohnung oder seinen Aufenthalt gewechselt
-hat, zu sagen: er ist nach Dresden +verzogen+, ist geradezu lächerlich,
-denn es klingt das, als ob er damit verschwunden und gänzlich
-unauffindbar geworden wäre. Ebenso unverständlich aber ist es, warum,
-wie in Leipzig, Trottoirplatten, Straßenbahngleise und elektrische
-Kabel immer +verlegt+ werden, oder, wie in Hamburg, Kaffee +verlesen+
-wird, oder, wie in Magdeburg, Rüben +verzogen+ werden. Es genügt doch,
-wenn sie +gelegt+, +gelesen+ und +gezogen+ werden.
-
-Am meisten verblaßt ist die Bedeutung von +be+ und +ge+. +Be+ ist aus
-+bei+ abgeschwächt; +ge+, in der ältern Sprache ~ga~ (wie noch in
-+Gastein+), ist urverwandt mit dem lateinischen ~con~ und bedeutet
-einen Zusammenhang, eine Vereinigung. Am deutlichsten ist sein Sinn
-noch in Bildungen wie +gerinnen+, +gefrieren+, +Gedicht+, +Gebüsch+,
-+Gehölz+, +Gewölk+, +Gebirge+, +Gerippe+, +Gefühl+, +Gehör+,
-+Gewissen+ (vgl. ~scientia~ und ~conscientia~). Aber wenn sich auch
-die ursprüngliche Bedeutung noch so sehr abgeschwächt hat, so kann
-man doch immer noch durch umsichtige Vergleichung dahinterkommen,
-weshalb es unnötig ist, zu sagen: einem die Möglichkeit +benehmen+,
-Geld zu +beschaffen+, oder: ein Haus +beheizen+, wie unsre Techniker
-jetzt sagen (sie meinen wohl: +beöfnen+, mit Öfen versehen), oder: die
-bei Goslar +belegnen+ geistlichen Stiftungen, weshalb es lächerlich
-ist, wenn Schmerzen, Krankheiten, Hindernisse immer +behoben+ werden
-(statt +gehoben+). Auch für +gründen+ wird jetzt oft unnötigerweise
-+begründen+ gesagt: die +Begründung+ des Deutschen Reiches. Nein,
-+begründet+ werden nur Meinungen, Behauptungen, Urteile; aber Reiche,
-Staaten, Städte, Anstalten, Schulen, Geschäfte, Zeitungen werden
-+gegründet+. Befremdlich klingt es auch, wenn Juristen davon reden,
-daß ein Zeuge +beeidigt+ werden müsse, oder wenn Berichterstatter über
-Gerichtsverhandlungen einen +Beklagten+ auftreten lassen. Ein Zeuge
-kann seine Aussage +beeidigen+ (vgl. +beschwören+), aber er selbst kann
-nur +vereidigt+ werden (vgl. +verpflichten+). +Beklagen+ kann man aber
-nur den, dem ein Unglück zugestoßen ist; vor Gericht kann einer nur
-+verklagt+ oder +angeklagt+ werden. Wer +angeklagt+ wird, kommt vor den
-Strafrichter, wer +verklagt+ wird, vor den Richter in bürgerlichen
-Streitigkeiten. Und ebenso läßt sich endlich recht gut fühlen, weshalb
-es unnötig ist, zu sagen, die 1883 gebornen haben sich heuer zu
-+gestellen+.[160]
-
-Groß in solchen Verschiebungen und Vertauschungen sind namentlich
-die Kanzleimenschen und die Techniker. Sie suchen etwas darin, und
-sie verblüffen auch wirklich die große Masse mit diesem wohlfeilen
-Mittelchen.[161]
-
-Der Unterricht kann sehr viel tun, das abgestorbne Sprachgefühl in
-solchen Fällen wieder zu beleben. Wem die Bedeutung von +ent+ und +er+
-einmal auseinandergesetzt worden ist, der wird nie wieder +entnüchtern+
-statt +ernüchtern+ schreiben, er wird aber auch bald alle die Leute
-auslachen, die sich immer mit +entfallen+ und +erbringen+ spreizen.
-
-
-Neue Wörter
-
-Kein Tag vergeht, ohne daß einem in Büchern oder Zeitungen neue Wörter
-entgegenträten. Nun wird niemand so töricht sein, ein neues Wort
-deshalb anzufechten, weil es neu ist. Jedes Wort ist zu irgendeiner
-Zeit einmal neu gewesen; von vielen Wörtern, die uns jetzt so geläufig
-sind, daß wir sie uns gar nicht mehr aus der Sprache wegdenken können,
-läßt sich nachweisen, wann und wie sie ältern Wörtern an die Seite
-getreten sind, bis sie diese allmählich ganz verdrängten. Wohl aber
-darf man neuen Wörtern gegenüber fragen: sind sie nötig? und sind sie
-richtig gebildet?
-
-Neue Gegenstände, neue Vorstellungen und Begriffe verlangen unbedingt
-auch neue Wörter. Ein neu erfundnes Gerät, ein neu ersonnener
-Kleiderstoff, eine neu entdeckte chemische Verbindung, eine neu
-beobachtete Krankheit, eine neu entstandne politische Partei -- wie
-sollte man sie mit den bisher üblichen Wörtern bezeichnen können?
-Sie alle verlangen und erhalten auch alsbald ihre neuen Namen. Aber
-auch alte Dinge fordern bisweilen neue Bezeichnungen. Wörter sind wie
-Münzen im Verkehr: sie greifen sich mit der Zeit ab und verlieren
-ihr scharfes Gepräge. Ist dieser Vorgang so weit fortgeschritten,
-daß das Gepräge beinahe unkenntlich geworden ist, so entsteht von
-selbst das Bedürfnis, die abgenutzten Wörter gegen neue umzutauschen.
-Und wie bei abgegriffnen Münzen leicht Täuschungen entstehen, so
-auch bei vielbenutzten Wörtern; sehr leicht verschiebt sich nämlich
-ihre ursprüngliche Bedeutung. Hat sich aber eine solche Verschiebung
-vollzogen, dann ist für den alten Begriff, der durch das alte Wort
-nun nicht mehr völlig gedeckt wird, gleichfalls ein neues Wort nötig.
-In vielen Fällen büßen die Wörter, ebenso wie die Münzen, durch den
-fortwährenden Gebrauch geradezu an Wert ein, sie erhalten einen
-niedrigen, gemeinen Nebensinn. Dieser „pessimistische“ Zug, wie man ihn
-genannt hat, ist gerade im Deutschen weit verbreitet und hat mit der
-Zeit eine große Masse von Wörtern ergriffen; man denke an +Pfaffe+,
-+Schulmeister+, +Komödiant+, +Literat+, +Magd+, +Dirne+, +Mensch+
-(+das+ Mensch, Küchenmensch, Kammermensch), +Elend+, +Schimpf+,
-+Hoffart+, +Gift+, +List+, +gemein+, +schlecht+, +frech+, +erbärmlich+.
-Ihnen allen ist ursprünglich der verächtliche Nebensinn fremd, der im
-Laufe der Zeit hineingelegt worden ist. Sobald sie aber einmal damit
-behaftet waren, mußten sie, wenn der frühere Sinn ohne Beigeschmack
-wieder ausgedrückt werden sollte, durch andre Wörter ersetzt werden.
-So wurden sie verdrängt durch +Geistlicher+, +Lehrer+, +Schauspieler+,
-+Schriftsteller+, +Mädchen+, +Fremde+, +Scherz+, +Hochherzigkeit+,
-+Gabe+, +Klugheit+, +allgemein+, +schlicht+, +kühn+, +barmherzig+.
-
-Die andre Forderung, die man an ein neu aufkommendes Wort stellen darf,
-ist die, daß es regelrecht, gesetzmäßig gebildet sei, und daß es mit
-einleuchtender Deutlichkeit wirklich das ausdrücke, was es auszudrücken
-vorgibt. Diese Forderung ist so wesentlich, daß man, wo sie erfüllt
-ist, selbst davon absieht, die Bedürfnisfrage zu betonen. Verrät
-sich in einem neu gebildeten Wort ein besonders geschickter Griff,
-zeigt es etwas besonders schlagendes, überzeugendes, eine besondre
-Anschaulichkeit, und das alles noch verbunden mit gefälligem Klang, so
-heißt man es auch dann willkommen, wenn es überflüssig ist; man läßt es
-sich als eine glückliche Bereicherung des Wortschatzes gefallen.
-
-Aber wie wenige von den neuen Wörtern, mit denen unsre Sprache jetzt
-überschwemmt wird, erfüllen diese Forderungen! Die meisten werden aus
-Eitelkeit oder aus -- Langerweile gebildet. Schopenhauer hat einmal mit
-schlagender Kürze ausgesprochen, was er von einem guten Schriftsteller
-verlange: er gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge!
-Heute machen es die meisten umgekehrt und hoffen, der Leser werde
-so dumm sein, zu glauben, sie hätten etwas neues gesagt. Wie quälen
-sich unsre ästhetischen Schwätzer, ihren Trivialitäten den Schein des
-Geistreichen zu geben, indem sie sich neue Wörter aussinnen! Eine Art
-von „Jugendstil“ möchten sie auch in die Sprache einführen. Wie quälen
-sich unsre Musik- und Theaterschreiber, den tausendmal gesagten Quark
-einmal mit andern Worten zu sagen! Wie quälen sich die Geschäftsleute
-in ihren Anzeigen, dem „Konkurrenten“ durch neue Wörter und Wendungen
-den Rang abzulaufen!
-
-Jahrzehntelang hat man von +Zeitungsnachrichten+ gesprochen; jetzt
-heißt es: +Blättermeldungen+! Das eine verhält sich zum andern ungefähr
-wie der +Essenkehrer+ zum +Schornsteinfeger+ oder der +Korkzieher+
-zum +Pfropfenheber+. Verfallen sein kann auf +Blättermeldung+ nur
-einer, dem +Zeitungsnachricht+ zu langweilig geworden war. Was soll
-+Jetztzeit+? Es ist schlecht gebildet, denn unsre Sprache kennt keine
-Zusammensetzungen aus einem Umstandswort und einem Hauptwort,[162]
-es klingt auch schlecht mit seinem tztz und ist ganz überflüssig,
-denn +Gegenwart+ hat weder etwas von seiner alten Kraft eingebüßt
-noch seine Bedeutung verschoben. +Gepflogenheit+ hat man gebildet,
-um eine Schattierung von +Gewohnheit+ zu haben; ist aber nicht
-+Brauch+ so ziemlich dasselbe? Ein abscheuliches Wort ist +Einakter+
-(für einaktiges Schauspiel). Freilich haben wir auch +Einhufer+,
-+Dreimaster+ und +Vierpfünder+; würde aber wohl jemand ein Distichon
-einen +Zweizeiler+ nennen? Um für +Lehrer+ und +Lehrerin+ ein
-gemeinschaftliches Wort zu haben, hat man +Lehrperson+ gebildet --
-eine gräßliche Geschmacklosigkeit. Den +Arbeiter+ nennt man jetzt
-+Arbeitnehmer+ in plumpem Gegensatz zum +Arbeitgeber+! Statt +voriges
-Jahr+ sagt man jetzt +Vorjahr+; alle Jahresberichte spreizen sich
-damit. Man hat das aus dem Adjektivum +vorjährig+ gebildet, wie man
-auch aus +alltäglich+ und +vormärzlich+ gedankenloserweise +Alltag+ und
-+Vormärz+ (!) gemacht hat, aus +freisinnig+ eine Partei, die man +den
-Freisinn+ nennt, und neuerdings gar aus +überseeisch+ +Übersee+: aus
-Europa und +Übersee+ (+die+ Übersee oder +das+ Übersee?) -- die Briefe
-gehen +nach Übersee+ (warum denn nicht einfach und vernünftig: +über
-See+?). Vorjahr ist aber auch dem Sinne nach anstößig. Die mit +Vor+
-zusammengesetzten Hauptwörter bedeuten (wenn es nicht Verbalsubstantiva
-sind, wie +Vorsteher+, +Vorreiter+, +Vorsänger+, +Vorbeter+) ein Ding,
-das einem andern Dinge als Vorbereitung vorhergeht, wie +Vorspiel+,
-+Vorrede+, +Vorgeschichte+, +Vorfrühling+, +Voressen+, +Vorgeschmack+.
-Die Leipziger Messe hatte sonst eine +Vorwoche+, die der Hauptwoche
-vorausging. Wie kann man also jedes beliebige Jahr das +Vorjahr+ des
-folgenden Jahres nennen! Dann könnte auch der Lehrer im Unterricht
-fragen: Was haben wir in der +Vorstunde+ behandelt? Mit dem +Vortag+
-fängt man aber auch schon an: trotz des schlechten Wetters am +Vortage+
--- das Befinden des Monarchen war diese Woche besser als am +Vortage+.
-Ebenso verfehlt wie das +Vorjahr+ ist natürlich der +Vorredner+
--- man vergleiche ihn nur mit dem +Vorsänger+ und dem +Vorbeter+.
-Wenn ein Schiff eine Reise antritt, so nennt man das jetzt nicht
-mehr +abreisen+, sondern +ausreisen+: der Tag der +Ausreise+ rückte
-heran. War das Wort wirklich nötig, das so lächerlich an +ausreißen+
-anklingt? Für die zeichnenden Künste hat neuerdings jemand das schöne
-Wort +Griffelkunst+ erfunden, das die Kunstschreiber schon fleißig
-nachgebrauchen. Nun verstand man ja unter den zeichnenden Künsten auch
-den Kupferstich und die Radierung, die mit dem Griffel arbeiten. Unter
-der +Griffelkunst+ aber soll man nun auch die Bleistift-, die Feder-
-und die Tuschzeichnung verstehen, die nicht mit dem Griffel arbeiten.
-Was ist also gewonnen? Und wollen wir die Malerei vielleicht nun
-+Pinselkunst+ nennen?
-
-Zu recht verunglückten Bildungen hat neuerdings öfter das Streben
-geführt, einen Ersatz für Fremdwörter zu schaffen. Dazu gehören z. B.
-der +Fehlbetrag+ (Defizit), die +Begleiterscheinung+ (Symptom), der
-+Werdegang+ (Genesis) und die +Straftat+ (Delikt). Auch das +Lebewesen+
-kann mit angereiht werden. Ein Verbalstamm als Bestimmungswort einer
-Zusammensetzung bedeutet meist den Zweck des Dinges (vgl. +Leitfaden+,
-+Trinkglas+, +Schießpulver+ und S. 73).[163] Ein +Fehlbetrag+ ist aber
-doch nicht ein Betrag, der den Zweck hat, zu fehlen, sondern es soll
-ein +fehlender+ Betrag sein (ganz anders gebildet sind +Fehlbitte+,
-+Fehltritt+, +Fehlschuß+, +Fehlschluß+; hier ist fehl nicht der
-Verbalstamm, sondern das Adverbium), ebenso soll +Lebewesen+ ein
-+lebendes+ Wesen, +Begleiterscheinung+ eine +begleitende+ Erscheinung
-bedeuten. In +Werdegang+ vollends soll der Verbalstamm den Genitiv
-ersetzen (Gang +des Werdens+); es scheint nach +Lehrgang+ gebildet
-zu sein, aber es scheint nur so, denn +Lehrgang+ ist mit +Lehre+
-zusammengesetzt. Überdies wird es lächerlicherweise auch schon für
-+Geschichte+ gebraucht; man redet nicht bloß von dem +Werdegang+ einer
-Kellnerin, sondern auch von dem +Werdegang+ der mittelalterlichen
-Pergamenthandschriften! Die verunglückteste Bildung ist wohl +Straftat+
--- wer mag die auf dem Gewissen haben! Das Wort ist gebildet, um
-eine gemeinschaftliche Bezeichnung für +Vergehen+ und +Verbrechen+
-zu haben. Was soll man sich aber dabei unter +Straf+- denken? das
-Hauptwort oder den Verbalstamm? Eins ist so unmöglich wie das andre.
-Im ersten Falle würde das Wort auf einer Stufe stehen mit +Freveltat+,
-+Gewalttat+, +Greueltat+, +Schandtat+, +Wundertat+. Alle diese
-Zusammensetzungen bezeichnen eine Eigenschaft der Tat und zugleich des
-Täters; in +Straftat+ aber würde -- die Folge der Tat bezeichnet sein!
-Im zweiten Falle würde es auf einer Stufe stehen mit +Trinkwasser+,
-und das wäre der helle Unsinn, denn dann wäre es eine Tat, die den
-Zweck hätte, bestraft zu werden! Freilich sind solche ungeschickte
-Wörter auch früher schon als Übersetzung von Fremdwörtern „von plumpen
-Puristenfäusten geknetet“ worden, man denke nur an +Beweggrund+ (für
-Motiv), +Fahrgast+ (für Passagier) und ähnliche.
-
-Unter den Eigenschaftswörtern sind ebenso geschmacklose wie
-überflüssige Neubildungen: +erhältlich+ (in allen Apotheken
-erhältlich), +erstklassig+ (ein erstklassiges Etablissement,
-ein erstklassiges Restaurant, ein erstklassiges Pensionat, eine
-erstklassige Firma, erstklassiges Personal, erstklassige Spezialitäten
-usw.), +erststellig+ und +zweitstellig+ (eine erststellige Beleihung,
-eine zweitstellige Hypothek), +innerpolitisch+ (die innerpolitische
-Lage), +treffsicher+ (eine treffsichere Charakteristik), +parteilos+
-(für unparteiisch), +lateinlos+ (die lateinlose Realschule!);
-unter den Adverbien: +fraglos+, +debattelos+ (es wurde +debattelos+
-genehmigt), +verdachtlos+ (ein Fahrrad wurde +verdachtlos+ gestohlen --
-abgesehen davon, daß hier weder das grammatische Subjekt, das Fahrrad,
-noch das logische Subjekt, der Dieb, einen Verdacht haben kann). Nach
-+jahrein jahraus+ hat man +tagein tagaus+ gebildet -- ganz töricht! Das
-Jahr ist ein großer Ring oder Kreis, in den tritt man ein und wieder
-aus; die kurzen Tage aber gleichen einzelnen Schritten, darum sagt man
-richtiger: +Tag für Tag+, wie +Schritt für Schritt+.
-
-Besonders gern werfen die Techniker unnötige neue Wörter in die
-Sprache. Wenn man auf einen Gegenstand Licht fallen läßt, so nannte
-man das früher +beleuchten+. Das hat aber den Photographen nicht
-genügt, sie haben sich das schöne Wort +belichten+ ausgedacht. Ein
-Ding, womit man ein Zimmer heizt, nannte man früher einen +Ofen+,
-und ein Ding, womit man ein Zimmer beleuchtet, einen +Leuchter+
-(Armleuchter, Kronleuchter) oder eine +Lampe+. Jetzt nennt man das
-eine +Heizkörper+, das andre +Beleuchtungskörper+. +Lehrperson+ und
-+Heizkörper+ -- eins immer schöner als das andre! Denen, die sich
-für Krematorien begeistern, will doch das Wort +Leichenverbrennung+
-nicht gefallen, obwohl es die Sache schlicht und ehrlich bezeichnet.
-Daher haben sie zur +Einäscherung+ ihre Zuflucht genommen, oder
-gar zur +Feuerbestattung+, ja sie reden sogar davon, daß jemand
-+feuerbestattet+ worden sei. Nur schade, daß bei der Leichenverbrennung
-der Verstorbne eben nicht +bestattet+, d. h. mit einer +Grabstätte+
-versehen wird, und daß man wohl von +Gasbeleuchtung+ und
-+Wasserheizung+ sprechen, aber nicht sagen kann: ich +gasbeleuchte+, du
-+wasserheizest+.
-
-
-Modewörter
-
-Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die
-Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein
-Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden
-sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut
-wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben,
-Modefrisuren und Modesitten, darüber kann gar kein Zweifel sein. In
-meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte:
-+Was?+ Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es
-plötzlich: +Was+ sei grob, man müsse fragen: +Wie?+ Dazu sollte man
-ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kamen dann dafür die schönen
-Fragen auf: +Wie meinen?+ (vgl. S. 92) und +Wie beliebt?+ (was immer
-wie +Bibeli+ klingt), und das Allerneueste ist, daß man den andern
-zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: +Bötte?+
-
-Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Kleidermode auf,
-aber im allgemeinen wird doch die Mode gemacht von Leuten, die
-nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich
-ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt,
-der Fabrikant habe absichtlich etwas recht dummes unter die Leute
-geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer
-fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist, wie
-Verstand, „stets bei wenigen nur gewesen“. Ähnlich ist es mit den
-Modesitten. Kann es etwas dümmeres, lächerlicheres geben, als den
-Stock in die Rocktasche zu stecken oder ans Knopfloch zu hängen?
-etwas unritterlicheres, ja roheres, als daß der Mann auf der Straße
-die Frau nicht mehr führt, sondern sich bei ihr einhakt und sich von
-ihr schleppen läßt oder sie vor sich herschiebt? Aber mindestens
-neunzig von hundert Frauen sind darauf hineingefallen. Zuletzt, wenn
-eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem
-Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von
-Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie
-wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt.
-Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen
-und Mädchen, die in ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die
-jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern,
-was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen
-so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie
-darum beneiden könnten.
-
-Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder
-liest ein Wort -- entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter
-geschieht, ein bereits vorhandnes in neuer Bedeutung! -- irgendwo zum
-erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter,
-und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es
-selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben,
-widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es
-gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich
-wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von
-Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren
-Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht
-aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich; wer
-überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie
-sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst
-du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei
-zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen
-ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf
-haben -- ein Beweis, daß es an den Wörtern liegt und nicht an den
-Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden.
-Ihrer Ausdrucksweise merkt aber trotzdem niemand an, daß sie die Wörter
-vermeiden, die klingt so modern wie möglich, niemand vermißt die
-Modewörter darin. Gewiß gibt es auch unter den Modewörtern einzelne,
-die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es
-eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter, die
-bisher im Gebrauch waren, verdrängen, schließlich sogar in völlig
-unpassendem Sinn angewandt werden und doch das bißchen Reiz, daß sie im
-Anfange hatten, sehr schnell verlieren.
-
-Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die
-entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast
-ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die
-meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre
-Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergegangen
-werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell dergleichen
-veraltet.
-
-+Darbietung.+ Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem
-Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen
-wird: die gelungenste +Darbietung+ des Abends -- die +Darbietungen+ des
-diesjährigen Pensionsfondskonzerts -- das Programm enthielt auch einige
-solistische +Darbietungen+ -- die literarischen +Darbietungen+ im Stil
-der freien Bühne usw.
-
-+Ehrung.+ Für +Ehrenbezeigung+ oder +Auszeichnung+. In +Ehrungen+ wird
-jetzt ungemein viel geleistet.
-
-+Note.+ Wofür? Ja, wer das sagen könnte! man schwatzt von einer
-eignen, einer besondern, einer persönlichen, einer intimen +Note+:
-das Leipziger Barock besitzt eine eigne +Note+ -- was dem Buche noch
-eine besondre +Note+ gibt, ist, daß es ein späterer Papst geschrieben
-hat -- ein Haus gibt seine intime +Note+ an ein andres Haus weiter --
-wenn auch die Sammlung meist Kunstwerke enthält, so fehlt doch auch
-die +Note+ des Absonderlichen nicht -- mit dem fußfreien Rock hat die
-Modedame ihre Erscheinung auf die +Note+ des Mädchenhaften gestimmt.
-Das letzte Beispiel ist völliger Unsinn, denn hier ist außerdem noch
-+Note+ mit +Ton+ verwechselt.
-
-+Prozent+ oder +Prozentsatz+. Für +Teil+. Aus der Sprache der
-Statistik. Man sagt nicht mehr: über die +Hälfte+ aller Arbeiter,
-sondern: über +fünfzig Prozent+ aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz
-geringer +Teil+ der Künstler, sondern: ein ganz geringer +Prozentsatz+
-der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen.
-Man sagt nicht: ein großer +Teil+ der Studenten ist faul, sondern
-man klagt über den Unfleiß (!) eines großen +Prozentsatzes+ der
-„Studierenden“.
-
-+Rückschluß+, +Rückschlag+ und +Rückwirkung+. Für +Schluß+, +Einfluß+
-und +Wirkung+. +Schlüsse+ und +Wirkungen+ gibt es nicht mehr, nur noch
-+Rückschlüsse+ und +Rückwirkungen+. Von +Rück+- ist aber meist gar
-nicht die Rede.
-
-+Unstimmigkeit.+ Törichte Neubildung für +Widerspruch+,
-+Meinungsverschiedenheit+, +Mißhelligkeit+. Es gibt +einstimmige+ und
-+vierstimmige+ Lieder, es gibt auch +Einstimmigkeit+ bei Abstimmungen,
-aber es gibt weder +Stimmigkeit+ noch +Unstimmigkeit+.
-
-+Verfehlung.+ Mattherzig bemäntelndes Wort für +Verbrechen+,
-+Vergehen+. Für Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen,
-Bilanzverschleierungen, betrügerische Bankerotte, Ehebrüche u. dgl.
-sehr beliebt.
-
-+Bedeutsam.+ Aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort. Goethe sagt in
-seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler
-halte das Blümlein Mannstreu +bedeutsam+ in der Hand. Das heißt so
-viel wie +bedeutungsvoll+: der Maler habe damit sinnbildlich oder
-symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen
-Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren.
-Kein zweites Wort ist binnen wenigen Jahren so heruntergebracht,
-so scheußlich entwertet worden wie dieses schöne Wort. Für alles
-mögliche muß es herhalten, für +groß+, +wichtig+, +bedeutend+,
-+hervorragend+, +wertvoll+, +brauchbar+ usw. Wenn man über eine Sache
-nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie +bedeutsam+.
-Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und
-Hegel +bedeutsame+ Bücher geschrieben -- diese Zusammenstellung ist
-nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich
-+bedeutsam+ -- das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die
-Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) +bedeutsame+ war --
-für den Buchstaben G lagen schon aus Hildebrands Nachlaß +bedeutsame+
-Ergänzungen vor -- auch in dem Holzschnittwerk des Meisters findet
-sich eine +bedeutsame+ Nummer -- in Amerika sind für die deutsche
-Sprache +bedeutsame+ Ereignisse zu verzeichnen -- die Thronrede mußte
-um so +bedeutsamer+ wirken, als Österreich jetzt im Brennpunkt des
-Interesses steht -- daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen
-wurden, schien dem Herausgeber +bedeutsam+ genug, um (!) sie hier
-mitzuteilen. Man schwatzt von +bedeutsamen+ Bekanntschaften, Erfolgen,
-Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte
-+bedeutsamen+ Veröffentlichung, von einer +bedeutsamen+ Umgestaltung
-des Schulwesens, von dem +bedeutsamsten+ Teil der Wettinischen Lande,
-von einem +bedeutsamen+ Hinweis auf Pflanzenstudien, von +bedeutsamen+
-Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von +bedeutsamen+ politischen
-Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem +bedeutsamen+
-Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bzw. (!) durch (!) die
-Namen ihrer einstigen Besitzer +bedeutsamen+ Armbrüsten und von
-der +bedeutsamen+ Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer
-die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so sinnvolle,
-gehaltvolle Wort!
-
-+Belangreich+ und +belanglos+. Zwei herrliche Wörter, obgleich kein
-Mensch sagen kann, was +Belang+ ist, und ob es +der+ Belang oder +das+
-Belang heißt.
-
-+Besser.+ Wird jetzt mit Vorliebe nicht mehr als positive Steigerung
-von +gut+, sondern als negative Steigerung von +schlecht+ gebraucht,
-also in dem Sinne von +weniger schlecht+. Herrschaften suchen
-täglich in den Zeitungen +bessere+ Mädchen, und Mädchen natürlich
-nun auch +bessere+ Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten
-wollen, +bessere+ Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß
-seine Zeitung in allen +bessern+ Hotels und Cafés ausliege, und ein
-Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen +bessern+ Apotheken
-und Drogengeschäften „erhältlich“ sei. Folglich ist +gut+ jetzt besser
-als +besser+.
-
-+Eigenartig.+ Äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort +originell+
-und zugleich für +eigentümlich+, worunter man jetzt nur noch so viel
-wie +wunderlich+ oder +seltsam+ zu verstehen scheint. Oft auch bloßer
-Schwulst für +eigen+ (vgl. S. 400): ein +eigenartiger+ Reiz, ein
-+eigenartiger+ Zauber, eine +eigenartige+ Weihe usw.
-
-+Einwandfrei.+ Schöner neuer Ersatz für +tadellos+ und zugleich für
-+unanfechtbar+: gesunde, frische, +einwandfreie+ Milch -- ein sittlich
-+einwandfreier+ Priester -- eine absolut +einwandfreie+ Berliner
-Familie. Daß man nur von Dingen +frei+ sein kann, die einem auch
-anhaften können (vgl. +fehlerfrei+, +fieberfrei+), daran wird gar nicht
-gedacht.
-
-+Erheblich.+ Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben
-gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder hervorgesucht und
-nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen,
-Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für +groß+, +wichtig+,
-+bedeutend+, +wesentlich+). Es gibt nichts in der Welt, was nicht
-entweder +erheblich+ oder +unerheblich+ oder -- +nicht unerheblich+
-wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung,
-eine Verkehrsstörung, alles ist +erheblich+. So heißt es auch vor
-Komparativen nicht mehr +viel+, sondern nur noch +erheblich+:
-+erheblich+ besser, +erheblich+ größer usw.
-
-+Froh+ und viele Zusammensetzungen damit: +arbeitsfroh+,
-+bildungsfroh+, +genußfroh+, +sangesfroh+, +kunstfroh+, +farbenfroh+,
-+fleischfroh+ (der +fleischfrohe+ Rubens!), +wirklichkeitsfroh+,
-namentlich in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Wir leben in
-einer +kunstfrohen+ Zeit, in der es viele +novitätenfrohe+ Kunstfreunde
-gibt.
-
-+Glatt.+ Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: +leicht+,
-+schnell+, +sicher+, +offenbar+ usw.: der Verkehr wickelte sich +glatt+
-ab -- er fiel mit seinem Antrage +glatt+ ab -- es steht zu hoffen,
-daß die Heilung der Wunde +glatt+ erfolgen wird -- es liegt ein ganz
-+glatter+ Betrug vor -- sogar: das liegt auf +glatter+ Hand (statt: auf
-+flacher+)!
-
-+Großzügig.+ Neues Glanzwort, das alle Welt berauscht oder wenigstens
-berauschen soll. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf +große
-Züge+ beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Nun kann
-man ja in anderm Sinne auch von den +großen Zügen+ (Linien) einer
-Gebirgslandschaft, also allenfalls auch von einer +großzügigen+
-Gebirgslandschaft reden. Was soll man sich aber darunter denken, wenn
-es heißt: ein +großzügiges+ Regierungsprogramm wird aufgerollt (!)
--- es fehlt dem Wahlkampf an einer +großzügigen+ Bewegung -- einen
-Zufall gibt es für diesen Standpunkt (!) +großzügiger+ Auffassung
-nicht -- die protestantischen Völker verfolgen +großzügig+ ihre Ziele
--- seiner +großzügigen+ Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein
-Lehramt ohne Pedanterie verwaltet -- das Denkmal ist eine +großzügige+
-deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann -- G. verrät in seinen
-Porträtköpfen eine +großzügige+ Eigenart -- zeichnerische Genialität
-und malerische Kraft paaren sich mit +großzügigem+ Realismus? Was soll
-man sich unter einer +großzügigen+ Stadtverwaltung, unter +großzügigen+
-Straßennetzen, Bebauungsplänen und Bauschöpfungen, einem +großzügig+
-redigierten Familienblatt, unter der +großzügigen+ Formensprache des
-Barock und der imposanten +Großzügigkeit+ seiner Fassaden vorstellen?
-Was sind das für „Züge“, an die man dabei denken soll? Gemeint ist
-bald einfach +groß+ oder +großartig+, bald +reich+, +kräftig+ oder
-+schwungvoll+, bald +geistreich+ oder +geistvoll+, bald +weitherzig+
-oder +weitblickend+. Das alles soll jetzt das alberne +großzügig+
-ausdrücken! Es ist ein ganz infames Klingklangwort, ohne allen Sinn und
-Inhalt, so recht für die gedankenlose, groß--mäulige Schwätzerei unsrer
-Tage ersonnen, namentlich für die Kunstschwätzerei, aus deren Kreisen
-es höchstwahrscheinlich auch stammt.
-
-+Hochgradig.+ Für +hoch+ oder +groß+; aus der Sprache der Ärzte:
-+hochgradiges+ Fieber. Dann auch +hochgradige+ Erregung, +hochgradige+
-Erbitterung usw.
-
-+Jugendlich.+ Modeersatz für +jung+, das vollständig in Verruf gekommen
-ist. Hat namentlich seit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers um
-sich gegriffen. Den wagte man nicht +jung+ zu nennen -- wahrscheinlich
-hielt man das für eine Majestätsbeleidigung --, man sagte immer:
-unser +jugendlicher+ Kaiser, und genau so ging es dann wieder mit
-dem +jugendlichen+ Kronprinzen. Welch großer Unterschied zwischen
-+jung+ und +jugendlich+ ist, welch erfreuliche Erscheinung z. B. ein
-+jugendlicher Greis+, welch klägliche ein +junger Greis+ ist, dafür hat
-man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von +jugendlichen+
-Arbeitern, +jugendlichen+ Übeltätern, Verbrechern, Dieben,
-Brandstiftern, einer +jugendlichen+ Sängerschar, sogar +jugendlichen+,
-unter sechzehn Jahren alten Mädchen; den siebenjährigen Knaben Mozart
-nennt man den +jugendlichen+ Mozart und den sechzehnjährigen Studenten
-Goethe den +jugendlichen+ Goethe und betont das +jugendliche Alter+,
-in dem er die Universität bezog! Überall ist +jung+ gemeint, und
-+jugendlich+ wird gesagt und geschrieben.
-
-+Minderwertig.+ Verhüllender Ausdruck für +schlecht+, +wertlos+,
-+unbrauchbar+. Irgendeinen Menschen oder eine Sache +schlecht+
-zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von
-+minderwertigem+ Fleisch, +minderwertigen+ Kartoffeln, +minderwertigen+
-Existenzen, sogar von +minderwertigen+ Referendaren.
-
-+Offensichtlich.+ Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut
-aus +sichtlich+ und +offenbar+: die +offensichtliche+ Gefahr,
-+offensichtliche+ Mängel, mit +offensichtlichem+ Stolz usw.
-
-+Schneidig.+ Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen
-Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit,
-Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen
-Männerwelt jetzt gefällt. Zum Glück im Rückgange begriffen.
-
-+Selbstlos.+ Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung
-des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber
-auch schon ziemlich abgewirtschaftet.
-
-+Tiefgründig.+ Neues Modewort. Man spricht von +tiefgründiger+, das
-soll heißen: in die Tiefe gehender Arbeit und Forschung, aber auch von
-+tiefgründigen+, das soll heißen geheimnisvollen Kunstwerken: Klingers
-Werke sind viel zu +tiefgründig+ (!), um dem unvorbereiteten Betrachter
-schnell ihren Gehalt zu offenbaren -- endlich aber auch schon von
-+tiefgründiger+ (statt +tiefer+!) Vaterlandsliebe.
-
-+Tunlich+ und +angängig+. Lieblingswörter der Kanzleisprache für
-+möglich+: mit +tunlichster+ Bälde.
-
-+Uferlos+, für endlos: +uferlose+ Debatten, die Darstellung verliert
-sich in +uferlose+ Breite. Ja ja, wir sind ein seefahrendes Volk
-geworden.
-
-+Unerfindlich.+ Für +unbegreiflich+ oder +unverständlich+. Verfehlt
-gebildet, da +erfinden+ in dem Sinne, wie es in +unerfindlich+
-verstanden werden soll, ungebräuchlich ist. Trotzdem eine Zeit lang
-sehr beliebt, jetzt im Rückgange.
-
-+Ungezählt.+ Sehr beliebte neue Modedummheit für +unzählig+,
-+zahllos+, ja sogar für +zahlreich+. Napoleon stand einer Streitmacht
-+ungezählter+ Kosaken gegenüber -- die Stadtchronik berichtet von
-+ungezählten+ Festen -- dieser Schrank birgt +ungezählte+ Zinnkannen
--- die Atmosphäre ist mit +ungezählten+ Kohlenteilchen erfüllt --
-Messel hat im Wertheimpalast Normen geschaffen, die bestimmend für
-+ungezählte+ Warenhäuser wurden -- eine +ungezählte+ Menge drängte
-sich nach dem Unglücksplatz -- +ungezählte+ Deutsche feiern heute
-den Geburtstag des großen Kanzlers -- der Roman erlebte +ungezählte+
-Auflagen. Ob eine Menge gezählt worden ist, darauf kommt es doch gar
-nicht an, sondern darauf, ob sie gezählt werden konnte! Die Auflagen
-eines Buches aber werden wirklich gezählt.
-
-+Verläßlich.+ Modewort für +zuverlässig+. Wunderliche Verirrung!
-+Zuverlässig+ ist ein schönes, kräftiges Wort; wer +zuverlässig+ ist,
-auf den kann man sich wirklich verlassen. Einem +Verläßlichen+ würde
-ich nicht über den Weg trauen; das Wort hat gleich so etwas widerwärtig
-weichliches.
-
-+Vornehm.+ Im Superlativ ausschließlicher Ersatz für alle
-Zusammensetzungen, die früher mit +Haupt+- gebildet wurden. Für
-+Haupt+ursache, +Haupt+bedingung, +Haupt+zweck, +Haupt+aufgabe heißt
-es nur noch: die +vornehmste+ Ursache, die +vornehmste+ Bedingung, der
-+vornehmste+ Zweck, die +vornehmste+ Aufgabe. Je öfter man +vornehm+
-schreibt, desto vornehmer kommt man sich selber vor.
-
-+Zielbewußt.+ Von der sozialdemokratischen Presse in Umlauf gesetzt und
-eine Zeit lang von ihr mit blutigem Ernst gebraucht. Heute nur noch mit
-Gänsefüßchen möglich: ein „zielbewußter“ Autographensammler u. ähnl.
-
-+Abstürzen.+ Für +herabstürzen+ oder +hinabstürzen+; namentlich von
-den Alpenfexen verbreitet. In den Zeitungen +stürzen+ aber schon nicht
-mehr bloß Bergkletterer +ab+, sondern auch Steinblöcke in Steinbrüchen,
-Turner vom Reck, Kinder vom Straßenbahnwagen usw. Man setze +fallen+
-für +stürzen+, und man wird die Lächerlichkeit fühlen! Ab mit
-Zeitwörtern zusammengesetzt bedeutet ja die Trennung, die Entfernung;
-vgl. +abfallen+, +abgehen+, +abfahren+, +absenden+, +abspringen+,
-+abnehmen+, +abreißen+, +abhauen+, +abschneiden+ usw.
-
-+Anschneiden+ und +aufrollen+. Eine Frage, ein Thema wird nicht
-mehr +berührt+, +angeregt+ -- das ist viel zu fein --, sondern
-entweder werden sie +angeschnitten+, wie eine Blutwurst, oder sie
-werden +aufgerollt+, wie ein Treppenläufer oder eine Linoleumrolle.
-Das ist die Bildersprache der Gegenwart! Und wenn eine Frage dann
-+aufgerollt+ oder +angeschnitten+ ist, dann kommt es darauf an, sich
-ein tüchtiges Stück +abzuschneiden+. Gelingt einem das, dann hat man
-+gut abgeschnitten+, das soll heißen: man ist gut dabei weggekommen.
-Wie wird Deutschland dabei +abschneiden+?
-
-+Auslösen.+ Für +erregen+, +wecken+, +hervorrufen+, +veranlassen+.
-Aus der Mechanik, wo es so viel bedeutet, wie durch Beseitigung einer
-Hemmung irgend etwas in Bewegung oder Tätigkeit setzen: der Dichter
-will uns nicht seine Gedanken aufnötigen, sondern unsre eignen
-Gedanken +auslösen+ -- ein Wort, das gerade in diesem Zusammenhange
-eigentümliche Empfindungen +auslösen+ mußte -- ob ein Unlustgefühl
-eine Handlung +auszulösen+ imstande ist -- Eindrücke, die leicht
-pathologische Reize +auslösen+ -- durch frische Luft wird körperliches
-Wohlbefinden +ausgelöst+ -- allgemeine Heiterkeit +löste+ folgender
-Vorfall +aus+. Aber auch: manche lyrische Gedichte Goethes lassen sich
-in der Musik nicht voll (!) +auslösen+ -- in den ersten Monaten seiner
-Universitätszeit +löste sich+ (!) bei ihm eine kräftige Fuchsenstimmung
-+aus+. Schön gesagt!
-
-+Ausschalten.+ Für +beseitigen+, +fernhalten+, +vermeiden+, +unnötig
-machen+, +aufgeben+ usw.: der Einfluß des Charakters kann natürlich
-nicht +ausgeschaltet+ werden -- nachdem alle andern Projekte
-+ausgeschaltet+ sind -- um sprachliche Erklärungen des Textes von
-vornherein +auszuschalten+. Man muß doch zeigen, daß man mit dem
-Telephon und dem elektrischen Licht Bescheid weiß.
-
-+Bedeuten.+ Gespreizter Ersatz für +sein+, für die ganz einfache
-„Kopula“: sein Tod +bedeutet+ für die gesamte Kunst einen schweren
-Verlust -- eine dreiköpfige Leitung würde eine äußerst bedenkliche
-Einrichtung +bedeuten+ -- die Schülerfahrt nach Weimar soll für
-jeden Teilnehmer ein unvergeßliches Erlebnis +bedeuten+ -- welche
-Ermäßigung das gegenüber dem jetzigen Tarif +bedeuten+ würde, mag
-folgendes Beispiel zeigen -- diese Art der Einordnung +bedeutet+
-einen willkürlichen Anachronismus -- Gobineaus letzte Lebensjahre
-+bedeuten+ den Schlußakt eines erschütternden Trauerspiels -- der Tod
-der Königin +bedeutete+ für Southampton das Ende der Kerkerhaft. (Vgl.
-+darstellen+.)
-
-+Begrüßen.+ Neuerdings sehr beliebt statt: +willkommen heißen+.
-+Begrüßen+ ist aber ein neutraler Begriff; man kann etwas mit Freuden,
-mit Jubel, dankbar, aber auch kühl, gleichgiltig, mit sauersüßer Miene
-begrüßen. Es ist also nichtssagend, wenn geschrieben wird: es wäre zu
-+begrüßen+, wenn solche Untersuchungen weiter angestellt würden --
-daß Bach mit Chorälen vertreten ist, kann man nur +begrüßen+ -- wir
-müssen es immer +begrüßen+, wenn ein Mann der Wissenschaft die Gabe
-volkstümlicher Darstellung besitzt (!).
-
-+Bekannt geben.+ Für +bekannt machen+, weil +machen+ nicht mehr für
-fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel +gemacht+: ein Mädchen
-+macht+ sich erst die Haare, dann +macht+ sie die Betten, dann +macht+
-sie Feuer usw. Sonntags +macht+ der Leipziger sogar nach Dresden.
-Trotzdem ist +bekannt geben+ eine Abgeschmacktheit.
-
-+Sich beziffern.+ Statt +betragen+, +sich belaufen+. Aus der
-Statistik, die ja keine +Zahlen+ kennt, sondern nur +Ziffern+ (obwohl
-sich Ziffer zu Zahl verhält wie Buchstabe zu Laut und Note zu Ton):
-Bevölkerungs+ziffer+, Durchschnitts+ziffer+ -- ich kann Ihnen noch
-einige +Ziffern+ vorlegen -- das Personal +beziffert sich+ auf hundert
-Köpfe -- der Verlust +beziffert sich+ auf 30000 Mann usw.
-
-+Darstellen.+ Schauderhaft gespreizter Ersatz für +bilden+ in dem
-Sinne von +sein+ (vgl. +bedeuten+). Schon +bilden+ war überflüssige
-Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun
-vollends +darstellen+! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben:
-ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher +darstellten+ -- der
-Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches +darstellt+ --
-das Geschwader +stellt+ eine bedeutende Streitmacht +dar+ -- die
-Zusammenkünfte sollen ein kollegiales Bindemittel +darstellen+ -- diese
-Bahn +stellt+ den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien +dar+
--- diese Beschäftigung +stellt+ keine ausreichende Tätigkeit +dar+
--- die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar
-von armen Sündern +darstellt+ -- Bücherschätze, die ein herrliches
-Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte +darstellen+ --
-die Akademie +stellt+ einen zusammenhängenden Organismus +dar+ --
-ein Gebiet, das an dem großen Baume des Kunstgewerbes nur einen Ast
-+darstellt+ -- ein Unternehmen, bei dem die hochtönenden Namen offenbar
-die Hauptsache +darstellen+ -- das Fleisch der Seefische +stellt+ auch
-für den Arbeiter ein vollwertiges Nahrungsmittel +dar+ -- unterliegt
-ein Volk seinem Gegner, so bleibt nur der Schluß, daß es einen weniger
-lebensfähigen Typ (!) repräsentiert (!), als ihn der Sieger +darstellt+
-(d. h. nicht so lebensfähig ist wie der Sieger!). Kann es einen
-alberneren Sprachschwulst geben?
-
-+Einschätzen.+ Es wird nichts mehr +geschätzt+, +beurteilt+, für etwas
-+gehalten+, sondern alles wird +eingeschätzt+: ein Buch, das der
-Kritiker dieses Blattes +hoch einschätzt+ -- ein Parteifreund, der die
-ultramontane Gefahr minder hoch +einschätzt+ -- man muß sich selbst
-beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig +einzuschätzen+
--- sie nahm zu einem Manne ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch
-+einschätzte+ -- auch die +Einschätzung+ der künstlerischen Tätigkeit
-ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen -- 1849 gab es nicht einen
-Menschen, der Goethes Wert richtig +einschätzte+ -- das Buch ermöglicht
-uns eine richtige +Einschätzung+ der Verhältnisse unsers Grenznachbars
--- ein Diplomat, der die Gewähr bietet, daß er Stimmungen und
-Personen aus eigner Anschauung +einzuschätzen+ weiß -- sein Idealismus
-+schätzte+ den Opfermut seiner Landsleute zu hoch, die Schwierigkeiten
-zu niedrig +ein+ -- Zöllners Musik zur Versunknen Glocke ist höher
-+einzuschätzen+ als seine Faustmusik. Warum denn +ein+-? +Eingeschätzt+
-wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das +ein+- seinen
-guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte
-Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte
-Steuer zu bezahlen. Irgendein dummer Kerl hat das Wort für +schätzen+,
-+beurteilen+ gebraucht, und die gescheitesten Leute sind darauf
-hineingefallen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines
-Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe +Einschätzung+ der Kunst?
-Muß man denn auf Schritt und Tritt an den Steuerzettel erinnert werden?
-
-+Einsetzen.+ Seit einigen Jahren großartiges Modewort für +anfangen+
-und +beginnen+, und gleichfalls eins der schlagendsten Beispiele von
-der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden.
-Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In
-einer Fuge +setzen+ die einzelnen Stimmen hintereinander +ein+, jede
-Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat
-guten Sinn. Aber die erste Stimme -- +setzt+ die auch +ein+? Nein,
-die +beginnt+ oder +fängt an+, denn sie ist eben die erste. Und das
-ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber
-selbst aufgebracht, daß +einsetzen+ als Modewort ausschließlich für
-das wirkliche +anfangen+ oder +beginnen+ gebraucht wird, außerdem aber
-noch für viele andre Wörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen.
-Bücher und Zeitungen wimmeln von Beispielen: die Untersuchungen über
-die Grenzen der Instrumentalmusik +setzen+ erst nach Beethoven +ein+
--- die Festspiele haben Mittwoch mit Don Juan unter sehr günstigem
-Stern +eingesetzt+ -- ihre greifbarste Gestalt haben diese Bestrebungen
-in dem +Einsetzen+ (Entstehung, Gründung) der deutschen Liedertafeln
--- die Verhandlungen +setzten+ sehr ruhig +ein+ -- überaus heftig
-+setzte+ alsbald die Kritik +ein+ -- groß und vielversprechend
-+setzt+ Klingers Schaffen +ein+ -- die Kampftage waren vorüber, das
-Strafgericht +setzte+ mit alter Herzlosigkeit +ein+ -- die Romantik
-+setzt+ in Dresden früh und mit Entschiedenheit +ein+ -- damit hat
-Uhlfeldt sein Schicksal besiegelt, und die fallende Handlung +setzt
-ein+ -- die Kunst kann erst +einsetzen+, wenn dem Schauspieler die
-Seele der dargestellten Person in Fleisch und Blut übergegangen ist --
-die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon
-+eingesetzt+ -- hier hört der Historiker auf, und der Theolog +setzt
-ein+ -- Paul Krügers Memoiren +setzen+ mit seiner Jugend +ein+ -- die
-aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand +setzen+ mit dem Jahre 1854
-+ein+ -- die heutige Verhandlung +setzte+ mit einem Briefe Schmidts
-+ein+ -- dogmatische Spekulation +setzte+ schon zur Zeit der Entstehung
-der Evangelien +ein+ -- in dieser Zeit scheinen seine Bemühungen
-um eine Professur +einzusetzen+ -- die Scheidung der Mundarten hat
-bereits im sechzehnten Jahrhundert +eingesetzt+ -- der wirtschaftliche
-Niedergang +setzte+ im Jahre 1901 +ein+ -- im Frühjahr +setzt+
-regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit +ein+ -- das Erdbeben +setzte+
-5 Uhr 30 Minuten +ein+ -- die schon früh +einsetzende+ Dunkelheit
-erhöht die Gefahr -- als ob die Brauchbarkeit der Halle bewiesen
-werden sollte, +setzte+ am Nachmittag ein gelinder Regen +ein+ -- ja
-sogar: für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen
-Preisen +eingesetzt+ (!) -- die Diskussion in der Presse +beginnt+
-(!) bereits +einzusetzen+ -- es +beginnt+ (!) hier eine Entwicklung
-+einzusetzen+, die möglicherweise zu irrigen Schlüssen führen könnte.
-Wem diese Beispiele den Appetit noch nicht verdorben haben, der
-sammle in den nächsten drei Tagen selber weiter, bis ihm der Appetit
-vergeht. Vernünftigen Sinn hat es, wenn man schreibt: Hier muß die
-Wissenschaft +einsetzen+, wenn sie zu einer befriedigenden Lösung der
-Frage kommen will; denn hier schwebt ein ganz andres Bild vor, nämlich
-das vom Einsetzen oder Ansetzen des Hebels. Aber Unsinn ist es wieder,
-zu schreiben: Hier will mein Buch +einsetzen+ (für +eingreifen+,
-+einspringen+, +in die Lücke treten+).
-
-+Einstellen.+ Aus der Sprache des Photographen, der die Camera
-einstellt: der Blick, die Aufmerksamkeit muß auf diesen Punkt
-+eingestellt+ werden. Warum denn nicht: +gelenkt+, +gerichtet+,
-+geleitet+?
-
-+Entgegennehmen.+ Spreizwort für +annehmen+. Anfangs nahm bloß der
-Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen
-Souveräns +entgegen+. Das +entgegen+ malte das Zeremoniell der
-feierlichen Handlung. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche
-Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler,
-Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal
-nur noch +entgegengenommen+ -- immer feierlich, herablassend. Sogar
-die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht +entgegen+, und der
-Angeklagte +nimmt+ das Todesurteil gefaßt, das Publikum aber +nimmt+ es
-mit tiefem Schweigen +entgegen+.
-
-+Erübrigen+ und +sich erübrigen+. Ein schlagendes Beispiel dafür,
-welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen
-angerichtet werden kann. +Erübrigen+ war bisher ein transitives
-Zeitwort und bedeutete so viel wie +sparen+, +zurücklegen+: ich habe
-mir schon ein hübsches Sümmchen +erübrigt+. Das hat man neuerdings
-angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von +übrig
-bleiben+: es +erübrigt+ noch, allen denen meinen Dank auszusprechen
--- es +erübrigt+ nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre
-aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den
-Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne
-von +überflüssig sein+ zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung
-+erübrigt+ es heute einzugehen -- hier +erübrigt+ jedes weitere Wort
--- es +erübrigt+ für mich jede weitere Bemerkung -- ein ausdrücklicher
-Verzicht +erübrigt+ von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in
-der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren
-Wiedergabe +sich erübrigt+ -- alle weitern Schritte +erübrigen sich+
-hierdurch -- es +erübrigt sich+ wohl, noch besonders darauf hinzuweisen
--- es +erübrigt sich+, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In
-solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei
-guten, deutlichen Ausdrücken wie +übrig bleiben+ und +überflüssig sein+
-aus dem Wege geht.
-
-+Erzielen.+ Ausschließlicher Ersatz für +erreichen+. +Erreicht+ wird
-nichts mehr; Nutzen, Gewinn, Vorteil, Ergebnisse, Erfolge, alles wird
-+erzielt+.
-
-+Führen.+ Statt +hervorragen+, +Bahn brechen+, +den Ton angeben+. Man
-spricht nur noch von +führenden+ Geistern, Denkern, Persönlichkeiten,
-Kunstschriftstellern, Chirurgen, von der +führenden+ Presse, von
-Leuten, die eine +führende+ Stelle oder Stellung einnehmen, eine
-+führende+ Rolle spielen, und Henckell Trocken ist die +führende+
-Marke! Bei +hervorragen+ sah man gleichsam eine stillstehende
-Reihe oder Gruppe vor sich; bei +führen+ sieht man die ganze Bande
-marschieren, und zwar im Gänsemarsch.
-
-+Im Gefolge haben.+ Modephrase für: +zur Folge haben+. Bisher hatte nur
-ein Fürst ein Gefolge; jetzt heißt es: die Not +hat+ Unzufriedenheit
-+im Gefolge+ -- Reformen, die die Schmälerung des Profits +im Gefolge
-haben+ könnten -- anarchistische Bestrebungen, die reaktionäre
-Maßregeln +im Gefolge haben+ -- der Fall +hatte+ eine fünfjährige
-Freiheitsstrafe +im Gefolge+ -- es ist nicht zu verkennen, daß die
-Preßfreiheit auch schwere Schäden +im Gefolge hatte+. Man überlege sich
-nur, was für Unsinn man da hinschreibt!
-
-+Gestatten.+ Feiner Ersatz für +erlauben+, das ganz ins alte Eisen
-geworfen ist. Hat aber seine Laufbahn ziemlich rasch zurückgelegt.
-Auch der Handlanger sagt schon, ehe er einem auf die Füße tritt:
-+Gestatten!+ so gut wie er schon die Zigarette nachlässig zwischen den
-Lippen hängen hat. Wo bleibt nun die Feinheit?
-
-+Landen für ankommen.+ Anfangs als Scherz, jetzt aber in vollem Ernst
-geschrieben: als Schiffbrüchiger +landete+ er in Rom -- 1842 war Wagner
-nach langer Wanderung in Dresden +gelandet+ (wahrscheinlich kam er mit
-dem Schandauer Dampfschiff).
-
-+Rechnung tragen.+ Beliebte Phrase des Kanzleistils und bequemer Ersatz
-für alle möglichen Zeitwörter und Redensarten: wir sind bemüht,
-diesen Beschwerden +Rechnung zu tragen+ (+abzuhelfen+!) -- Ihrem
-Wunsche, den Gebrauch der Fremdwörter einzuschränken, werden wir gern
-+Rechnung tragen+ (+erfüllen+!) -- es finden sich Bearbeitungen von den
-einfachsten bis zu den schwierigsten, sodaß allen Vereinen +Rechnung
-getragen+ ist (+Rücksicht genommen+!) -- es war zu erwarten, daß das
-Volk durch eine Landestrauer seinen Gefühlen +Rechnung tragen+ würde
-(+Ausdruck geben+!) -- dieser Auffassung haben wir auch +Rechnung
-getragen+ (+bestätigt+!) -- wie wenig die Verwaltung diesem Grundsatz
-+Rechnung getragen+ hat (+gefolgt ist+!).
-
-+Schreiten+, +beschreiten+, +verschreiten+. Für +gehen+ oder +sich
-wenden+. Man +schreitet+, oder noch lieber: man +verschreitet+ zur
-Wahl, zur Abstimmung, zur Veröffentlichung, zur Operation, ja sogar
-zum Aufgießen des Tees. Fürsten +gehen+ nie, sie +schreiten+ immer:
-der Kaiser +schritt+ zunächst durch die Sammlung der Musikinstrumente.
-Aber auch: die Maori +schreiten+ unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen
--- immer mit gehobnen und gestreckten Beinen, wie die Rekruten auf dem
-Drillplatze.
-
-+Tragen.+ Feierlicher Ersatz für +bringen+: wir +tragen+ dem Kaiser
-Liebe und Vertrauen +entgegen+. Nur schade, daß man einem nur etwas
-in den Händen oder auf einem Präsentierteller +entgegentragen+ kann,
-in seinem Innern aber doch nur +entgegenbringen+. Ganz besonders
-aber ist +getragen sein+ jetzt beliebtes Spreizwort für +erfüllt
-sein+: von künstlerischer Überzeugung +getragen+ -- von patriotischer
-Wärme +getragen+ -- von religiöser Gläubigkeit +getragen+ -- von
-wissenschaftlichem Ernst +getragen+ -- von düsterm Pessimismus
-+getragen+ -- eine von hoher Begeisterung +getragene+ Rede -- eine
-fesselnde, von staunenswerter Belesenheit +getragene+ Darstellung
--- eine von froher Geselligkeit +getragene+ Veranstaltung -- die
-geräuschlose, von warmer Fürsorge für die Jugend +getragene+ Arbeit
--- der Kommers nahm einen von echt studentischem Geiste +getragenen+
-Verlauf -- der Empfang des Kaisers war von herzlicher Begeisterung
-+getragen+ usw. Man muß immer an einen Luftballon denken.
-
-+Treten.+ Ebenso beliebt wie +schreiten+. Einer Frage wird näher
-+getreten+, das Ministerium ist zu einer Beratung zusammen+getreten+,
-und besonders gern wird in etwas +eingetreten+: Arbeiter +treten+
-in einen Streik, sogar in einen Ausstand +ein+, eine Versammlung
-+tritt+ in eine Verhandlung +ein+, der Reichskanzler ist in ernstliche
-Erwägungen +eingetreten+, und der Gelehrte schreibt: ich will auf
-dieses Gebiet hier nicht näher +eintreten+ -- ich mag hier nicht in
-den Streit über die Bedeutung Hamerlings +eintreten+. Das schönste
-aber ist: +in die Erscheinung treten+ (statt +erscheinen+ oder +zur
-Erscheinung kommen+): es ist bei dieser Gelegenheit scharf (!) +in
-die Erscheinung getreten+ (es hat sich deutlich gezeigt) -- dabei
-+tritt+ das Gesetz +in die Erscheinung+ (dabei kann man beobachten)
--- es zeigten sich Krankheitssymptome, die immer intensiver +in die
-Erscheinung traten+ -- der Zustand der Herzschwäche +trat+ vermindert
-+in die Erscheinung+ -- es handelt sich um eine Krankheit des modernen
-Lebens, die hier in besonders krasser Weise +in die Erscheinung tritt+
--- Unregelmäßigkeiten +treten+ um so mehr +in die Erscheinung+, je
-kleiner das Beobachtungsfeld ist -- hier +tritt+ nie eine so starke
-territoriale Zersplitterung +in die Erscheinung+ -- das Gesamtleben des
-Reichs +tritt+ in der Hauptstadt konzentriert +in die Erscheinung+ --
-das Nachtleben +tritt+ in Berlin weit auffälliger +in die Erscheinung+
--- ja sogar der neue Spielplan wird zu Neujahr +in die Erscheinung
-treten+. Wie vornehm glauben sich die Leute mit diesem ewigen Getrete
-auszudrücken, und -- wie albern ist es!
-
-+Vertrauen.+ Mit nachfolgendem Objektsatz (!), statt +hoffen+,
-+glauben+, +überzeugt sein+: das Ministerium +vertraut, daß+ der
-eingerissene Mißbrauch bald wieder abgestellt sein werde -- die Leser
-können +vertrauen, daß+ wir bei der Feststellung des Textes die größte
-Vorsicht haben walten lassen.
-
-+Vorbestrafen.+ Lieblingswort aller Polizeireporter und aller
-Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal
-+vorbestrafter+ Kellner -- ein schon fünfzehnmal +vorbestrafter+
-Riemergeselle -- ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus,
-+vorbestraftes+ Subjekt. Als ob nicht +bestraft+ genügte! Müssen denn
-nicht, wenn einer „schon oft“ bestraft worden ist, diese Strafen
-+vor+ der liegen, die ihn jetzt erwartet! Der Unsinn ist aber nicht
-auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher
-noch +unvorbestrafte+ Verkäuferin.
-
-+Vorsehen+, nicht als reflexives, sondern als transitives Zeitwort:
-+etwas vorsehen.+ Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit
-in der Kanzlei- und Zeitungssprache verbreitet, für denkfaule Leute
-wieder ein willkommner Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem
-Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, ~providere~
-ja nicht mit +vorsehen+ zu übersetzen, es sei das ein gemeiner
-Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas +sorgen+, +Fürsorge+ oder
-+Vorsorge treffen+, etwas +vorbereiten+. Dieser „gemeine Latinismus“
-ist der neueste Stolz der Kanzlei- und Zeitungssprache: Sache der
-Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen +vorzusehen+ --
-zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel
-+vorgesehen+ -- die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am
-Leipziger Stadttheater +vorgesehen+ -- als Verbindung zwischen beiden
-Straßen ist eine Allee +vorgesehen+ -- für die Rasenrabatten ist die
-übliche niedrige Einfassung +vorgesehen+ -- für den Speisesaal ist
-Rokoko +vorgesehen+ -- die Selbstregierung, die das Friedensinstrument
-+vorsieht+ -- die zu einer Ferienreise +vorgesehenen+ Ersparnisse der
-Schulkinder -- das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend
-den 5. November +vorgesehen+ -- für den Besuch Sr. Majestät in der
-Handelsschule ist folgendes Programm +vorgesehen+ -- für den Abend
-ist ein Fackelzug +vorgesehen+ usw. Also +sorgen+, +beabsichtigen+,
-+planen+, +bestimmen+, +festsetzen+ -- alles wird mit diesem aus reiner
-Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften +vorsehen+ ausgedrückt!
-
-+In die Wege leiten.+ Herrliche neue Modephrase der Amts- und
-Zeitungssprache für -- ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt
-einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht +geschaffen+ -- er
-hat mancherlei Technisches +unternommen+ -- die Veranstaltung wird
-schon jetzt +vorbereitet+ -- es wäre zu wünschen, daß ein solches
-Amt +eingerichtet+ würde -- heißt es: die Schaffung einer starken
-Seemacht wurde +in die Wege geleitet+ -- er hat mancherlei technische
-Unternehmungen +in die Wege geleitet+ -- die Vorbereitungen zu der
-Anstalt werden bereits +in die Wege geleitet+ -- es wäre zu wünschen,
-daß die Organisation eines solchen Amtes +in die Wege geleitet+ würde.
-Und ein Unterbeamter schreibt an den andern: ich bitte, das Weitere
-baldgefälligst (!) +in die Wege leiten+ zu wollen.
-
-+Werten+ und +bewerten+. Neben +einschätzen+ (vgl. S. 377) seit
-kurzem äußerst beliebte Spreizwörter für +schätzen+, +beurteilen+,
-+für etwas ansehen+ oder +halten+. Bisher kannte man nur +verwerten+
-und +entwerten+. Jetzt wird aber alles +gewertet+ oder +bewertet+:
-in Schlesien weiß man die Kraft, die aus der Muttererde strömt, wohl
-zu +werten+ -- diese Luxusausgaben werden im Handel bereits hoch
-+bewertet+ -- seine Schriften verraten eine selten (!) hohe +Wertung+
-der Ehe -- es drängt sich die Frage auf, wie ein sächsischer Offizier
-einem preußischen gegenüber zu +bewerten+ sei -- wir können diese
-Urteile nicht als Urteile eines ernsthaften Journalisten +bewerten+
--- diese Abweichung von der Regel dürfte als nicht ganz sachgemäß
-+bewertet+ werden -- man muß die Ausdrucksweise einer Zeit kennen,
-wenn man ihre Freundschaften und Liebschaften +bewerten+ will -- die
-Monarchenzusammenkunft wird in der N. A. Z. mit folgenden Worten
-+gewertet+ -- beide, er wie sie, wollen selbständig +gewertet+
-werden -- bei der wissenschaftlichen +Wertung+ des Problems tut vor
-allem Nüchternheit not -- man muß die juristische +Bewertung+ des
-Falles abwarten -- ja sogar: die +Bewertung+ und +Beurteilung+ (!)
-dieser Bilder wird neu festzustellen und zu modifizieren sein -- was
-eine Südländerin von Temperament als Lebensforderung +einschätzt+
-und +wertet+ (!) -- und das Neueste und Schönste von allem:
-baugeschichtliche Feststellungen geben uns die Möglichkeit, die
-Entstehungsbedingungen dieser Baukunst sicher +einzuwerten+ (also aus
-+werten+ und +einschätzen+ ein drittes Wort zusammengeknetet!). Woher
-stammen die herrlichen Wörter? Aus der Börsensprache, die von der
-+Bewertung+ des umlaufenden Edelmetalls spricht? Oder von Nietzsche?
-
-+Zeitigen.+ Für +hervorbringen+, +schaffen+: es ist eine armselige
-Literatur, wie sie noch keine Periode der Musikgeschichte +gezeitigt+
-hat.
-
-+Zubilligen.+ Für +bewilligen+ oder +zugestehen+: den Arbeitern
-wurde eine Unterredung +zugebilligt+ -- jeder höhern Lehranstalt
-sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark +zugebilligt+ -- die
-Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung +zugebilligt+.
-
-+Zukommen+, auf etwas. Beliebtes neues Ersatzwort des sächsischen
-Kanzleistils für alles mögliche, für: an etwas +denken+, etwas +ins
-Auge fassen+, etwas +beschließen+, +sich+ zu etwas +entschließen+,
-+sich+ auf etwas +einlassen+: wenn man auf die Ausführung dieses
-Gedankens +zukommen+ wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick
--- es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der
-Türme +zuzukommen+ sei -- wann wird man an den höhern Schulen auf eine
-Verminderung der Unterrichtszeiten +zukommen+.
-
-+Bislang.+ Für +bisher+. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark
-verbreitet, heute ziemlich vergessen.
-
-+Da und dort.+ Modeverbindung für +hie und da+: unter den
-technischen Schwierigkeiten klingt doch +da und dort+ ein tieferer
-musikalischer Sinn heraus.
-
-+Erstmals.+ Neues Spreizwort für +zuerst+ oder +zum erstenmal+: eine
-Fülle von Material ist in diesem Buche +erstmals+ erschlossen. (Vgl.
-+erstmalig+ S. 407)
-
-+Hoch.+ Einzig gebräuchliches Adverb zur Begriffssteigerung folgender
-Adjektiva: +fein+, +elegant+, +modern+, +herrschaftlich+, +gebildet+,
-+gelehrt+, +verdient+, +bedeutend+, +bedeutsam+, +wichtig+, +ernst+,
-+feierlich+, +tragisch+, +komisch+, +romantisch+, +poetisch+,
-+interessant+, +erfreulich+, +befriedigend+, +willkommen+, +achtbar+,
-+adlich+, +konservativ+, +kirchlich+, +offiziell+. Das wird genügen.
-
-+Indes+ oder +indessen+. Sehr beliebtes Spreizwort für +aber+, +doch+,
-+jedoch+: heute wurden hier starke Erdstöße verspürt, die +indessen+
-keinen Schaden anrichteten -- es kam zu Zwistigkeiten, die +indes+
-einen günstigen Verlauf nahmen -- er hatte das Stück schon vor
-Jahren verfaßt, +indessen+ unterblieb damals die Aufführung -- der
-Graf wanderte in den Tower; lange dauerte +indes+ seine Haft nicht
--- bei näherer Prüfung +indessen+ stellt sich R. als interessante
-Persönlichkeit dar.
-
-+Nahezu.+ Modewort für +fast+ oder +beinahe+.
-
-+Naturgemäß.+ Aus Berlin (+naturjemäß+). Hat sich mit
-lächerlicher Schnelligkeit an die Stelle von +natürlich+ (d. h.
-+selbstverständlich+) gedrängt, sodaß man sich, wo es einmal in seiner
-wirklichen Bedeutung erscheint (die soziale Bewegung ist +naturgemäß+
-erwachsen), erst förmlich besinnen muß, daß es ja diese Bedeutung auch
-noch haben kann. Sonst heißt es nur noch: wir beginnen +naturgemäß+ mit
-den preisgekrönten Entwürfen -- +naturgemäß+ ist die Studentenzeit zum
-Lernen bestimmt -- die Wiedergabe durch Lichtdruck läßt +naturgemäß+
-manches unklar -- die Sorge beginnt +naturgemäß+ gleich bei der
-Aufnahme der Lehrlinge -- +naturgemäß+ konnte die Stadtbahn nicht durch
-den glänzendsten Teil der Hauptstadt gelegt werden -- +naturgemäß+
-ist der Grund der Unsicherheit nicht in allen Fällen der gleiche --
-die Unbilligkeit verstärkt sich +naturgemäß+ mit jedem Jahre usw. Man
-redet aber auch schon von einer +vernunftgemäßen+ (!) Auswahl der
-Schreibfeder, statt von einer +vernünftigen+ -- und da nun einmal
-+gemäß+ Mode ist, so führt auch der Kaufmann +wunschgemäß+ seine
-Bestellungen aus, und der Unterbeamte erledigt alles mit großem Eifer
-+auftraggemäß+.
-
-+Rund.+ Dem Englischen nachgeäfft. Wird jetzt vor alle Zahlen gesetzt,
-die, wie der Zusammenhang zeigt, selbstverständlich nur runde Zahlen
-sein können und sollen: der Kandidat der Ordnungsparteien erhielt
-+rund+ 3200 Stimmen gegen +rund+ 360 Stimmen der Sozialdemokraten --
-der Ertrag der Sammlung bezifferte sich (!) auf +rund+ 5000 Mark. Ohne
-+rund+ bekommt man eine Zahl mit Nullen am Ende kaum mehr zu lesen.
-
-+Reichlich.+ Seit kurzem äußerst beliebt für +sehr+, aber immer nur
-da, wo es nicht hinpaßt, nämlich in tadelnden Bemerkungen: du kommst
-+reichlich spät+, der Kerl ist +reichlich dumm+. Es fehlt nur noch, daß
-gesagt würde: er hat +reichlich wenig+ gegeben.
-
-+Selten.+ Beliebtes Adverb zur Steigerung von Eigenschaftswörtern (in
-dem Sinne von +ungewöhnlich+, +außerordentlich+, +in seltnem Grade+),
-z. B.: ein Mädchen von +selten gutem+ Charakter -- eine +selten
-frische+ Witwe -- ein +selten schönes+ Familienleben -- eine +selten
-günstige+ Kapitalanlage -- wir haben +selten schönes+ Wetter gehabt
--- dieser Weizen gedeiht auf leichtem Boden und liefert +selten hohe+
-Erträge -- besonders hebe ich die +selten naturgetreuen+ farbigen
-Abbildungen hervor -- die Inhaber dieser Bauernhöfe sind +selten
-fleißige+ und +tüchtige+ Wirte usw. Nur schade, daß +selten+ eben vor
-allen Dingen +selten+ bedeutet, und nicht +in seltnem Grade+, und daß
-infolgedessen stets das Gegenteil von dem herauskommt, was die Leute
-meinen. Darüber ist denn auch schon viel gespottet worden, so viel, daß
-endlich doch auch dem Harmlosesten ein Licht aufgehen müßte.
-
-+Unentwegt.+ Lächerlicher schweizerischer Provinzialismus für +fest+,
-+beharrlich+. Hat seine Rolle ziemlich ausgespielt.
-
-+Vielmehr.+ Ausschließlicher Ersatz für +sondern+: diese Preisbewegung
-ist nicht bloß dem Getreide eigentümlich, sie stimmt +vielmehr+ mit
-den übrigen Ackerbauerzeugnissen überein -- der Leser wird nicht mit
-einem Ballast von Erläuterungen überschüttet, +vielmehr+ halten die
-Anmerkungen das rechte Maß ein.
-
-+Voll und ganz.+ Modephrase ersten Ranges, die aber ihren Weg wohl
-bald „voll und ganz“ zurückgelegt haben wird.[164] Sehr beliebt ist es
-jetzt, +voll+ allein zu gebrauchen (für +ganz+ oder +vollständig+):
-dieser Auffassung kann ich +voll+ beipflichten -- überall deckt der
-Ausdruck +voll+ den Gedanken -- um die Tiefe seiner Auffassung +voll+
-zu würdigen -- Künstler, die diese Bedingung +voll+ erfüllen können
--- die deutschen Gemälde hielten den Vergleich mit den französischen
-+voll+ aus usw. Auch Zusammensetzungen mit +Voll+- als Bestimmungswort
-schießen wie Pilze aus der Erde: +Vollbild+, +Vollmilch+,
-+Vollgymnasium+, sogar +vollinhaltlich+: ich kann das +vollinhaltlich+
-bestätigen -- er mußte das Leben der Gefangnen +vollinhaltlich+
-mitleben.
-
-+Vorab+ und +vornehmlich+. Beide gleich beliebter Ersatz für
-+besonders+, +namentlich+ und +hauptsächlich+. Das sechzehnte, +vorab+
-das siebzehnte Jahrhundert -- die Künstler +vorab+ hatten sein
-herzliches Wohlwollen erfahren -- Briefe Wielands, +vornehmlich+ an
-Sophie La Roche -- +vornehmlich+ habe ich die Syntax von Grund aus
-umgestaltet. (Vgl. +vornehm+ S. 374).
-
-+Weitaus.+ Modezusatz zum Superlativ: +weitaus+ der beste -- in
-+weitaus+ den meisten Fällen.
-
-Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt
-es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt
-sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin
-man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von
-+Preisen+, sondern nur noch von +Preislagen+, an die Stelle der
-frühern +Sorten+ sind die +Qualitäten+, die +Marken+ und die --
-+Genres+ getreten (bitte, probieren Sie meine +Spezialmarke+!). Wer
-einen kleinen Laden gemietet und ein Geschäftchen darin eröffnet
-hat, nennt das jetzt ein +Haus+; der eine hat ein +Schokoladenhaus+,
-der andre ein +Porzellanhaus+, ein dritter ein +Havannahaus+, ein
-+Seidenhaus+, ein +Leinwandhaus+, ein +Lodenhaus+. Vor etlichen Jahren
-fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt
-+Schneidermeister+ zu schreiben: +Herrenmoden+. Das war natürlich
-fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt
-auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider
-gesehen hatten, da kam für die Firmenschreiber gute Zeit. Sämtliche
-Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz
-Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im
-Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen
-prangen: Wilhelm Benedix, +Herrenmoden+! Vor etlichen Jahren fiel es
-auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert
-anzukündigen, daß es +unter persönlicher Leitung+ des Herrn
-Musikdirektors X stattfinden würde -- als ob in andre Wirtschaften
-der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung
-unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte +unter
-persönlicher Leitung+ statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen
-ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft
-stets +illustre+ (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets
-+genial+, ein Geschenk stets +sinnig+, Orgelspiel stets +weihevoll+.
-Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und
-gesanglichen +Darbietungen umrahmt+; von einer Festlichkeit wird
-stets versichert, sie habe +einen würdigen (!) Verlauf+ genommen. Ein
-Revolverschuß wird stets +abgegeben+, und flieht der Täter, so wird
-sofort +die Verfolgung aufgenommen+; sich selbst aber schießt man eine
-Kugel niemals zum Vergnügen sondern immer +in selbstmörderischer
-Absicht+ in den Kopf. Wenn es in einer Familie oder zwischen einem
-Liebespaar zu Zank und Streit, Mord und Totschlag gekommen ist, so
-heißt das ein +Familiendrama+ oder eine +Liebestragödie+. Wer ein
-Jubiläum feiert, +kann+ stets +auf eine+ 25jährige oder 50jährige
-+Tätigkeit zurückblicken+, und ist es ein Verein, so +blickt+ er +auf
-ein+ 25jähriges +Bestehen zurück+; wer pensioniert wird, tritt in den
-+wohlverdienten Ruhestand+, und stirbt er, so werden an seinem Sarge
-Lorbeerkränze +niedergelegt+. Wenn einer von einem Dache herabstürzt,
-so +bleibt+ er +tot+ (als ob er es schon vorher gewesen wäre!).
-Leichen von Verunglückten werden nicht +gefunden+, sondern stets
-+geborgen+ (hätte man die Lebenden besser „geborgen“, so wären sie
-nicht verunglückt!), und wenn sie im Wasser gelegen haben, so werden
-sie +geländet+; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser
-gezogen, so wird er +dem nassen Element entrissen+. Kommt ein Fürst zu
-Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er +ent(!)steigt+ dem
-+Waggon+ und +schreitet+ dann, und zwar stets +elastischen Schrittes+,
-die Front der Ehrenkompagnie +ab+. Man begreift nicht, warum nicht die
-Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse,
-wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die
-Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis
-eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter
-Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen
-auszufüllen hätten.
-
-Aber auch die niedrige Umgangssprache ist voll von Modewörtern, die
-immer wechseln. Man könnte sie die Gassenhauer der Sprache nennen.
-Zu ihnen gehört das schöne +selbstredend+, das eine Reihe von Jahren
-für +selbstverständlich+ gesagt wurde (übrigens stets falsch betont:
-+selbstrédend+, wie auch +tats=ä=chlich+, +wunderbár+, +ekelháft+,
-+tadellós+). Neuerdings ist wieder +selbstverständlich+ durchgedrungen
-(aber auch das wieder falsch betont: +selbstverst=ä=ndlich+).
-Augenblicklich ist der beliebteste Gassenhauer: +ausgeschlossen+,
-+ganz ausgeschlossen+, +völlig ausgeschlossen+. +Unwahrscheinlich+,
-+unmöglich+, +undenkbar+, sogar +unnötig+ -- das alles gibt es nicht
-mehr. +Ausgeschlossen+ -- bums! fertig! In der Unterhaltung am
-Biertisch hört man nichts weiter als: +selbstverständlich+ (für +ja+)
-und: +ausgeschlossen+ (für +nein+). Andre neue Gassenhauer sind:
-+totsicher+, +totschick+, +Ton+ (für +Wort+): er hat mir nicht einen
-+Ton+ davon gesagt --, auf Wieder+schaun+, und +ausgerechnet+ (für
-+gerade+, +genau+ oder dgl.): das muß +ausgerechnet+ Bebel begegnen!
-
-Eine feine Nase für Modewörter hat gewöhnlich der Student. Die
-Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt,
-wird es ihr sofort „einverleibt“. Aber der Student spricht sie fast
-alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie
-gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch
-eine sehr ernste Seite. Jedes neu aufkommende Modewort verdrängt eine
-Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden,
-und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die
-einen ganz andern Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine
-zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit
-und Unklarheit des Denkens verbunden.
-
-Wie alle Modedummheiten haben aber auch die Sprachmoden ihre Zeit.
-Sie verschwinden alle wieder, die einen früher, die andern später.
-Darum ist ein Kampf gegen sie eigentlich überflüssig.[165] Verteidigt
-werden sie immer nur von solchen, die darauf hineingefallen sind, ohne
-es zu merken; die ärgern sich dann über den, der es gemerkt hat, und
-bestreiten die Berechtigung seiner Angriffe. Jeder gute Schriftsteller
-aber wird sich vor ihnen hüten. Denn jeder gute Schriftsteller hat doch
-den Wunsch, nicht gar zu schnell zu veralten. Dazu gehört aber, daß
-das, was er schreibt, nicht bloß einen dauerhaften Inhalt, sondern auch
-eine dauerhafte Form habe.
-
-
-Der Gesichtspunkt und der Standpunkt
-
-Ein Modewort, mit dem ein ganz törichter Mißbrauch getrieben wird, der
-zu einer Unmasse von Bildervermengungen führt, ist +Gesichtspunkt+.
-Das Wort bedeutet den Punkt, von dem aus man etwas ansieht, wie
-+Standpunkt+ den Punkt, auf den man sich gestellt hat, um etwas
-anzusehen. Beides ist so ziemlich dasselbe. Man sollte doch nun
-meinen, das Bild, das in diesen Ausdrücken liegt, wäre so klar und
-deutlich, daß es gar nicht vergessen werden könnte: +Standpunkt+ und
-+Gesichtspunkt+ bedeuten durchaus etwas räumliches, einen Punkt im
-Raume. Da ist es nun schon verkehrt, wie es manche sehr lieben, von
-+großen+ oder +allgemeinen Gesichtspunkten+ zu reden. Man kann sich
-weder unter einem großen noch unter einem allgemeinen Punkt etwas
-denken. Offenbar wird hier der Gesichts+punkt+ mit dem Gesichts+kreise+
-verwechselt. Wenn ich mich hoch aufstelle und die Dinge von oben
-betrachte, so überblicke ich mehr, als wenn ich unten mitten unter den
-Dingen stehe. Es ändert sich dann auch der Maßstab der Betrachtung:
-was mir unten groß, im übertragnen Sinne wichtig, bedeutend erschien,
-schrumpft zusammen, ja verschwindet vielleicht ganz, wenn ich es
-von oben betrachte. Man kann also wohl von +hohen+ und +niedrigen+
-Gesichtspunkten reden, aber nicht von +großen+ und +kleinen+. Der Geist
-ist klein, der sich nicht zu höhern Gesichtspunkten aufschwingen kann,
-auch der Gesichtskreis eines solchen Geistes ist klein, aber ein Punkt
-ist und bleibt -- ein Punkt, er kann weder klein noch groß sein.
-
-Was muß sich aber der Gesichtspunkt sonst noch alles gefallen lassen!
-Er wird nicht nur +berührt+, +dargelegt+, +ausgeführt+, er wird auch
-+beachtet+, +ins Auge gefaßt+, +betont+, +hervorgehoben+, +geltend
-gemacht+, +aufgestellt+, +herausgestellt+, +in den Vordergrund
-gestellt+, +zur Diskussion gestellt+, +verworfen+, er +wird eröffnet+,
-+zugrunde gelegt+, +gewonnen+, er wird +in die Wagschale geworfen+,
-und zwar so, daß er +ins Gewicht fällt+, er ist +maßgebend+, er
-+berührt sich+ mit etwas, man tut etwas +unter+ ihm, es wird etwas von
-ihm +abgeleitet+, es +entspringt+ ihm etwas usw. Der Leser schüttelt
-den Kopf? Hier sind die Beispiele: zum Schluß möchte ich noch zwei
-+Gesichtspunkte berühren+ -- er +legte die Gesichtspunkte dar+, die
-den Ausschuß veranlaßt hätten, die Versammlung zu berufen -- es würde
-mich zu weit führen, wenn ich den angedeuteten +Gesichtspunkt+ näher
-+ausführen+ wollte -- die Prügelstrafe ist nicht nur brutal, sie ist
-auch ehrenrührig, und diesen wichtigen +Gesichtspunkt+ muß man vor
-allen Dingen +beachten+ -- diesen +Gesichtspunkt faßte+ Kurfürst
-August jetzt +ins Auge+ -- als der Redner diesen +Gesichtspunkt+
-scharf +betonte+ -- erfreulich ist es, daß der Herzog für das Gefühl
-vaterländischer Ehre empfänglich ist und bei der Berücksichtigung
-der Muttersprache diesen +Gesichtspunkt+ besonders +hervorhebt+ --
-neue +Gesichtspunkte+ wurden in der Debatte nicht +geltend gemacht+
--- es sind hier +Gesichtspunkte aufgestellt+, die in der Tat +zur
-Diskussion gestellt+ werden müssen -- er wußte immer sofort die höhern
-+Gesichtspunkte herauszustellen+ -- man kann den Mittelstand sehr
-verschieden abgrenzen, +je+ nach den +Gesichtspunkten+, die man +in
-den Vordergrund stellt+ -- auch der +Gesichtspunkt+, daß (!) man mit
-einer stattlichen Schrift dem Auslande imponieren müsse, ist nicht
-+zu verwerfen+ -- diese Bestimmung +eröffnet+ für die Geschichte der
-Innung einen neuen +Gesichtspunkt+ -- überhaupt möchten wir auf den
-+Gesichtspunkt+ hinweisen, den alle Gerichte ihren Rechtsprechungen
-auf diesem Gebiete +zugrunde zu legen+ haben -- ich hoffe, daß sich
-aus meiner Darlegung gesunde (!) +Gesichtspunkte+ werden +gewinnen
-lassen+ -- hier +fallen+ finanzielle (!) +Gesichtspunkte+ schwer
-+ins Gewicht+ -- diese Frage bildet den +maßgebenden Gesichtspunkt+,
-von dem aus wir dem Problem näher treten -- dieser +Gesichtspunkt+
-der Theaterdirektion +berührt sich+ in mannigfacher Beziehung mit
-dem Interesse des Publikums -- der Theologie wandte er nur +unter
-dem Gesichtspunkte+, jederzeit brauchbare Kirchendiener zu haben,
-seine Fürsorge zu -- die allgemeinen +Gesichtspunkte+, aus denen
-sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriften
-+ableiten läßt+, sind folgende -- eine innere Kolonisation, die den
-oben gekennzeichneten +Gesichtspunkten entspringt+ usw. In allen
-diesen Sätzen ist von dem Bilde, das in dem Worte +Gesichtspunkt+
-liegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas ganz andres, es
-steht für +Umstand+, +Tatsache+, +Grund+, +Ansicht+, +Gedanke+, ja
-bisweilen steht es für -- gar nichts, es wird als bloßes Klingklangwort
-gebraucht. Oder bedeutet der Satz: neue +Gesichtspunkte+ wurden
-nicht geltend gemacht -- irgend etwas andres als: neue +Gedanken+
-wurden nicht vorgebracht? der Satz: zum Schluß möchte ich noch +zwei
-Gesichtspunkte+ berühren -- irgend etwas andres als: zum Schluß möchte
-ich noch +zweierlei+ berühren? Das völkerpsychologische +Moment+ (!)
-ist für ihn der +maßgebende Gesichtspunkt+ -- kann man einen einfachen
-und einfach auszudrückenden Gedanken in einen unsinnigern Wortschwall
-einhüllen? Von solchen Sätzen wimmelt es aber jetzt in Büchern,
-Broschüren und Aufsätzen; Tausende lesen darüber weg, haben das dumpfe
-Gefühl, irgend etwas gelesen zu haben, aber denken können sie sich gar
-nichts dabei.
-
-Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es geradezu dahin gekommen,
-daß dieses gute Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält,
-und das bisweilen gar nicht zu entbehren ist, einen lächerlichen
-Beigeschmack angenommen hat, sodaß man es in der Unterhaltung kaum
-noch anders als spöttisch gebrauchen kann. Eine weitere Folge ist, daß
-nun gewisse Leute, um das Wort zu vermeiden, es durch +Gesichtswinkel+
-ersetzt haben, das freilich gleich von vornherein mit Recht dem Spott
-verfallen ist.
-
-Derselbe Unfug wie mit dem +Gesichtspunkt+ hat aber neuerdings nun
-auch mit dem +Standpunkt+ begonnen. Niemand hat mehr eine +Ansicht+
-oder eine +Meinung+, alle Welt hat nur noch einen +Standpunkt+.
-Eine Meinung kann man ändern, eine Ansicht berichtigen -- das
-ist nichts. Aber ein Standpunkt -- alle Hochachtung! -- das ist
-etwas. Ein Standpunkt ist unverrückbar, der kommt gleich nach der
-Weltanschauung. Man +steht+ auf einem +Standpunkt+, +stellt sich+
-auf einen +Standpunkt+, +vertritt+ einen +Standpunkt+ usw., und das
-schönste dabei ist, daß man von dem Worte +Standpunkt+ (ganz so wie
-früher von +Meinung+) einen Objektsatz abhängig macht, ja sogar einen
-Infinitiv, als ob es soviel bedeutete wie +Regel+ oder +Grundsatz+,
-und schreibt: ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man dieses Verbot
-wieder aufheben sollte -- ich stehe auf dem +Standpunkte, daß+ man
-zwischen Leipzig und Berlin ohne umzusteigen fahren können müßte --
-die Gesellschaft steht auf dem +Standpunkte, daß+ die Stadtgemeinde
-berechtigt sei, unentgeltliche Abtretung der Straßenfläche zu
-verlangen -- der +Standpunkt, daß+ ein Reisender, der auf derselben
-Linie zurückfährt, durch eine Preisermäßigung belohnt werden müsse,
-ist ein (!) völlig antiquierter -- wir haben stets den +Standpunkt+
-vertreten, +daß+ zwischen Deutschland und England kein vernünftiger
-Grund zur Feindschaft vorliege -- man findet heute oft den +Standpunkt+
-vertreten, +daß+ das Kleinbürgerhaus eine überwundne Form bedeute
-(sei!) -- wir stellen uns auf den gewiß empfehlenswerten +Standpunkt+,
-in schwankenden Fällen das überflüssige Binde-s zu vermeiden. Man
-sieht: auch der +Standpunkt+ ist nahe daran, zum Gassenhauer zu
-werden; in Vereinssitzungen wie in öffentlichen Versammlungen ergreift
-niemand das Wort, der nicht sofort erklärte, daß er auf irgendeinem
-+Standpunkt+ stehe.
-
-
-Das Können und das Fühlen
-
-Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch
-einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben -- wenns nicht manchmal
-bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn
-jemand statt +Ende+ schreibt: +das Aufhören+, oder statt +Mangel+:
-+das Fehlen+. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art,
-wie jetzt +das Wissen+, +das Können+, +das Wollen+, +das Fühlen+ und
-+das Empfinden+ gebraucht wird -- Wörter wie +Kenntnis+, +Fähigkeit+,
-+Fertigkeit+, +Geschick+, +Absicht+, +Gefühl+, +Empfindung+ scheinen
-ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl +das Streben+
-gemacht,[166] dann kam +das Wissen+: er hat ein ganz +hervorragendes
-Wissen+. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem +Wollen+:
-anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein
-Poet von +großem Wollen+ -- auch diese Kompositionen zeigen die
-künstlerische Zielbewußtheit (!) seines +Wollens+. Und in höchster
-Blüte steht +das Können+ und +das Fühlen+: folgendes Gedicht mag das
-+Können+ des Dichters veranschaulichen -- das Konzert lieferte einen
-glänzenden Beweis für das +künstlerische (!) Können+ des Vereins --
-Beethoven widmete ihr die ~Cis-moll~-Sonate, kein geringes Zeugnis
-für das +musikalische Können+ der Angebeteten -- die Dame hat sich
-unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein +achtunggebietendes
-Können+ angeeignet -- die Schüler sollen mit einem +solchen Können+
-des Deutschen aus der Schule gehen -- Herr W. hat damit eine neue
-Probe seines bedeutenden +gärtnerischen (!) Könnens+ gegeben (es
-handelt sich um ein Teppichbeet) -- die Gedichte zeigen ein gesundes,
-+ursprüngliches Fühlen+ -- in allen Briefen gibt er nur dem +einen
-Fühlen+ Ausdruck -- Tilgner hat den Geist (!) des +österreichischen
-Empfindens+ am besten zum Ausdruck gebracht -- zu der Verehrung für
-das große +Wollen+ und +Können+ des Meisters gesellt sich das Mitleid
-mit dem leidenden Menschen -- die Pyramiden der Ägypter erzählen uns
-von dem +Fühlen+ und +Wollen+ ihrer Erbauer und deren Zeitepoche
-(!). Das Neueste aber ist das +Erinnern+, das +Erleben+ und das
-+Verstehen+: er bewahrte ihm ein +dankbares Erinnern+ -- für uns
-moderne Menschen pflegt Italien das +größte Erleben+ unsers Daseins zu
-sein -- ein Mann, in dessen +Erleben+ sich ein ganzes Stück deutscher
-Geschichte spiegelt -- Böcklin konnte von dem +künstlerischen Erleben+
-abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das
-Geheimnis (!) seiner Werke -- das Buch ist von +tiefem Verstehen+ für
-den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt
--- sie erfreute ihn durch +warmes+ geistiges +Verstehen+ -- nimm dieses
-Buch in dein +treues und zartes Verstehen+ auf! Es kann einem ganz
-schlimm und übel dabei werden.
-
-
-Bedingen
-
-Wie unter den Hauptwörtern das Wort +Gesichtspunkt+, so ist unter
-den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetzt
-+bedingen+.[167] Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärt
-+bedingen+ durch +aushalten+, +bestimmen+, +ausnehmen+. Im Sandersschen
-Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt:
-+verpflichten+, +festsetzen+, +ausmachen+, +beschränken+, von etwas
-+abhängig machen+, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt:
-eine Sache +bedingt+ die andre, oder passiv: eine Sache +ist+ oder
-+wird+ durch die andre +bedingt+; das Aktivum erklärt Sanders hier
-durch +notwendig machen+, +erheischen+, +erfordern+, das Passivum durch
-+abhängig sein+ von etwas.
-
-Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn,
-in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt
-werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische
-Vorbildung +bedingt+ (voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt,
-notwendig macht) -- der große Aufwand, den die Aufführung dieser Oper
-+bedingt+ (ebenso) -- die angegebnen Preise +bedingen+ die Abnahme
-des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) -- die Ausgaben für Saalmiete,
-Beleuchtung und Annoncen +bedingen+ einen Berg von Kosten (verursachen)
--- unsre ganzen Zeitverhältnisse +bedingen+ den zurückgegangnen
-Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an)
--- die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die
-Verhältnisse zu berühren, die diese Lage +bedingen+ (schaffen,
-hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) -- der Sand- und Lehmboden
-+bedingt+ eine besondre Flora (ebenso) -- dieses Korsett +bedingt+
-eleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) -- der humanistische
-Charakter des akademischen Studiums +bedingt+ das ganze Wesen unsrer
-Universitäten (ist von Einfluß auf) -- bei Lessing +bedingte+ stets
-die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) -- Tatsache
-ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfalls +bedingen+
-(herbeiführen) -- die Stellung der Türen in den Wänden +bedingt+
-wesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab) -- nur
-körperliches Leiden (Laokoongruppe!) +bedingt+ eine so gewaltsame
-Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) --
-dieser Zweck +bedingt+ sowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes
-(aus ihm erklären sich) usw.
-
-Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder
-des Sees und der dadurch +bedingte+ Reichtum malerischer Wirkungen
-(geschaffne) -- diese durch die Lage Englands +bedingte+ Gunst
-des Glückes (ebenso) -- durch die Verkehrserleichterungen ist ein
-Rückgang des Kommissionsgeschäfts +bedingt+ worden (bewirkt worden,
-herbeigeführt worden) -- die durch die Großstadt +bedingte+ Vermehrung
-der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) -- rascher Fortschritt
-wird durch zahlreiche Mitarbeiter +bedingt+ (entsteht) -- der Ausfall
-der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung
-liegende Verhältnisse +bedingt+ (hängt ab von) -- die Zulassung zur
-Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergrades
-+bedingt+ (hing ab von) -- der Erfolg des Mittels war durch die
-Zuverlässigkeit der Leute +bedingt+ (ebenso) -- die Überholung Leipzigs
-durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnisse +bedingt+
-(ist die Folge) -- diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei
-Jahren gemachte Erfahrung +bedingt+ (war entstanden, war die Folge) --
-Glück wird durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ (entsteht) -- die Gefahr
-für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und
-Besitzlosigkeit +bedingt+ (liegt in, beruht auf, entsteht aus) -- die
-durch den Reichtum +bedingten+ Lebensgenüsse (ermöglichten) usw.
-
-Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes.
-Die einen gebrauchen +bedingen+ in dem Sinne von: +zur Voraussetzung
-haben+. +A bedingt B+ -- das heißt: +A hat B zur Voraussetzung+, A
-hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, A +verlangt+ also,
-+erheischt+, +erfordert+ B. Das ist die vernünftige und berechtigte
-Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das Wort +Bedingung+. Die
-Aufführung der Oper +bedingt+ großen Aufwand -- das versteht jedermann;
-es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der
-Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung.
-
-Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne von +bewirken+ und
-den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (+schaffen+, +erzeugen+,
-+hervorbringen+, +hervorrufen+, +verursachen+, +zur Folge haben+).
-A +bedingt+ B -- das heißt dann: A +ist die Ursache+ von B. B
-+wird+ durch A +bedingt+ heißt: B +ist die Folge+ von A. Wie dieser
-Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich, es ist
-schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu
-dem der Hervorbringung soll werden können.
-
-Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der
-passivischen Anwendung des Wortes. B +wird+ durch A +bedingt+ -- das
-heißt nicht bloß: B +wird+ durch A +bewirkt+, sondern B wird +nur+ (!)
-durch A +bewirkt+, es kann durch nichts andres entstehen als durch A,
-also mit andern Worten: B +hat+ A +zur Voraussetzung+. Und da wären
-wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt.
-Denn wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt: A hat B zur
-Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung
-von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit
-dem Satze ausgedrückt werden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird
-durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgiltig ist,
-ob jemand sagt +bedingen+ oder +bedingt werden+, so ist das doch die
-vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt.
-Geschrieben wird: Glück +wird+ durch Leistungsfähigkeit +bedingt+ --
-die Zulassung zur Fakultät +wurde+ durch den Magistergrad +bedingt+,
-also aktiv ausgedrückt: Leistungsfähigkeit +bedingt+ Glück -- der
-Magistergrad +bedingte+ die Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber:
-Glück +bedingt+ (d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit --
-die Zulassung zur Fakultät +bedingte+ (d. h. war nicht zu erlangen
-ohne) den Magistergrad.
-
-Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen Gebrauch von
-+bedingen+ etwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung
-davon hat, daß zwei Dinge in irgendeinem ursächlichen Zusammenhange
-stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen
-Zusammenhang klarzumachen, so sagt er: das eine Ding +bedingt+
-das andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ober
-sagt: Kraft +bedingt+ Wärme oder: Wärme +bedingt+ Kraft, ist ganz
-gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken.
-
-Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine
-so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es
-vor fünfzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen
-Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist
-das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer
-Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen
-solchen Reichtum! -- Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn
-zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung
-stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen,
-verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesem
-+bedingen+ zuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern
-nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der
-zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens.
-
-
-Richtigstellen und klarlegen
-
-Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mit +bedingen+,
-diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst
-sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas
-vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man
-sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich
-die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mit +stellen+
-und +legen+, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind.
-Stellen und legen -- dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das
-macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehr +befriedigt+,
-sondern +zufriedengestellt+, nichts mehr +vollendet+, +berichtigt+,
-+gesichert+, +geklärt+, sondern alles wird +fertiggestellt+,
-+richtiggestellt+, +sichergestellt+, +klargestellt+, +klargelegt+,
-+festgelegt+ usw. Der Nervenarzt spricht sogar von +Ruhigstellung+ des
-Gehirns, statt von +Beruhigung+. Oder soll das Gehirn in dem Sinne
-+ruhig gestellt+ werden, wie die Suppe +warm+ und der Wein +kalt
-gestellt+ wird?
-
-Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine
-gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Bei +richtigstellen+ soll man wohl
-nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das
-falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung
-gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander
-geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich,
-kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt
-oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was soll
-+fertigstellen+ sein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts
-andres bedeuten, als eine Sache so lange hin und her rücken, so
-lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie -- steht. Das will man
-aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach für +fertigmachen+,
-+beendigen+ oder +vollenden+ gebraucht; von einem Romanmanuskript,
-einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal
-oder einem Straßenpflaster heißt es: es ist +fertiggestellt+.[168]
-Ganz törichte Wörter sind +klarlegen+ und +klarstellen+. Klar kann in
-sinnlicher Bedeutung nur von der Luft und von Flüssigkeiten gebraucht
-werden.[169] Wie soll man die auf eine feste Unterlage +legen+ oder
-+stellen+? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nach +freistellen+
-und +bloßstellen+, +freilegen+, +bloßlegen+ und +lahmlegen+. Gerade
-diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sind +sie+
-gebildet! Wie anschaulich wird gesagt: den Dom +freilegen+ (nämlich
-durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schaden +bloßlegen+ --
-unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite
-legt, bis der verletzte Knochen +bloßliegt+, oder: einen in seiner
-Tätigkeit +lahmlegen+ -- denn wer gelähmt ist, der ist ja zum +Liegen+
-verurteilt! Besser ist +festlegen+ gebildet; man redet z. B. davon,
-daß die Ostertage +festgelegt+ werden sollen. Bisher hatten wir nur
-+feststellen+ und +festsetzen+, aber beides drückt doch das nicht recht
-aus, was man sagen will: etwas bewegliches gleichsam aufschrauben, daß
-es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens
-bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht
-nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft von +festlegen+ sucht.
-Das Neueste ist -- +leerstellen+ und +offenstellen+. Ein Leipziger
-Baubeamter schreibt: den Bewohnern ist schon gekündigt; sowie die
-Gebäude +leergestellt+ sein werden, sollen sie +zum Abbruch gebracht+
-(!) werden. Und ein Zeitungschreiber berichtet: Fabrikbesitzer haben
-Gärten für ihre Arbeiter geschaffen, aber auch für die übrigen Bewohner
-+offen gestellt+. Natürlich, die guten Wörter +räumen+ und +öffnen+
-sind den Leuten nicht eingefallen; aber sie haben einmal davon gehört,
-daß ein Haus +leer steht+ und ein Garten +offen steht+, da muß man sie
-doch auch +leer stellen+ und +offen stellen+ können. Und so wird die
-Stellerei wohl fröhlich weitergehen.
-
-
-Fort oder weg?
-
-Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbium
-+weg+ zu verdrängen und überall +fort+ an seine Stelle zu setzen sucht.
-Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das
-Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen.
-
-Unleugbar gibt es eine Anzahl von Zeitwörtern, bei denen es keinen
-fühlbaren Unterschied macht, ob sie mit +weg+ oder mit +fort+
-zusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer,
-bei denen bisher in der Anwendung von +weg+ und +fort+ nicht bloß ein
-feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist,
-den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten.
-+Fort+ nämlich (verwandt mit +vor+ und +vorn+) steht in dem Sinne von
-+vorwärts+, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch
-nicht genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch
-von der Zeit gebraucht. +Weg+ dagegen (dasselbe wie +Weg+) wird nur
-räumlich gebraucht und bedeutet: +aus dem Wege+, +auf die Seite+, wobei
-man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen
-will, kann sagen: mein Koffer ist glücklich +fort+, in einer Stunde
-fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann
-nicht fahren, mein Koffer ist +weg+. In einer Volksmasse wird jemand
-mit +fortgerissen+, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung
-wird jemand +fortgerissen+, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns
-der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wird
-+weggerissen+. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht,
-kommt sich anfangs wie +weggesetzt+ vor, aber nicht wie +fortgesetzt+.
-Der Bruder sagt zur Schwester: +setze+ deine Malerei (das Malgerät)
-jetzt +weg+, wir wollen Klavier spielen: nach einer Stunde aber: es
-ist genug, +setze+ deine Malerei (das Malen) nun +fort+. Wenn ich ein
-Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperling dargestellt ist, so kann ich
-den Sperling +weglassen+; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in
-der Hand habe, so kann ich ihn +fortlassen+. Auf sumpfiger Landstraße
-kann man schlecht +fortkommen+, aber bei einem gewagten Geschäft kann
-man schlecht +wegkommen+. Von zwei Hunden, die aus +einem+ Napfe
-saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen alles
-+weggesoffen+; ein bekannter § 11 aber lautet: es wird +fortgesoffen+.
-Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann,
-ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden, +weg+ sei
-gemein, +fort+ sei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die
-beiden letzten Sätze der Symphonie wurden +fortgelassen+ -- wo wurden
-sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sind +fortgebrochen+
-worden -- wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bild
-+fortgeschlossen+ -- der Damm wurde durch Überschwemmung +fortgerissen+
--- es ist eine nicht +fortzuleugnende+ (!) Tatsache -- ich habe darüber
-+fortgelesen+ (!) -- meine Bleistifte +kommen+ mir immer +fort+ (!)
--- er hat mir meine Mütze +fortgenommen+ (!) -- so ist es richtig
-Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es nach.
-Vielleicht +setzt+ man +sich+ auch noch über einen schweren Verlust
-+fort+ oder spricht sich +fortwerfend+ über jemand aus, und in den
-Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem
-Kameraden: ihn hat es +fortjerissen+, er liegt mir vor den Füßen.
-
-
-Schwulst
-
-Daß die Sprachmode wie die Kleidermode auch den Schwulst liebt, ist
-kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt,
-aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke,
-ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit
-auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen
-Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da
-wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nicht +sein+, +haben+,
-+können+, +kommen+, +geben+, +sehen+, sondern +sich befinden+ (z. B.
-in großer Verlegenheit), +besitzen+, +vermögen+ (die Hälfte der
-Bevölkerung +vermag+ weder zu lesen noch zu schreiben), +gelangen+,
-+verleihen+ (Ausdruck wird immer +verliehen+, nicht +gegeben+),
-+erblicken+. Und doch, wie unpassend ist das oft! +Erblicken+ z. B.
-bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl. S.
-355), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben
-oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl
-nach ihm umgesehen, endlich +erblickte+ ich ihn. Aber: ich +erblicke+
-darin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zu
-+erblicken+ -- wie jetzt immer geschrieben wird --, oder: die meisten
-haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des
-Freimaurertums zu +erblicken+ -- ist doch sinnwidrig; denn hier
-handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht, und die kann nur durch das
-schlichte, einfache +sehen+ ausgedrückt werden.
-
-Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise
-durch eine Redensart umschrieben wird, wie +Folge leisten+, +Verzicht
-leisten+, +Abbitte leisten+ u. ähnl., oder durch eine schleppende
-Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehr +eingenommen+ und
-+ausgegeben+, sondern nur noch +vereinnahmt+ und +verausgabt+. Die
-Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hoch +angeschlagen+,
-sondern +veranschlagt+. Prozente werden nicht +abgezogen+, sondern
-+verabzugt+, Porto wird nicht +ausgelegt+, sondern +verauslagt+, und
-ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklich +angelegt+,
-sondern +beanlagt+ oder +veranlagt+. Lauter fürchterliche Wörter --
-aus dem Zeitwort ist ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort
-dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer als
-+beauftragt+, +beaufsichtigt+ (vgl. +Aufseher+), +beansprucht+ (statt
-+angesprochen+), +bevorzugt+ (statt +vorgezogen+), +beeinflußt+,
-+bewerkstelligt+ (man überlege sich einmal, was +Werkstelle+ heißt!),
-Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem
-ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich
-gewesen sind wie für uns heute +vereinnahmt+ und +verauslagt+; aber
-es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußt zu werden. Auch in der
-Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich
-manche nicht genug tun. Da wird ein Stipendium nicht +ausgezahlt+,
-sondern +ausbezahlt+, da werden +anlangen+ und +betreffen+ beide
-zu +anbelangen+ und +anbetreffen+ verlängert, man +lebt sich+ in
-einen Gedanken +hinein+ (statt +ein+), man führt ein Musikwerk +mit
-Hinweglassung+ des Chors auf (statt: +ohne+ Chor), vor allen Dingen
-aber +bildet sich+ nichts mehr +aus+, sondern alles bildet sich
-+heraus+: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich
-bei der Kirche die Sitte +herausgebildet+ usw. Woherrraus denn?
-Der Ausdruck hat etwas so gewaltsames, daß man die Sitte wie aus
-einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüche
-+hinausgebracht+ und einem ein paar Hiebe +hinaufgezählt+. Und welcher
-Schwulst, wenn jedes +auch+ durch +ebenfalls+ oder +gleichfalls+, jedes
-+viel+ durch +zahlreich+, jedes +oft+ durch +häufig+, jedes +nur+ durch
-+lediglich+, jedes +viel+ vor dem Komparativ (+viel+ weniger) durch
-+bedeutend+, +unvergleichlich+, +unverhältnismäßig+ oder womöglich gar
-+unendlich+ ersetzt, jedes +sehr+ und +mehr+ umschrieben wird durch:
-+in hohem Grade+, +in ausgedehntem Maße+, +in höherm Grade+, +in
-erhöhtem Maße+, jedes +so+ durch: +auf diese Art und Weise+, wenn für
-+näher+, +weiter+, +länger+, +breiter+, +öfter+ immer geschrieben wird:
-+des nähern+ (oder gar +näheren+), +des weitern+, +des längern+, +des
-breitern+, +des öftern+, oder wenn jemand Bericht erstattet nicht +als+
-Rektor oder Vorsitzender, sondern +in seiner Eigenschaft als+ Rektor,
-+in seiner Eigenschaft als+ Vorsitzender, wenn +schwere+ Bedenken oder
-Vorwürfe zu +schwerwiegenden+ Bedenken und Vorwürfen, eine +schwere+
-Aufgabe zu einer +mit Schwierigkeiten verbundnen+, eine +erste+
-Aufführung und eine +erste+ Einrichtung zu +erstmaligen+ gemacht werden
-(die +erstmalige+ Zusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in
-Leipzig statt),[170] oder wenn immer von +Vorahnung+, +Voranschlag+,
-+Vorbedingung+, +Rückerinnerung+, +Beihilfe+, +Herabminderung+ geredet
-wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein
-Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte!
-Wie der Schwulst immer mehr zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen:
-der Fall +ist+ sehr verwickelt -- der Fall +liegt+ sehr verwickelt
--- der Fall +ist+ sehr verwickelt +gelagert+ -- die +Lagerung+ des
-Falls +ist+ sehr verwickelt -- die +Lagerung+ des Falls +ist eine+
-sehr verwickelte. Weiter gehts nicht! In solchem Deutsch spricht man
-aber jetzt mit Vorliebe in Vereinsversammlungen, schreibt man in
-Jahresberichten, ja man unterhält sich darin schon am Biertisch, denn
-so schreiben die Leitartikelschreiber und die Reporter des Lokalblatts,
-und das sind ja die Lehrmeister des Volks auch in Sprachdingen.
-
-
-Rücksichtnahme und Verzichtleistung
-
-Erzeugnisse des Sprachschwulstes sind unter den Substantiven besonders
-die Zusammensetzungen mit +nahme+, die in neuerer Zeit so beliebt
-geworden sind: +Parteinahme+, +Stellungnahme+, +Rücksichtnahme+,
-+Einsichtnahme+, +Anteilnahme+, +Abschriftnahme+, sogar +Einflußnahme+
-und +Rachenahme+! Einige dieser Bildungen sind ganz überflüssig.
-Oder könnte es wirklich mißverstanden werden, wenn jemand sagt: er
-handelte ohne +Rücksicht+ auf seine Freunde -- lege mir die Papiere zur
-+Einsicht+ vor -- ich erhielt von ihm die Tafeln zur +Abschrift+? Wozu
-das -+nahme+? Offenbar soll es die Handlung ausdrücken. Aber die liegt
-doch schon in +Rücksicht+, +Einsicht+ und +Abschrift+, fühlt man das
-gar nicht mehr? Recht töricht ist +Einflußnahme+, denn Einfluß hat man
-entweder, oder man gewinnt ihn, man kann ihn auch zu gewinnen suchen,
-sich ihn sogar anmaßen, aber man „nimmt“ ihn nicht. +Anteilnahme+ (in
-Leipzig +Ahnteilnahme+ ausgesprochen) ist nichts als eine häßliche
-Verbreiterung von +Teilnahme+. Man scheint sich jetzt einzubilden,
-+Teilnahme+ sei auf traurige Ereignisse, Unglücksfälle, Todesfälle
-u. dgl. zu beschränken, in allen andern Fällen müsse es +Anteilnahme+
-heißen. Ein vernünftiger Grund zu einer solchen Unterscheidung liegt
-nicht vor. Es wäre doch lächerlich, wenn nicht auch bei einem freudigen
-Ereignis meine +Teilnahme+ genügte; +Parteinahme+ und +Stellungnahme+
-scheinen auf den ersten Blick unentbehrlich zu sein, aber doch nur
-deshalb, weil man immer in ein Substantiv zusammenquetschen zu müssen
-glaubt, was man mit dem Verbum sagen sollte.
-
-Wie mit +Rücksichtnahme+ aber verhält sichs auch mit +Hilfeleistung+
-und +Verzichtleistung+; +Hilfe+ und +Verzicht+ sagen genau dasselbe.
-
-
-Anders, andersartig und anders geartet
-
-Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen
-Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als
-ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art,
-die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch
-besonders ausdrücken zu müssen, indem man das Wort +Art+ zu Hilfe
-nimmt. Bildungen wie +gutartig+, +bösartig+ und +großartig+ sind ja
-schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich
-von dem einfachen +gut+, +böse+ und +groß+ unterscheidet, wiewohl
-zwischen einem +bösen+ Hund und einem +bösartigen+ Hund, einer +großen+
-Auffassung und einer +großartigen+ Auffassung ein recht geringer
-Unterschied ist. Aber schon +fremdartig+ und +verschiedenartig+ ist
-doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung von +fremd+ und
-+verschieden+. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man
-sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschen +fremd+ -- oder wenn man
-Gaslicht und elektrisches Licht +verschiednes+ Licht nennt? Vollends
-unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodische
-+andersartig+ für +anders+. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen,
-wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist
-eine ganz +andre+ als die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., was S. 370
-über +eigen+ und +eigenartig+ gesagt ist.)
-
-Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen von
-+artig+ -- es scheint das noch nicht schwülstig genug zu sein --,
-sondern hat das herrliche Partizip +geartet+ erfunden und schreibt nun
-nicht bloß von einer +anders gearteten+ Zeit und +anders gearteten+
-Verhältnissen, sondern auch von einer +so gearteten+ Begabung (statt
-von einer +solchen+), von +ähnlich gearteten+ Unternehmungen (statt von
-+ähnlichen+) usw. Ist der heutige Sextaner +anders geartet+ als der
-frühere? -- man sah der Ausführung zwar mit +anders gearteter+, aber
-nicht geringerer Spannung entgegen -- wären alle Deutschen Österreichs
-+so geartet+ wie die Siebenbürger Sachsen -- das Schöffengericht hat in
-einem ganz +ähnlich gearteten+ Falle auf Freisprechung erkannt (vgl. S.
-408 den +gelagerten+ Fall!) -- mit der besondern Veranlassung war auch
-eine +besonders geartete+ Zuhörerschaft gegeben -- so spreizt man sich,
-und dabei ist man womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den
-Unterschied zwischen +ähnlich+ und +ähnlich geartet+ ausgediftelt hat.
-
-Vielleicht erleben wirs noch, daß auch +anders geartet+ nicht mehr
-genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst
-schöpfen, ist eine ganz +andersartig geartete+ als diejenige, welche
-(!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten
-Willen nicht genudelt werden.
-
-
-Haben und besitzen
-
-Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und
-aus bloßer Neigung zur Breite durch ein längeres ersetzt, zeigt am
-besten der heutige Mißbrauch von +besitzen+ für +haben+. Auch er ist,
-wie der Mißbrauch des Zeitworts +bedingen+ (vgl. S. 398), zu völliger
-Verrücktheit ausgeartet.
-
-Die Grundbedeutung von +haben+ ist +halten+, +in der Hand haben+.
-Aus ihr hat sich dann leicht die des Eigentums, des Besitzes
-entwickelt, wie sie deutlich in +Habe+ vorliegt. Aber damit ist die
-Anwendung des Wortes nicht erschöpft: mit +haben+ läßt sich fast
-jeder denkbare Zusammenhang, jedes denkbare Verhältnis zwischen zwei
-Dingen ausdrücken. +Besitzen+ dagegen bedeutet ursprünglich +auf
-etwas sitzen+. Das erste, was der Mensch „besaß“, war unzweifelhaft
-der Grund und Boden, auf dem er saß. Noch im siebzehnten Jahrhundert
-„besaß“ der Richter die Bank, der Reiter das Pferd, die brütende
-Henne die Eier. Vom Grund und Boden ist das Wort dann auf andre Dinge
-übertragen worden, die unser Eigentum sind, vor allem auf das Haus,
-das auf dem Grund und Boden errichtet ist -- auch dieses „besitzt“ man
-noch im eigentlichen Sinne des Wortes, man sitzt darin, man ist Insasse
-des Hauses --, dann auch auf alle fahrende Habe, auf allen Hausrat und
-endlich auf das liebe Geld. Damit ist aber die sinngemäße Anwendung des
-Wortes erschöpft.
-
-Bedenklich ist es schon, Kinder als Besitztum der Eltern zu bezeichnen:
-er +besaß+ vier +Kinder+, zwei Söhne und zwei Töchter. Eltern
-+haben+ Kinder, aber sie +besitzen+ sie nicht. Dasselbe gilt von dem
-Verhältnis des Herrn zum Diener, des Herrschers zu den Untertanen,
-des Freundes zum Freunde. Es ist abgeschmackt, zu schreiben: er hatte
-viele sympathische Züge, und doch +besaß+ er keinen +Freund+. Wer die
-Abgeschmacktheit nicht fühlen sollte, der kehre sich die Verhältnisse
-um; wenn Eltern Kinder, ein Herrscher Untertanen „besitzt“, dann
-„besitzen“ auch Kinder Eltern und Untertanen einen Herrscher. In der
-Tat schrickt man auch vor solchem Unsinn schon nicht mehr zurück; man
-schreibt: er +besaß Eltern+, die töricht genug gewesen waren, in seinen
-Kinderjahren die Keime der Genußsucht in seinem Herzen zu pflegen --
-Tycho Brahe +besaß+ auch entfernte +Verwandte+ in Schweden -- wir
-+besitzen+ in unsrer Verwandtschaft einen berühmten +Astronomen+ --
-Preußen +besitzt+ in den Hohenzollern ein +Herrschergeschlecht+, um
-das es jedes andre Land beneiden kann. Ist das richtig, dann kann man
-schließlich auch einen Onkel, einen Großvater, einen Gönner, einen
-Widersacher „besitzen“, eine Stadt kann einen Bürgermeister, eine
-Kompagnie einen Hauptmann „besitzen“.[171]
-
-Ebenso bedenklich ist es, einen Teil unsers eignen Selbst, also
-entweder den Körper oder den Geist oder einen Teil des Körpers als
-unser Besitztum zu bezeichnen und zu schreiben: er +besaß+ einen
-kräftigen, wohlgebauten +Körper+ -- sie +besaß+ eine feine, schmale,
-wohlgepflegte +Hand+ (in Romanen sehr beliebt!) -- ein Kind, das
-ganz normal entwickelt ist, aber leider keine +Augen besitzt+ -- ich
-habe dir treu gedient, ohne daß du ein +Auge+ dafür +besaßest+ -- er
-+besaß+ ein +Ohr+ für den Pulsschlag der Zeit -- die Soldaten möchten
-bedenken, daß die Schwarzen auch ein +Herz besäßen+. Derselbe Fall ist
-es, wenn Bestandteile einer Sache als Besitztum der Sache bezeichnet
-werden, z. B.: die Peterskirche +besitzt+ eine Menge kleiner +Türmchen+
--- der Turm +besitzt+ auf jeder Seite eine +Uhr+ -- das Stück
-+besitzt+ fünf +Akte+ -- das Werk +besitzt+ über 100 +Abbildungen+
--- die spanisch-maurischen Fayencen +besaßen+ eine +Zinnglasur+ --
-das Buschweidenröschen +besitzt+ einen unterirdischen wurzelartigen
-+Stengel+ -- diese Schaftstiefel +besitzen+ +Doppelsohlen+, oben von
-Leder, unten von Blech -- wir reden von Fensterscheiben, die doch meist
-vier +Ecken besitzen+.
-
-Unzählig aber sind nun die Fälle, wo gar äußere oder innere
-Eigenschaften einer Person oder Sache, Zustände, Empfindungen,
-Geistestätigkeiten und ähnliches unsinnigerweise als Besitztum der
-Person oder Sache hingestellt werden. Da schreibt man z. B: dieser
-Orden wird auch an solche Leute verliehen, die keinen +Hofrang
-besitzen+ -- er +besaß+ eine auskömmliche +Stellung+ -- Herr R. +besaß+
-damals ein +Engagement+ in Leipzig -- so wenig wird man begriffen,
-wenn man die +Eigenschaften+ des Künstlers +besitzt+ -- K. +besitzt+
-dazu weder das reife, ruhige +Urteil+, noch die nötige +Sachlichkeit+,
-ja auch die nötige +Wahrheitsliebe+ -- unsre Juden +besitzen+ nicht
-die +Feinheit+ der Empfindung, vor dieser deutlichen Ablehnung
-zurückzutreten -- einige Tanzweisen der nordischen Völker +besitzen+
-mit denen der alten Deutschen große +Ähnlichkeit+ -- der hochgeehrte
-Rat wolle die +Güte besitzen+, unser Gesuch wohlwollend in Erwägung
-zu ziehen -- das moderne Theater +besitzt+ einen ganz bestimmten
-+Charakter+ -- entscheidend ist die Frage, ob die bedeutendern
-Künstler diese +Kennzeichen+ des Klassizismus +besitzen+ oder nicht
--- die +Bedeutung+, die in der Entwicklung Englands die normannische
-Eroberung +besitzt+ -- die Reise des Kaisers nach London scheint eine
-politische +Bedeutung+ zu +besitzen+ -- fast alle englischen Offiziere
-+besitzen Spitznamen+ -- beide Bauten +besitzen+ einen langgestreckten,
-rechteckigen +Grundriß+ -- diese epochemachende Camera +besitzt+
-folgende +Einrichtung+ -- der Mann +besitzt+ die stattliche +Größe+ von
-2,26 Metern -- die Passage +besitzt+ eine +Länge+ von dreiundvierzig
-Metern -- die Zigarre +besitzt+ einen schönen, angenehmen +Brand+
--- dieser Fleischextrakt +besitzt+ den +Wohlgeschmack+ des frischen
-Fleisches -- diese Sprachen +besaßen+ nur die +Stellung+ von Mundarten
--- man muß sich bewußt bleiben, daß diese Unterscheidung keinen
-theoretischen, sondern nur einen praktischen +Wert besitzt+ -- der
-Name dieses Künstlers +besitzt+ für uns alle einen vertrauten +Klang+
--- das Genie +besitzt+ eine +Verwandtschaft+ mit dem Wahnsinn --
-priesterlicher Gesang kann nicht die +Töne besitzen+, aus denen
-das leise Erzittern des frommen Herzens spricht -- für die moderne
-Revolution +besitzen+ Dichter und Denker kaum eine geringere
-+Bedeutung+ als die Männer der Tat -- man +besitzt+ in Preußen volles
-+Verständnis+ für den sächsischen Standpunkt -- wir +besitzen+ an
-einer Vermehrung der Streitkräfte unsrer Nachbarn nicht das geringste
-+Interesse+ -- die Landstreicher zerfallen (!) in solche, deren Streben
-darauf gerichtet ist, bald wieder Arbeit zu finden, und solche, die
-dieses +Streben+ nicht +besitzen+ -- die meisten Menschen +besitzen+
-den sehnlichen +Wunsch+, möglichst lange zu leben -- die Behörden
-+besaßen+ keine +Ahnung+ von den ihnen obliegenden Pflichten -- wer mit
-dem Volksleben nicht die geringste persönliche +Fühlung besitzt+ -- er
-+besaß+ die moralische +Überzeugung+ von ihrer Unschuld -- er hatte
-die Kühnheit, eine eigne +Meinung+ zu +besitzen+ (warum nicht auch:
-er +besaß+ die +Kühnheit+?) -- zu dem praktischen Blick seiner Mutter
-+besaß+ er unbedingtes +Vertrauen+ -- die Neuberin +besaß+ jedenfalls
-mehr +Begeisterung+ für die Kunst als Pollini -- jeder Preuße, der
-die +Befähigung+ zu den Gemeindewahlen +besitzt+ -- die Erde +besitzt
-Raum+ genug für den Wettkampf der zwei germanischen Völker (Schiller:
-+Raum+ für alle +hat+ die Erde!) -- Leute, die gern Konjekturen machen,
-+besitzen+ hier ein ergiebiges +Arbeitsfeld+ -- wir +besitzen+ hier
-einen zuverlässigen +Ausgangspunkt+ -- nun erst +besaßen+ die Künstler
-den +Malgrund+, auf dem sie bequem arbeiten konnten -- da er keine
-Beweise vorgebracht hat, muß man annehmen, daß er keine +Beweise besaß+
--- gegen die Diphtheritis +besitzen+ die Naturärzte eine +Behandlung+
-von ausgezeichnetem Heilerfolg -- der Entschlafne +besitzt+ ein volles
-+Anrecht+ darauf, daß wir ihn durch Worte dankbarer Erinnerung ehren --
-die Fortbildungsschüler müssen noch eine Menge Dinge lernen, in denen
-sie schon +Übung besitzen+ sollten -- das Konsistorium wird hoffentlich
-die +Konsequenz besitzen+ (so konsequent sein!), ebenfalls aus dem Amte
-zu scheiden -- es traten Persönlichkeiten auf, die zum Klagen nicht den
-geringsten +Grund besaßen+. In Leipzig kann man sogar schon auf der
-Straße hören: Nee, so ’ne +Frechheet+ zu +besitzen+!
-
-Ein Recht auf eine Sache kann gewiß unter Umständen als eine Art
-wertvollen Besitztums aufgefaßt werden. Dasselbe gilt von Kenntnissen
-und Fertigkeiten. Aber das meinen doch die gar nicht, die gedankenlos
-so etwas hinschreiben, wie daß der Entschlafne (!) ein Anrecht auf
-dankbare Erinnerung „besitze“. +Haben+ kann auch ein Entschlafner noch
-alles mögliche, +besitzen+ kann er schlechterdings nichts mehr. Aber
-auch der Lebende kann alle die andern schönen Dinge, wie Begeisterung,
-Streben, Interesse, Verständnis, Vertrauen, Kühnheit, „Frechheet“, wohl
-haben, aber nicht besitzen. +Güte haben+ ist ja nur eine verbreiternde
-Umschreibung von +gut sein+, +Ähnlichkeit haben+ eine Umschreibung von
-+ähnlich sein+. Das sind aber Eigenschaften, keine Besitztümer.
-
-Vollends lächerlich ist es, wenn Eigenschaften oder Zustände, die
-einen Schaden oder Mangel bilden, als Besitztümer bezeichnet werden.
-Und doch wird auch geschrieben: das +Leiden+, das +er besaß+, war eine
-Blasenfistel -- beim Verhör stellte sich heraus, daß er eine tiefe
-+Wunde+ am Jochbein sowie eine +Schußwunde+ oberhalb der Herzgegend
-+besaß+. Ja sogar Schulden werden als Besitztum hingestellt: das Reich
-und die Einzelstaaten +besitzen+ gegenwärtig etwas über zehn Milliarden
-+Staatsschulden+. Nettes Besitztum!
-
-Aber auch das bloße Dasein, Vorhandensein, Bestehen einer Sache
-an irgendeinem Orte, in einem bestimmten örtlichen Umkreis oder
-sonstigen Bereich läßt sich wohl mit +haben+ ausdrücken, aber nicht
-mit +besitzen+. In Leipzig +sind+ sechs Bahnhöfe, oder: in Leipzig
-+gibt es+ sechs Bahnhöfe -- dafür kann man auch sagen: Leipzig +hat+
-sechs Bahnhöfe. Aber zu schreiben: Leipzig +besitzt+ sechs +Bahnhöfe+
--- ist Unsinn. Leipzig besitzt eine Anzahl Waldungen, Rittergüter,
-auch öffentliche Gebäude, aber seine sechs Bahnhöfe +hat+ es nur.
-Auf die Spitze getrieben erscheint der Unsinn, wenn die Angabe des
-Ortes wegfällt und nur gesagt werden soll, daß eine Sache überhaupt
-da sei. Anstatt: es ist das die älteste +Nachricht+, die es hierüber
-+gibt+ -- kann man auch sagen: es ist das die älteste +Nachricht+,
-die wir hierüber +haben+, wir, nämlich alle, die sich mit der Sache
-beschäftigen. Welch törichtes Gespreiz aber, dafür zu schreiben: es ist
-das die älteste +Nachricht+, die wir darüber +besitzen+ -- Weltrichs
-Buch ist die beste wissenschaftliche +Biographie+ Schillers, die wir
-+besitzen+ -- Minors Kommentar bedeutet (!) das Beste, was wir bis
-jetzt über den Faust +besitzen+.
-
-Die Neigung, +besitzen+ zu schreiben, wo +haben+ gemeint ist, ist
-freilich nicht von heute und gestern, sie findet sich schon im
-achtzehnten Jahrhundert. Man denke nur an die Worte des Schülers im
-Faust:
-
- Denn was man schwarz auf weiß +besitzt+,
- Kann man getrost nach Hause tragen,
-
-oder an den Goethischen Spruch:
-
- Wer Wissenschaft und Kunst +besitzt+,
- +Hat+ auch Religion;
- Wer jene beiden nicht +besitzt+,
- Der +habe+ Religion.
-
-Sieht man sich aber die Stellen, wo so geschrieben ist, näher an,
-so sieht man, daß es meist mit Absicht geschehen ist, weil eben die
-Sache, um die sichs handelt, als eine Art von Besitztum hingestellt
-werden soll, oder es ist der Abwechslung, des Reims, des Rhythmus
-wegen geschehen.[172] Zur gedankenlosen Mode ist es erst in unsrer
-Zeit ausgeartet. Nun hat es aber auch so um sich gegriffen, daß man
-auf alles gefaßt sein muß. Es ist gar nicht undenkbar, daß wir noch
-dahin kommen, daß einer auch Recht oder Unrecht, Glück oder Unglück
-+besitzt+, eine Pflicht oder Verpflichtung +besitzt+, Zeit zu einer
-Arbeit, Lust zu einer Reise +besitzt+, Hunger oder Durst +besitzt+,
-schlechte Laune +besitzt+, das Scharlachfieber +besitzt+, einen Floh
-+besitzt+ usw.
-
-
-Verbalsurrogate
-
-Zum Sprachschwulst gehört auch die immer weiter fressende, kaum noch
-irgendeinen Tätigkeitsbegriff verschonende Umschreibung einfacher
-Zeitwörter durch +ziehen+ und +bringen+ im Aktiv, +gezogen+ oder
-+gebracht werden+, +kommen+, +gelangen+ und +finden+ im Passiv.
-Nichts wird mehr +erwogen+, +überlegt+, +erörtert+, +betrachtet+,
-+berücksichtigt+, sondern alles wird +in Erwägung+, +in Überlegung+,
-+in Erörterung+, +in Betracht+, +in Berücksichtigung gezogen+. Nichts
-wird mehr +vorgelegt+, +vorgetragen+, +aufgeführt+, +dargestellt+,
-+wiederhergestellt+, +ausgeführt+, +durchgeführt+, +angeregt+,
-+angerechnet+, +vorgeschlagen+, +angezeigt+, +verkauft+, +verteilt+,
-+versandt+, +ausgegeben+, +angewandt+, +erledigt+, +entschieden+,
-+erfüllt+, sondern alles wird +zur Vorlage gebracht+, +zum Vortrag
-gebracht+, +zur Aufführung+ oder +zur Darstellung gebracht+, +zur
-Ausführung+ oder +zur Durchführung gebracht+, +in Anregung+, +in
-Anrechnung+, +in Vorschlag gebracht+, +zur Anzeige+, +zum Verkauf+,
-+zur Verteilung+, +zur Versendung gebracht+, +zur Ausgabe+,
-+zur Anwendung+, +zur Erledigung+, +zur Entscheidung+, +zur
-Erfüllung gebracht+, oder es +kommt+ oder +gelangt zum Vortrag+,
-+zur Aufführung+, +zur Wiederherstellung+, +in Vorschlag+, +zur
-Anzeige+, es +findet Anwendung+, +Erledigung+. Ein Personenzug
-+kommt zur Ablassung+, ein Buch +gelangt zum Druck+, und dann
-+gelangt es zur Ausgabe+, das Kommißbrot +gelangt zum Verzehr+ (!).
-Eine Bürgermeisterstelle wird nicht +ausgeschrieben+, sondern zur
-+Ausschreibung gebracht+; selbst von Häusern, die infolge einer
-Überschwemmung +eingestürzt+ sind, heißt es, sie seien +zum Einsturz
-gebracht+ worden. Die Train-Depot-Offiziere +fallen+ nicht +weg+,
-sondern sie +gelangen zum Fortfall+ (!). Grund und Boden +gelangt zur
-Aufforstung+, alte Schiffe +gelangen zur Außerdienststellung+, Rinder
-und Schweine +gelangen zur Schlachtung+, eine Stadtkassenrechnung
-+gelangt+ bei den Stadtverordneten zur +Richtigsprechung+, ja sogar
-eine Ratsvorlage zur +Ablehnung+ (als ob es Ziel und Bestimmung
-der Ratsvorlagen wäre, abgelehnt zu werden), und wenn die
-Straßenbahndirektion ihren Fahrpreis herabsetzt, so macht sie bekannt:
-Wir +bringen+ hiermit +zur Kenntnis+, daß der seither giltige Fahrpreis
-von 15 Pfennigen +in Wegfall kommt+ und der neue Tarifsatz von 10
-Pfennigen +zur Erhebung gelangt+.
-
-Zum Schwulst gesellt sich aber hier noch etwas andres: die höchst
-bedenkliche Neigung, den Verbalreichtum der Sprache gleichsam auf ein
-paar Formeln abzuziehen, die alles Flektieren überflüssig machen.
-Wer von diesen sechs oder sieben Verbalsurrogaten glücklich noch
-ein Tempus und einen Modus bilden kann, der braucht sich nicht mehr
-mit Ablautreihen und schwankenden Konjunktivformen zu plagen. Wie
-sich das Französische für das Futurum ein Surrogat geschaffen hat in
-seinem ~avoir~ mit dem Infinitiv, wie das Deutsche auf dem besten
-Wege ist, sich für den Konjunktiv des Imperfekts ein Surrogat zu
-schaffen in +würde+ mit dem Infinitiv, so ersetzen wir vielleicht in
-hundert Jahren das Verbum überhaupt durch +bringen+ und +gelangen+ mit
-einem Substantiv und sagen: ~propono~, ich +bringe+ in Vorschlag --
-~proponor~, ich +komme+ in Vorschlag.
-
-
-Vermittelst, mit Zuhilfenahme von
-
-Unrettbar dem Schwulst verfallen sind unsre Präpositionen. Als
-Präpositionen gebrauchte man früher eine Menge kleiner Wörtchen, die
-aus zwei, drei, vier Buchstaben bestanden. In unsern Grammatiken findet
-man sie auch jetzt noch verzeichnet, dieses lustige kleine Gesindel:
-+in+, +an+, +zu+, +aus+, +von+, +auf+, +mit+, +bei+, +vor+, +nach+,
-+durch+ usw.; in unserm Amts- und Zeitungsdeutsch aber fristen sie
-nur noch ein kümmerliches Dasein, da sind sie verdrängt und werden
-immer mehr verdrängt durch schwerfällige, schleppende Ungetüme wie:
-+betreffs+, +behufs+, +zwecks+, +seitens+, +angesichts+, +mittelst+,
-+vermittelst+, +vermöge+, +bezüglich+, +hinsichtlich+, +rücksichtlich+,
-+einschließlich+, +ausschließlich+, +anläßlich+, +gelegentlich+,
-+inhaltlich+, +ausweislich+, +antwortlich+, +abzüglich+, +zuzüglich+,
-+zusätzlich+, +vorbehältlich+ usw. Wie lange wird es dauern, so wird
-in unsern Grammatiken auch der Abschnitt über die Präpositionen
-vollständig umgestaltet werden müssen; alle diese Ungetüme werden als
-unsre eigentlichen Präpositionen verzeichnet, die alten, wirklichen
-Präpositionen in die Sprachgeschichte verwiesen werden müssen.
-
-Früher wurde einer, der +mit+ einem Messer gestochen worden war, +mit+
-einer Droschke ins Krankenhaus gebracht; so wird auch heute noch
--- gesagt. In der Zeitung geschieht es aber nur noch +vermittelst+
-eines Messers und +vermittelst+ einer Droschke. Ein herrliches Wort,
-dieses +vermittelst+! Dem Anschein nach eine Superlativbildung, aber
-wovon? Ein Adjektivum +vermittel+ gibt es nicht, nur ein Zeitwort
-+vermitteln+. Daran ist aber doch bei +vermittelst+ nicht zu
-denken. Offenbar ist das Wort in schauderhafter Weise verdorben aus
-+mittels+,[173] dem Genitiv von +Mittel+, der in ähnlicher Weise zur
-Präposition gepreßt worden ist wie +behufs+ und +betreffs+, zu denen
-sich neuerdings noch +zwecks+, +mangels+ und +namens+ gesellt haben
--- lauter herrliche Erfindungen.[174] Das Zwischenglied wäre dann
-+mittelst+, das es ja auch gibt; fürstliche Personen reisen stets
-+mittelst+ Sonderzugs, und ein „Etablissement“, das früher +mit+
-oder +durch+ Gas erleuchtet wurde, wird jetzt natürlich +mittelst+
-Elektrizität erleuchtet, Handelsartikel, die früher +mit+ der Hand
-hergestellt wurden, werden jetzt +mittelst+ Maschinen gewonnen; ja es
-kommt sogar vor, daß ausgediente Mannschaften +mittelst Musik+ auf den
-Bahnhof gebracht werden!
-
-Daß +zu+ unter anderm auch den Zweck bezeichnet, ist dem Beamten
-und dem Zeitungschreiber gänzlich unbekannt. Früher verstand man
-es sehr gut, wenn einer sagte: er ist der Polizeibehörde +zur+
-Einsperrung überwiesen worden -- die Nummern sind +zur+ Registrierung
-beigefügt; jetzt heißt es nur noch: +behufs+ oder noch lieber +zwecks+
-Einsperrung, +zwecks+ (oder +zum Zwecke+) der Registrierung, +zwecks+
-Feststellung der Krankenkassenbeiträge, +zwecks+ Stellungnahme usw.
-+Behufs+ Bildung einer Berufsgenossenschaft -- +behufs+ Wahrung
-des Prestiges der italienischen Flagge -- ein Bündnis Englands mit
-Rußland +zwecks+ Niederhaltung Deutschlands -- die Leiche wurde
-+zwecks+ Verbrennung nach Gotha überführt (!) -- die Bank hat +zwecks+
-Erweiterung ihrer Räume das Nachbarhaus angekauft -- die Schülerinnen
-sollen +zwecks+ Schonung ihrer Augen acht Tage vom Unterricht
-dispensiert werden und dann +zwecks+ erneuter Untersuchung sich wieder
-in der Schule einfinden -- so hufst und zweckeckeckst es durch die
-Spalten unsrer Zeitungen.
-
-Einen Brief fing man früher an: +auf+ dein Schreiben vom 17. teile
-ich dir mit --; jetzt heißt es nur noch: +antwortlich+ (oder in
-+Beantwortung+ oder +Erwiderung+) deines Schreibens (vgl. S.
-173). Früher verstand es jedermann, wenn man sagte: +nach+ der
-Betriebsordnung oder +nach+ den Bestimmungen der Bauordnung, +nach+
-dem Standesamtsregister, +nach+ Paragraph 5; das Volk spricht auch
-heute noch so. In den Bekanntmachungen der Behörden aber heißt es
-nur: +auf Grund+ der Betriebsordnung, +inhaltlich+ der Bestimmungen
-der Bauordnung, +ausweislich+ des Standesamtsregisters, und was das
-Allerschönste ist: +in Gemäßheit von+ Paragraph 5, +in Gemäßheit+
-des Beschlusses der Stadtverordneten. Also statt einer einsilbigen
-Präposition ein so fürchterliches Wort wie +Gemäßheit+, flankiert von
-zwei Präpositionen, +in+ und +von+! Früher sagte man: +nach+ seinen
-Kräften, +bei+ der herrschenden Verwirrung, +durch+ den billigen
-Zinsfuß -- jetzt heißt es: +nach Maßgabe+ seiner Kräfte, +angesichts+
-der herrschenden Verwirrung, +vermöge+ des billigen Zinsfußes. Eine
-Festschrift erschien früher +zum+ Geburtstag eines Gelehrten, +beim+
-Jubiläum eines Rektors, +zur+ Enthüllung eines Denkmals, jetzt nur
-noch +aus Anlaß+ oder +anläßlich+ des Geburtstags, +gelegentlich+ des
-Jubiläums, +bei Gelegenheit+ der Enthüllung. +Bei+ dem Auftreten der
-Influenza hat sich gezeigt -- +in+ den Verhandlungen +über+ den Entwurf
-wurde bemerkt -- +auf+ der Weltausstellung in Sydney traten diese
-Bestrebungen zuerst hervor -- versteht das niemand mehr? Es scheint
-so, denn jetzt heißt es: +gelegentlich+ des Auftretens der Influenza
--- +gelegentlich+ der über den Entwurf gepflognen (!) Verhandlungen
--- +bei Gelegenheit+ der Weltausstellung in Sydney. Für +wegen+ wird
-+aus Anlaß+ gesagt: der Botschafter X hat sich +aus Anlaß+ einer
-ernsten Erkrankung seiner Gemahlin nach B. begeben. Für +über+ heißt es
-+betreffs+ oder +bezüglich+: das letzte Wort +betreffs+ der Expedition
-ist noch nicht gesprochen -- die Mitteilung der Theaterdirektion
-+bezüglich+ der Neueinstudierung des Don Juan war verfrüht. Früher
-verstand es jeder, wenn gesagt wurde: +mit+ der heutigen Versammlung
-sind dieses Jahr zehn Versammlungen gewesen, +ohne+ die heutige
-neun; jetzt heißt es: +einschließlich+ der heutigen Versammlung,
-+ausschließlich+ der heutigen Versammlung. Unsre Kaufleute reden sogar
-davon, was eine Ware zu stehen komme, +zuzüglich+ der Transportkosten,
-+abzüglich+ der Fracht oder +zusätzlich+ der Differenz, statt: +mit+
-den Transportkosten, +ohne+ die Fracht, +samt+ der Differenz, was
-man doch auch verstehen würde, und ein Verein macht bekannt, daß er
-den Jahresbeitrag +zuzüglich+ der dadurch entstehenden Kosten durch
-Postauftrag erheben werde, statt +samt+ oder +nebst+ den Kosten. Ein
-Betrüger ist +mit+ 10000 Mark entflohen -- ist das nicht deutlich? Der
-Zeitungschreiber sagt: +unter Mitnahme von+ 10000 Mark! Endlich: +mit
-Zuhilfenahme von+, +unter Zugrundelegung von+, +in der Richtung nach+,
-+in Höhe von+, +an der Hand von+ (jetzt sehr beliebt: +an der Hand+
-der Statistik), was sind alle diese Wendungen anders als breitspurige
-Umschreibungen einfacher Präpositionen, zu denen man greift, weil
-man die Kraft und Wirkung der Präpositionen nicht mehr fühlt oder
-nicht mehr fühlen will. +Ohne Zuhilfenahme von+ fremdem Material --
-was heißt das anders als: +ohne+ fremdes Material? Der Staatsanwalt
-machte +an der Hand+ einer Reihe von Straftaten (!) die Schuld des
-Angeklagten wahrscheinlich -- was heißt das anders als: +mit+ oder
-+an+ einer Reihe? Ist es nötig, daß in Bekanntmachungen einer Behörde
-geschrieben wird, daß ein gewisser Unternehmer eine Kaution +in Höhe
-von+ 1000 Mark zu erlegen habe, daß eine Straße neu gepflastert werden
-solle +in ihrer Ausdehnung von+ der Straße A +bis zur+ Straße B? Sind
-wir so schwachsinnig geworden, daß wir eine Kaution +von+ 1000 Mark
-nicht mehr verstehen, uns bei dem einfachen +von -- bis+ keine Strecke
-mehr vorstellen können? Muß das alles besonders ausgequetscht werden?
-Rührend ist es, wenn der „Portier“ auf dem Bahnhof ausruft: Abfahrt
-+in der Richtung nach+ Altenburg, Plauen, Hof, Bamberg, Nürnberg usw.
-Der Bureaumensch, der +das+ ausgeheckt hat, verdiente zum Geheimen
-Regierungsrat ernannt zu werden! Er wird es längst sein. Bei einem
-bloßen +nach+ könnte sich ja ein Reisender beschweren und sagen: Ich
-wollte nach Gaschwitz, das ist aber nicht mit ausgerufen worden, nun
-bin ich sitzen geblieben. Aber +in der Richtung nach+ -- da kann sich
-niemand beschweren.
-
-
-Seitens
-
-Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen
-Präpositionenschwulstes ist wohl das Wort +seitens+; es ist zu einer
-wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden.
-
-Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und
-fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und
-Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebe +von Seiten+
-statt des einfachen +von+ (ebenso +auf Seiten+ statt +bei+). Das
-war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens
-richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen Dativ +Seiten+
-freuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit
-der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen
-dieses ewige +von Seiten+ zu viel. Statt nun das einzig vernünftige
-zu tun und wieder zu dem einfachen +von+ zurückzukehren, ließ man
-das +von+ weg und sagte nur noch +seiten+. Aber das dauerte auch
-nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer
-abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt
-durch Genitive wie +behufs+, +betreffs+, ein unorganisches s an den
-schwachen Dativ,[175] und so entstand nun dieses Jammerbild einer
-Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer Amts- und
-Zeitungssprache ist. Sowie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das
-erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist: +seitens+. Die kleinen
-Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an;
-wenn nicht, dann stehts gewiß auf der zweiten oder dritten Zeile. Da
-es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum
-mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt
-zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen
-Agens wird, +von+ beim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist,
-so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohne
-+seitens+. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, das Gericht,
-der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium
--- sie alle +tun+ nichts mehr, sondern alles +wird+ getan, alles
-geschieht, erfolgt, findet statt +seitens+ der Regierung, +seitens+
-des Bundesrats, +seitens+ des Ministeriums, +seitens+ des Gerichts,
-+seitens+ des Magistrats, +seitens+ der Polizeidirektion usw. Dem
-fortschrittlichen Kandidaten konnte +seitens+ der Gegner nichts
-nachgesagt werden -- die Maschinen können +seitens+ der Interessenten
-jederzeit besichtigt werden -- gegen solche Unart muß endlich einmal
-mit Ernst vorgegangen werden, +seitens+ der Schule, +seitens+ der
-Polizei, aber auch +seitens+ des Publikums -- es liegt darin etwas
-verletzendes, auch wenn dies weder +seitens+ des Dichters, noch
-+seitens+ der Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurde
-+seitens+ des Publikums einstimmig abgelehnt -- anders wird nicht
-geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen
-sind +seitens+ (!) einflußreicher Personen eingelaufen -- +seitens+ des
-Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen
--- +seitens+ der Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht
--- +seitens+ der Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung
-hin. Und hier wird +seitens+ auch für +bei+ gebraucht: dabei stieß er
-+seitens+ des Gouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt: +bei+ dem
-Gouverneur!) -- wie er denn auch vielfache Anerkennung +seitens+ der
-wissenschaftlichen Welt (+bei+ der wissenschaftlichen Welt!) gefunden
-hat -- er erfreute sich des größten Vertrauens +seitens+ seines Chefs
-(+bei+ seinem Chef!) -- das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunst
-+seitens+ der Berliner (+bei+ den Berlinern!) nichts einbüßen. Für
-den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinter +seitens+ nun
-immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch
-hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das
-einfache, vernünftige +von+ oder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß
-nicht; dann schreibt er lieber: +englischerseits+, +staatlicherseits+,
-+kirchlicherseits+, +päpstlicherseits+, +ministeriellerseits+,
-+landwirtschaftlicherseits+, ja sogar +unterrichteterseits+
-oder: +regierungsseitig+, +eisenbahnseitig+, +gerichtsseitig+,
-+prinzipalseitig+: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis
-gebracht, an dem sich +prinzipalseitig+ nichts aussetzen ließ! Ein
-Tierarzt macht darauf aufmerksam -- die Judenfeinde behaupten -- wie
-simpel! Der Zeitungschreiber sagt: +tierärztlicherseits+ wird darauf
-aufmerksam gemacht -- +antisemitischerseits+ (–ᴗᴗ–ᴗᴗ–) wird behauptet.
-So klingts vornehm!
-
-Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht
-erschöpft. +Seitens+ wird nicht nur mit Verben, es wird auch mit
-Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur
-Unfallversicherung +seitens+ der Arbeitsherren -- die Vorführung
-eines Spritzenzugs +seitens+ des Branddirektors -- die Behandlung der
-Frauen +seitens+ der Männer -- die Aufnahme des Gesandten +seitens+
-des Königs -- die Abneigung gegen die Angestellten +seitens+ der
-Einwohnerschaft -- der Übergang über die Parthe +seitens+ der Nordarmee
--- die allgemeine Benutzung der Lebensversicherung +seitens+ der
-ärmern Klassen -- ein Opfer von 3000 Mark +seitens+ der Stadt --
-die Besitznahme dieses Küstengebiets +seitens+ der Franzosen -- die
-Unsitte des Trampelns im Theater +seitens+ der Studenten -- der
-schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichten +seitens+
-eines Kirchenmitgliedes -- das Dementi der Nachricht von der Audienz
-des Herrn H. beim Kaiser +seitens+ der Konservativen Korrespondenz --
-Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man
-sie aber vermeiden? in allen diesen Beispielen ist doch ohne +seitens+
-gar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort
-ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die Beiträge
-+der+ Arbeitsherren zur Unfallversicherung -- der Übergang +der+
-Nordarmee über die Parthe -- ein Opfer +der+ Stadt von 3000 Mark; oder
-dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze
-Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann
-man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer
-freie Bahn und kommt leicht vorwärts; sowie man aber das flüssige
-Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verbaut man sich selbst
-den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig wie: mit der
-Beherrschung von Raum und Kraft +seitens+ der Menschen wäre es zu Ende
-(statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) --
-der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstücke +seitens+ des Angeklagten
-ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben
-hatte).
-
-Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mit
-+seitens+ sind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist
-so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo
-gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu -- den Genitiv
-damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die
-Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige
-Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuch +seitens+ des
-Publikums, die Anregung +seitens+ des Vorstandes, eine Erklärung
-+seitens+ des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung +seitens+
-eines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den
-Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einreden
-+seitens+ der Gegner vorbeugen -- der glänzende Erfolg, den der
-Verfasser dem ausgezeichneten Vortrage +seitens+ des Rezitators zu
-danken hat -- ein ähnliches Beispiel einer starken Willkür +seitens+
-eines Herausgebers -- er wurde die Zielscheibe vieler Angriffe
-+seitens+ der Klerikalen -- ein höherer Gehilfe kann nicht ohne
-Vertrauen +seitens+ des Handelsherrn angestellt werden -- die Frau war
-wegen fortgesetzter Roheiten +seitens+ ihres Mannes ins Elternhaus
-zurückgekehrt -- der Gesandte hatte die Stirn, zu fragen, ob man denn
-auch des Friedensbruchs +seitens+ Frankreichs gewiß sei -- es fehlt
-ihm die Anerkennung +seitens+ der Großmächte -- das Urteil klingt hart,
-beruht aber auf sorgfältiger Prüfung +seitens+ eines Unbefangnen --
-es bedarf nur der Aufforderung +seitens+ eines geeigneten Mannes --
-sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungen +seitens+
-ihrer Feinde zu sichern -- ohne die freundliche Unterstützung +seitens+
-zahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein
--- es trifft ihn die Verachtung +seitens+ seiner Mitmenschen -- es
-kostete große Anstrengungen +seitens+ der bekümmerten Verwandten
--- an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenreden
-+seitens+ der Arbeiter und Prinzipale -- der Straßenhandel hat zu
-Beschwerden +seitens+ der Einwohnerschaft geführt -- eine Trauung,
-bei der es an aufrichtig frommer Gesinnung +seitens+ der Brautleute
-fehlte. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer
-von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv
-abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel
-entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als
-passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums -- das könnte ja
-auch heißen, das Publikum sei besucht +worden+; der Besuch +seitens+
-des Publikums -- das ist nicht mißzuverstehen, da +hat+ das Publikum
-besucht. Angriffe der Klerikalen -- da könnte man auch denken,
-die Klerikalen wären angegriffen +worden+; Angriffe +seitens+ der
-Klerikalen -- da +haben+ sie natürlich angegriffen. Die Untersuchung
-des Arztes -- da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersucht
-+worden+; die Untersuchung +seitens+ des Arztes -- nun +hat+ der Arzt
-untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt
-wären, dergleichen mißzuverstehen?
-
-
-Bez. beziehungsweise bezw.
-
-Ein Juwel unsrer Papiersprache endlich, der Stolz aller Kanzlisten
-und Reporter, der höchste Triumph der Bildungsphilisterlogik ist das
-Bindewort +bez.+ oder +bezw.+
-
-Vor fünfzig Jahren gab es noch im Deutschen das schöne Wort
-+respektive+, geschrieben: +resp.+; man sagte z. B.: der +Vater resp.
-Vormund+ -- der +Rektor+ der Schule, +resp.+ dessen +Stellvertreter+
--- +nachlässige, resp. rohe+ Eltern. Was wollte man mit dem Worte?
-Warum sagte man nicht: der +Vater oder Vormund+? Hätte man das nicht
-verstanden? I nun, der gesunde Menschenverstand des Volks hätte es
-schon verstanden; aber der große Logiker, der Kanzleimensch, sagte
-sich: ein Kind kann doch nicht zugleich einen Vater und einen Vormund
-haben, es kann doch nur entweder einen Vater oder (oder aber! sagte der
-Kanzleimensch) einen Vormund haben. Dieses Verhältnis kann man nicht
-mit dem bloßen +oder+ ausdrücken, für dieses feine, bedingte +oder+:
-der +Vater oder+ (+wenn+ nämlich das Kind keinen Vater mehr haben
-sollte!) +Vormund+ gibt es im Deutschen überhaupt kein Wort, das läßt
-sich nur durch -- +respektive+ sagen, dadurch aber auch „voll und ganz“.
-
-Als man nun auch im Kanzleistil den Fremdwörterzopf abzuschneiden
-anfing, erfand man als Übersetzung von +respektive+ das herrliche Wort
-+beziehentlich+ oder +beziehungsweise+: +be-zieh-ungs-wei-se+! Das war
-natürlich etwas zu lang, es immer zu schreiben und zu drucken, und so
-wurde es denn zu +bez.+ „beziehungsweise“ +bezw.+ abgekürzt. Daß das
-Wörtchen +oder+ auch nur vier Buchstaben hat und dabei ein wirkliches
-Wort ist, kein bloßer Wortstummel wie +bezw.+, auf diesen naheliegenden
-Gedanken verfiel merkwürdigerweise niemand. Und doch, was bedeutet in
-folgenden Beispielen das +bezw.+ anders als +oder+: in einer Zeit,
-wo man alles den einzelnen +Kreisen bezw. Staaten+ überließ -- alles
-weitere ist +Spezialsache bezw. Aufgabe+ der spätern Jahre -- über den
-+Mord bezw. Raubmord+ in R. ist noch immer nichts genaues festgestellt
--- Windschirme mit japanischer +Malerei bezw. Stickerei+ -- der
-Zusammenschluß zu einem +genossenschaftlichen bezw. landschaftlichen+
-Kreisverbande -- die +wieder bezw. neu+ gewählten Stadtverordneten --
-ein +angebornes bezw.+ durch Überlieferung +geschultes+ Geschick --
-die Bänder haben Wert als +geschichtliche bezw. kulturgeschichtliche+
-Erinnerungsstücke -- +nicht benutzte bezw. nicht abgeholte+ Bücher
-werden wieder eingestellt -- es wird mit dem +Kellergeschoß bezw.
-Erdgeschoß+ angefangen -- zwei Dachstuben von je drei Meter Breite
-und +drei bezw. vier+ Meter Länge -- jede Serie umfaßt +15 bezw. 12+
-Hefte -- die Bemerkung befindet sich in dem +Vor- bezw. Nachwort+ der
-Ausgabe -- W. A. Lippert, welcher +flüchtig ist bezw. sich verborgen
-hält+ -- da die Anstalt nur solche Kinder +aufnimmt bezw. behält+,
-die eine Besserung erwarten lassen -- wo Jahnsdorf +liegt bezw.
-gelegen hat+, ist ungewiß -- viele Personen sind außerstande, selbst
-bei langsamem Gange des Wagens +auf- bezw. abzuspringen+ -- jeder
-Fachmann wird die Schrift +beiseite bezw. in den Papierkorb+ werfen
--- es ist anziehend, zu sehen, wie sich dieser Kreis im Laufe der
-Sprachentwicklung +verengert bezw. erweitert+ -- die Weigerung der
-Prinzessin ist +hauptsächlich bezw. ausschließlich+ auf diesen Umstand
-zurückzuführen. Und in folgenden Beispielen, was bedeutet da +bezw.+
-anders als +und+: ein Haus an der +Beethoven- bezw. Rhodestraße+ --
-französische +Bonnen bezw. Gouvernanten+ haben seit Jahrhunderten in
-Deutschland eine Rolle gespielt -- zwei Kinder im Alter von +fünf bezw.
-drei+ Jahren -- K. und T. wurden zu +viermonatiger bezw. zweimonatiger+
-Gefängnisstrafe verurteilt -- später verfaßte er +pädagogische bezw.
-Schulbücher+ -- alle +Bestellzettel bezw. Quittungsformulare+ sind
-mit Tinte auszufüllen -- +Anfragen bezw. Anmeldungen+ sind an den
-Vorstand des Kunstvereins zu richten -- zur +Rechten bezw. Linken+ des
-Kaisers saßen der Reichskanzler und der Staatssekretär -- die Zinsen
-werden zu +Ostern bezw. zu Michaeli+ bezahlt -- großen Einfluß auf
-die Zahl der +Dissertationen bezw. Promotionen+ über den pekuniären
-Anforderungen, die die einzelnen +Universitäten bezw. Fakultäten+
-stellen -- wann die noch übrigen Befestigungsreste der +Burg bezw.
-Stadt+ entstanden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben -- der
-König tritt eine mehrwöchige Reise nach +München bezw. Stuttgart+ an
--- die Zehnpfennigmarken und die Fünfpfennigmarken sind von +roter
-bezw. grüner+ Farbe -- in A. sind letzte Nacht zwei Personen, ein
-Maler und ein Strumpfwirker, die in einem +Schuppen bezw. einem Stalle+
-nächtigten, erfroren.
-
-Der große Logiker, der so schreibt, denkt natürlich wenn er +und+
-gebrauche, so könnte ihn jemand auch so verstehen, als ob „sowohl“ die
-Zehnpfennigmarken „als auch“ die Fünfpfennigmarken zweifarbig wären,
-nämlich beide Arten rot und grün, als ob „sowohl“ der Maler „als
-auch“ der Strumpfwirker in zwei Räumlichkeiten, nämlich gleichzeitig
-in einem Schuppen und in einem Stalle genächtigt hätte. Solchen
-Gefahren wird natürlich durch +bezw.+ vorgebeugt; nun weiß man genau,
-daß die Zehnpfennigmarken rot und die Fünfpfennigmarken grün sind,
-daß der Maler in einem Schuppen, der Strumpfwirker in einem Stalle
-genächtigt hat. Maler: Schuppen = Strumpfwirker: Stall -- darin liegt
-die tiefe Bedeutung von +bezw.+! Ein unübertreffliches Beispiel ist
-folgender Zeitungssatz: alle +Musik- bezw. Trompeterkorps+ und alle
-Spielmannszüge +bliesen bezw. schlugen+ den Präsentiermarsch +bezw.+
-die Paradepost.
-
-Aber damit ist der große Logiker noch nicht auf dem Gipfel seines
-Scharfsinns angelangt. Sein schlauestes Gesicht steckt er auf, wenn
-er schreibt: +und (!) bezw.+ +Die Besitzer und bezw. Pächter+ der
-Grundstücke werden darauf aufmerksam gemacht -- die +Eltern und bezw.
-Erzieher+ der schulpflichtigen Kinder werden hiermit aufgefordert --
-ich bitte mir angeben zu wollen, ob diese Ausgabe +und beziehungsweise
-oder+ (!) andre Ausgaben auf der Bibliothek vorhanden sind usw. Sogar
-solche Dummheiten werden jetzt geschrieben „und bezw.“ gedruckt, und
-die, die sie leisten, bilden sich dabei noch ein, sie hätten sich
-wunder wie fein und scharf ausgedrückt! Leider ist das widerwärtige
-Wort, das übrigens neuerdings oft mit +bezüglich+ vermengt wird,[176]
-aus der Papiersprache bereits in die lebendige Sprache eingedrungen.
-Nicht nur in Sitzungen und Verhandlungen muß man es hören, es ertönt
-auch immer häufiger auf Kathedern, und da es der Professor gebraucht,
-gebrauchts natürlich der Student mit, und selbst der Kaufmannsdiener
-sagt schon am Biertische: Sie erhalten Sonnabend abend +beziehentlich+
-(oder +bezüglich+!) Sonntag früh Nachricht. Schließlich wird noch der
-Herr Assessor, der für seine Kinder zu Weihnachten Spielzeug eingekauft
-hat, zur Frau Assessorin sagen: ich habe für Fritz und Mariechen +eine
-Schachtel Soldaten beziehungsweise eine Puppe+ mitgebracht!
-
-
-Provinzialismen
-
-Für Provinzialismen ist in der guten Schriftsprache kein Raum,
-mögen sie stammen, woher sie wollen. Man spricht jetzt viel davon,
-daß unser Sprachvorrat aus den Mundarten aufgefrischt, verjüngt,
-bereichert, befruchtet werden könnte. O ja, wenn es mit Maß und Takt
-geschähe, warum nicht? Überzeugende Proben davon hat man aber noch
-nicht viel gesehen. Ein böses Mißverständnis wäre es, wenn man jeden
-beliebigen Provinzialismus für geeignet hielte, unsern Sprachvorrat
-zu „bereichern“. Meist liegt kein Bedürfnis darnach vor, man legt
-sich dergleichen aus Eitelkeit zu, um Aufmerksamkeit zu erregen, etwa
-wie irgend ein Hansnarr zu einem gut bürgerlichen Anzug einen Tiroler
-Lodenhut mit Hahnenfeder aufsetzt.
-
-Namentlich sind es österreichische Ausdrücke und Wendungen
-(Austriazismen), die jetzt durch wörtlichen Abdruck aus
-österreichischen Zeitungen in unsre Schriftsprache hereingeschleppt,
-dann aber auch nachgebraucht werden.
-
-Für +brauchen+ z. B. sagt der Österreicher +benötigen+, für
-+benachrichtigen+ +verständigen+ (+jemand verständigen+, während sich
-in gutem Deutsch nur zwei oder mehr +untereinander verständigen+
-können); beides kann man jetzt auch in deutschen Zeitungen lesen.
-In der Studentensprache ist das schöne Wort +unterfertigen+ Mode
-(statt +unterzeichnen+); das ist nichts als eine lächerliche,
-halb(!)-österreichische Bastardbildung. Der Österreicher sagt: der
-+Gefertigte+. Das ist dem deutschen Studenten, der sich zuerst
-damit spreizen wollte, mit dem +Unterzeichneten+ in eine Mischform
-zusammengeronnen, und seitdem erfüllt fast in allen akademischen
-Vereinigungen beim „Ableben“ eines Mitgliedes der +unterfertigte+
-Schriftführer „die traurige Pflicht, die geehrten a. H. a. H. und a.
-o. M. a. o. M. geziemend (!) in Kenntnis zu setzen“.
-
-Unerträglich in gutem Schriftdeutsch ist das süddeutsche +gestanden
-sein+ und +gesessen sein+: die Personen, mit denen er in näherm
-Verkehr +gestanden war+ -- es lebten noch Männer, die in der
-Paulskirche +gesessen waren+ (vgl. S. 59); ganz unerträglich ferner
-die österreichischen Verbindungen: +an etwas vergessen+, +auf etwas
-vergessen+ und +auf etwas erinnern+: heute schien die Schar ihrer
-Verehrer +auf sie vergessen+ zu haben -- +auf die Einzelheiten+ des
-Stückes konnte ich nicht mehr +erinnern+ u. ähnl.
-
-Eine ganze Reihe von Eigenheiten hat der Österreicher im Gebrauche der
-Adverbia. Er sagt: +im vorhinein+ statt +von vornherein+, +rückwärts+
-statt +hinten+, +beiläufig+ (bailaifig) statt +ungefähr+ (bis zur
-höchsten Spitze ist es +beiläufig+ 6000 Fuß -- dies ist +beiläufig+
-der Inhalt des hübschen Buches -- der zweite Band erscheint in
-+beiläufig+ gleicher Stärke), während in gutem Deutsch +beiläufig+ nur
-bedeutet: +nebenbei+, im +Vorbeigehen+ (+beiläufig+ will ich bemerken).
-Für +nur noch+ heißt es in München wie in Wien: +nur mehr+: z. B.
-leidenschaftliche Gedichte von +nur mehr+ geschichtlichem Wert -- ein
-Ausspruch, der uns heute +nur mehr+ grotesk anmutet -- alle Bemühungen
-sind jetzt +nur mehr+ darauf gerichtet -- auf die Christlich-Sozialen
-fielen heute +nur mehr+ acht Stimmen usw. +Neuerdings+, das gut deutsch
-nichts andres heißt als: +in neuerer Zeit+ (+neuerdings+ ist der
-Apparat noch wesentlich vervollkommnet worden), wird in Österreich in
-dem Sinne von +wiederum+, +nochmals+, +abermals+, +aufs neue+, +von
-neuem+ gebraucht, z. B.: es kommt mir nicht darauf an, oft gesagtes
-+neuerdings+ zu wiederholen -- er hat mich hierdurch +neuerdings+
-zu Dank verpflichtet -- eine Reise führte ihn +neuerdings+ mit der
-Künstlerin zusammen -- in diesem Vertrage wird +neuerdings+ die Frage
-untersucht -- es kam eine Schrift zur Verlesung, worin B. +neuerdings+
-für seine Überzeugung eintrat -- die Geneigtheit der Kurie muß bei
-jedem Wahlgange +neuerdings+ erkauft werden.[177] Man möchte wirklich
-annehmen, daß mancher deutsche Zeitungsredakteur von all diesen
-Gebrauchsunterschieden gar keine Ahnung habe, denn sonst könnte er doch
-solche Sätze nicht unverändert in seiner Zeitung nachdrucken, er müßte
-doch jedesmal den Austriazismus erst ins Deutsche übersetzen, damit der
-deutsche Leser nicht falsch verstehe!
-
-Nichts als ein Provinzialismus, den man aber in neuern Erzählungen
-oft lesen kann, ist es auch, bei dem reflexiven +sich finden+ mit
-Angabe einer Richtung (sich nach Hause finden, sich hinfinden, sich
-zurückfinden, sich zurechtfinden) das +sich+ wegzulassen und zu
-schreiben: den sichern Boden, zu dem er +zurückfand+ -- er konnte nicht
-+nach Hause finden+ u. dgl.
-
-Eine Schrulle des niedrigen Geschäftsstils ist es, wenn jetzt angezeigt
-wird, daß Kohlen +ab Zwickau+ oder +ab Werke+ (!) oder +ab Bahnhof+
-oder +ab Lager+ zu haben seien, Heu +ab Wiese+ verkauft, Flaschenbier
-+ab Brauerei+ oder +ab Kellerei+, Mineralwasser +ab Quelle+ geliefert
-werde, daß eine Konzertgesellschaft +ab Sonntag+ den 7. Juni auftrete,
-oder daß eine Wohnung +ab 1. Oktober+ zu vermieten sei. Ab als
-selbständige Präposition vor Substantiven (vgl. +abhanden+, d. i. +ab
-Handen+) ist schon seit dem siebzehnten Jahrhundert vollständig durch
-+von+ verdrängt. Nur in Süddeutschland und namentlich in der Schweiz
-wird es noch gebraucht, dort sagt man noch +ab dem Hause+, +ab dem
-Lande+. Aber was soll uns dieser Provinzialismus? und noch dazu in
-solcher Stammelform: +ab Werke+, von der man nicht weiß, ob es der
-Dativ der Einzahl oder vielleicht gar der Akkusativ der Mehrzahl sein
-soll? Es ist übrigens doch zweifelhaft, ob die Geschäftsleute, die sich
-neuerdings damit spreizen, wirklich das alte deutsche +ab+ meinen,
-und nicht vielmehr das lateinische +~ab~+. Zuzutrauen wäre es ihnen,
-wenigstens wenn man +~pro~ Jahr+, +~pro~ Kopf+, +~per~ sofort+, +~per~
-bald+, +~per~ Weihnachten+ und ähnlichen Unsinn damit vergleicht.[178]
-
-Ein gemeiner Berolinismus, der aber immer mehr um sich greift und schon
-in Lustspielen von der Bühne herab zu hören ist, ist die Anwendung von
-+bloß+ für +nur+ in ungeduldigen Fragen und Aufforderungen: Was hat er
-+bloß+? Was will er +bloß+? Komm doch +bloß+ mal her!
-
-
-Fremdwörter
-
-Auch unsre Fremdwörter sind zum großen Teil Modewörter. Bei dem Kampfe
-gegen die Fremdwörter, der seit einiger Zeit wieder in Deutschland
-entbrannt ist, handelt sichs natürlich nicht um die große Zahl zum
-Teil internationaler technischer Ausdrücke, sondern vor allem um
-die verhältnismäßig kleine Zahl ganz entbehrlicher Fremdwörter, die
-namentlich unsre Umgangssprache und die Sprache der Gelehrten, der
-Beamten, der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber entstellen.
-
-Zwar haben sich die Bemühungen der Sprachreiniger auch auf die
-technischen Ausdrücke einzelner Berufe und Tätigkeitsgebiete
-erstreckt, wie des Militärs, des Post- und Eisenbahnwesens, des
-Handels, der Küche, des Spiels, auch einzelner Wissenschaften und
-Künste, wie der Grammatik, der Mathematik, der Baukunst, der Musik,
-des Tanzes. Was aber vorgeschlagen worden ist, hat selten Beifall
-gefunden. Schlimm und verdächtig ist es immer schon, wenn einfache
-Fremdwörter durch Wortzusammensetzungen verdeutscht werden sollen:
-einige Beispiele solcher Art sind schon früher angeführt worden
-(S. 363). Gewöhnlich sind das gar keine Übersetzungen, sondern
-Umschreibungen oder Begriffserklärungen. So hat man +Redakteur+ und
-+Redaktion+ durch +Schriftleiter+ und +Schriftleitung+ „übersetzt“,
-und einzelne Zeitungen und Zeitschriften haben das angenommen (dann
-auch +Geschäftsstelle+ für +Expedition+). Diese Verdeutschungen geben
-nicht entfernt den Begriff des Fremdworts wieder. Unter +Schrift+
-kann dreierlei verstanden werden: die Handschrift, ein Schriftstück
-und die Lettern der Druckerei. An die erste und die dritte Bedeutung
-ist hier natürlich nicht zu denken, nur die zweite kann gemeint sein.
-Aufgabe eines Redakteurs ist es, die eingegangnen Schriftstücke auf
-ihren Inhalt zu prüfen, sie in anständiges Deutsch zu bringen, eine
-sorgfältige Druckkorrektur zu lesen und den Inhalt der einzelnen
-Zeitungsnummern zu bestimmen und anzuordnen. Das alles stellen wir
-uns wohl bei dem Worte +Redakteur+ vor, aber nicht bei dem mühselig
-ausgeklügelten Worte +Schriftleiter+. Die Zeitung selbst wird
-+geleitet+, aber nicht ihre Schriftstücke. Wenn es damals, als es im
-Deutschen noch keine Fremdwörter gab, schon Zeitungen gegeben hätte,
-ich weiß, wie man den Redakteur genannt hätte: +Zeitungmeister+! Im
-Eisenbahnverkehr hat man uns die +Fahrkarte+ und das fürchterliche
-+Abteil+ aufgenötigt (statt +Billett+ und +Coupé+). Das kurze, leichte
-+Billett+ war -- man spreche es nur deutsch aus! -- fast schon zum
-Lehnwort geworden. In Leipzig hieß schon im sechzehnten Jahrhundert
-die Kupfermarke, die sich der Brauerbe auf dem Rathause holen mußte,
-wenn er Bier brauen wollte, +Bollet+. Was für ein langstieliger Ersatz
-dafür sind unsre +Fahrkarten+, +Eintrittskarten+, +Teilnehmerkarten+
-usw.! Und ist etwa +Karte+ ein deutsches Wort? Eine wirkliche
-Übersetzung von +Coupé+ wäre +Fach+ gewesen, das in dem ältern Deutsch
-jede Abteilung eines Raums bedeutete, nicht bloß in einem Schrank
-oder Kasten, sondern auch im Hause (vgl. +Dach und Fach+). Sogar eine
-Straße, die in einen Fahrweg, einen Fußweg und einen Reitweg geteilt
-war, hieß im achtzehnten Jahrhundert eine Straße in +drei Fachen+.
-Das +Abteil+ und die +Fahrkarte+ werden sich schwerlich einbürgern.
-Die Schaffner sind ja dazu verurteilt, die Wörter zu gebrauchen, aber
-das Publikum gebraucht lachend die Fremdwörter weiter. Etwas ganz
-komisches -- wenigstens nach meinem Gefühl -- ist bei der Übersetzung
-der militärischen Fachausdrücke mit untergelaufen: die Wiedergabe von
-+Terrain+ durch +Gelände+. +Gelände+ war früher ein poetisches Wort,
-und zwar ein Wort der höchsten Poesie. Man denke nur an Schillers
-Berglied: da tut sich ein +lachend Gelände+ hervor -- und vor allem
-an Goethes herrlichen Spruch: Gottes ist der Orient, Gottes ist
-der Occident, Nord- und +südliches Gelände+ ruht im Frieden seiner
-Hände. Einem solchen Wort jetzt in den Manöverberichten der Zeitungen
-zu begegnen ist doch gar zu komisch. In der Musik möchte man jetzt
-die Wörter +komponieren+ und +Komposition+ abschaffen, und durch
-+vertonen+ und +Vertonung+ ersetzen. Gräßliche Geschmacklosigkeit!
-Von einem +vertonten+ (+ver+!) Liede kann man doch nur mit Bedauern
-sprechen, denn das könnte doch nur eins sein, das ungeschickt, falsch,
-fehlerhaft komponiert, durch die musikalische Zutat verdorben worden
-wäre (vgl. S. 357). Die Architekten vermeiden jetzt erfreulicherweise
-das überflüssige Fremdwort +Dimension+, nur sollten sie es nicht
-immer durch +Abmessung+ übersetzen, was meist gar keinen Sinn gibt
-(denn Abmessung bedeutet eine Handlung, keine Eigenschaft!), sondern
-einfach durch +Maß+ oder -- es ganz weglassen. Denn ist ein Gebäude
-von +riesigen Abmessungen+ etwas andres als ein +riesiges+ Gebäude?
-Und welcher Schwulst, zu schreiben: der Baumeister ist verpflichtet,
-Irrtümer im Voranschlag in bescheidnen +Abmessungen+ auftreten zu
-lassen! Wenn vollends allgemein angenommene und geläufige alte
-Kunstausdrücke einzelner Wissenschaften „übersetzt“ werden, wie man
-es den Kindern der Volksschule zuliebe in der Grammatik, auch in der
-Arithmetik versucht hat, so ist das Ergebnis meist ganz unerfreulich.
-Wenn man ein Buch oder einen Aufsatz mit solchen Verdeutschungen liest,
-so hat man immer das unbehagliche Gefühl, als ginge man auf einem
-Wege, wo aller zwanzig Schritt ein Loch gegraben und ein paar wacklige
-Bretter darüber gelegt wären.
-
-Am ehesten darf man vielleicht hoffen, daß die Fremdwörter aus der
-Umgangssprache verschwinden werden, denn hier wirkt fast nur die Mode.
-Die Fremdwörter unsrer Umgangssprache stammen zum Teil noch aus dem
-siebzehnten Jahrhundert, andre sind im achtzehnten, noch andre erst in
-der Franzosenzeit zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eingedrungen.
-Aber sie kommen eins nach dem andern wieder aus der Mode. Viele, die
-vor fünfzig Jahren noch für fein galten, fristen heute nur noch in
-den untersten Volksschichten ein kümmerliches Dasein! man denke an
-+Madame+, +Logis+, +~vis-à-vis~+, +~peu-à-peu~+ (in Leipzig +beeabeeh+
-gesprochen), +retour+, +charmant+, +mechant+, +inkommodieren+, +sich
-revanchieren+ und viele andre. In den Befreiungskriegen gab es nur
-+Blessierte+; wer hat 1870 noch von +Blessierten+ gesprochen? Wer
-+amüsiert+ sich noch? anständige Leute nicht mehr; die haben längst
-wieder angefangen, sich zu +vergnügen+. Auch +existieren+, +passieren+
-(für +geschehen+ oder +begegnen+: es ist ein Unglück +passiert+,
-mir ist etwas Unangenehmes +passiert+), +sich genieren+ sind so
-heruntergekommen, daß man sie anständigerweise kaum noch gebrauchen
-kann. Vor dreißig Jahren gab es noch vereinzelt Schneider+mamsellen+;
-jetzt wird jedes Dienstmädchen in der Markthalle mit +Fräulein+
-angeredet, wofür die Bürgerstochter freilich zum +gnädigen Fräulein+
-aufgerückt ist. Und wo ist das +Parapluie+ geblieben, das doch auch
-einmal fein war, und wie fein!
-
-Leider tauchen nur an Stelle veraltender Fremdwörter immer auch wieder
-neue auf. Wer hat vor dreißig Jahren etwas von +Milieu+ gewußt? Als
-es aufkam, mußten auch gebildete Leute das Wörterbuch aufschlagen,
-um sich zu belehren, was eigentlich damit gemeint sei. Und was war
-es schließlich? Weiter nichts, als was man bis dahin als Hintergrund
-(einer Handlung, einer Erzählung) bezeichnet hatte. Neue Schiffe werden
-jetzt nicht mehr nach einem Muster gebaut, sondern nur noch nach
-einem +Typ+, ebenso auch schon Automobile und Orgeln. Unsre Frauen
-und Mädchen tragen keine Kleider oder Anzüge mehr, sondern nur noch
-+Kostüme+, die es früher nur auf dem Theater oder auf Maskenbällen
-gab. Wagen wurden bisher in eine +Remise+ gestellt; die Automobile
-müssen natürlich etwas besondres haben, sie werden in die +Garage+
-gebracht; aber auch das ist nichts weiter als ein Schuppen. Ein neues
-Eigenschaftswort, das man seit kurzem täglich hört und liest, ist
-+markant+: eine +markante+ Erscheinung, ein +markanter+ Unterschied,
-eine +markante+ Persönlichkeit, die +markanteste+ Linie des Gesichts.
-Eine feine, leicht auf der Zunge zergehende Schokolade heißt im
-Französischen ~chocolat fondant~; ~fondre~ heißt +schmelzen+. Was
-haben die deutschen Fabrikanten daraus gemacht? +Fondantschokolade+!
-Warum denn nicht +Schmelzschokolade+? Wer hat vor dreißig Jahren etwas
-von +chic+ gewußt? Es ist nichts andres als unser +geschickt+, das
-nach Frankreich gegangen und in der Form +chic+ zurückgekehrt ist und
-nun für +fein+, +hübsch+, +nett+ gebraucht wird. Der Plural davon
-wird von unsern Geschäftsleuten +chice+ geschrieben: +chice+ Hüte,
-+chice+ Kleider, +chice+ Schuhe, was man wohl +schicke+ aussprechen
-soll, aber doch nur +schitze+ aussprechen kann (vgl. +Vice+). Zum
-Glück ist es neuerdings schon wieder aus der Mode gekommen. Zu einem
-greulichen Modewort dagegen ist +eventuell+ geworden. Es bedeutet ja:
-+vorkommendenfalls+, ferner +nötigenfalls+ oder +möglichenfalls+, je
-nachdem, dann immer mehr verblassend: +möglicherweise+, +vielleicht+,
-+etwa+, +wohl+ und endlich: gar nichts. Es gibt aber eine Menge
-Leute, die heute kaum noch einen Satz sagen können, worin nicht
-+eventuell+ vorkäme: wir könnens ja +eventuell+ auch so machen --
-ich kann +eventuell+ schon um sieben kommen. Wenn man auf der Straße
-aus der Unterhaltung Vorübergehender zehn Worte aufschnappt, das
-Wort +eventuell+ ist sicher darunter. Aber auch der Musikschreiber
-sagt: etwas mehr Fülle des Tons hätte +eventuell+ den Vortrag noch
-mehr unterstützt; ein Buchhändler schreibt: umstehenden Bestellzettel
-bitten wir +eventuell+ direkt an die Verlagsbuchhandlung gelangen zu
-lassen, und Zeitungen schreiben: ein Mensch, der eine Volksschule und
-+eventuell+ eine höhere Schule besucht hat -- der Kreuzer X erhielt
-Befehl, sich +eventuell+ zur Ausreise (!) bereit zu halten -- die
-Regierung hat alle Maßregeln getroffen, um für einen +eventuellen+
-(!) Streik gerüstet zu sein -- es war Schutzmannschaft aufgestellt,
-um einen +eventuellen+ Tumult zu verhüten -- der Platz soll zur
-+eventuellen+ (!) Bebauung liegen bleiben. Fast überall kann man
-+eventuell+ streichen, und der Sinn bleibt genau derselbe. Eine ganz
-neue Aufgabe erfüllt das Zeitwort +interpretieren+. Aus der Sprache
-der Philologie, wo es immer mehr zurückgegangen ist, ist es in die der
-Musik- und Theaterschreiber eingedrungen. Eine Rolle auf der Bühne
-wird nicht mehr gespielt, ein Musikstück nicht vorgetragen, ein Lied
-nicht gesungen -- es wird alles +interpretiert+: Strauß wird die Lieder
-selbst dirigieren, Frau B. wird +Interpretin+ sein -- der Künstler
-hat durch die +Interpretation+ dieses Liedes einen Beweis seines
-hervorragenden Könnens (!) erbracht(!) usw. An Stelle der +Sensationen+
-sind neuerdings die +Attraktionen+ getreten, das Konzertprogramm
-hat man zwar in +Vortragsordnung+ „übersetzt“, aber in dieser
-„Vortragsordnung“ erscheint nun statt des ehemaligen +Potpourris+
-die +Selektion+, und dafür hat man den guten Theater+zettel+ in
-Theater+programm+ verwandelt, wenigstens in Leipzig, wo die Jungen
-jetzt abends am Theater ausrufen: +Deeaderbroogramm+ gefällig? Kunst-
-und Kunstgewerbemuseen veranstalten jetzt mit Vorliebe +retrospektive+
-Ausstellungen. Wieviele Leute, die in solche Ausstellungen laufen,
-mögen wissen, was +retrospektiv+ heißt? Ein Friedhof hat in
-Sachsen seit einiger Zeit keine Leichenhalle mehr, sondern eine
-+Parentationshalle+! Wieviel Leute, auch gelehrte Leute, mögen wissen,
-was ~parentare~ und ~parentatio~ heißt, wissen, daß das heidnische
-Begriffe sind, die auf unsre Friedhöfe gar nicht passen?
-
-Ganz widerwärtig ist es, wie unsre Sprache neuerdings mit englischen
-Sprachbrocken überschüttet wird. Da wird das kleine Kind +Baby+
-genannt, und die Bedürfnisse für kleine Kinder kauft man im
-+Babybasar+, ja im zoologischen Garten ist sogar ein Elefanten+baby+
-zu sehen! Ein Frauenkleid, das der Schneider gemacht hat, wird als
-~tailor-made~ bezeichnet, eine Schauspielerin oder Sängerin, die
-Aufsehen erregt, wird als +Star+ gefeiert, Buchhändler reden von
-+Standard+-Werken, unsre Schuhe werden aus +Boxcalf+ gemacht (wenn
-nicht noch lieber aus +Chevreau+), an allen Mauern, Wänden und
-Schaufenstern schreit uns das Wort +Sunlight-Seife+ entgegen, das die
-Fabrikanten den deutschen Dienstmädchen zuliebe neuerdings sogar in
-+Sunlicht-Seife+ (!) geändert haben, ein andrer Fabrikant preist seine
-+Safety+-Füllfedern an, und an den Anschlagsäulen heißt es, daß in dem
-oder jenem Tingeltangel ~fife sisters~ oder ~fife brothers~ auftreten
-werden. Und dabei rühmt eine bekannte Fabrik von Teegebäck in Hannover,
-daß ihr Fabrikat +der (!) beste Buttercakes+ sei! Eine deutsche Mutter
-sollte sich schämen, ihr Kind +Baby+ zu nennen. Was würden unsre guten
-Freunde, die Engländer, sagen, wenn ein englischer Fabrikant wagen
-wollte, ~Sonnenlicht Soap~ anzupreisen!
-
-Unsre Kanzleisprache hat sich im Laufe eines Jahrhunderts gewaltig
-gereinigt. Noch 1810 konnte ein deutsches Stadtgericht an das andre
-schreiben: „Ew. Wohlgeboren werden ~in subsidium juris et sub oblatione
-ad reciproca~ ergebenst ersucht, die anliegende ~Edictalcitation~ in
-Sachen des Kaufmanns R. daselbst ~loco consueto affigiren~ zu lassen
-und selbige ~effluxo termino cum documentis aff- et refixionis~
-gegen die Gebühr zu ~remittiren~.“ Heute hat sich, wenigstens unter
-den höhergebildeten Beamten, doch fast allgemein die Einsicht Bahn
-gebrochen, daß das beste und vornehmste Amtsdeutsch das sei, das die
-wenigsten Fremdwörter enthält. Nur der kleine Unterbeamte, der +Folium+
-und +Volumen+, +Repositorium+ und +Repertorium+ nicht unterscheiden
-kann, der eine Empfangsbescheinigung eine +Rezepisse+ nennt und vom
-+Makulatieren+ der Akten redet, weil er einmal von +Makulatur+ gehört
-hat, tut sich noch etwas zugute auf ein ~sub~ oder ~ad~ (das gehört
-+unter+ ~sub A~, sagt er), auf ein ~a. c.~ (~anni currentis~), ein
-~eodem die~, ein ~s. p. r.~ (~sub petito remissonis~), ein ~cf. pg.~
-(~confer paginam~) u. dgl.; er fühlt sich gehoben, wenn er solche
-geheimnisvolle Zeichen in die Akten hineinmalen kann.
-
-Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man
-doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, fast alle noch in dem
-Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und
-Bedeutung geben könnten. Auf den Universitätskathedern und in der
-fachwissenschaftlichen Literatur, da steht die Fremdwörterei noch in
-voller Blüte. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich
-mit +~editio princeps~+, +~terra incognita~+, +~eo ipso~+, +~bona
-fide~+, +Publikation+, +Argumentation+, +Modifikation+, +Akquisition+,
-+Kontroverse+, +Resultat+, +Analogie+, +intellektuell+, +individuell+,
-+identisch+, +irrelevant+, +adäquat+, +edieren+, +dokumentieren+,
-+polemisieren+, +modifizieren+, +identifizieren+, +verifizieren+
-vornehmer ausdrücke als mit den entsprechenden deutschen Wörtern.
-Er fühlt sich wunderlicherweise auch gehoben (wie der kleine Rats-
-und Gerichtsbeamte), wenn er +lexikalisches Material+ sagt statt
-+Wortschatz+, wenn er von +heterogenen Elementen+, +intensiven
-Impulsen+, +prägnanten Kontrasten+, +approximativen Fixierungen+ oder
-einer +aggressiven Tendenz+, einem +intellektuellen+ oder +moralischen
-Defekt+, einem +Produkt destruktiver Tendenzen+ redet, wenn er eine
-+Idee ventiliert+, statt einen +Gedanken+ zu +erörtern+, wenn er von
-einem +Produkt+ der +Textilkunst+ die +Provenienz konstatiert+, statt
-von einem +Erzeugnis+ der +Weberei+ die +Herkunft nachzuweisen+,
-wenn er schreibt: es kommt fast nie vor, daß gutartige Polypen
-+recidivieren+ (statt: wiederkehren) -- die +Autopsie konstatierte+
-die +Existenz+ eines +sanguinolent tingierten Serums+ im +Perikardium+
-(statt: bei der Öffnung der Leiche zeigte sich, daß der Herzbeutel
-blutig gefärbte Flüssigkeit enthielt).[179] Und der Student macht
-es ihm leider meist gedankenlos nach; die wenigsten haben die
-geistige Überlegenheit, sich darüber zu erheben. In der Sprache aller
-Wissenschaften gibt es ja gewisse Freimaurerhändedrücke, an denen
-sich die Leute von der Zunft erkennen. Wie stolz ist der Student der
-Kunstgeschichte, wenn er zum erstenmale +Cinquecento+ sagen kann! Zwei
-Semester lang tut er, als ob er +sechzehntes Jahrhundert+ gar nicht
-mehr verstünde. Wie stolz ist er, wenn er das Wort +konventionell+
-begriffen hat! Mit der größten Verachtung blickt er auf die gesamte
-Kunst aller Zeiten und Völker herab, denn mit Ausnahme der Kunst der
-letzten drei Jahre ist ja alles -- +konventionell+. Und wenn er dann
-sein Dissertatiönchen baut, wie freut es ihn, wenn er alle die schönen
-vom Katheder aufgeschnappten Wörter und Redensarten darin anbringen
-kann! Man kennt den Rummel, man ist ja selber einmal so kindisch
-gewesen. Dabei begegnet es aber auch sehr gelehrten Herren, daß sie die
-Verneinung von +normal+ frischweg +anormal+ bilden, also das sogenannte
-~Alpha privativum~ des Griechischen vor ein lateinisches Wort leimen,
-statt +anomal+ (griechisch!) oder +abnorm+ (lateinisch!) zu sagen. Was
-ist in der letzten Zeit von +anormalem+ Denken, +anormalem+ Empfinden,
-+anormalen+ Trieben geschwafelt worden! Es begegnet auch sehr gelehrten
-Herren, daß sie von +Prozent+ ein Eigenschaftswort +prozentuell+ bilden
-(als ob ~centum~ „nach der vierten“ ginge, einen ~u~-Stamm hätte wie
-~accentus~!), statt +prozentisch+ zu sagen, daß sie +indifferent+
-schreiben, wo sie +undifferenziert+ meinen u. dgl.
-
-Besonders stolz auf ihre Fremdwörterkenntnis sind gewöhnlich die Herren
-„Pädagogen“, d. h. die Volksschullehrer, die sich nicht mit dem Seminar
-begnügt, sondern nachträglich noch ein paar Semester an den Brüsten
-der ~Alma mater~ gesogen haben. Schon daß sie sich immer +Pädagogen+
-nennen, ist bezeichnend. +Lehrer+ klingt ihnen nicht wichtig genug.
-Daß ein Pädagog etwas ganz andres ist als ein Lehrer, daran denken
-sie gar nicht. Wenn so ein Pädagog einen Vortrag hält oder einen
-Aufsatz schreibt über die Aufgaben oder vielmehr die +Probleme+ (!)
-des Unterrichts in der Klippschule, dann regnet es nur so von +exakt+,
-+theoretisch+, +empirisch+, +empiristisch+, +didaktisch+, +psychisch+,
-+psychologisch+, +ethisch+, +Lustrum+, +Dezennium+, +Koedukation+ usw.
-Aus diesen Kreisen ist dann auch in andre Kreise der Unsinn verpflanzt
-worden, von +Klavier-+ und +Gesangpädagogen+ zu reden. Wieck, der Vater
-der Klara Schumann, der bekanntlich in Leipzig Klavierstunden gab, wird
-stets „der hervorragende Klavierpädagog“ genannt. Vielleicht erleben
-wir auch noch +Geigen-+, +Posaunen-+ und +Fagottpädagogen+.
-
-Weniger zu verwundern ist der Massenverbrauch von Fremdwörtern bei den
-Geschäftsleuten. Sie stecken infolge ihrer Halbbildung am tiefsten in
-dem Wahne, daß ein Fremdwort stets vornehmer sei als das entsprechende
-deutsche Wort. Weil auf sie selbst ein Fremdwort einen so gewaltigen
-Eindruck macht, so meinen sie, es müsse diesen Eindruck auf alle
-Menschen machen. Ein Kapitel, das von Jahr zu Jahr beschämender für
-unser Volk wird, bilden die Warennamen, die, wohl meist von den
-Fabrikanten der Waren oder von ebenso unfähigen Helfern ersonnen, uns
-täglich in Zeitungen und Wochenblättern anschreien. Namentlich auf
-dem Gebiete der Arznei- und Toilettenmittel, aber auch auf andern
-Gebieten, wie dem der Beleuchtungsmittel, der Kraftfahrzeuge, der
-Musikmaschinen, der photographischen Artikel, der „alkoholfreien“
-Getränke usw., wimmelt es davon. Von vernünftigen Sprachgesetzen,
-nach denen sich doch auch solche Namen bilden ließen, ist gar keine
-Rede mehr. Die Zeiten, wo ein Chemiker oder ein Techniker, der einen
-neuen Namen brauchte, einen Philologen zu Rate zog, sind längst
-vorüber. Jeder Fabrikant hält sich heute für berechtigt und befähigt,
-solche Namen zu bilden; er nimmt ein paar -- Stämme oder Wurzeln,
-kann man gar nicht sagen, sondern Stammsplitter oder Wurzelfetzen --
-von irgendwelchen griechischen oder lateinischen Wörtern und leimt
-sie aneinander, klebt auch vielleicht noch eine der aus der Chemie
-bekannten oder sonst beliebten Endungen daran (ol, il, it, in usw.),
-und der Name ist fertig. Man denke nur an Wörter wie +Odol+, +Pektol+,
-+Javol+, +Virisanol+, +Antirheumol+, +Pomeril+, +Frutil+, +Fortisin+,
-+Antinervin+, +Bioferrin+, +Hämoglobin+, +Sanatogen+, +Kantophon+,
-+Solvolith+, +Photonox+, +Humidophor+, +Pianola+, nicht zu reden von
-solchen Albernheiten wie +Velotrab+, +Biomalz+, +Abrador+, +Waschifix+
-u. a.[180] Die Verrücktheit geht so weit, daß man sogar die Namen der
-Orte zu Hilfe nimmt, wo die Waren fabriziert werden, und Namen bildet
-wie +Thürpil+ (Thüringer Pillen!), ja daß man die Anfangsbuchstaben
-des in der Regel ja sehr breitspurigen Namens der Anstalt oder Fabrik,
-aus der die Ware hervorgeht, oder anderer beliebiger Wörter zu einem
-scheinbaren Wort aufreiht, das in Wahrheit nichts als ein bloßer
-Lauthaufe ist, ja daß man sogar aus ganz beliebigen Lauten solche
-Lauthaufen bildet! ~Tet roia aga simi dalli perco aok degea ohno
-pilo agfi wuk afpi tita maggi oxo ciba pebeco densos~ -- klingt das
-nicht wie Sprache der Herero oder der Wahehe? Das alles sind deutsche
-Warennamen! Ein Glück, daß die meisten nur ein kurzes Dasein fristen.
-Sie flackern zu irgendeiner Zeit plötzlich auf, verlöschen aber bald
-wieder wie Lämpchen, denen das nötige Öl fehlt. Leider drängen sich
-aber an die Stelle jedes verschwindenden sofort wieder zwei oder drei
-neue. Man kann nur hoffen, daß der ganze Blödsinn schließlich einmal an
-sich selber zugrunde gehen werde.
-
-Eine Menge Fremdwörter schleppen sich in der Zeitungssprache fort. In
-der Zeit der Befreiungskriege redete man viel von +Monarchen+; bei
-Leipzig erinnert noch der +Monarchenhügel+ daran. Heute dient der
-+Monarch+ nur noch dem Zeitungschreiber zur Abwechselung und als Ersatz
-für das persönliche Fürwort +er+, das er sich von einem gekrönten
-Haupte nicht zu gebrauchen getraut: heute vormittag empfing der
-Kaiser den Prinzen X; bald darauf stattete der +Monarch+ dem Prinzen
-einen Gegenbesuch ab -- der Katarrh des Kaisers ist noch im Zunehmen
-begriffen, doch ist das Befinden des +Monarchen+ befriedigend -- es
-steht jetzt fest, daß die angedeutete Besprechung des Königs nicht
-stattgefunden hat, der +Monarch+ also gar nicht in der Lage gewesen
-ist, sich zu äußern -- der König nahm heute an der Familientafel teil,
-nach der Tafel besuchte der +Monarch+ die Gartenbauausstellung -- der
-König wurde aufs Rathaus geleitet, wo der Bürgermeister den +Monarchen+
-erwartete -- Frl. R. überreichte dem König ein Bukett, wofür der
-+Monarch+ freundlich dankte. Lieblingswörter der Zeitungssprache
-sind: +Individuum+, +Panik+, +Affäre+, +Katastrophe+. Wenn ein Kerl
-einen Mordversuch gemacht hat, heißt er stets ein +Individuum+. Ein
-großer Schrecken in einer Volksmasse oder im Theater wird stets
-als +Panik+ bezeichnet; ob der Zeitungschreiber wohl eine Ahnung
-davon hat, woher das Wort stammt? Einen großen Unglücksfall nennt
-er stets eine +Katastrophe+: da gibt es +Eisenbahn-+, +Schiffs-+
-und +Bootskatastrophen+, +Erdbeben-+ oder +Vulkankatastrophen+,
-+Brandkatastrophen+, +Überschwemmungskatastrophen+,
-+Grubenkatastrophen+, sogar +Unglückskatastrophen+! Er redet auch stets
-von einer +Duellaffäre+, einer +Säbelaffäre+, einer +Messeraffäre+,
-einer +Giftmordaffäre+. Einen gemeinen Betrüger bezeichnet er vornehm
-als +Defraudanten+. Wenn sich einer in einem Hotel erschießt, so gibt
-das stets eine +Detonation+, dann findet man das +Projektil+, das
-+Motiv+ der Tat ist aber gewöhnlich unbekannt. Gerade gegenwärtig
-schwelgen die Zeitungschreiber wieder -- im Leitartikel wie im
-Feuilleton -- ärger denn je in Fremdwörtern. Es ist, als ob es ihnen
-förmlich Spaß machte, die Puristen zu ärgern und ihnen zu zeigen:
-wir scheren uns den Kuckuck um eure Bestrebungen! Der Kohlen+konsum+
-+figuriert+ bei der +Rentabilität+ als +Bagatelle+ -- von solchen
-Sätzen sind die Zeitungen wieder voll. Es war schon einmal besser
-geworden.
-
-Könnte man doch nur den Aberglauben loswerden, daß das Fremdwort
-vornehmer sei als das deutsche Wort, das +momentan+ vornehmer klinge
-als +augenblicklich+, +transpirieren+ vornehmer als +schwitzen+ (der
-Hufschmied bei seiner Arbeit +schwitzt+ bekanntlich, aber der Herr im
-Ballsaal +transpiriert+!), +professioneller Vagabund+ vornehmer als
-+gewerbsmäßiger Landstreicher+, ein +elegant möbliertes Garçonlogis+
-vornehmer als ein +fein ausgestattetes Herrenzimmer+, +konsequent
-ignorieren+ vornehmer als +beharrlich unbeachtet lassen+, daß ein
-+Eleve+ etwas vornehmeres sei als ein +Lehrling+ (Apotheker, Banken
-usw. suchen stets Eleven!), ein +Collier+ etwas vornehmeres als ein
-+Halsband+ oder eine +Halskette+![181] Schon der Umstand, daß wir für
-niedrige, gemeine Dinge so oft zum Fremdwort greifen, sollte uns von
-diesem Aberglauben befreien. Oder wäre +perfid+, +frivol+, +anonymer
-Denunziant+ nicht zehnmal gemeiner als +treulos+, +leichtfertig+,
-+ungenannter Ankläger+? Und stehen +noble Passionen+ nicht tief unter
-+edeln Leidenschaften+? Um etwas niedriges zu bezeichnen, dazu sollte
-uns das Fremdwort gerade gut genug sein.[182]
-
-Aber auch unklar, verschwommen, vieldeutig sind oft die Fremdwörter.
-Was wird nicht alles durch +konstatieren+ ausgedrückt! +Feststellen+,
-+behaupten+, +erklären+, +wahrnehmen+, +beobachten+, +nachweisen+
--- alles legt man in dieses alberne Wort! Da ist wieder etwas
-überraschendes zu +konstatieren+ -- was heißt das anders als: da macht
-man wieder eine überraschende +Wahrnehmung+ oder +Beobachtung+?[183]
-Was soll +intensiv+ nicht alles bedeuten: +groß+, +stark+, +lebhaft+,
-+heftig+, +eifrig+, +kräftig+, +genau+, +scharf+, +straff+! Man nutzt
-die Zeit +intensiv+ aus, lernt ein Volk +intensiv+ kennen, bespricht
-eine Rechenaufgabe +intensiv+ usw. Was soll +direkt+ nicht alles
-bedeuten! Bald +unmittelbar+ (die +direkte+ Umgebung von Leipzig,
-eine Ware wird +direkt+ bezogen, einer ist der +direkte+ Schüler des
-andern, ein Aufsatz wird unter +direkter+ Beteiligung des Kanzlers
-geschrieben), bald +gleich+ (sie gingen +direkt+ von der Arbeit ins
-Wirtshaus), bald +dicht+ oder +nahe+ (der Gasthof liegt +direkt+
-am Bahnhof), bald +gerade+ (die Straße führt +direkt+ nach der
-Ausstellung), bald +geradezu+ (die Verschiedenheit der Darstellung
-wird als +direkt+ störend empfunden -- die Stelle wirkt in dieser
-Fassung +direkt+ erschütternd -- die Dichtung ist in ihrer Art
-+direkt+ klassisch -- die evangelische Kirche ist hier in +direkt+
-falschem Licht dargestellt), bald +genau+ (soll ich denn +direkt+
-um sieben kommen?), bald +wirklich+ (bist du in Berlin gewesen,
-+direkt+ in Berlin?), bald +nur+ (Ihre Bibliothek hat also +direkt+
-wissenschaftliche Werke?). Eine Berlinerin ist imstande, zu ihrem
-ungezognen Bengel zu sagen: was hast du da gemacht? das ist +direkt+
-ein Fettfleck! oder: wirst du +direkt+ folgen? wirst dus +direkt+
-wieder aufheben? Was für ein unklares Wort ist +Konsequenz+! Bald
-soll es +Folge+ heißen (die Konsequenzen tragen), bald +Folgerung+
-(die Konsequenzen ziehen). Was für ein unklares Wort ist +Tendenz+!
-Bald soll es +Bestrebung+ bedeuten, bald +Absicht+, bald +Richtung+,
-bald +Neigung+. Was für ein unklares Wort ist +System+! Man spricht
-von einem +philosophischen System+ und meint eine +Lehre+ oder ein
-+Lehrgebäude+, von einem +Röhrensystem+ und meint ein +Röhrennetz+,
-von einem +Festungssystem+ und meint einen +Festungsgürtel+, von einem
-+Achsensystem+ und meint ein +Achsenkreuz+, von einem +Sternsystem+
-und meint eine +Sterngruppe+, von einem +Verwaltungssystem+ und meint
-die +Grundsätze+ der Verwaltung, von einem Sprengwagen +System Eckert+
-und meint die +Bauweise+, ja man kann nicht ein Hemd auf den Leib
-ziehen, ohne mit einem +System+ in Berührung zu kommen, entweder dem
-+System Prof. ~Dr.~ Jäger+ (!) oder dem +System Lahmann+ oder dem
-+System Kneipp+ -- was mag sich die Verkäuferin im Wolladen unter
-all diesen Systemen denken? Man sagt: hier fehlt es an +System+,
-und meint +Ordnung+ oder +Plan+, man spricht von +systematischem+
-Vorgehen und meint +planmäßiges+. Dazu wird System fort und fort
-verwechselt mit +Prinzip+ und mit +Methode+ (auf derselben Seite
-spricht derselbe Schriftsteller bald von Germanisierungssystem, bald
-von Germanisierungsmethode). Wie kann man den Reichtum des Deutschen
-so gegen die Armut des Fremden vertauschen! Das Erstaunlichste von
-Vieldeutigkeit und infolgedessen völliger Inhaltlosigkeit sind wohl
-die Wörter +Interesse+, +interessant+ und +interessieren+. Vor kurzem
-hat jemand in einer großen Tabelle alle möglichen Übersetzungen dieser
-Wörter zusammengestellt. Da zeigte sich, daß es kaum ein deutsches
-Adjektiv gibt, das nicht durch +interessant+ übersetzt werden könnte!
-Ein so nichtssagendes „Bummelwort“ sollte doch anständigerweise in
-keinem Buche und keinem Aufsatze mehr vorkommen.
-
-Aus der Unklarheit, die durch die Fremdwörter großgezogen wird,
-entspringen dann auch so alberne Verbindungen wie: +vorübergehende
-Passanten+, +dekorativer Schmuck+, +neu renovierter Saal+,
-+Grundprinzip+, +Einzelindividuum+, +Attentatsversuch+, +defensive
-Abwehr+, +numerische Anzahl+, +gemeinsame Solidarität+,
-+charakteristisches Gepräge+ (in der Kunst und Literaturschreiberei
-äußerst beliebt!), +ausschlaggebendes Moment+ u. ähnl. Nicht einmal
-richtig geschrieben werden manche Fremdwörter. Wir Deutschen lassen
-uns keine Gelegenheit entgehen, über den Fremden zu spotten, der
-ein deutsches Wort falsch schreibt. Aber machen wir es denn besser?
-Nicht bloß der kleine Handwerker setzt uns eine +Vetterage+ oder eine
-+Lamperie+ auf die Rechnung statt einer +Vitrage+ oder eines +Lambris+,
-sondern auch der Zeitungschreiber schreibt beharrlich +Plebiscit+,
-+Diaspora+, +Atmosphäre+ (sogar +Athmosphäre+), +Proſelyten+ statt
-+Plebiſcit+, +Diaſpora+, +Atmoſphäre+, +Proselyten+. Wer Griechisch
-versteht, dem kommt doch +Diaspora+ und +Proſelyten+ so vor, wie
-wenn einer +Schnürstiefel+ und +Halſtuch+ schriebe! Auf Leipziger
-Ladenschildern liest man in zehn Fällen kaum einmal richtig +Email+,
-überall steht +Emaille+, ein Wort, das es gar nicht gibt! +Drogue+
-und +Droguerie+ werden sogar amtlich in der „neuen Orthographie“
-+Droge+ und +Drogerie+ geschrieben, als ob sie wie +Loge+ und +Eloge+
-ausgesprochen werden sollten; man ließe sich noch +Drogerei+ gefallen,
-aber -+erie+ ist doch eine französische Endung! Wie lange wird man noch
-+posthum+ mit dem törichten h schreiben! Man kann darauf wetten, daß
-die meisten dabei nicht an ~postumus~, sondern an ~humus~ denken. Ganz
-glücklich sind die Leute, wenn sie in einem Fremdwort ein y anbringen
-können; gewöhnlich tun sies aber gerade an der falschen Stelle, wie in
-+Sphynx+, +Syphon+, +Logogryph+ usw.
-
-Manche Fremdwörter berauschen die Menschen offenbar durch ihren
-Klang, wie +glorreich+ (in Leipziger Festreden +chlorreich+
-gesprochen), +historisch+, +Material+, +Element+, +Moment+, +Faktor+,
-+Charakter+, +Epoche+ und die zahlreichen Wörter auf +ion+.
-+Material+ wird in ganz abscheulicher Weise gebraucht: man redet
-nicht bloß von +Pferdematerial+, sondern auch von +Menschenmaterial+,
-+Kolonistenmaterial+, sogar +Referendarmaterial+! Streicht man das
-+Material+, so bleibt der Sinn derselbe und der Ausdruck verliert zwar
-seine klangvolle Breite, aber auch seinen ganz unnötig geringschätzigen
-Nebensinn. Zu den nichtsnutzigsten Klingklangwörtern gehören +Element+,
-+Moment+ (+das+ Moment!) und +Faktor+, sie werden ganz sinnlos
-mißbraucht. Es sind ja eigentlich lateinische Wörter (~elementum~,
-~momentum~, ~factor~); wenn man aber einen Satz, worin eins von ihnen
-vorkommt, in wirkliches Latein übersetzen wollte, könnte man meist gar
-nichts besseres tun, als die Wörter einfach -- weglassen. Liberale
-+Elemente+, bedenkliche, unzuverlässige, gefährliche +Elemente+ -- das
-ist doch nichts andres als Männer, Menschen, +Leute+. Glücklicherweise
-bildeten die anständigen +Elemente+ die +Majorität+ -- das heißt doch
-nichts weiter als: die anständigen +Leute+ bildeten die +Mehrheit+.
-+Moment+ wie +Faktor+ aber bedeutet in den meisten Fällen weiter
-nichts als ~res~, ~aliquid~, und auch mit +Element+ ist es oft nicht
-anders. Da will einer sagen: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist
-der Torpedo noch immer +etwas neues+. Das drückt er so aus: trotz aller
-Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer ein +neues Element+
-oder ein +neues Moment+ oder ein +neuer Faktor+ -- nun klingt es!
-Hier sind +drei Momente+ zu berücksichtigen, oder hier wirken +drei
-Faktoren+ zusammen -- bei Lichte besehen ist es weiter nichts als:
-+dreierlei+ (~tria~). Das wichtigste +Moment+ -- es ist schlechterdings
-nichts andres als das +Wichtigste+. Der Stock hat von jeher Freud und
-Leid mit den Menschen geteilt: dies +Moment+ findet in der Glocke
-einen ergreifenden Ausdruck -- wenn diejenigen +Momente+ in den
-Vordergrund gestellt werden, die für die Technik von Wert und Interesse
-sind -- die Feinhörigkeit ist von osteologischen +Momenten+ abhängig
--- die Studentenauffahrt mit ihren bunten, malerischen +Momenten+
-entrollte ein interessantes akademisches (!) Bild -- die gestrige
-Stadtverordnetensitzung bot verschiedne interessante +Momente+ -- bei
-jedem entstehenden Reichtum ist die Arbeit ein mitwirkender +Faktor+ --
-sind nicht +Moment+ und +Faktor+ hier ganz taube, inhaltleere Wörter?
-Bisweilen kann man wohl +Moment+ durch +Umstand+, +Tatsache+, +Zug+,
-+Seite+ wiedergeben, ebenso +Faktor+ bisweilen durch +Macht+, +Kraft+,
-+Mittel+, aber in den meisten Fällen ist es nichts als: +etwas+; ein
-+beunruhigendes Moment+, ein +differenzierendes Moment+ -- es sind
-doch nur gespreizte wichtigtuerische Umschreibungen von +Beunruhigung+
-und +Unterschied+.[184] Nicht viel anders ist es mit +Charakter+.
-Diese Festlichkeiten haben deshalb einen wertvollen und interessanten
-+Charakter+ -- was bedeutet das anders als: sie sind deshalb wertvoll?
-Die Raumbildung ist der wesentlichste +Faktor+, der dem Architekten
-zur Verfügung steht. Daneben ist ein zweiter, sehr wichtiger
-+Faktor+, um (!) einem Raum +individuellen Charakter+ zu geben, die
-Art seiner Beleuchtung. Das dritte +Charakterisierungsmoment+, das
-dem Architekten zur Verfügung steht, ist die Farbengebung. In solch
-albernem Schwulst wird jetzt der einfache Gedanke ausgedrückt: der
-Architekt wirkt durch drei Mittel: Raum, Licht und Farbe! +Historisch+
-(d. h. +geschichtlich+ oder +geschichtswissenschaftlich+) wird
-jetzt unsinnigerweise für +alt+ oder +altertümlich+ gebraucht.
-Man gibt Konzerte mit +historischen+ Blasinstrumenten (zu dumm!),
-schießt auf der Schützenwiese mit +historischen+ Armbrüsten, bildet
-Fanfarenbläser in +historischer+ Tracht ab, schwärmt von der +alten,
-historischen+ Markgrafenstadt Meißen und preist die +althistorischen+
-Sehenswürdigkeiten von Augsburg an. Ganz arg ist auch der Mißbrauch,
-der mit +Epoche+ getrieben wird, namentlich in den Schriften neuerer
-Geschichtschreiber. +Epoche+ (ἐποχή) bedeutet Haltepunkt, in der
-Geschichte ein Ereignis, das einen wichtigen Wendepunkt gebildet hat.
-So brauchen noch unsre Klassiker bisweilen das Wort. Schiller nennt
-noch ganz richtig die Geburt Christi eine +Epoche+, das Ereignis
-selbst, nicht etwa die Zeit des Ereignisses! Die +Epoche+ der
-Weltliteratur ist an der +Zeit+ -- sagte Goethe zu Eckermann. Daher
-stammt ja auch die Verbindung +epochemachend+, d. h. einen Wendepunkt
-bezeichnend. Das Wort ist dann auf die Zeit selbst übertragen worden
--- worin allerdings schon der alte Goethe erkleckliches geleistet hat
---, und heute bezeichnet man jeden beliebigen Zeitabschnitt, klein
-oder groß, wichtig oder unwichtig, als +Epoche+. Für Zeit kennen
-unsre Geschichtschreiber gar kein andres Wort mehr, sie verwechseln
-es auch fortwährend mit +Periode+,[185] reden sogar von +Zeitepoche+,
-unaufhörlich pochpochpocht es durch ihre Darstellungen! Aber auch die
-Jahre, in denen ein tüchtiger Rektor eine Schule geleitet hat, werden
-schon eine der inhaltreichsten +Epochen+ der Schule genannt! Auch
-+Generation+ hats den Leuten angetan, obwohl es zu den zahlreichen
-unklaren Fremdwörtern gehört, denn es bedeutet ja +Geschlecht+ und auch
-+Menschenalter+; man kann zuweilen geradezu lesen von der +Generation+,
-die vor drei +Generationen+ gelebt hat! Aber es klingt, und das ist
-die Hauptsache. Wenn sich bei einer großen Festtafel nach dem zweiten
-Gange, wo der Wein schon zu wirken anfängt, einer erhebt, und nachdem
-er einigemal mit +glorreiche Epoche+, +Moment+, +Faktor+, +zielbewußt+,
-+unentwegt+ um sich geworfen hat, schließlich, ehe er „in diesem
-Sinne“ sein Glas leert, noch einmal donnert: von +Generatiooon+ zu
-+Generatiooon+! so muß ja alles auf dem Kopfe stehen vor Entzücken.
-+Von Geschlecht zu Geschlecht+ -- damit tut man keine Wirkung.
-
-Im Grunde ist die Fremdwörterfrage eine Frage der Bildung und des
-guten Geschmacks. Man könnte mit Rücksicht auf den Gebrauch unnötiger
-Fremdwörter die Deutschen in drei Bildungsklassen einteilen: die
-unterste Klasse gebraucht die Fremdwörter falsch, die mittlere
-gebraucht sie richtig, die oberste gebraucht sie -- gar nicht. Daneben
-gibts natürlich Misch- und Zwischenklassen, aber die Hauptklassen sind
-doch diese drei.
-
-Der gewöhnliche Mann aus dem Volke weiß in den meisten Fällen gar
-nicht, daß er Fremdwörter gebraucht. Woher sollte ers auch wissen? In
-eine fremde Sprache hat er nie hineingeblickt, über seinen Wortschatz
-macht er sich keine Gedanken, entweder versteht er ein Wort, oder er
-versteht es nicht -- die Fremdwörter versteht er meist nicht; ob die
-Wörter, die er gebraucht, deutsch sind oder einer fremden Sprache
-angehören, vermag er nicht zu beurteilen. In Leipzig ist z. B. dem
-kleinen Handwerker und Krämer, dem untern Beamten, dem Kutscher, dem
-Packträger, dem Kellner das Wort +zurück+ fast unbekannt. Wenns ers
-gedruckt liest, versteht ers wohl, aber seinem Wortschatze gehört
-es nicht an, er kennt nur das Wort +reduhr+ (+retour+), das ist für
-ihn deutsch! Er sagt: ich kriege zehn Fennche +reduhr+ -- schiebe
-mal de Karre +reduhr+ -- um zehne fahrmer +reduhr+ -- Müller is in
-seinem Jeschäfte +redur+jekommen (denn auch in Leipzig wird jetzt
-vielfach +jesehen+, +jekommen+ gesagt). So gibt es noch eine Menge von
-Fremdwörtern aus dem täglichen Leben, die er ganz richtig gebraucht,
-die aber eben für ihn so gut wie deutsche Wörter sind, wie +Gongerrenz+
-(Konkurrenz), +degerieren+ (dekorieren), +mummendahn+, +orchinell+
-u. a. Die meisten aber gebraucht er falsch oder halbfalsch: entweder
-er verdirbt oder verstümmelt ihre Form, oder er wendet sie in
-falscher Bedeutung an, oder er verwechselt zwei miteinander: er sagt
-+absorbieren+, wo er +absolvieren+ meint (meine Tochter hat die höhere
-Töchterschule +absorbiert+), er fordert +Reduzierung+ der Arbeitslöhne
-(statt +Regulierung+) und erbietet sich, wenn er eine Stelle sucht,
-+Primadifferenzen+ vorzulegen, spricht von +rabiater+ Geschwindigkeit
-(statt von +rapider+) und von der Gefahr, die es hat, wenn ein
-Schlaganfall +repartiert+ (statt +repetiert+), verwechselt +luxuriös+
-und +lukrativ+ (wir können nicht so +lukrativ+ bauen wie die reichen
-Leute), versteht +intakt+ als +in Takt+, gebraucht +irritieren+ in dem
-Sinne von +irre machen+, +stören+, leitet +affektiert+ von +Affe+ ab,
-bringt überall ein bißchen „französische“ Aussprache an: +Orschester+,
-+Sanktimeter+, +Parangthese+, +Deelephong+, +Biweh+ (Büfett!), +Serwih+
-(Service), +Dabbeldooh+ und prophezeit von einem neuen Konzertsaal:
-wenn er ene gute +Renässangs+ (Resonanz) kriegt, kriegt er ooch ene
-gute +Augustik+ (Akustik).
-
-Nun die mittlere Klasse. Das sind die, die sich so viel Kenntnis
-fremder Sprachen angeeignet haben, daß sie von einer großen Anzahl
-von Fremdwörtern die Ableitung, die eigentliche Bedeutung kennen,
-auf diese Wissenschaft (wenn sie sich mit den unter ihnen stehenden
-vergleichen, die +Gratifikation+ und +Gravitation+ verwechseln) sehr
-stolz sind und ihre hohe Bildung nun durch möglichst häufigen Gebrauch
-von Fremdwörtern an den Tag zu legen suchen. Das ist die gefährliche
-Klasse. Sie werfen sich in die Brust und meinen, sie hätten wunder
-was gesagt, wenn sie von +lokalem Konsum+ reden, statt von +örtlichem
-Verbrauch+.
-
-Über dieser aber gibt es noch eine dritte Klasse. Es ist ein Zeichen
-höchster und vornehmster Bildung, wenn man durch die Erlernung fremder
-Sprachen zugleich seine Muttersprache so hat beherrschen lernen, daß
-man die fremden Flicken und Lappen entbehren, daß man wirklich deutsch
-reden kann.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Alphabetisches Wortregister
-
-
- ab statt von 432
-
- abdecken 359
-
- abend und abends 261
-
- Abmessung 435
-
- abpflastern 359
-
- abschlägig und abschläglich 83
-
- abstürzen 374
-
- Abteil 434
-
- abzüglich 421
-
- Achtung für oder vor 349
-
- adlig und adlich 81
-
- Affäre 444
-
- Afrikareisender 193
-
- Aktiengesellschaft 199
-
- alle 31
-
- alle oder aller vier Wochen 259
-
- allmählich 81
-
- Alltag 362
-
- alpine Flora 185
-
- als beim Komparativ 268
-
- als ob, als wenn 157
-
- altbacken 59
-
- Altheidelberg, Altweimar 191
-
- Altmeister 190
-
- Altmeißner Porzellan 191
-
- anbelangen, anbetreffen 407
-
- anders 47
-
- anderthalb 49
-
- andersartig 409
-
- andres, ein 48
-
- Anfang und Anfangs 261
-
- angängig 373
-
- angehen 239
-
- Angehöriger 34
-
- Angel 19
-
- Anhaltspunkt 73
-
- anklagen, beklagen, verklagen 358
-
- Anlage und Anlegung 344
-
- anläßlich 420
-
- anliefern 359
-
- anormal 441
-
- anscheinend 341
-
- anschneiden, eine Frage 375
-
- anschließen, sich 341
-
- Anteilnahme 408
-
- antideutsch 88
-
- antwortlich 419
-
- Anwaltstag 76
-
- Anzahl 96
-
- Apfelwein 74
-
- Apostel 19
-
- Arbeitgeber 80
-
- Arbeitnehmer 362
-
- Arm 16
-
- Armesünderglocke 206
-
- Aschenbecher 70
-
- Ärztetag 70
-
- Ärztin 68
-
- Attentäter 67
-
- auf Festung, auf Jagd 275
-
- aufliefern 359
-
- Aufregung und Aufgeregtheit 345
-
- aufrollen, eine Frage 375
-
- auftraggemäß 387
-
- augenscheinlich 341
-
- Aurikel 19
-
- ausbezahlen 407
-
- Ausfuhr u. Ausführung 344
-
- Ausgabe, erste seltene 301
-
- ausgehen 355
-
- ausgeschlossen 391
-
- Auskunftei Schimmelpfeng 203
-
- auslösen 375
-
- Ausreise 363
-
- ausschließlich 420
-
- Ausschmuck 345
-
- ausschalten 375
-
- Autograph 18
-
-
- Baby 438
-
- Bachkantate 195
-
- baden 56
-
- Bad-Kissingen 218
-
- baldgefälligst 43
-
- Bande, Bände, Bänder 20
-
- Beamter 33
-
- Beamtin 69
-
- bedanken 243
-
- bedeuten statt sein 376
-
- bedeutsam 369
-
- bedingen 398
-
- beföhle 63
-
- Begleiterscheinung 363
-
- begönne 63
-
- begründen und gründen 358
-
- begrüßen 376
-
- behufs 418
-
- bei statt von 351
-
- beide 37
-
- beiderlei Geschlechts 290
-
- beiläufig 431
-
- bekannt als, berühmt als 214
-
- bekannt geben 376
-
- beklagen, anklagen, verklagen 358
-
- Beklagtin 69
-
- belanglos, belangreich 370
-
- beheben 354
-
- belegen sein 354. 358
-
- Beleuchtungskörper 365
-
- belichten 365
-
- benötigen 430
-
- bereits schon 290
-
- Bergmann 4
-
- Bericht erstatten 280
-
- berichten 240
-
- besitzen statt haben 410
-
- besönne 63
-
- besser statt gut 370
-
- bewähren, sich, als 215
-
- bewerten 385
-
- beziffern sich 376
-
- Beziehung, Bezug, Bezugnahme 345
-
- beziehentlich, beziehungsweise 426
-
- Biere 337
-
- bilden statt sein 377
-
- billig 81
-
- bis 257
-
- bislang 386
-
- Bismarckbeleidigung 198
-
- Blatt und Blätter 24
-
- Blättermeldung 361
-
- Blau, das, und das Blaue 35
-
- blumistisch 88
-
- Blüthnerflügel 196
-
- Boden 16
-
- Bogen 16
-
- Boot 16
-
- brauchen oder gebraucht 61
-
- brauchen mit Infinitiv 292
-
- brauchen und gebrauchen 354
-
- bringen, zur Aufführung 416
-
- Brot 16
-
- Buckel 19
-
-
- Café Bauer 201
-
- Charakter 449
-
- chic 437
-
- Cypernwein 192
-
-
- da und dort 386
-
- dabei, dafür, darin 231
-
- dank 247
-
- Darbietung 368
-
- Darlehen 4
-
- darstellen statt sein oder bilden 377
-
- das und was 116
-
- denkbar beim Superlativ 43
-
- Denkmal 20
-
- denn beim Komparativ 268
-
- der der, die die, das das 115
-
- der, die, das als Relativpronomen 112
-
- deren 40
-
- deren und derer 45
-
- derem und dessem 45
-
- derjenige, welcher 235
-
- derselbe 226
-
- derselbige 235
-
- dessen 40
-
- Deutsch, das, und das Deutsche 35
-
- Deutsche, wir, und wir Deutschen 36
-
- Dichter-Komponist 220
-
- Ding 21
-
- direkt 445
-
- Doktor-Ingenieur 220
-
- ~Dr.~, weiblich 277
-
- drängen 53
-
- draußen, drinnen 353
-
- dreimonatig und dreimonatlich 82
-
- dringen 53
-
- Dritte, der, statt der Andre 347
-
- drittehalb 49
-
- Droguerie 447
-
- drüben und hüben 353
-
- dünken 53
-
- durch statt von 351
-
- durch von der Zeit 263
-
- durch und wegen 349
-
- durchwegs 422
-
- Dürerzeichnung 195
-
- dürfen 347
-
- dürfen mit Recht 290
-
-
- Edition Peters 201
-
- Effekt 18
-
- ehe nicht 272
-
- Ehrung 368
-
- eigenartig 370
-
- ein andres 48
-
- Einakter 362
-
- einander gegenseitig 290
-
- eindecken 359
-
- einer nicht statt keiner 270
-
- eines, einem, einen 46
-
- ein Goethe 276
-
- einige 31
-
- einig sein, sich 342
-
- einliefern 339
-
- ein Maler drei, ein Stücker drei 245
-
- einmal statt erstens 342
-
- Einnahmsquelle 78
-
- einschätzen 377
-
- einschließlich 420
-
- einsetzen 378
-
- Einsichtnahme 408
-
- einstellen 380
-
- einundderselbe 46. 226
-
- einwandfrei 370
-
- einwerten 386
-
- einzig 44
-
- Eisenbahner 67
-
- Element 448
-
- Eltern 29
-
- Email 447
-
- empfangen und erhalten 341
-
- empföhle 63
-
- empor 257
-
- entblöden, sich 356
-
- entfallen statt fallen 354. 356
-
- entgegennehmen 380
-
- entleihen 356
-
- entlohnen 354. 356
-
- entnüchtern, ernüchtern 359
-
- Entscheid 345
-
- Epoche 450
-
- erblicken 406
-
- erbringen 354
-
- Erfolg 340
-
- erfolgen 344
-
- erhalten und empfangen 341
-
- erhältlich 364
-
- erheben, sich 341
-
- erheblich 371
-
- erholen, sich, Rats 241
-
- erhoffen 354
-
- erinnern, auf etwas 431
-
- erlauben 355
-
- Erleben, das 397
-
- eröffnen 355
-
- Erscheinung, in die, treten 383
-
- erschrecken 51
-
- Erstaufführung 188
-
- Erstausgabe, Erstdruck 188
-
- erstbeste 43
-
- erste Künstler 245
-
- erstellen 355
-
- ersterer 223
-
- erstklassig 364
-
- erstmalig 407
-
- erstmals 386
-
- erübrigen statt übrig bleiben 380
-
- erübrigen, sich, statt überflüssig sein 380
-
- Erwerb und Erwerbung 345
-
- erzielen 381
-
- essen 62
-
- Essen-Ruhr 200
-
- ~et~, & 267
-
- Etikett, das 23
-
- etwas andres 48
-
- etwas nicht statt nichts 270
-
- euer und eurer 44
-
- Eure Majestät 45
-
- eventuell 437
-
- existieren 436
-
- Exlibris 203
-
-
- Fabriksmädchen 78
-
- Façon, das 23
-
- fahren und führen 56. 166
-
- Fahrkarte 434
-
- Fahrrichtung 74
-
- Faktor 449
-
- Falschstück 188
-
- falten 56
-
- Fehlbetrag 363
-
- Fels und Felsen 5
-
- fertigstellen 402
-
- Feste, die 34
-
- festlegen 403
-
- Feuerbestattung 365
-
- finden, sich 432
-
- Firma, das 23
-
- folgender 27
-
- forstlich 185
-
- fort 404
-
- fragen 54
-
- Frauenkirche 70
-
- Frau und Kinder 276
-
- Fräulein, das oder die 276
-
- Fräulein Braut, Tochter 277
-
- Freisinn 362
-
- Fremder 33
-
- Fremdsprache 188
-
- fremdsprachig und fremdsprachlich 81
-
- Friede 5
-
- Frischluft 189
-
- froh in Zusammensetzungen (arbeitsfroh) 371
-
- Fühlen, das 396
-
- führende Geister 381
-
- fünfzig und funfzig 49
-
- fünfzigjähriger Geburtstag 246
-
- Funke 5
-
- für und über 349
-
- für und zu 349
-
- Fürst 4
-
- fußfrei 210
-
-
- Ganzes oder Ganze 25. 33
-
- Garage 436
-
- Garne 337
-
- Gartenlaubekalender 70
-
- Gastwirtstag, Gastwirtsverein 76
-
- Gau 4
-
- geartet 409
-
- geboren werden, geboren sein 108
-
- gebrauchen und brauchen 354
-
- Geburtstag 16. 246
-
- Gedanke 5
-
- gedienter Soldat 166
-
- Gefalle 5
-
- gefeiert als 214
-
- Gefertigte, der 430
-
- Gefolge, im -- haben 381
-
- Gehalte und Gehälter 20. 22
-
- Geistlicher 33
-
- gelagerter Fall 408
-
- Gelände 435
-
- gelangen, zur Aufführung 416
-
- gelegentlich 420
-
- Gelehrter 33
-
- gelernter Kellner 166
-
- gemäß 248
-
- Gemäßheit, in 420
-
- General 17
-
- Generation 450
-
- Gepflogenheit 362
-
- Gesangpädagog 442
-
- geschaffen, geschafft 52
-
- Geschäft 21
-
- geschleift, geschliffen 52
-
- Geschmack 22
-
- geschweige denn 273
-
- gesessen sein, gesessen haben 59
-
- Gesichte und Gesichter 20
-
- Gesichtspunkt 393
-
- gesinnt, gesonnen 52
-
- gestanden sein, gestanden haben 59. 168
-
- gestatten 381
-
- getragen 382
-
- Gewand 20
-
- Gewerk und Gewerke 4
-
- Gewinn 21
-
- Gewölbe 21
-
- gewönne 63
-
- glasieren 88
-
- glatt 371
-
- Glaube 5
-
- gleiche, der 226
-
- Goethebiographie, Goethedenkmal 194
-
- gölte 63
-
- Griffelkunst 363
-
- Großfeuer 189
-
- großzügig 371
-
- größtmöglichst 43
-
- Grund und Boden 46
-
- gründen und begründen 358
-
-
- Haar, Haare 338
-
- Hader 19
-
- Halle-Saale 200
-
- hangen und hängen 51
-
- Hannoveraner 88
-
- Haufe 5
-
- Haus 390
-
- Hause, nach 351
-
- hausbacken 59
-
- haußen, hinnen 353
-
- Heiliger 33
-
- heißen 239
-
- heißen oder geheißen 60
-
- -heit, Wörter auf 345
-
- Heizkörper 365
-
- Held 4
-
- helfen oder geholfen 61
-
- her und hin 352
-
- herab, heran, herunter 353
-
- Herabminderung 408
-
- herauf und hinauf, herein und hinein 352
-
- herausbilden 407
-
- Herbstzeitlose 34
-
- Herr 14
-
- Herrenmoden 390
-
- Herzog 17
-
- Hilferuf, Hilfeleistung 80
-
- Hilfslehrer, Hilfsprediger 80
-
- hin und her 352
-
- hinab, hinan, hinunter 353
-
- hinauf 257
-
- Hingabe und Hingebung 343
-
- Hirt 4
-
- historisch 450
-
- historisch-kritisch 267
-
- hocherfreut und hoch erfreut 169
-
- hochfein, hochmodern 386
-
- hochgradig 372
-
- hoch kommen 257
-
- hochleben 170
-
- Höchstgehalt, Höchstmaß 188
-
- hochverehrtest 42
-
- hoffen und wünschen, verwechselt 296
-
- Holbeinbildnis 197
-
- Holländer Austern 178
-
- hören oder gehört 60
-
- Hose, Hosen 338
-
- hüben und drüben 353
-
- hülfe 63
-
- Hummer 19
-
- hundertunderste 49
-
-
- im Begriff 252
-
- im Wege 350
-
- in 1870 258
-
- in statt auf oder gegen 350
-
- indes, indessen 387
-
- in Ergänzung, Fortsetzung, Veranlassung 172
-
- inhaltlich 420
-
- Inneres oder Innere 33
-
- insofern als 133
-
- insofern, daß 296
-
- instandsetzen 252
-
- intensiv 445
-
- interessant 447
-
- interpretieren 438
-
- -ismus, Wörter auf 12
-
-
- ja, das beteuernde und das steigernde 323
-
- ja ja 323
-
- jagen 59
-
- Jaquet 19
-
- jeder 26
-
- jemand 47
-
- jemand anders 47
-
- jener 237
-
- Jetztzeit 362
-
- Jubiläum 246
-
- jugendlich statt jung 372
-
- Jungens 23
-
- Jünger 33
-
- Jungwilhelmdenkmal 191
-
-
- Kaiserhoch 197
-
- Kajütsbureau 78
-
- kännte und kennte 63
-
- Kapital, Kapitäl 17
-
- Kasten 16
-
- Katastrophe 444
-
- kein 31. 270
-
- kennen lernen oder gelernt 61
-
- Kenntnis, zur, kommen 283
-
- Kenntnis nehmen 279
-
- kennzeichnen 340
-
- Kiefer 19
-
- Klage führen 281
-
- klarlegen, klarstellen 402
-
- klar sein, sich 342
-
- kleiden 240
-
- Klein, das 35
-
- Kloß 21
-
- kneipen 52
-
- Kohlezeichnung 71
-
- Kolleggeld 76
-
- Kollegienhefte 76
-
- Kollegs 23
-
- kommen, zur Aufführung 416
-
- Königsbüste 198
-
- Können, das 396
-
- konstatieren 445
-
- Kork 19
-
- Korset 19
-
- kosten 239
-
- Kostüm 436
-
- Kragen 16
-
- kriegführend 80
-
- kulturell 185
-
- Kunde 69
-
- Künstler 68
-
-
- laden 53
-
- Lage 293
-
- Lageplan 71
-
- Lager 16
-
- Lande und Länder 20
-
- landen 381
-
- lang, drei Monate 262
-
- längeren, des 407
-
- lassen 238
-
- lassen oder gelassen 60
-
- lateinlos 365
-
- lauten 56
-
- leerstellen 403
-
- Lehen 4
-
- lehren 239
-
- Lehrperson 362
-
- Leipzig-Elbe-Kanal 192
-
- leisten, Folge, Verzicht 406
-
- letzterer 223
-
- Lichte und Lichter 20
-
- liebedienerisch 80
-
- Liebesdienst 77
-
- Liebfrauenmilch 72. 206
-
- Linke, die 34
-
- links 248
-
- Lohn 22
-
- lohnen, der Mühe 241
-
- Lokomotivführer 72
-
- löschen 51
-
-
- Mädels 23
-
- Magen 16
-
- Maler-Dichter 220
-
- man 46
-
- Mann 4
-
- manche 31
-
- mangels 418
-
- Mansardedach 71
-
- markant 437
-
- Maß 21
-
- maschinell 185
-
- Material 448
-
- mehrere 32
-
- mehrere und mehr 41
-
- mein, dein, sein 32
-
- Menge 96
-
- Mietshaus, Mietspreis, Mietsvertrag 74. 78
-
- Milieu 436
-
- minderwertig 373
-
- Mindestpreis 188
-
- mißbrauchen, mißfallen, mißhandeln 58
-
- Mittwoch 261
-
- Möbel 19
-
- mögen für können 346
-
- möglichst und womöglich 43
-
- Moment 448
-
- Monarch 443
-
- monatlich 82
-
- Motor 18
-
- Muff 19
-
-
- nachahmen 239
-
- nachdem 131
-
- nach dort, nach hier 256
-
- nach Hause, zu Hause 351
-
- nach meines Erachtens 247
-
- nach oben 256
-
- Nachrichten, Neueste Leipziger 300
-
- nahe 249
-
- näheren, des 407
-
- nahezu 387
-
- Name 5
-
- namens 418
-
- Namensverzeichnis 75
-
- naturgemäß 387
-
- Naturwissenschaftler 68
-
- Neigung und Geneigtheit 345
-
- nein nein 323
-
- Neuauflage, Neuerscheinung 188
-
- neubacken 59
-
- neuerdings 431
-
- Neuheit und Neuigkeit 340
-
- Neusprachler 68
-
- neusprachlich 81
-
- nicht ohne 273
-
- nichts 270
-
- nicht un -- 272
-
- Niederlagsraum 78
-
- Niederlande, Königin Wilhelmine der 303
-
- niemand 47
-
- nördlich 248
-
- notleiden 170
-
- Note, intime 368
-
-
- oben gehen 257
-
- obzwar 133
-
- oder 98
-
- offenstellen 403
-
- öffnen und eröffnen 355
-
- offensichtlich 373
-
- Offert, das 23
-
- Offizierskasino 75
-
- öfters 422
-
- Ohren, zu, kommen 283
-
- Orte und Örter 22
-
- Ortsverzeichnis 75
-
-
- Pädagog 441
-
- Pantoffel 19
-
- Papierverein 199
-
- Paragraph 18
-
- Parteinahme 408
-
- passieren 436
-
- Pate 69
-
- Perser Teppiche 178
-
- Pfennig, Pfennige 24
-
- Porto, Porti 24
-
- posthum 447
-
- Preise, kleine 339
-
- Preislage 390
-
- Presseball, Pressefest 72
-
- Prinz 4
-
- Prinzensöhne 220
-
- prinzlich 185
-
- Prinzregent 220
-
- prozentual 441
-
- Prozentsatz 368
-
-
- radebrechen 53
-
- Rassepferd 70
-
- Rechenstunde 77
-
- Rechnung tragen 381
-
- Rechte, die 34
-
- rechts 248
-
- Redakteur 433
-
- reichlich 388
-
- Reihe 96
-
- reisen 59
-
- religiös-sittlich 267
-
- Rest 21
-
- retour 451
-
- retrospektiv 438
-
- richtig stellen 402
-
- Richtung, in der 421
-
- Rindsleder 79
-
- Rittersmann 77
-
- Rohr 16
-
- rönne 63
-
- rückenfrei 210
-
- Rückerinnerung 291. 408
-
- Rücksichtnahme 408
-
- Rückwirkung, Rückschluß 368
-
- rund 387
-
-
- Saalezeitung 72
-
- Same 5
-
- sämtliche 31
-
- Sand 338
-
- Sauregurkenzeit 206
-
- Schade und schade 5
-
- schaffen 52
-
- scheinbar 341
-
- Scheit 22
-
- Schilde und Schilder 21
-
- Schillerfeind 198
-
- schleifen 52
-
- Schlüssel 19
-
- schmelzen 51
-
- schneidig 373
-
- schölte 63
-
- Schönen, die 34
-
- Schreibepapier 77
-
- schreiten 382
-
- Schriftleiter 433
-
- schrittweise 207
-
- Schule, zur 351
-
- schulisch 184
-
- schwerwiegend 41
-
- schwömme 63
-
- segensreich 77
-
- sehen oder gesehen 60
-
- Seiner Majestät Schiff 40
-
- sein lassen 215
-
- seitens 422
-
- -seitig, -seits 424
-
- selber, selbst 245
-
- selbstlos 373
-
- selbstredend, selbstverständlich 391
-
- selten 388
-
- Shakespearedramen 195
-
- Silberhochzeit 186
-
- singen hören oder gehört 60
-
- sinnen 52
-
- solcher 27
-
- Solebad 72
-
- sollen für müssen 346
-
- Solo, Soli 24
-
- sonst 233
-
- sowie 98
-
- sowohl als auch 98
-
- so zwar 267
-
- spalten 56
-
- Speisekarte 73
-
- speisen 62
-
- Spielmann 4
-
- spönne 63
-
- Standpunkt 395
-
- stände, stünde 62
-
- stattfinden 344
-
- stattgefunden und stattgehabt 167
-
- stecken 52
-
- Stellung nehmen 279
-
- Stellungnahme 408
-
- Steuer 19
-
- Stiefel 19
-
- Straftat 363
-
- Straßenbahner 67
-
- Strauß 21
-
- stückweise 207
-
- studierter Mann 166
-
- stürbe 63
-
- Stutz 19
-
- südlich 248
-
- Sunlightseife 439
-
- System 446
-
-
- Tabaksmonopol 79
-
- tagein, tagaus 365
-
- Tale und Täler 20
-
- Taler 24
-
- teils -- teils 98
-
- teilweise 207
-
- Tendenz 446
-
- tiefgefühltest 42
-
- tiefgehend 41
-
- tiefgründig 373
-
- Tintenfaß 70
-
- Titel 19
-
- todsicher 392
-
- Toiletteseife 70
-
- Ton 338
-
- Ton für Wort 392
-
- tragen 382
-
- treffsicher 364
-
- treten 383
-
- trotzdem und trotzdem daß 133
-
- Trümmer 19
-
- Tucher Bier 192
-
- tunlich 373
-
- Typ 436
-
-
- überfahren 57
-
- überführen 56
-
- überlegen 57
-
- Übersee 362
-
- übersetzen 57
-
- übersiedeln 58
-
- uferlos 373
-
- um zu 161. 296
-
- und, fehlendes 265
-
- unentwegt 388
-
- unerfindlich 373
-
- unerheblich 371
-
- unerwartet 248
-
- unförmig und unförmlich 83
-
- ungeachtet 248
-
- ungefähr 209
-
- ungezählt statt unzählig 374
-
- Universität Leipzig 201
-
- unschwer, nicht unschwer 273
-
- unser und unsrer 44
-
- unsre Gegenwart 290
-
- Unstimmigkeit 369
-
- untadlig 81
-
- unterbreiten 57
-
- Unterfertigte, der 431
-
- unterhalten 57
-
- unterrichtlich 184
-
- unterschlagen 57
-
- Untertan 33
-
- unverhohlen 54
-
- unweit 249
-
- unwidersprochen 243
-
- unzählig 81
-
- Urlaub 355
-
-
- vaterlandsliebend 80
-
- veranschlagen 406
-
- verausgaben 406
-
- verdenken 241
-
- verderben 51
-
- Verdienst 22
-
- verdürbe 63
-
- Verein Berliner Künstler 39
-
- vereinnahmen 406
-
- Verfehlung 369
-
- Verfügung, zur, stehen und stellen 281
-
- vergessen, auf etwas 431
-
- Verkauf und Verkaufung 344
-
- verkehren 60
-
- verläßlich statt zuverlässig 374
-
- verlautbaren u. verlauten 341
-
- verlegen statt legen 354
-
- vermeinen 357
-
- vermittelst 418
-
- vernunftgemäß 387
-
- verraten, sich, als 215
-
- verschreiten 382
-
- verschroben 54
-
- versichern 240
-
- verständigen 430
-
- Verstehen, das 397
-
- vertonen 435
-
- vertrauen 383
-
- Verwandter 33
-
- Verwandtin 69
-
- Verzichtleistung 408
-
- verziehen 357
-
- viele 32
-
- vielmehr 388
-
- vierwöchig und vierwöchentlich 82
-
- Villa-Daheim 218
-
- Visitekarte 70
-
- volklich, völkisch 184
-
- voll und ganz 388
-
- vollends 273
-
- voller 244
-
- Vollziehung und Vollzug 345
-
- von -- ab, von -- an 349
-
- von Ende oder vom Ende 264
-
- von Hause, von zuhause 264
-
- vorab 389
-
- voran und vorwärts 341
-
- vorbestrafen 383
-
- vorhanden 209
-
- vorhinein, im 431
-
- Vorjahr 362
-
- Vormärz 362
-
- vornehm statt Haupt- 374
-
- vornehmlich 389
-
- Vorredner 362
-
- vorsehen 384
-
-
- Wagen 163
-
- wägen 51
-
- Wagnerverehrer 198
-
- während 14. 261
-
- weder -- noch 98
-
- weg 404
-
- Wege, im 350
-
- Wege, in die -- leiten 384
-
- wegen und durch 349
-
- Weimaraner 88
-
- Wein 337
-
- weise 207
-
- Weiser 33
-
- Weiße, die 49
-
- weitaus 38
-
- weitgehend 413
-
- welcher 27. 112
-
- welch letzterer 123
-
- Werdegang 360
-
- werden lassen 215
-
- werten 385
-
- wie beim Komparativ 268
-
- Wie meinen? 366
-
- wiegen 51
-
- Wild, das 35
-
- Wille 5
-
- willfahren 53
-
- wir Deutschen 36
-
- Wirksamkeit und Wirkung 340
-
- wo, wobei, womit, worin 118
-
- wöchentlich 82
-
- Wolle 337
-
- Wollen, das 397
-
- worden 105
-
- Wort, Worte, Wörter 20
-
- wunschgemäß 387
-
- wünschen und hoffen verwechselt 296
-
- würbe 63
-
- würde statt des Konjunktivs 158
-
- würfe 63
-
-
- Zeichenbuch 76
-
- zeigen, sich, als 215
-
- Zeit, die gute alte 209
-
- zeitigen 386
-
- Zelt 21
-
- Zerstreuung und Zerstreutheit 345
-
- Zettel 18
-
- Ziegel 19
-
- zielbewußt 374
-
- zu und um zu 161
-
- zubilligen 386
-
- zufolge statt nach 351
-
- zufrieden 209
-
- zufriedenstellen 402
-
- zugängig und zugänglich 83
-
- Zugsverbindung 78
-
- zuhause 264
-
- Zuhilfenahme 421
-
- zukommen, auf etwas 386
-
- zumal 342
-
- zumal und zumal da 132
-
- zuzüglich 421
-
- zwangsweise 207
-
- zwar, so 267
-
- zwecks 418
-
- zween, zwo, zwei 49
-
- zwischen 258
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Druck von Carl Marquart in Leipzig
-
-
-
-
-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
-
-
-Walther von der Vogelweide
-
-Von
-
-Rudolf Wustmann
-
-Kl. 8°. V, 103 S. 1912. Mit 3 Tafeln.
-
-Geheftet ℳ 2.--, gebunden ℳ 2.40.
-
-+~Vorwort des Verfassers~+:
-
-„~Dies Büchlein zu schreiben hat mich schon lange gedrängt. Walther
-von der Vogelweide verdient in unserer allgemeinen Bildung einen
-besseren Platz, als ihm die meisten deutschen Hoch- und Mittelschulen
-zuteil werden lassen. Sein Charakterbild steht im großen und ganzen
-fest, so vieles auch an seinem Lebensbilde noch undeutlich ist. Daß
-ich nun auch etwas von Walthers Musik mit vorlegen kann, macht mir
-besondere Freude.~“
-
-
-Shakspere
-
-Fünf Vorlesungen aus dem Nachlaß
-
-von
-
-Bernhard ten Brink
-
-Mit dem Medaillonbildnis des Verfassers in Lichtdruck
-
-Dritte durchgesehene Auflage
-
-Klein 8°. VII, 149 S. 1907. ℳ 2.--, gebunden ℳ 2.50.
-
- Inhalt: Erste Vorlesung: Der Dichter und der Mensch. -- Zweite
- Vorlesung: Die Zeitfolge von Shaksperes Werken. -- Dritte Vorlesung:
- Shakspere als Dramatiker. -- Vierte Vorlesung: Shakspere als
- komischer Dichter. -- Fünfte Vorlesung: Shakspere als Tragiker.
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-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
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-Deutsches
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-Fremdwörterbuch
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-Von
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-Hans Schulz
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-Privatdozent an der Universität Freiburg i. Br.
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-Erste bis vierte Lieferung: A-Kampagne
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-Lex. 8°. je 5 Bogen. Subskriptionspreis für die Lieferung ℳ 1.50. Das
-Werk wird etwa 10 Lieferungen von je 5 Bogen Lex. 8° umfassen.
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-~Das Buch versucht zum ersten Male eine lexikalische Behandlung der
-in unsere Sprache aufgenommenen Fremdwörter nach den Grundsätzen der
-modernen Wortforschung. Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gemacht,
-für jedes Wort die Quelle und die Zeit der Entlehnung zu ermitteln,
-seinen ursprünglichen Geltungsbereich festzustellen und unter Darlegung
-des historischen Belegmaterials seine Entwicklung im deutschen
-Sprachgebrauch zu veranschaulichen. Besonderer Wert wurde darauf
-gelegt, die lebende und allgemein gebräuchliche Sprache zu fassen und
-eingehend zu behandeln.~
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-„~Das lang ersehnte geschichtliche Fremdwörterbuch tritt endlich in
-Erscheinung, nicht im Zusammenarbeiten mehrerer, nicht als Ertrag
-einer langen Lebensarbeit, sondern dank der Tatkraft, dem mutigen
-Zugreifen eines jugendfrischen Mannes. Schulz will allerdings nicht
-ein Seitenstück zum Deutschen Wörterbuch bieten, seine Arbeit ist
-vielmehr auf ein einbändiges Werk berechnet. Es sollen nur die wirklich
-lebendigen Fremdwörter behandelt werden und nur die, die der allgemein
-gebräuchlichen Sprache angehören; Veraltetes, wie das große Heer der
-technischen Ausdrücke, scheidet also aus. Was Schulz innerhalb dieser
-Grenzen geleistet hat, ist ganz vortrefflich. Auswahl, Anordnung,
-Darstellung sind durchaus zweckentsprechend und geschickt; musterhafte
-Knappheit verbindet sich mit großem Reichtum ... Die Ausstattung des
-Buches ist durchaus erfreulich. Hoffentlich liegt das Ganze recht bald
-vollendet vor uns.~“
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-_Prof. Dr. O. Behaghel im Literaturblatt für germanische und romanische
-Philologie XXII. Jahrgang 1911, Nr. 1._
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-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
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-Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache
-
-von
-
-Friedrich Kluge
-
-ord. Professor der deutschen Sprache an der Universität Freiburg i. Br.
-
-Siebente verbesserte und vermehrte Auflage
-
-Lex. 8°. XVI, 519 S. 1910. Geheftet ℳ 9.--, in Leinwand geb. ℳ 10.20,
-in Halbfranz geb. ℳ 11.--.
-
-=Kluges Wörterbuch= ist im Jahre 1883 erstmals erschienen; es hat
-also im Jahre 1908 sein 25jähriges Jubiläum feiern können. Der Erfolg
-der bis jetzt erschienenen sieben Auflagen und die Anerkennung,
-welche dem Buche zu Teil geworden, haben gezeigt, wie richtig der
-Gedanke war, die Ergebnisse des anziehendsten und wertvollsten Teiles
-der wissenschaftlichen Wortforschung, den über die Entstehung und
-Geschichte der einzelnen Wörter unseres Sprachschatzes, in knapper
-lexikalischer Darstellung zusammenzufassen.
-
-Der Verfasser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Form und Bedeutung
-jedes Wortes bis zu seiner Quelle zu verfolgen, die Beziehungen
-zu den klassischen Sprachen in gleichem Maße betonend wie das
-Verwandtschaftsverhältnis zu den übrigen germanischen und den
-romanischen Sprachen; auch die entfernteren orientalischen,
-sowie die keltischen und die slavischen Sprachen sind in allen
-Fällen herangezogen, wo die Forschung eine sichere Verwandtschaft
-festzustellen vermag.
-
-Die vorliegende neue Auflage, die auf jeder Seite Besserungen und
-Zusätze aufweist, hält an dem früheren Programm des Werkes fest,
-strebt aber wiederum nach einer Vertiefung und Erweiterung der
-wortgeschichtlichen Probleme und ist auch diesmal bemüht, den
-neuesten Fortschritten der etymologischen Wortforschung gebührende
-Rechnung zu tragen. Am besten aber veranschaulichen einige Zahlen die
-Vervollständigung des Werkes seit seinem ersten Erscheinen: die Zahl
-der Stichworte hat sich von der ersten zur siebenten Auflage vermehrt
-im Buchstaben A: von 130 auf 346 (6. Aufl. 280); B: von 378 auf 608 (6.
-Aufl. 520); D: von 137 auf 238 (6. Aufl. 200); E: von 100 auf 202 (6.
-Aufl. 160); F: von 236 auf 454 (6. Aufl. 329). Diese Vermehrung ist in
-gleicher Weise auch bei den übrigen Buchstaben angestrebt worden.
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-
-Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.
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-
-Wörterbuch-Bibliothek.
-
- =Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.= Von +Friedrich
- Kluge+, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Siebente
- verbesserte und vermehrte Auflage. Lex. 8°. XVI, 519 S. 1910. Geh. ℳ
- 9.--, in Leinw. geb. ℳ 10.20, in Halbfranz geb. ℳ 11.--
-
- =Deutsches Fremdwörterbuch.= Von +Hans Schulz+, Privatdozent an
- der Universität Freiburg i. Br. 1.-4. Lieferung: A-Kampagne.
- Subskriptionspreis für die Lieferung ℳ 1.50. Das Werk wird etwa 10
- Lieferungen von je 5 Bogen Lex. 8°. umfassen.
-
- =Wörterbuch der deutschen Kaufmannssprache.= ~Auf geschichtlichen
- Grundlagen. Mit einer systematischen Einleitung. Von _Alfred
- Schirmer_. Lex. 8°. LI, 218 S. 1911.~
-
- Geh. ℳ 6.50, geb. ℳ 7.50
-
- =Die deutsche Druckersprache.= Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. XV,
- 128 S. 1900. Geh. ℳ 2.50, geb. ℳ 3.50
-
- =Schlagwörterbuch.= Von +Otto Ladendorf+. 8°. XXIV, 365 S. 1906. Geh.
- ℳ 6.--, in Leinwand geb. ℳ 7.--
-
- =Pennälersprache.= Entwicklung, Wortschatz und Wörterbuch. Von
- +Rudolf Eilenberger+. 8°. VIII, 68 S. 1910. Geh. ℳ 1.80, in Leinwand
- geb. ℳ 2.30
-
- =Schelten-Wörterbuch.= Die Berufs-, besonders Handwerkerschelten und
- Verwandtes. Von ~Dr.~ +Heinrich Klenz+. 8°. VIII, 159 S. 1910. Geh. ℳ
- 4.--, geb. ℳ 5.--
-
- =Rotwelsch.= +Quellen und Wortschatz der Gaunersprache+ und der
- verwandten Geheimsprachen. Von +Friedrich Kluge+. I. Rotwelsches
- Quellenbuch. Gr. 8°. XVI, 495 S. 1901. ℳ 14.--
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-
-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
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-
-Allgemeine
-
-Bücherkunde
-
-zur neueren deutschen Literaturgeschichte
-
-Von
-
-Robert F. Arnold
-
-a. o. Univ.-Prof., Kustos der k. k. Hofbibliothek in Wien.
-
-8°. XIX, 354 S. 1910.
-
-Geheftet ℳ 8.--, in Leinwand geb. ℳ 9.--.
-
-„~Dieses Werk gehört zu den Büchern, die wirklich einmal eine
-vorhandene Lücke ausfüllen und den Bestand unserer Hilfsmittel um
-ein höchst nützliches Glied erweitern. Aus der Praxis erwachsen, ist
-es auch in besonderem Sinne praktisch gestaltet worden, zumal der
-Verfasser reiche bibliothekarische Erfahrung mit literarhistorischer
-Kritik aufs glücklichste vereinigte ... Alles in allem erscheint der
-Inhalt des Buches so wohlerwogen und so gewissenhaft überprüft, ist
-die Anordnung und der Druck so klar und übersichtlich, daß es den
-zu stellenden Anforderungen aufs beste entspricht ... Und wenn der
-Verfasser die mühevolle Arbeit mit einem Seufzer der Erleichterung
-beschließt, so mag in das Bewußtsein trösten, durch sein schönes Buch
-den Nachstrebenden wie den Fachgenossen einen guten Dienst geleistet zu
-haben.~“
-
- _Dr. Otto Ladendorf in Zeitschr. f. d. dt. Unterricht, 24. Jahrg.,
- Heft 11._
-
-„~Für das Gebiet der deutschen Literatur, den bevorzugten Tummelplatz
-unserer Bibliophilen, liefert der bekannte, als Bibliograph der neueren
-Theatergeschichte bewährte Wiener Literaturhistoriker und Bibliothekar
-Arnold eine überaus nützliche Einführung, indem er streng gegliedert
-die gesamte eingeschlagene Literatur vorführt. Das System ist praktisch
-und zumal durch das ausführliche Register auch für Laien leicht
-benutzbar. Für jedes Gebiet wird eine Art historischer Entwicklung
-an der Hand der älteren Bücher und Zeitschriften gegeben; knappe,
-sichere Urteile, Anweisungen für den Gebrauch von Sammelwerken und
-Nachschlagebüchern gewähren namentlich dem Anfänger die nützlichste
-Unterstützung~ ...“
-
- _Prof. Dr. G. Witkowski in der Zeitschr. f. Bücherfreunde,
- Januar-Heft 1911._
-
-
-
-
-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
-
-
-Die Renaissance
-
-Historische Szenen
-
-vom
-
-Grafen Gobineau
-
-Deutsch von Ludwig Schemann
-
-Ausgabe letzter Hand mit den aus der Handschrift erstmalig übertragenen
-
-Originaleinleitungen Gobineaus.
-
-8°. LXXXV, 387 S. 1912.
-
-Preis: Geheftet ℳ 4.--, geb. in Leinwand ℳ 5.--, in Ganzlederband ℳ
-6.--.
-
-~Der Wert und die Bedeutung der neuen Auflage wird besonders
-dadurch erhöht, daß in ihr =zum ersten Male= und =allein in ihr
-die Einleitungen, die Gobineau selbst zur Renaissance= geschrieben
-hat, veröffentlicht werden. „Diese Einleitungen, deren Charakter
-und Bedeutung auf den ersten Blick erhellt, bringen einerseits
-eine Art =Vorgeschichte der Renaissance=, eine knappe, lichtvolle
-kulturgeschichtliche Übersicht über das Mittelalter, als die
-eigentliche Grundlage und Voraussetzung jener großen Zeit; anderseits
-aber Einzelcharakteristiken von Personen und Ereignissen, welche
-die des Hauptwerkes zum Teil zusammenfassen, zum Teil ergänzen
-und durch neue Züge bereichern; endlich noch einzelne besondere
-geschichtsphilosophische Ausblicke und Erörterungen. =Das Ganze bildet
-eine schwungvolle Parallele=, die der Kulturhistoriker dem Dichter
-geliefert hat.“~
-
-
-
-
-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
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-
-_DAS GESAMTE GEBIET DER NATURWISSENSCHAFTEN IN ZEHN BÄNDCHEN._
-
-Chemie -- Physik -- Astronomie -- Physikalische Geographie -- Geologie
--- Tierkunde -- Botanik -- Mineralogie -- Physiologie -- Allgemeine
-Einführung in die Naturwissenschaften
-
-~vereinigt die bekannte von bedeutenden Gelehrten verfaßte
-Sammlung~
-
-Naturwissenschaftliche Elementarbücher.
-
-~Ihren durchschlagenden Erfolg haben die Bändchen dieser Serie dem
-Umstand zu danken, daß hier zum erstenmal die Wissenschaft durch ihre
-allerersten Vertreter dem Elementar-Unterricht direkt dienstbar gemacht
-ist; sie wollen „die Schuljugend zur Beobachtung, zum Nachdenken über
-die alltäglichen Erscheinungen der Außenwelt anleiten und sie so mit
-der Natur, in der wir wurzeln, vertraut machen. Nie zuvor sind unserer
-Schule so gediegene Hilfsmittel dargeboten worden, in denen unter
-der einfachsten und verständlichsten, zugleich das Gemüt erfreuenden
-Einkleidung die Resultate der Wissenschaften durchblicken“. -- Die
-schöne klare Sprache machen die Bändchen auch in hervorragendem Maße
-zum Selbststudium und ersten Einführung gut geeignet.~
-
-~+Gute Ausstattung+ (klarer Druck, weißes starkes Papier). --
-+Zahlreiche gute Abbildungen.+~ --
-
- ~Preis pro Bändchen~: ~in Schulband~ ℳ --.80,
- ~in gediegenem Leinenband~ ℳ 1.--.
- _Die ganze Serie zusammen_: _in Schulband_ ℳ 8.--,
- _gebunden in Leinen in elegantem Karton_ ℳ 10.--.
-
-
-
-
-~Verlag von KARL J. TRÜBNER in Straßburg.~
-
-
-~Kurzes Lehrbuch der~
-
-~Physikalischen Geographie~
-
-~von~
-
-~A. Geikie~
-
-~Professor an der Universität Edinburg.~
-
-~Autorisierte Deutsche Ausgabe~
-
-~von~
-
-~Prof. Dr. Bruno Weigand.~
-
-~Mit einer Einführung von Prof. Dr. Erich von Drygalski.~
-
-~Zweite verbesserte und vermehrte Auflage.~
-
-~Mit 77 Holzschnitten, 5 Vollbildern und 13 Karten.~
-
-~8°. X, 386 S. 1908.~
-
-~Geheftet ℳ 4.50, in Leinwand gebunden ℳ 5.20.~
-
-~+Inhalt+: 1. Die Erde als Planet. -- 2. Die Luft. -- 3. Das
-Meer. -- 4. Das Festland. -- 5. Das Leben.~
-
-„... ~Wer die kleine „physikalische Geographie“ und „Geologie“
-Geikies kennt, die als Nr. 4 und 5 der „Naturwissenschaftlichen
-Elementarbücher“ (im selben Verlage) erschienen sind, der wird mit
-großer Spannung an Geikies Lehrbuch herantreten. Und diese wächst mit
-der Lektüre jeder Seite. Denn es spricht ein Meister und ein Künstler
-der Sprache zu uns. Da ist alles knapp, einfach, klar und präzise
-ausgedrückt ...~“
-
- _Blätter für die Fortbildung des Lehrers und der Lehrerin 1908,
- Heft 23._
-
-„... ~In seiner Klarheit, Allseitigkeit, strengen Begründung und
-doch leichten Faßlichkeit ist das Buch dem Lehrer das beste Werk zum
-Selbststudium, dem Unterricht ein treffliches Hilfsmittel und der
-reifen Jugend eine anregende Lektüre.~“
-
- _Bayerische Lehrerzeitung 1908, Heft 41._
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie
-das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.
-
-[2] Einige Wörter, wie +Auge+, +Bett+ u. a., werden in der Einzahl
-stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte
-Deklination zusammen.
-
-[3] Mit Ausnahme von +Friede+ und +Gedanke+, die im Mittelhochdeutschen
-(~vride~, ~gedanc~) zur starken Deklination gehörten.
-
-[4] Auch der Nominativ +Felsen+ neben +Fels+ ist auf diese Weise
-entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an,
-daher ist gegen die Dativ- und Akkusativform +Fels+ (+Vom Fels+ zum
-Meer) nichts einzuwenden.
-
-[5] Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte,
-richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie bei
-+Braten+, +Hopfen+, +Kuchen+, +Rücken+, +Schinken+ u. a., die im
-Mittelhochdeutschen noch ~brate~, ~hopfe~ usw. hießen.
-
-[6] Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine
-Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsens +rauscht+ und
-dem Imperfektum +rauscht’+ (Das Wasser +rauscht’+, das Wasser schwoll),
-oder zwischen der Einzahl +Berg+ und der Mehrzahl +Berg’+ (über +Berg’+
-und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei
-gutem Vorlesen sogar -- hören!
-
-[7] Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination
-der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloß
-+Schwarz+ und +Schütz+ wurden dekliniert +Schwarzens+, +Schwarzen+,
-+Schützens+, +Schützen+, weshalb man aus den ~casus obliqui~ nie
-entnehmen kann, ob sich der Mann +Schwarz+ oder +Schwarze+ nannte;
-auch von +Christ+, +Weck+, +Frank+, +Fritsch+ bildete man +Christens+,
-+Christen+, +Weckens+, +Wecken+, +Frankens+, +Franken+, +Fritschens+,
-+Fritschen+ (Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in
-antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung der
-~Monogrammatum~“ meist unter dem falschen Namen +Christen+, Wecks
-Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen Namen +Wecken+
-aufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich: +von Christen+, +von
-Wecken+. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie der +Mencke+, aus der
-Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihre ~casus obliqui~ so irre
-geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß;
-deutsch schrieben sie sich +Mencke+, aber latinisiert ~Menckenius~.
-Aber auch bei solchen Genitiven auf +ens+ richtet der Apostroph oft
-Unheil an. An +Stieglitzens+ Hof am Markt in Leipzig steht über dem
-Eingang in goldner Schrift: +Stieglitzen’s+ Hof -- als ob der Erbauer
-+Stieglitzen+ geheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem
-der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: Hans
-+Sachsen’s+ Dichtungen!
-
-[8] Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf
-der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man
-nicht +Heinrichs 8.+, +Ludwigs XIV.+? Auch in andern Fällen werden
-die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht
-das +12. Armeekorps+, warum immer das +XII. Armeekorps+? Fast alle
-unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie
-schreiben: im +XVIII. Jahrhundert+. Eigentlich sollte man im Druck
-überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B.
-statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht
-drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich
-auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren
-verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.
-
-[9] Daher schreibt man auch auf Büchertiteln: +Von Pfarrer+ Hansjakob,
-+von Prof.+ A. Schneider (statt +von dem+ Professor), wo bloß der Titel
-gemeint ist.
-
-[10] Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich
-den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das Wort +Herr+ zu
-setzen: der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Erste(!) Staatsanwalt+,
-der +Herr Bürgermeister+, der +Herr Stadtverordnete+, der +Herr
-Vorsitzende+, der +Herr Direktor+, der +Herr Lehrer+ (die +Herren
-Lehrer+ sind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen),
-der +Herr Königliche Oberförster+, der +Herr Organist+, der +Herr
-Hilfsgeistliche+, sogar der +Herr Aufseher+, der +Herr Expedient+,
-die +Herren Beamten+ usw. Wenn das +Herr+ durchaus zur Erhöhung der
-Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen:
-der +Abgeordnete Herr Götz+, der +Organist Herr Schneider+, der
-+Hilfsgeistliche Herr Richter+ usw. Fühlt man denn aber nicht, daß +der
-Reichskanzler+, +der Bürgermeister+ und +der Direktor+ viel vornehmere
-Leute sind als der +Herr Reichskanzler+, der +Herr Bürgermeister+
-und der +Herr Direktor+? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der
-Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten
-Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten
-Kandidaten als +Herren+ aufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind
-wohl die +Herren Mitglieder+. Wie heißt denn davon die Einzahl? +der+
-Herr Mitglied? oder +das+ Herr Mitglied?
-
-[11] Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet:
-das Haus, das +Peter von Dubins+ (Peters von Düben) oder das +Nickel
-von Pirnes+ (Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den
-Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.
-
-[12] In München und in Wien +fahrt+ man in +Wägen+! Die +Nägel+, die
-+Gärten+ u. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im
-sechzehnten Jahrhundert noch hieß: +die Nagel+, +die Garten+.
-
-[13] Ausgenommen sind nur +Mutter+ und +Tochter+, die zur starken,
-und +Bauer+, +Vetter+ und +Gevatter, die zur gemischten Deklination
-gehören. In der Sprache der Technik aber, wo +Mutter+ mehrfach im
-übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich die +Muttern+
-(die +Schraubenmuttern+).
-
-[14] Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig
-geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute: +die Bret+, +die
-Fach+, nicht +die Bretter+, +die Fächer+.
-
-[15] Als die +Schlösser+ aufkamen, müssen Menschen von feinerem
-Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde,
-wenn jemand von +Rössern+ reden wollte.
-
-[16] Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne
-nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß
-die Hüte drin nicht gedrückt werden.
-
-[17] Auch bei +Lohn+ sind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich:
-aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack.
-Dienstmädchen verlangen +hohes Lohn+, Gesellen +höheres Macherlohn+
-oder +Arbeitslohn+; aber jede gute Tat hat +ihren+ schönsten +Lohn+ in
-sich selbst.
-
-[18] Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das
-Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß
-nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig
-ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt
-(+das Bruder+, +das Offizier+, +das Kutscher+), sondern auch der
-ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an
-die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und
-Ladenmädchen: +das Firma+, +das Fasson+, +das Etikett+, +das Offert+,
-+das Makulatur+! Das neueste ist +das Meter+, das die Handlungsdiener
-und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe
-plötzlich als Neutrum behandeln!
-
-[19] Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen
-eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle
-zurückgehen.
-
-[20] Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet:
-+zwei Mandeln+ Eier, +drei Ellen+ Band, +sechs Flaschen+ Wein, +zehn
-Klaftern+ Holz, +vier Wochen+ alt.
-
-[21] Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten
-Druck sagt: +Sechs Blatt+ sind stockfleckig, so ist das natürlich
-falsch.
-
-[22] Genau genommen wird freilich auch nicht +vereiteln+, +verändern+
-gesprochen, sondern +vereitln, verändrn+, l und r werden gleichsam
-vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Aussprache +eln+, +ern+,
-nicht +len+, +ren+. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme auf
-+en+ hierher, wie +rechen+, +zeichen+, +orden+, +offen+, +eben+,
-+eigen+, +regen+ (vgl. +Rechenschaft+, +Eigentum+, +Offenbarung+).
-Die Infinitive können da natürlich nur +rechnen+, +ordnen+, +eignen+
-lauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemein
-+zeichnet+, +zeichnete+, +öffnete+, +gerechnet+, +geordnet+, +geeignet+
-schreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch
-überall schöner: +zeichent+, +gerechent+, +geordent+, +geeigent+.
-Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt
--- er mag sich nur richtig beobachten --: +es regent+, es +regente+,
-es hat +geregent+ (genau genommen freilich auch hier wieder +regnt+,
-+geregnt+, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie
-gedruckt“ redet, sagt: +ausgezeichnet+! +Net+, womöglich +nett+! Man
-muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um das +net+
-herauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften
-brauchten nur einmal die vernünftigen Formen +zeichent+, +öffent+,
-+zeichente+, +öffente+, +gezeichent+, +geöffent+ eine Reihe von Jahren
-beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. In
-+atmen+ (Stamm +atem+) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden
-müssen, weil +atemn+ niemand sprechen kann; für +atmet+ hört man aber
-im Volksmunde auch oft genug +atent+, wie denn auch schon in der ältern
-Sprache +Aten+ neben +Atem+ erscheint, (und wie auch ~bodem~, ~gadem~,
-~besem~, ~busem~ zu +Boden+, +Gaden+, +Besen+, +Busen+ geworden sind).
-
-[23] Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden
-Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die
-garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus
-gemacht, die gar niemand spricht (+anderen+, +unseren+). Die
-Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem
-Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes
-Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm
-das selbstverständliche.
-
-[24] Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten
-Jahrhundert: nach +gepflogner reifen+ Beratschlagung; Lessing: aus
-+eigner sorgfältigen+ Lesung.
-
-[25] Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und
-sagte: +Verein der Berliner Künstler+. Es brauchten doch deshalb nicht
-alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.
-
-[26] Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute
-in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wird
-~on board~ mit dem Akkusativ verbunden (~to go on board a ship~ -- ~on
-board Her Majesty’s ship Albert~). Aber was geht das uns an?
-
-[27] Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai
-gefällt, und freue sich der schönen Welt und +Gottes Vatergüte+ (statt
-+der Vatergüte Gottes+).
-
-[28] Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt kein +leicht
-verdaulicheres+ Mehl als Rademanns Kindermehl.
-
-[29] Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative
-auffaßte (+mein+ wie +klein+) und nun aufs neue deklinierte, die
-besitzanzeigenden Eigenschaftswörter +mein+, +dein+, +sein+, +unser+,
-+euer+, +ihr+ entstanden. Früher nahm man an, daß auch in den
-Anfangsworten des +Vaterunsers+ das +unser+ der nachgestellte Genitiv
-von +wir+ sei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher
-ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach
-dem lateinischen ~Pater noster~), das in der ältern Sprache auch
-nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung: ~atta
-unsar~).
-
-[30] Genitiv und Dativ von +Eure Majestät+, +Eure Exzellenz+ heißen
-natürlich +Eurer Majestät+, +Eurer Exzellenz+. Völliger Unsinn aber
-ist, was man darnach gebildet hat: +Eurer Hochwohlgeboren+!
-
-[31] Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt.
-Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in
-Leipzig: der Gasthof +zum drei Schwanen+, der Riß +zum Schlachthöfen+.
-Man meinte natürlich +zun+ d. i. +zu den+, getraute sich das aber nicht
-zu schreiben.
-
-[32] Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser
-historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zu +zween+ und
-+zwo+, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der
-Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt:
-+zween+ war männlich, +zwo+ weiblich, +zwei+ sächlich.
-
-[33] Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.
-
-[34] Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers,
-zurückführen.
-
-[35] Das Niederdeutsche hat auch +jug+ gebildet von +jagen+. Doch wird
-ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchte +jagte+ von der Jagd,
-+jug+ von schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt
-der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte, +jug+ der
-Bengel um die Ecke.
-
-[36] Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag
-beigetragen, die sie beide sehr lieben.
-
-[37] Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus
-Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig
-machte. Es begann mit der Strophe:
-
- Ich +frug+ mich manchmal in den letzten Tagen:
- Woher stammt wohl die edle Form: er +frug+?
- Wer war der Kühne, der zuerst sie +wug+?
- So +frug+ ich mich, so hab ich mich +gefragen+.
-
-Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen
-nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den
-Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die
-falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß
-sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.
-
-[38] Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtig +fragt+ und
-fragte gelernt haben, in der Schule das dumme +frug+ in die Arbeiten
-hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.
-
-[39] Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger
-Buchbinder sagen: das Buch wird bloß +geheftet+, dagegen die Leipziger
-Schneider: der Ärmel ist erst +gehoften+.
-
-[40] Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir
-sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl
-gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ich +hab
-gehuppt+.
-
-[41] Bei +brauchen+ darf natürlich +zu+ beim Infinitiv nicht fehlen.
-Das hättest du ja nicht +sagen brauchen+ -- ist Gassendeutsch.
-
-[42] Ebenso bei +bleiben+ und +haben+: er ist +sitzen geblieben+
-(eigentlich: +sitzend+) -- ich +habe+ tausend Mark auf dem Hause
-+stehen+ (eigentlich: +stehend+) -- hat keiner einen Bleistift
-+einstecken+? (eigentlich: +einsteckend+). In der ältern Zeit schrieb
-man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchen +gebrauchen ist+ (statt
-+gebrauchend+) -- wir +sind+ euch dafür +danken+ (statt +dankend+).
-
-[43] +Apotheker+ und, was man im Volke auch hören kann, +Bibliotheker+
-ist anders entstanden, es ist verstümmelt aus ~apothecarius~ und
-~biliothecarius~. +Attentäter+ wurde anfangs nur als schlechter Witz
-gebildet (es hätte auch +Täter+ genügt); aber törichte Zeitungschreiber
-haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.
-
-[44] +Kreidezeichnung+, +Höhepunkt+ und +Blütezeit+ haben wir ja
-schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet:
-+Kreidenstrich+, +Höhenpunkt+, +Blütenzeit+.
-
-[45] Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetzt
-+Liebfraumilch+ lesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür
-schmuggelt man dann das +en+ in den +Niersteiner+ ein und nennt ihn --
-höchst verdächtig! -- +Nierensteiner+ (Nierstein ist nach dem Kaiser
-Nero genannt). +Visitekarte+, +Manschetteknopf+, +Toiletteseife+ soll
-vielleicht +Visittkarte+, +Manschettknopf+, +Toilettseife+ gesprochen
-werden -- gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur
-gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?
-
-[46] Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh.
-Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden die
-+Parthenmühle+ als ~Pardemöl~ vor. Im Harz spricht man allgemein und
-wohl schon lange vom +Bodetal+ und vom +Ilsetal+.
-
-[47] Ähnlich verhält sichs mit dem neuen Modewort +Anhaltspunkt+.
-Früher sagte man: ich finde keinen +Anhaltepunkt+, d. h. keinen Punkt,
-wo ich mich anhalten könnte (vgl. +Siedepunkt+, +Gefrierpunkt+).
-Daneben hatte man in demselben Sinne das Substantiv +Anhalt+; man
-sagte: dafür fehlt es mir an jedem +Anhalt+. Aus beiden aber nun einen
-+Anhaltspunkt+ zu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich
-hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu den
-+Anhaltepunkten+ auf den Eisenbahnen. Als ob +Anhaltepunkt+ nicht
-ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo man +sich anhält+, wie die, wo
-man +anhält+!
-
-[48] In Leipzig hält man sich ein +Kindermädchen+, auch wenn man nur
-ein Kind hat, in Wien eine +Kinds+magd, auch wenn man +sechs+ Kinder
-hat.
-
-[49] Wofür man in Süddeutschland auch +Wartsaal+, +Singstunde+ sagt,
-wie neben +Bindemittel+ auch +Bindfaden+ steht. +Schreibpapier+ und
-+Schreibpult+ spricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen;
-man hört immer nur: +Schreipapier+. Darum ist wohl +Schreibepapier+
-vorzuziehen.
-
-[50] Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese
-s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer
-neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber
-vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt
-der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft
-wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.
-
-[51] Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen
-nicht.
-
-[52] Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben
-nur wenige das s nicht: +liebreich+, +liebevoll+, +liebeglühend+,
-+liebetrunken+, +liebedienerisch+, +Liebedienerei+, einige wohl
-deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.
-
-[53] Wie man auch das Haus eines Mannes, der +Plank+ hieß, das
-+Plänkische Haus+ nannte, die Mühle in dem Dorfe +Wahren+ die
-+Währische Mühle+.
-
-[54] Daneben freilich auch schon vom +Manesse-Kodex+! Es wird immer
-besser. Vielleicht wird nächstens auch noch der +Farnesische Herkules+
-in einen +Farnese’schen+ verwandelt, und der +Borghesische+ Fechter in
-einen +Borghese’schen+.
-
-[55] Auch die guten Pfefferkuchen, die +Aachner Printen+, sollen
-früher in Aachen selbst +Aacher Printen+ geheißen haben. In vielen
-ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört
-das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner,
-Meißner, Posner usw. Aber die guten +Gießer+ hätten sich keine
-+Gießener Neuesten Nachrichten+ aufnötigen zu lassen brauchen.
-
-[56] Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht
-haben.
-
-[57] Freilich sind Formen wie +Jenaer+ und +Geraer+ auch nicht
-besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache
-beliebten Adjektivbildungen auf +aisch+: +Grimmaisch+, +Tauchaisch+,
-+Bornaisch+, +Pirnaisch+. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung
-an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung
-gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die Städte +Grimme+,
-+Tauche+, +Borne+, +Pirne+ und so auch nur die Adjektivbildungen
-+Grimmisch+, +Tauchisch+, +Bornisch+, +Pirnisch+, und es wäre zu
-wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So
-gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen
-lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen.
-Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste
-volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten.
-Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?
-
-[58] Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte
-Verbindungen, wie: eine +offne Frage+, ein +zweifelhaftes Lob+, ein
-+frommer Wunsch+, +blinder Lärm+, auseinanderreißt, das Prädikat zum
-Subjekt macht und schreibt: +die Frage+, ob das Werk fortgesetzt werden
-sollte, war lange Zeit +eine offne+ -- +dieses Lob+ ist doch +ein sehr
-zweifelhaftes+ -- +dieser Wunsch+ wird wohl ewig +ein frommer+ (!)
-bleiben -- +der Lärm+ war zum Glück nur +ein blinder+ (!).
-
-[59] Vgl. ein +Schock frische+ Eier -- ein +Dutzend neue+ Hemden --
-eine +Flasche guter+ Wein -- mit +ein paar guten+ Freunden -- mit ein
-+bißchen fremdländischem+ Sprachflitter.
-
-[60] Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten
-Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist
-auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie
-viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn
-er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen
-gründlich erörterte!
-
-[61] Nur in Süddeutschland und Österreich wird +welcher+ auch
-gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken
-möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch -- da grassiert
-es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren
-in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie
-zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“.
-Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen
-worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“ +welcher+. In Mittel- und
-Norddeutschland aber spricht es niemand.
-
-[62] Um +welcher+ zu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie
-oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden,
-daß sie es -- sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch
-weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von
-Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht
-aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.
-
-[63] Wenn man nicht +der der+ oder +die die+ schreiben dürfte, dann
-dürfte man auch nicht schreiben: +an an+drer Stelle, +ein ein+zigesmal,
-+bei bei+den Gelegenheiten, +mit mit+leidiger Miene. Sehr oft entsteht
-übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung:
-ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beiden +der+
-oder +die+ oder +das+ gehört, wird verschoben und erst beim Verbum
-nachgebracht: +alle+ Änderungen, +die die+ Schule +sich+ hat gefallen
-lassen -- die Grundsätze, an +die die+ Revision +sich+ gebunden hat --
-die Aufgaben, +die die+ wirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeit +uns+
-stellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und
-das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen, +die sich die+ Schule
-hat gefallen lassen.
-
-[64] Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen
-müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist
-ganz dem Lateinischen nachgeahmt.
-
-[65] Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender:
-+eine+ der größten +Schwierigkeiten+ für das Verständnis unsrer
-Vorzeit, +die+ meist gar nicht gewürdigt +wird+. Hier muß es +wird+
-heißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich auf +eine+; der
-Sinn ist: und zwar +eine+, +die+ meist gar nicht gewürdigt wird.
-
-[66] +Habe+ wäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt
-sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen
-Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den
-dialektischen Konjunktiv des Präsens haben: +ich häbe+, +wir häben+,
-+sie häben+ und daher den Konjunktiv +ich habe+, +wir haben+, +sie
-haben+, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich als +häbe+ verstehen
-und vielleicht auch so -- aussprechen. Die mögen dann nichts davon
-wissen, +habe+ durch +hätte+ zu ersetzen, und behaupten, sie könnten
-+hätte+ nur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und
-Norddeutschland fühlen eben anders.
-
-[67] Im Konjunktiv Futuri von +werden+ zu +würden+ auszuweichen ist
-freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dann
-+würden+ als Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes
-Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in
-der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit
-von Abgeordneten entsenden +werden+. In solchen Fällen kann man sich
-aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die
-Wählerschaft entsenden +werde+.
-
-[68] Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der
-Vergangenheit durch den -- Indikativ des Imperfekts auszudrücken:
-wenn ich Geld +hatte+, +kam+ ich. Das klingt aber der Angabe einer
-wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (+jedesmal+, +wenn+ ich Geld
-+hatte+, +kam+ ich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache
-besser vermeidet.
-
-[69] Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ich +nicht wüßte+ --
-+nicht+ daß es dem Vater an trefflichen Eigenschaften +gefehlt hätte+.
-
-[70] In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das
-H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn
-dahin -- durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; -- mir ist,
-+als ob+ ich längst gestorben +bin+ (!) -- und +ziehe+ (!) selig
-mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die
-Lippen. -- Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt
-werden, z. B. hörten wir ein Geräusch, +wie wenn+ in regelmäßigen
-Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brett +fällt+, d. h.
-wie man es hört, +wenn+ ein Wassertropfen +fällt+ (Schiller im Taucher:
-+wie wenn+ Wasser mit Feuer +sich mengt+). Hier ist selbstverständlich
-der Indikativ am Platze.
-
-[71] In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das
-bloße +zu+ ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit +um zu+ ist die
-jüngere.
-
-[72] An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mit +um zu+ niemals
-angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv.
-Wenn auf Konzertprogrammen steht: +Das Belegen+ der Plätze, +um+ solche
-Späterkommenden +zu sichern+, ist streng untersagt -- so ist das ein
-Schnitzer.
-
-[73] Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen: +zu hoffend+, +zu
-fürchtend+, +anzuerkennend+, die durch Anhängen eines unorganischen d
-aus dem Infinitiv mit +zu+ entstanden sind.
-
-[74] Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart
-bedeuten, z. B. das von mir +bewohnte+ Haus (d. i. das Haus, das von
-mir +bewohnt wird+). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem
-verstorbenen Rentier Sch. +bewohnte+ Wohnung ist zu Ostern anderweit zu
-vermieten -- kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen:
-die +bewohnt gewesene+.
-
-[75] Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang
-mit Vorliebe der Spruch gestickt:
-
- +Geblüht+ im Sommerwinde,
- +Gebleicht+ auf grüner Au,
- Ruht still es nun im Spinde
- Zum Stolz der deutschen Frau.
-
-+Gebleicht+ ist richtig; aber daß das +geblüht+ den Stolz der deutschen
-Frau nicht verletzte, war zu verwundern.
-
-[76] In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich
-sogar von demnächst +stattzufindenden+ Revisionen, und in
-Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedern +zu
-bestehenden+ Jury!
-
-[77] Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man von
-+gestandnem Wasser+ (im Gegensatz zu frischem).
-
-[78] Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine
-Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende,
-teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber
-mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er
-fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand:
-+abgelehnte Schreiben+, auf der andern: +angenommene Schreiben+. Ich
-fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die
-Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.
-
-[79] Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her von
-~particeps~, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich
-am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist.
-Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort
-übersetzt.
-
-[80] +In Ermanglung+ ist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer
-als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um
-zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.
-
-[81] Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das
-Hauptwort auf +ung+ von einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ
-regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen
-kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetzt +in Entsprechung+ eines
-Gesuchs (vgl. S. 243). Eine Behörde schreibt: +In Begegnung von+
-(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird
-hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen: +um+ Vorgängen +zu begegnen+
-(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.
-
-[82] In Leipzig empfiehlt man freilich auch +echt Madeirahandarbeiten+,
-+echt Gose+ und +echt Bütten+ (nämlich +-papier+)!
-
-[83] Manche Leute sind in diese Formen auf +er+ so vernarrt, daß sie
-sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen
-sind. So redeten die Leipziger Förster früher vom +Rosentäler+, vom
-+Kuhturmer+ und vom +Burgauer+ Revier, statt vom +Rosentalrevier+,
-+Kuhturmrevier+, +Burgauenrevier+. Ob sies auch heute noch tun, weiß
-ich nicht.
-
-[84] Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht
-ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie
-nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter
-den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt
-sind, ist auch eine +Lützowstraße+, eine +Schenkendorfstraße+, eine
-+Gneisenaustraße+. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die
-großen Kinder? Eine +Lützower Straße+, eine +Schenkendorfer Straße+,
-eine +Gneisenauer Straße+! Wir haben ferner eine +Senefelderstraße+.
-Auch die wird im Volksmunde als +Senefelder Straße+ verstanden.
-Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein
-Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und
-abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs
-ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen
-Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch die +Fichtestraße+,
-als sie neu war, sofort als +Fichtenstraße+ verstanden, und ein
-unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant
-zur Fichte“!
-
-[85] Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des
-Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle
-Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle
-als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen: +Dresdnerstraße+,
-+Grimmaischestraße+, +Hohestraße+ usw., obwohl in allen amtlichen
-Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten
-und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das
-frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff
-sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an
-die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse
-Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten
-Zeitung befindet sich noch heute auf +der Reudnitzerstraße+!
-
-[86] Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des
-fünfzehnten Jahrhunderts: ~uf der nuwestrasse~ (auf der +Neuen Straße+).
-
-[87] Auf der einen Seite schreiben sie: +Kaiser Park+, +Hôtel Eingang+,
-hier werden +Kinder+ und +Damenschuhe+ gemacht, auf der andern Seite:
-+Grüne-Waren+, +Täglich-frei-Konzert+ u. ähnl.
-
-[88] Nachdem die +Sprachdummheiten+ erschienen waren, redeten auch
-andre von +Sprachsünden+, +Sprachleben+, +Sprachgefühl+ usw. Wären
-die +Sprachdummheiten+ nicht vorangegangen, so kann man sicher sein,
-daß die andern von sprach+lichen+ Sünden, sprach+lichem+ Leben,
-sprach+lichem+ Gefühl geredet hätten.
-
-[89] Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!
-
-[90] Fühlt man denn gar nicht, daß bei der +silbernen+ und der +goldnen
-Hochzeit+ das +silbern+ und +golden+ nur ein schönes Gleichnis ist,
-wie beim +silbernen+ und +goldnen Zeitalter+? und daß dieses Gleichnis
-durch +Silber+hochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper
-Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von
-Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft
-auch von der +Goldhochzeit+ und vom +Goldzeitalter+ reden? Wir reden
-von einem +Bronzezeitalter+, aber in wie anderm Sinne! Daß schon
-Goethe einmal das Wort +Silberhochzeit+ gebraucht -- in einem Brief
-an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters,
-Produkte einer Silberhochzeit“ --, auch Rückert einmal (in trochäischen
-Versen, wo +silberne Hochzeit+ gar nicht unterzubringen gewesen wäre),
-will gar nichts sagen.
-
-[91] Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche
-wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in
-die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva --
-gebildet sind sie ja richtig --, sondern in ihrer falschen Anwendung.
-
-[92] Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor
-lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein
-Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber
-das Wort +Damen+ wollte er als Fremdwort nicht gebrauchen, +Frauen+
-auch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die
-ers besonders abgesehen hatte, +Frauen und Mädchen+ aber auch nicht,
-denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben
-wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht für +erwachsene
-Personen weiblichen Geschlechts+!
-
-[93] Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten
-Jahrhundert erteilte, wer mit seinem +halben Bruder+ im Streite lag,
-einem Anwalt +volle Macht+, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf
-der Leipziger Messe von +kurzen Waren+ gesprochen.
-
-[94] Neuerdings hat man es durch +Uraufführung+ ersetzt, kein
-glücklicher Ersatz.
-
-[95] Daher Ortsnamen wie +Karlsruhe+, +Ludwigsburg+, +Wilhelmshaven+,
-die ja nichts andres sind als +Karls Ruhe+ usw.
-
-[96] Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden
-ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen
-entgegenschreien: +Henckell Trocken+, +Kupferberg Gold+ u. ähnl. Als
-vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken
-und fragt: Was sind denn das für Waren: +Trocken+ und +Gold+? Es sind
-gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint
-ist +Henckellscher Schaumwein+, +Kupferbergscher Schaumwein+. Aber
-keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt
-statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (~sec~, ~dry~), aber
-mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für
-die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der
-Ausstattung, denn +Gold+ soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel
-beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und
-fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.
-
-[97] Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen,
-mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn
-und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei +Gesellschaft+ und +Verein+
-z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so
-nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute
-eine +Aktiengesellschaft+ oder eine +Immobiliengesellschaft+, eine
-Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen +Eisverein+ und eine
-Vereinigung von Förstern einen +Forstverein+ zu nennen. Noch gewagter
-ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem +Papierverein+
-zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack
-könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen
-+Fleischverein+ nennen.
-
-[98] +Schokolade+ und +Tee+ -- deutsch geschrieben! Manche
-verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wie
-+Atelier-Strauß+, +Tee-Meßmer+, was doch nur Männer bezeichnen kann
-(der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich
-Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch
-selber lächerlich machen, wie: +Butter-Bader+, +Gold-Richter+,
-+Fahrrad-Klarner+, +Zigarren-Krause+, +Schokoladen-Hering+.
-
-[99] Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof
-die +Abfahrtei+ nennen oder die Kopierstube im Amtsgericht die
-+Abschriftei+.
-
-[100] Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder
-Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet: +die+.
-
-[101] Die englische in einzelnen Fällen, wie: ~the now king~, ~the
-then ministry~, ~the above rule~, die aber nicht von allen englischen
-Grammatikern gebilligt werden.
-
-[102] Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiser +in fast
-Lebensgröße+, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (+in
-fast+ statt +fast in+).
-
-[103] Im Stephansdom in Wien ist etwas bei +sogleicher Wegweisung+
-verboten.
-
-[104] Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu
-schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.
-
-[105] Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die
-Apposition voranstellt: +von Privatdozent+ ~Dr.~ Albert Schmidt, +von
-ordentl. Professor+ E. Max, was doch unzweifelhaft +von ordentlicher+
-(!) Professor gelesen werden soll.
-
-[106] In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und
-Familiennamen einen Bindestrich zu setzen: +Horst-Schulze+,
-+Hermann-Könnecke+.
-
-[107] Der Deutsche sagt dafür +Renommage+, ein Wort, das es im
-Französischen gar nicht gibt!
-
-[108] O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.
-
-[109] Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf
-gehalten werden, daß kein ~ejus~ und ~eorum~ mit +desselben+ und
-+derselben+ übersetzt werde.
-
-[110] Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtig
-+der+artig, +der+maßen, +der+gestalt usw.
-
-[111] Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig
-sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten
-und feierlichsten Sprache: selbst +die, die die+ wissenschaftliche
-Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest
-überzeugt, daß außer mir kein Mensch die drei +die+ gehört hat, obwohl
-Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal,
-weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.
-
-[112] In der Dichtersprache wird auch +rufen+ noch wie im alten Deutsch
-bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruft +mir+?
-Gellert: +Er ruft der Sonn’+, er schafft den Mond). Auch hier ist
-aber dann ein Bedeutungsunterschied; +rufen+ steht hier im Sinne von
-+zurufen+, +gebieten+.
-
-[113] In der ältern Sprache hatte auch +berichten+ den Akkusativ der
-Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich den
-+Kurfürsten+ mit Lügen +berichteten+, die hohe Schule zu Wittenberg
-wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte
-Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze
-verbunden werden kann, das verhältnismäßig junge +benachrichtigen+.
-
-[114] Nur mit den Bildungen auf +bar+ nimmt man es nicht so genau, wie
-+unentrinnbar+ zeigt.
-
-[115] Eine ähnlich merkwürdige Bildung wie +voller+ ist +Maler+,
-+Stücker+, +Tager+, +Jahrer+ in Verbindungen wie: +ein Maler drei+,
-+ein Stücker drei+, +ein Jahrer fünf+, +ein Tager sechs+ u. ähnl. Hier
-ist das +er+ der Rest eines rasch und nachlässig gesprochnen +oder+:
-+ein Stück oder drei+. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der
-guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der
-Umgangssprache an.
-
-[116] Nur in Verbindungen wie: ein Kaffee +erster Sorte+, ein Künstler
-+zweiten Ranges+, ein Wagen +dritter Klasse+, ein Stern +vierter Größe+
-bleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.
-
-[117] Hierher gehört auch der beliebte Fehler: +aus+ aller Herrn
-+Länder+, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelte +ern+
-schien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ
-hinter +aus+, man schreibe nur, wie sichs gehört: +aus+ aller Herr+en+
-Länd+ern+.
-
-[118] Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche
-Bedeutung niemand mehr denkt, wie: +im Stande+, +im Begriff+, +im
-Interesse+, +im Sinne+, +im Lichte+, +im Spiegel+, +zum Besten+, ist im
-Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die
-Heimat der Indogermanen +in dem Lichte+ der urgeschichtlichen Forschung
--- Napoleons Tod +in dem Spiegel+ zeitgenössischer Dichtung -- wir sind
-+in dem Begriff+, abzureisen -- ich bin nicht +in dem Stande+, einen
-Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist
-wieder +in Stand+ gesetzt worden, und: der Verfasser will uns +in den
-Stand+ setzen, selbst an der Forschung +teilzunehmen+. Bei dem bloßen
-+in Stand+ (d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl. +in
-Händen+ haben, +in Kauf+ nehmen).
-
-[119] An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender
-Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des
-Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber
-woher? Büchmann gibt keine Auskunft.
-
-[120] Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings
-rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch von +hoch+ für +oben+ und
-zugleich für +hinauf+, +herauf+, +empor+, +in die Höhe+, z. B. +hoch
-kommen+, +hoch gehen+, +hoch holen+ (eine Flasche aus dem Keller); wenn
-ich einmal +hoch bin+, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein
-ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch von +oben+ für +hinauf+, z. B.
-+oben gehen+. In anständigem Deutsch geht man weder +hoch+ noch +oben+,
-sondern +hinauf+.
-
-[121] Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch
-geschrieben wird: +zwischen 1670 bis 1710+. Offenbar hatte einer
-geschrieben: +zwischen+ 1670-1710, ein andrer schrieb das ab und wollte
-ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich als
-+und+ lesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt
-Wörter.
-
-[122] Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nur
-+einmal alle hundert Jahr+, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von
-hundert Jahren +einmal+ blühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie
-in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist das
-+einmal+ ganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blüht +aller
-hundert Jahr+.
-
-[123] Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen
-in der Zeitung bekanntzumachen, daß +nächste Mittwoch Abend 8 Uhr+
-eine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den
-altmodischen Leuten, die +Mittwoch+ noch für ein Wort weiblichen
-Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es
-natürlich besser wußte, +nächste Mittwoch Abends+ daraus gemacht, bis
-ich mirs endlich verbat.
-
-[124] Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung
-vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird
-er zurückkehren? (+Den+) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt? +Am+
-Donnerstag.
-
-[125] Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache
-gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung
-des Wörtchens +und+ gebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen,
-sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische
-Wörtchen ~et~. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind
-glückselig, wenn sie schreiben können: +Calw ~et~ Stuttgart+, +Max ~et~
-Johann Schneider+, +Tricotagen ~et~ Strumpfwaren+, +Conditorei ~et~
-Café+, Schnitzel mit +Schoten ~et~ Karotten+. Als ob nicht und eben so
-kurz wäre!
-
-[126] Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der
-Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer
-Unterschied, ob ich sage: +Nicht alle+ Bücher dieses Verzeichnisses
-sind eingebunden, oder: +Alle+ Bücher dieses Verzeichnisses sind +nicht
-eingebunden+. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte
-steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird
-keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß das +ganze+
-Programm +nicht aufgeführt+ wird -- eine schöne Aussicht! Die Direktion
-will aber sagen: es ist möglich, daß +nicht das ganze+ Programm
-+aufgeführt+ wird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen:
-Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird
-keine Gewähr übernommen.
-
-[127] Freilich war +kein+ ursprünglich gar kein verneinendes, sondern
-ein unbestimmtes Fürwort (+irgend ein+). Luther hat es sicherlich noch
-so gefühlt.
-
-[128] Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehr
-+traurig+ sagen, sondern +unfroh+.
-
-[129] In der Schiffersprache geht man +in See+, +an Land+, +an Bord+,
-+auf Deck+, und der Soldat zieht +auf Wache+. Neuerdings ist es aber
-auch fein geworden, nicht mehr +auf die Jagd+ zu gehen, sondern +auf
-Jagd+ (oder vielmehr +auf Jacht+, natürlich nachdem man vorher ein
-Stück „mitm +Zuch+ jefahren is“), und der junge Leutnant wird +auf
-Festung+ kommandiert oder geht +auf Kriegsschule+. Schließlich geht
-man vielleicht auch noch +auf Universität+, setzt sich +auf Stuhl+ und
-klettert +auf Baum+.
-
-[130] Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten
-in die Mehrzahl zu setzen: hierüber +sind+ neuerdings +Klagen geführt+
-worden. Man führt nur +Klage+, aber nicht +Klagen+.
-
-[131] Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie
-die bekannten scherzhaften Wortverbindungen: +geo- und arithmetisch+ --
-teils +aus Frömmig-+, teils +zum Zeitvertreib+ -- der heutige Tag wird
-mir ewig +denk-+ und +gegenwärtig+ bleiben.
-
-[132] Vollends arg sind Zusammenziehungen wie: +unsre+ Arbeit und
-+Streben+. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren;
-für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.
-
-[133] Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition
-wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramen +an+ --
-sie traten +aus+ der Landeskirche +aus+ -- man warf ihn +aus+ dem
-Zimmer +hinaus+ -- das Gymnasium geriet +in+ einen innern Widerspruch
-+hinein+ -- dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden +durch+
-das Gesetz +hindurch+ -- wir können uns schlechterdings nicht +darum
-herumdrücken+. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.
-
-[134] Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage,
-ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der
-Gegenfrage geantwortet habe: muß es denn +jetzt alleweile gleich in
-demselben Momente+ sein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen
-Eintritt +ausschließlich nur allein+ für Damen.“
-
-[135] Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daß +brauchen+ mit
-dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl. S. 61.)
-
-[136] Ein neutraler Begriff ist +Lage+. Ich bin +in der Lage+ -- kann
-ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier
-muß die besondre Art der Lage durch ein +können+ oder +müssen+ näher
-bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben:
-er wird in die +Zwangslage+ gebracht, sich mit einer Stellung zweiten
-Ranges begnügen zu +müssen+. Vereinzelt wird übrigens auch der
-umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es
-ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten, +dazubleiben+ -- wo es heißen
-muß: dableiben zu +wollen+, denn in +erklären+ liegt noch nicht der
-Begriff der Absicht.
-
-[137] Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag,
-nicht erfunden!
-
-[138] Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern
-geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird;
-so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger
-einsandte, heißt: jede +jährliche Ernte+ seines Fleißes und Talentes
-hat er +in den Hof+ des befreundeten Hauses +eingefahren+.
-
-[139] Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies
-vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen: +Lichtenbergs
-Mädchen+. Da fragt doch der Leser sofort: +das+ oder +die+?
-
-[140] +Das Mitglied Eugen Richter des Reichstags+ habe ich wirklich
-gedruckt gelesen.
-
-[141] Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nach +denn+
-und +nämlich+; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich
-schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion
-mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs
-soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit
-des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich
-werden.“
-
-[142] Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb
-einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion
-gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber
-kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit
-dem Messer essen. Tu es nicht wieder!
-
-[143] Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten das
-+sich+ heraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die
-Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt;
-alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten.
-Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der
-Verfasser bei der ersten Niederschrift das +sich+ an die richtige
-Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann
-hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte -- niemals das
-umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung des
-+sich+ das natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt,
-aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das
-Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.
-
-[144] Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt
-und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser
-ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter
-müssen sich darein finden, daß +die Kinder sie+ verlassen. Aber ist
-etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich
-geltend, gleichviel ob +sie die Juristen+ definieren können oder nicht?
-Wird hier jemand +die Juristen+ für das Objekt halten?
-
-[145] Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.
-
-[146] Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten
-Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das ist +gar ein+
-merkwürdiger Mensch, das ist +ganz was+ feines.
-
-[147] Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche
-Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie
-ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer
-haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie
-hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches
-Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer
-Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen!
-
-[148] Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen
-hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb: +mit
-Zumherunterlassen+ eingerichteten Fenstern!
-
-[149] Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze, +da wo+ wir
-ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt
-sich mit einer Skizze +da, wo+ wir usw.
-
-[150] In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften,
-Bd. 2).
-
-[151] Bedingungssätze statt mit +wenn+ mit dem Verbum anzufangen ist
-an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter
-dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich muß +eilen, will+ ich den Zug
-nicht versäumen -- ein gewissenhafter Mann +darf, will+ er seinen Ruf
-nicht gefährden -- es ist manches verschwiegen, was gesagt werden
-+müßte, sollte+ die Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer
-laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen
-aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt man +wenn+, so mündet
-der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den
-Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung
-einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger
-Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen
-zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt |
-noch fast gar nicht | gegeben hat.
-
-[152] Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde
-Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen
-Sätze wie: es ist zu bedauern, was für ein +Aufwand+ von Zeit und
-Mühe darauf +verwendet+ worden ist -- die Erfahrungen, die man in
-Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften den +Beweis+
-für die Notwendigkeit derselben genügend +bewiesen+ haben -- eine
-telegraphische Nachricht, wonach die +Möglichkeit+ einer persönlichen
-Begegnung für +möglich+ erachtet wurde.
-
-[153] Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht:
-Ritter, +treue Schwesterliebe+ widmet euch dies Herz. Dann heißt es
-weiter: +fordert+ keine andre Liebe -- wo mir wieder +fordert+ wie ein
-zweites Prädikat zu +Schwesterliebe+ erschien.
-
-[154] Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleider
-+staunend hohe+ Preise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zu +staunend
-niedrigen+ Preisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine
-Verwechslung; sie meinen +erstaunlich hohe+ und +niedrige+ Preise.
-
-[155] In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben,
-sondern +grundbücherlich+ (so!) +verlautbart+.
-
-[156] Das niedrige Volk sagt jetzt auch: +da hört sich alles+
-auf! offenbar, indem es die Redensart: +das gehört sich+ -- damit
-zusammenwirft.
-
-[157] Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopf+wäsche+.
-Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fuß+wäsche+ reden wollte!
-
-[158] Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +Unterrichtung+.
-Als dafür +Unterricht+ aufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe
-betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns
-heute beim +Vollzug+ und beim +Entscheid+.
-
-[159] Bei dem jetzt so beliebten +entfallen+ mag wohl das lateinische
-~dis~ vorgeschwebt haben, das in ~distrahere~ die Trennung, in
-~distribuere~ die Verteilung bedeutet.
-
-[160] Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu
-betonen, wie +An-+ und +Ver+kauf, +be+- und +ent+laden, +Be+- und
-+Ent+wässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte
-Präpositionen: +auf+- und +ab+steigen, +Ab+- und +Zu+gang; dagegen
-+An+kauf und +Verkauf+.
-
-[161] Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um
-wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird
-ein neues Haus +gedeckt+, eine neue Kirche +gewölbt+, eine Straße
-+gepflastert+, Sandsteinfiguren werden an einem Hause +angebracht+,
-Bilder werden +eingerahmt+, und wenn man eine Stube tapezieren läßt,
-so werden die Möbel vorher +zugedeckt+; sowie aber der Architekt davon
-spricht, wird das Haus +eingedeckt+, die Kirche +eingewölbt+, die
-Straße +abgepflastert+, die Figuren werden +aufgebracht+, die Bilder
-+gerahmt+, und die Möbel -- +abgedeckt+! Gewöhnlich werden Farben
-+gemischt+, und zu einer Lotterie werden auch die Lose +gemischt+.
-Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seine +Ausmischungen+ sämtlicher
-Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von der +Einmischung+
-der Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stange +abgeschossen+, und
-unnütze Sperlinge werden +weggeschossen+; sowie aber der Herr Landrat
-davon spricht, werden die Sperlinge +abgeschossen+. Der gewöhnliche
-Mensch begnügt sich damit, etwas zu +liefern+. Im Bauwesen aber werden
-Steine, Kalk, Ziegel +angeliefert+, und bei der Post werden Briefe,
-Postkarten, Pakete, Zeitungen sogar +aufgeliefert+! Der gewöhnliche
-Mensch +beschneidet+ in seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aber
-+kürzt+ ihn +ein+ usw.
-
-[162] Höchstens +Wollust+ und +Jawort+ ließen sich vergleichen.
-
-[163] Auch Wörter wie +Pflegemutter+, +Betschwester+, +Schreihals+,
-+Singvogel+, +Stechapfel+, +Stinktier+ machen nur scheinbar eine
-Ausnahme, auch +Beißkorb+ und +Klapperdeckchen+, denn sie bezeichnen
-Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. Nur
-+Bratheringe+, +Röstkartoffeln+ und +Schlagsahne+ haben ihren Zweck
-schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.
-
-[164] Die früheste Anwendung von +voll und ganz+, freilich in
-gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch
-schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von
-Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):
-
- Der Zeiten strenger Zwang heischt unsern Dienst
- Für eine Weile; meines Herzens Summe
- Bleibt dein hier +voll und ganz+.
- (~The strong necessity of time commands
- Our services a while; but my full heart
- Remains in use with you.~)
-
-Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er
-den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,
-
- Nein, groß und fertig, +voll und ganz+
- Entsteig’ er unsern Dämmerungen --
-
-schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner
-Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der
-Unterhaltung mit ihm jemand +voll und ganz+ gebraucht habe, ausgerufen:
-„Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase,
-nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es
-gibt, trotz seiner Fülle!“
-
-[165] Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher
-Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische
-Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von
-der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet
-worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran
-knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht
-anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer
-solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat,
-das Ungeheure davon gewahr werden kann.“
-
-[166] Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven
-geworden sind, wie +Leben+, +Essen+, +Vergnügen+, +Vermögen+,
-+Wohlwollen+ u. a.
-
-[167] Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der
-Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es
-unverändert hier wieder abgedruckt werden -- als sprachgeschichtliches
-Zeugnis.
-
-[168] Neuerdings wird das Wort sogar für +anfertigen+, +schaffen+
-gebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefel +fertigstellen+ lassen --
-eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühe +fertigzustellen+ als eine
-Symphonie!
-
-[169] Von festen Körpern nur in dem Sinne von +zerkleinert+; +klarer+
-Zucker, +klares+ Holz.
-
-[170] Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: die +zweitmalige+,
-+drittmalige+ usw.?
-
-[171] Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathaus +besitzt+
-denselben Baumeister wie die Pleißenburg!
-
-[172] Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des
-Reichen heißt: „Und er +besitzt+ dich nicht, er +hat+ dich nur.“
-
-[173] Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie in +jetzt+,
-+selbst+ und +Obst+. In Leipzig sagt das Volk auch +anderst+, +Rußt+,
-+Harzt+.
-
-[174] Früher hieß es +im Namen+ des Königs, +aus Mangel+ an genügendem
-Angebot, jetzt nur noch +namens+ des Königs -- +mangels+ genügenden
-Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise
-durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen
-abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive;
-man denke auch an: +anfangs+ (!) Oktober (vgl. S. 8).
-
-[175] Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man
-denke an +vollends+, +bereits+, +öfters+, +nirgends+, +zusehends+,
-+durchgehends+, +allerdings+, +schlechterdings+ (um 1700 noch aller
-+Dinge+, +schlechter Dinge+), „neuerdings“ auch +folgends+. Bei den
-meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s,
-höchstens noch bei +öfters+. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir
-das häßliche süddeutsche und österreichische +weiters+ und +durchwegs+
-hören: ein selbständiges, +durchwegs+ auf Erfahrung begründetes Urteil
--- oder wenn wir +unversehens+ und +unbesehens+ lesen: der Zuhörer
-steht +unversehens+ vor dem Dämonischen -- er hätte dieses Argument
-nicht so +unbesehens+ hinnehmen sollen.
-
-[176] +Bezüglich+ ist Präposition und bedeutet dasselbe wie
-+hinsichtlich+, +rücksichtlich+.
-
-[177] Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre
-und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl. S. 17 und 58.
-
-[178] Manche Kaufleute behaupten, in dem +ab+ liege ein besondrer Sinn;
-es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des
-Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (+ab Bahnhof+,
-+ab Lager+) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“.
-Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung
-liest, keine Ahnung.
-
-[179] Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des
-achtzehnten Jahrhunderts lesen: die ~iniquitaet~ ist ~manifest~ oder:
-wir müssen diese ~difficultaeten superiren~. Mache sie es denn aber um
-ein Haar besser?
-
-[180] Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran.
-Vgl. +Taxameter+, +Automobil+, +homosexuell+ (dessen erste Hälfte auch
-„gebildete“ Leute für das lateinische ~homo~ halten!), +Telefunken+
-u. ähnl.
-
-[181] Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer
-Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie
-müßten +Colliers+ tragen, weil jeder Hund ein +Halsband+ trägt. In
-Paris trägt aber doch jeder Hund ein +Collier+!
-
-[182] Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt
-(1815) einen eingebildeten Kunstkenner einen +Connaisseur+ und fügt
-hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.
-
-[183] Weiß der Leser, wie +konstatieren+ entstanden ist? Durch Anhängen
-der Endung -+ieren+ an das lateinische Impersonale ~constat~. Fast
-unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällen
-+konstatieren+ nichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für
-einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern
-man +konstatiert+, daß der Hund einen Schwanz hat.
-
-[184] In einem längern Aufsatze, worin +Moment+ und +Faktor+ jedes
-etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig
-miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers
-erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was
-müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben
-kann! Ein rechtes Kreuz sind die +gesetzgebenden Faktoren+; könnte man
-die doch irgendwie los werden!
-
-[185] Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eine +Epoche+
-gehabt haben, die ich Ihre analytische +Periode+ nennen möchte.
-
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