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-The Project Gutenberg eBook of Der Moskauer Prozeß gegen die
-Sozialrevolutionäre 1922. Revolution und Konterrevolution, by Kurt
-Kersten
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-using this eBook.
-
-Title: Der Moskauer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre 1922.
- Revolution und Konterrevolution
- Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
- 12
-
-Author: Kurt Kersten
-
-Editor: Rudolf Leonhard
-
-Release Date: January 14, 2023 [eBook #69795]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOSKAUER PROZESS GEGEN
-DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922. REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION ***
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- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
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- AUSSENSEITER
- DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
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- HERAUSGEGEBEN VON
- RUDOLF LEONHARD
-
- BAND 12
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- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
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- DER MOSKAUER PROZESS
- GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE
- 1922.
- REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION
-
-
- VON
- KURT KERSTEN
-
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- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
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- EINBANDENTWURF
- GEORG SALTER
- BERLIN
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- Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
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-An der Bahnlinie Moskau-Saratow liegt mitten im Kiefernwald die kleine
-Datsche eines reichen Kaufmannes; grün und blau schimmern die Holzwände
-durch den Sommermorgen eines furchtbaren Jahres; als der Streckenwächter
-früh vorüberkam, fiel ihm auf, daß Garten- und Haustür offenstanden; der
-Rasen war zertrampelt – der Mann in der hellen Russenbluse stutzte, ging
-scheu in den Garten, zögerte noch einen Augenblick, bevor er die
-Treppenstufen hinaufging – plötzlich stieß er einen Schrei aus, wandte
-sich um und lief davon – „Mord – Mord –“ brüllte er durch den Wald –
-
-Nach einer Weile kehrte er mit einem jungen Sanitätssoldaten zurück,
-beide hielten den Revolver schußfertig in der Hand und gingen zögernd
-die Treppe hinauf, ihnen entgegen gähnte ein dunkler Flur – gerade vor
-der Öffnung lag ein dicker Mann im Nachthemd – mit starren, weit
-geöffneten Augen, blutigem, vertrocknetem Schaum vor dem schwarzen Mund
-– der Sanitäter bückte sich, entblößte eine zottige Brust, horchte,
-befühlte – erhob sich nach einer Weile, zuckte die Achseln: „Herzschlag
-–“ Der Wächter setzte scheu den Fuß über den Leichnam hinweg – eine
-Zimmertür stand offen – Spinde, Wandschrank schienen durchwühlt, auf der
-Erde lag ein Bankkontobuch; sämtliche Schubfächer des altertümlichen
-Vertikos waren erbrochen – Akten, Briefe aber unberührt – es schien den
-Tätern nur am baren Gelde gelegen zu sein.
-
-Alle Nachforschungen nach den Tätern blieben erfolglos.
-
-Das Reich war in Aufruhr und Menschenleben billig; seit vier Jahren
-wütete Krieg in der ganzen Welt, seit einem halben Jahr herrschten die
-Arbeiter und Bauern in Rußland – eben noch erstreckte sich ihre Macht
-auf die Weichbilder von Moskau und Petrograd, von der Wolga rückten
-tschechoslowakische Söldner unter Führung von Ententeoffizieren gegen
-Kasan und berannten die Stadt, in Kiew wehte die schwarz-weiß-rote
-Fahne, in Archangelsk landeten Amerikaner und Engländer, vom Ural, vom
-Dongebiet her breiteten sich Kosakenschwärme unter der Führung
-zaristischer Generale weit übers Land aus, Gutshöfe brannten, Bauern
-wurden von Offiziersbataillonen grausam zu Tode gemartert, in den
-Städten traute keiner dem andern – Einbrüche am hellen Tage waren keine
-Seltenheit, staatliche Ämter wurden mit Einverständnis der Beamten
-ausgeraubt, eben erst war ein vergeblicher Versuch in Moskau gemacht
-worden, den feuerfesten Schrank des Gouvernements-Ernährungskomitees zu
-sprengen, offenbar war den Tätern der Sauerstoff ausgegangen, das Schloß
-war zur Hälfte geschmolzen; einige Tage später drangen am hellen Tage
-fünf vermummte Männer in das Postgebäude an der Twerskaja, der
-belebtesten Straße Moskaus, ein, hatten die Eingangstür verriegelt,
-riefen den Beamten und Kunden „Hände hoch“ zu, schwangen Handgranaten,
-zückten Messer, hielten den Finger am Revolverhahn und plünderten die
-Kasse – entnahmen ihr über 100000 Rubel – entfernten sich dann, und ehe
-sich noch jemand vom Schreck erholt hatte und auf die Straße lief, waren
-die Banditen längst verschwunden.
-
-Einige Tage später las man in der Presse der ganzen Welt: „Ausraubung
-eines Postamtes am hellen Tage in Moskau – Die Täter entkommen – Das
-russische Chaos – Nieder mit den Bolschewiki.“
-
- * * * * *
-
-In denselben Tagen finden in den Städten neue Sowjetwahlen statt. Die
-Wahlagitation ist im heftigsten Gange; in Petersburg herrscht ungestörte
-Pressefreiheit, einer der eifrigsten Agitatoren in den Fabriken ist der
-junge Wolodarski – eben 27 Jahre alt, gebürtig aus Wolhynien, seit
-frühster Jugend in der revolutionären Bewegung: der Vierzehnjährige
-arbeitet schon in illegalen Organisationen, der Siebzehnjährige sitzt
-bereits als „Politischer“ im Gefängnis – drei Jahre später verbannt ihn
-das zaristische Gericht nach Archangelsk, 1913 flieht er nach Amerika,
-bei Kriegsausbruch redigiert er mit Bucharin in New-York eine Zeitung
-„Neue Welt“ – immer führt er ein wahres Hundeleben, immer sind ihm
-Spitzel auf den Fersen, immer machen sich Provokateure an ihn heran,
-auch in den U. S. A. sieht er Kerkermauern – endlich wehen in Rußland
-rote Fahnen; einige Monate nach Kerenskis Aufstieg arbeitet Wolodarski
-schon in Petersburg, macht innerhalb kurzer Frist schwindelnd Karriere:
-eben noch Agitator des Peterhofer Bezirks, sitzt er nun schon im
-Petersburger Sowjet, kommt ins Exekutivkomitee, wird ein glühender,
-hinreißender Sprecher, alle Bezirke telephonieren:
-
-„Schickt uns Wolodarski“ – „Schickt uns Wolodarski.“ –
-
-Nach dem Oktoberumsturz wird Wolodarski Volkskommissar für Presse und
-Agitation. Im Frühjahr 1918 ist er Chefredakteur der „Roten Zeitung“. Im
-Juni finden die Wahlen statt – Wolodarski arbeitet an hervorragender
-Stelle – er ist es, der Pressefreiheit gibt – am nächsten Tage liest man
-in einer Petersburger Zeitung: „Es gibt im Smolny zwei besonders
-unangenehme Juden – Sinowjew und Wolodarski.“ Einen Tag später wird
-gewählt – Resultat:
-
- Bolschewiki: 72.
- Linke S.R.: 9.
- Parteilose: 4.
-
-Am Abend sprach Wolodarski in einer Versammlung der Eisenbahner der
-Nikolajew-Bahn, noch umtoste ihn der Beifall der proletarischen Masse,
-als er schon im Auto saß, um in eine Maschinenfabrik zu fahren und eine
-zweite Rede zu halten.
-
-In der Farforstraße hält plötzlich sein Auto.
-
-„Was ist los?“
-
-„Kein Benzin.“
-
-Wolodarski steigt aus, will einen Laden suchen – vielleicht kann man
-irgendwo etwas Benzin auftreiben – kaum ist er zehn Schritte gegangen,
-da eilt ihm ein Mann entgegen, Wolodarski beachtet ihn nicht, da ein
-Knall, ein Schlag gegen die Brust, er taumelt, fällt zu Boden – eben
-noch sieht er den Täter enteilen, über einen Zaun hinwegklettern – dann
-noch eine Detonation – ein Sausen und Wimmern durch die Lüfte – noch
-einige Revolverschüsse – schon kniet Grischa Sinowjew neben dem
-sterbenden Wolodarski.
-
-Man bahrt den Leichnam im Taurischen Palais auf; das Proletariat von
-Petersburg defiliert am Sarg in langen, langen Zügen vorüber, alle
-Fabriken halten Meetings ab, geschlossen rücken die Belegschaften der
-großen Fabriken an, eine alte Arbeiterin küßt die bleiche Stirn des
-Toten, eine Arbeiterfrau führt ihr Kind an den Sarg: „Siehe – für dich
-ist er gestorben.“ –
-
- * * * * *
-
-Der Mörder ist entkommen, in den Zeitungen der sowjetfeindlichen Presse
-erscheinen beunruhigte Artikel, am Tage nach der Ermordung liest man
-befremdenderweise im Zentralorgan der Sozialrevolutionäre eine
-Erklärung:
-
-„Das Petrograder Bureau des Zentralkomitees der Partei der
-Sozialrevolutionäre erklärt, daß _keine_ Organisation der Partei zu der
-Ermordung des Kommissars für Pressewesen, Wolodarski, in irgend welcher
-Beziehung steht.“
-
-Niemand hatte sie beschuldigt, niemand mit Fingern nach ihnen gezeigt,
-weshalb regen sie sich, weshalb wehren sie ab? Wundern sie sich, wenn
-zwei Tage später Sinowjew in einer Sitzung des Petrograder Sowjets
-ausruft: „Wir wissen nicht, wer der Mörder ist, doch es wäre
-wünschenswert, wenn von den Sozialrevolutionären am Begräbnis des
-Genossen Wolodarski niemand teilnehmen würde.“
-
-Wundern sie sich? Sie schweigen.
-
-Einige Wochen später fällt der alte Genosse Uritzki einem Attentat zum
-Opfer; als Täter kommt ein „Volkssozialist“ in Betracht. Indessen sind
-die Tschechoslowaken schon auf halbem Wege nach Nishni-Nowgorod, immer
-enger wird der furchtbare Ring, in Jaroslaw bricht ein grauenhafter
-Bürgerkrieg aus, die ganze Stadt ist nach fünf Tagen ein Trümmerhaufen,
-die Ermordung Mirbachs und Eichhorns versteift die Beziehungen zu
-Deutschland, man gelangt durch Zufall in den Besitz von Papieren, die
-unwiderleglich von einer engen Verbindung zwischen bürgerlichen
-Verbänden und der französischen Militärkommission zeugen, der
-französische Botschafter Noulens hatte in Wologda sein Archiv verloren –
-– dann versuchen die linken S.R. in Moskau zu putschen – die
-Herrlichkeit dauert einen knappen Tag – der Wirrwarr wird größer – die
-„Rote Garde“ ist schlecht bewaffnet, in Lumpen gekleidet, der Hunger
-quält in den Augen – an allen Fronten entbrennt der Kampf – innerhalb
-des Kreises züngeln die Flammen – und mitten in dieser verzweifelten
-Situation schießt eine kleine Jüdin einen Revolver ab – eines Abends in
-den ersten Septembertagen – die Schüsse treffen Wladimir Iljitsch Lenin.
-Das ganze Land ist erschüttert. Ein Stöhnen entringt sich der russischen
-Arbeiterschaft: Lenin schwer verwundet.
-
-Diesmal kennt man kein Zögern mehr. Jetzt erst geht man zur Gegenwehr
-über. Noch in dieser Nacht verhaftet man 500 Offiziere, erschießt sie am
-frühen Morgen. Und die nächsten Septembertage erleben im ganzen Land,
-soweit die Macht der Bolschewiken reicht, Hausuntersuchungen,
-Verhaftungen, Verhöre – in den ersten Morgenstunden hört man immer
-Salven knattern – und einige Tage später zieht Trotzki in Kasan ein,
-treiben Budjenis „Rote Reiter“ die Tschechoslowaken und Kosaken vor sich
-her, langsam fällt die Weiße Flut, langsam drängt man Entente- und
-Zarengenerale über die Wolga und an die Gestade des Eismeeres zurück –
-wenige Wochen später bricht die kaiserliche deutsche Armee zusammen, die
-roten Fahnen wehen in Riga und Kiew. Langsam sieht Lenin seiner Genesung
-entgegen.
-
-Und wer hatte auf ihn geschossen? Wer hatte in ihm das Land getroffen?
-
-Fanny Kaplan – Mitglied der Sozialrevolutionären Partei.
-
- * * * * *
-
-Im Laufe der nächsten Jahre verdichten sich Anklagen und Beweise wider
-diese Partei; allmählich gelingt es, zahlreiche Führer zu verhaften,
-Gerüchte zu bestätigen, da erscheint im Herbst 1921 in Berlin
-eine russische Broschüre eines G. Ssemjonow, Die Partei der
-Sozial-Revolutionäre in den Jahren 1917-1918. (Ihre Kampftätigkeit und
-militärischen Aktionen.) Die Broschüre erregt in der gesamten
-Emigrantenpresse ein ungeheures Aufsehen; Auszüge erscheinen in
-deutschen Zeitungen, zwischen Emigrantenorganen entspinnen sich
-Pressefehden, Presseprozesse. In derselben Zeit wird bekannt, daß ein
-Prozeß gegen 34 Mitglieder der S.R. in Moskau stattfinden wird. Und was
-enthält jene staubaufwirbelnde Broschüre?
-
-Ich Ssemjonow – ehemaliges Mitglied der S.R., Führer der
-Kampforganisation – habe Attentate, Sprengungen und Expropriationen
-vollführt – ich habe mit meinen Leuten das Postamt in der
-Kammerherrengasse am hellichten Tage ausgeplündert, ich bin mit
-Gefährten in die Datsche eines Kaufmannes eingebrochen, der vor Schreck
-tot zusammenbrach, als er uns sah, ich habe das Attentat auf Wolodarski
-inszeniert, ich habe Attentate auf Lenin und Trotzki vorbereitet, ich
-weiß von der Verbindung unserer Partei mit der Entente, Deutschland und
-bürgerlichen Organisationen. Existierten bloße Verbindungen? Von dort
-erhielten wir Gelder, Aufträge, Material, im Einverständnis mit der
-Entente, in ihrem Auftrag mordeten, plünderten, sprengten wir. Sämtliche
-Maßnahmen, die ich im Interesse der Partei ergriffen habe, erfolgten im
-Einverständnis mit dem Zentralkomitee unserer Partei; die
-hervorragendsten Männer gaben uns die Lizenz. Dabei herrschte innerhalb
-der Partei völlige Plan- und Kopflosigkeit; aus reiner Verzweiflung
-schien jedes Mittel recht – erst nach langer Haft kam mir zum
-Bewußtsein, von welchen haltlosen Menschen wir mißbraucht wurden, daß
-wir nicht im Interesse der arbeitenden Klasse handelten, sondern gegen
-ihre Interessen. – Alle Angaben Ssemjonows wurden einige Wochen später
-von einer gewissen Lydia Konoplewa bestätigt – ja sie verstärkte noch
-den Verdacht gegen das Z.K. der Partei, das seine Genehmigung zu
-sämtlichen Attentaten gegeben habe.
-
- * * * * *
-
-[Illustration: Der Verteidiger Murawiew unterhält sich mit den
-Angeklagten, Mitglieder der sozialrevolutionären Partei: Gotz,
-Hendelmann, Tatareew u. a.]
-
-Im Frühjahr hatte sich das Material gegen die verhafteten S.R. bereits
-so verdichtet, daß auf der Berliner Konferenz der II., II½. und III.
-Internationale die Vertreter der II. und II½. Internationale von der
-III. Internationale das Versprechen zu ertrotzen suchten, kein
-Todesurteil über die S.R. zu verhängen, die Zulassung ausländischer
-Verteidiger zu befürworten – man geriet in ernste Besorgnis; hatte man
-früher immer und immer wieder geschrien: weshalb laßt ihr diese Leute so
-lange in Untersuchungshaft sitzen – weshalb laßt ihr sie nicht frei –
-schlug man jetzt einen anderen Weg ein: man suchte zu verschleppen, zu
-bemänteln, verschwieg die Tatsachen, ging über die eigentlichen
-Anschuldigungen hinweg, vermied überhaupt sie zu erwähnen, klammerte
-sich an reine Formalitäten, und schrie und schrie und gab keine Antwort,
-wenn man fragte: „Und wie verhält es sich mit den Fakten“? –
-
-Sonntagnachmittag im Juni 1922. Als das Flugzeug von Moskau eben auf dem
-großen Flugplatz in Kowno, den die deutsche Armee im Weltkrieg angelegt
-hatte, gelandet war, und die Passagiere der Kabine entstiegen, rief
-ihnen schon von weitem der deutsche Flugplatzführer der Derutra zu:
-„Rathenau ist ermordet“ – „Der Dollar 375.“ „Die Nationalisten“ – Der
-junge Schriftsteller konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Dollar,
-Mord und Nation – deutsche Atmosphäre.“ Und während man sich noch rings
-um ihn ernst unterhielt, ob der Dollar noch weiter fallen würde, dachte
-er: „Wird man die Täter ergreifen? Wird man ihnen den Prozeß machen?
-Wird man vor allem den Hintergrund enthüllen, die wahren treibenden
-Kräfte feststellen?“ Und er gedachte jenes seltsamen Prozesses, dem er
-soeben in Moskau beigewohnt hatte, er gedachte jener doppelt seltsamen
-Demonstration im Gerichtssaal, die am vierten Jahrestag der Ermordung
-Wolodarskis stattgefunden hatte. Und während das Flugzeug wieder
-startete und bald über Deutschland hinschwebte, vergegenwärtigte sich
-der junge Schriftsteller lebhaft noch einmal die Erlebnisse der
-vergangenen Woche, des 20. Juni.
-
-Am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis zogen schon am frühen
-Morgen aus allen Bezirken die Arbeiter ins Innere der Stadt, um die
-Mittagsstunde füllten Hunderttausende den Roten Platz vor dem Kreml. An
-den Gräbern der gefallenen Revolutionäre zogen die Belegschaften aller
-Moskauer Betriebe vorüber. Und auf der Rednertribüne erschien ein großer
-blonder Mann – erschien der Vorsitzende des Obersten Tribunals Pjatakow
-und erklärte den demonstrierenden Arbeitern: „Das Urteil wird gerecht,
-wird erbarmungslos sein. Noch ist es nicht an der Zeit, es zu fällen.“
-
-Und einen langen Sommertag über zogen die Massen russischer Arbeiter
-durch die Iberische Pforte hinab zum Swerdlowplatz, an einem barocken
-Säulenbau vorüber, jede Belegschaft hielt einen Augenblick an, und einer
-ihrer Sprecher rief nach jenem Hause Worte der Rache hinüber – die ganze
-Stadt dröhnte vom Schritte der Arbeiterbataillone, die ganze Stadt
-hallte vom Gesang der Internationale.
-
-Und als der Abend hereinbrach, und die Massen sich langsam entfernt
-hatten, passierte der junge Schriftsteller die Postenketten des
-Prunkgebäudes, betrat die weiten unteren Räume des Hauses, in denen eine
-Kompagnie des Tschekaregimentes untergebracht war; breite Marmortreppen
-führten in den ersten Stock. Wieder forderten Soldaten in braunen
-Uniformen mit breiten roten Querstreifen auf der Brust den Ausweis, die
-Wände spiegelten ein reges Treiben, weithin erstreckten sich
-Wandelhallen, und in einem Seitenraum war eine Ausstellung von Bildern
-und Dokumenten – grauenhaften Urkunden der Scheußlichkeiten des
-Bürgerkrieges; da hingen die Proklamationen der Partei der S.R., die
-Aufrufe zum Sturz der Sowjets, da hingen Flugschriften und
-Proklamationen, Reden Awxentijews, Artikel Tschernows und unzählige
-Photographien – Photographien der Generale des Zaren, Photographien von
-Führern der S.R., Bilder gesprengter Brücken und Stationen,
-Photographien langer Reihen von Särgen und Massengräbern, Bilder der 26
-Bolschewiken, die in Baku von den S.R. hingerichtet wurden,
-Photographien schauderhaft zugerichteter Leichen – und dann Bilder
-Wolodarskis, Uritzkis, Bilder vieler, vieler Kinder, vieler Waisen,
-deren Eltern Koltschak hinrichten ließ.
-
-Und als der junge Schriftsteller erschüttert diese Kammer der Seufzer
-und Tränen, der Lügen und Heuchelei verließ, öffnete er eine kleine Tür
-und befand sich plötzlich in einem gewaltigen Saal – Säulenreihen zogen
-sich zur Linken und Rechten, mächtige Leuchter hingen von der hohen
-Decke herab – am anderen Ende des Saales saßen und standen auf einem
-Podium zahlreiche Männer und einige Frauen – zwischen mächtigen Säulen
-waren gewaltige rote Tücher gespannt, große Lettern verkündeten: „Das
-Proletariat ist der Schutzschild der Revolution.“
-
-An einem Tische mitten auf dem Podium sitzen die Richter – und in ihrer
-Mitte sehen wir wieder Pjatakow. Rechts scharen sich hinter einer Sperre
-dicht hinter- und nebeneinander in zwei Gruppen getrennt 34 Angeklagte,
-vor ihnen sitzen an langen Tischen die Verteidiger; hart an der Rampe
-steht ein kleiner Tisch – vor ihm sitzt der Ankläger Krylenko – neben
-ihm ein langer Tisch, an dem drei andere Ankläger sitzen: Lunatscharski,
-der Historiker Pokrowski, die greise Klara Zetkin. Die Reihen der
-Angeklagten umspannt ein Kordon jener Soldaten in braunen Uniformen mit
-den breiten Litzen, sie tragen die spitzen Helme der Krieger Iwans des
-Schrecklichen, das Gewehr mit aufgepflanztem Seitengewehr bei Fuß. Zur
-Rechten öffnet sich eine breite Tür – herein tritt eine Deputation
-Moskauer Arbeiter – eine ältere Frau ist unter ihnen, sie durchschreiten
-den überfüllten Zuschauerraum, in dem wohl 2000 Menschen sitzen, und
-steigen langsam die Treppen zum Tribunal hinauf. Und unter tiefem
-Schweigen begannen die Arbeiter zu reden – junge und alte –
-leidenschaftlich brach es aus ihnen los – Anklagen und wieder Anklagen –
-Ein Arbeiter von Kasan erzählte erregt von den Grausamkeiten der S.R. in
-Kasan, es sprach jener Arbeiter, der die Fanny Kaplan nach ihrem
-Attentat auf Lenin festgenommen hatte, und ein langer, breiter Mann mit
-einer fürchterlichen Stimme erzählte noch einmal vom Eindruck, den der
-junge Wolodarski auf sie gemacht hatte; wie aus einem Krater brodelten
-Anklagen, Verwünschungen los – „Rache für Wolodarski“ schrie es durch
-den Raum – und die Männer hinter der Barriere saßen mit gesenkten
-Häuptern festgebannt da – ohne die Möglichkeit der Flucht, allen Blicken
-preisgegeben, gerichtet, geächtet, gestraft.
-
-Niemals zuvor in der Weltgeschichte wird die Stimme der Masse so
-vernehmlich, so eindrucksvoll gesprochen haben wie in dieser Sommernacht
-zu Moskau im Prunksaale des ehemaligen Adelsklubs.
-
- * * * * *
-
-Zehn Tage währte nun schon dieser Prozeß. Am 10. Juni hatte er begonnen;
-einige Tage zuvor waren die ausländischen Verteidiger in Moskau
-eingetroffen, vor dem Bahnhof hatte sie die Arbeiterschaft mit Pfiffen
-begrüßt. Am Tage der Eröffnung hatte der Führer der II. Internationale,
-Vandervelde, vor dem Tribunal das Mißgeschick, als Justizminister S.
-Majestät des Königs der Belgier verhöhnt zu werden, weil er sich im
-Westlerdünkel erhaben fühlte über die Justizmethoden der
-Arbeiterrepublik.
-
-Die 34 Angeklagten trennten sich in zwei Lager – zur Linken saßen 25
-Männer und Frauen – die Offiziere der Partei:
-
- Gotz, Abram Rafalowitsch
- Donskoi, Dmitri Dmitrijewitsch
- Gerstein, Lew Jakowlewitsch
- Lichatsch, Michail Alexandrowitsch
- Iwanow, Nikolai Nikolajewitsch
- Ratner-Eljkind, Jewgenija Moisjewna
- Rakow, Dmitrij Fedorowitsch
- Fedorowitsch, Florian Florianowitsch
- Wedenjapin, Michail Alexandrowitsch
- Gendeljmann-Grabowski, Michail Jakowlewitsch
- Morosow, Sergej Wladimirowitsch
- Artemjew, Nikolai Iwanowitsch
- Ratner, Grigoric Moisjewitsch
- Timofejew, Jewgenij Michajlowitsch.
-
-Gotz, Donskoi, Wedenjapin und Gendeljmann, Gerstein, Lichatsch, Iwanow,
-Ratner-Eljkind, Ratner, Fedorowitsch, Timofejew saßen seit 1917 im
-Zentralkomitee der Partei; Artemjew, Morosow und Ratner waren Mitglieder
-des Moskauer Bureaus des Zentralkomitees.
-
-Diese 14 Personen werden angeklagt, ihre Partei so geleitet zu haben, um
-den Sturz der von der proletarischen Revolution eroberten Macht der
-Arbeiter- und Bauernräte herbeizuführen. Sie haben alle Mittel und
-Kräfte der Partei zu diesem Zwecke verwandt.
-
-Man beschuldigt sie:
-
-1. Der Vorbereitung bewaffneter Aufstände gegen die Sowjetmacht in
-Petrograd und Moskau. Bildung militärischer Stäbe und besonderer
-Kampforganisationen. Sie unterhielten Verbindung mit anderen
-konterrevolutionären Organisationen und nahmen ihre finanzielle Hilfe in
-Anspruch; gemeinsam mit ihnen organisierten sie technische Organe,
-Stäbe, Stadtkommandos für bewaffnete Aufstände.
-
-2. Im Namen der Partei traten sie in Verbindung mit den Vertretern des
-internationalen Kapitals – mit den offiziellen Vertretern der
-kapitalistischen Ententestaaten zur Zeit, als diese sich im
-Kriegszustande mit der R.S.F.S.R. befanden. Sie halfen diesen Staaten
-das Gebiet der Sowjetrepublik besetzen, verschafften ihnen Nachrichten
-und informierten sie über die innere Lage des Landes. Sie nahmen die
-militärische, finanzielle und technische Hilfe dieser Staaten in
-Anspruch.
-
-3. Verbindung mit weißgardischen Heeresleitungen, mit den Generalen
-Krasnow, Alexejew und Denikin, mit den in den Randgebieten der
-R.S.F.S.R. entstandenen bürgerlich-nationalistischen gegenrevolutionären
-Zentren, den sogenannten Regierungen der Ukraine, des Kuban und
-Dongebietes. Sie haben mit allen Mitteln unter dem Namen der „Regierung,
-der Mitglieder der Konstituante“ zur Befestigung der entstehenden
-gegenrevolutionären Zentren beigetragen, besonders in Samara, im Norden,
-in Ufa und Omsk. Sie halfen diesen gegenrevolutionären Zentren in ihrem
-bewaffneten Kampfe gegen die Sowjetregierung durch Hochverrat und
-Spionage.
-
-4. Organisation von Kampfgruppen zwecks Verübung terroristischer Akte
-gegen die Funktionäre der Sowjetmacht Sprengung von Eisenbahngeleisen,
-Ausraubung von Sowjetinstitutionen. Sie leiteten die Tätigkeit dieser
-Gruppen. Und benutzten die auf diese Weise erlangten Mittel für die
-Fortsetzung ihrer gegenrevolutionären Arbeit.
-
-Gegen einzelne Angeklagte wird noch besondere Anklage erhoben:
-
- 1. _Gotz_ (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Agitation unter den Truppen
- nach dem Oktoberumsturz, Aufforderung auf Meetings zum bewaffneten
- Widerstand, Vorbereitung und Leitung des Junkeraufstandes am 29.
- Oktober. Teilnahme an den Sitzungen der Militärkommissionen der
- bürgerlichen Verbände. Teilnahme an den Akten des individuellen
- Terrors.
-
- 2. _Donskoi_ (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Leiter der Militärkommission
- nach Auflösung der Konstituante; in konspirativer Verbindung mit den
- bürgerlichen Organisationen Filonenko und Iwanow, Teilnahme an
- Konferenzen mit Offizieren des Generals Alexejew, erteilte
- Genehmigung zu terroristischen Akten und war mit Anschlägen auf
- Lenin und Trotzki einverstanden. Er war der eigentliche Inspirator
- aller Unternehmungen Ssemjonows, er ermutigte zu Expropriationen und
- Sprengungen, er stellte die Verbindung zur französischen
- Militärmission her.
-
- 3. _Iwanow_: Aus eigener Initiative schlug Iwanow dem Z.K.
- terroristische Akte vor, rechtfertigte sie und erteilte Ssemjonow
- Aufträge.
-
- 4. _Gerstein_: Leiter der militärischen Propaganda, sanktionierte
- den Empfang der Gelder von bürgerlichen Organisationen, betätigte
- sich in der Ukraine, leitete Verhandlungen mit der französischen
- Mission.
-
- 5. _Timofejew_: unterhielt Verbindungen zur französischen Mission,
- entsandte Offiziere in die Wolgaprovinzen, war über die Tätigkeit
- der Terrorgruppen informiert und gab seine Einwilligung zu ihren
- Plänen.
-
- 6. _Wedenjapin_: war der Beauftragte des Z.K. der S.R. in Samara,
- stand in Verbindung mit den Tschechoslowaken, war über die
- terroristische Tätigkeit informiert, unterstützte Mitglieder der
- Terrorgruppen durch Geld.
-
- 7. _Lichatsch_: war bevollmächtigter Leiter der Militärabteilung des
- Z.K., nahm an gemeinsamen Sitzungen konterrevolutionärer Verbände
- teil, erhielt Gelder aus englischen Quellen, war Mitglied der
- „Nordregierung“ in Wologda und Archangelsk.
-
- 8. _Morosow_, 9. _Artemjew_: Konspirative Tätigkeit in Moskau.
- Vorbereiter des Aufstandes in der Wolgagegend.
-
- 10. _Ratner-Elkind_: Erhielt als Kassiererin des Z.K. der S.R. die
- aus Expropriationen stammenden Gelder von Ssemjonow und war über
- ihre Herkunft unterrichtet.
-
- 11. _Ratner_, Gregor: Mitglied der Militärgruppe. War unterrichtet
- über die terroristische Tätigkeit.
-
- 12. _Rakow_: Erhielt von Ssemjonow geraubte Gelder.
-
- 13. _Fedorowitsch_: Konspirative Tätigkeit, stand in Verbindung mit
- Savinkow.
-
- 14. _Gendelmann_: stand in Verbindung mit Ententekommissionen, war
- im Wolgagebiet aktiv, Teilnehmer der Ufakonferenz.
-
-Gegen andere 20 Mitglieder der Partei der S.R. wurde weiter Anklage
-erhoben; als Mitglieder der P.S.R. hatten sie nach den Direktiven des
-Z.K. der S.R. konterrevolutionäre Aktionen vollführt, die auf den Sturz
-der Sowjetmacht hinzielten.
-
- 1. _Agapow_, Wladimir Wladimirowitsch: Mitglied einer Sprengkolonne,
- Verbindungsmann zwischen Donskoi und der Kolonne.
-
- 2. _Altowski_, Arkadi Iwanowitsch: Wegen Teilnahme an militärischen
- Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.
-
- 3. _Utgoff-Deruschinski_: Wegen Teilnahme an militärischen
- Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.
-
- 4. _Liberow_, Alexander Wassiljewitsch: Wegen Teilnahme an
- militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer
- Tätigkeit.
-
- 5. _Slobin_: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und
- allgemeiner konspirativer Tätigkeit.
-
- 6. _Gorkow-Dobroljubow_: Wegen Teilnahme an militärischen
- Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.
-
- 7. _Iwanowa-Iwanowa_: Als Mitglied der Zentralen Kampforganisation,
- nahm an den Vorbereitungen eines Attentates auf Lenin teil,
- beobachtete Wolodarski und Trotzki, traf Vorbereitungen, um einen
- Zug in die Luft zu sprengen, in dem Trotzki fuhr.
-
- 8. _Ssemjonow_, Grigori Iwanowitsch: Organisator einer militärischen
- Spezialorganisation, deren Aufgabe in der Vorbereitung und
- Ausführung terroristischer Akte und Expropriationen bestand. Ihre
- Tätigkeit war vom Z.K. sanktioniert. Diese Organisation vollführte
- den Mord an Wolodarski, plante Attentate gegen Sinowjew und Uritzki,
- bereitete Attentate gegen Lenin und Trotzki vor. Sie bereitete
- ferner Expropriationen vor und führte sie aus.
-
- 9. _Daschewski_: Teilnehmer an Expropriationen und Vorbereitungen
- terroristischer Akte.
-
- 10. _Konoplewa_: Mitglied der Organisation Ssemjonow. Trieb
- Propaganda im Landheer und in der Marine. War an den Vorbereitungen
- von Attentaten beteiligt. Erbot sich, auf Lenin zu schießen und
- verständigte sich mit dem Z.K. Beteiligt an Expropriationen.
-
- 11. _Jefimow_: Mitglied der Terrorgruppe; Komplize der Konoplewa.
- Teilnehmer von Expropriationen.
-
- 12. _Usow_: War als Attentäter Lenins designiert; nahm an den
- Vorbereitungen der Attentate gegen Trotzki und Lenin teil;
- beteiligte sich an Expropriationen. Mitglied einer Sprengkolonne.
-
- 13. _Fjedorow-Koslow_: Am Attentat gegen Wolodarski beteiligt.
- Sollte auf Lenin schießen. Helfershelfer bei Expropriationen.
-
- 14. _Subkow_: Mitglied der Kampforganisation und Terrorgruppe,
- beteiligt an Vorbereitungen von Attentaten gegen Lenin und Trotzki.
- Helfershelfer bei Expropriationen.
-
- 15. _Pelewin_: Nahm an Vorbereitungen von Attentaten teil;
- beteiligte sich an Expropriationen; stand mit einem
- Kriminalverbrecher in Verbindung, dem er einen besonderen Apparat
- zur Schmelzung von Tresoren abkaufte, und der sich an der
- Expropriation im Landhaus an der Eisenbahn Moskau-Saratow
- beteiligte.
-
- 16. _Ljwow_: Mitglied der Kampforganisation; bei Expropriationen
- behilflich.
-
- 17. _Moratschewski_: Organisierte Gruppen, beherbergte den Mörder
- Wolodarskis.
-
- 18. _Stawskaja_: (Fanni Jefremowna) Mitglied der Kampforganisation;
- nahm an Vorbereitungen von terroristischen Akten teil, war im
- Wolgagebiet tätig.
-
- 19. _Berg_: Nahm an Vorbereitungen des bewaffneten Aufstandes teil.
-
- 20. _Ignatiew_: Mitglied des Z.K. der Partei der Volkssozialisten.
- War im „Verband zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution“.
- Unterhielt Verbindung zu bürgerlichen Organisationen, übermittelte
- Gelder, stand in Beziehung zu fremden Militärmissionen.
-
- * * * * *
-
-34 Männer und Frauen standen vor dem Obersten Revolutionstribunal, 34
-Männer und Frauen verkörperten die leidenschaftlichen Anstrengungen, der
-Novemberrevolution den Garaus zu machen, ihre Wurzeln wieder
-auszureißen, vor keinem Mittel zurückzuschrecken, keine Verbindung zu
-scheuen, rastlos zu arbeiten, das durch Kriegswirren an den Rand des
-Abgrunds gebrachte Land nicht zur Ruhe kommen, vielmehr alle Künste
-spielen zu lassen, die eine jahrzehntelange Erfahrung in konspirativer
-Tätigkeit unter dem Zarismus gezüchtet, verfeinert hatte. Es gab kein
-Verbrechen, dessen sie nicht fähig waren, sie kannten keine Skrupel,
-dachten dabei nie an ihre eigene Person, sie setzten sich restlos ein
-und waren Meister ihres Faches geworden, Terror, Expropriationen,
-Sprengungen waren ihnen zur Kunst geworden, der Tod war ihr steter
-Gefährte, wie unsichtbar war bleiches Totengebein ihr ständiger
-Begleiter – es gab in dieser Partei längst eine Psychologie des
-politischen Mörders, es gab Analysen seiner Seelenstimmung; ehedem –
-nach der fünfer Revolution hatte Savinkow in seinen Büchern diese
-Stimmungen geschildert, er hatte das zwiespältige Wesen dieser Menschen
-geschildert, er hatte ihr Grauen, ihre seelische Nacht gemalt, ihre
-Fragen gestellt, ihre Unruhe, ihre Unrast in Worten festgehalten. Sie
-waren alle Romantiker, Abenteurer, längst losgerissen von jeden
-Beziehungen zur bürgerlichen Welt; die revolutionäre konspirative
-Tätigkeit war ihnen zum Selbstzweck geworden; die Konspiration war ihr
-Beruf, die Negation ihre einzige Antwort, die Ratlosigkeit ihr ständiges
-Grundgefühl. Die Sozialrevolutionäre waren die Erben der alten
-Narodniki: jener Männer und Frauen, die Turgenjew zuerst geschildert
-hat, deren Urtyp Bassarow war, den man heute ganz fälschlich immer zum
-Urbild Lenins macht. In der „Neuen Generation“ findet man eine solche
-echte Sozialrevolutionärin: konspirativ, längst verzichtend auf alle
-Geschenke des Lebens und jedes Wohlleben, immer gehetzt und immer im
-Zuge. Die Männer und Frauen, die Alexander II. hinrichteten, waren
-solche Narodniki – sie waren die Vorkämpfer der Revolution in den
-Jahren, als es in Rußland noch kein Industrieproletariat gab. Und es ist
-typisch, daß alle diese Narodniki Intellektuelle waren, dem Bürgertum
-entsprangen und in Fehde mit ihrer Klasse lebten. „Ins Volk gehen“ hieß
-jener Terminus, den man auch bei Turgenjew so oft findet. Ins dumpfe,
-unterdrückte Volk, das noch wie im Halbschlummer lag und wohl wußte, daß
-es ihm nicht gut ging, aber nicht wußte, wie es sich befreien sollte.
-
- [Illustration: Gesamtansicht des Saales im Vereinshaus]
-
-Die Lehre vom „individuellen Terror“ war ein Fundament des Programms der
-S.R. geworden; sie konnte nur mit einer solchen unwiderstehlichen Macht
-in einer Partei um sich greifen, die früher nie mehr als eine Sekte sein
-wollte und sein konnte. Erst aus dem Zusammenschluß zahlreicher „Sekten“
-hat sich 1900 jenes Gebilde der S.R.P. ergeben, die gar keine straffe
-Einheit darstellte, und deren eigentlichstes Rückgrat immer nur
-„Kampforganisationen“ gewesen sind, die mit unerhörter Kühnheit und
-seltenem Raffinement, mit grenzenloser Todesverachtung und fanatischem
-Enthusiasmus beinahe ein volles Jahrzehnt Attentat auf Attentat gegen
-die Vertreter des Zarismus verübten. Und fast alle diese Richter und
-Rächer des Volkes sind in den Tod gegangen. Sie ließen sich festnehmen,
-sie wurden zuweilen gefoltert, sie erlitten die grausamen Methoden einer
-ruchlosen Justiz, sie erlitten Schmähungen, manche erfuhren noch – mit
-dem Strick um den Hals – daß man nicht einmal unter diesem verrotteten
-Regime zu hängen verstand. Kibaltschisch wurde viermal gehängt, Kalajew
-zweimal ...
-
-Ein seltsamer mystischer Zauber hat alle diese Menschen umfangen. Von
-Kalajew, dem Attentäter des Großfürsten Sergius, werden die Worte
-überliefert: „Ich will für meine Sache sterben“ – Worte, die schon ein
-Sektierer, ein Märtyrer im Rausch gesprochen haben könnte. Andere
-schritten unter dem Gesang ihrer Revolutionshymne zum Galgen, bevor sie
-in die ewige Nacht hinüberschwebten. Sie haben ihr eigenstes Ich bis in
-jene Sphären zu steigern vermocht, in denen längst die Stimme der
-Erkenntnis schwieg.
-
-Sie hatten es immer mit dem „Ich“ zu tun. Sie sahen immer nur die
-Persönlichkeit, sie sind in Wahrheit Persönlichkeitsfanatiker gewesen,
-die letzten fernen Nachgeborenen der Renaissance.
-
-Personen waren ihre Feinde. Personen sahen sie auf Rußlands Thron, in
-Rußlands Ämtern, auf Personen warfen sie die Bomben, Personen lauerten
-sie wochen-, oft monatelang auf – ach Wilhelm Tell – dieser Urtyp eines
-Sozialrevolutionärs, hatte es leicht hinter seinem Holunderstrauch.
-
-Man kann hier schon fast von einer Systematik des politischen Mordes
-sprechen. Savinkow hat eine ganze Schule ausgebildet. Junge Menschen
-liefen zu Tschernow wie zu einem Heiligen, um sich von ihm theoretisch
-über die Berechtigung des individuellen Terrors unterweisen zu lassen.
-
-Und so fruchtlos im Grunde alle diese Attentate gewesen sind, auf die
-große Masse hat diese Sekte von Frauen und Männern, die mit dem Tode
-vertrauter schienen als gewöhnlich, eine faszinierende Wirkung ausgeübt.
-Ein dunkel strahlender Schimmer von Romantik umgab diese Helden; er war
-stärker als das Dämmerlicht der engen Gelehrtenstube Lenins.
-
-Aber die Geschichte hat es weniger mit Personen als mit Verhältnissen zu
-tun. Und auch der Tod ist nur eine individuelle Angelegenheit. Der
-vornehmste Unterschied zwischen den S.R. und den Bolschewiki ruht gerade
-in dieser verschiedenen Auffassung von Personen und Verhältnissen.
-
-Als der Zar und die ganze alte Autokratie im Frühjahr 1917 gestürzt
-wurde, war es natürlich, daß die Bauern und auch zahlreiche Arbeiter in
-ungeheuren Scharen zur S.R. übergingen. Die S.R. wurden zur eigenen
-Überraschung eine Massenpartei, ihnen vertraute die unterdrückte
-Bauernschaft, für die nicht nur erst der Krieg grausame Folgen gehabt
-hatte – sie wollten ihr Land haben, sie wollten der Lasten ledig sein,
-mit denen sie der Grundbesitz beschwert hatte, sie wollten vor allem das
-Ende des aussichtslosen Krieges, der ihnen ihre Söhne raubte. Die
-„Provisorische Regierung“ Kerenskis setzte sich aus Vertretern der
-Großindustrie, des Großgrundbesitzes und der Kleinbürger zusammen. Sie
-war fest entschlossen, den Krieg an der Seite der Entente
-weiterzuführen, sie unterstrich jetzt den Charakter des
-Befreiungskrieges gegen den deutschen Imperialismus, aber sie gab
-bereits viele Forderungen des Zarismus preis: die Kuppel der Hagia
-Sophia entschwand in unsichtbare Fernen. Die Entente aber hat einen
-eisernen Druck auf die „Provisorische Regierung“ ausgeübt, weil sie die
-russische Hilfe gegen die Mittelmächte nicht zu entbehren glaubte, weil
-ihr das Geld leid tat, das sie für die Ausrüstung des russischen Heeres
-hergegeben hatte. Man brauchte Rußland. Und trieb es bis an den
-äußersten Abgrund. Die fremden Botschafter und Militärmissionen ließen
-alle ihre Künste spielen, die II. Internationale entsandte ihre
-Vertreter, um Kerenski an der Stange zu halten. Dabei mußte der
-russische Generalstabschef Gurko erklären, im Laufe des Jahres 1917
-bedürfe das russische Heer unbedingt der Ruhe. Den fremden Botschaftern
-blieb die Lage weder in den Städten noch auf dem Lande verborgen. Die
-Bewegung gegen den Krieg wurde immer stärker. Die Julioffensive an der
-deutschen Front brach nach Teilerfolgen zusammen, noch wurde ein
-Aufstandsversuch der Bolschewiki mühsam abgewehrt, inzwischen wechselten
-die Minister; die Front geriet in Zersetzung, die Deutschen machten
-erfolgreiche Vorstöße, die Offensive der Alliierten im Westen kam trotz
-ungeheurer Opfer nicht vom Fleck. In den Städten wuchs die Not. Die
-Bauern sahen bald, daß der Sturz des Zarismus an ihrer Lage nichts
-geändert hatte; die S.R. Minister gaben eitle Versprechungen und waren
-völlig ohnmächtig, setzten nichts in ihren Ressorts durch; überall
-herrschte Sabotage und offene Brüskierung. Tschernow ging. Und Kerenski
-redete.
-
-Eine Weile schien sogar eine Militärdiktatur zu drohen, der General
-Kornilow marschierte gegen Petrograd, um „Ordnung“ zu schaffen –
-Kerenski schien mit ihm zu verhandeln, ja sogar mit ihm im Einvernehmen
-zu stehen – die Arbeiter von Petrograd haben Kornilow davongejagt. Und
-dann brach plötzlich das ganze Gebäude kläglich zusammen, als die Partei
-der Bolschewiki geschlossen und entschlossen vorstieß, den alten
-Staatsapparat völlig zertrümmerte, den Bauern das Land gab, der Armee
-den Frieden, den Arbeitern die ökonomische Freiheit und die Herrschaft.
-
-Die Bolschewiki schufen die Einheit Rußlands. Arbeiter, Soldaten, Bauern
-– die werktätigen Schichten wurden zusammengeschlossen. Die Bolschewiki
-vermochten ihren sämtlichen Forderungen zu genügen.
-
-Gegen sie standen die Fremden – die Fremden aller Art: die Klasse der
-Großindustriellen und Großgrundbesitzer, die ohne Privilegien nicht mehr
-zu leben vermochten, die fremden Botschafter und Militärmissionen, die
-Parteiführer, die seit dem März 1917 Rußland regiert und Rußland nicht
-verstanden hatten; nun war ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen,
-sie verloren nicht nur alle materiellen Grundlagen, sie verloren vor
-allem auch die Bindung mit der Gesamtheit der Nation, sie waren nicht
-mehr Rußland. Sie waren Außenseiter einer Gesellschaft geworden, die
-nach neuen ökonomischen Gesetzen ihr Dasein zu formen bestrebt war.
-
-Mitten in das Chaos des Krieges verkündeten die Bolschewiki _ihre_
-Kriegslosung gegen das Kapital. Sie verließen die Schützengräben der
-Nation und warfen die Schützengräben zwischen den Klassen auf. Die S.R.
-aber zögerten nicht einen Augenblick und harrten in den Schützengräben
-der Nation aus, obschon einer der ihren – Tschernow – Teilnehmer der
-Zimmerwalder Konferenz gewesen war.
-
- * * * * *
-
-In den Verhandlungen gaben die Angeklagten zu, den Kampf mit allen
-Mitteln gegen die Bolschewiki geführt zu haben, und unumwunden rief
-Timofejew aus: „Wir werden nie aufhören, euch zu bekämpfen, wir stehen
-zu unseren Taten.“
-
-So erweiterte sich das Tribunal über den Gerichtshof hinaus, so
-vollendete sich in diesem Saale das Schicksal der russischen Revolution.
-Der Prozeß war der dramatisch bewegte Schlußakt des Bürgerkrieges in
-Rußland. Über zwei Monate zogen sich die Redeschlachten hin, die
-Angeklagten genossen vollste Redefreiheit, manche ergingen sich in
-stundenlangen Ausführungen, nie wurde einem Redner das Wort entzogen,
-zuweilen kam es zu Beifallsäußerungen im Saale, die der Vorsitzende
-ruhig aber bestimmt rügte. Die gewandtesten Sprecher Rußlands lieferten
-sich Gefechte. Nie wurden Ankläger oder Vorsitzende im Ton kleinlich und
-gehässig; nirgends hat man in einem bürgerlichen Staate erlebt, daß
-Angeklagte so menschlich, so unpersönlich behandelt wurden. Die S.R.
-haben diesen Prozeß selbst verlangt, sie fürchteten sich nicht vor dem
-Ende an der Mauer; als die ausländischen Verteidiger ihnen im Gefängnis
-eröffneten, daß man Garantien besitze, die Todesstrafe würde nicht
-verhängt werden, lächelten sie – darauf komme es nicht an, viel mehr
-liege ihnen daran, sprechen zu dürfen. Da ihre Partei zerschlagen, ihre
-Presse verboten war, bot sich jetzt die einzige Möglichkeit, noch einmal
-für die alten demokratischen Ideen, für das Ideal der Volksgemeinschaft
-zu werben – in aller Öffentlichkeit.
-
-Die Bolschewiki haben diesen Prozeß in aller Öffentlichkeit geführt vor
-dem Angesicht Europas, um die S.R. in ihrer Stellung zur arbeitenden
-Klasse zu entlarven. Sie luden den greisen Anatole France nach Moskau
-ein, sie brauchten seine Skepsis nicht zu scheuen. Anatole France ist
-nicht gekommen.
-
-Damals begannen die Wellen der Revolution zu verebben, der Faszismus
-blühte in Deutschland, die Möglichkeit der Weltrevolution rückte in die
-Ferne, die Wirtschaftspolitik Rußlands mußte jene neue Richtung
-erfahren, die unter dem Namen NEP bekannt geworden ist. Der Staat war
-bemüht, unter allen Umständen den Wirtschaftsapparat fest in der Hand zu
-behalten, der Privatwirtschaft und dem Auslandskapital nur die
-notwendigsten Zugeständnisse zu machen. So kam es darauf an, diesen
-Unterschied zwischen dem Staatssozialismus der Bolschewiki und dem
-Wirtschaftsanarchismus der S.R. zu unterstreichen. Und jede Anklage
-gegen die S.R. bedeutete zugleich eine Verteidigung des eigenen Systems.
-Hatten die S.R. mit ihren Methoden die Arbeiter und Bauern zugunsten der
-Besitzenden preisgegeben, so versuchten die Bolschewiki alle
-Konzessionen nur im Interesse der Arbeiter und Bauern zu machen.
-Zentralisation hier, und Dezentralisation dort. Den Arbeitern der Welt
-sollte gezeigt werden, wie sich die S.R. so völlig im Gegensatz zu den
-Bolschewiki den imperialistischen Mächten angeboten hatten. Die
-unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat sollten
-aufgezeigt werden, und überall bemühte man sich, den Charakter der S.R.
-zu enthüllen, die einen Volksstaat, aber keinen proletarischen Staat zu
-errichten gedachten. Der Prozeß war eine in der Weltgeschichte unerhörte
-Demonstration aggressiven Charakters gegen die Parteien der Erde, die
-versuchten, Gegensätze zu überbrücken, statt zu verschärfen. Der Beweis
-sollte erbracht werden, daß die S.R. Außenseiter der neuen
-Gesellschaftsordnung waren. Und so läßt sich bei der Eröffnung
-internationaler Perspektiven das Erscheinen deutscher und belgischer
-Advokaten vor dem Tribunal erklären: Vandervelde, Liebknecht, Wauters,
-Rosenfeld. Man empfing sie höhnisch beim Betreten des sowjetrussischen
-Gebietes, Moskauer Arbeiter pfiffen sie bei ihrer Ankunft aus, und im
-großen Demonstrationszug sah man die Karikaturen dieser Männer, die als
-Politiker aus einer verlorenen Sache eine Sache der Märtyrer zu machen
-gedachten und davonliefen, als man ihnen nicht zugestehen wollte, daß
-ihre Stenogramme offiziellen Charakter trügen. Vandervelde offenbarte
-sein völliges Mißverständnis für die proletarische Struktur des
-russischen Staates, als er die belgische Justiz rühmte – höhnisch rief
-man ihm, dem „Proletarierführer“, zu: Minister Seiner Majestät. War er
-nicht noch im Kriege sogar als Beauftragter dieses Königs erschienen, um
-dem Zaren seine Reverenz zu machen und auf russische Arbeiterführer im
-Sinne des „Durchhaltens“ einzuwirken? Der Name „Liebknecht“ hatte unter
-den russischen Arbeitern besonderen Klang, in jeder Stadt geht man heute
-durch eine „Karl-Liebknecht-Straße“ – nun erschien der Bruder des
-ermordeten Karl, um Männer zu verteidigen, die angeklagt waren, auf
-Lenin, Trotzki, Sinowjew Attentate geplant, Wolodarski ermordet zu
-haben! Die Masse des russischen Proletariats war in ihrem tiefsten
-Innern aufgewühlt – sie fühlte sich selbst zum Richter über Männer
-berufen, die ihre eigensten Interessen gefährdet hatten. So waren
-Angeklagten- und Verteidigerbänke nicht mehr zu trennen, Verteidiger
-wurden zu Angeklagten. Sie konnten nicht anders entrinnen als durch
-Einsprüche gegen formale Verletzungen, endlich durch die Flucht.
-
- * * * * *
-
-Die erste Gruppe der Angeklagten hat in diesen Monaten kein eigentliches
-Geständnis gemacht; ihre Taktik lief stets darauf hinaus, durch den
-Angriff die Anklagen zu parieren, dabei verwickelten sie sich ständig in
-Widersprüche; ihre Lage war um so gefährdeter, da die Werkzeuge der
-Methoden ihrer Politik sich gegen sie wandten. Sie gaben zu, den
-Junkeraufstand organisiert und Truppen in Marsch von Gatschina gegen
-Petrograd gesetzt zu haben, sie konnten nicht leugnen, mit den
-Militärmissionen in Verbindung gestanden zu haben, sie vermochten
-natürlich nicht ihre Teilnahme an der Konstituante von Samara zu
-bestreiten. Ihre ganze Haltung gegen die Sowjets versuchten sie ja
-gerade durch ihr Festhalten an der Konstituante, an den
-parlamentarischen Regierungsformen zu erklären; damit wurde das ganze
-Problem „Demokratie“ und „Diktatur“ aufgeworfen; alle ihre Schritte
-begründeten sie mit diesem Kampf für die Konstituante, jenes Parlament,
-das nur einen einzigen Tag zusammentreten durfte, in dem die S.R. die
-Mehrheit hatten, deren Präsident Tschernow gewesen war. Die Wahlen zur
-Konstituante waren monatelang verzögert worden; die „Provisorische
-Regierung“ ist eigentlich nur eine Art Direktorium gewesen; niemand
-wünschte den Zusammentritt des Parlamentes, das die Schwierigkeiten nur
-noch erhöhen konnte. Erst als die Sowjets die Macht an sich gerissen
-hatten, versuchten die S.R. _ihre_ Konstituante auszuspielen, zu ihrem
-Schutz bewaffnete Demonstrationen zu veranstalten. Aber Zeugen,
-Mitglieder der S.R., bekundeten, daß sich niemand fand, der für die
-Konstituante sein Leben eingesetzt hatte, die militärischen
-Organisationen versagten völlig – und in der späten Abendstunde des 5.
-Januar 1918 genügte die Aufforderung eines einzigen Mannes, eines
-Matrosen: die Konstituante wurde aufgelöst – „Alle Macht den Räten“ –
-den unmittelbar aus den Betrieben hervorgegangenen Deputierten.
-
-Der II. Rätekongreß hatte bereits drei Tage nach der Machtergreifung
-durch die bolschewistische Partei die neue Regierung bestätigt; man war
-sich des rein proletarischen Charakters dieser Regierung bewußt, vor
-allem aber ihrer radikalen Einstellung gegen die Bourgeoisie in allen
-ihren Schattierungen. Die S.R.P. befand sich in völliger Auflösung und
-Verwirrung; ihre Führer versuchten sich sofort einiger Regimenter zu
-versichern; aber Gotz wurde ausgelacht, Tschernow hatte den Kopf
-verloren, Kerenski zog sich um und verschwand bei Nacht und Nebel. In
-dieser verzweifelten Lage knüpfte Gotz sofort Verbindungen mit
-bürgerlichen Organisationen an, aber vergebens brachte man bewaffnete
-Organisationen zusammen, – es existierten nur noch Stäbe ohne Soldaten.
-In Petrograd schlugen sich die Junker tapfer zwei Tage lang – Gotz
-leugnet nicht, als Mitglied eines Militärstabes gemeinsam mit
-bürgerlichen Elementen diese Revolte der jungen Bourgeoisie organisiert
-zu haben. Er muß zugeben, daß auf der Seite der Junker keine Arbeiter
-gekämpft haben; für das Tribunal war diese Gemeinschaft der Führer der
-S.R. mit Vertretern der Bourgeoisie von entscheidender Bedeutung. Und
-mit derselben Genugtuung wurde festgestellt, daß sich an den Umzügen für
-die Konstituante in der Mehrheit Damen und Herren, aber fast keine
-Arbeiter beteiligt hatten.
-
-Damals saßen noch in Rußland die Botschafter und Militärmissionen der
-Entente, denen über Nacht die Aufgabe erwuchs, die Interessen jener
-Kapitalisten wahrzunehmen, die große Kapitalien in der russischen
-Industrie angelegt hatten. Der Sturz der Kerenskiregierung hatte die
-Entente eines Bundesgenossen beraubt, der zwar nicht mehr imstande
-schien, der deutschen Front einen entscheidenden Schlag zu versetzen,
-aber mindestens zahlreiche Kräfte zu fesseln vermochte, die eine
-Offensive der Deutschen im Westen unmöglich machten. Die Botschafter
-hatten bereits längst den Zusammenbruch Rußlands vorausgesehen; die
-Entente war ferner unzweifelhaft nicht imstande, Rußland mit
-Kriegsmaterial so ausreichend zu versorgen, um weiter als ernstlicher
-Gegner Deutschlands in Betracht zu kommen. Es mußte der Entente nach dem
-Zusammenbruch der russischen Front vor allem daran gelegen sein, vor der
-sozialen Revolution zu retten, was nur irgend möglich war. Paléologue
-hat bereits seit dem Kriegsausbruch argwöhnisch die Arbeiterbewegung
-beobachtet und verzweifelt die Mißerfolge der Kerenskiregierung
-verfolgt. Ungeheure Kapitalien waren in der russischen Industrie
-fundiert. Die Nationalisierung der Betriebe war vor allem ein Schlag
-gegen das ausländische Kapital. Notwendig mußte sich bei solcher Lage
-ein enges Bündnis zwischen allen besitzenden Schichten und den
-Ententevertretern ergeben. Und die Demokratie, die das Eigentum
-unbedingt anerkannte und die Freiheit des Individuums postulierte, mußte
-die Staatsform sein, zu der sich diese Koalition bekannte. In den S.R.
-sah man dank ihres moralischen Einflusses auf breite Massen die
-geeigneten Männer, einer solchen Politik Dienste zu leisten.
-
- * * * * *
-
-Am achten Verhandlungstage erschien vor dem Obersten Tribunal ein
-merkwürdiger, schwarzgekleideter Mann mit hagerem, hartem
-Gesichtsausdruck, dunklen, unbeweglichen, unerbittlichen Augen; seine
-Sprache verriet französischen Akzent, seine Aussagen erfolgten mit
-großer Bestimmtheit und Energie. Der Mann erinnerte eher an einen
-strengen Asketen einer mittelalterlichen Sekte, er hatte etwas
-Mönchisches in seiner kalten Unnahbarkeit und Geschlossenheit.
-
-Es war der ehemalige Offizier der französischen Republik – Pierre
-Pascal, der vor dem Tribunal die Beziehungen zwischen den
-Ententevertretern und der sozialrevolutionären Partei schilderte.
-
-Pascal war an der Westfront verwundet worden, da er nicht mehr
-felddiensttauglich war, wurde er der französischen Militärmission in
-Rußland überwiesen. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution sympathisierte
-Pascal mit den Bolschewiki; als die Militärmission Rußland verlassen
-mußte, blieb Pascal zurück und arbeitete für die russische
-kommunistische Partei. Er war ein Kamerad jenes Hauptmanns Sadoul, der
-im Frühjahr 1925 vom Kriegsgericht zu Orleans wegen Hochverrat
-freigesprochen wurde.
-
-In seinen Aussagen erklärte Pascal:
-
-„Als Angestellter der französischen Mission hatte ich verschiedene
-Arbeiten zu verrichten. Eine Zeit lang wurde ich mit der Dechiffrierung
-und mit der Redaktion der für die Kommandanten der Mission, die Generäle
-Lavergne und Niessel bestimmten Berichte betraut. _Die französische
-militärische Mission unterhielt ständig enge Verbindung mit den S.R._
-Das Ziel der Tätigkeit der französischen Mission in der Periode vom
-Oktoberumsturz bis zum Brest-Litowsker Frieden war, Rußland zu _zerlegen
-und zu schwächen_.
-
-Zum Zwecke der politischen Schwächung teilten die Verbündeten Rußland in
-Einflußsphären. Frankreich wurde der Süden zugeteilt, die Krim und ein
-Teil des Kaukasus inbegriffen. Der andere Teil des Kaukasus kam in die
-englische Einflußsphäre. Repräsentant des Einflusses in der südlichen,
-Frankreich zugeteilten Sphäre war General Berthelot, der sich damals in
-Rumänien befand. Zum Zwecke der wirtschaftlichen Schwächung Rußlands hat
-Frankreich damals die Streiks unterstützt, besonders den Streik der
-Staatsangestellten und Beamten. Außerordentliche Aufmerksamkeit hat es
-dem Streik im Kommissariat für die Volksernährung gewidmet. „_Dieser
-Streik_,“ erklärte der Chef der Mission, „_wird eine große Bedeutung_
-haben.“ Die Streikenden vernichteten alle Vorräte. Moskau blieb ohne
-Zufuhr von Nahrungsmitteln. Das Geld für die Streikenden gaben die
-Banken, besonders die _Russisch-Asiatische Bank_, die ganz unter dem
-Einfluß der französischen Mission stand.
-
-Die politische Arbeit der französischen Mission leitete der französische
-Gesandte Noulens. Er hielt sich damals in Wologda auf, wo er den _Stab
-der Konterrevolution_ schuf. Dort wurde ein genauer Plan einer
-bewaffneten Eroberung von Sowjetrußland ausgearbeitet. Es wurde
-beschlossen, die Basis für den späteren Aufmarsch der Konterrevolution
-an verschiedenen Punkten der Peripherie Sowjetrußlands zu schaffen.
-Tschechoslowakische, elsässische, serbische, polnische Legionen wurden
-organisiert. Im Interesse der konterrevolutionären Arbeit wurden in die
-größeren Städte Rußlands legale französische Konsuln geschickt. Die
-Aufstände der Tschechoslowaken und in Jaroslaw wurden unter der aktiven
-und unmittelbaren Teilnahme der französischen militärischen Mission und
-des gewesenen französischen Gesandten Noulens entfacht.
-
-Nach dem Aufstand der Tschechoslowaken entfaltete die französische
-Mission eine noch lebhaftere Tätigkeit. Es wurde ein Plan ausgearbeitet,
-Moskau in einem engen Kreise zu umzingeln. Man beschloß, Jaroslaw,
-Nishnij-Nowgorod, Tambow und andere im Kreise um Moskau liegende Städte
-zu besetzen. Ziel dieser Umzingelung war, Moskau und Zentralrußland zu
-isolieren, die Zufuhr der Nahrungsmittel zu verhindern und in der
-Hauptstadt Hungersnot hervorzurufen. Aus diesem Grunde wurden die
-Aufstände in Jaroslaw, Tambow und anderen Städten angezettelt.
-
-Als die Aktion der Tschechoslowaken und der Aufstand in den Provinzen
-nicht zum Erfolg führten, ging die französische Mission zu einer anderen
-Art von Tätigkeit über. Ich _selbst habe ein chiffriertes Telegramm
-gelesen, in dem über Terror gesprochen wurde. Ich kann bestimmt sagen,
-die französische Mission hat sich mit Aufforderungen zum Terror befaßt.
-Sie hat darauf spekuliert, der Terror werde blutige Repressalien_ der
-Sowjetregierung hervorrufen. Die _Repressalien_ würden die Empörung
-_wecken und so die Zahl_ der Gegner der Sowjetregierung vermehren. Als
-ich am _zweiten_ Tag nach dem _Attentat auf Lenin_ in die Mission kam,
-hat mich der Chef der Mission, Lavergne, mit der Frage empfangen: „Haben
-Sie gelesen, was sie über uns schreiben? Als ob wir an dem Attentat an
-Lenin beteiligt wären ...“ Als ich schwieg, sagte General Lavergne: „Ich
-weiß nicht, wie weit Lockart (der ehemalige englische Gesandte in
-Moskau) beteiligt ist; _ich_ bin nicht beteiligt.“ Dies sagte er so, daß
-ich den Eindruck hatte, _General Lavergne müsse_ an dem _Attentat_
-beteiligt sein.“
-
-Auf die Frage des Verteidigers Murawjew, welche politischen Ziele die
-französische Mission verfolgt habe, ob sie die Sowjets stürzen wollte
-oder für den Kampf mit Deutschland zu gewinnen suchte, antwortete
-Pascal: „Meiner Ansicht nach war das letzte, eigentliche Ziel der
-französischen Regierung, die Regierung der Sowjets zu stürzen.“
-
-„Was waren die Pläne der französischen Mission?“ fragte Krylenko den
-Zeugen.
-
-„Die Sowjetmacht zu stürzen. Zuerst scheinbar eine Koalitionsregierung
-zu bilden, dann aber sich von den sozialistischen Elementen zu befreien,
-und eine Kadettenregierung zu bilden.“
-
-„Wie war das Verhältnis der französischen Mission zu den russischen
-Arbeitermassen?“ ... „Das verächtlichste!“ erwiderte Pascal.
-
-„Glauben Sie, daß die französische Mission eine Partei unterstützt
-hätte, die den Sturz der Sowjetmacht nicht anstrebte?“
-
-„Noulens hätte es nicht getan,“ erwiderte Pascal kurz und mit Nachdruck.
-
-„Wie war das persönliche Verhältnis Noulens’ zu den Russen?“ „Ich wies
-darauf schon hin, daß alle, angefangen vom Chef der Mission, bis zum
-letzten französischen Offizier, von den Russen mit der größten
-Verachtung sprachen ...“ – Eines Tages kehrte Pascal im Zuge mit Noulens
-nach Moskau zurück. Der Zufall wollte es, daß er mit einem russischen
-Soldaten in einem Wagen übernachten mußte. Als Noulens davon Kenntnis
-erhielt, sprach er seine Mißbilligung darüber aus, daß Pascal mit einem
-Bolschewiken zusammen war. Pascal bemerkte, es wäre kein „Bolschewik“,
-sondern ein gewöhnlicher russischer Soldat. Darauf erwiderte Noulens:
-„Ganz egal, ich will nicht, daß ein Russe in meinem Zuge übernachtet.“
-
-Der Verteidiger Schubin interessiert sich für die Frage: Wie hätte sich
-die französische Regierung zu einem Kriege der Sowjetmacht gegen
-Deutschland verhalten.
-
-Pascal erwidert:
-
-„Der Haß der französischen Regierung gegen die Bolschewiki war so groß,
-daß sie kaum die ruhige Existenz dieser Macht zugelassen haben würde.“
-
-„Wurde die östliche Front letzten Endes doch geschaffen?“ fragten den
-Zeugen die Verteidiger der zweiten Gruppe der Angeklagten.
-
-„Ja, es wurde eine antisowjetistische, aber nicht eine antideutsche
-Front gebildet,“ erwidert Pascal.
-
-Krylenko kommt auf die Frage der Subventionen der verschiedenen
-antisowjetistischen Organisationen durch die französische Mission zu
-sprechen.
-
-Pascal erklärte, daß alle diese Organisationen der Sowjetmacht feindlich
-gesinnt waren und aus französischen Staatsmitteln unterstützt wurden.
-Der Sekretär Petit habe Pascal selbst mitgeteilt, welche Gruppen von den
-Franzosen Gelder empfingen.
-
-Der Verteidiger Tager ersucht Pascal, auszusagen, welche terroristischen
-Akte die S.R. mit moralischer Billigung der Entente zur Ausführung
-gebracht hätten. Pascal weist auf die Verwundung Lenins, den Mord
-Wolodarskis hin.
-
-Die Aussagen Pascals machten einen sehr starken Eindruck, der noch durch
-Aussagen anderer Franzosen verstärkt wurde.
-
-_Frossard_, der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde
-drei Stunden lang über die Beziehungen der französischen Regierung zu
-sowjetfeindlichen Organisationen vernommen. Seine Aussage ergab: Die
-Politik der französischen Regierung baute sich von 1917 bis 1922 auf
-ununterbrochenen Interventionen auf. Die französische Regierung dachte
-nicht daran, die Macht in Rußland einer _sozialistischen Regierung zu
-übergeben, denn sie betrachtete als feste Regierungsform für Rußland die
-konstitutionelle Monarchie und unterstützte alle auf einen Sturz der
-Bolschewisten zielenden Versuche, gleichviel, von wem sie ausgingen_.
-Die Ententebotschafter hätten alle Mittel aufgeboten, den
-konterrevolutionären Versuchen im Innern des Landes Vorschub geleistet
-und Anschläge gegen einzelne Vertreter der Sowjetmacht angestiftet.
-Diese Aktionen haben der französischen Republik monatlich 50 Millionen
-Francs gekostet; die Gesamtkosten aller Interventionen kamen dem
-französischen Volke auf etwa 1 Milliarde Francs zu stehen.
-
-Der Angeklagte _Timofejew_ bemüht sich, den Beweis zu führen, die S.R.
-wären Gegner jeder Intervention gewesen. Aber kann er bestreiten, daß
-die Tschechoslowaken von französischen und englischen Offizieren geführt
-wurden und als Elitetruppe der Regierung von Samara galten? daß die S.R.
-im Wolgagebiet gemeinsam mit diesen Truppen gekämpft haben? Kann er
-bestreiten, daß er selbst Verhandlungen mit der Entente geführt hat?
-Krylenko legt ihm Dokumente vor, aus denen das engste Einvernehmen der
-S.R. mit den Ententetruppen im Murmangebiet erhellt, die Entente hat
-dort sogar ohne jeden russischen Einfluß völlig selbständig operiert; es
-gab ein alliiertes Oberkommando, von dem die S.R. Vertreter Befehle
-empfingen! Timofjejew versucht noch einmal einzuwenden, es habe sich nur
-um die Wiederaufrichtung der Front gegen das imperialistische
-Deutschland gehandelt – noch einmal greift Pascal ein und wiederholt
-seine Aussagen über die Einstellung der Entente zur Sowjetregierung – es
-kam in erster Linie darauf an, die Diktatur des Proletariats zu stürzen
-und der kapitalistischen Ordnung zur Macht zu verhelfen. Das war der
-ganze Sinn des Kampfes gegen die Sowjets.
-
-Einige Tage später eröffnete _René Marchand_ dieselben Perspektiven; er
-kann konkrete Angaben über die direkten Beziehungen der Ententemissionen
-zu den S.R. machen. _In seiner Gegenwart erhielt das Mitglied der
-Mission, Ehrlich, 50000 Rubel für die S.R. von der Mission. Über andere
-Anweisungen der Mission habe er noch vom Kassierer der Mission erfahren.
-Nach Abfahrt der französischen Mission wurden die Gelder für
-Unterstützung der S.R. dem dänischen Konsulat übergeben, mit dem der
-S.R. Elias Minor in Verbindung gestanden habe._
-
-Der ehemalige Kriegsminister _Werchowski_ bestätigt die Gelderhergabe
-der Entente an weißgardistische Organisationen, der Name eines Generals
-_Suwarow_ taucht auf, der von der französischen Mission Gelder empfing
-und an Organisationen weiterleitete. Dieser Suwarow war Mitglied eines
-Militärstabes, dem Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien
-angehörten; aber auch der S.R. _Gotz_ war Mitglied des Stabes; er
-bestreitet es nicht.
-
-Die Aussagen dieser Zeugen haben im Frühjahr 1925 in Orleans eine
-Bestätigung durch den _Major Laurent_ erfahren, dessen Name bereits im
-Moskauer Prozeß aufgetaucht war: René Marchand hatte ausgesagt, daß
-dieser Laurent mit den S.R. verhandelt hätte, um militärische
-Organisationen vorzubereiten, man hatte besonders lange darüber beraten,
-wie man S.R. in die Rote Armee als Kommandeure einschmuggelte.
-
-Laurent ist in Orleans persönlich erschienen und erklärte unter seinem
-Eid vor dem bürgerlichen Gericht, daß man terroristische Akte gegen die
-Führer der Sowjets nicht nur moralisch gebilligt, sondern selbst solche
-Attentate gegen Trotzki und andere Führer der Sowjetrepublik geplant
-hätte ...
-
-Man hat immer versucht, die Beziehungen der S.R. zur Entente zu
-verschleiern, Semjonow, der vor Gericht keineswegs im Mittelpunkt stand,
-wurde als einziger Zeuge dargestellt; da er den S.R. den Rücken gewandt
-und ihre Machenschaften preisgegeben hatte, war es ein leichtes, ihn als
-Provokateur hinzustellen. Aber dabei verschwieg man, daß dieser Semjonow
-immer eine große Rolle in den Kampforganisationen gespielt hatte und auf
-dem Parteitag der S.R. zum führenden Mitglied des Stabes der
-Kampforganisation der S.R. ernannt worden war; er hatte nie eine geringe
-Rolle gespielt; ihm war die gesamte terroristische Tätigkeit in den
-Reihen der Sowjettruppen anvertraut, als die Samararegierung auf allen
-Fronten gegen Moskau vorrückte. Semjonow hatte sein Leben in die Schanze
-geschlagen. Vor Gericht erblickte man einen mittelgroßen, etwas
-schmächtigen Mann von einigen 30 Jahren, er erinnerte eher an einen
-Menschen, der aus einem Bureau kam, als an einen Terroristen; hellblond,
-bleich, immer etwas übernächtigt, offenbar schwer in innere Kämpfe
-verstrickt, äußerst nervös, nur während seiner Aussagen stets
-gleichmütig, ganz ohne jede Pose – war er in diesen Verhandlungen am
-meisten exponiert – er – als Renegat – war leicht anzugreifen, dabei
-trafen seine eigenen Angriffe immer die wundesten Stellen. Wenn
-Schwierigkeiten entstanden, so infolge der Zwiespältigkeit und Halbheit
-der S.R. überhaupt; ihr Schwanken und Schillern, ihre Halbheit und
-Unschlüssigkeit erschwerte die einfache, klare Feststellung der
-Vorgänge. Die S.R. Partei war nie ein festes Gefüge – sie war es erst
-recht nicht im Bürgerkriege, in der Zeit der Illegalität. Es konnte sehr
-leicht möglich sein, daß die Mitglieder der Zentralkomitees durchaus
-nicht derselben Meinung waren, und daß jener billigte, was dieser
-verwarf. Es gab eine Instanz, die für alles Geschehen verantwortlich
-war: eben das Zentralkomitee – aber es gab im Grunde keine Personen, die
-verantwortlich sein wollten – es gab Meinungen von Personen. Und jemand
-konnte schon individuell seinem Standpunkt Ausdruck gegeben haben – war
-es für die Partei als Ganzes unbequem, so leugnete man später ab. Es gab
-keine Führung, kein Programm, niemand gab Direktiven, weil alle sich
-berufen fühlten. Semjonow, ein altes Mitglied der Partei, holte sich für
-alle seine Unternehmungen die Genehmigung des Z.K. Da er rührig,
-umsichtig und verwegen war, schien er wertvoll – man ließ ihn deshalb
-gewähren, gab ausweichende Antworten, wollte bestimmte Akte geschehen
-lassen und zauderte wieder, sie zu genehmigen. Eine Weile ließ sich das
-Spiel der halben Zusage, des Nein-Ja-Sagens schon an; aber als sehr
-ernste Taten geschehen waren, und die Mitglieder der Partei verlangten,
-die Partei solle zu diesen Taten stehen, wich das Z.K. scheu zurück; der
-Mord auf Wolodarski hätte eine Steigerung verlangt – wenn nicht gerade
-den offenen Aufstand – so doch die offene Erklärung gegen die
-proletarische Regierung – aber da nun die S.R.P. eine Arbeiterpartei
-sein wollte, bedeutete solche Erklärung eine Kampfansage ans Proletariat
-– Lenin war längst ein den Arbeitern teurer Name, welche Partei, die
-auch nur mit der Arbeiterschaft sympathisierte, hätte ein solches
-Attentat gutheißen können! Also wich man aus und gab die Täter, die ihr
-Leben eingesetzt hatten, preis. Wundert man sich, daß die Täter endlich
-das Lager verließen, in dem man ihnen nie den Rücken deckte? Mußten sie
-nicht allmählich gewiß sein, daß diese Partei gar nicht wußte, was sie
-wollte, wohin ihr Weg führte. Semjonow schreckte zurück, von
-bürgerlichen Organisationen Gelder zu empfangen – Donskoi, Mitglied des
-Z.K., erklärte höhnisch: „Non olet.“ Eine Weile schien es noch, als
-könnten die S.R. eine selbständige Politik treiben; dann aber ballte
-sich eine mächtige Front zusammen, die Bürger vor allem erwachten aus
-ihrer Betäubung, die Entente bot alle Kräfte auf, ließ alle Minen
-springen – die weißen Generale drängten von allen Seiten ins Land, die
-S.R. wurden in die zweite Linie gestoßen, den Bürgern, den Generalen,
-den fremden Missionen war offenbar, daß die Parolen der S.R. nirgends
-mehr verfingen; der Kampf ließ sich nur noch mit brutalsten Mitteln
-führen, das Gerede von der Demokratie sollte ein Ende haben,
-rücksichtslos schob man alle Kulissen beiseite: auf offener Bühne
-erschien der weiße Schrecken; die S.R. verhandelten mit dem
-französischen Botschafter Noulens über die Zusammensetzung einer neuen
-Regierung im Falle des Sieges der Samarafront. Die S.R. designierten
-Tschernow: „Genug von sozialistischen Experimenten. Ich will nichts von
-Tschernow wissen,“ erklärte Noulens barsch, damals einer der wahren
-Herrn des weißen Rußlands. Die S.R. standen plötzlich verlassen da. Man
-mag zur Beleuchtung der Lage die Memoiren weißer Generale nachlesen: sie
-strotzen von Verachtung für die S.R. Je heftiger der Bürgerkrieg tobte,
-desto geringer wurde der Einfluß der S.R. Sie hätten die Reihen der
-Konterrevolution verlassen können – aber nachdem sie sogar eine ganze
-Front der „Konstituante“ formiert hatten, war es unmöglich, diesen
-Bankrott einzugestehen, ohne – mit blutbefleckten Händen – dem Fluche
-der Lächerlichkeit, der Verachtung preisgegeben zu sein. Die Partei als
-Ganzes mußte schon weiter vegetieren; aber ihr nie festgefügter Bau
-zitterte in allen Gründen – die Mitglieder sprangen ab – so erklärt sich
-Semjonows Abfall, seiner Komplizin Konopleva Reue, der anderen Bußgang –
-je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto schärfer erkannte der S.R., wer
-auf der Barrikade neben ihm stand – nicht der Arbeitsmann aus dem
-Betrieb, nicht der Bauer, sondern der weiße Offizier, der Beamte, der
-Student. Zu wessen Gunsten sollte Lenin fallen?!
-
- * * * * *
-
-Sawinkow hat 1924 in jener aufregenden Nachtsitzung vor dem Tribunal die
-grauenhaft erniedrigenden Gefühle geschildert, die er in den Vorzimmern
-der Ententeminister empfand. Er schildert sein Entsetzen, als Churchill
-auf eine Karte wies und ihm „unser“ Rußland zeigte – diesen Ekel
-Sawinkows sollte Semjonow nicht empfunden haben? Oder jener andere
-Ignatiew, der auch zur 2. Gruppe der Angeklagten gehörte und sich vor
-allem im Gebiete von Archangelsk betätigte?! Ignatiew schilderte, wie
-die Ententetruppen im Norden gehaust hatten, Sondergerichte einsetzten,
-Stäbe ernannten, denen die Russen untergeordnet waren. Immer wieder
-durchtönte dieselbe Melodie dieses Trauerepos: wir wurden verächtlich
-behandelt, man benutzte uns, die Besetzung von Archangelsk erfolgte nur
-im Interesse der großindustriellen Machthaber. Ignatiew schilderte die
-Taten der Weißen – immer waren die Arbeiter nur die Opfer, immer
-richtete sich alles gegen das Proletariat. Der Blick auf den Nebenmann
-war für den argwöhnischen, schwankenden Beobachter erschütternde
-Erkenntnis.
-
-Da saß unter den Angeklagten der 2. Gruppe ein hellblondes, mittelgroßes
-Geschöpf – Lydia Konoplewa; erinnerte an ein Bauernmädchen, das sich
-„hochgearbeitet“ hatte, vielleicht Lehrerin geworden war (die
-kleinbürgerliche Physiognomie war überhaupt ein auffallendes Merkmal
-aller dieser Typen); sie war ein guter Soldat der S.R. geworden,
-sicherlich ohne eigene Gedankenwelt, aber vom festen Willen erfüllt, für
-die Unterdrückten zu kämpfen; verwegen, erfinderisch, losgerissen von
-jeder Tradition und den Formen der alten Gesellschaft, bereit, ihr Leben
-zu opfern. Für sie hatte die Haltlosigkeit der S.R. die größte
-Enttäuschung bedeutet; von ihr existiert ein Brief an Tschernow, in dem
-sie sich auf Unterredungen mit ihm beruft, in deren Verlauf er sich
-entrüstet über die ausweichende Haltung ihrer Auftraggeber ausgesprochen
-und den Terror gebilligt habe. Aus dem Briefe spricht das Gefühl der
-tief enttäuschten, verlassenen Kreatur, die man noch obendrein verhöhnt,
-weil sie den Rückweg in die Gesellschaft, diesmal in die Gemeinschaft
-des Proletariats, zurückfinden wollte. Diese Angeklagten der II. Gruppe
-wollten keine Außenseiter sein, sie sind nicht die Führer der Partei
-gewesen, vielleicht wird man sagen, sie hätten deshalb nicht draußen
-bleiben können; aber sie waren irregeleitete, ausgenützte Geschöpfe –
-sollten sie, da sie Reue empfanden und bekannten, die neue proletarische
-Gemeinschaft nicht aufnehmen, gegen die sie ehedem die Hand erhoben
-hatten, die jäh herniederfiel, als plötzlich die Erkenntnis zuckte:
-_für_ wen erhebe ich die Hand?!
-
-Die wahren S.R., die Führer der Partei, die Offiziere und Auftraggeber
-kämpften noch vor dem Tribunal um diese isolierte Partei als um ein
-Ganzes. Ein tragischer Schatten huschte zuweilen über ihr Geschick. Ihre
-Anhänger im Lande hatten sie längst verlassen. Die Ruinen von Jaroslaw
-waren ein furchtbares Memento. Die S.R. hatten die Macht gehabt, und die
-Probe nicht bestanden. Die Bolschewiki hatten in vielen Stücken ihr
-Programm ausgeführt – das warf man ihnen vor – „ihr habt uns bestohlen“.
-Aber die Bolschewiki hatten es ausgeführt.
-
-Die Führer kämpften vor dem Angesicht Europas; sie wichen in die weiten
-Wüsteneien ihrer Zersplitterung und Haltlosigkeit zurück, wenn man sie
-festhalten wollte; im Grunde waren sie echte Russen, wahre
-Kutosowrussen, aber 1812 hat diese Methode des Ausweichens Rußland
-gerettet; die Leute, die sich jetzt ins Weite verloren, gaben ihre
-Partei preis, ihren ganzen Kampf um die Demokratie. Sie verwickelten
-sich in unlösbare Widersprüche: sie waren gegen Interventionen, aber sie
-waren überall mit den intervenierenden Mächten verbunden, sie waren
-gegen die Bourgeoisie, aber sie standen mit bürgerlichen Organisationen
-in engster Verbindung und empfingen sogar Gelder von ihnen, sie wollten
-die Front gegen Deutschland errichten, aber sie waren bereit, Boten ins
-deutsche Hauptquartier zu senden, sie scheuten den Terror, aber sie
-haben in ihren Zeitungen nach geschehener Tat gejubelt, sie wollten
-verhindern, daß Geld an Deutschland abgeliefert würde, aber sie wollten
-den Zug unbewacht stehen lassen, wenn die Sprengung geschehen war ...
-Sie wollten eine Partei der Arbeiter sein, aber nach der
-Oktoberrevolution organisierten sie zuerst eine Erhebung der
-Offiziersschüler. Sie waren nicht gegen die Sowjets, aber für die
-Konstituante, sie hatten den Zusammentritt der Konstituante nicht
-beschleunigt, obschon sie es vermocht hätten; aber sie erhoben die
-Konstituante zum unantastbaren Heiligtum, nachdem die Konstituante
-längst nicht mehr dem Willen des Volkes entsprach. Man fand einen Brief
-von Gotz, in dem es von dunklen Anspielungen wimmelte; u. a. kam auch
-der bekannte Satz, der alte Wahrspruch der S.R.P., vor: „Im Kampf wirst
-du dein Recht erwerben!“ Wundert man sich, wenn Gotz umwunden erklärte,
-dieser Ausdruck beziehe sich nur auf den Kampf _um_ die Konstituante,
-nicht aber um den Kampf _gegen_ die Sowjets?!
-
-Die Führer versuchten sich durch solche Methoden des Ausweichens zu
-retten, aber gerade diese Taktik wurde ihnen zum Verhängnis, um so
-kräftiger stieß das Tribunal nach und plötzlich entlarvte sich eine
-Partei, die gar kein festes Gefüge, keine straffe Organisation war,
-sondern eher wirkte wie ein Schwarm zusammengelaufener ratloser,
-verärgerter Menschen. Wie imposant richtete sich im Gegensatz dazu das
-eherne Gebäude der bolschewistischen Partei auf!
-
- * * * * *
-
-Die Haltung der S.R. zu den terroristischen Akten offenbarte ihre ganze
-Schwäche als Partei, die sich vor Gericht zugleich als ihre Stärke
-erwies. Niemand hat gezweifelt, und niemand konnte Einspruch erheben,
-daß die Attentate auf Lenin, Trotzki und Wolodarski von Mitgliedern der
-Partei vorbereitet und ausgeführt waren. Fanny Kaplan, die Lenin schwer
-verwundet hatte, war eine Sozialrevolutionärin; Semjonow und die
-Mitglieder seiner Kampforganisationen gehörten zur Partei. Der Prozeß
-rollte nicht die Frage der Täterschaft auf; sie war längst entschieden.
-Dem Tribunal kam es vielmehr darauf an, in den Hintergrund einzudringen,
-die Zusammenhänge zwischen den Offizieren und Soldaten festzustellen,
-das Z.K. als eine Mordzentrale zu entlarven, die Partei zu überführen,
-daß sie zu Attentaten auf Arbeiterführer angestiftet hätte. Bewiesen war
-längst, daß die Ententemissionen Attentate auf bolschewistische Führer
-moralisch billigten; bewiesen konnte aber nicht werden, daß zwischen den
-Missionen und dem Z.K. Verabredungen für bestimmte Attentate bestanden
-haben. Möglich ist es schon; gelegen war den Missionen an solchen
-Attentaten. Die Führer des Z.K. konnten nicht bestreiten, daß sie um die
-Absichten von Attentaten gewußt haben; Semjonow hat sowohl Gotz wie
-Donskoi von seinen Plänen benachrichtigt; beide konnten dieser Aussage
-nicht widersprechen, sie bestritten energisch, Semjonow ermuntert zu
-haben, Gotz will ausdrücklich Semjonow geraten haben „_er möchte noch
-mit der Ausführung warten_.“ Aber ein striktes Verbot des individuellen
-Terrors seitens der Partei ist _nie_ ergangen, nach vollbrachter Tat
-rückte das Z.K. öffentlich von den Tätern ab, aber in Gebieten, wo die
-Bolschewiki nicht die Macht besaßen, jubelte die Presse der S.R. auf.
-Eine moralische Verurteilung der Täter seitens der Partei ist _nie_
-erfolgt, geschweige daß man die Täter etwa ausgeschlossen hätte. Als
-Wolodarski ermordet wurde, spielte sich folgende merkwürdige Szene ab,
-die Tschernow in einer Emigrantenzeitung geschildert hat:
-
-„Das Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre S. M. Postnikow hat mir
-über diesen Fall wörtlich folgendes mitgeteilt:
-
-„Der Mord an Wolodarski erfolgte in der Hitze der Wahlkampagne zum
-Petrograder Sowjet. Plötzlich kommt die unerwartete Nachricht:
-Wolodarski durch einen Schuß getötet. Natürlich nutzten die
-Bolschewisten dies sofort aus, um die Zeitung zu schließen und durch die
-schärfsten Repressalien unsere ganzen Wahlerfolge zu annullieren. Ich
-lief sofort zu Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein
-Arbeiter, seiner Überzeugung nach Sozialrevolutionär, der einen ernsten
-Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne
-erlitt; er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn, da er ihn
-für den Urheber der in Petrograd unter dem Regime Sinowjews begangenen
-Grausamkeiten hielt. „Wissen Sie, wenn wir in einer anderen Lage wären –
-fügte Gotz hinzu, – wie wir dann nach unseren Traditionen verfahren
-müßten? Wie man solches eigenmächtiges Handeln an einem Mitglied, das
-auf einem ihm anvertrauten revolutionären Posten steht, bestrafen
-müßte?“
-
-Diese Erklärung Tschernows spielte vor Gericht eine große Rolle. Man
-fragte Gotz vergebens, welchen „ernsthaften Parteiauftrag“ hatte dieser
-S.R.? Merkwürdig, daß er sich gerade jetzt „nicht zurückhalten“ konnte,
-merkwürdig, daß Gotz an der Handlung nur auszusetzen hatte, daß sie
-„eigenmächtig“ erfolgte! Und wie seltsam kontrastierte zu diesem
-Gespräch die Weisung Gotz’ an Semjonow, man sollte noch warten. Und was
-wußte Tschernow zu Semjonows Angaben zu sagen? Sie sind eine ...
-„verräterische Denunziation.“ Lydia Konoplewa hat in einem öffentlichen
-Brief an Tschernow eine Frage gerichtet, ohne je eine Antwort erhalten
-zu haben:
-
-„Sie stützen sich auf die Erzählung S. P. Postnikows über seine
-Unterhaltung mit Gotz nach der Ermordung Wolodarskis: „Ich lief sofort
-zu A. R. Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein Arbeiter,
-Sozialrevolutionär seiner Überzeugung nach, der einen wichtigen
-Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne
-erlitt –, er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn ...“
-
-Halten Sie es nicht für möglich, Viktor Michailowitsch, daß Gotz die
-Wahrheit vor Postnikow verbarg, wie sie den meisten Mitgliedern der
-Partei der Sozialrevolutionäre verborgen blieb? – Postnikow hatte, wie
-Sie selbst wissen müssen, nicht die geringste Beziehung zur
-militärischen Arbeit und der Kampfarbeit in der damaligen Zeit.
-
-Doch selbst diese so zweifelhafte „Zeugenaussage“ brauchen Sie nicht
-vorsichtig genug.
-
-Was ist das für ein „ernster Parteiauftrag“, den Sergejew hatte? – Es
-ist etwas seltsam, daß das mit „einem ernsten Parteiauftrag“ versehene
-Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre sich gerade in diesem
-günstigen Augenblick in der Nähe Wolodarskis befand und überdies noch
-mit einem Revolver und einer Handgranate in der Hand.“
-
-Im Prozeß wiederholte Semjonow sein Bekenntnis in der Broschüre: er habe
-sich Mitte Mai 1918 an _Donskoi_ gewandt und ihm den Vorschlag gemacht,
-zu terroristischen Aktionen überzugehen. _Donskoi freute sich über
-diesen Vorschlag_ sehr. Bald darauf traf Semjonow auch mit Gotz
-zusammen, mit dem er eine Unterredung über die Organisierung
-terroristischer Aktionen hatte. _Gotz wies darauf hin_, daß in erster
-Linie gegen _Sinowjew und Wolodarski Attentate verübt werden_ müßten.
-_Nachdem er die Zustimmung des Zentralkomitees_ erhalten hatte, begann
-Semjonow mit der Organisierung einer „Kampfabteilung“, die die geplanten
-Attentate verüben sollte. Die Beobachtung Sinowjews und Wolodarskis
-wurde der Iwanowa übertragen. Sie stellte fest, daß es am leichtesten
-wäre, auf Wolodarski ein Attentat zu verüben, der häufig Meetings zu
-besuchen pflegte. Als Tatort wurde der zu der Obuchowschen Fabrik
-führende Weg, den Wolodarski mit dem Auto öfters passierte, ausersehen.
-Als die Vorbereitungen zur Ermordung Wolodarskis getroffen waren,
-erstattete Semjonow dann Gotz Bericht. Gotz gab jedoch Semjonow den Rat,
-mit der Ausführung seines Vorhabens zu warten. Dies fand Semjonow sehr
-merkwürdig, da sich das _Zentralkomitee der Partei der S.R. doch bereits
-prinzipiell mit dem Attentat auf Wolodarski einverstanden erklärt
-hatte_. Am nächsten Tage begab sich Sergejew an den Tatort, um sich zu
-überzeugen, wie dieser von dem Auto Wolodarskis passiert werde. Von
-seinem Wagen aus fragte Sergejew den Semjonow noch, wie er sich zu
-verhalten habe, wenn die Gelegenheit günstig sei, um auf Wolodarski zu
-schießen. _Semjonow antwortete_, daß in solchem Falle eben gehandelt
-werden müsse. Zufällig blieb das Auto Wolodarskis nicht weit von dem als
-Tatort ausersehenen Platze stehen. Wolodarski verließ sein Automobil und
-ging Sergejew entgegen, der mehrere Schüsse auf Wolodarski abgab und ihn
-tötete. Es gelang Sergejew zu entfliehen. Am Abend des gleichen Tages
-begab er sich in die Wohnung Semjonows, wo er Unterkunft fand. 2 bis 3
-Tage blieb Sergejew in Petersburg, dann wurde er von Semjonow nach
-Moskau geschafft. Am Tage nach der Ermordung Wolodarskis erschien eine
-Erklärung des Zentralkomitees der Partei der S.R., die Partei der S.R.
-habe mit diesem Morde nichts zu schaffen. Semjonow betonte, daß diese
-Erklärung für ihn und die anderen Mitglieder der Kampforganisation ein
-furchtbarer Schlag gewesen wäre. Bald darauf erschien der
-Bevollmächtigte des Zentralkomitees, Rabinowitsch, der Semjonow
-erklärte, er habe kein Recht gehabt, das Attentat zu verüben, er hätte
-vielmehr die Einwilligung Gotz’ abwarten müssen. Eine Weile später
-machte Rabinowitsch Semjonow den Vorschlag, mit ihm ein Meeting zu
-besuchen, und um alle Zweifel Semjonows zu zerstreuen, sagte er ihm, daß
-die Sache der Terroraktionen gut stehe, und alle Spuren verwischt seien,
-so daß Semjonow ruhig zu dem Meeting gehen könne.
-
-Kurz nach der Ermordung Wolodarskis hatte Gotz eine Zusammenkunft mit
-Semjonow, in deren Verlauf Gotz erklärt haben will, er sei zu seiner
-großen Überraschung vor eine vollendete Tatsache gestellt worden.
-Vielleicht entspricht diese Angabe von Gotz der Wahrheit; aber fest
-steht, daß man Semjonow nicht in die Arme fiel, als er weitere Attentate
-organisierte. Gotz gab offen zu, die Ermordung Wolodarskis habe das Z.K.
-moralisch gebilligt; man habe nie in Erwägung gezogen, den Attentätern
-ihre Parteirechte zu entziehen. So kann man ohne Zweifel resultieren,
-daß das Z.K. durch Gotz ausweichende Bescheide gab, die Tat geschehen
-wissen, aber sie nicht inspiriert haben wollte. Und als man sah, welche
-tiefe Erregung in den breiten Massen der Tod Wolodarskis auslöste,
-schreckte man erst recht zurück und veranlaßte die Übersiedlung der
-Kampforganisation Semjonow von Petrograd nach Moskau.
-
-In Moskau hat die Gruppe sofort wieder ihre Tätigkeit aufgenommen.
-Diesmal wollte man Lenin selbst treffen. Semjonow hat der Fanny Kaplan
-Munition und Gift verschafft, Donskoi wurde von Semjonow informiert; die
-Angeklagte Stawskaja bekundet, Donskoi sei über die Vorbereitungen zu
-dem Attentat auf Lenin genau unterrichtet gewesen, das Mitglied der Z.K.
-Timofjejew machte als Einwand gegen terroristische Akte nur geltend, man
-dürfe die Bolschewiki nicht zu Märtyrern machen. Aber hat nicht die
-Angeklagte Eugenie Ratner bereits erklärt, die Partei lasse sehr wohl
-Terrorakte gegen die Bolschewiki gelten? und stand Eugenie Ratner dem
-Z.K. nicht sehr nahe? Und war nicht außer jenem Attentat der Fanny
-Kaplan noch ein zweites Attentat auf Lenin geplant gewesen, in das Lydia
-Konoplewa verwickelt war, die im Februar 1918 B. N. Rabinowitsch den
-Vorschlag machte, W. I. Lenin zu töten. „Ich schlug vor, dies in Form
-eines individuellen Aktes auszuführen, um die Partei keinen Repressalien
-auszusetzen, hielt es jedoch für notwendig, die prinzipielle Stellung
-des Zentralkomitees zu dieser Frage festzustellen. Aus diesem Anlaß
-führte ich Unterhandlungen mit dem Mitglied des Zentralkomitees A. R.
-Gotz. – Gotz pflichtete mir bei und holte die Meinung des Büros des
-Zentralkomitees ein, das sich damals in Moskau befand. Speziell zu
-diesem Zweck fuhr Rabinowitsch nach Moskau. Die Sanktion des Büros des
-Zentralkomitees für den individuellen Akt wurde erteilt. Außerdem gab
-uns das Büro als Führer der terroristischen Gruppe das Mitglied des
-Zentralkomitees W. Richter bei.“
-
-Aus dem Attentat wurde nichts; Gotz hat selbst später die Vorbereitungen
-inhibiert.
-
- * * * * *
-
-Ein Attentatsversuch gegen Trotzki mißlang, weil Trotzkis Zug von einem
-anderen Bahnhof abfuhr. Die Teilnehmer erzählen von einer merkwürdigen
-Nachtwanderung am Eisenbahndamm, und während sämtliche Beteiligte ihr
-Vorhaben eingestehen, behauptet die Angeklagte Iwanowa, sie habe die
-Bombe in jener Nacht nur mit sich herumgeschleppt, um sie auf die
-Wachtmannschaften, nicht aber auf Trotzki zu werfen ...
-
-_„Die S.R. Partei hatte prinzipiell nichts gegen die Attentate
-einzuwenden,“ gestand Timofejew._ Er erzählt, daß Semjonow, von
-Gewissensbissen getrieben, bei ihm erschienen wäre und _das Anerbieten
-stellte, Koltschak und Denikin zu töten. Und Timofjejew willigte in das
-Attentat gegen Koltschak ein. Das Attentat gegen Denikin verbot er, da
-Denikin die Konstituante nicht auseinandergejagt hätte und auf dem
-Territorium seiner Herrschaft die S.R. Organisationen nicht auflösen
-ließ_.
-
-Im Saale herrschte eine tiefe furchtbare Stille, als Timofjejew diese
-Aussage machte.
-
-„Welche Gewissensbisse haben Semjonow zu diesem Entschluß veranlaßt?“
-fragt Krylenko.
-
-_„Semjonow hatte das Gefühl, daß er sich mit der Organisation von
-Attentaten gegen die Revolution versündigt hat. Semenow fühlte damals
-Reue über seine blutigen Taten, die er gegen die Revolution verbrochen
-hat,“ antwortete Timofjejew._
-
-„Welche Taten meinen Sie?“ fragt Krylenko.
-
-„_Jene terroristischen Akte im Jahre 1918_,“ lautet die Antwort
-Timofjejews.
-
-„_Sie hatten also Kenntnis von diesen?_“ fragt Krylenko.
-
-„_Ich hatte von ihnen Kenntnis_,“ antwortet Timofjejew.
-
-Aber hat es im Z.K. der S.R. eine einheitliche Stellung zum
-individuellen Terror gegeben? Die Frage ist nicht geklärt worden. Zwei
-ehemalige S.R. sagten als Zeugen über eine Sitzung des Z.K. aus, in der
-man sich über die Frage des individuellen Terrors schlüssig werden
-wollte. Tschernow und ein großer Teil der Anwesenden habe für den Terror
-gestimmt, ein ebenso großer Teil habe ihn verworfen – und zuletzt sei
-man auseinandergegangen, ohne einen endgültigen Beschluß gefaßt zu
-haben. In diesem ausweichenden, unentschiedenen Verhalten enthüllt sich
-der ganze schwankende Charakter der S.R. Fühlten sie eine gewisse Scham,
-die Hand gegen Arbeiterführer zu erheben? Wollten sie keine Märtyrer
-machen? Mußten sie nicht noch vielmehr jetzt im Prozeß alle Rednerkünste
-aufbieten, um die Hintergründe zu verschleiern und sich nicht vor einem
-Arbeiterpublikum, im Arbeiterrußland als Arbeitermörder zu bekennen?! Es
-spielte sich ein erbitterter Kampf um die Hintergründe, um die
-Feststellung der wahren Antreiber zu Meuchelmorden ab. Die S.R. Partei
-war empfindlich getroffen, wenn der klare Beweis geführt werden konnte,
-daß es eine Mörderzentrale im Z.K. gab. Der klare Beweis ist nicht
-erbracht worden. Festgestellt wurden nur die Uneinigkeit im
-Zentralkomitee und seine Mitwisserschaft; festgestellt wurden die
-moralische Billigung und der Versuch, die Terrorgruppen zu schützen. Und
-durch die Aussagen Pascals konnte der Beweis geführt werden, daß die
-Mordtaten der S.R. im Lager der Entente Gefühle hoher Befriedigung
-auslösten. Man hat nie feststellen können, wie sich die Verhandlungen
-zwischen den S.R. und der Ententemissionen in Details abspielten. Den
-Unterredungen hat niemand beigewohnt, es existiert kein Stenogramm, kein
-Dokument. Aber als Lenin schwer verwundet aufs Lager hingestreckt wurde,
-jubelte die S.R. Presse, atmete man in den Missionen auf, und der
-französische Offizier Laurent grübelte mit seinen Kumpanen nach: Wie
-töten wir Trotzki? ... Draußen vor den Toren Moskaus stand an einer
-Eisenbahnbrücke eine hohe weibliche Gestalt: Iwanowa. Das Umschlagtuch
-barg eine Bombe. Und die brennenden Augen bohrten sich fiebernd in die
-schwüle Nacht: blinkten noch immer nicht die Lichter von Trotzkis Zug?
-
- * * * * *
-
-Die Expropriationen und Sprengungen hat man zugegeben. Darüber wurde
-nicht lange gestritten. Man gestand, Material von den Franzosen erhalten
-zu haben, um Eisenbahnzüge zum Entgleisen zu bringen, Brücken zu
-sprengen. Donskoi hat keine Ausflüchte gemacht. Das waren
-„Kriegsoperationen“ der Front der Konstituante. Auch die
-Expropriationen, die Bestechungen von Beamten, die Einbrüche ins Post-
-und Telegraphenamt an der Ecke Twerskaja-Kammerherrengasse, in
-staatliche Lebensmittellager gab man zu. Von dem Tode des reichen
-Kaufmannes wußte das Z.K. nichts; diese Tat hat Semjonow nicht
-berichtet. Es berührt schon merkwürdig, daß man sich nicht über diese
-Einbrüche und Diebstähle erregte – es waren Bagatellen – nachdem man als
-Mörder entlarvt war.
-
- * * * * *
-
-Die Aufstände in Archangelsk, im Murmangebiet, die Errichtung der
-Wolgaregierung, der Aufruhr in der Ukraine und alle diese offenen
-Kampfhandlungen der S.R. gegen die Sowjets haben nicht so sehr im
-Mittelpunkt des Interesses gestanden, wie jene terroristischen
-Handlungen. Die Bolschewiki haben den individuellen Terror nie gebilligt
-und ihn schon zur Zarenzeit verurteilt. Sie waren dank ihrer
-marxistischen Schulung überzeugt, daß der Erfolg der Revolution nur
-einer Massenbewegung zu verdanken ist. Und immer hatte sich schon im
-Gegensatz zwischen individuellem und Massenterror am auffälligsten der
-Unterschied zwischen den beiden Parteien enthüllt. Der individuelle
-Terror entsprang nicht nur einer völlig verzweifelten Stimmung und einer
-ausgesprochenen persönlichen Einstellung; er konnte nur in Kreisen zum
-Prinzip erhoben werden, in denen man davon überzeugt war, daß Menschen,
-einzelne Personen die Geschichte machen. Die Bolschewiki wußten, daß
-jeder revolutionäre Fortschritt einer Umwälzung der Verhältnisse, der
-Produktionsmethoden entspringen muß. Nur Massenbewegungen konnten nach
-Ansicht der Bolschewiken zur Eroberung der Macht führen. Die Geschichte
-hat ihnen Recht gegeben. Die Oktoberrevolution 1917 ist eine solche
-unwiderstehliche Massenbewegung gewesen, der die bolschewistische Partei
-Richtung und Ziel gewiesen hat. Und die verzweifelten Aktionen der S.R.
-nach der Oktoberrevolution beweisen, wie sehr ihnen die Leitung der
-Massen entglitten war. Und wie ungeheuerlich erschienen dem russischen
-Arbeiter die terroristischen Akte gegen seine Führer, die niemandem
-frommten als dem Großgrundbesitz und dem Großkapital, hinter denen die
-Entente als Antreiberin stand. Unzweifelhaft haben nationale Elemente
-eine gewisse Rolle gespielt – die bolschewistische Revolution war eine
-Umwälzung der ökonomischen Besitzverhältnisse, aber die proletarische
-Revolutionsidee verschmolz zugleich mit einem starken nationalen
-Selbstbewußtsein – der Arbeiter empfand zum ersten Male, daß er ein
-Vaterland hatte – ein Begriff, der für die Vertreter des Kapitals
-niemals mehr als eine Kulisse gewesen ist, die man je nach der
-Konjunktur hin- und herschob. Die Tätigkeit der S.R. erschien deshalb in
-einem noch schlimmeren Lichte, als gegen Ende des Prozesses sich auf den
-Tischen des Tribunals Berge von Dokumenten häuften, durch die der Partei
-nachgewiesen wurde, daß sie bis tief in die jüngste Zeit hinein sich mit
-dem Ausland verbunden hatte, um die Sowjets zu stürzen. Man muß sich in
-jene Tage zurückversetzen, in denen Sowjetrußland erst von wenigen
-Staaten anerkannt war, von der gesamten Bourgeoisie geächtet war, und
-Flutwellen der Verleumdung sich über das Gesicht Rußland ergossen. Auch
-Rußland hatte gegen eine Welt von Feinden gekämpft und geblutet, an
-allen Fronten des Reiches hatten die Heere der Arbeiter und Bauern die
-von den Westmächten, Deutschland und Amerika ausgerüsteten weißen Armeen
-aufgehalten; im Innern hatten die S.R. durch ihre terroristischen Akte
-die Moral und Widerstandskraft zu schwächen gesucht, Hunger, Not,
-Entbehrungen, Kälte, Epidemien suchten das ungeheure Reich heim, das der
-imperialistische Krieg schon genug mitgenommen hatte. Die Heere der
-Arbeiter und Bauern hatten den Feind nicht nur aufgehalten, sondern
-besiegt; der Freiheitskampf dieses Volkes wird vielleicht in seiner
-ganzen gewaltigen heroischen Größe erst späteren Geschlechtern offenbar
-werden; vielleicht wird man ihm Genugtuung widerfahren lassen. Die Heere
-der Fremden und Weißen wurden von expropriierten Kapitalisten vorwärts
-gejagt, von den Bankherren der City und Wallstreet, die
-keine Möglichkeit mehr sahen, ihre Kapitalien in russischen
-Industrieunternehmungen anzulegen – und sehr günstig bei den niedrigen
-Löhnen und der relativen Bedürfnislosigkeit der russischen Arbeiter, die
-von den Kosaken des Zaren jahrzehntelang immer wieder trotz tapferer
-Gegenwehr zur Arbeit getrieben waren. Die Herrschaft des Proletariats in
-Rußland bedeutete für das ausländische Kapital die Versperrung von
-Ausbeutungsmöglichkeiten, bedeutete den Ausfall Rußlands als Kolonie.
-Und da sich dem Expansionsdrang des Kapitals bis zum heutigen Tage in
-Rußland unüberwindbare Widerstände entgegensetzen, das Kapital aber auf
-Rußland angewiesen ist, erscheint dieser Konflikt unlösbar, so lange der
-proletarische Staat besteht. Aus solchem Gegensatz erwächst der
-Weltkonflikt der nächsten Jahrzehnte.
-
-An einem der letzten Prozeßtage wurde dem Angeklagten Timofjejew ein
-Dokument mit der Frage: „Kennen Sie diese Unterschrift?“ überreicht.
-„Sensinow?“ – „Ja.“ „Und erkennen Sie diese Unterschrift als echt an?“
-Der Angeklagte zögerte eine Weile und sagte dann: „Ja!“ Und diesem
-Dokument folgten unzählige andere Schriftstücke, aus denen hervorging,
-daß die Partei der S.R. in engster Abhängigkeit von ausländischen
-Regierungen stand. Sensinow, ein alter Sozialrevolutionär, hatte in der
-Regierung der Konstituante von Samara gesessen, war nach dem
-Zusammenbruch der Front ins Ausland geflohen und hatte in Frankreich ein
-„_Administratives Zentrum_“ gebildet, dem die bekanntesten Führer der
-S.R. beigetreten waren: Kerenski, Awxentijew, Bruschwit, Tschernow,
-Machin und einige andere! Das Pariser Geheimarchiv dieser ausländischen
-Geheimorganisation war in die Hände der Sowjetregierung gefallen, das
-Material belastete die S.R. aufs Schwerste. Unter den Dokumenten
-befanden sich Briefe, aus denen hervorging, daß die Partei im Jahre 1921
-von der französischen und tschechoslowakischen Regierung, ferner von
-Weißgardisten Gelder empfangen hatte, um Aufstände in Rußland zu
-organisieren. In einem Briefe Sensinows an das Mitglied des
-„Administrativen Zentrums“, Rogowski, heißt es:
-
-„_Gestern hatte ich eine Unterredung mit Benesch, die 50 Minuten
-dauerte. Er war wie immer liebenswürdig und entgegenkommend; ich denke,
-er ist auch aufrichtig. Ich berührte im Gespräch unsere Möglichkeiten
-und unsere tatsächliche Lage._ Ich schilderte ihm das Bild des Ganzen.
-‚Wir halten eure Arbeit für nützlich und notwendig, sowohl für Rußland,
-wie auch für uns. Wir werden es daher nicht dazu kommen lassen, daß eure
-Arbeit aufgegeben wird; _vom Januar an werdet ihr wöchentlich 50000
-Kronen bekommen, ich (Benesch) werde persönlich dafür Sorge tragen, daß
-dieser Betrag auf 60000-65000 Kronen erhöht wird_‘.“ (_Benesch ist der
-Premierminister der Tschechoslowakei_.) Am 21. Dezember berichtet
-Sensinow an Rogowski: „_Vor vier Tagen erhielt ich 80000 Kronen; dieses
-Geld wurde uns ohne jede Mahnung von unserer Seite ausgezahlt._“
-
-Als nächster Geldgeber erscheint der ehemalige russische Botschafter
-Bachmetjew, in dessen Händen sich auch heute noch bedeutende Summen aus
-dem russischen Staatsschatz befinden. Am 12. April 1921 sendet Kerenski
-an Bachmetjew über die tschechoslowakische Gesandtschaft in Paris
-folgendes chiffrierte Telegramm: „Ich erhielt aus Rußland die Bitte um
-eine äußerste Kräfteanstrengung. Das von Ihnen geschickte Geld gewährte
-eine wirkliche Hilfe am Bestimmungsorte. Es ist notwendig, die Hilfe
-ohne Verzug sofort fortzusetzen. Die unaufschiebbare Geldnot verlangt
-meine schleunige Abreise nach Amerika.“ Im Brief vom 13. März teilt
-Sensinow an Kerenski mit: „Gestern erhielten wir von Ihnen aus Paris
-eine Anweisung auf 50000 Francs und von Bachmetjew telegraphisch 25000
-Dollars.“
-
-Als Geldgeber fungiert ferner der weiße General Bitscherachow. Die S.R.
-erhielten von ihm während der Jahre 1918/19 20000 Francs und im Jahre
-1920 einige hundert Pfund Sterling. Woher stammen diese Gelder? Darüber
-schreibt am 21. März 1921 der S.R. Ter-Pogosian an den S.R. Minor: „Die
-Gelder im Besitze L. Bitscherachows stammen aus zwei Quellen. Nach der
-Auflösung der persischen Front durch die Bolschewiki organisierte
-Bitscherachow eine Freischärlerabteilung. Die Engländer zahlten ihm
-monatlich einen bestimmten Betrag für die Unterhaltung dieser Truppe.
-Die englischen Subsidien überstiegen die Ausgaben, so daß bei
-Bitscherachow Reste blieben. Außerdem hatte er noch Gelder aus jenen
-Beträgen, die nach dem Umsturz und der Beseitigung der bolschewistischen
-Regierung in Baku und Petrowsk in den Besitz der Bakuschen weißen
-Diktatur kamen. Hauptsächlich die Gelder der Staatsbahnen, folglich also
-Staatsgelder ... In Anbetracht dessen hatten wir Grund, diese Summen
-nicht als Bitscherachow persönlich gehörig aufzufassen, ihre
-Bereitstellung für soziale und politische Zwecke erscheint als völlig
-gerechtfertigt.“
-
-Endlich gaben die russischen Industriellen selbst große Summen. Zur Zeit
-des Kronstadter Aufstandes öffneten sie ihre Portefeuilles.
-
-Ein Teil der Dokumente beleuchtete die engen Beziehungen zwischen den
-S.R. und der französischen Regierung. Kerenski hat verschiedene Male mit
-Berthelot, dem Direktor des französischen Außenministeriums, und mit
-Briand selbst korrespondiert und mündlich verhandelt.
-
-Im Besitz solcher Mittel und Beziehungen legten die S.R. ein
-Spionagenetz an, das von Konstantinopel bis Reval reichte, sie schickten
-Sendboten ins Innere des Landes, trieben militärische Spionage und
-sondierten die Kommandeure der Roten Armee. Ein Oberst Machin ist der
-Leiter dieses militärischen Spionagedienstes; aus einem Briefe geht
-hervor, daß Machin sich in Reval mit französischen Offizieren in
-Verbindung zu setzen hatte. Kerenski entsandte einen Oberst nach
-Konstantinopel und gab ihm einen Brief an den französischen
-Militärvertreter mit, den General Pellet. Die Minister der Randstaaten
-empfingen die Boten der S.R., und wenn den S.R. der Empfang zu kühl
-schien, versuchten sie durch englische Vermittlung einen Druck ausüben
-zu lassen. In allen Hauptstädten Europas entfalteten die S.R. eine
-fieberhafte Tätigkeit; sie hielten verschiedene Zeitungen, bauten ihren
-Apparat aus, saßen in den Vorzimmern der Minister und Bankiers,
-versuchten die Errichtung einer großen weißen Front, schüchterten die
-Kleinstaaten durch die Großmächte ein, nutzten sämtliche Verbindungen
-aus, verbreiteten Märchen über Rußland und ließen kein Mittel
-unversucht, um dem neuen Staate zu schaden. Dies alles vollzog sich mit
-der Skrupellosigkeit, dem Raffinement, der Hartnäckigkeit und dem Haß
-des Unterlegenen und Verdrängten, dessen Zeit vorüber ist, und der eine
-rastlose Tätigkeit zu entfalten sucht, um sich zu betäuben und der Welt
-zugleich seine Brauchbarkeit zu beweisen.
-
-Im Januar 1921 schien der Same aufzugehen. In Kronstadt brach eine
-Meuterei aus; über das Eis der Newa drangen die Truppen der Sowjets und
-nahmen mit stürmender Hand die Seefestung. Der Aufruhr ist unzweifelhaft
-von den S.R. entfacht worden. Damals weilte Tschernow in Reval und
-schickte Telegramme nach Kronstadt; andere bemühten sich um Proviant und
-Munition für die aufständige Festung. In einem Flugblatt des
-„Revolutionären Rußland“ schreibt Tschernow:
-
-„Kronstadt hat sich erhoben. Durch sein heroisches, aufopferndes
-Beispiel ruft es ganz Rußland zu dem langersehnten Befreiungswerke.
-Petrograd hat den Generalstreik erklärt. Ihr aber, Tyrannen und
-Despoten, laßt es Euch gesagt sein, daß die Tage Eurer, dem gesamten
-Volke verhaßt gewordenen Herrschaft gezählt sind. Wenn Ihr um Euer Leben
-bangt, wenn Ihr am Leben hängt, verschwindet aus dem Wege. Das Volk
-kommt, es wird Euch richten.“
-
-Im Laufe des Jahres versuchte man im Kaukasus eine Bewegung zu
-entfachen; das „Administrative Zentrum“ hielt verschiedene Sitzungen ab,
-in denen die Vorbereitungen zu Aufständen beraten wurden. Es existiert
-das Protokoll einer solchen Sitzung, in der Machin die finanzielle und
-ökonomische Vorbereitung „zum Aufstande und Sturze der Bolschewisten“
-verlangt. Bruschwit spricht von der Notwendigkeit, „Militärkaders
-vorzubereiten und eine starke, leistungsfähige militärpolitische
-Organisation zu haben.“ Kerenski erklärt: Wir haben unsere Fachleute und
-unsere Leiter in den bestehenden Organisationen in Rußland und verlangen
-ihre Unterschrift als Garantie ihres politischen und militärischen
-Lebenswandels.
-
-Im November 1921 wird sogar schon wieder eine „terroristische
-Kampfgruppe“ gegründet. Ihre Haupttätigkeit aber entfalten jetzt die
-S.R. im Kaukasus, man gründet im Inneren Geheimorganisationen, erbittet
-und erhält von den Franzosen materielle Unterstützung und erklärt sich
-bereit im Falle eines Fehlschlages die eingegangenen Schulden durch
-Übermittlung von Nachrichten an die französische Konterspionage
-abzutragen.
-
-Bis ins Jahr 1922 hinein reichten die schriftlichen Beweise dieser
-konspirativen Tätigkeit der S.R. Die Angeklagten in Moskau waren an
-diesen Unternehmungen aktiv nicht beteiligt. Man legte ihnen sämtliche
-Dokumente vor. Man stellte ihnen die Frage: billigt ihr diese Methoden
-der Auslandsdelegation eurer Partei, im Bunde mit der großen und kleinen
-Entente neue Interventionskriege herbeizuführen, dank materieller
-Unterstützung der Westmächte das Land mit einem Netz von
-Geheimorganisationen zu überziehen und Rußland in neues unsagbares Elend
-zu stürzen. Die Angeklagten wichen aus. Die Methoden ihrer Kameraden im
-Auslande schienen ihnen verwerflich; aber im Angesicht ihres eigenen
-Todes weigerten sie sich, von ihren Parteigenossen abzurücken. „Also
-billigt ihr, was jene tun?“ „Wir sind, wie am ersten Tage eurer
-Herrschaft, gegen euch und werden euch mit _allen_ Mitteln bekämpfen.“
-
- * * * * *
-
-Nach fünfzig Sitzungstagen, nach einer Vernehmung von etwa 100 Zeugen
-und der Verlesung einer Fülle von Dokumenten begannen die Plaidoyers.
-Die Vertreter des Arbeiter- und Bauernrußlands erhielten zuerst das
-Wort; dann sprachen die Vertreter der III. Internationale: Klara Zetkin,
-der Tscheche Mune, der Ungar Bokanyi. Auf die Angeklagten hat die Rede
-Klara Zetkins einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Der Name
-dieser tapferen, unermüdlich im Dienste der Sache des Proletariats
-tätigen Frau, die immer in der vordersten Front stand, noch als Greisin
-in die Kerker des deutschen Kaiserreiches wanderte, war auch für die
-S.R. ein – man muß schon sagen – heiliger Name. Sie wußten, daß diese
-Frau die letzte war, die sich beeinflussen ließ. Diese Frau erhob ihre
-Anklage ganz gewiß aus eigenster innerster Überzeugung, die Reinheit
-ihres Willens und Denkens war unantastbar. Erhob sich auch diese Frau
-gegen sie, so fühlten sie sich in ihrem Innersten schuldig. Es ist
-verbürgt, daß das Auftreten der Klara Zetkin die Angeklagten außer
-Fassung brachte, sie haben es selbst gestanden.
-
-Klara Zetkin hielt den S.R. vor, es handele sich nicht um die Wege und
-Mittel, deren sich eine Partei bediene, es handele sich vielmehr um die
-Ziele, in deren Interesse diese Mittel angewendet wurden. Die S.R.
-wollten das Proletariat wieder der Bourgeoisie unterwerfen, deren Joch
-es durch den heldenhaften Kampf der russischen Arbeiter und Bauern
-abgeschüttelt hatte. Die S.R.P. habe alles getan, um die Revolution zu
-untergraben: „Ein Verbrechen, mit dem man nicht einmal den Mord von
-Hunderten, den Mord von Tausenden, den Mord von Millionen vergleichen
-kann.“ Die S.R. stehen vor dem Gericht der russischen Arbeiter und
-Bauern, vor dem Gericht des proletarischen Staates. Es ist wahr, daß sie
-vor einem Klassengericht stehen. Aber wo gibt es ein Gericht, das über
-den Klassen steht? Es gibt zwei Arten von Klassengerichten: das
-bürgerliche und das proletarische Klassengericht. Das revolutionäre
-Gericht der Arbeiter ist eine mächtige Waffe in den Händen des
-Proletariats im Kampfe gegen die Bourgeoisie.
-
-Die russischen Arbeiter begannen die Weltrevolution. Die S.R. haben
-alles getan, um ihren Weg aufzuhalten, sie behaupten, daß sie gegen
-Usurpatoren kämpfen, aber es gibt keine Usurpatoren, die ohne Massen die
-Macht behaupten können. Die S.R. sind das beste Beispiel: sie ergriffen
-die Macht, ohne Massen hinter sich zu haben – mit Hilfe des Auslandes.
-
-Die S.R. berufen sich auf ihre revolutionäre Vergangenheit – ja, sie
-haben den Zarismus tapfer bekämpft. Aber als sie selbst an der Macht
-waren, stellten sie sich, statt die Revolution im Bunde mit dem
-Proletariat fortzusetzen, auf die Seite der Bourgeoisie; in ihrer
-äußeren Politik waren sie abhängig von der internationalen Bourgeoisie,
-in ihrer inneren von der russischen Bourgeoisie. Die S.R. nannten sich
-eine Bauernpartei, aber sie haben auf dem Lande mit den Waffen in der
-Hand den Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer unterdrückt. In der
-äußeren Politik haben sie den imperialistischen Krieg fortgeführt.
-
-Die S.R. haben durch ihren Kampf gegen die Sowjets den Wiederaufbau des
-russischen Wirtschaftslebens verhindert; sie haben in diesem Kampfe
-gegen die Sowjetmacht alle möglichen Mittel angewendet: Bündnis mit dem
-Ausland, Bündnis mit der Reaktion, den Terror.
-
-Klara Zetkin setzte sich dann für die geständigen, reuigen Angeklagten
-der II. Gruppe ein, die geglaubt hatten, für die Revolution zu kämpfen,
-aber später erkannten, daß sie gegen die Revolution gekämpft hatten. Sie
-gerieten in einen tragischen Konflikt, und standen vor der Frage: Wie
-können wir unsere Verbrechen sühnen? Sie fanden nur den einen Weg:
-Offenes Geständnis. So sühnten sie ihre Schuld. „Die Arbeiter, Bauern
-und das Oberste Tribunal sind sich dieser Beichte bewußt und werden
-Milde walten lassen. Aber die Stimme des Gewissen wird sie bis zum Tod
-wegen ihrer Verbrechen am Proletariat verfolgen. Und das ist für sie
-Strafe genug!“
-
-Die Verteidiger, die aus dem Auslande den S.R. zu Hilfe eilten, haben
-nie daran gedacht, Arbeiter in ihren eigenen Ländern zu verteidigen.
-Vandervelde war als Justizminister Seiner Majestät der höchste Richter
-in jenen Prozessen, die von der belgischen Bourgeoisie gegen die
-flämischen Autonomisten und Anarchisten geführt wurden. 1500 Menschen
-wurden in die Zuchthäuser gesteckt, viele wurden zum Tode verurteilt.
-Und niemals haben die Vertreter der 2. und 2½. Internationale zu
-protestieren gewagt, nur jetzt erscheinen sie plötzlich auf dem Plan.
-Klara Zetkin verweist auf die Justiz in Deutschland, in dessen Kerkern
-6000 politische Gefangene schmachten, für die kein Vertreter der II.
-Internationale seine Stimme erhoben hat.
-
-„Im Namen der III. Internationale gebe ich der Überzeugung Ausdruck, daß
-das Gericht es verstehen wird, die Errungenschaften des Proletariats zu
-schützen und die notwendigen Mittel zu finden!“
-
-Der Ungar Bokanyi, der Volkskommissar der ungarischen Räterepublik,
-erinnert an seine eigene Kerkerzeit nach dem Sieg der Horthys: „Damals
-kam uns Vandervelde nicht zu Hilfe!“ Er vergleicht die weiße und die
-rote Justiz, er spricht aus eigensten Erfahrungen und schließt: „Das
-Oberste Tribunal kann auf seine Unparteiischkeit und Objektivität stolz
-sein. Das Oberste Tribunal wird ein Urteil fällen, das den Interessen
-des Proletariats entspricht!“
-
-Der Tscheche Muna hatte zweimal in den Kerkern der tschechischen
-Republik gesessen, im Weltkrieg war er in russische Gefangenschaft
-geraten, aber er hatte sich nicht jenen tschechischen Legionen
-angeschlossen, die unter Führung von Ententeoffizieren und im Bunde mit
-den S.R. den Kampf gegen das Rote Moskau geführt hatten. Muna schildert
-die Lage der tschechischen Legion, ihren Kampf im Interesse der
-besitzenden Klasse, er schildert das reaktionäre tschechische
-Offizierkorps, weist auf Zeugnisse tschechischer Offiziere hin, aus
-denen klar hervorgeht, daß sie die Verbindung mit den S.R. suchten und
-gemeinsam mit weißen Offizieren arbeiteten. Er führt die belastenden
-Aussagen der Prozeßzeugen Pascal, Mariski und Dworschets an. Der Zeuge
-Dworschets hatte bekundet, daß die S.R. nur mit Hilfe der
-Tschechoslowaken in Samara ihre Macht behaupten konnten. Die S.R. Partei
-war mit Hilfe der Tschechoslowaken der Kernpunkt, um den sich die ganze
-russische Gegenrevolution sammelte. Infolgedessen trägt die S.R. Partei
-die volle Verantwortung für alle Opfer des Bürgerkrieges; für das Blut
-der Arbeiter und Bauern, für das Blut der Rotarmisten, das an allen
-Fronten des Bürgerkrieges vergossen wurde. Die gegenrevolutionäre
-Haltung der S.R. Partei nützten auch die Sozialpatrioten der
-westeuropäischen Staaten aus, und nur mit ihrer Hilfe gelang es der
-Bourgeoisie Westeuropas, die durch den Krieg erschütterte
-kapitalistische Ordnung vorübergehend zu befestigen.
-
-Ich werde mich nicht auf irgendeinen Gesetzesparagraphen berufen, indem
-ich die Bestrafung der Angeklagten fordere, da ja die Arbeiterklasse
-Rußlands und das revolutionäre Proletariat Europas bereits sein Urteil
-fällte, ohne das Urteil des Obersten Revolutionären Tribunals
-abzuwarten.
-
-Das Urteil des revolutionären Proletariats lautet: „Vollständiger
-politischer Tod der S.R. Partei!“ Wie immer das Urteil des Obersten
-Tribunals ausfallen sollte, es kann nicht so streng werden, als das
-bereits gefällte Urteil des revolutionären Proletariats aller Länder.
-
-Die S.R. Partei hat sich mit ihren Handlungen ein tiefes Grab
-geschaufelt. Das internationale Proletariat stößt sie mit seinem Urteil
-in dieses Grab, und dem Obersten Tribunal bleibt nichts übrig, als über
-dem Leichnam der S.R. Partei das Grabmal zu errichten.
-
-Am nächsten Tage begründet Krylenko als „Oberster Ankläger“ in einer
-ununterbrochenen zehnstündigen Rede sämtliche Anklagepunkte: Das
-proletarische Gericht hat die Aufgabe, den Arbeiterstaat gegen
-verbrecherische und gefährliche Handlungen zu verteidigen. Dieser Prozeß
-ist nicht da, um Rache zu üben, sondern um Verbrechen zu sühnen, zu
-unterbinden, zu verhüten. Einige Angeklagte haben selbst erklärt, daß
-sie auf das Recht, Aufstände gegen die Sowjetmacht zu organisieren,
-nicht verzichten werden. Vom Standpunkte des revolutionären Rechtes aus
-hätte das Gericht nach dieser Erklärung sofort den Prozeß abbrechen und
-die Frage umgehender Anwendung sozialer Schutzmaßregeln in Erwägung
-ziehen können.
-
-Krylenko hält es für bewiesen, daß die S.R. schon in den ersten Tagen
-der Oktoberrevolution in den vordersten Reihen der bürgerlichen
-Bataillone standen; er hält es für bewiesen, daß die S.R. Gelder von der
-Entente erhielten, und beruft sich auf das Geständnis des Angeklagten
-Lichatsch, er hält ihnen die konspirative Verbindung mit bürgerlichen
-Verbänden vor, die Zersetzungsversuche in der Roten Armee und ruft
-erregt aus: „Die Arbeiter und Bauern Rußlands werden Ihnen schon ihre
-Rechnung vorlegen! Wir werden mit Ihnen nicht scherzen! Es handelt sich
-um den Schutz und die Verteidigung des proletarischen Staates, für den
-so viel Blut geflossen ist, und für den wir alle unser Leben eingesetzt
-haben!“
-
-Die Verbindung mit der Entente erstrebte den Sturz des neuen Staates;
-die S.R. stellten mit Vertretern der Entente gemeinsame Programme auf:
-Die Entente sendet Offiziere und Techniker und liefert Sprengmittel. Die
-S.R. sprengen Brücken, Eisenbahnen; organisieren den Terror. Krylenko
-schildert die Aufstände der S.R. in Samara, Archangelsk und in der
-Ukraine, im Don- und Kubangebiet, er verweist auf die Dokumente des
-„Administrativen Zentrums,“ aus denen hervorgeht, daß die Partei bis in
-die letzte Zeit hinein am Sturz der Sowjetmacht gearbeitet hat.
-
-„Ich stelle jetzt die Fragen, ob die Angeklagten eine für die
-Sowjetrepublik gefährliche Tätigkeit ausgeübt haben oder nicht, und ob
-ihnen gegenüber die Maßnahmen angewendet werden sollen, die gegen
-Personen, die die Sicherheit des Staates bedrohen, vorgesehen sind.“
-
-Beide Fragen beantwortet Krylenko mit Ja.
-
-Er geht dann zur terroristischen Tätigkeit der Partei der S.R. über, und
-stellt an Hand von Dokumenten und Zeugenaussagen fest, daß die
-Mitglieder des Zentralkomitees der Partei der S.R. für die
-terroristische Tätigkeit der Partei voll verantwortlich sind.
-
-Für die Angeklagten der ersten Gruppe – mit Ausnahme von drei
-Angeklagten – fordert Krylenko die Anwendung des höchsten Strafausmaßes.
-„Das Revolutionstribunal ist ein Organ des Klassenkampfes der
-Arbeiterklasse, das gegen die Feinde des Proletariats gerichtet ist, und
-aus diesem Grunde kann es für die Angeklagten der ersten Gruppe, mit
-Ausnahme jener, die ich schon genannt habe, nur eine Strafe geben: den
-Tod durch Erschießen. Für alles Blut, alle Schrecken, alle Leiden, die
-wir in Laufe von fünf Jahren erdulden mußten, und die von ihnen
-wissentlich verursacht wurden. Die Angeklagten haben hier erklärt, daß
-sie auch in Zukunft alle ihre Kräfte darauf richten wollen, jenes Werk,
-für das wir nun schon fünf Jahre lang kämpfen, zu vernichten. Wir haben
-das Recht auf Selbstschutz und Selbstverteidigung.“
-
- * * * * *
-
-Die Angeklagten erheben sich zum letzten Waffengang. Fast ein jeder
-ergeht sich in stundenlangen, sehr eingehenden Ausführungen; vielleicht
-zum letzten Male bietet sich ihnen Gelegenheit, in aller Öffentlichkeit
-mit ihren Feinden abzurechnen, im Saale sitzen Verwandte und Freunde,
-sie haben ein kleines Publikum, das mit ihnen sympathisiert und ihr
-Testament weiterverkünden wird. Sie verteidigen noch einmal ihre
-Positionen, die von ihnen in der Februarrevolution so leicht erobert
-wurden, wie sie ihnen wieder verloren gingen. Sie vermeiden es, sich
-allzu sehr in Einzelheiten zu verlieren und schieben den Kampf mit ihren
-Gegnern auf die Plattform der großen Auseinandersetzung zwischen
-Demokratie und Diktatur, zwischen Klassenausgleich und Klassenkampf. Sie
-leugnen nie, daß sie Feinde dieses Staates sind, vor dessen Gericht sie
-stehen müssen, und dem sie nur Rede stehen, weil sie ihrer Partei dienen
-zu können glauben.
-
-Hendelmann, ehedem Rechtsanwalt, der im Prozeß Anklägern und Tribunal
-oft Schwierigkeiten bereitet hatte, erhebt nochmals prozessuale
-Einwände, schützt das Zentralkomitee vor der Anklage, daß es den Terror
-sanktioniert habe – im Gegenteil: die Partei habe stets den
-Massenaufstand propagiert, das geplante Attentat auf den Zug Trotzkis
-wäre eine „bloße Demonstration“ gewesen, mit der Organisierung eines
-Attentats auf Lenin hätte sich die Konoplewa nur wichtig machen wollen,
-Wolodarskis Ermordung sei ein rein individueller Akt der
-Kampforganisation Semjonow gewesen; in der Frage der Expropriationen
-kann Hendelmann nichts bestreiten, er versucht den Eindruck nur
-abzuschwächen: es habe sich nur um ... simulierte Expropriationen
-gehandelt; den Einbruch ins Postamt habe man mißbilligt ... Krylenko
-unterbricht Hendelmann mit der Frage: „Weshalb habt ihr das Verbot des
-Terrors und der Expropriationen nicht in aller Öffentlichkeit
-kundgegeben, weshalb habt ihr Semjonows Gruppe nicht aufgelöst?“ Und
-Hendelmann weicht aus.
-
-„Ich ersuche das Tribunal, über sämtliche Mitglieder der ersten Gruppe
-dasselbe Urteil zu fällen, denn keiner wünscht den anderen zu
-überleben!“
-
-Der Angeklagte Lichatsch, Organisator des Aufstandes im Gebiet von
-Archangelsk, verzichtet aufs Wort.
-
-Timofejew eröffnet seine Rede mit einer Erklärung:
-
-„Ich erkläre kategorisch, daß Ihr von uns weder Reue noch Versöhnung
-noch Lossagung von unserer Vergangenheit erwarten sollt. Krylenko
-bezeichnete uns als Rückfällige. Ja, wir sind rückfällig von Eurem
-Gesichtspunkte. Wir bestehen auf unserem früheren Standpunkte, und in
-dieser Hinsicht sind wir reuelose Rückfällige.“
-
-Die Verhandlungen mit Ententevertretern gibt er zu, den Empfang von
-Geldern bestreitet er. Aber: „Die Landung der Verbündeten in Archangelsk
-war uns willkommen! Denn ihr Ziel war die Fortsetzung des Krieges gegen
-Deutschland, und nur aus diesem Grunde traten wir mit der Entente in
-Verbindung. Wir haben nichts zu bereuen, wir leugnen unsere
-Vergangenheit nicht.“
-
-Gotz gibt einen historischen Abriß der russischen Revolution und
-beleuchtet von Fall zu Fall die Niederlage der S.R. Die
-Verteidigungsrede von Gotz schildert das Fiasko der ganzen Partei: Wir
-hatten keine Kräfte in entscheidenden Augenblicken, das Militär war
-nicht für uns, die Massen waren nicht auf unserer Seite. „Wir haben eine
-richtige Politik geführt, und künftig werden wir ebenso arbeiten wie
-bisher ...“
-
-Eugenie Ratner versucht die Partei von dem Vorwurf des Kleinbürgertums
-zu befreien, Rakow wehrt sich gegen die Behauptung, die Partei habe die
-Interessen der Großbourgeoisie wahrgenommen, er rühmt die Haltung der
-Partei gegen Koltschak und bestreitet die Verbindung mit dem
-Banditenführer Antonow im Gouvernement Tambow.
-
- * * * * *
-
-Als erster Verteidiger erscheint der junge Advokat Tschlenow,
-Verteidiger der Konoplewa und Daschewkis, die zur zweiten Gruppe der
-Angeklagten gehörten.
-
-Seine Aufgabe bestehe darin, seine Klienten vom Vorwurf der Provokateure
-und Verräter zu befreien.
-
-Die erste Gruppe stellt eine kollektive Einheit dar, repräsentiert das
-Z.K. der Partei. Dies Z.K. veröffentlichte in den Zeitungen, daß keine
-einheitliche Parteiorganisation zu den terroristischen Akten Beziehungen
-hatte. Kann man unter solchen Umständen Aussagen erwarten, durch die sie
-feststellen würden, daß das Z.K. lügt? In dieser Frage sind sie alle
-gebunden und werden die Wahrheit um so weniger sagen, da sie das
-Tribunal als ihre Feinde betrachten.
-
-Sie selbst machten vor dem Prozeß keine Aussagen, und hier handeln sie
-geschlossen nach den Direktiven des Z.K.; deshalb ist es
-selbstverständlich, daß in ihren eigenen Aussagen keine Widersprüche
-erscheinen können. Um so schlimmer, wenn man einige Widersprüche in
-ihren Aussagen findet.
-
-So kann man sich auf E. Iwanowa berufen. Sie benahm sich recht
-lächerlich, aber sie benahm sich so, weil es die Interessen der Partei
-erfordern. Sie hat schon einmal eine Aussage vor der Tscheka abgegeben.
-Was hat sie dort ausgesagt? Parteizugehörigkeit: Sie gehöre keiner
-Partei an. Ferner: Bitte mich nicht zu verhören, da ich nicht normal
-bin. Endlich: Ich bin eine Anhängerin der Sowjetmacht, aber habe in
-manchen Beziehungen andere Ansichten, als die Kommunisten.
-
-So muß angenommen werden, daß die Angeklagten als Parteimitglieder alle
-Tatsachen ableugnen, die ihnen unangenehm sind. Daher stammt die
-Theorie: Wer ein anständiges Parteimitglied sein will, der darf keine
-unangenehmen Aussagen machen; wer aber solche Aussagen macht, ist ein
-Verräter. „In diesem Falle dürfen Sie aber nicht verlangen, daß das
-Tribunal Ihnen Glauben schenken soll. Und wenn sich einige in Ihrer
-Partei enttäuscht fühlten und zu den Kommunisten übergingen, wie sollten
-sie Unwahres aussagen, wenn sie damit beginnen, daß sie die schwersten
-Verbrechen auf sich nehmen.“
-
-Angenommen aber, daß Semjonow und Konoplewa nicht die Wahrheit gesagt
-hätten, könnte Hendelmann auch in diesem Falle nicht behaupten, daß die
-terroristischen Akte ohne Billigung des Z.K. durchgeführt wurden.
-
-Die kriegerischen Reden Tschernows und der Eugenia Ratner auf dem
-Vierten Parteikongreß und der dort veröffentlichte Brief Gotz’, in dem
-er für den Fall der Auflösung der Konstituante mit der Anwendung „der
-alterprobten Taktik“ droht, sind natürlich noch kein Beweis dafür, daß
-der Vierte Kongreß der Sowjetmacht den terroristischen Krieg erklärt
-hat. Aber diese Drohung mit dem Terror hatte in den Reihen der
-Parteimitglieder eine terroristische Stimmung hervorgerufen. Es waren
-keine Beschlüsse über den Terror da, aber die einzelnen Mitglieder des
-Z.K. haben sich so benommen, daß in den aktivsten Elementen der Partei
-die tiefe Überzeugung erweckt wurde, der Terror wäre nützlich und vom
-Z.K. gebilligt.
-
-In den Statuten der Kampforganisation heißt es: daß die
-Kampforganisation den bereits begonnenen terroristischen Akt auch gegen
-das Verbot des Z.K. durchführen könne, und daß der Führer sich nur mit
-einem Z.K.-Mitglied und nicht mit allen Z.K.-Mitgliedern ins
-Einverständnis zu setzen brauche. Deshalb war es nicht notwendig, daß
-Semjonow den Fall außer mit Gotz noch mit anderen besprach.
-
-Die Untersuchung stellte fest, daß mehrere Z.K.-Mitglieder, wie Iwanow,
-Tschernow und Gotz, den Terror gegen die Vertreter der Sowjetmacht
-prinzipiell anerkannt haben.
-
-Sehr interessant ist die Geschichte des Verbesserungsantrages Zumgins
-zur Resolution Tschernows über den Terror. Merkwürdigerweise erinnern
-sich dessen alle angeklagten Mitglieder des Z.K. nicht, obwohl dieser
-Fall durch Burewitschs Aussagen festgestellt wurde.
-
-Nach Annahme der Tschernowschen Resolution wird sie nicht
-veröffentlicht. Und als man die Angeklagten über die Ursache dieser
-Verheimlichung fragte, antwortete Gotz, daß es auch Sachen gebe, die das
-Gericht nicht zu wissen brauchte. Hendelmann gab eine andere Antwort:
-Die Parteimitglieder waren nicht terroristisch gestimmt, deshalb lag
-kein Grund zur Veröffentlichung der Resolution vor. Wenn aber eine
-solche Resolution angenommen wurde, so beweist das doch, daß eine solche
-Stimmung vorhanden war.
-
-Nehmen wir das erste Attentat auf Lenin. Da wurde nach Aussagen Jefimows
-und Rabinowitschs das Moskauer Büro des Z.K. befragt. Dieses Attentat
-versuchten die Angeklagten als eine Operette hinzustellen. Die
-Mitglieder des Z.K. erklären, daß sich sehr viele Parteimitglieder an
-sie wandten, mit dem Vorschlag, terroristische Aktionen zu organisieren.
-
-Und wenn das Z.K. von einer solchen Stimmung nichts wußte, hätte es sich
-nach der Ermordung Wolodarskis und nach dem Attentat auf Lenin von ihrem
-Vorhandensein überzeugen können. Man schoß. Es gab Opfer. Kann man von
-Stimmungen sprechen? Es handelt sich um Tatsachen. Den Terror offen zu
-erklären, war nicht erwünscht, aber wenn jemand einen terroristischen
-Akt durchführte, mit dem das Z.K. sich nicht solidarisch zu erklären
-brauchte, so war das dem Z.K. sehr angenehm.
-
-Aus dem Vergleich der Aussage Rabinowitschs mit den Aussagen Gotz und
-Semjonows geht klar hervor, daß die Ermordung Wolodarskis mit Kenntnis
-des Z.K. durchgeführt wurde, obwohl zu einer äußerst ungelegenen Zeit,
-da sie die Wahlkampagne der S.R. sehr ungünstig beeinträchtigte.
-
-Auch das zweite Attentat auf Lenin wurde mit Kenntnis und Einverständnis
-des Z.K. unternommen. Usow, Fedorow, Kozlow, Subkow und anderen waren
-die Sanktionen des Z.K. bekannt. Und zwar nicht nur durch Semjonow,
-sondern auch durch E. Iwanowa. Besonders Iwanowa überredete Usow, daß er
-auf Lenin schießen solle. Dem Z.K. schien es besonders notwendig, das
-Attentat später als Symptom des Volkszornes hinstellen zu können. Die
-Angeklagten Gotz, Hendelmann und andere wundern sich, weshalb Semjonow
-die terroristischen Akte mit Donskoj und Gotz und nicht auch mit
-Timofejew besprochen habe. Das ist nicht verwunderlich. Nicht alle
-Mitglieder des Z.K. waren Anhänger des Terrors; nur einige. Und die
-Anhänger des Terrors verbargen ihre terroristischen Bestrebungen vor den
-übrigen Mitgliedern und handelten hinter ihrem Rücken. Timofejew war
-Gegner des Terrors. Deshalb hat man ihm die terroristischen Pläne nicht
-mitgeteilt. Deshalb hat man Semjonow nicht zu ihm gelassen. Semjonow war
-ein Werkzeug in den Händen derjenigen Mitglieder des Z.K., die für den
-Terror waren. Diese Mitglieder dachten: Gelingt es nicht, kann man es
-ableugnen, und der Partei wird kein Schaden erwachsen. Gelingt es aber –
-die Sieger verurteilt man nicht.
-
-Auf die Uneinigkeit in den Reihen der S.R. weist der Verteidiger
-Semjonows, Schubin, hin. Auch er erklärt die Verdunkelungsversuche in
-der Terrorfrage ähnlich wie Tschlenow: _Das Z.K. war in der Frage des
-Terrors nicht einig. Ein Teil war für, der andere gegen den Terror._ Die
-Anhänger des Terrors handelten selbständig, ohne die Gegner des Terrors
-in ihre terroristischen Pläne einzuweihen.
-
-Noch ein charakteristischer Umstand. _Weshalb zog Timofejew Semjonow
-nicht zu den Sprengungsarbeiten heran, sondern organisierte die
-Spezialabteilung Davidows? Weil die Kampforganisation eigene Aufgaben –
-die terroristischen Aktionen – gehabt hat._ Außerdem mußte die
-Sprengungsabteilung mit den Verbündeten in Verbindung treten, und
-_Semenow war offensichtlich kein Anhänger der Beziehungen zu den
-Verbündeten, besonders war er kein Anhänger des Geldempfangens von
-ihnen_. Die _angeklagten_ Z.K.-Mitglieder berufen sich selbst auf das
-Buch Semjonows und anerkennen alles das, was man nicht mehr ableugnen
-kann. Sie gestehen die _Expropriationen in Buja_ und die _ganze
-Kriegstätigkeit_. Aber das, was _ihnen_ unangenehm ist, und was _man_
-ableugnen _kann_, _verwerfen_ sie. Die objektive Logik der Dinge sagt
-uns aber, daß die angeklagten Z.K.-Mitglieder die Lossagung vom zweiten
-_Teil der Semjonow-Broschüre_ nicht _begründen_ können.
-
-Hendelmann erklärte in seiner Verteidigungsrede, daß die in der
-Semjonowschen Broschüre angeführten Tatsachen der Sowjetmacht schon
-längst vor der Herausgabe der Broschüre bekannt waren, daß sie es aber
-nicht für möglich hielt, die Angaben Semjonows auszunützen, und gegen
-die S.R. Partei eine Gerichtsverhandlung zu eröffnen. Diese Erklärung
-Hendelmanns ist Unsinn. Es ist doch nicht denkbar, daß die Sowjetmacht,
-die über die Beteiligung bestimmter Personen an terroristischen Aktionen
-gegen Wolodarski, Lenin und Trotzki unterrichtet gewesen wäre, die
-Attentäter auf freiem Fuß gelassen hätte, ohne gegen sie gerichtlich
-einzuschreiten.
-
-Weshalb schrieb Semjonow seine Broschüre? Er war im Auslande, er sah,
-wie das administrative Zentrum gegen die Sowjetmacht arbeitet, und
-welchen Schaden es der Revolution bereitet. Diese Tätigkeit wollte
-Semjonow durch seine Enthüllungen verhindern.
-
-Vor dem Obersten Tribunal sitzt derselbe Semjonow, der Wolodarski
-ermordet, der auf Lenin geschossen hat. Wenn in ihm der alte Semjonow
-nicht vernichtet ist, dann muß der auf der Anklagebank sitzende Semjonow
-vernichtet werden. Wenn aber der alte Semjonow sich selbst vernichtet
-hat, und vor uns hier ein neuer Semjonow sitzt, dann muß diesem neuen
-Semjonow das Leben erhalten werden, da die Revolution dessen Leben
-bedarf.
-
- * * * * *
-
-_Stawskaja_ war die Tochter eines unteren Beamten, ein hübsches,
-schlankes Mädchen mit kleinem lieblichen Gesicht und schwarzen Haaren.
-Die Achtjährige muß schon ihr Brot selbst verdienen. Die Fünfzehnjährige
-ist Mitglied der S.R. Partei. Und mit 18 Jahren versucht sie den
-zaristischen Gouverneur von Jekaterinoslaw zu erschießen, man macht ihr
-den Prozeß, sperrt sie drei Jahre lang in den Kerker, „begnadigt“ sie zu
-zwanzigjähriger Zwangsarbeit. Erst die Februarrevolution schenkt ihr die
-Freiheit wieder, sie fährt in die Krim, folgt den Parolen der S.R.,
-tritt aus Empörung über den Brester Vertrag in die Kampforganisation
-Semjonows, vollführt seine Befehle. Aber auf die Kunde des Verhaltens
-der S.R. Partei zu den terroristischen Anschlägen bekennt sie sich: Dies
-ist nicht mein Weg. Und da ist _Usow_, dessen Familie seit Jahren eng
-mit den S.R. verwachsen ist. Mit 16 Jahren ist er Mitglied der Partei,
-und außer der Partei hat für ihn nichts mehr existiert. Er war Arbeiter,
-von Mißtrauen gegen die Intellektuellen erfüllt, ihm wollte man den
-Revolver in die Hand drücken, um auf Lenin zu schießen – er konnte es
-nicht und brach zusammen – er, der Arbeiter, konnte nie und nimmer auf
-Lenin schießen, obschon es die Intellektuellen verlangten. Er verließ
-die Partei, kehrte unter die Masse zurück, arbeitete in der Fabrik und
-wollte büßen. Hernach ist er Rotarmist, Mitglied der R.K.P., aber erst
-nach der Publikation von Semjonows Broschüre macht er sein Geständnis.
-Er kann nicht schweigen.
-
-Der alte polnische Sozialist Felix Kon, ein hagerer Hüne mit wallenden
-weißen Haaren und einer gewaltigen Stimme, verteidigt diese beiden
-Menschen, schilderte ihre Herkunft, ihre Tragik und forderte
-Freisprechung, denn „Ihr müßt ihnen durch Euer Urteil nicht nur das
-Leben, sondern auch ihre revolutionäre Ehre zurückgeben.“ Der Georgier
-Katanjan sprach für den Terroristen Jefimow, der vor langen Jahren mit
-Gotz in Zwangsarbeit gewesen war. Gotz kennt Jefimow sehr gut, er hält
-ihn für einen ehrlichen Menschen. Katanjan bemüht sich, den Beweis zu
-führen, daß Jefimow die Wahrheit gesagt hat. Er war Mitglied einer
-Terrorgruppe, aber als er die Richtung erkannte, in der sich die Politik
-der S.R. bewegte, trat er aus der Partei aus. Katanjan plädiert für
-Freispruch.
-
-Nun der blonde, bewegliche Bucharin: klein von Gestalt, aber immer
-geladen mit Energien, so daß man zu glauben scheint, jeden Augenblick
-wird eine Bombe explodieren; immer im Angriff, verschwenderisch in
-seiner Satire, seiner Laune, seinem Hohn und seiner Boshaftigkeit. Er
-war der „Allgemeine Verteidiger“ der zweiten Gruppe der Angeklagten. In
-seiner Rede führte er in großen Zügen aus, was die S.R. und Bolschewiki
-unterscheidet, es ist ein Sondergericht über die ganze Politik der S.R.
-Partei, die nach Bucharin vom Ausbruche des Weltkrieges an durch Verrat
-gekennzeichnet ist. Ihm liegt daran, zu beweisen, auf welchen Stühlen
-vor Gericht die wahren Verräter sitzen.
-
-„Es kam mir gelegen, daß Eugenia Ratner hier die Zimmerwalder und
-Kientaler Konferenzen erwähnt hat, denen auch Victor Tschernow
-beiwohnte. Auf der Zimmerwalder und Kientaler Konferenz wurden zwei
-Grundsätze angenommen: erstens keine Abstimmung für Kriegskredite und
-zweitens keine Teilnahme an einer bürgerlichen Regierung.
-
-Die anwesenden Vertreter der S.R. Partei schlossen sich diesen
-Resolutionen an. Folglich: wenn eine Parteiorganisation sich
-sozialistisch nennt, und auf der Zimmerwalder Konferenz erklärt, daß sie
-an keiner bürgerlichen Regierung teilnehmen und in der Periode des
-imperialistischen Krieges für keine Kriegskredite stimmen wird – wenn
-eine solche Parteiorganisation dies später dennoch tut, so ist sie ein
-Verräter am Sozialismus.
-
-Bürgerin Ratner! Sie müssen zugeben, daß Ihre Partei, kaum einige Monate
-nach der Zimmerwalder Konferenz, beide Punkte auf die beschämendste
-Weise verraten hat. Ihre Partei nahm bei der erstbesten Gelegenheit an
-einer Koalitionsregierung teil. Ihre Partei nahm an einer
-imperialistischen Regierung teil, deren imperialistischer Charakter von
-niemandem bestritten werden kann. Dadurch habt Ihr den einen Punkt der
-Resolution verraten.
-
-Und wenn Ihr jetzt sagen wollt, daß Ihr keine formelle Erklärung, keine
-formelle Abstimmung bezüglich der Kriegskredite abgegeben habt, so wird
-dieser Umstand durch die Junioffensive aufgehoben, zu der Euch Mister
-Buchanan gezwungen hat. Wenn Ihr dabei nicht vom bösen Willen geleitet,
-sondern einfach gefoppt wurdet, so habt auch den Mut, das hier offen zu
-gestehen.“
-
-Weshalb fühlen die S.R. sich der II. Internationale so sehr verbunden?
-Hat Tschernow nicht erklärt, die II. Internationale sei tot und werde
-nie wieder auferstehen? weshalb erklärt hier Timofejew, sie ist wieder
-auferstanden? Die II. Internationale hat Berge von Verbrechen an der
-Arbeiterklasse aufeinander getürmt. Vielleicht besteht Eurer Meinung
-nach die Korrektur der Stellungnahme der II. Internationale darin, daß
-ihr Vertreter, Bürger Vandervelde, den niederträchtigsten
-Friedensvertrag der Geschichte, den Versailler Vertrag unterzeichnet
-hat, bei dessen Anblick man vor Scham vergehen muß. Oder erblickt Ihr
-vielleicht den Glorienschein über dem Haupte der II. Internationale
-darin, daß die Regierung der deutschen Sozialdemokratie, eine der
-wichtigsten Organisationen der II. Internationale, Rosa Luxemburg
-ermordet hat?
-
-Nein, es wird Euch nicht gelingen zu beweisen, daß die II.
-Internationale ihre Stellung auch nur um ein Haar geändert hat. Im
-Gegenteil, ihre Handlungen seit Kriegsende sind noch viel
-niederträchtiger, noch viel schmutziger, tausendmal verbrecherischer als
-ihr Verrat bei Kriegsausbruch.
-
-Werfen wir jetzt einen Blick auf die inneren Verhältnisse der Partei.
-Eugenia Ratner hat uns den General Krasnow, diese schöne Figur der
-russischen Gegenrevolution geschildert: Ich kann sagen, daß die Welt
-einen solchen Terror gegen das Proletariat und hauptsächlich gegen das
-Bauerntum, wie es der Terror Krasnows in Rostow und Umgebung war, noch
-nie gesehen hat. Und jetzt bitte ich Euch, Genossen Richter, Euch dessen
-zu erinnern, daß es derselbe Krasnow war, mit dem Gotz seinen Feldzug
-zur Erwürgung der revolutionären Arbeiter Petrograds führen ließ. Bürger
-Gotz hat mit dem Krasnowschen Heer die größten und fortgeschrittensten
-revolutionären Kräfte angegriffen, die sich auf dem Gebiete des frühern
-russischen Imperiums befanden. Diese Aktion ist die beste Charakteristik
-der S.R. Partei.
-
-Was die „äußere Politik“ – wir nennen sie einfach Spionage – der S.R.
-Partei betrifft, so sehen wir hier die S.R. Partei an einem Tische mit
-Dumas, mit Ehrlich und anderen Vertretern des französischen
-Imperialismus, die die S.R. Organisationen mit Geld und Sprengmaterial
-versorgt haben.
-
-Als den S.R. hier vorgeschlagen wurde, die Tätigkeit des Administrativen
-Zentrums entweder anzuerkennen oder aber zu verurteilen, erklärte Gotz,
-daß sie sich unter Drohungen nicht lossagen können. Und der Angeklagte
-Hendelmann gab seinem Zweifel an der Echtheit der Dokumente Ausdruck und
-berief sich auf den Kölner Kommunistenprozeß. Dort erklärten aber die
-Kommunisten kategorisch, daß die Londoner Dokumente Fälschungen seien.
-Sie gaben nicht ablehnende und zweideutige Erklärungen ab. Dasselbe
-sollten auch die Angeklagten des Prozesses tun.
-
-Es gibt hier nur drei Möglichkeiten: Entweder sind die Dokumente falsch,
-dann müssen es die Angeklagten gerade heraus, kategorisch erklären, um
-die Falschheit derselben zu beweisen. Wenn aber die Dokumente echt sind,
-dann müssen sie entweder ihre Solidarität mit diesen Dokumenten ehrlich
-erklären oder aber sich offen auf den Standpunkt stellen, daß sie mit
-den in diesen Dokumenten figurierenden Personen nichts gemein haben, daß
-daher also diese Personen als einfache Provokateure zu betrachten sind.
-Und wenn ein Teil der Dokumente echt, ein anderer Teil falsch ist, dann
-müssen die Angeklagten erklären, daß sie den echten Teil der Dokumente
-entweder anerkennen oder sich von ihm lossagen und beweisen, daß der
-andere Teil der Dokumente tatsächlich falsch sei.
-
-Die Angeklagten aber haben weder das eine, noch das andere getan. Weder
-anerkannten sie die Dokumente, noch sagten sie sich von ihnen los.
-Anzuerkennen wagten sie diese Dokumente nicht, sich von ihnen lossagen
-konnten sie nicht, da sie noch bis heute mit dem Administrativen Zentrum
-in Verbindung stehen.
-
-Es ist festgestellt worden, daß das Moskauer Zentralbüro der S.R. Partei
-mit dem Administrativen Zentrum in Verbindung steht und von ihm Geld
-erhält. Wenn sie sich also lossagen wollten, so hätten sie sich vom
-_ganzen übrigen Teil der eigenen Partei lossagen müssen_.
-
-Von dem Standpunkte jenes Kriteriums, das der Zimmerwalder und Kientaler
-Konferenz zum Ausgangspunkt diente, hat sich die S.R. Partei sowohl in
-ihrer inneren, wie auch in ihrer äußeren Politik als systematische
-Verräterin der Interessen der Arbeiterklasse und des Sozialismus
-erwiesen. Und wenn sich in dieser Partei einige Leute befinden, die auf
-Grund ihrer sozialen Abstammung mit diesem systematischen Verrat eine
-Zeitlang sympathisierten, im Laufe ihrer weiteren Entwicklung aber die
-Verräter preisgaben, so haben sie ein nützliches Werk geleistet.
-
-Wenn eine bestimmte Gruppe, nachdem sie aus der S.R. Partei austrat, den
-Verrat enthüllte, veröffentlichte und ihre Führer an den Pranger
-stellte, so ist das ein historisches Verdienst. Vom Standpunkte der
-moralischen Rehabilitation könnt Ihr denken, was Ihr wollt. _Uns
-interessiert nur, was vom Standpunkte der internationalen Revolution und
-der revolutionären Arbeiterklasse nützlich und richtig ist._
-
-Seit der Oktoberrevolution wart Ihr unter dem Pseudonym „Komitee zur
-Rettung des Vaterlandes und der Revolution“, dann als „Verband der
-Wiedergeburt“ und schließlich als „Komitee der Konstituante“ tätig. Nach
-der Auflösung der Konstituante kam es so, daß jede zwei S.R., die zwei
-Tage lang Mitglied der Konstituante waren, hier und da eine Macht
-gründeten und sich für eine Staatsmacht hielten, für die die Partei
-keine Verantwortung trägt. Es ist ganz natürlich, daß, sobald in letzter
-Zeit die Möglichkeit unter fremdem Namen in Rußland aufzutreten schwand,
-Ihr Euch im Auslande ein Pseudonym schaffen mußtet und Ihr habt es Euch
-geschaffen. Es verblieb Euch die merkwürdige „Pariser Konstituante“ und
-das „Administrative Zentrum“.
-
-Bei einer flüchtigen Analyse der S.R.-Spitzen muß eine besondere
-Tatsache in die Augen fallen: In keiner revolutionären oder
-pseudo-revolutionären Gruppierung kann man unter den führenden Kreisen
-soviel Millionäre finden wie in der S.R. Partei. Vandervelde ist auch
-ein Millionär und sprach hier vor dem Gericht im Namen seiner Millionen
-und nicht im Namen von Millionen Arbeitern. Was die S.R. Partei
-betrifft, so ist _Gotz Inhaber einer Handels- und Industrie-Firma,
-Gunakow macht in Brillanten, Rabinowitsch war Inhaber einer Pelzfirma,
-während Semjonow Eigentümer großer Teeplantagen ist_ usw. usw. Der
-Kernbestand der S.R. Parteiführer geht nicht einfach aus den Familien
-der demokratischen Intelligenz, sondern aus den Familien des
-Großkapitals hervor. Der Umstand, daß in die S.R. Partei auch Arbeiter
-und Bauern eingetreten sind, bedeutet nichts anderes, als daß in einer
-bestimmten geschichtlichen Periode die Handels- und Industriebourgeoisie
-und andere bürgerliche Gruppierungen versuchen, mit den Massen in
-Verbindung zu treten. Während des Kampfes gegen den Zarismus versuchten
-diese Gruppierungen einerseits die Intelligenz auszunützen, andererseits
-sich auf das Bauerntum und teilweise auch auf die Arbeiterklasse zu
-stützen. Als Resultat entstand eine ihrem sozialen Bestande nach aus
-verschiedenen Elementen zusammengesetzte Gruppierung, die sich S.R.
-Partei nennt. Es war ganz richtig, als sie Bürger Vandervelde hier mit
-den Girondisten verglich, da ja die Girondisten eben eine
-_großbürgerliche Gruppierung_ und nicht eine _Kleinbürger- und
-Bauerngruppe_ waren. Unsere _russischen Girondisten stützen sich_ auf
-dieselbe soziale Basis, und es war nur natürlich, daß sie während der
-proletarischen Revolution ihr eigenes Gesicht gezeigt haben.
-
-Timofejew legt es den Kommunisten zur Last, daß sie als erste den
-Bürgerkrieg begonnen haben. Erinnert Ihr Euch, wie wir in die Revolution
-eingetreten sind? Ihr habt über den ganzen Apparat der Staatsmacht und
-über die ganze Armee verfügt, wir aber waren nur ein kleines Häuflein –
-wie Ihr Euch ausdrückt – deutscher Spione. Wenn man die Lage, von Eurem
-Gesichtspunkte, von dem Gesichtspunkte der freien Konkurrenz, der für
-die Massenorganisation kämpfenden Faktoren aus betrachtet, so waren alle
-Vorteile dieses Kampfes auf Eurer Seite. Trotzdem wurdet Ihr geschlagen.
-Und wenn wir dann, als wir an der Macht waren, die Euch verhaßte Tscheka
-gegründet haben, so geschah das erst später. In dieser ungeheueren
-Gärung hat nur diejenige Kraft das Recht zur geschichtlichen Existenz,
-die in der gegeebenen historischen Phase das Land _organisieren, über
-das Land regieren kann. Weder Nikolaus II. noch Ihr, noch die
-Bourgeoisie konnten regieren._
-
-Ich erlaube mir, einen Freispruch für die ganze zweite Gruppe zu
-fordern, schon aus dem Grunde, weil Ihr, Mitglieder des Revolutionären
-Tribunals, ja selbst erklärt habt, daß für Euch der Wille des
-organisierten Proletariats nicht gleichgültig ist. Und das zu fordern,
-beauftragte mich – wenn auch nicht formell – die Masse der organisierten
-Arbeiter. Die Demonstration vom 20. Juni gab mir dieses Mandat. Ich
-wandte mich damals an die Masse der demonstrierenden Arbeiter mit der
-Frage, ob sie es für richtig halte, daß wir diese und diese Leute
-verteidigen, und diese proletarische Riesenmasse antwortete: „Ja, Ihr
-seid verpflichtet, es zu tun.“
-
-Und nun im Namen dieser Arbeitermassen, die unsere Stellungnahme
-billigen, fordere ich einen Freispruch für alle meine Klienten ohne
-Ausnahme.“
-
-Nach einer kurzen Rede von Sadoul, der für ein mildes Urteil plädiert,
-folgt eine Replik des Staatsanklägers Lunatscharskis, in der er auf
-verschiedene Einwände der Angeklagten eingeht und besonders ausführlich
-auf den Vorwurf Gotz’ zu sprechen kommt, die Absicht wäre, durch diesen
-Prozeß die S.R. Partei zu vernichten: „Gotz sagt: Ihr wollt unsere
-Partei ermorden!“ Ja, ja, wir wollen es! Dieser Prozeß verfolgt dies
-Ziel. Wir werden die Partei vernichten! Denn sie ist schädlich,
-abscheulich und lächerlich, ihre Unreife und Unerfahrenheit, wie jede
-kleinbürgerliche Schichtung, wie jeder Zwerg, der gegen elementare
-Kräfte zu kämpfen gedenkt.
-
-Krylenko hebt in seiner Replik den Unterschied zwischen alter und neuer
-Rechtsauffassung hervor:
-
-„Hendelmann rollte hier die Frage der prinzipiellen, individuellen und
-kollektiven Verantwortlichkeit im strafrechtlichen Sinne auf. Hendelmann
-erwähnte das richtige Prinzip, daß in Strafsachen jeder nur für sich die
-Verantwortung tragen kann. Ein solches Prinzip war in den alten
-zaristischen Gesetzen tatsächlich durchgeführt worden. In unserer
-Strafgesetzgebung existiert aber dieses Prinzip nicht. Im gegenwärtigen
-Prozeß muß die Frage in folgender Weise gestellt werden: _wenn eine
-gewisse führende Körperschaft, die die Tätigkeit aller lokalen
-Organisationen leitet, erklärt, daß sie für die Tätigkeit aller dieser
-Organisationen die Verantwortung trägt, so unterliegen ihre Mitglieder
-einer kollektiven Verantwortung_.
-
-Auf alle kategorischen Aussagen der zweiten Angeklagtengruppe antworten
-die Angeklagten der ersten Gruppe: „Davon ist nichts wahr, das habt Ihr
-alles nur erfunden.“ Ich frage Euch nun, aus welchem moralischen,
-logischen oder politischen Grunde könnt Ihr behaupten, daß sie lügen?
-... Auf die Fragen, die Euch unangenehm sind, antwortet Ihr nicht.
-
-Ich muß noch einmal auf die bereits in meiner ersten Rede behandelte
-Frage des Strafausmaßes zurückgreifen. Ich gehe ausschließlich vom
-Standpunkte der Nützlichkeit oder Gefährlichkeit der betreffenden Bürger
-aus. Mir scheint, daß diese Frage bereits klar vor uns stehen kann. Es
-liegen uns die Erklärungen Gotz, Hendelmanns und Timofejews vor. Gotz
-erklärte: „Wir sterben, aber wenn wir sterben, so sterben wir mutig, und
-wenn wir leben werden, so werden wir so handeln, wie wir bisher
-gehandelt haben.“ Timofejew sagte: „Weder Lossagung noch Reue werdet Ihr
-von diesen Bänken hören.“ Und Hendelmann schloß seine Rede mit der
-Erklärung, daß sie uns tot und lebendig gefährlich sein werden.
-
-Wie sollen wir uns diesen Erklärungen gegenüber verhalten? müssen wir
-oder müssen wir nicht das höchste Strafausmaß anwenden? Kann denn diese
-Frage im Interesse der Staatszweckmäßigkeit anders gestellt werden?
-Nein! Wenn wir um uns blicken, was in der Vergangenheit geschah, so
-sehen wir: Petrograd – Junkeraufstand – Blut; Moskau – Oktoberaufstand –
-Blut. Bei allen Bewegungen in Petrograd wurde Blut vergossen. Ferner:
-die Epoche von Archangelsk, wo während eines ganzen Jahres die
-englischen Kapitalisten herrschten. Auch dort – Blut und Blut. Samara,
-Sibirien, Südrußland – Blut und Blut. Tambow – Blut und Blut. Kronstadt
-– wiederum nur Blut und Blut. Überall, wo die S.R. nur auftraten, war
-nichts anderes als Blut und Blut. Deshalb können wir hier mit einer
-vollständigen Seelenruhe sagen: „Damit in der Zukunft kein Blut oder
-weniger Blut fließe, muß hier Blut vergossen werden.
-
- * * * * *
-
-Die Angeklagten ergreifen – jeder Einzelne – nochmals das Wort zu
-längeren Ausführungen, die sich einen vollen Tag hinziehen; die
-Angeklagten der ersten Gruppe beharren auf ihrer gegnerischen
-Einstellung, bestreiten noch einmal die Sanktionierung des Terrors durch
-das Z.K., verklären die demokratische Idee und bekennen, den Kampf gegen
-die Sowjets nicht ruhen zu lassen. Die Angeklagten der zweiten Gruppe
-bekennen sich nochmals zu ihren Verbrechen an der Revolution und der
-Arbeiterschaft, gestehen ihre Reue und als letzter spricht Semjonow:
-„Meine Verbrechen lassen sich weder rechtfertigen noch wieder gutmachen.
-Mein revolutionäres Gewissen hat mich bereits verurteilt.“
-
- * * * * *
-
-Nach fünftägiger Beratung wird am 8. August 1922 das Urteil des Obersten
-Tribunals des Allrussischen Zentralexekutivkomitees, bestehend aus dem
-Vorsitzenden, Genossen G. L. Pjatakow und den Mitgliedern, Genossen O.
-J. Karklin und A. W. Galkin verlesen.
-
-Man führt die Namen der 34 Angeklagten auf, bemerkenswert ist die Angabe
-der Klassenzugehörigkeit eines jeden Angeklagten, unter den 34
-Angeklagten befinden sich 29 Personen, die bürgerlichen Verhältnissen
-entstammen, Hochschulbildung genossen, in der Marine oder im Heer des
-Zaren gedient haben; einige Personen sind vom Adel, der Angeklagte
-Utgoff ist der Sohn eines Gendarmerieoffiziers, bei Gotz wird
-ausdrücklich vermerkt: Kaufmannssohn, Donskoi, Hendelmann sind die Söhne
-von Ärzten, Semjonow ist der Sohn eines Beamten, L. Konoplewa stammt aus
-einer Lehrerfamilie. Pelewin ist Bauer, nur Usow, Kozlow und Subkow sind
-Arbeiter. Der bürgerliche Charakter der S.R. Partei wird auf diese Weise
-noch einmal besonders grell hervorgehoben. Die Arbeiter und Bauern, für
-die vielleicht die S.R. Partei durch ihre Tradition noch immer von einem
-Schimmer heroischer revolutionärer Tapferkeit umstrahlt war, sollten
-wissen, aus welchen Kreisen diese Führer stammten; das Ziel war
-Entlarvung der S.R. Partei als einer bürgerlichen Partei, die die
-Arbeiterbewegung ins Schlepptau zu nehmen sucht. Immer wieder findet man
-mit allem Nachdruck hervorgehoben: die Bewegung richtete sich gegen die
-Arbeiter.
-
-Das Urteil gibt zunächst eine längere marxistische Analyse der
-revolutionären Bewegung. In den Vordergrund wird der Kampf um den
-Staatsapparat gestellt, dessen sich das Proletariat im Oktober 1917
-bemächtigte. Ihre Vollmacht erhielt die proletarische Regierung vom 2.
-Allrussischen Rätekongreß der Arbeiter- und Bauerndelegierten, er
-bestätigte am 27. Oktober die durch den Aufstand zur Macht gelangte
-Arbeiter- und Bauernregierung. Als ihre erste Aufgabe erblickte sie die
-Vernichtung des Widerstandes der Bourgeoisie, das Ziel war: die
-Vernichtung der Klassenunterschiede durch Änderung der ökonomischen
-Verhältnisse. Die Entscheidungsfrage lautete: Mit der Bourgeoisie oder
-gegen sie? Kampf für oder gegen die Sowjetmacht?
-
-Die S.R. boten alles auf, um die Sowjetmacht zu stürzen. So arbeiteten
-sie im Interesse der Bourgeoisie, und im Bunde mit ihr. Das Urteil geht
-auf die einzelnen Aktionen ausführlich ein, die sich gegen den Staat,
-der zugleich den Vertreter der Interesse der Arbeiter und Bauern
-repräsentierte, richteten.
-
-Schon einen Tag nach der Bestätigung der Sowjetregierung durch den
-Rätekongreß marschiert der S.R. Kerenski im Bunde mit dem General
-Krasnow gegen Petrograd. In der Stadt selbst erheben sich die Junker
-unter Führung eines Stabes, dem der S.R. Gotz angehört, der persönlich
-wieder mit Krasnow in Verbindung steht. Krasnow und die Junker werden
-geschlagen. Nach ihrer ersten Niederlage versuchen die S.R. einen
-technischen Apparat zu organisieren. Für den Tag der Eröffnung der
-Konstituante wird der Aufstand geplant, der als Farce endet. Das Gericht
-sieht als erwiesen an, daß die S.R. in verschiedenen Regimentern
-arbeiteten. Aber die Massen waren nicht zu gewinnen. Das Zentralkomitee
-gab seinen Plan auf. Zweiter Mißerfolg. Nach der Auflösung der
-Konstituante beginnt die geheime, die konspirative Tätigkeit der S.R.
-Eine militärische Organisation arbeitet unter den Soldaten der Roten
-Armee. Das Z.K. selbst nimmt Verbindung mit bürgerlichen Verbänden auf
-und erhält von ihnen Gelder; man scheut sich sogar nicht mit einer
-Organisation Fühlung zu nehmen, die Fäden zum deutschen
-Hauptquartier-Ost gesponnen hat. Ein Mitglied der S.R., der Oberst
-Postnikow, soll sogar ins deutsche Hauptquartier fahren, um mit dem
-Vertreter Ludendorffs zu verhandeln. In Moskau bestehen engste
-Beziehungen zu Bürgerwehren und Verbänden der Bischöfe. Die
-Spionagetätigkeit in der Armee wurde fortgesetzt, die betreffenden
-Organisationen ausgebaut; dabei wurde auf den Oberst Machin hingewiesen,
-der als Mitglied der S.R. Partei und im Auftrag des Z.K. einen hohen
-Posten in der Roten Armee bekleidete und im Kampf mit der Ufaregierung
-zum Feinde überging.
-
-Der 8. Parteitag im Mai 1918 beschließt den Kampf mit der
-Sowjetregierung auf allen Fronten und mit allen Mitteln aufzunehmen. Im
-Wolgagebiet, in Archangelsk und Wologda kommt es zu erbitterten Kämpfen.
-In Verbindung mit der französischen Mission gewinnt die S.R. die
-tschechoslowakische Legion, die unter Führung französischer Offiziere
-offenen Krieg mit den Sowjets führt. Die Tschechoslowaken werden die
-Elitetruppe der Regierung von Samara, die sich unter Führung der S.R.
-bildet. An der Regierung beteiligen sich Vertreter des Großgrundbesitzes
-und der Industrie. In Archangelsk operieren die S.R. in engster Fühlung
-mit den Ententetruppen und der russischen Bourgeoisie. In diesen Kämpfen
-fiel den S.R. die entscheidende politisch organisatorische Rolle zu,
-während die militärische Führung in den Händen der Ententegenerale und
-russischer Weißgardisten lag.
-
-In der Ukraine, in Kuban und am Don bestanden Verbindungen zwischen den
-S.R. und den dortigen sowjetfeindlichen Regierungsorganen. In der
-bürgerlichen ukrainischen Rada sanktionierte die S.R. Fraktion die
-Okkupation der Ukraine durch den deutschen und österreichischen
-Imperialismus. Direkt oder indirekt erhielt die Partei finanzielle
-Unterstützung von den Missionen der Verbündeten. Ferner bestand eine
-direkte organisatorisch-persönliche Verbindung des Z.K. mit Vertretern
-der Entente. Außerdem bestand eine enge Verbindung mit bürgerlichen
-Organisationen; genannt werden die Organisation Filonenko, Iwanow und
-der „Verband der Wiedergeburt“, dem Kadetten und weiter rechtsstehende
-Vertreter angehören. Es kam zur Bildung einer zukünftigen russischen
-Regierung, dem „Allrussischen Direktorium“, in dem Führer der S.R.
-saßen.
-
-Nach dem Siege der Roten Armee 1919 vollzog sich ein Umschwung. Einige
-Mitglieder der Konstituante von Samara gaben eine Erklärung ab, in der
-sie auf den bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht verzichteten. Aber
-das Plenum des Z.K. spricht sich gegen jede Versöhnung mit den Sowjets
-aus und veranlaßt sogar eine Untersuchung gegen die versöhnlichen
-Mitglieder des Z.K. Diese Wendung hat den Austritt verschiedener
-Mitglieder zur Folge. Um so entschiedener wird die Haltung der
-Unversöhnlichen. Eine Resolution des Z.K., von Gotz, Helene Ratner und
-Timofejew unterzeichnet, erklärt:
-
-„Die S.R. Partei darf ihre alten Positionen nicht verlassen und nicht
-für einen einzigen Moment auf den bewaffneten Angriff verzichten. Wenn
-die Bewegung ... gegen die Bolschewiki im gegebenen Augenblick nicht
-erneuert werden kann, so wird die Aufgabe unserer Partei in der weiteren
-Vorbereitung der Massen und Zusammenfassung der Elemente der Demokratie
-bestehen, dort, wo diese Elemente sich noch erhalten haben.“
-
-Am 13. Mai 1920 erläßt das Z.K. ein Rundschreiben, das einen bestimmten
-Arbeitsplan der S.R. auf dem flachen Lande enthält: 1. Befestigung der
-organisatorischen Position der S.R. Partei unter den sowjetfeindlichen
-Elementen des Dorfes; 2. Provozierung bewaffneter Zusammenstöße der
-Bauern mit der Sowjetmacht.
-
-Eine Folge dieses Zirkulars sieht das Urteil in der Bauernrebellion in
-Tambow unter Führung des Banditen Antonow. 1921 versuchten die S.R. eine
-ähnliche Bewegung in Sibirien zu organisieren. Für die Teilnahme der
-S.R. an Unruhen in den Küstengebieten des Schwarzen Meeres wird ein
-Aufsatz des Oberst Machin herangezogen; ferner gilt als Beweis ein
-Aufsatz Tschernows, in dem die Taktik der S.R. gerühmt wird, endlich
-Akten des „Administrativen Zentrums“. Der Oberst Woronowitsch wurde zu
-den Aufständigen entsandt.
-
-Das „Administrative Zentrum“ beauftragt Woronowitsch in einem Briefe vom
-19. August 1921, gezeichnet vom Sekretär der S.R. Partei, Fabrikant,
-„mit der Bauernorganisation am Schwarzen Meer, mit dem Obersten Stab der
-Bauernwehr usw. Verbindungen herzustellen.“
-
-Die Septemberkonferenz der S.R. im Jahre 1920 beschloß in einer
-Resolution den „bewaffneten Sturz der bolschewistischen Diktatur“.
-Darauf senden die in Haft befindlichen Mitglieder der S.R. Partei Gotz,
-Hendelmann, Wedenjapin, Donskoj, Lichatsch, Morosow, Rakow, H. Ratner,
-Timofejew und Zeitlin anläßlich jener Resolution einen Brief an das
-neugewählte Z.K., in dem es heißt: „Mit Freude erfuhren wir den
-günstigen Ausgang der 10. Konferenz. Die 10. Konferenz erkennt
-vollkommen richtig, daß die Hauptaufgabe der Partei in der Liquidierung
-der Diktatur der gegenwärtig herrschenden Regierung besteht.“
-
-Der Kronstadter Aufstand im Jahre 1921 ist von den S.R. gefördert
-worden. Hinweise auf Telegramme und Artikel Tschernows, Akten des
-„Administrativen Zentrums“.
-
-Einen breiten Raum nehmen im Urteil die Feststellungen des Obersten
-Tribunals hinsichtlich der terroristischen Akte, Expropriationen und
-Sprengungen ein.
-
-1. Wird auf eine Erklärung der S.R. Gotz, Ratner und Tschernow
-hingewiesen, in der terroristische Akte gebilligt wurden. Dieser
-Erklärung wurde nicht widersprochen.
-
-2. Im Februar 1918 fand eine Aussprache über den Terror im Z.K. statt.
-Das Urteil stellt folgendes fest: Bei der Erwägung der Frage im Z.K.
-kamen zwei Ansichten zum Ausdruck. Es gelang dem Gerichte nicht, den
-Text des Z.K.-Beschlusses festzustellen. Es wurde nur festgestellt, daß
-in der Motivierung die Mitglieder des Z.K. nicht einig waren. Eine
-Motivierung wurde nicht angenommen, der Berichtigungsantrag des
-Z.K.-Mitgliedes Zuntin (eines Gegners des Terrors) wurde abgelehnt; die
-Resolution Tschernows (Anhänger des Terrors) wurde angenommen. Zuntin
-trat aus dem Z.K. aus. Der Beschluß des Z.K. wurde nicht nur nicht in
-weiteren Kreisen veröffentlicht, sondern war nicht einmal den
-verantwortlichen Parteifunktionären bekannt, wie z. B. dem Leiter der
-Militärkommission beim Z.K., Daschewski. Als Tschernow auf die
-Enthüllungen Semjonows und Konopljewas hin die terroristische Tätigkeit
-der S.R. Partei in Abrede stellte, hat er nicht ein einziges Mal diesen
-Beschluß erwähnt.
-
-3. Hinweis auf die Terrorgruppe Semjonow, die von Z.K.-Mitgliedern
-Aufträge erhielt.
-
-4. Als erwiesen wird angesehen, daß diese Gruppe von den
-Z.K.-Mitgliedern Gotz und Donskoi Weisungen erhielt und auf Befehl des
-Z.K. oder einer Gruppe von Z.K.-Mitgliedern handelte.
-
-5. Die Z.K.-Mitglieder Gotz, Donskoj, Gerstejn und der Bevollmächtigte
-des Z.K. Rabinowitsch nahmen an der Organisation terroristischer
-Aktionen, Expropriationen und Sprengungen teil. Die Z.K.-Mitglieder
-Timofejew, Iwanow, H. Ratner und Wedenjapin hatten wenigstens teilweise
-von dieser Tätigkeit Kenntnis.
-
-6. Die Ermordung des Genossen Wolodarski, das Attentat auf den Genossen
-Lenin, das Attentat auf den Eisenbahnzug des Genossen Trotzki wurde
-durch die Kampforganisation der Partei organisiert. Der Mörder des
-Genossen Wolodarski, Sergejew und die Attentäterin auf den Genossen
-Lenin, F. Kaplan, waren Mitglieder dieser Organisation und der S.R.
-Partei.
-
-7. Diese Kampforganisation beging eine Reihe von Expropriationen, das
-auf der Station Buij von Angestellten des Ernährungskommissariats
-entnommene Geld im Betrage von ungefähr einer Million Rubel wurde auf
-Beschluß des Z.K. in seine Kasse eingezahlt.
-
-8. Der Agent der französischen Mission für Sprengungen, Henry Virtimon,
-stand mit dem Z.K. und mit Timofejew in enger Verbindung und erwies der
-Sprengungsgruppe des Z.K. eine materielle Unterstützung. Timofejew hielt
-die Annahme dieser Unterstützung für unbedenklich.
-
-9. Die Teilnahme aller Mitglieder des Z.K. an dieser verbrecherischen
-Tätigkeit ist bewiesen worden. Die Teilnahme der Z.K.-Mitglieder und
-anderer Parteimitglieder an den terroristischen Aktionen,
-Expropriationen und an der Sprengungsarbeit wird in bezug auf jeden
-Angeklagten einzeln festgestellt.
-
-Das Tribunal kam für die einzelnen Angeklagten zu folgenden
-Feststellungen:
-
-Gotz, Wedenjapin, Hendelmann, Donskoi, Gerstein, Lichatsch, Iwanow,
-Ratner-Elkind, Rakow, Federowitsch, Timofejew waren Mitglieder des Z.K.
-der S.R. Partei, deren Ziel der Sturz der Arbeiter- und Bauernregierung
-war, die Hochverrat im Bunde mit fremden Mächten beging, Verträge
-verletzte, die die Sowjetrepublik abgeschlossen hatte, und Gebiete von
-der Republik abzutrennen suchte. Gotz, Donskoi und Gerstein leiteten die
-Tätigkeit terroristischer Terrorgruppen, die Attentate auf Lenin und
-Trotzki planten und Wolodarski töteten. Timofjejew, Iwanow, H. Ratner,
-Wedenjapin sind als Mitwisser zu verurteilen; ferner empfingen sie
-Gelder, die in einem staatlichen Büro geraubt waren. Donskoi war
-Anstifter dieses Raubes. Endlich unterhielten sie Beziehungen zu
-ausländischen Staaten, die sich mit der Sowjetrepublik im Kriegszustand
-befanden! Sie leiteten Sprengungsarbeiten.
-
-Artemjew, Morosow und G. Ratner waren Mitglieder des Moskauer Büros der
-Z.K. und führten mit einigen Mitgliedern des Z.K. die ganze Tätigkeit
-der Partei auf dem Gebiete der Arbeiter- und Bauernregierung. Sie haben
-von der Existenz der Semjonowschen Kampfgruppe Kenntnis gehabt.
-
-Agapow, Altowski, Liberow, Gorkow, Lwow, Berg, Slobin, H. Iwanowa und
-Utgoff waren Mitglieder verschiedener führender Organe der S.R. Partei
-und vollzogen die Direktiven ihres Zentralkomitees; außerdem leitete
-Agapow die Sprengungsgruppe des Z.K., die für Sprengungen,
-Brandstiftungen und Zerstörung der Verkehrswege zu gegenrevolutionären
-Zwecken organisiert wurde.
-
-Semjonow, Konopljewa, H. Iwanowa, Ussow, Subkow, Fedorow-Koslow,
-Jefimow, Pelewin nahmen an der Tätigkeit der Kampfgruppe des Z.K. teil,
-die terroristische Aktionen gegen die Führer der proletarischen
-Revolution, bewaffnete Überfälle und bewaffnete Plünderungen zugunsten
-der S.R. Partei ausführte, wobei Semjonow der Führer dieser Gruppe war,
-und Semjonow, Konopljewa und Iwanowa für ihre Verbindung mit dem Z.K.
-sorgten. Stawskaja trat später in die erwähnte Gruppe ein, nahm aber an
-ihrer Tätigkeit keinen tatsächlichen Anteil.
-
-Daschewski leitete die militärische Organisation der S.R. Partei, wofür
-er amnestiert wurde; außerdem aber half er der Ausführerin des
-Attentates auf Genossen Lenin, dem Mitglied der S.R. Partei, Fanny
-Kaplan, bei ihrem Eintritt in die Semjonowsche Kampfgruppe und hatte von
-der Existenz dieser Gruppe Kenntnis.
-
-Ignatjew war Mitglied des Z.K. der Volkssozialistischen Partei und
-handelte in unmittelbarer Verbindung mit den Mitgliedern des Z.K. der
-S.R. Partei; nahm bis zu seiner Verhaftung an der gegenrevolutionären
-Tätigkeit zum Sturze der Sowjetmacht teil, trat dem Komitee zur „Rettung
-des Vaterlandes und der Revolution“ bei, beteiligte sich an der
-Tätigkeit dieser Organisation gegen die Sowjetmacht, setzte sich mit den
-gegenrevolutionären Organisationen Filonenkos und Iwanows und mit der
-militärischen Kommission der S.R. Partei in Verbindung, trat in den
-Kriegsstab des Verbandes der Wiedergeburt ein, wohnte den Sitzungen des
-politischen Zentrums des Verbandes der Wiedergeburt bei und leitete die
-gegenrevolutionären Aktionen in Wologda. Er setzte sich außerdem mit den
-Vertretern der verbündeten Missionen und weißgardistischen
-Organisationen in Verbindung, um die Sowjetmacht zu stürzen.
-
-Demzufolge verfügt das Tribunal:
-
-1. G. M. Ratner freizusprechen.
-
-2. J. W. Moratschewski wegen Mangel an Beweisen freizusprechen.
-
-3. Die Schuld der Angeklagten F. J. Stawskaja gemäß Paragraph 213 des
-Strafgesetzbuches (Kriegsspionage) als unbewiesen zu betrachten.
-
-Das Tribunal verurteilt:
-
-4. P. W. Slobin, in Anbetracht des unbedeutenden Umfanges seiner
-gegenrevolutionären Tätigkeit, seiner Nichtteilnahme an der illegalen
-Tätigkeit der S.R. Partei während der letzten Zeit, seiner gutgesinnten
-Arbeit in den Sowjetbehörden, auf Grund des Paragraphen 60 des
-Strafgesetzbuches mit Anwendung des Paragraphen 28 zu zwei Jahren
-Kerkerstrafe bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit unter Anrechnung
-der Untersuchungshaft.
-
-5. G. R. Gorkow-Dobrolubow, in Anbetracht des unbedeutenden Umfanges
-seiner gegenrevolutionären Tätigkeit und seiner prinzipiell ablehnenden
-Haltung zum bewaffneten Kampfe, auf Grund des Paragraphen 60 mit
-Anwendung des Paragraphen 28 zu drei Jahren Kerkerstrafe bei strenger
-Einzelhaft, Zwangsarbeit, unter Anrechnung der Untersuchungshaft.
-
-6. W. R. Utgoff-Deruschinski, J. S. Berg und M. L. Lwow auf Grund des
-Paragraphen 16, aber in Anbetracht des unbedeutenden Umfanges ihrer
-gegenrevolutionären Handlungen, zu fünf Jahren Kerkerstrafe bei strenger
-Einzelhaft und Zwangsarbeit, unter Anrechnung der Untersuchungshaft.
-
-7. P. N. Pelewin auf Grund der Paragraphen 76 und 68 zu drei Jahren
-Kerkerstrafe bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit unter Anrechnung
-der Untersuchungshaft.
-
-8. K. A. Usow, F. W. Subkow und F. F. Federow-Koslow auf Grund der
-Paragraphen 64, 76 und 68, Subkow außerdem auch auf Grund des
-Paragraphen 65, in Anbetracht der Größe ihres Verbrechens, aber mit
-Rücksicht darauf, daß sie keine führende Rolle gespielt haben und mit
-Rücksicht auf ihre proletarische Abstammung zu fünf Jahren Kerkerstrafe
-bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit unter Anrechnung der
-Untersuchungshaft.
-
-9. P. T. Jefimow auf Grund der Paragraphen 64, 76 und 68 zu zehn Jahren
-Kerkerstrafe bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit, unter Anrechnung
-der Untersuchungshaft.
-
-10. A. W. Liberow und N. I. Artemjew auf Grund des Paragraphen 60 zu
-zehn Jahren Kerkerstrafe bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit, unter
-Anrechnung der Untersuchungshaft.
-
-11. D. F. Rakow, F. F. Federowitsch und M. A. Wedenjapin auf Grund der
-Paragraphen 57, 58, 60, 62 und 65, ungeachtet dessen, daß sie Mitglieder
-des Z.K. sind, mit Rücksicht auf ihr Schlußwort, zu zehn Jahren
-Kerkerstrafe bei strenger Einzelhaft und Zwangsarbeit unter Anrechnung
-der Untersuchungshaft.
-
-12. A. R. Gotz, D. D. Donskoj, B. J. Gerstejn, M. J.
-Hendelmann-Grabowski, M. A. Lichatsch, N. N. Iwanow, E. M.
-Ratner-Elkind, E. M. Timofejew, S. W. Morosow, W. W. Agapow, A. I.
-Altowski, W. I. Ignatjew, G. I. Semenow, L. W. Konopljewa, E. A.
-Iwanowa-Iwanowa – zum Tode durch Erschießen.
-
-In Anbetracht dessen jedoch, daß Ignatjew sich von seiner
-gegenrevolutionären Vergangenheit unwiderruflich lossagte, der
-Sowjetmacht dient und als sozial-ungefährliches Element zu betrachten
-ist, wendet sich das Tribunal auf Grund des Punktes 3 des Paragraphen
-330 der Strafprozeßordnung an das Präsidium des Allrussischen
-Zentral-Exekutivkomitees mit dem Ersuchen, Ignatjew von der Strafe zu
-befreien.
-
-Bezüglich Semjonow, Konopljewa, Jefimow, Usow, Subkow, Federow-Koslow,
-Pelewin, Stawskaja und Daschewski stellt das Tribunal fest: diese
-Angeklagten haben sich beim Begehen ihrer schweren Verbrechen
-wohlmeinend irreführen lassen und nahmen an, daß sie im Interesse der
-Revolution kämpften; als sie aber die gegenrevolutionäre Rolle der S.R.
-Partei begriffen, traten sie aus der Partei und verließen das Lager der
-Feinde der Arbeiterklasse, in das sie durch einen tragischen Zufall
-geraten sind. Die genannten Angeklagten haben den ganzen Umfang der
-Ungeheuerlichkeit ihrer Verbrechen erkannt. Das Tribunal ist überzeugt,
-daß sie in den Reihen der Arbeiterklasse mannhaft und selbstlos für die
-Sowjetmacht gegen alle ihre Feinde kämpfen werden, und ersucht auf Grund
-des Punktes 3 des Paragraphen 330 der Strafprozeßordnung das Präsidium
-des Zentral-Exekutivkomitees um volles Erlassen ihrer Strafe.
-
-Auf Grund des Paragraphen 42 des Strafgesetzbuches verurteilt das
-Tribunal außerdem die Angeklagten Artemjew, Wedenjapin, Gorkow, Slobin,
-Lwow, Rokow, Federowitsch, Utgow, Liberow, Berg zum Verlust ihrer
-bürgerlichen Rechte, und zwar auf Grund der Punkte a, b und c des
-Paragraphen 40 des Strafgesetzbuches, auf die Dauer von fünf Jahren.
-
-Das Tribunal ordnet die Verhaftung der Angeklagten Ignatjew, Konopljewa,
-Stawskaja, Semjonow und Usow an.
-
-Die Beweisgegenstände und Dokumente sind dem Archiv der
-Oktoberrevolution zu übergeben. Die Kosten des gerichtlichen Verfahrens
-trägt die Staatskasse.
-
- Der Vorsitzende des Tribunals: G. P. Pjatakow.
- Mitglieder: O. Karklin, A. Galkin.
-
-Noch am gleichen Tage erscheint eine Verfügung des Allrussischen
-Zentral-Exekutivkomitees, in der es heißt:
-
-1. Das Urteil des Obersten Tribunals bezüglich der Angeklagten Gotz,
-Donskoj, Gerstein, Hendelmann-Grabowski, Lichatsch, H. Iwanow, E.
-Ratner-Elkind, Timofejew, Morosow, Agapow, Altowsky und E.
-Iwanow-Iwanowa wird bestätigt, der Vollzug der Strafe ist jedoch
-aufzuschieben.
-
-Wenn die Partei der Sozialrevolutionäre ihre
-unterirdisch-verschwörerische, terroristische, aufständische und
-Kriegsspionage-Tätigkeit gegen die Sowjetmacht auch in der Tat
-einstellt, wird sie dadurch auch jene ihre führenden Mitglieder von der
-Todesstrafe befreien, die in der Vergangenheit diese Tätigkeit leiteten
-und selbst am Prozeß die Absicht aussprachen, diese Tätigkeit auch in
-der Zukunft fortzusetzen.
-
-Die Anwendung der Methoden des bewaffneten Kampfes gegen die Arbeiter
-und Bauernmacht durch die Partei der Sozialrevolutionäre hingegen wird
-das unvermeidliche Erschießen der verurteilten Aufwiegler und
-Organisatoren gegenrevolutionärer Terroraktionen und Aufstände nach sich
-ziehen.
-
-Sowohl die zum Tode Verurteilten, wie auch die zu langfristiger
-Kerkerstrafe Verurteilten verbleiben in strenger Haft.
-
-2. Bezüglich Semjonow, Konopljewa, Jefimow, Usow, Fedorow-Koslow,
-Pelewin, Stawskaja, Daschewski und Ignatjew beschloß das Präsidium des
-Allrussischen Zentral-Exekutiv-Komitees, dem Ersuchen des Obersten
-Tribunals über das völlige Erlassen ihrer Strafe stattzugeben.
-
-Moskau, den 8. August 1922.
-
- Vorsitzender des Allrussischen Zentral-Exekutiv-Komitees:
- Gez. M. Kalinin.
-
- Sekretär des Allrussischen Zentral-Exekutiv-Komitees:
- Gez. A. Enukidze.
-
-Wenige Monate später wird das Todesurteil überhaupt zurückgezogen, als
-Strafe fünfzehnjährige Haft festgesetzt. 1924 wurde das Urteil endgültig
-auf 5 Jahre Haft beschränkt. Im Jahre 1927 sind sämtliche Angeklagten in
-Freiheit, wenn nicht zuvor ein internationaler Austausch der politischen
-Gefangenen erfolgt ist. Es hängt von den westeuropäischen Regierungen
-ab, ob diese Aktion durchgeführt wird!
-
- * * * * *
-
-Dies Urteil ist ein Friedensvertrag heutiger Zeit. Mit seiner
-Ratifikation schließt eine große Periode russischer Geschichte ab, die
-jedoch nicht nur die Geschichte der revolutionären Bewegung des
-Proletariats geworden ist, sondern zugleich auch die Geschichte der
-Eroberung des Staatsapparates durch das Proletariat. Erst seit diesem
-Prozeß ist ein einheitliches proletarisches Rußland geschaffen; die S.R.
-Partei hat nach diesem Prozeß in Rußland jeden Boden verloren und ihre
-illegale konspirative Tätigkeit eingestellt. Außenpolitisch haben die
-Interventionsversuche vorläufig einen Abschluß gefunden. Soweit bekannt
-geworden ist, beschränkt sich die S.R.-Presse der Emigranten auf den
-Papierkrieg gegen Sowjetrußland. Der russischen Arbeiterregierung blieb
-eine Atempause, in der sie ihren Staat ausbauen konnte.
-
-So war dieser Prozeß mehr als ein politischer Prozeß kriminellen
-Charakters. Nur so läßt sich auch die tiefe Erregung erklären, die seine
-Verhandlungen in Europa auslösten. Noch einmal standen sich die Mächte
-der Vergangenheit und Gegenwart gegenüber, allerdings mit ungleichen
-Waffen. Nie ist so klar geschieden worden: Vertreter des Proletariats –
-Verführer des Proletariats. Der S.R.-Prozeß war der Abschluß einer
-großen historischen Epoche, aber er war zugleich eine erste große
-öffentliche gerichtliche Abrechnung jener Vertreter des
-Proletariats, die die Souveränität des Proletariats forderten, die
-Klassenkampfauffassung bis in ihre letzten Konsequenzen verfochten,
-während die S.R. eine Volksgemeinschaft nach westeuropäischen Prinzipien
-verlangten, in der die Klassengegensätze verwischt werden. Der neue
-Staat schloß diese Männer aus seiner Gemeinschaft aus, für ihn waren sie
-Außenseiter, für jene aber wie für die bürgerliche Welt waren die
-Vertreter jenes Staatsprinzips Außenseiter. So bekämpften sich zwei
-Welten. Die Tragik der S.R. ruht in ihrer Halbheit, ihrem Schwanken.
-
-Wir müssen noch einmal auf den Terror zu sprechen kommen. Das Gericht
-gewann die Überzeugung, daß die Partei einen gemeinsamen Beschluß nicht
-gefaßt hat, es gab Strömungen für und wider den Terror. Aber selbst wenn
-man annehmen wollte, das Gericht hätte sich geirrt und Gotz oder Donskoi
-hätten wirklich nicht ihre Sanktion gegeben, oder sie nur als
-Privatpersonen erteilt, bleibt immer wieder die Frage offen: aber
-weshalb rückte das Z.K. nicht von der Terrorgruppe ab, weshalb erfolgte
-keine Mißbilligung dieser Taten, weshalb gab man nur öffentlich die
-Erklärung ab, die Partei sei an den Taten nicht beteiligt?! Wie anders
-verhielten sich die S.R. in der Zarenzeit! Da verteilte man Flugblätter
-und verkündete das Todesurteil öffentlich, da ging man vor Gericht und
-zur Hinrichtung wie ein Märtyrer, ein Bote der Freiheit. Weshalb jetzt
-diese Unklarheiten, diese Unaufrichtigkeit, dies Leugnen, diese
-Widersprüche? Weil man mit sich selbst im Hader lag und nicht mehr an
-seinen Sieg glaubte. Gotz konnte kein vernichtenderes Geständnis machen,
-als er das Resumé der Tätigkeit seiner Partei zog: „Wir hatten die
-Massen nicht hinter uns!“
-
- * * * * *
-
-Es ist immer gesagt worden, die Sowjetrepublik hatte nicht das Recht,
-über die S.R. zu Gericht zu sitzen; sie hatte durch die „Neue
-ökonomische Politik“ das Recht verwirkt, über Konterrevolutionäre zu
-richten. Der Prozeß fand in einem Zeitpunkt statt, in dem der
-Kriegskommunismus aufgegeben und zu einer Art Staatssozialismus
-übergegangen wurde. Aber gerade in dieser Zeit war die Sowjetrepublik
-verpflichtet, die Grenzen zwischen sich selbst und den Vertretern der
-Demokratie scharf zu ziehen. Und bis zum heutigen Tage sieht die
-kapitalistische Welt im Außenhandelsmonopol das schwerste Hindernis
-ihrer Expansions- und Kolonisationsbestrebungen in Rußland, ein
-Hindernis, das Austen Chamberlain nicht anders als durch einen neuen
-„Heiligen Krieg“ überwinden zu können glaubt. Die Republik hatte kein
-Recht, sich gegen eine Partei zu wehren, die bis zum Tage der
-Verhandlungseröffnung alle Hebel in Bewegung setzte, um die Republik zu
-stürzen und dem europäischen Proletariat, das immer stärker in die
-Defensive gedrängt wurde, den letzten Rückhalt zu rauben?! Der Staat
-sollte sich nicht gegen seine erbittertsten Feinde wehren, deren
-Schlußwort noch vor dem Tribunal lautete: „Wir werden euch mit allen
-Mitteln bekämpfen!“?
-
- * * * * *
-
-Auch die deutsche Republik hat Prozesse gegen ihre Feinde führen müssen.
-Wir brauchen hier nicht auseinanderzusetzen, wie der Prozeß gegen
-Hitler, wie er gegen die sogenannte Tscheka geführt wurde. Zwischen
-Extremen schwankt die deutsche Justiz, nach Willkür, nach Zeit; sie
-scheint subjektiv. In denselben Tagen, in denen Rathenau ermordet wurde,
-verhandelte man in Moskau gegen die S.R. Im Rathenau-Prozeß wurde an die
-Drahtzieher nicht gerührt, nie wurde versucht, die Geldgeber
-festzustellen, nie wurde das Netz von Verschwörercliquen zerstört, nie
-wagte man sich an die wahren Auftraggeber heran. Im S.R.-Prozeß spielten
-die Attentäter die geringere Rolle – man drang in die Hinterzimmer vor,
-man stieg in die Abgründe und entdeckte die Auftraggeber in den
-Kabinetten der Ententemissionen, in den geheimnisvollen
-Absteigequartieren der Mitglieder des Z.K. der S.R. Im Hitler-Prozeß
-sind nie gewisse Verbindungen zwischen Parteiführern und Hitler enthüllt
-worden, die Geldgeber blieben diskret hinter dem Vorhang – Geld spielt
-in der bürgerlichen Welt eine diskrete Rolle. Wie anders im S.R.-Prozeß!
-Die ganze Front der Gegenrevolution wird entlarvt, geheime Verbindungen
-werden ans Licht gezogen, illegale Organisationen festgestellt – es gab
-kein Geheimnis, vor dessen Enträtselung man zurückschreckte, nirgends
-ein Vertuschungsmanöver, nirgends ein Versuch zu verschweigen, zu
-beschönigen. Die Republik hatte ihre Feinde erkannt, entlarvt, sie
-wollte sie vernichten.
-
-Das Oberste Tribunal war ein Klassengericht. Daraus wurde kein Hehl
-gemacht. Der Staatsgerichtshof der Deutschen Republik tat sich etwas
-zugute auf seine Objektivität und fällte seine Urteile im Interesse der
-mächtigsten Klasse. Das Oberste Tribunal hatte die Interessen der
-Schichten im Auge, die der Staat repräsentierte. Der Staatsgerichtshof
-entschied im Interesse der Mächte, die den Staatsapparat wieder fest in
-ihre Hand zu gewinnen suchten. Das Oberste Tribunal wollte ein
-Klassengericht sein, der Staatsgerichtshof ist es. Man braucht nicht
-immer erst zu bekennen, was man ist. Man ist, was man ist. Das Wesen der
-Staatsform deckt sich nicht immer mit den Interessen der stärksten
-Mächte im Staate, in einer Demokratie, der biegsamsten Form, nun schon
-gar nicht, ja _sie_ gerade liefert heterogensten Machtgruppen je nach
-den Umständen die besten Werkzeuge, so lange man nicht wagt an den
-ökonomischen Grundlagen zu rütteln. Die Bolschewiki haben diese
-Grundlagen revolutioniert und eine Einheit zwischen Staatsform und
-Klasseninteresse geschaffen, die sich nicht je nach den Umständen
-maskieren läßt.
-
- * * * * *
-
-„Anfangs trat Mitjä dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn.
-Seine Augen brannten.
-
-..., Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen
-Menschen in mir entdeckt ... Dieser Mensch war immer in mir verborgen,
-doch es wäre mir nie zum Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug,
-wenn Gott nicht dieses Gewitter geschickt. Unheimlich ist das Leben! ...
-Man kann auch dort in den Erzgruben Sibiriens neben sich in genau solch
-einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz finden ... Und
-ihrer gibt es so viele dort unter der Erde, Hunderte, und wir alle haben
-schuld an ihnen! ... Denn alle sind für alle schuldig ... Und so gehe
-ich denn für alle, denn irgend jemand muß doch für alle gehen! Ich habe
-meinen Vater nicht erschlagen, aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf
-mich!“
-
- * * * * *
-
-Gotz und Donskoi und Timofejew und die anderen haben Wolodarski
-erschlagen lassen, sie wollten die Revolution töten, aber sie nahmen es
-nicht auf sich. Ihre Freunde im Ausland schlossen sich zu konspirativen
-Umtrieben zusammen, und als vor Gericht den Angeklagten die Dokumente
-unterbreitet wurden, nahmen sie es wieder nicht auf sich. Aus falscher
-Solidarität, mehr noch vielleicht aus Unvermögen, einen furchtbaren
-Konflikt lösen zu können. „Sind die Dokumente echt?“ fragten zweifelnd,
-zögernd die Gotz und Timofejew. Lag nicht in dieser Frage schon ein
-Geständnis? rückten sie nicht mit ihr schon von den Auslandsdelegierten
-ihrer Partei ab? Und dennoch zögerten sie, ein entscheidendes Wort zu
-sagen. Die bürgerliche Meinung hätte ihnen zugeschrien: Feiglinge,
-Verräter. Vielleicht war diese Zwangslage für die Angeklagten der ersten
-Gruppe der furchtbarste seelische Konflikt. Das Material belastete die
-Partei vor den russischen Arbeitern und Bauern am stärksten. Nun stand
-ihre Partei so offensichtlich als die Partei der Interventionsmethoden
-da – im Bunde mit dem Ausland, den Mächten des Versailler Vertrags, den
-erbittertsten Feinden der Sowjetrepublik. Wer dachte nicht noch
-schaudernd der Bürgerkriege, der gräßlichen Kämpfe mit den Weißen auf
-allen Fronten; und hatte nicht gerade dieser siegreiche Kampf gegen
-Entente und Weiße die Masse des Volkes geeint? Und nun war diese S.R.
-Partei im Begriff, das Verbrechen wider die Nation zu erneuern? und
-diese Angeklagten rückten nicht von solchen Methoden ab?! „Wir sind
-nicht für diese Umtriebe verantwortlich, wir sitzen seit Jahr und Tag in
-Haft.“ „Doch, ihr seid verantwortlich nach den Grundsätzen der
-Kollektivität, nach der Auffassung, daß die Geschichte der Menschheit
-eine Geschichte der Klassenkämpfe ist. Steht ihr diesseits oder jenseits
-der Barrikade?“
-
-Und im bitteren Konflikt entschieden sich die Angeklagten für ihren
-Untergang – vielleicht waren sie dann „moralisch“ gerettet, hatten sie
-moralisch gesiegt. So nahmen sie es nicht auf sich.
-
- * * * * *
-
-Es gibt noch eine Stelle in den „Brüdern Karamasoff“. Aljoscha verläßt
-Mitjä und sucht Iwan auf, der es auf sich nahm und sich als Mörder
-fühlte.
-
-„Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen.
-
-‚Wer ist denn deiner Meinung nach der Mörder?‘ fragte er kalt, und es
-klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage.
-
-‚Du weißt es selbst, wer,‘ entgegnete Aljoscha leise und ruhig ...
-
-Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte.
-
-‚Du weißt es selbst, wer,‘ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte
-kaum atmen.
-
-‚Aber wer denn, wer?‘ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze
-Zurückhaltung war plötzlich verschwunden.
-
-‚Ich weiß nur das eine,‘ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen
-betäubten Flüsterton: ‚– _nicht du_ hast den Vater erschlagen.‘
-
-‚Nicht du!‘ Was heißt das, ‚nicht du?‘ Iwan stand wie erstarrt vor
-seinem Bruder.
-
-‚Nicht du hast den Vater erschlagen, nicht _du_, _nicht du_!‘
-wiederholte Aljoscha fest.
-
-Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.
-
-‚Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im
-Fieber?‘ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches,
-verzerrtes Lächeln.
-
-Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie
-standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.
-
-‚Nein, Iwan, du hast dir selbst wiederholt gesagt, daß du der Mörder
-seiest!‘
-
-‚Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es
-gesagt?!‘ stotterte Iwan mit abirrendem Blick ...
-
-... ‚Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder kein
-anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen ...‘“
-
- * * * * *
-
-Der andere tragische Konflikt entspann sich im Kampf zwischen den
-Angeklagten der ersten und zweiten Gruppe. Die erste Gruppe
-repräsentierte die Partei, wollte sie retten, mußte sie retten, stand
-für sie. Um die Partei ging der Kampf, um diese geschlagene, sterbende,
-ja schon verwesende Partei. Deshalb scheues Zurückziehen ins Zwielicht
-von Höhlen, deshalb Zagen, Schwanken, Widersprüche. Es ging im Grunde
-nie um Personen, immer um Parteien. Die anderen fühlten sich verraten,
-geopfert, mißbraucht, irregeleitet. Sie waren überfahren worden und
-wollten wieder aufstehen. Sie waren immer die Aktiveren,
-Entschlosseneren gewesen, ja sie hatten die Partei vorwärts gedrängt,
-ihr Impulse ins Blut gejagt, sie waren der eigentliche handelnde Körper,
-dessen Seele zermürbt und hoffnungslos war. Ihre Einstellung gegen die
-Sowjets war vor allem durch den Abschluß des Brester Friedens bestimmt,
-der ja selbst in den Reihen der Bolschewiki eine tiefgehende Krisis
-gezeitigt hatte, die nur die Parteidisziplin wieder überwand. Wir
-wissen, wie die Demütigung der Nation die Gemüter bedrückt und verwirrt.
-Der Brester Vertrag mußte doppelt schwer empfunden werden: denn er war
-nicht nur die Demütigung einer Nation durch die andere; er war die
-Demütigung einer Klasse durch die Klasse, die man eben im eigenen Lande
-erst besiegt hatte – zum ersten Male in der ganzen Geschichte der
-Menschheit – so entscheidend, so wuchtig. Und nun stürzte man wieder in
-den Abgrund.
-
-So läßt sich begreifen, weshalb alte Parteigenossen sich von der Parole
-des Z.K. locken ließen. Aber als immer deutlicher wurde, in welche
-Abhängigkeit das Z.K. von der Entente geriet, welche Ziele die Entente
-vor allem in Rußland selbst verfolgte, gingen jene „Einfachen“ mit sich
-zu Rate und verließen ihre Partei: Diese Krisen und Wandlungen lassen
-sich nicht mit „Gesinnungswechsel“ bezeichnen. Die Russen stehen nicht
-so rasch auf dem Boden der Tatsachen. Die europäische Flinkheit und
-demokratische Geschäftigkeit ist für den Russen unbegreiflich. Wer mit
-der Macht der Finsternis ringt, kämpft lange mit sich selbst, bevor der
-neue Mensch aus dem Chaos heraustritt. Im Grunde tauchen alle Probleme
-der russischen Literatur auf, wenn wir an diesen Wandlungsprozeß der
-Angeklagten der zweiten Gruppe denken. Sie fallen in Zweifel, sie hadern
-mit sich selbst, sie beichten und werden „neue Menschen“. Der Kampf
-zwischen den Angeklagtengruppen nahm oft erbitterte Formen an, aber
-nicht ein Mal ist dieser Kampf zur Gemeinheit entartet; man würde im
-Westen sofort bei ähnlichen Fällen beobachten, wie man versuchen würde,
-die Schuld abzuwälzen, sich nur als den Verführten hinzustellen und im
-Gassenjungentone zu schreien: „Ich bin es nicht gewesen“ – vielleicht
-würde man sofort eine Dolchstoßlegende erfinden.
-
-Die Angeklagten der zweiten Gruppe haben nie ihre eigene Schuld in
-Abrede gestellt: Wir haben gefehlt, wir haben getötet, wir haben uns an
-der Revolution versündigt, straft uns.
-
-Die neue Gemeinschaft nahm sie auf. Es ist eines ihrer schönsten und
-erhabensten Prinzipien, den ehrlich Reuigen aufzunehmen. Sie übte diesen
-Grundsatz vom ersten Tage ihrer Herrschaft. Der General Krasnow hat
-solches Vertrauen bitter enttäuscht. Semjonow, Ratner, Ignatiew, die
-Männer aus dem Volke nicht.
-
- * * * * *
-
-Dieser Prozeß war die große Abrechnung mit der Konterrevolution; er
-schied scharf zwischen den Strömen, die noch die heutige Menschheit
-durchfließen. Das Tribunal war ganz bewußt das Organ einer siegreichen
-Klasse. Der Prozeß erscheint deshalb so kompliziert, weil es sich um
-eine Partei handelte, die zwischen den Linien stand, und deren
-tragischer Auflösungsprozeß in Europa die Teilnahme aller Kreise und
-Parteien erregte, die mißtrauisch, furchtsam, unsicher und zermürbt
-nicht die Spannkraft besaßen, mit tausendjährigen Traditionen zu
-brechen, die sogar schon den Instinkt überwuchert und infiziert haben.
-Auch der Besitzlose unterliegt derselben Stimme der Verführung, die den
-Besitzenden immer aufs Neue lockt, zur Macht herausfordert und die wahre
-Gemeinschaft unmöglich macht. Wie einst die Jakobiner den Girondisten
-den Prozeß machten, weil sie Feudalismus und Bourgeoisie zu versöhnen
-suchten, standen sich jetzt Bolschewiki und Sozialrevolutionäre
-gegenüber. Parteien und Menschen, die sich um Ausgleiche bemühen, um den
-Weg nicht zu Ende gehen zu müssen, verstricken sich in alle Wirrnisse,
-die Verhältnisse dem Menschen bereiten können. So erzeugt das Bündnis
-von Neigung und Idee endlich sogar das kriminelle Verbrechen, weil
-Tradition, Fehlschläge und Minderwertigkeitsgefühle der Tat nicht mehr
-das reine Antlitz zu verleihen mögen. Die Bombe, die Alexander II.
-zerriß, wurde nicht vom Mann mit gleichem Bewußtsein geworfen, wie es
-jener besaß, der auf Wolodarski schoß. Der Held wird zum Verbrecher, die
-Partei ist gerichtet, und die Einheit der werktätigen Masse unter
-zielbewußter Führung ist geschaffen.
-
- * * * * *
-
-Alle Konflikte und Fragen, die seit 1914 die Welt bewegten und aus den
-Fugen brachten, wirbelte der Prozeß auf: die Tendenzen der
-imperialistischen Mächte, ihre Absichten, Rußland zur Kolonie zu machen
-– also das ganze Problem der Akkumulation des Kapitals. Lenins These,
-der Weltkrieg müsse unbedingt in die soziale Revolution umschlagen und
-mit der Eroberung des Staatsapparates durch das Proletariat enden. Die
-Frage: Demokratie oder Diktatur, Parlament oder Räte. Die Frage: Masse
-und Partei, Masse und Revolution. Die Haltung des Kleinbürgertums. Die
-lavierenden arbeiterfreundlichen Parteien. Die Legitimität einer
-revolutionären Regierung. Die Mittel und Methoden des revolutionären
-Kampfes: individueller oder Massenterror.
-
-Es war bezeichnend: Die bürgerliche Gesellschaft empfand diesen Prozeß
-als eine Provokation und einen Schlag ins Gesicht. Sie sprach schon dem
-Staate des Proletariats jede Existenzberechtigung ab; da er nun
-existierte, nach fünf Jahren, trotz aller Interventionen und
-Verleumdungskampagnen immer noch existierte, während die revolutionäre
-Bewegung in den bürgerlichen Ländern vom Wellenkamm immer tiefer hinab
-fiel, versuchte man zähneknirschend die Rechtsformalitäten zu
-kritisieren und sprach dem Staate des Proletariats jede Berechtigung ab,
-sich nicht nur überhaupt zu verteidigen, sondern auch zu richten. Der
-alte warnende Satz, „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“
-wurde wutschnaubend von der ohnmächtigen bürgerlichen Presse
-hervorgestoßen. So kam es, daß sachliche Meldungen über den
-Verhandlungsstoff als solchen überhaupt nicht in die bürgerliche
-Öffentlichkeit drangen. Man lehnte das Gericht ab, man fühlte sich mit
-den S.R. verbunden, sah in ihnen Bundesgenossen, Sachwalter, Märtyrer.
-Wie hätte man über ihre „Verbrechen“ sprechen können, die in den Augen
-der bürgerlichen Gesellschaft Heldentaten gewesen waren. Die bürgerliche
-Gesellschaft aber rechtfertigte durch ihre Sympathiebeweise nun erst
-recht die Strenge des Gerichts. Das Oberste Tribunal hat zuletzt nicht
-einmal so sehr die Mittel verurteilt, deren sich die S.R. in ihrem Kampf
-gegen die Sowjets bedient hatten. Es kam vielmehr auf das Ziel an. Und
-das Ziel der S.R. war die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft, der
-elastischen demokratischen Staatsform, der kapitalistischen ökonomischen
-Verhältnisse; für die Bolschewiki aber galten noch jene Worte, die
-Wilhelm Liebknecht ein Jahr vor seinem Tode geschrieben hat: „Ein
-Sozialist, der in eine Bourgeoisieregierung eintritt, geht entweder zum
-Feind über oder er gibt sich in die Gewalt des Feindes. Er mag sich für
-einen Sozialisten halten, ist es aber nicht mehr; er kann von seiner
-Ehrlichkeit überzeugt sein, aber dann hat er nicht das Wesen des
-Klassenkampfes begriffen – nicht begriffen, daß der Sozialismus den
-Klassenkampf zur Grundlage hat.“ Gotz hatte in seiner letzten Rede vor
-dem Tribunal behauptet, im Oktober hätten Arbeiter auf beiden Seiten der
-Barrikade gekämpft. Wilhelm Liebknecht hätte ihm entgegengehalten: „Ich
-bin für die Einheit der Partei – aber es muß die Einheit des Sozialismus
-und der Sozialisten sein. Die Einheit mit Gegnern, mit Leuten, die
-andere Ziele und andere Interessen haben, ist keine sozialistische
-Einheit. Die Internationale Arbeiter-Assoziation hat deshalb den
-Arbeitern gepredigt: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk
-der Arbeiter selbst sein.“
-
-
-
-
- ANHANG.
-
-
- Überblick über die Tätigkeit der S.R. in den Jahren 1917-1922.
-
-Nach der Abdankung Nikolaus’ II. gelangen die S.R. zur Macht. Kerenski
-ist ein S.R. Der Landwirtschaftsminister der Provisorischen Regierung –
-Viktor Michailowitsch Tschernow – ist einer der bekanntesten Führer und
-Theoretiker der S.R. Die Provisorische Regierung setzt den Krieg gegen
-Deutschland fort, trotzdem Tschernow an der Zimmerwalder Konferenz
-teilgenommen hatte. Am 7. November 1917 wird die Kerenski-Regierung
-durch die Bolschewiki gestürzt.
-
-Im Augenblick _der Oktoberumwälzung gibt_ in Moskau die
-Stadtverordnetenversammlung, die eine starke S.R.-Mehrheit hatte, den
-Offiziersschülern den Befehl: _Mit den Waffen in der Hand gegen die
-Arbeiter! Nach der Niederlage der Offiziersaspiranten in Petersburg sind
-es die S.R. Gotz und Kerenski, die die Kosakenschwadronen des
-Zarengenerals Krasnow gegen die Hauptstadt der Revolution anrücken
-lassen._
-
-_Im selben Jahre 1917 treten die S.R. in Verbindung mit einer
-Weißgardisten-Organisation (Filonenko). Gleichzeitig agitieren die S.R.
-unter den städtischen kleinbürgerlichen Schichten für die Sabotage der
-Sowjetmacht in den Betrieben und Fabriken und für Streiks._
-
-
- 1918.
-
-_Am 5. Januar 1918 eröffnete die Konstituierende_ Versammlung ihre
-Session; über _die Hälfte der Mitglieder waren S.R._ Am 8. Januar wurde
-der dritte allrussische _Rätekongreß_, mit einer überwiegenden Mehrheit
-von _Bolschewiki_ (_Kommunisten_), eröffnet. Die der Arbeiter- und
-Bauernregierung feindlich gesinnte Konstituierende Versammlung wird
-aufgelöst. Die _S.R. beginnen den bewaffneten Kampf_ gegen die
-Sowjetmacht. In diese Zeit fällt die Hilfe der S.R. für General Krasnow,
-ferner bricht in diesem Jahre der Aufstand der tschechoslowakischen
-Truppen (der ehemaligen Kriegsgefangenen des Zarenheeres) aus, mit denen
-zwei S.R.-„Regierungen“ – die fern-ostasiatische und die westsibirische
-durch Vermittlung des englischen Obersten Hodgson, durch den General
-Horvat und durch japanische Diplomaten Verhandlungen führten, um die
-Revolution zu zertreten.
-
-Dann organisierten die S.R. die Rumpf-„Nationalversammlung“ in Samara.
-Auf Befehl des französischen Botschafters am Zarenhof, Noulens, zahlte
-die französische Botschaft an die S.R. Gotz, Timofejew und andere Gelder
-zur Aushaltung der Samaraer „Konstituante“.
-
-Die Sozialrevolutionärin Kaplan verwundet Lenin schwer mit einer
-vergifteten Kugel.
-
-Der S.R. Ssergejew erschießt Wolodarskij.
-
-Die Kampforganisation der S.R. organisiert Attentate auf Trotzki und
-Sinowjew.
-
-Von der Militärorganisation der S.R. wird in den Reihen der Roten Armee
-Spionage getrieben. Die S.R. führten „Expropriationen“ aus. In
-Petersburg wurde das Volksernährungskommissariat beraubt, in Moskau das
-Postamt Nr. 9, in Kaluga (südlich Moskau) wurde die Beraubung des
-Gouvernements-Ernährungskomitees versucht usw.
-
-Als General Denikin nahe vor Tula (unweit Moskau im Süden) stand und
-Koltschak auf Tjümenj (Ostural) rückte, erläßt das Zentralkomitee der
-S.R. einen Aufruf an die Arbeiter, daß Denikin auf der Spitze seiner
-Schwerter die Reaktion gegen die Arbeiter trage usw. In Wirklichkeit
-bevollmächtigt das Z.K. gleichzeitig seine Mitglieder, Donskoj und
-Daschjewskij, mit Denikin in Unterhandlungen zu treten.
-
-_Außerdem verbreitet die Zentrale der S.R. Partei in den Reihen der
-Rotarmisten eine Proklamation, mit der Aufforderung, die Kampffronten
-gegen Denikin und Koltschak zu verlassen._
-
-
- 1920.
-
-Im Jahre 1920 organisieren die S.R. einen „Bund der werktätigen
-Bauernschaft“, sie organisieren einen Bauernaufstand im Bezirk Tambow
-(südöstlich Moskau), an dessen Spitze der Bandenführer Antonow steht;
-Aufstände in Sibirien und an der Schwarzen Meer-Küste.
-
-
- 1921.
-
-_In Paris organisierten die S.R. Tschernow, Kerenski, Awksentiew
-gemeinsam mit den Kadetten das „Komitee der Mitglieder der
-Konstituante“._
-
-Der Aufstand in Kronstadt wird von den S.R. mit allen Mitteln
-unterstützt.
-
-Tätigkeit des „Administrativen Zentrums“; Gründung von
-Geheimorganisationen; Vorbereitungen im Kaukasus.
-
-
-
-
- In der Sammlung
- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
- sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
-
-
- Band 1:
-
- ALFRED DÖBLIN
- DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
-
- Band 2:
-
- EGON ERWIN KISCH
- DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
-
- Band 3:
-
- EDUARD TRAUTNER
- DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-
- Band 4:
-
- ERNST WEISS
- DER FALL VUKOBRANKOVICS
-
- Band 5:
-
- IWAN GOLL
- GERMAINE BERTON
- DIE ROTE JUNGFRAU
-
- Band 6:
-
- THEODOR LESSING
- HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
-
- Band 7:
-
- KARL OTTEN
- DER FALL STRAUSS
-
- Band 8:
-
- ARTHUR HOLITSCHER
- DER FALL RAVACHOL
-
- Band 9:
-
- LEO LANIA
- DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
-
- Band 10:
-
- FRANZ THEODOR CSOKOR
- SCHUSS INS GESCHAEFT
- DER FALL OTTO EISSLER
-
- Band 11:
-
- THOMAS SCHRAMEK
- FREIHERR VON EGLOFFSTEIN
- Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
-
- Band 12:
-
- KURT KERSTEN
- DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
-
- Band 13:
-
- KARL FEDERN
- DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
-
- Band 14:
-
- HERMANN UNGAR
- DIE ERMORDUNG DES HAUPTMANNS HANIKA
-
- Ferner erscheinen noch Bände von:
-
- HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER
- HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO
- MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENE SCHICKELE, JAKOB
- WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.
-
-
- OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die kräftig variierende Transliteration russischer Namen wurde
-beibehalten. Der Name Семёнов kann so z. B. als Semjonow, Ssemjonow oder
-Semenow auftauchen. Hier ist eine Liste der am häufigsten gefundenen
-Varianten:
-
- Altowski, Altowsky
- Awksentijew, Awksentiew, Awxentijew
- Daschewski, Daschjewskij
- Dobroljubow, Dobrolubow
- Donskoj, Donskoi
- Elkind, Eljkind
- Eugenia, Eugenie
- Fanny, Fanni
- Fedorowitsch, Federowitsch
- Fjedorow, Fedorow, Federow
- Gerstejn, Gerstein
- Grigorij, Grigori
- Ignatjew, Ignatiew
- Konoplewa, Konopleva, Konopljewa
- Koslow, Kozlow
- Lew, Lev
- Michailowitsch, Michajlowitsch
- Murawjew, Murawiew
- Nishnij, Nishni
- Sawinkow, Savinkow
- Semjonow, Ssemjonow, Semenow
- Sergejew, Ssergejew
- Timofejew, Timofjejew
- Utgow, Utgoff
- Wolodarskij, Wolodarski
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 132]:
- ... wurde abgelehnt; die Resolution Tschernow ...
- ... wurde abgelehnt; die Resolution Tschernows ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE
-SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922. REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
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-Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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-distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
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