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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Karl Heinrich - -Author: Wilhelm Meyer-Förster - -Illustrator: Adolf Wald - -Release Date: December 31, 2022 [eBook #69673] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KARL HEINRICH *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter - Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -Karl Heinrich - - - - -[Illustration: Wilhelm Meyer-Förster] - - - - -[Illustration] - -Von =Wilhelm Meyer-Förster= ist im gleichen Verlage erschienen: - - =Süderssen.= Roman. _Vierte Auflage._ Geheftet M. 3.—; eleg. - geb. M. 4.— - - =Heidenstamm.= Roman. _Sechste Auflage._ Geheftet M. 3.—; - elegant gebunden M. 4.— - - =Derby.= Roman. _Dritte Auflage._ Geheftet M. 3.—; eleg. - gebunden M. 4.— - - =Die Fahrt um die Erde.= Roman. Geheftet M. 3.—; elegant - gebunden M. 4.— - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Jubiläumsausgabe - -zur 1000. Aufführung von - -»Alt-Heidelberg« - -[Illustration] - -Die nachstehende Erzählung - -Karl Heinrich - -bildet die Grundlage zu Wilhelm Meyer-Försters - -Alt-Heidelberg - -Schauspiel in fünf Aufzügen - -[Illustration] - - - - - Karl Heinrich - - Erzählung - - von - - Wilhelm Meyer-Förster - - Illustriert von Adolf Wald - - Mit dem Bildnis des Dichters - - 17. bis 21. Tausend - - [Illustration] - - Stuttgart und Leipzig ... 1903 - - Deutsche Verlags-Anstalt - - - - - Alle Rechte, - inbesondere das Recht der Uebersetzung in andere Sprachen, - vorbehalten. - Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. - - -Papier und Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Der »Regierungsanzeiger«, der an jedem Sonnabend in Karlburg erscheint, -ein kleines Blatt in Quartformat, auf einem merkwürdig veralteten -Papier gedruckt, brachte am 18. April folgende Mitteilung: - - »Seine Durchlaucht der Erbprinz hat am Mittwoch in Gegenwart - Seiner Durchlaucht des Fürsten, Seiner Excellenz des - Staatsministers von Brandenberg, sowie Seiner Excellenz - des Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats Baer, unter - persönlicher Assistenz des Schulrats ~Dr.~ Finke, des Herrn - Gymnasialdirektors Professor Schneidewind, sowie des gesamten - Lehrerkollegiums des Fürstlichen Franz Georg-Gymnasiums - nach eingehender und überaus umfassender Prüfung das - Abiturientenexamen bestanden. In den Fächern: Griechisch, - Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch wurde die Note I - erteilt, in Mathematik und Naturwissenschaften die Note II - ~a~ (gut), in Religion, Geschichte und Geographie die Note - I–II (recht gut). Die Gesamtnote lautete I, gleich: ~summa - cum laude~. Am 1. Mai wird Seine Durchlaucht der Erbprinz die - Universität Heidelberg für die Dauer eines Jahres beziehen. - Als Begleiter wurde von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Herr - ~Dr. phil.~ C. Jüttner bestimmt, der seit acht Jahren die - wissenschaftliche Ausbildung Seiner Durchlaucht des Erbprinzen - geleitet hat. Herr ~Dr. phil.~ Jüttner hat aus Anlaß des so - überaus glänzend bestandenen Examens von Seiner Durchlaucht dem - Fürsten die Ernennung zum Regierungsrat erhalten.« - -Am 30. April, einen Tag vor der Abreise, wurde der neue Regierungsrat -von Seiner Durchlaucht dem Fürsten zur Audienz befohlen. Mit seinem -grämlichen, vorzeitig gealterten Gesicht saß der Fürst schlaff vor dem -großen Schreibtisch, in einem kleinen Sessel ihm gegenüber der Erbprinz. - -»Sie kennen meine Anschauungen, Herr Regierungsrat: ich wünsche die -wissenschaftliche Ausbildung meines Neffen in derselben ernsten Weise -fortgeführt wie bisher. Der Prinz wird nach Ablauf des Studienjahrs -als Offizier bei den Gardehusaren in Potsdam eintreten; bis dahin -will ich, daß der Erbprinz in strenger, gemessener Arbeit seine -Studien fortsetzt. Das Universitätsjahr soll für Seine Durchlaucht -so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der -wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Unter seinen militärischen -Kameraden und Standesgenossen zu Potsdam wird der Prinz Gelegenheit -finden, in angemessener Form die Freiheiten des Lebens kennen zu -lernen; bis dahin wünsche ich, daß Studium und Lebensweise denselben -geregelten Gang nehmen wie bisher. Haben Sie mich verstanden?« - -[Illustration: Der Fürst saß vor dem großen Schreibtisch.] - -Der kleine Doktor verneigte sich so tief, daß sein Orden, das Kreuz von -Sachsen, in rechtem Winkel von seiner Brust niederhing. - -Dann neigte er sich noch ein zweites Mal – er war entlassen. - -Er ging durch die langen, dunkeln Gänge nach dem rechten Flügel -des Schlosses, wo seine zwei Zimmer neben denen des Prinzen lagen. -Ein Moderduft, wie er alten Schlössern eigen ist, lagerte dumpf in -diesen düsteren Gängen, und die Aprilsonne, die durch die fliegenden -Regenwolken bisweilen leuchtete, brach durch die niedrigen Bogenfenster -nur in schwachen, dünnen Streifen. Wie lautlose Schatten glitten die -Lakaien auf den verwitterten Teppichen durch die Korridore; nur wenn -sie an den Fenstern vorbeihuschten, schimmerten ihre dunkeln Gestalten -eine Sekunde lang in Not und Gold. - -An der Turmseite wurden die Gänge noch düsterer, die Quaderwände noch -dicker, die Fenster klein wie Schießscharten und die Luft so schwer, -daß der Regierungsrat kaum atmen konnte. Er war ein Freund von echten -Bieren, aber diese Biere hatten die Freundschaft schlecht belohnt und -ihn – namentlich seit einigen Monaten – so korpulent werden lassen, daß -er an Asthma litt. - -»Heidelberg wird dir gut thun,« sagte sein Freund, der ~Dr. med.~ -Schneider; »da wirst du endlich wieder spazieren laufen und Berge -steigen.« - -»Ja, Heidelberg wird mir gut thun!« seufzte der Herr Regierungsrat seit -vielen Wochen. - -Er war fünfunddreißig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Vierziger. - -»Mein Unglück war,« sagte er oft, »daß ich an den Hof kam. Was war ich -für ein lustiger, freier Mensch, und was bin ich geworden! Die Ideale -sind futsch, die Freiheit ist futsch und die Gesundheit auch. Sie haben -mich da im Schloß erstickt.« - -Seine Freunde lachten ihn dann aus: - -»Dieser Doktor! Der ein Leben führt wie der Herrgott in Frankreich! -Während andre Schulmeister hungern, diniert er, kauft alle Jahre -Wertpapiere und bekommt Orden!« - -Aber er winkte trübe ab: - -»Nein, nein, es ist schon so. Sie haben mich da oben erstickt.« - -Und nun endlich waren diese greulichen acht Jahre vorbei! Er setzte -sich in Frack und Orden auf seinen bequemen Lehnstuhl, trank einen -»Cusinier jaune« und faltete die Hände über der weit gespannten Weste. - -Vor ihm standen die zwei großen, vollgepackten Koffer, die nur noch den -Frackanzug aufzunehmen brauchten, ehe der Lakai sie schloß. - -Diese lieben zwei Koffer! Symbole der Freiheit! - -Und Heidelberg! Morgen schon! - -Keine Diners mehr mit der grauen Langweile, keine Kammerherren -und Staatsminister, vor denen man stets etwas erschrickt, keine -Lakaiengesichter, Kutschergesichter, nichts mehr von diesem großen, -schauderhaften Schlosse, in dem der Mensch das Atmen verlernt. - -Nur noch Karl Heinrich, der mit hinauszog. - -Karl Heinrich, der Erbprinz. - -»Wenn dieser Junge nicht gewesen wäre, ich hätte es nicht ausgehalten.« - -Vor ihm auf dem Arbeitstisch standen fünf oder sechs Photographien -in vergoldeten Rahmen, die alle in raschen, langen Schriftzügen eine -Widmung trugen: »Seinem verehrten Lehrer – Karl Heinrich« – »Seinem -guten Freunde ~Dr. phil.~ C. Jüttner – Karl Heinrich« – »Seinem treuen -Mentor – Karl Heinrich.« - -Das erste Bild zeigte einen pausbäckigen Jungen in Reitanzug, etwa -zwölf Jahre alt, ein hübsches, frisches Gesicht mit zwei großen Augen -wie die eines Mädchens; die andern waren aus späteren Jahren. Das -Gesicht schien da schmaler geworden, unfroher, die Haare lockten sich -nicht mehr, sondern waren militärisch kurz geschnitten. - -Er nahm ein Bild nach dem andern in die Hand, und mit diesen Bildern -zogen noch einmal die acht Jahre an ihm vorbei, ihr ganzer langweiliger -Inhalt: Dinieren, Bücklinge machen, wenig Arbeit und verteufelt wenig -Freuden, Neid der Kollegen, viele neue Fräcke, viele neue weiße -Westen, ein Orden, ein vornehmer Titel, Spazierenfahren, Gähnen und -als Resultat eine Herzverfettung. Dieselbe Krankheit, an der die -unglücklichen Straßburger Gänse leiden. - -»Geh nach Tisch zwei Stunden spazieren,« das predigte sein Freund -ihm jeden Tag, und jetzt – er sah nach der Uhr, die in der prallen -Weste wie eingekeilt ruhte – war es Zeit, diese langweilige Wanderung -anzutreten. - -Aber der arme Regierungsrat fand nicht die Kraft zu dieser -Selbstüberwindung. - -›Erstens kann es jeden Augenblick regnen,‹ dachte er, ›und zweitens hat -es wirklich keinen Zweck, an diesem letzten Tage sich noch abzuquälen. -In Heidelberg wird das alles anders, da läuft man den ganzen Tag. Wenn -ich mich in Heidelberg in acht nehme, nicht viel esse, nicht viel -trinke und mit Karl Heinz durch die Berge steige, werde ich vielleicht -noch einmal gesund.‹ - -In dem offenen Kamin prasselte ein leichtes, aprilgemäßes Holzfeuer, -in dem warmen, weichen Sessel saß es sich unendlich behaglich, er -schloß die müde blinzelnden Augen. Dann öffnete er sie noch einmal -und richtete sich halb auf in der plötzlichen Erwägung, daß er beim -Schlafen den Frack zerdrücke und lieber die bequeme Sammetjoppe -anziehen wolle, aber er war schon zu müde. - -»Der Frack wird in Heidelberg aufgebügelt.« - -Als der Erbprinz eine halbe Stunde später in des Doktors Zimmer -kam, fand er ihn schwer schnarchend. Er lächelte und breitete die -grüne Decke, die eine Tante des Regierungsrats diesem zum Geburtstag -gestrickt hatte, über die Kniee des Schlafenden. - -[Illustration: Der Erbprinz fand den Doktor schwer schnarchend.] - -Leise, auf den Zehen ging er wieder hinaus. - -Und der Doktor träumte, er wäre am Neckar wieder so dünn und hager -geworden wie einst vor fünfzehn Jahren, als er auf Schusters Rappen in -Jena einzog. - - * * * * * - -Der Kurierzug hält in Karlburg nur, wenn hohe und höchste Herrschaften -denselben zu benutzen beabsichtigen. - -Als er pfauchend mit seiner riesigen Lokomotive in die offene -Halle fuhr, öffneten die Lakaien die schweren Eichenthüren des -Fürstenzimmers, und der Fürst trat in Generalsuniform, auf den Arm -seines Neffen gestützt, langsam auf den Perron. Zweimal umarmte er den -Prinzen, dann lehnte er sich, als der Prinz in ein Coupé erster Klasse -gestiegen war, schwer auf den sofort dargebotenen Arm eines Kammerherrn. - -Die Thüren der Waggons, aus deren Fenstern die neugierigen Gesichter -der Reisenden schauten, wurden geschlossen, der Bahnhofsvorsteher in -roter Mütze und weißen Handschuhen gab auf einen Wink des Hofmarschalls -ein Zeichen, der Zugführer pfiff, die Lokomotive antwortete, und -langsam, wuchtig setzte sich der schwere Zug von neuem in Bewegung. - -Karl Heinrich stand am Fenster und verneigte sich ein letztes Mal -ehrerbietig vor dem Oheim. Eine kurze Weile sah er noch die Offiziere -und Kammerherren, die mit der Hand an der Mütze oder mit abgezogenem -Hute ihn grüßten, darauf die Gepäckträger und ein paar Arbeiter, die am -Ende des Bahnhofs sich militärisch stramm aufstellten, dann atmete er -tief auf. - -[Illustration: Karl Heinrich stand am Fenster.] - -Aber er blieb noch am Fenster, während der Doktor seinen Cylinder -in eine Hutschachtel packte und eine grün-blau karierte Reisemütze -hervorsuchte. - -Karlburg verschwand, eine Weile fuhr der Zug durch den Langenhagener -Wald, jetzt flogen die Dörfer Rotenberg und Hude vorbei, und nun – der -Prinz kannte die Stelle genau – sauste der Kurierzug über die Grenze. - -Noch einmal atmete er tief auf. - -Dann sah er sich um nach seinem Begleiter, der beschäftigt war, die -gelbe Ledertasche zu durchstöbern. - -Er lachte: »Sie suchen wohl schon den Wein, Doktor?« - -»Nein, den hab’ ich. Ich suche den Korkzieher, ich bin wie verdurstet.« - -Eine Weile unterhielten sie sich, aber des Doktors Konversation hatte -den Fehler, daß sie, mochte man sprechen, über was man wollte, stets -in einem Bogen auf seine eigne Person lenkte. Er holte aus seinem -Ueberrock eine orangefarbene Broschüre: »Die Naturheilmethode bei -Verfettungskrankheiten und Fettleibigkeit« und zeigte dem Prinzen -einige blau angestrichene Stellen: - -»Nach der Methode lebe ich von jetzt an. Keine Butter, kein Fett, kein -Oel, kein Reis, keine Rüben und was da sonst noch verboten ist. Lesen -Sie, bitte, die Stelle durch. In Heidelberg wird das durchgeführt, -strikt.« - -Karl Heinrich, der so schlank war wie ein gut gewachsener junger -Baum, hatte alle Bücher und Schriften über des Doktors Krankheit -durchstudiert, so that er ihm auch jetzt den Gefallen und las die -unendlich langweiligen Rezepte. - -»Morgens eine Tasse Kaffee oder Thee mit etwas Milch und 75 Gramm Brot. -Mittags 100 Gramm Suppe, 200 Gramm gesottenes Rindfleisch, 25 Gramm -Brot. Abends ein bis zwei weiche Eier und so weiter.« - -Aber schließlich wurde ihm die Sache fad. - -»Zum Kuckuck, Doktor, das ist gegen die Verabredung! Zum wenigsten -heute, wo es nach Heidelberg geht!« Er schlug ihm derb auf die -Schulter. »Wir beide allein, und niemand, der einen kujonieren kann! -Man kann’s noch gar nicht begreifen, daß das jetzt wirklich _ist_! Wenn -Sie das Buch nicht wegstecken, werf’ ich’s aus dem Fenster.« - -Der Doktor lächelte etwas wehmütig. - -»Ja, ja, Karl Heinrich.« - -Merkwürdig: die große Freude, die er seit Monaten und Wochen auf diesen -Erlösungstag zusammengedrängt hatte, wollte nun, da der Tag und die -Freiheit gekommen waren, sich nicht einstellen. - -›Es ist zu spät,‹ dachte er, ›das hätte ein Jahr eher kommen müssen. In -Heidelberg wird Karl Heinz mich begraben.‹ Und während der Prinz wieder -am Fenster stand, rollten über des Regierungsrats dicke Wangen zwei -Thränen, die er mit dem Handrücken fortwischte. - -»Wie das schnell geht,« sagte der Prinz; »es ist enorm. Sehen Sie nur -mal her, das saust alles vorbei. Da, ein Storch! Da, in der Wiese! -Rasch doch, sehen Sie! Rasch doch!« - -Der Doktor that ihm den Gefallen und blickte hinaus, aber sah keinen -Storch, das Tier war ihm auch durchaus gleichgültig. - -»Ich könnte den ganzen Tag am Fenster stehen, wenn das alles so -vorbeifliegt. Dörfer und Berge, die man nie gesehen hat. Sehen Sie die -Mühle da? Famos.« - -Karl Heinrich war aufgeregt wie ein Kind, das seine erste -Eisenbahnfahrt macht. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er -eine größere Reise ausführen dürfen, mit seinem Oheim an den Hof zu -Dresden, aber das war zehn Jahre her. In Karlburg benutzte man die -Eisenbahn selten, denn in dem kleinen Fürstentum brachten gute Pferde -einen schneller ans Ziel als die Eisenbahnen mit ihrem verzwickten -Sekundärbetrieb. - -Und auf allen Bahnhöfen fremde Gesichter, Engländer, Offiziere, ein -Drängen und Hasten, nichts von der feierlichen Ruhe, wie sie daheim im -Schloß zu Karlburg herrschte. - -In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz, der Kammerdiener, ans Coupé, -um mit abgezogenem Hute sich nach Seiner Durchlaucht Wünschen zu -erkundigen; er that das so auffällig, daß die Fremden von allen Seiten -her den Prinzen anstarrten. - -Heftiger als es seine Art war, sagte Karl Heinrich: »Lassen Sie das, -bleiben Sie in Ihrem Coupé, ich will das nicht. Ich wünsche zu reisen, -ohne aufzufallen.« - -[Illustration: In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz ans Coupé.] - -Er wunderte sich selbst über seine Kühnheit, denn Herrn Lutz -anzufahren, war in der That eine Kühnheit. Herr Lutz war bisher nicht -mehr und nicht weniger als zweiter Kammerdiener Seiner Durchlaucht des -Fürsten gewesen, hochangesehen bei allen Kavalieren, gefürchtet bei der -niederen Dienerschaft, umworben von allen denen, die mit Bittgesuchen -dem Fürsten nahten. Seine Ernennung zum Kammerdiener des Erbprinzen war -allgemein so gedeutet worden, daß damit für Herrn Lutz eine Art Mission -gegeben war, eine Vertrauensstellung, in der es sich darum handelte, -dem jungen Prinzen in der Fremde nicht nur zur Seite zu stehen, sondern -auch dessen Lebensführung in die richtigen Bahnen zu leiten. - -Herr Lutz verfärbte sich und schien einen Moment seine Fassung -verlieren zu sollen; dieser ganz unmögliche Fall trat indessen nicht -ein. Er verneigte sich und ging. - -Aber zwei Stunden später in Frankfurt empfand man es doch unangenehm, -daß Lutz unsichtbar blieb, denn Karl Heinrich sowohl als der Doktor -hatten Hunger und Durst. Was thun? - -»Sehr einfach,« sagte der Doktor, »wir gehen selbst.« - -»Selbst?« - -»In den Wartesaal. Wir haben zwanzig Minuten Zeit.« - -»Aber –« - -»Was denn? Das ist doch ganz selbstverständlich.« - -»Na ja ...« - -Am Büffett herrschte ein unerhörtes Gedränge, dem Doktor trat jemand -auf die Hühneraugen, und einige Augenblicke waren die beiden getrennt. - -Jetzt gab es von hinten einen Puff, daß Karl Heinrich bis an das -Büffett flog; im nächsten Moment rief ihn jemand an: - -»Mein Herr, was wünschen Sie?« - -Er war total verwirrt, aber das junge Ding am Büffett, ein rundes Mädel -mit kohlschwarzen Augen, wurde ungeduldig. - -»Bitte, wählen, mein Herr, die andern Herrschaften warten! Würstel? -Oder kaltes Kotelett?« - -Er sah sich um nach dem Doktor, ganz fassungslos, dann griff er auf -gut Glück nach den Würsteln, zwei fettigen Dingern, die in ein Papier -notdürftig verpackt waren. - -»Vierzig Pfennig.« - -Er faßte in die Tasche, dann in die andre Tasche, in noch eine – -nirgends Geld! - -»Vierzig Pfennig, mein Herr!« - -»Ja, ja –« Er suchte verzweifelt. - -Irgend jemand hinter ihm schrie: »Zum Donnerwetter, kommt man denn gar -nicht ’ran?!« – alle drängten, stießen, riefen nach Bier, es war zum -Verrücktwerden. Nie in seinem Leben war der Prinz in einer solchen Lage -gewesen, – in der linken Hand hielt er die Würstel, mit der rechten -suchte er, und dabei fühlte er, wie er vor Scham und Verlegenheit -blutrot wurde. - -[Illustration: Er faßte in die Tasche – nirgends Geld!] - -Das kleine Fräulein hatte ein menschliches Rühren, denn der hübsche -Junge gefiel ihr: - -»Nehmen Sie nur die Würstel mit, bringen Sie ’s Geld nachher.« - -Da endlich klemmte sich der Doktor durch die Menge und bezahlte. - -Mühsam quetschten sie sich den Weg zurück, dann nahmen sie an einem der -ungedeckten Tische Platz und schlangen hastig und ohne aufzusehen die -heißen Bissen hinunter. - -»Wohin fahren die Herren?« fragte der Portier, in der Hand eine große -Glocke. - -»Nach Heidelberg.« - -»Haben S’ noch Zeit, noch Viertelstunde, wird abgerufen.« - -»Hier haben Sie ein Glas Bier!« rief der Doktor ihm nach, der drei Glas -Bier von dem Brett des Kellners nahm. Der Portier kam wieder an den -Tisch, dankte und trank: - -»Prost, auf den Herren ihr Wohl. Der junge Herr ist wohl Student? In -Heidelberg.« - -»Stimmt,« sagte der Doktor, der jetzt in glänzender Laune war. - -»Denn glückliche Reise!« - -»Danke!« - -Der Prinz saß wie in einem Traum. Er nahm eine von des Doktors Zigarren -und blies den Rauch in die Luft. Ohne zu fragen oder zu grüßen, kamen -zwei Herren an den Tisch und setzten sich hart neben ihn; alles -hier war formlos, jeder ging, kam, rief, wie er Lust hatte, keiner -kümmerte sich um den andern. Am Nebentisch saß ein Dutzend Backfische -mit ihrer Pensionsmama, die eine Freundin zur Bahn geleiteten. Alle -zwölf schienen ihre Aufmerksamkeit auf ihn – Karl Heinrich – zu -konzentrieren, aber keineswegs ehrfürchtig wie die Karlburger jungen -Damen, sondern mit schelmischen kleinen Blicken und darauffolgendem -Lachen und Tuscheln. - -[Illustration: »Prost, auf den Herren ihr Wohl!«] - -»Was, das ist hier ein Leben?« sagte der Doktor. »Lustig, was?« - -Und der Prinz nickte. - -Niemand außer den zwölf Backfischen beachtete ihn, keiner kümmerte sich -um ihn, ein großer, feister Herr stieß an seinen Stuhl, ohne sich zu -entschuldigen. - -»Kellner,« rief der Doktor, »noch zwei Glas! Aber rasch!« - -Verstohlen, schüchtern musterte Karl Heinrich seinen Begleiter von der -Seite. Wie dieser Doktor sich in dem Wirrwarr zurechtfand! Ueberhaupt, -der war gar nicht wiederzuerkennen! Als ob der Doktor in Karlburg -ewig gefroren gewesen sei und jetzt auftaue. Bier war ihm nach der -medizinischen Broschüre streng verboten, und nun trank er es doch, -gleich zwei, drei Glas in zehn Minuten. - -Der Doktor stand auf: - -»’s wird Zeit. Dies Frankfurt ist eine liebe Stadt. Nächste Woche -fahren wir beide mal wieder her und machen uns einen lustigen Tag. Das -ist von Heidelberg ein Katzensprung.« - -Als sie schon im Coupé saßen, kam das Pensionat und promenierte auf -dem Bahnsteig hin und her. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, -blickten alle zwölf ihm nach, und eines der Fräulein nahm sogar sein -Taschentuch und winkte – im Gefühl der sicheren Trennung – Karl -Heinrich zu: »Adieu!« - -»Das sind Frauenzimmer, diese rheinisch-mainischen Mädels!« lachte der -Doktor. »Andre Rasse als bei uns.« - -Frankfurt verschwand, der Doktor kramte in der Ledertasche, und Karl -Heinrich stand wieder am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalte -Scheibe gedrückt. - -[Illustration: Eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und -winkte.] - -Mädchen – Frauen – auch das war ein neuer Begriff in seinem Leben. -Wie man ihn in allem klösterlich erzogen hatte, fern von seinen -Altersgenossen und fern von jedem, was nicht mit dem Hofleben im -engsten Zusammenhang stand, so auch selbstverständlich fern von allem, -was Weib hieß. Der Fürst war Witwer, kinderlos, die Hoffestlichkeiten -beschränkten sich seit Jahren auf ein bescheidenes Maß, der Hof -zu Karlburg war seit einem Dezennium nicht viel mehr als ein -Junggesellenhaushalt großen Stils. - -Die Dämmerung zog über die weite Rheinebene, und als der Zug Darmstadt -passiert hatte, lagen die Dörfer der Bergstraße im Dunkel der Nacht. - -Hin und wieder blitzten Lichter vorbei, und irgendwo da hinten -im Westen, keine Stunde entfernt, floß der Rhein. Der Rhein! -Süddeutschland! Rechts, hart vorbeistreifend, die Berge des Odenwalds! -Bisher lauter Geographiebegriffe, jetzt nahe zum Greifen! - -In rasender Schnelligkeit fuhr der Zug durch die Nacht, immer weiter -trug er Karl Heinrich fort von dem kalten Norden; und die freudlose -Jugend, das düstere Schloß, der Winter lagen hinter ihm. - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - - -»Heidelberg!« – »Heidelberg!« - -Die Schaffner mit ihrem badischen Accent gingen rufend den Zug entlang -und rissen die Thüren auf. - -»Fünf Minuten Aufenthalt!« - -»Ein Jahr Aufenthalt,« sagte der Doktor. Er hatte von Darmstadt an -geschlummert und war jetzt in wundervoller Stimmung. »Nach so einem -kleinen Schlaf ist man wie neugeboren.« - -Herr Lutz half mit dem ewig abgezogenen Hut Seiner Durchlaucht beim -Aussteigen, holte dann die Taschen und Schirme aus dem Coupé und -übergab diese und andre Utensilien dem Hoffourier, der seit drei Tagen -bereits in Heidelberg weilte, um für Seine Durchlaucht Quartier zu -mieten, Wagen zu bestellen und alles das auszuführen, was voranreisende -Fouriere zu besorgen haben. - -Man ging – der Fourier als Führer voran, Herr Lutz drei Schritte -hinterdrein – durch den langgedeckten Bahnhof nach der Haltestelle der -Wagen. - -An einem hübschen Landauer mit galonniertem Kutscher machte der Fourier -Halt und öffnete den Wagenschlag, der Prinz wollte einsteigen, aber der -Doktor hielt ihn zurück: - -»Wir gehen doch zu Fuß, es ist ein wunderschöner Abend.« - -Der Fourier sah erstaunt auf Herrn Lutz, dieser ebenso erstaunt auf den -Prinzen und Karl Heinrich gleichfalls verblüfft auf den Doktor. - -»Zu Fuß?« - -»Ja, warum nicht?« - -»Wenn Sie meinen ...« - -»Wo liegt die Wohnung?« fragte der Doktor den Fourier. - -»Am Markt, Nummer achtzehn.« - -»Schön.« - -Und Herrn Lutz, den Fourier, den Kutscher im Dunkel zurücklassend, -gingen die beiden in der That zu Fuß nach der Stadt. - -Karl Heinrich war nie zu Fuß gegangen, das heißt nie in den Straßen -der Stadt. Wenn ihn der Weg durch Karlburg führte oder durch eine der -andern kleinen Städte von Sachsen-Karlburg, so geschah das meist zu -Wagen, selten zu Pferde, aber nie zu Fuß. Es war, als ob es ganz außer -dem Bereich der Möglichkeit liege, daß der Fürst oder der Erbprinz -oder fremde Fürstlichkeiten das Karlburger Pflaster mit den Stiefeln -berührten. - -Weshalb das so war? – Vielleicht hätte nicht einmal der Hofmarschall -Herr von Lehe darauf eine Antwort gefunden, aber uralte Sitte hatte den -Gebrauch gleichsam zum Gesetz erhoben. - -[Illustration: Man ging – der Fourier als Führer voran.] - -Wie in Frankfurt auf dem Bahnhof streiften fremde Menschen an dem -Prinzen vorbei; er mußte ausweichen wie jeder andre, und die Kutscher, -die vom Bahnhof her in die engen Straßen fuhren, jagten so dicht an -ihm her, daß er einmal hastig nach des Doktors Arm griff und sich -bestürzt an ihn lehnte. - -»Die fahren einen ja über!« - -»Man muß aufpassen,« sagte der Doktor trocken. - -Nun wurden die Straßen wieder breiter, man konnte ruhiger gehen. - -Es war dreiviertel zehn Uhr, aber der erste Maiabend füllte die -Luft mit so sommerlicher Wärme, daß die Leute vor den geöffneten -Hausthüren standen. Die Mädchen spazierten Arm in Arm ohne Hut auf und -ab, bisweilen kichernd, oft laut lachend; Studenten, die in Scharen -vorbeigingen, nickten den Mädels vertraulich zu, es war ein lebhaftes -Treiben voll südlicher Wärme. - -Da drang aus einer Seitenstraße Musik, ein dichter Schwarm Menschen -wälzte sich aus der Gasse auf die Hauptstraße, nun füllte sich die Luft -mit Rauch, und mit schmetternden Trompeten und vielen hundert Fackeln -kam ein Zug Studenten an dem Prinzen vorbei. - -Sie gingen immer zwei in einer Reihe, von je zwei Fackelträgern -flankiert, lauter lustige Gesichter, die den aus allen Fenstern -schauenden Mädchen zulachten. - -»Was ist da los?« fragte der Doktor einen der Zuschauer. - -»Das sind die Corpsstudenten, die feiern heute ~S. -C.~-Antrittskommers.« - -»Aha!« - -[Illustration: Mit vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten.] - -Zuerst kamen die Vandalen als präsidierendes Corps mit ihren roten -Mützen, die mit dem goldenen Band die badischen Landesfarben vertreten, -dann die Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, danach die grünen -Westfalen, die gelben Schwaben, die blauen Rheinländer und zum Schluß -die dunkelblauen Sachsen, die kleine Veilchenbouquets an ihren Mützen -trugen. Die drei Chargierten jedes Corps gingen in Wichs: Cerevis, -Sammetpekesche, weiße Lederhosen, hohe schwarze Stulpenstiefel, in der -Hand das Rapier; alle andern nahmen die Affaire weniger feierlich, -sondern schlugen zum Schutz gegen den Pechqualm der Fackeln die -Rockkragen in die Höhe. - -Mehr als einer blickte dem Prinzen, der in der vordersten Reihe der -Zuschauer stand und mit großen, offenen Augen den Zug anschaute, scharf -ins Gesicht: das war ein neuer Student, den man noch nicht kannte, ein -eleganter junger Mann, vielleicht ließ sich der »keilen«. - -Die enge Straße war so angefüllt gewesen von Lärm und Musik, Menschen -und Fackelqualm, daß es jetzt, als der Zug vorbei und alle Leute ihm -nachgelaufen waren, plötzlich still und einsam erschien. - -»Na,« sagte der Doktor mit einem triumphierenden Lächeln, als ob er den -Zug persönlich erdacht und arrangiert gehabt hätte, »war das hübsch?« - -»Sehr.« - -»So geht das in Heidelberg alle Tage. Immer lustig.« - -Als sie dann nach einigem Suchen am Markt das Haus Nr. 18 gefunden -hatten, schlug es vom Kirchturm in langen, langsam verhallenden Tönen -zehn Uhr. - -Einen Augenblick zögerten beide, denn das alte Haus sah trotz seines -breiten, hell erleuchteten Flures nicht so aus, wie der Prinz – und -vielleicht auch der Doktor – erwartet hatten. Links vom Eingang -lag ein Friseurladen, der bereits geschlossen war, rechts ein -großes Materialwarengeschäft, dessen Tonnen voll Gurken, Linsen und -getrockneter Aepfel die halbe Thür versperrten. - -Die Lehrlinge und ein dickes Dienstmädchen betrachteten neugierig Herrn -Lutz, der bereits angelangt war, mit einem höchst indignierten Gesicht -neben dem Hoffourier stand und auf den bestürzten Mann heftig einredete. - -»Es war das beste Quartier in ganz Heidelberg,« beteuerte dieser, »die -teuerste Wohnung in der ganzen Stadt – es sind acht Zimmer, Herr Lutz!« - -Aber Herr Lutz stieß mit seinem Lackstiefel gegen ein hohles -Petroleumfaß, daß es dröhnte: - -»Dann hätten Sie telegraphieren sollen, dann wäre man noch nicht -abgereist, hätte die Reise verschoben!« - -Jetzt traten der Prinz und der Doktor aus dem Schatten der Straße in -das Licht des Eingangs. - -»Ist das hier richtig, Lutz?« - -»Jawohl, Eure Durchlaucht, leider.« - -Der arme Fourier war kreideweiß. - -»Haben Sie die Zimmer angesehen, Lutz?« - -»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein uraltes, verwohntes Haus. Ein für Eure -Durchlaucht ganz unmögliches Quartier.« - -Der Prinz wurde unsicher. Dieser erste Tag seiner Universitätsreise -hatte mit tausend neuen Eindrücken und neuen Anschauungen seine ganze -bisherige Denkweise wie ein Sturmwind aufgerüttelt, er sah alles in -verändertem Lichte, aber er war nicht mehr oder noch nicht im stande, -die Dinge um sich her zu beurteilen, zu taxieren. - -Konnte er überhaupt in dieses Haus hineingehen oder nicht? Durfte -er das? Ueber seinem hübschen, jugendlichen Gesicht lag ein solcher -Zug von Unbeholfenheit, daß Herr Lutz seine heute verlorene Position -zurückzuerobern glaubte. - -»Befehlen Eure Durchlaucht, daß Eure Durchlaucht im Hotel ›Prinz Karl‹ -absteigen. Das Hotel liegt hundert Schritte entfernt. Die Koffer werden -sofort hinübergebracht.« - -Dem Fourier stand der kalte Schweiß auf der Stirn, während zu den zwei -Lehrlingen und dem dicken Dienstmädchen sich andre Neugierige gesellt -hatten, die mit offenem Munde horchten. - -Da legte sich der Doktor ins Mittel: - -»Man kann doch die Wohnung erst einmal ansehen.« - -Der Prinz nickte: »Ja, gewiß.« Und so ging man hinein. - -Herr Lutz hatte wieder verspielt. Bis zum heutigen Tage war ihm dieser -Doktor der gleichgültigste Mensch gewesen: ein Schulmeister, wie ihn -die Prinzen nötig haben, ein Herr, der am Hofe nicht die geringste -Bedeutung hat, dessen Einfluß, mit dem eines Kammerdieners verglichen, -gleich Null ist, und nun das! So was! Der Dicke erlaubte sich, ihn, -Lutz, wie einen Lakaien zu behandeln! That und benahm sich, als ob er -der Prinz selbst wäre! - -Er knirschte in die Zähne: »Dem – geb’ ich’s!« - -Die Steinfliesen im Hausflur waren offenbar frisch gescheuert und mit -weißem Sand bestreut, an allen Ecken der Treppen standen hellbrennende -Lampen, große und kleine, und das schwere Eichengeländer der Treppe war -so völlig mit Tannenguirlanden umwunden, daß es seinen eigentlichen -Zweck, bei dem engen Aufgang als Halt zu dienen, völlig verfehlte. Oben -hörte man ein Tuscheln, ein Rascheln von Weiberröcken, ein lautes: »Er -kommt!« – dann Thürenschlagen, – dann feierliche Stille. - -Und als der Prinz mit seinem kleinen Gefolge, dem sich in einiger -Entfernung die Lehrlinge und das dicke Dienstmädchen anschlossen, die -oberste Treppenstufe erreicht hatte, sah er sich drei steif knicksenden -Matronen und einem gleichfalls tief knicksenden jungen Mädchen -gegenüber. - -Er hatte seine Ruhe wiedergefunden. O dergleichen feierliche Empfänge -kannte er, – er war wieder der Prinz, vor dem sich alles neigt. - -[Illustration] - -Das Mädchen, einen Fliederstrauß in der Hand, trat einen Schritt vor -und knickste noch einmal. Dann blickte sie ihn mit ihren großen -braunen Augen ohne jede Scheu an und sagte mit heller, freier Stimme: - - »Dem Prinzen, der aus fernem Land - Zu unserm lieben Neckarstrand - Gezogen kommt, dem bring’ ich hier - Des Frühlings allerschönste Zier. - Zieh fröhlich ein in unser Haus, - Und gehst du wieder einst hinaus, - Dann denke immer treu zurück - An Heidelbergs Studentenglück. – - -Bitte schön!« Sie gab ihm den Strauß in die Hand. - -Karl Heinrich hatte wie festgewurzelt gestanden, die Linke auf den -obersten Knauf des Treppengeländers gelehnt. Während der ganzen Zeit -hatten seine Augen und die des Mädchens einander nicht losgelassen. - -Eine der alten Frauen trat vor: - -»Und nun, wenn Eure Durchlaucht die hohe Ehre haben wollten – ich bin -nämlich die Frau Dörffel – und wollten sich die Zimmer ansehen?« - -Er nickte. Er wollte etwas sagen, auch zu dem Mädchen, aber die Worte -kamen ihm nicht auf die Lippen. - -Mit dem großen Fliederstrauß in der Hand ging er höflich hinter der -alten Frau her, die ihm triumphierend erst die Salons zeigte: »Da hat -im vorigen Semester der Herr Graf von Bredow gewohnt,« – dann sein -Schlafzimmer, dann zwei nette kleine Zimmer: »für den Herrn Doktor«, -endlich eine ziemlich dürftige Hinterstube, in der Herr Lutz wohnen -sollte: »Und das ist das Zimmer für den Bedienten.« - -Herr Lutz, der zwei Schritte hinter dem Prinzen neben dem Fourier ging, -wurde blaß wie ein Tischtuch. »Bedienten!« Das Wort klang wie ein -Peitschenhieb. - -Auch Karl Heinrich empfand den ungewollten Falschton des Wortes. - -»Sie meinen für meinen Kammerdiener?« - -»Ja, für den da.« - -Die gute Frau ließ ihn noch nicht los. Immer voranleuchtend, zeigte sie -ihm jeden Raum, den man in einer neuen Wohnung kennen muß, und immer -ging der Prinz mit seinem Fliederstrauß gehorsam hinterdrein, nur ein -einziges Mal unwillkürlich lächelnd. - -Bis man endlich in dem Salon wieder landete. - -Ein kleiner Sofatisch aus Mahagoniholz war sauber gedeckt mit Tellern, -Bierflaschen, zwei offenen Weinkaraffen, Brot, Butter und kaltem -Aufschnitt. In der Mitte stand ein Topfkuchen, der von Epheublättern am -unteren Rande umgeben und in seiner Höhlung mit drei Rosen ausgefüllt -war. - -»So, wenn Sie nun essen wollen, Eure Durchlaucht –« - -»Ja. Danke schön.« - -Von einem Fortgehen ins Hotel war nicht die Rede. - -[Illustration: Mit dem Fliederstrauß in der Hand ging der Prinz hinter -der alten Frau her.] - -»Macht mal alle, daß ihr herauskommt!« rief Frau Dörffel, und diese -Aufforderung war nicht überflüssig, denn abgesehen von dem Doktor, -Lutz, dem Fourier und den vier Frauen sah man in der Thür die zwei -Lehrlinge und das dicke Mädchen, die neugierig die ganze Wanderung -mitgemacht hatten und jetzt staunend das Arrangement des Sofatisches -bewunderten. - -»Haben Eure Durchlaucht sonst noch Wünsche?« - -»Nein, danke.« - -»Es ist auch alles da. Frisch Wasser, Handtücher, Lichter, -Streichhölzer – sieh mal nach, Käthie, ob im Schlafzimmer Streichhölzer -sind.« - -Die Kleine ging hinein und kam wieder. »Ja, zwei Schachteln.« - -»Na, denn gute Nacht, Eure Durchlaucht. Nun schlafen Sie nach der -langen Reise recht tüchtig. Und träumen Sie was Schönes.« - -»Danke.« Er nahm ihre dicke dargebotene Hand und fühlte einen -gutgemeinten Druck. - -Auch die Kleine kam unbefangen: »Wünsche gut zu schlafen.« - - * * * * * - -Vom Kirchturm schlug es Mitternacht. Im Hause war es totenstill, alles -schlief, sogar Herr Lutz, der eine Stunde und länger in seinem Loch -von Hinterzimmer wie ein Tiger auf und ab gewandelt war. Kein Schrank -in diesem Zimmer, sondern nur ein paar Kleiderhaken mit einer gemeinen -Kattungardine! Kein Spiegel, keine reguläre Waschtoilette, und dies -Bett! Ein eisernes Gestell mit geblümten ordinären Ueberzügen! - -»In dem Bett schlaf’ ich nicht,« er nahm sich das fest vor, »lieber -bleibe ich wach, die ganze Nacht.« - -Als einzigen Schmuck zeigte die kahle Wand über dem Bett ein frommes -Bild: Sankt Sebastian, der, an einen Baum gebunden und von Pfeilen -durchlöchert, mild und fast heiter in die Welt schaut. Herr Lutz konnte -an diesem geduldigen Märtyrer keine Freude haben, er war ein Mann aus -anderm Holz geschnitzt. - -›Wartet nur bis morgen,‹ dachte er, ›wartet nur alle! Ich schreibe an -den Hofmarschall, ich schreibe an Seine Durchlaucht selbst!‹ - -Schließlich legte er sich dann doch schlafen, der Gewalt weichend. Man -hatte ihm ein Butterbrot und eine Flasche Bier ins Zimmer gestellt, die -er beide am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte, jetzt meldete sich -aber der Hunger, und auf dem geblümten Bett sitzend, verzehrte er das -kärgliche Mahl. - -Käse! - -Vor übergroßem Grimm kamen ihm fast die Thränen ins Auge. - -Hätten ihn die Lakaien in Karlburg jetzt so – hier – gesehen! Herrn -Lutz, der abends sein Glas guten Bordeaux haben mußte und seit Jahren -einen so schwachen Magen hatte, daß der Koch in steter Sorge war, wie -er Herrn Lutz zufriedenstellen könnte. - -Wenn es in dieser Stunde nach Wunsch und Willen Lutzens gegangen wäre, -er hätte Kanonen auffahren und dieses Heidelberg in Grund und Boden -schießen lassen. Den Fourier vor die eine Kanone gebunden und den -Doktor vor die andre! Und die Frauenzimmer dito! - -[Illustration: Käse!] - -Was den Prinzen betrifft, so verstieg sich Herrn Lutz’ Grausamkeit -nicht zu dem Gedanken eines Majestätsverbrechens, aber ehe er -einschlief, malte er sich allerlei Bilder aus, wie Karl Heinrich am -eignen Leibe die Folgen seiner übereilten Thorheit empfinden sollte. -»Der bleibt hier nicht wohnen, darauf wett’ ich!« - -Aber der Alltröster Schlaf kam und wiegte den müden Lutz in -friedlichere Träume. - -Der Regierungsrat, der unter allen Umständen, im Wagen, im Stuhl, in -der Eisenbahn, im Bett, ausgezeichnet schlief – viel zu ausgezeichnet, -denn gerade dieses unendliche Schlafen verdickte sein Blut –, lag -schwer schnarchend, Karl Heinrich war der einzige im Hause, der noch -wachte. - -Er versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht, dieser seltsame Tag -hatte zu viel gebracht. - -Er dehnte und reckte sich in seinem Bett, dessen Kopfkissen mit -Stickereien verziert waren wie bei einem Damenbett, schließlich zündete -er Licht an und stand wieder auf. - -Ein merkwürdiges Zimmer, lauter Möbel aus längst vergangener Zeit, -Stühle mit steifen Lehnen und dünnen Beinen, ein ebensolches Sofa und -darüber auf einer Marmorkonsole eine goldene Uhr, die unter einer -Glaskuppel ihr leises Ticktack hören ließ. Auf den Fenstersimsen lagen -lange rote Polster mit gehäkelten Ueberzügen, und die Fenster selbst -waren holländische Schiebefenster, die aus vielen kleinen Scheiben -zusammengesetzt waren und deren Mechanismus der Prinz erst nach langem -Probieren entdeckte. - -[Illustration: Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder.] - -Ueber dem Zimmer lag ein eigentümlicher, aber nicht unangenehmer -Geruch, halb nach frischer Wäsche halb nach Aepfeln. Mit dem Licht in -der Hand betrachtete er die Bilder: Paul und Virginie, die gestörte -Hochzeitsfeier, Bismarck, die spanische Tänzerin Lola Montez, – Lola -im Reitkostüm, lebensgroß, schön, strahlend, – dann nochmals Paul und -Virginie, ein Mensurbild und endlich, über das ganze Zimmer, an alle -Wände und in alle Ecken verteilt, eine Unzahl Studentenphotographien in -immer demselben Fünfgroschenrahmen. Die meisten trugen eine Aufschrift -mit einer Dedikation »An Madame Dörffel«, es waren offenbar lauter -Studenten, die einmal hier gewohnt hatten. - -Manche dieser Bilder waren nur Silhouetten, aber nie hatte der Künstler -es unterlassen, die Farben der Mütze und des Bandes getreu darauf zu -malen. Und viele der Bilder waren alt: 1848/49 – 1853 – 1854/55 – -seltsam. Vergessene Menschen, vielleicht längst gestorben. Die hatten -alle hier in dem alten Eichenbett geschlafen, bei dem Ticktack der -goldenen Uhr, da aus dem Fenster geschaut. Ein ewiges Kommen und Gehen, -immer neue Gesichter, immer nur Jugend, immer nur Jugend – immer neue -Jugend. - -Und jetzt war _er_ der Junge! Karl Heinrich. Der Erbe dieser andern. -Bild für Bild sah er aufmerksam an, manche der Namen waren ihm bekannt: -Karl Hohenlohe – Fürstenberg – Prinz Weimar – Bredow ... - -Dann öffnete er das Fenster und sah auf den Marktplatz, an dem hie -und da eine Laterne brannte. Die Nacht war immer noch warm wie im -Hochsommer, er atmete die weiche Luft in tiefen Zügen. - -Im Hotel zum »Prinzen Karl«, wo der große Kommers stattfand, setzte -von Zeit zu Zeit die Musik ein; und so deutlich, daß man fast jedes -Wort verstehen konnte, klangen durch die todstille Nacht die hellen -Stimmen der Studenten: - - »O alte Burschenherrlichkeit ...« - -Ueber der Kirche und den Häusern schimmerten die Sterne, nur selten -hallten die Schritte eines verspäteten Nachtschwärmers auf dem einsamen -Platz. - -Er war so müde, die Augen fielen ihm fast zu; aber leise lächelnd, wie -jemand lacht, der sehr glücklich ist, blieb er auf die roten Polster -des Fensters gelehnt. - -Bis die ersten Hähne krähten, und der Himmel im Osten über dem -Neckarthal sich hell färbte. - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel. - - -»Herein!« - -»Bitt’ schön, ich bringe den Kaffee.« - -Es war die Kleine von gestern, die ungeniert hereinspazierte. - -Karl Heinrich stand noch in Hemdärmeln, er hatte bei dem Klopfen an -niemand als Herrn Lutz gedacht; einen Moment war er so verdutzt, daß er -vergaß, ihren freundlichen Guten-Morgen-Gruß zu erwidern. - -»Gut geschlafen, Durchlaucht?« - -»Danke, sehr.« - -»’s is a bissel weich, das Bett,« sagte sie und klopfte im Vorbeigehen -auf die gestickten Kissen, »aber Prinzen sind’s halt so gewohnt.« - -Während sie den Kaffeetisch deckte und dabei sein kostbares Necessaire -rücksichtslos auf einen Stuhl schob, suchte er nach dem Rock, aber -der war im Nebenzimmer, oder Herr Lutz hatte ihn mit hinausgenommen, -keinesfalls war er zu finden. - -»Soll ich einschenken?« - -»Bitte.« - -»Ein Stück Zucker oder zwei?« - -»Eins, bitte.« - -Er suchte immer noch, die ganze Situation war ihm so unfaßlich, daß er -es nicht wagte, Fräulein Käthchen anzusehen. - -[Illustration: »Soll ich einschenken?«] - -»Was suchen S’ denn?« - -»Nichts.« - -»Nun trinken S’ erst mal.« - -Sie zerschnitt die Weißbrote und strich Butter darauf: »So.« - -»Danke schön.« - -Ihre sorglose Sicherheit gab ihm einigermaßen die Haltung zurück, so -daß er trotz der Hemdärmel sich an den Tisch setzte und zu trinken -begann. Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und sah -ihm zu. »Schmeckt’s?« - -»Ja, danke.« - -Er war so einsilbig, daß sie nun ihrerseits einen Augenblick unsicher -wurde, aber auch nur einen Augenblick. ›’s is halt ein Prinz,‹ erwog -sie im stillen, ›die sind schon immer ein bissel langweilig.‹ Aber im -übrigen gefiel er ihr ausgezeichnet. - -›Was er für eine feine Weste anhat, und die seidene Krawatte, – und -dann auch das Gesicht – halb sieht er aus mit dem blonden Haar wie ein -Engländer.‹ - -[Illustration: Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und -sah ihm zu.] - -Die Thür öffnete sich, und Herr Lutz trat herein. Oder vielmehr: er -trat nicht herein, sondern blieb wie angewurzelt stehen. - -Der Prinz in Hemdärmeln beim Kaffee und die freche Person als -Zuschauerin! - -»Eure Durchlaucht –?« - -»Was?« - -»Das Frühstück ...« - -»Was ist damit?« - -»Das Frühstück – ich sehe: Eure Durchlaucht haben bereits das -Frühstück?« - -»Ja. Das Fräulein hat es hereingebracht.« - -Karl Heinrich sagte das etwas verlegen, denn natürlich mußte es Herrn -Lutz kränken, daß fremde Leute in seine Pflichten und Rechte pfuschten, -aber Herr Lutz zog ein so tiefbeleidigtes, albernes, böses, anmaßendes -Gesicht, daß den Prinzen die Galle übermannte: - -»Gehen Sie hinaus! Warten Sie draußen, bis ich rufe.« - -Herr Lutz war wie vom Donner gerührt. Er hatte sich verhört! Es war ja -nicht möglich! - -Aber ob er sich verhört hatte oder nicht, jedenfalls war die -Handbewegung Seiner Durchlaucht unheimlich deutlich. Sie wies strikt -auf den Ausgang, es blieb nichts übrig, als das Zimmer zu verlassen. - -Nun stand Lutz draußen auf dem zugigen Korridor, den das dicke -Dienstmädchen fortwährend mit Wasser überschwemmte. Der einzige Raum, -in den er sich hätte retten können, war sein greuliches Hinterzimmer, -aber da fand sich Frau Dörffel, die gleichfalls mit Wasser über die -Dielen fuhr. - -»Bleiben S’ nur draußen, jetzt mach’ ich hier rein.« - -[Illustration: Lutz stand draußen auf dem zugigen Korridor.] - -So ging er in seinen dünnen Lackschuhen auf dem nassen Korridor vor -des Prinzen Thür auf und ab und wartete. Er hatte sich gestern in der -Eisenbahn oder heute nacht in dem miserablen Bett erkältet, er nieste -– dreimal, sechsmal, zwanzigmal, immer wieder, und jedesmal sagte das -dicke scheuernde Geschöpf: »Zur Gesundheit!« - -Eine nette Gesundheit! - -»Warten Sie, bis ich rufe,« hatte der Prinz gesagt, aber es schien ihm -gar nicht einzufallen, zu rufen. - -Und das Mädchen kam auch nicht wieder heraus. - -Herr Lutz legte das Ohr an die Thür und versuchte zu horchen, aber er -hörte nur undeutlich die beiden reden. - -›Ein hübscher Skandal,‹ dachte er, ›das fängt gut an! Gleich am ersten -Tage!‹ - -So wartete er eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, drei -Viertelstunden, schließlich geriet er in eine Art Verzweiflung. Das -dicke Mädchen war fort, alles ringsumher still, nur das umkränzte -Pappschild »Willkommen« grinste ihm ins Gesicht ... - -Karl Heinrich lehnte, immer noch in Hemdärmeln, in seinem Sessel, -rauchte eine Zigarette nach der andern und hörte lachend auf Fräulein -Käthchens Schwatzen. - -Was hatte sie ihm nicht alles in der einen Stunde erzählt! Wie alt sie -sei: achtzehn – woher sie sei: aus Krems an der Donau, furchtbar weit -her – wieviel Corps in Heidelberg sind und wo sie kneipen, wie der -Rektor heißt, daß Herr Viktor von Scheffel augenblicklich in Heidelberg -wohne und nächste Woche einen Fackelzug bekomme, daß sie zwei beste -Freundinnen habe, die sich beide an ein und demselben Tage verlobten, -wie teuer dieses Jahr der Wein sei, aber sehr gut, und so weiter. -Dann fing sie an zu inquirieren und wie ein Untersuchungsrichter ihn -auszufragen: - -»Waren S’ denn schon mal in Heidelberg?« - -»Nein.« - -»Aber vielleicht in Tübingen?« - -»Auch nicht.« - -Ob er Brüder hätte? – »Nein.« – Aber Schwestern? – »Nein.« – Aber -Eltern? – »Die sind tot.« - -»O wie schrecklich! O wie schrecklich!« - -Sie sah ihn so mitleidig an, als ob er eben vom Kirchhof komme, aber -dann fiel ihr ein, daß es ihr selbst gerade so ergangen war: - -»Ich hab’ nämlich auch keine Eltern mehr.« - -»O –« - -Und sie betrachteten sich trotz des hellen Sonnenscheins und ihrer eben -noch guten Laune mit dem etwas konventionellen Mitgefühl. - -»Denn die Dörffel ist nur meine Frau Tante oder Frau Großtante. Ich bin -auch nur bei ihr zur Hilfe.« - -Sie hielt das Kaffeebrett, das sie schon vor einer halben Stunde -zusammengeräumt hatte, immer noch in den Händen, und auf der Lehne -eines Sessels sitzend sah sie trübe vor sich hin. - -Karl Heinrich blickte sie schweigend an. Sie war eigentlich ein -fremdartiges Ding, ganz anders wie die blonden Mädchen in Karlburg. -Das Gesicht war südländisch braun, die gelockten Haare tiefdunkel und -ebenso dunkel die Augen. Es lag etwas sehr Zierliches über der ganzen -Figur, man mußte unwillkürlich an ein Zigeunermädchen denken. - -Sie gab sich einen kleinen Ruck, als ob sie die sentimentalen -Anwandlungen abschütteln wollte: - -»Ich möcht’ nie wieder nach Oesterreich, ich möcht’ immer in Heidelberg -bleiben, es ist hier zu schön.« Und ehe er etwas erwidern konnte, fuhr -sie rasch fort in einem unvermittelten Gedankensprung: »Das Gedicht -gestern, das ich hergesagt habe, war das schön?« - -»Ja,« sagte er galant, »es hat mir ausgezeichnet gefallen.« - -»Nein, es war nicht schön.« - -»Nicht?« - -»Ich habe es zuerst nicht auswendig lernen wollen, aber die Frau -Dörffel, die Tante, hat es gewollt. Wenn Sie nun anders ausgesehen -hätten, als Sie die Treppe herauf kamen, hätte ich Ihnen wohl den -Flieder gegeben, aber das Gedicht hätte ich nicht hergesagt.« - -[Illustration: »Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?«] - -»Anders? Wie hätte ich denn anders aussehen sollen?« - -»Nun – so –«, sie errötete, »ich weiß nicht.« - -Er lachte und stand auf und ging zu ihr. - -»Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?« - -Er legte seinen Arm um ihre Schulter und beugte sich nahe zu ihr. Ein -paar Sekunden blickten sie sich an, dann küßte er sie. - -Sein erster Kuß. - -Die Kleine konnte sich nicht wehren, denn sie hielt das Brett mit -Kaffeekanne, Butterglocke und Tassen in der Hand; aber als er auf den -ersten Kuß einen zweiten folgen lassen wollte, wich sie zurück! - -»Nein, nein, nicht!« - -»Käthie ...« - -»Ich will nicht! Ich will nicht!« Sie stampfte mit dem Fuß auf und sah -einen Augenblick bitterböse aus. - -Eine kleine schwüle Pause trat ein, dann nahm sie das Brett auf den -linken Arm, strich sich mit der rechten Hand über die schwarzen Locken -und sagte: - -»Denn daß Sie’s ein für allemal und gleich heute wissen: ich bin -verlobt, schon bald ein Jahr.« - -[Illustration: Er betrachtete das Bild.] - -Karl Heinrich war so verlegen, verdutzt, – er wollte etwas sagen, -aber er brachte nur ein paar gestotterte Laute heraus. Seine erste -bescheidene Liebesaffaire war schmählich verunglückt. Vielleicht -bildete er sich ein, unter so bewandten Umständen ein unverzeihliches -Attentat begangen zu haben, eine Niederträchtigkeit gegen das -vertrauensselige, offenherzige Ding, er zog ein so beklommenes Gesicht -voll Reue, daß sie ihrerseits sich nun ärgerte, den hübschen, netten -Prinzen so angefahren zu haben. Wie reizend er aussah mit seinem -bestürzten, feuerroten Gesicht, das war wirklich einmal ein lieber Kerl. - -Und um ihn zu trösten, sagte sie: - -»Was man halt so verlobt nennt. Mit der Heirat kann der Franzel noch -lange warten. Er will schon, aber ich nicht. Finden S’, daß ich sehr -österreichisch spreche?« - -»Oesterreichisch?« Er verstand nicht, was sie wollte, dieser neue -Zickzacksprung brachte ihn ganz aus dem Konzept. - -»Ich hab’ ’s Oesterreichische ganz verlernt, weil ich’s nicht mag. -Weil’s der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener.« - -»So.« - -»Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg?« - -Karl Heinrich hatte in der Eile über diesen Fall noch nicht -nachgesonnen, aber um eine Antwort zu geben, sagte er: - -»Ja, das dachte ich.« - -Käthie lachte, als ob das ein ausgezeichneter Witz sei; sie mußte das -Brett auf den Tisch stellen, um bei dem heftigen Lachen die Tassen -nicht in Gefahr zu bringen. »Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen -Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist ja -so an langweiliger Kerl. Wissen S’, was er ist? A Juckerhändler.« - -»Ein was?« - -»Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit. -Letzthin hat er zwei schneeweiße Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann -der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat.« - -»Aber ...« - -»Sehen S’, das ist der Franzel.« Sie drehte sich um, nestelte an ihrem -Mieder und holte eine kleine Photographie hervor, die an einem sehr -warmen Platz über dem Herzen geruht hatte. - -Er betrachtete das Bild, und Käthies Kopf bog sich über seinen Arm, um -gleichfalls den Anblick zu haben. - -»Gelt, er ist recht hübsch?« - -»O ja.« - -»Der Schnurrbart ist das beste, nicht wahr?« - -»Hm!« - -Der Franzel hatte sich im vollen Staat photographieren lassen, eine -Rose im Knopfloch, auf dem Kopfe den etwas schief sitzenden Cylinder -mit flacher Krempe, im Munde eine lange, dünne Virginiazigarre und in -der behandschuhten, außerordentlich großen Hand eine Reitpeitsche mit -einem silbernen Pferdekopf. - -»Fesch ist er, gelt?« - -»Hm!« - -»Und ich nehm’ ihn doch nicht!« - -Erstaunt blickte er sie an. - -»Denn erstens, er könnte bald mein Vater sein, weil er zu Peter und -Paul dreißig wird, und zweitens, ich geh’ nicht nach Wien, ich mag -nicht.« - -»Aber –« - -»Es ist nämlich so, daß der Großtante Dörffel ihr Bruder der Vater -gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem -Vater die Cousine. Deshalb. Wie ich schon so klein war, hat’s immer -geheißen: die soll den Franzel heiraten. Nun zu vorigen Johannis hat er -geschrieben, ob ich will, und alle haben gesagt: Ja, ich soll. Da hab’ -ich ›ja‹ gesagt, aber ich hab’ gesagt: Nicht gleich, und erst will ich -noch warten.« - -Sie nahm das Bild und betrachtete es nachdenklich: - -»Eigentlich ist er ja ein lieber Kerl, gelt, die Augen?« - -Karl Heinrich wurde es bei all diesem Gerede abwechselnd kalt und heiß. -Sie stand unmittelbar neben ihm, ihre dunkeln Locken streiften seine -Schulter, und wie sie hastig und aufgeregt sprach, bewegte sich ihre -junge Brust unter dem engen Mieder auf und ab. - -»Schließlich, heiraten muß jede, nicht wahr? Und in Heidelberg ewig -bleiben kann man auch nicht, gelt?« - -»Nein.« - -Sie fuhr sich flüchtig mit der Hand über die Augen, um etwas -fortzuwischen, dann schob sie Franzels Photographie zwischen die -Kaffeetassen, atmete tief auf und nahm das Brett von neuem auf den Arm. - -»Nun muß ich gehen.« - -Sie wollte an ihm vorbei, da hielt er sie einen Moment fest und – er -konnte nicht anders – gab ihr einen zweiten Kuß. Es war im ersten -Augenblick ein etwas zaghafter Kuß, der seiner Keckheit wegen gleichsam -um Verzeihung bat, aber als ihr roter, warmer Mund nicht zurückwich, -preßten sich seine Lippen fester, immer dichter, heißer. - -»Käthie!« - -Beide atmeten schwer. Einen Augenblick ließ er sie los und beugte den -Kopf zurück, um sie anzusehen, dann küßte er sie von neuem, immer -wieder. Bis ein leises Frösteln über sie hinlief und sie sich stumm -losmachte. - -[Illustration: »Und wie heißen denn Sie?«] - -»Nicht mehr –« - -»Süße Käthie!« - -»Und wie heißen denn Sie?« - -»Ich? Ich heiße Karl Heinrich.« - -»Zwei Namen?« - -»Ja.« - -»Karl – – Heinrich – das klingt so seltsam.« Dann plötzlich umschlang -sie ihn mit beiden Armen stürmisch: - -»Karl Heinrich!!« ... - - * * * * * - -Herr Lutz prallte von der Thür zurück, als diese sich unerwartet -öffnete, aber ohne ihn zu beachten ging das Mädchen mit heißen Wangen -an ihm vorbei über den Korridor. - -Er blickte auf seine goldene Uhr: »Anderthalb Stunden!« - -Und als er zehn Minuten später die Toilette seines Herrn vollendete, -machte es Herrn Lutz einen diabolischen Spaß, zu beobachten, wie Seine -Durchlaucht sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen. - -»Wie ist das Wetter, Lutz?« - -»Gut, Eure Durchlaucht.« - -»Heute ist doch Mittwoch?« - -»Jawohl, Eure Durchlaucht.« - -Lauter überflüssige Fragen, wie sie jemand stellt, der sich einer -gewissen Schuld bewußt ist. - -Und wenn irgend jemand Seine Durchlaucht durchschaute, dann war es Herr -Lutz. O, er kannte diese hohen Herrschaften, die nie recht den Mut -ihrer dummen Streiche haben und sogar ihrem Kammerdiener gegenüber -alles vertuschen möchten. Kleine, schwächliche Seelen ohne Energie. - -Erbprinzen sind keine Fürsten, ihre Bedeutung nach außen ist in manchen -Fällen gleich null. Tausendmal ereignete sich der Fall, daß Erbprinzen -nie zur Regierung gelangten. Mit Erbprinzen rechnen, heißt nicht viel -mehr als Lotterie spielen. - -›Nein,‹ sagte sich Herr Lutz, ›dieses Heidelberg paßt mir nicht. Ich -kehre zurück nach Karlburg. Wer, wie ich, seines Hochfürstlichen -Herrn Vertrauen genießt, braucht hier nicht Bedienter zu spielen. -Seine Hochfürstliche Durchlaucht ist sechsundfünfzig Jahre alt, Seine -Hochfürstliche Durchlaucht kann mit Bequemlichkeit achtzig werden. -Bis dahin dürfte man sein Schäfchen im Trocknen haben und auf alle -Erbprinzen pfeifen.‹ - -Und während er seinen neuen Herrn abbürstete, dachte er: - -›Warte! Wenn ich nach Karlburg komme, wenn ich erzähle! Da wird man -Augen machen!‹ - -Der Prinz schien seine kurze Befangenheit Lutz gegenüber merkwürdig -schnell überwunden zu haben: - -»Sehen Sie nach, Lutz, ob der Herr Regierungsrat fertig ist, rasch!« - -Mit sehr verbissener Miene kam Herr Lutz zurück: - -»Herr Regierungsrat lag noch im Bett. Er zieht sich jetzt an.« - -»Zum Kuckuck, wie ist das möglich?! Es ist ja zwölf Uhr mittags!« - -[Illustration: Herr Lutz zog die Krawatte fest.] - -Lachend ging der Prinz über den Korridor, nickte Käthie zu, die in der -Küchenthür stand und ihm zulächelte, und pochte mit der Faust gegen des -Doktors Thür: - -»Aber Doktor! Es ist Mittag!« - -»Ja, gleich, fünf Minuten!« - -Unnötigerweise wartete der Prinz vor der Thür, immer die Kleine -anschauend, die sich merkwürdig lange im Korridor zu schaffen machte; -dann endlich erschien der Doktor, höchst flüchtig angekleidet. - -»Einen Moment. Lutz! Wo ist Lutz?! Lutz, helfen Sie mir mal. Hinten die -Krawatte festziehen – so. Einen Moment noch, Durchlaucht. Bürsten Sie -mich mal ab, Lutz. Und dann holen Sie mir einen Schluck Kaffee.« - -»Wir wollen spazieren fahren,« sagte Karl Heinrich, der seine hellen -Handschuhe anzog und immer noch mit Käthie Blicke wechselte. - -»Nicht fahren, gehen.« - -»Auch gut.« - -Und Herr Lutz zog die Krawatte fest, bürstete und holte Kaffee. Alles -mit der vornehmen Ruhe seines Standes. Aber innerlich kochte es in -ihm. Das schlug dem Faß den Boden aus: dieses Schulmeisters Frechheit! -Dieser Herr behandelte ihn als Diener, als Allerweltsbedienten! -»Bürsten Sie mich mal ab, holen Sie Kaffee.« Konnte der edle Herr nicht -seinen Rock selbst abbürsten?! Lutz zitterte vor Aufregung. - -Eines fürstlichen Kammerdieners Pflichten und Rechte sind so streng -umschrieben wie die eines hohen Beamten. Er dient lediglich und -ausschließlich den persönlichen Bedürfnissen seines Herrn, er hat -mit allen gröberen Arbeiten nichts – absolut nichts! – zu thun, der -Unterschied zwischen einem Kammerdiener und einem ordinären Lakaien ist -überhaupt nicht in eine Formel zu bringen. Der eine ist Künstler, der -andre Handwerker. - -Herr Lutz, der für den Schulmeister Kaffee holt! Es war zum Lachen! -Oder vielmehr durchaus nicht zum Lachen. - -Und Karl Heinrich litt das! Statt zu sagen: »Ich muß Sie darauf -aufmerksam machen, Herr Doktor, daß Herr Lutz alle Aufträge nur durch -meinen Mund empfängt«, stand Seine Durchlaucht ruhig dabei und sah zu, -wie Lutz bürsten mußte. - -Jetzt fehlte nur noch, daß der Schulmeister etwa sagte: »Putzen Sie mir -die Stiefel.« Hätte er es nur gesagt! Es hätte eine Katastrophe gegeben! - -Der Doktor setzte seinen neuen Pariser Cylinder auf, zog, obwohl es -sehr warm war, aus Eitelkeit den eleganten Frühlingspaletot an und sah -alles in allem wie ein höchst chic gekleideter Gentleman aus. Aber -neben Karl Heinrich machte er trotzdem eine schlechte Figur. Der eine -groß, schlank, jugendlich, der andre klein und viel zu gut genährt. -Wer sie zusammen sah, konnte keinesfalls begreifen, was zwei so -verschiedene Menschen zu einander geführt hatte. - -»Also wollen wir wirklich keinen Wagen nehmen, Doktor?« - -»Aber bewahre! Bei dem Wetter! Wir wollen aufs Schloß gehen.« - -Karl Heinrich konnte sich auch heute noch nicht recht in dieses -»Zu-Fuße-gehen« finden, es erschien ihm so sonderbar, am hellen Tage -durch die Straßen zu spazieren, keinen Wagen hinter sich, keinen -Diener. Es ging ihm wie den übernervösen Menschen, die sich vor den -Straßen fürchten und beim Ueberschreiten der Plätze alle Sicherheit -verlieren. - -Gut, daß er den Doktor als Begleiter hatte. - -Die Treppe hinab mußte man tasten, weil das Treppenhaus in einem -mystischen Zwielicht lag, dann ging es im Hausflur durch eine Reihe -Kisten, und nun standen sie vor der Thür in der Sonne. - -»Ein Wetter! ein Wetter!« sagte der Doktor. »Da muß man gesund werden. -Förmlich heiß. Heute fühlt man sich Mensch.« Allen Mädchen, denen sie -begegneten, schaute er ins Gesicht, und im stillen dachte er: ›Wer -weiß, was dieses liebe Heidelberg einem noch Gutes bringt. Vielleicht -daß man sich auf seine alten Tage doch noch entschließt. Mein Gott, -wenn man noch mal lieben könnte, richtig lieben! ...‹ - -[Illustration: Karl Heinrich betrachtete neugierig wie ein Kind die -Ladenfenster.] - -Sie kamen nur langsam vorwärts, denn vor allen Läden blieb -Karl Heinrich stehen und betrachtete neugierig wie ein Kind die -Ladenfenster. Es gab da eine Menge Dinge, die er nie gesehen hatte, -und die ihm der Doktor erklären mußte, dann plötzlich überkam ihn ein -kindischer Wunsch: - -»Wir wollen mal hineingehen, irgend etwas kaufen.« - -»Was denn?« fragte der Doktor erstaunt. - -»Das ist einerlei, ich möchte nur mal kaufen.« - -Und so kauften sie: zwei seidene Krawatten, helle Handschuhe, einen -Federhalter und Federn, Tinte, Schreibpapier, Visitenkarten, eine -elegante Schreibmappe, die Karl Heinrich dem Doktor schenkte, und -schließlich für sechs Mark ein silbernes Armband, an dem kleine Münzen -klingelten. - -»Wer soll denn das haben?« - -»Fräulein Käthie.« - -»Welche Käthie?« - -»Die gestern das Gedicht hergesagt hat.« - -»Heißt die Käthie?« - -»Ja, die heißt Käthie.« - -Und jetzt erst kam es dem Doktor zum Bewußtsein, daß er heute einen -ganzen langen Vormittag verschlafen hatte. Er räusperte sich und sah -den Prinzen von der Seite an: das war ja ein guter Anfang. - -›Recht hat er,‹ dachte er im stillen, ›Jugend ist nicht zum Versauern -geschaffen. Wer noch einmal zwanzig Jahre alt wäre!‹ - -An der Berglehne stand alles im Blütenschmuck, und als sie nun -bergauf stiegen, bot die langsam unter ihnen niedersinkende Stadt ein -zauberhaftes Bild. Auf allen Schieferdächern lag die helle Sonne, die -in die Schornsteine der Häuser tief hineinzuschauen schien, drüben -stand der Odenwald im hellen Maiengrün, und nun wurde ein langer -Silberstreifen sichtbar, der jenseits der Häuser hell aufblitzte; der -Neckar! - -Sie sagten es beide in einem Atem: - -»Der Neckar!« - -[Illustration: Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf -schauend.] - -Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf schauend und den -Strom hinab. - -Der Neckar. Der aus Schwaben kommt, aus Schillers Heimat, aus Uhlands -Lande, aus dem Schwaben der Hohenstaufenkaiser. Er fließt vorbei an der -alten Feste Tübingen, bei Reutlingen, gen Stuttgart, durch Heilbronn, -vorbei an des alten Berlichingen Nest durch ein Land, in dem jeder Fuß -Boden Erinnerung atmet und Poesie. - -Bis dann der Neckar endlich nach Heidelberg kommt und in die -weite, flache Ebene des Rheins hinauszieht. Der Neckar endet nicht -in Mannheim, wie es die Karten der Geographen lehren, er endet -in Heidelberg. Er endet wie kein andrer deutscher Fluß: in einem -Märchenglanz von Schönheit. - -Schweigend stiegen sie weiter bergauf und traten durch das alte Thor -von rotem Sandstein in den Schloßgarten. - -Ein paar Fremdenführer gähnten am Eingang, aber drinnen unter den -alten, epheuumsponnenen Bäumen war alles still und einsam. Die fremden -Besucher weilten um diese Mittagsstunde unten in ihren Hotels, die -Studenten sitzen zur gleichen Stunde in der Stadt beim Frühschoppen, -und die Heidelberger selbst haben nicht Zeit, mittags umherzubummeln. - -Ein Eichkätzchen sprang vor ihnen durch den Epheu, sonst rührte sich -nichts ringsum. Und schweigend gingen sie weiter, über die Brücke in -den Schloßhof, hinaus auf den Altan, zurück an dem zerschossenen Turme -vorbei, die Balustraden entlang. - -Der Doktor sprach bisweilen einige Worte, aber der Prinz antwortete -einsilbig oder nickte nur stumm. - -Erst nach geraumer Zeit, in der der Doktor im Gehen sich gelobt hatte, -jeden Tag heraufzukommen und damit seiner Kurzatmigkeit zu steuern, -sagte Karl Heinrich: - -»Wir wollen eine Flasche Wein trinken – haben Sie Lust?« - -Ja, der Doktor hatte Lust. - -»Nehmen Sie eine Zigarre?« - -»Ja, danke.« - -So saßen sie unter dem grünen Dach der alten Bäume, tranken und -rauchten. Sie sprachen einiges über das Schloß und den schönen Tag, -dann versanken sie beide wieder in Schweigen. - -Die Sonne, die durch die Blätter blinzelte, die große Stille ringsum, -der Wein, die Zigarre – alles wirkte auf den Doktor nach dem für seine -Verhältnisse anstrengenden Marsch einschläfernd. Er versuchte, der -Hypnose zu widerstehen, aber das gelang ihm mit großer Anstrengung -nur zweimal; beim dritten Male öffneten sich die widerspenstigen -Augendeckel nicht mehr. - -Erst nach einer Weile merkte Karl Heinrich, als er etwas -Gleichgültiges fragte und keine Antwort bekam, daß sein Begleiter -wieder einmal eingeschlafen war. - -Er lächelte, er war ihm nicht böse – nein, im Gegenteil. - -Er lehnte sich weit zurück in seinen Stuhl, den Ellbogen auf den Tisch -und den Kopf in die Hand gestützt. - -War er je im Leben so glücklich gewesen? Nie! Tausend Eindrücke waren -gestern und heute auf ihn eingestürmt, aber kein Mißton fand sich -dazwischen, sie klangen alle harmonisch zusammen in einen einzigen -Glücksaccord. – Käthie, Freiheit, Heidelberg, der Neckar, das Schloß, -der Frühling, die goldene Zukunft – ein einziger Strom von Freuden, ein -einziger Rausch. - -Käthie – er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne glitzern. - -›Ob sie sich darüber freut? Ob ich ihr ein besseres kaufen soll?‹ Er -legte das Ding um sein Handgelenk und nahm es nicht wieder ab. Ihm war, -als ob Käthie das Band schon einmal getragen hätte, als ob es gleichsam -ein Stück von ihr sei, etwas Greifbares, das sie ihm näher brachte. - -[Illustration: Er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne -glitzern.] - -Da drang in die Mittagsstille ein Lärm; zehn, zwölf Studenten mit -dunkelblauen Mützen kamen durch den Garten, riefen den Kellner, -bestellten Bier und brachten zusammen mit den drei großen Kötern einen -solchen Skandal in den Garten, daß sogar der Doktor sich unruhig -bewegte und aufwachen zu wollen schien. - -»Kellermann!« - -»Jawohl!« - -»Kellermann, sorgen Sie dafür, daß Bier kommt!« - -»Schön!« - -»Kellermann!« - -»Was?« - -»Der Kellner soll die Speisekarte mitbringen!« - -»Schön!« - -»Kellermann!« - -»Was?« - -»Er soll auch Zigarren mitbringen!« - -»Schön!« - -Dieser Kellermann kam darauf ohne sonderliche Eile an Karl Heinrich -vorüber, ging in die Wirtschaft und erschien nach einiger Zeit als -Assistent des Kellners mit Bierseideln. - -»Kellermann!« - -»Was?« - -»Der verdammte Köter läuft über die Blumenbeete – fangen Sie ihn!« - -»Schön!« - -Aber Kellermann fing ihn nicht, sondern pfiff nur. Mit einer total -verrosteten Stimme rief er ein paarmal: »He, hierher!«, und als das -nichts fruchtete, gab er den Versuch auf. - -»Kellermann!« - -»Was?« - -»Holen Sie drei Postkarten.« - -»Schön!« - -Er kam zum zweitenmal an Karl Heinrich vorbei, der ihn nun genauer -betrachtete. Er trug eine Art Uniformrock und eine Portiermütze -dunkelblauer Farbe, seine ganze äußere Erscheinung sollte ohne Frage -auf eine Stellung als Diener hinweisen, aber nie hatte jemand – -wenigstens nach Karl Heinrichs wohlgeschulten Begriffen – weniger -Aehnlichkeit mit dem Typ eines solchen. Er ging beständig in einem -kleinen Trab, ohne schneller von der Stelle zu kommen als andre Leute, -die ihre Wege in ruhigem Schritt zurücklegen, seine Nase war blaurot, -und der Schnurrbart, den er im Gegensatz zu andern glattrasierten -Dienern trug, hing melancholisch-jämmerlich nach beiden Seiten. Die -Augen hatten etwas Trauriges, sie schienen immer nur geradeaus zu sehen -und alles, was rechts und links lag, absolut unbeachtet zu lassen. Er -sah auch Karl Heinrich nicht an, obwohl er zweimal ganz dicht an ihm -vorbeitrabte. - -›Welch ein merkwürdiger Mensch,‹ dachte der Prinz, aber seine -Aufmerksamkeit richtete sich weniger auf diesen als auf die Studenten. - -[Illustration: Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige -Quantitäten Bier.] - -Sie saßen so entfernt, daß er nur ihr lautes Lachen hörte oder das -häufige »Kellermann«-Rufen, immerhin konnte er sie in Muße beobachten. -Sie trugen sämtlich Mütze und Band in den Sachsenfarben, das war -das einzige, was sie als Studenten kennzeichnete. Nichts an ihnen -erinnerte an die alten, traditionellen Studentenfiguren, wie sie zu -jener Zeit – Ende der siebziger Jahre – noch in den Büchern oder auf -den Theaterbrettern umherspukten. Kein Schnürrock, keine Kanonenstiefel -und keine Tabakpfeife, elegante Jungens, die sich auch ohne jene -halbvergessene Vermummung ihres Studententums offenbar außerordentlich -freuten. - -Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige Quantitäten Bier, es -war amüsant und lustig, sie zu beobachten. - -Irgend etwas regte sich in dem Prinzen, eine Sehnsucht, ein -nie gekanntes Gefühl der Einsamkeit. Er blickte auf den dicken -Regierungsrat, der mit seiner erloschenen Zigarre schlief und plötzlich -so merkwürdig alt aussah. Gewiß, der Doktor war ein guter Kerl, mit -dem Karl Heinrich seit vielen Jahren in bester Weise harmoniert hatte. -Dieser Doktor war der erste und einzige gewesen, der in die stickige -Luft des Karlburger Schlosses einen frischen Zug und in des Prinzen -kalte Jugend einen Hauch von Lebensfreude gebracht hatte, aber ... - -In dieser Stunde begriff Karl Heinrich! Daß man ihn daheim in Karlburg -betrogen hatte, um seine ganze Jugend! Bediente, die mit ihm spielen -mußten, Bediente, mit denen er spazieren ritt, Bediente jahraus -jahrein, von früh bis spät, ewig nur bezahlte Leute! - -Bis gestern war er ja überhaupt blind gewesen! Er hatte nichts vom -Leben gewußt, gar nichts! Man hatte ihn gefangen gehalten, in einem -goldenen Käfig, wie ein Tier, das dressiert werden soll. - -Ein großer, hübscher Junge ging an ihm vorbei: »Kommen Sie mit, -Kellermann, wir wollen eine Bowle ansetzen, Maibowle.« - -»Schön!« - -Mit müden, glanzlosen Augen sah der Prinz ihm nach. Er wird immer -allein bleiben, zeitlebens. - -Da kam der Kellner hastig hergelaufen und tippte dem erstaunten Prinzen -formlos auf die Schulter: - -»Sehen Sie mal hin! Der Herr, der da allein kommt! Das ist Herr von -Scheffel!« - -»Wo?« - -»Da!« - -»Doktor!« Karl Heinrich rüttelte den Schläfer. »Wachen Sie mal auf!« - -»Was –? Was?!« - -»Da kommt Scheffel. So wachen Sie doch auf!« - -»Ja, ja –« - -Also das war er. Der den Ekkehard gedichtet hatte. Und die -Rodensteinlieder! - -Der Kellner war mittlerweile auch zu den Studenten hinübergelaufen mit -der gleichen Mitteilung, die an dem langen Tisch Sensation machte. -Herr von Scheffel war damals in seinem lieben Heidelberg ein ziemlich -seltener Gast, manche der jüngsten Studenten hatten ihn nie gesehen. - -Da kam er! - -Irgend einer schien den andern etwas zuzurufen, dann stellten sich alle -zwölf um ihren Tisch in Reihe und: - - »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein - Wer lange sitzt, muß rosten! - Den allersonnigsten Sonnenschein - Läßt uns der Himmel kosten ...« - -Das fröhliche Wanderlied scholl seinem Dichter mit einer Begeisterung -entgegen, wie sie dem Liebling von Heidelberg nur aus zwölf jungen -Kehlen an einem solchen Frühlingstag zujauchzen konnte. - -Er lächelte, und als die zwölf blauen Mützen der Corpsstudenten den -alten Burschenschafter grüßten, zog er seinen Hut und ging dankend -vorüber. - -Und wie die Studenten thaten, so that Karl Heinrich: er nahm den Hut ab -und grüßte tief. - -Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte. - -Langsam ging er weiter, bis er allmählich in den Büschen des -Parks verschwand. Lange noch begleitete ihn das Lied, bis es -jubelnd-übermütig ausgeklungen war: - - »Hallaho: die Pforten brech’ ich ein - Und nehme, was ich finde. - Du heiliger Veit von Staffelstein, - Verzeih mir Durst und Sünde!« - -»~Cantus ex est!~ Ein Schmollis dem Dichter!« - -Die Gläser klirrten auf den Tisch. – - - * * * * * - -Es war nachmittags fünf Uhr, als der Oberkellner im Hotel zum »Prinzen -Karl« nach zweistündigem Diner Seiner Durchlaucht und dem Herrn -Regierungsrat den Nachtisch servierte. - -[Illustration: Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.] - -Sie saßen beide einsilbig und abgespannt. Die neugierigen Blicke der -Hotelgäste, die devoten Kellner, das einförmig endlose Diner – alles -wirkte nach den vorhergehenden Stunden fad und wie ein schlechter -Abklatsch der Karlburger steifen Langeweile. Der erste große Rausch der -Freiheit war für beide vorüber. - -Der Piccolo kam mit einer Visitenkarte und überreichte sie flüsternd -dem Regierungsrate: - -»Der Herr ist draußen, er bittet freundlich, ob er den Herrn -Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.« - -»Mich?« Der Doktor war erstaunt und drehte die Karte hin und her: -»Konrad von Gräbenitz, ~stud. jur.~ Wer ist das, den kenne ich nicht. -Was will der Herr?« - -»Er bittet freundlichst, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick -sprechen könnte.« - -»Ja, das höre ich.« - -»Fragen Sie doch, was er will, Doktor,« sagte Karl Heinrich gleichmütig. - -»Ja, is gut. Ich käme gleich.« - -Der Doktor stand etwas verdrießlich auf, denn im Gegensatz zu andern -Leuten war er nach jedem Diner schlechter Laune, weil er sich mit Recht -sagte, daß er, wie immer, zu viel gegessen hatte. - -Im Rauchzimmer traf er den Herrn, einen sehr eleganten jungen Mann, -dessen Gesicht wie ein Beefsteak zerhackt war. - -»Mein Name ist Regierungsrat Jüttner.« - -»von Gräbenitz.« - -»Bitte, nehmen Sie Platz.« - -»Ich habe mir die Freiheit genommen, Herr Regierungsrat, meine Karte -heute mittag in Ihrer Wohnung abzugeben, man sagte mir dort, daß ich -Sie hier antreffen würde.« - -»Ja ja.« - -»Meine Bitte, Herr Regierungsrat, geht dahin, daß Sie die große -Liebenswürdigkeit haben möchten, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen.« - -»Dem Erbprinzen?« - -»Ich bitte darum.« - -»Und – e – was, und – e – weshalb? –« - -»Ich möchte Seiner Durchlaucht im Auftrage meines Corps die Bitte -vorlegen, ob Seine Durchlaucht unserm Corps die Ehre geben würde, heute -abend dem Kommers beizuwohnen.« - -»Ach so!« Er lächelte. Das hätte er sich gleich denken können. Denn was -ist im Anfang des Semesters für die Verbindungen wichtiger, als neue -Mitglieder »keilen«! Gottesfürchtig und dreist sein, das ist bei diesem -und jenem Werbemetier die Hauptsache. Und gleich einen Prinzen fangen! -Das wäre ein hübscher, fetter Bissen. - -Was würde man in Karlburg dazu sagen, wenn Karl Heinrich, der Erbprinz, -in einer Studentenkorporation Mitglied würde! Freilich thun das sogar -die preußischen Prinzen und Thronfolger in Bonn, aber was man in Berlin -zu erlauben beliebt, braucht deshalb für Karlburg noch längst nicht -maßgebend zu sein. Im Gegenteil. - -Der Fürst würde – ganz ohne Frage – darüber sehr wenig erfreut sein, -und alle Schuld würde – ebenfalls ganz ohne Frage – ihm, dem Doktor, -beigemessen werden. Er war nicht nach Heidelberg geschickt, um sich -zu amüsieren, sondern einem weltfremden jungen Prinzen die richtige -Direktive zu geben. Er sah die Gesichter der Karlburger Hofleute, -wenn eine solche Nachricht dort eintreffen würde: das apoplektische -Gesicht des Hofmarschalls, die Fischaugen des Herrn von Baltz – alle -erschreckt, empört, angstvoll auf Durchlaucht schauend. - -Aber Karl Heinrich! - -Wie der Junge auftauen würde! Endlich ein Mensch werden wie andre -Menschen. - -Was lag dem Doktor schließlich an der Allerhöchsten Ungnade. Uebers -Jahr war seine Erziehungsaufgabe ja ohnehin schon beendet, und dann – -lieber Gott, dann fängt man eben was andres an. - -Und welch eine Wohlthat, den Karlburger verknöcherten Seelen einen -Streich spielen zu können! Nie, natürlich, würde er das Kreuz von -Sachsen erster Klasse erhalten, nie Geheimrat werden, nie mehr zu Hofe -geladen werden – aber was will das alles heißen! - -Karl Heinz, sein einst kleiner Karl Heinz – der Junge, dem sie daheim -die Kehle zugeschnürt hatten! Sein guter Karl Heinz! Für den. - -Er stand auf: - -»Kommen Sie, bitte, mit!« - -Und ganz fest und heiter, als ob es sich um eine Bagatelle handle, -überschritt der Doktor die Schwelle des Speisesaals, seinen Rubikon, -der ihn für ewig von dem gelobten Lande der schönen Orden und großen -Titel schied. - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - - -In Rüders Gasthaus am Neckar hatte Käthie immer nur nachmittags zu -thun. Vormittags half sie der Großtante bei der Wirtschaft zu Hause, -während nach Tisch alle beide über die Neckarbrücke nach Rüders -Gasthaus pilgerten. Rüder war ein Schwager der Frau Dörffel und somit – -im weiten Sinne des Wortes – auch mit Käthie verwandt. - -Vielleicht giebt es und gab es in Heidelberg weit bessere Gasthäuser -als das Joseph Rüders, aber über der alten Baracke lag ein ruhevolles -Behagen. Wer in den Garten wollte, mußte von der Straße her durch das -winklige Haus tappen, und der Flur war so niedrig, daß die langen -preußischen Junker, die bei den »Sachsen-Preußen« aktiv waren, ihre -Schädel sorgfältig in acht nahmen. - -War man aber erst in den Garten gelangt, so hatte die Not ein Ende. -Man saß unter den alten Lindenbäumen unmittelbar an der Ufermauer des -Neckars, gegenüber lag Heidelberg mit dem Schloß, man trank Joseph -Rüders guten, ehrlichen Wein und freute sich seines Lebens. - -Und freute sich der hübschesten kleinen Kellnerin, die den Wein -kredenzte. - -Wie es mit vielen Gasthäusern geht, daß sie im Laufe der Zeiten -ihren Charakter wechseln, so war des guten Joseph Gastwirtschaft -ursprünglich nur eine ordinäre Schifferkneipe gewesen. Alte Damen und -Honoratiorenfamilien mit jungen Töchtern entdeckten den Garten als -ein stilles Asyl, in dem man fern vom Lärm nachmittags Kaffee trinken -konnte, bis eines Tages die Studenten Josephs Haus aufstöberten und der -Idylle ein Ende machten. - -Sie kamen nachmittags und blieben bis in die Nacht. Sie vollführten den -ewig gleichen Skandal und ließen ihre Doggen über die Mauer weg in den -Neckar apportieren; sie tranken in einem Monat mehr, als Joseph früher -in ganzen Semestern verzapft hatte; nach drei Wochen hatten sie die -armen alten Damen so gründlich ausgeräuchert, daß diese nie wiederkamen. - -Oft sagten Frau Rüder und Frau Dörffel und Frau Rüders zwei Schwestern -– lauter bejahrte Frauen: »Früher war es stiller und gemütlicher, wenn -auch nicht so viel verdient wurde.« Aber sie sprachen das mit der -friedlichen Trauer, die man derartigen Schicksalsfügungen gelegentlich -weiht. - -Nur in einer Hinsicht waren alle vier fest überzeugt, daß der Wechsel -seine außerordentlichen Nachteile habe: in Bezug auf Käthie. - -Als siebzehnjähriges Ding hatte sie nett und artig den Damen im Garten -den Kaffee serviert; sie war ja auch damals schon ein Durchgeher, der -immer seinen eignen Willen hatte, es fiel indessen nie schwer, sie -wieder in die richtige Gangart zu bringen. Seit aber die Studenten da -waren, ließ sich mit dem Mädel nichts mehr anfangen. Oft nahmen die -alten Frauen sie ins Gebet und verwarnten sie: - -»Sei nicht so wild, halt mehr auf dich.« Dann saß sie in der Küche mit -ihrem Strickzeug und ließ die endlosen Ermahnungen geduldig über sich -ergehen. Sie hatte bisweilen versucht, zu widersprechen und zu sagen, -daß sie sich keiner Schuld bewußt sei und daß man, wenn man jungen -Herren Wein trägt, sich nicht haben könne wie eine zimperliche Gans, -aber die vier Frauen fielen mit so viel Gegenbeweisen und Schelten über -sie her, daß sie schließlich gar nichts mehr erwiderte. Sie saß ganz -still und geduldig, wie jemand, der eingeregnet ist und auf die Sonne -wartet. - -Kamen dann endlich nachmittags die ersten Studenten und riefen draußen -im Garten: »Käthie! He, Käthie!« – dann war sie wie verwandelt. Das -Strickzeug flog in den Tischkasten, und im nächsten Augenblick lief sie -durch das Haus, daß ihre kurzen Kleider, unter denen man die kleinen -Stiefel sehen konnte, um sie her wirbelten. - -[Illustration: Sie saß ganz still und geduldig.] - -»Bier, Käthie!« - -»I komm’ schon!« - -»Wieviel? Fünf sechs, sieben, wieviel seid’s denn? Acht. Da setzt euch -her, da am Wasser, ich richt’ euch den Tisch.« - -Und je voller es im Garten wurde, um so rascher sprang sie. In beiden -Händen schleppte sie große Bierkrüge, und wenn es so arg wurde, daß von -allen Seiten her ein Kreuzfeuer von Rufen auf sie eindrang: - -»Käthie, die Speisekarte!« - -»Bier, Käthie!« - -»Hierher, Käthie!« - -Dann lachte sie, daß ihre weißen Zähne wie zwei blanke Reihen zwischen -den roten Lippen leuchteten. - -»I komm’ schon! Habt’s euch nicht!« - -Sie sprang hin und her, überall sah man ihre weiße Schürze und ihre -nackten braunen Arme, die schlank waren wie die eines Kindes. Sie -verlor nie den Kopf, sie vergaß nichts, keinen Löffel, keine Gabel, -so daß oft die Frauen in der Küche ihr erstaunt nachblickten: »Ein -Tausendsassa!« - -In der Ledertasche am Gürtel, die sie nachts unter ihr Kopfkissen -legte, trug sie einen Haufen Geld, aus dem sie beim Wechseln -Händevoll hervorholte und auf den Tisch warf. Im Augenblick war das -Wechselgeschäft erledigt, und im nächsten Augenblick rasselten die -Münzen wieder in die Tasche. - -»Verzählst du dich nie, Käthie?« fragte einer der Studenten. - -»O freilich. Aber das macht nix. Ihr seid’s ja ehrliche Leute, ihr gebt -mir’s ja wieder.« - -»Prost, Käthie, sollst leben! Trink mal mit!« - -»Dank’ schön!« Sie strich mit dem Rücken der Hand über ihre roten -Lippen und that dann einen guten Schluck aus des Studenten Glas. - -Einer oder der andre versuchte, sie um die Taille zu fassen und -festzuhalten, aber weg war sie wie der Blitz. - -Und die vier Frauen in der Küche sahen alle diese kleinen Scenen mit -einer Mischung von Bedauern und Mißbilligung, mit dem leisen Neid des -Alters und mit der moralischen Strenge des Alters. - -Sollte man das immer wieder und jeden Tag von neuem anschauen? Wie -diese Käthie, die der Frau Dörffel ihre Großnichte und der Frau -Rüder ihres Mannes Tante-Enkelin war, so unter die Studenten kam – -gewissermaßen moralisch hinabgezogen wurde?! - -Man konnte eine andre Kellnerin engagieren, natürlich, aber du lieber -Gott, das ist leichter gesagt als gethan. Es giebt Kellnerinnen, die -erstens nicht so fleißig sind, zweitens nicht so ordentlich, drittens -nicht so flink, viertens nicht so ehrlich und fünftens – ja dieses -»Fünftens«! – nicht so hübsch. - -War Käthie wirklich denn eigentlich hübsch? Oft fragten die vier das -einander und schüttelten die dünnen Zöpfchen. »Entschieden nicht!« Der -Teint zu braun, viel zu braun, die Arme zu dünn, die ganze Figur ohne -rechte Formen. Sie waren alle vier in ihrer Jugendzeit schöner gewesen. - -Aber die Studenten fanden Fräulein Käthie reizend, so reizend, daß sie -an Käthies Geburtstag Berge von Blumen schickten, und daß sie ganz ohne -Frage mehr ihretwegen hierherkamen als wegen Rüders Weinen und Frau -Rüders Kalbsnierenbraten. - -[Illustration: Käthie that einen guten Schluck aus des Studenten Glas.] - -Verschiedene Male erwogen die vier, ob sie nicht die heilige Pflicht -hätten, dem fernen österreichischen Vetter Franzel mitzuteilen, wie -sündhaft gut sich seine Verlobte hier amüsiere, aber dann würde -dieser Franzel aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Donnerwetter -dazwischenfahren und Käthie für immer mit nach Wien nehmen. - -Und schließlich beruhigten sich die vier in der tröstlichen Erwägung, -daß Käthie zwar mit ihnen verwandt, aber doch nur entfernt verwandt -sei. Es war traurig, daß sie ein so leichtes Ding wurde, aber was war -dagegen zu thun? Nichts. Das Geschäft blühte, und das war denn doch -schließlich die Hauptsache. - -Am 3. Mai nachmittags vier Uhr gab es in Rüders Garten Corpskonzert. -Die Corpsdiener, deren Senior Herr Kellermann war, erschienen schon vor -drei, um die Tische zu arrangieren: in der Mitte die »Vandalen« als -präsidierendes Corps, rechts vorn am Neckar die »Sachsen«, daneben die -»Rhenanen«, daneben die »Sachsen-Preußen«, dann an der Kegelbahn die -»Schwaben« und diesen gegenüber die »Westfalen«. - -Käthie half, während Herr Rüder mit prüfendem Blick umherging und sich -die Miene gab, als sei er die Seele des Geschäfts. Er trank mit den -Corpsdienern kleine Schnäpse und gab ihnen mißfarbene Zigarren von -der Sorte, die er von sechs Uhr früh bis zwölf Uhr nachts rauchte. -Hätte man aus den von Herrn Rüder in Jahresfrist verdampften Zigarren -eine lange Stange gebildet, so würde dieselbe nahezu einen Kilometer -Ausdehnung erreicht haben; in die Höhe gerichtet, hätte diese -Tabakstange die höchsten Berge des Odenwalds überragt. - -Um halb vier erschienen die Musici, um das ihnen zustehende Faß Bier an -den rechten Platz zu schaffen und dasselbe in Muße anzustechen; dann -wurden von den vier Frauen, den sechs Corpsdienern, den fünf Musici und -Käthie die Lampions an den Bäumen aufgehängt, Herr Rüder inspizierte -noch einmal die Küche, Käthie band eine neue, schneeweiße Schürze um, -und als nun so alles für den Empfang vorbereitet war, spielte die Musik -Tusch, denn Punkt vier betrat »Vandalia« – acht Burschen und zwölf -Füchse – den Garten. - -»Holla, Käthie!« - -»Wie geht’s?« - -Sie war sofort von zwanzig Rotmützen umringt, die ihr die Hände -schüttelten und lachend auf sie einredeten. Während Herr Rüder, der -Onkel, und die vier Tanten sich respektvoll im Hintergrund hielten, -die Musici »Was kommt dort von der Höh’?« spielten und die sechs -Corpsdiener mit ruhiger Höflichkeit Posto faßten, stand Käthie wie eine -kleine Königin in ihrem Kreise. - -Ein dicker junger Herr, dessen Backen ganz mit Watte und schwarzen -Binden verpackt waren, fand ihre besondere Teilnahme. - -»Armes Tschaperl, haben s’ dich wieder abgestochen? Nein, bist du auch -halt ungeschickt!« Sie nahm seinen dicken Kopf, den er willig herlieh, -in ihre Hände und betrachtete die Verpolsterung. »Geh, so was!« - -Aber »Vandalia« behielt die hübsche Käthie nur eine kurze Weile in -ihrem Kreise, denn wieder blies die Musik Tusch, und »Saxo-Borussia« -erschien auf dem Plan, die es nun ihrerseits als ihr gutes Recht -beanspruchte, Käthie die Hände zu schütteln. Und auf »Saxo-Borussia« -folgte »Suevia«, auf »Suevia« »Rhenania«, auf »Rhenania« »Guestphalia«; -die Musici hatten kaum Zeit, zwischen allen Tuschs in Eile einen -Schluck Bier zu trinken; große und kleine Hunde kläfften, der ganze -Garten wimmelte von roten Mützen und blauen, grünen und gelben, und -allenthalben sah man das lachende Gesicht der Kleinen, die immerfort -noch Hände zu schütteln hatte, mit jedem ein Wort tauschen sollte, -jeden kannte und jeden mit Namen nannte. - -Dieses eine junge Ding, das von hundert jungen Studenten gefeiert -wurde, allein zwischen den hundert hin und her schritt, alle duzte und -von allen geduzt wurde – das war wirklich ein seltsamer Anblick. Eine -sonnige Unbefangenheit lachte aus ihren hellen Augen, sie nahm die -Huldigungen entgegen wie etwas ganz Selbstverständliches. - -[Illustration: Sie nahm seinen dicken Kopf in ihre Hände.] - -Zwischen all dem Lärm schallte plötzlich eine Stentorstimme: - -»Hierher, Käthie!« - -Es war der lange Wedell von den Sachsen-Preußen, der das rief. - -Und als sie nicht kam, sondern über den etwas barschen Ruf erstaunt -zu ihm hinüberblickte, trotzig, ärgerlich, stieg er mit seinen langen -Beinen über zwei Stühle weg zu ihr: - -»Das verleiht dir Saxo-Borussia, Käthie: das Band. Trag es in Ehren, -Käthie, mach dir, mir, uns, Saxo-Borussia, Heidelberg keine Schande.« - -Er nahm das vierfarbige Seidenband seines Corps und legte es dem -verdutzten Mädchen um Schulter und Taille. - -Und während die andern Corps überrumpelt und über den seltsamen -Einfall etwas verstimmt herüberschauten, schlugen die Sachsen-Preußen -triumphierend mit ihren Bierseideln auf den Tisch: »Bravo!« - -»Sollst leben, Käthie!« - -»Prost Käthie!« - -Der einzige, der in dieser kritischen Minute, da Saxo-Borussia sich -wieder einmal etwas Extraordinäres erlaubte, die Geistesgegenwart -behielt, war Herr Grimm Vandaliae: - -»Käthie!« - -»Was?« - -»Vandalia giebt dir gleichfalls das Band.« Im Nu hatte er das -rot-gold-rote Band von seiner Weste gerissen und knüpfte es dem -Mädchen um die Brust. - -Ganz Vandalia lärmte vor Freude. - -»Bravo!« - -»Käthie Vandaliae!« - -»Käthie, auf dein Spezielles: Einen Ganzen!« - -»Einen Ganzen!« - -Der Trubel, das Schreien und Freudengebrüll war so groß, daß der -Vertreter Suevias, der kurz entschlossen das Beispiel der andern -nachahmte und Käthie sein gelbes Seidenband um die Taille legte, nicht -zu Worte kam oder wenigstens nur den Nächstsitzenden verständlich war. - -Damit war an Suevia die Reihe, in das »Käthie-Geschrei« einzustimmen, -es war ein heilloser, lustiger, toller Lärm. - -Rhenania folgte, Guestphalia – willig oder nicht – gleichfalls, und -nun stand das Mädel mit vor Freude glühenden Backen in der Mitte -der lachenden Studenten, alle fünf Seidenbänder um ihre junge Brust -geschlungen, deren kleiner Veilchenstrauß ganz verdeckt war. Rot, blau, -gold, grün, weiß, gelb, schwarz, alle Farben flimmerten im Seidenglanz -auf ihrer weißen Bluse; bald blickte sie lachend und etwas verwirrt im -Kreise umher, bald auf ihre neuen Bänder, die auf ihrer Brust auf und -ab tanzten. - -Dann – ohne Ueberlegung wie immer – nahm sie das nächste beste -Bierglas (es gehörte dem kleinen Graumann Rhenaniae) und hob es hoch: - -»Ihr seid’s alle lieb! Prost, alle!« - -Und mit einem langen Zuge leerte sie das volle Glas. - -Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben. Es war der tolle Fink von -den Vandalen, der sie unter dem Knie ergriffen und wie eine Feder hoch -in die Höhe geschwenkt hatte: - -»Käthie soll leben!!« - -»Käthie!!« - -Sie hielt immer noch das leere Bierglas in der Hand, sie wollte etwas -sagen, vielleicht schelten, aber unter sich sah sie hundert bunte -Mützen, hundert lachende Gesichter, hundert Gläser, die sich ihr -entgegenstreckten, und da lachte sie – lachte – – - -Tusch! - -Allgemeines Verstummen. - -Mitten in dem tollen Lärm war das letzte der Corps im Eingange des -Gartens erschienen, »Saxonia«, das sich verspätet hatte und mit zehn -Mark in Strafe genommen werden würde. - -Tusch! - -»Saxonia« lüftete feierlich und gemessen zur Begrüßung die Mützen, und -feierlich und gemessen erwiderten die fünf andern Corps den Gruß. - -Einen Moment war Käthie vergessen. - -[Illustration: Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben.] - -Denn alle Blicke richteten sich gespannt, neugierig, etwas neidisch auf -einen schlanken jungen Herrn, der neben Herrn Bilz, »Saxonias« altem -»erstem Chargierten«, artig seine dunkelblaue Mütze erhoben hatte. - -»Das ist er!« - -»Da der erste.« - -»Welcher? Der neben Bilz?« - -»Ja, der.« - -Also das war der Erbprinz. Der Erbprinz von Karlburg. Der glänzendste -»Fuchs«, den »Saxonia« je »gekeilt« hatte. Ein veritabler Erbprinz! - -»Saxonia« hatte mit dieser Acquisition ein unermeßliches »Schwein« -gehabt. Ein unerhörtes »Schwein«, einen »Dusel« sondergleichen. - -Man war sonst nicht neidisch, wahrhaftig nicht, »~suum cuique~«, aber -wie gut hätte sich die Durchlaucht unter dem Sachsen-Preußen-Stürmer -ausgenommen, oder in der roten Vandalenmütze, oder in den -Rheinländerfarben! - -Er verneigte sich nach allen Seiten, als ob die Grüße, die seinem Corps -galten, ihm persönlich dargebracht seien, er war ganz offenbar noch -befangen und immer noch nicht im stande, die neuen Verhältnisse wie ein -gewöhnlicher Sterblicher zu betrachten. - -Da – – - -Bei Gott, das war ein starkes Stück von Käthie! - -Alle reckten sich, um das zu sehen! - -Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt! - -Aber richtig: sie kannte ihn ja. Er wohnte ja bei der Dörffel. - -[Illustration: Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt.] - -Und der Prinz wurde glühend rot im Gesicht, während seine neuen -Freunde, überrascht wie alle andern, um ihn und das Mädchen einen Kreis -schlossen. - -»Erlaube, Käthie,« sagte Herr Bilz und machte einen schüchternen -Versuch, sie zurückzuziehen, aber sie beachtete ihn gar nicht. - -»O, das ist schön,« sagte sie mit leuchtenden Augen, »das ist zu schön, -daß Sie hierher zu uns kommen. Mit euch.« Sie sah sich um im Kreise, -von Herrn Bilz auf den kleinen Grafen Munster, auf Konrad Gräbenitz und -die andern: »Also nun gehört er zu euch, das ist zu schön.« - -Karl Heinrich hatte das Gefühl, daß alle seine neuen Corpsbrüder, -die ihm noch Halbfremde waren, erstaunt ihn musterten, daß der -Regierungsrat, der hinter ihm stand, ganz starr sein müsse, daß alles -– daß er – daß sie – aber ihre beiden kleinen warmen Hände hielten ihn -fest, strömten ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude zu ihm hinüber, -und er vergaß alles. Er hörte nicht die Musik, die ihm zu Ehren auf -Kellermanns Anordnung »Heil dir im Siegerkranz« spielte, er sah nicht -die Gesichter ringsumher, er blickte in die zwei dunkeln Augen, die -ihn, glücklich wie die eines Kindes, leidenschaftlich wie die eines -Weibes, anblitzten. - -Dann saß er an einem Tische, der eigentlich gar kein Tisch, sondern nur -ein ungehobeltes Tannenbrett war, und hielt vor sich ein großes Glas -Bier und dachte wie Käthie: Es ist zu schön. - -Man sprach mit ihm, und er sprach mit den andern, er trank, er sang aus -einem Kommersbuch ein Lied, das die übrigen auswendig konnten, lachte, -antwortete auf jedes, was man ihn fragte, aber er that alles wie im -Traum. - -Einer nach dem andern von seinen Corpsbrüdern kam zu ihm, stieß mit ihm -auf Duzbrüderschaft an und nannte ihn dann: »Du« –, das war so seltsam. -Die fünf Musici spielten ein jämmerliches Getön, das ihm zuerst -blechern und unharmonisch erschien, aber mit der Zeit begannen ihre -Lieder weich zu klingen, wie fernher summende liebe Melodien, die er -irgendwann einmal gehört und längst vergessen hatte. Bisweilen sah er -nach dem Doktor, der weiter unten am Tische saß, große Quantitäten Bier -trank und sich ausgezeichnet amüsierte. Und bisweilen streifte Käthie -an ihm vorbei, oder er sah sie drüben durch die Reihen der Tische -gehen; immer fand er ihre Augen. - -Dann wurde es Abend, das Schloß drüben am Berge tauchte in die Schatten -der Nacht, in den Häusern von Heidelberg jenseits des Neckars wurden -Lichter angezündet, und nun steckten Herr Rüder und die Corpsdiener die -Lampions an, die über allen Tischen baumelten, in den Bäumen und an -der Ufermauer schaukelten, daß ihr Bunt und das Bunt der Mützen und -das helldurchstrahlte Grün der Büsche eine leuchtende Farbensymphonie -ergaben. - -Karl Bilz, der mit seinem melancholischen Schnurrbart neben Karl -Heinrich saß – er war Saxonias bester Fechter, sah aber zwischen -den derben, geröteten Gesichtern seiner Corpsbrüder aus wie ein -verkleidetes Mädchen –, sagte mit seiner leisen Stimme zu dem Prinzen: - -»Wenn es dir recht ist, gehen wir eine Weile spazieren.« - -»Ja, gern.« - -»Man wird müde von dem langen Sitzen.« - -Sie gingen durch die Reihen der Tische und den niedrigen, schlecht -erleuchteten Hausflur hinaus auf die Landstraße. Vor dem Zaun standen -Jungen und Mädchen und erwachsene Dirnen, die auf die Musik horchten. -Weiter entfernt vom Hause wurde es ganz still, nur hin und wieder -drückte sich ein Liebespaar im Dunkeln an ihnen vorbei. Der Mond war -noch nicht aufgegangen, die Straße lag im Schatten der Sommernacht, und -je weiter sie gingen, um so leiser und ferner klang die Musik herüber. -Jetzt spielte sie: »Es zogen drei Bursche wohl über den Rhein«, aber es -war nur noch wie ein Verklingen, während rechts in den Neckarwiesen die -Heimchen zirpten und ein paar Frösche quakten. - -»Gefällt es dir in Heidelberg?« - -Es war nur eine konventionelle Frage, die das Schweigen unterbrechen -sollte, aber in das immer noch verhaltene Glücksgefühl fiel sie wie ein -erlösendes Wort. - -»Du?!« - -Mit einem eisernen Drucke preßte der Prinz des andern Hände, fest wie -einer, der zum ersten Male im Leben sein Herz öffnen darf. - -Der Student war bewegt. Er verstand sicherlich nicht, was in diesem -stürmischen Händedruck lag: die große Sehnsucht eines Menschen, der, -endlich befreit, seines ganzen Lebens Leidenschaft ausströmt – aber er -war stolz, ergriffen. - -Der Prinz, der ihn zum Freunde forderte! - -Und dann saßen sie wieder an dem Tannentische im Kreise der andern. -Die Laune aller war, wenn möglich, noch lustiger geworden, rings um -den Prinzen lachende junge Gesichter, die ihn hell, freundschaftlich -anblickten. Jeder trank ihm zu: - -»Karl Heinrich, dein Wohl!« - -»Karl Heinrich, auf dein Spezielles!« - -Und er nickte, lachte, stieß mit ihnen an. - -In den Nachmittagsstunden war ihm und den andern das »Du« noch -ungeläufig gewesen, jetzt klang es mühelos. - -»Morgen gehst du mit auf den Fechtboden, Karl Heinrich.« - -»Schön.« - -»Roux soll dich einpauken.« - -»Wer ist das?« - -»Der Fechtmeister.« - -»Schön.« - -»Wirst du Kolleg hören, Karl Heinrich?« - -»Ja, Institutionen und Pandekten.« - -»Ach, Unsinn.« - -Und man erklärte ihm mit einmütigem Leichtsinn, daß kein Mensch in -Heidelberg Kolleg hört, wenigstens nicht im Mai, am allerwenigsten im -ersten Semester. - -[Illustration: »Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt!«] - -Er lächelte und hörte den eifrigen Auseinandersetzungen, an denen sich -alle ~unisono~ beteiligten, scheinbar aufmerksam zu, aber ihm war, als -ob in den warmen Sommerabend und seine Lust etwas Kaltes dringe von -fern her, eine graue eiserne Gewalt, die alles zerstören werde. In dem -finsteren Schlosse zu Karlburg saß einer, der ihn hierhergeschickt -hatte, um zu arbeiten. »Das Universitätsjahr soll für Se. Durchlaucht -so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der -wissenschaftlichen Ausbildung gehört.« - -Scheu blickte er nach dem Doktor hinüber, der hierher gesendet war, -um die Ausführung des fürstlichen Willens zu überwachen, aber dieser -Doktor stand vor einer riesigen Steingutterrine, in beiden Händen je -eine Weinflasche, deren Inhalt er in die Terrine glucksen ließ. - -»Nein, es gehört keine Zitrone daran!« hörte Karl Heinrich ihn -aufgeregt rufen, und als irgend jemand am unteren Tisch zu -widersprechen schien, hieb der Doktor mit einer der Weinflaschen auf -die Tischplatte und rief fuchsrot vor Eifer: - -»Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt! Man wird zum -Donnerwetter doch wissen, ob Zitrone dazu gehört!!« – – - -An diesem Abend saß Herr Lutz und wartete zu Hause auf die Heimkehr -Seiner Durchlaucht. - -»Ich komme wahrscheinlich nicht vor elf Uhr,« hatte Seine Durchlaucht -gesagt, »Sie können, wenn Sie wollen, Lutz, bis dahin ein Glas Bier -trinken gehen.« - -Herr Lutz hatte das gethan, das heißt, er hatte einige Schoppen Rotwein -zu sich genommen, da er Bier nicht vertragen konnte. Der Wein war -nicht schlecht, so daß Lutzens Laune im Laufe des Abends ruhiger und -versöhnlicher wurde als seit Tagen. - -›Man soll nichts,‹ dachte er, ›auf die Spitze treiben; lieber in dieser -verfluchten Universitätsstadt ein Jahr ausharren als querulieren. Man -setzt sich dabei doch nur in die Nesseln.‹ - -Um halb elf ging er, wie alle Bürgersleute, heim, zündete in den -Zimmern die Lampen an, ordnete Seiner Durchlaucht Schlafgemach und -schaute dann aus dem Fenster. Er gähnte etwas, aber er war noch nicht -müde. - -Immerhin hätte Seine Durchlaucht jetzt nach Hause kommen können. - -Elf Uhr. – – - -Der Beruf eines Kammerdieners höchster Herrschaften ist seltsam, ernst. -Lutz kannte viele seiner Kollegen: die ihm auf Reisen an fremden Höfen -vorgestellt waren, Rosanoff, Kroll, Bietingsfeld, Männer, in deren -Händen zuzeiten Europas Geschicke lagen. Vor allen an Rosanoff mußte -er denken. Welch ein Mann! Er sah aus wie ein russischer Staatsrat und -trug den Medschidje-Orden. Oder Bernhuth, erster Kammerdiener Seiner -Hoheit des Herzogs von Koburg. Ein Bonhomme, liebenswürdig, fein, -gütig gegen Untergebene und von freiester Ungezwungenheit im Verkehr -mit den Großen. Oder Legrand, den man auf eine halbe Million schätzte, -oder Schäffer, dessen Glück bei Frauen – selbst denen der höchsten -Kreise – einen ganzen Sagenkreis geschaffen hat. - -Mitternacht. – – - -In Karlburg ging man um elf Uhr schlafen, in einem behaglich -durchwärmten Zimmer. Man trank einen Schluck alten Rotweins, ehe man -das Licht löschte, und dehnte sich dann müde, zufrieden unter der -weichen seidenen Decke. Ein geregeltes Leben erhält den Menschen -gesund, früh zu Bett ist eine goldene Lebensweisheit. In diesem -gottverfluchten Ort war das alles anders. - -Ein Uhr. – – - -Herr Lutz fuhr auf. Er war auf dem Rohrstuhl am Fenster eingenickt, -jetzt schmerzte ihm der rechte Arm, der auf dem harten Fensterbrett -aufgestützt gelegen hatte. Ja, zum Donnerwetter, was sollte das -heißen?! Ein Uhr und noch nicht zu Hause! Wenn jemand sagt: »Ich komme -um elf«, dann hat er um elf da zu sein! Ein kühler Nachtwind strich -durch das geöffnete Fenster, der Herrn Lutz husten machte. Er hatte -sich während des kurzen Schlummers erkältet, ganz ohne Frage. - -Er ging auf und ab in den Zimmern, ruhelos auf und ab, verärgert, -todmüde, – bis es drüben auf dem Kirchturm zwei Uhr schlug. - -Ganz plötzlich erfaßte ihn eine Angst: es ist etwas passiert! Man hat -den Prinzen ermordet! Es war eine lächerliche Idee, die er sich bald -wieder ausredete, aber eine Unruhe erfaßte ihn, die sich nicht mehr -vertreiben ließ. Er nahm einen der altmodischen Britannialeuchter und -trat damit hinaus auf den Korridor. ›Ich werde die Wirtin wecken,‹ -dachte er, ›die Person muß aufstehen und mir Gesellschaft leisten.‹ -Er pochte erst mit dem Knöchel des Zeigefingers, dann mit der ganzen -Faust an die Stubenthür der Frau Dörffel, aber niemand antwortete. Er -drückte auf die Thürklinke, die sofort nachgab, und leuchtete in das -etwas muffige Zimmer: Niemand da! Das Bett leer! Das Bett des jungen -Frauenzimmers gleichfalls leer! Nachts um halb drei! - -In der Ecke regte sich etwas, es war die Hauskatze, aber dieses leise -Geräusch erschreckte Herrn Lutz in der unheimlichen Stille dermaßen, -daß er leichenblaß wurde. Er warf die Thür hinter sich zu und stand -wieder in dem weiten Korridor mit seinen grauen Ecken und Schatten. -Niemand in dem nächtlichen Hause, er mutterseelenallein. - -[Illustration: In der Ecke regte sich etwas.] - -Als es vier Uhr schlug, war Lutz ein kranker Mann. Er saß mit blassem -Gesicht ohne Ausdruck, die dünnen Lippen etwas zitternd, das Hirn -ganz leer. Er konnte nichts mehr denken, was er in dieser Nacht -nicht schon gedacht hatte; er wußte nur eins: daß nie ein Mann seiner -Stellung in so nichtswürdiger Weise zu Boden gedrückt war. - -Er sah, wie auf dem schwarzen Dache der Kirche sich die ersten grauen -Töne des herandämmernden Morgens malten, bis sie heller wurden, weiß, -dann alles ein einziger heller Sonnenschein. Draußen piepsten die -Spatzen, der Morgen war da. - -»Lutz! He, Lutz!« - -Er fuhr auf, irgend jemand hatte ihn an der Schulter gerüttelt, er -hatte geschlafen und rieb sich nun, noch ohne rechte Besinnung, die -Augen. - -»Das ist recht, Lutz, daß Sie geschlafen haben,« sagte der Prinz, »das -freut mich. Es ist etwas spät geworden oder vielmehr etwas früh.« Und -zu einer Anzahl Menschen, die das Zimmer füllten, sagte er: »Das ist -nämlich Lutz, mein treuer Kammerdiener; ich stelle ihn hiermit euch -feierlich vor.« - -Lutz war gewiß ein Mann, der das »Sichwundern« in einem bewegten -Hofleben längst verlernt hatte, aber momentan fand er sich mit seinen -übermüdeten, bleischweren Augen nicht zurecht. Auf allen Stühlen, -Sesseln, Sofas, auf dem Tisch, auf dem Klavier, auf der Fensterbank -saßen Menschen, Kerls mit Studentenmützen und bunten Bändern. Irgend -einer spielte auf dem Klavier das Lied von Madame Angot – wie Lutz -nach einiger Zeit konstatierte, war es der Regierungsrat –, drei -kolossale Köter strichen um Lutzens Beine und beschnüffelten ihn, alles -lachte, lärmte, rauchte, und inmitten dieser Räuberbande stand das -junge Frauenzimmer von drüben und fragte: »Also siebzehn Tassen Kaffee! -Zählt mal.« - -[Illustration: Irgend einer spielte auf dem Klavier das Lied von Madame -Angot.] - -Karl Heinrich zählte: »Siebzehn, stimmt. Lutz, gehen Sie, bitte, mit in -die Küche, damit die Sache rasch geht.« - -Und Lutz ging. - -Seine Kraft war gebrochen, sein Widerstand zu Ende. »Das ist recht, -Lutz, daß Sie geschlafen haben,« fortwährend summte ihm diese Redensart -des Prinzen im Ohr. Das klang so, als hätte er seine gute, ernste -Nachtruhe gehabt, während er keine zehn Minuten geschlummert hatte. - -»Gehen S’, helfen S’ mal a bissel, geben S’ mal die blauen Tassen da -vom Brett. Ja, die.« - -Er that’s. - -Man schrie nach Cognac, er holte Cognac. - -Man wünschte Zigarren, er brachte Zigarren. - -Die Hunde sollten in der Küche Wasser zu trinken bekommen, er lockte -die drei Wölfe hinaus und erfüllte auch deren Wünsche. Der eine knurrte -ihn auf dem Korridor bösartig an, aber Herr Lutz dachte gottergeben: -›Beiß mich tot, das ist auch egal.‹ - -Morgens um sechs war Herr Lutz wieder allein, Prinz, Doktor, Studenten, -Hunde polterten die Treppe hinunter, und die verlassenen Zimmer sahen -nach der einen Stunde aus wie ein Schlachtfeld. Allenthalben lagen -Asche, Zigarrenstummel, eine Cognacflasche war umgeworfen, Tassen, -Gläser standen in wüster Unordnung, ein Stuhl war zerbrochen und die -Luft so voll Tabakgestank, daß Lutz übel wurde. - -»Wir gehen aufs Schloß,« hatte Karl Heinrich gesagt; »mittags komme ich -nach Haus und schlafe dann eine Stunde.« - -Also dieser Prinz war ein Wüstling geworden, Herr Lutz der Kammerdiener -eines Wüstlings. - -So würde das fortan jeden Tag gehen. - -Und Herr Lutz ballte in ohnmächtigem Grimm die Faust gegen die sonnige -Stadt: »Heidelberg!« - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel. - - -An dem Nachmittag, da Karl Heinrich in einer Droschke nach Hause -befördert wurde, den Kopf zerprügelt, die linke Backe zerfetzt, so -gründlich »abgestochen«, wie es einem nur im ersten Semester bei der -allerersten Mensur ergehen kann, – an diesem Nachmittag erwachte -der Doktor aus dem leichtsinnigen Bummelleben zu einer greulichen -Ernüchterung. - -Wenn man das in Karlburg erfuhr! - -Unerhört, unerhört! - -Und wenn man dann weiter nachforschte und alles andre erfuhr! Daß Karl -Heinrich nie und absolut nie Kolleg besuchte! Daß er zu Pfingsten eine -Spritzfahrt nach Mailand unternommen und sehr anständige Schulden -kontrahiert hatte! Dann vor allem die Liebesgeschichte mit der -Kellnerin, die in Heidelberg die Spatzen von den Dächern pfiffen! - -Schauderhaft! - -Aber diese Paukerei setzte allem die Krone auf! - -[Illustration: Wie ein Rasender kam der Doktor in Karl Heinrichs -Zimmer.] - -Man hatte ihm, dem Doktor, nichts davon gesagt, die Geschichte war -hinter seinem Rücken vorgegangen, – ein Skandal. - -Wie ein Rasender kam er in Karl Heinrichs Zimmer. - -»Durchlaucht!« - -»Doktor?« - -»Jetzt hab’ ich’s satt!« - -»Was?« - -»Alles. Ich lege mein Amt nieder, ich schreibe nach Karlburg, noch -heute. Gut, ich habe die Schuld, ~bon~, aber länger seh’ ich das nicht -an.« - -»Aber Doktor –?« - -»Wär’ man nie hierher gekommen! Wo ein Mensch wie ich, von -fünfunddreißig Jahren, ein gesetzter Mann, alle Pflicht und Ordnung -vergißt! Man ist hergekommen, um sich zu erholen und mäßig zu leben, -und statt dessen lumpt man herum und richtet sich zu Grunde. Wie seh’ -ich aus! Verfallen! Vollständig verfallen!« - -Er sah wirklich nicht gut aus, und Karl Heinrich fühlte ein -aufrichtiges Mitleid. - -»Lieber Doktor, das geht auch nicht länger. Sie müssen sich schonen, -fleißig spazieren gehen und weniger schlafen. Sie müssen nach der Uhr -leben, Doktor.« - -Aber nichts konnte der Doktor so schlecht vertragen, als wenn jemand -seinen Selbstanklagen beipflichtete. - -»Ich spreche nicht von mir, Durchlaucht, ich spreche von Ihnen. Daß -_Ihr_ Leben nicht so weiter geht! Ich lege meine Stellung nieder, -es ist abgemacht. Ein kranker Mensch wie ich, der keine fünf Jahre -mehr zu leben hat, keine drei, keine zwei, nicht eins, der kann nicht -Erzieher spielen, am wenigsten hier in Heidelberg.« Dann plötzlich -schlug seine heftige Erregung in das Gegenteil um: »Ach, Karl Heinz, -ich wollte, wir wären nie hierher gekommen.« - -Den Nachmittag und die darauffolgende Nacht spielte er Krankenwärter, -und als er einige Flaschen Wein getrunken hatte, war er wieder in -bester Stimmung. - -»Das ist das Niederträchtige,« sagte er, »daß man nur noch durch -Alkohol in Laune gehalten wird,« aber er sagte das ganz heiter und -fröhlich. - -Noch zu verschiedenen Malen machte er den Versuch, Karl Heinrich ins -Gewissen zu reden, aber es ging ihm wie dem Zauberlehrling, der die -schlimmen Geister heraufbeschworen hat und sie nicht mehr zurückbannen -kann. - -Merkwürdig, wie der Prinz sich in den wenigen Monaten verändert hatte. -Auch im Aeußern. Sein ganzes Auftreten war fest und bestimmt geworden, -das Gesicht hatte etwas Energisches angenommen, und die Hiebnarben -gaben ihm einen martialischen Zug. Es gab keinen tolleren Studenten -in Heidelberg – vielleicht den langen Wedell von den Sachsen-Preußen -ausgenommen –, aber in Karl Heinrichs großen und kleinen Narrheiten, -seinen Kneipfahrten, Mensuren, Streifereien lag stets etwas vom -Grandseigneur. Es war immer – auch in der trunkensten Stimmung –, als -ob er um einen Kopf über die andern hinausrage und sich den tollen Ulk -aus der Vogelschau ansehe. - -So kam der Doktor mit seiner Erzieherrolle in eine immer schiefere -Lage. Er war nicht mehr der Vormund, sondern Karl Heinrich fing an, -gleichsam _ihn_ zu bemuttern. - -Punkt neun Uhr mußte der Doktor aufstehen, Punkt zwölf ins Bett, zwei -Stunden zwang man ihn, spazieren zu gehen, – aber diese energische Kur -hätte für den Regierungsrat viele Monate, vielleicht viele Jahre eher -verordnet werden müssen. - -»Ja, Karl Heinrich, zwing mich,« sagte er häufig, »zwing mich!« – aber -viel öfter war er über diesen Zwang außer sich: »Zum Kuckuck, laßt mir -diese paar letzten Jahre! Nein, ich gehe nicht spazieren, ich bin müde, -ich habe keine Lust; Käthie, einen Schoppen Roten!« - -Aber der Prinz war zäh: »Keine Sperenzien, Doktor, vorwärts! Wir gehen -zusammen auf den Königsstuhl, ~allons~!« - -Eher, als man gedacht hatte, wurde der arme Doktor von diesen und -andern Spazierstrapazen erlöst. Denn eines Tages wurde auf Karl -Heinrichs dringende Ordre Herr Geheimrat Professor Doktor von Michaelis -konsultiert, der kurzen Prozeß machte und den Regierungsrat in die -Klinik schickte. - -Er bekam da ein sehr hübsches Krankenzimmer mit einem famosen Balkon, -der einen netten kleinen Rauchtisch enthielt, ein außerordentlich -bequemes Kanapee und all die Ausstattung, die der Doktor für seines -Lebens Wohlfahrt beanspruchte. Da lag er nun tagein tagaus, blinzelte -in die Sonne, erhielt viele Besuche von Karl Heinz und dessen -Corpsbrüdern, trank, rauchte, spielte Skat und fand sein Dasein so -angenehm wie seit langer Zeit nicht. - -[Illustration: Da lag er nun tagein tagaus.] - -»Hier werde ich wieder gesund,« sagte er, »das fühle ich.« Der -Geheimrat mit seinem überlegenen, feinen Lächeln hatte ihm einige -kleine Verhaltungsmaßregeln gegeben: »Kein Bier, keine Kartoffeln«, -und da der Doktor beides nicht übermäßig liebte, sondern einen guten -Tropfen Wein jedem Bier vorzog, so achtete er peinlich auf die -Durchführung dieser Vorschriften. - -Er hätte ruhig Bier trinken und ruhig Kartoffeln essen können, aber -Kranke, denen man nichts mehr verbietet, verlieren die Hoffnung. - -Karl Heinrich war wochenlang tief verstimmt. Der erste graue Schatten -war in die sonnige Fröhlichkeit von Heidelberg gefallen. Er wußte -nicht, daß seine Tage in der heiteren Stadt ebenso gezählt waren wie -die des Doktors, freilich in anderm Sinne. Und während der Doktor die -karg gemessene Zeit mit einer Gemütsruhe und guten Laune durchlebte, -die selbst den Geheimrat in Staunen versetzten, war der Prinz trübe und -in sich gekehrt. - -Er saß ganze Tage auf dem engen Balkon neben dem Doktor, als ob es -seine heilige Pflicht sei, ihm beständig Gesellschaft zu leisten; bis -eines Tages diesem selbst die Geduld riß. - -»Du hast eine Art, Karl Heinrich,« sagte er – in sehr guter oder sehr -schlechter Laune duzte er den Prinzen wie einst –, »hier zu sitzen -und zu thun, als ob ich todkrank wäre! Zum Donnerwetter, so weit ist -es denn doch noch nicht. Lauf herum, amüsiere dich, aber schneid hier -keine Gesichter, als ob ich im Sterben läge.« - -Der Prinz war so verdutzt, daß er keine Antwort fand, aber der Doktor -ließ ihm dazu auch wenig Ueberlegung: - -»Mein lieber Karl Heinz, du verschwendest, und zwar das Beste, was -der Mensch hat: die Zeit, die Jugend! Du denkst auch, du sitzest -hier ewig in Heidelberg, bei deinen Freunden, bei dieser niedlichen -kleinen Käthie ~et caetera~. Das ist ein Handumdrehen, dann ist das -Jahr vorbei. Jede Stunde, die man verpaßt, ist verloren, kommt nicht -wieder, ist ›~temps perdu~‹. Ob jemand Prinz ist oder ein andrer -Sterblicher, das ist dabei ganz einerlei. Schenk mir, bitte, mal ein, -die Flasche steht da in der Ecke. – Ich war auch mal jung, habe auch -immer gedacht: es ist noch Zeit, es ist noch Zeit, bis es glücklich zu -spät geworden ist. Also los, amüsiere dich. Komm morgen mal gar nicht. -Komm übermorgen, und dann höchstens ’ne Stunde. Gieb mir, bitte, die -Kiste herüber, da rechts, die Zigarren. ~Merci!~ Wie man hier liegt, -ausgezeichnet! Sieh mal die nette Kleine da drüben, auf dem Balkon, ein -lieber kleiner Kerl. Wie sie herschaut! Zum Donnerwetter, wer noch mal -jung wäre!« ... - -In der nächstfolgenden Woche machte »Saxonia« eine Spritzfahrt -durch den Schwarzwald. Alle Tage erhielt der Doktor engbekritzelte -Postkarten, auf denen ihm mitgeteilt wurde, wieviel Ganze man in -Gernsbach, Baden, Freiburg, auf dem Feldberg und in jedem Bierdorf auf -sein Spezielles getrunken habe. Wenn die Gesundheit in der That durch -derartige Trankopfer würde gekräftigt werden können, so hätte der arme -Doktor in dieser kurzen Frist vollständig gesunden müssen. - -Karl Heinrich kam mit verbranntem Gesicht und glänzender Laune -wieder. Sein erster Gang war zu Käthie, die ihn mit ihrer stürmischen -Leidenschaftlichkeit empfing, der zweite in das Krankenhaus. Vielleicht -rötete die Freude des Wiedersehens des Doktors etwas eingefallene -Backen, jedenfalls bewillkommnete er ihn mit strahlendem Gesicht: - -»So ist es recht, Karl Heinz! In der Welt herum mit den andern! Nur -nicht hinter dem Ofen sitzen und langweilige Gesichter ziehen. Klingle -mal, wir wollen eine Flasche Steinwein trinken. Was macht die Käthie? -Die ist wohl heute außer sich? War sie am Bahnhof? Nein? Weshalb nicht? -Ein liebes Mädel! Nun erzähl mal. Wart ihr in Straßburg? Junge, siehst -du brillant aus! Verbrannt wie ein Neger. Wie’s mir geht? Gut. Diese -Ruhe hier, die thut dem Menschen wohl. Wart ihr in Wildbad? Reizend, -was? Ach, der ganze famose Schwarzwald! Schenk ein, Karl Heinz, dein -Wohl!« - -Vielleicht ging es dem Doktor wirklich besser, und der Geheimrat -und seine Assistenzärzte hatten wieder einmal zu schwarz gesehen. -Jedenfalls war der Doktor nie besserer Laune als in diesen bequemen -Ruhetagen seiner Krankenzeit, und auch Karl Heinrich fand damit seine -lustige Stimmung wieder. - -An einem der letzten Tage des Juli gab er dem Corps ein Fest bei -Rüders. Es ging hoch her, das gegenüberliegende Schloß wurde spät -abends bengalisch beleuchtet, und ganz Heidelberg samt allen Fremden -versammelte sich am Neckar, um das feenhafte Schauspiel zu betrachten. -Der Doktor konnte das wundervolle Bild nur von seinem einsamen Balkon -aus bewundern, während Karl Heinrich, der Held des Tages, gleichfalls -von der großen Menge sich getrennt hatte. Er saß neben Käthie in -Rüders etwas gebrechlichem Kahne, den Herr Kellermann stromaufwärts -rudern mußte. Denn kein Mensch in Heidelberg war besser geeignet, -ein Liebespaar bei solcher Nachtfahrt zu begleiten, als eben Herr -Kellermann. Er sah nichts und hörte nichts, er hatte beständig mit den -widerspenstigen Ruderriemen zu thun, die ihn ärgerten und alle seine -Aufmerksamkeit absorbierten. Er hatte die Gewohnheit, leise vor sich -hin zu reden, ein beständiges Gemurmel, das aus Behagen, Mißbehagen, -Reminiscenzen und augenblicklichen Einfällen, Unsinn und Sinn sich -wunderlich zusammensetzte: - -»Dummes Zeug – Ruder – jawohl – Wasser – spät – gut – morgen früh – mal -hinschicken – holen – verflucht – alle Stiefel –« und so weiter. - -[Illustration: Als dann das Schloß auf dem Berge zu leuchten begann ...] - -Als dann das alte Schloß in seiner Nachteinsamkeit drüben auf dem Berge -zu leuchten begann, Fenster um Fenster der alten Ruine im roten Feuer -erglänzte und Karl Heinrich entzückt in dem schwankenden Kahn sich -erhob, wandte Herr Kellermann keinen Blick zur Seite. Was gingen ihn -Schloß und Feuerwerk an. Er hatte das in dreißig Jahren Dutzende von -Malen gesehen, er hatte mehr zu thun, als auf solche Faxen zu achten. - -Langsam verglimmten drüben die Flammen, nur wenige Fenster des weiten -Schlosses leuchteten noch, bis ihr Feuer und ihr letzter Wiederschein -im Neckar erloschen. - -Der Kahn glitt in Nacht und Totenstille, Karl Heinrich und Käthie saßen -eng aneinander geschmiegt, stumm, nur Herrn Kellermanns Murmeln und die -leisen Ruderschläge unterbrachen das Schweigen. - -So fuhren sie lange stromauf, bis Käthie unruhig wurde. - -»Wir müssen heim.« - -Und wirklich, es war Mitternacht vorbei. - -»Kellermann, wir müssen umdrehen; lassen Sie den Kahn treiben.« - -»Hm!« - -»Zünden Sie sich eine Zigarre an, Kellermann.« - -»Hm!« - -Das Streichholz flackerte auf und beleuchtete sekundenlang das alte, -verwitterte Gesicht. - -Der Prinz kannte den Alten nun schon seit Monaten, aber in diesen -wenigen Augenblicken war es ihm, als ob er diese müden Züge zum -erstenmal sehe. - -»Wie alt sind Sie, Kellermann?« - -Eine Weile antwortete Herr Kellermann nicht, denn die Frage schien ihm -so neu und eigenartig, daß sie ihn aus dem Konzept brachte. - -»Fünfundsechzig.« - -Fünfundsechzig! Und jede Nacht im Gange, den ganzen Tag im Gange, -immer etwas langsam, aber immer willig, ein armer Kerl, der auf -zwanzig Herren hören muß und es keinem ganz recht machen kann. Kein -lustiges Original, wie es eigentlich zu den Studenten gehört – so ein -Possenreißer, über den man beständig lachen könnte –, nur ein müder -Mensch, der Semester für Semester neue Herren bekommt. - -»Haben Sie Familie, Kellermann?« - -Der Alte blickte erstaunt, fast mißtrauisch. Das hatte ihn – wenigstens -in dem Tone – noch keiner der Studenten gefragt. Seine Frau trat nur -insofern bisweilen in die Erscheinung, als sie die Wäsche der Studenten -wusch. - -Aber Karl Heinrich ließ in seinen Fragen nicht locker, während Käthie, -die, für Herrn Kellermann in der Dunkelheit fast unsichtbar, ihren Kopf -an des Liebsten Brust gelegt hatte, ihn unterstützte: - -»Antworten S’ doch, Kellermann, reden S’ doch.« - -Und beide, in ihrer weichen, glücklichen Stimmung doppelt empfänglich -für die Leiden eines andern, fragten abwechselnd mit so viel Eifer und -Teilnahme, bis Herrn Kellermanns kleine, trübe Lebensgeschichte zu Tage -gefördert war. - -Fast zum erstenmal in des Prinzen Leben trat diesem die schwere -Daseinssorge eines Menschen handgreiflich nahe. - -»Kellermann –« - -»Was?« - -»Kellermann, wenn ich später einmal nicht mehr hier bin und Sie geraten -in irgend welche – welche Not, dann wenden Sie sich an mich, hören Sie?« - -Der Alte antwortete nicht, aber Käthie legte ihre Arme um Karl -Heinrichs Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr, vielleicht einen Dank. - -»Sie verstehen allerlei vom Trinken, Kellermann« – Karl Heinrich suchte -zu lächeln; – »wenn ich später einmal Fürst bin, dann kommen Sie zu -mir. Sie sollen mein Kellermeister werden, das paßt auch zu Ihrem -Namen, was?« - -Da kam aus dem Dunkeln eine schwielige Hand, die vorwärts tastete, erst -versehentlich Käthies Hand ergriff, daß Käthie zum Tode erschreckt -aufschrie, dann unbekümmert weiter suchte und endlich des Prinzen Hand -faßte und zusammenpreßte. - -Dann glitt der Kahn wieder in tiefem Schweigen. - -Herrn Kellermanns Zigarre leuchtete wie ein roter Punkt, und Karl Heinz -und Käthie saßen stumm nebeneinander, andächtig, bewegt, glücklicher -als je. Sie küßten sich auch nicht mehr, sie hielten sich nur fest -umarmt, und Käthie summte traumverloren ein altes böhmisches Volkslied, -das sie drunten an der Donau als Kind gelernt hatte. – – - -Drei Depeschen waren im Lauf des Abends in kurzen Intervallen für Seine -Durchlaucht in Heidelberg eingetroffen, die – da sie sämtlich aus -Karlburg kamen – Herrn Lutz nachdenklich stimmten und ihn schließlich -veranlaßten, in eigner Person Rüders Gasthaus aufzusuchen. Er kannte -dieses Lokal ebensowenig wie alle die übrigen Kneipen, die Seine -Durchlaucht zu frequentieren beliebte, und er war auch keineswegs -verwundert, als der Gastwirt Rüder ihm mitteilte, daß Seine Durchlaucht -momentan nicht anwesend sei, jedenfalls aber bald wiederkommen werde. -Seine Durchlaucht war von zwölf Uhr mittags bis morgens drei nie zu -finden, nirgends, das war Herr Lutz längst gewöhnt. Einer der ersten -Grundsätze höfischen Lebens ist der, daß auf Minute und Sekunde -Mahlzeiten, Spaziergänge, Reisen und so weiter geregelt sind, daß man -in jedem Augenblick über Thun und Lassen hoher Herrschaften orientiert -ist; Seine Durchlaucht der Erbprinz lebte im genau entgegengesetzten -Sinne. - -Nicht daß Herr Lutz sich darüber ärgerte, o, er hatte das Aergern -längst aufgegeben. Was allein in diesem Lotterleben ihn bedrückte, war -das deutliche Empfinden, daß er selbst – Lutz – dabei langsam bergab -ging. Er legte auf seine äußere Erscheinung nicht mehr die peinliche -Sorgfalt wie früher, und das blendende Weiß seiner Krawatten wurde -matt. Niemand fragte nach ihm, kümmerte sich um ihn, seine Thätigkeit -war gleich Null, also wozu? - -Selbst das feine und sichere Gefühl für die Schranken, welche Stand -und Bildung ihm auferlegten, ging Lutz allmählich verloren. Es kam -vor, daß er, von Langweile verzehrt, abends stundenlang bei den alten -Weibern in der Küche saß und mit ihnen Kaffee trank! Er sank, er war -eigentlich nur noch ein Bedienter, er verlor die Selbstachtung. Sein -matter Zeitvertreib wurde der Verkehr mit einem Dienstmädchen aus der -Nachbarschaft, mit dem er sich bisweilen traf, aber die Person ließ -durchblicken, daß sie Lutz’ Frau zu werden beabsichtige, – so ließ er -auch diese flüchtige Liaison fallen. - -Gegen halb elf war Herr Lutz mit seinen drei Depeschen bei Rüders -eingetroffen, aber es hatte längst Mitternacht geschlagen, ohne daß von -Seiner Durchlaucht etwas zu sehen war. - -Dann ganz plötzlich bemerkte Herr Lutz seinen Herrn. Seine Durchlaucht -stand inmitten des tollen Lärms zwischen den Studenten. In der Rechten -hielt er ein Bierglas, in der Linken den Schläger, die blaue Mütze saß -ihm tief im Nacken, er schien eine Ansprache zu halten. Gleich darauf -erhob sich ein unsinniges Gebrüll, man hieb mit den Gläsern auf den -Tisch, daß es krachte, und Karl Heinrich stand lachend in der Mitte, -mit blitzenden Augen rechts und links schauend. - -Gravitätisch, ernst ging Herr Lutz durch die Reihen und machte hinter -dem Prinzen Halt. - -»Eure Durchlaucht –« - -»~Silentium!~ Der ~cantus~: ›Von allen den Mädchen so blitz und so -blank –‹« - -Die Musik setzte ein, da verbeugte sich Herr Lutz zum zweitenmal: - -»Eure Durchlaucht –« - -Aber der Prinz sah ihn nicht, niemand sah ihn. Zwischen den Tischen -liefen die Kellner mit den Bierseideln, stießen vorbeigehende Studenten -Herrn Lutz absichtslos, aber auch rücksichtslos hin und her, dann -begann tief einsetzend das Lied: - - »Von allen Mädchen so blitz und so blank - Gefällt mir am besten die Lore ...« - -Und verärgert, halb verzweifelt verbeugte sich Herr Lutz hinter Karl -Heinrich zum drittenmal: - -»Eure Durchlaucht –« - - »Sie ist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht - Und wohnet im Winkel am Thore ...« - -[Illustration: Blaß vor Grimm stand Herr Lutz.] - -Blaß vor Grimm stand Herr Lutz; in seinem schwarzen distinguierten -Anzug sah er zwischen der lustigen, halbtrunkenen Rotte, aufrecht -stehend und gelblichfahl im Gesicht, wie ein unheimlicher Gast aus, -der nur darauf wartet, seine Hand zum Unheil auszustrecken. - -Da stieß Karl Bilz, der neben dem Prinzen saß, diesen an: - -»Karl Heinz, da ist jemand, da hinter dir –« - -»Wo? – Lutz?« - -»Eure Durchlaucht –« - -»Was giebt’s?« - -»Eure Durchlaucht, es sind dringende Depeschen gekommen, von Karlburg.« - -Der Prinz verfärbte sich. - -Und während der zweite Vers des Loreliedes durch den nächtlichen Garten -dröhnte, brach er die Blätter der Telegramme auseinander und las: - -»Eurer Durchlaucht hiermit ergebene Mitteilung, daß Seine -Hochfürstliche Durchlaucht ernstlich erkrankt sind und Eure Durchlaucht -ersuchen lassen, möglichst im Laufe nächster Tage auf einige Zeit nach -Karlburg zu kommen.« - -Die Depesche war von dem Hofmarschall gezeichnet, ebenso die beiden -folgenden, deren erste eine kurze Skizze der Krankheit gab, während -die zweite etwas beruhigender lautete und Seine Durchlaucht bat, die -Krankheit einstweilen keinesfalls als lebensgefährlich anzusehen. - -Er wandte sich um: - -»Es ist gut, Lutz, gehen Sie. In einer Stunde komme ich nach Hause. -Packen Sie die Koffer, wir reisen morgen abend.« - -Die wenigsten hatten den kleinen Zwischenfall bemerkt, und als eine -Viertelstunde später Karl Heinrichs Platz an der Tafel leer war, -beachtete das niemand. - -Am Ausgang des Gartens blieb der Prinz stehen und sah sich noch einmal -um. - -Wie nun, wenn die Krankheit sich lang hinzog und ihn Wochen oder gar -Monate an Karlburg fesselte? - -Wenn er – möglich war auch das – nie mehr nach Heidelberg zurück -könnte? Aber er raffte sich zusammen und ärgerte sich über seinen -Kleinmut. Das war seine Art, alles im hellsten oder dunkelsten Lichte -zu sehen, eine weibische, schwächliche Art, wie sie Leuten eigen ist, -die nie ernstlich mit dem Leben gekämpft haben. Und mißgestimmt über -sich selbst, vergaß er sogar, Käthie gute Nacht zu sagen. - -[Illustration] - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Als er am nächsten Mittag in das Krankenhaus kam, um sich von dem -Regierungsrat zu verabschieden, lag dieser auf seinem Bett, das die -Wärter auf den schmalen Balkon gerollt hatten. Man blickte von da aus -auf das Schloß und den Königsstuhl, aber die Aussicht war heute trübe, -weil ein feiner Regen niederging, der von den Bäumen den Staub wusch -und nach der erstickenden Hitze der letzten Tage ein wahres Labsal bot. - -Der Doktor lag matt in den Kissen und lächelte dem Prinzen müde -entgegen, aber bei dessen ersten Worten schnellte er auf: - -»Abreisen?! Nach Karlburg?!« - -Er nahm die Depeschen und las sie in fiebernder Hast, dann noch einmal, -dann lehnte er sich schwer zurück und blickte, ohne ein Wort zu sagen, -an Karl Heinrich vorbei in den dichter fallenden Regen. - -»Da ist doch nichts zu machen, lieber Doktor?« - -»Nein, da ist nichts zu machen.« - -»Ich reise heute abend.« - -»Hm!« - -»Nach acht oder vierzehn Tagen, denke ich, werde ich zurück sein.« - -»Möglich.« - -[Illustration: Er las die Depeschen in fiebernder Hast.] - -»Und während der Zeit, lieber Doktor, brauchen Sie sich nicht zu -fürchten. Ich habe mit meinen Corpsbrüdern gesprochen: jeden Morgen -und jeden Nachmittag kommt einer her, um Sie zu besuchen. Wenn Sie es -wünschen, lasse ich Ihnen auch Lutz hier zur Bedienung.« - -Der Doktor lächelte schwach: »Nein, danke, danke herzlich!« - -Und Karl Heinrich lächelte auch; Herr Lutz und der Regierungsrat -hatten nie zusammengepaßt, hier im Krankenhause würden sie sich am -allerwenigsten verstehen. - -Aber dann lächelte er nicht mehr. Der Doktor hatte sich in diesen -letzten Tagen seltsam verändert, das runde Gesicht war fast hager -geworden, die Hände lagen schmal und weiß auf der blauen Steppdecke, -müde ineinander gefaltet, wie kraftlos. - -Der Gedanke beherrschte ihn immer mehr: es geht mit ihm zu Ende. - -Plötzlich fanden sich ihre Augen. Er wollte zur Seite schauen, aber -er konnte nicht. Vielleicht versuchte auch der Doktor zur Seite zu -schauen, aber er fand noch weniger die Kraft. So blickten sie einander -wie magnetisch gefesselt, sekundenlang an, bis es Karl Heinrich heiß -aufstieg. Er biß die Zähne aufeinander und versuchte, gleichgültig in -die Luft zu starren. - -Wie aus einer weiten Ferne hörte er den Doktor dann reden: - -»Ob früher oder später, Karl Heinz, das ist ja so gleichgültig. -Schöner kann man sich den Abschied nicht wünschen als hier. Man braucht -kein Poet zu sein, um damit zufrieden zu sein. Man schläft ein, ganz -ruhig. Wir wollen lieber von dir sprechen, Karl Heinz. Du sagst, du -kommst wieder, in acht Tagen oder in vierzehn Tagen, es mag sein. Aber -es mag auch sein, daß du nicht wiederkommst. Bleib jung, Karl Heinrich, -das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie -dich anders machen wollen – alle werden das versuchen –, dann kämpfe -dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen ... -Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger -Tage und an mich mit andern Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit -Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: ›Ich hätte damals -nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde -anders wahren müssen.‹ Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich -so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem -Leben. Aber glaube ihnen nicht.« - - * * * * * - -In dem gleichmäßig plätschernden Regen ging der Prinz den Schloßberg -hinauf, dann zur Molkenkur und, ohne es zu wollen, immer höher, bis -zum Königsstuhl. Die Wege waren feucht, und durch die Tannen ging es -auf den Moosteppich nieder wie ein unaufhörliches leises Rieseln. Man -sah keine hundert Schritt weit, der Blick auf die Rheinebene war -vollständig verschleiert, aber aus den Wäldern drang ein so frischer, -belebender Odem, daß es Karl Heinrich nach dem raschen Steigen leicht -ums Herz wurde. - -Er schnitt sich eine Gerte, mit der er die Regentropfen von den Zweigen -klatschte, dann – erst langsam und dann schneller – lief er den -einsamen Weg bergab. - -Eine halbe Stunde später saß er in der neuen Glasveranda, die Herr -Rüder für schweres Geld hatte bauen lassen, und trank von Herrn Rüders -gutem »Badischen«. - -Käthie hockte neben ihm auf der Ufermauer, sonst war niemand im Garten. -Die Corps hatten heute Mensurtag, und andre Leute verirrten sich zu -dieser Stunde und vor allem bei solchem Wetter nicht hierher. Es -regnete jetzt so stark, daß die Tropfen auf dem Neckar Blasen schlugen, -und daß man kaum die Häuser an der gegenüberliegenden Seite erkennen -konnte, aber die trübe Laune, in der Karl Heinrich früh erwacht war und -in der er den armen Regierungsrat besucht hatte, war verflogen. In ein -paar Wochen würde er wieder hier sein, wo möglich schon eher, und der -dicke Doktor würde wieder gesund werden, und alle Sentimentalität war -Unsinn. - -»Hol mal eine Postkarte, Käthie!« - -»Wozu?« - -»Wir wollen an den Doktor schreiben.« - -[Illustration: Sie spannte ihren Regenschirm auf.] - -Sie spannte ihren Regenschirm auf, raffte ihre Kleider zusammen und -trippelte vorsichtig durch den überschwemmten Garten nach dem Hause. -Als sie die Karte gebracht hatte, schrieb er darauf: - - »Lieber ~Dr.~! Alles dummes Zeug! In vierzehn Tagen hole ich - Sie heil und gesund aus der Klinik. Käthie und ich trinken auf - Ihr Wohl. - - K. H.« - -»Schreib einen Gruß drunter, Käthie.« - -Sie las aufmerksam, nahm seinen goldenen Stift, dessen Spitze sie erst -zwischen ihre Lippen schob, und schrieb dann: - - »Karl Heinrich und ich (Käthie) wünschen Ihnen das Beste. - - Käthie.« - -»Was würdest du sagen, Käthie,« fragte er, »wenn ich nie wiederkäme?« - -Sie sah ihn erstaunt an: »Nie wieder?« - -»Ja, nie wieder.« - -»Das ist doch nicht möglich.« Alles Blut wich aus ihren Wangen. »Du -kommst doch wieder?« - -Er lachte. Er war seiner Sache jetzt so sicher, daß er darüber schon -spotten konnte. Wenn der undenkbare Fall eintreten sollte, daß man ihn -aus irgend welchen Gründen in Karlburg zurückhalten würde, so würde er -die Rückkehr nach Heidelberg erzwingen. Er war nicht mehr der Junge, -der sich am Gängelbande leiten ließ, und es gab keine Macht, die ihn in -seiner endlich gewonnenen Freiheit dermaßen beschränken durfte. - -»Nimm den Fall, Käthie, ich käme nicht, nie mehr, was thätest du dann?« - -Ihre Lippen zitterten, sie wollte etwas sagen und fand kein Wort; dann -stand sie auf, ging mit zwei Schritten zu ihm und schlang ihre Arme um -seinen Hals. - -»Du kommst wieder, Karl Heinz, ganz gewiß.« - -Und Stunde auf Stunde verrann, und während immer noch der Regen in -gleichmäßiger Eintönigkeit niederrauschte, saßen die beiden in der -Glasveranda am Neckar vor Herrn Rüders badischem Wein, den Käthie oft -erneuern mußte. - -Die Tanten in der Küche und Herr Rüder selbst schauten wohl bisweilen -durch den Spalt in der Glasthür, aber sie störten das Paar nicht. Es -kamen auch im Laufe des Nachmittags ein paar Gäste, die man vorn in der -Gaststube festhielt. - -Als dann kaum noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Frankfurter -Schnellzuges übrig blieb, spannte Herr Rüder seinen Fuchs vor -die Halbkalesche und setzte sich selbst auf den Bock, um seinen -angesehensten Stammgast zur Bahn zu fahren. - -Es war die stilloseste Art, in der je ein Erbprinz nach einem Bahnhof -befördert wurde: Eine kleine Kellnerin, die ihm mit dem Taschentuch -nachwinkte, ein galoppierendes Pferd, eine miserable Kutsche, die -mit Schmutz bespritzt vor den Bahnhof rasselte, kein Gepäck, keine -Diener, nur ein Herr Rüder, der etwas bezecht war und sofort wegen -Galoppfahrens von dem Polizeidiener aufgeschrieben wurde. - -[Illustration: Eine miserable Kutsche rasselte vor den Bahnhof.] - -Was Herrn Lutz betrifft, so hatte er bis zwanzig Minuten vor Abfahrt -des Zuges in immer steigender Aufregung seinen Herrn daheim erwartet, -aber wie richtig Herr Lutz mit den zerfahrenen Lebensgewohnheiten -Seiner Durchlaucht sich vertraut gemacht hatte, bewies der Umstand, -daß er richtig schloß: Durchlaucht werde in letzter Minute schon -rechtzeitig zum Bahnhof kommen. - -Durchgeregnet, ohne Paletot, sprang Karl Heinrich in das reservierte -Coupé, Herr Lutz hatte nur noch Zeit, Durchlaucht auf Mantel, Decken, -Koffer aufmerksam zu machen, dann hetzte Herr Lutz in sein eignes -Coupé, und eine halbe Minute später glitt der Zug in den Regen hinaus. - -Lange stand der Prinz am Fenster und schaute rückwärts dorthin, wo die -Neckarstadt im Nebel verschwunden war. Dann atmete er tief auf wie -jemand, der aus einem Traum erwacht. Er zog das seidene Band, das über -seiner Weste lag, durch die silberne Schnalle, rollte es auf und schob -es in die Tasche. Die dunkelblaue Mütze legte er in den von Herrn Lutz -vorsorglich geöffneten Koffer und nahm einen Reisehut. - -Drei rote Rosen, die Käthie ihm gegeben, behielt er in der Hand. - -Er lehnte sich in die weichen roten Polster und versuchte an Käthie -zu denken, aber plötzlich stand das Bild des Doktors vor ihm, das ihn -nicht mehr losließ. Der lag nun im Krankenhaus, schon viele Meilen -entfernt, und er, Karl Heinrich, fuhr nach Karlburg. Allein! - -Vor drei Monaten waren sie zusammen auf diesem selben Wege nach -Heidelberg gekommen, zusammen. - -Zusammen. – Käthie, der Doktor, die Corpsbrüder – mit allen war er -zusammen gewesen, immer lustig, immer zusammen ... nun war er allein. - - * * * * * - -Der Hofmarschall, die Kammerherren, zwei Adjutanten – es war der Seiner -Durchlaucht dem Erbprinzen gebührende feierliche Empfang. - -Die Lakaien standen mit den flach an die Plüschhosen gelegten -Cylindern, und rechts und links hinter der abgesperrten Linie drängte -ein neugieriges Publikum, das – in begreiflicher Erregung wegen der -immer düsterer lautenden Bulletins, Seiner Durchlaucht des Fürsten -Krankheit betreffend – sich zahlreich am Bahnhof eingefunden hatte. - -Also der Erbprinz kam! - -Man hatte ihn telegraphisch berufen. - -Vielleicht war Seine Durchlaucht der Erbprinz in wenigen Tagen schon -der regierende Herr. - -Man rief nicht »Hoch«, das hätte in dieser schweren Stunde nicht -gepaßt, aber alle Hüte senkten sich tief, und die Frauen verneigten -sich vor dem künftigen Herrn. - -Draußen vor dem Bahnhof drängte sich eine dichte Menge, und den ganzen -Weg entlang bis zum Schloß stand eine ununterbrochene Reihe Menschen, -die alle schweigend grüßten. - -Karl Heinrich saß neben dem Hofmarschall. In dem Fürstenzimmer des -Bahnhofs hatte er mit den Herren vom Hofe und den Aerzten gesprochen, -man versicherte ihm, die größte Gefahr, die heute nacht gedroht habe, -scheine überwunden, und eine Genesung Seiner Durchlaucht liege nicht -mehr außer dem Bereiche der Möglichkeit. - -[Illustration: Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts und -links.] - -Er sprach kein Wort. Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts -und links. - -»Wie er düster aussieht!« sagten die Männer. - -»Wie er traurig aussieht!« sagten die Frauen. - -Und er grüßte. - -Grüßte. - -Tausende von Menschen, die sich vor ihm neigten, eine ganze Stadt. - -Der Weg war nur kurz, die schnellen Pferde gebrauchten wenige Minuten, -um ihn zurückzulegen. - -Aber in dieser kleinen Spanne Zeit war es, als ob eine unsichtbare Hand -über des Prinzen Herz ging und dort vieles auslöschte. - -Die Wache an der Schloßbrücke trat ins Gewehr, ohne daß die Trommel -gerührt wurde. - -Er grüßte. - -Der Wagen hielt, und er stieg langsam, ohne Hast aus. Er sah nicht -die Lakaien zu beiden Seiten der Treppe, er ging geradeaus, ohne sich -nach Hofmarschall und Adjutanten umzuschauen, die zwei und drei Stufen -hinter ihm die breite Marmortreppe hinaufstiegen. - -Er war wieder in Karlburg, er war wieder der Prinz. - - * * * * * - -Die Tage vergingen, Wochen wurden daraus und aus den Wochen Monate. - -Herren im Schlosse zu Karlburg waren die Aerzte, denen man Zimmer -einräumte, und die schließlich kaum noch die Gemächer des Fürsten -verließen. - -Die Lakaien gingen noch leiser als sonst, jeder helle Ton war aus dem -Schlosse und seinem Umkreis verbannt, über Haus und Gärten breitete -sich Kirchhofsruhe. - -Aber Angst und Sorge, die in den ersten Wochen auf allen Gesichtern -lagen, aufrichtig empfunden oder doch gut zur Schau getragen, wichen -langsam und machten einer müden Abspannung Platz. Die Diener gähnten -hinter den Thüren, und die erschlaffende Langeweile breitete sich aus -den Krankenzimmern durch das Schloß und weiter über die ganze Stadt -Karlburg. Nirgends Festlichkeiten, keine Lustbarkeit, am Sonntag in den -Kirchen das ewig gleiche Gebet für den kranken Fürsten – eine Monotonie. - -An eine Abreise des Erbprinzen war nicht zu denken. In den ersten -Wochen war er unruhig, nervös und verlangte von den Aerzten bestimmte -Aussagen. Aber er gewöhnte sich an ihr Achselzucken und dachte -schließlich selbst nicht mehr an die Möglichkeit, vorerst nach -Heidelberg zurückzukehren. - -Die Last der Regierungsgeschäfte, die er vielleicht ernster auffaßte, -als notwendig war, und die zu übersehen ihm noch schwer fiel, -nahm seine Zeit in Beschlag, während der sterbende Fürst es als -selbstverständlich forderte, daß sein Neffe und Erbe endlose Stunden -bei ihm weilte. Mit seiner matten, heiseren Stimme, oft nur flüsternd, -sprach er von Vergangenheit und Zukunft, und in diesen düsteren -Stunden spann sich zwischen Oheim und Neffe, die zwanzig Jahre lang -fast wie Fremde nebeneinander gelebt hatten, das erste Band. Sie -gehörten zusammen, der sterbende Fürst und der künftige Fürst; aus der -fieberheißen Hand, die zitternd die junge Hand umspannt hielt, ging ein -Strom hinüber, der langsam Denken und Empfinden des Jüngeren wandelte. -»Die Fürsten der Erde wohnen einsam auf ihren Thronen, eine nie zu -überbrückende Kluft trennt sie von allen andern, selbst von denen, die -nach Geburt und Rang als Diener dem Throne am nächsten stehen. Und -sie sollen einsam bleiben, sie müssen einsam bleiben, – darin liegt -ihre schwerste Aufgabe, darin aber auch ihre Kraft. In einsamer Höhe -stehen, das ist das große Geheimnis der Gewalt!« – Vielleicht suchte -Karl Heinrich in der ersten Zeit, halb unbewußt, sich diesen Worten zu -entziehen, zu verschließen, aber in dem dumpfen, heißen Krankenzimmer -wiegten sie ihn in täglicher Wiederholung wie in einen Traum. Sie -ergriffen Besitz von ihm und lähmten seine matten Versuche, sich -kritisch mit ihnen in Widerspruch zu setzen. Er rang dagegen, aber er -war zu schwach, zu schwach, wie in allem. - -Und jeder neigte sich vor ihm. Nicht der Sterbende war mehr der Herr -im Schlosse, er, Karl Heinrich, war es, dem man huldigte. Früher, als -er noch junger Prinz war, bei Seiner Durchlaucht in geringer Gunst -stehend, einzig von dem vagen Glanz einer in ferner Zukunft liegenden -Thronfolge umgeben, waren die Huldigungen der Hofleute kühl und -gemessen gewesen. Jetzt war er nicht Kind mehr, sondern Mann, nicht -mehr der Anwärter auf die Ehren einer ungewissen Zukunft, sondern der -neue Herr, der über Nacht in die Fürstenrechte einziehen würde. Es -war ein Zauberkreis, der sich um ihn schloß; demütige Huldigungen von -Tausenden, die keinen Widerspruch duldeten, und das alles in dieser -dumpfen Treibhausluft, die das Denken tötete. - -So vergingen Monate. Es wurde Herbst, Winter, Frühling – ein Jahr ging -vorbei. Aber es war, als ob es nicht ein Jahr gewesen sei, sondern -viele. Es gab Zeiten, wo eine wilde Ungeduld ihn überwältigen wollte: -sollte denn das nie enden?! dieses grauenhafte, mordende Warten?! – -Aber auch diese Ungeduld wurde schwächlich, kraftlos, schlief ein. - -Er begann zu kränkeln, die blühende Gesichtsfarbe nahm einen grauen -Ton an, aber wenn der alte Hofrat und die fremden Aerzte ihm Bewegung -anrieten, zuckte er gleichgültig die Achseln: ›Mir fehlt nichts, ich -bin nicht krank.‹ - -In seinem Schreibtisch lagen die blaue Mütze und das dreifarbige -Seidenband von Heidelberg, daneben drei vertrocknete Rosen – das waren -die einzigen Erinnerungen an damals. - -Heidelberg! Wenn er daran dachte, legte es sich um seine Brust wie -eherne Klammern, die ihn zu ersticken drohten. - -Vorbei! Verloren! Für immer! - -Bisweilen versuchte er, mit Lutz über Heidelberg zu sprechen. Der -Mensch war ihm unsympathisch, aber er hatte ihn als seinen Kammerdiener -beibehalten. Vielleicht nur deshalb, weil dieser Lutz die einzige -lebende Erinnerung an jene Zeit war. Und Herr Lutz gab sich Mühe, -seinem Herrn entgegenzukommen, die jämmerlichen Tage in Heidelberg in -ein rosiges Licht zu kleiden und kleine Scherze jener Zeit aufzuwärmen. -Aber keine Saite tönte in seinen Reden echt und warm, das weiche -Bild der drei Monate verzerrte sich in seinen erzwungenen Späßen zur -Grimasse. - -Im übrigen war Herr Lutz jetzt der glücklichste Mensch am Hofe. -Sein geduldiges Ertragen jener Schreckenszeit hatte goldene Früchte -getragen, er war der kommende Mann, vor dem schon jetzt die Lakaien in -Ehrfurcht erstarben. Noch schritt der Kammerdiener Seiner Durchlaucht -des Fürsten mit unnahbarem Gesicht durch das Haus, aber die Tage seiner -Herrschaft waren gezählt, der neue Stern hieß Lutz. Und während in -Karl Heinrichs Erinnerung die Heidelberger Zeit langsam verblaßte, -wie ein Kindermärchen, das man nicht mehr versteht, verschönte sich -bei Herrn Lutz das Bild der Studentenstadt immer mehr. Man hatte -da einmal über die Stränge geschlagen, miserabel gewohnt und viel -Aergerliches durchgemacht, aber es war doch auch schön gewesen. Er -wußte dem Küchenchef wundersame Geschichten zu erzählen von lustigen -Liebesabenteuern, durchzechten Nächten und allerhand Affairen, »über -die man als Kavalier schweigt«. Dieses Heidelberg hatte Herrn Lutz’ -Glück gemacht, und er war nicht undankbar. – – - -[Illustration: Er wußte dem Küchenchef wundersame Dinge zu erzählen.] - -Nun schlief der Doktor schon seit Wintersende in Heidelberg seinen -letzten Schlaf. Die Todesnachricht, die der Direktor des Krankenhauses -in ehrerbietig gemessener Form Seiner Durchlaucht mitteilte, kam Karl -Heinrich nicht unerwartet, und doch traf sie ihn wie etwas Unfaßliches. - -Aber der Prinz hatte in allem Schmerz die bittere Empfindung, daß -ihn vor Jahresfrist der Tod des Doktors tiefer, unendlich tiefer -erschüttert haben würde. Hätte sie beide das Leben noch einmal -zusammengeführt, sie würden sich nicht mehr verstanden haben. Er fühlte -das deutlich. Es war ihm, als sei jemand gestorben, den er einmal sehr -gern gehabt hatte, der ihm aber so fern gerückt war, daß er ihn auch -als Lebenden schwerlich je wiedergefunden hätte. - -Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen übermittelte das -Hofmarschallamt dem Corps »Saxonia« zu Heidelberg einen Kranz mit -der Bitte, diesen Kranz auf dem Grabe des Herrn Regierungsrats -niederzulegen. - -Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen ließ das Hofmarschallamt -das Grab mit einem Denkstein versehen, dessen Inschrift lautete: -»Seinem Freund und Lehrer in dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz -von Karlburg.« – – - -Und Käthie? - -Ja Käthie. - -Wo mochte Käthie sein? – Er hatte kein Bild von ihr, die kleine -Photographie, die sie ihm einmal geschenkt hatte, war in den aus -Heidelberg nachgesendeten Koffern nicht zu finden gewesen, aber dieses -Bild war in sein Herz gegraben. Käthie! - -Verloren wie die andern ... - -In goldenem Rahmen stand auf des Prinzen Schreibtisch das Bild der -jungen sächsischen Prinzeß, seiner Cousine, deren Verlobung mit Karl -Heinrich herbeizuführen während dieser Monate die letzte Sorge des -sterbenden Fürsten gewesen war. Das Bild zeigte ein feines Gesicht mit -lebhaften Augen, eine schlanke, pompöse Figur. - -Karl Heinrich hatte nicht »Nein« gesagt, und die schöne Prinzeß war -nicht unzufrieden. Sie war ein Jahr älter als der künftige Fürst, als -Kinder hatten sie einmal zusammen gespielt, sie hatten keinen Grund, -einander abgeneigt zu sein, und die Heirat würde der Staatsraison -ebensogut entsprechen wie den Wünschen der Familien. - -Natürlich war in dieser Trauerzeit an die Hochzeit noch nicht zu denken. - -Käthie! ... Käthie! - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel. - - -In der alten Fürstengruft zu Marienburg war der Fürst zur letzten Ruhe -gebracht, und zu Karlburg im Schlosse war Karl Heinrich der Herr. - -Aber die düstere Stimmung, die langes Siechtum und endlich der Tod über -Land, Stadt und Schloß gebreitet hatten, wich auch jetzt nicht. Monate -vergingen und neue Monate, immer noch lag über Hof und Schloß dumpfe -Stille. - -»Seine Durchlaucht trauert,« sagten die Leute, aber sie glaubten selbst -nicht recht an diese matte Entschuldigung. - -Was hatte man nicht alles von dem jungen – fast allzu jungen – Fürsten -erwartet! Lustige Feste, Heiterkeit, einen frischen Zug, der in das -verschlafene Hofleben und in die Residenzstadt endlich einmal fröhliche -Stimmung bringen sollte. Fremde Fürstenbesuche, Bälle, Hofjagden, -einen Ball der Bürgerschaft in den neuen Rathaussälen, vielleicht eine -Förderung des Theaters, in jedem Fall aber ein freundliches Gesicht, -Teilnahme für die Wünsche der Stadt und des Landes. - -Welch hübscher junger Prinz war dieser Karl Heinrich gewesen, offen, -liebenswürdig! Freilich hatte er als Kind schon im Verkehr mit Fremden -eine Zurückhaltung stets gezeigt, eine leichte Unbeholfenheit und -Menschenscheu, aber er war damals eben ein Kind. - -Wenn jetzt Seine Durchlaucht durch Karlburg fuhr, so lehnte er in -seinem Wagen neben dem Adjutanten und erwiderte die Grüße kalt, -gleichgültig. Die Deputationen der Städte empfing er in großer Audienz, -ohne auf deren Ansprachen mehr als kurze Antworten zu finden. Der alte -Fürst war in den letzten Jahrzehnten eisig, abweisend, hochfahrend -gewesen, der junge Fürst schien alles in verstärktem Maße zu sein. - -»Wenn er verheiratet ist,« trösteten sich die Kammerherren und -Hofleute, »wird er anders werden,« und dieser schwache Glaube fand in -der Bürgerschaft Widerhall: »Wenn er nur erst verheiratet ist.« - -Die Hochzeit war auf den 30. Mai festgesetzt, am 4. Juni würden die -fürstlichen Herrschaften in Karlburg Einzug halten. - -Am 5. Juni Fackelzug der Bürgerschaft, am 6. Juni erstes großes Hoffest -im Schlosse, drei weitere Tage hindurch Empfänge, Audienzen, Feste -aller Art. In dem Hofmarschallamt wurde Tag und Nacht gearbeitet, in -Schloß und Stadt herrschte ein fieberhafter Eifer, alles vorzubereiten -und in stand zu setzen, der einzige, der seine kalte Ruhe bewahrte, war -der, für den alles dies geschah. - -[Illustration: »Der Mensch, Eure Excellenz, heißt Kellermann.«] - -Da ereignete sich – zwölf Tage vor dem Termin der Hochzeit – etwas -Seltsames, das, ohne später irgendwie besondere Folgen nach sich zu -ziehen, einige Tage lang alle Gemüter in Aufregung hielt. - -Ein eigentümlicher Mensch in uraltem Frack und gleichem Cylinder -wurde durch Lakaien dem dienstthuenden Kammerherrn und durch diesen -Seiner Excellenz dem Hofmarschall zugeführt. Er hatte in ziemlich -unzeremonieller Weise im Schlosse Eingang zu gewinnen versucht und -beteuerte, Seine Durchlaucht sprechen zu müssen. - -»Der Mensch, Eure Excellenz,« erklärte der Kammerherr, »heißt -Kellermann und stammt aus Heidelberg. Er behauptet, bei Seiner -Durchlaucht ein Anliegen zu haben, dessen Erfüllung ihm Durchlaucht -damals in Heidelberg fest zugesagt habe.« - -Seine Excellenz der Hofmarschall, überarbeitet und nervös, befahl, -das Subjekt fortzuschicken, respektive das Subjekt auf den Weg einer -schriftlichen Eingabe zu verweisen, aber irgend eine Ahnung sagte -dem Kammerherrn, daß Seine Durchlaucht eventuell geneigt sein werde, -nicht des Subjektes wegen, sondern seiner selbst wegen den Menschen -anzuhören. Und so geruhte der Kavalier, bei der Mittagstafel Seiner -Durchlaucht von dem Subjekt zu erzählen. - -»Kellermann?« - -»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein Mensch Namens Kellermann.« - -»Aus Heidelberg?« - -»Aus Heidelberg, Eure Durchlaucht.« - -»Es ist gut. Führen Sie, bitte, den Mann zu mir. Nach der Tafel.« - -Ruhig, mit seinem steinernen Gesicht, ohne eine Spur von Hast, -beendete der Fürst die Mahlzeit, aber ein Sturm von Erinnerungen war in -ihm erwacht. Kellermann! Heidelberg! Einer von damals! Endlich einer -von damals! Wenn auch nur Kellermann! Der armselige Kellermann. - -Kalt und gleichgültig verabschiedete er sich von seinen Kavalieren, -dann ging er hinüber in sein Arbeitszimmer und öffnete den -Schreibtisch. Da lag das dreifarbige Band, die Mütze, die Blumen ... - -Die Lakaien im Vorzimmer schauten einander an und schüttelten die -Köpfe. Sie schauten einander wieder an und schüttelten die Köpfe. Seit -zwei Stunden war das fremde Subjekt drinnen bei Seiner Durchlaucht und -kam nicht wieder. - -Hätten sie hineinschauen können und sehen, wie der alte Mensch in -seinem schäbigen Frack in Durchlauchts Ledersessel saß, während der -Fürst dem Alten die Hand auf die Schulter gelegt hatte, sich dicht zu -ihm beugte und mit zuckenden Lippen zu lächeln versuchte! - -»Dieser Kellermann! Er will Kellermeister werden! Er hat nicht -vergessen, was ich ihm damals versprochen habe. Er kommt extra von -Heidelberg und bringt Frack und Cylinder mit. Laß dich ansehen, -Kellermann. Wie er ausschaut!« - -Er lachte, zum erstenmal seit Jahren. - -[Illustration: »Hast du mich erkannt?«] - -»Ja, Kellermann, bravo! Du bleibst, du wirst mein Kellermeister, -selbstverständlich. Aber du hast Hunger und vor allem Durst, du kommst -von der Reise, wann bist du angekommen?« Er drückte auf die Klingel: -»Bringen Sie Wein und etwas für den Herrn da zu essen. Ja, hierher. -Ohne alle Umstände.« - -Er ging zweimal auf und ab, dann blieb er wieder stehen: - -»Sieh mich mal an, Kellermann. Kennst du mich noch? Hast du mich -erkannt?« - -»O freilich.« - -»Wirklich? Hast du?« Er lachte nicht mehr. Er legte einen Moment beide -Hände flach an die Schläfen und starrte vor sich nieder. Es sind zwei -Jahre her, da ändert man sich, in zwei Jahren geschieht vieles. - -Müde schaute er nach einer Weile auf, Kellermann hatte etwas bedrückt -und verschüchtert eine Frage gethan. - -»Deine Frau mitbringen? Ja natürlich. Aber meine Wäsche, Kellermann, -kann sie nicht mehr besorgen wie in Heidelberg. Oder dachtest du?« Er -lächelte wieder, und Herr Kellermann lächelte gleichfalls. - -»Nun erzähle, Kellermann, das ist die Hauptsache. Von Heidelberg. Von -allen.« - -Aber dieses Erzählen ging schwer von statten. Aus freien Stücken -berichtete Herr Kellermann nichts, er verlangte, daß man ihn fragte, -daß man jede Frage genau präzisierte und erst nach der Beantwortung an -die Erledigung eines neuen Themas ging. Er war wie eine alte Chronik, -aus der man sich durch mühsames Zusammensuchen belehrt, aber eines -hatte er vor diesen alten Chronikbüchern voraus: er war zuverlässiger -und blieb keine Antwort schuldig. - -Ja, Herr Bilz war noch bei »Saxonia« aktiv, auch der kleine -Hammerschmidt, der zu Ostern durchs Examen gefallen war, auch Herr von -Bansin, der in Heidelberg der beste ~S. C.~-Fechter geworden war und -dieser Kunst zuliebe seinen Aufenthalt auf deutschen Universitäten -beständig verlängerte; aber alle die andern waren fort, die meisten -schon lange. - -»Ernst von Heidenreich?« - -»Nach Berlin.« - -»Franzius?« - -»Nach Berlin.« - -»Und der dicke Kurt Engelbrecht?« - -Herr Kellermann zog ein ernstes Gesicht und sagte mit gedämpfter Stimme: - -»Nach drüben, nach Amerika.« - -Also nur drei waren noch in Heidelberg. Drei letzte von der lustigen -Schar, die damals nie an die Zukunft gedacht hatte, die hingelebt -hatte, als ob sie ewig beisammen bleiben würde. Zerstoben in alle Winde. - -Der Lakai brachte Wein und Speisen, die Herr Kellermann ohne viel -Ziererei entgegennahm, dann, nach einer langen Pause, mußte dieser von -neuem berichten. Wo der Regierungsrat begraben sei, und ob Kellermann -das Grab gesehen habe. Wer jetzt in Frau Dörffels Zimmern wohne, – -ging man noch alle Vormittag zum Frühschoppen aufs Schloß? – fuhr -man wie damals alle Montag nach Neckarsteinach? – war Herr Roux noch -Fechtlehrer? – und wie war es mit den Mensuren? – paukten die Corps in -Heidelberg oder auf den Dörfern? – und dann: - -»Was macht Fräulein Käthie?« - -»Käthie?« - -»Die in Rüders Gasthaus?« Er stockte mit der Stimme und wurde blutrot -bei der Frage. Aber Herr Kellermann merkte nichts von der Befangenheit, -und gleichmütig gab er Bescheid. - -»Ja, die. Ja, die ist auch noch da.« - -»Bei Rüder?« - -»Ja bei Rüder.« - -»Und – und – geht es ihr gut?« - -»Ganz gut.« - -»Sie ist immer noch da? Ganz wie früher? Wenn man hinkommt zu Rüders, -dann – dann findet man sie noch?« - -»Natürlich.« - -Karl Heinrich trat in die Mauernische des gewölbten Fensters und -starrte hinaus. Durch die breite Lindenallee des Schloßparkes sah er -Felder, die sich endlos in die blaue Ferne dehnten. Tief unten an der -Schloßmauer vor dem breiten Graben blühte der Flieder, und über dem -Wasser schossen pfeilschnell die Schwalben, oft dicht an dem Fenster -vorbeistreifend. - -Zwei lange, einsame Jahre hatte er hier gehaust, fern der fröhlichen -Welt, am Lager eines vergrämten Kranken, der nicht sterben wollte und -mit den langsam erstarrenden Händen ihn fest umklammerte. Während er -selbst zu schwach und zu feige gewesen war, sich gewaltsam loszureißen. - -Zwei beste Jahre! Zwei Jahre, in denen er hätte glücklich sein können. -Sie erschienen ihm wie Jahrzehnte. Jenseits dieser Jahrzehnte lag seine -kurze Jugend, an die er kaum noch gedacht, die er fast vergessen hatte. -Vergessen! Wie nur schwächliche Seelen vergessen! - -Heidelberg, das Corps, Käthie – das waren ferne, traumhafte Begriffe -geworden, und jetzt kam dieser Mensch da und erzählte! Und erzählte, -daß das alles noch war, jetzt noch war; daß drüben in Heidelberg, -hundert Meilen entfernt, eine Tagereise entfernt, diese Menschen noch -lebten! Spazieren gingen, sich ihres Lebens freuten, tranken, lachten, -liebten – und das alles ohne ihn, als ob ein Prinz Karl Heinrich nie -existiert hätte oder zum wenigsten nie für sie notwendig gewesen sei. - -Da kam aus dem Hintergrunde des Zimmers Herrn Kellermanns Stimme, -die zum erstenmal ungefragt redete. Schwer und langsam, als ob er -eine tiefe Weisheit verkünde und während der letzten stummen Minuten -darüber nachgesonnen habe, sagte er: - -»So ist Heidelberg nicht mehr wie früher. Das sagen alle, das sagt auch -Herr Bilz.« - -»Wie nicht mehr?« - -»Als wie damals. Als wie Sie da waren.« - -Karl Heinrichs Augen leuchteten. - -»Sagen sie das? Sagen das alle? _Sprechen_ sie in Heidelberg noch von -mir, Kellermann?« - -»O ja.« - -»Hat keiner einmal gefragt« – er faßte den Alten an beiden Schultern -und riß ihn empor – »ob ich wiederkommen würde? Oder weshalb ich nicht -wiederkäme, Kellermann?!« - -»Ja, ja, o ja, oft.« - -»Und die Kleine – die bei Rüders?« - -»Die –?« Herr Kellermann war etwas verdutzt. Langsam dachte er nach und -kramte in seinem Gedächtnis. »Die –?« Da blitzte irgend eine Erinnerung -in ihm auf, eine Kette von Erinnerungen schloß sich in seinem Hirn, und -halb mit sich selbst redend, nickte er vor sich hin. - -»Die Käthie. Richtig! Ja, ja! Die hat viel geweint.« - - * * * * * - -»Sorgen Sie für den Alten, meine liebe Excellenz, ich bitte Sie darum. -Der Mann steht mir nahe aus meiner Heidelberger Zeit her, ich möchte -ihn gut aufgehoben wissen.« - -[Illustration: Excellenz selbst geleitete den Alten in die Gastzimmer.] - -Der Hofmarschall war glücklich. Das waren die ersten warmen Worte, die -er aus dem Munde Seiner Durchlaucht je erhalten hatte. Und wie seltsam -der Fürst gesprochen hatte! Fast weich. Nichts von dieser schroffen -Zurückhaltung, die sonst alles um den Fürsten erstarren machte. Was war -denn geschehen?! »Meine liebe Excellenz?!« - -Die Excellenz selbst geleitete den Alten in die Gastzimmer, die Lakaien -flogen, Küche und Keller mußten das Beste leisten; o, Herr Kellermann -durfte zufrieden sein. - -Aber was war geschehen?! - - * * * * * - -Der Fürst saß wach bis spät in die Nacht. - -Die Jugend, die vergessene, verlorene, hatte noch einmal an das Thor -gepocht, und Karl Heinrichs müdes, versteinertes Herz zuckte. - -In wenigen Tagen würde er ausziehen, um in das Schloß zu Karlburg -die Braut zu holen, und von dem Tage an begann die ruhige, gemessene -Zeit gereiften Lebens. Von da an war alles klar, vorgeschrieben, -ausgerechnet, jeder Schritt und jede Handlung vorgezeichnet, alles -zukünftige Leben eine schnurgerade Straße, auf der man so lange -fortpilgert, bis das Ende erreicht ist. Jedes Bürgermannes Leben kann -im Zickzack gehen, auf und nieder schwanken, das des Fürsten ist -berechnet und abgezirkelt, sicher und einförmig in alle Zukunft. - -Einen einzigen Menschen haben, der jetzt dasäße und spräche: - -»Karl Heinrich, das ist nicht anders, du mußt das ertragen.« Der ihn -trösten oder beruhigen würde, oder ... - -»Mein Gott! Mein Gott!« - -Er war wie außer sich. - -Und Totenstille. - -Draußen im Park rauschte der Nachtwind leise in den Bäumen, aber das -Schloß schlief. Karlburg schlief, die Stadt, das Land, hier schlief -alles. - -Mitternacht. – Da saßen sie in Heidelberg in Rüders Garten bei -Lampions, sangen, tranken, lachten und sahen nach der Uhr und sagten: -»Es ist erst Mitternacht.« - -Und da kam Käthie durch den Garten mit ihrer weißen Schürze und gähnte -etwas und rieb mit den kleinen Fäusten die Augen, – daß alle lachten, -und Karl Heinrich ihr das Glas entgegenhielt: »Trink, Käthie, werde -wieder munter!« – – - -»Prost, Karl Heinz! Sollst leben!« - -Wer rief das?! Er fuhr auf und starrte vom Fenster her in das -halbdunkle Zimmer. Wer hatte das gerufen?! Da aus dem Zimmer her?! - -Das war des Doktors Stimme! »Prost, Karl Heinz, sollst leben!« - -Ein leises Zittern ging über den Fürsten. Er trat zurück in das Zimmer, -schraubte die Lampe höher und trank das große Weinglas in einem Zuge -leer. - -»Sollst leben!« – Ja, er lebte, und der Doktor, der das tausendmal -gerufen hatte, moderte in der Erde. - -»Sollst leben!« Ja, der Karl Heinz lebte noch, ein herrliches Leben! - -Er schenkte das Glas von neuem voll und hob es empor. Gegen die dunkle -Ecke da drüben starrte er und schwenkte das Glas: - -»Doktor!!« - -Und als alles totenstill blieb: »Dein Wohl!« - - * * * * * - -Herr Lutz saß draußen im Vorzimmer und kämpfte seit Stunden mit dem -Schlafe. Nie seit der Heidelberger Zeit hatte man ihm eine solche -Nachtwache zugemutet. Zu verschiedenen Malen horchte er an der Thür, ob -Seine Durchlaucht nicht etwa am Schreibtisch eingeschlafen sei, aber -immer wieder hörte er drinnen die dumpfen Schritte des ruhelos auf und -ab Wandelnden. - -Ja, was war geschehen?! - -Aber Herr Lutz konnte nicht mehr denken. Er war so sterbensmüde, daß -sein Körper zwar noch wachte, aber sein Geist vollständig gelähmt -erschien. O gut, daß diese Hochzeit vor der Thür stand. Von da an ging -man pünktlich schlafen und lebte, wie sich’s gehört. - -Da endlich – es war nachts drei Uhr – kam der erlösende Ruf der -schrillen Glocke. - -»Sofort!« - -Herr Lutz fuhr auf. In der nächsten Sekunde war er in Seiner -Durchlaucht Zimmer. - -Der Morgen dämmerte herein, und in dem fahlen Licht stand der Fürst am -Fenster, von den trüben Schatten des Zwielichts grau überdeckt: - -»Sind Sie noch wach, Lutz?« - -»Zu Befehl, Eure Durchlaucht.« - -»Lutz, Sie können heute nicht schlafen gehen. Wecken Sie die Diener, -meine Koffer sollen gepackt werden. Man soll Seine Excellenz den Herrn -Hofmarschall benachrichtigen. Ich verreise.« - -»Ver –?« - -[Illustration: Gegen die dunkle Ecke starrte er und schwenkte das Glas.] - -»Sie begleiten mich, Lutz, Sie ganz allein. Wir reisen nach Heidelberg.« - -»H–Heidelberg –?« - -»Nur auf einen Tag oder zwei. Am Sonntagabend sind wir wieder zurück. -Wir haben keine Minute zu verlieren. Vorwärts!« - -Herr Lutz ging, den Kopf etwas vornübergeneigt, wie jemand, der einen -heftigen Schlag auf den Schädel erhalten hat und momentan nicht zu -denken vermag. - -Karl Heinrich stand und schaute in den immer helleren Morgen mit -leuchtendem Gesicht. - -»Einmal noch!« - -»Noch einmal!« - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - - -Als Hofmarschall und Kammerherren, aus dem Schlafe geweckt, atemlos und -mit verstörten Gesichtern auf dem Bahnhof erschienen, war die schwarze -Qualmwolke des Kurierzuges längst in der hellen Morgenluft verweht. - -Es war sechs Uhr morgens. - -Man drängte um den Stationsassistenten, der, immer noch fassungslos, -nichts zu berichten wußte, als daß Durchlaucht kurz vor Passieren des -Kurierzuges vorgefahren sei, Ordre gab, den Zug halten zu lassen, und – -nur von dem Kammerdiener begleitet – die Reise angetreten habe. - -Ja, was war geschehen?! - -Was?! Was?!! - -Und der Hofmarschall starrte wie betäubt nach Süden, wo die Schienen -der Eisenbahn sich silbernflimmernd hindehnten ... - - * * * * * - -So fuhr Karl Heinrich noch einmal gen Heidelberg. - -Es war ein Maitag wie damals vor zwei Jahren. Dieselben Dörfer, Mühlen, -Felder, Städte flogen vorbei, das Gebirge der Rhön, blaute in der -Ferne, der Zug erklomm die Höhen des Main, und dort das Land in der -Ferne, dem man entgegeneilte, war Süddeutschland. - -[Illustration: Ja, was war geschehen?] - -Die Sonne stand hoch am Himmel, heiß, blendend. Der Fürst ließ die -blauen Vorhänge am Fenster nieder und schloß die Augen. Er war müde. -Seit dreißig Stunden hatte er nicht geschlafen, nun trat langsam an -Stelle der leidenschaftlichen Erregung eine dumpfe Abgespanntheit. - -Was bezweckte denn diese Reise? Nichts! Was wollte er überhaupt in -Heidelberg? Jetzt zerbrachen sie sich daheim in Karlburg die Köpfe, und -jeder einzelne Mensch, vom Minister bis zum letzten Stallknecht, würde -diese Reise einen Tollhausstreich nennen. Eine Dummheit, wie sie sich -nur ein junger Student erlauben darf. - -Er preßte nervös den Kopf in die Hände: umkehren, das wäre das beste. -Diese Donquichotterie nicht zu Ende führen. - -Aber dann würde man erst recht staunen und die Köpfe noch mehr -schütteln. Jeder Mensch in der ganzen Welt konnte sich solche -Extravaganzen herausnehmen, nur der nicht, auf den Hunderttausende -schauen, und dessen geringste Handlungen jeder Philister kritisiert. - -Es war erstickend heiß, er riß die Vorhänge wieder zurück und beugte -sich so weit vor, daß die Staubwolke, die der Zug aufwirbelte, ihm wie -ein Sturm um den Kopf flog. - -»Alles einerlei!« Mochten die Aufpasser daheim lachen, spotten, die -Fäuste ballen – heute war Karl Heinrich frei! - -Vorwärts! Wie der Zug jagte! Immer weiter! Keiner holte ihn ein! Die -kläffende Meute blieb immer weiter zurück, und er war frei. Er schloß -die Augen und ließ den Sturm voll in sein Gesicht brausen. Das that -gut, es war wie ein Kampf. - -War das nicht eine gleiche Empfindung wie damals, als der lange Vandale -ihm immer wieder die Parade durchschlug und Hieb auf Hieb in Karl -Heinrichs Gesicht fegte?! Famos! Auf die Mensur! Klatsch! - -Kampf! Du Schönstes auf Gottes Welt! Nichts entsetzlicher als dieses -kampflose Hindämmern, Einschlafen, dieses Verhätscheltwerden und -Bevormundetwerden und Eingelulltwerden und Vermodern. - -Alle seine Muskeln spannten sich. Vorwärts, vorwärts! Und heute abend -in Heidelberg! Noch hatten sie in Karlburg ihn nicht besiegt, noch -hatte er den Mut gehabt zu dieser tollen, unglaublichen Reise! Bravo! -Und lustig soll es werden! Nur zwei Tage, aber zwei lustige Tage! - - »Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein - Zu Heidelberg im Hirschen? ...« - -Mit halblauter Stimme sagte er das Lied her, bis er es leise zu singen -begann, dann immer lauter. - - »Hollaheh! den Hahn ins Faß! schenkt ein! –« - -Weit vor ihm lag die sonnige Ebene des Main. Wie heißt es im Liede?: -»... Ich seh’ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen –« - -So schön, so schön! - -Er war noch so jung, der Karl Heinz. Er war zweiundzwanzig Jahre alt. -Die ganze Welt hätte ihm offen stehen müssen, und daheim hatten sie ihm -Licht und Luft vermauert ... - - * * * * * - -Auf dem Bahnhofe zu Frankfurt zuckte es ihm einen Augenblick in -den Füßen. Dicht vor ihm lag der Wartesaal, in den die Menschen -hineindrängten. Weshalb ging er nicht mit in dem Strom? Wie an jenem -ersten Reisetage, als er mit dem Doktor dort hineinspazierte und die -ersten Atemzüge der neuen Freiheit that? Niemand kannte ihn, vielleicht -die paar Schaffner und Lutz ausgenommen, also weshalb nicht? - -»Zwanzig Minuten Aufenthalt!« schrieen die Kondukteure, und alle -Reisenden eilten in die Säle. Nur einige ältere Damen blieben ängstlich -in den Coupés. - -Karl Heinrich stand auf und setzte seinen Fuß auf das Trittbrett, aber -er zog ihn wieder zurück und schloß die Wagenthür. Er war unselbständig -geworden wie einst, fast schlimmer noch als damals. Es war doch ein so -leichtes, wie andre Menschen auszusteigen, sich einfach und natürlich -zu bewegen, den Kellner zu rufen, zu bezahlen und so weiter, – und er -konnte es nicht. - -Konnte es nicht. Er machte noch einmal den Versuch, aber der kalte -Schweiß trat ihm auf die Stirn. - -Der Zug hatte schon lange Frankfurt wieder verlassen, als der -Fürst immer noch in den Polstern saß, die Augen starr auf die -gegenüberliegende Wand gerichtet, die Arme schlaff herabhängend. - -›Eine Marionette, die nur tanzen kann, wenn man sie an den Drähten -zerrt. Unbeholfen wie ein Kind und feige wie ein Kind.‹ - -Ein grimmiges Lachen verzog sein blasses Gesicht. Er wollte aus der -Schule in die Freiheit laufen! Wenn auch nur für zwei armselige Tage! -_Er_, der keinen Schritt mehr allein gehen konnte! Der sich an jeder -Ecke stieß, alles schief sah und in Heidelberg nicht mehr im stande -sein würde, ein einziges natürliches Wort zu reden. - -Dorf an Dorf flog in der Abendsonne vorbei. Weinheim, – da war das -famose Mädel mit den zwei blonden Zöpfen gewesen, mit der Prinz Karl -Heinz eine halbe Nacht getanzt hatte. - -Jugenheim. Ein leises Lächeln ging über seine matten Züge. Da hatte man -mit dem Darmstädter Pensionat die tolle Affaire gehabt. - -Das alles war erst zwei Jahre her? Nicht länger. - -Noch zehn Minuten, noch acht, – fünf – drei – da kamen die ersten -Häuser – und da: der Neckar! - -Sein Herz schlug zum Zerspringen. - -»Heidelberg!« - -»Fünf Minuten Aufenthalt!« - -Damals hatte der dicke Doktor mit seinem trockenen Phlegma gesagt: -»Ein Jahr Aufenthalt«; ein dünnes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund, -und indem er sich bewegungslos an die Thür lehnte und auf den Schaffner -wartete, murmelte er – fast ohne es selbst zu merken: »Zwei Tage -Aufenthalt, – zwei Tage – zwei –« - -Er ging neben Lutz durch die Menge und stieg in den Wagen. Er kannte -jedes Haus, an dem man vorbeifuhr, und sah auch jedes Haus, aber seine -Gedanken waren fern, nirgends. »Ein Jahr Aufenthalt« – das war alles, -an was er dachte. Und daran, daß aus diesem »Jahr Aufenthalt« für den -Doktor ein »ewiger Aufenthalt« geworden sei. Aber diese Erwägung hatte -nichts Sentimentales, sondern kam ihm wie eine mathematische Folgerung, -die man sich im Kopfe zurechtlegt, weil der Schädel augenblicklich an -nichts Vernünftiges zu denken vermag. Er hätte genau so gut vor sich -hin denken können: ›Dreimal neun ist siebenundzwanzig.‹ Als ob auf den -Kopf und das Denken von allen Seiten her ein ungeheurer Druck ausgeübt -würde, der das Hirn zu der Größe einer Haselnuß zusammenpreßte. - -Der Wagen rollte über den Markt: da lag Frau Dörffels Haus mit den -sechs Fenstern, hinter denen er gewohnt hatte. - -Er nickte stumpf vor sich hin: »Ja, ja!« - -Vor dem Hotel »Zum Prinzen Karl« flüsterte Herr Lutz dem Portier und -dem Oberkellner ein Wort ins Ohr, das in wenigen Sekunden das ganze -Haus in Aufregung brachte. - -Tief neigte sich alles, und der Fürst schritt mit seinem starr -abweisenden Gesicht zwischen der Dienerschaft die Treppe empor, in ein -Zimmer, als ob er daheim zu Karlburg die Treppen hinaufstiege. - -Als Herr Lutz mit einem ängstlichen Blick seinem Herrn den Arm reichte, -lehnte sich der Fürst schwer darauf. - -[Illustration: Mit geschlossenen Augen saß der Fürst minutenlang.] - -Lutz geleitete ihn zu einem Sessel, Lutz winkte den Kellnern, die -Thüren zu schließen. - -Mit geschlossenen Augen saß der Fürst minutenlang. - -»Durchlaucht –?« - -»Was?« Er öffnete die Augen und schaute um sich wie einer, der aus -einem langen, schweren Traum erwacht. - -»Durchlaucht sollten zur Ruhe gehen, Durchlaucht sind übermüdet.« - -Und als der Fürst ihn anstarrte mit einem leeren Blick, fügte er hinzu: - -»Durchlaucht sind in Heidelberg.« - -»Ja, ja.« - -Ein müdes, verfallenes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund, das Herr -Lutz nicht bemerkte oder zum wenigsten nicht verstand. - -»In Heidelberg. Ganz recht. Ja, ich will schlafen.« - - * * * * * - -In tadellosem Gesellschaftsanzug, das dreifarbige Seidenband über der -tief ausgeschnittenen Frackweste, vortrefflich frisiert und ~comme -il faut~ zurechtgestutzt, versammelte sich »Saxonia« mit fünf »alten -Herren«, zehn »Corpsburschen« und acht »Füchsen« in Seiner Durchlaucht -Empfangssalon, um Seiner Durchlaucht die Aufwartung zu machen. - -Es war vormittags zehn Uhr. - -Man flüsterte und stand in Gruppen. Herr Bilz ging von einem zum -andern und gab mit seiner immer etwas wehmütig klingenden Stimme -namentlich den Jüngeren und Jüngsten die letzten Verhaltungsmaßregeln. -Aber Herrn Bilz selbst klopfte das Herz. Er war nun vierundzwanzig -Semester in Heidelberg und hatte vielerlei Menschen jeden Standes -kennen gelernt, aber einem regierenden Fürsten war er noch nie -entgegengetreten. Er repetierte die Rede, mit der er Seine Durchlaucht -empfangen wollte, und fand sie jetzt nüchtern, abgeschmackt. Nichts -schwieriger als diese kleine Rede. Sie konnte zu feierlich geraten oder -zu kordial, zu pathetisch oder zu kühl, sie konnte durch die geringste -falsche Nuance alle Stimmung zum Teufel jagen. - -Mit dem feinen Batisttuch tupfte er sich leicht auf die Stirn und ging -wieder zu den Füchsen: »Ihr bleibt hier stehen im Hintergrunde, bis -ich euch winke. Ihr sprecht nur, wenn der Fürst euch fragt. Um Gottes -willen, Winz, wie siehst du aus? Was hast du für einen Frack an?« - -»Ich habe ihn geborgt,« sagte Winz ängstlich. - -»Ach, ach, ach!« Herrn Bilz’ wehmütige Stimme hatte einen tieftraurigen -Ton, aber er ging auf die fatale Sache nicht weiter ein. »Bleib hinten -stehen, auf jeden Fall, hörst du? Daß niemand dich sieht.« - -Ueber dem ganzen Corps lag eine große Stimmung: ein regierender Fürst, -der gewissermaßen zu »Saxonia« gehörte und »Saxonia« zu sich lud! Kein -Heidelberger Corps, das sich einer solchen Ehre rühmen konnte. - -Da: - -Ein Herr in Frack und Escarpins stieß die Flügelthüren auseinander und -trat in feierlicher Haltung zur Seite. Einige Sekunden sah man in das -nebenan liegende, mit schweren Seidenvorhängen drapierte Zimmer – dann -kamen Schritte über den weichen Teppich, in der weit geöffneten Thür -stand der Fürst. - -Er trug den schwarzen Gesellschaftsanzug. Das Gesicht war blaß, nur -auf der linken Backe glühten brennendrot zwei Hiebnarben. Er hatte -die rechte Hand leicht erhoben, als wollte er sie irgend einem -entgegenstrecken, dem ersten, den er wiedererkennen würde ... - -Aber in dem Zimmer vor ihm nur ein tiefes Verneigen. - -Herr Bilz trat vor: - -»Eure Durchlaucht –« - -Sein Blick begegnete dem des einstigen Freundes, der ihn anstarrte, als -ob er sagen wollte: »Kommst du denn nicht?! Giebst du mir denn nicht -die Hand? Karl Bilz?!« ... - -Und Herr Bilz kam aus dem Konzept: - -»Eure Durchlaucht geben – haben – geben uns die Ehre – wir alle dankbar -– eine Ehre, die jeder von uns – jeder zu würdigen weiß, – und deshalb -– wir heißen Eure Durchlaucht in aller Ehrfurcht in Heidelberg herzlich -und ehrerbietig willkommen.« - -[Illustration: In der weit geöffneten Thür stand der Fürst.] - -Der Fürst trat einen Schritt vor und nickte kurz. Das Gesicht war kalt -und apathisch geworden. - -»Wollen Sie, bitte, Herr Bilz, mir Ihre Herren Corpsbrüder vorstellen.« - -Herr Bilz gehorchte. Er verwechselte alle Namen, aber das that nichts -zur Sache. - -Und der Fürst sprach mit jedem: - -»Wieviel Semester studieren Sie?« – »Wie gefällt Ihnen Heidelberg?« – -»Sie sind Jurist?« – »Wo wohnen Ihre Eltern?« – »Werden Sie längere -Zeit hier bleiben?« und so weiter. - -Als die Cour beendet war, wandte er sich wieder zu Herrn Bilz: - -»Wollen, bitte, Sie und Ihre Herren Corpsbrüder heute hier im Hotel -meine Gäste sein. Ich reise noch heute abend, ich bitte also etwa um -drei.« - -Er nickte kurz, neigte sich gegen die übrigen mit einer fast -unmerklichen Bewegung des Kopfes und ging. Der Herr im Frack und -Escarpins schloß die Flügelthüren, – die Audienz war beendet. - -Vor dem Hotel standen sehr feierlich zehn Wagen, in denen man gekommen -war, und in denen man vornehm wieder heimfuhr. Der Stolz lag auf allen -jungen Gesichtern, und ganz Heidelberg, Studenten und Philister, -blickte ihnen nach. Der Fürst hatte sie in feierlicher Audienz -empfangen, sie waren wirklich zu beneiden. - -Karl Heinrich stand in der Mitte seines Zimmers und stützte sich auf -die Lehne des Stuhls. Der lächerliche Traum zweier Tage war zu Ende ... - -Der Fürst fuhr am Mittag in geschlossenem Wagen zum Kirchhof. Er hatte -mit sich gekämpft, ob er dieser letzten Pflicht, die ihn noch an -Heidelberg band, nachkommen sollte oder nicht; schließlich bezwang er -sich und fuhr hin. - -Der Totengräber, der ihn nicht kannte, führte ihn zu dem Grabe und -sagte entschuldigend: »Es ist noch nicht wieder in Ordnung, es ist -jetzt im Frühjahr immer viel zu thun, aber nächste Woche fangen wir -damit an.« - -»Es ist gut.« - -Der Mann wollte noch mehr reden, aber der Fremde winkte ihm ab: »Es ist -gut, ich danke.« - -Eine kleine weiße Blattpflanze hatte das ganze Grab überwuchert, -zur Seite lagen noch einige verwelkte Kränze mit grau-schmutzigen -Seidenschleifen, das Gitter stand roh, unfertig, und das einzig Pompöse -war das Marmorkreuz mit der Inschrift »Seinem Freunde und Lehrer in -dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz von Karlburg.« - -Lange blickte Karl Heinrich auf dieses vergessene Grab, das seit dem -Tage der Bestattung sicherlich niemand mehr besucht hatte. Er beugte -sich und pflückte eines der silbergrauen Blätter, um es aufzubewahren, -aber bald darauf nahm er es achtlos zwischen die Zähne und ließ es -fallen. - -Merkwürdig, wie ruhig und gleichgültig ihn diese Grabstätte seines -einzigen Freundes ließ! Er hatte auf einmal das lächerliche Gefühl, daß -der Tote im Leben eigentlich ein pflichtvergessener Mensch gewesen -sei, der – man mochte die Sache ansehen, wie man wollte – als Erzieher -sich außerordentliche Eigenmächtigkeiten erlaubt hatte. - -Die ganze grenzenlose Ernüchterung des heutigen Tages, die -Hoffnungslosigkeit, die eisige Kälte der letzten zwei Jahre, alles -drängte in diesen Minuten wie in einem Brennspiegel zusammen. - -Der Mensch da unten, das war sein einziger Freund gewesen! Welcher -Hohn! Ein Trinker, ein Schwätzer, ein Mensch ohne jeden Lebensernst. - -Aber immerhin: dieser Doktor hatte es mit ihm gut gemeint, aufrichtig -gut. - -Sie hatten doch manche freundliche Stunde zusammen verlebt. – Schon -damals in Karlburg, als der pflichtvergessene Doktor ihm Zigaretten -gab, die sie oben im Turmzimmer rauchten. – Er lächelte. – Und dann in -Heidelberg! Er blickte sich um nach dem Schloß, das aus seinem Waldgrün -rotleuchtend herüberfunkelte. Mein Gott, welch ein toller Kerl war -dieser Doktor gewesen! Wenn er da oben auf dem Schloß Handharmonika -spielte, daß alle Engländer und Engländerinnen stehen blieben und ihre -steif-britischen Gesichter zum Lachen verzogen. - -»Prost, Karl Heinz! Sollst leben!« Des Doktors ewiger Trinkspruch. - -Der Fürst neigte sich vor über das verwilderte Grab: »Armer Doktor!« - -[Illustration: Länger als eine halbe Stunde arbeitete er daran.] - -Er nahm die vermoderten Kränze und legte sie außerhalb des Gitters -zusammen. Das Unkraut, das zwischen Grab und Gitter fußhoch wilderte, -riß er mit beiden Händen aus dem Boden und warf es zu den Kränzen. -Länger als eine halbe Stunde arbeitete er daran, die dünnen, schmalen -Wege rechts und links und vor dem Grabe innerhalb der Einfriedigung zu -säubern. - -Als er fertig war, atmete er tief auf. Wie viel freundlicher und heller -das jetzt aussah! Die beschmutzten Handschuhe zog er ab und wollte sie -zu den Kränzen und dem Unkraut werfen, aber er faltete sie nur zusammen -und schob sie in die Tasche. - -Als er eine halbe Stunde später den Kirchhof verließ, war ihm leichter -zu Mute. Und wenn diese ganze Heidelberger Reise von gestern und heute -keinen Zweck gehabt hatte, so war sie doch nicht verloren. Diese Stunde -an des Doktors Grabe war die Reise schon wert. - - * * * * * - -Die Unterhaltung bei der Tafel wollte nicht recht in Fluß kommen, aber -die Schuld lag nicht an dem Gastgeber. - -Karl Heinrich saß in der Mitte des langgedeckten Tisches neben Karl -Bilz, der langsam seine Befangenheit überwand und nichts zu thun hatte -als zu erzählen. Der Fürst stieß zweimal mit ihm an: »Auf Ihr Wohl, -lieber Bilz!« Dann, nach dem dritten Gang, erhob sich der Senior und -forderte nach einer kurzen Ansprache das Corps auf, »die Gesundheit -dessen zu trinken, dessen Zugehörigkeit zum Corps ›Saxonia‹ der -glänzendste Markstein in der Geschichte des Corps für einst, jetzt -und alle Zeiten bildet. Seine Durchlaucht beweist durch seine heutige -Anwesenheit in unsrer Mitte, daß auch Seine Durchlaucht sich gern der -fröhlichen Zeit erinnert, die mir und allen, die an ihr teilhatten, -unvergeßlich bleiben wird.« - -Ein brausendes Hoch ging durch den Saal, die Kellner stürzten um den -Tisch mit Champagnerflaschen, die Gläser klangen, und nach allen Seiten -grüßend, mit seinem Glase leicht das der Nachbarn berührend, stand der -Fürst in der Mitte. - -Die Stimmung wurde fröhlicher, und als kurz vor Ende des Diners der -Fürst sein Glas erhob, um nach einigen freundlichen Worten mit dem -alten Spruche das Corps zu grüßen: »~Saxonia! vivat, floreat, crescat, -in aeternum!~« – war der Bann gebrochen. Man jubelte, man umringte ihn. - -Freilich war das der Höhepunkt, der nicht überboten werden konnte. Die -Wogen der Erregung ebbten rückwärts. O, Seine Durchlaucht war sehr -leutselig, sehr gütig, sehr verbindlich, aber selbst der tolpatschigste -Fuchs fühlte instinktiv, daß es da eine sehr deutliche Grenze gab. - -Das trat bei einem Zwischenfall scharf zu Tage. Die Rede kam auf die -Abreise, und als der Fürst nach der Uhr blickte und in wenig mehr als -einer Stunde abfahren zu müssen erklärte, erhob sich ein allgemeines -Bedauern und Bitten: Durchlaucht sollte diesen einen Abend zugeben! -Einen so schönen Abend. Man würde aufs Schloß fahren oder nach -Neckargemünd! Oder eine Neckarfahrt veranstalten mit Musik und Lampions! - -Der Fürst lächelte zwar, aber etwas kalt und gezwungen. Schließlich -wurde das gut gemeinte heftige Bitten so allgemein, daß er kurz zusagte. - -Von da an saß er stumm, einsilbig, wie jemand, der zu weit gegangen -ist. Und – merkwürdig – jeder einzelne erkannte das. Ueber der -Tafel mit ihren Wein- und Speiseresten lag es plötzlich wie graue -Alltagsstimmung, die Gespräche wurden matter, verstummten, kamen -mühsam wieder in Fluß, verstummten von neuem. Die erhitzten Gesichter -erschienen stumpf, und der letzte Wein in den Gläsern blieb unberührt. - -Auf dem Schloß nahm man den Kaffee, und hier draußen in der freien -Luft wurde der Fürst wieder unbefangener. Es war ein Tag mit ewig -wechselnden Stimmungen. Ein Musikcorps spielte, während ringsumher die -Heidelberger Professoren- und Bürgerfamilien saßen, deren Damen alle -Blicke und Aufmerksamkeit dem jungen Fürsten zuwandten. Er kannte die -meisten von Ansehen, mit der Kleinen da rechts hatte er in Jugenheim -getanzt, sie wurde dunkelrot, als er sie jetzt anschaute. Und da und -dort – allenthalben bekannte Gesichter. - -Seine Magnificenz der Rektor mit seinen Damen kam vorbei, das Corps -grüßte, Karl Heinz grüßte mit. Und der Rektor, der ihn nicht kannte, -zog oberflächlich gleichgültig den Hut. - -Ganz wie früher. - -Als der Fürst gegen Abend mit dem Corps über die Berghänge und Wiesen -neckaraufwärts ging, war eine tiefe Ruhe über ihn gekommen. Herr Bilz -ging neben ihm und erzählte, die Stimmen der andern hörte er dicht -hinter sich, aber die Worte und Laute drangen zu ihm wie aus einer -weiten Ferne. Ihm war zu Sinne wie einem ermüdeten Wanderer, der einen -Tag ausruhen darf. Morgen ging es weiter; hierher nach Heidelberg -– zu den Studenten – würde er nun nie mehr zurückkehren. Er empfand -das ohne Schmerz. Sie waren ja alle freundlich, aufmerksam, aber im -Grunde genommen war er für sie ein Fremder geworden. An der Stelle des -einstigen »Du« und des »Karl Heinz« das steife »Eure Durchlaucht«. Er -würde diesen Tag nicht bereuen, er hatte ihm seine Jugend noch einmal -gezeigt, aber freilich nicht mehr in dem goldnen Sonnenschein der -Mittagshöhe, sondern in einem matten Abendschimmer. - -Bisweilen blickte er zur Seite auf Karl Bilz. Vor Jahren hatten sie -zusammen tolle Streiche gemacht, gezecht, gepaukt, sich geduzt, und -heute ging dieser selbe Karl Bilz neben ihm wie ein Fremdenführer, der -»Seiner Durchlaucht« aus der Chronik von Heidelberg erzählt. - -Nein, fort! Er hätte reisen sollen! Schon heute! Denn im Grunde -genommen war dieser ganze Tag nichts als ein langsames Würgen, ein Tag, -an dem alle Jugenderinnerungen erdrosselt wurden. - -Ein einziges Wort, das aus vollem Herzen gekommen wäre, ein einziger -echter Laut, der sagen würde: »Du bist unser guter Freund gewesen, -wir haben dich lieb gehabt. Heute stehst du uns fern, aber wir werden -immer an dich denken, dich nie vergessen! Denn wir sind zusammen jung -gewesen!« ... - -[Illustration: »Da drüben liegt Neckargemünd!« sagte Herr Bilz.] - -Aber nichts, nichts! - -»Da drüben liegt Neckargemünd,« sagte Herr Bilz. - -»Ja, Neckargemünd.« - - * * * * * - -Man fuhr spät abends in sechs Booten neckarabwärts nach Heidelberg -zurück. Die Musik im vordersten Kahne spielte ihre ewigen -Studentenlieder, die dem, der sie alle Tage hört, so langweilig -scheinen und dem, der sie nach langen Jahren zum erstenmal wieder -vernimmt, das Herz zermartern. - -Der Fürst saß über den Bord gelehnt und ließ das vorbeiströmende -Wasser durch seine herabhängende Hand gleiten. Der Neckar ging nach -den Wolkenbrüchen der letzten Woche mit hohem Wasser, so daß die Boote -schnell stromab Heidelberg entgegenglitten. Am rechten Strande sah man -schon von weitem eine durch bunte Lampions hell erleuchtete Ufermauer. -»Da kommt Rüders Gasthaus,« sagte Herr Bilz. - -»Wo?« Karl Heinrich fuhr aus seinem Brüten empor. - -»Da.« Und nach einer Pause fügte Herr Bilz hinzu: »Die Corps verkehren -nicht mehr bei Rüder oder nur noch selten. Aber Durchlaucht erinnern -sich noch an Rüder? Wir haben da manche Nacht gesessen.« - -»Weshalb verkehren die Corps nicht mehr bei Rüder?« - -»Einen rechten Grund giebt es nicht. Das ist in Heidelberg und wohl -allenthalben Modesache. Vielleicht war das Bier nicht mehr gut. Die -Corps gehen jetzt meist nach Neckargemünd.« - -»So!« - -»Und wie das so kommt, jetzt ist bei Rüders kaum noch was zu thun. -Neues Publikum gewöhnt sich schwer hin, das ist immer so.« - -Der Fürst antwortete nicht. Aus der dunkeln Nacht, die über dem Neckar -lag, kamen die Lampions immer näher, ein paar kümmerliche Lampions mit -kleinen Lichtstümpfen, die sich in dem Nachtwinde schaukelten. Schwer -und massiv ragte die Ufermauer aus dem Strome, während die Linden im -Garten, schwach beleuchtet, mit ihrem feinen Grün herüberschimmerten. -Die Musik war im vorderen Boote verstummt, man hörte nur das Plätschern -der Ruder und aus den weiter zurückfolgenden Booten undeutliche Worte. - -Jetzt glitt der Kahn vorbei. Man sah mitten in den Garten hinein, der -fast leer war. Rechts und weiter hinten saßen ein paar Menschen, vorn -über die Mauer lehnte eine weibliche Gestalt, von der man nur die -dunkeln Umrisse sah. - -Und langsam blieben die Lampions zurück, fuhr der Kahn stromab. - -Rüders Gasthaus. Da verschwand es in der Nacht. Auch zu Grunde -gerichtet, auch verblüht ... Auch ... - -Plötzlich begann vorn im ersten Kahn wieder die Musik. Laut, grell: -»Leichte Kavallerie!« - -Da fuhr der Fürst empor. Der kalte Schweiß stand auf seiner Stirn. - -»Umkehren!« - -»Wie?« Herr Bilz und die vier andern im Kahn fuhren gleichfalls aus -ihrem Brüten auf. - -»Lassen Sie umkehren. Zu Rüders.« - -»Zu –?« - -»Ja.« - -Herr Bilz war so verdutzt, daß er einen Augenblick nicht wußte, was er -thun sollte. Dann erhoben die andern ein Rufen: - -»Musik!! Umkehren!!« - -Die Musik brach mit einem Mißton ab, gleich darauf glitten aus dem -Dunkel die andern Boote heran, es erhob sich ein Rufen und Fragen: -»Umdrehen?! Zu Rüders!« Man mußte acht geben, daß die Kähne nicht -aneinander stießen; erst nach einer Weile ordnete sich der Zug wieder, -und nun ging es, mühsam gegen den Strom, rückwärts. - -Die Musik spielte: »Alt-Heidelberg, du Feine«, – die Lampions rückten -wieder näher, dann sah man, wie in Rüders Garten eine Bewegung -entstand, Herr Rüder selbst aufgeregt an den Landungssteg lief, und -da ... - -Käthie! - -Da stand sie! Sie hielt die Hand über die Augen, um besser in die -Dunkelheit zu schauen. Sie wartete ganz ruhig und ließ das Musikboot, -das den andern Platz machte, an sich vorübergleiten. - -Jetzt erkannte sie die bunten Mützen: - -»Die Sachsen! Kommt’s ihr endlich mal wieder?« - -[Illustration: Sie hielt ihn umklammert und preßte sich zu ihm empor.] - -Der erste, der ans Land sprang, war Karl Bilz; sie reichte ihm die Hand: - -»Ihr seid’s so schlecht. Nie mehr zu kommen.« - -Da – ihre Augen öffneten sich groß, starr, einen Schritt trat sie -zurück, als ob ein Gespenst aus der Nacht des Neckars vor ihr -auftauchte – dann ein Schrei, ein alles durchdringender Schrei: - -»Karl Heinz!!« - -Eine Totenstille ringsumher, keiner sprach ein Wort, nur der Neckar -rauschte und stieß das folgende Boot heftig gegen die Balken der Brücke. - -»Du! Du! Du!« Sie hielt ihn umklammert und preßte sich zu ihm empor, -dicht an sein Gesicht. - - * * * * * - -Es war eine seltsame Nacht, diese letzte in Heidelberg. Mit glühenden, -begeisterten Augen schauten die jungen Studenten auf Karl Heinrich -von Karlburg, der wieder Band und Mütze trug und zwischen ihnen saß, -jung wie sie. Ein Ahnen durchzog sie alle, was diese Nacht für den -bedeutete, der heute im hellen Tageslicht kalt und stumm gewesen war. - -Eine letzte Nacht. - -Die Musik spielte, Herr Rüder ging mit einem strahlenden Lächeln hin -und her, das sich auf seinem etwas vergrämten Gesicht wunderlich -ausnahm, und draußen an dem Zaun der Landstraße standen wieder wie -früher die jungen Burschen und Dirnen aus der Nachbarschaft, die lange -bei Rüders keine Musik mehr gehört hatten. - -Nun wurde alles für Herrn Rüder wieder gut. Sie würden alle -zurückkommen, die Studenten, jeden Tag, jetzt mehr als je. Er würde -eine Tafel am Hause anbringen lassen zur Erinnerung an diesen Tag -mit dem Namen seines erlauchten Gastes. Und dann – es war gar nicht -auszudenken, was alles daraus folgen mußte ... - - * * * * * - -»Liebe Käthie!« - -Karl Heinrich hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und lehnte neben -ihr im Schatten der zwei alten Linden am Ufer. Fern durch die Büsche -sah man den hell erleuchteten Garten, in dem Herr Rüder, trotzdem -seine Gäste nun schon Stunden hier waren, noch immer neue Lampions -aufhängte. - -Es war wohl nicht mehr die kleine, süße Käthie von einst – ein fremder, -trauriger, fast alter Zug war in das Gesichtchen gekommen, aber Karl -Heinrich und das Mädchen hielten sich umschlungen, wie zwei, die sich -noch einmal gefunden haben, um Abschied zu nehmen für immer. - -Sie sprachen nicht viel, sie hatten nie viel zusammen gesprochen. - -Von den zwei Jahren hatten sie einander wenig zu erzählen, auch die -Zukunft streiften sie nur mit wenigen Worten. Was war darüber groß zu -reden?! - -Daß er Hochzeit halten würde, bald schon, hatte sie in den Zeitungen -gelesen, das verstand sich ja auch ganz von selbst. - -»Und du, Käthie?« - -»I geh’ nach Oesterreich, Karl Heinz. Der Franzel schreibt alle -Vierteljahr’, i soll kommen, er will nun endlich heiraten.« - -Stumm, wortlos lehnten sie aneinander, nur bisweilen flüsterte sie im -Kuß: »Karl Heinz«, und leise gab er zur Antwort: »Käthie.« - -Ihre kleinen Erinnerungen tauschten sie aus, »Weißt du noch das ...?« -– »Denkst du noch daran, als ...?« – lauter belanglose Ereignisse, die -aber in dieser einen letzten Stunde wie ferne Wunder erschienen aus -einer Märchenwelt. - -»Weißt du noch den Tag, Karl Heinz, als du fortgingst?« - -»Ja.« - -»Und sagtest: ›Ich komme wieder!‹ Nun bist du wiedergekommen.« - -Er hielt sie auf seinem Schoß und wiegte sie leise, traumverloren. Das -einzige, was er in Heidelberg wiedergefunden hatte, das einzige aus der -Jugendzeit. - -»Käthie?« - -»Was?« - -»Wir behalten uns. Ich vergesse dich nie und du mich nicht. Wir sehen -uns nicht wieder, aber wir vergessen uns nicht. Ich vergesse dich nie, -Käthie, nie, nie, nie!« - -Die Musik drüben war längst verstummt, sie hatten nicht darauf geachtet. - -Der Garten war leer, die Studenten fort, die beiden hatten es nicht -bemerkt. Man hatte Karl Heinrich mit gutem Takt den Abschied gespart. - -Einer der Lampions nach dem andern erlosch, aber unter der Glasveranda -saß Herr Rüder neben zwei Windlichtern als treuer Wärter. Und der -Neckar rauschte. - -Stunde um Stunde verrann. Bis der erste Hahn krähte und die grauen -Morgenschatten über den Fluß glitten. - -[Illustration: Da stand Käthie an einen Baum gelehnt, die Arme schlaff -herabhängend.] - -Hand in Hand gingen sie aus dem Garten auf die einsame Landstraße. - -Noch hundert Schritte geleitete Käthie ihn über den Wegweiser hinaus, -bis dort, wo die ersten Gärten der Stadt beginnen. - -Da blieben sie stehen und umarmten sich zum letzten Male. - -»Käthie –« - -»Karl Heinz –« - -Und noch einmal wandte er sich, ehe er um die Wegbiegung ging. Da stand -Käthie an einen Baum gelehnt, die Arme schlaff herabhängend. Er konnte -ihr Gesicht nicht mehr erkennen, sie bewegte sich nicht, sie hob keine -Hand. - -Es war Sonntagmorgen. - -[Illustration] - - - - -Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart - -Von dem Verfasser der Erzählung »_Karl Heinrich_« sind ferner in unserm -Verlage erschienen: - -[Illustration: Wilhelm Meyer-Förster.] - - - =Süderssen.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=. =4. Aufl.= - Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.— - -Mit besonderer Lebendigkeit und in packenden Bildern führt uns der -Dichter in diesem Werke das Leben in Börsenkreisen und auf dem -Rennplatz vor Augen, das kaum ein anderer Schriftsteller der Gegenwart -so zu schildern versteht wie er. - - - =Derby.= Sportroman von =Wilh. Meyer-Förster=. =3. Auflage.= - Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.— - -Ein fesselnder, lebhaft anregender Roman. Psychologische Vertiefung, -glückliche Episodenzeichnung fehlen nicht u. werden dem Buche weit über -den zunächst bestimmten Interessentenkreis hinaus Freunde gewinnen. - - Adels- und Salonblatt, Berlin. - - - =Heidenstamm.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=. =6. Auflage.= - Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.— - -Eine Geschichte, ebenso einfach im Stoff wie schlicht erzählt. Mit -dieser Schlichtheit aber, der es an feinen Stimmungselementen nicht -fehlt, erreicht sie gerade die rechte Wirkung. - - Velhagen & Klasings Monatshefte, Leipzig. - - - =Die Fahrt um die Erde.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=. - Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.— - -Ein Radfahrer-Roman, der allen Stahlroßreitern aufs wärmste empfohlen -sei. Was Meyer-Förster immer auszeichnet: die straffe Komposition, die -starke, bis zum letzten Kapitel vorhaltende Spannung und der kurze, -treffende Ausdruck – findet sich auch in diesem Roman durchweg. - - -Durch alle Buchhandlungen zu beziehen. - - - - -Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart - -In unserm Verlage sind erschienen: - - -Die Saxoborussen. [Icon] - -Roman - - von =Gregor Samarow=. - -3 Bände. Geheftet M. 12.—, elegant gebunden M. 15.— - -=Der prächtige Hintergrund der Heidelberger Universität, auf welcher -das Corpswesen immer in höchster Blüte stand, verleiht diesem Buche -einen ganz besonderen Reiz.= Die Dichtung fesselt den Leser durch den -Reichtum der Scenerie, die Lebenslust und Jugendfrische der Charaktere -und die Anmut seiner Frauengestalten. - - Heidelberger Zeitung. - -=Ein flott geschriebener, durchwegs fesselnder Studentenroman=, -bei dessen Lektüre man sich in die fröhliche Zeit des Burschentums -zurückversetzt fühlt und den auch der Philister mit Behagen lesen wird. - - Tagespost, Graz. - - -Auch Einer. [Icon] [Icon] - -Eine Reisebekanntschaft - - von =Friedrich Theodor Vischer=. - -Mit Lichtdruck nach Professor Donndorfs Büste. =_9. Auflage._= - -Geheftet M. 9.—, elegant gebunden M. 11.—, in Liebhaberband M. 13.— - -Eines der eigenartigsten Bücher, die in deutscher Sprache geschrieben -sind; in seinem Durcheinander von Erzählung und Tagebuch unendlich -kunst- und formvoll. - - Leipziger Zeitung. - - -Die Sebalds. [Icon] [Icon] - -Roman aus der Gegenwart - - von =Wilhelm Jordan=. - -=_3. Auflage._= - -2 Bände. Geheftet M. 10.—, elegant gebunden M. 12.— - -=Ein wohlgegliederter, inhaltreicher Roman, der ein lebensvolles, weit -ausblickendes Bild der Gegenwart entrollt=, ohne den Rahmen einer -Familiengeschichte zu überschreiten. Zwischen der alten und neuen -Welt hin und her spielend läßt er keine der großen Fragen, welche uns -bewegen, unberührt, und weiß innerhalb eines Rahmens auch für die -Judenfrage eine glückliche Lösung zu finden. - - Tägliche Rundschau, Berlin. - - -Durch alle Buchhandlungen zu beziehen - - - - -_Geschenkbücher für Damen._ - -Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart. - - - =Aus der Töchterschule ins Leben.= Ein allseitiger Berater für - die jungen Mädchen. Herausgegeben von =Amalie Baisch=. 10., - =neu bearbeitete Auflage=. Elegant gebunden M. 6.— - -Ein Buch von seltener Reichhaltigkeit, das deutschen Mädchen im großen -wie im kleinen mit gutem Rat zur Seite steht. - - Münchner Neueste Nachrichten. - - - =Das junge Mädchen auf eigenen Füssen.= Ein Führer durch das - weibliche Berufsleben von =Amalie Baisch=. Elegant gebunden - M. 3.— - -Ein verständnisvoller Führer und Berater für alle junge Mädchen, die -sich einem weiblichen Erwerbszweig widmen sollen und vor der Wahl eines -solchen stehen. - - - =Ins eigene Heim.= Ein Buch für erwachsene Mädchen und junge - Frauen von =Amalie Baisch=. =4. Auflage.= Elegant gebunden - M. 6.— - -Ein ebenso schönes und anziehendes als praktisches litterarisches -Geschenk. - - Schweizer. Familienwochenblatt, Zürich. - - =Die elegante Hausfrau.= Mitteilungen für junge Hauswesen. Von - =Isa von der Lütt=. =5. Auflage.= Elegant gebunden M. 5.— - -Wir können das Büchlein nur warm empfehlen. Es lehrt nicht nur, wie man -sich im gesellschaftlichen Verkehr zu benehmen hat, sondern auch, wie -man seine Mittel anwenden muß, um, ohne irgendwie anzustoßen, allen -Ansprüchen, welche die Gesellschaft stellt, zu genügen. - - Von Haus zu Haus, Leipzig. - - - =Ueberleg’s!= Plaudereien von =Tony Schumacher=. - - Elegant gebunden M. 4.— - -Eine Sammlung von Plaudereien, wie wir sie von der Verfasserin schon -gewöhnt sind und lieb gewonnen haben! – Das Buch kommt von Herzen und -regt, erfrischend und erwärmend, vielerlei Gedanken an. - - - =Vom Schulmädel bis zur Grossmutter.= Plaudereien von =Tony - Schumacher=. =3. Auflage.= In Leinwand gebunden M. 4.—, in - Seide gebunden M. 5.— - -Ein Büchlein voll Schalkheit und Innigkeit, voll Ernst und Poesie. - - Der Bazar, Berlin. - - - =Spaziergänge ins Alltagsleben.= Plaudereien von =Tony - Schumacher=. =3. Auflage.= Elegant gebunden M. 4.— - -Ein Brevier modernen weiblichen Weltverstandes, nicht so neu, daß man -zu sagen vermöchte, es habe aus früherer Zeit keine litterarischen -Vorbilder, aber nützlich und lesenswert genug, um rückhaltlos -freundliche Empfehlung zu verdienen. - - Neue Freie Presse, Wien. - - -Durch alle Buchhandlungen zu beziehen - - - - -Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart - -_Illustrierte Unterhaltungs-Lektüre._ - - - =Eine grosse Dame.= Roman von =Johannes van Dewall=. 2 Bände. - =3. Auflage.= Mit 155 Illustrationen von R. Blumenau. In - prächtigem Farbendruck-Umschlag geheftet M. 3.— - -Die Handlung atmet Leben und Wahrheit, es ist die alte Geschichte von -der Liebe, die zum Verhängnis wird. Ein warmes Kolorit durchweht die -Entwickelung des ganzen Liebesdramas. - - Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen. - - - =Der Spielprofessor.= Roman von =Johannes van Dewall=. =3. - Auflage.= Mit 176 Illustrationen von G. Brandt. In - prächtigem Farbendruck-Umschlag geheftet M. 3.— - -Der Roman schildert das Treiben von Gaunern, welche zu der Zeit, als in -Baden-Baden noch das Hazardspiel blühte, unter hochklingenden Namen ihr -Wesen trieben, und ist flott und unterhaltend geschrieben. - - Deutsche Hausfrauen-Zeitung, Berlin. - - - =Der Ulan.= Roman von =Johannes van Dewall=. =3. Auflage.= - Mit 141 Illustrationen von G. Brandt. In prächtigem - Farbendruck-Umschlag geheftet M. 3.— - -Weniger in Form eines Romans, denn als sehr einfache Erzählung werden -hier die historischen Ereignisse der Pariser Belagerung und Kommune in -lebendigen Schilderungen mit einer Liebesgeschichte verflochten. Das -Buch ist frisch und zum Teil von köstlichem Humor. - - Gegenwart, Berlin. - - - =Unkraut im Weizen.= Roman von =Johannes van Dewall=. =3. - Auflage.= Mit 118 Illustrationen von R. Blumenau. In - prächtigem Farbendruck-Umschlag geheftet M. 3.— - -Zeichnet sich durch hübsche Schilderungen, feine Charakteristik der -handelnden Personen und einen weniger befriedigenden als frappierenden -Abschluß aus. - - Breslauer Zeitung. - - - =Die geheimnisvolle Sängerin.= Roman von =Karl Detlef=. =3. - Auflage.= Mit 95 Illustrationen von R. Blumenau. In - prächtigem Farbendruck-Umschlag geheftet M. 3.— - -Selten ist uns ein Buch vorgekommen, das allen, ja auch den -höchstgespannten Anforderungen, die man an eine Unterhaltungslektüre -nur stellen kann, in so reichem Maße entspräche. - - Hamburgischer Correspondent. - - - =Kadettengeschichten.= Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren - von =Johannes van Dewall=. Illustriert. =3. Auflage.= - Geheftet M. 2.— - -Reminiscenzen, in denen sich der sprudelnde Uebermut der Jugend -kennzeichnet. - - Deutsche Heereszeitung, Berlin. - - -Durch alle Buchhandlungen zu beziehen - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KARL HEINRICH *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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