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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-25 04:29:21 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Isländische Märchen und Volkssagen - -Translators: Åge Avenstrup - Elisabeth Treitel - -Release Date: December 2, 2022 [eBook #69456] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND -VOLKSSAGEN *** - - - - - -[Illustration: Cover] - - - - -[Illustration: Signet] - - - - -1. bis 3. Tausend - - - - - ISLÄNDISCHE MÄRCHEN - UND VOLKSSAGEN - - DEUTSCH VON - - ÅGE AVENSTRUP - - UND - - ELISABETH TREITEL - - 1919 - - AXEL JUNCKER VERLAG - BERLIN W. 15 - - - - -Inhalt - - - Seite - - Der Huldrekönig von Selö 7 - - Das Sätermädchen 16 - - Die Alfkönigin 24 - - Der Huldretanz in der Silvesternacht 36 - - Die Pfarrerstochter von Praestebakke 40 - - Der Ernteknecht 42 - - Thord von Throstestad 48 - - Die Kinderwiege 52 - - Der Wechselbalg von Sogn 53 - - Das Seemännchen 55 - - Der Nöck 58 - - Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer 60 - - Bischof Brynjolf 62 - - Der Troll im Felsen 64 - - Die Riesin 66 - - Gilitrutt 73 - - Der Bauer von Gnupar 77 - - Guldbraa und Skegge 79 - - Jon und die Riesin 89 - - Ketil von Silfrunarstad 100 - - Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen 108 - - Der Nachttroll 110 - - Die Geisterhaube 112 - - Der Bräutigam und das Gespenst 114 - - Der Küster von Mörkaa 121 - - Sigurd und das Gespenst 127 - - Der mutige Bursch 130 - - Die Sage von Jon Asmundsson 144 - - Die Brüder 160 - - Der Ulfssee 164 - - Der Südfahrer-Asmund 170 - - Die Zauberer auf den Westmändsinseln 177 - - Der Sending 183 - - Der Eheteufel 185 - - Der rote Stier 187 - - Das Fäßchen 190 - - Hleidrargaards Skotta 193 - - Die Schuhe aus Menschenhaut 198 - - Sagen von Saemund dem Weisen 203 - - Sagen von Kalb Arneson 221 - - Gudbjart Floke und der Bischof von Holar 228 - - Die Frau von Malmö 231 - - Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar 235 - - Der Mann von Grimsö und der Bär 252 - - Der Bär, der mit der Tonne rang 255 - - Wie die Seehunde entstanden sind 257 - - Das Seehundsfell 258 - - Der Lindwurm im Lagarfluß 260 - - Der dankbare Rabe 262 - - Asmund und Signe 264 - - Die beiden Ebereschenbäume 268 - - Der glühende Schlüssel 271 - - Wie es Jons Seele erging 272 - - - - -Der Huldrekönig auf Selö - - -Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun pflegten, zum Fischen -auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch -ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers -von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich -in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst -wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen -und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die -Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel -gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von -ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische -hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das -Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit -knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften -sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden; als er aber -kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen; da -riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am -nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am -besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu; -er aber blieb hilflos zurück. - -Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging -deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort -blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es -läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort Hungers zu sterben, -und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen -Stern; er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein -Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien -er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine -Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer -Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde: - -»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf -der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen; gehe -hinaus und hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.« - -In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm; sie führte ihn -hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann -führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen -Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt war. Da sah er viele -Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte -sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die -schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer, -setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird -nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die -Nacht verging also; aber am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und -sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm -aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte. - -So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne -Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes -erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie ihr nicht -abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten Tage eine Tanzbelustigung -abgehalten würde und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel -anzusehen, nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen dürfe; denn -sie würde ihm genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne. -Er versprach ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten Feiertag -morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen -konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges. - -Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er -bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche, und daß es -gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es -brauchte ja niemand zu sehen. - -Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er -hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen; einige tanzten, andere -führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen -königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu -jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des -Königs sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger -hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend. - -Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie wider ihre -Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen, -nicht hinauszusehen, schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe -einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe. - -Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah. - -In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am -nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen, -und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu -Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach -nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken -würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei -Zeitvertreib und ging fort. - -Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude -draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht -hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und -viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die -Neugierde zu quälen –so gar nichts von der großen Freude zu erfahren, -– und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das -vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin -und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß -niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum -Abend. Als die Jungfrau aber am Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht -und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem -trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht; denn sie war ihm genau -so gut wie vordem. - -Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend -kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am -nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte, -daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein -männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten. -Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur -hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die -Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann -die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die -danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau würde es nicht -merken, wenn er von dort aus hinauslugte. Einen Augenblick spähte er -hinaus und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer -und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig -gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das -vorige Mal; sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt -bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie gewesen, als er zu sein -pflegte; sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und -er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein. - -Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau -zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann -Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach -der Fischerhütte gehen sollte; aber um eins wollte sie ihn bitten, -wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters -erhalten hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen solle, das sie -jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den -Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn -sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht töten, und sie -bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser -Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr, und er sagte, -es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es -koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte. - -Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten gegen -ihn während des Winters, und früh am nächsten Morgen machte er sich auf -den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach -der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und -Felsen am südlichen Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte. - -An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag -etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die -Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen. -Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und -fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei; denn sie dachten -nicht anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand wagte, -ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich -aber stieg der Bootsführer doch ans Land und fragte ihn, ob er ein -lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im -Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe -Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der -andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne -Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf -Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr -wollte er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das Boot, und -sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn -lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, -wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von -ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten. - -Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen -viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht -dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche -gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich -versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet, -aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand -auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten sich hierüber und sahen -sich an; der Pfarrer aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind -getauft werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend -jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube -er von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen -habe; der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der -Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber -leugnete wieder und sagte, daß er nichts mit der Sache zu tun hätte. -Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der -Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie -anerkennen würde und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen. - -Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand in demselben Augenblick, -und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der -Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche -nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach -dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und -wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt. - -Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der -Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. -Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm -alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter -gewohnt hätte, und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das -Kind nicht anerkannt habe. - -Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit -endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö. - - - - -Das Sätermädchen - - -Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der ein Mädchen erzogen -hatte. Hoch oben zwischen den Bergen lag die Säterwirtschaft[1] des -Pfarrhofs, auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und Schafe -unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines Hirten schickte. Als seine -Pflegetochter älter geworden war, mußte sie der Haushaltung auf dem -Säter vorstehen, und sie erledigte das so gut wie jede andere Arbeit; -denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch anzusehen und flink in -vielen Dingen. In diesem Teil des Landes hatte sie nicht ihresgleichen. -Darum warben viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen -allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach einmal mit seiner -Pflegetochter über dieses Kapitel und riet ihr, sich zu verheiraten, -denn, sagte er, er wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht -immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon hören; ihr -Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, sagte sie; sie wäre sehr -zufrieden, wie es sei, und nicht jeder hole sein Glück in der Ehe. -Darüber wurde also vorläufig weiter nichts gesprochen. - -Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es den Leuten, als -beginne das Sätermädchen etwas rundlich unter dem Gürtel zu werden, -und je weiter es auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im -Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat sie jetzt, ihm -offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich mit ihr bestellt wäre; -sie erwarte sicher ein Kind, meinte er, und darum wäre es am besten, -daß sie in diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt aber, -daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und ihre Arbeit auf dem -Säter würde sie in diesem Sommer genau so tun, wie sie es früher getan -hätte. Der Pfarrer sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte -und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber die Männer, die -sie nach dem Säter begleiteten, sie nicht allein zu lassen, und das -versprachen sie ihm hoch und heilig. - -Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und froh, und es verstrich -eine Zeit, ohne daß etwas geschah. Die Leute beobachteten sie sehr -genau und ließen sie nie allein. - -Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle Schafe und Kühe vermißte, -und jeder, der seine Beine gebrauchen konnte, mußte den Säter -verlassen, nur das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam -mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel senkte sich herab, und -deshalb fanden sie das Vieh erst gegen Morgen. Als sie wieder nach -Hause kamen, war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink und leicht -auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen war, sah man dann auch, daß sie -nicht mehr so rund wie früher war; aber wie es zugegangen war, das -wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre Rundlichkeit so -gewesen war, als wenn eine Frau ein Kind erwartet. - -Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem Säter, Männer und Vieh, -und da sah der Pfarrer, daß das Mädchen eine schlankere Gestalt -hatte als sie im Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen -Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl gehandelt und das -Sätermädchen allein gelassen hätten. Sie aber erzählten ihm, wie es -gewesen wäre, daß sie es nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das -fehlende Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig und wünschte -ihnen die schwere Not, weil sie gegen seinen Befehl gehandelt hätten; -im übrigen hätte er das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach -dem Säter zog. - -Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die Pflegetochter des Pfarrers -freien wollte; sie aber wollte nichts von seinem Freien wissen; der -Pfarrer jedoch sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn -alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus gutem Geschlecht. -Er hätte im letzten Frühjahr den Hof seines Vaters übernommen, und -seine Mutter hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also -keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens oder ohne ihn. -Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der -Braut ihr Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam: -»Da du mich gegen meinen Willen heiratest, nehme ich dir jetzt das -Versprechen ab, daß du niemals einen Wintergast beherbergst, ohne mich -vorher davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es dir übel!« -Das versprach ihr der Mann. - -Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog mit ihrem Gebieter -nach Hause und übernahm den Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn -sie war niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich sie -der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß sie die Hand in kaltes -Wasser steckte. Jeden Sommer saß sie zu Hause, während die andern -mit dem Heu auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb ihre -Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und ihr beim Essenbereiten -behilflich zu sein. Manchmal saßen sie und strickten und spannen, und -die Alte erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu unterhalten. - -Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte die Alte zu ihrer -Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas erzählen müsse. Die andere aber -erwiderte, daß sie keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie -drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die sie kenne, zu -erzählen, und sie begann folgendermaßen: - -»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. Unweit des Säters lagen -große Felsen, an denen sie oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner, -junger Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand Liebe -zwischen den beiden. Er war so gut und lieb zu den Mädchen, daß er -ihr nie etwas abschlug und sich ihrem Willen stets in allem fügte. -Das Ende vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit vergangen -war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten Sommer nach dem Säter -sollte, drang ihr Brotherr in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten -Umständen wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf nach dem Säter, -wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr bat aber diejenigen, die mit auf -dem Säter waren, sie nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm. -Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu suchen, und da fühlte -sie Geburtswehen. Da kam ihr Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr -bei der Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. Ehe er aber -mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus einem Glas trinken, und das -war der süßeste Trank, den ich je ...« hier fiel ihr das Knäuel, mit -dem sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und verbesserte -sich – »den sie je gekostet hatte, wollte ich sagen, und da wurde sie -gesund und frei von allen Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann -und das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde sie mit einem -anderen Manne verheiratet; ihr Sinn aber stand immer nach ihrem ersten -Liebsten, und von dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und -jetzt ist die Erzählung aus.« - -Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung und bewahrte sie im -Gedächtnis. So verging wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die -Frau ging wie immer umher und trug ihren Kummer, immer jedoch war sie -gut und liebevoll gegen ihren Gebieter. - -Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte war, kamen zwei -Männer, ein größerer und ein kleinerer, zu dem Bauern auf das Feld. -Sie hatten beide breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen nur -undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere nahm das Wort und -bat den Bauern um Obdach für den Winter. Der Bauer antwortete, daß er -niemand aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und sagte, daß er -erst mit ihr über diese Angelegenheit sprechen wollte. Der Mann bat -ihn, doch nicht so ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter -Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, daß er in solchen -Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen einen Winter lang in Kost zu -nehmen, nicht selbst bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer -ihnen Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst darum befragt -hatte. - -Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach Hause; er ließ sie in eine -Kammer eintreten und bat sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner -Frau und erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde darüber -sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste Bitte gewesen wäre und -wahrscheinlich auch die letzte sein würde. Da er die Fremden nun aber -allein aufgenommen hätte, müßte es auch seine Sache sein, was aus ihrem -Aufenthalt im Winter folgte; und dann wurde nicht mehr über die Sache -gesprochen. - -Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum Abendmahl gehen -wollten. Es war damals Sitte, wie es heute noch in verschiedenen -Gegenden auf Island der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des -Herrn wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen und sie -um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber bitten. Die Hausfrau -war den Wintergästen bis zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie -vor ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht zu ihnen, um -Abschied zu nehmen. - -Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb der Einzäunung des -Heimackers waren, fragte der Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren -Wintergästen auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« Er bat sie, -doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, ohne sich vorher von -ihnen verabschiedet zu haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß -du mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer empfangen -hast, ohne mich danach zu fragen, und nun darin, daß du mich zwingen -willst, sie zu küssen. Jedoch will ich dir gehorchen, aber du mußt -selbst die Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben und aller -Wahrscheinlichkeit nach auch deins.« - -Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so lange dauerte, bis -sie wiederkam, kehrte der Bauer auch um und ging dorthin, wo er seine -Wintergäste zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer. - -Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau umschlungen hatte und -mit ihr auf dem Boden lag; und beider Herzen waren vor Gram gebrochen. -Der andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der Bauer eintrat; -gleich darauf verschwand er, ohne daß jemand wußte, wohin er gegangen -war. - -Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer Schwiegermutter -erzählt hatte, daß der größere Fremde der Huldremann gewesen war, -den sie auf dem Säter kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der -verschwunden war, ihr Sohn gewesen war. - - -Fußnoten: - - [1] Säter = Alm. - - - - -Die Alfkönigin - - -Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen den Bergen, nirgends aber -wird erwähnt, wie er oder der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet, -hatte aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren Geschlecht -man nichts wußte. Sie stand dem inneren Hausstand vor und war flink -in allen Dingen. Sie war beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem -Bauern auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis zwischen -ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt. Sie war aber auch -eine gesetzte Frau, ziemlich in sich gekehrt, doch freundlich im -Verkehr. - -Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr gut, mit Ausnahme des -Umstandes, daß es ihm schwer fiel, einen Hirten zu finden; er war aber -ein reicher Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein, -wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon, daß der Bauer streng -gegen seine Hirten war, noch davon, daß die Hausmeisterin es an dem -fehlen ließ, was zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht -einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten nie alt im -Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag stets tot in ihrem Bett -aufgefunden wurden. - -In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am Heiligabend -Gottesdienst abzuhalten, und es wurde für ebenso feierlich gehalten, -dann zur Kirche zu fahren, wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf -Gebirgshöfen, die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für -diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher bereit machen -konnten, das Haus zu verlassen, bis der Stern zwischen Morgen und -Mittag stand, keine Kleinigkeit, zum Gottesdienst zu kommen, und es -war üblich, daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach Hause -kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu hüten, wie es Sitte war, daß -es einer oder der andere in der Weihnachts- und Silvesternacht tat, -während die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn seit -Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie sich stets von selbst dazu -erboten, während sie gleichzeitig besorgte, was zum Fest in Ordnung -gebracht werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu gehört, und -sie wachte immer bis spät in die Nacht, so daß die Kirchgänger zuweilen -zurückgekommen, zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu -Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß die Hirten des -Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht gestorben waren, fing man -an, in den Ortschaften darüber zu sprechen, und es fiel deshalb dem -Bauern sehr schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je mehr -starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn, noch auf sein Gesinde -fiel der Verdacht, daß sie den Tod der Hirten verschuldet hätten, da -sie alle gestorben waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war. -Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über sein Gewissen -bringen könnte, Hirten zu dingen, die den sicheren Tod zu erwarten -hätten, und daß nun das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit -seinem Viehstand und Wohlstand würde. - -Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und fest entschlossen -war, niemand zu diesem Zweck zu dingen, kam einmal ein flinker und -kräftiger Mann und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So nötig -habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen muß.« Der Fremde -fragte: »Hast du einen Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der -Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen hätte, für -die Folge niemand zu dingen, »und du hast wohl gehört, wie unglücklich -es bisher meinen Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte -der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht einjagen.« Da -gab der Bauer nach, weil der andere ihn so eindringlich bat, und nahm -ihn als Schafhirten in seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der -Bauer und der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser war bei -allen gern gesehen, denn er war ein Mann von gutem Betragen, keck und -ausdauernd in all seinem Vorhaben. - -Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es wie immer: der -Bauer zog am Heiligabend mit seinen Leuten zur Kirche, nur seine -Hausmeisterin blieb im Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der -Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück. Es ging auf -Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach Hause kam; er aß seine Grütze -und ging dann zur Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer -für ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas passierte, -obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb blieb er wach liegen. Als -der größte Teil der Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger -kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und gingen dann zu Bett. Noch -merkte er nichts, als er aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären, -fühlte er, daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht weiter -merkwürdig war, so müde, wie er nach des Tages Mühe war. - -Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn ihn jetzt der Schlaf -übermannte, und er bot darum all seine Willenskraft auf, um sich wach -zu erhalten. Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an sein -Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es die Hausmeisterin -Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe. Er stellte sich, als schliefe -er ganz fest und merkte, daß sie ihm etwas in den Mund steckte. Das -war, wie er fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich ruhig -aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt hatte, befestigte sie die -Zügel, wie es ihr am bequemsten war, setzte sich auf seinen Rücken und -ritt in sausender Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben -oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von ihm herab, auf -einen Stein, und ließ die Zügel hängen, worauf sie vor seinen Augen -in der Spalte verschwand. Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig -aufklärend, wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne daß er -wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber, daß er mit angelegtem -Zaum nicht weit käme, so viel Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb -den Ausweg, daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er sich -das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ er es liegen. Dann warf -er sich in die Spalte, in die sie vor ihm gesprungen war. - -Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen -war, als er Hildur wieder erblickte; sie war auf einigen schönen Wiesen -angelangt, über welche sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all -diesem konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht richtig -zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter ihrem Pelz verbarg, als -man ihr ansehen konnte, wenn sie oben auf der Erde unter den Menschen -weilte. Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken würde, -wenn er auf der Wiese hinter ihr herging. Er nahm deshalb einen Stein, -der ihn unsichtbar machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der -linken Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr er -konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war, sah er eine große -und prächtige Halle, und Hildur folgte dem Weg, der zu ihr hinführte. -Er sah eine große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen; -zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der am prächtigsten von allen -gekleidet war, und es schien dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau, -als Hildur kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die im -Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich als ihre Königin. -Mit dem Häuptling zogen Hildur zwei halberwachsene Kinder entgegen, -und mit heller Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge -der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten alle sie und -den König nach der Halle, und dort bereitete man ihr einen ehrenvollen -Empfang, kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr goldene -Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge nach der Halle, hielt sich -aber die ganze Zeit dort auf, wo am wenigsten Leute waren, wenn auch -derart, daß er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah er -so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut hatte. Tische -wurden hervorgeholt und gedeckt, und er wunderte sich über all die -Herrlichkeit. Nach einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in -das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die Rede gewesen ist. -Jedem wurde sein Platz angewiesen; Königin Hildur nahm den Ehrensitz -neben dem König ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten -Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann wurden die Tische -wieder abgedeckt, worauf die Männer und die Jungfrauen, so viele dazu -Lust hatten, zum Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten, -die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und die Königin aber saßen da -und sprachen miteinander, und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit -Freude wie mit Kummer vermischt zu sein. - -Während des Gespräches des Königs mit der Königin kamen drei Kinder, -die jünger waren als die vorhererwähnten, zu ihnen herein und äußerten -ebenfalls ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen. Königin -Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm das jüngste Kind auf den -Schoß und streichelte es, es war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die -Königin ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom Finger -und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das Kind still und spielte eine -Weile mit dem Gold, verlor den Ring aber schließlich auf dem Boden. -Der Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte den Ring, als -er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und verbarg ihn gut, ohne das es -jemand merkte; es schien aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends -zu finden war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum größten Teil -verflossen war, begann Königin Hildur, sich zum Fortgang zu rüsten, -aber alle, die in der Halle waren, baten sie, noch länger zu verweilen, -und waren sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte. - -Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in der Halle ein uraltes -Weib saß, das entsetzlich anzusehen war; sie war die einzige von allen, -die sich weder über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte, noch -sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als der König die -Wanderlust Hildurs sah, und daß sie sich nicht zum Bleiben überreden -ließ, weder durch seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib -und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter, und erhöre meine -Bitten, so daß meine Königin mir nicht mehr fern zu sein braucht und -meine Freude über unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie -sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller Zorn: »All meine -Flüche sollen bestehen bleiben, und nichts soll mich erweichen, sie zu -widerrufen.« Der König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner -Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte sie und bat sie noch -einmal mit sanften Worten, doch nicht fortzuziehen. Die Königin sagte, -daß die Flüche seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie -äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür da, daß sie sich -häufiger sehen könnten, des Schicksals wegen, das über sie verhängt -wäre, und daß die Tötungen, die ihretwegen geschehen wären, und deren -es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen bleiben könnten, -und daß sie deshalb die wohlverdiente Strafe für ihre Taten erleiden -müßte, obgleich sie sie ungern verübt hätte. - -Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich der Hirt aus der -Halle, als er sah, wie die Dinge standen; er ging geradeswegs über die -Wiese nach der Spalte und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte -er den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete, bis Hildur -kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam Königin Hildur allein und -mit trauriger Miene; sie setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach -Hause. Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder in sein -Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett und begann zu schlafen. -Obgleich der Hirt die ganze Zeit über hellwach gewesen war, stellte er -sich doch schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie aber -zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr daraus, vorsichtig zu -sein; er verfiel in tiefen Schlaf und schlief, wie zu erwarten war, bis -weit in den Tag hinein. - -Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf dem Hof zuerst aus -dem Bett; denn es lag ihm am Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er -erwartete aber statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in seinem -Bett zu finden, so wie es früher geschehen war. Während der Bauer sich -anzog, erwachten die übrigen Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls -an, der Bauer aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit der -Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und war froh darüber und pries -Gott in hohen Tönen ob dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und -munter und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer, ob etwas -Neues während der Nacht passiert sei. Der Schafhirt erwiderte: »Nein, -aber einen sehr merkwürdigen Traum habe ich gehabt.« - -»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der Bauer. Da begann der Hirt -seinen Bericht von dem Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß -Hildur an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte, und dann gab -er jedes Wort und jedes Ereignis so genau wieder, wie er sich daran -erinnern konnte. Als er mit seiner Erzählung fertig war, saßen alle -schweigend da, außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast, ist -gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen beweisen kannst, daß es -so zugegangen ist, wie du erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht -in Verlegenheit bringen, sondern holte den Ring hervor, den er nachts -vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte, und sagte: »Wenn ich es auch -nicht für meine Pflicht halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen, -so trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren Beleg dafür -habe, daß ich in dieser Nacht bei den Huldren gewesen bin; oder ist das -nicht dein Fingerring, Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist es, -und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der Sklaverei befreit hast, -die mir meine Schwiegermutter auferlegt hat; nur ungern habe ich alle -die Missetaten begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur fing -dann ihre Geschichte also an: - -»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht, aber der, der -jetzt König über das Alfheim ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und, -obgleich es sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er mich zur -Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so zornig, daß sie ihrem Sohn -versprach, daß er nur kurze Freude an mir haben solle, jedoch würde -es uns gestattet sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte sie -auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden sollte, und damit war -das Unglück verbunden, daß ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines -Menschen verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während er schlief, -ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg reiten sollte, den ich diese -Nacht auf dem Hirten geritten bin, um den König zu besuchen; und dies -sollte solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und deswegen -getötet würde, wenn ich nicht einen so kecken und mutigen Mann fände, -daß er mir nach Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte, daß -er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte, womit die Leute sich dort -beschäftigten. Nun ist klar, daß sämtliche früheren Hirten des Bauern -um meinetwillen den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen bin, und -ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird, was gegen meinen freien -Willen geschehen ist; denn niemand hat den unterirdischen Weg gefunden -und ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen, vor -diesem mutigen Mann, der mich nun aus meiner Sklaverei und von meinem -Fluch erlöst hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch nicht -gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben, habt Dank -für die Güte, die ihr mir erwiesen habt, aber die Sehnsucht zieht mich -nach meinem Heim.« - -Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand Königin Hildur, und später -sah man sie nie wieder unter den Menschen. - -Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich verheiratete und -im nächsten Frühjahr einen Hausstand gründete. Das konnte er auch, -denn erstens zeigte sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus -seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht ohne Vermögen. Er -wurde seiner Gegend von sehr großem Nutzen, und stets wandte man sich -an ihn um Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich, daß -die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es zuging, und glaubten, -bei ihm hätte jedes Tier zwei Köpfe. - -Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen ganzen Wohlstand zu -danken habe. - - - - -Der Huldretanz in der Silvesternacht - - -Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe. Der eine behauptete, -daß es existiere, der andere aber bestritt es entschieden. So ging es -eine Zeitlang, bis derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete, -aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht eher wiederkommen, -bis er Gewißheit bekommen hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da -wanderte er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel und Täler, -wurde aber doch nicht klüger. - -Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet, bis er eines -Silvesterabends nach einem Hof kam, auf dem die Leute sehr traurig -waren. Der Reisende war redselig und fragte, was ihre Freude so trübe. -Die Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben wolle, -um den Hof zu hüten, während die übrigen zum Gottesdienst ritten; -denn in jeder Neujahrsnacht wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes -verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben; jeder, der es -täte, erwarte ja seinen Tod. Der Fremde bat die Leute, sich vor solchem -abergläubischen Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof zu -hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen, aber sie waren doch in -Furcht und Ängsten, wie es ablaufen würde. - -Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten waren, begann -er, ein Brett aus der Wandbekleidung über dem ersten Bett in der -Badstube[2] zu lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung hinein, -schob dann das Brett wieder vor, ließ aber doch eine kleine Ritze -stehen, damit er die ganze Badstube überblicken könnte. - -Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden. - -Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte, vernahm er Geräusch -von Menschenstimmen und Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte -er eine Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah, daß der Hund -gepackt und zu Boden geschleudert wurde, so daß jeder Knochen in ihm -zerbrach; dann hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander davon -sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen röche; einige meinten -aber, daß das nicht so verwunderlich sei, da die Leute eben erst zum -Gottesdienst gegangen wären. - -Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah der Mann, der auf der -Lauer saß, daß sie einen Tisch in die Badstube stellten und eine -golddurchwirkte Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und -daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte; Schüsseln und -Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles war aus Silber. Dann setzten -sie sich zu Tisch, und alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen -einen Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte, wann der -Tag anbräche, und der war entweder draußen oder drinnen. Der Mann -beobachtete, daß der Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde, -wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß es noch lange Zeit -sei bis zum Tag. - -Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand etwas loszulösen, -damit er schnell hinauskommen könnte, wenn es notwendig sein sollte. -Als die Fremden aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine Frau -vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten, der ihm ein Priester -zu sein schien, ihnen entgegenkommen. Dann begann ein Gesang, und -die üblichen Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging zu, -wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung beendet war, -wurde getanzt, und die Freude dauerte eine Weile. Als sie eine -Zeitlang getanzt hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein und -wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht übrig wäre, und er -antwortete, daß noch der sechste Teil übrig sei. Da rief der Lauernde, -der sich aus der Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter -stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag mitten am Himmel!« -Hierüber war das tanzende Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich -seinen Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann, der den -Hof bewachen sollte, wieder zwischen die Wand und deren Bekleidung. -Als das Huldrevolk den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell -sie konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg, und ließen all -ihre Sachen zurück. Als der Mann das sah, verfolgte er sie in einiger -Entfernung, und das letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in -einen See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er wieder nach -Hause zurück und sammelte alles, die Speisenreste und das kostbare -Geschirr. - -Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der Kirche nach Hause; sie -waren erfreut, den Mann, der den Hof gehütet hatte, zu sehen, und -fragten ihn, ob er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel -gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da wurde es den Leuten -klar, daß sich die früheren Hüter gezeigt haben müßten, und daß das -ihr Verderb geworden war, genau so, wie es der des Hundes wurde, der -gesehen worden war. - -Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den Hof gehütet hatte, mit -vielen und schönen Worten für seinen Mut und schenkten ihm alles, was -das Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen konnte. Dann -wanderte er nach Hause und traf dort seinen Bruder an. Er erzählte -ihm nun alles und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten, -daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er nach seinen Eltern den -Hof, heiratete und hatte Glück in allen Unternehmungen seines Lebens. -Er wurde für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten, war -strebsam und wußte guten Rat in schwierigen Fällen. Von dem Hof aber, -den er in jener Nacht gehütet hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr -ein Mensch in einer Silvesternacht verschwand. - - -Fußnoten: - - [2] Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube. - - - - -Die Pfarrerstochter von Praestebakke - - -Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal ein Pfarrer, der -Einar hieß; er war ein reicher Mann und hatte viele Kinder. Er hegte -großen Abscheu vor Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt -hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und dann rühmte er sich, -daß er wohl nicht zu finden gewesen wäre. - -Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an sein Bett träte und -sagte: »Von nun an sollst du nicht mehr leugnen können, daß es Huldren -gibt; denn jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst sie nie -wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug gereizt.« - -Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des Pfarrers, die damals -zwölf Jahre alt war, verschwunden. Man suchte sie überall, aber sie war -nirgends zu finden. - -Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der Wiese spielten, kam -sie zu ihnen und spielte mit ihnen. Gern hätten sie sie mit nach -Hause genommen, da aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren -Geschwistern noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre, gut zu ihr -seien, und daß sie es nicht besser haben könnte. - -Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie dasselbe, was -sie ihren Geschwistern gesagt hatte, und außerdem, daß ihr der -Pfarrerssohn des Huldrevolks zum Bräutigam bestimmt sei. - -So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum zu ihrem Vater kam -und ihm sagte, daß sie ihn nun am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu -sehen wünschte; denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden. - -Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr. - - - - -Der Ernteknecht - - -Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden nach dem Nordland, -um Erntearbeit zu verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen -war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er verlor den Weg. Es kam -Schneetreiben und Kälte. Der Mann machte daher Halt und schlug sich ein -Zelt auf. Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu essen begann, -kam ein sehr verwahrloster und verhungerter, roter Hund in das Zelt -hinein. Der Südländer wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu ihm -kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu sehen. Der Hund war so -häßlich und sonderbar, daß ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab -er ihm so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß gierig, lief -dann fort und verschwand draußen im Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht -weiter um ihn, und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich -schlafen, den Sattel unter dem Kopf. - -Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu ihm in das Zelt träte. -Sie war hochgewachsen und ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, -junger Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, wie du es -verdient hast, steht nicht in meiner Macht; jedoch will ich, daß du -diese alte Sense annimmst, die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich -hoffe, daß sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets gleich gut -schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst du sie im Feuer glühen; -denn dann taugt sie nichts mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, -so darfst du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand die -Frau. - -Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und sah, daß sich der Nebel -gelichtet hatte, und daß es heller Tag war. Die Sonne stand hoch am -Himmel. Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde zu -sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf band er das Zelt -zusammen und packte es auf die Pferde; als er aber seinen Sattel von -der Erde aufhob, fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit -Rostflecken. Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg die Sense, -zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand er bald, und nun ging -es, so schnell er nur konnte, den bewohnten Gegenden zu. Als er aber -nach dem Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; denn alle -hatten die Ernteleute, die sie brauchten, schon gedungen, und es war -bereits eine Woche von der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in -der Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht angenommen -hätte. Sie war reich an Gut, und man glaubte, sie könne mehr als Brot -essen. Sie pflegte keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das -Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn Tage nach den anderen; -und doch wurde sie meist ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie -die übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen Knecht in Dienst -genommen hatte, behielt sie ihn nicht länger als eine Woche und gab -ihm keinen Lohn. Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm gesagt -hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit finden konnte, ging er -dorthin und bot sich an, ihr das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und -sagte, daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. »Aber Lohn -gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, wenn du so viel Heu in einer -Woche mähst, daß ich am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, -zusammenharken kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung zu sein, und -er begann also zu mähen. - -Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, und sie schnitt -gut, fand er. Nie brauchte er sie zu schärfen, und so mähte er -ununterbrochen fünf Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die -Frau war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die Schmiede; dort -sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte und Harken und einen großen -Haufen Sensen. Er wunderte sich darüber und fand, die Frau hätte nicht -gerade Mangel an Erntegerät. - -Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. Nachts träumte ihm, daß -die Huldrefrau, die ihm die Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und -sagte: »Viel Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird nicht -viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, und dann jagt sie dich -fort, wenn sie dich morgen überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn -du glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht, und -nimm so viele Sensenschäfte wie du für gut hältst, befestige Sensen -daran und trage sie aufs Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« -Nachdem die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der Ernteknecht -aber erwachte, stand auf und begann zu mähen. Morgens kam seine Herrin -hinaus und trug fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast -du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf legte sie die -Harken hier und dort auf die Wiese und begann zu harken, und da sah -der Ernteknecht, daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen -Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen Menschen bei ihnen -sah. Als die Mittagszeit näher rückte und er sah, daß das gemähte -Heu nicht ausreichen würde, ging er in die Schmiede und holte einige -Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. Dann ging er wieder hinaus -und verteilte diese Sensen auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an -zu mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. Das ging nun den -ganzen Tag so, bis zum Abend, und das gemähte Heu reichte aus. Abends -aber ging die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. Den Ernteknecht -bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände mehr, als sie gedacht -hätte, und davon würde er Gutes haben, und solange er selbst wolle, -könne er nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, und -sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten viel Heu, ließen sich -aber doch gute Zeit. Nach der Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, -und damit zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer und allen -folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm er Dienst bei ihr. Dann -übernahm er selbst einen Hof auf dem Südlande und wurde immer für einen -tüchtigen Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und geschickt zu -allem, was er in Angriff nahm; immer mähte er sein Heu allein und nahm -dazu nie eine andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt -hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell mit seinem Heimacker fertig -wie andere Leute. - -Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen hinausruderte; da kam -sein Nachbar zu seiner Frau und bat sie um eine Sense; denn er hätte -seine Sense zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen -sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften ihres Mannes zu -suchen und fand die gute, alte Sense, aber keine andere. Sie lieh dem -Bauern die Sense, warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn -das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und ging nach Hause. -Er befestigte die Sense an dem Schaft, begann zu mähen, konnte aber -keinen einzigen Strohhalm mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig -und begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da ging er in -die Schmiede, um die Sense zu hämmern, und er dachte, es wäre keine -Gefahr dabei, wenn er die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie -aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs und wurde zu lauter -Eisenschlacke. Er ging zu der Frau und erzählte ihr, wie die Dinge -lägen; sie fürchtete sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr -sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das war denn auch der -Fall; jedoch hörte man nicht, daß er sich lange darüber ärgerte, nur -gab er seiner Frau einen Backenstreich, und das war das erste- und das -letztemal, daß sie einen bekam. - - - - -Thord von Throstestad - - -Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad am Höfdestrand im -Skagefjord. Er hatte, wie es den Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. -Es geschah eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben von zu -Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er glaubte, es sei kein Wetter, -um einen Weg zu finden. Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem -ging er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist es nicht weit -bis nach Hofsos. Als er ein kleines Stück gegangen war, verlor er den -Weg, setzte seine Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte er, -ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß er darüber staunte; er -ging hin und fand die Fenster erleuchtet. Er ging an ein Fenster und -sah Menschen drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. Dann -näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich kam ein Mann im Rock -an die Tür und fragte, was er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß -er den Weg verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach haben -würde, wenn es sich machen ließe. Der andere erwiderte, daß er das wohl -erhalten könnte. »Folge mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen -werde ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger gefallen, -hier zu handeln als in Hofsos.« Thord traute seinen Augen kaum; ihm -war das alles wie ein Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube -hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren viele Leute, -die Frau des Hauses, die Kinder und das Gesinde, und alle waren sehr -geputzt und sangen und waren fröhlich. - -Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte leise zu seiner Frau, -aber doch so laut, daß der Mann es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist -gekommen, er ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm einen -Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der Ärmste; sie erhob sich -schnell und holte gutes und reichliches Essen für ihn. Der Herr des -Hauses aber kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen Becher -darauf selber und bat Thord, den anderen zu leeren. Das tat er, und er -glaubte, nie in seinem Leben so guten Wein getrunken zu haben. Es war -sehr lustig, und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein Abenteuer -etwas merkwürdig fand. Er bekam einen Becher nach dem andern und -begann, trunken zu werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht und -schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten Morgen bekam er wieder -Nahrung und Wein, die noch besser als am Abend zuvor waren. - -Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus und fragte ihn, ob er -handeln wolle, worauf Thord »Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den -Kramladen, in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren wiegen, -und der Kaufmann gab ihm einhalb mal mehr dafür als gewöhnlich in -Hofsos gegeben wurde. Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand -und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. Alles bekam er für -die Hälfte des üblichen Preises, und als er fertig war, gab ihm der -Kaufmann ein großes Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder -und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden sollte, daß er einmal -seinen Sohn aus Lebensgefahr gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß -es sich so verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der Fall -sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern unterhalb Thordshöfde; ihr -wolltet nach Drangö hinüber und lagt und wartetet auf guten Wind. -Deine Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten nach -einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter an jenem Tag, und mein -Sohn hatte sich deshalb unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war -müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest ihnen, Steine zu -werfen, und sagtest, daß solche Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten -sie dann auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen und sagten, -daß du immer ein wunderlicher Mann gewesen wärst. Und hättest du sie -nicht daran gehindert, so würden sie meinen Sohn getötet haben.« - -Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach Hause zu ziehen; denn -jetzt war helles Wetter. Er sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber -brachte ihn auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung und -kehrte dann wieder nach Hause zurück. - -Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber wieder den -Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte er weiter nichts als -Thordshöfde, das unweit vor ihm lag; er wunderte sich sehr darüber, -ging nach Hause, traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte -ihr die Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber und -dankte ihrem Mann für das Geschenk. Thords Waren kamen weit herum, um -gesehen zu werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande gesehen, und -vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu finden, auch wenn man an vielen -Orten suchen würde. - -Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute jemals wieder. Aber an -den Waren hatte er etwas zu zeigen, solange er lebte. - - - - -Die Kinderwiege - - -Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von ihrer Mutter, -die hellseherisch war, daß sie einmal als Kind auf der Wiese gewesen -wäre und von da aus zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen, -die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das etwas trug. Als sie -sich näherten, sah sie, daß es eine Wiege war, über die etwas Rotes -gebreitet lag. Dann nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch, -bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem Zwerg wurde. Dann -begannen sie, ihn zu kneten, bis er nicht größer als ein Wickelkind -war. Darauf legten sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch -darüber, trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem dem Hof zu. - -Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie alles gesehen hatte, -diese aber machte eine hastige Wendung, lief nach Hause und kam vor den -Huldreweibern an eine Kinderwiege, die sie draußen auf dem Hof hatte -stehen lassen. Als die Huldreweiber das sahen, nahmen sie ihr das Kind -sofort wieder aus der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor -sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im Handumdrehen immer -größer, bis er war, wie er ursprünglich gewesen war; dann folgte er -ihnen auf den Berg, und dort verschwanden sie alle drei. - - - - -Der Wechselbalg von Sogn - - -Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt; der eine -Halbhofbauer hatte einen Sohn, von dem man glaubte, daß er nicht recht -gescheit sei; denn er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich -sonst etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und aß, wie es den -Leuten schien, für zwei. Am ehesten glaubte man von diesem Jungen, daß -er ein Wechselbalg sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis man -dessen ganz sicher war. - -Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah es einmal im -Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus der Badstube gegangen waren, -um ihren Beschäftigungen nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie -er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die Frau des andern -Halbhofbauern im Wochenbett, und neben ihr lag das Kind. Als die -Leute hinausgegangen waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein -so heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann -und ins Zittern geriet, als sie sein unheimliches Benehmen sah. Darauf -hörte sie, wie er anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu -strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete und sich so -hoch reckte, daß er bis an die Decke der Badstube reichte. Die hatte -aber an der einen Seite eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk -waren kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von neuem, und -er lehnte den Kopf oben gegen einen Querbalken, so daß er ihn mitten -im Schlund hatte, wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil -seines Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem Balken lag; er -war auch sonst so furchtbar häßlich und abscheulich anzusehen, daß -die Frau einen Todesschreck bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst -über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm in der Badstube -wußte; und noch lange nach diesem unheimlichen Gesicht war sie sehr -furchtsam. Kaum aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er -wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins Bett kroch und sich -zurechtlegte, ehe die Leute wieder hereinkamen. - -Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel, daß der Junge ein -Wechselbalg war. - - - - -Das Seemännchen - - -Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das Seemännchen.« Der -Ursprung dazu, so wird erzählt, ist der, daß ein Bauer einmal einen -Seezwerg fing, der sich Seemännchen nannte, und einen großen Kopf und -lange Hände hatte, von den Lenden abwärts aber glich er einem Seehund. -Nichts wollte er dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser -wider seinen Willen mit ans Land. - -Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an die See hinunter und -empfing ihn mit Jubel, küßte und streichelte ihn. Darüber freute er -sich sehr, und er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als -er auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte. Das sah das -Seemännchen, und da lachte es. Der Bauer fragte, worüber es lache. -»Über deine Dummheit,« erwiderte es. - -Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte er über einen -Erdhöcker und fiel. Er verfluchte den Erdhöcker hundertmal, weil er -erschaffen worden war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen -hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich nur ungern tragen ließ, und -sagte: »Der Bauer ist ein Tropf!« - -Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei sich. Ein paar -Handelsburschen kamen zu ihm, um ihre Waren zu verkaufen. Noch nie -hatte der Bauer so dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen -können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen aber glaubten, -daß sie die besten hätten. Der Bauer konnte zwischen Hunderten von -Stiefelpaaren wählen, fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten -zu können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher irrt sich, -auch wenn er sich für klug hält.« - -Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen mehr Weisheit von -sich geben, als schon erzählt worden ist; unter der Bedingung aber, -daß es wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde, wo es -aufgefischt worden war, sagte es, wollte es sich auf das Ruderblatt des -Bauern setzen und alle seine Fragen beantworten, sonst aber würde es -stumm bleiben. - -Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer, wie das Seemännchen -wollte, und als es nun auf dem Ruderblatt saß, fragte es der Bauer, -was die Fischer zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen -erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem Eisen müssen Angelhaken -geschmiedet werden, und die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen -von Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß im Schaum eines -Rosses gehärtet werden, und zur Angelschnur muß graues Stierfell und -eine Leine aus rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß das Herz -eines Vogels und Flunderfleisch dienen, mitten auf den Haken aber -muß Menschenfleisch gesteckt werden. Wenn du nicht so Fische fangen -kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der Angelhaken des -Fischers muß nach außen gebogen sein.« - -Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er damals gelacht hätte, -als er seine Frau lobte, den Hund aber schlug. Das Seemännchen -erwiderte: »Über deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich -mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht dir den Tod und -ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker, dem du fluchtest, war -dein Geldhügel, und viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor, -Bauer, und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen Schuhe -würden dein Leben lang gehalten haben, denn du hast nicht mehr viele -Tage zurückzulegen, und eigentlich könnten sie dir für die drei Tage -genügen.« - -Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab, und so trennten sie -sich. Und es geschah ganz so, wie das Seemännchen gesagt hatte. - - - - -Der Nöck - - -Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung der Kirche auf -Bard in Fljot ausbessern. Eines Morgens früh waren alle zur Stelle, -außer einem alten Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich -galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und die andern -fanden, er ließe reichlich lange auf sich warten. Um Mittag herum -sahen sie ihn jedoch endlich kommen, ein graues Pferd hinter sich am -Zügel führend. Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten von den -früher Gekommenen empfangen, weil er so spät zur Arbeit kam, die ihm -genau so gut wie den andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und -fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte, daß er mit -denjenigen im Trupp gehen mußte, die die Torfstücke und Lehmklumpen -heranzuschleppen hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden -sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden. - -Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen die anderen Pferde, -biß und schlug sie und riß sich von ihnen los, und das Ende vom Liede -war, daß keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte. Die -Leute, denen es gehörte, hielten das für einen großen Schaden, und sie -wurden darüber einig, ihm um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das -half wenig. Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit, mit -der es seine früheren Bürden getragen hatte, und es hörte mit seinen -Unarten nicht eher auf, bis es alle übrigen Pferde verjagt hatte und -allein zurückblieb. - -Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso große Bürde auf den -Rücken, wie man vorher sämtlichen Pferden zusammen zu tragen gegeben -hatte, und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich nun ganz ruhig -verhielt. Auf diese Weise brachte er alles, was zur Ausbesserung der -Umzäunung gebraucht wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig -war, nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit auf die Lenden, -indem er es losließ. Das gefiel dem Grauchen aber nicht besonders; es -schlug hinten aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück der -Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt worden war; dadurch fiel -ein großes Stück der Einfriedigung heraus, und wie oft man auch später -das Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb hernach an -dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche angebracht wurde. - -Das letzte aber, was man von dem Treiben des Pferdes sah, war, daß es -einen Sprung machte, sobald es sich frei fühlte, und es hörte nicht -auf, bis es in den Holtesee untergetaucht war. - -Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war. - - - - -Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer - - -Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem Winterfischfang und -hatte in dieser Zeit mit mehreren Fischern seinen Aufenthalt in einer -Seebude unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß verschlossen, -das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen ließ. - -Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend zuvor die Tür von innen -zugeschlossen hatten und alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte, -daß ein Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand faßte. Es -schien ihm dann so, als ob er aufstünde und mit ihm unter das Bett -kröche, und von dort zerrte ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus; -das war aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn das Ungeheuer -an den Strand und bis zum Flutmesser hinunter, und da merkte er, daß es -ihn in die See locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf -wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte, und daß er das -Ungeheuer unsanft anpackte. Der Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den -Sieg davontrug und es in die See stieß. - -In demselben Augenblick erwachte er, und da stand er unten am -Flutmesser in seinen Unterkleidern, in denen er sich abends zur Ruhe -gelegt hatte. Sein erster Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin -gewandelt sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam und die -Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen hatten, so daß er -nicht hineinkommen konnte, ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie -ihm aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden, daß hier andere -Künste als nur das Schlafwandeln mit im Spiel gewesen waren, und daß es -in Wirklichkeit zugegangen war, wie er geträumt hatte. - - - - -Bischof Brynjolf - - -Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise war, -schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er hatte vier oder fünf Mann im -Gefolge. Nachts erwachte der Bischof davon, daß eine über die Maßen -große Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt wurde: »Ein Zelt -für einen Bauern, einen bäurischen Mann!« Der Bischof sah, daß eine -Riesin gekommen war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr, daß -sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher bezeichnen würde, -nehmen und behalten sollte. Da ging die Riesin ihres Weges und nahm das -Pferd mit. Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es ein -Schaf und stapfte auf den Berg hinauf. - -Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben Stelle Halt. Als -aber seine Leute wach wurden, war er aus dem Zelt verschwunden. Sie -gingen hinaus, um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn in -einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der Riesin sprach, die im -vorigen Sommer sein Zelt besucht hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und -es war, als ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der Bischof und -sie gesprochen hatten, das erfuhren die Leute nicht. Er folgte ihnen -dann und zog wieder heimwärts. - -Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die Gewohnheit, an -jedem Weihnachtsheiligabend einen Hengst draußen vor der Scheune auf -Skalholt anbinden zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden, -und man wußte dann, daß ihn sich die Riesin zum Festtagsschmaus geholt -hatte. - - - - -Der Troll im Felsen - - -Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die Tochter des Pfarrers; -man suchte sie lange überall, aber nirgends war sie zu finden. Aus dem -Fjord erhebt sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. Die -Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst ihr Vieh dort auf der -Weide zu haben und es nach Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr -blieb das beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde nie vermißt. - -Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters ihren üblichen -Landungsplatz nicht erreichen; eins von ihnen steuerte unter einen -Felsen in den Skrudur hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land, -setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen Felsenabsatz -und begannen, das Marienlied zu singen. Da öffnete sich der Felsen, und -eine ungewöhnlich große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger und -einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk kam zum Vorschein -und reichte ihnen eine große Schüssel voll Grütze, mit so vielen -Löffeln drin, als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt -wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, jetzt macht es mir kein -Vergnügen.« Als die Fischer durch die warme Grütze satt und neubelebt -waren, verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. Am nächsten -Tag kamen sie ans Land. - -Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe mit einem anderen -Fischerboot. Die Fischer saßen auf dem Felsenabsatz und sangen das -Andrelied ganz leise bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen -heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, und sie hörten, -daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir Vergnügen, jetzt macht es nicht -meiner Frau Vergnügen.«[3] Satt kehrten sie zurück ans Land, als das -Wetter sich beruhigt hatte. - -Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund auf dem Ostland -umherzog und Seen und Brunnen weihte, und die Schlange im Wasserfall -unter dem Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn der -Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich habe viel Gut, und es -wird mir schwer, es mitzunehmen, und das will ich dir sagen, daß du -weitere Reisen nicht machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um -mir Schaden zuzufügen.« - -Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den Felsen zu weihen. - - -Fußnoten: - - [3] Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand - sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während er - sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll - war, wie er selbst. - - - - -Die Riesin - - -In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld eine Riesin mit -Namen Kraaka; sie wohnte in einer Höhle, von der heute noch Spuren -vorhanden sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei Blaahvam -liegt, daß es für Menschen unmöglich ist, hinaufzukommen. Kraaka tat -sehr viel Böses; häufig überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie -schädigte diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute tötete. - -Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in der Einsamkeit zu -leben; und so geschah es nicht selten, daß sie sich Männer unten aus -den bewohnten Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige -hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder nahmen sich das -Leben. - -Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem, mit Namen Jon, -ergattert; sie nahm ihn mit in ihre Höhle und wollte ihn nun recht -pflegen. Er aber fand wenig Geschmack daran und wollte von alledem, was -sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie versuchte alle erdenklichen -Künste, um ihm das vorzusetzen, was am meisten nach seinem Geschmack -war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt verlauten, -daß er seinen Appetit wiedererlangen würde, wenn er eine Mahlzeit von -einem zwölfjährigen Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch -ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an keinem anderen Ort -aufzutreiben sei als auf Siglunäs, und obgleich dieser Ort weit von -Blaahvam entfernt lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb zu -erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann zurück; als sie aber -ein kleines Stück Weges zurückgelegt hatte, fiel ihr ein, daß es doch -sicherer wäre nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten -worden wäre und er entsprungen sei, sobald sie ihm den Rücken gekehrt -hatte. Sie lief deshalb zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß -ruhig darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal ein Stück weiter -auf dem Wege; da befiel sie wieder dieselbe Angst, daß ihr der Mann -untreu geworden sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in -ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal, der Mann saß ganz -ruhig da. Nun zog sie im Ernst fort und glaubte, daß sie keine Angst -mehr wegen des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden Weg nach -Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer über den Oefjord ging, und es -wird von ihrer Wanderung weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang, -das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg zurückzog, den sie -gekommen war. - -Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich den ganzen Weg -hinter sich hätte, als er sich aus der Höhle schlich und davonlief. -Kurz nachdem er die Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah -bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in größter Eile -zu verfolgen, und als der Hirt nur noch ein kurzes Stück Weges bis -Baldershjem zurückzulegen hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter -sich; da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka wäre, -die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war, daß er ihre Stimme hören -konnte, rief sie: »Hier ist das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt, -ja beinahe dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht, und -als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in seiner Schmiede und -arbeitete. Da lief er denn hinein und trat in demselben Augenblick -hinter den Bauern, als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das -glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen und drohte, es ihr -in den Leib zu stoßen, wenn sie nicht umkehre, nachdem sie versprochen -habe, ihn oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte Kraaka -keine andere Wahl als wieder umzukehren, und das tat sie. Nach diesem -Tage aber hörte man nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu -nahe trat. - -Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten aus Grönnewand und -schleppte ihn mit in ihre Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser -Hirt nichts von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten hatte, -und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich sagte er, daß er wohl -junges Bockfleisch essen würde, damals aber gab es nirgends Böcke, -außer auf der Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich es ein -weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam zu holen, wollte Kraaka -doch versuchen, sich das Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber -fortzog, nahm sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor die -Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie keinesfalls verlieren, -so wie sie den früheren verloren hatte. Sie ging nun fürbaß, und als -sie an den Jökelbach zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen zwei -hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese Stelle heute noch »Der -Hexensprung«. Über ihre Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie -nach der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei Böcke, band -sie mit den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann -kehrte sie denselben Weg zurück und sprang an derselben Stelle wie -das erstemal über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach gekommen -war, war sie von der Wanderung sehr müde geworden und wollte sich -ein bißchen verschnaufen. Sie machte die Böcke los und setzte sie -zum Weiden in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als sie -sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die Böcke und setzte ihre -Wanderung fort. - -Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende von Künsten -versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen, nirgends aber fand er ein -Loch oder eine Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich -fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka gehörte. Er nahm -das Schwert und durchhieb damit den Stein, mit dem die Tür versperrt -war, so daß er schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er -entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war, lief er, was das Zeug -hielt, seines Weges und eilte den bewohnten Gegenden zu. Und man hat -nie etwas anderes gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte. - -Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl eingeladen und -wollte nun alles aufs beste herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie, -wenn sie ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte; am -Heiligabend ging sie also fort nach den bewohnten Gegenden; als sie -aber an die obersten Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer, -da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen waren; denn damals war -es Sitte und Brauch, in jeder heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten. -Alle Leute waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich der -Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank in einer Ecke sitzen. Sie -streckte den Arm nach ihm aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber -stieß aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie um Hilfe. -Diese erhielt er augenblicklich, und das Ende vom Liede war, daß sich -die ganze Gemeinde gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen zu -entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer gelockert -war und sich nach außen bog. Dann wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde -und wünschte, daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte. Dieser -böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen zu sein; denn seitdem ist die -südliche Kirchenmauer auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen. - -Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und anderer Possen, -die die Bewohner in dem obersten Teil des Ortes Mygsö ihr spielten, -ihnen versprach, daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen -würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des Ortes, wo die -Bauern ihre Sommerweideplätze hatten, lag damals ein großer Binnensee. -Dorthin begab sich Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel -Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte, so daß es -eine unbändig große Fuhre wurde. Diese Fuhre zog sie hinter sich her, -vom Wasser bis zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis nach dem -Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen Auslauf aus dem Mygsee -hat. Da, wo sie die Fuhre entlangzog, entstand eine große Vertiefung; -in diese leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß dieser -Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange der Ort Mygsö bewohnt -würde; und daß er den Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder -überschwemmen solle; und daß zum Eindämmen des Wassers nur dieselben -Dinge verwendet werden dürften, aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt -wäre, und daß der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft -zerstören solle. - -Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben Stelle fließt, ist nach -Kraaka benannt worden und heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern -großen Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe vorüber, die zu -oberst im Ort liegen, und beschädigt sie dadurch, daß er alljährlich -Land fortspült und Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig -Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand und Lehm auf die -Wiesen hinauf. Mehrere Höfe stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt -werden zu müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt, und immer -werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke verwendet, dieselben Dinge, -aus denen Kraaka ihre Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt -schon ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum, daß man kaum -so viel davon aufbringen kann, als benötigt wird, um den Kraakabach -einzudämmen. Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar -geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der alten Kraaka bald in -Erfüllung gehen werden. - - - - -Gilitrutt - - -Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein junger Bauer. Er -war ein fleißiger und strebsamer Mann. Gute Weideplätze lagen um sein -Haus herum, und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung hatte -er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung, aber untauglich und -faul. Nichts mochte sie tun, und sie kümmerte sich nur wenig um die -Wirtschaft. Dem Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran -ändern. - -Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat sie, während des Winters -Stoff daraus zu weben, die Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche -Antwort darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die Wolle -anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran erinnerte. - -Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes Weib zu der Frau und bat -um eine kleine Gabe. »Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?« -fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte das Weib, »was -aber sollte das wohl sein? Wolle zu Stoff weben,« sagte die Frau. -»Gib sie her,« sagte die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen -Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den Sack, warf ihn sich -auf den Rücken und sagte: »Das Zeug werde ich dir am ersten Sommertag -bringen.« »Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?« fragte die -Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du sollst mir meinen Namen beim -drittenmal Raten nennen, dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau -zu tun, und die Alte ging ihres Weges. - -Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine Frau häufig, was denn -aus der Wolle geworden wäre. Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er -würde es aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach dann nicht -weiter davon, und man gelangte in die letzten Winterwochen hinein. -Da begann die Frau, über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber -nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können. Darüber wurde sie -traurig und schwermütig. Der Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr -vorgegangen war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte ihm -alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie übel gehandelt habe; -denn das wäre gewiß eine Hexe, die vor hätte, sie zu holen. - -Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte, stieß er auf -einen großen Kieshügel. Er war gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und -wußte kaum, was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge unten -in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach und kam an eine Spalte und sah -dort, daß da unten ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie -hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne Unterlaß darauf. Sie -summte vor sich hin: »Hi, hi und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie -ich heiße; hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt -heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis ins Unendliche fort -und schlug eifrig auf das Zeug. Der Bauer war froh, denn er dachte, -daß das die Alte sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte. -Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt« auf einen Zettel. -Seine Frau aber ließ er nichts davon wissen, und so kam der letzte -Wintertag. Die Hausfrau war sehr kummervoll und zog sich den Tag über -nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob sie den Namen -ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber antwortete: »Nein,« und sagte, daß -sie sich nun zu Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das nicht -brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen und erzählte ihr, wie -alles zugegangen war. Sie nahm den Zettel, zitterte aber vor Furcht; -denn sie hatte Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte. Sie -bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte käme, er aber sagte: -»Nein, da du ihr allein die Wolle gegeben hast, so ist es auch am -besten, daß du allein ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie. - -Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in ihrem Bett, sonst aber war -kein Mensch auf dem Hof. Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende -Schritte unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht gerade -sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen Wollstoff auf den -Fußboden und sagte: »Wie heiße ich also, wie heiße ich also?« Die Frau, -die vor Angst mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße ich -nicht, so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte die -Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich nicht,« sagte die Alte, -»so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!« - -»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die Frau. Als die Alte das -hörte, erschrak sie so sehr, daß sie der Länge nach zu Boden fiel und -ein furchtbares Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging fort -und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute sich nun über alle Maßen, -von diesem Ungeheuer so billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde -nun ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich und wirkte -später ihre Wolle immer selbst. - - - - -Der Bauer von Gnupar - - -Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal, daß eine Frau zu -ihm käme und sich darüber beklagte, daß seine Kinder Steine in einen -Binnensee in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten, -von denen sie leben müßte. Der Bauer aber kümmerte sich nicht um ihre -Klagen und fand, es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren -Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort, Steine in das Wasser -zu werfen, wie sie es früher getan hatten. Da kam dasselbe Weib zum -zweitenmal zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer Rache. - -Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß sämtliche -Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden. Der Bauer stürzte hinaus, um -zu sehen, wer ihm diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand, -auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren von Menschen, noch -von Tieren. - -Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch stand, gleichsam von -einer menschlichen Hand ausgelöscht, ohne daß ein Mensch zu sehen war. -Ein Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht wieder anzuzünden, -sie konnte aber das Feuer am Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal -versuchte sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr das Licht -sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich der Bauer selbst hinaus, -und ihm gelang es nach vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen. - -Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und dicke Schuhe von einer -unsichtbaren Hand an den Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die -Schuhe nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück; da -aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit wieder ins Gesicht -geschleudert. - -Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen so unheimlich -zumute, daß der Bauer mit allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog, -der von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde. - - - - -Guldbraa und Skegge - - -Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger, liegt in einem -nicht sehr breiten Tal. Ein Bach fließt durch das Tal, und gerade -gegenüber Hvam, jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt; -andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher bewohnt gewesen, -auch wenn es so aussieht, als gehöre er eigentlich zum Besitztum von -Hvam; denn schon in der Sturlungersage wird von Akur an der Stelle -berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und sagt, es schiene ihm, als -wäre er am Abhang »gegenüber Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur -gewohnt haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt worden, und über -sie ist folgende Erzählung im Westlande allgemein bekannt. - -Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am Hvamsfjord in Besitz und -wohnte später auf Hvam. Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem -Reichtum umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches graste das Vieh, -die Felder aber lagen gegen Westen im Tal und reichten bis zum Abhang -hinauf. Diese Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein Stück -der Erde brach liegen, wenngleich dies genau so fruchtbar wie der -übrige Boden zu sein schien, und mit Strenge verbot sie ihren Knechten, -je den ganzen südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort weiden zu -lassen, und wenn das einmal geschah, so durfte das Vieh beim nächsten -Melken nicht benutzt werden. - -Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt geworden war, daß -einmal ein wunderschönes, junges Weib nach Hvam kam. Sie nannte -sich Guldbraa, niemand aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem -Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst an, sondern nur -ihren Hausmeister. Sie fragte ihn, weshalb die Felder südwärts des -Baches nicht bebauet wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten -hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte dieses Land -kaufen. »Ich will lieber den kleinsten Hügel davon haben als den ganzen -Boden von Hvam; denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das -Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von allen hasse; gib mir -deshalb sofort das Kaufrecht für das Land, ohne erst Audur zu fragen,« -sagte sie und reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war; -da ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment über den Hof -außerdem aus der Hand gegeben hatte, nahm er das Gold und gab ihr das -Kaufrecht. - -Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte ihren Hausmeister; sie -sagte, daß er keinen Segen durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte -ihr, daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer Gast sei; nun aber -waren ihre Ahnungen von dem Lande südwärts des Baches in Erfüllung -gegangen. »Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,« sagte sie, -»so daß das nichts schaden wird.« Da kam der Hausmeister mit dem -Beutel nach Hause und wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen. -Er band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel Schlangen unter -furchtbarem Gestank aus dem Beutel, und er verlor den Verstand und -starb kurz darauf. Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens -gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den Guldbraa gekauft hatte, -und seitdem heißt dieser Ort die Schlangenschlucht. - -Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle Felder südwärts des -Baches, unten vom See hinauf bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ -sie brachlegen; sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen, -weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt wurde, und sie -sagte, daß Guldbraas Zauberkünste keine Macht über diese Kreuze haben -würde, solange sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze -anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe kommen zu lassen. -Sie baute einen großen Hof auf ihrem Stück Land; da errichtete sie ein -Opferhaus und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei aus. -Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste, wenn sie während derselben die -Augen nach Hvam wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem -Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen hellen Schein sie -nicht vertragen könnte; davon werde sie zerstreut und mache Fehler -in ihrer Wissenschaft. Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs -Kreuzen am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß diese ihr -so gefährlich werden würden wie das Licht vom Heimacker. Nie begegneten -sich Audur und Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde -über den Bach hinweg besuchte, und nie kam ihr Vieh zusammen. Audur -war Christin, hatte aber keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete -ihre Gebete auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man das Opferhaus -auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb, bestimmte Audur, daß sie nicht -in ungeweihter Erde liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor -den Gewalttätigkeiten der Heiden fürchte und bat darum, neben dem -Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt der Ort, an dem sie liegt, -der Audurstein, und er ist noch heutigen Tages ein Strandzeichen im -Hvamsfjord; da sagt man nämlich bei starker Strömung, die See sei -entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn sie sich am Audurstein -bricht. - -Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem Tode Audurs; denn -obgleich ihre Macht dadurch zunahm, daß das Heidentum allgemein -wurde und die Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen auf -Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie doch keine Ruhe finden, da -Audurs Grab am Flutmesser unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre -Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. Da war sie -schlimm daran, und darum überließ sie den Hvamsleuten das Akurland, -nahm aber selbst den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr -finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den größten Teil des -Winters aber kommt die Sonne an der Südseite des Tales überhaupt nicht -zum Vorschein. Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich im -Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, und diese Stelle wird -von jener Zeit an Guldbraas Hügel genannt. - -Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs vorbei in das Tal -hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer Zauberei gestärkt hatte. Sie -ging zu ihrem Opferhaus, und dort verweilte sie lange, unter seltsamem -Gebahren; als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. Eine -Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus dem Opferhaus mit, und an ihrem -Deckel ließ sie einen großen Ring anbringen, der in der Tür des -Opferhauses befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd und ritt -mit der Truhe vor sich davon, indem sie den Ring festhielt, während -ihr Hofknecht das Pferd am Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je -nach den Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, der ihr -Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, unversehens den Abhang -hinaufblickte, blieb er ein Weilchen stehen, und da es schwer war, -durch die Kluft zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb, -stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, während Guldbraa -nur den Ring in der Hand behielt. Darüber erschrak sie so, daß sie -die Binde von den Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden -war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade in die Augen. -Da schrie sie laut auf und sagte, daß sie ein unerträgliches Licht -blende; sie gebot ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit -aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie zurückbehalten -hatte, schleuderte sie weit von sich und sagte, daß sie es lange -bereuen würde, ihn mitgenommen zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,« -sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, die meinen -Gedanken am meisten zuwider sind.« - -Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie ein kleines -Stück Weges von der Kluft fortgeritten war, bekam sie so heftige -Augenschmerzen, daß sie, als sie Guldbraas Hügel erreichte, das -Augenlicht verloren hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit, -blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in eine schwere -Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte zu sich und befahl -ihnen, sie an eine Schlucht zu bringen, in die sie sich hineingleiten -lassen wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne nie zu -sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören wäre. In diese Schlucht -aber stürzt gegen Nord ein Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine -Höhle. Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall lärmt und -braust dort unten. - -Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich auf das Gold. Als sie -in dem Wasserfall ein Spukgeist geworden war, vernichtete sie einen Hof -auf Guldbraas Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder Menschen, -noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel oder auf dem Abhang behalten, -und die Schafhirten glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber -alles Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in Hvam gebaut -worden war. Jetzt wird der Ort, an den Guldbraa sich hinbringen ließ, -Guldbraas Schlucht und Guldbraas Fall genannt. - -Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet sich noch an der -Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer Bronzering, dessen Handgriff -stark abgenutzt ist; unter der Kramme befindet sich eine uralte -Kupferplatte, auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in Waffenkleidung -mit dem Helm auf dem Kopf und dem Schwert an der Seite und mit kurzem -Panzer bekleidet zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen Speer in -die Brust, der am Rücken wieder heraustritt. - -Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren Orten erzählt, daß -der Priester Thangbrand, als er in den Westfjorden umherzog, auch nach -Hvam kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. Die Hausfrau -kam nicht heraus, sondern blieb drin und opferte, während ihr Sohn -Skegge unterdessen Thangbrand und seine Männer verhöhnte. - -Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in Hvam gewohnt und den -heidnischen Glauben sehr gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und -ein Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. Aber trotzdem -war er kein so großer Zauberer, daß er Guldbraas Spuken bewältigen -konnte. Oft tötete sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach -Guldbraas Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so weniger, -als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas Truhe aus dem Wasserfall -heraufzuholen. Er sagte, was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm -als bei ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei. - -Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet hinaus, um im -Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der Weg durch das Tal war weit, und es -begann zu dunkeln, ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte, -die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge glitt in den -Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis die Knechte ein starkes -Gepolter, Donnern und anderen Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn -ein schwerer Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde ihnen -todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie fortgelaufen -wären; da aber gab ihnen Skegge ein Zeichen, daß sie die Stricke -hochziehen sollten. Das taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an -den hervorspringenden Rand der Schlucht gekommen war, sahen sie sich -unwillkürlich um, und es schien ihnen, als stände das ganze Tal bis -nach Hvam hinunter in hellen Flammen, so daß die Flammen sich von -Fels zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie von den -Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück in den Fall. Als sie von -dem Hügel herabgestiegen waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, -trotzdem aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus -erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; denn er -war blau und blutig. Er trug einen großen, mit Gold gefüllten Kessel -auf dem Arm; den hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und er -hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. Der Kampf -zwischen Guldbraa und Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas -Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; denn nie war -es so schlimm gewesen wie nach dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen -Hirten nach dem andern, und schließlich konnte er niemanden mehr als -Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, starben. - -Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht nicht mehr der Alte; -sowohl die Folgen des Kampfes, wie der Tod seiner Hirten packten -ihn so schwer, daß er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit -gekommen war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, das Vieh zu hüten, -stand Skegge eines Tages auf und ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht -vergingen, ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten Tage kam er -nach Hause, mehr tot als lebendig; denn niemand hatte gewagt, nach ihm -zu sehen. Da trug er Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr -Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß er selbst ihr aber -wohl folgen müsse. Er ging darauf wieder zu Bett und stand nicht mehr -auf. Er wünschte vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, zum -Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden möge, so daß eine Kirche -in Hvam erbaut werden könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal -in den Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen hätte, -seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben habe; der habe ihn jedoch -getäuscht; das letztemal aber hätte er, als er sich in noch größerer -Gefahr befand, das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um eine Kirche -in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas Krallen errettet würde. Da aber -hätte eine starke Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das -Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht zu Stein geworden. -Und heute noch ist der Geist in Guldbraas Fall zu sehen. - -Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren oder sich neben der -Kirche zu Hvam begraben lassen; dagegen gebot er, daß man ihn in einen -Hügel auf der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das wurde -getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter den Kopf gelegt. Dort steht -noch jetzt ein großer Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach -dem er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas Hügel liegt -gegen Süden in diesem Tal. - - - - -Jon und die Riesin - - -Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr jeden Herbst und -Winter nach den Westmändsinseln zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der -zur Zeit dieser Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und war ein -hoffnungsvoller Jüngling. - -Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt nach den Inseln. -Sie zogen den geraden Weg, und es wird nichts von ihrer Fahrt oder -von der Ausbeute ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der -Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen; denn nun war -er selbst alt geworden und traute sich nicht mehr Kraft genug zu, um -hinauszurudern. Ehe aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor -allen Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten, die an dem -Bergabhang lagen, und an denen entlang der Weg führte. Er legte ihm das -so ernstlich ans Herz, daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen, -was auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre. - -Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem Reitpferd fort. Die Pferde -wollte er während des Winters zum Durchfüttern auf den Landinseln -einstellen, wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird -weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging. Er kam an den -Bergabhang, wie er sollte, und zog eine Zeitlang an ihm entlang. Der -Tag war größtenteils schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am -Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten hatte. Aber als -er in die Nähe der Felsen gekommen war, von denen ihm sein Vater -erzählt hatte, überfiel ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und -Regen. Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen so schönen -Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen konnte, auf einer Anhöhe unter -den Felsen. Da war reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er -begann zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm hier, und er -konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes dabei sein könnte, an dieser -Stelle auszuruhen, und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich -zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab und band ihnen die -Vorderfüße zusammen. In kurzer Entfernung sah er den Eingang zu einer -Höhle oben in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie an -die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs, machte es sich darauf -zwischen seinem Gepäck behaglich und begann zu essen. - -Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten Zuge mit seiner -Mahlzeit war, hörte er mehrfaches Geheul aus der inneren Höhle. Er -erschrak etwas darüber, ermannte sich aber bald wieder. Er suchte -einen riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm die Haut -herunter, so daß sie unbeschädigt blieb, strich dick Butter über -den ganzen Fisch und breitete die Haut wieder darüber. Als er damit -fertig war, schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die Höhle -hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten wären, sich vor dem -in acht nehmen sollten, was er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu -hätten, so könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das Geheul -aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch zu zerreißen. - -Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich zur Ruhe nieder -und wollte nun schlafen. Da hörte er, wie es im Kies außerhalb der -Höhle raschelte, und daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang -zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin war, und es -schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt im Dunkel. Jon wurde bei -diesem Anblick ungemütlich zumute. Als aber die Riesin durch die Tür -der Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in meiner Höhle.« -Darauf ging sie mit langen Schritten in die Höhle hinein und warf ihre -Last auf den Boden. Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte. -Da hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen begann. Er -hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan als ungetan, und es wäre -schlimm, wenn es unbelohnt bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit -einer Kerze näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte ihm -im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in die Höhle. Er nahm die -Einladung an; die Alte aber steckte ihre beiden kleinen Finger in die -Ösen der Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden war, und -trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach hinten gekommen waren, -sah Jon zwei Betten; in dem einen lagen zwei Kinder; das waren die -Kinder der Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und die -den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber lag ein Haufen Forellen, -die die Alte abends geangelt und auf dem Rücken nach Hause getragen -hatte, und davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt hatte. -Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte, in ihrem Bett oder -in dem der Kinder. Er zog es vor, in dem Bett der Kinder zu schlafen. -Die Riesin bereitete dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden, -bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle. Jon legte -sich schlafen, wachte aber davon wieder auf, daß die Alte ihm ein -Gericht gekochter Forellen brachte. Er dankte ihr dafür, und während -er aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war ungemein munter. -Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht hätte. Das erzählte er ihr. -Da fragte sie ihn, ob er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand -gefunden hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm die Alte, daß -alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt seien, so daß keiner mehr -jemanden annehmen könnte, und daß er keine Wohnung finden würde, außer -bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine Gräte aus dem Wasser -angele, und nur ein fast unbrauchbares Boot besäße, dessen Mannschaft -aus untauglichen Burschen bestände, weil er kein ordentliches Stück -Mannsleute mehr bekommen könnte. »Ich rate dir,« sagte sie, »dir -einen Platz in dem Boot dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar -sträuben, dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis er -darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen, wie ich müßte, -für das, was du an meinen Kindern getan hast,« fuhr die Riesin fort, -»aber hier habe ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den -einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben. Immer sollt -ihr beide allein beim Angeln sein; die Haken werden sich, wie ich -hoffe, als fischtauglich erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen -hinausrudern und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten abends nach -Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern als bis an den Felsen, der -gerade vor dem Landungsplatz steht. Wenn du nun nach Landösand kommst, -wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden. Versuche, mit ihnen -nach den Inseln zu kommen, und binde deine Pferde am Strand zusammen, -bitte aber niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter nicht -um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie sorgen. Und wenn das -Unwahrscheinliche geschehen würde, daß du im Winter Glück beim Fischen -haben solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden ein -Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir ein paar Fische zu holen; -denn ich bin, wie ich dir verraten will, ein großes Leckermaul nach -Dörrfisch.« Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen ihrem -Rat zu folgen. - -Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon von der Höhle auf und -trennte sich in Freundschaft von der Riesin. Über seine Reise wird -nichts gemeldet, bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten -Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit. Jon schirrte -eiligst die Pferde ab und band sie am Strand zusammen, ohne jemand zu -bitten, für sie zu sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon -und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein würden, wenn die -Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte sich aber nicht um ihren Spott -und tat, als wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln -hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen Bootplatz, konnte aber -nirgends einen finden, denn jeder hatte so viel Leute bekommen, wie -er Platz hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den die Alte -ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen. Der Alte aber wollte -sich darauf nicht einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann -keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die kleinste Gräte aus dem -Wasser,« sagte der Alte, »und habe nur untaugliche, junge Burschen, -die mein elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem und ruhigstem -Wetter hinausrudern, und es ist nicht verlockend für einen flinken -Mann, sich an meine Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein -eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so lange bei dem Alten, -bis er ihn schließlich annahm, und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber -fanden nicht, daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden -und verhöhnten ihn sehr. - -Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten Jon und der Alte davon, -daß alle Fischer auf den Inseln bei schönstem, windstillstem Wetter -hinausruderten. Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch -versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern. Ich glaube -nicht, daß viel dabei herauskommt.« Jon fand, daß keine Gefahr dabei -wäre, es zu versuchen. Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen -vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der eigentlichen -Landungsstelle waren, schien es Jon, als ob er den Felsen erkenne, von -dem die Riesin gesprochen hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht -klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt und sagte, daß -das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm spaßeshalber zu erlauben, nur -einmal seine Schnur an dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte -zu. Kaum aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen Fisch -heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern Angelhaken, das Geschenk -der Riesin. In Kürze kann nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage -dreimal an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden von -ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da ruderten sie ans -Land, lange bevor die andern kamen, – und dann waren sie bald damit -fertig, die Fische zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt, -wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten ihn, wo es so -viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie es war. Tags darauf ruderten -die Inselbewohner früh hinaus, angelten am Felsen, merkten aber -nichts von Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten, -dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging ihnen genau -wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele Worte darüber nötig, daß Jon -und der Alte den ganzen Winter nach dem Felsen hinausruderten, und -daß jeder zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren die -beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten Tag ruderten sie -zum letztenmal hinaus, und da geschah es, als sie einmal die Leinen -aufzogen, daß beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit sie -bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten sich aber weiter -keine Gedanken über diese Sache, sondern steuerten nach dem Land. - -Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach dem Festlande zog -und auf demselben Boot übergesetzt wurde, mit dem er im Herbst -hinausgefahren war. Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie -gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß seine gedörrten -Fische nach dem Nordland tragen können, meinten sie. Als sie sich -aber dem Land näherten, sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander -gebunden stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren die -meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher ansehen; sie waren -aber nicht wenig überrascht, sie so feist zu finden, als wären sie den -ganzen Winter über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden stand noch -ein Pferd da mit einem Saumsattel, braun von Farbe und schwer gebaut. -Jons Genossen bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn für -einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt hatte und seine -Pferde in so gutem Stande waren, ohne daß jemand, so viel man wußte, -für sie gesorgt hatte. - -Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und lud ebenso viele auf -das braune allein, wie auf seine beiden. Darauf ritt er allein nach -Norden. - -Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis er an die Höhle der -Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich, und er blieb ein paar Tage -bei ihr. Er gab ihr alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie -plauderten über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm, daß ihre -Kinder im Winter gestorben wären, und daß sie sie unter dem Felsen -neben ihrem Mann begraben hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es -gewesen sei, die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen hätte, -als sie das letztemal ruderten, und daß sie gleichzeitig die Pferde -an den Strand gebracht habe. Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause -gehört hätte, er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm -berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben sei, und da er -das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt die Wirtschaft übernehmen. -Er würde nun nach dem Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen -und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich sagte sie, daß sie -eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte, was für eine Bitte das sei. Die -Riesin sagte: »Ich habe nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will -dich bitten herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich will dich -bitten, mich neben meinem Mann und meinen Kindern zu begraben.« Dann -zeigte sie ihm die Stelle, wo diese begraben waren. Sodann machte sie -eine Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit Gold und -allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren. Diese Truhen, sagte sie, -sollte er von ihr erben, und das braune Pferd ebenfalls. Sie würde -die Truhen schon zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und -etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern und -dann die Ösen über die Traghölzer am Saumsattel zu spannen brauche. -Sie würde dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er würde -die Truhen mit Leichtigkeit tragen können, ohne daß er selbst nötig -hätte, irgend etwas daran zu ändern, bis er nach dem Nordland käme. -Dann trennten sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander. -Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt, als daß alles gut -ging, bis er nach dem Nordland kam. Dort fand er alles, wie es die -Riesin gesagt hatte, und alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm -die Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft an, und -früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter aus dieser Gegend. Nun -ging es auf die Zeit, in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne -daß etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts von der Riesin. -Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und stand aus dem Bett auf. Es war -dunkle Nacht; draußen stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht, -seine beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte sofort, und Jon -machte sich eiligst zu dem Ritt bereit. Seine Frau fragte ihm, weshalb -er so plötzlich mitten in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle. -Er wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch, seinetwegen -nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein paar Tage fortbleiben würde. -Dann zog er fort und ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles -ging gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen und konnte -nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen. Er blieb bei ihr, bis sie -ihre Seele ausgehaucht hatte und begrub sie dann an der Stelle, die -sie selbst gewählt hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das mit dem -Saumsattel dastand. - -Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran. Jon steuerte das -Pferd zwischen sie, legte die Stricke über die Sattelhölzer und zog -dann mit allem fort. Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon -blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher Mann. Er wohnte -lange und zufrieden auf dem Hof, den er von seinem Vater geerbt hatte, -hatte Erfolg in allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten. - -Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung. - - - - -Ketil von Silfrunarstad - - -In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad im Skagefjord ein -Bauer, dessen Name nicht bekannt ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe; -es war aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur Schafzucht -eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf dem Berg an der Bessehütte -grasen, manchmal jedoch auch weiter entfernt, und es verging eine lange -Zeit, ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er wohnte jahrelang -ganz ruhig dort. - -Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß die Herde des Bauern -auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß -sie jeden Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst beim -Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher ließ er Auslug nach -ihnen halten, und eine ganze Weile später, als er annahm, daß sie jetzt -nach Hause gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die Schafe -waren aber nicht gekommen, sondern immer noch auf demselben Fleck zu -sehen. Da sandte der Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben -sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die Nacht verging, -ohne daß er nach Hause kam. Der Bauer mußte deshalb jemand anders -die Aufsicht über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach dem -Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu Anfang hatte man allerlei -Vermutungen über sein Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute -allmählich weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall zu sein -pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist. - -Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest. Am -Heiligabend aber, als das Vieh auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei -sollte, blieb es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise wie -im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert darüber und machte sich -allerhand Gedanken über das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über -all dies begann von neuem, und man fand, es ginge nicht mit rechten -Dingen zu; nur wenige wollten die Schafe des Bauern hüten, und es fiel -ihm sehr schwer, Leute für seinen Dienst zu finden. - -Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen Dienst, der Ketil -hieß; er war achtzehn Jahre alt und hatte Kraft und Mannesmut in der -Brust. Im Herbst übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf die -Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf Weihnachten. Am Tage -des Heiligabends war das Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf -die Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer aufzupassen, -wenn sie nach Hause kämen und sobald es sich tun ließ, nachzusehen, -wie es dem Hirten ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer -aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen aus; als er aber -nichts von ihnen sehen konnte, ging er wieder hinein. Nach Verlauf -einer kurzen Zeit aber kam er wieder heraus, und da waren die Schafe -an den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil aber war nirgends -zu sehen. Das war ein harter Schlag für den Bauern, denn es gefiel ihm -nicht besser, Ketil zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch -felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen würde, seine -Schafe zu hüten. - -Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag ziemlich -verstrichen war, seine Schafe in einer großen zerstreuten Trift -am Felsenabhang entlang nach Hause trieb. Als er in die Nähe von -Grimshöi gekommen war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus -einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber dem Hof von -Silfrunarstad, befindet, heraustreten; dort ist nämlich ein kleiner -Felsen gleichsam vom Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht« -genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung auf die Schafe zu, die -sich ängstlich um Ketil scharten. Er sah jetzt, daß es ein unglaublich -großes Trollweib war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für -das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und er erzählte ihr, -daß die Schafe nicht ihm gehörten, er hätte nur ein Schaf, das ein -paar Tage alte Lämmer bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte -ihr, daß sie diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte nicht -lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den Hörnern zusammen und -warf sie über die Schulter. Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in -ihre Arme und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war, zurück. -Als sie aus der Schlucht heraufgekommen war, ging sie an dem Berge -entlang und machte große Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts -nützte, wenn er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen. -Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der Nähe des -Bolstadbaches gekommen war, an einen großen Wasserfall, der dort unten -im Berge ist. Diese Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das -Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall. Sie ließ Ketil -los und warf ihre Bürde auf den Boden. Sie bat Ketil, die Schafe zu -schlachten und zuzubereiten; mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen -Weihnachtsschmaus für ihn und sich selbst halten. Sie setzte einen -Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst. Darauf fing sie an, mit -großer Gier zu essen und ließ Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie -die Ursache wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden, und -daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander am Heiligabend zu ihnen -gekommen wäre und sie gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus -dem sie ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr aber nur -mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig ausgescholten, und darum -hätte sie sie in Behandlung genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre -Bitte erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden, da er -doch weniger als einer der beiden andern zu verschenken gehabt hätte. -Sie erzählte ihm, daß im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann -sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten Frühjahr auf ihm -ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er keinesfalls den Hof übernehmen -könne, denn erstens wären die Felder groß und schwierig, und dann -hätte er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin und -Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er schon Geld in die Hand bekommen -würde; denn binnen einem Monat würde sie sterben, und dann würde er -alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert wäre, und so würde es -ihm nicht an Geld fehlen, um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum -aber wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat nach ihr -sehen und ihren Leichnam dort vorn in den Wasserfall legen solle, wenn -es ihm möglich wäre. Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im -darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er solle davon kaufen, -was er brauche, und Geld zum Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle -holen. Er solle dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad -diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers auf Havsteenstrand -freien. Ketil fand jedoch, daß das ein wenig glücklicher Rat sei, er -war ja ein armer, ungebildeter Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor -zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den sollst du ihr um -die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft, daß sie Liebe zu dir faßt, -wenn sie ihn um hat, und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war -aber auch ein seltener Schatz. - -Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte, daß sich sein -Hausherr sicher über seine Abwesenheit gräme. Die Riesin aber sagte, -daß das nichts zu sagen habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen -zu bleiben, und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete -sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie man in die Höhle -gelangen könne und ließ es ihn selbst versuchen, was ihm auch gut -gelang. Darauf bot sie ihm Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich -nicht häufiger sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche Glück -und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach Wunsch geraten würden, und -daß dies der Anfang seines Glückes sei. Sie trennten sich unter großer -Freundlichkeit; sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte sich, so -sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen. - -Dort lag der Bauer zu Bett, so nahe war ihm das Verschwinden Ketils -gegangen. Als aber Ketil nun kam, waren alle froh, besonders der Bauer, -der gleich aus dem Bett stieg und glaubte, er hätte ihn aus der Hölle -selber zurückerhalten. Er fragte Ketil, was denn seine Abwesenheit -verschuldet hätte. Davon aber wollte Ketil nicht viel sprechen, und er -erzählte weder von der Riesin, noch von ihrer Höhle. Dann hütete Ketil -die Schafe wie zuvor. - -Nach Verlauf eines Monats ging er in die Höhle hinein. Da fand er die -Riesin tot. Ketil hatte Feuerzeug mit, zündete Licht an und trug ihren -Leichnam aus der Höhle hinaus, und er erzählte später, daß er nie zuvor -solch eine Kraftprobe bestanden hätte. Dann untersuchte er die Höhle -und fand großen Reichtum an allerlei kostbaren Sachen und Gold. Er ließ -aber vorläufig alles liegen. - -Im Hornung wurde der Bauer krank, und nachdem er einen halben Monat -zu Bett gelegen hatte, starb er. Da verlangte Ketil den Hof in Pacht, -erhielt aber eine unwillige Antwort; denn der Eigentümer hielt es für -die größte Torheit, ihn an ihn zu verpachten, jedoch gab er ihn auch -keinem andern in Pacht. Es ging nun auf das Frühjahr, und die Erben -verkauften das meiste der Einrichtung auf Silfrunarstad; Ketil kaufte -einen großen Teil davon und bezahlte gleich bei der Zuteilung. Er hatte -schon den größten Teil des Gesindes auf dem Hof gedungen, und nun fiel -es ihm leicht, ihn zu pachten. - -Im Frühjahr zog er nach Havsteenstad, wo er zum erstenmal mit der -Tochter des Pfarrers zusammentraf; er gab ihr den Gürtel und legte -ihn ihr um. Darauf brachte er sein Anliegen vor, daß er dorthin -gekommen wäre, um um ihre Hand zu freien. Sie schien dem Manne -hübsch und hoffnungsvoll, und da nun der Gürtel die Liebe in ihrer -Brust entfachte, so versprach sie ihm ihr Ja, wenn ihr Vater seine -Einwilligung dazu geben würde. Da trug Ketil dem Pfarrer sein Anliegen -vor und bat ihn um seine Tochter. Der Pfarrer erwiderte sehr kühl -darauf, und man merkte wohl, daß er fand, daß Ketil seiner Tochter -nicht ebenbürtig sei, er, der nur schlecht und recht ein Bauer war. -Weil aber Ketil nun reicher geworden war, als man früher glaubte und -er sonst ein kluger und besonders tüchtiger Mann war, ließ sich der -Pfarrer schließlich überreden, seine Einwilligung zu geben, daß sie -ihm für diesen Sommer als Wirtschafterin nach Hause folgte; und darüber -wurden sie dann einig. - -Ketil zog nun mit der Pfarrerstochter nach Hause, und sie wurden -im Sommer gut miteinander fertig. Im Herbst kam ihr Vater, und das -Ende der Beratung war, daß Ketil sich mit der Tochter des Pfarrers -verlobte, und im Herbst wurde ihre Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. -Sie liebten sich sehr und wohnten auf Silfrunarstad bis in ihr hohes -Alter. Ketil hatte Glück in allem und wurde ein schwer reicher Mann, -so daß niemand sich erinnern konnte, daß je ein so reicher Mann auf -Silfrunarstad gewohnt hätte. Er hatte ja auch keinen Mangel an Geld aus -der Höhle der Riesin, so lange er sein Heim in Ordnung brachte, und er -richtete sich in jeder Hinsicht nach ihrem Rat. Diese Erzählung hörte -man aus seinem eigenen Munde, als er ein alter Mann geworden war. Lange -hatte sie sich später im Gedächtnis der Leute erhalten und sich von -Mann zu Mann fortgepflanzt. - - - - -Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen - - -Zwei Männer waren einmal in den Bergen und sammelten Moos. Eines -Nachts lagen sie beide in ihrem Zelt. Der eine schlief, der andere -aber lag wach. Da sah dieser seinen schlafenden Kameraden aus dem Zelt -hinausschreiten; er stand auf und ging ihm nach, konnte aber kaum so -schnell laufen, daß der Abstand sich zwischen ihnen verringerte. Der -Schlafende steuerte hinauf nach den Gletschern zu. - -Da sah der andere eine Riesin, die oben auf den Zacken eines Gletschers -saß. Sie streckte abwechselnd die Arme aus und zog sie wieder an die -Brust zurück, und auf diese Weise zauberte sie den Mann an sich. Er -lief ihr gerade in die Arme, worauf sie mit ihm davoneilte. - -Im nächsten Jahr sammelten Leute aus seiner Ortschaft Moos an derselben -Stelle in den Bergen; da kam er zu ihnen, war aber so schweigsam und in -sich gekehrt, daß man kaum ein Wort aus ihm herausbekommen konnte. Die -Leute fragten ihn, an wen er glaube, und er antwortete, daß er an Gott -glaube. - -Im zweiten Jahr kam er abermals zu denselben Leuten, die wieder in den -Bergen waren, da aber war er einem Troll so ähnlich geworden, daß sie -sich vor ihm fürchteten. Jedoch wurde er befragt, an wen er glaube; er -gab aber keine Antwort, und diesmal verweilte er nicht so lange bei den -Leuten wie in dem Jahr zuvor. - -Im dritten Jahr kam er wieder zu den Leuten, und nun war er ein -richtiger Troll geworden und hatte ein schier entsetzliches Aussehen. -Da war aber einer, der ihn doch zu fragen wagte, an wen er glaube, er -aber erwiderte, daß er an »Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen« -glaube und verschwand darauf. Von diesem Tage ab wurde er nicht mehr -gesehen; lange Jahre aber wagte auch niemand, Moos an dieser Stelle zu -sammeln. - - - - -Der Nachttroll - - -An den Sommerweideplätzen, die den Bauern vom Mygsee gehörten, wohnte -in alten Zeiten eine Riesin in einem Berg, der nach ihr »Der Schwanz -der Riesin« heißt. Sie war einer der Nachttrolle, deren Natur es ist, -daß sie nicht vertragen können, die Sonne zu schauen und deshalb stets -nachts arbeiten müssen. - -Diese Riesin bereitete den Bewohnern viel Schaden unter anderem -dadurch, daß sie nachts die Fische aus dem Mygsee stahl. Man erzählt, -daß sie in einem kleinen Boot umherruderte, das sie dann auf dem -Rücken nach Hause trug. Eines Sommers hatte man Glück beim Fischen -in Strandvig, das damals, wie später auch, der beste Fischplatz am -Mygsee war. Den Sommer über machte es sich die Riesin zur Gewohnheit, -jede Nacht Fische in der Bucht zu stehlen, und das gefiel den -Strandbewohnern sehr wenig. Eines Nachts, spät im Sommer, begab sie -sich an den See hinunter, um, wie sie gewöhnt war, darin zu fischen. -Als sie aber hinunterkam, sah sie einen Bauern in der Bucht, der mit -Angeln beschäftigt war. Sie hielt sich für nicht stark genug, um den -Bauern anzugreifen, der mit drei anderen zusammen war, und wollte -deshalb warten, bis er mit dem Angeln fertig war; der Bauer aber -blieb, wo er war, vielleicht, daß er wußte, wie es mit der Riesin -bestellt war, wenn es auf die Morgendämmerung ging. Die Riesin begann -ungeduldig zu werden, wollte jedoch nicht unverrichteter Sache nach -Hause zurückkehren. Endlich hörte der Bauer mit Angeln auf, und die -Riesin ging hinunter und zog Netze in der Bucht auf. Als sie mit dieser -Arbeit fertig war, machte sie sich auf den Nachhauseweg, als sie aber -schon die halbe Strecke zurückgelegt hatte, ging die Sonne auf, und es -wird nun erzählt, daß sie ihr Boot an der Stelle absetzte, an der sie -sich gerade bei Sonnenaufgang befand, worauf alles miteinander in Stein -verwandelt wurde. - -Die Spuren davon sind heutigen Tages noch deutlich zu sehen. Das Boot -steht noch auf einem Hügel, der mitten zwischen dem »Schwanz der -Riesin« und dem Mygsee liegt und seitdem der »Bootshügel« heißt. Das -Boot ist genau wie die Boote gebaut, die jetzt auf dem Mygsee benutzt -werden, nur mit dem Unterschied, daß es größer ist. Man kann deutlich -seine ganze Form erkennen, und noch kann man die Ruder sehen, und wo -sie gesessen haben, und daß hierzu Einschnitte an den Seiten des Bootes -benutzt worden sind und nicht die jetzt gebräuchlichen Ruderdullen. -Im Hintersteven des Bootes befindet sich ein großer Haufen, und man -glaubt, daß die Riesin sich hier zur letzten Ruhe niedergelegt habe. - - - - -Die Geisterhaube - - -In einem Ort, in dem eine Kirche liegt, wohnten unter anderen ein -junger Gesell und ein Mädchen. Der Gesell hatte die Gewohnheit, dem -Mädchen häufig Angst einzujagen, sie aber war so daran gewöhnt, daß sie -sich nicht mehr erschrecken ließ; denn was sie auch sah, sie glaubte -doch immer, daß er es sei, der ihr Furcht machen wolle. - -Einmal geschah es, daß Wäsche gewaschen wurde, und darunter eine Menge -weißer Nachthauben, die damals viel getragen wurden. Abends wurde das -Mädchen gebeten, die Wäsche vom Kirchhof zu holen. Sie lief hinaus und -begann, die Wäsche zu sammeln. Als sie beinahe fertig geworden war, sah -sie, daß ein weißer Geist auf einem der Gräber saß. Da dachte sie bei -sich, daß der Knecht sie wieder erschrecken wolle. Sie lief hin und -entriß dem Geist die Haube, denn sie glaubte, der Gesell hätte sich -eine der Hauben aufgesetzt und sagte: »Es gelingt dir diesmal nicht, -mich zu erschrecken!« Dann ging sie mit der Wäsche hinein, drinnen aber -war der Gesell. - -Nun wurde die Wäsche nachgezählt, und da war eine Haube zu viel, die -innen erdig war. Da erschrak das Mädchen. Am nächsten Morgen saß der -Geist auf dem Grab, und man wußte nicht, was man anfangen sollte; denn -niemand wagte, ihm die Haube zu bringen, und man schickte deshalb in -die Nachbarschaft, um sich guten Rat zu holen. Es war ein alter Mann -in der Gegend, der meinte, es ließe sich nicht vermeiden, daß dieser -Fall schlimme Folgen hätte, wenn das Mädchen nicht selbst dem Geist die -Haube brächte ,und sie ihm in Anwesenheit vieler Menschen schweigend -auf den Kopf setzte. Man drang in das Mädchen, um sie zu überreden, dem -Geist die Haube aufzusetzen, und sie ging auch hin, das Herz im Halse, -stülpte dem Geist die Mütze auf den Kopf und sagte, als sie damit -fertig war: »Bist du nun zufrieden?« Der Geist aber drehte sich um, -schlug sie und sagte: »Ja, bist du auch zufrieden?« Und damit stürzte -er sich in das Grab hinab. Das Mädchen fiel um von dem Schlag, und die -Leute liefen hinzu und hoben sie auf, sie war aber tot. - -Der Gesell aber bekam einen Verweis, weil er sie so oft erschreckt -hatte; denn dadurch, glaubte man, wäre er die eigentliche Ursache des -ganzen Unglücks. Da hörte er auf, den Leuten Angst einzujagen. Und so -ist diese Erzählung aus. - - - - -Der Bräutigam und das Gespenst - - -Vier Männer waren einmal dabei, ein Grab zu schaufeln; einige sagen, -daß es auf dem Kirchhof zu Reykholar war. Es waren alles lustige -Leute, einer von ihnen aber war doch der übermütigste von allen. Als -das Grab tiefer zu werden begann, kamen eine Menge Menschenknochen zum -Vorschein und darunter ein Oberschenkel, der einem ungeheuer großen -Mann gehört hatte. Der übermütigste der grabenden Männer nahm den -Schenkelknochen in die Hand, besah ihn sich genau und maß ihn an seinem -eigenen Schenkel, und die Sage erzählt, daß er ihm von der Fußsohle bis -an die Hüfte reichte, obgleich er ein Mann von mittlerer Größe war. -Er sagte im Scherz: »Darin kann ich nicht irren, daß dieser Mann ein -tüchtiger Ringer gewesen ist, und es würde spaßhaft sein, ihn als Gast -zu haben, wenn ich einmal Hochzeit feiere.« Die anderen gaben ihm darin -recht, sprachen jedoch weiter nichts darüber. Dann legte der Mann den -Oberschenkelknochen zu den übrigen Knochen. - -Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet, als dieser -junge Mann sich mit einem Mädchen verlobte und schon das zweite -Aufgebot stattgefunden hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte -hintereinander, daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett käme und -sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte, was er einmal vor ein paar -Jahren zu ihm im Übermut gesagt hätte, und in der letzten Nacht -fügte er hinzu, daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast -bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete darauf nichts, aber -unheimlich war ihr im Schlaf zumute, als sie das erfuhr und sah, wie -groß der Mann war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht eher, -bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte. Da sagte sie morgens zu -ihm: »Wen hast du denn gedacht, zu unserer Hochzeit einzuladen, mein -Schatz?« »Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er »daran habe -ich noch nicht gedacht, ich wollte erst die drei Aufgebote erledigt -haben.« »Hast du denn bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er -antwortete, daß er das, soweit er sich erinnern könnte, nicht getan -habe; er begann jedoch nachzudenken, und es kam ihm sonderbar vor, daß -sie ihn so eifrig danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß -er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings habe er vor ein -paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen eines verstorbenen Mannes, -der aus einem Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl spaßig -sein würde, einen so hochgewachsenen Mann als Gast zu haben, wenn -er einmal Hochzeit feiern sollte, aber darum könnte man doch nicht -behaupten, daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde dabei -etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht angebracht gewesen -wären, und am wenigsten bei den Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun -kann ich dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben hast, -sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast auf unserer Hochzeit zu -erscheinen.« Und dann erzählte sie ihm alle ihre Träume, und welche -Drohungen der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte. Über -all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte, daß sie darin recht -hätte, daß es besser gewesen wäre, wenn sein Mund mit derartigen -Scherzen geschwiegen hätte. - -Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber schien es ihm, als -käme ein ungeheuer großer Mann, der einem Riesen ähnlich sah und ein -unfreundliches und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob er -jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor fünf Jahren gegeben -hätte, einzulösen, nämlich ihn als Tischgast auf seiner Hochzeit zu -haben. Der Bräutigam war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl -dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht ändern könne, ob -es ihm nun gefiele oder nicht, und daß es ganz überflüssig gewesen sei, -sich mit seinen Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut wäre, -wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu bedeuten hätte. Dann verließ -ihn das Gespenst, er aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner -Braut dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen guten Rat. Sie -sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz kommen und dann in großer Eile -ein Haus aufführen lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der -sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht, darin stehen -könne; inwendig aber solle jede Wand so lang sein, wie sie bis an die -Querbalken hoch sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man -einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege; er solle ein weißes -Tuch über den Tisch dieses Gastes breiten, ihm geweihte Erde auf einer -Platte und Wasser in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte -würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den Tisch und ein Bett -hereinstellen lassen, falls er Lust verspüren sollte, sich auszuruhen; -drei Kerzen solle er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn -dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran zu gehen, und -vor allem aufzupassen, daß er nicht unter einem Dach mit ihm sei. Auch -dürfe er keinerlei Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen -würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm reden, die Tür aber -zuschließen und ihn dann verlassen, wenn er ihm die aufgetischten -Gerichte angeboten hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau so, wie -ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein freistehendes Haus von -passender Größe aufführen und alles so einrichten, wie schon erzählt -worden ist. - -Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung wurde auf die übliche -Weise vollzogen; dann setzte man sich zu Tisch, und als es dunkel -geworden war, erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas -Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste im Hochzeitssaal -auf und ab, andere wieder saßen bei den Bechern und plauderten. Das -Brautpaar saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein harter -Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere Lust aufzumachen. Da -zupfte die Braut leise ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im -Gesicht dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde wieder an -die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als das vorige Mal. Da nahm -die Braut ihren Bräutigam bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich -sträubte, an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich großen -Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast gekommen sei. Die Braut -stieß ihren Bräutigam sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er -diesen Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß, bat sie -Gott, ihn zu stärken. - -Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er mit diesem Manne -nach dem Haus ging, das er für ihn hatte aufführen lassen und ihn -hineinwies. Der Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber -wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der Fremde voran in das -Haus ging und sagte, daß sich der Bräutigam von diesem Augenblick -an hüten solle, sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes -einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht, sondern bat den -Gast, sich an den aufgetischten Gerichten gütlich zu tun und ihm nicht -zu verübeln, daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber bat -den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick hereinzukommen; das wollte -der Bräutigam aber keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal -keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen, hoffe -ich, daß du mir doch das Vergnügen machst, als Gegengabe bei mir als -Gast zu erscheinen.« Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit -ab und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus, in -dem es ziemlich ruhig war; denn alle waren bei dieser Begebenheit -still geworden. Nur die Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste -entfernten sich allmählich, einer nach dem andern. Das Ehepaar aber -ging zur Ruhe und schlief bis zum Morgen. - -Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen, der am Abend zuvor -zuletzt gekommen war. Die Braut aber sagte, daß er keinen Schritt -dorthin tun solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem Hause, -sie voran, und er schloß auf; da war keine Spur von dem Gast zu sehen; -er hatte die Flasche geleert, die Erde von der Platte aber überall auf -den Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die Frau, »wärest -du nach dem Hause vorangegangen und hättest du mit dem Fuße in diese -Erde getreten, dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten und -hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren können. Mir aber schadet -es nichts, wenn ich hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und -säubern.« - -Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder fortgehen wollte, an -die Tür gegangen sei, entweder von dem Hochzeitshaus selbst oder von -der Schlafkammer des Ehepaars, und gesungen habe: - - »Meinen Dank ihr nicht verdient! - Für das Festmahl auf dem Tisch; - Mein Getränk war Wasser frisch, - Meine Speise Erd’ und Lehm.« - -Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht mehr, und sie lebten -lange in Liebe und Glück zusammen. - - - - -Der Küster von Mörkaa - - -Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im Oefjord; sein Name -wird nicht genannt, er war aber gut Freund mit einem Mädchen, das -Gudrun hieß und nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits -des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer im Dienst war. - -Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das er Faxe nannte, und -das er immer ritt. Es geschah einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach -Baegisaa kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa einzuladen, und -er versprach, sie zu einer bestimmten Zeit abzuholen und sie zu dem -Schmaus am Tage vor Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der -Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee gefallen, und Eis -hatte sich auf dem Wasser gebildet; aber an dem Tage, an dem er nach -Baegisaa ritt, war Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach -durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er zog von zu Hause -fort, ohne daran zu denken, was sich tagsüber geändert haben könnte, -und glaubte, der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über den -Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an den Hörgbach kam, war -dieser gestiegen und hatte das Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach -entlang, bis er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von Mörkaa, -wo eine Brücke über den Bach führt. Der Küster ritt auf die Brücke -hinunter, kaum aber hatte er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und -er in den Bach fiel. - -Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen aus seinem Bett stieg, -sah er ein gesatteltes Pferd auf seinem Heimacker stehen, und es war -ihm, als ob er des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm etwas -eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden Tage dort -vorbeireiten sehen, aber nicht bemerkt, daß er zurückgekehrt war, -und er ahnte bald, was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker -hinaus, und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß und arg -mitgenommen. Dann ging er an den Bach hinunter, nach der sogenannten -Tuevoldsnaes; dort fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge, -an die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich nach -Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als man den Küster fand, war sein -Hinterkopf sehr von den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er -wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor Weihnachten beerdigt. - -Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war und bis zu dem Tage -vor Heiligabend war keine Nachricht über das Vorgefallene von Mörkaa -gekommen, des ununterbrochenen Tauwetters und der starken Strömung -wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte sich das Wetter geändert, und -nachts war das Wasser im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte, -zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen Abend begann sie sich -zu putzen, und als sie sich fast fertig geschmückt hatte, hörte sie -jemand an die Tür klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand, -öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war es weder hell noch -dunkel; denn der Mond segelte hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm -vorbeiglitten. - -Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts gesehen hätte, Gudrun -aber meinte: »Dann wird es wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.« -Sie war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie brauchte sich -nur noch den Mantel anzuziehen. Sie nahm den Mantel und zog den einen -Ärmel an, den andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn -fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und daneben einen Mann, -den sie für den Küster hielt. Ob sie mit einander sprachen, weiß man -nicht, der Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann selbst und -setzte sich vor sie. - -Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden, und kamen an den -Hörgbach, an dessen Ufern hohe Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das -Pferd über solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters hinten -aufgehoben, und da erblickte Gudrun den bloßgelegten Schädel. In diesem -Augenblick verzogen sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er: - - »Der Mond gleitet, - Der Tod reitet, - Siehst du nicht den weißen Fleck - Im Genick, - Garun, Garun?«[4] - -Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere dagegen sagen, daß -Gudrun selbst seinen Hut aufhob und dabei den weißen Schädel entdeckte, -und daß sie dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.« - -Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder ihren Ritt berichtet, -bis sie nach Mörkaa gekommen waren, wo sie vor der Seelenpforte[5] vom -Pferde stiegen; da sage er zu Gudrun: - - »Hier nun warte, Garun, Garun, - Bis geführt ich Faxe, Faxe, - Weiter an die Mauer, Mauer.« - -Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte zufällig in den -Kirchhof hinein und erschrak, als sie ein offenes Grab entdeckte. Da -kam ihr der Gedanke, den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte -sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, daß sie keine Zeit -gehabt hatte, beide Mantelärmel anzuziehen; denn er zog so stark, daß -der Mantel an der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte, -entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster sah, war, daß er -sich, mit dem Mantelfetzen in der Hand, in das offene Grab warf, worauf -die Erde von beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde. - -Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von Mörkaa herauskamen und -sie holten, denn ihr war bei alledem so angst geworden, daß sie weder -zu gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie konnte sich wohl -denken, daß sie hier mit dem Geist des Küsters zu tun hatte, obgleich -sie vorher keine Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt -sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten von Mörkaa kam, die -ihr die ganze Geschichte von dem Tode des Küsters erzählten, während -sie ihnen dagegen von ihrem Ritt berichtete. - -In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und die Lichter gelöscht -waren, kam der Küster und stürmte mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, -daß die Leute aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in dieser -Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach konnte sie nie allein -sein, und jede Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Ja, einige sagen -sogar, daß der Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und im -Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein Zauberer westlich vom -Skagefjord geholt. Als er kam, ließ er einen großen Stein, der oberhalb -des Heimackers lag, ausgraben und ihn an den Giebel des Schlafhauses -wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, kam der Küster und wollte in -das Haus hinein, der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel, -zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die Erde und wälzte dann den -Stein über ihn; und dort soll der Küster heute noch liegen. - -Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, und Gudrun erholte sich -wieder. Etwas später zog sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, -daß sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen war. - - -Fußnoten: - - [4] Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«, - Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält, - aussprechen. - - [5] Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die - Kirche gebracht werden. - - - - -Sigurd und das Gespenst - - -Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn hatte, der Sigurd hieß. -Allen Leuten kam es so vor, als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; -wenig beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, daß kein -Auskommen mit ihm war. - -Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen Sigurd, der den Bauern -bat, den Winter über dort bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu -erhielt. Der Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe -spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so gute Freunde, daß der -Bauernsohn sich nicht gern woanders aufhielt als bei dem Fremden. - -Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der Wintergast wieder fort. -Nachdem er das Haus verlassen hatte, langweilte sich der Bauernsohn -überall, so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog er -hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof, zog von Ortschaft -zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel und fragte überall nach seinem -Namensvetter Sigurd. Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch -nach seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas von ihm, so viel -aber erzählte man ihm doch, daß kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß, -angekommen wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege. -Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und daß er gerade in -den Sarg gelegt worden wäre. Er bat, dort hingehen zu dürfen, und -nachdem er die Erlaubnis dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht -über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd aus dem Sarg, -ging hinaus und blieb lange fort. Sigurd, der Bauernsohn, aber saß -unterdessen am Sarg. - -Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof jüngst ein Kind -geboren hatte. Gegen Morgen kam das Gespenst wieder und wollte in den -Sarg. Der Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht -erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem Geld gespielt,« -sagte das Gespenst. »Und jetzt will ich wieder in meinen Sarg,« fuhr -es fort. »Nicht, ehe du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd. -»Das wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann kommst du -auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd. Da erzählte das Gespenst, -daß es unter der Ecke in der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte -Sigurd. »Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du weiter nichts -vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete das Gespenst. »Du hast -sicher noch mehr ausgefressen,« sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher -in den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die Pfarrersfrau -getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast du das getan?« fragte Sigurd. -»Ich wollte ihr Freund sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst, -»sie aber wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?« fragte -Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr war, in den kleinen -Finger hineingestrichen,« erwiderte das Gespenst. »Kann sie nicht -wieder zum Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete das -Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um den kleinen Finger gebunden -habe, so behutsam gelöst wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will -ich in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst. - -»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus dem Sarge zu -steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will in den Sarg hinein,« sagte das -Gespenst. »Versprich mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende -vom Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus seinem Sarg -aufzustehen. Es legte sich nun in den Sarg, und dieser schloß sich -wieder. - -Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die Leute in großer Trauer -an. Er fragte, was ihnen fehle, und sie erzählten ihm, daß die Frau des -Pfarrers in der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie sehen -zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er löste die Schnur an dem -kleinen Finger der Pfarrersfrau und strich ihren ganzen Körper, bis sie -allmählich wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von seinem -Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das Geld, um die Wahrheit seines -Berichts zu beweisen. Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer -gehalten, der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird, einen -sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll, und es wird erzählt, -daß Sigurd sich von diesem Tage an immer gut führte. - -Und so endet diese Erzählung. - - - - -Der mutige Bursch - - -Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich aus nichts etwas -machte. Seine Nächsten, ob es nun seine Eltern oder Anverwandten waren, -waren darüber voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten, -sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen. Als sie ihn ganz -aufgegeben hatten, brachten sie ihn beim Pfarrer unter, den sie von -allen für am besten geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen -und seinen Mut zu zähmen. - -Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte sich bald dasselbe, daß -es nichts gab, wovor er sich fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen -mochte. Der Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig -Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei denen er vorher gewesen -war. So verging nun einige Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer, -und dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise -in Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal im Winter -waren drei Leichen, die beerdigt werden sollten, in die Kirche gebracht -worden; weil sie aber so spät am Tage ankamen, wurden sie in die -Kirche gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden. Es war -in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die Leichen nicht in Särgen -beerdigt wurden, und so kam es, daß diese Leichen nur die Totenkleider -anhatten. Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren, -ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den Kirchenstühlen -vorn in der Kirche legen, nebeneinander, jedoch mit einem kleinen -Zwischenraum zwischen je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer -zu dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für mich in die Kirche -hinüber, mein Junge, und hole mir das Buch, das auf dem Altar liegt.« -Der Bursch gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch wenn -er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber, schloß die Tür -auf und wollte den Mittelgang hinaufgehen. Als er ein kleines Stück -von der Tür entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den -Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken, tastete mit den -Händen um sich und merkte dann, daß er über eine Leiche gefallen war, -die er nahm und zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte. Er -ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal über eine Leiche. Er -verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise wie mit der ersten. Dann ging er -weiter vorwärts, stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden -andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf. Dann ging er zum Altar, -nahm das Buch, und nachdem er die Kirche wieder zugeschlossen hatte, -brachte er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und fragte, ob -er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete: »Nein,« und zeigte -keinerlei Veränderung. Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts -von den Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch erwiderte: -»Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt; ich wußte nicht recht, -was der Herr Pfarrer meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,« -sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es ist nicht der -Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast du denn gemacht, um durch die -Kirche zu kommen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden -aufgehoben und zwischen die Kirchenstühle geworfen, und da liegen sie -noch.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf und sprach nicht mehr mit ihm -über diese Sache. Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der -Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort; ich will dich in -meinem Hause nicht länger haben, da du so rücksichtslos bist, daß du -dich nicht schämst, die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch -antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den Leuten auf dem Hof -dann Lebewohl. - -Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen Fleck hatte, auf -den er seinen Kopf legen konnte. Auf einem Hof aber, auf dem er die -Nacht über blieb, hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben -sei. Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte auf Skalholt zu. -Als er dorthin kam, begann der Tag auf die Neige zu gehen, und deshalb -bat er um Obdach für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß es ihm -gern vergönnt werde, er müsse aber selber für seine Sicherheit sorgen. -Er fragte, ob es etwas Böses mitbringe, wenn er dort bleibe, und was -es verursache. Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse -nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß es kein Mensch -aushalten könne, zu Hause zu bleiben, wegen lauter Spuks, sobald es zu -dunkeln beginne, und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute von -dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,« sagte der Bursch. -Die Leute des Hofes baten ihn jedoch, nicht so zu reden; denn es wäre -wahrhaftig kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde, begannen -die Leute allmählich, den Hof zu verlassen, und schweren Herzens -sagten sie dem Burschen Lebewohl; denn sie erwarteten nicht, ihn -wiederzusehen. Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter Laune. -Dann ging er im Hause umher und sah sich um. Der letzte Ort, an den er -kam, war die Küche. Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine -Menge feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und alles, was er -sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch hatte lange kein Dörrfleisch -gesehen, und er fing an, Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß -hier solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht, um den Geist -umso besser sehen zu können, und er entschloß sich deshalb, Feuer -anzuzünden, und dann zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit -Wasser über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und legte ihn -in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von Spuk gemerkt. Als aber alles -in den Topf getan war, hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer -Stimme gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte: »Warum sollst du -nicht fallen?« Da fiel der ganze oberste Teil eines Mannes durch den -Schornstein herab, ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen daran, -und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem Boden, ohne sich zu bewegen. -Gleich darauf hörte der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde: -»Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal: »Warum sollst du -nicht fallen?« Und durch den Schornstein herab fiel der mittlere Teil -eines Mannes bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern -und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da hörte der Bursch noch -einmal, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er -antwortete wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt doch etwas -haben, worauf du stehen kannst!« Da fielen die Füße eines Mannes herab; -sie waren unerhört groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen -waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen eine Weile ruhig auf dem -Boden. Als der Bursche dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin -und sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen ist, -ist es wohl am besten, daß du anfängst umherzuholpern.« Alle Klumpen -schoben sich zusammen und wurden zu einem furchtbar großen Mann. Er -sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern ging aus der Küche hinaus und -ins Vorderhaus. Der Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging. -Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause und trat an eine große Truhe. -Diese öffnete er, und der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große -Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus der Truhe, warf die -Münzen über den Kopf und ließ sie hinter sich herabfallen. In dieser -Weise trieb er es bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert -hatte. Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden geschüttet -hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise über seinen Kopf wieder in -die Truhe zurück. - -Der Bursch stand neben dem Gespenst, während es das Geld hin- und -zurückschaufelte, und sah, wie es auf dem Fußboden umherrollte. Das -Gespenst begab sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder in die -Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen das zusammen, was von dem -Haufen herunter und über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte -daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe, und daß es sich -deshalb so sehr wie möglich beeilen wollte. Nun kam es so, daß das -Gespenst alles Geld wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte -der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte. Der Bursch fand, es -läge kein Grund dazu vor, sich so sehr zu beeilen, das Gespenst aber -sagte, das wäre doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an -dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu hindern, indem -er es festhielt. Das ging aber nur so lange, bis das Gespenst wütend -wurde, den Burschen packte und sagte, daß es nun nicht mehr ratsam für -ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen. Der Bursch fing das -Gespenst auf, merkte aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen -würden und wich deshalb langsam zurück, indem er versuchte, schweren -Hieben auszuweichen und das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie -es eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen die Zimmertür -wandte, die offen stand, wollte es den Burschen an seine Brust heben, -um ihn umso stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch sah -deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich schon denken, daß das -zu seinem Tode führen würde. Er griff deshalb zu einer List. Als das -Gespenst die erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang er -ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es hintenüber und mit -dem Rücken gerade auf die Türschwelle fiel, während der Bursch beim -Fallen obenauf zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst mit dem -Kopf aus dem Zimmer herausflog und das Licht, das mitten am Himmel -stand, ihm in die Augen fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die -Erde hinab, da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und -der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die Stücke verschwunden -waren. Obwohl der Bursch etwas steif in den Gliedern und zerschunden -von den Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich zwei -Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden stieß, wo die Teile -versunken waren, das eine außerhalb, das andere aber innerhalb der -Zimmertür. Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute des -Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter Tag war. - -Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere Gesichter, daß -sie ihn am Leben sahen, als am vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen, -und sie fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht gemerkt -hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen Spuk gemerkt hätte. Die -Leute wollten ihm nicht glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen. - -Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er war sehr mitgenommen von -seinem Kampf mit dem Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes -um alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand, -ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß sie Anstalt machten -fortzugehen, versuchte er auf jede erdenkliche Weise, sie zu überreden, -im Hause zu bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden -zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die Leute glaubten ihm -nicht und gingen fort wie am Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen -Überredungen und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie keine Furcht -hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den Hof verlassen hatten, ging -der Bursch zu Bett, ruhte sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag. -Morgens kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und fragten ihn -nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß er nichts davon gemerkt hätte, -und fand, daß sie nicht mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu -haben. - -Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen Nacht passiert -war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am Boden, wo die Körperteile -versunken waren, und führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem -Burschen mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten, baten -ihn zu verlangen, was er sich von ihnen wünschen mochte, als Entgelt -für die Hilfe, die er ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld -oder Gut haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben solle, -so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen für ihr freundliches -Anerbieten, er brauche aber weder Reichtum, noch sonst irgend etwas, -sagte er, auch wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen. -Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in dieser Nacht -schliefen alle Leute zu Hause auf dem Hof, und weder diesmal noch -später merkten sie etwas von Spuk. Morgens machte sich der Bursch -bereit, von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn zwar -keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er wollte fort. Er -sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu tun hätte, da die Leute ja auf -dem Hof bleiben könnten. Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den -Willen der Leute, und steuerte nordwärts. - -Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem Weg, bis er eines schönen -Tages an eine Höhle kam. Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen -entdecken, in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf Betten, die -einander gegenüber, sechs in einer Reihe, aufgestellt waren. Alle -Betten waren ungemacht, und da der Tag noch nicht um war, so daß -er nicht erwarten konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause -kommen würden, begann er, alle Betten zu machen. Als er damit fertig -war, legte er sich in das Bett, das zu äußerst an der einen Seite -der Höhle stand, wickelte die Decke sorgfältig um sich und schlief -ein. Nach einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der Höhle -umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen gekommen waren, die sich -darüber wunderten, wer wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die -Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu machen; er hätte -dafür ehrlichen Dank verdient, sagten sie. Nachdem sie, wie ihm schien, -zu Abend gegessen hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer -des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte er den -Burschen. Die Höhlenbewohner dankten ihm für seine Handreichung, die -ihnen so gut zustatten gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu -bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein; denn sie selbst -hätten nicht viel Zeit, sie müßten die Höhle bei Sonnenaufgang -verlassen, da sonst ihre Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus -diesem Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen. - -Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme und einige Zeit bei -ihnen bleiben wolle. Er fragte sie dann, wie es denn käme, daß sie -jeden Tag einen so schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein -Ende nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer Feinde wären, -mit denen sie schon früher häufig in heftigem Streit gelegen hätten, -und die stets im Kampf unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie -immer noch jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber immer -so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen und jedesmal wilder -und ungestümer wären als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch -ihre Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie nicht bei -Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend wären. Dann gingen sie zu -Bett und schliefen bis zum nächsten Morgen. - -Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner, bis zu den Zähnen -bewaffnet, fort, baten aber erst den Burschen, sich der Höhle und der -Hausarbeit anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe des Tages -ging der Bursch in einen Nußbaumwald, der in der Richtung lag, in der -er sie hatte verschwinden sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um -zu erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz entdeckt -hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein. Zunächst machte er die -Betten der Höhlenbewohner, fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu -tun war. Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends nach Hause -zurück und waren erfreut, als sie sahen, daß der Bursch die ganze -Wirtschaft besorgt hatte, so daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten -als zu essen und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen, worauf -alle einschliefen, außer dem Burschen. - -Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber erhalten könnte, -daß die Höhlenbewohner nachts umgingen. Als er glaubte, daß alle -seine neuen Genossen in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte -unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und nahm sie mit. -Dann wanderte er nach dem Kampfplatz und erreichte ihn kurz nach -Mitternacht. Da war nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren -abgeschlagenen Köpfen. Dort blieb er eine Weile. - -Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes einen Hügel sich -öffnen, aus dem ein Weib herauskam; es war mit einem blauen Mantel -bekleidet und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie schnurstracks -auf das Schlachtfeld gehen, zu einem der Gefallenen, und etwas von -dem Inhalt des Topfes auf das Stück des Halses streichen, das an dem -Oberkörper des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf saß, und -darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da saß er sofort fest, und der -Tote lebte wieder auf. Dieselben Künste wandte sie bei noch zwei oder -drei andern an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt wurden. -Da sprang der Bursch auf die Alte zu und gab ihr den Todesstreich; denn -jetzt konnte er allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der -Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann brachte er diejenigen, die -sie ins Leben zurückgerufen hatte, um. Als das geschehen war, ging er -selbst hin und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen auf -dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr gelungen war; er strich -etwas von dem Inhalt des Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm -ebensogut wie vorhin. - -Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd wieder -aufleben zu lassen und die wieder umzubringen, die er ins Leben -gerufen hatte, bis die Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von -der Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute geworden, -weil er verschwunden war und einige Waffen mit ihm; als sie aber auf -die Walstatt kamen und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen -die Sache eine günstige Wendung genommen zu haben. Die Höhlenbewohner -freuten sich, den Burschen zu sehen, und fragten, wie er darauf -verfallen wäre, dort hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich -alles zugetragen hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt hatte, die -Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen den Salbentopf, nahm -einen der Gefallenen, bestrich ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da -lebte er bald wieder auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot. - -Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen und schönen Worten für -den bewiesenen Mut; sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange -er Lust hätte, und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen -geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche Anerbieten und -sagte, daß er es gern annähme, bei ihnen zu bleiben. Nach alledem waren -die Höhlenbewohner so vergnügt und froh über den Burschen, daß sie -allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen zu probieren, -wie es wäre zu sterben, da sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen -könnten. Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde und lebten -sofort wieder auf. Das ging nun zum großen Gaudium für sie eine ganze -Weile so. - -Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen worden war und sie -ihn mit Hilfe der Salbe wieder an den Rumpf hatten anwachsen lassen, -war das Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach vorn. -Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der Kopf verkehrt herum -saß, wurde er wie rasend vor Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen -von diesen Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort herzu, -hieben den Kopf von neuem ab und setzten ihn richtig auf den Körper. Da -erlangte er seinen Verstand wieder und war seitdem genau so mutig, wie -er früher immer gewesen war. - -Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper, nahmen ihnen die -Waffen fort und verbrannten sie mit dem Huldreweib zusammen, das mit -dem Salbentopf aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in den Hügel -hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert da war und schleppten es -mit nach Hause in ihre Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen, -von dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr über ihn. - - - - -Die Sage von Jon Asmundsson - - -Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord, und der Mann -hieß Asmund. Sie hatten viele Kinder, die alle noch klein waren. Es -wird nicht gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste Junge Jon -hieß. Es war damals eine schwere Zeit im Lande. Der Bauer Asmund mußte -von Haus und Hof gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe -verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten. - -Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der Kristian hieß; -er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn zu sich, und bei ihm wuchs -Jon auf. Jon war ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen -Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig und war sehr -fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und alle Leute auf dem Hofe -hatten ihn gern. - -Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein Handelsschiff nach -Reykjavik kam. An Bord befand sich ein ausländischer Kaufmann, aber -wie er hieß, wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem -auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer draußen auf -dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das Gespräch auf starke Männer. -Der Kaufmann, der groß und kräftig war, ging an eine Stelle, an der -vier Sack Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und versprach -dem Manne drei Mark Gold, der es ihm gleich tun würde, es war aber -niemand da, der sich auf diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der -Pfarrer nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon Asmundsson, -was der Kaufmann versprochen hatte, und bat ihn zu versuchen, was er -konnte. Jon machte nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen -würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß ein Mann gekommen sei, -der das Geld verdienen wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo -die Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf die Schulter, -trug sie auf dem Deck hin und her und legte sie wieder auf dieselbe -Stelle nieder. Der Kaufmann verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und -bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun bereit, das Schiff -zu verlassen, während sie aber von dem Kaufmann Abschied nahmen, -bat dieser Jon, ihn zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch -versprach. Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh über den -Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob nichts geschehen sei. - -Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte der Pfarrer Jon -daran, daß er jenen besuchen wollte. Da stattete Jon ihm seinen Besuch -ab, und der Pfarrer begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen -auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der Pfarrer wollte -mitgehen, der Kaufmann aber sagte, daß sie nichts miteinander zu -verhandeln hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um -eine Störung bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und das Ende war, -daß er ihnen in die Kajüte folgte. Dort sagte der Kaufmann zu ihnen, -daß sie noch nicht miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer -würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon ringen sollte, und -bliebe er Sieger im Kampf, so sollte er zehn Mark Gold bekommen. Dann -nahmen sie Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der Kaufmann -fort. - -Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter fragte der Pfarrer -einmal Jon, ob er sich dessen erinnere, was ihm der Kaufmann beim -Abschied gesagt habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da -sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an einen Ausweg zu -denken; denn der Bursch, mit dem der Kaufmann ihn ringen lassen wollte, -wäre kein richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten Mohren, -jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg für ihn finden; sie müßten -sich bereit halten, wenn drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn -dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen. Jon nahm sich diese -Sache nicht weiter zu Herzen. - -Als genau drei Wochen des Sommers vergangen waren, kam eines Tages ein -Schiff vom Meere her und segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer -ging zu Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn mit -einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm einen Gürtel um den Leib; -dann gab er ihm einen kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel -verbergen sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken könnte, den -Griffen des Mohren zu widerstehen, daß dieser ihn im ersten Gang über -den Kopf werfen würde, er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon -auf die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den Mohren auffordern, -den lodenen Mantel, den er anhätte, auszuziehen, inzwischen aber den -Dolch zurechtlegen, um ihn bei der Hand zu haben, wenn der Mohr zum -zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum hatte das Schiff Anker geworfen, -als ein Boot von dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit -einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt wurde. Der Pfarrer und -Jon standen unten am Flutmesser. Der Mohr rannte sofort auf Jon zu, -packte ihn und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder auf die -Füße. Da forderte er den Mohren auf, den lodenen Mantel auszuziehen, -damit sie sich im Ringkampf messen könnten. Der Mohr tat das, -inzwischen aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der Mohr zum -zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu und bohrte ihm den Dolch -in den Leib. Der Ringkampf zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und -der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes Wams nicht -die Stöße aufgefangen hätte. Das Ende ihres Kampfes war, daß Jon den -Mohren zu Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an das Schiff -und begrüßte dort den Kaufmann. Der Pfarrer sagte, daß Jon nun das -Geld verdient hätte, da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben -sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und sagte, daß sie eine -Hinterlist gebraucht, aber nicht Mut und Beherztheit gezeigt hätten. -Der Pfarrer erwiderte, daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich stände, -denn es wäre kein richtiger Mensch, den der Kaufmann zum Ringkampf -geschickt hätte. Schließlich aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem -er Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende des Sommers, das -Land wieder verlasse. - -Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln wollte; da -erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der Kaufmann einen Besuch von -ihm verlangt hätte, und sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei -ihrer Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem Schiff hinaus und -begrüßten den Kaufmann, der den Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm -beiseite zu gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber folgte -ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann, daß es ihn nichts anginge, -was Jon und er miteinander zu besprechen hätten; darauf erwiderte der -Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu stören, er wolle -jedoch in der Nähe seines Mannes sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß -er im nächsten Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an dem Jon -seine Kräfte messen solle; besiege er es, so solle er fünfzehn Mark -Gold bekommen. Dann trennten sie sich. Der Sommer verging und ein gut -Stück vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach. - -Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die Worte des Kaufmanns -denke. Jon antwortete »Nein«; der Pfarrer aber sagte, daß das -Eintreffen des Kaufmanns im nächsten Sommer nichts Besseres bringen -würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn ein halber Monat -des Sommers um wäre, das Hündchen aber, an dem er gedächte Jon seine -Kräfte messen zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund, weshalb -sie versuchen müßten, sich irgendeine List auszudenken. Jon bat den -Pfarrer, sich diese für ihn auszudenken. - -Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien ein vom Meere -kommendes Schiff. Der Pfarrer rief Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe -schwarzwollene Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen lassen. -Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten, ehe er es ihm wieder -anzog. Dann reichte er ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde -geformt und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück Fleisch -darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten und zu versuchen, so -an den Hund heranzukommen, daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann -aber sollte er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen sie -an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als der Hund ans -Land gelassen wurde. Es war ein großer Hund, und grimmig sah er aus. -Jon ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit auf ihn zu und -wollte ihn zerfleischen; das Wams aber beschützte ihn, so daß er keinen -Schaden davontrug. Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich -aus und hielt das Fleischstück vor sich, und schließlich kam es so, daß -der Hund das Maul darüber aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller -Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten nachließ, wie -toll er sich auch gebärdete; des Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht -den geringsten Schaden tun, und schließlich lag er tot auf dem Platz. -Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus und begrüßten ihn. Er erwiderte -ihren Gruß mürrisch und war schwarz und geschwollen im Gesicht und -verbarg seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand. Der Pfarrer -sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient habe, das ihm der Kaufmann im -vorigen Sommer zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann aber fand, -daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr List als Tapferkeit gebraucht -habe. Der Pfarrer aber erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am -schändlichsten gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier auf den -Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann das Geld, indem er ihn bat, -bei ihm vorzusprechen, ehe er diesen Sommer fortsegele. - -Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln wollte, und der -Pfarrer sagte zu Jon, daß er sich an des Kaufmanns Worte erinnern -müßte, daß er aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren -hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser Jon, mit ihm -in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer wollte folgen, der Kaufmann aber -sagte, daß er es unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der -Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und daß er keinen -Schritt gehen würde, ohne daß er, der Pfarrer, ihn begleite. Da gab -der Kaufmann nach, und sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie -dort angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch von einem Regal -herunter, schlug es auf und nahm ein loses Blatt heraus, das er schnell -vor Jons Augen hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der -Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen Schimmer davon -zu sehen, ohne daß der Kaufmann es merkte. Dann legte der Kaufmann das -Blatt wieder an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im nächsten -Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre, bringen solle, oder den -Namen, ein Hasenfuß zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber -das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen. Dann nahmen -sie Abschied voneinander, und der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause -zurück, der Kaufmann aber stach sofort in See. - -Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig war, sprach Pfarrer -Kristian mit Jon und fragte ihn, was er wohl zu dem Auftrag meine, den -der Kaufmann ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts darüber -denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, was das für ein Blatt -gewesen wäre, das der Kaufmann ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete -»Nein«. Da sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei, wenn -er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus des Teufels Handbuch -gewesen; und nun hätte der Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe -zugedacht, es aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er, daß -er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt sei, und nur er -würde Jon in dieser Angelegenheit helfen können, des Teufels Handbuch -ausfindig zu machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon sollte -sich nun sofort bereit machen, sich nach der Unterwelt zu begeben, -um seinen Bruder zu besuchen, und er müßte dort am ersten Wintertag -hinkommen und den Winter über da bleiben. - -Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und als alles fertig war, gab -ihm der Pfarrer einen Brief an seinen Bruder mit und ein Garnknäuel, -das ihm den Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche -Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo auf seinem Weg -umzusehen, auch dürfte er den ganzen Winter über in der Unterwelt kein -einziges Wort sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes sein -würde. - -Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das Knäuel von sich, behielt -aber das Ende des Fadens in der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit -vor ihm her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen war, -an dem die Öffnung einer Höhle zu sehen war; dort rollte das Knäuel -in den Berg hinein, und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und -uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die Wanderung fortzusetzen, -aber um so stärker zog das Knäuel, und er ermannte sich dann wieder. -So ging er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da erblickte -er vor sich eine anmutige Ebene, über die das Knäuel eine Zeitlang -rollte, bis er in eine große Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort -hielt das Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden aufhob. - -Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen trat heraus. Es war gut -gekleidet, aber ohne jeden Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die -schönste Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich vor -ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend nahm. Auch nahm sie -das Knäuel und ging mit beiden ins Haus hinein. Nach einer kleinen -Weile kam dasselbe Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet, -das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand wieder in das Haus -hinein. Das erste Mädchen aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn -durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein kleiner Tisch, eine -Bank, ein Stuhl und ein Bett standen; dann ging sie fort, aber sogleich -brachte sie ihm Essen und deckte den Tisch. - -Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon blieb lange dort und -glaubte, daß es schon mitten im Winter sei; er sah keinen anderen -Menschen als dasselbe junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und ihm -den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen sie miteinander, und -nie hörte er menschliche Stimmen. - -Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer und wohlgewachsener -Mann zu ihm hereinkam. Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer -Kristians Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet; -er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in seiner Stimme. Jon schwieg. -Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten -sei. Jon aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut daran getan, -Jon, bei deinem Schweigen zu beharren; denn aus diesem Grunde ist -dein Auftrag gut gelungen, und du wirst für deine Selbstbeherrschung -belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag, und darum darfst -du sprechen.« Darüber war Jon sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er -sich nun auf den Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern -dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen, wenn eine Woche des -Sommers um wäre. Dann gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut -zu hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber nicht lange -dauern, bis es der Eigentümer vermißte und holte, wenn es erst in den -Händen des Kaufmanns wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder die -ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen lassen, ehe er ihm das -Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon, seinem Bruder einen Gruß zu bringen, -bot ihm darauf Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf den Weg -bringen und ihm zeigen werde, wie er sich nach Hause finden könne. Das -Mädchen kam also und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen, -das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte. Sie gingen Hand in Hand -miteinander, es wird aber nicht erzählt, was sie zusammen sprachen, -bis sie plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht weiter -gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das Stück Weges, das noch -übrig sei zu finden. Sie sagte, daß sie scheiden müßten, wenn es auch -ihrem Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht zusammenbleiben -und Freude miteinander haben, da er ja nicht in der Unterwelt leben -könne und sie nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht -verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir das Kind senden; -sollte es ein Junge werden, wenn es sechs Jahre alt ist, wenn es aber -ein Mädchen wird, dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt -davon ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie das gesagt hatte, -reichte sie ihm das Knäuel, sagte aber, daß er es nicht brauche, um -den Weg zu finden, er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten. -Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es fiel ihnen schwer -zu scheiden. Er ging nun den Weg, den sie ihm gezeigt hatte; er war -weder schwierig noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie -und wo er zwischen den beiden Welten wanderte. Gegen Ende der ersten -Sommerwoche kam er in Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude -empfing und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt hätte, als Jon ihm -den Gruß seines Bruders brachte und ihm das Buch gab. - -Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen ein, und der Pfarrer -stattete ihm sogleich einen Besuch ab; kühl aber waren die Grüße, die -sie miteinander wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann, daß -ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein großer Mangel an Lebensmitteln -herrsche, weshalb er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen; -und darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier Tage war die -ganze Ladung an Land gebracht. Als das geschehen war, fuhren der -Pfarrer und Jon zu dem Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon -sofort, wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon erwiderte, daß -er ausgeführt sei. Darauf reichte der Pfarrer dem Kaufmann an Jons -Stelle das Buch; sehr unangenehm aber war dieser überrascht, als er -sah, daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn nun, das Geld -auszuzahlen, das er Jon versprochen habe, und das tat der Kaufmann -auch. Dann boten sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter; -kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See sehr unruhig wurde; -ihre Blicke fielen auf das Wasser, wo das Schiff gelegen hatte, da aber -war es verschwunden, und später wurde es nie mehr gesehen. - -Nun war großer Reichtum im Pfarrhofe. Das nächste halbe Jahr verging, -und Jon blieb bei dem Pfarrer. Immer war er den Leuten verschlossen -vorgekommen, jedoch nie so, wie nachdem er aus der Unterwelt -zurückgekehrt war. Da sprach einmal der Pfarrer mit ihm darüber, was -ihm fehle, und sagte, daß er ahne, weshalb er so wortkarg umherginge; -weil ihm nämlich die Tochter seines Bruders da unten in der Unterwelt -so gut gefallen hätte. Jon aber erwiderte nichts darauf. Pfarrer -Kristian hatte drei Töchter, wie sie aber hießen, wird in dieser Sage -nicht erzählt. Der Pfarrer sagte, daß er Jon diejenige von seinen -Töchtern geben wolle, die er sich wünsche, wenn sein Gemüt dadurch -erheitert werden könne. Jon wählte schließlich die jüngste Tochter zur -Frau, und der Pfarrer verheiratete sie miteinander. Er schenkte den -Eheleuten einen der besten Höfe in der Nachbarschaft zum Bewohnen, und -dorthin zogen sie und schlugen ihr Heim auf. Sie lebten in Eintracht -miteinander und hatten Reichtum genug. Trotzdem aber war Jon still und -traurig. - -Nun vergingen viele Jahre, und die Eheleute bekamen viele Kinder -zusammen. Da klopfte es einmal an der Tür zu Jons Hof, während alle -Leute in der Badstube waren. Der Bauer sandte einen seiner Söhne, der -damals sechs Jahre alt war, an die Tür. Als der Knabe wieder hereinkam, -erzählte er, daß draußen ein wunderschönes, kleines Mädchen stände, das -ihn freundlich begrüßt und ihn gebeten hätte, drin zu sagen, daß es -mit seinem Vater sprechen wolle. Bei diesen Worten huschte es wie ein -Sonnenstrahl über Jons Gesicht, er erhob sich sofort und ging hinaus. -Das kleine Mädchen küßte ihn und begrüßte ihn mit dem Namen Vater, er -aber empfing es mit großer Herzlichkeit und Freude. - -Es erzählte, daß es von seiner Mutter, der Pfarrerstochter aus der -Unterwelt, geschickt sei, von der es ihm einen liebevollen Gruß bringe. -Jon führte es sogleich zu seiner Frau, mit der er von der Herkunft des -Kindes sprach, und von der großen Verpflichtung, die er ihm gegenüber -hätte, und bat sie, wie eine Mutter gegen es zu sein, wie für ihre -anderen Kinder. Da nahm es die Frau sehr liebevoll auf. Sigrid hieß das -kleine Mädchen; es war zwölf Jahre alt, als sich dies ereignete. Es -zeichnete sich vor den meisten durch seine große Schönheit und allerlei -andere Tugenden aus. Als Sigrid drei Jahre bei ihrem Vater und in -dieser Zeit Gegenstand vieler Auszeichnung und Liebe gewesen war, bat -sie ihn einmal um die Erlaubnis, ihre Mutter besuchen zu dürfen, was er -ihr auch freundlich gewährte, indem er sagte, daß sie bei ihrer Mutter -gern ein ganzes Jahr bleiben dürfe, wenn sie wolle. - -In dem Jahre darauf kehrte Sigrid zu ihrem Vater zurück, der sie ebenso -liebevoll wie früher empfing. - -Sie überbrachte ihm den letzten Gruß ihrer Mutter, die, wie sie -erzählte, gestorben wäre, schon ehe sie die Unterwelt verlassen hätte. -Zugleich brachte sie auch die Botschaft, daß Jon sie nur um einen Monat -überleben würde. Es schien, als ob Jon diese Botschaft eher freute, als -daß sie ihn betrübte, und nicht die kleinste Veränderung war ihm dabei -anzumerken. - -Jon traf nun feste Bestimmungen über seine Habe, und in seinem letzten -Willen setzte er seine Tochter Sigrid als Erbin des Hofes ein, auf dem -er wohnte, und man merkte an allem, daß er sie am meisten von seinen -Kindern liebte; sie war aber auch eine Zierde unter allen Frauen. -Seiner Frau und ihren Kindern gab er das ganze bewegliche Eigentum, und -das war ein großer Reichtum. Dann starb Jon, und viele beweinten seinen -Verlust. - -Ein paar Jahre später verheiratete sich Sigrid mit einem tüchtigen -Manne, und sie ließen sich auf ihrem Hof, der der beste Hof in der -ganzen Gegend war, nieder. Immer wurde Sigrid als eine ausgezeichnete -Frau angesehen, und das Ehepaar lebte lange in großer Liebe -miteinander. Sie bekamen eine Menge Kinder, und von ihnen stammt ein -großes Geschlecht auf dem Südlande ab. - - - - -Die Brüder - - -In den Tälern wohnten zwei Brüder, Thord und Andreas, die Söhne -Andreas’, die, wie es den Leuten schien, beide ein hitziges Gemüt -hatten. Im Winter 1820 begaben sie sich nach Hjallasand, um dort Fische -zu fangen. Sie waren damals in die Zeit des Mannesalters gelangt, -waren aber immer noch unverheiratet. Beide waren in Liebe zu demselben -Mädchen entbrannt, und dieser Umstand zerstörte das brüderliche -Verhältnis zwischen ihnen. - -Früh im Winter litt das Boot, in dem sich Andreas befand, Schiffbruch, -und er ging mit ihm unter. Nun bekam sein Bruder freiere Hand für seine -Werbung, worüber er sehr froh war, und er besuchte das Mädchen offener, -als er es bisher getan hatte. - -Es verging einige Zeit, ohne daß etwas geschah. Aber eines Abends -ging Thord in der Dunkelheit allein den Weg von Ingjaldshol entlang, -und als er nach Hjallasand, nicht weit von seiner Bude, Storedumpa, -gekommen war und gerade auf die Tür der Bude zugehen wollte, sah er, -daß ein Mann vom Boot heraufkam, der ihm in den Weg treten wollte. -Thord eilte zur Tür, und da war ihm der andere gerade auf den Fersen. -Thord sah sich den Mann an und erkannte in ihm seinen Bruder Andreas; -er war entsetzt, stürmte in die Bude hinein und auf den Boden hinauf, -vergaß aber, die Tür hinter sich zu schließen. Auf dem Boden der Bude -waren die Betten derart aufgestellt, daß an dem einen Ende das Bett -des Bauers Thomas stand, an dem gegenüberliegenden Ende ein Bett für -drei Fischer, während Thords Bett mitten an der Seitenwand gegenüber -dem Aufgang stand. Als Thord auf den Boden kam, war es dunkel, und -die Leute schliefen in der Finsternis. Der Bauer Thomas erwachte von -ihren Schritten. Thord setzte sich auf sein Bett, und gerade, als -er sich gesetzt hatte, hörte Thomas ihn sagen: »Glaubst du, daß ich -Furcht habe, dir in die Augen zu sehen?« In demselben Augenblick aber -entstand ein furchtbarer Tumult, und Thord flog wie eine abgeschossene -Kugel nach dem Bett der Fischer hinüber, über sie hinweg und an der -Wand empor, und sie erwachten von einem bösen Traum. Im Handumdrehen -aber riß das Gespenst Thord mit sich und zerrte ihn am Fußboden entlang -und die Leiter hinunter. Der Bauer Thomas zündete Licht an und bat die -Fischer, Thord, dem es so schlecht erging, zu helfen, und sie liefen -alle mit ihm vom Boden hinunter. Da floh das Gespenst, Thord aber lag -wie tot unten im Gang und schwamm in seinem Blut. Sie hoben ihn auf und -trugen ihn auf sein Bett, wachten die ganze Nacht bei ihm und pflegten -ihn mit großer Sorgfalt. Sein Körper war schlimm zugerichtet, blau und -geschwollen, und er kam vor der Dämmerung des nächsten Morgens nicht -zur Besinnung. Er lag lange krank, erholte sich jedoch schließlich, im -Winter aber mußte jede Nacht Licht bei ihm brennen, damit das Gespenst -nicht wiederkommen sollte. - -Im nächsten Winter nahmen ein paar Fischer in der Bude bei Thomas in -Dumpa Dienste. Einer von ihnen hieß Sigurd Sigurdsson und stammte aus -Bredevig im Kreis Barderstran. Er war 21 Jahre alt und für einen so -jungen Mann groß von Wuchs und im Besitz guter Kräfte. Er erhielt das -Bett, das an dem einen Ende des Bodens stand, und darin wurde noch -einem Fischer ein Platz angewiesen. - -Etwas später kam Thord Andreasson, und Thomas bat dann Sigurd, ihn als -Bettgenossen für den Winter anzunehmen. Sigurd, der nicht wußte, was -im vorigen Winter geschehen war, erfüllte das Verlangen des Bauern -gern, und als sie zu Bett gingen, lag Sigurd außen, Thord aber an der -Wand. Als sie aber eingeschlafen waren, träumte Sigurd, daß ein Mann -mit erschreckendem Äußeren zu ihm käme und sagte: »Ich werde dich dafür -belohnen, daß du vor meinem Bruder liegst, so daß ich ihm nicht nahe -kommen kann.« »Was willst du von ihm?« fragte Sigurd. »Ich will ihn -ermorden,« sagte der andere, »Ach so,« sagte Sigurd, »weiter willst du -nichts von ihm?« Da schien es Sigurd, als greife der andere ihn an; -sie packten einander, und das Ende war, daß der Angreifer fiel. Sigurd -erwachte und kroch dann auf allen Vieren auf dem Fußboden vor dem Bett -entlang. - -Die nächste Nacht träumte Sigurd genau dasselbe; jedoch schien es ihm -diesmal schwieriger als gestern zu sein, das Gespenst zu überwältigen, -und dieser Kampf endete so, daß Sigurd davon erwachte, daß seine -Bettgenossen ihn dicht an der Bodenluke festhielten. Sie hatten -geglaubt, daß er im Schlaf wandle und wollten ihn daran verhindern. - -Die dritte Nacht träumte Sigurd, daß er am Boot unten am Wasser stände, -und daß derselbe Mann käme und ihn mit großer Erbitterung überfiele; -und lange rangen sie miteinander, Sigurd aber trug doch schließlich den -Sieg davon; ihm träumte, daß er das Gespenst erlegte, worauf er ein -Schwert in die Hand nahm und seinen Gegner damit in Stücke hieb. Und so -hörte das Gespenst mit seinen Angriffen auf. - -Sigurd blieb den Winter über in Dumpa und schlief neben Thord, und nie -träumte ihm nach dieser Zeit von seinem Kampfgegner, der den ganzen -Winter hindurch seinem Bruder Thord keinerlei Schaden durch sein Spuken -zufügte. - -Viele Jahre später begegneten sich einmal Thord und Sigurd und sprachen -von dem Gespenst. Es hatte Thord niemals mehr überfallen, seitdem -Sigurd es besiegt hatte. Thord überlebte seinen Bruder Andreas um -ungefähr 20 Jahre, nie aber gelangte er nach ihrer Begegnung in der -Bude wieder zu seinen alten Kräften. Er ist später durch das Eis auf -Hvidaa im Borgarfjord eingebrochen und ertrunken. Er befand sich damals -auf einer Reise nach dem Südland, wohin er zum Fischen zog, und führte -drei Pferde mit Packung mit sich, die alle mit ihm ertranken. - - - - -Der Ulfssee - - -Gegen Süden, zwischen den Skagefjordstälern, liegt ein fischreicher -See, der der Ulfssee heißt und seinen Namen auf folgende Weise erhalten -hat: - -Auf Mällifellsaa wohnte einmal ein reicher Bauer. Er hatte einen Sohn, -mit Namen Gudmund, der in jeder Weise ein hoffnungsvoller Jüngling war. -Er hatte gute Kräfte und war ein tüchtiger Ringer. Er war oft draußen, -um Vieh zu suchen, und jedesmal, wenn gesucht wurde, war er Führer oder -Bergkönig, wie die Rangvellinger sagen. - -Einmal zog Gudmund mit mehreren Männern aus, um entlaufene Schafe zu -suchen. Während des Suchens blieb er schließlich mit einem Jungen -allein, und sie kamen nach dem Ulfssee. Da entdeckten sie zwei Lämmer, -die sie zu verfolgen begannen. Der See war zugefroren, und sie sahen, -daß draußen auf dem Eis ein Mann lag und angelte. - -Als Gudmund und sein Begleiter dem See näher kamen, sprang der Fischer -auf, ergriff ein Beil, das neben ihm lag, nahm einen Anlauf und glitt -auf Gudmund zu. Kaum gewahrte das der Junge, als er Fersengeld gab, -Gudmund aber erwartete den Mann. - -Als dieser dicht vor Gudmund stand, hieb er mit dem Beil nach ihm, -Gudmund aber wich aus. Das Beil fiel dem Friedlosen[6] aus der Hand, -Gudmund fing es auf, nahm einen Anlauf und glitt auf den See hinaus, -auf dem der andere ihn zu verfolgen begann. So trieben sie es eine -Weile, bis Gudmund eine passende Gelegenheit fand. Er drehte sich um -und gab dem Friedlosen den Todesstreich; während dieser aber den Hieb -erhielt, rief er mit lauter Stimme nach Brand, Thorgils und Olaf. -Darauf ging Gudmund zu seinen Leuten und erzählte ihnen das Geschehene. -Sie gingen dann in geschlossenen Haufen nach dem See, da aber war der -Tote verschwunden; sie sahen, daß er fortgebracht worden war, denn die -Blutspuren auf dem Eise wiesen ans Land. - -Nach dieser Zeit blieb Gudmund zu Hause und ging nie mehr aus, um -Schafe zu suchen; denn er befürchtete, daß die Friedlosen nach ihm -auf der Lauer lägen. Da geschah es einmal, spät im Sommer, daß der -Schäfer auf Mällifellsaa krank wurde und niemand auf dem Hof war, der -die Schafe sammeln konnte, außer Gudmund. Er ging deshalb fort, konnte -sie aber nirgends finden. Er ging immer weiter, bis in die Heide, aber -auch dort fand er die Schafe nicht. Da fiel ein so dichter Nebel, daß -er nicht wußte, wo er war; trotzdem ging er weiter, bis er eine große -Herde Schafe sah, und bei ihnen einen Mann. - -Dieser, ein Friedloser, griff Gudmund sofort an, und sie rangen so -lange miteinander, bis Gudmund seinen Gegner warf. Der Friedlose bat -um Gnade und versprach, ihn dafür gut zu belohnen. Gudmund fragte, wer -er sei, und wo er zu Hause wäre. Der Friedlose erwiderte, daß er Olaf -heiße und ein Bruder von dem sei, den er auf dem See erschlagen hätte; -Ulf aber hätte der geheißen. - -»Wir sind sechs Brüder, und ich bin der jüngste und kleinste von -allen. Mein Vater wohnt auf einem Hof, unweit von hier, und hat dich -hergezaubert, denn er will dich für den Totschlag an seinem Sohn -belohnen; auf dem Vorhof hat er ein Grab graben lassen, und dich hat er -als Gast dafür bestimmt. Wir haben eine Schwester, die Sigrid heißt, -und die unser Vater am meisten liebt; sie kann dir die beste Hilfe -leisten, wenn sie dir eine Handreichung tun will. Mein Bruder Brand ist -hier in der Nähe, und wenn du ihn unter deinen Fuß bekommen könntest, -so daß du uns beiden das Leben geschenkt hättest, dann würde sie dir -wohl Hilfe leisten, so gut sie es vermag.« - -Hierauf ließ Gudmund Olaf aufstehen, und dann setzte er seinen Weg -fort, bis er Brand traf. Sie rangen miteinander, und es gelang Gudmund, -Brand unter sich zu bekommen. Da bat dieser um Gnade und versprach ihm -Hilfe, indem er ihm genau dasselbe sagte, wie Olaf ihm vorher erzählt -hatte. - -Gudmund ließ ihn dann aufstehen, ging nach dem Hof und fand Sigrid -draußen. Er brachte ihr den Gruß der Brüder und fügte hinzu, daß sie -sie bäten, demjenigen zu helfen, der ihnen das Leben geschenkt habe. -Da führte ihn Sigrid nach dem Boden über dem Stall und schenkte ihm -einen Trunk Wein ein, der ihn sehr stärkte. Darauf beschrieb sie ihm -das Grab auf dem Vorhof und gab ihm den Rat, sich von ihrem Vater, wenn -sie rängen, gegen es treiben zu lassen, wenn er aber den Rand erreicht -hätte, so sollte er hinüberspringen und ihren Vater in das Grab fallen -lassen; töten sollte er ihn jedoch nicht. Sie sagte, daß ihr Vater -gerade schlafe, daß er aber bald erwachen werde, dann solle er auf den -Hof gehen und gegen die Tür klopfen. - -Gudmund tat, wie sie sagte; als aber der Alte die Schläge hörte, erhob -er sich aus dem Bett und sagte: »Jetzt ist Gudmund endlich gekommen, -und jetzt soll er zeigen, wozu er taugt.« - -Der Bauer lief hinaus, von gegenseitigem Begrüßen aber war nicht die -Rede, im Gegenteil, gleich fuhren sie aufeinander los, und es wurde ein -harter Kampf. - -Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die Hälfte der Kräfte -des Alten hatte; daher wehrte er sich nur, griff aber nicht an. Der -Alte wollte ihn nach dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm -treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund hinüber und -wippte den Alten kopfüber hinein. Sogleich kamen Sigrid und die beiden -Brüder, mit denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten ihn, ihrem -Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach, es zu tun, wenn sie -ihm von nun an keinen Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte -hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und nun dankte er Gudmund -für sein Leben und lud ihn ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er -nicht wissen könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der Sache -abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen. Dann wurde Gudmund als Gast -bewirtet, abends aber in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die -älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund in dem Grabe zu Gaste -wäre. Der Alte erzählte, wie alles zugegangen war. Darüber aber wurden -sie rasend und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging dann -vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten müßten, wenn sie das -Gastrecht brechen und Gudmund umbringen wollten. Hierauf besänftigten -sie sich und gingen zu Bett. - -Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund vor und gebot ihnen, -ihm nichts Böses anzutun. Gudmund blieb den Winter über dort; ihm -gefiel Sigrid, denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich von -Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren Brüdern messen konnte. -Sie und Gudmund wurden gute Freunde. - -Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid, die ein Kind -erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte versuchte nicht, sie davon -abzuhalten, und Gudmund zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast, -bis er nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren, ihn -wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen geglaubt hatten. Er -heiratete Sigrid, und sie wohnten lange auf Mällifellsaa, und sie wurde -für eine ausgezeichnete und hochgesinnte Frau gehalten. - -Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters fanden die Brüder den -Aufenthalt droben in der Wildnis öde und langweilig, und darum zogen -sie gleichfalls mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden. -Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord, und alle genossen sie -Ansehen als tüchtige und brave Männer. - - -Fußnoten: - - [6] Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher, - die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis - geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine von - der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse - bildeten. - - - - -Der Südfahrer-Asmund - - -Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte aus dem Skagefjord. Ein -flinker Mann war er und tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser -Erzählung war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog Asmund -südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine Genossen folgten ihm. Sie -verbrachten die Nacht auf Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am -nächsten Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In der Nacht -aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit, und seine Begleiter -warteten den Tag über auf ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen -sollten, er würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund aber -blieb zurück. - -Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen gesund, und darum brach -er auf. Es war schönes Wetter; als er aber nach Süden kam und mitten -auf der Heide war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund sah -nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er das merkte, nahm er -die Bündel von seinen Pferden und grub sich in eine Schneewehe ein und -benutzte seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde koppelte -er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte, in die er an der Leeseite -ein Loch gegraben hatte, um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann -holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen. Aber gerade als -er seine Mahlzeit begonnen hatte, kam ein torfbrauner Hund an das Loch -in der Schneehütte und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr bissig -und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen, den Asmund schluckte, noch -grimmiger. Der Hund begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen -Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor und gab ihn ihm. -Der Hund nahm den Knochen und lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem -Weilchen aber kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür der -Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte ihm für sein Hündchen. - -»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte der Fremde. »So nennt -man mich,« antwortete Asmund. »Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen -zu wählen,« sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das Unwetter -beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn das sollst du wissen, daß -ich es bin, der das Unwetter heraufbeschworen hat, und ich bin daran -schuld, daß du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen, -weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann kenne als dich.« Asmund -wurde es heiß um die Ohren, und er begriff, daß hier nur eins zu tun -war, ob es ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber mit -ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe lassen wollte. - -»So komm mit,« sagte der Mann. Asmund brach nun mit ihm auf; das -Schneetreiben hatte aufgehört, und es war schönes Wetter geworden. Der -Mann ging voraus, Asmund aber folgte ihm mit den Pferden. Welchen Weg -er ging, wußte er nicht, so irregeführt worden war er. Als sie eine -Zeitlang geradeaus gewandert waren, kamen sie in ein kleines Tal. Ein -Bach lief mitten durch das Tal, und Asmund war erstaunt, daß die Erde -auf der einen Seite des Baches rot war, während auf der anderen Seite -jedes Fleckchen weiß vom Schnee war. Auf jeder Seite des Baches sah er -einen Hof Sie gingen nach dem Haus, das auf der zugeschneiten Seite -lag. Der Alte nahm die Pferde, zog sie in den Stall und fütterte sie. -Dann führte er Asmund in das Haus und in die Badstube. Hier erblickte -Asmund ein altes Weib und ein junges, ziemlich hübsches Mädchen, andere -Leute aber sah er nicht. Nachdem er sie begrüßt hatte, wies ihm der -Alte einen Sitzplatz an. Als aber eine kleine Weile verstrichen war, -gingen sie hinaus, der Alte und das Mädchen, und Asmund und das Weib -blieben allein zurück. Die Alte saß die ganze Zeit da und murmelte -leise vor sich hin: »Es ist ein rechter Jammer, – ohne Tabak zu sein.« -Asmund holte ein Stück Tabak aus der Tasche und warf es der Alten zu. -Sie fing es auf und freute sich über das Geschenk. - -Dann kamen sie herein, der Alte und das Mädchen, und sie brachten -Asmund etwas zu essen. Asmund aß, und der Alte stand die ganze Zeit bei -ihm und war sehr vergnügt. Als Asmund gegessen hatte, ging das Mädchen -wieder hinaus, von dem alten Mann gefolgt. Jetzt glaubte Asmund, daß -sie beratschlagten, wie sie ihn umbringen könnten. Bald darauf kam der -Alte zurück und bat Asmund, sich zur Ruhe zu begeben. Das wollte er -gern, und der Alte führte ihn in eine Kammer, in der ein aufgedecktes -Bett stand. Der Alte wünschte ihm Gute Nacht und ging, das Mädchen -aber zog Asmund die nassen Kleider aus. Als sie seine Strümpfe und -Schuhe nahm, um sie wegzutragen, bat er sie, das nicht zu tun, denn er -fürchtete, es könnte Verrat dahinter stecken. Das Mädchen sagte, daß -keine Gefahr damit verbunden sei, denn es wolle ihm niemand etwas Böses -zufügen. Darauf ging sie und bot Asmund mit einem Kuß Gute Nacht. - -Asmund erschien die Behandlung, die er im Hause des Friedlosen genoß, -sonderbar, und er war nicht ganz frei davon, ein gewisses Gefallen an -dem Kusse des Mädchens zu finden. Er schlief bald ein und wachte wieder -davon auf, daß der Alte neben ihm stand. - -Es war hellichter Tag. Der Alte wünschte ihm Guten Morgen und sagte, er -wolle ihn jetzt um die Sache bitten, um derentwegen er ihn hergeholt -hätte. »Die Sache verhält sich so,« sagte der Alte, »daß ich vor -zwanzig Jahren unten in der bewohnten Gegend wohnte; dann bekam ich ein -Kind mit meiner Schwester, darum mußte ich flüchten und hierherziehen. -Das alte Weib, daß du gestern gesehen hast, ist meine Schwester, -das Kind aber, das wir zusammen bekamen, ist das junge Mädchen, das -dir beim Ausziehen behilflich war, als du zu Bett gingst. Als ich -hierherkam, waren hier schon Friedlose, die in dem Hause wohnten, das -du gestern abend jenseits des Baches gesehen hast. Es waren dieselben -beiden Männer, die noch heute auf dem Hof wohnen. Sie haben mir -immer Feindschaft bewiesen, stets aber habe ich mich ihrer erwehren -können, bis jetzt. Jetzt kann ich es nicht mehr, und nun muß ich ihrer -Übermacht unterliegen, weil sie den ganzen Schnee, der ins Tal fällt, -auf meine Seite des Baches fallen lassen. Es ist meine Gewohnheit -gewesen, meine Schafe auf ihrem Land, jenseits des Baches, grasen zu -lassen, nun aber bin ich nicht mehr Manns genug, das zu tun. Ich will -dich darum bitten, heute sogleich mit meinen Schafen über den Bach zu -gehen und sie dort zu hüten. Ich weiß, daß du ein mutiger Mann bist, -aber das hast du auch nötig, denn meine beiden Feinde werden kommen, in -der Vermutung, daß ich bei der Herde bin. Du sollst meinen torfbraunen -Hund bei dir haben, und der wird dir eine gute Hilfe sein.« - -Asmund verließ das Bett und ging mit den Schafen fort, der Alte aber -gab ihm seinen Mantel zum Umhängen und ein Beil, damit er sich seiner -Haut wehren könnte. Sobald Asmund über den Bach gekommen war, liefen -die Friedlosen auf ihn zu und sagten: »Jetzt ist er des Todes!« Denn -sie glaubten, der Alte sei bei seinen Schafen. Als sie sich aber -Asmund näherten,sagten sie: »Es ist ein anderer, als wir dachten,« -worauf sie auf Asmund einsprangen und ihn angriffen. Asmund hetzte den -Braunen auf den einen von ihnen, griff aber selber den andern an. Der -Braune zerriß seinen Gegner und lief dann gegen den andern an, und so -besiegten sie ihn im Verein, Asmund und der Hund. Asmund blieb bis zum -Abend bei den Schafen, dann ging er nach Hause und traf dort den Alten -an. Der empfing Asmund gut und dankte ihm herzlich für sein Tagewerk. -Er hätte ihm zugesehen, als er dabei gewesen wäre, die Friedlosen zu -töten, erzählte er. - -Am folgenden Tage gingen Asmund und der Alte über den Bach nach dem -anderen Hof, der ein guter und geräumiger Ort zum Bewohnen war. Keinen -Menschen trafen sie an, nur eine Menge Vieh. Sie untersuchten nun -das ganze Haus. Da stießen sie auf eine Tür, die sie nicht zu öffnen -vermochten. Asmund warf sich gegen sie und sprengte sie. Sie führte -in eine kleine Nebenkammer, in der sie eine anmutige und schöne Magd -fanden. Sie war mit den Haaren an einen Balken festgebunden und war -sehr blaß und mager. Asmund befreite sie und fragte, wo sie her sei. -Sie erzählte, daß sie eine Bauerntochter vom Oefjord wäre, und daß die -Friedlosen sie geraubt hätten. Sie hätten sie zwingen wollen, einen von -ihnen zu heiraten, sagte sie. Da sie das aber nicht wollte, so hätten -sie sie hier festgebunden und gemeint, auf diese Weise würden sie -sie schon gefügig machen, einen von ihnen zu nehmen. Asmund erzählte -ihr dann, wie die Sache nun stände, und daß sie in den Händen guter -Menschen sei; sie aber freute sich, alle Gefahr überstanden zu haben. - -Sie brachten nun alles von der Hütte des Alten herüber nach diesem -Hof und blieben hier den Winter über. Asmund gefielen der Alte und -die Mädchen, besonders jedoch die Tochter des Alten. Sie lernte -verschiedene Kunstfertigkeiten von dem Mädchen vom Oefjord. Im Frühjahr -sagte der Alte zu Asmund, er solle nun nach seiner Heimat ziehen; -im Herbst aber solle er in das Tal zurückkehren, denn dann würde er -gestorben sein, sagte er. Dann wollte er ihn bitten, sich seiner -Tochter und seiner Schwester anzunehmen, wenn sie noch am Leben sei, -und auch des Mädchens aus dem Oefjord. Alles, was er hier an Geldeswert -finden könne, solle seine Mitgift sein, sagte er. Darauf begab sich -Asmund nordwärts nach dem Skagefjord. Die Leute sahen ihn an, als wäre -er vom Tode wiederauferstanden; wo er aber den Winter verbracht hatte, -das erzählte er niemandem. - -Im Herbst zog er wieder aus und kam zu den Mädchen im Tal. Sie freuten -sich sehr über sein Kommen, denn die beiden Alten waren entschlafen, -und die Mädchen hatten sie unter einem Hügel am Abhang begraben. Asmund -blieb den Winter über bei ihnen. Aber im Frühjahr zog er mit der ganzen -beweglichen Habe aus der Hütte fort, nach dem Skagefjord. Dort ließ er -sich nieder und heiratete die Tochter des Alten, das Oefjordmädchen -aber verheiratete er mit einem Manne aus der Umgegend. - -Und hier endet die Erzählung vom Südfahrer-Asmund. - - - - -Die Zauberer auf den Westmändsinseln - - -Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn Zauberer -zusammen und schlossen miteinander ein Bündnis. Sie zogen nach den -Westmändsinseln und wollten sich gegen den Tod wehren, solange es -irgend ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen, daß die -Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte, wollten sie gern wissen, -ob noch ein Mensch am Leben wäre. Sie einigten sich deshalb, einen -ihrer Kameraden ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in -ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren war. Sie -brachten ihn ans Land und sagten, daß sie ihm, wenn er nicht bis zur -Julzeit zurückgekommen wäre, einen Sending[7] schicken würden, der ihn -töten sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents. - -Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit herum. Aber nirgends -sah er einen lebenden Menschen; die Höfe standen offen, und darinnen -lagen überall Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der -verschlossen war. Er wunderte sich darüber, und es wurde die Hoffnung -in ihm erweckt, daß er hier Menschen antreffen würde. Er klopfte an -die Tür, und sogleich kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm. -Er begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals und weinte -vor Freude, wieder einen Menschen zu sehen; denn sie hätte geglaubt, -sagte sie, daß sie das einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat -ihn, bei ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen -in das Haus und hatten vieles miteinander zu besprechen. Sie fragte, -wo er herkäme, und wo er hinwollte. Das erzählte er ihr und zugleich, -daß er bis zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei ihr zu -bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid, und er versprach ihr -denn auch zu bleiben. Sie erzählte ihm, daß alle Menschen gestorben -seien; denn sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen, -eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem lebenden Wesen zu -begegnen. - -Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte ans Heimwärtsziehen. -Das Mädchen aber bat ihn zu bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl -nicht so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er bei ihr, die -so allein und verlassen sei, geblieben wäre. Er ließ sich überreden -zu bleiben, und dann kam die Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem, -was sie auch sagte. Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und -sagte: »Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen kannst? -Oder scheint es dir nicht ebensogut, hier bei mir zu sterben, als an -irgendeinem Ort unterwegs?« - -Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden war und entschloß -sich, ruhig zu bleiben, wo er war und hier den Tod zu erwarten. Es ging -auf die Nacht; er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war keck -und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte, was die Inselbewohner -jetzt trieben. Er sagte, daß sie ihren Sending jetzt ans Land gebracht -hätten, und daß er heute kommen würde. - -Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er aber legte sich -in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er jetzt anfinge, schläfrig zu -werden, und daß das der Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er -ein. Das Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal ums andere, -damit er sagen sollte, wo der Sending der Inselbewohner nun sei. Aber -je näher dieser kam, desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt -hatte, daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so fest, daß das -Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte, und es dauerte denn auch nicht -mehr lange, bis sie einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen -sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete sich zu -einer Menschengestalt. Das Mädchen fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt -entledigte sich ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten; »denn -ich kann nicht über dich hinwegkommen,« sagte sie. Das Mädchen sagte -der Gestalt, daß sie ihr dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen -müsse. Die Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen -erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden könnte. Die -Gestalt war damit einverstanden und wurde nun so groß, daß sie das -ganze Haus erfüllte. Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern -sehen, wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie könnte eine -Fliege werden, und in demselben Augenblick verwandelte sie sich in eine -Fliege und wollte unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem Manne -hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade in den Röhrenknochen -eines Schafes, den das Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte -sich, sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben. - -Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die Tasche und weckte -den Mann. Er wurde bald wach und wunderte sich sehr, daß er noch am -Leben sei. Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er antwortete, -daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei, das Mädchen aber sagte ihm -dann, daß sie längst geahnt hätte, daß das keine großen Zauberer -auf der Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und sie -verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit. - -Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann wieder an, -wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte, was ihm denn nur fehle. Er -sagte, daß sie jetzt auf der Insel im Begriff wären, einen neuen -Sending auszurüsten und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen. »Am -Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es nicht leicht, mich zu -retten.« Das Mädchen sagte, daß sie keine Angst davor habe, ehe sie -es probiert hätte, und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen -der Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres sagte er, -daß jetzt der Sending ins Land gekommen sei. »Und schnell kommt er -vorwärts, denn er hat eine gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte, -daß er ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat. Sie kamen -bald darauf nach einem Buschwald. Darin blieb sie stehen und riß ein -paar Büsche aus. Da stießen sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen -hob den Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie stiegen -in die Erdhöhle hinab, in der es finster und unheimlich war. Da war -ein schwacher Docht in einem Schädel, der in Menschenfett brannte. -Auf einem elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund, der -furchtbar anzusehen war. Seine Augen waren wie Blut, und sein Aussehen -war so greulich, daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte sagte: -»Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du herkommst, Pflegetochter. -Es ist lange her, daß ich dich gesehen habe, und was kann ich nun -für dich tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie gekommen -sei, von dem Manne, und von dem ersten Sending. Der Alte bat sie, den -Röhrenknochen sehen zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte -den Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer. Er drehte -ihn nach allen Richtungen und betastete ihn überall von außen. Dann -sagte das Mädchen: »Hilf nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt -er schläfrig zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending bald -hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen aus dem Röhrenknochen, und -sofort kam die Fliege aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege -und sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von den Inseln in -Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte ein starker Donnerschlag, die -Fliege fuhr heraus und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis -zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der Erde lag. Sie nahm -alle Sendinge von den Inseln in Empfang, und der Mann war gerettet. - -Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und nach Hause, das -Mädchen und der Inselmann, und gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof. -Später wurden sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten sich und -bevölkerten die Erde. - -Und so weiß ich nichts mehr von der Sage. - - -Fußnoten: - - [7] Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das - abgesandt wird, um jemanden zu töten. - - - - -Der Sending - - -Eine Frau saß einmal bei ihrer Arbeit in der Badstube. Außer ihr waren -weiter keine Leute auf dem Hof; denn der Bauer war wegen irgendeiner -Besorgung von zu Hause fortgegangen, und das Gesinde war draußen -beschäftigt. Da trat ein Junge in die Badstube ein, klein von Wuchs, -aber sehr feist. Er fragte die Frau, wo der Bauer sei, sie beeilte sich -jedoch nicht, es zu sagen, denn der Junge gefiel ihr nicht. Da fragte -er nochmals nach dem Bauern, mit dem er, wie er sagte, ein ernstes Wort -zu reden habe, und er könne nicht verweilen. Die Frau fragte ihn, was -für einen Auftrag er denn habe, und ob sie ihn nicht entgegennehmen -könne. Als der Junge hierauf »Nein« erwiderte, sagte die Frau: »Ich -glaube nicht, daß so ein Pfropfen wie du viel unter den Händen meines -Mannes zu tun hat. Oder kannst du etwa größer werden, als du jetzt -bist?« Der Junge sagte, das könne er schon. Sie bat ihn um eine Probe -davon, sonst glaube sie ihm nicht. Da wuchs der Junge allmählich, bis -er so groß wie ein Troll wurde und bis an die Decke reichte. Die Frau -sagte, daß man ihn kaum dort einfange, wo man ihn hinsetze, und sie bat -ihn, nun wieder so zu werden, wie er vorher gewesen sei. Das tat er. -Da fragte ihn die Frau, ob er sich in demselben Verhältnis klein wie -groß machen könne und wünschte, eine Probe zu sehen. Dazu sagte er ja, -und allmählich wurde er nun kleiner, bis er die Größe eines Sperlings -erreicht hatte. Da holte die Frau ein kleines Fläschchen hervor und -fragte ihn, ob er sich so klein machen könne, daß er da hineinginge. -Sofort verwandelte er sich in eine Fliege und kroch in das Fläschchen -hinein; die Frau war nicht faul und spannte ein Kalbshäutchen über die -Flasche, und nun mußte sich der Gesell damit abfinden, darin zu kauern. - -Als der Bauer nach Hause kam, gab ihm die Frau die Flasche und erzählte -ihm alles. Er freute sich über die List seiner Frau, nahm die Flasche -und ging mit ihr fort; was aber aus ihr geworden ist, erfuhr später -niemand. - - - - -Der Eheteufel - - -Auf Geirmundstad im Skagefjord wohnte einmal ein Ehepaar, das im Gemüt -nicht übereinstimmte; man erzählte allerdings, daß die Frau einem -anderen Manne gut sei, der das seinige tat, um das gute Verhältnis -zwischen ihr und ihrem Eheherrn zu stören. In dieser Absicht -verzauberte er einen Teufel dazu, die Gestalt eines Hundes anzunehmen; -er war von torfbrauner Farbe, und er schickte ihn nach Geirmundstad, um -dort Eheteufel zu sein. - -Bei den Eheleuten auf Geirmundstad hielt sich eine alte Frau auf; sie -beobachtete, daß jedesmal, bevor die Eheleute in Streit gerieten, ein -torfbrauner Hund in die Badstube trat, durch das Zimmer ging und die -Schnauze zwischen das Ehepaar auf das Bett legte, auf dem es saß, und -ganz unheimlich zu heulen begann. Als der Hund damit fertig war, war -es stehende Regel, daß Mann und Frau in Zank gerieten. Die alte Frau -sprach mit dem anderen Gesinde über den Vorläufer der Zänkerei des -Ehepaares, den sie sah, und sie waren alle miteinander darüber einig, -daß sie der Hausfrau ihr Gesicht erzählen solle, um zu sehen, ob sie -nicht dadurch Frieden zwischen den Eheleuten stiften könne, die im -Grunde bei all ihren Leuten sehr beliebt waren. - -Einmal sprach die Alte, die geistersehend war, mit ihrer Herrin -und hielt ihr das Unchristliche vor, daß Mann und Frau in solcher -Zwietracht miteinander lebten. Anfangs wollte die Hausfrau nichts -davon hören, die Alte aber sagte, daß sie sich sicher mehr Mühe geben -würde, bösen Zank mit ihrem Manne zu vermeiden, wenn sie nur wüßte, -woher ihre Uneinigkeit käme. Sie erzählte ihr dann alles und bat sie -eindringlich, ihrem Manne ja in allem nachgiebig zu sein, damit sie -den Teufel nicht mehr mit ihrem häßlichen Streit ergötze. Die Hausfrau -versprach ihr, alles zu tun, was in ihrer Macht stände. - -Da kam es so, daß sich das Verhältnis der Eheleute zu einander mit -jedem Tage besserte, denn die Frau gab ihrem Manne gegenüber immer -nach, und schließlich wurde ihr Zusammenleben sehr liebevoll. - -Da sah man aber auch nichts mehr von dem Torfbraunen. - - - - -Der rote Stier - - -Als Sira Thomas Skuleson Pfarrer auf Grenjadarstad war, hielt er sich -zwei Hofknechte, von denen der eine Bjarne hieß, der andere aber -Martin. Diese beiden Knechte hatten eine gemeinsame Schlafkammer, -die abgesondert vorn auf dem Hofe lag. Bjarne war früher verheiratet -gewesen, lebte aber von seiner Frau getrennt, und da er nun in Liebe -zu einem Mädchen in der Nachbarschaft entbrannt war, wollte er vor -allem seine frühere Frau los werden. Er griff deshalb zu dem Mittel, -daß er einen klugen Mann auf dem Nordland bewog, ihn zu lehren, wie man -ein Gespenst erstehen lassen könnte, das er seiner Frau auf den Hals -schicken wollte, um ihr den Garaus zu machen. - -Bjarne begann nun den Wiederkehrer[8] zu erwecken und leckte ihm den -Totengeifer vom Gesicht, wie das Gesetz verlangt; kaum aber war er -damit fertig, als sich das Gespenst an ihn selbst machte; und das Ende -ihres Kampfes war, daß der Wiederkehrer Bjarne überwältigte, so daß -dieser mit knapper Not lebendig davonkam. Dieser Wiederkehrer aber -war Bjarne so viel weniger von Nutzen, als er erwartet hatte, daß er -Bjarne nach dieser Zeit sogar wachend und schlafend überfiel, so daß -er darüber beinahe um Sinn und Verstand gekommen wäre. Weder Bjarne -noch Martin hatten nun nachts besondere Ruhe zum Schlafen; denn das -Gespenst fuhr mit seinem Klopfen an die Kammer unentwegt fort und hielt -sie wach, bis Bjarne hinunterging, und dann blieb er längere oder -kürzere Zeit in der Nacht draußen. Man wußte aber nichts von dem, was -draußen zwischen ihnen vorging, als was Bjarne selbst erzählte, wenn er -wieder zu Martin hineinkam. - -Als dies eine Zeitlang gedauert hatte und Bjarne darüber den Verstand -fast verloren hatte, wandte er sich in seinem unglücklichen Zustand an -einen klugen Mann und bat ihn um einen guten Rat, auf welche Weise er -sich von den Verfolgungen des Wiederkehrers befreien könnte. Der kluge -Mann gab ihm einen Zettel mit einigen Schriftzeichen und gebot ihm, -eines Nachts in die Kirche auf Grenjadarstad zu gehen, sich sämtliche -Meßgewänder umzuhängen und derart geschmückt die ganze Nacht hinter -den Schranken neben dem Altar stehen zu bleiben, ohne sich vom Fleck -zu bewegen, was er auch zu sehen bekäme, und was ihn auch anzusprechen -schiene; denn man wollte ihn nur von den Schranken locken, und dann -wäre es aus mit ihm. Schließlich, sagte er, würde ein ungeheuer großer, -roter Stier kommen, der die Zunge zwischen ihm und dem Altar bewegen -würde, dann aber gälte es sein Leben, wenn er nicht so geschickt wäre, -dem Stier den Zettel auf die Zunge zu legen; gelänge ihm das dagegen, -so hätte er keinen Grund mehr, die Heimsuchungen des Gespenstes zu -fürchten. - -Nachdem er diesen Rat bekommen hatte, ging Bjarne eines Nachts in die -Kirche und benahm sich so, wie es ihm vorgeschrieben worden war. Da kam -eine Schar Menschen nach der andern zu ihm heran und umzingelte die -Schranken; er kannte aber nur wenige unter ihnen. Sie redeten ihn in -verschiedener Weise an und baten ihn im guten und im bösen, den Altar -zu verlassen und zu ihnen herauszukommen. Einer von denen, die Bjarne -zu kennen meinte, war Sira Hallgrim Scheving, Dr. Schevings Großvater, -und er zerrte an Bjarne, um ihn aus den Schranken herauszubekommen. -Eine Schar aber nach der andern verschwand, da es ihnen auf keine Weise -gelingen wollte, Bjarne vom Altar fortzubekommen. - -Da kam endlich der rote Stier auf Bjarne zu; er streckte die Zunge -über die Schranken hinweg und wollte sie zwischen Bjarne und dem Altar -schwingen, als beabsichtige er, ihn von dort herauszuschleudern. -Es gelang aber Bjarne, ihm den Zettel auf die Zunge zu legen. Da -verschwand der Stier, und von diesem Augenblick an gewahrte Bjarne -nichts mehr in der Kirche, so wie er auch nichts mehr von den -Heimsuchungen des Wiederkehrers merkte. - - -Fußnoten: - - [8] Gespenst eines toten Menschen, der umgeht. - - - - -Das Fäßchen - - -Es war einmal eine Schar von Männern auf einer Wanderung. Eines -Sonntagmorgens schlugen sie ihr Zelt auf einer schönen, grünen Wiese -auf. Es war helles und gutes Wetter. Die Wandernden legten sich hin, -um zu schlafen, und lagen in einer Reihe im Zelt. Derjenige aber, der -zu äußerst an der Zelttür lag, konnte nicht schlafen, und seine Blicke -wanderten hin und her im Zelt. Da sah er einen bläulichen Dunst über -demjenigen aufsteigen, der zu innerst lag. Der Dunst bewegte sich -vorwärts durch das Zelt und hinaus. Der Mann wollte wissen, was das -wohl sein könnte, und folgte dem Dunst. Dieser schwebte langsam über -die Wiese und kam schließlich an eine Stelle, an der ein verwitterter -alter Pferdeschädel lag, der voll von laut summenden Schmeißfliegen -war. Der Dunst schwebte in den Pferdeschädel hinein, nach geraumer -Zeit aber zog er wieder hinaus. Darauf schwebte er wieder über die -Wiese hin, bis er an ein ganz kleines Bächlein kam, das die Wiese -durchquerte. Er schwebte an dem Bache entlang, und dem Manne schien -es, als suche er eine Stelle, an der er hinüberkommen könne. Der Mann -trug seine Peitsche in der Hand, und diese legte er quer über den -Bach, der nicht breiter war, als daß der Stiel hinüberreichte. Der -Dunst zog auf den Peitschenstiel hinaus und gelangte so über den Bach. -Darauf schwebte er wieder eine Weile vorwärts, bis er schließlich an -einen Erdhöcker auf der Wiese kam. Dort verschwand er in den Erdhöcker -hinein. Der Mann stand daneben und wartete darauf, daß der Dunst wieder -herauskommen sollte. Das geschah auch bald, worauf er denselben Weg -zurückschwebte, den er gekommen war. Der Mann legte seine Peitsche -über den Bach, und der Dunst zog wieder auf ihr hinüber wie das vorige -Mal. Dann schwebte er geradeswegs heimwärts nach dem Zelt und hielt -nicht inne, bis er hinter den innersten Mann im Zelt gekommen war. Dort -verschwand er. Der Mann aber legte sich hin und schlief ein. - -Als der Tag ziemlich verstrichen war, standen die Wandernden auf und -nahmen ihre Pferde. Sie schwatzten über allerlei, während sie die -Pferde aufzäumten. Unter anderem sagte der, der zu innerst im Zelte -gelegen hatte: »Ich wünschte, daß ich das besäße, wovon ich heute nacht -geträumt habe.« »Was war es denn, und was hast du geträumt?« fragte -derjenige, der den Dunst gesehen hatte. Der andere erwiderte: »Es war -mir, als wandere ich hier über die Wiese. Ich kam an ein großes und -schönes Haus. Darin waren viele Leute versammelt, und sie spielten und -sangen vor Lust und Freude. Ich blieb ziemlich lange in dem Haus. Als -ich aber wieder hinauskam, führte mein Weg über eine schöne Wiese. Dann -kam ich an einen großen Fluß, über den ich lange vergebens versuchte -hinüberzukommen. Da sah ich, daß sich ein ungeheuer großer Riese -näherte. Er hatte einen gewaltigen Balken in der Hand, den er über den -Fluß legte, und auf diesem ging ich hinüber. Ich wanderte dann lange -Zeit, bis ich an einen großen Hügel kam. Der Hügel war offen, und ich -ging in ihn hinein. Da fand ich weiter nichts als ein riesiges Faß, das -mit Geld gefüllt war. Ich hielt mich dort lange auf, um mir das Geld -anzusehen; denn einen so großen Haufen hatte ich noch nie gesehen. Dann -ging ich hinaus und wanderte denselben Weg zurück, den ich gekommen -war. Ich kam wieder an den Fluß, und da kam der Riese wieder mit dem -Balken und legte ihn darüber. Ich gelangte auf dem Balken über den Fluß -und kehrte wieder zurück in das Zelt.« - -Der Mann, der den Dunst verfolgt hatte, begann lustige Gedanken zu -haben, und er sagte zu dem, der geträumt hatte: »Komm, Genosse, laß -uns einen Augenblick hingehen und das Geld holen.« Der andere begann -zu lachen und dachte, daß er nicht recht gescheit sei, er ging aber -doch. Sie gingen nun genau denselben Weg, den der Dunst gewandert war -und kamen an den Erdhöcker, den sie durchgruben. Dort fanden sie ein -Fäßchen mit Geld. - -Dann kehrten sie zu ihren übrigen Wandergenossen zurück, erzählten -ihnen alles von dem Traum und dem Dunst und zeigten ihnen das Fäßchen. - - - - -Hleidrargaards Skotta - - -Etwa in den Jahren 1740 bis 1770 wohnte auf Hleidrargaard im Oefjord -ein Bauer, namens Sigurd Björnsson, der als vernünftiger Mann galt, -aber von heftigem Gemüt war. Es wird erzählt, daß er einmal in seinen -jüngeren Jahren früh im Sommer westwärts nach dem Gletscher ritt, um -Fische zu kaufen. Da traf es sich, daß er und der Mann, von dem er die -Fische kaufte, nicht einig werden konnten. Darüber entstand ein Streit -unter ihnen, der bald darauf in eine Schlägerei ausartete. Sigurd -war ein kräftiger Mann, und es war kein Spaß, ihm unter die Fäuste -zu kommen, und so gelang es ihm, seinen Gegner unter sich zu Boden -zu werfen, worauf er ihm ein paar Streiche versetzte. Als der Gegner -wieder aufstand, stieß er Drohungen gegen Sigurd aus und versprach ihm -verdienten Lohn vor der Tag- und Nachtgleiche, worauf er seines Weges -ging; Sigurd aber zog mit seinen Genossen wieder nach Hause und blieb -auf seinem Hof. - -Zu dieser Zeit wohnte auf Krynarstad, dem nächsten Hof von -Hleidrargaard aus, ein Mann, der Hall hieß, mit dem Zunamen »Der -Starke«. Er war geistersehend und hatte oft Gespenster erblickt und mit -ihnen zu tun gehabt. Es wird nun gesagt, daß dieser Hall eines Abends -in dem Herbst, der auf den Sommer folgte, in welchem Sigurd von seinem -Ritt nach Hause gekommen war, draußen auf seinem Hof stand; da sah er -ein Gespenst in Gestalt eines Mädchens den Weg daherkommen; sie war -klein von Wuchs, hatte ein rotes Mieder an, einen dunkelbraunen Rock, -der nur bis an die Knie reichte, eine Mütze ohne Quaste, und ging in -Hemdsärmeln. Als die Dirne Hall erblickte, wollte sie ihm ausweichen, -er stellte sich ihr aber in den Weg und fragte, wer sie sei. Sie -erzählte, daß sie Sigga heiße. Er fragte, woher sie käme und wohin sie -wolle. Sie antwortete: »Nach Hleidrargaard«. »Was hast du da zu tun?« -»Sigurd Björnsson umzubringen«, antwortete sie. Darauf lief sie ihres -Weges, und Funken sprühten hinter ihr her. - -An demselben Abend schlief Sigurd in seinem Bett, das so stand, daß ein -Fenster darüber war. Die anderen, die sich in der Badstube aufhielten, -waren wach. Plötzlich sprang Sigurd aus dem Bett und fragte: »Wer -hat mich gerufen?« Man erwiderte ihm, daß ihn niemand gerufen habe. -Er legte sich wieder zu Bett und schlief ein; kaum war er aber -eingeschlafen, als er wieder aufsprang und sagte, daß ihn jetzt sicher -jemand gerufen hätte. Da man ihm sagte, daß das nicht der Fall gewesen -wäre, legte er sich wieder zu Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. -Als er eine kleine Weile gelegen hatte, sah man ihn aus dem Fenster -spähen und hörte ihn sagen: »Ach so, daher kommt es!« und dabei -verfärbte er sich. Er ging nach der Badstubentür, stellte sich an sie, -und man hörte ihn ganz laut sagen: »Wenn jemand da ist, der mit Sigurd -Björnsson sprechen will, – da sitzt er!« Und damit zeigte er mit der -Hand auf einen Armenhäusler-Jungen, namens Hjalmar, der auf einem Stuhl -gegenüber der Badstubentür saß und Wolle zupfte. Da wurde der Junge vom -Stuhl herunter auf den Fußboden geschleudert, wo er sich unter Geschrei -und gräßlichen Windungen wälzte, als wenn er am Ersticken wäre; Sigurd -holte eine Rute und schlug den Jungen überall damit; dadurch wurde -er etwas ruhiger und wurde auf das Bett gelegt; da war sein Körper -geschwollen und zeigte Spuren von Stößen. Diese Anfälle bekam der Junge -zwei- oder dreimal in der Nacht, und dann später von Zeit zu Zeit, bis -er früh im Winter an einem solchen starb, und da war sein Körper sehr -geschwollen und aufgedunsen und wies deutliche, schwarze Spuren von den -Fingern des Gespenstes auf. - -Nach dieser Zeit verfolgte das Gespenst Sigurd und seine Kinder, -ja es verfolgte sogar alle Leute auf Hleidrargaard. Oft sahen -geistersehende Männer dieses Mädchen, das »Hleidrargaards-Skotta«[9] -genannt wurde, ein Name, den sie nach ihrer Mütze erhalten hatte, -weil diese wie ein Zipfel auf ihrem Kopf stand. Am häufigsten sah man -sie »Katzflechten«[10], wie man das nennt, indem sie an irgendeinem -Querbalken hing, am liebsten über dem Eingang der Häuser. Sigurd -selbst konnte sich immer vor ihr hüten, nach und nach aber tötete sie -ihm das Vieh, und selbst das Vieh auf den Nachbarhöfen wurde von ihr -umgebracht. Das Fleisch war immer sehr fleckig und blau und vollkommen -ungenießbar. Sie wurde auch beschuldigt, einen tüchtigen Bauern, Sigurd -auf Näs, umgebracht zu haben, denn er bekam einen Krämpfeanfall und -starb daran. - -Als nun ihre Gewalttätigkeit dermaßen zunahm und man befürchtete, daß -sie sich noch bedeutend steigern würde, traf es sich so glücklich, -erzählt man, daß vom Gletscher her ein Bettler, mit Namen Peter oder -Gletscher-Peter, wie er allgemein genannt wurde, in den Ort kam. Er -war ein großer Zauberer, benutzte aber seine Kunst immer nur zum -Guten. Sigurd auf Hleidrargaard war ein guter und freigebiger Mann, -und deshalb gab er auch Peter eine gute Unterstützung, erzählte ihm -aber gleichzeitig, daß es nicht seine Heimat wäre, der er für diese -Hilfe danken könne; denn die hätte ihm, dem Bauern, ja ein Gespenst -auf den Hals geschickt, das sowohl ihm wie anderen großen Schaden -zufügte und wahrscheinlich damit fortfahren würde, bis es ihn ums Leben -gebracht habe. Peter versprach, daß er ihn schon von diesem Teufel -befreien werde. Eines Nachts entfernte er sich also, nahm das Gespenst -mit und fesselte es an einen bodenfesten Stein an der Stelle zwischen -dem Strjugsbach und Volde, die Varmhage heißt. Lange Zeit konnte nun -das Gespenst keinen Schaden tun; oft aber hörte man es nachts heulen, -und die Leute wagten nicht, allzu nahe an ihm vorbeizufahren; denn -dann wurde ihnen schwindlig, und sie verloren den Weg, auch wenn es -hellichter Tag war. - -In den Jahren 1806–1810 baute der Pfarrer von Saurbär, der Sira Sigurd -hieß und noch heutigen Tages lebt, eine Futterscheune in der Nähe -dieser Stelle, denn es sind gerade dort gute Weideplätze. In der ersten -Nacht, in der das Haus in Gebrauch war, wurde ein Schaf getötet und -dann mehrere. Da entdeckte man, daß die Schafkörper in jeder Hinsicht -wie diejenigen aussahen, die das Gespenst früher unter den Händen -gehabt hatte, und man glaubte deshalb, daß es jetzt wieder angefangen -hätte, eine lockere Hand zu haben. Krankheit und Tod fingen allmählich -an, unter den Schafen ringsum im ganzen Oefjord allgemein zu werden; -das nennt man die Pest, aber der Aberglaube, daß nur das Gespenst daran -schuld sei, ist schon von alters her bei den Leuten eingewurzelt. - - -Fußnoten: - - [9] Isl.: skott bedeutet eigentlich: Schwanz, außerdem den - Zipfel einer Mütze, daher die Benennung »Skotta«, d. h. ein - weibliches Gespenst, das eine Zipfelmütze trägt. - - [10] »Katzflechten« (isl. fla’kött) besteht darin, daß man die - Beine um einen Querbalken flicht und an ihnen hängt, den - Kopf nach unten, während man gleichzeitig die Jacke, die - Weste usw. aus- und anzieht. - - - - -Die Schuhe aus Menschenhaut - - -Auf einem Hof wohnte einmal ein Bauer, über den allerlei Gerüchte -im Umlauf waren. Er hatte einen schlechten Ruf wegen der Behandlung -seines Gesindes, und lange blieb kein Knecht bei ihm, ob es nun von der -schlechten Kost oder der schlechten Behandlung kam, oder davon, daß zu -viel Arbeit von ihnen verlangt wurde. Schließlich ging es so weit, daß -sich niemand als Knecht bei dem Bauern verdingen wollte, und bei einem -Haar mußte er die ganze Knechtearbeit allein ausführen. - -Einmal geschah es, daß ein junger Mann im Ort, der keinen festen Dienst -hatte, obgleich er ein tüchtiger Mensch war, den Bauern besuchte. Der -empfing ihn mit offnen Armen, lud ihn in seine Stube ein und ließ sich -mit ihm in einen Schwatz über die verschiedensten Dinge ein. Da kamen -sie auch auf Gesindeverhältnisse zu sprechen, und schließlich schlug -ihm der Bauer vor, das nächste Jahr als Knecht bei ihm zu bleiben. -Der Mann aber wollte nur ungern darauf eingehen, des schlechten Rufes -wegen, der an dem Bauern haftete. Der Bauer bat ihn jedoch, den Dienst -anzunehmen, und wenn es nicht für länger wäre, als bis er ein Paar -Schuhe abgenutzt hätte. Der Mann dachte bei sich, daß die Schuhe -immerhin vergänglich seien, und daß sie sich schließlich abnutzen -müßten, und daß er also nur für kurze Zeit und nicht fürs ganze Leben -bei dem Bauern bliebe, und das Ende vom Liede war, daß er dem Bauern -sein Wort gab. - -Im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse kam der Knecht, und der Bauer gab -ihm ein Paar neue, nicht sehr feste Schuhe, indem er ihm sagte, wenn er -die Schuhe abgetragen habe, dann solle seine Dienstzeit aus sein, falls -er es wünsche; das aber machte der Bauer zur Bedingung, daß der Knecht -jedesmal ein Paar andere Schuhe anzöge, wenn er zur Kirche ginge, und -darauf ging der Knecht willig ein. - -Nun verging eine lange Zeit, und nach Verlauf eines Jahres war noch -nicht mehr Abnutzung an den Schuhen zu sehen, als wenn er sie gestern -angezogen hätte. Da wurde er sehr bedrückt, sein Versprechen gegeben zu -haben, hielt es jedoch für eine Schande, es zu brechen und fortzugehen, -obwohl das Leben bei dem Bauern leidig und unangenehm war. Er blieb -deshalb noch das nächste Jahr bei ihm, aber auch jetzt war keine -besondere Abnutzung an den Schuhen zu bemerken, obgleich er während -dieser beiden Jahre keine anderen angezogen hatte, außer wenn er zur -Kirche ging. Der Knecht wunderte sich darüber sehr und konnte sich -schon denken, daß dies nicht mit rechten Dingen zuging, wußte jedoch -nicht, was für ein Zauberkniff gegen ihn angewendet würde. - -Eines Sonntags, als er das dritte Jahr begonnen hatte, blieb er zu -Hause und ging nicht in die Kirche; darum erhielt er auch keine -Kirchenschuhe, wie es sonst der Fall war, wenn er in das Gotteshaus -ging. Als sämtliche Leute, und der Bauer auch, zur Kirche gegangen -waren, begann der Knecht über seine Lage nachzudenken, und wann wohl -diese Sklaverei bei dem Bauern aufhören würde. Während er in solchen -Gedanken dasaß, kam ein fremder Mann zu ihm herein. Dem Fremden fiel -es gleich auf, daß der Knecht sehr kummervoll war, und er fragte -ihn deshalb, was ihm denn fehle, und weshalb er heute nicht mit den -übrigen Leuten des Hofes zur Kirche gegangen sei. Der Knecht erwiderte, -daß er keine rechte Lust dazu gehabt hätte, er säße nun hier und -dächte an seine Widerwärtigkeiten. Der Fremde sagte, daß es keine -Entschuldigung für ihn sei, von der Kirche fortzubleiben, wenn er sich -für einen schwergeprüften Mann hielte; denn jeder Mensch habe sein -Kreuz zu tragen, und seine Widerwärtigkeiten würden ihm wohl dadurch -nicht leichter werden, daß er es unterließe, zur Kirche zu gehen; er -sollte deshalb gleich dorthin wandern, denn noch wäre der Tag nicht -so weit verstrichen, daß er nicht früh genug zum Gottesdienst kommen -könnte; außerdem wäre heute etwas später angefangen worden, da sich der -Gottesdienst durch eine Beerdigung, die vorher stattgefunden hätte, -etwas verspätet habe. Der Knecht sagte, daß er nicht gehen könnte, da -ihm die Kirchenschuhe fehlten. Der Fremde antwortete, daß er ja mit -den Schuhen gehen könnte, die er an den Füßen hätte. »Nein,« erwiderte -der Knecht, »ich habe versprochen, nie mit ihnen zur Kirche zu gehen, -wie lange ich auch in diesem ausgezeichneten Dienst bleibe, und für -jeden Kirchgang habe ich immer andere Schuhe bekommen; aber heute früh -wollte ich keine haben, da ich nicht mitgehen wollte.« Der Fremde -fragte ihn, wie lange er denn schon in diesem Dienst sei. »Viel zu -lange,« erwiderte der Knecht mit einem Seufzer, »das dritte Jahr hat -schon angefangen.« »Gefällt dir der Dienst nicht?« fragte der Fremde. -»Nein, gar nicht,« antwortete der Knecht, »es ist mein größtes Unglück, -daß ich schon so lange hier bin.« »Was hält dich denn hier?« fragte der -Fremde. »Mein Versprechen,« erwiderte der Knecht, und dann erzählte -er, wie alles gekommen war. Als der Fremde seine Erzählung mitangehört -hatte, sagte er, daß er sofort zur Kirche und zwar gerade in den -Schuhen, die er anhätte, wandern und schnurstracks nach dem Grabe gehen -sollte, das heute ausgeworfen worden sei; dann solle er die Schuhe in -die geweihte Erde stecken und abwarten, wie es gehen würde, denn die -Schuhe, die er nun das dritte Jahr an den Füßen trüge, wären aus dem -Rückenstreifen der Haut eines alten Weibes, und die würden halten, auch -wenn er sie bis in alle Ewigkeit hätte, wenn es sein Los sei, so alt -zu werden. Der Knecht dankte dem Fremden für seinen guten Rat, bot ihm -Lebewohl und lief fort zur Kirche. Als er auf den Kirchhof kam, merkte -er, daß die Schuhe an den Nähten aufplatzten; sobald er aber mit ihnen -in die Erde getreten war, lösten sie sich an seinen Füßen auf, so daß -nichts weiter übrig blieb als die Einfassung und die Spannbänder. Mit -diesen übriggebliebenen Fetzen auf dem Spann ging er in die Kirche -hinein, wo der Pfarrer gerade auf die Kanzel getreten war. Als der -Gottesdienst vorbei war, ging der Knecht zu dem Bauern und zeigte ihm, -in was für einem Zustande sich die Schuhe nun befänden, daß nichts -von ihnen übrig wäre als die bloße Einfassung, und gleichzeitig damit -kündigte er ihm den Dienst. - -Der Mann sagte dazu weiter nichts als die Worte: »Also bist du heute -nicht umsonst von der Kirche fortgeblieben!« - - - - -Sagen von Saemund dem Weisen[11] - - -1. Die Schwarze Schule - -In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt eine Schule, die -»Die Schwarze Schule« hieß. Dort lernte man Zauberkünste und andere -alte Weisheit. Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr -festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster war, und aus -diesem Grunde herrschte das tiefste Dunkel darin. Es war kein Lehrer -dort, und man lernte alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben -geschrieben waren, welche im Dunkeln gelesen werden konnten. Nie -durften diejenigen, die dort in der Lehre waren, ins Freie gehen -oder das Licht des Tages schauen, solange sie sich dort aufhielten; -aber drei oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben, um -in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue und zottige Hand -erschien jeden Tag durch die Wand und reichte den Schülern ihr Essen. -Derjenige aber, dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum -denjenigen von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr verließen, -der zuletzt hinausging. Da sie nun aber alle wußten, daß der Teufel -hier Schulmeister war, wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand, -vermeiden, der Letzte zu sein, der die Schule verließ. - -Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule: Saemund der Weise, -Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson oder Einarsson, der später einmal -Pfarrer zu Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher -Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen, womit -die andern natürlich sehr einverstanden waren. Saemund warf sich nun -einen großen Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und knöpfte ihn -nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen, um die Schule verlassen -zu können. Als nun Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte der -Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.« Saemund warf den Mantel -fort, und der Teufel behielt nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür -aber krachte in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die Füße, -daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er: »Da schlug mir die Tür -dicht auf den Fersen zu!« und später ist das ein Sprichwort geworden. -So entkam Saemund der Weise samt seinen Genossen aus der Schule. - -Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der Weise die Treppe -hinaufging und an die Tür der Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm -entgegenschien und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der Teufel -Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin nicht der Letzte! -Siehst du nicht den, der hinter mir kommt?« Der Teufel griff nach -dem Schatten, den er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte -hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug. Von diesem Tage ab -aber war Saemund immer ohne Schatten; denn den wollte der Teufel nicht -hergeben. - - -2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule entkam - -Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals als er nach der -Schwarzen Schule zog, daß er über das, was ihm begegnete, seine -Natur, seine Familie und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen -Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. Eines Nachts, -als Saemund auf seinem Lager schlief, träumte er, daß Boge Einarsson -zu ihm käme und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du bist -nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, dich selbst -aufgegeben und deinen Taufnamen vergessen, und wenn du an dein ewiges -Seelenheil denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.« -»Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« antwortete Saemund. »Es -war unmännlich von dir,« sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der -du nicht entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe in dieser -Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn du hast Klugheit für uns -alle, Boge.« »Dann sollst du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du -fortgehen willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern hängen, -denn dann wirst du hinausgelangen. Hier mußt du den Meister fürchten, -der die Schule hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber -entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten Fuß ab, fülle ihn -mit Blut und trage ihn am ersten Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der -Abend gekommen ist, wird der Meister hinausgehen und in den Sternen -lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der Himmelskörper, und er wird -deinen Stern suchen; dann wird er dich tot glauben und vom Schwert -getötet; und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger Ring um deinen -Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, deinen Weg zu erspähen, -dafür werde ich schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du -deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser und Salz; daraus -wird der Meister, wenn er deinen Stern sieht, schließen, daß du in der -See ertrunken bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer um -deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung beginnst, wirst -du dir entweder selbst oder auch einem anderen zur Ader lassen, an der -Stelle, an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in deinen -Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde und vermische sie mit dem -Blut und sprich ein gutes Wort darüber, damit die Erde geweiht ist, -und dann trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. Wenn -aber der Meister deinen Stern untersucht, wird er eine Erdkugel um ihn -sehen, und daraus wird er dann schließen, daß du tot und bestattet -bist, und das wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann aber wird -er entdecken, daß du noch völlig am Leben bist. Da wird er sich über -deine Weisheit wundern und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat, -und er wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst dieser -Schwierigkeit entgangen sein.« - -Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen Schule und kam -wieder in sein Heimatland zurück. - - -3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde bekam - -Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen Schule gekommen waren, -war die Pfarrstelle in Odde frei geworden, und sie baten nun alle den -König (von Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte sehr gut, -mit wem er es zu tun hatte, und er sagte deshalb, daß derjenige von -ihnen die Pfarrstelle bekommen würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich -ging Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm: »Schwimme jetzt -mit mir nach Island, und wenn du mich ans Land bringst, ohne daß mein -Rockschoß naß wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war damit -einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds an und schwamm davon, -mit Saemund auf dem Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen -im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von Island. Da schlug Saemund -dem Seehund mit dem Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er -selbst aber tauchte unter und schwamm ans Land. - -Auf diese Weise wurde der Teufel um den Lohn geprellt, während Saemund -die Pfarrstelle in Odde bekam. - - -4. Wie Saemund sein Heu bei trockenem Wetter einbrachte - -Saemund hatte einmal eine Menge trockenes Heu auf der Wiese, und es -drohte Regen. Er bat deshalb seine sämtlichen Leute, sich anzustrengen, -das Heu zusammenzubringen, ehe der Regen beginne. Es lebte damals -bei ihm in Odde ein altes Weib, mit Namen Thorhildur; zu ihr ging -der Pfarrer und ersuchte sie, auf den Heimacker hinauszuhumpeln und -zusammenzuharken, was von dem Heu sonst verloren ginge. Sie versprach, -es zu versuchen, nahm eine Harke in die Hand und band die Haube, die -sie zu tragen pflegte, auf den Stiel, worauf sie hinaushumpelte. Bevor -sie ging, Sagte sie zu Pfarrer Saemund, daß er selber auf dem Heuhof -zugegen sein sollte, um das Heu in Empfang zu nehmen; denn die Knechte -würden nicht lange Zeit brauchen, um es zu binden und nach Hause zu -tragen. Der Pfarrer versprach, ihren Rat zu befolgen, das würde wohl -das beste sein, meinte er. - -Kaum aber war die Alte auf den Heimacker hinausgekommen, als sie das -Ende der Harke unter jeden Heuschober steckte und sagte: »Hin auf den -Heuhof zu Saemund!« Das waren Zauberworte, denn jeder Schober, den die -Alte mit diesen Worten auf den Harkenstiel hob, flog sofort auf den -Heuhof. Da sagte Saemund zu dem Teufel und seinen Kleinteufelchen, daß -es nun wohl am besten wäre, das Heu geschwind in Diemen zu setzen. -Es dauerte nicht lange, bis sie das ganze Heu trocken auf dem Heuhof -hatten. Später sagte Saemund zu der Alten: »Du kannst mehr als dein -Vaterunser, Thorhildurchen!« - -Sie aber erwiderte: »Es ist leider nicht mehr viel davon übrig -geblieben, denn das meiste, was ich in meiner Jugend gekonnt habe, habe -ich jetzt vergessen.« - - -5. Wie Saemund den Teufel in seinen Dienst nahm - -Einmal fragte Pfarrer Saemund den Teufel, wie klein er sich machen -könne. Der Teufel antwortete, daß er sich so klein wie eine Mücke -machen könne. Da holte Saemund einen Bohrer und bohrte ein Loch in -einen Balken, worauf er dem Teufel gebot, dahineinzukriechen. Der -Teufel brauchte nicht viel Zeit, um hineinzufliegen; kaum aber war er -glücklich drin, als Saemund einen Pfropfen in das Loch steckte, und wie -sehr nun auch der Teufel jammerte und schrie und bettelte, Saemund nahm -den Pfropfen doch nicht aus dem Loch, ehe der Teufel ihm versprochen -hatte, immer zu tun, was er je von ihm verlangen würde. - -Das war die Ursache, daß Saemund den Teufel stets dazu bringen konnte -auszuführen, was es auch sein mochte. - - -6. Wie Saemund den Teufel in Verlegenheit brachte, als er sich in eine -Fliege verwandelt hatte - -Der Teufel sah Saemund den Weisen stets scheel an, weil es ihn ärgerte, -daß er in allem, was sie miteinander zu tun hatten, immer den Kürzeren -zog. Deshalb versuchte er, sich auf jede Weise an dem Pfarrer zu -rächen, obgleich es ihm nicht gelingen wollte. - -Einmal verwandelte er sich in eine ganz kleine Fliege und versteckte -sich unter der Sahne auf der Milch in des Pfarrers Eßnapf, um auf diese -Weise in ihn hineinzukommen und ihn zu töten. Als nun der Pfarrer den -Eßnapf in die Hand nahm, entdeckte er die Fliege sofort; er wickelte -deshalb erst die Sahne von der Milch um sie herum, zog die Blase von -einem neugeborenen Kalb darüber und legte dann das Päckchen auf den -Altar. Der Teufel mußte es sich nun gefallen lassen, darin zu hocken, -während der Pfarrer die Messe las. Als sie vorbei war, machte Saemund -das Päckchen auf und ließ den Teufel entschlüpfen. - -Es wird aber versichert, daß der Teufel es für die schlimmste Klemme -hielt, in die er je geraten war, daß er auf dem Altar liegen mußte, -während Pfarrer Saemund die Messe las. - - -7. Die Teufelsflöte - -Saemund der Weise hatte eine Flöte, die die Eigenschaft hatte, daß, -wenn man darauf blies, ein oder mehrere Kleinteufelchen zu dem -Flötenspieler kamen und fragten, was sie tun sollten. - -Einmal hatte Saemund die Flöte in seinem Bett unter dem Kopfkissen -liegen lassen, wo er sie nachts zu verstecken pflegte. Abends gebot er -der Magd, sein Bett zu machen, wie sonst, warnte sie aber, wenn sie -etwas Außergewöhnliches im Bett fände, es anzufassen, sie solle es -liegen lassen, wo es läge. - -Die Magd begann das Bett zu machen, kaum aber entdeckte sie die Flöte, -als die Neugierde sie zu kitzeln begann. Sie nahm sie gleich in die -Hand, besah sie sich von allen Seiten, und schließlich blies sie -darauf. Da kam ein Teufelchen zu ihr und fragte sie: »Was soll ich -tun?« Das Mädchen erschrak, ließ sich aber nichts anmerken. - -Es traf sich, daß gerade an diesem Tage zehn von Pfarrer Saemunds -Schafen geschlachtet worden waren und sämtliche Felle vor der Tür -lagen. Da gebot die Magd dem Teufelchen hinauszugehen und alle Haare -an den Fellen zu zählen, und wenn es damit fertig geworden wäre, ehe -sie das Bett gemacht hätte, wollte sie sein werden. Das Teufelchen ging -sofort hinaus und begann eifrig zu zählen, und die Magd beeilte sich, -das Bett zu machen. Als sie damit fertig war, hatte das Teufelchen noch -ein Fell zu zählen, und es kam um den Lohn. - -Saemund fragte nachher die Magd, ob sie denn nichts im Bett gefunden -hätte. Da erzählte sie ihm alles, wie es war, Saemund aber gefiel ihre -Geistesgegenwart. - - -8. Der Teufel als Stallknecht - -Saemund dem Weisen fehlte einmal ein Stallknecht, und er holte deshalb -den Teufel und setzte ihn hin, den Stall zu hüten. Alles ging gut, und -der Teufel erfüllte pünktlich seine Pflichten bis gegen das Frühjahr. -Am ersten Osterfeiertag aber, als Sira Saemund auf der Kanzel stand, -trug der Teufel den ganzen Mist auf einen Haufen vor der Kirchentür -zusammen, so daß der Pfarrer nach beendetem Gottesdienst nicht aus -der Kirche heraustreten konnte. Als er sah, wie es bestellt war, lud -er den Teufel vor sich und ließ ihn, ob er nun wollte oder nicht, den -ganzen Mist von der Kirchentür auf seinen Platz zurückbringen. Und so -nachdrücklich ließ ihn der Pfarrer das Stück Arbeit ausführen, daß er -ihn sogar die Reste mit der Zunge auflecken ließ. Da leckte der Teufel -so stark, daß in dem Stein vor der Kirchentür ein Vertiefung entstand. -Dieser Stein liegt noch immer in Odde, obgleich nur noch der vierte -Teil davon übrig ist. Er liegt nun vor dem Hoftor, und noch heutigen -Tages ist die Vertiefung in dem Stein zu sehen. - - -9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht das Fluchen abgewöhnte - -Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht, der schlimm aufs -Fluchen war, und oft rügte ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem -Stallknecht, daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen und -bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde wahrhaftig nie mehr ein -böses Wort sagen,« sagte der Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der -Teufel dadurch hungern muß.« - -»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst oder nicht,« -erwiderte Saemund. - -Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall. Dem Stallknecht aber -gefiel der Gast nicht; denn das Teufelchen tat alles, um ihn zu necken -und zu ärgern, und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des -Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang, und er sah -bald, daß das Teufelchen mit jedem Tag magerer wurde; er freute sich -köstlich, als er das merkte und fluchte jetzt nie mehr. - -Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles kurz und klein -geschlagen und sämtliche Kühe, deren eine große Menge da war, mit -den Schwänzen zusammengebunden. Da wandte sich der Stallknecht an -das Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem Stand lag und -überschüttete es unter den furchtbarsten Schimpfworten und greulichsten -Flüchen mit seinem Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte er -dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte und plötzlich so rund -wurde, daß nicht viel gefehlt hätte, bis er ganz feist geworden wäre. -Da wurde der Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen auf. -Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit gesprochen hatte, legte -das Fluchen ab und sprach seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das -von seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn auch schon -längst tot und verschollen. - -Und es wäre wohl für dich und mich am besten, wenn wir es ebenso -machten wie der Stallknecht. - - -10. Der Teufel und der beschränkte Bursch - -Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande hielt, etwas zu -lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit dieser ihm Religion beibringen -sollte. Der Bursch aber war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst -schwer, etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, und -so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. Da träumte er eines -Nachts, daß ein Mann zu ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß -er ihm Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als sagte er ja -dazu. Da verlangte der Traummann als Entgelt dafür, daß der Bursch im -nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch -willigte ein. Darauf verschwand der Traummann. - -Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen so leicht, daß der -Pfarrer sich schier darüber wunderte; zugleich aber war der Bursch ein -ganz anderer geworden, als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er -traurig und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, ihn -nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. Lange wollte der Bursch -nichts darüber sagen, schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie -alles gekommen sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar zumute, -und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch gewesen wäre, von dem er -damals geträumt hätte, sondern vielmehr der Teufel, der ihn in sein -Netz locken wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, guten -Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. Der Winter verstrich, -und man näherte sich der Zeit der Kreuzmesse. - -Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund dem Burschen, ihm nach der -Kirche zu folgen. Als sie dort hingekommen waren, führte ihn der -Pfarrer an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die Monstranz -und den Kelch in die Hand und hieß ihn sich umdrehen. Er gebot ihm, -dort stehen zu bleiben, ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm -träte, Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende nichts -genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; und wenn Pfarrer Saemund -auch selbst zu ihm käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot -und Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der Bursch aber tat, -wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben hatte. - -Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam derselbe Mann zu ihm, -den er früher im Traum gesehen hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen, -um ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen und -das Ding fortstellen, das er in der Hand hatte. Der Bursch erwiderte -hierauf nichts, sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber -sagte, daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm zu nehmen, -und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu kommen; der Bursch aber -ließ sich nicht irreführen, und der andere begab sich unverrichteter -Sache wieder fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele seiner -Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und bäten ihn im bösen und im -guten, den Ort zu verlassen, an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur -Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu. Da war es ihm, -als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu und fragte grimmig, was er dort -zu tun hätte, indem er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die -Dinge wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen. -Auch ihm antwortete der Bursch nichts, sondern reichte ihm nur Brot und -Wein. Da machte Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er sagte, -daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus seiner Hand zu empfangen, -und darauf verschwand auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen -allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel herein; es war, als -zittere und schwanke die ganze Kirche, und er glaubte, daß sie jeden -Augenblick in die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak er -so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte hätte aus den Händen -fallen lassen, um sein Heil in der Flucht zu suchen; da hörte er aber, -daß die Glocken geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich alle -Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt hatte; Pfarrer -Saemund aber kam in die Kirche hinein, ging zum Altar und kostete -von Brot und Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr -vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr nachstellen. Der Bursch -war herzlich froh über seine Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut -er vermochte. Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan, und man -erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu seinem Todestag behielt und -ein ausgezeichneter Mann wurde. - - -11. Der Wunschaugenblick - -Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage einen Wunschaugenblick -gäbe, der jedoch nicht länger dauere als eine Sekunde, und daß es -deshalb für einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen. Andere -dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend der Wunschaugenblick vorkäme. - -Einmal saß Saemund in der Badstube, während seine Mägde darin -beschäftigt waren. Da sagte er plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist -der Wunschaugenblick gekommen; wünscht euch nun, was ihr am liebsten -haben möchtet.« - -Da trällerte eine der Mägde und sagte: - - »Von allem, was im Weltenrund - Ich wünschen mag vom Schönen? - Am liebsten, daß mich Saemund - Beschenkt mit sieben Söhnen!« - -»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief Saemund aus; denn -er war der Magd des Wunsches wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und -sie wurde Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben Söhne -miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die Frau aber starb im -Wochenbett nach dem letzten. - -Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd getragen hatte, auf und -hielt sie ihr oft vor Augen, um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war -sehr hochmütig über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird unter -anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts erzählt, daß sie, als einmal -ein armer Mann zu ihr kam und sie um einen Labetrunk bat, ihm also -antwortete: - - »Bester, sieh, der Bach fließt nah, - Trink wie Bischofs Pferd auch da!« - - -12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett - -Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes als Pflegetochter -angenommen. Er freute sich sehr mit ihr und liebte sie über alles, so -daß er sie immer in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen -wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am Fußende seines -Bettes liegen; denn er hielt sie für am besten geeignet, Zeugin -seines Todes zu sein. Es ahnte ihm, während er krank dalag, daß dies -sein Sterbelager sein würde; und zugleich konnte das Mädchen ihm -anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob er nach dem Tode zur -Glückseligkeit des Himmels eingehen würde, oder ob er an einen anderen -Ort müßte. - -Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter, nachts bei ihm zu -wachen und genau aufzupassen, daß sie nicht einschliefe; denn seine -Gedanken sagten ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das -aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen, was in der anderen -Welt aus ihm werde; und darum bat er sie, alles genau zu beobachten, -um seinen Verwandten und Freunden mit voller Sicherheit erzählen zu -können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein Los wäre. Als er das -gesagt hatte, schwieg er und begann einzuschlafen, während das Mädchen -getreulich bei ihm wachte. - -Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer, in der sie sich -befanden, mit Teufelchen füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund -mit ihren Versprechungen zu etwas Bösem verlocken wollten, aus seinen -Worten und Mienen aber schloß sie, daß er ihnen in nichts zu willen -sein wollte. Als die Teufelchen auf diese Weise nichts auszurichten -vermochten, versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen zu -bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft, wie er zuvor ihren -Lockungen widerstanden hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen; -kaum aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen Mücken -füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber so viel Kraft verloren, -daß er sich der Mücken nicht erwehren, noch sie verscheuchen konnte. -Während aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß, sah sie, daß -ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte, und da wußte sie, daß es -seine Seele war, die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang. - -Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden und Saemund der -Weise entschlafen. - - -Fußnoten: - - [11] Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren Edda, - war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit. - - - - -Sagen von Kalb Arneson - - -1. Wie der Teufel genasführt wurde - -Man erzählt, daß sich Kalb Arneson dem Teufel verschrieb, als er sich -in der Schwarzen Schule aufhielt. Als er nun nach Island zurückgekehrt -war, hatte er keinen größeren Wunsch, als von diesem Versprechen -entbunden zu werden; wie er sich aber anstellen sollte, um das zu -erreichen, wußte er nicht. Schließlich nahm er den Ausweg, daß er -Saemund dem Weisen einen Besuch abstattete, um ihn um einen guten Rat -in dieser verzwickten Sache zu bitten. Saemund gab ihm den Rat, sich -ein Stierkalb zuzulegen und es Arne zu nennen, dann sollte er ein -anderes Kalb, das von diesem Stier gezeugt wäre, aufziehen, es Kalb -nennen und »das sei Kalb Arneson«. - -Kalb befolgte den Rat, den ihm Saemund gegeben hatte, und nach einiger -Zeit kam der Teufel, um sich, wie er sagte, Kalb Arneson zu holen. -Kalb sagte, daß nichts im Wege stehe, worauf er das Kalb holte, das -er großgezogen hatte, und es dem Teufel mit den Worten übergab: »Hier -hast du Kalb Arneson.« Der Teufel konnte dagegen nichts einwenden, -und obgleich es seiner Meinung nach eine schlechte Erfüllung des -Versprechens war, mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen und Kalb -Arneson fahren lassen, der starb, nachdem er ein ehrenvolles Alter -erreicht hatte. - - -2. Kalb besucht Saemund den Weisen - -Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den Weisen in Odde besuchen -und sagte seinen Leuten, daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet -zu überraschen. Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis er bei -Nacht in Odde ankam und leise an die Tür klopfte. Saemund hörte, daß -geklopft wurde und befahl einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um -zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging hinaus, konnte aber -keinen Menschen entdecken; er ging deshalb wieder hinein und sagte, daß -niemand draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft, und Saemund -befahl einem andern Knecht, zur Tür zu gehen. Der Knecht gehorchte, -und da er draußen niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen Hof -herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er ging daher unverrichteter -Sache wieder hinein und sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte. -Da wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang Saemund selber -auf, indem er sagte, daß wohl er es sei, mit dem der Ankömmling zu -sprechen wünsche. Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson -draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich. Kalb bat um -Obdach, und das wurde ihm nicht verweigert, wie man sich wohl denken -kann. Er bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund begann, nach -einem solchen zu suchen. Kalb sagte, daß es ja eigentlich eine Schande -sei, von ihm zu verlangen, daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube -jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund sagte, daß -er es schon tun werde, und sogleich machte er sich daran, es ging ihm -aber eine geraume Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere -er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd anzubinden, und -fragte ihn, ob er das nicht verstände. Saemund erwiderte, er glaube es -doch zu verstehen, er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden. -Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen wie bei jedem anderen -Pferd. Saemund antwortete, es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe -keine Füße, wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun eine -gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des Pferdes zu suchen, und -schließlich ließ er dieses Stück Arbeit sein, so daß man nicht weiß, -ob er je das Pferd angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb -ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank an. Saemund ging mit -einer Kerze in der Hand voraus und wartete ganz am Ende des Ganges auf -Kalb. Kalb aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen Zeit -kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der Ankömmling sei. Saemund -sagte es ihr. Sie fragte ihn, ob er denn den Gast aufgefordert hätte, -hereinzukommen. Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan -habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals einladen, ins Haus -zu kommen; das wollte aber Saemund nicht haben, er würde schon bald -kommen, meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis Kalb endlich -ganz außer Atem hereinkam und Saemunds Frau bat, ihm einen reichlichen -Trunk zu bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund. Kalb -antwortete: »Es könnte leicht geschehen, daß andere als ich trinken -müssen, ehe der Abend um ist.« - -Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten ihm Speise auf und -gaben ihm ein Messer zum Essen. Als er aber mit dem Messer schneiden -wollte, war es ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht -scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte, daß es nicht ihre -Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer schlechtesten Messer auszusuchen, -und daß dies Messer ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat -um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen. Kalb gab ihm das -Messer, und als es Saemund gewetzt hatte, reichte er es Kalb wieder und -sagte, daß er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube er, daß -es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er davor keine Angst habe; als -er aber das erste Stück abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und -Tisch und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund sagte, daß er -ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen, da das Messer scharf sei. Kalb -antwortete, daß die Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann. - -In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und nach der Mahlzeit -ein Tischgebet zu lesen. Während Kalb nach beendeter Mahlzeit das -Tischgebet las, fiel Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man -solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte sich wieder, -und als ihn Kalb nun aufforderte, etwas Wasser zu trinken, tat er es -sofort. Da sagte Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend -noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen Trunk bat, nachdem -ich mich nach der Tür müde gesucht hatte?« Dann hörten sie mit diesen -Neckereien auf und schwatzten miteinander darüber, wer von ihnen wohl -der Klügste sei. - -Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in der Schwarzen Schule -gelernt hätte als er, und daß er daher mehr könne als er. - - -3. Kalb schickt den Teufel aus, um einen Pfarrer zu holen - -Kalb verfiel einmal in eine gefährliche und schwere Krankheit. Da trat -der Teufel zu ihm ans Lager und sagte, daß er beabsichtige, anwesend zu -sein, wenn er sterbe. Kalb erwiderte, daß er diesmal wohl nicht sterben -würde; trotzdem aber bat er den Teufel, einen Pfarrer zu holen, der -nicht geldgierig sei; es hätte weiter keine Eile, sagte er, denn sein -Krankenlager würde langwierig werden. Der Teufel wurde dabei ganz still -und meinte, es sei nicht so ganz einfach, solch einen Mann zu finden. -Kalb erwiderte, daß der Teufel ihn, Kalb, nicht bekäme, wenn er nicht -einen solchen Pfarrer bringen könne, der Vertrag zwischen ihnen wäre -dann ungültig. - -Der Teufel zog also davon und blieb lange fort; er suchte sorgfältig, -fand aber keinen, der nicht geldgierig war. Nach vieler Mühe und langem -Suchen brachte er jedoch einen Pfarrer zu Kalb, von dem er erzählte, -daß er ihn weit weg in fernen Ländern gefunden habe; zwar wäre er nicht -ganz frei von Geldgier; es gäbe aber nur einen Pfarrer, da unten in -Deutschland, der in dem Ruf stände, nicht geldgierig zu sein, aber er -hätte nicht an ihn herangekonnt, eines leuchtenden Feuers wegen, das -die ganze Zeit um ihn gelodert hätte. - -Kalb sagte, daß er mit dem Pfarrer, den der Teufel gebracht hätte, -nichts zu tun haben wolle, da er nicht ganz frei von Geldgier sei, und -der Teufel habe daher kein Recht auf Bezahlung. - -Und so mußte der Teufel mit langer Nase abziehen. - - -4. Kalbs Tod - -Als Kalb ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde er schwer krank, -und er wußte im voraus, daß die Krankheit sein Tod werden würde. -Er gebot deshalb allen Leuten des Hauses, den Hof zu verlassen und -die Kammer zu verschließen, in der er liege, den Schlüssel jedoch -im Loche stecken zu lassen. Er bat die Leute, nach einer bestimmten -Zeit zurückzukommen, sie sollten sich aber nicht darum kümmern, daß -sie vielleicht verschiedene Gegenstände auf dem Hof aus den Fugen -gebracht oder entzweigeschlagen vorfänden; wenn aber alles in seiner -Schlafkammer stehen geblieben wäre, wie es gestanden habe, dann sollten -sie ihn mit allen Zeremonien beerdigen; wäre dagegen etwas darin -zerstört oder entzweigeschlagen, dann sollten sie ihn wie einen Kadaver -an irgendeiner Stelle verscharren. Kalb hatte einen Pflegesohn, der -Arne hieß und ihm sehr lieb war; dieser wollte nicht mit den übrigen -Leuten des Hofes fortgehen und versteckte sich deshalb hinter der -Umzäunung des Hofes, als die anderen fortgingen. Nach Verlauf einer -kurzen Zeit sah Arne den Teufel angehumpelt kommen. Erst ging der -Teufel um die ganze Umzäunung herum und dann in den Hof hinein, wo er -eine Zeitlang umherging und tobte. Schließlich ging er ins Haus und -tummelte sich lange darin und machte viel Gepolter. Nach geraumer Zeit -schlich sich Arne in das Haus und öffnete die Tür zu der Kammer, in der -sein Pflegevater Kalb lag. Da war Kalb tot, alle Sachen aber in seiner -Kammer standen genau so da, wie sie früher gestanden hatten, und Arne -sah nichts vom Teufel. - -Da wurde Kalb Arneson mit allen Zeremonien auf dem Kirchhof beerdigt, -wie er es selbst verlangt hatte. - - - - -Gudbjart Floke und der Bischof von Holar - - -Der Pfarrer Gudbjart Floke in Laufaas war der klügste Mann seiner Zeit; -da er aber sehr gutmütig war, tat er niemandem etwas mit seiner Kunst -zuleide. Dennoch nahm der Bischof auf Holar Anstoß an dem Gerücht als -Zauberer, das der Pfarrer auf sich gezogen hatte, und er faßte daher -den Entschluß, ihn seines Amtes zu entheben. In dieser Absicht zog er -mit einigen Priestern und jungen Leuten im Gefolge aus; als sie aber -ein kleines Stück Weges gegangen waren, verloren sie die Richtung und -wußten nicht wohin, und entdeckten erst, wo sie waren, als sie sich zu -Hause, auf Holar, hinter dem Hofzaun befanden. - -Nichtsdestoweniger zog der Bischof das zweitemal aus, und er war -mit seinen Männern schon nördlich der Hjaltetalsheide, als sie bei -hellichtem Tag von einem Schneetreiben mit starkem Sturm und Frost -überrascht wurden. Plötzlich befiel sie alle ein Drang, ihre Notdurft -zu verrichten; als sie sich aber wieder erheben wollten, waren sie -nicht dazu imstande; sie waren nahe daran zu erfrieren und sahen -schließlich keinen andern Ausweg zur Rettung, als das Versprechen zu -geben,wieder nach Hause zurückzukehren. Die Leute frohlockten über die -Reisen des Bischofs, Sira Gudbjart aber tat das nie; er glaube nicht, -sagte er, daß er es sei, den der Bischof aufsuchen wolle; denn dazu -hätte er nicht ein so großes Gefolge mitzunehmen brauchen. - -Einige Zeit später war der Bischof mit noch einem Mann auf der Reise im -Oefjord, und bei dieser Gelegenheit machte er einen Abstecher zum Hause -des Sira Gudbjart; diesmal verlief alles gut, und es traf sich, daß -niemand draußen war. Der Bischof trat gleich in das Haus und sah den -Pfarrer am Tisch sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch -vor sich auf dem Tisch. Der Bischof ergriff das Buch, wie er es aber -auch wandte und drehte, er fand doch nur unbeschriebene Blätter. Der -Bischof fragte den Pfarrer, wozu er das Buch benutzen wolle, und der -andere erwiderte, es diene zum Einschreiben von Predigten. - -»So! Predigten!« antwortete der Bischof zornig, »du, der den Teufel -anbetet!« - -Aber kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, als er ein Grab sich -öffnen sah, aus dem eine bläuliche Flamme schlug. Er selber stand -am äußersten Rand, während eine graue Hand seinen Mantelschoß faßte -und ihn in die Flamme hinabziehen wollte. Der Bischof stieß einen -Schrei aus und sagte: »Helft mir, um Gottes willen, Herr Pfarrer!« -Sira Gudbjart reichte ihm die Hand und sagte: »Laß ihn los, Satan!« -und alles war wieder, wie es gewesen war. Dann sagte der Pfarrer: -»Es ist nicht weiter merkwürdig, daß der Böse denen so nahe ist, die -seinen Namen im Munde führen, anstatt Gottes Segen über das Haus -herabzuflehen; ich bin gewöhnt, das zu tun, und dennoch beschuldigst -du mich, von dem rechten Glauben gelassen zu haben.« - -Der Bischof wurde nun sanfter in seiner Rede. Sie sprachen lange -miteinander und trennten sich in Freundschaft, und von dieser -Zeit an sagte der Bischof, daß er nur wünschen könne, daß alle so -gottesfürchtig wären wie sein lieber Gudbjart. - -Aber später merkte man nie etwas davon, daß der Pfarrer Gebrauch von -seiner Kunst machte. - - - - -Die Frau von Malmö - - -Es wird erzählt, daß der Fluch auf dem Hof Malmö im Skagefjord lastete, -daß niemand länger als zwanzig Jahre dort aushalten könne. - -Zur Zeit des Pfarrers Halvdan Einarsson wohnte auf diesem Hof ein -Bauer, mit Namen Jon. Er hatte sich als junger Mann auf Malmö -niedergelassen und nie einen anderen Hof bewirtschaftet, und nun waren -die zwanzig Jahre um, während deren er sich dort ohne Gefahr aufhalten -konnte; da er aber ein mutiger Mann und nicht sehr abergläubisch war, -und da er außerdem den Hof von seinem Vater geerbt und immer gute Tage -gesehen hatte, wollte er ihn nicht verlassen, und das einundzwanzigste -Jahr verging, bis kurz vor Weihnachten, ohne daß etwas Merkwürdiges -geschah. - -Am Tage vor Heiligabend aber verschwand die Frau von Malmö, ohne daß -jemand entdecken konnte, wo sie geblieben war, obgleich man weit umher -suchte. Der Bauer Jon nahm sich das sehr zu Herzen und wollte sich -Gewißheit darüber verschaffen, wie das Verschwinden seiner Frau zu -erklären sei. Er zog daher zu Pfarrer Halvdan nach Fell, und als er -dort angekommen war, wünschte er den Pfarrer zu sprechen, und dann -erzählte er ihm seine Not. Der Pfarrer sagte, daß er ihm schon verraten -könne, was aus seiner Frau geworden wäre, und wo sie geblieben sei, es -würde ihm aber nichts nützen, das zu erfahren, denn von nun ab würde -er keine Freude mehr an seiner Frau haben. Der Bauer fragte, ob er es -so einrichten könne, daß er seine Frau zu sehen bekäme. »Denn sehr -würde mein Gemüt erleichtert werden, wenn ich sie sehen und erfahren -könnte, wo sie ist,« sagte er. Der Pfarrer erwiderte, daß er diese -Bitte nicht gern erfülle, er müßte es aber wohl doch tun, da er so sehr -darum bäte, und er bestimmte, daß er an dem und dem Tage wiederkommen -sollte, wenn alle zu Bett gegangen wären. Da kehrte der Bauer wieder -nach Hause zurück und fand, daß die Dinge jetzt eine bessere Wendung -für ihn genommen hätten. - -Als er an dem bestimmten Tage nach Fell kam, war der Pfarrer schon -gerüstet und reisefertig. Der Bauer sah ein graues, aufgezäumtes Pferd -nördlich vom Kirchhof stehen; der Pfarrer ging zu ihm hin, bestieg es -und gebot dem Bauern, sich hinter ihn zu setzen. »Hüte dich aber, ein -einziges Wort zu sprechen,« sagte der Pfarrer, »was du auch zu sehen -bekommst, und was auch geschieht; denn verstößt du dagegen, so gilt -es dein Leben!« Der Pfarrer ritt nun davon, den Bauern hinter sich, -und dieser wunderte sich schier über den rasenden Lauf, in dem das -Pferd dahinsauste. Sie nahmen den kürzesten Weg außerhalb Daletaa und -Sigtunäs und steuerten geradeswegs Olafsfjordsmule zu; dem Bauern wurde -dabei etwas wunderlich zumute, und einmal, als es einen Ruck in dem -Pferde gab und es sich tief duckte, erschrak er und stieß einen Schrei -aus. Da rief der Pfarrer laut: »Wir haben einen Felsen gestreift, -jetzt halt aber das Maul,« und das ist seit jenem Tage eine Redewendung -geworden, wenn Pferde stolpern und den Halt verlieren. Es wird nichts -weiter von ihrem Ritt erwähnt, bis sie nördlich Olafsfjordsmule ans -Land kamen, an die mächtigen und steilen Felsen, die dort sind. Der -Pfarrer und der Bauer stiegen vom Pferd, worauf der Pfarrer an den Berg -ging und einen kleinen Stab hervorholte, mit dem er auf den Berg schlug. - -Nach einer Weile öffnete sich der Berg, und heraus traten zwei -blaugekleidete Huldreweiber, die Jons Frau zwischen sich führten. Sie -war ganz unkenntlich geworden und ähnelte sich selbst nicht mehr. Ihr -Gesicht war aufgedunsen und blau, und ihr ganzes Aussehen war das -eines Trollweibes; auf ihrer Stirn stand ein Kreuzeszeichen, das ihre -ursprüngliche Hautfarbe hatte, und Pfarrer Halvdan erklärte später, -wenn er darüber befragt wurde, daß dies das einzige Zeichen sei, das -sie von ihrem früheren Dasein behalten hätte. - -Als die Frau aus dem Berge herausgetreten war, sagte sie: »Du bist also -hergekommen, Jon. Was willst du denn?« Der Bauer war stumm geworden, -der Pfarrer aber fragte ihn, ob er seine Frau mit zurücknehmen wolle, -oder ob er ihr sonst etwas zu sagen hätte; darauf antwortete der -Bauer »Nein«. Der Pfarrer wies dann die Weiber wieder in den Berg -hinein, verschloß ihn hinter ihnen und drückte die Tür gehörig in -die Öffnung hinein, damit diese Weiber niemandem mehr irgendeinen -Schaden zufügen könnten. Später aber hat Pfarrer Halvdan selbst -gesagt, daß er nicht alle Ritzen zugestopft hätte, denn nie habe er -beabsichtigt zu verhindern, daß jemand hineinkomme, wohl aber, daß -jemand herauskäme. Von dieser Zeit ab wird die Stelle an der Nordseite -der Olafsfjordsmule, wo Pfarrer Halvdan den Berg aufschloß, Halvdanstor -genannt. Glaubwürdige Leute erzählen, daß sie rot in der Farbe sei, -und daß sie nicht wie der übrige Teil des Berges aussieht, und daß -besonders unten ziemlich große Risse sind, nämlich die, an denen der -Pfarrer nichts tun wollte. - -Der Bauer und der Pfarrer kehrten auf demselben Wege, den sie gekommen -waren, wieder zurück und erreichten Fell, ehe die Leute aufgestanden -waren. Sie stiegen vom Pferd, nördlich vom Kirchhof, an derselben -Stelle, an der sie aufgestiegen waren, und der Pfarrer zäumte das -Grauchen ab. Als er ihm aber den Zaum abgenommen hatte, schlug er -ihm damit auf die Lende; der Graue wurde wütend und schlug mit dem -Hinterfuß nach dem Pfarrer; dieser aber sprang zur Seite, und der -Schlag traf die Kirchhofsumzäunung, in der eine Öffnung durch den -Pferdehuf entstand, die man, nach der Aussage der Leute, nie wieder hat -in Ordnung bringen können, wie man auch versucht hat, sie auszufüllen. - -Es wird auch erzählt, daß von diesem Tage ab niemanden auf Malmö ein -Unglück betroffen habe; es hat aber auch niemand gewagt, länger als -zwanzig Jahre dort zu wohnen. - - - - -Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar - - -1. Das Bettelweib - -Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer zu Pfarrer Erik und -baten ihn, sie das Zaubern zu lehren. Er antwortete, daß er nichts -von Zauberei verstünde, sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm -bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an. - -Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber mit ihm auf die -Felder um den Hof hinauszureiten. Als sie ein kurzes Stück vom Hof -entfernt waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein Kind -an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe. Erik war zornig über -ihre Bitte und sagte, daß er ihr nicht das allergeringste geben würde. -Die Alte sagte, sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie -klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter gegen -sie und sagte, daß er es satt habe, das ewige Jammern von Bettlern -mitanzuhören. »Es wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!« Das -und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten, sie aber bat ihn nur -um so flehentlicher. - -Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die Alte da umbringen, wenn -ich Euch etwas lehren soll!« Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich -gedacht Erik, daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie werde -ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir auch dafür geboten würde.« - -»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von Sira Erik fortjagen -lasse,« sagte der andere Gast, »ich bin gewillt, die Alte zu töten; -diese Landstreicher haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß man -sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten dankbar sein, wenn sie -das Leben verlieren.« - -Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß niemand ihn dazu bringen -könnte, solchen hartherzigen Menschen etwas zu lehren. Den andern -dagegen nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung bei ihnen -hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in Wirklichkeit hatten sie gar -kein altes Weib gesehen. - - -2. Das Gesicht im Hügel - -Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis, mit ihm gehen -zu dürfen, wenn er eines Sonntags abends den Hof verließe. Der Pfarrer -sagte lange nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon haben -würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und schließlich versprach denn -Erik, daß er den jungen Mann gelegentlich mitnehmen würde. - -Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling mit. Das Wetter war -schön und hell. Sie gingen auf das Feld hinaus und kamen an einen -Hügel. Der Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel. Er öffnete -sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen heraus. Sie begrüßte Erik -sehr vertraulich und bat ihn hereinzukommen. Die beiden leisteten -der Einladung Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin saßen -viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter nahmen an der einen -Seite der Tür Platz, der Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach -ein einziges Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich schier -verwunderte. - -Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen aber nach einem Weilchen -zurück. Da trugen sie ein Messer und einen Trog in der Hand und gingen -auf den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten Seite der Tür -saß. Sie packten ihn, legten ihn neben den Trog, zerschnitten ihn wie -ein Schaf und steckten ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten, -und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch, und alles ging -in derselben Weise zu. Niemand versuchte, sich zur Wehr zu setzen, -und alle schwiegen ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses -Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr entsetzt darüber. -Er sah, daß diese Weiber wohl kaum daran denken würden aufzuhören, bis -alle entzweigeschnitten wären; denn als sie zu Sira Erik kamen, packten -sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die anderen. Da schrie der Mann -laut auf, nahm Reißaus, stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er -rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine flinken Beine. Als -er aber an den Eingang des Hauses kam, stand Pfarrer Erik in der Tür -und stützte die Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte, -als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum rennst du so sehr, -mein Lieber?« Der Mann wußte nicht, was er darauf antworten sollte; -denn jetzt schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm eine -Augentäuschung vorgemacht hatte. - -Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein Lieber, daß du nicht -vertragen kannst, etwas zu sehen!« - - -3. Der Pferdediebstahl - -Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen in Selvog -gebeten, sich zu hüten, ohne seine Erlaubnis seine Pferde zu nehmen, -indem er ihnen drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und -so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen. Es -waren jedoch einmal zwei Burschen, die sich nicht nach seinem Verbot -richteten. Kaum aber waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen, -als diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß die Burschen -Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich hinunterschwingen, da sie die -Pferde nicht zum Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn ihre -Hosen waren an den Rücken festgewachsen. »Das geht nicht,« sagte der -eine der Burschen, »wir müssen von den Pferden herunter, sonst fallen -wir Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl keiner in unsere -Haut wünschen.« Er holte ein Messer hervor und trennte den Schritt -von seinen Hosen ab und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter. -Der andere dagegen war entweder nicht geschickt genug, dasselbe zu -tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht verderben. Die Pferde -liefen heim nach Vogsosar, das eine mit dem heulenden Burschen, das -andere mit dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf den Hof -kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich dem ledigen Pferd den -Fetzen vom Rücken, sagte aber zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd -saß: »Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar Pferde -zu stehlen; komm jetzt herunter und nimm nie wieder meine Pferde, -ohne mich um Erlaubnis zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du -und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen lehrte; denn aus ihm -könnte etwas werden.« - -Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer. Dieser zeigte ihm -den Stoffetzen und fragte ihn, ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ -sich nicht ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie alles -zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte ihn auf, zu ihm zu -kommen. Dieses Anerbieten wurde mit Dank von dem Burschen angenommen, -der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm sehr gehorsam war, -und man sagt, daß der Pfarrer ihn viel alte Weisheit gelehrt habe. - - -4. Erik und der Bauer - -Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem Sprengel ein Bauer, -der nie die Kirche besuchte, und der, um den Pfarrer zu ärgern, an den -Feiertagen stets zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur -einigermaßen erlaube. - -Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst abzuhalten. Da -richtete der Bauer es so ein, daß er gerade dabei war, sich seine -Lederhosen anzuziehen, als der Pfarrer bei ihm vorbeiging. - -Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine Bitte heute dem -Gottesdienst beiwohnen wolle. Der Bauer antwortete nein und begann, die -Lederne anzuziehen. Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst ab -und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts. Da traf er den -Bauern, der immer noch auf derselben Stelle stand und nur das eine -Bein hatte in die Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl -einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an Land gekommen sei. -Der andere schämte sich sehr, als er den Hergang erzählen mußte, daß -er dort gesessen habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat nun -den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte; »Wenn du schon jetzt -findest, daß dir der Teufel zu stark ist, wie soll es dann später -werden?« Der Pfarrer gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu -lassen. Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an fleißig die -Kirche. - - -5. Erik und das alte Weib - -Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach reiten. Auf dem -Ritt kam er nach Oerebakke und wollte dort in den Kramladen gehen, um -ein bißchen in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich ganz -gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging, sah er zwei alte -Weiber draußen sitzen. Das eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf -das andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen von Vogsosar? -Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann hörte ihr Gespräch auf. Erik aber -setzte seinen Ritt fort. - -Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein Begleiter ein altes -Weib hinter ihnen herlaufen und bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten. -Dieser aber sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten -ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der Fährstelle am -Thjorsbach, kamen, wo sie von den Pferden stiegen. Da kam die Alte, die -noch rannte, nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte, halbtot -vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen Oberkleidung entledigt. -Da wandte sich Erik zu der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine -Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen; unterlaß es aber in -Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.« - -Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu seinem Begleiter, daß -er das Weib habe hinter ihnen herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen, -Schimpfnamen zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen. - - -6. Erik und der Bischof - -Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten von Pfarrer -Erik, daß es ihm schließlich zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn -abzusetzen. Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu Erik, -die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines Tages schönes Wetter war, -zogen sie davon, und nun sollten große Dinge geschehen. - -Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden und vor das -Haus gegangen; als er wieder hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er -verbot seinen Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen; denn -das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen zu tun, was er -wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches Unwetter auf, mit Sturm -und Schneetreiben, so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der -Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die Tür geklopft, und das -war einer von den Schülern, der ankam. Sie waren im Schneetreiben -auseinander gekommen, erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch jeder -einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum Abend, ehe sie wieder -zusammen waren. Erik nahm sie freundlich auf und erwies ihnen alles -erdenkliche Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich -nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs auszuführen, ihm -den Rock auszuziehen, und sie zogen daher unverrichteter Sache wieder -nach Hause. Sie erzählten dem Bischof, wie sich alles zugetragen -hätte, er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß er selber -Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine Absicht ebenso schlecht -ausführen würde. So verstrich der Winter, und es ging auf den Sommer. - -Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten ihn. Er kam -nach Vogsosar und schlug sein Zelt außerhalb der Umzäunung auf. Es war -ein Wochentag, und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten, -um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er bat seine Leute, sich zu hüten, -irgendein Geschenk von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof und -ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof mit großer Freude -und war außerordentlich fröhlich. Der Bischof wünschte die Kirche -zu besichtigen. Erik zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die -gute Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der Bischof in -der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler, um Feuer zu holen, -und traf Erik an. Der Pfarrer begrüßte ihn freundlich und holte eine -Weinflasche, die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck -an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der Bischof, sagte er, -hätte ihm das streng verboten. Da nötigte ihn Erik noch eifriger zu -trinken und sagte, das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm -einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler, als hätte -er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet, und er bat den Pfarrer -um die Flasche, um den Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu -können. Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler kehrte wieder -in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch goß der Schüler von dem Wein in -das Glas des Bischofs, ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen Trank -hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der Wein schmeckte ihm sehr, -und während er trank, wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der -Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine Woche bei ihm und -lebte wie ein Prinz in einem Bäckerladen. - -Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus, daß Erik seinen -Priesterrock verlor. - - -7. Wie Erik dem Bauern seine Frau wieder verschaffte - -Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, der sich eben -verheiratet hatte, verlor seine Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit -eines Morgens früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer liegen -blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, wie sie es jeden -Morgen zu tun pflegte, blieb aber diesmal länger als gewöhnlich fort, -so daß der Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, um sie -zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem Hof. Da ging er umher von -Hütte zu Hütte, um nach ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem -Morgen gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen der folgenden -waren viele Leute draußen, um sie zu suchen, sie war aber nicht zu -finden. Der Bauer nahm sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß -er sich zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen wollte. -Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je länger er lag, desto -elender wurde er, am meisten aber ging es ihm nahe, daß er nicht wußte, -auf welche Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er als ganz -sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für das Wahrscheinlichste, -daß sie in der See ertrunken sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen -und sterben würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe wurde es -schlimmer mit ihm. - -Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: »Ob du nicht doch -versuchen solltest aufzustehen, wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich -möglicherweise dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner -Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, wenn ich nur -könnte,« erwiderte der Bauer. Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt -auf, verlasse dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich dann aufs -Festland und nach Selvog hinunter zu Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte -ihn zu versuchen, deiner Frau auf die Spur zu kommen.« - -Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; er zog sich an und aß -und erholte sich allmählich, bis er sich zutraute, aufs Festland zu -ziehen, und es wird nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach -Vogsosar kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn gut und fragte -nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, wie alles war. Da sagte Erik: -»Ich weiß nicht, was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust -dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und wir können sehen, -was zu tun ist.« Der Bauer nahm die Einladung an. - -Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei graue Pferde nach Hause -bringen; das eine war ein schönes Pferd, das andere aber war häßlich -und mager. Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während das -andere für den Bauern gesattelt wurde; dann sagte er: »Jetzt werden -wir auf den Sand hinausreiten.« Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre -Gerippe da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik tat, als -hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten nun fort, in Sturm -und schwerem Regen. Als sie außerhalb der Öffnung der Bucht waren, -begann das magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das andere -zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so schnell er konnte. Erik aber -war ihm bald entschwunden. Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli -kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt werden und das -Grenzzeichen zwischen Arnes- und Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik -schon angelangt. Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein gelegt, -und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, und keins von den Blättern -bewegte sich, obgleich es in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik -ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte etwas zwischen -den Zähnen, worauf er zu dem Bauern sagte: »Jetzt gib acht, ob du -deine Frau siehst.« Eine Menge Menschen kamen nun an den Stein, und -der Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem Menschen zum -andern, fand aber seine Frau nicht. Das sagte er Erik, der die Leute -anredete: »Fahrt nun dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr -gekommen seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik wandte einige Blätter -in dem Buch um, und es ging ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum -drittenmal, und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte -Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn nicht in einer der -Gruppen?« Als der Bauer auf die Frage nein antwortete, errötete Erik -und sagte: »Jetzt beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe -nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in der Erde und im -Wasser leben, und deren ich mich erinnern konnte.« Er holte darauf ein -kleines Buch aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: »Mir -fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das kleine Buch auf das -große, ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte wie zuvor. -Da erschien das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen sich; in dem -Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. Erik redete sie folgendermaßen -an: »Schlecht habt ihr gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt; -packt euch, und Schande über euch für diese Tat, und laßt mich nicht -sehen, daß ihr solches öfter tut.« Sie gingen sofort davon, Erik aber -zerschlug das Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und stieg mit -allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt mich meine Frau zu mir -aufs Pferd nehmen, denn Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.« -Erik sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand bald -zwischen den Lavasteinen. - -Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar kam, wo Erik -schon angelangt war; in der Nacht ließ dieser die Frau in seinem Bett -schlafen, lag aber selber vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen -machte sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: »Es ist kaum -ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu lassen; ich werde sie selbst -nach Hause bringen.« Der Bauer dankte ihm. - -Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die Frau vor sich und ritt -davon. Der Bauer ritt hinterher, merkte aber nichts von Erik, bis er an -die Insel kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging der Bauer -mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei Nächte bei ihr. Dann sagte er: -»Es ist nicht sicher, ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese -Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« Von dieser Nacht an -hatte aber die Frau nichts mehr zu befürchten. Während Erik bei der -Frau wachte, gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte sie -ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren hatte. Danach zog Erik -wieder heimwärts, erhielt aber erst reiche Geschenke von dem Bauern. - - -8. Wie Erik des Bauern Frau vor den Huldren errettete - -Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit Erik war, kam eines -Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei war, von Süden her aus Njardvig zu -Pfarrer Erik. Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter über -bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam, nahm ihn Pfarrer Erik, der -vor dem Hause stand, gut auf und fragte dann: »Bist du gut beritten, -mein Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd sei ebenso -mager wie schlecht beschlagen, meinte er. Erik sagte: »Da mußt du dich -beeilen, nach Hause zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der -Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?« - -Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach und spuckte unter -die Hufe, und dann sagte er: »Steige jetzt zu Pferd, und reite, was -das Zeug hält; es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist. Wenn -du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du die Schreie deiner Frau bis -hinaus hören; gehe dann mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern -sage schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und sieh dann -zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für den guten Rat und ritt -davon. Das Pferd lief schneller mit ihm fort, als er sich besinnen -konnte, und er erreichte sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft -hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich genau so, wie -Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau nahm es eine solche Wendung, daß -sie eine Stunde später wieder ganz gesund war. - -An demselben Abend klopfte es hart an das Tor von Vogsosar. Erik ging -hinaus, um zu öffnen, blieb ein Weilchen draußen und kam dann wieder -herein. Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete: »Ach, -es war nur jemand, der etwas mit mir zu sprechen hatte.« - -Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog, vergalt er die Hilfe, -die Erik ihm geleistet hatte, reichlich. - - -9. Pfarrer Eriks Tod - -Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er selbst die Männer -aus, die seine Leiche tragen sollten. Er sagte, daß, wenn er zur Kirche -hinausgetragen würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er bat -sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem sie ihn aufhöben, -nicht abzusetzen, bis sie ihn in die Kirche hineingetragen hätten. Dann -würde der Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der Kirche -zwei Vögel sehen, einen weißen und einen schwarzen, die erbittert -miteinander kämpften. Er bat sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf -siege und sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem Kirchhof -zu begraben, siege dagegen der schwarze Vogel, und setze er sich auf -die Kirche, so sollten sie ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn -dann wäre es aus mit ihm. - -Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der Hagelschauer prasselte -herab, und die Vögel kämpften miteinander; der weiße Vogel aber siegte -über den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab innerhalb des -Kirchhofs. - - - - -Der Mann von Grimsö und der Bär - - -Es geschah einmal auf Grimsö, daß das Feuer im Winter erlosch, so -daß auf keinem Hof Feuer oder Licht angezündet werden konnte. Es -war damals ruhiges Wetter, und der Frost war so scharf, daß der -Grimsösund zugefroren war, und man glaubte, daß das Eis tragen könne. -Da entschlossen sich die Bewohner von Grimsö, ein paar Leute auf das -Festland zu senden, die Feuer holen sollten, und wählten dazu drei von -den tüchtigsten Männern der Insel. - -Sie zogen früh morgens bei hellem Wetter davon, und eine Menge -Bewohner begleiteten sie auf das Eis hinaus und wünschten ihnen einen -glücklichen Weg und baldige Heimkunft. Es wird nichts von der Wanderung -der Ausgesandten berichtet, bis sie mitten im Sund an eine Wake kamen, -die so lang war, daß sie ihr Ende nicht sehen konnten, und so breit, -daß nur zwei mit knapper Not hinüberzuspringen vermochten, während -der dritte sich nicht dazu imstande glaubte. Die anderen rieten ihm -deshalb, nach der Insel zurückzukehren und setzten ihre Wanderung fort; -er aber blieb am Rande der Wake zurück und verfolgte sie mit den Augen. -Er wollte ungern unverrichteter Sache zurückkehren und entschloß sich -daher, an der Wake entlang zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht -an einer anderen Stelle schmaler wäre. Im Laufe des Tages wurde das -Wetter trübe, und es zogen von Süden Sturm und Regen auf. Das Eis -löste sich, und schließlich stand der Mann auf einer Eisscholle, die -dem Meere zutrieb. Am Abend stieß die Scholle gegen einen großen -Eisberg, den der Mann bestieg. Da entdeckte er unweit von sich einen -Bären, der auf seinen Jungen lag. Er aber war verklammt und hungrig, -und ihm graute jetzt vor dem Leben. Als der Bär den Mann erblickte, -betrachtete er ihn eine Weile, erhob sich dann, ging auf ihn zu, -umkreiste ihn und gab ihm ein Zeichen, daß er sich auf das Lager zu den -Jungen legen sollte. Er tat das mit Furcht im Herzen. Dann legte sich -das Tier selbst bei ihm nieder, breitete sich über ihn und säugte ihn -mit seinen Jungen zugleich. Die Nacht verstrich; am nächsten Tage stand -das Tier auf, entfernte sich ein kleines Stück vom Lager und winkte -dem Manne nachzukommen. Als er auf das Eis hinausgekommen war, legte -sich der Bär vor seine Füße nieder und gab ihm ein Zeichen, sich auf -seinen Rücken zu setzen. Als er den Rücken des Bären bestiegen hatte, -erhob sich dieser, rüttelte und schüttelte sich, bis der Mann von ihm -heruntergefallen war. Mit dieser Probe war er für diesmal zufrieden, -der Mann aber wunderte sich darüber. Es vergingen nun drei Tage; nachts -lag der Mann auf dem Lager des Bären und saugte seine Milch, jeden -Morgen aber hieß ihn der Bär sich auf seinen Rücken setzen, und dann -schüttelte er sich, bis der Mann sich nicht mehr festhalten konnte. -Am vierten Morgen konnte sich der Mann auf dem Rücken des Tieres -halten, so viel es sich auch schüttelte. Gegen Abend ging es aufs Eis -hinunter, den Mann auf dem Rücken, und schwamm mit ihm nach der Insel. - -Als der Mann an Land gekommen war, ging er auf die Insel hinauf und gab -dem Bären ein Zeichen, ihm zu folgen. Er ging voran nach seinem Heim -und ließ sogleich die beste Kuh im Stall melken und ihn so viel frisch -gemolkene Milch trinken, wie er nur konnte; dann ging er vor dem Bären -in seinen Schafstall, ließ die beiden besten Schafe aus seiner Herde -herausnehmen und schlachten, band sie an den Hörnern zusammen und legte -sie quer über den Rücken des Bären. Dieser kehrte nach dem Meere zurück -und schwamm zu seinen Jungen hinaus. - -Und nun war viel Freude auf Grimsö; denn während die Inselbewohner -mit Erstaunen dem Bären nachschauten, sahen sie ein Boot vom Festland -kommen und mit gutem Wind nach der Insel segeln. Darin hofften sie die -beiden anderen Abgesandten mit dem Feuer zu sehen. - - - - -Der Bär, der mit der Tonne rang - - -In den Westfjorden liegt irgendwo ein Hof unterhalb eines steilen -Berges, auf dem einmal ein reicher Bauer wohnte. Hoch oben auf dem -Grat hatte er einen großen Schuppen, in dem er seine Fische und andere -Sachen aufbewahrte. Vom Hof ging ein gerader Weg den Berg aufwärts, -dicht an dem Schuppen vorbei. Er war wie mit einer Mauer eingefaßt; -denn große Steine lagen in Reihen zu beiden Seiten, während er am Boden -ganz eben war. - -Dem Bauern war es aufgefallen, daß, wenn es abends dunkel geworden -war, in der Regel ein Bär kam, der den geraden Weg zu dem Schuppen -hinaufstieg und an seine Fische ging, und der ihm auf diese Weise schon -manchen Schaden zugefügt hatte. Da hatte er sich eine List ausgedacht, -um dem Petz abzugewöhnen, seine Fische zu fressen. Er ließ nämlich eine -riesengroße Tonne anfertigen, die gerade den Weg sperrte, wenn sie von -dem Berge heruntergerollt wurde, füllte sie mit Steinen und schlug den -Boden gehörig fest. Nun ließ er die Tonne auf dem Bergrücken liegen, wo -der eingezäunte Weg begann und wartete dort selbst, bis der Bär kam. -Dieser erschien zur gewohnten Zeit und ging nichts ahnend den Berg -hinauf. Als er aber beinahe ganz oben war, wälzte ihm der Bauer die -Tonne entgegen. Der Petz konnte nun nicht weiter. Die Tonne hatte Eile, -sobald wie möglich bergab zu kommen, während Petz mit aller Gewalt -versuchte, sie in ihrem Lauf zu hemmen. Umdrehen konnte er sich nicht; -denn dann hatte er die Tonne dicht auf den Fersen; auch konnte er nicht -über die Tonne hinüberspringen; denn er brauchte all seine Kraft, um -ihr Widerstand zu leisten, damit sie ihm nicht auf dem Kopf fiel. Auf -diese Weise rang er die ganze Nacht mit der Tonne und glitt langsam -zurück vor ihr, bis sie beide unten auf ebener Erde standen. Da war -der Petz nahe daran, vor Müdigkeit umzufallen, und schlich sich davon, -indem er nach der Tonne schielte. - -Der Bauer aber verfolgte ihn mit seinem Gelächter und hatte seitdem in -seinem Schuppen Ruhe vor ihm. - - - - -Wie die Seehunde entstanden sind - - -Über den Ursprung der Seehunde wird erzählt, daß, als Ägyptens König -Pharao Moses und die Juden über das Rote Meer verfolgte und darin mit -seinem ganzen Heer ertrank, wie man ja aus der Bibel weiß, der König -und alle seine Männer zu Seehunden wurden, und darum ähneln die Knochen -der Seehunde so sehr denen der Menschen. Seit jener Zeit leben die -Seehunde wie eine Familie für sich auf dem Meeresboden, haben aber -ganz die Gestalt, Natur und Eigenschaften des Menschen unter dem Fell -bewahrt. Es ist ihnen als eine Gnade gestattet, jede Johannisnacht, -oder wie andere sagen, jede Heiligedreikönigsnacht aus den Fellen zu -kriechen; dann gehen sie an Land, nehmen menschliche Gestalt an und -singen und tanzen wie andere Menschen. - - - - -Das Seehundsfell - - -Ein Mann aus Myrdal im Osten ging eines Morgens früh, ehe die Leute -aufgestanden waren, an einigen Felsen vorbei und kam an den Eingang -einer Höhle. Da hörte er, daß in dem Hügel gelärmt und getanzt wurde, -draußen aber sah er eine große Menge Seehundsfelle. Er hob eins von -ihnen auf, nahm es mit nach Hause und verschloß es in seiner Truhe. -Etwas später, im Laufe des Tages, kam er wieder an den Eingang der -Höhle; da saß dort ein junges und schönes Mädchen, das ganz nackt war -und bitterlich weinte. Das war der Seehund, dem das Fell gehörte, das -sich der Mann mitgenommen hatte. Der Mann gab dem Mädchen Kleider, -tröstete es und nahm es mit nach Hause. - -Sie war ihm später sehr zugetan, weniger aber stimmte ihr Gemüt mit dem -anderer Leute überein. Oft saß sie da und schaute über die See hinaus. -Nach Verlauf einiger Zeit nahm sie der Mann zur Frau; sie lebten gut -zusammen und hatten viele Kinder miteinander. - -Der Bauer verbarg das Fell unter Schloß und Riegel in seiner Truhe und -trug den Schlüssel bei sich, wohin er auch ging. Nach Verlauf vieler -Jahre ruderte er eines Tages zum Fischfang hinaus und vergaß den -Schlüssel zu Hause unter seinem Kopfkissen. Andere dagegen sagen, daß -der Bauer mit seinen Leuten zum Weihnachtsgottesdienst gezogen sei, daß -die Frau aber krank gewesen wäre und nicht mitgehen konnte; da soll er -vergessen haben, den Schlüssel aus der Tasche seiner Wochentagskleider -zu nehmen, als er sich umzog; als er aber abends nach Hause kam, war -die Truhe geöffnet und die Frau samt dem Fell verschwunden. Sie hatte -den Schlüssel gefunden und aus Neugierde die Truhe durchsucht und das -Fell gefunden. Da konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen; -sie sagte ihren Kindern Lebewohl, fuhr in das Fell und warf sich in die -See. - -Ehe die Frau in die See sprang, soll sie vor sich hingesagt haben: - - »Ich will und will auch wieder nicht, – - Sieben Kinder hab’ ich auf dem Meeresboden, - Sieben Kinder hab’ ich auch hier oben.« - -Es wird erzählt, daß der Bauer sich das sehr zu Herzen nahm. Wenn er -später hinausruderte, um zu angeln, dann schwamm der Seehund oft um -sein Boot herum, und es war, als liefen ihm Tränen aus den Augen. Von -dieser Zeit an hatte er stets Erfolg bei seinem Fischfang, und das -Glück suchte seinen Strand oft auf. - -Häufig sah man, wenn die Kinder des Ehepaares an den Strand gingen, -daß ein Seehund draußen in der See schwamm und sie begleitete, während -sie auf dem Lande oder am Strande entlang gingen, und bunte Fische -und hübsche Muscheln zu ihnen hinaufwarf. Nie aber kehrte ihre Mutter -wieder aufs Land zurück. - - - - -Der Lindwurm im Lagarfluß - - -Es geschah einmal in alten Tagen, daß eine Frau auf einem Hof in der -Nähe des Lagarflusses wohnte. Sie hatte eine erwachsene Tochter, der -sie einmal einen goldenen Reif schenkte. Da fragte das Mädchen: »Wie -kann ich den größten Nutzen von diesem Gold haben, Mutter?« »Lege -es unter einen Lindwurm,« erwiderte die Mutter. Da nahm das Mädchen -einen Lindwurm, legte das Gold unter ihn und tat dann alles in ihre -Wäschelade. Dort lag der Wurm ein paar Tage. Als das Mädchen aber nach -der Lade sehen wollte, war der Wurm so groß geworden, daß die Lade -angefangen hatte, aus den Fugen zu gehen. Da erschrak das Mädchen, nahm -die Lade und warf sie samt ihrem Inhalt in den Fluß. - -Es verrann nun eine lange Zeit, und man begann, den Wurm in dem Fluß -zu merken. Er fügte Menschen und Tieren, die über den Fluß wollten, -Schaden zu. Zeitweise reckte er sich bis auf die Flußhügel hinauf und -spie auf entsetzliche Weise Gift. Das schien zu einem großen Unglück zu -führen, von dem niemand wußte, wie man ihm begegnen sollte. - -Da nahm man Zuflucht zu zwei Finnländern. Sie sollten den Wurm töten -und das Gold bergen. Sie warfen sich in den Fluß, kamen aber bald -wieder in die Höhe. Sie sagten, daß sie es hier mit einer großen -Übermacht zu tun hätten, und daß es keine leichte Sache sei, den Wurm -zu töten und das Gold zu bergen. Sie erzählten, daß unter dem Golde -noch ein Wurm läge, und daß dieser viel schlimmer sei als der erste. -Sie fesselten den Wurm mit zwei Stricken, von denen der eine um den -Bauch, der andere aber um den Schwanz befestigt wurde. - -Deshalb kann der Wurm seitdem weder Menschen noch Tieren schaden; es -geschieht aber zeitweilig, daß er einen Buckel auf dem Rücken macht, -und wenn dieser zu sehen ist, glaubt man gern, daß das ein Vorbote -schlimmer Geschehnisse sei, zum Beispiel Hungersnot und Grasmangel. -Diejenigen, die an diesen Wurm nicht glauben, sagen, daß vor gar nicht -zu langer Zeit ein Pfarrer gerade an der Stelle, an welcher der Wurm zu -liegen schiene, den Fluß durchquerte. Das sagen sie aber, um damit zu -beweisen, daß er gar nicht da ist. - - - - -Der dankbare Rabe - - -Es wird erzählt, daß einmal einige Höfe in Vatnsdal auf dem Nordland -durch einen Bergsturz, der vom Vatnsdalberg kam, vernichtet wurden. -Unter diesen Höfen war einer, der Guldberastad hieß. Die Tochter des -Bauern auf Guldberastad hatte die Gewohnheit, immer, wenn sie aß, -ihre Speise mit dem Hofraben zu teilen. Als sie ihm einmal, wie sie -es zu tun pflegte, die Speise, die sie ihm geben wollte, zum Fenster -hinausreichte, wollte sie der Rabe nicht nehmen. Das Mädchen wunderte -sich darüber, und dann ging sie hinaus mit ihr. Der Rabe kam dicht an -sie heran, wollte aber trotzdem die Speise nicht nehmen, obgleich er -die ganze Zeit über zeigte, daß er Appetit hatte, so daß das Mädchen -ihn bis auf den Heimacker verfolgte, ein kurzes Stück Weges vom Hof. -Kaum aber waren sie dort hingelangt, als das Mädchen starkes Getöse -oben vom Berge hörte, und plötzlich kam ein Bergsturz von dort herab; -er lief zu beiden Seiten des Raben und der Bauerntochter vorbei und -berührte die Stelle, auf der sie standen, nicht. Dagegen ging die -Lawine über den Hof hinweg und vernichtete ihn mit allem, was da war, -Lebendigem und Totem. So belohnte der Rabe die Bauerntochter für die -Speise die sie ihm gegeben hatte. - -Die Ursache aber, daß der Bergsturz nicht über die Stelle hinwegrollte, -wo der Rabe und das Mädchen standen, war die, daß Bischof Gudmund -der Heilige einmal auf seiner Durchreise sein Zelt an diesem Ort -aufgeschlagen hatte. Ehe er aber von dort aufbrach, weihte er den -Zeltplatz, wie er es oft zu tun pflegte, und deshalb konnte an dieser -Stelle niemand von einem Unglück betroffen werden. - - - - -Asmund und Signe - - -Es lebte einmal ein König in seinem Reich; er war verheiratet und -hatte mit seiner Gemahlin zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. -Der Sohn hieß Asmund, die Tochter aber hieß Signe. Es waren die -hoffnungsvollsten Königskinder, die man zu jener Zeit kannte, und sie -wurden in allen Künsten, die Königskindern zu lernen ansteht, erzogen. -Sie wuchsen nun auf, zu Hause beim Vater, und jeder Wunsch wurde ihnen -erfüllt. Der König schenkte seinem Sohn Asmund zwei Eichbäume, die -draußen im Wald standen, und es war ein Vergnügen für den Sohn, sie -auszuhöhlen und verschiedene Kämmerchen in den Stämmen einzurichten. -Signe folgte ihm häufig und bewunderte die Eichbäume und bekam Lust, -sie mit ihm zusammen zu besitzen. Er erfüllte ihren Wunsch, und nun -trug sie allerlei Edelsteine und Kleinodien, die ihr die Mutter -geschenkt hatte, dorthin. - -Da geschah es einmal, daß ihr Vater in den Krieg zog; in seiner -Abwesenheit aber wurde die Königin krank und starb. Da gingen die -Geschwister hinaus in den Wald und setzten sich in die Eichbäume, -nachdem sie sich auf ein Jahr mit Lebensmitteln versehen hatten. - -Nun ist zu melden, daß in einem anderen Lande ein König herrschte, der -einen Sohn, namens Ring, hatte. Ring hatte von der großen Schönheit -Signes erzählen hören und entschloß sich, um sie zu freien. Er bekam -von seinem Vater ein Schiff für die Reise, hatte guten Wind und kam -nach dem Lande, in dem Signe zu Hause war. Als er aber zur Königshalle -hinaufgehen wollte, begegnete ihm auf dem Wege eine so schöne Frau, daß -es ihm schien, als hätte er nie zuvor ihresgleichen gesehen. - -Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die Königstochter -Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein umhergehe; sie erwiderte, -das geschähe aus Trauer über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater -nicht zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun selber sei, -könne er gleich sagen, daß er gekommen sei, um ihre Hand zu begehren. -Sie hörte sein Freien freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu -gehen, denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging nun zu den -Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus, nahm den einen auf den Rücken, -den andern aber auf die Brust und trug sie so an die See und watete -nach dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne Gestalt -an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn, daß ihre Habe nun an Bord -gebracht sei, weiteres besitze sie nicht. Dann segelten sie nach -Hause, wo seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude empfingen. -Er gab ihr einen schönen Wohnraum und ließ die beiden Eichbäume vor -ihre Fenster pflanzen. Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr -und sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten und gab ihr -gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder für sie beide zu nähen. -Kaum aber war er fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden, -raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt und wurde -zur schlimmsten Hexe; sie sagte, daß sie nicht wisse, was sie mit -solchem Staat anfangen solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte -als Menschenfleisch essen und Pferdeknochen brechen; sie machte noch -immer weiteres Gepolter und sagte, daß sie vor Hunger umkommen müsse, -denn nie käme ihr Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen -hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers und durch ihn -hindurch stieg ein Riese herauf, mit einem ungeheuer großen Sarg in -den Armen. Sie fingen beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war -mit Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer Gier zu essen, dann -aber stieg ihr Bruder denselben Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur -auf dem Fußboden zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte sie -noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und wollte ihn zerreißen. - -Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß sie sich in den -Eichbäumen befanden, von denen aus sie sahen, wie all dies vor -sich ging. Da bat Asmund Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu -versuchen, den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das -wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören brauchten. -Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte nun, so gut sie konnte, die -Kleider in sechs Tagen, trug sie hinaus und warf sie auf den Tisch. -Die Hexe freute sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr -herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er bewunderte ihre -Geschicklichkeit, und sie trennten sich mit großer Freundlichkeit. Die -Hexe benahm sich nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund -dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn, den er bat zu kommen -und sich ein Spiel anzusehen, das in dem Gemach der neuangekommenen -Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn wurde sonderbar zumute, -als er derartiges von seiner Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin -und versteckten sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus sie zu ihr -hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer und sagte zu Eisenkopf, -als er kam: »Wenn ich erst mit dem Königssohn verheiratet bin, werde -ich schon besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze Pack -da drinnen in der Halle umbringen und mit meiner ganzen Sippschaft -herkommen; dann werden sich wohl die Trolle über mich und meinen -Gemahl freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das hörte, so daß -er Feuer an das Haus legte und es ganz zu Asche brennen ließ. Asmund -erzählte ihm nun von den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über -die Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war. Er freite dann -um Asmunds Schwester Signe, Asmund aber freite um die Schwester Rings, -und bald feierten beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause zu -seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden Schwäger das Reich nach -ihren Vätern und regierten bis in ihr hohes Alter. Und damit ist diese -Geschichte aus. - - - - -Die beiden Ebereschenbäume - - -Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister aus gutem -Stamm auf den Westmändsinseln lebten. Da geschah, daß das Mädchen -daheim im Elternhause schwanger wurde, und da sich die beiden -Geschwister sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht, daß -der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes sei, das sie erwartete. -Das Gerücht erreichte denn auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den -Inseln, weshalb er die Sache zu untersuchen begann. - -Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses Verbrechens schuldig -zu sein, und bei allem, was ihm heilig war, schwor, daß er unschuldig -sei, noch daß seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen -anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend war, als Vater -des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen der Blutschande damals -hierzulande scharf geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter -nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den sie sich hielt, -wurde ein Todesurteil nach dem anderen über solche Angeklagten -gesprochen, und das war auch hier der Fall. Die beiden Geschwister -wurden zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen. Es wird -aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den Herrgott mit Tränen baten, -nach ihrer Hinrichtung ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen -bei ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch sollen sie -ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu tragen, daß sie in einem -gemeinsamen Grabe auf dem Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie -hingerichtet, und nach vieler Mühe und wahrscheinlich nur durch reiche -Spenden an Kirche und Geistlichkeit, wie es ja meist in jenen Zeiten -nötig war, erreichten die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof -beerdigt wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht liegen; -der eine sollte südlich, die andere nördlich von der Kirche bestattet -werden, und dort mußten sie auch liegen. - -Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute, daß aus jedem -Grabe der beiden Geschwister ein kleiner Ebereschenstamm emporsproß. -Diese Stämme nahmen eine natürliche Entwicklung und wurden immer -größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche vereinigte, -und da dachten die Leute, daß Gott, als er die Ebereschenbäume aus -ihren Gräbern erwachsen ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man -sehen konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die Unschuld -der beiden Geschwister beweisen wollte. Der Umstand aber, daß sich -die Bäume da oben über dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und -Zweige ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und liebevolle -Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen diesen Geschwistern im -irdischen Leben geherrscht hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode -in demselben Grabe ruhen zu dürfen. - -So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume lange Zeit, -bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert mit Heeresmacht -über die Westmändsinseln herfiel, Gut und Menschen raubte und -allerlei Greueltaten verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der -Gewalttätigkeiten der Türken, so erzählt die Sage, war die, daß sie die -beiden Ebereschenbäume auf jenem Friedhof umschlugen, und sie drohten, -auf die Inseln zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben, -wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden, wie sie gewesen wären. - -Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von dieser Zeit an wieder -heranwuchsen, und das wurde als eine große Gnade Gottes angesehen, denn -wenn das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort gehalten. - - - - -Der glühende Schlüssel - - -Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen Ort mit -einer fetten Hammelkeule (andere sagen, daß es ein Bruststück war) in -der Hand hinsetzte, die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie -in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber schien blank und hell; -denn es war keine Wolke am Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit -folgenden schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig das Messer -mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt: - - »Fett ist hier, - Komm zu mir, - Laß das Stück dir munden!« - -Da antwortete ihm eine Stimme aus dem Himmel: - - »Hüte dich, Dieb! - Schlüssel, du, flieg, - Bis du die Wange gefunden!« - -Da fiel plötzlich ein glühender Schlüssel hoch vom Himmel herab, -gerade auf die Wange des Diebes, und brandmarkte sie. Die Narbe des -Schlüsselbrandmals aber trug er, solange er lebte. - - - - -Wie es Jons Seele erging - - -Es lebten einmal ein Mann und seine Frau. Der Mann war sehr ungesellig -und unbeliebt, und dazu war er faul und unnütz zu Hause. Seine Frau -war damit sehr wenig zufrieden; oft schalt sie ihn aus und sagte, -daß er zu gar nichts anderem tauge, als das zu verprassen, was sie -zusammengespart hätte; denn sie war selber eine gar umsichtige Frau und -ließ alle Kniffe gelten, um das Notwendige zu beschaffen, und verstand -jeden so zu nehmen, wie er genommen werden mußte. Aber wenn sie auch in -manchen Dingen uneinig waren, so war die Frau ihrem Alten doch gut und -ließ es ihm an nichts fehlen. So ging es eine ganze Weile; aber einmal -verfiel der Mann in eine schwere Krankheit. Die Frau pflegte ihn, und -als seine Kräfte abnahmen, fiel ihr ein, daß er wohl kaum so gut auf -den Tod vorbereitet sei, daß es nicht zweifelhaft wäre, ob er auch -Einlaß in den Himmel fände. - -Sie dachte deshalb bei sich selber, daß es wohl am ratsamsten sei, -selbst zu versuchen, die Seele ihres Gebieters auf den rechten Weg -zu bringen. Sie nahm daher einen Lederbeutel und hielt ihn vor die -Nasenlöcher des Mannes, und als er seinen Geist aushauchte, fuhr dieser -in den Beutel, und die Frau beeilte sich, die Öffnung zuzubinden. Dann -begab sie sich nach dem Himmel, den Beutel in ihre Schürze gewickelt, -kam an die Tore des Himmelreichs und klopfte an. - -St. Peter kam an das Tor und fragte nach ihrem Begehr. »Guten Tag,« -sagte die Alte, »ich bin mit der Seele meines Jon hergekommen. Ihr -werdet wohl von ihm gehört haben, und ich wollte Euch nun bitten, ihn -hineinschlüpfen zu lassen.« »Ach,« sagte St. Peter, »das kann ich -leider nicht, ich habe wohl von deinem Jon reden hören, aber nie etwas -Gutes.« Da sagte die Frau: »Ich hätte nie geglaubt, Peter, daß du so -hartherzig wärst; du hast wohl vergessen, wie es dir einst erging, als -du deinen Herrn und Meister verleugnet hast.« - -St. Peter ging hinein und verschloß das Tor, die Alte aber blieb -draußen stehen und stöhnte. Als eine kleine Weile verstrichen war, -klopfte sie wieder an, und St. Paul kam heraus. Sie begrüßte ihn und -fragte, wie er hieße, er aber sagte seinen Namen. Sie bat ihn, für die -Seele ihres Jon Sorge zu tragen, er aber antwortete, daß er nichts von -ihm wissen wolle; ihr Jon verdiene keine Gnade, sagte er. Da wurde die -Frau giftig und sagte: »Das steht dir gut an, Paul! Du hast wohl die -Gnade besser verdient, wie ich mir denken kann, weil du früher Gott und -gute Menschen verfolgt hast. Es ist wohl am besten, daß ich aufhöre, -dich zu bitten.« - -St. Paul machte eiligst das Tor zu. Als die Frau aber zum drittenmal -klopfte, kam die Jungfrau Maria heraus. »Guten Tag, liebe Jungfrau,« -sagte die Frau, »ich hoffe, daß Ihr erlaubt, daß mein Jon hier -hineinkommt, wenn auch Peter und Paul es nicht wollen.« - -»Das darf ich leider nicht, meine Gute,« antwortete Maria, »dazu ist -dein Jon ein viel zu großer Taugenichts.« »Ich will nicht mit dir -darum rechten,« sagte die Frau, »ich glaubte, du wüßtest, daß andere -ebenso schwach sein können wie du, oder kannst du dich nicht mehr -darauf besinnen, daß du ein Kind bekommen hast, dessen Vater du nicht -nennen konntest?« Maria wollte nichts weiter hören und beeilte sich -zuzuschließen. - -Ein viertesmal klopfte die Frau an das Tor. Da kam Christus selber -und fragte, wohin sie wolle. Sie erwiderte demütig: »Ich wollte dich -bitten, mein lieber Erlöser, diese arme Seele einzulassen.« Christus -antwortete: »Das ist Jon, – nein, Frau, er hat nicht an mich geglaubt.« -Da wollte er das Tor schließen, sie aber war nicht faul und warf den -Beutel, in dem die Seele war, an ihm vorbei, so daß er weit hinein in -das Himmelreich flog, und das Tor wurde verriegelt. - -Da fiel der Frau ein Stein vom Herzen, daß Jon nun trotz alledem ins -Himmelreich gekommen war, und sie kehrte fröhlich nach Hause zurück. -Aber weder von ihr, noch von dem, was aus Jons Seele wurde, haben wir -mehr zu sagen. - - - - -DIETSCH & BRÜCKNER / WEIMAR - - - - -Im gleichen Verlag sind erschienen: - - -Sagen und Märchen Alt-Indiens - -erzählt von Alois Essigmann - -2 Bände, Preis pro Band in Pappband M. 4.50 - -in Halbleder M. 12.— - -Band 1 und 2 zusammen in Halbleder M. 18.— - - -Sawitri - -eine alt-indische Legende - -erzählt von Alois Essigmann - -in Pappband M. 2.40 - - -Sijawusch - -erzählt von Alois Essigmann - -Preis in Pappband ca. M. 5.— - -in Halbleder ca. M. 12.— - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Zur besseren -Orientierung wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Buches -verschoben. - -Korrekturen: - -In »Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar« wurden die Unterkapitel -aufgrund der fehlerhaften Numerierung im Original neu numeriert. - - S. 33: ich → er - daß ich, während {er} schlief - - S. 75: heiße ich → heiße ich nicht - So heiße ich {nicht}, so heiße ich {nicht} - - S. 76: heiße ich → heiße ich nicht - »So heiße ich {nicht},« sagte die Alte, »so heiße ich {nicht} - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND -VOLKSSAGEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/69456-0.zip b/old/69456-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 36a72e5..0000000 --- a/old/69456-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/69456-h.zip b/old/69456-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 637220f..0000000 --- a/old/69456-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/69456-h/69456-h.htm b/old/69456-h/69456-h.htm deleted file mode 100644 index 575d0a2..0000000 --- a/old/69456-h/69456-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8890 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> -<head> - <meta charset="UTF-8" /> - <title> - Isländische Märchen und Volkssagen, by Age Avenstrup und Elisabeth Treitel—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover" /> - <style> /* <![CDATA[ */ - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -h1 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -h2, h3 { - font-style: italic; - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1em; -} - -.h2 { - text-align: center; - text-indent: 0; - font-size: x-large; - font-weight: bold; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr.chap { - width: 65%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 17.5%; - margin-right: 17.5%; - clear: both; -} - -@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } - -div.chapter {page-break-before: always;} -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; - text-indent: 0; -} /* page numbers */ - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.smaller {font-size: smaller;} - -/* Images */ - -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} -img.w100 {width: 100%;} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; - page-break-inside: avoid; - max-width: 100%; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: 1px dashed;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote p {text-indent: 0;} - -.footnote .label { - position: absolute; - right: 84%; - text-align: right; - font-size: .8em; - vertical-align: top; -} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: .6em; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -/* uncomment the next line for centered poetry in browsers */ -/* .poetry {display: inline-block;} */ -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media print { .poetry {display: block;} } -.x-ebookmaker .poetry {display: block;} -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -.illowp60 {width: 60%; margin-left: 20%; margin-right: 20%;} - - /* ]]> */ </style> -</head> -<body> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Isländische Märchen und Volkssagen</span>, by Åge Avenstrup</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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<td class="tdr"><a href="#Die_Pfarrerstochter_von_Praestebakke">40</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Ernteknecht</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Ernteknecht">42</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Thord von Throstestad</td> - <td class="tdr"><a href="#Thord_von_Throstestad">48</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Kinderwiege</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Kinderwiege">52</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Wechselbalg von Sogn</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Wechselbalg_von_Sogn">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Seemännchen</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Seemaennchen">55</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Nöck</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Noeck">58</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer</td> - <td class="tdr"><a href="#Kort_aus_Moedruvold_und_das_Meerungeheuer">60</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Bischof Brynjolf</td> - <td class="tdr"><a href="#Bischof_Brynjolf">62</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Troll im Felsen</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Troll_im_Felsen">64</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Riesin</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Riesin">66</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Gilitrutt</td> - <td class="tdr"><a href="#Gilitrutt">73</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Bauer von Gnupar</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Bauer_von_Gnupar">77</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Guldbraa und Skegge</td> - <td class="tdr"><a href="#Guldbraa_und_Skegge">79</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Jon und die Riesin</td> - <td class="tdr"><a href="#Jon_und_die_Riesin">89</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ketil von Silfrunarstad</td> - <td class="tdr"><a href="#Ketil_von_Silfrunarstad">100</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen</td> - <td class="tdr"><a href="#Trunt_Trunt_und_die_Trolle_in_den_Bergen">108</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Nachttroll</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Nachttroll">110</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Geisterhaube</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Geisterhaube">112</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Bräutigam und das Gespenst</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Braeutigam_und_das_Gespenst">114</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Küster von Mörkaa</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Kuester_von_Moerkaa">121</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sigurd und das Gespenst</td> - <td class="tdr"><a href="#Sigurd_und_das_Gespenst">127</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der mutige Bursch</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_mutige_Bursch">130</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Sage von Jon Asmundsson</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Sage_von_Jon_Asmundsson">144</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Brüder</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Brueder">160</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Ulfssee</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Ulfssee">164</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Südfahrer-Asmund</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Suedfahrer-Asmund">170</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Zauberer auf den Westmändsinseln</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Zauberer_auf_den_Westmaendsinseln">177</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Sending</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Sending">183</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Eheteufel</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Eheteufel">185</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der rote Stier</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_rote_Stier">187</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Fäßchen</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Faesschen">190</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hleidrargaards Skotta</td> - <td class="tdr"><a href="#Hleidrargaards_Skotta">193</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Schuhe aus Menschenhaut</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Schuhe_aus_Menschenhaut">198</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sagen von Saemund dem Weisen</td> - <td class="tdr"><a href="#Sagen_von_Saemund_dem_Weisen">203</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sagen von Kalb Arneson</td> - <td class="tdr"><a href="#Sagen_von_Kalb_Arneson">221</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Gudbjart Floke und der Bischof von Holar</td> - <td class="tdr"><a href="#Gudbjart_Floke_und_der_Bischof_von_Holar">228</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Frau von Malmö</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Frau_von_Malmoe">231</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar</td> - <td class="tdr"><a href="#Sagen_vom_Pfarrer_Erik_in_Vogsosar">235</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Mann von Grimsö und der Bär</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Mann_von_Grimsoe_und_der_Baer">252</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Bär, der mit der Tonne rang</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Baer_der_mit_der_Tonne_rang">255</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie die Seehunde entstanden sind</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_die_Seehunde_entstanden_sind">257</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Seehundsfell</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Seehundsfell">258</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Lindwurm im Lagarfluß</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Lindwurm_im_Lagarflu">260</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der dankbare Rabe</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_dankbare_Rabe">262</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Asmund und Signe</td> - <td class="tdr"><a href="#Asmund_und_Signe">264</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die beiden Ebereschenbäume</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_beiden_Ebereschenbaeume">268</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der glühende Schlüssel</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_gluehende_Schluessel">271</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie es Jons Seele erging</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_es_Jons_Seele_erging">272</a></td> -</tr> -</table> - -<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_Huldrekoenig_auf_Seloe">Der Huldrekönig auf Selö</h2> -</div> - -<p class="noind">Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun -pflegten, zum Fischen auf Selö im Reydarfjord. Und -es traf sich, als der getrocknete Fisch ans Land gebracht -wurde, daß ein großer Teil der Fische des -Pfarrers von Holme in der Fischbude zurückblieb. -Das Wetter verschlechterte sich in dem Maße, daß -man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst -wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, -um sie zu holen und begannen sofort, die Fische aus -der Hütte ins Boot zu tragen. Die Bootsleute sagten, -sie würden gern nach der anderen Seite der Insel -gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben -sei. Einer von ihnen erklärte sich bereit zu gehen, -während die anderen die Fische hinuntertrugen. Er -ging also, und die anderen trugen die Beute in das -Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es -ihnen nur mit knapper Not gelang, die Fische in das -Boot zu schleppen. Sie schifften sich alle ein und warteten -eine Weile auf den Abwesenden; als er aber -kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins -Boot zu ziehen; da riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben -müßte, sie würden ihn aber am nächsten Tag -holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß -es am besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, -und steuerten dem Lande zu; er aber blieb hilflos -zurück.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span></p> - -<p>Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und -der Mann ging deshalb nach der Fischerhütte, ohne -einen Ausweg zu wissen, und dort blieb er bis zum -Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es -läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort -Hungers zu sterben, und er lief aus der Hütte hinaus. -Da entdeckte er einen freundlichen Stern; er glaubte -aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein -Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer -hinzusehen, schien er ihm einem Licht in einem Fenster -zu ähneln. Er lief eine kleine Weile, bis er an ein -Haus kam, das so prächtig war, daß es einer Königshalle -glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:</p> - -<p>»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche -Mensch, der heute auf der Insel zurückgelassen worden -ist, ist an das Haus gekommen; gehe hinaus und -hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür -stirbt.«</p> - -<p>In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen -zu ihm; sie führte ihn hinein und sagte ihm, daß er -seine Schneekleider ablegen solle. Dann führte sie -ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr -schönen Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt -war. Da sah er viele Frauen, und eine unter -ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte sie mit -Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob -sich die schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine -kleine, aber hübsche Kammer, setzte ihm Wein und -Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen -wurde. Die Nacht verging also; aber am nächsten -Morgen kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß -sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab -ihm aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib -dienen konnte.</p> - -<p>So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend -kam die schöne Jungfrau zu ihm und sagte, -wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes erwiesen -hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie -ihr nicht abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten -Tage eine Tanzbelustigung abgehalten würde -und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel anzusehen, -nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen -dürfe; denn sie würde ihm genug bringen, damit -er sich hier drin zerstreuen könne. Er versprach -ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten -Feiertag morgens brachte sie ihm Wein und was sonst -zu seiner Nahrung dienen konnte, bot ihm Lebewohl -und ging ihres Weges.</p> - -<p>Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. -Da dachte er bei sich, was für eine große Freude dort -wohl herrsche, und daß es gewiß nichts schaden -könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es -brauchte ja niemand zu sehen.</p> - -<p>Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu -können, und als er hinausblickte, sah er eine große -Menge Menschen; einige tanzten, andere führten -allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -er einen königlichen Mann sitzen, eine Krone auf -dem Haupt und eine Frau zu jeder Seite. Er dachte, -das müßten die Königin und die Tochter des Königs -sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun -nicht länger hinauszusehen und ging vom Fenster -fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.</p> - -<p>Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war -sie wider ihre Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte -sie ihm, daß er sein Versprechen, nicht hinauszusehen, -schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe einrichten -können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt -habe.</p> - -<p>Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.</p> - -<p>In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und -sagte, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, -um sich den Tanz anzusehen, und daß er ihr -gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu -Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein -dürfe. Er versprach nun bei allem, was ihm heilig -war, daß er diesmal nicht hinausblicken würde. Sie -brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei -Zeitvertreib und ging fort.</p> - -<p>Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch -mehr Lärm und Freude draußen als zu Weihnachten. -Da sagte er sich, daß er jetzt nicht hinaussehen wolle, -denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und -viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da -begann ihn aber die Neugierde zu quälen – so gar<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -nichts von der großen Freude zu erfahren, – und er -spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller -als das vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende -Ritter vor der Königin und dem König. Da zog -er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß niemand -das Auge nach seinem Fenster wandte, und so -ging es bis zum Abend. Als die Jungfrau aber am -Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht und machte -ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. -Trotzdem trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen -nicht; denn sie war ihm genau so gut wie vordem.</p> - -<p>Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. -Am Osterheiligabend kam die Jungfrau zu ihm, sprach -ihn freundlich an und bat ihn, am nächsten Tag ja -nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte, -daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, -daß sie ein männliches Wesen bei sich hätte, dann -würde es sie das Leben kosten. Am Ostermorgen kam -sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur hätte -wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn -dann. Die Belustigung begann wieder wie zuvor. -Aber als der Tag verging, begann die Einsamkeit ihn -zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die -danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau -würde es nicht merken, wenn er von dort aus hinauslugte. -Einen Augenblick spähte er hinaus und sah dasselbe -wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer -und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. -Da war sie unwillig gegen ihn und sagte, daß er sie<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -heute im Stich gelassen hätte wie das vorige Mal; sie -wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt -bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie -gewesen, als er zu sein pflegte; sie hätte nicht erwartet, -daß er ihr so untreu sein würde, und er werde -es wohl später in anderen Dingen auch sein.</p> - -<p>Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend -kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß morgen -der erste Sommertag wäre, und daß dann Leute -vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in -der Frühe nach der Fischerhütte gehen sollte; aber -um eins wollte sie ihn bitten, wenn er Wert darauf -lege, daß sie ihm das Leben während des Winters erhalten -hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen -solle, das sie jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte -ihr Leben, und wenn sie den Vater nicht angeben -könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn -sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht -töten, und sie bitte ihn nun um weiter nichts, als daß -er sich ihr gegenüber in dieser Angelegenheit treu erweisen -solle. Das versprach er ihr, und er sagte, es -werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des -Kindes zu sein. Es koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit -davon hätte.</p> - -<p>Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle -ihre Wohltaten gegen ihn während des Winters, und -früh am nächsten Morgen machte er sich auf den -Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte -er sich nach der Halle umsehen, aber er sah weiter<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -nichts als steinige Hügel und Felsen am südlichen -Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.</p> - -<p>An diesem Tage war mildes Wetter und die See -ruhig, und als der Tag etwas verstrichen war, sah er -ein Boot vom Lande herkommen; als die Bootsleute -aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen -entgegen. Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, -denn er war sehr dick und fett, und sie glaubten deshalb, -daß es sein Geist sei; denn sie dachten nicht -anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand -wagte, ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm -ans Land zu kommen. Schließlich aber stieg der Bootsführer -doch ans Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger -Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe -sei, der im Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. -Er sagte, daß er derselbe Mann wie im Herbst sei, als -sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der andere aber -sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange -ohne Nahrung hätte leben können. Der Inselmann -sagte, daß der Seetang auf Selö keine schlechtere Nahrung -sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr wollte -er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das -Boot, und sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die -meisten wunderten sich, ihn lebendig zurückkommen -zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, wie -er den Winter über hätte leben können, niemand aber -bekam mehr von ihm zu wissen, als jene auf der Insel -von ihm erfahren hatten.</p> - -<p>Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -Wetter, und es kamen viele Leute zur Kirche, und an -diesem Tage wollte auch der Knecht dorthin. Als -aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche -gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem -Altar, ehe man es sich versah, und eine golddurchwirkte -Decke war über das Kind gebreitet, aber kein -Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne -Frauenhand auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten -sich hierüber und sahen sich an; der Pfarrer -aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind getauft -werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß -irgend jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm -stehe, und am ehesten glaube er von seinem Knecht, -daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen habe; -der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da -sagte der Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des -Knechts taufen, der aber leugnete wieder und sagte, -daß er nichts mit der Sache zu tun hätte. Der Pfarrer -erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf -der Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, -daß er das Kind nie anerkennen würde und verbot -dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.</p> - -<p>Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand -in demselben Augenblick, und zugleich ertönte heftiges -Weinen, das sich allmählich aus der Kirche verlor. -Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der -Kirche nach. Da hörten sie das Weinen und das -Schluchzen in der Richtung nach dem See verschwinden, -die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -und wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit -benutzt.</p> - -<p>Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten -jedoch war der Pfarrer davon ergriffen. Der -Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. Der Pfarrer -fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er -ihm alles, daß er den Winter über bei einem König -und seiner Tochter gewohnt hätte, und daß es ihn -sein Leben lang gereuen würde, daß er das Kind nicht -anerkannt habe.</p> - -<p>Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr -derselbe, und hiermit endet die Erzählung von dem -Huldrekönig auf Selö.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Saetermaedchen">Das Sätermädchen</h2> -</div> - -<p class="noind">Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der -ein Mädchen erzogen hatte. Hoch oben zwischen -den Bergen lag die Säterwirtschaft<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> des Pfarrhofs, -auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und -Schafe unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines -Hirten schickte. Als seine Pflegetochter älter geworden -war, mußte sie der Haushaltung auf dem Säter vorstehen, -und sie erledigte das so gut wie jede andere -Arbeit; denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch -anzusehen und flink in vielen Dingen. In diesem Teil -des Landes hatte sie nicht ihresgleichen. Darum warben -viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen -allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach -einmal mit seiner Pflegetochter über dieses Kapitel -und riet ihr, sich zu verheiraten, denn, sagte er, er -wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht -immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon -hören; ihr Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, -sagte sie; sie wäre sehr zufrieden, wie es sei, und nicht -jeder hole sein Glück in der Ehe. Darüber wurde also -vorläufig weiter nichts gesprochen.</p> - -<p>Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es -den Leuten, als beginne das Sätermädchen etwas rundlich -unter dem Gürtel zu werden, und je weiter es -auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat -sie jetzt, ihm offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich -mit ihr bestellt wäre; sie erwarte sicher ein Kind, -meinte er, und darum wäre es am besten, daß sie in -diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt -aber, daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und -ihre Arbeit auf dem Säter würde sie in diesem Sommer -genau so tun, wie sie es früher getan hätte. Der Pfarrer -sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte -und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber -die Männer, die sie nach dem Säter begleiteten, sie -nicht allein zu lassen, und das versprachen sie ihm -hoch und heilig.</p> - -<p>Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und -froh, und es verstrich eine Zeit, ohne daß etwas geschah. -Die Leute beobachteten sie sehr genau und -ließen sie nie allein.</p> - -<p>Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle -Schafe und Kühe vermißte, und jeder, der seine Beine -gebrauchen konnte, mußte den Säter verlassen, nur -das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam -mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel -senkte sich herab, und deshalb fanden sie das Vieh -erst gegen Morgen. Als sie wieder nach Hause kamen, -war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink -und leicht auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen -war, sah man dann auch, daß sie nicht mehr so rund -wie früher war; aber wie es zugegangen war, das -wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -Rundlichkeit so gewesen war, als wenn eine Frau ein -Kind erwartet.</p> - -<p>Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem -Säter, Männer und Vieh, und da sah der Pfarrer, daß -das Mädchen eine schlankere Gestalt hatte als sie im -Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen -Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl -gehandelt und das Sätermädchen allein gelassen hätten. -Sie aber erzählten ihm, wie es gewesen wäre, daß sie es -nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das fehlende -Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig -und wünschte ihnen die schwere Not, weil sie gegen -seinen Befehl gehandelt hätten; im übrigen hätte er -das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach -dem Säter zog.</p> - -<p>Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die -Pflegetochter des Pfarrers freien wollte; sie aber wollte -nichts von seinem Freien wissen; der Pfarrer jedoch -sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn -alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus -gutem Geschlecht. Er hätte im letzten Frühjahr den -Hof seines Vaters übernommen, und seine Mutter -hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also -keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens -oder ohne ihn. Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr -beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der Braut ihr -Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam: -»Da du mich gegen meinen Willen heiratest, -nehme ich dir jetzt das Versprechen ab, daß du niemals<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -einen Wintergast beherbergst, ohne mich vorher -davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es -dir übel!« Das versprach ihr der Mann.</p> - -<p>Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog -mit ihrem Gebieter nach Hause und übernahm den -Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn sie war -niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich -sie der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß -sie die Hand in kaltes Wasser steckte. Jeden Sommer -saß sie zu Hause, während die andern mit dem Heu -auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb -ihre Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und -ihr beim Essenbereiten behilflich zu sein. Manchmal -saßen sie und strickten und spannen, und die Alte -erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu -unterhalten.</p> - -<p>Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte -die Alte zu ihrer Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas -erzählen müsse. Die andere aber erwiderte, daß sie -keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie -drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die -sie kenne, zu erzählen, und sie begann folgendermaßen:</p> - -<p>»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. -Unweit des Säters lagen große Felsen, an denen sie -oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner, junger -Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand -Liebe zwischen den beiden. Er war so gut und -lieb zu den Mädchen, daß er ihr nie etwas abschlug<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -und sich ihrem Willen stets in allem fügte. Das Ende -vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit -vergangen war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten -Sommer nach dem Säter sollte, drang ihr Brotherr -in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten Umständen -wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf -nach dem Säter, wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr -bat aber diejenigen, die mit auf dem Säter waren, sie -nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm. -Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu -suchen, und da fühlte sie Geburtswehen. Da kam ihr -Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr bei der -Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. -Ehe er aber mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus -einem Glas trinken, und das war der süßeste Trank, -den ich je …« hier fiel ihr das Knäuel, mit dem -sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und -verbesserte sich – »den sie je gekostet hatte, wollte -ich sagen, und da wurde sie gesund und frei von allen -Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann und -das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde -sie mit einem anderen Manne verheiratet; ihr Sinn -aber stand immer nach ihrem ersten Liebsten, und von -dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und jetzt -ist die Erzählung aus.«</p> - -<p>Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung -und bewahrte sie im Gedächtnis. So verging -wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die Frau -ging wie immer umher und trug ihren Kummer,<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -immer jedoch war sie gut und liebevoll gegen ihren -Gebieter.</p> - -<p>Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte -war, kamen zwei Männer, ein größerer und ein kleinerer, -zu dem Bauern auf das Feld. Sie hatten beide -breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen -nur undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere -nahm das Wort und bat den Bauern um Obdach für -den Winter. Der Bauer antwortete, daß er niemand -aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und -sagte, daß er erst mit ihr über diese Angelegenheit -sprechen wollte. Der Mann bat ihn, doch nicht so -ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter -Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, -daß er in solchen Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen -einen Winter lang in Kost zu nehmen, nicht selbst -bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer ihnen -Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst -darum befragt hatte.</p> - -<p>Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach -Hause; er ließ sie in eine Kammer eintreten und bat -sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner Frau und -erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde -darüber sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste -Bitte gewesen wäre und wahrscheinlich auch die letzte -sein würde. Da er die Fremden nun aber allein aufgenommen -hätte, müßte es auch seine Sache sein, was -aus ihrem Aufenthalt im Winter folgte; und dann -wurde nicht mehr über die Sache gesprochen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p> - -<p>Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum -Abendmahl gehen wollten. Es war damals Sitte, wie es -heute noch in verschiedenen Gegenden auf Island -der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des Herrn -wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen -und sie um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber -bitten. Die Hausfrau war den Wintergästen bis -zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie vor -ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht -zu ihnen, um Abschied zu nehmen.</p> - -<p>Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb -der Einzäunung des Heimackers waren, fragte der -Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren Wintergästen -auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« -Er bat sie, doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, -ohne sich vorher von ihnen verabschiedet zu -haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß du -mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer -empfangen hast, ohne mich danach zu fragen, und nun -darin, daß du mich zwingen willst, sie zu küssen. Jedoch -will ich dir gehorchen, aber du mußt selbst die -Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben -und aller Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«</p> - -<p>Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so -lange dauerte, bis sie wiederkam, kehrte der Bauer -auch um und ging dorthin, wo er seine Wintergäste -zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.</p> - -<p>Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau -umschlungen hatte und mit ihr auf dem Boden lag;<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -und beider Herzen waren vor Gram gebrochen. Der -andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der -Bauer eintrat; gleich darauf verschwand er, ohne daß -jemand wußte, wohin er gegangen war.</p> - -<p>Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer -Schwiegermutter erzählt hatte, daß der größere Fremde -der Huldremann gewesen war, den sie auf dem Säter -kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der verschwunden -war, ihr Sohn gewesen war.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Säter = Alm.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Alfkoenigin">Die Alfkönigin</h2> -</div> - -<p class="noind">Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen -den Bergen, nirgends aber wird erwähnt, wie er oder -der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet, hatte -aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren -Geschlecht man nichts wußte. Sie stand dem inneren -Hausstand vor und war flink in allen Dingen. Sie war -beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem Bauern -auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis -zwischen ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt. -Sie war aber auch eine gesetzte Frau, ziemlich -in sich gekehrt, doch freundlich im Verkehr.</p> - -<p>Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr -gut, mit Ausnahme des Umstandes, daß es ihm schwer -fiel, einen Hirten zu finden; er war aber ein reicher -Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein, -wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon, -daß der Bauer streng gegen seine Hirten war, noch davon, -daß die Hausmeisterin es an dem fehlen ließ, was -zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht -einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten -nie alt im Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag -stets tot in ihrem Bett aufgefunden -wurden.</p> - -<p>In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am -Heiligabend Gottesdienst abzuhalten, und es wurde -für ebenso feierlich gehalten, dann zur Kirche zu fahren,<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf Gebirgshöfen, -die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für -diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher -bereit machen konnten, das Haus zu verlassen, bis der -Stern zwischen Morgen und Mittag stand, keine Kleinigkeit, -zum Gottesdienst zu kommen, und es war üblich, -daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach -Hause kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu -hüten, wie es Sitte war, daß es einer oder der andere -in der Weihnachts- und Silvesternacht tat, während -die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn -seit Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie -sich stets von selbst dazu erboten, während sie gleichzeitig -besorgte, was zum Fest in Ordnung gebracht -werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu -gehört, und sie wachte immer bis spät in die Nacht, -so daß die Kirchgänger zuweilen zurückgekommen, -zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu -Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß -die Hirten des Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht -gestorben waren, fing man an, in den Ortschaften darüber -zu sprechen, und es fiel deshalb dem Bauern sehr -schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je -mehr starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn, -noch auf sein Gesinde fiel der Verdacht, daß sie den -Tod der Hirten verschuldet hätten, da sie alle gestorben -waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war. -Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über -sein Gewissen bringen könnte, Hirten zu dingen, die<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -den sicheren Tod zu erwarten hätten, und daß nun -das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit -seinem Viehstand und Wohlstand würde.</p> - -<p>Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und -fest entschlossen war, niemand zu diesem Zweck zu -dingen, kam einmal ein flinker und kräftiger Mann -und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So -nötig habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen -muß.« Der Fremde fragte: »Hast du einen -Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der -Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen -hätte, für die Folge niemand zu dingen, »und -du hast wohl gehört, wie unglücklich es bisher meinen -Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte -der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht -einjagen.« Da gab der Bauer nach, weil der andere ihn -so eindringlich bat, und nahm ihn als Schafhirten in -seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der Bauer und -der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser -war bei allen gern gesehen, denn er war ein Mann von -gutem Betragen, keck und ausdauernd in all seinem -Vorhaben.</p> - -<p>Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es -wie immer: der Bauer zog am Heiligabend mit seinen -Leuten zur Kirche, nur seine Hausmeisterin blieb im -Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der -Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück. -Es ging auf Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach -Hause kam; er aß seine Grütze und ging dann zur<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer für -ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas -passierte, obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb -blieb er wach liegen. Als der größte Teil der -Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger -kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und -gingen dann zu Bett. Noch merkte er nichts, als er -aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären, fühlte er, -daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht -weiter merkwürdig war, so müde, wie er nach des -Tages Mühe war.</p> - -<p>Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn -ihn jetzt der Schlaf übermannte, und er bot darum -all seine Willenskraft auf, um sich wach zu erhalten. -Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an -sein Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es -die Hausmeisterin Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe. -Er stellte sich, als schliefe er ganz fest und merkte, daß -sie ihm etwas in den Mund steckte. Das war, wie er -fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich -ruhig aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt -hatte, befestigte sie die Zügel, wie es ihr am bequemsten -war, setzte sich auf seinen Rücken und ritt in sausender -Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben -oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von -ihm herab, auf einen Stein, und ließ die Zügel hängen, -worauf sie vor seinen Augen in der Spalte verschwand. -Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig aufklärend, -wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -daß er wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber, -daß er mit angelegtem Zaum nicht weit käme, so viel -Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb den Ausweg, -daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er -sich das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ -er es liegen. Dann warf er sich in die Spalte, in die -sie vor ihm gesprungen war.</p> - -<p>Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen -war, als er Hildur wieder erblickte; sie -war auf einigen schönen Wiesen angelangt, über welche -sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all diesem -konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht -richtig zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter -ihrem Pelz verbarg, als man ihr ansehen konnte, wenn -sie oben auf der Erde unter den Menschen weilte. -Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken -würde, wenn er auf der Wiese hinter ihr herging. -Er nahm deshalb einen Stein, der ihn unsichtbar -machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der linken -Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr -er konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war, -sah er eine große und prächtige Halle, und Hildur -folgte dem Weg, der zu ihr hinführte. Er sah eine -große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen; -zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der -am prächtigsten von allen gekleidet war, und es schien -dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau, als Hildur -kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die -im Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -als ihre Königin. Mit dem Häuptling zogen Hildur -zwei halberwachsene Kinder entgegen, und mit heller -Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge -der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten -alle sie und den König nach der Halle, und -dort bereitete man ihr einen ehrenvollen Empfang, -kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr -goldene Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge -nach der Halle, hielt sich aber die ganze Zeit dort auf, -wo am wenigsten Leute waren, wenn auch derart, daß -er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah -er so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut -hatte. Tische wurden hervorgeholt und gedeckt, -und er wunderte sich über all die Herrlichkeit. Nach -einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in -das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die -Rede gewesen ist. Jedem wurde sein Platz angewiesen; -Königin Hildur nahm den Ehrensitz neben dem König -ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten -Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann -wurden die Tische wieder abgedeckt, worauf die Männer -und die Jungfrauen, so viele dazu Lust hatten, zum -Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten, -die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und -die Königin aber saßen da und sprachen miteinander, -und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit -Freude wie mit Kummer vermischt zu sein.</p> - -<p>Während des Gespräches des Königs mit der Königin -kamen drei Kinder, die jünger waren als die vorhererwähnten,<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -zu ihnen herein und äußerten ebenfalls -ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen. -Königin Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm -das jüngste Kind auf den Schoß und streichelte es, es -war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die Königin -ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom -Finger und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das -Kind still und spielte eine Weile mit dem Gold, verlor -den Ring aber schließlich auf dem Boden. Der -Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte -den Ring, als er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und -verbarg ihn gut, ohne das es jemand merkte; es schien -aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends zu finden -war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum -größten Teil verflossen war, begann Königin Hildur, -sich zum Fortgang zu rüsten, aber alle, die in der Halle -waren, baten sie, noch länger zu verweilen, und waren -sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte.</p> - -<p>Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in -der Halle ein uraltes Weib saß, das entsetzlich anzusehen -war; sie war die einzige von allen, die sich weder -über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte, -noch sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als -der König die Wanderlust Hildurs sah, und daß sie -sich nicht zum Bleiben überreden ließ, weder durch -seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib -und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter, -und erhöre meine Bitten, so daß meine Königin mir -nicht mehr fern zu sein braucht und meine Freude über<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie -sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller -Zorn: »All meine Flüche sollen bestehen bleiben, und -nichts soll mich erweichen, sie zu widerrufen.« Der -König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner -Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte -sie und bat sie noch einmal mit sanften Worten, doch -nicht fortzuziehen. Die Königin sagte, daß die Flüche -seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie -äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür -da, daß sie sich häufiger sehen könnten, des Schicksals -wegen, das über sie verhängt wäre, und daß die Tötungen, -die ihretwegen geschehen wären, und deren -es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen -bleiben könnten, und daß sie deshalb die wohlverdiente -Strafe für ihre Taten erleiden müßte, obgleich -sie sie ungern verübt hätte.</p> - -<p>Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich -der Hirt aus der Halle, als er sah, wie die Dinge standen; -er ging geradeswegs über die Wiese nach der Spalte -und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte er -den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete, -bis Hildur kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam -Königin Hildur allein und mit trauriger Miene; sie -setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach Hause. -Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder -in sein Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett -und begann zu schlafen. Obgleich der Hirt die ganze -Zeit über hellwach gewesen war, stellte er sich doch<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie -aber zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr -daraus, vorsichtig zu sein; er verfiel in tiefen Schlaf -und schlief, wie zu erwarten war, bis weit in den Tag -hinein.</p> - -<p>Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf -dem Hof zuerst aus dem Bett; denn es lag ihm am -Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er erwartete aber -statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in -seinem Bett zu finden, so wie es früher geschehen war. -Während der Bauer sich anzog, erwachten die übrigen -Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls an, der Bauer -aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit -der Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und -war froh darüber und pries Gott in hohen Tönen ob -dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und munter -und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer, -ob etwas Neues während der Nacht passiert sei. Der -Schafhirt erwiderte: »Nein, aber einen sehr merkwürdigen -Traum habe ich gehabt.«</p> - -<p>»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der -Bauer. Da begann der Hirt seinen Bericht von dem -Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß Hildur -an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte, -und dann gab er jedes Wort und jedes Ereignis so genau -wieder, wie er sich daran erinnern konnte. Als er mit -seiner Erzählung fertig war, saßen alle schweigend da, -außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast, -ist gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -beweisen kannst, daß es so zugegangen ist, wie du -erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht in Verlegenheit -bringen, sondern holte den Ring hervor, den er -nachts vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte, -und sagte: »Wenn ich es auch nicht für meine Pflicht -halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen, so -trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren -Beleg dafür habe, daß ich in dieser Nacht bei den -Huldren gewesen bin; oder ist das nicht dein Fingerring, -Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist -es, und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der -Sklaverei befreit hast, die mir meine Schwiegermutter -auferlegt hat; nur ungern habe ich alle die Missetaten -begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur -fing dann ihre Geschichte also an:</p> - -<p>»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht, -aber der, der jetzt König über das Alfheim -ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und, obgleich es -sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er -mich zur Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so -zornig, daß sie ihrem Sohn versprach, daß er nur kurze -Freude an mir haben solle, jedoch würde es uns gestattet -sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte -sie auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden -sollte, und damit war das Unglück verbunden, daß -ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines Menschen -verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während <span id="corr033">er</span> -schlief, ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg -reiten sollte, den ich diese Nacht auf dem Hirten geritten<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -bin, um den König zu besuchen; und dies sollte -solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und -deswegen getötet würde, wenn ich nicht einen so -kecken und mutigen Mann fände, daß er mir nach -Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte, -daß er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte, -womit die Leute sich dort beschäftigten. Nun ist klar, -daß sämtliche früheren Hirten des Bauern um meinetwillen -den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen -bin, und ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird, -was gegen meinen freien Willen geschehen ist; denn -niemand hat den unterirdischen Weg gefunden und -ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen, -vor diesem mutigen Mann, der mich nun -aus meiner Sklaverei und von meinem Fluch erlöst -hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch -nicht gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier -bleiben, habt Dank für die Güte, die ihr mir erwiesen -habt, aber die Sehnsucht zieht mich nach meinem -Heim.«</p> - -<p>Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand -Königin Hildur, und später sah man sie nie wieder -unter den Menschen.</p> - -<p>Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich -verheiratete und im nächsten Frühjahr einen Hausstand -gründete. Das konnte er auch, denn erstens zeigte -sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus -seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht -ohne Vermögen. Er wurde seiner Gegend von sehr<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -großem Nutzen, und stets wandte man sich an ihn um -Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich, -daß die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es -zuging, und glaubten, bei ihm hätte jedes Tier zwei -Köpfe.</p> - -<p>Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen -ganzen Wohlstand zu danken habe.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Huldretanz_in_der_Silvesternacht">Der Huldretanz in der Silvesternacht</h2> -</div> - -<p class="noind">Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe. -Der eine behauptete, daß es existiere, der andere aber -bestritt es entschieden. So ging es eine Zeitlang, bis -derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete, -aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht -eher wiederkommen, bis er Gewißheit bekommen -hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da wanderte -er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel -und Täler, wurde aber doch nicht klüger.</p> - -<p>Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet, -bis er eines Silvesterabends nach einem Hof kam, auf -dem die Leute sehr traurig waren. Der Reisende war -redselig und fragte, was ihre Freude so trübe. Die -Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben -wolle, um den Hof zu hüten, während die -übrigen zum Gottesdienst ritten; denn in jeder Neujahrsnacht -wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes -verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben; -jeder, der es täte, erwarte ja seinen Tod. Der -Fremde bat die Leute, sich vor solchem abergläubischen -Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof -zu hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen, -aber sie waren doch in Furcht und Ängsten, wie es -ablaufen würde.</p> - -<p>Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten -waren, begann er, ein Brett aus der Wandbekleidung<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -über dem ersten Bett in der Badstube<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> zu -lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung -hinein, schob dann das Brett wieder vor, ließ aber -doch eine kleine Ritze stehen, damit er die ganze -Badstube überblicken könnte.</p> - -<p>Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden.</p> - -<p>Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte, -vernahm er Geräusch von Menschenstimmen und -Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte er eine -Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah, -daß der Hund gepackt und zu Boden geschleudert -wurde, so daß jeder Knochen in ihm zerbrach; dann -hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander -davon sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen -röche; einige meinten aber, daß das nicht so verwunderlich -sei, da die Leute eben erst zum Gottesdienst -gegangen wären.</p> - -<p>Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah -der Mann, der auf der Lauer saß, daß sie einen Tisch -in die Badstube stellten und eine golddurchwirkte -Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und -daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte; -Schüsseln und Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles -war aus Silber. Dann setzten sie sich zu Tisch, und -alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen einen -Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte, -wann der Tag anbräche, und der war entweder draußen<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -oder drinnen. Der Mann beobachtete, daß der -Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde, -wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß -es noch lange Zeit sei bis zum Tag.</p> - -<p>Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand -etwas loszulösen, damit er schnell hinauskommen -könnte, wenn es notwendig sein sollte. Als die Fremden -aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine -Frau vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten, -der ihm ein Priester zu sein schien, ihnen entgegenkommen. -Dann begann ein Gesang, und die üblichen -Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging -zu, wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung -beendet war, wurde getanzt, und die Freude -dauerte eine Weile. Als sie eine Zeitlang getanzt -hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein -und wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht -übrig wäre, und er antwortete, daß noch der sechste -Teil übrig sei. Da rief der Lauernde, der sich aus der -Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter -stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag -mitten am Himmel!« Hierüber war das tanzende -Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich seinen -Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann, -der den Hof bewachen sollte, wieder zwischen die -Wand und deren Bekleidung. Als das Huldrevolk -den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell sie -konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg, -und ließen all ihre Sachen zurück. Als der Mann das<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -sah, verfolgte er sie in einiger Entfernung, und das -letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in einen -See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er -wieder nach Hause zurück und sammelte alles, die -Speisenreste und das kostbare Geschirr.</p> - -<p>Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der -Kirche nach Hause; sie waren erfreut, den Mann, der -den Hof gehütet hatte, zu sehen, und fragten ihn, ob -er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel -gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da -wurde es den Leuten klar, daß sich die früheren Hüter -gezeigt haben müßten, und daß das ihr Verderb geworden -war, genau so, wie es der des Hundes wurde, -der gesehen worden war.</p> - -<p>Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den -Hof gehütet hatte, mit vielen und schönen Worten -für seinen Mut und schenkten ihm alles, was das -Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen -konnte. Dann wanderte er nach Hause und -traf dort seinen Bruder an. Er erzählte ihm nun alles -und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten, -daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er -nach seinen Eltern den Hof, heiratete und hatte Glück -in allen Unternehmungen seines Lebens. Er wurde -für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten, -war strebsam und wußte guten Rat in schwierigen -Fällen. Von dem Hof aber, den er in jener Nacht gehütet -hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr ein Mensch -in einer Silvesternacht verschwand.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Pfarrerstochter_von_Praestebakke">Die Pfarrerstochter von Praestebakke</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal -ein Pfarrer, der Einar hieß; er war ein reicher Mann -und hatte viele Kinder. Er hegte großen Abscheu vor -Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt -hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und -dann rühmte er sich, daß er wohl nicht zu finden gewesen -wäre.</p> - -<p>Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an -sein Bett träte und sagte: »Von nun an sollst du nicht -mehr leugnen können, daß es Huldren gibt; denn -jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst -sie nie wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug -gereizt.«</p> - -<p>Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des -Pfarrers, die damals zwölf Jahre alt war, verschwunden. -Man suchte sie überall, aber sie war nirgends zu -finden.</p> - -<p>Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der -Wiese spielten, kam sie zu ihnen und spielte mit ihnen. -Gern hätten sie sie mit nach Hause genommen, da -aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren Geschwistern -noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre, -gut zu ihr seien, und daß sie es nicht besser haben -könnte.</p> - -<p>Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie -dasselbe, was sie ihren Geschwistern gesagt hatte,<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span> -und außerdem, daß ihr der Pfarrerssohn des Huldrevolks -zum Bräutigam bestimmt sei.</p> - -<p>So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum -zu ihrem Vater kam und ihm sagte, daß sie ihn nun -am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu sehen wünschte; -denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden.</p> - -<p>Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Ernteknecht">Der Ernteknecht</h2> -</div> - -<p class="noind">Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden -nach dem Nordland, um Erntearbeit zu -verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen -war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er -verlor den Weg. Es kam Schneetreiben und Kälte. Der -Mann machte daher Halt und schlug sich ein Zelt auf. -Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu -essen begann, kam ein sehr verwahrloster und verhungerter, -roter Hund in das Zelt hinein. Der Südländer -wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu -ihm kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu -sehen. Der Hund war so häßlich und sonderbar, daß -ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab er ihm -so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß -gierig, lief dann fort und verschwand draußen im -Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um ihn, -und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich -schlafen, den Sattel unter dem Kopf.</p> - -<p>Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu -ihm in das Zelt träte. Sie war hochgewachsen und -ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, junger -Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, -wie du es verdient hast, steht nicht in meiner Macht; -jedoch will ich, daß du diese alte Sense annimmst, -die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich hoffe, daß -sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -gleich gut schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst -du sie im Feuer glühen; denn dann taugt sie nichts -mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, so darfst -du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand -die Frau.</p> - -<p>Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und -sah, daß sich der Nebel gelichtet hatte, und daß es -heller Tag war. Die Sonne stand hoch am Himmel. -Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde -zu sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf -band er das Zelt zusammen und packte es auf die -Pferde; als er aber seinen Sattel von der Erde aufhob, -fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit Rostflecken. -Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg -die Sense, zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand -er bald, und nun ging es, so schnell er nur konnte, -den bewohnten Gegenden zu. Als er aber nach dem -Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; -denn alle hatten die Ernteleute, die sie brauchten, -schon gedungen, und es war bereits eine Woche von -der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in der -Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht -angenommen hätte. Sie war reich an Gut, und man -glaubte, sie könne mehr als Brot essen. Sie pflegte -keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das -Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn -Tage nach den anderen; und doch wurde sie meist -ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie die -übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -Knecht in Dienst genommen hatte, behielt sie ihn -nicht länger als eine Woche und gab ihm keinen Lohn. -Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm -gesagt hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit -finden konnte, ging er dorthin und bot sich an, ihr -das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und sagte, -daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. -»Aber Lohn gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, -wenn du so viel Heu in einer Woche mähst, daß ich -am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, zusammenharken -kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung -zu sein, und er begann also zu mähen.</p> - -<p>Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, -und sie schnitt gut, fand er. Nie brauchte er sie -zu schärfen, und so mähte er ununterbrochen fünf -Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die Frau -war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die -Schmiede; dort sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte -und Harken und einen großen Haufen Sensen. -Er wunderte sich darüber und fand, die Frau -hätte nicht gerade Mangel an Erntegerät.</p> - -<p>Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. -Nachts träumte ihm, daß die Huldrefrau, die ihm die -Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und sagte: »Viel -Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird -nicht viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, -und dann jagt sie dich fort, wenn sie dich morgen -überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn du -glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht,<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -und nimm so viele Sensenschäfte wie du für -gut hältst, befestige Sensen daran und trage sie aufs -Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« Nachdem -die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der -Ernteknecht aber erwachte, stand auf und begann zu -mähen. Morgens kam seine Herrin hinaus und trug -fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast -du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf -legte sie die Harken hier und dort auf die Wiese -und begann zu harken, und da sah der Ernteknecht, -daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen -Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen -Menschen bei ihnen sah. Als die Mittagszeit näher -rückte und er sah, daß das gemähte Heu nicht ausreichen -würde, ging er in die Schmiede und holte -einige Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. -Dann ging er wieder hinaus und verteilte diese Sensen -auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an zu -mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. -Das ging nun den ganzen Tag so, bis zum Abend, -und das gemähte Heu reichte aus. Abends aber ging -die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. -Den Ernteknecht bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände -mehr, als sie gedacht hätte, und davon würde -er Gutes haben, und solange er selbst wolle, könne er -nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, -und sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten -viel Heu, ließen sich aber doch gute Zeit. Nach der -Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, und damit<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> -zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer -und allen folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm -er Dienst bei ihr. Dann übernahm er selbst einen Hof -auf dem Südlande und wurde immer für einen tüchtigen -Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und -geschickt zu allem, was er in Angriff nahm; immer -mähte er sein Heu allein und nahm dazu nie eine -andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt -hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell -mit seinem Heimacker fertig wie andere Leute.</p> - -<p>Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen -hinausruderte; da kam sein Nachbar zu seiner Frau -und bat sie um eine Sense; denn er hätte seine Sense -zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen -sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften -ihres Mannes zu suchen und fand die gute, alte Sense, -aber keine andere. Sie lieh dem Bauern die Sense, -warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn -das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und -ging nach Hause. Er befestigte die Sense an dem Schaft, -begann zu mähen, konnte aber keinen einzigen Strohhalm -mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig und -begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da -ging er in die Schmiede, um die Sense zu hämmern, -und er dachte, es wäre keine Gefahr dabei, wenn er -die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie -aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs -und wurde zu lauter Eisenschlacke. Er ging zu der -Frau und erzählte ihr, wie die Dinge lägen; sie fürchtete<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr -sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das -war denn auch der Fall; jedoch hörte man nicht, daß -er sich lange darüber ärgerte, nur gab er seiner Frau -einen Backenstreich, und das war das erste- und das -letztemal, daß sie einen bekam.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Thord_von_Throstestad">Thord von Throstestad</h2> -</div> - -<p class="noind">Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad -am Höfdestrand im Skagefjord. Er hatte, wie es den -Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. Es geschah -eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben -von zu Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er -glaubte, es sei kein Wetter, um einen Weg zu finden. -Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem ging -er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist -es nicht weit bis nach Hofsos. Als er ein kleines -Stück gegangen war, verlor er den Weg, setzte seine -Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte -er, ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß -er darüber staunte; er ging hin und fand die Fenster -erleuchtet. Er ging an ein Fenster und sah Menschen -drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. -Dann näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich -kam ein Mann im Rock an die Tür und fragte, was -er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß er den Weg -verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach -haben würde, wenn es sich machen ließe. Der andere -erwiderte, daß er das wohl erhalten könnte. »Folge -mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen werde -ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger -gefallen, hier zu handeln als in Hofsos.« Thord -traute seinen Augen kaum; ihm war das alles wie ein -Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren -viele Leute, die Frau des Hauses, die Kinder und das -Gesinde, und alle waren sehr geputzt und sangen und -waren fröhlich.</p> - -<p>Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte -leise zu seiner Frau, aber doch so laut, daß der Mann -es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist gekommen, er -ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm -einen Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der -Ärmste; sie erhob sich schnell und holte gutes und -reichliches Essen für ihn. Der Herr des Hauses aber -kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen -Becher darauf selber und bat Thord, den anderen zu -leeren. Das tat er, und er glaubte, nie in seinem Leben -so guten Wein getrunken zu haben. Es war sehr lustig, -und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein -Abenteuer etwas merkwürdig fand. Er bekam einen -Becher nach dem andern und begann, trunken zu -werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht -und schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten -Morgen bekam er wieder Nahrung und Wein, die -noch besser als am Abend zuvor waren.</p> - -<p>Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus -und fragte ihn, ob er handeln wolle, worauf Thord -»Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den Kramladen, -in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren -wiegen, und der Kaufmann gab ihm einhalb mal -mehr dafür als gewöhnlich in Hofsos gegeben wurde. -Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. -Alles bekam er für die Hälfte des üblichen Preises, -und als er fertig war, gab ihm der Kaufmann ein großes -Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder -und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden -sollte, daß er einmal seinen Sohn aus Lebensgefahr -gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß es sich so -verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der -Fall sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern -unterhalb Thordshöfde; ihr wolltet nach Drangö hinüber -und lagt und wartetet auf guten Wind. Deine -Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten -nach einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter -an jenem Tag, und mein Sohn hatte sich deshalb -unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war -müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest -ihnen, Steine zu werfen, und sagtest, daß solche -Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten sie dann -auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen -und sagten, daß du immer ein wunderlicher Mann -gewesen wärst. Und hättest du sie nicht daran gehindert, -so würden sie meinen Sohn getötet haben.«</p> - -<p>Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach -Hause zu ziehen; denn jetzt war helles Wetter. Er -sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber brachte ihn -auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung -und kehrte dann wieder nach Hause zurück.</p> - -<p>Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber -wieder den Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -er weiter nichts als Thordshöfde, das unweit vor ihm -lag; er wunderte sich sehr darüber, ging nach Hause, -traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte ihr die -Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber -und dankte ihrem Mann für das Geschenk. -Thords Waren kamen weit herum, um gesehen zu -werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande -gesehen, und vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu -finden, auch wenn man an vielen Orten suchen -würde.</p> - -<p>Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute -jemals wieder. Aber an den Waren hatte er etwas zu -zeigen, solange er lebte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Kinderwiege">Die Kinderwiege</h2> -</div> - -<p class="noind">Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von -ihrer Mutter, die hellseherisch war, daß sie einmal als -Kind auf der Wiese gewesen wäre und von da aus -zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen, -die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das -etwas trug. Als sie sich näherten, sah sie, daß es eine -Wiege war, über die etwas Rotes gebreitet lag. Dann -nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch, -bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem -Zwerg wurde. Dann begannen sie, ihn zu kneten, bis -er nicht größer als ein Wickelkind war. Darauf legten -sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch darüber, -trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem -dem Hof zu.</p> - -<p>Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie -alles gesehen hatte, diese aber machte eine hastige -Wendung, lief nach Hause und kam vor den Huldreweibern -an eine Kinderwiege, die sie draußen auf -dem Hof hatte stehen lassen. Als die Huldreweiber -das sahen, nahmen sie ihr das Kind sofort wieder aus -der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor -sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im -Handumdrehen immer größer, bis er war, wie er ursprünglich -gewesen war; dann folgte er ihnen auf den -Berg, und dort verschwanden sie alle drei.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Wechselbalg_von_Sogn">Der Wechselbalg von Sogn</h2> -</div> - -<p class="noind">Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt; -der eine Halbhofbauer hatte einen Sohn, von -dem man glaubte, daß er nicht recht gescheit sei; denn -er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich sonst -etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und -aß, wie es den Leuten schien, für zwei. Am ehesten -glaubte man von diesem Jungen, daß er ein Wechselbalg -sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis -man dessen ganz sicher war.</p> - -<p>Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah -es einmal im Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus -der Badstube gegangen waren, um ihren Beschäftigungen -nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie -er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die -Frau des andern Halbhofbauern im Wochenbett, und -neben ihr lag das Kind. Als die Leute hinausgegangen -waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein so -heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich -zu fühlen begann und ins Zittern geriet, als sie sein -unheimliches Benehmen sah. Darauf hörte sie, wie er -anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu -strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete -und sich so hoch reckte, daß er bis an die Decke der -Badstube reichte. Die hatte aber an der einen Seite -eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk waren -kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -neuem, und er lehnte den Kopf oben gegen einen -Querbalken, so daß er ihn mitten im Schlund hatte, -wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil seines -Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem -Balken lag; er war auch sonst so furchtbar häßlich -und abscheulich anzusehen, daß die Frau einen Todesschreck -bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst -über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm -in der Badstube wußte; und noch lange nach diesem -unheimlichen Gesicht war sie sehr furchtsam. Kaum -aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er -wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins -Bett kroch und sich zurechtlegte, ehe die Leute wieder -hereinkamen.</p> - -<p>Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel, -daß der Junge ein Wechselbalg war.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Seemaennchen">Das Seemännchen</h2> -</div> - -<p class="noind">Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das -Seemännchen.« Der Ursprung dazu, so wird erzählt, -ist der, daß ein Bauer einmal einen Seezwerg fing, -der sich Seemännchen nannte, und einen großen -Kopf und lange Hände hatte, von den Lenden abwärts -aber glich er einem Seehund. Nichts wollte er -dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser -wider seinen Willen mit ans Land.</p> - -<p>Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an -die See hinunter und empfing ihn mit Jubel, küßte -und streichelte ihn. Darüber freute er sich sehr, und -er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als er -auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte. -Das sah das Seemännchen, und da lachte es. Der -Bauer fragte, worüber es lache. »Über deine Dummheit,« -erwiderte es.</p> - -<p>Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte -er über einen Erdhöcker und fiel. Er verfluchte -den Erdhöcker hundertmal, weil er erschaffen worden -war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen -hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich -nur ungern tragen ließ, und sagte: »Der Bauer ist ein -Tropf!«</p> - -<p>Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei -sich. Ein paar Handelsburschen kamen zu ihm, um -ihre Waren zu verkaufen. Noch nie hatte der Bauer so<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen -können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen -aber glaubten, daß sie die besten hätten. Der Bauer -konnte zwischen Hunderten von Stiefelpaaren wählen, -fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten zu -können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher -irrt sich, auch wenn er sich für klug hält.«</p> - -<p>Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen -mehr Weisheit von sich geben, als schon -erzählt worden ist; unter der Bedingung aber, daß es -wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde, -wo es aufgefischt worden war, sagte es, wollte es -sich auf das Ruderblatt des Bauern setzen und alle -seine Fragen beantworten, sonst aber würde es stumm -bleiben.</p> - -<p>Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer, -wie das Seemännchen wollte, und als es nun auf dem -Ruderblatt saß, fragte es der Bauer, was die Fischer -zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen -erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem -Eisen müssen Angelhaken geschmiedet werden, und -die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen von -Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß -im Schaum eines Rosses gehärtet werden, und zur -Angelschnur muß graues Stierfell und eine Leine aus -rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß -das Herz eines Vogels und Flunderfleisch dienen, -mitten auf den Haken aber muß Menschenfleisch gesteckt -werden. Wenn du nicht so Fische fangen<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der -Angelhaken des Fischers muß nach außen gebogen -sein.«</p> - -<p>Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er -damals gelacht hätte, als er seine Frau lobte, den Hund -aber schlug. Das Seemännchen erwiderte: »Über -deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich -mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht -dir den Tod und ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker, -dem du fluchtest, war dein Geldhügel, und -viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor, Bauer, -und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen -Schuhe würden dein Leben lang gehalten haben, denn -du hast nicht mehr viele Tage zurückzulegen, und -eigentlich könnten sie dir für die drei Tage genügen.«</p> - -<p>Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab, -und so trennten sie sich. Und es geschah ganz so, wie -das Seemännchen gesagt hatte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Noeck">Der Nöck</h2> -</div> - -<p class="noind">Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung -der Kirche auf Bard in Fljot ausbessern. Eines -Morgens früh waren alle zur Stelle, außer einem alten -Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich -galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und -die andern fanden, er ließe reichlich lange auf sich -warten. Um Mittag herum sahen sie ihn jedoch endlich -kommen, ein graues Pferd hinter sich am Zügel führend. -Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten -von den früher Gekommenen empfangen, weil er so -spät zur Arbeit kam, die ihm genau so gut wie den -andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und -fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte, -daß er mit denjenigen im Trupp gehen mußte, die -die Torfstücke und Lehmklumpen heranzuschleppen -hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden -sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden.</p> - -<p>Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen -die anderen Pferde, biß und schlug sie und riß sich -von ihnen los, und das Ende vom Liede war, daß -keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte. -Die Leute, denen es gehörte, hielten das für einen -großen Schaden, und sie wurden darüber einig, ihm -um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das half wenig. -Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit, -mit der es seine früheren Bürden getragen hatte, und<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -es hörte mit seinen Unarten nicht eher auf, bis es alle -übrigen Pferde verjagt hatte und allein zurückblieb.</p> - -<p>Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso -große Bürde auf den Rücken, wie man vorher sämtlichen -Pferden zusammen zu tragen gegeben hatte, -und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich -nun ganz ruhig verhielt. Auf diese Weise brachte er -alles, was zur Ausbesserung der Umzäunung gebraucht -wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig war, -nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit -auf die Lenden, indem er es losließ. Das gefiel -dem Grauchen aber nicht besonders; es schlug hinten -aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück -der Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt -worden war; dadurch fiel ein großes Stück der Einfriedigung -heraus, und wie oft man auch später das -Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb -hernach an dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche -angebracht wurde.</p> - -<p>Das letzte aber, was man von dem Treiben des -Pferdes sah, war, daß es einen Sprung machte, sobald -es sich frei fühlte, und es hörte nicht auf, bis es in den -Holtesee untergetaucht war.</p> - -<p>Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kort_aus_Moedruvold_und_das_Meerungeheuer">Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer</h2> -</div> - -<p class="noind">Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem -Winterfischfang und hatte in dieser Zeit mit mehreren -Fischern seinen Aufenthalt in einer Seebude -unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß -verschlossen, das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen -ließ.</p> - -<p>Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend -zuvor die Tür von innen zugeschlossen hatten und -alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte, daß ein -Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand -faßte. Es schien ihm dann so, als ob er aufstünde und -mit ihm unter das Bett kröche, und von dort zerrte -ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus; das war -aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn -das Ungeheuer an den Strand und bis zum Flutmesser -hinunter, und da merkte er, daß es ihn in die See -locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf -wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte, -und daß er das Ungeheuer unsanft anpackte. Der -Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den Sieg davontrug -und es in die See stieß.</p> - -<p>In demselben Augenblick erwachte er, und da stand -er unten am Flutmesser in seinen Unterkleidern, in -denen er sich abends zur Ruhe gelegt hatte. Sein erster -Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin gewandelt -sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -und die Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen -hatten, so daß er nicht hineinkommen konnte, -ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie ihm -aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden, -daß hier andere Künste als nur das Schlafwandeln mit -im Spiel gewesen waren, und daß es in Wirklichkeit -zugegangen war, wie er geträumt hatte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Bischof_Brynjolf">Bischof Brynjolf</h2> -</div> - -<p class="noind">Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise -war, schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er -hatte vier oder fünf Mann im Gefolge. Nachts erwachte -der Bischof davon, daß eine über die Maßen große -Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt -wurde: »Ein Zelt für einen Bauern, einen bäurischen -Mann!« Der Bischof sah, daß eine Riesin gekommen -war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr, -daß sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher -bezeichnen würde, nehmen und behalten sollte. Da -ging die Riesin ihres Weges und nahm das Pferd mit. -Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es -ein Schaf und stapfte auf den Berg hinauf.</p> - -<p>Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben -Stelle Halt. Als aber seine Leute wach wurden, -war er aus dem Zelt verschwunden. Sie gingen hinaus, -um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn -in einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der -Riesin sprach, die im vorigen Sommer sein Zelt besucht -hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und es war, als -ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der -Bischof und sie gesprochen hatten, das erfuhren die -Leute nicht. Er folgte ihnen dann und zog wieder -heimwärts.</p> - -<p>Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die -Gewohnheit, an jedem Weihnachtsheiligabend einen<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -Hengst draußen vor der Scheune auf Skalholt anbinden -zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden, -und man wußte dann, daß ihn sich die -Riesin zum Festtagsschmaus geholt hatte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Troll_im_Felsen">Der Troll im Felsen</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die -Tochter des Pfarrers; man suchte sie lange überall, -aber nirgends war sie zu finden. Aus dem Fjord erhebt -sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. -Die Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst -ihr Vieh dort auf der Weide zu haben und es nach -Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr blieb das -beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde -nie vermißt.</p> - -<p>Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters -ihren üblichen Landungsplatz nicht erreichen; eins -von ihnen steuerte unter einen Felsen in den Skrudur -hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land, -setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen -Felsenabsatz und begannen, das Marienlied zu singen. -Da öffnete sich der Felsen, und eine ungewöhnlich -große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger -und einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk -kam zum Vorschein und reichte ihnen eine -große Schüssel voll Grütze, mit so vielen Löffeln drin, -als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt -wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, -jetzt macht es mir kein Vergnügen.« Als die Fischer -durch die warme Grütze satt und neubelebt waren, -verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. -Am nächsten Tag kamen sie ans Land.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p>Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe -mit einem anderen Fischerboot. Die Fischer saßen auf -dem Felsenabsatz und sangen das Andrelied ganz leise -bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen -heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, -und sie hörten, daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir -Vergnügen, jetzt macht es nicht meiner Frau Vergnügen.«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> -Satt kehrten sie zurück ans Land, als das -Wetter sich beruhigt hatte.</p> - -<p>Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund -auf dem Ostland umherzog und Seen und Brunnen -weihte, und die Schlange im Wasserfall unter dem -Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn -der Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich -habe viel Gut, und es wird mir schwer, es mitzunehmen, -und das will ich dir sagen, daß du weitere Reisen nicht -machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um mir -Schaden zuzufügen.«</p> - -<p>Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den -Felsen zu weihen.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand -sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während -er sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll -war, wie er selbst.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Riesin">Die Riesin</h2> -</div> - -<p class="noind">In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld -eine Riesin mit Namen Kraaka; sie wohnte in -einer Höhle, von der heute noch Spuren vorhanden -sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei -Blaahvam liegt, daß es für Menschen unmöglich ist, -hinaufzukommen. Kraaka tat sehr viel Böses; häufig -überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie schädigte -diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute -tötete.</p> - -<p>Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in -der Einsamkeit zu leben; und so geschah es nicht -selten, daß sie sich Männer unten aus den bewohnten -Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige -hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder -nahmen sich das Leben.</p> - -<p>Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem, -mit Namen Jon, ergattert; sie nahm ihn mit -in ihre Höhle und wollte ihn nun recht pflegen. Er -aber fand wenig Geschmack daran und wollte von -alledem, was sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie -versuchte alle erdenklichen Künste, um ihm das vorzusetzen, -was am meisten nach seinem Geschmack -war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt -verlauten, daß er seinen Appetit wiedererlangen -würde, wenn er eine Mahlzeit von einem zwölfjährigen -Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span> -ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an -keinem anderen Ort aufzutreiben sei als auf Siglunäs, -und obgleich dieser Ort weit von Blaahvam entfernt -lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb -zu erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann -zurück; als sie aber ein kleines Stück Weges zurückgelegt -hatte, fiel ihr ein, daß es doch sicherer wäre -nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten -worden wäre und er entsprungen sei, sobald -sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Sie lief deshalb -zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß ruhig -darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal -ein Stück weiter auf dem Wege; da befiel sie wieder -dieselbe Angst, daß ihr der Mann untreu geworden -sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in -ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal, -der Mann saß ganz ruhig da. Nun zog sie im Ernst -fort und glaubte, daß sie keine Angst mehr wegen -des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden -Weg nach Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer -über den Oefjord ging, und es wird von ihrer Wanderung -weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang, -das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg -zurückzog, den sie gekommen war.</p> - -<p>Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich -den ganzen Weg hinter sich hätte, als er sich aus der -Höhle schlich und davonlief. Kurz nachdem er die -Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah -bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -größter Eile zu verfolgen, und als der Hirt nur noch -ein kurzes Stück Weges bis Baldershjem zurückzulegen -hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter sich; -da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka -wäre, die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war, -daß er ihre Stimme hören konnte, rief sie: »Hier ist -das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt, ja beinahe -dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht, -und als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in -seiner Schmiede und arbeitete. Da lief er denn hinein -und trat in demselben Augenblick hinter den Bauern, -als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das -glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen -und drohte, es ihr in den Leib zu stoßen, wenn sie -nicht umkehre, nachdem sie versprochen habe, ihn -oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte -Kraaka keine andere Wahl als wieder umzukehren, -und das tat sie. Nach diesem Tage aber hörte man -nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu -nahe trat.</p> - -<p>Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten -aus Grönnewand und schleppte ihn mit in ihre -Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser Hirt nichts -von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten -hatte, und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich -sagte er, daß er wohl junges Bockfleisch essen würde, -damals aber gab es nirgends Böcke, außer auf der -Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich -es ein weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> -zu holen, wollte Kraaka doch versuchen, sich das -Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber fortzog, nahm -sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor -die Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie -keinesfalls verlieren, so wie sie den früheren verloren -hatte. Sie ging nun fürbaß, und als sie an den Jökelbach -zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen -zwei hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese -Stelle heute noch »Der Hexensprung«. Über ihre -Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie nach -der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei -Böcke, band sie mit den Hörnern zusammen und warf -sie über die Schulter. Dann kehrte sie denselben Weg -zurück und sprang an derselben Stelle wie das erstemal -über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach -gekommen war, war sie von der Wanderung sehr müde -geworden und wollte sich ein bißchen verschnaufen. -Sie machte die Böcke los und setzte sie zum Weiden -in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als -sie sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die -Böcke und setzte ihre Wanderung fort.</p> - -<p>Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende -von Künsten versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen, -nirgends aber fand er ein Loch oder eine -Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich -fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka -gehörte. Er nahm das Schwert und durchhieb damit -den Stein, mit dem die Tür versperrt war, so daß er -schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span> -entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war, -lief er, was das Zeug hielt, seines Weges und eilte den -bewohnten Gegenden zu. Und man hat nie etwas anderes -gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte.</p> - -<p>Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl -eingeladen und wollte nun alles aufs beste -herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie, wenn sie -ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte; -am Heiligabend ging sie also fort nach den -bewohnten Gegenden; als sie aber an die obersten -Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer, -da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen -waren; denn damals war es Sitte und Brauch, in jeder -heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten. Alle Leute -waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich -der Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank -in einer Ecke sitzen. Sie streckte den Arm nach ihm -aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber stieß -aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie -um Hilfe. Diese erhielt er augenblicklich, und das -Ende vom Liede war, daß sich die ganze Gemeinde -gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen -zu entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer -gelockert war und sich nach außen bog. Dann -wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde und wünschte, -daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte. -Dieser böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen -zu sein; denn seitdem ist die südliche Kirchenmauer -auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p> - -<p>Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und -anderer Possen, die die Bewohner in dem obersten -Teil des Ortes Mygsö ihr spielten, ihnen versprach, -daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen -würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des -Ortes, wo die Bauern ihre Sommerweideplätze hatten, -lag damals ein großer Binnensee. Dorthin begab sich -Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel -Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte, -so daß es eine unbändig große Fuhre wurde. -Diese Fuhre zog sie hinter sich her, vom Wasser bis -zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis -nach dem Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen -Auslauf aus dem Mygsee hat. Da, wo sie die Fuhre -entlangzog, entstand eine große Vertiefung; in diese -leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß -dieser Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange -der Ort Mygsö bewohnt würde; und daß er den -Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder überschwemmen -solle; und daß zum Eindämmen des Wassers -nur dieselben Dinge verwendet werden dürften, -aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt wäre, und daß -der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft -zerstören solle.</p> - -<p>Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben -Stelle fließt, ist nach Kraaka benannt worden und -heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern großen -Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe -vorüber, die zu oberst im Ort liegen, und beschädigt<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span> -sie dadurch, daß er alljährlich Land fortspült und -Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig -Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand -und Lehm auf die Wiesen hinauf. Mehrere Höfe -stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt werden zu -müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt, -und immer werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke -verwendet, dieselben Dinge, aus denen Kraaka ihre -Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt schon -ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum, -daß man kaum so viel davon aufbringen kann, als -benötigt wird, um den Kraakabach einzudämmen. -Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar -geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der -alten Kraaka bald in Erfüllung gehen werden.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Gilitrutt">Gilitrutt</h2> -</div> - -<p class="noind">Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein -junger Bauer. Er war ein fleißiger und strebsamer -Mann. Gute Weideplätze lagen um sein Haus herum, -und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung -hatte er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung, -aber untauglich und faul. Nichts mochte sie tun, und -sie kümmerte sich nur wenig um die Wirtschaft. Dem -Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran -ändern.</p> - -<p>Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat -sie, während des Winters Stoff daraus zu weben, die -Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche Antwort -darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die -Wolle anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran -erinnerte.</p> - -<p>Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes -Weib zu der Frau und bat um eine kleine Gabe. -»Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?« -fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte -das Weib, »was aber sollte das wohl sein? Wolle -zu Stoff weben,« sagte die Frau. »Gib sie her,« sagte -die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen -Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den -Sack, warf ihn sich auf den Rücken und sagte: »Das -Zeug werde ich dir am ersten Sommertag bringen.« -»Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?«<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -fragte die Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du -sollst mir meinen Namen beim drittenmal Raten nennen, -dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau zu -tun, und die Alte ging ihres Weges.</p> - -<p>Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine -Frau häufig, was denn aus der Wolle geworden wäre. -Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er würde es -aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach -dann nicht weiter davon, und man gelangte in die -letzten Winterwochen hinein. Da begann die Frau, -über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber -nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können. -Darüber wurde sie traurig und schwermütig. Der -Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr vorgegangen -war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte -ihm alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie -übel gehandelt habe; denn das wäre gewiß eine Hexe, -die vor hätte, sie zu holen.</p> - -<p>Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte, -stieß er auf einen großen Kieshügel. Er war -gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und wußte kaum, -was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge -unten in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach -und kam an eine Spalte und sah dort, daß da unten -ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie -hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne -Unterlaß darauf. Sie summte vor sich hin: »Hi, hi -und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie ich heiße; -hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis -ins Unendliche fort und schlug eifrig auf das Zeug. -Der Bauer war froh, denn er dachte, daß das die Alte -sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte. -Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt« -auf einen Zettel. Seine Frau aber ließ er nichts davon -wissen, und so kam der letzte Wintertag. Die Hausfrau -war sehr kummervoll und zog sich den Tag über -nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob -sie den Namen ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber -antwortete: »Nein,« und sagte, daß sie sich nun zu -Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das -nicht brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen -und erzählte ihr, wie alles zugegangen war. Sie nahm -den Zettel, zitterte aber vor Furcht; denn sie hatte -Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte. -Sie bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte -käme, er aber sagte: »Nein, da du ihr allein die Wolle -gegeben hast, so ist es auch am besten, daß du allein -ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie.</p> - -<p>Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in -ihrem Bett, sonst aber war kein Mensch auf dem Hof. -Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende Schritte -unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht -gerade sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen -Wollstoff auf den Fußboden und sagte: »Wie heiße -ich also, wie heiße ich also?« Die Frau, die vor Angst -mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße -ich <span id="corr075a">nicht</span>, so heiße ich <span id="corr075b">nicht</span>, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -die Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich <span id="corr076a">nicht</span>,« -sagte die Alte, »so heiße ich <span id="corr076b">nicht</span>, rate noch einmal, Hausfrau!«</p> - -<p>»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die -Frau. Als die Alte das hörte, erschrak sie so sehr, daß -sie der Länge nach zu Boden fiel und ein furchtbares -Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging -fort und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute -sich nun über alle Maßen, von diesem Ungeheuer so -billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde nun -ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich -und wirkte später ihre Wolle immer selbst.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Bauer_von_Gnupar">Der Bauer von Gnupar</h2> -</div> - -<p class="noind">Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal, -daß eine Frau zu ihm käme und sich darüber -beklagte, daß seine Kinder Steine in einen Binnensee -in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten, -von denen sie leben müßte. Der Bauer -aber kümmerte sich nicht um ihre Klagen und fand, -es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren -Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort, -Steine in das Wasser zu werfen, wie sie es früher getan -hatten. Da kam dasselbe Weib zum zweitenmal -zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer -Rache.</p> - -<p>Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß -sämtliche Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden. -Der Bauer stürzte hinaus, um zu sehen, wer ihm -diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand, -auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren -von Menschen, noch von Tieren.</p> - -<p>Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch -stand, gleichsam von einer menschlichen Hand ausgelöscht, -ohne daß ein Mensch zu sehen war. Ein -Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht -wieder anzuzünden, sie konnte aber das Feuer am -Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal versuchte -sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr -das Licht sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -der Bauer selbst hinaus, und ihm gelang es nach -vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen.</p> - -<p>Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und -dicke Schuhe von einer unsichtbaren Hand an den -Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die Schuhe -nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren, -zurück; da aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit -wieder ins Gesicht geschleudert.</p> - -<p>Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen -so unheimlich zumute, daß der Bauer mit -allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog, der -von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Guldbraa_und_Skegge">Guldbraa und Skegge</h2> -</div> - -<p class="noind">Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger, -liegt in einem nicht sehr breiten Tal. Ein Bach -fließt durch das Tal, und gerade gegenüber Hvam, -jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt; -andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher -bewohnt gewesen, auch wenn es so aussieht, als gehöre -er eigentlich zum Besitztum von Hvam; denn -schon in der Sturlungersage wird von Akur an der -Stelle berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und -sagt, es schiene ihm, als wäre er am Abhang »gegenüber -Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur gewohnt -haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt -worden, und über sie ist folgende Erzählung im Westlande -allgemein bekannt.</p> - -<p>Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am -Hvamsfjord in Besitz und wohnte später auf Hvam. -Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem Reichtum -umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches -graste das Vieh, die Felder aber lagen gegen Westen -im Tal und reichten bis zum Abhang hinauf. Diese -Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein -Stück der Erde brach liegen, wenngleich dies genau -so fruchtbar wie der übrige Boden zu sein schien, und -mit Strenge verbot sie ihren Knechten, je den ganzen -südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort -weiden zu lassen, und wenn das einmal geschah, so<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -durfte das Vieh beim nächsten Melken nicht benutzt -werden.</p> - -<p>Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt -geworden war, daß einmal ein wunderschönes, junges -Weib nach Hvam kam. Sie nannte sich Guldbraa, niemand -aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem -Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst -an, sondern nur ihren Hausmeister. Sie fragte ihn, -weshalb die Felder südwärts des Baches nicht bebauet -wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten -hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte -dieses Land kaufen. »Ich will lieber den kleinsten -Hügel davon haben als den ganzen Boden von Hvam; -denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das -Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von -allen hasse; gib mir deshalb sofort das Kaufrecht für -das Land, ohne erst Audur zu fragen,« sagte sie und -reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war; da -ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment -über den Hof außerdem aus der Hand gegeben -hatte, nahm er das Gold und gab ihr das Kaufrecht.</p> - -<p>Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte -ihren Hausmeister; sie sagte, daß er keinen Segen -durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte ihr, -daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer -Gast sei; nun aber waren ihre Ahnungen von dem -Lande südwärts des Baches in Erfüllung gegangen. -»Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,« -sagte sie, »so daß das nichts schaden wird.« Da<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> -kam der Hausmeister mit dem Beutel nach Hause und -wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen. Er -band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel -Schlangen unter furchtbarem Gestank aus dem Beutel, -und er verlor den Verstand und starb kurz darauf. -Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens -gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den -Guldbraa gekauft hatte, und seitdem heißt dieser Ort -die Schlangenschlucht.</p> - -<p>Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle -Felder südwärts des Baches, unten vom See hinauf -bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ sie brachlegen; -sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen, -weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt -wurde, und sie sagte, daß Guldbraas Zauberkünste -keine Macht über diese Kreuze haben würde, solange -sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze -anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe -kommen zu lassen. Sie baute einen großen Hof auf -ihrem Stück Land; da errichtete sie ein Opferhaus -und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei -aus. Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste, -wenn sie während derselben die Augen nach Hvam -wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem -Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen -hellen Schein sie nicht vertragen könnte; davon werde -sie zerstreut und mache Fehler in ihrer Wissenschaft. -Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs Kreuzen -am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> -diese ihr so gefährlich werden würden wie das Licht -vom Heimacker. Nie begegneten sich Audur und -Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde -über den Bach hinweg besuchte, und nie kam -ihr Vieh zusammen. Audur war Christin, hatte aber -keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete ihre Gebete -auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man -das Opferhaus auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb, -bestimmte Audur, daß sie nicht in ungeweihter Erde -liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor den Gewalttätigkeiten -der Heiden fürchte und bat darum, -neben dem Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt -der Ort, an dem sie liegt, der Audurstein, und er ist -noch heutigen Tages ein Strandzeichen im Hvamsfjord; -da sagt man nämlich bei starker Strömung, die -See sei entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn -sie sich am Audurstein bricht.</p> - -<p>Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem -Tode Audurs; denn obgleich ihre Macht dadurch zunahm, -daß das Heidentum allgemein wurde und die -Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen -auf Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie -doch keine Ruhe finden, da Audurs Grab am Flutmesser -unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre -Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. -Da war sie schlimm daran, und darum überließ -sie den Hvamsleuten das Akurland, nahm aber selbst -den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr -finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> -größten Teil des Winters aber kommt die Sonne an -der Südseite des Tales überhaupt nicht zum Vorschein. -Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich -im Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, -und diese Stelle wird von jener Zeit an Guldbraas -Hügel genannt.</p> - -<p>Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs -vorbei in das Tal hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer -Zauberei gestärkt hatte. Sie ging zu ihrem Opferhaus, -und dort verweilte sie lange, unter seltsamem Gebahren; -als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. -Eine Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus -dem Opferhaus mit, und an ihrem Deckel ließ sie einen -großen Ring anbringen, der in der Tür des Opferhauses -befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd -und ritt mit der Truhe vor sich davon, indem sie den -Ring festhielt, während ihr Hofknecht das Pferd am -Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je nach den -Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, -der ihr Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, -unversehens den Abhang hinaufblickte, blieb er ein -Weilchen stehen, und da es schwer war, durch die Kluft -zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb, -stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, -während Guldbraa nur den Ring in der Hand behielt. -Darüber erschrak sie so, daß sie die Binde von den -Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden -war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade -in die Augen. Da schrie sie laut auf und sagte,<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> -daß sie ein unerträgliches Licht blende; sie gebot -ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit -aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie -zurückbehalten hatte, schleuderte sie weit von sich -und sagte, daß sie es lange bereuen würde, ihn mitgenommen -zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,« -sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, -die meinen Gedanken am meisten zuwider sind.«</p> - -<p>Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie -ein kleines Stück Weges von der Kluft fortgeritten -war, bekam sie so heftige Augenschmerzen, daß sie, -als sie Guldbraas Hügel erreichte, das Augenlicht verloren -hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit, -blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in -eine schwere Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte -zu sich und befahl ihnen, sie an eine Schlucht -zu bringen, in die sie sich hineingleiten lassen -wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne -nie zu sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören -wäre. In diese Schlucht aber stürzt gegen Nord ein -Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine Höhle. -Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall -lärmt und braust dort unten.</p> - -<p>Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich -auf das Gold. Als sie in dem Wasserfall ein Spukgeist -geworden war, vernichtete sie einen Hof auf Guldbraas -Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder -Menschen, noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel -oder auf dem Abhang behalten, und die Schafhirten<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber alles -Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in -Hvam gebaut worden war. Jetzt wird der Ort, an den -Guldbraa sich hinbringen ließ, Guldbraas Schlucht -und Guldbraas Fall genannt.</p> - -<p>Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet -sich noch an der Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer -Bronzering, dessen Handgriff stark abgenutzt ist; -unter der Kramme befindet sich eine uralte Kupferplatte, -auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in -Waffenkleidung mit dem Helm auf dem Kopf und -dem Schwert an der Seite und mit kurzem Panzer bekleidet -zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen -Speer in die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.</p> - -<p>Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren -Orten erzählt, daß der Priester Thangbrand, als -er in den Westfjorden umherzog, auch nach Hvam -kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. -Die Hausfrau kam nicht heraus, sondern blieb drin -und opferte, während ihr Sohn Skegge unterdessen -Thangbrand und seine Männer verhöhnte.</p> - -<p>Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in -Hvam gewohnt und den heidnischen Glauben sehr -gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und ein -Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. -Aber trotzdem war er kein so großer Zauberer, daß -er Guldbraas Spuken bewältigen konnte. Oft tötete -sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach Guldbraas -Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -weniger, als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas -Truhe aus dem Wasserfall heraufzuholen. Er sagte, -was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm als bei -ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.</p> - -<p>Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet -hinaus, um im Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der -Weg durch das Tal war weit, und es begann zu dunkeln, -ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte, -die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge -glitt in den Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis -die Knechte ein starkes Gepolter, Donnern und anderen -Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn ein schwerer -Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde -ihnen todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß -sie fortgelaufen wären; da aber gab ihnen Skegge ein -Zeichen, daß sie die Stricke hochziehen sollten. Das -taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an den hervorspringenden -Rand der Schlucht gekommen war, -sahen sie sich unwillkürlich um, und es schien ihnen, -als stände das ganze Tal bis nach Hvam hinunter in -hellen Flammen, so daß die Flammen sich von Fels -zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie -von den Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück -in den Fall. Als sie von dem Hügel herabgestiegen -waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, trotzdem -aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus -erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; -denn er war blau und blutig. Er trug einen -großen, mit Gold gefüllten Kessel auf dem Arm; den<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> -hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und -er hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. -Der Kampf zwischen Guldbraa und -Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas -Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; -denn nie war es so schlimm gewesen wie nach -dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen Hirten nach dem -andern, und schließlich konnte er niemanden mehr -als Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, -starben.</p> - -<p>Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht -nicht mehr der Alte; sowohl die Folgen des Kampfes, -wie der Tod seiner Hirten packten ihn so schwer, daß -er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit gekommen -war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, -das Vieh zu hüten, stand Skegge eines Tages auf und -ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht vergingen, -ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten -Tage kam er nach Hause, mehr tot als lebendig; denn -niemand hatte gewagt, nach ihm zu sehen. Da trug er -Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr -Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß -er selbst ihr aber wohl folgen müsse. Er ging darauf -wieder zu Bett und stand nicht mehr auf. Er wünschte -vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, -zum Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden -möge, so daß eine Kirche in Hvam erbaut werden -könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal in den -Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -hätte, seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben -habe; der habe ihn jedoch getäuscht; das letztemal -aber hätte er, als er sich in noch größerer Gefahr befand, -das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um -eine Kirche in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas -Krallen errettet würde. Da aber hätte eine starke -Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das -Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht -zu Stein geworden. Und heute noch ist der Geist in -Guldbraas Fall zu sehen.</p> - -<p>Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren -oder sich neben der Kirche zu Hvam begraben lassen; -dagegen gebot er, daß man ihn in einen Hügel auf -der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das -wurde getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter -den Kopf gelegt. Dort steht noch jetzt ein großer -Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach dem -er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas -Hügel liegt gegen Süden in diesem Tal.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Jon_und_die_Riesin">Jon und die Riesin</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr -jeden Herbst und Winter nach den Westmändsinseln -zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der zur Zeit dieser -Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und -war ein hoffnungsvoller Jüngling.</p> - -<p>Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt -nach den Inseln. Sie zogen den geraden Weg, und es -wird nichts von ihrer Fahrt oder von der Ausbeute -ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der -Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen; -denn nun war er selbst alt geworden und traute sich -nicht mehr Kraft genug zu, um hinauszurudern. Ehe -aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor allen -Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten, -die an dem Bergabhang lagen, und an denen entlang -der Weg führte. Er legte ihm das so ernstlich ans Herz, -daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen, was -auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre.</p> - -<p>Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem -Reitpferd fort. Die Pferde wollte er während des Winters -zum Durchfüttern auf den Landinseln einstellen, -wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird -weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging. -Er kam an den Bergabhang, wie er sollte, und zog -eine Zeitlang an ihm entlang. Der Tag war größtenteils -schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten -hatte. Aber als er in die Nähe der Felsen gekommen -war, von denen ihm sein Vater erzählt hatte, überfiel -ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Regen. -Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen -so schönen Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen -konnte, auf einer Anhöhe unter den Felsen. Da war -reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er begann -zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm -hier, und er konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes -dabei sein könnte, an dieser Stelle auszuruhen, -und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich -zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab -und band ihnen die Vorderfüße zusammen. In kurzer -Entfernung sah er den Eingang zu einer Höhle oben -in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie -an die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs, -machte es sich darauf zwischen seinem Gepäck behaglich -und begann zu essen.</p> - -<p>Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten -Zuge mit seiner Mahlzeit war, hörte er mehrfaches -Geheul aus der inneren Höhle. Er erschrak etwas darüber, -ermannte sich aber bald wieder. Er suchte einen -riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm -die Haut herunter, so daß sie unbeschädigt blieb, -strich dick Butter über den ganzen Fisch und breitete -die Haut wieder darüber. Als er damit fertig war, -schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die -Höhle hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span> -wären, sich vor dem in acht nehmen sollten, was -er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu hätten, so -könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das -Geheul aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch -zu zerreißen.</p> - -<p>Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich -zur Ruhe nieder und wollte nun schlafen. Da hörte -er, wie es im Kies außerhalb der Höhle raschelte, und -daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang -zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin -war, und es schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt -im Dunkel. Jon wurde bei diesem Anblick ungemütlich -zumute. Als aber die Riesin durch die Tür der -Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in -meiner Höhle.« Darauf ging sie mit langen Schritten -in die Höhle hinein und warf ihre Last auf den Boden. -Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte. Da -hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen -begann. Er hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan -als ungetan, und es wäre schlimm, wenn es unbelohnt -bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit einer Kerze -näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte -ihm im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in -die Höhle. Er nahm die Einladung an; die Alte aber -steckte ihre beiden kleinen Finger in die Ösen der -Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden -war, und trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach -hinten gekommen waren, sah Jon zwei Betten; in dem -einen lagen zwei Kinder; das waren die Kinder der<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> -Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und -die den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber -lag ein Haufen Forellen, die die Alte abends geangelt -und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, und -davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt -hatte. Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte, -in ihrem Bett oder in dem der Kinder. Er zog es vor, -in dem Bett der Kinder zu schlafen. Die Riesin bereitete -dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden, -bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle. -Jon legte sich schlafen, wachte aber davon wieder -auf, daß die Alte ihm ein Gericht gekochter Forellen -brachte. Er dankte ihr dafür, und während er -aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war -ungemein munter. Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht -hätte. Das erzählte er ihr. Da fragte sie ihn, ob -er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand gefunden -hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm -die Alte, daß alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt -seien, so daß keiner mehr jemanden annehmen -könnte, und daß er keine Wohnung finden würde, -außer bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine -Gräte aus dem Wasser angele, und nur ein fast unbrauchbares -Boot besäße, dessen Mannschaft aus untauglichen -Burschen bestände, weil er kein ordentliches -Stück Mannsleute mehr bekommen könnte. -»Ich rate dir,« sagte sie, »dir einen Platz in dem Boot -dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar sträuben, -dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -er darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen, -wie ich müßte, für das, was du an meinen Kindern -getan hast,« fuhr die Riesin fort, »aber hier habe -ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den -einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben. -Immer sollt ihr beide allein beim Angeln sein; die -Haken werden sich, wie ich hoffe, als fischtauglich -erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen hinausrudern -und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten -abends nach Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern -als bis an den Felsen, der gerade vor dem Landungsplatz -steht. Wenn du nun nach Landösand -kommst, wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden. -Versuche, mit ihnen nach den Inseln zu kommen, und -binde deine Pferde am Strand zusammen, bitte aber -niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter -nicht um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie -sorgen. Und wenn das Unwahrscheinliche geschehen -würde, daß du im Winter Glück beim Fischen haben -solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden -ein Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir -ein paar Fische zu holen; denn ich bin, wie ich dir -verraten will, ein großes Leckermaul nach Dörrfisch.« -Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen -ihrem Rat zu folgen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon -von der Höhle auf und trennte sich in Freundschaft -von der Riesin. Über seine Reise wird nichts gemeldet, -bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit. -Jon schirrte eiligst die Pferde ab und band sie am -Strand zusammen, ohne jemand zu bitten, für sie zu -sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon -und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein -würden, wenn die Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte -sich aber nicht um ihren Spott und tat, als -wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln -hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen -Bootplatz, konnte aber nirgends einen finden, denn -jeder hatte so viel Leute bekommen, wie er Platz -hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den -die Alte ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen. -Der Alte aber wollte sich darauf nicht -einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann -keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die -kleinste Gräte aus dem Wasser,« sagte der Alte, -»und habe nur untaugliche, junge Burschen, die mein -elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem -und ruhigstem Wetter hinausrudern, und es ist nicht -verlockend für einen flinken Mann, sich an meine -Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein -eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so -lange bei dem Alten, bis er ihn schließlich annahm, -und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber fanden nicht, -daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden -und verhöhnten ihn sehr.</p> - -<p>Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten -Jon und der Alte davon, daß alle Fischer auf den Inseln<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span> -bei schönstem, windstillstem Wetter hinausruderten. -Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch -versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern. -Ich glaube nicht, daß viel dabei herauskommt.« -Jon fand, daß keine Gefahr dabei wäre, es zu versuchen. -Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen -vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der -eigentlichen Landungsstelle waren, schien es Jon, als -ob er den Felsen erkenne, von dem die Riesin gesprochen -hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht -klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt -und sagte, daß das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm -spaßeshalber zu erlauben, nur einmal seine Schnur an -dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte zu. Kaum -aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen -Fisch heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern -Angelhaken, das Geschenk der Riesin. In Kürze kann -nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage dreimal -an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden -von ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da -ruderten sie ans Land, lange bevor die andern kamen, -– und dann waren sie bald damit fertig, die Fische -zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt, -wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten -ihn, wo es so viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie -es war. Tags darauf ruderten die Inselbewohner früh -hinaus, angelten am Felsen, merkten aber nichts von -Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten, -dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -ihnen genau wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele -Worte darüber nötig, daß Jon und der Alte den ganzen -Winter nach dem Felsen hinausruderten, und daß jeder -zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren -die beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten -Tag ruderten sie zum letztenmal hinaus, und -da geschah es, als sie einmal die Leinen aufzogen, daß -beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit -sie bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten -sich aber weiter keine Gedanken über diese Sache, -sondern steuerten nach dem Land.</p> - -<p>Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach -dem Festlande zog und auf demselben Boot übergesetzt -wurde, mit dem er im Herbst hinausgefahren war. -Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie -gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß -seine gedörrten Fische nach dem Nordland tragen können, -meinten sie. Als sie sich aber dem Land näherten, -sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander gebunden -stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren -die meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher -ansehen; sie waren aber nicht wenig überrascht, sie -so feist zu finden, als wären sie den ganzen Winter -über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden -stand noch ein Pferd da mit einem Saumsattel, -braun von Farbe und schwer gebaut. Jons Genossen -bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn -für einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt -hatte und seine Pferde in so gutem Stande<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -waren, ohne daß jemand, so viel man wußte, für sie -gesorgt hatte.</p> - -<p>Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und -lud ebenso viele auf das braune allein, wie auf seine -beiden. Darauf ritt er allein nach Norden.</p> - -<p>Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis -er an die Höhle der Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich, -und er blieb ein paar Tage bei ihr. Er gab ihr -alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie plauderten -über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm, -daß ihre Kinder im Winter gestorben wären, und daß -sie sie unter dem Felsen neben ihrem Mann begraben -hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es gewesen sei, -die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen -hätte, als sie das letztemal ruderten, und daß sie -gleichzeitig die Pferde an den Strand gebracht habe. -Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause gehört hätte, -er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm -berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben -sei, und da er das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt -die Wirtschaft übernehmen. Er würde nun nach dem -Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen -und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich -sagte sie, daß sie eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte, -was für eine Bitte das sei. Die Riesin sagte: »Ich habe -nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will dich bitten -herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich -will dich bitten, mich neben meinem Mann und meinen -Kindern zu begraben.« Dann zeigte sie ihm die Stelle,<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span> -wo diese begraben waren. Sodann machte sie eine -Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit -Gold und allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren. -Diese Truhen, sagte sie, sollte er von ihr erben, und -das braune Pferd ebenfalls. Sie würde die Truhen schon -zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und -etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern -und dann die Ösen über die Traghölzer -am Saumsattel zu spannen brauche. Sie würde -dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er -würde die Truhen mit Leichtigkeit tragen können, -ohne daß er selbst nötig hätte, irgend etwas daran zu -ändern, bis er nach dem Nordland käme. Dann trennten -sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander. -Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt, -als daß alles gut ging, bis er nach dem Nordland kam. -Dort fand er alles, wie es die Riesin gesagt hatte, und -alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm die -Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft -an, und früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter -aus dieser Gegend. Nun ging es auf die Zeit, -in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne daß -etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts -von der Riesin. Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und -stand aus dem Bett auf. Es war dunkle Nacht; draußen -stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht, seine -beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte -sofort, und Jon machte sich eiligst zu dem Ritt bereit. -Seine Frau fragte ihm, weshalb er so plötzlich mitten<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle. Er -wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch, -seinetwegen nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein -paar Tage fortbleiben würde. Dann zog er fort und -ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles ging -gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen -und konnte nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen. -Er blieb bei ihr, bis sie ihre Seele ausgehaucht hatte -und begrub sie dann an der Stelle, die sie selbst gewählt -hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das -mit dem Saumsattel dastand.</p> - -<p>Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran. -Jon steuerte das Pferd zwischen sie, legte die Stricke -über die Sattelhölzer und zog dann mit allem fort. -Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon -blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher -Mann. Er wohnte lange und zufrieden auf dem Hof, -den er von seinem Vater geerbt hatte, hatte Erfolg in -allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten.</p> - -<p>Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ketil_von_Silfrunarstad">Ketil von Silfrunarstad</h2> -</div> - -<p class="noind">In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad -im Skagefjord ein Bauer, dessen Name nicht bekannt -ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe; es war -aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur -Schafzucht eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf -dem Berg an der Bessehütte grasen, manchmal jedoch -auch weiter entfernt, und es verging eine lange Zeit, -ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er -wohnte jahrelang ganz ruhig dort.</p> - -<p>Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß -die Herde des Bauern auf dem Nachhauseweg am -Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß sie jeden -Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst -beim Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher -ließ er Auslug nach ihnen halten, und eine ganze -Weile später, als er annahm, daß sie jetzt nach Hause -gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die -Schafe waren aber nicht gekommen, sondern immer -noch auf demselben Fleck zu sehen. Da sandte der -Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben -sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die -Nacht verging, ohne daß er nach Hause kam. Der -Bauer mußte deshalb jemand anders die Aufsicht -über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach -dem Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu -Anfang hatte man allerlei Vermutungen über sein<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute allmählich -weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall -zu sein pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist.</p> - -<p>Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest. -Am Heiligabend aber, als das Vieh auf -dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei sollte, blieb -es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise -wie im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert -darüber und machte sich allerhand Gedanken über -das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über -all dies begann von neuem, und man fand, es ginge -nicht mit rechten Dingen zu; nur wenige wollten die -Schafe des Bauern hüten, und es fiel ihm sehr schwer, -Leute für seinen Dienst zu finden.</p> - -<p>Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen -Dienst, der Ketil hieß; er war achtzehn Jahre alt und -hatte Kraft und Mannesmut in der Brust. Im Herbst -übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf -die Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf -Weihnachten. Am Tage des Heiligabends war das -Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf die -Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer -aufzupassen, wenn sie nach Hause kämen und -sobald es sich tun ließ, nachzusehen, wie es dem Hirten -ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer -aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen -aus; als er aber nichts von ihnen sehen konnte, ging -er wieder hinein. Nach Verlauf einer kurzen Zeit aber -kam er wieder heraus, und da waren die Schafe an<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> -den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil -aber war nirgends zu sehen. Das war ein harter Schlag -für den Bauern, denn es gefiel ihm nicht besser, Ketil -zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch -felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen -würde, seine Schafe zu hüten.</p> - -<p>Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag -ziemlich verstrichen war, seine Schafe in einer großen -zerstreuten Trift am Felsenabhang entlang nach Hause -trieb. Als er in die Nähe von Grimshöi gekommen -war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus -einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber -dem Hof von Silfrunarstad, befindet, heraustreten; -dort ist nämlich ein kleiner Felsen gleichsam vom -Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht« -genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung -auf die Schafe zu, die sich ängstlich um Ketil scharten. -Er sah jetzt, daß es ein unglaublich großes Trollweib -war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für -das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und -er erzählte ihr, daß die Schafe nicht ihm gehörten, er -hätte nur ein Schaf, das ein paar Tage alte Lämmer -bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte ihr, daß sie -diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte -nicht lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den -Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. -Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in ihre Arme -und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war, -zurück. Als sie aus der Schlucht heraufgekommen<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> -war, ging sie an dem Berge entlang und machte große -Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts nützte, wenn -er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen. -Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der -Nähe des Bolstadbaches gekommen war, an einen -großen Wasserfall, der dort unten im Berge ist. Diese -Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das -Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall. -Sie ließ Ketil los und warf ihre Bürde auf den Boden. -Sie bat Ketil, die Schafe zu schlachten und zuzubereiten; -mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen Weihnachtsschmaus -für ihn und sich selbst halten. Sie setzte -einen Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst. -Darauf fing sie an, mit großer Gier zu essen und ließ -Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie die Ursache -wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden, -und daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander -am Heiligabend zu ihnen gekommen wäre und sie -gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus dem sie -ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr -aber nur mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig -ausgescholten, und darum hätte sie sie in Behandlung -genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre Bitte -erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden, -da er doch weniger als einer der beiden andern -zu verschenken gehabt hätte. Sie erzählte ihm, daß -im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann -sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten -Frühjahr auf ihm ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> -keinesfalls den Hof übernehmen könne, denn erstens -wären die Felder groß und schwierig, und dann hätte -er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin -und Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er -schon Geld in die Hand bekommen würde; denn -binnen einem Monat würde sie sterben, und dann -würde er alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert -wäre, und so würde es ihm nicht an Geld fehlen, -um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum aber -wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat -nach ihr sehen und ihren Leichnam dort vorn in den -Wasserfall legen solle, wenn es ihm möglich wäre. -Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im -darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er -solle davon kaufen, was er brauche, und Geld zum -Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle holen. Er solle -dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad -diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers -auf Havsteenstrand freien. Ketil fand jedoch, daß das -ein wenig glücklicher Rat sei, er war ja ein armer, ungebildeter -Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor -zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den -sollst du ihr um die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft, -daß sie Liebe zu dir faßt, wenn sie ihn um hat, -und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war aber -auch ein seltener Schatz.</p> - -<p>Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte, -daß sich sein Hausherr sicher über seine Abwesenheit -gräme. Die Riesin aber sagte, daß das nichts zu sagen<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, -und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete -sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie -man in die Höhle gelangen könne und ließ es ihn selbst -versuchen, was ihm auch gut gelang. Darauf bot sie ihm -Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich nicht häufiger -sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche -Glück und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach -Wunsch geraten würden, und daß dies der Anfang seines -Glückes sei. Sie trennten sich unter großer Freundlichkeit; -sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte -sich, so sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen.</p> - -<p>Dort lag der Bauer zu Bett, so nahe war ihm das Verschwinden -Ketils gegangen. Als aber Ketil nun kam, -waren alle froh, besonders der Bauer, der gleich aus -dem Bett stieg und glaubte, er hätte ihn aus der Hölle -selber zurückerhalten. Er fragte Ketil, was denn seine -Abwesenheit verschuldet hätte. Davon aber wollte -Ketil nicht viel sprechen, und er erzählte weder von -der Riesin, noch von ihrer Höhle. Dann hütete Ketil -die Schafe wie zuvor.</p> - -<p>Nach Verlauf eines Monats ging er in die Höhle -hinein. Da fand er die Riesin tot. Ketil hatte Feuerzeug -mit, zündete Licht an und trug ihren Leichnam -aus der Höhle hinaus, und er erzählte später, daß er -nie zuvor solch eine Kraftprobe bestanden hätte. Dann -untersuchte er die Höhle und fand großen Reichtum -an allerlei kostbaren Sachen und Gold. Er ließ aber -vorläufig alles liegen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p> - -<p>Im Hornung wurde der Bauer krank, und nachdem -er einen halben Monat zu Bett gelegen hatte, -starb er. Da verlangte Ketil den Hof in Pacht, erhielt -aber eine unwillige Antwort; denn der Eigentümer -hielt es für die größte Torheit, ihn an ihn zu verpachten, -jedoch gab er ihn auch keinem andern in -Pacht. Es ging nun auf das Frühjahr, und die Erben -verkauften das meiste der Einrichtung auf Silfrunarstad; -Ketil kaufte einen großen Teil davon und bezahlte -gleich bei der Zuteilung. Er hatte schon den -größten Teil des Gesindes auf dem Hof gedungen, -und nun fiel es ihm leicht, ihn zu pachten.</p> - -<p>Im Frühjahr zog er nach Havsteenstad, wo er zum -erstenmal mit der Tochter des Pfarrers zusammentraf; -er gab ihr den Gürtel und legte ihn ihr um. -Darauf brachte er sein Anliegen vor, daß er dorthin -gekommen wäre, um um ihre Hand zu freien. Sie -schien dem Manne hübsch und hoffnungsvoll, und -da nun der Gürtel die Liebe in ihrer Brust entfachte, -so versprach sie ihm ihr Ja, wenn ihr Vater seine Einwilligung -dazu geben würde. Da trug Ketil dem Pfarrer -sein Anliegen vor und bat ihn um seine Tochter. Der -Pfarrer erwiderte sehr kühl darauf, und man merkte -wohl, daß er fand, daß Ketil seiner Tochter nicht -ebenbürtig sei, er, der nur schlecht und recht ein -Bauer war. Weil aber Ketil nun reicher geworden war, -als man früher glaubte und er sonst ein kluger und -besonders tüchtiger Mann war, ließ sich der Pfarrer -schließlich überreden, seine Einwilligung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -daß sie ihm für diesen Sommer als Wirtschafterin -nach Hause folgte; und darüber wurden sie dann -einig.</p> - -<p>Ketil zog nun mit der Pfarrerstochter nach Hause, -und sie wurden im Sommer gut miteinander fertig. -Im Herbst kam ihr Vater, und das Ende der Beratung -war, daß Ketil sich mit der Tochter des Pfarrers verlobte, -und im Herbst wurde ihre Hochzeit mit großer -Pracht gefeiert. Sie liebten sich sehr und wohnten auf -Silfrunarstad bis in ihr hohes Alter. Ketil hatte Glück -in allem und wurde ein schwer reicher Mann, so daß -niemand sich erinnern konnte, daß je ein so reicher -Mann auf Silfrunarstad gewohnt hätte. Er hatte ja -auch keinen Mangel an Geld aus der Höhle der Riesin, -so lange er sein Heim in Ordnung brachte, und er -richtete sich in jeder Hinsicht nach ihrem Rat. Diese -Erzählung hörte man aus seinem eigenen Munde, als -er ein alter Mann geworden war. Lange hatte sie sich -später im Gedächtnis der Leute erhalten und sich von -Mann zu Mann fortgepflanzt.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Trunt_Trunt_und_die_Trolle_in_den_Bergen">Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen</h2> -</div> - -<p class="noind">Zwei Männer waren einmal in den Bergen und sammelten -Moos. Eines Nachts lagen sie beide in ihrem -Zelt. Der eine schlief, der andere aber lag wach. Da -sah dieser seinen schlafenden Kameraden aus dem -Zelt hinausschreiten; er stand auf und ging ihm nach, -konnte aber kaum so schnell laufen, daß der Abstand -sich zwischen ihnen verringerte. Der Schlafende -steuerte hinauf nach den Gletschern zu.</p> - -<p>Da sah der andere eine Riesin, die oben auf den -Zacken eines Gletschers saß. Sie streckte abwechselnd -die Arme aus und zog sie wieder an die Brust zurück, -und auf diese Weise zauberte sie den Mann an sich. -Er lief ihr gerade in die Arme, worauf sie mit ihm -davoneilte.</p> - -<p>Im nächsten Jahr sammelten Leute aus seiner Ortschaft -Moos an derselben Stelle in den Bergen; da -kam er zu ihnen, war aber so schweigsam und in sich -gekehrt, daß man kaum ein Wort aus ihm herausbekommen -konnte. Die Leute fragten ihn, an wen er -glaube, und er antwortete, daß er an Gott glaube.</p> - -<p>Im zweiten Jahr kam er abermals zu denselben -Leuten, die wieder in den Bergen waren, da aber war er -einem Troll so ähnlich geworden, daß sie sich vor ihm -fürchteten. Jedoch wurde er befragt, an wen er glaube; -er gab aber keine Antwort, und diesmal verweilte er -nicht so lange bei den Leuten wie in dem Jahr zuvor.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p> - -<p>Im dritten Jahr kam er wieder zu den Leuten, und -nun war er ein richtiger Troll geworden und hatte -ein schier entsetzliches Aussehen. Da war aber einer, -der ihn doch zu fragen wagte, an wen er glaube, er -aber erwiderte, daß er an »Trunt, Trunt und die Trolle -in den Bergen« glaube und verschwand darauf. Von -diesem Tage ab wurde er nicht mehr gesehen; lange -Jahre aber wagte auch niemand, Moos an dieser Stelle -zu sammeln.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Nachttroll">Der Nachttroll</h2> -</div> - -<p class="noind">An den Sommerweideplätzen, die den Bauern vom -Mygsee gehörten, wohnte in alten Zeiten eine Riesin -in einem Berg, der nach ihr »Der Schwanz der Riesin« -heißt. Sie war einer der Nachttrolle, deren Natur es -ist, daß sie nicht vertragen können, die Sonne zu -schauen und deshalb stets nachts arbeiten müssen.</p> - -<p>Diese Riesin bereitete den Bewohnern viel Schaden -unter anderem dadurch, daß sie nachts die Fische aus -dem Mygsee stahl. Man erzählt, daß sie in einem -kleinen Boot umherruderte, das sie dann auf dem -Rücken nach Hause trug. Eines Sommers hatte man -Glück beim Fischen in Strandvig, das damals, wie -später auch, der beste Fischplatz am Mygsee war. Den -Sommer über machte es sich die Riesin zur Gewohnheit, -jede Nacht Fische in der Bucht zu stehlen, und -das gefiel den Strandbewohnern sehr wenig. Eines -Nachts, spät im Sommer, begab sie sich an den See -hinunter, um, wie sie gewöhnt war, darin zu fischen. -Als sie aber hinunterkam, sah sie einen Bauern in -der Bucht, der mit Angeln beschäftigt war. Sie hielt -sich für nicht stark genug, um den Bauern anzugreifen, -der mit drei anderen zusammen war, und wollte -deshalb warten, bis er mit dem Angeln fertig war; -der Bauer aber blieb, wo er war, vielleicht, daß er -wußte, wie es mit der Riesin bestellt war, wenn es -auf die Morgendämmerung ging. Die Riesin begann<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> -ungeduldig zu werden, wollte jedoch nicht unverrichteter -Sache nach Hause zurückkehren. Endlich -hörte der Bauer mit Angeln auf, und die Riesin ging -hinunter und zog Netze in der Bucht auf. Als sie mit -dieser Arbeit fertig war, machte sie sich auf den Nachhauseweg, -als sie aber schon die halbe Strecke zurückgelegt -hatte, ging die Sonne auf, und es wird nun erzählt, -daß sie ihr Boot an der Stelle absetzte, an der -sie sich gerade bei Sonnenaufgang befand, worauf -alles miteinander in Stein verwandelt wurde.</p> - -<p>Die Spuren davon sind heutigen Tages noch deutlich -zu sehen. Das Boot steht noch auf einem Hügel, -der mitten zwischen dem »Schwanz der Riesin« und -dem Mygsee liegt und seitdem der »Bootshügel« -heißt. Das Boot ist genau wie die Boote gebaut, die -jetzt auf dem Mygsee benutzt werden, nur mit dem -Unterschied, daß es größer ist. Man kann deutlich -seine ganze Form erkennen, und noch kann man die -Ruder sehen, und wo sie gesessen haben, und daß -hierzu Einschnitte an den Seiten des Bootes benutzt -worden sind und nicht die jetzt gebräuchlichen Ruderdullen. -Im Hintersteven des Bootes befindet sich ein -großer Haufen, und man glaubt, daß die Riesin sich -hier zur letzten Ruhe niedergelegt habe.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Geisterhaube">Die Geisterhaube</h2> -</div> - -<p class="noind">In einem Ort, in dem eine Kirche liegt, wohnten unter -anderen ein junger Gesell und ein Mädchen. Der Gesell -hatte die Gewohnheit, dem Mädchen häufig Angst -einzujagen, sie aber war so daran gewöhnt, daß sie -sich nicht mehr erschrecken ließ; denn was sie auch -sah, sie glaubte doch immer, daß er es sei, der ihr -Furcht machen wolle.</p> - -<p>Einmal geschah es, daß Wäsche gewaschen wurde, -und darunter eine Menge weißer Nachthauben, die -damals viel getragen wurden. Abends wurde das -Mädchen gebeten, die Wäsche vom Kirchhof zu holen. -Sie lief hinaus und begann, die Wäsche zu sammeln. -Als sie beinahe fertig geworden war, sah sie, daß ein -weißer Geist auf einem der Gräber saß. Da dachte -sie bei sich, daß der Knecht sie wieder erschrecken -wolle. Sie lief hin und entriß dem Geist die Haube, -denn sie glaubte, der Gesell hätte sich eine der Hauben -aufgesetzt und sagte: »Es gelingt dir diesmal -nicht, mich zu erschrecken!« Dann ging sie mit der -Wäsche hinein, drinnen aber war der Gesell.</p> - -<p>Nun wurde die Wäsche nachgezählt, und da war -eine Haube zu viel, die innen erdig war. Da erschrak -das Mädchen. Am nächsten Morgen saß der Geist -auf dem Grab, und man wußte nicht, was man anfangen -sollte; denn niemand wagte, ihm die Haube -zu bringen, und man schickte deshalb in die Nachbarschaft,<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -um sich guten Rat zu holen. Es war ein -alter Mann in der Gegend, der meinte, es ließe sich -nicht vermeiden, daß dieser Fall schlimme Folgen -hätte, wenn das Mädchen nicht selbst dem Geist die -Haube brächte ,und sie ihm in Anwesenheit vieler -Menschen schweigend auf den Kopf setzte. Man -drang in das Mädchen, um sie zu überreden, dem -Geist die Haube aufzusetzen, und sie ging auch hin, -das Herz im Halse, stülpte dem Geist die Mütze auf -den Kopf und sagte, als sie damit fertig war: »Bist du -nun zufrieden?« Der Geist aber drehte sich um, schlug -sie und sagte: »Ja, bist du auch zufrieden?« Und damit -stürzte er sich in das Grab hinab. Das Mädchen -fiel um von dem Schlag, und die Leute liefen hinzu -und hoben sie auf, sie war aber tot.</p> - -<p>Der Gesell aber bekam einen Verweis, weil er sie -so oft erschreckt hatte; denn dadurch, glaubte man, -wäre er die eigentliche Ursache des ganzen Unglücks. -Da hörte er auf, den Leuten Angst einzujagen. Und -so ist diese Erzählung aus.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Braeutigam_und_das_Gespenst">Der Bräutigam und das Gespenst</h2> -</div> - -<p class="noind">Vier Männer waren einmal dabei, ein Grab zu schaufeln; -einige sagen, daß es auf dem Kirchhof zu Reykholar -war. Es waren alles lustige Leute, einer von -ihnen aber war doch der übermütigste von allen. Als -das Grab tiefer zu werden begann, kamen eine Menge -Menschenknochen zum Vorschein und darunter ein -Oberschenkel, der einem ungeheuer großen Mann -gehört hatte. Der übermütigste der grabenden Männer -nahm den Schenkelknochen in die Hand, besah ihn -sich genau und maß ihn an seinem eigenen Schenkel, -und die Sage erzählt, daß er ihm von der Fußsohle -bis an die Hüfte reichte, obgleich er ein Mann von -mittlerer Größe war. Er sagte im Scherz: »Darin kann -ich nicht irren, daß dieser Mann ein tüchtiger Ringer -gewesen ist, und es würde spaßhaft sein, ihn als Gast zu -haben, wenn ich einmal Hochzeit feiere.« Die anderen -gaben ihm darin recht, sprachen jedoch weiter nichts -darüber. Dann legte der Mann den Oberschenkelknochen -zu den übrigen Knochen.</p> - -<p>Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet, -als dieser junge Mann sich mit einem Mädchen -verlobte und schon das zweite Aufgebot stattgefunden -hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte hintereinander, -daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett -käme und sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte, -was er einmal vor ein paar Jahren zu ihm im Übermut<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -gesagt hätte, und in der letzten Nacht fügte er hinzu, -daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast -bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete -darauf nichts, aber unheimlich war ihr im Schlaf zumute, -als sie das erfuhr und sah, wie groß der Mann -war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht -eher, bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte. -Da sagte sie morgens zu ihm: »Wen hast du denn gedacht, -zu unserer Hochzeit einzuladen, mein Schatz?« -»Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er -»daran habe ich noch nicht gedacht, ich wollte erst -die drei Aufgebote erledigt haben.« »Hast du denn -bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er antwortete, -daß er das, soweit er sich erinnern könnte, -nicht getan habe; er begann jedoch nachzudenken, -und es kam ihm sonderbar vor, daß sie ihn so eifrig -danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß -er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings -habe er vor ein paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen -eines verstorbenen Mannes, der aus einem -Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl -spaßig sein würde, einen so hochgewachsenen Mann -als Gast zu haben, wenn er einmal Hochzeit feiern -sollte, aber darum könnte man doch nicht behaupten, -daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde -dabei etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht -angebracht gewesen wären, und am wenigsten bei den -Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun kann ich -dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -hast, sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast -auf unserer Hochzeit zu erscheinen.« Und dann erzählte -sie ihm alle ihre Träume, und welche Drohungen -der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte. -Über all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte, -daß sie darin recht hätte, daß es besser gewesen wäre, -wenn sein Mund mit derartigen Scherzen geschwiegen -hätte.</p> - -<p>Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber -schien es ihm, als käme ein ungeheuer großer Mann, -der einem Riesen ähnlich sah und ein unfreundliches -und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob -er jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor -fünf Jahren gegeben hätte, einzulösen, nämlich ihn -als Tischgast auf seiner Hochzeit zu haben. Der Bräutigam -war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl -dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht -ändern könne, ob es ihm nun gefiele oder nicht, und -daß es ganz überflüssig gewesen sei, sich mit seinen -Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut -wäre, wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu -bedeuten hätte. Dann verließ ihn das Gespenst, er -aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner Braut -dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen -guten Rat. Sie sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz -kommen und dann in großer Eile ein Haus aufführen -lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der -sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht, -darin stehen könne; inwendig aber solle jede<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -Wand so lang sein, wie sie bis an die Querbalken hoch -sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man -einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege; -er solle ein weißes Tuch über den Tisch dieses Gastes -breiten, ihm geweihte Erde auf einer Platte und Wasser -in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte -würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den -Tisch und ein Bett hereinstellen lassen, falls er Lust -verspüren sollte, sich auszuruhen; drei Kerzen solle -er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn -dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran -zu gehen, und vor allem aufzupassen, daß er nicht -unter einem Dach mit ihm sei. Auch dürfe er keinerlei -Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen -würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm -reden, die Tür aber zuschließen und ihn dann verlassen, -wenn er ihm die aufgetischten Gerichte angeboten -hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau -so, wie ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein -freistehendes Haus von passender Größe aufführen -und alles so einrichten, wie schon erzählt worden ist.</p> - -<p>Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung -wurde auf die übliche Weise vollzogen; dann setzte -man sich zu Tisch, und als es dunkel geworden war, -erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas -Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste -im Hochzeitssaal auf und ab, andere wieder -saßen bei den Bechern und plauderten. Das Brautpaar -saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -harter Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere -Lust aufzumachen. Da zupfte die Braut leise -ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im Gesicht -dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde -wieder an die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als -das vorige Mal. Da nahm die Braut ihren Bräutigam -bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich sträubte, -an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich -großen Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast -gekommen sei. Die Braut stieß ihren Bräutigam -sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er diesen -Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß, -bat sie Gott, ihn zu stärken.</p> - -<p>Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er -mit diesem Manne nach dem Haus ging, das er für -ihn hatte aufführen lassen und ihn hineinwies. Der -Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber -wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der -Fremde voran in das Haus ging und sagte, daß sich -der Bräutigam von diesem Augenblick an hüten solle, -sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes -einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht, -sondern bat den Gast, sich an den aufgetischten Gerichten -gütlich zu tun und ihm nicht zu verübeln, -daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber -bat den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick -hereinzukommen; das wollte der Bräutigam aber -keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal -keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen,<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -hoffe ich, daß du mir doch das Vergnügen -machst, als Gegengabe bei mir als Gast zu erscheinen.« -Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit ab -und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus, -in dem es ziemlich ruhig war; denn alle -waren bei dieser Begebenheit still geworden. Nur die -Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste entfernten -sich allmählich, einer nach dem andern. Das -Ehepaar aber ging zur Ruhe und schlief bis zum -Morgen.</p> - -<p>Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen, -der am Abend zuvor zuletzt gekommen war. Die -Braut aber sagte, daß er keinen Schritt dorthin tun -solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem -Hause, sie voran, und er schloß auf; da war keine -Spur von dem Gast zu sehen; er hatte die Flasche -geleert, die Erde von der Platte aber überall auf den -Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die -Frau, »wärest du nach dem Hause vorangegangen -und hättest du mit dem Fuße in diese Erde getreten, -dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten -und hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren -können. Mir aber schadet es nichts, wenn ich -hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und -säubern.«</p> - -<p>Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder -fortgehen wollte, an die Tür gegangen sei, entweder -von dem Hochzeitshaus selbst oder von der Schlafkammer -des Ehepaars, und gesungen habe:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Meinen Dank ihr nicht verdient!</div> - <div class="verse indent0">Für das Festmahl auf dem Tisch;</div> - <div class="verse indent0">Mein Getränk war Wasser frisch,</div> - <div class="verse indent0">Meine Speise Erd’ und Lehm.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht -mehr, und sie lebten lange in Liebe und Glück zusammen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Kuester_von_Moerkaa">Der Küster von Mörkaa</h2> -</div> - -<p class="noind">Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im -Oefjord; sein Name wird nicht genannt, er war aber -gut Freund mit einem Mädchen, das Gudrun hieß und -nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits -des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer -im Dienst war.</p> - -<p>Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das -er Faxe nannte, und das er immer ritt. Es geschah -einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach Baegisaa -kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa -einzuladen, und er versprach, sie zu einer bestimmten -Zeit abzuholen und sie zu dem Schmaus am Tage vor -Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der -Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee -gefallen, und Eis hatte sich auf dem Wasser gebildet; -aber an dem Tage, an dem er nach Baegisaa ritt, war -Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach -durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er -zog von zu Hause fort, ohne daran zu denken, was -sich tagsüber geändert haben könnte, und glaubte, -der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über -den Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an -den Hörgbach kam, war dieser gestiegen und hatte das -Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach entlang, bis -er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von -Mörkaa, wo eine Brücke über den Bach führt. Der<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -Küster ritt auf die Brücke hinunter, kaum aber hatte -er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und er in den -Bach fiel.</p> - -<p>Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen -aus seinem Bett stieg, sah er ein gesatteltes Pferd auf -seinem Heimacker stehen, und es war ihm, als ob er -des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm -etwas eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden -Tage dort vorbeireiten sehen, aber nicht -bemerkt, daß er zurückgekehrt war, und er ahnte bald, -was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker hinaus, -und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß -und arg mitgenommen. Dann ging er an den Bach -hinunter, nach der sogenannten Tuevoldsnaes; dort -fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge, an -die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich -nach Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als -man den Küster fand, war sein Hinterkopf sehr von -den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er -wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor -Weihnachten beerdigt.</p> - -<p>Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war -und bis zu dem Tage vor Heiligabend war keine Nachricht -über das Vorgefallene von Mörkaa gekommen, -des ununterbrochenen Tauwetters und der starken -Strömung wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte -sich das Wetter geändert, und nachts war das Wasser -im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte, -zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -Abend begann sie sich zu putzen, und als sie sich fast -fertig geschmückt hatte, hörte sie jemand an die Tür -klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand, -öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war -es weder hell noch dunkel; denn der Mond segelte -hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm vorbeiglitten.</p> - -<p>Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts -gesehen hätte, Gudrun aber meinte: »Dann wird es -wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.« Sie -war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie -brauchte sich nur noch den Mantel anzuziehen. Sie -nahm den Mantel und zog den einen Ärmel an, den -andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn -fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und -daneben einen Mann, den sie für den Küster hielt. -Ob sie mit einander sprachen, weiß man nicht, der -Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann -selbst und setzte sich vor sie.</p> - -<p>Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden, -und kamen an den Hörgbach, an dessen Ufern hohe -Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das Pferd über -solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters -hinten aufgehoben, und da erblickte Gudrun den -bloßgelegten Schädel. In diesem Augenblick verzogen -sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Mond gleitet,</div> - <div class="verse indent0">Der Tod reitet,</div><span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> - <div class="verse indent0">Siehst du nicht den weißen Fleck</div> - <div class="verse indent0">Im Genick,</div> - <div class="verse indent0">Garun, Garun?«<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere -dagegen sagen, daß Gudrun selbst seinen Hut aufhob -und dabei den weißen Schädel entdeckte, und daß sie -dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.«</p> - -<p>Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder -ihren Ritt berichtet, bis sie nach Mörkaa gekommen -waren, wo sie vor der Seelenpforte<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> vom Pferde stiegen; -da sage er zu Gudrun:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hier nun warte, Garun, Garun,</div> - <div class="verse indent0">Bis geführt ich Faxe, Faxe,</div> - <div class="verse indent0">Weiter an die Mauer, Mauer.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte -zufällig in den Kirchhof hinein und erschrak, als sie -ein offenes Grab entdeckte. Da kam ihr der Gedanke, -den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte -sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, -daß sie keine Zeit gehabt hatte, beide Mantelärmel -anzuziehen; denn er zog so stark, daß der Mantel an -der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte, -entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -sah, war, daß er sich, mit dem Mantelfetzen in der -Hand, in das offene Grab warf, worauf die Erde von -beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.</p> - -<p>Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von -Mörkaa herauskamen und sie holten, denn ihr war -bei alledem so angst geworden, daß sie weder zu -gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie -konnte sich wohl denken, daß sie hier mit dem Geist -des Küsters zu tun hatte, obgleich sie vorher keine -Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt -sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten -von Mörkaa kam, die ihr die ganze Geschichte von -dem Tode des Küsters erzählten, während sie ihnen -dagegen von ihrem Ritt berichtete.</p> - -<p>In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und -die Lichter gelöscht waren, kam der Küster und stürmte -mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, daß die Leute -aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in -dieser Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach -konnte sie nie allein sein, und jede Nacht mußte jemand -bei ihr wachen. Ja, einige sagen sogar, daß der -Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und -im Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein -Zauberer westlich vom Skagefjord geholt. Als er kam, -ließ er einen großen Stein, der oberhalb des Heimackers -lag, ausgraben und ihn an den Giebel des -Schlafhauses wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, -kam der Küster und wollte in das Haus hinein, -der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel,<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> -zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die -Erde und wälzte dann den Stein über ihn; und dort -soll der Küster heute noch liegen.</p> - -<p>Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, -und Gudrun erholte sich wieder. Etwas später zog -sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, daß -sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen -war.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«, -Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält, -aussprechen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die -Kirche gebracht werden.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Sigurd_und_das_Gespenst">Sigurd und das Gespenst</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn -hatte, der Sigurd hieß. Allen Leuten kam es so vor, -als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; wenig -beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, -daß kein Auskommen mit ihm war.</p> - -<p>Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen -Sigurd, der den Bauern bat, den Winter über dort -bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu erhielt. Der -Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe -spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so -gute Freunde, daß der Bauernsohn sich nicht gern -woanders aufhielt als bei dem Fremden.</p> - -<p>Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der -Wintergast wieder fort. Nachdem er das Haus verlassen -hatte, langweilte sich der Bauernsohn überall, -so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog -er hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof, -zog von Ortschaft zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel -und fragte überall nach seinem Namensvetter Sigurd. -Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch nach -seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas -von ihm, so viel aber erzählte man ihm doch, daß -kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß, angekommen -wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege. -Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und -daß er gerade in den Sarg gelegt worden wäre. Er bat,<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span> -dort hingehen zu dürfen, und nachdem er die Erlaubnis -dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht -über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd -aus dem Sarg, ging hinaus und blieb lange fort. -Sigurd, der Bauernsohn, aber saß unterdessen am -Sarg.</p> - -<p>Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof -jüngst ein Kind geboren hatte. Gegen Morgen kam -das Gespenst wieder und wollte in den Sarg. Der -Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht -erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem -Geld gespielt,« sagte das Gespenst. »Und jetzt will -ich wieder in meinen Sarg,« fuhr es fort. »Nicht, ehe -du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd. »Das -wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann -kommst du auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd. -Da erzählte das Gespenst, daß es unter der Ecke in -der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte Sigurd. -»Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du -weiter nichts vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete -das Gespenst. »Du hast sicher noch mehr ausgefressen,« -sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher in -den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die -Pfarrersfrau getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast -du das getan?« fragte Sigurd. »Ich wollte ihr Freund -sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst, »sie aber -wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?« -fragte Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr -war, in den kleinen Finger hineingestrichen,« erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -das Gespenst. »Kann sie nicht wieder zum -Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete -das Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um -den kleinen Finger gebunden habe, so behutsam gelöst -wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will ich in -den Sarg hinein,« sagte das Gespenst.</p> - -<p>»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus -dem Sarge zu steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will -in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst. »Versprich -mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende vom -Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus -seinem Sarg aufzustehen. Es legte sich nun in den -Sarg, und dieser schloß sich wieder.</p> - -<p>Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die -Leute in großer Trauer an. Er fragte, was ihnen fehle, -und sie erzählten ihm, daß die Frau des Pfarrers in -der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie -sehen zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er -löste die Schnur an dem kleinen Finger der Pfarrersfrau -und strich ihren ganzen Körper, bis sie allmählich -wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von -seinem Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das -Geld, um die Wahrheit seines Berichts zu beweisen. -Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer gehalten, -der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird, -einen sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll, -und es wird erzählt, daß Sigurd sich von diesem Tage -an immer gut führte.</p> - -<p>Und so endet diese Erzählung.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_mutige_Bursch">Der mutige Bursch</h2> -</div> - -<p class="noind">Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich -aus nichts etwas machte. Seine Nächsten, ob es nun -seine Eltern oder Anverwandten waren, waren darüber -voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten, -sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen. -Als sie ihn ganz aufgegeben hatten, brachten sie ihn -beim Pfarrer unter, den sie von allen für am besten -geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen -und seinen Mut zu zähmen.</p> - -<p>Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte -sich bald dasselbe, daß es nichts gab, wovor er sich -fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen mochte. Der -Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig -Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei -denen er vorher gewesen war. So verging nun einige -Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer, und dieser gab -sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise in -Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal -im Winter waren drei Leichen, die beerdigt werden -sollten, in die Kirche gebracht worden; weil sie aber -so spät am Tage ankamen, wurden sie in die Kirche -gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden. -Es war in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die -Leichen nicht in Särgen beerdigt wurden, und so kam -es, daß diese Leichen nur die Totenkleider anhatten. -Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den -Kirchenstühlen vorn in der Kirche legen, nebeneinander, -jedoch mit einem kleinen Zwischenraum zwischen -je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer zu -dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für -mich in die Kirche hinüber, mein Junge, und hole -mir das Buch, das auf dem Altar liegt.« Der Bursch -gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch -wenn er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber, -schloß die Tür auf und wollte den Mittelgang -hinaufgehen. Als er ein kleines Stück von der Tür -entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den -Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken, -tastete mit den Händen um sich und merkte dann, -daß er über eine Leiche gefallen war, die er nahm und -zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte. -Er ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal -über eine Leiche. Er verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise -wie mit der ersten. Dann ging er weiter vorwärts, -stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden -andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf. -Dann ging er zum Altar, nahm das Buch, und nachdem -er die Kirche wieder zugeschlossen hatte, brachte -er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und -fragte, ob er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete: -»Nein,« und zeigte keinerlei Veränderung. -Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts von den -Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch -erwiderte: »Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt;<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -ich wußte nicht recht, was der Herr Pfarrer -meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,« -sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es -ist nicht der Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast -du denn gemacht, um durch die Kirche zu kommen?« -fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden aufgehoben -und zwischen die Kirchenstühle geworfen, -und da liegen sie noch.« Der Pfarrer schüttelte den -Kopf und sprach nicht mehr mit ihm über diese Sache. -Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der -Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort; -ich will dich in meinem Hause nicht länger haben, da -du so rücksichtslos bist, daß du dich nicht schämst, -die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch -antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den -Leuten auf dem Hof dann Lebewohl.</p> - -<p>Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen -Fleck hatte, auf den er seinen Kopf legen konnte. Auf -einem Hof aber, auf dem er die Nacht über blieb, -hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben sei. -Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte -auf Skalholt zu. Als er dorthin kam, begann der Tag -auf die Neige zu gehen, und deshalb bat er um Obdach -für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß -es ihm gern vergönnt werde, er müsse aber selber für -seine Sicherheit sorgen. Er fragte, ob es etwas Böses -mitbringe, wenn er dort bleibe, und was es verursache. -Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse -nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span> -es kein Mensch aushalten könne, zu Hause zu bleiben, -wegen lauter Spuks, sobald es zu dunkeln beginne, -und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute -von dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,« -sagte der Bursch. Die Leute des Hofes baten ihn jedoch, -nicht so zu reden; denn es wäre wahrhaftig -kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde, -begannen die Leute allmählich, den Hof zu verlassen, -und schweren Herzens sagten sie dem Burschen Lebewohl; -denn sie erwarteten nicht, ihn wiederzusehen. -Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter -Laune. Dann ging er im Hause umher und sah sich -um. Der letzte Ort, an den er kam, war die Küche. -Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine Menge -feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und -alles, was er sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch -hatte lange kein Dörrfleisch gesehen, und er fing an, -Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß hier -solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht, -um den Geist umso besser sehen zu können, und er -entschloß sich deshalb, Feuer anzuzünden, und dann -zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit Wasser -über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und -legte ihn in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von -Spuk gemerkt. Als aber alles in den Topf getan war, -hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer Stimme -gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte: -»Warum sollst du nicht fallen?« Da fiel der ganze -oberste Teil eines Mannes durch den Schornstein herab,<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen -daran, und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem -Boden, ohne sich zu bewegen. Gleich darauf hörte -der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde: -»Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal: -»Warum sollst du nicht fallen?« Und durch den -Schornstein herab fiel der mittlere Teil eines Mannes -bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern -und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da -hörte der Bursch noch einmal, daß oben im Schornstein -gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete -wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt -doch etwas haben, worauf du stehen kannst!« Da -fielen die Füße eines Mannes herab; sie waren unerhört -groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen -waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen -eine Weile ruhig auf dem Boden. Als der Bursche -dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin und -sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen -ist, ist es wohl am besten, daß du anfängst -umherzuholpern.« Alle Klumpen schoben sich -zusammen und wurden zu einem furchtbar großen -Mann. Er sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern -ging aus der Küche hinaus und ins Vorderhaus. Der -Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging. -Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause -und trat an eine große Truhe. Diese öffnete er, und -der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große -Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -der Truhe, warf die Münzen über den Kopf und ließ -sie hinter sich herabfallen. In dieser Weise trieb er es -bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert hatte. -Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden -geschüttet hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise -über seinen Kopf wieder in die Truhe zurück.</p> - -<p>Der Bursch stand neben dem Gespenst, während -es das Geld hin- und zurückschaufelte, und sah, wie -es auf dem Fußboden umherrollte. Das Gespenst begab -sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder -in die Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen -das zusammen, was von dem Haufen herunter und -über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte -daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe, -und daß es sich deshalb so sehr wie möglich beeilen -wollte. Nun kam es so, daß das Gespenst alles Geld -wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte -der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte. -Der Bursch fand, es läge kein Grund dazu vor, sich -so sehr zu beeilen, das Gespenst aber sagte, das wäre -doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an -dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu -hindern, indem er es festhielt. Das ging aber nur so -lange, bis das Gespenst wütend wurde, den Burschen -packte und sagte, daß es nun nicht mehr -ratsam für ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen. -Der Bursch fing das Gespenst auf, merkte -aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen -würden und wich deshalb langsam zurück, indem<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -er versuchte, schweren Hieben auszuweichen und -das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie es -eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen -die Zimmertür wandte, die offen stand, wollte es -den Burschen an seine Brust heben, um ihn umso -stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch -sah deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich -schon denken, daß das zu seinem Tode führen würde. -Er griff deshalb zu einer List. Als das Gespenst die -erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang -er ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es -hintenüber und mit dem Rücken gerade auf die Türschwelle -fiel, während der Bursch beim Fallen obenauf -zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst -mit dem Kopf aus dem Zimmer herausflog und das -Licht, das mitten am Himmel stand, ihm in die Augen -fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die Erde hinab, -da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und -der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die -Stücke verschwunden waren. Obwohl der Bursch -etwas steif in den Gliedern und zerschunden von den -Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich -zwei Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden -stieß, wo die Teile versunken waren, das eine -außerhalb, das andere aber innerhalb der Zimmertür. -Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute -des Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter -Tag war.</p> - -<p>Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -Gesichter, daß sie ihn am Leben sahen, als am -vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen, und sie -fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht -gemerkt hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen -Spuk gemerkt hätte. Die Leute wollten ihm nicht -glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen.</p> - -<p>Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er -war sehr mitgenommen von seinem Kampf mit dem -Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes um -alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand, -ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß -sie Anstalt machten fortzugehen, versuchte er auf jede -erdenkliche Weise, sie zu überreden, im Hause zu -bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden -zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die -Leute glaubten ihm nicht und gingen fort wie am -Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen Überredungen -und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie -keine Furcht hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den -Hof verlassen hatten, ging der Bursch zu Bett, ruhte -sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag. Morgens -kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und -fragten ihn nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß -er nichts davon gemerkt hätte, und fand, daß sie nicht -mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu haben.</p> - -<p>Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen -Nacht passiert war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am -Boden, wo die Körperteile versunken waren, und -führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem Burschen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten, -baten ihn zu verlangen, was er sich von ihnen -wünschen mochte, als Entgelt für die Hilfe, die er -ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld oder Gut -haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben -solle, so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen -für ihr freundliches Anerbieten, er brauche aber weder -Reichtum, noch sonst irgend etwas, sagte er, auch -wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen. -Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in -dieser Nacht schliefen alle Leute zu Hause auf dem -Hof, und weder diesmal noch später merkten sie etwas -von Spuk. Morgens machte sich der Bursch bereit, -von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn -zwar keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er -wollte fort. Er sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu -tun hätte, da die Leute ja auf dem Hof bleiben könnten. -Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den Willen -der Leute, und steuerte nordwärts.</p> - -<p>Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem -Weg, bis er eines schönen Tages an eine Höhle kam. -Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen entdecken, -in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf -Betten, die einander gegenüber, sechs in einer Reihe, -aufgestellt waren. Alle Betten waren ungemacht, und -da der Tag noch nicht um war, so daß er nicht erwarten -konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause -kommen würden, begann er, alle Betten zu machen. -Als er damit fertig war, legte er sich in das Bett, das<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -zu äußerst an der einen Seite der Höhle stand, wickelte -die Decke sorgfältig um sich und schlief ein. Nach -einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der -Höhle umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen -gekommen waren, die sich darüber wunderten, wer -wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die -Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu -machen; er hätte dafür ehrlichen Dank verdient, sagten -sie. Nachdem sie, wie ihm schien, zu Abend gegessen -hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer -des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte -er den Burschen. Die Höhlenbewohner dankten -ihm für seine Handreichung, die ihnen so gut zustatten -gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu -bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein; -denn sie selbst hätten nicht viel Zeit, sie müßten die -Höhle bei Sonnenaufgang verlassen, da sonst ihre -Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus diesem -Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen.</p> - -<p>Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme -und einige Zeit bei ihnen bleiben wolle. Er fragte sie -dann, wie es denn käme, daß sie jeden Tag einen so -schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein Ende -nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer -Feinde wären, mit denen sie schon früher häufig in heftigem -Streit gelegen hätten, und die stets im Kampf -unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie immer noch -jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> -immer so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen -und jedesmal wilder und ungestümer wären -als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch ihre -Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie -nicht bei Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend -wären. Dann gingen sie zu Bett und schliefen -bis zum nächsten Morgen.</p> - -<p>Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner, -bis zu den Zähnen bewaffnet, fort, baten aber -erst den Burschen, sich der Höhle und der Hausarbeit -anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe -des Tages ging der Bursch in einen Nußbaumwald, -der in der Richtung lag, in der er sie hatte verschwinden -sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um zu -erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz -entdeckt hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein. -Zunächst machte er die Betten der Höhlenbewohner, -fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu tun war. -Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends -nach Hause zurück und waren erfreut, als sie sahen, -daß der Bursch die ganze Wirtschaft besorgt hatte, so -daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten als zu essen -und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen, -worauf alle einschliefen, außer dem Burschen.</p> - -<p>Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber -erhalten könnte, daß die Höhlenbewohner nachts -umgingen. Als er glaubte, daß alle seine neuen Genossen -in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte -unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -nahm sie mit. Dann wanderte er nach dem Kampfplatz -und erreichte ihn kurz nach Mitternacht. Da war -nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren abgeschlagenen -Köpfen. Dort blieb er eine Weile.</p> - -<p>Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes -einen Hügel sich öffnen, aus dem ein Weib -herauskam; es war mit einem blauen Mantel bekleidet -und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie -schnurstracks auf das Schlachtfeld gehen, zu einem -der Gefallenen, und etwas von dem Inhalt des Topfes -auf das Stück des Halses streichen, das an dem Oberkörper -des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf -saß, und darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da -saß er sofort fest, und der Tote lebte wieder auf. Dieselben -Künste wandte sie bei noch zwei oder drei andern -an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt -wurden. Da sprang der Bursch auf die Alte zu -und gab ihr den Todesstreich; denn jetzt konnte er -allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der -Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann -brachte er diejenigen, die sie ins Leben zurückgerufen -hatte, um. Als das geschehen war, ging er selbst hin -und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen -auf dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr -gelungen war; er strich etwas von dem Inhalt des -Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm ebensogut -wie vorhin.</p> - -<p>Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd -wieder aufleben zu lassen und die wieder<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -umzubringen, die er ins Leben gerufen hatte, bis die -Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von der -Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute -geworden, weil er verschwunden war und einige -Waffen mit ihm; als sie aber auf die Walstatt kamen -und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen die -Sache eine günstige Wendung genommen zu haben. -Die Höhlenbewohner freuten sich, den Burschen zu -sehen, und fragten, wie er darauf verfallen wäre, dort -hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich alles zugetragen -hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt -hatte, die Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen -den Salbentopf, nahm einen der Gefallenen, bestrich -ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da lebte er bald wieder -auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot.</p> - -<p>Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen -und schönen Worten für den bewiesenen Mut; sie -baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange er Lust hätte, -und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen -geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche -Anerbieten und sagte, daß er es gern annähme, bei -ihnen zu bleiben. Nach alledem waren die Höhlenbewohner -so vergnügt und froh über den Burschen, -daß sie allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen -zu probieren, wie es wäre zu sterben, da -sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen könnten. -Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde -und lebten sofort wieder auf. Das ging nun zum großen -Gaudium für sie eine ganze Weile so.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p> - -<p>Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen -worden war und sie ihn mit Hilfe der Salbe wieder -an den Rumpf hatten anwachsen lassen, war das -Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach -vorn. Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der -Kopf verkehrt herum saß, wurde er wie rasend vor -Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen von diesen -Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort -herzu, hieben den Kopf von neuem ab und setzten -ihn richtig auf den Körper. Da erlangte er seinen Verstand -wieder und war seitdem genau so mutig, wie er -früher immer gewesen war.</p> - -<p>Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper, -nahmen ihnen die Waffen fort und verbrannten sie mit -dem Huldreweib zusammen, das mit dem Salbentopf -aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in -den Hügel hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert -da war und schleppten es mit nach Hause in ihre -Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen, von -dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr -über ihn.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Sage_von_Jon_Asmundsson">Die Sage von Jon Asmundsson</h2> -</div> - -<p class="noind">Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord, -und der Mann hieß Asmund. Sie hatten -viele Kinder, die alle noch klein waren. Es wird nicht -gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste -Junge Jon hieß. Es war damals eine schwere Zeit im -Lande. Der Bauer Asmund mußte von Haus und Hof -gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe -verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten.</p> - -<p>Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der -Kristian hieß; er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn -zu sich, und bei ihm wuchs Jon auf. Jon war -ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen -Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig -und war sehr fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und -alle Leute auf dem Hofe hatten ihn gern.</p> - -<p>Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein -Handelsschiff nach Reykjavik kam. An Bord befand -sich ein ausländischer Kaufmann, aber wie er hieß, -wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem -auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer -draußen auf dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das -Gespräch auf starke Männer. Der Kaufmann, der groß -und kräftig war, ging an eine Stelle, an der vier Sack -Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und -versprach dem Manne drei Mark Gold, der es ihm -gleich tun würde, es war aber niemand da, der sich auf<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span> -diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der Pfarrer -nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon -Asmundsson, was der Kaufmann versprochen hatte, -und bat ihn zu versuchen, was er konnte. Jon machte -nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen -würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß -ein Mann gekommen sei, der das Geld verdienen -wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo die -Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf -die Schulter, trug sie auf dem Deck hin und her und -legte sie wieder auf dieselbe Stelle nieder. Der Kaufmann -verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und -bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun -bereit, das Schiff zu verlassen, während sie aber von -dem Kaufmann Abschied nahmen, bat dieser Jon, ihn -zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch versprach. -Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh -über den Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob -nichts geschehen sei.</p> - -<p>Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte -der Pfarrer Jon daran, daß er jenen besuchen wollte. -Da stattete Jon ihm seinen Besuch ab, und der Pfarrer -begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen -auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der -Pfarrer wollte mitgehen, der Kaufmann aber sagte, -daß sie nichts miteinander zu verhandeln hätten. Der -Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um eine Störung -bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und -das Ende war, daß er ihnen in die Kajüte folgte.<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Dort sagte der Kaufmann zu ihnen, daß sie noch nicht -miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer -würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon -ringen sollte, und bliebe er Sieger im Kampf, so sollte -er zehn Mark Gold bekommen. Dann nahmen sie -Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der -Kaufmann fort.</p> - -<p>Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter -fragte der Pfarrer einmal Jon, ob er sich dessen erinnere, -was ihm der Kaufmann beim Abschied gesagt -habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da -sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an -einen Ausweg zu denken; denn der Bursch, mit dem -der Kaufmann ihn ringen lassen wollte, wäre kein -richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten -Mohren, jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg -für ihn finden; sie müßten sich bereit halten, wenn -drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn -dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen. -Jon nahm sich diese Sache nicht weiter zu Herzen.</p> - -<p>Als genau drei Wochen des Sommers vergangen -waren, kam eines Tages ein Schiff vom Meere her und -segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer ging zu -Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn -mit einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm -einen Gürtel um den Leib; dann gab er ihm einen -kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel verbergen -sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken -könnte, den Griffen des Mohren zu widerstehen, daß<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> -dieser ihn im ersten Gang über den Kopf werfen würde, -er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon auf -die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den -Mohren auffordern, den lodenen Mantel, den er anhätte, -auszuziehen, inzwischen aber den Dolch zurechtlegen, -um ihn bei der Hand zu haben, wenn der -Mohr zum zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum -hatte das Schiff Anker geworfen, als ein Boot von -dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit -einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt -wurde. Der Pfarrer und Jon standen unten am Flutmesser. -Der Mohr rannte sofort auf Jon zu, packte ihn -und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder -auf die Füße. Da forderte er den Mohren auf, den -lodenen Mantel auszuziehen, damit sie sich im Ringkampf -messen könnten. Der Mohr tat das, inzwischen -aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der -Mohr zum zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu -und bohrte ihm den Dolch in den Leib. Der Ringkampf -zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und -der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes -Wams nicht die Stöße aufgefangen hätte. Das -Ende ihres Kampfes war, daß Jon den Mohren zu -Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an -das Schiff und begrüßte dort den Kaufmann. Der -Pfarrer sagte, daß Jon nun das Geld verdient hätte, -da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben -sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und -sagte, daß sie eine Hinterlist gebraucht, aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -Mut und Beherztheit gezeigt hätten. Der Pfarrer erwiderte, -daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich -stände, denn es wäre kein richtiger Mensch, den der -Kaufmann zum Ringkampf geschickt hätte. Schließlich -aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem er -Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende -des Sommers, das Land wieder verlasse.</p> - -<p>Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln -wollte; da erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der -Kaufmann einen Besuch von ihm verlangt hätte, und -sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei ihrer -Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem -Schiff hinaus und begrüßten den Kaufmann, der den -Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm beiseite zu -gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber -folgte ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann, -daß es ihn nichts anginge, was Jon und er miteinander -zu besprechen hätten; darauf erwiderte der -Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu -stören, er wolle jedoch in der Nähe seines Mannes -sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß er im nächsten -Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an -dem Jon seine Kräfte messen solle; besiege er es, so -solle er fünfzehn Mark Gold bekommen. Dann trennten -sie sich. Der Sommer verging und ein gut Stück -vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach.</p> - -<p>Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die -Worte des Kaufmanns denke. Jon antwortete »Nein«; -der Pfarrer aber sagte, daß das Eintreffen des Kaufmanns<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -im nächsten Sommer nichts Besseres bringen -würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn -ein halber Monat des Sommers um wäre, das Hündchen -aber, an dem er gedächte Jon seine Kräfte messen -zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund, -weshalb sie versuchen müßten, sich irgendeine List -auszudenken. Jon bat den Pfarrer, sich diese für ihn -auszudenken.</p> - -<p>Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien -ein vom Meere kommendes Schiff. Der Pfarrer rief -Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe schwarzwollene -Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen -lassen. Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten, -ehe er es ihm wieder anzog. Dann reichte er -ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde geformt -und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück -Fleisch darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten -und zu versuchen, so an den Hund heranzukommen, -daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann aber sollte -er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen -sie an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen, -als der Hund ans Land gelassen wurde. Es -war ein großer Hund, und grimmig sah er aus. Jon -ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit -auf ihn zu und wollte ihn zerfleischen; das Wams aber -beschützte ihn, so daß er keinen Schaden davontrug. -Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich -aus und hielt das Fleischstück vor sich, und -schließlich kam es so, daß der Hund das Maul darüber<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller -Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten -nachließ, wie toll er sich auch gebärdete; des -Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht den geringsten -Schaden tun, und schließlich lag er tot auf -dem Platz. Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus -und begrüßten ihn. Er erwiderte ihren Gruß mürrisch -und war schwarz und geschwollen im Gesicht und verbarg -seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand. -Der Pfarrer sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient -habe, das ihm der Kaufmann im vorigen Sommer -zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann -aber fand, daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr -List als Tapferkeit gebraucht habe. Der Pfarrer aber -erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am schändlichsten -gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier -auf den Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann -das Geld, indem er ihn bat, bei ihm vorzusprechen, -ehe er diesen Sommer fortsegele.</p> - -<p>Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln -wollte, und der Pfarrer sagte zu Jon, daß er -sich an des Kaufmanns Worte erinnern müßte, daß er -aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren -hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser -Jon, mit ihm in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer -wollte folgen, der Kaufmann aber sagte, daß er es -unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der -Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und -daß er keinen Schritt gehen würde, ohne daß er, der<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -Pfarrer, ihn begleite. Da gab der Kaufmann nach, und -sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie dort -angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch -von einem Regal herunter, schlug es auf und nahm -ein loses Blatt heraus, das er schnell vor Jons Augen -hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der -Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen -Schimmer davon zu sehen, ohne daß der Kaufmann -es merkte. Dann legte der Kaufmann das Blatt wieder -an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im -nächsten Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre, -bringen solle, oder den Namen, ein Hasenfuß -zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber -das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen. -Dann nahmen sie Abschied voneinander, und -der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause zurück, der -Kaufmann aber stach sofort in See.</p> - -<p>Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig -war, sprach Pfarrer Kristian mit Jon und fragte ihn, -was er wohl zu dem Auftrag meine, den der Kaufmann -ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts -darüber denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, -was das für ein Blatt gewesen wäre, das der Kaufmann -ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete »Nein«. Da -sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei, -wenn er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus -des Teufels Handbuch gewesen; und nun hätte der -Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe zugedacht, es -aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er,<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -daß er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt -sei, und nur er würde Jon in dieser Angelegenheit -helfen können, des Teufels Handbuch ausfindig zu -machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon -sollte sich nun sofort bereit machen, sich nach der -Unterwelt zu begeben, um seinen Bruder zu besuchen, -und er müßte dort am ersten Wintertag hinkommen -und den Winter über da bleiben.</p> - -<p>Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und -als alles fertig war, gab ihm der Pfarrer einen Brief an -seinen Bruder mit und ein Garnknäuel, das ihm den -Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche -Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo -auf seinem Weg umzusehen, auch dürfte er den ganzen -Winter über in der Unterwelt kein einziges Wort -sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes -sein würde.</p> - -<p>Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das -Knäuel von sich, behielt aber das Ende des Fadens in -der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit vor ihm -her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen -war, an dem die Öffnung einer Höhle zu -sehen war; dort rollte das Knäuel in den Berg hinein, -und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und -uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die -Wanderung fortzusetzen, aber um so stärker zog das -Knäuel, und er ermannte sich dann wieder. So ging -er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da -erblickte er vor sich eine anmutige Ebene, über die<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -das Knäuel eine Zeitlang rollte, bis er in eine große -Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort hielt das -Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden -aufhob.</p> - -<p>Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen -trat heraus. Es war gut gekleidet, aber ohne jeden -Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die schönste -Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich -vor ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend -nahm. Auch nahm sie das Knäuel und ging mit beiden -ins Haus hinein. Nach einer kleinen Weile kam dasselbe -Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet, -das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand -wieder in das Haus hinein. Das erste Mädchen -aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn -durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein -kleiner Tisch, eine Bank, ein Stuhl und ein Bett standen; -dann ging sie fort, aber sogleich brachte sie ihm -Essen und deckte den Tisch.</p> - -<p>Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon -blieb lange dort und glaubte, daß es schon mitten im -Winter sei; er sah keinen anderen Menschen als dasselbe -junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und -ihm den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen -sie miteinander, und nie hörte er menschliche -Stimmen.</p> - -<p>Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer -und wohlgewachsener Mann zu ihm hereinkam. -Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer Kristians<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet; -er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in -seiner Stimme. Jon schwieg. Der Pfarrer fragte ihn, -ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten sei. Jon -aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut -daran getan, Jon, bei deinem Schweigen zu beharren; -denn aus diesem Grunde ist dein Auftrag gut gelungen, -und du wirst für deine Selbstbeherrschung -belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag, -und darum darfst du sprechen.« Darüber war Jon -sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er sich nun auf den -Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern -dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen, -wenn eine Woche des Sommers um wäre. Dann -gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut zu -hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber -nicht lange dauern, bis es der Eigentümer vermißte -und holte, wenn es erst in den Händen des Kaufmanns -wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder -die ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen -lassen, ehe er ihm das Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon, -seinem Bruder einen Gruß zu bringen, bot ihm darauf -Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf -den Weg bringen und ihm zeigen werde, wie er sich -nach Hause finden könne. Das Mädchen kam also -und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen, -das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte. -Sie gingen Hand in Hand miteinander, es wird aber -nicht erzählt, was sie zusammen sprachen, bis sie<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht -weiter gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das -Stück Weges, das noch übrig sei zu finden. Sie sagte, -daß sie scheiden müßten, wenn es auch ihrem -Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht -zusammenbleiben und Freude miteinander haben, -da er ja nicht in der Unterwelt leben könne und sie -nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht -verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir -das Kind senden; sollte es ein Junge werden, wenn -es sechs Jahre alt ist, wenn es aber ein Mädchen wird, -dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt davon -ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie -das gesagt hatte, reichte sie ihm das Knäuel, sagte -aber, daß er es nicht brauche, um den Weg zu finden, -er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten. -Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es -fiel ihnen schwer zu scheiden. Er ging nun den Weg, -den sie ihm gezeigt hatte; er war weder schwierig -noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie -und wo er zwischen den beiden Welten wanderte. -Gegen Ende der ersten Sommerwoche kam er in -Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude empfing -und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt -hätte, als Jon ihm den Gruß seines Bruders brachte -und ihm das Buch gab.</p> - -<p>Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen -ein, und der Pfarrer stattete ihm sogleich einen Besuch -ab; kühl aber waren die Grüße, die sie miteinander<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> -wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann, -daß ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein -großer Mangel an Lebensmitteln herrsche, weshalb -er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen; und -darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier -Tage war die ganze Ladung an Land gebracht. Als -das geschehen war, fuhren der Pfarrer und Jon zu dem -Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon sofort, -wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon -erwiderte, daß er ausgeführt sei. Darauf reichte der -Pfarrer dem Kaufmann an Jons Stelle das Buch; sehr -unangenehm aber war dieser überrascht, als er sah, -daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn -nun, das Geld auszuzahlen, das er Jon versprochen -habe, und das tat der Kaufmann auch. Dann boten -sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter; -kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See -sehr unruhig wurde; ihre Blicke fielen auf das Wasser, -wo das Schiff gelegen hatte, da aber war es verschwunden, -und später wurde es nie mehr gesehen.</p> - -<p>Nun war großer Reichtum im Pfarrhofe. Das -nächste halbe Jahr verging, und Jon blieb bei dem -Pfarrer. Immer war er den Leuten verschlossen vorgekommen, -jedoch nie so, wie nachdem er aus der -Unterwelt zurückgekehrt war. Da sprach einmal der -Pfarrer mit ihm darüber, was ihm fehle, und sagte, -daß er ahne, weshalb er so wortkarg umherginge; -weil ihm nämlich die Tochter seines Bruders da unten -in der Unterwelt so gut gefallen hätte. Jon aber erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -nichts darauf. Pfarrer Kristian hatte drei -Töchter, wie sie aber hießen, wird in dieser Sage nicht -erzählt. Der Pfarrer sagte, daß er Jon diejenige von -seinen Töchtern geben wolle, die er sich wünsche, -wenn sein Gemüt dadurch erheitert werden könne. -Jon wählte schließlich die jüngste Tochter zur Frau, -und der Pfarrer verheiratete sie miteinander. Er -schenkte den Eheleuten einen der besten Höfe in der -Nachbarschaft zum Bewohnen, und dorthin zogen -sie und schlugen ihr Heim auf. Sie lebten in Eintracht -miteinander und hatten Reichtum genug. Trotzdem -aber war Jon still und traurig.</p> - -<p>Nun vergingen viele Jahre, und die Eheleute bekamen -viele Kinder zusammen. Da klopfte es einmal -an der Tür zu Jons Hof, während alle Leute in der -Badstube waren. Der Bauer sandte einen seiner -Söhne, der damals sechs Jahre alt war, an die Tür. -Als der Knabe wieder hereinkam, erzählte er, daß -draußen ein wunderschönes, kleines Mädchen stände, -das ihn freundlich begrüßt und ihn gebeten hätte, -drin zu sagen, daß es mit seinem Vater sprechen -wolle. Bei diesen Worten huschte es wie ein Sonnenstrahl -über Jons Gesicht, er erhob sich sofort und -ging hinaus. Das kleine Mädchen küßte ihn und begrüßte -ihn mit dem Namen Vater, er aber empfing es -mit großer Herzlichkeit und Freude.</p> - -<p>Es erzählte, daß es von seiner Mutter, der Pfarrerstochter -aus der Unterwelt, geschickt sei, von der es -ihm einen liebevollen Gruß bringe. Jon führte es sogleich<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -zu seiner Frau, mit der er von der Herkunft -des Kindes sprach, und von der großen Verpflichtung, -die er ihm gegenüber hätte, und bat sie, wie eine -Mutter gegen es zu sein, wie für ihre anderen Kinder. -Da nahm es die Frau sehr liebevoll auf. Sigrid hieß -das kleine Mädchen; es war zwölf Jahre alt, als sich -dies ereignete. Es zeichnete sich vor den meisten -durch seine große Schönheit und allerlei andere Tugenden -aus. Als Sigrid drei Jahre bei ihrem Vater und -in dieser Zeit Gegenstand vieler Auszeichnung und -Liebe gewesen war, bat sie ihn einmal um die Erlaubnis, -ihre Mutter besuchen zu dürfen, was er ihr -auch freundlich gewährte, indem er sagte, daß sie bei -ihrer Mutter gern ein ganzes Jahr bleiben dürfe, wenn -sie wolle.</p> - -<p>In dem Jahre darauf kehrte Sigrid zu ihrem Vater -zurück, der sie ebenso liebevoll wie früher empfing.</p> - -<p>Sie überbrachte ihm den letzten Gruß ihrer Mutter, -die, wie sie erzählte, gestorben wäre, schon ehe sie die -Unterwelt verlassen hätte. Zugleich brachte sie auch -die Botschaft, daß Jon sie nur um einen Monat überleben -würde. Es schien, als ob Jon diese Botschaft -eher freute, als daß sie ihn betrübte, und nicht die -kleinste Veränderung war ihm dabei anzumerken.</p> - -<p>Jon traf nun feste Bestimmungen über seine Habe, -und in seinem letzten Willen setzte er seine Tochter -Sigrid als Erbin des Hofes ein, auf dem er wohnte, -und man merkte an allem, daß er sie am meisten von -seinen Kindern liebte; sie war aber auch eine Zierde<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -unter allen Frauen. Seiner Frau und ihren Kindern -gab er das ganze bewegliche Eigentum, und das war -ein großer Reichtum. Dann starb Jon, und viele beweinten -seinen Verlust.</p> - -<p>Ein paar Jahre später verheiratete sich Sigrid mit -einem tüchtigen Manne, und sie ließen sich auf ihrem -Hof, der der beste Hof in der ganzen Gegend war, -nieder. Immer wurde Sigrid als eine ausgezeichnete -Frau angesehen, und das Ehepaar lebte lange in großer -Liebe miteinander. Sie bekamen eine Menge Kinder, -und von ihnen stammt ein großes Geschlecht auf dem -Südlande ab.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Brueder">Die Brüder</h2> -</div> - -<p class="noind">In den Tälern wohnten zwei Brüder, Thord und Andreas, -die Söhne Andreas’, die, wie es den Leuten -schien, beide ein hitziges Gemüt hatten. Im Winter -1820 begaben sie sich nach Hjallasand, um dort Fische -zu fangen. Sie waren damals in die Zeit des Mannesalters -gelangt, waren aber immer noch unverheiratet. -Beide waren in Liebe zu demselben Mädchen entbrannt, -und dieser Umstand zerstörte das brüderliche -Verhältnis zwischen ihnen.</p> - -<p>Früh im Winter litt das Boot, in dem sich Andreas -befand, Schiffbruch, und er ging mit ihm unter. Nun -bekam sein Bruder freiere Hand für seine Werbung, -worüber er sehr froh war, und er besuchte das Mädchen -offener, als er es bisher getan hatte.</p> - -<p>Es verging einige Zeit, ohne daß etwas geschah. -Aber eines Abends ging Thord in der Dunkelheit -allein den Weg von Ingjaldshol entlang, und als er -nach Hjallasand, nicht weit von seiner Bude, Storedumpa, -gekommen war und gerade auf die Tür der -Bude zugehen wollte, sah er, daß ein Mann vom Boot -heraufkam, der ihm in den Weg treten wollte. Thord -eilte zur Tür, und da war ihm der andere gerade auf den -Fersen. Thord sah sich den Mann an und erkannte in -ihm seinen Bruder Andreas; er war entsetzt, stürmte -in die Bude hinein und auf den Boden hinauf, vergaß -aber, die Tür hinter sich zu schließen. Auf dem Boden<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span> -der Bude waren die Betten derart aufgestellt, daß an -dem einen Ende das Bett des Bauers Thomas stand, an -dem gegenüberliegenden Ende ein Bett für drei Fischer, -während Thords Bett mitten an der Seitenwand gegenüber -dem Aufgang stand. Als Thord auf den Boden -kam, war es dunkel, und die Leute schliefen in der -Finsternis. Der Bauer Thomas erwachte von ihren -Schritten. Thord setzte sich auf sein Bett, und gerade, -als er sich gesetzt hatte, hörte Thomas ihn sagen: -»Glaubst du, daß ich Furcht habe, dir in die Augen -zu sehen?« In demselben Augenblick aber entstand -ein furchtbarer Tumult, und Thord flog wie eine abgeschossene -Kugel nach dem Bett der Fischer hinüber, -über sie hinweg und an der Wand empor, und sie erwachten -von einem bösen Traum. Im Handumdrehen -aber riß das Gespenst Thord mit sich und zerrte ihn am -Fußboden entlang und die Leiter hinunter. Der Bauer -Thomas zündete Licht an und bat die Fischer, Thord, -dem es so schlecht erging, zu helfen, und sie liefen alle -mit ihm vom Boden hinunter. Da floh das Gespenst, -Thord aber lag wie tot unten im Gang und schwamm -in seinem Blut. Sie hoben ihn auf und trugen ihn auf -sein Bett, wachten die ganze Nacht bei ihm und pflegten -ihn mit großer Sorgfalt. Sein Körper war schlimm -zugerichtet, blau und geschwollen, und er kam vor der -Dämmerung des nächsten Morgens nicht zur Besinnung. -Er lag lange krank, erholte sich jedoch schließlich, -im Winter aber mußte jede Nacht Licht bei ihm brennen, -damit das Gespenst nicht wiederkommen sollte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p> - -<p>Im nächsten Winter nahmen ein paar Fischer in der -Bude bei Thomas in Dumpa Dienste. Einer von ihnen -hieß Sigurd Sigurdsson und stammte aus Bredevig im -Kreis Barderstran. Er war 21 Jahre alt und für einen -so jungen Mann groß von Wuchs und im Besitz guter -Kräfte. Er erhielt das Bett, das an dem einen Ende des -Bodens stand, und darin wurde noch einem Fischer -ein Platz angewiesen.</p> - -<p>Etwas später kam Thord Andreasson, und Thomas -bat dann Sigurd, ihn als Bettgenossen für den Winter -anzunehmen. Sigurd, der nicht wußte, was im vorigen -Winter geschehen war, erfüllte das Verlangen des -Bauern gern, und als sie zu Bett gingen, lag Sigurd -außen, Thord aber an der Wand. Als sie aber eingeschlafen -waren, träumte Sigurd, daß ein Mann mit erschreckendem -Äußeren zu ihm käme und sagte: »Ich -werde dich dafür belohnen, daß du vor meinem -Bruder liegst, so daß ich ihm nicht nahe kommen kann.« -»Was willst du von ihm?« fragte Sigurd. »Ich will -ihn ermorden,« sagte der andere, »Ach so,« sagte Sigurd, -»weiter willst du nichts von ihm?« Da schien -es Sigurd, als greife der andere ihn an; sie packten -einander, und das Ende war, daß der Angreifer fiel. -Sigurd erwachte und kroch dann auf allen Vieren auf -dem Fußboden vor dem Bett entlang.</p> - -<p>Die nächste Nacht träumte Sigurd genau dasselbe; -jedoch schien es ihm diesmal schwieriger als gestern -zu sein, das Gespenst zu überwältigen, und dieser -Kampf endete so, daß Sigurd davon erwachte, daß<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -seine Bettgenossen ihn dicht an der Bodenluke festhielten. -Sie hatten geglaubt, daß er im Schlaf wandle -und wollten ihn daran verhindern.</p> - -<p>Die dritte Nacht träumte Sigurd, daß er am Boot -unten am Wasser stände, und daß derselbe Mann käme -und ihn mit großer Erbitterung überfiele; und lange -rangen sie miteinander, Sigurd aber trug doch schließlich -den Sieg davon; ihm träumte, daß er das Gespenst -erlegte, worauf er ein Schwert in die Hand nahm und -seinen Gegner damit in Stücke hieb. Und so hörte das -Gespenst mit seinen Angriffen auf.</p> - -<p>Sigurd blieb den Winter über in Dumpa und schlief -neben Thord, und nie träumte ihm nach dieser Zeit -von seinem Kampfgegner, der den ganzen Winter hindurch -seinem Bruder Thord keinerlei Schaden durch -sein Spuken zufügte.</p> - -<p>Viele Jahre später begegneten sich einmal Thord -und Sigurd und sprachen von dem Gespenst. Es hatte -Thord niemals mehr überfallen, seitdem Sigurd es besiegt -hatte. Thord überlebte seinen Bruder Andreas -um ungefähr 20 Jahre, nie aber gelangte er nach ihrer -Begegnung in der Bude wieder zu seinen alten Kräften. -Er ist später durch das Eis auf Hvidaa im Borgarfjord -eingebrochen und ertrunken. Er befand sich damals -auf einer Reise nach dem Südland, wohin er zum -Fischen zog, und führte drei Pferde mit Packung mit -sich, die alle mit ihm ertranken.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Ulfssee">Der Ulfssee</h2> -</div> - -<p class="noind">Gegen Süden, zwischen den Skagefjordstälern, liegt -ein fischreicher See, der der Ulfssee heißt und seinen -Namen auf folgende Weise erhalten hat:</p> - -<p>Auf Mällifellsaa wohnte einmal ein reicher Bauer. -Er hatte einen Sohn, mit Namen Gudmund, der in -jeder Weise ein hoffnungsvoller Jüngling war. Er hatte -gute Kräfte und war ein tüchtiger Ringer. Er war oft -draußen, um Vieh zu suchen, und jedesmal, wenn gesucht -wurde, war er Führer oder Bergkönig, wie die -Rangvellinger sagen.</p> - -<p>Einmal zog Gudmund mit mehreren Männern aus, -um entlaufene Schafe zu suchen. Während des Suchens -blieb er schließlich mit einem Jungen allein, und sie -kamen nach dem Ulfssee. Da entdeckten sie zwei -Lämmer, die sie zu verfolgen begannen. Der See war -zugefroren, und sie sahen, daß draußen auf dem Eis -ein Mann lag und angelte.</p> - -<p>Als Gudmund und sein Begleiter dem See näher -kamen, sprang der Fischer auf, ergriff ein Beil, das -neben ihm lag, nahm einen Anlauf und glitt auf Gudmund -zu. Kaum gewahrte das der Junge, als er Fersengeld -gab, Gudmund aber erwartete den Mann.</p> - -<p>Als dieser dicht vor Gudmund stand, hieb er mit -dem Beil nach ihm, Gudmund aber wich aus. Das Beil -fiel dem Friedlosen<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> aus der Hand, Gudmund fing es<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -auf, nahm einen Anlauf und glitt auf den See hinaus, -auf dem der andere ihn zu verfolgen begann. So trieben -sie es eine Weile, bis Gudmund eine passende Gelegenheit -fand. Er drehte sich um und gab dem Friedlosen -den Todesstreich; während dieser aber den Hieb -erhielt, rief er mit lauter Stimme nach Brand, Thorgils -und Olaf. Darauf ging Gudmund zu seinen Leuten -und erzählte ihnen das Geschehene. Sie gingen dann -in geschlossenen Haufen nach dem See, da aber war -der Tote verschwunden; sie sahen, daß er fortgebracht -worden war, denn die Blutspuren auf dem Eise wiesen -ans Land.</p> - -<p>Nach dieser Zeit blieb Gudmund zu Hause und -ging nie mehr aus, um Schafe zu suchen; denn er befürchtete, -daß die Friedlosen nach ihm auf der Lauer -lägen. Da geschah es einmal, spät im Sommer, daß -der Schäfer auf Mällifellsaa krank wurde und niemand -auf dem Hof war, der die Schafe sammeln konnte, -außer Gudmund. Er ging deshalb fort, konnte sie aber -nirgends finden. Er ging immer weiter, bis in die Heide, -aber auch dort fand er die Schafe nicht. Da fiel ein so -dichter Nebel, daß er nicht wußte, wo er war; trotzdem -ging er weiter, bis er eine große Herde Schafe -sah, und bei ihnen einen Mann.</p> - -<p>Dieser, ein Friedloser, griff Gudmund sofort an,<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> -und sie rangen so lange miteinander, bis Gudmund -seinen Gegner warf. Der Friedlose bat um Gnade und -versprach, ihn dafür gut zu belohnen. Gudmund fragte, -wer er sei, und wo er zu Hause wäre. Der Friedlose -erwiderte, daß er Olaf heiße und ein Bruder von dem -sei, den er auf dem See erschlagen hätte; Ulf aber -hätte der geheißen.</p> - -<p>»Wir sind sechs Brüder, und ich bin der jüngste -und kleinste von allen. Mein Vater wohnt auf einem -Hof, unweit von hier, und hat dich hergezaubert, denn -er will dich für den Totschlag an seinem Sohn belohnen; -auf dem Vorhof hat er ein Grab graben lassen, -und dich hat er als Gast dafür bestimmt. Wir haben -eine Schwester, die Sigrid heißt, und die unser Vater -am meisten liebt; sie kann dir die beste Hilfe leisten, -wenn sie dir eine Handreichung tun will. Mein Bruder -Brand ist hier in der Nähe, und wenn du ihn unter -deinen Fuß bekommen könntest, so daß du uns beiden -das Leben geschenkt hättest, dann würde sie dir -wohl Hilfe leisten, so gut sie es vermag.«</p> - -<p>Hierauf ließ Gudmund Olaf aufstehen, und dann -setzte er seinen Weg fort, bis er Brand traf. Sie rangen -miteinander, und es gelang Gudmund, Brand unter -sich zu bekommen. Da bat dieser um Gnade und versprach -ihm Hilfe, indem er ihm genau dasselbe sagte, -wie Olaf ihm vorher erzählt hatte.</p> - -<p>Gudmund ließ ihn dann aufstehen, ging nach dem -Hof und fand Sigrid draußen. Er brachte ihr den -Gruß der Brüder und fügte hinzu, daß sie sie bäten,<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span> -demjenigen zu helfen, der ihnen das Leben geschenkt -habe. Da führte ihn Sigrid nach dem Boden über dem -Stall und schenkte ihm einen Trunk Wein ein, der ihn -sehr stärkte. Darauf beschrieb sie ihm das Grab auf -dem Vorhof und gab ihm den Rat, sich von ihrem -Vater, wenn sie rängen, gegen es treiben zu lassen, -wenn er aber den Rand erreicht hätte, so sollte er -hinüberspringen und ihren Vater in das Grab fallen -lassen; töten sollte er ihn jedoch nicht. Sie sagte, daß -ihr Vater gerade schlafe, daß er aber bald erwachen -werde, dann solle er auf den Hof gehen und gegen -die Tür klopfen.</p> - -<p>Gudmund tat, wie sie sagte; als aber der Alte die -Schläge hörte, erhob er sich aus dem Bett und sagte: -»Jetzt ist Gudmund endlich gekommen, und jetzt soll -er zeigen, wozu er taugt.«</p> - -<p>Der Bauer lief hinaus, von gegenseitigem Begrüßen -aber war nicht die Rede, im Gegenteil, gleich fuhren -sie aufeinander los, und es wurde ein harter Kampf.</p> - -<p>Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die -Hälfte der Kräfte des Alten hatte; daher wehrte er -sich nur, griff aber nicht an. Der Alte wollte ihn nach -dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm -treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund -hinüber und wippte den Alten kopfüber hinein. -Sogleich kamen Sigrid und die beiden Brüder, mit -denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten -ihn, ihrem Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach, -es zu tun, wenn sie ihm von nun an keinen<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span> -Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte -hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und -nun dankte er Gudmund für sein Leben und lud ihn -ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er nicht wissen -könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der -Sache abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen. -Dann wurde Gudmund als Gast bewirtet, abends aber -in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die -älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund -in dem Grabe zu Gaste wäre. Der Alte erzählte, wie -alles zugegangen war. Darüber aber wurden sie rasend -und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging -dann vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten -müßten, wenn sie das Gastrecht brechen und Gudmund -umbringen wollten. Hierauf besänftigten sie -sich und gingen zu Bett.</p> - -<p>Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund -vor und gebot ihnen, ihm nichts Böses anzutun. -Gudmund blieb den Winter über dort; ihm gefiel Sigrid, -denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich -von Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren -Brüdern messen konnte. Sie und Gudmund wurden -gute Freunde.</p> - -<p>Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid, -die ein Kind erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte -versuchte nicht, sie davon abzuhalten, und Gudmund -zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast, bis er -nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren, -ihn wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> -geglaubt hatten. Er heiratete Sigrid, und sie wohnten -lange auf Mällifellsaa, und sie wurde für eine ausgezeichnete -und hochgesinnte Frau gehalten.</p> - -<p>Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters -fanden die Brüder den Aufenthalt droben in der Wildnis -öde und langweilig, und darum zogen sie gleichfalls -mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden. -Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord, -und alle genossen sie Ansehen als tüchtige und -brave Männer.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher, -die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis -geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine -von der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse -bildeten.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Der_Suedfahrer-Asmund">Der Südfahrer-Asmund</h2> -</div> - -<p class="noind">Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte -aus dem Skagefjord. Ein flinker Mann war er und -tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser Erzählung -war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog -Asmund südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine -Genossen folgten ihm. Sie verbrachten die Nacht auf -Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am nächsten -Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In -der Nacht aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit, -und seine Begleiter warteten den Tag über auf -ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen sollten, er -würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund -aber blieb zurück.</p> - -<p>Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen -gesund, und darum brach er auf. Es war schönes Wetter; -als er aber nach Süden kam und mitten auf der Heide -war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund -sah nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er -das merkte, nahm er die Bündel von seinen Pferden -und grub sich in eine Schneewehe ein und benutzte -seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde -koppelte er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte, -in die er an der Leeseite ein Loch gegraben hatte, -um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann -holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen. -Aber gerade als er seine Mahlzeit begonnen hatte,<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -kam ein torfbrauner Hund an das Loch in der Schneehütte -und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr -bissig und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen, -den Asmund schluckte, noch grimmiger. Der Hund -begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen -Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor -und gab ihn ihm. Der Hund nahm den Knochen und -lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem Weilchen aber -kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür -der Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte -ihm für sein Hündchen.</p> - -<p>»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte -der Fremde. »So nennt man mich,« antwortete Asmund. -»Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen zu wählen,« -sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das -Unwetter beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn -das sollst du wissen, daß ich es bin, der das Unwetter -heraufbeschworen hat, und ich bin daran schuld, daß -du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen, -weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann -kenne als dich.« Asmund wurde es heiß um die Ohren, -und er begriff, daß hier nur eins zu tun war, ob es -ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber -mit ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe -lassen wollte.</p> - -<p>»So komm mit,« sagte der Mann. Asmund brach -nun mit ihm auf; das Schneetreiben hatte aufgehört, -und es war schönes Wetter geworden. Der Mann -ging voraus, Asmund aber folgte ihm mit den Pferden.<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> -Welchen Weg er ging, wußte er nicht, so irregeführt -worden war er. Als sie eine Zeitlang geradeaus gewandert -waren, kamen sie in ein kleines Tal. Ein Bach lief -mitten durch das Tal, und Asmund war erstaunt, daß -die Erde auf der einen Seite des Baches rot war, während -auf der anderen Seite jedes Fleckchen weiß vom -Schnee war. Auf jeder Seite des Baches sah er einen -Hof Sie gingen nach dem Haus, das auf der zugeschneiten -Seite lag. Der Alte nahm die Pferde, zog sie -in den Stall und fütterte sie. Dann führte er Asmund -in das Haus und in die Badstube. Hier erblickte Asmund -ein altes Weib und ein junges, ziemlich hübsches -Mädchen, andere Leute aber sah er nicht. Nachdem -er sie begrüßt hatte, wies ihm der Alte einen Sitzplatz -an. Als aber eine kleine Weile verstrichen war, gingen -sie hinaus, der Alte und das Mädchen, und Asmund -und das Weib blieben allein zurück. Die Alte saß die -ganze Zeit da und murmelte leise vor sich hin: -»Es ist ein rechter Jammer, – ohne Tabak zu sein.« -Asmund holte ein Stück Tabak aus der Tasche und -warf es der Alten zu. Sie fing es auf und freute sich -über das Geschenk.</p> - -<p>Dann kamen sie herein, der Alte und das Mädchen, -und sie brachten Asmund etwas zu essen. Asmund -aß, und der Alte stand die ganze Zeit bei ihm und -war sehr vergnügt. Als Asmund gegessen hatte, ging -das Mädchen wieder hinaus, von dem alten Mann gefolgt. -Jetzt glaubte Asmund, daß sie beratschlagten, -wie sie ihn umbringen könnten. Bald darauf kam der<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> -Alte zurück und bat Asmund, sich zur Ruhe zu begeben. -Das wollte er gern, und der Alte führte ihn -in eine Kammer, in der ein aufgedecktes Bett stand. -Der Alte wünschte ihm Gute Nacht und ging, das -Mädchen aber zog Asmund die nassen Kleider aus. -Als sie seine Strümpfe und Schuhe nahm, um sie wegzutragen, -bat er sie, das nicht zu tun, denn er fürchtete, -es könnte Verrat dahinter stecken. Das Mädchen sagte, -daß keine Gefahr damit verbunden sei, denn es wolle -ihm niemand etwas Böses zufügen. Darauf ging sie -und bot Asmund mit einem Kuß Gute Nacht.</p> - -<p>Asmund erschien die Behandlung, die er im Hause -des Friedlosen genoß, sonderbar, und er war nicht -ganz frei davon, ein gewisses Gefallen an dem Kusse -des Mädchens zu finden. Er schlief bald ein und -wachte wieder davon auf, daß der Alte neben ihm -stand.</p> - -<p>Es war hellichter Tag. Der Alte wünschte ihm -Guten Morgen und sagte, er wolle ihn jetzt um die -Sache bitten, um derentwegen er ihn hergeholt hätte. -»Die Sache verhält sich so,« sagte der Alte, »daß ich -vor zwanzig Jahren unten in der bewohnten Gegend -wohnte; dann bekam ich ein Kind mit meiner Schwester, -darum mußte ich flüchten und hierherziehen. Das alte -Weib, daß du gestern gesehen hast, ist meine Schwester, -das Kind aber, das wir zusammen bekamen, ist das -junge Mädchen, das dir beim Ausziehen behilflich -war, als du zu Bett gingst. Als ich hierherkam, waren -hier schon Friedlose, die in dem Hause wohnten, das<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -du gestern abend jenseits des Baches gesehen hast. -Es waren dieselben beiden Männer, die noch heute -auf dem Hof wohnen. Sie haben mir immer Feindschaft -bewiesen, stets aber habe ich mich ihrer erwehren -können, bis jetzt. Jetzt kann ich es nicht mehr, und -nun muß ich ihrer Übermacht unterliegen, weil sie -den ganzen Schnee, der ins Tal fällt, auf meine Seite -des Baches fallen lassen. Es ist meine Gewohnheit gewesen, -meine Schafe auf ihrem Land, jenseits des -Baches, grasen zu lassen, nun aber bin ich nicht mehr -Manns genug, das zu tun. Ich will dich darum bitten, -heute sogleich mit meinen Schafen über den Bach zu -gehen und sie dort zu hüten. Ich weiß, daß du ein -mutiger Mann bist, aber das hast du auch nötig, denn -meine beiden Feinde werden kommen, in der Vermutung, -daß ich bei der Herde bin. Du sollst meinen -torfbraunen Hund bei dir haben, und der wird dir -eine gute Hilfe sein.«</p> - -<p>Asmund verließ das Bett und ging mit den Schafen -fort, der Alte aber gab ihm seinen Mantel zum Umhängen -und ein Beil, damit er sich seiner Haut wehren -könnte. Sobald Asmund über den Bach gekommen -war, liefen die Friedlosen auf ihn zu und sagten: -»Jetzt ist er des Todes!« Denn sie glaubten, der Alte -sei bei seinen Schafen. Als sie sich aber Asmund -näherten,sagten sie: »Es ist ein anderer, als wir dachten,« -worauf sie auf Asmund einsprangen und ihn angriffen. -Asmund hetzte den Braunen auf den einen von ihnen, -griff aber selber den andern an. Der Braune zerriß<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -seinen Gegner und lief dann gegen den andern an, -und so besiegten sie ihn im Verein, Asmund und der -Hund. Asmund blieb bis zum Abend bei den Schafen, -dann ging er nach Hause und traf dort den Alten an. -Der empfing Asmund gut und dankte ihm herzlich -für sein Tagewerk. Er hätte ihm zugesehen, als er dabei -gewesen wäre, die Friedlosen zu töten, erzählte er.</p> - -<p>Am folgenden Tage gingen Asmund und der Alte -über den Bach nach dem anderen Hof, der ein guter -und geräumiger Ort zum Bewohnen war. Keinen -Menschen trafen sie an, nur eine Menge Vieh. Sie -untersuchten nun das ganze Haus. Da stießen sie auf -eine Tür, die sie nicht zu öffnen vermochten. Asmund -warf sich gegen sie und sprengte sie. Sie führte -in eine kleine Nebenkammer, in der sie eine anmutige -und schöne Magd fanden. Sie war mit den Haaren -an einen Balken festgebunden und war sehr blaß und -mager. Asmund befreite sie und fragte, wo sie her sei. -Sie erzählte, daß sie eine Bauerntochter vom Oefjord -wäre, und daß die Friedlosen sie geraubt hätten. Sie -hätten sie zwingen wollen, einen von ihnen zu heiraten, -sagte sie. Da sie das aber nicht wollte, so hätten sie sie -hier festgebunden und gemeint, auf diese Weise würden -sie sie schon gefügig machen, einen von ihnen -zu nehmen. Asmund erzählte ihr dann, wie die Sache -nun stände, und daß sie in den Händen guter Menschen -sei; sie aber freute sich, alle Gefahr überstanden -zu haben.</p> - -<p>Sie brachten nun alles von der Hütte des Alten<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -herüber nach diesem Hof und blieben hier den Winter -über. Asmund gefielen der Alte und die Mädchen, -besonders jedoch die Tochter des Alten. Sie lernte -verschiedene Kunstfertigkeiten von dem Mädchen -vom Oefjord. Im Frühjahr sagte der Alte zu Asmund, -er solle nun nach seiner Heimat ziehen; im Herbst -aber solle er in das Tal zurückkehren, denn dann würde -er gestorben sein, sagte er. Dann wollte er ihn bitten, -sich seiner Tochter und seiner Schwester anzunehmen, -wenn sie noch am Leben sei, und auch des Mädchens -aus dem Oefjord. Alles, was er hier an Geldeswert -finden könne, solle seine Mitgift sein, sagte er. Darauf -begab sich Asmund nordwärts nach dem Skagefjord. -Die Leute sahen ihn an, als wäre er vom Tode wiederauferstanden; -wo er aber den Winter verbracht hatte, -das erzählte er niemandem.</p> - -<p>Im Herbst zog er wieder aus und kam zu den Mädchen -im Tal. Sie freuten sich sehr über sein Kommen, -denn die beiden Alten waren entschlafen, und die -Mädchen hatten sie unter einem Hügel am Abhang -begraben. Asmund blieb den Winter über bei ihnen. -Aber im Frühjahr zog er mit der ganzen beweglichen -Habe aus der Hütte fort, nach dem Skagefjord. Dort -ließ er sich nieder und heiratete die Tochter des Alten, -das Oefjordmädchen aber verheiratete er mit einem -Manne aus der Umgegend.</p> - -<p>Und hier endet die Erzählung vom Südfahrer-Asmund.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Zauberer_auf_den_Westmaendsinseln">Die Zauberer auf den Westmändsinseln</h2> -</div> - -<p class="noind">Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn -Zauberer zusammen und schlossen miteinander -ein Bündnis. Sie zogen nach den Westmändsinseln und -wollten sich gegen den Tod wehren, solange es irgend -ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen, -daß die Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte, -wollten sie gern wissen, ob noch ein Mensch am Leben -wäre. Sie einigten sich deshalb, einen ihrer Kameraden -ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in -ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren -war. Sie brachten ihn ans Land und sagten, daß -sie ihm, wenn er nicht bis zur Julzeit zurückgekommen -wäre, einen Sending<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> schicken würden, der ihn töten -sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents.</p> - -<p>Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit -herum. Aber nirgends sah er einen lebenden Menschen; -die Höfe standen offen, und darinnen lagen überall -Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der verschlossen -war. Er wunderte sich darüber, und es wurde -die Hoffnung in ihm erweckt, daß er hier Menschen -antreffen würde. Er klopfte an die Tür, und sogleich -kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm. Er -begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals -und weinte vor Freude, wieder einen Menschen zu<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span> -sehen; denn sie hätte geglaubt, sagte sie, daß sie das -einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat ihn, bei -ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen -in das Haus und hatten vieles miteinander zu -besprechen. Sie fragte, wo er herkäme, und wo er hinwollte. -Das erzählte er ihr und zugleich, daß er bis -zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei -ihr zu bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid, -und er versprach ihr denn auch zu bleiben. Sie erzählte -ihm, daß alle Menschen gestorben seien; denn -sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen, -eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem -lebenden Wesen zu begegnen.</p> - -<p>Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte -ans Heimwärtsziehen. Das Mädchen aber bat ihn zu -bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl nicht -so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er -bei ihr, die so allein und verlassen sei, geblieben wäre. -Er ließ sich überreden zu bleiben, und dann kam die -Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem, was sie auch sagte. -Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und sagte: -»Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen -kannst? Oder scheint es dir nicht ebensogut, -hier bei mir zu sterben, als an irgendeinem Ort unterwegs?«</p> - -<p>Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden -war und entschloß sich, ruhig zu bleiben, wo er war -und hier den Tod zu erwarten. Es ging auf die Nacht; -er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -keck und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte, -was die Inselbewohner jetzt trieben. Er sagte, daß sie -ihren Sending jetzt ans Land gebracht hätten, und daß -er heute kommen würde.</p> - -<p>Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er -aber legte sich in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er -jetzt anfinge, schläfrig zu werden, und daß das der -Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er ein. Das -Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal -ums andere, damit er sagen sollte, wo der Sending -der Inselbewohner nun sei. Aber je näher dieser kam, -desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt hatte, -daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so -fest, daß das Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte, -und es dauerte denn auch nicht mehr lange, bis sie -einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen -sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete -sich zu einer Menschengestalt. Das Mädchen -fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt entledigte sich -ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten; -»denn ich kann nicht über dich hinwegkommen,« -sagte sie. Das Mädchen sagte der Gestalt, daß sie ihr -dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen müsse. Die -Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen -erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden -könnte. Die Gestalt war damit einverstanden und -wurde nun so groß, daß sie das ganze Haus erfüllte. -Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern sehen, -wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -könnte eine Fliege werden, und in demselben Augenblick -verwandelte sie sich in eine Fliege und wollte -unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem -Manne hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade -in den Röhrenknochen eines Schafes, den das -Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte sich, -sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben.</p> - -<p>Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die -Tasche und weckte den Mann. Er wurde bald wach -und wunderte sich sehr, daß er noch am Leben sei. -Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er -antwortete, daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei, -das Mädchen aber sagte ihm dann, daß sie längst geahnt -hätte, daß das keine großen Zauberer auf der -Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und -sie verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit.</p> - -<p>Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann -wieder an, wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte, -was ihm denn nur fehle. Er sagte, daß sie jetzt auf der -Insel im Begriff wären, einen neuen Sending auszurüsten -und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen. -»Am Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es -nicht leicht, mich zu retten.« Das Mädchen sagte, daß -sie keine Angst davor habe, ehe sie es probiert hätte, -und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen der -Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres -sagte er, daß jetzt der Sending ins Land gekommen -sei. »Und schnell kommt er vorwärts, denn er hat eine<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte, daß er -ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat. -Sie kamen bald darauf nach einem Buschwald. Darin -blieb sie stehen und riß ein paar Büsche aus. Da stießen -sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen hob den -Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie -stiegen in die Erdhöhle hinab, in der es finster und -unheimlich war. Da war ein schwacher Docht in einem -Schädel, der in Menschenfett brannte. Auf einem -elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund, -der furchtbar anzusehen war. Seine Augen -waren wie Blut, und sein Aussehen war so greulich, -daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte -sagte: »Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du -herkommst, Pflegetochter. Es ist lange her, daß ich -dich gesehen habe, und was kann ich nun für dich -tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie -gekommen sei, von dem Manne, und von dem ersten -Sending. Der Alte bat sie, den Röhrenknochen sehen -zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte den -Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer. -Er drehte ihn nach allen Richtungen und betastete ihn -überall von außen. Dann sagte das Mädchen: »Hilf -nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt er schläfrig -zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending -bald hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen -aus dem Röhrenknochen, und sofort kam die Fliege -aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege und -sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> -den Inseln in Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte -ein starker Donnerschlag, die Fliege fuhr heraus -und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis -zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der -Erde lag. Sie nahm alle Sendinge von den Inseln in -Empfang, und der Mann war gerettet.</p> - -<p>Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und -nach Hause, das Mädchen und der Inselmann, und -gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof. Später wurden -sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten -sich und bevölkerten die Erde.</p> - -<p>Und so weiß ich nichts mehr von der Sage.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das -abgesandt wird, um jemanden zu töten.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Der_Sending">Der Sending</h2> -</div> - -<p class="noind">Eine Frau saß einmal bei ihrer Arbeit in der Badstube. -Außer ihr waren weiter keine Leute auf dem -Hof; denn der Bauer war wegen irgendeiner Besorgung -von zu Hause fortgegangen, und das Gesinde -war draußen beschäftigt. Da trat ein Junge in die -Badstube ein, klein von Wuchs, aber sehr feist. Er -fragte die Frau, wo der Bauer sei, sie beeilte sich jedoch -nicht, es zu sagen, denn der Junge gefiel ihr nicht. -Da fragte er nochmals nach dem Bauern, mit dem er, -wie er sagte, ein ernstes Wort zu reden habe, und er -könne nicht verweilen. Die Frau fragte ihn, was für -einen Auftrag er denn habe, und ob sie ihn nicht entgegennehmen -könne. Als der Junge hierauf »Nein« -erwiderte, sagte die Frau: »Ich glaube nicht, daß so -ein Pfropfen wie du viel unter den Händen meines -Mannes zu tun hat. Oder kannst du etwa größer -werden, als du jetzt bist?« Der Junge sagte, das könne -er schon. Sie bat ihn um eine Probe davon, sonst -glaube sie ihm nicht. Da wuchs der Junge allmählich, -bis er so groß wie ein Troll wurde und bis an die -Decke reichte. Die Frau sagte, daß man ihn kaum -dort einfange, wo man ihn hinsetze, und sie bat ihn, -nun wieder so zu werden, wie er vorher gewesen sei. -Das tat er. Da fragte ihn die Frau, ob er sich in demselben -Verhältnis klein wie groß machen könne und -wünschte, eine Probe zu sehen. Dazu sagte er ja, und<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -allmählich wurde er nun kleiner, bis er die Größe -eines Sperlings erreicht hatte. Da holte die Frau ein -kleines Fläschchen hervor und fragte ihn, ob er sich -so klein machen könne, daß er da hineinginge. Sofort -verwandelte er sich in eine Fliege und kroch in das -Fläschchen hinein; die Frau war nicht faul und spannte -ein Kalbshäutchen über die Flasche, und nun mußte -sich der Gesell damit abfinden, darin zu kauern.</p> - -<p>Als der Bauer nach Hause kam, gab ihm die Frau -die Flasche und erzählte ihm alles. Er freute sich über -die List seiner Frau, nahm die Flasche und ging mit -ihr fort; was aber aus ihr geworden ist, erfuhr später -niemand.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Eheteufel">Der Eheteufel</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf Geirmundstad im Skagefjord wohnte einmal ein -Ehepaar, das im Gemüt nicht übereinstimmte; man -erzählte allerdings, daß die Frau einem anderen Manne -gut sei, der das seinige tat, um das gute Verhältnis -zwischen ihr und ihrem Eheherrn zu stören. In dieser -Absicht verzauberte er einen Teufel dazu, die Gestalt -eines Hundes anzunehmen; er war von torfbrauner -Farbe, und er schickte ihn nach Geirmundstad, um -dort Eheteufel zu sein.</p> - -<p>Bei den Eheleuten auf Geirmundstad hielt sich eine -alte Frau auf; sie beobachtete, daß jedesmal, bevor -die Eheleute in Streit gerieten, ein torfbrauner Hund -in die Badstube trat, durch das Zimmer ging und die -Schnauze zwischen das Ehepaar auf das Bett legte, auf -dem es saß, und ganz unheimlich zu heulen begann. -Als der Hund damit fertig war, war es stehende Regel, -daß Mann und Frau in Zank gerieten. Die alte Frau -sprach mit dem anderen Gesinde über den Vorläufer -der Zänkerei des Ehepaares, den sie sah, und sie waren -alle miteinander darüber einig, daß sie der Hausfrau -ihr Gesicht erzählen solle, um zu sehen, ob sie nicht -dadurch Frieden zwischen den Eheleuten stiften könne, -die im Grunde bei all ihren Leuten sehr beliebt waren.</p> - -<p>Einmal sprach die Alte, die geistersehend war, mit -ihrer Herrin und hielt ihr das Unchristliche vor, daß -Mann und Frau in solcher Zwietracht miteinander<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span> -lebten. Anfangs wollte die Hausfrau nichts davon -hören, die Alte aber sagte, daß sie sich sicher mehr -Mühe geben würde, bösen Zank mit ihrem Manne -zu vermeiden, wenn sie nur wüßte, woher ihre Uneinigkeit -käme. Sie erzählte ihr dann alles und bat -sie eindringlich, ihrem Manne ja in allem nachgiebig -zu sein, damit sie den Teufel nicht mehr mit ihrem -häßlichen Streit ergötze. Die Hausfrau versprach ihr, -alles zu tun, was in ihrer Macht stände.</p> - -<p>Da kam es so, daß sich das Verhältnis der Eheleute -zu einander mit jedem Tage besserte, denn die Frau -gab ihrem Manne gegenüber immer nach, und schließlich -wurde ihr Zusammenleben sehr liebevoll.</p> - -<p>Da sah man aber auch nichts mehr von dem Torfbraunen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_rote_Stier">Der rote Stier</h2> -</div> - -<p class="noind">Als Sira Thomas Skuleson Pfarrer auf Grenjadarstad -war, hielt er sich zwei Hofknechte, von denen der -eine Bjarne hieß, der andere aber Martin. Diese beiden -Knechte hatten eine gemeinsame Schlafkammer, die -abgesondert vorn auf dem Hofe lag. Bjarne war früher -verheiratet gewesen, lebte aber von seiner Frau getrennt, -und da er nun in Liebe zu einem Mädchen in -der Nachbarschaft entbrannt war, wollte er vor allem -seine frühere Frau los werden. Er griff deshalb zu -dem Mittel, daß er einen klugen Mann auf dem Nordland -bewog, ihn zu lehren, wie man ein Gespenst -erstehen lassen könnte, das er seiner Frau auf den -Hals schicken wollte, um ihr den Garaus zu machen.</p> - -<p>Bjarne begann nun den Wiederkehrer<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> zu erwecken -und leckte ihm den Totengeifer vom Gesicht, wie das -Gesetz verlangt; kaum aber war er damit fertig, als -sich das Gespenst an ihn selbst machte; und das Ende -ihres Kampfes war, daß der Wiederkehrer Bjarne -überwältigte, so daß dieser mit knapper Not lebendig -davonkam. Dieser Wiederkehrer aber war Bjarne so -viel weniger von Nutzen, als er erwartet hatte, daß -er Bjarne nach dieser Zeit sogar wachend und schlafend -überfiel, so daß er darüber beinahe um Sinn und -Verstand gekommen wäre. Weder Bjarne noch Martin -hatten nun nachts besondere Ruhe zum Schlafen;<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -denn das Gespenst fuhr mit seinem Klopfen an die -Kammer unentwegt fort und hielt sie wach, bis Bjarne -hinunterging, und dann blieb er längere oder kürzere -Zeit in der Nacht draußen. Man wußte aber nichts -von dem, was draußen zwischen ihnen vorging, als -was Bjarne selbst erzählte, wenn er wieder zu Martin -hineinkam.</p> - -<p>Als dies eine Zeitlang gedauert hatte und Bjarne -darüber den Verstand fast verloren hatte, wandte er -sich in seinem unglücklichen Zustand an einen klugen -Mann und bat ihn um einen guten Rat, auf welche -Weise er sich von den Verfolgungen des Wiederkehrers -befreien könnte. Der kluge Mann gab ihm -einen Zettel mit einigen Schriftzeichen und gebot -ihm, eines Nachts in die Kirche auf Grenjadarstad -zu gehen, sich sämtliche Meßgewänder umzuhängen -und derart geschmückt die ganze Nacht hinter den -Schranken neben dem Altar stehen zu bleiben, ohne -sich vom Fleck zu bewegen, was er auch zu sehen bekäme, -und was ihn auch anzusprechen schiene; denn -man wollte ihn nur von den Schranken locken, und -dann wäre es aus mit ihm. Schließlich, sagte er, würde -ein ungeheuer großer, roter Stier kommen, der die -Zunge zwischen ihm und dem Altar bewegen würde, -dann aber gälte es sein Leben, wenn er nicht so geschickt -wäre, dem Stier den Zettel auf die Zunge zu -legen; gelänge ihm das dagegen, so hätte er keinen -Grund mehr, die Heimsuchungen des Gespenstes zu -fürchten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p> - -<p>Nachdem er diesen Rat bekommen hatte, ging -Bjarne eines Nachts in die Kirche und benahm sich -so, wie es ihm vorgeschrieben worden war. Da kam -eine Schar Menschen nach der andern zu ihm heran -und umzingelte die Schranken; er kannte aber nur -wenige unter ihnen. Sie redeten ihn in verschiedener -Weise an und baten ihn im guten und im bösen, den -Altar zu verlassen und zu ihnen herauszukommen. -Einer von denen, die Bjarne zu kennen meinte, war -Sira Hallgrim Scheving, Dr. Schevings Großvater, -und er zerrte an Bjarne, um ihn aus den Schranken -herauszubekommen. Eine Schar aber nach der andern -verschwand, da es ihnen auf keine Weise gelingen -wollte, Bjarne vom Altar fortzubekommen.</p> - -<p>Da kam endlich der rote Stier auf Bjarne zu; er -streckte die Zunge über die Schranken hinweg und -wollte sie zwischen Bjarne und dem Altar schwingen, -als beabsichtige er, ihn von dort herauszuschleudern. -Es gelang aber Bjarne, ihm den Zettel auf die Zunge -zu legen. Da verschwand der Stier, und von diesem -Augenblick an gewahrte Bjarne nichts mehr in der -Kirche, so wie er auch nichts mehr von den Heimsuchungen -des Wiederkehrers merkte.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Gespenst eines toten Menschen, der umgeht.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Das_Faesschen">Das Fäßchen</h2> -</div> - -<p class="noind">Es war einmal eine Schar von Männern auf einer -Wanderung. Eines Sonntagmorgens schlugen sie ihr -Zelt auf einer schönen, grünen Wiese auf. Es war -helles und gutes Wetter. Die Wandernden legten sich -hin, um zu schlafen, und lagen in einer Reihe im Zelt. -Derjenige aber, der zu äußerst an der Zelttür lag, -konnte nicht schlafen, und seine Blicke wanderten -hin und her im Zelt. Da sah er einen bläulichen Dunst -über demjenigen aufsteigen, der zu innerst lag. Der -Dunst bewegte sich vorwärts durch das Zelt und hinaus. -Der Mann wollte wissen, was das wohl sein -könnte, und folgte dem Dunst. Dieser schwebte langsam -über die Wiese und kam schließlich an eine Stelle, -an der ein verwitterter alter Pferdeschädel lag, der -voll von laut summenden Schmeißfliegen war. Der -Dunst schwebte in den Pferdeschädel hinein, nach -geraumer Zeit aber zog er wieder hinaus. Darauf -schwebte er wieder über die Wiese hin, bis er an ein -ganz kleines Bächlein kam, das die Wiese durchquerte. -Er schwebte an dem Bache entlang, und dem -Manne schien es, als suche er eine Stelle, an der er -hinüberkommen könne. Der Mann trug seine Peitsche -in der Hand, und diese legte er quer über den Bach, -der nicht breiter war, als daß der Stiel hinüberreichte. -Der Dunst zog auf den Peitschenstiel hinaus und gelangte -so über den Bach. Darauf schwebte er wieder<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -eine Weile vorwärts, bis er schließlich an einen Erdhöcker -auf der Wiese kam. Dort verschwand er in -den Erdhöcker hinein. Der Mann stand daneben und -wartete darauf, daß der Dunst wieder herauskommen -sollte. Das geschah auch bald, worauf er denselben -Weg zurückschwebte, den er gekommen war. Der -Mann legte seine Peitsche über den Bach, und der -Dunst zog wieder auf ihr hinüber wie das vorige -Mal. Dann schwebte er geradeswegs heimwärts nach -dem Zelt und hielt nicht inne, bis er hinter den innersten -Mann im Zelt gekommen war. Dort verschwand -er. Der Mann aber legte sich hin und schlief ein.</p> - -<p>Als der Tag ziemlich verstrichen war, standen die -Wandernden auf und nahmen ihre Pferde. Sie schwatzten -über allerlei, während sie die Pferde aufzäumten. -Unter anderem sagte der, der zu innerst im Zelte gelegen -hatte: »Ich wünschte, daß ich das besäße, wovon -ich heute nacht geträumt habe.« »Was war es -denn, und was hast du geträumt?« fragte derjenige, -der den Dunst gesehen hatte. Der andere erwiderte: -»Es war mir, als wandere ich hier über die Wiese. Ich -kam an ein großes und schönes Haus. Darin waren -viele Leute versammelt, und sie spielten und sangen -vor Lust und Freude. Ich blieb ziemlich lange in dem -Haus. Als ich aber wieder hinauskam, führte mein -Weg über eine schöne Wiese. Dann kam ich an einen -großen Fluß, über den ich lange vergebens versuchte -hinüberzukommen. Da sah ich, daß sich ein ungeheuer -großer Riese näherte. Er hatte einen gewaltigen Balken<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -in der Hand, den er über den Fluß legte, und auf -diesem ging ich hinüber. Ich wanderte dann lange -Zeit, bis ich an einen großen Hügel kam. Der Hügel -war offen, und ich ging in ihn hinein. Da fand ich -weiter nichts als ein riesiges Faß, das mit Geld gefüllt -war. Ich hielt mich dort lange auf, um mir das Geld -anzusehen; denn einen so großen Haufen hatte ich -noch nie gesehen. Dann ging ich hinaus und wanderte -denselben Weg zurück, den ich gekommen war. -Ich kam wieder an den Fluß, und da kam der Riese -wieder mit dem Balken und legte ihn darüber. Ich -gelangte auf dem Balken über den Fluß und kehrte -wieder zurück in das Zelt.«</p> - -<p>Der Mann, der den Dunst verfolgt hatte, begann -lustige Gedanken zu haben, und er sagte zu dem, der -geträumt hatte: »Komm, Genosse, laß uns einen Augenblick -hingehen und das Geld holen.« Der andere begann -zu lachen und dachte, daß er nicht recht gescheit -sei, er ging aber doch. Sie gingen nun genau denselben -Weg, den der Dunst gewandert war und kamen an -den Erdhöcker, den sie durchgruben. Dort fanden -sie ein Fäßchen mit Geld.</p> - -<p>Dann kehrten sie zu ihren übrigen Wandergenossen -zurück, erzählten ihnen alles von dem Traum und -dem Dunst und zeigten ihnen das Fäßchen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Hleidrargaards_Skotta">Hleidrargaards Skotta</h2> -</div> - -<p class="noind">Etwa in den Jahren 1740 bis 1770 wohnte auf Hleidrargaard -im Oefjord ein Bauer, namens Sigurd Björnsson, -der als vernünftiger Mann galt, aber von heftigem -Gemüt war. Es wird erzählt, daß er einmal in seinen -jüngeren Jahren früh im Sommer westwärts nach dem -Gletscher ritt, um Fische zu kaufen. Da traf es sich, -daß er und der Mann, von dem er die Fische kaufte, -nicht einig werden konnten. Darüber entstand ein -Streit unter ihnen, der bald darauf in eine Schlägerei -ausartete. Sigurd war ein kräftiger Mann, und es war -kein Spaß, ihm unter die Fäuste zu kommen, und so -gelang es ihm, seinen Gegner unter sich zu Boden zu -werfen, worauf er ihm ein paar Streiche versetzte. Als -der Gegner wieder aufstand, stieß er Drohungen -gegen Sigurd aus und versprach ihm verdienten Lohn -vor der Tag- und Nachtgleiche, worauf er seines -Weges ging; Sigurd aber zog mit seinen Genossen -wieder nach Hause und blieb auf seinem Hof.</p> - -<p>Zu dieser Zeit wohnte auf Krynarstad, dem nächsten -Hof von Hleidrargaard aus, ein Mann, der Hall -hieß, mit dem Zunamen »Der Starke«. Er war geistersehend -und hatte oft Gespenster erblickt und mit -ihnen zu tun gehabt. Es wird nun gesagt, daß dieser -Hall eines Abends in dem Herbst, der auf den Sommer -folgte, in welchem Sigurd von seinem Ritt nach -Hause gekommen war, draußen auf seinem Hof stand;<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> -da sah er ein Gespenst in Gestalt eines Mädchens den -Weg daherkommen; sie war klein von Wuchs, hatte -ein rotes Mieder an, einen dunkelbraunen Rock, der -nur bis an die Knie reichte, eine Mütze ohne Quaste, -und ging in Hemdsärmeln. Als die Dirne Hall erblickte, -wollte sie ihm ausweichen, er stellte sich ihr -aber in den Weg und fragte, wer sie sei. Sie erzählte, -daß sie Sigga heiße. Er fragte, woher sie käme und -wohin sie wolle. Sie antwortete: »Nach Hleidrargaard«. -»Was hast du da zu tun?« »Sigurd Björnsson umzubringen«, -antwortete sie. Darauf lief sie ihres Weges, -und Funken sprühten hinter ihr her.</p> - -<p>An demselben Abend schlief Sigurd in seinem Bett, -das so stand, daß ein Fenster darüber war. Die -anderen, die sich in der Badstube aufhielten, waren -wach. Plötzlich sprang Sigurd aus dem Bett und -fragte: »Wer hat mich gerufen?« Man erwiderte ihm, -daß ihn niemand gerufen habe. Er legte sich wieder -zu Bett und schlief ein; kaum war er aber eingeschlafen, -als er wieder aufsprang und sagte, daß ihn jetzt sicher -jemand gerufen hätte. Da man ihm sagte, daß das -nicht der Fall gewesen wäre, legte er sich wieder zu -Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Als er eine -kleine Weile gelegen hatte, sah man ihn aus dem -Fenster spähen und hörte ihn sagen: »Ach so, daher -kommt es!« und dabei verfärbte er sich. Er ging nach -der Badstubentür, stellte sich an sie, und man hörte -ihn ganz laut sagen: »Wenn jemand da ist, der mit -Sigurd Björnsson sprechen will, – da sitzt er!« Und<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -damit zeigte er mit der Hand auf einen Armenhäusler-Jungen, -namens Hjalmar, der auf einem Stuhl -gegenüber der Badstubentür saß und Wolle zupfte. -Da wurde der Junge vom Stuhl herunter auf den Fußboden -geschleudert, wo er sich unter Geschrei und -gräßlichen Windungen wälzte, als wenn er am Ersticken -wäre; Sigurd holte eine Rute und schlug -den Jungen überall damit; dadurch wurde er etwas -ruhiger und wurde auf das Bett gelegt; da war sein -Körper geschwollen und zeigte Spuren von Stößen. -Diese Anfälle bekam der Junge zwei- oder dreimal -in der Nacht, und dann später von Zeit zu Zeit, bis -er früh im Winter an einem solchen starb, und da -war sein Körper sehr geschwollen und aufgedunsen -und wies deutliche, schwarze Spuren von den Fingern -des Gespenstes auf.</p> - -<p>Nach dieser Zeit verfolgte das Gespenst Sigurd -und seine Kinder, ja es verfolgte sogar alle Leute -auf Hleidrargaard. Oft sahen geistersehende Männer -dieses Mädchen, das »Hleidrargaards-Skotta«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> genannt -wurde, ein Name, den sie nach ihrer Mütze erhalten -hatte, weil diese wie ein Zipfel auf ihrem Kopf -stand. Am häufigsten sah man sie »Katzflechten«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>,<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> -wie man das nennt, indem sie an irgendeinem Querbalken -hing, am liebsten über dem Eingang der Häuser. -Sigurd selbst konnte sich immer vor ihr hüten, nach -und nach aber tötete sie ihm das Vieh, und selbst das -Vieh auf den Nachbarhöfen wurde von ihr umgebracht. -Das Fleisch war immer sehr fleckig und blau -und vollkommen ungenießbar. Sie wurde auch beschuldigt, -einen tüchtigen Bauern, Sigurd auf Näs, -umgebracht zu haben, denn er bekam einen Krämpfeanfall -und starb daran.</p> - -<p>Als nun ihre Gewalttätigkeit dermaßen zunahm -und man befürchtete, daß sie sich noch bedeutend -steigern würde, traf es sich so glücklich, erzählt man, -daß vom Gletscher her ein Bettler, mit Namen Peter -oder Gletscher-Peter, wie er allgemein genannt wurde, -in den Ort kam. Er war ein großer Zauberer, benutzte -aber seine Kunst immer nur zum Guten. Sigurd auf -Hleidrargaard war ein guter und freigebiger Mann, -und deshalb gab er auch Peter eine gute Unterstützung, -erzählte ihm aber gleichzeitig, daß es nicht seine Heimat -wäre, der er für diese Hilfe danken könne; denn -die hätte ihm, dem Bauern, ja ein Gespenst auf den -Hals geschickt, das sowohl ihm wie anderen großen -Schaden zufügte und wahrscheinlich damit fortfahren -würde, bis es ihn ums Leben gebracht habe. Peter -versprach, daß er ihn schon von diesem Teufel befreien -werde. Eines Nachts entfernte er sich also, nahm -das Gespenst mit und fesselte es an einen bodenfesten -Stein an der Stelle zwischen dem Strjugsbach und<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span> -Volde, die Varmhage heißt. Lange Zeit konnte nun -das Gespenst keinen Schaden tun; oft aber hörte man -es nachts heulen, und die Leute wagten nicht, allzu -nahe an ihm vorbeizufahren; denn dann wurde ihnen -schwindlig, und sie verloren den Weg, auch wenn es -hellichter Tag war.</p> - -<p>In den Jahren 1806–1810 baute der Pfarrer von -Saurbär, der Sira Sigurd hieß und noch heutigen -Tages lebt, eine Futterscheune in der Nähe dieser -Stelle, denn es sind gerade dort gute Weideplätze. In -der ersten Nacht, in der das Haus in Gebrauch war, -wurde ein Schaf getötet und dann mehrere. Da entdeckte -man, daß die Schafkörper in jeder Hinsicht -wie diejenigen aussahen, die das Gespenst früher -unter den Händen gehabt hatte, und man glaubte -deshalb, daß es jetzt wieder angefangen hätte, eine -lockere Hand zu haben. Krankheit und Tod fingen -allmählich an, unter den Schafen ringsum im ganzen -Oefjord allgemein zu werden; das nennt man die -Pest, aber der Aberglaube, daß nur das Gespenst -daran schuld sei, ist schon von alters her bei den -Leuten eingewurzelt.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Isl.: skott bedeutet eigentlich: Schwanz, außerdem den -Zipfel einer Mütze, daher die Benennung »Skotta«, d. h. ein -weibliches Gespenst, das eine Zipfelmütze trägt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> »Katzflechten« (isl. fla’kött) besteht darin, daß man die Beine -um einen Querbalken flicht und an ihnen hängt, den Kopf -nach unten, während man gleichzeitig die Jacke, die Weste -usw. aus- und anzieht.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Die_Schuhe_aus_Menschenhaut">Die Schuhe aus Menschenhaut</h2> -</div> - -<p class="noind">Auf einem Hof wohnte einmal ein Bauer, über den -allerlei Gerüchte im Umlauf waren. Er hatte einen -schlechten Ruf wegen der Behandlung seines Gesindes, -und lange blieb kein Knecht bei ihm, ob es nun -von der schlechten Kost oder der schlechten Behandlung -kam, oder davon, daß zu viel Arbeit von ihnen -verlangt wurde. Schließlich ging es so weit, daß sich -niemand als Knecht bei dem Bauern verdingen wollte, -und bei einem Haar mußte er die ganze Knechtearbeit -allein ausführen.</p> - -<p>Einmal geschah es, daß ein junger Mann im Ort, -der keinen festen Dienst hatte, obgleich er ein tüchtiger -Mensch war, den Bauern besuchte. Der empfing -ihn mit offnen Armen, lud ihn in seine Stube ein und -ließ sich mit ihm in einen Schwatz über die verschiedensten -Dinge ein. Da kamen sie auch auf Gesindeverhältnisse -zu sprechen, und schließlich schlug ihm -der Bauer vor, das nächste Jahr als Knecht bei ihm zu -bleiben. Der Mann aber wollte nur ungern darauf eingehen, -des schlechten Rufes wegen, der an dem Bauern -haftete. Der Bauer bat ihn jedoch, den Dienst anzunehmen, -und wenn es nicht für länger wäre, als bis er ein -Paar Schuhe abgenutzt hätte. Der Mann dachte bei sich, -daß die Schuhe immerhin vergänglich seien, und daß -sie sich schließlich abnutzen müßten, und daß er also -nur für kurze Zeit und nicht fürs ganze Leben bei dem<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> -Bauern bliebe, und das Ende vom Liede war, daß er -dem Bauern sein Wort gab.</p> - -<p>Im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse kam der -Knecht, und der Bauer gab ihm ein Paar neue, nicht -sehr feste Schuhe, indem er ihm sagte, wenn er die -Schuhe abgetragen habe, dann solle seine Dienstzeit -aus sein, falls er es wünsche; das aber machte der Bauer -zur Bedingung, daß der Knecht jedesmal ein Paar andere -Schuhe anzöge, wenn er zur Kirche ginge, und -darauf ging der Knecht willig ein.</p> - -<p>Nun verging eine lange Zeit, und nach Verlauf -eines Jahres war noch nicht mehr Abnutzung an den -Schuhen zu sehen, als wenn er sie gestern angezogen -hätte. Da wurde er sehr bedrückt, sein Versprechen -gegeben zu haben, hielt es jedoch für eine Schande, -es zu brechen und fortzugehen, obwohl das Leben bei -dem Bauern leidig und unangenehm war. Er blieb -deshalb noch das nächste Jahr bei ihm, aber auch jetzt -war keine besondere Abnutzung an den Schuhen zu -bemerken, obgleich er während dieser beiden Jahre -keine anderen angezogen hatte, außer wenn er zur -Kirche ging. Der Knecht wunderte sich darüber sehr -und konnte sich schon denken, daß dies nicht mit -rechten Dingen zuging, wußte jedoch nicht, was für -ein Zauberkniff gegen ihn angewendet würde.</p> - -<p>Eines Sonntags, als er das dritte Jahr begonnen -hatte, blieb er zu Hause und ging nicht in die Kirche; -darum erhielt er auch keine Kirchenschuhe, wie es -sonst der Fall war, wenn er in das Gotteshaus ging.<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> -Als sämtliche Leute, und der Bauer auch, zur Kirche -gegangen waren, begann der Knecht über seine Lage -nachzudenken, und wann wohl diese Sklaverei bei -dem Bauern aufhören würde. Während er in solchen -Gedanken dasaß, kam ein fremder Mann zu ihm herein. -Dem Fremden fiel es gleich auf, daß der Knecht -sehr kummervoll war, und er fragte ihn deshalb, was -ihm denn fehle, und weshalb er heute nicht mit den -übrigen Leuten des Hofes zur Kirche gegangen sei. -Der Knecht erwiderte, daß er keine rechte Lust dazu -gehabt hätte, er säße nun hier und dächte an seine -Widerwärtigkeiten. Der Fremde sagte, daß es keine -Entschuldigung für ihn sei, von der Kirche fortzubleiben, -wenn er sich für einen schwergeprüften -Mann hielte; denn jeder Mensch habe sein Kreuz zu -tragen, und seine Widerwärtigkeiten würden ihm wohl -dadurch nicht leichter werden, daß er es unterließe, -zur Kirche zu gehen; er sollte deshalb gleich dorthin -wandern, denn noch wäre der Tag nicht so weit verstrichen, -daß er nicht früh genug zum Gottesdienst -kommen könnte; außerdem wäre heute etwas später -angefangen worden, da sich der Gottesdienst durch -eine Beerdigung, die vorher stattgefunden hätte, etwas -verspätet habe. Der Knecht sagte, daß er nicht gehen -könnte, da ihm die Kirchenschuhe fehlten. Der Fremde -antwortete, daß er ja mit den Schuhen gehen könnte, -die er an den Füßen hätte. »Nein,« erwiderte der -Knecht, »ich habe versprochen, nie mit ihnen zur -Kirche zu gehen, wie lange ich auch in diesem ausgezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span> -Dienst bleibe, und für jeden Kirchgang -habe ich immer andere Schuhe bekommen; aber heute -früh wollte ich keine haben, da ich nicht mitgehen -wollte.« Der Fremde fragte ihn, wie lange er denn -schon in diesem Dienst sei. »Viel zu lange,« erwiderte -der Knecht mit einem Seufzer, »das dritte Jahr hat -schon angefangen.« »Gefällt dir der Dienst nicht?« -fragte der Fremde. »Nein, gar nicht,« antwortete der -Knecht, »es ist mein größtes Unglück, daß ich schon -so lange hier bin.« »Was hält dich denn hier?« fragte -der Fremde. »Mein Versprechen,« erwiderte der -Knecht, und dann erzählte er, wie alles gekommen -war. Als der Fremde seine Erzählung mitangehört -hatte, sagte er, daß er sofort zur Kirche und zwar gerade -in den Schuhen, die er anhätte, wandern und -schnurstracks nach dem Grabe gehen sollte, das heute -ausgeworfen worden sei; dann solle er die Schuhe in -die geweihte Erde stecken und abwarten, wie es gehen -würde, denn die Schuhe, die er nun das dritte Jahr -an den Füßen trüge, wären aus dem Rückenstreifen -der Haut eines alten Weibes, und die würden halten, -auch wenn er sie bis in alle Ewigkeit hätte, wenn es -sein Los sei, so alt zu werden. Der Knecht dankte dem -Fremden für seinen guten Rat, bot ihm Lebewohl und -lief fort zur Kirche. Als er auf den Kirchhof kam, -merkte er, daß die Schuhe an den Nähten aufplatzten; -sobald er aber mit ihnen in die Erde getreten war, -lösten sie sich an seinen Füßen auf, so daß nichts -weiter übrig blieb als die Einfassung und die Spannbänder.<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span> -Mit diesen übriggebliebenen Fetzen auf dem -Spann ging er in die Kirche hinein, wo der Pfarrer -gerade auf die Kanzel getreten war. Als der Gottesdienst -vorbei war, ging der Knecht zu dem Bauern -und zeigte ihm, in was für einem Zustande sich die -Schuhe nun befänden, daß nichts von ihnen übrig -wäre als die bloße Einfassung, und gleichzeitig damit -kündigte er ihm den Dienst.</p> - -<p>Der Mann sagte dazu weiter nichts als die Worte: -»Also bist du heute nicht umsonst von der Kirche -fortgeblieben!«</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sagen_von_Saemund_dem_Weisen">Sagen von Saemund dem Weisen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></h2> -</div> - -<h3>1. Die Schwarze Schule</h3> - -<p class="noind">In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt -eine Schule, die »Die Schwarze Schule« hieß. Dort -lernte man Zauberkünste und andere alte Weisheit. -Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr -festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster -war, und aus diesem Grunde herrschte das tiefste -Dunkel darin. Es war kein Lehrer dort, und man lernte -alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben geschrieben -waren, welche im Dunkeln gelesen werden -konnten. Nie durften diejenigen, die dort in der Lehre -waren, ins Freie gehen oder das Licht des Tages -schauen, solange sie sich dort aufhielten; aber drei -oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben, -um in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue -und zottige Hand erschien jeden Tag durch die Wand -und reichte den Schülern ihr Essen. Derjenige aber, -dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum denjenigen -von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr -verließen, der zuletzt hinausging. Da sie nun aber -alle wußten, daß der Teufel hier Schulmeister war, -wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand, vermeiden, -der Letzte zu sein, der die Schule verließ.</p> - -<p>Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule:<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span> -Saemund der Weise, Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson -oder Einarsson, der später einmal Pfarrer zu -Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher -Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen, -womit die andern natürlich sehr einverstanden -waren. Saemund warf sich nun einen großen -Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und -knöpfte ihn nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen, -um die Schule verlassen zu können. Als nun -Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte -der Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.« -Saemund warf den Mantel fort, und der Teufel behielt -nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür aber krachte -in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die -Füße, daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er: -»Da schlug mir die Tür dicht auf den Fersen zu!« und -später ist das ein Sprichwort geworden. So entkam Saemund -der Weise samt seinen Genossen aus der Schule.</p> - -<p>Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der -Weise die Treppe hinaufging und an die Tür der -Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm entgegenschien -und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der -Teufel Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin -nicht der Letzte! Siehst du nicht den, der hinter mir -kommt?« Der Teufel griff nach dem Schatten, den -er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte -hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug. -Von diesem Tage ab aber war Saemund immer ohne -Schatten; denn den wollte der Teufel nicht hergeben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span></p> - -<h3>2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule -entkam</h3> - -<p class="noind">Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals -als er nach der Schwarzen Schule zog, daß er über -das, was ihm begegnete, seine Natur, seine Familie -und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen -Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. -Eines Nachts, als Saemund auf seinem Lager -schlief, träumte er, daß Boge Einarsson zu ihm käme -und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du -bist nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, -dich selbst aufgegeben und deinen Taufnamen -vergessen, und wenn du an dein ewiges Seelenheil -denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.« -»Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« -antwortete Saemund. »Es war unmännlich von dir,« -sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der du nicht -entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe -in dieser Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn -du hast Klugheit für uns alle, Boge.« »Dann sollst -du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du fortgehen -willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern -hängen, denn dann wirst du hinausgelangen. -Hier mußt du den Meister fürchten, der die Schule -hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber -entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten -Fuß ab, fülle ihn mit Blut und trage ihn am ersten -Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der Abend gekommen<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span> -ist, wird der Meister hinausgehen und in den -Sternen lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der -Himmelskörper, und er wird deinen Stern suchen; -dann wird er dich tot glauben und vom Schwert getötet; -und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger -Ring um deinen Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, -deinen Weg zu erspähen, dafür werde ich -schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du -deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser -und Salz; daraus wird der Meister, wenn er deinen -Stern sieht, schließen, daß du in der See ertrunken -bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer -um deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung -beginnst, wirst du dir entweder selbst oder -auch einem anderen zur Ader lassen, an der Stelle, -an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in -deinen Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde -und vermische sie mit dem Blut und sprich ein gutes -Wort darüber, damit die Erde geweiht ist, und dann -trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. -Wenn aber der Meister deinen Stern untersucht, wird -er eine Erdkugel um ihn sehen, und daraus wird er -dann schließen, daß du tot und bestattet bist, und das -wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann -aber wird er entdecken, daß du noch völlig am Leben -bist. Da wird er sich über deine Weisheit wundern -und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat, und er -wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst -dieser Schwierigkeit entgangen sein.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span></p> - -<p>Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen -Schule und kam wieder in sein Heimatland zurück.</p> - -<h3>3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde -bekam</h3> - -<p class="noind">Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen -Schule gekommen waren, war die Pfarrstelle in Odde -frei geworden, und sie baten nun alle den König (von -Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte -sehr gut, mit wem er es zu tun hatte, und er sagte -deshalb, daß derjenige von ihnen die Pfarrstelle bekommen -würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich ging -Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm: -»Schwimme jetzt mit mir nach Island, und wenn du -mich ans Land bringst, ohne daß mein Rockschoß naß -wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war -damit einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds -an und schwamm davon, mit Saemund auf dem -Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen -im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von -Island. Da schlug Saemund dem Seehund mit dem -Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er selbst -aber tauchte unter und schwamm ans Land.</p> - -<p>Auf diese Weise wurde der Teufel um den Lohn -geprellt, während Saemund die Pfarrstelle in Odde -bekam.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p> - -<h3>4. Wie Saemund sein Heu bei trockenem -Wetter einbrachte</h3> - -<p class="noind">Saemund hatte einmal eine Menge trockenes Heu auf -der Wiese, und es drohte Regen. Er bat deshalb seine -sämtlichen Leute, sich anzustrengen, das Heu zusammenzubringen, -ehe der Regen beginne. Es lebte damals -bei ihm in Odde ein altes Weib, mit Namen -Thorhildur; zu ihr ging der Pfarrer und ersuchte sie, -auf den Heimacker hinauszuhumpeln und zusammenzuharken, -was von dem Heu sonst verloren ginge. -Sie versprach, es zu versuchen, nahm eine Harke in -die Hand und band die Haube, die sie zu tragen -pflegte, auf den Stiel, worauf sie hinaushumpelte. -Bevor sie ging, Sagte sie zu Pfarrer Saemund, daß er -selber auf dem Heuhof zugegen sein sollte, um das -Heu in Empfang zu nehmen; denn die Knechte würden -nicht lange Zeit brauchen, um es zu binden und -nach Hause zu tragen. Der Pfarrer versprach, ihren -Rat zu befolgen, das würde wohl das beste sein, -meinte er.</p> - -<p>Kaum aber war die Alte auf den Heimacker hinausgekommen, -als sie das Ende der Harke unter jeden -Heuschober steckte und sagte: »Hin auf den Heuhof -zu Saemund!« Das waren Zauberworte, denn jeder -Schober, den die Alte mit diesen Worten auf den -Harkenstiel hob, flog sofort auf den Heuhof. Da sagte -Saemund zu dem Teufel und seinen Kleinteufelchen, -daß es nun wohl am besten wäre, das Heu geschwind<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span> -in Diemen zu setzen. Es dauerte nicht lange, bis sie -das ganze Heu trocken auf dem Heuhof hatten. Später -sagte Saemund zu der Alten: »Du kannst mehr als -dein Vaterunser, Thorhildurchen!«</p> - -<p>Sie aber erwiderte: »Es ist leider nicht mehr viel -davon übrig geblieben, denn das meiste, was ich in -meiner Jugend gekonnt habe, habe ich jetzt vergessen.«</p> - -<h3>5. Wie Saemund den Teufel in seinen Dienst -nahm</h3> - -<p class="noind">Einmal fragte Pfarrer Saemund den Teufel, wie klein -er sich machen könne. Der Teufel antwortete, daß er -sich so klein wie eine Mücke machen könne. Da holte -Saemund einen Bohrer und bohrte ein Loch in einen -Balken, worauf er dem Teufel gebot, dahineinzukriechen. -Der Teufel brauchte nicht viel Zeit, um hineinzufliegen; -kaum aber war er glücklich drin, als Saemund -einen Pfropfen in das Loch steckte, und wie -sehr nun auch der Teufel jammerte und schrie und -bettelte, Saemund nahm den Pfropfen doch nicht aus -dem Loch, ehe der Teufel ihm versprochen hatte, -immer zu tun, was er je von ihm verlangen würde.</p> - -<p>Das war die Ursache, daß Saemund den Teufel -stets dazu bringen konnte auszuführen, was es auch -sein mochte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p> - -<h3>6. Wie Saemund den Teufel in Verlegenheit -brachte, als er sich in eine Fliege verwandelt -hatte</h3> - -<p class="noind">Der Teufel sah Saemund den Weisen stets scheel an, -weil es ihn ärgerte, daß er in allem, was sie miteinander -zu tun hatten, immer den Kürzeren zog. Deshalb -versuchte er, sich auf jede Weise an dem Pfarrer -zu rächen, obgleich es ihm nicht gelingen wollte.</p> - -<p>Einmal verwandelte er sich in eine ganz kleine Fliege -und versteckte sich unter der Sahne auf der Milch in -des Pfarrers Eßnapf, um auf diese Weise in ihn hineinzukommen -und ihn zu töten. Als nun der Pfarrer -den Eßnapf in die Hand nahm, entdeckte er die Fliege -sofort; er wickelte deshalb erst die Sahne von der -Milch um sie herum, zog die Blase von einem neugeborenen -Kalb darüber und legte dann das Päckchen -auf den Altar. Der Teufel mußte es sich nun gefallen -lassen, darin zu hocken, während der Pfarrer die -Messe las. Als sie vorbei war, machte Saemund das -Päckchen auf und ließ den Teufel entschlüpfen.</p> - -<p>Es wird aber versichert, daß der Teufel es für die -schlimmste Klemme hielt, in die er je geraten war, -daß er auf dem Altar liegen mußte, während Pfarrer -Saemund die Messe las.</p> - -<h3>7. Die Teufelsflöte</h3> - -<p class="noind">Saemund der Weise hatte eine Flöte, die die Eigenschaft -hatte, daß, wenn man darauf blies, ein oder<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> -mehrere Kleinteufelchen zu dem Flötenspieler kamen -und fragten, was sie tun sollten.</p> - -<p>Einmal hatte Saemund die Flöte in seinem Bett unter -dem Kopfkissen liegen lassen, wo er sie nachts zu verstecken -pflegte. Abends gebot er der Magd, sein Bett -zu machen, wie sonst, warnte sie aber, wenn sie etwas -Außergewöhnliches im Bett fände, es anzufassen, sie -solle es liegen lassen, wo es läge.</p> - -<p>Die Magd begann das Bett zu machen, kaum aber -entdeckte sie die Flöte, als die Neugierde sie zu kitzeln -begann. Sie nahm sie gleich in die Hand, besah sie -sich von allen Seiten, und schließlich blies sie darauf. -Da kam ein Teufelchen zu ihr und fragte sie: »Was -soll ich tun?« Das Mädchen erschrak, ließ sich aber -nichts anmerken.</p> - -<p>Es traf sich, daß gerade an diesem Tage zehn von -Pfarrer Saemunds Schafen geschlachtet worden waren -und sämtliche Felle vor der Tür lagen. Da gebot die -Magd dem Teufelchen hinauszugehen und alle Haare -an den Fellen zu zählen, und wenn es damit fertig -geworden wäre, ehe sie das Bett gemacht hätte, wollte -sie sein werden. Das Teufelchen ging sofort hinaus -und begann eifrig zu zählen, und die Magd beeilte -sich, das Bett zu machen. Als sie damit fertig war, -hatte das Teufelchen noch ein Fell zu zählen, und es -kam um den Lohn.</p> - -<p>Saemund fragte nachher die Magd, ob sie denn nichts -im Bett gefunden hätte. Da erzählte sie ihm alles, wie -es war, Saemund aber gefiel ihre Geistesgegenwart.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span></p> - -<h3>8. Der Teufel als Stallknecht</h3> - -<p class="noind">Saemund dem Weisen fehlte einmal ein Stallknecht, -und er holte deshalb den Teufel und setzte ihn hin, -den Stall zu hüten. Alles ging gut, und der Teufel -erfüllte pünktlich seine Pflichten bis gegen das Frühjahr. -Am ersten Osterfeiertag aber, als Sira Saemund -auf der Kanzel stand, trug der Teufel den ganzen Mist -auf einen Haufen vor der Kirchentür zusammen, so -daß der Pfarrer nach beendetem Gottesdienst nicht -aus der Kirche heraustreten konnte. Als er sah, wie es -bestellt war, lud er den Teufel vor sich und ließ ihn, -ob er nun wollte oder nicht, den ganzen Mist von der -Kirchentür auf seinen Platz zurückbringen. Und so -nachdrücklich ließ ihn der Pfarrer das Stück Arbeit -ausführen, daß er ihn sogar die Reste mit der Zunge -auflecken ließ. Da leckte der Teufel so stark, daß in -dem Stein vor der Kirchentür ein Vertiefung entstand. -Dieser Stein liegt noch immer in Odde, obgleich nur -noch der vierte Teil davon übrig ist. Er liegt nun vor -dem Hoftor, und noch heutigen Tages ist die Vertiefung -in dem Stein zu sehen.</p> - -<h3>9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht -das Fluchen abgewöhnte</h3> - -<p class="noind">Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht, -der schlimm aufs Fluchen war, und oft rügte -ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem Stallknecht,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen -und bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde -wahrhaftig nie mehr ein böses Wort sagen,« sagte der -Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der Teufel dadurch -hungern muß.«</p> - -<p>»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst -oder nicht,« erwiderte Saemund.</p> - -<p>Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall. -Dem Stallknecht aber gefiel der Gast nicht; denn das -Teufelchen tat alles, um ihn zu necken und zu ärgern, -und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des -Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang, -und er sah bald, daß das Teufelchen mit jedem -Tag magerer wurde; er freute sich köstlich, als er das -merkte und fluchte jetzt nie mehr.</p> - -<p>Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles -kurz und klein geschlagen und sämtliche Kühe, deren -eine große Menge da war, mit den Schwänzen zusammengebunden. -Da wandte sich der Stallknecht an das -Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem -Stand lag und überschüttete es unter den furchtbarsten -Schimpfworten und greulichsten Flüchen mit seinem -Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte -er dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte -und plötzlich so rund wurde, daß nicht viel gefehlt -hätte, bis er ganz feist geworden wäre. Da wurde der -Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen -auf. Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit -gesprochen hatte, legte das Fluchen ab und sprach<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span> -seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das von -seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn -auch schon längst tot und verschollen.</p> - -<p>Und es wäre wohl für dich und mich am besten, -wenn wir es ebenso machten wie der Stallknecht.</p> - -<h3>10. Der Teufel und der beschränkte Bursch</h3> - -<p class="noind">Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande -hielt, etwas zu lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit -dieser ihm Religion beibringen sollte. Der Bursch aber -war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst schwer, -etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, -und so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. -Da träumte er eines Nachts, daß ein Mann zu -ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß er ihm -Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als -sagte er ja dazu. Da verlangte der Traummann als -Entgelt dafür, daß der Bursch im nächsten Frühjahr -zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch -willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.</p> - -<p>Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen -so leicht, daß der Pfarrer sich schier darüber wunderte; -zugleich aber war der Bursch ein ganz anderer geworden, -als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er traurig -und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, -ihn nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. -Lange wollte der Bursch nichts darüber sagen, -schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie alles gekommen<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> -sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar -zumute, und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch -gewesen wäre, von dem er damals geträumt hätte, sondern -vielmehr der Teufel, der ihn in sein Netz locken -wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, -guten Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. -Der Winter verstrich, und man näherte sich der -Zeit der Kreuzmesse.</p> - -<p>Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund -dem Burschen, ihm nach der Kirche zu folgen. Als -sie dort hingekommen waren, führte ihn der Pfarrer -an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die -Monstranz und den Kelch in die Hand und hieß ihn -sich umdrehen. Er gebot ihm, dort stehen zu bleiben, -ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm träte, -Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende -nichts genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; -und wenn Pfarrer Saemund auch selbst zu ihm -käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot und -Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der -Bursch aber tat, wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben -hatte.</p> - -<p>Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam -derselbe Mann zu ihm, den er früher im Traum gesehen -hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen, um -ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen -und das Ding fortstellen, das er in der Hand -hatte. Der Bursch erwiderte hierauf nichts, sondern -reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber sagte,<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> -daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm -zu nehmen, und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu -kommen; der Bursch aber ließ sich nicht irreführen, -und der andere begab sich unverrichteter Sache wieder -fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele -seiner Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und -bäten ihn im bösen und im guten, den Ort zu verlassen, -an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur -Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu. -Da war es ihm, als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu -und fragte grimmig, was er dort zu tun hätte, indem -er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die Dinge -wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen. -Auch ihm antwortete der Bursch nichts, -sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Da machte -Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er -sagte, daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus -seiner Hand zu empfangen, und darauf verschwand -auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen -allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel -herein; es war, als zittere und schwanke die ganze -Kirche, und er glaubte, daß sie jeden Augenblick in -die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak -er so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte -hätte aus den Händen fallen lassen, um sein Heil in -der Flucht zu suchen; da hörte er aber, daß die Glocken -geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich -alle Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt -hatte; Pfarrer Saemund aber kam in die Kirche<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> -hinein, ging zum Altar und kostete von Brot und -Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr -vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr -nachstellen. Der Bursch war herzlich froh über seine -Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut er vermochte. -Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan, -und man erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu -seinem Todestag behielt und ein ausgezeichneter -Mann wurde.</p> - -<h3>11. Der Wunschaugenblick</h3> - -<p class="noind">Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage -einen Wunschaugenblick gäbe, der jedoch nicht länger -dauere als eine Sekunde, und daß es deshalb für -einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen. -Andere dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend -der Wunschaugenblick vorkäme.</p> - -<p>Einmal saß Saemund in der Badstube, während -seine Mägde darin beschäftigt waren. Da sagte er -plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist der Wunschaugenblick -gekommen; wünscht euch nun, was ihr -am liebsten haben möchtet.«</p> - -<p>Da trällerte eine der Mägde und sagte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Von allem, was im Weltenrund</div> - <div class="verse indent0">Ich wünschen mag vom Schönen?</div> - <div class="verse indent0">Am liebsten, daß mich Saemund</div> - <div class="verse indent0">Beschenkt mit sieben Söhnen!«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span></p> -<p>»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief -Saemund aus; denn er war der Magd des Wunsches -wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und sie wurde -Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben -Söhne miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die -Frau aber starb im Wochenbett nach dem letzten.</p> - -<p>Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd -getragen hatte, auf und hielt sie ihr oft vor Augen, -um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war sehr hochmütig -über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird -unter anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts -erzählt, daß sie, als einmal ein armer Mann zu ihr kam -und sie um einen Labetrunk bat, ihm also antwortete:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Bester, sieh, der Bach fließt nah,</div> - <div class="verse indent0">Trink wie Bischofs Pferd auch da!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<h3>12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett</h3> - -<p class="noind">Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes -als Pflegetochter angenommen. Er freute sich sehr -mit ihr und liebte sie über alles, so daß er sie immer -in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen -wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am -Fußende seines Bettes liegen; denn er hielt sie für am -besten geeignet, Zeugin seines Todes zu sein. Es ahnte -ihm, während er krank dalag, daß dies sein Sterbelager -sein würde; und zugleich konnte das Mädchen -ihm anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob -er nach dem Tode zur Glückseligkeit des Himmels<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> -eingehen würde, oder ob er an einen anderen Ort -müßte.</p> - -<p>Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter, -nachts bei ihm zu wachen und genau aufzupassen, -daß sie nicht einschliefe; denn seine Gedanken sagten -ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das -aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen, -was in der anderen Welt aus ihm werde; und darum -bat er sie, alles genau zu beobachten, um seinen Verwandten -und Freunden mit voller Sicherheit erzählen -zu können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein -Los wäre. Als er das gesagt hatte, schwieg er und begann -einzuschlafen, während das Mädchen getreulich -bei ihm wachte.</p> - -<p>Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer, -in der sie sich befanden, mit Teufelchen -füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund mit ihren Versprechungen -zu etwas Bösem verlocken wollten, aus -seinen Worten und Mienen aber schloß sie, daß er -ihnen in nichts zu willen sein wollte. Als die Teufelchen -auf diese Weise nichts auszurichten vermochten, -versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen -zu bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft, -wie er zuvor ihren Lockungen widerstanden -hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen; kaum -aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen -Mücken füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber -so viel Kraft verloren, daß er sich der Mücken nicht -erwehren, noch sie verscheuchen konnte. Während<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> -aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß, -sah sie, daß ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte, -und da wußte sie, daß es seine Seele war, -die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang.</p> - -<p>Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden -und Saemund der Weise entschlafen.</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren -Edda, war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Sagen_von_Kalb_Arneson">Sagen von Kalb Arneson</h2> -</div> - -<h3>1. Wie der Teufel genasführt wurde</h3> - -<p class="noind">Man erzählt, daß sich Kalb Arneson dem Teufel verschrieb, -als er sich in der Schwarzen Schule aufhielt. -Als er nun nach Island zurückgekehrt war, hatte er -keinen größeren Wunsch, als von diesem Versprechen -entbunden zu werden; wie er sich aber anstellen sollte, -um das zu erreichen, wußte er nicht. Schließlich nahm -er den Ausweg, daß er Saemund dem Weisen einen -Besuch abstattete, um ihn um einen guten Rat in dieser -verzwickten Sache zu bitten. Saemund gab ihm den -Rat, sich ein Stierkalb zuzulegen und es Arne zu -nennen, dann sollte er ein anderes Kalb, das von -diesem Stier gezeugt wäre, aufziehen, es Kalb nennen -und »das sei Kalb Arneson«.</p> - -<p>Kalb befolgte den Rat, den ihm Saemund gegeben -hatte, und nach einiger Zeit kam der Teufel, um sich, -wie er sagte, Kalb Arneson zu holen. Kalb sagte, daß -nichts im Wege stehe, worauf er das Kalb holte, das -er großgezogen hatte, und es dem Teufel mit den -Worten übergab: »Hier hast du Kalb Arneson.« Der -Teufel konnte dagegen nichts einwenden, und obgleich -es seiner Meinung nach eine schlechte Erfüllung -des Versprechens war, mußte er gute Miene zum bösen -Spiel machen und Kalb Arneson fahren lassen, der -starb, nachdem er ein ehrenvolles Alter erreicht -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span></p> - -<h3>2. Kalb besucht Saemund den Weisen</h3> - -<p class="noind">Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den -Weisen in Odde besuchen und sagte seinen Leuten, -daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet zu überraschen. -Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis -er bei Nacht in Odde ankam und leise an die Tür -klopfte. Saemund hörte, daß geklopft wurde und befahl -einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um -zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging -hinaus, konnte aber keinen Menschen entdecken; er -ging deshalb wieder hinein und sagte, daß niemand -draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft, -und Saemund befahl einem andern Knecht, zur Tür -zu gehen. Der Knecht gehorchte, und da er draußen -niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen -Hof herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er -ging daher unverrichteter Sache wieder hinein und -sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte. Da -wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang -Saemund selber auf, indem er sagte, daß wohl er es -sei, mit dem der Ankömmling zu sprechen wünsche. -Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson -draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich. -Kalb bat um Obdach, und das wurde ihm -nicht verweigert, wie man sich wohl denken kann. Er -bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund -begann, nach einem solchen zu suchen. Kalb sagte, -daß es ja eigentlich eine Schande sei, von ihm zu verlangen,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span> -daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube -jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund -sagte, daß er es schon tun werde, und sogleich -machte er sich daran, es ging ihm aber eine geraume -Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere -er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd -anzubinden, und fragte ihn, ob er das nicht verstände. -Saemund erwiderte, er glaube es doch zu verstehen, -er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden. -Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen -wie bei jedem anderen Pferd. Saemund antwortete, -es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe keine Füße, -wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun -eine gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des -Pferdes zu suchen, und schließlich ließ er dieses Stück -Arbeit sein, so daß man nicht weiß, ob er je das Pferd -angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb -ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank -an. Saemund ging mit einer Kerze in der Hand voraus -und wartete ganz am Ende des Ganges auf Kalb. Kalb -aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen -Zeit kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der -Ankömmling sei. Saemund sagte es ihr. Sie fragte ihn, -ob er denn den Gast aufgefordert hätte, hereinzukommen. -Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan -habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals -einladen, ins Haus zu kommen; das wollte aber -Saemund nicht haben, er würde schon bald kommen, -meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> -Kalb endlich ganz außer Atem hereinkam und Saemunds -Frau bat, ihm einen reichlichen Trunk zu -bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund. -Kalb antwortete: »Es könnte leicht geschehen, -daß andere als ich trinken müssen, ehe der Abend -um ist.«</p> - -<p>Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten -ihm Speise auf und gaben ihm ein Messer zum Essen. -Als er aber mit dem Messer schneiden wollte, war es -ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht -scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte, -daß es nicht ihre Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer -schlechtesten Messer auszusuchen, und daß dies Messer -ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat -um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen. -Kalb gab ihm das Messer, und als es Saemund gewetzt -hatte, reichte er es Kalb wieder und sagte, daß -er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube -er, daß es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er -davor keine Angst habe; als er aber das erste Stück -abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und Tisch -und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund -sagte, daß er ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen, -da das Messer scharf sei. Kalb antwortete, daß die -Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann.</p> - -<p>In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und -nach der Mahlzeit ein Tischgebet zu lesen. Während -Kalb nach beendeter Mahlzeit das Tischgebet las, fiel -Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> -solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte -sich wieder, und als ihn Kalb nun aufforderte, -etwas Wasser zu trinken, tat er es sofort. Da sagte -Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend -noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen -Trunk bat, nachdem ich mich nach der Tür müde gesucht -hatte?« Dann hörten sie mit diesen Neckereien -auf und schwatzten miteinander darüber, wer von -ihnen wohl der Klügste sei.</p> - -<p>Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in -der Schwarzen Schule gelernt hätte als er, und daß er -daher mehr könne als er.</p> - -<h3>3. Kalb schickt den Teufel aus, um einen -Pfarrer zu holen</h3> - -<p class="noind">Kalb verfiel einmal in eine gefährliche und schwere -Krankheit. Da trat der Teufel zu ihm ans Lager und -sagte, daß er beabsichtige, anwesend zu sein, wenn er -sterbe. Kalb erwiderte, daß er diesmal wohl nicht -sterben würde; trotzdem aber bat er den Teufel, einen -Pfarrer zu holen, der nicht geldgierig sei; es hätte -weiter keine Eile, sagte er, denn sein Krankenlager -würde langwierig werden. Der Teufel wurde dabei -ganz still und meinte, es sei nicht so ganz einfach, -solch einen Mann zu finden. Kalb erwiderte, daß der -Teufel ihn, Kalb, nicht bekäme, wenn er nicht einen -solchen Pfarrer bringen könne, der Vertrag zwischen -ihnen wäre dann ungültig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span></p> - -<p>Der Teufel zog also davon und blieb lange fort; er -suchte sorgfältig, fand aber keinen, der nicht geldgierig -war. Nach vieler Mühe und langem Suchen -brachte er jedoch einen Pfarrer zu Kalb, von dem er -erzählte, daß er ihn weit weg in fernen Ländern gefunden -habe; zwar wäre er nicht ganz frei von Geldgier; -es gäbe aber nur einen Pfarrer, da unten in -Deutschland, der in dem Ruf stände, nicht geldgierig -zu sein, aber er hätte nicht an ihn herangekonnt, eines -leuchtenden Feuers wegen, das die ganze Zeit um ihn -gelodert hätte.</p> - -<p>Kalb sagte, daß er mit dem Pfarrer, den der Teufel -gebracht hätte, nichts zu tun haben wolle, da er nicht -ganz frei von Geldgier sei, und der Teufel habe daher -kein Recht auf Bezahlung.</p> - -<p>Und so mußte der Teufel mit langer Nase abziehen.</p> - -<h3>4. Kalbs Tod</h3> - -<p class="noind">Als Kalb ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde er -schwer krank, und er wußte im voraus, daß die Krankheit -sein Tod werden würde. Er gebot deshalb allen -Leuten des Hauses, den Hof zu verlassen und die -Kammer zu verschließen, in der er liege, den Schlüssel -jedoch im Loche stecken zu lassen. Er bat die Leute, -nach einer bestimmten Zeit zurückzukommen, sie -sollten sich aber nicht darum kümmern, daß sie vielleicht -verschiedene Gegenstände auf dem Hof aus den -Fugen gebracht oder entzweigeschlagen vorfänden;<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span> -wenn aber alles in seiner Schlafkammer stehen geblieben -wäre, wie es gestanden habe, dann sollten sie -ihn mit allen Zeremonien beerdigen; wäre dagegen -etwas darin zerstört oder entzweigeschlagen, dann -sollten sie ihn wie einen Kadaver an irgendeiner Stelle -verscharren. Kalb hatte einen Pflegesohn, der Arne -hieß und ihm sehr lieb war; dieser wollte nicht mit -den übrigen Leuten des Hofes fortgehen und versteckte -sich deshalb hinter der Umzäunung des Hofes, -als die anderen fortgingen. Nach Verlauf einer kurzen -Zeit sah Arne den Teufel angehumpelt kommen. Erst -ging der Teufel um die ganze Umzäunung herum und -dann in den Hof hinein, wo er eine Zeitlang umherging -und tobte. Schließlich ging er ins Haus und -tummelte sich lange darin und machte viel Gepolter. -Nach geraumer Zeit schlich sich Arne in das Haus -und öffnete die Tür zu der Kammer, in der sein Pflegevater -Kalb lag. Da war Kalb tot, alle Sachen aber in -seiner Kammer standen genau so da, wie sie früher -gestanden hatten, und Arne sah nichts vom Teufel.</p> - -<p>Da wurde Kalb Arneson mit allen Zeremonien auf -dem Kirchhof beerdigt, wie er es selbst verlangt hatte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Gudbjart_Floke_und_der_Bischof_von_Holar">Gudbjart Floke und der Bischof von Holar</h2> -</div> - -<p class="noind">Der Pfarrer Gudbjart Floke in Laufaas war der klügste -Mann seiner Zeit; da er aber sehr gutmütig war, tat -er niemandem etwas mit seiner Kunst zuleide. Dennoch -nahm der Bischof auf Holar Anstoß an dem Gerücht -als Zauberer, das der Pfarrer auf sich gezogen -hatte, und er faßte daher den Entschluß, ihn seines -Amtes zu entheben. In dieser Absicht zog er mit -einigen Priestern und jungen Leuten im Gefolge -aus; als sie aber ein kleines Stück Weges gegangen -waren, verloren sie die Richtung und wußten nicht -wohin, und entdeckten erst, wo sie waren, als sie -sich zu Hause, auf Holar, hinter dem Hofzaun befanden.</p> - -<p>Nichtsdestoweniger zog der Bischof das zweitemal -aus, und er war mit seinen Männern schon nördlich -der Hjaltetalsheide, als sie bei hellichtem Tag von -einem Schneetreiben mit starkem Sturm und Frost -überrascht wurden. Plötzlich befiel sie alle ein Drang, -ihre Notdurft zu verrichten; als sie sich aber wieder -erheben wollten, waren sie nicht dazu imstande; sie -waren nahe daran zu erfrieren und sahen schließlich -keinen andern Ausweg zur Rettung, als das Versprechen -zu geben,wieder nach Hause zurückzukehren. -Die Leute frohlockten über die Reisen des Bischofs, -Sira Gudbjart aber tat das nie; er glaube nicht, sagte -er, daß er es sei, den der Bischof aufsuchen wolle;<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span> -denn dazu hätte er nicht ein so großes Gefolge mitzunehmen -brauchen.</p> - -<p>Einige Zeit später war der Bischof mit noch einem -Mann auf der Reise im Oefjord, und bei dieser Gelegenheit -machte er einen Abstecher zum Hause des -Sira Gudbjart; diesmal verlief alles gut, und es traf -sich, daß niemand draußen war. Der Bischof trat gleich -in das Haus und sah den Pfarrer am Tisch sitzen, den -Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch vor sich -auf dem Tisch. Der Bischof ergriff das Buch, wie er -es aber auch wandte und drehte, er fand doch nur unbeschriebene -Blätter. Der Bischof fragte den Pfarrer, -wozu er das Buch benutzen wolle, und der andere -erwiderte, es diene zum Einschreiben von Predigten.</p> - -<p>»So! Predigten!« antwortete der Bischof zornig, -»du, der den Teufel anbetet!«</p> - -<p>Aber kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, -als er ein Grab sich öffnen sah, aus dem eine bläuliche -Flamme schlug. Er selber stand am äußersten -Rand, während eine graue Hand seinen Mantelschoß -faßte und ihn in die Flamme hinabziehen wollte. Der -Bischof stieß einen Schrei aus und sagte: »Helft mir, -um Gottes willen, Herr Pfarrer!« Sira Gudbjart reichte -ihm die Hand und sagte: »Laß ihn los, Satan!« und -alles war wieder, wie es gewesen war. Dann sagte der -Pfarrer: »Es ist nicht weiter merkwürdig, daß der -Böse denen so nahe ist, die seinen Namen im Munde -führen, anstatt Gottes Segen über das Haus herabzuflehen; -ich bin gewöhnt, das zu tun, und dennoch<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span> -beschuldigst du mich, von dem rechten Glauben gelassen -zu haben.«</p> - -<p>Der Bischof wurde nun sanfter in seiner Rede. Sie -sprachen lange miteinander und trennten sich in -Freundschaft, und von dieser Zeit an sagte der Bischof, -daß er nur wünschen könne, daß alle so gottesfürchtig -wären wie sein lieber Gudbjart.</p> - -<p>Aber später merkte man nie etwas davon, daß der -Pfarrer Gebrauch von seiner Kunst machte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Frau_von_Malmoe">Die Frau von Malmö</h2> -</div> - -<p class="noind">Es wird erzählt, daß der Fluch auf dem Hof Malmö -im Skagefjord lastete, daß niemand länger als zwanzig -Jahre dort aushalten könne.</p> - -<p>Zur Zeit des Pfarrers Halvdan Einarsson wohnte -auf diesem Hof ein Bauer, mit Namen Jon. Er hatte -sich als junger Mann auf Malmö niedergelassen und -nie einen anderen Hof bewirtschaftet, und nun waren -die zwanzig Jahre um, während deren er sich dort -ohne Gefahr aufhalten konnte; da er aber ein mutiger -Mann und nicht sehr abergläubisch war, und da er -außerdem den Hof von seinem Vater geerbt und immer -gute Tage gesehen hatte, wollte er ihn nicht verlassen, -und das einundzwanzigste Jahr verging, bis kurz vor -Weihnachten, ohne daß etwas Merkwürdiges geschah.</p> - -<p>Am Tage vor Heiligabend aber verschwand die -Frau von Malmö, ohne daß jemand entdecken konnte, -wo sie geblieben war, obgleich man weit umher suchte. -Der Bauer Jon nahm sich das sehr zu Herzen und -wollte sich Gewißheit darüber verschaffen, wie das -Verschwinden seiner Frau zu erklären sei. Er zog daher -zu Pfarrer Halvdan nach Fell, und als er dort angekommen -war, wünschte er den Pfarrer zu sprechen, -und dann erzählte er ihm seine Not. Der Pfarrer -sagte, daß er ihm schon verraten könne, was aus seiner -Frau geworden wäre, und wo sie geblieben sei, es -würde ihm aber nichts nützen, das zu erfahren, denn<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span> -von nun ab würde er keine Freude mehr an seiner -Frau haben. Der Bauer fragte, ob er es so einrichten -könne, daß er seine Frau zu sehen bekäme. »Denn -sehr würde mein Gemüt erleichtert werden, wenn ich -sie sehen und erfahren könnte, wo sie ist,« sagte er. -Der Pfarrer erwiderte, daß er diese Bitte nicht gern -erfülle, er müßte es aber wohl doch tun, da er so sehr -darum bäte, und er bestimmte, daß er an dem und -dem Tage wiederkommen sollte, wenn alle zu Bett -gegangen wären. Da kehrte der Bauer wieder nach -Hause zurück und fand, daß die Dinge jetzt eine -bessere Wendung für ihn genommen hätten.</p> - -<p>Als er an dem bestimmten Tage nach Fell kam, war -der Pfarrer schon gerüstet und reisefertig. Der Bauer -sah ein graues, aufgezäumtes Pferd nördlich vom -Kirchhof stehen; der Pfarrer ging zu ihm hin, bestieg -es und gebot dem Bauern, sich hinter ihn zu setzen. -»Hüte dich aber, ein einziges Wort zu sprechen,« -sagte der Pfarrer, »was du auch zu sehen bekommst, -und was auch geschieht; denn verstößt du dagegen, -so gilt es dein Leben!« Der Pfarrer ritt nun davon, -den Bauern hinter sich, und dieser wunderte sich schier -über den rasenden Lauf, in dem das Pferd dahinsauste. -Sie nahmen den kürzesten Weg außerhalb Daletaa und -Sigtunäs und steuerten geradeswegs Olafsfjordsmule -zu; dem Bauern wurde dabei etwas wunderlich zumute, -und einmal, als es einen Ruck in dem Pferde -gab und es sich tief duckte, erschrak er und stieß einen -Schrei aus. Da rief der Pfarrer laut: »Wir haben einen<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span> -Felsen gestreift, jetzt halt aber das Maul,« und das ist -seit jenem Tage eine Redewendung geworden, wenn -Pferde stolpern und den Halt verlieren. Es wird nichts -weiter von ihrem Ritt erwähnt, bis sie nördlich Olafsfjordsmule -ans Land kamen, an die mächtigen und -steilen Felsen, die dort sind. Der Pfarrer und der Bauer -stiegen vom Pferd, worauf der Pfarrer an den Berg -ging und einen kleinen Stab hervorholte, mit dem er -auf den Berg schlug.</p> - -<p>Nach einer Weile öffnete sich der Berg, und heraus -traten zwei blaugekleidete Huldreweiber, die Jons -Frau zwischen sich führten. Sie war ganz unkenntlich -geworden und ähnelte sich selbst nicht mehr. Ihr Gesicht -war aufgedunsen und blau, und ihr ganzes Aussehen -war das eines Trollweibes; auf ihrer Stirn stand -ein Kreuzeszeichen, das ihre ursprüngliche Hautfarbe -hatte, und Pfarrer Halvdan erklärte später, wenn er -darüber befragt wurde, daß dies das einzige Zeichen -sei, das sie von ihrem früheren Dasein behalten hätte.</p> - -<p>Als die Frau aus dem Berge herausgetreten war, -sagte sie: »Du bist also hergekommen, Jon. Was -willst du denn?« Der Bauer war stumm geworden, der -Pfarrer aber fragte ihn, ob er seine Frau mit zurücknehmen -wolle, oder ob er ihr sonst etwas zu sagen -hätte; darauf antwortete der Bauer »Nein«. Der Pfarrer -wies dann die Weiber wieder in den Berg hinein, -verschloß ihn hinter ihnen und drückte die Tür gehörig -in die Öffnung hinein, damit diese Weiber niemandem -mehr irgendeinen Schaden zufügen könnten.<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -Später aber hat Pfarrer Halvdan selbst gesagt, daß er -nicht alle Ritzen zugestopft hätte, denn nie habe er -beabsichtigt zu verhindern, daß jemand hineinkomme, -wohl aber, daß jemand herauskäme. Von dieser -Zeit ab wird die Stelle an der Nordseite der Olafsfjordsmule, -wo Pfarrer Halvdan den Berg aufschloß, -Halvdanstor genannt. Glaubwürdige Leute erzählen, -daß sie rot in der Farbe sei, und daß sie nicht wie der -übrige Teil des Berges aussieht, und daß besonders -unten ziemlich große Risse sind, nämlich die, an denen -der Pfarrer nichts tun wollte.</p> - -<p>Der Bauer und der Pfarrer kehrten auf demselben -Wege, den sie gekommen waren, wieder zurück und -erreichten Fell, ehe die Leute aufgestanden waren. -Sie stiegen vom Pferd, nördlich vom Kirchhof, an -derselben Stelle, an der sie aufgestiegen waren, und -der Pfarrer zäumte das Grauchen ab. Als er ihm aber -den Zaum abgenommen hatte, schlug er ihm damit -auf die Lende; der Graue wurde wütend und schlug -mit dem Hinterfuß nach dem Pfarrer; dieser aber -sprang zur Seite, und der Schlag traf die Kirchhofsumzäunung, -in der eine Öffnung durch den Pferdehuf -entstand, die man, nach der Aussage der Leute, -nie wieder hat in Ordnung bringen können, wie man -auch versucht hat, sie auszufüllen.</p> - -<p>Es wird auch erzählt, daß von diesem Tage ab niemanden -auf Malmö ein Unglück betroffen habe; es -hat aber auch niemand gewagt, länger als zwanzig -Jahre dort zu wohnen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sagen_vom_Pfarrer_Erik_in_Vogsosar">Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar</h2> -</div> - -<h3>1. Das Bettelweib</h3> - -<p class="noind">Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer -zu Pfarrer Erik und baten ihn, sie das Zaubern zu -lehren. Er antwortete, daß er nichts von Zauberei verstünde, -sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm -bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an.</p> - -<p>Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber -mit ihm auf die Felder um den Hof hinauszureiten. -Als sie ein kurzes Stück vom Hof entfernt -waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein -Kind an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe. -Erik war zornig über ihre Bitte und sagte, daß er ihr -nicht das allergeringste geben würde. Die Alte sagte, -sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie -klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter -gegen sie und sagte, daß er es satt habe, -das ewige Jammern von Bettlern mitanzuhören. »Es -wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!« -Das und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten, -sie aber bat ihn nur um so flehentlicher.</p> - -<p>Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die -Alte da umbringen, wenn ich Euch etwas lehren soll!« -Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich gedacht Erik, -daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie -werde ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir -auch dafür geboten würde.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p> - -<p>»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von -Sira Erik fortjagen lasse,« sagte der andere Gast, -»ich bin gewillt, die Alte zu töten; diese Landstreicher -haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß -man sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten -dankbar sein, wenn sie das Leben verlieren.«</p> - -<p>Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß -niemand ihn dazu bringen könnte, solchen hartherzigen -Menschen etwas zu lehren. Den andern dagegen -nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung -bei ihnen hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in -Wirklichkeit hatten sie gar kein altes Weib gesehen.</p> - -<h3>2. Das Gesicht im Hügel</h3> - -<p class="noind">Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis, -mit ihm gehen zu dürfen, wenn er eines Sonntags -abends den Hof verließe. Der Pfarrer sagte lange -nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon -haben würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und -schließlich versprach denn Erik, daß er den jungen -Mann gelegentlich mitnehmen würde.</p> - -<p>Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling -mit. Das Wetter war schön und hell. Sie gingen auf -das Feld hinaus und kamen an einen Hügel. Der -Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel. -Er öffnete sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen -heraus. Sie begrüßte Erik sehr vertraulich und bat ihn -hereinzukommen. Die beiden leisteten der Einladung<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span> -Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin -saßen viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter -nahmen an der einen Seite der Tür Platz, der -Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach ein einziges -Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich -schier verwunderte.</p> - -<p>Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen -aber nach einem Weilchen zurück. Da trugen sie ein -Messer und einen Trog in der Hand und gingen auf -den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten -Seite der Tür saß. Sie packten ihn, legten ihn neben -den Trog, zerschnitten ihn wie ein Schaf und steckten -ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten, -und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch, -und alles ging in derselben Weise zu. Niemand versuchte, -sich zur Wehr zu setzen, und alle schwiegen -ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses -Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr -entsetzt darüber. Er sah, daß diese Weiber wohl kaum -daran denken würden aufzuhören, bis alle entzweigeschnitten -wären; denn als sie zu Sira Erik kamen, -packten sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die -anderen. Da schrie der Mann laut auf, nahm Reißaus, -stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er -rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine -flinken Beine. Als er aber an den Eingang des Hauses -kam, stand Pfarrer Erik in der Tür und stützte die -Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte, -als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span> -rennst du so sehr, mein Lieber?« Der Mann wußte -nicht, was er darauf antworten sollte; denn jetzt -schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm -eine Augentäuschung vorgemacht hatte.</p> - -<p>Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein -Lieber, daß du nicht vertragen kannst, etwas zu -sehen!«</p> - -<h3>3. Der Pferdediebstahl</h3> - -<p class="noind">Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen -in Selvog gebeten, sich zu hüten, ohne seine -Erlaubnis seine Pferde zu nehmen, indem er ihnen -drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und -so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen. -Es waren jedoch einmal zwei Burschen, die -sich nicht nach seinem Verbot richteten. Kaum aber -waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen, als -diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß -die Burschen Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich -hinunterschwingen, da sie die Pferde nicht zum -Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn -ihre Hosen waren an den Rücken festgewachsen. -»Das geht nicht,« sagte der eine der Burschen, »wir -müssen von den Pferden herunter, sonst fallen wir -Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl -keiner in unsere Haut wünschen.« Er holte ein Messer -hervor und trennte den Schritt von seinen Hosen ab -und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter. Der -andere dagegen war entweder nicht geschickt genug,<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -dasselbe zu tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht -verderben. Die Pferde liefen heim nach Vogsosar, das -eine mit dem heulenden Burschen, das andere mit -dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf -den Hof kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich -dem ledigen Pferd den Fetzen vom Rücken, sagte aber -zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd saß: -»Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar -Pferde zu stehlen; komm jetzt herunter und -nimm nie wieder meine Pferde, ohne mich um Erlaubnis -zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du -und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen -lehrte; denn aus ihm könnte etwas werden.«</p> - -<p>Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer. -Dieser zeigte ihm den Stoffetzen und fragte ihn, -ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ sich nicht -ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie -alles zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte -ihn auf, zu ihm zu kommen. Dieses Anerbieten -wurde mit Dank von dem Burschen angenommen, -der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm -sehr gehorsam war, und man sagt, daß der Pfarrer ihn -viel alte Weisheit gelehrt habe.</p> - -<h3>4. Erik und der Bauer</h3> - -<p class="noind">Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem -Sprengel ein Bauer, der nie die Kirche besuchte, und -der, um den Pfarrer zu ärgern, an den Feiertagen stets<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur -einigermaßen erlaube.</p> - -<p>Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst -abzuhalten. Da richtete der Bauer es so ein, -daß er gerade dabei war, sich seine Lederhosen anzuziehen, -als der Pfarrer bei ihm vorbeiging.</p> - -<p>Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine -Bitte heute dem Gottesdienst beiwohnen wolle. Der -Bauer antwortete nein und begann, die Lederne anzuziehen. -Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst -ab und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts. -Da traf er den Bauern, der immer noch auf derselben -Stelle stand und nur das eine Bein hatte in die -Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl -einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an -Land gekommen sei. Der andere schämte sich sehr, -als er den Hergang erzählen mußte, daß er dort gesessen -habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat -nun den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte; -»Wenn du schon jetzt findest, daß dir der Teufel zu -stark ist, wie soll es dann später werden?« Der Pfarrer -gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu lassen. -Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an -fleißig die Kirche.</p> - -<h3>5. Erik und das alte Weib</h3> - -<p class="noind">Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach -reiten. Auf dem Ritt kam er nach Oerebakke und<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -wollte dort in den Kramladen gehen, um ein bißchen -in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich -ganz gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging, -sah er zwei alte Weiber draußen sitzen. Das -eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf das -andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen -von Vogsosar? Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann -hörte ihr Gespräch auf. Erik aber setzte seinen Ritt -fort.</p> - -<p>Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein -Begleiter ein altes Weib hinter ihnen herlaufen und -bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten. Dieser aber -sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten -ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der -Fährstelle am Thjorsbach, kamen, wo sie von den -Pferden stiegen. Da kam die Alte, die noch rannte, -nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte, -halbtot vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen -Oberkleidung entledigt. Da wandte sich Erik zu -der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine -Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen; -unterlaß es aber in Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.«</p> - -<p>Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu -seinem Begleiter, daß er das Weib habe hinter ihnen -herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen, Schimpfnamen -zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p> - -<h3>6. Erik und der Bischof</h3> - -<p class="noind">Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten -von Pfarrer Erik, daß es ihm schließlich -zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn abzusetzen. -Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu -Erik, die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines -Tages schönes Wetter war, zogen sie davon, und nun -sollten große Dinge geschehen.</p> - -<p>Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden -und vor das Haus gegangen; als er wieder -hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er verbot seinen -Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen; -denn das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen -zu tun, was er wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches -Unwetter auf, mit Sturm und Schneetreiben, -so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der -Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die -Tür geklopft, und das war einer von den Schülern, der -ankam. Sie waren im Schneetreiben auseinander gekommen, -erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch -jeder einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum -Abend, ehe sie wieder zusammen waren. Erik nahm -sie freundlich auf und erwies ihnen alles erdenkliche -Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich -nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs -auszuführen, ihm den Rock auszuziehen, und sie zogen -daher unverrichteter Sache wieder nach Hause. Sie erzählten -dem Bischof, wie sich alles zugetragen hätte,<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß -er selber Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine -Absicht ebenso schlecht ausführen würde. So verstrich -der Winter, und es ging auf den Sommer.</p> - -<p>Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten -ihn. Er kam nach Vogsosar und schlug sein Zelt -außerhalb der Umzäunung auf. Es war ein Wochentag, -und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten, -um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er -bat seine Leute, sich zu hüten, irgendein Geschenk -von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof -und ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof -mit großer Freude und war außerordentlich fröhlich. -Der Bischof wünschte die Kirche zu besichtigen. Erik -zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die gute -Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der -Bischof in der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler, -um Feuer zu holen, und traf Erik an. Der Pfarrer -begrüßte ihn freundlich und holte eine Weinflasche, -die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck -an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der -Bischof, sagte er, hätte ihm das streng verboten. Da -nötigte ihn Erik noch eifriger zu trinken und sagte, -das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm -einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler, -als hätte er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet, -und er bat den Pfarrer um die Flasche, um den -Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu können. -Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span> -kehrte wieder in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch -goß der Schüler von dem Wein in das Glas des Bischofs, -ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen -Trank hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der -Wein schmeckte ihm sehr, und während er trank, -wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der -Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine -Woche bei ihm und lebte wie ein Prinz in einem -Bäckerladen.</p> - -<p>Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus, -daß Erik seinen Priesterrock verlor.</p> - -<h3>7. Wie Erik dem Bauern seine Frau -wieder verschaffte</h3> - -<p class="noind">Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, -der sich eben verheiratet hatte, verlor seine -Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit eines Morgens -früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer -liegen blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, -wie sie es jeden Morgen zu tun pflegte, blieb -aber diesmal länger als gewöhnlich fort, so daß der -Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, -um sie zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem -Hof. Da ging er umher von Hütte zu Hütte, um nach -ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem Morgen -gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen -der folgenden waren viele Leute draußen, um sie zu -suchen, sie war aber nicht zu finden. Der Bauer nahm<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span> -sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß er sich -zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen -wollte. Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je -länger er lag, desto elender wurde er, am meisten aber -ging es ihm nahe, daß er nicht wußte, auf welche -Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er -als ganz sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für -das Wahrscheinlichste, daß sie in der See ertrunken -sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen und sterben -würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe -wurde es schlimmer mit ihm.</p> - -<p>Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: -»Ob du nicht doch versuchen solltest aufzustehen, -wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich möglicherweise -dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner -Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, -wenn ich nur könnte,« erwiderte der Bauer. -Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt auf, verlasse -dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich -dann aufs Festland und nach Selvog hinunter zu -Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte ihn zu versuchen, -deiner Frau auf die Spur zu kommen.«</p> - -<p>Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; -er zog sich an und aß und erholte sich allmählich, bis -er sich zutraute, aufs Festland zu ziehen, und es wird -nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach Vogsosar -kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn -gut und fragte nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, -wie alles war. Da sagte Erik: »Ich weiß nicht,<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust -dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und -wir können sehen, was zu tun ist.« Der Bauer nahm -die Einladung an.</p> - -<p>Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei -graue Pferde nach Hause bringen; das eine war ein -schönes Pferd, das andere aber war häßlich und mager. -Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während -das andere für den Bauern gesattelt wurde; dann -sagte er: »Jetzt werden wir auf den Sand hinausreiten.« -Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre Gerippe -da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik -tat, als hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten -nun fort, in Sturm und schwerem Regen. Als sie außerhalb -der Öffnung der Bucht waren, begann das -magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das -andere zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so -schnell er konnte. Erik aber war ihm bald entschwunden. -Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli -kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt -werden und das Grenzzeichen zwischen Arnes- und -Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik schon angelangt. -Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein -gelegt, und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, -und keins von den Blättern bewegte sich, obgleich es -in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik ging -gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte -etwas zwischen den Zähnen, worauf er zu dem Bauern -sagte: »Jetzt gib acht, ob du deine Frau siehst.« Eine<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span> -Menge Menschen kamen nun an den Stein, und der -Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem -Menschen zum andern, fand aber seine Frau nicht. -Das sagte er Erik, der die Leute anredete: »Fahrt nun -dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr gekommen -seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik -wandte einige Blätter in dem Buch um, und es ging -ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum drittenmal, -und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte -Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn -nicht in einer der Gruppen?« Als der Bauer auf die -Frage nein antwortete, errötete Erik und sagte: »Jetzt -beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe -nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in -der Erde und im Wasser leben, und deren ich mich -erinnern konnte.« Er holte darauf ein kleines Buch -aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: -»Mir fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das -kleine Buch auf das große, ging gegen die Sonne um -den Stein herum und murmelte wie zuvor. Da erschien -das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen -sich; in dem Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. -Erik redete sie folgendermaßen an: »Schlecht habt ihr -gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt; -packt euch, und Schande über euch für diese Tat, -und laßt mich nicht sehen, daß ihr solches öfter tut.« -Sie gingen sofort davon, Erik aber zerschlug das -Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und -stieg mit allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span> -mich meine Frau zu mir aufs Pferd nehmen, denn -Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.« Erik -sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand -bald zwischen den Lavasteinen.</p> - -<p>Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar -kam, wo Erik schon angelangt war; in der Nacht ließ -dieser die Frau in seinem Bett schlafen, lag aber selber -vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen machte -sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: -»Es ist kaum ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu -lassen; ich werde sie selbst nach Hause bringen.« Der -Bauer dankte ihm.</p> - -<p>Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die -Frau vor sich und ritt davon. Der Bauer ritt hinterher, -merkte aber nichts von Erik, bis er an die Insel -kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging -der Bauer mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei -Nächte bei ihr. Dann sagte er: »Es ist nicht sicher, -ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese -Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« -Von dieser Nacht an hatte aber die Frau nichts mehr -zu befürchten. Während Erik bei der Frau wachte, -gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte -sie ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren -hatte. Danach zog Erik wieder heimwärts, erhielt -aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span></p> - -<h3>8. Wie Erik des Bauern Frau vor den -Huldren errettete</h3> - -<p class="noind">Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit -Erik war, kam eines Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei -war, von Süden her aus Njardvig zu Pfarrer Erik. -Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter -über bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam, -nahm ihn Pfarrer Erik, der vor dem Hause stand, gut -auf und fragte dann: »Bist du gut beritten, mein -Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd -sei ebenso mager wie schlecht beschlagen, meinte er. -Erik sagte: »Da mußt du dich beeilen, nach Hause -zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der -Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?«</p> - -<p>Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach -und spuckte unter die Hufe, und dann sagte er: -»Steige jetzt zu Pferd, und reite, was das Zeug hält; -es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist. -Wenn du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du -die Schreie deiner Frau bis hinaus hören; gehe dann -mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern sage -schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und -sieh dann zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für -den guten Rat und ritt davon. Das Pferd lief schneller -mit ihm fort, als er sich besinnen konnte, und er erreichte -sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft -hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich -genau so, wie Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span> -nahm es eine solche Wendung, daß sie eine Stunde -später wieder ganz gesund war.</p> - -<p>An demselben Abend klopfte es hart an das Tor -von Vogsosar. Erik ging hinaus, um zu öffnen, blieb -ein Weilchen draußen und kam dann wieder herein. -Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete: -»Ach, es war nur jemand, der etwas mit mir -zu sprechen hatte.«</p> - -<p>Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog, -vergalt er die Hilfe, die Erik ihm geleistet hatte, -reichlich.</p> - -<h3>9. Pfarrer Eriks Tod</h3> - -<p class="noind">Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er -selbst die Männer aus, die seine Leiche tragen sollten. -Er sagte, daß, wenn er zur Kirche hinausgetragen -würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er -bat sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem -sie ihn aufhöben, nicht abzusetzen, bis sie ihn in -die Kirche hineingetragen hätten. Dann würde der -Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der -Kirche zwei Vögel sehen, einen weißen und einen -schwarzen, die erbittert miteinander kämpften. Er bat -sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf siege und -sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem -Kirchhof zu begraben, siege dagegen der schwarze -Vogel, und setze er sich auf die Kirche, so sollten sie -ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn dann -wäre es aus mit ihm.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p> - -<p>Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der -Hagelschauer prasselte herab, und die Vögel kämpften -miteinander; der weiße Vogel aber siegte über -den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab -innerhalb des Kirchhofs.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Mann_von_Grimsoe_und_der_Baer">Der Mann von Grimsö und der Bär</h2> -</div> - -<p class="noind">Es geschah einmal auf Grimsö, daß das Feuer im Winter -erlosch, so daß auf keinem Hof Feuer oder Licht angezündet -werden konnte. Es war damals ruhiges -Wetter, und der Frost war so scharf, daß der Grimsösund -zugefroren war, und man glaubte, daß das Eis -tragen könne. Da entschlossen sich die Bewohner von -Grimsö, ein paar Leute auf das Festland zu senden, -die Feuer holen sollten, und wählten dazu drei von -den tüchtigsten Männern der Insel.</p> - -<p>Sie zogen früh morgens bei hellem Wetter davon, -und eine Menge Bewohner begleiteten sie auf das Eis -hinaus und wünschten ihnen einen glücklichen Weg -und baldige Heimkunft. Es wird nichts von der Wanderung -der Ausgesandten berichtet, bis sie mitten im -Sund an eine Wake kamen, die so lang war, daß sie -ihr Ende nicht sehen konnten, und so breit, daß nur -zwei mit knapper Not hinüberzuspringen vermochten, -während der dritte sich nicht dazu imstande glaubte. -Die anderen rieten ihm deshalb, nach der Insel zurückzukehren -und setzten ihre Wanderung fort; er aber -blieb am Rande der Wake zurück und verfolgte sie -mit den Augen. Er wollte ungern unverrichteter Sache -zurückkehren und entschloß sich daher, an der Wake -entlang zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht -an einer anderen Stelle schmaler wäre. Im Laufe des -Tages wurde das Wetter trübe, und es zogen von Süden<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span> -Sturm und Regen auf. Das Eis löste sich, und schließlich -stand der Mann auf einer Eisscholle, die dem -Meere zutrieb. Am Abend stieß die Scholle gegen -einen großen Eisberg, den der Mann bestieg. Da entdeckte -er unweit von sich einen Bären, der auf seinen -Jungen lag. Er aber war verklammt und hungrig, und -ihm graute jetzt vor dem Leben. Als der Bär den Mann -erblickte, betrachtete er ihn eine Weile, erhob sich -dann, ging auf ihn zu, umkreiste ihn und gab ihm ein -Zeichen, daß er sich auf das Lager zu den Jungen legen -sollte. Er tat das mit Furcht im Herzen. Dann legte -sich das Tier selbst bei ihm nieder, breitete sich über -ihn und säugte ihn mit seinen Jungen zugleich. Die -Nacht verstrich; am nächsten Tage stand das Tier auf, -entfernte sich ein kleines Stück vom Lager und winkte -dem Manne nachzukommen. Als er auf das Eis hinausgekommen -war, legte sich der Bär vor seine Füße -nieder und gab ihm ein Zeichen, sich auf seinen Rücken -zu setzen. Als er den Rücken des Bären bestiegen -hatte, erhob sich dieser, rüttelte und schüttelte sich, -bis der Mann von ihm heruntergefallen war. Mit dieser -Probe war er für diesmal zufrieden, der Mann aber -wunderte sich darüber. Es vergingen nun drei Tage; -nachts lag der Mann auf dem Lager des Bären und -saugte seine Milch, jeden Morgen aber hieß ihn der -Bär sich auf seinen Rücken setzen, und dann schüttelte -er sich, bis der Mann sich nicht mehr festhalten konnte. -Am vierten Morgen konnte sich der Mann auf dem -Rücken des Tieres halten, so viel es sich auch schüttelte.<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span> -Gegen Abend ging es aufs Eis hinunter, den Mann -auf dem Rücken, und schwamm mit ihm nach der -Insel.</p> - -<p>Als der Mann an Land gekommen war, ging er auf -die Insel hinauf und gab dem Bären ein Zeichen, ihm -zu folgen. Er ging voran nach seinem Heim und ließ -sogleich die beste Kuh im Stall melken und ihn so -viel frisch gemolkene Milch trinken, wie er nur konnte; -dann ging er vor dem Bären in seinen Schafstall, ließ -die beiden besten Schafe aus seiner Herde herausnehmen -und schlachten, band sie an den Hörnern zusammen -und legte sie quer über den Rücken des -Bären. Dieser kehrte nach dem Meere zurück und -schwamm zu seinen Jungen hinaus.</p> - -<p>Und nun war viel Freude auf Grimsö; denn während -die Inselbewohner mit Erstaunen dem Bären -nachschauten, sahen sie ein Boot vom Festland kommen -und mit gutem Wind nach der Insel segeln. Darin -hofften sie die beiden anderen Abgesandten mit dem -Feuer zu sehen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Baer_der_mit_der_Tonne_rang">Der Bär, der mit der Tonne rang</h2> -</div> - -<p class="noind">In den Westfjorden liegt irgendwo ein Hof unterhalb -eines steilen Berges, auf dem einmal ein reicher Bauer -wohnte. Hoch oben auf dem Grat hatte er einen großen -Schuppen, in dem er seine Fische und andere Sachen -aufbewahrte. Vom Hof ging ein gerader Weg den -Berg aufwärts, dicht an dem Schuppen vorbei. Er war -wie mit einer Mauer eingefaßt; denn große Steine -lagen in Reihen zu beiden Seiten, während er am -Boden ganz eben war.</p> - -<p>Dem Bauern war es aufgefallen, daß, wenn es abends -dunkel geworden war, in der Regel ein Bär kam, der -den geraden Weg zu dem Schuppen hinaufstieg -und an seine Fische ging, und der ihm auf diese Weise -schon manchen Schaden zugefügt hatte. Da hatte er -sich eine List ausgedacht, um dem Petz abzugewöhnen, -seine Fische zu fressen. Er ließ nämlich eine riesengroße -Tonne anfertigen, die gerade den Weg sperrte, -wenn sie von dem Berge heruntergerollt wurde, füllte -sie mit Steinen und schlug den Boden gehörig fest. -Nun ließ er die Tonne auf dem Bergrücken liegen, -wo der eingezäunte Weg begann und wartete dort -selbst, bis der Bär kam. Dieser erschien zur gewohnten -Zeit und ging nichts ahnend den Berg hinauf. Als er -aber beinahe ganz oben war, wälzte ihm der Bauer -die Tonne entgegen. Der Petz konnte nun nicht weiter. -Die Tonne hatte Eile, sobald wie möglich bergab zu<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span> -kommen, während Petz mit aller Gewalt versuchte, -sie in ihrem Lauf zu hemmen. Umdrehen konnte er -sich nicht; denn dann hatte er die Tonne dicht auf -den Fersen; auch konnte er nicht über die Tonne hinüberspringen; -denn er brauchte all seine Kraft, um -ihr Widerstand zu leisten, damit sie ihm nicht auf dem -Kopf fiel. Auf diese Weise rang er die ganze Nacht -mit der Tonne und glitt langsam zurück vor ihr, bis -sie beide unten auf ebener Erde standen. Da war der -Petz nahe daran, vor Müdigkeit umzufallen, und schlich -sich davon, indem er nach der Tonne schielte.</p> - -<p>Der Bauer aber verfolgte ihn mit seinem Gelächter -und hatte seitdem in seinem Schuppen Ruhe vor ihm.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_die_Seehunde_entstanden_sind">Wie die Seehunde entstanden sind</h2> -</div> - -<p class="noind">Über den Ursprung der Seehunde wird erzählt, daß, -als Ägyptens König Pharao Moses und die Juden -über das Rote Meer verfolgte und darin mit seinem -ganzen Heer ertrank, wie man ja aus der Bibel weiß, -der König und alle seine Männer zu Seehunden wurden, -und darum ähneln die Knochen der Seehunde so sehr -denen der Menschen. Seit jener Zeit leben die Seehunde -wie eine Familie für sich auf dem Meeresboden, haben -aber ganz die Gestalt, Natur und Eigenschaften des -Menschen unter dem Fell bewahrt. Es ist ihnen als -eine Gnade gestattet, jede Johannisnacht, oder wie -andere sagen, jede Heiligedreikönigsnacht aus den -Fellen zu kriechen; dann gehen sie an Land, nehmen -menschliche Gestalt an und singen und tanzen wie -andere Menschen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Seehundsfell">Das Seehundsfell</h2> -</div> - -<p class="noind">Ein Mann aus Myrdal im Osten ging eines Morgens -früh, ehe die Leute aufgestanden waren, an einigen -Felsen vorbei und kam an den Eingang einer Höhle. -Da hörte er, daß in dem Hügel gelärmt und getanzt -wurde, draußen aber sah er eine große Menge Seehundsfelle. -Er hob eins von ihnen auf, nahm es mit -nach Hause und verschloß es in seiner Truhe. Etwas -später, im Laufe des Tages, kam er wieder an den Eingang -der Höhle; da saß dort ein junges und schönes -Mädchen, das ganz nackt war und bitterlich weinte. -Das war der Seehund, dem das Fell gehörte, das sich -der Mann mitgenommen hatte. Der Mann gab dem -Mädchen Kleider, tröstete es und nahm es mit nach -Hause.</p> - -<p>Sie war ihm später sehr zugetan, weniger aber stimmte -ihr Gemüt mit dem anderer Leute überein. Oft saß sie -da und schaute über die See hinaus. Nach Verlauf -einiger Zeit nahm sie der Mann zur Frau; sie lebten -gut zusammen und hatten viele Kinder miteinander.</p> - -<p>Der Bauer verbarg das Fell unter Schloß und Riegel -in seiner Truhe und trug den Schlüssel bei sich, wohin -er auch ging. Nach Verlauf vieler Jahre ruderte -er eines Tages zum Fischfang hinaus und vergaß den -Schlüssel zu Hause unter seinem Kopfkissen. Andere -dagegen sagen, daß der Bauer mit seinen Leuten zum -Weihnachtsgottesdienst gezogen sei, daß die Frau aber<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span> -krank gewesen wäre und nicht mitgehen konnte; da -soll er vergessen haben, den Schlüssel aus der Tasche -seiner Wochentagskleider zu nehmen, als er sich umzog; -als er aber abends nach Hause kam, war die -Truhe geöffnet und die Frau samt dem Fell verschwunden. -Sie hatte den Schlüssel gefunden und aus Neugierde -die Truhe durchsucht und das Fell gefunden. -Da konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen; -sie sagte ihren Kindern Lebewohl, fuhr in das -Fell und warf sich in die See.</p> - -<p>Ehe die Frau in die See sprang, soll sie vor sich -hingesagt haben:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich will und will auch wieder nicht, –</div> - <div class="verse indent0">Sieben Kinder hab’ ich auf dem Meeresboden,</div> - <div class="verse indent0">Sieben Kinder hab’ ich auch hier oben.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es wird erzählt, daß der Bauer sich das sehr zu -Herzen nahm. Wenn er später hinausruderte, um zu -angeln, dann schwamm der Seehund oft um sein Boot -herum, und es war, als liefen ihm Tränen aus den -Augen. Von dieser Zeit an hatte er stets Erfolg bei -seinem Fischfang, und das Glück suchte seinen Strand -oft auf.</p> - -<p>Häufig sah man, wenn die Kinder des Ehepaares -an den Strand gingen, daß ein Seehund draußen in -der See schwamm und sie begleitete, während sie auf -dem Lande oder am Strande entlang gingen, und bunte -Fische und hübsche Muscheln zu ihnen hinaufwarf. -Nie aber kehrte ihre Mutter wieder aufs Land zurück.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Lindwurm_im_Lagarflu">Der Lindwurm im Lagarfluß</h2> -</div> - -<p class="noind">Es geschah einmal in alten Tagen, daß eine Frau auf -einem Hof in der Nähe des Lagarflusses wohnte. Sie -hatte eine erwachsene Tochter, der sie einmal einen -goldenen Reif schenkte. Da fragte das Mädchen: »Wie -kann ich den größten Nutzen von diesem Gold haben, -Mutter?« »Lege es unter einen Lindwurm,« erwiderte -die Mutter. Da nahm das Mädchen einen Lindwurm, -legte das Gold unter ihn und tat dann alles in ihre -Wäschelade. Dort lag der Wurm ein paar Tage. Als -das Mädchen aber nach der Lade sehen wollte, war -der Wurm so groß geworden, daß die Lade angefangen -hatte, aus den Fugen zu gehen. Da erschrak das Mädchen, -nahm die Lade und warf sie samt ihrem Inhalt -in den Fluß.</p> - -<p>Es verrann nun eine lange Zeit, und man begann, -den Wurm in dem Fluß zu merken. Er fügte Menschen -und Tieren, die über den Fluß wollten, Schaden zu. -Zeitweise reckte er sich bis auf die Flußhügel hinauf -und spie auf entsetzliche Weise Gift. Das schien zu -einem großen Unglück zu führen, von dem niemand -wußte, wie man ihm begegnen sollte.</p> - -<p>Da nahm man Zuflucht zu zwei Finnländern. Sie -sollten den Wurm töten und das Gold bergen. Sie -warfen sich in den Fluß, kamen aber bald wieder in -die Höhe. Sie sagten, daß sie es hier mit einer großen -Übermacht zu tun hätten, und daß es keine leichte<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span> -Sache sei, den Wurm zu töten und das Gold zu bergen. -Sie erzählten, daß unter dem Golde noch ein Wurm -läge, und daß dieser viel schlimmer sei als der erste. -Sie fesselten den Wurm mit zwei Stricken, von denen -der eine um den Bauch, der andere aber um den -Schwanz befestigt wurde.</p> - -<p>Deshalb kann der Wurm seitdem weder Menschen -noch Tieren schaden; es geschieht aber zeitweilig, daß -er einen Buckel auf dem Rücken macht, und wenn -dieser zu sehen ist, glaubt man gern, daß das ein Vorbote -schlimmer Geschehnisse sei, zum Beispiel Hungersnot -und Grasmangel. Diejenigen, die an diesen -Wurm nicht glauben, sagen, daß vor gar nicht zu langer -Zeit ein Pfarrer gerade an der Stelle, an welcher -der Wurm zu liegen schiene, den Fluß durchquerte. -Das sagen sie aber, um damit zu beweisen, daß er gar -nicht da ist.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_dankbare_Rabe">Der dankbare Rabe</h2> -</div> - -<p class="noind">Es wird erzählt, daß einmal einige Höfe in Vatnsdal -auf dem Nordland durch einen Bergsturz, der vom -Vatnsdalberg kam, vernichtet wurden. Unter diesen -Höfen war einer, der Guldberastad hieß. Die Tochter -des Bauern auf Guldberastad hatte die Gewohnheit, -immer, wenn sie aß, ihre Speise mit dem Hofraben -zu teilen. Als sie ihm einmal, wie sie es zu tun pflegte, -die Speise, die sie ihm geben wollte, zum Fenster -hinausreichte, wollte sie der Rabe nicht nehmen. Das -Mädchen wunderte sich darüber, und dann ging sie -hinaus mit ihr. Der Rabe kam dicht an sie heran, -wollte aber trotzdem die Speise nicht nehmen, obgleich -er die ganze Zeit über zeigte, daß er Appetit -hatte, so daß das Mädchen ihn bis auf den Heimacker -verfolgte, ein kurzes Stück Weges vom Hof. Kaum -aber waren sie dort hingelangt, als das Mädchen starkes -Getöse oben vom Berge hörte, und plötzlich kam -ein Bergsturz von dort herab; er lief zu beiden Seiten -des Raben und der Bauerntochter vorbei und berührte -die Stelle, auf der sie standen, nicht. Dagegen ging -die Lawine über den Hof hinweg und vernichtete ihn -mit allem, was da war, Lebendigem und Totem. So -belohnte der Rabe die Bauerntochter für die Speise -die sie ihm gegeben hatte.</p> - -<p>Die Ursache aber, daß der Bergsturz nicht über die -Stelle hinwegrollte, wo der Rabe und das Mädchen<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span> -standen, war die, daß Bischof Gudmund der Heilige -einmal auf seiner Durchreise sein Zelt an diesem Ort -aufgeschlagen hatte. Ehe er aber von dort aufbrach, -weihte er den Zeltplatz, wie er es oft zu tun pflegte, -und deshalb konnte an dieser Stelle niemand von -einem Unglück betroffen werden.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Asmund_und_Signe">Asmund und Signe</h2> -</div> - -<p class="noind">Es lebte einmal ein König in seinem Reich; er war verheiratet -und hatte mit seiner Gemahlin zwei Kinder, -einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Asmund, -die Tochter aber hieß Signe. Es waren die hoffnungsvollsten -Königskinder, die man zu jener Zeit kannte, -und sie wurden in allen Künsten, die Königskindern -zu lernen ansteht, erzogen. Sie wuchsen nun auf, zu -Hause beim Vater, und jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt. -Der König schenkte seinem Sohn Asmund zwei -Eichbäume, die draußen im Wald standen, und es war -ein Vergnügen für den Sohn, sie auszuhöhlen und verschiedene -Kämmerchen in den Stämmen einzurichten. -Signe folgte ihm häufig und bewunderte die Eichbäume -und bekam Lust, sie mit ihm zusammen zu besitzen. -Er erfüllte ihren Wunsch, und nun trug sie allerlei -Edelsteine und Kleinodien, die ihr die Mutter geschenkt -hatte, dorthin.</p> - -<p>Da geschah es einmal, daß ihr Vater in den Krieg -zog; in seiner Abwesenheit aber wurde die Königin -krank und starb. Da gingen die Geschwister hinaus -in den Wald und setzten sich in die Eichbäume, nachdem -sie sich auf ein Jahr mit Lebensmitteln versehen -hatten.</p> - -<p>Nun ist zu melden, daß in einem anderen Lande ein -König herrschte, der einen Sohn, namens Ring, hatte. -Ring hatte von der großen Schönheit Signes erzählen<span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span> -hören und entschloß sich, um sie zu freien. Er bekam von -seinem Vater ein Schiff für die Reise, hatte guten Wind -und kam nach dem Lande, in dem Signe zu Hause war. -Als er aber zur Königshalle hinaufgehen wollte, begegnete -ihm auf dem Wege eine so schöne Frau, daß es -ihm schien, als hätte er nie zuvor ihresgleichen gesehen.</p> - -<p>Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die -Königstochter Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein -umhergehe; sie erwiderte, das geschähe aus Trauer -über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater nicht -zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun -selber sei, könne er gleich sagen, daß er gekommen -sei, um ihre Hand zu begehren. Sie hörte sein Freien -freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu gehen, -denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging -nun zu den Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus, -nahm den einen auf den Rücken, den andern aber auf -die Brust und trug sie so an die See und watete nach -dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne -Gestalt an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn, -daß ihre Habe nun an Bord gebracht sei, weiteres -besitze sie nicht. Dann segelten sie nach Hause, wo -seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude -empfingen. Er gab ihr einen schönen Wohnraum und -ließ die beiden Eichbäume vor ihre Fenster pflanzen. -Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr und -sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten -und gab ihr gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder -für sie beide zu nähen. Kaum aber war er<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span> -fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden, -raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt -und wurde zur schlimmsten Hexe; sie sagte, -daß sie nicht wisse, was sie mit solchem Staat anfangen -solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte als Menschenfleisch -essen und Pferdeknochen brechen; sie -machte noch immer weiteres Gepolter und sagte, daß -sie vor Hunger umkommen müsse, denn nie käme ihr -Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen -hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers -und durch ihn hindurch stieg ein Riese herauf, mit -einem ungeheuer großen Sarg in den Armen. Sie fingen -beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war mit -Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer -Gier zu essen, dann aber stieg ihr Bruder denselben -Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur auf dem Fußboden -zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte -sie noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und -wollte ihn zerreißen.</p> - -<p>Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß -sie sich in den Eichbäumen befanden, von denen aus -sie sahen, wie all dies vor sich ging. Da bat Asmund -Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu versuchen, -den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das -wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören -brauchten. Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte -nun, so gut sie konnte, die Kleider in sechs Tagen, trug -sie hinaus und warf sie auf den Tisch. Die Hexe freute -sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span> -herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er -bewunderte ihre Geschicklichkeit, und sie trennten -sich mit großer Freundlichkeit. Die Hexe benahm sich -nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund -dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn, -den er bat zu kommen und sich ein Spiel anzusehen, -das in dem Gemach der neuangekommenen -Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn -wurde sonderbar zumute, als er derartiges von seiner -Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin und versteckten -sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus -sie zu ihr hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer -und sagte zu Eisenkopf, als er kam: »Wenn ich erst -mit dem Königssohn verheiratet bin, werde ich schon -besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze -Pack da drinnen in der Halle umbringen und mit -meiner ganzen Sippschaft herkommen; dann werden -sich wohl die Trolle über mich und meinen Gemahl -freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das -hörte, so daß er Feuer an das Haus legte und es ganz -zu Asche brennen ließ. Asmund erzählte ihm nun von -den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über die -Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war. -Er freite dann um Asmunds Schwester Signe, Asmund -aber freite um die Schwester Rings, und bald feierten -beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause -zu seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden -Schwäger das Reich nach ihren Vätern und regierten bis -in ihr hohes Alter. Und damit ist diese Geschichte aus.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_beiden_Ebereschenbaeume">Die beiden Ebereschenbäume</h2> -</div> - -<p class="noind">Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister -aus gutem Stamm auf den Westmändsinseln lebten. -Da geschah, daß das Mädchen daheim im Elternhause -schwanger wurde, und da sich die beiden Geschwister -sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht, -daß der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes -sei, das sie erwartete. Das Gerücht erreichte denn -auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den Inseln, -weshalb er die Sache zu untersuchen begann.</p> - -<p>Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses -Verbrechens schuldig zu sein, und bei allem, was ihm -heilig war, schwor, daß er unschuldig sei, noch daß -seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen -anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend -war, als Vater des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen -der Blutschande damals hierzulande scharf -geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter -nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den -sie sich hielt, wurde ein Todesurteil nach dem anderen -über solche Angeklagten gesprochen, und das war -auch hier der Fall. Die beiden Geschwister wurden -zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen. -Es wird aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den -Herrgott mit Tränen baten, nach ihrer Hinrichtung -ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen bei -ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span> -sollen sie ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu -tragen, daß sie in einem gemeinsamen Grabe auf dem -Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie hingerichtet, -und nach vieler Mühe und wahrscheinlich -nur durch reiche Spenden an Kirche und Geistlichkeit, -wie es ja meist in jenen Zeiten nötig war, erreichten -die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof beerdigt -wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht -liegen; der eine sollte südlich, die andere nördlich -von der Kirche bestattet werden, und dort mußten -sie auch liegen.</p> - -<p>Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute, -daß aus jedem Grabe der beiden Geschwister ein kleiner -Ebereschenstamm emporsproß. Diese Stämme nahmen -eine natürliche Entwicklung und wurden immer -größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche -vereinigte, und da dachten die Leute, daß Gott, als -er die Ebereschenbäume aus ihren Gräbern erwachsen -ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man sehen -konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die -Unschuld der beiden Geschwister beweisen wollte. -Der Umstand aber, daß sich die Bäume da oben über -dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und Zweige -ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und -liebevolle Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen -diesen Geschwistern im irdischen Leben geherrscht -hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode in demselben -Grabe ruhen zu dürfen.</p> - -<p>So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span> -lange Zeit, bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert -mit Heeresmacht über die Westmändsinseln -herfiel, Gut und Menschen raubte und allerlei Greueltaten -verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der Gewalttätigkeiten -der Türken, so erzählt die Sage, war -die, daß sie die beiden Ebereschenbäume auf jenem -Friedhof umschlugen, und sie drohten, auf die Inseln -zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben, -wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden, -wie sie gewesen wären.</p> - -<p>Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von -dieser Zeit an wieder heranwuchsen, und das wurde -als eine große Gnade Gottes angesehen, denn wenn -das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort -gehalten.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_gluehende_Schluessel">Der glühende Schlüssel</h2> -</div> - -<p class="noind">Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen -Ort mit einer fetten Hammelkeule (andere -sagen, daß es ein Bruststück war) in der Hand hinsetzte, -die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie -in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber -schien blank und hell; denn es war keine Wolke am -Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit folgenden -schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig -das Messer mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Fett ist hier,</div> - <div class="verse indent0">Komm zu mir,</div> - <div class="verse indent0">Laß das Stück dir munden!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Da antwortete ihm eine Stimme aus dem Himmel:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hüte dich, Dieb!</div> - <div class="verse indent0">Schlüssel, du, flieg,</div> - <div class="verse indent0">Bis du die Wange gefunden!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Da fiel plötzlich ein glühender Schlüssel hoch vom -Himmel herab, gerade auf die Wange des Diebes, und -brandmarkte sie. Die Narbe des Schlüsselbrandmals -aber trug er, solange er lebte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wie_es_Jons_Seele_erging">Wie es Jons Seele erging</h2> -</div> - -<p class="noind">Es lebten einmal ein Mann und seine Frau. Der Mann -war sehr ungesellig und unbeliebt, und dazu war er -faul und unnütz zu Hause. Seine Frau war damit sehr -wenig zufrieden; oft schalt sie ihn aus und sagte, daß -er zu gar nichts anderem tauge, als das zu verprassen, -was sie zusammengespart hätte; denn sie war selber -eine gar umsichtige Frau und ließ alle Kniffe gelten, -um das Notwendige zu beschaffen, und verstand jeden -so zu nehmen, wie er genommen werden mußte. Aber -wenn sie auch in manchen Dingen uneinig waren, so -war die Frau ihrem Alten doch gut und ließ es ihm an -nichts fehlen. So ging es eine ganze Weile; aber einmal -verfiel der Mann in eine schwere Krankheit. Die Frau -pflegte ihn, und als seine Kräfte abnahmen, fiel ihr ein, -daß er wohl kaum so gut auf den Tod vorbereitet sei, -daß es nicht zweifelhaft wäre, ob er auch Einlaß in -den Himmel fände.</p> - -<p>Sie dachte deshalb bei sich selber, daß es wohl am -ratsamsten sei, selbst zu versuchen, die Seele ihres -Gebieters auf den rechten Weg zu bringen. Sie nahm -daher einen Lederbeutel und hielt ihn vor die Nasenlöcher -des Mannes, und als er seinen Geist aushauchte, -fuhr dieser in den Beutel, und die Frau beeilte sich, -die Öffnung zuzubinden. Dann begab sie sich nach -dem Himmel, den Beutel in ihre Schürze gewickelt, -kam an die Tore des Himmelreichs und klopfte an.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p> - -<p>St. Peter kam an das Tor und fragte nach ihrem -Begehr. »Guten Tag,« sagte die Alte, »ich bin mit der -Seele meines Jon hergekommen. Ihr werdet wohl von -ihm gehört haben, und ich wollte Euch nun bitten, -ihn hineinschlüpfen zu lassen.« »Ach,« sagte St. Peter, -»das kann ich leider nicht, ich habe wohl von deinem -Jon reden hören, aber nie etwas Gutes.« Da sagte die -Frau: »Ich hätte nie geglaubt, Peter, daß du so hartherzig -wärst; du hast wohl vergessen, wie es dir einst -erging, als du deinen Herrn und Meister verleugnet -hast.«</p> - -<p>St. Peter ging hinein und verschloß das Tor, die -Alte aber blieb draußen stehen und stöhnte. Als eine -kleine Weile verstrichen war, klopfte sie wieder an, -und St. Paul kam heraus. Sie begrüßte ihn und fragte, -wie er hieße, er aber sagte seinen Namen. Sie bat ihn, -für die Seele ihres Jon Sorge zu tragen, er aber antwortete, -daß er nichts von ihm wissen wolle; ihr Jon -verdiene keine Gnade, sagte er. Da wurde die Frau -giftig und sagte: »Das steht dir gut an, Paul! Du hast -wohl die Gnade besser verdient, wie ich mir denken -kann, weil du früher Gott und gute Menschen verfolgt -hast. Es ist wohl am besten, daß ich aufhöre, dich zu -bitten.«</p> - -<p>St. Paul machte eiligst das Tor zu. Als die Frau aber -zum drittenmal klopfte, kam die Jungfrau Maria heraus. -»Guten Tag, liebe Jungfrau,« sagte die Frau, »ich hoffe, -daß Ihr erlaubt, daß mein Jon hier hineinkommt, wenn -auch Peter und Paul es nicht wollen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span></p> - -<p>»Das darf ich leider nicht, meine Gute,« antwortete -Maria, »dazu ist dein Jon ein viel zu großer Taugenichts.« -»Ich will nicht mit dir darum rechten,« sagte -die Frau, »ich glaubte, du wüßtest, daß andere ebenso -schwach sein können wie du, oder kannst du dich nicht -mehr darauf besinnen, daß du ein Kind bekommen -hast, dessen Vater du nicht nennen konntest?« Maria -wollte nichts weiter hören und beeilte sich zuzuschließen.</p> - -<p>Ein viertesmal klopfte die Frau an das Tor. Da kam -Christus selber und fragte, wohin sie wolle. Sie erwiderte -demütig: »Ich wollte dich bitten, mein lieber -Erlöser, diese arme Seele einzulassen.« Christus antwortete: -»Das ist Jon, – nein, Frau, er hat nicht an -mich geglaubt.« Da wollte er das Tor schließen, sie -aber war nicht faul und warf den Beutel, in dem die -Seele war, an ihm vorbei, so daß er weit hinein in das -Himmelreich flog, und das Tor wurde verriegelt.</p> - -<p>Da fiel der Frau ein Stein vom Herzen, daß Jon nun -trotz alledem ins Himmelreich gekommen war, und -sie kehrte fröhlich nach Hause zurück. Aber weder -von ihr, noch von dem, was aus Jons Seele wurde, -haben wir mehr zu sagen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">DIETSCH & BRÜCKNER / WEIMAR</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center smaller">Im gleichen Verlag sind erschienen:</p> -</div> - -<p class="h2">Sagen und Märchen -Alt-Indiens</p> - -<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p> - -<p class="center">2 Bände, Preis pro Band in Pappband M. 4.50<br /> -in Halbleder M. 12.—<br /> -Band 1 und 2 zusammen in Halbleder M. 18.—</p> - -<p class="h2 p2">Sawitri</p> - -<p class="center">eine alt-indische Legende</p> - -<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p> - -<p class="center">in Pappband M. 2.40</p> - -<p class="h2 p2">Sijawusch</p> - -<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p> - -<p class="center">Preis in Pappband ca. M. 5.—<br /> -in Halbleder ca. M. 12.—</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter transnote"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Die im Orginal gesperrten Autorennamen im Werbeteil sind <i>kursiv</i> dargestellt. -Zur besseren Orientierung wurde das Inhaltsverzeichnis an den -Anfang des Buches verschoben.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<p> -In »Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar« wurden die Unterkapitel aufgrund -der fehlerhaften Numerierung im Original neu numeriert. -</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 33: ich → er<br /> -daß ich, während <a href="#corr033">er</a> schlief</p> -<p> -S. 75: heiße ich → heiße ich nicht<br /> -So heiße ich <a href="#corr075a">nicht</a>, so heiße ich <a href="#corr075b">nicht</a></p> -<p> -S. 76: heiße ich → heiße ich nicht<br /> -»So heiße ich <a href="#corr076a">nicht</a>,« sagte die Alte, »so heiße ich <a href="#corr076b">nicht</a></p> -</div> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND VOLKSSAGEN</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/69456-h/images/cover.jpg b/old/69456-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f0b8a04..0000000 --- a/old/69456-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/69456-h/images/illu-001.jpg b/old/69456-h/images/illu-001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 892c964..0000000 --- a/old/69456-h/images/illu-001.jpg +++ /dev/null |
