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-The Project Gutenberg eBook of Isländische Märchen und Volkssagen,
-by Åge Avenstrup
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Isländische Märchen und Volkssagen
-
-Translators: Åge Avenstrup
- Elisabeth Treitel
-
-Release Date: December 2, 2022 [eBook #69456]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND
-VOLKSSAGEN ***
-
-
-
-
-
-[Illustration: Cover]
-
-
-
-
-[Illustration: Signet]
-
-
-
-
-1. bis 3. Tausend
-
-
-
-
- ISLÄNDISCHE MÄRCHEN
- UND VOLKSSAGEN
-
- DEUTSCH VON
-
- ÅGE AVENSTRUP
-
- UND
-
- ELISABETH TREITEL
-
- 1919
-
- AXEL JUNCKER VERLAG
- BERLIN W. 15
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Der Huldrekönig von Selö 7
-
- Das Sätermädchen 16
-
- Die Alfkönigin 24
-
- Der Huldretanz in der Silvesternacht 36
-
- Die Pfarrerstochter von Praestebakke 40
-
- Der Ernteknecht 42
-
- Thord von Throstestad 48
-
- Die Kinderwiege 52
-
- Der Wechselbalg von Sogn 53
-
- Das Seemännchen 55
-
- Der Nöck 58
-
- Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer 60
-
- Bischof Brynjolf 62
-
- Der Troll im Felsen 64
-
- Die Riesin 66
-
- Gilitrutt 73
-
- Der Bauer von Gnupar 77
-
- Guldbraa und Skegge 79
-
- Jon und die Riesin 89
-
- Ketil von Silfrunarstad 100
-
- Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen 108
-
- Der Nachttroll 110
-
- Die Geisterhaube 112
-
- Der Bräutigam und das Gespenst 114
-
- Der Küster von Mörkaa 121
-
- Sigurd und das Gespenst 127
-
- Der mutige Bursch 130
-
- Die Sage von Jon Asmundsson 144
-
- Die Brüder 160
-
- Der Ulfssee 164
-
- Der Südfahrer-Asmund 170
-
- Die Zauberer auf den Westmändsinseln 177
-
- Der Sending 183
-
- Der Eheteufel 185
-
- Der rote Stier 187
-
- Das Fäßchen 190
-
- Hleidrargaards Skotta 193
-
- Die Schuhe aus Menschenhaut 198
-
- Sagen von Saemund dem Weisen 203
-
- Sagen von Kalb Arneson 221
-
- Gudbjart Floke und der Bischof von Holar 228
-
- Die Frau von Malmö 231
-
- Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar 235
-
- Der Mann von Grimsö und der Bär 252
-
- Der Bär, der mit der Tonne rang 255
-
- Wie die Seehunde entstanden sind 257
-
- Das Seehundsfell 258
-
- Der Lindwurm im Lagarfluß 260
-
- Der dankbare Rabe 262
-
- Asmund und Signe 264
-
- Die beiden Ebereschenbäume 268
-
- Der glühende Schlüssel 271
-
- Wie es Jons Seele erging 272
-
-
-
-
-Der Huldrekönig auf Selö
-
-
-Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun pflegten, zum Fischen
-auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch
-ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers
-von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich
-in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst
-wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen
-und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die
-Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel
-gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von
-ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische
-hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das
-Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit
-knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften
-sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden; als er aber
-kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen; da
-riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am
-nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am
-besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu;
-er aber blieb hilflos zurück.
-
-Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging
-deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort
-blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es
-läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort Hungers zu sterben,
-und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen
-Stern; er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein
-Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien
-er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine
-Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer
-Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:
-
-»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf
-der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen; gehe
-hinaus und hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.«
-
-In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm; sie führte ihn
-hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann
-führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen
-Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt war. Da sah er viele
-Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte
-sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die
-schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer,
-setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird
-nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die
-Nacht verging also; aber am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und
-sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm
-aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte.
-
-So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne
-Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes
-erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie ihr nicht
-abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten Tage eine Tanzbelustigung
-abgehalten würde und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel
-anzusehen, nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen dürfe; denn
-sie würde ihm genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne.
-Er versprach ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten Feiertag
-morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen
-konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges.
-
-Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er
-bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche, und daß es
-gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es
-brauchte ja niemand zu sehen.
-
-Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er
-hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen; einige tanzten, andere
-führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen
-königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu
-jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des
-Königs sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger
-hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.
-
-Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie wider ihre
-Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen,
-nicht hinauszusehen, schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe
-einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe.
-
-Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.
-
-In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am
-nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen,
-und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu
-Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach
-nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken
-würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei
-Zeitvertreib und ging fort.
-
-Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude
-draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht
-hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und
-viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die
-Neugierde zu quälen –so gar nichts von der großen Freude zu erfahren,
-– und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das
-vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin
-und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß
-niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum
-Abend. Als die Jungfrau aber am Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht
-und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem
-trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht; denn sie war ihm genau
-so gut wie vordem.
-
-Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend
-kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am
-nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte,
-daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein
-männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten.
-Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur
-hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die
-Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann
-die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die
-danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau würde es nicht
-merken, wenn er von dort aus hinauslugte. Einen Augenblick spähte er
-hinaus und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer
-und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig
-gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das
-vorige Mal; sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt
-bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie gewesen, als er zu sein
-pflegte; sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und
-er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein.
-
-Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau
-zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann
-Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach
-der Fischerhütte gehen sollte; aber um eins wollte sie ihn bitten,
-wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters
-erhalten hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen solle, das sie
-jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den
-Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn
-sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht töten, und sie
-bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser
-Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr, und er sagte,
-es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es
-koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte.
-
-Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten gegen
-ihn während des Winters, und früh am nächsten Morgen machte er sich auf
-den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach
-der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und
-Felsen am südlichen Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.
-
-An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag
-etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die
-Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen.
-Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und
-fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei; denn sie dachten
-nicht anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand wagte,
-ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich
-aber stieg der Bootsführer doch ans Land und fragte ihn, ob er ein
-lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im
-Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe
-Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der
-andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne
-Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf
-Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr
-wollte er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das Boot, und
-sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn
-lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt,
-wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von
-ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten.
-
-Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen
-viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht
-dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche
-gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich
-versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet,
-aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand
-auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten sich hierüber und sahen
-sich an; der Pfarrer aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind
-getauft werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend
-jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube
-er von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen
-habe; der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der
-Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber
-leugnete wieder und sagte, daß er nichts mit der Sache zu tun hätte.
-Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der
-Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie
-anerkennen würde und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.
-
-Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand in demselben Augenblick,
-und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der
-Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche
-nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach
-dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und
-wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt.
-
-Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der
-Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn.
-Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm
-alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter
-gewohnt hätte, und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das
-Kind nicht anerkannt habe.
-
-Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit
-endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö.
-
-
-
-
-Das Sätermädchen
-
-
-Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der ein Mädchen erzogen
-hatte. Hoch oben zwischen den Bergen lag die Säterwirtschaft[1] des
-Pfarrhofs, auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und Schafe
-unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines Hirten schickte. Als seine
-Pflegetochter älter geworden war, mußte sie der Haushaltung auf dem
-Säter vorstehen, und sie erledigte das so gut wie jede andere Arbeit;
-denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch anzusehen und flink in
-vielen Dingen. In diesem Teil des Landes hatte sie nicht ihresgleichen.
-Darum warben viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen
-allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach einmal mit seiner
-Pflegetochter über dieses Kapitel und riet ihr, sich zu verheiraten,
-denn, sagte er, er wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht
-immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon hören; ihr
-Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, sagte sie; sie wäre sehr
-zufrieden, wie es sei, und nicht jeder hole sein Glück in der Ehe.
-Darüber wurde also vorläufig weiter nichts gesprochen.
-
-Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es den Leuten, als
-beginne das Sätermädchen etwas rundlich unter dem Gürtel zu werden,
-und je weiter es auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im
-Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat sie jetzt, ihm
-offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich mit ihr bestellt wäre;
-sie erwarte sicher ein Kind, meinte er, und darum wäre es am besten,
-daß sie in diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt aber,
-daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und ihre Arbeit auf dem
-Säter würde sie in diesem Sommer genau so tun, wie sie es früher getan
-hätte. Der Pfarrer sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte
-und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber die Männer, die
-sie nach dem Säter begleiteten, sie nicht allein zu lassen, und das
-versprachen sie ihm hoch und heilig.
-
-Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und froh, und es verstrich
-eine Zeit, ohne daß etwas geschah. Die Leute beobachteten sie sehr
-genau und ließen sie nie allein.
-
-Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle Schafe und Kühe vermißte,
-und jeder, der seine Beine gebrauchen konnte, mußte den Säter
-verlassen, nur das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam
-mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel senkte sich herab, und
-deshalb fanden sie das Vieh erst gegen Morgen. Als sie wieder nach
-Hause kamen, war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink und leicht
-auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen war, sah man dann auch, daß sie
-nicht mehr so rund wie früher war; aber wie es zugegangen war, das
-wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre Rundlichkeit so
-gewesen war, als wenn eine Frau ein Kind erwartet.
-
-Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem Säter, Männer und Vieh,
-und da sah der Pfarrer, daß das Mädchen eine schlankere Gestalt
-hatte als sie im Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen
-Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl gehandelt und das
-Sätermädchen allein gelassen hätten. Sie aber erzählten ihm, wie es
-gewesen wäre, daß sie es nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das
-fehlende Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig und wünschte
-ihnen die schwere Not, weil sie gegen seinen Befehl gehandelt hätten;
-im übrigen hätte er das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach
-dem Säter zog.
-
-Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die Pflegetochter des Pfarrers
-freien wollte; sie aber wollte nichts von seinem Freien wissen; der
-Pfarrer jedoch sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn
-alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus gutem Geschlecht.
-Er hätte im letzten Frühjahr den Hof seines Vaters übernommen, und
-seine Mutter hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also
-keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens oder ohne ihn.
-Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der
-Braut ihr Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam:
-»Da du mich gegen meinen Willen heiratest, nehme ich dir jetzt das
-Versprechen ab, daß du niemals einen Wintergast beherbergst, ohne mich
-vorher davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es dir übel!«
-Das versprach ihr der Mann.
-
-Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog mit ihrem Gebieter
-nach Hause und übernahm den Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn
-sie war niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich sie
-der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß sie die Hand in kaltes
-Wasser steckte. Jeden Sommer saß sie zu Hause, während die andern
-mit dem Heu auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb ihre
-Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und ihr beim Essenbereiten
-behilflich zu sein. Manchmal saßen sie und strickten und spannen, und
-die Alte erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu unterhalten.
-
-Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte die Alte zu ihrer
-Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas erzählen müsse. Die andere aber
-erwiderte, daß sie keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie
-drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die sie kenne, zu
-erzählen, und sie begann folgendermaßen:
-
-»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. Unweit des Säters lagen
-große Felsen, an denen sie oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner,
-junger Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand Liebe
-zwischen den beiden. Er war so gut und lieb zu den Mädchen, daß er
-ihr nie etwas abschlug und sich ihrem Willen stets in allem fügte.
-Das Ende vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit vergangen
-war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten Sommer nach dem Säter
-sollte, drang ihr Brotherr in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten
-Umständen wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf nach dem Säter,
-wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr bat aber diejenigen, die mit auf
-dem Säter waren, sie nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm.
-Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu suchen, und da fühlte
-sie Geburtswehen. Da kam ihr Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr
-bei der Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. Ehe er aber
-mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus einem Glas trinken, und das
-war der süßeste Trank, den ich je ...« hier fiel ihr das Knäuel, mit
-dem sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und verbesserte
-sich – »den sie je gekostet hatte, wollte ich sagen, und da wurde sie
-gesund und frei von allen Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann
-und das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde sie mit einem
-anderen Manne verheiratet; ihr Sinn aber stand immer nach ihrem ersten
-Liebsten, und von dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und
-jetzt ist die Erzählung aus.«
-
-Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung und bewahrte sie im
-Gedächtnis. So verging wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die
-Frau ging wie immer umher und trug ihren Kummer, immer jedoch war sie
-gut und liebevoll gegen ihren Gebieter.
-
-Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte war, kamen zwei
-Männer, ein größerer und ein kleinerer, zu dem Bauern auf das Feld.
-Sie hatten beide breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen nur
-undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere nahm das Wort und
-bat den Bauern um Obdach für den Winter. Der Bauer antwortete, daß er
-niemand aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und sagte, daß er
-erst mit ihr über diese Angelegenheit sprechen wollte. Der Mann bat
-ihn, doch nicht so ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter
-Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, daß er in solchen
-Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen einen Winter lang in Kost zu
-nehmen, nicht selbst bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer
-ihnen Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst darum befragt
-hatte.
-
-Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach Hause; er ließ sie in eine
-Kammer eintreten und bat sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner
-Frau und erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde darüber
-sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste Bitte gewesen wäre und
-wahrscheinlich auch die letzte sein würde. Da er die Fremden nun aber
-allein aufgenommen hätte, müßte es auch seine Sache sein, was aus ihrem
-Aufenthalt im Winter folgte; und dann wurde nicht mehr über die Sache
-gesprochen.
-
-Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum Abendmahl gehen
-wollten. Es war damals Sitte, wie es heute noch in verschiedenen
-Gegenden auf Island der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des
-Herrn wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen und sie
-um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber bitten. Die Hausfrau
-war den Wintergästen bis zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie
-vor ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht zu ihnen, um
-Abschied zu nehmen.
-
-Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb der Einzäunung des
-Heimackers waren, fragte der Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren
-Wintergästen auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« Er bat sie,
-doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, ohne sich vorher von
-ihnen verabschiedet zu haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß
-du mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer empfangen
-hast, ohne mich danach zu fragen, und nun darin, daß du mich zwingen
-willst, sie zu küssen. Jedoch will ich dir gehorchen, aber du mußt
-selbst die Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben und aller
-Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«
-
-Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so lange dauerte, bis
-sie wiederkam, kehrte der Bauer auch um und ging dorthin, wo er seine
-Wintergäste zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.
-
-Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau umschlungen hatte und
-mit ihr auf dem Boden lag; und beider Herzen waren vor Gram gebrochen.
-Der andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der Bauer eintrat;
-gleich darauf verschwand er, ohne daß jemand wußte, wohin er gegangen
-war.
-
-Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer Schwiegermutter
-erzählt hatte, daß der größere Fremde der Huldremann gewesen war,
-den sie auf dem Säter kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der
-verschwunden war, ihr Sohn gewesen war.
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Säter = Alm.
-
-
-
-
-Die Alfkönigin
-
-
-Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen den Bergen, nirgends aber
-wird erwähnt, wie er oder der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet,
-hatte aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren Geschlecht
-man nichts wußte. Sie stand dem inneren Hausstand vor und war flink
-in allen Dingen. Sie war beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem
-Bauern auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis zwischen
-ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt. Sie war aber auch
-eine gesetzte Frau, ziemlich in sich gekehrt, doch freundlich im
-Verkehr.
-
-Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr gut, mit Ausnahme des
-Umstandes, daß es ihm schwer fiel, einen Hirten zu finden; er war aber
-ein reicher Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein,
-wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon, daß der Bauer streng
-gegen seine Hirten war, noch davon, daß die Hausmeisterin es an dem
-fehlen ließ, was zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht
-einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten nie alt im
-Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag stets tot in ihrem Bett
-aufgefunden wurden.
-
-In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am Heiligabend
-Gottesdienst abzuhalten, und es wurde für ebenso feierlich gehalten,
-dann zur Kirche zu fahren, wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf
-Gebirgshöfen, die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für
-diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher bereit machen
-konnten, das Haus zu verlassen, bis der Stern zwischen Morgen und
-Mittag stand, keine Kleinigkeit, zum Gottesdienst zu kommen, und es
-war üblich, daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach Hause
-kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu hüten, wie es Sitte war, daß
-es einer oder der andere in der Weihnachts- und Silvesternacht tat,
-während die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn seit
-Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie sich stets von selbst dazu
-erboten, während sie gleichzeitig besorgte, was zum Fest in Ordnung
-gebracht werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu gehört, und
-sie wachte immer bis spät in die Nacht, so daß die Kirchgänger zuweilen
-zurückgekommen, zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu
-Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß die Hirten des
-Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht gestorben waren, fing man
-an, in den Ortschaften darüber zu sprechen, und es fiel deshalb dem
-Bauern sehr schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je mehr
-starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn, noch auf sein Gesinde
-fiel der Verdacht, daß sie den Tod der Hirten verschuldet hätten, da
-sie alle gestorben waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war.
-Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über sein Gewissen
-bringen könnte, Hirten zu dingen, die den sicheren Tod zu erwarten
-hätten, und daß nun das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit
-seinem Viehstand und Wohlstand würde.
-
-Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und fest entschlossen
-war, niemand zu diesem Zweck zu dingen, kam einmal ein flinker und
-kräftiger Mann und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So nötig
-habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen muß.« Der Fremde
-fragte: »Hast du einen Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der
-Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen hätte, für
-die Folge niemand zu dingen, »und du hast wohl gehört, wie unglücklich
-es bisher meinen Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte
-der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht einjagen.« Da
-gab der Bauer nach, weil der andere ihn so eindringlich bat, und nahm
-ihn als Schafhirten in seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der
-Bauer und der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser war bei
-allen gern gesehen, denn er war ein Mann von gutem Betragen, keck und
-ausdauernd in all seinem Vorhaben.
-
-Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es wie immer: der
-Bauer zog am Heiligabend mit seinen Leuten zur Kirche, nur seine
-Hausmeisterin blieb im Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der
-Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück. Es ging auf
-Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach Hause kam; er aß seine Grütze
-und ging dann zur Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer
-für ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas passierte,
-obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb blieb er wach liegen. Als
-der größte Teil der Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger
-kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und gingen dann zu Bett. Noch
-merkte er nichts, als er aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären,
-fühlte er, daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht weiter
-merkwürdig war, so müde, wie er nach des Tages Mühe war.
-
-Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn ihn jetzt der Schlaf
-übermannte, und er bot darum all seine Willenskraft auf, um sich wach
-zu erhalten. Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an sein
-Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es die Hausmeisterin
-Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe. Er stellte sich, als schliefe
-er ganz fest und merkte, daß sie ihm etwas in den Mund steckte. Das
-war, wie er fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich ruhig
-aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt hatte, befestigte sie die
-Zügel, wie es ihr am bequemsten war, setzte sich auf seinen Rücken und
-ritt in sausender Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben
-oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von ihm herab, auf
-einen Stein, und ließ die Zügel hängen, worauf sie vor seinen Augen
-in der Spalte verschwand. Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig
-aufklärend, wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne daß er
-wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber, daß er mit angelegtem
-Zaum nicht weit käme, so viel Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb
-den Ausweg, daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er sich
-das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ er es liegen. Dann warf
-er sich in die Spalte, in die sie vor ihm gesprungen war.
-
-Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen
-war, als er Hildur wieder erblickte; sie war auf einigen schönen Wiesen
-angelangt, über welche sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all
-diesem konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht richtig
-zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter ihrem Pelz verbarg, als
-man ihr ansehen konnte, wenn sie oben auf der Erde unter den Menschen
-weilte. Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken würde,
-wenn er auf der Wiese hinter ihr herging. Er nahm deshalb einen Stein,
-der ihn unsichtbar machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der
-linken Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr er
-konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war, sah er eine große
-und prächtige Halle, und Hildur folgte dem Weg, der zu ihr hinführte.
-Er sah eine große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen;
-zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der am prächtigsten von allen
-gekleidet war, und es schien dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau,
-als Hildur kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die im
-Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich als ihre Königin.
-Mit dem Häuptling zogen Hildur zwei halberwachsene Kinder entgegen,
-und mit heller Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge
-der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten alle sie und
-den König nach der Halle, und dort bereitete man ihr einen ehrenvollen
-Empfang, kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr goldene
-Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge nach der Halle, hielt sich
-aber die ganze Zeit dort auf, wo am wenigsten Leute waren, wenn auch
-derart, daß er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah er
-so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut hatte. Tische
-wurden hervorgeholt und gedeckt, und er wunderte sich über all die
-Herrlichkeit. Nach einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in
-das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die Rede gewesen ist.
-Jedem wurde sein Platz angewiesen; Königin Hildur nahm den Ehrensitz
-neben dem König ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten
-Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann wurden die Tische
-wieder abgedeckt, worauf die Männer und die Jungfrauen, so viele dazu
-Lust hatten, zum Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten,
-die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und die Königin aber saßen da
-und sprachen miteinander, und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit
-Freude wie mit Kummer vermischt zu sein.
-
-Während des Gespräches des Königs mit der Königin kamen drei Kinder,
-die jünger waren als die vorhererwähnten, zu ihnen herein und äußerten
-ebenfalls ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen. Königin
-Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm das jüngste Kind auf den
-Schoß und streichelte es, es war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die
-Königin ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom Finger
-und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das Kind still und spielte eine
-Weile mit dem Gold, verlor den Ring aber schließlich auf dem Boden.
-Der Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte den Ring, als
-er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und verbarg ihn gut, ohne das es
-jemand merkte; es schien aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends
-zu finden war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum größten Teil
-verflossen war, begann Königin Hildur, sich zum Fortgang zu rüsten,
-aber alle, die in der Halle waren, baten sie, noch länger zu verweilen,
-und waren sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte.
-
-Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in der Halle ein uraltes
-Weib saß, das entsetzlich anzusehen war; sie war die einzige von allen,
-die sich weder über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte, noch
-sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als der König die
-Wanderlust Hildurs sah, und daß sie sich nicht zum Bleiben überreden
-ließ, weder durch seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib
-und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter, und erhöre meine
-Bitten, so daß meine Königin mir nicht mehr fern zu sein braucht und
-meine Freude über unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie
-sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller Zorn: »All meine
-Flüche sollen bestehen bleiben, und nichts soll mich erweichen, sie zu
-widerrufen.« Der König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner
-Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte sie und bat sie noch
-einmal mit sanften Worten, doch nicht fortzuziehen. Die Königin sagte,
-daß die Flüche seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie
-äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür da, daß sie sich
-häufiger sehen könnten, des Schicksals wegen, das über sie verhängt
-wäre, und daß die Tötungen, die ihretwegen geschehen wären, und deren
-es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen bleiben könnten,
-und daß sie deshalb die wohlverdiente Strafe für ihre Taten erleiden
-müßte, obgleich sie sie ungern verübt hätte.
-
-Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich der Hirt aus der
-Halle, als er sah, wie die Dinge standen; er ging geradeswegs über die
-Wiese nach der Spalte und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte
-er den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete, bis Hildur
-kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam Königin Hildur allein und
-mit trauriger Miene; sie setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach
-Hause. Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder in sein
-Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett und begann zu schlafen.
-Obgleich der Hirt die ganze Zeit über hellwach gewesen war, stellte er
-sich doch schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie aber
-zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr daraus, vorsichtig zu
-sein; er verfiel in tiefen Schlaf und schlief, wie zu erwarten war, bis
-weit in den Tag hinein.
-
-Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf dem Hof zuerst aus
-dem Bett; denn es lag ihm am Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er
-erwartete aber statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in seinem
-Bett zu finden, so wie es früher geschehen war. Während der Bauer sich
-anzog, erwachten die übrigen Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls
-an, der Bauer aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit der
-Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und war froh darüber und pries
-Gott in hohen Tönen ob dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und
-munter und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer, ob etwas
-Neues während der Nacht passiert sei. Der Schafhirt erwiderte: »Nein,
-aber einen sehr merkwürdigen Traum habe ich gehabt.«
-
-»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der Bauer. Da begann der Hirt
-seinen Bericht von dem Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß
-Hildur an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte, und dann gab
-er jedes Wort und jedes Ereignis so genau wieder, wie er sich daran
-erinnern konnte. Als er mit seiner Erzählung fertig war, saßen alle
-schweigend da, außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast, ist
-gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen beweisen kannst, daß es
-so zugegangen ist, wie du erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht
-in Verlegenheit bringen, sondern holte den Ring hervor, den er nachts
-vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte, und sagte: »Wenn ich es auch
-nicht für meine Pflicht halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen,
-so trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren Beleg dafür
-habe, daß ich in dieser Nacht bei den Huldren gewesen bin; oder ist das
-nicht dein Fingerring, Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist es,
-und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der Sklaverei befreit hast,
-die mir meine Schwiegermutter auferlegt hat; nur ungern habe ich alle
-die Missetaten begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur fing
-dann ihre Geschichte also an:
-
-»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht, aber der, der
-jetzt König über das Alfheim ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und,
-obgleich es sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er mich zur
-Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so zornig, daß sie ihrem Sohn
-versprach, daß er nur kurze Freude an mir haben solle, jedoch würde
-es uns gestattet sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte sie
-auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden sollte, und damit war
-das Unglück verbunden, daß ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines
-Menschen verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während er schlief,
-ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg reiten sollte, den ich diese
-Nacht auf dem Hirten geritten bin, um den König zu besuchen; und dies
-sollte solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und deswegen
-getötet würde, wenn ich nicht einen so kecken und mutigen Mann fände,
-daß er mir nach Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte, daß
-er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte, womit die Leute sich dort
-beschäftigten. Nun ist klar, daß sämtliche früheren Hirten des Bauern
-um meinetwillen den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen bin, und
-ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird, was gegen meinen freien
-Willen geschehen ist; denn niemand hat den unterirdischen Weg gefunden
-und ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen, vor
-diesem mutigen Mann, der mich nun aus meiner Sklaverei und von meinem
-Fluch erlöst hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch nicht
-gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben, habt Dank
-für die Güte, die ihr mir erwiesen habt, aber die Sehnsucht zieht mich
-nach meinem Heim.«
-
-Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand Königin Hildur, und später
-sah man sie nie wieder unter den Menschen.
-
-Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich verheiratete und
-im nächsten Frühjahr einen Hausstand gründete. Das konnte er auch,
-denn erstens zeigte sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus
-seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht ohne Vermögen. Er
-wurde seiner Gegend von sehr großem Nutzen, und stets wandte man sich
-an ihn um Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich, daß
-die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es zuging, und glaubten,
-bei ihm hätte jedes Tier zwei Köpfe.
-
-Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen ganzen Wohlstand zu
-danken habe.
-
-
-
-
-Der Huldretanz in der Silvesternacht
-
-
-Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe. Der eine behauptete,
-daß es existiere, der andere aber bestritt es entschieden. So ging es
-eine Zeitlang, bis derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete,
-aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht eher wiederkommen,
-bis er Gewißheit bekommen hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da
-wanderte er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel und Täler,
-wurde aber doch nicht klüger.
-
-Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet, bis er eines
-Silvesterabends nach einem Hof kam, auf dem die Leute sehr traurig
-waren. Der Reisende war redselig und fragte, was ihre Freude so trübe.
-Die Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben wolle,
-um den Hof zu hüten, während die übrigen zum Gottesdienst ritten;
-denn in jeder Neujahrsnacht wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes
-verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben; jeder, der es
-täte, erwarte ja seinen Tod. Der Fremde bat die Leute, sich vor solchem
-abergläubischen Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof zu
-hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen, aber sie waren doch in
-Furcht und Ängsten, wie es ablaufen würde.
-
-Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten waren, begann
-er, ein Brett aus der Wandbekleidung über dem ersten Bett in der
-Badstube[2] zu lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung hinein,
-schob dann das Brett wieder vor, ließ aber doch eine kleine Ritze
-stehen, damit er die ganze Badstube überblicken könnte.
-
-Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden.
-
-Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte, vernahm er Geräusch
-von Menschenstimmen und Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte
-er eine Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah, daß der Hund
-gepackt und zu Boden geschleudert wurde, so daß jeder Knochen in ihm
-zerbrach; dann hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander davon
-sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen röche; einige meinten
-aber, daß das nicht so verwunderlich sei, da die Leute eben erst zum
-Gottesdienst gegangen wären.
-
-Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah der Mann, der auf der
-Lauer saß, daß sie einen Tisch in die Badstube stellten und eine
-golddurchwirkte Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und
-daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte; Schüsseln und
-Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles war aus Silber. Dann setzten
-sie sich zu Tisch, und alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen
-einen Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte, wann der
-Tag anbräche, und der war entweder draußen oder drinnen. Der Mann
-beobachtete, daß der Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde,
-wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß es noch lange Zeit
-sei bis zum Tag.
-
-Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand etwas loszulösen,
-damit er schnell hinauskommen könnte, wenn es notwendig sein sollte.
-Als die Fremden aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine Frau
-vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten, der ihm ein Priester
-zu sein schien, ihnen entgegenkommen. Dann begann ein Gesang, und
-die üblichen Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging zu,
-wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung beendet war,
-wurde getanzt, und die Freude dauerte eine Weile. Als sie eine
-Zeitlang getanzt hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein und
-wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht übrig wäre, und er
-antwortete, daß noch der sechste Teil übrig sei. Da rief der Lauernde,
-der sich aus der Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter
-stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag mitten am Himmel!«
-Hierüber war das tanzende Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich
-seinen Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann, der den
-Hof bewachen sollte, wieder zwischen die Wand und deren Bekleidung.
-Als das Huldrevolk den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell
-sie konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg, und ließen all
-ihre Sachen zurück. Als der Mann das sah, verfolgte er sie in einiger
-Entfernung, und das letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in
-einen See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er wieder nach
-Hause zurück und sammelte alles, die Speisenreste und das kostbare
-Geschirr.
-
-Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der Kirche nach Hause; sie
-waren erfreut, den Mann, der den Hof gehütet hatte, zu sehen, und
-fragten ihn, ob er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel
-gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da wurde es den Leuten
-klar, daß sich die früheren Hüter gezeigt haben müßten, und daß das
-ihr Verderb geworden war, genau so, wie es der des Hundes wurde, der
-gesehen worden war.
-
-Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den Hof gehütet hatte, mit
-vielen und schönen Worten für seinen Mut und schenkten ihm alles, was
-das Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen konnte. Dann
-wanderte er nach Hause und traf dort seinen Bruder an. Er erzählte
-ihm nun alles und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten,
-daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er nach seinen Eltern den
-Hof, heiratete und hatte Glück in allen Unternehmungen seines Lebens.
-Er wurde für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten, war
-strebsam und wußte guten Rat in schwierigen Fällen. Von dem Hof aber,
-den er in jener Nacht gehütet hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr
-ein Mensch in einer Silvesternacht verschwand.
-
-
-Fußnoten:
-
- [2] Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube.
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-
-
-Die Pfarrerstochter von Praestebakke
-
-
-Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal ein Pfarrer, der
-Einar hieß; er war ein reicher Mann und hatte viele Kinder. Er hegte
-großen Abscheu vor Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt
-hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und dann rühmte er sich,
-daß er wohl nicht zu finden gewesen wäre.
-
-Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an sein Bett träte und
-sagte: »Von nun an sollst du nicht mehr leugnen können, daß es Huldren
-gibt; denn jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst sie nie
-wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug gereizt.«
-
-Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des Pfarrers, die damals
-zwölf Jahre alt war, verschwunden. Man suchte sie überall, aber sie war
-nirgends zu finden.
-
-Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der Wiese spielten, kam
-sie zu ihnen und spielte mit ihnen. Gern hätten sie sie mit nach
-Hause genommen, da aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren
-Geschwistern noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre, gut zu ihr
-seien, und daß sie es nicht besser haben könnte.
-
-Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie dasselbe, was
-sie ihren Geschwistern gesagt hatte, und außerdem, daß ihr der
-Pfarrerssohn des Huldrevolks zum Bräutigam bestimmt sei.
-
-So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum zu ihrem Vater kam
-und ihm sagte, daß sie ihn nun am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu
-sehen wünschte; denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden.
-
-Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr.
-
-
-
-
-Der Ernteknecht
-
-
-Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden nach dem Nordland,
-um Erntearbeit zu verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen
-war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er verlor den Weg. Es kam
-Schneetreiben und Kälte. Der Mann machte daher Halt und schlug sich ein
-Zelt auf. Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu essen begann,
-kam ein sehr verwahrloster und verhungerter, roter Hund in das Zelt
-hinein. Der Südländer wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu ihm
-kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu sehen. Der Hund war so
-häßlich und sonderbar, daß ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab
-er ihm so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß gierig, lief
-dann fort und verschwand draußen im Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht
-weiter um ihn, und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich
-schlafen, den Sattel unter dem Kopf.
-
-Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu ihm in das Zelt träte.
-Sie war hochgewachsen und ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir,
-junger Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, wie du es
-verdient hast, steht nicht in meiner Macht; jedoch will ich, daß du
-diese alte Sense annimmst, die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich
-hoffe, daß sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets gleich gut
-schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst du sie im Feuer glühen;
-denn dann taugt sie nichts mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen,
-so darfst du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand die
-Frau.
-
-Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und sah, daß sich der Nebel
-gelichtet hatte, und daß es heller Tag war. Die Sonne stand hoch am
-Himmel. Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde zu
-sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf band er das Zelt
-zusammen und packte es auf die Pferde; als er aber seinen Sattel von
-der Erde aufhob, fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit
-Rostflecken. Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg die Sense,
-zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand er bald, und nun ging
-es, so schnell er nur konnte, den bewohnten Gegenden zu. Als er aber
-nach dem Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; denn alle
-hatten die Ernteleute, die sie brauchten, schon gedungen, und es war
-bereits eine Woche von der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in
-der Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht angenommen
-hätte. Sie war reich an Gut, und man glaubte, sie könne mehr als Brot
-essen. Sie pflegte keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das
-Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn Tage nach den anderen;
-und doch wurde sie meist ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie
-die übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen Knecht in Dienst
-genommen hatte, behielt sie ihn nicht länger als eine Woche und gab
-ihm keinen Lohn. Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm gesagt
-hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit finden konnte, ging er
-dorthin und bot sich an, ihr das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und
-sagte, daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. »Aber Lohn
-gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, wenn du so viel Heu in einer
-Woche mähst, daß ich am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast,
-zusammenharken kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung zu sein, und
-er begann also zu mähen.
-
-Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, und sie schnitt
-gut, fand er. Nie brauchte er sie zu schärfen, und so mähte er
-ununterbrochen fünf Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die
-Frau war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die Schmiede; dort
-sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte und Harken und einen großen
-Haufen Sensen. Er wunderte sich darüber und fand, die Frau hätte nicht
-gerade Mangel an Erntegerät.
-
-Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. Nachts träumte ihm, daß
-die Huldrefrau, die ihm die Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und
-sagte: »Viel Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird nicht
-viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, und dann jagt sie dich
-fort, wenn sie dich morgen überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn
-du glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht, und
-nimm so viele Sensenschäfte wie du für gut hältst, befestige Sensen
-daran und trage sie aufs Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.«
-Nachdem die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der Ernteknecht
-aber erwachte, stand auf und begann zu mähen. Morgens kam seine Herrin
-hinaus und trug fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast
-du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf legte sie die
-Harken hier und dort auf die Wiese und begann zu harken, und da sah
-der Ernteknecht, daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen
-Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen Menschen bei ihnen
-sah. Als die Mittagszeit näher rückte und er sah, daß das gemähte
-Heu nicht ausreichen würde, ging er in die Schmiede und holte einige
-Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. Dann ging er wieder hinaus
-und verteilte diese Sensen auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an
-zu mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. Das ging nun den
-ganzen Tag so, bis zum Abend, und das gemähte Heu reichte aus. Abends
-aber ging die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. Den Ernteknecht
-bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände mehr, als sie gedacht
-hätte, und davon würde er Gutes haben, und solange er selbst wolle,
-könne er nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, und
-sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten viel Heu, ließen sich
-aber doch gute Zeit. Nach der Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn,
-und damit zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer und allen
-folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm er Dienst bei ihr. Dann
-übernahm er selbst einen Hof auf dem Südlande und wurde immer für einen
-tüchtigen Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und geschickt zu
-allem, was er in Angriff nahm; immer mähte er sein Heu allein und nahm
-dazu nie eine andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt
-hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell mit seinem Heimacker fertig
-wie andere Leute.
-
-Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen hinausruderte; da kam
-sein Nachbar zu seiner Frau und bat sie um eine Sense; denn er hätte
-seine Sense zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen
-sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften ihres Mannes zu
-suchen und fand die gute, alte Sense, aber keine andere. Sie lieh dem
-Bauern die Sense, warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn
-das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und ging nach Hause.
-Er befestigte die Sense an dem Schaft, begann zu mähen, konnte aber
-keinen einzigen Strohhalm mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig
-und begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da ging er in
-die Schmiede, um die Sense zu hämmern, und er dachte, es wäre keine
-Gefahr dabei, wenn er die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie
-aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs und wurde zu lauter
-Eisenschlacke. Er ging zu der Frau und erzählte ihr, wie die Dinge
-lägen; sie fürchtete sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr
-sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das war denn auch der
-Fall; jedoch hörte man nicht, daß er sich lange darüber ärgerte, nur
-gab er seiner Frau einen Backenstreich, und das war das erste- und das
-letztemal, daß sie einen bekam.
-
-
-
-
-Thord von Throstestad
-
-
-Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad am Höfdestrand im
-Skagefjord. Er hatte, wie es den Leuten schien, ein sonderbares Gemüt.
-Es geschah eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben von zu
-Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er glaubte, es sei kein Wetter,
-um einen Weg zu finden. Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem
-ging er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist es nicht weit
-bis nach Hofsos. Als er ein kleines Stück gegangen war, verlor er den
-Weg, setzte seine Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte er,
-ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß er darüber staunte; er
-ging hin und fand die Fenster erleuchtet. Er ging an ein Fenster und
-sah Menschen drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. Dann
-näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich kam ein Mann im Rock
-an die Tür und fragte, was er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß
-er den Weg verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach haben
-würde, wenn es sich machen ließe. Der andere erwiderte, daß er das wohl
-erhalten könnte. »Folge mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen
-werde ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger gefallen,
-hier zu handeln als in Hofsos.« Thord traute seinen Augen kaum; ihm
-war das alles wie ein Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube
-hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren viele Leute,
-die Frau des Hauses, die Kinder und das Gesinde, und alle waren sehr
-geputzt und sangen und waren fröhlich.
-
-Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte leise zu seiner Frau,
-aber doch so laut, daß der Mann es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist
-gekommen, er ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm einen
-Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der Ärmste; sie erhob sich
-schnell und holte gutes und reichliches Essen für ihn. Der Herr des
-Hauses aber kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen Becher
-darauf selber und bat Thord, den anderen zu leeren. Das tat er, und er
-glaubte, nie in seinem Leben so guten Wein getrunken zu haben. Es war
-sehr lustig, und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein Abenteuer
-etwas merkwürdig fand. Er bekam einen Becher nach dem andern und
-begann, trunken zu werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht und
-schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten Morgen bekam er wieder
-Nahrung und Wein, die noch besser als am Abend zuvor waren.
-
-Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus und fragte ihn, ob er
-handeln wolle, worauf Thord »Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den
-Kramladen, in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren wiegen,
-und der Kaufmann gab ihm einhalb mal mehr dafür als gewöhnlich in
-Hofsos gegeben wurde. Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand
-und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. Alles bekam er für
-die Hälfte des üblichen Preises, und als er fertig war, gab ihm der
-Kaufmann ein großes Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder
-und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden sollte, daß er einmal
-seinen Sohn aus Lebensgefahr gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß
-es sich so verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der Fall
-sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern unterhalb Thordshöfde; ihr
-wolltet nach Drangö hinüber und lagt und wartetet auf guten Wind.
-Deine Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten nach
-einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter an jenem Tag, und mein
-Sohn hatte sich deshalb unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war
-müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest ihnen, Steine zu
-werfen, und sagtest, daß solche Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten
-sie dann auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen und sagten,
-daß du immer ein wunderlicher Mann gewesen wärst. Und hättest du sie
-nicht daran gehindert, so würden sie meinen Sohn getötet haben.«
-
-Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach Hause zu ziehen; denn
-jetzt war helles Wetter. Er sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber
-brachte ihn auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung und
-kehrte dann wieder nach Hause zurück.
-
-Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber wieder den
-Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte er weiter nichts als
-Thordshöfde, das unweit vor ihm lag; er wunderte sich sehr darüber,
-ging nach Hause, traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte
-ihr die Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber und
-dankte ihrem Mann für das Geschenk. Thords Waren kamen weit herum, um
-gesehen zu werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande gesehen, und
-vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu finden, auch wenn man an vielen
-Orten suchen würde.
-
-Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute jemals wieder. Aber an
-den Waren hatte er etwas zu zeigen, solange er lebte.
-
-
-
-
-Die Kinderwiege
-
-
-Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von ihrer Mutter,
-die hellseherisch war, daß sie einmal als Kind auf der Wiese gewesen
-wäre und von da aus zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen,
-die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das etwas trug. Als sie
-sich näherten, sah sie, daß es eine Wiege war, über die etwas Rotes
-gebreitet lag. Dann nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch,
-bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem Zwerg wurde. Dann
-begannen sie, ihn zu kneten, bis er nicht größer als ein Wickelkind
-war. Darauf legten sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch
-darüber, trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem dem Hof zu.
-
-Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie alles gesehen hatte,
-diese aber machte eine hastige Wendung, lief nach Hause und kam vor den
-Huldreweibern an eine Kinderwiege, die sie draußen auf dem Hof hatte
-stehen lassen. Als die Huldreweiber das sahen, nahmen sie ihr das Kind
-sofort wieder aus der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor
-sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im Handumdrehen immer
-größer, bis er war, wie er ursprünglich gewesen war; dann folgte er
-ihnen auf den Berg, und dort verschwanden sie alle drei.
-
-
-
-
-Der Wechselbalg von Sogn
-
-
-Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt; der eine
-Halbhofbauer hatte einen Sohn, von dem man glaubte, daß er nicht recht
-gescheit sei; denn er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich
-sonst etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und aß, wie es den
-Leuten schien, für zwei. Am ehesten glaubte man von diesem Jungen, daß
-er ein Wechselbalg sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis man
-dessen ganz sicher war.
-
-Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah es einmal im
-Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus der Badstube gegangen waren,
-um ihren Beschäftigungen nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie
-er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die Frau des andern
-Halbhofbauern im Wochenbett, und neben ihr lag das Kind. Als die
-Leute hinausgegangen waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein
-so heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann
-und ins Zittern geriet, als sie sein unheimliches Benehmen sah. Darauf
-hörte sie, wie er anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu
-strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete und sich so
-hoch reckte, daß er bis an die Decke der Badstube reichte. Die hatte
-aber an der einen Seite eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk
-waren kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von neuem, und
-er lehnte den Kopf oben gegen einen Querbalken, so daß er ihn mitten
-im Schlund hatte, wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil
-seines Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem Balken lag; er
-war auch sonst so furchtbar häßlich und abscheulich anzusehen, daß
-die Frau einen Todesschreck bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst
-über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm in der Badstube
-wußte; und noch lange nach diesem unheimlichen Gesicht war sie sehr
-furchtsam. Kaum aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er
-wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins Bett kroch und sich
-zurechtlegte, ehe die Leute wieder hereinkamen.
-
-Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel, daß der Junge ein
-Wechselbalg war.
-
-
-
-
-Das Seemännchen
-
-
-Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das Seemännchen.« Der
-Ursprung dazu, so wird erzählt, ist der, daß ein Bauer einmal einen
-Seezwerg fing, der sich Seemännchen nannte, und einen großen Kopf und
-lange Hände hatte, von den Lenden abwärts aber glich er einem Seehund.
-Nichts wollte er dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser
-wider seinen Willen mit ans Land.
-
-Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an die See hinunter und
-empfing ihn mit Jubel, küßte und streichelte ihn. Darüber freute er
-sich sehr, und er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als
-er auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte. Das sah das
-Seemännchen, und da lachte es. Der Bauer fragte, worüber es lache.
-»Über deine Dummheit,« erwiderte es.
-
-Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte er über einen
-Erdhöcker und fiel. Er verfluchte den Erdhöcker hundertmal, weil er
-erschaffen worden war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen
-hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich nur ungern tragen ließ, und
-sagte: »Der Bauer ist ein Tropf!«
-
-Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei sich. Ein paar
-Handelsburschen kamen zu ihm, um ihre Waren zu verkaufen. Noch nie
-hatte der Bauer so dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen
-können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen aber glaubten,
-daß sie die besten hätten. Der Bauer konnte zwischen Hunderten von
-Stiefelpaaren wählen, fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten
-zu können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher irrt sich,
-auch wenn er sich für klug hält.«
-
-Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen mehr Weisheit von
-sich geben, als schon erzählt worden ist; unter der Bedingung aber,
-daß es wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde, wo es
-aufgefischt worden war, sagte es, wollte es sich auf das Ruderblatt des
-Bauern setzen und alle seine Fragen beantworten, sonst aber würde es
-stumm bleiben.
-
-Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer, wie das Seemännchen
-wollte, und als es nun auf dem Ruderblatt saß, fragte es der Bauer,
-was die Fischer zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen
-erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem Eisen müssen Angelhaken
-geschmiedet werden, und die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen
-von Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß im Schaum eines
-Rosses gehärtet werden, und zur Angelschnur muß graues Stierfell und
-eine Leine aus rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß das Herz
-eines Vogels und Flunderfleisch dienen, mitten auf den Haken aber
-muß Menschenfleisch gesteckt werden. Wenn du nicht so Fische fangen
-kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der Angelhaken des
-Fischers muß nach außen gebogen sein.«
-
-Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er damals gelacht hätte,
-als er seine Frau lobte, den Hund aber schlug. Das Seemännchen
-erwiderte: Ȇber deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich
-mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht dir den Tod und
-ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker, dem du fluchtest, war
-dein Geldhügel, und viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor,
-Bauer, und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen Schuhe
-würden dein Leben lang gehalten haben, denn du hast nicht mehr viele
-Tage zurückzulegen, und eigentlich könnten sie dir für die drei Tage
-genügen.«
-
-Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab, und so trennten sie
-sich. Und es geschah ganz so, wie das Seemännchen gesagt hatte.
-
-
-
-
-Der Nöck
-
-
-Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung der Kirche auf
-Bard in Fljot ausbessern. Eines Morgens früh waren alle zur Stelle,
-außer einem alten Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich
-galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und die andern
-fanden, er ließe reichlich lange auf sich warten. Um Mittag herum
-sahen sie ihn jedoch endlich kommen, ein graues Pferd hinter sich am
-Zügel führend. Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten von den
-früher Gekommenen empfangen, weil er so spät zur Arbeit kam, die ihm
-genau so gut wie den andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und
-fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte, daß er mit
-denjenigen im Trupp gehen mußte, die die Torfstücke und Lehmklumpen
-heranzuschleppen hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden
-sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden.
-
-Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen die anderen Pferde,
-biß und schlug sie und riß sich von ihnen los, und das Ende vom Liede
-war, daß keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte. Die
-Leute, denen es gehörte, hielten das für einen großen Schaden, und sie
-wurden darüber einig, ihm um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das
-half wenig. Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit, mit
-der es seine früheren Bürden getragen hatte, und es hörte mit seinen
-Unarten nicht eher auf, bis es alle übrigen Pferde verjagt hatte und
-allein zurückblieb.
-
-Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso große Bürde auf den
-Rücken, wie man vorher sämtlichen Pferden zusammen zu tragen gegeben
-hatte, und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich nun ganz ruhig
-verhielt. Auf diese Weise brachte er alles, was zur Ausbesserung der
-Umzäunung gebraucht wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig
-war, nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit auf die Lenden,
-indem er es losließ. Das gefiel dem Grauchen aber nicht besonders; es
-schlug hinten aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück der
-Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt worden war; dadurch fiel
-ein großes Stück der Einfriedigung heraus, und wie oft man auch später
-das Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb hernach an
-dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche angebracht wurde.
-
-Das letzte aber, was man von dem Treiben des Pferdes sah, war, daß es
-einen Sprung machte, sobald es sich frei fühlte, und es hörte nicht
-auf, bis es in den Holtesee untergetaucht war.
-
-Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war.
-
-
-
-
-Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer
-
-
-Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem Winterfischfang und
-hatte in dieser Zeit mit mehreren Fischern seinen Aufenthalt in einer
-Seebude unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß verschlossen,
-das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen ließ.
-
-Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend zuvor die Tür von innen
-zugeschlossen hatten und alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte,
-daß ein Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand faßte. Es
-schien ihm dann so, als ob er aufstünde und mit ihm unter das Bett
-kröche, und von dort zerrte ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus;
-das war aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn das Ungeheuer
-an den Strand und bis zum Flutmesser hinunter, und da merkte er, daß es
-ihn in die See locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf
-wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte, und daß er das
-Ungeheuer unsanft anpackte. Der Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den
-Sieg davontrug und es in die See stieß.
-
-In demselben Augenblick erwachte er, und da stand er unten am
-Flutmesser in seinen Unterkleidern, in denen er sich abends zur Ruhe
-gelegt hatte. Sein erster Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin
-gewandelt sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam und die
-Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen hatten, so daß er
-nicht hineinkommen konnte, ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie
-ihm aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden, daß hier andere
-Künste als nur das Schlafwandeln mit im Spiel gewesen waren, und daß es
-in Wirklichkeit zugegangen war, wie er geträumt hatte.
-
-
-
-
-Bischof Brynjolf
-
-
-Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise war,
-schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er hatte vier oder fünf Mann im
-Gefolge. Nachts erwachte der Bischof davon, daß eine über die Maßen
-große Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt wurde: »Ein Zelt
-für einen Bauern, einen bäurischen Mann!« Der Bischof sah, daß eine
-Riesin gekommen war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr, daß
-sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher bezeichnen würde,
-nehmen und behalten sollte. Da ging die Riesin ihres Weges und nahm das
-Pferd mit. Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es ein
-Schaf und stapfte auf den Berg hinauf.
-
-Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben Stelle Halt. Als
-aber seine Leute wach wurden, war er aus dem Zelt verschwunden. Sie
-gingen hinaus, um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn in
-einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der Riesin sprach, die im
-vorigen Sommer sein Zelt besucht hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und
-es war, als ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der Bischof und
-sie gesprochen hatten, das erfuhren die Leute nicht. Er folgte ihnen
-dann und zog wieder heimwärts.
-
-Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die Gewohnheit, an
-jedem Weihnachtsheiligabend einen Hengst draußen vor der Scheune auf
-Skalholt anbinden zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden,
-und man wußte dann, daß ihn sich die Riesin zum Festtagsschmaus geholt
-hatte.
-
-
-
-
-Der Troll im Felsen
-
-
-Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die Tochter des Pfarrers;
-man suchte sie lange überall, aber nirgends war sie zu finden. Aus dem
-Fjord erhebt sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. Die
-Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst ihr Vieh dort auf der
-Weide zu haben und es nach Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr
-blieb das beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde nie vermißt.
-
-Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters ihren üblichen
-Landungsplatz nicht erreichen; eins von ihnen steuerte unter einen
-Felsen in den Skrudur hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land,
-setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen Felsenabsatz
-und begannen, das Marienlied zu singen. Da öffnete sich der Felsen, und
-eine ungewöhnlich große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger und
-einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk kam zum Vorschein
-und reichte ihnen eine große Schüssel voll Grütze, mit so vielen
-Löffeln drin, als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt
-wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, jetzt macht es mir kein
-Vergnügen.« Als die Fischer durch die warme Grütze satt und neubelebt
-waren, verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. Am nächsten
-Tag kamen sie ans Land.
-
-Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe mit einem anderen
-Fischerboot. Die Fischer saßen auf dem Felsenabsatz und sangen das
-Andrelied ganz leise bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen
-heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, und sie hörten,
-daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir Vergnügen, jetzt macht es nicht
-meiner Frau Vergnügen.«[3] Satt kehrten sie zurück ans Land, als das
-Wetter sich beruhigt hatte.
-
-Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund auf dem Ostland
-umherzog und Seen und Brunnen weihte, und die Schlange im Wasserfall
-unter dem Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn der
-Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich habe viel Gut, und es
-wird mir schwer, es mitzunehmen, und das will ich dir sagen, daß du
-weitere Reisen nicht machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um
-mir Schaden zuzufügen.«
-
-Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den Felsen zu weihen.
-
-
-Fußnoten:
-
- [3] Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand
- sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während er
- sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll
- war, wie er selbst.
-
-
-
-
-Die Riesin
-
-
-In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld eine Riesin mit
-Namen Kraaka; sie wohnte in einer Höhle, von der heute noch Spuren
-vorhanden sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei Blaahvam
-liegt, daß es für Menschen unmöglich ist, hinaufzukommen. Kraaka tat
-sehr viel Böses; häufig überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie
-schädigte diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute tötete.
-
-Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in der Einsamkeit zu
-leben; und so geschah es nicht selten, daß sie sich Männer unten aus
-den bewohnten Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige
-hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder nahmen sich das
-Leben.
-
-Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem, mit Namen Jon,
-ergattert; sie nahm ihn mit in ihre Höhle und wollte ihn nun recht
-pflegen. Er aber fand wenig Geschmack daran und wollte von alledem, was
-sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie versuchte alle erdenklichen
-Künste, um ihm das vorzusetzen, was am meisten nach seinem Geschmack
-war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt verlauten,
-daß er seinen Appetit wiedererlangen würde, wenn er eine Mahlzeit von
-einem zwölfjährigen Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch
-ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an keinem anderen Ort
-aufzutreiben sei als auf Siglunäs, und obgleich dieser Ort weit von
-Blaahvam entfernt lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb zu
-erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann zurück; als sie aber
-ein kleines Stück Weges zurückgelegt hatte, fiel ihr ein, daß es doch
-sicherer wäre nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten
-worden wäre und er entsprungen sei, sobald sie ihm den Rücken gekehrt
-hatte. Sie lief deshalb zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß
-ruhig darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal ein Stück weiter
-auf dem Wege; da befiel sie wieder dieselbe Angst, daß ihr der Mann
-untreu geworden sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in
-ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal, der Mann saß ganz
-ruhig da. Nun zog sie im Ernst fort und glaubte, daß sie keine Angst
-mehr wegen des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden Weg nach
-Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer über den Oefjord ging, und es
-wird von ihrer Wanderung weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang,
-das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg zurückzog, den sie
-gekommen war.
-
-Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich den ganzen Weg
-hinter sich hätte, als er sich aus der Höhle schlich und davonlief.
-Kurz nachdem er die Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah
-bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in größter Eile
-zu verfolgen, und als der Hirt nur noch ein kurzes Stück Weges bis
-Baldershjem zurückzulegen hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter
-sich; da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka wäre,
-die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war, daß er ihre Stimme hören
-konnte, rief sie: »Hier ist das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt,
-ja beinahe dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht, und
-als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in seiner Schmiede und
-arbeitete. Da lief er denn hinein und trat in demselben Augenblick
-hinter den Bauern, als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das
-glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen und drohte, es ihr
-in den Leib zu stoßen, wenn sie nicht umkehre, nachdem sie versprochen
-habe, ihn oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte Kraaka
-keine andere Wahl als wieder umzukehren, und das tat sie. Nach diesem
-Tage aber hörte man nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu
-nahe trat.
-
-Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten aus Grönnewand und
-schleppte ihn mit in ihre Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser
-Hirt nichts von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten hatte,
-und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich sagte er, daß er wohl
-junges Bockfleisch essen würde, damals aber gab es nirgends Böcke,
-außer auf der Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich es ein
-weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam zu holen, wollte Kraaka
-doch versuchen, sich das Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber
-fortzog, nahm sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor die
-Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie keinesfalls verlieren,
-so wie sie den früheren verloren hatte. Sie ging nun fürbaß, und als
-sie an den Jökelbach zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen zwei
-hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese Stelle heute noch »Der
-Hexensprung«. Über ihre Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie
-nach der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei Böcke, band
-sie mit den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann
-kehrte sie denselben Weg zurück und sprang an derselben Stelle wie
-das erstemal über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach gekommen
-war, war sie von der Wanderung sehr müde geworden und wollte sich
-ein bißchen verschnaufen. Sie machte die Böcke los und setzte sie
-zum Weiden in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als sie
-sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die Böcke und setzte ihre
-Wanderung fort.
-
-Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende von Künsten
-versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen, nirgends aber fand er ein
-Loch oder eine Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich
-fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka gehörte. Er nahm
-das Schwert und durchhieb damit den Stein, mit dem die Tür versperrt
-war, so daß er schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er
-entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war, lief er, was das Zeug
-hielt, seines Weges und eilte den bewohnten Gegenden zu. Und man hat
-nie etwas anderes gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte.
-
-Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl eingeladen und
-wollte nun alles aufs beste herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie,
-wenn sie ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte; am
-Heiligabend ging sie also fort nach den bewohnten Gegenden; als sie
-aber an die obersten Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer,
-da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen waren; denn damals war
-es Sitte und Brauch, in jeder heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten.
-Alle Leute waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich der
-Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank in einer Ecke sitzen. Sie
-streckte den Arm nach ihm aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber
-stieß aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie um Hilfe.
-Diese erhielt er augenblicklich, und das Ende vom Liede war, daß sich
-die ganze Gemeinde gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen zu
-entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer gelockert
-war und sich nach außen bog. Dann wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde
-und wünschte, daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte. Dieser
-böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen zu sein; denn seitdem ist die
-südliche Kirchenmauer auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen.
-
-Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und anderer Possen,
-die die Bewohner in dem obersten Teil des Ortes Mygsö ihr spielten,
-ihnen versprach, daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen
-würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des Ortes, wo die
-Bauern ihre Sommerweideplätze hatten, lag damals ein großer Binnensee.
-Dorthin begab sich Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel
-Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte, so daß es
-eine unbändig große Fuhre wurde. Diese Fuhre zog sie hinter sich her,
-vom Wasser bis zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis nach dem
-Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen Auslauf aus dem Mygsee
-hat. Da, wo sie die Fuhre entlangzog, entstand eine große Vertiefung;
-in diese leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß dieser
-Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange der Ort Mygsö bewohnt
-würde; und daß er den Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder
-überschwemmen solle; und daß zum Eindämmen des Wassers nur dieselben
-Dinge verwendet werden dürften, aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt
-wäre, und daß der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft
-zerstören solle.
-
-Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben Stelle fließt, ist nach
-Kraaka benannt worden und heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern
-großen Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe vorüber, die zu
-oberst im Ort liegen, und beschädigt sie dadurch, daß er alljährlich
-Land fortspült und Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig
-Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand und Lehm auf die
-Wiesen hinauf. Mehrere Höfe stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt
-werden zu müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt, und immer
-werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke verwendet, dieselben Dinge,
-aus denen Kraaka ihre Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt
-schon ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum, daß man kaum
-so viel davon aufbringen kann, als benötigt wird, um den Kraakabach
-einzudämmen. Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar
-geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der alten Kraaka bald in
-Erfüllung gehen werden.
-
-
-
-
-Gilitrutt
-
-
-Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein junger Bauer. Er
-war ein fleißiger und strebsamer Mann. Gute Weideplätze lagen um sein
-Haus herum, und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung hatte
-er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung, aber untauglich und
-faul. Nichts mochte sie tun, und sie kümmerte sich nur wenig um die
-Wirtschaft. Dem Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran
-ändern.
-
-Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat sie, während des Winters
-Stoff daraus zu weben, die Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche
-Antwort darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die Wolle
-anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran erinnerte.
-
-Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes Weib zu der Frau und bat
-um eine kleine Gabe. »Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?«
-fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte das Weib, »was
-aber sollte das wohl sein? Wolle zu Stoff weben,« sagte die Frau.
-»Gib sie her,« sagte die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen
-Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den Sack, warf ihn sich
-auf den Rücken und sagte: »Das Zeug werde ich dir am ersten Sommertag
-bringen.« »Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?« fragte die
-Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du sollst mir meinen Namen beim
-drittenmal Raten nennen, dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau
-zu tun, und die Alte ging ihres Weges.
-
-Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine Frau häufig, was denn
-aus der Wolle geworden wäre. Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er
-würde es aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach dann nicht
-weiter davon, und man gelangte in die letzten Winterwochen hinein.
-Da begann die Frau, über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber
-nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können. Darüber wurde sie
-traurig und schwermütig. Der Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr
-vorgegangen war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte ihm
-alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie übel gehandelt habe;
-denn das wäre gewiß eine Hexe, die vor hätte, sie zu holen.
-
-Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte, stieß er auf
-einen großen Kieshügel. Er war gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und
-wußte kaum, was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge unten
-in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach und kam an eine Spalte und sah
-dort, daß da unten ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie
-hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne Unterlaß darauf. Sie
-summte vor sich hin: »Hi, hi und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie
-ich heiße; hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt
-heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis ins Unendliche fort
-und schlug eifrig auf das Zeug. Der Bauer war froh, denn er dachte,
-daß das die Alte sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte.
-Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt« auf einen Zettel.
-Seine Frau aber ließ er nichts davon wissen, und so kam der letzte
-Wintertag. Die Hausfrau war sehr kummervoll und zog sich den Tag über
-nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob sie den Namen
-ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber antwortete: »Nein,« und sagte, daß
-sie sich nun zu Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das nicht
-brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen und erzählte ihr, wie
-alles zugegangen war. Sie nahm den Zettel, zitterte aber vor Furcht;
-denn sie hatte Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte. Sie
-bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte käme, er aber sagte:
-»Nein, da du ihr allein die Wolle gegeben hast, so ist es auch am
-besten, daß du allein ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie.
-
-Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in ihrem Bett, sonst aber war
-kein Mensch auf dem Hof. Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende
-Schritte unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht gerade
-sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen Wollstoff auf den
-Fußboden und sagte: »Wie heiße ich also, wie heiße ich also?« Die Frau,
-die vor Angst mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße ich
-nicht, so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte die
-Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich nicht,« sagte die Alte,
-»so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!«
-
-»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die Frau. Als die Alte das
-hörte, erschrak sie so sehr, daß sie der Länge nach zu Boden fiel und
-ein furchtbares Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging fort
-und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute sich nun über alle Maßen,
-von diesem Ungeheuer so billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde
-nun ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich und wirkte
-später ihre Wolle immer selbst.
-
-
-
-
-Der Bauer von Gnupar
-
-
-Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal, daß eine Frau zu
-ihm käme und sich darüber beklagte, daß seine Kinder Steine in einen
-Binnensee in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten,
-von denen sie leben müßte. Der Bauer aber kümmerte sich nicht um ihre
-Klagen und fand, es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren
-Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort, Steine in das Wasser
-zu werfen, wie sie es früher getan hatten. Da kam dasselbe Weib zum
-zweitenmal zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer Rache.
-
-Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß sämtliche
-Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden. Der Bauer stürzte hinaus, um
-zu sehen, wer ihm diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand,
-auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren von Menschen, noch
-von Tieren.
-
-Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch stand, gleichsam von
-einer menschlichen Hand ausgelöscht, ohne daß ein Mensch zu sehen war.
-Ein Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht wieder anzuzünden,
-sie konnte aber das Feuer am Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal
-versuchte sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr das Licht
-sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich der Bauer selbst hinaus,
-und ihm gelang es nach vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen.
-
-Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und dicke Schuhe von einer
-unsichtbaren Hand an den Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die
-Schuhe nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück; da
-aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit wieder ins Gesicht
-geschleudert.
-
-Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen so unheimlich
-zumute, daß der Bauer mit allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog,
-der von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde.
-
-
-
-
-Guldbraa und Skegge
-
-
-Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger, liegt in einem
-nicht sehr breiten Tal. Ein Bach fließt durch das Tal, und gerade
-gegenüber Hvam, jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt;
-andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher bewohnt gewesen,
-auch wenn es so aussieht, als gehöre er eigentlich zum Besitztum von
-Hvam; denn schon in der Sturlungersage wird von Akur an der Stelle
-berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und sagt, es schiene ihm, als
-wäre er am Abhang »gegenüber Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur
-gewohnt haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt worden, und über
-sie ist folgende Erzählung im Westlande allgemein bekannt.
-
-Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am Hvamsfjord in Besitz und
-wohnte später auf Hvam. Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem
-Reichtum umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches graste das Vieh,
-die Felder aber lagen gegen Westen im Tal und reichten bis zum Abhang
-hinauf. Diese Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein Stück
-der Erde brach liegen, wenngleich dies genau so fruchtbar wie der
-übrige Boden zu sein schien, und mit Strenge verbot sie ihren Knechten,
-je den ganzen südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort weiden zu
-lassen, und wenn das einmal geschah, so durfte das Vieh beim nächsten
-Melken nicht benutzt werden.
-
-Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt geworden war, daß
-einmal ein wunderschönes, junges Weib nach Hvam kam. Sie nannte
-sich Guldbraa, niemand aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem
-Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst an, sondern nur
-ihren Hausmeister. Sie fragte ihn, weshalb die Felder südwärts des
-Baches nicht bebauet wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten
-hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte dieses Land
-kaufen. »Ich will lieber den kleinsten Hügel davon haben als den ganzen
-Boden von Hvam; denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das
-Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von allen hasse; gib mir
-deshalb sofort das Kaufrecht für das Land, ohne erst Audur zu fragen,«
-sagte sie und reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war;
-da ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment über den Hof
-außerdem aus der Hand gegeben hatte, nahm er das Gold und gab ihr das
-Kaufrecht.
-
-Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte ihren Hausmeister; sie
-sagte, daß er keinen Segen durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte
-ihr, daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer Gast sei; nun aber
-waren ihre Ahnungen von dem Lande südwärts des Baches in Erfüllung
-gegangen. »Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,« sagte sie,
-»so daß das nichts schaden wird.« Da kam der Hausmeister mit dem
-Beutel nach Hause und wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen.
-Er band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel Schlangen unter
-furchtbarem Gestank aus dem Beutel, und er verlor den Verstand und
-starb kurz darauf. Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens
-gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den Guldbraa gekauft hatte,
-und seitdem heißt dieser Ort die Schlangenschlucht.
-
-Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle Felder südwärts des
-Baches, unten vom See hinauf bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ
-sie brachlegen; sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen,
-weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt wurde, und sie
-sagte, daß Guldbraas Zauberkünste keine Macht über diese Kreuze haben
-würde, solange sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze
-anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe kommen zu lassen.
-Sie baute einen großen Hof auf ihrem Stück Land; da errichtete sie ein
-Opferhaus und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei aus.
-Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste, wenn sie während derselben die
-Augen nach Hvam wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem
-Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen hellen Schein sie
-nicht vertragen könnte; davon werde sie zerstreut und mache Fehler
-in ihrer Wissenschaft. Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs
-Kreuzen am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß diese ihr
-so gefährlich werden würden wie das Licht vom Heimacker. Nie begegneten
-sich Audur und Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde
-über den Bach hinweg besuchte, und nie kam ihr Vieh zusammen. Audur
-war Christin, hatte aber keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete
-ihre Gebete auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man das Opferhaus
-auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb, bestimmte Audur, daß sie nicht
-in ungeweihter Erde liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor
-den Gewalttätigkeiten der Heiden fürchte und bat darum, neben dem
-Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt der Ort, an dem sie liegt,
-der Audurstein, und er ist noch heutigen Tages ein Strandzeichen im
-Hvamsfjord; da sagt man nämlich bei starker Strömung, die See sei
-entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn sie sich am Audurstein
-bricht.
-
-Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem Tode Audurs; denn
-obgleich ihre Macht dadurch zunahm, daß das Heidentum allgemein
-wurde und die Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen auf
-Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie doch keine Ruhe finden, da
-Audurs Grab am Flutmesser unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre
-Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. Da war sie
-schlimm daran, und darum überließ sie den Hvamsleuten das Akurland,
-nahm aber selbst den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr
-finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den größten Teil des
-Winters aber kommt die Sonne an der Südseite des Tales überhaupt nicht
-zum Vorschein. Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich im
-Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, und diese Stelle wird
-von jener Zeit an Guldbraas Hügel genannt.
-
-Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs vorbei in das Tal
-hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer Zauberei gestärkt hatte. Sie
-ging zu ihrem Opferhaus, und dort verweilte sie lange, unter seltsamem
-Gebahren; als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. Eine
-Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus dem Opferhaus mit, und an ihrem
-Deckel ließ sie einen großen Ring anbringen, der in der Tür des
-Opferhauses befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd und ritt
-mit der Truhe vor sich davon, indem sie den Ring festhielt, während
-ihr Hofknecht das Pferd am Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je
-nach den Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, der ihr
-Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, unversehens den Abhang
-hinaufblickte, blieb er ein Weilchen stehen, und da es schwer war,
-durch die Kluft zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb,
-stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, während Guldbraa
-nur den Ring in der Hand behielt. Darüber erschrak sie so, daß sie
-die Binde von den Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden
-war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade in die Augen.
-Da schrie sie laut auf und sagte, daß sie ein unerträgliches Licht
-blende; sie gebot ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit
-aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie zurückbehalten
-hatte, schleuderte sie weit von sich und sagte, daß sie es lange
-bereuen würde, ihn mitgenommen zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,«
-sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, die meinen
-Gedanken am meisten zuwider sind.«
-
-Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie ein kleines
-Stück Weges von der Kluft fortgeritten war, bekam sie so heftige
-Augenschmerzen, daß sie, als sie Guldbraas Hügel erreichte, das
-Augenlicht verloren hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit,
-blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in eine schwere
-Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte zu sich und befahl
-ihnen, sie an eine Schlucht zu bringen, in die sie sich hineingleiten
-lassen wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne nie zu
-sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören wäre. In diese Schlucht
-aber stürzt gegen Nord ein Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine
-Höhle. Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall lärmt und
-braust dort unten.
-
-Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich auf das Gold. Als sie
-in dem Wasserfall ein Spukgeist geworden war, vernichtete sie einen Hof
-auf Guldbraas Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder Menschen,
-noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel oder auf dem Abhang behalten,
-und die Schafhirten glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber
-alles Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in Hvam gebaut
-worden war. Jetzt wird der Ort, an den Guldbraa sich hinbringen ließ,
-Guldbraas Schlucht und Guldbraas Fall genannt.
-
-Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet sich noch an der
-Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer Bronzering, dessen Handgriff
-stark abgenutzt ist; unter der Kramme befindet sich eine uralte
-Kupferplatte, auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in Waffenkleidung
-mit dem Helm auf dem Kopf und dem Schwert an der Seite und mit kurzem
-Panzer bekleidet zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen Speer in
-die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.
-
-Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren Orten erzählt, daß
-der Priester Thangbrand, als er in den Westfjorden umherzog, auch nach
-Hvam kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. Die Hausfrau
-kam nicht heraus, sondern blieb drin und opferte, während ihr Sohn
-Skegge unterdessen Thangbrand und seine Männer verhöhnte.
-
-Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in Hvam gewohnt und den
-heidnischen Glauben sehr gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und
-ein Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. Aber trotzdem
-war er kein so großer Zauberer, daß er Guldbraas Spuken bewältigen
-konnte. Oft tötete sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach
-Guldbraas Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so weniger,
-als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas Truhe aus dem Wasserfall
-heraufzuholen. Er sagte, was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm
-als bei ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.
-
-Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet hinaus, um im
-Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der Weg durch das Tal war weit, und es
-begann zu dunkeln, ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte,
-die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge glitt in den
-Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis die Knechte ein starkes
-Gepolter, Donnern und anderen Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn
-ein schwerer Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde ihnen
-todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie fortgelaufen
-wären; da aber gab ihnen Skegge ein Zeichen, daß sie die Stricke
-hochziehen sollten. Das taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an
-den hervorspringenden Rand der Schlucht gekommen war, sahen sie sich
-unwillkürlich um, und es schien ihnen, als stände das ganze Tal bis
-nach Hvam hinunter in hellen Flammen, so daß die Flammen sich von
-Fels zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie von den
-Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück in den Fall. Als sie von
-dem Hügel herabgestiegen waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches,
-trotzdem aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus
-erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; denn er
-war blau und blutig. Er trug einen großen, mit Gold gefüllten Kessel
-auf dem Arm; den hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und er
-hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. Der Kampf
-zwischen Guldbraa und Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas
-Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; denn nie war
-es so schlimm gewesen wie nach dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen
-Hirten nach dem andern, und schließlich konnte er niemanden mehr als
-Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, starben.
-
-Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht nicht mehr der Alte;
-sowohl die Folgen des Kampfes, wie der Tod seiner Hirten packten
-ihn so schwer, daß er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit
-gekommen war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, das Vieh zu hüten,
-stand Skegge eines Tages auf und ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht
-vergingen, ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten Tage kam er
-nach Hause, mehr tot als lebendig; denn niemand hatte gewagt, nach ihm
-zu sehen. Da trug er Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr
-Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß er selbst ihr aber
-wohl folgen müsse. Er ging darauf wieder zu Bett und stand nicht mehr
-auf. Er wünschte vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, zum
-Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden möge, so daß eine Kirche
-in Hvam erbaut werden könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal
-in den Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen hätte,
-seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben habe; der habe ihn jedoch
-getäuscht; das letztemal aber hätte er, als er sich in noch größerer
-Gefahr befand, das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um eine Kirche
-in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas Krallen errettet würde. Da aber
-hätte eine starke Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das
-Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht zu Stein geworden.
-Und heute noch ist der Geist in Guldbraas Fall zu sehen.
-
-Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren oder sich neben der
-Kirche zu Hvam begraben lassen; dagegen gebot er, daß man ihn in einen
-Hügel auf der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das wurde
-getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter den Kopf gelegt. Dort steht
-noch jetzt ein großer Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach
-dem er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas Hügel liegt
-gegen Süden in diesem Tal.
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-Jon und die Riesin
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-Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr jeden Herbst und
-Winter nach den Westmändsinseln zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der
-zur Zeit dieser Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und war ein
-hoffnungsvoller Jüngling.
-
-Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt nach den Inseln.
-Sie zogen den geraden Weg, und es wird nichts von ihrer Fahrt oder
-von der Ausbeute ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der
-Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen; denn nun war
-er selbst alt geworden und traute sich nicht mehr Kraft genug zu, um
-hinauszurudern. Ehe aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor
-allen Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten, die an dem
-Bergabhang lagen, und an denen entlang der Weg führte. Er legte ihm das
-so ernstlich ans Herz, daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen,
-was auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre.
-
-Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem Reitpferd fort. Die Pferde
-wollte er während des Winters zum Durchfüttern auf den Landinseln
-einstellen, wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird
-weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging. Er kam an den
-Bergabhang, wie er sollte, und zog eine Zeitlang an ihm entlang. Der
-Tag war größtenteils schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am
-Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten hatte. Aber als
-er in die Nähe der Felsen gekommen war, von denen ihm sein Vater
-erzählt hatte, überfiel ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und
-Regen. Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen so schönen
-Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen konnte, auf einer Anhöhe unter
-den Felsen. Da war reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er
-begann zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm hier, und er
-konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes dabei sein könnte, an dieser
-Stelle auszuruhen, und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich
-zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab und band ihnen die
-Vorderfüße zusammen. In kurzer Entfernung sah er den Eingang zu einer
-Höhle oben in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie an
-die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs, machte es sich darauf
-zwischen seinem Gepäck behaglich und begann zu essen.
-
-Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten Zuge mit seiner
-Mahlzeit war, hörte er mehrfaches Geheul aus der inneren Höhle. Er
-erschrak etwas darüber, ermannte sich aber bald wieder. Er suchte
-einen riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm die Haut
-herunter, so daß sie unbeschädigt blieb, strich dick Butter über
-den ganzen Fisch und breitete die Haut wieder darüber. Als er damit
-fertig war, schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die Höhle
-hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten wären, sich vor dem
-in acht nehmen sollten, was er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu
-hätten, so könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das Geheul
-aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch zu zerreißen.
-
-Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich zur Ruhe nieder
-und wollte nun schlafen. Da hörte er, wie es im Kies außerhalb der
-Höhle raschelte, und daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang
-zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin war, und es
-schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt im Dunkel. Jon wurde bei
-diesem Anblick ungemütlich zumute. Als aber die Riesin durch die Tür
-der Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in meiner Höhle.«
-Darauf ging sie mit langen Schritten in die Höhle hinein und warf ihre
-Last auf den Boden. Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte.
-Da hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen begann. Er
-hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan als ungetan, und es wäre
-schlimm, wenn es unbelohnt bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit
-einer Kerze näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte ihm
-im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in die Höhle. Er nahm die
-Einladung an; die Alte aber steckte ihre beiden kleinen Finger in die
-Ösen der Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden war, und
-trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach hinten gekommen waren,
-sah Jon zwei Betten; in dem einen lagen zwei Kinder; das waren die
-Kinder der Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und die
-den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber lag ein Haufen Forellen,
-die die Alte abends geangelt und auf dem Rücken nach Hause getragen
-hatte, und davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt hatte.
-Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte, in ihrem Bett oder
-in dem der Kinder. Er zog es vor, in dem Bett der Kinder zu schlafen.
-Die Riesin bereitete dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden,
-bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle. Jon legte
-sich schlafen, wachte aber davon wieder auf, daß die Alte ihm ein
-Gericht gekochter Forellen brachte. Er dankte ihr dafür, und während
-er aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war ungemein munter.
-Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht hätte. Das erzählte er ihr.
-Da fragte sie ihn, ob er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand
-gefunden hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm die Alte, daß
-alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt seien, so daß keiner mehr
-jemanden annehmen könnte, und daß er keine Wohnung finden würde, außer
-bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine Gräte aus dem Wasser
-angele, und nur ein fast unbrauchbares Boot besäße, dessen Mannschaft
-aus untauglichen Burschen bestände, weil er kein ordentliches Stück
-Mannsleute mehr bekommen könnte. »Ich rate dir,« sagte sie, »dir
-einen Platz in dem Boot dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar
-sträuben, dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis er
-darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen, wie ich müßte,
-für das, was du an meinen Kindern getan hast,« fuhr die Riesin fort,
-»aber hier habe ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den
-einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben. Immer sollt
-ihr beide allein beim Angeln sein; die Haken werden sich, wie ich
-hoffe, als fischtauglich erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen
-hinausrudern und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten abends nach
-Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern als bis an den Felsen, der
-gerade vor dem Landungsplatz steht. Wenn du nun nach Landösand kommst,
-wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden. Versuche, mit ihnen
-nach den Inseln zu kommen, und binde deine Pferde am Strand zusammen,
-bitte aber niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter nicht
-um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie sorgen. Und wenn das
-Unwahrscheinliche geschehen würde, daß du im Winter Glück beim Fischen
-haben solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden ein
-Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir ein paar Fische zu holen;
-denn ich bin, wie ich dir verraten will, ein großes Leckermaul nach
-Dörrfisch.« Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen ihrem
-Rat zu folgen.
-
-Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon von der Höhle auf und
-trennte sich in Freundschaft von der Riesin. Über seine Reise wird
-nichts gemeldet, bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten
-Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit. Jon schirrte
-eiligst die Pferde ab und band sie am Strand zusammen, ohne jemand zu
-bitten, für sie zu sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon
-und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein würden, wenn die
-Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte sich aber nicht um ihren Spott
-und tat, als wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln
-hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen Bootplatz, konnte aber
-nirgends einen finden, denn jeder hatte so viel Leute bekommen, wie
-er Platz hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den die Alte
-ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen. Der Alte aber wollte
-sich darauf nicht einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann
-keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die kleinste Gräte aus dem
-Wasser,« sagte der Alte, »und habe nur untaugliche, junge Burschen,
-die mein elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem und ruhigstem
-Wetter hinausrudern, und es ist nicht verlockend für einen flinken
-Mann, sich an meine Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein
-eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so lange bei dem Alten,
-bis er ihn schließlich annahm, und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber
-fanden nicht, daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden
-und verhöhnten ihn sehr.
-
-Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten Jon und der Alte davon,
-daß alle Fischer auf den Inseln bei schönstem, windstillstem Wetter
-hinausruderten. Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch
-versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern. Ich glaube
-nicht, daß viel dabei herauskommt.« Jon fand, daß keine Gefahr dabei
-wäre, es zu versuchen. Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen
-vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der eigentlichen
-Landungsstelle waren, schien es Jon, als ob er den Felsen erkenne, von
-dem die Riesin gesprochen hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht
-klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt und sagte, daß
-das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm spaßeshalber zu erlauben, nur
-einmal seine Schnur an dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte
-zu. Kaum aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen Fisch
-heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern Angelhaken, das Geschenk
-der Riesin. In Kürze kann nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage
-dreimal an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden von
-ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da ruderten sie ans
-Land, lange bevor die andern kamen, – und dann waren sie bald damit
-fertig, die Fische zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt,
-wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten ihn, wo es so
-viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie es war. Tags darauf ruderten
-die Inselbewohner früh hinaus, angelten am Felsen, merkten aber
-nichts von Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten,
-dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging ihnen genau
-wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele Worte darüber nötig, daß Jon
-und der Alte den ganzen Winter nach dem Felsen hinausruderten, und
-daß jeder zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren die
-beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten Tag ruderten sie
-zum letztenmal hinaus, und da geschah es, als sie einmal die Leinen
-aufzogen, daß beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit sie
-bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten sich aber weiter
-keine Gedanken über diese Sache, sondern steuerten nach dem Land.
-
-Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach dem Festlande zog
-und auf demselben Boot übergesetzt wurde, mit dem er im Herbst
-hinausgefahren war. Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie
-gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß seine gedörrten
-Fische nach dem Nordland tragen können, meinten sie. Als sie sich
-aber dem Land näherten, sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander
-gebunden stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren die
-meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher ansehen; sie waren
-aber nicht wenig überrascht, sie so feist zu finden, als wären sie den
-ganzen Winter über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden stand noch
-ein Pferd da mit einem Saumsattel, braun von Farbe und schwer gebaut.
-Jons Genossen bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn für
-einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt hatte und seine
-Pferde in so gutem Stande waren, ohne daß jemand, so viel man wußte,
-für sie gesorgt hatte.
-
-Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und lud ebenso viele auf
-das braune allein, wie auf seine beiden. Darauf ritt er allein nach
-Norden.
-
-Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis er an die Höhle der
-Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich, und er blieb ein paar Tage
-bei ihr. Er gab ihr alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie
-plauderten über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm, daß ihre
-Kinder im Winter gestorben wären, und daß sie sie unter dem Felsen
-neben ihrem Mann begraben hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es
-gewesen sei, die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen hätte,
-als sie das letztemal ruderten, und daß sie gleichzeitig die Pferde
-an den Strand gebracht habe. Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause
-gehört hätte, er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm
-berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben sei, und da er
-das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt die Wirtschaft übernehmen.
-Er würde nun nach dem Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen
-und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich sagte sie, daß sie
-eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte, was für eine Bitte das sei. Die
-Riesin sagte: »Ich habe nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will
-dich bitten herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich will dich
-bitten, mich neben meinem Mann und meinen Kindern zu begraben.« Dann
-zeigte sie ihm die Stelle, wo diese begraben waren. Sodann machte sie
-eine Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit Gold und
-allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren. Diese Truhen, sagte sie,
-sollte er von ihr erben, und das braune Pferd ebenfalls. Sie würde
-die Truhen schon zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und
-etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern und
-dann die Ösen über die Traghölzer am Saumsattel zu spannen brauche.
-Sie würde dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er würde
-die Truhen mit Leichtigkeit tragen können, ohne daß er selbst nötig
-hätte, irgend etwas daran zu ändern, bis er nach dem Nordland käme.
-Dann trennten sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander.
-Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt, als daß alles gut
-ging, bis er nach dem Nordland kam. Dort fand er alles, wie es die
-Riesin gesagt hatte, und alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm
-die Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft an, und
-früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter aus dieser Gegend. Nun
-ging es auf die Zeit, in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne
-daß etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts von der Riesin.
-Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und stand aus dem Bett auf. Es war
-dunkle Nacht; draußen stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht,
-seine beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte sofort, und Jon
-machte sich eiligst zu dem Ritt bereit. Seine Frau fragte ihm, weshalb
-er so plötzlich mitten in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle.
-Er wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch, seinetwegen
-nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein paar Tage fortbleiben würde.
-Dann zog er fort und ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles
-ging gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen und konnte
-nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen. Er blieb bei ihr, bis sie
-ihre Seele ausgehaucht hatte und begrub sie dann an der Stelle, die
-sie selbst gewählt hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das mit dem
-Saumsattel dastand.
-
-Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran. Jon steuerte das
-Pferd zwischen sie, legte die Stricke über die Sattelhölzer und zog
-dann mit allem fort. Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon
-blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher Mann. Er wohnte
-lange und zufrieden auf dem Hof, den er von seinem Vater geerbt hatte,
-hatte Erfolg in allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten.
-
-Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung.
-
-
-
-
-Ketil von Silfrunarstad
-
-
-In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad im Skagefjord ein
-Bauer, dessen Name nicht bekannt ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe;
-es war aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur Schafzucht
-eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf dem Berg an der Bessehütte
-grasen, manchmal jedoch auch weiter entfernt, und es verging eine lange
-Zeit, ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er wohnte jahrelang
-ganz ruhig dort.
-
-Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß die Herde des Bauern
-auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß
-sie jeden Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst beim
-Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher ließ er Auslug nach
-ihnen halten, und eine ganze Weile später, als er annahm, daß sie jetzt
-nach Hause gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die Schafe
-waren aber nicht gekommen, sondern immer noch auf demselben Fleck zu
-sehen. Da sandte der Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben
-sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die Nacht verging,
-ohne daß er nach Hause kam. Der Bauer mußte deshalb jemand anders
-die Aufsicht über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach dem
-Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu Anfang hatte man allerlei
-Vermutungen über sein Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute
-allmählich weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall zu sein
-pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist.
-
-Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest. Am
-Heiligabend aber, als das Vieh auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei
-sollte, blieb es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise wie
-im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert darüber und machte sich
-allerhand Gedanken über das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über
-all dies begann von neuem, und man fand, es ginge nicht mit rechten
-Dingen zu; nur wenige wollten die Schafe des Bauern hüten, und es fiel
-ihm sehr schwer, Leute für seinen Dienst zu finden.
-
-Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen Dienst, der Ketil
-hieß; er war achtzehn Jahre alt und hatte Kraft und Mannesmut in der
-Brust. Im Herbst übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf die
-Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf Weihnachten. Am Tage
-des Heiligabends war das Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf
-die Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer aufzupassen,
-wenn sie nach Hause kämen und sobald es sich tun ließ, nachzusehen,
-wie es dem Hirten ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer
-aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen aus; als er aber
-nichts von ihnen sehen konnte, ging er wieder hinein. Nach Verlauf
-einer kurzen Zeit aber kam er wieder heraus, und da waren die Schafe
-an den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil aber war nirgends
-zu sehen. Das war ein harter Schlag für den Bauern, denn es gefiel ihm
-nicht besser, Ketil zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch
-felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen würde, seine
-Schafe zu hüten.
-
-Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag ziemlich
-verstrichen war, seine Schafe in einer großen zerstreuten Trift
-am Felsenabhang entlang nach Hause trieb. Als er in die Nähe von
-Grimshöi gekommen war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus
-einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber dem Hof von
-Silfrunarstad, befindet, heraustreten; dort ist nämlich ein kleiner
-Felsen gleichsam vom Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht«
-genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung auf die Schafe zu, die
-sich ängstlich um Ketil scharten. Er sah jetzt, daß es ein unglaublich
-großes Trollweib war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für
-das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und er erzählte ihr,
-daß die Schafe nicht ihm gehörten, er hätte nur ein Schaf, das ein
-paar Tage alte Lämmer bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte
-ihr, daß sie diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte nicht
-lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den Hörnern zusammen und
-warf sie über die Schulter. Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in
-ihre Arme und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war, zurück.
-Als sie aus der Schlucht heraufgekommen war, ging sie an dem Berge
-entlang und machte große Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts
-nützte, wenn er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen.
-Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der Nähe des
-Bolstadbaches gekommen war, an einen großen Wasserfall, der dort unten
-im Berge ist. Diese Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das
-Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall. Sie ließ Ketil
-los und warf ihre Bürde auf den Boden. Sie bat Ketil, die Schafe zu
-schlachten und zuzubereiten; mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen
-Weihnachtsschmaus für ihn und sich selbst halten. Sie setzte einen
-Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst. Darauf fing sie an, mit
-großer Gier zu essen und ließ Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie
-die Ursache wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden, und
-daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander am Heiligabend zu ihnen
-gekommen wäre und sie gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus
-dem sie ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr aber nur
-mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig ausgescholten, und darum
-hätte sie sie in Behandlung genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre
-Bitte erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden, da er
-doch weniger als einer der beiden andern zu verschenken gehabt hätte.
-Sie erzählte ihm, daß im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann
-sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten Frühjahr auf ihm
-ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er keinesfalls den Hof übernehmen
-könne, denn erstens wären die Felder groß und schwierig, und dann
-hätte er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin und
-Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er schon Geld in die Hand bekommen
-würde; denn binnen einem Monat würde sie sterben, und dann würde er
-alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert wäre, und so würde es
-ihm nicht an Geld fehlen, um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum
-aber wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat nach ihr
-sehen und ihren Leichnam dort vorn in den Wasserfall legen solle, wenn
-es ihm möglich wäre. Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im
-darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er solle davon kaufen,
-was er brauche, und Geld zum Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle
-holen. Er solle dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad
-diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers auf Havsteenstrand
-freien. Ketil fand jedoch, daß das ein wenig glücklicher Rat sei, er
-war ja ein armer, ungebildeter Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor
-zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den sollst du ihr um
-die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft, daß sie Liebe zu dir faßt,
-wenn sie ihn um hat, und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war
-aber auch ein seltener Schatz.
-
-Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte, daß sich sein
-Hausherr sicher über seine Abwesenheit gräme. Die Riesin aber sagte,
-daß das nichts zu sagen habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen
-zu bleiben, und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete
-sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie man in die Höhle
-gelangen könne und ließ es ihn selbst versuchen, was ihm auch gut
-gelang. Darauf bot sie ihm Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich
-nicht häufiger sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche Glück
-und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach Wunsch geraten würden, und
-daß dies der Anfang seines Glückes sei. Sie trennten sich unter großer
-Freundlichkeit; sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte sich, so
-sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen.
-
-Dort lag der Bauer zu Bett, so nahe war ihm das Verschwinden Ketils
-gegangen. Als aber Ketil nun kam, waren alle froh, besonders der Bauer,
-der gleich aus dem Bett stieg und glaubte, er hätte ihn aus der Hölle
-selber zurückerhalten. Er fragte Ketil, was denn seine Abwesenheit
-verschuldet hätte. Davon aber wollte Ketil nicht viel sprechen, und er
-erzählte weder von der Riesin, noch von ihrer Höhle. Dann hütete Ketil
-die Schafe wie zuvor.
-
-Nach Verlauf eines Monats ging er in die Höhle hinein. Da fand er die
-Riesin tot. Ketil hatte Feuerzeug mit, zündete Licht an und trug ihren
-Leichnam aus der Höhle hinaus, und er erzählte später, daß er nie zuvor
-solch eine Kraftprobe bestanden hätte. Dann untersuchte er die Höhle
-und fand großen Reichtum an allerlei kostbaren Sachen und Gold. Er ließ
-aber vorläufig alles liegen.
-
-Im Hornung wurde der Bauer krank, und nachdem er einen halben Monat
-zu Bett gelegen hatte, starb er. Da verlangte Ketil den Hof in Pacht,
-erhielt aber eine unwillige Antwort; denn der Eigentümer hielt es für
-die größte Torheit, ihn an ihn zu verpachten, jedoch gab er ihn auch
-keinem andern in Pacht. Es ging nun auf das Frühjahr, und die Erben
-verkauften das meiste der Einrichtung auf Silfrunarstad; Ketil kaufte
-einen großen Teil davon und bezahlte gleich bei der Zuteilung. Er hatte
-schon den größten Teil des Gesindes auf dem Hof gedungen, und nun fiel
-es ihm leicht, ihn zu pachten.
-
-Im Frühjahr zog er nach Havsteenstad, wo er zum erstenmal mit der
-Tochter des Pfarrers zusammentraf; er gab ihr den Gürtel und legte
-ihn ihr um. Darauf brachte er sein Anliegen vor, daß er dorthin
-gekommen wäre, um um ihre Hand zu freien. Sie schien dem Manne
-hübsch und hoffnungsvoll, und da nun der Gürtel die Liebe in ihrer
-Brust entfachte, so versprach sie ihm ihr Ja, wenn ihr Vater seine
-Einwilligung dazu geben würde. Da trug Ketil dem Pfarrer sein Anliegen
-vor und bat ihn um seine Tochter. Der Pfarrer erwiderte sehr kühl
-darauf, und man merkte wohl, daß er fand, daß Ketil seiner Tochter
-nicht ebenbürtig sei, er, der nur schlecht und recht ein Bauer war.
-Weil aber Ketil nun reicher geworden war, als man früher glaubte und
-er sonst ein kluger und besonders tüchtiger Mann war, ließ sich der
-Pfarrer schließlich überreden, seine Einwilligung zu geben, daß sie
-ihm für diesen Sommer als Wirtschafterin nach Hause folgte; und darüber
-wurden sie dann einig.
-
-Ketil zog nun mit der Pfarrerstochter nach Hause, und sie wurden
-im Sommer gut miteinander fertig. Im Herbst kam ihr Vater, und das
-Ende der Beratung war, daß Ketil sich mit der Tochter des Pfarrers
-verlobte, und im Herbst wurde ihre Hochzeit mit großer Pracht gefeiert.
-Sie liebten sich sehr und wohnten auf Silfrunarstad bis in ihr hohes
-Alter. Ketil hatte Glück in allem und wurde ein schwer reicher Mann,
-so daß niemand sich erinnern konnte, daß je ein so reicher Mann auf
-Silfrunarstad gewohnt hätte. Er hatte ja auch keinen Mangel an Geld aus
-der Höhle der Riesin, so lange er sein Heim in Ordnung brachte, und er
-richtete sich in jeder Hinsicht nach ihrem Rat. Diese Erzählung hörte
-man aus seinem eigenen Munde, als er ein alter Mann geworden war. Lange
-hatte sie sich später im Gedächtnis der Leute erhalten und sich von
-Mann zu Mann fortgepflanzt.
-
-
-
-
-Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen
-
-
-Zwei Männer waren einmal in den Bergen und sammelten Moos. Eines
-Nachts lagen sie beide in ihrem Zelt. Der eine schlief, der andere
-aber lag wach. Da sah dieser seinen schlafenden Kameraden aus dem Zelt
-hinausschreiten; er stand auf und ging ihm nach, konnte aber kaum so
-schnell laufen, daß der Abstand sich zwischen ihnen verringerte. Der
-Schlafende steuerte hinauf nach den Gletschern zu.
-
-Da sah der andere eine Riesin, die oben auf den Zacken eines Gletschers
-saß. Sie streckte abwechselnd die Arme aus und zog sie wieder an die
-Brust zurück, und auf diese Weise zauberte sie den Mann an sich. Er
-lief ihr gerade in die Arme, worauf sie mit ihm davoneilte.
-
-Im nächsten Jahr sammelten Leute aus seiner Ortschaft Moos an derselben
-Stelle in den Bergen; da kam er zu ihnen, war aber so schweigsam und in
-sich gekehrt, daß man kaum ein Wort aus ihm herausbekommen konnte. Die
-Leute fragten ihn, an wen er glaube, und er antwortete, daß er an Gott
-glaube.
-
-Im zweiten Jahr kam er abermals zu denselben Leuten, die wieder in den
-Bergen waren, da aber war er einem Troll so ähnlich geworden, daß sie
-sich vor ihm fürchteten. Jedoch wurde er befragt, an wen er glaube; er
-gab aber keine Antwort, und diesmal verweilte er nicht so lange bei den
-Leuten wie in dem Jahr zuvor.
-
-Im dritten Jahr kam er wieder zu den Leuten, und nun war er ein
-richtiger Troll geworden und hatte ein schier entsetzliches Aussehen.
-Da war aber einer, der ihn doch zu fragen wagte, an wen er glaube, er
-aber erwiderte, daß er an »Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen«
-glaube und verschwand darauf. Von diesem Tage ab wurde er nicht mehr
-gesehen; lange Jahre aber wagte auch niemand, Moos an dieser Stelle zu
-sammeln.
-
-
-
-
-Der Nachttroll
-
-
-An den Sommerweideplätzen, die den Bauern vom Mygsee gehörten, wohnte
-in alten Zeiten eine Riesin in einem Berg, der nach ihr »Der Schwanz
-der Riesin« heißt. Sie war einer der Nachttrolle, deren Natur es ist,
-daß sie nicht vertragen können, die Sonne zu schauen und deshalb stets
-nachts arbeiten müssen.
-
-Diese Riesin bereitete den Bewohnern viel Schaden unter anderem
-dadurch, daß sie nachts die Fische aus dem Mygsee stahl. Man erzählt,
-daß sie in einem kleinen Boot umherruderte, das sie dann auf dem
-Rücken nach Hause trug. Eines Sommers hatte man Glück beim Fischen
-in Strandvig, das damals, wie später auch, der beste Fischplatz am
-Mygsee war. Den Sommer über machte es sich die Riesin zur Gewohnheit,
-jede Nacht Fische in der Bucht zu stehlen, und das gefiel den
-Strandbewohnern sehr wenig. Eines Nachts, spät im Sommer, begab sie
-sich an den See hinunter, um, wie sie gewöhnt war, darin zu fischen.
-Als sie aber hinunterkam, sah sie einen Bauern in der Bucht, der mit
-Angeln beschäftigt war. Sie hielt sich für nicht stark genug, um den
-Bauern anzugreifen, der mit drei anderen zusammen war, und wollte
-deshalb warten, bis er mit dem Angeln fertig war; der Bauer aber
-blieb, wo er war, vielleicht, daß er wußte, wie es mit der Riesin
-bestellt war, wenn es auf die Morgendämmerung ging. Die Riesin begann
-ungeduldig zu werden, wollte jedoch nicht unverrichteter Sache nach
-Hause zurückkehren. Endlich hörte der Bauer mit Angeln auf, und die
-Riesin ging hinunter und zog Netze in der Bucht auf. Als sie mit dieser
-Arbeit fertig war, machte sie sich auf den Nachhauseweg, als sie aber
-schon die halbe Strecke zurückgelegt hatte, ging die Sonne auf, und es
-wird nun erzählt, daß sie ihr Boot an der Stelle absetzte, an der sie
-sich gerade bei Sonnenaufgang befand, worauf alles miteinander in Stein
-verwandelt wurde.
-
-Die Spuren davon sind heutigen Tages noch deutlich zu sehen. Das Boot
-steht noch auf einem Hügel, der mitten zwischen dem »Schwanz der
-Riesin« und dem Mygsee liegt und seitdem der »Bootshügel« heißt. Das
-Boot ist genau wie die Boote gebaut, die jetzt auf dem Mygsee benutzt
-werden, nur mit dem Unterschied, daß es größer ist. Man kann deutlich
-seine ganze Form erkennen, und noch kann man die Ruder sehen, und wo
-sie gesessen haben, und daß hierzu Einschnitte an den Seiten des Bootes
-benutzt worden sind und nicht die jetzt gebräuchlichen Ruderdullen.
-Im Hintersteven des Bootes befindet sich ein großer Haufen, und man
-glaubt, daß die Riesin sich hier zur letzten Ruhe niedergelegt habe.
-
-
-
-
-Die Geisterhaube
-
-
-In einem Ort, in dem eine Kirche liegt, wohnten unter anderen ein
-junger Gesell und ein Mädchen. Der Gesell hatte die Gewohnheit, dem
-Mädchen häufig Angst einzujagen, sie aber war so daran gewöhnt, daß sie
-sich nicht mehr erschrecken ließ; denn was sie auch sah, sie glaubte
-doch immer, daß er es sei, der ihr Furcht machen wolle.
-
-Einmal geschah es, daß Wäsche gewaschen wurde, und darunter eine Menge
-weißer Nachthauben, die damals viel getragen wurden. Abends wurde das
-Mädchen gebeten, die Wäsche vom Kirchhof zu holen. Sie lief hinaus und
-begann, die Wäsche zu sammeln. Als sie beinahe fertig geworden war, sah
-sie, daß ein weißer Geist auf einem der Gräber saß. Da dachte sie bei
-sich, daß der Knecht sie wieder erschrecken wolle. Sie lief hin und
-entriß dem Geist die Haube, denn sie glaubte, der Gesell hätte sich
-eine der Hauben aufgesetzt und sagte: »Es gelingt dir diesmal nicht,
-mich zu erschrecken!« Dann ging sie mit der Wäsche hinein, drinnen aber
-war der Gesell.
-
-Nun wurde die Wäsche nachgezählt, und da war eine Haube zu viel, die
-innen erdig war. Da erschrak das Mädchen. Am nächsten Morgen saß der
-Geist auf dem Grab, und man wußte nicht, was man anfangen sollte; denn
-niemand wagte, ihm die Haube zu bringen, und man schickte deshalb in
-die Nachbarschaft, um sich guten Rat zu holen. Es war ein alter Mann
-in der Gegend, der meinte, es ließe sich nicht vermeiden, daß dieser
-Fall schlimme Folgen hätte, wenn das Mädchen nicht selbst dem Geist die
-Haube brächte ,und sie ihm in Anwesenheit vieler Menschen schweigend
-auf den Kopf setzte. Man drang in das Mädchen, um sie zu überreden, dem
-Geist die Haube aufzusetzen, und sie ging auch hin, das Herz im Halse,
-stülpte dem Geist die Mütze auf den Kopf und sagte, als sie damit
-fertig war: »Bist du nun zufrieden?« Der Geist aber drehte sich um,
-schlug sie und sagte: »Ja, bist du auch zufrieden?« Und damit stürzte
-er sich in das Grab hinab. Das Mädchen fiel um von dem Schlag, und die
-Leute liefen hinzu und hoben sie auf, sie war aber tot.
-
-Der Gesell aber bekam einen Verweis, weil er sie so oft erschreckt
-hatte; denn dadurch, glaubte man, wäre er die eigentliche Ursache des
-ganzen Unglücks. Da hörte er auf, den Leuten Angst einzujagen. Und so
-ist diese Erzählung aus.
-
-
-
-
-Der Bräutigam und das Gespenst
-
-
-Vier Männer waren einmal dabei, ein Grab zu schaufeln; einige sagen,
-daß es auf dem Kirchhof zu Reykholar war. Es waren alles lustige
-Leute, einer von ihnen aber war doch der übermütigste von allen. Als
-das Grab tiefer zu werden begann, kamen eine Menge Menschenknochen zum
-Vorschein und darunter ein Oberschenkel, der einem ungeheuer großen
-Mann gehört hatte. Der übermütigste der grabenden Männer nahm den
-Schenkelknochen in die Hand, besah ihn sich genau und maß ihn an seinem
-eigenen Schenkel, und die Sage erzählt, daß er ihm von der Fußsohle bis
-an die Hüfte reichte, obgleich er ein Mann von mittlerer Größe war.
-Er sagte im Scherz: »Darin kann ich nicht irren, daß dieser Mann ein
-tüchtiger Ringer gewesen ist, und es würde spaßhaft sein, ihn als Gast
-zu haben, wenn ich einmal Hochzeit feiere.« Die anderen gaben ihm darin
-recht, sprachen jedoch weiter nichts darüber. Dann legte der Mann den
-Oberschenkelknochen zu den übrigen Knochen.
-
-Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet, als dieser
-junge Mann sich mit einem Mädchen verlobte und schon das zweite
-Aufgebot stattgefunden hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte
-hintereinander, daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett käme und
-sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte, was er einmal vor ein paar
-Jahren zu ihm im Übermut gesagt hätte, und in der letzten Nacht
-fügte er hinzu, daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast
-bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete darauf nichts, aber
-unheimlich war ihr im Schlaf zumute, als sie das erfuhr und sah, wie
-groß der Mann war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht eher,
-bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte. Da sagte sie morgens zu
-ihm: »Wen hast du denn gedacht, zu unserer Hochzeit einzuladen, mein
-Schatz?« »Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er »daran habe
-ich noch nicht gedacht, ich wollte erst die drei Aufgebote erledigt
-haben.« »Hast du denn bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er
-antwortete, daß er das, soweit er sich erinnern könnte, nicht getan
-habe; er begann jedoch nachzudenken, und es kam ihm sonderbar vor, daß
-sie ihn so eifrig danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß
-er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings habe er vor ein
-paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen eines verstorbenen Mannes,
-der aus einem Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl spaßig
-sein würde, einen so hochgewachsenen Mann als Gast zu haben, wenn
-er einmal Hochzeit feiern sollte, aber darum könnte man doch nicht
-behaupten, daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde dabei
-etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht angebracht gewesen
-wären, und am wenigsten bei den Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun
-kann ich dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben hast,
-sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast auf unserer Hochzeit zu
-erscheinen.« Und dann erzählte sie ihm alle ihre Träume, und welche
-Drohungen der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte. Über
-all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte, daß sie darin recht
-hätte, daß es besser gewesen wäre, wenn sein Mund mit derartigen
-Scherzen geschwiegen hätte.
-
-Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber schien es ihm, als
-käme ein ungeheuer großer Mann, der einem Riesen ähnlich sah und ein
-unfreundliches und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob er
-jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor fünf Jahren gegeben
-hätte, einzulösen, nämlich ihn als Tischgast auf seiner Hochzeit zu
-haben. Der Bräutigam war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl
-dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht ändern könne, ob
-es ihm nun gefiele oder nicht, und daß es ganz überflüssig gewesen sei,
-sich mit seinen Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut wäre,
-wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu bedeuten hätte. Dann verließ
-ihn das Gespenst, er aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner
-Braut dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen guten Rat. Sie
-sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz kommen und dann in großer Eile
-ein Haus aufführen lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der
-sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht, darin stehen
-könne; inwendig aber solle jede Wand so lang sein, wie sie bis an die
-Querbalken hoch sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man
-einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege; er solle ein weißes
-Tuch über den Tisch dieses Gastes breiten, ihm geweihte Erde auf einer
-Platte und Wasser in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte
-würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den Tisch und ein Bett
-hereinstellen lassen, falls er Lust verspüren sollte, sich auszuruhen;
-drei Kerzen solle er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn
-dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran zu gehen, und
-vor allem aufzupassen, daß er nicht unter einem Dach mit ihm sei. Auch
-dürfe er keinerlei Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen
-würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm reden, die Tür aber
-zuschließen und ihn dann verlassen, wenn er ihm die aufgetischten
-Gerichte angeboten hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau so, wie
-ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein freistehendes Haus von
-passender Größe aufführen und alles so einrichten, wie schon erzählt
-worden ist.
-
-Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung wurde auf die übliche
-Weise vollzogen; dann setzte man sich zu Tisch, und als es dunkel
-geworden war, erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas
-Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste im Hochzeitssaal
-auf und ab, andere wieder saßen bei den Bechern und plauderten. Das
-Brautpaar saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein harter
-Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere Lust aufzumachen. Da
-zupfte die Braut leise ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im
-Gesicht dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde wieder an
-die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als das vorige Mal. Da nahm
-die Braut ihren Bräutigam bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich
-sträubte, an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich großen
-Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast gekommen sei. Die Braut
-stieß ihren Bräutigam sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er
-diesen Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß, bat sie
-Gott, ihn zu stärken.
-
-Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er mit diesem Manne
-nach dem Haus ging, das er für ihn hatte aufführen lassen und ihn
-hineinwies. Der Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber
-wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der Fremde voran in das
-Haus ging und sagte, daß sich der Bräutigam von diesem Augenblick
-an hüten solle, sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes
-einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht, sondern bat den
-Gast, sich an den aufgetischten Gerichten gütlich zu tun und ihm nicht
-zu verübeln, daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber bat
-den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick hereinzukommen; das wollte
-der Bräutigam aber keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal
-keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen, hoffe
-ich, daß du mir doch das Vergnügen machst, als Gegengabe bei mir als
-Gast zu erscheinen.« Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit
-ab und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus, in
-dem es ziemlich ruhig war; denn alle waren bei dieser Begebenheit
-still geworden. Nur die Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste
-entfernten sich allmählich, einer nach dem andern. Das Ehepaar aber
-ging zur Ruhe und schlief bis zum Morgen.
-
-Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen, der am Abend zuvor
-zuletzt gekommen war. Die Braut aber sagte, daß er keinen Schritt
-dorthin tun solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem Hause,
-sie voran, und er schloß auf; da war keine Spur von dem Gast zu sehen;
-er hatte die Flasche geleert, die Erde von der Platte aber überall auf
-den Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die Frau, »wärest
-du nach dem Hause vorangegangen und hättest du mit dem Fuße in diese
-Erde getreten, dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten und
-hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren können. Mir aber schadet
-es nichts, wenn ich hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und
-säubern.«
-
-Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder fortgehen wollte, an
-die Tür gegangen sei, entweder von dem Hochzeitshaus selbst oder von
-der Schlafkammer des Ehepaars, und gesungen habe:
-
- »Meinen Dank ihr nicht verdient!
- Für das Festmahl auf dem Tisch;
- Mein Getränk war Wasser frisch,
- Meine Speise Erd’ und Lehm.«
-
-Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht mehr, und sie lebten
-lange in Liebe und Glück zusammen.
-
-
-
-
-Der Küster von Mörkaa
-
-
-Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im Oefjord; sein Name
-wird nicht genannt, er war aber gut Freund mit einem Mädchen, das
-Gudrun hieß und nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits
-des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer im Dienst war.
-
-Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das er Faxe nannte, und
-das er immer ritt. Es geschah einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach
-Baegisaa kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa einzuladen, und
-er versprach, sie zu einer bestimmten Zeit abzuholen und sie zu dem
-Schmaus am Tage vor Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der
-Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee gefallen, und Eis
-hatte sich auf dem Wasser gebildet; aber an dem Tage, an dem er nach
-Baegisaa ritt, war Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach
-durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er zog von zu Hause
-fort, ohne daran zu denken, was sich tagsüber geändert haben könnte,
-und glaubte, der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über den
-Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an den Hörgbach kam, war
-dieser gestiegen und hatte das Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach
-entlang, bis er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von Mörkaa,
-wo eine Brücke über den Bach führt. Der Küster ritt auf die Brücke
-hinunter, kaum aber hatte er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und
-er in den Bach fiel.
-
-Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen aus seinem Bett stieg,
-sah er ein gesatteltes Pferd auf seinem Heimacker stehen, und es war
-ihm, als ob er des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm etwas
-eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden Tage dort
-vorbeireiten sehen, aber nicht bemerkt, daß er zurückgekehrt war,
-und er ahnte bald, was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker
-hinaus, und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß und arg
-mitgenommen. Dann ging er an den Bach hinunter, nach der sogenannten
-Tuevoldsnaes; dort fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge,
-an die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich nach
-Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als man den Küster fand, war sein
-Hinterkopf sehr von den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er
-wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor Weihnachten beerdigt.
-
-Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war und bis zu dem Tage
-vor Heiligabend war keine Nachricht über das Vorgefallene von Mörkaa
-gekommen, des ununterbrochenen Tauwetters und der starken Strömung
-wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte sich das Wetter geändert, und
-nachts war das Wasser im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte,
-zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen Abend begann sie sich
-zu putzen, und als sie sich fast fertig geschmückt hatte, hörte sie
-jemand an die Tür klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand,
-öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war es weder hell noch
-dunkel; denn der Mond segelte hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm
-vorbeiglitten.
-
-Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts gesehen hätte, Gudrun
-aber meinte: »Dann wird es wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.«
-Sie war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie brauchte sich
-nur noch den Mantel anzuziehen. Sie nahm den Mantel und zog den einen
-Ärmel an, den andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn
-fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und daneben einen Mann,
-den sie für den Küster hielt. Ob sie mit einander sprachen, weiß man
-nicht, der Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann selbst und
-setzte sich vor sie.
-
-Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden, und kamen an den
-Hörgbach, an dessen Ufern hohe Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das
-Pferd über solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters hinten
-aufgehoben, und da erblickte Gudrun den bloßgelegten Schädel. In diesem
-Augenblick verzogen sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er:
-
- »Der Mond gleitet,
- Der Tod reitet,
- Siehst du nicht den weißen Fleck
- Im Genick,
- Garun, Garun?«[4]
-
-Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere dagegen sagen, daß
-Gudrun selbst seinen Hut aufhob und dabei den weißen Schädel entdeckte,
-und daß sie dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.«
-
-Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder ihren Ritt berichtet,
-bis sie nach Mörkaa gekommen waren, wo sie vor der Seelenpforte[5] vom
-Pferde stiegen; da sage er zu Gudrun:
-
- »Hier nun warte, Garun, Garun,
- Bis geführt ich Faxe, Faxe,
- Weiter an die Mauer, Mauer.«
-
-Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte zufällig in den
-Kirchhof hinein und erschrak, als sie ein offenes Grab entdeckte. Da
-kam ihr der Gedanke, den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte
-sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, daß sie keine Zeit
-gehabt hatte, beide Mantelärmel anzuziehen; denn er zog so stark, daß
-der Mantel an der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte,
-entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster sah, war, daß er
-sich, mit dem Mantelfetzen in der Hand, in das offene Grab warf, worauf
-die Erde von beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.
-
-Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von Mörkaa herauskamen und
-sie holten, denn ihr war bei alledem so angst geworden, daß sie weder
-zu gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie konnte sich wohl
-denken, daß sie hier mit dem Geist des Küsters zu tun hatte, obgleich
-sie vorher keine Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt
-sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten von Mörkaa kam, die
-ihr die ganze Geschichte von dem Tode des Küsters erzählten, während
-sie ihnen dagegen von ihrem Ritt berichtete.
-
-In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und die Lichter gelöscht
-waren, kam der Küster und stürmte mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein,
-daß die Leute aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in dieser
-Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach konnte sie nie allein
-sein, und jede Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Ja, einige sagen
-sogar, daß der Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und im
-Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein Zauberer westlich vom
-Skagefjord geholt. Als er kam, ließ er einen großen Stein, der oberhalb
-des Heimackers lag, ausgraben und ihn an den Giebel des Schlafhauses
-wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, kam der Küster und wollte in
-das Haus hinein, der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel,
-zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die Erde und wälzte dann den
-Stein über ihn; und dort soll der Küster heute noch liegen.
-
-Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, und Gudrun erholte sich
-wieder. Etwas später zog sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt,
-daß sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen war.
-
-
-Fußnoten:
-
- [4] Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«,
- Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält,
- aussprechen.
-
- [5] Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die
- Kirche gebracht werden.
-
-
-
-
-Sigurd und das Gespenst
-
-
-Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn hatte, der Sigurd hieß.
-Allen Leuten kam es so vor, als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei;
-wenig beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, daß kein
-Auskommen mit ihm war.
-
-Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen Sigurd, der den Bauern
-bat, den Winter über dort bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu
-erhielt. Der Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe
-spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so gute Freunde, daß der
-Bauernsohn sich nicht gern woanders aufhielt als bei dem Fremden.
-
-Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der Wintergast wieder fort.
-Nachdem er das Haus verlassen hatte, langweilte sich der Bauernsohn
-überall, so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog er
-hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof, zog von Ortschaft
-zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel und fragte überall nach seinem
-Namensvetter Sigurd. Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch
-nach seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas von ihm, so viel
-aber erzählte man ihm doch, daß kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß,
-angekommen wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege.
-Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und daß er gerade in
-den Sarg gelegt worden wäre. Er bat, dort hingehen zu dürfen, und
-nachdem er die Erlaubnis dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht
-über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd aus dem Sarg,
-ging hinaus und blieb lange fort. Sigurd, der Bauernsohn, aber saß
-unterdessen am Sarg.
-
-Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof jüngst ein Kind
-geboren hatte. Gegen Morgen kam das Gespenst wieder und wollte in den
-Sarg. Der Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht
-erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem Geld gespielt,«
-sagte das Gespenst. »Und jetzt will ich wieder in meinen Sarg,« fuhr
-es fort. »Nicht, ehe du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd.
-»Das wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann kommst du
-auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd. Da erzählte das Gespenst,
-daß es unter der Ecke in der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte
-Sigurd. »Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du weiter nichts
-vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete das Gespenst. »Du hast
-sicher noch mehr ausgefressen,« sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher
-in den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die Pfarrersfrau
-getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast du das getan?« fragte Sigurd.
-»Ich wollte ihr Freund sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst,
-»sie aber wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?« fragte
-Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr war, in den kleinen
-Finger hineingestrichen,« erwiderte das Gespenst. »Kann sie nicht
-wieder zum Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete das
-Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um den kleinen Finger gebunden
-habe, so behutsam gelöst wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will
-ich in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst.
-
-»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus dem Sarge zu
-steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will in den Sarg hinein,« sagte das
-Gespenst. »Versprich mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende
-vom Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus seinem Sarg
-aufzustehen. Es legte sich nun in den Sarg, und dieser schloß sich
-wieder.
-
-Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die Leute in großer Trauer
-an. Er fragte, was ihnen fehle, und sie erzählten ihm, daß die Frau des
-Pfarrers in der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie sehen
-zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er löste die Schnur an dem
-kleinen Finger der Pfarrersfrau und strich ihren ganzen Körper, bis sie
-allmählich wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von seinem
-Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das Geld, um die Wahrheit seines
-Berichts zu beweisen. Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer
-gehalten, der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird, einen
-sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll, und es wird erzählt,
-daß Sigurd sich von diesem Tage an immer gut führte.
-
-Und so endet diese Erzählung.
-
-
-
-
-Der mutige Bursch
-
-
-Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich aus nichts etwas
-machte. Seine Nächsten, ob es nun seine Eltern oder Anverwandten waren,
-waren darüber voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten,
-sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen. Als sie ihn ganz
-aufgegeben hatten, brachten sie ihn beim Pfarrer unter, den sie von
-allen für am besten geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen
-und seinen Mut zu zähmen.
-
-Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte sich bald dasselbe, daß
-es nichts gab, wovor er sich fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen
-mochte. Der Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig
-Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei denen er vorher gewesen
-war. So verging nun einige Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer,
-und dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise
-in Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal im Winter
-waren drei Leichen, die beerdigt werden sollten, in die Kirche gebracht
-worden; weil sie aber so spät am Tage ankamen, wurden sie in die
-Kirche gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden. Es war
-in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die Leichen nicht in Särgen
-beerdigt wurden, und so kam es, daß diese Leichen nur die Totenkleider
-anhatten. Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren,
-ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den Kirchenstühlen
-vorn in der Kirche legen, nebeneinander, jedoch mit einem kleinen
-Zwischenraum zwischen je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer
-zu dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für mich in die Kirche
-hinüber, mein Junge, und hole mir das Buch, das auf dem Altar liegt.«
-Der Bursch gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch wenn
-er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber, schloß die Tür
-auf und wollte den Mittelgang hinaufgehen. Als er ein kleines Stück
-von der Tür entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den
-Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken, tastete mit den
-Händen um sich und merkte dann, daß er über eine Leiche gefallen war,
-die er nahm und zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte. Er
-ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal über eine Leiche. Er
-verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise wie mit der ersten. Dann ging er
-weiter vorwärts, stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden
-andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf. Dann ging er zum Altar,
-nahm das Buch, und nachdem er die Kirche wieder zugeschlossen hatte,
-brachte er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und fragte, ob
-er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete: »Nein,« und zeigte
-keinerlei Veränderung. Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts
-von den Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch erwiderte:
-»Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt; ich wußte nicht recht,
-was der Herr Pfarrer meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,«
-sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es ist nicht der
-Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast du denn gemacht, um durch die
-Kirche zu kommen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden
-aufgehoben und zwischen die Kirchenstühle geworfen, und da liegen sie
-noch.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf und sprach nicht mehr mit ihm
-über diese Sache. Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der
-Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort; ich will dich in
-meinem Hause nicht länger haben, da du so rücksichtslos bist, daß du
-dich nicht schämst, die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch
-antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den Leuten auf dem Hof
-dann Lebewohl.
-
-Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen Fleck hatte, auf
-den er seinen Kopf legen konnte. Auf einem Hof aber, auf dem er die
-Nacht über blieb, hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben
-sei. Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte auf Skalholt zu.
-Als er dorthin kam, begann der Tag auf die Neige zu gehen, und deshalb
-bat er um Obdach für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß es ihm
-gern vergönnt werde, er müsse aber selber für seine Sicherheit sorgen.
-Er fragte, ob es etwas Böses mitbringe, wenn er dort bleibe, und was
-es verursache. Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse
-nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß es kein Mensch
-aushalten könne, zu Hause zu bleiben, wegen lauter Spuks, sobald es zu
-dunkeln beginne, und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute von
-dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,« sagte der Bursch.
-Die Leute des Hofes baten ihn jedoch, nicht so zu reden; denn es wäre
-wahrhaftig kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde, begannen
-die Leute allmählich, den Hof zu verlassen, und schweren Herzens
-sagten sie dem Burschen Lebewohl; denn sie erwarteten nicht, ihn
-wiederzusehen. Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter Laune.
-Dann ging er im Hause umher und sah sich um. Der letzte Ort, an den er
-kam, war die Küche. Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine
-Menge feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und alles, was er
-sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch hatte lange kein Dörrfleisch
-gesehen, und er fing an, Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß
-hier solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht, um den Geist
-umso besser sehen zu können, und er entschloß sich deshalb, Feuer
-anzuzünden, und dann zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit
-Wasser über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und legte ihn
-in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von Spuk gemerkt. Als aber alles
-in den Topf getan war, hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer
-Stimme gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte: »Warum sollst du
-nicht fallen?« Da fiel der ganze oberste Teil eines Mannes durch den
-Schornstein herab, ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen daran,
-und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem Boden, ohne sich zu bewegen.
-Gleich darauf hörte der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde:
-»Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal: »Warum sollst du
-nicht fallen?« Und durch den Schornstein herab fiel der mittlere Teil
-eines Mannes bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern
-und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da hörte der Bursch noch
-einmal, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er
-antwortete wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt doch etwas
-haben, worauf du stehen kannst!« Da fielen die Füße eines Mannes herab;
-sie waren unerhört groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen
-waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen eine Weile ruhig auf dem
-Boden. Als der Bursche dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin
-und sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen ist,
-ist es wohl am besten, daß du anfängst umherzuholpern.« Alle Klumpen
-schoben sich zusammen und wurden zu einem furchtbar großen Mann. Er
-sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern ging aus der Küche hinaus und
-ins Vorderhaus. Der Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging.
-Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause und trat an eine große Truhe.
-Diese öffnete er, und der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große
-Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus der Truhe, warf die
-Münzen über den Kopf und ließ sie hinter sich herabfallen. In dieser
-Weise trieb er es bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert
-hatte. Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden geschüttet
-hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise über seinen Kopf wieder in
-die Truhe zurück.
-
-Der Bursch stand neben dem Gespenst, während es das Geld hin- und
-zurückschaufelte, und sah, wie es auf dem Fußboden umherrollte. Das
-Gespenst begab sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder in die
-Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen das zusammen, was von dem
-Haufen herunter und über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte
-daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe, und daß es sich
-deshalb so sehr wie möglich beeilen wollte. Nun kam es so, daß das
-Gespenst alles Geld wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte
-der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte. Der Bursch fand, es
-läge kein Grund dazu vor, sich so sehr zu beeilen, das Gespenst aber
-sagte, das wäre doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an
-dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu hindern, indem
-er es festhielt. Das ging aber nur so lange, bis das Gespenst wütend
-wurde, den Burschen packte und sagte, daß es nun nicht mehr ratsam für
-ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen. Der Bursch fing das
-Gespenst auf, merkte aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen
-würden und wich deshalb langsam zurück, indem er versuchte, schweren
-Hieben auszuweichen und das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie
-es eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen die Zimmertür
-wandte, die offen stand, wollte es den Burschen an seine Brust heben,
-um ihn umso stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch sah
-deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich schon denken, daß das
-zu seinem Tode führen würde. Er griff deshalb zu einer List. Als das
-Gespenst die erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang er
-ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es hintenüber und mit
-dem Rücken gerade auf die Türschwelle fiel, während der Bursch beim
-Fallen obenauf zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst mit dem
-Kopf aus dem Zimmer herausflog und das Licht, das mitten am Himmel
-stand, ihm in die Augen fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die
-Erde hinab, da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und
-der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die Stücke verschwunden
-waren. Obwohl der Bursch etwas steif in den Gliedern und zerschunden
-von den Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich zwei
-Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden stieß, wo die Teile
-versunken waren, das eine außerhalb, das andere aber innerhalb der
-Zimmertür. Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute des
-Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter Tag war.
-
-Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere Gesichter, daß
-sie ihn am Leben sahen, als am vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen,
-und sie fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht gemerkt
-hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen Spuk gemerkt hätte. Die
-Leute wollten ihm nicht glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen.
-
-Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er war sehr mitgenommen von
-seinem Kampf mit dem Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes
-um alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand,
-ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß sie Anstalt machten
-fortzugehen, versuchte er auf jede erdenkliche Weise, sie zu überreden,
-im Hause zu bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden
-zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die Leute glaubten ihm
-nicht und gingen fort wie am Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen
-Überredungen und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie keine Furcht
-hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den Hof verlassen hatten, ging
-der Bursch zu Bett, ruhte sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag.
-Morgens kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und fragten ihn
-nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß er nichts davon gemerkt hätte,
-und fand, daß sie nicht mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu
-haben.
-
-Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen Nacht passiert
-war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am Boden, wo die Körperteile
-versunken waren, und führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem
-Burschen mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten, baten
-ihn zu verlangen, was er sich von ihnen wünschen mochte, als Entgelt
-für die Hilfe, die er ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld
-oder Gut haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben solle,
-so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen für ihr freundliches
-Anerbieten, er brauche aber weder Reichtum, noch sonst irgend etwas,
-sagte er, auch wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen.
-Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in dieser Nacht
-schliefen alle Leute zu Hause auf dem Hof, und weder diesmal noch
-später merkten sie etwas von Spuk. Morgens machte sich der Bursch
-bereit, von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn zwar
-keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er wollte fort. Er
-sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu tun hätte, da die Leute ja auf
-dem Hof bleiben könnten. Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den
-Willen der Leute, und steuerte nordwärts.
-
-Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem Weg, bis er eines schönen
-Tages an eine Höhle kam. Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen
-entdecken, in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf Betten, die
-einander gegenüber, sechs in einer Reihe, aufgestellt waren. Alle
-Betten waren ungemacht, und da der Tag noch nicht um war, so daß
-er nicht erwarten konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause
-kommen würden, begann er, alle Betten zu machen. Als er damit fertig
-war, legte er sich in das Bett, das zu äußerst an der einen Seite
-der Höhle stand, wickelte die Decke sorgfältig um sich und schlief
-ein. Nach einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der Höhle
-umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen gekommen waren, die sich
-darüber wunderten, wer wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die
-Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu machen; er hätte
-dafür ehrlichen Dank verdient, sagten sie. Nachdem sie, wie ihm schien,
-zu Abend gegessen hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer
-des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte er den
-Burschen. Die Höhlenbewohner dankten ihm für seine Handreichung, die
-ihnen so gut zustatten gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu
-bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein; denn sie selbst
-hätten nicht viel Zeit, sie müßten die Höhle bei Sonnenaufgang
-verlassen, da sonst ihre Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus
-diesem Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen.
-
-Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme und einige Zeit bei
-ihnen bleiben wolle. Er fragte sie dann, wie es denn käme, daß sie
-jeden Tag einen so schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein
-Ende nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer Feinde wären,
-mit denen sie schon früher häufig in heftigem Streit gelegen hätten,
-und die stets im Kampf unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie
-immer noch jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber immer
-so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen und jedesmal wilder
-und ungestümer wären als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch
-ihre Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie nicht bei
-Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend wären. Dann gingen sie zu
-Bett und schliefen bis zum nächsten Morgen.
-
-Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner, bis zu den Zähnen
-bewaffnet, fort, baten aber erst den Burschen, sich der Höhle und der
-Hausarbeit anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe des Tages
-ging der Bursch in einen Nußbaumwald, der in der Richtung lag, in der
-er sie hatte verschwinden sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um
-zu erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz entdeckt
-hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein. Zunächst machte er die
-Betten der Höhlenbewohner, fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu
-tun war. Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends nach Hause
-zurück und waren erfreut, als sie sahen, daß der Bursch die ganze
-Wirtschaft besorgt hatte, so daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten
-als zu essen und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen, worauf
-alle einschliefen, außer dem Burschen.
-
-Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber erhalten könnte,
-daß die Höhlenbewohner nachts umgingen. Als er glaubte, daß alle
-seine neuen Genossen in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte
-unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und nahm sie mit.
-Dann wanderte er nach dem Kampfplatz und erreichte ihn kurz nach
-Mitternacht. Da war nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren
-abgeschlagenen Köpfen. Dort blieb er eine Weile.
-
-Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes einen Hügel sich
-öffnen, aus dem ein Weib herauskam; es war mit einem blauen Mantel
-bekleidet und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie schnurstracks
-auf das Schlachtfeld gehen, zu einem der Gefallenen, und etwas von
-dem Inhalt des Topfes auf das Stück des Halses streichen, das an dem
-Oberkörper des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf saß, und
-darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da saß er sofort fest, und der
-Tote lebte wieder auf. Dieselben Künste wandte sie bei noch zwei oder
-drei andern an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt wurden.
-Da sprang der Bursch auf die Alte zu und gab ihr den Todesstreich; denn
-jetzt konnte er allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der
-Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann brachte er diejenigen, die
-sie ins Leben zurückgerufen hatte, um. Als das geschehen war, ging er
-selbst hin und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen auf
-dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr gelungen war; er strich
-etwas von dem Inhalt des Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm
-ebensogut wie vorhin.
-
-Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd wieder
-aufleben zu lassen und die wieder umzubringen, die er ins Leben
-gerufen hatte, bis die Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von
-der Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute geworden,
-weil er verschwunden war und einige Waffen mit ihm; als sie aber auf
-die Walstatt kamen und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen
-die Sache eine günstige Wendung genommen zu haben. Die Höhlenbewohner
-freuten sich, den Burschen zu sehen, und fragten, wie er darauf
-verfallen wäre, dort hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich
-alles zugetragen hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt hatte, die
-Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen den Salbentopf, nahm
-einen der Gefallenen, bestrich ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da
-lebte er bald wieder auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot.
-
-Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen und schönen Worten für
-den bewiesenen Mut; sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange
-er Lust hätte, und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen
-geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche Anerbieten und
-sagte, daß er es gern annähme, bei ihnen zu bleiben. Nach alledem waren
-die Höhlenbewohner so vergnügt und froh über den Burschen, daß sie
-allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen zu probieren,
-wie es wäre zu sterben, da sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen
-könnten. Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde und lebten
-sofort wieder auf. Das ging nun zum großen Gaudium für sie eine ganze
-Weile so.
-
-Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen worden war und sie
-ihn mit Hilfe der Salbe wieder an den Rumpf hatten anwachsen lassen,
-war das Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach vorn.
-Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der Kopf verkehrt herum
-saß, wurde er wie rasend vor Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen
-von diesen Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort herzu,
-hieben den Kopf von neuem ab und setzten ihn richtig auf den Körper. Da
-erlangte er seinen Verstand wieder und war seitdem genau so mutig, wie
-er früher immer gewesen war.
-
-Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper, nahmen ihnen die
-Waffen fort und verbrannten sie mit dem Huldreweib zusammen, das mit
-dem Salbentopf aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in den Hügel
-hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert da war und schleppten es
-mit nach Hause in ihre Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen,
-von dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr über ihn.
-
-
-
-
-Die Sage von Jon Asmundsson
-
-
-Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord, und der Mann
-hieß Asmund. Sie hatten viele Kinder, die alle noch klein waren. Es
-wird nicht gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste Junge Jon
-hieß. Es war damals eine schwere Zeit im Lande. Der Bauer Asmund mußte
-von Haus und Hof gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe
-verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten.
-
-Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der Kristian hieß;
-er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn zu sich, und bei ihm wuchs
-Jon auf. Jon war ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen
-Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig und war sehr
-fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und alle Leute auf dem Hofe
-hatten ihn gern.
-
-Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein Handelsschiff nach
-Reykjavik kam. An Bord befand sich ein ausländischer Kaufmann, aber
-wie er hieß, wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem
-auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer draußen auf
-dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das Gespräch auf starke Männer.
-Der Kaufmann, der groß und kräftig war, ging an eine Stelle, an der
-vier Sack Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und versprach
-dem Manne drei Mark Gold, der es ihm gleich tun würde, es war aber
-niemand da, der sich auf diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der
-Pfarrer nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon Asmundsson,
-was der Kaufmann versprochen hatte, und bat ihn zu versuchen, was er
-konnte. Jon machte nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen
-würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß ein Mann gekommen sei,
-der das Geld verdienen wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo
-die Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf die Schulter,
-trug sie auf dem Deck hin und her und legte sie wieder auf dieselbe
-Stelle nieder. Der Kaufmann verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und
-bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun bereit, das Schiff
-zu verlassen, während sie aber von dem Kaufmann Abschied nahmen,
-bat dieser Jon, ihn zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch
-versprach. Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh über den
-Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob nichts geschehen sei.
-
-Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte der Pfarrer Jon
-daran, daß er jenen besuchen wollte. Da stattete Jon ihm seinen Besuch
-ab, und der Pfarrer begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen
-auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der Pfarrer wollte
-mitgehen, der Kaufmann aber sagte, daß sie nichts miteinander zu
-verhandeln hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um
-eine Störung bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und das Ende war,
-daß er ihnen in die Kajüte folgte. Dort sagte der Kaufmann zu ihnen,
-daß sie noch nicht miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer
-würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon ringen sollte, und
-bliebe er Sieger im Kampf, so sollte er zehn Mark Gold bekommen. Dann
-nahmen sie Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der Kaufmann
-fort.
-
-Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter fragte der Pfarrer
-einmal Jon, ob er sich dessen erinnere, was ihm der Kaufmann beim
-Abschied gesagt habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da
-sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an einen Ausweg zu
-denken; denn der Bursch, mit dem der Kaufmann ihn ringen lassen wollte,
-wäre kein richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten Mohren,
-jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg für ihn finden; sie müßten
-sich bereit halten, wenn drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn
-dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen. Jon nahm sich diese
-Sache nicht weiter zu Herzen.
-
-Als genau drei Wochen des Sommers vergangen waren, kam eines Tages ein
-Schiff vom Meere her und segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer
-ging zu Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn mit
-einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm einen Gürtel um den Leib;
-dann gab er ihm einen kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel
-verbergen sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken könnte, den
-Griffen des Mohren zu widerstehen, daß dieser ihn im ersten Gang über
-den Kopf werfen würde, er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon
-auf die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den Mohren auffordern,
-den lodenen Mantel, den er anhätte, auszuziehen, inzwischen aber den
-Dolch zurechtlegen, um ihn bei der Hand zu haben, wenn der Mohr zum
-zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum hatte das Schiff Anker geworfen,
-als ein Boot von dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit
-einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt wurde. Der Pfarrer und
-Jon standen unten am Flutmesser. Der Mohr rannte sofort auf Jon zu,
-packte ihn und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder auf die
-Füße. Da forderte er den Mohren auf, den lodenen Mantel auszuziehen,
-damit sie sich im Ringkampf messen könnten. Der Mohr tat das,
-inzwischen aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der Mohr zum
-zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu und bohrte ihm den Dolch
-in den Leib. Der Ringkampf zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und
-der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes Wams nicht
-die Stöße aufgefangen hätte. Das Ende ihres Kampfes war, daß Jon den
-Mohren zu Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an das Schiff
-und begrüßte dort den Kaufmann. Der Pfarrer sagte, daß Jon nun das
-Geld verdient hätte, da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben
-sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und sagte, daß sie eine
-Hinterlist gebraucht, aber nicht Mut und Beherztheit gezeigt hätten.
-Der Pfarrer erwiderte, daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich stände,
-denn es wäre kein richtiger Mensch, den der Kaufmann zum Ringkampf
-geschickt hätte. Schließlich aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem
-er Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende des Sommers, das
-Land wieder verlasse.
-
-Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln wollte; da
-erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der Kaufmann einen Besuch von
-ihm verlangt hätte, und sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei
-ihrer Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem Schiff hinaus und
-begrüßten den Kaufmann, der den Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm
-beiseite zu gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber folgte
-ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann, daß es ihn nichts anginge,
-was Jon und er miteinander zu besprechen hätten; darauf erwiderte der
-Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu stören, er wolle
-jedoch in der Nähe seines Mannes sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß
-er im nächsten Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an dem Jon
-seine Kräfte messen solle; besiege er es, so solle er fünfzehn Mark
-Gold bekommen. Dann trennten sie sich. Der Sommer verging und ein gut
-Stück vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach.
-
-Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die Worte des Kaufmanns
-denke. Jon antwortete »Nein«; der Pfarrer aber sagte, daß das
-Eintreffen des Kaufmanns im nächsten Sommer nichts Besseres bringen
-würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn ein halber Monat
-des Sommers um wäre, das Hündchen aber, an dem er gedächte Jon seine
-Kräfte messen zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund, weshalb
-sie versuchen müßten, sich irgendeine List auszudenken. Jon bat den
-Pfarrer, sich diese für ihn auszudenken.
-
-Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien ein vom Meere
-kommendes Schiff. Der Pfarrer rief Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe
-schwarzwollene Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen lassen.
-Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten, ehe er es ihm wieder
-anzog. Dann reichte er ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde
-geformt und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück Fleisch
-darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten und zu versuchen, so
-an den Hund heranzukommen, daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann
-aber sollte er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen sie
-an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als der Hund ans
-Land gelassen wurde. Es war ein großer Hund, und grimmig sah er aus.
-Jon ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit auf ihn zu und
-wollte ihn zerfleischen; das Wams aber beschützte ihn, so daß er keinen
-Schaden davontrug. Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich
-aus und hielt das Fleischstück vor sich, und schließlich kam es so, daß
-der Hund das Maul darüber aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller
-Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten nachließ, wie
-toll er sich auch gebärdete; des Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht
-den geringsten Schaden tun, und schließlich lag er tot auf dem Platz.
-Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus und begrüßten ihn. Er erwiderte
-ihren Gruß mürrisch und war schwarz und geschwollen im Gesicht und
-verbarg seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand. Der Pfarrer
-sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient habe, das ihm der Kaufmann im
-vorigen Sommer zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann aber fand,
-daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr List als Tapferkeit gebraucht
-habe. Der Pfarrer aber erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am
-schändlichsten gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier auf den
-Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann das Geld, indem er ihn bat,
-bei ihm vorzusprechen, ehe er diesen Sommer fortsegele.
-
-Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln wollte, und der
-Pfarrer sagte zu Jon, daß er sich an des Kaufmanns Worte erinnern
-müßte, daß er aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren
-hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser Jon, mit ihm
-in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer wollte folgen, der Kaufmann aber
-sagte, daß er es unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der
-Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und daß er keinen
-Schritt gehen würde, ohne daß er, der Pfarrer, ihn begleite. Da gab
-der Kaufmann nach, und sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie
-dort angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch von einem Regal
-herunter, schlug es auf und nahm ein loses Blatt heraus, das er schnell
-vor Jons Augen hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der
-Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen Schimmer davon
-zu sehen, ohne daß der Kaufmann es merkte. Dann legte der Kaufmann das
-Blatt wieder an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im nächsten
-Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre, bringen solle, oder den
-Namen, ein Hasenfuß zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber
-das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen. Dann nahmen
-sie Abschied voneinander, und der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause
-zurück, der Kaufmann aber stach sofort in See.
-
-Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig war, sprach Pfarrer
-Kristian mit Jon und fragte ihn, was er wohl zu dem Auftrag meine, den
-der Kaufmann ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts darüber
-denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, was das für ein Blatt
-gewesen wäre, das der Kaufmann ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete
-»Nein«. Da sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei, wenn
-er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus des Teufels Handbuch
-gewesen; und nun hätte der Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe
-zugedacht, es aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er, daß
-er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt sei, und nur er
-würde Jon in dieser Angelegenheit helfen können, des Teufels Handbuch
-ausfindig zu machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon sollte
-sich nun sofort bereit machen, sich nach der Unterwelt zu begeben,
-um seinen Bruder zu besuchen, und er müßte dort am ersten Wintertag
-hinkommen und den Winter über da bleiben.
-
-Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und als alles fertig war, gab
-ihm der Pfarrer einen Brief an seinen Bruder mit und ein Garnknäuel,
-das ihm den Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche
-Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo auf seinem Weg
-umzusehen, auch dürfte er den ganzen Winter über in der Unterwelt kein
-einziges Wort sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes sein
-würde.
-
-Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das Knäuel von sich, behielt
-aber das Ende des Fadens in der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit
-vor ihm her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen war,
-an dem die Öffnung einer Höhle zu sehen war; dort rollte das Knäuel
-in den Berg hinein, und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und
-uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die Wanderung fortzusetzen,
-aber um so stärker zog das Knäuel, und er ermannte sich dann wieder.
-So ging er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da erblickte
-er vor sich eine anmutige Ebene, über die das Knäuel eine Zeitlang
-rollte, bis er in eine große Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort
-hielt das Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden aufhob.
-
-Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen trat heraus. Es war gut
-gekleidet, aber ohne jeden Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die
-schönste Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich vor
-ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend nahm. Auch nahm sie
-das Knäuel und ging mit beiden ins Haus hinein. Nach einer kleinen
-Weile kam dasselbe Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet,
-das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand wieder in das Haus
-hinein. Das erste Mädchen aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn
-durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein kleiner Tisch, eine
-Bank, ein Stuhl und ein Bett standen; dann ging sie fort, aber sogleich
-brachte sie ihm Essen und deckte den Tisch.
-
-Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon blieb lange dort und
-glaubte, daß es schon mitten im Winter sei; er sah keinen anderen
-Menschen als dasselbe junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und ihm
-den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen sie miteinander, und
-nie hörte er menschliche Stimmen.
-
-Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer und wohlgewachsener
-Mann zu ihm hereinkam. Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer
-Kristians Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet;
-er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in seiner Stimme. Jon schwieg.
-Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten
-sei. Jon aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut daran getan,
-Jon, bei deinem Schweigen zu beharren; denn aus diesem Grunde ist
-dein Auftrag gut gelungen, und du wirst für deine Selbstbeherrschung
-belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag, und darum darfst
-du sprechen.« Darüber war Jon sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er
-sich nun auf den Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern
-dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen, wenn eine Woche des
-Sommers um wäre. Dann gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut
-zu hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber nicht lange
-dauern, bis es der Eigentümer vermißte und holte, wenn es erst in den
-Händen des Kaufmanns wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder die
-ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen lassen, ehe er ihm das
-Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon, seinem Bruder einen Gruß zu bringen,
-bot ihm darauf Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf den Weg
-bringen und ihm zeigen werde, wie er sich nach Hause finden könne. Das
-Mädchen kam also und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen,
-das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte. Sie gingen Hand in Hand
-miteinander, es wird aber nicht erzählt, was sie zusammen sprachen,
-bis sie plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht weiter
-gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das Stück Weges, das noch
-übrig sei zu finden. Sie sagte, daß sie scheiden müßten, wenn es auch
-ihrem Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht zusammenbleiben
-und Freude miteinander haben, da er ja nicht in der Unterwelt leben
-könne und sie nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht
-verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir das Kind senden;
-sollte es ein Junge werden, wenn es sechs Jahre alt ist, wenn es aber
-ein Mädchen wird, dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt
-davon ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie das gesagt hatte,
-reichte sie ihm das Knäuel, sagte aber, daß er es nicht brauche, um
-den Weg zu finden, er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten.
-Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es fiel ihnen schwer
-zu scheiden. Er ging nun den Weg, den sie ihm gezeigt hatte; er war
-weder schwierig noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie
-und wo er zwischen den beiden Welten wanderte. Gegen Ende der ersten
-Sommerwoche kam er in Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude
-empfing und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt hätte, als Jon ihm
-den Gruß seines Bruders brachte und ihm das Buch gab.
-
-Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen ein, und der Pfarrer
-stattete ihm sogleich einen Besuch ab; kühl aber waren die Grüße, die
-sie miteinander wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann, daß
-ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein großer Mangel an Lebensmitteln
-herrsche, weshalb er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen;
-und darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier Tage war die
-ganze Ladung an Land gebracht. Als das geschehen war, fuhren der
-Pfarrer und Jon zu dem Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon
-sofort, wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon erwiderte, daß
-er ausgeführt sei. Darauf reichte der Pfarrer dem Kaufmann an Jons
-Stelle das Buch; sehr unangenehm aber war dieser überrascht, als er
-sah, daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn nun, das Geld
-auszuzahlen, das er Jon versprochen habe, und das tat der Kaufmann
-auch. Dann boten sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter;
-kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See sehr unruhig wurde;
-ihre Blicke fielen auf das Wasser, wo das Schiff gelegen hatte, da aber
-war es verschwunden, und später wurde es nie mehr gesehen.
-
-Nun war großer Reichtum im Pfarrhofe. Das nächste halbe Jahr verging,
-und Jon blieb bei dem Pfarrer. Immer war er den Leuten verschlossen
-vorgekommen, jedoch nie so, wie nachdem er aus der Unterwelt
-zurückgekehrt war. Da sprach einmal der Pfarrer mit ihm darüber, was
-ihm fehle, und sagte, daß er ahne, weshalb er so wortkarg umherginge;
-weil ihm nämlich die Tochter seines Bruders da unten in der Unterwelt
-so gut gefallen hätte. Jon aber erwiderte nichts darauf. Pfarrer
-Kristian hatte drei Töchter, wie sie aber hießen, wird in dieser Sage
-nicht erzählt. Der Pfarrer sagte, daß er Jon diejenige von seinen
-Töchtern geben wolle, die er sich wünsche, wenn sein Gemüt dadurch
-erheitert werden könne. Jon wählte schließlich die jüngste Tochter zur
-Frau, und der Pfarrer verheiratete sie miteinander. Er schenkte den
-Eheleuten einen der besten Höfe in der Nachbarschaft zum Bewohnen, und
-dorthin zogen sie und schlugen ihr Heim auf. Sie lebten in Eintracht
-miteinander und hatten Reichtum genug. Trotzdem aber war Jon still und
-traurig.
-
-Nun vergingen viele Jahre, und die Eheleute bekamen viele Kinder
-zusammen. Da klopfte es einmal an der Tür zu Jons Hof, während alle
-Leute in der Badstube waren. Der Bauer sandte einen seiner Söhne, der
-damals sechs Jahre alt war, an die Tür. Als der Knabe wieder hereinkam,
-erzählte er, daß draußen ein wunderschönes, kleines Mädchen stände, das
-ihn freundlich begrüßt und ihn gebeten hätte, drin zu sagen, daß es
-mit seinem Vater sprechen wolle. Bei diesen Worten huschte es wie ein
-Sonnenstrahl über Jons Gesicht, er erhob sich sofort und ging hinaus.
-Das kleine Mädchen küßte ihn und begrüßte ihn mit dem Namen Vater, er
-aber empfing es mit großer Herzlichkeit und Freude.
-
-Es erzählte, daß es von seiner Mutter, der Pfarrerstochter aus der
-Unterwelt, geschickt sei, von der es ihm einen liebevollen Gruß bringe.
-Jon führte es sogleich zu seiner Frau, mit der er von der Herkunft des
-Kindes sprach, und von der großen Verpflichtung, die er ihm gegenüber
-hätte, und bat sie, wie eine Mutter gegen es zu sein, wie für ihre
-anderen Kinder. Da nahm es die Frau sehr liebevoll auf. Sigrid hieß das
-kleine Mädchen; es war zwölf Jahre alt, als sich dies ereignete. Es
-zeichnete sich vor den meisten durch seine große Schönheit und allerlei
-andere Tugenden aus. Als Sigrid drei Jahre bei ihrem Vater und in
-dieser Zeit Gegenstand vieler Auszeichnung und Liebe gewesen war, bat
-sie ihn einmal um die Erlaubnis, ihre Mutter besuchen zu dürfen, was er
-ihr auch freundlich gewährte, indem er sagte, daß sie bei ihrer Mutter
-gern ein ganzes Jahr bleiben dürfe, wenn sie wolle.
-
-In dem Jahre darauf kehrte Sigrid zu ihrem Vater zurück, der sie ebenso
-liebevoll wie früher empfing.
-
-Sie überbrachte ihm den letzten Gruß ihrer Mutter, die, wie sie
-erzählte, gestorben wäre, schon ehe sie die Unterwelt verlassen hätte.
-Zugleich brachte sie auch die Botschaft, daß Jon sie nur um einen Monat
-überleben würde. Es schien, als ob Jon diese Botschaft eher freute, als
-daß sie ihn betrübte, und nicht die kleinste Veränderung war ihm dabei
-anzumerken.
-
-Jon traf nun feste Bestimmungen über seine Habe, und in seinem letzten
-Willen setzte er seine Tochter Sigrid als Erbin des Hofes ein, auf dem
-er wohnte, und man merkte an allem, daß er sie am meisten von seinen
-Kindern liebte; sie war aber auch eine Zierde unter allen Frauen.
-Seiner Frau und ihren Kindern gab er das ganze bewegliche Eigentum, und
-das war ein großer Reichtum. Dann starb Jon, und viele beweinten seinen
-Verlust.
-
-Ein paar Jahre später verheiratete sich Sigrid mit einem tüchtigen
-Manne, und sie ließen sich auf ihrem Hof, der der beste Hof in der
-ganzen Gegend war, nieder. Immer wurde Sigrid als eine ausgezeichnete
-Frau angesehen, und das Ehepaar lebte lange in großer Liebe
-miteinander. Sie bekamen eine Menge Kinder, und von ihnen stammt ein
-großes Geschlecht auf dem Südlande ab.
-
-
-
-
-Die Brüder
-
-
-In den Tälern wohnten zwei Brüder, Thord und Andreas, die Söhne
-Andreas’, die, wie es den Leuten schien, beide ein hitziges Gemüt
-hatten. Im Winter 1820 begaben sie sich nach Hjallasand, um dort Fische
-zu fangen. Sie waren damals in die Zeit des Mannesalters gelangt,
-waren aber immer noch unverheiratet. Beide waren in Liebe zu demselben
-Mädchen entbrannt, und dieser Umstand zerstörte das brüderliche
-Verhältnis zwischen ihnen.
-
-Früh im Winter litt das Boot, in dem sich Andreas befand, Schiffbruch,
-und er ging mit ihm unter. Nun bekam sein Bruder freiere Hand für seine
-Werbung, worüber er sehr froh war, und er besuchte das Mädchen offener,
-als er es bisher getan hatte.
-
-Es verging einige Zeit, ohne daß etwas geschah. Aber eines Abends
-ging Thord in der Dunkelheit allein den Weg von Ingjaldshol entlang,
-und als er nach Hjallasand, nicht weit von seiner Bude, Storedumpa,
-gekommen war und gerade auf die Tür der Bude zugehen wollte, sah er,
-daß ein Mann vom Boot heraufkam, der ihm in den Weg treten wollte.
-Thord eilte zur Tür, und da war ihm der andere gerade auf den Fersen.
-Thord sah sich den Mann an und erkannte in ihm seinen Bruder Andreas;
-er war entsetzt, stürmte in die Bude hinein und auf den Boden hinauf,
-vergaß aber, die Tür hinter sich zu schließen. Auf dem Boden der Bude
-waren die Betten derart aufgestellt, daß an dem einen Ende das Bett
-des Bauers Thomas stand, an dem gegenüberliegenden Ende ein Bett für
-drei Fischer, während Thords Bett mitten an der Seitenwand gegenüber
-dem Aufgang stand. Als Thord auf den Boden kam, war es dunkel, und
-die Leute schliefen in der Finsternis. Der Bauer Thomas erwachte von
-ihren Schritten. Thord setzte sich auf sein Bett, und gerade, als
-er sich gesetzt hatte, hörte Thomas ihn sagen: »Glaubst du, daß ich
-Furcht habe, dir in die Augen zu sehen?« In demselben Augenblick aber
-entstand ein furchtbarer Tumult, und Thord flog wie eine abgeschossene
-Kugel nach dem Bett der Fischer hinüber, über sie hinweg und an der
-Wand empor, und sie erwachten von einem bösen Traum. Im Handumdrehen
-aber riß das Gespenst Thord mit sich und zerrte ihn am Fußboden entlang
-und die Leiter hinunter. Der Bauer Thomas zündete Licht an und bat die
-Fischer, Thord, dem es so schlecht erging, zu helfen, und sie liefen
-alle mit ihm vom Boden hinunter. Da floh das Gespenst, Thord aber lag
-wie tot unten im Gang und schwamm in seinem Blut. Sie hoben ihn auf und
-trugen ihn auf sein Bett, wachten die ganze Nacht bei ihm und pflegten
-ihn mit großer Sorgfalt. Sein Körper war schlimm zugerichtet, blau und
-geschwollen, und er kam vor der Dämmerung des nächsten Morgens nicht
-zur Besinnung. Er lag lange krank, erholte sich jedoch schließlich, im
-Winter aber mußte jede Nacht Licht bei ihm brennen, damit das Gespenst
-nicht wiederkommen sollte.
-
-Im nächsten Winter nahmen ein paar Fischer in der Bude bei Thomas in
-Dumpa Dienste. Einer von ihnen hieß Sigurd Sigurdsson und stammte aus
-Bredevig im Kreis Barderstran. Er war 21 Jahre alt und für einen so
-jungen Mann groß von Wuchs und im Besitz guter Kräfte. Er erhielt das
-Bett, das an dem einen Ende des Bodens stand, und darin wurde noch
-einem Fischer ein Platz angewiesen.
-
-Etwas später kam Thord Andreasson, und Thomas bat dann Sigurd, ihn als
-Bettgenossen für den Winter anzunehmen. Sigurd, der nicht wußte, was
-im vorigen Winter geschehen war, erfüllte das Verlangen des Bauern
-gern, und als sie zu Bett gingen, lag Sigurd außen, Thord aber an der
-Wand. Als sie aber eingeschlafen waren, träumte Sigurd, daß ein Mann
-mit erschreckendem Äußeren zu ihm käme und sagte: »Ich werde dich dafür
-belohnen, daß du vor meinem Bruder liegst, so daß ich ihm nicht nahe
-kommen kann.« »Was willst du von ihm?« fragte Sigurd. »Ich will ihn
-ermorden,« sagte der andere, »Ach so,« sagte Sigurd, »weiter willst du
-nichts von ihm?« Da schien es Sigurd, als greife der andere ihn an;
-sie packten einander, und das Ende war, daß der Angreifer fiel. Sigurd
-erwachte und kroch dann auf allen Vieren auf dem Fußboden vor dem Bett
-entlang.
-
-Die nächste Nacht träumte Sigurd genau dasselbe; jedoch schien es ihm
-diesmal schwieriger als gestern zu sein, das Gespenst zu überwältigen,
-und dieser Kampf endete so, daß Sigurd davon erwachte, daß seine
-Bettgenossen ihn dicht an der Bodenluke festhielten. Sie hatten
-geglaubt, daß er im Schlaf wandle und wollten ihn daran verhindern.
-
-Die dritte Nacht träumte Sigurd, daß er am Boot unten am Wasser stände,
-und daß derselbe Mann käme und ihn mit großer Erbitterung überfiele;
-und lange rangen sie miteinander, Sigurd aber trug doch schließlich den
-Sieg davon; ihm träumte, daß er das Gespenst erlegte, worauf er ein
-Schwert in die Hand nahm und seinen Gegner damit in Stücke hieb. Und so
-hörte das Gespenst mit seinen Angriffen auf.
-
-Sigurd blieb den Winter über in Dumpa und schlief neben Thord, und nie
-träumte ihm nach dieser Zeit von seinem Kampfgegner, der den ganzen
-Winter hindurch seinem Bruder Thord keinerlei Schaden durch sein Spuken
-zufügte.
-
-Viele Jahre später begegneten sich einmal Thord und Sigurd und sprachen
-von dem Gespenst. Es hatte Thord niemals mehr überfallen, seitdem
-Sigurd es besiegt hatte. Thord überlebte seinen Bruder Andreas um
-ungefähr 20 Jahre, nie aber gelangte er nach ihrer Begegnung in der
-Bude wieder zu seinen alten Kräften. Er ist später durch das Eis auf
-Hvidaa im Borgarfjord eingebrochen und ertrunken. Er befand sich damals
-auf einer Reise nach dem Südland, wohin er zum Fischen zog, und führte
-drei Pferde mit Packung mit sich, die alle mit ihm ertranken.
-
-
-
-
-Der Ulfssee
-
-
-Gegen Süden, zwischen den Skagefjordstälern, liegt ein fischreicher
-See, der der Ulfssee heißt und seinen Namen auf folgende Weise erhalten
-hat:
-
-Auf Mällifellsaa wohnte einmal ein reicher Bauer. Er hatte einen Sohn,
-mit Namen Gudmund, der in jeder Weise ein hoffnungsvoller Jüngling war.
-Er hatte gute Kräfte und war ein tüchtiger Ringer. Er war oft draußen,
-um Vieh zu suchen, und jedesmal, wenn gesucht wurde, war er Führer oder
-Bergkönig, wie die Rangvellinger sagen.
-
-Einmal zog Gudmund mit mehreren Männern aus, um entlaufene Schafe zu
-suchen. Während des Suchens blieb er schließlich mit einem Jungen
-allein, und sie kamen nach dem Ulfssee. Da entdeckten sie zwei Lämmer,
-die sie zu verfolgen begannen. Der See war zugefroren, und sie sahen,
-daß draußen auf dem Eis ein Mann lag und angelte.
-
-Als Gudmund und sein Begleiter dem See näher kamen, sprang der Fischer
-auf, ergriff ein Beil, das neben ihm lag, nahm einen Anlauf und glitt
-auf Gudmund zu. Kaum gewahrte das der Junge, als er Fersengeld gab,
-Gudmund aber erwartete den Mann.
-
-Als dieser dicht vor Gudmund stand, hieb er mit dem Beil nach ihm,
-Gudmund aber wich aus. Das Beil fiel dem Friedlosen[6] aus der Hand,
-Gudmund fing es auf, nahm einen Anlauf und glitt auf den See hinaus,
-auf dem der andere ihn zu verfolgen begann. So trieben sie es eine
-Weile, bis Gudmund eine passende Gelegenheit fand. Er drehte sich um
-und gab dem Friedlosen den Todesstreich; während dieser aber den Hieb
-erhielt, rief er mit lauter Stimme nach Brand, Thorgils und Olaf.
-Darauf ging Gudmund zu seinen Leuten und erzählte ihnen das Geschehene.
-Sie gingen dann in geschlossenen Haufen nach dem See, da aber war der
-Tote verschwunden; sie sahen, daß er fortgebracht worden war, denn die
-Blutspuren auf dem Eise wiesen ans Land.
-
-Nach dieser Zeit blieb Gudmund zu Hause und ging nie mehr aus, um
-Schafe zu suchen; denn er befürchtete, daß die Friedlosen nach ihm
-auf der Lauer lägen. Da geschah es einmal, spät im Sommer, daß der
-Schäfer auf Mällifellsaa krank wurde und niemand auf dem Hof war, der
-die Schafe sammeln konnte, außer Gudmund. Er ging deshalb fort, konnte
-sie aber nirgends finden. Er ging immer weiter, bis in die Heide, aber
-auch dort fand er die Schafe nicht. Da fiel ein so dichter Nebel, daß
-er nicht wußte, wo er war; trotzdem ging er weiter, bis er eine große
-Herde Schafe sah, und bei ihnen einen Mann.
-
-Dieser, ein Friedloser, griff Gudmund sofort an, und sie rangen so
-lange miteinander, bis Gudmund seinen Gegner warf. Der Friedlose bat
-um Gnade und versprach, ihn dafür gut zu belohnen. Gudmund fragte, wer
-er sei, und wo er zu Hause wäre. Der Friedlose erwiderte, daß er Olaf
-heiße und ein Bruder von dem sei, den er auf dem See erschlagen hätte;
-Ulf aber hätte der geheißen.
-
-»Wir sind sechs Brüder, und ich bin der jüngste und kleinste von
-allen. Mein Vater wohnt auf einem Hof, unweit von hier, und hat dich
-hergezaubert, denn er will dich für den Totschlag an seinem Sohn
-belohnen; auf dem Vorhof hat er ein Grab graben lassen, und dich hat er
-als Gast dafür bestimmt. Wir haben eine Schwester, die Sigrid heißt,
-und die unser Vater am meisten liebt; sie kann dir die beste Hilfe
-leisten, wenn sie dir eine Handreichung tun will. Mein Bruder Brand ist
-hier in der Nähe, und wenn du ihn unter deinen Fuß bekommen könntest,
-so daß du uns beiden das Leben geschenkt hättest, dann würde sie dir
-wohl Hilfe leisten, so gut sie es vermag.«
-
-Hierauf ließ Gudmund Olaf aufstehen, und dann setzte er seinen Weg
-fort, bis er Brand traf. Sie rangen miteinander, und es gelang Gudmund,
-Brand unter sich zu bekommen. Da bat dieser um Gnade und versprach ihm
-Hilfe, indem er ihm genau dasselbe sagte, wie Olaf ihm vorher erzählt
-hatte.
-
-Gudmund ließ ihn dann aufstehen, ging nach dem Hof und fand Sigrid
-draußen. Er brachte ihr den Gruß der Brüder und fügte hinzu, daß sie
-sie bäten, demjenigen zu helfen, der ihnen das Leben geschenkt habe.
-Da führte ihn Sigrid nach dem Boden über dem Stall und schenkte ihm
-einen Trunk Wein ein, der ihn sehr stärkte. Darauf beschrieb sie ihm
-das Grab auf dem Vorhof und gab ihm den Rat, sich von ihrem Vater, wenn
-sie rängen, gegen es treiben zu lassen, wenn er aber den Rand erreicht
-hätte, so sollte er hinüberspringen und ihren Vater in das Grab fallen
-lassen; töten sollte er ihn jedoch nicht. Sie sagte, daß ihr Vater
-gerade schlafe, daß er aber bald erwachen werde, dann solle er auf den
-Hof gehen und gegen die Tür klopfen.
-
-Gudmund tat, wie sie sagte; als aber der Alte die Schläge hörte, erhob
-er sich aus dem Bett und sagte: »Jetzt ist Gudmund endlich gekommen,
-und jetzt soll er zeigen, wozu er taugt.«
-
-Der Bauer lief hinaus, von gegenseitigem Begrüßen aber war nicht die
-Rede, im Gegenteil, gleich fuhren sie aufeinander los, und es wurde ein
-harter Kampf.
-
-Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die Hälfte der Kräfte
-des Alten hatte; daher wehrte er sich nur, griff aber nicht an. Der
-Alte wollte ihn nach dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm
-treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund hinüber und
-wippte den Alten kopfüber hinein. Sogleich kamen Sigrid und die beiden
-Brüder, mit denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten ihn, ihrem
-Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach, es zu tun, wenn sie
-ihm von nun an keinen Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte
-hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und nun dankte er Gudmund
-für sein Leben und lud ihn ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er
-nicht wissen könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der Sache
-abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen. Dann wurde Gudmund als Gast
-bewirtet, abends aber in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die
-älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund in dem Grabe zu Gaste
-wäre. Der Alte erzählte, wie alles zugegangen war. Darüber aber wurden
-sie rasend und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging dann
-vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten müßten, wenn sie das
-Gastrecht brechen und Gudmund umbringen wollten. Hierauf besänftigten
-sie sich und gingen zu Bett.
-
-Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund vor und gebot ihnen,
-ihm nichts Böses anzutun. Gudmund blieb den Winter über dort; ihm
-gefiel Sigrid, denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich von
-Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren Brüdern messen konnte.
-Sie und Gudmund wurden gute Freunde.
-
-Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid, die ein Kind
-erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte versuchte nicht, sie davon
-abzuhalten, und Gudmund zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast,
-bis er nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren, ihn
-wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen geglaubt hatten. Er
-heiratete Sigrid, und sie wohnten lange auf Mällifellsaa, und sie wurde
-für eine ausgezeichnete und hochgesinnte Frau gehalten.
-
-Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters fanden die Brüder den
-Aufenthalt droben in der Wildnis öde und langweilig, und darum zogen
-sie gleichfalls mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden.
-Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord, und alle genossen sie
-Ansehen als tüchtige und brave Männer.
-
-
-Fußnoten:
-
- [6] Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher,
- die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis
- geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine von
- der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse
- bildeten.
-
-
-
-
-Der Südfahrer-Asmund
-
-
-Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte aus dem Skagefjord. Ein
-flinker Mann war er und tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser
-Erzählung war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog Asmund
-südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine Genossen folgten ihm. Sie
-verbrachten die Nacht auf Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am
-nächsten Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In der Nacht
-aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit, und seine Begleiter
-warteten den Tag über auf ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen
-sollten, er würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund aber
-blieb zurück.
-
-Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen gesund, und darum brach
-er auf. Es war schönes Wetter; als er aber nach Süden kam und mitten
-auf der Heide war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund sah
-nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er das merkte, nahm er
-die Bündel von seinen Pferden und grub sich in eine Schneewehe ein und
-benutzte seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde koppelte
-er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte, in die er an der Leeseite
-ein Loch gegraben hatte, um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann
-holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen. Aber gerade als
-er seine Mahlzeit begonnen hatte, kam ein torfbrauner Hund an das Loch
-in der Schneehütte und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr bissig
-und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen, den Asmund schluckte, noch
-grimmiger. Der Hund begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen
-Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor und gab ihn ihm.
-Der Hund nahm den Knochen und lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem
-Weilchen aber kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür der
-Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte ihm für sein Hündchen.
-
-»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte der Fremde. »So nennt
-man mich,« antwortete Asmund. »Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen
-zu wählen,« sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das Unwetter
-beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn das sollst du wissen, daß
-ich es bin, der das Unwetter heraufbeschworen hat, und ich bin daran
-schuld, daß du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen,
-weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann kenne als dich.« Asmund
-wurde es heiß um die Ohren, und er begriff, daß hier nur eins zu tun
-war, ob es ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber mit
-ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe lassen wollte.
-
-»So komm mit,« sagte der Mann. Asmund brach nun mit ihm auf; das
-Schneetreiben hatte aufgehört, und es war schönes Wetter geworden. Der
-Mann ging voraus, Asmund aber folgte ihm mit den Pferden. Welchen Weg
-er ging, wußte er nicht, so irregeführt worden war er. Als sie eine
-Zeitlang geradeaus gewandert waren, kamen sie in ein kleines Tal. Ein
-Bach lief mitten durch das Tal, und Asmund war erstaunt, daß die Erde
-auf der einen Seite des Baches rot war, während auf der anderen Seite
-jedes Fleckchen weiß vom Schnee war. Auf jeder Seite des Baches sah er
-einen Hof Sie gingen nach dem Haus, das auf der zugeschneiten Seite
-lag. Der Alte nahm die Pferde, zog sie in den Stall und fütterte sie.
-Dann führte er Asmund in das Haus und in die Badstube. Hier erblickte
-Asmund ein altes Weib und ein junges, ziemlich hübsches Mädchen, andere
-Leute aber sah er nicht. Nachdem er sie begrüßt hatte, wies ihm der
-Alte einen Sitzplatz an. Als aber eine kleine Weile verstrichen war,
-gingen sie hinaus, der Alte und das Mädchen, und Asmund und das Weib
-blieben allein zurück. Die Alte saß die ganze Zeit da und murmelte
-leise vor sich hin: »Es ist ein rechter Jammer, – ohne Tabak zu sein.«
-Asmund holte ein Stück Tabak aus der Tasche und warf es der Alten zu.
-Sie fing es auf und freute sich über das Geschenk.
-
-Dann kamen sie herein, der Alte und das Mädchen, und sie brachten
-Asmund etwas zu essen. Asmund aß, und der Alte stand die ganze Zeit bei
-ihm und war sehr vergnügt. Als Asmund gegessen hatte, ging das Mädchen
-wieder hinaus, von dem alten Mann gefolgt. Jetzt glaubte Asmund, daß
-sie beratschlagten, wie sie ihn umbringen könnten. Bald darauf kam der
-Alte zurück und bat Asmund, sich zur Ruhe zu begeben. Das wollte er
-gern, und der Alte führte ihn in eine Kammer, in der ein aufgedecktes
-Bett stand. Der Alte wünschte ihm Gute Nacht und ging, das Mädchen
-aber zog Asmund die nassen Kleider aus. Als sie seine Strümpfe und
-Schuhe nahm, um sie wegzutragen, bat er sie, das nicht zu tun, denn er
-fürchtete, es könnte Verrat dahinter stecken. Das Mädchen sagte, daß
-keine Gefahr damit verbunden sei, denn es wolle ihm niemand etwas Böses
-zufügen. Darauf ging sie und bot Asmund mit einem Kuß Gute Nacht.
-
-Asmund erschien die Behandlung, die er im Hause des Friedlosen genoß,
-sonderbar, und er war nicht ganz frei davon, ein gewisses Gefallen an
-dem Kusse des Mädchens zu finden. Er schlief bald ein und wachte wieder
-davon auf, daß der Alte neben ihm stand.
-
-Es war hellichter Tag. Der Alte wünschte ihm Guten Morgen und sagte, er
-wolle ihn jetzt um die Sache bitten, um derentwegen er ihn hergeholt
-hätte. »Die Sache verhält sich so,« sagte der Alte, »daß ich vor
-zwanzig Jahren unten in der bewohnten Gegend wohnte; dann bekam ich ein
-Kind mit meiner Schwester, darum mußte ich flüchten und hierherziehen.
-Das alte Weib, daß du gestern gesehen hast, ist meine Schwester,
-das Kind aber, das wir zusammen bekamen, ist das junge Mädchen, das
-dir beim Ausziehen behilflich war, als du zu Bett gingst. Als ich
-hierherkam, waren hier schon Friedlose, die in dem Hause wohnten, das
-du gestern abend jenseits des Baches gesehen hast. Es waren dieselben
-beiden Männer, die noch heute auf dem Hof wohnen. Sie haben mir
-immer Feindschaft bewiesen, stets aber habe ich mich ihrer erwehren
-können, bis jetzt. Jetzt kann ich es nicht mehr, und nun muß ich ihrer
-Übermacht unterliegen, weil sie den ganzen Schnee, der ins Tal fällt,
-auf meine Seite des Baches fallen lassen. Es ist meine Gewohnheit
-gewesen, meine Schafe auf ihrem Land, jenseits des Baches, grasen zu
-lassen, nun aber bin ich nicht mehr Manns genug, das zu tun. Ich will
-dich darum bitten, heute sogleich mit meinen Schafen über den Bach zu
-gehen und sie dort zu hüten. Ich weiß, daß du ein mutiger Mann bist,
-aber das hast du auch nötig, denn meine beiden Feinde werden kommen, in
-der Vermutung, daß ich bei der Herde bin. Du sollst meinen torfbraunen
-Hund bei dir haben, und der wird dir eine gute Hilfe sein.«
-
-Asmund verließ das Bett und ging mit den Schafen fort, der Alte aber
-gab ihm seinen Mantel zum Umhängen und ein Beil, damit er sich seiner
-Haut wehren könnte. Sobald Asmund über den Bach gekommen war, liefen
-die Friedlosen auf ihn zu und sagten: »Jetzt ist er des Todes!« Denn
-sie glaubten, der Alte sei bei seinen Schafen. Als sie sich aber
-Asmund näherten,sagten sie: »Es ist ein anderer, als wir dachten,«
-worauf sie auf Asmund einsprangen und ihn angriffen. Asmund hetzte den
-Braunen auf den einen von ihnen, griff aber selber den andern an. Der
-Braune zerriß seinen Gegner und lief dann gegen den andern an, und so
-besiegten sie ihn im Verein, Asmund und der Hund. Asmund blieb bis zum
-Abend bei den Schafen, dann ging er nach Hause und traf dort den Alten
-an. Der empfing Asmund gut und dankte ihm herzlich für sein Tagewerk.
-Er hätte ihm zugesehen, als er dabei gewesen wäre, die Friedlosen zu
-töten, erzählte er.
-
-Am folgenden Tage gingen Asmund und der Alte über den Bach nach dem
-anderen Hof, der ein guter und geräumiger Ort zum Bewohnen war. Keinen
-Menschen trafen sie an, nur eine Menge Vieh. Sie untersuchten nun
-das ganze Haus. Da stießen sie auf eine Tür, die sie nicht zu öffnen
-vermochten. Asmund warf sich gegen sie und sprengte sie. Sie führte
-in eine kleine Nebenkammer, in der sie eine anmutige und schöne Magd
-fanden. Sie war mit den Haaren an einen Balken festgebunden und war
-sehr blaß und mager. Asmund befreite sie und fragte, wo sie her sei.
-Sie erzählte, daß sie eine Bauerntochter vom Oefjord wäre, und daß die
-Friedlosen sie geraubt hätten. Sie hätten sie zwingen wollen, einen von
-ihnen zu heiraten, sagte sie. Da sie das aber nicht wollte, so hätten
-sie sie hier festgebunden und gemeint, auf diese Weise würden sie
-sie schon gefügig machen, einen von ihnen zu nehmen. Asmund erzählte
-ihr dann, wie die Sache nun stände, und daß sie in den Händen guter
-Menschen sei; sie aber freute sich, alle Gefahr überstanden zu haben.
-
-Sie brachten nun alles von der Hütte des Alten herüber nach diesem
-Hof und blieben hier den Winter über. Asmund gefielen der Alte und
-die Mädchen, besonders jedoch die Tochter des Alten. Sie lernte
-verschiedene Kunstfertigkeiten von dem Mädchen vom Oefjord. Im Frühjahr
-sagte der Alte zu Asmund, er solle nun nach seiner Heimat ziehen;
-im Herbst aber solle er in das Tal zurückkehren, denn dann würde er
-gestorben sein, sagte er. Dann wollte er ihn bitten, sich seiner
-Tochter und seiner Schwester anzunehmen, wenn sie noch am Leben sei,
-und auch des Mädchens aus dem Oefjord. Alles, was er hier an Geldeswert
-finden könne, solle seine Mitgift sein, sagte er. Darauf begab sich
-Asmund nordwärts nach dem Skagefjord. Die Leute sahen ihn an, als wäre
-er vom Tode wiederauferstanden; wo er aber den Winter verbracht hatte,
-das erzählte er niemandem.
-
-Im Herbst zog er wieder aus und kam zu den Mädchen im Tal. Sie freuten
-sich sehr über sein Kommen, denn die beiden Alten waren entschlafen,
-und die Mädchen hatten sie unter einem Hügel am Abhang begraben. Asmund
-blieb den Winter über bei ihnen. Aber im Frühjahr zog er mit der ganzen
-beweglichen Habe aus der Hütte fort, nach dem Skagefjord. Dort ließ er
-sich nieder und heiratete die Tochter des Alten, das Oefjordmädchen
-aber verheiratete er mit einem Manne aus der Umgegend.
-
-Und hier endet die Erzählung vom Südfahrer-Asmund.
-
-
-
-
-Die Zauberer auf den Westmändsinseln
-
-
-Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn Zauberer
-zusammen und schlossen miteinander ein Bündnis. Sie zogen nach den
-Westmändsinseln und wollten sich gegen den Tod wehren, solange es
-irgend ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen, daß die
-Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte, wollten sie gern wissen,
-ob noch ein Mensch am Leben wäre. Sie einigten sich deshalb, einen
-ihrer Kameraden ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in
-ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren war. Sie
-brachten ihn ans Land und sagten, daß sie ihm, wenn er nicht bis zur
-Julzeit zurückgekommen wäre, einen Sending[7] schicken würden, der ihn
-töten sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents.
-
-Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit herum. Aber nirgends
-sah er einen lebenden Menschen; die Höfe standen offen, und darinnen
-lagen überall Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der
-verschlossen war. Er wunderte sich darüber, und es wurde die Hoffnung
-in ihm erweckt, daß er hier Menschen antreffen würde. Er klopfte an
-die Tür, und sogleich kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm.
-Er begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals und weinte
-vor Freude, wieder einen Menschen zu sehen; denn sie hätte geglaubt,
-sagte sie, daß sie das einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat
-ihn, bei ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen
-in das Haus und hatten vieles miteinander zu besprechen. Sie fragte,
-wo er herkäme, und wo er hinwollte. Das erzählte er ihr und zugleich,
-daß er bis zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei ihr zu
-bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid, und er versprach ihr
-denn auch zu bleiben. Sie erzählte ihm, daß alle Menschen gestorben
-seien; denn sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen,
-eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem lebenden Wesen zu
-begegnen.
-
-Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte ans Heimwärtsziehen.
-Das Mädchen aber bat ihn zu bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl
-nicht so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er bei ihr, die
-so allein und verlassen sei, geblieben wäre. Er ließ sich überreden
-zu bleiben, und dann kam die Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem,
-was sie auch sagte. Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und
-sagte: »Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen kannst?
-Oder scheint es dir nicht ebensogut, hier bei mir zu sterben, als an
-irgendeinem Ort unterwegs?«
-
-Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden war und entschloß
-sich, ruhig zu bleiben, wo er war und hier den Tod zu erwarten. Es ging
-auf die Nacht; er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war keck
-und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte, was die Inselbewohner
-jetzt trieben. Er sagte, daß sie ihren Sending jetzt ans Land gebracht
-hätten, und daß er heute kommen würde.
-
-Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er aber legte sich
-in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er jetzt anfinge, schläfrig zu
-werden, und daß das der Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er
-ein. Das Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal ums andere,
-damit er sagen sollte, wo der Sending der Inselbewohner nun sei. Aber
-je näher dieser kam, desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt
-hatte, daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so fest, daß das
-Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte, und es dauerte denn auch nicht
-mehr lange, bis sie einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen
-sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete sich zu
-einer Menschengestalt. Das Mädchen fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt
-entledigte sich ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten; »denn
-ich kann nicht über dich hinwegkommen,« sagte sie. Das Mädchen sagte
-der Gestalt, daß sie ihr dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen
-müsse. Die Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen
-erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden könnte. Die
-Gestalt war damit einverstanden und wurde nun so groß, daß sie das
-ganze Haus erfüllte. Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern
-sehen, wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie könnte eine
-Fliege werden, und in demselben Augenblick verwandelte sie sich in eine
-Fliege und wollte unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem Manne
-hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade in den Röhrenknochen
-eines Schafes, den das Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte
-sich, sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben.
-
-Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die Tasche und weckte
-den Mann. Er wurde bald wach und wunderte sich sehr, daß er noch am
-Leben sei. Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er antwortete,
-daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei, das Mädchen aber sagte ihm
-dann, daß sie längst geahnt hätte, daß das keine großen Zauberer
-auf der Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und sie
-verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit.
-
-Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann wieder an,
-wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte, was ihm denn nur fehle. Er
-sagte, daß sie jetzt auf der Insel im Begriff wären, einen neuen
-Sending auszurüsten und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen. »Am
-Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es nicht leicht, mich zu
-retten.« Das Mädchen sagte, daß sie keine Angst davor habe, ehe sie
-es probiert hätte, und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen
-der Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres sagte er,
-daß jetzt der Sending ins Land gekommen sei. »Und schnell kommt er
-vorwärts, denn er hat eine gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte,
-daß er ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat. Sie kamen
-bald darauf nach einem Buschwald. Darin blieb sie stehen und riß ein
-paar Büsche aus. Da stießen sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen
-hob den Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie stiegen
-in die Erdhöhle hinab, in der es finster und unheimlich war. Da war
-ein schwacher Docht in einem Schädel, der in Menschenfett brannte.
-Auf einem elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund, der
-furchtbar anzusehen war. Seine Augen waren wie Blut, und sein Aussehen
-war so greulich, daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte sagte:
-»Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du herkommst, Pflegetochter.
-Es ist lange her, daß ich dich gesehen habe, und was kann ich nun
-für dich tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie gekommen
-sei, von dem Manne, und von dem ersten Sending. Der Alte bat sie, den
-Röhrenknochen sehen zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte
-den Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer. Er drehte
-ihn nach allen Richtungen und betastete ihn überall von außen. Dann
-sagte das Mädchen: »Hilf nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt
-er schläfrig zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending bald
-hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen aus dem Röhrenknochen, und
-sofort kam die Fliege aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege
-und sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von den Inseln in
-Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte ein starker Donnerschlag, die
-Fliege fuhr heraus und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis
-zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der Erde lag. Sie nahm
-alle Sendinge von den Inseln in Empfang, und der Mann war gerettet.
-
-Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und nach Hause, das
-Mädchen und der Inselmann, und gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof.
-Später wurden sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten sich und
-bevölkerten die Erde.
-
-Und so weiß ich nichts mehr von der Sage.
-
-
-Fußnoten:
-
- [7] Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das
- abgesandt wird, um jemanden zu töten.
-
-
-
-
-Der Sending
-
-
-Eine Frau saß einmal bei ihrer Arbeit in der Badstube. Außer ihr waren
-weiter keine Leute auf dem Hof; denn der Bauer war wegen irgendeiner
-Besorgung von zu Hause fortgegangen, und das Gesinde war draußen
-beschäftigt. Da trat ein Junge in die Badstube ein, klein von Wuchs,
-aber sehr feist. Er fragte die Frau, wo der Bauer sei, sie beeilte sich
-jedoch nicht, es zu sagen, denn der Junge gefiel ihr nicht. Da fragte
-er nochmals nach dem Bauern, mit dem er, wie er sagte, ein ernstes Wort
-zu reden habe, und er könne nicht verweilen. Die Frau fragte ihn, was
-für einen Auftrag er denn habe, und ob sie ihn nicht entgegennehmen
-könne. Als der Junge hierauf »Nein« erwiderte, sagte die Frau: »Ich
-glaube nicht, daß so ein Pfropfen wie du viel unter den Händen meines
-Mannes zu tun hat. Oder kannst du etwa größer werden, als du jetzt
-bist?« Der Junge sagte, das könne er schon. Sie bat ihn um eine Probe
-davon, sonst glaube sie ihm nicht. Da wuchs der Junge allmählich, bis
-er so groß wie ein Troll wurde und bis an die Decke reichte. Die Frau
-sagte, daß man ihn kaum dort einfange, wo man ihn hinsetze, und sie bat
-ihn, nun wieder so zu werden, wie er vorher gewesen sei. Das tat er.
-Da fragte ihn die Frau, ob er sich in demselben Verhältnis klein wie
-groß machen könne und wünschte, eine Probe zu sehen. Dazu sagte er ja,
-und allmählich wurde er nun kleiner, bis er die Größe eines Sperlings
-erreicht hatte. Da holte die Frau ein kleines Fläschchen hervor und
-fragte ihn, ob er sich so klein machen könne, daß er da hineinginge.
-Sofort verwandelte er sich in eine Fliege und kroch in das Fläschchen
-hinein; die Frau war nicht faul und spannte ein Kalbshäutchen über die
-Flasche, und nun mußte sich der Gesell damit abfinden, darin zu kauern.
-
-Als der Bauer nach Hause kam, gab ihm die Frau die Flasche und erzählte
-ihm alles. Er freute sich über die List seiner Frau, nahm die Flasche
-und ging mit ihr fort; was aber aus ihr geworden ist, erfuhr später
-niemand.
-
-
-
-
-Der Eheteufel
-
-
-Auf Geirmundstad im Skagefjord wohnte einmal ein Ehepaar, das im Gemüt
-nicht übereinstimmte; man erzählte allerdings, daß die Frau einem
-anderen Manne gut sei, der das seinige tat, um das gute Verhältnis
-zwischen ihr und ihrem Eheherrn zu stören. In dieser Absicht
-verzauberte er einen Teufel dazu, die Gestalt eines Hundes anzunehmen;
-er war von torfbrauner Farbe, und er schickte ihn nach Geirmundstad, um
-dort Eheteufel zu sein.
-
-Bei den Eheleuten auf Geirmundstad hielt sich eine alte Frau auf; sie
-beobachtete, daß jedesmal, bevor die Eheleute in Streit gerieten, ein
-torfbrauner Hund in die Badstube trat, durch das Zimmer ging und die
-Schnauze zwischen das Ehepaar auf das Bett legte, auf dem es saß, und
-ganz unheimlich zu heulen begann. Als der Hund damit fertig war, war
-es stehende Regel, daß Mann und Frau in Zank gerieten. Die alte Frau
-sprach mit dem anderen Gesinde über den Vorläufer der Zänkerei des
-Ehepaares, den sie sah, und sie waren alle miteinander darüber einig,
-daß sie der Hausfrau ihr Gesicht erzählen solle, um zu sehen, ob sie
-nicht dadurch Frieden zwischen den Eheleuten stiften könne, die im
-Grunde bei all ihren Leuten sehr beliebt waren.
-
-Einmal sprach die Alte, die geistersehend war, mit ihrer Herrin
-und hielt ihr das Unchristliche vor, daß Mann und Frau in solcher
-Zwietracht miteinander lebten. Anfangs wollte die Hausfrau nichts
-davon hören, die Alte aber sagte, daß sie sich sicher mehr Mühe geben
-würde, bösen Zank mit ihrem Manne zu vermeiden, wenn sie nur wüßte,
-woher ihre Uneinigkeit käme. Sie erzählte ihr dann alles und bat sie
-eindringlich, ihrem Manne ja in allem nachgiebig zu sein, damit sie
-den Teufel nicht mehr mit ihrem häßlichen Streit ergötze. Die Hausfrau
-versprach ihr, alles zu tun, was in ihrer Macht stände.
-
-Da kam es so, daß sich das Verhältnis der Eheleute zu einander mit
-jedem Tage besserte, denn die Frau gab ihrem Manne gegenüber immer
-nach, und schließlich wurde ihr Zusammenleben sehr liebevoll.
-
-Da sah man aber auch nichts mehr von dem Torfbraunen.
-
-
-
-
-Der rote Stier
-
-
-Als Sira Thomas Skuleson Pfarrer auf Grenjadarstad war, hielt er sich
-zwei Hofknechte, von denen der eine Bjarne hieß, der andere aber
-Martin. Diese beiden Knechte hatten eine gemeinsame Schlafkammer,
-die abgesondert vorn auf dem Hofe lag. Bjarne war früher verheiratet
-gewesen, lebte aber von seiner Frau getrennt, und da er nun in Liebe
-zu einem Mädchen in der Nachbarschaft entbrannt war, wollte er vor
-allem seine frühere Frau los werden. Er griff deshalb zu dem Mittel,
-daß er einen klugen Mann auf dem Nordland bewog, ihn zu lehren, wie man
-ein Gespenst erstehen lassen könnte, das er seiner Frau auf den Hals
-schicken wollte, um ihr den Garaus zu machen.
-
-Bjarne begann nun den Wiederkehrer[8] zu erwecken und leckte ihm den
-Totengeifer vom Gesicht, wie das Gesetz verlangt; kaum aber war er
-damit fertig, als sich das Gespenst an ihn selbst machte; und das Ende
-ihres Kampfes war, daß der Wiederkehrer Bjarne überwältigte, so daß
-dieser mit knapper Not lebendig davonkam. Dieser Wiederkehrer aber
-war Bjarne so viel weniger von Nutzen, als er erwartet hatte, daß er
-Bjarne nach dieser Zeit sogar wachend und schlafend überfiel, so daß
-er darüber beinahe um Sinn und Verstand gekommen wäre. Weder Bjarne
-noch Martin hatten nun nachts besondere Ruhe zum Schlafen; denn das
-Gespenst fuhr mit seinem Klopfen an die Kammer unentwegt fort und hielt
-sie wach, bis Bjarne hinunterging, und dann blieb er längere oder
-kürzere Zeit in der Nacht draußen. Man wußte aber nichts von dem, was
-draußen zwischen ihnen vorging, als was Bjarne selbst erzählte, wenn er
-wieder zu Martin hineinkam.
-
-Als dies eine Zeitlang gedauert hatte und Bjarne darüber den Verstand
-fast verloren hatte, wandte er sich in seinem unglücklichen Zustand an
-einen klugen Mann und bat ihn um einen guten Rat, auf welche Weise er
-sich von den Verfolgungen des Wiederkehrers befreien könnte. Der kluge
-Mann gab ihm einen Zettel mit einigen Schriftzeichen und gebot ihm,
-eines Nachts in die Kirche auf Grenjadarstad zu gehen, sich sämtliche
-Meßgewänder umzuhängen und derart geschmückt die ganze Nacht hinter
-den Schranken neben dem Altar stehen zu bleiben, ohne sich vom Fleck
-zu bewegen, was er auch zu sehen bekäme, und was ihn auch anzusprechen
-schiene; denn man wollte ihn nur von den Schranken locken, und dann
-wäre es aus mit ihm. Schließlich, sagte er, würde ein ungeheuer großer,
-roter Stier kommen, der die Zunge zwischen ihm und dem Altar bewegen
-würde, dann aber gälte es sein Leben, wenn er nicht so geschickt wäre,
-dem Stier den Zettel auf die Zunge zu legen; gelänge ihm das dagegen,
-so hätte er keinen Grund mehr, die Heimsuchungen des Gespenstes zu
-fürchten.
-
-Nachdem er diesen Rat bekommen hatte, ging Bjarne eines Nachts in die
-Kirche und benahm sich so, wie es ihm vorgeschrieben worden war. Da kam
-eine Schar Menschen nach der andern zu ihm heran und umzingelte die
-Schranken; er kannte aber nur wenige unter ihnen. Sie redeten ihn in
-verschiedener Weise an und baten ihn im guten und im bösen, den Altar
-zu verlassen und zu ihnen herauszukommen. Einer von denen, die Bjarne
-zu kennen meinte, war Sira Hallgrim Scheving, Dr. Schevings Großvater,
-und er zerrte an Bjarne, um ihn aus den Schranken herauszubekommen.
-Eine Schar aber nach der andern verschwand, da es ihnen auf keine Weise
-gelingen wollte, Bjarne vom Altar fortzubekommen.
-
-Da kam endlich der rote Stier auf Bjarne zu; er streckte die Zunge
-über die Schranken hinweg und wollte sie zwischen Bjarne und dem Altar
-schwingen, als beabsichtige er, ihn von dort herauszuschleudern.
-Es gelang aber Bjarne, ihm den Zettel auf die Zunge zu legen. Da
-verschwand der Stier, und von diesem Augenblick an gewahrte Bjarne
-nichts mehr in der Kirche, so wie er auch nichts mehr von den
-Heimsuchungen des Wiederkehrers merkte.
-
-
-Fußnoten:
-
- [8] Gespenst eines toten Menschen, der umgeht.
-
-
-
-
-Das Fäßchen
-
-
-Es war einmal eine Schar von Männern auf einer Wanderung. Eines
-Sonntagmorgens schlugen sie ihr Zelt auf einer schönen, grünen Wiese
-auf. Es war helles und gutes Wetter. Die Wandernden legten sich hin,
-um zu schlafen, und lagen in einer Reihe im Zelt. Derjenige aber, der
-zu äußerst an der Zelttür lag, konnte nicht schlafen, und seine Blicke
-wanderten hin und her im Zelt. Da sah er einen bläulichen Dunst über
-demjenigen aufsteigen, der zu innerst lag. Der Dunst bewegte sich
-vorwärts durch das Zelt und hinaus. Der Mann wollte wissen, was das
-wohl sein könnte, und folgte dem Dunst. Dieser schwebte langsam über
-die Wiese und kam schließlich an eine Stelle, an der ein verwitterter
-alter Pferdeschädel lag, der voll von laut summenden Schmeißfliegen
-war. Der Dunst schwebte in den Pferdeschädel hinein, nach geraumer
-Zeit aber zog er wieder hinaus. Darauf schwebte er wieder über die
-Wiese hin, bis er an ein ganz kleines Bächlein kam, das die Wiese
-durchquerte. Er schwebte an dem Bache entlang, und dem Manne schien
-es, als suche er eine Stelle, an der er hinüberkommen könne. Der Mann
-trug seine Peitsche in der Hand, und diese legte er quer über den
-Bach, der nicht breiter war, als daß der Stiel hinüberreichte. Der
-Dunst zog auf den Peitschenstiel hinaus und gelangte so über den Bach.
-Darauf schwebte er wieder eine Weile vorwärts, bis er schließlich an
-einen Erdhöcker auf der Wiese kam. Dort verschwand er in den Erdhöcker
-hinein. Der Mann stand daneben und wartete darauf, daß der Dunst wieder
-herauskommen sollte. Das geschah auch bald, worauf er denselben Weg
-zurückschwebte, den er gekommen war. Der Mann legte seine Peitsche
-über den Bach, und der Dunst zog wieder auf ihr hinüber wie das vorige
-Mal. Dann schwebte er geradeswegs heimwärts nach dem Zelt und hielt
-nicht inne, bis er hinter den innersten Mann im Zelt gekommen war. Dort
-verschwand er. Der Mann aber legte sich hin und schlief ein.
-
-Als der Tag ziemlich verstrichen war, standen die Wandernden auf und
-nahmen ihre Pferde. Sie schwatzten über allerlei, während sie die
-Pferde aufzäumten. Unter anderem sagte der, der zu innerst im Zelte
-gelegen hatte: »Ich wünschte, daß ich das besäße, wovon ich heute nacht
-geträumt habe.« »Was war es denn, und was hast du geträumt?« fragte
-derjenige, der den Dunst gesehen hatte. Der andere erwiderte: »Es war
-mir, als wandere ich hier über die Wiese. Ich kam an ein großes und
-schönes Haus. Darin waren viele Leute versammelt, und sie spielten und
-sangen vor Lust und Freude. Ich blieb ziemlich lange in dem Haus. Als
-ich aber wieder hinauskam, führte mein Weg über eine schöne Wiese. Dann
-kam ich an einen großen Fluß, über den ich lange vergebens versuchte
-hinüberzukommen. Da sah ich, daß sich ein ungeheuer großer Riese
-näherte. Er hatte einen gewaltigen Balken in der Hand, den er über den
-Fluß legte, und auf diesem ging ich hinüber. Ich wanderte dann lange
-Zeit, bis ich an einen großen Hügel kam. Der Hügel war offen, und ich
-ging in ihn hinein. Da fand ich weiter nichts als ein riesiges Faß, das
-mit Geld gefüllt war. Ich hielt mich dort lange auf, um mir das Geld
-anzusehen; denn einen so großen Haufen hatte ich noch nie gesehen. Dann
-ging ich hinaus und wanderte denselben Weg zurück, den ich gekommen
-war. Ich kam wieder an den Fluß, und da kam der Riese wieder mit dem
-Balken und legte ihn darüber. Ich gelangte auf dem Balken über den Fluß
-und kehrte wieder zurück in das Zelt.«
-
-Der Mann, der den Dunst verfolgt hatte, begann lustige Gedanken zu
-haben, und er sagte zu dem, der geträumt hatte: »Komm, Genosse, laß
-uns einen Augenblick hingehen und das Geld holen.« Der andere begann
-zu lachen und dachte, daß er nicht recht gescheit sei, er ging aber
-doch. Sie gingen nun genau denselben Weg, den der Dunst gewandert war
-und kamen an den Erdhöcker, den sie durchgruben. Dort fanden sie ein
-Fäßchen mit Geld.
-
-Dann kehrten sie zu ihren übrigen Wandergenossen zurück, erzählten
-ihnen alles von dem Traum und dem Dunst und zeigten ihnen das Fäßchen.
-
-
-
-
-Hleidrargaards Skotta
-
-
-Etwa in den Jahren 1740 bis 1770 wohnte auf Hleidrargaard im Oefjord
-ein Bauer, namens Sigurd Björnsson, der als vernünftiger Mann galt,
-aber von heftigem Gemüt war. Es wird erzählt, daß er einmal in seinen
-jüngeren Jahren früh im Sommer westwärts nach dem Gletscher ritt, um
-Fische zu kaufen. Da traf es sich, daß er und der Mann, von dem er die
-Fische kaufte, nicht einig werden konnten. Darüber entstand ein Streit
-unter ihnen, der bald darauf in eine Schlägerei ausartete. Sigurd
-war ein kräftiger Mann, und es war kein Spaß, ihm unter die Fäuste
-zu kommen, und so gelang es ihm, seinen Gegner unter sich zu Boden
-zu werfen, worauf er ihm ein paar Streiche versetzte. Als der Gegner
-wieder aufstand, stieß er Drohungen gegen Sigurd aus und versprach ihm
-verdienten Lohn vor der Tag- und Nachtgleiche, worauf er seines Weges
-ging; Sigurd aber zog mit seinen Genossen wieder nach Hause und blieb
-auf seinem Hof.
-
-Zu dieser Zeit wohnte auf Krynarstad, dem nächsten Hof von
-Hleidrargaard aus, ein Mann, der Hall hieß, mit dem Zunamen »Der
-Starke«. Er war geistersehend und hatte oft Gespenster erblickt und mit
-ihnen zu tun gehabt. Es wird nun gesagt, daß dieser Hall eines Abends
-in dem Herbst, der auf den Sommer folgte, in welchem Sigurd von seinem
-Ritt nach Hause gekommen war, draußen auf seinem Hof stand; da sah er
-ein Gespenst in Gestalt eines Mädchens den Weg daherkommen; sie war
-klein von Wuchs, hatte ein rotes Mieder an, einen dunkelbraunen Rock,
-der nur bis an die Knie reichte, eine Mütze ohne Quaste, und ging in
-Hemdsärmeln. Als die Dirne Hall erblickte, wollte sie ihm ausweichen,
-er stellte sich ihr aber in den Weg und fragte, wer sie sei. Sie
-erzählte, daß sie Sigga heiße. Er fragte, woher sie käme und wohin sie
-wolle. Sie antwortete: »Nach Hleidrargaard«. »Was hast du da zu tun?«
-»Sigurd Björnsson umzubringen«, antwortete sie. Darauf lief sie ihres
-Weges, und Funken sprühten hinter ihr her.
-
-An demselben Abend schlief Sigurd in seinem Bett, das so stand, daß ein
-Fenster darüber war. Die anderen, die sich in der Badstube aufhielten,
-waren wach. Plötzlich sprang Sigurd aus dem Bett und fragte: »Wer
-hat mich gerufen?« Man erwiderte ihm, daß ihn niemand gerufen habe.
-Er legte sich wieder zu Bett und schlief ein; kaum war er aber
-eingeschlafen, als er wieder aufsprang und sagte, daß ihn jetzt sicher
-jemand gerufen hätte. Da man ihm sagte, daß das nicht der Fall gewesen
-wäre, legte er sich wieder zu Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen.
-Als er eine kleine Weile gelegen hatte, sah man ihn aus dem Fenster
-spähen und hörte ihn sagen: »Ach so, daher kommt es!« und dabei
-verfärbte er sich. Er ging nach der Badstubentür, stellte sich an sie,
-und man hörte ihn ganz laut sagen: »Wenn jemand da ist, der mit Sigurd
-Björnsson sprechen will, – da sitzt er!« Und damit zeigte er mit der
-Hand auf einen Armenhäusler-Jungen, namens Hjalmar, der auf einem Stuhl
-gegenüber der Badstubentür saß und Wolle zupfte. Da wurde der Junge vom
-Stuhl herunter auf den Fußboden geschleudert, wo er sich unter Geschrei
-und gräßlichen Windungen wälzte, als wenn er am Ersticken wäre; Sigurd
-holte eine Rute und schlug den Jungen überall damit; dadurch wurde
-er etwas ruhiger und wurde auf das Bett gelegt; da war sein Körper
-geschwollen und zeigte Spuren von Stößen. Diese Anfälle bekam der Junge
-zwei- oder dreimal in der Nacht, und dann später von Zeit zu Zeit, bis
-er früh im Winter an einem solchen starb, und da war sein Körper sehr
-geschwollen und aufgedunsen und wies deutliche, schwarze Spuren von den
-Fingern des Gespenstes auf.
-
-Nach dieser Zeit verfolgte das Gespenst Sigurd und seine Kinder,
-ja es verfolgte sogar alle Leute auf Hleidrargaard. Oft sahen
-geistersehende Männer dieses Mädchen, das »Hleidrargaards-Skotta«[9]
-genannt wurde, ein Name, den sie nach ihrer Mütze erhalten hatte,
-weil diese wie ein Zipfel auf ihrem Kopf stand. Am häufigsten sah man
-sie »Katzflechten«[10], wie man das nennt, indem sie an irgendeinem
-Querbalken hing, am liebsten über dem Eingang der Häuser. Sigurd
-selbst konnte sich immer vor ihr hüten, nach und nach aber tötete sie
-ihm das Vieh, und selbst das Vieh auf den Nachbarhöfen wurde von ihr
-umgebracht. Das Fleisch war immer sehr fleckig und blau und vollkommen
-ungenießbar. Sie wurde auch beschuldigt, einen tüchtigen Bauern, Sigurd
-auf Näs, umgebracht zu haben, denn er bekam einen Krämpfeanfall und
-starb daran.
-
-Als nun ihre Gewalttätigkeit dermaßen zunahm und man befürchtete, daß
-sie sich noch bedeutend steigern würde, traf es sich so glücklich,
-erzählt man, daß vom Gletscher her ein Bettler, mit Namen Peter oder
-Gletscher-Peter, wie er allgemein genannt wurde, in den Ort kam. Er
-war ein großer Zauberer, benutzte aber seine Kunst immer nur zum
-Guten. Sigurd auf Hleidrargaard war ein guter und freigebiger Mann,
-und deshalb gab er auch Peter eine gute Unterstützung, erzählte ihm
-aber gleichzeitig, daß es nicht seine Heimat wäre, der er für diese
-Hilfe danken könne; denn die hätte ihm, dem Bauern, ja ein Gespenst
-auf den Hals geschickt, das sowohl ihm wie anderen großen Schaden
-zufügte und wahrscheinlich damit fortfahren würde, bis es ihn ums Leben
-gebracht habe. Peter versprach, daß er ihn schon von diesem Teufel
-befreien werde. Eines Nachts entfernte er sich also, nahm das Gespenst
-mit und fesselte es an einen bodenfesten Stein an der Stelle zwischen
-dem Strjugsbach und Volde, die Varmhage heißt. Lange Zeit konnte nun
-das Gespenst keinen Schaden tun; oft aber hörte man es nachts heulen,
-und die Leute wagten nicht, allzu nahe an ihm vorbeizufahren; denn
-dann wurde ihnen schwindlig, und sie verloren den Weg, auch wenn es
-hellichter Tag war.
-
-In den Jahren 1806–1810 baute der Pfarrer von Saurbär, der Sira Sigurd
-hieß und noch heutigen Tages lebt, eine Futterscheune in der Nähe
-dieser Stelle, denn es sind gerade dort gute Weideplätze. In der ersten
-Nacht, in der das Haus in Gebrauch war, wurde ein Schaf getötet und
-dann mehrere. Da entdeckte man, daß die Schafkörper in jeder Hinsicht
-wie diejenigen aussahen, die das Gespenst früher unter den Händen
-gehabt hatte, und man glaubte deshalb, daß es jetzt wieder angefangen
-hätte, eine lockere Hand zu haben. Krankheit und Tod fingen allmählich
-an, unter den Schafen ringsum im ganzen Oefjord allgemein zu werden;
-das nennt man die Pest, aber der Aberglaube, daß nur das Gespenst daran
-schuld sei, ist schon von alters her bei den Leuten eingewurzelt.
-
-
-Fußnoten:
-
- [9] Isl.: skott bedeutet eigentlich: Schwanz, außerdem den
- Zipfel einer Mütze, daher die Benennung »Skotta«, d. h. ein
- weibliches Gespenst, das eine Zipfelmütze trägt.
-
- [10] »Katzflechten« (isl. fla’kött) besteht darin, daß man die
- Beine um einen Querbalken flicht und an ihnen hängt, den
- Kopf nach unten, während man gleichzeitig die Jacke, die
- Weste usw. aus- und anzieht.
-
-
-
-
-Die Schuhe aus Menschenhaut
-
-
-Auf einem Hof wohnte einmal ein Bauer, über den allerlei Gerüchte
-im Umlauf waren. Er hatte einen schlechten Ruf wegen der Behandlung
-seines Gesindes, und lange blieb kein Knecht bei ihm, ob es nun von der
-schlechten Kost oder der schlechten Behandlung kam, oder davon, daß zu
-viel Arbeit von ihnen verlangt wurde. Schließlich ging es so weit, daß
-sich niemand als Knecht bei dem Bauern verdingen wollte, und bei einem
-Haar mußte er die ganze Knechtearbeit allein ausführen.
-
-Einmal geschah es, daß ein junger Mann im Ort, der keinen festen Dienst
-hatte, obgleich er ein tüchtiger Mensch war, den Bauern besuchte. Der
-empfing ihn mit offnen Armen, lud ihn in seine Stube ein und ließ sich
-mit ihm in einen Schwatz über die verschiedensten Dinge ein. Da kamen
-sie auch auf Gesindeverhältnisse zu sprechen, und schließlich schlug
-ihm der Bauer vor, das nächste Jahr als Knecht bei ihm zu bleiben.
-Der Mann aber wollte nur ungern darauf eingehen, des schlechten Rufes
-wegen, der an dem Bauern haftete. Der Bauer bat ihn jedoch, den Dienst
-anzunehmen, und wenn es nicht für länger wäre, als bis er ein Paar
-Schuhe abgenutzt hätte. Der Mann dachte bei sich, daß die Schuhe
-immerhin vergänglich seien, und daß sie sich schließlich abnutzen
-müßten, und daß er also nur für kurze Zeit und nicht fürs ganze Leben
-bei dem Bauern bliebe, und das Ende vom Liede war, daß er dem Bauern
-sein Wort gab.
-
-Im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse kam der Knecht, und der Bauer gab
-ihm ein Paar neue, nicht sehr feste Schuhe, indem er ihm sagte, wenn er
-die Schuhe abgetragen habe, dann solle seine Dienstzeit aus sein, falls
-er es wünsche; das aber machte der Bauer zur Bedingung, daß der Knecht
-jedesmal ein Paar andere Schuhe anzöge, wenn er zur Kirche ginge, und
-darauf ging der Knecht willig ein.
-
-Nun verging eine lange Zeit, und nach Verlauf eines Jahres war noch
-nicht mehr Abnutzung an den Schuhen zu sehen, als wenn er sie gestern
-angezogen hätte. Da wurde er sehr bedrückt, sein Versprechen gegeben zu
-haben, hielt es jedoch für eine Schande, es zu brechen und fortzugehen,
-obwohl das Leben bei dem Bauern leidig und unangenehm war. Er blieb
-deshalb noch das nächste Jahr bei ihm, aber auch jetzt war keine
-besondere Abnutzung an den Schuhen zu bemerken, obgleich er während
-dieser beiden Jahre keine anderen angezogen hatte, außer wenn er zur
-Kirche ging. Der Knecht wunderte sich darüber sehr und konnte sich
-schon denken, daß dies nicht mit rechten Dingen zuging, wußte jedoch
-nicht, was für ein Zauberkniff gegen ihn angewendet würde.
-
-Eines Sonntags, als er das dritte Jahr begonnen hatte, blieb er zu
-Hause und ging nicht in die Kirche; darum erhielt er auch keine
-Kirchenschuhe, wie es sonst der Fall war, wenn er in das Gotteshaus
-ging. Als sämtliche Leute, und der Bauer auch, zur Kirche gegangen
-waren, begann der Knecht über seine Lage nachzudenken, und wann wohl
-diese Sklaverei bei dem Bauern aufhören würde. Während er in solchen
-Gedanken dasaß, kam ein fremder Mann zu ihm herein. Dem Fremden fiel
-es gleich auf, daß der Knecht sehr kummervoll war, und er fragte
-ihn deshalb, was ihm denn fehle, und weshalb er heute nicht mit den
-übrigen Leuten des Hofes zur Kirche gegangen sei. Der Knecht erwiderte,
-daß er keine rechte Lust dazu gehabt hätte, er säße nun hier und
-dächte an seine Widerwärtigkeiten. Der Fremde sagte, daß es keine
-Entschuldigung für ihn sei, von der Kirche fortzubleiben, wenn er sich
-für einen schwergeprüften Mann hielte; denn jeder Mensch habe sein
-Kreuz zu tragen, und seine Widerwärtigkeiten würden ihm wohl dadurch
-nicht leichter werden, daß er es unterließe, zur Kirche zu gehen; er
-sollte deshalb gleich dorthin wandern, denn noch wäre der Tag nicht
-so weit verstrichen, daß er nicht früh genug zum Gottesdienst kommen
-könnte; außerdem wäre heute etwas später angefangen worden, da sich der
-Gottesdienst durch eine Beerdigung, die vorher stattgefunden hätte,
-etwas verspätet habe. Der Knecht sagte, daß er nicht gehen könnte, da
-ihm die Kirchenschuhe fehlten. Der Fremde antwortete, daß er ja mit
-den Schuhen gehen könnte, die er an den Füßen hätte. »Nein,« erwiderte
-der Knecht, »ich habe versprochen, nie mit ihnen zur Kirche zu gehen,
-wie lange ich auch in diesem ausgezeichneten Dienst bleibe, und für
-jeden Kirchgang habe ich immer andere Schuhe bekommen; aber heute früh
-wollte ich keine haben, da ich nicht mitgehen wollte.« Der Fremde
-fragte ihn, wie lange er denn schon in diesem Dienst sei. »Viel zu
-lange,« erwiderte der Knecht mit einem Seufzer, »das dritte Jahr hat
-schon angefangen.« »Gefällt dir der Dienst nicht?« fragte der Fremde.
-»Nein, gar nicht,« antwortete der Knecht, »es ist mein größtes Unglück,
-daß ich schon so lange hier bin.« »Was hält dich denn hier?« fragte der
-Fremde. »Mein Versprechen,« erwiderte der Knecht, und dann erzählte
-er, wie alles gekommen war. Als der Fremde seine Erzählung mitangehört
-hatte, sagte er, daß er sofort zur Kirche und zwar gerade in den
-Schuhen, die er anhätte, wandern und schnurstracks nach dem Grabe gehen
-sollte, das heute ausgeworfen worden sei; dann solle er die Schuhe in
-die geweihte Erde stecken und abwarten, wie es gehen würde, denn die
-Schuhe, die er nun das dritte Jahr an den Füßen trüge, wären aus dem
-Rückenstreifen der Haut eines alten Weibes, und die würden halten, auch
-wenn er sie bis in alle Ewigkeit hätte, wenn es sein Los sei, so alt
-zu werden. Der Knecht dankte dem Fremden für seinen guten Rat, bot ihm
-Lebewohl und lief fort zur Kirche. Als er auf den Kirchhof kam, merkte
-er, daß die Schuhe an den Nähten aufplatzten; sobald er aber mit ihnen
-in die Erde getreten war, lösten sie sich an seinen Füßen auf, so daß
-nichts weiter übrig blieb als die Einfassung und die Spannbänder. Mit
-diesen übriggebliebenen Fetzen auf dem Spann ging er in die Kirche
-hinein, wo der Pfarrer gerade auf die Kanzel getreten war. Als der
-Gottesdienst vorbei war, ging der Knecht zu dem Bauern und zeigte ihm,
-in was für einem Zustande sich die Schuhe nun befänden, daß nichts
-von ihnen übrig wäre als die bloße Einfassung, und gleichzeitig damit
-kündigte er ihm den Dienst.
-
-Der Mann sagte dazu weiter nichts als die Worte: »Also bist du heute
-nicht umsonst von der Kirche fortgeblieben!«
-
-
-
-
-Sagen von Saemund dem Weisen[11]
-
-
-1. Die Schwarze Schule
-
-In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt eine Schule, die
-»Die Schwarze Schule« hieß. Dort lernte man Zauberkünste und andere
-alte Weisheit. Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr
-festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster war, und aus
-diesem Grunde herrschte das tiefste Dunkel darin. Es war kein Lehrer
-dort, und man lernte alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben
-geschrieben waren, welche im Dunkeln gelesen werden konnten. Nie
-durften diejenigen, die dort in der Lehre waren, ins Freie gehen
-oder das Licht des Tages schauen, solange sie sich dort aufhielten;
-aber drei oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben, um
-in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue und zottige Hand
-erschien jeden Tag durch die Wand und reichte den Schülern ihr Essen.
-Derjenige aber, dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum
-denjenigen von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr verließen,
-der zuletzt hinausging. Da sie nun aber alle wußten, daß der Teufel
-hier Schulmeister war, wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand,
-vermeiden, der Letzte zu sein, der die Schule verließ.
-
-Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule: Saemund der Weise,
-Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson oder Einarsson, der später einmal
-Pfarrer zu Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher
-Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen, womit
-die andern natürlich sehr einverstanden waren. Saemund warf sich nun
-einen großen Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und knöpfte ihn
-nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen, um die Schule verlassen
-zu können. Als nun Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte der
-Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.« Saemund warf den Mantel
-fort, und der Teufel behielt nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür
-aber krachte in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die Füße,
-daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er: »Da schlug mir die Tür
-dicht auf den Fersen zu!« und später ist das ein Sprichwort geworden.
-So entkam Saemund der Weise samt seinen Genossen aus der Schule.
-
-Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der Weise die Treppe
-hinaufging und an die Tür der Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm
-entgegenschien und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der Teufel
-Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin nicht der Letzte!
-Siehst du nicht den, der hinter mir kommt?« Der Teufel griff nach
-dem Schatten, den er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte
-hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug. Von diesem Tage ab
-aber war Saemund immer ohne Schatten; denn den wollte der Teufel nicht
-hergeben.
-
-
-2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule entkam
-
-Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals als er nach der
-Schwarzen Schule zog, daß er über das, was ihm begegnete, seine
-Natur, seine Familie und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen
-Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. Eines Nachts,
-als Saemund auf seinem Lager schlief, träumte er, daß Boge Einarsson
-zu ihm käme und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du bist
-nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, dich selbst
-aufgegeben und deinen Taufnamen vergessen, und wenn du an dein ewiges
-Seelenheil denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.«
-»Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« antwortete Saemund. »Es
-war unmännlich von dir,« sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der
-du nicht entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe in dieser
-Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn du hast Klugheit für uns
-alle, Boge.« »Dann sollst du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du
-fortgehen willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern hängen,
-denn dann wirst du hinausgelangen. Hier mußt du den Meister fürchten,
-der die Schule hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber
-entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten Fuß ab, fülle ihn
-mit Blut und trage ihn am ersten Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der
-Abend gekommen ist, wird der Meister hinausgehen und in den Sternen
-lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der Himmelskörper, und er wird
-deinen Stern suchen; dann wird er dich tot glauben und vom Schwert
-getötet; und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger Ring um deinen
-Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, deinen Weg zu erspähen,
-dafür werde ich schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du
-deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser und Salz; daraus
-wird der Meister, wenn er deinen Stern sieht, schließen, daß du in der
-See ertrunken bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer um
-deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung beginnst, wirst
-du dir entweder selbst oder auch einem anderen zur Ader lassen, an der
-Stelle, an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in deinen
-Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde und vermische sie mit dem
-Blut und sprich ein gutes Wort darüber, damit die Erde geweiht ist,
-und dann trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. Wenn
-aber der Meister deinen Stern untersucht, wird er eine Erdkugel um ihn
-sehen, und daraus wird er dann schließen, daß du tot und bestattet
-bist, und das wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann aber wird
-er entdecken, daß du noch völlig am Leben bist. Da wird er sich über
-deine Weisheit wundern und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat,
-und er wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst dieser
-Schwierigkeit entgangen sein.«
-
-Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen Schule und kam
-wieder in sein Heimatland zurück.
-
-
-3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde bekam
-
-Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen Schule gekommen waren,
-war die Pfarrstelle in Odde frei geworden, und sie baten nun alle den
-König (von Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte sehr gut,
-mit wem er es zu tun hatte, und er sagte deshalb, daß derjenige von
-ihnen die Pfarrstelle bekommen würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich
-ging Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm: »Schwimme jetzt
-mit mir nach Island, und wenn du mich ans Land bringst, ohne daß mein
-Rockschoß naß wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war damit
-einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds an und schwamm davon,
-mit Saemund auf dem Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen
-im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von Island. Da schlug Saemund
-dem Seehund mit dem Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er
-selbst aber tauchte unter und schwamm ans Land.
-
-Auf diese Weise wurde der Teufel um den Lohn geprellt, während Saemund
-die Pfarrstelle in Odde bekam.
-
-
-4. Wie Saemund sein Heu bei trockenem Wetter einbrachte
-
-Saemund hatte einmal eine Menge trockenes Heu auf der Wiese, und es
-drohte Regen. Er bat deshalb seine sämtlichen Leute, sich anzustrengen,
-das Heu zusammenzubringen, ehe der Regen beginne. Es lebte damals
-bei ihm in Odde ein altes Weib, mit Namen Thorhildur; zu ihr ging
-der Pfarrer und ersuchte sie, auf den Heimacker hinauszuhumpeln und
-zusammenzuharken, was von dem Heu sonst verloren ginge. Sie versprach,
-es zu versuchen, nahm eine Harke in die Hand und band die Haube, die
-sie zu tragen pflegte, auf den Stiel, worauf sie hinaushumpelte. Bevor
-sie ging, Sagte sie zu Pfarrer Saemund, daß er selber auf dem Heuhof
-zugegen sein sollte, um das Heu in Empfang zu nehmen; denn die Knechte
-würden nicht lange Zeit brauchen, um es zu binden und nach Hause zu
-tragen. Der Pfarrer versprach, ihren Rat zu befolgen, das würde wohl
-das beste sein, meinte er.
-
-Kaum aber war die Alte auf den Heimacker hinausgekommen, als sie das
-Ende der Harke unter jeden Heuschober steckte und sagte: »Hin auf den
-Heuhof zu Saemund!« Das waren Zauberworte, denn jeder Schober, den die
-Alte mit diesen Worten auf den Harkenstiel hob, flog sofort auf den
-Heuhof. Da sagte Saemund zu dem Teufel und seinen Kleinteufelchen, daß
-es nun wohl am besten wäre, das Heu geschwind in Diemen zu setzen.
-Es dauerte nicht lange, bis sie das ganze Heu trocken auf dem Heuhof
-hatten. Später sagte Saemund zu der Alten: »Du kannst mehr als dein
-Vaterunser, Thorhildurchen!«
-
-Sie aber erwiderte: »Es ist leider nicht mehr viel davon übrig
-geblieben, denn das meiste, was ich in meiner Jugend gekonnt habe, habe
-ich jetzt vergessen.«
-
-
-5. Wie Saemund den Teufel in seinen Dienst nahm
-
-Einmal fragte Pfarrer Saemund den Teufel, wie klein er sich machen
-könne. Der Teufel antwortete, daß er sich so klein wie eine Mücke
-machen könne. Da holte Saemund einen Bohrer und bohrte ein Loch in
-einen Balken, worauf er dem Teufel gebot, dahineinzukriechen. Der
-Teufel brauchte nicht viel Zeit, um hineinzufliegen; kaum aber war er
-glücklich drin, als Saemund einen Pfropfen in das Loch steckte, und wie
-sehr nun auch der Teufel jammerte und schrie und bettelte, Saemund nahm
-den Pfropfen doch nicht aus dem Loch, ehe der Teufel ihm versprochen
-hatte, immer zu tun, was er je von ihm verlangen würde.
-
-Das war die Ursache, daß Saemund den Teufel stets dazu bringen konnte
-auszuführen, was es auch sein mochte.
-
-
-6. Wie Saemund den Teufel in Verlegenheit brachte, als er sich in eine
-Fliege verwandelt hatte
-
-Der Teufel sah Saemund den Weisen stets scheel an, weil es ihn ärgerte,
-daß er in allem, was sie miteinander zu tun hatten, immer den Kürzeren
-zog. Deshalb versuchte er, sich auf jede Weise an dem Pfarrer zu
-rächen, obgleich es ihm nicht gelingen wollte.
-
-Einmal verwandelte er sich in eine ganz kleine Fliege und versteckte
-sich unter der Sahne auf der Milch in des Pfarrers Eßnapf, um auf diese
-Weise in ihn hineinzukommen und ihn zu töten. Als nun der Pfarrer den
-Eßnapf in die Hand nahm, entdeckte er die Fliege sofort; er wickelte
-deshalb erst die Sahne von der Milch um sie herum, zog die Blase von
-einem neugeborenen Kalb darüber und legte dann das Päckchen auf den
-Altar. Der Teufel mußte es sich nun gefallen lassen, darin zu hocken,
-während der Pfarrer die Messe las. Als sie vorbei war, machte Saemund
-das Päckchen auf und ließ den Teufel entschlüpfen.
-
-Es wird aber versichert, daß der Teufel es für die schlimmste Klemme
-hielt, in die er je geraten war, daß er auf dem Altar liegen mußte,
-während Pfarrer Saemund die Messe las.
-
-
-7. Die Teufelsflöte
-
-Saemund der Weise hatte eine Flöte, die die Eigenschaft hatte, daß,
-wenn man darauf blies, ein oder mehrere Kleinteufelchen zu dem
-Flötenspieler kamen und fragten, was sie tun sollten.
-
-Einmal hatte Saemund die Flöte in seinem Bett unter dem Kopfkissen
-liegen lassen, wo er sie nachts zu verstecken pflegte. Abends gebot er
-der Magd, sein Bett zu machen, wie sonst, warnte sie aber, wenn sie
-etwas Außergewöhnliches im Bett fände, es anzufassen, sie solle es
-liegen lassen, wo es läge.
-
-Die Magd begann das Bett zu machen, kaum aber entdeckte sie die Flöte,
-als die Neugierde sie zu kitzeln begann. Sie nahm sie gleich in die
-Hand, besah sie sich von allen Seiten, und schließlich blies sie
-darauf. Da kam ein Teufelchen zu ihr und fragte sie: »Was soll ich
-tun?« Das Mädchen erschrak, ließ sich aber nichts anmerken.
-
-Es traf sich, daß gerade an diesem Tage zehn von Pfarrer Saemunds
-Schafen geschlachtet worden waren und sämtliche Felle vor der Tür
-lagen. Da gebot die Magd dem Teufelchen hinauszugehen und alle Haare
-an den Fellen zu zählen, und wenn es damit fertig geworden wäre, ehe
-sie das Bett gemacht hätte, wollte sie sein werden. Das Teufelchen ging
-sofort hinaus und begann eifrig zu zählen, und die Magd beeilte sich,
-das Bett zu machen. Als sie damit fertig war, hatte das Teufelchen noch
-ein Fell zu zählen, und es kam um den Lohn.
-
-Saemund fragte nachher die Magd, ob sie denn nichts im Bett gefunden
-hätte. Da erzählte sie ihm alles, wie es war, Saemund aber gefiel ihre
-Geistesgegenwart.
-
-
-8. Der Teufel als Stallknecht
-
-Saemund dem Weisen fehlte einmal ein Stallknecht, und er holte deshalb
-den Teufel und setzte ihn hin, den Stall zu hüten. Alles ging gut, und
-der Teufel erfüllte pünktlich seine Pflichten bis gegen das Frühjahr.
-Am ersten Osterfeiertag aber, als Sira Saemund auf der Kanzel stand,
-trug der Teufel den ganzen Mist auf einen Haufen vor der Kirchentür
-zusammen, so daß der Pfarrer nach beendetem Gottesdienst nicht aus
-der Kirche heraustreten konnte. Als er sah, wie es bestellt war, lud
-er den Teufel vor sich und ließ ihn, ob er nun wollte oder nicht, den
-ganzen Mist von der Kirchentür auf seinen Platz zurückbringen. Und so
-nachdrücklich ließ ihn der Pfarrer das Stück Arbeit ausführen, daß er
-ihn sogar die Reste mit der Zunge auflecken ließ. Da leckte der Teufel
-so stark, daß in dem Stein vor der Kirchentür ein Vertiefung entstand.
-Dieser Stein liegt noch immer in Odde, obgleich nur noch der vierte
-Teil davon übrig ist. Er liegt nun vor dem Hoftor, und noch heutigen
-Tages ist die Vertiefung in dem Stein zu sehen.
-
-
-9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht das Fluchen abgewöhnte
-
-Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht, der schlimm aufs
-Fluchen war, und oft rügte ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem
-Stallknecht, daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen und
-bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde wahrhaftig nie mehr ein
-böses Wort sagen,« sagte der Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der
-Teufel dadurch hungern muß.«
-
-»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst oder nicht,«
-erwiderte Saemund.
-
-Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall. Dem Stallknecht aber
-gefiel der Gast nicht; denn das Teufelchen tat alles, um ihn zu necken
-und zu ärgern, und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des
-Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang, und er sah
-bald, daß das Teufelchen mit jedem Tag magerer wurde; er freute sich
-köstlich, als er das merkte und fluchte jetzt nie mehr.
-
-Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles kurz und klein
-geschlagen und sämtliche Kühe, deren eine große Menge da war, mit
-den Schwänzen zusammengebunden. Da wandte sich der Stallknecht an
-das Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem Stand lag und
-überschüttete es unter den furchtbarsten Schimpfworten und greulichsten
-Flüchen mit seinem Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte er
-dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte und plötzlich so rund
-wurde, daß nicht viel gefehlt hätte, bis er ganz feist geworden wäre.
-Da wurde der Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen auf.
-Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit gesprochen hatte, legte
-das Fluchen ab und sprach seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das
-von seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn auch schon
-längst tot und verschollen.
-
-Und es wäre wohl für dich und mich am besten, wenn wir es ebenso
-machten wie der Stallknecht.
-
-
-10. Der Teufel und der beschränkte Bursch
-
-Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande hielt, etwas zu
-lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit dieser ihm Religion beibringen
-sollte. Der Bursch aber war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst
-schwer, etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, und
-so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. Da träumte er eines
-Nachts, daß ein Mann zu ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß
-er ihm Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als sagte er ja
-dazu. Da verlangte der Traummann als Entgelt dafür, daß der Bursch im
-nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch
-willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.
-
-Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen so leicht, daß der
-Pfarrer sich schier darüber wunderte; zugleich aber war der Bursch ein
-ganz anderer geworden, als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er
-traurig und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, ihn
-nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. Lange wollte der Bursch
-nichts darüber sagen, schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie
-alles gekommen sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar zumute,
-und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch gewesen wäre, von dem er
-damals geträumt hätte, sondern vielmehr der Teufel, der ihn in sein
-Netz locken wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, guten
-Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. Der Winter verstrich,
-und man näherte sich der Zeit der Kreuzmesse.
-
-Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund dem Burschen, ihm nach der
-Kirche zu folgen. Als sie dort hingekommen waren, führte ihn der
-Pfarrer an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die Monstranz
-und den Kelch in die Hand und hieß ihn sich umdrehen. Er gebot ihm,
-dort stehen zu bleiben, ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm
-träte, Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende nichts
-genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; und wenn Pfarrer Saemund
-auch selbst zu ihm käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot
-und Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der Bursch aber tat,
-wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben hatte.
-
-Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam derselbe Mann zu ihm,
-den er früher im Traum gesehen hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen,
-um ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen und
-das Ding fortstellen, das er in der Hand hatte. Der Bursch erwiderte
-hierauf nichts, sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber
-sagte, daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm zu nehmen,
-und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu kommen; der Bursch aber
-ließ sich nicht irreführen, und der andere begab sich unverrichteter
-Sache wieder fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele seiner
-Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und bäten ihn im bösen und im
-guten, den Ort zu verlassen, an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur
-Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu. Da war es ihm,
-als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu und fragte grimmig, was er dort
-zu tun hätte, indem er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die
-Dinge wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen.
-Auch ihm antwortete der Bursch nichts, sondern reichte ihm nur Brot und
-Wein. Da machte Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er sagte,
-daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus seiner Hand zu empfangen,
-und darauf verschwand auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen
-allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel herein; es war, als
-zittere und schwanke die ganze Kirche, und er glaubte, daß sie jeden
-Augenblick in die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak er
-so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte hätte aus den Händen
-fallen lassen, um sein Heil in der Flucht zu suchen; da hörte er aber,
-daß die Glocken geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich alle
-Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt hatte; Pfarrer
-Saemund aber kam in die Kirche hinein, ging zum Altar und kostete
-von Brot und Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr
-vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr nachstellen. Der Bursch
-war herzlich froh über seine Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut
-er vermochte. Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan, und man
-erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu seinem Todestag behielt und
-ein ausgezeichneter Mann wurde.
-
-
-11. Der Wunschaugenblick
-
-Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage einen Wunschaugenblick
-gäbe, der jedoch nicht länger dauere als eine Sekunde, und daß es
-deshalb für einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen. Andere
-dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend der Wunschaugenblick vorkäme.
-
-Einmal saß Saemund in der Badstube, während seine Mägde darin
-beschäftigt waren. Da sagte er plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist
-der Wunschaugenblick gekommen; wünscht euch nun, was ihr am liebsten
-haben möchtet.«
-
-Da trällerte eine der Mägde und sagte:
-
- »Von allem, was im Weltenrund
- Ich wünschen mag vom Schönen?
- Am liebsten, daß mich Saemund
- Beschenkt mit sieben Söhnen!«
-
-»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief Saemund aus; denn
-er war der Magd des Wunsches wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und
-sie wurde Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben Söhne
-miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die Frau aber starb im
-Wochenbett nach dem letzten.
-
-Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd getragen hatte, auf und
-hielt sie ihr oft vor Augen, um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war
-sehr hochmütig über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird unter
-anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts erzählt, daß sie, als einmal
-ein armer Mann zu ihr kam und sie um einen Labetrunk bat, ihm also
-antwortete:
-
- »Bester, sieh, der Bach fließt nah,
- Trink wie Bischofs Pferd auch da!«
-
-
-12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett
-
-Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes als Pflegetochter
-angenommen. Er freute sich sehr mit ihr und liebte sie über alles, so
-daß er sie immer in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen
-wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am Fußende seines
-Bettes liegen; denn er hielt sie für am besten geeignet, Zeugin
-seines Todes zu sein. Es ahnte ihm, während er krank dalag, daß dies
-sein Sterbelager sein würde; und zugleich konnte das Mädchen ihm
-anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob er nach dem Tode zur
-Glückseligkeit des Himmels eingehen würde, oder ob er an einen anderen
-Ort müßte.
-
-Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter, nachts bei ihm zu
-wachen und genau aufzupassen, daß sie nicht einschliefe; denn seine
-Gedanken sagten ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das
-aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen, was in der anderen
-Welt aus ihm werde; und darum bat er sie, alles genau zu beobachten,
-um seinen Verwandten und Freunden mit voller Sicherheit erzählen zu
-können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein Los wäre. Als er das
-gesagt hatte, schwieg er und begann einzuschlafen, während das Mädchen
-getreulich bei ihm wachte.
-
-Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer, in der sie sich
-befanden, mit Teufelchen füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund
-mit ihren Versprechungen zu etwas Bösem verlocken wollten, aus seinen
-Worten und Mienen aber schloß sie, daß er ihnen in nichts zu willen
-sein wollte. Als die Teufelchen auf diese Weise nichts auszurichten
-vermochten, versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen zu
-bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft, wie er zuvor ihren
-Lockungen widerstanden hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen;
-kaum aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen Mücken
-füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber so viel Kraft verloren,
-daß er sich der Mücken nicht erwehren, noch sie verscheuchen konnte.
-Während aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß, sah sie, daß
-ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte, und da wußte sie, daß es
-seine Seele war, die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang.
-
-Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden und Saemund der
-Weise entschlafen.
-
-
-Fußnoten:
-
- [11] Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren Edda,
- war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.
-
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-Sagen von Kalb Arneson
-
-
-1. Wie der Teufel genasführt wurde
-
-Man erzählt, daß sich Kalb Arneson dem Teufel verschrieb, als er sich
-in der Schwarzen Schule aufhielt. Als er nun nach Island zurückgekehrt
-war, hatte er keinen größeren Wunsch, als von diesem Versprechen
-entbunden zu werden; wie er sich aber anstellen sollte, um das zu
-erreichen, wußte er nicht. Schließlich nahm er den Ausweg, daß er
-Saemund dem Weisen einen Besuch abstattete, um ihn um einen guten Rat
-in dieser verzwickten Sache zu bitten. Saemund gab ihm den Rat, sich
-ein Stierkalb zuzulegen und es Arne zu nennen, dann sollte er ein
-anderes Kalb, das von diesem Stier gezeugt wäre, aufziehen, es Kalb
-nennen und »das sei Kalb Arneson«.
-
-Kalb befolgte den Rat, den ihm Saemund gegeben hatte, und nach einiger
-Zeit kam der Teufel, um sich, wie er sagte, Kalb Arneson zu holen.
-Kalb sagte, daß nichts im Wege stehe, worauf er das Kalb holte, das
-er großgezogen hatte, und es dem Teufel mit den Worten übergab: »Hier
-hast du Kalb Arneson.« Der Teufel konnte dagegen nichts einwenden,
-und obgleich es seiner Meinung nach eine schlechte Erfüllung des
-Versprechens war, mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen und Kalb
-Arneson fahren lassen, der starb, nachdem er ein ehrenvolles Alter
-erreicht hatte.
-
-
-2. Kalb besucht Saemund den Weisen
-
-Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den Weisen in Odde besuchen
-und sagte seinen Leuten, daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet
-zu überraschen. Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis er bei
-Nacht in Odde ankam und leise an die Tür klopfte. Saemund hörte, daß
-geklopft wurde und befahl einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um
-zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging hinaus, konnte aber
-keinen Menschen entdecken; er ging deshalb wieder hinein und sagte, daß
-niemand draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft, und Saemund
-befahl einem andern Knecht, zur Tür zu gehen. Der Knecht gehorchte,
-und da er draußen niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen Hof
-herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er ging daher unverrichteter
-Sache wieder hinein und sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte.
-Da wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang Saemund selber
-auf, indem er sagte, daß wohl er es sei, mit dem der Ankömmling zu
-sprechen wünsche. Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson
-draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich. Kalb bat um
-Obdach, und das wurde ihm nicht verweigert, wie man sich wohl denken
-kann. Er bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund begann, nach
-einem solchen zu suchen. Kalb sagte, daß es ja eigentlich eine Schande
-sei, von ihm zu verlangen, daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube
-jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund sagte, daß
-er es schon tun werde, und sogleich machte er sich daran, es ging ihm
-aber eine geraume Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere
-er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd anzubinden, und
-fragte ihn, ob er das nicht verstände. Saemund erwiderte, er glaube es
-doch zu verstehen, er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden.
-Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen wie bei jedem anderen
-Pferd. Saemund antwortete, es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe
-keine Füße, wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun eine
-gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des Pferdes zu suchen, und
-schließlich ließ er dieses Stück Arbeit sein, so daß man nicht weiß,
-ob er je das Pferd angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb
-ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank an. Saemund ging mit
-einer Kerze in der Hand voraus und wartete ganz am Ende des Ganges auf
-Kalb. Kalb aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen Zeit
-kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der Ankömmling sei. Saemund
-sagte es ihr. Sie fragte ihn, ob er denn den Gast aufgefordert hätte,
-hereinzukommen. Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan
-habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals einladen, ins Haus
-zu kommen; das wollte aber Saemund nicht haben, er würde schon bald
-kommen, meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis Kalb endlich
-ganz außer Atem hereinkam und Saemunds Frau bat, ihm einen reichlichen
-Trunk zu bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund. Kalb
-antwortete: »Es könnte leicht geschehen, daß andere als ich trinken
-müssen, ehe der Abend um ist.«
-
-Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten ihm Speise auf und
-gaben ihm ein Messer zum Essen. Als er aber mit dem Messer schneiden
-wollte, war es ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht
-scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte, daß es nicht ihre
-Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer schlechtesten Messer auszusuchen,
-und daß dies Messer ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat
-um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen. Kalb gab ihm das
-Messer, und als es Saemund gewetzt hatte, reichte er es Kalb wieder und
-sagte, daß er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube er, daß
-es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er davor keine Angst habe; als
-er aber das erste Stück abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und
-Tisch und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund sagte, daß er
-ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen, da das Messer scharf sei. Kalb
-antwortete, daß die Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann.
-
-In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und nach der Mahlzeit
-ein Tischgebet zu lesen. Während Kalb nach beendeter Mahlzeit das
-Tischgebet las, fiel Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man
-solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte sich wieder,
-und als ihn Kalb nun aufforderte, etwas Wasser zu trinken, tat er es
-sofort. Da sagte Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend
-noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen Trunk bat, nachdem
-ich mich nach der Tür müde gesucht hatte?« Dann hörten sie mit diesen
-Neckereien auf und schwatzten miteinander darüber, wer von ihnen wohl
-der Klügste sei.
-
-Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in der Schwarzen Schule
-gelernt hätte als er, und daß er daher mehr könne als er.
-
-
-3. Kalb schickt den Teufel aus, um einen Pfarrer zu holen
-
-Kalb verfiel einmal in eine gefährliche und schwere Krankheit. Da trat
-der Teufel zu ihm ans Lager und sagte, daß er beabsichtige, anwesend zu
-sein, wenn er sterbe. Kalb erwiderte, daß er diesmal wohl nicht sterben
-würde; trotzdem aber bat er den Teufel, einen Pfarrer zu holen, der
-nicht geldgierig sei; es hätte weiter keine Eile, sagte er, denn sein
-Krankenlager würde langwierig werden. Der Teufel wurde dabei ganz still
-und meinte, es sei nicht so ganz einfach, solch einen Mann zu finden.
-Kalb erwiderte, daß der Teufel ihn, Kalb, nicht bekäme, wenn er nicht
-einen solchen Pfarrer bringen könne, der Vertrag zwischen ihnen wäre
-dann ungültig.
-
-Der Teufel zog also davon und blieb lange fort; er suchte sorgfältig,
-fand aber keinen, der nicht geldgierig war. Nach vieler Mühe und langem
-Suchen brachte er jedoch einen Pfarrer zu Kalb, von dem er erzählte,
-daß er ihn weit weg in fernen Ländern gefunden habe; zwar wäre er nicht
-ganz frei von Geldgier; es gäbe aber nur einen Pfarrer, da unten in
-Deutschland, der in dem Ruf stände, nicht geldgierig zu sein, aber er
-hätte nicht an ihn herangekonnt, eines leuchtenden Feuers wegen, das
-die ganze Zeit um ihn gelodert hätte.
-
-Kalb sagte, daß er mit dem Pfarrer, den der Teufel gebracht hätte,
-nichts zu tun haben wolle, da er nicht ganz frei von Geldgier sei, und
-der Teufel habe daher kein Recht auf Bezahlung.
-
-Und so mußte der Teufel mit langer Nase abziehen.
-
-
-4. Kalbs Tod
-
-Als Kalb ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde er schwer krank,
-und er wußte im voraus, daß die Krankheit sein Tod werden würde.
-Er gebot deshalb allen Leuten des Hauses, den Hof zu verlassen und
-die Kammer zu verschließen, in der er liege, den Schlüssel jedoch
-im Loche stecken zu lassen. Er bat die Leute, nach einer bestimmten
-Zeit zurückzukommen, sie sollten sich aber nicht darum kümmern, daß
-sie vielleicht verschiedene Gegenstände auf dem Hof aus den Fugen
-gebracht oder entzweigeschlagen vorfänden; wenn aber alles in seiner
-Schlafkammer stehen geblieben wäre, wie es gestanden habe, dann sollten
-sie ihn mit allen Zeremonien beerdigen; wäre dagegen etwas darin
-zerstört oder entzweigeschlagen, dann sollten sie ihn wie einen Kadaver
-an irgendeiner Stelle verscharren. Kalb hatte einen Pflegesohn, der
-Arne hieß und ihm sehr lieb war; dieser wollte nicht mit den übrigen
-Leuten des Hofes fortgehen und versteckte sich deshalb hinter der
-Umzäunung des Hofes, als die anderen fortgingen. Nach Verlauf einer
-kurzen Zeit sah Arne den Teufel angehumpelt kommen. Erst ging der
-Teufel um die ganze Umzäunung herum und dann in den Hof hinein, wo er
-eine Zeitlang umherging und tobte. Schließlich ging er ins Haus und
-tummelte sich lange darin und machte viel Gepolter. Nach geraumer Zeit
-schlich sich Arne in das Haus und öffnete die Tür zu der Kammer, in der
-sein Pflegevater Kalb lag. Da war Kalb tot, alle Sachen aber in seiner
-Kammer standen genau so da, wie sie früher gestanden hatten, und Arne
-sah nichts vom Teufel.
-
-Da wurde Kalb Arneson mit allen Zeremonien auf dem Kirchhof beerdigt,
-wie er es selbst verlangt hatte.
-
-
-
-
-Gudbjart Floke und der Bischof von Holar
-
-
-Der Pfarrer Gudbjart Floke in Laufaas war der klügste Mann seiner Zeit;
-da er aber sehr gutmütig war, tat er niemandem etwas mit seiner Kunst
-zuleide. Dennoch nahm der Bischof auf Holar Anstoß an dem Gerücht als
-Zauberer, das der Pfarrer auf sich gezogen hatte, und er faßte daher
-den Entschluß, ihn seines Amtes zu entheben. In dieser Absicht zog er
-mit einigen Priestern und jungen Leuten im Gefolge aus; als sie aber
-ein kleines Stück Weges gegangen waren, verloren sie die Richtung und
-wußten nicht wohin, und entdeckten erst, wo sie waren, als sie sich zu
-Hause, auf Holar, hinter dem Hofzaun befanden.
-
-Nichtsdestoweniger zog der Bischof das zweitemal aus, und er war
-mit seinen Männern schon nördlich der Hjaltetalsheide, als sie bei
-hellichtem Tag von einem Schneetreiben mit starkem Sturm und Frost
-überrascht wurden. Plötzlich befiel sie alle ein Drang, ihre Notdurft
-zu verrichten; als sie sich aber wieder erheben wollten, waren sie
-nicht dazu imstande; sie waren nahe daran zu erfrieren und sahen
-schließlich keinen andern Ausweg zur Rettung, als das Versprechen zu
-geben,wieder nach Hause zurückzukehren. Die Leute frohlockten über die
-Reisen des Bischofs, Sira Gudbjart aber tat das nie; er glaube nicht,
-sagte er, daß er es sei, den der Bischof aufsuchen wolle; denn dazu
-hätte er nicht ein so großes Gefolge mitzunehmen brauchen.
-
-Einige Zeit später war der Bischof mit noch einem Mann auf der Reise im
-Oefjord, und bei dieser Gelegenheit machte er einen Abstecher zum Hause
-des Sira Gudbjart; diesmal verlief alles gut, und es traf sich, daß
-niemand draußen war. Der Bischof trat gleich in das Haus und sah den
-Pfarrer am Tisch sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch
-vor sich auf dem Tisch. Der Bischof ergriff das Buch, wie er es aber
-auch wandte und drehte, er fand doch nur unbeschriebene Blätter. Der
-Bischof fragte den Pfarrer, wozu er das Buch benutzen wolle, und der
-andere erwiderte, es diene zum Einschreiben von Predigten.
-
-»So! Predigten!« antwortete der Bischof zornig, »du, der den Teufel
-anbetet!«
-
-Aber kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, als er ein Grab sich
-öffnen sah, aus dem eine bläuliche Flamme schlug. Er selber stand
-am äußersten Rand, während eine graue Hand seinen Mantelschoß faßte
-und ihn in die Flamme hinabziehen wollte. Der Bischof stieß einen
-Schrei aus und sagte: »Helft mir, um Gottes willen, Herr Pfarrer!«
-Sira Gudbjart reichte ihm die Hand und sagte: »Laß ihn los, Satan!«
-und alles war wieder, wie es gewesen war. Dann sagte der Pfarrer:
-»Es ist nicht weiter merkwürdig, daß der Böse denen so nahe ist, die
-seinen Namen im Munde führen, anstatt Gottes Segen über das Haus
-herabzuflehen; ich bin gewöhnt, das zu tun, und dennoch beschuldigst
-du mich, von dem rechten Glauben gelassen zu haben.«
-
-Der Bischof wurde nun sanfter in seiner Rede. Sie sprachen lange
-miteinander und trennten sich in Freundschaft, und von dieser
-Zeit an sagte der Bischof, daß er nur wünschen könne, daß alle so
-gottesfürchtig wären wie sein lieber Gudbjart.
-
-Aber später merkte man nie etwas davon, daß der Pfarrer Gebrauch von
-seiner Kunst machte.
-
-
-
-
-Die Frau von Malmö
-
-
-Es wird erzählt, daß der Fluch auf dem Hof Malmö im Skagefjord lastete,
-daß niemand länger als zwanzig Jahre dort aushalten könne.
-
-Zur Zeit des Pfarrers Halvdan Einarsson wohnte auf diesem Hof ein
-Bauer, mit Namen Jon. Er hatte sich als junger Mann auf Malmö
-niedergelassen und nie einen anderen Hof bewirtschaftet, und nun waren
-die zwanzig Jahre um, während deren er sich dort ohne Gefahr aufhalten
-konnte; da er aber ein mutiger Mann und nicht sehr abergläubisch war,
-und da er außerdem den Hof von seinem Vater geerbt und immer gute Tage
-gesehen hatte, wollte er ihn nicht verlassen, und das einundzwanzigste
-Jahr verging, bis kurz vor Weihnachten, ohne daß etwas Merkwürdiges
-geschah.
-
-Am Tage vor Heiligabend aber verschwand die Frau von Malmö, ohne daß
-jemand entdecken konnte, wo sie geblieben war, obgleich man weit umher
-suchte. Der Bauer Jon nahm sich das sehr zu Herzen und wollte sich
-Gewißheit darüber verschaffen, wie das Verschwinden seiner Frau zu
-erklären sei. Er zog daher zu Pfarrer Halvdan nach Fell, und als er
-dort angekommen war, wünschte er den Pfarrer zu sprechen, und dann
-erzählte er ihm seine Not. Der Pfarrer sagte, daß er ihm schon verraten
-könne, was aus seiner Frau geworden wäre, und wo sie geblieben sei, es
-würde ihm aber nichts nützen, das zu erfahren, denn von nun ab würde
-er keine Freude mehr an seiner Frau haben. Der Bauer fragte, ob er es
-so einrichten könne, daß er seine Frau zu sehen bekäme. »Denn sehr
-würde mein Gemüt erleichtert werden, wenn ich sie sehen und erfahren
-könnte, wo sie ist,« sagte er. Der Pfarrer erwiderte, daß er diese
-Bitte nicht gern erfülle, er müßte es aber wohl doch tun, da er so sehr
-darum bäte, und er bestimmte, daß er an dem und dem Tage wiederkommen
-sollte, wenn alle zu Bett gegangen wären. Da kehrte der Bauer wieder
-nach Hause zurück und fand, daß die Dinge jetzt eine bessere Wendung
-für ihn genommen hätten.
-
-Als er an dem bestimmten Tage nach Fell kam, war der Pfarrer schon
-gerüstet und reisefertig. Der Bauer sah ein graues, aufgezäumtes Pferd
-nördlich vom Kirchhof stehen; der Pfarrer ging zu ihm hin, bestieg es
-und gebot dem Bauern, sich hinter ihn zu setzen. »Hüte dich aber, ein
-einziges Wort zu sprechen,« sagte der Pfarrer, »was du auch zu sehen
-bekommst, und was auch geschieht; denn verstößt du dagegen, so gilt
-es dein Leben!« Der Pfarrer ritt nun davon, den Bauern hinter sich,
-und dieser wunderte sich schier über den rasenden Lauf, in dem das
-Pferd dahinsauste. Sie nahmen den kürzesten Weg außerhalb Daletaa und
-Sigtunäs und steuerten geradeswegs Olafsfjordsmule zu; dem Bauern wurde
-dabei etwas wunderlich zumute, und einmal, als es einen Ruck in dem
-Pferde gab und es sich tief duckte, erschrak er und stieß einen Schrei
-aus. Da rief der Pfarrer laut: »Wir haben einen Felsen gestreift,
-jetzt halt aber das Maul,« und das ist seit jenem Tage eine Redewendung
-geworden, wenn Pferde stolpern und den Halt verlieren. Es wird nichts
-weiter von ihrem Ritt erwähnt, bis sie nördlich Olafsfjordsmule ans
-Land kamen, an die mächtigen und steilen Felsen, die dort sind. Der
-Pfarrer und der Bauer stiegen vom Pferd, worauf der Pfarrer an den Berg
-ging und einen kleinen Stab hervorholte, mit dem er auf den Berg schlug.
-
-Nach einer Weile öffnete sich der Berg, und heraus traten zwei
-blaugekleidete Huldreweiber, die Jons Frau zwischen sich führten. Sie
-war ganz unkenntlich geworden und ähnelte sich selbst nicht mehr. Ihr
-Gesicht war aufgedunsen und blau, und ihr ganzes Aussehen war das
-eines Trollweibes; auf ihrer Stirn stand ein Kreuzeszeichen, das ihre
-ursprüngliche Hautfarbe hatte, und Pfarrer Halvdan erklärte später,
-wenn er darüber befragt wurde, daß dies das einzige Zeichen sei, das
-sie von ihrem früheren Dasein behalten hätte.
-
-Als die Frau aus dem Berge herausgetreten war, sagte sie: »Du bist also
-hergekommen, Jon. Was willst du denn?« Der Bauer war stumm geworden,
-der Pfarrer aber fragte ihn, ob er seine Frau mit zurücknehmen wolle,
-oder ob er ihr sonst etwas zu sagen hätte; darauf antwortete der
-Bauer »Nein«. Der Pfarrer wies dann die Weiber wieder in den Berg
-hinein, verschloß ihn hinter ihnen und drückte die Tür gehörig in
-die Öffnung hinein, damit diese Weiber niemandem mehr irgendeinen
-Schaden zufügen könnten. Später aber hat Pfarrer Halvdan selbst
-gesagt, daß er nicht alle Ritzen zugestopft hätte, denn nie habe er
-beabsichtigt zu verhindern, daß jemand hineinkomme, wohl aber, daß
-jemand herauskäme. Von dieser Zeit ab wird die Stelle an der Nordseite
-der Olafsfjordsmule, wo Pfarrer Halvdan den Berg aufschloß, Halvdanstor
-genannt. Glaubwürdige Leute erzählen, daß sie rot in der Farbe sei,
-und daß sie nicht wie der übrige Teil des Berges aussieht, und daß
-besonders unten ziemlich große Risse sind, nämlich die, an denen der
-Pfarrer nichts tun wollte.
-
-Der Bauer und der Pfarrer kehrten auf demselben Wege, den sie gekommen
-waren, wieder zurück und erreichten Fell, ehe die Leute aufgestanden
-waren. Sie stiegen vom Pferd, nördlich vom Kirchhof, an derselben
-Stelle, an der sie aufgestiegen waren, und der Pfarrer zäumte das
-Grauchen ab. Als er ihm aber den Zaum abgenommen hatte, schlug er
-ihm damit auf die Lende; der Graue wurde wütend und schlug mit dem
-Hinterfuß nach dem Pfarrer; dieser aber sprang zur Seite, und der
-Schlag traf die Kirchhofsumzäunung, in der eine Öffnung durch den
-Pferdehuf entstand, die man, nach der Aussage der Leute, nie wieder hat
-in Ordnung bringen können, wie man auch versucht hat, sie auszufüllen.
-
-Es wird auch erzählt, daß von diesem Tage ab niemanden auf Malmö ein
-Unglück betroffen habe; es hat aber auch niemand gewagt, länger als
-zwanzig Jahre dort zu wohnen.
-
-
-
-
-Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar
-
-
-1. Das Bettelweib
-
-Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer zu Pfarrer Erik und
-baten ihn, sie das Zaubern zu lehren. Er antwortete, daß er nichts
-von Zauberei verstünde, sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm
-bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an.
-
-Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber mit ihm auf die
-Felder um den Hof hinauszureiten. Als sie ein kurzes Stück vom Hof
-entfernt waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein Kind
-an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe. Erik war zornig über
-ihre Bitte und sagte, daß er ihr nicht das allergeringste geben würde.
-Die Alte sagte, sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie
-klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter gegen
-sie und sagte, daß er es satt habe, das ewige Jammern von Bettlern
-mitanzuhören. »Es wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!« Das
-und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten, sie aber bat ihn nur
-um so flehentlicher.
-
-Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die Alte da umbringen, wenn
-ich Euch etwas lehren soll!« Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich
-gedacht Erik, daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie werde
-ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir auch dafür geboten würde.«
-
-»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von Sira Erik fortjagen
-lasse,« sagte der andere Gast, »ich bin gewillt, die Alte zu töten;
-diese Landstreicher haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß man
-sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten dankbar sein, wenn sie
-das Leben verlieren.«
-
-Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß niemand ihn dazu bringen
-könnte, solchen hartherzigen Menschen etwas zu lehren. Den andern
-dagegen nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung bei ihnen
-hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in Wirklichkeit hatten sie gar
-kein altes Weib gesehen.
-
-
-2. Das Gesicht im Hügel
-
-Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis, mit ihm gehen
-zu dürfen, wenn er eines Sonntags abends den Hof verließe. Der Pfarrer
-sagte lange nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon haben
-würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und schließlich versprach denn
-Erik, daß er den jungen Mann gelegentlich mitnehmen würde.
-
-Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling mit. Das Wetter war
-schön und hell. Sie gingen auf das Feld hinaus und kamen an einen
-Hügel. Der Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel. Er öffnete
-sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen heraus. Sie begrüßte Erik
-sehr vertraulich und bat ihn hereinzukommen. Die beiden leisteten
-der Einladung Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin saßen
-viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter nahmen an der einen
-Seite der Tür Platz, der Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach
-ein einziges Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich schier
-verwunderte.
-
-Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen aber nach einem Weilchen
-zurück. Da trugen sie ein Messer und einen Trog in der Hand und gingen
-auf den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten Seite der Tür
-saß. Sie packten ihn, legten ihn neben den Trog, zerschnitten ihn wie
-ein Schaf und steckten ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten,
-und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch, und alles ging
-in derselben Weise zu. Niemand versuchte, sich zur Wehr zu setzen,
-und alle schwiegen ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses
-Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr entsetzt darüber.
-Er sah, daß diese Weiber wohl kaum daran denken würden aufzuhören, bis
-alle entzweigeschnitten wären; denn als sie zu Sira Erik kamen, packten
-sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die anderen. Da schrie der Mann
-laut auf, nahm Reißaus, stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er
-rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine flinken Beine. Als
-er aber an den Eingang des Hauses kam, stand Pfarrer Erik in der Tür
-und stützte die Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte,
-als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum rennst du so sehr,
-mein Lieber?« Der Mann wußte nicht, was er darauf antworten sollte;
-denn jetzt schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm eine
-Augentäuschung vorgemacht hatte.
-
-Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein Lieber, daß du nicht
-vertragen kannst, etwas zu sehen!«
-
-
-3. Der Pferdediebstahl
-
-Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen in Selvog
-gebeten, sich zu hüten, ohne seine Erlaubnis seine Pferde zu nehmen,
-indem er ihnen drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und
-so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen. Es
-waren jedoch einmal zwei Burschen, die sich nicht nach seinem Verbot
-richteten. Kaum aber waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen,
-als diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß die Burschen
-Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich hinunterschwingen, da sie die
-Pferde nicht zum Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn ihre
-Hosen waren an den Rücken festgewachsen. »Das geht nicht,« sagte der
-eine der Burschen, »wir müssen von den Pferden herunter, sonst fallen
-wir Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl keiner in unsere
-Haut wünschen.« Er holte ein Messer hervor und trennte den Schritt
-von seinen Hosen ab und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter.
-Der andere dagegen war entweder nicht geschickt genug, dasselbe zu
-tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht verderben. Die Pferde
-liefen heim nach Vogsosar, das eine mit dem heulenden Burschen, das
-andere mit dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf den Hof
-kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich dem ledigen Pferd den
-Fetzen vom Rücken, sagte aber zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd
-saß: »Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar Pferde
-zu stehlen; komm jetzt herunter und nimm nie wieder meine Pferde,
-ohne mich um Erlaubnis zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du
-und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen lehrte; denn aus ihm
-könnte etwas werden.«
-
-Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer. Dieser zeigte ihm
-den Stoffetzen und fragte ihn, ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ
-sich nicht ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie alles
-zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte ihn auf, zu ihm zu
-kommen. Dieses Anerbieten wurde mit Dank von dem Burschen angenommen,
-der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm sehr gehorsam war,
-und man sagt, daß der Pfarrer ihn viel alte Weisheit gelehrt habe.
-
-
-4. Erik und der Bauer
-
-Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem Sprengel ein Bauer,
-der nie die Kirche besuchte, und der, um den Pfarrer zu ärgern, an den
-Feiertagen stets zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur
-einigermaßen erlaube.
-
-Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst abzuhalten. Da
-richtete der Bauer es so ein, daß er gerade dabei war, sich seine
-Lederhosen anzuziehen, als der Pfarrer bei ihm vorbeiging.
-
-Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine Bitte heute dem
-Gottesdienst beiwohnen wolle. Der Bauer antwortete nein und begann, die
-Lederne anzuziehen. Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst ab
-und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts. Da traf er den
-Bauern, der immer noch auf derselben Stelle stand und nur das eine
-Bein hatte in die Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl
-einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an Land gekommen sei.
-Der andere schämte sich sehr, als er den Hergang erzählen mußte, daß
-er dort gesessen habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat nun
-den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte; »Wenn du schon jetzt
-findest, daß dir der Teufel zu stark ist, wie soll es dann später
-werden?« Der Pfarrer gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu
-lassen. Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an fleißig die
-Kirche.
-
-
-5. Erik und das alte Weib
-
-Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach reiten. Auf dem
-Ritt kam er nach Oerebakke und wollte dort in den Kramladen gehen, um
-ein bißchen in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich ganz
-gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging, sah er zwei alte
-Weiber draußen sitzen. Das eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf
-das andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen von Vogsosar?
-Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann hörte ihr Gespräch auf. Erik aber
-setzte seinen Ritt fort.
-
-Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein Begleiter ein altes
-Weib hinter ihnen herlaufen und bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten.
-Dieser aber sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten
-ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der Fährstelle am
-Thjorsbach, kamen, wo sie von den Pferden stiegen. Da kam die Alte, die
-noch rannte, nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte, halbtot
-vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen Oberkleidung entledigt.
-Da wandte sich Erik zu der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine
-Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen; unterlaß es aber in
-Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.«
-
-Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu seinem Begleiter, daß
-er das Weib habe hinter ihnen herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen,
-Schimpfnamen zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen.
-
-
-6. Erik und der Bischof
-
-Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten von Pfarrer
-Erik, daß es ihm schließlich zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn
-abzusetzen. Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu Erik,
-die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines Tages schönes Wetter war,
-zogen sie davon, und nun sollten große Dinge geschehen.
-
-Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden und vor das
-Haus gegangen; als er wieder hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er
-verbot seinen Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen; denn
-das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen zu tun, was er
-wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches Unwetter auf, mit Sturm
-und Schneetreiben, so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der
-Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die Tür geklopft, und das
-war einer von den Schülern, der ankam. Sie waren im Schneetreiben
-auseinander gekommen, erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch jeder
-einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum Abend, ehe sie wieder
-zusammen waren. Erik nahm sie freundlich auf und erwies ihnen alles
-erdenkliche Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich
-nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs auszuführen, ihm
-den Rock auszuziehen, und sie zogen daher unverrichteter Sache wieder
-nach Hause. Sie erzählten dem Bischof, wie sich alles zugetragen
-hätte, er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß er selber
-Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine Absicht ebenso schlecht
-ausführen würde. So verstrich der Winter, und es ging auf den Sommer.
-
-Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten ihn. Er kam
-nach Vogsosar und schlug sein Zelt außerhalb der Umzäunung auf. Es war
-ein Wochentag, und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten,
-um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er bat seine Leute, sich zu hüten,
-irgendein Geschenk von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof und
-ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof mit großer Freude
-und war außerordentlich fröhlich. Der Bischof wünschte die Kirche
-zu besichtigen. Erik zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die
-gute Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der Bischof in
-der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler, um Feuer zu holen,
-und traf Erik an. Der Pfarrer begrüßte ihn freundlich und holte eine
-Weinflasche, die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck
-an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der Bischof, sagte er,
-hätte ihm das streng verboten. Da nötigte ihn Erik noch eifriger zu
-trinken und sagte, das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm
-einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler, als hätte
-er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet, und er bat den Pfarrer
-um die Flasche, um den Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu
-können. Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler kehrte wieder
-in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch goß der Schüler von dem Wein in
-das Glas des Bischofs, ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen Trank
-hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der Wein schmeckte ihm sehr,
-und während er trank, wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der
-Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine Woche bei ihm und
-lebte wie ein Prinz in einem Bäckerladen.
-
-Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus, daß Erik seinen
-Priesterrock verlor.
-
-
-7. Wie Erik dem Bauern seine Frau wieder verschaffte
-
-Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, der sich eben
-verheiratet hatte, verlor seine Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit
-eines Morgens früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer liegen
-blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, wie sie es jeden
-Morgen zu tun pflegte, blieb aber diesmal länger als gewöhnlich fort,
-so daß der Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, um sie
-zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem Hof. Da ging er umher von
-Hütte zu Hütte, um nach ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem
-Morgen gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen der folgenden
-waren viele Leute draußen, um sie zu suchen, sie war aber nicht zu
-finden. Der Bauer nahm sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß
-er sich zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen wollte.
-Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je länger er lag, desto
-elender wurde er, am meisten aber ging es ihm nahe, daß er nicht wußte,
-auf welche Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er als ganz
-sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für das Wahrscheinlichste,
-daß sie in der See ertrunken sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen
-und sterben würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe wurde es
-schlimmer mit ihm.
-
-Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: »Ob du nicht doch
-versuchen solltest aufzustehen, wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich
-möglicherweise dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner
-Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, wenn ich nur
-könnte,« erwiderte der Bauer. Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt
-auf, verlasse dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich dann aufs
-Festland und nach Selvog hinunter zu Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte
-ihn zu versuchen, deiner Frau auf die Spur zu kommen.«
-
-Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; er zog sich an und aß
-und erholte sich allmählich, bis er sich zutraute, aufs Festland zu
-ziehen, und es wird nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach
-Vogsosar kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn gut und fragte
-nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, wie alles war. Da sagte Erik:
-»Ich weiß nicht, was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust
-dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und wir können sehen,
-was zu tun ist.« Der Bauer nahm die Einladung an.
-
-Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei graue Pferde nach Hause
-bringen; das eine war ein schönes Pferd, das andere aber war häßlich
-und mager. Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während das
-andere für den Bauern gesattelt wurde; dann sagte er: »Jetzt werden
-wir auf den Sand hinausreiten.« Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre
-Gerippe da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik tat, als
-hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten nun fort, in Sturm
-und schwerem Regen. Als sie außerhalb der Öffnung der Bucht waren,
-begann das magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das andere
-zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so schnell er konnte. Erik aber
-war ihm bald entschwunden. Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli
-kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt werden und das
-Grenzzeichen zwischen Arnes- und Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik
-schon angelangt. Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein gelegt,
-und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, und keins von den Blättern
-bewegte sich, obgleich es in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik
-ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte etwas zwischen
-den Zähnen, worauf er zu dem Bauern sagte: »Jetzt gib acht, ob du
-deine Frau siehst.« Eine Menge Menschen kamen nun an den Stein, und
-der Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem Menschen zum
-andern, fand aber seine Frau nicht. Das sagte er Erik, der die Leute
-anredete: »Fahrt nun dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr
-gekommen seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik wandte einige Blätter
-in dem Buch um, und es ging ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum
-drittenmal, und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte
-Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn nicht in einer der
-Gruppen?« Als der Bauer auf die Frage nein antwortete, errötete Erik
-und sagte: »Jetzt beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe
-nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in der Erde und im
-Wasser leben, und deren ich mich erinnern konnte.« Er holte darauf ein
-kleines Buch aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: »Mir
-fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das kleine Buch auf das
-große, ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte wie zuvor.
-Da erschien das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen sich; in dem
-Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. Erik redete sie folgendermaßen
-an: »Schlecht habt ihr gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt;
-packt euch, und Schande über euch für diese Tat, und laßt mich nicht
-sehen, daß ihr solches öfter tut.« Sie gingen sofort davon, Erik aber
-zerschlug das Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und stieg mit
-allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt mich meine Frau zu mir
-aufs Pferd nehmen, denn Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.«
-Erik sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand bald
-zwischen den Lavasteinen.
-
-Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar kam, wo Erik
-schon angelangt war; in der Nacht ließ dieser die Frau in seinem Bett
-schlafen, lag aber selber vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen
-machte sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: »Es ist kaum
-ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu lassen; ich werde sie selbst
-nach Hause bringen.« Der Bauer dankte ihm.
-
-Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die Frau vor sich und ritt
-davon. Der Bauer ritt hinterher, merkte aber nichts von Erik, bis er an
-die Insel kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging der Bauer
-mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei Nächte bei ihr. Dann sagte er:
-»Es ist nicht sicher, ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese
-Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« Von dieser Nacht an
-hatte aber die Frau nichts mehr zu befürchten. Während Erik bei der
-Frau wachte, gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte sie
-ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren hatte. Danach zog Erik
-wieder heimwärts, erhielt aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.
-
-
-8. Wie Erik des Bauern Frau vor den Huldren errettete
-
-Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit Erik war, kam eines
-Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei war, von Süden her aus Njardvig zu
-Pfarrer Erik. Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter über
-bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam, nahm ihn Pfarrer Erik, der
-vor dem Hause stand, gut auf und fragte dann: »Bist du gut beritten,
-mein Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd sei ebenso
-mager wie schlecht beschlagen, meinte er. Erik sagte: »Da mußt du dich
-beeilen, nach Hause zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der
-Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?«
-
-Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach und spuckte unter
-die Hufe, und dann sagte er: »Steige jetzt zu Pferd, und reite, was
-das Zeug hält; es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist. Wenn
-du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du die Schreie deiner Frau bis
-hinaus hören; gehe dann mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern
-sage schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und sieh dann
-zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für den guten Rat und ritt
-davon. Das Pferd lief schneller mit ihm fort, als er sich besinnen
-konnte, und er erreichte sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft
-hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich genau so, wie
-Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau nahm es eine solche Wendung, daß
-sie eine Stunde später wieder ganz gesund war.
-
-An demselben Abend klopfte es hart an das Tor von Vogsosar. Erik ging
-hinaus, um zu öffnen, blieb ein Weilchen draußen und kam dann wieder
-herein. Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete: »Ach,
-es war nur jemand, der etwas mit mir zu sprechen hatte.«
-
-Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog, vergalt er die Hilfe,
-die Erik ihm geleistet hatte, reichlich.
-
-
-9. Pfarrer Eriks Tod
-
-Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er selbst die Männer
-aus, die seine Leiche tragen sollten. Er sagte, daß, wenn er zur Kirche
-hinausgetragen würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er bat
-sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem sie ihn aufhöben,
-nicht abzusetzen, bis sie ihn in die Kirche hineingetragen hätten. Dann
-würde der Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der Kirche
-zwei Vögel sehen, einen weißen und einen schwarzen, die erbittert
-miteinander kämpften. Er bat sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf
-siege und sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem Kirchhof
-zu begraben, siege dagegen der schwarze Vogel, und setze er sich auf
-die Kirche, so sollten sie ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn
-dann wäre es aus mit ihm.
-
-Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der Hagelschauer prasselte
-herab, und die Vögel kämpften miteinander; der weiße Vogel aber siegte
-über den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab innerhalb des
-Kirchhofs.
-
-
-
-
-Der Mann von Grimsö und der Bär
-
-
-Es geschah einmal auf Grimsö, daß das Feuer im Winter erlosch, so
-daß auf keinem Hof Feuer oder Licht angezündet werden konnte. Es
-war damals ruhiges Wetter, und der Frost war so scharf, daß der
-Grimsösund zugefroren war, und man glaubte, daß das Eis tragen könne.
-Da entschlossen sich die Bewohner von Grimsö, ein paar Leute auf das
-Festland zu senden, die Feuer holen sollten, und wählten dazu drei von
-den tüchtigsten Männern der Insel.
-
-Sie zogen früh morgens bei hellem Wetter davon, und eine Menge
-Bewohner begleiteten sie auf das Eis hinaus und wünschten ihnen einen
-glücklichen Weg und baldige Heimkunft. Es wird nichts von der Wanderung
-der Ausgesandten berichtet, bis sie mitten im Sund an eine Wake kamen,
-die so lang war, daß sie ihr Ende nicht sehen konnten, und so breit,
-daß nur zwei mit knapper Not hinüberzuspringen vermochten, während
-der dritte sich nicht dazu imstande glaubte. Die anderen rieten ihm
-deshalb, nach der Insel zurückzukehren und setzten ihre Wanderung fort;
-er aber blieb am Rande der Wake zurück und verfolgte sie mit den Augen.
-Er wollte ungern unverrichteter Sache zurückkehren und entschloß sich
-daher, an der Wake entlang zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht
-an einer anderen Stelle schmaler wäre. Im Laufe des Tages wurde das
-Wetter trübe, und es zogen von Süden Sturm und Regen auf. Das Eis
-löste sich, und schließlich stand der Mann auf einer Eisscholle, die
-dem Meere zutrieb. Am Abend stieß die Scholle gegen einen großen
-Eisberg, den der Mann bestieg. Da entdeckte er unweit von sich einen
-Bären, der auf seinen Jungen lag. Er aber war verklammt und hungrig,
-und ihm graute jetzt vor dem Leben. Als der Bär den Mann erblickte,
-betrachtete er ihn eine Weile, erhob sich dann, ging auf ihn zu,
-umkreiste ihn und gab ihm ein Zeichen, daß er sich auf das Lager zu den
-Jungen legen sollte. Er tat das mit Furcht im Herzen. Dann legte sich
-das Tier selbst bei ihm nieder, breitete sich über ihn und säugte ihn
-mit seinen Jungen zugleich. Die Nacht verstrich; am nächsten Tage stand
-das Tier auf, entfernte sich ein kleines Stück vom Lager und winkte
-dem Manne nachzukommen. Als er auf das Eis hinausgekommen war, legte
-sich der Bär vor seine Füße nieder und gab ihm ein Zeichen, sich auf
-seinen Rücken zu setzen. Als er den Rücken des Bären bestiegen hatte,
-erhob sich dieser, rüttelte und schüttelte sich, bis der Mann von ihm
-heruntergefallen war. Mit dieser Probe war er für diesmal zufrieden,
-der Mann aber wunderte sich darüber. Es vergingen nun drei Tage; nachts
-lag der Mann auf dem Lager des Bären und saugte seine Milch, jeden
-Morgen aber hieß ihn der Bär sich auf seinen Rücken setzen, und dann
-schüttelte er sich, bis der Mann sich nicht mehr festhalten konnte.
-Am vierten Morgen konnte sich der Mann auf dem Rücken des Tieres
-halten, so viel es sich auch schüttelte. Gegen Abend ging es aufs Eis
-hinunter, den Mann auf dem Rücken, und schwamm mit ihm nach der Insel.
-
-Als der Mann an Land gekommen war, ging er auf die Insel hinauf und gab
-dem Bären ein Zeichen, ihm zu folgen. Er ging voran nach seinem Heim
-und ließ sogleich die beste Kuh im Stall melken und ihn so viel frisch
-gemolkene Milch trinken, wie er nur konnte; dann ging er vor dem Bären
-in seinen Schafstall, ließ die beiden besten Schafe aus seiner Herde
-herausnehmen und schlachten, band sie an den Hörnern zusammen und legte
-sie quer über den Rücken des Bären. Dieser kehrte nach dem Meere zurück
-und schwamm zu seinen Jungen hinaus.
-
-Und nun war viel Freude auf Grimsö; denn während die Inselbewohner
-mit Erstaunen dem Bären nachschauten, sahen sie ein Boot vom Festland
-kommen und mit gutem Wind nach der Insel segeln. Darin hofften sie die
-beiden anderen Abgesandten mit dem Feuer zu sehen.
-
-
-
-
-Der Bär, der mit der Tonne rang
-
-
-In den Westfjorden liegt irgendwo ein Hof unterhalb eines steilen
-Berges, auf dem einmal ein reicher Bauer wohnte. Hoch oben auf dem
-Grat hatte er einen großen Schuppen, in dem er seine Fische und andere
-Sachen aufbewahrte. Vom Hof ging ein gerader Weg den Berg aufwärts,
-dicht an dem Schuppen vorbei. Er war wie mit einer Mauer eingefaßt;
-denn große Steine lagen in Reihen zu beiden Seiten, während er am Boden
-ganz eben war.
-
-Dem Bauern war es aufgefallen, daß, wenn es abends dunkel geworden
-war, in der Regel ein Bär kam, der den geraden Weg zu dem Schuppen
-hinaufstieg und an seine Fische ging, und der ihm auf diese Weise schon
-manchen Schaden zugefügt hatte. Da hatte er sich eine List ausgedacht,
-um dem Petz abzugewöhnen, seine Fische zu fressen. Er ließ nämlich eine
-riesengroße Tonne anfertigen, die gerade den Weg sperrte, wenn sie von
-dem Berge heruntergerollt wurde, füllte sie mit Steinen und schlug den
-Boden gehörig fest. Nun ließ er die Tonne auf dem Bergrücken liegen, wo
-der eingezäunte Weg begann und wartete dort selbst, bis der Bär kam.
-Dieser erschien zur gewohnten Zeit und ging nichts ahnend den Berg
-hinauf. Als er aber beinahe ganz oben war, wälzte ihm der Bauer die
-Tonne entgegen. Der Petz konnte nun nicht weiter. Die Tonne hatte Eile,
-sobald wie möglich bergab zu kommen, während Petz mit aller Gewalt
-versuchte, sie in ihrem Lauf zu hemmen. Umdrehen konnte er sich nicht;
-denn dann hatte er die Tonne dicht auf den Fersen; auch konnte er nicht
-über die Tonne hinüberspringen; denn er brauchte all seine Kraft, um
-ihr Widerstand zu leisten, damit sie ihm nicht auf dem Kopf fiel. Auf
-diese Weise rang er die ganze Nacht mit der Tonne und glitt langsam
-zurück vor ihr, bis sie beide unten auf ebener Erde standen. Da war
-der Petz nahe daran, vor Müdigkeit umzufallen, und schlich sich davon,
-indem er nach der Tonne schielte.
-
-Der Bauer aber verfolgte ihn mit seinem Gelächter und hatte seitdem in
-seinem Schuppen Ruhe vor ihm.
-
-
-
-
-Wie die Seehunde entstanden sind
-
-
-Über den Ursprung der Seehunde wird erzählt, daß, als Ägyptens König
-Pharao Moses und die Juden über das Rote Meer verfolgte und darin mit
-seinem ganzen Heer ertrank, wie man ja aus der Bibel weiß, der König
-und alle seine Männer zu Seehunden wurden, und darum ähneln die Knochen
-der Seehunde so sehr denen der Menschen. Seit jener Zeit leben die
-Seehunde wie eine Familie für sich auf dem Meeresboden, haben aber
-ganz die Gestalt, Natur und Eigenschaften des Menschen unter dem Fell
-bewahrt. Es ist ihnen als eine Gnade gestattet, jede Johannisnacht,
-oder wie andere sagen, jede Heiligedreikönigsnacht aus den Fellen zu
-kriechen; dann gehen sie an Land, nehmen menschliche Gestalt an und
-singen und tanzen wie andere Menschen.
-
-
-
-
-Das Seehundsfell
-
-
-Ein Mann aus Myrdal im Osten ging eines Morgens früh, ehe die Leute
-aufgestanden waren, an einigen Felsen vorbei und kam an den Eingang
-einer Höhle. Da hörte er, daß in dem Hügel gelärmt und getanzt wurde,
-draußen aber sah er eine große Menge Seehundsfelle. Er hob eins von
-ihnen auf, nahm es mit nach Hause und verschloß es in seiner Truhe.
-Etwas später, im Laufe des Tages, kam er wieder an den Eingang der
-Höhle; da saß dort ein junges und schönes Mädchen, das ganz nackt war
-und bitterlich weinte. Das war der Seehund, dem das Fell gehörte, das
-sich der Mann mitgenommen hatte. Der Mann gab dem Mädchen Kleider,
-tröstete es und nahm es mit nach Hause.
-
-Sie war ihm später sehr zugetan, weniger aber stimmte ihr Gemüt mit dem
-anderer Leute überein. Oft saß sie da und schaute über die See hinaus.
-Nach Verlauf einiger Zeit nahm sie der Mann zur Frau; sie lebten gut
-zusammen und hatten viele Kinder miteinander.
-
-Der Bauer verbarg das Fell unter Schloß und Riegel in seiner Truhe und
-trug den Schlüssel bei sich, wohin er auch ging. Nach Verlauf vieler
-Jahre ruderte er eines Tages zum Fischfang hinaus und vergaß den
-Schlüssel zu Hause unter seinem Kopfkissen. Andere dagegen sagen, daß
-der Bauer mit seinen Leuten zum Weihnachtsgottesdienst gezogen sei, daß
-die Frau aber krank gewesen wäre und nicht mitgehen konnte; da soll er
-vergessen haben, den Schlüssel aus der Tasche seiner Wochentagskleider
-zu nehmen, als er sich umzog; als er aber abends nach Hause kam, war
-die Truhe geöffnet und die Frau samt dem Fell verschwunden. Sie hatte
-den Schlüssel gefunden und aus Neugierde die Truhe durchsucht und das
-Fell gefunden. Da konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen;
-sie sagte ihren Kindern Lebewohl, fuhr in das Fell und warf sich in die
-See.
-
-Ehe die Frau in die See sprang, soll sie vor sich hingesagt haben:
-
- »Ich will und will auch wieder nicht, –
- Sieben Kinder hab’ ich auf dem Meeresboden,
- Sieben Kinder hab’ ich auch hier oben.«
-
-Es wird erzählt, daß der Bauer sich das sehr zu Herzen nahm. Wenn er
-später hinausruderte, um zu angeln, dann schwamm der Seehund oft um
-sein Boot herum, und es war, als liefen ihm Tränen aus den Augen. Von
-dieser Zeit an hatte er stets Erfolg bei seinem Fischfang, und das
-Glück suchte seinen Strand oft auf.
-
-Häufig sah man, wenn die Kinder des Ehepaares an den Strand gingen,
-daß ein Seehund draußen in der See schwamm und sie begleitete, während
-sie auf dem Lande oder am Strande entlang gingen, und bunte Fische
-und hübsche Muscheln zu ihnen hinaufwarf. Nie aber kehrte ihre Mutter
-wieder aufs Land zurück.
-
-
-
-
-Der Lindwurm im Lagarfluß
-
-
-Es geschah einmal in alten Tagen, daß eine Frau auf einem Hof in der
-Nähe des Lagarflusses wohnte. Sie hatte eine erwachsene Tochter, der
-sie einmal einen goldenen Reif schenkte. Da fragte das Mädchen: »Wie
-kann ich den größten Nutzen von diesem Gold haben, Mutter?« »Lege
-es unter einen Lindwurm,« erwiderte die Mutter. Da nahm das Mädchen
-einen Lindwurm, legte das Gold unter ihn und tat dann alles in ihre
-Wäschelade. Dort lag der Wurm ein paar Tage. Als das Mädchen aber nach
-der Lade sehen wollte, war der Wurm so groß geworden, daß die Lade
-angefangen hatte, aus den Fugen zu gehen. Da erschrak das Mädchen, nahm
-die Lade und warf sie samt ihrem Inhalt in den Fluß.
-
-Es verrann nun eine lange Zeit, und man begann, den Wurm in dem Fluß
-zu merken. Er fügte Menschen und Tieren, die über den Fluß wollten,
-Schaden zu. Zeitweise reckte er sich bis auf die Flußhügel hinauf und
-spie auf entsetzliche Weise Gift. Das schien zu einem großen Unglück zu
-führen, von dem niemand wußte, wie man ihm begegnen sollte.
-
-Da nahm man Zuflucht zu zwei Finnländern. Sie sollten den Wurm töten
-und das Gold bergen. Sie warfen sich in den Fluß, kamen aber bald
-wieder in die Höhe. Sie sagten, daß sie es hier mit einer großen
-Übermacht zu tun hätten, und daß es keine leichte Sache sei, den Wurm
-zu töten und das Gold zu bergen. Sie erzählten, daß unter dem Golde
-noch ein Wurm läge, und daß dieser viel schlimmer sei als der erste.
-Sie fesselten den Wurm mit zwei Stricken, von denen der eine um den
-Bauch, der andere aber um den Schwanz befestigt wurde.
-
-Deshalb kann der Wurm seitdem weder Menschen noch Tieren schaden; es
-geschieht aber zeitweilig, daß er einen Buckel auf dem Rücken macht,
-und wenn dieser zu sehen ist, glaubt man gern, daß das ein Vorbote
-schlimmer Geschehnisse sei, zum Beispiel Hungersnot und Grasmangel.
-Diejenigen, die an diesen Wurm nicht glauben, sagen, daß vor gar nicht
-zu langer Zeit ein Pfarrer gerade an der Stelle, an welcher der Wurm zu
-liegen schiene, den Fluß durchquerte. Das sagen sie aber, um damit zu
-beweisen, daß er gar nicht da ist.
-
-
-
-
-Der dankbare Rabe
-
-
-Es wird erzählt, daß einmal einige Höfe in Vatnsdal auf dem Nordland
-durch einen Bergsturz, der vom Vatnsdalberg kam, vernichtet wurden.
-Unter diesen Höfen war einer, der Guldberastad hieß. Die Tochter des
-Bauern auf Guldberastad hatte die Gewohnheit, immer, wenn sie aß,
-ihre Speise mit dem Hofraben zu teilen. Als sie ihm einmal, wie sie
-es zu tun pflegte, die Speise, die sie ihm geben wollte, zum Fenster
-hinausreichte, wollte sie der Rabe nicht nehmen. Das Mädchen wunderte
-sich darüber, und dann ging sie hinaus mit ihr. Der Rabe kam dicht an
-sie heran, wollte aber trotzdem die Speise nicht nehmen, obgleich er
-die ganze Zeit über zeigte, daß er Appetit hatte, so daß das Mädchen
-ihn bis auf den Heimacker verfolgte, ein kurzes Stück Weges vom Hof.
-Kaum aber waren sie dort hingelangt, als das Mädchen starkes Getöse
-oben vom Berge hörte, und plötzlich kam ein Bergsturz von dort herab;
-er lief zu beiden Seiten des Raben und der Bauerntochter vorbei und
-berührte die Stelle, auf der sie standen, nicht. Dagegen ging die
-Lawine über den Hof hinweg und vernichtete ihn mit allem, was da war,
-Lebendigem und Totem. So belohnte der Rabe die Bauerntochter für die
-Speise die sie ihm gegeben hatte.
-
-Die Ursache aber, daß der Bergsturz nicht über die Stelle hinwegrollte,
-wo der Rabe und das Mädchen standen, war die, daß Bischof Gudmund
-der Heilige einmal auf seiner Durchreise sein Zelt an diesem Ort
-aufgeschlagen hatte. Ehe er aber von dort aufbrach, weihte er den
-Zeltplatz, wie er es oft zu tun pflegte, und deshalb konnte an dieser
-Stelle niemand von einem Unglück betroffen werden.
-
-
-
-
-Asmund und Signe
-
-
-Es lebte einmal ein König in seinem Reich; er war verheiratet und
-hatte mit seiner Gemahlin zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.
-Der Sohn hieß Asmund, die Tochter aber hieß Signe. Es waren die
-hoffnungsvollsten Königskinder, die man zu jener Zeit kannte, und sie
-wurden in allen Künsten, die Königskindern zu lernen ansteht, erzogen.
-Sie wuchsen nun auf, zu Hause beim Vater, und jeder Wunsch wurde ihnen
-erfüllt. Der König schenkte seinem Sohn Asmund zwei Eichbäume, die
-draußen im Wald standen, und es war ein Vergnügen für den Sohn, sie
-auszuhöhlen und verschiedene Kämmerchen in den Stämmen einzurichten.
-Signe folgte ihm häufig und bewunderte die Eichbäume und bekam Lust,
-sie mit ihm zusammen zu besitzen. Er erfüllte ihren Wunsch, und nun
-trug sie allerlei Edelsteine und Kleinodien, die ihr die Mutter
-geschenkt hatte, dorthin.
-
-Da geschah es einmal, daß ihr Vater in den Krieg zog; in seiner
-Abwesenheit aber wurde die Königin krank und starb. Da gingen die
-Geschwister hinaus in den Wald und setzten sich in die Eichbäume,
-nachdem sie sich auf ein Jahr mit Lebensmitteln versehen hatten.
-
-Nun ist zu melden, daß in einem anderen Lande ein König herrschte, der
-einen Sohn, namens Ring, hatte. Ring hatte von der großen Schönheit
-Signes erzählen hören und entschloß sich, um sie zu freien. Er bekam
-von seinem Vater ein Schiff für die Reise, hatte guten Wind und kam
-nach dem Lande, in dem Signe zu Hause war. Als er aber zur Königshalle
-hinaufgehen wollte, begegnete ihm auf dem Wege eine so schöne Frau, daß
-es ihm schien, als hätte er nie zuvor ihresgleichen gesehen.
-
-Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die Königstochter
-Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein umhergehe; sie erwiderte,
-das geschähe aus Trauer über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater
-nicht zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun selber sei,
-könne er gleich sagen, daß er gekommen sei, um ihre Hand zu begehren.
-Sie hörte sein Freien freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu
-gehen, denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging nun zu den
-Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus, nahm den einen auf den Rücken,
-den andern aber auf die Brust und trug sie so an die See und watete
-nach dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne Gestalt
-an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn, daß ihre Habe nun an Bord
-gebracht sei, weiteres besitze sie nicht. Dann segelten sie nach
-Hause, wo seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude empfingen.
-Er gab ihr einen schönen Wohnraum und ließ die beiden Eichbäume vor
-ihre Fenster pflanzen. Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr
-und sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten und gab ihr
-gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder für sie beide zu nähen.
-Kaum aber war er fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden,
-raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt und wurde
-zur schlimmsten Hexe; sie sagte, daß sie nicht wisse, was sie mit
-solchem Staat anfangen solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte
-als Menschenfleisch essen und Pferdeknochen brechen; sie machte noch
-immer weiteres Gepolter und sagte, daß sie vor Hunger umkommen müsse,
-denn nie käme ihr Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen
-hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers und durch ihn
-hindurch stieg ein Riese herauf, mit einem ungeheuer großen Sarg in
-den Armen. Sie fingen beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war
-mit Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer Gier zu essen, dann
-aber stieg ihr Bruder denselben Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur
-auf dem Fußboden zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte sie
-noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und wollte ihn zerreißen.
-
-Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß sie sich in den
-Eichbäumen befanden, von denen aus sie sahen, wie all dies vor
-sich ging. Da bat Asmund Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu
-versuchen, den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das
-wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören brauchten.
-Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte nun, so gut sie konnte, die
-Kleider in sechs Tagen, trug sie hinaus und warf sie auf den Tisch.
-Die Hexe freute sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr
-herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er bewunderte ihre
-Geschicklichkeit, und sie trennten sich mit großer Freundlichkeit. Die
-Hexe benahm sich nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund
-dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn, den er bat zu kommen
-und sich ein Spiel anzusehen, das in dem Gemach der neuangekommenen
-Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn wurde sonderbar zumute,
-als er derartiges von seiner Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin
-und versteckten sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus sie zu ihr
-hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer und sagte zu Eisenkopf,
-als er kam: »Wenn ich erst mit dem Königssohn verheiratet bin, werde
-ich schon besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze Pack
-da drinnen in der Halle umbringen und mit meiner ganzen Sippschaft
-herkommen; dann werden sich wohl die Trolle über mich und meinen
-Gemahl freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das hörte, so daß
-er Feuer an das Haus legte und es ganz zu Asche brennen ließ. Asmund
-erzählte ihm nun von den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über
-die Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war. Er freite dann
-um Asmunds Schwester Signe, Asmund aber freite um die Schwester Rings,
-und bald feierten beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause zu
-seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden Schwäger das Reich nach
-ihren Vätern und regierten bis in ihr hohes Alter. Und damit ist diese
-Geschichte aus.
-
-
-
-
-Die beiden Ebereschenbäume
-
-
-Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister aus gutem
-Stamm auf den Westmändsinseln lebten. Da geschah, daß das Mädchen
-daheim im Elternhause schwanger wurde, und da sich die beiden
-Geschwister sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht, daß
-der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes sei, das sie erwartete.
-Das Gerücht erreichte denn auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den
-Inseln, weshalb er die Sache zu untersuchen begann.
-
-Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses Verbrechens schuldig
-zu sein, und bei allem, was ihm heilig war, schwor, daß er unschuldig
-sei, noch daß seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen
-anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend war, als Vater
-des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen der Blutschande damals
-hierzulande scharf geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter
-nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den sie sich hielt,
-wurde ein Todesurteil nach dem anderen über solche Angeklagten
-gesprochen, und das war auch hier der Fall. Die beiden Geschwister
-wurden zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen. Es wird
-aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den Herrgott mit Tränen baten,
-nach ihrer Hinrichtung ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen
-bei ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch sollen sie
-ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu tragen, daß sie in einem
-gemeinsamen Grabe auf dem Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie
-hingerichtet, und nach vieler Mühe und wahrscheinlich nur durch reiche
-Spenden an Kirche und Geistlichkeit, wie es ja meist in jenen Zeiten
-nötig war, erreichten die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof
-beerdigt wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht liegen;
-der eine sollte südlich, die andere nördlich von der Kirche bestattet
-werden, und dort mußten sie auch liegen.
-
-Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute, daß aus jedem
-Grabe der beiden Geschwister ein kleiner Ebereschenstamm emporsproß.
-Diese Stämme nahmen eine natürliche Entwicklung und wurden immer
-größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche vereinigte,
-und da dachten die Leute, daß Gott, als er die Ebereschenbäume aus
-ihren Gräbern erwachsen ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man
-sehen konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die Unschuld
-der beiden Geschwister beweisen wollte. Der Umstand aber, daß sich
-die Bäume da oben über dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und
-Zweige ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und liebevolle
-Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen diesen Geschwistern im
-irdischen Leben geherrscht hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode
-in demselben Grabe ruhen zu dürfen.
-
-So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume lange Zeit,
-bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert mit Heeresmacht
-über die Westmändsinseln herfiel, Gut und Menschen raubte und
-allerlei Greueltaten verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der
-Gewalttätigkeiten der Türken, so erzählt die Sage, war die, daß sie die
-beiden Ebereschenbäume auf jenem Friedhof umschlugen, und sie drohten,
-auf die Inseln zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben,
-wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden, wie sie gewesen wären.
-
-Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von dieser Zeit an wieder
-heranwuchsen, und das wurde als eine große Gnade Gottes angesehen, denn
-wenn das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort gehalten.
-
-
-
-
-Der glühende Schlüssel
-
-
-Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen Ort mit
-einer fetten Hammelkeule (andere sagen, daß es ein Bruststück war) in
-der Hand hinsetzte, die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie
-in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber schien blank und hell;
-denn es war keine Wolke am Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit
-folgenden schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig das Messer
-mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt:
-
- »Fett ist hier,
- Komm zu mir,
- Laß das Stück dir munden!«
-
-Da antwortete ihm eine Stimme aus dem Himmel:
-
- »Hüte dich, Dieb!
- Schlüssel, du, flieg,
- Bis du die Wange gefunden!«
-
-Da fiel plötzlich ein glühender Schlüssel hoch vom Himmel herab,
-gerade auf die Wange des Diebes, und brandmarkte sie. Die Narbe des
-Schlüsselbrandmals aber trug er, solange er lebte.
-
-
-
-
-Wie es Jons Seele erging
-
-
-Es lebten einmal ein Mann und seine Frau. Der Mann war sehr ungesellig
-und unbeliebt, und dazu war er faul und unnütz zu Hause. Seine Frau
-war damit sehr wenig zufrieden; oft schalt sie ihn aus und sagte,
-daß er zu gar nichts anderem tauge, als das zu verprassen, was sie
-zusammengespart hätte; denn sie war selber eine gar umsichtige Frau und
-ließ alle Kniffe gelten, um das Notwendige zu beschaffen, und verstand
-jeden so zu nehmen, wie er genommen werden mußte. Aber wenn sie auch in
-manchen Dingen uneinig waren, so war die Frau ihrem Alten doch gut und
-ließ es ihm an nichts fehlen. So ging es eine ganze Weile; aber einmal
-verfiel der Mann in eine schwere Krankheit. Die Frau pflegte ihn, und
-als seine Kräfte abnahmen, fiel ihr ein, daß er wohl kaum so gut auf
-den Tod vorbereitet sei, daß es nicht zweifelhaft wäre, ob er auch
-Einlaß in den Himmel fände.
-
-Sie dachte deshalb bei sich selber, daß es wohl am ratsamsten sei,
-selbst zu versuchen, die Seele ihres Gebieters auf den rechten Weg
-zu bringen. Sie nahm daher einen Lederbeutel und hielt ihn vor die
-Nasenlöcher des Mannes, und als er seinen Geist aushauchte, fuhr dieser
-in den Beutel, und die Frau beeilte sich, die Öffnung zuzubinden. Dann
-begab sie sich nach dem Himmel, den Beutel in ihre Schürze gewickelt,
-kam an die Tore des Himmelreichs und klopfte an.
-
-St. Peter kam an das Tor und fragte nach ihrem Begehr. »Guten Tag,«
-sagte die Alte, »ich bin mit der Seele meines Jon hergekommen. Ihr
-werdet wohl von ihm gehört haben, und ich wollte Euch nun bitten, ihn
-hineinschlüpfen zu lassen.« »Ach,« sagte St. Peter, »das kann ich
-leider nicht, ich habe wohl von deinem Jon reden hören, aber nie etwas
-Gutes.« Da sagte die Frau: »Ich hätte nie geglaubt, Peter, daß du so
-hartherzig wärst; du hast wohl vergessen, wie es dir einst erging, als
-du deinen Herrn und Meister verleugnet hast.«
-
-St. Peter ging hinein und verschloß das Tor, die Alte aber blieb
-draußen stehen und stöhnte. Als eine kleine Weile verstrichen war,
-klopfte sie wieder an, und St. Paul kam heraus. Sie begrüßte ihn und
-fragte, wie er hieße, er aber sagte seinen Namen. Sie bat ihn, für die
-Seele ihres Jon Sorge zu tragen, er aber antwortete, daß er nichts von
-ihm wissen wolle; ihr Jon verdiene keine Gnade, sagte er. Da wurde die
-Frau giftig und sagte: »Das steht dir gut an, Paul! Du hast wohl die
-Gnade besser verdient, wie ich mir denken kann, weil du früher Gott und
-gute Menschen verfolgt hast. Es ist wohl am besten, daß ich aufhöre,
-dich zu bitten.«
-
-St. Paul machte eiligst das Tor zu. Als die Frau aber zum drittenmal
-klopfte, kam die Jungfrau Maria heraus. »Guten Tag, liebe Jungfrau,«
-sagte die Frau, »ich hoffe, daß Ihr erlaubt, daß mein Jon hier
-hineinkommt, wenn auch Peter und Paul es nicht wollen.«
-
-»Das darf ich leider nicht, meine Gute,« antwortete Maria, »dazu ist
-dein Jon ein viel zu großer Taugenichts.« »Ich will nicht mit dir
-darum rechten,« sagte die Frau, »ich glaubte, du wüßtest, daß andere
-ebenso schwach sein können wie du, oder kannst du dich nicht mehr
-darauf besinnen, daß du ein Kind bekommen hast, dessen Vater du nicht
-nennen konntest?« Maria wollte nichts weiter hören und beeilte sich
-zuzuschließen.
-
-Ein viertesmal klopfte die Frau an das Tor. Da kam Christus selber
-und fragte, wohin sie wolle. Sie erwiderte demütig: »Ich wollte dich
-bitten, mein lieber Erlöser, diese arme Seele einzulassen.« Christus
-antwortete: »Das ist Jon, – nein, Frau, er hat nicht an mich geglaubt.«
-Da wollte er das Tor schließen, sie aber war nicht faul und warf den
-Beutel, in dem die Seele war, an ihm vorbei, so daß er weit hinein in
-das Himmelreich flog, und das Tor wurde verriegelt.
-
-Da fiel der Frau ein Stein vom Herzen, daß Jon nun trotz alledem ins
-Himmelreich gekommen war, und sie kehrte fröhlich nach Hause zurück.
-Aber weder von ihr, noch von dem, was aus Jons Seele wurde, haben wir
-mehr zu sagen.
-
-
-
-
-DIETSCH & BRÜCKNER / WEIMAR
-
-
-
-
-Im gleichen Verlag sind erschienen:
-
-
-Sagen und Märchen Alt-Indiens
-
-erzählt von Alois Essigmann
-
-2 Bände, Preis pro Band in Pappband M. 4.50
-
-in Halbleder M. 12.—
-
-Band 1 und 2 zusammen in Halbleder M. 18.—
-
-
-Sawitri
-
-eine alt-indische Legende
-
-erzählt von Alois Essigmann
-
-in Pappband M. 2.40
-
-
-Sijawusch
-
-erzählt von Alois Essigmann
-
-Preis in Pappband ca. M. 5.—
-
-in Halbleder ca. M. 12.—
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
-Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Zur besseren
-Orientierung wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Buches
-verschoben.
-
-Korrekturen:
-
-In »Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar« wurden die Unterkapitel
-aufgrund der fehlerhaften Numerierung im Original neu numeriert.
-
- S. 33: ich → er
- daß ich, während {er} schlief
-
- S. 75: heiße ich → heiße ich nicht
- So heiße ich {nicht}, so heiße ich {nicht}
-
- S. 76: heiße ich → heiße ich nicht
- »So heiße ich {nicht},« sagte die Alte, »so heiße ich {nicht}
-
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Binary files differ
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@@ -1,8890 +0,0 @@
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Isländische Märchen und Volkssagen</span>, by Åge Avenstrup</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Isländische Märchen und Volkssagen</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translators: Åge Avenstrup</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:0; margin-left:2em;'>Elisabeth Treitel</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: December 2, 2022 [eBook #69456]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND VOLKSSAGEN</span> ***</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="cover">
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-
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-<div class="chapter">
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-
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-
-<p class="center">1. bis 3. Tausend</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
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-
-<div class="chapter">
-
-<h1>ISLÄNDISCHE MÄRCHEN<br />
-UND VOLKSSAGEN</h1>
-
-<p class="center">DEUTSCH VON</p>
-
-<p class="h2"><i>ÅGE AVENSTRUP</i></p>
-
-<p class="center">UND</p>
-
-<p class="h2"><i>ELISABETH TREITEL</i></p>
-
-<p class="center p2">1919</p>
-
-<p class="center p2">AXEL JUNCKER VERLAG<br />
-BERLIN W. 15
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table>
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Huldrekönig von Selö</td>
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-<td>Das Sätermädchen</td>
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-</tr>
-<tr>
-<td>Die Alfkönigin</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Alfkoenigin">24</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Huldretanz in der Silvesternacht</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Huldretanz_in_der_Silvesternacht">36</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Pfarrerstochter von Praestebakke</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Pfarrerstochter_von_Praestebakke">40</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Ernteknecht</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Ernteknecht">42</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Thord von Throstestad</td>
- <td class="tdr"><a href="#Thord_von_Throstestad">48</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Kinderwiege</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Kinderwiege">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Wechselbalg von Sogn</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Wechselbalg_von_Sogn">53</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Seemännchen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Seemaennchen">55</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Nöck</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Noeck">58</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kort_aus_Moedruvold_und_das_Meerungeheuer">60</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bischof Brynjolf</td>
- <td class="tdr"><a href="#Bischof_Brynjolf">62</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Troll im Felsen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Troll_im_Felsen">64</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Riesin</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Riesin">66</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Gilitrutt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Gilitrutt">73</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Bauer von Gnupar</td>
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-</tr>
-<tr>
-<td>Guldbraa und Skegge</td>
- <td class="tdr"><a href="#Guldbraa_und_Skegge">79</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Jon und die Riesin</td>
- <td class="tdr"><a href="#Jon_und_die_Riesin">89</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ketil von Silfrunarstad</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ketil_von_Silfrunarstad">100</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Trunt_Trunt_und_die_Trolle_in_den_Bergen">108</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Nachttroll</td>
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-</tr>
-<tr>
-<td>Die Geisterhaube</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Geisterhaube">112</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Bräutigam und das Gespenst</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Braeutigam_und_das_Gespenst">114</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Küster von Mörkaa</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Kuester_von_Moerkaa">121</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sigurd und das Gespenst</td>
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-</tr>
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-</tr>
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- <td class="tdr"><a href="#Der_Ulfssee">164</a></td>
-</tr>
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-</tr>
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-</tr>
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-</tr>
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-</tr>
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-<td>Das Fäßchen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Faesschen">190</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Hleidrargaards Skotta</td>
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-</tr>
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-<td>Die Schuhe aus Menschenhaut</td>
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- <td class="tdr"><a href="#Sagen_vom_Pfarrer_Erik_in_Vogsosar">235</a></td>
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-<tr>
-<td>Der Mann von Grimsö und der Bär</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Mann_von_Grimsoe_und_der_Baer">252</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Bär, der mit der Tonne rang</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Baer_der_mit_der_Tonne_rang">255</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie die Seehunde entstanden sind</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_die_Seehunde_entstanden_sind">257</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Seehundsfell</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Seehundsfell">258</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Lindwurm im Lagarfluß</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Lindwurm_im_Lagarflu">260</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der dankbare Rabe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_dankbare_Rabe">262</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Asmund und Signe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Asmund_und_Signe">264</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die beiden Ebereschenbäume</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_beiden_Ebereschenbaeume">268</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der glühende Schlüssel</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_gluehende_Schluessel">271</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie es Jons Seele erging</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_es_Jons_Seele_erging">272</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Der_Huldrekoenig_auf_Seloe">Der Huldrekönig auf Selö</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun
-pflegten, zum Fischen auf Selö im Reydarfjord. Und
-es traf sich, als der getrocknete Fisch ans Land gebracht
-wurde, daß ein großer Teil der Fische des
-Pfarrers von Holme in der Fischbude zurückblieb.
-Das Wetter verschlechterte sich in dem Maße, daß
-man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst
-wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus,
-um sie zu holen und begannen sofort, die Fische aus
-der Hütte ins Boot zu tragen. Die Bootsleute sagten,
-sie würden gern nach der anderen Seite der Insel
-gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben
-sei. Einer von ihnen erklärte sich bereit zu gehen,
-während die anderen die Fische hinuntertrugen. Er
-ging also, und die anderen trugen die Beute in das
-Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es
-ihnen nur mit knapper Not gelang, die Fische in das
-Boot zu schleppen. Sie schifften sich alle ein und warteten
-eine Weile auf den Abwesenden; als er aber
-kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins
-Boot zu ziehen; da riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben
-müßte, sie würden ihn aber am nächsten Tag
-holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß
-es am besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken,
-und steuerten dem Lande zu; er aber blieb hilflos
-zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span></p>
-
-<p>Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und
-der Mann ging deshalb nach der Fischerhütte, ohne
-einen Ausweg zu wissen, und dort blieb er bis zum
-Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es
-läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort
-Hungers zu sterben, und er lief aus der Hütte hinaus.
-Da entdeckte er einen freundlichen Stern; er glaubte
-aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein
-Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer
-hinzusehen, schien er ihm einem Licht in einem Fenster
-zu ähneln. Er lief eine kleine Weile, bis er an ein
-Haus kam, das so prächtig war, daß es einer Königshalle
-glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:</p>
-
-<p>»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche
-Mensch, der heute auf der Insel zurückgelassen worden
-ist, ist an das Haus gekommen; gehe hinaus und
-hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür
-stirbt.«</p>
-
-<p>In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen
-zu ihm; sie führte ihn hinein und sagte ihm, daß er
-seine Schneekleider ablegen solle. Dann führte sie
-ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr
-schönen Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt
-war. Da sah er viele Frauen, und eine unter
-ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte sie mit
-Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob
-sich die schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine
-kleine, aber hübsche Kammer, setzte ihm Wein und
-Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen
-wurde. Die Nacht verging also; aber am nächsten
-Morgen kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß
-sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab
-ihm aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib
-dienen konnte.</p>
-
-<p>So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend
-kam die schöne Jungfrau zu ihm und sagte,
-wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes erwiesen
-hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie
-ihr nicht abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten
-Tage eine Tanzbelustigung abgehalten würde
-und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel anzusehen,
-nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen
-dürfe; denn sie würde ihm genug bringen, damit
-er sich hier drin zerstreuen könne. Er versprach
-ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten
-Feiertag morgens brachte sie ihm Wein und was sonst
-zu seiner Nahrung dienen konnte, bot ihm Lebewohl
-und ging ihres Weges.</p>
-
-<p>Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel.
-Da dachte er bei sich, was für eine große Freude dort
-wohl herrsche, und daß es gewiß nichts schaden
-könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es
-brauchte ja niemand zu sehen.</p>
-
-<p>Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu
-können, und als er hinausblickte, sah er eine große
-Menge Menschen; einige tanzten, andere führten
-allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-er einen königlichen Mann sitzen, eine Krone auf
-dem Haupt und eine Frau zu jeder Seite. Er dachte,
-das müßten die Königin und die Tochter des Königs
-sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun
-nicht länger hinauszusehen und ging vom Fenster
-fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.</p>
-
-<p>Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war
-sie wider ihre Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte
-sie ihm, daß er sein Versprechen, nicht hinauszusehen,
-schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe einrichten
-können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt
-habe.</p>
-
-<p>Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.</p>
-
-<p>In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und
-sagte, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge,
-um sich den Tanz anzusehen, und daß er ihr
-gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu
-Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein
-dürfe. Er versprach nun bei allem, was ihm heilig
-war, daß er diesmal nicht hinausblicken würde. Sie
-brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei
-Zeitvertreib und ging fort.</p>
-
-<p>Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch
-mehr Lärm und Freude draußen als zu Weihnachten.
-Da sagte er sich, daß er jetzt nicht hinaussehen wolle,
-denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und
-viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da
-begann ihn aber die Neugierde zu quälen – so gar<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-nichts von der großen Freude zu erfahren, – und er
-spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller
-als das vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende
-Ritter vor der Königin und dem König. Da zog
-er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß niemand
-das Auge nach seinem Fenster wandte, und so
-ging es bis zum Abend. Als die Jungfrau aber am
-Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht und machte
-ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte.
-Trotzdem trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen
-nicht; denn sie war ihm genau so gut wie vordem.</p>
-
-<p>Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern.
-Am Osterheiligabend kam die Jungfrau zu ihm, sprach
-ihn freundlich an und bat ihn, am nächsten Tag ja
-nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte,
-daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke,
-daß sie ein männliches Wesen bei sich hätte, dann
-würde es sie das Leben kosten. Am Ostermorgen kam
-sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur hätte
-wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn
-dann. Die Belustigung begann wieder wie zuvor.
-Aber als der Tag verging, begann die Einsamkeit ihn
-zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die
-danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau
-würde es nicht merken, wenn er von dort aus hinauslugte.
-Einen Augenblick spähte er hinaus und sah dasselbe
-wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer
-und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam.
-Da war sie unwillig gegen ihn und sagte, daß er sie<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-heute im Stich gelassen hätte wie das vorige Mal; sie
-wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt
-bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie
-gewesen, als er zu sein pflegte; sie hätte nicht erwartet,
-daß er ihr so untreu sein würde, und er werde
-es wohl später in anderen Dingen auch sein.</p>
-
-<p>Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend
-kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß morgen
-der erste Sommertag wäre, und daß dann Leute
-vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in
-der Frühe nach der Fischerhütte gehen sollte; aber
-um eins wollte sie ihn bitten, wenn er Wert darauf
-lege, daß sie ihm das Leben während des Winters erhalten
-hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen
-solle, das sie jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte
-ihr Leben, und wenn sie den Vater nicht angeben
-könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn
-sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht
-töten, und sie bitte ihn nun um weiter nichts, als daß
-er sich ihr gegenüber in dieser Angelegenheit treu erweisen
-solle. Das versprach er ihr, und er sagte, es
-werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des
-Kindes zu sein. Es koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit
-davon hätte.</p>
-
-<p>Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle
-ihre Wohltaten gegen ihn während des Winters, und
-früh am nächsten Morgen machte er sich auf den
-Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte
-er sich nach der Halle umsehen, aber er sah weiter<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-nichts als steinige Hügel und Felsen am südlichen
-Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.</p>
-
-<p>An diesem Tage war mildes Wetter und die See
-ruhig, und als der Tag etwas verstrichen war, sah er
-ein Boot vom Lande herkommen; als die Bootsleute
-aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen
-entgegen. Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich,
-denn er war sehr dick und fett, und sie glaubten deshalb,
-daß es sein Geist sei; denn sie dachten nicht
-anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand
-wagte, ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm
-ans Land zu kommen. Schließlich aber stieg der Bootsführer
-doch ans Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger
-Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe
-sei, der im Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre.
-Er sagte, daß er derselbe Mann wie im Herbst sei, als
-sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der andere aber
-sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange
-ohne Nahrung hätte leben können. Der Inselmann
-sagte, daß der Seetang auf Selö keine schlechtere Nahrung
-sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr wollte
-er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das
-Boot, und sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die
-meisten wunderten sich, ihn lebendig zurückkommen
-zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, wie
-er den Winter über hätte leben können, niemand aber
-bekam mehr von ihm zu wissen, als jene auf der Insel
-von ihm erfahren hatten.</p>
-
-<p>Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-Wetter, und es kamen viele Leute zur Kirche, und an
-diesem Tage wollte auch der Knecht dorthin. Als
-aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche
-gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem
-Altar, ehe man es sich versah, und eine golddurchwirkte
-Decke war über das Kind gebreitet, aber kein
-Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne
-Frauenhand auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten
-sich hierüber und sahen sich an; der Pfarrer
-aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind getauft
-werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß
-irgend jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm
-stehe, und am ehesten glaube er von seinem Knecht,
-daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen habe;
-der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da
-sagte der Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des
-Knechts taufen, der aber leugnete wieder und sagte,
-daß er nichts mit der Sache zu tun hätte. Der Pfarrer
-erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf
-der Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte,
-daß er das Kind nie anerkennen würde und verbot
-dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.</p>
-
-<p>Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand
-in demselben Augenblick, und zugleich ertönte heftiges
-Weinen, das sich allmählich aus der Kirche verlor.
-Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der
-Kirche nach. Da hörten sie das Weinen und das
-Schluchzen in der Richtung nach dem See verschwinden,
-die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-und wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit
-benutzt.</p>
-
-<p>Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten
-jedoch war der Pfarrer davon ergriffen. Der
-Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. Der Pfarrer
-fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er
-ihm alles, daß er den Winter über bei einem König
-und seiner Tochter gewohnt hätte, und daß es ihn
-sein Leben lang gereuen würde, daß er das Kind nicht
-anerkannt habe.</p>
-
-<p>Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr
-derselbe, und hiermit endet die Erzählung von dem
-Huldrekönig auf Selö.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Saetermaedchen">Das Sätermädchen</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der
-ein Mädchen erzogen hatte. Hoch oben zwischen
-den Bergen lag die Säterwirtschaft<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> des Pfarrhofs,
-auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und
-Schafe unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines
-Hirten schickte. Als seine Pflegetochter älter geworden
-war, mußte sie der Haushaltung auf dem Säter vorstehen,
-und sie erledigte das so gut wie jede andere
-Arbeit; denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch
-anzusehen und flink in vielen Dingen. In diesem Teil
-des Landes hatte sie nicht ihresgleichen. Darum warben
-viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen
-allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach
-einmal mit seiner Pflegetochter über dieses Kapitel
-und riet ihr, sich zu verheiraten, denn, sagte er, er
-wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht
-immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon
-hören; ihr Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt,
-sagte sie; sie wäre sehr zufrieden, wie es sei, und nicht
-jeder hole sein Glück in der Ehe. Darüber wurde also
-vorläufig weiter nichts gesprochen.</p>
-
-<p>Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es
-den Leuten, als beginne das Sätermädchen etwas rundlich
-unter dem Gürtel zu werden, und je weiter es
-auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat
-sie jetzt, ihm offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich
-mit ihr bestellt wäre; sie erwarte sicher ein Kind,
-meinte er, und darum wäre es am besten, daß sie in
-diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt
-aber, daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und
-ihre Arbeit auf dem Säter würde sie in diesem Sommer
-genau so tun, wie sie es früher getan hätte. Der Pfarrer
-sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte
-und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber
-die Männer, die sie nach dem Säter begleiteten, sie
-nicht allein zu lassen, und das versprachen sie ihm
-hoch und heilig.</p>
-
-<p>Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und
-froh, und es verstrich eine Zeit, ohne daß etwas geschah.
-Die Leute beobachteten sie sehr genau und
-ließen sie nie allein.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle
-Schafe und Kühe vermißte, und jeder, der seine Beine
-gebrauchen konnte, mußte den Säter verlassen, nur
-das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam
-mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel
-senkte sich herab, und deshalb fanden sie das Vieh
-erst gegen Morgen. Als sie wieder nach Hause kamen,
-war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink
-und leicht auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen
-war, sah man dann auch, daß sie nicht mehr so rund
-wie früher war; aber wie es zugegangen war, das
-wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-Rundlichkeit so gewesen war, als wenn eine Frau ein
-Kind erwartet.</p>
-
-<p>Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem
-Säter, Männer und Vieh, und da sah der Pfarrer, daß
-das Mädchen eine schlankere Gestalt hatte als sie im
-Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen
-Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl
-gehandelt und das Sätermädchen allein gelassen hätten.
-Sie aber erzählten ihm, wie es gewesen wäre, daß sie es
-nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das fehlende
-Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig
-und wünschte ihnen die schwere Not, weil sie gegen
-seinen Befehl gehandelt hätten; im übrigen hätte er
-das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach
-dem Säter zog.</p>
-
-<p>Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die
-Pflegetochter des Pfarrers freien wollte; sie aber wollte
-nichts von seinem Freien wissen; der Pfarrer jedoch
-sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn
-alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus
-gutem Geschlecht. Er hätte im letzten Frühjahr den
-Hof seines Vaters übernommen, und seine Mutter
-hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also
-keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens
-oder ohne ihn. Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr
-beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der Braut ihr
-Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam:
-»Da du mich gegen meinen Willen heiratest,
-nehme ich dir jetzt das Versprechen ab, daß du niemals<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-einen Wintergast beherbergst, ohne mich vorher
-davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es
-dir übel!« Das versprach ihr der Mann.</p>
-
-<p>Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog
-mit ihrem Gebieter nach Hause und übernahm den
-Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn sie war
-niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich
-sie der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß
-sie die Hand in kaltes Wasser steckte. Jeden Sommer
-saß sie zu Hause, während die andern mit dem Heu
-auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb
-ihre Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und
-ihr beim Essenbereiten behilflich zu sein. Manchmal
-saßen sie und strickten und spannen, und die Alte
-erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu
-unterhalten.</p>
-
-<p>Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte
-die Alte zu ihrer Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas
-erzählen müsse. Die andere aber erwiderte, daß sie
-keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie
-drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die
-sie kenne, zu erzählen, und sie begann folgendermaßen:</p>
-
-<p>»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen.
-Unweit des Säters lagen große Felsen, an denen sie
-oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner, junger
-Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand
-Liebe zwischen den beiden. Er war so gut und
-lieb zu den Mädchen, daß er ihr nie etwas abschlug<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-und sich ihrem Willen stets in allem fügte. Das Ende
-vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit
-vergangen war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten
-Sommer nach dem Säter sollte, drang ihr Brotherr
-in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten Umständen
-wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf
-nach dem Säter, wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr
-bat aber diejenigen, die mit auf dem Säter waren, sie
-nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm.
-Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu
-suchen, und da fühlte sie Geburtswehen. Da kam ihr
-Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr bei der
-Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind.
-Ehe er aber mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus
-einem Glas trinken, und das war der süßeste Trank,
-den ich je …« hier fiel ihr das Knäuel, mit dem
-sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und
-verbesserte sich – »den sie je gekostet hatte, wollte
-ich sagen, und da wurde sie gesund und frei von allen
-Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann und
-das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde
-sie mit einem anderen Manne verheiratet; ihr Sinn
-aber stand immer nach ihrem ersten Liebsten, und von
-dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und jetzt
-ist die Erzählung aus.«</p>
-
-<p>Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung
-und bewahrte sie im Gedächtnis. So verging
-wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die Frau
-ging wie immer umher und trug ihren Kummer,<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-immer jedoch war sie gut und liebevoll gegen ihren
-Gebieter.</p>
-
-<p>Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte
-war, kamen zwei Männer, ein größerer und ein kleinerer,
-zu dem Bauern auf das Feld. Sie hatten beide
-breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen
-nur undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere
-nahm das Wort und bat den Bauern um Obdach für
-den Winter. Der Bauer antwortete, daß er niemand
-aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und
-sagte, daß er erst mit ihr über diese Angelegenheit
-sprechen wollte. Der Mann bat ihn, doch nicht so
-ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter
-Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände,
-daß er in solchen Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen
-einen Winter lang in Kost zu nehmen, nicht selbst
-bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer ihnen
-Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst
-darum befragt hatte.</p>
-
-<p>Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach
-Hause; er ließ sie in eine Kammer eintreten und bat
-sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner Frau und
-erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde
-darüber sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste
-Bitte gewesen wäre und wahrscheinlich auch die letzte
-sein würde. Da er die Fremden nun aber allein aufgenommen
-hätte, müßte es auch seine Sache sein, was
-aus ihrem Aufenthalt im Winter folgte; und dann
-wurde nicht mehr über die Sache gesprochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p>
-
-<p>Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum
-Abendmahl gehen wollten. Es war damals Sitte, wie es
-heute noch in verschiedenen Gegenden auf Island
-der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des Herrn
-wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen
-und sie um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber
-bitten. Die Hausfrau war den Wintergästen bis
-zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie vor
-ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht
-zu ihnen, um Abschied zu nehmen.</p>
-
-<p>Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb
-der Einzäunung des Heimackers waren, fragte der
-Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren Wintergästen
-auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.«
-Er bat sie, doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen,
-ohne sich vorher von ihnen verabschiedet zu
-haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß du
-mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer
-empfangen hast, ohne mich danach zu fragen, und nun
-darin, daß du mich zwingen willst, sie zu küssen. Jedoch
-will ich dir gehorchen, aber du mußt selbst die
-Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben
-und aller Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«</p>
-
-<p>Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so
-lange dauerte, bis sie wiederkam, kehrte der Bauer
-auch um und ging dorthin, wo er seine Wintergäste
-zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.</p>
-
-<p>Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau
-umschlungen hatte und mit ihr auf dem Boden lag;<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-und beider Herzen waren vor Gram gebrochen. Der
-andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der
-Bauer eintrat; gleich darauf verschwand er, ohne daß
-jemand wußte, wohin er gegangen war.</p>
-
-<p>Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer
-Schwiegermutter erzählt hatte, daß der größere Fremde
-der Huldremann gewesen war, den sie auf dem Säter
-kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der verschwunden
-war, ihr Sohn gewesen war.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Säter = Alm.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Alfkoenigin">Die Alfkönigin</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen
-den Bergen, nirgends aber wird erwähnt, wie er oder
-der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet, hatte
-aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren
-Geschlecht man nichts wußte. Sie stand dem inneren
-Hausstand vor und war flink in allen Dingen. Sie war
-beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem Bauern
-auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis
-zwischen ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt.
-Sie war aber auch eine gesetzte Frau, ziemlich
-in sich gekehrt, doch freundlich im Verkehr.</p>
-
-<p>Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr
-gut, mit Ausnahme des Umstandes, daß es ihm schwer
-fiel, einen Hirten zu finden; er war aber ein reicher
-Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein,
-wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon,
-daß der Bauer streng gegen seine Hirten war, noch davon,
-daß die Hausmeisterin es an dem fehlen ließ, was
-zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht
-einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten
-nie alt im Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag
-stets tot in ihrem Bett aufgefunden
-wurden.</p>
-
-<p>In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am
-Heiligabend Gottesdienst abzuhalten, und es wurde
-für ebenso feierlich gehalten, dann zur Kirche zu fahren,<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf Gebirgshöfen,
-die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für
-diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher
-bereit machen konnten, das Haus zu verlassen, bis der
-Stern zwischen Morgen und Mittag stand, keine Kleinigkeit,
-zum Gottesdienst zu kommen, und es war üblich,
-daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach
-Hause kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu
-hüten, wie es Sitte war, daß es einer oder der andere
-in der Weihnachts- und Silvesternacht tat, während
-die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn
-seit Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie
-sich stets von selbst dazu erboten, während sie gleichzeitig
-besorgte, was zum Fest in Ordnung gebracht
-werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu
-gehört, und sie wachte immer bis spät in die Nacht,
-so daß die Kirchgänger zuweilen zurückgekommen,
-zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu
-Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß
-die Hirten des Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht
-gestorben waren, fing man an, in den Ortschaften darüber
-zu sprechen, und es fiel deshalb dem Bauern sehr
-schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je
-mehr starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn,
-noch auf sein Gesinde fiel der Verdacht, daß sie den
-Tod der Hirten verschuldet hätten, da sie alle gestorben
-waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war.
-Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über
-sein Gewissen bringen könnte, Hirten zu dingen, die<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-den sicheren Tod zu erwarten hätten, und daß nun
-das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit
-seinem Viehstand und Wohlstand würde.</p>
-
-<p>Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und
-fest entschlossen war, niemand zu diesem Zweck zu
-dingen, kam einmal ein flinker und kräftiger Mann
-und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So
-nötig habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen
-muß.« Der Fremde fragte: »Hast du einen
-Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der
-Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen
-hätte, für die Folge niemand zu dingen, »und
-du hast wohl gehört, wie unglücklich es bisher meinen
-Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte
-der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht
-einjagen.« Da gab der Bauer nach, weil der andere ihn
-so eindringlich bat, und nahm ihn als Schafhirten in
-seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der Bauer und
-der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser
-war bei allen gern gesehen, denn er war ein Mann von
-gutem Betragen, keck und ausdauernd in all seinem
-Vorhaben.</p>
-
-<p>Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es
-wie immer: der Bauer zog am Heiligabend mit seinen
-Leuten zur Kirche, nur seine Hausmeisterin blieb im
-Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der
-Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück.
-Es ging auf Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach
-Hause kam; er aß seine Grütze und ging dann zur<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer für
-ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas
-passierte, obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb
-blieb er wach liegen. Als der größte Teil der
-Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger
-kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und
-gingen dann zu Bett. Noch merkte er nichts, als er
-aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären, fühlte er,
-daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht
-weiter merkwürdig war, so müde, wie er nach des
-Tages Mühe war.</p>
-
-<p>Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn
-ihn jetzt der Schlaf übermannte, und er bot darum
-all seine Willenskraft auf, um sich wach zu erhalten.
-Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an
-sein Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es
-die Hausmeisterin Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe.
-Er stellte sich, als schliefe er ganz fest und merkte, daß
-sie ihm etwas in den Mund steckte. Das war, wie er
-fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich
-ruhig aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt
-hatte, befestigte sie die Zügel, wie es ihr am bequemsten
-war, setzte sich auf seinen Rücken und ritt in sausender
-Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben
-oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von
-ihm herab, auf einen Stein, und ließ die Zügel hängen,
-worauf sie vor seinen Augen in der Spalte verschwand.
-Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig aufklärend,
-wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-daß er wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber,
-daß er mit angelegtem Zaum nicht weit käme, so viel
-Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb den Ausweg,
-daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er
-sich das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ
-er es liegen. Dann warf er sich in die Spalte, in die
-sie vor ihm gesprungen war.</p>
-
-<p>Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen
-war, als er Hildur wieder erblickte; sie
-war auf einigen schönen Wiesen angelangt, über welche
-sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all diesem
-konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht
-richtig zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter
-ihrem Pelz verbarg, als man ihr ansehen konnte, wenn
-sie oben auf der Erde unter den Menschen weilte.
-Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken
-würde, wenn er auf der Wiese hinter ihr herging.
-Er nahm deshalb einen Stein, der ihn unsichtbar
-machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der linken
-Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr
-er konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war,
-sah er eine große und prächtige Halle, und Hildur
-folgte dem Weg, der zu ihr hinführte. Er sah eine
-große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen;
-zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der
-am prächtigsten von allen gekleidet war, und es schien
-dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau, als Hildur
-kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die
-im Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-als ihre Königin. Mit dem Häuptling zogen Hildur
-zwei halberwachsene Kinder entgegen, und mit heller
-Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge
-der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten
-alle sie und den König nach der Halle, und
-dort bereitete man ihr einen ehrenvollen Empfang,
-kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr
-goldene Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge
-nach der Halle, hielt sich aber die ganze Zeit dort auf,
-wo am wenigsten Leute waren, wenn auch derart, daß
-er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah
-er so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut
-hatte. Tische wurden hervorgeholt und gedeckt,
-und er wunderte sich über all die Herrlichkeit. Nach
-einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in
-das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die
-Rede gewesen ist. Jedem wurde sein Platz angewiesen;
-Königin Hildur nahm den Ehrensitz neben dem König
-ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten
-Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann
-wurden die Tische wieder abgedeckt, worauf die Männer
-und die Jungfrauen, so viele dazu Lust hatten, zum
-Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten,
-die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und
-die Königin aber saßen da und sprachen miteinander,
-und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit
-Freude wie mit Kummer vermischt zu sein.</p>
-
-<p>Während des Gespräches des Königs mit der Königin
-kamen drei Kinder, die jünger waren als die vorhererwähnten,<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-zu ihnen herein und äußerten ebenfalls
-ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen.
-Königin Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm
-das jüngste Kind auf den Schoß und streichelte es, es
-war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die Königin
-ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom
-Finger und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das
-Kind still und spielte eine Weile mit dem Gold, verlor
-den Ring aber schließlich auf dem Boden. Der
-Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte
-den Ring, als er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und
-verbarg ihn gut, ohne das es jemand merkte; es schien
-aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends zu finden
-war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum
-größten Teil verflossen war, begann Königin Hildur,
-sich zum Fortgang zu rüsten, aber alle, die in der Halle
-waren, baten sie, noch länger zu verweilen, und waren
-sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte.</p>
-
-<p>Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in
-der Halle ein uraltes Weib saß, das entsetzlich anzusehen
-war; sie war die einzige von allen, die sich weder
-über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte,
-noch sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als
-der König die Wanderlust Hildurs sah, und daß sie
-sich nicht zum Bleiben überreden ließ, weder durch
-seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib
-und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter,
-und erhöre meine Bitten, so daß meine Königin mir
-nicht mehr fern zu sein braucht und meine Freude über<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie
-sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller
-Zorn: »All meine Flüche sollen bestehen bleiben, und
-nichts soll mich erweichen, sie zu widerrufen.« Der
-König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner
-Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte
-sie und bat sie noch einmal mit sanften Worten, doch
-nicht fortzuziehen. Die Königin sagte, daß die Flüche
-seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie
-äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür
-da, daß sie sich häufiger sehen könnten, des Schicksals
-wegen, das über sie verhängt wäre, und daß die Tötungen,
-die ihretwegen geschehen wären, und deren
-es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen
-bleiben könnten, und daß sie deshalb die wohlverdiente
-Strafe für ihre Taten erleiden müßte, obgleich
-sie sie ungern verübt hätte.</p>
-
-<p>Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich
-der Hirt aus der Halle, als er sah, wie die Dinge standen;
-er ging geradeswegs über die Wiese nach der Spalte
-und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte er
-den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete,
-bis Hildur kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam
-Königin Hildur allein und mit trauriger Miene; sie
-setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach Hause.
-Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder
-in sein Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett
-und begann zu schlafen. Obgleich der Hirt die ganze
-Zeit über hellwach gewesen war, stellte er sich doch<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie
-aber zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr
-daraus, vorsichtig zu sein; er verfiel in tiefen Schlaf
-und schlief, wie zu erwarten war, bis weit in den Tag
-hinein.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf
-dem Hof zuerst aus dem Bett; denn es lag ihm am
-Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er erwartete aber
-statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in
-seinem Bett zu finden, so wie es früher geschehen war.
-Während der Bauer sich anzog, erwachten die übrigen
-Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls an, der Bauer
-aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit
-der Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und
-war froh darüber und pries Gott in hohen Tönen ob
-dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und munter
-und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer,
-ob etwas Neues während der Nacht passiert sei. Der
-Schafhirt erwiderte: »Nein, aber einen sehr merkwürdigen
-Traum habe ich gehabt.«</p>
-
-<p>»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der
-Bauer. Da begann der Hirt seinen Bericht von dem
-Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß Hildur
-an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte,
-und dann gab er jedes Wort und jedes Ereignis so genau
-wieder, wie er sich daran erinnern konnte. Als er mit
-seiner Erzählung fertig war, saßen alle schweigend da,
-außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast,
-ist gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-beweisen kannst, daß es so zugegangen ist, wie du
-erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht in Verlegenheit
-bringen, sondern holte den Ring hervor, den er
-nachts vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte,
-und sagte: »Wenn ich es auch nicht für meine Pflicht
-halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen, so
-trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren
-Beleg dafür habe, daß ich in dieser Nacht bei den
-Huldren gewesen bin; oder ist das nicht dein Fingerring,
-Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist
-es, und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der
-Sklaverei befreit hast, die mir meine Schwiegermutter
-auferlegt hat; nur ungern habe ich alle die Missetaten
-begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur
-fing dann ihre Geschichte also an:</p>
-
-<p>»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht,
-aber der, der jetzt König über das Alfheim
-ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und, obgleich es
-sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er
-mich zur Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so
-zornig, daß sie ihrem Sohn versprach, daß er nur kurze
-Freude an mir haben solle, jedoch würde es uns gestattet
-sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte
-sie auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden
-sollte, und damit war das Unglück verbunden, daß
-ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines Menschen
-verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während <span id="corr033">er</span>
-schlief, ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg
-reiten sollte, den ich diese Nacht auf dem Hirten geritten<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-bin, um den König zu besuchen; und dies sollte
-solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und
-deswegen getötet würde, wenn ich nicht einen so
-kecken und mutigen Mann fände, daß er mir nach
-Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte,
-daß er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte,
-womit die Leute sich dort beschäftigten. Nun ist klar,
-daß sämtliche früheren Hirten des Bauern um meinetwillen
-den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen
-bin, und ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird,
-was gegen meinen freien Willen geschehen ist; denn
-niemand hat den unterirdischen Weg gefunden und
-ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen,
-vor diesem mutigen Mann, der mich nun
-aus meiner Sklaverei und von meinem Fluch erlöst
-hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch
-nicht gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier
-bleiben, habt Dank für die Güte, die ihr mir erwiesen
-habt, aber die Sehnsucht zieht mich nach meinem
-Heim.«</p>
-
-<p>Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand
-Königin Hildur, und später sah man sie nie wieder
-unter den Menschen.</p>
-
-<p>Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich
-verheiratete und im nächsten Frühjahr einen Hausstand
-gründete. Das konnte er auch, denn erstens zeigte
-sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus
-seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht
-ohne Vermögen. Er wurde seiner Gegend von sehr<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-großem Nutzen, und stets wandte man sich an ihn um
-Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich,
-daß die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es
-zuging, und glaubten, bei ihm hätte jedes Tier zwei
-Köpfe.</p>
-
-<p>Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen
-ganzen Wohlstand zu danken habe.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Huldretanz_in_der_Silvesternacht">Der Huldretanz in der Silvesternacht</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe.
-Der eine behauptete, daß es existiere, der andere aber
-bestritt es entschieden. So ging es eine Zeitlang, bis
-derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete,
-aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht
-eher wiederkommen, bis er Gewißheit bekommen
-hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da wanderte
-er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel
-und Täler, wurde aber doch nicht klüger.</p>
-
-<p>Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet,
-bis er eines Silvesterabends nach einem Hof kam, auf
-dem die Leute sehr traurig waren. Der Reisende war
-redselig und fragte, was ihre Freude so trübe. Die
-Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben
-wolle, um den Hof zu hüten, während die
-übrigen zum Gottesdienst ritten; denn in jeder Neujahrsnacht
-wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes
-verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben;
-jeder, der es täte, erwarte ja seinen Tod. Der
-Fremde bat die Leute, sich vor solchem abergläubischen
-Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof
-zu hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen,
-aber sie waren doch in Furcht und Ängsten, wie es
-ablaufen würde.</p>
-
-<p>Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten
-waren, begann er, ein Brett aus der Wandbekleidung<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-über dem ersten Bett in der Badstube<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> zu
-lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung
-hinein, schob dann das Brett wieder vor, ließ aber
-doch eine kleine Ritze stehen, damit er die ganze
-Badstube überblicken könnte.</p>
-
-<p>Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden.</p>
-
-<p>Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte,
-vernahm er Geräusch von Menschenstimmen und
-Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte er eine
-Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah,
-daß der Hund gepackt und zu Boden geschleudert
-wurde, so daß jeder Knochen in ihm zerbrach; dann
-hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander
-davon sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen
-röche; einige meinten aber, daß das nicht so verwunderlich
-sei, da die Leute eben erst zum Gottesdienst
-gegangen wären.</p>
-
-<p>Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah
-der Mann, der auf der Lauer saß, daß sie einen Tisch
-in die Badstube stellten und eine golddurchwirkte
-Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und
-daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte;
-Schüsseln und Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles
-war aus Silber. Dann setzten sie sich zu Tisch, und
-alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen einen
-Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte,
-wann der Tag anbräche, und der war entweder draußen<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-oder drinnen. Der Mann beobachtete, daß der
-Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde,
-wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß
-es noch lange Zeit sei bis zum Tag.</p>
-
-<p>Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand
-etwas loszulösen, damit er schnell hinauskommen
-könnte, wenn es notwendig sein sollte. Als die Fremden
-aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine
-Frau vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten,
-der ihm ein Priester zu sein schien, ihnen entgegenkommen.
-Dann begann ein Gesang, und die üblichen
-Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging
-zu, wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung
-beendet war, wurde getanzt, und die Freude
-dauerte eine Weile. Als sie eine Zeitlang getanzt
-hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein
-und wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht
-übrig wäre, und er antwortete, daß noch der sechste
-Teil übrig sei. Da rief der Lauernde, der sich aus der
-Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter
-stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag
-mitten am Himmel!« Hierüber war das tanzende
-Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich seinen
-Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann,
-der den Hof bewachen sollte, wieder zwischen die
-Wand und deren Bekleidung. Als das Huldrevolk
-den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell sie
-konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg,
-und ließen all ihre Sachen zurück. Als der Mann das<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-sah, verfolgte er sie in einiger Entfernung, und das
-letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in einen
-See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er
-wieder nach Hause zurück und sammelte alles, die
-Speisenreste und das kostbare Geschirr.</p>
-
-<p>Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der
-Kirche nach Hause; sie waren erfreut, den Mann, der
-den Hof gehütet hatte, zu sehen, und fragten ihn, ob
-er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel
-gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da
-wurde es den Leuten klar, daß sich die früheren Hüter
-gezeigt haben müßten, und daß das ihr Verderb geworden
-war, genau so, wie es der des Hundes wurde,
-der gesehen worden war.</p>
-
-<p>Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den
-Hof gehütet hatte, mit vielen und schönen Worten
-für seinen Mut und schenkten ihm alles, was das
-Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen
-konnte. Dann wanderte er nach Hause und
-traf dort seinen Bruder an. Er erzählte ihm nun alles
-und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten,
-daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er
-nach seinen Eltern den Hof, heiratete und hatte Glück
-in allen Unternehmungen seines Lebens. Er wurde
-für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten,
-war strebsam und wußte guten Rat in schwierigen
-Fällen. Von dem Hof aber, den er in jener Nacht gehütet
-hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr ein Mensch
-in einer Silvesternacht verschwand.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Pfarrerstochter_von_Praestebakke">Die Pfarrerstochter von Praestebakke</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal
-ein Pfarrer, der Einar hieß; er war ein reicher Mann
-und hatte viele Kinder. Er hegte großen Abscheu vor
-Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt
-hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und
-dann rühmte er sich, daß er wohl nicht zu finden gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an
-sein Bett träte und sagte: »Von nun an sollst du nicht
-mehr leugnen können, daß es Huldren gibt; denn
-jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst
-sie nie wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug
-gereizt.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des
-Pfarrers, die damals zwölf Jahre alt war, verschwunden.
-Man suchte sie überall, aber sie war nirgends zu
-finden.</p>
-
-<p>Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der
-Wiese spielten, kam sie zu ihnen und spielte mit ihnen.
-Gern hätten sie sie mit nach Hause genommen, da
-aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren Geschwistern
-noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre,
-gut zu ihr seien, und daß sie es nicht besser haben
-könnte.</p>
-
-<p>Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie
-dasselbe, was sie ihren Geschwistern gesagt hatte,<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span>
-und außerdem, daß ihr der Pfarrerssohn des Huldrevolks
-zum Bräutigam bestimmt sei.</p>
-
-<p>So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum
-zu ihrem Vater kam und ihm sagte, daß sie ihn nun
-am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu sehen wünschte;
-denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Ernteknecht">Der Ernteknecht</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden
-nach dem Nordland, um Erntearbeit zu
-verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen
-war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er
-verlor den Weg. Es kam Schneetreiben und Kälte. Der
-Mann machte daher Halt und schlug sich ein Zelt auf.
-Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu
-essen begann, kam ein sehr verwahrloster und verhungerter,
-roter Hund in das Zelt hinein. Der Südländer
-wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu
-ihm kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu
-sehen. Der Hund war so häßlich und sonderbar, daß
-ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab er ihm
-so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß
-gierig, lief dann fort und verschwand draußen im
-Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um ihn,
-und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich
-schlafen, den Sattel unter dem Kopf.</p>
-
-<p>Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu
-ihm in das Zelt träte. Sie war hochgewachsen und
-ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, junger
-Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen,
-wie du es verdient hast, steht nicht in meiner Macht;
-jedoch will ich, daß du diese alte Sense annimmst,
-die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich hoffe, daß
-sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-gleich gut schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst
-du sie im Feuer glühen; denn dann taugt sie nichts
-mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, so darfst
-du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand
-die Frau.</p>
-
-<p>Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und
-sah, daß sich der Nebel gelichtet hatte, und daß es
-heller Tag war. Die Sonne stand hoch am Himmel.
-Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde
-zu sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf
-band er das Zelt zusammen und packte es auf die
-Pferde; als er aber seinen Sattel von der Erde aufhob,
-fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit Rostflecken.
-Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg
-die Sense, zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand
-er bald, und nun ging es, so schnell er nur konnte,
-den bewohnten Gegenden zu. Als er aber nach dem
-Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen;
-denn alle hatten die Ernteleute, die sie brauchten,
-schon gedungen, und es war bereits eine Woche von
-der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in der
-Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht
-angenommen hätte. Sie war reich an Gut, und man
-glaubte, sie könne mehr als Brot essen. Sie pflegte
-keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das
-Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn
-Tage nach den anderen; und doch wurde sie meist
-ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie die
-übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span>
-Knecht in Dienst genommen hatte, behielt sie ihn
-nicht länger als eine Woche und gab ihm keinen Lohn.
-Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm
-gesagt hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit
-finden konnte, ging er dorthin und bot sich an, ihr
-das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und sagte,
-daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben.
-»Aber Lohn gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer,
-wenn du so viel Heu in einer Woche mähst, daß ich
-am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, zusammenharken
-kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung
-zu sein, und er begann also zu mähen.</p>
-
-<p>Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau,
-und sie schnitt gut, fand er. Nie brauchte er sie
-zu schärfen, und so mähte er ununterbrochen fünf
-Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die Frau
-war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die
-Schmiede; dort sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte
-und Harken und einen großen Haufen Sensen.
-Er wunderte sich darüber und fand, die Frau
-hätte nicht gerade Mangel an Erntegerät.</p>
-
-<p>Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer.
-Nachts träumte ihm, daß die Huldrefrau, die ihm die
-Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und sagte: »Viel
-Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird
-nicht viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken,
-und dann jagt sie dich fort, wenn sie dich morgen
-überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn du
-glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht,<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-und nimm so viele Sensenschäfte wie du für
-gut hältst, befestige Sensen daran und trage sie aufs
-Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« Nachdem
-die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der
-Ernteknecht aber erwachte, stand auf und begann zu
-mähen. Morgens kam seine Herrin hinaus und trug
-fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast
-du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf
-legte sie die Harken hier und dort auf die Wiese
-und begann zu harken, und da sah der Ernteknecht,
-daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen
-Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen
-Menschen bei ihnen sah. Als die Mittagszeit näher
-rückte und er sah, daß das gemähte Heu nicht ausreichen
-würde, ging er in die Schmiede und holte
-einige Sensenschäfte und befestigte Sensen daran.
-Dann ging er wieder hinaus und verteilte diese Sensen
-auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an zu
-mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer.
-Das ging nun den ganzen Tag so, bis zum Abend,
-und das gemähte Heu reichte aus. Abends aber ging
-die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit.
-Den Ernteknecht bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände
-mehr, als sie gedacht hätte, und davon würde
-er Gutes haben, und solange er selbst wolle, könne er
-nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr,
-und sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten
-viel Heu, ließen sich aber doch gute Zeit. Nach der
-Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, und damit<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
-zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer
-und allen folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm
-er Dienst bei ihr. Dann übernahm er selbst einen Hof
-auf dem Südlande und wurde immer für einen tüchtigen
-Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und
-geschickt zu allem, was er in Angriff nahm; immer
-mähte er sein Heu allein und nahm dazu nie eine
-andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt
-hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell
-mit seinem Heimacker fertig wie andere Leute.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen
-hinausruderte; da kam sein Nachbar zu seiner Frau
-und bat sie um eine Sense; denn er hätte seine Sense
-zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen
-sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften
-ihres Mannes zu suchen und fand die gute, alte Sense,
-aber keine andere. Sie lieh dem Bauern die Sense,
-warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn
-das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und
-ging nach Hause. Er befestigte die Sense an dem Schaft,
-begann zu mähen, konnte aber keinen einzigen Strohhalm
-mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig und
-begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da
-ging er in die Schmiede, um die Sense zu hämmern,
-und er dachte, es wäre keine Gefahr dabei, wenn er
-die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie
-aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs
-und wurde zu lauter Eisenschlacke. Er ging zu der
-Frau und erzählte ihr, wie die Dinge lägen; sie fürchtete<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr
-sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das
-war denn auch der Fall; jedoch hörte man nicht, daß
-er sich lange darüber ärgerte, nur gab er seiner Frau
-einen Backenstreich, und das war das erste- und das
-letztemal, daß sie einen bekam.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Thord_von_Throstestad">Thord von Throstestad</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad
-am Höfdestrand im Skagefjord. Er hatte, wie es den
-Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. Es geschah
-eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben
-von zu Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er
-glaubte, es sei kein Wetter, um einen Weg zu finden.
-Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem ging
-er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist
-es nicht weit bis nach Hofsos. Als er ein kleines
-Stück gegangen war, verlor er den Weg, setzte seine
-Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte
-er, ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß
-er darüber staunte; er ging hin und fand die Fenster
-erleuchtet. Er ging an ein Fenster und sah Menschen
-drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten.
-Dann näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich
-kam ein Mann im Rock an die Tür und fragte, was
-er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß er den Weg
-verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach
-haben würde, wenn es sich machen ließe. Der andere
-erwiderte, daß er das wohl erhalten könnte. »Folge
-mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen werde
-ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger
-gefallen, hier zu handeln als in Hofsos.« Thord
-traute seinen Augen kaum; ihm war das alles wie ein
-Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren
-viele Leute, die Frau des Hauses, die Kinder und das
-Gesinde, und alle waren sehr geputzt und sangen und
-waren fröhlich.</p>
-
-<p>Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte
-leise zu seiner Frau, aber doch so laut, daß der Mann
-es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist gekommen, er
-ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm
-einen Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der
-Ärmste; sie erhob sich schnell und holte gutes und
-reichliches Essen für ihn. Der Herr des Hauses aber
-kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen
-Becher darauf selber und bat Thord, den anderen zu
-leeren. Das tat er, und er glaubte, nie in seinem Leben
-so guten Wein getrunken zu haben. Es war sehr lustig,
-und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein
-Abenteuer etwas merkwürdig fand. Er bekam einen
-Becher nach dem andern und begann, trunken zu
-werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht
-und schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten
-Morgen bekam er wieder Nahrung und Wein, die
-noch besser als am Abend zuvor waren.</p>
-
-<p>Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus
-und fragte ihn, ob er handeln wolle, worauf Thord
-»Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den Kramladen,
-in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren
-wiegen, und der Kaufmann gab ihm einhalb mal
-mehr dafür als gewöhnlich in Hofsos gegeben wurde.
-Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte.
-Alles bekam er für die Hälfte des üblichen Preises,
-und als er fertig war, gab ihm der Kaufmann ein großes
-Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder
-und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden
-sollte, daß er einmal seinen Sohn aus Lebensgefahr
-gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß es sich so
-verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der
-Fall sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern
-unterhalb Thordshöfde; ihr wolltet nach Drangö hinüber
-und lagt und wartetet auf guten Wind. Deine
-Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten
-nach einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter
-an jenem Tag, und mein Sohn hatte sich deshalb
-unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war
-müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest
-ihnen, Steine zu werfen, und sagtest, daß solche
-Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten sie dann
-auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen
-und sagten, daß du immer ein wunderlicher Mann
-gewesen wärst. Und hättest du sie nicht daran gehindert,
-so würden sie meinen Sohn getötet haben.«</p>
-
-<p>Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach
-Hause zu ziehen; denn jetzt war helles Wetter. Er
-sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber brachte ihn
-auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung
-und kehrte dann wieder nach Hause zurück.</p>
-
-<p>Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber
-wieder den Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-er weiter nichts als Thordshöfde, das unweit vor ihm
-lag; er wunderte sich sehr darüber, ging nach Hause,
-traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte ihr die
-Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber
-und dankte ihrem Mann für das Geschenk.
-Thords Waren kamen weit herum, um gesehen zu
-werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande
-gesehen, und vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu
-finden, auch wenn man an vielen Orten suchen
-würde.</p>
-
-<p>Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute
-jemals wieder. Aber an den Waren hatte er etwas zu
-zeigen, solange er lebte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Kinderwiege">Die Kinderwiege</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von
-ihrer Mutter, die hellseherisch war, daß sie einmal als
-Kind auf der Wiese gewesen wäre und von da aus
-zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen,
-die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das
-etwas trug. Als sie sich näherten, sah sie, daß es eine
-Wiege war, über die etwas Rotes gebreitet lag. Dann
-nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch,
-bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem
-Zwerg wurde. Dann begannen sie, ihn zu kneten, bis
-er nicht größer als ein Wickelkind war. Darauf legten
-sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch darüber,
-trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem
-dem Hof zu.</p>
-
-<p>Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie
-alles gesehen hatte, diese aber machte eine hastige
-Wendung, lief nach Hause und kam vor den Huldreweibern
-an eine Kinderwiege, die sie draußen auf
-dem Hof hatte stehen lassen. Als die Huldreweiber
-das sahen, nahmen sie ihr das Kind sofort wieder aus
-der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor
-sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im
-Handumdrehen immer größer, bis er war, wie er ursprünglich
-gewesen war; dann folgte er ihnen auf den
-Berg, und dort verschwanden sie alle drei.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Wechselbalg_von_Sogn">Der Wechselbalg von Sogn</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt;
-der eine Halbhofbauer hatte einen Sohn, von
-dem man glaubte, daß er nicht recht gescheit sei; denn
-er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich sonst
-etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und
-aß, wie es den Leuten schien, für zwei. Am ehesten
-glaubte man von diesem Jungen, daß er ein Wechselbalg
-sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis
-man dessen ganz sicher war.</p>
-
-<p>Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah
-es einmal im Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus
-der Badstube gegangen waren, um ihren Beschäftigungen
-nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie
-er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die
-Frau des andern Halbhofbauern im Wochenbett, und
-neben ihr lag das Kind. Als die Leute hinausgegangen
-waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein so
-heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich
-zu fühlen begann und ins Zittern geriet, als sie sein
-unheimliches Benehmen sah. Darauf hörte sie, wie er
-anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu
-strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete
-und sich so hoch reckte, daß er bis an die Decke der
-Badstube reichte. Die hatte aber an der einen Seite
-eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk waren
-kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-neuem, und er lehnte den Kopf oben gegen einen
-Querbalken, so daß er ihn mitten im Schlund hatte,
-wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil seines
-Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem
-Balken lag; er war auch sonst so furchtbar häßlich
-und abscheulich anzusehen, daß die Frau einen Todesschreck
-bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst
-über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm
-in der Badstube wußte; und noch lange nach diesem
-unheimlichen Gesicht war sie sehr furchtsam. Kaum
-aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er
-wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins
-Bett kroch und sich zurechtlegte, ehe die Leute wieder
-hereinkamen.</p>
-
-<p>Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel,
-daß der Junge ein Wechselbalg war.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Seemaennchen">Das Seemännchen</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das
-Seemännchen.« Der Ursprung dazu, so wird erzählt,
-ist der, daß ein Bauer einmal einen Seezwerg fing,
-der sich Seemännchen nannte, und einen großen
-Kopf und lange Hände hatte, von den Lenden abwärts
-aber glich er einem Seehund. Nichts wollte er
-dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser
-wider seinen Willen mit ans Land.</p>
-
-<p>Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an
-die See hinunter und empfing ihn mit Jubel, küßte
-und streichelte ihn. Darüber freute er sich sehr, und
-er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als er
-auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte.
-Das sah das Seemännchen, und da lachte es. Der
-Bauer fragte, worüber es lache. »Über deine Dummheit,«
-erwiderte es.</p>
-
-<p>Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte
-er über einen Erdhöcker und fiel. Er verfluchte
-den Erdhöcker hundertmal, weil er erschaffen worden
-war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen
-hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich
-nur ungern tragen ließ, und sagte: »Der Bauer ist ein
-Tropf!«</p>
-
-<p>Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei
-sich. Ein paar Handelsburschen kamen zu ihm, um
-ihre Waren zu verkaufen. Noch nie hatte der Bauer so<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen
-können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen
-aber glaubten, daß sie die besten hätten. Der Bauer
-konnte zwischen Hunderten von Stiefelpaaren wählen,
-fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten zu
-können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher
-irrt sich, auch wenn er sich für klug hält.«</p>
-
-<p>Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen
-mehr Weisheit von sich geben, als schon
-erzählt worden ist; unter der Bedingung aber, daß es
-wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde,
-wo es aufgefischt worden war, sagte es, wollte es
-sich auf das Ruderblatt des Bauern setzen und alle
-seine Fragen beantworten, sonst aber würde es stumm
-bleiben.</p>
-
-<p>Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer,
-wie das Seemännchen wollte, und als es nun auf dem
-Ruderblatt saß, fragte es der Bauer, was die Fischer
-zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen
-erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem
-Eisen müssen Angelhaken geschmiedet werden, und
-die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen von
-Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß
-im Schaum eines Rosses gehärtet werden, und zur
-Angelschnur muß graues Stierfell und eine Leine aus
-rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß
-das Herz eines Vogels und Flunderfleisch dienen,
-mitten auf den Haken aber muß Menschenfleisch gesteckt
-werden. Wenn du nicht so Fische fangen<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der
-Angelhaken des Fischers muß nach außen gebogen
-sein.«</p>
-
-<p>Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er
-damals gelacht hätte, als er seine Frau lobte, den Hund
-aber schlug. Das Seemännchen erwiderte: »Über
-deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich
-mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht
-dir den Tod und ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker,
-dem du fluchtest, war dein Geldhügel, und
-viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor, Bauer,
-und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen
-Schuhe würden dein Leben lang gehalten haben, denn
-du hast nicht mehr viele Tage zurückzulegen, und
-eigentlich könnten sie dir für die drei Tage genügen.«</p>
-
-<p>Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab,
-und so trennten sie sich. Und es geschah ganz so, wie
-das Seemännchen gesagt hatte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Noeck">Der Nöck</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung
-der Kirche auf Bard in Fljot ausbessern. Eines
-Morgens früh waren alle zur Stelle, außer einem alten
-Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich
-galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und
-die andern fanden, er ließe reichlich lange auf sich
-warten. Um Mittag herum sahen sie ihn jedoch endlich
-kommen, ein graues Pferd hinter sich am Zügel führend.
-Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten
-von den früher Gekommenen empfangen, weil er so
-spät zur Arbeit kam, die ihm genau so gut wie den
-andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und
-fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte,
-daß er mit denjenigen im Trupp gehen mußte, die
-die Torfstücke und Lehmklumpen heranzuschleppen
-hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden
-sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden.</p>
-
-<p>Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen
-die anderen Pferde, biß und schlug sie und riß sich
-von ihnen los, und das Ende vom Liede war, daß
-keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte.
-Die Leute, denen es gehörte, hielten das für einen
-großen Schaden, und sie wurden darüber einig, ihm
-um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das half wenig.
-Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit,
-mit der es seine früheren Bürden getragen hatte, und<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-es hörte mit seinen Unarten nicht eher auf, bis es alle
-übrigen Pferde verjagt hatte und allein zurückblieb.</p>
-
-<p>Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso
-große Bürde auf den Rücken, wie man vorher sämtlichen
-Pferden zusammen zu tragen gegeben hatte,
-und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich
-nun ganz ruhig verhielt. Auf diese Weise brachte er
-alles, was zur Ausbesserung der Umzäunung gebraucht
-wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig war,
-nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit
-auf die Lenden, indem er es losließ. Das gefiel
-dem Grauchen aber nicht besonders; es schlug hinten
-aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück
-der Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt
-worden war; dadurch fiel ein großes Stück der Einfriedigung
-heraus, und wie oft man auch später das
-Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb
-hernach an dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche
-angebracht wurde.</p>
-
-<p>Das letzte aber, was man von dem Treiben des
-Pferdes sah, war, daß es einen Sprung machte, sobald
-es sich frei fühlte, und es hörte nicht auf, bis es in den
-Holtesee untergetaucht war.</p>
-
-<p>Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kort_aus_Moedruvold_und_das_Meerungeheuer">Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem
-Winterfischfang und hatte in dieser Zeit mit mehreren
-Fischern seinen Aufenthalt in einer Seebude
-unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß
-verschlossen, das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen
-ließ.</p>
-
-<p>Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend
-zuvor die Tür von innen zugeschlossen hatten und
-alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte, daß ein
-Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand
-faßte. Es schien ihm dann so, als ob er aufstünde und
-mit ihm unter das Bett kröche, und von dort zerrte
-ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus; das war
-aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn
-das Ungeheuer an den Strand und bis zum Flutmesser
-hinunter, und da merkte er, daß es ihn in die See
-locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf
-wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte,
-und daß er das Ungeheuer unsanft anpackte. Der
-Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den Sieg davontrug
-und es in die See stieß.</p>
-
-<p>In demselben Augenblick erwachte er, und da stand
-er unten am Flutmesser in seinen Unterkleidern, in
-denen er sich abends zur Ruhe gelegt hatte. Sein erster
-Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin gewandelt
-sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-und die Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen
-hatten, so daß er nicht hineinkommen konnte,
-ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie ihm
-aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden,
-daß hier andere Künste als nur das Schlafwandeln mit
-im Spiel gewesen waren, und daß es in Wirklichkeit
-zugegangen war, wie er geträumt hatte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Bischof_Brynjolf">Bischof Brynjolf</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise
-war, schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er
-hatte vier oder fünf Mann im Gefolge. Nachts erwachte
-der Bischof davon, daß eine über die Maßen große
-Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt
-wurde: »Ein Zelt für einen Bauern, einen bäurischen
-Mann!« Der Bischof sah, daß eine Riesin gekommen
-war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr,
-daß sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher
-bezeichnen würde, nehmen und behalten sollte. Da
-ging die Riesin ihres Weges und nahm das Pferd mit.
-Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es
-ein Schaf und stapfte auf den Berg hinauf.</p>
-
-<p>Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben
-Stelle Halt. Als aber seine Leute wach wurden,
-war er aus dem Zelt verschwunden. Sie gingen hinaus,
-um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn
-in einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der
-Riesin sprach, die im vorigen Sommer sein Zelt besucht
-hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und es war, als
-ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der
-Bischof und sie gesprochen hatten, das erfuhren die
-Leute nicht. Er folgte ihnen dann und zog wieder
-heimwärts.</p>
-
-<p>Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die
-Gewohnheit, an jedem Weihnachtsheiligabend einen<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-Hengst draußen vor der Scheune auf Skalholt anbinden
-zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden,
-und man wußte dann, daß ihn sich die
-Riesin zum Festtagsschmaus geholt hatte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Troll_im_Felsen">Der Troll im Felsen</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die
-Tochter des Pfarrers; man suchte sie lange überall,
-aber nirgends war sie zu finden. Aus dem Fjord erhebt
-sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird.
-Die Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst
-ihr Vieh dort auf der Weide zu haben und es nach
-Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr blieb das
-beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde
-nie vermißt.</p>
-
-<p>Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters
-ihren üblichen Landungsplatz nicht erreichen; eins
-von ihnen steuerte unter einen Felsen in den Skrudur
-hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land,
-setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen
-Felsenabsatz und begannen, das Marienlied zu singen.
-Da öffnete sich der Felsen, und eine ungewöhnlich
-große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger
-und einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk
-kam zum Vorschein und reichte ihnen eine
-große Schüssel voll Grütze, mit so vielen Löffeln drin,
-als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt
-wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen,
-jetzt macht es mir kein Vergnügen.« Als die Fischer
-durch die warme Grütze satt und neubelebt waren,
-verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein.
-Am nächsten Tag kamen sie ans Land.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe
-mit einem anderen Fischerboot. Die Fischer saßen auf
-dem Felsenabsatz und sangen das Andrelied ganz leise
-bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen
-heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches,
-und sie hörten, daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir
-Vergnügen, jetzt macht es nicht meiner Frau Vergnügen.«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>
-Satt kehrten sie zurück ans Land, als das
-Wetter sich beruhigt hatte.</p>
-
-<p>Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund
-auf dem Ostland umherzog und Seen und Brunnen
-weihte, und die Schlange im Wasserfall unter dem
-Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn
-der Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich
-habe viel Gut, und es wird mir schwer, es mitzunehmen,
-und das will ich dir sagen, daß du weitere Reisen nicht
-machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um mir
-Schaden zuzufügen.«</p>
-
-<p>Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den
-Felsen zu weihen.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand
-sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während
-er sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll
-war, wie er selbst.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Riesin">Die Riesin</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld
-eine Riesin mit Namen Kraaka; sie wohnte in
-einer Höhle, von der heute noch Spuren vorhanden
-sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei
-Blaahvam liegt, daß es für Menschen unmöglich ist,
-hinaufzukommen. Kraaka tat sehr viel Böses; häufig
-überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie schädigte
-diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute
-tötete.</p>
-
-<p>Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in
-der Einsamkeit zu leben; und so geschah es nicht
-selten, daß sie sich Männer unten aus den bewohnten
-Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige
-hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder
-nahmen sich das Leben.</p>
-
-<p>Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem,
-mit Namen Jon, ergattert; sie nahm ihn mit
-in ihre Höhle und wollte ihn nun recht pflegen. Er
-aber fand wenig Geschmack daran und wollte von
-alledem, was sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie
-versuchte alle erdenklichen Künste, um ihm das vorzusetzen,
-was am meisten nach seinem Geschmack
-war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt
-verlauten, daß er seinen Appetit wiedererlangen
-würde, wenn er eine Mahlzeit von einem zwölfjährigen
-Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span>
-ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an
-keinem anderen Ort aufzutreiben sei als auf Siglunäs,
-und obgleich dieser Ort weit von Blaahvam entfernt
-lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb
-zu erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann
-zurück; als sie aber ein kleines Stück Weges zurückgelegt
-hatte, fiel ihr ein, daß es doch sicherer wäre
-nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten
-worden wäre und er entsprungen sei, sobald
-sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Sie lief deshalb
-zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß ruhig
-darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal
-ein Stück weiter auf dem Wege; da befiel sie wieder
-dieselbe Angst, daß ihr der Mann untreu geworden
-sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in
-ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal,
-der Mann saß ganz ruhig da. Nun zog sie im Ernst
-fort und glaubte, daß sie keine Angst mehr wegen
-des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden
-Weg nach Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer
-über den Oefjord ging, und es wird von ihrer Wanderung
-weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang,
-das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg
-zurückzog, den sie gekommen war.</p>
-
-<p>Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich
-den ganzen Weg hinter sich hätte, als er sich aus der
-Höhle schlich und davonlief. Kurz nachdem er die
-Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah
-bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-größter Eile zu verfolgen, und als der Hirt nur noch
-ein kurzes Stück Weges bis Baldershjem zurückzulegen
-hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter sich;
-da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka
-wäre, die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war,
-daß er ihre Stimme hören konnte, rief sie: »Hier ist
-das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt, ja beinahe
-dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht,
-und als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in
-seiner Schmiede und arbeitete. Da lief er denn hinein
-und trat in demselben Augenblick hinter den Bauern,
-als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das
-glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen
-und drohte, es ihr in den Leib zu stoßen, wenn sie
-nicht umkehre, nachdem sie versprochen habe, ihn
-oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte
-Kraaka keine andere Wahl als wieder umzukehren,
-und das tat sie. Nach diesem Tage aber hörte man
-nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu
-nahe trat.</p>
-
-<p>Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten
-aus Grönnewand und schleppte ihn mit in ihre
-Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser Hirt nichts
-von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten
-hatte, und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich
-sagte er, daß er wohl junges Bockfleisch essen würde,
-damals aber gab es nirgends Böcke, außer auf der
-Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich
-es ein weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
-zu holen, wollte Kraaka doch versuchen, sich das
-Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber fortzog, nahm
-sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor
-die Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie
-keinesfalls verlieren, so wie sie den früheren verloren
-hatte. Sie ging nun fürbaß, und als sie an den Jökelbach
-zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen
-zwei hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese
-Stelle heute noch »Der Hexensprung«. Über ihre
-Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie nach
-der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei
-Böcke, band sie mit den Hörnern zusammen und warf
-sie über die Schulter. Dann kehrte sie denselben Weg
-zurück und sprang an derselben Stelle wie das erstemal
-über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach
-gekommen war, war sie von der Wanderung sehr müde
-geworden und wollte sich ein bißchen verschnaufen.
-Sie machte die Böcke los und setzte sie zum Weiden
-in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als
-sie sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die
-Böcke und setzte ihre Wanderung fort.</p>
-
-<p>Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende
-von Künsten versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen,
-nirgends aber fand er ein Loch oder eine
-Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich
-fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka
-gehörte. Er nahm das Schwert und durchhieb damit
-den Stein, mit dem die Tür versperrt war, so daß er
-schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war,
-lief er, was das Zeug hielt, seines Weges und eilte den
-bewohnten Gegenden zu. Und man hat nie etwas anderes
-gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte.</p>
-
-<p>Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl
-eingeladen und wollte nun alles aufs beste
-herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie, wenn sie
-ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte;
-am Heiligabend ging sie also fort nach den
-bewohnten Gegenden; als sie aber an die obersten
-Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer,
-da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen
-waren; denn damals war es Sitte und Brauch, in jeder
-heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten. Alle Leute
-waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich
-der Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank
-in einer Ecke sitzen. Sie streckte den Arm nach ihm
-aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber stieß
-aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie
-um Hilfe. Diese erhielt er augenblicklich, und das
-Ende vom Liede war, daß sich die ganze Gemeinde
-gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen
-zu entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer
-gelockert war und sich nach außen bog. Dann
-wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde und wünschte,
-daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte.
-Dieser böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen
-zu sein; denn seitdem ist die südliche Kirchenmauer
-auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span></p>
-
-<p>Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und
-anderer Possen, die die Bewohner in dem obersten
-Teil des Ortes Mygsö ihr spielten, ihnen versprach,
-daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen
-würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des
-Ortes, wo die Bauern ihre Sommerweideplätze hatten,
-lag damals ein großer Binnensee. Dorthin begab sich
-Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel
-Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte,
-so daß es eine unbändig große Fuhre wurde.
-Diese Fuhre zog sie hinter sich her, vom Wasser bis
-zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis
-nach dem Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen
-Auslauf aus dem Mygsee hat. Da, wo sie die Fuhre
-entlangzog, entstand eine große Vertiefung; in diese
-leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß
-dieser Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange
-der Ort Mygsö bewohnt würde; und daß er den
-Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder überschwemmen
-solle; und daß zum Eindämmen des Wassers
-nur dieselben Dinge verwendet werden dürften,
-aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt wäre, und daß
-der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft
-zerstören solle.</p>
-
-<p>Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben
-Stelle fließt, ist nach Kraaka benannt worden und
-heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern großen
-Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe
-vorüber, die zu oberst im Ort liegen, und beschädigt<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span>
-sie dadurch, daß er alljährlich Land fortspült und
-Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig
-Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand
-und Lehm auf die Wiesen hinauf. Mehrere Höfe
-stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt werden zu
-müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt,
-und immer werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke
-verwendet, dieselben Dinge, aus denen Kraaka ihre
-Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt schon
-ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum,
-daß man kaum so viel davon aufbringen kann, als
-benötigt wird, um den Kraakabach einzudämmen.
-Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar
-geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der
-alten Kraaka bald in Erfüllung gehen werden.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Gilitrutt">Gilitrutt</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein
-junger Bauer. Er war ein fleißiger und strebsamer
-Mann. Gute Weideplätze lagen um sein Haus herum,
-und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung
-hatte er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung,
-aber untauglich und faul. Nichts mochte sie tun, und
-sie kümmerte sich nur wenig um die Wirtschaft. Dem
-Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran
-ändern.</p>
-
-<p>Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat
-sie, während des Winters Stoff daraus zu weben, die
-Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche Antwort
-darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die
-Wolle anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran
-erinnerte.</p>
-
-<p>Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes
-Weib zu der Frau und bat um eine kleine Gabe.
-»Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?«
-fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte
-das Weib, »was aber sollte das wohl sein? Wolle
-zu Stoff weben,« sagte die Frau. »Gib sie her,« sagte
-die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen
-Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den
-Sack, warf ihn sich auf den Rücken und sagte: »Das
-Zeug werde ich dir am ersten Sommertag bringen.«
-»Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?«<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-fragte die Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du
-sollst mir meinen Namen beim drittenmal Raten nennen,
-dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau zu
-tun, und die Alte ging ihres Weges.</p>
-
-<p>Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine
-Frau häufig, was denn aus der Wolle geworden wäre.
-Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er würde es
-aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach
-dann nicht weiter davon, und man gelangte in die
-letzten Winterwochen hinein. Da begann die Frau,
-über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber
-nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können.
-Darüber wurde sie traurig und schwermütig. Der
-Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr vorgegangen
-war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte
-ihm alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie
-übel gehandelt habe; denn das wäre gewiß eine Hexe,
-die vor hätte, sie zu holen.</p>
-
-<p>Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte,
-stieß er auf einen großen Kieshügel. Er war
-gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und wußte kaum,
-was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge
-unten in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach
-und kam an eine Spalte und sah dort, daß da unten
-ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie
-hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne
-Unterlaß darauf. Sie summte vor sich hin: »Hi, hi
-und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie ich heiße;
-hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis
-ins Unendliche fort und schlug eifrig auf das Zeug.
-Der Bauer war froh, denn er dachte, daß das die Alte
-sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte.
-Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt«
-auf einen Zettel. Seine Frau aber ließ er nichts davon
-wissen, und so kam der letzte Wintertag. Die Hausfrau
-war sehr kummervoll und zog sich den Tag über
-nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob
-sie den Namen ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber
-antwortete: »Nein,« und sagte, daß sie sich nun zu
-Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das
-nicht brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen
-und erzählte ihr, wie alles zugegangen war. Sie nahm
-den Zettel, zitterte aber vor Furcht; denn sie hatte
-Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte.
-Sie bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte
-käme, er aber sagte: »Nein, da du ihr allein die Wolle
-gegeben hast, so ist es auch am besten, daß du allein
-ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie.</p>
-
-<p>Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in
-ihrem Bett, sonst aber war kein Mensch auf dem Hof.
-Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende Schritte
-unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht
-gerade sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen
-Wollstoff auf den Fußboden und sagte: »Wie heiße
-ich also, wie heiße ich also?« Die Frau, die vor Angst
-mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße
-ich <span id="corr075a">nicht</span>, so heiße ich <span id="corr075b">nicht</span>, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-die Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich <span id="corr076a">nicht</span>,«
-sagte die Alte, »so heiße ich <span id="corr076b">nicht</span>, rate noch einmal, Hausfrau!«</p>
-
-<p>»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die
-Frau. Als die Alte das hörte, erschrak sie so sehr, daß
-sie der Länge nach zu Boden fiel und ein furchtbares
-Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging
-fort und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute
-sich nun über alle Maßen, von diesem Ungeheuer so
-billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde nun
-ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich
-und wirkte später ihre Wolle immer selbst.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Bauer_von_Gnupar">Der Bauer von Gnupar</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal,
-daß eine Frau zu ihm käme und sich darüber
-beklagte, daß seine Kinder Steine in einen Binnensee
-in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten,
-von denen sie leben müßte. Der Bauer
-aber kümmerte sich nicht um ihre Klagen und fand,
-es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren
-Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort,
-Steine in das Wasser zu werfen, wie sie es früher getan
-hatten. Da kam dasselbe Weib zum zweitenmal
-zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer
-Rache.</p>
-
-<p>Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß
-sämtliche Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden.
-Der Bauer stürzte hinaus, um zu sehen, wer ihm
-diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand,
-auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren
-von Menschen, noch von Tieren.</p>
-
-<p>Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch
-stand, gleichsam von einer menschlichen Hand ausgelöscht,
-ohne daß ein Mensch zu sehen war. Ein
-Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht
-wieder anzuzünden, sie konnte aber das Feuer am
-Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal versuchte
-sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr
-das Licht sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-der Bauer selbst hinaus, und ihm gelang es nach
-vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen.</p>
-
-<p>Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und
-dicke Schuhe von einer unsichtbaren Hand an den
-Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die Schuhe
-nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren,
-zurück; da aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit
-wieder ins Gesicht geschleudert.</p>
-
-<p>Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen
-so unheimlich zumute, daß der Bauer mit
-allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog, der
-von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Guldbraa_und_Skegge">Guldbraa und Skegge</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger,
-liegt in einem nicht sehr breiten Tal. Ein Bach
-fließt durch das Tal, und gerade gegenüber Hvam,
-jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt;
-andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher
-bewohnt gewesen, auch wenn es so aussieht, als gehöre
-er eigentlich zum Besitztum von Hvam; denn
-schon in der Sturlungersage wird von Akur an der
-Stelle berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und
-sagt, es schiene ihm, als wäre er am Abhang »gegenüber
-Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur gewohnt
-haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt
-worden, und über sie ist folgende Erzählung im Westlande
-allgemein bekannt.</p>
-
-<p>Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am
-Hvamsfjord in Besitz und wohnte später auf Hvam.
-Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem Reichtum
-umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches
-graste das Vieh, die Felder aber lagen gegen Westen
-im Tal und reichten bis zum Abhang hinauf. Diese
-Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein
-Stück der Erde brach liegen, wenngleich dies genau
-so fruchtbar wie der übrige Boden zu sein schien, und
-mit Strenge verbot sie ihren Knechten, je den ganzen
-südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort
-weiden zu lassen, und wenn das einmal geschah, so<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span>
-durfte das Vieh beim nächsten Melken nicht benutzt
-werden.</p>
-
-<p>Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt
-geworden war, daß einmal ein wunderschönes, junges
-Weib nach Hvam kam. Sie nannte sich Guldbraa, niemand
-aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem
-Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst
-an, sondern nur ihren Hausmeister. Sie fragte ihn,
-weshalb die Felder südwärts des Baches nicht bebauet
-wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten
-hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte
-dieses Land kaufen. »Ich will lieber den kleinsten
-Hügel davon haben als den ganzen Boden von Hvam;
-denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das
-Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von
-allen hasse; gib mir deshalb sofort das Kaufrecht für
-das Land, ohne erst Audur zu fragen,« sagte sie und
-reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war; da
-ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment
-über den Hof außerdem aus der Hand gegeben
-hatte, nahm er das Gold und gab ihr das Kaufrecht.</p>
-
-<p>Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte
-ihren Hausmeister; sie sagte, daß er keinen Segen
-durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte ihr,
-daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer
-Gast sei; nun aber waren ihre Ahnungen von dem
-Lande südwärts des Baches in Erfüllung gegangen.
-»Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,«
-sagte sie, »so daß das nichts schaden wird.« Da<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-kam der Hausmeister mit dem Beutel nach Hause und
-wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen. Er
-band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel
-Schlangen unter furchtbarem Gestank aus dem Beutel,
-und er verlor den Verstand und starb kurz darauf.
-Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens
-gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den
-Guldbraa gekauft hatte, und seitdem heißt dieser Ort
-die Schlangenschlucht.</p>
-
-<p>Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle
-Felder südwärts des Baches, unten vom See hinauf
-bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ sie brachlegen;
-sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen,
-weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt
-wurde, und sie sagte, daß Guldbraas Zauberkünste
-keine Macht über diese Kreuze haben würde, solange
-sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze
-anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe
-kommen zu lassen. Sie baute einen großen Hof auf
-ihrem Stück Land; da errichtete sie ein Opferhaus
-und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei
-aus. Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste,
-wenn sie während derselben die Augen nach Hvam
-wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem
-Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen
-hellen Schein sie nicht vertragen könnte; davon werde
-sie zerstreut und mache Fehler in ihrer Wissenschaft.
-Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs Kreuzen
-am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
-diese ihr so gefährlich werden würden wie das Licht
-vom Heimacker. Nie begegneten sich Audur und
-Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde
-über den Bach hinweg besuchte, und nie kam
-ihr Vieh zusammen. Audur war Christin, hatte aber
-keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete ihre Gebete
-auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man
-das Opferhaus auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb,
-bestimmte Audur, daß sie nicht in ungeweihter Erde
-liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor den Gewalttätigkeiten
-der Heiden fürchte und bat darum,
-neben dem Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt
-der Ort, an dem sie liegt, der Audurstein, und er ist
-noch heutigen Tages ein Strandzeichen im Hvamsfjord;
-da sagt man nämlich bei starker Strömung, die
-See sei entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn
-sie sich am Audurstein bricht.</p>
-
-<p>Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem
-Tode Audurs; denn obgleich ihre Macht dadurch zunahm,
-daß das Heidentum allgemein wurde und die
-Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen
-auf Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie
-doch keine Ruhe finden, da Audurs Grab am Flutmesser
-unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre
-Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden.
-Da war sie schlimm daran, und darum überließ
-sie den Hvamsleuten das Akurland, nahm aber selbst
-den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr
-finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
-größten Teil des Winters aber kommt die Sonne an
-der Südseite des Tales überhaupt nicht zum Vorschein.
-Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich
-im Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war,
-und diese Stelle wird von jener Zeit an Guldbraas
-Hügel genannt.</p>
-
-<p>Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs
-vorbei in das Tal hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer
-Zauberei gestärkt hatte. Sie ging zu ihrem Opferhaus,
-und dort verweilte sie lange, unter seltsamem Gebahren;
-als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden.
-Eine Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus
-dem Opferhaus mit, und an ihrem Deckel ließ sie einen
-großen Ring anbringen, der in der Tür des Opferhauses
-befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd
-und ritt mit der Truhe vor sich davon, indem sie den
-Ring festhielt, während ihr Hofknecht das Pferd am
-Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je nach den
-Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige,
-der ihr Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte,
-unversehens den Abhang hinaufblickte, blieb er ein
-Weilchen stehen, und da es schwer war, durch die Kluft
-zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb,
-stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter,
-während Guldbraa nur den Ring in der Hand behielt.
-Darüber erschrak sie so, daß sie die Binde von den
-Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden
-war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade
-in die Augen. Da schrie sie laut auf und sagte,<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
-daß sie ein unerträgliches Licht blende; sie gebot
-ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit
-aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie
-zurückbehalten hatte, schleuderte sie weit von sich
-und sagte, daß sie es lange bereuen würde, ihn mitgenommen
-zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,«
-sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist,
-die meinen Gedanken am meisten zuwider sind.«</p>
-
-<p>Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie
-ein kleines Stück Weges von der Kluft fortgeritten
-war, bekam sie so heftige Augenschmerzen, daß sie,
-als sie Guldbraas Hügel erreichte, das Augenlicht verloren
-hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit,
-blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in
-eine schwere Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte
-zu sich und befahl ihnen, sie an eine Schlucht
-zu bringen, in die sie sich hineingleiten lassen
-wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne
-nie zu sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören
-wäre. In diese Schlucht aber stürzt gegen Nord ein
-Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine Höhle.
-Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall
-lärmt und braust dort unten.</p>
-
-<p>Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich
-auf das Gold. Als sie in dem Wasserfall ein Spukgeist
-geworden war, vernichtete sie einen Hof auf Guldbraas
-Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder
-Menschen, noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel
-oder auf dem Abhang behalten, und die Schafhirten<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber alles
-Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in
-Hvam gebaut worden war. Jetzt wird der Ort, an den
-Guldbraa sich hinbringen ließ, Guldbraas Schlucht
-und Guldbraas Fall genannt.</p>
-
-<p>Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet
-sich noch an der Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer
-Bronzering, dessen Handgriff stark abgenutzt ist;
-unter der Kramme befindet sich eine uralte Kupferplatte,
-auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in
-Waffenkleidung mit dem Helm auf dem Kopf und
-dem Schwert an der Seite und mit kurzem Panzer bekleidet
-zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen
-Speer in die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.</p>
-
-<p>Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren
-Orten erzählt, daß der Priester Thangbrand, als
-er in den Westfjorden umherzog, auch nach Hvam
-kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren.
-Die Hausfrau kam nicht heraus, sondern blieb drin
-und opferte, während ihr Sohn Skegge unterdessen
-Thangbrand und seine Männer verhöhnte.</p>
-
-<p>Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in
-Hvam gewohnt und den heidnischen Glauben sehr
-gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und ein
-Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter.
-Aber trotzdem war er kein so großer Zauberer, daß
-er Guldbraas Spuken bewältigen konnte. Oft tötete
-sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach Guldbraas
-Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-weniger, als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas
-Truhe aus dem Wasserfall heraufzuholen. Er sagte,
-was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm als bei
-ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.</p>
-
-<p>Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet
-hinaus, um im Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der
-Weg durch das Tal war weit, und es begann zu dunkeln,
-ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte,
-die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge
-glitt in den Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis
-die Knechte ein starkes Gepolter, Donnern und anderen
-Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn ein schwerer
-Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde
-ihnen todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß
-sie fortgelaufen wären; da aber gab ihnen Skegge ein
-Zeichen, daß sie die Stricke hochziehen sollten. Das
-taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an den hervorspringenden
-Rand der Schlucht gekommen war,
-sahen sie sich unwillkürlich um, und es schien ihnen,
-als stände das ganze Tal bis nach Hvam hinunter in
-hellen Flammen, so daß die Flammen sich von Fels
-zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie
-von den Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück
-in den Fall. Als sie von dem Hügel herabgestiegen
-waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, trotzdem
-aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus
-erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet;
-denn er war blau und blutig. Er trug einen
-großen, mit Gold gefüllten Kessel auf dem Arm; den<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
-hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und
-er hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen.
-Der Kampf zwischen Guldbraa und
-Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas
-Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht;
-denn nie war es so schlimm gewesen wie nach
-dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen Hirten nach dem
-andern, und schließlich konnte er niemanden mehr
-als Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden,
-starben.</p>
-
-<p>Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht
-nicht mehr der Alte; sowohl die Folgen des Kampfes,
-wie der Tod seiner Hirten packten ihn so schwer, daß
-er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit gekommen
-war, daß sich niemand mehr bewegen ließ,
-das Vieh zu hüten, stand Skegge eines Tages auf und
-ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht vergingen,
-ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten
-Tage kam er nach Hause, mehr tot als lebendig; denn
-niemand hatte gewagt, nach ihm zu sehen. Da trug er
-Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr
-Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß
-er selbst ihr aber wohl folgen müsse. Er ging darauf
-wieder zu Bett und stand nicht mehr auf. Er wünschte
-vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war,
-zum Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden
-möge, so daß eine Kirche in Hvam erbaut werden
-könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal in den
-Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-hätte, seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben
-habe; der habe ihn jedoch getäuscht; das letztemal
-aber hätte er, als er sich in noch größerer Gefahr befand,
-das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um
-eine Kirche in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas
-Krallen errettet würde. Da aber hätte eine starke
-Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das
-Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht
-zu Stein geworden. Und heute noch ist der Geist in
-Guldbraas Fall zu sehen.</p>
-
-<p>Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren
-oder sich neben der Kirche zu Hvam begraben lassen;
-dagegen gebot er, daß man ihn in einen Hügel auf
-der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das
-wurde getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter
-den Kopf gelegt. Dort steht noch jetzt ein großer
-Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach dem
-er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas
-Hügel liegt gegen Süden in diesem Tal.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Jon_und_die_Riesin">Jon und die Riesin</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr
-jeden Herbst und Winter nach den Westmändsinseln
-zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der zur Zeit dieser
-Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und
-war ein hoffnungsvoller Jüngling.</p>
-
-<p>Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt
-nach den Inseln. Sie zogen den geraden Weg, und es
-wird nichts von ihrer Fahrt oder von der Ausbeute
-ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der
-Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen;
-denn nun war er selbst alt geworden und traute sich
-nicht mehr Kraft genug zu, um hinauszurudern. Ehe
-aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor allen
-Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten,
-die an dem Bergabhang lagen, und an denen entlang
-der Weg führte. Er legte ihm das so ernstlich ans Herz,
-daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen, was
-auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre.</p>
-
-<p>Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem
-Reitpferd fort. Die Pferde wollte er während des Winters
-zum Durchfüttern auf den Landinseln einstellen,
-wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird
-weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging.
-Er kam an den Bergabhang, wie er sollte, und zog
-eine Zeitlang an ihm entlang. Der Tag war größtenteils
-schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten
-hatte. Aber als er in die Nähe der Felsen gekommen
-war, von denen ihm sein Vater erzählt hatte, überfiel
-ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Regen.
-Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen
-so schönen Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen
-konnte, auf einer Anhöhe unter den Felsen. Da war
-reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er begann
-zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm
-hier, und er konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes
-dabei sein könnte, an dieser Stelle auszuruhen,
-und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich
-zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab
-und band ihnen die Vorderfüße zusammen. In kurzer
-Entfernung sah er den Eingang zu einer Höhle oben
-in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie
-an die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs,
-machte es sich darauf zwischen seinem Gepäck behaglich
-und begann zu essen.</p>
-
-<p>Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten
-Zuge mit seiner Mahlzeit war, hörte er mehrfaches
-Geheul aus der inneren Höhle. Er erschrak etwas darüber,
-ermannte sich aber bald wieder. Er suchte einen
-riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm
-die Haut herunter, so daß sie unbeschädigt blieb,
-strich dick Butter über den ganzen Fisch und breitete
-die Haut wieder darüber. Als er damit fertig war,
-schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die
-Höhle hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
-wären, sich vor dem in acht nehmen sollten, was
-er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu hätten, so
-könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das
-Geheul aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch
-zu zerreißen.</p>
-
-<p>Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich
-zur Ruhe nieder und wollte nun schlafen. Da hörte
-er, wie es im Kies außerhalb der Höhle raschelte, und
-daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang
-zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin
-war, und es schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt
-im Dunkel. Jon wurde bei diesem Anblick ungemütlich
-zumute. Als aber die Riesin durch die Tür der
-Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in
-meiner Höhle.« Darauf ging sie mit langen Schritten
-in die Höhle hinein und warf ihre Last auf den Boden.
-Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte. Da
-hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen
-begann. Er hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan
-als ungetan, und es wäre schlimm, wenn es unbelohnt
-bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit einer Kerze
-näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte
-ihm im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in
-die Höhle. Er nahm die Einladung an; die Alte aber
-steckte ihre beiden kleinen Finger in die Ösen der
-Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden
-war, und trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach
-hinten gekommen waren, sah Jon zwei Betten; in dem
-einen lagen zwei Kinder; das waren die Kinder der<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
-Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und
-die den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber
-lag ein Haufen Forellen, die die Alte abends geangelt
-und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, und
-davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt
-hatte. Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte,
-in ihrem Bett oder in dem der Kinder. Er zog es vor,
-in dem Bett der Kinder zu schlafen. Die Riesin bereitete
-dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden,
-bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle.
-Jon legte sich schlafen, wachte aber davon wieder
-auf, daß die Alte ihm ein Gericht gekochter Forellen
-brachte. Er dankte ihr dafür, und während er
-aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war
-ungemein munter. Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht
-hätte. Das erzählte er ihr. Da fragte sie ihn, ob
-er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand gefunden
-hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm
-die Alte, daß alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt
-seien, so daß keiner mehr jemanden annehmen
-könnte, und daß er keine Wohnung finden würde,
-außer bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine
-Gräte aus dem Wasser angele, und nur ein fast unbrauchbares
-Boot besäße, dessen Mannschaft aus untauglichen
-Burschen bestände, weil er kein ordentliches
-Stück Mannsleute mehr bekommen könnte.
-»Ich rate dir,« sagte sie, »dir einen Platz in dem Boot
-dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar sträuben,
-dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-er darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen,
-wie ich müßte, für das, was du an meinen Kindern
-getan hast,« fuhr die Riesin fort, »aber hier habe
-ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den
-einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben.
-Immer sollt ihr beide allein beim Angeln sein; die
-Haken werden sich, wie ich hoffe, als fischtauglich
-erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen hinausrudern
-und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten
-abends nach Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern
-als bis an den Felsen, der gerade vor dem Landungsplatz
-steht. Wenn du nun nach Landösand
-kommst, wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden.
-Versuche, mit ihnen nach den Inseln zu kommen, und
-binde deine Pferde am Strand zusammen, bitte aber
-niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter
-nicht um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie
-sorgen. Und wenn das Unwahrscheinliche geschehen
-würde, daß du im Winter Glück beim Fischen haben
-solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden
-ein Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir
-ein paar Fische zu holen; denn ich bin, wie ich dir
-verraten will, ein großes Leckermaul nach Dörrfisch.«
-Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen
-ihrem Rat zu folgen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon
-von der Höhle auf und trennte sich in Freundschaft
-von der Riesin. Über seine Reise wird nichts gemeldet,
-bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit.
-Jon schirrte eiligst die Pferde ab und band sie am
-Strand zusammen, ohne jemand zu bitten, für sie zu
-sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon
-und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein
-würden, wenn die Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte
-sich aber nicht um ihren Spott und tat, als
-wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln
-hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen
-Bootplatz, konnte aber nirgends einen finden, denn
-jeder hatte so viel Leute bekommen, wie er Platz
-hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den
-die Alte ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen.
-Der Alte aber wollte sich darauf nicht
-einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann
-keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die
-kleinste Gräte aus dem Wasser,« sagte der Alte,
-»und habe nur untaugliche, junge Burschen, die mein
-elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem
-und ruhigstem Wetter hinausrudern, und es ist nicht
-verlockend für einen flinken Mann, sich an meine
-Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein
-eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so
-lange bei dem Alten, bis er ihn schließlich annahm,
-und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber fanden nicht,
-daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden
-und verhöhnten ihn sehr.</p>
-
-<p>Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten
-Jon und der Alte davon, daß alle Fischer auf den Inseln<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span>
-bei schönstem, windstillstem Wetter hinausruderten.
-Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch
-versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern.
-Ich glaube nicht, daß viel dabei herauskommt.«
-Jon fand, daß keine Gefahr dabei wäre, es zu versuchen.
-Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen
-vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der
-eigentlichen Landungsstelle waren, schien es Jon, als
-ob er den Felsen erkenne, von dem die Riesin gesprochen
-hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht
-klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt
-und sagte, daß das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm
-spaßeshalber zu erlauben, nur einmal seine Schnur an
-dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte zu. Kaum
-aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen
-Fisch heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern
-Angelhaken, das Geschenk der Riesin. In Kürze kann
-nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage dreimal
-an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden
-von ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da
-ruderten sie ans Land, lange bevor die andern kamen,
-– und dann waren sie bald damit fertig, die Fische
-zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt,
-wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten
-ihn, wo es so viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie
-es war. Tags darauf ruderten die Inselbewohner früh
-hinaus, angelten am Felsen, merkten aber nichts von
-Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten,
-dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span>
-ihnen genau wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele
-Worte darüber nötig, daß Jon und der Alte den ganzen
-Winter nach dem Felsen hinausruderten, und daß jeder
-zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren
-die beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten
-Tag ruderten sie zum letztenmal hinaus, und
-da geschah es, als sie einmal die Leinen aufzogen, daß
-beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit
-sie bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten
-sich aber weiter keine Gedanken über diese Sache,
-sondern steuerten nach dem Land.</p>
-
-<p>Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach
-dem Festlande zog und auf demselben Boot übergesetzt
-wurde, mit dem er im Herbst hinausgefahren war.
-Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie
-gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß
-seine gedörrten Fische nach dem Nordland tragen können,
-meinten sie. Als sie sich aber dem Land näherten,
-sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander gebunden
-stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren
-die meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher
-ansehen; sie waren aber nicht wenig überrascht, sie
-so feist zu finden, als wären sie den ganzen Winter
-über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden
-stand noch ein Pferd da mit einem Saumsattel,
-braun von Farbe und schwer gebaut. Jons Genossen
-bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn
-für einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt
-hatte und seine Pferde in so gutem Stande<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-waren, ohne daß jemand, so viel man wußte, für sie
-gesorgt hatte.</p>
-
-<p>Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und
-lud ebenso viele auf das braune allein, wie auf seine
-beiden. Darauf ritt er allein nach Norden.</p>
-
-<p>Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis
-er an die Höhle der Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich,
-und er blieb ein paar Tage bei ihr. Er gab ihr
-alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie plauderten
-über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm,
-daß ihre Kinder im Winter gestorben wären, und daß
-sie sie unter dem Felsen neben ihrem Mann begraben
-hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es gewesen sei,
-die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen
-hätte, als sie das letztemal ruderten, und daß sie
-gleichzeitig die Pferde an den Strand gebracht habe.
-Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause gehört hätte,
-er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm
-berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben
-sei, und da er das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt
-die Wirtschaft übernehmen. Er würde nun nach dem
-Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen
-und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich
-sagte sie, daß sie eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte,
-was für eine Bitte das sei. Die Riesin sagte: »Ich habe
-nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will dich bitten
-herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich
-will dich bitten, mich neben meinem Mann und meinen
-Kindern zu begraben.« Dann zeigte sie ihm die Stelle,<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-wo diese begraben waren. Sodann machte sie eine
-Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit
-Gold und allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren.
-Diese Truhen, sagte sie, sollte er von ihr erben, und
-das braune Pferd ebenfalls. Sie würde die Truhen schon
-zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und
-etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern
-und dann die Ösen über die Traghölzer
-am Saumsattel zu spannen brauche. Sie würde
-dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er
-würde die Truhen mit Leichtigkeit tragen können,
-ohne daß er selbst nötig hätte, irgend etwas daran zu
-ändern, bis er nach dem Nordland käme. Dann trennten
-sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander.
-Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt,
-als daß alles gut ging, bis er nach dem Nordland kam.
-Dort fand er alles, wie es die Riesin gesagt hatte, und
-alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm die
-Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft
-an, und früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter
-aus dieser Gegend. Nun ging es auf die Zeit,
-in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne daß
-etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts
-von der Riesin. Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und
-stand aus dem Bett auf. Es war dunkle Nacht; draußen
-stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht, seine
-beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte
-sofort, und Jon machte sich eiligst zu dem Ritt bereit.
-Seine Frau fragte ihm, weshalb er so plötzlich mitten<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle. Er
-wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch,
-seinetwegen nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein
-paar Tage fortbleiben würde. Dann zog er fort und
-ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles ging
-gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen
-und konnte nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen.
-Er blieb bei ihr, bis sie ihre Seele ausgehaucht hatte
-und begrub sie dann an der Stelle, die sie selbst gewählt
-hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das
-mit dem Saumsattel dastand.</p>
-
-<p>Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran.
-Jon steuerte das Pferd zwischen sie, legte die Stricke
-über die Sattelhölzer und zog dann mit allem fort.
-Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon
-blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher
-Mann. Er wohnte lange und zufrieden auf dem Hof,
-den er von seinem Vater geerbt hatte, hatte Erfolg in
-allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten.</p>
-
-<p>Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ketil_von_Silfrunarstad">Ketil von Silfrunarstad</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad
-im Skagefjord ein Bauer, dessen Name nicht bekannt
-ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe; es war
-aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur
-Schafzucht eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf
-dem Berg an der Bessehütte grasen, manchmal jedoch
-auch weiter entfernt, und es verging eine lange Zeit,
-ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er
-wohnte jahrelang ganz ruhig dort.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß
-die Herde des Bauern auf dem Nachhauseweg am
-Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß sie jeden
-Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst
-beim Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher
-ließ er Auslug nach ihnen halten, und eine ganze
-Weile später, als er annahm, daß sie jetzt nach Hause
-gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die
-Schafe waren aber nicht gekommen, sondern immer
-noch auf demselben Fleck zu sehen. Da sandte der
-Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben
-sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die
-Nacht verging, ohne daß er nach Hause kam. Der
-Bauer mußte deshalb jemand anders die Aufsicht
-über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach
-dem Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu
-Anfang hatte man allerlei Vermutungen über sein<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute allmählich
-weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall
-zu sein pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist.</p>
-
-<p>Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest.
-Am Heiligabend aber, als das Vieh auf
-dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei sollte, blieb
-es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise
-wie im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert
-darüber und machte sich allerhand Gedanken über
-das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über
-all dies begann von neuem, und man fand, es ginge
-nicht mit rechten Dingen zu; nur wenige wollten die
-Schafe des Bauern hüten, und es fiel ihm sehr schwer,
-Leute für seinen Dienst zu finden.</p>
-
-<p>Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen
-Dienst, der Ketil hieß; er war achtzehn Jahre alt und
-hatte Kraft und Mannesmut in der Brust. Im Herbst
-übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf
-die Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf
-Weihnachten. Am Tage des Heiligabends war das
-Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf die
-Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer
-aufzupassen, wenn sie nach Hause kämen und
-sobald es sich tun ließ, nachzusehen, wie es dem Hirten
-ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer
-aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen
-aus; als er aber nichts von ihnen sehen konnte, ging
-er wieder hinein. Nach Verlauf einer kurzen Zeit aber
-kam er wieder heraus, und da waren die Schafe an<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
-den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil
-aber war nirgends zu sehen. Das war ein harter Schlag
-für den Bauern, denn es gefiel ihm nicht besser, Ketil
-zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch
-felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen
-würde, seine Schafe zu hüten.</p>
-
-<p>Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag
-ziemlich verstrichen war, seine Schafe in einer großen
-zerstreuten Trift am Felsenabhang entlang nach Hause
-trieb. Als er in die Nähe von Grimshöi gekommen
-war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus
-einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber
-dem Hof von Silfrunarstad, befindet, heraustreten;
-dort ist nämlich ein kleiner Felsen gleichsam vom
-Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht«
-genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung
-auf die Schafe zu, die sich ängstlich um Ketil scharten.
-Er sah jetzt, daß es ein unglaublich großes Trollweib
-war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für
-das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und
-er erzählte ihr, daß die Schafe nicht ihm gehörten, er
-hätte nur ein Schaf, das ein paar Tage alte Lämmer
-bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte ihr, daß sie
-diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte
-nicht lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den
-Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter.
-Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in ihre Arme
-und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war,
-zurück. Als sie aus der Schlucht heraufgekommen<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
-war, ging sie an dem Berge entlang und machte große
-Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts nützte, wenn
-er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen.
-Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der
-Nähe des Bolstadbaches gekommen war, an einen
-großen Wasserfall, der dort unten im Berge ist. Diese
-Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das
-Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall.
-Sie ließ Ketil los und warf ihre Bürde auf den Boden.
-Sie bat Ketil, die Schafe zu schlachten und zuzubereiten;
-mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen Weihnachtsschmaus
-für ihn und sich selbst halten. Sie setzte
-einen Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst.
-Darauf fing sie an, mit großer Gier zu essen und ließ
-Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie die Ursache
-wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden,
-und daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander
-am Heiligabend zu ihnen gekommen wäre und sie
-gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus dem sie
-ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr
-aber nur mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig
-ausgescholten, und darum hätte sie sie in Behandlung
-genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre Bitte
-erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden,
-da er doch weniger als einer der beiden andern
-zu verschenken gehabt hätte. Sie erzählte ihm, daß
-im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann
-sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten
-Frühjahr auf ihm ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
-keinesfalls den Hof übernehmen könne, denn erstens
-wären die Felder groß und schwierig, und dann hätte
-er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin
-und Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er
-schon Geld in die Hand bekommen würde; denn
-binnen einem Monat würde sie sterben, und dann
-würde er alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert
-wäre, und so würde es ihm nicht an Geld fehlen,
-um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum aber
-wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat
-nach ihr sehen und ihren Leichnam dort vorn in den
-Wasserfall legen solle, wenn es ihm möglich wäre.
-Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im
-darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er
-solle davon kaufen, was er brauche, und Geld zum
-Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle holen. Er solle
-dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad
-diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers
-auf Havsteenstrand freien. Ketil fand jedoch, daß das
-ein wenig glücklicher Rat sei, er war ja ein armer, ungebildeter
-Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor
-zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den
-sollst du ihr um die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft,
-daß sie Liebe zu dir faßt, wenn sie ihn um hat,
-und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war aber
-auch ein seltener Schatz.</p>
-
-<p>Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte,
-daß sich sein Hausherr sicher über seine Abwesenheit
-gräme. Die Riesin aber sagte, daß das nichts zu sagen<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen zu bleiben,
-und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete
-sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie
-man in die Höhle gelangen könne und ließ es ihn selbst
-versuchen, was ihm auch gut gelang. Darauf bot sie ihm
-Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich nicht häufiger
-sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche
-Glück und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach
-Wunsch geraten würden, und daß dies der Anfang seines
-Glückes sei. Sie trennten sich unter großer Freundlichkeit;
-sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte
-sich, so sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen.</p>
-
-<p>Dort lag der Bauer zu Bett, so nahe war ihm das Verschwinden
-Ketils gegangen. Als aber Ketil nun kam,
-waren alle froh, besonders der Bauer, der gleich aus
-dem Bett stieg und glaubte, er hätte ihn aus der Hölle
-selber zurückerhalten. Er fragte Ketil, was denn seine
-Abwesenheit verschuldet hätte. Davon aber wollte
-Ketil nicht viel sprechen, und er erzählte weder von
-der Riesin, noch von ihrer Höhle. Dann hütete Ketil
-die Schafe wie zuvor.</p>
-
-<p>Nach Verlauf eines Monats ging er in die Höhle
-hinein. Da fand er die Riesin tot. Ketil hatte Feuerzeug
-mit, zündete Licht an und trug ihren Leichnam
-aus der Höhle hinaus, und er erzählte später, daß er
-nie zuvor solch eine Kraftprobe bestanden hätte. Dann
-untersuchte er die Höhle und fand großen Reichtum
-an allerlei kostbaren Sachen und Gold. Er ließ aber
-vorläufig alles liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p>
-
-<p>Im Hornung wurde der Bauer krank, und nachdem
-er einen halben Monat zu Bett gelegen hatte,
-starb er. Da verlangte Ketil den Hof in Pacht, erhielt
-aber eine unwillige Antwort; denn der Eigentümer
-hielt es für die größte Torheit, ihn an ihn zu verpachten,
-jedoch gab er ihn auch keinem andern in
-Pacht. Es ging nun auf das Frühjahr, und die Erben
-verkauften das meiste der Einrichtung auf Silfrunarstad;
-Ketil kaufte einen großen Teil davon und bezahlte
-gleich bei der Zuteilung. Er hatte schon den
-größten Teil des Gesindes auf dem Hof gedungen,
-und nun fiel es ihm leicht, ihn zu pachten.</p>
-
-<p>Im Frühjahr zog er nach Havsteenstad, wo er zum
-erstenmal mit der Tochter des Pfarrers zusammentraf;
-er gab ihr den Gürtel und legte ihn ihr um.
-Darauf brachte er sein Anliegen vor, daß er dorthin
-gekommen wäre, um um ihre Hand zu freien. Sie
-schien dem Manne hübsch und hoffnungsvoll, und
-da nun der Gürtel die Liebe in ihrer Brust entfachte,
-so versprach sie ihm ihr Ja, wenn ihr Vater seine Einwilligung
-dazu geben würde. Da trug Ketil dem Pfarrer
-sein Anliegen vor und bat ihn um seine Tochter. Der
-Pfarrer erwiderte sehr kühl darauf, und man merkte
-wohl, daß er fand, daß Ketil seiner Tochter nicht
-ebenbürtig sei, er, der nur schlecht und recht ein
-Bauer war. Weil aber Ketil nun reicher geworden war,
-als man früher glaubte und er sonst ein kluger und
-besonders tüchtiger Mann war, ließ sich der Pfarrer
-schließlich überreden, seine Einwilligung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-daß sie ihm für diesen Sommer als Wirtschafterin
-nach Hause folgte; und darüber wurden sie dann
-einig.</p>
-
-<p>Ketil zog nun mit der Pfarrerstochter nach Hause,
-und sie wurden im Sommer gut miteinander fertig.
-Im Herbst kam ihr Vater, und das Ende der Beratung
-war, daß Ketil sich mit der Tochter des Pfarrers verlobte,
-und im Herbst wurde ihre Hochzeit mit großer
-Pracht gefeiert. Sie liebten sich sehr und wohnten auf
-Silfrunarstad bis in ihr hohes Alter. Ketil hatte Glück
-in allem und wurde ein schwer reicher Mann, so daß
-niemand sich erinnern konnte, daß je ein so reicher
-Mann auf Silfrunarstad gewohnt hätte. Er hatte ja
-auch keinen Mangel an Geld aus der Höhle der Riesin,
-so lange er sein Heim in Ordnung brachte, und er
-richtete sich in jeder Hinsicht nach ihrem Rat. Diese
-Erzählung hörte man aus seinem eigenen Munde, als
-er ein alter Mann geworden war. Lange hatte sie sich
-später im Gedächtnis der Leute erhalten und sich von
-Mann zu Mann fortgepflanzt.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Trunt_Trunt_und_die_Trolle_in_den_Bergen">Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Zwei Männer waren einmal in den Bergen und sammelten
-Moos. Eines Nachts lagen sie beide in ihrem
-Zelt. Der eine schlief, der andere aber lag wach. Da
-sah dieser seinen schlafenden Kameraden aus dem
-Zelt hinausschreiten; er stand auf und ging ihm nach,
-konnte aber kaum so schnell laufen, daß der Abstand
-sich zwischen ihnen verringerte. Der Schlafende
-steuerte hinauf nach den Gletschern zu.</p>
-
-<p>Da sah der andere eine Riesin, die oben auf den
-Zacken eines Gletschers saß. Sie streckte abwechselnd
-die Arme aus und zog sie wieder an die Brust zurück,
-und auf diese Weise zauberte sie den Mann an sich.
-Er lief ihr gerade in die Arme, worauf sie mit ihm
-davoneilte.</p>
-
-<p>Im nächsten Jahr sammelten Leute aus seiner Ortschaft
-Moos an derselben Stelle in den Bergen; da
-kam er zu ihnen, war aber so schweigsam und in sich
-gekehrt, daß man kaum ein Wort aus ihm herausbekommen
-konnte. Die Leute fragten ihn, an wen er
-glaube, und er antwortete, daß er an Gott glaube.</p>
-
-<p>Im zweiten Jahr kam er abermals zu denselben
-Leuten, die wieder in den Bergen waren, da aber war er
-einem Troll so ähnlich geworden, daß sie sich vor ihm
-fürchteten. Jedoch wurde er befragt, an wen er glaube;
-er gab aber keine Antwort, und diesmal verweilte er
-nicht so lange bei den Leuten wie in dem Jahr zuvor.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p>
-
-<p>Im dritten Jahr kam er wieder zu den Leuten, und
-nun war er ein richtiger Troll geworden und hatte
-ein schier entsetzliches Aussehen. Da war aber einer,
-der ihn doch zu fragen wagte, an wen er glaube, er
-aber erwiderte, daß er an »Trunt, Trunt und die Trolle
-in den Bergen« glaube und verschwand darauf. Von
-diesem Tage ab wurde er nicht mehr gesehen; lange
-Jahre aber wagte auch niemand, Moos an dieser Stelle
-zu sammeln.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Nachttroll">Der Nachttroll</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">An den Sommerweideplätzen, die den Bauern vom
-Mygsee gehörten, wohnte in alten Zeiten eine Riesin
-in einem Berg, der nach ihr »Der Schwanz der Riesin«
-heißt. Sie war einer der Nachttrolle, deren Natur es
-ist, daß sie nicht vertragen können, die Sonne zu
-schauen und deshalb stets nachts arbeiten müssen.</p>
-
-<p>Diese Riesin bereitete den Bewohnern viel Schaden
-unter anderem dadurch, daß sie nachts die Fische aus
-dem Mygsee stahl. Man erzählt, daß sie in einem
-kleinen Boot umherruderte, das sie dann auf dem
-Rücken nach Hause trug. Eines Sommers hatte man
-Glück beim Fischen in Strandvig, das damals, wie
-später auch, der beste Fischplatz am Mygsee war. Den
-Sommer über machte es sich die Riesin zur Gewohnheit,
-jede Nacht Fische in der Bucht zu stehlen, und
-das gefiel den Strandbewohnern sehr wenig. Eines
-Nachts, spät im Sommer, begab sie sich an den See
-hinunter, um, wie sie gewöhnt war, darin zu fischen.
-Als sie aber hinunterkam, sah sie einen Bauern in
-der Bucht, der mit Angeln beschäftigt war. Sie hielt
-sich für nicht stark genug, um den Bauern anzugreifen,
-der mit drei anderen zusammen war, und wollte
-deshalb warten, bis er mit dem Angeln fertig war;
-der Bauer aber blieb, wo er war, vielleicht, daß er
-wußte, wie es mit der Riesin bestellt war, wenn es
-auf die Morgendämmerung ging. Die Riesin begann<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
-ungeduldig zu werden, wollte jedoch nicht unverrichteter
-Sache nach Hause zurückkehren. Endlich
-hörte der Bauer mit Angeln auf, und die Riesin ging
-hinunter und zog Netze in der Bucht auf. Als sie mit
-dieser Arbeit fertig war, machte sie sich auf den Nachhauseweg,
-als sie aber schon die halbe Strecke zurückgelegt
-hatte, ging die Sonne auf, und es wird nun erzählt,
-daß sie ihr Boot an der Stelle absetzte, an der
-sie sich gerade bei Sonnenaufgang befand, worauf
-alles miteinander in Stein verwandelt wurde.</p>
-
-<p>Die Spuren davon sind heutigen Tages noch deutlich
-zu sehen. Das Boot steht noch auf einem Hügel,
-der mitten zwischen dem »Schwanz der Riesin« und
-dem Mygsee liegt und seitdem der »Bootshügel«
-heißt. Das Boot ist genau wie die Boote gebaut, die
-jetzt auf dem Mygsee benutzt werden, nur mit dem
-Unterschied, daß es größer ist. Man kann deutlich
-seine ganze Form erkennen, und noch kann man die
-Ruder sehen, und wo sie gesessen haben, und daß
-hierzu Einschnitte an den Seiten des Bootes benutzt
-worden sind und nicht die jetzt gebräuchlichen Ruderdullen.
-Im Hintersteven des Bootes befindet sich ein
-großer Haufen, und man glaubt, daß die Riesin sich
-hier zur letzten Ruhe niedergelegt habe.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Geisterhaube">Die Geisterhaube</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In einem Ort, in dem eine Kirche liegt, wohnten unter
-anderen ein junger Gesell und ein Mädchen. Der Gesell
-hatte die Gewohnheit, dem Mädchen häufig Angst
-einzujagen, sie aber war so daran gewöhnt, daß sie
-sich nicht mehr erschrecken ließ; denn was sie auch
-sah, sie glaubte doch immer, daß er es sei, der ihr
-Furcht machen wolle.</p>
-
-<p>Einmal geschah es, daß Wäsche gewaschen wurde,
-und darunter eine Menge weißer Nachthauben, die
-damals viel getragen wurden. Abends wurde das
-Mädchen gebeten, die Wäsche vom Kirchhof zu holen.
-Sie lief hinaus und begann, die Wäsche zu sammeln.
-Als sie beinahe fertig geworden war, sah sie, daß ein
-weißer Geist auf einem der Gräber saß. Da dachte
-sie bei sich, daß der Knecht sie wieder erschrecken
-wolle. Sie lief hin und entriß dem Geist die Haube,
-denn sie glaubte, der Gesell hätte sich eine der Hauben
-aufgesetzt und sagte: »Es gelingt dir diesmal
-nicht, mich zu erschrecken!« Dann ging sie mit der
-Wäsche hinein, drinnen aber war der Gesell.</p>
-
-<p>Nun wurde die Wäsche nachgezählt, und da war
-eine Haube zu viel, die innen erdig war. Da erschrak
-das Mädchen. Am nächsten Morgen saß der Geist
-auf dem Grab, und man wußte nicht, was man anfangen
-sollte; denn niemand wagte, ihm die Haube
-zu bringen, und man schickte deshalb in die Nachbarschaft,<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
-um sich guten Rat zu holen. Es war ein
-alter Mann in der Gegend, der meinte, es ließe sich
-nicht vermeiden, daß dieser Fall schlimme Folgen
-hätte, wenn das Mädchen nicht selbst dem Geist die
-Haube brächte ,und sie ihm in Anwesenheit vieler
-Menschen schweigend auf den Kopf setzte. Man
-drang in das Mädchen, um sie zu überreden, dem
-Geist die Haube aufzusetzen, und sie ging auch hin,
-das Herz im Halse, stülpte dem Geist die Mütze auf
-den Kopf und sagte, als sie damit fertig war: »Bist du
-nun zufrieden?« Der Geist aber drehte sich um, schlug
-sie und sagte: »Ja, bist du auch zufrieden?« Und damit
-stürzte er sich in das Grab hinab. Das Mädchen
-fiel um von dem Schlag, und die Leute liefen hinzu
-und hoben sie auf, sie war aber tot.</p>
-
-<p>Der Gesell aber bekam einen Verweis, weil er sie
-so oft erschreckt hatte; denn dadurch, glaubte man,
-wäre er die eigentliche Ursache des ganzen Unglücks.
-Da hörte er auf, den Leuten Angst einzujagen. Und
-so ist diese Erzählung aus.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Braeutigam_und_das_Gespenst">Der Bräutigam und das Gespenst</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Vier Männer waren einmal dabei, ein Grab zu schaufeln;
-einige sagen, daß es auf dem Kirchhof zu Reykholar
-war. Es waren alles lustige Leute, einer von
-ihnen aber war doch der übermütigste von allen. Als
-das Grab tiefer zu werden begann, kamen eine Menge
-Menschenknochen zum Vorschein und darunter ein
-Oberschenkel, der einem ungeheuer großen Mann
-gehört hatte. Der übermütigste der grabenden Männer
-nahm den Schenkelknochen in die Hand, besah ihn
-sich genau und maß ihn an seinem eigenen Schenkel,
-und die Sage erzählt, daß er ihm von der Fußsohle
-bis an die Hüfte reichte, obgleich er ein Mann von
-mittlerer Größe war. Er sagte im Scherz: »Darin kann
-ich nicht irren, daß dieser Mann ein tüchtiger Ringer
-gewesen ist, und es würde spaßhaft sein, ihn als Gast zu
-haben, wenn ich einmal Hochzeit feiere.« Die anderen
-gaben ihm darin recht, sprachen jedoch weiter nichts
-darüber. Dann legte der Mann den Oberschenkelknochen
-zu den übrigen Knochen.</p>
-
-<p>Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet,
-als dieser junge Mann sich mit einem Mädchen
-verlobte und schon das zweite Aufgebot stattgefunden
-hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte hintereinander,
-daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett
-käme und sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte,
-was er einmal vor ein paar Jahren zu ihm im Übermut<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-gesagt hätte, und in der letzten Nacht fügte er hinzu,
-daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast
-bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete
-darauf nichts, aber unheimlich war ihr im Schlaf zumute,
-als sie das erfuhr und sah, wie groß der Mann
-war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht
-eher, bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte.
-Da sagte sie morgens zu ihm: »Wen hast du denn gedacht,
-zu unserer Hochzeit einzuladen, mein Schatz?«
-»Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er
-»daran habe ich noch nicht gedacht, ich wollte erst
-die drei Aufgebote erledigt haben.« »Hast du denn
-bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er antwortete,
-daß er das, soweit er sich erinnern könnte,
-nicht getan habe; er begann jedoch nachzudenken,
-und es kam ihm sonderbar vor, daß sie ihn so eifrig
-danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß
-er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings
-habe er vor ein paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen
-eines verstorbenen Mannes, der aus einem
-Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl
-spaßig sein würde, einen so hochgewachsenen Mann
-als Gast zu haben, wenn er einmal Hochzeit feiern
-sollte, aber darum könnte man doch nicht behaupten,
-daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde
-dabei etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht
-angebracht gewesen wären, und am wenigsten bei den
-Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun kann ich
-dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-hast, sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast
-auf unserer Hochzeit zu erscheinen.« Und dann erzählte
-sie ihm alle ihre Träume, und welche Drohungen
-der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte.
-Über all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte,
-daß sie darin recht hätte, daß es besser gewesen wäre,
-wenn sein Mund mit derartigen Scherzen geschwiegen
-hätte.</p>
-
-<p>Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber
-schien es ihm, als käme ein ungeheuer großer Mann,
-der einem Riesen ähnlich sah und ein unfreundliches
-und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob
-er jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor
-fünf Jahren gegeben hätte, einzulösen, nämlich ihn
-als Tischgast auf seiner Hochzeit zu haben. Der Bräutigam
-war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl
-dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht
-ändern könne, ob es ihm nun gefiele oder nicht, und
-daß es ganz überflüssig gewesen sei, sich mit seinen
-Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut
-wäre, wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu
-bedeuten hätte. Dann verließ ihn das Gespenst, er
-aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner Braut
-dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen
-guten Rat. Sie sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz
-kommen und dann in großer Eile ein Haus aufführen
-lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der
-sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht,
-darin stehen könne; inwendig aber solle jede<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-Wand so lang sein, wie sie bis an die Querbalken hoch
-sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man
-einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege;
-er solle ein weißes Tuch über den Tisch dieses Gastes
-breiten, ihm geweihte Erde auf einer Platte und Wasser
-in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte
-würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den
-Tisch und ein Bett hereinstellen lassen, falls er Lust
-verspüren sollte, sich auszuruhen; drei Kerzen solle
-er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn
-dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran
-zu gehen, und vor allem aufzupassen, daß er nicht
-unter einem Dach mit ihm sei. Auch dürfe er keinerlei
-Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen
-würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm
-reden, die Tür aber zuschließen und ihn dann verlassen,
-wenn er ihm die aufgetischten Gerichte angeboten
-hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau
-so, wie ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein
-freistehendes Haus von passender Größe aufführen
-und alles so einrichten, wie schon erzählt worden ist.</p>
-
-<p>Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung
-wurde auf die übliche Weise vollzogen; dann setzte
-man sich zu Tisch, und als es dunkel geworden war,
-erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas
-Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste
-im Hochzeitssaal auf und ab, andere wieder
-saßen bei den Bechern und plauderten. Das Brautpaar
-saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-harter Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere
-Lust aufzumachen. Da zupfte die Braut leise
-ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im Gesicht
-dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde
-wieder an die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als
-das vorige Mal. Da nahm die Braut ihren Bräutigam
-bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich sträubte,
-an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich
-großen Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast
-gekommen sei. Die Braut stieß ihren Bräutigam
-sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er diesen
-Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß,
-bat sie Gott, ihn zu stärken.</p>
-
-<p>Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er
-mit diesem Manne nach dem Haus ging, das er für
-ihn hatte aufführen lassen und ihn hineinwies. Der
-Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber
-wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der
-Fremde voran in das Haus ging und sagte, daß sich
-der Bräutigam von diesem Augenblick an hüten solle,
-sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes
-einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht,
-sondern bat den Gast, sich an den aufgetischten Gerichten
-gütlich zu tun und ihm nicht zu verübeln,
-daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber
-bat den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick
-hereinzukommen; das wollte der Bräutigam aber
-keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal
-keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen,<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-hoffe ich, daß du mir doch das Vergnügen
-machst, als Gegengabe bei mir als Gast zu erscheinen.«
-Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit ab
-und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus,
-in dem es ziemlich ruhig war; denn alle
-waren bei dieser Begebenheit still geworden. Nur die
-Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste entfernten
-sich allmählich, einer nach dem andern. Das
-Ehepaar aber ging zur Ruhe und schlief bis zum
-Morgen.</p>
-
-<p>Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen,
-der am Abend zuvor zuletzt gekommen war. Die
-Braut aber sagte, daß er keinen Schritt dorthin tun
-solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem
-Hause, sie voran, und er schloß auf; da war keine
-Spur von dem Gast zu sehen; er hatte die Flasche
-geleert, die Erde von der Platte aber überall auf den
-Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die
-Frau, »wärest du nach dem Hause vorangegangen
-und hättest du mit dem Fuße in diese Erde getreten,
-dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten
-und hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren
-können. Mir aber schadet es nichts, wenn ich
-hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und
-säubern.«</p>
-
-<p>Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder
-fortgehen wollte, an die Tür gegangen sei, entweder
-von dem Hochzeitshaus selbst oder von der Schlafkammer
-des Ehepaars, und gesungen habe:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Meinen Dank ihr nicht verdient!</div>
- <div class="verse indent0">Für das Festmahl auf dem Tisch;</div>
- <div class="verse indent0">Mein Getränk war Wasser frisch,</div>
- <div class="verse indent0">Meine Speise Erd’ und Lehm.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht
-mehr, und sie lebten lange in Liebe und Glück zusammen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Kuester_von_Moerkaa">Der Küster von Mörkaa</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im
-Oefjord; sein Name wird nicht genannt, er war aber
-gut Freund mit einem Mädchen, das Gudrun hieß und
-nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits
-des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer
-im Dienst war.</p>
-
-<p>Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das
-er Faxe nannte, und das er immer ritt. Es geschah
-einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach Baegisaa
-kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa
-einzuladen, und er versprach, sie zu einer bestimmten
-Zeit abzuholen und sie zu dem Schmaus am Tage vor
-Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der
-Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee
-gefallen, und Eis hatte sich auf dem Wasser gebildet;
-aber an dem Tage, an dem er nach Baegisaa ritt, war
-Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach
-durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er
-zog von zu Hause fort, ohne daran zu denken, was
-sich tagsüber geändert haben könnte, und glaubte,
-der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über
-den Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an
-den Hörgbach kam, war dieser gestiegen und hatte das
-Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach entlang, bis
-er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von
-Mörkaa, wo eine Brücke über den Bach führt. Der<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-Küster ritt auf die Brücke hinunter, kaum aber hatte
-er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und er in den
-Bach fiel.</p>
-
-<p>Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen
-aus seinem Bett stieg, sah er ein gesatteltes Pferd auf
-seinem Heimacker stehen, und es war ihm, als ob er
-des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm
-etwas eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden
-Tage dort vorbeireiten sehen, aber nicht
-bemerkt, daß er zurückgekehrt war, und er ahnte bald,
-was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker hinaus,
-und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß
-und arg mitgenommen. Dann ging er an den Bach
-hinunter, nach der sogenannten Tuevoldsnaes; dort
-fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge, an
-die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich
-nach Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als
-man den Küster fand, war sein Hinterkopf sehr von
-den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er
-wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor
-Weihnachten beerdigt.</p>
-
-<p>Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war
-und bis zu dem Tage vor Heiligabend war keine Nachricht
-über das Vorgefallene von Mörkaa gekommen,
-des ununterbrochenen Tauwetters und der starken
-Strömung wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte
-sich das Wetter geändert, und nachts war das Wasser
-im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte,
-zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-Abend begann sie sich zu putzen, und als sie sich fast
-fertig geschmückt hatte, hörte sie jemand an die Tür
-klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand,
-öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war
-es weder hell noch dunkel; denn der Mond segelte
-hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm vorbeiglitten.</p>
-
-<p>Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts
-gesehen hätte, Gudrun aber meinte: »Dann wird es
-wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.« Sie
-war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie
-brauchte sich nur noch den Mantel anzuziehen. Sie
-nahm den Mantel und zog den einen Ärmel an, den
-andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn
-fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und
-daneben einen Mann, den sie für den Küster hielt.
-Ob sie mit einander sprachen, weiß man nicht, der
-Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann
-selbst und setzte sich vor sie.</p>
-
-<p>Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden,
-und kamen an den Hörgbach, an dessen Ufern hohe
-Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das Pferd über
-solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters
-hinten aufgehoben, und da erblickte Gudrun den
-bloßgelegten Schädel. In diesem Augenblick verzogen
-sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Der Mond gleitet,</div>
- <div class="verse indent0">Der Tod reitet,</div><span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
- <div class="verse indent0">Siehst du nicht den weißen Fleck</div>
- <div class="verse indent0">Im Genick,</div>
- <div class="verse indent0">Garun, Garun?«<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere
-dagegen sagen, daß Gudrun selbst seinen Hut aufhob
-und dabei den weißen Schädel entdeckte, und daß sie
-dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.«</p>
-
-<p>Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder
-ihren Ritt berichtet, bis sie nach Mörkaa gekommen
-waren, wo sie vor der Seelenpforte<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> vom Pferde stiegen;
-da sage er zu Gudrun:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Hier nun warte, Garun, Garun,</div>
- <div class="verse indent0">Bis geführt ich Faxe, Faxe,</div>
- <div class="verse indent0">Weiter an die Mauer, Mauer.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte
-zufällig in den Kirchhof hinein und erschrak, als sie
-ein offenes Grab entdeckte. Da kam ihr der Gedanke,
-den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte
-sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück,
-daß sie keine Zeit gehabt hatte, beide Mantelärmel
-anzuziehen; denn er zog so stark, daß der Mantel an
-der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte,
-entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-sah, war, daß er sich, mit dem Mantelfetzen in der
-Hand, in das offene Grab warf, worauf die Erde von
-beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.</p>
-
-<p>Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von
-Mörkaa herauskamen und sie holten, denn ihr war
-bei alledem so angst geworden, daß sie weder zu
-gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie
-konnte sich wohl denken, daß sie hier mit dem Geist
-des Küsters zu tun hatte, obgleich sie vorher keine
-Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt
-sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten
-von Mörkaa kam, die ihr die ganze Geschichte von
-dem Tode des Küsters erzählten, während sie ihnen
-dagegen von ihrem Ritt berichtete.</p>
-
-<p>In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und
-die Lichter gelöscht waren, kam der Küster und stürmte
-mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, daß die Leute
-aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in
-dieser Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach
-konnte sie nie allein sein, und jede Nacht mußte jemand
-bei ihr wachen. Ja, einige sagen sogar, daß der
-Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und
-im Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein
-Zauberer westlich vom Skagefjord geholt. Als er kam,
-ließ er einen großen Stein, der oberhalb des Heimackers
-lag, ausgraben und ihn an den Giebel des
-Schlafhauses wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann,
-kam der Küster und wollte in das Haus hinein,
-der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel,<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die
-Erde und wälzte dann den Stein über ihn; und dort
-soll der Küster heute noch liegen.</p>
-
-<p>Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf,
-und Gudrun erholte sich wieder. Etwas später zog
-sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, daß
-sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen
-war.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«,
-Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält,
-aussprechen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die
-Kirche gebracht werden.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Sigurd_und_das_Gespenst">Sigurd und das Gespenst</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn
-hatte, der Sigurd hieß. Allen Leuten kam es so vor,
-als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; wenig
-beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund,
-daß kein Auskommen mit ihm war.</p>
-
-<p>Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen
-Sigurd, der den Bauern bat, den Winter über dort
-bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu erhielt. Der
-Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe
-spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so
-gute Freunde, daß der Bauernsohn sich nicht gern
-woanders aufhielt als bei dem Fremden.</p>
-
-<p>Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der
-Wintergast wieder fort. Nachdem er das Haus verlassen
-hatte, langweilte sich der Bauernsohn überall,
-so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog
-er hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof,
-zog von Ortschaft zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel
-und fragte überall nach seinem Namensvetter Sigurd.
-Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch nach
-seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas
-von ihm, so viel aber erzählte man ihm doch, daß
-kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß, angekommen
-wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege.
-Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und
-daß er gerade in den Sarg gelegt worden wäre. Er bat,<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
-dort hingehen zu dürfen, und nachdem er die Erlaubnis
-dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht
-über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd
-aus dem Sarg, ging hinaus und blieb lange fort.
-Sigurd, der Bauernsohn, aber saß unterdessen am
-Sarg.</p>
-
-<p>Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof
-jüngst ein Kind geboren hatte. Gegen Morgen kam
-das Gespenst wieder und wollte in den Sarg. Der
-Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht
-erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem
-Geld gespielt,« sagte das Gespenst. »Und jetzt will
-ich wieder in meinen Sarg,« fuhr es fort. »Nicht, ehe
-du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd. »Das
-wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann
-kommst du auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd.
-Da erzählte das Gespenst, daß es unter der Ecke in
-der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte Sigurd.
-»Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du
-weiter nichts vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete
-das Gespenst. »Du hast sicher noch mehr ausgefressen,«
-sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher in
-den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die
-Pfarrersfrau getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast
-du das getan?« fragte Sigurd. »Ich wollte ihr Freund
-sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst, »sie aber
-wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?«
-fragte Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr
-war, in den kleinen Finger hineingestrichen,« erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-das Gespenst. »Kann sie nicht wieder zum
-Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete
-das Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um
-den kleinen Finger gebunden habe, so behutsam gelöst
-wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will ich in
-den Sarg hinein,« sagte das Gespenst.</p>
-
-<p>»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus
-dem Sarge zu steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will
-in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst. »Versprich
-mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende vom
-Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus
-seinem Sarg aufzustehen. Es legte sich nun in den
-Sarg, und dieser schloß sich wieder.</p>
-
-<p>Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die
-Leute in großer Trauer an. Er fragte, was ihnen fehle,
-und sie erzählten ihm, daß die Frau des Pfarrers in
-der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie
-sehen zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er
-löste die Schnur an dem kleinen Finger der Pfarrersfrau
-und strich ihren ganzen Körper, bis sie allmählich
-wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von
-seinem Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das
-Geld, um die Wahrheit seines Berichts zu beweisen.
-Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer gehalten,
-der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird,
-einen sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll,
-und es wird erzählt, daß Sigurd sich von diesem Tage
-an immer gut führte.</p>
-
-<p>Und so endet diese Erzählung.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_mutige_Bursch">Der mutige Bursch</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich
-aus nichts etwas machte. Seine Nächsten, ob es nun
-seine Eltern oder Anverwandten waren, waren darüber
-voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten,
-sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen.
-Als sie ihn ganz aufgegeben hatten, brachten sie ihn
-beim Pfarrer unter, den sie von allen für am besten
-geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen
-und seinen Mut zu zähmen.</p>
-
-<p>Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte
-sich bald dasselbe, daß es nichts gab, wovor er sich
-fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen mochte. Der
-Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig
-Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei
-denen er vorher gewesen war. So verging nun einige
-Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer, und dieser gab
-sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise in
-Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal
-im Winter waren drei Leichen, die beerdigt werden
-sollten, in die Kirche gebracht worden; weil sie aber
-so spät am Tage ankamen, wurden sie in die Kirche
-gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden.
-Es war in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die
-Leichen nicht in Särgen beerdigt wurden, und so kam
-es, daß diese Leichen nur die Totenkleider anhatten.
-Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den
-Kirchenstühlen vorn in der Kirche legen, nebeneinander,
-jedoch mit einem kleinen Zwischenraum zwischen
-je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer zu
-dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für
-mich in die Kirche hinüber, mein Junge, und hole
-mir das Buch, das auf dem Altar liegt.« Der Bursch
-gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch
-wenn er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber,
-schloß die Tür auf und wollte den Mittelgang
-hinaufgehen. Als er ein kleines Stück von der Tür
-entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den
-Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken,
-tastete mit den Händen um sich und merkte dann,
-daß er über eine Leiche gefallen war, die er nahm und
-zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte.
-Er ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal
-über eine Leiche. Er verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise
-wie mit der ersten. Dann ging er weiter vorwärts,
-stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden
-andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf.
-Dann ging er zum Altar, nahm das Buch, und nachdem
-er die Kirche wieder zugeschlossen hatte, brachte
-er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und
-fragte, ob er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete:
-»Nein,« und zeigte keinerlei Veränderung.
-Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts von den
-Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch
-erwiderte: »Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt;<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-ich wußte nicht recht, was der Herr Pfarrer
-meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,«
-sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es
-ist nicht der Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast
-du denn gemacht, um durch die Kirche zu kommen?«
-fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden aufgehoben
-und zwischen die Kirchenstühle geworfen,
-und da liegen sie noch.« Der Pfarrer schüttelte den
-Kopf und sprach nicht mehr mit ihm über diese Sache.
-Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der
-Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort;
-ich will dich in meinem Hause nicht länger haben, da
-du so rücksichtslos bist, daß du dich nicht schämst,
-die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch
-antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den
-Leuten auf dem Hof dann Lebewohl.</p>
-
-<p>Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen
-Fleck hatte, auf den er seinen Kopf legen konnte. Auf
-einem Hof aber, auf dem er die Nacht über blieb,
-hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben sei.
-Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte
-auf Skalholt zu. Als er dorthin kam, begann der Tag
-auf die Neige zu gehen, und deshalb bat er um Obdach
-für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß
-es ihm gern vergönnt werde, er müsse aber selber für
-seine Sicherheit sorgen. Er fragte, ob es etwas Böses
-mitbringe, wenn er dort bleibe, und was es verursache.
-Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse
-nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span>
-es kein Mensch aushalten könne, zu Hause zu bleiben,
-wegen lauter Spuks, sobald es zu dunkeln beginne,
-und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute
-von dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,«
-sagte der Bursch. Die Leute des Hofes baten ihn jedoch,
-nicht so zu reden; denn es wäre wahrhaftig
-kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde,
-begannen die Leute allmählich, den Hof zu verlassen,
-und schweren Herzens sagten sie dem Burschen Lebewohl;
-denn sie erwarteten nicht, ihn wiederzusehen.
-Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter
-Laune. Dann ging er im Hause umher und sah sich
-um. Der letzte Ort, an den er kam, war die Küche.
-Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine Menge
-feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und
-alles, was er sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch
-hatte lange kein Dörrfleisch gesehen, und er fing an,
-Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß hier
-solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht,
-um den Geist umso besser sehen zu können, und er
-entschloß sich deshalb, Feuer anzuzünden, und dann
-zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit Wasser
-über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und
-legte ihn in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von
-Spuk gemerkt. Als aber alles in den Topf getan war,
-hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer Stimme
-gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte:
-»Warum sollst du nicht fallen?« Da fiel der ganze
-oberste Teil eines Mannes durch den Schornstein herab,<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen
-daran, und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem
-Boden, ohne sich zu bewegen. Gleich darauf hörte
-der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde:
-»Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal:
-»Warum sollst du nicht fallen?« Und durch den
-Schornstein herab fiel der mittlere Teil eines Mannes
-bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern
-und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da
-hörte der Bursch noch einmal, daß oben im Schornstein
-gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete
-wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt
-doch etwas haben, worauf du stehen kannst!« Da
-fielen die Füße eines Mannes herab; sie waren unerhört
-groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen
-waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen
-eine Weile ruhig auf dem Boden. Als der Bursche
-dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin und
-sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen
-ist, ist es wohl am besten, daß du anfängst
-umherzuholpern.« Alle Klumpen schoben sich
-zusammen und wurden zu einem furchtbar großen
-Mann. Er sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern
-ging aus der Küche hinaus und ins Vorderhaus. Der
-Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging.
-Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause
-und trat an eine große Truhe. Diese öffnete er, und
-der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große
-Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-der Truhe, warf die Münzen über den Kopf und ließ
-sie hinter sich herabfallen. In dieser Weise trieb er es
-bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert hatte.
-Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden
-geschüttet hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise
-über seinen Kopf wieder in die Truhe zurück.</p>
-
-<p>Der Bursch stand neben dem Gespenst, während
-es das Geld hin- und zurückschaufelte, und sah, wie
-es auf dem Fußboden umherrollte. Das Gespenst begab
-sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder
-in die Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen
-das zusammen, was von dem Haufen herunter und
-über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte
-daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe,
-und daß es sich deshalb so sehr wie möglich beeilen
-wollte. Nun kam es so, daß das Gespenst alles Geld
-wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte
-der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte.
-Der Bursch fand, es läge kein Grund dazu vor, sich
-so sehr zu beeilen, das Gespenst aber sagte, das wäre
-doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an
-dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu
-hindern, indem er es festhielt. Das ging aber nur so
-lange, bis das Gespenst wütend wurde, den Burschen
-packte und sagte, daß es nun nicht mehr
-ratsam für ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen.
-Der Bursch fing das Gespenst auf, merkte
-aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen
-würden und wich deshalb langsam zurück, indem<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-er versuchte, schweren Hieben auszuweichen und
-das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie es
-eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen
-die Zimmertür wandte, die offen stand, wollte es
-den Burschen an seine Brust heben, um ihn umso
-stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch
-sah deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich
-schon denken, daß das zu seinem Tode führen würde.
-Er griff deshalb zu einer List. Als das Gespenst die
-erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang
-er ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es
-hintenüber und mit dem Rücken gerade auf die Türschwelle
-fiel, während der Bursch beim Fallen obenauf
-zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst
-mit dem Kopf aus dem Zimmer herausflog und das
-Licht, das mitten am Himmel stand, ihm in die Augen
-fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die Erde hinab,
-da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und
-der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die
-Stücke verschwunden waren. Obwohl der Bursch
-etwas steif in den Gliedern und zerschunden von den
-Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich
-zwei Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden
-stieß, wo die Teile versunken waren, das eine
-außerhalb, das andere aber innerhalb der Zimmertür.
-Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute
-des Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter
-Tag war.</p>
-
-<p>Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-Gesichter, daß sie ihn am Leben sahen, als am
-vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen, und sie
-fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht
-gemerkt hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen
-Spuk gemerkt hätte. Die Leute wollten ihm nicht
-glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen.</p>
-
-<p>Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er
-war sehr mitgenommen von seinem Kampf mit dem
-Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes um
-alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand,
-ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß
-sie Anstalt machten fortzugehen, versuchte er auf jede
-erdenkliche Weise, sie zu überreden, im Hause zu
-bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden
-zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die
-Leute glaubten ihm nicht und gingen fort wie am
-Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen Überredungen
-und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie
-keine Furcht hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den
-Hof verlassen hatten, ging der Bursch zu Bett, ruhte
-sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag. Morgens
-kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und
-fragten ihn nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß
-er nichts davon gemerkt hätte, und fand, daß sie nicht
-mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu haben.</p>
-
-<p>Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen
-Nacht passiert war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am
-Boden, wo die Körperteile versunken waren, und
-führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem Burschen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten,
-baten ihn zu verlangen, was er sich von ihnen
-wünschen mochte, als Entgelt für die Hilfe, die er
-ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld oder Gut
-haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben
-solle, so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen
-für ihr freundliches Anerbieten, er brauche aber weder
-Reichtum, noch sonst irgend etwas, sagte er, auch
-wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen.
-Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in
-dieser Nacht schliefen alle Leute zu Hause auf dem
-Hof, und weder diesmal noch später merkten sie etwas
-von Spuk. Morgens machte sich der Bursch bereit,
-von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn
-zwar keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er
-wollte fort. Er sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu
-tun hätte, da die Leute ja auf dem Hof bleiben könnten.
-Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den Willen
-der Leute, und steuerte nordwärts.</p>
-
-<p>Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem
-Weg, bis er eines schönen Tages an eine Höhle kam.
-Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen entdecken,
-in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf
-Betten, die einander gegenüber, sechs in einer Reihe,
-aufgestellt waren. Alle Betten waren ungemacht, und
-da der Tag noch nicht um war, so daß er nicht erwarten
-konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause
-kommen würden, begann er, alle Betten zu machen.
-Als er damit fertig war, legte er sich in das Bett, das<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-zu äußerst an der einen Seite der Höhle stand, wickelte
-die Decke sorgfältig um sich und schlief ein. Nach
-einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der
-Höhle umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen
-gekommen waren, die sich darüber wunderten, wer
-wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die
-Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu
-machen; er hätte dafür ehrlichen Dank verdient, sagten
-sie. Nachdem sie, wie ihm schien, zu Abend gegessen
-hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer
-des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte
-er den Burschen. Die Höhlenbewohner dankten
-ihm für seine Handreichung, die ihnen so gut zustatten
-gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu
-bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein;
-denn sie selbst hätten nicht viel Zeit, sie müßten die
-Höhle bei Sonnenaufgang verlassen, da sonst ihre
-Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus diesem
-Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen.</p>
-
-<p>Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme
-und einige Zeit bei ihnen bleiben wolle. Er fragte sie
-dann, wie es denn käme, daß sie jeden Tag einen so
-schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein Ende
-nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer
-Feinde wären, mit denen sie schon früher häufig in heftigem
-Streit gelegen hätten, und die stets im Kampf
-unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie immer noch
-jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-immer so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen
-und jedesmal wilder und ungestümer wären
-als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch ihre
-Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie
-nicht bei Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend
-wären. Dann gingen sie zu Bett und schliefen
-bis zum nächsten Morgen.</p>
-
-<p>Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner,
-bis zu den Zähnen bewaffnet, fort, baten aber
-erst den Burschen, sich der Höhle und der Hausarbeit
-anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe
-des Tages ging der Bursch in einen Nußbaumwald,
-der in der Richtung lag, in der er sie hatte verschwinden
-sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um zu
-erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz
-entdeckt hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein.
-Zunächst machte er die Betten der Höhlenbewohner,
-fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu tun war.
-Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends
-nach Hause zurück und waren erfreut, als sie sahen,
-daß der Bursch die ganze Wirtschaft besorgt hatte, so
-daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten als zu essen
-und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen,
-worauf alle einschliefen, außer dem Burschen.</p>
-
-<p>Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber
-erhalten könnte, daß die Höhlenbewohner nachts
-umgingen. Als er glaubte, daß alle seine neuen Genossen
-in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte
-unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-nahm sie mit. Dann wanderte er nach dem Kampfplatz
-und erreichte ihn kurz nach Mitternacht. Da war
-nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren abgeschlagenen
-Köpfen. Dort blieb er eine Weile.</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes
-einen Hügel sich öffnen, aus dem ein Weib
-herauskam; es war mit einem blauen Mantel bekleidet
-und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie
-schnurstracks auf das Schlachtfeld gehen, zu einem
-der Gefallenen, und etwas von dem Inhalt des Topfes
-auf das Stück des Halses streichen, das an dem Oberkörper
-des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf
-saß, und darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da
-saß er sofort fest, und der Tote lebte wieder auf. Dieselben
-Künste wandte sie bei noch zwei oder drei andern
-an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt
-wurden. Da sprang der Bursch auf die Alte zu
-und gab ihr den Todesstreich; denn jetzt konnte er
-allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der
-Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann
-brachte er diejenigen, die sie ins Leben zurückgerufen
-hatte, um. Als das geschehen war, ging er selbst hin
-und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen
-auf dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr
-gelungen war; er strich etwas von dem Inhalt des
-Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm ebensogut
-wie vorhin.</p>
-
-<p>Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd
-wieder aufleben zu lassen und die wieder<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-umzubringen, die er ins Leben gerufen hatte, bis die
-Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von der
-Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute
-geworden, weil er verschwunden war und einige
-Waffen mit ihm; als sie aber auf die Walstatt kamen
-und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen die
-Sache eine günstige Wendung genommen zu haben.
-Die Höhlenbewohner freuten sich, den Burschen zu
-sehen, und fragten, wie er darauf verfallen wäre, dort
-hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich alles zugetragen
-hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt
-hatte, die Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen
-den Salbentopf, nahm einen der Gefallenen, bestrich
-ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da lebte er bald wieder
-auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot.</p>
-
-<p>Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen
-und schönen Worten für den bewiesenen Mut; sie
-baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange er Lust hätte,
-und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen
-geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche
-Anerbieten und sagte, daß er es gern annähme, bei
-ihnen zu bleiben. Nach alledem waren die Höhlenbewohner
-so vergnügt und froh über den Burschen,
-daß sie allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen
-zu probieren, wie es wäre zu sterben, da
-sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen könnten.
-Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde
-und lebten sofort wieder auf. Das ging nun zum großen
-Gaudium für sie eine ganze Weile so.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p>
-
-<p>Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen
-worden war und sie ihn mit Hilfe der Salbe wieder
-an den Rumpf hatten anwachsen lassen, war das
-Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach
-vorn. Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der
-Kopf verkehrt herum saß, wurde er wie rasend vor
-Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen von diesen
-Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort
-herzu, hieben den Kopf von neuem ab und setzten
-ihn richtig auf den Körper. Da erlangte er seinen Verstand
-wieder und war seitdem genau so mutig, wie er
-früher immer gewesen war.</p>
-
-<p>Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper,
-nahmen ihnen die Waffen fort und verbrannten sie mit
-dem Huldreweib zusammen, das mit dem Salbentopf
-aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in
-den Hügel hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert
-da war und schleppten es mit nach Hause in ihre
-Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen, von
-dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr
-über ihn.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Sage_von_Jon_Asmundsson">Die Sage von Jon Asmundsson</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord,
-und der Mann hieß Asmund. Sie hatten
-viele Kinder, die alle noch klein waren. Es wird nicht
-gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste
-Junge Jon hieß. Es war damals eine schwere Zeit im
-Lande. Der Bauer Asmund mußte von Haus und Hof
-gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe
-verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten.</p>
-
-<p>Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der
-Kristian hieß; er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn
-zu sich, und bei ihm wuchs Jon auf. Jon war
-ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen
-Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig
-und war sehr fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und
-alle Leute auf dem Hofe hatten ihn gern.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein
-Handelsschiff nach Reykjavik kam. An Bord befand
-sich ein ausländischer Kaufmann, aber wie er hieß,
-wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem
-auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer
-draußen auf dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das
-Gespräch auf starke Männer. Der Kaufmann, der groß
-und kräftig war, ging an eine Stelle, an der vier Sack
-Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und
-versprach dem Manne drei Mark Gold, der es ihm
-gleich tun würde, es war aber niemand da, der sich auf<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
-diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der Pfarrer
-nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon
-Asmundsson, was der Kaufmann versprochen hatte,
-und bat ihn zu versuchen, was er konnte. Jon machte
-nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen
-würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß
-ein Mann gekommen sei, der das Geld verdienen
-wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo die
-Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf
-die Schulter, trug sie auf dem Deck hin und her und
-legte sie wieder auf dieselbe Stelle nieder. Der Kaufmann
-verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und
-bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun
-bereit, das Schiff zu verlassen, während sie aber von
-dem Kaufmann Abschied nahmen, bat dieser Jon, ihn
-zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch versprach.
-Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh
-über den Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob
-nichts geschehen sei.</p>
-
-<p>Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte
-der Pfarrer Jon daran, daß er jenen besuchen wollte.
-Da stattete Jon ihm seinen Besuch ab, und der Pfarrer
-begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen
-auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der
-Pfarrer wollte mitgehen, der Kaufmann aber sagte,
-daß sie nichts miteinander zu verhandeln hätten. Der
-Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um eine Störung
-bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und
-das Ende war, daß er ihnen in die Kajüte folgte.<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-Dort sagte der Kaufmann zu ihnen, daß sie noch nicht
-miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer
-würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon
-ringen sollte, und bliebe er Sieger im Kampf, so sollte
-er zehn Mark Gold bekommen. Dann nahmen sie
-Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der
-Kaufmann fort.</p>
-
-<p>Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter
-fragte der Pfarrer einmal Jon, ob er sich dessen erinnere,
-was ihm der Kaufmann beim Abschied gesagt
-habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da
-sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an
-einen Ausweg zu denken; denn der Bursch, mit dem
-der Kaufmann ihn ringen lassen wollte, wäre kein
-richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten
-Mohren, jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg
-für ihn finden; sie müßten sich bereit halten, wenn
-drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn
-dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen.
-Jon nahm sich diese Sache nicht weiter zu Herzen.</p>
-
-<p>Als genau drei Wochen des Sommers vergangen
-waren, kam eines Tages ein Schiff vom Meere her und
-segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer ging zu
-Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn
-mit einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm
-einen Gürtel um den Leib; dann gab er ihm einen
-kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel verbergen
-sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken
-könnte, den Griffen des Mohren zu widerstehen, daß<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-dieser ihn im ersten Gang über den Kopf werfen würde,
-er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon auf
-die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den
-Mohren auffordern, den lodenen Mantel, den er anhätte,
-auszuziehen, inzwischen aber den Dolch zurechtlegen,
-um ihn bei der Hand zu haben, wenn der
-Mohr zum zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum
-hatte das Schiff Anker geworfen, als ein Boot von
-dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit
-einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt
-wurde. Der Pfarrer und Jon standen unten am Flutmesser.
-Der Mohr rannte sofort auf Jon zu, packte ihn
-und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder
-auf die Füße. Da forderte er den Mohren auf, den
-lodenen Mantel auszuziehen, damit sie sich im Ringkampf
-messen könnten. Der Mohr tat das, inzwischen
-aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der
-Mohr zum zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu
-und bohrte ihm den Dolch in den Leib. Der Ringkampf
-zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und
-der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes
-Wams nicht die Stöße aufgefangen hätte. Das
-Ende ihres Kampfes war, daß Jon den Mohren zu
-Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an
-das Schiff und begrüßte dort den Kaufmann. Der
-Pfarrer sagte, daß Jon nun das Geld verdient hätte,
-da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben
-sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und
-sagte, daß sie eine Hinterlist gebraucht, aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-Mut und Beherztheit gezeigt hätten. Der Pfarrer erwiderte,
-daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich
-stände, denn es wäre kein richtiger Mensch, den der
-Kaufmann zum Ringkampf geschickt hätte. Schließlich
-aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem er
-Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende
-des Sommers, das Land wieder verlasse.</p>
-
-<p>Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln
-wollte; da erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der
-Kaufmann einen Besuch von ihm verlangt hätte, und
-sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei ihrer
-Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem
-Schiff hinaus und begrüßten den Kaufmann, der den
-Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm beiseite zu
-gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber
-folgte ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann,
-daß es ihn nichts anginge, was Jon und er miteinander
-zu besprechen hätten; darauf erwiderte der
-Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu
-stören, er wolle jedoch in der Nähe seines Mannes
-sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß er im nächsten
-Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an
-dem Jon seine Kräfte messen solle; besiege er es, so
-solle er fünfzehn Mark Gold bekommen. Dann trennten
-sie sich. Der Sommer verging und ein gut Stück
-vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach.</p>
-
-<p>Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die
-Worte des Kaufmanns denke. Jon antwortete »Nein«;
-der Pfarrer aber sagte, daß das Eintreffen des Kaufmanns<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-im nächsten Sommer nichts Besseres bringen
-würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn
-ein halber Monat des Sommers um wäre, das Hündchen
-aber, an dem er gedächte Jon seine Kräfte messen
-zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund,
-weshalb sie versuchen müßten, sich irgendeine List
-auszudenken. Jon bat den Pfarrer, sich diese für ihn
-auszudenken.</p>
-
-<p>Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien
-ein vom Meere kommendes Schiff. Der Pfarrer rief
-Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe schwarzwollene
-Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen
-lassen. Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten,
-ehe er es ihm wieder anzog. Dann reichte er
-ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde geformt
-und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück
-Fleisch darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten
-und zu versuchen, so an den Hund heranzukommen,
-daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann aber sollte
-er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen
-sie an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen,
-als der Hund ans Land gelassen wurde. Es
-war ein großer Hund, und grimmig sah er aus. Jon
-ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit
-auf ihn zu und wollte ihn zerfleischen; das Wams aber
-beschützte ihn, so daß er keinen Schaden davontrug.
-Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich
-aus und hielt das Fleischstück vor sich, und
-schließlich kam es so, daß der Hund das Maul darüber<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller
-Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten
-nachließ, wie toll er sich auch gebärdete; des
-Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht den geringsten
-Schaden tun, und schließlich lag er tot auf
-dem Platz. Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus
-und begrüßten ihn. Er erwiderte ihren Gruß mürrisch
-und war schwarz und geschwollen im Gesicht und verbarg
-seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand.
-Der Pfarrer sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient
-habe, das ihm der Kaufmann im vorigen Sommer
-zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann
-aber fand, daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr
-List als Tapferkeit gebraucht habe. Der Pfarrer aber
-erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am schändlichsten
-gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier
-auf den Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann
-das Geld, indem er ihn bat, bei ihm vorzusprechen,
-ehe er diesen Sommer fortsegele.</p>
-
-<p>Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln
-wollte, und der Pfarrer sagte zu Jon, daß er
-sich an des Kaufmanns Worte erinnern müßte, daß er
-aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren
-hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser
-Jon, mit ihm in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer
-wollte folgen, der Kaufmann aber sagte, daß er es
-unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der
-Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und
-daß er keinen Schritt gehen würde, ohne daß er, der<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-Pfarrer, ihn begleite. Da gab der Kaufmann nach, und
-sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie dort
-angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch
-von einem Regal herunter, schlug es auf und nahm
-ein loses Blatt heraus, das er schnell vor Jons Augen
-hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der
-Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen
-Schimmer davon zu sehen, ohne daß der Kaufmann
-es merkte. Dann legte der Kaufmann das Blatt wieder
-an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im
-nächsten Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre,
-bringen solle, oder den Namen, ein Hasenfuß
-zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber
-das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen.
-Dann nahmen sie Abschied voneinander, und
-der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause zurück, der
-Kaufmann aber stach sofort in See.</p>
-
-<p>Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig
-war, sprach Pfarrer Kristian mit Jon und fragte ihn,
-was er wohl zu dem Auftrag meine, den der Kaufmann
-ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts
-darüber denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte,
-was das für ein Blatt gewesen wäre, das der Kaufmann
-ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete »Nein«. Da
-sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei,
-wenn er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus
-des Teufels Handbuch gewesen; und nun hätte der
-Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe zugedacht, es
-aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er,<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-daß er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt
-sei, und nur er würde Jon in dieser Angelegenheit
-helfen können, des Teufels Handbuch ausfindig zu
-machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon
-sollte sich nun sofort bereit machen, sich nach der
-Unterwelt zu begeben, um seinen Bruder zu besuchen,
-und er müßte dort am ersten Wintertag hinkommen
-und den Winter über da bleiben.</p>
-
-<p>Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und
-als alles fertig war, gab ihm der Pfarrer einen Brief an
-seinen Bruder mit und ein Garnknäuel, das ihm den
-Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche
-Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo
-auf seinem Weg umzusehen, auch dürfte er den ganzen
-Winter über in der Unterwelt kein einziges Wort
-sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes
-sein würde.</p>
-
-<p>Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das
-Knäuel von sich, behielt aber das Ende des Fadens in
-der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit vor ihm
-her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen
-war, an dem die Öffnung einer Höhle zu
-sehen war; dort rollte das Knäuel in den Berg hinein,
-und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und
-uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die
-Wanderung fortzusetzen, aber um so stärker zog das
-Knäuel, und er ermannte sich dann wieder. So ging
-er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da
-erblickte er vor sich eine anmutige Ebene, über die<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-das Knäuel eine Zeitlang rollte, bis er in eine große
-Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort hielt das
-Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden
-aufhob.</p>
-
-<p>Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen
-trat heraus. Es war gut gekleidet, aber ohne jeden
-Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die schönste
-Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich
-vor ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend
-nahm. Auch nahm sie das Knäuel und ging mit beiden
-ins Haus hinein. Nach einer kleinen Weile kam dasselbe
-Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet,
-das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand
-wieder in das Haus hinein. Das erste Mädchen
-aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn
-durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein
-kleiner Tisch, eine Bank, ein Stuhl und ein Bett standen;
-dann ging sie fort, aber sogleich brachte sie ihm
-Essen und deckte den Tisch.</p>
-
-<p>Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon
-blieb lange dort und glaubte, daß es schon mitten im
-Winter sei; er sah keinen anderen Menschen als dasselbe
-junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und
-ihm den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen
-sie miteinander, und nie hörte er menschliche
-Stimmen.</p>
-
-<p>Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer
-und wohlgewachsener Mann zu ihm hereinkam.
-Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer Kristians<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet;
-er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in
-seiner Stimme. Jon schwieg. Der Pfarrer fragte ihn,
-ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten sei. Jon
-aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut
-daran getan, Jon, bei deinem Schweigen zu beharren;
-denn aus diesem Grunde ist dein Auftrag gut gelungen,
-und du wirst für deine Selbstbeherrschung
-belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag,
-und darum darfst du sprechen.« Darüber war Jon
-sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er sich nun auf den
-Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern
-dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen,
-wenn eine Woche des Sommers um wäre. Dann
-gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut zu
-hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber
-nicht lange dauern, bis es der Eigentümer vermißte
-und holte, wenn es erst in den Händen des Kaufmanns
-wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder
-die ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen
-lassen, ehe er ihm das Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon,
-seinem Bruder einen Gruß zu bringen, bot ihm darauf
-Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf
-den Weg bringen und ihm zeigen werde, wie er sich
-nach Hause finden könne. Das Mädchen kam also
-und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen,
-das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte.
-Sie gingen Hand in Hand miteinander, es wird aber
-nicht erzählt, was sie zusammen sprachen, bis sie<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
-plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht
-weiter gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das
-Stück Weges, das noch übrig sei zu finden. Sie sagte,
-daß sie scheiden müßten, wenn es auch ihrem
-Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht
-zusammenbleiben und Freude miteinander haben,
-da er ja nicht in der Unterwelt leben könne und sie
-nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht
-verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir
-das Kind senden; sollte es ein Junge werden, wenn
-es sechs Jahre alt ist, wenn es aber ein Mädchen wird,
-dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt davon
-ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie
-das gesagt hatte, reichte sie ihm das Knäuel, sagte
-aber, daß er es nicht brauche, um den Weg zu finden,
-er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten.
-Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es
-fiel ihnen schwer zu scheiden. Er ging nun den Weg,
-den sie ihm gezeigt hatte; er war weder schwierig
-noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie
-und wo er zwischen den beiden Welten wanderte.
-Gegen Ende der ersten Sommerwoche kam er in
-Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude empfing
-und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt
-hätte, als Jon ihm den Gruß seines Bruders brachte
-und ihm das Buch gab.</p>
-
-<p>Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen
-ein, und der Pfarrer stattete ihm sogleich einen Besuch
-ab; kühl aber waren die Grüße, die sie miteinander<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann,
-daß ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein
-großer Mangel an Lebensmitteln herrsche, weshalb
-er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen; und
-darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier
-Tage war die ganze Ladung an Land gebracht. Als
-das geschehen war, fuhren der Pfarrer und Jon zu dem
-Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon sofort,
-wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon
-erwiderte, daß er ausgeführt sei. Darauf reichte der
-Pfarrer dem Kaufmann an Jons Stelle das Buch; sehr
-unangenehm aber war dieser überrascht, als er sah,
-daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn
-nun, das Geld auszuzahlen, das er Jon versprochen
-habe, und das tat der Kaufmann auch. Dann boten
-sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter;
-kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See
-sehr unruhig wurde; ihre Blicke fielen auf das Wasser,
-wo das Schiff gelegen hatte, da aber war es verschwunden,
-und später wurde es nie mehr gesehen.</p>
-
-<p>Nun war großer Reichtum im Pfarrhofe. Das
-nächste halbe Jahr verging, und Jon blieb bei dem
-Pfarrer. Immer war er den Leuten verschlossen vorgekommen,
-jedoch nie so, wie nachdem er aus der
-Unterwelt zurückgekehrt war. Da sprach einmal der
-Pfarrer mit ihm darüber, was ihm fehle, und sagte,
-daß er ahne, weshalb er so wortkarg umherginge;
-weil ihm nämlich die Tochter seines Bruders da unten
-in der Unterwelt so gut gefallen hätte. Jon aber erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-nichts darauf. Pfarrer Kristian hatte drei
-Töchter, wie sie aber hießen, wird in dieser Sage nicht
-erzählt. Der Pfarrer sagte, daß er Jon diejenige von
-seinen Töchtern geben wolle, die er sich wünsche,
-wenn sein Gemüt dadurch erheitert werden könne.
-Jon wählte schließlich die jüngste Tochter zur Frau,
-und der Pfarrer verheiratete sie miteinander. Er
-schenkte den Eheleuten einen der besten Höfe in der
-Nachbarschaft zum Bewohnen, und dorthin zogen
-sie und schlugen ihr Heim auf. Sie lebten in Eintracht
-miteinander und hatten Reichtum genug. Trotzdem
-aber war Jon still und traurig.</p>
-
-<p>Nun vergingen viele Jahre, und die Eheleute bekamen
-viele Kinder zusammen. Da klopfte es einmal
-an der Tür zu Jons Hof, während alle Leute in der
-Badstube waren. Der Bauer sandte einen seiner
-Söhne, der damals sechs Jahre alt war, an die Tür.
-Als der Knabe wieder hereinkam, erzählte er, daß
-draußen ein wunderschönes, kleines Mädchen stände,
-das ihn freundlich begrüßt und ihn gebeten hätte,
-drin zu sagen, daß es mit seinem Vater sprechen
-wolle. Bei diesen Worten huschte es wie ein Sonnenstrahl
-über Jons Gesicht, er erhob sich sofort und
-ging hinaus. Das kleine Mädchen küßte ihn und begrüßte
-ihn mit dem Namen Vater, er aber empfing es
-mit großer Herzlichkeit und Freude.</p>
-
-<p>Es erzählte, daß es von seiner Mutter, der Pfarrerstochter
-aus der Unterwelt, geschickt sei, von der es
-ihm einen liebevollen Gruß bringe. Jon führte es sogleich<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-zu seiner Frau, mit der er von der Herkunft
-des Kindes sprach, und von der großen Verpflichtung,
-die er ihm gegenüber hätte, und bat sie, wie eine
-Mutter gegen es zu sein, wie für ihre anderen Kinder.
-Da nahm es die Frau sehr liebevoll auf. Sigrid hieß
-das kleine Mädchen; es war zwölf Jahre alt, als sich
-dies ereignete. Es zeichnete sich vor den meisten
-durch seine große Schönheit und allerlei andere Tugenden
-aus. Als Sigrid drei Jahre bei ihrem Vater und
-in dieser Zeit Gegenstand vieler Auszeichnung und
-Liebe gewesen war, bat sie ihn einmal um die Erlaubnis,
-ihre Mutter besuchen zu dürfen, was er ihr
-auch freundlich gewährte, indem er sagte, daß sie bei
-ihrer Mutter gern ein ganzes Jahr bleiben dürfe, wenn
-sie wolle.</p>
-
-<p>In dem Jahre darauf kehrte Sigrid zu ihrem Vater
-zurück, der sie ebenso liebevoll wie früher empfing.</p>
-
-<p>Sie überbrachte ihm den letzten Gruß ihrer Mutter,
-die, wie sie erzählte, gestorben wäre, schon ehe sie die
-Unterwelt verlassen hätte. Zugleich brachte sie auch
-die Botschaft, daß Jon sie nur um einen Monat überleben
-würde. Es schien, als ob Jon diese Botschaft
-eher freute, als daß sie ihn betrübte, und nicht die
-kleinste Veränderung war ihm dabei anzumerken.</p>
-
-<p>Jon traf nun feste Bestimmungen über seine Habe,
-und in seinem letzten Willen setzte er seine Tochter
-Sigrid als Erbin des Hofes ein, auf dem er wohnte,
-und man merkte an allem, daß er sie am meisten von
-seinen Kindern liebte; sie war aber auch eine Zierde<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-unter allen Frauen. Seiner Frau und ihren Kindern
-gab er das ganze bewegliche Eigentum, und das war
-ein großer Reichtum. Dann starb Jon, und viele beweinten
-seinen Verlust.</p>
-
-<p>Ein paar Jahre später verheiratete sich Sigrid mit
-einem tüchtigen Manne, und sie ließen sich auf ihrem
-Hof, der der beste Hof in der ganzen Gegend war,
-nieder. Immer wurde Sigrid als eine ausgezeichnete
-Frau angesehen, und das Ehepaar lebte lange in großer
-Liebe miteinander. Sie bekamen eine Menge Kinder,
-und von ihnen stammt ein großes Geschlecht auf dem
-Südlande ab.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Brueder">Die Brüder</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In den Tälern wohnten zwei Brüder, Thord und Andreas,
-die Söhne Andreas’, die, wie es den Leuten
-schien, beide ein hitziges Gemüt hatten. Im Winter
-1820 begaben sie sich nach Hjallasand, um dort Fische
-zu fangen. Sie waren damals in die Zeit des Mannesalters
-gelangt, waren aber immer noch unverheiratet.
-Beide waren in Liebe zu demselben Mädchen entbrannt,
-und dieser Umstand zerstörte das brüderliche
-Verhältnis zwischen ihnen.</p>
-
-<p>Früh im Winter litt das Boot, in dem sich Andreas
-befand, Schiffbruch, und er ging mit ihm unter. Nun
-bekam sein Bruder freiere Hand für seine Werbung,
-worüber er sehr froh war, und er besuchte das Mädchen
-offener, als er es bisher getan hatte.</p>
-
-<p>Es verging einige Zeit, ohne daß etwas geschah.
-Aber eines Abends ging Thord in der Dunkelheit
-allein den Weg von Ingjaldshol entlang, und als er
-nach Hjallasand, nicht weit von seiner Bude, Storedumpa,
-gekommen war und gerade auf die Tür der
-Bude zugehen wollte, sah er, daß ein Mann vom Boot
-heraufkam, der ihm in den Weg treten wollte. Thord
-eilte zur Tür, und da war ihm der andere gerade auf den
-Fersen. Thord sah sich den Mann an und erkannte in
-ihm seinen Bruder Andreas; er war entsetzt, stürmte
-in die Bude hinein und auf den Boden hinauf, vergaß
-aber, die Tür hinter sich zu schließen. Auf dem Boden<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-der Bude waren die Betten derart aufgestellt, daß an
-dem einen Ende das Bett des Bauers Thomas stand, an
-dem gegenüberliegenden Ende ein Bett für drei Fischer,
-während Thords Bett mitten an der Seitenwand gegenüber
-dem Aufgang stand. Als Thord auf den Boden
-kam, war es dunkel, und die Leute schliefen in der
-Finsternis. Der Bauer Thomas erwachte von ihren
-Schritten. Thord setzte sich auf sein Bett, und gerade,
-als er sich gesetzt hatte, hörte Thomas ihn sagen:
-»Glaubst du, daß ich Furcht habe, dir in die Augen
-zu sehen?« In demselben Augenblick aber entstand
-ein furchtbarer Tumult, und Thord flog wie eine abgeschossene
-Kugel nach dem Bett der Fischer hinüber,
-über sie hinweg und an der Wand empor, und sie erwachten
-von einem bösen Traum. Im Handumdrehen
-aber riß das Gespenst Thord mit sich und zerrte ihn am
-Fußboden entlang und die Leiter hinunter. Der Bauer
-Thomas zündete Licht an und bat die Fischer, Thord,
-dem es so schlecht erging, zu helfen, und sie liefen alle
-mit ihm vom Boden hinunter. Da floh das Gespenst,
-Thord aber lag wie tot unten im Gang und schwamm
-in seinem Blut. Sie hoben ihn auf und trugen ihn auf
-sein Bett, wachten die ganze Nacht bei ihm und pflegten
-ihn mit großer Sorgfalt. Sein Körper war schlimm
-zugerichtet, blau und geschwollen, und er kam vor der
-Dämmerung des nächsten Morgens nicht zur Besinnung.
-Er lag lange krank, erholte sich jedoch schließlich,
-im Winter aber mußte jede Nacht Licht bei ihm brennen,
-damit das Gespenst nicht wiederkommen sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
-
-<p>Im nächsten Winter nahmen ein paar Fischer in der
-Bude bei Thomas in Dumpa Dienste. Einer von ihnen
-hieß Sigurd Sigurdsson und stammte aus Bredevig im
-Kreis Barderstran. Er war 21 Jahre alt und für einen
-so jungen Mann groß von Wuchs und im Besitz guter
-Kräfte. Er erhielt das Bett, das an dem einen Ende des
-Bodens stand, und darin wurde noch einem Fischer
-ein Platz angewiesen.</p>
-
-<p>Etwas später kam Thord Andreasson, und Thomas
-bat dann Sigurd, ihn als Bettgenossen für den Winter
-anzunehmen. Sigurd, der nicht wußte, was im vorigen
-Winter geschehen war, erfüllte das Verlangen des
-Bauern gern, und als sie zu Bett gingen, lag Sigurd
-außen, Thord aber an der Wand. Als sie aber eingeschlafen
-waren, träumte Sigurd, daß ein Mann mit erschreckendem
-Äußeren zu ihm käme und sagte: »Ich
-werde dich dafür belohnen, daß du vor meinem
-Bruder liegst, so daß ich ihm nicht nahe kommen kann.«
-»Was willst du von ihm?« fragte Sigurd. »Ich will
-ihn ermorden,« sagte der andere, »Ach so,« sagte Sigurd,
-»weiter willst du nichts von ihm?« Da schien
-es Sigurd, als greife der andere ihn an; sie packten
-einander, und das Ende war, daß der Angreifer fiel.
-Sigurd erwachte und kroch dann auf allen Vieren auf
-dem Fußboden vor dem Bett entlang.</p>
-
-<p>Die nächste Nacht träumte Sigurd genau dasselbe;
-jedoch schien es ihm diesmal schwieriger als gestern
-zu sein, das Gespenst zu überwältigen, und dieser
-Kampf endete so, daß Sigurd davon erwachte, daß<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-seine Bettgenossen ihn dicht an der Bodenluke festhielten.
-Sie hatten geglaubt, daß er im Schlaf wandle
-und wollten ihn daran verhindern.</p>
-
-<p>Die dritte Nacht träumte Sigurd, daß er am Boot
-unten am Wasser stände, und daß derselbe Mann käme
-und ihn mit großer Erbitterung überfiele; und lange
-rangen sie miteinander, Sigurd aber trug doch schließlich
-den Sieg davon; ihm träumte, daß er das Gespenst
-erlegte, worauf er ein Schwert in die Hand nahm und
-seinen Gegner damit in Stücke hieb. Und so hörte das
-Gespenst mit seinen Angriffen auf.</p>
-
-<p>Sigurd blieb den Winter über in Dumpa und schlief
-neben Thord, und nie träumte ihm nach dieser Zeit
-von seinem Kampfgegner, der den ganzen Winter hindurch
-seinem Bruder Thord keinerlei Schaden durch
-sein Spuken zufügte.</p>
-
-<p>Viele Jahre später begegneten sich einmal Thord
-und Sigurd und sprachen von dem Gespenst. Es hatte
-Thord niemals mehr überfallen, seitdem Sigurd es besiegt
-hatte. Thord überlebte seinen Bruder Andreas
-um ungefähr 20 Jahre, nie aber gelangte er nach ihrer
-Begegnung in der Bude wieder zu seinen alten Kräften.
-Er ist später durch das Eis auf Hvidaa im Borgarfjord
-eingebrochen und ertrunken. Er befand sich damals
-auf einer Reise nach dem Südland, wohin er zum
-Fischen zog, und führte drei Pferde mit Packung mit
-sich, die alle mit ihm ertranken.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Ulfssee">Der Ulfssee</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Gegen Süden, zwischen den Skagefjordstälern, liegt
-ein fischreicher See, der der Ulfssee heißt und seinen
-Namen auf folgende Weise erhalten hat:</p>
-
-<p>Auf Mällifellsaa wohnte einmal ein reicher Bauer.
-Er hatte einen Sohn, mit Namen Gudmund, der in
-jeder Weise ein hoffnungsvoller Jüngling war. Er hatte
-gute Kräfte und war ein tüchtiger Ringer. Er war oft
-draußen, um Vieh zu suchen, und jedesmal, wenn gesucht
-wurde, war er Führer oder Bergkönig, wie die
-Rangvellinger sagen.</p>
-
-<p>Einmal zog Gudmund mit mehreren Männern aus,
-um entlaufene Schafe zu suchen. Während des Suchens
-blieb er schließlich mit einem Jungen allein, und sie
-kamen nach dem Ulfssee. Da entdeckten sie zwei
-Lämmer, die sie zu verfolgen begannen. Der See war
-zugefroren, und sie sahen, daß draußen auf dem Eis
-ein Mann lag und angelte.</p>
-
-<p>Als Gudmund und sein Begleiter dem See näher
-kamen, sprang der Fischer auf, ergriff ein Beil, das
-neben ihm lag, nahm einen Anlauf und glitt auf Gudmund
-zu. Kaum gewahrte das der Junge, als er Fersengeld
-gab, Gudmund aber erwartete den Mann.</p>
-
-<p>Als dieser dicht vor Gudmund stand, hieb er mit
-dem Beil nach ihm, Gudmund aber wich aus. Das Beil
-fiel dem Friedlosen<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> aus der Hand, Gudmund fing es<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-auf, nahm einen Anlauf und glitt auf den See hinaus,
-auf dem der andere ihn zu verfolgen begann. So trieben
-sie es eine Weile, bis Gudmund eine passende Gelegenheit
-fand. Er drehte sich um und gab dem Friedlosen
-den Todesstreich; während dieser aber den Hieb
-erhielt, rief er mit lauter Stimme nach Brand, Thorgils
-und Olaf. Darauf ging Gudmund zu seinen Leuten
-und erzählte ihnen das Geschehene. Sie gingen dann
-in geschlossenen Haufen nach dem See, da aber war
-der Tote verschwunden; sie sahen, daß er fortgebracht
-worden war, denn die Blutspuren auf dem Eise wiesen
-ans Land.</p>
-
-<p>Nach dieser Zeit blieb Gudmund zu Hause und
-ging nie mehr aus, um Schafe zu suchen; denn er befürchtete,
-daß die Friedlosen nach ihm auf der Lauer
-lägen. Da geschah es einmal, spät im Sommer, daß
-der Schäfer auf Mällifellsaa krank wurde und niemand
-auf dem Hof war, der die Schafe sammeln konnte,
-außer Gudmund. Er ging deshalb fort, konnte sie aber
-nirgends finden. Er ging immer weiter, bis in die Heide,
-aber auch dort fand er die Schafe nicht. Da fiel ein so
-dichter Nebel, daß er nicht wußte, wo er war; trotzdem
-ging er weiter, bis er eine große Herde Schafe
-sah, und bei ihnen einen Mann.</p>
-
-<p>Dieser, ein Friedloser, griff Gudmund sofort an,<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-und sie rangen so lange miteinander, bis Gudmund
-seinen Gegner warf. Der Friedlose bat um Gnade und
-versprach, ihn dafür gut zu belohnen. Gudmund fragte,
-wer er sei, und wo er zu Hause wäre. Der Friedlose
-erwiderte, daß er Olaf heiße und ein Bruder von dem
-sei, den er auf dem See erschlagen hätte; Ulf aber
-hätte der geheißen.</p>
-
-<p>»Wir sind sechs Brüder, und ich bin der jüngste
-und kleinste von allen. Mein Vater wohnt auf einem
-Hof, unweit von hier, und hat dich hergezaubert, denn
-er will dich für den Totschlag an seinem Sohn belohnen;
-auf dem Vorhof hat er ein Grab graben lassen,
-und dich hat er als Gast dafür bestimmt. Wir haben
-eine Schwester, die Sigrid heißt, und die unser Vater
-am meisten liebt; sie kann dir die beste Hilfe leisten,
-wenn sie dir eine Handreichung tun will. Mein Bruder
-Brand ist hier in der Nähe, und wenn du ihn unter
-deinen Fuß bekommen könntest, so daß du uns beiden
-das Leben geschenkt hättest, dann würde sie dir
-wohl Hilfe leisten, so gut sie es vermag.«</p>
-
-<p>Hierauf ließ Gudmund Olaf aufstehen, und dann
-setzte er seinen Weg fort, bis er Brand traf. Sie rangen
-miteinander, und es gelang Gudmund, Brand unter
-sich zu bekommen. Da bat dieser um Gnade und versprach
-ihm Hilfe, indem er ihm genau dasselbe sagte,
-wie Olaf ihm vorher erzählt hatte.</p>
-
-<p>Gudmund ließ ihn dann aufstehen, ging nach dem
-Hof und fand Sigrid draußen. Er brachte ihr den
-Gruß der Brüder und fügte hinzu, daß sie sie bäten,<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
-demjenigen zu helfen, der ihnen das Leben geschenkt
-habe. Da führte ihn Sigrid nach dem Boden über dem
-Stall und schenkte ihm einen Trunk Wein ein, der ihn
-sehr stärkte. Darauf beschrieb sie ihm das Grab auf
-dem Vorhof und gab ihm den Rat, sich von ihrem
-Vater, wenn sie rängen, gegen es treiben zu lassen,
-wenn er aber den Rand erreicht hätte, so sollte er
-hinüberspringen und ihren Vater in das Grab fallen
-lassen; töten sollte er ihn jedoch nicht. Sie sagte, daß
-ihr Vater gerade schlafe, daß er aber bald erwachen
-werde, dann solle er auf den Hof gehen und gegen
-die Tür klopfen.</p>
-
-<p>Gudmund tat, wie sie sagte; als aber der Alte die
-Schläge hörte, erhob er sich aus dem Bett und sagte:
-»Jetzt ist Gudmund endlich gekommen, und jetzt soll
-er zeigen, wozu er taugt.«</p>
-
-<p>Der Bauer lief hinaus, von gegenseitigem Begrüßen
-aber war nicht die Rede, im Gegenteil, gleich fuhren
-sie aufeinander los, und es wurde ein harter Kampf.</p>
-
-<p>Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die
-Hälfte der Kräfte des Alten hatte; daher wehrte er
-sich nur, griff aber nicht an. Der Alte wollte ihn nach
-dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm
-treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund
-hinüber und wippte den Alten kopfüber hinein.
-Sogleich kamen Sigrid und die beiden Brüder, mit
-denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten
-ihn, ihrem Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach,
-es zu tun, wenn sie ihm von nun an keinen<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
-Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte
-hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und
-nun dankte er Gudmund für sein Leben und lud ihn
-ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er nicht wissen
-könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der
-Sache abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen.
-Dann wurde Gudmund als Gast bewirtet, abends aber
-in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die
-älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund
-in dem Grabe zu Gaste wäre. Der Alte erzählte, wie
-alles zugegangen war. Darüber aber wurden sie rasend
-und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging
-dann vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten
-müßten, wenn sie das Gastrecht brechen und Gudmund
-umbringen wollten. Hierauf besänftigten sie
-sich und gingen zu Bett.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund
-vor und gebot ihnen, ihm nichts Böses anzutun.
-Gudmund blieb den Winter über dort; ihm gefiel Sigrid,
-denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich
-von Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren
-Brüdern messen konnte. Sie und Gudmund wurden
-gute Freunde.</p>
-
-<p>Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid,
-die ein Kind erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte
-versuchte nicht, sie davon abzuhalten, und Gudmund
-zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast, bis er
-nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren,
-ihn wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
-geglaubt hatten. Er heiratete Sigrid, und sie wohnten
-lange auf Mällifellsaa, und sie wurde für eine ausgezeichnete
-und hochgesinnte Frau gehalten.</p>
-
-<p>Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters
-fanden die Brüder den Aufenthalt droben in der Wildnis
-öde und langweilig, und darum zogen sie gleichfalls
-mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden.
-Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord,
-und alle genossen sie Ansehen als tüchtige und
-brave Männer.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher,
-die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis
-geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine
-von der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse
-bildeten.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Der_Suedfahrer-Asmund">Der Südfahrer-Asmund</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte
-aus dem Skagefjord. Ein flinker Mann war er und
-tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser Erzählung
-war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog
-Asmund südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine
-Genossen folgten ihm. Sie verbrachten die Nacht auf
-Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am nächsten
-Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In
-der Nacht aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit,
-und seine Begleiter warteten den Tag über auf
-ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen sollten, er
-würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund
-aber blieb zurück.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen
-gesund, und darum brach er auf. Es war schönes Wetter;
-als er aber nach Süden kam und mitten auf der Heide
-war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund
-sah nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er
-das merkte, nahm er die Bündel von seinen Pferden
-und grub sich in eine Schneewehe ein und benutzte
-seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde
-koppelte er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte,
-in die er an der Leeseite ein Loch gegraben hatte,
-um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann
-holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen.
-Aber gerade als er seine Mahlzeit begonnen hatte,<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-kam ein torfbrauner Hund an das Loch in der Schneehütte
-und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr
-bissig und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen,
-den Asmund schluckte, noch grimmiger. Der Hund
-begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen
-Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor
-und gab ihn ihm. Der Hund nahm den Knochen und
-lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem Weilchen aber
-kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür
-der Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte
-ihm für sein Hündchen.</p>
-
-<p>»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte
-der Fremde. »So nennt man mich,« antwortete Asmund.
-»Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen zu wählen,«
-sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das
-Unwetter beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn
-das sollst du wissen, daß ich es bin, der das Unwetter
-heraufbeschworen hat, und ich bin daran schuld, daß
-du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen,
-weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann
-kenne als dich.« Asmund wurde es heiß um die Ohren,
-und er begriff, daß hier nur eins zu tun war, ob es
-ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber
-mit ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe
-lassen wollte.</p>
-
-<p>»So komm mit,« sagte der Mann. Asmund brach
-nun mit ihm auf; das Schneetreiben hatte aufgehört,
-und es war schönes Wetter geworden. Der Mann
-ging voraus, Asmund aber folgte ihm mit den Pferden.<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-Welchen Weg er ging, wußte er nicht, so irregeführt
-worden war er. Als sie eine Zeitlang geradeaus gewandert
-waren, kamen sie in ein kleines Tal. Ein Bach lief
-mitten durch das Tal, und Asmund war erstaunt, daß
-die Erde auf der einen Seite des Baches rot war, während
-auf der anderen Seite jedes Fleckchen weiß vom
-Schnee war. Auf jeder Seite des Baches sah er einen
-Hof Sie gingen nach dem Haus, das auf der zugeschneiten
-Seite lag. Der Alte nahm die Pferde, zog sie
-in den Stall und fütterte sie. Dann führte er Asmund
-in das Haus und in die Badstube. Hier erblickte Asmund
-ein altes Weib und ein junges, ziemlich hübsches
-Mädchen, andere Leute aber sah er nicht. Nachdem
-er sie begrüßt hatte, wies ihm der Alte einen Sitzplatz
-an. Als aber eine kleine Weile verstrichen war, gingen
-sie hinaus, der Alte und das Mädchen, und Asmund
-und das Weib blieben allein zurück. Die Alte saß die
-ganze Zeit da und murmelte leise vor sich hin:
-»Es ist ein rechter Jammer, – ohne Tabak zu sein.«
-Asmund holte ein Stück Tabak aus der Tasche und
-warf es der Alten zu. Sie fing es auf und freute sich
-über das Geschenk.</p>
-
-<p>Dann kamen sie herein, der Alte und das Mädchen,
-und sie brachten Asmund etwas zu essen. Asmund
-aß, und der Alte stand die ganze Zeit bei ihm und
-war sehr vergnügt. Als Asmund gegessen hatte, ging
-das Mädchen wieder hinaus, von dem alten Mann gefolgt.
-Jetzt glaubte Asmund, daß sie beratschlagten,
-wie sie ihn umbringen könnten. Bald darauf kam der<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
-Alte zurück und bat Asmund, sich zur Ruhe zu begeben.
-Das wollte er gern, und der Alte führte ihn
-in eine Kammer, in der ein aufgedecktes Bett stand.
-Der Alte wünschte ihm Gute Nacht und ging, das
-Mädchen aber zog Asmund die nassen Kleider aus.
-Als sie seine Strümpfe und Schuhe nahm, um sie wegzutragen,
-bat er sie, das nicht zu tun, denn er fürchtete,
-es könnte Verrat dahinter stecken. Das Mädchen sagte,
-daß keine Gefahr damit verbunden sei, denn es wolle
-ihm niemand etwas Böses zufügen. Darauf ging sie
-und bot Asmund mit einem Kuß Gute Nacht.</p>
-
-<p>Asmund erschien die Behandlung, die er im Hause
-des Friedlosen genoß, sonderbar, und er war nicht
-ganz frei davon, ein gewisses Gefallen an dem Kusse
-des Mädchens zu finden. Er schlief bald ein und
-wachte wieder davon auf, daß der Alte neben ihm
-stand.</p>
-
-<p>Es war hellichter Tag. Der Alte wünschte ihm
-Guten Morgen und sagte, er wolle ihn jetzt um die
-Sache bitten, um derentwegen er ihn hergeholt hätte.
-»Die Sache verhält sich so,« sagte der Alte, »daß ich
-vor zwanzig Jahren unten in der bewohnten Gegend
-wohnte; dann bekam ich ein Kind mit meiner Schwester,
-darum mußte ich flüchten und hierherziehen. Das alte
-Weib, daß du gestern gesehen hast, ist meine Schwester,
-das Kind aber, das wir zusammen bekamen, ist das
-junge Mädchen, das dir beim Ausziehen behilflich
-war, als du zu Bett gingst. Als ich hierherkam, waren
-hier schon Friedlose, die in dem Hause wohnten, das<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-du gestern abend jenseits des Baches gesehen hast.
-Es waren dieselben beiden Männer, die noch heute
-auf dem Hof wohnen. Sie haben mir immer Feindschaft
-bewiesen, stets aber habe ich mich ihrer erwehren
-können, bis jetzt. Jetzt kann ich es nicht mehr, und
-nun muß ich ihrer Übermacht unterliegen, weil sie
-den ganzen Schnee, der ins Tal fällt, auf meine Seite
-des Baches fallen lassen. Es ist meine Gewohnheit gewesen,
-meine Schafe auf ihrem Land, jenseits des
-Baches, grasen zu lassen, nun aber bin ich nicht mehr
-Manns genug, das zu tun. Ich will dich darum bitten,
-heute sogleich mit meinen Schafen über den Bach zu
-gehen und sie dort zu hüten. Ich weiß, daß du ein
-mutiger Mann bist, aber das hast du auch nötig, denn
-meine beiden Feinde werden kommen, in der Vermutung,
-daß ich bei der Herde bin. Du sollst meinen
-torfbraunen Hund bei dir haben, und der wird dir
-eine gute Hilfe sein.«</p>
-
-<p>Asmund verließ das Bett und ging mit den Schafen
-fort, der Alte aber gab ihm seinen Mantel zum Umhängen
-und ein Beil, damit er sich seiner Haut wehren
-könnte. Sobald Asmund über den Bach gekommen
-war, liefen die Friedlosen auf ihn zu und sagten:
-»Jetzt ist er des Todes!« Denn sie glaubten, der Alte
-sei bei seinen Schafen. Als sie sich aber Asmund
-näherten,sagten sie: »Es ist ein anderer, als wir dachten,«
-worauf sie auf Asmund einsprangen und ihn angriffen.
-Asmund hetzte den Braunen auf den einen von ihnen,
-griff aber selber den andern an. Der Braune zerriß<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
-seinen Gegner und lief dann gegen den andern an,
-und so besiegten sie ihn im Verein, Asmund und der
-Hund. Asmund blieb bis zum Abend bei den Schafen,
-dann ging er nach Hause und traf dort den Alten an.
-Der empfing Asmund gut und dankte ihm herzlich
-für sein Tagewerk. Er hätte ihm zugesehen, als er dabei
-gewesen wäre, die Friedlosen zu töten, erzählte er.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage gingen Asmund und der Alte
-über den Bach nach dem anderen Hof, der ein guter
-und geräumiger Ort zum Bewohnen war. Keinen
-Menschen trafen sie an, nur eine Menge Vieh. Sie
-untersuchten nun das ganze Haus. Da stießen sie auf
-eine Tür, die sie nicht zu öffnen vermochten. Asmund
-warf sich gegen sie und sprengte sie. Sie führte
-in eine kleine Nebenkammer, in der sie eine anmutige
-und schöne Magd fanden. Sie war mit den Haaren
-an einen Balken festgebunden und war sehr blaß und
-mager. Asmund befreite sie und fragte, wo sie her sei.
-Sie erzählte, daß sie eine Bauerntochter vom Oefjord
-wäre, und daß die Friedlosen sie geraubt hätten. Sie
-hätten sie zwingen wollen, einen von ihnen zu heiraten,
-sagte sie. Da sie das aber nicht wollte, so hätten sie sie
-hier festgebunden und gemeint, auf diese Weise würden
-sie sie schon gefügig machen, einen von ihnen
-zu nehmen. Asmund erzählte ihr dann, wie die Sache
-nun stände, und daß sie in den Händen guter Menschen
-sei; sie aber freute sich, alle Gefahr überstanden
-zu haben.</p>
-
-<p>Sie brachten nun alles von der Hütte des Alten<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-herüber nach diesem Hof und blieben hier den Winter
-über. Asmund gefielen der Alte und die Mädchen,
-besonders jedoch die Tochter des Alten. Sie lernte
-verschiedene Kunstfertigkeiten von dem Mädchen
-vom Oefjord. Im Frühjahr sagte der Alte zu Asmund,
-er solle nun nach seiner Heimat ziehen; im Herbst
-aber solle er in das Tal zurückkehren, denn dann würde
-er gestorben sein, sagte er. Dann wollte er ihn bitten,
-sich seiner Tochter und seiner Schwester anzunehmen,
-wenn sie noch am Leben sei, und auch des Mädchens
-aus dem Oefjord. Alles, was er hier an Geldeswert
-finden könne, solle seine Mitgift sein, sagte er. Darauf
-begab sich Asmund nordwärts nach dem Skagefjord.
-Die Leute sahen ihn an, als wäre er vom Tode wiederauferstanden;
-wo er aber den Winter verbracht hatte,
-das erzählte er niemandem.</p>
-
-<p>Im Herbst zog er wieder aus und kam zu den Mädchen
-im Tal. Sie freuten sich sehr über sein Kommen,
-denn die beiden Alten waren entschlafen, und die
-Mädchen hatten sie unter einem Hügel am Abhang
-begraben. Asmund blieb den Winter über bei ihnen.
-Aber im Frühjahr zog er mit der ganzen beweglichen
-Habe aus der Hütte fort, nach dem Skagefjord. Dort
-ließ er sich nieder und heiratete die Tochter des Alten,
-das Oefjordmädchen aber verheiratete er mit einem
-Manne aus der Umgegend.</p>
-
-<p>Und hier endet die Erzählung vom Südfahrer-Asmund.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Zauberer_auf_den_Westmaendsinseln">Die Zauberer auf den Westmändsinseln</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn
-Zauberer zusammen und schlossen miteinander
-ein Bündnis. Sie zogen nach den Westmändsinseln und
-wollten sich gegen den Tod wehren, solange es irgend
-ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen,
-daß die Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte,
-wollten sie gern wissen, ob noch ein Mensch am Leben
-wäre. Sie einigten sich deshalb, einen ihrer Kameraden
-ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in
-ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren
-war. Sie brachten ihn ans Land und sagten, daß
-sie ihm, wenn er nicht bis zur Julzeit zurückgekommen
-wäre, einen Sending<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> schicken würden, der ihn töten
-sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents.</p>
-
-<p>Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit
-herum. Aber nirgends sah er einen lebenden Menschen;
-die Höfe standen offen, und darinnen lagen überall
-Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der verschlossen
-war. Er wunderte sich darüber, und es wurde
-die Hoffnung in ihm erweckt, daß er hier Menschen
-antreffen würde. Er klopfte an die Tür, und sogleich
-kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm. Er
-begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals
-und weinte vor Freude, wieder einen Menschen zu<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
-sehen; denn sie hätte geglaubt, sagte sie, daß sie das
-einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat ihn, bei
-ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen
-in das Haus und hatten vieles miteinander zu
-besprechen. Sie fragte, wo er herkäme, und wo er hinwollte.
-Das erzählte er ihr und zugleich, daß er bis
-zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei
-ihr zu bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid,
-und er versprach ihr denn auch zu bleiben. Sie erzählte
-ihm, daß alle Menschen gestorben seien; denn
-sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen,
-eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem
-lebenden Wesen zu begegnen.</p>
-
-<p>Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte
-ans Heimwärtsziehen. Das Mädchen aber bat ihn zu
-bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl nicht
-so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er
-bei ihr, die so allein und verlassen sei, geblieben wäre.
-Er ließ sich überreden zu bleiben, und dann kam die
-Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem, was sie auch sagte.
-Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und sagte:
-»Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen
-kannst? Oder scheint es dir nicht ebensogut,
-hier bei mir zu sterben, als an irgendeinem Ort unterwegs?«</p>
-
-<p>Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden
-war und entschloß sich, ruhig zu bleiben, wo er war
-und hier den Tod zu erwarten. Es ging auf die Nacht;
-er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-keck und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte,
-was die Inselbewohner jetzt trieben. Er sagte, daß sie
-ihren Sending jetzt ans Land gebracht hätten, und daß
-er heute kommen würde.</p>
-
-<p>Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er
-aber legte sich in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er
-jetzt anfinge, schläfrig zu werden, und daß das der
-Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er ein. Das
-Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal
-ums andere, damit er sagen sollte, wo der Sending
-der Inselbewohner nun sei. Aber je näher dieser kam,
-desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt hatte,
-daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so
-fest, daß das Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte,
-und es dauerte denn auch nicht mehr lange, bis sie
-einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen
-sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete
-sich zu einer Menschengestalt. Das Mädchen
-fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt entledigte sich
-ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten;
-»denn ich kann nicht über dich hinwegkommen,«
-sagte sie. Das Mädchen sagte der Gestalt, daß sie ihr
-dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen müsse. Die
-Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen
-erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden
-könnte. Die Gestalt war damit einverstanden und
-wurde nun so groß, daß sie das ganze Haus erfüllte.
-Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern sehen,
-wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-könnte eine Fliege werden, und in demselben Augenblick
-verwandelte sie sich in eine Fliege und wollte
-unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem
-Manne hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade
-in den Röhrenknochen eines Schafes, den das
-Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte sich,
-sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben.</p>
-
-<p>Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die
-Tasche und weckte den Mann. Er wurde bald wach
-und wunderte sich sehr, daß er noch am Leben sei.
-Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er
-antwortete, daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei,
-das Mädchen aber sagte ihm dann, daß sie längst geahnt
-hätte, daß das keine großen Zauberer auf der
-Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und
-sie verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit.</p>
-
-<p>Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann
-wieder an, wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte,
-was ihm denn nur fehle. Er sagte, daß sie jetzt auf der
-Insel im Begriff wären, einen neuen Sending auszurüsten
-und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen.
-»Am Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es
-nicht leicht, mich zu retten.« Das Mädchen sagte, daß
-sie keine Angst davor habe, ehe sie es probiert hätte,
-und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen der
-Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres
-sagte er, daß jetzt der Sending ins Land gekommen
-sei. »Und schnell kommt er vorwärts, denn er hat eine<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte, daß er
-ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat.
-Sie kamen bald darauf nach einem Buschwald. Darin
-blieb sie stehen und riß ein paar Büsche aus. Da stießen
-sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen hob den
-Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie
-stiegen in die Erdhöhle hinab, in der es finster und
-unheimlich war. Da war ein schwacher Docht in einem
-Schädel, der in Menschenfett brannte. Auf einem
-elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund,
-der furchtbar anzusehen war. Seine Augen
-waren wie Blut, und sein Aussehen war so greulich,
-daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte
-sagte: »Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du
-herkommst, Pflegetochter. Es ist lange her, daß ich
-dich gesehen habe, und was kann ich nun für dich
-tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie
-gekommen sei, von dem Manne, und von dem ersten
-Sending. Der Alte bat sie, den Röhrenknochen sehen
-zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte den
-Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer.
-Er drehte ihn nach allen Richtungen und betastete ihn
-überall von außen. Dann sagte das Mädchen: »Hilf
-nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt er schläfrig
-zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending
-bald hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen
-aus dem Röhrenknochen, und sofort kam die Fliege
-aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege und
-sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-den Inseln in Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte
-ein starker Donnerschlag, die Fliege fuhr heraus
-und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis
-zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der
-Erde lag. Sie nahm alle Sendinge von den Inseln in
-Empfang, und der Mann war gerettet.</p>
-
-<p>Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und
-nach Hause, das Mädchen und der Inselmann, und
-gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof. Später wurden
-sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten
-sich und bevölkerten die Erde.</p>
-
-<p>Und so weiß ich nichts mehr von der Sage.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das
-abgesandt wird, um jemanden zu töten.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Der_Sending">Der Sending</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Eine Frau saß einmal bei ihrer Arbeit in der Badstube.
-Außer ihr waren weiter keine Leute auf dem
-Hof; denn der Bauer war wegen irgendeiner Besorgung
-von zu Hause fortgegangen, und das Gesinde
-war draußen beschäftigt. Da trat ein Junge in die
-Badstube ein, klein von Wuchs, aber sehr feist. Er
-fragte die Frau, wo der Bauer sei, sie beeilte sich jedoch
-nicht, es zu sagen, denn der Junge gefiel ihr nicht.
-Da fragte er nochmals nach dem Bauern, mit dem er,
-wie er sagte, ein ernstes Wort zu reden habe, und er
-könne nicht verweilen. Die Frau fragte ihn, was für
-einen Auftrag er denn habe, und ob sie ihn nicht entgegennehmen
-könne. Als der Junge hierauf »Nein«
-erwiderte, sagte die Frau: »Ich glaube nicht, daß so
-ein Pfropfen wie du viel unter den Händen meines
-Mannes zu tun hat. Oder kannst du etwa größer
-werden, als du jetzt bist?« Der Junge sagte, das könne
-er schon. Sie bat ihn um eine Probe davon, sonst
-glaube sie ihm nicht. Da wuchs der Junge allmählich,
-bis er so groß wie ein Troll wurde und bis an die
-Decke reichte. Die Frau sagte, daß man ihn kaum
-dort einfange, wo man ihn hinsetze, und sie bat ihn,
-nun wieder so zu werden, wie er vorher gewesen sei.
-Das tat er. Da fragte ihn die Frau, ob er sich in demselben
-Verhältnis klein wie groß machen könne und
-wünschte, eine Probe zu sehen. Dazu sagte er ja, und<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-allmählich wurde er nun kleiner, bis er die Größe
-eines Sperlings erreicht hatte. Da holte die Frau ein
-kleines Fläschchen hervor und fragte ihn, ob er sich
-so klein machen könne, daß er da hineinginge. Sofort
-verwandelte er sich in eine Fliege und kroch in das
-Fläschchen hinein; die Frau war nicht faul und spannte
-ein Kalbshäutchen über die Flasche, und nun mußte
-sich der Gesell damit abfinden, darin zu kauern.</p>
-
-<p>Als der Bauer nach Hause kam, gab ihm die Frau
-die Flasche und erzählte ihm alles. Er freute sich über
-die List seiner Frau, nahm die Flasche und ging mit
-ihr fort; was aber aus ihr geworden ist, erfuhr später
-niemand.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Eheteufel">Der Eheteufel</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf Geirmundstad im Skagefjord wohnte einmal ein
-Ehepaar, das im Gemüt nicht übereinstimmte; man
-erzählte allerdings, daß die Frau einem anderen Manne
-gut sei, der das seinige tat, um das gute Verhältnis
-zwischen ihr und ihrem Eheherrn zu stören. In dieser
-Absicht verzauberte er einen Teufel dazu, die Gestalt
-eines Hundes anzunehmen; er war von torfbrauner
-Farbe, und er schickte ihn nach Geirmundstad, um
-dort Eheteufel zu sein.</p>
-
-<p>Bei den Eheleuten auf Geirmundstad hielt sich eine
-alte Frau auf; sie beobachtete, daß jedesmal, bevor
-die Eheleute in Streit gerieten, ein torfbrauner Hund
-in die Badstube trat, durch das Zimmer ging und die
-Schnauze zwischen das Ehepaar auf das Bett legte, auf
-dem es saß, und ganz unheimlich zu heulen begann.
-Als der Hund damit fertig war, war es stehende Regel,
-daß Mann und Frau in Zank gerieten. Die alte Frau
-sprach mit dem anderen Gesinde über den Vorläufer
-der Zänkerei des Ehepaares, den sie sah, und sie waren
-alle miteinander darüber einig, daß sie der Hausfrau
-ihr Gesicht erzählen solle, um zu sehen, ob sie nicht
-dadurch Frieden zwischen den Eheleuten stiften könne,
-die im Grunde bei all ihren Leuten sehr beliebt waren.</p>
-
-<p>Einmal sprach die Alte, die geistersehend war, mit
-ihrer Herrin und hielt ihr das Unchristliche vor, daß
-Mann und Frau in solcher Zwietracht miteinander<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
-lebten. Anfangs wollte die Hausfrau nichts davon
-hören, die Alte aber sagte, daß sie sich sicher mehr
-Mühe geben würde, bösen Zank mit ihrem Manne
-zu vermeiden, wenn sie nur wüßte, woher ihre Uneinigkeit
-käme. Sie erzählte ihr dann alles und bat
-sie eindringlich, ihrem Manne ja in allem nachgiebig
-zu sein, damit sie den Teufel nicht mehr mit ihrem
-häßlichen Streit ergötze. Die Hausfrau versprach ihr,
-alles zu tun, was in ihrer Macht stände.</p>
-
-<p>Da kam es so, daß sich das Verhältnis der Eheleute
-zu einander mit jedem Tage besserte, denn die Frau
-gab ihrem Manne gegenüber immer nach, und schließlich
-wurde ihr Zusammenleben sehr liebevoll.</p>
-
-<p>Da sah man aber auch nichts mehr von dem Torfbraunen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_rote_Stier">Der rote Stier</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Als Sira Thomas Skuleson Pfarrer auf Grenjadarstad
-war, hielt er sich zwei Hofknechte, von denen der
-eine Bjarne hieß, der andere aber Martin. Diese beiden
-Knechte hatten eine gemeinsame Schlafkammer, die
-abgesondert vorn auf dem Hofe lag. Bjarne war früher
-verheiratet gewesen, lebte aber von seiner Frau getrennt,
-und da er nun in Liebe zu einem Mädchen in
-der Nachbarschaft entbrannt war, wollte er vor allem
-seine frühere Frau los werden. Er griff deshalb zu
-dem Mittel, daß er einen klugen Mann auf dem Nordland
-bewog, ihn zu lehren, wie man ein Gespenst
-erstehen lassen könnte, das er seiner Frau auf den
-Hals schicken wollte, um ihr den Garaus zu machen.</p>
-
-<p>Bjarne begann nun den Wiederkehrer<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> zu erwecken
-und leckte ihm den Totengeifer vom Gesicht, wie das
-Gesetz verlangt; kaum aber war er damit fertig, als
-sich das Gespenst an ihn selbst machte; und das Ende
-ihres Kampfes war, daß der Wiederkehrer Bjarne
-überwältigte, so daß dieser mit knapper Not lebendig
-davonkam. Dieser Wiederkehrer aber war Bjarne so
-viel weniger von Nutzen, als er erwartet hatte, daß
-er Bjarne nach dieser Zeit sogar wachend und schlafend
-überfiel, so daß er darüber beinahe um Sinn und
-Verstand gekommen wäre. Weder Bjarne noch Martin
-hatten nun nachts besondere Ruhe zum Schlafen;<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-denn das Gespenst fuhr mit seinem Klopfen an die
-Kammer unentwegt fort und hielt sie wach, bis Bjarne
-hinunterging, und dann blieb er längere oder kürzere
-Zeit in der Nacht draußen. Man wußte aber nichts
-von dem, was draußen zwischen ihnen vorging, als
-was Bjarne selbst erzählte, wenn er wieder zu Martin
-hineinkam.</p>
-
-<p>Als dies eine Zeitlang gedauert hatte und Bjarne
-darüber den Verstand fast verloren hatte, wandte er
-sich in seinem unglücklichen Zustand an einen klugen
-Mann und bat ihn um einen guten Rat, auf welche
-Weise er sich von den Verfolgungen des Wiederkehrers
-befreien könnte. Der kluge Mann gab ihm
-einen Zettel mit einigen Schriftzeichen und gebot
-ihm, eines Nachts in die Kirche auf Grenjadarstad
-zu gehen, sich sämtliche Meßgewänder umzuhängen
-und derart geschmückt die ganze Nacht hinter den
-Schranken neben dem Altar stehen zu bleiben, ohne
-sich vom Fleck zu bewegen, was er auch zu sehen bekäme,
-und was ihn auch anzusprechen schiene; denn
-man wollte ihn nur von den Schranken locken, und
-dann wäre es aus mit ihm. Schließlich, sagte er, würde
-ein ungeheuer großer, roter Stier kommen, der die
-Zunge zwischen ihm und dem Altar bewegen würde,
-dann aber gälte es sein Leben, wenn er nicht so geschickt
-wäre, dem Stier den Zettel auf die Zunge zu
-legen; gelänge ihm das dagegen, so hätte er keinen
-Grund mehr, die Heimsuchungen des Gespenstes zu
-fürchten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p>
-
-<p>Nachdem er diesen Rat bekommen hatte, ging
-Bjarne eines Nachts in die Kirche und benahm sich
-so, wie es ihm vorgeschrieben worden war. Da kam
-eine Schar Menschen nach der andern zu ihm heran
-und umzingelte die Schranken; er kannte aber nur
-wenige unter ihnen. Sie redeten ihn in verschiedener
-Weise an und baten ihn im guten und im bösen, den
-Altar zu verlassen und zu ihnen herauszukommen.
-Einer von denen, die Bjarne zu kennen meinte, war
-Sira Hallgrim Scheving, Dr. Schevings Großvater,
-und er zerrte an Bjarne, um ihn aus den Schranken
-herauszubekommen. Eine Schar aber nach der andern
-verschwand, da es ihnen auf keine Weise gelingen
-wollte, Bjarne vom Altar fortzubekommen.</p>
-
-<p>Da kam endlich der rote Stier auf Bjarne zu; er
-streckte die Zunge über die Schranken hinweg und
-wollte sie zwischen Bjarne und dem Altar schwingen,
-als beabsichtige er, ihn von dort herauszuschleudern.
-Es gelang aber Bjarne, ihm den Zettel auf die Zunge
-zu legen. Da verschwand der Stier, und von diesem
-Augenblick an gewahrte Bjarne nichts mehr in der
-Kirche, so wie er auch nichts mehr von den Heimsuchungen
-des Wiederkehrers merkte.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Gespenst eines toten Menschen, der umgeht.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Das_Faesschen">Das Fäßchen</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es war einmal eine Schar von Männern auf einer
-Wanderung. Eines Sonntagmorgens schlugen sie ihr
-Zelt auf einer schönen, grünen Wiese auf. Es war
-helles und gutes Wetter. Die Wandernden legten sich
-hin, um zu schlafen, und lagen in einer Reihe im Zelt.
-Derjenige aber, der zu äußerst an der Zelttür lag,
-konnte nicht schlafen, und seine Blicke wanderten
-hin und her im Zelt. Da sah er einen bläulichen Dunst
-über demjenigen aufsteigen, der zu innerst lag. Der
-Dunst bewegte sich vorwärts durch das Zelt und hinaus.
-Der Mann wollte wissen, was das wohl sein
-könnte, und folgte dem Dunst. Dieser schwebte langsam
-über die Wiese und kam schließlich an eine Stelle,
-an der ein verwitterter alter Pferdeschädel lag, der
-voll von laut summenden Schmeißfliegen war. Der
-Dunst schwebte in den Pferdeschädel hinein, nach
-geraumer Zeit aber zog er wieder hinaus. Darauf
-schwebte er wieder über die Wiese hin, bis er an ein
-ganz kleines Bächlein kam, das die Wiese durchquerte.
-Er schwebte an dem Bache entlang, und dem
-Manne schien es, als suche er eine Stelle, an der er
-hinüberkommen könne. Der Mann trug seine Peitsche
-in der Hand, und diese legte er quer über den Bach,
-der nicht breiter war, als daß der Stiel hinüberreichte.
-Der Dunst zog auf den Peitschenstiel hinaus und gelangte
-so über den Bach. Darauf schwebte er wieder<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-eine Weile vorwärts, bis er schließlich an einen Erdhöcker
-auf der Wiese kam. Dort verschwand er in
-den Erdhöcker hinein. Der Mann stand daneben und
-wartete darauf, daß der Dunst wieder herauskommen
-sollte. Das geschah auch bald, worauf er denselben
-Weg zurückschwebte, den er gekommen war. Der
-Mann legte seine Peitsche über den Bach, und der
-Dunst zog wieder auf ihr hinüber wie das vorige
-Mal. Dann schwebte er geradeswegs heimwärts nach
-dem Zelt und hielt nicht inne, bis er hinter den innersten
-Mann im Zelt gekommen war. Dort verschwand
-er. Der Mann aber legte sich hin und schlief ein.</p>
-
-<p>Als der Tag ziemlich verstrichen war, standen die
-Wandernden auf und nahmen ihre Pferde. Sie schwatzten
-über allerlei, während sie die Pferde aufzäumten.
-Unter anderem sagte der, der zu innerst im Zelte gelegen
-hatte: »Ich wünschte, daß ich das besäße, wovon
-ich heute nacht geträumt habe.« »Was war es
-denn, und was hast du geträumt?« fragte derjenige,
-der den Dunst gesehen hatte. Der andere erwiderte:
-»Es war mir, als wandere ich hier über die Wiese. Ich
-kam an ein großes und schönes Haus. Darin waren
-viele Leute versammelt, und sie spielten und sangen
-vor Lust und Freude. Ich blieb ziemlich lange in dem
-Haus. Als ich aber wieder hinauskam, führte mein
-Weg über eine schöne Wiese. Dann kam ich an einen
-großen Fluß, über den ich lange vergebens versuchte
-hinüberzukommen. Da sah ich, daß sich ein ungeheuer
-großer Riese näherte. Er hatte einen gewaltigen Balken<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-in der Hand, den er über den Fluß legte, und auf
-diesem ging ich hinüber. Ich wanderte dann lange
-Zeit, bis ich an einen großen Hügel kam. Der Hügel
-war offen, und ich ging in ihn hinein. Da fand ich
-weiter nichts als ein riesiges Faß, das mit Geld gefüllt
-war. Ich hielt mich dort lange auf, um mir das Geld
-anzusehen; denn einen so großen Haufen hatte ich
-noch nie gesehen. Dann ging ich hinaus und wanderte
-denselben Weg zurück, den ich gekommen war.
-Ich kam wieder an den Fluß, und da kam der Riese
-wieder mit dem Balken und legte ihn darüber. Ich
-gelangte auf dem Balken über den Fluß und kehrte
-wieder zurück in das Zelt.«</p>
-
-<p>Der Mann, der den Dunst verfolgt hatte, begann
-lustige Gedanken zu haben, und er sagte zu dem, der
-geträumt hatte: »Komm, Genosse, laß uns einen Augenblick
-hingehen und das Geld holen.« Der andere begann
-zu lachen und dachte, daß er nicht recht gescheit
-sei, er ging aber doch. Sie gingen nun genau denselben
-Weg, den der Dunst gewandert war und kamen an
-den Erdhöcker, den sie durchgruben. Dort fanden
-sie ein Fäßchen mit Geld.</p>
-
-<p>Dann kehrten sie zu ihren übrigen Wandergenossen
-zurück, erzählten ihnen alles von dem Traum und
-dem Dunst und zeigten ihnen das Fäßchen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Hleidrargaards_Skotta">Hleidrargaards Skotta</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Etwa in den Jahren 1740 bis 1770 wohnte auf Hleidrargaard
-im Oefjord ein Bauer, namens Sigurd Björnsson,
-der als vernünftiger Mann galt, aber von heftigem
-Gemüt war. Es wird erzählt, daß er einmal in seinen
-jüngeren Jahren früh im Sommer westwärts nach dem
-Gletscher ritt, um Fische zu kaufen. Da traf es sich,
-daß er und der Mann, von dem er die Fische kaufte,
-nicht einig werden konnten. Darüber entstand ein
-Streit unter ihnen, der bald darauf in eine Schlägerei
-ausartete. Sigurd war ein kräftiger Mann, und es war
-kein Spaß, ihm unter die Fäuste zu kommen, und so
-gelang es ihm, seinen Gegner unter sich zu Boden zu
-werfen, worauf er ihm ein paar Streiche versetzte. Als
-der Gegner wieder aufstand, stieß er Drohungen
-gegen Sigurd aus und versprach ihm verdienten Lohn
-vor der Tag- und Nachtgleiche, worauf er seines
-Weges ging; Sigurd aber zog mit seinen Genossen
-wieder nach Hause und blieb auf seinem Hof.</p>
-
-<p>Zu dieser Zeit wohnte auf Krynarstad, dem nächsten
-Hof von Hleidrargaard aus, ein Mann, der Hall
-hieß, mit dem Zunamen »Der Starke«. Er war geistersehend
-und hatte oft Gespenster erblickt und mit
-ihnen zu tun gehabt. Es wird nun gesagt, daß dieser
-Hall eines Abends in dem Herbst, der auf den Sommer
-folgte, in welchem Sigurd von seinem Ritt nach
-Hause gekommen war, draußen auf seinem Hof stand;<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-da sah er ein Gespenst in Gestalt eines Mädchens den
-Weg daherkommen; sie war klein von Wuchs, hatte
-ein rotes Mieder an, einen dunkelbraunen Rock, der
-nur bis an die Knie reichte, eine Mütze ohne Quaste,
-und ging in Hemdsärmeln. Als die Dirne Hall erblickte,
-wollte sie ihm ausweichen, er stellte sich ihr
-aber in den Weg und fragte, wer sie sei. Sie erzählte,
-daß sie Sigga heiße. Er fragte, woher sie käme und
-wohin sie wolle. Sie antwortete: »Nach Hleidrargaard«.
-»Was hast du da zu tun?« »Sigurd Björnsson umzubringen«,
-antwortete sie. Darauf lief sie ihres Weges,
-und Funken sprühten hinter ihr her.</p>
-
-<p>An demselben Abend schlief Sigurd in seinem Bett,
-das so stand, daß ein Fenster darüber war. Die
-anderen, die sich in der Badstube aufhielten, waren
-wach. Plötzlich sprang Sigurd aus dem Bett und
-fragte: »Wer hat mich gerufen?« Man erwiderte ihm,
-daß ihn niemand gerufen habe. Er legte sich wieder
-zu Bett und schlief ein; kaum war er aber eingeschlafen,
-als er wieder aufsprang und sagte, daß ihn jetzt sicher
-jemand gerufen hätte. Da man ihm sagte, daß das
-nicht der Fall gewesen wäre, legte er sich wieder zu
-Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Als er eine
-kleine Weile gelegen hatte, sah man ihn aus dem
-Fenster spähen und hörte ihn sagen: »Ach so, daher
-kommt es!« und dabei verfärbte er sich. Er ging nach
-der Badstubentür, stellte sich an sie, und man hörte
-ihn ganz laut sagen: »Wenn jemand da ist, der mit
-Sigurd Björnsson sprechen will, – da sitzt er!« Und<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-damit zeigte er mit der Hand auf einen Armenhäusler-Jungen,
-namens Hjalmar, der auf einem Stuhl
-gegenüber der Badstubentür saß und Wolle zupfte.
-Da wurde der Junge vom Stuhl herunter auf den Fußboden
-geschleudert, wo er sich unter Geschrei und
-gräßlichen Windungen wälzte, als wenn er am Ersticken
-wäre; Sigurd holte eine Rute und schlug
-den Jungen überall damit; dadurch wurde er etwas
-ruhiger und wurde auf das Bett gelegt; da war sein
-Körper geschwollen und zeigte Spuren von Stößen.
-Diese Anfälle bekam der Junge zwei- oder dreimal
-in der Nacht, und dann später von Zeit zu Zeit, bis
-er früh im Winter an einem solchen starb, und da
-war sein Körper sehr geschwollen und aufgedunsen
-und wies deutliche, schwarze Spuren von den Fingern
-des Gespenstes auf.</p>
-
-<p>Nach dieser Zeit verfolgte das Gespenst Sigurd
-und seine Kinder, ja es verfolgte sogar alle Leute
-auf Hleidrargaard. Oft sahen geistersehende Männer
-dieses Mädchen, das »Hleidrargaards-Skotta«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> genannt
-wurde, ein Name, den sie nach ihrer Mütze erhalten
-hatte, weil diese wie ein Zipfel auf ihrem Kopf
-stand. Am häufigsten sah man sie »Katzflechten«<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>,<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-wie man das nennt, indem sie an irgendeinem Querbalken
-hing, am liebsten über dem Eingang der Häuser.
-Sigurd selbst konnte sich immer vor ihr hüten, nach
-und nach aber tötete sie ihm das Vieh, und selbst das
-Vieh auf den Nachbarhöfen wurde von ihr umgebracht.
-Das Fleisch war immer sehr fleckig und blau
-und vollkommen ungenießbar. Sie wurde auch beschuldigt,
-einen tüchtigen Bauern, Sigurd auf Näs,
-umgebracht zu haben, denn er bekam einen Krämpfeanfall
-und starb daran.</p>
-
-<p>Als nun ihre Gewalttätigkeit dermaßen zunahm
-und man befürchtete, daß sie sich noch bedeutend
-steigern würde, traf es sich so glücklich, erzählt man,
-daß vom Gletscher her ein Bettler, mit Namen Peter
-oder Gletscher-Peter, wie er allgemein genannt wurde,
-in den Ort kam. Er war ein großer Zauberer, benutzte
-aber seine Kunst immer nur zum Guten. Sigurd auf
-Hleidrargaard war ein guter und freigebiger Mann,
-und deshalb gab er auch Peter eine gute Unterstützung,
-erzählte ihm aber gleichzeitig, daß es nicht seine Heimat
-wäre, der er für diese Hilfe danken könne; denn
-die hätte ihm, dem Bauern, ja ein Gespenst auf den
-Hals geschickt, das sowohl ihm wie anderen großen
-Schaden zufügte und wahrscheinlich damit fortfahren
-würde, bis es ihn ums Leben gebracht habe. Peter
-versprach, daß er ihn schon von diesem Teufel befreien
-werde. Eines Nachts entfernte er sich also, nahm
-das Gespenst mit und fesselte es an einen bodenfesten
-Stein an der Stelle zwischen dem Strjugsbach und<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
-Volde, die Varmhage heißt. Lange Zeit konnte nun
-das Gespenst keinen Schaden tun; oft aber hörte man
-es nachts heulen, und die Leute wagten nicht, allzu
-nahe an ihm vorbeizufahren; denn dann wurde ihnen
-schwindlig, und sie verloren den Weg, auch wenn es
-hellichter Tag war.</p>
-
-<p>In den Jahren 1806–1810 baute der Pfarrer von
-Saurbär, der Sira Sigurd hieß und noch heutigen
-Tages lebt, eine Futterscheune in der Nähe dieser
-Stelle, denn es sind gerade dort gute Weideplätze. In
-der ersten Nacht, in der das Haus in Gebrauch war,
-wurde ein Schaf getötet und dann mehrere. Da entdeckte
-man, daß die Schafkörper in jeder Hinsicht
-wie diejenigen aussahen, die das Gespenst früher
-unter den Händen gehabt hatte, und man glaubte
-deshalb, daß es jetzt wieder angefangen hätte, eine
-lockere Hand zu haben. Krankheit und Tod fingen
-allmählich an, unter den Schafen ringsum im ganzen
-Oefjord allgemein zu werden; das nennt man die
-Pest, aber der Aberglaube, daß nur das Gespenst
-daran schuld sei, ist schon von alters her bei den
-Leuten eingewurzelt.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Isl.: skott bedeutet eigentlich: Schwanz, außerdem den
-Zipfel einer Mütze, daher die Benennung »Skotta«, d. h. ein
-weibliches Gespenst, das eine Zipfelmütze trägt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> »Katzflechten« (isl. fla’kött) besteht darin, daß man die Beine
-um einen Querbalken flicht und an ihnen hängt, den Kopf
-nach unten, während man gleichzeitig die Jacke, die Weste
-usw. aus- und anzieht.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Die_Schuhe_aus_Menschenhaut">Die Schuhe aus Menschenhaut</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Auf einem Hof wohnte einmal ein Bauer, über den
-allerlei Gerüchte im Umlauf waren. Er hatte einen
-schlechten Ruf wegen der Behandlung seines Gesindes,
-und lange blieb kein Knecht bei ihm, ob es nun
-von der schlechten Kost oder der schlechten Behandlung
-kam, oder davon, daß zu viel Arbeit von ihnen
-verlangt wurde. Schließlich ging es so weit, daß sich
-niemand als Knecht bei dem Bauern verdingen wollte,
-und bei einem Haar mußte er die ganze Knechtearbeit
-allein ausführen.</p>
-
-<p>Einmal geschah es, daß ein junger Mann im Ort,
-der keinen festen Dienst hatte, obgleich er ein tüchtiger
-Mensch war, den Bauern besuchte. Der empfing
-ihn mit offnen Armen, lud ihn in seine Stube ein und
-ließ sich mit ihm in einen Schwatz über die verschiedensten
-Dinge ein. Da kamen sie auch auf Gesindeverhältnisse
-zu sprechen, und schließlich schlug ihm
-der Bauer vor, das nächste Jahr als Knecht bei ihm zu
-bleiben. Der Mann aber wollte nur ungern darauf eingehen,
-des schlechten Rufes wegen, der an dem Bauern
-haftete. Der Bauer bat ihn jedoch, den Dienst anzunehmen,
-und wenn es nicht für länger wäre, als bis er ein
-Paar Schuhe abgenutzt hätte. Der Mann dachte bei sich,
-daß die Schuhe immerhin vergänglich seien, und daß
-sie sich schließlich abnutzen müßten, und daß er also
-nur für kurze Zeit und nicht fürs ganze Leben bei dem<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-Bauern bliebe, und das Ende vom Liede war, daß er
-dem Bauern sein Wort gab.</p>
-
-<p>Im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse kam der
-Knecht, und der Bauer gab ihm ein Paar neue, nicht
-sehr feste Schuhe, indem er ihm sagte, wenn er die
-Schuhe abgetragen habe, dann solle seine Dienstzeit
-aus sein, falls er es wünsche; das aber machte der Bauer
-zur Bedingung, daß der Knecht jedesmal ein Paar andere
-Schuhe anzöge, wenn er zur Kirche ginge, und
-darauf ging der Knecht willig ein.</p>
-
-<p>Nun verging eine lange Zeit, und nach Verlauf
-eines Jahres war noch nicht mehr Abnutzung an den
-Schuhen zu sehen, als wenn er sie gestern angezogen
-hätte. Da wurde er sehr bedrückt, sein Versprechen
-gegeben zu haben, hielt es jedoch für eine Schande,
-es zu brechen und fortzugehen, obwohl das Leben bei
-dem Bauern leidig und unangenehm war. Er blieb
-deshalb noch das nächste Jahr bei ihm, aber auch jetzt
-war keine besondere Abnutzung an den Schuhen zu
-bemerken, obgleich er während dieser beiden Jahre
-keine anderen angezogen hatte, außer wenn er zur
-Kirche ging. Der Knecht wunderte sich darüber sehr
-und konnte sich schon denken, daß dies nicht mit
-rechten Dingen zuging, wußte jedoch nicht, was für
-ein Zauberkniff gegen ihn angewendet würde.</p>
-
-<p>Eines Sonntags, als er das dritte Jahr begonnen
-hatte, blieb er zu Hause und ging nicht in die Kirche;
-darum erhielt er auch keine Kirchenschuhe, wie es
-sonst der Fall war, wenn er in das Gotteshaus ging.<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-Als sämtliche Leute, und der Bauer auch, zur Kirche
-gegangen waren, begann der Knecht über seine Lage
-nachzudenken, und wann wohl diese Sklaverei bei
-dem Bauern aufhören würde. Während er in solchen
-Gedanken dasaß, kam ein fremder Mann zu ihm herein.
-Dem Fremden fiel es gleich auf, daß der Knecht
-sehr kummervoll war, und er fragte ihn deshalb, was
-ihm denn fehle, und weshalb er heute nicht mit den
-übrigen Leuten des Hofes zur Kirche gegangen sei.
-Der Knecht erwiderte, daß er keine rechte Lust dazu
-gehabt hätte, er säße nun hier und dächte an seine
-Widerwärtigkeiten. Der Fremde sagte, daß es keine
-Entschuldigung für ihn sei, von der Kirche fortzubleiben,
-wenn er sich für einen schwergeprüften
-Mann hielte; denn jeder Mensch habe sein Kreuz zu
-tragen, und seine Widerwärtigkeiten würden ihm wohl
-dadurch nicht leichter werden, daß er es unterließe,
-zur Kirche zu gehen; er sollte deshalb gleich dorthin
-wandern, denn noch wäre der Tag nicht so weit verstrichen,
-daß er nicht früh genug zum Gottesdienst
-kommen könnte; außerdem wäre heute etwas später
-angefangen worden, da sich der Gottesdienst durch
-eine Beerdigung, die vorher stattgefunden hätte, etwas
-verspätet habe. Der Knecht sagte, daß er nicht gehen
-könnte, da ihm die Kirchenschuhe fehlten. Der Fremde
-antwortete, daß er ja mit den Schuhen gehen könnte,
-die er an den Füßen hätte. »Nein,« erwiderte der
-Knecht, »ich habe versprochen, nie mit ihnen zur
-Kirche zu gehen, wie lange ich auch in diesem ausgezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
-Dienst bleibe, und für jeden Kirchgang
-habe ich immer andere Schuhe bekommen; aber heute
-früh wollte ich keine haben, da ich nicht mitgehen
-wollte.« Der Fremde fragte ihn, wie lange er denn
-schon in diesem Dienst sei. »Viel zu lange,« erwiderte
-der Knecht mit einem Seufzer, »das dritte Jahr hat
-schon angefangen.« »Gefällt dir der Dienst nicht?«
-fragte der Fremde. »Nein, gar nicht,« antwortete der
-Knecht, »es ist mein größtes Unglück, daß ich schon
-so lange hier bin.« »Was hält dich denn hier?« fragte
-der Fremde. »Mein Versprechen,« erwiderte der
-Knecht, und dann erzählte er, wie alles gekommen
-war. Als der Fremde seine Erzählung mitangehört
-hatte, sagte er, daß er sofort zur Kirche und zwar gerade
-in den Schuhen, die er anhätte, wandern und
-schnurstracks nach dem Grabe gehen sollte, das heute
-ausgeworfen worden sei; dann solle er die Schuhe in
-die geweihte Erde stecken und abwarten, wie es gehen
-würde, denn die Schuhe, die er nun das dritte Jahr
-an den Füßen trüge, wären aus dem Rückenstreifen
-der Haut eines alten Weibes, und die würden halten,
-auch wenn er sie bis in alle Ewigkeit hätte, wenn es
-sein Los sei, so alt zu werden. Der Knecht dankte dem
-Fremden für seinen guten Rat, bot ihm Lebewohl und
-lief fort zur Kirche. Als er auf den Kirchhof kam,
-merkte er, daß die Schuhe an den Nähten aufplatzten;
-sobald er aber mit ihnen in die Erde getreten war,
-lösten sie sich an seinen Füßen auf, so daß nichts
-weiter übrig blieb als die Einfassung und die Spannbänder.<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
-Mit diesen übriggebliebenen Fetzen auf dem
-Spann ging er in die Kirche hinein, wo der Pfarrer
-gerade auf die Kanzel getreten war. Als der Gottesdienst
-vorbei war, ging der Knecht zu dem Bauern
-und zeigte ihm, in was für einem Zustande sich die
-Schuhe nun befänden, daß nichts von ihnen übrig
-wäre als die bloße Einfassung, und gleichzeitig damit
-kündigte er ihm den Dienst.</p>
-
-<p>Der Mann sagte dazu weiter nichts als die Worte:
-»Also bist du heute nicht umsonst von der Kirche
-fortgeblieben!«</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sagen_von_Saemund_dem_Weisen">Sagen von Saemund dem Weisen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></h2>
-</div>
-
-<h3>1. Die Schwarze Schule</h3>
-
-<p class="noind">In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt
-eine Schule, die »Die Schwarze Schule« hieß. Dort
-lernte man Zauberkünste und andere alte Weisheit.
-Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr
-festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster
-war, und aus diesem Grunde herrschte das tiefste
-Dunkel darin. Es war kein Lehrer dort, und man lernte
-alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben geschrieben
-waren, welche im Dunkeln gelesen werden
-konnten. Nie durften diejenigen, die dort in der Lehre
-waren, ins Freie gehen oder das Licht des Tages
-schauen, solange sie sich dort aufhielten; aber drei
-oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben,
-um in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue
-und zottige Hand erschien jeden Tag durch die Wand
-und reichte den Schülern ihr Essen. Derjenige aber,
-dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum denjenigen
-von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr
-verließen, der zuletzt hinausging. Da sie nun aber
-alle wußten, daß der Teufel hier Schulmeister war,
-wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand, vermeiden,
-der Letzte zu sein, der die Schule verließ.</p>
-
-<p>Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule:<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
-Saemund der Weise, Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson
-oder Einarsson, der später einmal Pfarrer zu
-Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher
-Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen,
-womit die andern natürlich sehr einverstanden
-waren. Saemund warf sich nun einen großen
-Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und
-knöpfte ihn nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen,
-um die Schule verlassen zu können. Als nun
-Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte
-der Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.«
-Saemund warf den Mantel fort, und der Teufel behielt
-nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür aber krachte
-in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die
-Füße, daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er:
-»Da schlug mir die Tür dicht auf den Fersen zu!« und
-später ist das ein Sprichwort geworden. So entkam Saemund
-der Weise samt seinen Genossen aus der Schule.</p>
-
-<p>Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der
-Weise die Treppe hinaufging und an die Tür der
-Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm entgegenschien
-und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der
-Teufel Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin
-nicht der Letzte! Siehst du nicht den, der hinter mir
-kommt?« Der Teufel griff nach dem Schatten, den
-er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte
-hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug.
-Von diesem Tage ab aber war Saemund immer ohne
-Schatten; denn den wollte der Teufel nicht hergeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span></p>
-
-<h3>2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule
-entkam</h3>
-
-<p class="noind">Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals
-als er nach der Schwarzen Schule zog, daß er über
-das, was ihm begegnete, seine Natur, seine Familie
-und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen
-Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt.
-Eines Nachts, als Saemund auf seinem Lager
-schlief, träumte er, daß Boge Einarsson zu ihm käme
-und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du
-bist nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen,
-dich selbst aufgegeben und deinen Taufnamen
-vergessen, und wenn du an dein ewiges Seelenheil
-denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.«
-»Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,«
-antwortete Saemund. »Es war unmännlich von dir,«
-sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der du nicht
-entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe
-in dieser Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn
-du hast Klugheit für uns alle, Boge.« »Dann sollst
-du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du fortgehen
-willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern
-hängen, denn dann wirst du hinausgelangen.
-Hier mußt du den Meister fürchten, der die Schule
-hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber
-entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten
-Fuß ab, fülle ihn mit Blut und trage ihn am ersten
-Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der Abend gekommen<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span>
-ist, wird der Meister hinausgehen und in den
-Sternen lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der
-Himmelskörper, und er wird deinen Stern suchen;
-dann wird er dich tot glauben und vom Schwert getötet;
-und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger
-Ring um deinen Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen,
-deinen Weg zu erspähen, dafür werde ich
-schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du
-deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser
-und Salz; daraus wird der Meister, wenn er deinen
-Stern sieht, schließen, daß du in der See ertrunken
-bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer
-um deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung
-beginnst, wirst du dir entweder selbst oder
-auch einem anderen zur Ader lassen, an der Stelle,
-an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in
-deinen Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde
-und vermische sie mit dem Blut und sprich ein gutes
-Wort darüber, damit die Erde geweiht ist, und dann
-trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf.
-Wenn aber der Meister deinen Stern untersucht, wird
-er eine Erdkugel um ihn sehen, und daraus wird er
-dann schließen, daß du tot und bestattet bist, und das
-wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann
-aber wird er entdecken, daß du noch völlig am Leben
-bist. Da wird er sich über deine Weisheit wundern
-und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat, und er
-wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst
-dieser Schwierigkeit entgangen sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span></p>
-
-<p>Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen
-Schule und kam wieder in sein Heimatland zurück.</p>
-
-<h3>3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde
-bekam</h3>
-
-<p class="noind">Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen
-Schule gekommen waren, war die Pfarrstelle in Odde
-frei geworden, und sie baten nun alle den König (von
-Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte
-sehr gut, mit wem er es zu tun hatte, und er sagte
-deshalb, daß derjenige von ihnen die Pfarrstelle bekommen
-würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich ging
-Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm:
-»Schwimme jetzt mit mir nach Island, und wenn du
-mich ans Land bringst, ohne daß mein Rockschoß naß
-wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war
-damit einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds
-an und schwamm davon, mit Saemund auf dem
-Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen
-im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von
-Island. Da schlug Saemund dem Seehund mit dem
-Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er selbst
-aber tauchte unter und schwamm ans Land.</p>
-
-<p>Auf diese Weise wurde der Teufel um den Lohn
-geprellt, während Saemund die Pfarrstelle in Odde
-bekam.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
-
-<h3>4. Wie Saemund sein Heu bei trockenem
-Wetter einbrachte</h3>
-
-<p class="noind">Saemund hatte einmal eine Menge trockenes Heu auf
-der Wiese, und es drohte Regen. Er bat deshalb seine
-sämtlichen Leute, sich anzustrengen, das Heu zusammenzubringen,
-ehe der Regen beginne. Es lebte damals
-bei ihm in Odde ein altes Weib, mit Namen
-Thorhildur; zu ihr ging der Pfarrer und ersuchte sie,
-auf den Heimacker hinauszuhumpeln und zusammenzuharken,
-was von dem Heu sonst verloren ginge.
-Sie versprach, es zu versuchen, nahm eine Harke in
-die Hand und band die Haube, die sie zu tragen
-pflegte, auf den Stiel, worauf sie hinaushumpelte.
-Bevor sie ging, Sagte sie zu Pfarrer Saemund, daß er
-selber auf dem Heuhof zugegen sein sollte, um das
-Heu in Empfang zu nehmen; denn die Knechte würden
-nicht lange Zeit brauchen, um es zu binden und
-nach Hause zu tragen. Der Pfarrer versprach, ihren
-Rat zu befolgen, das würde wohl das beste sein,
-meinte er.</p>
-
-<p>Kaum aber war die Alte auf den Heimacker hinausgekommen,
-als sie das Ende der Harke unter jeden
-Heuschober steckte und sagte: »Hin auf den Heuhof
-zu Saemund!« Das waren Zauberworte, denn jeder
-Schober, den die Alte mit diesen Worten auf den
-Harkenstiel hob, flog sofort auf den Heuhof. Da sagte
-Saemund zu dem Teufel und seinen Kleinteufelchen,
-daß es nun wohl am besten wäre, das Heu geschwind<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-in Diemen zu setzen. Es dauerte nicht lange, bis sie
-das ganze Heu trocken auf dem Heuhof hatten. Später
-sagte Saemund zu der Alten: »Du kannst mehr als
-dein Vaterunser, Thorhildurchen!«</p>
-
-<p>Sie aber erwiderte: »Es ist leider nicht mehr viel
-davon übrig geblieben, denn das meiste, was ich in
-meiner Jugend gekonnt habe, habe ich jetzt vergessen.«</p>
-
-<h3>5. Wie Saemund den Teufel in seinen Dienst
-nahm</h3>
-
-<p class="noind">Einmal fragte Pfarrer Saemund den Teufel, wie klein
-er sich machen könne. Der Teufel antwortete, daß er
-sich so klein wie eine Mücke machen könne. Da holte
-Saemund einen Bohrer und bohrte ein Loch in einen
-Balken, worauf er dem Teufel gebot, dahineinzukriechen.
-Der Teufel brauchte nicht viel Zeit, um hineinzufliegen;
-kaum aber war er glücklich drin, als Saemund
-einen Pfropfen in das Loch steckte, und wie
-sehr nun auch der Teufel jammerte und schrie und
-bettelte, Saemund nahm den Pfropfen doch nicht aus
-dem Loch, ehe der Teufel ihm versprochen hatte,
-immer zu tun, was er je von ihm verlangen würde.</p>
-
-<p>Das war die Ursache, daß Saemund den Teufel
-stets dazu bringen konnte auszuführen, was es auch
-sein mochte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p>
-
-<h3>6. Wie Saemund den Teufel in Verlegenheit
-brachte, als er sich in eine Fliege verwandelt
-hatte</h3>
-
-<p class="noind">Der Teufel sah Saemund den Weisen stets scheel an,
-weil es ihn ärgerte, daß er in allem, was sie miteinander
-zu tun hatten, immer den Kürzeren zog. Deshalb
-versuchte er, sich auf jede Weise an dem Pfarrer
-zu rächen, obgleich es ihm nicht gelingen wollte.</p>
-
-<p>Einmal verwandelte er sich in eine ganz kleine Fliege
-und versteckte sich unter der Sahne auf der Milch in
-des Pfarrers Eßnapf, um auf diese Weise in ihn hineinzukommen
-und ihn zu töten. Als nun der Pfarrer
-den Eßnapf in die Hand nahm, entdeckte er die Fliege
-sofort; er wickelte deshalb erst die Sahne von der
-Milch um sie herum, zog die Blase von einem neugeborenen
-Kalb darüber und legte dann das Päckchen
-auf den Altar. Der Teufel mußte es sich nun gefallen
-lassen, darin zu hocken, während der Pfarrer die
-Messe las. Als sie vorbei war, machte Saemund das
-Päckchen auf und ließ den Teufel entschlüpfen.</p>
-
-<p>Es wird aber versichert, daß der Teufel es für die
-schlimmste Klemme hielt, in die er je geraten war,
-daß er auf dem Altar liegen mußte, während Pfarrer
-Saemund die Messe las.</p>
-
-<h3>7. Die Teufelsflöte</h3>
-
-<p class="noind">Saemund der Weise hatte eine Flöte, die die Eigenschaft
-hatte, daß, wenn man darauf blies, ein oder<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-mehrere Kleinteufelchen zu dem Flötenspieler kamen
-und fragten, was sie tun sollten.</p>
-
-<p>Einmal hatte Saemund die Flöte in seinem Bett unter
-dem Kopfkissen liegen lassen, wo er sie nachts zu verstecken
-pflegte. Abends gebot er der Magd, sein Bett
-zu machen, wie sonst, warnte sie aber, wenn sie etwas
-Außergewöhnliches im Bett fände, es anzufassen, sie
-solle es liegen lassen, wo es läge.</p>
-
-<p>Die Magd begann das Bett zu machen, kaum aber
-entdeckte sie die Flöte, als die Neugierde sie zu kitzeln
-begann. Sie nahm sie gleich in die Hand, besah sie
-sich von allen Seiten, und schließlich blies sie darauf.
-Da kam ein Teufelchen zu ihr und fragte sie: »Was
-soll ich tun?« Das Mädchen erschrak, ließ sich aber
-nichts anmerken.</p>
-
-<p>Es traf sich, daß gerade an diesem Tage zehn von
-Pfarrer Saemunds Schafen geschlachtet worden waren
-und sämtliche Felle vor der Tür lagen. Da gebot die
-Magd dem Teufelchen hinauszugehen und alle Haare
-an den Fellen zu zählen, und wenn es damit fertig
-geworden wäre, ehe sie das Bett gemacht hätte, wollte
-sie sein werden. Das Teufelchen ging sofort hinaus
-und begann eifrig zu zählen, und die Magd beeilte
-sich, das Bett zu machen. Als sie damit fertig war,
-hatte das Teufelchen noch ein Fell zu zählen, und es
-kam um den Lohn.</p>
-
-<p>Saemund fragte nachher die Magd, ob sie denn nichts
-im Bett gefunden hätte. Da erzählte sie ihm alles, wie
-es war, Saemund aber gefiel ihre Geistesgegenwart.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span></p>
-
-<h3>8. Der Teufel als Stallknecht</h3>
-
-<p class="noind">Saemund dem Weisen fehlte einmal ein Stallknecht,
-und er holte deshalb den Teufel und setzte ihn hin,
-den Stall zu hüten. Alles ging gut, und der Teufel
-erfüllte pünktlich seine Pflichten bis gegen das Frühjahr.
-Am ersten Osterfeiertag aber, als Sira Saemund
-auf der Kanzel stand, trug der Teufel den ganzen Mist
-auf einen Haufen vor der Kirchentür zusammen, so
-daß der Pfarrer nach beendetem Gottesdienst nicht
-aus der Kirche heraustreten konnte. Als er sah, wie es
-bestellt war, lud er den Teufel vor sich und ließ ihn,
-ob er nun wollte oder nicht, den ganzen Mist von der
-Kirchentür auf seinen Platz zurückbringen. Und so
-nachdrücklich ließ ihn der Pfarrer das Stück Arbeit
-ausführen, daß er ihn sogar die Reste mit der Zunge
-auflecken ließ. Da leckte der Teufel so stark, daß in
-dem Stein vor der Kirchentür ein Vertiefung entstand.
-Dieser Stein liegt noch immer in Odde, obgleich nur
-noch der vierte Teil davon übrig ist. Er liegt nun vor
-dem Hoftor, und noch heutigen Tages ist die Vertiefung
-in dem Stein zu sehen.</p>
-
-<h3>9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht
-das Fluchen abgewöhnte</h3>
-
-<p class="noind">Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht,
-der schlimm aufs Fluchen war, und oft rügte
-ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem Stallknecht,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen
-und bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde
-wahrhaftig nie mehr ein böses Wort sagen,« sagte der
-Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der Teufel dadurch
-hungern muß.«</p>
-
-<p>»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst
-oder nicht,« erwiderte Saemund.</p>
-
-<p>Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall.
-Dem Stallknecht aber gefiel der Gast nicht; denn das
-Teufelchen tat alles, um ihn zu necken und zu ärgern,
-und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des
-Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang,
-und er sah bald, daß das Teufelchen mit jedem
-Tag magerer wurde; er freute sich köstlich, als er das
-merkte und fluchte jetzt nie mehr.</p>
-
-<p>Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles
-kurz und klein geschlagen und sämtliche Kühe, deren
-eine große Menge da war, mit den Schwänzen zusammengebunden.
-Da wandte sich der Stallknecht an das
-Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem
-Stand lag und überschüttete es unter den furchtbarsten
-Schimpfworten und greulichsten Flüchen mit seinem
-Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte
-er dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte
-und plötzlich so rund wurde, daß nicht viel gefehlt
-hätte, bis er ganz feist geworden wäre. Da wurde der
-Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen
-auf. Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit
-gesprochen hatte, legte das Fluchen ab und sprach<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
-seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das von
-seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn
-auch schon längst tot und verschollen.</p>
-
-<p>Und es wäre wohl für dich und mich am besten,
-wenn wir es ebenso machten wie der Stallknecht.</p>
-
-<h3>10. Der Teufel und der beschränkte Bursch</h3>
-
-<p class="noind">Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande
-hielt, etwas zu lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit
-dieser ihm Religion beibringen sollte. Der Bursch aber
-war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst schwer,
-etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber,
-und so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe.
-Da träumte er eines Nachts, daß ein Mann zu
-ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß er ihm
-Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als
-sagte er ja dazu. Da verlangte der Traummann als
-Entgelt dafür, daß der Bursch im nächsten Frühjahr
-zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch
-willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.</p>
-
-<p>Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen
-so leicht, daß der Pfarrer sich schier darüber wunderte;
-zugleich aber war der Bursch ein ganz anderer geworden,
-als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er traurig
-und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann,
-ihn nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen.
-Lange wollte der Bursch nichts darüber sagen,
-schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie alles gekommen<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar
-zumute, und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch
-gewesen wäre, von dem er damals geträumt hätte, sondern
-vielmehr der Teufel, der ihn in sein Netz locken
-wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer,
-guten Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln.
-Der Winter verstrich, und man näherte sich der
-Zeit der Kreuzmesse.</p>
-
-<p>Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund
-dem Burschen, ihm nach der Kirche zu folgen. Als
-sie dort hingekommen waren, führte ihn der Pfarrer
-an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die
-Monstranz und den Kelch in die Hand und hieß ihn
-sich umdrehen. Er gebot ihm, dort stehen zu bleiben,
-ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm träte,
-Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende
-nichts genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen;
-und wenn Pfarrer Saemund auch selbst zu ihm
-käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot und
-Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der
-Bursch aber tat, wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben
-hatte.</p>
-
-<p>Als er eine Weile am Altar gestanden hatte, kam
-derselbe Mann zu ihm, den er früher im Traum gesehen
-hatte. Nun, sagte er, wäre er gekommen, um
-ihn zu holen, und hieß ihn die Meßkleider sofort ausziehen
-und das Ding fortstellen, das er in der Hand
-hatte. Der Bursch erwiderte hierauf nichts, sondern
-reichte ihm nur Brot und Wein. Der andere aber sagte,<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-daß er nicht gekommen sei, um das Abendmahl bei ihm
-zu nehmen, und forderte ihn eindringlich auf, jetzt zu
-kommen; der Bursch aber ließ sich nicht irreführen,
-und der andere begab sich unverrichteter Sache wieder
-fort. Danach war es dem Burschen, als kämen viele
-seiner Freunde, einer nach dem andern, zu ihm, und
-bäten ihn im bösen und im guten, den Ort zu verlassen,
-an dem er stand. Er aber reichte ihnen nur
-Brot und Wein, keiner von ihnen aber hatte Lust dazu.
-Da war es ihm, als träte Pfarrer Saemund auf ihn zu
-und fragte grimmig, was er dort zu tun hätte, indem
-er ihm gebot, die Kleider sofort auszuziehen, die Dinge
-wegzustellen, die er in der Hand hatte, und mit hinauszukommen.
-Auch ihm antwortete der Bursch nichts,
-sondern reichte ihm nur Brot und Wein. Da machte
-Pfarrer Saemund ein höhnisches Gesicht, indem er
-sagte, daß er nicht gekommen sei, um Wohltaten aus
-seiner Hand zu empfangen, und darauf verschwand
-auch er. Dem Burschen schien es nun, als kämen
-allerlei Gespenster und Ungeheuer, ja sogar Teufel
-herein; es war, als zittere und schwanke die ganze
-Kirche, und er glaubte, daß sie jeden Augenblick in
-die Erde versinken oder einstürzen könne. Da erschrak
-er so sehr, daß er um ein Haar die heiligen Geräte
-hätte aus den Händen fallen lassen, um sein Heil in
-der Flucht zu suchen; da hörte er aber, daß die Glocken
-geläutet wurden. Nun verschwanden augenblicklich
-alle Mirakel, die er vor seinen Augen zu sehen geglaubt
-hatte; Pfarrer Saemund aber kam in die Kirche<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-hinein, ging zum Altar und kostete von Brot und
-Wein. Er sagte darauf zu dem Burschen, daß jede Gefahr
-vorüber sei; denn jetzt würde ihm keiner mehr
-nachstellen. Der Bursch war herzlich froh über seine
-Befreiung und dankte dem Pfarrer, so gut er vermochte.
-Von dieser Zeit ab war er Saemund sehr zugetan,
-und man erzählt, daß er seine Fassungsgabe bis zu
-seinem Todestag behielt und ein ausgezeichneter
-Mann wurde.</p>
-
-<h3>11. Der Wunschaugenblick</h3>
-
-<p class="noind">Saemund der Weise erzählt, daß es an jedem Tage
-einen Wunschaugenblick gäbe, der jedoch nicht länger
-dauere als eine Sekunde, und daß es deshalb für
-einen Menschen kaum möglich sei, ihn abzupassen.
-Andere dagegen erzählen, daß nur am Sonnabend
-der Wunschaugenblick vorkäme.</p>
-
-<p>Einmal saß Saemund in der Badstube, während
-seine Mägde darin beschäftigt waren. Da sagte er
-plötzlich: »Paßt auf, Dirnen, jetzt ist der Wunschaugenblick
-gekommen; wünscht euch nun, was ihr
-am liebsten haben möchtet.«</p>
-
-<p>Da trällerte eine der Mägde und sagte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Von allem, was im Weltenrund</div>
- <div class="verse indent0">Ich wünschen mag vom Schönen?</div>
- <div class="verse indent0">Am liebsten, daß mich Saemund</div>
- <div class="verse indent0">Beschenkt mit sieben Söhnen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span></p>
-<p>»Daß du stirbst, wenn du den letzten gebärst!« rief
-Saemund aus; denn er war der Magd des Wunsches
-wegen gram. Diese Magd hieß Gudrun, und sie wurde
-Pfarrer Saemunds zweite Frau. Sie bekamen sieben
-Söhne miteinander, wie sie sich gewünscht hatte, die
-Frau aber starb im Wochenbett nach dem letzten.</p>
-
-<p>Saemund hob die Kleider, die Gudrun als Magd
-getragen hatte, auf und hielt sie ihr oft vor Augen,
-um ihren Stolz zu dämpfen; denn sie war sehr hochmütig
-über die Ehre, die sie erworben hatte. Es wird
-unter anderem als eine Äußerung ihres Hochmuts
-erzählt, daß sie, als einmal ein armer Mann zu ihr kam
-und sie um einen Labetrunk bat, ihm also antwortete:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Bester, sieh, der Bach fließt nah,</div>
- <div class="verse indent0">Trink wie Bischofs Pferd auch da!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h3>12. Saemund der Weise auf dem Sterbebett</h3>
-
-<p class="noind">Saemund hatte das kleine Mädchen eines armen Mannes
-als Pflegetochter angenommen. Er freute sich sehr
-mit ihr und liebte sie über alles, so daß er sie immer
-in seiner Nähe haben und sich nie von ihr trennen
-wollte. Als er in den letzten Zügen lag, ließ er sie am
-Fußende seines Bettes liegen; denn er hielt sie für am
-besten geeignet, Zeugin seines Todes zu sein. Es ahnte
-ihm, während er krank dalag, daß dies sein Sterbelager
-sein würde; und zugleich konnte das Mädchen
-ihm anmerken, daß er in Furcht und Zweifel war, ob
-er nach dem Tode zur Glückseligkeit des Himmels<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
-eingehen würde, oder ob er an einen anderen Ort
-müßte.</p>
-
-<p>Am Abend, ehe er starb, bat er seine Pflegetochter,
-nachts bei ihm zu wachen und genau aufzupassen,
-daß sie nicht einschliefe; denn seine Gedanken sagten
-ihm, daß er in dieser Nacht sterben sollte; wenn das
-aber der Fall wäre, dann würden Zeichen erscheinen,
-was in der anderen Welt aus ihm werde; und darum
-bat er sie, alles genau zu beobachten, um seinen Verwandten
-und Freunden mit voller Sicherheit erzählen
-zu können, welcher der beiden Aufenthaltsorte sein
-Los wäre. Als er das gesagt hatte, schwieg er und begann
-einzuschlafen, während das Mädchen getreulich
-bei ihm wachte.</p>
-
-<p>Im Laufe der Nacht sah sie, daß sich die Bodenkammer,
-in der sie sich befanden, mit Teufelchen
-füllte. Es schien ihr, als ob sie Saemund mit ihren Versprechungen
-zu etwas Bösem verlocken wollten, aus
-seinen Worten und Mienen aber schloß sie, daß er
-ihnen in nichts zu willen sein wollte. Als die Teufelchen
-auf diese Weise nichts auszurichten vermochten,
-versuchten sie, Saemund durch Drohungen zum Bösen
-zu bewegen. Diesen aber widerstand er ebenso mannhaft,
-wie er zuvor ihren Lockungen widerstanden
-hatte. Darauf verschwanden die Teufelchen; kaum
-aber waren sie fort, als sich die Kammer mit gefräßigen
-Mücken füllte, die Saemund angriffen. Er hatte aber
-so viel Kraft verloren, daß er sich der Mücken nicht
-erwehren, noch sie verscheuchen konnte. Während<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
-aber der Mückenschwarm ihn aufs schlimmste biß,
-sah sie, daß ein Lichtglanz aus seinen Augen emporschwebte,
-und da wußte sie, daß es seine Seele war,
-die sich zu den Gefilden der Seligen aufschwang.</p>
-
-<p>Da war aber auch der ganze Mückenschwarm verschwunden
-und Saemund der Weise entschlafen.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Saemund der Weise, der Sammler der Sänge der älteren
-Edda, war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Sagen_von_Kalb_Arneson">Sagen von Kalb Arneson</h2>
-</div>
-
-<h3>1. Wie der Teufel genasführt wurde</h3>
-
-<p class="noind">Man erzählt, daß sich Kalb Arneson dem Teufel verschrieb,
-als er sich in der Schwarzen Schule aufhielt.
-Als er nun nach Island zurückgekehrt war, hatte er
-keinen größeren Wunsch, als von diesem Versprechen
-entbunden zu werden; wie er sich aber anstellen sollte,
-um das zu erreichen, wußte er nicht. Schließlich nahm
-er den Ausweg, daß er Saemund dem Weisen einen
-Besuch abstattete, um ihn um einen guten Rat in dieser
-verzwickten Sache zu bitten. Saemund gab ihm den
-Rat, sich ein Stierkalb zuzulegen und es Arne zu
-nennen, dann sollte er ein anderes Kalb, das von
-diesem Stier gezeugt wäre, aufziehen, es Kalb nennen
-und »das sei Kalb Arneson«.</p>
-
-<p>Kalb befolgte den Rat, den ihm Saemund gegeben
-hatte, und nach einiger Zeit kam der Teufel, um sich,
-wie er sagte, Kalb Arneson zu holen. Kalb sagte, daß
-nichts im Wege stehe, worauf er das Kalb holte, das
-er großgezogen hatte, und es dem Teufel mit den
-Worten übergab: »Hier hast du Kalb Arneson.« Der
-Teufel konnte dagegen nichts einwenden, und obgleich
-es seiner Meinung nach eine schlechte Erfüllung
-des Versprechens war, mußte er gute Miene zum bösen
-Spiel machen und Kalb Arneson fahren lassen, der
-starb, nachdem er ein ehrenvolles Alter erreicht
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span></p>
-
-<h3>2. Kalb besucht Saemund den Weisen</h3>
-
-<p class="noind">Ein andermal wollte Kalb Arneson Saemund den
-Weisen in Odde besuchen und sagte seinen Leuten,
-daß er versuchen wolle, ihn ganz unerwartet zu überraschen.
-Es wird von Kalbs Fahrt nichts erzählt, bis
-er bei Nacht in Odde ankam und leise an die Tür
-klopfte. Saemund hörte, daß geklopft wurde und befahl
-einem seiner Knechte, an die Tür zu gehen, um
-zu sehen, wer der Ankömmling sei. Der Knecht ging
-hinaus, konnte aber keinen Menschen entdecken; er
-ging deshalb wieder hinein und sagte, daß niemand
-draußen stände. Da wurde zum zweitenmal geklopft,
-und Saemund befahl einem andern Knecht, zur Tür
-zu gehen. Der Knecht gehorchte, und da er draußen
-niemand erblicken konnte, ging er um den ganzen
-Hof herum, sah aber trotzdem keinen Menschen; er
-ging daher unverrichteter Sache wieder hinein und
-sagte, daß er niemand draußen gesehen hätte. Da
-wurde zum drittenmal an die Tür geklopft. Nun sprang
-Saemund selber auf, indem er sagte, daß wohl er es
-sei, mit dem der Ankömmling zu sprechen wünsche.
-Er ging hinaus und sah seinen Genossen Kalb Arneson
-draußen stehen, und sie begrüßten sich freundschaftlich.
-Kalb bat um Obdach, und das wurde ihm
-nicht verweigert, wie man sich wohl denken kann. Er
-bat Saemund, sein Pferd anzubinden, und Saemund
-begann, nach einem solchen zu suchen. Kalb sagte,
-daß es ja eigentlich eine Schande sei, von ihm zu verlangen,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span>
-daß er sein Pferd anbinden solle, er glaube
-jedoch, sagte er, daß er ihn darum bitten müsse. Saemund
-sagte, daß er es schon tun werde, und sogleich
-machte er sich daran, es ging ihm aber eine geraume
-Zeit nur schlecht von Händen. Kalb tat, als wundere
-er sich darüber, wie lange er brauchte, um sein Pferd
-anzubinden, und fragte ihn, ob er das nicht verstände.
-Saemund erwiderte, er glaube es doch zu verstehen,
-er könne aber gar keine Füße unter dem Pferd finden.
-Kalb sagte, daß sie aus dem Bauche herausständen
-wie bei jedem anderen Pferd. Saemund antwortete,
-es sei, wie es wolle, dieses Pferd habe keine Füße,
-wenigstens könne er sie nicht finden. Es verstrich nun
-eine gute Zeit, in der Saemund fortfuhr, die Füße des
-Pferdes zu suchen, und schließlich ließ er dieses Stück
-Arbeit sein, so daß man nicht weiß, ob er je das Pferd
-angebunden hat oder nicht. Dann lud Saemund Kalb
-ein hereinzukommen, und dieser nahm das mit Dank
-an. Saemund ging mit einer Kerze in der Hand voraus
-und wartete ganz am Ende des Ganges auf Kalb. Kalb
-aber zögerte noch draußen. Nach Verlauf einer ganzen
-Zeit kam Saemunds Frau heraus und fragte, wer der
-Ankömmling sei. Saemund sagte es ihr. Sie fragte ihn,
-ob er denn den Gast aufgefordert hätte, hereinzukommen.
-Saemund erwiderte, daß er das schon längst getan
-habe. Da wollte sie hinausgehen und ihn nochmals
-einladen, ins Haus zu kommen; das wollte aber
-Saemund nicht haben, er würde schon bald kommen,
-meinte er. Es verging noch eine geraume Zeit, bis<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
-Kalb endlich ganz außer Atem hereinkam und Saemunds
-Frau bat, ihm einen reichlichen Trunk zu
-bringen. »Brauchst du viel zu trinken?« fragte Saemund.
-Kalb antwortete: »Es könnte leicht geschehen,
-daß andere als ich trinken müssen, ehe der Abend
-um ist.«</p>
-
-<p>Sie geleiteten Kalb dann in eine Stube und tischten
-ihm Speise auf und gaben ihm ein Messer zum Essen.
-Als er aber mit dem Messer schneiden wollte, war es
-ganz stumpf. Saemund fragte ihn, ob das Messer nicht
-scharf sei. Kalb erwiderte nein. Saemunds Frau sagte,
-daß es nicht ihre Absicht gewesen wäre, ihm eins ihrer
-schlechtesten Messer auszusuchen, und daß dies Messer
-ihrer Meinung nach scharf sein müsse. Saemund bat
-um das Messer; er wolle versuchen, es zu wetzen.
-Kalb gab ihm das Messer, und als es Saemund gewetzt
-hatte, reichte er es Kalb wieder und sagte, daß
-er sich jetzt damit vorsehen möge, denn nun glaube
-er, daß es scharf genug sei. Kalb erwiderte, daß er
-davor keine Angst habe; als er aber das erste Stück
-abschnitt, schnitt das Messer durch Brett und Tisch
-und fuhr ihm tief in den Schenkel hinein. Saemund
-sagte, daß er ihn ja gebeten hätte, sich vorzusehen,
-da das Messer scharf sei. Kalb antwortete, daß die
-Wunde nicht tödlich sei und verband sie dann.</p>
-
-<p>In diesen Zeiten war es Sitte und Brauch, vor und
-nach der Mahlzeit ein Tischgebet zu lesen. Während
-Kalb nach beendeter Mahlzeit das Tischgebet las, fiel
-Saemund wie tot vom Stuhl, und Kalb gebot, man<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
-solle ihn sofort mit Wasser besprengen. Saemund erholte
-sich wieder, und als ihn Kalb nun aufforderte,
-etwas Wasser zu trinken, tat er es sofort. Da sagte
-Kalb: »Sagte ich nicht, daß andere als ich heute abend
-noch trinken müßten, als ich um einen reichlichen
-Trunk bat, nachdem ich mich nach der Tür müde gesucht
-hatte?« Dann hörten sie mit diesen Neckereien
-auf und schwatzten miteinander darüber, wer von
-ihnen wohl der Klügste sei.</p>
-
-<p>Später aber erzählte Kalb, daß Saemund mehr in
-der Schwarzen Schule gelernt hätte als er, und daß er
-daher mehr könne als er.</p>
-
-<h3>3. Kalb schickt den Teufel aus, um einen
-Pfarrer zu holen</h3>
-
-<p class="noind">Kalb verfiel einmal in eine gefährliche und schwere
-Krankheit. Da trat der Teufel zu ihm ans Lager und
-sagte, daß er beabsichtige, anwesend zu sein, wenn er
-sterbe. Kalb erwiderte, daß er diesmal wohl nicht
-sterben würde; trotzdem aber bat er den Teufel, einen
-Pfarrer zu holen, der nicht geldgierig sei; es hätte
-weiter keine Eile, sagte er, denn sein Krankenlager
-würde langwierig werden. Der Teufel wurde dabei
-ganz still und meinte, es sei nicht so ganz einfach,
-solch einen Mann zu finden. Kalb erwiderte, daß der
-Teufel ihn, Kalb, nicht bekäme, wenn er nicht einen
-solchen Pfarrer bringen könne, der Vertrag zwischen
-ihnen wäre dann ungültig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span></p>
-
-<p>Der Teufel zog also davon und blieb lange fort; er
-suchte sorgfältig, fand aber keinen, der nicht geldgierig
-war. Nach vieler Mühe und langem Suchen
-brachte er jedoch einen Pfarrer zu Kalb, von dem er
-erzählte, daß er ihn weit weg in fernen Ländern gefunden
-habe; zwar wäre er nicht ganz frei von Geldgier;
-es gäbe aber nur einen Pfarrer, da unten in
-Deutschland, der in dem Ruf stände, nicht geldgierig
-zu sein, aber er hätte nicht an ihn herangekonnt, eines
-leuchtenden Feuers wegen, das die ganze Zeit um ihn
-gelodert hätte.</p>
-
-<p>Kalb sagte, daß er mit dem Pfarrer, den der Teufel
-gebracht hätte, nichts zu tun haben wolle, da er nicht
-ganz frei von Geldgier sei, und der Teufel habe daher
-kein Recht auf Bezahlung.</p>
-
-<p>Und so mußte der Teufel mit langer Nase abziehen.</p>
-
-<h3>4. Kalbs Tod</h3>
-
-<p class="noind">Als Kalb ein sehr hohes Alter erreicht hatte, wurde er
-schwer krank, und er wußte im voraus, daß die Krankheit
-sein Tod werden würde. Er gebot deshalb allen
-Leuten des Hauses, den Hof zu verlassen und die
-Kammer zu verschließen, in der er liege, den Schlüssel
-jedoch im Loche stecken zu lassen. Er bat die Leute,
-nach einer bestimmten Zeit zurückzukommen, sie
-sollten sich aber nicht darum kümmern, daß sie vielleicht
-verschiedene Gegenstände auf dem Hof aus den
-Fugen gebracht oder entzweigeschlagen vorfänden;<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
-wenn aber alles in seiner Schlafkammer stehen geblieben
-wäre, wie es gestanden habe, dann sollten sie
-ihn mit allen Zeremonien beerdigen; wäre dagegen
-etwas darin zerstört oder entzweigeschlagen, dann
-sollten sie ihn wie einen Kadaver an irgendeiner Stelle
-verscharren. Kalb hatte einen Pflegesohn, der Arne
-hieß und ihm sehr lieb war; dieser wollte nicht mit
-den übrigen Leuten des Hofes fortgehen und versteckte
-sich deshalb hinter der Umzäunung des Hofes,
-als die anderen fortgingen. Nach Verlauf einer kurzen
-Zeit sah Arne den Teufel angehumpelt kommen. Erst
-ging der Teufel um die ganze Umzäunung herum und
-dann in den Hof hinein, wo er eine Zeitlang umherging
-und tobte. Schließlich ging er ins Haus und
-tummelte sich lange darin und machte viel Gepolter.
-Nach geraumer Zeit schlich sich Arne in das Haus
-und öffnete die Tür zu der Kammer, in der sein Pflegevater
-Kalb lag. Da war Kalb tot, alle Sachen aber in
-seiner Kammer standen genau so da, wie sie früher
-gestanden hatten, und Arne sah nichts vom Teufel.</p>
-
-<p>Da wurde Kalb Arneson mit allen Zeremonien auf
-dem Kirchhof beerdigt, wie er es selbst verlangt hatte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Gudbjart_Floke_und_der_Bischof_von_Holar">Gudbjart Floke und der Bischof von Holar</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Der Pfarrer Gudbjart Floke in Laufaas war der klügste
-Mann seiner Zeit; da er aber sehr gutmütig war, tat
-er niemandem etwas mit seiner Kunst zuleide. Dennoch
-nahm der Bischof auf Holar Anstoß an dem Gerücht
-als Zauberer, das der Pfarrer auf sich gezogen
-hatte, und er faßte daher den Entschluß, ihn seines
-Amtes zu entheben. In dieser Absicht zog er mit
-einigen Priestern und jungen Leuten im Gefolge
-aus; als sie aber ein kleines Stück Weges gegangen
-waren, verloren sie die Richtung und wußten nicht
-wohin, und entdeckten erst, wo sie waren, als sie
-sich zu Hause, auf Holar, hinter dem Hofzaun befanden.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger zog der Bischof das zweitemal
-aus, und er war mit seinen Männern schon nördlich
-der Hjaltetalsheide, als sie bei hellichtem Tag von
-einem Schneetreiben mit starkem Sturm und Frost
-überrascht wurden. Plötzlich befiel sie alle ein Drang,
-ihre Notdurft zu verrichten; als sie sich aber wieder
-erheben wollten, waren sie nicht dazu imstande; sie
-waren nahe daran zu erfrieren und sahen schließlich
-keinen andern Ausweg zur Rettung, als das Versprechen
-zu geben,wieder nach Hause zurückzukehren.
-Die Leute frohlockten über die Reisen des Bischofs,
-Sira Gudbjart aber tat das nie; er glaube nicht, sagte
-er, daß er es sei, den der Bischof aufsuchen wolle;<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
-denn dazu hätte er nicht ein so großes Gefolge mitzunehmen
-brauchen.</p>
-
-<p>Einige Zeit später war der Bischof mit noch einem
-Mann auf der Reise im Oefjord, und bei dieser Gelegenheit
-machte er einen Abstecher zum Hause des
-Sira Gudbjart; diesmal verlief alles gut, und es traf
-sich, daß niemand draußen war. Der Bischof trat gleich
-in das Haus und sah den Pfarrer am Tisch sitzen, den
-Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch vor sich
-auf dem Tisch. Der Bischof ergriff das Buch, wie er
-es aber auch wandte und drehte, er fand doch nur unbeschriebene
-Blätter. Der Bischof fragte den Pfarrer,
-wozu er das Buch benutzen wolle, und der andere
-erwiderte, es diene zum Einschreiben von Predigten.</p>
-
-<p>»So! Predigten!« antwortete der Bischof zornig,
-»du, der den Teufel anbetet!«</p>
-
-<p>Aber kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen,
-als er ein Grab sich öffnen sah, aus dem eine bläuliche
-Flamme schlug. Er selber stand am äußersten
-Rand, während eine graue Hand seinen Mantelschoß
-faßte und ihn in die Flamme hinabziehen wollte. Der
-Bischof stieß einen Schrei aus und sagte: »Helft mir,
-um Gottes willen, Herr Pfarrer!« Sira Gudbjart reichte
-ihm die Hand und sagte: »Laß ihn los, Satan!« und
-alles war wieder, wie es gewesen war. Dann sagte der
-Pfarrer: »Es ist nicht weiter merkwürdig, daß der
-Böse denen so nahe ist, die seinen Namen im Munde
-führen, anstatt Gottes Segen über das Haus herabzuflehen;
-ich bin gewöhnt, das zu tun, und dennoch<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span>
-beschuldigst du mich, von dem rechten Glauben gelassen
-zu haben.«</p>
-
-<p>Der Bischof wurde nun sanfter in seiner Rede. Sie
-sprachen lange miteinander und trennten sich in
-Freundschaft, und von dieser Zeit an sagte der Bischof,
-daß er nur wünschen könne, daß alle so gottesfürchtig
-wären wie sein lieber Gudbjart.</p>
-
-<p>Aber später merkte man nie etwas davon, daß der
-Pfarrer Gebrauch von seiner Kunst machte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Frau_von_Malmoe">Die Frau von Malmö</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es wird erzählt, daß der Fluch auf dem Hof Malmö
-im Skagefjord lastete, daß niemand länger als zwanzig
-Jahre dort aushalten könne.</p>
-
-<p>Zur Zeit des Pfarrers Halvdan Einarsson wohnte
-auf diesem Hof ein Bauer, mit Namen Jon. Er hatte
-sich als junger Mann auf Malmö niedergelassen und
-nie einen anderen Hof bewirtschaftet, und nun waren
-die zwanzig Jahre um, während deren er sich dort
-ohne Gefahr aufhalten konnte; da er aber ein mutiger
-Mann und nicht sehr abergläubisch war, und da er
-außerdem den Hof von seinem Vater geerbt und immer
-gute Tage gesehen hatte, wollte er ihn nicht verlassen,
-und das einundzwanzigste Jahr verging, bis kurz vor
-Weihnachten, ohne daß etwas Merkwürdiges geschah.</p>
-
-<p>Am Tage vor Heiligabend aber verschwand die
-Frau von Malmö, ohne daß jemand entdecken konnte,
-wo sie geblieben war, obgleich man weit umher suchte.
-Der Bauer Jon nahm sich das sehr zu Herzen und
-wollte sich Gewißheit darüber verschaffen, wie das
-Verschwinden seiner Frau zu erklären sei. Er zog daher
-zu Pfarrer Halvdan nach Fell, und als er dort angekommen
-war, wünschte er den Pfarrer zu sprechen,
-und dann erzählte er ihm seine Not. Der Pfarrer
-sagte, daß er ihm schon verraten könne, was aus seiner
-Frau geworden wäre, und wo sie geblieben sei, es
-würde ihm aber nichts nützen, das zu erfahren, denn<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
-von nun ab würde er keine Freude mehr an seiner
-Frau haben. Der Bauer fragte, ob er es so einrichten
-könne, daß er seine Frau zu sehen bekäme. »Denn
-sehr würde mein Gemüt erleichtert werden, wenn ich
-sie sehen und erfahren könnte, wo sie ist,« sagte er.
-Der Pfarrer erwiderte, daß er diese Bitte nicht gern
-erfülle, er müßte es aber wohl doch tun, da er so sehr
-darum bäte, und er bestimmte, daß er an dem und
-dem Tage wiederkommen sollte, wenn alle zu Bett
-gegangen wären. Da kehrte der Bauer wieder nach
-Hause zurück und fand, daß die Dinge jetzt eine
-bessere Wendung für ihn genommen hätten.</p>
-
-<p>Als er an dem bestimmten Tage nach Fell kam, war
-der Pfarrer schon gerüstet und reisefertig. Der Bauer
-sah ein graues, aufgezäumtes Pferd nördlich vom
-Kirchhof stehen; der Pfarrer ging zu ihm hin, bestieg
-es und gebot dem Bauern, sich hinter ihn zu setzen.
-»Hüte dich aber, ein einziges Wort zu sprechen,«
-sagte der Pfarrer, »was du auch zu sehen bekommst,
-und was auch geschieht; denn verstößt du dagegen,
-so gilt es dein Leben!« Der Pfarrer ritt nun davon,
-den Bauern hinter sich, und dieser wunderte sich schier
-über den rasenden Lauf, in dem das Pferd dahinsauste.
-Sie nahmen den kürzesten Weg außerhalb Daletaa und
-Sigtunäs und steuerten geradeswegs Olafsfjordsmule
-zu; dem Bauern wurde dabei etwas wunderlich zumute,
-und einmal, als es einen Ruck in dem Pferde
-gab und es sich tief duckte, erschrak er und stieß einen
-Schrei aus. Da rief der Pfarrer laut: »Wir haben einen<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span>
-Felsen gestreift, jetzt halt aber das Maul,« und das ist
-seit jenem Tage eine Redewendung geworden, wenn
-Pferde stolpern und den Halt verlieren. Es wird nichts
-weiter von ihrem Ritt erwähnt, bis sie nördlich Olafsfjordsmule
-ans Land kamen, an die mächtigen und
-steilen Felsen, die dort sind. Der Pfarrer und der Bauer
-stiegen vom Pferd, worauf der Pfarrer an den Berg
-ging und einen kleinen Stab hervorholte, mit dem er
-auf den Berg schlug.</p>
-
-<p>Nach einer Weile öffnete sich der Berg, und heraus
-traten zwei blaugekleidete Huldreweiber, die Jons
-Frau zwischen sich führten. Sie war ganz unkenntlich
-geworden und ähnelte sich selbst nicht mehr. Ihr Gesicht
-war aufgedunsen und blau, und ihr ganzes Aussehen
-war das eines Trollweibes; auf ihrer Stirn stand
-ein Kreuzeszeichen, das ihre ursprüngliche Hautfarbe
-hatte, und Pfarrer Halvdan erklärte später, wenn er
-darüber befragt wurde, daß dies das einzige Zeichen
-sei, das sie von ihrem früheren Dasein behalten hätte.</p>
-
-<p>Als die Frau aus dem Berge herausgetreten war,
-sagte sie: »Du bist also hergekommen, Jon. Was
-willst du denn?« Der Bauer war stumm geworden, der
-Pfarrer aber fragte ihn, ob er seine Frau mit zurücknehmen
-wolle, oder ob er ihr sonst etwas zu sagen
-hätte; darauf antwortete der Bauer »Nein«. Der Pfarrer
-wies dann die Weiber wieder in den Berg hinein,
-verschloß ihn hinter ihnen und drückte die Tür gehörig
-in die Öffnung hinein, damit diese Weiber niemandem
-mehr irgendeinen Schaden zufügen könnten.<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-Später aber hat Pfarrer Halvdan selbst gesagt, daß er
-nicht alle Ritzen zugestopft hätte, denn nie habe er
-beabsichtigt zu verhindern, daß jemand hineinkomme,
-wohl aber, daß jemand herauskäme. Von dieser
-Zeit ab wird die Stelle an der Nordseite der Olafsfjordsmule,
-wo Pfarrer Halvdan den Berg aufschloß,
-Halvdanstor genannt. Glaubwürdige Leute erzählen,
-daß sie rot in der Farbe sei, und daß sie nicht wie der
-übrige Teil des Berges aussieht, und daß besonders
-unten ziemlich große Risse sind, nämlich die, an denen
-der Pfarrer nichts tun wollte.</p>
-
-<p>Der Bauer und der Pfarrer kehrten auf demselben
-Wege, den sie gekommen waren, wieder zurück und
-erreichten Fell, ehe die Leute aufgestanden waren.
-Sie stiegen vom Pferd, nördlich vom Kirchhof, an
-derselben Stelle, an der sie aufgestiegen waren, und
-der Pfarrer zäumte das Grauchen ab. Als er ihm aber
-den Zaum abgenommen hatte, schlug er ihm damit
-auf die Lende; der Graue wurde wütend und schlug
-mit dem Hinterfuß nach dem Pfarrer; dieser aber
-sprang zur Seite, und der Schlag traf die Kirchhofsumzäunung,
-in der eine Öffnung durch den Pferdehuf
-entstand, die man, nach der Aussage der Leute,
-nie wieder hat in Ordnung bringen können, wie man
-auch versucht hat, sie auszufüllen.</p>
-
-<p>Es wird auch erzählt, daß von diesem Tage ab niemanden
-auf Malmö ein Unglück betroffen habe; es
-hat aber auch niemand gewagt, länger als zwanzig
-Jahre dort zu wohnen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sagen_vom_Pfarrer_Erik_in_Vogsosar">Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar</h2>
-</div>
-
-<h3>1. Das Bettelweib</h3>
-
-<p class="noind">Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer
-zu Pfarrer Erik und baten ihn, sie das Zaubern zu
-lehren. Er antwortete, daß er nichts von Zauberei verstünde,
-sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm
-bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an.</p>
-
-<p>Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber
-mit ihm auf die Felder um den Hof hinauszureiten.
-Als sie ein kurzes Stück vom Hof entfernt
-waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein
-Kind an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe.
-Erik war zornig über ihre Bitte und sagte, daß er ihr
-nicht das allergeringste geben würde. Die Alte sagte,
-sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie
-klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter
-gegen sie und sagte, daß er es satt habe,
-das ewige Jammern von Bettlern mitanzuhören. »Es
-wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!«
-Das und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten,
-sie aber bat ihn nur um so flehentlicher.</p>
-
-<p>Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die
-Alte da umbringen, wenn ich Euch etwas lehren soll!«
-Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich gedacht Erik,
-daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie
-werde ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir
-auch dafür geboten würde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p>
-
-<p>»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von
-Sira Erik fortjagen lasse,« sagte der andere Gast,
-»ich bin gewillt, die Alte zu töten; diese Landstreicher
-haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß
-man sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten
-dankbar sein, wenn sie das Leben verlieren.«</p>
-
-<p>Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß
-niemand ihn dazu bringen könnte, solchen hartherzigen
-Menschen etwas zu lehren. Den andern dagegen
-nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung
-bei ihnen hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in
-Wirklichkeit hatten sie gar kein altes Weib gesehen.</p>
-
-<h3>2. Das Gesicht im Hügel</h3>
-
-<p class="noind">Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis,
-mit ihm gehen zu dürfen, wenn er eines Sonntags
-abends den Hof verließe. Der Pfarrer sagte lange
-nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon
-haben würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und
-schließlich versprach denn Erik, daß er den jungen
-Mann gelegentlich mitnehmen würde.</p>
-
-<p>Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling
-mit. Das Wetter war schön und hell. Sie gingen auf
-das Feld hinaus und kamen an einen Hügel. Der
-Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel.
-Er öffnete sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen
-heraus. Sie begrüßte Erik sehr vertraulich und bat ihn
-hereinzukommen. Die beiden leisteten der Einladung<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin
-saßen viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter
-nahmen an der einen Seite der Tür Platz, der
-Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach ein einziges
-Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich
-schier verwunderte.</p>
-
-<p>Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen
-aber nach einem Weilchen zurück. Da trugen sie ein
-Messer und einen Trog in der Hand und gingen auf
-den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten
-Seite der Tür saß. Sie packten ihn, legten ihn neben
-den Trog, zerschnitten ihn wie ein Schaf und steckten
-ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten,
-und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch,
-und alles ging in derselben Weise zu. Niemand versuchte,
-sich zur Wehr zu setzen, und alle schwiegen
-ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses
-Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr
-entsetzt darüber. Er sah, daß diese Weiber wohl kaum
-daran denken würden aufzuhören, bis alle entzweigeschnitten
-wären; denn als sie zu Sira Erik kamen,
-packten sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die
-anderen. Da schrie der Mann laut auf, nahm Reißaus,
-stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er
-rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine
-flinken Beine. Als er aber an den Eingang des Hauses
-kam, stand Pfarrer Erik in der Tür und stützte die
-Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte,
-als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span>
-rennst du so sehr, mein Lieber?« Der Mann wußte
-nicht, was er darauf antworten sollte; denn jetzt
-schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm
-eine Augentäuschung vorgemacht hatte.</p>
-
-<p>Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein
-Lieber, daß du nicht vertragen kannst, etwas zu
-sehen!«</p>
-
-<h3>3. Der Pferdediebstahl</h3>
-
-<p class="noind">Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen
-in Selvog gebeten, sich zu hüten, ohne seine
-Erlaubnis seine Pferde zu nehmen, indem er ihnen
-drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und
-so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen.
-Es waren jedoch einmal zwei Burschen, die
-sich nicht nach seinem Verbot richteten. Kaum aber
-waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen, als
-diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß
-die Burschen Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich
-hinunterschwingen, da sie die Pferde nicht zum
-Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn
-ihre Hosen waren an den Rücken festgewachsen.
-»Das geht nicht,« sagte der eine der Burschen, »wir
-müssen von den Pferden herunter, sonst fallen wir
-Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl
-keiner in unsere Haut wünschen.« Er holte ein Messer
-hervor und trennte den Schritt von seinen Hosen ab
-und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter. Der
-andere dagegen war entweder nicht geschickt genug,<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-dasselbe zu tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht
-verderben. Die Pferde liefen heim nach Vogsosar, das
-eine mit dem heulenden Burschen, das andere mit
-dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf
-den Hof kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich
-dem ledigen Pferd den Fetzen vom Rücken, sagte aber
-zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd saß:
-»Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar
-Pferde zu stehlen; komm jetzt herunter und
-nimm nie wieder meine Pferde, ohne mich um Erlaubnis
-zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du
-und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen
-lehrte; denn aus ihm könnte etwas werden.«</p>
-
-<p>Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer.
-Dieser zeigte ihm den Stoffetzen und fragte ihn,
-ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ sich nicht
-ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie
-alles zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte
-ihn auf, zu ihm zu kommen. Dieses Anerbieten
-wurde mit Dank von dem Burschen angenommen,
-der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm
-sehr gehorsam war, und man sagt, daß der Pfarrer ihn
-viel alte Weisheit gelehrt habe.</p>
-
-<h3>4. Erik und der Bauer</h3>
-
-<p class="noind">Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem
-Sprengel ein Bauer, der nie die Kirche besuchte, und
-der, um den Pfarrer zu ärgern, an den Feiertagen stets<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur
-einigermaßen erlaube.</p>
-
-<p>Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst
-abzuhalten. Da richtete der Bauer es so ein,
-daß er gerade dabei war, sich seine Lederhosen anzuziehen,
-als der Pfarrer bei ihm vorbeiging.</p>
-
-<p>Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine
-Bitte heute dem Gottesdienst beiwohnen wolle. Der
-Bauer antwortete nein und begann, die Lederne anzuziehen.
-Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst
-ab und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts.
-Da traf er den Bauern, der immer noch auf derselben
-Stelle stand und nur das eine Bein hatte in die
-Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl
-einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an
-Land gekommen sei. Der andere schämte sich sehr,
-als er den Hergang erzählen mußte, daß er dort gesessen
-habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat
-nun den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte;
-»Wenn du schon jetzt findest, daß dir der Teufel zu
-stark ist, wie soll es dann später werden?« Der Pfarrer
-gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu lassen.
-Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an
-fleißig die Kirche.</p>
-
-<h3>5. Erik und das alte Weib</h3>
-
-<p class="noind">Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach
-reiten. Auf dem Ritt kam er nach Oerebakke und<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-wollte dort in den Kramladen gehen, um ein bißchen
-in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich
-ganz gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging,
-sah er zwei alte Weiber draußen sitzen. Das
-eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf das
-andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen
-von Vogsosar? Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann
-hörte ihr Gespräch auf. Erik aber setzte seinen Ritt
-fort.</p>
-
-<p>Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein
-Begleiter ein altes Weib hinter ihnen herlaufen und
-bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten. Dieser aber
-sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten
-ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der
-Fährstelle am Thjorsbach, kamen, wo sie von den
-Pferden stiegen. Da kam die Alte, die noch rannte,
-nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte,
-halbtot vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen
-Oberkleidung entledigt. Da wandte sich Erik zu
-der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine
-Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen;
-unterlaß es aber in Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.«</p>
-
-<p>Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu
-seinem Begleiter, daß er das Weib habe hinter ihnen
-herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen, Schimpfnamen
-zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p>
-
-<h3>6. Erik und der Bischof</h3>
-
-<p class="noind">Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten
-von Pfarrer Erik, daß es ihm schließlich
-zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn abzusetzen.
-Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu
-Erik, die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines
-Tages schönes Wetter war, zogen sie davon, und nun
-sollten große Dinge geschehen.</p>
-
-<p>Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden
-und vor das Haus gegangen; als er wieder
-hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er verbot seinen
-Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen;
-denn das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen
-zu tun, was er wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches
-Unwetter auf, mit Sturm und Schneetreiben,
-so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der
-Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die
-Tür geklopft, und das war einer von den Schülern, der
-ankam. Sie waren im Schneetreiben auseinander gekommen,
-erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch
-jeder einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum
-Abend, ehe sie wieder zusammen waren. Erik nahm
-sie freundlich auf und erwies ihnen alles erdenkliche
-Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich
-nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs
-auszuführen, ihm den Rock auszuziehen, und sie zogen
-daher unverrichteter Sache wieder nach Hause. Sie erzählten
-dem Bischof, wie sich alles zugetragen hätte,<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß
-er selber Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine
-Absicht ebenso schlecht ausführen würde. So verstrich
-der Winter, und es ging auf den Sommer.</p>
-
-<p>Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten
-ihn. Er kam nach Vogsosar und schlug sein Zelt
-außerhalb der Umzäunung auf. Es war ein Wochentag,
-und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten,
-um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er
-bat seine Leute, sich zu hüten, irgendein Geschenk
-von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof
-und ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof
-mit großer Freude und war außerordentlich fröhlich.
-Der Bischof wünschte die Kirche zu besichtigen. Erik
-zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die gute
-Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der
-Bischof in der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler,
-um Feuer zu holen, und traf Erik an. Der Pfarrer
-begrüßte ihn freundlich und holte eine Weinflasche,
-die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck
-an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der
-Bischof, sagte er, hätte ihm das streng verboten. Da
-nötigte ihn Erik noch eifriger zu trinken und sagte,
-das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm
-einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler,
-als hätte er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet,
-und er bat den Pfarrer um die Flasche, um den
-Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu können.
-Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span>
-kehrte wieder in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch
-goß der Schüler von dem Wein in das Glas des Bischofs,
-ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen
-Trank hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der
-Wein schmeckte ihm sehr, und während er trank,
-wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der
-Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine
-Woche bei ihm und lebte wie ein Prinz in einem
-Bäckerladen.</p>
-
-<p>Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus,
-daß Erik seinen Priesterrock verlor.</p>
-
-<h3>7. Wie Erik dem Bauern seine Frau
-wieder verschaffte</h3>
-
-<p class="noind">Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln,
-der sich eben verheiratet hatte, verlor seine
-Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit eines Morgens
-früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer
-liegen blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen,
-wie sie es jeden Morgen zu tun pflegte, blieb
-aber diesmal länger als gewöhnlich fort, so daß der
-Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf,
-um sie zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem
-Hof. Da ging er umher von Hütte zu Hütte, um nach
-ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem Morgen
-gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen
-der folgenden waren viele Leute draußen, um sie zu
-suchen, sie war aber nicht zu finden. Der Bauer nahm<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span>
-sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß er sich
-zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen
-wollte. Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je
-länger er lag, desto elender wurde er, am meisten aber
-ging es ihm nahe, daß er nicht wußte, auf welche
-Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er
-als ganz sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für
-das Wahrscheinlichste, daß sie in der See ertrunken
-sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen und sterben
-würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe
-wurde es schlimmer mit ihm.</p>
-
-<p>Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte:
-»Ob du nicht doch versuchen solltest aufzustehen,
-wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich möglicherweise
-dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner
-Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen,
-wenn ich nur könnte,« erwiderte der Bauer.
-Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt auf, verlasse
-dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich
-dann aufs Festland und nach Selvog hinunter zu
-Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte ihn zu versuchen,
-deiner Frau auf die Spur zu kommen.«</p>
-
-<p>Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt;
-er zog sich an und aß und erholte sich allmählich, bis
-er sich zutraute, aufs Festland zu ziehen, und es wird
-nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach Vogsosar
-kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn
-gut und fragte nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte,
-wie alles war. Da sagte Erik: »Ich weiß nicht,<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span>
-was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust
-dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und
-wir können sehen, was zu tun ist.« Der Bauer nahm
-die Einladung an.</p>
-
-<p>Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei
-graue Pferde nach Hause bringen; das eine war ein
-schönes Pferd, das andere aber war häßlich und mager.
-Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während
-das andere für den Bauern gesattelt wurde; dann
-sagte er: »Jetzt werden wir auf den Sand hinausreiten.«
-Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre Gerippe
-da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik
-tat, als hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten
-nun fort, in Sturm und schwerem Regen. Als sie außerhalb
-der Öffnung der Bucht waren, begann das
-magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das
-andere zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so
-schnell er konnte. Erik aber war ihm bald entschwunden.
-Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli
-kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt
-werden und das Grenzzeichen zwischen Arnes- und
-Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik schon angelangt.
-Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein
-gelegt, und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch,
-und keins von den Blättern bewegte sich, obgleich es
-in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik ging
-gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte
-etwas zwischen den Zähnen, worauf er zu dem Bauern
-sagte: »Jetzt gib acht, ob du deine Frau siehst.« Eine<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span>
-Menge Menschen kamen nun an den Stein, und der
-Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem
-Menschen zum andern, fand aber seine Frau nicht.
-Das sagte er Erik, der die Leute anredete: »Fahrt nun
-dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr gekommen
-seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik
-wandte einige Blätter in dem Buch um, und es ging
-ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum drittenmal,
-und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte
-Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn
-nicht in einer der Gruppen?« Als der Bauer auf die
-Frage nein antwortete, errötete Erik und sagte: »Jetzt
-beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe
-nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in
-der Erde und im Wasser leben, und deren ich mich
-erinnern konnte.« Er holte darauf ein kleines Buch
-aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte:
-»Mir fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das
-kleine Buch auf das große, ging gegen die Sonne um
-den Stein herum und murmelte wie zuvor. Da erschien
-das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen
-sich; in dem Häuschen aber sah der Bauer seine Frau.
-Erik redete sie folgendermaßen an: »Schlecht habt ihr
-gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt;
-packt euch, und Schande über euch für diese Tat,
-und laßt mich nicht sehen, daß ihr solches öfter tut.«
-Sie gingen sofort davon, Erik aber zerschlug das
-Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und
-stieg mit allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span>
-mich meine Frau zu mir aufs Pferd nehmen, denn
-Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.« Erik
-sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand
-bald zwischen den Lavasteinen.</p>
-
-<p>Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar
-kam, wo Erik schon angelangt war; in der Nacht ließ
-dieser die Frau in seinem Bett schlafen, lag aber selber
-vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen machte
-sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik:
-»Es ist kaum ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu
-lassen; ich werde sie selbst nach Hause bringen.« Der
-Bauer dankte ihm.</p>
-
-<p>Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die
-Frau vor sich und ritt davon. Der Bauer ritt hinterher,
-merkte aber nichts von Erik, bis er an die Insel
-kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging
-der Bauer mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei
-Nächte bei ihr. Dann sagte er: »Es ist nicht sicher,
-ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese
-Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.«
-Von dieser Nacht an hatte aber die Frau nichts mehr
-zu befürchten. Während Erik bei der Frau wachte,
-gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte
-sie ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren
-hatte. Danach zog Erik wieder heimwärts, erhielt
-aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span></p>
-
-<h3>8. Wie Erik des Bauern Frau vor den
-Huldren errettete</h3>
-
-<p class="noind">Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit
-Erik war, kam eines Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei
-war, von Süden her aus Njardvig zu Pfarrer Erik.
-Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter
-über bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam,
-nahm ihn Pfarrer Erik, der vor dem Hause stand, gut
-auf und fragte dann: »Bist du gut beritten, mein
-Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd
-sei ebenso mager wie schlecht beschlagen, meinte er.
-Erik sagte: »Da mußt du dich beeilen, nach Hause
-zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der
-Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?«</p>
-
-<p>Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach
-und spuckte unter die Hufe, und dann sagte er:
-»Steige jetzt zu Pferd, und reite, was das Zeug hält;
-es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist.
-Wenn du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du
-die Schreie deiner Frau bis hinaus hören; gehe dann
-mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern sage
-schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und
-sieh dann zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für
-den guten Rat und ritt davon. Das Pferd lief schneller
-mit ihm fort, als er sich besinnen konnte, und er erreichte
-sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft
-hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich
-genau so, wie Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span>
-nahm es eine solche Wendung, daß sie eine Stunde
-später wieder ganz gesund war.</p>
-
-<p>An demselben Abend klopfte es hart an das Tor
-von Vogsosar. Erik ging hinaus, um zu öffnen, blieb
-ein Weilchen draußen und kam dann wieder herein.
-Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete:
-»Ach, es war nur jemand, der etwas mit mir
-zu sprechen hatte.«</p>
-
-<p>Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog,
-vergalt er die Hilfe, die Erik ihm geleistet hatte,
-reichlich.</p>
-
-<h3>9. Pfarrer Eriks Tod</h3>
-
-<p class="noind">Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er
-selbst die Männer aus, die seine Leiche tragen sollten.
-Er sagte, daß, wenn er zur Kirche hinausgetragen
-würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er
-bat sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem
-sie ihn aufhöben, nicht abzusetzen, bis sie ihn in
-die Kirche hineingetragen hätten. Dann würde der
-Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der
-Kirche zwei Vögel sehen, einen weißen und einen
-schwarzen, die erbittert miteinander kämpften. Er bat
-sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf siege und
-sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem
-Kirchhof zu begraben, siege dagegen der schwarze
-Vogel, und setze er sich auf die Kirche, so sollten sie
-ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn dann
-wäre es aus mit ihm.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p>
-
-<p>Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der
-Hagelschauer prasselte herab, und die Vögel kämpften
-miteinander; der weiße Vogel aber siegte über
-den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab
-innerhalb des Kirchhofs.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Mann_von_Grimsoe_und_der_Baer">Der Mann von Grimsö und der Bär</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es geschah einmal auf Grimsö, daß das Feuer im Winter
-erlosch, so daß auf keinem Hof Feuer oder Licht angezündet
-werden konnte. Es war damals ruhiges
-Wetter, und der Frost war so scharf, daß der Grimsösund
-zugefroren war, und man glaubte, daß das Eis
-tragen könne. Da entschlossen sich die Bewohner von
-Grimsö, ein paar Leute auf das Festland zu senden,
-die Feuer holen sollten, und wählten dazu drei von
-den tüchtigsten Männern der Insel.</p>
-
-<p>Sie zogen früh morgens bei hellem Wetter davon,
-und eine Menge Bewohner begleiteten sie auf das Eis
-hinaus und wünschten ihnen einen glücklichen Weg
-und baldige Heimkunft. Es wird nichts von der Wanderung
-der Ausgesandten berichtet, bis sie mitten im
-Sund an eine Wake kamen, die so lang war, daß sie
-ihr Ende nicht sehen konnten, und so breit, daß nur
-zwei mit knapper Not hinüberzuspringen vermochten,
-während der dritte sich nicht dazu imstande glaubte.
-Die anderen rieten ihm deshalb, nach der Insel zurückzukehren
-und setzten ihre Wanderung fort; er aber
-blieb am Rande der Wake zurück und verfolgte sie
-mit den Augen. Er wollte ungern unverrichteter Sache
-zurückkehren und entschloß sich daher, an der Wake
-entlang zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht
-an einer anderen Stelle schmaler wäre. Im Laufe des
-Tages wurde das Wetter trübe, und es zogen von Süden<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span>
-Sturm und Regen auf. Das Eis löste sich, und schließlich
-stand der Mann auf einer Eisscholle, die dem
-Meere zutrieb. Am Abend stieß die Scholle gegen
-einen großen Eisberg, den der Mann bestieg. Da entdeckte
-er unweit von sich einen Bären, der auf seinen
-Jungen lag. Er aber war verklammt und hungrig, und
-ihm graute jetzt vor dem Leben. Als der Bär den Mann
-erblickte, betrachtete er ihn eine Weile, erhob sich
-dann, ging auf ihn zu, umkreiste ihn und gab ihm ein
-Zeichen, daß er sich auf das Lager zu den Jungen legen
-sollte. Er tat das mit Furcht im Herzen. Dann legte
-sich das Tier selbst bei ihm nieder, breitete sich über
-ihn und säugte ihn mit seinen Jungen zugleich. Die
-Nacht verstrich; am nächsten Tage stand das Tier auf,
-entfernte sich ein kleines Stück vom Lager und winkte
-dem Manne nachzukommen. Als er auf das Eis hinausgekommen
-war, legte sich der Bär vor seine Füße
-nieder und gab ihm ein Zeichen, sich auf seinen Rücken
-zu setzen. Als er den Rücken des Bären bestiegen
-hatte, erhob sich dieser, rüttelte und schüttelte sich,
-bis der Mann von ihm heruntergefallen war. Mit dieser
-Probe war er für diesmal zufrieden, der Mann aber
-wunderte sich darüber. Es vergingen nun drei Tage;
-nachts lag der Mann auf dem Lager des Bären und
-saugte seine Milch, jeden Morgen aber hieß ihn der
-Bär sich auf seinen Rücken setzen, und dann schüttelte
-er sich, bis der Mann sich nicht mehr festhalten konnte.
-Am vierten Morgen konnte sich der Mann auf dem
-Rücken des Tieres halten, so viel es sich auch schüttelte.<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span>
-Gegen Abend ging es aufs Eis hinunter, den Mann
-auf dem Rücken, und schwamm mit ihm nach der
-Insel.</p>
-
-<p>Als der Mann an Land gekommen war, ging er auf
-die Insel hinauf und gab dem Bären ein Zeichen, ihm
-zu folgen. Er ging voran nach seinem Heim und ließ
-sogleich die beste Kuh im Stall melken und ihn so
-viel frisch gemolkene Milch trinken, wie er nur konnte;
-dann ging er vor dem Bären in seinen Schafstall, ließ
-die beiden besten Schafe aus seiner Herde herausnehmen
-und schlachten, band sie an den Hörnern zusammen
-und legte sie quer über den Rücken des
-Bären. Dieser kehrte nach dem Meere zurück und
-schwamm zu seinen Jungen hinaus.</p>
-
-<p>Und nun war viel Freude auf Grimsö; denn während
-die Inselbewohner mit Erstaunen dem Bären
-nachschauten, sahen sie ein Boot vom Festland kommen
-und mit gutem Wind nach der Insel segeln. Darin
-hofften sie die beiden anderen Abgesandten mit dem
-Feuer zu sehen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Baer_der_mit_der_Tonne_rang">Der Bär, der mit der Tonne rang</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In den Westfjorden liegt irgendwo ein Hof unterhalb
-eines steilen Berges, auf dem einmal ein reicher Bauer
-wohnte. Hoch oben auf dem Grat hatte er einen großen
-Schuppen, in dem er seine Fische und andere Sachen
-aufbewahrte. Vom Hof ging ein gerader Weg den
-Berg aufwärts, dicht an dem Schuppen vorbei. Er war
-wie mit einer Mauer eingefaßt; denn große Steine
-lagen in Reihen zu beiden Seiten, während er am
-Boden ganz eben war.</p>
-
-<p>Dem Bauern war es aufgefallen, daß, wenn es abends
-dunkel geworden war, in der Regel ein Bär kam, der
-den geraden Weg zu dem Schuppen hinaufstieg
-und an seine Fische ging, und der ihm auf diese Weise
-schon manchen Schaden zugefügt hatte. Da hatte er
-sich eine List ausgedacht, um dem Petz abzugewöhnen,
-seine Fische zu fressen. Er ließ nämlich eine riesengroße
-Tonne anfertigen, die gerade den Weg sperrte,
-wenn sie von dem Berge heruntergerollt wurde, füllte
-sie mit Steinen und schlug den Boden gehörig fest.
-Nun ließ er die Tonne auf dem Bergrücken liegen,
-wo der eingezäunte Weg begann und wartete dort
-selbst, bis der Bär kam. Dieser erschien zur gewohnten
-Zeit und ging nichts ahnend den Berg hinauf. Als er
-aber beinahe ganz oben war, wälzte ihm der Bauer
-die Tonne entgegen. Der Petz konnte nun nicht weiter.
-Die Tonne hatte Eile, sobald wie möglich bergab zu<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span>
-kommen, während Petz mit aller Gewalt versuchte,
-sie in ihrem Lauf zu hemmen. Umdrehen konnte er
-sich nicht; denn dann hatte er die Tonne dicht auf
-den Fersen; auch konnte er nicht über die Tonne hinüberspringen;
-denn er brauchte all seine Kraft, um
-ihr Widerstand zu leisten, damit sie ihm nicht auf dem
-Kopf fiel. Auf diese Weise rang er die ganze Nacht
-mit der Tonne und glitt langsam zurück vor ihr, bis
-sie beide unten auf ebener Erde standen. Da war der
-Petz nahe daran, vor Müdigkeit umzufallen, und schlich
-sich davon, indem er nach der Tonne schielte.</p>
-
-<p>Der Bauer aber verfolgte ihn mit seinem Gelächter
-und hatte seitdem in seinem Schuppen Ruhe vor ihm.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Wie_die_Seehunde_entstanden_sind">Wie die Seehunde entstanden sind</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Über den Ursprung der Seehunde wird erzählt, daß,
-als Ägyptens König Pharao Moses und die Juden
-über das Rote Meer verfolgte und darin mit seinem
-ganzen Heer ertrank, wie man ja aus der Bibel weiß,
-der König und alle seine Männer zu Seehunden wurden,
-und darum ähneln die Knochen der Seehunde so sehr
-denen der Menschen. Seit jener Zeit leben die Seehunde
-wie eine Familie für sich auf dem Meeresboden, haben
-aber ganz die Gestalt, Natur und Eigenschaften des
-Menschen unter dem Fell bewahrt. Es ist ihnen als
-eine Gnade gestattet, jede Johannisnacht, oder wie
-andere sagen, jede Heiligedreikönigsnacht aus den
-Fellen zu kriechen; dann gehen sie an Land, nehmen
-menschliche Gestalt an und singen und tanzen wie
-andere Menschen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Seehundsfell">Das Seehundsfell</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Ein Mann aus Myrdal im Osten ging eines Morgens
-früh, ehe die Leute aufgestanden waren, an einigen
-Felsen vorbei und kam an den Eingang einer Höhle.
-Da hörte er, daß in dem Hügel gelärmt und getanzt
-wurde, draußen aber sah er eine große Menge Seehundsfelle.
-Er hob eins von ihnen auf, nahm es mit
-nach Hause und verschloß es in seiner Truhe. Etwas
-später, im Laufe des Tages, kam er wieder an den Eingang
-der Höhle; da saß dort ein junges und schönes
-Mädchen, das ganz nackt war und bitterlich weinte.
-Das war der Seehund, dem das Fell gehörte, das sich
-der Mann mitgenommen hatte. Der Mann gab dem
-Mädchen Kleider, tröstete es und nahm es mit nach
-Hause.</p>
-
-<p>Sie war ihm später sehr zugetan, weniger aber stimmte
-ihr Gemüt mit dem anderer Leute überein. Oft saß sie
-da und schaute über die See hinaus. Nach Verlauf
-einiger Zeit nahm sie der Mann zur Frau; sie lebten
-gut zusammen und hatten viele Kinder miteinander.</p>
-
-<p>Der Bauer verbarg das Fell unter Schloß und Riegel
-in seiner Truhe und trug den Schlüssel bei sich, wohin
-er auch ging. Nach Verlauf vieler Jahre ruderte
-er eines Tages zum Fischfang hinaus und vergaß den
-Schlüssel zu Hause unter seinem Kopfkissen. Andere
-dagegen sagen, daß der Bauer mit seinen Leuten zum
-Weihnachtsgottesdienst gezogen sei, daß die Frau aber<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span>
-krank gewesen wäre und nicht mitgehen konnte; da
-soll er vergessen haben, den Schlüssel aus der Tasche
-seiner Wochentagskleider zu nehmen, als er sich umzog;
-als er aber abends nach Hause kam, war die
-Truhe geöffnet und die Frau samt dem Fell verschwunden.
-Sie hatte den Schlüssel gefunden und aus Neugierde
-die Truhe durchsucht und das Fell gefunden.
-Da konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen;
-sie sagte ihren Kindern Lebewohl, fuhr in das
-Fell und warf sich in die See.</p>
-
-<p>Ehe die Frau in die See sprang, soll sie vor sich
-hingesagt haben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ich will und will auch wieder nicht, –</div>
- <div class="verse indent0">Sieben Kinder hab’ ich auf dem Meeresboden,</div>
- <div class="verse indent0">Sieben Kinder hab’ ich auch hier oben.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es wird erzählt, daß der Bauer sich das sehr zu
-Herzen nahm. Wenn er später hinausruderte, um zu
-angeln, dann schwamm der Seehund oft um sein Boot
-herum, und es war, als liefen ihm Tränen aus den
-Augen. Von dieser Zeit an hatte er stets Erfolg bei
-seinem Fischfang, und das Glück suchte seinen Strand
-oft auf.</p>
-
-<p>Häufig sah man, wenn die Kinder des Ehepaares
-an den Strand gingen, daß ein Seehund draußen in
-der See schwamm und sie begleitete, während sie auf
-dem Lande oder am Strande entlang gingen, und bunte
-Fische und hübsche Muscheln zu ihnen hinaufwarf.
-Nie aber kehrte ihre Mutter wieder aufs Land zurück.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Lindwurm_im_Lagarflu">Der Lindwurm im Lagarfluß</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es geschah einmal in alten Tagen, daß eine Frau auf
-einem Hof in der Nähe des Lagarflusses wohnte. Sie
-hatte eine erwachsene Tochter, der sie einmal einen
-goldenen Reif schenkte. Da fragte das Mädchen: »Wie
-kann ich den größten Nutzen von diesem Gold haben,
-Mutter?« »Lege es unter einen Lindwurm,« erwiderte
-die Mutter. Da nahm das Mädchen einen Lindwurm,
-legte das Gold unter ihn und tat dann alles in ihre
-Wäschelade. Dort lag der Wurm ein paar Tage. Als
-das Mädchen aber nach der Lade sehen wollte, war
-der Wurm so groß geworden, daß die Lade angefangen
-hatte, aus den Fugen zu gehen. Da erschrak das Mädchen,
-nahm die Lade und warf sie samt ihrem Inhalt
-in den Fluß.</p>
-
-<p>Es verrann nun eine lange Zeit, und man begann,
-den Wurm in dem Fluß zu merken. Er fügte Menschen
-und Tieren, die über den Fluß wollten, Schaden zu.
-Zeitweise reckte er sich bis auf die Flußhügel hinauf
-und spie auf entsetzliche Weise Gift. Das schien zu
-einem großen Unglück zu führen, von dem niemand
-wußte, wie man ihm begegnen sollte.</p>
-
-<p>Da nahm man Zuflucht zu zwei Finnländern. Sie
-sollten den Wurm töten und das Gold bergen. Sie
-warfen sich in den Fluß, kamen aber bald wieder in
-die Höhe. Sie sagten, daß sie es hier mit einer großen
-Übermacht zu tun hätten, und daß es keine leichte<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span>
-Sache sei, den Wurm zu töten und das Gold zu bergen.
-Sie erzählten, daß unter dem Golde noch ein Wurm
-läge, und daß dieser viel schlimmer sei als der erste.
-Sie fesselten den Wurm mit zwei Stricken, von denen
-der eine um den Bauch, der andere aber um den
-Schwanz befestigt wurde.</p>
-
-<p>Deshalb kann der Wurm seitdem weder Menschen
-noch Tieren schaden; es geschieht aber zeitweilig, daß
-er einen Buckel auf dem Rücken macht, und wenn
-dieser zu sehen ist, glaubt man gern, daß das ein Vorbote
-schlimmer Geschehnisse sei, zum Beispiel Hungersnot
-und Grasmangel. Diejenigen, die an diesen
-Wurm nicht glauben, sagen, daß vor gar nicht zu langer
-Zeit ein Pfarrer gerade an der Stelle, an welcher
-der Wurm zu liegen schiene, den Fluß durchquerte.
-Das sagen sie aber, um damit zu beweisen, daß er gar
-nicht da ist.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_dankbare_Rabe">Der dankbare Rabe</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es wird erzählt, daß einmal einige Höfe in Vatnsdal
-auf dem Nordland durch einen Bergsturz, der vom
-Vatnsdalberg kam, vernichtet wurden. Unter diesen
-Höfen war einer, der Guldberastad hieß. Die Tochter
-des Bauern auf Guldberastad hatte die Gewohnheit,
-immer, wenn sie aß, ihre Speise mit dem Hofraben
-zu teilen. Als sie ihm einmal, wie sie es zu tun pflegte,
-die Speise, die sie ihm geben wollte, zum Fenster
-hinausreichte, wollte sie der Rabe nicht nehmen. Das
-Mädchen wunderte sich darüber, und dann ging sie
-hinaus mit ihr. Der Rabe kam dicht an sie heran,
-wollte aber trotzdem die Speise nicht nehmen, obgleich
-er die ganze Zeit über zeigte, daß er Appetit
-hatte, so daß das Mädchen ihn bis auf den Heimacker
-verfolgte, ein kurzes Stück Weges vom Hof. Kaum
-aber waren sie dort hingelangt, als das Mädchen starkes
-Getöse oben vom Berge hörte, und plötzlich kam
-ein Bergsturz von dort herab; er lief zu beiden Seiten
-des Raben und der Bauerntochter vorbei und berührte
-die Stelle, auf der sie standen, nicht. Dagegen ging
-die Lawine über den Hof hinweg und vernichtete ihn
-mit allem, was da war, Lebendigem und Totem. So
-belohnte der Rabe die Bauerntochter für die Speise
-die sie ihm gegeben hatte.</p>
-
-<p>Die Ursache aber, daß der Bergsturz nicht über die
-Stelle hinwegrollte, wo der Rabe und das Mädchen<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span>
-standen, war die, daß Bischof Gudmund der Heilige
-einmal auf seiner Durchreise sein Zelt an diesem Ort
-aufgeschlagen hatte. Ehe er aber von dort aufbrach,
-weihte er den Zeltplatz, wie er es oft zu tun pflegte,
-und deshalb konnte an dieser Stelle niemand von
-einem Unglück betroffen werden.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Asmund_und_Signe">Asmund und Signe</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es lebte einmal ein König in seinem Reich; er war verheiratet
-und hatte mit seiner Gemahlin zwei Kinder,
-einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Asmund,
-die Tochter aber hieß Signe. Es waren die hoffnungsvollsten
-Königskinder, die man zu jener Zeit kannte,
-und sie wurden in allen Künsten, die Königskindern
-zu lernen ansteht, erzogen. Sie wuchsen nun auf, zu
-Hause beim Vater, und jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt.
-Der König schenkte seinem Sohn Asmund zwei
-Eichbäume, die draußen im Wald standen, und es war
-ein Vergnügen für den Sohn, sie auszuhöhlen und verschiedene
-Kämmerchen in den Stämmen einzurichten.
-Signe folgte ihm häufig und bewunderte die Eichbäume
-und bekam Lust, sie mit ihm zusammen zu besitzen.
-Er erfüllte ihren Wunsch, und nun trug sie allerlei
-Edelsteine und Kleinodien, die ihr die Mutter geschenkt
-hatte, dorthin.</p>
-
-<p>Da geschah es einmal, daß ihr Vater in den Krieg
-zog; in seiner Abwesenheit aber wurde die Königin
-krank und starb. Da gingen die Geschwister hinaus
-in den Wald und setzten sich in die Eichbäume, nachdem
-sie sich auf ein Jahr mit Lebensmitteln versehen
-hatten.</p>
-
-<p>Nun ist zu melden, daß in einem anderen Lande ein
-König herrschte, der einen Sohn, namens Ring, hatte.
-Ring hatte von der großen Schönheit Signes erzählen<span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span>
-hören und entschloß sich, um sie zu freien. Er bekam von
-seinem Vater ein Schiff für die Reise, hatte guten Wind
-und kam nach dem Lande, in dem Signe zu Hause war.
-Als er aber zur Königshalle hinaufgehen wollte, begegnete
-ihm auf dem Wege eine so schöne Frau, daß es
-ihm schien, als hätte er nie zuvor ihresgleichen gesehen.</p>
-
-<p>Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die
-Königstochter Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein
-umhergehe; sie erwiderte, das geschähe aus Trauer
-über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater nicht
-zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun
-selber sei, könne er gleich sagen, daß er gekommen
-sei, um ihre Hand zu begehren. Sie hörte sein Freien
-freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu gehen,
-denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging
-nun zu den Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus,
-nahm den einen auf den Rücken, den andern aber auf
-die Brust und trug sie so an die See und watete nach
-dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne
-Gestalt an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn,
-daß ihre Habe nun an Bord gebracht sei, weiteres
-besitze sie nicht. Dann segelten sie nach Hause, wo
-seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude
-empfingen. Er gab ihr einen schönen Wohnraum und
-ließ die beiden Eichbäume vor ihre Fenster pflanzen.
-Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr und
-sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten
-und gab ihr gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder
-für sie beide zu nähen. Kaum aber war er<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span>
-fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden,
-raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt
-und wurde zur schlimmsten Hexe; sie sagte,
-daß sie nicht wisse, was sie mit solchem Staat anfangen
-solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte als Menschenfleisch
-essen und Pferdeknochen brechen; sie
-machte noch immer weiteres Gepolter und sagte, daß
-sie vor Hunger umkommen müsse, denn nie käme ihr
-Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen
-hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers
-und durch ihn hindurch stieg ein Riese herauf, mit
-einem ungeheuer großen Sarg in den Armen. Sie fingen
-beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war mit
-Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer
-Gier zu essen, dann aber stieg ihr Bruder denselben
-Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur auf dem Fußboden
-zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte
-sie noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und
-wollte ihn zerreißen.</p>
-
-<p>Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß
-sie sich in den Eichbäumen befanden, von denen aus
-sie sahen, wie all dies vor sich ging. Da bat Asmund
-Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu versuchen,
-den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das
-wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören
-brauchten. Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte
-nun, so gut sie konnte, die Kleider in sechs Tagen, trug
-sie hinaus und warf sie auf den Tisch. Die Hexe freute
-sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span>
-herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er
-bewunderte ihre Geschicklichkeit, und sie trennten
-sich mit großer Freundlichkeit. Die Hexe benahm sich
-nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund
-dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn,
-den er bat zu kommen und sich ein Spiel anzusehen,
-das in dem Gemach der neuangekommenen
-Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn
-wurde sonderbar zumute, als er derartiges von seiner
-Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin und versteckten
-sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus
-sie zu ihr hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer
-und sagte zu Eisenkopf, als er kam: »Wenn ich erst
-mit dem Königssohn verheiratet bin, werde ich schon
-besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze
-Pack da drinnen in der Halle umbringen und mit
-meiner ganzen Sippschaft herkommen; dann werden
-sich wohl die Trolle über mich und meinen Gemahl
-freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das
-hörte, so daß er Feuer an das Haus legte und es ganz
-zu Asche brennen ließ. Asmund erzählte ihm nun von
-den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über die
-Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war.
-Er freite dann um Asmunds Schwester Signe, Asmund
-aber freite um die Schwester Rings, und bald feierten
-beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause
-zu seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden
-Schwäger das Reich nach ihren Vätern und regierten bis
-in ihr hohes Alter. Und damit ist diese Geschichte aus.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_beiden_Ebereschenbaeume">Die beiden Ebereschenbäume</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister
-aus gutem Stamm auf den Westmändsinseln lebten.
-Da geschah, daß das Mädchen daheim im Elternhause
-schwanger wurde, und da sich die beiden Geschwister
-sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht,
-daß der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes
-sei, das sie erwartete. Das Gerücht erreichte denn
-auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den Inseln,
-weshalb er die Sache zu untersuchen begann.</p>
-
-<p>Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses
-Verbrechens schuldig zu sein, und bei allem, was ihm
-heilig war, schwor, daß er unschuldig sei, noch daß
-seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen
-anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend
-war, als Vater des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen
-der Blutschande damals hierzulande scharf
-geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter
-nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den
-sie sich hielt, wurde ein Todesurteil nach dem anderen
-über solche Angeklagten gesprochen, und das war
-auch hier der Fall. Die beiden Geschwister wurden
-zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen.
-Es wird aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den
-Herrgott mit Tränen baten, nach ihrer Hinrichtung
-ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen bei
-ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span>
-sollen sie ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu
-tragen, daß sie in einem gemeinsamen Grabe auf dem
-Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie hingerichtet,
-und nach vieler Mühe und wahrscheinlich
-nur durch reiche Spenden an Kirche und Geistlichkeit,
-wie es ja meist in jenen Zeiten nötig war, erreichten
-die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof beerdigt
-wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht
-liegen; der eine sollte südlich, die andere nördlich
-von der Kirche bestattet werden, und dort mußten
-sie auch liegen.</p>
-
-<p>Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute,
-daß aus jedem Grabe der beiden Geschwister ein kleiner
-Ebereschenstamm emporsproß. Diese Stämme nahmen
-eine natürliche Entwicklung und wurden immer
-größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche
-vereinigte, und da dachten die Leute, daß Gott, als
-er die Ebereschenbäume aus ihren Gräbern erwachsen
-ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man sehen
-konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die
-Unschuld der beiden Geschwister beweisen wollte.
-Der Umstand aber, daß sich die Bäume da oben über
-dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und Zweige
-ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und
-liebevolle Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen
-diesen Geschwistern im irdischen Leben geherrscht
-hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode in demselben
-Grabe ruhen zu dürfen.</p>
-
-<p>So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span>
-lange Zeit, bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert
-mit Heeresmacht über die Westmändsinseln
-herfiel, Gut und Menschen raubte und allerlei Greueltaten
-verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der Gewalttätigkeiten
-der Türken, so erzählt die Sage, war
-die, daß sie die beiden Ebereschenbäume auf jenem
-Friedhof umschlugen, und sie drohten, auf die Inseln
-zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben,
-wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden,
-wie sie gewesen wären.</p>
-
-<p>Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von
-dieser Zeit an wieder heranwuchsen, und das wurde
-als eine große Gnade Gottes angesehen, denn wenn
-das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort
-gehalten.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_gluehende_Schluessel">Der glühende Schlüssel</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen
-Ort mit einer fetten Hammelkeule (andere
-sagen, daß es ein Bruststück war) in der Hand hinsetzte,
-die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie
-in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber
-schien blank und hell; denn es war keine Wolke am
-Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit folgenden
-schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig
-das Messer mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Fett ist hier,</div>
- <div class="verse indent0">Komm zu mir,</div>
- <div class="verse indent0">Laß das Stück dir munden!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Da antwortete ihm eine Stimme aus dem Himmel:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Hüte dich, Dieb!</div>
- <div class="verse indent0">Schlüssel, du, flieg,</div>
- <div class="verse indent0">Bis du die Wange gefunden!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Da fiel plötzlich ein glühender Schlüssel hoch vom
-Himmel herab, gerade auf die Wange des Diebes, und
-brandmarkte sie. Die Narbe des Schlüsselbrandmals
-aber trug er, solange er lebte.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Wie_es_Jons_Seele_erging">Wie es Jons Seele erging</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es lebten einmal ein Mann und seine Frau. Der Mann
-war sehr ungesellig und unbeliebt, und dazu war er
-faul und unnütz zu Hause. Seine Frau war damit sehr
-wenig zufrieden; oft schalt sie ihn aus und sagte, daß
-er zu gar nichts anderem tauge, als das zu verprassen,
-was sie zusammengespart hätte; denn sie war selber
-eine gar umsichtige Frau und ließ alle Kniffe gelten,
-um das Notwendige zu beschaffen, und verstand jeden
-so zu nehmen, wie er genommen werden mußte. Aber
-wenn sie auch in manchen Dingen uneinig waren, so
-war die Frau ihrem Alten doch gut und ließ es ihm an
-nichts fehlen. So ging es eine ganze Weile; aber einmal
-verfiel der Mann in eine schwere Krankheit. Die Frau
-pflegte ihn, und als seine Kräfte abnahmen, fiel ihr ein,
-daß er wohl kaum so gut auf den Tod vorbereitet sei,
-daß es nicht zweifelhaft wäre, ob er auch Einlaß in
-den Himmel fände.</p>
-
-<p>Sie dachte deshalb bei sich selber, daß es wohl am
-ratsamsten sei, selbst zu versuchen, die Seele ihres
-Gebieters auf den rechten Weg zu bringen. Sie nahm
-daher einen Lederbeutel und hielt ihn vor die Nasenlöcher
-des Mannes, und als er seinen Geist aushauchte,
-fuhr dieser in den Beutel, und die Frau beeilte sich,
-die Öffnung zuzubinden. Dann begab sie sich nach
-dem Himmel, den Beutel in ihre Schürze gewickelt,
-kam an die Tore des Himmelreichs und klopfte an.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p>
-
-<p>St. Peter kam an das Tor und fragte nach ihrem
-Begehr. »Guten Tag,« sagte die Alte, »ich bin mit der
-Seele meines Jon hergekommen. Ihr werdet wohl von
-ihm gehört haben, und ich wollte Euch nun bitten,
-ihn hineinschlüpfen zu lassen.« »Ach,« sagte St. Peter,
-»das kann ich leider nicht, ich habe wohl von deinem
-Jon reden hören, aber nie etwas Gutes.« Da sagte die
-Frau: »Ich hätte nie geglaubt, Peter, daß du so hartherzig
-wärst; du hast wohl vergessen, wie es dir einst
-erging, als du deinen Herrn und Meister verleugnet
-hast.«</p>
-
-<p>St. Peter ging hinein und verschloß das Tor, die
-Alte aber blieb draußen stehen und stöhnte. Als eine
-kleine Weile verstrichen war, klopfte sie wieder an,
-und St. Paul kam heraus. Sie begrüßte ihn und fragte,
-wie er hieße, er aber sagte seinen Namen. Sie bat ihn,
-für die Seele ihres Jon Sorge zu tragen, er aber antwortete,
-daß er nichts von ihm wissen wolle; ihr Jon
-verdiene keine Gnade, sagte er. Da wurde die Frau
-giftig und sagte: »Das steht dir gut an, Paul! Du hast
-wohl die Gnade besser verdient, wie ich mir denken
-kann, weil du früher Gott und gute Menschen verfolgt
-hast. Es ist wohl am besten, daß ich aufhöre, dich zu
-bitten.«</p>
-
-<p>St. Paul machte eiligst das Tor zu. Als die Frau aber
-zum drittenmal klopfte, kam die Jungfrau Maria heraus.
-»Guten Tag, liebe Jungfrau,« sagte die Frau, »ich hoffe,
-daß Ihr erlaubt, daß mein Jon hier hineinkommt, wenn
-auch Peter und Paul es nicht wollen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span></p>
-
-<p>»Das darf ich leider nicht, meine Gute,« antwortete
-Maria, »dazu ist dein Jon ein viel zu großer Taugenichts.«
-»Ich will nicht mit dir darum rechten,« sagte
-die Frau, »ich glaubte, du wüßtest, daß andere ebenso
-schwach sein können wie du, oder kannst du dich nicht
-mehr darauf besinnen, daß du ein Kind bekommen
-hast, dessen Vater du nicht nennen konntest?« Maria
-wollte nichts weiter hören und beeilte sich zuzuschließen.</p>
-
-<p>Ein viertesmal klopfte die Frau an das Tor. Da kam
-Christus selber und fragte, wohin sie wolle. Sie erwiderte
-demütig: »Ich wollte dich bitten, mein lieber
-Erlöser, diese arme Seele einzulassen.« Christus antwortete:
-»Das ist Jon, – nein, Frau, er hat nicht an
-mich geglaubt.« Da wollte er das Tor schließen, sie
-aber war nicht faul und warf den Beutel, in dem die
-Seele war, an ihm vorbei, so daß er weit hinein in das
-Himmelreich flog, und das Tor wurde verriegelt.</p>
-
-<p>Da fiel der Frau ein Stein vom Herzen, daß Jon nun
-trotz alledem ins Himmelreich gekommen war, und
-sie kehrte fröhlich nach Hause zurück. Aber weder
-von ihr, noch von dem, was aus Jons Seele wurde,
-haben wir mehr zu sagen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">DIETSCH &amp; BRÜCKNER / WEIMAR</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center smaller">Im gleichen Verlag sind erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Sagen und Märchen
-Alt-Indiens</p>
-
-<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p>
-
-<p class="center">2 Bände, Preis pro Band in Pappband M. 4.50<br />
-in Halbleder M. 12.—<br />
-Band 1 und 2 zusammen in Halbleder M. 18.—</p>
-
-<p class="h2 p2">Sawitri</p>
-
-<p class="center">eine alt-indische Legende</p>
-
-<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p>
-
-<p class="center">in Pappband M. 2.40</p>
-
-<p class="h2 p2">Sijawusch</p>
-
-<p class="center">erzählt von <i>Alois Essigmann</i></p>
-
-<p class="center">Preis in Pappband ca. M. 5.—<br />
-in Halbleder ca. M. 12.—</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter transnote">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Die im Orginal gesperrten Autorennamen im Werbeteil sind <i>kursiv</i> dargestellt.
-Zur besseren Orientierung wurde das Inhaltsverzeichnis an den
-Anfang des Buches verschoben.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<p>
-In »Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar« wurden die Unterkapitel aufgrund
-der fehlerhaften Numerierung im Original neu numeriert.
-</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 33: ich → er<br />
-daß ich, während <a href="#corr033">er</a> schlief</p>
-<p>
-S. 75: heiße ich → heiße ich nicht<br />
-So heiße ich <a href="#corr075a">nicht</a>, so heiße ich <a href="#corr075b">nicht</a></p>
-<p>
-S. 76: heiße ich → heiße ich nicht<br />
-»So heiße ich <a href="#corr076a">nicht</a>,« sagte die Alte, »so heiße ich <a href="#corr076b">nicht</a></p>
-</div>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ISLÄNDISCHE MÄRCHEN UND VOLKSSAGEN</span> ***</div>
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-
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
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-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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-</div>
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